Sie sind auf Seite 1von 6

Die Anlage - Umwelt - Debatte

 Du kannst vor dem davonlaufen, was hinter dir her ist, aber was in dir
ist, das holt dich ein: aus Afrika

Exkurs: Forschungsperspektiven zur Analyse von Entwicklung


- Individuelle Perspektive
Individuum wird im Lauf seiner Entwicklung mit sich selbst verglichen

- Universelle Perspektive
Abstrahiert vom Einzelfall, allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung
werden beschrieben

- Differenzielle Perspektive
Entwicklung von Persönlichkeitsunterschieden im Sinne von Abweichungen
von der durchschnittlichen Entwicklung

- Die eineiigen Zwillinge Jim Lewis und Jim Springer waren fast 40 Jahre
getrennt. Sie …
*… lebten beide in Einfamilienhäusern in Vororten größerer Städte
*... hatten einen vergleichbaren beruflichen Status erreicht
*... hatten beide zweimal geheiratet, wobei ihre jetzigen Frauen sogar
denselben Vornamen haben
*... hatten beide einen Sohn
*... waren beide Hundebesitzer
*... rauchten dieselbe Zigarettenmarke
*... fuhren beide einen Chevrolet

Problematisierung anekdotischer Einzelfallberichte


- Vergleichsmerkmale systematisch selektiert

- Eingeschränkte Variabilität bestimmter Merkmale in einer Population

 Identisches Genom keine notwendige Bedingung für das Auftreten


derartiger Übereinstimmungen zwischen zwei getrennt aufgewachsenen
Personen

 Übereinstimmungslisten sprechen für die Bedeutung von


Sozialisationsfaktoren

Einfluss der Anlage


- Untersuchungen von Chromosomenanomalien
- genetisch bedingten Stoffwechselstörungen
- populations-genetische Untersuchungen mit Gruppen unterschiedlichen
Verwandtschaftsgrades

 Entstehung und Ausprägung biologischer und psychischer Merkmale


 Steuerungsfunktion der Gene noch nicht im Detail bekannt
 Psychische Merkmale nicht direkt beobachtbar, keine einfachen
Kausalketten von Genen zu Merkmalen
Heritabilitätsschätzung: Maß für die Erblichkeit von Eigenschaften
- Interindividuelle Unterschiede auf der Ebene beobachtbarer Merkmale /
Phänotyp und der Ebene des Genotyps werden miteinander in Beziehung
gesetzt

- Anteil der genetisch bedingten Varianz an der phänotypischen Varianz eines


Merkmals in einer Population = Heritabilität (H)

- Erstes Problem hierbei


Schätzung der phänotypischen Varianz des Merkmals wie zum Beispiel
Intelligenz in einer Population

- Noch viel größeres, zweites Problem: Schätzung der genotypischen Varianz


von Merkmalen

- Humangenetische Theorien
 Bestimmung des Grades der genotypischen Ähnlichkeit für Personen
unterschiedlichen Verwandtschaftsgrades

 Eltern und Kinder sowie Geschwister und zweieiige Zwillinge


50 % genetische Übereinstimmung

 Eineiige Zwillinge
100 % genetische Übereinstimmung

- Identisches Genom
Merkmalsunterschieden umweltbedingt

- Nicht-identisches Genom
Merkmalsunterschieden anlagebedingt und umweltbedingt

- Identische Umwelt
Merkmalsunterschiede genetisch bedingt

 Intra-Klassen-Korrelationen des Merkmals als Schätzwert der Heritabilität

Probleme der Heritabilitätsschätzung durch Zwillings- und


Adoptionsstudien
- Populationsabhängigkeit von H

- H als Maß der Erblichkeitsschätzung aus differenzieller Perspektive


 keine Schlussfolgerung über die Anlagebedingtheit der
Hervorbringung eines Merkmals
 keine Schlussfolgerung über die Veränderbarkeit eines Merkmals
 keine Schlussfolgerungen auf der Ebene des Individuums

- Faktoren, die für inter-individuelle Unterschiede verantwortlich sind, müssen


nicht identisch sein mit Faktoren, die intra-individuelle Veränderungen, also
Entwicklung, hervorrufen
- Wir können also keinesfalls davon ausgehen, dass alles Vererbte
grundsätzlich unbeeinflussbar und alles Erworbene grundsätzlich änderbar
ist

- Gravierende methodische Probleme

Thesen von Herrstein und Murray


- Der IQ der Weißen ist im Schnitt 15 Punkte höher als der der Schwarzen

- Die Unterschiedlichkeit der Intelligenzausstattung ist „natürlich“, weil durch


die weitgehende genetische Determination des IQ bedingt

- Die erblich fixierte Unterschiedlichkeit rechtfertigt es, dass die zum Beispiel
bezüglich der Hautfarbe oder der Schicht) verschiedenen Gruppen von
pädagogischen Maßnahmen unterschiedlich profitieren dürfen

