Sie sind auf Seite 1von 429

.

ODVV7RELDV1LNRODXV

'DV9HUVSUHFKHQ*UXQG]JHHLQHU5KHWRULNGHV6R]LDOHQQDFK6HDUOH+XPH
XQG1LHW]VFKH

0QFKHQ
39%
XUQQEQGHEYEEVE

'LH3')'DWHLNDQQHOHNWURQLVFKGXUFKVXFKWZHUGHQ
Tobias Nikolaus Klass

Das Versprechen
Grundzüge einer Rhetorik des Sozialen
nach Searle, Hume und Nietzsche

Wilhelm Fink Verlag


Gedruckt mit Unterstützung des Förderungs-
und Beihilfefonds Wissenschaft der VG Wort

Umschlagabbildung:
Jacques-Louis David. Serment du Jeu de Paume (Ausschnitt),
Federzeichnung auf Papier, 1971

Die Deutsche Bibliothek - CIP- Einheitsaufnahme

Klass, Tobias Nikolaus:


Das Versprechen : Grundzüge einer Rhetorik des Sozialen nach Searle, Hume
und Nietzsche / Tobias Nikolaus Klass. - München : Fink, 2002
Zugl.: Bochum, Univ., Diss., 2000
ISBN 3-7705-3663-0

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe
und der Übersetzung, vorbehalten. Dies betrifft auch die Vervielfältigung und
Übertragung einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie
Speicherung und Übertragung auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und
andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 URG ausdrücklich gestatten.

Bayerische
Staatsbibliothek
München

ISBN 3-7705-3663-0
© 2002 Wilhelm Fink Vetlag, München
Gesamtherstellung: Ferdinand Schöningh GmbH, Paderborn

Voi PM
Marie zur Begrüßung
INHALT

VORBEMERKUNG 11

EINLEITUNG 13
1. Ein Versprechen 13
2. Zum Thema 14
3. Zu Genese und Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit 17
4. Einleitende Anmerkungen zum Begriff der „Rhetorik" 20

ERSTES KAPITEL: J O H N R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY"


DES VERSPRECHENS 25

1.0 Einstieg: How to play chess with Words 27

1.1 Das Versprechen in der Speech Act Theory 29


1.1.1 Inwiefern Sprechen Handeln ist 29
1.1.2 „Propositional content" und „illocutionary force" 30
1.1.3 „Illocutionary force indicating devices" 32
1.1.4 „Illocutionary and perlocutionary acts and effects" 34
1.1.5 „Meaning" 36
1.1.6 „Rules" 39
1.1.7 Zusammenfassung 1: Bedingungen für den regelgerechten und
vollständigen Vollzug eines Sprechaktes „Versprechen" 42
1.1.8 Zusammenfassung 2: Semantische Regeln zur Verwendung der
„illocutionary force indicating devices" für den Vollzug des
Sprechaktes „Versprechen" 46

1.2 Erste Zweifel: Eine Phase des Übergangs 49


1.2.1 Praxis versus Theorie 49
1.2.2 Eine Analyse nach Searle 50
1.2.3 Vorläufige Rettung: Das „principle of expressibiliry" 52
1.2.4 Der Zweifel setzt sich durch: Jenseits der Speech Acts 54

1.3 Neuansatz: Das Versprechen in der Philosophy ofMind 59


1.3.1 Von der Konvention zur Intention 59
1.3.2 Intentionalität mit großem „I" 62
1.3.3 Der Kontext: „Network" und „Background" 65
8 INHALT

1.3.4 „Intention" und „action" 71


1.3.5 „Meaning" 76

1.4 Finale: Speech Act Theory und Philosophy ofMind in eins 82


1.4.1 Das „Other-mind problem" 82
1.4.2 Der Aufbau der gemeinsamen Welt 83
1.4.3 Soziale Tatsachen und Sprache 84
1.4.4 Die Vernetzung der sozialen Welt 85
1.4.5 „Collective Intentionality" 86
1.4.6 Zusammenfassung: Theorien des Versprechens nach Searle 90

1.5. Ein skeptisches Intermezzo: Searles Methode 96


1.5.1 Das Problem: Wie eine Welt zeigen 96
1.5.2 Searles Ansatz: Schlagen, so lange es geht 99
1.5.3 Ein anderer Blick: Searles Rhetorik 105
1.5.3.1 Das Beispiel 106
1.5.3.2 Metaphern 111
1.5.3.3 Die Figur der polemischen Umkehrung 123

1.6. Erste Zwischenbilanz: Von den Grenzen der „folk philosophy" 132

ZWEITES KAPITEL: DAVID H U M E ODER V O M W U N D E R DES

VERSPRECHENS 135

2.0 Einleitung: Alltagsbewußtsein und philosophische Skepsis 137

2.1 Vor dem Versprechen: Humes theoretische Grundlagen 140


2.1.1 Zur Struktur der „passions" 142
2.1.2 „Passion and reason", „calm and violent passions" 146
2.1.3 Die Arbeit der „imagination" 149
2.1.4 „BelieP und „Custom and Habit" 152
2.1.5 Von den anthropologischen Grundlagen zur Moraltheorie 156
2.1.6 „Selflove" und „sympathy" 158
2.1.7 „General rules", „justice" und der „moral sense" 160
2.2 Das erste Versprechen: Humes gerechte Welt 169
2.2.1 Die „Laws of Nature" 170
2.2.2 Das dritte „Law of Nature": „The Performance of promises" 174
2.2.3 Erste Zusammenfassung und Ausblick auf ein Paradox 179
2.2.4 Noch ein Paradox: Exkurs zum Versprechen bei Rousseau 188
2.2.4.1 „Les hommes tels qu'ils sont" 189
2.2.4.2 „Les loix telles qu'elles peuvent etre" 193
INHALT 9

2.2.4.3 Rousseaus „Übereinkunft" und die Rolle der „volonte generale" 196
2.2.4.4 Das Versprechen in der Theorie Rousseaus und zwei dabei
auftauchende Paradoxe 200

2.3 Zwei Schlußfolgerungen 206

2.4 „Of eloquence": Hume und die Rhetorik 208


2.4.1 Hume, Searle und das Gründungsproblem des Versprechens 208
2.4.2 Das Problem noch einmal — aus anderer Perspektive 213
2.4.3 Hume „on eloquence" 223

2.5 Zweite Zwischenbilanz: Hume und das „Wunder" des Versprechens 232

DRITTES KAPITEL: FRIEDRICH NIETZSCHE ODER V O M „THIER,


DAS VERSPRECHEN DARF" 237

3.0 Auftritt Nietzsche 239


3.0.1 Nietzsche zwischen Hume und Searle: Zur Grobstruktur des
Kapitels 241
3.0.2 Wie Nietzsche lesen 242

3.1 Nietzsche, der „Genealoge" des „Willens zur Macht" 248


3.1.1 Historie 249
3.1.2 Psychologie 257
3.1.2.1 Exkurs 1: „Physio-Psychologie": Denken am „Leitfaden des Leibes" 261
3.1.2.2 Exkurs 2: „Leben selbst ist Wille zur Macht" 266
3.1.2 Psychologie (Fortsetzung) 285
3.1.3 Philologie 298
3.1.4 Zusammenfassung: Die Methode „Genealogie", Werkzeug
des „Philosophen" 303

3.2 Das Versprechen in der Genealogie der Moral. 308


3.2.1 Zur „Herkunft" der „Genealogie der Moral" 308
3.2.2 Das erste Kapitel der Genealogie der Moral. 317
3.2.3 Das Versprechen 322
3.2.4 Zusammenfassung und einige noch lose Enden 332

3-3 Nietzsches Rhetorik 339


3.3.1 Zum „Wesen der Sprache" 341
3.3.1.1 Einige grundsätzliche Charakteristika der aristotelischen
Rhetorik 341
3.3.1.2 Nietzsches Aristoteles-Interpretation 344
3.3.1.3 Zur Selbstdifferenz der Sprache 348
3.3.1.4 Zur Selbsttranszendenz der Sprache 353
10 INHALT

3.3.2 Skeptische Anmerkungen zum Begriff der „Erkenntnis" und


zum „performativen Selbstwiderspruch" der Rhetoriktheorie
Nietzsches 359
3.3.3 „Zur Lehre vom Stil" 363
3.3.4 Nietzsche, „der einzige raffinierte deutsche Stilist" 366
3.3.4.1 Nietzsches Ironie 367
3.3.4.2 Nietzsches Pathos 374
3.3.5 Zusammenfassung 383

3.4 Eine Rhetorik des Sozialen 386


3.4.1 Zur Gleichursprünglichkeit von Sprache und Sozialität 387
3.4.2 Ein Modell von Sozialität 389
3.4.2.1 „Ehrfurcht" vor dem „Freunde" 391
3.4.2.2 Zarathustra und seine „Gefährten" 396
3.4.3 Versprechen-Dürfen: Nietzsches Rhetorik des Sozialen 403

EPILOG 411

ANHANG 415
1. Abkürzungsverzeichnis 415
2. Verzeichnis der verwendeten Literarur 416
2.1 Einleitung 416
2.2 Searle-Kapitel 417
2.3 Hume-Kapitel 421
2.4 Nietzsche-Kapitel 424
VORBEMERKUNG

Die vorliegende Arbeit ist in den Jahren 1995 bis 2000 in Hamburg, Bochum,
Paris und Berkeley entstanden. An allen Orten schuldet sie zahlreichen Personen
und Institutionen Dank. Zuerst ist da die Studienstiftung des Deutschen Volkes
zu nennen, die mich im In- und Ausland nicht nur finanziell unterstützt hat,
sondern deren seit einiger Zeit existierende Doktorandenkolloquien zweifelsohne
Ort großer Anregung und Bereicherung waren. Besonders danke ich den Teil-
nehmern des Graduiertenkollegs „Phänomenologie und Hermeneutik" der Ruhr-
Universität Bochum, die mir wiederholr die Chance gegeben haben, Teile der
Arbeit öffentlich vorzustellen und kritisch zu diskutieren. Schließlich möchte ich
die University of California at Berkeley nennen, die mir ein gutes Jahr lang groß-
zügig ihre Möglichkeiten zur Verfügung gestellt hat ebenso wie das Maison Hein-
rich Heine in Paris, dessen Bibliothek mir stets ein offener Zufluchtsort war.
Institutionen sind natürlich stets nur so gut wie die Personen, die sie beseelen.
Ohne meinen Doktorvater Bernhard Waldenfels und seine sorgsame Betreuung
wäre die vorliegende Arbeit weit unklarer und inkonsistenter, als sie es ist; für sei-
ne kritischen Anmerkungen, aber auch für seine Unterstützung in kritischen
Momenten bin ich ihm sehr dankbar. Ebenfalls besonderen Dank schulde ich
Rainer Kokemohr, dessen Angebot, gemeinsam ein Nietzsche-Seminar an der
Universität Hamburg vorzubereiten und durchzuführen, in eine Zusammenarbeit
gemündet ist, die dem Nietzsche-Teil meiner Arbeit viel Werrvolles erbracht hat.
In Paris war es vor allem Jacques Ranciere, in Berkeley waren es Frederick M.
Dolan und Hans Sluga, deren Anmerkungen mich manches Mal ins Grübeln ge-
bracht haben; auch ihnen sei an dieser Stelle herzlich gedankt.
Schließlich gibt es noch eine Reihe stummer Helfer, denen die vorliegende Ar-
beit viel schuldet, denen ihr Autor aber nie persönlich danken konnte: Die Rede
ist von Büchern. In der Phase der Beschäftigung mit der Philosophie Searles war
vor allem der von Armin Burkhardt herausgegebene Sammelband Speech Acts, Me-
aning and Intentions. Critical Approaches to the Philosophy of John R. Searle hilf-
reich; das Hume-Kapirel hat besonders von Annette C. Baiers in mehrfacher Hin-
sicht beeindruckender Srudie A Progress ofSentiments. Reflections on Humes ,Trea-
tise'profitiert. Der Nietzsche-Teil schließlich wäre in der jetzigen Form undenkbar
ohne Eric Blondels Meilensrein der Nietzsche-Forschung Nietzsche, le corps et la
culture, Volker Gerhardts ausführliche und für die Diskussion so wichtige Studie
Vom Willen zur Macht. Anthropologie und Metaphysik der Macht am exemplarischen
Fall Friedrich Nietzsches und die kleine, aber ungemein originelle Schrift Nietzsches
Voice von Henry Staten. Vor allem diesen Büchern (und ihren Autoren) sei — stell-
vertretend für so viele andere - an dieser Stelle nachdrücklich gedankt.
T.N.K. Hamburg, im März 2000
EINLEITUNG

1. Ein Versprechen

„Sei gegrüßt, mein Freund? Es war eine lausige Nacht Anfang Juni 1724, als der
junge Adlige Gil Gil - das Fläschchen Vitriolöl schon an den Lippen, das seiner
tristen Existenz ein Ende bereiten sollte - eine Hand „kalt wie der Hagel" auf sei-
ner Schulter spürte und eine „süße, liebliche Stimme" zu ihm sprach: „Sei gegrüßt,
mein Freundr
Eine solche Stimme in dieser Situation kam für Gil Gil überraschend. Nicht
nur, daß er in diesen letzten Jahren alles verloren hatte - einschließlich seiner
Würde - , was ihm lieb war im Leben - und am liebsten war ihm noch immer je-
ne unendlich schöne Herzogstochter namens Elena, der er sein Herz vermacht
hatte und die doch zugleich von nun an für ihn unerreichbar war —, sondern es
gab auch schlicht keine Freunde mehr, die ihn noch hätten ansprechen, ge-
schweige denn von seiner Verzweiflungstat hätten abbringen können. Mit Elena
hatte Gil Gil seinen Lebensgrund verloren, und so war es nur konsequent, diesem
Verlust das eigene Leben hinterher schicken zu wollen.
Trotzdem ließ sich Gil Gil von seinem Vorhaben - erst für einen Augenblick,
schließlich sogar gänzlich - durch jenen dunklen Fremden, der ihn seinen
„Freund" genannt hatte, abbringen. Dieser Fremde nämlich - es war, wie sich
bald herausstellt, der Tod — gab Gil Gil ein Versprechen: und zwar das, ihm, Gil,
Elena wiederzubringen, die beiden Liebenden also gegen jede Logik der Lebens-
welt doch wieder zu vereinen. Nach der Gabe dieses Versprechens war Gil Gil
plötzlich wie neu belebt, zu allem bereit, wenn er auch weder das Versprechen
selbst noch das, was ihm da zustieß und noch zustoßen sollte, je wirklich ver-
stand. Das Versprechen des Todes, ihm, Gil, seinen Lebensgrund Elena und da-
mit sein Leben wiederzugeben, verwandelte den Jüngling trotz aller Vagheit und
Undurchdringlichkeit des Versprechensaktes ad hoc von einem empfindsamen
Melancholiker in einen tatendurstigen, zielstrebigen jungen Mann, den fortan so
leicht nichts von seinem Weg abbringen konnte.
Nun ahnt man natürlich schon, daß Gil Gils Situation so unproblematisch,
wie sie mit dem Versprechen des Todes plötzlich erschien, nicht war. Hätte der
junge Herzog einen Augenblick nachgedacht, er hätte sich leicht ausrechnen
können, daß der Tod sehr vieles vermag, nur eben eines nicht: das Leben verspre-

1 Vgl. Alarcön 1983,23


14 EINLEITUNG

chen." Und das nicht nur, weil das Leben gerade das ist, dem der Tod - einmal
"erschienen — nur ein Ende bereiten kann, sondern auch, weil dem Tod noch eine
andere entscheidende Möglichkeit nicht zu Gebote steht, wie er selbst Gil Gil ge-
genüber offen gesreht: „Du weißt, daß die Vergangenheit mir rechtmäßig ge-
hört", bemerkt er beiläufig inmitten einer äußerst brenzligen Situation, „und daß
ich sie dir berichren kann ... Nicht aber die Zukunft ..." Angesichts dieser dop-
pelten Unmöglichkeit scheint also klar, daß er, der Tod, der per definitionem we-
der Herr über das Leben noch über die Zukunft ist, sein Versprechen niemals
würde halten können, Gil Gil demnach notgedrungen einem Betrug aufsaß, nur
Mittel zum Zweck einer ganz anderen Geschichte war. (Und tatsächlich - aber
das erfahren wir erst ganz zum Schluß - war die Rettung des Jünglings selbst Re-
sultat eines ganz anderen Versprechens, das er, der Tod, Elena gegeben hatte; was
die Sache nicht eben einfacher macht.) Das Versprechen des Todes konnte nur
ein wertloses sein.
Und doch ist es das nicht gewesen. Der Tod— und von nichts anderem erzählt
Alarcöns Erzählung Der Freund des Todes - hat zwar sein Versprechen nicht ge-
halten, aber er hat es zugleich auch nicht einfach nicht gehalten. Oder anders ge-
sagt: der Tod hat sein Versprechen nicht so gehalten, wie Gil Gil - und nicht nur
der, sondern wohl jeder, der Geschichten wie die des Schlemihl kennt - das wohl
gedacht hatte; sondern er hat es auf seine Weise gehalten: jenseits der Sphäre, die
Leben und Tod voneinander trennt. Gil und Elena finden tatsächlich den Weg
zueinander, doch erst lange - genaugenommen: 600 Jahre, im Jahr 2316 - ,
nachdem sie beide gestorben sind (Gil Gil an dem schon genannten Fläschchen
Vitriolöl, Elena an gebrochenem Herzen). Der Rest der Geschichte ist nichts als
ein Effekt dieser Jenseitigkeit, oder man könnte - folgt man den feinen Nuancen
in den Worten des Todes - auch sagen: ein Produkt der Ironie des Schicksals:
,„Sag mir, daß Du nicht vorhast, sie zu töten!'" ruft erschreckt Gil Gil, als er zu
ahnen beginnt, daß Elena, die er nach vielen Umwegen fast erreicht hat, ihm auf
dieser Welt nicht mehr zugehören wird, ,„Sag mir, daß du mich mit ihr auf dieser
Welt vereinen wirst! ...' — Auf dieser Welt!' antwortete der Tod ironisch. ,Es wird
auf dieser Welt sein ... Ich verspreche es dir."'

2. Zum Thema

Jeder Alltag ist voller Versprechen, wenn - zugestanden — auch selten voll von
solchen, wie jene, die der Tod gibt. Sind sie deshalb auch weniger vertrackt?
Mit dem ersten, „mitten aus dem Leben" gegebenen Atemzug lautet die Ant-
wort wohl ziemlich eindeutig: ja. Versprechen wie das, jemandem endlich das

2 Daß Elena (auch) ein Synonym des Lebens ist, daran läßt der Text Alarcöns keinen Zweifel, wie
etwa Stellen wie die folgende zeigen: „Gil Gil stand zwischen seiner Liebsten und dem Tod, also
zwischen dem Tod und dem Leben." (Ibid., 83)
3 Vgl.Alarcön 1983,52.
4 Vgl.Alarcön 1983,70.
EINLEITUNG 15

schon so lange ausgeliehene Buch zurückzugeben oder auch mit seiner Tochter
einen Nachmittag im Zoo zu verbringen, uberschreiren (für gewöhnlich) weder
die Schwelle zwischen Leben und Tod noch die zwischen Diesseits und Jenseits,
und es wäre müßig, sich auf irgendwelche später noch eintretenden Effekte — et-
wa: einer generellen Ironie des Schicksals — herausreden zu wollen, um sich vor
ihrer Erfüllung zu drücken. Solche Versprechen folgen einer bestimmten Logik,
einer, die für das Funktionieren jedes Alltags unverzichrbar ist, weil jeder Alltag —
auch der des hartnäckigsten Skeptikers - notgedrungen auf ihnen ruht. Das in
letzter Konsequenz in Frage stellen zu wollen gelänge wohl nur dem, der tatsäch-
lich das Jenseits jedweder Unterscheidung, das reine Ereignis der differance nicht
nur zu denken, sondern auch zu leben verstünde. Wenn man dann noch sinnvoll
von „leben" sprechen kann.
Und doch ist dies nur der Anfang. Schon bei einem zweiten, etwas genauer
hinschauenden Blick beginnt die gerade herbeizitierte Eindeutigkeit schmerzlich
ins Wanken zu geraten (was dann nicht bloß philosophische Reflexionen, son-
dern häufig ganz profanen Ärger nach sich zieht). Wenn mir jemand verspricht,
er renoviere innerhalb der nächsten zwei Wochen meine Wohnung, dann können
wir am Ende dieser zwei Wochen durchaus geteilter Meinung sein darüber, ob er
das gegebene Versprechen nun gehalten hat oder nicht; entgegen der Leichtigkeit
der ersten Abmachung scheint es dann plötzlich, als sprächen wir zwei verschie-
dene Sprachen, als wären seine Worte des Versprechens andere als die meinen.
Und was für die Erfiillung eines Versprechens gilt, gilt mehr noch für seine Gabe:
Merkt etwa der Zahnarzt an, er werde dem sich vor ihm ausbreitenden Übel
schon auf den Grund kommen, mag das für ihn wie ein Versprechen klingen; der
mit offenem Mund daliegende Patient wird im Bestfall eine Drohung darin hö-
ren, im schlechtesten Fall noch ratloser als zuvor schon in die Behandlungslampe
starren, ungewiß, was da als nächstes kommen wird. Auch hier zeigen sich auf
schmerzliche Weise im schlichtesten Alltag plötzlich zwei Sprachen, ach, in einer.
Und dies ist mehr als ein Zufall, darin liegt System: Denn mehr noch als jede
einfache Behauptung scheinen Versprechen vom Virus der Mehrdeutigkeit be-
fallen; nicht weil Versprechen per se andere Worte verwenden als andere Satzty-
pen; sondern, weil ihnen je noch etwas zugehört (das auch ein Nichts ein kann),
das die Bedeutung der bereits gegebenen Worte noch einmal befragt — und zwar
von der Seite des Handelns. Daß ein Versprechen anders als andere Satztypen
von der Seite des Handelns noch einmal befragt wird, soll bedeuten: Eine einfa-
che Behauptung kann fallen, ohne daß jemand ihren Sinn oder Unsinn weiter re-
klamiert - verfließende Worte eben, ohne nennenswerten Reibungsverlusr; ein
einmal gegebenes Versprechen dagegen macht jemanden warten — schließlich
steht nach seiner Gabe etwas immer noch aus. Anders als Berichte oder Behaup-
tungen behaupten Versprechen damit stets einen Zugriff auf Zukunft, machen
diese so auf hoffnungsvolle Weise vakant, lassen Gegenwarten überschreiten und
auf Zukunft hoffen; zugleich ist es gerade dieser sie auszeichnende behauptete
Zugriff auf die Zukunft, der sie strukturell unmöglich werden läßt: Denn die
Zukunft ist für niemanden verfugbar (nichr nur für den Tod nicht), schließlich
16 EINLEITUNG

kann immer, wie es umgangssprachlich so schön heißt, etwas dazwischenkom-


men, das das einmal Gesagte plötzlich in einem anderen Licht erscheinen oder
auch ganz hinfällig werden läßt.
Führt man sich nun diese strukturelle Unmöglichkeit, die geradezu das Si-
gnum jedes Versprechens ist, vor Augen - nämlich eine Zukunft verfügbar ma-
chen zu wollen, die per se unverfügbar ist —, könnte man schnell zu dem Urteil
gelangen, daß Versprechen im „wirklichen Leben", dem Leben, das funktionieren
muß Tag für Tag und daher keinen Platz hat für Vagheiten und Spielereien mit
Paradoxien, keine große Rolle spielen: denn sowohl ihre Gabe als auch ihre Er-
füllung sind zu sehr von Mißverständlichkeiten durchzogen, ebenso wie ihr Aus-
gang zu ungewiß ist, als daß sinnvollerweise auf sie gesetzt werden könnte. Und
doch — und darin unterscheiden wir uns in nichts von dem eben noch belachten
Gil Gil - ist gerade das Gegenteil der Fall: Es wird versprochen, Tag für Tag und
nicht nur Bücher oder Zoobesuche oder renovierte Wohnungen, sondern - un-
beirrbar und wider alle Einsicht - gerade die zerbrechlichsten und heiligsten Din-
ge wie „Liebe" (im sogenannten Liebesversprechen) oder „Freundschaft" (im so-
genannten Freundschaftsversprechen), und gerade in den bedeutendsten Mo-
menten - wie etwa dann, wenn jemand stirbt und wir im Angesicht des Sterben-
den ihm ein Versprechen geben (das sogenannte Totenbettversprechen), von dem
beide wissen, daß der Sterbende seine Erfüllung weder erleben noch überprüfen
oder sanktionieren kann (etwas, das vielen als das entscheidende Kriterium der
Wirksamkeit von Versprechen gilt).
Es scheint also etwas Besonderes auf sich zu haben damir, wenn zwei einander
etwas versprechen, und das sowohl praktisch als auch theoretisch. Praktisch, weil
im Versprechen, das gegen jede Evidenz eben doch dazu verwendet wird, sich an
jemand anderen zu binden, dem Versprechenden ein Gefühl von eigener Freiheit
erlebbar wird (weshalb für Kant das Geben von Versprechen sich hervorragend
zur Illustration der für ihn wichtigsten Maxime, des kategorischen Imperativs,
eignet (vgl. GMS 422f; 4 3 0 ) ; und theoretisch, weil im Versprechen etwas zu
walten scheint, das die reine Worrlichkeit transzendiert und doch darin gerade
vom gegebenen Wort abhängt wie kaum etwas sonst. Versprechen entpuppen
sich so als Neugier erweckende Wesen, die selbst ein Versprechen in sich bergen:
nämlich das, man könne, kommt man ihrem Geheimnis auf die Spur, etwas er-
fahren darüber, was Sprache und (soziale) Welt in ihrem Innersren zusammen-
hält. Diesem Versprechen sei mit der vorliegenden Arbeit ein Stück weit nachge-
gangen.

5 Das Siglenverzeichnis der verwendeten Abkürzungen findet sich in der der Arbeit angehängten
Literaturliste. Kants Schriften werden im folgenden wie folgt zitiert: Die jeweils erste Zahl nach
der gewählten Abkürzung verweist auf die Seitenzahl der Akademieausgabe bzw. — im Fall der
Kritik der Urteilskraft - auf den von Kant selbst gewählten Paragraphen; die jeweils zweite Zahl
verweist dagegen auf die Seitenzahl der aktuell verwendeten Ausgaben. Diese sind in der Liste der
verwendeten Literatur ausgewiesen.
EINLEITUNG 17

3 . Z u Genese u n d Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit

Am Anfang der vorliegenden Überlegungen zu Wirksamkeit und Wirklichkeit des


Versprechens stand eine schlicht wirkende Frage, eine, mit der Friedrich Nietzsche
das zweite Kapitel seiner Schrift Zur Genealogie der Moral eröffnet. „Ein Thier her-
anzüchten", heißt es dort, „das versprechen darf - ist das nicht gerade jene pa-
radoxe Aufgabe selbst, welche sich die Natur in Hinsicht auf den Menschen gestellt
hat? ist es nicht das eigentliche Problem vom Menschen?" (GM 291 ) Diese Frage
ist in mehrfacher Hinsicht überraschend und auch rätselhaft. Zum einen erkennt
man schnell eine Reihe bekannter philosophischer Traditionen in ihr wieder - et-
wa: den Menschen als eine bestimmte Art von „Tier", seine Gesellschaftsfähigkeit
als ein Produkt der Genese aus einem wie auch immer gearteten „Natur"-Zustand
anzusehen —, die aber allesamt eigenwillig entstellt wieder auftauchen. So ist etwa
bei der Verschiebung der Definition des Menschen vom zoon politikon zum animal
rationale philosophisch nicht unbedeutend, aber unproblematisch, wie es zu ihr hat
kommen können: Denn es geht schlicht um die Verschiebung des sein Wesen be-
stimmenden Attributs, die als solche diskutierbar ist. Welcher Qualität aber ist der
Zusatz „das versprechen darf? Geht es tatsächlich um die Bestimmung eines neuen
Propriums des „Tiers" Mensch? Als solches aber wäre es mehr als erklärungsbedürf-
tig, denn „versprechen dürfen" ist zweifellos von einer anderen Qualität als die ge-
nerelle Gabe der Vernunft bzw. von Politik und Sprache. Oder handelt es sich bloß
um die Benennung eines weiteren, bis zu Nietzsches Zeit noch nicht zur Ausspra-
che gekommenen Akzidens? Warum dann aber der herausgehobene Ort, warum
dann die Betonung, daß es sich in dieser Frage um „das eigentliche Problem vom
Menschen" handelt?
Ebenso verwirrend ist - aus der Sicht der gängigen philosophischen Diskus-
sionsstränge gesehen - die Behauptung, daß sich „die Natur" in bezug auf „den
Menschen" - genauer: in bezug auf seine „Zucht" - eine .Aufgabe" gestellt hat.
Gemeinhin nämlich geht es in genetischen Argumenten von Gesellschaftskörpern
- und auf ein solches spielt Nietzsche hier ohne Zweifel an - gerade darum, den
Punkt zu beschreiben, an dem der Mensch eben den Zustand der „Natur"-
Förmigkeit hinter sich gelassen hat, d. h. es geht um die Bestimmung des Mo-
mentes, an dem die Schwelle zwischen dem Eintritt in die Vergesellschaftung, der
zugleich den Austritt aus dem „Natur"-Zustand bedeutet, liegt. Welchen Sinn
macht eine solche Unterscheidung noch, wenn „die Natur" selbst diesen Schwel-

6 Nietzsches Schriften, Fragmente und Briefe werden im folgenden in Wortlaut und Seitenzahl
grundsätzlich nach der Kritischen Studienausgabe (KSA und KSB, vgl. Nietzsche 1988 und 1986)
von Colli/Montinari zitiert; einzige Ausnahme sind die Rhetorik-Vorlesungen bzw. die Geschichte
der griechischen Beredsamkeit, die dort nicht zu finden sind und daher der Kritischen Gesamtausga-
be, Werke (KGW, vgl. Nietzsche 1967ff) entnommen werden. Zur Zitierweise der Fragmente:
diese werden unter Angabe des Bandes der KSA, der Fragmentgruppe, der Fragmentnummer so-
wie der Seitenzahl zitiert (Frag 12-7[2], 253 meint somit: KSA Band 12, Fragmentgruppe 7,
Fragment Nr. 2, Seite 253). Die Briefe werden unter Angabe des Bandes, der Briefnummer sowie
der Seitenzahl zitiert (Brf 5 [Nr. 572], 201 meint somit: KSB Band 5, Brief Nr. 572, Seite 201).
18 EINLEITUNG

lenüberschritt inszeniert, selbst Herrin über den Ausgang aus dem Zustand der
Naturförmigkeit ist? Und: inwiefern ist dieser Schritt Produkt einer „Zucht":
Wer ist da „Züchter", nach welchen Kriterien handelt er, was ist das Ziel besagter
„Zucht"?
Die vielleicht größte Überraschung der Frage Nietzsches aber liegt in dem
kleinen Wörtchen „darf': Wieso ist der Mensch das Tier, das versprechen darf.
Hätte Nietzsche geschrieben: „das versprechen kann", wäre die Sache einfacher
gewesen. Der Modaloperator „kann" hätte auf eine Fähigkeit verwiesen, die den
Menschen im besonderen auszeichnet, so wie die Fähigkeit zu sprechen, im In-
ternet zu surfen oder Football-Wettbewerbe zu veranstalten. „Dürfen" aber ver-
weist auf eine Bewertung, eine .Auszeichnung" (wie Nietzsche es selbst etwas
später im Text nennt): Was ist auszeichnend daran, etwas zu versprechen? Was
zeichnet den Menschen aus, daß er versprechen darf? Heißt das, daß alle Men-
schen qua Mensch-Sein diese Auszeichnung besitzen, oder - und diese Interpre-
tation legt der Fortgang des Textes Nietzsches wesentlich näher - sind es nur ei-
nige wenige, die das Versprechen-Dürfen auszeichnet? Gibt es also Menschen, die
„Menschen" sind - da sie die sind, die „versprechen dürfen" - und solche Men-
schen, die keine Menschen sind? Nach welchem Maß wird diese Unterscheidung
getroffen, welcher Wert bzw. welches Wertesystem entscheidet da über Mensch-
Sein und nicht Mensch-Sein?
Viele der bisher gestellten Fragen sind nun solche, die nicht nur bei Nietzsche,
sondern auch bei vielen anderen Philosophen Gegenstand der Diskussion waren
(und sind), andere Fragen scheinen dagegen eindeutig Nietzsche-spezifische zu
sein. Um in diese Vielfalt ein wenig Ordnung zu bekommen, werden sich die fol-
genden Überlegungen wie folgt gestalten: Das erste Kapitel wird versuchen, mit
Hilfe der wohl prominentesten Theorie des Versprechens, der Sprechakttheorie
John Robert Searles, eine Reihe von Unterscheidungen vor- und auch einzufüh-
ren, die, ausgehend von alltagssprachlichen Intuitionen zum Thema, helfen sol-
len, verschiedene Ebenen und Aspekte des Sprechaktes „Versprechen" deutlich
werden zu lassen; es geht also, könnte man sagen, um eine erste Arbeit am Be-
griff, eine Art analytischen Problemaufriß. Im Zuge dieser einleitenden Darstel-
lung der Grundkoordinaten des Versprechens werden freilich einige Leerstellen
auftauchen, die über eine rein sprachtheoretische Betrachtungsweise des Verspre-
chens hinausweisen. Um diese zu füllen wird zunächst Searles auf seine frühe
Sprachakttheorie folgende Intentionalitatsphilosophie befragt werden, die in der
Tat einige Antworten darauf zu geben weiß, wie die besagten Leerstellen zu füllen
sein könnten. Da aber, wie sich schnell herausstellt, zwischen der Sprechakttheo-
rie und der Intentionalitatsphilosophie Searles erhebliche Lücken klaffen, wird als
letztes noch Searles erst seit einigen Jahren von ihm ausgearbeitete Sozialtheorie
vorgestellt werden, in der Searle meint, die beiden genannten Theorien wieder in
eins bringen und so seiner Theorie des Versprechens einen geschlossenen Theo-
rierahmen geben zu können.
Daß Searle dies freilich nur in Grenzen gelingt, liegt wohl vor allem daran, daß
er ein Thema hartnäckig ausklammert, das ganze Generationen von Verspre-
EINLEITUNG 19

chenstheoretikern beschäftigt hat: das der unabdingbaren moralischen Grundla-


gen, auf die jedes Versprechen baut. Diesen sehr grundlegenden Aspekt jedes
Versprechens zu beleuchten gilt nun das zweite, David Hume gewidmete Kapitel.
Da dessen Moraltheorie auf einer Reihe sehr eigener Vorstellungen vor allem
über das Funktionieren des Zusammenspiels von begrifflichem Denken und
Empfindungsvermögen ruht, werden diese - wenn auch nur in grober Form -
seinen im engeren Sinne moraltheoretischen Überlegungen vorangestellt. Um
diese moraltheoretischen Überlegungen in ihrer Originalität - und auch ihrem
Scheitern — besser zur Geltung kommen lassen zu können, werden diese, nach ih-
rer Darstellung, mit einer anderen prominenten, der Humes sehr verwandten
und doch sehr fernen Vorstellung kontrastiert: der Jean-Jacques Rousseaus. Diese
Gegenüberstellung dient vor allem dazu, die Komplexität und unumgehbare Pa-
radoxalität der Vorstellung, man könne das Versprechen in Moralität gründen
und dadurch verbürgen, zum Vorschein zu bringen.
Das dritte, wohl wichtigste Kapitel der vorliegenden Arbeit schließlich kommt
endlich auf Friedrich Nietzsche und dessen seltsame Formulierung vom Men-
schen als dem „Thier, das versprechen darf", zu sprechen. Auch Nietzsche
knüpft diese Formulierung eng an das „Problem der Moral", doch bezeichnet er
sich, in expliziter Absetzung von „englischen Psychologen" wie Hume, als einen
„Genealogen" der Moral. Da in seiner Vorstellung von „Genealogie" - die sich
zusammensetzt aus historischen, psychologischen und philologischen Aspekten —
viele der grundlegenden Intuitionen seines philosophischen Denkens zum Tragen
kommen, die zu kennen auch für das Verständnis seiner Vorstellung vom Funk-
tionieren sozialer Akte wie dem des Versprechens unabdingbar ist, wird zuerst —
relativ ausführlich - die genealogische Methode in ihren drei genannten Aspekten
vorgestellt werden (wobei der Schwerpunkt der Darstellung auf Nietzsches „Phy-
sio-Psychologie" und seinen Intuitionen zum Wirken des „Willens zur Macht"
liegt). Auf diese Präsentation einiger Grundlagen des Denkens Nietzsches folgt
eine Rekonstruktion seiner Genealogie der Moral (als deren Höhepunkt Nietz-
sche das Versprechen ansieht), wie sie schon in seinen Frühschriften ihren Anfang
nimmt und dann vor allem in einigen Kapiteln seiner Schrift Jenseits von Gut und
Böse und den ersten beiden Abhandlungen der Genealogie der Moral ausformuliert
wird. Diese Darstellungen erhellen — hoffentlich — nicht nur Nietzsches bis dato
noch höchst enigmatisch wirkende Formulierungen zum Menschen als dem
„Thier, das versprechen darf', sondern sind zugleich eine kritische Auseinander-
setzung mit klassischen Konzepten von Moralität als Grundlage des Versprechens
wie der Humes. Da in dieser Kritik und auch in dieser Darstellung Nietzsches
Intuitionen zum Versprechen sich jedoch nicht erschöpfen, schließt sich dann ein
Kapitel zur Vorstellung Nietzsches vom „Wesen der Sprache" an (das zugleich als
eine kritische Auseinandersetzung mit der sprechakttheoretischen Sicht auf das
Versprechen, wie sie zu Beginn der Arbeit vorgestellt wurde, angesehen werden

7 Teile des im Nietzsche-Kapitel Dargestellten wurden bereits an anderer Stelle vorgestellt; siehe
dazu vor allem Klass/Kokemohr 1998, Klass 2000a und Klass 2000b.
20 EINLEITUNG

kann). Den Abschluß des Nietzsche-Kapitels schließlich bildet der Versuch, seine
sprachtheoretischen mit seinen moraltheoretischen Überlegungen zusammenzu-
bringen, um so noch einmal nach der Bedeutung des Wortes „dürfen" zu fragen.
Dabei wird einiges Fragwürdige, aber vielleicht auch einiges Bedenkenswerte zum
Vorschein kommen, auf jeden Fall etwas, das weder mit rein sprachtheoretischen
noch mit rein moraltheoretischen Begrifflichkeiten zu fassen ist und für das daher
der Terminus „Rhetorik" herangezogen wird.
Von diesem - das isr in der bisherigen Darstellung der Struktur der vorliegen-
den Arbeit noch ausgespart worden - wird ebenfalls bereits vom ersten Kapitel an
immer wieder die Rede sein. Da, was „Rhetorik" ist, jedoch alles andere als ein-
deutig ist und daher auch nicht problemlos herbeizitiert werden kann, schließt
die vorliegende Einleitung mit einigen Bemerkungen zu eben diesem Begriff der
„Rhetorik", bevor die eigentliche Arbeit beginnt.

4. Einleitende Anmerkungen zum Begriff der „Rhetorik"

Spätestens seit Gerard Genettes berühmtem Aufsatz La rh^torique restreinte ist


klar, daß der Rherorik-Begriff, mit dem heute vielfach in den Geisteswissen-
schaften (und nicht nur dort) operiert wird, historisch betrachtet ein sehr einge-
schränkter ist. „Rhetorik", läßt sich Genettes Analyse zusammenfassen, ist im
Laufe der Jahrhunderte von der sehr umfassend gedachten „Theorie der Bered-
samkeit" bzw. der „Theorie der Glaubwurdigmachung" des Aristoteles erst auf
eine Theorie der sprachlichen .Ausschmückung" bzw. der dazu verwendeten „Fi-
guren" reduziert worden (eine Entwicklung, als deren Höhepunkt - in Frank-
reich - die Kompendien Dumarsais' bzw. Fonraniers gelten dürfen, in Deutsch-
land die Lausbergs bzw. Curtuis' ). Im Zuge dieser Reduktion hat dann mehr
und mehr eine kleine Anzahl von Figuren die Oberhand gewonnen (allen voran
Metapher, Metonymie und Synekdoche) bis endlich alles Rhetorische sich ver-
handelt fand unter dem Stichwort „Theorie der Metapher" (wie es in den sieb-
ziger Jahren vor allem in dekonsrruktiven Kreisen Gang und Gäbe war, in den
achtziger und neunziger Jahren eher in der analytischen Philosophie geschah).
„Rhetorique-figure-metaphore", faßt Genette selbst die Entwicklung zusammen,
„voilä trace dans ses principales etapes le parcours (approximativement) historique
d'une discipline qui n'a cesse, au cours des siecles, de voir rerrecir comme peau de
chagrin le champ de sa competence, ou ä tout le moins de son action." Diese
Reduktion - die auf ihre Weise zugleich eine Erweiterung isr: schließlich ist
„Metaphorizität" etwas, das heute in verschiedenen Graden allem Sprechen zu-
schreibbar ist bzw. zugeschrieben wird - ist nun nicht per se ein zu beklagender
Verlust der Theoriegeschichte. Gleichwohl birgt sie Gefahren, deren erste die der

8 Vgl. Genette 1972.


9 Vgl. Dumarsais 1988; Fontanier 1977; Curtius 1967; Lausberg 1990.
10 Vgl. Genette 1972, 21.
EINLEITUNG 21

Verwirrung ist: In nicht eben wenigen theoretischen Texten, die sich en passant
aber mit Nachdruck auf „Rherorik" bzw. „Rhetorisches" beziehen, ist absolut un-
klar, in welchem Sinne gerade von den genannten Begriffen die Rede ist. Jede
Arbeit, die sich wie die vorliegende auf „Rhetorik" bezieht, muß eingedenk dieser
Verwirrungsgefahr einige eingrenzende Erläuterungen zur eigenen theoretischen
Verortung angeben. In detaillierter Form werden die folgenden Kapitel jeweils
selbst diese Erläuterungen zu leisten versuchen; vorab seien daher nur einige
Überlegungen vorgestellt, die die Architektur des noch Kommenden besser ver-
stehbar machen helfen. Die dabei gewählte Unterteilung zwischen „textrhetori-
scher" und „sozialrhetorischer" Perspektive weicht von den von Genette vorge-
schlagenen Achsen deutlich ab, was seinerseits, so hoffe ich, nicht wieder zu neu-
en Verwirrungen führt. Die eingeführte Unterscheidung dienr allein heuristi-
schen Zwecken, nur daher rechtfertigt sie sich; Anspruch auf historische oder sy-
stematische Relevanz erhebt sie nicht.
„Textrhetorisch" wird im folgenden jede Art von Betrachtungsweise genannt,
die ihr Hauptaugenmerk auf die Art des Gemachtseins eines Textes oder Wortlau-
tes — im deutschen gerne „Stil" genannt - legt, oder genauer: auf das Verhältnis
dieser Art des Gemachtseins — wozu das verwendete Vokabular ebenso gehört wie
grammatische Besonderheiten, das gewählte Textgenre ebenso wie herbeizitierte
Referenzrahmen — zu dem, was im Text sich sagt bzw. was der Text als seinen
„Gegenstand" formiert (ein Verhältnis, dem nicht selten die Fähigkeit zuge-
schrieben wird, bestimmte „Effekte" zu erzeugen, die über das Gesagte hinaus-
weisen). Diese besondere Aufmerksamkeit für den „Stil" eines Textes — auch das,
eingedenk der heutigen Inflation des Wortes „Text", eine eigentlich erklärungs-
bedürftige Metapher - und den von ihm ausgehenden „Wirkungen" über den
reinen Wortlaut hinaus scheint für manche Arten von Texten unproblematisch;
niemand würde wohl ernstlich bezweifeln, daß die Art, wie ein Gedicht etwa von
der Liebe spricht, vom Sujet des Gedichts — eben der Liebe — ohne Verlust zu
trennen ist. Für philosophische Texte - und mit solchen hat es die vorliegende
Arbeit wie so viele andere zu tun - gilt dies in dieser Unzweifelhaftigkeit nicht:
Zwar gestehen auch die hartnäckigsten Gegner rhetorischer Sichrweisen mittler-
weile zu, daß auch philosophische Texte so diese und jene Metapher verwenden
bzw. einen je eigenen „Stil" pflegen, gleichwohl gelten diese „rhetorischen" Ele-
mente philosophischer Texte den genannten Skeptikern deshalb keineswegs als
konstitutiv für das, was der philosophische Text sagt (eher im Gegenteil: alles
„bloß Rhetorische" wird gemeinhin als den eigentlichen Gedanken verdeckend
angesehen). Philosophie hat es vornehmlich mit „Sachverhalten" zu tun, und
„Sachverhalte", das darf noch immer als common sense großer Teile der Philoso-
phenschaft gelten, zeichnen sich eben dadurch aus, unabhängig von der Art ihrer
Darstellung zu sein. An dieser letztgenannten Einschätzung nun hegt der fol-

11 Dies ist natürlich nicht mehr als eine verkürzte Darstellung einet de facto wesentlich differen-
zierter geführte Diskussion. Stellvertretend für viele andere sei in diesem Zusammenhang nur auf
die Arbeiten von Gottfried Gabriel (vgl. Gabriel 1991) und Ralf Konersmann (vgl. Konersmann
22 EINLEITUNG

gende Text grundlegende Zweifel, und er wird an gegebener Stelle zu demon-


strieren versuchen, warum.
„Sozialrhetorisch" als Abgrenzungsbegriff zu „textrhetorisch" werden im fol-
genden dagegen solche Vorstellungen von Rhetorik genannt, die stärker in der
Tradition Aristoteles' stehen. Aristoteles nämlich ging es - grob gesagt — in seiner
Rhetorik um weit mehr als „bloß" um die Art des Gemachtseins von Texten und
deren „Effekte" ; seine „Theorie der Beredsamkeit" hatte einen sehr viel umfas-
senderen Anspruch: Zu jedem Argument, jeder Behauptung, dem/der jemand im
öffentlichen Raum Geltung zuschreibt, versprichr die aristotelische Rherorik ein
Gegenargument bereitzustellen bzw. „glaubwürdig" erscheinen zu lassen. Ziel der
dabei entstehenden techne rhetorike ist nicht nur das Gelingen eines Ausdrucks
(im Sinne von: eine einem Gegenstand angemessene Form der Darstellung zu
finden), sondern das Gelingen von Sozialität, genauer: ein Sieg in dem Kampf,
der das Soziale je schon ist. Für diesen Kampf reicht ein einfaches Bemühen um
den rechten „ornatus" der eigenen Rede bei weitem nicht aus; es bedarf darüber
hinaus allerlei Kenntnisse vor allem der je aktuell im Spiel befindlichen ethe und
pathi der miteinander im Streithandel befindlichen Akteure, Kenntnis auch der
„Orte", an denen die diesen angemessenen Argumente zu finden sind, des rechten
Anordnens dieser Argumente zu einer als ganze überzeugenden Rede sowie eines
enrsprechenden Verhaltens und Auftrerens des Redners beim Vortrag der ge-
wählten Rede. 4 „Sozialrhetorische" Ansätze wagen sich aus der - in sich schon
unabschließbaren - Geschlossenheit der Texte in die vielfachen Vernetzungen
und Verkettungen sozialer Geflechte und suchen dort nach den Überschüssen,
die über das bloß Gesagte und Getane hinausweisen und so Wirklichkeiten be-
stimmen.
Beide rhetorischen Perspektiven werden nun auf die in Augenschein genom-
menen Autoren in Anschlag gebracht werden, da alle diese Autoren sowohl Texte
geschrieben haben als auch in ihren Texten zur Konstitution des sozialen Raumes
Stellung bezogen haben. Je nach Autor wird dabei die Gewichtung, aus welcher
Perspektive je auf welchen Autoren geschaut wird, differieren: Vor allem im
ersten, J. R. Searle gewidmeten Teil (ein Autor, in bezug auf dessen Schriften

1991) verwiesen, die schon seit einiger Zeit die Grenzen zwischen den scheinbar verhärteten
Fronten überschreiten; der genauere Stand der Diskussion findet sich dokumentiert im von Chri-
stiane Schildknecht und Dieter Teichert herausgegebenen Sammelband zum Thema (vgl. Schild-
knecht/Teichert 1996).
12 Die Richtigkeit dieser Behauptung hängt natürlich, wie angedeutet, vor allem mit der Verwen-
dungsweise des Terminus „Text" zusammen; faßt man diesen sehr weit - etwa im Sinne von
„Textur" oder „Gewebe" wie Barthes dies tut (vgl. Barthes 1985, 358f) - könnte man natürlich
auch von Aristoteles behaupten, es gehe seiner Rhetorik um das Funktionieren von „Texten":
eben sozialen Texturen oder Geweben.
13 Mit dem Begriff „öffentlicher Raum" fasse ich etwas salopp die drei Bereiche, die Aristoteles als
die der Rhetorik angibt — nämlich juridische, epideiktische und deliberative Rede (vgl. Rhet.,
1358b-1377b) - in eins zusammen.
14 Jeder Rhetoriker wird sofort erkannt haben, daß es sich bei dieser Aufzählung um eine Überset-
zung der vier Teilbereiche der Rhetorik handelt, die in der römischen Antike inventio, dispositio,
ebcutio und actio genannt wurden.
EINLEITUNG 23

Betrachtungen textrhetorischer Natur wohl am ungewohntesten sind ) wird im


rhetorischen Teil vornehmlich zu zeigen versuchr werden, in welcher Weise das
Was des Sagens mit dem Wie des Sagens auch in philosophischen Texten unab-
dingbar zusammenhängt bzw. inwiefern zweiteres - das Wie des Sagens - für er-
steres - das Was des Sagens - auch in philosophischen Texten konstitutiv ist. Mit
dem Wechsel vom Searle- zum Hume-Kapitel wird dann eine Verschiebung der
Perspektive einsetzen: weg vom Begriff einer Textrhetorik, hin zu Rhetorik ver-
standen als eine für das soziale Geschehen bestimmende techne, d. h. als eine
Kunst, den sozialen Raum sprechend (genauer: sprechhandelnd) zu gestalten. Anders
als Searle nämlich, der sowohl in bezug auf das philosophische Schreiben als auch
in bezug auf das soziale Geschehen alles „Rhetorische" wenig und wenn zumeist
nur in negativ besetzter Form beachtet, weiß Hume nicht nur um die Macht der
„eloquence" im sozialen Geschehen (ein Wissen, das bei Searle in Begriffen wie
„perlocutionary effect" zumindest kurz aufleuchtet), sondern er stellt sich diesem
Wissen mit seiner eigenen Sozialtheorie - wenn auch eher an den Rändern seines
eigenen philosophischen Denkens und da hin- und hergerissen gleichermaßen
zwischen Faszination und Ablehnung. Wie die textrhetorische Analyse Searle mit
seinen eigenen Ansichten zum Thema konfrontiert, um die Differenz zwischen
Theorie und Praxis seines Schreibens produktiv werden zu lassen, so wird sich
Hume, der Sozialtheoretiker, Hume, dem Sozialrhetoriker, zu stellen haben.
Der Wechsel schließlich vom Hume- zum Nietzsche-Kapitel bringt dann noch
einmal eine Verschiebung der Perspektive mit sich: Denn Nietzsche, nach eigener
Auskunft immerhin der Philosoph des „grossen Stils", denkt in seiner Philosophie
auf sehr eigenwillige Weise Intuitionen, die eher aus textrhetorischen Überlegun-
gen — exemplarisch durchgeführt an der „Metapher" —, mit Intuitionen, die eher
aus einem sozialrhetorischen Begriff stammen, zusammen. ' Diese besondere Art
des Zusammenbringens verschiedener rhetorischer Perspektiven in einer ist un-
zweifelhaft eines der interessantesten Charakteristika der Philosophie Friedrich
Nietzsches, im Anschluß an die sich auch die im Untertitel der vorliegenden Ar-
beit behauptete „Rhetorik des Sozialen" versteht. Diese - und es ist mir wichtig,
dies im Voraus deutlich zu sagen, um möglichen Mißvetständnissen vorzubeugen
- wird dabei keine neue Lehre oder Disziplin sein, mit der einzig die Genese und
das Wesen von Sozialität angemessen verstanden werden kann; sondern „Rheto-
rik", wie sie im Untertitel det vorliegenden Arbeit verstanden wird, verweist vor
allem auf einen bestimmten Aspekt des sozialen Geschehens, den Nietzsche sehr
stark macht und der sich daher mit Nietzsches Überlegungen zur „Rhetorik" am
ehesten erklären läßt. Eine „Rhetorik des Sozialen" ist demnach nicht zu verste-

15 Sowohl zu Hume als auch, in ungleich größerem Umfang, zu Nietzsche gibt es bereits eine An-
zahl von Texten, die den jeweiligen „Stil" der Autoren untersuchen und in Beziehung zu dem je-
weils Gesagten setzen; auf eine detaillierte Analyse ihres jeweiligen philosophischen Stils wurde in
der vorliegenden Arbeit daher weitgehend verzichtet.
16 Spätestens mit Nietzsche wird sich dann auch zeigen, daß die hier aus heuristischen Gründen
eingeführte Unterscheidung zwischen „textrhetorischen" und „sozialrhetorischen" Betrachtungs-
weisen nur eine scheinbare ist.
24 EINLEITUNG

hen als: Zu einer neuen Theorie des Sozialen namens „Rhetorik", sondern eher als:
Überlegungen dazu, was „rhetorisch"genannt (und nur so erklärt) werden kann in
Werden und Wirken des Sozialen. Das ist, zugestanden, nicht sehr viel; aber es hilft
doch, Nietzsches Formulierung vom Menschen als dem „Thier, das versprechen
darf', besser zu verstehen - und damit vielleicht zugleich etwas von dem Verspre-
chen, das jedes Versprechen je schon in sich trägt.
ERSTES KAPITEL:
JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY"
DES VERSPRECHENS
1.0 EINSTIEG:
HOW TO PLAY CHESS WITH WORDS

Jemand verspricht also jemandem etwas.


Anders gesagt: Jemand äußert einen Satz, und diese Äußerung gilt fortan als
ein Versprechen. Das scheint trivial, und doch, so Searle, passiert dort bei einer
genauen — von der vielleicht allzu naheliegenden leicht abgerückten — Betrach-
tung etwas außerordentlich Bemerkenswertes. Jemand gibt Laute von sich, arti-
kuliert eine Reihe akustischer Signale im Beisein eines zweiten, und beide schei-
nen sich gegen jede zwingende Evidenz sofort einig zu sein nicht nur über ein,
sondern über eine ganze Reihe von „facts": Der Sprecher meint etwas damit;
mehr noch: er meint, was er sagt, der Hörer versteht etwas, versteht, was der Spre-
cher sagt, i. e. meint, sprechend adressiert der Sprecher so den Hörer, bezieht sich
gleichzeitig auf (andere) Dinge dabei, sagt etwas aus über diese Dinge; zur selben
Zeit wird eine Verpflichtung geschaffen, eine Verpflichtung für ersteren zum
Vorteil des letzteren usf. Wer, so Searle, in Anbetracht solcher Selrsamkeiten
weiterhin zu verstehen behauptet, was es mit dem schlichten Satz „Jemand ver-
spricht jemandem etwas" auf sich hat bzw. wie die Äußerung eines Satzes der
Form „Ich verspreche Dir hiermit, A zu tun" zur Schaffung eines Versprechens
führt, der muß sich zuerst eine ganze Reihe Fragen stellen lassen, Fragen ganz ba-
saler, vor allem sprachphilosophischer Natur - und für diese eine Reihe von Ant-
worten liefern.
Die Antwort, die Searle selbst in seinem sprachphilosophischen Versuch Speech
Acts gibt, ist, grob gesagt, etwa folgende: jemandem mit Hilfe der Äußerung aku-
stischer Signale ein Versprechen zu geben heißt: einen Sprechakt namens „Ver-
sprechen" zu vollziehen, d. h. eine regelgeleirete Sprechhandlung, die konventio-
nell und intentional zugleich ist. Wie bei einem Schachspiel ist die Essenz eines
solchen regelgeleiteten Handelns, sich innerhalb eines Systems zu bewegen, das
die - notwendigen und hinreichenden - Bedingungen definiert, wann was als was
gilt, was in welcher Situation zu tun möglich und was nicht möglich ist, welches
Tun demzufolge wie zu verstehen ist usf. Derartige Bedingungen fürs Schach-
spielen etwa sind: Eine Figur, die zu Beginn eines Schachspiels in der je zweiten
Reihe steht, kann man im ersten Zug zwei, später nur noch ein Feld nach vorne
ziehen, nicht aber zurück; eine Figur, die zu Beginn eines Schachspiels je in der
linken oder rechten äußersten Ecke des Spielfeldes steht, so zu stellen, daß zwi-
schen ihr und einer andersfarbigen Figur, die zumeist ein Kreuz oder eine Krone
am oberen Ende trägr, sich nur leere Felder befinden, gilt als eine Möglichkeit,
„Schach" zu bieten; das Verdrängen einer Figur durch eine andersfarbige von
demselben Feld ist als „Schlagen" zu verstehen usf. Solcherlei Bedingungen, die
ein gegebenes System mit sich bringt, genauer: die sein System-Sein definieren,
bestimmen zugleich ein Set von Regeln, an die man sich zu halten hat, will man
28 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

sich sinnvoll innerhalb des besagten Systems bewegen. So hat sich, wer Schach
spielen will, an die Regel zu halten, daß man die „Bauer" genannte Figur nicht
einfach quer über das Feld ziehen kann wie man will, sondern schrittweise nach
vorne zu setzen hat, dabei jedoch durchaus einige Freiheiten besitzt. Vergleichba-
res nun gilr laur Searle für Sprechhandlungen: Wer ein Versprechen machen will,
kann dies nichr einfach nach seinem Gutdünken tun (indem er etwa wild mit
den Armen winkt, sich still bei sich vornimmt, daß ... usf.), sondern hat sich zur
Verfolgung dieser Intention bestimmter Sprachkonventionen zu bedienen - wie
etwa der Äußerung des Satzes der Form „Ich verspreche Dir hiermit, A zu tun" -,
die gemeinhin und unter bestimmten Bedingungen als das Geben eines Verspre-
chens gelten. Damit ist mitnichten vorgegeben, wem wann ein Versprechen zu
geben isr, noch daß überhaupt Versprechen zu geben sind; sondern nur, wie man
zu verfahren hat, will man tatsächlich ein gültiges Versprechen geben. Genauso
wenig wie man Schach spielen muß, genauso wenig muß man ein Versprechen
geben; nur, so Searles erste und wohl grundlegende Intuition, will man es tun,
i. e. hat man die Intention, jemandem etwas zu versprechen, dann hat man sich an
die dafür von den Bedingungen des Versprechengebens vorgegebenen Regeln zu
halten.
Wet also wissen will, was es heißt, jemandem ein Versprechen zu geben, muß
- laut Searle - die Bedingungen kennen, die den gleichnamigen Sprechakt defi-
nieren, bzw. muß fähig sein, aus diesen Bedingungen die Regeln für das Geben
besagten Sprechaktes einwandfrei abzuleiten. Neun solcher notwendigen und
hinreichenden Bedingungen sind es nun, die Searle zufolge entscheidend sind,
fünf Regeln gilt es seines Erachtens daraus abzuleiren. Um diese Bedingungen
und Regeln angemessen darstellen zu können, bedarf es freilich eines theoreti-
schen Instrumentariums - ein Instrumentarium, das Searle vor allem verschiede-
nen sprachanalyrischen Traditionen entnimmt, nicht selten in von ihm verscho-
bener Form - , das selbst seinerseits auf erklärungsbedürftigen Voraussetzungen
aufbaut. Bevor also die Bedingungen und Regeln, die das Vollziehen der Sprech-
handlung „Versprechen" definieren, vorgestellt werden können, sei dieses In-
strumentarium in seinen Grundzügen erläutert.

1 Dieser Vergleich sozialer „Regeln" mit iyw/regeln — ein Vergleich, der wohl vor allem Wittgen-
steins Rede vom „Sprachspiel" bzw. von „Sprachspielen" geschuldet ist - erweist sich bei genaue-
rer Betrachtung als genau so verführerisch wie irreführend; denn: Wer bestimmt, welche „Re-
geln" im Sozialen gelten? Woher weiß man, daß etwas im Sozialen noch den Regeln gemäß ist
bzw. mit ihnen bricht? Sind die Regeln des Sozialen genauso unabänderlich wie die von Spielen
es sein müssen? Auf einige dieser Probleme wird später noch genauer einzugehen sein. Ein kluger
Vergleich von Searles und Wittgensteins je unterschiedlichen Rede vom „Sprachspiel" und seinen
„Regeln" findet sich in Ohler 1985; eine grundlegende Kritik des Regelbegriffs Searles aus der
Sicht phänomenologischer Handlungstheorien vor allem in Dreyfus/Wakefield 1991 und in
Waldenfels 1984.
l. l DAS VERSPRECHEN IN DER
SPEECH ACT THEORY

1.1.1 Inwiefern Sprechen Handeln ist

Zuerst einmal — und hier greift Searle auf eine zentrale Intuition seines Lehrers
Austin zurück — ist das Äußern eines Satzes nicht einfach das Verteilen von Spra-
chetiketten, nicht einfach das Zuschreiben von Worten zu Dingen, sondern im-
mer auch und zuerst eine (soziale) Handlung. Betrachtet man etwa Satzäußerun-
gen wie „Ja (ich nehme die hier anwesende AB zur rechtlich angetrauten Ehe-
frau)" im Kontext einer Hochzeitszeremonie, oder „Ich taufe dieses Schiff auf den
Namen .Queen Elisabeth'" im Vollzug einer Schiffstaufe, zeigt sich, daß solcher-
lei Sätze - Austin nennt sie „performative sentences" bzw. „performative utteran-
ces" - sich dem wahr/falsch-Schema der gängigerweise in der analytischen Philo-
sophie zum Paradigma erhobenen einfachen Aussagesätze nicht fügen. Austin be-
hauptet dagegen: „A. They [these sentences] do not ,describe' or .report' or con-
state anything at all, are not true and false; and B. the uttering of the sentence is,
or is a part of, the doing of an action, which again would not normally be de-
scribed as, or as ,just', saying something." (HTW 5) Bei dem Versuch, Kriterien
zu finden, anhand derer solcherlei Särze unzweideurig von den gewöhnlichen de-
skriptiven oder assertiven Sätzen — mit Austin: constative sentences — zu unter-
scheiden seien, war Austin darauf gesroßen, daß dies - mit den Mitteln der zu
seiner Zeit vorherrschenden analytischen Philosophie - ausgesprochen schwer,
wenn nicht gar unmöglich sei. Seine Schlußfolgerung lautete konsequenterweise:
„It is time then to make a fresh Start on the problem." Will sagen: Es war an der
Zeit, nicht nur im Hinblick auf besagte Fälle, sondern „to reconsider more gener-
ally the senses in which to say something may be to do something, or in saying
something we do something." (HTW 91)

2 Weder der frühe Searle noch Austin verwenden in diesem Zusammenhang schon den Terminus
der „sozialen Handlung"; dieser läßt sich - als „sozialer Akt" - eher bei Reinach finden (siehe
Reinach 1913, 158; zur historischen Einbettung der Sprechakttheorie in die phänomenologische
Tradition siehe vor allem Smith 1990; zum direkten Vergleich der Theorien von Searle und
Reinach vor allem Crospy 1990 sowie Gondek 1990). Das ändert sich freilich in Searles späterer
Philosophie, in der dieser ausdrücklich darauf hinweist, daß „social objects [like speech acts] are
always, in some sense we will need to explain, constituted by social acts." (TCS 36)
3 In der deutschen Übersetzung wird der Satz wie folgt übertragen: „Sie [diese Sätze] beschreiben,
berichten, behaupten gar nichts; sie sind nicht wahr oder falsch; B. das Äußern des Satzes ist, je-
denfalls teilweise, das Vollziehen einer Handlung, die man ihrerseits gewöhnlich nicht als .etwas
sagen' kennzeichnen würde." (Vgl. Austin 1972, 28.) D. h. nicht erst Savignys an GofFman ori-
entierte, vielkritisierte Übertragung so zentraler Begriffe wie „illocutionary force" in „illokutionä-
re Rolle", sondern schon ein Vergleich der Übersetzung dieses vergleichsweise harmlosen Zitats
mit der Originalversion sollte die Entscheidung rechtfertigen, im folgenden nicht der deutschen
Übersetzung zu folgen, sondern Zitate im Original zu verwenden.
30 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

In dieser von Austin eröffneten theoretischen Perspektive - die Searle zu der


seinen macht - gelten fortan nicht mehr einfach das Wort noch der Satz oder das
Symbol, sondern „speech acts [...] [as] the basic or minimal units of linguistic
communication." (SA 16) Worte, Sätze, Symbole verwenden, so die Grundintui-
tion, heißt zuerst: etwas mit ihnen tun, mit ihnen den sozialen Raum gestalten
nach Regeln, die dem Gestaltungswillen, i. e. der dem Sprechakt zugrundeliegen-
den Intention eine Form vorgeben. Theoretisch ausbuchstabiert meint das nicht
bloß: daß Sprechen immer auch etwas mit Handeln zu tun hat, eine Theorie der
Sprache demenrsprechend erweitert werden muß um oder verbunden werden
muß mit einem handlungstheoretischen Teil. Sondern laut Searle ist Sprechen „a
rule-governed form of behavior", und damit jede „theory of language [...] a part
of a theory of action." (SA 17)' Es gibt verschiedene Formen sozialen Verhal-
tens/Handelns, Sprechen ist nur eine mögliche davon. Eine Theorie der Sprache
hat sich entsprechend den Mustern einer Theorie der Handlung zu fügen, nicht
umgekehrt.

1.1.2 „Propositional content" und „illocutionary force"

Um nun diesem grundsätzlichen Handlungscharakter det Satzäußerung auch


sprachphilosophisch Rechnung tragen zu können, untetscheidet Searle generell
zwei Teile der linguistischen Einheit „Satz" : ihren „propositional content" von
ihrer „illocutionary force". Der „propositional content" eines Satzes wird konsti-
tuiert durch den Vollzug eines „propositional act", i. e. den Vollzug von Referenz
und Prädikarion. Grob Searlesch ausbuchstabiert: Während der referierende Teil
der Proposition die Aufgabe besitzt „to identify one object to the exclusion of all
others" (SA 88), ist die Funktion des prädizierenden Teils laut Searle begrenzter:
„Predication provides only content." (SA 125) Anders gesagt: „To predicate an
expression ,P of an object R is to raise the question of truth of the ptedicate ex-
pression of the object referred to" (SA 124), wobei die Bedeutung des Prädikat-
sausdruckes zu verstehen heißt „to know under what conditions it is true or false
of a given object." (SA 125)' Anders gesagt: der propositionale Gehalt einer

4 Vor allem - aber nicht nur - in dieser Betonung des Handlungschaizkters von Sprechakten zeigt
sich die Nähe der Sprechakttheorie zur Tradition der antiken Rhetorik (die auch Barry Smith (in
Smith 1990) in seiner historischen Herleitung der Sprechaktheorie anmerkt; gleichlautende
Hinweise finden sich auch in Waldenfels 1998a, 97). Diese Nähe zur Rhetorik bedeutet freilich
nicht, daß damit auch deren weitverzweigtes Wissen beerbt worden ist, wie später noch genauer
zu beleuchten sein wird (vgl. Abschnitt 1.5).
5 In leichter Abwandlung von Austins Unterscheidung der Sprachäußerung in drei Teile oder
Akte: den „locutionary", den „illocutionary" und den „perlocutionary act". Siehe Austin ab Lec-
ture 8 (HTW 93ff). Zu Searles kritischer Auseinandersetzung mit und Abgrenzung von dieser
Unterteilung siehe Searle 1968.
6 Die Frage, worin der genaue Unterschied des Wahrheitsanspruches in der Funktion des „raising
the question of the truth of the predicate expression of the object referred to" von dem des voll-
ständigen Sprechaktes des Behauptens besteht, i. e. worin der Unterschied besteht, etwas über
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 31

Satzäußerung kommt auf, wenn jemand sprechend ein Objekt identifiziert und
in bezug auf dieses Objekt die Frage der Zuschreibbarkeit einer bestimmten Ei-
genschaft zu diesem Objekt aufwirft.
Gleichwohl — und hier macht sich oben genannte Austinsche Einsicht in die
allgemeine Struktur von Satzäußerungen und damit die Abweichung von der
klassischen sprachanalytischen Tradition bemerkbar - bedeutet diese Konstitu-
tion der Proposition nicht zugleich schon die Konstitution einer vollständigen
„assertion" oder eines „Statement": „aproposition is to be sharply distinguishedfrom
an assertion or Statement ofit." (SA 29) Denn: eine „proposition" als solche drückt
niemals von selbst etwas aus, „gibt" sich nicht einfach, „geschieht" nicht, sondern
um eine proposition auszudrücken bedarf es eines Sprechers, der einen „proposi-
tional act" vollzieht. Dieser Vollzug eines „propositional act" jedoch kann niemals
isoliert auftreten: „When a proposition is expressed it is always expressed in the
Performance of an illocutionary act." (SA 29) In Beispielen gesagt: laut Searle
drücken die Sätze: „Sam raucht gewohnheitsmäßig", „Raucht Sam gewohnheits-
mäßig?", „Sam ist ein tegelmäßiget Tabakraucher" und „Sam, rauche gewohn-
heitsmäßig!" dieselbe „proposition" aus, i. e. werfen dieselbe Wahrheitsfrage der
Zuschreibbarkeit des gewohnheitsmäßigen Rauchens bezüglich Sam auf. Der er-
ste und der dritte Satz jedoch tun dies in der Form einer „assertion" bzw. eines
„Statement", der zweite dagegen in Form einer Frage, der vierte in Form eines
Befehls. Ersr dieser Zusatz über die Form, i. e. die „illocutionary force", mit und
in der die Proposition ausgedrückt wird, macht aus dem Satz eine vollständige
linguistische Einheit, i. e. einen vollständigen „speech act". (Fast) jeder Sprechakr
- (vernachlässigbare) Ausnahmen wären etwa ein Gruß wie „Hallo!" — drückt ei-
ne Proposition aus, d. i. referiert auf etwas und sagt über dieses Etwas etwas aus;
doch geschieht dieser Ausdruck einer Proposition niemals ohne den Hinweis dar-
auf, als was die Proposition ausgedrückt wird bzw. in welcher Form man die Pro-
position zu verstehen hat: als Frage, als Behauptung, als Befehl oder auch als Ver-
sprechen usf. Anders und näher am englischen Ausdruck gesagr: Die Vorstellung

etwas - mit Wahrheitsanspruch - auszusagen, und: „die Wahrheitsfrage aufzubringen", wenn et-
was über etwas gesagt wird, ebenso wie die damit aufkommenden systematischen Schwierigkeiten
lasse ich hier undiskutiert (siehe dazu die Anmerkungen Bernhard Waldenfels' in Waldenfels
1994, 53ff). Gleiches gilt - wenigstens an dieser Stelle - für das hier auftretende Problem der
Zirkularität bei der Bestimmung des Begriffes „Sprechakt": der hier - wenigstens teilweise - über
die Begriffe „Prädikation" und „Referenz" erklärt wird, die ihrerseits wiederum über den Begriff
des Sprechaktes bestimmt werden. Zur Zirkularität der Definitionen in Searles Schriften insge-
samt, siehe Abschnitt 1.5.3.2.
7 Gleiches gilt für die Prädikation: „Predication [...] is not a separate act. It is a slice of the total
illocutionary act." (SA 123)
8 Die analytische Verschiebung, die hier stattfindet und die den entscheidenden Neuanfang be-
deutet, ist die vom Satz zu seiner Äußerung: „Once we realize that what we have to study is not
the sentence but the issuing of an utterance in a speech Situation, there can hardly be any longer a
possibility of not seeing that stating is performing an act." (HTW 139)
9 In den frühen Texten Searles betrachtet dieser die „illocutionary force" eindeutig noch untet bei-
den Aspekten: als Form, die den Ausdruck des Sprechers regelt, ebenso wie als Hinweis, wie der
Hörer dieses Sprechen zu verstehen hat - Fokus der Speech Acts (und zum Teil auch noch von
32 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

eines von jeder sozialen Verunreinigung unabhängigen „Gehalres" eines Sagens ist
ein Produkt abstrahierender Wunschvorstellungen; erst die Kraft sozialer Aus-
richtung bringt ein Sagen zum Leben, d. h. gibt einem Sprechen Sinn.

1.1.3 „Illocutionary force indicating devices"

Diese primordiale Doppelnatur der Satzäußerung nun — (fast) immer einen „pro-
positional content" auszudrücken, doch stets nur unter Anwendung von oder
Ausrichrung durch eine spezifische „illocurionary force" - spiegelt sich laut
Searle, der seinen eigenen Ansatz hier explizit einen „semantischen" nennt (vgl.
SA 30) , wider auf der Ebene der Syntax. Auf dieser nämlich ist es seines Erach-

Expression andMeaning) ist die „linguistic communication", die, wie Searle selber schreibt, in der
Sprache ihre „Brücke" findet zwischen den getrennten Polen. In der Phase, in der Searle sich der
„philosophy of mind" zuwendet, wird diese Figur der Zweiseitigkeit und der Notwendigkeit der
Überbrückung stärker zurückgedrängt; was freilich nicht heißt, daß das Thema als ganzes ver-
schwindet: in seinem bis dato letzten Werk The Construction of Social Reality wird es wieder viru-
lent. Mehr dazu siehe Abschnitt 1.4.5.
10 Daß der Begriff der „force" eine Austinsche Übertragung des Fregeschen „Kraft"-Begriffes ist, ist
allgemein bekannt (vgl. Frege 1993; dazu auch: Stuhlmann-Lacizs 1995, 29ff; zur Verwendung
des Begriffes „force" in der analytischen Tradition im allgemeinen siehe Fermandois 1995). Das
freilich macht ihn nicht weniger schillernd: was Searle - zumindest im Ansatz - zwar auch selber
aufgefallen ist (die „metaphor of force", heißt es in A taxonomy of illocutionary acts, sei irrefüh-
rend, denn: „it suggests that different illocutionary forces occupy different positions on a single
continuum of force. What is actually the case is that there are several distinct criss-crossing conti-
nua" (TIA 2)), ohne daß er jedoch ernsthafte Konsequenzen daraus gezogen hätte. Zu Rolle und
Status von Metaphern in Searles Text siehe Abschnitt 1.5.3.2.
11 Vor allem in bestimmten Teilen der analytischen Philosophie gilt Searles Versuch, semantische
und pragmatische Überlegungen zu einer Sprachtheorie zusammenzuführen, als gescheitert. J. J.
Katz etwa argumentiert wiederholt dafür, daß „what the tradition from Austin to Searle claims to
be a theory of speech acts, is, in fact, no theory at all, but merely a loose assortement of observa-
tions about various aspects of language, on the one hand, and of its use, on the other. It [Katz
own investigation] argues that .speech act theory' lacks the coherence to be a proper theory and
that it should be replaced by at least rwo distinct theories, one dealing with the grammatically
determined meanings of sentences types (including both ,constatives' and .performatives') and
the other dealing with extragrammatical Information on the basis of which Speakers use their
knowledge of meaning of sentence types to perform illocutionary acts." (Katz 1990, 230; aus-
führlicher siehe Katz 1977.) Daß man die Sprechakttheorie nicht gänzlich verwerfen muß und
doch an Searles ungenauem Arbeiten mal mit semantischen, mal mit pragmatischen Begriffen
Kritik üben kann, zeigt Armin Burkhardt - der Searles Version der Sprechakttheorie „a hybrid
between semantics and pragmatics" (Burkhardt 1990a, 92) nennt - bei seiner Betrachtung der
Bestimmung der „illocutionary force indicating devices" (kurz: „ifids") durch Searle: „Searle be-
lieves that he is analysing the rules that govern illocutionary force, i. e. the use of ifids, whereas in
reality he is investigating the lexical meanings of the performative expressions and does not see
that an analysis of the performative means does not explain too much because the major part of
actually realized utterances consists of indirect speech acts or rather of utterances that are in-
tended by the Speakers, in their contexts, to be understood in a sense which is not indicated ex-
plicitly in the utterance itself and which therefore is subject to a process of semantic Interpreta-
tion on the part of the hearer on the basis of pragmatic information and assumptions." (ibid,
104f)
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 33

tens möglich, zwischen Elementen zu unterscheiden, die als „propositional indi-


cator" fungieren, und Elementen, die als „illocutionary force indicator" oder „il-
locutionary force indicating device" (SA 30)" fungieren. Denkt er bei ersterem
wohl vor allem an die grammatischen Einheiten Subjekt und Prädikat, schließen
zweitere, zumindest in der englischen Sprache, seinem Verständnis zufolge Züge
ein wie: „word order, stress, intonation contour, puntetuation, the mood of the
verb, and the so-called performative verbs." (SA 30) Ob eine ausgedrückte Pro-
position als eine Frage, ein Versprechen oder auch nur eine Feststellung gemeint
und zu verstehen ist, i. e. mit deren illocutionary force versehen oder von ihr aus-
gerichtet sind, gilt es demnach - übet die Akte der Prädikation und der Referenz
hinaus — zusätzlichen Hinweisen wie Stimmführung, Betonung, Wortstellung
(kurz dem, was man die Tonalität eines Sprechens nennen könnte) odet auch
dem Erscheinen bestimmtet Verben zu entnehmen. Dies freilich ist eine sowohl
theoretisch als auch praktisch weniger eindeutig erscheinende Angelegenheit als
die bisher in der analytischen Philosophie favorisierte Entzifferung der „proposi-
tional indicators": So tauchen erwa bisweilen gar keine „illocutionary force indi-
cating devices" auf- etwa bei det Äußerung eines Satzes der Form „Ich komme!",
wobei, wie Searle sagt, erst det Kontext der Sprechsituation es dann klat mache,
ob dieser Satz als ein Versprechen oder eine Drohung oder eine Feststellung ge-
meint und zu verstehen sei (vgl. SA 68) ; bisweilen ist der Hinweis nur ein ver-
steckter, erscheint nicht direkt auf der syntaktischen Oberfläche des Satzes - wie
etwa im Fall det Äußerung „Ich verspreche zu kommen", in der es keinen Unter-
schied zwischen den beiden verschiedenen Arten der Indikatoren zu geben
scheint und die man erst versteht, wenn man die „Tiefenstruktur" des Satzes be-
trachtet, die da ist: „Ich verspreche + Ich werde kommen"; bisweilen ist det Hin-
weis gar klar und explizit ausgesprochen und doch ganz und gar nicht so gemeint,
selbst in einer durchaus wörtlichen Verwendung der Termini: wie etwa in einer
Situation, in der mich jemand fragt, ob ich etwas Besrimmtes (für ihn wenig Er-

12 Auf der Seite der „illocutionary force" erscheint die erste der beiden o. g. Formulierungen nur an
dieser Stelle, während die zweite — d. h. die vom „illocutionary force indicating device" — im fol-
genden Text konstant verwendet wird. Nicht nur der Begriff/die Metapher der „force", sondern
auch der Terminus „device" ist dabei ein ausgesprochen schillernder (ein Schillern, das die deut-
sche Übersetzung dadurch zu umgehen versucht, daß sie den Terminus schlicht ignoriert und
konstant „indicating device" mit „Indikator" übersetzt). Das englische Standardlexikon (der
Webster) etwa gibt immerhin acht verschiedene Wortbedeutungen an, wobei neben dem „ L a
thing made for a particular purpose; an invention or contrivance, esp. a mechanical or electrical
one; 2. a plan or scheme for effecting a purpose", auch die mögliche Wortbedeutung: „[...] 4. a
particular word pattern, figure of speech, combination of word sounds, etc., used in literary work
to evoke a desired effect or arouse a desired reaction in the reader" auftaucht. Die Rede Searles
vom „illocutionary effect" verweist darauf, daß den „devices" nicht nur eine semantische, sondern
auch eine rhetorische Aufgabe (im Sinne der letztgenannten Bedeutung des Begriffes „device")
zukommt: Denn sie dienen stets auch dazu, bestimmte - noch zu definierende - „Effekte" im
anderen zu evozieren.
13 Austin nennt in der sechsten der o. g. Vorlesungen sechs mögliche Merkmale, mit Verweis auf
die Schwäche und Unscharfe solcher Hinweise: vgl. H T W 76f.
14 Den Hinweis gibt schon Austin: vgl. H T W 100.
34 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

freuliches) getan habe und ich antworte: „Nein, habe ich nicht. Ich verspreche
Dir, ich habe es nichr geran." - was, laut Searle, sehr „unnatürlich" wäre, als ei-
nen Sprechakt namens Versprechen zu beschreiben. (Vgl. SA 58f) Zusammenge-
faßt: „it seems to me that in natural languages illocutionary force is indicated by a
variety of devices, some of them fairly complicated syntactically." (SA 31)

1.1.4 „Illocutionary and perlocutionary acts and effects"

Weniger kompliziert, dafür aber für seine Theorie unabdingbar, scheint ihm da-
gegen eine andere, schon von Austin eingeführte Unterscheidung: die zwischen
„illocutionary" und „perlocutionary act", bzw. „illocutionary" und „perlocution-
ary effect". Austin hatte in How to do things with Words darauf hingewiesen, daß
„saying something will often, or even normally, produce certain consequential
effecrs upon the feelings, thoughts, or actions of the audience, or of the Speaker,
or of other persons: and it may be done with the design, intention, or purpose of
producing them." (HTW 101) D. h. neben dem „Inhalt" eines Sagens und dem
Hinweis, in weichet Weise dieser zu verstehen ist, hat eine Satzäußerung nichr
selten noch weitere „consequential effects" (HTW 102), die nicht im Satz selbst

15 Dieser unscheinbare Satz Austins ist ein ungewöhnlich reicher, einer zumal, an dem sich die Un-
terschiede seiner Theorie zu der Searles besonders gut ablesen lassen. Dreierlei scheint mir dabei
besonders hervorhebenswert: 1) „normal" sind für Austin nicht nur illokutionäre (d. h. konven-
tionalisierte), sondern auch weitergehende „Effekte": was Searles Grundannahme entgegensteht,
daß „normal" nur das ist, was in Konventionen teformulierbar ist; 2) sind für Austin die ge-
nannten „Effekte" solche, die weder die Konvention noch die Intentionalität des Sprechers gänz-
lich zu kontrollieren vermögen, die — im Gegenteil — Wirkung nicht nur auf den anderen, son-
dern auch auf das „Fühlen, Denken und Handeln" des Sprechers selbst ausüben können (auf die-
se Art sprechender Autoaffektion wird im Nietzsche-Kapitel noch ausführlicher eingegangen
werden); und 3) spricht Austin hier von einer „audience", an die sich der Sprecher richte: was auf
eine stärker vom klassisch-rhetorischen Bild sozialer Interaktionen geprägte Vorstellung verweist
als es die schlichte „speaker"-„hearer"-Konzeption Searles tut. (Der Aspekt, daß nicht nur wech-
selnde Kontexte, sondern auch wechselnde Adressaten bzw. Adressatengruppen eine Rolle bei der
Formung der „effects" von Sprechakten spielen können, ist in der Sprechakttheorie insgesamt
bislang erstaunlich unterbeleuchtet geblieben; einer der wenigen Autoren, die diesen Mangel be-
merkt zu haben scheinen, ist G. H. Bird, der mit Blick auf die Rolle, die die „audience" in der
Sprechakttheorie einnimmt, feststellt, dies geschehe „in some respects over-simple and mislea-
ding. It is, of course, obviously true that the simple one to one conversation piece is merely one
Standard case of communication, and that often the audience consists of more than one person.
But that by itself would be of no great importance so long as the members of the audience all
share roughly the same relation to the Speaker and to his speech act. It ist not, then, mere nu-
merical diversity in the audience which complicates the picture, so much as functional diversity."
(Bird 1975, 136)). Alle drei Punkte zusammengenommen verweisen grundsätzlich darauf, daß
bei Austin der „.situationist', performative character of speech acts", d. h. eine „more open con-
ception of the drama of the world-Iife" (Kujundzic/Buschert 1993, 106), stärker tonangebend
sind als bei Searle. Bei Austin verwenden nicht einfach Sprecher ein Instrument namens Sprache,
um damit zu bestimmten Zielen zu gelangen, sondern sie werden durch diese Verwendung selbst
ins Sprachgeschehen hineingezogen und von ihm bestimmt. Searles „Klärung" der zentralen Be-
griffe der Austinschen Theorie stellt sich damit zugleich als ein nicht zu unterschätzender Verlust
heraus, was sich in der Folge immer schmerzhafter zeigen wird.
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 35

gesagt werden, deren Geschehen auch nicht von einer Konvention notwendig ge-
regelt oder gefordert wird, die gleichwohl geschehen durch das „what we bring
about or achieve by saying something". (HTW 109) Gängige Beispiele solcher
„perlocutionary acts", wie Austin sie tauft, sind für ihn: Überzeugen, Überreden,
Abschrecken oder auch Überraschen und Irrefuhren (vgl. HTW 109) . Wichtig-
stes Merkmal, zwischen „illocutionary" und „perlocutionary acts" zu unterschei-
den - eine Unterscheidung, von der Austin weiß, daß sie dazu angetan ist,
Schwierigkeiten zu bereiten (vgl. H T W 110) - , ist demnach nicht, ob ein Satz
eine „Wirkung" hat oder nicht, sondern einzig die Art der Wirkung , die ein
Sprechakt hervorbringt: „Here are three ways, securing uptake, taking effect, and
inviting a response, in which illocutionary acts are bound up with effects; and
these are all distinct from the producing of effects which is chatacteristic of the
perlocutionary effect." (HTW 118) Das wohl stätkste Kriterium, diese vom illo-
kutionären Akt hervorgebrachten Wirkungen und eingeforderten Antworten von
den möglichen perlokutionäten Wirkungen und Antworten zu unterscheiden, ist
laut Austin ihre Zugehörigkeit zur Konvention: „Illocutionary acts are conven-
tional acts: petlocutionary acts ate not conventional." (HTW 121) Der illoku-
tionäre Effekt ist die Witkung, die dem Sprechakt sozusagen per definitionem, d.
h. konventionellerweise innewohnt; der perlokutionäre Effekt ist alles, was darüber
hinaus passieren kann. „When I say ,Hello' and mean it", veranschaulicht Searle
seine Version dieser Unterscheidung Austins, „I do not necessarily intend to pro-
duce or elicit any State ot action in my hearer other rhan the knowledge that he is
being greeted. But that knowledge is simply his understanding whar I said, ir is
not an additional tesponse or effect." (SA 46) D. h. für Searle bedeutet - in
leichter Abkehr von den oder Radikalisierung der Ideen Austins — der illokutionä-
re Effekt übethaupt keine Antwort odet keinen Effekt im Sinne eines zusätzlichen
Geschehens, sondern ist dem Sprechakt intrinsisch, insofern dieser eine Bedeu-
tung („meaning") hat und das Verstehen der Bedeutung des Sprechaktes zu sei-
nem vollständigen Vollzug notwendig dazugehört: „The characteristic intended
effect of meaning is understanding." (SA 47) Das Vetstehen der Bedeutung des
Sptechaktes wird damit zum entscheidenden Charaktetistikum des „illocutionary
effect": „In the case of illocutionary acts we succeed in what we are trying ro do

16 Die Herausgeber der Vorlesungsmanuskripte berichten an dieser Stelle, daß Austin selbst zu ge-
nannter Unterscheidung am Rand seines Manuskriptes anmerkt: „(1) All this isn't clear! distinc-
tions etc. (2) and in all senses relevant." (Vgl. H T W 167)
17 Denn auch der „illocutionary act" bedarf des „effect", um überhaupt vollzogen werden zu kön-
nen: „Unless a certain effect is achieved, the illocutionary act will not have been happily, suc-
cessfully performed." (Vgl. H T W 116)
18 Wobei Austin natürlich weiß: „But it is difficult to say where Conventions begin and end."
(HTW 119) Selbst von den vielen Formulierungen und möglichen Charakteristika, die er in den
folgenden Kapiteln diskutiert, sagt er unzweideutig: „Will these linguistic formulas provide us
with a test for distinguishing illocutionary from perlocutinary acts? They will not." (HTW 123)
19 Eine solche Unterscheidung zwischen „schon-mitgegebenen" und „zusätzlichen" Effekten findet
sich auch schon als ein mögliches Merkmal bei Austin, wenn er etwa sagt: „We have then to draw
the line berween an action we do (here an illocution) and its consequences." (HTW 111)
36 JOHN R. SEARLE ODER EINE ..FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

by getting our audience to recognize what we are trying to do. But the ,effect' on
the hearer is not a belief or response, it consists simply in the hearer understand-
ing the utterance of the Speaker. It is this effect that I have been calling the illo-
cutionary effect." (SA 47)

1.1.5 „Meaning"

Was Austin also noch - mit dem gleichzeitigen Geständnis der Vagheit und auch
Fragilität der von ihm gegebenen Kriterien - über die Angabe von Beispielen,
Umformulierungsmöglichkeiten, Verbarten als mögliche Indikatoren usf. einzu-
führen versucht hat, definiert sich bei Searle über den Begriff der „Bedeutung"
des vollständigen Sprechaktes (ein Begriff, den Austin noch, wenn auch selber
schon zweifelnd, vage für den lokutionaren Akt reserviert haf ). Was aber ist die

20 Bei Austin liest sich das wie folgt: „Generally the (illocutionary] effect amounts to bringing about
the understanding of the meaning and of the force of the locution. So the Performance of an illo-
cutionary act involves the securing of uptake." (HTW 117) - Gerade diese Beschränkung auf den
illokutionären Effekt als einen reinen Aufnahme- oder Verstehensakt, ist, so Eckhard Rolf, ein
Zeichen dafür, daß „at bottom, [at least] Searle proceeds less in the way of action analysis than in
the way of language analysis." (Rolf 1990, 149) Für die Identifikation und Analyse von Handlun-
gen nämlich, so begründet Rolf seine Behauptung, sei es unerläßlich „the (intended) purpose of
the action or communication, the purpose aspired to" (ibid., 159) zu erfassen. Diese freilich
müßten mehr sein als einfach nur der „uptake" durch den Hörer, sondern es sei für den „com-
municative success" eines „speech act" unerläßlich, daß noch mehr geschehe; wie etwa im Fall des
„commissive": „Whoever makes a promise [etc.] [...] will want to onent the respective addressee
H as to his communicative actions, about his (S's) own future behaviour, so that H will be capa-
ble of developing more or less fixed expectations." (ibid., 161) Auch Searle, gesteht Rolf, erkenne
zwar später die Notwendigkeit, solcherlei „purposes" zu identifizieren, nenne sie dabei aber „ex-
tra-linguistic" (vgl. INT 178) und schließe sie damit aus der Analyse von Sprechakten aus. Für
den Handlungstheoretiker aber (und ein solcher zu sein hatte sich Searle durch die Gründung
aller Sprachtheorie in Handlungstheorie selbst verpflichtet), so Rolf, sei es unerläßlich auch sol-
che außersprachlichen Ziele oder Zwecke mit in die Analyse einzubeziehen, „if one wants to de-
scribe adequately what makes a speech act an action." (Rolf 1990, 163) Searles Argument, daß
solche außersprachlichen Ziele in der „illocutionary logic" nichts zu suchen hätten, weil sie von
keinerlei konventionellem Prozedere garantiert werden könnten (INT 178), läßt Rolf nicht gel-
ten, denn: „But even if this is true; the fact that there is no way that a conventional procedure can
guarantee that the intended effect will be achieved does not represent any particular property of
speech acts at all. It is a common characteristic of all actions that there is no such guarantee. The
actor, though he (in general) takes it for granted that there is no guarantee that the effect that he
intends will be achieved, does what he wants to do, i. e. tries to achieve the effect he intends to be
realized." (Rolf 1990, 164) Dies nämlich sei erst „what makes his behaviour an action". (ibid.) -
Zu einer ähnlichen Kritik siehe auch: Waldenfels 1994, 64f.
21 Siehe etwa H T W 109, wenn Austin davon spricht, daß, neben dem „illocutionary act" „we per-
form a locutionary act, which is roughly equivalent to uttering a certain sentence with a certain
sense and reference, which again is roughly speaking equivalent to .meaning' in the traditional
sense." (Vgl. ähnlich lautende Bemerkungen in HTW, 33, 73 und 93.) Auch Anfang der
zwölften Vorlesung (HTW 148) spricht er davon, daß jeder Satz eine „locutionary meaning
(sense and reference)" habe, im Gegensatz zu seiner „illocutionary force", schränkt allerdings ein:
„We may well suspect that the theory of .meaning' as equivalent to .sense and reference' will cer-
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 37

Bedeutung des vollständigen Sprechaktes (den Searle auch den „total illocutiona-
ry act" nennt; vgl. SA 123), was meint es für den Hörer, einen Sprechakt — etwa
den Sprechakt „Versprechen" - zu verstehen, bzw. für den Sprecher, den inten-
dierten „illocutionary effect" erzielt zu haben?
Wer einen Sprechakt vollzieht, so lautete Searles Grundannahme, intendiert
damit etwas (er will grüßen, versprechen, behaupten usf.); ersr die Sprache aber,
in der er sich bewegt, gibt ihm — per Sprachkonvention — die Mittel an die Hand,
diese Intention für den Hörer einsichtig zu machen. „Meaning", sagt daher Searle
in Abgrenzung von bloß konventionalistischen, aber auch von bloß intentionali-
stischen Erklärungen des Begriffes der Bedeutung , „is more than a matter of in-
tention, it is at least sometimes a matter of Convention." (SA 45) Es ist für ihn
daher zwingend, daß „in our analysis of illocutionary acts, we must capture both
the intentional and the conventional aspects and especially the relationship be-
tween them." (SA 45)
Zur Seite det Intention zählt Searle eine Reihe psychologischer Zustände wie
Wünschen, Glauben daß, die Intention haben usf., die den jeweiligen Sptechak-
ten als ihte empirische Basis sozusagen zugrunde liegen und als deren Ausdruck
der Vollzug eines entsprechenden Sprechaktes gilt: „Thus to assert, affirm, State
(that p) counts as an expression of belief {that p). To tequest, ask, order, entteat,
enjoin, pray, or command (that A be done) counts as an expression of a wish or
desire (that A be done). To ptomise, vow, threaten, or pledge (that Ä) counts as
an expression of the Intention (to do A). To thank, welcome, or congratulate
counts as an expression of gratitude, pleasure (at Hs arrival), or pleasure (at Hs
good fortune)." (SA 65) Wann immer ein Sprecher einen Sprechakt vollzieht,

tainly require some weeding-out and reformulation in terms of the distinction between locution-
ary and illocutionary acts." (HTW 149)
22 Der Begriff des Verstehens der Bedeutung eines vollständigen Sprechaktes ist an dieser Stelle des-
halb wichtig, weil Searle den Sprechakt des Versprechens explizit zu denen zählt, die sich rein
über den „illocutionary" und nicht über den „perlocutionary effect", d. h. das bloße Verstehen
der Bedeutung des Sprechaktes definieren: „Some illocutionary verbs are definable in terms of the
intended perlocutionary effect, some not. Thus requesting is, as a matter of its essential condi-
tion, an attempt to get a hearer to do something, but promising is not essentially tied to such ef-
fects on or responses from the hearer." (SA 71) Mit dieser Unterscheidung freilich gesteht Searle
zugleich ein, daß es durchaus Sprechakte gibt, zu deren „Vollständigkeit" der „perlocutionary ef-
fect" gehört, und zwar wesenhaft, als Teil dessen, was sie ausmacht (wie dies etwa Currie für eine
Bestimmung von Fiktionen „in communicative terms" nachweist: „Success in the aesthetic sense
is a matter of perlocutionary effect, not of illocutionary uptake." (Currie 1985, 391; vgl. auch
Reboul 1990 und Mandelker 1987)). Das aber bringt beide Kriterien zur Feststellung des Unter-
schiedes zwischen „illocutionary" und „perlocutionary effect" in Bedrängnis: wenn die - als per-
lokutionär definierte - Antwort des anderen zum Teil der Konvention des vollständigen Sprech-
aktes wird, kann „Konventionalität" kein Unterscheidungsmerkmal mehr sein; gleiches gilt für
die Unterscheidung „zusätzlich"/„nicht-zusätzlich": denn auch die „zusätzliche" Reaktion des
Hörers - der, folgt man dem eben zitierten Satz Searles, beim Sprechakt namens „request" dazu
gebracht werden soll, „to do something" - ist Bestandteil des vollständigen Sprechaktes bzw. des
„total illocutionary act".
23 Zur Gruppe der vornehmlich intentionalistisch ausgerichteten Ansätze zählt Searle wohl die von
Grice und Strawson; Austin dagegen fällt eher unter die der Konventionalisten (siehe dazu auch
Burkhardt 1990a, 93ff).
38 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

intendiert er, einen Hörer dazu zu bringen, daß dieser versteht, d a ß « , der Spre-
cher, eben jenen Wunsch, Glauben, usf. hat (und - wenigstens bei einigen dieset
„psychological states" - daß der Hörer sich dementsprechend verhalte); hat er
dies geschafft, hat er den illokutionäten Effekt" erzeugt, der für das Gelingen ei-
nes solchen Sprechaktes wesentlich ist, d. i. der aus dem Sprechakt einen gelun-
genen macht.
Das Mittel, das ihm dabei zur Verfügung steht, die zwischen sich (i. e. seinen
Wünschen, Anliegen, Glauben usf.) und dem Hörer (i. e. dessen Verständnis) be-
stehende Kluft zu schließen, ist, laut Searle, ihre „common language" (SA 48) .
Diese funktioniert als die an diesem Punkt notwendige „Brücke" zwischen den
getrennten „Ufern" (Vgl. SA 45), denn ihre Konventionen, i. e. die Regeln, die
sowohl die Bedingungen seiner Äußerung definieren als auch bestimmen, als was
det Satz gilt, sind - wenigstens im Normalfall - beiden gleichermaßen zugänglich
und für beide gleichermaßen verbindlich. Dank dieser Konventionen kann das
Äußern eines Sarzes funktionieren als „a matter of (a) intending (i-l) to get the
hearer know (recognize, be aware of) that certain states of affairs specified by cer-
tain tules obtain, (b) intending to get the heatet to know (recognize, be aware of)
these things by means of getting him to recognize z'-I and (c) intending to get hifn
to recognize i-\ in virtue of his knowledge of the rules for the sentence uttered."
(SA 48) Det Satz, d. h. sowohl die Regeln seiner Äußerungsbedingungen als auch
die, die bestimmen, ab was er gilr - Searle nennt beide zusammen die „semantic
rules" eines Satzes (Vgl. SA 49) - , stellt damit die Form zur Verfügung, dank de-
rer ein Sprecher sagen kann, was er meint — denn die Bedeutung des von ihm ge-
äußerten Satzes ist bestimmt von eben diesen Regeln - , und dank deter ein Hörer
verstehen kann, was der Sprecher sagr: denn die Bedeutung eines Satzes zu

24 Daß Searle auch beim illokutionären Akt von einem diesem korrespondierenden „illocutionary
effect" spricht, war bereits mehrfach betont worden; die Frage bleibt: Wieso? Warum sagt er
nicht einfach - und bisweilen liegt er tatsächlich erstaunlich nahe an einer solchen Formulierung
- A gibt B durch Satz p zu verstehen, daß...? Sehr einfach: Searle weiß, daß das System Sprache
keinen Automatismus des Verstehens garantieren kann. Es gibt, wie er es nennt, „the Speakers
side" und auf der anderen Seite „the hearer's side", und ob was auf der ersten sich zu formieren
versucht, auf der zweiten wirklich ankommt, ist - trotz aller Allgemeingültigkeit der Sprachregeln
- kein Ding der Notwendigkeit. Um diese Kluft überspringen zu können, gibt es die „Brücke"
der Sprache, die je - unter Einsatz entsprechender „devices" - nur möglich macht zu versuchen,
den „Klick" im anderen zu produzieren, der ihm aufscheinen läßt, was ich ihm mitzuteilen versu-
che. Das ist guter Kantianismus: allgemeine Prinzipien, sie mögen so gut sein, wie sie wollen,
wenden sich nicht von allein an: dazu bedarf es der Urteilskraft. Diese ist nicht erzwingbar, son-
dern die kann man nur anzustoßen versuchen: durch die Detonation kleiner „effects" im ande-
ren. Je länger Searle Philosophie betreibt, desto mehr verschwindet freilich dieser Kantianismus:
bis Searle zum Schluß (siehe unten Abschnitt 1.4.3) mit der Idee der alle Verständigung garantie-
renden „collective intentionality" bei einem Biologismus krudester Art landet, der die Kunst,
hermeneutische Detonationen zu entzünden, durch eine Art biologisch verbürgten Herdenin-
stinkt ersetzt.
25 Wäre ihre Sprache nicht eine, die „common" ist, wäre demnach das ganze Searlesche Projekt in
Bedrohung. Wie sich dies in Searles Primat der „Mitte", der „Normalität", des „common sense"
usf. fortsetzt bzw. später sogar noch radikalisiert (und darin notwendig scheitert), dazu siehe Ab-
schnitt 1.4.1 und 1.4.5.
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 39

verstehen ist nichts andetes als das Versrehen, untet welchen Bedingungen er ge-
äußert werden kann und als was er dann jeweils gilt. Denn: „The speech act or
acts performed by the utteiance of a sentence are in general a fiinction of the
meaning of the sentence." (SA 18)"

1.1.6 „Rules"

Wie aber, fragt sich da als letztes, kann es dazu kommen, daß etwas — eine An-
sammlung von akustischen Signalen — als etwas ganz anderes gilt als es selbst, i. e.
aus einem Geräusch ein Bedeutung tragendes Vehikel der Kommunikation - etwa
det Kommunikation einer Versprechensabsicht, eines Sich-Verschreiben-Wollens
an den anderen - wird? Anders gefragt: Wie kommt die Intention in die Akte,
was macht, daß das Äußern bestimmter Laute in einer bestimmten Situation ei-
ner Spiechefgemeinschaft gilt als der Vollzug eines Sprechaktes, d. h. det Volluig
eines Brückenschlages zwischen Sprecher und Hörer?
Die Antwort auf diese Fiage entlehnt Seaile - wie schon andere Sptachtheote-
tikei vor ihm - einmal mehr der Analogie zwischen Sprache und Spiel: Denn
kein Spiel könnte funktionieren, gäbe es nicht Regeln, die veibindlich vorschrei-
ben, was jeweils gilt oder zählt als was, wie welcher Zug, welche Handlung, wel-
ches Symbol usf. im gegebenen Kontext zu veistehen ist. Um freilich das Funk-

26 Vor allem dieser Versuch, den Begriff der „Bedeutung" sprechakttheoretisch zu fassen, zeugt vom
schon genannten Changieren des Searleschen Ansatzes zwischen sematischen und pragmatischen
Erklärungsmustern. Die „Bedeutung" eines Sprechaktes, heißt es einerseits, sei bestimmt von den
Regeln der Satzkonstitution: „The meaning of a sentence is entirely determined by the meaning of
its elements, both lexical and syntactical. And this is just another way of saying that the rules gov-
erning its utterance are determined by the rules governing its elements." (SA 61) Diese „rules"
nennt Searle selber folgerichtig „semantic rules" (SA 49), was seinen Ansatz scheinbar zu einem
rein semantischem werden läßt. Freilich nur scheinbar: Denn diese „semantisch" genannten Re-
geln „specify both its [the sentences] conditions of utterance and what the utterance counts as."
(SA 49) Die Regeln, die bestimmen, als was eine Satzäußerung gilt, d. h. welche Art von „illocu-
tionary force" diese Satzäußerung bestimmt, sind freilich nicht mehr nur semantisch, sonde n -
qua Abhängigkeit vom Äußerungskontext - immer auch pragmatisch bestimmt: nämlich iber
das Verwenden und Verstehen bestimmter „illocutionary force indicating devices", die den \ rän-
delnden Umständen der Satzäußerung gemäß eingesetzt bzw. entziffert werden (vgl. auch 'Catz
1977, 34). - Betrachtet man Searles Changieren zwischen semantischen und pragmatischen Er-
klärungsmustern freilich nicht vor allem aus der Sicht des Gegenstandsbezugs (im Sinne von in-
wieweit wird Searles Erklärungsversuch dem Gegenstand gerecht), sondern aus der Sicht der Ko-
härenz seiner eignen Theorie, wird schnell klar, welche Funktion besagtes Changieren erfüllt: Die
Bedeutung des vollständigen Sprechakts, behauptet Searle, ist zuerst eine „fiinction of the
meaning of the sentence" (SA 18); diese „meaning of the sentence" aber sei zuerst bestimmt von
ihren „elements, both lexical and syntactical" bzw. den „rules governing its elements". (SA 61)
Welche sind diese „rules"? Nun, es sind eben die, die auch das Äußern des Satzes, i. e. des voll-
ständigen Sprechaktes bestimmen. Anders gesagt: die von Searle „semantisch" genannten Regeln
bestimmen die, die man mit Grund „pragmatisch" nennen könnte, die sich ihrerseits bestimmen
über die „semantischen" Regeln. Nicht wenige der Searleschen Argumentationsfiguren entpup-
pen sich, schaut man genauer hin, als zirkulär; wieso dem so ist bzw. sein muß, dazu Genaueres
in Abschnitt 1.5.3.2.
40 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

tionieren solcher Regeln angemessen verstehen zu können, tut es Not, so Searle,


zwei Typen von Regeln auseinanderzuhalten: „regulative rules" und „constitutive
tules". Der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Typen von Regeln
ist der, daß erstere nur regeln, was a priori unabhängig von diesen Regeln besteht
— Searles Beispiel hier: interpersonale Beziehungen werden von den Regeln der
Etikette bestimmt, existieren gleichwohl auch außerhalb derselben —, während
zweiteie neue Fotmen von Verhalten erst schaffen und definieren, Formen, die
dabei niemals unabhängig von besagten Regeln existieren können: Ohne die Re-
geln des Schachspiels gäbe es kein Schachspiel, ohne die Regeln des Football gäbe
es kein Football.
Keine der existierenden Regeln gibt natürlich von sich aus gleich zu erkennen,
welcher der beiden Arten sie zuzurechnen ist. Um diese Zuordnung möglich zu
machen, gibt Searle daher einige Hinweise, an denen man - mit Einschränkung -
erkennen kann, welche Regeln welche Art von Regeltyp daistellen. So nehmen
regulative Regeln zumeist die Foim von Imperativen an: „Offiziere haben bei
Tisch eine Krawatte zu tragen!", „Wenn Du ein Stück Deiner Mahlzeit zer-
schneidest, halte das Messer in der rechten Hand." Konstitutive Regeln dagegen -
auch wenn sie imperativisch umformulierbar sind - kommen dagegen zumeist in
der Form einer Tautologie daher: „Jemanden Schachmatt zu setzen bedeutet, den
König derart anzugreifen, daß kein Zug mehr ihn diesem Angriff zu entziehen
vetmag." Daß diese Regel eine Taurologie ist, zeige sich, so Searle, ganz einfach
daran, daß man sie auch schlicht als eine analytische Wahrheit lesen kann, basie-
rend auf der Bedeutung des Begriffes „Schachmatt". Während regulative Regeln
demnach gewöhnlich in imperativischer Form erscheinen, haben die meisten
konstitutiven Regeln gewöhnlicherweise die Form „X zählt/gilt als Y" bzw. „X
zählt als Y in Kontext C." (Vgl. SA 34fT
Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Weil, so Searle, ein Großteil
der bisherigen Fehler philosophischer Beschreibungen bestimmter Phänomene
schlicht im Übersehen der Unterscheidung dieser beiden Arten von Regeln be-
steht. Ein klassisches Beispiel hierfür: „Thus, for example, some philosophers ask,
,How can making a promise create an Obligation?' A similai question would be:
,How can scoring a touchdown create six points?'" (SA 35) Jedes System, so
Searles Grundintuition, definiert sich übei ein Set basaler konstitutiver Regeln,

27 Diese Formel („X zählt/gilt als Y in Kontext C") wird in Searles Sozialphilosophie später eine ent-
scheidende Rolle spielen, ontologisch fundiert dabei nicht mehr in den Konventionen der Spra-
che sondern kollektiver Intentionalität (Abschnitt 1.4.5). - Die Unterscheidung „constitutive"-
„regulative rule" ist Gegenstand zahlreicher Kommentare. Ein immer wieder hervorgehobener
Kritikpunkt ist dabei der, daß Searle mit dieser Unterscheidung nicht eigentlich zwei Arten von
Regeln auszeichne, sondern nur zwei Arten von Handlungsbeschreibungen, „namely rule-
involing and non-rule-involving ones. Just as actions are intentional or nonintentional, basic or
nonbasic, only relative to a description, so too actions are not rule-involving and non-rule-
involving ones per se, but ony relative to a description." (Rüben 1997, 444; vgl. auch Garcia
1987) Dies paßt zur oben schon angeführten Grundkritik vor allem vieler Handlungstheoretiker,
daß Searle die Ebene der Beschreibung von sprachlichen Phänomenen, trotz aller gegenteiligen
Behauptungen, nie wirklich verlassen hat.
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 41

die bestimmen, was als was gilt, was möglich ist und was nicht usf. In dieser Hin-
sicht ist das System Sprache von dem eines Schach- oder Footballspiels in nichts
verschieden: „I have said that the hypothesis of this book is that speaking a lan-
guage is performing acts according to rules. The form this hypothesis will take is
that the semantic structure of a language may be regarded as a conventional reali-
zation of a series of sets of underlying rules, and that speech acts are acts charac-
teristically performed by uttering expressions in accordance with these sets of
constitutive rules." (SA 36f) Anders gesagt: natüflich kann man ein Vetsptechen
geben, ohne eine Verpflichrung einzugehen; aber dann spricht man eben schon
eine andere Sprache: Denn die Regeln der herrschenden Sprache bestimmen, daß
ein Veisptechen zu geben gilt als das Sich-Auferlegen einer Verpflichtung. Sofern
ich - in dieser uns gemeinsamen Sprache - darüber nachsinne, was es heißt, ein
Veisptechen zu geben, denke ich automatisch auch datübet nach, was es heißt,
mit eine Selbsrverpflichtung aufzulegen. Die (oben erwähnte) Frage: „Wie kann
es dazu kommen, daß die Gabe eines Versprechens eine Verpflichtung schafft?"
fragt demnach nach etwas, was mit der Bestimmung des Begriffes des Verspre-
chens immer schon mitgegeben ist - weshalb die Frage für Searle keinen Sinn
macht.

