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Erkenntnistheorie 2

Einführung in die Erkenntnistheorie (Universität Graz)

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2.1 Agrippas Trilemma


Argument basiert auf Agrippas 5 Modi der Urteilsenthaltung
Wird Agrippa (1 Jhdt v. Chr. oder 1 Jhdt n. Chr.) von Sextus Empiricus (160-210 n Chr.)
zugeschrieben.
Sextus Empiricus: Grundriß der pyrrhonischen Skepsis. Einleitung und aus dem Griechischen
von Malte Hossenfelder. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1985.

2.1 Agrippas fünf Modi der Urteilsenthaltung


1) Dissens: Es gibt Dissens im gewöhnlichen Leben und zwischen Philosophinnen. Daher
können wir nichts entscheiden und müssen uns des Urteils enthalten. 2) Unendlicher
Regress: Das, was zum Nachweis für eine Behauptung vorgebracht wird, bedarf selbst
wieder einer Rechenschaft. Da es so nie einen Ausgangspunkt gibt, müssen wir uns des
Urteils enthalten. 3) Relativität: Alles, was gegeben ist, ist einem Individuum auf eine
bestimmte Art und Weise gegeben. Daher können wir nie wissen, wie es wirklich ist, und
müssen uns des Urteils enthalten. 4) Dogmatische Behauptung: Das, was zur Begründung für
eines Grundsatzes vorgebracht wird, wird selbst nicht begründet. Da derart keine
Begründung möglich ist, müssen wir uns des Urteils enthalten. 5) Zirkelschluss: Das, was zur
Begründung einer Behauptung vorgebracht wird, wird selbst durch die Behauptung
begründet. Da derart keine Begründung möglich ist, müssen wir uns der Schlussfolgerung
enthalten.

2.1 Agrippas Trilemma


Prämisse 1: Für die Begründung einer These T1 gibt es genau 3 theoretische Alternativen: a)
S vollzieht einen unendlichen Begründungsregress, d.h. S begründet T1 mit T2, begründet T2
mit T3… b) S vollzieht einen Zirkelschluss, z.B. S begründet T1 mit T2, T2 mit T3 und T3 mit
T1. c) S vollzieht einen dogmatischen Abbruch, d.h. S begründet Tn mit Tn+1, abzüglich aber
Tn+1 zu begründen. Prämisse 2: Keine der drei Wahlmöglichkeiten stellt eine Form von
Begründung dar. Prämisse 3: Es gibt kein Wissen ohne Nachweis. Skeptische Konklusion:
Daher können wir gar nichts wissen.
• Trilemma basiert auf Agrippas Modi 2, 4 und 5. • Von Hans Albert (1968) auch als
Münchhausentrilemma bezeichnet. (Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft. Mohr
Siebeck, Tübingen 1968.)

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2.2 Das Tetralemma Wenn Prämissen


(1 und 3) stimmen, dann muss eine der folgenden Lehrsätze wahr sein:
i. Wir können ad infinitum begründen. (= Infinitismus) ii. Wir können mittels Zirkelschlüssen
rechtfertigen. (= Kohärentismus) iii. Es gibt Rechtfertigung abzüglich weitere Begründung. (=
Fundamentalismus) iv. Wir können nichts wissen. (= Skeptizismus)
Problem: Jede dieser 4 Alternativen wirkt fraglich.

