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CRAILSHEIM UND REGION Freitag, 1.

Oktober 2010 17
A U S D E M INHALT Staatsmedaillen
Onolzheim freut für Doose
sich auf Elke Maier
als Pfarrerin Seite 18 und Schrödel
Crailsheim/Langenburg. Die gol-
Politiker diskutieren dene Staatsmedaille haben Dieter
Doose aus Crailsheim und Berna-
über Gesundheit dette Schrödel aus Langenburg aus
den Händen von Ludwig Köberle,
und Pflege Seite 21 Minister im baden-württembergi-
schen Ministerium für Ländlichen
Raum, Ernährung und Verbraucher-
schutz, erhalten.
Die Auszeichnung wurde dieses
Jahr auf dem landwirtschaftlichen
Hauptfest in Stuttgart an 33 Persön-
lichkeiten vergeben, die sich um die
Unsere Kinder: Land-, Forst- und Ernährungswirt-
Bei den Blehers sind schaft sowie um den ländlichen
Raum verdient gemacht haben.
die Rollen klassisch „Bürgerschaftliches Engagement
verteilt Seite 16 und ehrenamtliche Tätigkeiten sind
wichtige Säulen einer aktiven Bür-
gergesellschaft“, stellte Köberle he-
Im Strahlenschutzanzug referierte der elektrosensible Funktechniker Ulrich Weiner in der Stadthalle Kirchberg über die Risiken raus. Unsere Zeit sei geprägt durch
Telefon: 0800 488965710 des neuen digitalen Behördenfunks. Foto: Hartmut Volk einen hohen Leistungs- und Wettbe-
E-Mail: familie@swp.de werbsdruck und die zunehmende

Wie krank macht Tetra?


Individualisierung des gesellschaft-
lichen Lebens. „Gerade in diesen
Zeiten brauchen wir Persönlichkei-
ten, die nicht ihr Eigeninteresse in
Elfjährige Informationsabend in Kirchberg stößt auf große Resonanz
den Vordergrund stellen, sondern