28 In seiner Ausarbeitung des Regelbegriffes, der, wie gesagt, der Analogie von Sprache und Spiel ge-
schuldet ist, mißversteht Searle laut Matthias Ohler Wittgensteins SprachspielbegrifF fundamen-
tal: „Wittgenstein führt Sprachspiele als Vergleichsobjekte ein (PU 130), und gerade nicht als auf-
zählbare, faktische Gebrauchsweisen von Sprache. [...] Für Wittgenstein ist Sprache nicht als Ein-
richtung definiert, die einen bestimmten Zweck erfüllt (Z 422, PU 304); auch nicht durch eini-
ge, aufzählbare Zwecke (PU 23)." (Ohler 1985, 491) Wenn Searle dagegen im Zusammenhang
mit Sprachspielen bzw. „Illokutionstypen" von „Regeln" spreche, suche er allgemeine Regeln,
nach denen alle Sprachen funktionieren und zwar unabhängig von den einzelnen nationalsprach-
lichen Konventionen. „Wenn [aber] die konstitutiven Regeln der Illokutionstypen einzelsprachli-
chen Konventionen vorgeordnet werden, kann logisch sinnvoll von einer konventionellen Regel
nicht mehr gesprochen werden." (Ibid., 492) Statt von „Regeln" sollte man bei Searles Ansatz
daher vielleicht eher von „Gesetzen" sprechen, „weil sie Sprachverhalten determinieren". (Ibid.)
Regeln, so Ohlers abschließendes Urteil, zeichnen sich bei Searle gerade nicht durch das aus, was
Wittgenstein von „Regeln" von „Sprachspielen" hat sprechen machen: nämlich ihre Eigenschaft,
nicht nur „zwingend" und „bindend", sondern auch offen, veränderbar und willkürlich zu sein.
Auch die von Waldenfels in Anschlag gebrachte Beobachtung, daß Regeln des Sozialen im Ge-
gensatz zu Spielregeln immer auch „die Möglichkeit der Reflexion" (und damit der Veränderung)
in sich tragen bzw. „jede Regelung immer schon mit Ungeregeltem durchsetzt ist" (Waldenfels
1998a, 101), findet in Searles Regel-Begriff keinen Ort.
29 Diese Annahme, daß im Begriff (und damit auch im Akt) des Versprechens eine Verpflichtung
immer schon enthalten ist, hat Searle zu der berühmten, seinerzeit viel diskutierten Behauptung
geführt, man könne - entgegen der Hume zugeschriebenen These vom „naturalistischen Fehl-
schluß" - sehr wohl ein „ought" von einem „is" ableiten (vgl. SA 175ff). Der Clou seines „Bewei-
ses" dieser Behauptung liegt dabei darin, daß Searle diesen strikt auf der Basis möglicher Wort-
bedeutungen von „is" und „ought" führt; dabei nutzt er vor allem das semantische Schwanken
beider Worte zwischen deskriptiven und evaluativen Bedeutungen aus, wie mehrere Autoren zu
zeigen vermocht haben (vgl. Crawford 1979, Zemach 1971, )aggar 1974). Durch diese Fixierung
auf mögliche Wortbedeutungen aber ist das Ergebnis der .Ableitung" Searles sehr viel magerer als
die großspurige, gegen eine lange Tradition behauptete These suggeriert: „Searle has successfully
derived .ought' from ,is'", stellt daher etwa Crawford unmißverständlich fest, „and [...] his suc-
cess has no relevance to the problem of ethical justification" (Crawford 1979, 593); zu einem
42 JOHN R. SEARLE ODER EINE ..FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

1.1.7 Zusammenfassung 1: Bedingungen für den regelgerechten und


vollständigen Vollzug eines Sprechaktes „Versprechen"

Ein Versprechen zu geben heißr, einen Sprechakt, d. i. eine regelgeleitete Sprech-


handlung zu vollziehen. Eine jede solche Sprechhandlung ist definiert über ein Set
regulativer und konstitutiver Regeln, von denen letztere bestimmen, unter welchen
Bedingungen welche Äußeiung welcher Worte erwa als ein Versprechen zählt.
Die konventionelle Realisierung besagter Regeln auf der Ebene der Sprache er-
scheint in ihrer semantischen Struktur. Diese legt fest, daß jedei vollständige
Sprechakt aus zwei nui analytisch voneinandet zu trennenden Teilen besteht,
dem des „propositional content" (grob gesagt: um was es geht) und dem dei „il-
locutionary force" (grob: als was der „propositional content" zu verstehen ist).
Eist dei tegelgeiechte Vollzug beider Teile in dei Äußeiung eines Satzes etgibt ei-
nen vollständigen Sprechakt. Die semantischen Regeln zut Foimietung eines voll-
ständigen Spiechaktes bestimmen dabei, welche Bedingungen dei Äußeiung des
Satzes erfüllt sein müssen und als was dei Satz gilt. D. h. sie legen die Bedeutung
des vollständigen Spiechaktes fest, deiei sich sowohl der Sprecher zu bedienen
gezwungen ist, um zu sagen, was ei meint, als auch det Höret, um zu verstehen,
was det Sprechet sagt.
Beide konstitutiven Teile odei Seiten des Spiechaktes finden - um nicht in det
bloßen Intention dei Kommunizierenden begraben zu bleiben - auf dei Ebene
dei Syntax ihre Entsprechung. Dei „propositional content" wild angezeigt vom
„propositional indicatoi" (grammatisch zumeist: Subjekt und Prädikat des Sat-
zes), die „illocutionary force" ist auf der Ebene der Synrax den „illocutionary
force indicating devices" zu entnehmen, d. h. zusätzlichen Informationen wie
Intonation des Satzes, Betonungen, Satzotdnung und der Verwendung be-
stimmter Verben. Das vollständige und regelgerechte Anwenden beider Arten
von Indikatoren durch den Sprecher intendiert, auf der Seite des Höiets einen
„illocutionary effect" zu erzeugen, der darin besteht, daß der Hörer - qua Kennt-
nis der semantischen Regeln bzw. deren syntaktischei Entsprechungen - vetsteht,
was det Sprechet mit dem Vollzug seines Spiechaktes meint. Jede übet dieses
bloße Vetstehen des Spiechaktes hinausgehende Antwort oder Wirkung auf der
Seite des Hörers - wie etwa das Überzeugt-Sein von der Äußerung einer bloßen
Behauptung odei das Abgeschieckt-Sein von dei Äußeiung einet bloßen Ver-
mutung - sind nicht mehi direkt Teil des Sprechaktes, i. e. des von ihm konven-
tionellerweise intendierten „illocutionary effect", sondern eine über die bloße
Konvention hinausgehende zusätzliche Folgewirkung, die Seatle den „perlocurio-
nary effect" nennt.

ähnlichen Urteil kommt auch Zemach: „Searles derivation is valid, but is completely trivial, and
has no bearing whatever upon the traditional is-ought problem." (Zemach 1971, 61) Eine der
meines Erachtens luzidesten Analysen des Problems in Searles .Ableitung" einer „Obligation" aus
der „Regel" bietet Dolores Miller, auf die ich weiter unten noch genauer eingehen werde.
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 43

Welches nun sind genau die Bedingungen, die eine Satzäußerung erfüllen
muß, um als vollständiges und regelgerechtes Versprechen gehen zu können? Se-
arle zählt deiet neun auf :
1) Normal input and Output conditions. Diese seht allgemeinen Bedingungen
- die für jede ernste kommunikative Situation gelten - umfassen so generelle
Vorstellungen wie: beide Teilnehmer der Spechsituation beherrschen die Sprache;
beide tun, was sie tun, in vollem Bewußtsein; beide leiden nicht an physischen
Defekten, die sie von det Kommunikation ausschließen wie Taubheit, Aphasie
usf.; beide verwenden die Sprache in ernster, i. e. nicht-parasitärer Weise, d. h.
beide sind nicht Schauspieler in einem Theaterstück, erzählen nicht einfach Wit-
ze, sind nicht ironisch usf.
2) S expresses the proposition that p in the utterance ofT. Diese Bedingung stellt
sichei, daß das Geben des Vetsptechens einen „proposirional content" hat, d. i.
jemand im Versprechen ein Objekt identifiziert und in Bezug auf dieses Objekt
die Frage der Zuschreibbarkeit einer bestimmten Eigenschaft zu diesem Objekt
aufwirft.
3) In expressing that p, S predicates a future act A ofS. Diese Bedingung — die
noch immer det Eingtenzung des möglichen „propositional content" eines Ver-
sprechens gilt — dient zugleich schon dei Bestimmung einiget „illocutionary force
indicating devices". So muß jemand, det ein Veisptechen geben möchte, etwas
übei einen zukünftigen Akt (und nicht einen schon veigangenen) sagen, und et
muß diesen zukünftigen Akt sich selbst, d. i. dem Sprechet des Satzes zuschrei-
ben. Bedingung 2 und 3 zusammen nennt Searle die „propositional content con-
ditions".
4) H wouldprefer S's doing A to his not doing A, and S believes H wouldprefer
his doing A to his not doing A. Diese Bedingung dient dazu, ein Veisptechen von
einei Drohung unterscheiden zu können: denn selbst wenn ich - etwa nachdem
mir jemand ein Bein gestellt hat - sage: „Ich verspreche Dir, das zahle ich Dir
heim!", konstituiert die Äußeiung dieses Satzes doch ehet eine Drohung als ein
Versprechen.

30 Wobei S für den Sprecher, H für den Hörer, p für die Proposition, T für den Satz und A für eine
(zukünftige) Handlung steht.
31 Für die folgenden neun Überschriften siehe SA 57-61. - Laut Falkenberg kranken alle von Searle
im folgenden vorgestellten „conditions" des Gelingens eines Sprechaktes Versprechen daran, daß
Searle dabei eine ganze Reihe von Begriffen verwende wie „seriousness, literalness, expressing,
predicating, normal course of events, Obligation", zugleich aber, „unfortunately, nowhere does
Searle give a satisfactory analysis of these notions." (Vgl. Falkenberg 1990, 133) Dieser Vorwurf
hört sich banal an - niemand kann alle der von ihm verwendeten Begriffe exakt definieren, es
wird sich daher immer jemand finden, der ein entsprechendes Ungenügen ausdrückt —, ist es aber
nicht: Denn Searle drückt sich, vor allem indem er sich um die Bestimmung von Begriffen wie
„Obligation" drückt, um eine der entscheidenden Dimensionen des Versprechens - wie hoffent-
lich im folgenden noch klarer wird.
32 Aiston, der grundsätzlich Searles Analyse für eine richtige und gelungene hält, hält diese Bedin-
gung - wie auch die folgenden beiden - für überflüssig: „Thus I might say ,1 promise to take you
to the meeting tomorrow', where, unknownst to me, you would prefer not to be taken by me but
for fear of offending me you do not make this explicit." (Vgl. Aiston 1991, 59)
44 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

5) It is not obvious to both S and H that S will do A in the normal course of


events. Etwas zu veisptechen, was jemand ohnehin tun witd, wäre kein Veispte-
chen: Es wäre eine einfache Vorhersage. Die Äußerung des Satzes: „Ich verspreche
Dir zu atmen." würde man wohl - so nicht die Umstände sehr spezielle sind -
nicht als das Geben eines Veisptechens bezeichnen. Bedingungen 4 und 5 nennt
Seaile die „ptepatatory conditions": Zwar sind sie dem Versprechen nicht we-
sentlich, abei, so Seaile, „they are sine quibus non of happy promising." (SA 60)
6) S intends to do A bzw. 6a) S intends that the utterance of T will make him re-
sponsible for intending to do A (vgl. SA 62). Wie oben schon angedeuret, zählr
laut Seaile jedet Satz als Ausdruck eines füf ihn chataktetistischen „psychological
State". Im Falle des Veisptechens besteht dieset datin, daß jemand mit dem Ge-
ben eines Veisptechens zu verstehen gibt, daß ei einsthaft voi hat, A zu tun. Se-
aile nennt die Bedingung, daß S intendiert, A zu tun, die „sincetiry condition".
Freilich weiß Searle auch, daß es auch nicht ernstgemeinte Versprechen geben
kann: wenn jemand den Sprechakr des Versprechens völlig regelgerecht vollzieht
- und doch in Wiiklichkeit gai nicht vothat, dieses Versprechen tatsächlich zu
halten. Gleichwohl gilt - gemäß den Regeln zui Verwendung der „illocutionary
force indicating devices" - das Äußern eines Satzes det Fotm „Ich vetspteche Dir
hiermit, A zu tun" als Ausdruck eines „psychological State". Auch wenn ein solcher
Satz geäußert wiid mit dei heimlichen Intention, A gai nicht zu tun, bleibt ein

33 Gegen die Vorstellung, daß man nur das versprechen könne, was nicht ohnehin „in the normal
course of events" geschehe, bzw. daß der, dem versprochen wurde, möchte, daß das Versprechen
gehalten wird, wendet Katz ein: „Typically, pledges and oaths (which are promises) are given
when it is obvious that the Speaker will do the act(s) - e. g., honest Abe's oath - and a promise
can be made when the last thing in the world that the promisee wants is to see it fulfilled - e.g., a
Student promises to finish a three-hundert-page paper by the end of the Semester, so that the
professor can read it over the vacation." (Vgl. Katz 1990, 231)
34 In bezug auf die Bedingung (6a) findet Falkenberg gleich eine ganze Reihe von Kritikpunkten: 1)
sei nicht klar, was „intending that an utterance will make oneself responsible for intending to do
something" meine; Falkenberg nimmt an, es meine wohl etwas wie ,A accepts that the uttering O
will result in his being responsible for intending to do something. But I am at loss what to under-
stand by ,to be responsible for intending' (does it mean to be responsible for attempting, respon-
sible for doing the best one can?)" (Falkenberg 1990, 134); 2) verwende Searle hier einen Begriff,
den nämlich der „responsability": ohne ihn zu erläutern (Auch Aiston fällt die Unterbestimmtheit
des von Searle verwendeten Begriffes „responsability" auf, versucht diese aber durch den Hinweis
zu entschärfen, daß es dabei nicht darum gehe, daß der Versprechende dafür verantwortlich sei,
das Versprochene zu leisten, sondern einzig darum, daß „I am rightly held to blame if the work is
not done properly. I am the one who must .respond' to complaints about that work." (Aiston
1991, 61)); 3) die zentrale Kritik Falkenbergs jedoch zielt auf etwas ganz anderes: nämlich darauf,
daß „the proposed condition (6a), if inserted into the original analysis above, obviously conflicts
in scope with the essential condition (7)." Denn: „What is the elucidatory force of saying A in-
tends that his utterance will make htm responsible for intending to do m over and above A intends
that his utterance will place him under an Obligation to do ml This question touches the relation
between the concepts of Obligation and responsability (a relation on which Searle is silent)." (Vgl.
Falkenberg 1990, 134)
35 Dies ist, wie gesagt, der wohl charakteristischste der „psychological states", die beim Geben eines
Versprechens im Spiel sind. Natürlich gibt es noch andere, mit diesem verbundene: so etwa, daß
der Versprechensgeber glaubt, daß es für ihn möglich sein wird (er imstande ist), A zu tun, hofft,
daß ihn nichts davon abhalten wird, A zu tun usf.
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 45

nicht ernstgemeintes Versprechen doch weiterhin ein vollständig gegebenes Ver-


sprechen. „Our word is our bond' (HTW 10) hatte Austin diese weitreichende
theoretische Setzung noch lakonisch kommentiert.
7) S intends that the utterance of T will place him under an Obligation to do A.
Bedingung 7 ist die essential condition: Es ist sozusagen das eigentliche Herz, der
Clou des Sprechaktes Versprechen, daß ein Versprechender sich verpflichtet, was
er verspricht auch zu tun. Den Charakterzug, etwas über einen zukünftigen Akt
auszusagen, teilt das Versprechen mit vielen anderen Sprechakten (Vorhersage,
Drohung usf.), ebenso den, daß der Sprecher sich durch ein Versprechen in eine
soziale Beziehung zum Hörer bringt (Anfrage, Befehl usf.). Was aber aus dem
Versprechen allererst ein solches macht, ist ausgedrückr in seiner essential condi-
tion: sich freiwillig zu einer zukünftigen Handlung zu vetpflichten.
8. S intends (i-I) to produce in H the knowledge (K) that the utterance of T is to
count as placing S under an Obligation to do A. S intends to produce K by means of
recognition of i-I, and he intends i-I to be recognized in virtue of (by means of) H's
knowledge of the meaning of T. In dieser Bedingung kommen die semantischen
Regeln ins Spiel, dank derer es für den Sprecher möglich ist, einen bestimmten
„illocutionary effect" im Hörer zu erzeugen, d. h. seiner Satzäußeiung Bedeutung
zu verschaffen. Diese semantischen Regeln machen es dem Sprecher möglich zu
sagen, was er meint: nämlich daß er dem Hörer etwas verspricht; und sie machen
es zugleich dem mit ihnen vertrauren Hörer möglich zu verstehen, was dei Spre-
chet meint, indem ei, gegebenen semantischen Regeln folgend, einen Satz der
Foim „Ich veispieche Dir hiermir, A zu tun" äußert. Anders gesagt: Indem det
Sprechet einen Satz dei Foim „Ich veispreche Dir hiermit, A zu tun" äußert, zielt
er darauf ab, im Hörer das Wissen zu erzeugen, daß er, der Sprecher, sich fortan
verpflichtet, A zu tun — denn er weiß (und setzt darauf), daß, dank der ihnen bei-
den gemeinsamen Sprache, H die semantischen Regeln kennt, gemäß derer das
Äußern eines solchen Satzes als eine Verpflichtung, A zu tun, gilt, i. e. dank derer
H die Bedeutung eines Satzes der Form „Ich verspreche Dir hiermit, A zu tun"
versreht .

36 Es ist dieser Zug sich selbst unter ein Gesetz stellender Freiwilligkeit, der für Kant das Verspre-
chen zu einem Paradebeispiel des kategorischen Imperativs werden läßt (Vgl. GMS 422f; 43f; da-
zu auch Wood 1972). Daran zeigt sich, wie weitreichend das ist, was Searle schlicht „Bedingun-
gen" für das Gelingen eines Sprechaktes nennt: die Essenz der „essential condition" entzieht sich
der sprachlichen Regulierbarkeit, hat starken ethischen Appellcharakter, der weit über das, was so-
ziale Konventionen verwalten können, hinaus geht.
37 „For many, perhaps most, of the most important illocutionary acts, there is no essential perlocu-
tionary intent associated by definition with the corresponding verb, e. g. Statements and promises
are not by definition attempts to produce perlocutionary effects in hearers." (EM 3) - Crospy
verweist in seinem Vergleich der Konzeption Searles mit der Reinachs darauf, daß für Reinach
eine derart den anderen zum bloßen Objekt der Ansprache machende Vorstellung sozialer Akte
eine entscheidende Dimension der genannten Akte unterschlage: die nämlich des den anderen
Adressierens: jeder soziale Akt „addresses another, aims at reaching him, at really touching him, at
.crossing the interpersonal Space', and taking the other as subject rather than as object, as ,you'
rather than ,he' or ,she'." (Vgl. Crospy 1990, 640 Waldenfels weist darüber hinaus darauf hin,
daß bei einer derart „extrem voluntaristischen" Konzeption von Sprechakten „jeder spontane
46 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

9. The semantical rules ofthe dialect spoken by S and H are such that T is correctly
and sincerely uttered, ifandonly if conditions 1-8 obtain. Sprich: erst wenn alle acht
gegebenen Bedingungen erfüllt sind, kann man - gemäß den semantischen Re-
geln der Sprache, die S und H teilen — von einem korrekr und ernsthaft geäu-
ßerten Sprechakt namens Versprechen sprechen.

1.1.8 Zusammenfassung 2: Semantische Regeln zur Verwendung


der „illocutionary force indicating devices" für den Vollzug des
Sprechaktes „Versprechen"

Wer spricht bzw. wei hört, sagt und hört voi allem eines: Wotte. Es wäre die
ganze Mühe, die Bedingungen, untei denen die Äußeiung eines Satzes als Vei-
sptechen gilt, nutzlos, ließen sich aus det Foimulieiung dieser Bedingungen nicht
Hinweise ableiten, wie sich diese ummünzen bzw. wiederfinden lassen auf der
Ebene des geäußerten Satzes. Searle gibt nicht nur Hinweise: Er gibt Regeln (und
zwar „semantische", wie er sagt) „for the use of any illocutionary force indicating
device Pr fot ptomising" (SA 62) , fünf an der Zahl:
1) Pr muß in einem Satz (oder einem längeren Diskursteil) T geäußert werden,
dessen Äußerung eine zukünftige Handlung A des Sprechers 5 ankündigt. Seaile
nennt dies die „propositional content tule". Wie schon in den Bedingungen 2
und 3 der vorherigen Liste wird dabei deutlich, daß die „illocutionary force indi-
cating devices" schon auf der Ebene der Proposition beginnen: nur ganz be-
stimmte „propositional acts" können in einem Spiechakt „Veisptechen" etschei-
nen, nur solche etwa, die sich in bestimmter Weise der Zukunft zuwenden, nicht
abei det Veigangenheit.

Ausdruck wegfällt", denn sie löse „jede ko-intentionale Interaktion auf in eine Abfolge einseitiger
Aktionen" (vgl. Waldenfels 1984, 49f); eine ähnliche Kritik findet sich bei Habermas (vgl. Ha-
bermas 1991).
38 Zur Ausnahme des nicht-ernsthaften Versprechens siehe Bedingung 6a.
39 Der „Gebrauch" dieser „devices" garantiert damit für Searle nicht nur das regelgerechte Ausdrük-
ken, Ins-Wort-Bringen der eigenen Intention, sondern im gleichen Maße das Verstehen dersel-
ben auf „hearer's side": Ausdruck und Verstehen sind für Searle damit nicht mehr als die zwei
symmetrisch funktionierenden Seiten ein und derselben Kompetenz: der Sprachkompetenz. Wie
problematisch diese von identischen Sprechern ausgehende Annahme ist, zeigt sich spätestens bei
Searles Überlegungen zum „principle of expressibility"; vgl. Abschnitt 1.2.2.
40 Dieses Vakant-Werden von Zeitlichkeit, i. e. einem Stück stets ungewisser Zukünftigkeit, wird
damit zu einer der systeminternen Achillesfersen der Searleschen Analyse: denn einerseits ist sie —
laut Regel 1 — ein unverzichtbares Moment in der Formung des Sprechaktes Versprechen: „Ver-
sprechen" kann nur ein solcher Sprechakt genannt werden, der sich auf etwas noch Kommendes,
mit dem Zeitpunkt des Sprechaktes nicht gleichzeitig Geschehendes bezieht; zum anderen aber
weiß Searle selbst, daß „it is possible for all sorts of things to happen subsequently which will relea-
se one from obligations one has undertaken" (vgl. SA 179) - Dinge etwa der Art, daß die Regeln,
nach denen ein Versprechen gegeben wurde, zum Zeitpunkt der Erfüllung des Versprechens
nicht mehr oder nur in abgewandelter Form gelten. Was tun? Searles eigener Vorschlag in den
Speech Acts ist der „to exelude any time gap between the point of the completion of the act in
which the Obligation is undertaken, [...], and the point at which it is claimed the agent is under
DAS VERSPRECHEN IN DER SPEECH ACT THEORY 47

2) Pr darf nur geäußert werden, wenn H es vorzieht - bzw. wenn S glaubt, daß
H es vorzieht - daß SA tut, und nicht A nicht tut.
3) Pr darf nur geäußert werden, wenn sowohl für H als auch für S klar isr, daß
S A nicht ohnehin tun würde. Diese Regeln 2 und 3 nennt Searle, in Anlehnung
an oben genannte Bedingungen 4 und 5, „preparatory rules".
4) Pr darf nur geäußert werden, wenn S wirklich intendiert, A zu tun. Dies ist
die sincerity rule.
5) Die Äußerung von Pr gilt/zählt als das Auferlegen einer Verpflichtung, A zu
tun. Diese letzte Regel nennt Searle die „essential rule".
Da Regeln 1-4 eine imperativische Form haben, Regel 5 aber die „X zählt als
Y"-Foim, legt Seaile nahe, diese letzte als eine anzusehen, die zu einem System
konstitutiver Regeln gehört. Regeln 1-4 wären demnach nur Arren, die Verwen-
dung der „illocutionary force indicating devices" des Sprechaktes „Versprechen"
zu regeln, wobei der Sprechakt selbst trotzdem auch unabhängig von diesen Re-
gelungen besteht, wohingegen das Wegfallen der „essential rule" das Wegfallen
des „illocutionary force indicating device" Pr bedeuten würde . Am Beispiel ver-

an Obligation" (ibid.) - was, wie gesagt, klar im Widerspruch zur den Sprechakt „Versprechen"
definierenden „propositional content rule" steht. Auf dieses Problem, das Autoren wie Hume
und Rousseau mit wesenhaft feineren Blicken bedacht haben als Searle, wird später noch einmal
zurück gekommen werden.
41 An dieser Stelle vermischt Searle geschickt zwei völlig unterschiedliche Regelbegriffe, um zu dem
von ihm gewünschten Resultat zu kommen. Dies hat niemand klarer analysiert als Dolores Miller
in ihrem Aufsatz zur „is-ought'-Problematik bei Searle (vgl. Miller 1981). Dort zeigt sie, daß Se-
arles Ableitung eines „ought" von einem „is" nur deshalb funktioniert, weil er „constitutive rule"
und „essential rule" in eins verschmilzt. Gegen diese Verschmelzung insistiert Miller darauf, daß
„it is important to stress that the locus or source of prescriptions is not created or constituted
within and by the Institution and its rules. The rules transform brüte behavior into institutional
behavior, but institutional behavior is meaningless unless some prior purpose is assumed. Searle
does this by means of his essential rule; but the essential rule is not a constitutive rule in the same
sense as his examples and definition lead us to expext." (Miller 19981, 183) Dies werde gerade in
bezug auf das Versprechen besonders augenfällig: die „essential rule", so Miller, sage vor allem
etwas darüber aus „how the act is accomplished. It gets at the performatory feature of .promise' -
that the act is done by uttering the word, or any eqivalent illocutionary force indicator Pr, under
certain conditions. But Searle does not merely say that the promise is what is accomplished by
uttering the word or some equivalent. Rather, he says that it .counts as' an Obligation." (186) Da-
bei verwende er nun aber zwei verschiedene Verwendungen von „counts as": einmal eine definie-
rende (ein „brüte fact" X zählt/gilt als Y) und einmal eine schaffende: ein bereits von der Institu-
tion definiertes Y (z. B. „touchdown") zählt als „einen Punkt machen". Im zweiten Fall existiere
Y nur kraft und dank und innerhalb der Institution. Diese beiden Verwendungsweisen nun ver-
schmelze Searle in bezug auf das Versprechen in eins, weshalb seine „essential rule (5)" zweierlei
zugleich bedeute: „(5') Uttering Pr counts as (accomplishes) making a promise to do A." und:
„(5") Making a promise counts as (is a form of) undertaking an Obligation." (187) Dank (5)
könne Searle (5) eine „constitutive rule" nennen: denn sie generiere neue Beschreibungen. (5")
dagegen sage etwas über die Institution Versprechen als ganze: „its significance, or purpose."
(187) In anderen Sprechakten sei es freilich nicht so, daß die „essential condition" angebe, wie,
oder dank welchen Verhaltens sie auszuführen seien („touchdown" zählt als Punkte machen),
sondern: „The essential rule gives their significance or purpose. [...] They teil us the illocutionary
force of the act." (187) Ergebnis sind zwei verschiedene „counts as" Feststellungen: ,,'X (uttering
Pr under Conditions of Rules 1,2,3,4) counts as K(promising)', and ,y(promising) counts as O
(Obligation)'. [...] .A"counts as Y(promising)' could be considered as a definitive rule. It defines
48 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

deutlicht gesagt: Ein nicht-ernsthaft geäußertes Versprechen isr gleichwohl noch


ein - wenngleich defektes — Versprechen (vgl. SA 62); ein Versprechen aber, des-
sen Äußerung nicht mehr als Auferlegung einer Verpflichtung gilt, wäre kein sol-
ches mehr.
Damit hat Searle seine selbstgesteckte Aufgabe fürs erste erfüllt: Da Sprechen
zuerst regelgeleitetes Handeln isr, muß, wer etwas über einen einzelnen Sprechakt
sagen will, eben die Regeln anzugeben imsrande sein, deren Erfüllung den Voll-
zug des gesuchten Spiechaktes bedeuten. Mit den fünf angegebenen Regeln
meint Searle, dies für den Sprechakt „Versprechen" getan zu haben: Womit für
ihn die Frage, was ein Versprechen ist, als beantwortet gelten darf.

or is constitutive of what promising is, in the same way that all of the rules of football taken to-
gether constitute or define what football is." (187) Damit werde sie wirklich zu einer „constitu-
tive rule" und „promise" zu einem „intra-institutional term", im Unterschied zur zweiten „counts
as"-Feststellung: „In this case, it is not that K (promising) defines what Obligation is by telling how
it is achieved or constituted, such that K (promising) is identical to O (Obligation). It is not a con-
stitutive rule in this constitutive sense. [...] Rule 5" does not generate new descriptions of be-
havior by providing new institutional or intra-institutional terms. In this case the rule functions
to identify promising as a kind of Obligation. Obligation is not an intra-institutional term -
something defined or constituted by certain behavior regulated by certain rules. Obligation is a
concept or value which exists above or beyond promising — it is logically independent of prom-
ising, although promising may not be logically independent of it." (188) „Obligation" sei dem-
nach ein „meta-institutional term" (188), und die von Searle in diesem Kontext analogisierten
Sätze „(1) How can making a promise can create an Obligation" und „(2) How can scoring a
touchdown create six points" seien nicht mehr als ein Spiel mit der Doppeldeutigkeit von
„counts as". Die einzig wirklich überzeugende Analogisieung wäre laut Miller: „(2") How can
playing footbal can create competition?" (189) Searle, so Millers abschließendes Urteil, vermische
etwas miteinander, was klar getrennt gehöre: „constitutive rules" und „prescriptions"; deren Un-
terschied sei ein Unterschied vor allem der Art der von ihnen erzeugten Zwänge: „The constituti-
ve rules generate ,musts' or imperatives because they are truly constitutive. But an .ought' State-
ments, or prescriptions, derive from the meta-institutional concept and the values they represent.
,Ought' Statements apply only where there is a choice, and constitutive rules do not allow for a
choice." (190) Searle unterschlage mit der Verwischung der Grenzen genau diesen Unterschied:
„Constitutive rules contain only references to brüte behavior or physical objects, and their con-
nection to intra-institutional terms. Or they relate previously converted intra-institutional terms
to other intra-institutional terms. Thus they make possible new descriptions of brüte behavior
and physical objects by serving as a ,translation manual' and giving operational defnitions. Fur-
thermore, constitutive rules, as rules, engender ,musts' (or ,cans'). Essential rules contain the
name of the Institution and some meta-institutional concept which the institution is a for of.
Thus they State the significance or purpose of the institution and thereby introduce the values
and prescriptions which accrue to meta-institutional concepts, - hence, .oughts'." (192)
42 Wie stabil ist diese Behauptung? „Rules 2-5 apply only if rule 1 is satisfied, and rule 5 applies
only if rules 2 and 3 are satisfied as well", schreibt Searle selbst (SA 63) und gesteht damit indi-
rekt, daß die „essential rule" durchaus nicht die einzig unersetzbare ist, da die von ihm genannten
Regeln 1-5 unauflösbar ineinander verstrickt sind. Womit er zugleich selbst ein schönes Beispiel
von der Vagheit der Unterscheidung „constitutive rule" — „regulative rule" gibt.
1.2 ERSTE ZWEIFEL:
EINE PHASE DES ÜBERGANGS

1.2.1 Praxis versus Theorie

Ein Problem freilich bleibt nach dieser Darstellung unzweifelhaft, ein nicht ganz
kleines: Erhöbe man die von Searle gegebenen Bedingungen und Regeln zum
Vollzug eines regelgerechten und vollständigen Sprechaktes namens „Veispte-
chen" zum Maßstab det Betrachtung, man wäre außeistande, je eindeutig ein
Veisptechen zu geben odei ein solches je eindeutig zu etkennen. Wieso das?
Nehmen wit einen ganz und gai gewöhnlichen Fall, veisetzen uns zuerst dabei
auf die Seite des Hörers. Dieser ist in einer bestimmten Situation mit dem Satz
„Ich werde kommen!" konfrontieit. Um diesen Satz zu veistehen, i. e. dessen Be-
deutung rekonsttuieien zu können, veisucht et sich zueist an den augenfälligsten
Teilen, i. e. det syntaktischen und lexikalischen Obeifläche des Satzes, denn, wie
et von Seaile - zumindest dem dei Speech Acts - weiß, „the meaning of a sentence
is entiiely [!] deteimined by the meaning of its elements, both lexical and syntac-
tical." (SA 61) Den Regeln zufolge, die diese Elemente - in ihrer gewöhnlichen
Verwendung - bestimmen, entnimmt nun der Hörer dem Satz, daß ein Sprecher
5 intendiert, ihm, dem Höret H, zu verstehen zu geben - mittels der Zuschrei-
bung einer zukünftigen Handlung des Kommens zu einem indexikalischen Ope-
rator „Ich", der allem Anschein nach den Sprecher selbst zu identifizieren ver-
sucht - daß er, der Sprecher, feststellt, mitteilt oder auch ankündigt, daß er kom-
men werde. Alle möglichen Mehrdeutigkeiten eines so gewöhnlichen Piädikates
wie „kommen" und die Offenheit des indexikalischen Operators „Ich" hier ein-
mal beiseire gelassen: Kann der Hörer fortan sicher sein, daß er damit die Be-
deutung der Satzäußerung verstanden hat? Anders gefragt: Hat die Anwendung
der Regeln, die die Bedeutung des Satzes bzw. seiner Teile bestimmen, zu einem
eindeutigen odei auch nut zufriedenstellenden Ergebnis geführt?
Auch Searle weiß (und würde deshalb zugestehen), daß es durchaus nichts Un-
gewöhnliches ist, man es also nicht als einen seltenen und damit theorerisch ver-
nachlässigbaren Randfall abtun kann, daß man mit der Äußerung eines Satzes der
Form „Ich werde kommen!" jemandem das Versprechen des eigenen Kommens
zu geben intendiert. Das Argument, gegebenes Beispiel sei randständig und damit
nicht wirklich ein Einwand gegen seine Theorie, ist also wirkungslos. Gleich-

43 Die räumliche Metaphorik von „Oberfläche" vs. „Tiefe" bzw. „Tiefenstruktur" der Satzäußerung
bzw. des Satzes ist eine von Searle selbst ganz ungebrochen und bis in die letzten Schriften
durchgängig verwendete.
44 Mehr als das: es verweist auf einen noch weiter zu untersuchenden, stärkeren Zweifel: Vollständi-
ge Explizitheit im Sinne Searles ist nicht nur ungewöhnlich, sondern vermag die „illocutionary
force" einer Satzäußerung merklich zu verschieben, wenn nicht gar umzukehren. So ließe die
50 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

wohl bleiben mindestens zwei weitete Übeilegungen, denen es zu begegnen gilt:


a) dei Sprechakt wai, könnte man einwenden, eben nicht vollständig und regel-
getecht vollzogen: Nui dahei rührt die Unzufriedenheit; und b) der Hörer hat es
schlicht nicht vermocht, unter die syntaktische und lexikalische Obeifläche zu
gehen , um die dort verborgenen, erst eigentlich relevanren „illocurionary force
indicating devices" zu erkennen, i. e. er hat weder die syntaktische noch die se-
mantische „Tiefenstruktur" adäquat zu durchdringen vermocht.

1.2.2 Eine Analyse nach Searle

Wenden wir uns zuerst dem zweiten Einwand zu, d. h. befragen wir die von
Searle genannten syntaktischen, auf die „illocutionary force" verweisenden Cha-
rakteiistika des Satzes („word order, srress, intonation contour, punctuation, the
mood of the veib, and the so-called performative verbs", s.o.), in einem zweiten
Schritt dann die, die Searle „semantisch" nennt, und schauen wir, wie weit det
Höret, wäre et etwas feiner hinzuhören imsrande gewesen, im Verständnis des
Satzes hätte kommen können. Syntaktisch betrachtet läßt die Woitoidnung
zweifelsfrei auf einen einfachen Aussagesatz schließen: Subjekt, Prädikat; Beto-
nung und Intonationskontut könnten darauf verweisen, daß der Satz nicht bloß
als eine schlichte Feststellung gemeint war - was aber in keiner Weise heißt, daß
sie festlegen, als was sonst er zu verstehen ist: Eine erhobene Stimme erwa könnte
auf eine Drohung ebenso wie auf einen pathetischen Charaktet des Sprechers
schließen lassen, die Betonung einzelner Worte auf Anfeindungen aller Art gegen
alle möglichen anderen odei auch einfach auf ein „gesundes" Selbsrverhälrnis des
Sprechers : „Ich werde kommen"; der Modus des Verbs ist der Indikativ Futui,
was wenig „auffällig" ist, gleichwohl - gemäß den semantischen Regeln zur Be-
stimmung änderet Sprechakttypen, wie Seaile sie aufzählt - bestimmte Typen
von Sprechakten immerhin ausschließt: einen Dank erwa (Vgl. SA 67)'; ein so-

Äußerung des Satzes: „Ja, ich verspreche Dir hiermit, daß ich kommen werde!" in einer von
Searle als „gewöhnlich" apostrophierten Situation wohl nicht nur einen übermäßigen Sophisten
ob der Bedeutung dieses Sprechaktes stutzig werden. (Vgl. dazu auch AJston 1991, 64f) - Das
Problem der Explizitheit von Sprechakten hat G. J.Warnock sehr schön am Beispiel des Sprech-
aktes „hinting" vorgeführt: man könne, so sein Argument, zwar etwas signalisieren und dies auch
explizit machen (im Sinne von: „Ich signalisiere Dir hiermit, daß ..."), aber: „in hinting, while I
may make explicit that I am hinting, I necessarily cannot make explicit what I am hinting; for by
definition, something hinted at is not explicitly disclosed." (Warnock 1980, 276) - „Er sei immer
noch ein Versprechen und hoffe es noch viele Jahre zu bleiben", läßt Adolf Muschg einen jungen
Künstler in seinem Roman Noch ein Wunsch feststellen (Muschg 1979, 19), und es ist klar an
dieser Stelle, daß der Künstler mit gerade dieser Aussage aufgehört hat, ein solches Versprechen
zu sein; was vermuten läßt, daß es eine Art von Versprechen gibt, die eben nur so lange eines ist,
wie es nicht explizit ausgesprochen wird.
45 Welcher „device" kann diesen „effect" erzeugen?
46 D. h. die Situation, daß A, nachdem B ihn zu einer wichtigen Prüfung begleitet hat und danach
fragt, ob es wohl möglich ist, daß er, A, ihn, B, nächste Woche wohl auch zu seiner Prüfung be-
ERSTE ZWEIFEL: EINE PHASE DES ÜBERCANGS 51

genanntes performatives Veib schließlich ist weit und bteit nicht zu sehen, auch
nicht nach dem Vetsuch einet tiefenstiuktutellen Auflösung des Sarzes, etwa in
„ich werde + ich komme". Zusammengefaßt: Syntaktisch gesehen könnte man
den Satz, so wie ei dahetkommt, mit gutem Gtunde als einen einfachen Aussage-
satz veistehen; freilich verweist der Modus des Verbs darauf, daß dieser nicht
bloß als eine Feststellung, sondern auch als eine Mitteilung oder Ankündigung
gemeint sein könnte: odei zumindest als etwas, was besagten Spiechakten ziem-
lich ähnlich sieht (Drohung, Veisptechen usf.). Die Intonation des Satzes und
auch seine Betonungen könnten solcheilei Vermutungen bestätigen. Von „gänzli-
cher" Bestimmung det Bedeutung des Satzes duich die Bestimmung seinet Ele-
mente kann hiet jedoch eindeutig nicht die Rede sein.
Gehen wii also weitet zu den von Seaile vorgeschlagenen semantischen Regeln.
Die „propositional tule" darf als erfüllt gelten: Dei Sprechet verwendet einen Satz
und sagt in diesem etwas übet einen zukünftigen Akt seinei selbst {wenn „Ich"
hiei auf den Sprechet referiert, wenn klar ist, was „weide kommen" hiet genau
übet dieses „Ich" aussagt) . Auf dei Ebene des „propositional content" könnte det
Satz demnach - i. e. entsprechend det gewöhnlichen Verwendung besagtet Äuße-
iung - gemeint sein als: eine Feststellung übet ein zukünftiges Veihalten, eine
Ankündigung, eine Drohung, ein Versprechen u. a. Über die beiden „preparato-
ry rules" kann wieder nur spekuliert werden: H kann, kann es aber auch nicht
vorziehen, daß 5 kommen wird (und 5 kann dies glauben oder auch nicht), bzw.
es ist möglich, daß S nicht gewöhnlicherweise kommen wird ; lassen wir also
auch die „preparatory rules" einmal als zumindest nicht unerfüllt gelten. Um die
„sincerity rule" brauchen wir uns, wie wir wissen, nicht wirklich weitet zu küm-
mein: Denn sprechakttheoietisch könnte det Höret stets geltend machen „Your
word is your bond!", ganz unabhängig davon, ob der Satz im Augenblick des Äu-
ßetns einst gemeint wai odei nicht („Du hast gestern gesagt: .Ich weide kom-
men!'"). Bleibt nut die „essential tule", d. h. die entscheidende: und auch da ist
die Frage dei Entscheidbatkeit offen. Narürlich könnte die Äußerung des Satzes
„Ich wende kommen!", ist sie ernst gemeint, auf eine Selbstverpflichtung hinwei-
sen. Dies ist aber zugleich der Fall bei anderen Sprechakttypen, erwa bei einer
Behauptung übet zukünftige Ereignisse oder auch einer Ankündigung: Denn in
beiden Fällen gilt wohl gewöhnlicherweise, daß, wer sagt: „Ich weide kommen!",
laut det „essential condition" beidet Sptechakte daran glaubt, daß, was ei sagt,
waht ist. D. h. er muß daran glauben, daß ftir ihn selbst wahr ist (bzw. sein wird),

gleiten könne, A zum Zeichen des Dankes eben dies verspricht, ist nach Searle - wenigstens zur
Zeit von Speech Acts - undenkbar.
47 Die Frage der Ironie bzw. des Zitats schließe ich an dieser Stelle bewußt noch aus: Noch folge ich
nur Searles eigenen Setzungen innerhalb der Speech Acts, i. e. seinem kategorialen Ausschluß aller
Arten „parasitären" Sprachgebrauchs, wie er es mit Austin nennt. Wie gewöhnlich es ist, nicht iro-
nisch zu sein - dazu mehr in Abschnitt 1.2.3 und 1.2.4 bzw. Abschnitt 1.5.3.2.
48 Auch das ist - konkret gesehen - sehr schwammig. Es kann durchaus sein, daß ich gewöhnlich zu
Partys gehe; ist es deshalb automatisch kein Versprechen, wenn ich jemandem auf die Einladung
zu seiner besonderen Party sage: „Ich werde kommen!"?
52 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

daß er gekommen sein wird (bzw. „dann" gekommen ist): was bedeutet, daß er
an die Wahrheir seiner Aussage nur glauben kann, wenn er sich zugleich als ver-
pflichtet betrachtet, diese zu gegebenem Zeirpunkr wahr zu machen.
Ergebnis ist also: Selbst in einem so normalen, gewöhnlichen Fall wie dem,
daß man mit dei Äußeiung des Satzes det Foim „Ich weide kommen!" seinet In-
tention, jemandem das eigene Kommen zu veisptechen, Ausdiuck zu vedeihen
veisucht, fuhrt sowohl die syntaktische als auch die semantische Analyse des
Sprechakres entlang den Regeln dei „illocutionary force indicating devices" ten-
denziell eher dahin, besagten Sprechakr als eine Ankündigung oder Fesrstellung
übet einen zukünftigen Akr zu betrachten, auf keinen Fall jedoch dazu, ihn ein-
deutig als einen Spiechakt des Veisptechens bestimmen zu können. Selbst eine
lange Reihe zusätzliche! hetmeneutischer Akte" haben damir nicht dazu führen
können, den „illocutionary effect" im Hörer zu erzeugen, der für den gelungenen
Vollzug des Sprechakts „Veisptechen" notwendig ist. Erlaubt uns dies zu sagen,
daß im besagten Fall eben einfach kein Versprechen gegeben worden ist?

1.2.3 Vorläufige Rettung: Das „principle of expressibility"

Die Searlesche Variante der Sprechakrrheorie erlaubt uns immeihin folgende


Antwort: Es ist wohl eine Art Versprechen gegeben worden bzw. es könnte eine
Arr Versprechen gegeben worden sein, aber eben kein vollständiges und tegelge-
rechres. Ausnahmen - so die Grundüberlegung hinter einer solchen Feststellung
- können aber nur da gemachr werden, wo es einen Regelfall gibt. Daher, könnte
man in Searles Sinne argumentieren, wäre es durchaus ein Leichres, aus dem un-
vollständigen einen vollständigen Sprechakr namens „Versprechen" zu machen:
etwa durch die einfache Nachfrage des Hörers: „Versprochen?". Durch eine sol-
che Nachfrage des Hörers wäre der Sprecher gezwungen, vollständig explizit zu
machen, was in det (duichaus gängigen) Variante „Ich wende kommen!" noch
offen geblieben ist. Mit anderen Worten: Selbst wenn jemand einen Satz, dessen
syntaktische und semantische Stiuktuien so, wie sie akruell je geäußert worden
sind, nicht zweifelsfrei fesrstellbar machen, welche Arr von Sprechakr vollzogen
werden, i. e. welche Bedeutung mitgeteilt werden sollte, so ist dies doch im Prin-
zip jederzeir möglich: Denn alles Sprechen unrerliegr laut Searle dem, was er das
„principle of expressibility" nennr. Womit wii das Problem von dei Seite des Hö-
rers scheint's ohne Verlust auf die Seite des Sprechers verschoben haben.
Die Kurzform besagren Prinzips ist die, daß „whatever can be meanr can be
said." (SA 19)™ So erwa im besprochenen Fall: „I mighr say ,1*11 come' and mean

49 Sind solche hermeneutischen Operationen per se perlokutionäre Angelegenheiten und ist jede zu-
sätzliche Verstehensanstrengung schon nicht mehr Teil des „illocutionary effect"? Was aber, wenn
dieses Verstehen sich nur durch eine solche zusätzliche Anstrengung erreichen läßt? Ist Verstehen
dann ein perlokutionärer Effekt?
50 Armin Burkhardt kommentiert das „principle of expressibility" dank dieser Kurzform wie folgt:
„I regard this as a rather trivial principle for it does not express anything but its reverse: whatever
ERSTE ZWEIFEL: EINE PHASE DES ÜBERGANCS 53

it as a piomise to come, i. e. mean it as I would mean ,1 promise that I will


come.', if I weie uttering that sentence and meaning liteially what I say. In such
cases, even though I do not say exactly what I mean, it is always possible for me
to do so - if there is any possibility that the heaiet might not undeistand me, I
may do so." (SA 19) Dank dieses „principle of expressibility" ist es somit mög-
lich, jederzeit genau das zu sagen, was man meint, d. h. Nicht-explizites derart zu
explizieren, daß die Bedeutung der Sarzäußerung (i. e. „speaker's utterance mea-
ning") bestimmt ist - und damit bestimmbai witd - rein über die Bedeutung des
Satzes (i. e. die „sentence meaning"). Wenigstens im Prinzip. Denn: Searle weiß
narürlich, daß dies durchaus faktisch nicht immer der Fall sein muß. Sein „prin-
ciple of expressibility" spielt mit einei generellen Möglichkeit, mit det theoreti-
schen Idee einet generellen Kraft und Potentialität von Sprache an sich . De fac-
to, i. e. in einet konkreten Situation, mag es um die Ausdiückbatkeit eines Mei-
nens durchaus schlechte! bestellt sein: Da kann es votkommen, daß det- odei
diejenige, det odei die aufgefordert ist, endlich zu sagen, was ei odei sie witklich
meint', faktisch dazu nicht in det Lage ist: weil sie z. B. die hellsehende Sprache
nicht gut genug behettschen - wie erwa dann, wenn man gezwungen ist, sich in
einet Sprache auszudtücken, die nicht die eigene Mutteisptache ist; oder aber

can be said can be meant." (Burkhardt 1990a, 100 FN) Für ähnlich trivial nimmt G. J.Warnock
besagtes Prinzip, wenn er ihm auch eine andere Grundbedeutung zuschreibt: „In laying down
this priniciple he was not - though of course the words might be read as suggesting this - taking
a stand against possible claims to mean ineffable profundites, thoughts alleged to lie too deep for
words. He was propounding a certain doctrine about speech acts; and the doctrine was that, al-
though a Speaker in issuing an utterance often does not explicitly indicate (or .express') in what
he says what speech act it is that he therein performs, it is always possible that he should do so.
[...] This amounts to the thesis that, in principle, every speech act could be fully explicitly per-
formed. It is possible to doubt whether this thesis is interesting. The claim that what does not oc-
cur, and is not perhaps possible, in fact is nevertheless possible ,in principle' is seldom very ap-
pealing." (Warnock 1980, 275) Kritischer als die beiden genannten Autoren sieht dagegen Ti-
mothy Binkley besagtes Prinzip, da in diesem seines Erachtens mindestens drei Behauptungen
enthalten seien: 1) „meaning" sei etwas, was man ausdrücken könne; 2) dies geschehe in Worten,
d. h. in Sprache; und 3) der genannte Ausdruck der „meaning" in Sprache könne „exactly" sein.
Die ersten beiden Behauptungen hält auch Binkley „to be either false or trivial, depending upon
how one coneeives of .meaning'." (Binkley 1979, 308) Anders verhält es sich dagegen mit Searles
Aussage, daß eine Konsequenz dieses Prinzips die sei, daß aller nichtwörtliche, vage, zweideutige
und unvollständige Ausdruck „are not theoretically essential to linguistic communication." (SA
20) Daraus leitet Binkley ab: „It becomes clear that the major force of the principle is directed
towards the doctrine that inexaet language can always be rendered in (hence reduced to) exaet
language, making the form .theoretically inessential'." (Binkley 1979, 308) Gegen diese These
wendet er sich im folgenden strikt, indem er die Frage danach stellt, was es heißen soll, ein Aus-
druck sei „exakt": womit er eine der vielen Achillesfersen des Searleschen Ansatzes getroffen hat,
wie das folgende hoffentlich noch wird zeigen können.
51 In griechischer Terminologie könnte man sagen: mit ihrer „dynamis". Eine Idee, die freilich
Searle selber nicht weiter verfolgt und auf die erst im Nietzsche-Kapitel der vorliegenden Arbeit
zurückgekommen werden wird.
52 Später wird sich zeigen, daß dies eine der methodischen Grundmaximen Searles ist: Was immer
Du zu sagen hast: sag' es „straight out" - oder gar nicht. Daß die Formulierung „straight out"
selbst eine metaphorische, i. e. umweghafte ist, scheint für Searle seine methodische Maxime da-
bei nicht weiter in Frage zu stellen.
54 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

auch dann, wenn man die eigene Sprache nicht eben meisteilich, genauer: wie es
der herrschenden Sprachnorm entspricht, beherrscht; oder gar - auch diese Mög-
lichkeit schließt Seaile hiet ausdiücklich ein - wenn die eigene Sprache nicht
reich genug ist, Ausdiücke füt das zut Verfügung zu stellen, was ich gerade mei-
ne. Alle diese Fälle - so das „principle of expressibility" - können im Prinzip,
wenn auch nicht immer faktisch, gelöst weiden: denn im Prinzip, so Seaile, kann
ich die Kenntnisse einet Fremdsprache jedetzeit verbessern, im Prinzip kann ich
es in meiner Muttetsprache jederzeit zui Meistetschaft, d. h. zur Durchschnirr-
lichkeit bringen, und im Prinzip ist es im Falle mangelndei Woite odei änderet
spiachlichet „devices" jederzeit möglich ,,[to] at least eniich the [prevailing] lan-
guage by introducing new terms oi othei devices into it."(SA 20)
Fazit: wenn es vielleicht konkret auch gerade nicht det Fall sein mag, daß je-
mand auf die Nachfrage, ob seine Satzäußerung „Ich werde kommen!" als ein
Sprechakt des Versprechens gemeint war, eine eindeutige Anrwort geben kann -
weil er Ausländer ist odei weil et die Regeln det Sprache nicht gut genug be-
herrscht odet auch weil et einfach noch nicht die entsprechenden „illocutionaiy
force indicating devices" erfunden hat - , so wind es ihm - oder auch einem ande-
ren — grundsätzlich jedoch iigendwann einmal möglich sein: sodaß der vom
Sprecher inrendierte „illocutionary effect" notgedrungen beim Höret sich ein-
stellt. Wenn vielleicht auch nicht jetzt und auch nicht bei diesem Höret. Was
man meint, kann man sagen: die semantischen Regeln zut Verwendung der „il-
locutionary force indicating devices" sind da unzweideutig und ausreichend. Wei
ein Versprechen geben will, soll es tun: klai und geradeheraus. Ausreden gibt es
keine mehr.

1.2.4 Der Zweifel setzt sich durch: Jenseits der Speech Acts

Bereits in seinen ersten Arrikeln nach den Speech Acts melden sich auch bei Searle
selbsr — wenigstens systematisch — eiste Zweifel an dieser Vorstellung an, und das
aus zweieilei Grund. Zum einen, stellt er fest, gibt es durchaus Satzäußerungen,
bei denen es eine Differenz gibt zwischen „sentence meaning" und „utterance
meaning", i. e. zwischen dem, was einer sagt, und dem, was er mit diesem Sagen
meint, und diese Fälle sind solche, in denen sich besagte Differenz weder einfach
als nicht-regelgerechtet noch als unvollständige! Spiechakrvollzug abtun läßt.
Und zweitens kann kein Spiechakt, egal weichet Art, jemals veistanden weiden
ohne Annahmen, die den semantischen Rahmen dei Satzäußetung überschreiten
und die auch nicht einfach durch nachtfägliche Explizietungen des bis dato Aus-
gelassenen entsprechend semantisch vollständig gemacht weiden können. D. h. es
gibt - entdeckt Seaile - durchaus „notmale", „gewöhnliche", vollsrändig und re-
gelgerecht vollzogene Fälle von Satzäußerungen, in denen det vom Sprechet in-
tendierte „illocutionary effect" durchaus nichr der ist, den die Regeln det „sen-
tence meaning" bestimmen; und: gewöhnlicherweise wird der „illocurionary ef-
fect" einer Satzäußerung durchaus nichr von der Bedeutung des Satzes, i. e. sei-
ERSTE ZWEIFEL: EINE PHASE DES ÜBERGANGS 55

nen „illocutinaty force indicaring devices" allein besrimmr, sondern hängt ab von
Koordinaten, die die Regeln det „sentence meaning" übetsteigen. Davon, daß die
„utteiance meaning" notgediungen „entirely" von der „sentence meaning" be-
stimmt weiden wütde, kann also — schon kurz nach den Speech Acts - so keine
Rede mehr sein.
Die Überlegungen, die Searle zu solcherlei überraschendem Urteil bringen, ge-
stalten sich dabei wie folgt. Die Einschiänkung, daß es möglich ist, daß jemand -
ohne deshalb einfach einen Fehler zu begehen, i. e. herrschende Regeln falsch an-
zuwenden oder zu verlerzen - etwas anderes meint, als ei sagt, wiid augenfällig
vor allem bei der Betrachtung von Sptechakten des Typus' „indirect speech act"
bzw. seinet nahen Verwandten Ironie und Metapher. All diese Fälle, so Searle,
machen es, um verstehbar zu werden, nämlich nötig, zwischen „speaket's uttei-
ance meaning" und „sentence meaning" klat, i. e. systematisch zu unterscheiden:
„to have a btief way of distinguishing what a speaket means by utteting wotds,
sentences, and expressions, on the one hand, and what the wotds, sentences, and
expressions mean, on the othet" (ME 77). Die Idee hintet diesei Unterscheidung
ist die: Selbst mit det gemäß den Speech Acts vollständigen und regelgetechten
Äußeiung eines Satzes dei Foim „Ich verspreche Dir, daß ich kommen werde!"
(s. o.) ist es durchaus möglich - und auch üblich -, nicht bloß ein Veisptechen
zu geben, sondern zugleich noch einen anderen Spiechakt zu vollziehen: erwa
den, jemand anderen darauf hinzuweisen, wie wichtig es für einen selbst ist, zu
einet bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein (im Sinne von: „Du
kannst sichet sein: Das weide ich nicht vetpassen, dazu ist es zu entscheidend füi
mich!"); bzw. einen ganz anderen, nahezu gegenteiligen Spiechakt zu vollziehen
als den eines Veisptechens: Wenn man besagte Satzäußetung erwa dazu verwen-
det, sich übet die allgemeine Unzuvetlässigkeit lustig zu machen (im Sinne von:
„Du weißt doch: immer, wenn jemand hier sagt: ich verspreche, daß..., kannst Du
sichet sein, daß et genau das nicht tun wiid.") Solchetlei Doppelbödigkeit abet
wäre unmöglich, wenn die „utterance meaning" tatsächlich einzig von der „sen-
tence meaning" und ihren semantischen und syntaktischen Regeln bestimmt wä-
re: Denn diese legen ja - im Glücksfall, i. e. im Falle höchste! (i. e. durchschnitt-
lichste! und zugleich kteativstet) Sprecher- und Hörerkompetenz - alleihöchstens
fest, daß besagtet Satz als ein Veisptechen zu veistehen ist. Die einem gegebenen
Spiechakt virtuell jederzeit anhaftende Doppelbödigkeit des Indirekten bzw. von
Ironie odei auch veistecktet Metaphotizität verweist demnach darauf, entdeckt
Seatle, daß in dieser Art von „speech acts" „the speaket communicates to the
heaiei more than he actually says by way of telying on theit mutually shaied
backgtound infoimation, both linguistic and non-linguistic, togethet with the
general powets of tationality and inference on the pait of the heatet." (ISA 32)
Andeis gesagt: eist „mutually shaied backgiound informarion, both linguistic and
non-linguistic [Hervorhebung T. K.], togethet with the general powets of tationa-
lity and inference on the patt of rhe hearer" machen es - über den von den Re-
geln der Stftebedeutung anvisierten „illocutionaiy effect" hinaus - möglich, gege-
bene Sptechakte als die Sptechakte zu verstehen, als die sie gelten sollen - bzw.
56 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

immei auch gelten können . Das Wissen, das dazu vonnöten ist, geht dabei, das
stellt auch Seaile fesr, eindeurig „beyond rheir knowledge of lireral meanings of
words and sentences", oder anders gesagr: „The principles we seek are not in-
cluded, or at least not entitely [!], included within a theory of semantic compe-
tence as traditionally conceived." (ME 78)
Freilich - und damir sind wir bei der zweiren oben gemachten Einschränkung
- gilt diese Entdeckung, geht Searle im folgenden auf, nicht nur für die vom Ba-
zillus der Doppelbödigkeit, i. e. der Indirekrheit, Ironie odei Metaphoiizität be-
fallenen Sprechakte. Schon die Bedeutung eines einfachen, literalen und regelge-
recht vollzogenen Sprechakts wiid niemals vollständig von seinen semantischen
Regeln bestimmt, wie Seaile selbst an einem dei Hausbeispiele dei analytischen
Philosophie demonstriert: „The cat is on the mat.": „If any sentence has a cleat
literal meaning independent of any context this old philosophical chestnut ought
to be it." (LM 120) Alle indexikalischen Zweideutigkeiten - die laut Seaile klär-
bar sind - einmal ausgenommen: Auch der besagte Satz, so seine These, ist ver-
stehbat nut voi dem Hintetgtund einer Anzahl in der semantischen Sttuktui des
Satzes nicht-explizitei Annahmen. So läßt sich etwa schon die unscheinbare Prä-
position „on" nut veistehen voi dem Hinteigiund einer Reihe von Annahmen
über Gravitationsfelder, räumliche Kootdinaten usf. Wüide, gibt Seaile zu be-
denken, besagte Katze auf det Matte z. B. in einem anderen Sonnensystem als

53 Die Tatsache, daß man normalerweise versucht, die Dinge zu sagen, die man meint, ist umkehrt
freilich kein hieb- und stichfester Garant dafür, daß ein jedes Sagen nicht je auch ganz anders
verstanden werden kann: als ein indirekter Versuch etwa, etwas anderes zu sagen oder auch das
Gesagte zu ironisieren. Dieser Zug grundsätzlich unausschließbarer Ironie oder IndirektheityWer
Aussage bzw. die von Searle selbst konstatierte grundsätzliche semantische „openness" inventiver
Metaphern ist vor allem von Derrida (vgl. Derrida 1972) in seiner Austin-Lektüre eingeklagt
worden und war danach Gegenstand einer ausladenden Diskussion (erst in einer Antwort Searles,
auf die Derrida seinerseits wieder geantwortet hat (abgedruckt in Derrida 1990), dann in einer
Reihe zu diesem „Streit" Position beziehender Artikel (vgl. etwa Frank 1989)). Eingedenk der
Fülle des zu eben diesem Problem vorhandenen Materials erlaube ich mir, dazu nicht weiter
Stellung zu beziehen, sondern verweise nur auf die instruktive Zusammenfassung der sogenann-
ten Derrida-Searle-Debatte bei Uwe Dreisholtkamp (vgl. Dreisholtkamp 1998).
54 Zweierlei wird an dieser Formulierung deutlich, auf das wenigstens schon einmal hingewiesen sei:
A) die Formulierung „as traditionally conceived" läßt auf einen Kampf (griechisch: „polemos")
Searles gegen die Tradition schließen; und B) da Searle die hier gegebene Argumentationen expli-
zit nicht als eine Verschiebung oder Änderung seiner Theorie, wie sie in den Speech Acts
erscheint, versteht, sondern nur als deren weitere Ausarbeitung (selbiges gilt - bis auf eine
Ausnahme - nachher für Intentionality und die folgenden Bücher), ist der Leser der Schriften
Searles mit dem Phänomen konfrontiert, daß dieser wiederholt mit kraftvollen Universalaussagen
(„ ... are entirely determined by ...") arbeitet, denen sein eigener Text, i. e. die darin vorgestellte
Theorie zugleich widerspricht („... are not, or at least not entirely, included within a theory of
semantic competence ...").
55 Niemals? Und wie steht es um den Fall analytischer Aussagen? Nun, gewöhnlich würde das Äu-
ßern eines Satzes der Art „Alle Junggesellen sind unverheiratet!" in einer normalen Sprechsitua-
tion wohl nicht dazu verwendet, um eine Aussage über „Alle Junggesellen" zu machen; das Er-
scheinen einer Tautologie in einer durchschnittlichen Konversation kann wohl als ein „illocutio-
nary force indicating device" der Art gelten, daß jemand einen indirekten Sprechakt zu machen
versucht. (Vgl. etwa Barthes schöne Beobachtungen zur Verwendung von Tautologien in Barthes
1970, 142f.)
ERSTE ZWEIFEL: EINE PHASE DES ÜBERGANGS 57

dem unseren, d. i. einem Sonnensystem, dessen Giavitationsgesetze von den un-


seren absolut verschieden sind, durchs Gesrirn rauschen, wäre die Bedeurung der
Präposition keineswegs klai, i. e. keineswegs von unseren semantischen Regeln
eindeutig bestimmt. Woduich auch det geäußerte Satz jede Eindeutigkeit dei
Bedeutung vetlöre.
Und doch, könnte man entlang dem „principle of expressibility" einwenden,
könnten wii besagtes notwendiges Wissen übet Eidanziehung u. ä. einfach dem
Sarz beifügen (erwa durch Anhängen einer Klammer der Art „Gegebene! Satz gilt
nui auf odei nahe det Eide odei in einem vetgleichbaren Gravirationssystem"):
und schon bestimmt tatsächlich dei Satz eindeutig seine eigene Bedeutung. Selbst
in diesem Fall jedoch, meikt Seaile an, „we would still be left with an indefinite
numbei of othei contextual assumptions that we would have to deal with" (LM
123). Auch dafür gibt ei ein Beispiel als Beleg: „Suppose that the mat is as stiff as
a boatd and is stuck into the floor at an angle. Suppose the cat is dtugged into a
stupot and is placed relative to the mat in the following attitude [es folgt ein Bild,
auf dem man die Katze auf dem oberen Ende det erwa im 30 Grad-Winkel in der
Erde steckenden Matte sieht]. Does this Situation satisfy the tiuth condition of
,The cat is on the mat'?" (LM 124)
Jedet - ob wöttlich, metaphorisch, ironisch oder wie auch immer gemeinte -
Satz wiid geäußert in einet je einzigartigen Situation, deren Kootdinaten an der
Bestimmung det Bedingungen zut Festlegung dei Bedeutung det Satzäußeiung
mitwirken. Jede zusätzliche Explikation besagter Koordinaten wütde je nur wie-
der andere Explikationen nach sich ziehen, so daß „the assumptions are not
specifiable as part of the semantic content of the sentence", denn: „fitst, they [said
assumptions] are not fixed and definite in numbet and content; we would nevet
know when to stop in out specifications. And second, each specification of an as-
sumption tends to bting in othei assumptions, those that detetmine the applica-
bility of the literal meaning of the sentence used in the specification." (LM 126)
Will sagen: selbst im Fall der nicht-ironischen, nicht-metaphorischen, direkten
Äußeiung eines Satzes wie „The cat is on the mat" kann die „sentence meaning"
allein niemals eindeutig festlegen, wie bzw. als was dei Satz zu veistehen ist; jede
Satzäußeiung findet statt vot dem Hinteigtund einer Reihe von „Background as-
sumptions" bzw. ist eingelassen in eine Reihe kontextuellet Koordinaten, die an
det Bestimmung dei Bedeutung des Satzes immet mitwirken und die zugleich
doch niemals vollständig explizietbat sind. Jede noch so schlichte Satzäußeiung -
auch o. g. Äußeiung des Satzes „Ich weide kommen!" bzw. die als explizit ange-
nommenen Variante „Ich vetspteche Dir, daß ich kommen werde!" - ist damit
selbst in ihtet noch so expliziten Fotm stets einer Reihe situativet Einschränkun-
gen und Ausrichtungen ausgesetzt, die die semantische Sttuktui auch des voll-
ständigsten und tegelgetechtesten Spiechaktes nicht gänzlich in sich aufzuneh-
men imstande ist. Man denke sich nui eine Situation, in det auf dem Deck eines
itgendwo in det Aiktis untetgehenden Schiffes einer der beiden Matrosen dem
anderen noch ein letztes Geheimnis anvertraut: daß et nämlich vothatte, beim
nächsten Landgang zu heiraten, woraufhin der andere antwortet: „Ich vetspteche
58 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

Dil, daß ich kommen weide!" Hat da jemand jemand anderem ein Vetspiechen
gegeben? Oder hat ei einfach kein Versprechen gegeben? Oder auch folgende,
vielleichr etwas alltäglichere Situation: Ein Freund erzählt, ei wolle heiraten, und
fragt, ob ich bereit wäre, zu seinei Hochzeitsfeier zu kommen; ich antworte: „Ich
vetspteche Dit, daß ich kommen weide." - worauf et mich fest für das Pro-
gramm der auf drei Tage angelegten Feieilichkeiten einplant (obwohl ich ge-
wöhnlicherweise auf solche Feste nur für ein paar Srunden gehe). Hat er mein Ver-
sprechen wirklich verstanden? Oder hat er es einfach nicht odei eindeutig falsch
veistanden? Genaue! gesagt: können die Regeln zui Verwendung der „illocutio-
nary force indicaring devices" wirklich garantieren, daß dei „illocutionaiy effect",
den ich zu erzeugen intendiere, tatsächlich füf beide an det Sptechsituation Be-
teiligten identisch ist? Seaile wenigstens ist in dei Beantwortung dieser Frage, je
länger er über sie nachdenkt, desto entschiedene!: Sie kann es nicht. Denn:
„Sentence meaning radically undetdeteimines the content of what is said." (RM
181)

56 Trotz der weitgefächerten theoretischen Einwände gegen die semantische Eindeutigkeit und Ab-
schließbarkeit von Sprechakten, i. e. trotz der von Searle selbst gegen die „traditional philosophy"
ins Spiel gebrachte, stets drohende Möglichkeit von Indirektheit, Ironie oder auch einfach unter-
schiedlicher Interpretierbarkeit des Kontextes, in dem ein Sprechakt vollzogen wird, schließt Se-
arle seine Betrachtungen mit folgender Bemerkung: „For each of these examples, I want to say
that the Speaker says or can say exactely and literally what he means. There is no question of his
being ambiguous, vague, or metaphorical [...]; but these literal utterances only determine a set of
[truth] conditions relative to a set of contextual assumptions." (LM 129) Auch hier also wieder
stoßen theoretische Betrachtungen - hier: wie komplex und fragil das Erzeugen eindeutiger Be-
deutung ist - auf einen abschließenden, nicht weiter argumentativ ausgewiesenen Kraftsatz, der
schlicht das Gegenteil des gerade Gesagten behauptet: In den gegebenen Fällen sage der Sprecher
genau und wörtlich, was er meine - oder könne es jedenfalls sagen.
1.3 NEUANSATZ:
DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND

1.3.1 Von der Konvention zur Intention

Das Erkennen einer Bedeutung einer Satzäußerung, hieß es in den Speech Acts,
hänge ab vom Erkennen der Intention, mit det det Satz gesagt wotden sei. Spra-
che und ihre syntaktischen und semantischen Regeln sollten die - konventionelle
- Btücke liefein, diese Intention für den Sprecher und den Hörer gleichermaßen
zugänglich zu machen. Dies jedoch, stellt sich bei genauere! Betrachtung heraus,
hat seine Grenzen: Det Einfluß des aktuellen Kontextes, in dem ein Satz geäußert
wiid, ebenso wie die Hinteigtundannahmen, auf denen das Verständnis besagten
Sarzes aktuell je fußt, sind zu staik, um von besagten semantischen und syntakti-
schen Regeln allein ausgehen zu können, und auch zu vielfältig bzw. offen, um
jemals vollständig explizietbat zu sein. Was tun also?
Seatles Tendenz in seinen auf die Speech Acts folgenden Schriften ist, grob ge-
sagt: weg von det Sprache, ihiet Offenheit und Unzuveilässigkeit, hin zu einem
genaueren Verständnis dessen, was in Sprechern witklich vorgeht (jenen „ficti-
tious inwaid acts", wie Austin sagen wüide, inneiei Entschlußfassung (HTW
10)), wenn sie Sprache sich zum Weikzeug bestimmen, und wie, i. e. aufweiche
Weise sie veisuchen, mit diesem Weikzeug eine Veibindung zwischen sich und
dei Welt herzustellen. Schon in det Auseinandeisetzung mit Austins Übeilegun-
gen zu einet möglichen Taxonomie veischiedenet Typen von Sprechakten stellt
Seaile als deren zentrale Schwachstelle fest, daß diese zu sehr an der Sprache kle-
ben, zu sehr sich mit Aufzählungen bestimmtet Vetben oder möglicher Formulie-
rungen begnügen, statt haftete Kriterien zu suchen, Kriterien hinter besagten
Wörtern und Wendungen, die ein präziseres Identifizieren unteischiedlichei
Sprechakte möglich machen. Ein ersrer und wichtiger Schritt aus dem Dilemma
eines allzu fragilen Untetsuchungsgegenstandes ist füt Searle daher die genauere
Berrachtung dteiet Stiuktutmeikmale illokutionärer Akte, die sich seines Erach-
tens ihrem Handlungschaiaktei' - und nicht ihrer sprachlichen Form - verdan-
ken: den „illocutionary poinr" eines Sprechaktes, seine „diiection of fit" und den
„psychological State", det die „sinceiity condition" definiert. Um veistehen zu

57 Vgl. TIA 9: „Austin seems to assume that the Classification of different verbs is eo ipso a Classifica-
tion of kinds of illocutionary acts, that any two non-synonymous verbs must mark different illo-
cutionary acts. But there is no reason to suppose that this is the case." Dieser Irrtum zieht Searle
zufolge eine grundsätzliche Schiellage des Austinschen Ansatzes nach sich: „The most important
weakness of the taxonomy [of Austin] is simply this. There is no clear or consistent principle on
the basis of which the taxonomy is construed." (TIA 10)
58 Wie bereits angemerkt: Für Searle ist eine Theorie der Sprache Teil einer Theorie der Handlun-
gen, die Kategorien der letzteren damit die grundlegenderen.
60 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

können, was ein Spreche! mit seinei Satzäußeiung will, i. e. auf welchen „illocu-
tionary effect" er es beim Hörer abgesehen hat, hat dieset, dei Höiei, sich zueist
zu fragen: Was ist „the point (01 putpose) of the (type of) act" (TIA 2), den det
Sprechet vollzieht? Andeis gesagt: Worum gehr es dem Sprecher, wenn er einen
Sprechakt vollzieht, worauf will er hinaus? Noch anders gesagt: Zu welchem
Zweck setzt ei das Instiument Spiechakt ein? Stellt man diesbezüglich fest, daß
„the point ot putpose [...] is an undettaking of the speaket to do something"
(TIA 2), dann kann man davon ausgehen, daß dei Spiechei - wahrscheinlich -
einen Satz geäußert hat mit dem Ziel, ein Versprechen zu geben." Die zweite ent-
scheidende Frage, die ein Höret sich zu stellen hätte, wäre: In weichet Beziehung
stehen die geäußerten Wöttei zut Welt, i. e. geht es daium, „so to speak, to get
the wotld match the wotds" - wie erwa im Falle eines Supermarktkunden, det
mit einet Einkaufsliste durch den Laden läuft, und veisucht, die Welt sich den
Worten (seines Einkaufszettels) entsprechen zu machen; odei geht es daium „to
make the wotds match the woild" (TIA 3) - wie im Falle eines Derektivs, dessen
Auftrag es ist, besagten Käufer zu überwachen, und dei sich jeden Gegenstand,
den det Käufer in seinen Einkaufskorb legt, auf einer Liste notiert? „In these ex-
amples the list ptovides the propositional content of the illocution and the illo-
curonary force detetmines how that content is supposed to telate to the wotld. I
piopose to call this diffetence a difference in direction of fit. The detective's list
has the word-to-world direcrion of fit (as do Statements, descriptons, assertions,
and explanations); the shopper's list has the world-to-word direction of fit (as do
request, commands, vows, promises.)" (TIA 4)' Andeis gesagt: Veisucht ein
Spiechei mit seinei Satzäußeiung die Welt den Worten passend zu machen, dann
könnte dies ein weitere! Hinweis sein, daß er beabsichtigt, ein Versprechen zu
geben. Und schließlich drittens: muß man sich fragen, welcher Arr der „psycho-
logical srate" ist, dem ein Sprecher mir seinen Worten Ausdruck zu verschaffen
versuchr: Handelr es sich um einen Glauben, daß etwas det Fall ist? Odei geht es
dem Spiechei daium, kund zu tun, daß ei die Intention hat, etwas zu tun? Odet
geht es um einen Wunsch des Spiecheis, daß der Hörer etwas Bestimmtes tue?
Sollte die zweite dieset Fragen den Punkt treffen, d. h. scheint det Sprechet mit
dei Äußeiung seines Salzes zu beabsichtigen, eine Intention auszudiücken, etwas

59 Aiston verweist darauf, wie ungenau diese Formulierung Searles ist, indem er zu bedenken gibt,
daß der „point or purpose" bei einem Sprechakt wie dem des Versprechens durchaus divergieren
kann: „If the purpose is the speaker's purpose and the point is a Standard, social, institutional, or
conventional one, these may diverge. Perhaps the Standard point of making a promise is to com-
mit the Speaker to do what is promised; but my pupose in making a particular promise may be to
discomfit you." (Aiston 1991, 69)
60 Der Begriff der „direction of fit" ist sicherlich eine der gröbsten und hilflosesten Metaphern, auf
die - neben etwa der der „illocutionary force" oder des „propositional content", später des „Back-
ground" und „Network" - Searle seine Theorie gründet. Dies wird augenfällig vor allem dann,
wenn er denselben Terminus auch in seiner „philosophy of mind" verwendet: Denn die Meta-
pher ruht dort auf einer Vorstellung von Welt, die sich mit den schlichten Worten „Da Welt,
hier ich" ganz im Sinne Searles zusammenfassen läßt.
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OPMIND 61

tun zu wollen, könnte dies darauf schließen lassen, daß sein Spiechakt als ein
Veisptechen zu veistehen ist.
Auf dei Giundlage diesei drei Fragen stellt sich die Frage, wie ein gegebene!
Satz als det Vollzug eines Spiechaktes „Veisptechen" zu veistehen ist, fortan etwa
wie folgr: Zu welchem Zweck har ein seiner selbst (i. e. det ihn tragenden „psy-
chological states") und seinei Spiache mehi odet mindei bewußtei und mächtige!
Spiechei das Instiument Spiache zu gegebenem Zeitpunkt eingesetzt, i. e. auf
welche Art hat ei sich sprechend die außeihalb seiner selbsr unabhängig von ihm
existierende Weh anzueignen versucht?
Stellt man die Frage in dieser Weise, so Searle, wird deutlich, daß fortan in
philosophischen Übetlegungen zum Thema Versprechen jeder Versuch, erwas
über diesen Sprechakt auszusagen, nicht mehr bloß ein sprachphilosophisches
bzw. handlungstheoietisches Problem allein, sondern eines einet diesei vorgela-
gerten „philosophy of mind" sein muß. ,A basic assumption behind my approach
to pioblems of language is rhat the philosophy of language is a btanch of the
philosophy of mind", heißt es dahet unmißveiständlich in der Einleitung zu In-
tentionality, denn: „The capacity of speech acts to tepiesent objects and states of
affairs in the wotld is an extension of the more biologically fundamental capaci-
ties of the mind (brain) ro relate the oiganism to the woild by way of such mental
states as belief and desite, and especially thiough action and perception." (INT
vii) So gesehen, fährt et fort, erfordere „any complete account of speech and lan-
guage [...] an account of how the mind/brain relates the oiganism to reality."
(INT vii) Mentale Zustände sind die basalsten Arten, sich mit det Welt (und
damit auch mit dem anderen) in Veibindung zu setzen; Spiache ist nui ein davon
abgeleitetes Phänomen, eine Technik odet Institution, diese Arten der Welter-
schließung auszudrücken. Anders gesagt: mentalen Zuständen sind ihre „tepte-

61 Neun weitere solcher Kriterien, die zur Erforschung des Sprechakttyps, mit dem man es aktuell
zu tun hat, dienen, nennt Searle an dieser Stelle noch, weist zugleich jedoch darauf hin, daß die
ersten drei „seem to me the most important, and I will build most of my taxonomy around
them." (TIA 5) - Auf dieser Grundlage versucht er dann im folgenden zu zeigen, daß es, im Ge-
gensatz zur bei Wittgenstein unbegrenzt erscheinenden Anzahl verschiedener Sprachspiele, fünf
und nur fünf verschiedene illokutionäre Typen von Sprechakten geben kann. Dem widerspricht
Christopher New, indem er zeigt, daß der Sprechakttyp „permissive" einer ist, der von keiner der
vorgegebenen Sprechakttypen, so wie Searle sie definiert, erfaßt wird (vgl. New 1988).
62 Daß die Welt unabhängig von uns außerhalb unserer selbst existiert, ist eine Position, die Searle
„naive" or „external realism" nennt und explizit zur eigenen erklärt (seit Intentionality immer
wieder in Andeutungen und einzelnen Feststellungen; in The Construction of Social Reality wid-
met er dieser These - und der mit ihr zusammenhängenden Korrespondenztheorie der Wahrheit
- gar drei eigenständige Kapitel). Wörtlich verstanden scheint mir diese Behauptung wenig dis-
kutierenswert (vgl. dazu vor allem Zemachs Kritik, der nach einer Untersuchung der verschiede-
nen, von Searle unter der Überschrift „naiver Realismus" versammelten Behauptungen zu dem
Urteil gelangt, daß, wenn Searle sich selbst einen solchen nenne, er vornehmlich folgendes meine:
„The Naive Realist believes that we sometimes perceive objects directely, and sometimes we per-
ceive them the way they really are." (Zemach 1991, 189)) Interessanter als diese Trivialität er-
scheint mir dagegen ein bestimmter polemos, der die besagte Behauptung beseelt. Auf diesen po-
lemos wird zurückzukommen sein: Er ist unverzichtbarer Teil der Searleschen Rhetorik und da-
mit seiner Theorie (vgl. Kap.5.3.3.).
62 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

sentation capacities" - ihre Fähigkeiten, Welt darzustellen - intrinsisch, Woiten


dagegen sind diese Fähigkeiten nui - via Institution — zugewiesen. Noch anders
gesagr: Menrale Zusrände hat jeder (ist er nichr irgendwie physiologisch oder an-
derweirig davon abgehalten) sozusagen für sich, Sprache dagegen isr ein Instru-
ment, das erwächst aus der Notwendigkeit, sich und seine mentalen Zustände
anderen mitzuteilen. Kurz: „language is essentially a social phenonemon and [...]
the forms of Intentionality underlying language are social forms." (INT viii) Zu
versrehen, was es heißt, daß jemand jemandem ein Versprechen gibt, meint daher
zueist: die (sozialen) Formen der Intentionalität — Seatles Sammelbegriff für be-
sagte mich mit der Welt vetbindende psychologische Zusrände - zu verstehen,
die dabei im Spiel sind, i. e. die einen Spiechakt eist zu dem machen, was ei ist.
Wie abei etkennt man - statt „illocutionary force indicating devices" - „forms of
Inrentionality"?

1.3.2 Intentionalität mit großem „I"

Der für Searle entscheidende Zug besagter allen Sprechakten zugtundcliegendct


Intentionalität - die er klar von der Idee des „etwas intendieren" bzw. „eine In-
tention haben" „in the otdinary sense" getrennt sehen möchte - ist der der „Ge-
richtetheit": „Intentionality is directedness." (INT 3) Zustände von Intentionali-
tät zu haben heißt — laut Searle - , mentale Zustände oder Ereignisse wie Wün-
sche, Ängste, Glauben, Intentionen usf. zu haben, d. h. mentale Zustände „by
which they [said mental states and events] are direcred at ot about oi of objects
and states of affairs in the wotld." (INT 1) Im Gegensatz zu den von diesen Zu-
ständen abgeleiteten Sptechakten sind „Intentional srates" freilich „states and
events [...], not mental acts" (INT 3): mentale Zustände geschehen, stellen sich
ein, sind - und das „direkt" und „unmittelbai", wie Searle wiederholt betont - ,
im Gegensatz zu Sprechakten: die man wählen muß, aktiv gestalten nach Regeln
eines künstlich geschaffenen Systems. Strukturell gibt es gleichwohl eine große
Reihe Gemeinsamkeiren zwischen den Einheiten des direkten Zugangs zut Welt
und denen des Systems Spiache: wie „speech acts" sind auch „Intentional states"
zusammengesetzt aus zwei giundsätzlich verschiedenen Komponenten: einem
„representative content" und einem „psychological mode", d. h. einem Gehalt
und einem diesen Gehalt auslichtenden Modus.' Wie ein Sprechakr isr ein „In-

63 „Intending and intentions are just one form of Intentionality among others, they have no special
Status. The obvious pun on .Intentionality' and .intention' suggests that intentions in the ordi-
nary sense have some special role in the theory of Intentionality; but on my account intending to
do something is just one form of Intentionality along with belief, hope, fear, desire, and lots of
others." (INT 3) Um diese Unterscheidung markieren zu können, führt Searle daher die nicht
hörbare, sondern nur auf der Ebene der Schrift wahrnehmbare Schreibweise von „Intentionality"
mit großem „I" ein.
64 Vgl. INT 5: „Language is derived from Intentionality and not conversely."
65 Was hier methodisch interessant ist, ist wie Searle an seine Terminologie kommt: Er wendet all
die Begriffe und Metaphern, die er zur Beschreibung der Sprechakte eingeführt oder verwendet
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 63

tentional State" stets über etwas", odei wie Seaile sagt: „tepiesents objects and
states of affairs" (INT 11)', und dieses „etwas" bekommt eine Richtung dank des
Modus, in dem der Gehalt erscheint: Man kann glauben, daß es regnet, wün-
schen, daß es regner, hoffen, daß es regnet, usf. Auf ähnliche Weise isomoiph ist
die Art ihres je Aufgespanntseins zwischen Welt und sich selbst: Denn ebenso,
wie Sprechakte eine „direction of fit" besitzen, besitzen laut Searle auch „Inten-
tional states" eine „direction of fit". „Beliefs like srarements can be true or false,
and we might say they have the ,mind-to-woild' direction of fit. Desites and In-
tentions, on the othei hand, cannot be tiue or false, but can be complied with,
fulfilled, or carried out, and we might say that they have the ,wotld-to-mind' di-
rection of fit." (INT 8) Dank dei Getichtetheit dei „Intentional states", eine Ge-
tichtetheit, die sich aufspannt zwischen einem mind und einet Welt und die da-
bei jeweils veisucht, die eine Seite dei anderen gefügig zu machen, nur dank die-
ser ausgreifenden Bewegung zwischen voneinander getrennre Seiten - Nietzsche
würde sagen: „Sphären" - kann es zu einer Verstiickung von Ich und Welt
kommen: Intentionale Zustände sind, könnte man Seaile Metleau-Pontysch zu
übetsetzen veisuchen, unset „Anhalt an dei Welt"; Sptechakte dagegen nui det
Vetsuch, solcherlei Anhalt einen Ausdtuck zu verschaffen.
Die direkte Verstrickung von „Intentional State" und „speech act" geschieht
nun - wie schon in den Speech Acts behauptet (wenn auch dort nicht weitet ver-
folgt) - dadurch, daß jeder „speech act" einen „Intentional State" als seine not-

hat, schlicht auf das Phänomen „Intentionalität" an und stellt fest, daß sich letzteres - mit nur
leichten Verschiebungen - auch in diesem Fall gebrauchen läßt. (Vgl. INT 4-13) Dies mag eini-
germaßen seltsam anmuten, wenn man sich seiner Behauptung erinnert, Sprache sei gänzlich von
Intentionalität abgeleitet und nicht umgekehrt. Searle sieht dieses Problem selbst und versichert
daher seine Leser, daß das, was er sage, nicht das sei, was er meine: „By explaining Intentionality
in terms of language I do not mean to imply that Intentionality is essentially and necessarily lin-
guistic." (INT 5) Zu dieser Konzeption von Intentionalität nach dem Modell der Sprechakte
bemerkt Waldenfels trefflich: „Wenn die letztgenannte Voraussetzung stimmt [daß Sprache von
Intentionalität abgeleitet ist], ist das Verfahren unbedenklich, da dann der Sprechakttheorie ent-
nommen wird, was diese selbst unbewußt entlehnt hat. Stimmt die Voraussetzung nicht, so ist
das Verfahren bedenklich, weil dann nämlich die Gefahr besteht, daß außersprachliche Vorgänge
sprachlichen angeglichen werden und damit ihrer Eigenart verlustig gehen." (Waldenfels 1984,
41) Auf diese Art „Angleichung" wird weiter unten, im Rhetorikteil, noch genauer eingegangen
werden (vgl. Kap. 5.3.2).
66 Anders als Sprechakte, die nicht stets über etwas sind - wie etwa ein Gruß oder ein Ausruf- ha-
ben laut Searle „all Intentional states [...] at least some representative content, whether a whole
proposition or not." (INT 7)
67 Was aber soll es heißen, daß ein „Intentional State" etwas (ein Objekt oder einen Sachverhalt)
„represents"? „The notion of representation is conveniently vague", stellt Searle bei genauerer
Befragung des Prädikates selbst zufrieden fest: so daß er es für die Beschreibung von Sprechakten
in gleicher Weise verwenden könne wie für die von „Intentional states". Die besagte, an dieser ge-
rechtfertigt erscheinende Vagheit scheint dabei vor allem von einem schon bekannten Zirkel her-
zurühren: wenn er den Terminus „representation" verwende, so Searle, mache er damit nichts
anderes als diesen Terminus zu verwenden „in a way that all of these notions - [...] - are
explained by the theory of speech acts." (INT 12) - Zu einer kritischen Evaluierung des so ein-
geführten Begriffs „representation" aus der Perspektive der „Philosophy of Mind" siehe auch
Liedtke 1990 und Double 1984.
64 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

wendige „sinceiity condition" hat, „norwendig" in dem Sinne, daß der Vollzug
besagren Sprechakres eo ipso ein Ausdruck des mit ihm korrespondierenden „In-
tentional State" ist. Denn, so argumentiert Seaile, „it is logically odd, though not
self-contiadictoty, to perform the speech act and deny the piesence of the corre-
sponding Intentional State." (INT 9) Wie eng beide — i. e. ein „speech act" und
der „mir ihm korrespondierende" „Inrenrional srare" - mireinander verwoben
sind, zeigr sich - und hier tut sich eine theoretische Schicht von Intentionality
auf, die übet das in Speech Acts und Expression and Meaning Datgestellte grund-
sätzlich hinausweist - am deutlichsten dann, wenn es darum geht, das zu definie-
ren, was Searle ihrer beider „conditions of satisfaction" nennt. Aus deren Per-
spektive nämlich gilt: „for every speech acr that has a direction of fit the speech act
will be satisfied ifand only ifthe expressed psychological State is satisfied, and the con
ditions of satisfaction ofthe speech act and the expressed psychological State are identi-
^/."(INTlOf)
Wie ist das vorzustellen? Die „conditions of satisfaction" von Sprechakten
könnte man etwa wie folgr beschreiben: „A srarement is satisfied if and only if it
is ttue, an otdet is satisfied if and only if it is obeyed, a piomise is satisfied if and
only if it is kept, and so on." (INT 10) Selbiges gilt nun laut Seatle auch für die
diesen Sprechakten korrespondierenden „Inrenrional states": „My belief will be
satisfied if and only if things are as I believe them to be, my desites will be satis-
fied if and only if they aie fulfilled, my intentions will be satisfied if and only if
they aie cattied out." (INT 10)' D. h. det Gehalt eines „Intentional State" legt
fest, was als seine „conditions of satisfaction" zu gelten hat; und: soll ein Spiech-
akt Ausdruck eines bestimmten „Intentional State" sein - was jedei Spiechakt via
„sinceiity condition" notgediungen sein muß - , dann sind damit zugleich die
„conditions of satisfaction" des dem besagten „Intentional State" korrespondie-
tenden Spiechaktes festgelegt. Anders gesagt: Die Bedingungen (und damit die
von diesen Bedingungen abgeleiteten semantischen Regeln), die bestimmen,
wann ein Spiechakt als erfüllr gelten daif (und wann nicht), verdanken ihre
Stiuktui (i. e. die Stiuktui, die sie autorisiert) den „conditions of satisfaction" det
„Intentional states", die in dem jeweiligen Spiechakt zum Ausdruck — man

68 So gesehen ist das natürlich unbestreitbar. Die Frage ist nur: Was hilft es mir zu wissen, daß es
„logically odd" ist, wenn jemand mir ein Versprechen macht und es doch nicht ernst meint? Gibt
mir dieses Wissen irgendeine Form von Gewißheit, daß jemand meint, was er sagt? Anders ge-
fragt: Welche lebensweltliche Relevanz bzw. argumentative Autorität besitzt die hier angeführte
„logic"?
69 Anders als in den Speech Acts, in denen der Sprechakt „Versprechen" als gelungen zählen durfte,
wenn der Sprecher es vermocht hat, sich durch den Vollzug des Sprechaktes glaubhaft selbst auf
eine zukünftige Handlung zum Vorteil eines Dritten zu verpflichten, wird - intentional betrach-
tet - diese Selbstverpflichtung plötzlich zweitrangig: Was vornehmlich zählt, ist, ob die von ei-
nem Sprechakt ausgewiesenen „conditions of satisfaction" erfüllt werden oder nicht — was in be-
zug auf das Versprechen bedeutet, „my intentions will be satisfied iff they are carried out." Auf
die Bedeutung der damit einhergehenden theoretischen Verschiebung wird weiter unten noch
etwas genauer eingegangen werden (vgl. Kap. 4.6).
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 65

könnte auch sagen: zum Wort - kommen sollen . Die Bedeutung dei Satzäuße-
iung - und die zu generieren bzw. zu veistehen breitet Searle seine Theorie ja aus
- definiert sich damit fortan zuerst und voi allem übet „speaket's meaning" (INT
161) , genauei: die Stiuktui dei det Satzäußeiung zugtundeliegenden Intentio-
nalität, denn: „The Intentionality of the mind not only cieates the possibility of
meaning, but limits its forms." (INT 166; vgl. auch INT 175) Das soll nicht hei-
ßen, daß es schlicht eine Bedeutung Intentionaler Zusrände gibt, die der Satz je
reproduziert: „'Meaning' is a norion that liteially applies to sentences and speech
acts but not in that sense to Intentional states." (INT 28; vgl. auch INT 161)
Sondern dies soll einzig darauf verweisen, daß die Bedeutung von Sätzen nui
dann zu veistehen ist, wenn man weiß, wie die „conditions of satisfacrion" erfüll-
bar sind, die die Intentionalität det Äußeiung von Lauten hat zuweisen können,
odei andeis gesagt: welche „form of Intentionality" einei geäußerten Bedeutung
zugiundeliegt.

