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Dieter Neubauer

Eselsbrücken zur
Chemie – bequeme
Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft
Für alle, die Chemie
lernen wollen oder sollen
essentials
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Dieter Neubauer

Eselsbrücken zur
Chemie – bequeme
Zugänge zu einer
schwierigen
Wissenschaft
Für alle, die Chemie lernen wollen
oder sollen
Dieter Neubauer
Wachenheim, Deutschland

ISSN 2197-6708 ISSN 2197-6716  (electronic)


essentials
ISBN 978-3-658-17729-4 ISBN 978-3-658-17730-0  (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-17730-0

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Was Sie in diesem essential finden können

• Eine kurze Geschichte der Eselsbrücken


• Eselsbrücken in fremden Sprachen und ein paar Dutzend Eselsbrücken zur
Chemie
• Einen Vergleich von Angebot und Nachfrage
• Hilfen zum Erlernen der Nomenklatur
• Nahe und entfernte Verwandte der Eselsbrücken zur Chemie
• Anregungen zum Selberbauen, Entdecken und Benutzen von Eselsbrücken
und ihren Verwandten

V
Inhaltsverzeichnis

1 Eselsbrücken einst und jetzt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1


1.1 Was einst Eselsbrücken waren … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 … und was sie heute sind. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.3 Eselsbrücken in fremden Sprachen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2 Eselsbrücken und Chemie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.1 Populärwissenschaftliche Darstellungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.2 Ein Dutzend Eselsbrücken zur Chemie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
2.3 Was wir aus den Eselsbrücken lernen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2.4 Das Elend der chemischen Nomenklatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
2.5 Eselsbrücken für die Namen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.6 Gedankenassoziationen als Schlüssel zur Nomenklatur . . . . . . . . . . . . 17
3 Bilder als Eselsbrücken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
3.1 Piktogramme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
3.2 Bilder als Eselsbrücken für Chemie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
3.3 Bewegte Bilder. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
3.4 Versuche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
4 Vergleiche, die attraktiven Verwandten der Eselsbrücken. . . . . . . . . . . . 29
4.1 Vergleiche für schwierig zu durchschauende Sachverhalte. . . . . . . . . . 30
5 Unerwartete Hilfe: Die Strukturformeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

Statt eines Schlussworts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45

VII
Eselsbrücken einst und jetzt
1

Wir werfen einen Blick auf die Geschichte der Eselsbrücken, suchen sie in
Wörterbüchern und finden nahe und entferntere Verwandten.

1.1 Was einst Eselsbrücken waren …

Eselsbrücken haben eine lange Geschichte. Sie tritt bereits vor fast 2000 Jahren
aus dem spärlich beleuchteten Nebel der Vorzeit in das helle Licht der
Naturwissenschaft und zwar mit der Meinung eines römischen Forschers.
Es war nämlich Plinius der Ältere, der behauptete, Esel gingen nie über
Brücken, zwischen deren Bohlen sie den Fluss sehen können („nec pontes
transeunt per raritatem eorum translucentibus fluviis“, in Naturalis historia
8, 68). Vermutlich beruht seine Meinung auf der Erfahrung zeitgenössischer
Eselstreiber. Auch spätere Beobachter wie der Deutsche Konrad von Megenberg
und der Schweizer Konrad Gessner, die im 15. bzw. 16. Jahrhundert lebten und
forschten, übernahmen seine Behauptung. So wurde die „Eselsbrücke“ zu einem
häufig gebrauchten Sinnbild für eingebildete Schwierigkeiten und Gefahren, die
nur ein Esel, also ein sprichwörtlich dummes Tier wirklich fürchtet. Jeder, für
den eine solche Brücke kein ernst zu nehmendes Hindernis darstellt, ist demnach
kein Esel, sondern gehört zu den begabteren Menschen. Schon im Mittelalter galt
der Beweis für den fünften Lehrsatz des Euklid als eine solche Brücke, über die
„Esel“ nicht hinweg kommen und die eher zur „fuga miserorum“ (der Flucht der
Bedauernswerten, also zur Resignation der Lernenden) führen.
Dass das gleichschenklige Dreieck im Beweis einer Brückenkonstruktion
ähnlich sieht, mag zusätzlich zu seiner Wahl als Prüfstein beigetragen haben

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D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0_1
2 1  Eselsbrücken einst und jetzt

(Abb. 1.1). Auch der Beweis für den Lehrsatz des Pythagoras galt vielerorts als
eine für dumme Schüler unüberquerbare Eselsbrücke (Abb. 1.2).

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Abb. 1.1   Die erste Eselsbrücke


1.1  Was einst Eselsbrücken waren … 3

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Abb. 1.2   Ein einfacher Beweis des pythagoräischen Lehrsatzes


4 1  Eselsbrücken einst und jetzt

Mit dem Sinne eines Hindernisses wird das Wort „Eselsbrücke“ anscheinend
immer noch manchmal verwendet – zum Beispiel in Teilen Österreichs und Süd-
deutschlands. In diesem Sinne ist es auch literaturgeschichtlich belegt: Justinus
Kerner, ein Zeitgenosse Heinrich Heines, schreibt 1848 in seinem „Bilderbuch“:
„Mein Bruder Carl mühte sich ab, mir Unterricht in der Mathematik zu geben,
aber er konnte mich nicht weiter als zur sogenannten Eselsbrücke, dem pythago-
räischen Lehrsatze bringen“. Außerdem ist die Bedeutung als Hindernis in zwei
wenig gebräuchlichen Redensarten erhalten: Man „bleibt an einer Eselsbrücke
stehen“, wenn man aus Unkenntnis nicht weiter kommt und man „muss mühsam
die Eselsbrücke treten“, wenn man durch fleißiges Lernen die eigene Unwissen-
heit vermindern will. Allerdings scheint die Zahl derer, die „Eselsbrücken“ als
Hindernisse sehen, deutlich zurückzugehen. Vor allem Jüngeren ist diese Bedeu-
tung des Wortes unbekannt.

1.2 … und was sie heute sind

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich allmählich eine andere
Erklärung für das Verhalten des Esels durch. Nun interpretierte man es nicht mehr
als Dummheit, sondern dachte, er fürchte das Wasser, weil er seine Tiefe nicht
abschätzen könne und Angst habe, zu ertrinken. Er verhalte sich also intelligent
und habe deshalb verdient, dass ihm geholfen werde. Folglich baute man dem Esel
in Gedanken Brücken, die ihm ermöglichen sollten, trockenen Fußes oder wenigs-
tens angstlos das andere Ufer zu erreichen. Vor allem Schüler, bald aber auch
Erwachsene verstanden jetzt unter Eselsbrücken Gedächtnisstützen, die dabei hel-
fen, sich schwierige oder zusammenhanglose Dinge zu merken oder auch wohl-
meinende Denkanstöße für Begriffsstutzige. Dadurch wird aus der Eselsbrücke ein
Hilfsmittel. Sie ermöglicht es dem „Esel“, über das gefürchtete Wasser zu gehen
und ans andere Ufer – an die Antwort auf die Prüfungsfrage zum Beispiel – zu
gelangen. Also das genaue Gegenteil der ursprünglichen Bedeutung!
„Einem eine Eselsbrücke bauen“ heißt seither, ihm „mit erheblichen Hilfsmit-
teln eine Aufgabe zu erleichtern“ – so schreibt es Lutz Röhrich in seinem „Lexi-
kon der sprichwörtlichen Redensarten“. Sie ermöglicht ihm, von einem sicheren
Standort aus ein angestrebtes Ziel zu erreichen, nützt also einem begriffsstutzigen
oder gedächtnisschwachen Mitmenschen, einem Schüler oder Studenten zumeist.
Bisweilen bezieht sich der Brückenbauer auch auf die eigene Person – in einem
Anflug von Selbstironie. Ein wenig Herablassung, ein bisschen Überheblichkeit,
oft auch gutmütiger Spott oder Humor schwingt immer in diesem so anschauli-
chen Begriff mit, wenn er benutzt wird.
1.2  … und was sie heute sind 5

Esel können genau so gut wie Pferde schwimmen! Deshalb war die neue
Sichtweise auf das Verhalten des Esels fast sicher abermals falsch. Denn er
fürchtet nicht den Anblick des Wassers und seine unbekannte Tiefe, sondern die
schmerzhaften Fehltritte seiner Hufe in die Lücken zwischen den Bohlen. Er ist
also aus Erfahrung klug geworden und verweigert mit guten Gründen den Gehor-
sam. Ähnlich vorsichtig verhalten sich Kühe, Rehe und Hirsche, denn sie vermei-
den es, über Rundhölzer oder Balken zu gehen, selbst wenn diese nicht auf einer
Brücke, sondern nur leicht erhöht quer über dem Weg durch eine Zaunlücke abge-
legt sind. Weiden- und Ackerlandbesitzer verwehren damit dem Hochwild den
Zugang zu ihrem Landstück und zugleich ihren grasenden Huftieren das Ausrei-
ßen, ohne Wanderer unnötig zu behindern.
Trotz ihres schwachen Fundaments verdrängte die neue Bedeutung die alte
fast vollständig. Und nun waren Eselsbrücken aus dem Leben und Lernen nicht
mehr wegzudenken. Natürlich hat man sie auch vorher schon – wahrscheinlich
sogar seit jeher – benutzt, aber eben nicht als solche bezeichnet. Ähnlich wie die
Witze, Redensarten und Sprichwörter haben sie Erfinder, die erstaunlicherweise
anonym bleiben (wollen?), und ähnlich wie es unglaublich viele Witze über alles
Mögliche gibt, gibt es unglaublich viele Eselsbrücken zu fast allen Wissensgebie-
ten und Wissenschaften. Ja, für manche Gedächtnisstrapazen sind sie ganz unent-
behrlich. So dürfte es für einen Mitteleuropäer unmöglich sein, die chinesische
Sprache und ihre Tausende von Schriftzeichen zu erlernen, ohne über Eselsbrü-
cken Zusammenhänge und Ähnlichkeiten oder auch Unterschiede herzuleiten.
Und nicht nur hier sind sie unentbehrlich.
Dabei gibt es – wieder ähnlich wie bei den Witzen – höchst gelungene, aber
auch faule oder schwache Eselsbrücken. Man kann sie, wenn einem keine ein-
fällt, selbst konstruieren und gerade wenn sie dann etwas grotesk ausfallen,
bleiben sie oft leicht im Gedächtnis. Wir werden bei unseren Ausflügen zu den
Eselsbrücken überraschend viele Fundamente für diese Bauwerke an uner-
warteten Stellen finden. Und die meisten werden sich als erstaunlich tragfähig
erweisen. Manche – die besten von ihnen – sind wunderschön, sozusagen auch
architektonisch interessant und außerordentlich belastbar, und sie helfen nicht
immer nur dem Gedächtnis, sondern oft auch dem Verständnis auf die Sprünge.
Keineswegs verdienen diese wunderbaren Konstruktionen die herabsetzende
Anspielung auf das Grautier der Eselsbrücken. Wir betrachten sie aber als mehr
oder weniger nahe Verwandte und behandeln sie in diesem Büchlein ebenfalls.
Ein Blick in die Wörterbücher anderer Sprachen gibt uns damit Recht.
6 1  Eselsbrücken einst und jetzt