Metaregresse
Die Intuition: • Man ist nur gerechtfertigt zu glauben, dass p, wenn man auch Gründe dafür
angeben kann, dass man gerechtfertigt ist.
• z.B.: p1: A glaubt, dass B einen Ford besitzt, weil C dies A gesagt hat.
• A hat nur dann Gründe zu glauben, dass B einen Ford besitzt, wenn A begründen kann,
dass C aufrichtig ist.
Zwei mögliche allgemeine Prinzipien: • RR-Prinzip: Für jede Proposition p gilt: S ist nur dann
gerechtfertigt zu glauben, dass p, wenn S Gründe angeben kann, dass sie gerecht glaubt,
dass p. • WW-Prinzip: Für jede Proposition p gilt: S weiß nur dann, dass p, wenn S weiß, dass
sie weiß, dass p. Wenn W(p), dann WW(p).
• Wenn das RR-Prinzip gilt, dann ist S nur gerechtfertigt zu glauben, dass p, wenn S für
unendlich viele Propositionen Gründe angeben kann. • Dasselbe gilt für das WW-Prinzip.
Argumente des Metaskeptizismus:
p1: Das RR-Prinzip bzw. das WW-Prinzip gilt. p2: Man kann nicht für unendlich viele
Propositionen Gründe angeben. Konklusion: Daher ist gerechtfertigtes Glauben bzw. Wissen
nicht möglich.
Der anti-skeptische Umkehrschluss: p1: Entschuldigtes Glauben und Wissen sind möglich. p2:
Man kann nicht für unendlich viele Propositionen Gründe angeben. Ergebnis: Daher gilt
weder das RR-Prinzip noch das WW-Prinzip.

2.2 René Descartes


(1596-1650)

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2.2 Descartes‘ Argument für den Außenweltskeptizismus Meditationes de prima philosophia


(1641) Erste Meditation: Woran man sich nicht sicher sein kann
„Schon vor einer Reihe von Jahren habe ich bemerkt, wieviel Falsches ich in meiner
Wachstumsjahre habe gelten lassen und wie zweifelhaft alles ist, was ich hernach darauf
aufgebaut, dass ich daher einmal im Leben alles von Grund aus umstoßen und von den
ersten Grundlagen an neu beginnen müsse, wenn ich jemals für etwas Unerschütterliches
und Bleibendes in den Wissenschaften festen Halt schaffen wollte. Indessen schien mir dies
ein gewaltiges Unternehmen zu sein, und ich wartete daher dasjenige reifere Alter ab, dem
keines mehr folgen würde, das geeigneter wäre, sich der Forschungen gründlich
anzunehmen. Daher habe ich so lange gezögert, dass ich mich fernerhin schuldig machte,
wenn ich die zur Ausführung noch übrige Zeit mit weiteren Bedenken vergeuden wollte. So
habe ich denn heute zur rechten Zeit meine Gedanken aller Sorgen entledigt, mir ungestörte
Muße in einsamer Zurückgezogenheit verschafft und werde endlich ernsthaft und
unbekümmert zu diesem generellen Umsturz meiner Meinungen schreiten.“

2.2 Descartes‘ Methode des Zweifelns


„Dazu wird es indessen nicht nötig sein zu zeigen, dass sie alle falsch sind, denn das würde
ich wohl niemals erreichen können; da es jedoch nur vernünftig ist, bei dem nicht ganz Moral
und Unzweifelhaften genauso sorgsam seine Zustimmung zurückzuhalten wie bei offenbar
Falschem, so wird es, sie alle zurückzuweisen, genügen, wenn ich in einer jeden irgendeinen
Grund zu zweifeln antreffe. Auch brauche ich sie deswegen nicht alle einzeln durchzugehen,
was eine endlose Arbeit wäre; ich werde vielmehr, da bei untergrabenen Fundamenten alles
darauf Gebaute von selbst zusammenstürzt, den Angriff sogleich auf eben die Prinzipien
richten, auf die sich alle meine früheren Meinungen stützten.“

2.2 Zweifel an den Sinnen


„Alles nämlich, was ich bisher am ehesten für wahr gehalten habe, verdanke ich den Sinnen
oder der Vermittlung der Sinne. Nun aber bin ich aufgeklärt, daß diese uns gelegentlich
täuschen, und es ist ein Gebot der Klugheit, denen niemals ganz zu trauen, die uns auch nur
einmal getäuscht haben. Indessen - mögen uns auch die Sinne mit Bezug auf zu kleine und
entfernte Gegenstände bisweilen verkohlen, so gibt es doch am Ende sehr vieles andere,
woran man gar nicht zweifeln kann, wenngleich es aus denselben Quellen geschöpft ist; so z.
B. daß ich jetzt hier bin, daß ich, mit meinem Winterrock angetan, am Kamin sitze, daß ich
dieses Papier mit den Händen betaste und ähnliches; vollends daß diese Hände selbst, daß

