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Predigt Erlangen I – 20.01.

2018

Liebe Geschwister, Freunde und Gäste der Gemeinde,

es ist schön, wieder bei euch zu sein.

Die vergangenen 1 ½ Wochen standen im Zeichen des Gebets. Jedes Jahr gibt es
von der Generalkonferenz, unserer Weltkirchenleitung die Initiative der sogenannten
10 Tage des Gebets. Auch wir als Gemeinde haben daran teilgenommen.

Und so haben sich Abend Brüder und Schwestern hier in der Gemeinde getroffen, um
gemeinsam zu beten. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle, die sich dort
eingebracht und Abende geleitet haben.

Das Thema dieser 10 Tage war der Hohepriester, seine Bekleidung und die
Gegenstände, die er trug. Passend dazu steht dieser Sabbat als Abschluss der 10
Tage des Gebets unter dem Titel „Unser Hohepriester“.

Den entsprechenden Text dazu finden wir im Hebräerbrief. Hebräer 4, 14-16. Dort
heißt es nach der Schlachter-Übersetzung:

14 Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten
hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis!
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit
unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem versucht worden ist in ähnlicher
Weise [wie wir], doch ohne Sünde.
16 So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir
Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe

Jesus als unser Hohepriester. Der Autor dieses Briefes schreibt seinen Brüdern und
Schwestern diese Zeilen in einer schwierigen Lage. Denn:

Viele Christen waren verzweifelt. Sie erlebten gerade die ersten organisierten
Christenverfolgungen. Sie erlebten, wie sie immer mehr, verachtet, gehasst und
verfolgt wurden.

Der römische Kaiser wollte ihnen zeigen, wer Herr im Hause ist. Ihm sollten sie
opfern. Ist doch lächerlich, dieser gekreuzigte Gott! Und wo war er überhaupt, dieser
Gott, in den Situationen der Verfolgung, so spotteten die Menschen.

Erlebten sie es nicht gerade, dass in ihrer Verfolgung keiner da war, der ihnen half?
Dass Christen umgebracht wurden, ohne dass Gott einzugreifen schien? Keine leichte
Situation für Christen.

In dieser Situation beginnt unser Predigttext mit den Worten „Da wir nun einen
großen Hohenpriester haben…“

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Für uns vielleicht nur aus den Erzählungen diesen Buches (Bibel hochheben) ein
Begriff, konnten die Leser des Hebräerbriefes mit dem Begriff „Hoher Priester“
bedeutend mehr anfangen. Wobei ich mich korrigieren muss: Nicht die Leser,
sondern die Hörer. Denn auch wenn er in Briefform verfasst ist, so können wir davon
ausgehen, dass er nicht wie heute der Schriftenverwalterin der betreffenden
Gemeinde postalisch zugestellt wurde, die ihn anschließend 50 Mal kopierte und
jedem Gemeindeglied ins Fach legte.

Das ist wichtig fürs verstehen der biblischen Texte, deshalb werdet ihr diesen
Hinweis sicherlich noch öfters von mir hören: In der Zeit der frühen Christen waren
schriftliche Zeugnisse unglaublich selten und teuer und die allermeisten Menschen
konnten noch nicht einmal etwas damit anfangen, weil sie nicht richtig lesen und
schreiben konnten – von der Form ohne Leerzeichen, Punkte, Kommas und Semikola
mal ganz zu schweigen könnt ihr euch sicherlich vorstellen, dass es noch viel
komplexer war einen solchen Brief zu lesen, als mir gerade bei diesem äußerst
verschachtelten Satz mit mittlerweile 6 Nebensätzen und 7 Satzzeichen zu folgen. –
keine Sorge, das war nur ein Beispiel.

Wenn die frühen Christen also den Begriff des Hohepriesters hörten, hatten sie sofort
zahlreiche Bilder im Kopf.

Der Hohepriester war schließlich im Judentum eine einzigartige Person. Er war der
Mittler zwischen Gott und den Menschen, er konnte sich Gott nahen, wie kein
anderer normaler Mensch.

Gleichzeitig ist der Hohepriester in gewisser Weise aber auch ein Berufsbild der
Vergangenheit. Der Tempel, so vermutet man zumindest, war zur Zeit des
Hebräerbriefes nämlich schon zerstört. Aber Leitbilder prägen Menschen ja zumeist
für längere Zeit – an was also dachten die Leute damals, wenn sie „Hoherpriester“
hörten?

In der alttestamentlichen Vorstellungswelt war zuerst die Stiftshütte, dann der


Tempel der Ort der Gottesbegegnung.

