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Persönlichkeit unter den Perspektiven

von Stabilität und Wandel


 Es ist nichts beständig als die Unbeständigkeit: Immanuel Kant

Alltagspsychologie
- Zirkularität
- Übergeneralisierung
- Attribution auf Person
- Vernachlässigung des situativen Kontexts

Wissenschaftliche Perspektive
- Definition aggressiven Verhaltens
* Spezifizierung von Kontextmerkmalen
* Aussagen zur zeitlichen und situativen Stabilität  ‘trait’ versus ‘state’
* Unterscheidung verschiedener Arten von aggressivem Verhalten /
Aggressivität

- Operationalisierung und Messung von aggressivem Verhalten bzw. von


Aggressivität
* Indikatoren
* Qualität der Messung: Objektivität, Reliabilität, Validität

- Normierung, Vergleichspopulation

Arten umgangssprachlicher Beschreibung nach Graumann


Verbale Beschreibung konkret ablaufenden Verhaltens
 „Fritz macht seine Hausaufgaben“

Adverbiale Beschreibung des „sich Anstellens“: Kennzeichnet Verhalten von


Individuen, bezieht dieses auf Normen: Bewertung
 „Fritz stellt sich dumm an, wenn er seine Hausaufgaben selbstständig
machen soll“

Adjektivische Beschreibung von Fritz: Kennzeichnet das Individuum ohne


Bezugnahme auf konkretes Verhalten; vom beobachtbaren Verhalten wird auf
das Sosein des Individuums geschlossen: Abstraktion
 „Fritz ist dumm“

Beschreibung mit abgeleiteten Substantiven. Dem Individuum werden stabile


Eigenschaften zugeordnet, oder es wird kategorisiert: weitergehende
Abstraktion
 „Die Dummheit von Fritz bleibt niemandem verborgen“
 „Fritz gehört zu den Dummen“
Alltagspsychologische Interpretation
- In der Umgangssprache überwiegt die Verwendung nicht-adverbialer
Beschreibungen

 Umgangssprache als Werkzeug, das eher von der Beachtung des


konkreten Verhaltens ablenkt und zur Bildung verhaltensfreier
Kennzeichnungen hinlenkt

 Versuch, der Unbeständigkeit unserer Erfahrung Stabilität und Konsistenz
zu verleihen: Konsistenzillusion

 Organisationsprozess, der die Welt zusammenhängend, geordnet und


leichter vorhersagbar macht: Sicherheitsillusion?

Alltagspsychologie nach Asendorpf


- System kulturell tradierter Überzeugungen über menschliches Erleben und
Verhalten und dessen Ursachen

 Naive Prozesstheorie
kognitive, motivationale und emotionale Prozesse

 Naive Dispositionstheorie
Theorie zu nicht direkt beobachtbaren Merkmalen mit mittelfristiger
zeitlicher Stabilität

Alltagspsychologische Persönlichkeitstheorie
- Persönlichkeit als Gesamtheit aller Eigenschaften, die einen Menschen
auszeichnen
* Persönlichkeitsdispositionen wie zum Beispiel: hohe Intelligenz
* Gestaltmerkmale wie zum Beispiel: Bierbauch

- Erklärung von individuellen Besonderheiten im Erleben und Verhalten durch


Annahmen
* zum Zusammenwirken, zur Koppelung von
Persönlichkeitsdispositionen,
Gestaltmerkmalen und Prozessen

- Erklärung von individuellen Besonderheiten im Erleben und Verhalten durch


Annahmen
* zur Wirkung von Gestaltmerkmalen auf soziale Umwelt
* zur Rückwirkung von Verhalten auf Gestaltmerkmale

- Kombination mit alltagspsychologischer Entwicklungstheorie


 Anlage - Umwelt - Debatte
Bewertung von Theorien anhand folgender Kriterien
- Explizitheit
* Voraussetzung für intersubjektive Übereinstimmung

- Empirische Verankerung
* direkter oder indirekter Bezug auf Beobachtungsdaten
 „Theoretische Konstrukte“: empirische Indikatoren

- Widerspruchsfreiheit

- Empirische Prüfbarkeit
* keine Immunisierung gegen empirische Widerlegung

- Vollständigkeit

- Sparsamkeit

- Wissenschaftliche Produktivität
 Erkenntnisgewinn

- Anwendbarkeit: Funktionalität


 Was im Alltag funktional ist, muss es nicht für die Wissenschaft sein
 gilt aber auch umgekehrt
 Problematisierung von „Funktionalität“
 Wissenschaftliche Theorien als wichtiges Korrektiv gegen
alltagspsychologische „Verzerrungen“