1.3 Eselsbrücken in fremden Sprachen

Es ist interessant und lehrreich, das Wort „Eselsbrücke“ in den Wörterbüchern


fremder Sprachen zu suchen, denn man stößt dabei immer wieder auf Überra-
schungen. Im Lateinischen gibt es den Ausdruck „pons asini“ oder „pons asino-
rum“, natürlich mit dem ursprünglichen Sinn eines Hindernisses. Im Italienischen
fehlt die „Eselsbrücke“ im modernen Sinn, sie heißt dort „regola di mnemotica“,
also Gedächtnishilfe oder -stütze. Im Französischen gibt es zwar „le pont aux
ânes“, also die wörtliche Übersetzung unseres Begriffs. Sie wird aber für eine
allgemein bekannte und leicht begreifbare Tatsache, eine Selbstverständlich-
keit oder Binsenwahrheit benutzt. Außerdem „le guide-âne“, was aber keines-
wegs Eselsführer, sondern vielmehr „Linienblatt“ bedeutet (die Übersetzung mit
„Eselsbrücke“ gilt als veraltet). Die Eselsbrücke in unserem modernen Sinn wird
mit „moyen mnemotechnique“ übersetzt, also ähnlich wie im Italienischen. Für
„jemanden eine Eselsbrücke bauen“ steht „donner un pense-bête à quelqu’un“,
also ungefähr „einem Dummkopf einen Denkanstoß geben“. Die Beschränktheit
des Empfängers wird hier in der Redensart angedeutet, der Vergleich mit dem
Esel aber vermieden.
Das Französisch der Schüler und Studenten kennt allerdings das Wort
„pompe“ für einen Spickzettel und „pomper“ für das Spicken. Es ist fast sicher
aus „pont“, also Brücke entstanden. Ganz ähnlich benutzen im Rheinland Schüler
dafür das Wort „ponzen“ und „Pons“ für eine gedruckte Übersetzung als Hilfsmit-
tel. Auch hier klingt die Eselsbrücke nach, aber das angeblich dumme Tier wird
nicht erwähnt.
Noch eine Kuriosität: Seit 1978 gibt es den vom Verleger Michael Klett
ersonnenen Markennamen PONS. Er ist ebenfalls von der lateinischen „Brü-
cke“ abgeleitet. Vielleicht stand sogar das „Pons“ der rheinischen Schüler bei
der Namensgebung Pate, denn so heißt heute ein Verlag mit Sitz in Stuttgart, der
einen beträchtlichen Marktanteil mit der Herausgabe von „PONS“-Wörterbü-
chern (also Übersetzungshilfen!) errungen hat.
Im Spanischen dagegen ist der „Spickzettel“ eine „chuleta“, also ein
Kotelett oder auch volkstümlich eine Ohrfeige. Das hat mit der anschaulichen
„Eselsbrücke“ nichts zu tun. Wahrscheinlich gab hier der Anklang an „chulo“
(Schlaumeier, Gauner, Strizzi, Angeber, Zuhälter) den Anstoß zur Wortbildung.
Aber auch da wird für die eigentliche Eselsbrücke die „regla mnemotécnica“
vorgeschlagen, ähnlich wie im Portugiesischen, Russischen oder Rumänischen.
Dagegen kennt das Niederländische als Nahsprache des Deutschen sehr
wohl das Wort „ezelsbrug“, und zwar durchaus im modernen Sinne als
Gedächtnisstütze. Eine frühere Verwendung dieses Wortes für eine Prüfungsfrage,
1.3  Eselsbrücken in fremden Sprachen 7

mit der man versuchte, weniger begabte Schüler auszusortieren, ist nur noch im
Lexikon zu finden.
Die Engländer nennen sie „crib“ (Krippe), vielleicht weil der Esel Nahrung
darin findet. So lautet aber auch ein Verb, welches „abschreiben“ bedeutet, ein
anderes beliebtes Hilfsmittel, mit dem findige Schüler bedauerliche Kenntnislü-
cken überbrücken.
Manche Schweden kennen außer der „minnesregel“ auch die „åsnebrygga“.
Erstere ist wieder eine „Gedächtnishilfe“, während das zweite Wort ganz
ungebräuchlich ist und auf den oben zitierten Lehrsatz des Euklid anspielt, also
ein Hindernis bedeutet. Schwedische Freunde versichern mir, dass man dort
aber auch trefflich kommentierte und interpretierte griechische und lateinische
Klassikerausgaben, die selbst minderbegabten Schülern verständlich sind, so
bezeichnet. Mit anderen Worten: Es steht für ein Hindernis und für eine Hilfe
– wird allerdings sehr selten benutzt und ist nicht allen Schweden geläufig. Die
Norweger verwenden ähnliche Ausdrücke.
Im amerikanischen Englisch gibt das Wörterbuch „pony“ an, sodass man ins
Grübeln gerät, ob ein Pony einen Esel ersetzen soll oder ob vielleicht doch das
lateinische „pons“ hier wieder Spuren hinterlassen hat. Auch das Wort „jingle“
wird angeführt. „Jingle“ heißt aber auch Geklimper oder Wortgeklingel.
Die Übersetzung von „Eselsbrücken“ gelingt also nur in wenigen Sprachen
vollkommen. In den meisten müssen wir uns mit „Gedächtnishilfen“ begnügen.
Ihnen fehlt die herabsetzende oder humorvolle Anspielung auf das Grautier. Aber
der Mangel ist hilfreich, denn er erweitert die Bedeutung der „Eselsbrücken“.
Merksprüche, Merkregeln, Merkverse, Assoziationen, Vorstellungen und Verglei-
che lassen sich auch deshalb zwanglos in das Thema dieses Buches einreihen.
Andererseits ist es in den Sprachen, die ohne den Eselsbrückenbegriff auskom-
men müssen, nicht leicht, eine halbwegs klare Grenze zwischen diesen und den
gewöhnlichen, längst bekannten Hilfsmitteln der Mnemotechnik zu ziehen.
Eselsbrücken und Chemie
2

Der beklagenswert schlechte Ruf der Chemie beschäftigt uns, und wir rätseln,
warum Biologie und Physik in der allgemeinen Wertschätzung so viel besser
abschneiden. Die Folgen sind dramatisch: Ablehnung und Ignoranz, die wiede-
rum zu panischer Angst vor dieser unbekannten Wissenschaft und vielen ihrer
Erzeugnisse führt. Eselsbrücken könnten helfen, die Kenntnisse zu verbessern,
aber zwischen Angebot und Bedarf klafft eine riesige Lücke. Was tun?
Und nun zur Chemie! Was ist eigentlich mit ihr los, dass sie eine so traurige
Sonderstellung unter den Naturwissenschaften inne hat und allen Anstrengungen
zum Trotz auch anscheinend unabänderlich behält? Sie ist nicht nur wegen ihrer
Emissionen das Schmuddelkind unter ihresgleichen. Es heißt von ihr auch, dass
sie „stinkt und kracht“ und für Viele ist sie mit dem Begriff „Gift“ untrennbar
verbunden. Zu allem Überfluss gilt sie als schwer erlernbar, wenn nicht ganz und
gar unverständlich. Manche halten chemisches Wissen für entbehrlich, einige sind
sogar stolz auf ihre Ignoranz. Und fast alle wollen nach dem Abitur nie wieder
etwas mit Chemie zu tun haben.
Keine andere Wissenschaft ist so unersetzbar für das Verständnis unserer Welt
und erfährt dennoch so viel Kritik oder Ablehnung. Liegt es daran, dass ihre
Sprengstoffe Millionen Menschen das Leben oder die Unversehrtheit geraubt
haben? Oder daran, dass einige ihrer Produkte sich in der Umwelt anreichern, nur
langsam abgebaut werden und die Gesundheit von Menschen und Tieren gefähr-
den? Oder daran, dass ihre Kunststoffe die Müllberge erhöhen, und manche ihrer
Arzneimittel unerwünschte, ja bisweilen fast unerträgliche Nebenwirkungen haben?
Vielleicht. Aber der Physik verübelt man nicht, dass sie Atombomben hervorge-
bracht hat und der Biologie ebenso wenig, dass sie biologische Waffen ermöglicht.
Sogar ihre jüngste bahnbrechende Innovation, die so gefürchtete Gentechnologie,

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 9


D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0_2
10 2  Eselsbrücken und Chemie

wird ihr nicht wirklich angelastet (es gibt allerdings auch keine nachweisbaren Schä-
den). Wie unterschiedlich zwei vergleichbar „gefährliche“ Naturwissenschaften
gesehen werden, wird klar, wenn man verinnerlicht, wie verschieden die Vorsilben in
„Biochemie“ und „Chemiedünger“ besetzt sind. Vielleicht liegt das daran, dass der
Mensch instinktiv alles „Natürliche“ als ungefährlich und segensreich, alles „Künst-
liche“ als gefährlich oder überflüssig einschätzt.
Wie dem auch sei, die allgemeine Abneigung gegen die Chemie verstärkt natür-
lich die ohnehin weit verbreitete Unkenntnis dieser Wissenschaft. Und die wiede-
rum hat verheerende Folgen: Panische Angst und Hysterie bemächtigen sich des
ahnungslosen Verbrauchers, der sich von unbekannten, giftigen, das Erbgut schä-
digenden oder Krebs erregenden Stoffen überall umzingelt sieht. Da er oft nicht
einmal weiß, dass erst die Dosis einen Stoff zum Gift macht, sieht er hinter jeder
Alarmmeldung der Medien, hinter jeder noch so kurzen oder vereinzelten Grenz-
wertüberschreitung eine tödliche Gefahr. Die Medien wiederum vernachlässigen
ihre Pflicht zu einer ausgewogenen Darstellung zugunsten der bekannten Maxime
„bad news are good news“ und ihre Vertreter sind oft selber mangels Wissen nicht
mehr fähig, chemische Sachverhalte einigermaßen richtig darzustellen.
Dabei stellt sich die Chemie selbst immer schwierigere Aufgaben. Denn mit
immer raffinierteren Methoden können die Chemiker immer niedrigere Konzen-
trationen von Stoffen nachweisen. Sie geben damit ihren Gegnern das Rüstzeug
für alarmistische Warnungen und Panikmache in die Hand. Besonnenere Kom-
mentatoren geraten ins Abseits. Sie gelten als Lobbyisten oder durch die Lobbyis-
ten manipuliert, vulgärer ausgedrückt als gekauft oder bestochen. Selbsternannten
„Fachleuten“ schenkt man allenthalben mehr Glauben als redlichen Wissenschaft-
lern. Das alles paart sich mit der Blindheit gegenüber den Segnungen dieser wahr-
haft biblischen Wissenschaft, welche die Hungrigen ernährt, die Nackten kleidet
und die Kranken heilt.
Die Abneigung gegen die Chemie verstärkt sich unglücklicherweise selbst.
Denn wer in der Schule schon Chemie zum erstmöglichen Zeitpunkt abgewählt
hat, wird auch seinen Kindern nicht empfehlen, diese Wissenschaft ernsthaft zu
erlernen oder gar zu studieren. Er wird nicht protestieren, wenn der Chemieleh-
rer im Unterricht aus Bequemlichkeit oder aus Angst vor „Unfällen“ kaum Expe-
rimente vorführt und erst recht die Schüler nicht ausführen lässt. Im Gegenteil
wird er bei den geringsten Vorkommnissen über den Elternbeirat energisch pro-
testieren, mit dem Rechtsanwalt drohen und damit einen halbwegs vernünftigen,
anschaulichen Chemieunterricht bewusst oder unbewusst sabotieren. Seine Kin-
der werden vor der Chemie noch mehr Angst haben als er selbst und noch mehr
2.1  Populärwissenschaftliche Darstellungen 11

zu Panik neigen. Die Abwärtsspirale kommt also in Schwung. So erklären sich


Vorfälle, bei denen Eltern grotesk überreagieren wie jene Berliner, welche die
sofortige Entlassung eines Chemielehrers forderten, weil er seinen Schülern den
stechenden Geruch des Formaldehyds vorgeführt hatte. Oder die Forderung jener
Villenbesitzer vom Mittelrhein, die nach einer (harmlosen) Abwasserstörung von
einem Chemiekonzern am Oberrhein Schadenersatz wegen Wertminderung ihrer
Immobilie verlangten.
Ähnlich erheiternd wirkt das hilflose Verhalten der Behörden, die ihrerseits
wieder Angst vor den Ängsten der Wähler haben. So kommen Schildbürgerstrei-
che zustande und so konnte es geschehen, dass die wegen ihrer heißen Quellen
weltberühmte Stadt Baden-Baden die Mehrzahl ihrer seit Jahrtausenden bewährten
Kurbrunnen jahrelang stilllegte, weil die Natur (!) den für Trinkwasser in Deutsch-
land vorgeschriebenen Arsengehalt nicht einhält, sondern um ein Vielfaches über-
schreitet. Die Konkurrenz in Bad Kissingen reagierte wesentlich geschickter,
indem sie einfach Höchstmengen für den täglichen Heilwassertrunk vorgab.