Am Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, durchschritt der Hohepriester das


Heiligtum, das heiligste Gebäude des Tempels. Er öffnete den Vorhang am Ende des
Raums und trat ein in das sogenannte Allerheiligste, wo die Bundeslade stand. Der
Deckel der Bundeslade galt als Gottes Thron; von dort aus segnete Gott sein Volk
Israel.

Nur an diesem Tag, einmal im Jahr, durfte ein Mensch dieses Allerheiligste betreten.
Und auch nur einer, nur der Hohepriester, der Mittler, der Pontifex - „Brückenbauer“
zwischen Gott und seinem Volk.

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Dazu ging er durch zwei Vorhänge - und das waren nicht einfach irgendwelche: Es
waren riesige, prachtvolle Teppiche aus bestem Material in den Farben purpur,
blauviolett, scharlach- und karmesinrot. Diese Farben symbolisierten den Himmel.

In die Vorhänge waren Bilder von Engeln eingearbeitet, Cherubim, wie sie auch auf
der Bundelade standen. (2Mose 26,31; 2Chr 3,14). Wenn der Hohepriester auf diese
Vorhänge zuging war es also so, als stünde er vor dem Himmel. Dann machte er sie
auseinander und ging quasi durch die Himmel, dorthin, wo die Bundeslade stand.

Dorthin, wo über der Lade, unsichtbar, Gott selbst thronte. Der Hohe Priester ging
also durch die Wohnung Gottes.

Er tat das mit einer Metallplatte auf der Brust, in die zwölf Edelsteine eingelassen
waren. Zwölf Edelsteine für die zwölf Stämme Israels. Mit dem Hohen Priester ging
also symbolisch die gesamte Gemeinde, das ganze Volk Israel mit in das Heiligtum.

Als deren Stellvertreter brachte der Hohepriester die Sünde des Volkes vor Gott und
bat um Vergebung. Dafür hatte er eine Schale voll Opferblut bei sich und
versprengte es an der Bundeslade und im Raum.

Nachdem er diese und die übrigen Rituale korrekt vollzogen hatte, vergab Gott, so
heißt es im Alten Testament, seinem Volk die Sünden.

Das alles, so heißt es nun im Hebräerbrief, waren zuallererst prophetische


Zeichenhandlungen, die auf Jesu Versöhnungswerk hindeuten sollten. Auch Jesus
durchschritt nämlich das himmlische Heiligtum – aber mit zwei gravierenden
Unterschieden zum irdischen Hohenpriester: Erbrauchte dies nur ein einziges Mal
tun, und es erfolgte in umgekehrter Richtung. Jesus kam nicht vom Volk zu Gott,
sondern er kam von seinem Vater im Himmel auf die Erde.

So baute er die Brücke zwischen Gott und uns Menschen und vergoß hier bei uns
sein eigenes Blut als Sündopfer, damit wir Vergebung von unseren Sünden erlangen
können. Auf diese Weise war Jesus zugleich als Lamm Gottes das Opfer, wie auch
der Opfernde, der Hohepriester, der Mittler und Brückenbauer.

Hebräer 4, 14 beginnt genau so: Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der
die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes…

Normalerweise hätte Jesus nicht einmal einfacher Priester werden können. Ihm
fehlte die Grundvoraussetzung dazu. Er war in der „falschen“ Familie geboren. Ein
Jude aus dem Stamm Juda als Priester? Undenkbar.

Dass er aber sehr wohl unser Hohepriester sein kann liegt an diesen 5 Wörtchen: „er
hat die Himmel durchschritten“.

Das was der jüdische Hohepriester symbolisch gemacht hat, hat Jesus wirklich getan.

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Er hat nicht zwei bestickte Teppiche zur Seite geschoben, um dann eine ungelüftete
dunkle Kabine mit Blut zu bespritzen. „Ich bin vom Vater ausgegangen“, so sagt
Jesus in Johannes 16, „wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater zurück.“
(Joh16,28)

So hat er es seinen Jüngern angekündigt und so hat er es tatsächlich getan. »Ich


gehe zum Vater«, das heißt: Ich übernehme jetzt das hohepriesterliche Amt. Ich
durchquere für euch die Himmel. Ich überwinde die im wahrsten Sinne des Wortes
himmelweiten Abstände zwischen euch und Gott und arbeite mich durch, durch die
tiefsten Trennungen und die kältesten Abgründe.

Ich lasse mich nicht aufhalten, weder von Engeln, noch von irgendwelchen anderen
Mächten. Ich gehe für euch zu Gott und bin dadurch der Weg, auf dem auch ihr zu
ihm kommen könnt – ja, der einzige Weg. (vgl. u.a. Heb 10,20).