Persönlichkeitspsychologie
- Unterschiedlichkeit der Persönlichkeitsdefinitionen

- Persönlichkeitsdefinitionen sind abhängig von den Persönlichkeitstheorien,


in denen sie verankert sind

- Diese Theorien können übergeordneten Paradigmen zugeordnet werden

- Tiefenpsychologisches Paradigma
 Psychodynamische Persönlichkeitstheorien, zum Beispiel Freud und
Erikson
Persönlichkeitspsychologie
- Behavioristisches Paradigma
* Lerntheorien  Watson und Skinner

- Eigenschaftsparadigma
- Individuumszentrierte Ansätze  Allport
- Differenzielle Ansätze  Guilford, Eysenck, Cattell

- Informationsverarbeitungsparadigma  Anderson

- Dynamisch-interaktionistisches Paradigma  Magnusson

Psychoanalyse nach Freud


- Struktur der Persönlichkeit
 Über-Ich / Ich / Es

- Abwehrmechanismen
 zum Beispiel Projektion, Regression

- Persönlichkeitsentwicklung als Resultat von Verwöhnung versus Versagung


von Triebbedürfnissen in der oralen, analen und phallischen Phase

- Mechanistisches Energie- und Triebmodell

- Lebenstrieb (Energie: Eros) und Todestrieb (Energie: Thanatos)

- Methode
* Introspektion und Verbalisierung von Patienten auf der Couch
* Beobachtungen und Deutungen des Analytikers

Eigenschaftstheorien Grundannahme
Eigenschaften erzeugen stabile Beziehungen zwischen Situation und
Reaktion einer Person

Eigenschaftstheorien individuumszentriert - Allport


- “Persönlichkeit ist die dynamische Ordnung derjenigen psychophysischen
Systeme im Individuum, die seine einzigartigen Anpassungen an seine
Umwelt bestimmen“  Allport

- “Rohmaterial“ der Persönlichkeit  Temperament, Körperbau, Intelligenz

- Persönliche Dispositionen als Merkmale, die für je ein Individuum typisch


sind  zum Beispiel: auffallend hohe Intelligenz

Detaillierte Beschreibung von Eigenschaften eines Individuums unabhängig


von den Eigenschaften anderer Individuen

Allport: Drei Arten von Eigenschaften

- Kardinaleigenschaften
* Fundamentale Charakterzüge, um welche die Person ihr Leben aufbaut
 zum Beispiel: Macht, Leistung, Opferbereitschaft

- Zentrale Eigenschaften
* Wichtige Merkmale einer Person
 Ehrlichkeit

- Sekundäre Eigenschaften
* Weniger wichtige Merkmale
 Einstellungen, Vorlieben


- Eigenschaften sorgen für Kohärenz im Verhalten, indem sie die Reaktionen
auf eine Reihe von Situationen verbinden und vereinheitlichen
 intervenierende Variablen

- Motivationspsychologie als Theorie erworbener, sich verändernder Motive

- Entwicklungsmodell
Entwicklung vom körperlichen Selbst zum Selbst als Wissender

- Methoden
Inhaltsanalyse von Dokumenten, Fallstudien, detaillierte Beschreibungen
 Betonung qualitativer Verfahren

- Problem
Kein systematischer Vergleich mit anderen Personen
 wissenschaftliche Aussagen über Persönlichkeitseigenschaften und
Persönlichkeit nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich

- Persönlichkeitsaussagen sind populationsabhängig


 Referenzpopulation, Messung

Eigenschaftstheorien differenziell - Guilford


- “Die Persönlichkeit eines Individuums ist seine einzigartige Struktur von
Persönlichkeitszügen: traits“

- “Ein trait ist jeder abstrahierbare und relativ konstante Persönlichkeitszug,


hinsichtlich dessen eine Person von anderen unterscheidbar ist“

- „…hat in einer gut ausgebauten Theorie des Verhaltens oder der


Persönlichkeit der Begriff von Selbst oder Ich wenig Platz“
Guilford
- Forschungsschwerpunkte: Intelligenz und Temperamentsfaktoren

- Methoden
* Untersuchung von größeren Kollektiven mit Fragebogen und Tests
* Faktorenanalyse
* Korrelationen
 quantitatives Vorgehen

Sieben Bereiche von Persönlichkeitsmerkmalen nach Guilford

Quadermodell der Intelligenz nach Guilford


Big Five - Costa und Mc Crae
Fünfdimensionale Eigenschaftsstruktur

1. Emotionale Stabilität
* Emotionalität
Erlebnis von Gefühlszuständen wie
- nervös
- ängstlich
- traurig
- unsicher
- verlegen
- gesundheitsbesorgt
* Emotionale Stabilität
- Belastbarkeit
- stumpf
- ruhig
- sorgenfrei
- ausgeglichen
- durch nichts aus der Ruhe zu bringen