2.1 Populärwissenschaftliche Darstellungen

Populärwissenschaft hat es schwer. Von der Wissenschaft wird sie oft nicht ernst
genommen, dem Volk ist sie meist nicht spaßig genug. So navigieren ihre Autoren
mühsam zwischen Scylla und Charybdis oder vegetieren zwischen Pest und Cholera.
Leider ist die Chemie ist nicht nur reich an Gegnern und Feinden, sondern
auch noch bettelarm an leicht verständlichen oder populärwissenschaftlichen Dar-
stellungen, im Gegensatz etwa zur Physik, deren Relativitätstheorie oder Quan-
tenmechanik gewiss weitaus schwieriger zu verstehen ist und dennoch Hunderte
von Schriftstellern zu populärwissenschaftlichen Werken anregt. Ein weiteres
Alleinstellungsmerkmal unserer Wissenschaft!
Die seltenen Autoren solcher Werke haben es doppelt schwer, denn die Che-
mie ist einerseits überreich an Eselsbrücken der ersten Art, also an Schwierigkei-
ten, die den Zugang zu ihren Gefilden erschweren, und andererseits ziemlich arm
an guten Eselsbrücken der zweiten Art, also an Merksprüchen, Gedächtnisstützen
und sonstigen Hilfsmitteln, die das Erlernen dieser Wissenschaft erleichtern.
Ganz sicher besteht also für ihr Erlernen ein erhöhter Bedarf an Eselsbrücken!
Aber das Angebot ist, wie gesagt, bescheiden. Mehr als ein paar Dutzend
Merksprüche sind kaum aufzutreiben. Und nicht alle sind besonders gut. Hier
folgt eine ziemlich willkürlich getroffene Auswahl.
12 2  Eselsbrücken und Chemie

2.2 Ein Dutzend Eselsbrücken zur Chemie

1. „Herr Ober, fünf Helle zwei Cognac!“. Die Anfangsbuchstaben der Haupt-
wörter ergeben von hinten gelesen die Summenformel für Ethanol („Alko-
hol“) C2 H5 OH.
2. „Erst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure!“. Ratschlag
für das Verdünnen von konzentrierten Säuren. Besonders bekannt ist das Ver-
halten der Schwefelsäure: beim umgekehrten Vorgehen siedet das Gemisch
sehr plötzlich auf und spritzt aus dem Reagenzglas heraus, mit manchmal ver-
heerenden Folgen.
3. „Liebe Betty, bitte comm nicht ohne frische Nelken!“. Die Anfangsbuchstaben
erinnern an die acht Elemente der 2. Periode des Periodensystems Li, Be, B, C,
O, N, F, Ne, also Lithium, Beryllium, Bor, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff,
Fluor und Neon.
4. „Laugen färben rotes Lackmuspapier blau“
5. „Armer Teufel, guter Christ.“ Die Anfangsbuchstaben dieser Eselsbrücke
sind Abkürzungen für die vier Basen der Erbinformation, die mithilfe von
Nebenvalenzbindungen deren Weitergabe ermöglichen. Dabei bindet immer
Adenin ­Thymin und Guanin Cytosin. Sehr hilfreich, zumal der Merkspruch
auch Sinn macht, wenn man an die heutigen Christenverfolgungen im Vorde-
ren Orient denkt!
6. „Bei Säuren, dieses merke dir ganz fest, hängt stets das H am Säurerest;
während Basen sich entpuppen als Metall mit OH-Gruppen“. Flott gereimt
und klar in der Aussage.
7. „Mein Esel pisst Bier“. Die Anfangsbuchstaben dienen zum Merken der ers-
ten vier Alkane (Methan, Ethan, Propan, Butan).
8. „Phänomenale Isolde trübt mitunter Leutnant Valentins lüsterne Träume“.
Wieder sind die Anfangsbuchstaben Abkürzungen für die acht essenziellen
(d. h. nicht durch unseren Organismus herstellbaren) Aminosäuren Phenyl-
alanin, Isoleucin, Threonin, Methionin, Leucin, Valin, Lysin, Tryptophan.
Viel schlechter „Phettvillm“, gesprochen „Fettfilm“.
9. „Opa sieht selten teure Pornos“ erinnert mit den Wortanfängen an Oxygen
(Sauerstoff), Schwefel, Selen, Tellur und Polonium, in Buchstaben O, S, Se,
Te und Po, also an die Elemente der 6. Hauptgruppe des Periodensystems.
10. „Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang und Bier der trinke H2SO4!“
11. „Säure plus Lauge jedenfalls gibt immer Wärme, Wasser und Salz“.

Wir sehnen uns allmählich nach Abwechslung und entdecken, dass auch ein ohr-
gängiger Rhythmus hilfreich sein kann:
2.2  Ein Dutzend Eselsbrücken zur Chemie 13

Abb. 2.1   Die räumliche + 2


Anordnung der &
OH-Gruppen in der Glucose
+ & 2+ WD

W +2 & +

+ & 2+ WD

+ & 2+ WD

+ & 2+

Abb. 2.2   Die + 2
räumliche Anordnung &
der OH-Gruppen in der
Galactose
+ & 2+ Wll

WH +2 & +

Ul +2 & +

+ & 2+ Wll

+ & 2+

12. „tatütata“ beschreibt sehr überzeugend die räumliche Anordnung der OH-
Gruppen im Traubenzuckermolekül, während „täteretä“ fast genauso gut die
Galactose, einen Teil des Milchzuckermoleküls vorstellt (Abb. 2.1 und 2.2).

Für den Spanisch- oder Französischkenner bietet täteretä darüber hinaus eine
Anspielung auf die Brustwarze (teta, tétin), womit einer Verwechslung der beiden
Zucker bei ihren Eselsbrücken vorgebeugt ist.
14 2  Eselsbrücken und Chemie

Einige von diesen Eselsbrücken und noch weitere finden sich bei Urban (2006,
S. 273 ff.).
Es fällt auf, dass die meisten Eselsbrücken Akronyme sind, also mithilfe von
Anfangsbuchstaben der Wörter von mehr oder weniger skurrilen Sätzen ver-
suchen, komplizierte Namen, Formeln oder Aufzählungen im Gedächtnis zu
verankern, so die Beispiele 1, 3, 5, 7 und 8. Bei 1 ist es fraglich, ob der Merk-
spruch wirklich leichter zu erlernen ist als das Vielen geläufige C2H5OH, zumal
er rückwärts interpretiert werden muss. 3 und besonders 8 verstärken den Erin-
nerungswert des Anfangsbuchstabens durch nachfolgende Buchstaben, die dann
deutlicher machen, was gemeint ist. Viel schlechter ist für diese Aufzählung
„Phettvillm“ geeignet, weil man sich die Unterschiede zwischen Aussprache
(„Fettfilm“) und der abwegigen Schreibweise merken muss, mit Ph für F, v für f
und dem verdoppelten l in „villm“. Eine Eselsbrücke, die nicht so leicht wie die
vorige zu den gesuchten Substanznamen führt, sondern schwer zu merken ist und
selbst klare Köpfe verwirrt.
Das Beispiel „Armer Teufel, guter Christ“ dagegen schafft den Übergang zu
den Merkversen 2, 4, 6, 9 und 11–12, die ebenfalls chemische Sachverhalte oder
Verwandtschaften charakterisieren.
Auffällig ist, dass fast alle Eselsbrücken ziemlich elementare Kenntnisse vermit-
teln. Nur wenige (z. B. Nr. 5 und 12) befassen sich mit anspruchsvolleren Themen.

2.3 Was wir aus den Eselsbrücken lernen

Dieser Überblick zeigt uns zweierlei:

1. Offensichtlich stellen die Namen von chemischen Elementen oder Verbindungen


das Gedächtnis der Schüler oder Studenten auf eine besonders harte Probe und
2. ein weiteres Hindernis beim Erlernen der Chemie sind die Summen- und
Strukturformeln.

Das sind fürwahr keine sehr überraschenden Erkenntnisse. Aber sie sind entmuti-
gend, denn beide Probleme sind zumindest auf den ersten Blick nicht lösbar.
Und noch ein drittes Ergebnis springt ins Auge: Alle Eselsbrücken stützen das
Gedächtnis. Es gibt keine Eselsbrücken, die das Verständnis fördern. Die deut-
sche Sprache ist dann konsequent: Es gibt auch kein Wort für Merksprüche, in
denen „merken“ nicht Sich-erinnern, sondern Wahrnehmen oder Begreifen
bedeutet. Wir werden weiter unten sehen, dass Vergleiche diese Lücke sehr wohl
füllen können.
2.4  Das Elend der chemischen Nomenklatur 15

2.4 Das Elend der chemischen Nomenklatur

Die Chemie ist über zweihundert Jahre alt – zusammen mit ihrer Vorläufe-
rin, der Alchimie, gut zweitausend. Die Chemiker und Alchimisten haben diese
Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen und ihren Substanzen Namen gegeben,
die – obwohl nicht immer glücklich gewählt – dann meist hartnäckig beibehal-
ten wurden. Bedeutungswandel gehört zum „Lebenslauf“ der ältesten Begriffe.
Ein Beispiel ist das ehrwürdige Wort „Neter“, das schon im Alten Testament der
Bibel vorkommt und wohl „Lauge“ bedeutete. Da diese Lauge wahrscheinlich
aus in der Wüste natürlich vorkommender Soda, also Natriumkarbonat hergestellt
wurde, entstand daraus „Natrium“ und „Natron“, aber auch „Nitrat“ und das eng-
lische „Nitrogen“. Die Tatsache, dass die arabische und die hebräische Schrift die
Vokale nicht ganz eindeutig kennzeichnen, war bei den Wandlungen von „Neter“
natürlich sehr hilfreich. Ärgerlicherweise heißt aber leider die Säure, aus der man
Nitrate macht, „Salpetersäure“, weil sie aus „Salpeter“ (Lateinisch, übersetzt
„Salzstein“) gewonnen wurde.
Zusammenhänge haben die Chemiker meist erst erkannt, als die gewohnten
Namen sich längst eingebürgert hatten und kaum noch auszurotten waren.
So konnte es geschehen, dass die Endung „ol“ erst für ölige Substanzen
benutzt wurde (Beispiele: Glykol, Benzol, Toluol, Xylol, Phenol) – und dann
nur für Alkohole benutzt werden sollte (Beispiele Methanol, Ethanol, Butanol,
Decanol, Phenol). Weswegen man jetzt für „Benzol“ „Benzen“ sagen soll. Das
Wort „Benzin“ klingt verdammt ähnlich, lässt den Unbefangenen vermuten, es
bezeichne eine Substanz mit C-C-Dreifachbindungen wie etwa das Acetylen (=
„Ethin“), vielleicht das unbeständige Dehydrobenzen?, hat aber chemisch mit
keinem der Vorgenannten zu tun, sondern meint ein Gemisch von Kohlenwasser-
stoffen, das wir in die Tanks unserer Autos füllen. Auch das Glycerin entkommt
jeglicher Systematik, denn es enthält keine Dreifachbindung, sondern drei alko-
holische OH-Gruppen. Nitroglyzerin ist gar keine Nitroverbindung wie etwa das
Nitrobenzol, sondern Glycerintrinitrat, ein Ester des Glycerins mit Salpetersäure.
Der unbefangene Student vermutet desgleichen eine Dreifachbindung in Glycin,
Alanin, Arginin oder Asparagin und ist verblüfft, wenn er erfährt, dass es Amino-
säuren sind. Wer hätte das gedacht?
Ähnlich inkonsequent verläuft der Gedankengang, wenn wir vom Benzol oder
Benzen C6H6 zum zugehörigen aromatischen Alkohol C6H5OH wandern. Er heißt
überraschenderweise „Phenol“. Der Benzylalkohol hat seinem Namen zum Trotz erst
recht nicht die Formel C6H5OH, sondern aus unerfindlichen Gründen C6H5CH2OH.
16 2  Eselsbrücken und Chemie

Wir ahnen jetzt schon Böses, wenn wir nach dem Amin des Benzols fahnden.
Und siehe da: es heißt überraschend „Anilin“ und keineswegs Benzylamin. „Phe-
nylamin“ ist zwar auch nicht logisch, aber doch richtig und wenigstens konsequent,
wenn man an Phenol denkt. Wer nun ganz verwirrt ist, rettet sich auf Aminobenzol.
Unser Beispiel steht übrigens auch für die verwirrende Möglichkeit, ein und die-
selbe Substanz mit mehreren verschiedenen Namen zu nennen: Chlormethan und
Methylchlorid sind gleichberechtigte Namen für CH3Cl; Aceton, Dimethylketon
und Propanon sind drei Namen für eine einzige Substanz und Methylethylketon
heißt auch „2-Butanon“. Da ist Verwirrung angesagt und nicht nur da.
Kurzum, hier herrscht ein furchterregendes Tohuwabohu, das noch durch die
gut gemeinten Beschlüsse von Chemiekongressen verstärkt wird. Denn die refor-
mieren die Nomenklatur, erfinden neue Bezeichnungen, die zwar logisch richtig
sind und System in die Unordnung bringen (sollen), aber lange Zeit so gut wie gar
nicht benutzt werden (Beispiel: „Ethansäure“ für Essigsäure). Das führt dann zu
noch mehr Verwirrung, ähnlich wie seinerzeit die rechtmäßige Wahl eines Paps-
tes die Kirchenspaltung nicht beendete, sondern den Gläubigen einen dritten Papst
neben den beiden schon vorhandenen bescherte. Wahrscheinlich riskiert man kein
Geld, wenn man wettet, dass allen Kongressbeschlüssen zum Hohn Ausdrücke
wie das ganz irreführende Nitroglyzerin, Chlorkalk und Salzsäure auch noch in
20 oder 100 Jahren verwendet werden. Und wahrscheinlich immer noch nicht der
neuerdings vorgeschriebene „Dihydroxidodioxidoschwefel“ für Schwefelsäure.
Aber seien wir gerecht! Die Biologie in ihrer klassischen Form als Zoologie
und Botanik stellt an das Namensgedächtnis der Studenten eher noch höhere
Anforderungen als die Chemie und wird dennoch viel weniger mit Klagen und
Anklagen bedacht.