1.3.3 Der Kontext: „Network" und „Background"

Berrachtet man die Stiuktui odet Foim diesei allen Sptechakten zugtundeliegen-
den Intentionalität nun etwas eingehende!, dann, so Seaile, stellt man schnell
fest, daß man mit dem bisherigen analytischen Instiumentatium zui Bestimmung
von Sptechakten immer schon zu kurz greift, genauei: es neuei, dem neuen ana-
lytischen Zentium - Intentionalität - angemessenei Tetmini bedaif. Die Not-

70 Bar-Elli zeigt (in Bar-Elli 1994), daß der Begriff „conditions of satisfaction" bei Searle an einem
nicht unproblematischen paradigmatischen Fall - dem nämlich der Wahrheitsbedingungen eines
Behauptungssatzes - orientiert ist. Dieser freilich, so Bar-Elli, sei alles andere als klar bei Searle:
denn es gebe mindestens zwei Lesarten (eine intensionalistische und eine extensionalistische) und
diese führten je zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Die eine (extensionalitische) Lesart bes-
age, daß „the truth conditions of a sentence are the conditions for its truth — however these condi-
tions are conceived." (Bar-Elli 1994, 68) Die intensionalistische Variante dagegen gehe davon aus,
daß „it is not just the truth conditions, but a particular way of conceiving them, which is explica-
tive of the sense of the sentence." (ibid., 69) Da sich Searle nicht klar für eines der beiden Mo-
delle entscheide, bleibe auch der Begriff „conditions of satisfaction" stets zweideutig: Denn auch
bei diesen sei nie klar, ob diese Teile oder Charakteristika der Welt (im Sinne von: „the thing re-
quired"), oder aber Teile oder Charakteristika des „representional System" seien, im Sinne von:
der mentalen Zustände dessen, der etwas glaubt, behauptet usf. (69ff) Gerade in bezug auf das
Versprechen zeigt sich, wie prekär diese Unentschiedenheit Searles ist: Hängt ein erfülltes Ver-
sprechen ab von einer Tatsache in der Welt, oder aber von intentionalen Haltung dessen, der et-
was versprochen hat? Darf mein Versprechen als erfüllt gelten, wenn „etwas" geschehen ist, oder
wenn ich glaube, daß es erfüllt ist? - Auch Vermaezen (in Vermaezen 1998) versucht, Klarheit in
den Begriff „conditions of satisfaction" zu bringen, indem er die verschiedenen Verwendungswei-
sen Searles betrachtet und kommt zu dem noch radikaleren Urteil: „My principle claim [is] that
no general notion of conditions of satisfaction can be drawn from Searles text." (Vermaezen
1998,266)
71 Obwohl er auch diesmal - wie schon in den Speech Acts - seinen Ansatz explizit von dem Grice'
unterschieden wissen möchte, ist doch deutlich, daß Searle hier einen Schritt auf diesen zugeht:
in seinem Rückzug von der Gradwanderung zwischen Intention und Konvention (s. o.) auf „spe-
aker's meaning", bzw. „Speakers intention".
66 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

wendigkeit eines solchen neuen Vokabulais hatte sich dabei schon früh angekün-
digt: Schon bei der Abgrenzung von metaphorischer und lireraler Bedeutung
hatte Searle - wie oben dargestellt - entdeckt, daß bei jeder Art von Sprechakt
„the speaket communicates to the heatet more than he actually says by way of
telying on theii mutually shaied backgtound Information, both linguistic and
non-linguistic, together with the general powets of rationality and inference on
the pait of the heatet." (ISA 32) D. h. schon in det letzten Phase seinei rein
sprachtheoretischen Überlegungen harre Searle einsehen müssen, daß beide in ei-
ner Sprechsituation vernetzten Sprechet immet schon sprechend - wenn sie je ei-
nen bestimmten Spiechakt-Type in einer je singulären Situation in einem
Sptechakt-Token aktualisieren - auch auf ein Wissen aufbauen, das „beyond their
knowledge of literal meanings of words and senrences" (ME 78) weisr. Diese Art
sptachexteinet Vernetzungen - die Austin und auch dei Seaile det Speech Acts
noch grob unrer dem Stichwort „context" zusammengefaßt hatten - zui Bestim-
mung det Bedeutung einet Satzäußerung unterteilt Seaile auf det Giundlage det
in Intentionality ausgebreiteten Theorie in (mindestens) zwei untetschiedliche
Typen: die „Background assumptions", die jedef Spiechei zum Veiständnis des
Satzes immei schon mit in die aktuelle Spiechsituation mitbringt; und das „Net-
work" von „Intentional states", in das dei im Spiechakt je zum Ausdtuck kom-
mende „Intentional State" immei schon eingeflochten ist. Intentionalistisch
gesagt: „An Intentional State only deteimines its conditions of satisfaction - and
thus only is the State it is — given its position in a Network of other Intentional
states and against a Background of practices and pieintentional assumprions that
are neither themselves Intentional states nor are rhey parts of the conditions of
satisfaction of Intentional states." (INT 19)
Seatles Beispiel, mit dem er dieser Annahme Plastizität vetschafft, ist das fol-
gende: Man srelle sich den Moment voi, in dem Jimmy Cattei zum eisten Mal
den Wunsch formuliert hat, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu
werden. I. e. er har zu sich selbst - „wordlessly and with fieice resolve" - gesagt:
„Ich möchte Präsident der Vereinigren Staaten von Amerika weiden", was einet
ganz bestimmten neuronalen Konfiguration in einem bestimmten Teil seines
Hirnes entsprach. Nehmen wii weitet an, die genau identische neuronale Kon-
figuration tauche im Hirn eines Sreinzeit-Menschen vor tausenden von Jahren in
einet kleinen Jägei-und-Sammler-Gesellschaft auf, so daß sich dieser plötzlich mit

72 Diese Beschränkung des Kontextes vor allem auf die „Background assumptions" und „capacities",
die ein Sprecher je in eine konkrete Sprechsituation mitbringt bzw. das „Network" Intentionaler
Zustände, in das eingewoben der je dem Sprechakt zugrundeliegende Intentionale Zustand ist,
zeigt schon die immer stärkere Fokussierung Searles auf den Sprecher und dessen Welt. Nicht
nur die „Brücke" Konvention, sondern jede nicht direkt mit dem Sprecher verbundene externe
Koordinate der „total speech Situation" (Austin) verliert immer mehr an Gewicht. Anders gesagt:
Searles Sprecher werden immer einsamer, monadenhafter.
73 Intentionale Zustände sind, wie wir wissen, laut Searle realisiert in (und verursacht von) den
Strukturen des Hirns. Vgl. INT 16: „Intentional states are both caused by and realized in the
structure of the brain." Zu einer genaueren Erläuterung, wie dieser Satz zu verstehen ist bzw. in-
wiefern dies ein Beispiel von „biologischem Naturalismus" ist, siehe: INT 262ff
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 67

der Satzäußeiung: „Ich möchte Präsident det Vereinigten Staaten von Amerika
werden" wiederfände. In diesem zweiten Fall nun, so Seaile, wütden wit trotz-
dem nicht sagen, dei Steinzeit-Mensch habe den Wunsch, Präsident det Verei-
nigten Staaten von Amerika zu weiden. Denn: „Intentional Contents do not de-
rermine theii conditions of satisfacrion in Isolation" (INT 66), d. h. „they do not
fiinction in an independent ot atomistic fashion, for each Intentional State has its
content [...] only in relation to numerous other Intentional states." (INT 141)
Konkret gesagt: Um den Wunsch haben zu können, Präsident der Vereinigten
Staaten von Amerika zu werden, bedarf es z. B. des Glaubens an besrimmte in-
stitutionelle Tatsachen wie: daß die Vereinigten Staaten eine Republik sind; daß
es in dieser Staatsform eine Regierung gibt, dei ein Präsident voisteht; daß es
Wahlen gibt, in denen diese Präsidentschaft beschlossen wird: „and so on indefi-
nitely (but not infinitely)" (INT 20) . Abet auch: ist ein solchet Wunsch ver-
bunden mit anderen Wünschen (wie etwa dem nach Machr, Anerkennung usf.),
Intentionen (erwas zu ändern im Staate, eine gerechtere Welt zu schaffen usf.),
Ängsten, Hoffnungen usf.
Dieses „Netwoik" Intentionalei Zustände, dessen Vernetzungen und Verwei-
sungen erst den je einzelnen „Intentionalen Zustand" möglich machen , ruht
nun, in Seailes Voistellung, selbst auf einem „bediock of mental capacities that
do not themselves consist in Intentional states (repiesentations), but nonetheless
form the pteconditions for the funcrioning of Intentional states." (INT 143)
Diese Fähigkeiten am Grunde aller Vernetzungen „Intentionalei Zustände"
nennt Seaile „the Backgtound": „The Backgtound is a set of nonreptesentational
mental capacities that enable all repiesenting to take place." (INT 143) Will sa-
gen: Sptechakte tuhen auf Intentionalen Zuständen, die als Intentionale Zustän-
de nie vereinzelt, sondern immei nui eingewoben in ein vielschichtiges Netz än-
deret Intentionalei Zusrände auftreten, ein Netz, das seineiseits wiedeium seine
Existenz einem Set nicht-Intentionalei Fähigkeiten, genannt „the Background",
vetdankt. Kutz: „We do have Intentional states, some conscious, many uncon-
scious; they foim a complex Netwoik. The Netwotk shades off into a Back-
gtound of capacities." (INT 151)

74 Was mag das heißen, daß etwas unbestimmt, aber nicht unendlich weitergeht? Woher weiß ich,
daß, wenn etwas unbestimmbar ist, wie weit es weitergeht bzw. daß es trotzdem endlich ist?
75 Das Wort „Network" setzt sich, laut Webster, zusammen aus den Bestandteilen „net" und
„work", wobei ersterer, „net", als ein „lacelike fabric with a uniform mesh" bzw. „a piece of
meshed fabric" beschrieben wird. Die Nähe des englischen „network" zum lateinischen „textus",
das ebenfalls „Gewebe" oder „Geflecht" bedeutet, ist dabei unübersehbar. Daraus ergibt sich eine
Searle selbst vielleicht überraschende Verwandtschaft: „Ce qui fonde le texte", begründet Roland
Barthes den strukturalistischen Rückgriff auf die Text-Metapher, „ce n'est pas une structure in-
terne, fermee, compatisable, mais le debouche du texte sur d'autres textes, d'autres codes, d'autres
signes ; ce qui fait le texte, c'est l'intertextuel." (Barthes 1985, 332) Daran zeige sich, fährt
Barthes später fort, daß „la metaphore textuelle que nous venons d'employer n'est pas fortuite.
L'analyse textuelle demande en effet de se representer le texte comme un tissu [...], comme une
tresse de voix differentes, de codes multibles, ä la fois entrelaces et inacheves." (Ibid., 358)
76 Waldenfels versucht Searles Intuitionen wie folgt zu übersetzen: „Der Hintergrund ist der Inbe-
griffexterner Erfüllungsbedingungen, die notwendig, aber nicht hinreichend sind dafür, daß un-
68 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

Dieset „Backgtound of capacities" läßt sich laut Seaile dabei grob in zwei
Schichten zeilegen: den „local Backgtound" - also alles das, was man als je be-
sondere kulturelle Praktiken einet Sprechelgemeinschaft ansehen könnte, wie:
„opening doois, drinking beer from bottles, and some preintentional stance we
take towaids such things as cais, tefrigerators, money, and cockrail parties" (INT
144) - und den „deep Background", der laur Searle solche Fähigkeiten umfaßt
„that are common to all noimal human beings in viitue of their biological
makeup - capacities such as Walking, eating, grasping, perceiving, recognizing,
and rhe preintentional stance that takes account of the solidity of things, and the
independent existence of objects and othet people." (INT l43f.) Untetschiede
im lokalen „Backgtound" machen es schwierig, von einer Kultur oder Sprache in
eine andere zu übersetzen; „The commonality of deep Background makes it pos-
sible at all." (RM 194) Beide Arten von Fähigkeiten sind für Searle dabei „em-
phatically not a System of tules", denn: „Rules aie not self-inteipreting." (RM
193) „Background capacities" sind im Gegenteil selten voll ausgeatbeitete Theo-
rien, oft wedet bewußt noch je gai bewußt expliziett worden - sei es nun in Form
einer Regel oder auch in einer anderen Weise - , sondern schlicht die Fähigkeiten
und Annahmen, mit denen und dank detet man sich immei schon in det Welt
bewegt. Ihi Status ist nicht det einet wahren odet falschen Hypothese über das
So-Sein der Dinge, sondern eher die Bedingung der Möglichkeir solcher Hypo-
rhesen: Sie sind Haltungen der Welt gegenübei und Fähigkeiten, mit denen diese
Haltungen das Veihalten eines Körpers regieren. So etwa die besagte Annahme
übet den Aggiegatzustand dei Dinge. „What is the essence of the commitment
involved [in the proposition that objects aie solid]? At least this: I cannot, con-
sistently with my behavioi, deny that proposition. I cannot, while sitting in this
chaii, leaning on this desk, and testing my feer on this floor, consistently deny
that objects are solid, because my behavior piesupposes the solidity of these
things." (RM 185) „Background assumptions" sind auf diese Weise weniget

sere intentionalen Zustände gelingen. Extern sind sie, weil sie nicht durch den intentionalen Ge-
halt festgelegt werden." (Waldenfels 1984, 46)
77 „Normale menschliche Wesen" sind damit nicht mehr: Blinde, Rollstuhlfahrer, Epileptiker,
Menschen, die sich als eins begreifen mit den Dingen oder auch die Dinge als eine Ansammlung
bewegter Moleküle ansehen, Menschen, die das, was Searle „naiven" oder „externen Realismus"
nennt, nicht akzeptieren usf. Und: Unterschiede der Essenskultur - man denke nur an Levi-
Strauss' Untersuchungen zur Semiotik der Speisen - haben nach der obigen Feststellung für
Searle keinen Einfluß auf den sozialen Raum: Essen gehört zum „biological makeup" aller Men-
schen, wie sie dies tun, ist unerheblich.
78 Diese Eigenschaften von Regeln, sich nicht selbst zu interpretieren, sondern zu dieser Interpreta-
tion immer eines wie auch immer gearteten „homunculus" zu bedürfen, der gegebene Regeln auf
einen aktuellen Fall überträgt, ist Searles Hauptargument gegen das Pathos der Nüchternheit in
den Kognitionswissenschaften. Vgl. vor allem: RM 220ff.
79 Was meint hier „können"? Natürlich „kann" man Objekte z. B. auch als gasförmig beschreiben -
nicht nur fremdländische, primitive und zurückgebliebene Schamanen, sondern auch „normale",
„gesunde", „gebildete" Physiker, heißt es, sind durchaus versucht, dies zu tun - und sich völlig
konsistent mit dieser Beschreibung verhalten: wenn man etwa davon ausgeht, daß die Dichte die-
ser Gasförmigkeit hoch genug ist, die Dichte der Atomansammlungen, die meinen Körper aus-
machen, zu tragen.
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 69

Thesen übet die Welt als vielmehi die immei schon mitgebrachten und ange-
wendeten Bedingungen dei Möglichkeit füi jede Art von Wahrnehmung,
Handlungen (inklusive Spiechhandlungen) und auch Bewußtsein, d. h. alle die
Prozesse, mit denen und dank detet ein „mind" sich eist mit eben jenei Welt in
Veibindung setzt. Das heißt freilich zugleich: Man kann ihtet - besagtet „Back-
ground assumprions" - umgekehrt nur gewahr werden im Augenblick des
Geschehens solcher Prozesse: ,,'The Background' does not name a sequence of
events that simply occut; tathet the Background consists of mental capacities,
dispositions, stances, ways of behaving, know-how, savoit faire, etc., all of which
can only be manifest when there aie some intentional phenonema, such as an in-
tentional action, a peiception, a thought, etc." (RM 196) Will sagen: Det „Back-
gtound" ist nicht etwas, was immei schon da ist und dann u. a. in det Intentio-
nalität unsetet Weltetschließung je zur Anwendung kommt; sondern die Existenz
des „Backgtound" ist unbedingt gebunden an das Ereignis det Anwendung, an
das Geschehen von Intentionalität: Wei nie den Drang gehabt hat, etwas zu
zeichnen, wird nie wissen, ob er dazu die Fähigkeit besitzt; wei nie jemandem et-
was hat veisptechen wollen, weiß nichts von seinei Fähigkeit und Möglichkeit,
ein Veisptechen zu geben, geschweige denn, es zu halten.
Wie weitgefächert man sich ein solches Funktionieren det immei schon unse-
ren Transfer mit dei Welt bestimmenden „Background assumptions" und „stan-
ces" konkret vorzustellen hat, demonstriert Seatle an einet Reihe ganz untei-
schiedlicher Züge unserer Wellwahrnehmung: A) „All non-pathological forms of
consciousness are experienced under the aspect of familiarity." (TCS 133) Dabei
insistiert ei explizit darauf, daß dieses Wahrnehmen det Dinge oder Verstehen
von Sätzen untei dem Gesichtspunkt des Bekanntheits- oder Vertrautheitsgiades
bestimmtet Züge an ihnen kein „act of inteipretation" sei: „I want to say we
noimally just see an object ot undetstand a sentence, without any act of intei-
pretation." (TCS 134) „Backgtound"-Fähigkeiten anzuwenden heißt für Searle
nicht: einen Akt zu vollziehen zusätzlich zu dem, was ohnehin immer schon pas-
siert; sondern sie eröffnen und bestimmen das Feld, inneihalb dessen für uns
überhaupt etwas geschieht bzw. inneihalb dessen wit handeln. B) „Tempotally
extended sequences of expeiiences come to us with narrative or dramatic shape.
They come to us undet what fot want of a bettet woid I will call ,dramatic' cate-
goties." Wenn ich etwas wahrnehme, nehme ich gewöhnlich nicht einfach ein-
zelne Dinge wahr, sondern lokalisiere diese innerhalb eines bestimmten Szenarios,

80 Es sind vor allem zwei Gründe, die Waldenfels daran zweifeln lassen, ob „Background" und
„Network", so wie Searle sie vorstellt, zur Erklärung von Wahrnehmungen und Handlungen tat-
sächlich ausreichen: „1. Welche Überzeugungen, Wünsche, Kenntnisse und Fertigkeiten jeweils
abgerufen werden, hängt wenigstens teilweise davon ab, wie das Wahrnehmungsfeld organisiert
und die Situation bestimmt wird. Damit ist eine aktuelle Organisations- und Selektionsleistung
vorausgesetzt. 2. Neuartige Erfahrungen lassen sich nicht restlos erklären mittels vorgängiger Er-
fahrungen und vorhandener Fähigkeiten, weil hier neue Maßstäbe gefunden und nicht bloß an-
gewendet werden. Es gibt Fälle, wo Erfüllungsbedingungen selber auf dem Spiel stehen. Läßt
man dies außer acht, so kommt es zu einer hoffnungslosen Konventionalisierung von Wahrneh-
mungen und Handlungen." (Waldenfels 1984, 47)
70 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

das einen Erwaitungshotizont aufspannt: Szenarios, die geprägt sind von Erzäh-
lungen, „television, movies, and teadings." (TCS 135) C) „Each of us has a set
of motivational dispositions, and these will condition the stiuctuie of out expeti-
ences." Votlieben und Neigungen für besrimmte Themen, Bereiche odet auch
Alten von Gegenständen prägen die Wahrnehmung: Jemand, dei vornehmlich an
Football, Schachspielen und Angeln interessiert ist, wiid die Welt um sich heium
andeis wahrnehmen als jemand, dessen Hauptaugenmeik dem Bereich des Politi-
schen, dei Malerei und dei unendlichen Offenheit von Sprache gilt. D) „The
Backgtound capacities facilitate certain kinds of readiness." (TCS 136) In jede
Situation, in die ich mich begebe, begebe ich mich mit einer bestimmten Erwar-
tungshaltung: In Skigebieten kommt mir die Begegnung mit Menschen mit
Btettetn untei den Füßen dutchaus wenig beachtenswert voi, was sich in einet
Bank odet einem Votlesungssaal anders darstellen wütde. E) „The Background
disposes me to certain kinds of bevavior." (TCS 136) Searles Beispiel dafür: Über
bestimmte Witze lache ich, übet andere nicht; ich spreche gewöhnlich in einet
bestimmten Lautstätke, stehe gewöhnlich in einet bestimmten Entfernung von
anderen, wenn ich mit ihnen rede, usf. Kurz: Wer immer spricht, handelt, wahi-
nimmt usf., tut dies in Akten Intentionalei Getichtetheit, die ausgelichtet sind
von einem Set ganz unteischiedlichei, lokal und individuell je vaiiieiendei
„mental capacities, dispositions, stances, ways of behaving, know-how, savoii fai-
re, etc." - aus sich, i. e. unabhängig von einem solchen Set macht wedet eine
Wahrnehmung noch eine Handlung Sinn, kann ein Satz Bedeutung wedet in
sich aufnehmen noch mitteilen.

81 Dieser Verweis Searles auf die Kraft narrativer Strukturen bei der Wahrnehmung mutet seltsam
an: Gibt es doch kaum einen Feind, den Searle vehementer bekämpft als all die Theoretiker, die
rhetorische oder poetologische Kategorien zur Erklärung der Erfahrung von Welt bemühen. Wie
es trotzdem zu einer solchen Feststellung wie der obigen im Werk Searles kommen kann, wird
einsichtig, wenn man einen Blick in den Sammelband Searle and his Critics (vgl. Lepore/Van
Gullick 1991) wirft: Carol Fleisher Feldman, eine ehemalige Schülerin Searles, arbeitet dort (in
Fleisher Feldman 1991) nämlich - freilich auf der Grundlage von und unter ausdrücklicher Be-
stätigung der Theorie Searles - die Idee aus, daß intentionale Handlungserklärungen oft narrati-
ven, textuellen Schemata folgen.
82 Und auch hier wieder schließt Searle, nachdem er gezeigt hat, in welch mannigfaltiger Abhängig-
keit das Verständnis eines Satzes oder die Wahrnehmung einer Sachlage steht und wie mit jeder
zusätzlichen Abhängigkeit von solchen sprechaktexternen Koordinaten die Übersetzung von einer
Kultur oder Sprache in eine andere immer schwieriger wird, mit der Feststellung: „The discovery
of the Background shows only that a certain philosophical conception was mistaken. It threatens
no aspect of our daily life, including our theoretical daily life. That is, it does not show that
meaning and intentionality are unstable or indeterminate, that we can never make ourselves un-
derstood, that communication is impossible or threatened; it merely shows that all of these func-
tion against a contingendy existing set of Background capacities and practices." (RM 191)
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND ~] \

1.3.4 „Intention" und „action"

Übet die Intentionale Vernetzung und deren Abhängigkeit von nicht-Inten-


tionalen Fähigkeiten und Einstellungen hinaus hat sich mit dei Einführung der
Idee einer generell Sprechakten zugiundeliegenden Intentionalität zugleich die
Intentionalität des einzelnen Sprechaktes auf gewisse Weise vetdoppelt: „There is
a double level of Intentionality in the petformance of the speech act. There is fiist
of all the Intentional State expressed, but then secondly there is the intention, in
the otdinaty and not technical sense of that wotd, with which the utteiance is
made." (INT 27) Etwas sagen, hatte schon Austin entdeckt, ist: etwas tun; etwas
tun, fügt Seaile dem hinzu, heißt: die Intention haben, dies zu tun, denn: „There
aie no actions without intentions." (INT 82) D. h. bestimmte Wotte zu äußern —
etwa: „Ich veispteche Dir, daß ich kommen werde!" — heißt: etwas mit dieset
Äußeiung zu unternehmen - im Glücksfall: ein Versprechen geben -; etwas tun -
wie die Gabe eines Veisptechens - heißt: eine Intention zu haben: etwa jeman-
dem eine Freude bereiten wollen, jemanden auszeichnen wollen, sich an diesen
jemand binden wollen usf. Andeis gesagt: Im größeren Rahmen einet jedei
Sptachphilosophie vorgelagerten Intentionalitatsphilosophie ist eine Sprech-
handlung Versprechen nicht mehr bloß Ausdruck eines „Intentional State" -
nämlich dem, daß jemand intendiert, einen zukünftigen Akt A zum Vorteil eines
anderen zu vollziehen - , sondern dem Ausdiuck dieses „Intentional State" liegt
selbst noch einmal eine Intention zugrunde: womit es fottan — im Bereich det
Theotie — ein Warum des Veisptechens gibt, das Veisptechen mehi ist als ein sich
selbst vollziehendes Regelwetk.
Um diese Beziehung von Handlung zu Intention genauei zu veistehen, be-
ginnt Seatle seine Überlegungen mit einet für ihn unverzichtbaren Unteischei-
dung: der zwischen einer „intention in action" und einet „ptiot intenticn".
Nimmt jemand sich voi, jemand anderem ein Veisptechen zu machen, wäre die
„ptioi intention" eben die, die mit dem Entschluß des ein Vetsptechen-Geben-
Wollens sich formiert, während die „intention in action" diejenige ist, die wäh-
rend des Vollzugs des Sprechaktes am Werk ist. Odei auch: Wenn ich sage: „Ich
vetspteche Dil, daß ich kommen weide!", habe ich damit - vom Zeitpunkt des
Erfüllens dieses Versprechens gesehen - der „prior inrention", kommen zu vol-
len, Ausdtuck vetliehen, während im Prozeß des Erfüllens des Versprechens eine

83 Es ist ein wenig schief, wenn Searle hier von einem „double level of Intentionality" spricht: h it er
doch selbst explizit zwischen Intentionalität im „ordinary sense" und der allgemeinen Intentiona-
lität, von der er spricht, klar zu trennen aufgefordert, eine Trennung, die er jetzt ohne große Not
wieder aufhebt. Seine eigene folgende Darstellung des Zusammenhanges von Intention und
Handlung schillert in dieser ungeklärten Doppeldeutigkeit: wie die Wahrnehmung so soll auch
Handlungen eine grundlegende, sie definierende Intentionalität (im umfassenden Sinne) be-
stimmen - wodurch seine Handlungstheorie sich nahtlos in seine Intentionalitatsphilosophie ein-
zufügen scheint - , gleichzeitig aber geht es in Searles Darstellungen zu dem Thema ausschließlich
um Intentionalität im landläufigen Sinne: jemand intendiert, etwas zu tun. Es ist demnach eine
von Searle selbst vorher gebrandmarkte Homonymie, die hier für die Einheit der Theorie zu sor-
gen hat. Genaueres zur Funktion der Homonymie in Searles Texten, siehe Kap. 5.3.2.
72 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

„intention in action" am Weike ist. So gesehen ist leicht einsehbai, waium ftit
Seaile die „intention in action" die fundamentalere det beiden ist, denn: „All in-
tentional actions have intentions in action but not all intentional actions have
piioi intentions." (INT 85) Jedei Entschluß, etwas zu tun, muß, um wirklich
zum Vollzug zu kommen, von einer „intention in action" dann auch vollzogen
weiden; nicht jede „intention in action" dagegen bedarf einet „piioi intention":
Wenn ich plötzlich jemanden schlage, kann dies duichaus ohne Votsatz gesche-
hen, nie abet ohne „intention in action"; wenn ich ein Auto fahre, schalte ich
dutchaus intentional von einem in den anderen Gang (d. h. die Bewegung des
Schaltens ist als Bewegung intentional, nicht einfach das arbiträre Geschehen von
etwas), tue dies aber gewöhnlich, ohne jeweils vorher eine bewußte „prior inten-
tion" zu fassen: „I jusr act." (INT 84)
Jede dieset für eine Handlung unverzichtbaren „intentions in action" zerfällt
laut Searle dabei selbst notgedtungen wieder in zwei Teile: einen intentionalen
Teil und den Teil der „conditions of satisfaction" dieses intentionalen Teils, ge-
nauer: die faktische, körperliche Bewegung, die als Erfüllung besagtet „conditions
of satisfaction" gilt. Den intentionalen Teil nennt Searle die „experience of
acting": Jemand, der auf eigenes Geheiß seinen Arm hebt, erfährt den Akt des
Armhebens als intentional, sein Handeln ist „beseelt" sozusagen von seinet In-
tention . Die Tatsache, daß det Atm dann tatsächlich hochgeht, ist die „conditi-
on of satisfacrion" besagtei „intention in action", deren Eifüllen er - der Armhe-
ber - als Erfüllen seiner Intention erlebt. Anders gesagt: „The expeiience of acting
is a presenration of its conditions of satisfaction" (INT 88) , bzw. det Akt selbet,

84 Zu dieser Art von Argumentation merkt Vermaezen an: „We might be skeptical of this argument
in two respects. First, it may be that the intention that makes each intentional action (or action
done with further intention) intentional is a prior intention, but not prior by very much, and
neither deliberated about enough to Warrant saying that it was formed, nor elaborate enough to
Warrant calling it a plan or part of a plan, nor reflected enough to Warrant saying one has given it
a thought. For if it is not prior, and yet is to be a cause of the bodily movement that partly con-
stitutes the action, it looks as if it must be simultaneous with the bodily movement, so that Searle
will have to say something in extenuation of invoking simultaneous causation. Second, we might
question whether subsidiary intentional actions, on the one hand, and actions done with a further
intention, on the other, really require attendant intentions directed (speaking loosely) at those
very actions. [...] More than one writer has claimed that what is involved in acting with a further
intention is just having a goal that one thinks will be served by this action, so that acting with a
further intention is more or less assimilated to the case of unreflectively performing an action
subsidiary to a larger, prior-intended action." (Vermaezen 1998, 273)
85 Es klingt irreführend, wenn man - wie Searle selbst bisweilen - Handlungen und Intentionen in
der eingenommenen theoretischen Perspektive als zwei separate Entitäten beschreibt, die zuein-
ander in Beziehung stehen; die Beziehung ist, wie Searle selbst sagt, eine „intimate connection":
„An action is a composite entity of which one component is an intention in action." (INT 107)
86 Wobei der Versuch herauszubekommen, ob und welche Intentionalität in einer Handlung am
Zuge ist, sich laut Searle folgender Methode zu bedienen hat: „One identifies the Intentionality
by its conditions of satisfaction." (INT 93)
87 Den Begriff der „presenration" hatte Searle im Zusammenhang mit der Intentionalität der
Wahrnehmung als einen Abgrenzungsbegriff zu dem der „representation" eingeführt. Wahrneh-
mung, so sein Argument, definiert sich, wie alle Intentionalen Zustände, über die ihr je spezifi-
schen „conditions of satisfaction", doch ist sie mit diesen auf eine andere Weise verbunden als
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 73

i. e. das Faktum des sich hebenden Atmes, die Erfüllung besagtet „conditions".
Da det eigentliche Akt und die am Weike befindliche Inrentionalität derart eng
miteinandet vetbunden sind, nennt Seaile „intentions in action" gtundsätzlich
„causally self-referential" (INT 85): Denn es gehört mit zu den „conditions of sa-
tisfaction" einet „intention in action" nicht nui, daß det intendierte Akt tatsäch-
lich geschieht - jemand anderes könnte meinen Arm hochheben, i. e. die Tatsa-
che des sich hebenden Arms wäre erfüllt, gleichwohl nicht die „conditions of sa-
tisfaction" dei „intention in action" - , sondern auch und voi allem, daß dieses
Geschehen das Resultat dei am Weike befindlichen Intention ist. Andets gesagt:
Um mit Grund sagen zu können, jemand habe willenrlich (intentional) seinen
Arm gehoben, muß die Intentionalität Teil seinet Erfahrung der Handlung sein.
Diese Intentionalität als Teil einet Erfahrung einer Handlung, i. e. der „Intentio-
nal content" einet Handlung definiert die „conditions of satisfaction", die erfüllt
sein müssen, damit jemand sparet sagen kann: „Ich habe meinen Aim hochgeho-
ben." Diese aber gelten nur dann als erfüllt, wenn det Handelnde einen kausalen
Nexus zwischen seinei Intention und dem geschehenden Akt zu sehen, i. e. zu
erfahren vermag: Solire sein Arm hochgegangen sein, weil jemand anders ihn
hochgehoben hat, odet als Resultat medizinische! Beeinflussung - etwa übet
elektrische Stöße -, dürfte zwai det physische Akt als erfüllt gelten, nicht aber die
Handlung in ihrer Ganzheit. Damit gilt auch für Handlungen schon, was Searle
zuvor für die menschliche Wahrnehmung festgestellt hatte: „On this account, ac-
tion [...] is a causal and Intentional tiansaction between mind and world." (INT
88)

mentale Zustände wie etwa Glauben oder Wünschen: „It doesn't just .represent' the object, it
provides direct access to it. The experience has a kind of directness, immediacy and involuntari-
ness which is not shared by a belief about the object in its absence." (INT 45f) Wegen dieser be-
sonderen Art von „Unmittelbarkeit" und „Direktheit" - von der seine Betrachtungen über den
Background gezeigt hatten, wie vermittelt auch solche unmittelbaren Erfahrungen sind - nennt
Searle das Verhältnis von Wahrnehmungen und hier auch von Handlungen zu ihren „conditions
of satisfaction" ein Verhältnis der „presentation". Zugleich weist er freilich darauf hin, damit
nichts völlig qualitativ Neues eingeführt zu haben: „Strictly speaking, since our account of repre-
sentation was ontologically neutral, and since presentations have all the defining conditions we
laid down for representations (they all have Intentional content, conditions of satisfaction, direc-
tion of fit, Intentional objects, etc.), presentations are a subclass of representations." (INT 46)
88 Besagter kausale Nexus ist für Searle dabei mehr als nur Resultat einer bestimmten Art von
Beschreibung: „I do not mean just that there is a logical relation berwen the description of the
cause and the description of the effect, [...], but rather that the cause itself quite independently of
any description is logically related to the effect itself quite independently of any description."
(INT 121) Diese Annahme einer „logical or internal relation between cause and effect them-
selves" macht, daß Searle sich einen „causal realisr" nennt. Zentrum dieser Annahme ist dabei
freilich - wie gezeigt - nicht die Existenz von Kausalität an sich, sondern die (je subjektive) Er-
fahrung ihrer Existenz. Die Subjektivität dieser Erfahrung macht, daß, je weiter Searle mit seiner
intentionalistischen Analyse von Handlungen — also auch Sprechhandlungen - voranschreitet,
desto einsamer seine Akteure werden: Wenn ich keinen kausalen Nexus zwischen dem Heben
meines Armes und meiner Intention, ihn zu heben, erfahre, gibt es ihn nicht; wann also die
„conditions of satisfation", Herzstück jeder intentionalistischen Analyse, als erfüllt gelten und
wann nicht, ist völlig der Erfahrung des Einzelnen überlassen, entzieht sich der sozialen Über-
prüfbarkeit.
74 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

Wie hängen nun abei „intention in action" und „piioi intention" zusammen?
Das Erfüllen det „conditions of satisfaction" einet „piioi intention" ist gebunden
an die Erfüllung der „conditions of satisfaction" det „intention in action": Mein
bewußtei Entschluß, gleich den Ann zu heben, findet seine Erfüllung in der
Handlung des Armhebens, genauer: der „intention in action", deren Erfüllung -
wie dargestellt - det faktisch aufstrebende Atm ist bzw. das Etlebnis dieses Auf-
sttebens als Resultat meinet Intention. Füi den Zusammenhang von „piioi in-
tention" und „intention in action" ergibt sich für Searle damit folgendes, der
Strukrur der „intention in action" eng verwandtes Bild: „The prior intention cau-
ses the intention in action. By ttansitivity of Inrenrional causation, the piiot in-
tention reptesents and causes rhe entite action, but the intention in action pres-
ents and causes only the bodily movement." (INT 95) Ebenso wie jede „intention
in action" ist damit auch jede „ptiot intention" kausal selbstreferentiell: Eine
„prior intention" wiid nut dann als erfüllt gelten, wenn a) die von ihr intendierte
„intention in action" tatsächlich geschieht; und b) das Geschehen dieser „intenti-
on in action" als von dei „ptiot intention" vetutsacht erfahren wird.
Mit einer derartigen Definition des Zusammenhangs von Handlung und In-
tention vetmag Searle nun auch komplexere Handlungsstrukturen zu erklären.
Besonders interessant etscheint dabei die Frage, nach welchen Kriterien man eine
beabsichtigte von einet unbeabsichtigten Handlung unteischeiden kann bzw.
welche Folgen als zut Handlung gehöiige anzusehen sind und welche nicht." Die
Antwott auf beide Fragen ist, grob gesagt: Was eine Handlung intendiert bzw.
was jemand mit einet Handlung intendiert, definiert sich nicht einfach über das,
was geschieht, sondern über die je beim Vollzug einer Handlung im Raum be-

89 Der technische Ausdruck „kausal selbstreferentiell" drückt auf sehr vornehme Weise aus, was
man auch schlicht „zirkulär" oder „tautologisch" nennen könnte: Einer Handlung wird eine be-
stimmte Intention als ihre Ursache zugeschrieben gdw. besagte Intention als Ursache der Hand-
lung angesehen wird. - Wie Vermaezen (in Vermaezen 1998) halten auch Mele und Adams die
Unterscheidung „prior intention" und „intention in action" für keine glückliche. Um sich diese
zu erklären, nehmen sie Searle beim Wort, wenn dieser behauptet, daß, um heraus zu bekom-
men, was der intentionale Gehalt einer „intention in action" sei, man einen Handelnden fragen
und dieser antworten müßte: „Ich versuche, A (z.B. den Arm zu heben) zu tun." (etwa INT 107):
„This implies that intentions in action present tryings (often successful tryings, of course). And, as
far as we can see, the tryings are not viewed as being distinct from the intentions in action. [...]
An intention in action is successful when an agent succeeds in doing what he is trying to do, be-
cause he is trying to do it." (Adams/Mele 1989, 519) Dies aber bringe die Unterscheidung „in-
tention in action"/ „prior intention" in Bedrängnis, denn: „To say that an intention, N, is a prior
intention relative to an action, A, is to say that it is present before A begins; but, at least as we use
the term, it is not to say that N vanishes while A is occurring." (520) Ihr Beispiel für diese Über-
legung ist das folgende: Wenn jemand einen Weg geht, hat er - laut Searle - eine „prior inten-
tion" nach A zu kommen; dorthin laufen aber wäre - ebenfalls nach Searle - das Ergebnis einer
„intention in action". Was aber, wenn derjenige einen Umweg macht? Macht er dies ohne „prior
intention"? Daß dies überhaupt möglich ist, ist es, was die Autoren in Frage stellen: „Searle has
not shown that we can act intentionally without prior intenions." (521)
90 Was, wie wir wissen, ein notwendiges Kriterium zur Unterscheidung von „illocutionary" und
„perlocutionary effects", und damit zur Feststellung des Gelingens sozialer Akte ist.
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 75

findlichen „conditions of satisfaction", die ihieiseits vom „Intentional content"


der „intention in action" bestimmt weiden.
Man betrachte erwa den Fall des Gavrillo Princip, der Prinz Franz Ferdinand
in Sarajevo niederschoß. Die Handlung, die Princip vollzog, war eine wesenhaft
komplexere als die des Hebens eines Atmes: Et hat den Abzug einet Pistole gezo-
gen, einen Schuß abgefeuert, auf den Prinzen geschossen, den Prinzen getötet,
Östeiteich einen Schlag veisetzt, Serbien gerächt. All dies, so Searle, war Teil sei-
ner Handlung: Denn all dies lag im Bereich seiner Intention. Den Beweis dafür,
i. e. den Beweis, daß dies alles wirklich Teil seiner „intention in action" wat, lie-
fern laur Searle auch in solcherlei komplexen Fällen die Fragen, die aus der Ana-
lyse einfacher Handlungen hervorgegangen sind. Wie im Falle des Armhebens
nämlich, so können auch alle oben aufgeführten Taten als wahre Antwort auf die
schlichte Frage: „Was tust Du gerade?" herhalren. Alle sind Teil des „Inrenrional
content" det „intention in action", alle haben dahei Teil an det Definition det
„conditions of satisfaction" besagtet „intention in action", wie sich dutch die
schlichte Frage: „Was gilt als Erfolg Deiner ,intention in action', was als Mißer-
folg?" zeigen läßt: Princip wollte den Abzug einet Pistole ziehen, wollte den Prin-
zen töten, wollte Setbien rächen usf. (Vgl. INT 98f) Dank diesei Fragen läßt
sich laut Seaile andetsheium ebenso einfach feststellen, was nicht mehr zu seiner
Handlung zu zählen isr. Es war eine Folge von Princips Artentat, daß det Eiste
Weltkiieg ausbrach, daß - eventuell - jemand vorzeitig seinen Uflaub abbrechen
mußte usf. Alles dies abet wat nicht Teil det in Frage stehenden Handlung: Denn
keines det besagten Geschehnisse wat Teil det „conditions of satisfaction" seinet
Intention. „They [weie] just unintended occuiiences that happened as a lesult of
his action." (INT 100)
Ähnliches gilt für sogenannte unbeabsichtigte Handlungen. Searles Paradebei-
spiel hierfür isr der Fall Ödipus: Wollte dieset nun seine Muttet lokaste heiraten,
odei wollte ei es nicht? Ei hat es getan, und diese Tat wat durchaus eine inten-
tionale - schließlich hat man ihn nicht naikotisien oder gegen seinen Willen vor
den Altai gezogen - , und doch hatte et nicht die Intention dazu. Wie kann das?
Jedes Ereignis odet jede Tat setzt sich laut Seaile zusammen aus veischiedenen
Aspekten. So ist etwa ein Aspekr der Hochzeit Ödipus', daß et lokaste heiratet, ein
anderer, daß er seine Murret heiratet: beides sind laut Seatle verschiedene Aspekre
derselben Tatsache . Die Frage, ob seine Handlung nun intentional odet nicht
intentional wat, muß dementsprechend wie folgt beantwortet wenden: „Some as-

91 Eine interessante Bemerkung schließt Searle an diese Beobachtung an: nämlich die, daß man an
besagtem Fall die erstaunliche Fähigkeit der tierischen und menschlichen Evolution entdecken
könne, daß wir die Fähigkeiten besitzen „to make intentional bodily movements, where the con-
ditions of satisfaction of our intentions go beyond the bodily movements." (INT 99) Will sagen:
wir haben die erstaunliche Fähigkeit, einen Satz — wie etwa: „Ich verspreche Dir, daß ich kom-
men werde!" - zu äußern, und dieser Satzäußerung komplexe andere „conditions of satisfaction"
zuzufügen. Wie etwa die, daß diese Satzäußerung jemand anderen freuen, ärgern, rächen, loben
usf. soll.
92 Und nicht - wie er mehrfach betont - einfach nur unterschiedliche Arten der Beschreibung des-
selben Gegenstandes. Vgl. INT 101.
76 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

pects of the event may be conditions of satisfaction of the Intentional content,


some othei aspects may not; and undei the fiist set of aspects the action is inten-
tional, under the second set, not." (INT 102) Es war Teil des „Inrenrional con-
tent" der Handlung Ödipus', lokaste zu heiraren: Dies har er geran, so gesehen
war seine Handlung intentional. Zugleich abet hat er, indem er lokaste zuf Frau
genommen hat, seine Mutter geheirarer, was niemals eine „condirion of satisfac-
tion" seinei Hochzeit war; aus der Sicht dieses Aspekts des geschehenen Ereignis-
ses wat seine Handlung nicht intentional. Ähnliche Kriterien gelten für die
möglichen Konsequenzen einer Handlung: „A common confusion is to suppose
that if someone knows that something will be a consequence of his action then he
must intend that consequence. But it is easy to see on my account that this is
false. One may know that something will occui as a lesult of one's action even
though its occuirence is not patt of the conditions of satisfacrion of the inten-
tion." (INT 10) Will sagen: Man intendiert immei nut die Folgen, die man in-
tendiert. Alle anderen Folgen sind etwas anderes: was einen nicht von dei Frage
etlöst, wie man sich zu ihnen stellt, sondern nut klärt, was Teil des „Intentional
content" ist und was nicht.

1.3.5 „Meaning"

Zuiück zum Vetsprechen aber. Ein Versprechen geben heißt, folgt man dei in-
tentionalistischen Betrachtungsweise dei Dinge: einen bestimmten Intentionalen
Zustand - det seineiseits A) ein Produkt einer (oder mehrerer) Inrentionen ist,
und B) nur als Partikel eines größeren Intentionalen Gewebes und vor dem Hin-
tergrund bestimmter nicht-Intentionaler Annahmen und Fähigkeiten zu verste-
hen ist, - derart zum Wort zu bringen, daß der Vollzug eines bestimmten Typus
von Satzäußeiung - etwa: „Ich vetspteche Dil, daß ich kommen weide" - als ein
bestimmtet Typus von Handlung veistanden wiid: eine Handlung, die intendiert,

93 Gerade letztere Aussage erscheint als ausgesprochen sophistisch: denn wenn jemand etwas tut
und er zugleich weiß, daß dank seines Tuns etwas anderes geschehen wird, was jemand anderen
z.B. verlerzt oder belastet, scheint die Frage, ob diese Folge sensu stricto Teil seiner Intention war
oder nicht, nicht nur völlig unerheblich, sondern geradezu perfide. Wenn jemand seinen Hund
von der Leine läßt, der daraufhin mir meinen Unterschenkel zerfleischt, ist die Aussage des Hun-
dehalters, dies hätte nicht in seiner Absicht gelegen, nicht nur unerheblich, sondern unverschämt.
Warum läßt sich Searle - Feind aller Schöngeistigkeit, Freund des „real life" - auf solcherlei So-
phisterei ein? Wie schon in den Speech Acts ist sein Ziel wahrscheinlich, für seine „basic entity" -
vormals eine Satzäußerung, jetzt eine „intention in action" - ein Set von Bedingungen und Krite-
rien formulieren zu können, die diese" basic entity" von anderen klar abgrenzt. Und ebenso wie
Searle gesehen hat, daß, wenn man einmal zugesteht, daß durchaus auch „perlocutionary effects"
Teil eines Sprechaktes sein können, dessen Bestimmung in eine ungewollte Offenheit zu driften
droht, versucht er hier wohl - kraftvoll - die Einheit „intention in action" vor dem Zerstäuben in
die Unabschließbarkeit intentionaler Ketten und unendlicher Offenheit möglicher Folgen in
Schutz zu nehmen. Wie hoch der Preis dafür ist, sieht man. (Zu einer kritischen Auseinanderset-
zung mit den zur Unterscheidung intentionalen von nicht-intentionalen Handlungen von Searle
bereitgestellten Kriterien siehe auch A. Miller 1981.)
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 77

den Sprechenden darauf zu veipflichten, spätei eine andere Handlung zum Vot-
teil des Angesprochenen zu tun. Um - umgekehrt - veistehen zu können, daß ei-
ne bestimmte Satzäußeiung dei Ausdiuck einet solchen Intention dei Selbstver-
pflichtung zur Handlung ist (bzw. sein soll), ist damit nicht mehi vornehmlich
und einzig entscheidend, bestimmte Regeln zui Verwendung von „illocutionary
force indicating devices" zu kennen - denn: A) mit welchen Sätzen kann man
nicht alles ein Veisptechen geben wollen (!), und doch gibt es keine Garantie, daß
dies einzig dank det angebotenen Regeln geschieht, denn B) „tules are never seif
interpreting", und „they aie nevei exhaustive" (Vgl. TCS 143) - sondern die
Stiuktui dei in actu befindlichen Intentionalität zu begreifen, die besagter
Satzäußerung zugrunde liegt, denn: „Meaning is one kind of Intentionality."
(INT 161) Philosophisch gesehen veischiebt sich die Frage nach dem Wesen des
Sprechakts Veisptechen damit von dei Frage, wie die Brücke Sprache, die einen
Versprechenden mit einem Versprochenen verbinder, funkrioniert, zui Frage:
„What aie the fearures of speaker's intention in meaningful utterances that make
it the case that the Speaker means somerhing by his utteiance." (INT 162) D. h.
sowohl das praktische als auch das theoretische Augenmetk verschiebt sich von
einem unzureichenden, offenen, niemals aus sich allein bestehen könnenden
(dafüt abet - wenigstens teilweise - sieht- bzw. höfbaten) Werkzeug (dem Werk-
zeug Sprache) auf die Ebene der sowohl logisch als auch ontologisch am Uf-
sprung oder Grund dieses Werkzeugs verorteten „Intentionalen Zustände" des-
sen, det spricht, kurz: auf „speaker's inrention".
Um die Frage nach dem Gehalt eben diesei „speaket's intention" angemessen
beantworten zu können, muß man sie zualletetst angemessen srellen. Dies har,
laut Searle, wie folgr zu geschehen: „Whar are the conditions of satisfacrion of
intentions in action of utterances that give them semantic properries?" (INT 163)
Särze, so Searle, bedeuten nichts von sich aus, sondern sind ein Produkt einet ih-
nen (logisch) vorausgehenden Intention: dei „intention to repiesent". Inrenrional
gesprochen gilt es dahet, zwischen dem „Intentional State", dei die „sinceiity
condition" eines Spiechaktes bestimmt, und dei „meaning intention", mit det der
Sarz geäußert wird, klar zu unterscheiden: „There is a double level of Intentional-
ity in the Performance of the speech act, a level of the psychological State ex-
pressed in the Performance of the act and a level of intention with which the act
is performed which makes it the act it is. Let us call these respectively .sinceiity

94 Der Begriff der „speaker's intention" ist hier - d. i. auch in Searles eigener Terminologie - natür-
lich zu einem nicht geringen Grade irreführend: Denn er suggeriert eine geschlossene Identität
mit einer geschlossenen Intention am Ursprung des Sprechaktes. Searles eigene Analyse aber hat
gezeigt, daß die im Sprechakt am Werke befindliche Intentionalität eine vielschichtige und vielfa-
che ist: Kein Intentionaler Zustand kann isoliert von anderen existieren, die je nach Kultur und
Person je verschieden überindividuell determiniert sein mögen (man denke nur an das Präsiden-
tenbeispiel), und die ruhen auf je kulturell und individuell unterschiedlich stark oder schwach
ausgeprägten nicht-Intentionalen Fähigkeiten und Haltungen, die an der Form der geschehenden
Intentionalität zu einem guten Teil beteiligt sind. „Speaker's intention" ist hier also nicht mehr
als der Name eines vielfältigen und komplexen Intentionalen Geflechts am „Grund" einer
Handlung: der eine Einheit bezeugt da, wo es - nach Searle - keine solche Einheit gibt.
78 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

condition' and ,meaning intention'." (INT 164) Wie eigentlich immei beim
späten Seaile (und in Anlehnung an Austins Giundintuition, daß Sprechakte
nicht einfach wahr oder falsch sind, sondern „gelingen" oder „fehlschlagen"), liegt
der Schlüssel zum Verständnis des Unterschiedes beider in der Bestimmung ihrer
sie jeweils definierenden „conditions of satisfacrion". So gilr laut Searles Defini-
rion der „sinceriry condirion" bekanntlich, daß, wenn jemand etwas über das So-
sein eines Dinges fesrsrellr, er daran glauben muß, daß besagtes Ding tatsächlich
so ist: Die „conditions of satisfacrion" eines „sraremenr" sind idenrisch mir denen
des von ihm ausgedrückren Glaubens: „The condirions of satisfaction of the spe-
ech act and the conditions of satisfacrion of the sinceriry condition aie identical."
(INT 165) Anders dagegen sieht es mit den „conditions of satisfacrion" der bei
besagter Satzäußeiung wirksamen „meaning intention" aus, denn: „The intention
to make a Statement, for example, is differenr from rhe intention to make a true
Statement, and yet the intention to make a Statement must already commit the
speaket to making a tiue Statement and to expressing the belief in the tiuth of the
Statement he is making." (INT 165) ' Die Idee, mit det Seaile hiet jongliert, ist
wohl in erwa die folgende: Um eine wahre (oder auch falsche) Aussage, ein gülti-
ges odei auch ungültiges Versprechen usf. machen zu können, muß man - ganz
technisch - zueist einmal übeihaupt eine Aussage machen können. Die „meaning
intention" ist die, die will (i. e. deren „conditions of satisfacrion" einfordern), daß
etwas (und zwar etwas Besrimmres) zum Ausdruck gebracht wiid - ganz unab-
hängig davon, ob dies nun waht odei falsch, bindend oder nicht bindend usf. ist.
Sobald eine solche Intention sich aber har einen Ausdruck verschaffen können,
hat sie unweigerlich einen Sprechakr produziert: zu dessen Bedingungen dann die
Veipflichrung auf den Glauben der Wahrheir dessen, was er ausdruckr, bzw. die
Verbindlichkeir dessen, was besagter Sprechakt verspricht, gehört
Die Möglichkeit, daß ein Sarz überhaupt etwas daistellt, verdankr er der In-
tentionalität aufzwingenden Kraft der „meaning inrenrion", die einer physikali-
schen, von sich aus nichr-Inrentionalen Enrirär (nämlich Lauten odei Schtiftzei-
chen) Inrentionalität aufzwingr, indem sie deren Erscheinen an besrimmre „con-
ditions of satisfaction" bindet: „The utterance act is peifoimed with the intention
that the utterance itself has conditions of satisfacrion." (INT 167) Die „intention

95 Der kleine Zusatz „which makes it the act it is" soll wohl die „meaning intention" - die nicht
mehr als eine einfache, unschuldige Intention, erwas darzustellen, sein soll - von allen anderen
Intentionen, mit denen man einen Satz äußert, unterscheiden: von der Intention erwa, jemanden
zu erfreuen, zu beleidigen usf. D. h. die Eröffnung eines Horizonts, der es möglich macht, auch
nach den Intentionen mit denen ein Sprechakt vollzogen wird im Gegensatz zu denen, die der
Sprechakt selbst zum Ausdruck bringt, zu fragen, wird hier auf die Intention - im umgangs-
sprachlichen Sinne - etwas darzustellen allein zurückgeschraubt. Was, wie etwa Talmage (in
Talmage 1996) es tut, manchen an Sinn und Zweck der „meaning intention" überhaupt zweifeln
läßt.
96 Je weiter Searle sich schreibend von Austin entfernt, desto mehr fällt er in ein klassisches Schema
zurück, das aufzuheben Austin angetreten war: die sprachanalytische Fixierung auf den einfachen
Aussagesatz. Alle Beispiele, die Searle hier für seine Argumentation verwendet, sind Beispiele, de-
ren Zentrum ein einfacher Aussagesatz ist.
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 79

in action", die bei dei Äußeiung eines Spiechaktes am Weike ist, zwingt det ge-
äußerten Laut- odet Schiiftieihe „conditions of satisfaction" auf, die bestimmen,
daß die Äußerung besagrer Laut- odet Schiiftieihe gilt/zählt ab Äußeiung einet
bestimmten Intention: etwas über etwas festzustellen, jemandem etwas zu befeh-
len, jemanden zu grüßen usf. „For mosr speech acrs, meaning inrenrions are at
least in parr intentions to represent, and an intention to represenr is an inrention
that the physical events which constitute part of the conditions of satisfaction (in the
sense of the thing required) ofthe intention should themselves have conditions of sat-
isfaction (in the sense ofthe requirement)." (INT 167f) Dieser Akt des Aufzwingens
einer Inrention auf eine an sich nicht-Intentionale Entität wie Laute, Gesten oder
auch Schriftzeichen — der ab Akt wie jeder Intentionale Akt kausal selbstreferenri-
ell isr - , ist dabei nichts anderes als das Aufzwingen einer kausal selbstreferenriel-
len Stiuktut auf besagte Entität: Meine „meaning intention", die einet geäußei-
ren Laurreihe bestimmte „conditions of satisfaction" aufzwingr, deren Aufzwin-
gen sie zu einem Sprechakt „Versprechen" werden läßr, finder diese „conditions
of satisfaction" nui dann erfüllt, wenn einerseirs die geäußerte Lautreihe als
Selbsrverpflichrung meinerseits veistanden wind, zukünftig erwas zum Vorteil ei-
nes anderen zu run, eben weil ich besagre Lautreihe geäußert habe, und wenn zu-
gleich andetetseits die daraufhin folgende Handlung nur geschiehr, eben weil ich
zuvor die besagre Lautieihe geäußert habe.
Bei einet solchen Bestimmung det „meaning intention" als eine Intention, ei-
net Laut- odei Schiiftieihe die „conditions of satisfaction" aufzuzwingen, fortan
als Veisptechen, Befehl, Ausdruck von etwas usf. zu gelten, d. h. selbet bestimmte
„conditions of satisfaction" anzunehmen, ist es laut Searle auch notwendig, in-
nerhalb der „meaning intention" einer Sarzäußerung noch einmal ihre „represen-
ting intention" von ihrer „communicarion intention" zu unterscheiden. Lerztere
nämlich, so Searle, dienr nichr dem Ausdruck von erwas, sondern zieh nur dar-
auf, eine bestimmte Reaktion im Höret hervorzubringen: „Communicarion is a
mattet of pioducing certain effecrs on one's hearers, bur one can intend to repre-
senr somerhing wirhour caring at all about the effects on one's heatet." (INT
165) Im Gegensatz zut „teptesenting intention" und deren Willen, erwas darzu-
stellen mit Hilfe eines Aktes aufgezwungener Intentionalität, besteht die „com-
municarion intention" „simply in rhe inrenrion that the hearer should recognize

97 Kann man sich tatsächlich einen Teufel scheren um das, was die eigene Intention, jemandem ein
Versprechen zu geben, bei diesem auslöst? Kann ich ein Versprechen meinen, ohne darauf zu
achten, ob der andere dieses Versprechen nicht viel eher als eine Drohung betrachtet, i. e. in ihm
die Empfindung des Bedrohtseins auslöst? Nicht wenigstens entsprechend den von Searle selbst
aufgestellten semantischen Regeln, die einen solchen Sprechakt bestimmen: wenn ich ein Ver-
sprechen gebe, muß ich davon überzeugt sein, daß der andere die darin angekündigte zukünftige
Handlung als für ihn wünschenswert empfindet. Wie soll ich dies glauben können „without
caring at all about the effects on (my) hearer"? Spätestens an dieser Stelle wird klar, wie sehr in
Searles Intentionalitatsphilosophie - im Gegensatz der Philosophie der Speech Acts - der Sprech-
handelnde von anderen isoliert ist, die gemeinsame Welt, in der Versprechen Wirkung zeigen,
verlassen hat.
80 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

rhat the act was performed with the representation intention." (INT 168) Grob
gesagr: Die Bedeutung einer Sarzäußerung wird besrimmt von dei „meaning in-
tention" eines Sprechets, die zuerst eine Intention, etwas zu „repräsentieren", ist
(im ebenso umfassenden wie vagen Sinne, den Searle dem Terminus „representa-
tion" in den Speech Acts gegeben hatte); Kommunikation ist innerhalb der „mea-
ning inrenrion" nichrs anderes als ein zusärzliches inrenrionales Verwenden dieser
von der „represenring intention" allererst ins Leben gerufenen Entität: zum
Zwecke der Produktion bestimmte! illokutionätet (wie Veistehen) odei auch
petlokutionärei Effekre wie Überzeugen, Erschrecken, Aufbau srabiler Sozialbe-
ziehungen usf.
Damir war ein Schritt über das aus den Speech Acts Bekannte hinaus getan. Die
Regeln zur Verwendung von Wörtern (genauer: von „illocurionary force indica-
ting devices") allein, das hatte Seaile bald nach den Speech Acts etkannt, reichen
niemals aus, um eine Sptechhandlung - wie die des Veisptechens - eindeutig in
ihrem Gehalt zu bestimmen. Eist eine Analyse det sie beseelenden Intentionalität
- die stets mehi ist als die mit den Worten zum Ausdtuck gebrachte „sinceiity
condition" - und deren Fotmen des Zugtiffs auf Weh lassen erkennen, ab was

98 Diese Unterscheidung Searles ist (und bleibt) Anlaß nachhaltiger Kritik. Zwei det wichtigeren
Kritikpunkte faßt Liedkte wie folgt zusammen: „This construction of meaning intentions pro-
vokes at least rwo quesrions. The first one is about the problem how to decide (on the speaker's
part) whether a meaning intention has been satisfied or not. I suppose that this is a decision
which sometimes might be made in a rather egocentric manner, and I think the risk of egocen-
tricity is a consequence of the strict Separation between expression and communicarion. The sec-
ond question deals with this Separation as well, asking whether this distinction really has been
made in such a radical manner as Searle committed himself to. I believe that this is not the case,
and I want to indicate which elements of R-intentions are elements ordinaly contained in C-
intentions." (Liedkte 1990, 1980 Nuyts (in Nuyts 1993) zeigt darüber hinaus, daß Searle zu sei-
ner Unterscheidung nur kommen kann, indem er sich (einmal mehr) auf eine rein synchrone
Betrachtung sprachlicher Phänomene stützt und diese strikr von jeder diachronen Perspektive
fernhält: Denn sobald eine solche Perspektive einmal eingeschlagen sei, werde schnell klar, „that
much of what is conceptually represented is only represented because it has been acquired
through communication, and in that sense even conceptual representation is not prior to nor in-
dependent of communication." (Nuyts 1993, 592) Die Kritiken von Habermas (in Habermas
1991) und Waldenfels (in Waldenfels 1984) verweisen zudem noch auf die bei Searle unterschla-
gene produktive Kraft von Intersubjekrivität bei der Entstehung von Bedeutung: Denn ein Sich-
die-Worte-Zuspielen im Gespräch ist — zumindest virtualiter — mehr als ein bloßes Abgleichen
bereits gefaßter, unwandelbarer Bedeutungsintentionen.
99 In den Speech Acts war das Gelingen eines Sprechaktes noch per definitionem an das Verstehen
(i. e. den illokutionären Effekt) einer Aussage gebunden - und zwar das Verstehen eines anderen,
i. e. das Erkennen oder Anerkennen der literalen Bedeutung einer Satzäußerung durch einen Hö-
rer, an den diese Satzäußerung gerichtet war (vgl. etwa SA 48). In der intentionalistischen Vari-
ante nun ist dieser Verstehenseffekt bereits ein ebenso zusätzlicher wie verzichtbarer Teil des
Sprechaktes, denn „representation is prior to communication", d. h. „one can intend to represent
something without intending to communicate, but one cannot intend to communicate without
intending to represent." (INT 166) Dies freilich führt zu dem Paradox, daß die Institution
„Sprache" - die, wie wir wissen, per se „sozial" ist — dazu da ist, einen Sprecher in seine Bedeu-
tung einzuschließen: denn die kollektiv geschaffene und unterhaltene Institution Sprache dient
zuerst einem Sprecher, sich etwas zu repräsentieren, i. e. mit sich selbst zu reden. Zuerst ist Spre-
chen also Autoaffektion in sich selbst zirkulierender Monaden, dann Kommunikation.
NEUANSATZ: DAS VERSPRECHEN IN DER PHILOSOPHY OF MIND 81

eine geäußerte Lautieihe gemeint ist. Die Wetkzeuge, die nörig sind, an diese,
Sprechhandlungen in ihrem Funkrionieren besrimmenden „Tiefenstiuktuien" zu
gelangen, liefert Seaile dahet mit Intentionality nach: Die geäußerte Lautieihe
muß von einem „intentional content" getragen weiden, det ihre „conditions of
satisfacrion" der in der vollzogenen Handlung wirksamen „inrentions in acrion"
fesrlegr, d. h. der festlegt, welches Ziel (bzw. welche Ziele) besagte Äußerung
verfolgt und wann dieses Ziel (bzw. diese Ziele) als erfüllt gelten darf (bzw. gelten
dürfen) und wann nichr. Zentium diesei zu etmittelndei „conditions of satisfac-
tion" ist dabei nicht zuersr die (von der Konvenrion fesrgelegre) „sincerity condi-
tion" des Sprechakres - im Falle des Versprechens: die „intention to do A" bzw.
die „intention that the utterance of Pr will make the speaket responsable to do
A" - , sondern die „meaning intention", mit dei det Spiechakt geäußert wunde:
Denn nur sie legt wirklich fest, ab was die geäußerte Lautieihe zu veistehen sein
soll bzw. wie die von ihi in die Welt gesetzten „conditions of satisfacrion" zu er-
füllen sind: „in the case of a piomise, the piomise is kept only if the action pto-
mised is done by way of fulfilling the promise." (INT 170) Anders gesagt: die
„meaning intention" legt nicht einfach fest, daß die geäußerte Lautieihe Aus-
druck einer Inrenrion — erwas in der Zukunft zum Vorteil eines anderen zu tun
bzw. sich mit det Äußeiung einet bestimmten Reihe von „illocutionaty force in-
dicaring devices" auf eine zukünftige Handlung zu verpflichten - ist, sondern voi
allem, daß die geäußerte Lautieihe nut dann als eifullr gehen darf, wenn der die
Lautreihe Äußernde die versprochene Handlung getan hat, weil er es mit dei ge-
äußerten Lautieihe zuvot vetsptochen har. Diese Arr kausaler Selbsreferenrialität
schafft erst - wenn sie glückt, wenn „prior inrenrion" und „inrenrion in action"
wie beschiieben sich aufeinander beziehen - , was den Sprechakt Veisptechen
ausmacht: „making a piomise does create a reason for doing the thing piomised."
(INT 170)
l .4 FINALE: SPEECH ACT THEORY
UND PHILOSOPHY OF MIND IN EINS

1.4.1 Das „Other-mind problem"

Was nach dieser „riefenstiuktutellen", Intentionalen Analyse von Sprechakren


narürlich offen bleibr, isr: Wenn nichr mehr die „illocurionary force indicating
devices", i. e. die von der „Brücke" Sprache zur Verfügung gesrellten „devices",
sondern die oben beschriebenen „forms of Inrentionality" ausschlaggebend sind
für die Produktion von Bedeutung von Sprechakten, dann fragt man sich: Wie
gelange ich jemals an die Intentionalität des anderen? Odet andeis - wie zu Be-
ginn des letzten Kapitels - gefragt: Woher weiß ich, daß eine bestimmte Satzäuße-
iung gelten soll ab ein Vetsprechen, genauer: als Ausdruck der Inrention des Spre-
chers, jemandem (z. B. mir) etwas zu versprechen (und dieses Versprechen auch
zu halten)? Wenn die „common language" nicht zweifelsfrei zu liefern imsrande
isr, wessen ich bedarf, um die Bedeurung eines vollzogenen Sprechakres zu er-
schließen, wie komme ich dann an die diesen Sprechakr beseelende, in sich doch
je kausal selbsrreferentielle Intentionalität, i. e. wie komme ich in odei an den
„othei mind"?
Dies, so Searle, ist einfacher, als der Skepriker denken mag: „The methods [to
undersrand rhe orher's acrions] resr on a rough-and-ready principle rhar we use
elsewhere in science and in daily life: same causes — same effect, and similar causes —
similar effect. We can readily see in rhe case of orher human beings rhat the causal
bases of their experiences are virrually idenrical wirh the causal basis of out expe-
tiences. This is why in real life rhere is no ,problem of orher minds'." (RM 75)
Im Gegensarz zu den bloß auf der Ebene des Vernehmbaren oder auch Sichrba-
ren operierenden Inferenzschemara - wie erwa der reinen Sprachanalyse oder
auch des Behaviorismus, dessen leirendes Prinzip Searle als das des „same-
behavior-ergo-same-menral-phenomena" beschreibr, und von dem er sich klar
abgegrenzr wissen möchte (vgl. RM 22) - ist das Denken, mit dem laut Seaile je-
dei - nicht als theoretische Maxime, sondern als „Backgtound capacity" - die
Handlungen und Intentionen des anderen eigtündet, kein inteiptetietendes,
sondern ein direkr kausales der Form „same-causes-same-effecrs, and relevantly-
similar-causes-relevanrly-similar-effects". „Except in odd cases", behauptet Searle
daher, „we do nor solve rhe orher mind problem, because it does not arise. Our
Background capacities fot dealing with the wotld enable us ro cope with people
in one way and cars in anorher" (RM 22), denn: „We have certain Backgtound
ways of behaving, cettain Background capaciries, and rhese are consritutive of out
telations to the consciousness of othei people." (RM 77)
Besagte „Backgtound capacities", hatte es oben schon geheißen, seien die Vei-
nerzungen Inrenrionaler Zusrände, die zu einem „bedrock" mentaler Hairungen
FINALE: SPEECH ACT THEORYVUD PHILOSOPHY OF MIND IN EINS 83

und Fähigkeiten „abgesunken" odet „abgeschattet" sind und von dort unsere
Haltung zui Welt bestimmen. Dies freilich, so Searles sozialrheoretische Giun-
dintuition, ist nicht als ein je individueller Prozeß zu denken, sondern a priori je
schon sozial definiert: Denn die Grundmusrer „unseres" Verhaltens tragen die
Fotm von „social" bzw. „institutional facts", deren genetische! Utsptung nichr
mehr in individueller, sondern in „collective intentionality" zu suchen ist. Diese
Existenz veihaltensnoimieiendet sozialer bzw. insrirurioneller Tarsachen und de-
ren unbedingre Grundlegung in kollektiver Inrenrionalirär macht es auf diese
Weise möglich, meine je eigene Art der Welteischließung auch für den anderen
als bindend zu serzen: Denn die „forms of Intentionality", die seinen „Back-
ground" bestimmen, sind nicht einfach seine, sondern - „unsere".

1.4.2 Der Aufbau der gemeinsamen Welt

Wie diese Verquickung individueller und kollekriver Intentionalität im Raum des


Sozialen zu denken ist, dies zu klären ist Seailes bislang lerzres Buch The Con-
struction of Social Reality angetreten. Die Welt, so Seailes Ausgangspunkt, untet-
reilt sich grundsärzlich in mindestens zwei Arten von Tatsachen: „biute facrs" auf
der einen und „social" bzw. „institutional facts" auf der anderen Seite (vgl. TCS
27ff; siehe auch: SA 50). Während zur ersren Gruppe alle nicht vom Betrachtet
abhängenden Gegenstände wie dei Mount Eveiest, auf diesem befindliche Steine,
Bäume, Seen usf. gehören , beinhaltet die zweite Giuppe alle die Gegebenhei-
ten, deren Existenz unbedingt abhängt vom menschlichen Zutun: Gegebenheiten
wie erwa „money, properry, marriages, lawyers, and bathtubs" (TCS 5), oder aber
auch Gegebenheiten spiachlichet Narur: wie eben der Sprechakt des Veispte-
chens. Letztere Arr von Tarsachen - die Searle generell „social facrs" nennr, von
denen die „insrirurional facts" nut eine Untetklasse, freilich eine für den Analyti-
ket besondeis interessante, da stätket kodifizierte, daistellen — unrerscheide sich

100 Wie schon erwähnt, gründet Searle seine Philosophie auf einer Ontologie, die er „naive" oder
„External Realism" nennt, deren Grundannahme die einer betrachterunabhängigen Existenz
physischer, biologischer und chemischer Substanzen und Gegenstände ist. Aus bereits genann-
ten Gründen lasse ich diese Annahme - für Searle Grundlage von „any sane philosophy" (TCS
XIII) - undiskutiert. Zur Schwierigkeit, „brüte facts" als solche, d. h. jenseits jeder je schon so-
zialen und kulturellen Überformung zu verorten, siehe vor allem Waldenfels 1998a, 107f.
101 Wie immer führt Searle auch hier seine Begriffe exemplarisch ein: Während das gemeinsame
Jagen eines Rudels, ein Faustkampf oder auch ein gemeinsamer Spaziergang mit einem Freund
soziale Tatsachen seien, müsse man „property, marriages, and money" den institutionellen Tat-
sachen zurechnen. Einziger (und entscheidender) Unterschied zwischen beiden sei der Grad an
Kodifizierungsgenauigkeit bzw. -explizitheit: Die Tatsache, daß ich ein Neben-jemand-
anderem-Herlaufen als einen gemeinsamen Spaziergang ansehe, ist ganz sicher abhängig von
meiner Einstellung - von daher also mehr als ein einfaches „brüte fact" - , selten aber werden
dadurch - wie bei der Schließung einer Ehe oder dem Kauf eines Stückes Land - genaue
Pflichten und Rechte durch diese Tatsache bestimmt, noch werden diese explizit gemacht —
auch wenn dies natürlich im Zweifelsfalle nachträglich möglich ist. „It should be clear from
these examples that there is a gradual transition and not a sharp dividing line between social
84 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPH^' DES VERSPRECHENS

von den „biute facrs" vor allem dadurch, daß „rhe arrirude that we take toward
the phenomenon is parrly constirurive of rhe phenomenon." (TCS 33) Im Ge-
gensatz zu Beigen, Bäumen odet fremden Planeten nämlich, so Seaile, existieren
soziale Tatsachen — wenigstens zum Teil — nui durch die und dank dei Haltung,
die wii zu ihnen einnehmen: „Part of being a Cocktail patty is being thought to be
a Cocktail patty; part of being a wai is being thought to be a wai." (TCS 34)
Diese Haltung odei dieses Betiachtet-wetden-Als als Bedingung der Möglich-
keir sozialer Tatsachen nun ist für Searle weir mehr als eine zufällige, individuell
je variierende Ansichtssache, sondern hat eine klar benennbare Form - die nämlich
konsriruriver Regeln: „The rules [defining social facrs] [...] individually, or so-
merimes the System collectively, characteristically have rhe form ,X counrs as Y in
conrexr C . " (TCS 28) Dieses Grundmusrer konsritutiver Regeln, deren Form
die Exisrenz sozialer Tatsachen bestimmt - nämlich daß etwas in einem gegebe-
nen Kontext zählt oder gilr als etwas anderes als es selbst - fußt dabei seinerseits
auf drei Charakrerisrika, die alle „social facrs" auch stiukturell klat von allen
„btute facts" unterscheidbar machen: Erstens erfordern soziale Tarsachen für ihre
Exisrenz Sprache oder zumindesr eine Art von Sprache: wie Symbole, Indikaroren
usf.; zweirens treten sie nie in Vereinzelung, sondern stets nur in systematischer
Vernetzung mit anderen Tatsachen ihtet Art in Eischeinung; und drittens bezie-
hen sie ihre Daseinsberechtigung aus dei „collective intentionality" derer, deren
besagre „Halrung" soziale Tarsachen ersr schafft.

1.4.3 Soziale Tatsachen und Sprache

Die Abhängigkeir insrirurioneller Tatsachen wenigstens von einet Att von Spra-
che läßt sich dabei laut Searle sehr leicht schon der sie bestimmenden Foim („X
counts as Y in context C") entnehmen: Damit ein bediucktes Stück Papiei übet
das einfache Papier-Sein hinaus in einer besrimmten Gemeinschaft die soziale
Funktion des Geldes annehmen kann, bedarf es folgender Verschiebung: „The Y
term has to assign a new Status that the object does not alteady have just in virtue
of satisfying the X teim." (TCS 44) Um dem vorhandenen Gegenstand (i. e. dem
Stück Papiei) mit Hilfe eines kausal selbsrreferenriellen, Inrenrionalen Akres ei-
nen neuen Srarus (den nämlich, fortan als „Geld" zu gelten) zuweisen zu können,
ist die Zuweisung besagten Status damit abei pet se angewiesen auf etwas, das

facts in general and the special subclass of institutional facts", merkt Searle daher redlicherweise
an (TCS 88). Eigenwillig bleibt freilich, daß als Grundmodell seiner Analysen fast grundsätz-
lich die stark abgeschlossene Form institutioneller Tatsachen herhalten muß, obwohl Hauptau-
genmerk seines Werkes doch die - in weiten Bereichen eher vage kodifizierte - „social reality"
ist. (Vgl. auch Tumela 1997, 436f: „[Searle] is mainly concerned with institutional facts, but
how social institutions relate to institutional facts is not clearly spelled out (and the same holds
for the relarion between institutional and social facts).")
102 Vgl. auch SA 52: An dieser Stelle definiert Searle auch das Versprechen expressis verbis als ein
„institutional fact."
FINALE: SPEECH ACT THEORY UND PHILOSOPHY OF MIND IN EINS 85

übet den verwendeten Gegenstand hinausweist, d. h. auf „the existence of sym-


bolic devices, such as words, that mean oi tepiesent oi symbolize something
beyond themselves." (TCS 60) Denn ein einfaches, bedrucktes Stück Papiei
muß, um übeihaupt als institutionelle Tatsache „Geld" fungieren zu können, die
Stiuktui des Repiäsentierens, des Stehens für erwas, das jenseirs des eigenen So-
Seins liegr, annehmen können, in dieser Srruktur verhandelbar sein, um im
Übergang (d. i. durch den Intentionalen Akt des Übergangs) vom X zum Y Term
etwas zu schaffen, „rhar is addirional ro the physical features of the X term" (TCS
69). Erst dieser Zusarz, dieser durch den Akr des Statuszuweisens geschaffene zu-
sätzliche Zug jenseits der physikalischen Eigenschaften des mit dem X Term be-
zeichneten Objekts macht aus einem „brüte facr" ein „institutional fact".
Zusammengefaßt „The move from X ro Y is already linguistic in nature because
once the function is imposed on the X dement, it now symbolizes something
eise, the Y function. This move can exist only if it is collectively represented as
existing. The collective representation is public and conventional, and it requires
some vehicle. Jusr scrutinizing or imagining the features ofthe X dement will not
do the Job. So we need words, such as ,money', ,properry', erc, or we need word-
like Symbols, such as those we just considered, or in the limiting case we tteat the
X elements themselves as conventional representations of the Y functions." (TCS
740""

1.4.4 Die Vernetzung der sozialen Welt

Auch das zweite genannte Charakteristikum sozialei bzw. institutionelle! Tatsa-


chen ist leicht einsehbar Ähnlich wie schon im zut Etläutetung des „Network"-
Gedankens herbeigezogenen Präsidentenbeispiel kann auch die institutionelle
Tatsache „Geld" nie als Einzeletscheinung, sondern stets nui in systematischei
Veibindung mit anderen institutionellen Tatsachen etscheinen: Die Zuweisung
des Status „Geld" zu einem in einet bestimmten Weise bediuckten Stück Papiei
macht nut Sinn, wenn es zugleich ein System des Austausches von Gütern und

103 Wenn institutionelle Tatsachen je schon einer Art von Sprache bedürfen, um überhaupt existie-
ren zu können, dann taucht im Falle jeder aktuell herrschenden Sprache - die je selbst eine in-
stitutionelle Tatsache ist (vgl. INT VIII) - das Paradox auf, daß Sprache, um existieren zu kön-
nen, immer schon Sprache voraussetzt. Searle sieht dieses Paradox und entgegnet: „Language
does not need language because it already is language." (TCS 72) Will sagen: wir kommen in
eine Welt, in der immer schon Laute (bzw. bedruckte Papierscheine usf.) verwendet werden,
und wir lernen von diesen Lauten (wie auch von besagten Papierscheinen), daß ihre Aufgabe
immer die ist, etwas anderes zu bedeuten oder auf etwas anderes zu verweisen als sie selbst. Der
Ursprung der sozialen Welt ist damit eine Erfahrung von aufspringender Selbstpräsenz oder
unaufhebbarer Selbsrdifferenz: daß etwas etwas ist und zugleich etwas anderes. Diese unhinter-
gehbare Erfahrung am Ursprung der (menschlichen) sozialen Welt nennt Searle ungenau
„sprachlich": wohl wissend, daß jede Sprache nicht bloß eine Ansammlung auf andere Gegen-
stände verweisender Entitäten ist, sondern darüber hinaus diese je sowohl in syntagmatische als
auch paradigmatische Relationen zueinander setzt.
86 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

Dienstleistungen gibt, in dem eben jenes „Geld" eine spezifische Funktion erfüllt.
Dafür aber bedarf es wiederum eines Systems von Eigentum und Eigentümer-
schaft usf. „The srructures of irerared srarus-füncrions do nor jusr exisr ar insran-
taneous moments. The functions they perform require them to inteiact with each
othei actoss extended petiods. I do not, fot example, just have money; tathet, for
example, I have money on my bank account rhar I spend by writing a check to pay
my State and federal taxes as a Citizen of the United States as well as a long-term
resident and an employee of rhe State of California" (TCS 80) Ähnliches ließe sich
einfach für den sozialen Akr „Versprechen" zusammentragen: Ich gebe nicht ein-
fach jemandem ein Veisprechen, sondern ich verwende dazu Worte einer uns ge-
meinsamen Sprache, nehme dabei Bezug auf und füge mich ein in ein Sysrem von
Pflichten und Rechten, denen, bei Nichrbeachrung, eine Reihe von Sanktionen zu-
geordner isr usf.