2. Extraversion
* Extravertiert
- gesellig
- aktiv
- gesprächig
- Personen orientiert
- herzlich
- optimistisch
- heiter
- liebt Aufregungen
* Introvertiert
- zurückhaltend
- lieber allein
- reserviert
- bleibt im Hintergrund
- meidet Aufregung
- unabhängig

3. Offenheit für Erfahrungen


* Geltungsdrang
- Leistungsanspruch
- Ehrgeiz
- Beweglichkeit
- liebt Abwechslung
- unabhängig im Urteil
- von sich selbst überzeugt
- anspruchsvoll
- zielstrebig
* konventionelles Verhalten
- konservative Einstellungen
- gedämpfte emotionale Reaktionen
- unbeweglich
- beharrlich
- treu
- loyal
- sich unterordnend
- gehorsam

4. Verträglichkeit
* Altruismus
- Verständnis
- Wohlwollen
- Mitgefühl
- Hilfsbereitschaft
- Harmoniebedürfnis
- kooperativ
- nachgiebig
- umgänglich
- passiv
* Antagonismus
- Rigidität
- unabhängig
- Widerspruchsgeist
- egozentrisch
- misstrauisch
- kompetitiv

5. Gewissenhaftigkeit
* Gewissenhaft
- diszipliniert
- zuverlässig
- pünktlich
- ordentlich
- pedantisch
- penibel
* Nachlässigkeit
- nachlässig
- locker
- gleichgültig
- unzuverlässig
- unbeständig
- unsystematisch
- chaotisch
Exkurs: Idiografik versus Nomothetik Geisteswissenschaftliche

Geisteswissenschaftliche Naturwissenschaftliche Orientierung


Orientierung  Nomothetik
 Idiografik
Ziel Ziel
- Suche nach dem Einmaligen / - Suche nach allgemeingültigen
Unverwechselbaren Gesetzen / Regeln

- Forderung nach Konkretheit / - Verallgemeinerung über alle


Ganzheit Menschen
- Suche nach zentralen Dimensionen

Methode Methode
- Beschreibung komplexer - analytisches Denken
Phänomene - Experiment

Stabilität von Eigenschaften


- Eigenschaftsbeurteilungen sind ausreichend stabil

- Zeitliche Stabilität von Verhaltensbeobachtungen nur dann hoch, wenn über


viele gleiche Situationen gemittelt wird

- Problem: transsituative Konsistenz: tK


 unehrliches Verhalten bei Kindern über 8 Situationen hinweg:
Stabilität

- Mischel: tK selten über .30


 Individuelle Besonderheiten im Verhalten sind hoch
situationsspezifisch

 Grundannahme des Eigenschaftsparadigmas verletzt?

- Ehrlichkeit eines Kindes kann sich in unterschiedlichen Situationen von


Ehrlichkeit anderer Kinder in unterschiedlichem Ausmaß unterscheiden

- Aber: diese Unterschiede können zeitlich stabil sein: stabile Situationsprofile


 Eigenschaften mit niedriger tK

- Stabilität und Wandel schließen sich nicht aus

- Verschiedene Situationen erlauben in unterschiedlichem Ausmaß den


Ausdruck bestimmter Eigenschaften
- Eigenschaften kommen vor allem zum Tragen in
* neuartigen Situationen
* unbestimmten Situationen
 verschiedene Handlungsalternativen, unklar, welche die beste
ist
* belastenden oder herausfordernden Situationen

- Aber: Person wählt Situationen auch aus!

- Wahrnehmung und Bewertung der Situation wird beeinflusst von


Eigenschaften

- Person „schafft Realitäten“ durch Verhalten, die Realitätskonstruktionen des


Interaktionspartners beeinflussen

- Diese Realitätskonstruktionen führen zu Kategorisierungen und


Erwartungshaltungen, die wiederum unser weiteres Verhalten beeinflussen
können

- Komplexe Interaktionen, dynamischer Prozess

Resümee
- Was ist Persönlichkeit?
 Frage muss differenzierter gestellt werden

- Wichtig für die Praxis


Konsequenzen unterschiedlicher Paradigmen / Theorien?

- Sind Persönlichkeitseigenschaften stabil?


 Ja und nein, Frage muss differenziert werden

- Komplexe Interaktion Person x


 “subjektive” / “objektive“ Situation