2.5 Eselsbrücken für die Namen

Immerhin, auch hier leisten Eselsbrücken häufig nützliche Dienste, zum Beispiel
wenn man sich ins Gedächtnis ruft, wie und warum die Namen entstanden sind.
Glykol und Glycerin verraten mit ihren Namen, dass sie süß schmecken, denn gly-
kos ist griechisch und heißt „süß“. Die vollständigere Auswertung dieser Esels-
brücke führt schnurstracks zu den Formeln, denn Glykol hat zwei Silben und zwei
Kohlenstoffatome mit OH-Gruppe, Glycerin von all dem drei. Aus „glykos“ ent-
stand außerdem „Glucose“ (Traubenzucker) und „Glykogen“, die stärkeähnliche
Substanz in unserer Leber, aus der im Bedarfsfall Glukose entsteht – generiert wird.
Auch die „Herzglykoside“, die zum Beispiel im Fingerhut vorkommen und eben-
falls zu den Zuckerderivaten gehören, sind uns geläufig. Saccharin, ein Süßstoff,
2.6  Gedankenassoziationen als Schlüssel zur Nomenklatur 17

spielt auf den süß schmeckenden Rohrzucker (die Saccharose) an, gehört zwar
nicht zu den Zuckern, benutzt aber dafür ein Wort, das aus dem Sanskrit stammt
und über das Persische und das Neulateinische bis in unsere Sprache und in die
unserer französischen, spanischen und englischen Nachbarn vorgedrungen ist.
All das sind nur einige willkürlich ausgewählte Beispiele, ein paar weitere fin-
den Sie in der nachfolgenden Abhandlung. Dabei mag es auf den ersten Blick so
scheinen, als ob die Namensherkunft das Gedächtnis nur zusätzlich belastete, also
das genaue Gegenteil einer Stütze sei. Dieser Eindruck trügt, denn die Namens-
herkunft vermittelt fast immer gleich noch Eigenschaften des Benannten, die der
Lernende ebenfalls ins Gedächtnis aufnehmen muss, also zum Beispiel die Farbe
des Elements. Und fast immer ruft der Namen Gedankenverbindungen hervor, die
das Erlernen weiterer Namen erleichtern.

2.6 Gedankenassoziationen als Schlüssel zur


Nomenklatur

Der Name Chlor kommt aus dem Griechischen. Dort bedeutet „chloros“ grün.
Das Chlor ist ein grünes Gas. Auch der Name des Blattgrüns („Chlorophyll“) ist
von „chloros“ abgeleitet, „phyllos“ heißt „Blatt“. Von da springt unser Gedanke
zum Chloramphenicol, einem vielseitigen Antibiotikum und zum Chlormethan,
einem Chlorkohlenwasserstoff, der bekanntlich über den Wellen der Ozeane
bei Sonneneinstrahlung aus Methan und Salzwassergischt entsteht. Chloroform
dagegen erhält man, wenn Chlormethan mit weiterem Chlor reagiert. In der
Anästhesie wurde diese Verbindung lange Zeit als Betäubungsmittel benutzt, die
Patienten wurden „chloroformiert“. Die Endsilbe „form“ erinnert daran, dass aus
Chloroform durch Hydrolyse mit Natronlauge über die unbeständige Orthoamei-
sensäure in einer sehr gefährlichen Reaktion Natriumformiat entsteht. Das ist ein
Salz der Ameisensäure, die von Ameisen als Gift benutzt wird, und, weil Ameise
lateinisch „formica“ heißt, allen Formiaten ihren Namen gab.
„Bromos“ hieß im alten Griechenland „Gestank“, das Element Brom wurde
wegen seines erstickenden Geruchs so benannt. Von da geht die Gedankenverbin-
dung zu den einst als Beruhigungs- und Schlafmittel viel benutzten Bromverbin-
dungen, von denen das Bromazepan fast als einziges noch gebräuchlich ist.
Dampfförmiges Iod ist violett. Von daher rührt sein Name, denn „ioeides“ ist
altgriechisch und heißt violett. Das Iodoform war einst in Zahnarztpraxen ein
unentbehrliches Desinfektionsmittel; es verlieh diesen Räumen einen ganz cha-
rakteristischen Geruch, der den Älteren unter uns gewiss noch in unangenehmer
Erinnerung ist.
18 2  Eselsbrücken und Chemie

Das Wort „Alkali“ stammt aus dem Arabischen. So bezeichneten die arabi-
schen Alchimisten die Holzasche. Sie besteht zu einem beträchtlichen Prozentsatz
aus Kaliumkarbonat. Das arabische Wort hat also dem Element Kalium zu sei-
nem Namen verholfen, außerdem der „alkalischen Reaktion“, die ja eine wässrige
Lösung von Kaliumkarbonat sehr deutlich zeigt. Die erste Hauptgruppe des Peri-
odensystems besteht aus Wasserstoff und den „Alkalimetallen“ Lithium, Natrium,
Kalium, Rubidium, Cäsium und Francium, die zweite aus den „Erdalkalimetal-
len“ Beryllium, Magnesium, Kalzium, Strontium und Barium. Für die erste gilt
die Merkregel „Hallo Lina Komm Rüber Csum Franz!“
Rubidium verdankt seinen Namen der roten Flammenfärbung, die seine Salze
verursachen (rubidus bedeutet im Lateinischen rot). Namensgeber waren Robert
Wilhelm Bunsen und Robert Kirchhoff, zwei Heidelberger Forscher, die Begrün-
der der Spektralanalyse, welche Rubidium im Wasser der Dürkheimer Maxquelle
entdeckten. Sie entdeckten dort auch das Cäsium, das seinen Namen vom latei-
nischen caesius = himmelblau hat, der Farbe seiner zwei typischsten Spektralli-
nien.
Andere Assoziationen nutzen eine Klangähnlichkeit, um dem Gedächtnis auf
die Sprünge zu helfen. Die Rechtschreibung spielt dabei eine sehr untergeordnete
Rolle oder wirkt eher störend. Ein hübsches Beispiel ist uns vielleicht noch aus
dem Lateinunterricht geläufig – es hilft aber auch überraschend vielseitig in der
Chemie:
Die Wörter semel, bis, ter und quater und ihre Bedeutung merkt sich der
Schlaumeier mit
„In die Semmel biss der Kater – einmal, zweimal, dreimal, viermal“.
Er schlägt so gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe, denn die Eselsbrü-
cke führt auch zu einigen chemischen Fachausdrücken lateinischen Ursprungs:
binäre Verbindungen, das binäre Zahlensystem der Informatiker, Bikarbonat,
Bisulfit, Bisulfat, bizyklisch einerseits, Tertiärbutanol, tertiäre Alkohole, tertiäre
Amine, ternäre Säuren oder quaternäre Ammoniumverbindungen andererseits.
Nebenausbeute sind Wörter wie Biathlon, Bigamie, bisexuell, Tertiär, Terz, Terti-
aner, Terzett und Quadrat, Quartär, Quartaner, Quart und Quartett. Ganz anderen
Ursprungs sind einige weitere Fremdwörter, zu denen unser guter Kater trotzdem
führt, wie Semester, Semikolon, semiarid, semilateral, Semifinale, Termin, Qua-
sar und Qatar, jenes ölreiche Fürstentum am Persischen Golf. Angesichts dieser
überwältigenden Ausbeute versteht man, dass Sprachbegabte den Lernaufwand
für eine dritte oder vierte Fremdsprache deutlich leichter überblicken als den Auf-
wand für die ersten zwei.
Die Abkürzung CHONS ist als Wort sinnlos, aber doch gut zu merken und ent-
hält die Symbole für die Elemente, aus denen Proteinmoleküle zusammengesetzt
2.6  Gedankenassoziationen als Schlüssel zur Nomenklatur 19

sind. Fügt man noch P hinzu, so erfasst man alle Elemente, die bei der Weiter-
gabe der Erbinformation eine Rolle spielen und einen hohen Prozentsatz unseres
Körpergewichts stellen.
Zu manchen Begriffen kommen wir von ihrem Gegenteil ausgehend: Das
amorphe Mineral Bernstein führt uns zum polymorphen Quarz, einem Mineral
der Metamorphose. Mineralogen kennen auch die Pseudomorphose, bei der ein
Mineral durch Verwitterung aus einem anderen entsteht, aber heimtückischer-
weise dessen Kristallform beibehält (so gibt es Speckstein in Form von Quarz-
kristallen). Sprachwissenschaftler reden von Morphemen, Chemiker und Ärzte
von Morphinen und Morphium, Kenner des Altertums von Morpheus, dem Gott
des Schlafes. Auch da stolpern wir von einem Wort für „Gestalt“ zu einem Wort,
das Produkte des Schlafmohns kennzeichnet.
Das monomere Styrol wird beim Kochen zum Polystyrol, überhaupt entsteht
das Polymere aus dem Monomeren durch Polymerisation. Hydrophile Substanzen
lieben den Kontakt mit Wasser, hydrophobe sind ihm feindlich gesinnt und wei-
sen es ab, die Phobie ist bekanntlich eine bis zur Feindschaft verstärkte Abnei-
gung. Hydrogen (das Wasser erzeugende Element) ist bekanntlich der englische
Name für Wasserstoff, von ihm kommt hydrieren, dehydrieren, Hydrolyse und
Hydrat, aber auch Anhydrid. Solche Wortassoziationen können auch gewaltig
in die Irre führen, so zum Beispiel, wenn wir lesen, einige waghalsige Touristen
seien bei einem missglückten Ausflug in die Wüste gerade noch rechtzeitig, aber
vollkommen „dehydriert“ aufgefunden worden.
Selbst die Elektrochemie braucht Eselsbrücken für den leichteren Zugang!
Hier ist die Kathode immer negativ, die Anode folglich positiv geladen. An der
Anode findet die Oxidation statt, das ist das A und O der Elektrochemie.
Auch das Stichwort „anodische Oxidation“ lässt sich gut merken (fast von
allein gesellt sich die „kathodische Reduktion“ als das genaue Gegenteil dazu).
Es vermittelt gleich einen weiteren Sachverhalt: Da an der Anode ein schreck-
licher Elektronenmangel herrscht, entreißt sie offensichtlich dem ankommenden
„Anion“ ein oder zwei Elektronen. Beispiel:
2Cl− − 2e− ⇒ Cl2
Oxidation ist also Elektronenverlust. Und das heißt wiederum, dass die Oxidati-
onszahl zunimmt, bildlich gesprochen das Chlor auf der Skala der Oxidationszah-
len von −1 auf 0 aufsteigt. Reduktion entspricht dem Abstieg, schön, dass man
tatsächlich auch von Oxidationsstufen spricht.
So kann man über Assoziationen zu verschüttetem Wissen gelangen, bisweilen
über Umwege oder das blanke Gegenteil. Dabei muss gar nicht immer ein sachli-
20 2  Eselsbrücken und Chemie

cher Zusammenhang erkennbar sein, manchmal genügt eine Wortähnlichkeit, um


uns weiterzuführen.
Diese Art von Eselsbrücken hat den riesigen Vorteil, dass man keine Verse,
kunstvollen Wortbildungen oder Merksätze auswendig lernen muss. Sie stellen
sich fast von alleine ein und stehen im Bedarfsfall auch sofort zur Verfügung,
beanspruchen kaum das Gedächtnis und sind leicht zu erfinden. Ganze Wortket-
ten sind möglich und leicht abrufbar.
Wir könnten so endlos fortfahren und würden damit dieses essential ziem-
lich ungenießbar machen, unterlassen dies aber, weil wir meinen, aufgezeigt zu
haben, dass Assoziationen beim Erlernen der Verbindungsnamen und nicht nur da
äußerst hilfreich sein können.
Bilder als Eselsbrücken
3

Wir beschäftigen uns mit bildlichen Darstellungen, die das Verstehen der Chemie
erleichtern und das einmal Erlernte im Gedächtnis gut abrufbar verankern.
Die Physiologen und Didaktiker versichern uns, dass über 90 % dessen, was
wir lernen und nicht sofort wieder vergessen, über unseren Gesichtssinn aufge-
nommen wird. Deshalb die vielen Power-Point-Vorträge, die in die Reden einge-
blendeten Dias, Tabellen, Kurven, Fotos und Schaubilder. Deshalb kann es uns
auch nicht verwundern, dass viele Eselsbrücken über unsere Augen ihren Weg in
das Gedächtnis finden. Auch solche für die Chemie sind darunter.