1.4.5 „Collective Intentionality"

Wirklich enrscheidend für die Verstehbaikeit det „forms of Intentionality", die


der sozialen Weh zugrunde liegen, wird ersr der dritte angegebene Giundpfeilet
sozialei Tatsachen: deren unbedingte Abhängigkeit von „collective intentionali-
ty". Ohne diese, daran läßt Seaile keinen Zweifel, könne sich die soziale Realirär
weder formieren, noch wäre sie als solche versrehbar: „An undersranding of col-
lecrive inrenrionality is essential to undersranding social facts." (TCS 24) Das So-
ziale det „sozialen Welt", so könnte man die hintei diesei Behauptung stehende
Gtundintuition - nicht nut - det Seatleschen Sozialrheorie zusammenfassen, be-
ginnr genau da, wo eine Ansammlung vereinzelter „Ich" den Übergang zu einem
„Wir", nämlich dem „Wir" einer Gemeinschaft machr. Zentrum und leitendes
Ptinzip dieses Übeigangs ist laut Seaile das Phänomen eben genanntei „collective
intentionality", und das in dem umfassenden Sinne, den Searle dem Terminus
der „Inrenrionalirär" schon in Intentionality gegeben harte: „By this [collective
intentionality] I mean not only that they [the individuals of a species ot Commu-
nity] engage in cooperative behavioi, but that they shaie intentional states such as
beliefs, desires and inrenrions. In addirion ro singular inrenrionality there is also
collecrive intentionality." (TCS 23) Diese kollektive Intentionalität einer Ge-
meinschaft isr für Searle dabei weir mehr als eine handlungsleitende Präsupposi-
tion des je einzelnen, der so das Gelingen einer kollekriven Handlung forcieren

104 Nicht nur diese Definition von „Intentionalität" übernimmt Searle dabei aus Intentionality,
sondern auch den permanenten, unmerklichen Wechsel zwischen dieser umfassend gefaßten
und der landläufigen Verwendung des Terminus „Intentionalität" durch die „ordinary langua-
ge": was hier, in The Construction of Social Reality, noch einmal zu zusätzlicher Unscharfe und
damit Verwirrung führt dadurch, daß er die in Intentionality eingeführte Großschreibung für
die umfassendere Variante in The Construction of Social Reality wieder fallenläßt. Um dieser
Verwirrung etwas entgegen zu steuern, wurde im folgenden in den Erläuterungen die Unter-
scheidung zwischen groß und klein geschriebener Intentionalität beibehalten.
FINALE: SPEECH ACT THEORYVND PHILOSOPHY OF MIND IN EINS 87

odei auch rechtfertigen will, sondern „collective intentionality is a biologically


piimitive phenomenon that cannot be reduced oi eliminated in favor of some-
thing eise. Evety attetnpt at teducing ,We intentionality' to ,1 intentionality' that
I have seen is subject to counteiexamples." (TCS 24) Die Ich-Intentionalität des
je einzelnen einer im Verbund handelnden oder enrscheidenden Gemeinschaft ist
dahet nicht eines dei Partikel, deren Gesamtsumme dann die kollektive Intentio-
nalität ergibr, sondern es gilt umgekehrt, daß „The ctucial elemenr in collective
intentionality is a sense of doing (wanting, believing, etc.) something togethet,
and the individual intentionality that each petson has is deiived/row the collecti-
ve intentionality that they shaie." (TCS 24f) Zwar sei richtig, gesteht Seatle allen
Skeptikern gegenübet überindividuellen mentalen Entitäten wie „some Hegelian
wotld spifit, a collective consciousness, ot something equally implausible" (TCS
25) zu, daß Intentionalität je nui stattfinde im Hitn des je einzelnen , in diesei
Hinsicht also ein je petsönliches Phänomen sei; dies aber sei kein Grund anzu-
nehmen, daß alles mentale Leben im Hitn des je einzelnen „must be expressed in
the form of a singular noun phrase referring to me." (TCS 251) Es sei ein
schlichtet Fehlschluß, lautet Seailes Äigument, von det notwendigen Singularirär
des je einzelnen mentalen Aktes darauf zu schließen, daß die Form, in der kollek-
tive Intentionalität statthabe, damit unumgehbat die det eisten Petson Singulai
sein müsse, so daß kollektive Intentionalität je nut als ein singuläiei mentalet Akt
dei Foim „Ich intendiere, zu ..., und ich glaube, daß auch det andere genau wie
ich intendiert, zu ..., und et gleichzeitig glaubt, daß ich intendiere zu, ebenso, wie
ich glaube, daß et glaubt ..." usf. ad infinitum. Im Gegenteil: Dadurch, daß kol-
lektive Intentionalität ein „biologically piimitive phenomenon" ist, das auf nichts
weitei teduziett weiden kann und von dem aus det je einzelne Intentionale Akt
im Prozeß eines kollektiven Handelns eist abgeleitet wiid, sei det einzig angemes-
sene sprachliche Ausdtuck für das, was im Kopf des je einzelnen geschehe,
schlicht: „We intend." (TCS 26)'""

105 Denn: Gemäß seiner Ontologie eines „biologischen Naturalismus" gilt, daß alle mentalen
Zustände, also auch die kollektiven, „are both caused by the opetations of the brain and realized
in the structure ofthe brain (and the rest ofthe central nervous System)." (Vgl. INT 265) (Eine
Formulierung, in bezug auf die Lyons zu Recht fragt: „How can he [Searle] avoid the response
that in explaining the mental he has eliminated the necessity to refer to anything other than
purely physical (bodily) factors?" (Lyons 1985, 292)) Auch hier fällt wieder Searles sehr eigen-
williger Umgang mit den eigenen methodischen Setzungen auf: Einerseits rät er selber, vorsich-
tig zu sein mit der Metaphorik des Innen-Außen in bezug auf mentale Phänomene, denn ein
allzu literales Verständnis dieser Metapher könne zu gravierenden Mißverständnissen fuhren
(vgl. INT 37); gleichwohl liest er selbst diese Metaphorik strikt literal, und zwar so sehr, daß er
der Frage „Are meanings in the head?" (INT 1970 in Intentionality ein ganzes Kapitel widmet,
in dem er besagte Frage unmißverständlich beantwortet: „Meanings are precisely in the head."
(INT 200) Zu Searles Umgang mit den eigenen methodischen Setzungen siehe Kap. 5.
106 Es ist gerade die Schlichtheit dieser These, die einmal mehr darauf verweist, daß ihre Funktion
eher eine rhetorische als eine argumentative ist (vgl. Kap. 5). Was einen natürlich nicht daran
hindert, trotzdem Fragen zu stellen, etwa folgender Art: „Unumgänglich ist [...] die Frage,
worin denn die Gemeinsamkeit oder Zusammengehörigkeit schaffende und verbürgende Ein-
heit oder Ganzheit besteht, in die wir uns teilen. Searle selbst verwendet auf das Problem der
Teilhabe, der von der Methexis und der Mit-teilung bis zum Geben und Nehmen der vertei-
88 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPH^' DES VERSPRECHENS

Dieser so verstandenen kollektiven Intentionalität nun kommt - wie schon ge-


sagt - laut Searle sowohl bei der Schaffung als auch bei der Bewahrung sozialer
Tarsachen - und damir dem Übergang von der Weh der für ihn grundlegend ge-
dachten „brüte facrs" zur sozialen Realirär - eine enrscheidende Rolle zu: „The
cenrral span on the bridge from physics to society is collective intentionality and
the decisive movement on that bridge in rhe crearion of social reality is the col-
lective intentional imposition of function on entities that cannot perform those
functions without that imposition." (TCS 41) Soziale und institutionelle Tatsa-
chen wüiden ins Leben getufen, hieß es oben, durch einen Akt kausal selbstre-
fentiellei Funktionszuschieibung det Foim „X counts as Y in the context C", wo-
bei dei Y-Tetm dem X-Term einen Status zuweist, der dem mit dem X-Teim be-
zeichneten Gegenstand nicht schon aus sich innewohnt. Um mit einem solchen
Akt jedoch übet den reinen Zuschreibungsvorgang hinaus soziale Realirät schaf-
fen zu können, muß, so Searle, diesem Akr stets kollektive Intentionalität zu-
gtunde liegen, genauei: „It requires continued human Cooperation in the specific
forms of recognition, acceprance, and acknowledgement of a new Status ro which
a function is assigned." (TCS 40) Andeis gesagt: Soziale Tatsachen sind nui

lenden Gerechtigkeit reicht, nicht viele Gedanken. Die Beispiele, die er anführt, entstammen
teils bereirs der institutionellen Sphäre, [...], oder sie stammen aus der Tierwelt, [...]. Im ersten
Fall bewegen wir uns bereits jenseits der Kulturschwelle auf der Ebene institutioneller Regelun-
gen, deren Erklärung gerade noch ansteht, im zweiten Falle befinden wir uns noch diesseits der
Kulturschwelle auf der Ebene biologischer Regelungen, die jeder Fraglichkeit entrückt und von
keinem Zweifel getrübt sind." (Waldenfels 1998a, 1040 Auch Rüben kann Searles Behauptung
der Existenz von „We-intentionality" nicht viel abgewinnen, da Searles Buch grundsätzlich ge-
prägt sei von einem „individualistic understanding of society and institutions" (Rüben 1997,
443), eine Prägung, die Rüben zufolge auch vor Searles Idee der „collective intentionality" nicht
Halt mache: „collective intentionality is individualistic, because in spite of its we-content, it is
always the intentions of individuals." (443) Hornsby dagegen versucht noch einmal die Frage
nach der Rolle der Kommunikation auch bei der Formung kollektiver Intentionalität zu stellen
und kommt zu dem Ergebnis, daß „Status imposing" - Zentrum der Searleschen Idee von kol-
lektiver Identität - vor allem eine Frage von „communicative success" sei, da es ja um wechsel-
seitige „recognition" gehe. Mit der Vorstellung einer biologisch fundierren „We-intentionality"
sei dies nur schwer zu vereinbaren (vgl. Hornsby 1997, 43Iß.
107 Diese Abhängigkeit sozialer Tatsachen von der anhaltenden kollektiven Zustimmung ist für Se-
arle auch theoriestrategisch von großer Wichtigkeit: Denn, so schreibt er, es sei verführerisch
von sozialen Tatsachen wie von fertigen, unabhängig existierenden Objekten zu sprechen und
deren prozessualen Charakter dabei zu unterschlagen. Für seine Theorie nimmt er daher ex-
plizit das in Anspruch, was er „The primacy of social acts over social objects, of processes over
products" nennt: „Social objects are always (...) constitued by social acts; and, in a sense, the
object is just the continued possibility ofthe activity." (TCS 36) Dies aber zwingt ihn, den Begriff
der „collective acceptance" genauer zu bestimmen: was er, wie Tuomela und auch Rüben zei-
gen, freilich nicht tut. Tuomelas Beispiel ist das der Schutzgelderpressung, die wir zwar nicht
anerkennen, mit der wir aber leben: „Searles account does not make clear how to account for
this kind of .unofficial' case (which seems especially problematic if we do not even go along
with it but oppose it)." (Tuomela 1997, 440) Auch gebe es bei Searle keinen Unterschied zwi-
schen verschiedenen Arten der Akzeptanz, etwa zwischen „agreement-based and mutual belief-
based acceptance." (440) Rüben, der dem Begriff der „acceptance" gegenüber ähnliche Zweifel
hegt wie Tuomela, fragr darüber hinaus noch nach dem der „collecrive imposition": .Agree-
ment is more difficulr [than acceptance], if it means anything more than acceptance. Indeed, it
FINALE: SPEECH ACT THEORYUND PHILOSOPHY OF MIND IN EINS 89

dann soziale Tarsachen, wenn sie — in der Form der o. g. logischen Srruktut -
von kollektive! Intentionalität eist zugewiesen und dann von eben deiselben als
solche forrlaufend wieder- und anerkannr werden: „The secrer of undersranding
rhe conrinued exisrence of institutional facrs is simply rhat the individuals directly
involved and a sufficient number of members of the relevant Community must
continue to recognize and accept the exisrence of such facts. [...] The moment,
for example, that all or rhe mosr of rhe members of a society refuse to acknowl-
edge property righrs, as in a revolurion or othei upheaval, ptopetty righrs cease to
exist in that society." (TCS 117) Kollektive Intentionalität weist — bisweilen
mit Hilfe des Sprechaktes der Deklararion (vgl. TCS 34 und 54), bisweilen ganz
und gar laurlos und ohne von den Zuweisenden selbst explizit in seinet Foim
wahtgenommen zu weiden - eist einem bestimmten Gegenstand (in einem
seht umfassenden Sinne: Auch Sprechakte etwa fallen in den Extensionsbeieich
dieses ,,Gegenstand"-Begriffes) eine bestimmte Status-Funktion zu und schafft
damit eine soziale bzw. institutionelle Tatsache; jede danach stattfindende weitere
Ver- oder Anwendung der so geschaffenen sozialen Tatsache - wie etwa die an-
haltende Verwendung bestimmtet Papieistücke als Geld oder bestimmtet Woite
als ein Veisptechen - bestätigt und eihält zugleich besagte Tatsache in ihtet Exi-
stenz und schafft und regelt so soziale Realität: „Since the funcrion is imposed on
a phenomenon that does not perform rhar funcrion solely in virrue of irs physical
constiuction, but in tetms of the continued collective intentionality of the useis,
each use ofthe institution is a renewed expression ofthe commitment ofthe useis
to the institution." (TCS 57) Solange, veranschaulicht Searle seine Ausführungen
an einem akruellen Beispiel, die Bürger der ehemaligen Sowjerunion - wenn
vielleichr auch aus ganz unterschiedliche!, bisweilen gai nicht eigentlich klaret
Motivation - das System von Institutionen, das diese Sowjetunion ausmachte,
akzeptierten, d. h. sich seinet Fotmen anhaltend und wideispiuchslos bedienten,
solange exisrierre eben besagtes soziales System. „It collapsed when the System of

inherits all the ambiguities of a consent theory of society. Collective imposition of function is
even worse. Did some group of persons ever have to do this consciously (for money, for exam-
ple)? Unconsciously? If neither, is it just as if they had? Is it explicit, tacit, or hypothetical impo-
sition (cfi, consent)?" (Rüben 1997, 446)
108 Entscheidend, wie so oft in Searles apodiktischen Sätzen, ist auch hier wieder der kleine Zusatz,
der seine Theorie hinken macht: „All, or the most members" müßten zur Aufrechterhaltung ei-
ner sozialen Tatsache diese kollektiv anerkennen, genauer: „a sufficient number ofthe members
ofthe relevant Community". Was theoretisch bei Searle so geschlossen erscheint, zeigt sich „in
real life" damit wesenhaft offener und auch komplexer: Könnte die „sufficient number" nicht
auch die derer sein, die die Machr im Staate haben - die dann sicher nichr „all, or the most of
the members" sind? Wer aber ist da dann noch „We" im „We intend" einer „collective intent-
ionality"?
109 Auch Searle ist sich klar darüber, daß „the process of creation of institutional facts may proceed
without the participants being conscious that this is happening according to this form [Xcounts
as Y in context C]." Im Falle des Geldes etwa reiche der einfache Gedanke: „Dies ist wertvoll"
oder „Dies ist Geld", der Gedanke in voller Explizitheit im Sinne obiger Formel ist sowohl
selten, als auch gar nicht nötig: „They [the members of a Community] need not think, ,we are
collectively imposing a value on something that we do not regard as valuable because of its pure
physical features', even though that is exactely what they are doing." (Vgl. TCS 47)
90 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

status-functions was no longei accepted" (TCS 92), lautet Seailes konsequente


Schlußfolgerung: Denn soziale Tarsachen bzw. - wie in vorliegendem Fall - ein
ganzes Nerz zusammenhängender sozialer Tarsachen exisrierr nur genau so lange,
wie es von kollektive! Intentionalität anetkannt wird - oder wenigstens von einer
„sufficienr number of members of rhe relevanr Community".
Zusammengefaßr: Wenn ich an die „forms of Intentionality" kommen möch-
te, um zu veistehen, was ein anderer mit dem Vollzug einet bestimmten sozialen
Tatsache - etwa dei Äußeiung einei bestimmten Art von Satz - intendiert, muß
ich nui fragen: „What is the agent ttying to do?" (Vgl. INT 172), denn die In-
tentionale Foim, detet et sich dabei bedient, ist nicht einfach seine, sondern un-
sere. D. h. sein Spiechakt ist, wiewohl im Augenblick Äusdiuck seiner Intention,
gtundsätzlich doch Produkt unserer kollektiven Schaffung und Akzepranz eines
bestimmten Netzes soziale! Tatsachen, und also brauche ich, um die Absicht des
„othet mind" zu veistehen, nui zu fragen, was ich mit besagtet Handlung be-
zwecken wüide: Denn es gilt für uns beide in gleicher Weise, daß wir bei der
Verwendung sozialer Tatsachen unsere jeweiligen individuellen Intentionen nui
je ableiten können aus dei uns gemeinsamen „collective intentionality" am Ut-
sprung aller sozialen Tatsachen. „Social reality is created by us for our purposes
and seems as readily intelligible ro us as rhose purposes themselves" (TCS 4),
schreibt Seaile dahet unmißvetständlich, und diese Herkunft sozialer Tarsachen -
wie etwa bestimmtet Sprechakte - aus bestimmten kollektiven Zwecken, veibun-
den mir ihrer o.g. logischen Srrukrur, gibr uns den Schlüssel zum Versrändnis des
„othei mind": „When I lectuied on the mind-body problem in India", veisucht
Searle diese Einsicht einmal meht durch ein Beispiel aus dei (seinei) Lebenswelt
zu vetdeutlichen, „and was assured by several members that my views must be
mistaken, because they peisonally had exisred in their earlier lives as frogs and
elephants, etc., I did not think, ,Heie is evidence for an alrernarive world view,'
or even ,Who knows, perhaps rhey are right.' And my insensitivity was much
more than mere cultuial ptovincialism: Given what I know about how the woild
works, I could not tegatd theii views as seiious candidates for rrurh." (RM 91)
Nichr: Ich ist ein anderer, sondern: Der andere isr Ich; ist er dies nicht, ist et
nicht: „This is why in real life rhere is no ,problem of othei minds'." (RM 75)

1.4.6 Zusammenfassung: Theorien des Versprechens nach Searle

Seit Intentionality hat eine Definition des Sprechaktes Versprechen nach Searle
erwa wie folgt zu lauten: Ein Versprechen zu geben heißr, sich einer Form zu be-
dienen, die bestimmten Typen von Lautfolgen bestimmte, ihnen nicht von sich
aus inhärente „conditions of satisfaction" zugewiesen hat, die ihtetseits fesrlegen,
als was besagte Lautfolgen zu verstehen sind: nämlich als Äusdiuck einet ihnen
zugiundeliegenden doppelten Intentionalität. Diese doppelte Intentionalität be-
stimmt sich dabei einetseits über den im Sprechakr zum Ausdruck gebrachten,
selbst noch einmal vielfach vernetzten Intentionalen Zustand - d. h. übet die
FINALE: SPEECH ACT THEORYVND PHILOSOPHY OF MIND IN EINS 91

„sinceiity condition" des Spiechaktes Veisptechen: S intends to do A bzw. S in-


tends that the utterance ofT will make him responsible for intending to do A. —; an-
dererseirs über die Inrenrionen, mir der dieser Inrentionale Zustand übeihaupt
ausgediückt wiid: deren wichtigste Seaile die „meaning intention" nennt. Wäh-
rend nun die „conditions of satisfacrion" (und diese, wissen wir seit Intentionality,
sind die einzig veiläßlichen Karegorien zur Bewertung einet Sprechhandlung) des
Sprechakres insgesamt mir der Erfüllung der ersten Intentionalitätsebene — i. e.
der „sincerity condition" - identisch sind (denn: „A promise will be kepr iff the
expressed intention is caiiied out" (INT 164)), trifft dies auf die „conditions of
satisfacrion" det „meaning intention" keineswegs notgediungen zu, denn: „We
have to keep in mind the distinction between [...] making a promise and making
a promise which is kept. In each case the meaning intention is an intention only
to petform the first half." (INT 164)
Mir dieser intentionalistischen Aufsplirrung des Sprechakres in (mindestens)
zwei Ebenen tut sich ein theoretische! Horizont auf, det in den Speech Acts noch
veischlossen bleiben mußte. Harte Seaile in seinei sptachphilosophischen Ab-
handlung sein Hauptaugenmeik noch schlicht auf den vollständigen und fegelge-
rechten Vollzug des Spiechaktes Versprechens nach den ihn bestimmenden Kon-
ventionen gelegt - als dessen unzweifelhaftes Resultat, im Falle des Gelingens, ei-
ne Selbsrverpflichrung des Sprechhandelnden zugunsten des Angesprochenen
galr -, rückr mit der Verschiebung seines rheorerischen Schwerpunkrs auf die
solcherlei Sprachhandlungen „beseelende" Inrenrionalirär die Differenz zwischen
und das Verhälrnis von den durch das Geben des Versprechens aufgesrellten Er-
füllungsbedingungen (im Plural) und deren Erfüllung srärker in den Vorder-
grund. Dem einfachen „Our word is our bond" des Ausrinschen Erbes mag, so
scheint es, det mentalistisch gekehrte Seaile nicht meht glauben: „Making a pro-
mise creates a teason fot doing the thing ptomised" (INT 170), heißr es vage in
Intentionality in Anspielung auf und Abschwächung der zenrralen Inruition der
Speech Acts, die ihre ganze rheorerische Kraft noch darauf verwendet harren zu
zeigen, daß allein die Frage „How can making a promise create an obligarion?"
eine sinnlose sei: Schließlich sei das (gelingende) Geben eines Versprechens syn-
onym genau damit: eine „Obligation", die veisptochene Tar zu run, zu schaffen.
Natürlich weiß auch der menralistisch gekehlte Seaile, daß „a man who makes a
piomise does more than let it be known that he intends something" (INT 178);
so seien Vetspiechen über die reine Verlaurbarung der „sincerity condition" hi-
naus nicht selten „expressions of intention for the purpose of creating stable ex-
pecrations in othets about the futuie couise of one's behavioi." (INT 178) Da die
genannten Ziele abei von keinet konventionellen Piozedui realisiert werden

110 Selbst noch auf der Schwelle des Umbruchs von der Sprach- zur Intentionalitatsphilosophie:
„The point or purpose of a promise is that it is an undertaking of an Obligation by the Speaker
to do something." (Vgl. TIA 2)
111 Vgl. in diesem Kontext vor allem das berühmte 8. Kapitel der Speech Acts, in dem Searle gerade
am Beispiel des Sprechaktes Versprechen zu beweisen beansprucht, daß man durchaus ein
„ought" von einem „is" ableiten könne. (SA 175-198.) Siehe dazu auch Kap. 5.3.3..
92 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHT' DES VERSPRECHENS

könnten, sei klat, daß „they all have to do with peilocutionary effects which our
acrions have on our audiences, and rhere is no way that a conventional piocedure
can guarantee that such effecrs will be achieved." (INT 178) Alles, was eine kon-
ventionelle Prozedui erfassen könne, sei somit nicht meht eine wirkliche und un-
umgehbare „obligarion" des Sprechers, auf die der Hörer sich forran verlassen
könne, sondern höchstens so erwas wie „the illocutionaty analogue of these [...]
peilocutionary aims." (INT 179) Im Falle des Spiechaktes „Veispiechen" habe
man sich diese „illocutionaty analogues" erwa wie folgr zu denken: „Its utteiance,
thetefore, creares a reason for rhe Speaker ro do rhe act, cieates a reason for the
hearer to expect him to do the act, and expresses an intention by the Speaker to
do the act." (INT 179) Ob es jedoch tatsächlich zur genannten Selbstvetpflich-
tung gekommen ist, ist freilich nichr mehr eine Frage des regelgerechten und
vollständig ausgeführten sprachlichen Aktes, sondern einzig der durch seine
„meaning intention" bestimmten „conditions of satisfaction", kurz, es isr die Fra-
ge, wie diese „conditions of satisfacrion" definiert und ob diese erfüllt worden
sind oder nicht.
Nicht nut das gegebene Wort, d. h. die Kraft und Macht det Spiache, sondern
datübet hinaus auch die Beziehung des Seatleschcn Sprecheis zu dem, dem et et-
was vetspticht, wird mit dieser Verlagerung des rheorerischen Hauptaugenmetks
vom Regelcharakrer der Sprache auf „speaker's inrention" zunehmend zur (nichr
nur theoretischen) Nebensache. Wai zu Zeiten der Speech Acts der andere, der
„Hörer" immerhin noch so weir notwendigerweise am Sprechakt beteiligt, als daß
sein Veistehen als „illocutionaty effect" unverzichtbarer Teil für das Gelingen des
ganzen Sprechaktes war , hängr, was als „Folge" zum jeweiligen Gelingen einer
Sprechhandlung gehört, spätestens seit Intentionality einzig vom „Intentional
content" det jeweils im Vollzug eines Spiechaktes in actu befindlichen „intention
in action" ab, genauei: von den von diesem „Intentional content" definierten
„conditions of satisfaction". So ist es, gemäß dei in Intentionality ausgebreiteten
Theotie, wenigstens hypothetisch denkbai, daß ich einen intentionalen Akt „Vei-
sptechen" vollziehe, ohne itgend zu intendieren, ob odet daß mich jemand vet-
srehr - vielleicht gai ich selbst nicht? - , und damit keinetlei Art von Versre-
henseffekt eines anderen zu den „conditions of satisfaction" meinet Sprechhand-
lung gehört. Diese wenigstens hypothetische Möglichkeit rührt daher, daß laur
Searle seit Intentionality der in der „sincerity condirion" bestimmten Intention -
im Falle des Vetsprechens die Intention, spätet etwas zum Vorteil des anderen zu
tun bzw. sich durch die Äußerung einer besrimmten Lautieihe auf eine solche
Intention zu vetpflichten - stets eine „meaning intention" vorausgeht, die zueist
eine „intention to represent", i. e. die Intention, besagte Intention einfach nur
dar- oder vorzustellen, ist: „But this representing intention is not the same as his
[the speakei's] communication intention. Communicating is a mattet of pro-
ducing cettain effects on one's heaiet, but one can intend to tepiesent something

112 Vgl. erwa SA 48: „On the speaker's side, saying something and meaning it are closely connected
with intending to produce certain effects on the hearer."
FINALE: SPEECH ACT THEORYUND PHILOSOPHY OF MIND IN EINS 93

without caring at all about the effects on one's hearer." (INT 165) Sollte dies
ratsächlich auch für den Sprechakt des Versprechens gelten — und det Nach-
druck, mit dem Seatle diese Behauptung als eine allgemeingültige einführt, eben-
so wie seine Analyse der kausalen Selbstreferenrialirär Intentionaler Akte und de-
ren Relevanz für die Besrimmung der zum jeweiligen Akt gehörenden Folgen
(man denke nur an den Fall des Gavrillo Princip) legr diese Möglichkeir zumin-
desr in Intentionality noch nahe —, ist es in der inrentionalistischen Variante dem-
nach möglich, nui die „repiesenting intention" und die ihi zugehörigen Folgen,
nicht abei eine „communication intention" in den „Intentional content" dei „in-
tentions in action" eines Spiechaktes „Veisptechen" aufzunehmen, d. h. den an-
deren und die auf ihn ausgeübten „effects" sowohl perlokutionätet als auch illo-
kutionärer Art von den „condirions of sarisfacrion" besagten Spiechaktes auszu-
schließen.
Daß dem nicht so ist, d. h. daß nicht allein die je individuelle Intention auch
in Seailes intentionalistischei Phase den Ausschlag dafür gibt, welche „Folgen" je
als zut (Sprech-) Handlung zugehötige anzusehen sind, und damit Seailes soziale
Welt nicht in einem Kosmos beziehungslose!, weil in die eigene autopoiesis ein-
geschlossene! Monaden endet, dies wird - intentionalistisch betrachtet - einsich-
tig eist mit Seatles Analyse „sozialer" bzw. „institutionelle! Tatsachen" in The
Construction of Social Reality. Eist dort nämlich eihält die noch stiikt spiachana-
lytisch zu veistehende Aussage aus den Speech Acts: „Oui hypothesis that speaking
a language is perfotming acrs according ro constitutive rules involves us in the
hypothesis that the facr that a man performed a certain speech acr, e. g., made a
promise, is an insrirurional facr" (SA 52) ihre intentionalistische Eikläiung. Ein
Versprechen zu geben heißt im Anschluß an die späte Searlesche Sozialrheorie
nicht mehi einfach - wie noch in den Speech Acts - , besrimmren Regeln zum Ge-
brauch von „illocutionaty force indicating devices" zu folgen, deren richtige Ver-
wendung auromarisch zu einer Selbsrverpflichrung des Sprechenden zugunsten
des Angesprochenen führen, auch nicht meht - wie zu Zeiten von Intentionality -
, die Intention zu fassen und zur „condition of satisfaction" einer daraufhin geäu-
ßerten Lautreihe zu machen, daß diese - die Lautieihe - nut dann als „erfüllt"
oder „befriedigr" gehen darf, wenn die durch sie in die Weh gesetzten Bedingun-
gen - daß die Lautieihe als eine Selbsrverpflichtung des Äußernden zu gehen hat

113 Die dieser Aussage zugrundeliegende Annahme, daß „representation is prior to communication
and representing intentions are prior to communication intention" (vgl. INT 166), wird bei
Nietzsche ihre Umkehrung erfahren: dessen Zarathustra und sein anhaltendes Verlangen nach
„Rede" als ein paradigmatischer Fall der These gelesen werden kann, daß das Reden an dem
Was des Redens unbedingt vorgängig ist. Vgl. dazu auch Klass/Kokemohr 1998, 284ff.
114 Ein konstruierter Fall, ein bloßer Sophismus? Mitnichten: es ist durchaus denkbar, daß ich so-
zusagen insgeheim verspreche, jemandem nächste Woche eine Schachtel Pralinen zu schenken
und dies dann auch tue - ohne dies jedoch irgend jemandem mitteilen zu wollen. Ein solches
nicht mitgeteiltes Versprechen ist jedoch nicht per se zu verwechseln mit dem oben genanntem
Handeln „without caring at all about the effects on (my) hearer": Denn auch das insgeheime
Versprechen kann schnell in eine Drohung umkippen, wenn der andere gerade auf Diät ist, all-
ergisch gegen Pralinen etc.
94 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

und daß die daraufhin erfolgenden Handlungen zum Vorteil eines anderen nur
deshalb geschehen, weil diese Selbstverpflichtung via Satzäußeiung stattgefunden
hat - erfüllt sind (ganz unabhängig davon, ob diesei andere davon weiß, dies bil-
ligt usf.), sondern jemandem etwas zu versprechen heißr jetzt: eine Form in An-
spruch nehmen, die einerseits von kollektiver Intentionalität geschaffen und un-
tetstützt und deren Versrändnis andererseirs von kollektiv gleichermaßen zur
Verfügung stehenden „Background capaciries" gesichert wird . Zu sagen, daß
ein Versprechen eine „institutionelle" bzw. „soziale Tatsache" ist, soll deutlich
machen, daß wir uns bei der Gabe eines Versprechens nichr einfach zufälliger,
uns fremder Formen bedienen - den Formen der Sprache - , ebensowenig wie wir
schlichr irgendwie versuchen, einer uns je wichrigen Individualintention Genüge
zu leisten, sondern daß wit - um unsere je individuelle Intention zu erfassen und
ihr Ausdruck zu verleihen - Formen verwenden und in und mit unsetet Verwen-
dung je aktualisieren, die „wii", i. e. die Gemeinschaft, der wir angehören, inten-
tional zu „uns" wichtigen Zwecken in die Welt gesetzt hat nach einem Schema,
dessen Ursprung in einer uns allen gemeinsamen Srrukrur von Inrentionalität
liegt: „X counts as Y in context C". Ptäziset gesagt: Wenn ich jemandem ein Vei-
sptechen gebe, dann kann ei die „devices", deiei ich mich dazu bediene (etwa:
„Ich werde kommen!"), nur deshalb richrig deuten, weil einerseits die Grund-
form, der sich diese „devices" verdanken, nichr einfach eine der Sprache, sondern
eine der uns beiden gleichermaßen inhärente, aller Sprache zugrundeliegende
Srruktut von Intentionalität ist, und wit andeieiseits kollekriv vereinbart haben
und dank unserer uns gemeinsamen „Background capacities" gleichermaßen wis-
sen, anerkennen und permanenr bezeugen, daß, wenn jemand — so er nur „nor-
mal", d. h. „educared", „sane", „srraight out" usf. ist und auch besagte „devices"
nicht in „parasirärer", d. h. ironischer, meraphorischer o. ä. Weise Verwender — in
einer bestimmten Situation zu veistehen geben will, daß et jemand anderem et-
was veispiicht, diesei jemand einen bestimmten „device" gebrauchen wüide und
bestimmte andere eben nicht. Wedet die Sprache allein, d. h. ihre semantischen
und syntaktischen Eigenschaften, noch die doppelte, in dei „sinceiity condition"
und det „meaning intention" niedeigelegte Intentionalität dessen, dei zu uns
spricht, machen veistehbai, waium sein Satz „Ich weide kommen" gemeint ist als
ein Veisptechen (bzw. machen aus diesem Satz ein Veisptechen). Sondern eist
das Teilen einet gemeinsamen Welt, deren soziale Foimen sich giünden in und
getiagen weiden von einei uns gemeinsamen Intentionalität, die uns — qua

115 Diese Identität des „Background" freilich muß gewährleistet sein, denn sonst ist es mit der Ga-
rantie des Gelingens eines Sprechaktes wie dem des Versprechens schnell vorbei. „The same in-
tentional content can determine different conditions of satisfaction [...] relarive to different
Backgrounds, and relative to some it determines none at all", gibt Searle in The Rediscovery of
the Mind (RM 177) zu bedenken; für den Fall des Versprechens heißt dies im Klartext: Diffe-
riert der „Background", auf dessen Grundlage verschiedene Personen je ein und denselben
Sprechakt beurteilen, kann es durchaus vorkommen, daß - trotz Identität des „intentional
content" - der eine ein gegebenes Versprechen längst als erfüllt ansieht, der andere jedoch noch
immer auf dessen Erfüllung harrt.
FINALE: SPEECH ACT THEORYVND PHILOSOPHY OF MIND IN EINS 95

„Background capacities" - sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen ist,


garantiert, daß wit aus - semantisch stets unteibestimmten - Worten schließen
können auf - ohne kollektive Fotmgebung zur uneinsehbaren autopoiesis
neigende — Intentionen. Kurz: Wir verstehen nur, daß jemand mir der Äußerung
einer besrimmren Lautieihe uns ein Veisptechen geben will, weil „wii" es genauso
(odei zumindest ähnlich) machen wüiden — weil wii beide (sowohl dei Verspre-
chende als auch wir, denen etwas versprochen wird) Teil derselben sozialen Weh
und damir ihrer Geserze sind.
1.5 EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO:
SEARLES METHODE

1.5.1 Das Problem: Wie eine Welt zeigen

„We live in exacrely one world, not two, three or seventeen." (TCS xi) Wir leben
in einer Welt, wii sprechen eine Spiache: die „otdinary language" einer „common
world". Dies isr die unumsrößliche Grundlage, auf der Searle seine Theorie
„normalen" sozialen Handelns aufbaut, und ohne die diese Theorie sich alsbald
in Wohlgefallen auflösen würde: „wir" leben nach „unseren" Regeln mitten in
„unserer" Welt. Aufgabe dessen, der bei einer solchen Grundlegung Sozialtheotie
betreiben will, kann dementsprechend nicht mehi sein, so Seaile, als „to explicate
our concepts" (SA 11), d. h. die „concepts", nach denen „wir" „gewöhnlicherwei-
se" in einer „normalen" sozialen Situation immer schon verfahren (z. B. wenn wir
jemandem ein Versprechen geben wollen), und so „unsere" Realität konstituie-
ren. Ganz in diesem Sinne veisteht sich Searles eigener sprachanalytischer Essay
Speech Acts explizir als „the attempt to give philosophically illuminating descrip-
tions of certain general features of language" (SA 4; meine Hervorhebung, T.K.),
von seiner späteren Sozialrheorie behauprer er: „I am simply describing rhe srruc-
tuie wheteby institutional reality actually woiks in real human societies." (TCS
45; meine Hervorhebung, T.K.) Das Verfahren, dessen er sich bedienr, um zu
solcherlei „Beschreibungen" „normaler" Sprech- und Handlungssituationen samt
ihrer Präsupposirionen und Stiuktuien kommen zu können, nennt er dabei zu-
meist „in a sense empirical" (Vgl. EM viii; sowie SA 4, und INT 166) bzw.
später „realisric" (etwa: INT 262). Was dies in der sprachanalytischen Phase be-
deutet, erklärt er in Expression and Meaning wie folgr: „I look ar uses of language
and find [...] types of illocutionaty point, and when I examine actual discoutse I
find, or at least claim, that utterances can be classified undet these headings."

116 In The Rediscovery ofthe Mind diskutiert Searle die Verwendung des Terminus „empirical" (den
er zur Beschreibung seiner eigenen Methode zumeist nur in Anführungsstrichen bzw. versehen
mit der o. g. Einschränkung benutzt). Hauptaugenmerk dieser Diskussion ist die „ambiguiry"
in der Verwendung des Terminus zwischen einem onrologischen und einen epistemischen
Sinn. Diese Ambiguität suggeriere erwas ohne Zweifel Falsches: „that all empirical facts, in the
ontological sense of being facts in the world, are equally accessible epistemically to all compe-
tent observers." (RM 72) So könnte man sich z. B. epistemisch nur eingeschränkt vorstellen,
wie es wäre, ein fliegender Vogel zu sein - eingeschränkt nämlich auf unsere, die menschliche
Perspektive - , wiewohl dessen Flugerfahrung doch — ontologisch gesehen - ein „empirisches"
Faktum sei. Dies, fügt er kurze Zeit später jedoch hinzu, sei wesentlich weniger schlimm, als
der erste Augenschein dies vielleicht nahelege. „And the reason is simple. Although in some
cases we do not have equal access to certain empirical facts because of their intrinsic subjecriv-
ity, in general we have indirect methods of getting at the same empirical facts." (RM 73) Diese
indirekte Methode der Erschließung des anderen ist die oben schon genannte: „same causes -
same effects, and similar causes — similar effects." (RM 75)
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 97

(EM viii) Wichtig ist es ihm dabei zu betonen, daß, wenn er so vorgehe, „I am
nor reporting the behavioi of a gioup but desciibing aspects of my mastety of a
tule-govetned skill." (INT 12) Vergleichbares gilr in der inrenrionalisrischen
Phase „for describing the strucrure of social reality": „I will use a fitst-petson in-
tentionalistic vocabulary ro try ro lay bare certain fearures of social onrology."
(TCS 5) Um also der „normalen" oder „commonsense" Veision sozialer Hand-
lungen - die, wie gesagr, das entscheidende Zentrum der sozialen Welt sind -
philosophisch auf die Schliche zu kommen, setzt Searle ganz bewußr bei konkre-
ren Einzelfallbeschreibungen an (weshalb er seine Methode „in a sense empirical"
bzw. „realisric" nennt), deren Deutung et - ebenfalls ganz explizir — je die der er-
sren Person Singular (bzw. Plural ) zugrunde legr. Denn: „speaking a language is
engaging in a (highly complex) rule-governed form of behavior. To learn and
mastei a language is {inter alia) to leatn and to have masteted these tules", und
eben dahet gilt, daß „the only answet I can give to the question, how do you
know? (e.g., that ,women are female' is analytic), is [...] to say: ,1 speak English'."
(SA 120 Und was für die Sprache gilt, gilt in analoge! Weise in den späteren
Welken auch füt die Beschreibungen und Deutungen von sozialen Erfahrungen
und Verhalten generell, denn „we can readily see in the case of othet human
beings that the causal basis of theii expetiences ist viitually identical with the cau-
sal basis of out expetiences" (RM 75), nicht zuletzt - in bezug auf die soziale
Welt - dank det uns gemeinsamen „Backgtound capacities", die unseren Umgang
mit det Welt bestimmen.
Nun hinteiläßt freilich eine solche theoretische Giundkonstellation mehrere
ganz basale Formen von Unbehagen, deren erstes sicherlich folgendes ist: daß das,
was gezeigt werden soll (nämlich die Existenz einet nach bestimmten Prinzipien
funktionierenden und auf bestimmten Annahmen nahenden gemeinsamen Spra-
che/Welt), zugleich das ist, was je schon vorausgesetzt und auf das sich dahet je
schon autorisierend bezogen wiid: „we live in exactely one woild, not rwo, thiee
oi seventeen." Die Einsicht, daß es eine Welt/Sprache gibt, die uns gemeinsam
ist, d. h. die nach für alle gleichermaßen verbindlichen Regeln funktioniert, auf
die wir uns alle - so wir nur ernsr, gesund, normal, i. e. dem „common sense"
verpflichter sind - uns (sprech-)handelnd immer schon in vergleichbarer Weise
beziehen, isr damir etwas, für das Searle nichr wirklich argumentieren (denn: wie
kann man etwas zu beweisen behaupten, daß man im Beweis je schon voraus-
setzt?), sondern für das er höchstens „Evidenz" zu schaffen versuchen kann: „I
said in rhe last section that speaking a language is engaging in a tule-goveind

117 Denn das „Ich", das hier Betrachtungen anstellt, ist ja bekanntlich das „Ich", das alle ist: „mei-
ne" Erfahrung meint immer zugleich: „unsere".
118 „In explaining these notions [on which social reality is found) I am perforced in a kind of her-
meneutic circle. I have to use institutional facts to explain institutional facts; I have to use rules
to explain rules, and language to explain language. But this problem is only [!] expository and
not logical. In the exposition ofthe theory I rely on the reader's understanding ofthe phenom-
ena to be explained" weist Searle selbst in The Construction of Social Reality (TCS 13) auf dieses
nur expositorische Problem hin.

Bayerische
Staatsbibliothek
München j
98 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

form of behavior. I did nor arrempt to prove rhis hypothesis, rarher [...] in a
sense rhis entire book mighr be consrrued as an attempt to explore, ro spell our
some of rhe implicarions of, and so ro rest that hypothesis." (SA 16) Dei Annah-
me det Existenz einet gemeinsamen, i. e. gemeingültigen sozialen Welt - weiß
auch Seaile - geht es damit nicht andeis als det theoretischen Ausaibeitung al-
lei in det „normalen" Handlungssiruarion immer schon präsupponierren An-
nahmen, wie erwa die der Exisrenz von Objekten außerhalb unserer selbst (Searle
nennr diese Annahme die des „exrernal realism", kurz: ER): „The point we aie
attempting to show is that for a large class (ro be specified furrher) a condirion of
inrelligibility for rhe normal understanding of these utterances is that there is a
way that things are that is independent of human representations. [...] Notice
that we aie not tiying to prove the trurh of externa] realism. I do not believe there
could be a non-question-begging argumenr for ER. But we can show that when
we engage in certain soits of talk we ptesuppose external realism" (TCS 184), in
der gleichen Weise, in der wir - laut Seatle - in solchen Situationen eben auch
eine gemeinsame Welt odet Sprache immei schon voraussetzen.
Mit welchen Mitteln abet „zeigen", was man nicht „beweisen" kann, d. h. wie
philosophisch „testen" und dadutch „Evidenz" schaffen für etwas, von dem man
zugleich annimmt, daß auch alle (noimalen) anderen es — weniger als philosophi-
sche Hypothese als vielmehf als praktische „Background"-Annahme des täglichen
Lebens - zwar immer schon annehmen, es nur noch nichr explizit wissen? Wie -
i. e. dank welcher Art von „Beschreibung" oder sonsrigen philosophischen Me-
thode - den „illocutionaty effect" erzeugen, der anderen das rheoretisch einsichtig
macht oder „zeigr", was sie je schon anwenden - nur eben noch nicht sehen -
und was dahet keines „Beweises" mehi bedarf?
Zut Beantwortung dieser Frage - von der immerhin abhängr, ob Searles Vor-
schläge zur theoretischen Verortung des Sprechakres „Versprechen" mit Recht
Gültigkeit beanspruchen dürfen - sei der folgende zweigleisige Weg eingeschla-
gen: in einem ersten Durchgang werde ich Searles eigenen merhodischen Serzun-
gen mich zuwenden, um zu sehen, welche methodischen Konsequenzen ei aus
det von ihm gesetzten Giundsituation zieht. Schweipunkt werden dabei seine ei-
genen theorerischen Überlegungen zur Merhode seines Vorgehens sowie deren

119 Auch dessen ist Searle sich durchaus selber bewußt: schon in den Speech Acts schreibt er in be-
zug auf die Allgemeingülrigkeit seiner „native-speaker"-Intuitionen: „That my idiolect matches
a given dialect group is indeed an empirical hypthesis (for which I have a lifetime of .evidence')"
(SA 13), ebenso, wie er in Intentionality weiß, daß er weder für die Existenz bestimmter Er-
fahrungen („It would be a bit like arguing for the existence of pains: if their existence is not ob-
vious already, no philosophical argument could convince one." (INT 44)), noch für die des
„Background" argumentieren kann: „I know of no demonstrative arguments that could prove
the existence ofthe Background." (INT 144)
120 Daß es sich bei Searles Anstrengungen je nur darum handeln kann, „illocutionary effects" zu er-
zeugen, ergibt sich aus deren Definition: einsichtig zu machen, was je schon gewußt wird, ist
ein reiner „Verstehens"-Effekt. Anders gesagt: Niemand kann mich von etwas zu „überzeugen"
oder zu etwas zu „überreden" versuchen - und dies erst wären „perlocutionary effects" —, was
ich eh immer schon denke (wenn mir das vielleicht auch so nicht bewußt ist).
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 99

jeweilige textuelle Analoga sein. Da abei - wie zu zeigen sein wiid - sowohl
Seailes methodische Theotie als auch Piaxis gekennzeichnet sind von ganz unter-
schiedlichen, einandei entgegengesetzten Tendenzen, weide ich dann in einem
zweiten Duichgang einige ausgewählte Züge seinei methodischen Piaxis noch ein
zweites Mal in Augenschein nehmen, diesmal freilich unter anderen theoretischen
Vorzeichen als seinen eigenen. Während dieses zweiten Durchlaufes werden dann
- so hoffe ich - auch andere „Unbehagen" an seiner Philosophie sich zu Worte
melden, die bis jerzr noch kaum oder gar nicht zu Worr gekommen sind, die aber
doch - was vor allem die spätere Beschäftigung mit Nietzsche dann hoffentlich in
größerem Umfang einsichtig zu machen vermag - für die Betrachtung des sozia-
len Raumes unabdingbai sind. Zenttum der Kritik werden dabei Searles sowohl
theoietischei als auch praktische! Umgang mit der Figur des anderen bzw. Figu-
ren von Andersartigkeit übeihaupt sein, Figuren, auf die seine Philosophie einei-
seirs baur, die er aber doch andererseirs unrer dem Primat det „Mitte" bzw. dei
„Noimalität" kraftvoll von sich zu weisen versuchr - indem er sie pathologisiett,
matginalisiett odet ihnen schlicht jede Relevanz abspricht.

1.5.2 Searles Ansatz: Schlagen, so lange es geht

In den unter dem Tirel Minds, Brains and Science veröffentlichten Reith Lectures,
die Seaile 1984 gehalten hat, präsentiert et in det vierten Votlesung eine staik an
den Alltagsintuitionen und -Situationen orienrierte Handlungstheotie. Nachdem
er einige solcher Inruirionen in loser Folge aneinandergereihr und zu ersren vagen
„Prinzipien" zusammengefaßr hat, hält ei einen Augenblick inne, um dem zu ei-
warrenden Einwand zu begegnen, daß derlei dem Alltag entnommene Prinzipien
doch kaum mehi als „folk theory" seien, die es nun dutch einen wissenschaftli-
cheren Ansatz zu etsetzen gelte. Diesem (imaginären) Einwand antworter Searle:
„I am suspicious of this claim just as I would be suspicious of a claim that said we
should supplant our implicir theory of English grammar, rhe one we acquire by
learning rhe language. The reason for my suspicion in each case is the same: using
the implicit theory is parr of performing rhe acrion in rhe same way rhar using the
lules of giammat is part of speaking. So though we might add to it oi discovet all
sotts of interesring addirional things about language oi about behavioui, it is very
unlikely that we could replace that theoty which is implicir and partly constitu-
tive of the phenomenon by some external ,scienrific' accounr of that very phe-
nomenon." (MBS 59)
Wei dem „vorwissenschaftlichen" Wissen der „folk rheory" " oder auch des
„commonsense account", das/det doch füi unsere Weltgestaltung immei schon -

121 Dieses Motiv des unbedingten bei den Alltagsintuitionen Ansetzens, da diese stets schon „partly
constitutive of the phenomenon" seien, das philosophische Theorien zu beschreiben versuch-
ten, zieht sich durch Searles Philosophie wie ein Orgelton.
122 In The Rediscovery ofthe Mind widmet Searle der Frage „Is there a Problem about Folk Psycho-
logy?" einen ganzen Exkurs, und auch dort versucht er, das Wissen der „folk theory" philoso-
100 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

zumindest teilweise - konstitutiv ist, eine solche Wichtigkeit zuspricht, det, das
scheint unumgänglich, muß dem in seinem eigenen Schreiben Rechnung tragen.
Seaile tut dies, indem er, wie er in den Speech Acts hervorhebr, „places heavy re-
liance on rhe inruitions of the native Speaker" (SA 15), wenn er versuche, das
Funkrionieren der Sprache zu erklären, ebenso wir er in The Construction of Social
Reality auf „the teadei's undersranding of the phenomena in question" (TCS 13)
vertraut, wenn ei sich daran mache, deren Stiuktui zu deuten. Daiübei hinaus
nennt Searle seinen eigenen Ansarz nichr sehen explizit „naiv" odei „unmittelbai"
odet „realistisch" " , und gibt als dessen Ausgangspunkt stets die „oidinaty lan-
guage" bzw. den „commonsense account" des zui Diskussion stehenden Sachver-
haltes an. Methodisch übeisetzt ergibt dies für Searle mindestens zwei grundsätz-
liche Konsequenzen: Eistens sind der permanente Ausgangs- und Endpunkt sei-
ne! Übetlegungen Darstellungen von konkreren, d. h. Beispielfcllen, und zwar
zumeisr von solchen, die, wie Searle suggeriert, „mitten" aus der Alltagssprache
bzw. der Alltagswelt genommen sind (Football, Baseball, Angeln, Bezahlen usf.);
und zweitens lehnt et sich sowohl in seinem eigenen Vokabulat als auch in sei-
nem Daistellungsstil fortwährend an der „ordinary language" bzw. dem „com-
mon sense" an: Was etwa dazu fühtt daß er seine eigenen Begriffe bisweilen als.
wie er sagr, „deparrures of ordinary English" formiert (INT 29) bzw. diese selbst
als „humble, ordinary words" ausgibt" . Diese methodischen Setzungen möchte
Searle als einen expliziten Widetspruch zu anderen philosophischen Theorien
verstanden wissen, die ihr Unvermögen, sich der Weh wirklich zu nähern, etwa
durch die Verwendung kompliziertet Begiiffskonsttuktionen bzw. Fußnoren-
schlachten zu kaschieren versuchen " .
Garantieren aber das konrinuierliche Ausgehen der eigenen rheoretischen Set-
zungen von und das Messen an Beispielfällen bzw. die Orientieiung des eigenen
Vokabulars an dem der „ordinary language" bzw. des „common sense" sowie die

phisch zu rehabilitieren mit einem der Form nach sozialdarwinistischen Argument: „Where it
really matters, where really something is at stake, folk theories have to be in general true or we
would nor have survived." (RM 59) Von Irvin Rock auf die Bedenklichkeiten eines derartigen
Umgangs mit bzw. Einsatzes von sogenannten „folk theories" hingewiesen (in Rock 1991),
fühlt et sich jedoch mißversranden: Rock, so Searles Antwort (in Lepore/Van Gullick 1991,
338ff), gehe wohl davon aus, daß er, Searle, mit der impliziten Annahme arbeite, „that Inten-
tionalisitic explanations are co-extensive with ,common-sense'—explanations, which what he
[Rock] sometimes calls explanations in ,folk psychology'." (338) Dagegen wehrt er sich: „I do
not claim that there is a perfectly adequate ,folk psychology' which is quite sufficient for a sci-
ence of human beings and needs only ro be supplemented by scientific neuropsychology. Actu-
ally, I doubt that there is any such well-defined phenomenon as ,folk psychology'." (339) Wie
diese Aussage mit der oben zitierten Aussage, daß „folk theories" im allgemeinen „wahr" sein
müßten, wo wirklich etwas auf dem Spiel stehe, zusammengehen soll, bleibt dabei Searles Ge-
heimnis: Sie stehen auch nach seiner Antwort auf Rock unvermittelt nebeneinander.
123 Um nur ein schlagendes Beispiel zu nennen: in Intentionality bezeichnet er seinen eigenen er-
kenntnistheoretischen Ansatz als „a Version of,naive' (direct, commonsense) realism." (INT 57)
124 Mit dem Zusatz: „and their ordinary use has to be respected in any philosophical account that
relies on that use." (Vgl. TCS 224.)
125 Gleichlautende Vorwürfe erhebt Searle explizit z. B. im Vorwort bzw. ersten Kapirel von The
Rediscovery ofthe Mind. Vgl. RM xiv und 5.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 101

gleichzeitige Distanz gegenübet wissenschaftlichen Tetmini und Fußnoten tat-


sächlich schon eine größere „Nähe" zu den Prozessen dei Lebenswelt, odei, wie
Seaile sagen wüide, des „real life"? Folgt man Seailes eigenen theoretischen An-
metkungen zu diesen Fiagen, sind Zweifel angebracht. Auch et nämlich kennt
für die Verwendung von Beispielen mindestens vier ganz unteischiedliche argu-
mentative Funktionen, die von sich aus mitnichten je schon notwendigerweise
einen besonderen Status untei den Aigumentationsfoimen beanspruchen dürfen.
Ganz in klassischer Manier dienen sie auch bei Searle explizit a) als induktive Be-
weisform1 ; b) als Ulusrration . ; c) als Gegenbeispiele " ; und d) als exemplaiische
Einfühlung von bisweilen giundsätzlich nichr eindeutig definietbaien Begrif-
fen . Auch wenn Searle selbst gerne explizit darauf hinweist, ei selbet verwende
für seine Darstellungen besonders banale Beispiele , weiß er doch zugleich auch,
daß dies nichr per se eine Garanrie für deren argumentative Tteffsichetheit isr; im
Gegenteil: Gerade das Aibeiten mir einfachen Beispielen kann diese Treffsicher-
heit empfindlich einschränken, wie et erwa bei der Betrachtung bestimmter, in
der analytischen Philosophie seit langem zitkulietendet Beispiele feststellt: „The
concentiation on a few very simple examples [...] has led ro an incorrecr analysis"
(SA 145), lautet in diesem Fall sein unmißverständliches Urteil. Ähnliches gilt für
das Diktum von den aus dem „Zentrum" oder der „Mine" des „real life" zu wäh-
lenden Beispiele: Wenn ein gegebenes theoretisches Bild falsch sei, so Seaile,
müsse man iigendwie fähig sein, es zu brechen; ist dies nur möglich mit Hilfe auf
den ersten Anschein absrrus wirkender Beispiele - man denke nur an die oben zi-
tierte, mit ihiei Matte duich eine ferne Galaxie fliegende bzw. auf die Marte auf-
gespießte Katze (vgl. LM 122ff) - oder ähnlicher „Gedankenexperimente" (vgl.
etwa RM 65) , dann müsse man eben solcheilei lebensferne Beispiele verwen-
den. „Of course", begegnet Seaile selbst dem zu erwartenden Einwand gegen Bei-
spiele wie: von Silicon Chips eisetzte Gehirne, seltsame Dinge vollziehende Kat-
zen und bewußte Roboter, „rhis is science ficrion, bur then, many of the most

126 Vgl. etwa in Literal Meaning, wenn er davon spricht „ I have offered a few examples together
with some hints as to how we could generalize the phenomena discovered in those examples"
(LM 131); siehe auch: INT 117-122. (Die Angabe von Stellen in dieser und den nächsten
Fußnoten sind nicht mehr als Hinweise auf prominente Aussagen Searles; dies ist dabei stets
nur ein kleiner Ausschnitt: jeder Searle-Leser weiß aus eigener Erfahrung wie massiv alle vier
genannten Funktionen von Beispielen in Searles Texten auftauchen.)
127 Vgl. etwa: „I shall illustrate this with examples" (SA 43); oder: „What I mean [...] can best be
illustrated with examples." (RM 83)
128 In dieser Weise will er etwa sein berühmtes „Chinese room"-Beispiel als Gegenbeispiel gegen
die Behauptungen der künstlichen Intelligenz verstanden wissen (vgl. RM 45).
129 So, wenn er etwa darlegt, daß die von ihm eingeführten intentionalistischen Begriffe nicht auf
der Grundlage einer „unter" oder „vor" jeder Inrentionalität liegenden Sprache definiert werden
können, sondern nur „in terms of a family of notions each of which is explained independently,
usually by way of examples." (Vgl. INT 79). Ähnliches gilt für Begriffe wie „Bewußtsein", für
den - „as with most words" - gilt, daß man sie nicht eindeutig, nicht-zirkulär definieren könne:
auch da hilft einzig exemplarische Einfuhrung der Begriffe (Vgl. RM 83).
130 Vgl. etwa: „The examples are deliberatly chosen for their banaliry." (INT 265)
131 Den Terminus „Gedankenexperiment" verwendet Searle gern im deutschen Original.
102 JOHN R. SEARLE ODER EINE ..FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

imporranr rhoughr experimenrs in philosophy and science are precisely science


ficrion." (RM 70) Statt also dem Atbeiten mit Beispielen generell bzw. dem mit
besondeis „einfachen" oder auch aus der „Mine" des Lebens gewählten Beispielen
einen grundsärzlichen argumentativen Mehrwert bzw. ein größere „Nähe" zum
„real life" zuzusprechen, müsse man wissen, so Searle, daß das Arbeiten mit Bei-
spielen immei auch ein Risiko bedeute, denn es gebe immei „examples [that] aie
likely to fool us" (SA 89); und gerade diese Kraft des Iiteführens begründe nichr
sehen „an eristic seatch for rrick examples, at the expense of any setious examina-
tion." (SA 158) Von einei gtundsätzlich größeren „Nähe" zur Lebenswelt und
dahei gesteigerten philosophischen Relevanz auf sie aufbauender Theoreme kann
also, im Falle des Beispiels, nach Searles Selbsraussagen zu urteilen, keine Rede
sein.
Ähnliches gilt - wieder: folgr man Searles eigenen Aussagen - für den Bezug
auf die „ordinary language" bzw. den „common sense" und deren Theoretische
Autorität. Auch hiet nämlich ist Seaile, liest man seine vielen vetstreuten theore-
tischen Reflexionen zu diesem Thema zusammen, de facro weiraus zwiegespalte-
net, als seine kraftvollen Eingangsfoimulietungen dies nahelegen. Zwai ist es
richtig, daß et immei wiedet auf Alltagsintuitionen bei Beschreibungen und Er-
klärungen bestimmter sowohl sprachlicher als auch sozialer Phänomene in autori-
sierender Weise zurückgreift: „It would be odd to say" (erwa: SA 144) oder „Thus
I cannor say" (TIA 5) oder „In this case we aie teluctant ro say" (INT 83) heißt es
dann, um die möglichen Gegenvoischläge zu den seinen zu diskredirieren, oder
schlichr: „No one ever came to these views by a close sctutiny of the phenonema
in question", odet „No one would evet think of tieating [...] phenonema in this
way." (INT 264) '" Kurz: es gibr in der Tar für Searle eine gülrige, von ihm selbst
gegen bestimmte Beschreibungen und Eiklätungen häufig in Anspruch genom-
mene Argumenrarionsfigur der Form: „The account flies in the face of out com-
mon-sense convicrion." (INT 114; vgl. auch: SA 144) Gleichwohl isr dies so un-
gebrochen nicht, wie man es von dem Piagmatiket Searle vielleicht erwarter: So
stellt er z. B. in Intentionality bei einer Analyse zweier Särze nach einer Zeir
durchaus selber fest, daß sein Etgebnis dem des „common sense" widerspricht,
und schreibt dieser Enrdeckung nicht nut lokale, sondern allgemeine Gültigkeit
zu: „This is a characteristic partetn of philosophical problems: on rhe one hand,
very powerful linguisric inruitions incline us to a certain common sense views,
[...]; but, on the othei hand, poweiful argumenrs seem ro militate against com-
mon sense." (INT 182) Auch Seatle weiß also, daß das, was der „common sense"
nahelegr, nichr auromatisch das sein muß, was richrig isr . Im Gegenteil lassen

132 Auch hier gilt wieder, was schon oben von den Beispielen gesagt wurde: die vorgestellte Aus-
wahl ist nicht mehr als ein kleiner Ausschnitt aus einer Fülle möglicher anderer Stellen.
133 In seiner oben schon erwähnten Antwort auf Irvin Rock (in Lepore/Van Gullick 1991) wehrt er
sich gar ganz explizit gegen Rocks Unterstellung, er, Searle, habe bisweilen ein nicht unproble-
matisches Vertrauen in das „common-sense vocabulary", mit einem Hinweis auf sein eigenes
Vorgehen: „On the contrary, I have in my own work found it frequently both useful and neces-
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 103

sich immer wieder Beispiele finden, die in genau die enrgegengesetzte Richtung
weisen; so stellt et in seinei Reflexion zum Problem det Metaphei etwa fesr, daß
die Vergleichstheorie der Merapher (deren Grundmodell für ihn das arisrotelische
ist) mit gutem Gtund als die „commonsense view" angesehen weiden kann - um
dann zu zeigen, daß diese falsch ist. (Vgl. ME, 93-103) Vetgleichbates, heißt es
sparet in The Rediscovery of the Mind, gilt für die „commonsense metaphoi of
inttospection" zut Beschreibung des Prozesses det Selbstreflexion des Bewußr-
seins: Auch diese, srellr Searle unmißversrändlich klar, „was doomed to failure
from the start, and it is not sutpiising that intiospective psychology proved ban-
krupt." (RM 970 Daß etwas kollektiv akzeptiert wiid, ist also mitnichten per se
ein Beleg dafüt, daß es richtig ist, denn es ist dutchaus denkbar, daß die Mehrheir
besrimmre Annahmen als zutreffend aneikennt „only because of some related
theoiy, which may not even be tiue" (TCS 47) - wie etwa das kollektive Aner-
kennen eines Königs zeige, das über Jahrhunderte auf det (seinei Ansicht nach
falschen) „common sense" Annahme geruhr habe, „[that] he is divinely authoti-
zed." (TCS 47)
Die Frage, weiß also auch Seatle, ist - analog zum Beispiel - nicht eigentlich,
ob dei „common sense" pet se Recht hat odei nicht, pei se autorisierend zitiert
weiden kann odet nicht, sondern die Frage, um die es bei det philosophischen
Aufaibeitung des „common sense" geht, ist die nach einem bestimmten tradierten
Vokabulai, genauei: danach, was dieses Vokabulat dem „common sense" als „na-
heliegend", „plausibel" usf. etscheinen läßt und was eben nicht. „Ar any given
time", reflektiert Seaile dieses Problem in gtößetet Allgemeinheir, „in intelleoual
histoiy we are, all of us, working wirhin cerrain traditions that make ceitain
questions seem the tight ones to ask and cettain answets seem the only possible
answeis." (RM 12) Dies komme daher, daß „both language and cultute tenci to
force [cerrain] picrures on us" (RM 187), d. h. daß jede Zeir den Sprechern einer
Gemeinschaft eine bestimmte „Kultut" und ein bestimmtes Vokabulai tradiere
„and with it a set of assumptions" (RM 2). Man denke nut, demonstriert Seifle
dies an einem weirreichenden Beispiel, an das heure auch im Alltag njch
votheitschende carresianische Erbe: „With the Caitesian tradition we have inhet-
ired a vocabulary, and wirh the vocabulary a certain set of categoties, within
which we aie histotically condirionned to think [...]. The vocabulary is nor inno-
cent, because implicit in the vocabulary are a surprising number of theoret.cal
claims that aie almost certainly false." (RM 14) Beispiele für diese in die falsche
Richtung weisende Arbeit det cattesianischen Begriffe seien etwa eine Ruhe
wohlbekanntei Oppositionen: „'physical' vetsus ,mental', ,body' veisus ,miud',
,marerialism' versus ,mentalism', ,marrer' versus ,spirit'." (RM 14)' Die Frage,

sary to introduce technical terms to describe psychological and linguistic phenomena." (Searle
in Lepore/Van Gullick 1991, 339.)
134 Daß Searle, trotz seiner immer wieder auftauchenden starken Worte gegen falsche Opposi-
tionspaare und Traditionen, diesen selbst genauso stark schlicht verpflichtet bleibt, ist gerade in
bezug auf die von Searle „cartesianisch" genannte Tradition von vielen Autoren bemerkt wor-
den. Stroutland erwa verweist zu Recht darauf, daß „although Searle claims to be neither a du-
104 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

wie man sich zum „common sense" vethält isr damir eine Frage, wie man sich zu
einem besrimmten tradierten Vokabulai und dessen Setzungen vethält: Setzun-
gen, die, wie wit von Seaile wissen, eineiseits weltpiafigurieiend sind, die abei
andererseits - siehe das Beispiel des Cattesianismus — zugleich „almost cettainly
false" sein können.
Stellt man die Frage nach dem „common sense" bzw. dessen Autorität - mit
Seaile - auf diese Weise, wiid schnell offenkundig, wie zwiegespalren er diesem
selbsr merhodisch gegenübertritt. Eineiseits, hieß es oben, sei dei „commonsense
account" dei Welt für diese „partly consritutive" und deshalb höchstens zusatzbe-
dürftig, von keiner Theorie der Welt abet einsthaft erserzbar, denn: „ordinary
words and their oidinaty use has to be respected in any philosphical account that
relies on that use." (TCS 224) Auf det anderen Seite abei muß Seaile selbst er-
fahren, daß dieser „Respekt" gegenübei dem „otdinary use" der Worte, genauer:
den von ihm tradierten Kategotisieiungen von Welt, auch in die Itte führen kann
bzw. gerade das, was doch „obvious facts" sind, bis zui Unkenntlichkeit entstellt.
„Notice", schreibt ei dahet erwa zu Beginn der Darlegung seiner philosophy of
mind, „how the vocabulaty makes it difficult, if not impossible, to say what I
mean using the tiaditional tetminology." (RM 15) In solchen Augenblicken
enrscheider er sich dafür, daß es ihm nicht etgehen solle wie Kanr und anderen
Philosophen - „Jusr as Kanr's commonsense disrincrion between the appeatances
of rhings and the things in themselves led to the extremes of absolure idealism, so
rhe persisrence of rhe commonsense question ,Undet what conditions would we
atttibute mental states?' has led us into behaviotism, funcrionalism, strong AI,

alist nor a materialist, he is a dualist on some issues, a materialist on others. He is a dualist on


the nature of the mental: mental phenomena form a unified domain of conscious srates whose
essence is subjectivity. [...] Searle is a materialist about the subject of conscious states: what has
conscious states is the brain, which is definable in terms of physics." (Stroutland 1994, 250) Zu
einem ähnlichen Urteil gelangt auch Garrerr: Zwar, so Garrett, verwerfe Searle in großer Geste
tradierte Dualismen, aber „what Searle owes us here in an answer to the query, Why do we
need to understand consciousness as an emergent property given the falsity of conceptual dual-
ism? The tradition Searle rejects has motivations for such inclinations towards property dual-
ism; the problem of multiple realizability and Kripke's modal objections, being the most
prominent. But it is hard to understand why Searle speaks in the language of irreducibiliry, if
the tradition is so confused." (Garrett 1995, 210) Betrachte man die Sache genauer, stelle man
schnell fest, daß „Searle's dismissal of the tradition, I think, is far too hasry. In fact, he appears
to fit nicely into this tradition. He holds a property dualism that is consistent with the view that
all things are constituted by physical properties." (Ibid. 211) In Wahrheit gehöre Searle dem-
nach, bei aller lauten Abkehr von „der Tradition" zu denen, „who see psychological properties
as irreducible, yet also hold some form of physicalism. One of the pressing ropics for contem-
porary discussions is to explain how irreducibility and the priority of the physical can be under-
stood. But on this issue Searle has, sadly, little to say." (Ibid. 211)
135 Manche Theoretiker erfüllen laut Searle diese Bedingung übrigens auch sehr viel nachhaltiger,
als sie vielleicht selbst wissen. So schreibt Searle in Minds, Brains and Science etwa über Freud:
„Consider, for example, Freudian explanations. When Freud is doing his metapsychology, that
is, when he is giving the theory of what he is doing, he often uses scientific comparisons. [...]
But when he is actually examining a patient, and he is actually describing the nature of some
patient's neurosis, it is surprising how much the explanations he gives are commonsense expla-
nations." (MBS 69)
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 105

[etc.]" (RM17) —, und übeilegt daher ganz offen, ob nicht, „since my use of these
tetms tun dead countet to ovet thiee hundert yeats of philosophical tradition, it
would ptobably be better to abandon this vocabulary alrogerher." (RM 55) Dies
freilich erwägr er in dieser Radikalirät de facro nur einen Augenblick; die Ergeb-
nisse, die seines Erachtens eine bestimmte Art von Materialismus, der einen eben
solchen Versuch unternommen hat, zeitigt, lassen ihn von einem tatsächlichen
Abschied vom beigebrachten Vokabulai schnell wiedei Abstand nehmen: „The
uige is to try to find a desciiption of the phenomena that doesn't use the mentali-
stic vocabulaty. But what is the point of doing that? The facrs remain the same.
The fact is that the mental phenomena have mentalistic properties, just as what
goes on in my stomach has digestive piopeities. We don't get tid of those prop-
erties simply by finding an alternative vocabulary." (RM 29)
Was also run, um diesem Dilemma zu entkommen? Explizit gibt Seatle auf
diese Frage keine Anrworr. Implizit schon, wenn auch eine paradoxe: Andere, von
ihm verworfene Autoren nämlich, berichrer er in The Rediscovery ofthe Mind, nä-
herten sich den Phänomenen, übet die sie schreiben wollen, auf eine eigenwillige
Weise: „They often want to keep the commonsense vocabulaty, while denying
that it actually Stands for anyrhing in the real world." (RM 4) Was sich diese
Autoren nicht votstellen können, fährt er erwas spätet fort, isr, „rhat one could
accept the obvious facts [...] without accepting the [...] appaiatus that tradition-
ally went along with the acknowledgement of these facts." (RM 13) Dies genau
aber scheint es zu sein, was et möchte: die „obvious facts", die ei auch „common-
sense facrs" (RM 13) nennt, zu akzeptieren (und — qua Analyseansptuch seinei
Philosophie - beschreibend zut Etscheinung zu bringen), ohne doch die seit
Jahthunderren zum „common sense" gehörenden Untetscheidungen zu akzeptie-
ren. Wie abei „common sense facrs" gegen den „common sense account" akzeptie-
ren? Wie im herrschenden Vokabular sich von diesem abwenden, wie es beibe-
halten, „respektieren" und es zugleich vetlassen, um endlich richtig zu beschrei-
ben, was bis dato nut falsch beschrieben wurde? Searles einzige rheorerische Ant-
wort hierauf isr ebenso klar wie interpretationsbedüiftig: „the only guide for
merhodology is a universal one - use any rool or weapon rhar comes to hand, and
stick with any tool ot weapon that wotks." (RM 23)

1.5.3 Ein anderer Blick: Searles Rhetorik

Searle, hieß es oben, wisse, daß das, worüber er schreibt - „mental states", „a
common wotld", „Background capacities", „a common language" etc. - , ei nicht
beweisen, sondern es nut zu „zeigen" und im Zeigen zu „testen" veisuchen kön-
ne. Daß dieses „Zeigen" det basalen Pfeiler von Welt, nach deren Mustet wit uns
- imaginietterweise - immer schon verhalten, in Searles Texten dabei mehi, odei

136 Daß dies seinen eigenen Betrachtungen über die präfigurierende Kraft der Sprache strikt zuwi-
derläuft, stört Searle bei dieser Betrachtung augenscheinlich nicht.
106 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

zumindest: etwas anderes sein könnte als eine bloße Wiedetgabe derselben, dies
scheint an solchen Stellen durch, an denen er über das Ziel seines Schreibens etwa
sagt, daß er hoffe, daß „in rhe end rhat what I say will seem like a commonsense
account [...]. If I am right, what I say should seem obviously righr." (MBS 62)
Die Formulierung „will seem like a commonsense account" nämlich verweist dar-
auf, daß das, was er letztlich zu präsentieren gedenkt, wesentlich erwas sein soll,
das imsrande isr, einen besrimmten Eindruck zu hinterlassen, und nicht, etwas
Bestimmtes zu sein. Worum es seinem Schreiben gehr, ist nicht wesentlich Be-
schreibung von etwas Vorhandenem, sondern zuersr der Eindruck, er rue genau
dies: eine vorhandene Welr beschreiben. Nur dieser Eindruck nämlich machr es
ihm möglich, erwas als „obvious fact" zu präsentieren, was et doch zugleich in
und mit seinem Schreiben eist als ein solches konstituiert. Denn - und dies ist
die These, die es im folgenden zu belegen gehen wird - : Indem er schreibr,
schafft Searle erst peimanent die Welt, die ei zu beschreiben voigibt; und et ver-
wendet dazu tatsächlich jede nut eidenkliche Waffe oder jedes nur erdenkliche
Werkzeug, das ihm in die Hände fällt bzw. das seines Erachtens diesen Zweck zu
erfüllen imsrande ist. Drei diesei Waffen können dabei einen prominenten Platz
beansptuchen: das Beispiel, eine bestimmte Art von Metaphet und die Figut dei
polemischen Umkehtung. Um deren Funktionieren zu veistehen bedarf es frei-
lich rheorerischer Reflexionen, die über das, was im Searleschen Texr selbst zu
finden ist, hinausgehen. Diesen sei im folgenden einiger Plarz eingeräumt, weil
nut so veistehbai wiid, wie Seaile die gemeinsame Welt, die et zu beschreiben
voigibt und auf det seine ganze Theorie des Veisptechens tuht, selbst eist erzeugt.
Das „normale" Funktionieren des Veisptechens ist das Funktionieren in einet
dafüi geschaffenen „normalen" Welr.

1.5.3.1 Das Beispiel


Drei „Kririken" haben Kanr berühmt gemacht, drei Alten von „Urteil" har er ver-
suche in ihnen der Kritik zu unterziehen: das „rheorerische" Urteil in der ersten,
das „prakrische" in der zweiten und das „Geschmacksurreil" in der dritten. In be-
zug auf dieses dritte nun denkr zwar auch Kanr, daß die Grundlage aller Ge-
schmacksurreile - im Gegensarz zu der der Erkennrnis- bzw. der moralischen
Urteile - grundsärzlich eine subjektive isr, denn „das Geschmacksurreil [isr] ein
äsrherisches Urteil, d. i. ein solches, das auf subjekriven Gründen ruht und dessen
Bestimmungsgiund auch kein Begriff, mithin auch nicht det eines bestimmten
Zwecks sein kann" (KdU §15, 68). Und doch ist es deshalb nicht beliebig, läßt
sich übet Geschmack für Kanr nichr in dem Sinne srreiren, wie man dies ge-
wöhnlich vermuter: Denn auch das Geschmacksurteil, so seine Behauptung, „be-

137 Man könnte auch sagen: Effekt. Ob dies im strengen Sinne ein illokutionärer oder ein perloku-
tionärer ist, ist dabei nur noch schwer auszumachen: denn diese Unterscheidung macht nur
Sinn in einem Modell, in dem etwas da ist, das zu Wort gebracht werden kann. Searles Schrei-
ben ist dagegen eher in seinem Sinne „konstitutiv": es bringt das, über das es redet, im Reden
erst hervor.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 107

stimmt seinen Gegenstand [...] mit einem Ansptuche auf jedeimanns Beistim-
mung, als ob es objektiv wäre" (KdU §32, 131) . Garant dieset Als-ob-
Objektivität jenseits allgemeiner Begriffe bzw. Vernunftideen ist, was Kant den
„sensus communis" nennt: „Unter dem sensus c o m m u n i s abei muß man die
Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d. i. eines Beutteilungsvetmögens vei-
stehen, welches in seinei Reflexion auf die Vorsrellungsarr jedes anderen in Ge-
danken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschen-
vernunft sein Urreil zu halten." (KdU §40, 144) Erst dieser - laur Kant notwen-
digerweise als existierend anzunehmende - Gemeinsinn macht, daß auch dem
Geschmacksufteil eine ganz eigene Art von „Notwendigkeit" innewohnt: „Diese
Notwendigkeit nun ist von besondeiei Axt: nicht eine theoretische objektive
Notwendigkeit, wo a priori etkannt weiden kann, daß jedetmann dieses Wohl-
gefallen an dem von mir schön genannten Gegensrand fühlen werde; auch
nichr eine prakrische, wo durch Begriffe eines reinen Vernunftwillens, welcher
freihandelnden Wesen zur Regel dient, dieses Wohlgefallen die notwendige Folge
eines objektiven Gesetzes ist [...]. Sondern sie kann als Notwendigkeit, die in ei-
nem ästhetischen Urteile gedacht wind, nur exemplarisch genannr werden, d.
i. eine Notwendigkeit der Beistimmung allei zu einem Urteil, was wie [ein?]
Beispiel einet allgemeinen Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wind."
(KdU §18, 78)
Was also schön ist, d. h. was mit Norwendigkeir alle - im Rückgriff auf ihren
sensus communis - „schön" nennen können, das kann dementsprechend mit Si-
cherheir weder aus allgemeinen theorerischen Geserzen noch aus prakrischer
Notwendigkeit deduziert, sondern nut „exemplarisch", d. h. durch die Angabe
musrergülriger Beispiele vorgeführt und damit zugleich etabliert weiden: „Es gibt
also füi die schöne Kunst nut eine Maniet (modus), nicht L e h i a t t (methodus).
Det Meistet muß es votmachen, was und wie es det Schulet zustande bringen
soll." (KdU §60, 215) Natütlich, fügt Kant dem an, müsse dabei „auf ein gewis-
ses Ideal Rücksicht genommen weiden", d. h. es müsse auf bestimmte lehibate
Regeln oder „Hauprmomente" des vom Meister vorgegebenen Beispiels hier und
da hingewiesen werden; doch dies ausschließlich aus pädagogischen Gründen,
denn: „Nur durch die Aufweckung der Einbildungskraft des Schülers zur Ange-
messenheir mit einem gegebenen Begriff, [...] und durch scharfe Kririk, kann
verhütet weiden, daß die Beispiele, die ihm [dem Schulet] votgelegt werden, von

138 Wichtig hierbei ist, daß die Allgemeingültigkeit des Urteils nicht auf einem Erfahrungswert,
sondern auf einem .Anspruch" sich gründet: „Er [der Einzelne] urteilt nicht bloß für sich, son-
dern für jedermann, und spricht alsdann von der Schönheit, als sei sie eine Eigenschaft der
Dinge. Er sagt daher, die S a c h e ist schön; und rechnet nicht erwa darum auf anderer Ein-
stimmung in sein Urteil des Wohlgefallens, weil er sie mehrmalen mit dem seinigen einstimmig
befunden hat, sondern er f o r d e r t es von ihnen." (KdU §7, 50)
139 Denn: die Grundlage des Geschmacksurteils sei stets eine „Stimmung", „und diese Stimmung
kann nicht anders als durch Gefühl (nicht nach Begriffen) bestimmt werden. Da sich nun diese
Stimmung selbst muß allgemein mitteilen lassen, mithin auch das Gefühl derselben (bei einer
gegebenen Vorstellung); die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls aber einen Gemeinsinn
voraussetzt: so wird dieser mit Grunde angenommen werden können." (KdU §21, 800
108 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

ihm nicht sofort für Urbilder und [...] Muster der Nachahmung gehalten [wer-
den]." (Ibid.) Ersr diese Art von Anleitung durch Beispiele, die wedet reine Vor-
bilder zur bloßen Reproduktion, noch allgemeine Regeln zur Dedukrion sind,
führt, so Kant, zu einet „Kultut det Gemütskräfte", d. h. zu den für die allgemei-
ne Zugänglichkeir zur Universalirär des „Geschmacksurteils" notwendigen „Vor-
kenntnisse", auf denen das Funktionieren eines ,,dauetnde[n] gemeine[n] We-
sen [s]" eines Volkes letztlich tuht (ibid., 216). Dei im Kontext mit dem „Ge-
schmacksutteil" bemühte „sensus communis" ist demnach eine Art „common
sense", det mehi ist als das bloß empitische Faktum det Übereinstimmung allen
Et selbet tuht auf einer zu einem Urteil in besondeiei Weise autotisietenden
„Kultut" (d. h. Erziehung), von der aus ersr eingesehen werden kann, inwiefern
was „common" ist im „common sense" wirklich Anspruch auf Allgemeinheir er-
heben kann und was dagegen bloß zufällige Übereinsrimmung einer an sich kul-
tutlosen Masse ist. Noch kürzer gesagr: Der „sensus communis" ist ein sich
qualitativ, nicht quantitativ begtündendet „common sense" aller „erzogenen"
Sprecher.
Versucht man sich nun diese Konsttuktion in eine auch auf andere Fälle über-
setzbare Fotm zu btingen, könnte man sie wie folgr zusammenfassen: In der Kri-
tik der Urteibkraft versuchr Kant zu veistehen, wie man ein Urteil als gültig ein-
führen bzw. mit Gültigkeit ausstatten kann, das diese wedei aus praktische! Not-
wendigkeit noch aus det Unumstößlichkeit theoretischer Prinzipien ableiten
kann, sondern einzig über den Rückgriff auf einen als verbindlich angesehenen
„sensus communis" (eine ein bestimmtes Maß an „Kultut der Gemütskiäfte" vor-
aussetzende Variante des „common sense") zu autorisieren versuchr. (Ein) Vehi-
kel zur Lösung dieses Problems isr laut Kant das „Beispiel", dieser „Gängelwagen
der Urteilskraft", wie er es noch zu Zeiten der Kritik der reinen Vernunft (KdrV A
134, 185) genannr har "* , denn das Angeben bestimmter Arten von Beispiel in ei-
nem solchen Kontext ist stets mehi als bloß die Beschreibung eines Einzelfalls,
weisr über diesen stets hinaus in Richtung einer „allgemeinen Regel, die man
nichr angeben kann", ohne diese jedoch selbsr zu formulieren, und setzt damit
zwischen die sich in ihiei Singularirät einschließende Empirie und die nicht ga-
rantierbare, aber unabdingbare Universalirät allgemeiner Geserze ein Drittes, das
die Mängel der beiden anderen in sich aufhebe Auf diese Weise vermag das Bei-
spiel - im Rückgriff auf den und zugleich als Anleirung zur Einsicht in den „sen-
sus communis" - Evidenz da zu schaffen, wo diese sowohl in rheoretischet als

140 Mit Blick auf das Paradox dieser Konstruktion, die den sensus communis, zu dem durch die
Gabe von Beispielen ersr erzogen werden soll, zugleich immer schon als existent voraussetzen
muß, merkt David Lloyd in seinem Aufsatz Kants example richtig an: „The .common' or .pu-
blic' sense involved here appears as at one and the same time the foundarion for and the pro-
duet ofthe mode of judgement that recurrently produces and depends upon the identiry ofthe
individual subject with mankind in general." (Lloyd 1995, 258)
141 Denn „Urteilskraft", stellt Kant im Kapitel „Von der transzendentalen Urteilskraft überhaupt"
fest, ist darin dem „Mutterwitz" verwandt, daß man sie nicht lehren, sondern ihr höchstens ein
wenig auf die Sprünge helfen kann: „Dies ist auch der einzige und große Nutzen der Beispiele:
daß sie die Urteilskraft schärfen". (KdrV A 134, 185)
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 109

auch in praktische! Hinsicht fehlr. Das Beispiel isr somir (einer der) Produ-
zenten) von (Als-ob-)Sicherheir („... als ob es objektiv wäre ...") im Reich des
Zwischen: zwischen Allgemeinem und Besonderem, zwischen Geserz und Ein-
zelfall, zwischen unausweichlicher Notwendigkeit und bloßem Zufall.
Die Kraft, dank derer das Beispiel eine solche Fähigkeit besitzt, ist dabei frei-
lich rherorischer, nicht aigumentativet Natur. Auch wenn Kant Zeit seines Le-
bens die Rhetorik aus dem Reich des Argumentativen in den Bereich reinei
Kunst veidammen wollte , bezieht ei sich doch, wenn ei dem Beispiel eine solch
prominente Rolle bei det Verfassung von Urteilen zugesteht, auf eine lange theto-
rische, nichr eine philosophische Tradirion. Schon Arisroteles zählt in seiner
Rhetorik die Verwendung von Beispielen — neben der Verwendung von Enrhy-
menen - als zweire große Gruppe induktiver rherorischer Schlußweisen auf (vgl.
Rher. 1356b 5). Ähnlich den ropoi, den Hauprquellen der rhetorischen Phase der
inventio, spricht Arisroteles Beispielen dabei vor allem den Vorteil zu, die „der
Menge vertrautere" Foim det Aigumentation zu sein (Top., 105a, 16), d. h. auf
gewisse Weise „nähei" an den Denkweisen und -wegen des ,ordinary life' der
Mehrheir. Dies rührt dahei, daß dem Beispiel eine größere Anschaulichkeit in-
newohnt als dem allgemein gehaltenen Atgument: „es veranschaulicht [genauer:
stellt vor Augen: „ante oculos ponit"], wenn es alles deutlich ausdtückt, so daß die
Sache sozusagen mit dei Hand gegriffen werden kann", beschreibt dei Auetor ad
Herennium in seinei Rhetoiik die Funktion des den figurae sententiae zugerech-
neten Beispiels . Diese Nähe und Anschaulichkeit bewiike auch, stellt schließ-
lich Cicero in De oratore noch heraus, daß das Beispiel eine dei ihetoiischen Ge-
dankenfiguren sei, die besonders srark zu bewegen vermag. ' Hauprziel und
-Wirkung des Anführens von Beispielen sei daher - über die Berufung auf den
Fall oder das Vorbild einer Person oder eines Sachverhaltes - ein schon in der
Diskussion befindliches Argumenr zu stäfken oder zu schwächen : was sich mir
Kanrs Inruirion von der eher katalysierenden denn im strengen Sinne beweisen-
den Funktion des Beispiels deckt.
Betrachtet man das Beispiel von diesei ihetoiischen und nicht bloß seinei ai-
gumentativen Seite - die, wie wii mit Seaile schon gesehen hatten, dem Beispiel
nicht pei se den Status besondere! Wiiklichkeitsnähe oder Treffsicherheir zuzu-
schreiben vermochte - , wird einsichtig, wieso und in welchem Sinne Seailes Text
auf das rhetorische Partikel „Beispiel" angewiesen ist. Seaile, hieß es oben, weiß,
daß et für das, was er sagen will, nichr argumentieren, sondern nut „Evidenz" zu
schaffen versuchen kann; narürlich könne man auch anderer Meinung sein als er,

142 Man erinnere sich nur an jene berühmte Fußnote im §53 der Kritik der Urteibkraft, in der
Kant die Rhetorik als eine „Kunst sich der Schwächen der Menschen zu seinen Absichten zu
bedienen" beschreibt, die „gar keiner Achtung würdig" sei, weshalb er sie auf das Feld der
„Schönen Künste" begrenzt wissen möchte (vgl. KdU §53, 184f).
143 Ad Her., IV, 62 (Auetor Ad Herennium 1989, 2120 - Vgl. auch Lausberg 1990, 134.
144 De ort., III, 53, 205 (Cicero 1967, 85).
145 De inv., I, 30, 49 (Cicero 1994, 101). - Für eine besonders instruktive Einführung in die Ge-
schichte des Beispiels innerhalb der Rhetorik siehe auch Klein 1992 und 1996.
110 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

muß ei dahet hiet und da einräumen, fügt dann abet zumeist sofort hinzu: „but a
little reflecrion will show", daß das, was et sagt, „obvious" sei (vgl. SA 178), odei
auch daß die von ihm votgeschlagenen Untetscheidungen „natuially suggest
themselves to us as soon as we begin to reflecr" (SA 22) 4 '. Es gibr kein allgemei-
nes Geserz, auf dessen Auromarismus Searle bei seinen Darlegungen serzen
könnte, keine allgemeine Regel, die garanriert, daß das, was Searle als immer
schon existent und immei schon von jedeimann im Normalfall beanspruchr (und
damit als gültig akzeptiert) präsentiert, jedem anderen notwendig plausibel er-
scheinen machr: Seine Perspekrive ist, wie er selber sagr, unausweichlich eine
subjektive, die der ersren Person Singular. Trorzdem hofft er, andere zu einem
dem seinen identischen Urteil anzustoßen, d. h. den Effekt oder Eindruck in ih-
nen auszulösen, der ihnen seine Beschreibungen und Erklärungen „obvious" und
wie „narürlich" sich selbsr vorschlagend erscheinen machr. Das Beispiel nun isr -
dank der ihm eigenen rherorischen Srrukrur - ein dazu ausgesprochen geeignetes
„Weikzeug": Denn etstens suggeriert sein Grad an Konkietheit „Nähe" zut Le-
benswelt; zweitens setzt die dem Beispiel eigene Plastizität stätket als die Ttok-
kenheit rein theoretische! Betrachtungen bei det bewegenden Kraft der Worte an;
dtittens veimag dei Mustcrcharakter von Beispielen in eine Allgemeinheit zu vei-
weisen, dank derer es die bloße Konkrerion zu rranszendieren behaupten und sich
auf einen allgemein verbindlichen „common sense" berufen kann; und schließlich
kann es die Urteilskraft seines Lesers derart „gängeln", daß es — indem es Beispiele
besrimmrer Arr für paradigmatisch etklätt - sich auf den „common sense" nicht
nui autoiisieiend beiuft, sondern diesen zugleich formt, d. h. die „Kultut dei
Gemütskräfte" definiert, auf der ein ,,dauernde[s] gemeine[s] Wesen" ruht. Wenn
Searle zur Einführung und gleichzeitigen Autorisierung seiner Thesen anhaltend
Beispiele aus dem Reich des Football, Angelns, Baseball usf. bemüht, dann dient
dies nicht einfach dazu, bestimmten types bestimmte tokens zuzuordnen und so
die Welt nach den ihr gemäßen Ordnungsmustein zu bestimmen. Sondern dann
serzr er zugleich darauf, daß A) für die Mehiheit seinei (noidameiikanischen) Le-
ser dadurch „die Sache sozusagen mit der Hand gegriffen werden kann" (s. o.),
wodurch sie B) erhoffterweise viel nachhaltige! „bewegt" odei angeiühit weiden
als durch eine reine Aigumentation: Ist ein Beispiel aus dem foorball doch siche-
res Zeichen dafür, daß Searle „mitten" aus dem Leben sprichr (eine Eigenschaft,
die Termini wie „rranszendentale Apperzeption" oder „eiderische Redukrion"

146 Einer der wenigen Autoren, denen diese „It-should-be-obvious"-Rhetorik Searles nicht nur auf-
gefallen, sondern der sie auch klar benannt hat, ist Frederick Stroutland. In bezug auf Searles
These, „all pains, thoughts and feelings are located in the brain, emergent features of neuro-
physical processes", die, wie Searle behauptet, „need no clarificarion or defence other than that
they are required by our scientfic world picture", bemerkt Stroutland unmißverständlich: „Few
accept this view of consciousness, yet Searle can write that ,anyone who has had even a modi-
cum of .scientific' education after about 1920 should find nothing at all contentious or contro-
versial in what I have just said.' This is surely scientism at its worst - the kind of view which
usually leads to a materialism of, say, Lenin (who got it before 1920)." (Stroutland 1994, 248)
Inwieweit Searle mit Lenin nicht nur einen kruden Szienrismus, sondern auch eine kämpferische
Ader teilt, dazu später mehr.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 111

gerne abgesprochen wird, zumal in der US-amerikanischen Diskussion); ferner


machr C) ein solches, „mitten" aus dem Leben gegriffenes Beispiel es unnötig, die
„allgemeine Regel", der es folgt, präzise anzugeben - denn: die Begriffe, die unse-
ren Alrrag besrimmen, sind nun einmal ungenau, lassen sich so scharf nichr tren-
nen, wie vielleicht Kant das noch gewollt hat - , sondern es reicht ein Appell an
den „commonsense account", um einsichtig zu machen, daß det beschriebene
Fall mehi ist als ein bloßet Einzelfall, d. h. allgemeingülrigen Charakter besirzt.
Und schließlich wird D) mir der Verwendung solcherlei Beispiele - und nichr
etwa, wie dies bei anderen Autoren ja durchaus votkommt, mit Beispielen aus
Piousts Recherche odet den Erfahrungen des Holocausr - zugleich präfiguriert,
was sinnvollerweise im Zenrrum eines „common sense" zu stehen habe bzw. was
füi die „Kultut det Gemütskräfte", auf der ein ,,dauernde[s] gemeine[s] Wesen"
ruht, nur ein „marginal case" isr und was — im Gegenteil - deren „Mitte" defi-
niert . Andeis gesagt: Wenn Seaile Beispiele aus det Welt des Football, Baseball,
Angeln usf. für den „Test" det Plausibilität seinet Thesen bemüht, appelliert et
damit nicht nui zut eigenen Autotisietung an einen diesen Beispielen vorgängi-
gen „common sense", sondern er bestimmt damit zugleich auch - wie Kant sagen
wütde - eine „Maniet (modus)", det sich jedet zu fügen hat, der etwas auszusagen
gedenkt übet „the sttucture whereby insritutional reality actually woiks in real
human societies". Was Seaile selbst übet die piäfigutiende Kraft des Vokabulais
sagt, gilt in gleichet Weise auch für die der Beispiele: „No choice of an example is
innocenr. Each carries with it a whole set of peihaps quesrion-begging assump-
tions. A good parr of conceptual atgument in philosophy and theory is carried by
rhe unsaid in rhe example." So betrachtet sind Seailes Beispiele wedet einfach
Illustrationen des von ihm Behaupteten, noch schlicht induktive Beweisformen o.
ä.; sondern sie erfüllen eine für die Geschlossenheir und auch „Evidenz" seiner
Theorie wichtige Funktion: Sie helfen, das Phantasma det „gemeinsamen", aus
einet iht intrinsischen „Mitte" odei „Noimalität" sich definierenden sozialen
Welr allererst zu schaffen, auf das sein Schreiben immer schon aufbaur und an
das sein Schreiben immer schon aurorisierend appelliert, ohne es doch „beweisen"
zu können.

1.5.3.2 Metaphern
Wer immer Searle gelesen hat, weiß, daß diesei sein Schieiben beseelt sehen
möchte von einet alten angelsächsischen Tugend: „Where questions of style and
exposition aie concetned", beschreibt et selbst diese zu Beginn von Intentionality,
„I tty to follow a simple maxim: if you can't say it clearly you don'r understand it

147 Was er zu sagen habe, sagt er selbst ganz entlang der kantischen Intuition, „should be obvious
to any educated person" (vgl. RM 2); ebenso, wie bestimmte der von benannren „Background
assumptions" seiner Ansichr nach „are so fundamental and so well established as to be no longer
optional for reasonably well-edcuated people of the present era" (RM 82). Wenn Searle sich al-
so auf den „common sense" beruft, dann hat auch er dabei — ganz im Sinne Kants — den der
„educated people" im Sinn.
148 Vgl. Miller 1995, 162.
112 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

youiself." (INT x) Searle fordert also, „klar" zu sein, „direkr", „straight out",
statt den Umweg übet mehtdeutige Begriffe und unklare Verwendung von von
anderen enrliehenen Namen (er rauft diese irrige Srraregie mit dem Namen
„Give-it-a-name maneuver") zu beschreiten (vgl. RM 4f), Strategien, die ei gerne
als „parasitär" verwirft (vgl. erwa: INT 248f)- Meraphern, wie alle anderen Arten
indirekter Sprechakte auch, zählen nun laur Sprechakttheorie qua definitionem
zut Giuppe „parasitäre!" Sptechweisen (SA 78): was füi Seaile einen guten
Gtund bedeutet, voi den Gefahren metaphoiischei Spiechweisen zu warnen, eig-
net diesen doch die jedem Veisuch „klaiei" Ausdrucksweise eher hinderliche Ei-
genschaft, in ihren möglichen Bedeutungen „open-ended" zu sein (vgl. ME 95),
was dazu führt, daß die Metapher — wie Seatle erwa am Beispiel der räumlichen
Merapher von „Innen" und .Außen" bei der Beschreibung mentalet Prozesse de-
monsrriert - „resisrs any clear Interpretation" (INT 37) . „Be straight out!" odei
„Say it cleaily!" könnte man wohl ohne großes Zögein zwei seinei obeisten me-
thodischen Maximen zusammenfassen.
Freilich steht auch diese methodische Setzung in Seailes eigenet Theoiie nicht
ohne eine ihr gegenläufige Tendenz da. Ihren stäfksten theoretischen Vertretet
findet diese Gegentendenz in seinem „principle of expressibility", dessen Kurz-
form „wharever can be meant can be said" (SA 19) nut einen seht kleinen Teil
von dessen Idee in sich zusammenzufassen vermochte. Daß man alles sagen kön-
ne, was man meine, war — wie oben dargelegr - nach diesem Prinzip weniger eine
Beschreibung fakrisch herrschender Zusrände als vielmehr Ausdruck der rheoreri-
schen Idee einer generellen Kraft und Potentialität von Sprache an sich. Im Prin-
zip, hieß dessen Gtundctedo, sei es jederzeir möglich, alles zu sagen, was man
meine, denn im Prinzip könne man seine Sprachkennrnisse nichr nur jederzeir bis
zur Perfekrion, sondern noch über diese hinaus rreiben: so daß man irgendwann
auch das zu sagen imstande sei, was in dei hellsehenden Spiache noch gai nicht
ausgedrückt werden könne, weil es dafür noch gar keine Ausdrücke gebe. Denn
das war der eigentliche Clou dts principle of expressibility: daß es den Hoiizont auf
ein Jenseits der aktuell hellsehenden Spiachiealität hin zu öffnen vermochte, da
es - dank seinet - jederzeir immerhin möglich war ,,[ro] at least enrich rhe [pre-
vailing] language by inrroducing new rerms or othet devices into it." (SA 20)
Den Dingen einen (neuen) Namen geben: Nut dank det Tatsache, daß das „give-
it-a-name maneuvet" ein nicht zu entäußeindet Wesenszug jedet Sprache ist,
vetmag ein Sprechet, das zu sagen, was immei er sagen möchte — z. B. wenn es

149 Und er fährt fort: „But anyone who attempts to wrire clearly runs the risk of being .understood'
too quickly, and the quiekest form of such understanding is to pigeonhole the author with a
whole lot of other authors that the reader is already familiär with."
150 Erwas später freilich gesteht auch er, der Philosoph der „ordinary language" ein: „Nonetheless
these metaphors are persistent and perhaps even inevitable." (INT 37)
151 Es ist oben schon darauf verwiesen worden, daß mit diesem principle of expressibility Searle in
paradoxer Weise eine Kluft der eigenen Theorie zu überbrücken versucht: denn mit ihm garan-
tiert er die Einheit und Geschlossenheit des Regelsystems Sprache über dessen grundsätzliche
Offenheit in Richtung Zukunft. Sprache vermag alles Meinbare auszudrücken, i. e. in sich ein-
zuschließen, weil sie selber grundsärzlich „open-ended" ist.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 113

daium geht, bestimmte Charakteiistika dei Welt endlich so zu beschreiben, wie


sie witklich sind, jenseits det einengenden und verfälschenden Zwänge des tra-
dierten Vokabulars.
Wie aber schafft man tatsächlich neue Namen oder „devices" für erwas, das
man zwar sagen möchte, mit den heigebiachten Mitteln einei Spiache abei
(noch) nicht sagen kann, ohne damit einfach nui Geräusche oder nonsense zu
produzieren? Searle gibr darauf keine explizite theorerische Antworr, sondern
machr es uns schlichr vor: indem er, kurz gesagt, immei dann, wenn es daium
geht, neue, „angemessenere" Beschteibungsmodi für die philosophische Diskus-
sion zu finden, den Umweg der Merapher wählr: und Sprache plörzlich eine ei-
genwillige illokutionäie Kraft odet Gewalt besitzt, die einem sprachlichen Gehalt
odet Inhalt eine bestimmte Richtung gibt; odet Veistehen nut möglich ist, weil es
immet schon eingewoben ist in ein „Network" Intentionalei Zustände, die ihiet-
seits auf einem „bedrock" mentalet „Backgtound" capacities ruhen usf.
Natüflich: ist das hiei betriebene Spiel mit dem theoretisch hoch aufgeladenen
Terminus „Metapher" mindestens erklärungsbedürftig. Um det weit ausgreifen-
den Diskussion des Metaphembegtiffes zwischen einer Meraphysik des „schöpfe-
rischen Ausdrucks", der epistemologischen Selbstübeibietung der Merapher als
„ursprünglichem Weltbezug" bis zur Rherorik als einer neuen „prima philoso-
phia" möglichst galant auszuweichen , sei dazu auf die eiste entscheidende De-
finition des Tetminus „Metaphei" zurückgegangen: die nämlich, die bei Aristo-
teles zu finden ist. Dessen Veisuch, dem Phänomen der Merapher theoretisch
Heu zu weiden, wat bekanntlich ein doppelter: zum einen in seiner Poetik, zum
anderen in seiner Rhetorik. „Die Metaphet", heißr es in der Poetik, „isr die Über-
tragung eines Wottes (das somit in uneigentlichei Bedeutung Verwender wird)
[metaphoia de estin onomatos allotfiou epiphota], und zwar entweder von der
Gattung auf die Art oder von der Arr auf die Gattung, odet von einet Ait auf eine
andere, odet nach den Regeln det Analogie." (Poet. l457b6-9) Liest man diese
Definition etwas genauei, gilt es - folgr man Ricoeur — mindesrens drei Cha-
rakteristika festzuhalten:
1) Füi Aristoteles ist die Metaphet in Veibindung mit Worten odet Namen,
nicht mit dem Diskuis zu denken: was votbestimmend ist für eine lange Tradi-
tion der Einordnung der Merapher als Redefigur und nicht als ein diskursives
Phänomen. Bei einer genaueren Lektüre, stellt Ricoeut jedoch heraus, sieht man,
daß Aiistoteles in det Rhetorik die Metaphei voi allem übet ihre Abgtenzung zum
Vetgleich (eikon) definiert (in Anlehnung an die vierte der oben genannten Ar-
ten, Meraphern zu produzieren: über die Analogie); und „ro make a comparison,

152 Zur Darstellung der prominenresten modernen Theorien der Metapher siehe vor allem: Haver-
kamp 1996.
153 Bywater (in: Aristoteles 1946) übersetzt: „Metaphor consists in giving the thing a name that
belongs to something eise; the transference being either from genus to species, or from species
to genus, or from species to species, or on grounds of analogy."
154 Vgl. Ricoeur 1996.
114 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

one needs rwo teims that aie both equally present in the discouise." " Das Ver-
hälrnis von Vergleich und Merapher sei dabei bei Aristoteles nicht das, das Quin-
tilian voischlägt - Metaphet als verkürzrer Vergleich - sondern das genau umge-
kehrte: „simile is a meraphor developed furthei", oder anders gesagt: „metaphor
[...] is implicir comparison or simile." ' So gesehen sei klar, daß die Überrragung
(epiphora), die in der Metapher srarrfinde, immer eine zwischen zwei Termen sei;
und dies „is a fact of discouise before being a facr of name-giving" , denn: „To
affect just one word, rhe meraphor has to distutb a whole network by means of
aberranr disrribution."
2) entsteht die Metaphei aus einet Übertragung (epiphora), d. h. einer Bewe-
gung „von ... zu ...". Dies hört sich haimlos an, doch birgr es einige erstaunliche
Züge in sich: „It teils us", stellt Ricoeui einen diesei Züge heraus, „that, far from
designaring just one figure of speech among orhers such as synecdoche and mero-
nomy [...], for Aristoteles the word metaphor applies ro every rransition of
terms." Die Metaphet im aristotelischen Sinn bezeichnet damit nicht nur eine
ausgezeichnete Redefigur unrer anderen (so wie man sie in den späteren Kanons
von Dumarsais und Fonranier bis Lausberg und Currius u. a. findet), sondern ist
Name jedwedet Art von sprachliche! Übettiagungsbewegung. Ein Beispiel ist da-
bei dei Teiminus „metaphoia" selbst: dei den Begtiff dei „phota" aus dei aristo-
telischen Physik entlehne und diesen - in metaphorischei Verschiebung - zur Be-
stimmung des in Frage stehenden Begriffes heranziehe: „To explain metaphoi,
Aristotle creates a metaphoi, one botrowed from the realm of movemenr; phora,
as we know, is a kind of change, namely change with respect to location." So
gesehen stellt sich die Metapher in ihrem Kern zuerst und vot allem als Name für
einen Prozeß, eine Bewegung dar: für den Prozeß oder die Bewegung des Meta-
phorisierens, und nicht einfach das Verwenden einer besrimmren Art „bildlicher"
Ausdrücke.
3) geht es um die Übertragung eines Wortes odet Namens, det allotrios, d. h.
„fremd", „andeisaitig" oder „verschieden" isr, im Gegensatz zu Worten oder Na-
men, die kurion, d. h. „gängig" oder „gewöhnlich" sind. Die Metapher ist somit
charakterisiert in einet Abweichung vom Gängigen ' - dessen Resultat nicht pet
se identisch ist mit „uneigentlichem" Reden als abgeleitet von „eigentlichem" —,
was eineiseits diese beiden Teime voneinander trennt, zugleich abei ihre tespekti-

155 Ricoeur 1996, 336.


156 Ricoeur 1996, 338.
157 Ricoeur 1996, 339.
158 Ricoeur 1996,334.
159 Ricoeur 1996,329.
160 Ricoeur 1996, 330. - Darin zeige sich, fährt Ricoeur fort, daß es schon nach Aristoteles un-
möglich sei, über die Metaphet nicht-metaphorisch zu sprechen: „rhe definition of metaphor
returns on itself." (330)
161 „La figure est un ecart par rapport 3 l'usage, lequel ecart est est pourtant dans l'usage: voilä le
paradoxe de la rhetorique" faßr Gerard Genette das Paradox der Abweichungs-Metapher zur
Beschreibung des Funktionierens von Metaphern in seinem Aufsatz Figures treffend zusammen
(vgl. Genette 1966,209).
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 115

ve Abhängigkeit voneinander unteistreicht. Diese Abweichung vom Gängigen


entsteht dadutch, daß erwas Gängiges in fremdartigei Weise verwendet, in diese
Fiemde vetschoben wiid. Metaphern sind keine creatio ex nihilo, sondern eine
Veischiebung dessen, was man gewohnt ist, ein Sich-Ausleihen von Namen, die
duich den Akt des Sich-Ausleihens entfremdet weiden.
Es ist dieses Spiel mit dei übertragenden Veischiebung und dadurch Entfrem-
dung dessen, was man gewohnt odei was gängig ist, das nun — laut Aristoteles -
det metaphorischen Redeweise einen besonderen Status zuweist: „Die vollkom-
mene sprachliche Foim", beschreibt Aristoteles die Vetmögen vetschiedenet Re-
de- odet Schreibweisen in dei Poetik, „ist klai und zugleich nicht banal. Die
sprachliche Foim ist am klatsten, wenn sie aus lauter üblichen Worten [kurion
onomaton] besteht; abet dann ist sie banal. [...] Die Spiache ist ethaben und
vetmeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdtücke verwendet. Als
fremdartig bezeichne ich die Glosse, die Metaphei, die Erweiteiung und über-
haupt alles, was nicht gewöhnliche! Äusdiuck ist. Doch wenn jemand nut detat-
tige Woite verwenden wollte, dann wäre das Etgebnis entweder ein Rätsel odei
ein Batbatismus; wenn das Erzeugnis aus Metaphern besteht, ein Rätsel [ainig-
ma], wenn es aus Glossen besteht, ein Batbatismus [batbaiismos]." ( Poet.
I458al8ff) '" „Klar", aber nichr banal zu sprechen ist damit die Kunst, ein Spre-
chen durch Verschiebungen oder Abweichungen (Metaphern) von det gängigen
Ait zu sprechen deiarr zu enrfremden, daß ein „Rärsel" bleibr. Ein „Rätsel" und
kein Barbarismus: Denn ein Rätsel ist ein Ansporn, sich über das Gängige hinaus
zu wagen, der aufkommenden Fremdheir nachzugehen, ein Barbarismus dagegen
ein Grund, sich von ihr abzuwenden - weil man schlichr nichts mehr versrehr.
Für die Rhetorik spezifiziert Aristoteles diesen Ansporn odei diese Kraft des
Fremden odei Fremdartigen wie folgr: „Auf leichte Weise zu Wissen zu gelangen,
ist für alle von Natut aus angenehm; es sind aber die Worte, die etwas bezeich-
nen. Folglich sind die Worre, die uns Wissen verschaffen, am angenehmsten. Die
fremdartigen Worte sind uns unbekannt, während wit die gängigen kennen. Die
Metaphei abet veisetzt uns am ehesten in diesen Zustand; denn sofern man das
Altei eine Stoppel nannte, veimittelte man Leinen und Kenntnisse mit Hilfe des
Gattungsbegriffs." (Rher. 1410a) Das Moment des Unbekannten in dei Meta-
phet macht übeisetzen: ins Unbekannte, Fremde. Metaphern sind damir nichr
einfach nur Ornament odet technische Mittel det Überzeugung, sondern „veran-
lassen ein Nachforschen", wie es in der Rhetorik heißt (vgl. Rhet. 1410b), i. e. sie
haben ein übetschteitendes Momenr, eröffnen ein Blick auf Fremdes, bis daro so
nicht Gesehenes. „This tiansgression is inreresting only because it cieates mean-
ing, [...] What is being suggested, then, is this: should we not say that metaphoi
desttoys an otdet only to invent a new one [...]? Pushing this thought to the

162 Barbaros ist jemand, der nicht-griechisch, d. h. unverständlich spricht. Barbarismos verweist
somit nicht auf barbarischen Ausdruck im Sinne schlechten Stils, sondern schlicht zui nonsense,
Unverstehbarkeit. Vgl. dazu Kristeva 1990, 58fF.
116 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

limir, one must say that metaphoi beais informarion because ir ,redescribes' real-
«1M
iry.
Zusammengefaßt: der Name (oder genauer: die Merapher) „Merapher" sreht
bei Aristoteles für besrimmre Arten der Verschiebung oder Übertragung von
Namen oder Worten, deren Produkr entwedei ein „Rätsel" odei ein „Batbaiis-
mus" ist, i. e. enrweder ein Worr, das „ein Nachforschen veranlaßt" odei schlicht
unveistehbai ist. Diese Veischiebung odei Übertragung ist dabei eine, die in
dem, was kurion, d. i. gewohnt odei gängig ist — man könnte sagen: det ordinary
language - ansetzt und sich von dort in die Fremde bewegt, d. h. in den Beieich,
dei das, was gängig odei gewohnt ist, veiläßt, übeischteitet. Auf diese Weise ver-
mag die Merapher schon Bekanntes noch einmal neu zu beschreiben, ohne doch
einfach gänzlich neue Termini zu erfinden und damit den Bereich der „gängigen"
der „gewohnten" Sprache hintei sich zu lassen. Indem die Bewegung det Meta-
phet gewöhnliche odet gängige Worte odet Namen in veifremdendei Weise
überrrägr, vollbringt sie das Kunststück, im Alten mit den hergebrachten Mitteln
Neues sichtbar zu machen - worin sich auch, so Arisroteles, ihre eigentlich philo-
sophische Qualität offenbare: „Man muß aber Metaphern bilden, wie schon vor-
her gesagt wuide, von verwandten abet auf den eisten Blick nicht offen zurage
liegenden Dingen, wie es erwa auch in der Philosophie Charakteiistikum des
fichtig denkenden Menschen ist." (Rhet. 1412a)
Befragt man auf diesei theoretischen Folie einige det zentralen Begriffe der
Philosophie Searles, fallen doch - trotz Searles eigener Skepsis „indirekten"
Sprechweisen gegenüber - nichr wenige Parallelen zwischen der Praxis des Searle-
schen Schreibens und den Überlegungen Arisroteles' auf. Dies bezieht sich zuerst
einmal - in seht offensichtliche! Weise - auf eine ganze Reihe von die Theorie
Searles tiagendei Teimini wie erwa „Background", „Network", „illocutionary
force", „proposirional content", dem „center" und den „margins" der Normalirär
usf. Alle diese Termini sind Worte odet Namen, die Seaile dei ordinary language
entnimmt: So spricht man - betrachtet man nut die eisten zwei Ausdrücke — im
Amerikanischen auch im Alltag durchaus vom „Background" einer Person oder
auch eines Ereignisses, wenn man an deren sozio-kulrurelle bzw. hisrorische Si-
tuierrheit erinnern will, genauso wie man im Zusammenhang etwa von Tele-
kommunikations- oder Fernsehsysremen von „broadcasring" oder „relecasting
network" spricht oder auch die im „business" unverzichrbare, weirgefächerte
Kontaktpflege als „networking" bezeichnet. Freilich Verwender Searle diese Ter-
mini nun nichr einfach in ihrer „gängigen" oder „gewöhnlichen" Verwendungs-
weise, sondern er verschiebr sie - wie oben dargesrellr - in eine ihnen aus der
Sicht dei ordinary language ungewöhnliche Position: ins Zentium nämlich seiner
inrenrionalistischen Philosophie. In dieser Verschiebung geschieht dabei minde-
stens zweierlei: Zum einen werden die Termini in ihrer Bedeurung erweitert und
zugleich weiter ausspezifizierr - man denke nur an die Vielzahl ganz unterschied-
licher Charakrerisrika, die Searle dem „Background" zuschreibt: Er besrimme eine

163 Ricoeur 1996,334.


EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 117

bestimmte Art von „teadiness", bestimmte Dinge zu tun, glauben, hoffen, andere
nicht, et gliedere Etfahrungssequenzen in narrative Einheiten; ei definiere unsere
Votlieben, Neigungen und Aversionen, stiuktuiieie alle Erfahrung nach Aspekten
der Vertraurheir usf. Zum anderen werden sie mit dieset erweiternden Ausspezifi-
zierung in ihrer Bedeutung zugleich universalisiert: Der „Background" isr fürder-
hin die Instanz, die all unsei Handeln, Veistehen, Beurteilen usf. nicht nut be-
stimmt, sondern übeihaupt eist möglich macht. Dadurch bekommt, was bis dato
Chiffre besrimmrer, möglicherweise das Denken und Handeln eines Menschen
ausrichtende! Einflüsse war, durch Searles Verschiebung quasi-rranszendentalen
Chataktet. Diese metaphotisieiende Aus-alt-macht-neu-Strategie — die Seaile
durch eine nicht höt-, wohl aber sehbare Schreibweise mit großem Anfangsbuch-
staben explizit hervorhebt — suggeriert dabei eine Art Selbsterwachen der Wor-
te: Denn sie erst läßt sichtbat weiden, um wie viel zutreffender und allgemein-
gültige! diese Ausdiücke sind, als es die gewöhnliche Verwendung bisher har er-
kennen lassen. Searle - der Philosoph - hat dabei sozusagen nichts anderes getan,
als durch eine geringfügige Veischiebung die Worte selbst sprechen zu machen,
odet genauer die Welt sich so in den Woiten hat sagen lassen, daß sie endlich
witklich zum Votschein kommen. Dies ist Seailes Variante det Atbeit det Meta-
phet als ein, wie Aristoteles sagt, „Vot-Augen-Fühten" (vgl. Rhet. 141 lb): denn
ersr seine Überrragung (durch die Versähe unübersehbar) macht sichtbat, daß die

164 Weiter oben schon war mit einem Verweis vor allem auf den Texr von Uwe Dreisholtkamp
(Dreisholtkamp 1998) abgelehnt worden, zur sogenannten Searle-Derrida-Debatte Stellung zu
beziehen. Eine Anmerkung aus rhetorischer Sicht aber sei an dieser Stelle doch gemacht: Über
kaum einen Begriff (wenn man es denn so nennen kann) regt sich Searle so sehr auf wie den
von Derrida verwendeten „Text"-Begriff (zulerzt noch einmal in The Construction of Social Rea-
lity (TCS 160)), bzw. die von Derrida eingeführten, „gewöhnliche" Worte wie das der „diffe-
rence" entstellenden Schreibweisen; gleichzeirig aber gestattet er sich selbst völlig fraglos mit
derartigen Differenz markierenden Schreibweisen (wie bei der Einführung der mit Großbuch-
staben geschriebenen Begriffe wie „Intentionality" oder „Background") zu arbeiten, bzw. greift
mit dem Begriff „network" auf eine Metapher zurück, die ein ähnliches Spiel mit der Vorstel-
lung von Texturen und Verknüpfungen spielt, wie die des „Textes". Wie willkürlich seine Auto-
risierungen, wer was mit Sprache machen darf und wer nicht, sind, zeigt sich nirgendwo krasser
als in seiner Reaktion auf die von Carol Fleisher Feldman (vgl. Fleisher Feldman 1991) vorge-
schlagene Einbeziehung narratologischer Termini in die Intentionalitatsphilosophie. Deren
Idee, daß die holistische Struktur von Handlungen „is provided by narrative structure" nämlich
findet er eine „exciring idea", und zwar aus folgendem Grund: „Specifically, rhe metaphor of
treating actions as texts may be useful up to a point - both texts and actions, like Intentional
phenomena, are subject to interpretations." (In Lepore/Van Gullick 1991, 341) Dies, fügt er
seinem Argumenr hinzu, sei natürlich etwas ganz anderes als jene verwirrte „Literaturtheorie",
die behaupte „that there is nothing there except texts"; weshalb ihm folgendes zu betonen
wichtig ist: „Feldmans real insight into the narrative structure of much holistic Intentional ex-
planation is in no way dependent on these vatious confused philosophical views, for which she
is not responsible anyway. She can keep the insights of her theory and the results of her experi-
ments and simply jettison the bad philosophy." (ibid. 342) Wie sie dies anzustellen vermag bzw.
worin der kategoriale Unterschied in der Verwendung des eines Textbegriffes von der des ande-
ren liegt, dazu schreibt Searle, wie stets, nichts.
118 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

„obvious facrs" sich eigenrlich schon immer in der „ordinary language" angemes-
sen gesagt haben - wenn man nut richtig hinschaut.
Eine zweite, mindestens ebenso ttagende Rolle spielen in Seailes Texten se-
mantische Mehtdeutigkeiten bzw. Homonymien, deren Spannung zwischen zwei
Polen Entfremdungsräume in Vertrautem eröffnen und so Plarz für einen Neuan-
sarz schaffen. Man berrachre z. B. seine Verwendung des Begriffs „representa-
tion". Seine Intentionalitatsphilosophie hat Seaile, wie daigestellt, vornehmlich
mit dem Ziel geschrieben, seinen Speech Acts ein adäquates Fundament zu geben,
denn: „Language is detived from Intentionaliry and nor conversely." (INT 5)
Entscheidend für das Versrändnis der aller Sprache zugrundeliegenden Inrenrio-
nalen Zusrände nun sei, daß „Intentional states represenr objecrs and states of af-
fairs." (INT 4) Wie aber soll der hier verwendete Begriff der „represenration" zu
versrehen sein? Wenn er sage, ein Intentionalei Zustand wie ein „belief sei eine
„represenration", dann, stellt Seaile klai, „I am most emphatically not saying that
a belief is a kind of pictute, not I am endoising a Tractatus account of meaning,
nor I am saying that a belief re-presents something that has been presented be-
fore, nor I am saying that a belief has a meaning, not I am saying that it is a kind
ofthing from which one reads off its conditions of satisfaction by sctutinizing it."
(INT 12) Was abet - wenn doch all diese Definitionen det „traditional philoso-
phy" explizit abgelehnt wenden — versrehr Searle dann untei „representation"?
„To say that a belief is a representation", heißt Seailes eigenwillige Antwort, „is
simply to say that it has a propositional content and a psychological mode, that
its propositional content deteimines a set of conditions of satisfacrion under cer-
tain aspects, that its psychological mode deteimines a direction of fit of its propo-
sitional content, in a way that all of these notions - propositional content, direc-
tion of fit, etc. - aie explained by the theory of speech acts." (INT 12) D. h. um
das Wesen Intentionalei Zustände, von deren Inrenrionalirät alle Sprechakte nur
abgleitet sind und mit deren Hilfe er das Wesen von Sprechakren erst zu eihellen
gedenkr, zu erklären, greift Searle auf einen Begriff zurück, der seinerseirs defi-
niert wird von vordem zur Erklärung von Sprechakren eingeführten Termini.
Läßr man die eigenwillige Umkehrung der Aurorisierungsrichtung ersr einmal
außer Achr, srellr sich die Logik der Searleschen Argumentation — schematisch
verallgemeinert - wie folgr dar: um bis daro Unbekanntes (Intentionale Zustän-
de) zu eiklären, greift Seatle auf seiner Ansicht nach schon Bekanntes oder Ver-
rraures zurück (nämlich die Erklärungsmuster von Sprechakten) und zeigt deren
Gülrigkeit auch für das bis daro Unerklärte, indem er - über die erneute Anwen-
dung des Begriffes „representation" — eine Analogie zwischen beiden Feldern ent-
decken macht. Eine Analogie freilich ist keine Identität: Denn - und das weiß
auch Seatle - natüilich kann die besagre Srrukrur „representation" nur in ähnli-

165 Ähnliches ließe sich etwa auch über den für Searles Theorie tragenden Begriff „Intentionaliry"
sagen: auch diesen entlehnt er aus der Alltagssprache - und explizit nicht aus der philosophi-
schen Tradition wie Searle im Vorwort seines gleichnamigen Buches betont - , spezifiziert und
verallgemeinert ihn dann für seine theoretischen Zwecke und stellt ihn - mit der bekannten
Großschreibweise - ins Zentrum seiner Philosophie.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 119

eher, nicht einfach in exakt detselben Weise für Sprechakte gelten wie ftii Inten-
tionale Zustände: schon allein deshalb nicht, weil erwa der Begriff „meaning", bei
der Besrimmung der „represenrarion"-Funktion von Sprechakten nicht wegzu-
denken, zur Bestimmung von Intentionalen Zuständen laut Seaile notgediungen
inadäquat wäre, denn: „Meaning is a notion that liteially applies to sentences and
speech acts but not in that same sense to Intentional states." (INT 28) Deshalb
gilt det Begiiff dei „representation" zwai zut Eikläiung von Sptechakten „in the
same sense" wie zu dei von Intentionalen Zuständen, abei eben, wie Seaile salo-
monisch hinzufügt, „in a different mannet." (INT 5)
Wie aber kann ein und derselbe Begriff („repesentation") „in the same sense"
nut „in a different mannet" gelten? Nun, antwortet Seaile in einet füi jemanden,
dessen explizites Credo „If you can't say it cleaily you don't undetstand ir your-
self' isr, überraschenden Enrschiedenheir: Der Begriff der „representation" sei, so
wie et ihn verwende, eben „conveniently vague". Und et fährt fort: „Exploiting
this vagueness we can say that Intentional states with a propositional content and a
direction of fit represent theii vatious conditions of satisfaction in the same sense
that speech acts with a propositional content and a direction of fit tepiesent their
conditions of satisfacrion." (INT 11) Und - fährt er mit Blick auf die anderen
hiet im Spiel befindlichen Tetmini fort - diese „vagueness" ist nicht nui das für
den Wortransfer entscheidende Charakteristikum des Begriffs der „represenra-
tion", sondern gilt in ähnliche! Weise auch für die Termini „proposirional con-
tent", „direction of fit" und „conditions of satisfaction". Auch sie nämlich, stellt
Seatle bei eingehende! Betrachtung fesr, gelten natütlich nichr einfach für beide
besprochenen Bereiche in identischer, sondern eben nur einer ähnlichen Form ".
Schafft man es freilich zu übersehen, was sie voneinander untetscheidet, d. h.
schafft man es, ihr Zusammenspiel auf der Ebene von Sprechakren in einer ope-
rarional verwertbaren „vagueness" zu halten, stellt man mit Seatle schnell fest,
daß „something very much like rhese distinetions catties ovet to Intentional sta-
tes." (INT 8) Ähnlichkeit transferiert uns: wenn wit nui ein Vehikel finden, das
vage genug ist, an einem solchen Transfer nicht zu zeibiechen. In diesem Sinne
isr ein bestimmtes Maß an „ambiguity", wie Searle selbsr mit Blick auf seinen
Teiminus „conditions of satisfaction" zufrieden feststellt, nicht einfach ein per se
zu meidendes Charakrerisrikum philosophischer Begriffe, sondern bisweilen
„quite haimless, indeed useful." (INT 13)
Zusammengefaßt: um angemessene Termini zur Beschreibung von - den bis
zum Erscheinen seines Buches Intentionality noch unangemessen beschriebenen -
Intentionalen Zuständen zu ethalten, nutzt Searle ausdrücklich die Mehrdeutig-
keit und Offenheir seiner für die Beschreibung von Sprechakten eingeführten
Termini, um - mit Hilfe einet auf dem Prinzip dei Analogie mhenden Übertra-
gung - deren Gültigkeit auch füt den Beieich det Intentionalität zu etablieren.