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überhaupt mein ganzer Körper da ist, wie könnte man mir das abstreiten? Ich müsste mich
denn mit ich weiß nicht welchen Wahnsinnigen vergleichen, deren ohnehin kleines Gehirn
durch widerliche Dünste aus ihrer schwarzen Galle so ermattet ist, daß sie hartnäckig
behaupten, sie seien Könige, während sie bettelarm sind, oder in Purpur gekleidet, während
sie nackt sind, oder sie hätten einen tönernen Kopf, oder sie seien gar Kürbisse oder aus
Glas; - aber das sind eben Wahnsinnige, und ich würde ebenso wie sie von Sinnen zu sein
scheinen, wenn ich mir sie zur Anregung nehmen wollte.“

2.2 Träumen „Vortrefflich!


-Als ob ich nicht ein Mensch wäre, der des Nachts zu ruhen pflegt, und dem dann genau dieselben, ja
bisweilen noch weniger wahrscheinliche Dinge im Traume begegnen, als jenen im Wachen! Wie oft
doch kommt es vor, daß ich mir all diese gewöhnlichen Umstände während der Nachtruhe einbilde,
etwa daß ich hier bin, dass ich, mit meinem Rocke bekleidet, am Kamin sitze, während ich doch
entkleidet im Bette liege. Jetzt aber schaue ich doch sicher mit wachen Augen auf dieses Papier, dies
Haupt, das ich hin und her bewege, schläft doch nicht, mit Vorbedacht und Bewusstsein strecke ich
meine Hand aus und fühle sie. So deutlich geschieht mir dies doch nicht im Schlaf. -Als wenn ich mich
nicht entsänne, daß ich sonst auch schon im Traume durch ähnliche Gedankengänge genarrt worden
bin! Denke ich einmal konzentrierter hierüber nach, so sehe ich ganz klar, daß Wachsein und
Träumen niemals durch sichere Kennzeichen unterschieden werden können, - so daß ich ganz
betroffen bin und gerade diese Betroffenheit mich beinahe in der Meinung bestärkt, ich erträumte.“

2.2 Träumen
„Meinetwegen: wir träumen. Mögen wirklich alle jene Einzelheiten nicht wahr sein, daß wir
die Augen öffnen, den Kopf verrücken, die Hände ausstrecken; ja, mögen wir wie es scheint
gar keine solchen Hände, noch überhaupt solch einen Körper haben: so muß man in der Tat
doch zugeben, das im Schlafe Gesehene seien gleichsam Bilder, die nur nach dem Muster
wahrhaftiger Dinge sich abmalen konnten, daß also wenigstens dies Allgemeine: Augen,
Haupt, Hände und überhaupt der ganze Körper nicht bloß eingebildet ist, sondern
wahrhaftig existiert.“

2.2 Der fiese Gott?


„Es ist indessen in meinem Denken eine alte Überzeugung verwurzelt, dass es einen Gott
gebe, der alles vermag, und von dem ich so, wie ich bin, geschaffen wurde. Woher weiß ich
aber, ob er nicht bewirkt hat, daß es überhaupt keine Erde, keinen Himmel, kein
ausgewalztes Ding, keine Gestalt, keine Größe, keinen Ort gibt und dass dennoch dies alles
genau so, wie es mir jetzt vorkommt, bloß da zu sein scheint; ja sogar auch, so wie ich
überzeugt bin, daß andere sich bisweilen in dem irren, was sie vollkommen zu wissen
meinen, ebenso könnte auch ich mich täuschen, sooft ich 2 und 3 addiere oder die Seiten

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des Quadrats zähle, oder was man sich noch leichteres folgern mag. Aber vielleicht hat Gott
nicht gewollt, daß ich mich täusche, heißt er doch der Allgütige. Allein, wenn es mit seiner
Güte einander ausschließend wäre, daß er mich so geschaffen, daß ich mich stets täusche, so
schiene es doch ebenso wenig dieser Eigenschaft entsprechend, zu erlauben, daß ich mich
bisweilen täusche, welch letzteres sicherlich doch der Fall ist.“