3.1 Piktogramme

Was wäre der viel gereiste Flugpassagier im sprachfremden Flughafen ohne die
Piktogramme? Das sind bekanntlich die einfachen Zeichnungen, die den unge-
heuren Vorteil der sprachunabhängigen Lesbarkeit haben. Sie zeigen, wo der
Eingang und wo der Ausgang ist (wobei ein Pfeil das Angezeigte sehr verdeut-
licht), wo der Reisende die Toiletten findet, wie sich dort Herren und Damen
trennen, wo Treppen und wo Aufzüge nach unten oder oben führen, den Weg zu
Laufbändern, den Abflugsteigen und wo man Ankommende begrüßen kann. Ein
Treffpunkt ist ausgeschildert, und welcher Weg zur Passkontrolle oder zu den
Gepäckbändern führt. Oder auch zur Wechselstube für fremde Währungen. Ohne
sie wäre der Reisende verloren. Er müsste Dolmetscher mitnehmen oder kon-
sultieren – ein heilloses Durcheinander wäre die Folge, der Flugverkehr bräche
zusammen.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 21


D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0_3
22 3  Bilder als Eselsbrücken

Ähnlich informieren Piktogramme den Autofahrer über Parkplätze, Kurven,


Einbahnstraßen, gesperrte Straßen, Überholverbote für Lkw, Pkw oder Wohn-
wagenfahrer, Parkverbote, Halteverbote, Vorfahrtstraßen, Autoschnellwege,
Aussichtspunkte, Tankstellen, Verkehrsampeln, Staugefahr, Raststätten, Stein-
schlaggefahr, Bahnübergänge, Tunnels, Steigungen oder Gefällstrecken, zusätzli-
che oder wegfallende Fahrspuren, Gegenverkehr oder Ende des Überholverbots.
Baustellen, Windschneisen und Flugschneisen werden angezeigt, und die Zufahrt
zum Flughafen ist deutlich verschieden von der Ausfahrt zur nächsten Stadt.
Selbst die Autobahnkreuzungen mit ihrem Gewirr an Zubringerstraßen wären
ohne piktogramm-ähnliche Hinweisschilder kaum zu benutzen. Auf Parkplätzen
sieht die geplagte Mutter, wo sie mit ihren Kindern sicher aussteigen kann und
Behinderte erkennen, wo sie parken dürfen. Ähnlich unentbehrlich ist die Bil-
derschrift in Einkaufszentren, Kindergärten und Bahnhöfen. Radfahrer und Wan-
derer freuen sich über leicht verständliche Zeichen für Fußweg oder Radwege,
Wegmarkierungen und Wegweiser – wir könnten noch einige Zeit mit diesen
Aufzählungen fortfahren. Einen Gipfelpunkt erreicht ihre Aussagekraft, wenn ein
Verkehrsschild auf der Autobahn einen Lastkraftwagen darstellt, der von einem
Personenwagen an einer Steigung von hinten gerammt wird, denn es vermittelt
vier Informationen und eine Warnung: Steigung, langsame Lkws und schnelle
Pkws führen zu Auffahrunfällen, also Vorsicht! Oder wenn zum Beispiel ein Park-
verbot mit einem Piktogramm „abschleppen“ kombiniert wird, heißt dies, dass
Zuwiderhandlungen mit Abschleppen geahndet werden.
Piktogramme sind tatsächlich Eselsbrücken, weil sie dabei helfen, Schwierig-
keiten zu überwinden, die ohne sie fast unüberwindbar wären. Sie sind außerdem
die Vorläufer der Bilderschrift der Azteken und Mayas sowie der Zeichenschriften
in China, Japan und Korea.
Selbst die Chemiker kommen nicht ohne Piktogramme aus. Sie warnen im
Labor, im Betrieb oder auch beim Transport vor den Gefahren, die von chemi-
schen Verbindungen ausgehen können, erinnern an die Helmtragepflicht und das
Rauchverbot. Die wichtigsten davon sind in Abb. 3.1 vorgestellt. Klar, dass sie
wie Eselsbrücken funktionieren, denn sie helfen den Arbeitenden, sicher vorzu-
gehen und schwerwiegende Fehler zu vermeiden. Sie meisten von ihnen brauchen
kaum Text und sind auch für Anfänger, Besucher oder Journalisten unmittelbar
verständlich. Nicht zu vergessen ist ihr Informationsgehalt, der zum Beispiel bei
bestimmten Chemikalien die Feuerwehr davon abhält, mit Wasser zu löschen oder
anleitet, Verunglückten fachgerecht erste Hilfe zu leisten.
3.2  Bilder als Eselsbrücken für Chemie 23

bW]HQG (QW]QGOLFK ([SORVLY 6HKUJLIWLJ .RPSULPLHUWH


5HL]HQG *LIWLJ *DVH

&05 &05 8PZHOW 2[LGLHUHQG


6HQVLELOLVLHUHQG 6HQVLELOLVLHUHQG JHIlKUGHQG
7267 7267
XQWHUH.DWHJRULH REHUH.DWHJRULH

Abb. 3.1   Piktogramme warnen vor den Gefahren, die von chemischen Verbindungen aus-
gehen können

3.2 Bilder als Eselsbrücken für Chemie

Naturgemäß sind das die „Eselsbrücken“, die man noch am ehesten in seriösen
Lehrbüchern unserer Wissenschaft findet. Die meisten davon sind allerdings so
sachlich und humorlos, dass diese Bezeichnung denn doch nicht richtig auf sie
passt. Ein schönes Beispiel für eine gelungene bildliche Eselsbrücke finden wir
bei Moore (2015, S. 139), wo er die flache dreiseitige Pyramide des Ammoniak-
moleküls mit einem Melkschemel vergleicht, aus dessen Sitzfläche, dem Stick-
stoffatom, allerdings ein ungebundenes Elektronenpaar emporragt. Mit Recht
frägt er, ob das nun wirklich sehr bequem sei. Es trifft sich gut, dass eine Abbil-
dung dieses „Melkschemels“ auf der gegenüberliegenden Seite zu finden ist.
Methan und das Ammoniumion NH4+ hat die Gestalt eines Tetraeders. Leicht
zu merken, denn die vier Liganden halten untereinander maximalen Abstand,
wie Leute, die sich nicht leiden können. Ersetzt man im Tetraeder eine der Ecken
durch ein nicht bindendes Elektronenpaar, so erhält man die flache Pyramide des
Ammoniakmoleküls (den Melkschemel Moores), wiederholt man diese Operation
an einer zweiten Ecke, so ergibt sich das gewinkelte Molekül des Wassers. Koh-
lendioxid dagegen muss gestreckt gebaut sein, weil die beiden Sauerstoffatome
negativ polarisiert sind, je zwei nicht bindende Elektronenpaare tragen und des-
24 3  Bilder als Eselsbrücken

halb ebenfalls auf größtmöglichen Abstand achten. Im oben erwähnten Lehrbuch


sind diese Erinnerungsstützen auf der gleichen Seite bildlich dargestellt.
Ein anderes Beispiel verdanken wir Dickerson und Geis (1986). Auf S. 473
entdecken wir einen Kletterer am Nylonseil, in wetterfester Kleidung aus Poly-
acrylnitril, mit Feldflasche aus Polyethylen, Plexiglasbrille und Rucksack aus
„Vinyl“, der seine Kletterschuhe aus Neopren ins Gestein stemmt, unter dem
Titel „Zurück zur Natur“. Eine hübsche Karikatur, gut geeignet, um sich wichtige
Kunststoffe und ihre Verwendung zu merken.
Ähnlich wohlgelungen ist die Abbildung einer Spezifitätstasche des Trypsins,
in die ein Benzamidinium-Ion als Inhibitor eingedrungen ist (S. 599).
Mortimer und Müller (2010, S. 275) veröffentlichen eine Reihe von 5 Abbil-
dungen, welche den katalytischen Zerfall von Distickstoff-monoxid-Molekülen
an einer Goldoberfläche vorstellen. Die Serie zeigt anschaulich, wie das Gold
zwei N2O-Molküle jeweils am Sauerstoffatom bindet, dass dadurch die Doppel-
bindung zwischen Sauerstoff und Stickstoff geschwächt wird und zwei N2-Mole-
küle sich verabschieden können. Die beiden alleingelassenen Sauerstoffatome
finden Trost in einer neuen O=O-Doppelbindung und trennen sich nun ihrerseits
von den Goldatomen. Hier sind zur Erklärung des Reaktionswegs die wichtigsten
Schritte sozusagen als Szenen eines Kurzfilms festgehalten (s. Abb. 3.2) und dies
ist für uns ein idealer Übergang zu bewegten Bildern oder filmartigen Vorstellun-
gen, die als Eselsbrücken dienen.

N
N N N
N N N
O N N N
O N N
O O O O
Au Au Au

O O

O O
Au Au

Abb. 3.2   Die angenommenen Reaktionsschritte beim katalytischen Zerfall von N2O an einer
Goldoberfläche. (Aus Mortimer und Müller 2010, S. 275; © Georg Thieme Verlag 2010)
3.3  Bewegte Bilder 25

3.3 Bewegte Bilder

Mit filmartigen Vorstellungen ist es leider ähnlich wie mit Einzelbildern: Sie wer-
den von Lehrbuchautoren viel zu selten genutzt, um Vorgänge im Gedächtnis zu
verankern. Ein gelungenes Beispiel ist die Beschreibung des Bohrschen Atommo-
dells:
“Auf Keplerschen Ellipsen hetzen
Gemäß den Coulombschen Gesetzen
Die Elektronen froh und gern
Wohl um den positiven Kern.
Doch sind hierbei, wie überhaupt,
Diskrete Bahnen nur erlaubt“.
Es ist wirklich jammerschade, aber bezeichnend, dass sich diese köstliche Dar-
stellung nicht in einem Chemie-, sondern in einem Mathematikbuch findet, und
zwar bei Cremer (1962, S. 20).
Nicht ganz leicht ist zu verstehen, warum Elektronen, die dazu angeregt wur-
den, auf höheren Bahnen zu kreisen, mehr Energie enthalten als auf einer niedri-
geren Bahn. Das wird aber ganz einfach, wenn man sich veranschaulicht, dass eine
von Galilei auf den schiefen Turm von Pisa hinaufgetragene Kanonenkugel durch
die Anstrengung des Gelehrten potenzielle Energie gewonnen hat und jetzt die
Erde auf einer weiter außen liegenden Bahn umkreist. Ähnlich wie ein angeregtes
Elektron wandelt sie ihre potenzielle Energie beim Herabfallen um, allerdings in
kinetische Energie – anders als das Elektron, das bekanntlich Lichtenergie abgibt.
Beim Aufprall wird die kinetische Energie abermals umgewandelt: zur Zerstö-
rungsenergie, die das Straßenpflaster „umsortiert“. Diese filmartige Szene stammt
aus dem oben erwähnten Lehrbuch von Dickerson und Geis (1986, S. 264).
Die Schmierwirkung von aliphatischen Kohlenwasserstoffen dagegen wird
klar, wenn man sich vorstellt, ihre annähernd walzenförmigen Molekülketten roll-
ten ähnlich wie in einem Wälzlager zwischen den Reibungsflächen. Die Schmier-
wirkung des Wasserfilms, der unter dem Schlittschuh durch Druck entsteht, lässt
sich ähnlich gut erklären, wenn man die (annähernd) kugelrunden Wassermole-
küle als Kugellagerbestandteile interpretiert. Die Oberflächenspannung, die einen
Tropfen Flüssigkeit zusammenhält, findet ihre zweidimensionale Entsprechung in
jener Gruppe von Demonstranten, die sich aneinanderklammern und dadurch den
Ordnungskräften die Auflösung der Demonstration gewaltig erschweren. Die zwei
zuletzt genannten Beispiele finden sich bei Neubauer (2016, S. 108 f. und S. 2).
Moore (2013, S. 139) benutzt in seiner „Chemie für Dummies“ ziemlich selten
Vergleiche oder filmartige Vorstellungen – er legt mehr Wert auf eine geschickte
und humorvolle Darstellungsweise. Aber seine Erklärung, warum ungebundene
26 3  Bilder als Eselsbrücken