166 Denn, erläutert Searle an derselben Stelle selber eine dieser Differenzen, der „Gehalt" eines In-
tentionalen Zustandes sei nicht notgedrungen immer eine ganze, klar ausformulierte bzw. aus-
formulierbare Proposition, sondern eher vager, i. e. eine Art „representative content".
120 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

Enrscheidendes Vehikel einer solchen Theoretisches Neuland erobernden Über-


tiagungsbewegung ist dabei das Spiel mit dei Homonymie: deren Schillern zwi-
schen Identität und Differenz die Gewißheir von Altem, schon Bekanntem — in
diesem Fall: dei Vertrautheit mit dem Begriff det „representation" bei dei Be-
schreibung von Sprechakren - mit dem Ereignis des Aufscheinens und Enrdek-
kens von Neuem - hier: das Funkrionieren des Prozesses der „representation" auf
det Ebene Intentionalei Zustände - zu veibinden eimöglicht. Erst die gleichzeiti-
ge Identität und Nichtidentität der beiden Verwendungsweisen des Terminus
„represenrarion" - und Vergleichbares ließe sich auch für den Übergang seiner
Intentionalitatsphilosophie zu den Diskussionen der cognitive science bzw. zur So-
zial theotie zeigen, die beide je einsetzen mit einei Übertragung des etablierten
Vokabulats auf ein neues Feld - macht es Seatle möglich, mit den Mitteln des
„Gängigen" den Ausblick auf „Fremdes" zu eröffnen und dadurch, wie Arisroteles
sagen wütde, „auf leichte Weise zu Wissen zu gelangen."
Die Übertiagungsbewegung - und dies ist einei dei nicht zu untetschätzenden
Nebeneffekte der Arbeir der Homonymie - , die dabei srarrfindet, ist freilich nicht
bloß eine Bewegung des Wissens- sondern zugleich auch des Autoiisie-
rungstiansfers, und zwar die eines doppelten: zum einen nämlich (s. o.) autori-
siert sich die Beschreibung eines Neuen (Intentionalei Zustände) durch die
Übertragung eines als etabliert geltenden Vokabulats (das dei Sptechakte); zum
anderen wiid durch die so stattfindende Etablieiung einet Giundlage, auf dei das
beliehene Bekannte (Sptechakte) eigentlich tuht (nämlich: Intentionalität), nicht
nut das Neue durch das Alte, sondern zugleich auch das Alte durch das Neue
autorisiert: Schließlich gilt - ontologisch gesehen - „Language is deiived from
Intentionaliry and nor conversely". Die rhetorische Autorisierung det Beschrei-
bung von Intentionalität durch das Vokabulai dei Theorie dei Spiechakte vei-
kehrr sich damit in eine ontologische Selbstautoiisierung des Searleschen Vokabu-
lars schlechthin: Denn dadurch, daß das sptachtheotetische Vokabular die Be-
schreibung Inrenrionaler Zusrände aurorisierr, aurorisiert es sich - dank seiner
apriorischen ontologischen Abhängigkeit von Intentionalität tout court - ontolo-
gisch selbst. Durch diese zitkuläte Selbstautotisietung erhalren die hier bespro-
chenen Metaphern die Stiuktui „konstitutive! Regeln" im Seaileschen Sinne: die
in der Bewegung doppeltet Übertragung nicht bloß bezeichnen, was schon voi
ihnen da ist und auch andeis bezeichnet werden könnte, sondern die, indem sie
sich in det oben beschriebenen Weise im Akt ihrer Serzung selbst autorisieren, die
Welt eist schaffen oder definieren, die sie zu beschreiben vorgeben (vgl. SA 33).
Deutliche! gesagt: Wenn Seatle den Teiminus „representation" zut Beschreibung
bestimmtet Relationen sowohl im Prozeß des Sprechens als auch in dem dei

167 Eine ähnliche Verstrickung von rhetorischer und ontologischer Aurorisierung ließe sich noch
für einige andere zentrale Termini der Theorie Searles zeigen: wenn er z. B. das „biologisch
primitive Phänomen" „kollektive Intentionalität" einerseits mit mentalistischen Begriffen be-
schreibr, andererseits dadurch zugleich das Phänomen „Intentionalität" im Reich sozialer Ver-
bindlichkeiten mit der Autorität des „Biologischen" auszustatten versucht.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 121

Intentionalen Weltaneignung einsetzt, dann benennt et auf diese Weise nicht


einfach eine vor seiner Beschreibung vorhandene und jederzeit andets beschreib-
bare Enrirär, sondern schafft diese allererst.
Schließlich sei noch eine letzte metaphoiische Strategie angesprochen, denn
auch sie darf als eine dei tragenden Strategien Seailes gelten, zumindest als eine,
die zu den größten Verwirrungen über seinen Ansarz geführt hat. Wollte man ihr
einen Namen geben, könnte man sie wohl als die metaphorische Strategie dei
gewaltsamen Entmetaphoiisieiung bezeichnen. Eines dei augenfälligsten Beispiele
dieser Art metaphorischer Bewegung ist Searles Verwendung der Prädikarion „ro
naruralize Intentionaliry". Im vierten Kapitel von Intentionality, das Seatle dem
Thema „Intentional Causation" widmet, beschreibt et es als eines det Hauptziele
seines Neuansatzes, bei det Beschreibung des Problems det „causation" „to take a
step towatd Inrentionalizing causality, and, rherefore, roward natutalizing Inten-
tionaliry." (INT 112) Zwei Bücher später, im Zuge seiner Abrechnung mit den
Iittümein des Materialismus, taucht exakt dieselbe Fotmel noch einmal auf,
wenn auch diesmal - übetiaschenderweise - untei genau umgekehtten Vorzei-
chen: Materialisten, heißt es dort, wütden zwar anerkennen, daß es Intentionale
Phänomene gebe und diese nicht auf physikalische reduziert weiden könnten;
nichtsdestottotz abet „they hope to .naturalize' intentionaliry" - was als sicheres
Zeichen dafür gelten dürfe, daß sie in ihrer Beschreibung von Welr „profoundly
mistaken" seien, was daher rühre, daß „they accept a ceitain vocabulary and with
it a set of assumptions." (RM 2)
Hat also Seatle seine Meinung mittlerweile geändert? Seinen Vetsuch „ro naru-
ralize Intentionaliry" als irrig erkannt? Odei wideispiicht et sich einfach? Darf
diese Verkehrung der Vorzeichen als Beweis dafür gelten, daß seine Philosophie
inkonsistent ist? Die Antwort darauf isr wohl - aus Searles Sichr - ein klares We-
der-Noch. Wenn er davon spreche, er wolle Inrentionalität naturalisieren, dann,
so Seatle, gehe es ihm daium zu zeigen, „that there is nothing subjective about
causation", sondern: „It is really there." (INT 130) Dies, so etläutett ei seine Be-
hauptung- die ihn dazu veranlaßt, sich selbst einen „causal realist" (INT 121) zu
nennen —, röhre dahet, daß, wenn ich etwas wahrnehme odet selbet tue, „I get a
direct experience of causation from the fact that patt of the Intentional content of
my experience of acting is that it causes the bodily movement, i. e. it is satisfied
only if the bodily movement is caused by it" (INT 130) usf. Wenn dagegen ein
Materialist behaupte, sein Ziel sei es, Intentionalität zu „naturalisieren", dann be-
deute dies nichts anderes als „to explain it completely in tetms of — to teduce it to
- nonmental, physical phenonema." (RM 49) Andeis gesagt: Wenn Seaile sagt,
daß Materialisten deshalb „mistaken" seien, weil sie ein bestimmtes Vokabulai
und mit diesem ein bestimmtes Set von Annahmen akzeptierten, dann geht es
ihm nicht dämm, daß sie das Vokabulai fallen lassen sollten, sondern daium, die
damit einheigehenden „assumptions" aufzugeben. Natürlich kann man - wie Se-
atle - sagen, man „naturalisiere" Intentionalität. Man muß es nui in det richtigen
Weise tun: d. h. so, daß die Annahmen, die das Vokabulai mit sich bringt, die
lichtigen sind.
122 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

Eben dies ist es, was Seaile peimanent veisucht und was zugleich zu so vielen
„Mißveiständnissen" seiner Theorie geführt hat: Wenn Seatle, obwohl et explizit
etklätt, et halte den cattesianischen Dualismus für falsch, gleichwohl selber un-
beirrbar weiter mir Termini wie „menrale Zusrände", „physiologische Grundla-
gen", „Narur", „Kultur", „biute facrs", „insrirurional facts" usf. operiert, d. h. Be-
griffen, die man klassischerweise eben diesem carresianischen Dualismus zuord-
net, dann möchte er diese Begriffe - wie die Prädikarion „ro natutalize Intentio-
naliry" - durch seine semantische Neubestimmung sozusagen entmetaphorisieren,
d. h. ihnen gewalrsam die auf sie übertragenen Gehalte entreißen, von ihnen wie-
dei abtragen und sie dadurch zu den „richtigen" Gehalten zuiückführen. „There
is no opposirion between cultuie and biology", schreibt Seatle in det Conclusion
seines letzten Buches, „cultuie is the foim that biology takes." (TCS 227) Die
Begriffe „Kulrur" und „Biologie" sind kein Oppositionspaat, weiden fälschli-
cherweise als Bezeichnungen zweier einander enrgegengeserzrer Entitäten ver-
wendet, sagt uns Seaile; dies abet ist kein Gtund, diese Begiiffe fallen zu lassen.
Im Gegenteil: Man muß nur einsehen, daß das eine (mit dem Begiiff „Kultut"
bezeichnete) Phänomen sozusagen nicht mehi als ein bestimmtet Aggregatzu-
stand des anderen (mit dem Begriff „Biologie" etikettiette) Phänomens ist und
dann eben die beiden für diese Phänomene stehenden Begriffe in enrsprechender
Weise verwenden. „When I say that consciousness is a highet-level physical fea-
rure ofthe brain", heißt es in ähnliche! Weise in The Rediscovery of the Mind, „the
temptation is to heai that as meaning physical-as-opposed-to-mental." Dies aber
sei falsch: Denn was man hören muß, sei schlichr „what I really mean", und dies
meine „consciousness qua consciousness, qua mental, qua subjective, qua qualita-
tive is physical, and physical because mental. All of which shows, I believe, the in-
adequacy ofthe tiaditional vocabulary." (RM 15) Gegen diese Unangemessenheit
des traditionellen Vokabulats hilft nui dessen strikte Entmetaphorisierung. die
Woite zuiückgewinnen ftit die Übereinstimmung mit dei „real woild", sie den ii-
reführenden Netzen sophistische! Konsttukte entreißen und wiedet an den ihnen
tichtigerweise zustehenden Ott zurückbringen. Das Ende der Merapher ist das
Ende einet Reise in die Fremde; Rückübertragung eine „epiphora" entfremdetet
Teimini in die Heimat: dorthin, wo die Worte witklich bei den Dingen sind.
Diese Strategie erlaubr es Searle, alt zu sprechen und dabei Neues zu sagen: Denn
statt dei übeiholten Teimini eisetzt ei ihren Gebrauch. Daß dies nicht einfach ein
Richtig-Sprechen, sondern ein Kampf gegen die - voi allem: philosophische -
Tiadition ist, weiß ei dabei nicht nut, sondern zelebriert er: ,jMy use of rhese
terms tun dead countei to ovei thtee hundert years of philosophical tradition."
(RM 55)
Seatle, nach eigenem Bekunden kraftvollet Vertretet des „klaren", „direkten"
Sprechens und Gegnei damit allei rätselhaften Ungenauigkeit und Inditektheit,
kann doch, was et sagen will („meint"), nui sagen, weil - im Einklang auf gewisse
Weise mit seinem principle of expressibility — sein Schreiben an entscheidenden
Stellen getiagen wiid von mindestens drei vetschiedenen metaphorischen Strate-
gien: dank dei Aufnahme und vetschiebenden Entfremdung „gängiget" Termini
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 123

(„Background", „Network", „Intentionaliry", „illocutionary force", „propositional


content" usf.); dank dei Übertragung ganzei Eiklaiungsmustei mit Hilfe der
Homonymie; und dank det Strategie gewaltsamei Entmetaphoiisieiung, die statt
die Teimini det Tradition zueist deren Gebrauch verändert. Ziel und Anliegen
det eisten Sttategie ist es, dutch eine augenfällige Verfremdung „gewöhnlicher"
Termini (durch die Versähe oder eine offensichrliche Entoitung) in dei gängigen
Spiache „sichtbat" zu machen, wie in den Worten die Dinge sich schon immer
gesagr haben. ' Anvisierte Wirkung der zweiten Strategie dagegen ist, die in det
Homonymie angelegte Spannung zwischen Identität und Differenz für einen
Transfer schon bekanntet Eiklaiungsmustei auf noch unbekanntes Tetrain zu
nurzen und dabei zugleich die Erklärung des Neuen durch die Aurorität des be-
reirs Erablierren zu untetmauetn (eine Aurorisierungsbewegung, die - wie darge-
stellt wotden wat - sich bisweilen zut „konstitutiven Metaphet" vetdoppeln
kann). Ziel der lerzren Strategie ist es schließlich, die Worte und Namen dei Tra-
dition ihtet verfälschenden Enrfremdung zu enrreißen und sie - durch die Auf-
kündigung ihrer bisherigen und Erablierung einer neuen Verwendungsweise -
zurückzuführen an den ihnen eigenrlich zustehenden Oit: det „real woild". Alle
drei Strategien bedienen sich dabei dei eigenwilligen Zwischenstellung dei Meta-
phei zwischen Fremdem und Bekannten, um je auf ihre Art im und mit dem
schon „Gängigen" Neues zu etablieren und es zugleich doch als nicht mehi als ei-
ne bloße Konsequenz odet Vetlängetung odet Selbstetöffnung des Bekannten et-
scheinen zu lassen. Es sind diese meraphorischen Srrategien, die Seailes Text tra-
gen, die es ihm möglich machen zu „sagen", was et „meint": indem et - gegen die
Sophismen und Entstellungen des Intellektualismus - mit ihtet Hilfe die Welt
sich in der „ordinary language" sagen machr, genauer: den Eindruck erweckt, als
sagte diese sich in det „otdinary language", obwohl er doch de facto ein neues
Sprechen für neue Sichtweisen einführt.

1.5.3.3 Die Figur der polemischen Umkehrung


„The books I read in my philosophical childhood - books by Wirrgenstein,
Austin, Sttawson, Ryle, Haie, etc. — contain few oi no teferences ro orher
authors. I think unconsciously I have come to believe that philosophical quality
varies inversely with the numbet of bibliogtaphical teferences, and that no gteat
wotk of philosophy evet contained a lot of footnotes." (RM xiv) Sein eigener
philosophischer „Background", erzählt uns Seatle in dei Einleitung von The Re-
discovery of the Mind, habe ihn dahin gebracht zu glauben, daß fichtige, d. i.
„große" Philosophie sich nicht wifklich um andere und deren Gedachtes schert,
im Ernsrfall stets ohne Bezug auf diese auskommt. Watum? Neben der von Searle
selbsr ins Spiel gebrachten Gefaht, andere mißzuvetstehen, d. h. andets als im
„real life" doch mit einem „othet mind problem" konfrontiert zu weiden (vgl.

168 Ein Meister diese Strategie ist ganz sicher Heidegger: der es wie kaum ein anderer verstanden
hat, schreibend aus Worten hervor zu treiben, was in diesen sich sagr.
124 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

RM xiv), ist wohl eine andere Übetlegung füi den oben genannten Glauben seht
viel ausschlaggebendei: Die wiikliche Welt, um die es dem Philosophen nun
einmal bestellt ist, so lautet diese nicht eist mit Seaile in die philosophische Dis-
kussion eingetretene Annahme, findet man schlicht nicht zueist in den Büchein
dei Philosophen. Sondern „große" Philosophen finden diese zueist in sich selbst:
da die sie definierende Begabung - so sie sie besitzen - eben die ist, das „Ich" zu
sein, das alle ist, d. h. das „Ich", das in und aus sich zu sehen imstande ist, nach
welchen Stiuktuien wii alle uns immet schon handelnd und denkend in dei Welt
bewegen. Es ist wohl in diesem Sinne zu veistehen, daß Searle sich in den Speech
Acts zuerst und voi allem auf seine Autoiität als „native speaket" vetläßt, seine
Unteisuchung Intentionality mit dem Hinweis beginnt, daß seine Annäherung an
das Problem der Inrenrionalirär andere, ihm vorgängige Autoren, die zum selben
Problem geschtieben haben, schlicht ignoriert „partly out of ignoiance of most of
the tiaditional wtitings on Intentionaliry, and partly out of the conviction that
my only hope of resolving the wotties which led me into this study in the fiist
place lay in the relentless putsuit of my own investigations" (INT ix), ebenso wie
ei gleich zu Beginn von The Construction of Social Reality klarstellt, daß er die Be-
gründer der „social science" (wie erwa Durkheim, Weber und Simmel) in seiner
Studie bewußt übetgehen wird. Andere Autoren, dürfen wit dem entnehmen,
behindern also ganz offensichtlich sein Philosophen-Geschäft ehei, als daß sie es
fötdetn.
Das freilich ist, wie immet, nui die eine Seite. Neben dei von Seatle genann-
ten, meht odet mindei tefetenz- und fußnotenlosen Art philosophischei Untei-
suchungen, otdnet ei sich zugleich auch noch in die iht entgegengesetzte Tradi-
tion ein. So ist seine Spiechakttheorie ganz sichet nicht nut das Produkt seinet
Intuitionen als „native speaket", sondern ebenso einet Auseinandeisetzung mit
und Foitfühtung von Austins und Gtices Absetzung von bishet gültigen Para-
digmen det Sptachtheotie. Auch sieht et selbst, daß sein „apptoach to Intentio-
naliry" durchaus mit Gtund als „a mattet of revising and extending Ftege's con-
ception of ,Sinn to Intentionaliry in general" gelten kann (vgl. INT 197). Sein
Schreiben ist also, weiß ei selbet , weit weniget teferenzlos, als die obigen Be-
merkungen es vielleicht erwarten lassen, sondern narürlich eingelassen in ein und
sich herausarbeitend aus einem Netz ihm voigängiget implizite! und explizite!
philosophischei Wissensbestände. Und das hat seinen Gtund: Denn, reflektiert
Seatle dieses Problem an andere! Stelle in größere! Allgemeinheit, um ein Phä-
nomen angemessen in Augenschein nehmen zu können, sei stets dei eiste Akt,
daß „we have to get tid ouiselves of vaiious a priori pictuies", d. h. daß dahet
auch für seine Neubeschreibung von Welt zueist gelten müsse, daß, „as usual in
philosophy, oui problem is one of removing one set of inadequate modeis oi pa-
radigms of the relationship in question and substituting more adequate modeis

169 Implizit sagt sich dieses Wissen schon in der eingangs zitierren Aussage: der zufolge Searle eben
erst über philosophische Autoritäten gelernt hat, daß es durch diese Autoritäten nichts zu ler-
nen gibt; womit sich Searle zugleich als Meister des performativen Selbstwiderspruchs erweist.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 125

and paradigms." (INT 2630 Um zu den je „eigenen" Einsichten in das Wesen


der Dinge zu kommen, isr es demnach zumindesr in der Philosophie aus gutem
Grund üblich, sich zuersr von je fremden Einsichten zu lösen, d. h. ersr über den
Umweg in die Fremde zum Eigenen zu kommen.
Von diesen Strategien „to get tid ouiselves of vaiious a priori pictuies", genau-
ei: den Bildern und Annahmen, mit denen die Tiadition uns immei schon emp-
fangen hat und deren Karegorisierungen von Welt uns folglich quasi-narürlich er-
scheinen, gibr es im Searleschen Texr nun mindesrens zwei verschiedene: eine
ausgesprochene, an vertrauten philosophischen Argumentationsweisen anknüp-
fende und eine eher verdeckte, rherorische, die er selbst theoretisch nicht weitet
reflektiert. Beispiele ftif die eiste Art, uns besetzende Bildet loszuweiden, finden
sich überall in Searles Werk: so etwa wenn er - wie zu Beginn der Speech Acts -
seinen Begriff der „linguistic characterisation" einfühlt in Absetzung von dem,
was von anderen Philosophen wie Quine, Mates, Goodman, Linsky usf. „has of-
ten been suggested" (SA 5), odet wenn et - in Intentionality —, um zu seinem Be-
giiff von „intentional causation" zu kommen, seine Untetsuchung beginnt „by
examining some of the toots of the modern ideology of causation" (INT 112).
„Mitten" in det Welt zu stehen heißt eben auch - zumindest füt einen professio-
nellen Philosophen wie Searle - „mitten" in einer Reihe philosophischer Diskus-
sionen zu stehen. Explizite! Anti-Intellektualismus - nicht unüblich untei Intel-
lektuellen - hat stets eine ausschließlich ihetoiische Funktion, beraubt sich -
wörtlich veistanden - allzu offensichrlich seiner eigenen Grundlage.
Dies aber isr, wie gesagt, nur die eine Art, mit der Searle versuchr „ro ger rid
ourselves of various apriori picrures": die nämlich, die - da sie den Ton dessen,
was sie verwirft, beibehält - sich aus einet Vetstiickung mir dem Kririsierten
nicht wirklich oder doch zumindest nui auf eine eingeschränkte Weise löst. Die
Foimel, er wolle bestimmte, tradierte Ansichten nicht einfach widerlegen, son-
dern sie loswerden, d. i. sie abschürteln, sich von ihrer Umklammerung befreien,
deutet schon darauf hin, daß Searle eine srärkere Kraft als nur die der philosophi-
schen Argumenration sucht, um dorthin zu kommen bzw. seine Leset dorthin zu
biingen, wohin et will. Um eine solche Kraft odet Gewalt wachrufen zu können,
arbeitet sein Text - neben dem schon genannten Umweg übei die philosophische
Tiadition - mit einei weiteten ihetoiischen Strategie, die ich die Figui dei pole-
mischen Umkehiung nennen möchte. Um diese angemessen beschreiben zu
können, sei ein kurzer Rekurs auf Überlegungen der klassischen Schulrhetorik ge-
stattet; Ausgangspunkt hierfür sei das eindrucksvolle Kompendium Heinrich
Lausbergs , ergänzt um einige Anmerkungen vergleichbarer Überlegungen der
Rherorik Pierre Fontaniers ".

170 Dies wäre wohl eine Untersuchung für sich wert: eine Geschichte des Anti-Intellektualismus in
der Welt des Geistes zu schreiben. Da freilich die Art, mit der Searle in seinem Werk von dieser
Strategie Gebrauch macht, allzu schlicht gestrickt ist, werde ich dieses Phänomen im folgenden
vernachlässigen.
171 Vgl. Lausberg 1990.
172 Vgl. Fontanier 1977.
126 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

In seinei Analyse dei „ihetoiischen Fotmen" - wobei „Rherorik" generell als


„ein mehr oder minder ausgebautes System gedankliche! und sprachlicher For-
men, die dem Zweck der vom Redenden in der Siruarion beabsichrigten Wir-
kung dienen können" bezeichnet wird - besprichr Lausberg auf der Seite des
der „elocurio" zugehörigen „ornatus in verbis coniuncris" u. a. die Gruppe der
„figurae sententiae". In diese Gruppe fällt unter die „Figuren der semanrischen
Weirung" - deren enrscheidender Effekt der ist, „daß neben dem eigentlich Mit-
zuteilenden noch andere Gedanken mitgeteilt weiden" H - sowohl das „antithe-
ton", wie unter die Spezialform der „Grenzverschiebungs-Tropen" - wobei es sich
hier nichr um „Wort"-, sondern um „Gedanken-Tropen" handelr - die „Hy-
perbel". Das „anrirheton" isr dabei als auf der Grundlage lexikalischer „Antony-
me" aufbauende „Gegenüberstellung zweier Gedanken beliebigen syntaktischen
Umfangs" definiert , die in der Form der „immutatio" als „Eisatz mindestens
eines dem Ganzen bishei angehörenden Bestandteils durch einen dem Ganzen
bishet fremden Bestandteil" auftreten kann , die „Gedankenhypetbel" dagegen
als eine „paradoxe ampliftcatio des gemeinten Gedankens." Während das anti-
theton als „Äusdiuck des Dilemmas" ein „Mittel det refutatio" ist , gilt die
„Gedankenhypeibel" - gemäß der Definirion der ampliftcatio — als eine „Steige-
tung des von Natui aus Gegebenen durch die Mittel det Kunst", und zwai „so-
wohl im intellektuellen als auch im affekrischen Bereich" , eine Steigerung, de-
ren Resultat nicht selten ein „Paradox" isr. Ein solches „Paradox" kann dabei als
ein „Verfremdungsphänomen" fungieren , indem es dem „Gewöhnlichkeits-
Erlebnis" in „f/wc"-hafter Weise die Erfahrung eines „Unerwarteten" gegenüber-
srellr, wie sie etwa „in jedem Zuwachs an Wissen und affektischem Erleben" auf-

173 Vgl. Lausberg 1990, 13.


174 Lausberg 1990, 124.
175 Auch bei Fontanier taucht die Hyperbel unter den sieben „Figures d'Expression par Reflexion"
auf, deren grundsätzliches Funktionieren er wie folgt beschreibt: „Pour charmer encore l'esprir
des autres en l'excercant, nous ne presenterons la pensee qu'avec un certain detour, qu'avec un
air de mystere ; nous la dirons moins que nous la ferons concevoir ou deviner, par le rapport des
ide'es enoncees avec Celles qui ne le sont pas, et sur lesquelles les pemieres von en quelque Sorte
se reflechir, sur lesquelles du moins elles appellent la riflexion, en meme temps qu'elles les re-
veillent dans la memoire." (Fontanier 1977, 123)
176 Lausberg 1990, 125. - Fontanier: „L'Antithese oppose deux objets Tun ä lautre, en les conside-
rant sous un rapport commun, ou un objet ä lui-meme, en le considerant sous deux rapports."
(Fontanier 1977, 379)
177 Lausberg 1990, 32.
178 Lausberg 1990, 139. — Fontanier: „L'Hyperbole augmente ou diminue les choses avec exces, et
les presente bien au-dessus ou bien au-dessous de ce qu'elles sont, dans la vue, non de tromper,
mais d'amener ä la verite meme, et de fixer, par ce quelle dit d'incroyable, ce qu'il faut reelle-
ment croire." (Fontanier 1977, 123)
179 Lausberg 1990,99.
180 Lausberg 1990, 125. - Denn, so Fontanier, der ihr innewohnende „effet du conrraste" führe zu
einem „eclat"; vgl. Fontanier 1977, 379.
181 Lausberg 1990, 35.
182 Lausberg 1990,23.
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 127

treten. Die Bewegungen beidei Figuren kommen zusammen in den figurae per
ordinem, die dem ordo naturalis bewußt einen ordo artificialis entgegenstellen.
Deren Ziel ist die „Durchbrechung des Gesetzes dei wachsenden Gliedei [i. e. des
ordo naturlis] erwa dadurch, daß zwischen semanrischer Steigeiung und quantita-
tive! Veikürzung ein (paradoxer) Gegensarz gesuchr wird." Hervorstechendes
Beispiel auf der Ebene der Gedankenfiguren: das „hysreron proteron", das „der
ordo artificialis eines Geschehensablaufes [ist], indem zuerst das (affektisch beson-
ders interessierende und so sich vordrängende) Endsradium eines Geschehensab-
laufes gesetzt wird."
Zusammengefaßt das rhetorische Spiel mit Entgegensetzungen {antitheta) und
Überzeichnungen (Hyperbeln), vor allem wie es sich in der bewußten, überzoge-
nen Umkehrung der für „narürlich" geltenden Oidnung zeigt, ist ein Versuch,
mit Hilfe eines durch diese Umkehrung aufscheinenden „Paradoxes" „choc"-haft
das „Gewöhnliche" mit „Unerwartetem" zu „durchbrechen" und so semanrische
Grenzen zu „erweitern" oder zu „verschieben", und dies nichr nur im „inrellekru-
ellen", sondern auch im „affektischen Bereich". Die Figur der polemischen Um-
kehrung könnre man vor einem solchen Hinrergrund als eine solche definieren,
die aus strategischen Übetlegungen von dem, was sie für „gewöhnlich" geltend
hält, schlicht das Gegenteil zut Wahtheit eikläit, und dies in „polemischer" (d. h.
kämpferischer), nicht in „inhaltlicher" Absicht. D. h. es geht dei Figui dei pole-
mischen Umkehiung wenige! um eine inhaltlich einstzunehmende Gegenbe-
hauptung zut „doxa", sondern um einen strategisch einst zu nehmenden „Krieg"
{polemos) gegen dieselbe: Denn ihr Ziel isr es, nicht nui die Oidnung dei „doxa"
(bzw. dem, was sie dafür hält), sondern auch die diese tragenden „ethe" und
„pathe" anzutreffen und aufzubrechen. Wer zur Figur der polemischen Umkeh-
rung greift, will — polemisch gesagt - nicht nur eine Fußnote zu den Fußnoren
des philosophischen Geschäfts anmerken, sondern „kämpft" gegen ebenso irrege-
leitete wie eingefahrene Grundgewißheiten einer ganzen Epoche oder Zunft: und
das mit det „Waffe", die die dazu nörige Kraft oder Gewair besirzt.
Daß nun Searle nichr nur ein Denker, sondern auch ein „Kämpfer" isr, sreht
wohl außet Fiage. So beschiieb etwa nach dem Eischeinen von Minds, Brains and
Science ein Rezensent des Times Higher Education Supplement Searles Arbeir rreff-
lich wie folgt: „John Searle is a rrue prizefighrer. In recent yeais he has raken on
Noam Chomsky, the champion of modern linguistics; Jacques Dereida, rhe
heavyweighr of poststructuralism; and endeavored ro deal a knock-our blow ro
the pretensions of attificial intelligentsia." Wenn Searle schreibt, schreibr er zu-
ersr und zumeisr an gegen: gegen die Verfechter der generativen Grammatik, gegen
die det „arrificial inrelligence", gegen Materialisten und Idealisten, in seinem lerz-

183 Lausberg 1990, 40. - Für Fontanier ist der Zuwachs an Wissen daher ein Effekt von Paradoxen
schlechthin, denn „ils frappent l'intelligence par les plus etonnant accord, et produisent le sens
le plus vrai, comme le plus profonde et le plus energique." (Fontanier 1977, 137)
184 Lausberg 1990, 30.
185 Lausberg 1990, 137.
186 Zitiert auf dem Klappentext besagten Buches.
128 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

ten Buch gai zeitweise bewußr gegen den wohl größren Teil seiner eigenen Zunft
(vgl. TCS 157) . Philosophie entsteht auch bei Seatle nicht aus dem Nichts oder
einfach einer ihm eigenen, „direkten" Zugang zu den Dingen garantierenden
Naivität, sondern Seaile steht, wenn et Philosophie betreibt, mitten in deren ago-
ra, stürzr sich mit sportliche! Freude ins Getümmel des philosophischen agon, wo
ei für seine Sichr der Dinge mir allen ihm zur Verfügung srehenden Waffen
kämpft.
Interessant nun ist zu sehen, wie dies geschieht. In seinet bislang letzten Schrift
The Construction of Social Reality erwa widmet et die drei letzten Kapitel zwei, wie
ei sagt, „essential piesuppositions of any sane philosophy" (TCS xiii), namentlich
dei These „that there is a real woild independenr of our rhoughr and ralk", kurz:
„exrernal realism", sowie der These „rhar our rrue sratements are rypically made
rrue by how things are in the real woild rhar exisrs independently of the State-
ments", kurz: die „correspondence conceprion of truth" (TCS xiii). Wörtlich vei-
standen kündigt sich schon hiei die „Kiiegseikläiung", als die diese Thesen ge-
meint sind, an: Denn Seaile weiß natüilich - und hebt sparet im Buch selbei ex-
plizit hervor - daß diese beiden Thesen von der Mehrzahl der zeitgenössischen
Philosophen nicht anetkannt weiden, was nach Seatle ihre Philosophien automa-
tisch in die Nähe des Pathologischen nicken würde. Wörtlich gelesen liefe Searles
Behauprung demnach auf eine Art Wissenschaftseugenik hinaus, an der auch ihm
- trorz der ungebrochenen Verwendung medizinischer und hygienischer Meta-
phern in seinen Schriften — wohl nichr gelegen ist. Expliziter, weil offener an
der klassischen Siruarion des rherorischen agon orienrierr, wird der „kämpferi-
sche" Einsarz seiner Thesen dann zu Beginn der Kapitel, die er ihnen widmet:
seinen, wie er schreibt, Vetsuch „ro defend the idea that there is a reality rotally
independenr of us" beginnr er mir einer Besprechung der „arracks on realism",
denn, so seine Äusgangshyporhese, seine „Verteidigung" des Realismus ,,[is] made
more pressing by rhe currenr philosophical scene in which it is common [...]
to deny the existence of a realiry independenr of human representations." (TCS
149) In der agora der Philosophen, so also definiert Searle die Ausgangssirua-

187 Wie Searle, der die von ihm attackierten anderen gern unter dem abwertenden Terminus der
„received opinion" zusammenfaßt, zu seinen Gegnern kommt, beschreibt J. J. Katz sehr schön
am Beispiel von Searles Angriff auf die Behauprung, wörtliche Bedeutung könne kontextfrei be-
stimmt werden: „Searle introduces the pro-literal-meaning view under the misleading .received
opinion'. Considering rhe popularity of contextualism nowadays, such a description is like de-
scribing Berkeley as a typical American city." (Katz 1990, 230)
188 Vgl. erwa die sein Werk insgesamt durchziehende Rede von der „gesunden" „Mitte" im Gegen-
satz zu den „pathologischen" „Rändern", oder auch seine im Kontext mit den beiden oben ge-
nannten Thesen auftauchende Behauptung, diese Thesen seien nichts anderes als „efforts at
philosophical housekeeping, trying to clean up the mess, so to speak." (TCS 150)
189 Wie so häufig bedient er sich auch in diesem Kontext der Figur „verwirrte Sophisten" vs. „ge-
sunder Menschenverstand": denn in Frage gestellt wird der externe Realismus natürlich nur von
der „current philosophical scene", wohingegen der „common sense" dessen Wahrheit - das zu-
mindest „hofft" Searle - „finds [it] so obvious as to wonder why I am boring him or her with
such plattitudes." (TCS 152)
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 129

tion seinei Übeilegungen, ist es „gängig" - erwas spärer sagr er: „fashionable" (vgl.
TCS 175) - geworden, eine besrimmte These für widerlegt zu halten bzw. sie
zu „attackieren"; dagegen eihebt ei die Stimme: und setzt zui refutatio det refuta-
tio an.
Wiiklich offensichtlich, daß seine Gegenthese, so wie et sie zu Beginn des Bu-
ches bzw. des Kapitels einführt, weniger eine inhalrliche als vielmehr eine strategi-
sche Funktion hat, witd freilich eist, wenn man - nach dei „Verteidigung" des
externen Realismus gegen die „Attacken" verirrter, aber wortfiihrender Philoso-
phen - einen Blick auf das Resulrar dieser „Verteidigung" wirft, d. h. auf Searles
eigene inhalrliche Besrimmung der von ihm umkämpften These. Dieser nämlich
zeigt, daß auch Seatle seine These durchaus nicht in det zu Beginn behaupteten
Eindeutigkeit und Unumstößlichkeit vertritt (wie det von ihm in diesem Kontext
autoiisieiend heibeizitieite „common sense"), sondern diese in eine Offenheit
und Vagheit vetlängeit, die zu der empörten Entschlossenheit, mit det ei sie ein-
geführt hat, in verwirrendem Widerspruch stehen. Die These des externen Rea-
lismus, heißt es da etwa, sei natüilich „nor an empirical rheory" (TCS 182), son-
dern „is purely formal without any specific content about, for example, objecrs in
space" (TCS 183), d. h. sie „identifies not how things are in fact, but rather
idenrifies a Space of possibilities" (TCS 182) Dieses Eröffnen eines reinen
Möglichkeirsraumes mache es auch, daß „External realism is [...] nor a thesis noi
a hypothesis but the condition of having certain soits of theses ot hypotheses."
(TCS 178) Und das auch nichr für alle Thesen oder Hyporhesen, sondern nur
für die Art von Thesen oder Hypothesen, wie man sie aufstellt, wenn man sich
„normal" untethält und dabei eine bestimmte Klasse von Sprechakttypen Ver-
wender: Denn letztlich sei die Annahme, daß es da draußen eine von uns unab-
hängige Welt gibt, voi allem „a Background piesupposition on the noimal undei-
standing of a latge class of utterances" (TCS 185), so daß „rhe price of the aban-
donment of realism [...] rhe abandonment of noimal undetstanding" (TCS 189)
wäre.
Kurz gesagt: ganz im Gegensatz zu dei eingangs gemachten Feststellung, daß
es dort draußen definitiv eine „reale Welt" gibt, die noch dazu unabhängig ist
von unseren Gedanken und Worten, kommt Seaile in seinen sich diesei Be-
hauptung anschließenden Reflexionen rheorerisch genau bis zu dem Punkt, an
dem er hofft, „zeigen" zu können - und nicht zu „beweisen", denn: „we aie not
trying to prove rhe rruth of exteinal realism. I do not believe that theie could be a
non-question-begging äigument for ER" (TCS 184) - , daß wir für eine be-
srimmte Klasse von Särzen im Falle „normaler" Konversation immet schon vot-
ausserzen bzw. vorausserzen müssen, es gäbe besagre reale Welr. Von der Kraft ei-
ner unumsrößlichen Existenzbehauptung im Indikativ Präsens („there is a real

190 Und das sogar, wie er hervorhebt, nicht nur unrer „literary theorists" — als welche er eisern
forrfährt Derrida und andere französische Philosophen zu bezeichnen - sondern „even among
technically competent philosophers." (TCS 175)
130 JOHN R. SEARLE ODER EINE „FOLK PHILOSOPHY" DES VERSPRECHENS

world") ist am Ende seinei Übeilegungen nur der Conditionalis eines „Möglich-
keitsraumes" übrig geblieben, der das Funkrionieren bestimmter Satzarten in
„notmalei" Konveisation garantieren soll: „The consequence is that when we at-
tempt to communicate to achieve normal understanding with these sorts of utterances
we mustpresuppose external realism." (TCS 184)
Dieses Phänomen nun, daß Seaile einsetzt mit einei sehi staiken, besrimmten
mehi odet mindei gängigen philosophischen Giundannahmen kraß entgegenge-
setzten These, die sich dann, bei genaueiei Besprechung abschwächt und vei-
wandelr, indem sie sich in eine sehr vage Allgemeinheit veiflüchtigt oder auf eine
in ihrem Extensionsbereich sehr statk reduzierte Detailbedeutung zutückzieht, ist
zwai ein Verwirrung stiftendes, dem Leser der Searleschen Texre aber keineswegs
unbekanntes Phänomen. Schon bei der Besprechung des principle of expressibility
etwa hatten wit gesehen, daß von der statken Eingangsbehauptung „whatever can
be meanr can be said" lerzrlich nichr mehr als ein Verweis auf eine generelle Kraft
und Macht einer im Prinzip wenigstens im Möglichkeitshotizont der Zukunft
stets offenen Sprache bleibt. Vergleichbares ließe sich von Searles berühmter Be-
hauptung, man könne doch ein „Sollen" von einem „Sein" ableiten, die sich auf
die Besprechung eines reinen Definitionspioblems eines bestimmten Typs von
Prädikaten zutückzieht, zeigen; von der dramatischen Theatralik auch, mit dei et
zu Beginn von The Construction of Social Reality behauptet, es gebe nui eine Welt
und nicht zwei, drei odet sieben; und natütlich von all seinen immer wieder fal-
lenden Bemerkungen darüber, daß er nur ein „naiver" Realisr sei, wir bei be-
stimmten Wahrnehmungen oder Handlungen „direkten" Zugang zu den Dingen
harren bzw. diese „einfach" sähen, er seinen Ansarz innerhalb der philosophy of
mind den eines „biologischen Narurlisren" nennr usf., denn dies alles sind Be-
hauptungen, die sich - wie oben wenigstens ansatzweise gezeigt - letztlich innei-
halb seinei eigenen theoretischen Reflexionen in die komplexen Schleifen kausal
selbsrreferenrieller Intentionalitätsakte verlieren.
Searles argumentatives Vorgehen im Falle des „external realism" ist demnach
nicht einfach ein Resulrar einer theorerischen Unachrsamkeir, sondern har Me-
thode. Das Arbeiten mir dem „common sense" der eigenen Zunft zuwiderlaufen-
der Großthesen gehoicht in Seatles Texren nichr selten der Logik der genannten
Figur der polemischen Umkehrung: Sie erklärt - in überzeichnender Einfachheir
- das Gegenteil dessen, was sie für „gewöhnlich" geltend hält, zu ihrer Posirion,
um so ganz basale Verwirrung zu stiften, d. h. dem Vertrauten derart ein „Unei-
warretes" gegenüberzustellen, daß nicht nur diese überzogene Enrgegenserzung,
sondern auch ihr Angriffsziel sich von seiner absurden Seite zu zeigen beginnr.
Der polemos, mir dessen Kraft diese Verwirrung auf der Ebene bisher gülriger Di-
choromien herbeigezwungen wird, soll dabei das energerische Porenrial freiserzen,
das es vermag, gängigen Vorstellungen nichr nur eine Gegenvorstellung gegen-
überzusetzen, sondern „to get tid ouiselves of vaiious apriori pictuies". Seaile
sucht die Kraft „choc"-hafter Provokarion: Denn nur so kann er wirklich Plarz
schaffen für das, was er sagen will. Dazu reichr es nichr, innerhalb der Regeln des
philosophischen Diskurses bestimmte Partikel desselben in Frage zu stellen, son-
EIN SKEPTISCHES INTERMEZZO: SEARLES METHODE 131

dern dazu bedarf es einer generellen Infragestellung diesei Regeln, die zu beweik-
stelligen ihm eist die thetoiische Figur der polemischen Umkehrung erlaubr,
denn: „La rherorique [...] a pour principe la guerre."

191 Vgl. Rändere 1987.


1.6. ERSTE ZWISCHENBILANZ:
VON DEN GRENZEN DER „FOLK PHILOSOPHY"

Jemand versprichr also jemandem etwas: Was haben Searles Überlegungen zum
Thema erbrachr?
Searles ersre theoretische Reflexionen dokumentieren die - lebensweltlich na-
heliegende - Hoffnung, man könne das Phänomen des Versprechens erfassen,
wenn man nur der Logik der gegebenen Worte - die für Searle stets mehi als nut
Produkte einet sie generierenden Grammatik, sondern sich in einem praktischen
Kontext bestimmende Wort-Taten sind - folgr. Wer etwas verspricht, so die
Giundintuition, verwendet dazu Worte, für deren Verwendung es bestimmte,
konventionell vetbütgte Regeln gibr; die Beschreibung dieser Regeln muß dem-
nach gleichbedeutend sein mit dei Beschreibung des in Frage stehenden Phäno-
mens. Det Vetsuch, besagte Regeln zu bestimmen (dei viel übet die Komplexität
des so einfach witkenden Sprechaktes zutage gefördert hatte), hatte nun abei,
konsequent ausbuchstabiett, lerzrlich in eine Sackgasse geführt: die der unrilgba-
ren Doppelbödigkeir allen Sprechens, die unumsrößliche Eindeutigkeit als einen
— künstlich erzeugten - Sonderfall eines an sich vom Virus der Vieldeutigkeit und
Indirektheit nicht befteibaten Spiechhandelns erweist. Aus Ungenügen übet die-
ses Resultat hatte sich Seatle dahet - und auch das dokumentiert eine alltagswelt-
lich dutchaus nachvollziehbare Intuition - nach einei „sichereien" Gtundlage für
die Erklärung des Phänomens des Versprechen umgesehen, als es die Verwen-
dungsregeln stets in alle Richtungen verfliegender Worre sind. Diese fand er in
einer allen Sprechhandlungen zugrundeliegenden Intentionalität, genauei: in dei
Stiuktui Handlungen ihre Bedingungen aufzwingender Intentionaler Formen.
Aus dieser Perspekrive wurde deutlich, daß das Wesen des Spiechaktes „Veispte-
chen" - nämlich: sich selbst auf eine zukünftige Handlung zum Vorteil eines an-
deren zu veipflichten - nichr einfach aus den konvenrionell verbürgten Sprech-
handlungsiegeln besteht, sondern aus det jeden Spiechakt beseelenden Intentio-
nalität (die meht als eine einfache Inrenrion ein komplexes Nerz einander bedin-
gender Inrenrionen vorstellt, wie der zweite Ansarz Searles augenscheinlich ma-
chen konnte). Damit hatte sich, wie es schien, die Frage der Doppelbödigkeit
und ihrer Gefahren erübrigr: Denn anders als Worte, deren lerzres Wort nie ein-
deurig fesrstellbar isr, besrimmen die Stiuktuien det Intentionalität, die eine
(Spiech-)Handlung eist zu dem machen, was sie ist, eindeutig, unter welchen
Bedingungen diese als gelungen gelten darf und wann nicht. Blickt man nicht auf
die gefallenen Worte, sondern auf die ihnen zugtundeliegende Intentionali-
rär(en), das war wohl die zenrrale Einsichr des zweiten Schrittes Searles, ist es un-
erheblich, ob möglicherweise jemand ein Versprechen ironisch, indirekr oder un-
vollständig gegeben hat; was einzig zählt, ist, ob die genannte Selbstverpflichtung
zum Votteil eines anderen zu den Bedingungen der seine Handlung beseelenden
ERSTE ZWISCHENBILANZ: VON DEN GRENZEN DER „FOLK PHILOSOPHY" 133

Intentionalen Fotmen gehört odet nicht: Denn einzig sie legen die Kriterien fest,
wann ein Spiechakt als gelungen gelten darf und wann nicht.
Mit dieser „riefensrrukttuiellen" Analyse des Versprechens harre sich freilich
gleich ein neues Problem aufgeran: Wie die einer Sprechhandlung zugrundelie-
gende Intentionalität bestimmen, wenn nicht übet den Umweg det zu ihrem
Zweck eingesetzten Worte? Wie an „Intentionalitätsformen" eines (möglichen)
Versprechens gelangen, wenn diese von ihrer „sichrbaren" Seite derart unabhän-
gig sind? Dazu - und diese letzte Seatlesche Intuition ist, wenn vielleicht auch im
Einklang mit manche! folk theory, so doch unzweifelhaft die bislang grobge-
schnitzteste - , eiklätt Seatle, reiche ein einfaches Analogieschlußverfahren: weil
die Intentionalitäten, die einen Spiechakt „Vetspiechen" zu dem machen, was er
isr, keine individuellen, sondern kollekrive sind, verbürgt von kollektive! Zu-
stimmung, sedimentiert in handlungsleitenden „Background capacities" und ge-
gtündet in det Unumgehbaikeit biologische! Muster Das Ich, das veispiicht
bzw. dem veispiochen wird, weiß deshalb, aus den - vieldeurigen — Worten des
anderen die ihnen zugrundeliegende Intentionale Stiuktui zu etschließen, lautet
Seailes letztes Wott in bezug auf das zut Debatte stehende Phänomen, weil beide
in die Versprechenssituation Involvierten Versprechen wenn auch nicht nach ex-
akt demselben, so doch nach einem ausreichend ähnlichen Prinzip geben. Vet-
spiechen weiden demnach veistanden (und dahet als bindend angenommen),
weil det, dei veispiicht, und dei, dem veispiochen witd, in einet Welt leben: ei-
net ihnen gemeinsamen, von beiden gleichetmaßen intentional etschlossenen und
vernetzten Welt, in deren „Mitte" alles sich trifft, was an den Rändern Variatio-
nen diesei Mitte eipiobt.
Diese eine gemeinsame Welt, die das Funktionieren von Veisptechen qua
„Noimalität" verbürgr, war nun freilich eine, auf die Searle nicht als eine unum-
stößliche Tatsache setzen, sondern deren Phantasma et nut schreibend zu erzeu-
gen versuchen konnte (wozu ihm, wie im letzten Abschnitt datgestellt, verschie-
dene textrhetotische Strategien behilflich waren). Daß diese gemeinsame Welr
aber nicht fraglos votausgesetzt weiden kann, sondern - gerade im Vetspiechen -
eine stets aufs neue zu erzeugende isr, verweisr nichr nur auf ein merhodisches
Problem, sondern auf eine offene Stelle im Herzen des Phänomens „Verspre-
chen", für deren Ausfüllung die schlichte Behauptung einer gemeinsamen Welr
aller Normalen eine eher hilflose, vor allem aber unbefriedigende Lösung dar-
srellr. Diese Leerstelle, in der das Paradox der Freiheir zum Selbstzwang behei-
matet ist, das füi das Veisptechen von besondeiei Bedeutung ist, tiug lange vor
Searle in der philosophischen Debatte den Namen „Moral". Um diesen „morali-
schen" Kern des Versprechens besser in den Blick bekommen zu können, sei da-
her zum nächsten Autoren, zu David Hume und seiner Theorie des Versprechens
übergegangen.
ZWEITES KAPITEL:
DAVID HUME ODER VOM WUNDER
DES VERSPRECHENS
2.0 EINLEITUNG: ALLTAGSBEWUSSTSEIN UND
PHILOSOPHISCHE SKEPSIS

Sich auf det Suche nach einei Theotie des Versprechens ausgerechnet dei Philo-
sophie David Humes zuzuwenden, nachdem man mit dei J. R. Seailes an Gren-
zen gestoßen ist, mag seltsam etscheinen: Gibr es doch gleich eine ganze Reihe
von Grundannahmen, die nichr nur Marginales berreffen und die beide Philoso-
phen ganz offensichrlich mireinander zu verbinden scheinen. Wie Searle serzt
auch Hume bei det Betrachtung det sozialen Realität auf die Vagheit einet nicht
immei hundertprozentig theoretisch erfaß- bzw. erklärbaren und doch funktio-
nierenden Lebenswelt ; wie Seatle hat Hume dabei ganz offensichtlich eine be-
sondere Affinität zu den Ansichten des „common sense" bzw. „otdinary mind"
(d. h. er mißrraut den selbstgewissen Sophistereien sich jenseits dieset Ansichren
wähnender Philosophen) ; und wie für Searle isr für Hume das Moment immer
schon vorausgeserztet kollektive! Übereinstimmung für den Aufbau der sozialen
Welt von zentialei Bedeutung. Mit gutem Gtund kann man J. R. Seatle dahei
einen Philosophen in det Tiadition David Humes nennen , und dementspre-
chend ist von Humes Texten für die hiesige Diskussion auf den ersten Blick kein
gtundsätzlichei Neuansarz zu erwarten.
Freilich steckt gerade datin auch eine - im folgenden ausgebeutete - Chance:
die det Differenz in der Ähnlichkeit. In seinem bisher letzten Buch zum Aufbau

1 Philosophie, schreibt Hume etwa gleich in der Einleitung des Treatise, teile „mit allen Künsten
und Wissenschaften" die „Unmöglichkeit, zu den lerzten Prinzipien [ultimate principles] zu ge-
langen". Zur methodischen Maxime wird dadurch, daß „keine von ihnen [...] über die Erfah-
rung hinausgehen [none of them can go beyond experience] oder Prinzipien aufstellen [kann],
die nicht auf diese Automat gegründer wären"; wichtigste Autorität der philosophischen Arbeit
blieben stets die Erfahrungen, „wie sie sich im gewöhnlichen Lauf der Welr [...] sich darbieten
[as they appear in rhe common course ofthe world]." (Tl, 6f; xviiif) - Anders als bei Searle, des-
sen Englisch ein heute geläufiges ist, werden Humes Texte im folgenden nicht durchgehend im
Air-Englischen Original zitiert, sondern es wird auf die vorhandenen Übersetzungen - vor allem
von Theodor Lipps - zurückgegriffen. Wo zwischen dessen Übersetzung und dem Original eine
nichr unerhebliche Differenz entdeckt wurde, wurde in eckigen Klammern jeweils die Original-
version angefügt; ebenfalls in eckigen Klammern beigefügt wurden Begriffe und andere Termini
von systematischer Bedeutung. Die in runden Klammern beigefügten Angaben zur zitierten
Schrift nennen zuerst die im Siglenverzeichnis ausgewiesene Abkürzung für diese Schrift, dann
die Seitenzahl der deutschen Ausgabe, gefolgt von der Seitenzahl der englischen Ausgabe.
2 „Und dies", bereuen Hume z. B. im Zusammenhang mir seinen Überlegungen zu Strukrur und
Wirkungsweise des Versprechens, „ist nicht bloß eine philosophische Deduktion, sondern etwas,
was unserer gewöhnlichen Denk- und Ausdrucksweise (our common ways of thinking and of ex-
pressing ourselves] enrspricht." (T2, 263; 5160 Zu Humes Haltung zu den Einsichten des All-
tagsverstandes siehe auch Kulenkampff 1989, 22; Livingston 1984, 73; Christensen 1987, 21;
Baier 1991,288.
3 Was Searle selbst auch indirekt in seinem letzten Buch tut, indem er Hume als den Philosophen
bezeichnet, der wohl als ersrer die Bedeutung des — für Searles Theorie so wichtigen — „Back-
grounds" bei der Konstitution sozialer Phänomene erkannt hat; vgl. TCS 132.
138 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

der sozialen Welt hatte Seaile gleich zu Anfang eine Reihe anderer, ihm zeitlich
vorausgegangene! Autoren aus seinen Diskussionen ausgeschlossen mit dem Äi-
gument, diese hätten zwai dieselben thematischen Gebiete duichforstet wie et
und seien dahet auch auf die eine odet andere akzeptable Entdeckung gestoßen,
hätten abei giundsätzlich noch nichr die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung
gehabr, die es eigenrlich zur Beschreibung der dort auftauchenden Phänomene
brauche: wie etwa Kategorien des „speech act", det „regulative" und „constitutive
rules" und der „collecrive intentionaliry" (vgl. TCS xii).
Diese Searleschen „Werkzeuge" - vor allem die beiden letztgenannten - abet
hatten sich nun zum Ende des letzten Kapitels als mindestens ebenso problemer-
zeugend wie pioblemlösend herausgestellt, und es mag dahet sinnvoll sein, das
Phänomen des Veisptechens noch einmal in einem anderen Vokabulai - d. h.
untet Zuhilfenahme anderer „Werkzeuge" - zu Wort kommen zu lassen, ohne
deshalb eine einmal eingenommene Perspekrive gleich gänzlich aufgeben, d. h.
eine Reihe von Grundannahmen per se über Bord werfen zu müssen. Der mit die-
sem zweiten Kapitel eröffnete Blick auf die Theorie David Humes dient demnach
nicht dazu, eine „pragmatische" Peispektive auf das Veisptechen durch eine
„nicht-pragmatische" zu eisetzen, sondern vetschiedene Spielarten dieset Pei-
spektive in Anschlag zu bringen: und das schon allein deshalb, weil man zu dei
eben grob „pragmatisch" genannten Einsicht, daß alle Etkenntnis wedet je ein-
deutig aus Theorie deduziert, noch schlicht aus det Piaxis induziert weiden kann,
sondern nui „abduktiv" aus einem nichr aufzulösenden, je schon wirksamen
Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis, Begriff und Erfahrung zu ge-
winnen isr, aus ganz untetschiedlichen Beweggründen, d. h. aus ganz unrer-
schiedlichen Haltungen den eigenen Begriffen und Erfahrungen gegenüber her-
rühren kann. Searle ist „Ptagmatist", weil ei dem „gesunden Menschenveistand"
- was immer das sein mag - mehr Nähe zur Praxis zutraut als dei „Skepsis" der

4 „Die Frage des Pragmatismus [ist] nichts anderes als die Frage nach der Logik der Abduktion",
lautet einer der vielen Versuche Peirce', die „pragmatische Maxime" zu fassen (vgl. Peirce 1970,
369); und William James definiert die „pragmatische Methode" - denn: „Der Pragmatismus
stellt keineswegs bestimmte Ergebnisse fesr. Er isr nur eine Merhode" (James 1977, 32) - vor al-
lem als einen „Mittelweg" zwischen Empirismus und Rarionalismus (vgl. James 1977, 25). - Was
Pragmatismus ist und was nicht, ist eine Diskussion, die zweifelsohne die vorliegende Arbeit an-
gemessen weder führen kann noch will. Gleichwohl seien einige der Hauprcharakteristika be-
nannt, die bei der Verwendung der Termini „Pragmatismus", „pragmarisch" im folgenden stets
mitgehört werden: Ausgangspunkt und Zentrum aller Begriffsbildungsprozesse sind für den
Pragmatiker stets Handlungszusammenhänge: Denken dient der Orienrierung des Handelns, das
seinerseits in sich wandelnden Situationen sich stets aufs neue zu orientieren hat; „praktische Er-
fahrung" sratt apriorische Einsichten zum Maßstab der Begriffsbildungen zu machen meint für
den Pragmatiker vor allem, neue, mir den bisherigen Mirteln nicht verstehbare Eindrücke der
Erfahrung als Aufruf zur Revision besagter Mittel zu verstehen; die pragmatische Denkweise hegt
dementsprechend Zweifel „geschlossenen Systemen" gegenüber, lebt vielmehr von einer „prag-
maric openess ofthe mind" (James), versteht die eigene „Vernunft" als „experimenreli" (Peirce);
zugleich bedeutet für den pragmarischen Zugang zur Welt die Hinwendung zur „prakrischen
Erfahrung" eine Aufwertung der Begriffe und Sprechweisen des Allrags (etwa des „common sen-
se" bzw. der „ordinary language"), da das in ihnen gelagerre Wissen je schon Grundlage aller
weiteren wissenschaftlichen Ausdifferenzierungen und Begriffsbildungen ist.
EINLEITUNG: ALLTAGSBEWUSSTSEIN UND PHILOSOPHISCHE SKEPSIS 139

Philosophen; fui Hume dagegen ist die Entdeckung des Gewichts det Piaxis pa-
radoxerweise gerade ein Produkt konsequent vorangettiebenet philosophische!
Skepsis: „Ein richtige! Skeptikei", beschreibr er diese Entdeckung am Ende des
eisten Buches des Treatise in dei ihm eigenen Klaiheit, „wird seinen philosophi-
schen Zweifeln ebenso sehr mißtrauen wie seinei philosophischen Überzeugung."
(Tl, 352; 273) Welche theoretischen Folgen ein Sich-Zuwenden zu den Serzun-
gen der Lebenswelt aus Skepsis det eigenen Bezweiflungsmaschinerie gegenüber
srart aus der Gewißheir eines sich „mitten" in dieset Lebenswelt wähnenden
Selbst hat, daium wiid es im folgenden Kapitel gehen.
2.1 VOR DEM VERSPRECHEN:
HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN

Andeis als Seaile eiläuteit, wie bereits angedeutet, Hume das Problem des sozia-
len Aktes „Vetspiechen" nicht zueist im Kontext sprachtheotetischet, sondern
moralrheoretischei Überlegungen. Zu verstehen, wie es dazu kommen kann, daß
jemand jemand anderem erwas versprichr bzw. Versprechen gegeben, verstanden
und eingehalten werden, heißt für Hume demnach zuersr zu verstehen, wie es
überhaupr zu so etwas wie menschlichen Gemeinschaften kommen bzw. wie das
Netz soziale! Veiknüpfungen, das diese Gemeinschaften zusammenhält, funktio-
nieren kann - und zwar jenseits eines rein auf externen Sanktionierungsmecha-
nismen ruhenden Regelwerkes (was, wie wir spärer sehen werden, Hume zugleich
verbinder mir und trennt von einei Tiadition, die den sozialen Akt des Veispte-
chens immei schon in einem - im weiten Sinne des Woites - „notmativen"
Rahmen diskutiert hat).
Um also zu veistehen, so Hume, wie und wohei das movens waltet, das Men-
schen - erwa durch ein Versprechen -freiwillig aneinander bindet, muß man zu-
erst begreifen, wie Sittlichkeit funktioniert: Denn zwai nehme man gemeinhin an,
daß für einen Akt wie den des Veisptechens - in Humeschem Vokabulai gesagt -
zentral nicht einfach ein „Wunsch" oder „Enrschluß, erwas zu run", noch ein
einfacher „Wille zur Tar" sei, sondern zuersr der „Wille zu der Verpflichtung [...],
die aus dem Versprechen hervorgeht [the willing of that Obligation, which atises
from the piomise]" (T2, 263; 516). Diesei „Wille zui Veipflichtung" abei, stelle
man bei genauere! Betrachtung fest, sei nicht einfach erwas „narürlicherweise" je
schon Vorhandenes bzw. der Inrenrionalität des Einzelnen je zur Disposition
Stehendes, sondern zueist Produkt und Äusdiuck eines - allerem ins Leben zu
rufenden - „sittlichen Gefühls" oder „Sittlichkeitsgefühls" [„sentiment of mo-
rals/moraliry"] [T2, 271; 523], dessen Verstrickung mit dei in Frage stehenden
„Veipflichtung, [...] die aus dem Vetspiechen hervorgeht" sich als äußeist kom-
plex erweisr: „Alle Sirrlichkeir hängt von unseren Gefühlen [sentiments] ab; wenn
irgend eine Geisteseigenschaft oder eine Handlung uns in einer bestimmten Weise
gefällt, so nennen wit sie tugendhaft; wenn die Vernachlässigung odet die Untet-
lassung derselben uns in derselben Weise mißfällt, so sagen wir, daß wir der Ver-
pflichrung untetliegen, sie zu run [ro perform it]. Eine Veränderung in der Ver-
pflichtung setzt also notwendig eine Vetändeiung im Gefühl voraus, die Schöp-

5 Wobei, wie Jens Kulenkampff richtig anmerkt, Ausdrücke wie „Moral" und „moralisch" bei
Hume in einem sehr weiten Sinn zu verstehen sind, da er unrer „Moral" generell „all die vielen
Weisen [versreht], wie Menschen sich zueinander verhalten." (Kulenkampff 1989, 96) „Moral"
zu fassen als „all die Weisen, wie Menschen sich zueinander verhalten", heißt in Humes Theorie
vor allem, für sie einen Mirrelweg zu suchen zwischen Anlehnung an den gesellschaftlichen Status
quo und dem Anspruch, diesen auf einen „gerechteren" Zustand hin zu überschreiten.
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 141

fung einer neuen Verpflichtung setzt das Entstehen eines neuen Gefühls voraus."
(T2, 263; 517)
Die Frage nach dem Funkrionieren eines Aktes wie dem des Veisptechens
witd damit bei Hume zut Frage nicht bloß det Stiuktui einei Sozialtechnik, die
man beherrschen oder eben nichr beherrschen kann bzw. an deren System teilzu-
nehmen man beschließen oder eben ablehnen kann - weil man eben nichr „nor-
mal", mir „gesundem Menschenversrand" ausgestattet o. ä. ist - , sondern zueist
zui Fiage nach dem Uispiung des Impetus odet dei Motivation, sich freiwillig zu
erwas zu verpflichten, was sich nicht einfach „von selbst" versteht - unabhängig
davon, ob es Regeln gibt, die das Prozedere des Versprechens besrimmen, oder
nicht. Um das dabei von Hume als ausschlaggebend betrachtete „Gefühl" am
Grund freiwilliger Selbsrverpflichtung aber verstehen zu können, muß man wis-
sen, welchen ontologischen Stellenwert übeihaupt „Gefühle" (meistens „passions"
odet „sentiments", seltene! auch „emotions" oder „feelings") in Humes Anthro-
pologie haben, welche Rolle datübet hinaus „Votstellungskraft" („imagination"),
„Glaube" („belief) und „Gewohnheit" („custom") bei det Aus- und Übeifoi-
mung der ethisch bedeutendsten Fähigkeit - des „Mitleids" odei „Mitgefühls"
(„sytnpathy") - spielen, aus det einzig schließlich - dank dei Aibeit det „Votstel-
lungskraft" - so erwas wie „Recht" bzw. „Gerechtigkeit" („justice") und damit
„Sittlichkeit" („moialiry") entstehen kann; nui voi einem solchen Hinteigiund
nämlich ist zu begreifen, wie Hume das Phänomen „Versprechen" zu denken ver-
sucht.
Wie schon bei Searle gilt es also auch bei Hume, zueist das teiminologische
Umfeld zu erläutern, in dem das Versprechen als rheorerisches Problem erscheinr,
bevor dieses — das Versprechen - selbst adäquat in den Blick kommen kann. Da-
zu - wie schon bei Seatle — im folgenden einige Erläuterungen, die sich dem in
Frage stehenden Phänomen konzentrisch nähein, d. h. anfänglich in sehr groben
Schrirren voranschreiten, dann aber, mir zunehmender Nähe zum eigentlichen
Gegenstand, die Schrittlänge vetkürzen. Vor allem der erste Teil dieset Daistel-
lungen wird bei einer solchen Vorgehensweise um ein besrimmtes Maß an - un-
zulässiger - Grobheir und Vereinfachung leider nicht hemm kommen.''

6 Humes Texte sind schon wegen ihrer literarischen Qualitäten - von denen ich hoffe, daß diese
wenigstens hier und da in den folgenden Darsrellungen trotz aller Theorielastigkeit durchzu-
scheinen vermögen - jede genauere Lektüre als die hier praktizierte wert; entschuldigen mag
meine eigenen Verkürzungen, daß es bereits eine Fülle ausgesprochen lesenswerter Texte zu Hu-
me gibt, von denen zwei herauszustellen mir besonders am Herzen liegt: Gilles Deleuze' frühe
Studie Empirisme et Subjectivite. Essai sur la nature humaine selon Hume (Deleuze 1953), sowie
Annette Baiers feinsinnige Lektüre der drei Bände des Treatise: A Progress of Sentiments. Reflections
on Humes .Treatise4(Baier 1991).
142 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

2.1.1 Zur Struktur der „passions"

War das „Es gibt", von der J. R. Searles Philosophie ausgegangen war, zuerst ein
„Es gibt ,speech acts'", später ein „Es gibr,Intentionaliry'", isr Humes Ausgangs-
punkr der des „Es gibr ,perceprions'", denn: „Die einzigen Existenzen, deren wir
[unbedingt] gewiß sind, sind die Perzeprionen [perceptions]. Weil sie uns un-
mirtelbai durch das Bewußrsein gegenwärtig sind, fordern sie im srärksren Maße
unsere Anerkennung [our srrongest assent] und bilden [damit] die ersre Grundla-
ge für alle unsere Schlüsse." (Tl, 280; 212) Derlei „perceprions" zum Ausgangs-
punkt allei menschlichen Urteile - und damit auch Handlungen - zu eikläten isr
dabei nichr einfach Ausdruck eines naiven Empirismus, sondern soll bedeuten,
„daß dem Geisr [mind], nie erwas anderes gegenwärtig ist, als seine Perzeptionen
[perceprions]. Alle Tärigkeiren des Sehens, Hörens, Urteilens, Liebens, Hassens
und Denkens fallen untei diese Bezeichnung." (T2, 196; 456) Daß „peicep-
tions" dabei ein so umfassend gedachter, einfache Sinneswahrnehmungen weit
übeisteigendei Begriff ist, heißt jedoch nicht, daß dieser keine genaueren Unter-
scheidungen zuließe. Gtundsätzlich gilt, daß es zwei Alten von „perceptions"
gibt: Eindfücke („imptessions") und Voistdlungen („ideas"): „der Unterschied
zwischen ihnen besteht im Grad det Stäike und Lebhaftigkeit [force and liveli-
ness], mit weichet sie sich dem Geist aufdrängen und in unser Denken oder Be-
wußtsein eingehen." (Tl, 9; 1) Als „imptessions" dürfen nach dieser Untetschei-
dung solche „perceptions" gelten, die „mit größte! Stäike und Heftigkeit auftre-
ten", „ideas" dagegen sind definiert als „die schwachen Abbildet deiselben [i. e.
der ,impressions\ T. K.], wie sie in unser Denken und Urteilen [thinking and
reasoning] eingehen" (Tl,10; 1) Für Hume fallen bei solchen, nach Srärkegraden
des Sich-dem-Geist-Aufzwingens unterschiedenen Typen von „perceptions" alle
„Sinnesempfindungen, Affekte und Gefühlserregungen [sensarions, passions and
emorions]" (Tl, 9;1) in den Bereich der „impressions", alles Denken und Urtei-
len dagegen in den der „ideas". Auch wenn es bei der Humeschen Definition der
„ideas" als „schwache Abbilder" der „impressions" klar zu sein scheinr, daß „alle
unsere einfachen Vorsrellungen bei ihrem ersten Auftreten aus einfachen Ein-
drücken srammen [are deriv'd from]" (Tl, 13; 4) , d. h. daß „impressions" -

7 Vgl. auch T l , 91; 67: „Hassen, lieben, denken, fühlen, sehen, alles das ist nichts als perzipieren
[To hate, to love, to feel, ro see; all this is nothing but to pereeive]."
8 Diese „Hume's First Principle" genannte Ansicht war und ist Gegenstand weitreichender philo-
sophischer Diskussionen, die zumeisr um den Vorwurf eines allzu einfach gestrickren Empiris-
mus Humes kreisen. Eine Ausnahme in dieser Hinsichr bieret Donald W. Livingston mit seiner
Interpretation, der davon ausgehr, daß „even granting that a theory, as it Stands, is false, rhere
may be still a rationale behind the theory which is worth exploring" (Livingston 1984, 61). Das
Ergebnis seiner Untersuchung faßt er wie folgt zusammen: „I would like to suggest that the para-
digm of significance and understanding framed in Hume's first principle is the sort we find in
stories. Events in a story are arranged remporally, and as the stoy unfolds we are able to read a
meaning and significance inro earlier events that we could not have appreciated at our first ac-
quaintance with them. [...] Narrative significance is conveyed to the earlier pereeption by view-
ing it in the light ofthe later pereeption, which because it bestows this light is thought of as an
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 143

„ideas" sowohl ontologisch als auch genetisch voigelageit sind, so sieht Hume je-
doch zugleich, daß es deswegen „doch nicht absolut unmöglich ist, daß Voistd-
lungen den ihnen entsprechenden [cottespondent] Eindrücken vorausgehen"
( T l , 15; 5) - wie etwa in den Fällen, in denen man mit bereits konstituierten
Voistdlungen neu sich datbietenden Sinneseindtücken eine Foim gibt. Da
„ideas" und „impressions" je nui nach Grad ihrer Srärke oder Lebendigkeit unter-
schieden sind - eine Unterscheidung, die keineswegs immer hundertprozentig
scharf zu ziehen isr und „in sehr heftigen Erregungszuständen [violent emotions]
unserer Seele" (T1.10; 2) zu verschwimmen beginnt - , und zugleich zumeist in
gegenseitiger Abhängigkeir voneinander erscheinen, könne man, so Hume,
grundsärzlich behaupten, „daß alle Perzeptionen des menschlichen Geistes [dem-
nach] doppelt vorfanden sind, d. h. sowohl als Eindtücke wie als Voistdlungen
auftreten." (TL 11; 3)
Um nun genauei veistehen zu können, welche Rolle „passions", „sentiments"
odei auch „emotions" in Humes Ansatz spielen bzw. wie diese ontologisch fun-
diert sind, muß man sehen, daß sich die „imptession" genannte Alt det „percep-
tions" selbst noch einmal in zwei Untetgtuppen teilt: die „imptessions of reflex-
ion" und die „imptessions of Sensation". Im Gegensatz zu den „impressions of
Sensation" - den einfachen Eindiücken dei Sinneswahinehmung - beiuhen die
„impressions of reflexion" selbst schon „zum großen Teil auf unseren Voistdlun-
gen [is deiived in a gteat measuie from our ideas]." (Tl, 17; 7) Wie sich dies vor-
zustellen ist, etläuteit Hume wie folgt: „Ein Eindtuck wirkt zunächst auf die Sin-
ne ein, und läßt uns Hitze oder Kälte, Hunger oder Dursr, Lusr oder Unlust

idea. Narrative significance, then, is the deep paradigm that governs the past-entailing theory of
meaning contained in Hume's first principle." (ibid., 104)
9 Humes Beispiel hier sind die „Farbvorstellungen" bzw. „Tonvotstellungen": Wenn jemand erwa
eine besrimmte Farbstufe nie wahrgenommen habe, man ihm dann aber eine Farbskala der
Farbübergänge vorlege, in der einzig genau diese Farbstufe fehle, dann, so Hume, werde dieser
die fehlende Farbstufe aus der Vorstellung nehmen können, ohne je vorher einen entsprechenden
Sinneseindruck gehabt zu haben. (Vgl. T l , 15; 5)
10 Gerade dieses Zugeständnis Humes ist für Fiage Argument genug, Humes Versuch, „ideas" von
„impressions" über den Begriff der „liveliness" oder „vivacity" zu unterscheiden, für gescheiterr zu
erklären: „Hume's attempt to distinguish impressions from ideas on the basis of the greater force
and vivacity of an impressions vis-ä-vis its corresponding idea failed, since he was quite willing to
acknowledge that there are cases in which the force and vivaciry of an impression and an idea are
indistinguishable." (Fiage 1990, 168) Ryle sieht Humes Scheitern dagegen daher rühren, daß der
Begriff „vivacity" im Kontext der Beschreibung unterschiedlicher Typen von „perceptions"
schlicht fehl am Platze sei. In einer Diskussion verschiedener möglicher Bedeutungen von „liveli-
ness" bzw. „vivacity" verwirft Ryle zuerst die Inrerpretation von „lebendig [lively]" als „lebhaft
[vivid]": „lebhaft" könne man sich etwas vorstellen, aber lebhaft könne man nichts „sehen", wes-
halb man Eindrücke grundsätzlich nicht als „lebhaft" beschreiben könne. Umgekehrtes gelte für
die Interpretation von „lebendig [lively]" als „intensiv [intense]", „scharf [acute]" oder „stark
[strong]": zwar können Empfindungen in dieser Hinsicht einander verglichen werden, nicht aber
Vorstellungen: Eine Vorstellung von großem Lärm zu haben heißt nicht, großen Lärm zu hören.
(Vgl. Ryle 1969, 342f (Orig. 2500) Waxman, der „vivacity" als „verisimilitude" inrerpretiert wis-
sen will (Waxmann 1993, 77), wirft Ryle dagegen vor, dieser übersehe die inspektive Kompo-
nente der „vivaciry": denn es gehe Hume mit diesem Begriff nicht darum, einen Beschreibungs-
modus dafür zu finden, wie „perceptions" seien, sondern dafür, wie wir sie empfinden (ibid, 81).
144 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

[pleasure or pain] der einen oder anderen Art spüren. Von diesem Eindtuck et-
zeugt det Geist ein Abbild [copy], welches bleibt, nachdem det Eindtuck aufge-
hört har; dies Abbild nennen wir eine Vorsrellung. Die Vorstellung dei Lust odet
Unlust ruft aber weiteihin, wenn sie in der Seele von neuem entsteht, neue Ein-
drücke — des Verlangens und der Abneigung [aversion and desire], der Hoffnung
und Furcht - hervor, welche im eigentlichen Sinne Eindfücke dei Selbstwahr-
nehmung [impressions of teflexion] genannt weiden können, weil sie [unmittel-
bar] in derselben entstanden sind." (Tl, 17; 8) D. h. „impressions of reflexion"
sind solche Eindrücke, die in der Reflexion entstehen , i. e. die dann entstehen,
wenn bestimmte, vorher memorierte Vorstellungen wieder auftreten und sich
spüren machen; in diese Gruppe vorsrellungsabhängiger Eindrücke - die Hume
später auch „sekundäre Eindrücke [secondary impressions]" (Vgl. T2, 3; 275)
nennt - gehören u.a. „Affekte, Begietden und Gefühlserregungen [passions, desi-
res, and emorions]" (Tl, 18; 8)
Um das Phänomen der „passions" nun möglichst genau fassen zu können,
untetscheidet Hume diese derart an das Vorhandensein von Vorstellungen ge-
knüpften Affekte und Gefühlserregungen ihrerseirs nun noch einmal in „direkte
[direct]" und „indirekte Affekte [inditect passions]". „Direkte Affekte", heißt es
im zweiten Buch des Treatise, seien solche, „die durch ein Gur oder ein Übel,
durch Schmerz oder Freude ohne weiteres entstehen [which arise immediarely
from good or evil, from pain or pleasure]": wie etwa „Begehren und Abscheu,
Kummer und Freude, Hoffnung und Furcht." (T2, 136; 399) Untei „inditect pas-
sions" dagegen veisteht Hume solche, „die auf detselben Grundlage beruhen
[proceed from the same piinciples], bei denen abet noch andere Momente mit-
wirken [by the conjunction of other qualiries]" (T2, 5; 276), nämlich das, was er
ihre „Ursache" und ihr „Objekr" nennr. Als Beispiele für solche indirekren Af-
fekte führt Hume „Stolz, Kleinmut, Ehrgeiz, Eitelkeit, Liebe, Neid, Mitleid,

11 „Reflexion" ist neben „imagination" oder auch „fancy" einer der Begriffe, die bei Hume meistens
mit „Einbildungskraft" ins Deutsche übertragen wird. D. h. daß „passions" und „emotions" etwas
sind, was in der Einbildungskraft entsteht.
12 Immer wieder im Verlauf des Treatise deutet Hume an, „emotions" und „passions" terminolo-
gisch zu trennen; verfolgt man jedoch konsequent den oftmals sehr schillernden und schwanken-
den Gebrauch beider Termini, muß man wohl zu dem selben Ergebnis kommen wie Theodor
Lipps, der in einer Fußnote anmerkt: „Man beachte, wie hier Gefühle oder .Gefühlsregungen'
(emotions) und .Affekte' (.passions') zuersr scheinbar unterschieden, dann aber vollständig zu-
sammengeworfen werden." (T2, 157, Fußnote) Die meisten anderen Autoren - vgl. etwa Norton
1993a,12; Stroud 1977, 156-161 - schließen sich der Meinung Lipps' an und verwenden die
Termini „passions" und „emotions", aber auch „feelings" und „sentiments" in ihren Erläuterun-
gen der Texte Humes fast durchgängig synonym. Annerte Baier dagegen sieht Hume hier sehr
wohl mit einer Unterscheidung operieren, und zwar einer, die, wie sie sagt, für seine Zeit typisch
gewesen sei: „As Hume and his contemporaries use the term .emotion', it is a bodily disturbance,
much more appropriarely classified, like some pleasures and pains, as an .impression of Sensation'
than as an .impression of reflexion'". (Baier 1991, 164). Diese Unterscheidung wird später wich-
tig, vor allem in der Frage, wie eine besrimmte Art von handlungsanleitenden „passions" - i. e.
die „calm passions" - zu versrehen sei: als sich auch körperlich bemerkbar machende „emotions",
oder aber als von körperlichem Ausdruck unabhängige „attitudes". (Vgl dazu Hearn 1976; War-
nock 1957)
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 145

Groll und die aus ihnen ableirbaren Affekre" an (ibid.). Gefühle wie das des
„Stolzes" odei auch das dei „Liebe" nämlich, so lautet die dahintei stehende
Übeilegung, entsteigen nicht einfach „immediarely" dem Guten oder Schlechten,
dem Schmerz oder der Freude, sondern sie haben je zusätzlich zu derlei Empfin-
dungen je noch eine ihnen eigene „Ursache" — wie erwa besondere körperliche
oder geisrige Reize - , und richten sich dazu je noch auf ein besonderes „Objekr":
auf das eigene Selbsr im Falle des „Srolzes", auf jemand anderen im Falle der
„Liebe".
Im Gegensatz zu diesei komplexen Vernetzung dei indirekten Affekte mit - je
schon sozial geformten und je aktuell piäsenten - Vorstellungen, definiert Hume
direkte Affekte als die Arr von „impressions of reflexion", „die am narürlichsren
aus einem Gut odet einem Übel entstehen und det wenigsten Votbeteitung be-
dürfen"; denn: „Vermöge eines ursprünglichen Insrinktes stiebt der Geist, das zu
erfassen, was ihm ein Gut ist [the mind by an original instinct tends to unite itself
with the good], und das Übel zu vetmeiden, auch wenn sie nui seinei Voistdlung
gegenwärtig sind und ihiet Existenz nach einei zukünftigen Zeit angehören [tho'
they be conceiv'd meiely in ideas, and be considei'd as to exist in any future pe-
riod of time]." (T2, 177; 438) „Gut" odet „Übel" ist nicht das, was je schon ist -
wie etwa dei je schon schöne Kötpet der geliebten Person —, sondern das, was
sein wird; dieser aus der Zukunft kommenden Vorstellung entspringen Gefühle
odei Affekte wie „Begehren und Abscheu [desire and aversion], Kummer und Freu-
de, Hoffnung und Furcht." (T2, 136; 399) Direkte Affekte beziehen demnach ihre
Kraft aus der Möglichkeir einer in die Zukunft offenen Welr, genauer: Sie sind
Teil der Wirkungen, die dieser Möglichkeitshorizonr je auf die Gegenwart aus-
übt.
Das freilich, schränkr Hume diese Theorie ein, gilt nicht für alle direkren Ge-
fühle; denn neben den schon genannren gibr es zu guter Lerzt noch solche direk-
ten Affekte, die heitühien „aus einem Instinkt, det ganz unetklätlich ist. Diesei
Art ist dei Wunsch, daß unsere Feinde bestiaft und unsere Freunde glücklich
weiden möchten; Hungei, Wollust und einige wenige körperliche Begierden.
Genau genommen erzeugen diese Affekte das Gut und das Übel, und gehen
nicht, wie die anderen Affekte, aus denselben hervor." (T2, 178f; 439) Das Ver-
langen nach dem Glück unserer Freunde und dem Unglück unserer Feinde - i. e.
das Verlangen nach sozialen Sanktionen —, isr demnach, vergleichbar darin nur ei-
ner Reihe körperlicher Begierden wie Wollusr, Hunger usf., nichr einfach ableit-
bar aus den Wirkungen der Vorsrellung von „Gur" und „Übel", sondern rührr
„aus einem Insrinkr," der einerseirs „ganz unerklärlich isr", andererseits abei

13 Die „Ursache" indirekter Gefühle teilt Hume noch einmal in „Gegenstand [subject]" und „Ei-
genschaft [quality]": beim Stolz auf ein schönes Haus etwa ist das Haus der Gegenstand, die
Schönheit des Hauses die Eigenschaft der Stolz bewirkenden Ursache (vgl. T2, 8f; 279). Mit den
so gewonnenen Achsen - „Objekt" und „Ursache", die in „Gegenstand" und „Eigenschaft" zer-
fällt - erklärt Hume dann nach und nach alle weiteren indirekten Gefühle: wobei er, entgegen
der Srarrheit, die die genannten Achsen vermitteln, mit großem Gespür für Verschiebungen,
Zwischenbereiche, Überlappungen usf. vorgeht.
146 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

„Gut" und „Übel" eist erzeugr. Sowohl die Anfrage der Zukunft (ihres Möglich-
keitshoiizontes) an die Gegenwart als auch der zulerzr genannte „ganz unerklärli-
che" Instinkt, die Freunde glücklich und die Feinde besrraft zu sehen, werden
spätei Ansatzpunkt det motaltheoietischen Überlegungen werden.