frontal erfasst
Die 300 Stühle in der Kirchber- Saulus zum Paulus gemacht – in vie- sodass in jedem Keller mit Hand-
Crailsheim. Eine elfjährige Radle- ger Stadthalle reichten nicht len Vorträgen warnt er nun vor den funk gesendet werden könne. Die
rin ist am Mittwoch um 7.15 Uhr auf Gefahren der Funkstrahlung. Sender müssen dazu rund um die
aus für die vielen Besucher der
dem Fußgängerüberweg am Roßfel- Gegen die neue Tetra-Technolo- Uhr im Betrieb sein.
der Kreisel von einem Mercedes- Informationsveranstaltung gie, die so neu gar nicht sei, son- Für die Umweltmedizinerin Bar-
Fahrer frontal erfasst und dabei ver- über Mobil- und Tetrafunk, zu dern schon vor 20 Jahren entwickelt bara Dohmen aus Freiburg hat das
letzt worden. Die Radlerin stürzte der Bürgerinitiativen des Krei- worden sei, führte der Referent zwei fatale Konsequenzen: Die Tetra-Tak-
im angrenzenden Grünstreifen. Der ses eingeladen hatten. Hauptbedenken ins Feld: Zum ei- tung liege sehr nahe an der mensch-
Autofahrer verlangsamte seine nen sieht er darin eine „völlig veral- lichen Gehirnfrequenz, wodurch Dieter Doose
Fahrt, schaute in den Rückspiegel tete Technologie“, die schon allein neuronale Störungen vorprogram-
und fuhr dann doch davon, ohne HARTMUT VOLK aus Katastrophenschutzsicht abzu- miert seien. Aus ihrer Praxis er- sich in Verbänden und Vereinen für
sich um das Mädchen zu kümmern. lehnen sei. „Unsere Sicherheits- kennt sie einen Zusammenhang andere und die Gesellschaft einset-
Nach einer halben Stunde meldete Kirchberg. Lediglich ein Stuhl blieb kräfte haben in der Funktechnik zwischen dem immer dichter wer- zen“, betonte der Minister.
er sich beim Polizeirevier Crails- den ganzen Abend über unbesetzt. nur das Beste vom Besten ver- denden Funknetz und der wachsen- Dieter Doose wurde unter ande-
heim. Der Führerschein des 24-Jäh- Er stand auf der Bühne und war re- dient“, sagt er, und kritisiert, dass den Zahl von Kindern mit ADHS-Er- rem für sein Wirken als langjähriger
rigen wurde sichergestellt. Bei dem serviert für einen Vertreter der Be- Tetra ursprünglich gar nicht für den krankung. Vor allem für den jugend- Geschäftsführer des Milchwerks
Unfall entstand zudem ein Sach- hörden. Nicht genügend informiert Behördenfunk konzipiert worden lichen oder kranken Organismus be- Crailsheim-Dinkelsbühl und als Prä-
schaden von rund 3800 Euro. pol worden zu sein über Hintergründe sei. Seine zentrale Netzstruktur mit deute die Dauerbestrahlung „Stress sident des Zentralverbandes deut-
und Gefahrenpozential des digita- nur einem Hauptsteuerungsserver ohne Ende“, sagt sie, und warnt vor
len Behördenfunks (Tetra), der dem- mache das System sehr störanfällig. Langzeitschäden wie Alzheimer
nächst in Betrieb gehen soll, ist ein Die Datenübertragung sei überdies und Gehirntumoren.
Hauptvorwurf, den die Veranstalter extrem langsam, und durch den ho- Rektor Hans Schmelzer aus Helm-
Wer bausparen will, erheben. hen Stromverbrauch entstünden stadt hat seine Frau durch Krebs ver-
denkt an vier Steine Um die Informationslücken zu
füllen, hatte Hauptorganisator Wer-
enorme Betriebskosten, für die die
Kommunen in Zukunft mit aufkom-
loren. Er wohnt nahe an einem Mo-
bilfunkmast, und hat seit dessen In-
Crailsheim. „Ein Mensch, eine ner Schüpf ein vierstündiges Mam- men müssten. betriebnahme 22 weitere Krebsfälle
Marke, ein Unternehmen“ – unter mutprogramm mit drei Fachreferen- Gesundheitlich berge Tetra hohe im Hauptstrahlwinkel des Senders
diesem Motto war gestern Abend ten vorbereitet. Den Auftakt machte Risiken, fürchtet Weiner und legte registriert. Auf diesen Zusammen- Bernadette
der Chef der größten Bausparkasse der Funktechniker Ulrich Weiner Krankheitsberichte britischer Poli- hang hellhörig geworden, sammelt Schrödel
des Landes zu Gast im Forum des aus dem Südschwarzwald. Beruf- zisten vor, die auf die Dauerbelas- er momentan Daten aus anderen Privatfotos
HOHENLOHER TAGBLATTS: Dr. lich hatte er sich intensiv mit Mobil- tung durch die Mikrowellenstrah- Städten, mit dem Ziel, eine Studie
Matthias Metz von „Schwäbisch funk beschäftigt, bis er 2002 gesund- lung zurückgeführt werden. Jedoch ausarbeiten zu lassen, die er an die scher Milchwirtschaftler geehrt.
Hall“. Neben dem obligatorischen heitlich zusammenbrach. Diag- sei nicht nur die Gesundheit der Si- oberste Umweltagentur in Europa Für Bernadette Schrödel ist die qua-
Thema Sparen stand auch die Per- nose: Hochgradige Elektrosensibili- cherheitskräfte in Gefahr, die diese schicken will. Denn trotz einer „er- lifizierte Berufsausbildung in der
son Matthias Metz jenseits des Top- tät. Seitdem kann der 33-Jährige Technologie nutzen, sondern die al- drückenden Zahl von Krankheitsge- ländlichen Hauswirtschaft eine Her-
Managers im Fokus. res nur noch in Funklöchern überle- ler Bundesbürger, wenn die 4800 schichten bei Anwohnern von Sen- zensangelegenheit. Sie engagiert
Was der Finanzexperte zu sa- ben, die er nur im Strahlenschutzan- Funktürme in Deutschland alle in demasten“ sei ein Zusammenhang sich zum Beispiel als Mitbegründe-
gen hatte und zu sagen hat, lesen zug verlassen kann. Seine persönli- Betrieb gehen. Ziel sei eine „flächen- bis heute wissenschaftlich noch rin und Sprecherin des Netzwerkes
Sie heute auf Seite 18. che Leidensgeschichte hat ihn vom deckende In-House-Versorgung“, nicht anerkannt. „Agrartourismus Hohenlohe“. pm

„Habe Briefe geschrieben, aber keine Antwort erhalten“


Marion Frickmann reist 1984 aus der DDR aus – Ihre Geschwister darf sie dort bis zur Wende nicht mehr besuchen