Da wir also einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat,
Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis!

Der Autor des Hebräerbriefes sagt es: Wir haben einen Hohepriester, deshalb lohnt
es sich, das Bekenntnis festzuhalten.
Festhalten, das heißt: Nicht aufgeben, nicht resignieren und nicht nachgeben,
sondern immer wieder neu die Gemeinschaft mit Jesus Christus zu suchen.

„Bekenntnis“ bezieht sich auf die frohe Botschaft von Jesus: Jesus lebt!. Bekenntnis
heißt deshalb: Lasst uns im Glauben bleiben! Lasst uns weiterhin an Jesus Christus
glauben, ihm vertrauen und darauf bauen, dass seine Brücke in Ewigkeit hält – die
Brücke der Sündenvergebung, die uns nun mit dem Vater im Himmel verbindet.

Lasst uns festhalten am Bekenntnis heißt auch, dass wir beherzigen, was der auf-
erstandene Jesus seinen ersten Jüngern sowie auch den Jüngern aller Zeiten
aufgetragen hat. Matthäus 28, 19 und 20: Wir sollen in alle Welt hinausgehen,
Menschen zu Jüngern machen. Sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes taufen. Und sie lehren all das zu halten, was Jesus den Aposteln
anvertraute.

14 Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten
hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis!
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit
unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem versucht worden ist in ähnlicher
Weise [wie wir]…

Rudolf Otto Wiemer, ein deutscher Dichter, sagte einmal: »Kein Wort würde ich
Jesus glauben, wenn er nicht das letzte geschrien hätte: ›Mein Gott, warum?‹»

Manchmal scheint es so, Jesus, der war doch gar nicht wirklich wie wir. Auer dem
Vater gibt es niemand Höheren als diesen Hohepriester Jesus, den Sohn Gottes. Er

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ist der Herr des Universums – unvorstellbar groß und damit außerhalb dessen, was
wir verstehen, begreifen und fühlen können.

Wie soll dieser allwissende, allmächtige, von Zeit und Raum unabhängige Gott meine
persönlichen Sorgen und Nöte, Ängste und Herausforderungen verstehen und
nachvollziehen können? Ich meine er steht doch über allem, woher soll er da meinen
Schmerz und Verlust, Hunger und Durst, Liebeskummer, Mobbing oder meine
Glaubenszweifel kennen – geschweige denn nachvollziehen können?

Dafür gab es nur einen Weg: Er musste auf unsere Erde kommen, einer von uns
werden. Er hat mit uns gelebt und gelitten. Er kennt Freude und Schmerz, Liebe und
Hass. Er musste sich in seinem irdischen Leben mit den gleichen Dingen
herumschlagen, die auch uns plagen – zumindest den meisten. Deshalb weiß er um
unseren täglichen Kampf. Er begreift, wovon wir reden. Er versteht uns. Er kennt
körperliche Gebrechen ebenso wie seelische Anfechtungen. Er kennt Zweifel, Angst,
Sorge und Mutlosigkeit.

Jesus, und das finde ich faszinierend, hat sich nicht in aller Seelenruhe ein Handbuch
durchgelesen oder sich durch eine Doku-Serie im Fernsehen darüber informiert, wie
Menschen so ticken und was sie machen. Er hat es auf dieser Welt am eigenen Leib
erfahren.

Deshalb kann ich Jesus eins unterstellen, wenn es um uns geht: vollstes Verständnis.
Vollstes Verständnis, persönlich vertreten bei Gott, mit der ganzen Aufmerksamkeit,
die ein Hohepriester für sich beansprucht. Denn bei einem Hohepriester ist Gott
immer ganz Ohr. Schließlich ist er es, der Gott am nächsten steht.

Wenn der Autor des Hebräerbriefes hier in Vers 15 betont, dass Jesus mit uns
mitleidet, dann ist das mehr als in einem Moment zu sagen „du hast es schon
schwer“ und dann einfach weiterzugehen.

Jesus kann mit meinen Nöten mitleiden, weil er sie kennt. Er ist ein „mitleidender
Hoherpriester“. Mitleiden heißt im griechischen „sympathein“. Jesus ist
also ein „sympathischer" Hohenpriester, Er leidet mit dir und mir, für dich
und für mich.

Er ist nur etwas oder in Teilzeit, sondern ganz für uns da. Das meint „Sympathie“ im
biblischen Sinne.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit
unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem versucht worden ist in ähnlicher
Weise [wie wir], doch ohne Sünde.