2.1.2 „Passion and reason", „calm and violent passions"

Sobald es um die Bestimmung des Selbst und dessen Triebfedern gehr, sind nun,
daran läßr Hume keinen Zweifel, die „passions" - und zwar die direkten ebenso
wie die indirekten - , und nicht „reason" Fundament und movens unseres Agie-
rens. „Die Vernunft", heißr es unzweideurig - wenngleich mißversrändlich - im
wohl berühmtesten Satz des Treatise, „ist nui Sklave det Affekte und soll es sein
[Reason is, and ought only to be the slave ofthe passions]." (T2, 153; 415) Die
Aufgabe det „Vernunft" („reason") nämlich ist füi Hume nicht mehr als das
„Denken" („reasoning"), d. h. der Vollzug einer Akrivität, die „lediglich in einer
Aufeinanderbeziehung [comparison] [von Vorstellungen] und einem Auffinden
der enrweder veränderlichen oder unveränderlichen Relationen, in denen zwei
odei mehi Gegenstände zu einandei stehen [besteht]." (Tl, 99; 73) Solcheflei
Verknüpfungsakte bereirs konstituierter, von den „impressions" nur abgeleiteter
„ideas" aber können, laut Hume, niemals handlungsanleitend sein, denn „die
Vernunft ist gänzlich passiv [reason is wholly inactive]" (T2, 199; 458), d. h. sie
kann „ideas" nui veibinden, zusammenbtingen, niemals abet selbst initiieren, daß
aus einet solchen Veibindung bestimmte, von ihi votgegebene Konsequenzen ge-
zogen weiden. Das vetmag einzig dei Impuls det Lust odei Unlust („pain and
pleasure"), den eine solche Veibindung vetsprichr, denn: „Wenn wir von einem
Gegenstand Lust odet Unlust erwarten, so srellr sich ein enrsprechendes Gefühl
der Neigung oder Abneigung [a consequenr emotion of aversion ' or propensiry]
ein; und nun fühlen wir uns gerrieben, dasjenige, was uns Unbehagen bzw. Be-
friedigung bereiten wird, zu vermeiden bzw. aufzusuchen." (T2, 152; 414) Zwar
brauchen wir, um je vorhersagen zu können, welcher Gegensrand oder welche

14 Kein Satz Humes hat wohl mehr Autoren auf den Plan gerufen, ihn gegen jedwede Art von Irra-
lionalismusvorwurf in Schurz zu nehmen, als dieser. Betonr wird dabei vor allem, daß dieser Satz
nur in Verbindung mir der Grundthese, die zu beweisen besagter Satz angeführt wird - nämlich
die, „daß die Vernunft allein niemals Motiv eines Willensaktes sein kann" (T2, 151; 413) - zu
/ersrehen sei: Hume gehe es hier einzig um die Suche nach den Motiven für Handlungen, die
eben die „Vernunft allein" niemals erzeugen könne (vgl. erwa Kulenkampff 1989, 101 ff; Penel-
hum 1993, 125ff; Stroud 1977, 155ff).
15 Diese Aktivität der Verknüpfung wird dabei geleitet von den sogenannten „Prinzipien der Asso-
ziation"; dazu siehe vor allem Deleuze 1997, 15ff.
16 Dies wäre so ein typisches Beispiel für das Schillern der Termini „emotion" und „passion": „aver-
sions", hatte Hume (s. o.) zu den „direct passions" gezählt. In diesem Kontext nun sprichr Hume
von einem „emotion of aversion": was einerseirs so gelesen werden kann, daß „aversion" eine
„emorion" ist (die aus der Erwartung, d. h. einer Vorstellung von Unlust rührt); oder aber so, daß
er beschreibt, wie der - körperlich zu verstehende - Erregungszustand, i. e. die „emotion of aver-
sion" entsteht, die zur Handlung motiviert.
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 147

Situation welche Ait von Lust oder Unlusr hervorbringen wird bzw. wie wir die-
sen dann je meiden oder suchen können, die „Vernunft", denn nur sie kann ein
„Urteil über Ursachen und Wirkungen" anstellen, so daß natürlich richtig ist zu
sagen, daß „je nach dem Ergebnis unserer Überlegungen [...] sich auch unsere
Handlungen [ändern]." (Ibid.) Gleichwohl ist klar, daß der Impub zur Handlung
nicht von dei Vernunft ausgeht, sondern, wie Hume sagr, „von ihr nur geleitet
wiid [is only ditected by it]. Die Neigung odet Abneigung gegen einen Gegen-
stand entspringt aus det Aussicht auf Lust odet Unlust." (Ibid.) „Vernunft" ist
für Hume demnach sttikt insttumentell zu verstehen: Sie ist ein Mittel, das uns
bei det Verfolgung unserer von „pain and pleasure" geserzren Ziele dienlich ist.
Insofern isr Vernunft tatsächlich nut denkbat als „Sklave dei Affekte".
Nun könnte man natütlich einwenden - und Hume siehr diesen Einwand
voraus - daß dies ein sehr verkürzter Begriff von Vernunft und „Vernunft" um-
fassender zu verstehen sei wie etwa in dem Fall, in dem man sich, hin- und heige-
rissen zwischen seinen direkr Reakrion einfordernden Affekten und einei distan-
zierreren, ruhigeren, i. e. von der „Vernunft" geleiteten Entscheidung, auf die
Seite det Übetlegung und der von ihr anempfohlenen Handlungen schlägt. Eine
solche, seht gängige Dichotomisietung von „Vernunft" und .Affekt", die sich bei
einer Entscheidungsfindung miteinandei im „Kampf befinden, kennr auch
Hume, hälr sie gleichwohl für eine, die einem tetminologischen Intum ent-
springt, denn: „Wii dtücken uns nicht genau und philosophisch aus, wenn wii
von einem Kampf zwischen Affekt und Vernunft reden." (T2, 153; 415) Daß es
zu einet solchen - unphilosophischen — Redeweise kommen kann, etgibt sich
seines Etachtens aus det Komplexität det affektiven Grundlage, auf der unsere ge-
samte Existenz tuht. Das Problem liegt laut Hume daiin, „daß es gewisse tuhige
Begehtungen und Neigungen [certain calm desires and tendencies] gibt, die, ob-
gleich sie tichtige Affekte [real passions] sind, nut eine geringe Gefühlserregung
[little emotion] im Geiste hervorrufen und mehr an ihren Wirkungen erkannt
werden, als auf Grund des unmittelbaren Gefühls oder Empfindens [immediare
feeling and sensarion]. Diese Begehrungen [desires] sind von zweierlei Art. Ent-
weder es sind gewisse unserer Natui uispiünglich eingepflanzte Instinkte, wie
z. B. Wohlwollen und Übelwollen [benevolence and resentment], Liebe zum
Leben, Freundlichkeit gegen Kindei; odei es sind das allgemeine Stieben nach

17 Handlungsimpulse gehen also nicht nur direkt aus den Gefühlen Lust oder Unlusr hervor, son-
dern auch indirekt: nämlich darüber, welche Gefühle der Lust oder Unlust erwartbar sind. Diese
indirekte Art der Handlungsmotivation ist damit gleichbedeutend mit dem Überschreiten reiner
Gegenwärtigkeit: Erwartung schlägt einen Bogen zur noch kommenden Zeit. Damit ist schon ei-
ne der wichtigsten Türen Richrung Moralirät geöffnet: deren erstes Kennzeichen ebenfalls das
Überschreiten reiner Gegenwärrigkeit ist; mehr dazu, siehe Kap. 2.2.
18 Hume - zeigt sich exemplarisch an dieser Stelle - bewegt sich demnach methodisch im selben
Spagat wie Searle: einerseits fordert er Achtung der „ordinary language" und ihrer Unterschei-
dungen; andererseits sieht er, wie sehr sie irreführen, „unphilosophische" Schlüsse nahelegen
kann. Da er jedoch Skepsis zum Grundton aller seiner Betrachtungen macht, fällt dieses Problem
bei ihm weniger kraß aus als bei Searle: denn Hume erhebt die „ordinary language" selten wirk-
lich zum Argument.
148 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

einem Guten und die Abneigung gegen das Übel, rein als solche [the general
appetite to good, and aveision to evil, considet'd metely as such]." (T2, 155;
417) Gegen solche „ruhigen", nur aus ihren Wirkungen erschließbaren Affekte
nun stehen nicht selten „heftige Gefühlsetiegungen von gleichet Ait [violent
emotions of the same kind]" wie erwa ein „heftiger Affekr des Übelwollens
[a violenr passion of resenrment]" gegen jemanden, der mich schädigt. (T2, 155;
417f) Es ist dieser Kampf nichr nur zu verschiedenen Handlungen drängender,
sondern auch gänzlich unterschiedlich auftretender Morive — das eine in seinem
Drängen ruhig, kaum wahrnehmbar" , das andere dagegen begleitet von heftige!
Gefühlswallung - , dei uns glauben macht, es gäbe Situationen, in denen „Vei-
nunft" und „Gefühl" im Streir um die zu vollziehende Handlung mireinander
lägen. In Wirklichkeir aber, so Hume, ist es so, daß das, „was wir Geisresstätke
[stiength of mind] nennen, [...] das Vorwiegen der ruhigen Affekte über die
heftigen ein [schließt]." (T2, 156; 418)2'
Die Unterscheidung ruhige vs. heftige Affekte ist demnach nicht nui nicht
gleichbedeutend mit dei zwischen Vernunft vs. Affekt, sondern ebenso wenig mir
der zwischen einflußlosen vs. einflußreichen Affekten. „Im Gegenteil, hat sich ein
Affekr als Prinzip des Handelns fesrgeserzt und isr er zur vorherrschenden Nei-
gung der Seele [rhe predominanr inclination in the soul] gewotden, so erzeugt et
gewöhnlich keine fühlbare Erregung [any sensible agiration] mehr. Andauernde
Gewohnheir [repeated custom] und seine eigene Stärke haben ihm alles unter-
worfen; er bestimmt die Handlungen und unset Veihalten ohne jenen Wider-
stand und jene Enegung, die jeden momentanen Ausbtuch eines Affekres so na-
rurgemäß begleiten. Wit müssen demnach zwischen dem tuhigen [calm] und
dem schwachen [weak] Affekr unteischeiden, ebenso zwischen dem heftigen
[violent] und dem starken [stiong]." (T2, 157; 4180"

19 Barry Stroud merkr richtig an, daß dieser Beweis - zumal eingedenk Humes eigener Kau-
salitätstheorie - mindestens schwach ist: Denn wenn wir „calm passions" selbst nicht mehr
wahrnehmen, sondern ihre Existenz nur aus Wirkungen schließen können, begeben wir uns, fin-
den wir nicht einen anderen Weg, die Existenz besagter „passions" zu beweisen, in einen argu-
menrativen Zirkel: „If calm passions are known to exist from the fact that certain actions or incli-
nations occur, and the fact that those passions are rhe causes of these actions or inclinations, then
there must be some independant way to discover rhat calm passions are the causes of those ac-
tions and inclinations", denn: „The question of whether a seperate passion is in fact involved in
the causality of every action is precisely what is at issue." (Stroud 1977, 165)
20 Folgt man dieser Beschreibung der „ calm passions" als solche, die als „desires and tendencies" in
der Form von „aversions and propensities" unfühlbar unser Handeln bestimmen, muß man not-
gedrungen dazu kommen, diese — gefühlsrheoretisch — eher als „attitudes", denn als „emotions"
zu versrehen, wie erwa Hearn dies empfiehlr (vgl. Hearn 1976, 62).
21 Entschieden wird dieser Streit der „Morive und Affekte" laut Hume nie grundsärzlich, sondern es
ist schlicht so, daß da, „wo sie sich entgegenstehen, eines derselben überwiegt, je nach dem allge-
meinen Charakrer oder der augenblicklichen Stimmung des Menschen [the general character and
the/>r<wnrdisposition of a person]": „Aus diesem Wechsel der Srimmungen [und der Charakrere]
entspringt die große Schwierigkeir des Urreils über die Handlungen und Entschlüsse der Men-
schen." (T2, 156; 418)
22 Daß „calm passions" einerseits von „violent passions" unterschieden werden, andererseits selbst
aber je „weak" oder „strong" sein können, ist eine höchst ambivalente und auch irreführende Re-
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 149

2.1.3 Die Arbeit der „imagination"

Wann immer also Hume vom Vorrang der „passions" über die „reason" bei der
Bestimmung von Handlungen und (sozialem) Verhalten spricht, geht es ihm da-
bei tatsächlich weniget um einen faktischen Ausschluß dessen, was man gemein-
hin (und auch er selber bisweilen) "Vernunft" nennt, aus dem Reich des Han-
delns - gerade im motaltheoietischen Kontext stellt Hume spätei klat, daß zui
Willensfindung auf diesem Gebiet wedet „reason alone" noch „passion alone"
ausreichend sind" - , als vielmeht daium, den theoretischen Blick auf eine Reihe
von handlungsrelevanten Phänomenen zu lenken, die rationalistische Theotien
seinei Ansicht nach immei schon übetsehen. Dies gilt in besonderet Weise vom
Phänomen det seines Etachtens unhinteigehbaten Abhängigkeit allei Handlun-
gen - auch dei „vetnunft"-gelenkten - von einei affekriven Grundlage, d. h. einer
Reihe von - vor allem: „calm" - „passions", die zur „predominant inclination in
the soul" (s. o.) gewoiden sind und ohne die es nie zu auch nut einei einzigen
Handlung übeihaupt kommen wüide.
Offen bleibt dabei nun natüilich, wie — nach Humes eigener Vorstellung -
überhaupt bestimmte „passions" je zu einer „predominanr inclinarion in the soul"
weiden können, wenn doch „impressions" - zu denen die „passions" ja grund-
särzlich zu zählen sind - generell sich vor allem durch die Flüchtigkeit ihres un-
mittelbaren Erscheinens auszeichnen, d. h. dadurch, daß sie eben nicht - wie ihre
„schwachen Abbildet", die „ideas" - dauerhafte und gleichbleibende Geschöpfe
sind, sondern „einandei mit unbegreifliche! Schnelligkeit folgen und besrändig in
Fluß und Bewegung [perperrual flux and movement] sind" (T2, 327; 252). An-
deis gefragt: wie soll etwas, das selbst flüchtig und wechselnd ist wie die „passi-
ons", seinerseits zum Kontinuität und Ruhe garantierenden „Prinzip des Han-
delns" werden können?
Folgr man Humes eigenen, o. g. Überlegungen, gehören alle „passions" - also
auch die „calm passions" — zur Gruppe der „impressions of reflexion", d. h. zur

deweise (vgl. Immerwahr 1992, 295). Denn: Hume führr die Unterscheidung ein als eine, die die
zwei Seiten eines Kampfes um Vorherrschaft beschreibt, und, fragt Baier, „how is relarive
strength to be measured if not by frenquency of victory in cases of Opposition?" (Baier 1991,
168) Eine mögliche Weise, Humes Theorie zu „rerten", so Baier weiter, sei die, daß „,calm pas-
sions' usually means .typically calm,' not ,necessarily calm' even when it meets Opposition."
(Ibid.) Eine Beschreibung der „calm passion" hätte demnach wie folgt zu lauten: „There really is
frequenr .combat,' and the winner can be a force, that typically avoids rather than causes .emo-
tion' or disorder in rhe soul. But equally typically it may create a little violent disorder in order to
win." (Ibid., 169) Dieser sehr wohlmeinenden Interpretation freilich steht Humes eigener Vor-
schlag entgegen, im Falle der Beeinflussung der Handlungen anderer eher „auf die heftigen [vio-
lent] Affekte zu wirken, als auf die ruhigen [calm]." (T2, 157, 419) Eine große „violenr disorder"
scheint demnach doch stärker zu sein als eine „little violent disorder".
23 Vgl. etwa EPM, 135; 285: „Da unserer Annahme nach ein Hauptgrund für die moralische Billigung
[moral praise] die Nützlichkeit einer Eigenschaft oder Handlung ist, ist klar, daß der Vernunft
[reason] bei allen Entscheidungen dieser Art ein erheblicher Anteil zukommen muß, weil nur dies
Vermögen uns über die Tendenz von Eigenschaften und Handlungen Aufschluß zu geben und ihre
wohltätigen Wirkungen für die Gesellschaft und ihre Träger aufzuweisen vermag."
150 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Giuppe det Eindtücke, die je gebunden sind an das Etscheinen bestimmte! Vor-
srellungen. Dieses Erscheinen nun isr laur Hume entweder ein Akt dei „Eiinne-
lung" odei det „Einbildungskraft": wobei „die hauptsächliche Leistung det Etin-
netung [...] nicht im Festhalten einfacher Vorstellungen [besteht], sondern im
Fesrhalten ihrer Ordnung und wechselseitigen Stellung", während „die Einbil-
dungskraft [in ihrem Akr dei Vergegenwärrigung von Vorstellungen] nicht an die
Reihenfolge und Foim [otdet and foim] det uispiünglichen Eindrücke gebunden
[isr]". (Tl, 19; 9) Im Gegenteil: „nichrs ist freier als jenes Vermögen", bestätigt
Hume det Einbildungskraft, die in ihtet Freiheit „Voistdlungen umzustellen und
zu ändern" einzig den „Prinzipien dei Assoziation" unteisteht: Ähnlichkeit, un-
mittelbarer zeitliche! und fäumlichei Zusammenhang, und Ursache und Wirkung
[Resemblance, Contiguity in rime or place, and Cause and Effect\" (Vgl. T l , 20f;
11). Das srärkste unter diesen die Einbildungskraft leitenden Prinzipien ist dabei
das dritte, i. e. das Prinzip der Kausalirät: „Es genügt zu bemetken, daß es keine
Beziehung gibt, welche eine stärkere Verknüpfung in der Einbildungskraft her-
vorruft [which produces sttongei connexion in the fancy] und bereitwilliger eine
Vorstellung eine andere in die Etinneiung zutückiufen läßt, als die Beziehung
von Ursache und Wirkung dies bei ihren Objekten tut." (Tl, 22; 11). Denn:
„Die Gegenstände, die duich sie vetknüpft sind, zeichnen sich aus durch Be-
stimmtheit und Unwandelbaikeit [are fixr and unalrerable]." (Tl, 151; 110)
Dieses Vermögen, Vorstellungen nicht nur nach Ähnlichkeits- oder Kontigui-
tätsaspekten zusammenzustellen, sondern eine Voistdlung auf eine andere zu-
rückzuführen, i. e. zwei Vorstellungen als notwendig miteinandei veibunden zu
präsenrieren, isr nun handlungstheoretisch gesehen das herausragende Vermögen
der Einbildungskraft. Da, so Hume, klar sei, „daß in keinem Gegensrand, für sich
betrachtet, erwas liegt, was uns veranlassen könnte, einen Schluß zu ziehen, det
übet den Gegenstand hinausgeht" (Tl, 191; 139), bedarf es für einen solchen
Schritt eines zusätzlichen Prinzips; dieses ist das Prinzip kausalet Veiknüpfung,
denn es ist von den drei genannten das Prinzip, „welches uns [in unsetet Er-
kenntnis] übei die unmittelbaren Eindtücke hinausführen kann , [...], da sie [die
kausale Verknüpfung] die einzige isr, auf Grund derer wir einen richtigen Schluß
von einem Gegenstand auf einen anderen ziehen können." (Tl, 120; 89) Zwar ist
die Einbildungskraft im ihi zut Verfügung stehenden Material wie die Eiinne-
tung gebunden an den „uispiünglichen Voirar an Vorstellungen [...], den die
inneren und äußeren Sinne liefern [original srock of ideas furnished by the inter-
nal and external senses]" (EHU, 60; 47); doch kann sie diese dank des Kausali-
rätsptinzips derart miteinander in Verbindung serzen, daß erwas je Erscheinendes
— ausgezeichnet als eine „Wirkung" — notwendig verweisr auf etwas Abwesendes —
nämlich „seine" „Uisache". Nur dank dieses Über-je-präsenre-Vorstellungen-
Hinausweisens vermag sich unser Geisr vom direkt Gegebenen zu lösen' und

24 Die Erwartung von Lust und Unlust, hieß es oben, sei der erste Schritt der Moralirat in Humes
Theorie; Kausalität, zeigt sich nun, ist eine der Enrdeckungen der Einbildungskraft, die diesem
Schritt ein Fundament geben.
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 151

damit von diesem unabhängige, konstante Vorstellungen prägen: wie etwa die -
alltagsweltlich nicht unbedeutende -Voistdlung, daß die Dinge um uns konstant
und für sich außerhalb unserer selbst existieren, wir also - handelnd - auf ihr Be-
harren in der Welt vertrauen können. Det teine Augenschein, so Hume, d. h. die
bloß von den „imptessions" gelieferten Informationen ließen eine solche Voi-
stdlung nicht zu, fühlten im Gegenteil zut Annahme fortdauernden Wechsels
und damit andauetndet Unsicherheit.'
So enrsreht erst dank diesei übet das Gegebene hinausweisenden Fähigkeit des
Geistes, was wit „Witklichkeit" nennen: Zuersr „vereinigen wir [die Eindrücke
oder Vorstellungen der Erinnerung] zu einer Arr von System, das alles umfaßt,
von dem uns unsere Etinneiung sagt, daß es uns einmal, sei es als innere Perzep-
tion, sei es als Sinneseindruck, gegenwärtig war; und alles, was diesem System an-
gehört, zusammen mit den jetzt in uns gegenwärtigen Eindiücken, belieben wit
als ,Wiiklichkeit' [reality] zu bezeichnen. Doch dabei bleibt unser Geist [dank det
Einbildungskraft, Zusatz T. K.] indessen nicht stehen. Mit diesem System von Per-
zeptionen sind [...] dutch die Beziehung von Utsache und Wifkung anderweitige
Voistdlungen vetknüpft." (Tl, 148; 108) Auch diese anderweirigen, aktuell je
abwesenden Voistdlungen wenden an das in der Erinnerung Gebildete angeglie-
dert, und der Geist faßt „diese [zusätzlichen] Voistdlungen in ein neues System
zusammen, das et gleichfalls mit dem Namen ,Witklichkeit' [the title of realities]
beehrt. [...] Diesei letzte geistige Faktot [principle] bevölkert die Welt; et belehrt
uns übet die Existenz von Dingen, die infolge ihrer zeirlichen und örtlichen Ent-
fernung außerhalb des Bereichs unserer Sinne und unserer Erinnerung liegen."
(Tl, 148; 108) Kurz: „Es beruht also alle Etkenntnis, die uns das Gedächtnis, die
Sinne und det Vetstand vermitteln, auf der Einbildungskraft, odet det Lebhaftig-
keit unseiet Votstellung [The memory, senses, and undersrandings are, rherefore,
all of rhem founded on the imagination, oi the vivacity of out ideas]." (Tl, 343;
265)26

25 Humes Diskussion der Annahme der dauernden Existenz von Körpern ist der Searles zugleich
sehr nah und sehr fern: einerseits weiß Hume, daß die Informationen der Sinne einer solchen
Annahme strikt zuwider laufen - „impressions" sind flüchtig, nur existent je für den Augenblick - ,
wir trotzdem nicht umhinkönnen „dem Satz, daß Körper existieren [the principle concerning the
existence of body], zuzustimmen", denn „die Natur hat uns eben in dieser Hinsicht keine Wahl
gelassen", da wir die Existenz von Körpern „in allen unseren Überlegungen als feststehend vor-
aussetzen müssen [we must take for granted in all our reasonings]." (Tl, 250; 187) Andererseits
weiß er - der Skeptiker - , daß dieses An nehmen-Müssen in keiner Weise gleichbedeutend ist mit
der Wahrheit besagter Aussage; im Gegenreil: Hume betont ausdrücklich, daß diese Annahme
und Aussage eine „Fiktion [fiction]" bzw. „falsch [really false]" ist, und sich „nur dem Streben
[verdankt], der Unterbrechung unserer Wahrnehmungen [...] zu entgehen." (Tl, 277; 209) -
Zu Wirkungsweise und Stellenwert solcher „Fiktionen" in Humes Werk, siehe Abschnitt 1.4.2.
26 Erkenntnis, die über kausale Schlüsse erlangt wird, ist — derart von der Einbildungskraft kon-
struiert bzw. belebt - damit nie etwas anderes als Wahrscheinlichkeitserkenntnis: da Kausalität
selbst nur ein Produkt der Gewohnheit ist (vgl. etwa T l , 172; 125; einen ähnlichen Schluß zieht
Hume auch in bezug auf Erkenntnis überhaupt: vgl. T l , 241 ff; 180ff). Aus diesen Überlegungen
zieht Hume einen interessanten Schluß, der später noch von Bedeutung sein wird: „So ist alle
Wahrscheinlichkeitserkenntnis nichts als eine Art von subjektiver Empfindung. Nicht allein in
Poesie und Musik müssen wir unserem Geschmack und unserem Gefühl folgen, sondern auch in
152 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

2.1.4 „Belief und „Custom and Habit"

Eist die Einbildungskraft also „bevölkert die Welt", hilft uns, uns vom Regiment
dei bloßen Eindtücke und ihiei sich wandelnden Flüchtigkeit zu lösen und so et-
wa die Voistdlung einet konstant existierenden „Witklichkeit" zu schaffen. Das
freilich heißr noch nichr, daß sie uns auch hilft, die so geschaffene Vorstellung von
„Wirklichkeit" zu bewahren und damir ihrerseits selbst Konstanz zu verschaffen,
denn: „die Unbesrändigkeir und Leichrbeweglichkeir der Gedanken ist so groß,
daß Bildet von alleilei Dingen, besondeis solchen, die Lust und Unlust ettegen
[especially of goods and evils], im Geiste beständig hin- und heigehen." (Tl,162;
119) Die Einbildungskraft ist, laut Hume, pei definitionem „frei"; und genauso,
wie nichts im Gegenstand „für sich betrachtet" liegt, das uns veranlaßt, übei die-
sen hinauszugehen, so zwingt nichts in dei Einbildungskraft „für sich betrachtet",
bei irgendwelchen Vorstellungen zu bleiben. Die Arbeir der Einbildungskraft al-
lein isr damir noch kein Garant dafür, daß konsrante Vorstellungen enrsrehen, die
je schon von solchen „passions" begleitet werden, die als „predominat inclination
in the soul" zum entscheidenden Handlungsptinzip weiden.
Det Zusatz, dessen es zu letztgenannte! Wandlung bedaif, ist dei, den Hume
bei det Unteischeidung von bloßei „fiction" zu handlungsanleitendem „belief"'

der Philosophie. Wenn ich von irgendeinem Satz überzeugt bin, so heißt dies nur, daß die Vor-
stellung stärker auf mich einwirkt. Wenn ich einer Beweisführung den Vorzug vor einer andern
gebe, so besteht, was ich tue, einzig darin, daß ich aus meinem unmittelbaren Gefühl [feeling]
entnehme, welche Beweisführung in ihrer Wirkung [auf meinen Geist] der andern überlegen ist."
( T l , 141; 103)
27 Die Unbeständigkeit oder Freiheit der Einbildungskraft - Grundlage auch aller Arbeit der Ver-
nunft — ist es denn auch, was die Einbildungskraft von der Vernunft bzw. dem Verstand unter-
scheidet: denn diese sind nicht einfach frei zu tun, was sie wollen, sondern richten sich in ihren
Verknüpfungen nach den Vorgaben „allgemeiner Regeln" (Genaueres dazu, siehe Kap. 1.7).
„Nichts ist gefährlicher für die Vernunft [reason] als der Flug der Einbildungskraft [imagination],
nichts hat die Philosophen in mehr Irrtümer [misrakes] gestürzt" (Tl, 345; 267), warnt Hume
daher, nicht jedoch, ohne zugleich davor zu warnen, die „alltäglichen Eingebungen der Einbil-
dungskraft abzuweisen"; unbestreirbar nämlich ist für ihn ebenfalls, daß „der Verstand, wenn er
für sich allein und nach seinen allgemeinsten Prinzipien tätig ist, sich gegen sich selber wendet
[entirely subverts itself], und jede Gewißheit zerstörr, in der Philosophie wie im gewöhnlichen
Leben [common life]." (Tl, 345; 267)
28 Statt „belief schreibt Hume manchmal auch „opinion" oder „assent", wobei Lipps „opinion"
treffend mit „Fürwahrhalren" übersetzt. Treffend deshalb, weil die Art der Vorstellungen, um die
es Hume in diesem Kontext geht, Vorstellungen der Erkenntnis sind, die aber als Erkenntnis
immer nur Wahrscheinlichkeitserkennrnis ist. Es geht damit um die Vorstellungen, die wir
„glauben" im Sinne von: für wahr halten, auf die wir handelnd immer schon bauen. - In einer
Diskussion der verschiedenen Formulierungen Humes und der sich daran anschließenden ver-
schiedenen Interpretationen des Terminus „belief, so wie Hume ihn verwendet, versucht Gor-
man in einem ausgesprochen erhellenden Aufsarz zum Thema zu zeigen, daß sich weder die ver-
schiedenen Formulierungen Humes noch die unterschiedlichen Interprerationen wirklich wider-
sprechen, sondern schlicht verschiedene Anrworren auf verschiedene Fragen seien bzw. je Be-
schreibungen aus verschiedenen Perspektiven darsrellren. Seine eigene, umfassende Inrerpretation
faßt er dabei wie folgr zusammen: „For Hume, a belief is a pereeption that has a certain feeling to
the mind, which is the same as saying that it is a pereeption that is conceived in a certain manner.
Furthermore, beliefs are those perceptions that most affecr the will, and they are able to do this
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 153

enrdeckt. Was eine Fiktion von einer solchen Vorstellung, die wir für wahr hal-
ten, unteischeide, so Hume, sei dabei nichr ihre Stiuktui; beide seien sttukturell
gesehen nichts anderes als Voistdlungen, die nach den Piinzipien det Assoziation
mit anderen Vorsrellungen in Verbindung gesetzt wuiden. Zwar sei „die Vor-
stellung eines Gegenstandes [...] ein wesentlichei Teil des Glaubens an densel-
ben"; abei: „sie ist nicht das Ganze des Glaubens." (Tl, 126f; 94) Ebensowenig
freilich liege der Unteischied beider „in einer besonderen Vorstellung, die solch
einem Voistellungsbild anhängt, das unsere Zusrimmung erzwingr, und jeder uns
bisher bekannten Erdichtung [every known ficrion] fehlr. Denn da der Geist Ge-
walt übet alle seine Voistdlungen hat, so könnte et nach Willen diese bestimmte
Vorstellung jeder Erdichrung anfügen und folglich imsrande sein, alles zu glau-
ben, was ihm beliebte [believe whatevet it pleases], während die tägliche Erfah-
rung das Gegenteil zeigt." (EHU 60; 47f)
Nicht die Alt des Gemachtseins, sondern die Art des Erlebtwerdens, d. h. die
„Air [...], wie Wit sie [die Vorsrellung] vollziehen [the manner, in which we con-
ceive it]" (Tl, 127; 95) unteischeidet laut Hume die für wahr gehaltenen Vor-
stellungen von solchen bloßer Fiktion, denn: „Eine Voistdlung, an die wit glau-
ben, witd [...] andeis von uns etlebt [verspürt, gefühlt] [feels different], als die
eidichtete, die uns bloß durch die Phantasie [fancy] vorgeführt wird." (Tl, 132;
629) D. h. der Unterschied zwischen „Erdichtung und Glaube [ßction and belieft
[liegt] in einem Gefühl oder einer Empfindung [sentiment oi feeling] [...], wel-
che sich nur dem letzteren, nichr der ersten anschließt." (EHU 60; 48) Ein sol-
ches Gefühl, gesteht Hume, das je eine Vorstellung begleitet, wenn diese für wahr
gehalten wiid, und je fehlt, wenn die Voistdlung bloß eine „ungebundene
Tiäumeiei det Phantasie [loose reverie ofthe fancy]" (EHU 61; 48) isr, isr rar-
sächlich schwer zu beschreiben, wenn jemand nichr sofort verstehe, was damit
gemeint ist. „Philosophisch", schränkr Hume seine These daher ein, „müssen wir
uns mit dei Eikläiung begnügen, daß Glaube erwas vom Geist unmittelbat Ei-
lebtes ist [something feit by the mind], daß die Voistdlungen, die das Urteil kon-
stituieren, von den Erdichtungen dei Einbildungskraft [the fictions of the imagi-
nation] unteischeidet. Et vetleiht ihnen mehr Energie und die Fähigkeir, in uns
zu wirken [more force and influence], läßt sie von größerer Wichtigkeit erschei-
nen, drängt sie dem Geist auf und macht sie zu hellsehenden Faktoten in unse-
rem Handeln [the governing principle ro all our acrions]." (Tl, 133; 629) An an-
derer Srelle versucht et sich in det Beschreibung dieses so schwet zu beschreiben-
den Gefühls, indem er darauf hinweist, daß die Voistdlungen, denen wii zu-
stimmen, „eneigischei, fesrer und lebhafter [more strong, firm, vivid]" (Tl, 133;
97) seien als die Gebilde der Phanrasie, und gerade diese gesreigerte Lebhaftigkeit
det geglaubten Voistdlungen lückt diese in die Nähe dei „impressions": „Übt die
müßige Fiktion [an idle fiction] keine Wiikung, so rufen dagegen, wie die Erfah-
rung lehrt, die Vorsrellungen solcher Gegenstände, von denen wir glauben, daß

either by virrue of being impressions themselves or by virtue of their relarions ro rhe impressions
or memories that give rise to them." (Gorman 1993, 99)
154 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

sie existieren odet existieren weiden, in geringerem Maße [in lessei degtee] die-
selbe Wiikung hervor, wie die in den Sinnen und der Wahrnehmung unmittelbar
gegenwärtigen Eindrücke. Die Wirkung des Glaubens besrehr also darin, eine
einfache Vorstellung auf die gleiche Srufe mit unseien Eindiücken zu etheben
und iht damit den gleichen Einfluß auf die Affekte [a like influence on the passi-
ons] zu vetleihen. Diese Wirkung kann er aber nur dadurch ausüben, daß er die
Vorstellung an Kraft und Lebhaftigkeit [force and vivaciriy] dem Eindruck annä-
hert." (Tl, I62f; 119) Die Einbildungskraft vermag es, die Welr der Eindrücke
zu überschreiten und Vorstellungen zu schaffen, die über das direkt Gegebene
und seine Flüchtigkeit hinausweisen; eist das zusätzliche Gefühl des Glaubens
oder Führwahrhaltens abei vetmag „unseren Voistdlungen größere Eneigie und
Lebhaftigkeit [force and vivaciry]" (Tl, 129; 96) zu geben."
Ein besrimmres Maß an „force and vivaciry": das also isr es, was einfachen
Vorstellungen beigefügr werden, diese begleiren muß, damit sie tatsächlich Ein-
fluß auf unset Urteilen und Handeln haben, denn „diese Lebhaftigkeit [vivaci-
ty] [...] ist ein notwendiges Erfordernis für die Erregung aller unserer Affekte, det
tuhigen wie det heftigen." (T2, 165; 427) Weiden bestimmte Voistdlungen und
bestimmte, füi „notwendig" angesehene Vetbindungen zwischen ihnen nicht nur
für möglich gehalten, sondern im o. g. Sinne geglaubt, dann eist sind besagte
Voistdlungen „staik" oder „lebhaft" genug, um bestimmte, sie begleitende „pas-
sions" - ruhige und heftigere - zu erregen und somir je zur „predominant incli-
narion in rhe soul" zu machen. Har der „Glaube" - der selbst, wie Hume
schreibr, „viel eigentliche! Akt des fühlenden als des denkenden Teils unseiei
Natut ist" (Tl, 245f; 183) - an eine bestimmte Veifaßtheit von Welt einmal Fuß
gefaßt, dann ist et, dank des Einflusses det von ihm geglaubten Voistdlungen auf
unsere „passions", zum „herrschenden Prinzip unserer Handlung [governing
principle of all our acrions]" (EHU 62; 50) geworden.

29 In der gerade vorgeführten Dichotomie erscheint es so, als seien für Hume einzig „beliefs" ernst
zu nehmende Entitäten, „fictions" dagegen, als bloße Erdichtungen der Phantasie, weder theore-
tisch noch prakrisch weiter relevant. Saul Traiger dagegen har gezeigt, daß die gerade vorgeführre,
„ontologische" Definition von „fictions" nur eine, und dazu nicht unbedingt die dominante De-
finitionsmöglichkeit in Werk Hume ist: „Although there are different fictions, Hume has a core
norion of fiction which is fundamentally epistomological rather than ontological." (Traiger 1987,
382) Dieser zweire, epistemologische Begriff von „fiction" faßt diese grob als „an idea applied to
something from which ir cannot be derived" (ibid., 386) und kennr zwei Ausprägungen: als
„philosophical" und als „vulgär ficrion". Einige dieser Fiktionen, so Traiger weiter, seien nun, sie
mögen so sehr auf einer falschen Anwendung von Begriffen beruhen, wie sie wollen, praktisch
unumgehbar: „Hume's artitude toward a ficrion depends on that fictions Status as either a vulgär
or philosophical fiction. There are problems with each, although Hume is less happy with the
philosophical than with the vulgär fictions. The fictions of rhe vulgär are natural. They can be
seen as non-standard ideas." (Ibid., 395) Auf solcherlei „natürliche", weil praktisch unumgehbare
Fiktionen - wie die Annahme der Dauer der Zeir, der fortdauernden Existenz von Gegenständen,
von personaler Identität usf. - werde ich spärer noch zurückkommen; in diesem Kontext freilich
wird dann auch - anders als bei Traiger - die von ihm „ontologisch" genannte Perspektive, d. h.
die Frage der Glaubwürdigkeit solcher Fiktionen noch einmal eine Rolle spielen.
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 155

Bleibt freilich noch das Problem: Was garantiert, daß das, was jetzt geglaubt
wiid und also „lebhaft" genug ist, zum „herrschenden Prinzip unserer Handlun-
gen" zu werden, auch morgen und noch in drei Wochen geglaubr wird? Anders
gefragt: was bringr unseren - einzig handlungsanleitenden - Glaubensakten ihiei-
seits ihre Kontinuität? „Det größte Teil unseiei Schlüsse samt allen unseren
Handlungen und Affekten", behauprer Hume diesbezüglich in einer für ihn un-
gewohnt großen Geste, „[entsteht] aus nichts anderem als det Gewöhnung und
Einübung [custom und habit]" (Tl, 161; 118) Da das bloße Gefühl unstet ist,
Schwankungen und Stimmungen kennt, und auch „der Prozeß der Vernünftig-
keit [piocess of reasoning]" nicht allein dazu zwingen kann, je einmal gemachte
Inferenzen stets aufs neue zu machen (Vgl. EHU 54; 42), bedarf es laut Hume
eines anderen, zusätzlichen Prinzips, das die Kontinuität unseiei Glaubensakte
samt den aus ihnen folgenden Handlungsweisen eiklätt. Und „dies Prinzip isr
Gewohnheir und Übung [Custom and Habir]." (EHU 55; 43)
Das Prinzip der Gewohnheit, so Hume, sei dabei keine besondere Erfindung
der Philosophen, sondern jedem „durch seine Wirkungen [...] wohl vertraut":
„Wo immer die Wiederholung einer bestimmten Handlung odet Tätigkeit die
Neigung [piopensiry] hervoituft, dieselbe Handlung oder Tärigkeit ohne itgend
einen Anstoß durch einen Denkakr oder Verstandesvorgang, zu erneuern: da
sagen wir stets, diese Neigung sei eine Witkung der Gewohnheir." (EHU 55;
43) „Gewohnheit" bezeichnet somit nichts anderes als genau das Phänomen,
daß die stete Wiederholung bestimmtet Denk- odet Handlungsakte bestimmte,
Kontinuität schaffende „Witkungen" (die Hume auch als „ursprüngliche Wirkun-
gen [original effects]" bezeichnet) auf den Geist ausübt. Zwei dieser Wirkungen
sind dabei von enrscheidender Bedeurung: „sie [die Gewohnheit] vetleiht dem-
selben [dem Geist] Leichtigkeit in der Ausübung von Handlungen oder in der
Auffassung eines Gegensrandes; und [sie erzeugt in ihm] weitethin eine Tendenz
odet Neigung [tendency oi inclination] dazu." (T2.161; 422) Leichtigkeit in det
Ausübung von Handlungen entsteht, weil Gewohnheit jeden zusätzlichen Denk-
odet Gefühlsakr erübrigr, Handlungen automatisiert: „So groß ist der Einfluß der
Gewohnheit, daß da, wo sie am stäiksten ist, sie nicht nur unsere natürliche Un-
wissenheit veideckt, sondern auch sich selbst veibiigt, und nut deshalb nicht da
zu sein scheint, weil sie im höchsten Grade vorfanden ist." (EHU 39; 24f) Leich-
tigkeit in der Auffassung von Gegenständen dagegen schafft det gtundsätzlich be-
ruhigende Charaktei det Gewohnheit: Noimalerweise nämlich, so Hume, neige
der menschliche Geist zu einer ihm eigenen Schwerfälligkeit: „Wenn die Seele
mit dei Ausfühtung einet Handlung odet dei Auffassung eines ungewohnten Ge-
genstandes befaßr ist, so zeigt sich eine gewisse Unbiegsamkeit des geistigen Vei-

30 Dasselbe, was Hume über die Verwendung des Terminus „belief schreibt - daß das Phänomen,
das er bezeichnen soll, nur sehr schwer überhaupt in Worte zu fassen, der Terminus „belief
gleichwohl unzweifelhaft genau der richtige sei - , behauptet er auch vom Terminus „custom"
(vgl. EHU 55; 43). Ähnliches gilt seines Erachtens überhaupt für alle „geistigen Dinge" (vgl. T l .
144). Das bringt methodische Schwierigkeiten mit sich, auf die noch zurückzukommen sein
wird.
156 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

mögens, eine Schwierigkeir der Lebensgeisrer, sich in der ihnen neuen Richtung
zu bewegen." Taucht nun erwas Neues, Ungewohnres auf, das gegen diese natüi-
liche „Unbiegsamkeit" aufbegehrt, wird der Geist in Aufregung versetzt, übet das
Maß an Etiegung hinaus, „als ihm [dem neuen Gegenstand], von Natut aus zu-
kommt [natuially belongs to it]." Abhilfe gegen diese unnötige Untuhe schafft da
einzig die Wiederholung, denn: „Kehrr es [das Neue] öfters wieder, so verschwin-
der seine Neuheir [the novelry wears off), und die Affekte lassen nach [the passi-
ons subside]; die Unruhe [hurry] der Srimmung ist vorüber und wir betrachten
die Dinge wiedei mit mehi Gelassenheit [tianquiliry]." (T2, 161; 423) Mir der
Zeir entstehe dank dieser beruhigenden Wirkung der Wiederholung so etwas wie
eine „Einübung [faciliry]" in dieselbe, wodurch seinerseits wiederum eine Neigung
oder Tendenz zu derselben im Geist geschaffen werde, denn die genannte „facili-
ry" sei Quelle einer ihr ganz eigenen Lusr: „Die Lust, die auf dei Einübung be-
ruhr [rhe pleasure of faciliry], besreht eben nicht [...] in einet Etiegung dei Le-
bensgeistei als in ihtet geotdneten Bewegung [theii otdetly motion]." (T2, 161;
423) Erst die Lust an der Ordnung, d. h. dei geotdneten, beruhigten Bewegung
der „Lebensgeisrer" machr somit, daß ein einmal geschaffener Glaube Dauer er-
langr, um seinerseits dauethafte „passions" zu erzeugen, die als „predominant in-
clinarion in the soul" zum „herrschenden Prinzip unserer Handlungen" werden.
Weshalb für Hume die Gewohnheir mir Rechr das Zenrrum unseres (sozialen)
Lebens ausmachr: „So isr die Gewohnheir die große Führerin im menschlichen
Leben [Cusrom, then, is the great guide of human life.]." (EHU 57; 44)"

2.1.5 Von den anthropologischen Grundlagen zur Moraltheorie

In seinem Wesen, hieß es eingangs, hänge das Versprechen als soziales Phänomen
laur Hume grundsärzlich an einem „Willen zur Verpflichtung", der zuersr Pro-
dukt und Ausdruck eines „sittlichen Gefühls" oder „Sittlichkeitsgefühls" [„motal
sentiment"] sei. Anhand der bisher gemachren Erläuteiungen zum Status von
Gefühlen im handlungsrheorerischen Konrexr dürfte klar geworden sein, wieso
dem so isr: Für Hume sind es per se - d. h. nicht nur in den Gefilden der Moral

31 Ist es die Aufgabe der Einbildungskraft, bestimmte Vorstellungen dermaßen „lebhaft" werden zu
lassen, daß sie als geglaubte die Flüchrigkeit bloßer „impressions" hinter sich zu lassen und so un-
serem Handeln eine verläßliche und wirkmächrige Grundlage zu bieten vermögen, kommr „Cu-
stom and Habit" vor allem eine beruhigende Aufgabe zu: die nämlich, zu stark werdende „Leb-
haftigkeit" von Vorstellungen zu unterbinden und der - Kontinuität garantierenden - Lusr an
der Ordnung unterzuordnen. Die „vivacity" der Vorsrellungen, von denen alles Handeln her-
rührr, ist demnach ein sehr komplexes Erwas: einerseits ist sie unabdingbar, um überhaupt die
Affekte erregen und somit zum Handeln motivieren zu können; andererseits wohnt ihr — hat sie
einen bestimmten Grad an Stärke einmal überschritten - stets eine verwirrende Gefahr inne, die
einzudämmen Aufgabe von „Cusrom and Habit" isr. Diese Grarwanderung zwischen einer als
Movens von Handlungen unabdingbaren „vivaciry" und dem Punkr, an dem diese „vivacity" zu
stark zu werden droht, wird später bei der Berrachtung der Rolle der Beredsamkeit noch von
großer Bedeutung sein (vgl. Kap. 4.3).
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 157

- Gefühle („passions" odet „sentiments") und es ist eben nicht das Denken
(„reason" oder „reasoning"), das die Grundlage unseres (sozialen) Agierens aus-
machr. Auch Sittlichkeit ist dahet - wie alle andeien Motive des Handelns - für
Hume nichr zuersr eine Frage der Denkzwänge, sondern „Sittlichkeit ettegt Af-
fekte und erzeugt oder verhindert [so] Handlungen [Morals excire passions, and
produce or prevenr acrions]." (T2, 198; 457)
Solcherlei handlungsanleirende „Gefühle", harre sich dabei schon für das
„normale" Handeln gezeigt, sind in ihrer Stiuktui nun alles andere als einfach:
Sie sind - da srrukrurell „impressions of reflexion", d. h. ersr in der Reflexion enr-
standene „Eindrücke" - nichr einfach ungefiltert sich aufdrängende Impulse der
„Natur" , sondern a) je aufs Engste verknüpft mir den Produkten und det Atbeit
dei Einbildungskraft; von diesei b) vage systematisiert zu einem (Verweisungs-)
Nerz je schon „geglaubter" Vorstellungen und - vot allem kausalen - Zusam-
menhängen zwischen Voistdlungen; und sie sind c) datübet hinaus je zu alltags-
weltlich unhinteifiagten Neigungen und Tendenzen geronnen durch die Macht
von „Custom and Habit". Füi das sittliche Gefühl bedeutet dies nun vot allem,
daß dieses in Humes Sicht nut als ein doppelt konditioniertes zu veistehen ist:
bestimmt eineiseits (s. o.) durch „gewisse, unsetet Natui uispiünglich einge-
pflanzte Instinkte, wie z. B. Wohlwollen und Übelwollen [benevolence and te-
sentment], Liebe zum Leben, Freundlichkeit gegen Kinder" bzw. „das allgemeine
Srreben nach einem Guten und die Abneigung gegen das Übel, rein als solche
[rhe general appetite to good, and avetsion to evil, consider'd merely as such]"
(T2, 155; 417), die als - „narürliche" - „calm desires and tendencies" auf unser
Handeln srers schon Einfluß nehmen; bestimmt andeierseirs von — „künsrlich"
erzeugrer - „Custom and Habit", d. h. einei Reihe geglaubter Vorstellungen von
„Gut" und „Übel", wie sie die Konventionen einei Zeit geprägt haben. Diese
doppelte Konditionieiung moralischer Gefühle - von denen eben auch das Ver-
sprechen abhängt - durch zugleich „narürliche" Impulse und „künstliche" Übet-
formung derselben durch die Gebräuche einer Zeir: darin liegt die Originalität
von Humes Ansatz ; theoretisch ausbuchstabiett wird diese doppelte Konditio-
nieiung in det Beschreibung det Fähigkeit zum „Mitleid" odet „Mitgefühl"
(„sympathy") und deren Überformung durch allgemeine Regeln zum (moralisch
gegründeten) System des „Rechts" odei det „Gerechtigkeit" („justice"), deren
Zentium eine Übereinkunft ist, die sich auf ein „gemeinsames Interesse" („com-
mon intetest") ausrichtet. Auch dazu einige Eiläutetungen.

32 Weshalb auf dem Gebiet der Moralrheorie für Hume klar ist, „daß nichts unphilosophischer sein
kann als jene Theorien, die behaupten, die Tugend sei gleichbedeutend mit dem Natürlichen,
das Laster mit dem Unnatürlichen." (T2, 217; 475)
33 Vgl. dazu auch K Haakonssen 1993, 184-192.
158 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

2.1.6 „Selflove" und „sympathy"

In expliziter Abserzung vor allem von Hobbes' düsrerer Bestimmung des Men-
schen als ein gtundsätzlich auf Eigennutz bedachtes Wesen, das von Natui aus
„mit Gewalt odei List jedeimann zu unterwerfen [sucht] , solange es keine ex-
ternen Drohungen davon abhalten, gründer Hume — wie angedeutet - seine
Überlegungen zum Funkrionieren der Moral in der anrhropologischen Annahme,
„daß, wenn man auch selten jemanden finden mag, der eine einzelne fremde Per-
son mehr liebr als sich selbsr, man doch ebenso sehen jemand begegner, dessen
wohlwollende Regungen zusammen genommen nichr seine selbstischen Neigun-
gen überwiegen." (T2, 230; 487) Natürlich, gesteht Hume zu, gibt es so etwas
wie eine kaum tilgbare „self-love", und natüflich spielr diese eine nichr zu untet-
schärzende Rolle in unserer Beziehung zu anderen; zugleich aber gehört für ihn
zur „natürlichen" affektiven Gtundausstattung eines Menschen immer auch ein
nicht zu nivellierendes Maß an „benevolence", das uns Partei eigreifen läßr nicht
nut für uns selbsr, sondern auch für andere. Der Ausgangspunkt für diese Be-
hauprung isr das Phänomen, das wir „Liebe" nennen: „Die Liebe zwischen den
Geschlechtern erzeugr ein Gefallen und Wohlwollen [complaceny and good-will],
das erwas durchaus Anderes ist, als die Befriedigung eines Triebes. Die Liebe zur
Nachkommenschaft, die sich bei allen mit Sinneswahrnehmung begabten Wesen
[sensible beings] findet, ist gewöhnlich allein imstande, den aJleistätksten Moti-
ven der Selbsrliebe die Wage zu halten und hängt in keinet Weise von diesem
Affekt ab." (EPM 153; 300) Gleichuispiünglich mir der Liebe für uns selbst ist
damit laut Hume immet auch eine Liebe zu bestimmten, ausgewählten anderen,
und eist beide zusammengenommen eigeben die affekrive Grundaussrattung des
moralischen Menschen: „Unser erstes und narürlichsres Sirtlichkeitsgefühl gründet
sich auf der Beschaffenheir unserer Affekte [passions]. Diese fordert, daß wir uns
selbsr und unsere Freunde [meine Hervorhebung, T. K] vor Fremden bevorzu-
gen." (T2, 234f; 491)
Nicht nur uns, sondern auch unsere Freunde und Nachkommen vor anderen
zu bevorzugen isr freilich selbsr kein unmirrelbarer affektiver Akt mehr, sondern
serzr bereirs eine Ubertragungsleisrung voraus, die ersr den Hang zur Parteinahme
für andere möglich machr: „Sind zwei Sairen gleich gespannr, so reih sich die Be-
wegung [morion] der einen der anderen mit; in gleichet Weise gehen die Ge-
mütsbewegungen [affecrions] leichr von einer Person auf die andere über und er-
zeugen korrespondierende Bewegungen [correspondent movements] in allen
menschlichen Wesen." (T2, 329; 576) Giund diesei mit den anderen „nähet"
bringenden Übertragungsleistung ist laut Hume die Arbeit des „Mitgefühls"
(„sympathy"), das zwar, „wie wir zugestehen wollen, weir schwächer als Selbstlie-

34 Hobbes 1966, 95.


35 Nietzsche, von dem noch die Rede sein wird, bestreitet gerade diese Grundlage der Moral vehe-
ment: „Der Geschlechrstrieb", heißt es in den nachgelassenen Fragmenren, „drängr die Menschen
von anderen Menschen forr, er ist ein wüthender Egoism und k e i n e Quelle socialer Gefühle —
nicht altruistisch!" (Frag 9-6[164], 239)
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 159

be [isr]", und auch, wie bereirs gesagr, „für Fernstehende [peisons remore from
us] wieder weit schwächer als [...] für unsere Nächsten [peisons neat and conti-
guous]" (EPM 72; 229), das abet nie gänzlich vetschwindet. Das Prinzip, nach
dem diese „sympathy" verfährt, ist dabei kein außergewöhnliches, sondern ein
srrukturell schon bekanntes: „Witd itgend eine Gemütsbewegung [affection] uns
auf dem Wege des Mitgefühls eingeflößt, so ist das Eiste, daß wit sie an ihren
Witkungen, d. h. an jenen äußeren Anzeichen, in Aussehen und Rede, die eine
Voistdlung deiselben nach sich ziehen, erkennen. Diese Vorsrellung verwandeh
sich aber weiterhin in einen Eindruck und gewinnt einen solchen Grad von Stäi-
ke und Lebhaftigkeit [force and vivaciry], daß sie zum entsprechenden wiiklichen
Affekt [passion] wird, und die gleiche Gefühlserregung [emorion] hervorruft, wie
irgend eine originale Gemürsbewegung [original affection]." (T2, 48f; 317) D. h.
die („natürliche") Grundlage jeder Moral isr eine je schon stattfindende Übertra-
gung von „Gemütszuständen" bzw. „Gefühlsettegungen", die, könnte man sagen,
Produkt voi allem einet Lektüre- und Übertragungsfähigkeit dei Einbildungskraft
ist, denn nut „unsere Einbildungskraft ändert eben leicht den Standpunkt ihrer
Berrachtung [Oui fancy easily changes its Situation]. Wii betrachten uns so, wie
wir anderen erscheinen, oder andere, so wie sie selbst sich fühlen. Dadutch ma-
chen wit Gefühle uns zu eigen, die uns [von Hause aus] nicht zugehören [entei,
by that means, into sentiments, which no way belong to us], und an denen wit
nui vetmöge des Mitgefühls [sympathy] Anteil haben." (T2, 343; 589) Auch in
dei Moral also ist ausschlaggebend zuersr die Fähigkeir, als „Zeichen" für be-
stimmte Gemütszustände gelesenen Vorstellungen einen gewissen Grad an „viva-
ciry" zu verleihen, denn im Grunde ist der enrscheidende Zug des Mirgefühls
„nichts anderes als die Verwandlung einer Vorstellung in einen Eindtuck durch
die Macht dei Einbildungskraft [by the force of imaginarion]." (T2, 165; 427)
Dies freilich isr nur der Ausgangspunkr der Moral, nicht schon die Moral
selbsr . Zwar hat Hume dank dei o. g. Giundlegung in seiner Moralrheorie nichr
mehr - wie erwa ein Egoismus-Theoreriker wie Hobbes - das Problem, ein einzig
vom Eigennurz besrimmres Wesen einen ihm fremden Alrruismus aufzwingen zu
müssen, denn dieser Altfuismus isr, wenigstens in seiner Anlage, dem Humeschen
Wesen je schon inhärenr, d. h. als gelebres Prinzip je schon bekannt. Doch eben
nut in begrenztem Ausmaß, denn stark genug, um unser eigenes Interesse rat-
sächlich dem eines anderen zu opfern, isr die „symparhy" im gewöhnlichen Leben

36 „Das Menschenantlitz entleiht dem Menschenantlirz Lächeln oder Tränen", zitiert Hume in die-
sem Kontext Horaz (EPM 62; 179).
37 Hume selbst weist daraufhin, daß „sympathy" das Grundprinzip nicht nur der Politik, sondern
in gleicher Weise auch der Poesie ist (vgl. etwa EPM 66ff, 224ff); auf diese Parallele wird im
Rhetorik-Kapitel (Kap. 4.3) noch genauer eingegangen werden.
38 Zumindest nicht in dem Sinn, in dem Hume von „Moral" spricht: als eine nämlich, die auch uns
Ferne und Fremde in die Motive unseres Handelns einschließt. Humes spätere Unterscheidung
der Tugenden in „natürliche" und „künstliche" (vgl. vor allem den dritten Teil des dritten Bu-
ches des Treatise) scheint bisweilen nahezulegen, diese Unterscheidung gelte auch für die Moral;
tatsächlich aber geht es nur um die Unterscheidung verschiedener Typen von Motiven, die in
moralischem Verhalten eine Rolle spielen.
160 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

nut im Falle uns - sowohl räumlich als auch zeitlich - „nahet" Dinge und Men-
schen: „Nun ist deutlich, daß die Natui eine große Ähnlichkeit zwischen allen
menschlichen Geschöpfen gesrifter har, so daß wir niemals einen Affekt oder ei-
nen Fakror [passion or principle] [des menschlichen Lebens] bei anderen beob-
achren, ohne dazu mehr oder weniger [in some degree or orher] ein Gegenstück
in uns selbst zu finden. [...] Und diese Ähnlichkeit muß seht viel dazu beitragen,
daß wit die Gefühle anderer verstehen und uns dieselben leichr und gerne zu ei-
gen machen [ro make us enrer into the sentiments of others, and embrace rhem
with faciliry and pleasure]." (T2, 49; 318) Damir die - rheorerisch alle Menschen
verbindende - „symparhy" rarsächlich akriv wird, muß also im anderen bereits
ein Anknüpfungspunkr enrdeckr worden sein, und je mehr solcher Anknüp-
fungspunkte man hat, desto leichtei hat es die „sympathy", zum Zuge zu kom-
men, denn „das leichte Auftreten der Symparhie und der entsprechenden Gefühle
ergibt sich [...] allein aus der Verwandtschaft, der Bekanntschaft und der Ähnlich-
keit." (T2, 87; 354) Wo es derlei (von den „Prinzipien der Assoziarion" (s. o.)
ermirrelten) Anknüpfungspunkte nicht gibt - und das ist wohl die Mehrheit dei
Fälle - reicht demnach det „natütliche" Grad an „symparhy" als Lieferant sittli-
che! Gefühle nichr aus. Tarsächlich moralisches Verhalten - mit dem dei Einzelne
ja den Ansptuch erhebt „von seiner persönlichen, besonderen Lage ab[zu]sehen
und einen Standpunkt [zu] wählen, den er mir anderen gemein har [common ro
him with others]" (Vgl. EPM 121; 272), um so nichr nur ein privates, sondern
ein „allgemeines Gefühl der Mißbilligung oder Billigung [a general sentiment of
blame and approbation]" (EPM 120; 271) zu seinem Maßstab zu erheben - be-
darf daher eines Mehr, und dieses Mehr enrstehr durch Extension, geleitet von all-
gemeinen Regeln.

2.1.7 „General rules", „justice" und der „moral sense"

Allgemeine Regeln sind, so Hume, zuerst ein Produkt det Gewohnheit. So ma-
chen wii erwa die Erfahrung, „daß gleiche Gegensrände unrer gleichen begleiten-
den Umständen srers gleiche Wirkungen hervorrufen", und bilden daraus eine
Regel, die, nachdem sie sich „durch Gewohnheir genügend festgesetzt hat, [...]
jedem möglichen Fall ihtet Anwendung Evidenz und Sichetheit [verleiht]." (Tl,
144; 105) D. h. es geht bei einei solchen Regelbildung daium, einzelne Beob-
achtungen übet das Gegebene hinaus auszuweiten in Richtung auf ein Allgemei-
nes, das es uns eimöglicht, uns vom diiekt Gegebenen zu lösen und damit zu ei-
net umfassender gülrigen Perspekrive zu gelangen: „Die allgemeine Regel reichr
weitet als die Fälle, aus denen sie entsprang [The general rule teaches beyond tho-
se instances, from which ir aroses]." (T2, 243; 499)

39 Diese induktive Methode der Regelbildung isr, darüber ist sich natürlich auch Hume im Klaren,
natürlich nicht ohne Risiken: „Die Bildung allgemeiner Regeln aus besonderer Beobachtung ist
eine sehr heikle Tätigkeit und es ist sehr häufig, daß man aus Hast oder geistiger Beschränktheit,
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 161

Detlei Regeln nun wifken nichr nur im praktischen Erfahrungswissen, sondern


auch in der Moral, denn, schreibr Hume, es sei leichr einsehbar „wie eng natur-
wissenschaftliche und moralische Gewißheir [natural and moral evidence] ineinan-
der greifen" (T2, 143; 406). Da nun aber, laur Hume, „moralische Gewißheir
[...] nichrs anderes [besagr], als daß man auf die Handlungen der Menschen
schließr aus der Berrachrung ihrer Morive" (T2, 142; 404) 4 , sich diese Gewißheir
- s. o. - aber aus den „narürlichen" Moriven allein nichr erklären läßt (vgl. auch
T2, 213-227; 477-484), muß die allgemeine Regel, die das sittliche Gefühl be-
stimmt, sich auf andere Gtundlagen beziehen als nur auf die Wirkungen der
„symparhy". Diesen anderen, erweiterten Bezugspunkr finder Hume in dem, was
er „jusrice" nennt, deren komplexe Grundlage er wie folgr definiert: „Meiner
Meinung nach sreht der Satz fest: Die Rechtsordnung [justice] hat nur in der
Selbstsucht und der beschränkten Großmut der Menschen, im Verein mit der knappen
Fürsorge, die die Natur für ihre Bedürfnisse getragen hat, ihren Ursprung." (T2,
239; 495)
Im Gegensatz zui „natütlichen" „sympathy" ist die derart aus einem Mangel
enrstandene „justice" (gängigerweise mit „Rechtssinn", „Rechtlichkeit" oder „Tu-
gend der Gerechrigkeir" ins Deursche übertragen), die die Motive des sittlichen
Handelns bereirsrellt, nun etwas „Künsdiches", im Sinne von: von den Menschen
mit Hilfe allgemeiner Regeln und untei Einsarz der Arbeit der Einbildungskraft
zu diesem Zweck ins lieben Gerufenes. Diese Rede vom „künsrlichen" Ursprung
der „jusrice" kann bei einem Gewohnheirsapologeren wie Hume natürlich schnell
zu Mißversrändnissen führen; deshalb, schreibr er, „muß ich hier bemerken, daß,
wenn ich den Rechrssinn [justice] nicht als natürliche Tugend [natural viftue]
gelten lasse, das Wort natürlich [natural] nui als Gegensarz gegen künstlich [artifi-

die nicht alle Seiten übersieht, auf diesem Punkte Mißgriffe begeht." (EHU 125; 107 FN.) Für
ähnlich lautende Warnungen vgl. auch: T l , 200, sowie T2, 105. - Thomas K. Hearn unter-
scheidet in einem einzig dem Begriff der „general rule" bei Hume gewidmeten Aufsatz (Hearn
1970; vgl. auch Hearn 1976) zwei Arren: „One rype of rule describes a propensity of imagination
to extend the scope of judgements formed in one set of circumsrances ro other resembling but
non-identical circumstances. The other type of general rule [...] funcrions to correct certain
natural propensities which result in erroneous belief or action if permirted to operare unchecked."
(4050 Diese Unrerscheidung erlaubt es ihm zwischen einem „Itrtümer" erzeugenden von einem
„Irrtümer" korrigierenden Typ von allgemeiner Regel zu unterscheiden; daß - da die Genese bei-
der Typen gleichwohl dieselbe bleibt - auch der zweite Typus bei seiner „Korrektur" von „Irrrü-
mern" weiterhin — zumindesr virrualirer — dazu angetan ist, selbst wieder „Irrrümer" zu erzeugen,
unterschlägt er.
40 Das vollständige Zitat lautet: „Moralische Gewißheit besagt aber nichts anderes, als daß man auf
die Handlungen der Menschen schließt aus der Betrachtung ihrer Motive, ihres Temperaments,
und der Lebensverhältnisse, in welchen sie sich befinden [deriv'd from the consideration of their
motives, temper and Situation]."
41 Denn „justice" zählt laut Hume zu „Tugenden", und zwar den „künstlichen", nicht den „natürli-
chen" (vgl. etwa T2, 227; 484). Damit steht sie in einer Reihe mit anderen wie etwa „die für das
schöne Geschlecht bestehenden Tugenden wie Schamhaftigkeit und Keuschheit." (T2 323; 570)
Doch ist diese Relativierung nur eine scheinbare, denn letztlich gilt: „Keine Tugend wird höher
eingeschätzt als die Rechtlichkeit [justice], und keine Schlechtigkeit mehr verabscheur als die
Rechtswidrigkeit [injustice]." (T2, 330; 577)
162 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

cial] von mir gebrauchr wird. Kein Prinzip des menschlichen Geistes ist natüfli-
chet als das Gefühl für Tugend [rhe sense of virrue]; also isr, wenn man das Wort
.natüilich' in einem anderen Sinne gebraucht, auch keine Tugend natürlicher als
der Rechrssinn [jusrice]. Die Menschheir isr eine erfinderische Spezies; wenn eine
Erfindung sich aufdrängt und absolut notwendig ist, so kann man sie mit eben
solchem Recht natürlich nennen als irgend erwas anderes, das unmittelbat aus ui-
spiünglichen Triebfedern hervorgehr, ohne die Vermittlung des Denkens und der
Überlegung." (T2, 227; 484)
„Justice" ist also „künstlich", weil sie den Menschen nicht angeboren isr -
wie etwa die begrenzr vorhandene „benevolence" oder die Fähigkeir zur „sympa-
thy" - , sondern „erfunden"; sie ist jedoch zugleich „natürlich", da einerseits das
Erfinden zur „Natui" des Menschen gehört, andetetseits diese „Erfindung" sich
nachgerade aufgedrängr har, angesichrs der unumgehbaren Norwendigkeir, mir
anderen zusammenzuleben und mit ihnen die nui begrenzt vothandenen Res-
sourcen teilen zu müssen. " Daß eine solche „Erfindung" jedoch nicht gänzlich -
wie Hume dies oben noch behauprer hat - „ohne die Veimittelung des Denkens
und der Überlegung" zustande gekommen ist, sondern zumindest auf das Ver-
mögen der Abstraktion - i. e. die Atbeit „allgemeiner Regeln" - zurückgreifen
muß, davon zeugr die Schilderung seiner Vorstellung von dem Augenblick, in
dem die Idee der „justice" geboren wurde: „Als die Menschen", heißt es da,
„duich Erfahrung gefunden hatten, daß ihre Selbstsucht und ihre begrenzte
Großmut, solange sie frei sich selbst übetlassen waren, sie für die Gesellschaft
unfähig machren, und als sie gleichzeitig einsahen, daß die Gesellschaft norwen-
dig sei zur Befriedigung eben jener Affekte [passions], da wurden sie natütlichet-
weise bewogen, sich dem Zwang von Regeln zu unterwerfen, die ihren Verkehr
[commerce] bequemer und gesicherter machren." (T2, 242f; 4980 Die Einsicht
einerseirs in die desasrrösen Folgen ungeregelter Selbsrsuchr und „narürlicherwei-
se" nur begrenzter Großmur - d. h. Parteilichkeit für sich und die seinen -, ande-
rerseits in den Vorteil für alle gleichermaßen gülriger Regeln, die Ruhe und Ord-
nung in die wechselnden und unsteten affekriven Bindungen und Bewertungen
zu bringen vermögen, läßr uns entdecken, daß wir auch mit dem uns Fernsren
ein „common interesr" reden: die Norwendigkeir nämlich besrimmtei funda-
mentalei Gesetze, denen sich alle in gleicher Weise unterwerfen. ' „Dies aber",
präzisiert Hume diese Einsicht, „kann auf keine andere Weise geschehen, als
durch eine Übereinkunft, die alle Mitglieder det Gesellschaft eingehen [a Con-
vention entei'd into by all the membets of rhe society]" (T2, 232; 489), und zwar
derart, daß die „justice", übet deren „Geltung" bzw. Allgemeinveibindlichkeit
übereingekommen wird, Gegensrand einer besonderen Art von Diskurs wird:
„Jedermann gibr seinen Gefährten dies Bewußtsein kund [every one expresses rhis

42 Eingedenk dieser Unumgehbarkeit lebensnotwendiger Fiktionen schreibt Traiger: „The notion of


a fiction is central in Hume's philosophy." (Traiger 1987, 381) Mehr dazu, vgl. Kap. 4.3.
43 Vgl. auch EPM 159; 306: „Gerechtigkeit beruh[t] auf menschlichen Verrrägen [Justice arises
from Human Convenrions], [...] [d. h.] eine[m] Sinn für die gemeinsamen Interessen [a sense of
common interest]."
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLACEN 163

sense to his fellows] [nämlich das Bewußrsein, daß er die „jusrice" erablierende
„convenrion" als dem allen gleichermaßen vorteilhaften „common interest" dien-
lich ansiehr; Zusatz T. K.], zugleich mit seinem Entschluß, seine Handlungen
darnach einzurichren, unter der Voraussetzung, daß andere das Gleiche tun.
Nun, weitet ist nichts nötig, um jeden zu veranlassen, daß et det Rechtsoidnung
gemäß sich veihalte [ro perform an act of justice], sobald sich dazu Gelegenheit
bietet. Dies wiid dann zum Beispiel für andere." (T2, 242; 498)

44 Eine andere Zusammenfassung desselben Sachverhalts im Treatise bringt das Zusammenspiel von
„künstlichen" und „natürlichen" Anreiten bei der Entstehung der „justice" noch klarer zum Aus-
druck und verweist zugleich auf die Rolle, die die „Moral" dabei spielr: „So ist der Eigennutz das
ursprüngliche Motiv zur Festsetzung der Rechtsordnung [justice], aber Sympathie für das Allge-
meinwohl ist die Quelle der sittlichen Anerkennung, die dieser Tugend gezollt wird [but a sympathy
with public interest is the source o/moral approbation, which attends that virtue}. " (T2, 243f; 4990
- Vor allem urilitaristische Ansätze veisuchen in der Interpretation dieser Särze immer wieder,
Humes „justice" als eine außer- oder vormoralische Instanz darzustellen und damit von der Mo-
ral (im Sinne einer sich der Vorsrellung reiner Zweckdienlichkeit entziehenden Instanz) abzu-
trennen. Ihr Hauptargument ist dabei zumeist das, daß „justice", so wie Hume sie versrehe,
grundsätzlich auf das Eigenwohl ausgerichtet bleibe, auch wenn dieses auf dem Umweg über das
genannte „Interesse für das Allgemeinwohl" erreicht werden soll (vgl. erwa Nuyens Versuch (in:
Nuyen 1986), den Begriff der „jusrice" bei Hume aus einem rein an ökonomischen Mustern ori-
entierten Ansatz zu erklären). Auch David Gauthier argumentierr in dieser Richtung, wenn er
den „sense of justice" von „morality" mit folgendem Argument trennt: „A person has an inter-
ested motive to the Performance of just acts, and this motive is independent of moral approba-
tion. [...] In itself the sense of justice is simply self-love, or more precisely what Hume calls ,the
interested affection,' or ,love ofgain' (T 492), but redirected towards irs fuller satisfaction through
its own constraint by the conventionally instituted laws of society." (Gauthier 1992, 413) Da die-
ses umweghafte Verfolgen seines natürlichen (nicht-moralischen) Selbstinteresses jedoch mit zu-
nehmender Komplexität der sozialen Verhältnisse aus dem Blick gerate, erfordere das Selbstinter-
esse „in practice if not in theory, to be supplemented by morality." (Ibid., 415) Daß dieses „Sup-
plement" dabei schnell auch „in theory" zur Hauptsache werden könne, zeige, fährr Gauthier
fort, vor allem das Problem des „sensible knave", d. h. des Schurken, der in einem bestehenden
Sozialsystem sich seinen Vorteil zu verschaffen weiß, indem er eben nicht den Umweg über das
Allgemeininreresse macht: Denn das diesem zu machende Zugeständnis, daß es bisweilen für den
Einzelnen nur Kosten, aber keine Gewinne bereiten kann, sich am Allgemeinwohl zu otientieren,
ebenso wie umgekehrt das bewußte Ignorieren des Allgemeinwohls dem Privatwohl besonders
zuträglich sein kann, macht die Vorstellung eines „narürlicherweise" (weil im Endeffekr dem
Selbstinteresse dienende) zu verfolgenden Allgemeininteresses zunichte: „Under pressure of the
sensible knave", schlußfolgert daher Gauthier, „Hume's account of the artificial virrues becomes
an error theory. Only by feigning a natural morive [like the .(redirected) self-interest', T. K] to
the performance of just acts, do we develop the disposition to be just. But on reflection we rec-
ognize that there can be no such motive. ,No action can be requir'd of us as our duty, unless
there be implanred in human narure some actuating passion or motive, capable of producing the
action' (T 518). Since there can be no such motive, then justice can not be required of us as our
dury. Nor can fidelity and allegiance. The sensible knave's message is that human society, which
depends on these dispositions, lack any moral foundation." (Ibid., 422; vgl. dazu auch Baier
1992) - In ähnlicher Weise versucht Mackie nachzuweisen, daß „self-interest" allein ein zu
schwacher Grund ist, in die Praxis der „justice" einzusteigen (ebenso Pitson 1988); gleichwohl
scheint er auch die „zusätzliche" Moral noch immer einzig im Dienst besagten „self-interest" ver-
stehen zu können: „These two [moral and justice, T. K] are necessarily interrwined: the moral
sentiment in favour of justice (and against injustice) is part of what commends the practice of it
to self-interest." (Mackie 1980, 87) Noch deuticher wird diesbezüglich Baier: „,The laws of na-
ture' are nor simply the rules of human cooperative schemes that in fact have been adopted, as
164 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Eingedenk det oben angestellten Übeilegungen zur Macht von „Custom and
Habit", sollte dabei nun klai sein, daß diese Beschreibung dei „Übereinkunft" zur
Einführung der Regeln der „justice", die „auf dem allgemeinen Bewußrsein des
gemeinsamen Interesses [a general sense of common interesr] [beruht]" (T2,233;
490), für den Konvenrionalisren Hume in ihrer ratsächlichen Entstehung nicht
derart srarr und sozusagen auf dem Reißbrerr vonsrarten geht, wie die oben gege-
bene - stark an das Szenario vom „Urverrrag" erinnernde - Schilderung dies nahe
legr. Denn: Sittliche Gefühle - Zweck besagter „convenrion" - werden nicht
einfach durch einen einmaligen Enrschluß oder eine einmalige Übereinkunft ins
Leben gerufen, sondern - wie die meisten anderen handlungsanleitenden Affekte
und Morive auch - durch Wiederholung und Gewohnheit, im Anschluß an bereirs
etablieite „ähnliche" Gefühle. Zwei soziale Instanzen, auf die kurz erwas genauer
eingegangen werden soll, sind für Hume in dieser Genese sirtlicher Gefühle von
besonderer Wichtigkeit.
Da ist zueist einmal det Ort der Ankunft des Einzelnen, die Familie, entstan-
den aus dem ,,natürliche[n] Zug der Geschlechrer zueinander [natural appetite
berwixr the sexes]", dessen etstes Resulrat „Nachkommenschaft" ist, für die die
Ehern - getragen noch von det aufs „Nahe" begrenzten „sympathy" - Verant-
wortung übernehmen und so eine eiste „umfassendere Gesellschaft [a more nu-
merous society]" begründen. In dieser Familie, fährt Hume forr, „regieren die
Eltern vermöge ihrer höheren Kraft und Klugheit; sie weiden gleichzeitig in det
Ausübung ihtet Heitschaft durch die natütliche Zuneigung, die sie für ihre Kin-
der haben, in gewissen Grenzen gehalten. In kurzer Zeir wirkt Sitte und Ge-
wohnheit [custom and habit] das zaite Gemüt dei Kindet und bringt ihnen die
Vorteile zum Bewußtsein, die die Veigesellschaftung [sociery] bietet." (T2, 229;
486) ' Diese „Regierung" anderer - zu den genannten „Eltern" gesellen sich
schnell Freunde, Verwandten, Lehrer, kurz: Erziehende aller Art - bringt dabei
nicht nur die „Vorteile" der Gesellschaft zu Bewußrsein, sondern von ihr wird er
zugleich „nach irgendeiner Norm des Betragens und Verfaltens geschult" (EPM
27; 190). Auf diese Weise wiid dem ankommenden Neuling je schon ein Name
und ein Platz zugewiesen, den ei fortan als seinen Namen und seinen Platz zu be-
greifen lernr, ein Plarz und ein Name, denen ihrerseirs je schon ein besrimmrer

property rights, gift and barter obviously have, but of schemes that get moral endorsement."
(Baier 1991, 241) - Da die vorliegende Arbeit kein vornehmlich moraltheoretisches Interesse
verfolgt, werde ich mich in diese Debatte nicht vertiefend einmischen. Die weiter unten vorge-
legte, rhetorische Interpretation der „Convention" der „justice" bzw. des „moral sense" sollten da-
her höchsrens als eine mögliche Anmerkung zu besagrer Debatte betrachtet werden.
45 Nicht ohne Grund spricht Hume von einem „general sense of common interest": „sense" meint in
diesem Falle mehr als einfach nur ein Bewußtsein von etwas haben, ist deshalb aber auch nicht
schlicht gleichbedeutend mit einem „natürlich" vorhandenen „Sinn", wie dies bisweilen in der
„moral sense"-Tradition gesehen wird. (Zu Humes Beziehung zu dieser letzten Tradition siehe
vor allem: Gräffrath 1991, 16ff; Norton 1993b, 154ff; Harrison 1976, 115ff; Mackie 1980, 72ff)
46 In der Enquiry Conceming the Principles ofMorals vervielfalrigt Hume dieses Schema und wendet
es auf die Entstehungen größerer Gesellschaften an: Erst formen sich derart Familien, dann klei-
ne Clans, dann größere Gruppen usf. (Vgl. EPM 29; 192)
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 165

„Chaiaktei [charactet]" und ein bestimmtes „Temperamenr [remper]", kurz und


sozial: ein „Ruf [repuration]" zugedachr wird. „Mag auch die Erziehung", faßt
Hume dieses Phänomen im Treatise zusammen, „weil sie ein so trügerischer
Grund menschlicher Meinungen isr, bei den Philosophen nicht in Achtung ste-
hen; ihie Henschaft in der Welt bleibt doch unbestritten [it pievails nevettheless
inthewoild]."(Tl,l61;118)
Zu den moralischen Prägungen, denen der Einzelne durch die Mühlen der Er-
ziehung ausgeserzt ist, kommen schnell die det Spiache. Diese nämlich, so
Hume, hat je schon „eine besondeie Giuppe von Ausdiücken [a peculiai set of
tetms]" erfunden - und zwar: „by Convention" - , um zwischen solchen Gefüh-
len, die bloß aus der Befriedigung „selbstische! Tiiebe", und solchen, die aus det
Befriedigung „allgemeinet", d. h. dem „common inrerest" dienende! Neigungen
entstehen, untetscheiden zu können, mit dei Folge, daß „Tugend und Lastet be-
kannte Größen [weiden] [Vice and Viftue become then known]." (Vgl. EPM
123; 274) Damit eine solche „andere Sprache [anorher language]", in der ein
Redner „Gefühle zum Ausdruck [bringr], die alle Zuhörer mit ihm teilen sollen
[in which he expects all his audience aie to concui with him]" übeihaupt entste-
hen kann, ist es freilich nötig, daß besagtet Rednet in seinem Reden „hiet von
seinei petsönlichen, besonderen Lage [absiehr] und einen Standpunkt [wählt],
den et mit anderen gemein hat [common to him with othets]." (Vgl. EPM 121;
272) Ist es einmal - sprechend - gelungen, allgemeine, weil dem allgemeinen
Wohlwollen zuträgliche Größen zu benennen und auszuzeichnen — wobei die
Einführung und Verwendung der Termini „Vice" und „Virtue" nur ein Beispiel
einer in ihrer Gesamtheit von Spuren dei Moralität durchzogenen Sprache dar-
stellt —, dann etabliert sich so, dank diesei sprachlichen Auszeichnung, zugleich
ein System lobens- bzw. tadelnswerter Handlungsrypen: „die Moral findet Aner-
kennung, es bilden sich gewisse allgemeine Ideen des menschlichen Verhaltens,
von Menschen in einet bestimmten Lage erwartet man bestimmte Maßnahmen;
die eine Handlung bezeichnet man als unseiei abstrakten Notm angemessen, die
andere als ihi zuwidetlaufend." (Vgl. EPM 123; 274) Auf diese Weise finder der
Einzelne sich, sobald er sprichr, i. e. kommuniziert, immer schon wieder in einem
Netz je schon geprägte! Woite und „Woitformeln", die nicht nut bestimmte, von
„intentionalen Foimen" gesetzte „Zwecke" erfüllen, sondern die bestimmten Ty-
pen positive Gefühle auslösender Handlungen die Auszeichnung „virtue" bzw.
„virtuous" verleihen und damit als wünschenswerte einfordern — wie z. B. „ge-
rechte" bzw. dei „Gerechtigkeit" dienende Handlungen. Indem Spiache „natüili-

47 Ohne wirklich eine eigenständige Sprachtheorie ausgearbeitet zu haben - Lockes diesbezüglichen


Ausführungen, behauptet eine Mehrzahl der Sekundärliteraten, scheinen ihm ausgereicht zu ha-
ben (vgl. Livingstons Zusammenfassung der Diskussion in Livingston 1984, 62ff; auch: Wilson
1986), eine Auffassung, der vor allem P. Jones widersprichr: „he [Hume] did not slavishly echo
Locke's discussion" (vgl Jones 1982, 136ff)) - ist Hume in Fragen des Ursprungs von Sprache
gewiß: „So werden durch menschliche Konventionen und Übereinkunft [...] Rede, Wort und
Sprache fixiert [Speech and words and language are fixed by human Convention]." (EPM 160;
306)
166 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

chetweise" vothandenen „Gefühle" - denn: „Ein politische! Kunstgriff [any arti-


fice of politicians] kann det Natui nachhelfen, bei der Erzeugung jener Gefühle
[sentiments], die sie in uns selbst weckt; [...] ; abei ei kann unmöglich die einzige
Uisache des Untetschieds sein, den wir zwischen Gur und Böse [vice and virtue]
machen. Käme uns die Natut hierbei nichr zu Hilfe, so würden die Poliriker ver-
geblich von ehrenhaft und ehrlos, lobenswert und tadelnswert reden. Diese Wörter
würden ganz sinnlos sein und uns sowenig eine Vorstellung [von der Sache] ge-
ben, als wenn sie einer uns unbekannren Sprache angehörten." (T2, 244; 500) -
aufnimmr und ihnen zugleich eine - dem „common inreresr" verpflichtete —
Richtung gibt, schleust sie in jede Unterhaltung Partikel ein, von denen immer
auch schon ein Appell ausgeht: dei nämlich, die noch ausstehende Zukunft besser
zu gestalten, als die „natürlicherweise" unser Handeln bestimmende Parteilichkeit
es uns zueist nahelegt.
Sittliche Gefühle, Ausgangspunkr jeder moralischen Handlung, sind somit -
ethofftes - Produkt einet langen Genese, die herrührt aus zwei unteischiedlichen
Quellen: „narürlichen" Anlagen wie „benevolence" und der — von der Einbil-
dungskraft geleiteten - „sympathy", aber auch dem „general apperite to good, and
avetsion to evil, considei'd metely as such" auf dei einen Seite; ihtet generellen
Überformung (Ausweitung und Koitektui) durch „allgemeine Regeln", die in der
„convenrion" der „justice" für verbindlich erklärt werden, andererseirs.
Wahrnehmbar - und das heißr: unser Handeln und Urteilen bestimmend —
weiden solcheilei „moral sentiments" freilich eist dank eines „moral sense", denn:
„Sittliche Unteischeidungen enrspringen aus einem moralischen Sinn [Moral di-
stinctions aie detiv'd from a moral sense]." (T2, 212; 470) „Erfindungen", allge-
meine Regeln usf. können noch so seht übei Voi- und Nachteile bestimmtet
Handlungen, Richtigkeit odet Falschheit bestimmte! Urteile entscheiden; witk-
lich wirksam werden sie erst, wenn sie - gemäß der Humeschen Logik der Ur-
teils- und Handlungsmotivation (s. o.) — die Ebene des Gefühls bzw. der affekti-
ven Dispositionen erreichr haben. Damit auf dieser Ebene aber nicht nur - wie es
„narürlich" isr - nach je persönlichem Interesse, je aufs Individuum zugeschnitte-
nen Lust- und Unlustkrirerien, sondern nach sittlichen, d. h. von der „conven-
rion" der „jusrice" ausgezeichneten, allgemeinen Gesichtspunkten entschieden
witd, müssen diese sich dort, d. h. auf dei Ebene det handlungsanleitenden „pas-
sions" und „sentiments" als ein allgemeine! Maßstab etabliert haben; andeis ge-
sagt: „wii müssen den Eindiuck, den die Tugend [viitue] hervorbringt, ange-

48 Im Treatise gibt Hume noch eine andere, weniger genetische Erklärung der Enrstehung der „ju-
stice", in der die Rolle der „allgemeinen Regeln" deutlicher wird: Wenn man an anderen eine
„injustice" beobachte, heißt es da, auch wenn diese anderen weit entfernte andere seien, so nehme
man doch „an ihrem Unbehagen durch Sympathie teil [we partake by their uneasiness by smpa-
thy]", und nenne auch, was diesen geschehen ist, eine „Vice". Daraus schließt Hume: „Im soeben
erwähnten Fall ist dies Bewußtsein [sense] aus der Betrachtung fremder Handlungen enrstanden.
Aber wir unterlassen es nicht, dasselbe auch auf unsere eigenen Handlungen anzuwenden [ex-
rend]. Die allgemeine Regel reicht weiter als die Fälle, aus denen sie entsprang." (T2 243; 499).
Wir machen eine einzelne Erfahrung dank der uns eigenen „sympathy", formen daraus eine all-
gemeine Regel und weiten diese derart aus, daß sie auch uns selbst mit einschließt.
VOR DEM VERSPRECHEN: HUMES THEORETISCHE GRUNDLAGEN 167

nehm und den, det vom Lastet [vice] ausgeht, unangenehm nennen" (T2, 212;
470), denn „unset Bewußtsein von Tugend [sense of virtue] besteht nut darin,
daß wii bei dei Betrachtung eines Charakters eine besondere Art von Befriedi-
gung y^Ä/f« [fiel & satisfaction of a particular kind]." (T2, 213; 471) Entschei-
dend für das Funkrionieren der Moral ist demnach bei Hume nicht die Macht
det Vernunft und auch nicht die des Schwertes, sondern einzig die Etablieiung
eines „moral sense" odei auch „sense of virtue" im Sinne einei bestimmten Nei-
gung odei Disposition bzw. eines uns eigenen Sinnes, det uns in Anbetracht be-
stimmtet Charakteristika eine besondeie Ait von Befriedigung empfinden läßt
und so bestimmte Handlungen nahe legt, andere dagegen verwirft . Worin es,

49 Es isr dieser Vorrang der „Betrachrung eines Charakrers" und der dabei festgestellten (oder eben
vermißten) Tugendhaftigkeit, die Gräffrath dazu veranlaßr, Hume moraltheoretisch in der Tra-
dition weniger der Utilitaristen als vielmehr anriker Tugenderhiker zu sehen; vgl. Gräffrath 1991,
104ff. - Zu einer anderen Interpretation der Rolle von „character" und „reputation" in Humes
Wetk, siehe Kap. 4.3.
50 Jonathan Harrison unterscheidet (in Harrsion 1976) fünf verschiedene Möglichkeiten, Humes
Moraltheoric zu verstehen, denn: „Hume was not quite clear about what his own alternative to
rationalism [in moral theory and pratice, T. K] was. Hence it is necessary to say that one or
other of the views to be discussed in this section might have been his. Some of these views fit in
with some ofthe things he says, others with other ofthe things he says. None of them fits in with
everything." (Harrison 1976, 110) Von den vorgesrellten möglichen Interpretationsvairanten - 1.
„Moral judgements are about the judger's feelings" (Ibid., 11 Off); 2. „Moral judgements are
abour the feelings of mankind" (ibid., 113ff); 3- „A moral sense theory" (ibid., 115ff); 4. „A non
propositional theory" (ibid., 117ff); 5. „Moral judgemenr a species of feeling" (ibid., 12111) —
räumt Harrison der „moral sense theory" dabei wenig Chancen ein, ernsdich die Humes gewesen
zu sein. Hume, so sein Hauptargument, spreche in diesem Kontext stets ununterschieden von
„sense" und „senriment", als wären beide dasselbe, was Harrison meint, mit folgendem Argument
widerlegen zu können: „My senses give me Information about the things I see or hear or feel.
Sentiments (like anger or fear or approval), are, however, emotional reactions to beliefs (for ex-
ample, the belief that the animal Coming towards me down the street is a tigress or a woman) and
do not give me Information about the things which, because of the beliefs I have about them,
arouse in me the emotion they do." (Ibid., 115) Darüber hinaus, so Harrison weiter, würde sich
die Annahme eines „moral sense" schlecht mit Humes Annahme verstehen, es gebe keine mo tali-
sche Beurteilung von Tatsachen: denn genau dies wäre, was der „moral sense" leisten würde: zei-
gen, welche „facts" in einer Handlung moralisch werrvoll sind und welche nicht. J. L. Mickie
zeigt in seiner Diskussion des „moral sense"-Begriffes bei Hume, daß die hier von Harrison zur
Grundlage seiner Argumentation gemachte Vorstellung - ohne dabei explizit auf Harrison B -zug
zu nehmen - nur eine von mindestens zwei verschiedenen Versionen des „moral sense" ist: r äm-
lich die „objeerivist or inruitionist Version of moral sense", die er einer „sentimentalist vers on"
entgegenstehen sieht. Die erste, so Mackie, glaube, der „moral sense" sei zu inrerpretieren al ein
Sinn, der - wie in der Wahrnehmung von „primary qualities" — „vice and virtue" als „objektive
qualiry" wahrnehmen könne. Gegen diese, Mackies Ansicht nach falsche Interpretation, behaupte
die zweite Version: „There are, literally, no such objeetive features as are posrulated in 1. The es-
sential facr of matter, when virtue and vice are distinguished, is simply that people have (and
share) certain feelings or sentiments with regard to the actions (etc.) to which virtue and vice are
ascribed." (Mackie 1980, 73) Von den vier möglichen Lesarten dieser zweiten Version nennt
Mackie als letzte eine, die er „the Objectification Theory" tauft: diese falle in großen Zügen mit
der „intuitionist Version" zusammen, mit dem entscheidenden Unterschied, daß die Züge, die be-
stimmten Handlungen, Charakterzügen usf. als „disrinctively moral" zugeschrieben werden, sich
herausstellen als „fictious, created in thought by the projeetion of the moral sentiments onto the
168 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

wie Hume lapidat feststellt, die Moral det Ästhetik gleich tut, denn: „Es liegt hiet
[bei moralischen Urteilen] deiselbe Fall vor wie bei unseren Urteilen über alle
Arren der Schönheit, über die [Annehmlichkeir der] Geschmäcker und [sonsti-
gen] Empfindungen [the case is the same with all our judgemenrs conceming all
kinds of beaury, and rastes, and sensations]." (T2, 213; 471) Diese Parallelirät in
der Enrstehung moralische! und ästhetische! Urteile hat dabei u. a. den prakti-
schen Nebeneffekr, daß auch in der Moral die Machr des Scheins eine eminente
Rolle zu spielen vermag: „Nichrs", stellt Hume dessen eingedenk — und nicht oh-
ne Ironie - am Ende seinei Betrachtungen übet die Natui det moralischen Ge-
fühle und des „moral sense" fest, „berührt uns näher als unser Ruf [repuration],
[...] Deshalb muß jeder, dem an seinem Ruf [charactei] gelegen ist und dei auf
gutem Fuß mit den Menschen stehen will, es sich selbst zum unvetbtüchlichen
Gesetz machen, niemals durch iigend eine Veisuchung zut Übertretung jenei
Giundsätze sich veileiten zu lassen, die für einen Mann von Rechtschaffenheit
und Ehre wesentlich sind." (T2, 245; 501)

actions (etc.) which are the objects ofthose sentiments". (Ibid., 74) - Es ist wohl am ehesten die-
se letzte Variante an die meine eigene, unten ausgeführte Interpretation anschließt.
2.2 DAS ERSTE VERSPRECHEN:
HUMES GERECHTE WELT

Folgt man David Humes (moral-)theotetischen Übetlegungen, liegt also (odet


genauei: muß liegen) am Gtunde jedet Gemeinschaft, jedes sozialen Gewebes ein
Wille zur „justice" (det seinerseirs ruht auf bzw. abhängt von einem „moral sense"
oder - wie noch genauer zu erläutern sein wird - „moral taste"); fehlt diesei, kann
es zu einer wirklichen Gemeinschaft und damit zu einem veiläßlichen System so-
zialer Verbindlichkeiren nicht kommen, höchstens zu einei schlechten Karikatut
detselben (wie dies etwa in det Tyrannei det Fall ist; vgl. T2, 301ff; 549ff). Zwi-
schen der dazu notwendigen „Übereinkunft", die generell einen solchen Willen
zur „jusrice" inrersubjektiv bezeugt und damit besagte „justice" selbst begründer,
und der konkreren juridischen Ausformung derselben in ein dauerhaftes Geflecht
von (staatlichen) Gesetzen, liegt nun füt Hume, den generisch denkenden Kon-
ventionalisten, ein nicht zu übeispiingendei Zwischenbereich: der Zwischenbe-
reich der „Laws of Nature". Diese definieren - grob gesagt - die von allen Mit-
gliedern einet (weidenden) Gemeinschaft vor den externen Drohungen dei
Sanktionsgewalt des Staates freiwillig einzuhaltenden (Gtund-)Gesetze des Zu-
sammenlebens bzw., wie Hume schreibt, „die besonderen Gesetze, die für die Ge-
rechrigkeir maßgebend sind [rhe particular laws, by which justice is diiected]"
(EPM 30; 192), die die allgemeine „Convention" dei „justice" übeisetzen in
handlungspraktische Zusammenhänge . Damit stellen sie zugleich die unabding-
baren Minimalbedingungen dat, ohne die keine staatliche Gemeinschaft je funk-
tionieren könnte, weil sie je schon auf solchetlei „Laws of Nature" baut. Man
könnte die „Laws of Nature" dahet wohl mit Gtund in det Theoiie Humes als
den - entscheidenden - moralischen Voihof jedei sich institutionell verfestigen-
den Gemeinschaft bezeichnen.
Diesei „moralische Voihof ist selbst noch einmal in drei aufeinander aufbau-
ende Teile unterteilt, von denen dei dritte und letzte Teil das Veisptechen, odei
genauei: den Willen zui Veipflichtung, dei im Versprechen zum Ausdruck ge-
bracht wird, berrifft. Bevor dessen Stiuktui, so wie Hume sie ausatbeitet, nun
detaillierte! dargestellt wiid, sei eines schon an diesei Stelle generell fesrgehalren:
Wenn es oben hieß, für Hume gehöre - anders als für Searle - die Erklärung des-
sen, wie es zu so etwas wie dem Geben, Veistehen und Halten von Vetspiechen
übeihaupt kommen könne, zueist in den Kontext moraltheoretischer Eiläurerun-
gen, dann zeigt sich jetzt, was dies theoretisch bedeutet. Andeis als Seaile näm-

51 Diese Rede von den „particular laws, by which justice is direcred" verweist auf eine - zumindest
logische — Vorgängtgkeit der „general Convention" vor diesen sie ausbuchsrabierenden oder auch
ausrichtenden „Laws of Narure", wie auch Humes Schilderung erst der Entstehung der „justice",
dann deren Ausformung in den drei „Laws of Nature" in diese Richtung weist; zu den sich daraus
ergebenden systematischen Schwierigkeiten s. u.
170 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

lieh, dessen etklättes Ziel es war (s. o.), anhand des Versprechens ein besrimmtes,
immer schon funkrionierendes Segment der sozialen Welr möglichst angemessen
zu beschreiben, suchr Hume schreibend nach der affektiven Giundlage oder den
affekriven Grundhairungen, die seines Erachtens gegeben sein müssen, damit be-
sagte soziale Welt übeihaupt funktionieren kann. Füi Seaile ist das Vetspiechen
ein (austauschbare!) Gegenstand philosophische! Beschreibung, dei erwas über
die wahren Srrukturen des Sozialen zum Vorschein bringen soll; Hume dagegen
srößr auf das Versprechen im Zuge einer Suche nach den unverzichtbaren morali-
schen Giundlagen jedes funkrionierenden Sozialsysrems. Dementsprechend ist
Searles rheorerischer Einsatz - pathetisch gesagt - die Wahrheit, Humes dagegen
die Moral". Odet andeis ausgedtückt: dient Seaile das Vetspiechen als Paradebei-
spiel seiner Exposition det Stiuktuien, nach denen das „real life" im Normalfall
funkrionierr - ein Funkrionieren, das er nicht in Frage stellt und das ihn auch
nicht zu wundem scheint - , entdeckt Hume es dagegen als unvetzichtbaie mora-
lische Bedingung einer funktionierenden Gesellschaft (wobei dieses „Funkionie-
ren", das sich bei Hume stets am Anspiuch der Moral zu messen hat, für ihn alles
andere als selbstverständlich ist). Im eisten Fall funktioniert „Notmalität" als un-
hinterfiagte, weil von sich aus das Funktionieren des Sozialen garantierende In-
stanz, im zweiten geht es im Gegenteil daium zu bestimmen, was zu dieset
„Notmalität" gehören muß, damit sie eine „gerechte" Welt zu schaffen fähig ist.