Elektronen möglichst großen Abstand voneinander halten, ist gelungen. Er ver-


gleicht sie mit Personen im gleichen Outfit, die sich auf einer Party begegnen:
auch sie werden bestrebt sein, möglichst großen Abstand voneinander zu bewah-
ren. Ähnlich gut gelungen ist sein Vergleich der Elektronenkonfiguration mit
einem Bett für Elektronen auf S. 65 oder die etwas schmucklose Gleichsetzung
von Orbitalen mit Elektronenschalen (S. 61).
Für mich ist es immer hilfreich gewesen, den Elementen oder Verbindungen
menschliche Regungen, Laster oder Tugenden anzudichten. So zum Beispiel dem
Fluor Gier auf Elektronen, dem Jod Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschehen
in der (weit vom Atomkern entfernten) äußersten Elektronenschale, dem Rubi-
dium Hass gegenüber seinem einzigen Valenzelektron, den Olefinen Unzufrie-
denheit mit der Doppelbindung oder dem Kohlenstoff Prinzipienlosigkeit in der
Auswahl seiner Bindungspartner, den Edelmetallen noble Zurückhaltung und
den Edelgasen absolute Beziehungsunfähigkeit. Ja, es lohnt sich, die gut 100
Elemente als Persönlichkeiten zu denken, deren Charaktere weitgehend durch
ihre Stellung im Periodensystem bestimmt sind, die Hauptgruppen als Familien
zu betrachten und die Nebengruppenelemente als Geschwister anzusehen. Auf
diese Art bevölkern Sie ein trockenes Lehrbuch mit ziemlich interessanten Typen,
deren Verhalten in bestimmten Situationen vorhersehbar oder auch überraschend
wirkt, kurzum, Sie erfinden Geschichten oder Situationen, die recht kurzweilig
sein können und deshalb gut im Gedächtnis bleiben.
Die Idee, den Elementen des Periodensystems eigene Charaktere zuzuschrei-
ben, hat der kürzlich verstorbene berühmte Psychiater Oliver Sacks in seinen
„Onkel Wolfram“ titulierten Erinnerungen auf die Spitze getrieben. Der Chemie-
begeisterte stellt uns am Ende seines Buchs einen Traum vor: „Er spielt in der
Oper. Ich bin Hafnium und teile mir in der Met eine Loge mit den anderen schwe-
ren Übergangsmetallen – meinen alten und hoch geschätzten Freunden – Tantal,
Rhenium, Osmium, Iridium, Platin, Gold und Wolfram“. Den Ort des Wolframs
im Periodensystem (6. Nebengruppe, 6. Periode) hat er kurz vorher im Stadtplan
von New York als Straßenkreuzung festgelegt, und zwar dort, wo die Sixth Ave-
nue die Sixth Street schneidet. „Natürlich gibt es in New York keine solche Kreu-
zung“, schreibt er, „aber sie existiert, im New York meiner Träume ist sie ganz
deutlich zu erkennen.“
Menschliche Regungen können sogar das Geschehen, das durch Reaktions-
gleichungen beschrieben wird, ein wenig auflockern. Die Reaktion
AgNO3 + NaCl ⇒ AgCl + NaNO3
zum Beispiel ist nicht ganz leicht zu merken, bleibt aber gut im Gedächtnis, wenn
das Silberion sich gierig auf das Chloridion stürzt, weil es mit diesem unlösliches
3.4 Versuche 27

Silberchlorid bilden kann, während die schmählich im Stich gelassenen Natrium-


ionen sich mit den Nitrationen begnügen müssen – schließlich bleibt ihnen nichts
anderes übrig! Ganz ähnlich stellt bei einem Versuch zur Spannungsreihe das
Zink bereitwillig seine Valenzelektronen den dafür dankbaren Kupferionen zur
Verfügung. Mit Formulierungen wie „widerwillig hergeben“, „begeistert anneh-
men“, „brutal entreißen“, „zögerlich reagieren“, „unter Druck nachgeben“ oder
„in der Hitze sich verabschieden“ beschreiben Sie Reaktionsschritte anschaulich,
zutreffend und kurzweilig. Das klingt einfach besser als die schlichte Feststel-
lung, dass Zink das Kupfer aus dem Ionenzustand verdrängt. Ein anderer Beob-
achter nimmt vielleicht wahr, dass Zink dem Kupferion seine Valenzelektronen
aufschwätzt, oder dass an der Anode eines Elektrolysegeräts ein schrecklicher
Elektronenmangel herrscht. Kein Wunder, dass dort sogar das Chloridion sein
heiß geliebtes Elektron hergeben muss und dass sich dort zwei einsame Chlora-
tome dadurch trösten, dass sie ein Paar bilden.

3.4 Versuche

Sie sind so unentbehrlich für den Chemieunterricht wie für das Erlernen der Che-
mie. Ein gelungener Versuch bleibt fast von allein im Gedächtnis und kann dort oft
wie ein Film abgerufen werden. Er wirkt als Hilfe für das Verständnis und gehört
deshalb zu den ferneren Verwandten der Eselsbrücken. Populärwissenschaftli-
che Darstellungen der Chemie sollten daher nicht auf Versuche verzichten – aber
anscheinend halten sich nur die Bücher von Neubauer (2014 und 2016), an diese
naheliegende Empfehlung.
Vergleiche, die attraktiven Verwandten
der Eselsbrücken 4

Vergleiche, die leistungsfähigsten Verwandten der Eselsbrücken, findet der Leser


erstaunlich selten in ernsthaften Lehrbüchern der Chemie, und noch seltener in
Publikationen. Populärwissenschaftliche Darstellungen der Chemie sind zum
Teil besser damit ausgestattet, aber davon gibt es nur wenige. Wir zitieren oder
beschreiben einige Fundstücke aus solchen Werken und regen an, selber Verglei-
che zu ersinnen.
Wir waren uns einig: Was unter „Eselsbrücken“ in deutschen und fremden
Wörterbüchern gar nicht zu finden ist, ist eine treffende Bezeichnung für die
Besten und Gelungensten unter ihnen, nämlich für die, welche nicht dem Erin-
nerungsvermögen, sondern dem Verständnis auf die Beine helfen. Auch sie sind
„Merksätze“, aber in ihnen hat „merken“ seine zweite Bedeutung im Sinne von
„begreifen“ oder „wahrnehmen“. Die Rede ist vom Vergleich, dem Gleichnis
oder der Parabel. Sie sind ein ehrwürdiges Werkzeug der berühmtesten Lehrer
der Menschheit: Platon benutzt das Höhlengleichnis, um Erkenntnistheorie zu
vermitteln, Jesus schildert seinen begriffsstutzigen Jüngern das Reich Gottes in
oftmals paradoxen oder verstörenden Gleichnissen. Die Evangelisten Matthäus,
Markus und Lukas berichten übereinstimmend, dass er seinen Zuhörern das
Gleichnis vom Sämann nicht nur vorgetragen, sondern auch erklärt hat (Matth.
13, 1–23, Mk. 4, 3–20 und Lk. 8, 4–15). Er hat ihnen also wirklich eine Eselsbrü-
cke gebaut.
Berühmt ist die Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“, ein Lehrstück
der Toleranz und Friedensliebe, aktueller denn je. Solche bewundernswerte Ver-
ständnishilfen sind oft genial ausgedacht. Kein Zweifel, dass sie ähnlich wie echte
Eselsbrücken „mit erheblichen Hilfsmitteln dem Benutzer eine Aufgabe erleich-
tern“. Sollen wir deshalb auch für sie das deutsche Wort „Eselsbrücken“ benutzen?
Wir wagen es in diesem Falle nicht, halten vielmehr die beiden auf das Grautier

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 29


D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0_4
30 4  Vergleiche, die attraktiven Verwandten der Eselsbrücken

anspielenden Vorsilben für unangebracht und lassen sie einfach weg. Weiter unten
werden wir einigen erstaunlich tragfähigen Bauwerken dieser Art begegnen und
sie würdigen, ohne sie ausdrücklich als Eselsbrücken zu bezeichnen.

4.1 Vergleiche für schwierig zu durchschauende


Sachverhalte

Vielen jungen Menschen, die sich mit Chemie befassen wollen oder müssen, wäre
viel geholfen, wenn die Chemiker wenigstens so oft wie möglich zutreffende Ver-
gleiche heranzögen oder erfänden, um schwer zu durchschauende Sachverhalte
anschaulich zu erklären. Mustert man die Lehrbücher nach solchen Hilfen durch,
so wird man erstaunlich selten fündig. Um zu erklären, was ich meine, zitiere ich
einen Vergleich aus dem Buch von Dickerson und Geis (1986, S. 16).
Die Autoren vergleichen dort den Chemiker, der für die Reaktion

A + B ⇒ AB
jeweils ein Mol der zwei Ausgangssubstanzen A und B einsetzt, und damit sicher
geht, dass er weder zu viel noch zu wenig von beiden verwendet, mit einem
Eisenwarenverkäufer, der Schrauben und die dazu passenden Muttern in großen
Mengen verkaufen soll. Er hat das langweilige Abzählen längst aufgegeben. Statt-
dessen hat er eine Schraube und eine Mutter genau ausgewogen und gefunden,
dass die Schraube 20 g und die Mutter 5 g wiegt. Wenn er nun 1000 Schrauben
und 1000 Muttern verkaufen soll, wiegt er 20.000 g, also 20 kg Schrauben ab und
5 kg Muttern. Er kann sicher gehen, dass der Kunde weder zu wenig noch zu viel
Muttern oder Schrauben erhält.
Er kann sogar den Feinmechaniker nach dieser Methode bedienen, der winzige
Schräubchen und Muttern braucht, selbst wenn er von denen gar nicht das genaue
Gewicht kennt, sondern nur weiß, dass die Schräubchen fünfmal mehr wiegen als
die zugehörigen Muttern. In dem Falle muss er auf 1 g Muttern 5 g Schräubchen
abwiegen und er kann wieder sicher sein, dass der Kunde von keinem zu viel oder
zu wenig gekauft hat.
In dieser Situation ist der Chemiker. Er weiß zum Beispiel von der Reaktion
H2 + Cl2 ⇒ 2HCl
nur, dass Chloratome 35,5 mal so schwer sind wie Wasserstoffatome (das weiß er
aus anderen Versuchen oder er liest es aus der Tabelle der Atomgewichte ab). Aber
das genügt ihm! Wenn er nun Wasserstoff mit Chlor vollständig umsetzen will,
muss er nur dafür sorgen, dass auf 1 g Wasserstoff 35,5 g Chlor angeboten werden.
4.1  Vergleiche für schwierig zu durchschauende Sachverhalte 31

Das Molgewicht von H2 ist 2, ein Mol Wasserstoff wiegt also 2 g. Dieser Was-
serstoffmenge muss er ein Mol Chlor anbieten, wegen der Formel Cl2 sind das
2 × 35, 5 = 71 g. Die genannten 2 g Wasserstoff werden also mit 71 g Chlor „quan-
titativ“ reagieren und weder Chlor noch Wasserstoff wird übrig bleiben.
Durch den anschaulichen Vergleich mit dem Eisenwarenhändler wird dem
Lernenden nicht nur klar, warum Chlor mit Wasserstoff immer im Verhältnis
35,5:1 reagiert (das verlangt bekanntlich der Satz von den konstanten Proporti-
onen), sondern auch, warum die Chemiker den Begriff „Mol“ so häufig gebrau-
chen und wozu er gut ist. Gleichzeitig wird ihr für den Laien meist rätselhaftes
Tun wenigstens hier einmal klar durchschaubar.
Das Lehrbuch von Dickerson und Geis enthält viele solche Vergleiche und ist
deswegen wirklich „anschaulich“, wie es im Untertitel verspricht. So erläutern
die Autoren den zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, der ja besagt, dass die Entro-
pie in einem geschlossenen System immer weiter zunimmt, dadurch, dass sie den
Zusammenhang zwischen Entropie und Wahrscheinlichkeit herausarbeiten und
darlegen, dass Unordnung mit größerer Wahrscheinlichkeit entsteht als Ordnung.
Als Beispiel wählen sie einen Motorradunfall, bei dem eine Mauer einstürzt, das
Fahrzeug demoliert und der Fahrer verletzt wird (S. 294). Die umgekehrte Rei-
henfolge der Ereignisse, also die Entstehung von Ordnung, widerspricht der
Erfahrung und dem gesunden Menschenverstand, sie ist ebenso unwahrschein-
lich wie das Zustandekommen der Anrede „Dear Sir“, wenn eine Herde Affen
versucht, mit Schreibmaschinen einen Geschäftsbrief zu schreiben (S. 293). Ein
anderes Problem ist die Entstehung von Peptiden und Proteinen durch Wasser-
abspaltung aus den Aminosäuren der Haldane-Ursuppe. Nach allem, was uns das
Massenwirkungsgesetz lehrt, ist das wegen des riesigen Wasserüberschusses so
gut wie unmöglich. Dickerson und Geis vergleichen es mit der Schwierigkeit,
aus einer Ursuppe Roastbeef herzustellen (S. 642). So wird das sehr anspruchs-
volle Buch durchaus verständlich und äußerst lohnend zu lesen. Dazu kommen
gekonnte Zeichnungen oder andere bildliche Darstellungen, die den Text höchst
anschaulich begleiten.
Ähnlich vergleicht Neubauer (2016, S. 135), die Aussage des zweiten Haupt-
satzes der Wärmelehre, dass die Entropie (und damit die Unordnung) eines
geschlossenen Systems immer nur zu- und niemals abnimmt, mit dem Verhal-
ten der Flöhe in einem geöffneten Sack oder dem Entweichen der Übel aus der
Büchse der Pandora: Wenn sie erst einmal entwichen sind, ist es äußerst unwahr-
scheinlich, dass sie in ihr Gefängnis zurückkehren und damit die Ordnung wie-
derherstellen.
Das Ionenprodukt und die Dissoziationskonstante leitet er anschaulich mithilfe
eines Heiratsvermittlers her, der sich auf die Wiederverheiratung Geschiedener in
32 4  Vergleiche, die attraktiven Verwandten der Eselsbrücken

