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Sprache als Denkwerkzeug:

Warum frühe Sprachförderung


so wichtig ist
Dr. Ilonca Hardy
Max-Planck-Institut für
Bildungsforschung, Berlin
Was ist Sprache?

- Sprache als komplexe Kombination von Lauten

- Sprache als Symbolsystem: Laute bilden Einheiten,


die für etwas stehen

- Sprache bezieht sich nicht nur auf das „Hier und


Jetzt“, sie dient auch zur Übermittlung von Ideen
und Gedanken

- Kinder jeder Kultur lernen, Sprache zu verstehen


und zu produzieren
Überblick
• Sprachentwicklung im Kleinkindalter: Frühe
Kompetenzen des Spracherwerbs
• Sprache als Denkwerkzeug: Wie beeinflusst
Sprache unser Denken?
• Aspekte der Sprachförderung im
Kindergarten: Vorläuferfähigkeiten
Sprachentwicklung im
Kleinkindalter
1) Wahrnehmung von Lauten
– Babys nehmen mehr sprachliche Laute wahr als
Erwachsene
z.B. 6-8 M. alte amerikanische Babys bemerken
Unterschiede in Hindi
Æunspezifische neurologische Ausstattung

- mit etwa einem Jahr: Anpassung an


Sprachumgebung
ÆLautunterschiede werden nicht mehr
wahrgenommen
später: typische Akzente bei Fremdsprachen
Sprachentwicklung im
Kleinkindalter
2) Geteilte Aufmerksamkeit (Joint Attention)
– „Die Neun-Monats-Revolution“
• zwischen 9 und 12 Monaten lernen Babys, die
Blickrichtung zu verfolgen und per Fingerzeig
die Aufmerksamkeit lenken
• anderen Menschen werden Absichten (etwas zu
kommunizieren) zugeschrieben
Triadische Kommunikation

Kind „Ball!“ Erwachsener


Vom Zeichen zum Symbol

gemeinsamer Begriff

Kind „Geburtstag“ Erwachsener


Sprachentwicklung im
Kleinkindalter
3) Nutzung des innersprachlichen Kontexts
Wie lernen 2-jährige Kinder,
was „Muggeln“ ist?
1. Gruppe: Alle Kinder sehen zwei Filme

„Der Bär und der Hase muggeln“


Frage an die Kinder: Wo muggeln der Bär und der Hase?
2. Gruppe: Alle Kinder sehen zwei Filme

„Der Bär muggelt den Hasen“


Frage an die Kinder: Wo muggelt der Bär den Hasen?
Fazit dieser Studie (Naigles, 1990)
• Die Kinder interpretierten „muggeln“ entweder als
„auf die Schulter klopfen“ oder als „hüpfen“

• Unterscheidung von Verben mit Objekt


Bär klopft dem Hasen auf die Schulter
Æ Handelnder und Behandelter
und Verben ohne Objekt
Bär und Hase hüpfen
Æ parallele Handlung

• Beleg für frühes grammatikalisches Verständnis


Zusammenfassung zum
Spracherwerb
• Babys und Kleinkinder sind durch
Sensibilität für den sozialen und
sprachlichen Kontext dazu fähig, sich die
Bedeutung von Wörtern zu erschließen

• Die Verwendung von Sprache ermöglicht es,


die tatsächliche Umgebung zu verlassen
und über Nicht-vorhandenes /
Hypothetisches zu sprechen bzw.
nachzudenken
Sprache als Denkwerkzeug
Æ Wie beeinflusst Sprache unser Denken?
1) Der Einfluss von Sprache auf die
Wahrnehmung (Kategorienbildung)
2) Selbstgespräche im Vorschulalter
3) Sprachverwendung beim Rollenspiel
Sprache als Denkwerkzeug
1) Sprache und Wahrnehmung der Welt
(Kategorienbildung)
Æ Thesen der Theorie der Linguistischen Relativität
(Whorf, 1956)
• Sprachen unterscheiden sich in der Art, wie
sie (durch spezielle Wörter, Grammatik) die
Welt aufteilen
• die Struktur der eigenen Sprache beeinflusst
daher die Art und Weise, wie man die Welt
wahrnimmt und versteht
Der Einfluss von Klassifikatoren im
Chinesischen auf die Kategorienbildung
Studie von Henrik Saalbach, MPI
Klassifikatoren im Chinesischen
• Im Deutschen
– Zwei Tische (Zahlwort + Substantiv/Plural)
– Zwei Tassen Mehl (Zahlwort + Quantifikator +
Substantiv/Singular)
• Im Chinesischen
– Zwei [KLF] Tisch (Zahlwort + KLF +
Substantiv/Singular)
Zwei Kämme