2.2.1 Die „Laws of Nature"

Die Idee, daß es zwischen dem reinen „Natuizustand" und dem Zusrand totalet,
d. h. „geserzlich" fesrgeschriebener Vergesellschaftung einen Zwischenbereich -
den der „Laws of Nature" - gibt, ist keine genuin Humesche Erfindung, sondern
findet sich schon bei einet Reihe seinei Votgänget: etwa bei dem von Hume so
gern kririsierren Thomas Hobbes^ . Dieser harre im Leviathan das „natütliche
Recht" („jus naturale") vom „Gesetz det Natui" („lex naturalis") unteischieden:
wobei eisteres die Freiheit, alles zu tun, was in der eigenen Machr steht, bedeutet
(im „natürlichen" Zusrand des Krieges aller gegen alle), im Gegensarz zu zweite -
rem, das als „eine von der Vernunft ermirrelre Vorschrift odei Regel" beschrieben
witd, deren Motivation die Selbsteihaltung und deren Kern die folgende, der
Selbsrerhahung dienende Maxime isr: „Jedermann har sich um Frieden zu bemü-
hen, solange dazu Hoffnung besteht." Die Entstehung dei „Laws of Nature" ist
- eingedenk ihiet giundsätzlich friedenstiftenden Aufgabe - laut Hobbes dabei in

52 Vgl. dazu auch Barry Strouds grundsätzliche Behauptung: „Hume's discussion of human action is
not meant to stand alone. It is put forward primarily ro illuminate rhe narure of morality - one of
Hume's earliesr and most central interesrs." (Stroud 1977, 171.)
53 Zu Ähnlichkeiten und Differenzen zwischen den Theorien Humes und Hobbes' siehe vor allem:
Fiage 1992.
54 Vgl. Hobbes 1966, 99. - Im Fortgang heißt es: „Kann er ihn [den Frieden] nicht hersrellen. so
darf er sich alle Vorteile des Krieges verschaffen und sie benützen."
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 171

erwa wie folgt vorzustellen: „Die Leidenschaften, die die Menschen friedfertig
machen, sind Todesfurchr, das Verlangen nach Dingen, die zu einem angeneh-
men Leben notwendig sind und die Hoffnung, sie durch Fleiß erlangen zu kön-
nen. Und die Vernunft legt die geeigneten Grundsätze des Fiiedens nahe, auf
Giund derer die Menschen zur Übereinsrimmung gebracht werden können. Die-
se Gebote sind das, was sonst die Gesetze der Narur genannt wird." Der aus ei-
ner bestimmten Peispektive widersprüchlich erscheinende Begriff „Laws of Na-
rure" ' rührt somit auch bei Hobbes schon aus der eigenwilligen Zwitterstellung
dieset „Gesetze" zwischen Künstlichkeit und Natüilichkeit: „künstlich" sind sie,
insofern ihre Gestalt von „det Vernunft" „etmittelt" werden muß; „natürlich", in-
sofern sie dem „natüflichen" Verlangen der Menschen nach Frieden - d. h. den
„passions" Furcht, Vetlangen und Hoffnung - enrspringen.
An diese Tradition, die „Laws of Nature" zu bestimmen, schließt Hume mit
seinen Übeilegungen nun an, freilich in kririscher Absetzung von ihr. Für einen
Egoismustheotetikei wie Hobbes, lautet die Ausgangsübetlegung dieser kritischen
Absetzung, können die „Laws of Nature" niemals von sich aus witksam sein, son-
dern sind - wie Hobbes etwa am Beispiel des Versprechens zeigr, das auch er in
diesem Zusammenhang behandelt — ohne externe Sanktionsgewalt null und
nichtig: „Veittäge", heißr es unmißverständlich im Leviathan, „ohne das Schwert
sind bloße Worte und besitzen nicht die Kraft, einem Menschen auch nur die ge-
ringste Sicherheit zu bieten." D. h. Hobbes vertraut nicht — wie Hume es spätei
voischlägt - auf die votbeieitende und selbst schon gestaltende Kraft des Zwi-
schen, auf die Vagheit sich je schon konstituierende! Beieiche dei Lebenswelt jen-
seits des Extrems totale! Vergesellschaftung. Einzig auf die „Einsicht" in die
„Vernünftigkeir" det „Laws of Nature" - was nicht gleichbedeutend ist mit ihtet
tatsächlichen Wirksamkeit - meint Hobbes setzen zu können, denn diese, so
lautet sein Argument, entspringe det Macht des Kalküls: „Zwai hat es den An-
schein, die Ableitung dei natüilichen Gesetze sei zu kompliziert, um bei allen
Menschen Beachtung zu finden [...]. Doch um keinem Menschen eine Ausrede
zu etmöglichen, wuiden diese Gesetze zu einet auch dem bescheidensten Vet-
stande leicht einsehbaren Maxime zusammengefaßt, welche lautet: Füge einem
anderen nicht zu, was du nicht wilbt, daß man dir zufügt. Dies zeigt ihm, daß zum

55 Hobbes 1966, 98. - Im zweiten der insgesamr neun Laws of Nature, die Hobbes daraufhin auf-
zählt, geht es dabei um den freiwilligen Verzicht auf oder die freiwillige Übertragung von Rech-
ten Einzelner zugunsten der gemeinsamen Ordnung; ist eine solche Übertragung von Rechten
wechselseitig, nennt man sie einen „Verrrag", der, wenn er sich auch auf zukünftige Handlungen
bezieht, einen Teil namens „Versprechen" beinhaltet: „Es gibt ausdrückliche und auslegungsbe-
durftige Vertragserklärungen. Die ausdrücklichen bestehen aus Worten, die in Kenntnis ihrer Be-
deutung ausgesprochen werden. Und diese Worte beziehen sich entweder auf die Gegenwart oder
auf die Vergangenheit [...], oder sie beziehen sich auf die Zukunft [...]. Die auf die Zukunft be-
zogenen Worte nennt man Versprechen" (Ibid,102)
56 Denn diese Gesetze werden ja gerade eingeführt als solche, die gegen den „natürlichen" Egoismus
des Menschen „künstlich" geschaffen werden.
57 Hume hatte diese Spannung — s. o. - galant in der Formel befrieder, die Menschheit sei eben —
von Natur aus sozusagen - „eine erfinderische Spezies" (T2, 227; 484).
58 Hobbes 1966, 131.
172 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Lernen der narürlichen Gesetze nichts weitet erforderlich isr als daß man seine ei-
genen Handlungen gegen die eines anderen aufwiegr, die des anderen, wenn sie
zu schwer zu sein scheinen, auf die andere Seite der Waage legr und die eigenen
an deren Stelle legt, damit die eigenen Leidenschaften und die Selbstliebe das
Gewicht nicht schwerer machen. Und dann gibr es keines dieser narürlichen Ge-
serze, das ihm nichr sehr vernünftig erscheinen wird."
Eine der wohl augenfälligsten Wirkungen dieser unrerschiedlichen Veranke-
rung der „Laws of Nature" ist wohl die, daß Hobbes im Leviathan neun meht
odet mindei lose miteinandei vetbundene Votschiiften aneinanderreiht, die
leicht auf wenige! reduziert odei auch mehi ausgeweitet weiden könnten, wäh-
rend die drei von Hume benannten - die „Sicherheit des Besitzes [the stabiliry of
possession"], die „Übertragung [von Besitz] dutch Zustimmung [its tiansference
by consent]" und die „Erfüllung der Versprechungen [the performance of promi-
ses]" (T2, 274; 526) - klar durch eine innere Logik miteinander verbunden sind:
die Logik der sukzessiven Ergänzung.' Ausgangspunkr der Überlegungen Humes
isr die oben schon genannte Knappheit det Gütei, auf die sich unvetmeidlich ver-
schiedene Ansprüche zugleich richten: „Der Besitz allet äußeren Gütei ist an sich
wandelbat und unsichet", konstatiert Hume und stellt diesbezüglich fest: „dies ist
eines det bedeutsamsten Hindernisse bei det Bildung dei Gesellschaft." (T2, 250;
505) Wenn Gütei an sich knapp sind, dahet Objekt dei Begietde veischiedenet
Ansprüche zugleich werden und somit Streit auslösen können, dann, so Humes
Gtundintuition, bedarf es zualleieist Regeln, die dieses Problem lösen, denn im
Streit miteinander befindliche Menschen bilden nichr freiwillig eine Gemein-
schaft. Das erste „Law of Nature" muß dahei Ruhe in die „Ungewißheit hin-
sichtlich des Eigentums" biingen und lautet: „der Besitz muß gesichert sein [posses-
sion must be stable]" (T2, 246; 502).*'
Diese eiste Regel bereitet den Boden für ein friedliches Zusammengehen der
Einzelnen zu einer Gemeinschaft. Zugleich aber produziert sie selbst wiedei neue
Probleme: „So nützlich die Sicherheir des Besirzes auch für die Gesellschaft sein
mag", srellr Hume fesr, „so ziehr sie doch manche Übelsrände nach sich." (T2,
260; 514) So sehr nämlich Eigenrumsgarantien im allgemeinen auch norwendi-
gerweise die Verteilung der Güter regeln, so sehr können sie im konkreten Fall
sich als „unangemessen" erweisen, insofern sie „sehr oft mit den Bedürfnissen und
Wünschen der Menschen im Widerspruch srehen und Personen und Besitztümer
[...] oft einandei seht schlecht angepaßt sein [weiden]. Dies ist ein gioßei Übel-
stand, det Abhilfe erfordert." (T2, 260; 514) Abhilfe von diesem Übelsrand
schafft die zweite allgemeine Regel, die die befriedere Übertragung von Besitzrü-
mern in einem System von „Tausch und Verkehr" regelr, derarr, „daß Besitz und

59 Vgl. Hobbes 1966, 120f.


60 „The general agreements succed one another, correcting for their predecessors' limitations",
beschreibr A. Baier das Verhältnis der drei Humeschen „Laws of Nature"; vgl. Baier 1991, 243.
61 Welche Formen von Besitz Hume hier in Betrachr zieht, inwieweit er, der Konventionalist, dabei
natürlich vornehmlich auf etablierte Besitzformen seiner Zeit zurückgreift, lasse ich hier undis-
kutiert. Dazu siehe vor allem: Harrison 1981, 39ff und 154ff.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 173

Eigentum beständig [stable] bleiben, außei, wenn dei Eigentümei einwilligt, sie
einem anderen zu ubeilassen. Diese Regel kann keine schlimmen Folgen haben
und keine Kriege und Streitigkeiten hervorrufen, da ja diesei Verzichr [aliena-
rion] zugunsten eines anderen mir Zusrimmung des Eigenrümers geschiehr, den
allein die Sache angehr." (T2, 260f; 514)
Ein Problem jedoch tiitt auch hiet - d. h. nach det Veieinbaiung des zweiten
„Law of Nature" - auf, und zwai dank einet besonderen Eigenschaft des in Frage
stehenden Gegenstandes: „das Eigentum einet Sache, als objektive Tatsache be-
trachtet [when taken for somerhing real], und abgesehen von unserem sirrlichen
Bewußtsein und unseren Gefühlen [rhe senrimenrs in rhe mind], isr ja etwas voll-
kommen Unwahmehmbaies, ja Unvoistellbares; wir können uns demnach auch
keine besrimmre anschauliche Vorsrellung machen von seiner Fortdauer oder
Übertragung [of its stability or ttanslation]." (T2, 261; 515) Wedei Besitz noch
dessen Übertragung sind als solche sichtbar, wahlgenommen weiden je nui die
besessenen odei auch übeittagenen Gegenstände. Wie abei dann Besitz übertra-
gen und nicht bloß Gegenstände übeigeben? Dies, so Hume, ist nui möglich
dank einet kleinen Täuschung des Geistes: „Wit nehmen, um die Einbildungskraft
[imagination] in dei Voistdlung dei Eigentumsübettiagung zu unteistützen, das
wiikliche Objekt und ,übertragen' tatsächlich seinen Besitz auf die Petson, dei
wii das Eigentum daran ubeilassen wollen. Durch diese sichtbare Übeigabe und
die vetmeintliche Gleichartigkeit beidei Handlungen [- det sichtbaren Übeigabe
des Objektes und dei Eigentumsübeilassung -] wird der Geist getäuscht und
glaubt, et habe nun auch von det geheimnisvollen Übertragung des Eigentums
eine deutliche Voistdlung [deceive the mind and make it fancy, that it conceives
the mystetious transition]." (T2, 26lf; 515) Was hiet passiert, ist also, so Hume,
daß man mit einem einfachen Eindruck (der Übergabe eines Gegenstandes) eine
Voistdlung (die nämlich dei Eigentumsübeitiagung) verknüpft und so - schein-
bat - dem Geist eine Anschauung gibt von etwas, von dem es gat keine Anschau-
ung geben kann. „Daß diese Eikläiung dei Sache richtig ist", belegt Hume seine
These, „eisieht man daraus, daß die Menschen [schließlich] eine symbolische
Übertragung erfunden haben, um der Einbildungskraft zu genügen, da, wo die
wirkliche unausführbar ist. So bedeutet die Übergabe des Schlüssels zu einem
Kornboden die Übergabe des darin aufbewahrten Korns; die Darreichung von
Stein und Erde stellt die Übeigabe eines Ritterguts dat." (T2, 262; 515)
Zusammengefaßt Bei der Ausformulierung der wichtigsten Regeln der „ju-
stice" in ein Set fundamentale!, für alle an dieser „jusrice" gleichermaßen partizi-
pierenden vetbindlichen „Laws of Nature" kommt Hume an einen Punkt (dem
dei Regelung dei Übertragung von Eigentum), an dem dei Geist allei Involviet-
ren gleichermaßen „gerauscht" weiden muß durch die Vetdoppelung der sichtba-
ren Welt in eine Ebene dei „Eindtücke" und eine „symbolische" Ebene, die die-
sen (odei anderen) Eindiücken eine zusätzliche Bedeutung zuschreibt. „Dies", ge-
steht Hume unumwunden, „ist ein erwas abergläubisches Gebaren [a kind of su-
persritious practice] det büigeilichen Geserze und auch der Geserze des Narur-
rechts", eines, das den „unbegreiflichen Mysterien det christlichen Religion"
174 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

durchaus verwandr isr (vgl. T2, 262; 515). Gleichwohl isr es für das Funkrionie-
ren einer auf „justice" aufbauenden Gemeinschaft unumgehbai, denn nur so
schafft man es, die fundamentalen Regeln des Zusammenlebens „dem Geist zu
vergegenwärtigen [render them presenr ro rhe mind]" (T2, 262; 515) und damit
witksam werden zu lassen.

2.2.2 Das dritte „Law of Nature": „The Performance of promises"

Dies nun ist dei Punkt, an dem das Veisprechen als sozialer Akt in den Blick
Humes rückr. Das Versprechen bezeichner für ihn ein „Law of Narure", das ei-
nerseirs auf der Sicherheir von Besitz und dem System dei Übertragung desselben
aufbaut - und das heißt auch: von diesen abhängt - , anderseits bestimmte Män-
gel dieser beiden aufnimmt und löst. Det Mangel, den zu beheben das Vetspie-
chen als fundamentale! soziale! Akt von Hume ausgewählt witd, eigibt sich dabei
aus dem Problem zeitliche! und räumliche! Distanzen. Gegenseitige Übertragung
von Besitz - erwa in einem Tauschhandel - nämlich gelangt regelmäßig an eine
Grenze, die die beiden eisten „Laws of Nature" nicht von allein in den Griff zu
bekommen imstande sind: „Nun geschieht es häufig", beschreibt Hume diese
problematische Situation, „daß die gegenseitigen Leistungen nicht in demselben
Augenblick vollzogen weiden können; dann ist es nötig, daß det eine Teil sich
begnügt, in Ungewißheit zu bleiben und von dei Dankbaikeit des anderen die
Erwiderung der Gefälligkeit zu erwarten." (T2, 267; 519) Überträgt det eine dei
beiden in einen Handel tretenden Paitnei seinen Besitz zeitlich ehei an den ande-
ren, ist ei, solange es keine sich auf die Zukunft beziehenden Regeln gibr, auf die
bloße „Dankbarkeit" oder Großmur des anderen angewiesen. Auf eine solche
„Dankbarkeir" aber dessen, der seinen Teil des Tauschhandels erst sparet erfüllen
kann - weil erwa der zurückgegebene Gegenstand, wie Hume sagt, nicht „gegen-
wärtig und individuell [present and individual]", sondern „entfernt und allgemein"
[absent and general] ist" —, kann man, das sollte nach dem bishet Gesagten klat
gewotden sein, laut Hume nicht „natütlicherweise" hoffen: schließlich sind na-
rürlicherweise Affekte wie der der Dankbarkeir nur in begrenzrem Umfang vor-
handen, isr „Eigennurz" im Umgang mir „Fremden" oder „Fernen" die verbrei-
retere handlungsanleirende „passion".

62 Was er mit dieser Unterscheidung meinr, erläutert Hume durch folgendes Beispiel: „Man kann
nicht das Eigentumsrecht an einem zwanzig Meilen weit entfernr liegenden Haus überrragen,
weil die Zusrimmung nicht von der [sichtbaren] Übergabe begleitet sein kann, die doch dabei ein
notwendiger Umstand ist. Man kann auch nicht das Eigentumsrecht auf ,zehn Maß Korn' oder
.fünf Oxhoft Wein' durch bloße Willenskundgabe und Zustimmung übertragen; denn das sind
nur allgemeine Ausdrücke, die keine unmittelbare Beziehung auf einen bestimmten Haufen Korn
oder bestimmte Weinfässer haben." (T2, 268; 520)
63 Die soziale Welt, war oben gezeigt worden, gliedert sich in der Vorstellung Humes vor allem
nach Aspekten der Nähe und Ferne: wir kümmern uns „natürlicherweise" um die, die uns nah
sind, vergessen dabei zugleich die uns „Fernen"; die Aufgabe der Moral ist konsequenterweise zu-
erst das Durchbrechen der Begrenzung des eigenen sozialen Horizonts auf diese — wie wir im fol-
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 175

Dies eben macht es notwendig, ein drittes „Law of Narure" zu formulieren,


soll so erwas wie „jusrice" für alle Mitglieder einei Gemeinschaft gleichetmaßen
wirksam werden können: eines, das im durch die ersren beiden „Laws of Nature"
schon etablierten System den „Austausch von Leisrungen" auch die Zukunft ein-
zubeziehen und zu garanrieren vermag" - vor allem denen, die nichr in den ein-
geschränkten Beieich unseiei Freunde und Verwandten fallen. Dieses dritte „Law
of Nature" nun nennt Hume das Veisptechen: „Das Vetspiechen ist die Sanktion
des eigennützigen Austausches [inteiested commerce] von Leistungen zwischen
Menschen. Sagt ein Mensch, daß er irgend etwas verspricht, so diückt et in der Tat
den Entschluß aus, das Versprochene zu leisten [he expresses a resolution of per-
forming it]; gleichzeitig unterwirft er sich durch den Gebrauch dieser Wortformel
[form of words] für den Fall, daß er die Leisrung unrerläßr, einer Srrafe, nämlich
der Strafe, die darin besteht, daß ihm nicht wiedei getraut wiid [the penalty of
never being rrusred again in case of failure]." (T2, 269; 522)"
Liest man diese Definition des Veisptechens aufmeiksam, Fällt auf, daß bei
Hume einerseirs viele der bei Searle später sehr viel genauer auseinandergelegten
„technischen" Aspekte des Spiechaktes „Vetspiechen" bereits eischeinen, Hume
andererseits trotz allet Nähe vielei seinei Übeilegungen zu denen Searles grund-
sätzlich einen anderen Weg beschreitet. Zueist einmal - und das knüpft nahtlos
an die zum Schluß det Betrachtungen des zweiten „Law of Nature" gemachten
Beobachtungen an - zerfällt det Akt des Veisptechens in zwei Teile, oder genau-
er, findet er auf zwei Ebenen sratt: det eines Entschlusses („resolution") und dei
einei zu diesem Entschluß in Veibindung stehenden Wortformel („form of
words"). Wie schon bei der Übertragung von Eigentum — und nicht bloß von
Gegenständen - giundsätzlich fesrgesrellt, braucht nämlich - konstitutiv - auch
ein Vetspiechen, das ja einen besonderen Aspekt bestimmtet Arten von Übertra-
gungen abdeckt, die Veidoppelung in eine Ebene der Geschehnisse (mentalei Akte

genden sehen werden - räumlichen und zeitlichen Nähen. So gesehen stellt sich die „Convention"
des Versprechens als die eigentlich „moralische" der drei „Conventions" der „justice" heraus: denn
erst sie erweirert unseren sozialen Horizont über das uns unmittelbar Wahrnehmbare hinaus und
stellt unsere soziale Exisrenz damir in ein uns räumlich und zeirlich transzendierendes Kontinu-
um.
64 „Gut" und „Übel", hatte es oben geheißen, bezögen sich - insofern „direct passions" - je schon
auf die Zukunft, da sie es zu tun hätten mit dem je schon Erhofften oder Gefurchteten, kurz:
„Gut" und „Übel" seien Teil der Wirkungen, die der Möglichkeitshorizont einer in die Zukunft
offenen Welr je auf die Gegenwart ausübt. Das Versprechen ist das einzige der drei „Laws of
Nature", das diese Zukunft zu erfassen und für die Gegenwart handhabbar zu machen versucht;
auch insofern darf es als das „moralischste", im Sinne von: der Moral am nächsten stehende „Law
of Nature" gelten.
65 Grob vereinfachend könnte man die drei Sozialität begründenden „Laws of Nature" aus der Sicht
des Einzelnen wie folgr übersetzen: Das erste sorgt dafür, daß jeder sich einer Gemeinschaft An-
schließende eine Grenze zieht um das Areal des je Eigenen, indem er das, was ihm (zu-)gehört für
unantastbar und von jedem anderen als das Seine anzuerkennen definiert; das zweite „Law of
Nature" sorgt dann dafür, daß zwischen diesen so definierten Arealen eine Verbindung hergestellt
und Austausch möglich wird; das dritte schließlich dient dem Zweck, daß für dieses Sysrem von
eingegrenzten Orten und Verbindungen zwischen denselben Bestand hat über den Augenblick
hinaus, d. h. ausgedehnt wird auf die noch kommende Zeit.
176 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

und ratsächlicher Handlungen) und eine ihrer „symbolischen" Bedeutung. Über


den „Entschluß", dei gefaßr wird, sagt Hume dabei, dieser sei „der natürliche
Geistesakt [a natural act of the mind], den ein Veisptechen zum Äusdiuck
bringt." (T2, 269; 522) Dieset „natüiliche" Anreil der menralen Komponente des
Veisptechens freilich reicht allein für Hume niemals aus, die im Versprechen
zenrrale „Verpflichrung", das Versprochene zu leisten, zu eikläten, denn: „läge in
dem Vetspiechen nichts anderes, als ein Entschluß, so wüiden Veispiechungen
nur unsere bereits vothandenen Motive kundtun und kein neues Motiv und kei-
ne neue Verpflichtung schaffen." (T2, 269f; 522) Inwiefern diese notwendige
„neue Verpflichrung" bzw. das ihr zugrundeliegende „Gefühl [senriment]", aus
dem „eine Neigung [an inclination to peiform] enrsteht, sie [die Veispiechungen]
zu erfüllen" (T2, 265f; 5170 nichr einfach „natürlich" sind, sondern - wie oben
bereits füi sittliche Gefühle im allgemeinen ausführlicher dargestellt - Produkt
einet komplexen Veischachtelung von „natüflichen" und „künsrlichen" Antei-
len ', faßt Hume in bezug auf das Versprechen wie folgt zusammen: „Alle beteili-
gen sich im wechselseitigen Einvetständnis an einem Sysrem von Handlungen,
das auf das Allgemeinwohl berechner isr, und kommen überein, ihr Wort zu hal-
ten [to be tiue to theii wotd]. Zur Bildung dieses Einverständnisses odet diesei
Abmachung [this conceit or Convention] ist aber nichts weiter nötig, als daß jeder
sich seines eigenen Inreresses bewußr ist, das ei an dei treuen Erfüllung seinet
Veipflichtung hat, und daß et dies Bewußtsein anderen Gliedein dei Gesellschaft
ausspricht. Dies weckt unmittelbai das gleiche Interesse bei dem anderen. Dies
Interesse ist dei erste Giund dei Veipflichtung zut Erfüllung von Veispiechungen.
Sparet untetstützt das Sittlichkeitsgefühl [a sentiment of morals] das Interesse
und schafft eine neue Veipflichtung fiii die Menschen." (T2, 270; 522f)

66 Am deutlichsten drückt sich diese Verschachrelung darin aus, dass wir, wie Virek schreibt, mit
dem Versprechen nicht nur eine, sondern zwei Verpflichtungen einhergehen: „the natural Obli-
gation to accept and participate in the arrifice irself- this Obligation arises from natural inclina-
tion to approve of rhose artifices which we see as necessary for our survival - and the artificial Ob-
ligation to faithfully execute a particular Service or transaction of property in the future as ex-
pressed by the word ,1 promise'." (Virek 1986, 160)
67 „Ein Versprechen", heißt es ebenfalls im Treatise, „schafft eine neue Verpflichtung. Eine neue
Verpflichrung setzt die Entstehung neuer Gefühle voraus. Der Wille aber schafft niemals neue
Gefühle. Folglich kann nicht naturgemäß eine Verpflichtung aus einem Versprechen entstehen
[There could nor narurally, therefore, arise any Obligation from a promise], auch wenn man an-
nähme, daß der Geist in den Widersinn verfallen könnre, diese Verpflichtung zu wollen." (T2,
265; 518) Da für Hume die im Versprechen zentrale „Vetpflichtung" niemals eine „natürliche",
sondern nur eine „moralische" sein kann (vgl. T2, 266; 519), geht er explizit gegen die „gängige",
trivial-intentionalistische Vorstellung an, das Zentrum eines Versprechens sei der schlichte „Wille
zu der Verpflichtung [...], die aus dem Versprechen hervorgeht [the willing of that Obligation
which arises from rhe promise]." (T2, 263; 516) In der Aufgabe dieser Vorstellung eines sich
selbst und seine Willensakte souverän verwaltenden Ich liegt natürlich eine Art narzißtischer
Kränkung; weshalb wir, so Hume, „die Schwierigkeit, die darin liegt, daß wir bei Versprechun-
gen an eine sittliche Verpflichtung [a moral obligarion] glauben, überwinden [...], oder wir täu-
schen uns darüber hinweg. Erwa so: Der Ausdruck eines Entschlusses, [so wissen wir,] gilr für
gewöhnlich nicht als bindend; andererseits begreifen wir nicht leicht, wie die Anwendung einer
bestimmten Wortformel imsrande sein sollte, daran erwas wesentliches zu ändern. Deshalb ma-
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 177

Die „Woirformel" nun, dei zweite Teil des Veisptechens, ist - wie schon in
dei „Täuschung des Geistes" bei det Übertragung von Besitz übeihaupt - „erfun-
den" woiden, um eineiseits den genannten Geistesakt zu „charakterisieren", an-
dererseits um „uns zum Vollzug einet Handlung veibindlich [zu] machen [by
which we bind ouiselves to the Performance of any acrion]." (T2, 269; 522) „Die
Erfahrung" nämlich, schreibr Hume, habe „uns gelehrt [...], daß die menschli-
chen Angelegenheiten zu größerem gegenseitigem Vorteil geführt werden, wenn
gewisse Symbole oder Zeichen eingeführt worden sind, durch die wir uns in einem
gegebenen Falle gegenseitig Sicheiheit hinsichrlich unserer Handlungsweisen ver-
schaffen können. Nachdem diese Zeichen eingeführt worden sind, siehr sich je-
der, der sich ihrer bedienr, durch sein Interesse gebunden [whoever uses them is
immediatdy bound by his interests], seine Veispiechungen zu eifüllen: er darf
nicht meht erwarten, daß man ihm je wieder traut, wenn ei sich weigert, das zu
tun, was ei versprochen har." (T2, 270; 522) Das Versprechen isr zuersr ein so-
zialer Akr; als solcher bedarf er einer Form, die ihn für alle, die von diesem Akr
betroffen sind bzw. in diesem Akt aneinandei gebunden weiden, in gleiche! Wei-
se einsichtig macht. Weshalb, wie Hume schreibt, „tatsächlich [...] niemand
an[nimmt], daß dei Wille allein die Veipflichtung begfünde; sondern derselbe
muß durch Worte oder Zeichen ausgedrückt sein, wenn er einen Menschen bin-
den soll [in order to impose a rye upon any man]." (T2, 271; 523) Die besagre
Wortformel, eingeführt als Zusatz, der der Allgemeinheit des Veisptechens und
dei Unsichtbaikeit des Überrragungsakres geschuldet ist, ist demnach füi Hume
mehi als einfach nur der Ausdruck eines Enrschlusses bzw. das Benennen eines
Geistesaktes; sondern sie isr unverzichtbarei Teil des Versprechensaktes selbst, so
daß sie „gai bald als die Hauptsache [the principal patt] bei dem Veisptechen [ei-
scheinr]; der Art, daß dei Mensch nicht wenige! an sein Wort gebunden scheint,
wenn et im Stillen seinei Absicht eine ganz andere Richtung gibt". (T2, 271; 523)
Die Ebene des „abergläubischen Gebaren [s] der bürgerlichen Geserze und
auch der Geserze der Natur", d. h. die Ebene det symbolischen Gabe, die in ihrem
Wesen den „unbegreiflichen Mysterien dei christlichen Religion" verwandt ist
(s. o.), wiid also - eistaunlicherweise - im Versprechen „bald zur Hauptsache":
denn sie schafft - losgelöst von den „tatsächlich" stattfindenden „acts of the
mind" - selbsttätig erwas Neues (eine soziale Verpflichrung), und gründet somit
Sozialität jenseits reinei Willensakte'. Dies, schränkt Hume diese auch füt ihn

chen wir uns in der Einbildung einen neuen Geistesakt zurecht [v/efeign a new act ofthe mind],
den wir das auf die Verpflichrung gerichtete Wollen nennen, und lassen die Sittlichkeit auf ihm
beruhen." (T2, 271; 523) - Daß der „act of mind", auf dem das Versprechen rühr, auch nur eine
„Täuschung" innerhalb eines komplexen Netzes „Moralität" inszenierender Zeichen sein könnte,
ist natürlich gerade für Ansärze, die an Searles Intentionalitätsmodell orienrierr sind, eine er-
schreckende Vorstellung; siehe dazu vor allem Pitsons Kritik dieser Vorstellung in Pitson 1988.
68 Diese Nähe bestimmter sozialer Akte zu ritualisierten Akten, wie sie in religiösen Praktiken Gang
und Gäbe sind, hebt Hume auch später in den Enquiries Conceming the Principles ofMorals noch
einmal explizit hervor. Dort bemerkr er, daß der, der „den vulgären Aberglauben [superstition]
verspottet [...] ein leichtes Spiel" (EPM 36: 198) habe, so lange er bloß auf die Dinge und deren
Relation zueinander, nicht aber deren soziale Funktion schaue. Strukturell nämlich ähnelten Akte
178 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

selbst überraschende Enrdeckung ein, gilr zumindesr für die Mehrheir der Fälle
(Hume schreibr nichr: den „NormalfaH"), denen eine Minderheit von Ausnah-
men gegenübersrehr; denn: „So gewiß der sprachliche Ausdruck in den meisten
Fällen das Ganze des Versprechens ausmachr, so isr dies doch nichr immer so.
Jemand, der sich eines Ausdruckes bedient, dessen Bedeutung ei nicht kennt, den
er also ohne Absichr [intention], sich zu binden, gebraucht, ist sicherlich nicht
durch denselben gebunden." (T2, 271; 523) Dasselbe gilt für den, der „die Be-
deutung des Ausdreicks kennt, denselben abet nui im Scherze und in einer Weise,
die deurlich merken läßr, daß er keine ernsre Absichr [no serious inrention] hat,
sich zu binden" (T2, 271f; 523f). Damir die Worrformel also tatsächlich „das
Ganze des Versprechens" ausmachen kann, isr es grundsärzlich „erforderlich, daß
die Worre den Willen unzweideurig, also ohne gleichzeirige Anzeichen der gegen-
seirigen Absichr ausdrücken [that the words be a perfecr expression of the will,
without any contiary signs]." (T2, 272; 524)
Diese Zusarzbedingung aber fuhrt, sieht auch Hume, geradewegs in einen
„Widerspruch": Denn ausbuchstabierr bedeurer sie, daß die Worrformel nur
dann als eine vom Willen gelöste agieren kann, wenn sie zugleich unzweideutig in
engstmöglichei Weise an eben denselben gebunden ist: „The words be a perfect
expression of the will." Andeis als die - sonst (s. o.) den „Versprechungen"
srrukrurell so ähnlichen — magischen Formeln der Theologen, die „den Forde-
rungen der Vernunft und des gesunden Menschenvetstandes strenger folgen [rhe
current reason and good sense]" als das in Frage stehende „Law of Nature", da die
Theologen einsehen, „daß die äußeiliche Wortformel, die nichts als ein Schall ist
[the external form of words, being a mere sound], einer Absicht [intention] be-
darf, um irgendwie zu wirken", weshalb - folgerichtig - bei religiösen Wortfor-
meln „die Absichr des Priesters" das Entscheidende ist (vgl. T2, 273; 525), im
Gegensatz also zui „vernünftigen" Praxis der „Mysterien" der Religion muß die
soziale Praxis der Versprechungen fähig sein, sich von den Intentionen, deren
Ausdruck die Worrformel nominell darsrelh, zu lösen: denn ihr Ziel isr es, durch
Zeichen „Sicherheit hinsichrlich unserer Handlungsweisen" zu schaffen (s. o.);
und dieses bedeurer eben, gegebene Worre als verläßlich, i. e. als bindend zu be-
handeln, unabhängig davon, welche Intentionen den geäußerten Woiten „ei-
gentlich" zugrundeliegen. Im Gegenteil: In der sozialen Praxis des drirren „Law of
Nature" darf, so Hume, grundsärzlich niemand meinen, „jemand sei durch Erklä-
rung oder mündliche Versprechung [by his expression or verbal promise] - auch
wenn wir dieselbe akzeprieren — nicht gebunden, falls wir vermöge unseres
Scharfsinns aus gewissen Zeichen schließen können, daß er die Absichr har, uns

der „jusrice" ohne Zweifel denen des Aberglaubens: „Hätte ich diese Kleidung vor einer Srunde
gerragen, so härte ich strengsre Strafe verdient; nun aber hat sie jemand durch Aussprechen eini-
ger Zauberworre [a few magical syllabes] für meine Dienste und Zwecke geeignet gemacht."
(EPM 37f; 199) - Für Livingsron zählt die Entdeckung dieser strukturellen Parallelität zwischen
sozialen Akten und den Ritualen religiöser oder abergläubischer Narur zu den „most original dis-
coveries" Humes, denn sie sei nichrs anderes als die Entdeckung des „performative use of langua-
ge". (Vgl. Livingston 1984, 333)
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 179

zu täuschen. Vielmehi dürfen wir uns auf diesen Srandpunkr nur dann stellen,
wenn die Zeichen einen anderen Charakrer rragen als den der beabsichrigten
Täuschung" (T2, 272; 524) - wie eben im Fall fehlender Sprachkompetenz odei
- abet das ist schon ein Gienzfall - im Falle scherzhaften odei ironischen Vei-
sprechens. Das dritte „Law of Nature" muß also etablierr werden als eines, das ga-
rantiert, daß jeder - fasr — immer davon ausgehen kann, daß in einem gegebenen
Versprechen die dazu verwendete Wortformel „be a perfect expression of rhe will"
- und dies ganz explizir unabhängig davon, ob dem „rarsächlich" so isr oder
nicht. Im Zentfum des sozialen Aktes „Veisptechen" nämlich steht „das Interesse
dei Gesellschaft" (das per se ein moralisches ist); und als Erfindung, die zuersr
eben diesem Zweck dient, stellt Hume mit eistaunlichet Nonchalance fest, „ver-
wickelt sie [diese Erfindung] sich sogar in direkte Widersprüche [runs inro direct
conttadictions], nur um ihr Ziel nicht zui verfehlen." (T2, 273; 524)

2.2.3 Erste Zusammenfassung und Ausblick auf ein Paradox

Wenn David Hume in seinem Treatise of Human Nature über eine soziale Praxis
namens „Versprechen" schreibr, schreibt er nichr über das Versprechen an sich,
sondern über das seines Erachtens zui Bildung einet auf „justice" reihenden Ge-
meinschaft notwendige dritte und letzte det „Laws of Nature" (die, entgegen
dem, was dieser Terminus nahelegr, „künstliche", weil von den Menschen „er-
fundene" Geserze sind). Dieses drirre „Law of Nature" bezieht sich - nach dei
Garantie dei Sichetheit des Eigentums und dei Einführung eines Systems der
Übertragung von Eigentum in den ersten beiden - auf solche „Übertragungs-"
akre im „eigennützigen Austausch von Leistungen", die — in der Symmerrie von
Gabe und Gegengabe — je in einem zeirlich späteren Moment vollzogen werden.
Um darin die zweite, spärere Gabe garanrieren zu können, so Hume, isr die Exi-
stenz einer Verpflichtung (genauei: eines Gefühles von Veipflichtung) notwendig,
das über den jeweiligen Augenblick hinausgeht; die Foren, die zu diesem Zweck
erfunden wuide, finder Hume in dem, was man gemeinhin „Versprechen" nennr,
eine Form, die sich, wie gezeigt worden isr, im Lichre des „currenr reason and
good sense" betrachtet sogai in ditekte Wideisptüche verwickelr, um funkrionie-
ren zu können. Etablierte „Vernunft" (nichr sehen „gesunder Menschenversrand"
geheißen) und Moral - dafür bieret det soziale Akt Vetspiechen in dei Version
Humes ein gutes Beispiel - gehen also durchaus nicht stets wie selbsrversrändlich
Hand in Hand.
Diese Einsichr freilich isr eine, die ersr im Vergleich mir anderen Konzeptio-
nen — wie erwa der Searles - ihr wirkliches Gewicht erhält. Bevor dieser — einige
Grundzüge der Humeschen Theorie noch radikalisierende — Vergleich Raum be-
anspruchen kann, sei freilich noch einen Augenblick bei dem bisher Gesagten
verweilr, um einige (gängige) Mißversrändnisse der Hume-Lekrüre auszuschlie-
ßen, und auch, um Hume-inrern noch auf einige Probleme seiner Versprechens-
konzeprion einzugehen. Schwerpunkt diesei zweiten Betrachtung weiden voi al-
180 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

lern solche Probleme sein, die mit der Vorstellung der Grundlegung der Moral -
und damir dem Grad der Verbindlichkeit von Versprechen - , wie sie in Humes
Theorie gedachr ist, aufkommen. Da einige dieser — auch in heurigen Diskussio-
nen um das Versprechen noch virulenten — Züge bei Jean-Jacques Rousseau, des-
sen Theorie in vielen Bereichen der Humes verwandt ist, deutlicher zu Tage tre-
ten als bei Hume selbsr, werde ich nach der (internen) Kritik Humes, jedoch
noch vor dem Veigleich seiner Konzeprion mir der Searles einen kurzen Exkurs
zu Rousseaus Versprechenskonzeption einschieben.
Zunächst abei zu den Mißveiständnissen. Mit seinei seht eng gefaßten, an der
Symmerrie eines funktionierenden Tauschsystems orientierten Version des Ver-
sprechens schließr Hume nicht, wie man meinen könnte, pei se aus, daß es nicht
auch uneigennützige und asymmetrische Varianten des Vetspiechens geben kann,
d. h. Versprechen jenseits einer rein ökonomistischen Voistdlung von Sozialität.
„Wenn abei", beteuere ei, noch bevot ei seine Veispiechenskonzeption en detail
vorsrellr, „ein solcher eigennütziger Verkehr der Menschen beginnt und dazu ge-
langt, in dei Gesellschaft sich einzubüigem, so vernichtet et doch nicht ganz den
großmütigeren und edleren Austausch dei Freundschaft und Freundschaftsdien-
ste." (T2, 269; 521)' Die „natürlich" vorhandene „benevolence" den eigenen
Kindern oder auch Freunden und Verwandten gegenübet macht es durchaus
möglich, daß jemand etwas für die Zukunft versprichr (und sich auch an sein
Versprechen gebunden fühlr), ohne deshalb selbsr schon erwas erhalten zu haben
oder auch auf einen in irgendeiner Weise „enrsprechenden" Gegenwert zu hoffen
oder gar Anspruch zu erheben; ebenso wie das nicht gehaltene Versprechen eines
Freundes nichr sofort zum Ende der Freundschaft fuhren muß. Einzig in bezug
auf eine in die Fremde, d. h. über die Grenzen der „narürlichen" Sirrlichkeir hin-
aus ausbuchsrabierre „jusrice" - und nur daran würde Hume fesrhalten wollen -
ist es unerläßlich, das Versprechen zu einem srrikt symmetrischen System auszu-
weiten: denn es geht daium, für alle gleichermaßen - seien sie nun Freunde oder
eben nichr - eine „gerechte" Gesellschaft zu garanrieren. Ähnliches gilt für den
zulerzr genannten „Widerspruch", sich — bis auf einige offensichrliche Ausnah-
men - bei Versprechungen srrikr ans gegebene Wort („Our word is our bond",
harte auch Austin gefordert) und eben nicht die in ihm zum Ausdruck kommen-
de Intention zu halten: Denn nui so kann ein soziale! Akt wie dei des Verspre-
chens transferiert werden in eine für alle - einigermaßen - gleich zugängliche,

69 Diese „Freundschaft" ist dabei nicht nur einfach eine „Vorform" der „jusrice", sondern gehört zu
deren unerläßlichen Grundlagen, wie Annette Baier richrig bemerkt: „Hume's justice-inventors
know from prior experience that Cooperation and murual trusr are both possible and advantage-
ous. Behind the Conventions of justice lie the ur-conventions of sexual love, family life and
friendship." (Vgl, Baier 1991, 228) Gleichzeitig, auch daraufweist Baier hin, wird diese „ur-
convention" - eine durchaus zwiespältige Formel - vom drirten „Law of Nature" zwar nicht er-
setzt, wohl aber bedrohr, denn: „Tir for tat comes into its own, and becomes not just an indiviual
but a social strategy." (Ibid., 247)
70 Inwieweit auch das explizit ausgesprochene Wort niemals letztgültige Sicherheit bzw. Klarheit
verschaffen kann, dazu siehe nicht nur Humes Bemerkungen über mangelnde Sprachkompetenz
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 181

im Notfall einklagbaie „sichtbare" Stiuktui. Mögliche Foimen einei Piivat-


Semiotik zwischen einander „nahen" Personen bzw. das - unter Freunden durch-
aus bisweilen erfolgreiche - Insistieren auf einei insgeheim zut Woitformel ge-
genläufigen Intention ist damit, wie schon die „großmütigeren und edleren"
Foimen des Veisprechens, nicht einfach hinfällig (Hume selbst definiert spätet
gegen die Gtundsatzeinsicht dei Woitabhängigkeit des Veispiechens ein „still-
schweigendes Veisptechen [tacit piomise]" „bei dem det Wille nicht durch Woi-
te, sondern durch andere, wenige! bestimmte Zeichen bekundet wiid." (T2, 299;
547f)); nui läßt sich auf diesei eben keine Gemeinschaft det Fremden begiünden,
weshalb es für Humes Berrachtungen nicht weitet von Belang sein kann. Noch
einmal: es geht Hume nicht daium, wie eine Gesellschaft de facto funktioniert,
sondern wie sie funktionieren sollte.
Die theoretische Konzentration Humes auf das Vetspiechen als Teil einei
symmetrisch gedachten, das „gerechte" Funktionieren von Sozialität garantieren-
den Tauschptaxis entbindet ihn demnach, wenigstens so lange man ihn an den
Anspiüchen mißt, die seine Theoiie zu erfüllen behauptet, von einer umfassen-
den Analyse der Sache selbst des Versprechens, das heißr einer Analyse auch der von
ihm durchaus gesehenen, aber nur beiläufig genannten asymmetrischen und
nicht-reziproken Fälle, die umgangssprachlich wie selbstverständlich „Veispte-
chen" genannt weiden. Das freilich heißt nicht, daß diese Reduktion des Vei-
spiechens auf eine übei Reziprozität und Symmetrie definierte Vertragserful-
/««jzfptaxis selbst pet se unproblematisch ist, d. h. nicht selbst „blinde Flecken"
besitzt, die nicht nut ihre theoretische Kohärenz, sondern auch ihi Funktionieren
in Frage stellen. Die in Humes Konzeption wohl augenfälligste Schwierigkeit ist
dabei - zumindest in einer, und zwar sehr gängigen Lesart seinet Theorie; auf ei-
ne andere mögliche Lesait weide ich weitei unten zureickkommen - eine, die mit
dei Idee det generellen, „justice" im allgemeinen begiündenden „Convention"
und deren Vethältnis zut „Convention" des Veispiechens zusammenhängt. In det
Humeschen Chronologie dei Ereignisse ist, wie gezeigt, das Veisprechen zuerst
einmal nicht mehi als eine eine bereits bestehende Vertragspraxis weitei ausdiffe-
renzierende Z«.Mteverabredung, d. h. selbsr eine Art Verrrag: „Und bemerkr",
heißt es erwa an einer Stelle des Treatise, „ein Individuum bei allen seinen Mit-
menschen das gleiche Versrändnis für sein eigenes Interesse, so vollzieht es an sei-
nem Teile den dutch das Vetspiechen geschlossenen Vertrag [When each indivi-
dual petceives the same sense of interest in all his fellows, he immediatdy pei-
forms his part of any contract]." (T2 270; 522) Diese Art dei Vertragspraxen
freilich luht laut Hume ihtetseits explizit nicht selbst wieder auf einem Vertrag -
das wohl kraftvollste, wenngleich ein nicht ganz von Unzweideutigkeiten freie

bzw. die untergrabende Kraft der „Scherze", sondern auch die diesbezüglichen, ausführlicher ge-
haltenen Ausführungen im Searle-Kapitel, Abschnitt 2.2 - 2.4.
71 Vgl. auch T2 273; 525: „Dasselbe Ergebnis hinsichtlich des [künstlichen] Ursprungs von Ver-
sprechungen [the origin of promises] gewinnen wir, wenn wir darauf achten, daß die Gewalt
[force] nach allgemeiner Annahme alle Kontrakte [contracts] hinfällig macht und uns von ihrer
Verpflichtung [Obligation] befreit."
182 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Dokumenr der Ablehnung des Konrraktualismus durch Hume ist ohne Zweifel
sein gegen die Idee vom „Urverrrag" gerichrerer Essay On the Original Contract—,
sondern diese sind, wie dargesrellr, Produkr einer generellen, „jusrice" begrün-
denden „convenrion".
Auf den ersren Blick scheint Hume damit dem Paradox aller Kontraktualis-
men zu entgehen, die, um das Funktionieren des Giundvettiages, dei das Ein-
halten von Veitlägen als veibindlich festlegt, garantieren zu können, mit einer
grundsärzlichen Schwierigkeit konfronrierr sind: Entweder sie können nichr er-
klären, wie die Verbindlichkeit des ersten Verrrages zusrände kommr (worauf
sollte sich für diese Verbindlichkeit berufen werden?) - wodurch freilich zu-
gleich die Verbindlichkeir der Maxime „pacra sunt servanda" in Frage stünde, die
zu gatantieten diesei eiste Vertrag ja geschlossen wutde —; odei abet sie müssen
zu diesei Eikläiung auf einen Vetttag vot dem Veitrag zutückgehen — was in die
bekannte Schlaufe des unendlichen Regresses führr . Daß Hume dieser Schwie-
rigkeit des Kontrakrualismus freilich nur scheinbar entkommt, daraufweist er auf
gewisse Weise - wenn vielleicht auch unfreiwillig — selbst hin. Als ei nämlich im
Treatise zum eisten Mal über die „Abhilfe" nachdenkr, die erforderlich ist, um die
Menschen von den Übeln ihrer nur begrenzr vorhandenen Anlagen zur Sozialität
zu befreien, und dabei auf die oben etläuterte „Übereinkunft" am Grunde jeder
„justice" stößt, beeilt er sich - an dieser Stelle noch ohne ersichrlichen Grund -
hinzuzufügen: „Diese Übereinkunft har nichr den Charakrer eines Versprechens
[This Convention is not ofthe nature of z. promise]; auch das Veisptechen ent-
steht, wie wii spätet sehen weiden, eist auf Gtund einet Übereinkunft [for even
promises themselves, as we shall see afterwards, arise from human convenrions]."
(T2, 233; 490) Daß ihm diese Fesrstellung nicht nur als ein beiläufig geäußerter
Zusatz gilt, sondern wichtig zu sein scheint, davon zeugt, daß ei sie in ähnlichei
Foim in dei Enquiry Conceming the Principles ofMorals noch einmal wiedeiholt:
„Es isr manchmal behauptet woiden," heißt es dorr, „die Gerechrigkeit bemhe

72 So heißt es an einer Stelle dieses Aufsatzes etwa: „Man nimmt an, daß der Vertrag, auf dem die
Regierung beruht, der ursprüngliche Verrrag [original conrract] ist [...]. Wenn damit die Über-
einkunft [agteement] gemeint ist, auf deren Grundlage sich die Wilden zuerst zusammenschlös-
sen und ihre Kräfte vereinigt haben, muß dies als richrig [real] anerkannt werden." (E-OC 306;
457)
73 Denn das Abschließen eines Vertrages bedeutet in der Idee des Grundverrrages mehr als das blo-
ße Faktum des Aufzwingens einer Ordnung durch eine höhere Gewalt: Der Verrrag lebt per de-
finitionem von den Ideen Symmetrie, Reziprozirät, und vor allem: Freiwilligkeit. Wenn aber kei-
ne höhere Gewalt da ist: Woher garanriert sich dann die Verbindlichkeit des ersten (freiwillig
eingehaltenen) Vertrags?
74 Daß Hume tatsächlich das Paradox des Kontraktualismus selbsr gesehen hat, scheint an der Stelle
durch, an der er sich mir der, wie er sagt, „gewöhnlichen Definition der .Rechtlichkeit' [the vul-
gär defintion of justice]" befaßt, diese „definierr als einen konstanten und immerwährenden Willen,
jedem das zu geben, was ihm zukommt [ofgiving everyone his due]." Dagegen wender er ein: „Bei
dieser Definition ist vorausgesetzt, daß es Dinge wie Recht und Eigentum gibt, unabhängig von
der .Rechrlichkeit' und vor ihr [and antecedent to it]." (T2, 275; 526) - Die Schwierigkeit, einen
ersten Ursprung zu denken, behandelt Hume darüber hinaus schon im ersren Buch des Treatise,
im Kontext seiner Überlegungen zur Kausalirät; vgl. T l , 106ff; 78ff.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 183

auf menschlichen Verträgen [justice arises from Human Conventions]. Wenn


untei Vertrag' [Convention] hiet eine Zusage [piomise] gemeint ist (und dies ist
det häufigste Sinn dieses Wortes), so kann nichts absuidet sein als dieser Stand-
punkt." (EPM 159; 306)
Systematisch ist klai, waium et datauf insistiert: die in Frage stehende „Con-
vention" kann gai nicht die Foim eines Versprechens haben, weil es diese Form
zu diesem Zeirpunkt noch gai nicht gibt - schließlich entstehen die drei „Laws of
Nature", zu denen das Vetspiechen gehört, in der Humeschen Chronologie der
Vergesellschaftung eist mit, d. h. auf dei Gtundlage der vereinbarten „Conventi-
on". Die Aussage, „das Versprechen entsteht [...] erst auf Grund einer Überein-
kunft [promises themselves [...] arise from human Conventions]" (T2, 233; 490),
betuht damit auf dei Annahme, daß, damit besagte (Ut-)„convention" die beson-
dere Vertragspraxis namens „Vetsprechen" erablieren kann, eben diese „Conven-
tion" genannte Ait des Treffens von Übereinkünften als Form bereits bestehen
muß. Diese — wenn vielleicht auch nicht unbedingt zeitlich, doch abet logisch
gedachte — Votgängigkeit der „Convention" in Frage zu stellen — erwa dadurch,
daß man nachwiese, daß die generelle „Convention" zu ihiet Entstehung auf die
ihr systematisch nachgeoidnete Form des „Versprechens" immer schon zurück-
greifen muß - hieße, das ganze System in einen Stiudel unauflösbaiei Selbstwi-
dersprüche zu ziehen, der dem Stiudel des Kontraktualismus dutchaus vetgleich-
bar wäre '. Was zwar nicht unbedingt die Wirkungsmachr, wohl aber den Status
als Grundlegungsfigut und damit die atgumentative Autorität besagtet „Conven-
tion" meiklich schwächen oder zumindest verschieben würde.
Gerade eingedenk dieser Gefahr lohnt die Probe aufs Exempel. Die Essenz der
generellen „Convention" hatte Hume, wie beieits daigestellt, in folgenden Worren
zusammengefaßr: „Jedermann gibt seinen Gefährten dies Bewußtsein [sense]
kund [daß et die „justice" etablierende „Convention" als dem allen gleichetmaßen
vorteilhaften „common interest" dienlich ansieht; Zusatz T. K.], zugleich mit sei-
nem Entschluß, seine Handlungen darnach einzurichten, untei det Vorausset-
zung, daß andere das Gleiche tun." (T2, 242; 498) D. h. in det generellen, laut
Hume det sozialen Institution „Veisptechen" voihetgehenden „convenrion" gehr
es vornehmlich darum, anderen — in welcher Form auch immer - zuzusagen, in

75 Wobei Hume in diesem Fall durchaus nicht immer eindeutig ist: In dem schon genannten Essay
Of the Original Contract etwa spricht Hume von einem gemeinschaftsbegründenden „agree-
ment", durch das die Wilden sich „zuerst zusammengeschlossen [first associated]" hätten, bevor
alles weitere entstanden sei. Und auch im Treatise und in den Enquiries gibt es eine Fülle von
derarrigen Anfangs- oder Ursprungsszenarien, etwa wenn es im Zusammenhang mit der „Con-
vention" des Versprechens heißt, daß „zuerst" das „Interesse" zu dieser „Convention" geführt ha-
be, „später" dann das sich peu ä peu entwickelnde „Sitdichkeitsgefühl" dieses unterstützt habe
(vgl. T2, 270; 522)
76 Genau dieses Paradox hat Hume selbst gesehen - und eben abzuwehren versucht: „Und sicher-
lich", heißt es in den Enquiries, „sind wir nicht verpflichrer, unser Wort zu halten [bound to keep
our promise], weil wir unser Wort gegeben haben, es zu halten [we have given our word to keep
it]."(EPM 159:306)
77 Würde es ohne eine Art des Kundtuns, Zusagens o. ä. gehen, hätte Hume wohl nicht den Satz
„every one expresses this sense to his fellows" zugefügt; auch in der „Convention" ist also der
184 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

dei — zu diesem Zeitpunkt nicht weitei klassifizierten - Zukunft seine Handlun-


gen Regeln zu unterwerfen, die das .Allgemeinwohl" zum Maßsrab machen - da
jeder begriffen habe, so Hume, daß dies „vorteilhaft für das Ganze und für jeden
einzelnen Teil isr." (T2, 241; 498) Liesr man nun im Anschluß daran noch
einmal Humes Charakterisierung der Enrstehung des dritten „Law of Nature",
mag man sich übet die Vehemenz, mit det Hume dieses von det genannten „Con-
vention" getrennt sehen möchte, wundem: „Alle beteiligen sich im wechselseiti-
gen Einveiständnis an einem System von Handlungen, das auf das Allgemein-
wohl berechnet ist, und kommen übeiein [agree], iht Wort zu halten [to be true
to theii wotd]. Zut Bildung dieses Einvetständnisses odei diesei Abmachung [this
conceit ot Convention] ist aber nichts weiter nötig, als daß jedet sich seines eige-
nen Interesses bewußr isr, das er an der treuen Erfüllung seiner Verpflichtung hat
[have a sense of interest in the fairhful fulfilling of engagements] und daß ei dies
Bewußtsein anderen Gliedein det Gesellschaft ausspiicht [expresses rhat sense to
othet membets ofthe society]." (T2, 270; 522f) Kern der - von Hume hier selbst
so titulierten - „Convention" des Versprechens isr demnach die Zusage an andere,
seine zukünftigen Handlungen einer „auf das Allgemeinwohl berechneten" Regel
zu unterwerfen, unter der Voraussetzung det „Wechselseitigkeit" und aus dem
Bewußtsein des petsönlichen Vorteils dieser Selbsrunrerwerfung heraus. Sein Äi-
gument, die generelle „Übereinkunft" habe nicht den Chataktet eines Verspre-
chens, da, wie er dies Argument zu untermauern versucht, „eine solche [generelle]
Übereinkunft [...] auf dem allgemeinen Bewußtsein des gemeinsamen Interesses
[a general sense of the common interest] [betuht]" (T2, 233; 490), ist damit
hinfällig: Denn exakr dies sagt er auch über die Übereinkunft (das ,,agree"-ment)
zut Einhaltung von Veisptechen.

„Ausdruck" unverzichtbar, ja, da es sich auf Gründung des Sozialen in toto bezieht, vielleicht so-
gar „das Ganze" der „Convention".
78 Dies gilt auch für das von Hume selbst in diesem Zusammenhang verwendere Beispiel der beiden
Ruderer, die gemeinsam ein Boot bewegen „obgleich sie sich gegenseitig keine Versprechungen
gemachr haben [tho' they have never given promises to each other]" (vgl. T2 233, 490): denn ei-
ne Ruderfahrr ist lang, länger zumindest als der bestehende Augenblick, und wenn ein jeder mit
dem anderen - srumm, über Blicke oder sonsrwie - eine „Übereinkunft" trifft, erwartet und er-
hofft er, daß der andere nicht nur jetzt, sondern während der ganzen noch ausstehenden Fahrt
weiter rudert. - Zu einer Kririk dieses Beispiels, das versucht, die Grenzen zwischen „convenrion"
und bloßer, biologistisch anmutenden „cooperarion" einzuebnen, um die „convenrion" so „na-
türlich" wie möglich erscheinen zu lassen, siehe Mackie 1980, 88ff. - Zu einer grundsärzlichen
Kritik solcherlei mir Biologismus spielenden Argumenre im Fall kollekriven sozialen Handelns,
siehe Waldenfels 1998a, 104f.
79 Ein anderes, von Hume in diesem Zusammenhang angeführres Argument ist, daß besagte „Con-
vention" nicht auf das „Zwischenglied eines Versprechens [interposition of a promise]" (T2, 233;
490) angewiesen sei; was wohl so viel sagen soll wie: die genannte „Convention" komme ohne zu-
sätzliche Vermittlung zustande - siehe Ruderer - , bedürfe keiner explizit geäußerten Formel „Ich
verspreche Dir hiermir, daß ..." mehr. So einleuchtend dieses Argument auf den ersten Blick zu
sein scheint, so sehr zeigr sich auf den zweiren, daß es nicht viel sagt: denn selbst die Ruderer fal-
len nichr einfach ins Boot und beginnen — robotergleich — sofort zu rudern, sondern suchen erst
nach Zeichen, aus denen sie die Bereirschaft des anderen zur gemeinsamen Akrion schließen, d. h.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 185

So gesehen ist zwai die generelle Übeteinkunft nicht einfach ein Versprechen —
in dem Sinne, daß es nichr einfach um die Erfüllung einer klar beschreibbaren,
zuvor explizir mir Hilfe der Worrformel „Ich verspreche Dir hiermit, daß ..." vei-
sprochenen Handlung geht - , ist aber sehr wohl, mit Hume gesprochen, „of rhe
nature of a promise": Denn es geht daium, anderen in iigendeinet Weise, d. h.
durch die Gabe irgendwelcher Zeichen zuzusagen oder kundzugeben, man sei be-
reir, fürderhin in bezug auf das durch die „Convention" Vereinbarte „to be tf ue to
[one's] wotd". Die vornehmliche Zeit auch dei generellen „Convention" ist dabei
die Zukunft: ob ich mich nach den Regeln det „justice" veihalte, zeigt sich nicht
nut, sondern wird sich zu zeigen haben - immet wiedei (zumindest ist es das, was
ein jeder sich von der von allen gleichermaßen geäußerten Zustimmung zut
„Convention" vetspticht: Es geht um eine Erwartung odet Hoffnung, die den je
gegenwältigen Augenblick übeischteitet, d. h. um die Erwartung oder Hoffnung,
die Enge der sowohl räumlich als auch zeitlich nut begrenzt vothandenen „bene-
volence" zu dutchbiechen in Richtung auf ein zeitlich und räumlich Unbegrenz-
tes). Die öffentliche Zusage, in eine „wechselseirige Übereinkunft" in bezug auf
eine zu erablierende „justice" einzustimmen, ist eine Option voi allem auf die
noch kommende Zeit : Denn det entscheidende Anteil besagtet „Übereinkunft"
ist ein je noch zu erfüllender Gerade das abet ist das von Hume selbst genannte,
entscheidende Chaiaktetistikum einet „wechselseitigen Übereinkunft" namens
„Vetspiechen".
Damit erweist sich, daß Humes Behauptung, die allgemeine „Convention" ha-
be in seinei Theoiie nicht den Charakter, sei nicht von dei Alt eines Veispte-
chens, falsch ist — wenigstens, wenn man seinen eigenen systematischen Übetle-
gungen Glauben schenkt. Natütlich isr dies noch nichr das Ende der Argumenra-
tion, denn man könnte diesei Entdeckung auf mindestens zwei Alten beizu-
kommen veisuchen: Etstens könnte man einwenden, daß Hume den drei „Laws
of Nature" gai keine allgemeine „Convention" votschalten wollte, sondern daß
eben diese drei — von Hume selbst bisweilen „tules of justice" genannten —
„Conventions" zusammengenommen eist das etgeben, was die „Convention" dei
„justice" ausmacht, andets gesagr: „jusrice" nicht mehi als det Name dessen ist,
was entsteht, wenn die drei „Conventions" bezüglich det Sichetheit des Besitzes,

interpretieren können. Auch wenn dies faktisch auf ein Minimum reduziert werden kann: es
bleibt doch konstitutiver Teil auch der „Convention" der „justice".
80 Was uns „nah" ist, betont Hume unablässig, ist je schon Teil unseres Horizonrs und daher - sie-
he etwa die Betrachrungen zur familialen Genealogie der Moral — auch unserer Fürsorge „näher";
vornehmliches Ziel eines Unternehmens wie das der „justice" ist daher auch, das in unseren Ho-
rizont zu bringen, was uns „fern" ist: und zwar sowohl räumlich als auch zeitlich, denn: „In der
Tat finden wit im gewöhnlichen Leben [in common life], daß die Menschen sich weit mehr um
solche Dinge bekümmern, die in Raum und Zeit nicht allzuweit [von ihnen] abliegen, daß sie die
Gegenwart genießen, und das Fernliegende dem Walten des Zufalls und des Schicksals überlas-
sen." (T2, 167; 428)
81 Vgl. erwa T2, 227, 484: „So gewiß die Regeln der Rechtsordnung [rules of justice] künstlich sind,
so sind sie doch nicht willkürlich. Es ist daher die Bezeichnung derselben als Naturgesetze [Laws of
Nature] nicht unpassend."
186 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

dei Übertragung von Besitz und det Einhaltung von Veisptechen einmal in Ktaft
getieten sind. Wenn dem so wäre, so die Übeilegung hintet diesem Äigument,
gäbe es demnach keine besondeie generelle, „justice" begiündende „Convention"
in Humes Theoiie — sondern nut drei irgendwie zusammenhängende „particular
Conventions" —, noch wäre diese übeihaupt in iigendeinei Weise systematisch
notwendig; und was es wedet gibt noch systematisch notwendig ist, kann in so
viele Paradoxe fallen, wie es will — die in Frage stehende Theorie wird davon
nichr weirer berührt.
Diesei Einwand freilich - so sehr er in bestimmter Hinsicht auch einen wich-
tigen Punkt benennt* - löst das Problem nicht, sondern vetschiebt es nui: Denn
was systematisch für die generelle „Convention" gilt, gilt — da auch die genannten
„parricular convenrions" ihrer Form nach doch weiterhin „convenrions" sind - in
gleicher Weise auch für die, die das Versprechen berrifft: so daß das oben entfal-
tete Paradox zwai nicht mehi die generelle „Convention", wohl abei die je beson-
deren „convenrions" betreffen würde - von denen eine das Einhalten von Ver-
sprechen berräfe, das, wie Hume sagt, „selbst eines der wichrigsten Stücke der
Gerechtigkeit" (EPM 159; 106) ist. Andets gesagr: zwar ist nach dem oben ge-
nannten Einwand dei Satz Humes, die generelle „Convention" habe nicht den
Charakter eines Versprechens, richrig, weil es diese generelle „Convention" nach
diesem Einwand als solche gai nicht gibt; die Feststellung, daß die spezielle „Con-
vention" des Veisptechens qua Zugehörigkeit zum Verabtedungsryp namens
„Convention" selbst den Chataktei eines Veisptechens habe, bliebe abet weitethin
richtig - was, wie gesagt, das angesprochene Problem nicht löst, sondern nui vet-
schiebt. Es bleibt weiteihin die Enrdeckung, daß, um die Form „Versprechen"
mit Hilfe einer „Convention" etablieren zu können, es beieits eine Foim namens
„Convention" geben muß, die ihreiseits die Form eines Versprechens hat.
Einmal an diesem Punkt angelangt, könnte man sogleich einen zweiten, ge-
wichtige! scheinenden Einwand geltend zu machen versuchen, indem man darauf
insisriert, daß die „generelle" odet auch die je „partikuläre" „Convention" deshalb
nicht die Foim odei den Chaiaktet eines Veisptechens haben könne, weil dei
Chaiaktei des duich eine solche „Convention" entstandenen Veispiechens selbst
dei eines „Vertrages" sei: und Hume habe seinen Begriff dei „Convention"
schließlich gerade im Kontrast zum Begiiff des Vertrages eingefühlt. Andeis ge-

82 Nämlich die Frage vom Verhältnis der generellen zu den Einzel-„convenrions": denn die Frage
bleibt natürlich, was es denn ist, das diese drei Einzel-„conventions" zusammenhängen und daher
„justice" - laut Hume immerhin (s. o.) die wichtigste unter den Tugenden - begründen läßt.
Zwar beziehen sich die drei „Laws of Nature" zuerst einmal auf die Stabilität von Eigentumsver-
hältnissen - weswegen mancher Autor meint behaupten zu können, darin erschöpfe sich denn
auch schon der Begriff der „justice" (vgl. erwa Baier 1991, 176, 221f; Kulenkampff 1989, 107f;
Nuyen 1986, 42f; dagegen: Harrison 1981, 33); hinter Humes Insistieren auf dieser Stabilität je-
doch liegt natürlich mehr: Es geht immerhin um Krieg oder Frieden im sozialen Raum, und es
gehr auch um die Ausbildung eines „moral sense" . Zu diesen beiden Implikationen sagt man mit
jeder der genannten Einzel-„conventions" auch immer schon ja, sagt immer schon, daß man sie
für ein verfolgenswerres Ziel hält; was der Vorstellung einer grundsätzlichen „convenrion" vor den
Einzel-„convenrions" einige Kraft verleihr.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 187

sagt: da die Foim „Convention", die das Vetspiechen als soziale Institution be-
gründet, ihtet Stiuktui nach veischieden ist von dem, was sie begiündet - näm-
lich eine Vertragspraxis namens „Vetspiechen" - könne man die eiste nicht durch
die zweite etkläien. „Das Versprechen ist die Sanktion des eigennützigen Austau-
sches von Leistungen zwischen Menschen", hatte Hume diese auf Rezipiozität
und Symmetiie angelegte „Vertiags"-Piaxis dabei definiert, wobei „Sanktion" be-
deutet, daß sich dei Vetspiechende „für den Fall, daß er die [versprochene] Lei-
srung unrerläßt, einet Strafe [unterwirft], nämlich der Srrafe, die darin besteht,
daß ihm nicht wiedei getraut wiid." (T2, 269; 522) Es ist diesei Nebensatz, dei
auf die Auflösung auch dieses zweiten Einwandes hinweist: Ein Vertrag ist das
Vetspiechen auch bei Hume nui, insofern es Teil eines „eigennützigen Austau-
sches" ist. Diesei „Vettrags-"teil abei — das Ausgleichen eines Ungleichgewichts in
einem auf Gleichgewicht angelegten System, das „Stiafen" zum Garanten seines
Funktionietens macht — bezieht sich seineiseits im Vetspiechen auf etwas, das ge-
rade nicht mehi vom Vertrag erfaßt wiid, nämlich: Vertrauen. Zentral beim
Veisptechen ist nicht, daß es Teil einei Vertragspraxis ist (die besteht laut Hume
schon vor und unabhängig vom Versprechen, dank des zweiten „Law of Na-
ture"); sondern zentral — und damit bestimmend für das, was als „the nature of a
promise" (s. o.) angesehen wiid — ist das Ausgteifen des Versprechens auf eine Zu-
kunft, die gerade vom Vertragssystem des „inteiested commeice" nicht mehi er-
faßt weiden kann und daher von diesem ans Versprechen delegiert witd. Det
Verweis auf den „Veftiags"-chaiaktet des Veisprechens zur Auflösungs des Vorur-
sprünglichkeitspatadoxes, in das das dritte „Law of Nature" dank seinet Bestim-
mung als „Convention" gerät, geht demnach schlicht an det Sache votbei: Denn
was „Vertrag" ist am Vetspiechen, hat mit dei Bestimmung von dessen besonde-
rem Chaiaktei wenig zu tun. Det Einzelne, dei in eine det genannten „Conven-
tions" einstimmt bzw. ein Vetspiechen gibt, tut vot allem eines: den anderen Zei-
chen geben, sich an das in dei „Convention" bzw. im Veisptechen zum Äusdiuck
Gebrachte fürderhin halten zu wollen, kurz: „ro be rrue to his woid" — und zwar
in einer Zeir (der Zukunft), auf die niemand Zugriff hat, für die also „Vertrauen"
zu haben das einzige isr, was allen am Geschehen Beteiligten bleibt. Für solche,
sich auf die Zukunft beziehende bzw. die Zukunft an die Gegenwart bindende
symbolische Akte inneihalb eines auf „Wechselseitigkeit" angelegten Tauschsy-
stems reserviert Hume selbst den Namen „Vetspiechen".

83 Auch die „natural obligarion", von der Hume im Zusammenhang mir dem Einstieg in die „Erfin-
dung" der sozialen Praxis des Versprechens sprichr in Abgrenzung von der künsdich geschaffenen
„moral Obligation", die erst ein Produkr der so insrallierten sozialen Praxis sei, ist eine, die sich er-
gibt aus dem Vertrauen darauf, daß sich irgendwann in der Zukunft das eigene Sich-Halten an die
Verpflichtung einmal auszahlen wird bzw. die Angst davor, daß ein Umgehen dieser Verpflichtung
schädliche Folgen nach sich ziehen könnte. Anders gesagt: entscheidendes Motiv beider Arren von
Verpflichrung ist das Hoffen auf eine bessere bzw. die Angst vor einer schlechteren Zukunft —
einer Zukunft, die von der Gegenwart aus betrachtet srets unbeherrschbar erscheint.
84 In Humes Versuch, eine klare Linie zu ziehen zwischen der sozialen Institution „Versprechen"
und der „Convention", auf det alle (gerechte) Sozialität erst ruht, spiegelr sich wohl vor allem ei-
nes wider: Humes Wille, alle Sozialität begründenden „artifices" selbst noch einmal in „natürli-
188 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Was Iäßr sich aus all dem nun folgern? Für die hiesigen Zwecke sind minde-
stens zwei Konsequenzen von Bedeurung: eine negarive — im Sinne von: was die
„Convention" des Veisptechens nicht meinen kann - und eine positive - im Sin-
ne: welche Alternative sich daher anböte, diese „Convention" zu begreifen. Bevor
diese Konsequenzen jedoch thematisch werden, ein kurzer Exkurs zu Rousseau:
Denn aus diesem sollen sich noch weitere Aspekte det zu ziehenden Konsequen-
zen etgeben.

2.2.4 Noch ein Paradox: Exkurs zum Versprechen bei Rousseau

Jean-Jacques Rousseau, Zeitgenosse David Humes und diesem zeitweise - bis zu


dem seinerzeit hohe Wellen schlagenden, zum Biuch zwischen beiden führenden
„etiange evenement " — auch persönlich zugeran, har mit Hume ohne Zweifel
eine ganze Reihe sozialphilosophischet Intuitionen geteilt. Auch ei hat sein Men-
schenbild in klaret Abgrenzung von Hobbes' eher düsteren Votstellung des Men-
schenwesens geformt, auch füi ihn wat dahet - folgerichrig - gelingende Soziali-
tät nui denkbat als ein Gemisch aus - positiv gewetteten - „natüflichen" Anlagen
und „künstlich" geschaffenen Überformungsstrategien, und auch et hat dabei ei-
net den „inteiet commun" zui Richtschnut sich machenden „Übereinkunft" eine
zenrrale Rolle zugedacht. „Ich will untersuchen", leitet Rousseau entlang diesei
Giundüberzeugungen daher sein sozialphilosophisches Hauprwerk Du Contrat
Social ein, „ob es in der bürgerlichen Ordnung [dans l'ordre civil ] irgendeine
rechtmäßige und sichere Regel für das Regieren geben kann; dabei werde ich die
Menschen so nehmen, wie sie sind [les hommes tels qu'ils sont], und die Gesetze,
wie sie sein können [telles qu'elles peuvent etie]." (CS, 5; 172) Ausgehend von
Menschen, wie sie sind, umschreibt also Rousseau sein theoietisches Projekt, suche

chen" Impulsen und Trieben zu gründen und dadurch möglichst „natürlich" erscheinen zu las-
sen. Die „rules of justice" sind seines Erachtens „Erfindungen", aber eben solche, die sich „auf-
zwingen", zu denen wir „narürlicherweise" bewegt werden usf.: weshalb er sie zugleich „Laws of
Narure" meint nennen zu können (was Vitek wie folgt kommentiert: „There is little Substantive
difference between the natural law theories Hume attacks and the arrificial-rhough-necessary law
theory he posits in their place." (Vitek 1986, 167)). Der Begriff der „Convention" hat dabei eine
Übergangsfunktion: nicht mehr „nur" Natur, aber eben auch noch nicht bloße „Erfindung" (wie
das Versprechen) soll die Vorstellung einer Sozialität begründenden „Convention" - im Gegensatz
zu der eines „Vertrages" - das, was sich von selbsr versteht (nämlich: Natur), mit dem, was sich
von selbst verstehen sollte (nämlich: Sittlichkeit) möglichst bruchlos und unaufwendig ineinander
übergehen machen.
85 Diese Charakterisierung bezieht sich auf eine Formulierung der Comresse de Bouffiers, mit der
Henri Guillemmin sein sich der Affäre Hume-Rousseau widmenden Buch „Les philosophes
contre Jean-Jacques. ,Certe affaire infernale' - L'affaire J.-J. Rousseau-Hume - 1766" (vgl. Guil-
lemin 1942) einleitet. Zum gleichen Thema siehe auch: Lineares 1991, sowie das lerzre Kapirel in
Chrisrensen 1987. - Zu Ähnlichkeiten und Differenzen der Ansätze Rousseaus und Humes, siehe
Baier 1991, 182ff.
86 Nicht: „bourgeois"; „civil" leitet sich von der Vorsrellung einer „cite" bzw. „civitas" ab, rekurriert
nicht auf einen bestimmten Stand, erwa die Bourgeoisie.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 189

et nach Gesetzen, wie sie sein sollen, um so eine legitime und sichere Gtundlage zu
finden füi ein „oidte civil", d. h. eine Grundlage, dank derer — wie es im nächsten
Satz heißt - „Gerechrigkeir und Nurzen [la justice et l'utilite]" (CS, 5; 172) glei-
chermaßen die Regeln sozialer Praxis definieren; eine Selbsrbeschreibung, die in
dieser Form wohl auch auf das drirre Buch des Treatise bzw. die Enquiry Concer-
ning the Priniciples ofMorab David Humes zutrifft.
Nun sind freilich weder die Fülle noch die Prägnanz der Ähnlichkeiten zwi-
schen den philosophischen Entwürfen der beiden genannten Auroren - die Be-
hauprung einer solchen Ähnlichkeir kommr narürlich einem Startschuß zut Su-
che nach den gleichfalls vorhandenen Unterschieden gleich — Thema des hiesigen
Exkurses. Worum es einzig gehr, isr ein Phänomen, das zusammenhängr mir der
Vorsrellung einer soziale Akte wie den des Versprechens begründenden und da-
durch die Mitgliedei einei Gemeinschaft aneinandei bindenden „Übereinkunft"
odei „Convention", die bei Rousseau in einei ausgesprochen interessanten Varia-
tion auftaucht. Diese Rousseausche Variante nämlich scheint ihtetseits auf den
ersten Blick eine Lösung für das eben dargestellte Vorursprünglichkeirsparadox
der Versprechen initiierenden "Convention" zu bieten; die Mühe, sich dieset „Lö-
sung" einen Augenblick zu widmen, mag dahet keine vetgebene sein. Um dabei
jedoch wenigstens annähernd gebührend würdigen zu können, wie es zu der be-
sagten „Lösung" hat kommen können, auch zut Klätung von Rousseaus Konzepr,
vorweg ein paar terminologische Bemerkungen. Orientietungspunkt des Votge-
hens sei dabei - der Einfachheir halber - der oben zitierte eiste Satz des Contrat
Social und die von ihm benannten Fixpunkte dei Theoiie Rousseaus: „Les hom-
mes tels qu'ils sont" bzw. „Les loix telles qu'elles peuvent ette."

2.2.4.1 „Les hommes teb qu 'ib sont"


Um herauszubekommen, wie det Mensch „ist", det da zu Gemeinschaften sich
zusammenzuschließen gezwungen ist, hat Rousseau in dem seinen Ruf als exzel-
lente! Schreibe! begiündenden Discours sur Torigine et les fondements de l'inegalite
parmi les hommes zueist eine Fiktion aufgebaut (auf die et sich im Contrat Social
dutchgehend bezieht), die ei „Naturzustand [etat de nature]" nennt bzw. den
darin hausenden Menschen „Natuimenschen [homme de narure]" oder auch
„wilden/primitiven Menschen [homme sauvage/piimitif]". „Ich habe", erklärt er
dabei sein Vorgehen, „einige Überlegungen angestellt. Ich habe einige Veimu-
rungen gewagr, weniger in der Hoffnung, die Frage [nach der Srrukrur der
menschlichen Gattung] zu beantworten, als in dei Absicht, sie zu eihellen und
auf die wahre Sachlage zurückzuführen." (DOI, 67) D. h. um zum wahren Zu-

87 Vgl. die entsprechende Anmerkung des Herausgebers der französischen Ausgabe: „Le Discours sur
Torigine de l'inegalite (1755) exerca une influence considerable sur la pensee politique et fonda la
reputation de l'auteur." (Rousseau 1964, 7)
88 Da für den Essay Discours sur l'origine et les fondements de l'inegalite parmi les hommes auf die zwei-
sprachige Meiner-Ausgabe (vgl. Rousseau 1955) zurückgegriffen wurde, beschränke ich mich im
folgenden auf die Angabe je nur einer Seitenzahl (nämlich der der Übersetzung ins Deursche); die
190 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

stand dei menschlichen Natui votdiingen zu können, bedarf es (methodisch) laut


Rousseau zuerst eines spekulativen Raums, dei den Blick für eine heurisrisch
werrvolle Fikrion eröffner: Denn daß es sich bei seiner Beschreibung des „erat de
nature" um eine Fiktion handelt, weiß Rousseau nicht nur, sondern er sagt es
auch ausdtücklich (gegen so manches Mißverständnis seinei Zeit, abei auch ge-
gen die Kritik von Hume, dei die Naivität solchei Voistdlungen beanstandete ).
Wenn ei vom Natuizustand spreche, so Rousseau, sei ei sich sehi wohl im klaren,
daß ei übei einen Zustand spreche, „den es nicht mehi gibt, vielleicht nie gege-
ben hat und wahrscheinlich nie geben wiid", und fährt gegen seine Kririker ge-
wendet fort: „übet den man abei dennoch richtige Begiiffe nörig hat, um den jet-
zigen Zustand richtig zu beurteilen." (DOI, 67)
Diese ihm von dei „Stimme det Natui [voix de la nature]", die et manchmal
auch die „göttliche Stimme [la voix divine]" nennt, anveirraure Fiktion - „Oh
Mensch", eröffner er in einem Hume eher fremden Ton seinen diesbezüglichen
Berichr, „höre: dies isr deine Geschichte wie ich sie zu lesen glaubte, und zwai
nicht in Büchern von deinesgleichen, die Lügnet sind, sondern in dei Natui, die
niemals lügt" (DOI, 81) - zeichnet diesen im „etat de nature" lebenden „homme
sauvage" vot allem aus als ein unabhängiges, einzelgängetisches, autaikes — im
Sinne von: sich selbst vetsotgendes, auf niemand anderen angewiesenes - und in
sich ruhendes Wesen. Um diese Unabhängigkeit und Autarkie leben zu können,
griff, so Rousseau, der „homme sauvage" auf vier ihn grundsärzlich besrimmende
Eigenschaften oder Fähigkeiren zurück:
1) „amour de soi", i. e. eine Selbsdiebe, die sich vor allem für „unser Wohlerge-
hen" und „die eigene Erhalrung" (DOI, 72) inreressierr: „Die einzigen Güter, die
er [der „homme sauvage" um die Selbstliebe zu befriedigen] braucht, sind Nah-
rung, ein Weib und Ruhe" (DOI, 135);
2) „piete" odet „commiseration", d. h., wie Rousseau schreibt, ein „angeborener
Widerwille, seinesgleichen leiden zu sehen." (DOI, 171) Dieses Mirleid isr „ein
narürliches Gefühl [...], das in jedem Individuum die Gewalt det Eigenliebe mä-
ßigt und zut wechselseitigen Eihaltung der gesamten Gartung beiträgt." (DOI,

französische Originalversion der zitierten Stellen ist jeweils auf der der angegebenen Seite vorher-
gehenden Seite zu finden (in diesem Fall also auf Seite 66).
89 Vgl. etwa T2, 236f; 492f
90 Warum mit einer solchen Fiktion arbeiren, warum nicht einfach auf das zurückgehen, was einem
die eigene Wahrnehmung bietet? Rousseaus Erklärung ist die folgende: „In gewissem Sinne ha-
ben wir uns gerade durch das Srudium des Menschen außersrande gesetzt, ihn zu erkennen [nous
nous sommes mis hors d'etat de le connaitre]" (DOI, 65) - im ganz wördichen Sinne: je mehr wir
über unser Menschsein nachdenken, desro mehr sind wir außerhalb des Zustandes (hors d'etat) die-
ses Menschseins; je mehr wir die Schraube der Reflexion über uns selbsr anziehen, desro weirer
entfernen wir uns notwendig von ihrem Ausgangspunkt und können ihn desto weniger erken-
nen. Die Fiktion scheint daher Gebot methodischer Stimmigkeit.
91 Daß auch Rousseau, wie Hume, unter „son semblable" vor allem und zuerst die meint, die einem
ähnlich sind bzw. zum engen Kreis der dem Einzelnen jeweils Nahen gehören, zeigt schon allein
Rousseaus klare Ablehnung des Kosmopolitismus, der versucht, dergleichen Gefühle auf alle aus-
zudehnen - wodurch diese alle Kraft verlieren. Vgl. dazu vor allem Ferscher 1975, 75ff und
204ff.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 191

175) Die funktionale Einschätzung des Mitleids - gegen Hobbes gewendet untet-
streicht Rousseau an anderer Stelle: „Gerade das Mirleid nimmt im Naturzusrand
die Stelle der Geserze, Sirren und Tugenden ein, doch mit dem Votteil, daß nie-
mand veisucht ist, nicht auf seine sanfte Stimme zu hören" (DOI, 177) - deutet
bereits an, was eine die Gemeinschaft begreindende „Übereinkunft" sparet voi al-
lem zu leisten haben witd: das Mitleid zu etsetzen bzw. zu erweitern.
3) „liberte", die als Freiheit dabei vor allem verstanden wiid als eine Wahlfrei-
heit {„liberte de choix") und den Menschen unteischeidet vom Tiet, bei dem, wie
Rousseau sagt, „die Natui alles tut"; „zwai", fügt et hinzu, „fühlt" auch det
Mensch „ihr Drängen", „aber er erkennr sich als frei, um nachzugeben oder zu
widerstehen." (DOI, 107) Damit „setzt nicht so seht das Eikenntnisveimögen
den spezifischen Untetschied zwischen Tier und Mensch, sondern seine Eigen-
schaft der Willensfreiheir" - was ihn in besonderer Weise dazu befähigr, seine
Lebensweise selbst zu wählen; und schließlich
4) „perfectabilite"; d. h. ein Drang und eine Fähigkeit, sich selbst zu vervoll-
kommnen, den/die Rousseau wiederum in erstet Linie als ein den Menschen vom
Tier untetscheidendes Charakteristikum ansieht. Denn: „Ein Tief ist schon nach
kurzer Zeit auf seinem endgültigen Stand angelangt, auf dem es sein Leben vei-
harrr; dem Mensch dagegen wohnr ein Leben lang eine Vervollkommnungsfä-
higkeir [perfectabilite] inne, die ihn vorantreibt." (DOI, 109)
Es ist nun voi allem dieses viette Meikmal, das den „wilden Menschen" je
schon über sich hinaus drängr, ihn den Impuls aufnehmen läßr, den Narurzu-
srand zu verlassen - auch wenn, wie Rousseau sagt, er diesem Drängen nie von
sich aus, i. e. ohne einen äußeren Grund nachgegeben hätte: „Bei allen Völkern",
erklärt er diese Behauptung, entsprächen „die Fortschritte des Geistes genau den
Bedürfnissen [...], welche die Völker von der Natui empfangen und denen die
Umstände sie unterworfen haben." (DOI, 137), denn „Wollen und Nicht-
Wollen, Wünschen und Fütchten weiden die eisten und fasr einzigen Tärigkeiten
seinei Seele sein, bis neue Umstände neue Fortschritte hervorrufen." (DOI, 129)
Von Natur aus har der Mensch im Narurzusrand demnach mirnichren einen
„Hang zur Geselligkeir" (DOI, 73), keine anthropologische Konstante macht ihn
zum social animal, sondern es sind äußere Umstände, die ihn zwingen, Sozialität
einzugehen (als da wären: Natutkatastiophen, Klima und Überbevölkerung) .
Erst durch sie wird der in sich ruhende, aurarke Einzelgänger dazu gezwungen,
den Narurzustand zugunsten eines Zustandes der Vergesellschaftung zu verlas-

92 Daß es vornehmlich externe Bedingungen wie begrenzt vorhandene Nahrungsminel, Notlagen


o. ä. sind, die den Menschen zur Vergesellschaftung rreiben, darin sind sich Hume und Rousseau
einig. Unterschiedlich dagegen fällt ihre Beurteilung der ursprünglichen Unabhängigkeit bzw.
Einsamkeit aus: nichts treibt laut Rousseau zu anderen, der Einzelne isr am liebsten bei sich, hat
seine Ruhe. Hume denkt in dieset Frage weniger in Alles-oder-nichts-Kategorien: in seinem
Werk finden sich Beschreibungen sowohl der anstrengenden wie der angenehmen Seiten des so-
zialen Lebens, mit grundsärzlicher Neigung eher zur zweiten Position: „Wir hegen keinen
Wunsch," heißt es etwa im Treatise, „der sich nichr auf die Gesellschaft bezöge [We can form no
wish, which has not a reference to sociery]. Vollständige Einsamkeit ist vielleicht die größte Stra-
fe, die wir erdulden können." (T2, 97; 363. Vgl. auch T2, 85; 352, T2, 139; 402, T2, 274; 526)
192 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

sen , was „mir Notwendigkeit die Menschen dazu fuhrt, sich gegenseirig in dem
Maße zu hassen, als ihre Interessen sich kreuzen und sie sich gegenseitig scheinbar
Dienste erweisen, in Wirklichkeir sich aber alle nur vorstellbaren Übel zufügen."
(DOI, 111) Der Krieg aller gegen alle, Hobbes' Vision des Narurzusrandes, isr
demnach für Rousseau ersr ein Produkr der Vergesellschaftung, nicht deren
Gtundlage. Die Beschreibung des Isr-Zustandes der Gesellschaft kann daher, aus
der Sicht Rousseaus, nut wie folgr lauten: „Die Menschen sind schlecht [Les
hommes sont mechant]. Eine rraurige und lange Erfahrung enthebt uns des Be-
weises. Jedoch dei Mensch [l'homme] ist von Natut aus gut [natuiellement
bon]."(DOI, l l l ) 9 4
„Schlecht [mechant]" werden die Menschen im Zustand dei Vetgesellschaf-
rung nun vor allem deshalb, weil dieser die vier oben beschriebenen Grundcha-
rakreristika des Natutmenschen verwandeh, depraviert, wie Rousseau es nennr,
und ihn, den Menschen des Naturzustands, damir von seinem eigenen Wesen
entfremdet. Zwar wird, demonsrrierr Rousseau diese Verwandlung und ihre Fol-
gen an einem Beispiel, auch im Naturzustand bisweilen um dieses odei jenes ge-
kämpft, abet „da det Ehtgeiz sich nie in den Kampf einmischr, isr er nach einigen
Fausrschlägen beender. Der Sieger ißr, der Besiegte suchr sein Glück woanders
und alles isr abgeran" (DOI, 115; FN) - einen Triumph des Siegers, das Gefühl
der Überlegenheir und, auf der anderen Seite, das Gefühl der Schmach und da-
mir der Rache gibr es nichr. Anders im Zustand det Entäußeiung in den Vetge-
sellschaftungszusrand: Nun isr es der andere, von dem der Einzelne sich als ab-
hängig erfährt, dessen Blick er auf sich ruhen spürt und dem er (wie sich selbsr)
ersr beweisen muß, daß er auch wirklich einen Erfolg erzielt hat. „Dei Wilde lebt
in sich selbst [en lui-meme]", faßr Rousseau dieses Phänomen der Entfremdung
zusammen, „det zivilisierte Mensch ist sich selbst stets fem [toujours hors de lui]
und kann nur im Spiegel der anderen leben." (DOI, 265). Aus der natütlichen
Anlage namens „amoui de soi" (Eigenliebe) ist damit eine namens „amout pro-
pre" (Selbstsucht) gewotden: „Die Eigenliebe [amour de soi]", beschreibt Rousse-
au deren Untetschied, „isr ein natütliches Gefühl. Sie häh jedes Tier dazu an,
über seine Erhalrung zu wachen." Dagegen: „Die Selbsrsuchr [amour propre] ist
nui ein relatives [,telatif im Sinne von: den Relarionen geschuldetes, Zusarz
T. K ] , künsrliches Gefühl. Sie verleitet das Individuum dazu, von sich mehi

93 „Wir müssen annehmen", schreibt Hume dagegen über die Idee des Naturzustandes, „daß schon
der anfängliche Zustand und die anfänglichen Verhältnisse gesellig waren [that the very first State
and Situation may justly be esteem'd social]." (T2, 236, 493) Eingedenk dessen, was historisch
vorstellbar ist - gesetzt den Fall, darum geht es tatsächlich - , muß man Hume wohl Recht geben:
Rousseaus „homme sauvage" müßte aus dem Nichts bzw. aus sich selbst entstehen, ohne Familie
und Bezugsgruppe, um derart in der Welr zu stehen, wie Rousseau ihn schildert.
94 „Nicht böse", so Rousseau, seien die Menschen schon deshalb, „weil sie gar nichr wissen, was gur
sein heißt." (DOI, 169) Denn: der „etat de nature" ist ein vormoralischer Zustand, ein Zustand, in
dem es noch keine Moral gibt, deren Unrerscheidungen folglich für sie nicht gelten. Damit ist
Rousseau schon sehr nah an Intuitionen, die Nietzsche später weiter ausbeuren wird.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 193

Aufhebens als von jedem anderen zu machen. Sie gibr den Menschen all die Übel
ein, die sie sich gegenseitig antun." (DOI, 169 FN)

2.2.4.2 „Les loix telles qu 'ellespeuvent etre"


Gegen diese - hiet nut grob skizzierten - hypothetisch-historischen Fehlent-
wicklungen nun möchte Rousseau seinen Contrat Social stellen, dei eine „otdie
civil" ermöglicht, die „den Menschen [nimmt], wie er ist", d. h. so, wie er von
den (oben dargelegten) Grundregeln, die sein Menschsein ausmachen, die aber
deswegen rrorzdem nicht notwendig in die historisch gewoidene Ungleichheit
(die eine Ungerechtigkeit ist) und die Sklaverei det Äußeilichkeiten führt. „Diese
Regeln", so Rousseau noch im Discours sur Torigine de l'inegalite übet die Regeln
vot allem dei „commisetation" bzw. dei „amour de soi" , „muß die Vernunft so-
fort auf änderet Grundlage neu errichten, sobald sie es infolge ihrer allmählichen
Fortschritte fertig gebrachr hat, die Natut zu eisticken." (DOI, 73)
Ein solches Wiedetherstellen der narürlichen Disposirionen auf einer anderen
Grundlage bedeutet dabei mindestens zweieilei: Zum einen bedeutet es, wie
Rousseau schon in der ersten Fassung des Contrat Social, dem sogenannten Ma-
nuscript de Geneve fesrsrellr, daß wir diesen Naturzustand unwiederbringlich ver-
lassen haben und daher „für uns die sanfte Stimme der Natur weder ein unrrügli-
cher Führer mehr [ist], noch die Unabhängigkeit, die wir von ihr erhalten haben,
ein wünschenswerter Zustand" (MG, 105) , und daß daher eine andere Srimme
- die nämlich der Vernunft - uns wird führen müssen. Dieser Unmöglichkeit
einer einfachen Rückkehr zum Ausgangspunkr eingedenk serzt — zweitens —
Rousseaus Contrat Social ganz bewußt an det Stelle an, an det det Austiitt aus
dem Naturzusrand zwar unumkehrbar geworden isr, an dem aber die dargestellte
Entwicklung in Richtung schlechte Vergesellschaftung noch nicht begonnen hat:
„Ich untetstelle", heißr es im ersren Buch des Contrat Social zu Beginn des sech-
sten Kapitels, „daß die Menschen jenen Punkt erreichr haben, an dem die Hin-
dernisse, die ihrem Fortbestehen im Naturzusrand schaden, den Sieg davon ge-
rragen haben über die Kräfte [forces], die jedes Individuum einsetzen kann, um
sich in diesem Zustand zu halten. Dann kann dieser ursprüngliche Zusrand nichr
weitet bestehen, und das Menschengeschlecht wüide zugiunde gehen, wenn es
die Arr seines Daseins [sa maniere d'etie] nicht änderte." (CS, 16; 182) Andeis
gesagt: die Neugtündung der Lebensweise (der „maniere d'ette"), wie Rousseau
sie denkt, ist eine Neugtündung dei glücklichen Stunde, d. h. eine, die in dem
Augenblick geschieht, in dem alles noch möglich ist. Genau wie det „etat de na-
ture" ist demnach auch sein theoretisches Pendant - det „contrat social" - zueist
eine heuristische Fiktion, die helfen soll, bestimmte Züge von Sozialität zu ver-
stehen bzw. die ein Modell bereitstellt, an dem sich orientieren kann, wet Soziali-
tät zu denken veisucht.