der Großstadt Köln beziehungsweise der Kleinstadt Schilda kapriziert hat. Seine
Erfolge hängen von der Zahl seiner Kundinnen und Kunden ab, ähnlich wie die
Geschwindigkeit einer Reaktion von der Konzentration der Reaktanden. Die Zahl
seiner Kundinnen und Kunden wiederum hängt von der Zahl der Scheidungen pro
Jahr ab (S. 183 bzw. 188).
Der Satz von den konstanten Proportionen wird von Neubauer mit dem Trans-
port von Mineralwasser in Glasflaschen erläutert, die leer 0,62 kg wiegen und
genau 700 g = 700 ml Wasser enthalten. Gleichgültig, wie viel Wasser der Kunde
heimträgt oder der Lastwagen anliefert, verhalten sich die Mengen Wasser zu
Glas stets wie 0,7:0,62. Abweichungen von diesem Verhältnis sind nicht möglich:
Die Brunnenfirma kann nicht mehr als 7000 l Wasser in 6200 kg Flaschen abfül-
len – wenn sie es versucht, bleibt Wasser übrig. Hat sie dagegen für 7000 l Was-
ser mehr als 6200 kg Flaschen bereitgestellt, dann bleiben Flaschen übrig. Dass
ein solcher Sachverhalt auch gegeben ist, wenn ein Atom Schwefel mit einem
Atom Eisen zu einem Molekül Schwefeleisen reagiert, liegt auf der Hand, nur
dass hier andere Gewichte eine Rolle spielen, nämlich die Atomgewichte, die sich
wie 32:56 oder wie 4:7 verhalten. Weder Überschuss noch Mangel an Reaktanten
kann daran etwas ändern (S. 20).
Für die Unterschiede zwischen kristallinen Festkörpern, Flüssigkeiten und
Gasen zieht er zum Vergleich auf S. 11 einen Kasernenhof heran. Der entspricht
einem Festkörper, wenn die Rekruten in Reih und Glied angetreten sind und
sich allenfalls bei Kommandos wie „Rührt euch!“ ein wenig bewegen dürfen. In
einer Exerzierpause gleichen die im Kasernenhof umhergehenden Soldaten einer
Flüssigkeit, nach Dienstschluss beim Ausschwärmen in die Garnisonsstadt und
Umgebung einem Gas. Die Autorität der vorgesetzten Offiziere entspricht den
zwischenmolekularen Kräften: sie ist stark beim Exerzieren, schwächer in der
Pause und (fast) nicht mehr wahrnehmbar nach Dienstschluss. Die Eigeninitia-
tive der Rekruten ähnelt dem Energieinhalt der Moleküle – gering beim Exerzie-
ren, größer in der Pause und am größten in der Freizeit. Der Vergleich ist rundum
stimmig.
Mit einem weiteren Vergleich, diesmal aus der Schule, erklärt Neubauer
(2014, S. 51) Cracken, Destillieren und Polymerisieren:

Wieder hilft uns ein Bild aus dem Schulhof, die Vorgänge anschaulich zu machen.
Anfangs bilden die Kinder Ketten von 5 bis 10 Schülern, die sich an der Hand hal-
ten. Sie entsprechen den Kohlenwasserstoffen mit 5 – 10 Kettengliedern des Roh-
benzins. Auf ein Kommando des Lehrers werden die Schülerketten zu Zweier- oder
Dreierketten „gecrackt“. Die Beweglichkeit der Ketten nimmt dadurch bedeutend
zu; aus der Flüssigkeit Benzin sind jetzt die Gase Ethylen und Propylen entstanden.
Auf ein weiteres Kommando des Lehrers sammeln sich die Zweiergruppen in der
4.1  Vergleiche für schwierig zu durchschauende Sachverhalte 33

einen Ecke und die Dreiergruppen in der anderen Ecke des Schulhofs - diese Tren-
nung entspricht der Destillation der verflüssigten Gase. Und nun können die reinen
Gase Ethylen und Propylen polymerisieren, indem die Schüler möglichst lange
Ketten bilden. Solche Riesen - Schülerketten haben praktisch alle Beweglichkeit
eingebüßt. Zwei feste Kunststoffe, nämlich Polyethylen und Polypropylen sind ent-
standen.
Den Mechanismus der Polymerisation verstehen wir besonders leicht im Falle
des Ethylens, wenn wir uns vorstellen, dass die Schüler in den Zweiergruppen sich
mit zwei Händen aneinander festhalten (das entspricht der C=C-Doppelbindung).
Die unendlich langen Polymerketten mit Einfachbindungen entstehen, wenn alle
diese Kinder je eine Hand freimachen und mit ihr die ausgestreckte Hand eines
Schülers aus der benachbarten Zweiergruppe ergreifen.

Die Spannungsreihe kann der Lernende bei Neubauer (2016, S. 94) als eine Art
„Hackordnung“ unter den Elementen ansehen, bei welcher das edlere Metall der
Klügere ist und nachgibt (das heißt, sich aus dem Ionenzustand verdrängen lässt).
Den Stromtransport durch Salzlösungen erklärt er als Transport durch Wanderer,
die elektrische Ladungen tragen (Ionos ist altgriechisch und heißt Wanderer). Die
Ionenbindung, bei der ein Atom alle Valenzelektronen an sich gerissen hat und
das andere vollständig von ihnen entblößt, vergleicht er mit dem Kampf um die
Bettdecke zwischen einem egoistischen Schläfer und seiner nachgiebigen Bett-
gefährtin, während bei der Atombindung die Bettdecke (sprich: der Vorrat an
Valenzelektronen) redlich geteilt und gemeinsam benutzt wird.
Bei der Erläuterung des Sehvorgangs bezeichnet er das Umklappen der cis-
Doppelbindung am Kohlenstoffatom No. 11 des Retinals zu einer trans-Doppel-
bindung als einen „Ruderschlag in molekularen Dimensionen“ (Neubauer 2014,
S. 134 ff.) Der Vergleich ist zutreffend, denn das Retinal ist wegen seiner kon-
jugierten Doppelbindungen ein steifes, ebenes Molekül und der Sechserring am
Ende der Kohlenstoffkette ähnelt auffallend einem Ruderblatt. Das ist nicht nur
anschaulich, sondern verrät auch Einzelheiten der Strukturformel.
In kaltem Wasser gibt es Cluster, in denen sich Wassermoleküle mithilfe von
elektrostatischen Kräften aneinander gehängt haben. Die Cluster sind aber nicht
sehr stabil und geben dauernd Moleküle ab, nehmen auch dauernd wieder andere
an. Es herrscht also „ständige Bewegung und ständiges Händchengeben wie in einer
Volkstanzgruppe“ (Neubauer 2016, S. 116 f.). Beiläufig wird dabei erwähnt, dass
es deshalb kein „informiertes Wasser“ gibt, das etwa die Form eines einst gelösten
Moleküls oder Fremdstoffs bewahrt und es ist klar, dass es deshalb auch kein „ener-
getisch müdes“ oder „energetisch frisches“ oder gar „aktiviertes“ Wasser geben
kann, wie uns Anhänger der Homöopathie und Esoteriker glauben machen wollen.
Das sind Dinge, für die viele viel Geld ausgeben. Neuerdings sogar die Skifahrer
34 4  Vergleiche, die attraktiven Verwandten der Eselsbrücken

eines Tiroler Wintersportorts, in dem sich eine Skischule rühmt, das „weltweit erste
Ski-Übungsgelände mit Schnee aus aktiviertem Wasser“ zu betreiben.
Die Waldensche Umkehr, bei der asymmetrische Kohlenstoffatome beim
Angriff eines Nucleophils die räumliche Anordnung ihrer Bindungspartner in
Richtung des Nucleofugs umklappen, wird von Lüning (2010, S. 41) mit dem
Umklappen eines Regenschirms verglichen. Der Vergleich ist zutreffend und ein-
drucksvoll, aber schon ziemlich betagt; ich entsinne mich, ihn in einer Vorlesung
vor etwa 60 Jahren gehört zu haben. Ähnlich ehrwürdig ist die Erklärung für die
erstaunlich spezifische Wirkung von Enzymen, die man gelegentlich in Lehrbü-
chern findet. Es heißt dort, sie passten zu ihrem Substrat wie der Schlüssel zu
einem Schloss. Tatsächlich wissen wir heute, dass das Substrat eine Atomgruppe
tragen muss, die genau in eine Tasche des kunstvoll gefalteten Enzymmoleküls
passt. Der Vergleich mit Schlüssel und Schloss ist also berechtigt. Und dann doch
wieder unbefriedigend, denn das Substrat wird durch das Enzym gespalten – der
Schlüssel also durch das Schloss zerbrochen.
Wir schließen dieses Kapitel mit der Parabel vom achtzehnten Kamel ab
(Neubauer 2016, S. 156 f.). In ihr wird von jenem Scheich erzählt, der seine
17 Kamele testamentarisch zwischen seinen drei Söhnen verteilte, indem er dem
Ältesten die Hälfte, dem zweiten Sohn ein Drittel und dem Jüngsten ein Neuntel
der Herde zusprach. Den aufkommenden Streit zwischen den Brüdern löste der
zu Hilfe gerufene Imam, indem er die Erbmasse selbstlos mit seinem einzigen
Kamel vergrößerte. Jetzt konnte die Erbteilung flott und reibungslos verlaufen.
Und dabei blieb ein Kamel übrig: sein eigenes. Ähnlich beschleunigt ein Kataly-
sator einen Vorgang, der ohne ihn quälend langsam verlaufen würde, ohne dabei
selbst verbraucht zu werden.
Unerwartete Hilfe: Die Strukturformeln
5

Wir erinnern uns: Strukturformeln sind das zweite Haupthindernis für das Erler-
nen der Chemie. Aber nur auf den ersten Blick. Sie entstanden durch Verarbei-
ten von chemischen Kenntnissen und Informationen. Warum nicht den Faden
zurückspulen und die Informationen herauslesen, die sie enthalten?
Wir halten uns viel zu selten vor Augen, was für geniale Eselsbrücken die
Strukturformeln sind. Das regelmäßige Sechseck der Benzolformel erinnert uns

beschaffen sind, weil die sechs ⫪-Elektronen über alle sechs Bindungen ver-
daran, dass in ihr alle C–C-Bindungen gleich lang und demnach auch gleich

schmiert sind. Wegen der großen Zahl der sinnvollen mesomeren Grenzformeln
muss diese Verbindung sehr stabil, und das heißt äußerst reaktionsträge sein.
Obwohl dreifach ungesättigt, neigt das Benzol deshalb nur wenig zu Additionsre-
aktionen. Ähnlich weist das Nitration in seiner Gestalt eines regelmäßigen drei-
zackigen Sterns darauf hin, dass es durch delokalisierte Elektronen stabilisiert ist
(Abb. 5.1).
Salpetersäure gibt in wässriger Lösung gern ein Proton ab, deshalb ist HNO3
eine starke Säure. Das Molekül hat tatsächlich gute Gründe, so zu reagieren, denn

1. für das entstehende Nitrat-Ion lassen sich mehr sinnvolle mesomere Grenzfor-
meln angeben als für das intakte Säuremolekül (Abb. 5.2) und
2. das Stickstoffatom ist positiv polarisiert und klein – das Wasserstoffatom ist
ebenfalls positiv polarisiert und noch kleiner, wird also vom Stickstoffatom
energisch abgestoßen, obwohl das dazwischen gebundene Sauerstoffatom es
gerne festhalten möchte.