Zwei ba Kamm
Klassifikatoren im Chinesischen
Form Funktion Tiere
Tito (lange BA (Dinge mit Zhi (kleine
gebogene Griff): Messer, Tiere): Tiger,
Dinge): Schlüssel, Maus, Frosch
Straße, Gürtel, Kamm, Hammer
Fisch, Schlange

Zhang (flache Jia: (Dinge mit Tou (große


Dinge): Metallrahmen): Tiere): Kuh,
Bett, Zeitung, Klavier, Leiter Elefant
CD, Landkarte
Forschungsfrage
Beeinflusst die Kenntnis eines
Klassifikators im Chinesischen (hier für
formähnliche Dinge) die Kategorien-
bildung bei kleinen Kindern?

Kategorienbildung: Zuordnungen nach


Zusammengehörigkeit (z.B. thematisch /
gleicher Kontext, gleiche taxonomische
Kategorie, ähnliche Form)
Kategorisierung von Gegenständen:
Welches der drei Dinge passt dazu?

taxonomisch thematisch formähnlich


thematisch formähnlich taxonomisch
Prozentsatz der Kinder, die das Objekt mit der
gleichen Form wählten

100
80
60 Chinesisch
%

40 Deutsch
20
0
3 Jahre 6 Jahre
Fazit der interkulturellen
Untersuchungen
• Sprache beeinflusst die Art, wie wir die Welt
sehen (z.B. Kategorisierung schon bei
Kindergartenkindern)
• Im Vergleich zum universellen Einfluss von
Sprache auf unser Denken sind
interkulturelle Unterschiede jedoch gering
• Erwachsenen stehen meist ähnliche Arten
der Einteilung zur Verfügung, die sie je nach
Kontext verwenden
Sprache als Denkwerkzeug
2) Selbstgespräche oder „private
Sprache“ im Vorschulalter

„ich leg die Puppe noch hierhin, die muss aber


noch zugedeckt werden…wo nehm ich denn
die Decke her? Ach, der Teddy hat schon
ausgeschlafen, der braucht keine Decke mehr.
Und dann kann Lisa ja auch wieder mit dem
Teddy spielen.“
Selbstgespräche
• Gedeutet als Egozentrismus des Kindes (Jean
Piaget), keine kommunikative Sprachverwendung
Æ nimmt mit zunehmender sozialer Kompetenz (z.B.
Perspektivenwechsel) ab

• Gegenposition: soziale Kommunikation ist die


Voraussetzung für Selbstgespräche (Lev Vygotsky)
Æ Kinder verinnerlichen so mögliche
Verhaltensweisen und Strategien von
kompetenteren Anderen
Æ Selbstgespräche steuern das Problemlösen /
Verhalten in schwierigen Anforderungssituationen
Beispiele
Beim Spiel mit Bauklötzen

• Selbstgespräch als Kommentieren der Handlung:


„hier ist der blaue Klotz, den lege ich jetzt hier noch
rauf…oh, es ist eingestürzt“

• Selbstgespräch als Anleitung:


„wenn ich die Brücke fertig machen will, brauche ich
aber noch ein ganz großen Klotz für unten“
„die Brücke stürzt ein, wenn da oben noch etwas drauf
kommt“
Ergebnisse der Forschung zu
Selbstgesprächen
• Je mehr Selbstgespräche, desto schneller
verbessert das Kind seine Leistungen (z.B. beim
Lösen von Rechenaufgaben von zweiter zu dritter
Klasse) und desto schneller gehen Selbstgespräche
in bloßes Lippenbewegen über (Berk, 1995)