I
ch habe die DDR 1984 eigentlich Mann und ich haben unsere Konse- Mit den wichtigsten Habseligkei- Es war damals üblich, Ausrei- rer Schwester?“ In die DDR selbst
aus gesundheitlichen Gründen quenzen daraus gezogen und einen ten und unseren Kindern im sende in das Notaufnahmelager in konnte ich bis zum Fall der Mauer
verlassen. Schon als Kind hatte Antrag auf Ausreise gestellt. Das Schlepptau standen wir am Abend Gießen zu bringen. Von dort aus kein einziges Mal, da ich als Staats-
ich jeden Winter eine schlimme war 1982. des 26. März in Görlitz vor dem Zug ging es für uns ins Übergangswohn- feind angesehen wurde. Mein dama-
Schuppenflechte. Das wurde auch Die Staatssicherheit hat meinem in die Bundesrepublik. Auf dem heim nach Crailsheim. Gleich am liger Mann durfte nicht mal zur Be-
nach der Pubertät nicht besser. An- Mann daraufhin angeboten, sich Bahnsteig herrschte ein schreckli- ersten Tag haben wir beim Spazie- erdigung seiner Mutter einreisen.
fang der 80er Jahre habe ich dann von mir scheiden zu lassen und das ches Gedränge, da wir nur wenige rengehen ein Paar kennengelernt, Als die Grenze 1989 endlich offen
im Westfernsehen, welches ich in Sorgerecht für unsere beiden Kin- das uns seine Hilfe bei der Woh- war, bin ich mit meinen Kindern so-
Zittau glücklicherweise empfangen der zu bekommen. Schließlich habe nungssuche anbot. Auch eine Ar- fort rübergefahren. Zu der Zeit leb-
er ja keine gesundheitlichen Prob- beit haben sie meinem Mann ver- ten mein Mann und ich schon ge-
leme. Natürlich hat mein Mann ab- mittelt. Wir hatten daher einen sehr trennt von einander.
gelehnt. Die Stasi hat nicht davor zu- guten Start. Heute lebe ich mit meinem jetzi-
rückgeschreckt, Familien auseinan- Meine Geschwister habe ich in gen Ehemann in Ellrichshausen.
derzureißen, wenn es zu ihrem Vor- Marion Frick- der ersten Zeit sehr vermisst. Ich Seit drei Monaten arbeite ich bei
teil war. mann (56) lebt habe Briefe an sie geschrieben, aber Elektronik NKL in Wolpertshausen.
Wir waren sehr erleichtert, als un- heute in keine Antwort erhalten. Das lag je- Davor habe ich für andere Elektro-
sere Ausreise 1984 schließlich ge- Ellrichshausen doch nicht an meinen Geschwis- nikfirmen gearbeitet und war selbst-
nehmigt wurde. Wie so viele andere Foto: Anna tern. Die Stasi hat unsere Briefe ab- ständig in diesem Bereich tätig.
auch hatten wir nur 24 Stunden, um Sarah Berger gefangen. Ein Telefon hatten meine Wenn ich über die DDR und unsere
unsere Koffer zu packen, unsere Verwandten in der DDR nicht. Das Ausreise nachdenke, komme ich im-
konnte, eine Sendung über eine Kli- Konten aufzulösen und die DDR zu Augenblicke vor der Abfahrt in die war normal. mer wieder zu dem selben Schluss:
nik in Heidelberg gesehen, die auf verlassen. Zum Glück gab es damals Waggons gelassen wurden. Mein Später bin ich in die Tschechei Ich würde es wieder machen. Ich
Hautkrankheiten spezialisiert war. eine Firma, die sich um den Umzug Mann hievte die Koffer in den Zug. und nach Ungarn gereist, um meine habe mir hier vieles selbst geschaf-
Um in Heidelberg behandelt wer- gekümmert hat. Wir wussten, dass Ich hatte unsere zehn Jahre alte Geschwister zu sehen. Die Stasi hat fen. Das hätte ich im Osten nie er-
den zu können, habe ich einen An- wir für unser neues Leben im Wes- Tochter an der Hand. Unser vierjäh- ein Zusammentreffen nicht verhin- reicht.
trag auf Patientenaustausch ge- ten alles brauchen würden – vom riger Sohn war noch draußen bei dert. Aber sie wussten genau, dass Meine Schuppenflechte wurde
stellt. Dieser wurde aber abgelehnt, Suppenlöffel bis zum Kleider- meinem Bruder. Kurz bevor sich der wir uns trafen. im Lauf der Jahre übrigens von al-
obwohl mich die Klinik umsonst be- schrank. Das alles wurde uns in ei- Zug in Bewegung setzte, reichte er Nach dem Urlaub meinte der leine besser.
handelt hätte. Mein damaliger nem Container nachgeschickt. uns das Kind durchs Fenster. Grenzer immer: „Na, wie geht es eu- ANNA SARAH BERGER