Die Zeit auf der Erde war für Jesus alles andere als leicht, im Gegenteil: Es lag eine
unglaubliche Last auf ihn.

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Die vermutlich größte Versuchung war dabei für ihn, ein Herrscher zu werden, statt
ein Diener. Gottes Auftrag für seinen Sohn war es, den Menschen zu dienen - indem
er ihnen den Weg zu Gott zeigte und sie an Leib und Seele gesund machte. In letzter
Konsequenz sollte ihn dieser Weg ans Kreuz führen, um dort stellvertretend für die
Schuld aller Menschen sein Leben zu lassen. Viele versuchten, ihn davon abzuhalten:

Satan versprach ihm die Herrschaft über die ganze Welt, wenn Jesus nur einmal
niederfallen würde, um ihn anzubeten.

Als er über 5000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen satt gemacht hatte,
wollten sie ihn zum König machen.

Als Jesus seinen Jüngern ankündigte, dass er bald sterben und nach drei Tagen
auferstehen würde, versuchte Petrus ihn davon abzuhalten.

Und noch am Kreuz verspotteten ihn die Menschen mit den Worten: „Bist du wirklich
Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!“

Doch Jesus widerstand all diesen Versuchungen und ging gehorsam den Weg bis
zum Ende.

[So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir
Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe]

So lasst uns nun hinzutreten, fordert der Hebräerbriefschreiber.

Durch Jesus haben wir nicht nur freien Zutritt, sondern dazu auch noch freien
Durchgang ohne Warteschlange.

Normalerweise handelten die Jerusalemer Hohenpriester am Großen Versöhnungstag


streng abgeschirmt. Nur in dem Moment, in dem sie den Sündenbock in die Wüste
schickten, waren sie von Menschenmassen umgeben und es gab großes Geschrei.

Jesus dagegen hat den Himmel öffentlich durchschritten, so dass jeder es sehen
konnte.

Er hat den verschlossenen Himmel geöffnet. Nicht einmal jährlich, sondern ein für
alle mal. Bei Jesu Tod, so lesen wir in der Passionsgeschichte, ist der Vorhang vor
dem Allerheiligsten zerrissen. Das heißt: Gott lebt nicht mehr abgetrennt, fern von
uns und für uns unerreichbar.

Nein, Jesus hat uns einen direkten Zugang zu Gott ermöglicht. Jeder kann ihm
begegnen, mit ihm leben, und mit ihm reden.

Im Gebet werden wir dabei selbst zu Priestern, zu Brückenbauern. Zu Mittlern


zwischen Gott und den Menschen, um der ganzen Welt den offenen Himmel zu

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zeigen. Sie zu interessieren und zu faszinieren für die Verbindung, die Jesus
geschaffen hat.

Denn auch heute noch suchen zahlreiche Menschen geistliche Begleiter.


Vertrauensvolle Menschen, die ihnen den Weg zu Gott zeigen. Und sie wieder mit
ihm zusammenbringen. Vor allem dann, wenn sie selber den Weg zu Gott nur noch
schwer finden.

Wir können und sollten weiterhin stellvertretend für die vor Gott kommen, die das
selber nicht mehr können. Es ist wichtig, dass wir andere und ihre Not priesterlich
vor Gott bringen.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir es auch weiterhin nicht als Floskel verstehen,
wenn wir im Anfangsgebet des Gottesdienstes für diejenigen bitten, die nicht bei uns
im Gottesdienst dabei sein können – oder wollen.

So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten

Luther übersetzt hier mit Freimut, Schlachter mit Freimütigkeit, die


Einheitsübersetzung „voll Zuversicht“. Das ist alles nicht falsch, aber doch sind all
diese Worte etwas missverständlich. Sie klingen nämlich so, als ginge es alleine um
unsere individuelle Gefühlswelt.

Es gibt aber auch Bereiche, da reicht innere Zuversicht nicht aus. Wenn man ins
ferne Ausland will, braucht man beispielsweise einen Pass und ein Visum. Etwas
objektives, etwas, das nachweislich gültig ist und mich berechtigt, da hinzugehen. In
einen Regierungssitz kann ich nicht einfach so hineinspazieren. Dafür brauche ich
eine Zugangsberechtigung. Oder Vitamin B, dass einer, der darüber entscheiden
darf, mich kennt und den Wachmännern sagt – der darf rein, die darf rein, die ist
eingeladen.