Æ Selbstgespräche zeigen, dass ein Kind mit der


produktiven Bewältigung einer Anforderung
beschäftigt ist

• Problem-bezogene Selbstgespräche können durch


das Vorbild der Erwachsenen (Ermutigung,
beispielhafte Kommentare, richtiges Maß an
Eingreifen) gefördert werden
Æ zwischen laissez-faire und autoritärem Verhalten
Die Aneignung von
Problemlösestrategien
- Individuelle Ebene: zunehmende Internalisierung
- Interpersonelle Ebene: sprachliche Vermittlung von
Problemlösestrategien, richtiges Maß an Eingreifen
- Gemeinschaftlich-kulturelle Ebene: Gelegenheiten
zur Bewältigung von Anforderungen

E
G K K
Sprache als Denkwerkzeug
3) Sprachverwendung beim Rollenspiel
Merkmale des Rollenspiels
• Typische Spielform des Vorschulalters (z.B.
Mutter-Kind-Spiel, Einkaufen, Arztpraxis etc.)
• Kinder verleihen sich selbst und
Gegenständen / Situationen neue
Bedeutungen
• Voraussetzung: Kinder müssen den gleichen
Bezug zu einem Gegenstand herstellen
können (sonst: Parallelspiel)
• Umdeutungen werden durch Sprache erzeugt
Die Bedeutung der Sprache
beim Rollenspiel
• Klärung des Spielkontexts (dies ist Spiel, nicht Ernst)
z.B. „aus Spaß bist du hingefallen“
• Klärung der Rollen und Bedeutungen
z.B. „du wärst dann die Mutter“; „das ist dann unser
Laden mit dem ganzen Obst“
Æ erfordert u.U. Heraustreten aus der Rolle
• Mit zunehmendem Alter werden Gegebenheiten nicht
durch Heraustreten aus der Rolle, sondern innerhalb
des Spiels geklärt (Andresen, 2002)
z.B. Einführen von neuen Personen und Handlungen
Komplexe Sprachverwendung
beim Rollenspiel
- Personalpronomina: er, ihre, seine etc.
Ænotwendig durch Eintauchen in die Rolle,
eindeutige Regelung zukünftiger Ereignisse

- Zunehmende De-Kontextualisierung von


Sprache
Æ Sprache bezieht sich nicht auf tatsächliche
Begebenheiten, sondern wird als ihr eigener
Kontext verwendet (ähnlich wie bei
Phantasiegeschichten)
Förderung der Sprachentwicklung
Æ Vorläuferfähigkeiten
1) Präzise Verwendung von Sprache
2) Sprache zum Erschließen neuer
Zusammenhänge
3) Förderung von Formen der Schriftsprache
4) Förderung durch Sprachspiele
Kompetenzen für den
Schriftspracherwerb
– Verbindung von Lauten mit Buchstaben
– Verbindung von Buchstaben zu Wörtern
– sinnentnehmendes Lesen

Æ Schriftsprache erfordert die


De-Kontextualisierung von Sprache
ÆSchriftsprache erfordert die präzise Zuordnung
von Wörtern zu Bedeutungen
Förderung von Vorläuferfähigkeiten
1) Präzise Verwendung von Sprache
- ErzieherInnen als Vorbild!