95 Die Übersetzungen aus dem Manuscrtpt de Geneve sind meine eigenen.


96 Zur Ambiguität des „Vernunft "-Begriffes bei Rousseau siehe vor allem Fetscher 1975, 81 f.
194 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Das Ziel besagtet Neugtündung nun - und damit sind wii beieits seht nah an
den für die hiesige Diskussion relevanten Punkt in seiner Theorie herangekom-
men - beschreibt Rousseau wie folgr: „Finde eine Form des Zusammenschlusses,
die mir ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes ein-
zelnen Mitgliedes verteidigt und schützt und duich die doch jedei, indem et sich
mit allen vereinigt, nui sich selbst gehoicht und genauso frei bleibt wie zuvot."
(CS, 17; 182) Dieses Paradox vom notwendigen Veilust der (ursprünglichen)
Freiheir (s. o.) zur Gewinnung einer neuen Arr von (gesellschaftlicher) Freiheit -
die zuerst dazu dient, im „Veihalten [des Menschen] die Gerechtigkeit [justice]
an Stelle des Instinktes" (CS, 22; 186) zu stellen - versuchr Rousseau nun nichr
in einem Kompromiß zwischen lauter aufeinandertreffenden Einzelfreiheiten zu
finden, die sich gegenseirig alle ein bißchen beschneiden und ein bißchen in Ru-
he lassen. Sondern er definiert dazu eine Foim von (sozialem) Vertrag odet Pakt
(„contrar" oder „pacte social") - wobei, wie er selbst ausdfücklich hervorhebt,
dessen Bestimmungen „vielleicht niemals förmlich ausgesprochen wurden" und
„allenthalben stillschweigend in Kraft [sind] und aneikannt [tacitement admises
et reconnües]" (CS, 17, 182), was ihn seht viel stäiket in die Nähe einer „Con-
vention" rückt, als es die harsche Entgegensetzung Kontraktualismus vs. Kon-
ventionalismus suggeriere - , durch die det sich mit diesem Vertrag odet Pakt Bin-
dende seine Freiheit (wenn auch in änderet Foim) eist ethält. „Was dei Mensch
duich den Gesellschaftsveitiag [le contrat social] veiliett", faßr Rousseau den
Unterschied des Davor und Danach zusammen, „isr seine narürliche Freiheit und
ein unbegrenztes Recht auf alles, wonach ihm gelüstet und was ei eiteichen kann;
was et ethält, ist die bütgetliche Freiheit [la liberte civile] und das Eigentum an
allem, was er besitzt" (CS, 22; 186)
Damir dies funkrionieren kann aber braucht es, wie Rousseau sagt, „die völlige
Entäußerung [l'alienation totale] jedes Mitglieds mit all seinen Rechten an das
Gemeinwesen des Ganzen [ä toute la communaute]." (CS, 17; 182) Diese völlige
Entäußetung oder Entfremdung des Einzelnen hat dabei in folgender Form zu
geschehen: "Gemeinsam stellen wir alle, jeder von uns seine Person und seine
ganze Kraft unter die oberste Richtschnut des Gemeinwillens [sous la supreme
direcrion de la volonre generale], und wir nehmen, als Körper [en corps], jedes
Glied [membre] als untrennbaren Teil des Ganzen auf. Diesei Akt des Zusam-
menschlusses schafft augenblicklich anstelle det Einzelpetson jedes Vertragspare-
ners eine sittliche Gesamrkörperschaft [produit un cotps collecrif er moral], die
aus ebenso vielen Gliedern besteht, wie die Veisammlung Stimmen hat, und die
durch eben diesen Akr ihre Einheir, ihr gemeinschaftliches Ich, ihr Leben und ih-
ren Willen erhält" (CS, 18; 183) D. h. die ohnehin notgedrungen beginnende
Entfremdung des bis daro aurarken Selbsr des „homme sauvage" verlängert
Rousseau in eine „alienation totale", die nicht versucht, rückwärrs gerichrer so viel
an Autaikie und selbsrgenügsamer „Narürlichkeit" zu rerten, wie zu rerten ist,

97 Wie schon bei Hume sreht damit auch bei Rousseau die Sicherung des Eigentums an ersrer Stelle
der Aspekte, die den friedlichen Zusammenhalt der Gemeinschaft garantieren.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 195

sondern die im Gegenteil dafüi plädiert, besagten Votgang dei Entfremdung


noch zu forcieren und ihm dabei gleichzeitig den eigenen Stempel aufzudrücken .
Statt dem Individuum den Naturzusrand so weir zu erhalten wie es eben geht,
witd dieses - wie schon in det falsch gelaufenen Geschichtlichkeit — in seinem
Wesen einem völligen Wandel unterworfen, freilich einem bewußt gesteuerten:
„Diesei Übetgang", so Rousseau, "vom Narurzusrand zum Gesellschaftszusrand
erzeugr im Menschen eine sehr beachtliche Veränderung, indem er in seinem
Verhalren den Instinkt duich die Gerechtigkeit [la justice] etsetzt und indem er
seinen Handlungen moralische Bezüge gibr, die sie vorher nichr gehabt haben."
(MG, 114)
Hauptbestandteil des so initiierten Übeigangs vom Zustand det Instinkthen-
schaft zu einet Heitschaft der „justice", die den menschlichen Handlungen „mo-
ralische Bezüge" gibt, ist die Verwandlung des einfachen, in sich ruhenden und
sich aus sich besrimmenden „Ich" in eine Art insritutionalisiettet, d. h. vertraglich
vereinbartet (sozialer) Schizophrenie: Kein „Ich" nämlich, so Rousseau, isr fortan
— d. h. nach dem einmal geschlossenen Pakt - ein einfaches, ungeteiltes mehr,
sondern jedes Ich erfährt sich fortan in einem „double rapport", denn es kommt
fortan im Gemeinwesen je zweimal voi: als Teil des Souveräns („de l'autorite sou-
vetaine"), d. h. als Teil des Geserzgebenden Gemeinwillens - diese Zugehörigkeit
vetleiht ihm den Titel des „citoyen"; und zugleich als Teil des Staates (der „cite"),
der ihm die Rolle des der Gewah der Souveränirät unterstehenden Untertans
(„sujet") zuweist. Derart entzweit begegnet sich der Einzelne nach der Einwilli-
gung in den „contrar" oder auch „pacte social" demnach permanenr selbsr: Inso-
fern er „citoyen" ist, gibt er sich als „sujer" die zu befolgenden Geserze, insofern
er „sujer" isr, isr er gezwungen, die von sich selbsr - insofern „ciroyen" - gegebe-
nen Gesetze zu befolgen. So gesehen - und das ist tatsächlich ein gravierender
Unterschied zur Konzeption Humes - schließt det Einzelne den in Frage stehen-
den „Vertrag" odet „Pakt", dei zum „gerechten" Gemeinwesen fuhren und der

98 Es ist viel geschrieben worden über die Falschheit des - u. a. von Nietzsche - gegen Rousseau er-
hobenen Vorwurfs, naiv ein „Revenons ä la nature!" zu fordern. Und doch steckt erwas Richtiges
in diesem Vorwurf: wenn auch auf einer anderen Ebene. Die Stärke des „homme sauvage", die
ihm seine Freiheit und sein Wohlergehen garantiert hatte, lag in seiner Einheit: Sein Wille war
ihm stets unmittelbar präsent, er und nur er stand im Mittelpunkt seines Interesses, das harmoni-
sche Ineinander aller seiner Fähigkeiten verbürgte die Effizienz, mit der er seine Interessen zu
verfolgen wußte. Schaut man nun auf Rousseaus Bild vom perfekt funktionierenden Staat, fallen
eine Reihe struktureller Analogien soforr ins Auge: wichtig ist nämlich auch für diesen, daß alle
seine Glieder („membres") Teil eines Ganzen (eines „corps commun") sind, die „in Einklang [en
concerr]", „Harmonie [en harmonie]" oder in „ein Gleichgewichr [un equilibre]" zu bringen sind,
wie es im Manuscript de Geneve heißt (.Alles, was nicht zur Einheit führt, taugt nichts. Alle Ein-
richtungen, die den Menschen in Widerspruch mir sich bringen, raugen nichts." (MG, 146)).
Zentrum des so neu geschaffenen, eine Einheit darstellenden Kollektivkörpers ist die Formung
des Gemeinwillens, der nur ein Interesse kennt: nämlich das seine. Kurz - denn diese Liste ließe
sich noch ein gutes Stück fortsetzen - : der Staatskörper bzw. das neu zu schaffende kollektive Ich
als zentrale Einheit ist in seinem wichtigsten Zügen tatsächlich geformr nach dem Vorbild des
„homme sauvage". Darin kann man mit gutem Grund ein Stück Sehnsucht Rousseaus erkennen,
in dessen Zustand als einen gelingender Lebenspraxis zurück zu kehren.
196 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

seinen Handlungen „moralische Bezüge" geben soll, nicht zuersr mir anderen,
sondern mit sich selbst : „Man sieht aus dieser Formel", erläutert Rousseau diese
Besonderheir, „daß der Akt des Zusammenschlusses eine gegenseitige Verpflich-
rung von Öffentlichkeit und Einzelnen [un engagement reciproque du public
avec les parriculiers] enrhält und daß jeder Einzelne, indem er sozusagen mit sich
selbst einen Vertrag schließt, sich in doppelrer Weise verpflichtet findet [se ttouve
engage sous un double rapport], nämlich als Mitglied des Souveräns gegenüber
dem Einzelnen und als Glied des Sraates gegenüber dem Souverän." (CS, 19;
184)101

2.2.4.3 Rousseaus „ Übereinkunft" und die Rolle der „volonte generale"


Der Vertrag odet Pakt, dei - en detail nicht notwendig explizit ausgesprochen,
wohl abet stillschweigend anetkannt - die Herrschaft des Insrinktes duich die det
Gerechtigkeit eisetzt und so soziales Handeln als ein moralisches begiündet, dieset
Vertrag odei Pakt ist also — in det Rousseauschen Variante - einet, den det Ein-
zelne mit sich selbst abschließt, insofern er — einmal von der Notwendigkeit einet
sozialen Neubestimmung seinet selbst überzeugt - nicht meht nut Einzelnen
sondern (vet-)doppeltei Teil eines Ganzen, d. h. „membte" und „cotps" der neu
enrsrandenen „communaure" in eins isr. Besrimmender Ausgangspunkr - oder
„oberste Richtschnut [supreme direction]", wie es oben hieß - dieses neuen Gan-
zen ist dabei det Gemeinwille, die „volonte generale", dessen/deren Ziel das Ge-
meinwohl, dei „intetet" odei „bien commun", ist, den dei Gemeinwille mit Hilfe
der von ihm erlassenen Gesetze zu erreichen hofft bzw. dem er Form verleiht.
Diese - für Rousseaus Vorstellung vom gelingenden sozialen Raum zentrale
- „volonte geneiale" ist dabei ein wesentlich vielschichtigeres Erwas, als es den
Anschein haben mag. Ausgangspunkt dei Bestimmung dei „volonte geneiale" ist
die banale Einsicht, daß es sttuktuiell jederzeir möglich isr, daß „jedes Individu-
um als Mensch einen Sonderwillen [une volonre parriculiere] haben [kann]", und
zwar einen, „der dem Gemeinwillen [volonre generale], den er als Bürger [Ciro-
yen] har, zuwiderläuft oder sich von diesem unterscheider." (CS, 21; 185) Da

99 In dieser Vorstellung verbirgt sich narürlich ein Paradox: Wenn die Entzweiung des Einzelnen
erst durch den geschlossenen Vertrag oder Pakr entsteht, wie soll es dann möglich sein, daß die-
ser Vertrag zwischen den beiden Teilen des Ich geschlossen wird? Zu diesem Paradox der Si-
gnarur in gemeinschaftsstiftenden Verträgen siehe vor allem Derrida 1984; sowie, zum proble-
matischen Status des darin behaupteten „Wir", Ranciere 1995.
100 Die Unrerscheidung „le public" - „le parriculier" isr dabei wohl gleichbedeurend mit der oben
eingeführren „le citoyen" - „le sujet". Dies gilt auch für die noch folgenden Zirate.
101 Der eigentliche Verpflichtungsakt, der eine communitas begründet, ist bei Rousseau demnach
ein Akt der Selbstverpflichtung im Sinne einer Verabredung oder Übereinkunft eines Einzelnen
mir sich selbst. Die Einheit des strukrurell schizophrenen Ich: Das also ist, was den Zusam-
menhalt der Gemeinschaft zu garantieren hat. Es ldingr schon sehr kanrisch, wenn Rousseau die
Essenz dieses Vertrages in die Kurzformel bringt: „Gehorsam gegen das selbstgesetzte Gesetz ist
Freiheit [obeissance ä la loi qu'on s'est prescritte est liberte]." (CS, 23; 187)
102 Vgl. Fetscher 1975, 118: „Der zentrale Begriff der Rousseauschen Politik ist nicht der .contrar
social', sondern die .volonte generale'."
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 197

aber dieser Sonderwille „seiner Natut nach zut Bevorzugung [neigt]" (CS, 27;
190), steht füi Rousseau in diesei Unteischeidung verschiedener Interessen außer
Frage, daß „allein der Gemeinwille [volonte generale] die Kräfte des Staates ge-
mäß dem Zweck seinet Eirichtung, nämlich dem Gemeinwohl [le bien com-
mun], leiten kann; denn wenn der Widerstreit det Einzelinteressen [l'opposition
des inteiets parriculiers] die Gründung der Gesellschaften nötig gemacht hat, so
hat et den Einklang [l'accotd] derselben Inreressen möglich gemacht. Das Ge-
meinsame [ce qu'il y a de commun] nämlich in diesen unteischiedlichen Interes-
sen bildet das gesellschaftliche Band, und wenn es nicht iigendeinen Punkt gäbe,
in dem alle Interessen übereinstimmen, könnte es keine Gesellschaft geben." (CS,
27; 190) Um diesen Punkt, in dem alle Interessen übereinsrimmen, in eins
klingen , und so das gesellschaftliche Band bilden, tatsächlich finden zu können,
muß, so Rousseau, „det Gemeinwille, um wahlhaft ein solchet zu sein, [...] in
seinei Auswiikung nicht weniger als in seinem Wesen allgemein sein; er muß von
allen ausgehen, um sich auf alle zu beziehen." (CS, 33; 195)
Die Schwierigkeit, die in dieset Konsttuktion von Allgemeinheit nach det oben
eingeführten Unteischeidung vetschiedenet Willenstypen natütlich als erstes ins
Auge springt, läßt sich am ehesten benennen mit der Frage, was es denn genau
bedeuten soll, daß dei Gemeinwille von allen ausgehen muß: Ist „allgemein" da-
mit - doch - schlicht das, was, wenn nicht alle, so doch die Mehtheit det in Fra-
ge stehenden Gemeinschaft tatsächlich will (so wie bei Searle „all or the most of
the membeis of a society" (TCS 117) darüber enrscheiden, was „gilt" im sozialen
Raum und was nicht)? Natütlich nicht, antwortet Rousseau im Einklang mit sei-
nen selbst eingeführten begrifflichen Unterscheidungen, denn es srehr außer Fra-
ge, „daß weniger die Zahl der Srimmen als das sie einigende Gemeininteresse den
Willen allgemein macht [ce qui generalise la volonte est moins le nombie des
voix, que l'interet commun qui les unit]" (CS, 34; 196). In diesem Sinne, so

103 In ihrer ersten Version isr diese Argumentation noch etwas schlichter gestrickt: „Da nämlich
der Wille", heißt es dort, „immer auf das Wohl des Wollenden ausgeht, und der Partikularwille
[volonte particuliere] das Privarwohl [l'interet prive] zum Ziel hat, wie der Gemeinwille das
Gemeinwohl [l'interet commun], so folgr hieraus, daß der letztere allein der Beweggrund eines
Sozialkörpers ist oder sein soll." (MG, 117)
104 In den französischen Worten „aecord" bzw. „s'aecorder" schwingt deutlich eine musikalische
Konnotation mit, die im deutschen Nomen „Einklang" bzw. dem Verb „übereinstimmen"
durchaus auch zu hören ist. Diese Konnotation ist keine zufällige: In seinem brillanten Buch zu
Rousseau hat Jean Starobinski (vgl. Starobinski 1988) versucht zu zeigen, wie sehr die Vorsrel-
lung einer funktionierenden Gemeinschaft bei Rousseau geleitet ist durch das Bild vom „Ein-
klang der Herzen". Paradigmatisch für diese Vorstellung, so Starobinski, sei dabei das Fest der
Winzer in der Nouvelle Heloise, denn es sei ein Bild, das den Gedanken der totalen Unmittel-
barkeit in den Zusrand völliger Entäußerung zu versinnbildlichen versucht. Es ist vergleichbar
mit einem anderen, von Rousseau im Brief an d'Alembert über das Schauspiel beschriebenen
Fesr, an das er sich aus seiner Kindheir zu erinnern angibt: ein Fest, an dem - nach einem stan-
desgemäß getrennten Mahl - plötzlich alle Soldaten, Offiziere, dann auch Herren, Mägde usf.
im Gleichklang um einen geschmückten Baum auf dem Marktplatz zu tanzen beginnen. Dieses
Fest, so Starobinski, dieses Schauspiel der in Gleichheit und Transparenz zusammenklingenden
Herzen könne man „ohne Übertreibung [...] als eines der Schlüsselbilder zu Rousseaus Werk
ansehen." (Vgl. Starobinski 1988, 141)
198 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Rousseau, gilt es einen klaren Unterschied zu machen „zwischen dem Gesamt-


willen und dem Gemeinwillen [la volonte de tous et la volonte generale]; dieser
siehr nur auf das Gemeininreresse, jener auf das Privatinteresse und ist nichts als
die Summe von Sonderwillen." (CS, 31; 193) Wenn aber das reine Faktum des
Übereinstimmens nicht ausschlaggebendes Kriterium zut Feststellung dei Allge-
meinheit det „volonte generale" sein kann ', wohet weiß dann det je Einzelne -
als „citoyen" - im Augenblick seines Urteils, daß dieses einem allgemeinen und
nicht bloß einem - seinem - besonderen Willen entspringt?
Nun, gesteht Rousseau selbst in bezug auf das in dieser Frage zum Ausdruck
kommende Problem, zwar sei der „Gemeinwille immer auf dem rechten Weg"
weil er „auf das öffentliche Wohl abzielt"; daraus abet folge leider ratsächlich
nicht mit Norwendigkeit, „daß die Beschlüsse des Volkes immer die gleiche
Richrigkeit [rectitude] haben." (CS, 30; 193) Die sttuktutelle Schizophrenie, die
den sozialen Menschen je schon in „citoyen" und „sujet" zugleich verdoppelt,
kann doch von sich aus leidet nicht je schon garantieren, daß diesei Mensch, so-
bald et als „citoyen" teilhat an den Beschlußfassungen des „corps commun", fak-
tisch tatsächlich ein solcher „citoyen" ist, d. h. fakrisch tatsächlich von sich als
Einzelnem, als „patticuliet" abzusehen im Stande bzw. gewillt ist, seine „alienati-
on" zugunsten des „cotps commun" tatsächlich „totale" ist. Wodurch sich not-
wendigerweise das prakrische Problem ergibt, daß zwai „det Gemeinwille immei
tichtig [ist], abet das Urteil, das ihn leitet, [...] nicht immei aufgeklärt." (CS, 42;
202) Um dieses praktische Problem zu lösen, so Rousseau, bleibt einem nichts
anderes übrig, als eineiseits „die Einzelnen [les patticulieis]", die „das Gute" zwar
sehen, aber „zurückweisen [ils voyenr le bien qu'ils rejerrent]", dazu zu bringen,
„ihren Willen der Vernunft anzupassen [ä conformer Ieur volontes ä leur raison]";
die „Öffentlichkeit [le public]" — worunter hier wohl der neu geschaffene „corps
social" zu verstehen ist - dagegen, die „das Gute will", aber nichr „siehr", „muß
erkennen lernen, was sie will." (CS, 42; 202) Dies zu bewerkstelligen sei dahei
votnehmste Aufgabe der „öffenrlichen Aufklärung", denn nur sie führe „die Ein-
lieft von Urteilskraft und Wille im Gemeinschaftsköipet herbei, was das rei-
bungslose Zusammenspiel der Teile und schließlich die höchste Kraft [force] des
Ganzen ergibt." (CS, 42; 202)"^

105 Trotz dieser klaren Abkehr von einem rein quanritativ definierten Gemeinwillen besteht
Rousseau gleichwohl darauf, „daß es im Sraar keine Teilgesellschaften [societe parrielle] gibt
und daß jeder Bürger nur seine eigene Meinung verrrirr [que chaque Citoyen n'opine que
d'aptes lui]" (CS, 31; 194), und weist in einer Fußnote auch auf folgendes zu beachrende Phä-
nomen explizir hin: „Damit ein Wille allgemein sei, ist es nicht immer nötig, daß er einstimmig
[unanime] sei, aber es isr nötig, daß alle Stimmen gezählt werden; jeder förmliche Ausschluß
zerstörr die Allgemeinheit [toute exclusion formelle rompr la generalire]." (CS, 28; 191)
106 Weshalb u. a. der eingegangene „pacte social" je schon miteinschließe, „daß, wer immer sich
weigerr, dem Gemeinwillen zu folgen, von der gesamren Körperschaft [par tout le corps] dazu
gezwungen wird, was nichrs anderes heißt, als daß man ihn zwingt, frei zu sein." (CS, 21; 186)
107 War im depravierten Gesellschaftszustand aus dem natürlichen „amour de soi" ein schädlicher
„amour propre" geworden, transformierr sich in der durch den „contrat social" gegründeten
Gesellschaft dieser „amour de soi" in einen „amour de l'ordre", d. h. eine Liebe zur neu ge-
schaffenen Ordnung, die für Rousseau gleichbedeutend ist mit dem Gewissen: „Die Selbstliebe
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 199

Hat det Gemeinwille auf diese Weise einmal zu sich gefunden, benötigt die
neu geschaffene Gemeinschaft nui noch „Abmachungen und Gesetze [des Con-
ventions et des lois], um Pflichten und Rechte miteinandei zu veibinden und die
Geiechtigkeit [la justice] ihrem Gegenstand zuzufühien", denn „die Gesetze det
Gerechtigkeit [les lois de la justice] sind mangels naturgegebener Folgen nichts
untet den Menschen" (CS, 39; 200) — ohne vom Gemeinwillen eilassene „Con-
ventions" odet „lois" wate dei „pacte social" wiikungs-, weil gestaltlos, „justice"
nicht mehi als eine leere Fotmel. Bei einem solchen Etlassen von Gesetzen, die
ihrerseits nichts anderes als „Akte des Gemeinwillens sind" (CS, 41; 201), geht es
dabei nun nicht um das Etlassen von Befehlen, die die Obrigkeir den Untertanen
aufzwingt, sondern vornehmlich daium, daß „das ganze Volk übet das ganze
Volk bestimmt" (CS, 40; 201), um so „das Ganze zu otdnen odet dem Gemein-
wesen die bestmögliche Foim zu geben." (CS, 59; 215) Bei einem solchen otd-
nenden Eingriff gibt es natürlich „unrerschiedliche Verhältnisse [zu] beachten":
Es gibr Geserze, die „das Verhalten des Gesamrkörpers zu sich selbst [l'action du
cotps endet agissant sut lui-meme], d. h. die Beziehung des Ganzen zum Gan-
zen" betreffen, die gemeinhin „Staatsgesetze [loix politiques] — odet auch Grund-
geserze [loix fondamentales]" heißen; eine andere Art von Gesetzen dagegen be-
zieht sich vornehmlich auf das Vethältnis „der Glieder unteieinandei odet zum
Gesamtköipei [les membres entie-eux ou avec les cotps endet]": „Aus diesem
zweiten Vethältnis entspringen die bürgerlichen Gesetze [loix civiles]." (CS, 59;
2150- Ein drittes zu beachtendes Vethältnis ist das „des Menschen zum Gesetz
[la relation entte l'homme et la loi]" (CS, 60; 216), in dem es um „Ungehonam
und Srrafe" geht, wobei die daraus resultierenden „Strafgesetze [loix criminelles]
[...] weniget eine besondeie Gattung von Gesetzen sind als die Sanktionen allei
anderen." (CS, 60; 216) Die wichtigste Art von Gesetzen freilich, schließt
Rousseau diese Betrachtungen, d. h. die wichtigsten, Oidnung odet Foren geben-
den Akte dei „volonte generale" sind solche Gesetze, „die wedet auf Matmoi
noch auf Etz, sondern in die Herzen der Bürger [dans les coeurs des ciroyens] ge-
schrieben sind", denn „in ihr [dieser Geserzesart, T. K] liegt die eigentliche Vei-
faßtheit des Staates; sie kommt täglich zu neuer Kraft [forces]; sie belebr oder er-
setzt die anderen Gesetze, wenn sie altein odet veiblassen, erhält ein Volk im
Geist seinet Eitichtung und setzt unmeiklich die Gewohnheir an die Stelle dei
Staatsgewalt." Wenn et von dieset Alt von Gesetzen, von denen „dei Erfolg zllei
anderen abhängt", rede, so Rousseau, rede er „von den Sitten und den Gebräu-

[amour de soi] ist keine einfache Leidenschaft, sondern hat zwei Prinzipien, nämlich das ver-
ständige Wesen und das sinnhafte Wesen, deten Wohlbefinden nicht dasselbe ist. Die Begier
der Sinne zielt auf das des Körpers, die Liebe zur Ordnung [amour de l'ordre] auf das der Seele.
Wenn diese lerztere Liebe aktiv gemacht ist, trägt sie den Namen Gewissen. Nur vermöge dieser
Erhellung gelangt er dazu, die Ordnung zu erkennen, und nur wenn er sie erkennt, bringt ihn
sein Gewissen dazu, sie zu lieben." (Brief an Beaumont, zitiert nach DOI, 287) Zum Begriff des
„amour de l'ordre" siehe auch Fetscher 1975, 80ff
200 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

chen und vor allem von der Meinung [des mceurs, des courumes, er sur-rout de
l'opinion ]". (CS, 60; 216)

2.2.4.4 Das Versprechen in der Theorie Rousseaus und zwei dabei


auftauchende Paradoxe
Anders als Hume har Rousseau dem Versprechen als sozialem Akr in seiner Theo-
rie des sozialen Raumes keinen besonderen Plarz zugewiesen; demenrsprechend
finden sich im Contrat Social keine Überlegungen dazu, wie man sich ein solches
rheorerisch vorzustellen bzw. was man sich von ihm praktisch zu erwarten har.
Gleichwohl isr, entlang den oben explizieiten Gtundzügen seinei Theorie, in er-
wa der Ort rekonsttuierbar, an dem das Phänomen bei ihm zu suchen wäre; und
es gibr darüber hinaus zumindesr einige Hinweise, die erahnen lassen, was für ihn
die Hauptcharakterisrika des Versprechens sind.
Ich beginne mir letzteren. Zu Beginn des zweiten Buches des Contrat Social
reflektiert Rousseau übet das Phänomen det Unvetäußetlichkeit det Souveränität;
in diesem Kontext weist et darauf hin, daß diese schon deshalb unvetäußetlich
sei, weil es sie je nut augenblicklich gebe, sie sich - zumindest vittualitet - übet
die „volonte geneiale" je aufs neue zu formieren habe. Daher sei es „unsinnig, daß
der Willen sich Ketten anlegt für die Zukunft", denn diese Zukunft müsse sich
dei Gemeinwille, dieses lebendige Herz jeder Gemeinschaft, stets offen halten für
andere Entscheidungen. Eine Bindung dei „volonte generale" an die Zukunft -
erwa indem sie sich einem Herrscher schlicht überanrwortet - wäre, folgert
Rousseau, der Tod derselben, denn wenn „das Volk einfach versprichr, zu gehor-
chen [le peuple promer simplemenr d'obeir], löst es sich duich diesen Akt auf
und veiliett seine Eigenschaft als Volk." (CS, 28; 1900 Einige Kapitel spätei, als
es dann um die Einführung von für alle verbindlichen Geserzen geht, stellt
Rousseau einen Veigleich des Zustandes der Vergesellschaftung mir dem des
Narurzusrandes an. „Im Narurzustand," heißt es dott, „in dem alles gemeinsam
ist [oü tout est commun], bin ich denen gegenübet, denen ich nichts veispiochen
habe [que je n'ai rien promis], zu nichts verpflichtet." (CS, 39; 200) Diesen bei-
den kurzen Aussagen allein kann man nun mindestens folgendes entnehmen: Für
Rousseau kommr das Versprechen einer Entäußerung der Zukunft gleich: die
hauprsächliche Zeir des Versprechens isr die noch ausstehende; diese Enräuße-
rung beendet meine Unabhängigkeit und bindet mich an einen anderen, dem ich
etwas versprochen habe; und zwar bindet sie mich derart, daß ich forran zu etwas
verpflichtet bin diesem anderen gegenüber. Rousseaus Verwendung des Begriffes

108 Wobei „Meinung [opinion]" hier wohl so viel meinr wie: öffentliche Meinung, vgl. die Anmer-
kung der Herausgeber der französischen Ausgabe (Rousseau 1964, 467). - Da diese öffentliche
Meinung für Rousseau eine so zentrale Rolle im Aufbau der sozialen Welr spielr, har er ihr im
letzten Buch des Contrat Social (Kap. 7) sogar institutionelle Autorität verleihen wollen, indem
er als ihren legitimen „Sachverwalter [Minisrre]" den „Censor [Censeur]" ausgibt, dessen Auf-
gabe es nicht sei, „über die Meinung des Volkes [l'opinion du peuple] [zu urteilen]", sondern er
sei „nur deren Verkünder [declarareur]". (CS, 138; 280)
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 201

„Versprechen" scheint sich also - zumindest in bezug auf die wichtigsten Koordi-
naten - von der Humes nichr wesenhaft zu unterscheiden.
Übertragen auf die drei von Rousseau unterschiedenen Zustände oder Phasen
des Menschen ergibr sich damir folgendes Bild:
a) Im Naturzustand gibr es kein Versprechen, und das nicht nut, weil die Men-
schen noch ohne gesetzlich vereinbarte Bezüge zueinander leben, sondern vor al-
lem, weil der Mensch im Narurzusrand „weder Voraussicht noch Neugietde"
kennt, d. h. weil „seine durch nichts zu beuntuhigende Seele [...] sich ganz dem
Gefühl seines gegenwärtigen Daseins hin [gibr], ohne irgendeinen Gedanken an
die Zukunft, so nahe sie auch sei." (DOI, 137)
b) Im depravierten Geselbchaftszustand — d. h. in dem, den Rousseau überall
vorfand und dem er sein Modell des in glücklicher Srunde geschlossenen „contrar
social" entgegenstellte - gibt es zwai so etwas wie ein Gesetz odei eine Abma-
chung namens „Veisptechen"; nui witd jedet - nut teilweise an das Gemeinwesen
entäußert, wie et ist — stets veisuchen, dieses Gesetz odet diese Abmachung zut
Wahiung det eigenen Interessen einzusetzen, d. h. ei witd die Vorteile des Vei-
sptechens zu nutzen und die Nachteile zu umgehen suchen.
c) Auch im Zustand des untei dem Diktum des „contrat social" lebenden
Menschen fiele das Veisptechen ganz sichet untei die Geserze — wenn die „vo-
lonte generale" ein solches Gesetz odei eine solche Abmachung für dem „bien
commun" dienlich hält —, und zwat unter die letzten drei Arten zugleich: als ein
Gesetz, das das Verfallen der „membres" zueinander regeh, dem, im Falle eines
Versroßes, mit Hilfe von Sanktionen Geltung veischaffr werden kann und das —
soll es wirklich aus dem „pacte social", den der Einzelne mit sich schließt, ent-
springen und nicht (s. o.) bloß eine ihm außeiliche Foim sein, dei et sich so gut
wie möglich zu entziehen veisuchen witd — ins Herz des „citoyen" und des „sujet"
eingeschrieben ist.
Um nun in dieses Herz zu gelangen — und hier liegt det für die hiesige Diskus-
sion interessante Teil dieses Exkuises - , hat das Veisptechen als ein bestimmtet
Typ soziale! Piaxis gemäß det Rousseauschen Voistdlung von Wesen und Wit-
ken des „corps commun" und der ihn bestimmenden Gesetze zweietlei Möglich-
keiten: Entweder es gelangr dorrhin über den Weg der Gewohnheit, d. h., wie
Rousseau ganz ähnlich wie Hume erhofft, dank der Macht von Sitte und Gebräu-
chen und vot allem: det öffentlichen Meinung; dies wäre die genetische Etklä-
tungsmöglichkeit. Odet abet das Gesetz odet die Abmachung („loi" odei „Con-
vention"), die die soziale Praxis des Versprechens garantiert, entspringt direkt det
„volonte genitale", witd sozusagen gleichzeitig und je aufs neue von allen — inso-
fern „ciroyen" - als „vernünftig" aneikannt und - insofern „sujet" - gelebt; dies
wäre eine systematische Erklärungsmöglichkeir. Auch wenn mit dieset zweiten Et-
klätungsmöglichkeit das Paiadox des Kontraktualismus, i. e. des Urvertrages nicht
umgangen weiden könnte - schließlich haben für Rousseau alle Akte dei „volonte

109 Was ja, in einem rein über die Machr des Schwerres sich definierenden Gemeinwesen, das Ver-
halten des „Foole", wie Hobbes ihn nennt, kennzeichnet. (Vgl. Hobbes 1966, 111.)
202 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

geneiale", wie et sagt, „den Gesellschaftsvettiag zur Grundlage [base]" (CS, 35;
197), ruhen also auf einem Vertag, über dessen Entstehung es zugleich hieß, daß
diesei genau dann zustande komme, wenn alle sich „untet die obeiste Richt-
schnur des Gemeinwillens [sous la supreme direction de la volonte generale]" be-
gäben (CS, 18; 183) - , könnte gleichwohl das Paradox eines Versprechens vor
dem Versprechen vermieden werden: Denn als Gesetz wäre das Versprechen di-
rekter Ausdruck des sich stest aufs neue formierenden Gemeinwillens. Dieser
zweite Typ von soziale Akte gründenden Geserzen oder Abmachungen fände da-
her vor allem in Searles Idee der „collective intentionality" einen nahen Ver-
wandten, denn auch dorr ist ja dei Einzelwille je nut abgeleitet aus dem Ge-
meinwillen, je direkte!, auf keinet zusätzlichen Instanz tuhendei Äusdiuck eines
stets revidieibaten Aktes kollektive! Willensbekundung.
Daß det eiste, genetische Eiklätungsryp einen Haken hat, muß Rousseaus
Theoiie nun nicht großartig atgumentativ nachgewiesen werden: Er sieht ihn sel-
be!. „Um die [...] besten Gesellschaftsregeln ausfindig zu machen", heißt es im
Contrat Social, „bedüffte es einei höheren Vernunft, die alle Leidenschaften det
Menschen sieht und selbst keine hat, die keinerlei Ähnlichkeit mit unseiet Natut
hat und dabei von Giund auf kennt, deren Glück von uns unabhängig ist, und
die gleichwohl bereit ist, sich um unseres zu kümmern." Kurz: „Es bedürfte det
Göttei, um den Menschen Gesetze zu geben." (CS, 43; 203) Daß es diese gesetz-
gebenden Göttei nicht gibt bzw. wii von diesen, wenn es sie gibt, keine Kunde
eihalten, davon freilich zeugt schon allein die Notwendigkeit von eben solchen
Gesetzen, deren Ziel ja nichts anderes ist, als den „Instinkt" durch die Ausfot-
mungen det „Gerechtigkeit" zu ersetzen: „Aber wenn wir sie", srellr Rousseau be-
züglich dieser derart etablierten Gerechtigkeit fest, „von so hoch oben zu empfan-
gen wüßten, hätten wir weder Regierung noch Geserz [nörig]." (CS, 39; 200)
Der Mensch, so Rousseaus Schlußfolgerung, ist also wedei von Anfang an - d. h.
beim Abschluß des „conrrat social" - gerecht, noch hat er direkr die Gesetze zur
Hand, die die erhoffte Gerechrigkeir garanrieren. Die „volonre generale", beim
Ausgang aus dem Naturzusrand demnach nicht ad hoc fähig zu bestimmen, wann
ihre Willensakte wirklich allgemein, d. h. dem „bien commun" dienlich sind und
wann nicht, muß demnach Beschlüsse fassen und Geserze erlassen, die die Men-
schen erst Schritt für Schritt in die Lage veisetzen, eben dies zu lernen: zu unter-
scheiden, wann ein Willensakr wirklich allgemein ist und wann nur eine Genera-
lisierung des eigenen Partikularwillens. „Damit ein werdendes Volk [un peuple
naissanr]", faßr Rousseau das Problem dieser Konsrruktion selbst zusammen, „die
gesunden Giundsätze det Politik schätzen und den giundlegenden Oidnungen
[les regles fondamentales] det Staatsräson folgen kann, wäre es nötig, daß die
Wirkung zur Ursache werde, daß der Gemeinsinn [l'esprir social], der das Werk
der Errichtung sein soll, der Errichtung selbst vorausgehe und daß die Menschen
schon voi den Gesetzen wären, was sie durch sie weiden sollen." (CS, 46; 205)
Dei genetische Eikläiungstyp von Gesetzen oder Abmachungen, der „Gerechrig-
keit" zur Grundlage sozialer Handlungen macht, fuhrt damir direkt in eine zii-
kuläre Begründungsschlaufe, die schon von Humes Überlegungen zum „moral
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 203

sense" bekannt sind: Denn auch diesei hatte ja diese eigenwillige Zwitteistellung
inne, eineiseits natuigegebene, unzureichende Dispositionen eisetzen zu sollen,
um „justice" zum Maßstab sozialen Handelns zu machen, andeieiseits wai et
selbst nichts, was je schon - natuigegeben - da wat, sondern je nui ein Produkt
besagtet „justice", Schritt für Schritt zu etablieren durch das Wirken von „Cu-
stom and Habit". Die genetische Eiklätungsvaiiante eines „Gemeinsinns" („espiit
social" bei Rousseau, „motal sense" bei Hume) hat als Grundlegungsfigur des So-
zialen demnach nut begrenzte Überzeugungskraft.
Bleibt als wirklich triftiges Eikläiungsmodell einer gesetzlich geregelten sozia-
len Praxis namens „Versprechen" nur der zweite, oben „systematisch" genannte
Ansatz: in dem eine solche Praxis je direkt ein Produkt dei sich stets aufs neue
formierenden „volonte generale" wäre, fuhend einzig auf einem immer schon als
abgemacht geltenden „contrat social", det seineiseits freilich zu diesei Abma-
chung tückgteift auf besagte „volonte generale" usf. Die Selbstverpflichtung, die ja
auch bei Rousseau als der enrscheidende Wesenszug des Versprechens gelten
kann, müßte in einem solchen Fall nicht auf die - eist noch zu entwickelnde -
Instanz eines „motal sense" bzw. „esprit social" zutückgreifen, sondern wäre vom
Gemeinwillen direkt gewollt, da der Einzelne — als den Gesetzen unterstehendes
„sujet" - seinen Willen nui abzuleiten bzw. zu übelnehmen btäuchte aus det
„volonte generale", an deren Fotmietung er Teil har als „citoyen". An die Stelle
einer sich ersr Schritt für Schrirr entwickelnden Neigung oder Disposition bzw. ei-
nes sich entwickelnden Sinnes träte damit ein (kollektivei) Wille, der - in die
Dynamik sich je wandelnder Bezüge entlassen - je augenblickhaft sich aufs neue
formiert. Wodurch natütlich das Risiko entsteht - siehe Seailes Beispiel vom Zu-
sammenbruch der Sowjerunion - daß die Gesetze odet „Conventions" (im Sinne
Rousseaus ebenso wie im Sinne Humes) ebenso schnell wieder verschwinden
können, wie sie enrstanden sind, witd ihnen einmal die kollektive Akzeptanz ent-
zogen. Es ist wohl untet anderem dies, was Rousseau im Sinne hat, wenn ei da-
von spricht, daß es absuid wäre, wenn die „volonte generale" „sich Ketten anlegt
füi die Zukunft" (CS, 28; 190): Denn sie ist ihrem Wesen nach unvetäußetlich,
muß die Vetanrworrung für die den sozialen Raum regelnden Abmachungen stets
aufs neue übernehmen, i. e. die Abmachungen stets aufs neue wollen oder eben
fallenlassen. Was einmal gegolten hat bzw. einmal gelten witd, kann demnach nie
zui Vethalten autorisierenden Insranz werden: Einzig relevant ist, was die „vo-
lonte generale" jetzt will.
Unabhängig nun von det damit angenommenen Gottgleichheit det sich so
selbst ex nihilo «greifenden, in srruktureller Schizophrenie gegründeten „com-
munaute"', unabhängig auch von dem Urvertiagspatadox, in das der Gemeinwille
gerär dank der von Rousseau behaupteten Abhängigkeit desselben vom „contrar
social" , ergibt sich damit freilich - in bezug auf das Versprechen — ein nichr

110 Eine Abhängigkeit, die man nicht so leicht fallen lassen kann, wie dies den Anschein haben
mag: Denn wenn es vor der Formung der „volonte generale" bzw. „collective intentionality"
keinen Urverrrag gegeben hat, ist im jeweiligen Augenblick schwer auszumachen, wer - be-
204 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

ganz uneihebliches Problem: das nämlich der Zeir. Wesenszug der so titulierten
sozialen Praxis war auch für Rousseau - wie oben ausgeführr — die darin sich voll-
ziehende Entäußerung an die Zukunft, die einer verpflichtenden Bindung an einen
anderen gleichkommt. Gerade eine solche Bindung odei Entäußerung an die Zu-
kunft abei darf die „volonte geneiale" sich selbst nie aufetlegen: Es wäre iht Ende.
Wüide also diese „volonte generale" eine soziale Piaxis namens Vetspiechen in
die Welt setzen, d. h. wüide ein „Wit" kollektiv beschließen, daß Versprechen
Verbindlichkeir für alle diesem Wir angehörige Einzelne haben soll, dann befände
sich diese „volonte generale" in dem Dilemma, erwas zu beschließen, dessen Gül-
tigkeit sie für die Zukunft explizit nicht veisptechen kann, das abet gleichzeitig
seine eigene Wesensbestimmung eist aus diesei nicht vetspiechbaren Zukunft be-
zieht. Andeis gesagt: wären Veisptechen Gesetze odet Konventionen, die ein sich
selbst je aufs neue etgteifender Gemeinwille beschließt, hieße dies nichts anderes,
als daß ein Wii kollektiv wollen wüide, daß gemachte Veisptechen für die Zu-
kunft verbindlich sind, gleichzeitig abei - um seinei selbst willen - wollen müßte,
daß es die Gültigkeit diesei Konvention selbst nicht vetspiechen kann odet darf
Det Zugriff auf die Zukunft, den das eilassene Gesetz odei die veteinbaite Kon-
vention definiere, dieset Zugriff auf die Zukunft wütde im Akt det Gabe dieses
Gesetzes odet dieser Konvention folglich zugleich negiert. Die „volonte generale"
wüide beschließen: Ja, wii wollen jetzt, daß gegebene Vetspiechen für die Zu-
kunft bindend sind; und zugleich: Und wir wollen, daß diese Zukunft offen ist,
wit motgen also schon wiedei erwas ganz anderes wollen können, z. B. daß mor-
gen Versprechen eben nicht mehr für die Zukunft bindend sind odei abet daß es
motgen gai keine Piaxis namens „Vetspiechen" mehi gibt. Dei Konvention des
Veisptechens eignet demnach eine ihm eigene Ungleichzeitigkeit, die inkompati-
bel ist mit dei Zeitsttuktut der Akte der „volonte generale", versranden als ein
sich je aufs neue ergreifender Kollekrivwille (bzw. eine sich je aufs neue ergreifen-
de „collecrive Intentionality"). Das Versprechen denkr die eigene Gegenwart von
der Zukunft her, eröffnet damit Zukunft, indem es sie an die Gegenwart bindet:
weshalb ihm etwa in Humes Moraltheorie - die bekanntlich als ihr vernehmlich-
stes Ziel das Ubeischieiten räumlichei und zeitlichei Begrenztheiten definiere
hatte - eine so zentrale Rolle zugewiesen wotden ist. Etwas zu versprechen heißr
damit freilich nicht einfach: die Zukunft untet die Hetischaft der Gegenwart zu
bringen, sondern immer auch, die Verflechtung der Gegenwart mit det stets noch
ausstehenden Zukunft sinnfällig zu machen, die Gegenwart als eine nicht bloß
gewordene, sondern srets noch werdende, stets von anderen, noch ausstehenden
Zeitschichten schon dutchdiungene zu erweisen. Rousseaus „volonte generale"
(ebenso wie Searles „collecrive intentionaliry") mag von dieser Anfrage der Zu-

rech rigrerweise - zu der ihre Stimme erhebenden Gemeinschaft gehört und wer nicht. Diese
Frage wäre nicht entscheidbar — denn: wer hätte die Autorirät, sie zu entscheiden? - : sondern
sie müßte sich je schon von selbst ergeben. Jacques Rändere nennt dieses Dilemma der For-
mung einer communitas das „fundamenrale Unrecht [tort fondamental]" des Politischen, das er
weder für verzichtbar, noch für aufhebbar hält und das daher das Wesen des Politischen über-
haupr ausmachr; vgl. Ranciere 1995 und 1997.
DAS ERSTE VERSPRECHEN: HUMES GERECHTE WELT 205

kunft an die Gegenwart nichts wissen: Sie hat für die Zukunft nichts zu veispte-
chen, Zukunft ist nichts anderes als ein Pool noch offener Möglichkeiten, was
einzig zählt, ist das in sich selbst eingeschlossene Jetzt. Eine solche Votstellung
der Einheir des Jerzt sich selbst eigreifender Willensakte abei kann mit einei
Konvention wie die des Veisptechens nut inkompatibel sein: Denn das Aufsprin-
gen det Zeit, das die ihr eigene Ungleichzeirigkeit in sich trägt, hat in dei unge-
teilten Gegenwart keinen Oft.
2.3. ZWEI SCHLUSSFOLGERUNGEN

Zwei Schlußfolgerungen, die die Frage der Grundlegung sozialer Praxen wie der
des Versprechens berreffen, seien aus dem bisher Gesagren gezogen. Läßr man
einmal die Version des durch den „conrrat social" geschlossenen Urvertrages außei
acht — weil diese, wie gezeigt, notgedrungen in ein Gründungsparadox führt - ,
bleibr als Grundlegungsfigur einer Praxis des Versprechens sowohl bei Hume als
auch bei Rousseau die Vorstellung einer „Convention" übrig, die sich auszeichnet
voi allem dadutch, daß sie je augenblicklich je von allen an ihr Beteiligten je aufs
neue gewollt, (meht odei mindei explizit) geäußert bzw. angezeigt und deshalb
anetkannt wird. Einer derart gefaßten Grundlegungsfigur könnte man nun zwei
Charakteristika - nach dem bishet Gesagten - nicht absprechen: Eineiseits wohnt
ihr - siehe Hume - ein Zug von Selbstvorgängigkeit inne, insofern jeder Verspre-
chen begründenden „Convention" selbst je schon ein Veisptechen innewohnt -
das nämlich, man wüide sich fürderhin von den von dieser „Convention" gesetz-
ten Maßstäben in seinem Handeln leiten lassen; und zweitens würde ihr zugleich
- siehe Rousseau — ein unrilgbarer Zug von Ungleichzeitigkeit eignen, insofern
diese „Convention" nut entstehen kann auf dei Gtundlage eines ungeteilten Jetzt,
das mit der primordial mir dem Versprechen einhergehenden Entäußerung an die
Zukunft inkomparibel ist. Der Gedanke einer Grundlegung der Praxis des Ver-
sprechens durch sie - mit Hilfe solcher „Conventions" — (je aufs neue) stiftende
Serzungsakre, auf die man sich später bei „abweichendem" Verhalren autorisie-
rend berufen kann, wird durch diese beiden der „convenrion" des Versprechens
innewohnenden Züge merklich beunruhigt: Denn die Geste dei Autoiisietung
fände sich einerseirs bald mir der Erkenntnis konfronrierr, daß es die dabei belie-
hene „Convention" nie wirklich gegeben hat, sondern sie je nur versprochen wor-
den isr, bzw. nie geben wird, sondern je nur versprochen werden kann; und sie
müßte zweitens zugestehen, daß die beliehene „convenrion" nur für ein „Jetzt"
hat vetspiechen können, was doch voi allem auf ein „Spätei" sich bezieht, d. h.
erwas in und für eine Zeir versprochen har, das dieser Zeir gar nichr mehr ange-
hört, sich geradezu darüber definiert, dieser Zeit nicht mehr anzugehören.
Isr man, auf der Suche nach Figuren der Grundlegung sozialer Verbindlichkeit
- und dieser Suche galt immethin ein guter, wenn nicht gai dei wichtigste Teil
dei Theoiie Humes (und wohl auch det Rousseaus) — einmal an einem solchen
Punkt angelangt, muß man einräumen — dies wäre die zweite angekündigte Kon-
sequenz aus den oben angestellten Übeilegungen —, daß dies nicht ohne Folgen
für den ontologischen Status det in Frage stehenden „Convention" selbst bleiben
kann. Die wohl einfachste Konsequenz, die man aus dem bisher Gesagren ziehen
könnte, wäre unbesrreirbar die, sich von der Idee der genannten „Convention"
ganz zu verabschieden. Dies aber wäre, wie gesagt, nut die wohl einfachste und
ZWEI SCHLUSSFOLGERUNGEN 207

eine nichr unbedenkliche dazu: Denn man würde die Frage sozialer Verbindlich-
keir vom Feld des Sozialen ablösen, müßte also entweder auf eine außersoziale In-
sranz rückgreifen (was anklingr in der Bemerkung Rousseaus, daß es der Götter
bedürfte, um den Menschen Geserze zu geben , ebenso wie in den Behauptun-
gen Searles, kollekrive Intentionalität sei „letztlich" ein Produkt biologische!
Gtundmustei); oder man würde die Exisrenz sozialer Verbindlichkeit ganz in
Frage stellen, sie als eine bloße Illusion einander grundsärzlich fremder, unzu-
gänglicher Monaden entlarven: Was freilich nicht erklären würde, wieso es dann
Verbindlichkeit inszenierende Piaxen wie die des Veispiechens übeihaupt gibt
bzw. was es mit diesen Inszenietungen auf sich hat.
Bleiben wit also noch einen Augenblick bei det Voistdlung einet soziale Ver-
bindlichkeit schaffenden „Convention" und fragen wir uns, ob es nicht mögli-
cherweise noch eine andere als die bisher gefundenen Interpretationen deiselben
geben kann, die Sinn zu machen verspricht Humes Texr nämlich legr minde-
srens eine weitere Intetpietation tatsächlich nahe, wenngleich man sich dabei von
der Vorstellung trennen muß, die besagte, das - wie Hume sagt - „sittliche Ge-
fühl dei Veipflichtung" schaffende „convenrion" sei ein mehr oder minder expli-
ziter, in jedem Fall aber tatsächlich stattfindende! einzelne! Akt, det - sobald et
einmal geschehen ist - entsprechende Veibindlichkeit produziert. Sondern diese
andere Intetpietation legt statt dessen nahe, dei Veimutung zu folgen, daß diese
„convenrion" zuerst und voi allem eine notwendige, besrimmte Typen von
(Sprech-)Handlungen begleitende Annahme ist, genauei: eine Annahme, die sol-
che (Sprech-) Handlungsrypen begleitet, die den - für den Raum des Sozialen un-
verzichrbaren - Anspruch auf Moralität erheben. In dieser Perspektive erwiese
sich besagte „Convention" zuerst als eine „Fiktion" (im Sinne Humes), was frei-
lich nicht gleichbedeutend ist damit, daß sie deshalb ein „bloßes", unnützes Pro-
dukt dei Phantasie wäre, das im Ernstfall schnell vetschwindet, sondern was ehet
darauf hindeuten könnte, daß Sozialität ohne bestimmte Fiktionen bzw. fiktio-
nale Setzungen nicht lebensfähig ist. Mit diesem Peispektivenwechsel freilich vet-
schiebt sich das Augenmerk von der Konsisrenz der Figuren der Grundlegung zu
den Srrukruren und Wirkungsweisen der je schon in actu befindlichen Mecha-
nismen dei „Glaubwütdigmachung" solcher Sozialirät generierender Fikrionen.
Genaueres dazu im nächsten Abschnitt, der Humes Theorie abschließend mir der
Searles vergleichr und zugleich - mit dei Betrachtung des Vethältnisses Humes zu
den Witkungsweisen det Rhetorik - einen ersten Schritt Richtung Nietzsche un-
ternimmt.

111 Ähnliches klingt an in Hobbes Feststellung, daß die „Laws of Nature", die „Vorschriften der
narürlichen Vernunft" seien, ihren Ursprung im Görtlichen hätten: weshalb er sie auch die
„göttlichen Gesetze" nennt; vgl. Hobbes 1966, 274.
2.4 „OF ELOQUENCE":
HUME UND DIE RHETORIK

2.4.1 Hume, Searle und das Gründungsproblem des Versprechens

Liest man Humes Übetlegungen zu Stiuktui und Wiikungsweise des sozialen


Aktes „Vetspiechen" und veigleicht man diese mit dei J. R. Seailes, fällt zuerst
einmal natürlich eine Reihe von Defiziten auf. So wirft erwa Humes Rede von
der im Versprechen verwendeten Wortformel noch seht grob im Veigleich mit Se-
ailes detailliertet Analyse der Srrukrur von „speech acts", ebenso wie det laut
Hume in diesei Woirformel zum Ausdruck kommende Entschluß im Vergleich
mir Searles Überlegungen zur sich auf mehrere Ebenen verteilenden Intentionali-
tät jedes Versprechens wie eine noch unbeholfene Vorform erscheinr. So gesehen
stellt sich das Fehlen eines bestimmten theorerischen Insrrumentariums - gerade
weil beide Ansätze die beiden genannten Ebenen bzw. deren Zusammenspiel für
das Zentium des sozialen Aktes „Veisptechen" ansehen - tatsächlich, wie von Se-
aile moniere, zueist als ein nicht uneiheblichei Nachteil für die Genauigkeir der
Beschreibung des in Frage stehenden Phänomens heraus.
Zugleich jedoch fehlr in Humes Theorie nicht nui erwas, sondern es gibr auch
schlichte Differenzen zur Theorie Searles - wobei ich mich der Einfachheit halbei
vornehmlich auf dessen späte Sozialtheoiie beziehe, die die Intuitionen dei
Spiechakttheotie und dei Intentionalitatsphilosophie zusammenführe - und es
gibt erwas, das in Searles Theorie sogar gänzlich fehlt: Eine Idee nämlich von
dem, was Hume „justice" nennt bzw. sich mit dieser Idee verbinder . Dieses

112 Antony E. Pitson, einer der wenigen Autoren, die Humes Konzeption des Versprechens mit det
Searles direkt vergleichen (während, wie Nicolas Capaldi (in Capaldi 1992) gezeigt hat, die
meisten Autoren der analyrischen Philosophie Hume meinen bruchlos für ihre Zwecke verein-
nahmen zu können), kommt zu der Überzeugung, daß beider Theorien in allen wichrigen
Punkren identisch seien. (Diese Identität stellt er u. a. dadurch her, daß er etwa die Fordeiung
Searles (condirion 5), ein Sprechakt könne nur dann ein Versprechen sein, wenn dabei etwas
versprochen werde, was der Versprechende nicht ohnehin „in the normal course of evenrs" rue,
der Aussage Humes korrelieren sieht, „that an action a person promises to perform is not one
which would occur in accordance with his natural passions or inclinations (T 519)." (Pitson
1988, 178) Den Begriff der „narürlichen Affekre oder Neigungen", so wie Hume ihn im Ge-
gensatz etwa zu den „artificial virtues" einführt, gleichzusetzen mit dem, was Searle den „normal
course of events" nennt, erforderr dabei zweifellos eine gute Portion interpretatorischer Freizü-
gigkeit.) Die einzige Differenz zwischen den genannren Autoren sieht Pitson in der unrer-
schiedlichen Auffassung der „essential condition" (in Searles Terminologie) des Sprechaktes
Versprechen: für Searle nämlich sei das Äußern eines Versprechens gleich-bedeutend mit dem
Willen, daß diese Äußerung den Versprechenden auf die versprochene Tat verpflichte, wohin-
gegen für Hume nur die Intention, sich zu binden, Zentrum der Verpflichtung sei (Humes ei-
gene, gegensätzlich lautende Aussagen nennt Pitson dabei zwar, übergeht diese aber im weireren
Verlauf großzügig). „In other words", faßt Pitson den Unterschied zusammen, „while the sixth
point [i. e. ,the essential condition': in making a certain utterance the Speaker wills the obliga-
„OF ELOQUENCE": HUME UND DIE RHETORIK 209

„Fehlen" ist dabei nun nicht einfach - sozusagen vice versa - ein Versäumnis der
Theorie Searles, sondern Teil der Logik derselben. Die Rede von einer „collecrive
inrenrionaliry", deren „inrentionale Foimen" soziale Akte wie den des Veispte-
chens sozusagen von „innen" beseelen, hatte im Genüge jeder Gemeinschaft eine
Instanz wie die der „jusrice" sysremarisch schlichr überflüssig werden lassen. Diese
„intentionalen Foimen" nämlich — laut Seaile die Gtundlage aller unserer Arten
des Umgangs mit anderen und der Welt — waten gemeinsam von „uns" zu „unse-
ren" Zwecken erfunden worden , was das „common interest", dem sie ver-
pflichtet sind, zu einer für alle gleichermaßen verläßlichen wie unproblemati-
schen sozialen Gewißheit weiden ließ; und dies um so mehi, da besagte „inten-
tionale Foimen" - dank dei gtundsätzlichen Verankeiung allei symbolischen
Foimen in biologischen Stiuktuien — in seinei Voistdlung nicht mehi je „inter-
prerierr" werden müssen aus einer Reihe auch anders verstehbaiet „symbolic devi-
ces", sondern uns - als „Backgtound capaciry" - in Fleisch und Blur übergegan-
gen sind. „We normally just see an object or understand a sentence, without any
act of interpreration" , lautet daher eines der bei Searle gebetsmühlenhaft wie-
deikehtenden Gtundaxiome seiner Philosophie.
Hume, der Skeptiket, kennt diese Art det Gewißheit nicht, zumindest nicht in
diesei Unzweifelhaftigkeit. Wer etwas versprichr bzw. erwas versprochen be-
kommt, findet sich seines Etachtens nicht eingebettet in die Foimen des kollekti-
ven Willens eines Wit, det kein anderes außeihalb seinet selbst - d. h. keinen
„othet mind" - kennt, und daher ohne Umweg weiß, was was bedeutet, sondern
der findet sich vor allem und zuerst wieder in einem Nerz von Zeichen, die er zu
geben bzw. zu lesen verstehen muß. Während bei Seatle - ähnlich wie bei
Rousseau - in sozialen Handlungen die individuelle Intentionalität aus det kol-
lektiven, wie et sagt, je nut abgeleitet ist und somit ein „Wit" nicht mehi ist als
eine Ansammlung gleichwertige!, sttukturell austauschbaiei „Ich", zerfällt die

tion to act accordingly, Zusatz T. K.] provides, for Searle, a condition for promising as such,
for Hume, it is a condition only for the Obligation to act accordingly." (Ibid., 179) Diese
scheinbar kleine Differenz ist für Pitson eine große: Denn Hume hätte seines Erachtens all die
Probleme nicht, die er hat, das Motiv der Verpflichrung, gegebene Versprechen zu halten, zu
erklären, würde er Searles Konzeption folgen. „Hume's puzzle", schließt Pitson seine Überle-
gungen darüber ab, wieso weder das Motiv des „Interesses an allgemeinen Angelegenheiten",
noch das der „moralischen Gefühle" die im Versprechen unabdingbare Verpflichtung zu schaf-
fen imstande ist, „is as to how the act of mind peculiar to promising can involve rhe voluntary
undertaking of an Obligation. But, again, this ceases to be puzzling when we consider the Con-
ventions associated with the utterance of ,1 promise ...'." (Ibid., 188) Das damit aufkommende
Problem, daß man dann zu erklären hat, wieso derjenige, der durch den Gebrauch der Kon-
vention sich selbst zu binden ,sagt', sich tatsächlich der eigenen Selbsrverpflichtung verpflichtet
fühlen soll, meint dadurch Pitson lösen zu können, daß er behauptet, das diesbezügliche Motiv
sei schlicht „a regard to virtue itself." (Ibid.) Der im folgenden vorgeführte Vergleich der Posi-
tionen Searles und Humes wird hoffentlich zeigen, daß dies auf einem nicht unproblemarischen
Verständnis dessen, was eine „convenrion" ist, rühr.
113 Was u. a. darauf verweist, daß bei Searle - zumindest im Kontext des Sozialen - am Anfang je-
der Intentionalität im weiten Sinne eine Intention im engen Sinne steht: die Intention nämlich,
Formen zu schaffen, die „Zwecken" dienen.
114 TCS, 134.
210 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

(soziale) Welr Humes in die Asymmetrie von (Zeichen-)Lesenden und Geben-


den, d. h. einem „Ich" und unterschiedlich „weir" von diesem Ich „enrfernten"
anderen. Diese, vom Riß einer grundsärzlichen Differenz gekennzeichnere soziale
Welr vermag dem Einzelnen nichr mehr zu garantieren, daß seine sozialen Akte
gelingen, sobald er sich nur mit seinem Verhalren — d. h. mit der Anwendung der
kollekriv geschaffenen und unterhaltenen intentionalen Foimen - in det „Mitte"
det Gesellschaft befindet, d. h. sich „noimal" vethält. Sondern Humes Einzelnei
- selbst ein aus sich nui schwer eingrenzbares, nichr eindeurig idenrifizierbares
Etwas - trifft auf einen von ihm geschiedenen anderen, der zwar nie ein ganz
anderer ist - immerhin sind wir einander mal mehr, mal weniger ähnlich bzw.
verwandr und teilen darüber hinaus einige „Gewohnheiten", und „durch Ge-
wohnheir und Verwandtschaft dringen wir rief ein in die Gefühle anderer; jedes
Schicksal, das ihnen bevorzustehen scheint, wird uns vermöge der Einbildungs-
kraft lebendig und wirft, als ginge es uns unmittelbai an [and opetates as z/origi-
nally out own]." (T2, 126; 389). Aber dieses „Eindringen" in den anderen, das
veträr schon die eben genannte Formulierung, behälr doch für Hume stets den
Status eines „Als-ob" ' und kommt, selbst bei der feinsten und ausgeprägtesten
Einbildungskraft - die in diesem Kontext wichtigste menschliche Fähigkeit -, nie
bis zum Punkt völlige! Identität, denn „unsere Gefühle und Affekte und deren
Voistdlungen betühien uns lebhafte! als die Gefühle und Affekte iigend eines

115 Vor allem in den Kapiteln „Vom Skeptizismus in bezug auf die Sinne" und „Von der persönli-
chen Identität" am Ende des ersrens Buches des Treatise diskutiert Hume den Status des wahr-
nehmenden Selbst, dessen unbezweifelbare Identität er massiv in Frage stellt. Vom eigenen
„Ich", lautet dabei sein Argument, könne man gar keine einheitliche, identische Vorstellung
haben, denn dieses sei „nichts als ein Bündel oder Zusammen [bündle or collecrion] verschie-
dener Perzeptionen, die einander mit unbegreiflicher Schnelligkeit folgen und beständig in
Fluß und Bewegung sind." Anders gesagt: „Der Geist [mind] ist eine Art Theater, auf dem die
verschiedenen Perzeptionen nacheinander auftreten, kommen und gehen, [make rheir appea-
rance; pass, re-pass, and glide away] und sich in unendlicher Mannigfaltigkeit der Stellungen
und Arten der Anordnung [an infinite variery of posrures and situations] untereinander men-
gen. Es findet sich in Wahrheit weder in einem einzelnen Zeitpunkt Einfachheit [simpliciry]
noch in verschiedenen Zeirpunkten Identität [identity]." (T2, 327; 253) Diese Aussagen stehen
auf den ersten Blick im krassen Widerspruch zu Humes Überlegungen zur sozialen Idenrität,
wie er sie im zweiten und drirten Buch des Treatise entwickelt: in denen Personen Stolz oder
Liebe, Haß oder Neid empfinden bzw. sich entschließen, mit anderen in „Conventions" einzu-
stimmen usf. Dieser Widerspruch wird mal durch den Hinweis auf das „seif als eine (prakti-
sche oder theorerische) Denknotwendigkeit (Pears 1993, Traiger 1987, Biro 1993), mal durch
Differenzierung verschiedener Qualitäten innerhalb des „seif (Capaldi 1992, Waxman 1992),
mal durch die wechselnden Perspektiven Humes (Baier 1991) zu lösen versucht (eine ausge-
sprochen klare Zusammenfassung und Gegenüberstellung der verschiedenen Positionen findet
sich in Penelhum 1992). Für die hiesige Diskussion bedeurend ist vor allem, daß der von
Hume gehegte Zweifel an der Einheir und Selbstgewißheit eines über sich und seine Willens-
akte verfügenden „Ich" auch in seiner Vorsrellung von der Konstitution des sozialen Raums ei-
ne wichtige Rolle spielt: es ist die Zuschreibung von „character" und „name", die immer schon
im anderen ihren Ausgangspunkr finden und die mir jedem sozialen Akt wechseln kann, die
mich als Handelnden bestimmt. Dies wird, hoffe ich, weiter unten noch deutlicher.
116 Denn: „Kein Affekt eines anderen zeigt sich dem Geist unmittelbar [No passion of another dis-
covers itself immediately ro the mind]. Wir bemerken nur seine Ursachen oder Wirkungen. Aus
diesen schließen wir auf den Affekt." (T2, 329; 576)
„OF ELOQUENCE": HUME UND DIE RHETORIK 211

anderen Menschen [out sentiments and passions, theit ideas stfike upon us with
gieatet vivacity than the ideas of any other petson]." (T2, 71; 339)
Humes Einzelne! hätte somit nicht nui mit dem von Seaile zitierten „Indet"
rarsächlich ein „othei-mind problem", sondern virruell mit jedem, dei nicht
identisch mit ihm ist. Und dies ist mehi als ein bloß epistemologisches Problem,
d. h. provoziert nicht nui die Frage, wei von beiden - ich odei dei andere -
Recht hat mit seinei Beschreibung von Welt. Sondern besagtes „othei-mind pro-
blem" ist laut Hume zuerst ein Problem des - in Seatleschem Vokabulai gesagt -
„real life", d. h. der Gesralrung des sozialen Raumes, bei der dieses Problem eben
nicht nut, wie Seatle behauptet, „in odd cases", sondern als eine ihtet stets zu be-
denkenden Giundlagen auftaucht. Gerade im „richtigen Leben", so nämlich lau-
tet eine von Humes giundlegendsten Einsichten, lebt ein jedet zueist in seinem
Bereich, d. h. im Bereich dessen, was ihm nah ist und deshalb zugehört. „Die
Gefühle anderer", srellr er aus der Perspektive dieser Grundkoordinaten des Zur-
Welt-Seins des Einzelnen fest, „beeinflussen uns wenig, wenn die anderen weir
von uns enrfernt sind; sie bedürfen der Beziehung der Nähe, um sich uns voll-
ständig mitzuteilen." (T2, 50; 318) Das angemessene Mittel, die bestehende
Kluft zwischen sich und dem anderen zu überwinden und so die eifotderliche
„Nähe" herzustellen, kann nun bei Hume gerade nicht die von Seatle als letzte
Autoiität bemühte „Notmalität" sein: Denn eine solche „Notmalität" kann je nui
die je meine sein (bzw. mit Abstrichen die „Notmalität" deret, die sich ebenfalls
in meinem Bereich befinden). Würde man diese „Normalität" auf alle anderen
gleichetmaßen ausdehnen, könnte dies aus Humes Sicht nichts anderes heißen,
als auftretende Differenzen schlicht zugunsten einer, nämlich der zufälligerweise
als „normal" aposrrophierten Seite zu nivellieren, statt eine Btücke zwischen ein-
ander fremden Seiten zu schlagen (wovon Searles Umgang mir dem Einwand des
Inders ein gutes Beispiel abgibt) . Ein solche! Brückenschlag aber wird - hat
man einmal die Gewißheit einer alles verbindenden kollektiven Intentionalität
vetloten — unumgehbar, soll Sozialirät übet die Grenzen det „natütlicherweise" je

117 Natürlich findet man - vor allem in Abgrenzung von Hobbes' anthropologischen Vorstellun-
gen — bei Hume immer wieder auch Sätze wie den folgenden: „Nun ist deutlich, daß die Natur
eine große Ähnlichkeir zwischen allen menschlichen Geschöpfen gestiftet hat, so daß wir nie-
mals einen Affekt oder einen Faktor bei anderen beobachten, ohne dazu mehr oder weniger ein
Gegenstück in uns selbst zu finden [of which, in some degree or other, we may not find a par-
allel in ourselves]." (T2, 49; 318) Auch solche Fesrstellungen aber dienen stets nur der Be-
schreibung der Grundlagen eines Problems - dem nämlich, daß man von Identität eben nicht
einfach ausgehen kann - , das nach einer Lösung verlangt; dieser Losung gilt Humes ganzes mo-
raltheoretisches Schreiben.
118 Inwieweir die Vorstellung einer bestehenden „Normalität" weniger eine Tarsache als vielmehr
vor allem Produkt einer bestimmten Rhetorik Searles ist, habe ich oben schon darzustellen ver-
sucht. - Für eine vertiefende, weiterreichende Diskussion der mir der Vorstellung der „Norma-
lirär" zusammenhängenden Probleme siehe vor allem Waldenfels 1998; dort weist Waldenfels
unter anderem mit Canguilhem auf erwas hin, was Searle gern vergißt: „Das Normale ist kein
statischer und friedlicher Begriff, sondern ein dynamischer und polemischer [...]. Normieren
und Normalisieren, das bedeutet: einem Daseienden, Gegebenen eine Forderung aufzwingen."
(Waldenfels 1998, 12)
212 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

schon meinem Areal Zugehörigen hinaus gelingen, d. h. mehi sein als entweder
eine Akkumularion einander bekriegender Monaden , oder aber — siehe Searle -
das Reich der die Regeln für alle vorgebenden „Normalen".
An diesem Punkr nun wird - in der Theorie Humes - die Vorsrellung der „ju-
stice" virulent Deren erste und vornehmlichste Funktion ist es, eine Antwort zu
geben auf die Frage, wie der - zusärzliche, weil den Bereich dessen, was „norma-
lerweise" geschiehr, überschreitende - Impuls zustande kommt, dei dafür sorgr,
daß soziale Akte wie der des Versprechens auch außerhalb „meiner" Welr Aus-
sicht auf Erfolg haben können bzw. ihm überhaupt Wiiksamkeit im „meine"
Welr sowohl zeitlich als auch räumlich übeisteigenden sozialen Raum zugespro-
chen weiden kann. Diese „justice" tuht - wie oben ausfühtlichet dargesrelh - zu-
ersr auf einer generellen oder aber auch mehreren besonderen „convention/s" " .
Andeis als Seaile freilich, für den bei der Berrachtung dei soziale Tatsachen ins
Leben tufenden und am Leben erhaltenden „Conventions" rein das Faktum kol-
lektiver Akzeptanz einet „sufficient numbei of members of rhe relevanr Commu-
nity" - wie erwa in dem von ihm analysierten Beispiel des Zusammenbtuchs det
ehemaligen Sowjetunion - zählt (eine Behauptung, die mit seinem eigenen Bio-
logismus-Argument nur sehr ungenügend fundiert ist und dabei zugleich nicht
glaubhaft zwischen Machtqualität und Machtquantität zu unterscheiden vermag,
d. h. nicht angeben kann, was sich wohl hintei dem mystetiösen Wott „suffi-
cienr" in diesem Fall verbirgr"), hat die „justice" begründende „convenrion", von
der Hume sprichr, nicht zuerst den Charaktei einet empitischen Tatsache, son-

119 Solche „Monaden" würden entsprechend Humes Diktum von der (nur) begrenzt vorhandenen
„benevolence" für die Seinen, weniger einzelne Subjekte als vielmehr kleine Gruppen, Familien.
Clans umfassen. Was auch zu folgendem, von Annerte Baier treffend hervorgehobenem
Phänomen führt: „It [the Humean conception] is not the Hobbesian war of all against all; it is
the very difficult conflict of .ourselves and our friends' against those others and their friends.
The conflict will be in some ways worse than the Hobbesian conflicr, since the .conjuction of
forces' will already have increased individual striking power. But it is in other ways berter, since
its participants not only know the theorerical recipe for ending it, but require no psychological
conversion ro put that recipe into practice." (Baier 1991, 228)
120 Ich werde im folgenden zumeist von „der .Convention' der justice'" sprechen, ohne mich auf
eines der beiden oben dargelegre Modelle festzulegen, i. e. ohne zu entscheiden, ob es sich dabei
um eine generelle „convenrion" oder aber um drei je einzelne, aufeinander aufbauende und da-
her zusammenhängende Einzel-„conventions" (den „Laws of Nature") handelt. Denn: 1) be-
steht strukturell - s. o. - zwischen der generellen „convenrion" und der, um die es hier vor-
nehmlich gehr - die nämlich, die das Versprechen begründet - kein Unterschied: Beide sind
zuersr „Conventions", beide zielen zuerst darauf ab, „justice" zu begründen und so die Grundla-
ge für das im Versprechen so wichtige „sittliche Gefühl der Verpflichtung" zu schaffen; und 2)
gilt Hume - wie bereirs mehrfach beront - innerhalb der drei „Laws of Nature" die dritte, das
Versprechen betreffende „Convention" generell als die entscheidende: da ersr sie den Schritt
über unsere „natürliche", aufs raum-zeitlich „Nahe" begrenzte Ausrichtung vollzieht.
121 Gerade der Zusammenbruch ganzer staatlich organisierrer Sozialsysteme wie dem der ehemali-
gen Sowjetunion wäre, denke ich, dazu angetan, über die komplexe Struktur der Zentrierung
symbolischer Machr, ökonomischer Macht und politischer Macht und deren Wirkungsweisen
nachzudenken; man muß dabei kein Osreuropaexperte sein um zu sehen, daß der Zusammen-
bruch bzw. die fortdauernde Existenz eines solchen Systems von mehr abhängt als einfach nur
von der imaginierten Akzeptanz der Mehrheit ihrer Mitglieder.
„OF ELOQUENCE": HUME UND DIE RHETORIK 213

dein — und diese Lesatt gilt es nun zu belegen - ist nui det Name einet für die
Entstehung und das Funktionieren des Sozialen notwendigen Fiktion, die Allge-
meinheit nicht einfach gleichsetzt mit numerischer Überlegenheit (schließlich geht
es nicht nut um die funktionierende, sondern um die gerechte Gesellschaft), und
deren soziale Wirksamkeit vor allem abhängt vom Grad an Glaubwürdigkeit der in
ihr verhandelten Vorstellungen.

2.4.2 Das Problem noch einmal - aus anderer Perspektive

Beginnen wir dazu mir einem erneuren Blick auf die zentrale Stelle, an det Hume
seinen Begiiff von „Convention" zu etläutetn veisucht: „Ein solche Übereinkunft
[Convention]", heißt es dort, „betuht auf dem allgemeinen Bewußtsein des ge-
meinsamen Interesses [is only a general sense of common interest]; dies Bewußt-
sein geben sich alle Mitgliedei der Gesellschaft wechselseitig kund und weiden so
veranlaßt, ihr Verfahren nach gewissen Normen zu ordnen [which sense all rhe
members of the society exptess to one anothet, and which induces them to regu-
läre theit conduct by cettain tules]." (T2, 233; 490) Die „justice" begiündende
„Convention", von det Humes soziale Akteure ausgehen, ist also nicht zueist eine
zitietbate erste Verabredung odet ein kollektives Ins-Weik-Setzen det Foimen,
nach denen Sozialität sich fürderhin gestaltet, sondern - so wenigstens will es det
Humesche Wortlaut - ist nichts weitet als ein bestimmtet „general sense of com-
mon interest", d. h. ein allgemeiner Sinn odet auch ein allgemein geteiltes Ver-
ständnis " - das, wie es im Treatise heißt, sparet unteistützt witd von einem und
überführt witd in einen „motal sense" (vgl. T2, 270; 522)*" - füi ein „common
interest". Mit dem Ins-Spiel-Biingen dieses allgemeinen Sinns behauptet det Ein-
zelne demnach übet die bloße Faktizität hinaus eine moralische Petspektive ein-
zunehmen, indem et den Ansptuch eihebt, „von seinei petsönlichen, besonderen
Lage ab[zu]sehen und einen Srandpunkt [zu] wählen, den er mit anderen gemein
hat [common to him with othets]." (Vgl. EPM 121; 272) Sich selbsr öffentlich
diesen allgemeinen Sinn für ein gemeinsames Interesse bzw. diesen „motal sense"
zuzuschreiben im Augenblick, in dem man bestimmte Arten von Sozialität be-
treffende Handlungen - wie erwa ein Versprechen - vollzieht: darin liegr der
Kern, d. h. die eigentlich autorisierende Kraft besagtet „Convention", denn eist
diese öffentliche Erklärung, so Hume, veranlaßt („induces") alle sich derart ein-

122 Die von der Lippschen Version abweichende Übersetzung von „a general sense of common in-
teresr" durch „ein allgemein geteiltes Verständnis gemeinsamer Interessen" geht auf Kulen-
kampff zutück; vgl. Kulenkampff 1989, 124.
123 Genau genommen heißt es an dieser Stelle - die vor allem der „Convention" des Versprechens
gewidmer ist - daß besagtes „Interesse" zuerst wirksam sei; „später unterstürzt das Sittlichkeits-
gefühl [a sentiment of morals] das Inreresse". Dieses „sentiment of morals" ist natürlich noch
nicht gleichbedeutend mit dem „moral sense"; gleichwohl ist er - wie der genannte „general
sense" für das besagte Interesse - dessen Grundlage, wie ich oben gezeigt habe. Daher hier die
verkürzende Rede, daß der „general sense of common interesr" später vom „moral sense" unter-
stützt bzw. in diesen überführt wird.
214 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

andet gegenseitig Eikläienden, ihr Verhalten („conduct") nach bestimmten Re-


geln („by cerrain rules") auszurichten, namentlich: den „rules of justice". Zen-
trum der „Convention" det „justice" ist demnach zueist ein Akt öffentliche!
Selbstzuschieibung bzw. Fremdlekrüre , d. h. ein Akr, der allen am Geschehen
Beteiligten dem je anderen und auch sich selbst kenntlich macht, daß das je eigene
Veihalten im Augenblick und fürderhin geleitet wiid von einen bestimmten Sinn
(„sense"), von dem es heißt, diesei sei am Allgemein-, und nicht am Privatinteres-
se orientiert.
Diesei „general sense of common inrerest" bzw. „moral sense" nun ist seinei-
seits freilich laut Hume nichts, was einfach da bzw. je schon wiiksam wäre -
sonst bedürfte es dei ganzen Suche nach besagten „tules of justice" ebensowenig
wie dei genannten öffentlichen Selbstkennzeichnung —, sondern etwas, das es etst
zu schaffen gilt: eben indem man, wie Hume sagt, „dies Bewußtsein [that sense]
anderen Mitgliedern det Gesellschaft ausspricht. Dies weckt unmittelbat das glei-
che Interesse bei dem anderen." (T2, 270; 523) Systematisch ausbuchstabiett
heißt dies, daß die „Convention" det „justice" bei Hume gleichbedeutend ist mit
einem bestimmten, moralisch - weil übet Allgemeinheit und nicht übet bloße
Faktizität" — definierten „general sense of common interest", der öffentlich ge-
äußert, besser: bezeugt werden muß, um dadurch vor allem eines zu bewirken: das
Interesse zu wecken, d. h. zu bewirken odet hervorzubringen („to cause"), daß die-
ses Interesse eben jenen „general sense" hervorbringt Denn „die Eindrücke, die
das Rechrsbewußrsein wecken [those impressions, which give rise to this sense of ju-
stice], [sind] dem Geist des Menschen nicht von Natur aus eigen [...], sondern

124 Im Zusammenhang mit der „Convention" des Versprechens hebt Hume neben der notwendi-
gen Erklärung noch die Notwendigkeit einer Lektüre anderer hervor: „Bemerkt das einzelne In-
dividuum", heißt es dort, „bei allen seinen Mitmenschen das gleiche Versrändnis für sein eige-
nes Interesse [the same sense of interesr], so vollzieht es an seinem Teil den durch das Verspre-
chen geschlossenen Kontrakt". (T2, 270; 522) Zur Rolle der Lektürearbeir im moralischen
Raum siehe unren. - In der Enquiry Conceming the Principles ofMorals faßt Hume noch einmal
beide Seiten der „Convention" der „justice" zusammen, entschärft seine Formulierungen jedoch
durch einen seltsam nichtssagenden, stark an Searle erinnernden Indikativ, wenn er behaupret
er verstehe „unter Verrrag [Convention] einen Sinn für die gemeinsamen Interessen [a sense of
common interest], den jeder in seiner eigenen Brust verspürt, den er bei seinen Mitmenschen
bemerkt, und der ihn gemeinsam mir anderen zu einem allgemeinen, den öffenrlichen Nurzen
bezweckenden Plan oder System des Handelns [a general plan or System of actions] hinführt."
(EPM 158; 306)
125 Da „unser Verhälrnis zu Personen und Dingen [...] in stetigem Fluß [continual fluctuation]
[isr]", wir aber gleichzeitig „gar nicht einigermaßen vernünftig mireinander verkehren [könn-
ten] [converse together on any reasonable terms], wenn jeder von uns Charaktere und Personen
immer nur so betrachtete, wie sie von seinem besonderen Standpunkt aus erscheinen", müssen
wir, um „die forrdauernden Widersprüche, die sich daraus ergeben mußten, zu vermeiden und
eine konstantere Beurreilung der Dinge zu ermöglichen, bestimmte feste und allgemeine Stand-
punkte der Berrachrung [some steady and general poinrs of views] [schaffen]." (T2, 335; 58 lf)
Ziel dieses Allgemeinheitsanspruches in der Moral isr, auch wenn „wir [...] dem Menschen ei-
nen gewissen Grad an Selbstsucht [gestatten], weil wir wissen, daß ein solcher von der mensch-
lichen Natur unzertrennlich ist", nicht einfach die Summe aller faktisch vorhandenen Willen,
d. h. deren fakrisch vorhandenen kleinsten gemeinsamen Nenner zu ermirreln, sondern „un-
parteiisches Verhalten [impartial conducr]." (T2, 336f; 583)
„OF ELOQUENCE": HUME UND DIE RHETORIK 215

[entstehen] duich Kunst und menschliche Übeieinkunft [arise from artiftce and
human Convention]." (T2, 240; 496) Die „Convention" dei „justice" ist also ein
(Äußeiungs-)Akt — odet auch eine Reihe von immet wiedei wiedetholten Äuße-
tungsakten - , det im eigenen Ereignis hervorzubringen hofft, worauf et sich im
selben Akt je schon stützt bzw. dessen Äusdiuck et ist: nämlich eine bestimmte
Are von Sinn [„sense"], det das je eigene Interesse zu transzendieren und so dem
eigenen Handeln eine moralische Giundlage zu geben behauptet.
Um diese paradoxe Stiuktui votstellbat zu machen, findet man in Humes
Texten nun mindestens zwei veischiedene Eiklätungsansätze. Der erste ist det in
seinen Schriften sicherlich dominantere, oben ausführlicher dargestellte: Es ist det
Vetsuch einet zeitlichen Entzetiung mit Hilfe eines genetischen Modells . An-
stelle eines in patadoxet Selbstvotgängigkeit auftauchenden Zugangs zum „com-
mon interest" ttitt in diesem Etklätungsmodell die Vorstellung einet schrittwei-
sen Genese eines Moralität etablierenden „general" bzw. „moral sense": Am An-
fang stehen dort einige wenige, die die Notwendigkeit, das eigene Vethalten an
det Voistdlung eines „common interest" auszurichten, erkannt haben - weshalb
Rousseau den eisten Gesetzgebern zuschreibt, Ttäget „einet höheren Vernunft"
sein zu müssen (vgl. CS, 43; 203), Hobbes den von det „natürlichen Vernunft"
voigegebenen „Laws of Nature" gar göttlichen Uispiung zuspricht'" - , die diese
Eikenntnis dann Schritt füi Schtitt an andere weitetgeben und dadurch den Wir-
kungsradius dieser Erkennrnis erweitern, um sie schließlich mit Hilfe det Macht
dei Erziehung [„Custom and Habit"] bzw. den in det Spiache niedetgelegten
moralischen Ansprüchen auf sozial beständigeren Boden zu stellen. All dies wat
im Zuge det Daistellung der Theorie Humes bereits ausführlich beschrieben
worden, ebenso wie sparet auf den von Rousseau stammenden Einwand hinge-
wiesen wuide, daß es, damit ein solches Modell det Entstehung und Etablieiung
auf .Allgemeinheit" Ansptuch ethebendet „mies of justice" gedacht weiden kön-
ne, „nötig [wäre], daß die Wirkung zur Ursache werde, daß der Gemeinsinn
[l'esprit social], det das Weik det Eitichtung sein soll, der Errichrung selbst vor-
ausgehe und daß die Menschen schon vor den Gesetzen wären, was sie durch sie
werden sollen." (CS 46; 205) Was zu der Erkennrnis geführt hat, daß das - bei
Hume noch in gtoßet Haimlosigkeit sich darstellende, von Nietzsche spätei we-

126 Auch Searle weist immer wieder - u. a. über den Begriff der „Background Capacities" - darauf
hin, daß auch seine Idee einer „social facts" begründenden „collective intentionality" einen ge-
netischen Aspekt hat. Gleichwohl scheint dieser systematisch keinen ernst zu nehmenden Ein-
fluß auf den Prozeß der Schaffung, Anerkennung und fortlaufenden Erhaltung von „social
facts" zu haben; wenigstens in den Beispielen, die Searle gibt, ist davon nichts zu spüren: Ob
dies eine Cocktailparty ist oder nicht, ist ebenso schlicht eine Frage des Ja oder Nein der kol-
lekriven Intentionalität wie die Frage, ob dies noch die Sowjetunion ist oder nicht. Theoretisch
kulminiert dieses Ausschließen des genetischen Aspekts in der Philosophie Searles in dem, was
er „The primacy of social acrs over social objects, of processes over producrs" nennt: „Social
objects are always [...] constitued by social acts; and, in a sense, the object is just the continued
possibility ofthe activity." (TCS, 36).
127 Vgl. Hobbes 1966, 274ff.
216 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

nigei friedlich beschriebene - genetische Modell als empirisch vetstandene


Grundlegungsfigur zumindest nicht unproblemarisch isr.
All das aber ist, wie gesagt, nur die eine in Humes Texten auftauchende Erklä-
rungsmöglichkeir der Funktion bzw. Wirkungsweise des „general" bzw. „moral
sense", der für ihn den Kern der „justice" begtündenden „Convention(s)" bedeu-
tet. Die andere Eiklätungsmöglichkeit ist schwächet, dabei zugleich verschlunge-
ner und vielleicht nui dann zu veistehen, wenn man Humes Hinweis, die Stiuk-
tui des motalischen Urteils sei det des ästhetischen (d. h. der des Geschmacksur-
teils) in hohem Maße verwandr - „So lassen sich", heißr es ganz explizit erwa im
ersren Anhang der Enquiry Conceming the Principle ofMorals, „die gerrennten
Gebiete der Vernunft [reason] und det Neigung [taste] leicht feststellen. Jene
veimittelt die Erkenntnis des Wahren und Falschen [trurh and falsehood], von
dieser stammt das Gefühl für Schönes und Häßliches, Lasrer und Tugend [the
sentiment of beauty and deformity, vice and virrue]." (EPM 145; 294) - , ernsrer,
d. h. kantischer nimmr, als er diese Behauprung vielleichr selbsr versranden haben
mag (wozu noch einmal, wie schon bei Searle, auf Kanrs Intutionen zut Funk-
tionsweise des Beispiels aus det dritten Kritik zutückgegtiffen sei *). Ausgangs-
punkr ist ein erneurer, erwas genauerer Blick in Humes Texte.
„Die Billigung sittlicher Eigenschaften", heißt es grundsätzlich im Treatise,
„entspringt ganz sichet nicht det Vernunft [reason] odei einet Veigleichung von
Vorstellungen [a comparison of ideas], sondern geht einzig und allein hervor aus
einem sittlichen Geschmack [a moral rasre], aus gewissen Gefühlen der Lust und
dei Unlust, welche bei dei Betrachtung und Erwägung bestimmter Eigenschaften
und Charaktere enrsrehen." (T2, 334f; 581)" Moralirär ist also füt Hume wie
Schönheir für Kant zuerst Gegenstand einer besonderen Art von Gefühl, das zwar
als ein „bloß subjektives" (KdU §33, 133) auftritt - schließlich ist es „nut" das je
meinige, kann sich auf keinetlei „objekrive Begriffe" autorisierend beziehen - ,
gleichwohl rrägt es einen über die bloße Subjekrivirät hinausweisenden Allge-
meinheirsanspruch in sich: „Der Begriff der Moral", behauptet daher Hume,
„schließr ein allen Menschen gemeinsames Gefühl ein [a sentiment common to all

128 Wie schon im Rousseau-Exkurs gehr es bei diesem Rückgriff auf kantische Intuitionen dabei
nicht zuersr um die Behauptung einer völligen Idenrität zweier Theoreme, sondern um das
Aufnehmen besrimmter struktureller Parallelen, die helfen sollen, eine Problemlage srärker zu
konturieren, um sie so genauer verstehen zu können.
129 Schon im Zusammenhang seiner Überlegungen zum Sratus von Erkenntnis im ersten Teil des
Treatise war Hume auf die Unhintergehbarkeir des „Geschmacks" gesroßen: „So ist alle Wahr-
scheinlichkeitserkennrnis nichts als eine Art von subjektiver Empfindung [a species of Sensa-
tion]. Nicht allein in Poesie und Musik müssen wir unserem Geschmack und unserem Gefühl
[our raste and or sentiment] folgen, sondern auch in der Philosophie. Wenn ich von irgend-
einem Satz überzeugt bin, so heißt dies nur, daß die Vorsrellung stärker auf mich einwirkt.
Wenn ich einer Beweisführung den Vorzug vor einer andern gebe, so besreht, was ich tue, ein-
zig darin, daß ich aus meinem unmittelbaren Gefühl [feeling] entnehme, welche Beweisführung
in ihrer Wirkung [auf meinen Geist] der andern überlegen isr." (Tl 141; 103) - Wenn man
mir dieser Aussage die oben zitierre Stelle aus den Enquiries zu den Aufgabenbereichen von
„Vernunft" und „Geschmack" liest, fällt einmal mehr auf, daß der Grad der Differenziertheit
mit den Spätschriften nicht immer unbedingt zugenommen hat.
„OF ELOQUENCE": HUME UND DIE RHETORIK 217

mankind]", (EPM 120; 272) weshalb, wei immet moialische Gefühle in einem
moralischen Urteil zum Ausdruck bringr, erwartet, daß dies „alle Zuhöret mit
ihm teilen sollen [in which he expects all his audience are to concui with him]."
(EPM 121; 272) „In allen Utteilen, woduich wit erwas für schön erklären", heißt
es vetgleichbat bei Kanr, gründen wir dieses Urteil „nut auf unsei Gefühl [...],
welches wit nicht als ein Pfivatgefühl, sondern als ein gemeinschaftliches zum
Gtunde legen" (KdU §22, 81); woraus folgt, so Kant weitei, daß det, det etwas
für schön erkläre, sein Urteil „mit einem Ansprüche auf jedermanns Beisrimmung
[bestimmt], als ob es objektiv wäre." (KdU §32, 131) Diese Erwartung allgemei-
ner Einstimmung in ein auf einem bloß subjektiven Gefühl ruhenden Urteil nun
rechtfertigt sich nicht - wedet in Kants Geschmacksutteil noch in Humes morali-
schem Urteil - duich einen Rückgang auf einen Beieich allgemeinei Piinzipien
det Vernunft - s. o. - , aus denen das Urteil mit Notwendigkeit deduzietbat wäre;
ebenso wenig, wie sich besagtet Anspiuch auf Gemeinschaftlichkeir schlicht ab-
leiten ließe aus einet Art Zwang des Faktischen: Denn, sagt Hume, in det reinen
Empirie ist „nichts [...] gewisset, als daß die Menschen in hohem Maße duich
iht Interesse bestimmt werden, und daß sie, selbsr wenn ihre Sorge über ihre ei-
gene Person hinausgeht, damit doch immet in det Nähe derselben bleiben; im
täglichen Leben [in common life] denken sie gewöhnlich nur an ihre nächsten
Freunde und Bekannten [theit neatest friends and acquaintance]." (T2, 283;
534) Die reine Fakrizität kann demnach letzte Autotisietunginstanz dieser Art
von Urteilen nicht sein, pflichrer auch Kant bei: „Wenn jemand ein Gebäude, ei-
ne Aussicht, ein Gedicht nicht schön findet, so läßt et sich [...] den Beifall nichr
durch hundert Stimmen, die es alle hochpteisen, innetlich aufdringen." (KdU
§33, 133) Sondern die Erwartung auf „jedeimanns Beistimmung" rührt daher,
daß der Ansprucherhebende, so Hume, im moralischen Gefühl „von seiner per-
sönlichen, besonderen Lage [absiehr] und einen Standpunkt [wählt], den ei mit
anderen gemein hat [common to him with otheis]" (Vgl. EPM 121; 272), d. h.
„besrimmte feste und allgemeine Standpunkte dei Betrachtung [some steady and
general points of view]" (T2, 335; 581f) für sein Urteil reklamiert . Kantisch ge-

130 Das „common life" ist damit gerade keine Garantie dafür, daß soziale Akte sich am Ideal der
Regel orientieren, um diese bestmöglich zu erfüllen, sondern vor allem dafür, daß jeder versu-
chen wird, diese Regeln zugunsten seiner eigenen Interessen und der der ihm „Nahen" einzu-
setzen.
131 Was heißt es, Handlungen oder Charakrere nicht vom besonderen, sondern von einem „allge-
meinen Standpunkt" aus zu betrachten „ohne Beziehung auf unsere besondere Interessen [wi-
thout reference to our particular inrerest]" (T2, 214; 472)? Harrison machr folgenden Über-
serzungsvorschlag: „I think Hume must mean something like .consider whar our arritude to the
action [in question, T. K.] would be, if we were not personally affected by it'. We should in this
case, 1 think, take into account its effect on us, but not weighted by the fact that it is an effect
on us, but consider it simply as an effect on someone. We will not, I suppose, actually have the
attitude which we would have if our inrerests were not affected, but we can estimate what this
attitude would be, and judge the character in question to be a virtue or a vice accordingly."
(Harrison 1976, 101) Empirisch verstanden (vgl. auch Brown 1994) führt eine solche Inter-
pretation natürlich in eine Schwierigkeit, die Hume selbst wie folgt umschreibt: „Es ist von der
Natur weise eingerichtet, daß persönliche Zusammenhänge [private connexions] gewöhnlich
218 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

sagt: im ästhetischen Urteil bezieht dei Urteilende den übet das „bloß Subjektive"
hinausweisenden Anspiuch, mit dem sein Urteil je schon einhetgeht, aus einem
dazu herbeizitierten „Beurteilungsvermögen", von dem Kanr behauptet, daß die-
ses „in seinet Reflexion auf die Votstellungsatt jedes anderen in Gedanken (a
priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein
Urreil zu halten." (KdU §40, 144)'"
Dieses die Allgemeingülrigkeit einer bestimmten Art von auf Gefühlen ruhen-
den Urteilen verbürgende „Vermögen" nun nennr Kanr für den Bereich der Äs-
thetik „sensus communis", Hume dagegen - dies zumindest wäre eine mögliche
Intetpietation einiget Humeschei Foimulieiungen - in den Gefilden det Moral
„motal sense" odei auch „moral taste" . Beide wissen, daß es weder ftir die Ver-

stärker sind als allgemeine Gesichtspunkte und Erwägungen [universal views and considera-
tions]. Andernfalls würden nämlich unsere Neigungen und Handlungen [our affections and
actions] wegen des Fehlens eines richtig begrenzten Objektes zerflattern und verpuffen." (EPM
73; 229)
132 Spätestens an dieser Stelle beginnt die Parallele natürlich ins Schwanken zu geraten, denn es ist
klar, daß das ästhetische Urteil Kants ein solches ist, „das auf subjektiven Gründen rühr, und
dessen Bestimmungsgrund auch kein Begriff, mithin auch nicht der eines bestimmten Zwecks
sein kann" (KdU §15, 68). Das Humesche moralische Urteil dagegen ist letzdich natürlich ein
zweckorientiertes: Es dient der Etablierung einer sitdichen Ordnung, die für den Einzelnen
überlebensnotwendig ist. Bei Kant geht es im ästhetischen Urteil um einen solchen Zweck nur
indirekt: über den Achtung gebietenden - und so zur Moralität motivierenden - Schauer des
Erhabenen und über die Ausbildung einer „Kultur der Gemürskräfte" auf der - s. o. - laut Kant
das Funktionieren eines ,,dauernde[n] gemeine[n] Wesen[s]" eines Volkes letztlich ruht (KdU
§60,216).
133 Einige Autoren sehen in Humes Moraltheorie mindestens zwei verschiedene, einander enrge-
genstehende Perspektiven am Werk: die des „speetatot" und die des „agent" (vgl. Gauthier
1992; Brown 1994). Die „speetator theory" zeichne sich dabei dadurch aus, „that [it] takes the
central moral concepts to be those used by speetators in the assessment of characrer rraits and
motives", im Gegensatz zur „agent-centered theory", die danach fragr, welche moralischen Be-
griffe von Handelnden gebraucht würden (vgl. Brown 1994, 20). In Widerstreit geraten beide
Perspektiven dabei vor allem durch den Allgemeinheitsanspruch moralischer Begriffe: denn All-
gemeinheit ließe sich nur hersrellen aus der Perspektive eines „general point of view", eine Per-
spektive, die laut Hume empirisch versranden dank ihres Abstrakrheitsgrades freilich eher
handlungshemmend als handlungsmotivierend seien (vgl. erwa EPM 73; 229, FN, oben zitiert).
„How can", faßt Elisabeth Radcliffe dieses Dilemma in einer Frage zusammen, „the ground of
morality be internal and motivating when an inference to the feelings of a hypothetical speeta-
tor is typically necessary to get to genuine moral distinetions?" (Radcliffe 1994, 39) Im An-
schluß an die weiter oben dargestellte Einschätzung Mackies bzw. dessen Interpretation der
„moral sense"-Theorie Humes als einer „Objecrification rheory", die die als „disrinctively mo-
ral" ausgezeichneren Züge einer Handlung oder eines Charakrers als „fictious, created in
thought by the projection of rhe moral sentiments onto the actions (etc.) which are the objects
ofthose sentiments" (Mackie 1980, 74) beschrieben hatte, geht die vorliegende Arbeit davon
aus, daß das Bemühen moralischer Gefühle bzw. eines „moral sense" im sozialen Raum immer
auch eine produktive, weil normative Seite hat: Wer erwas als „gut" oder als „tugendhaft" be-
zeichnet, sagt damit nicht nur etwas aus darüber, wie erwas ist, sondern immer auch (und viel-
leicht sogar vor allem), wie erwas sein soll (bzw. nicht sein soll). Der „moral sense", beschreibt
Hume diesen Zug in der Enquiry Conceming the Principles ofMorals, „besirzt eine produktive
Kraft [has a produetive faculty] und schafft sozusagen eine neue Welt [raises in a manner a new
creation], indem sie alle Objekte der Natur durch die dem inneren Gefühl entnommenen Far-
ben verschönt oder verhäßlicht." (EPM 145f; 294)
„OF ELOQUENCE": HUME UND DIE RHETORIK 219

bindlichkeit noch füi die Existenz dieses „Sinnes" einen letzten Beweis geben
kann , gleichwohl schreiben beide den von ihm getragenen Urteilen eine be-
stimmte Ait von „Norwendigkeir" zu, die Kant für das Geschmacksurreil wie
folgr beschreibt: „Sie kann als Notwendigkeit, die in einem ästhetischen Urteile
gedacht wiid, nut exemplatisch genannr werden, d. i. eine Notwendigkeit det
Beistimmung allet zu einem Urteil, was wie [ein?] Beispiel einer allgemeinen
Regel, die man nicht angeben kann, angesehen wiid." (KdU §18, 78) Kants
Schlußfolgerung: Was schön ist, kann man zwai nicht wissen, abei man kann Bei-
spiele von Schönheit benennen bzw. man kann es — etwa mit Hilfe der Kunsr -
vormachen, um so ein „Beispiel einer allgemeinen Regel, die man nicht angeben
kann," zu schaffen. Eine vergleichbare Intuition findet man nun bei Hume an
zentrale! Stelle in bezug auf die Entdeckung des Moralischen, dott nämlich, wo
et übet den Augenblick dei Entstehung dei „Convention" det „justice" - die für
ihn bekannrlich gleichbedeutend ist mit dei Äußeiung des Moralität gleicherma-
ßen etablierenden wie garantierenden „general sense" — schreibt: „Jedetmann gibt
seinen Gefährten dies Bewußtsein kund, zugleich mit seinem Entschluß, seine
Handlungen darnach einzutichten, untet det Voraussetzung, daß andere das
Gleiche tun. Nun, weiter ist nichts nötig, um jeden zu veranlassen, daß er der
Rechtsordnung gemäß sich verhalte [to perform an act of justice], sobald sich dazu

134 Kant widmet dieser Frage vor allem die Paragraphen 21 und 22 der Kritik der Urteilskraft-, dort
spricht er u. a. davon, daß für den Urteilenden der Gemeinsinn eine „bloße idealische Norm"
sei, daß gleichwohl „diese unbestimmte Norm eines Gemeinsinns [...] von uns wirklich vor-
ausgeserzr [wird]: das beweist unsere Anmaßung, Geschmacksurreile zu fällen." (KdU § 22,
810 Die Frage, ob es eine solche Norm nichtsdestotrorz wirklich gebe, beantwortet er mit ei-
nem: „das wollen und können wir hier noch nicht untersuchen" - ohne später in der Kritik der
Urteilskraft auf diese Frage je zurückzukommen. - Auch bei Hume, der vor allem in seinem
späten Essay Ofthe Standard of Taste den Versuch unternimmt, gegen alle Evidenz doch für die
Existenz eines solchen „Standards" - der eine notwendige Konsequenz aus der tatsächlichen
Existenz einer „idealischen Norm" namens sensus communis wäre - zu plädieren, bleiben die Ar-
gumenre im enrscheidenden Augenblick stets hypothetischer Natur bzw. verlieren sich in der
Vagheit lebensweltlicher Ungenauigkeit. So meint Hume zwar, all die Eigenschaften aufzählen
zu können, derer es bedarf, um über besagten „Standard" ein verläßliches Urteil fällen zu kön-
nen, gesreht aber zugleich zu, daß sich damit die Debatte nur darauf verschoben hat fesrzustel-
len, von welchem „critic" man mit Recht behaupten könne, dieser besirze solcherlei Qualitäten
tatsächlich. Und auch wenn Hume darauf vertraut, daß sich dieses zwar nicht theoretisch, so
doch aber prakrisch zumeist klären lasse, muß auch er am Ende zugestehen, daß „ the different
humours of parricular men" bzw. „the parricular manners and opinions of our age and country"
lerztlich ein unüberwindbares Hindernis darsrellen: „In that case a cerrain degree of diversity in
judgemenr is unavoidable, and we seek in vain for a Standard, by which we can reconcile the
contrary sentiments." (E-OST 250)
135 Im §34 der Kritik der Urteilskraft, überschrieben mit „Es ist kein objektives Prinzip des Ge-
schmacks möglich", benutzt Kant die Hume zugeschriebene Aussage: „Obgleich alle Kritiker
[...] scheinbarer vernünfteln können als Köche, so haben sie doch mit diesen einerlei Schick-
sal", die im Tirel aufgestellte These zu untetmauern. Dies freilich ist für Kant - ebenso wenig
wie für Hume (s. o.) - kein Grund, die Arbeit des Kririkers abzulehnen; dessen Aufgabe sei es,
so Kant, die det Schönheit zugrundeliegende „wechselseitige subjektive Zweckmäßigkeit [...] in
Beispielen auseinanderzusetzen." „Kritik" hat demnach das Verhältnis der Vermögen in der
Produkrion des Schönen zum Gegenstand: „Sie ist Kunst, wenn sie dieses [...] an Beispielen
zeigt." (KdU §34, 1350
220 DAVID HUME ODER VOM WUNDER DES VERSPRECHENS

Gelegenheit bietet. Dies wird dann zum Beispiel für andere." (T2, 242; 498) Was
moralisch ist, könnte man dies mit Hilfe dei eben dargestellten Strukturanalogien
zwischen moralischem und ästhetischem Urteil zu übetsetzen versuchen, kann
man zwar nichr wissen, aber man kann Beispiele davon angeben bzw. - mit Hilfe
einer Kunsr, d. h. einer bestimmten Arr von techne - man kann es vormachen. In-
dem man „Moralisches" derart benennt oder „vormachr", führt man - beispiel-
haft — zugleich die Witksamkeit und Wirklichkeir eines „moral sense" vor, für
den es zv/zt faktisch keine letzte Garantie geben kann, der aber doch durch solche
ihn exemplarisch vorführenden Akre einsichrig bzw. erahnbar wird und dadurch
zugleich Kraft und damir Autorität erhälr. „In einem einzelnen Fall", schreibt
Hume in bezug auf moralische Handlungen, „kann meine Übereinstimmung mit
det Rechtsoidnung in jedei Hinsicht schädlich sein [my justice may be petnicious
in every respecr]. Nur unter der Vorausserzung, daß andere meinem Beispiel fol-
gen [that othets are ro imitate my example], kann ich mich veranlaßt sehen, mit
diese Tugend zu eigen zu machen." Wei „moralisch" handelt, darf demnach
nicht nui erwas run - dies könnte, so richtig es im Prinzip sein mag, sogat
„schädlich" sein - , sondern et muß diesen einzelnen Akt als ein Beispiel für mo-
ralisches Verhalten kenntlich machen, d. h. als Beispiel für ein Verhalten, das
übet den Einzelnen und seine begrenzte Welt hinausweist: „Denn nut duich die-
se Kombination kann die Rechtsoidnung nützlich weiden und mit ein Motiv
sein, mich nach ihren Regeln zu richten." (T2, 242; 498)
Dei „motal sense" - ein angenommenerweise für alle gleichermaßen verbindli-
cher Maßstab zui Beurteilung und Ausrichtung sozialen Veihaltens, Kein det
„Convention" det „justice", die einzig das für soziale Akre wie den des Verspre-
chens notwendige „Meht" hervorzubringen imsrande sind - wäre in einer solchen
Perspekrive nichr einfach erwas rarsächlich Geschaffenes - durch Erziehung,
durch Geserze, durch „agreements" - , sondern - im Humeschen Sinne - eine für
das Funktionieren des Sozialen notwendige Fiktion , die bestimmte Handlungen

136 Kant wäre die gerade vollzogene Transposition der Srruktur der Geschmacksurteile auf das Ge-
biet der Moral natürlich ein Graus. Dies läßt sich schon allein daran ablesen, welchen Stellen-
wert er dem Geben von Beispielen, das in seiner ästhetischen Theorie eine so entscheidende
Rolle spielt, in der Moralrheorie gibt: „Man könnte auch der Sirtlichkeit nicht übler raten",
heißt es etwa in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten, „als wenn man sie von Beispielen
entlehnen wollte. Denn jedes Beispiel, was mir davon vorgestellt wird, muß selbst zuvor nach
Prinzipien der Moralität beurteilt werden, ob es auch würdig sei, zum ursprünglichen Beispiele,
i. e. zum Muster zu dienen. [...] Nachahmung finder in der Moralität nicht statt, und Beispiele
dienen nur zur Aufmunterung, d. h. sie setzen die Tunlichkeit dessen, was das Gesetz gebietet,
außer Zweifel, sie machen das, was die prakrische Regel allgemeiner ausdrückt, anschaulich,
können aber niemals berechtigen, iht wahres Original, das bei der Vernunft liegt, bei Seite zu
serzen und sich nach Beispielen zu richren." (Vgl. GMS A 408ff, 28)
137 Dies isr auch die Argumenrarionsstrukrur Kants: die Frage, ob es den sensus communis ratsäch-
lich gibt, läßt er - wie gezeigt - unbeantwortet. Diese Frage scheint ihm freilich auch zweitran-
gig; wichtiger ist — wie er im Kapitel „Ob man mit Grund einen Gemeinsinn vorausserzen
kann" explizierr - daß „Erkenntnisse und Urreile [...] sich, samt der Überzeugung, die sie be-
gleitet, allgemein mitteilen lassen [müssen]"; dies aber funktioniere nur, wenn man einen Ge-
meinsinn voraussetze: weshalb dieser, so Kant, „mit Grunde angenommen werden [kann]"
(KdU §21, 80f). M. a. W.: der Gemeinsinn ist eine heurisrisch notwendige Fiktion, die wir
„OF ELOQUENCE": HUME UND DIE RHETORIK 221

und Veihaltensweisen begleitet und det diese Handlungen und Veihaltensweisen


zugleich Glaubwürdigkeit, und damit soziale Wiiksamkeit zu verleihen versuchen.
Wer ins soziale Geschehen geworfen isr, hieß es oben, habe laut Hume nicht die
Gewißheit, daß er sich in einer Welt kollektiv geteiltet Foimen problemlos bewe-
gen kann, weil et stets schon Giund derselben sei wie jeder andere auch, sondern
der sei zuerst in ein Nerz von Zeichen geworfen, die er zu geben und die er zu le-
sen verstehen müsse, um in diesem Netz die Zusammenhänge veralten zu kön-
nen. Eine Ait besondeis wichtige! Zeichen sind dabei die dei Moral: Denn nui
sie verweisen auf das „Mehr", das Sozialirär braucht, um leben zu können. Ob ein
solches „Mehi" aktuell je am Weik ist odet nicht, ist dabei von dei allgemeinen
Norwendigkeir der Lektüre nicht ausgenommen, denn, so Hume, zwai sei es
richtig zu sagen: „Wit müssen das Sittliche [the moral quality] im Inneren su-
chen." Abet: „Da wit dies nicht unmittelbai können, so richten wit unsere Auf-
merksamkeit auf Handlungen, als auf die äußetlichen Zeichen"; d. h. wit be-
trachten diese Handlungen vot allem „als Anzeichen gewisse! Geistes- odet Cha-
raktereigenschaften [as signs oi indications of ceitain principles in the mind and
tempet]." (T2, 219; 477) Als wichtigstes „principle in the mind and tempet",
dessen Wirksamkeir es über äußere