Das griechische Wort, das hier steht, parresia, meint ursprünglich »die Freiheit, alles
zu sagen«. Das meint das Rederecht des freien Bürgers einer Stadt oder eines
Staates in der Volksversammlung. Durch dieses Rederecht darf er sich dort beteiligen
und alles sagen – sonst müsste er schweigen. Parresia meint hier also eine
Berechtigung – freien Zugang.

Auf den Weg zu Gott übertragen heißt das: wir haben eine Zugangsberechtigung. Da
ist einer vorneweg gegangen, der uns kennt und der an der Tür sagt: der darf rein,
die gehört zu mir. Und wer so eine Zugangsberechtigung hat, der macht sich auch
keine großen Sorgen, der kann an der Tür offen und sicher auftreten, frei und mutig.

Jedenfalls wäre das logisch und normal. Man kann sich natürlich auch mit allen
Papieren trotzdem Sorgen machen und überlegen, was passieren könnte - und dann
lieber doch gleich gar nicht hingehen. Diese Sorge wäre unnötig, das wäre schade –
wir haben nämlich diese Berechtigung. Deshalb ist freier Mut und Zuversicht passend
damit wir nutzen können, dass uns dieser Weg offen steht.

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So lasst uns nun, sagt der Schreiber des Hebräerbriefes, mit Freimütigkeit
hinzutreten zum Thron der Gnade…

Wenn wir in Begleitung von Jesus – unserer Zugangsberechtigung – zu Gott


kommen, dann landen wir vorm Thron der Gnade. Denn dann geht es nicht um deine
Schuld und Scham, sondern um etwas ganz anderes:

So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir
Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe

Grade wenn du jemanden brauchst, der barmherzig, gütig und wohlwollend zu dir
ist, ist unser Hohepriester für dich da. Wir können uns Gott durch unseren
Hohepriester anvertrauen und im Gebet um seine Hilfe bitten.

Wir haben das Recht, alles zu sagen – wir haben volles Rederecht vor Gott. Wenn
prominente Persönlichkeiten eine Pressekonferenz machen, dürfen meistens nur ganz
wenige der Journalisten etwas fragen. Die andern würden gerne auch – dürfen aber
meistens nicht.

Vor Gott haben wir uneingeschränktes Rederecht. Jederzeit. Ohne vorher alles 10x
durchzusprechen, zu überlegen, ob es auch theologisch korrekt ist. Jesus versteht
uns, denn er hat das alles selbst durchlebt.

Wir dürfen ihn um alles bitten, nur Art und Zeitpunkt seiner Hilfe, die müssen wir ihm
überlassen. Aber Hebräer 4 sagt uns ganz deutlich, dass Gott immer zur rechten Zeit
eingreift und hilft. Gott handelt also spätestens rechtzeitig.

14 Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten
hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis!
15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit
unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem versucht worden ist in ähnlicher
Weise [wie wir], doch ohne Sünde.
16 So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir
Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe

Jesus, so möchte ich zusammenfassen, ist unser Hohepriester.

Denn er hat alles für uns vorbereitet: Den Weg des Heils, der uns von der Erde durch
alle Himmel bis vor das Angesicht des Vaters führt, bis zum Thron. Das ist mit seiner
Vermittlerrolle als Hoherpriester gemeint. Anders als es dem irdischen Hohenpriester
in Israel erlaubt war, führt er uns damit uns alle – um im alttestamentlichen Bild zu
bleiben - ins Allerheiligste, wir müssen nicht wie die Israeliten in sicherer Entfernung
Abseits stehen. Aus diesem Grund steht der Himmel jedem offen, der sich
auf Jesus Christus verlässt.

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Jetzt liegt es an uns, hinzuzutreten und vor Gottes Thron Vergebung und Gnade zu
empfangen. Es ist an uns, als Gottes verlorene Söhne und Töchter zu unserem
himmlischen Vater heimzukehren und uns von ihm in die Arme schließen zu lassen.

Wie ein Kind mit allem, was es beschäftigt, zu seinen Eltern kommen kann - so
dürfen auch wir im Gebet mit allem, was uns auf dem Herzen liegt, durch Jesus vor
Gott treten.

Denn eins ist sicher: er versteht uns, er ist unser sympathischer Hohepriester. Der
mitgeht, mitleidet, und uns durch seinen heiligen Geist immer begleitet.

Oder wie unser Hebräerbriefschreiber in der Neuen Genfer Übersetzung formuliert:

Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit
er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur
rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

Diese Zuversicht und Hilfe zur rechten Zeit wünsche ich uns jeden Tag neu, bis wir
unserem Hohepriester Gesellschaft leisten – in der direkten Gegenwart Gottes.
Amen.