- Gelegenheit, zusammenhängend zu erzählen und zu


beschreiben
Æ genaues Nachfragen

- Verwendung unterschiedlicher Wörter zur


Beschreibung von Situationen
z.B. Wörter für „gehen“: laufen, rennen, sprinten,
schlendern, spazieren, flanieren, …
Förderung von Vorläuferfähigkeiten

2) Sprache zum Erschließen neuer


Zusammenhänge
- durch Sprache erschließen wir uns neue
Wissensinhalte
- Verwendung von Wörtern zur Beschreibung von
Zusammenhängen
z.B. „fünf Kinder pro Tisch“ „mehr / größer als“
„je mehr/größer/häufiger, desto …“
Æ Förderung des Verständnisses der Inhalte von
Sachaufgaben in Mathematik und Physik
Förderung von Vorläuferfähigkeiten

3) Formen der Schriftsprache


- „literarische Sozialisation“: Vertrautwerden von
Kindern mit der Verwendung von Schrift im Alltag
(z.B. Einkaufszettel, Speisekarte, Schilder)
Æ Diese Sozialisation fängt schon lange vor
Schuleintritt an!
Æ Im Kindergarten: Gelegenheiten nutzen, in denen
Kinder selbst Schrift entwerfen wollen
(kommunikative Absicht)
Beispiele für frühe Verwendung
von Schrift (van Oers, 2002)
Förderung von Vorläuferfähigkeiten

4) Sprachspiele
- Langsames Loslösen der Sprache von der
Sprechsituation / Kontext (Phantasiewörter,
Umbenennungen)
- Spiele zur Förderung der phonologischen
Bewusstheit (Silbenklatschen, Reime, Lieder)
Fazit: Förderung der
Sprachentwicklung
- Sprache als Medium der Kommunikation
- Sprache zur Förderung der Denkentwicklung
- Sprache als Vorläufer des Schriftspracherwerbs
Sprache als Denkwerkzeug

• Ohne unsere soziale Umwelt mit anderen


Menschen wäre Sprachentwicklung nicht denkbar

ÆSprache macht nicht nur unsere Kommunikation


spezifisch menschlich, sondern auch unser
Denken!

• Die Wege, die das kindliche Denken nimmt, sind


entscheidend von Sprache geprägt
ÆSprachförderung als zentrales Element der
vorschulischen Erziehung
Literatur
• Andresen, H. (2002). Interaktion, Sprache und Spiel: Zur Funktion des
Rollenspiels für die Sprachentwicklung im Vorschulalter. Tübingen.
Gunter Narr Verlag.

• Berk, L. (1995). Kindliche Selbstgespräche und mental Entwicklung.


Spektrum der Wissenschaft, 1/95, 72-77.

• Bruner, J. (1987). Wie das Kind sprechen lernt. Bern.

• Hardy, I. (1999). Wie Kinder lernen. Von der Bedeutung soziokultureller


Erfahrungen für die Denkentwicklung. Grundschulmagazin, 11/99, 4-7.

• Nelson, K. & Shaw, L.K. (2002). Developing a socially shared symbolic


system. In E. Amsel & J. Byrnes (Eds.), Language, literacy, and cognitive
development: the development and consequences of symbolic
communication (S. 27-57). Mahwah, NJ, US: Lawrence Erlbaum
Associates

• Naigles, L. (1990). Children use syntax to learn verb meanings. Journal of


Child Language, 17, 357-374.
Literatur
• Saalbach, H., & Imai, M. (2005). Do classifier categories structure our
concepts? In B. G. Bara, L. Barsalou & M. Bucciarelli (Eds.),
Proceedings of the 26th Annual Conference of the Cognitive Science
Society (pp. 1901-1906). Mahwah, NJ: Erlbaum.

• Stern, E. (2003). Kompetenzerwerb in anspruchsvollen Inhaltsgebieten


bei Grundschulkindern. In Cech & Schwier (Hrsg.). Lernwege und
Aneignungsformen im Sachunterricht.

• Van Oers, B. (2000). Einführung in die Lese- und Schriftkultur—auch


bei Vierjährigen? In H. Colberg-Schrader und P. Oberhuemer (Hrsg.),
Qualifizieren für Europa: Praxiskulturen, Ausbildungskonzepte,
Initiativen. Hohengehren: Schneider.

• Vygotsky, L. (1981). Das Spiel und seine Rolle für die psychische
Entwicklung des Kindes. In D. Elkonin (Hrsg.), Psychologie des Spiels
(S. 441-465). Köln.