2.2 Der fiese Dämon


„So will ich denn annehmen, nicht der allgütige Gott, die Quelle der Wahrheit, sondern
irgendein böser Geist, der zugleich allmächtig und verschlagen ist, habe all seinen Fleiß
daran gewandt, mich zu täuschen; ich will glauben, Himmel, Luft, Erde, Farben, Gestalten,
Töne und alle Außendinge seien nichts als das täuschende Spiel von Träumen, durch die er
meiner Leichtgläubigkeit Fallen stellt; mich selbst will ich so ansehen, als hätte ich keine
Hände, keine Augen, kein Fleisch, kein Blut, überhaupt keine Sinne, abgesehen von glaubte
nur fälschlich das alles zu besitzen.“

2.2 Außenweltskeptizismus reloaded


In der zeitgenössischen Erkenntnistheorie hat sich eine kanonische Darstellung des
Arguments des Außenweltskeptizismus „KAS“ durchgesetzt, zu dem jedoch zahlreiche
Varianten undAlternativen bestehen.
Die favorisierte skeptische Hypothese ist nicht die, dass wir von einem bösen Dämonen
getäuscht werden, sondern dass wir ein Gehirn im Tank sind, vergleichbar der Matrix.
Primär werden Argumente des Außenweltskeptizismus für Wissen artikuliert, sekundär für
gerechtfertigtes Glauben, auch wenn die Erklärung als das entscheidende Problem
angesehen wird.

2.2 Außenweltskeptizismus reloaded


KAS Prämisse 1:Wenn S Wissen über die Außenwelt besitzt, dann weiß S, dass sie kein
Gehirn im Tank ist. Prämisse 2: S weiß nicht, dass sie kein Gehirn im Tank ist. Resultat: S
besitzt keine Erkenntnis über die Außenwelt.
KAS ist gültig.

Die formale Struktur von KAS: 1. WennW(p), dannW(Ich bin kein GiT) 2. W(Ich bin kein GiT)
Ergo:W(p)

2.2 Außenweltskeptizismus reloaded


Das skeptische Argument kann als ein Rätsel um drei Grundsätze angesehen werden, von
denen jede plausibel ist, die aber zusammen widersprüchlich sind:

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1: S besitzt Wissen über die Außenwelt. 2: S weiß nicht, dass sie kein Gehirn im Tank ist. 3:
Wenn S Wissen über die Außenwelt besitzt, dann weiß S, dass sie kein Gehirn im Tank ist.
Das Problem: Eine der drei plausiblen Behauptungen muss zerstört werden.

2.2 Das Geschlossenheitsprinzip von Wissen


Warum 3 gilt: Wenn S Wissen über die Außenwelt besitzt, dann weiß S, dass sie kein Gehirn
im Tank ist.
Das Geschlossenheitsprinzip von Wissen: Wissen ist geschlossen unter bewusster logischer
Folgerung.
• Wenn S weiß, dass p und weiß, dass q logisch aus p folgt, dann weiß S, dass q.
Ein zu starkes Prinzip: • Wenn S weiß, dass p, und q logisch aus p folgt, dann weiß S, dass q.
Zu stark, weil es besagt, dass wir alle logischen Ausgänge aus logischen/mathematischen
Theoremen wissen.
Ein schwächeres Geschlossenheitsprinzip: • Wenn S weiß, dass p und weiß, dass q logisch
aus p folgt, und glaubt, dass q, dann weiß S, dass q.

2.2 Das Geschlossenheitsprinzip von Wissen


Die Anwendung des Geschlossenheitsprinzips: • p: Eine Proposition über die Außenwelt. • q:
Die Negation der skeptischen Hypothese, wobei q aus p einleuchtend folgt und S weiß, dass
q aus p logisch folgt.
Ein Beispiel: • p: Ich befinde mich derzeit in Graz. • q: Ich bin kein GiT auf Alpha Centauri.
Das Unterstützungsargument für 3: p1: Wenn S weiß, dass p, und weiß, dass q logisch aus p
folgt, dann weiß S, dass q. (= Geschlossenheitsprinzip) p2: S weiß, dass q aus p folgt. C (=3):
Daher gilt: Wenn S weiß, dass p, dann weiß S, dass q.

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