Die delokalisierten Elektronen der Allylgruppe machen verständlich, warum das


Allylchlorid CH2 = CH − CH2 Cl mit einer überraschenden Substitutionsreaktion

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D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0_5
36 5  Unerwartete Hilfe: Die Strukturformeln

Alle Bindungswinkel sind gleich groß (120°)


Alle N–O-Bindungen sind gleich lang (122pm)

O O O
N N N
O O O O O O
Mesomere Grenzformeln


O
N
O O

Schreibweise mit delokalisierten Elektronen

Abb. 5.1   Das Nitrat-Ion. (Aus Neubauer 2016; © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016)

direkt aus Propylen und Chlor hergestellt wird und warum sein Chloratom so locker
gebunden ist, dass es schon mit Natriumacetat Allylacetat bildet.
Nicht nur aus der Strukturformel des Methylethylketons CH3 −CO−CH2 −CH3
kann man den alternativen Namen 2-Butanon direkt ablesen, diesen Dienst leisten
prinzipiell alle Strukturformeln.
Und alle Strukturformeln verraten dem Kenner zahlreiche Eigenschaften der
Substanz. Als ein Beispiel deuten wir die Strukturformel der Palmitinsäure
C15 H31 COOH, die korrekter Hexadecansäure heißt. Ausgeschrieben besteht ihr Mole-
kül aus einer aliphatischen Kette von 15 Kohlenstoffatomen, die alle mit Wasserstoff-
atomen gesättigt sind, und der daran angehängten COOH-Gruppe. Der Kettenteil des
Moleküls erinnert an die Kohlenwasserstoffe, die im Dieselöl oder Flugbenzin (Kero-
sin) vorkommen, zum Beispiel an das Hexadekan C16 H34. Er bewirkt, dass die Hexa-
decansäure in Wasser unlöslich ist, ähnlich wie Dieselöl sich mit Wasser nicht mischen
lässt. An der hydrophoben C15 H31 -Kette hängt eine COOH-Gruppe, wie sie zum Bei-
spiel in der Ameisensäure HCOOH oder der Essigsäure CH3 COOH vorkommt. Diese
5  Unerwartete Hilfe: Die Strukturformeln 37

O
115°
141 pm 122 pm
O N
122 pm
115°
H O
Bindungsabstände und -winkel

O O
O N O N
H O H O

Ladungsverteilung und mesomere Grenzformeln

O O
O N O N + H
O H O
Abstoßung eines Protons in wässriger Lösung (Dissoziation)

Abb. 5.2   Die Salpetersäure. (Aus Neubauer 2016; © Springer Fachmedien Wiesbaden 2016)

Gruppe ist an sich wasserfreundlich, vermag aber gegen die riesige Übermacht der
C15H31-Kette nicht viel auszurichten. Auch die Säure-Eigenschaft, die bei der Amei-
sensäure sehr deutlich, bei der Essigsäure schon schwächer und bei der Buttersäure
noch weniger ausgeprägt ist, wird sich hinter der langen Kohlenwasserstoffkette ziem-
lich verbergen. Aber der Chemiker darf erwarten, dass die Reaktion der Palmitinsäure
mit Natronlauge, eine typische Neutralisation, die nach der oben zitierten Eselsbrücke
Salz und Wasser, also Natriumpalmitat ergibt, leicht und vollständig abläuft. Die For-
mel für das Natriumpalmitat wiederum macht verständlich, dass die Salzmoleküle sich
mit ihren hydrophoben Ketten zusammenballen und die COONa-Gruppen nach außen
wenden – in das Wasser hinein, wenn dem Natriumpalmitat dieses Lösungsmittel
angeboten wird. So entstehen die Mizellen der leicht trüben Seifenlösung!
Beim Ansäuern der Seifenlösung wird Palmitinsäure zurückgebildet. Sie ist,
wie oben gesagt, unlöslich in Wasser und scheidet sich als wachsartige Substanz
38 5  Unerwartete Hilfe: Die Strukturformeln

auf der Wasseroberfläche ab. Warum ist sie wachsartig und nicht etwa flüssig wie
das Hexadekan? Das liegt wieder an der COOH-Gruppe. Sie ist polar und bewirkt
deshalb, dass zwischen den Molekülen elektrostatische Anziehungskräfte wirken.
Diese verhindern, dass die Moleküle so reibungsarm aneinander vorbei gleiten
können wie die unpolaren Moleküle des Hexadecans. Folglich ist Palmitinsäure
wachsartig zäh und erst bei höherer Temperatur flüssig.
Aus ähnlichen Gründen sieden alle Carbonsäuren deutlich höher als die zuge-
hörigen Kohlenwasserstoffe, also Essigsäure höher als Ethan, Buttersäure höher
als Butan usw. Die zugehörigen Aldehyde und Alkohole haben dazwischen lie-
gende Siedepunkte, die Alkohole wegen ihrer polaren OH-Gruppen höhere als die
Aldehyde mit ihren fast unpolaren CHO-Gruppen.
Ein anderes Beispiel für das Ausnutzen einer Strukturformel als Eselsbrücke
für Informationen, die man sonst mühsam lernen müsste, findet sich bei Neubauer
(2016, S. 72 f.). Dort wird die Strukturformel des Diethylethers ausgewertet:

Auch der Diethylether ist nämlich ein Abkömmling des Wassers. Aber bei ihm sind
zwei Ethylreste anstelle der Wasserstoffatome an den Sauerstoff gebunden und es
gibt im Gegensatz zum Alkohol überhaupt keine OH-Gruppen mehr. Alle Bindun-
gen sind kovalent und der Elektronenliebhaber Sauerstoff bemüht sich vergeblich,
Bindungselektronen an sich zu ziehen, weil der Kohlenstoff nicht nachgibt, sondern
die Bindungselektronen mit allen seinen Partnern, auch dem Sauerstoff, redlich teilt.
Dem entsprechend herrscht im Ethermolekül elektrostatische Langeweile. Es gibt
nicht einmal ein negativ polarisiertes Sauerstoffatom, an dem das Wassermolekül
mit seinen positiv polarisierten Wasserstoffatomen anbandeln könnte. Es entstehen
deshalb keine Anlagerungsverbindungen wie etwa zwischen Alkohol und Wasser.
Im Gegenteil: Der Ether empfindet Wasser als fremdartig, zeigt ihm deshalb die
kalte Schulter und lässt es nicht zwischen seine Moleküle eindringen.
Viel freundlicher benimmt er sich gegenüber Molekülen, die genau wie er unpo-
larisiert sind. Die Kohlenwasserstoffmoleküle des Feuerzeugbenzins oder des Näh-
maschinenöls zum Beispiel sind elektrisch genau so langweilig neutral wie seine
eigenen. Deshalb empfindet er sie als sympathische Verwandte und nimmt sie gerne
auf (Gleich und Gleich gesellt sich gern).
Eben weil er keine negativ oder positiv polarisierten Atome im Molekül hat,
hängen sich diese auch nicht aneinander. Statt der elektrischen Anziehungskräfte
wirken zwischen seinen Molekülen nur die schwachen Zwischenmolekularen
Anziehungskräfte, die van der Waals erforscht hat. Die Moleküle schwirren ziemlich
ungebunden hin und her und haben es verhältnismäßig leicht, in den Dampfraum zu
entkommen. Folglich liegt der Siedepunkt des Diethylethers niedrig, deutlich niedri-
ger als der des Ethanols oder gar des Wassers.
Wie niedrig? Sogar das können wir abschätzen. Er wird etwa so hoch sein wie
der Siedepunkt eines möglichst ähnlich gebauten Kohlenwasserstoffs, weil ja in die-
sem auch nur die van der Waalsschen Kräfte zwischen den Molekülen wirken. Wir
5  Unerwartete Hilfe: Die Strukturformeln 39

vergleichen also die Siedepunkte von n-Pentan und Diethylether, weil beide Stoffe
sich nur in der Molekülmitte unterscheiden:

CH3 −CH2 −O−CH2 −CH3 CH3 −CH2 −CH2 −CH2 −CH3


Diethylether, MG 74 n-Pentan, MG 72.

Wie wir sehen, weisen sie auch fast das gleiche Molekulargewicht (MG) auf,
und tatsächlich siedet das n-Pentan bei 36 Grad Celsius, nur ein Grad höher als der
Diethylether!
Selbst die Reaktionsträgheit des Ethers wird uns verständlich, wenn wir die
Ähnlichkeit zwischen den beiden Molekülen betrachten und daran denken, dass
Pentan zu den Paraffinen gehört, die bekanntlich reaktionsträge sind. Natürlich ist er
noch leichter entflammbar als das Pentan, denn er trägt einen Teil des zur Verbren-
nung notwendigen Sauerstoffs bereits im Molekül mit sich herum.

Diese Abhandlung ist die zweite in ihrer Art und bereits nach 70 Seiten Lektüre
für den ursprünglich in Chemie ganz ahnungslosen Leser möglich. Einem inter-
essierten Schüler oder Studenten und erst recht dem Fachmann sollte es gelingen,
auch komplizierteren Strukturformeln Informationen zu entlocken, die er dann
nicht alle lernen und im Gedächtnis behalten muss. Als ein weiteres Beispiel sei
hier die Strukturformel des Grafits interpretiert:
Sie besteht bekanntlich aus vielen Benzolringen, die zweidimensional bienen-
wabenartig aneinander kondensiert sind. Die so entstehenden riesigen Plattenmo-
leküle werden in zwei Dimensionen durch C–C-Bindungen, wie sie im Benzol
vorliegen, fest zusammengehalten. Daher hat Grafit einen extrem hohen Schmelz-
und Siedepunkt. In der dritten Dimension, also zwischen den Plattenmolekülen,
sorgen nur die schwachen zwischenmolekularen Kräfte für den Zusammenhalt.
Deshalb sind Grafitkristalle weich, plattenartig und parallel zur Basis vollkommen
zu dünneren Platten spaltbar. Durch das Aneinanderkondensieren von sechsecki-
gen Bausteinen in zwei Dimensionen bleibt die Sechseckgestalt erhalten, deshalb

gierten Doppelbindungen in zwei Dimensionen bewirkt, dass die ⫪-Elektronen


sind die Grafitkristalle sechseckig („hexagonal“). Die riesige Zahl von konju-

leicht wandern können – deshalb leitet Grafit den Strom. Könnten sie auch zwi-

metallähnliche Leitfähigkeit. Die Beweglichkeit der unzähligen ⫪-Elektronen ist


schen den Plattenmolekülen wandern, so wäre Grafit kein Halbleiter, sondern hätte

auch die Ursache der schwarzen Farbe. Weil alle Kohlenstoffatome mit allen vier
Valenzelektronen an C-C-Bindungen beteiligt sind und weder Bindungspartner
noch funktionelle Gruppen auftreten, ist Grafit äußerst reaktionsträge. Deshalb
brennt er erst bei extrem hohen Temperaturen, wie sie zum Beispiel bei der Kern-
schmelze in Tschernobyl auftraten, obwohl er nur aus Kohlenstoffatomen besteht
und sich eigentlich leicht in Kohlendioxid verwandeln müsste.
Statt eines Schlussworts

Chemie lernen ist schwer. Die sperrige Nomenklatur, komplizierte Sachver-


halte und die Strukturformeln zählen zu den schwierigsten Hürden beim Hin-
dernislauf zur höheren Erkenntnis. Eselsbrücken und ihre Verwandten – notfalls
selbst erfunden – erleichtern jedoch den Aufstieg zu fast allen Teilgebieten und
die Strukturformeln erweisen sich als reichhaltige Informationsquellen für den-
jenigen, der sie richtig zu interpretieren vermag. Wer diese Hilfen in Anspruch
nimmt, wird Chemie nicht nur leichter lernen, sondern auch besser im Gedächtnis
behalten und viel mehr Freude an ihr haben.

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D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0
Was Sie aus diesem essential mitnehmen
können

• Ein paar Dutzend tragfähige Eselsbrücken zur Chemie


• Beispiele und Anleitungen zum Selberbauen von Eselsbrücken und ähnlichen
Bauwerken aus
– Wortassoziationen und Bildern
– Filmartigen Vorstellungen
– Parabeln und Vergleichen
• Eine Anleitung zum Ablesen von Eigenschaften aus den Strukturformeln

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D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0
Literatur

Cremer, H. (1962). Carmina Mathematica. Aachen: Mayer.


Dickerson, R. E., & Geis, I. (1986). Chemie – eine lebendige und anschauliche Einführung
(1. Aufl., 2. ber. Nachdruck). Weinheim: VCH.
Lüning, U. (2010). Organische Reaktionen – Eine Einführung in Reaktionswege und
Mechanismen (3. Aufl.). Heidelberg: Spektrum.
Moore, J. T. (2015). Chemie für Dummies (3. Aufl., 2. Nachdruck). Weinheim: Wiley-VCH.
Mortimer, C. E., & Müller, U. (2010). Chemie (10. Aufl.). Stuttgart: Thieme.
Neubauer, D. (2014). Kekulés Träume – Eine andere Einführung in die Organische Che-
mie. Heidelberg: Spektrum.
Neubauer, D. (2016). Demokrit lässt grüßen – Eine andere Einführung in die Anorganische
Chemie. Heidelberg: Spektrum.
Urban, A. J. (2006). Eselsbrücken für helle Köpfe. Ratingen: Area-Verlag.

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D. Neubauer, Eselsbrücken zur Chemie – bequeme Zugänge zu einer
schwierigen Wissenschaft, essentials, DOI 10.1007/978-3-658-17730-0