Einfluss der Umwelt


- Watson: extremer milieutheoretischer Optimismus

- Direkte Schätzungen
* Konstruktion von Umwelttaxonomien
* Problem der Verhaltensrelevanz: „objektive“ vs. subjektive Umwelt?
* Ausgehen von subjektiver Umwelt
 mögliche Vermischung von Anlage- und Umweltfaktoren

Genotyp-Umwelt-Interaktionsmodell nach Scarr


1. Passiver Zusammenhang
- Biologische Eltern schaffen Erziehungsumwelt, welche die Entwicklung
des Kindes direkt oder indirekt beeinflusst

2. Evozierender Zusammenhang
- Genotyp des Kindes provoziert bestimmte Reaktionen

3. Aktiver Zusammenhang
- Genotyp des Kindes beeinflusst Selektion und Auswahl von Umwelten

 Ständiges Wechselspiel zwischen Veränderungen des Organismus und


Veränderungen der Umwelt
Beispiel einer spezifischen Genom- Umwelt- Interaktion
- Caspi im Jahre 2002: „Dunedin-Längsschnittstudie

- Gen-Umwelt-Interaktion für antisoziales Verhalten:


 Zusammenspiel zwischen erfahrener Kindesmisshandlung und
Aktivität
des MAOA-Gens

- 500 männliche Probanden im Alter von 26 Jahre

- 4 Indikatoren für antisoziales Verhalten


* Antisoziale Persönlichkeitsstörung nach DSM-IV
* Zahl der Verurteilungen wegen Gewalttätigkeit
* Selbstbeurteilung antisozialer Tendenzen
* Beurteilung durch Bekannte

Beispiel einer spezifischen Genom- Umwelt- Interaktion

- Genetisch bedingte unzureichende MAOA-Aktivität scheint die Entwicklung


antisozialer Tendenzen zwar nicht allgemein, aber nach erfahrener
Kindesmisshandlung zu fördern

Schätzung der Varianzanteile verschiedener Eigenschaften


- Kombinationsstudien von Zwillings- und Adoptionsdaten nach Chipuer

German Observational Study of Adult Twins (GOSAT)


- Eingebettet in die Bielefeld Longitudinal Study of Adult Twins
 BiLSAT, Beginn 1993

- Bislang umfangreichste Zwillingsstudie in Deutschland

- Erstellung des ersten deutschen Zwillingsregisters mit über 1100


Zwillingspaaren

- Ziel
Identifizierung von genetischen und Umwelteinflüssen auf Persönlichkeit
und Intelligenz
- Stichprobe
300 eineiige und zweieiige Zwillingspaare zwischen 18 und 70 Jahren

- Multimethodaler Ansatz zur Erfassung der Persönlichkeitseigenschaften


* Selbstberichte
* Bekanntenberichte
* Beobachtungsdaten
* Minimierung des Einflusses systematischer Urteilsverzerrungen auf
die
Schätzungen

- Erfassung kognitiver Fähigkeiten: IQ-Tests, Reaktionszeitaufgaben

- Ergebnisse
* h2 / allgemeine Intelligenz = .64
* h2 / Reaktionszeit = .39
substanzielle genetische Einflüsse

* Keine bedeutsamen Unterschiede in der Erblichkeit zwischen


verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften: Big Five

* Unterschiedlichkeit / Gesamtvarianz über alle Persönlichkeitsmerkmale


 zu 42% durch genetische Einflüsse
 zu 25% durch Einflüsse der geteilten Umwelt und
 zu 35% durch Einflüsse der spezifischen Umwelt erklärt

 Ähnliche genetische Einflüsse bei Verhaltensbeobachtungen wie bei


Beurteilungen in Fragebögen

- Genetische Einflüsse auf Ebene der Persönlichkeitseigenschaften


besonders ausgeprägt, wenn die Verhaltensweisen über verschiedene
Situationen zusammengefasst werden

 spricht dafür, dass Verhaltenstendenzen in den Genen verankert sind,


nicht aber besondere spezifische Verhaltensweisen

Zwillingsforschung an der UdS


- Lehrstuhl für Differenzielle Psychologie und Diagnostik
 Arbeitsgruppe um Prof. Spinath

- KoSMoS
Zwillingsstudie zu Einflüssen von kognitiven Fähigkeiten und selbst
eingeschätzter Motivation auf Schulerfolg

- TwinPaw: Twin Study on Personality and well-being


Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen, Umweltbedingungen und
Erfahrungen auf das Gesundheitsverhalten (Fitness, Ernährung, etc.) und
das allgemeine Wohlbefinden
KoSMoS
- Inwiefern sind motivationale Voraussetzungen für Lern- und
Leistungsverhalten durch Umwelteinflüsse veränderbar?

- Welche Rolle spielen individuelle Anlagen für die Motivation?

- 407 EZ und ZZ- Paare zwischen 7 und 11 Jahren

- Motivationsvariablen
Fähigkeitsselbstkonzept und intrinsische Motivation; erhoben für die
Fächer
Deutsch und Mathematik

- Zentrale Befunde
* Bedeutsame genetische Effekte
 stellen die vielfach angenommene große Veränderbarkeit der
Motivation in Frage

* Großer Einfluss der nicht-geteilten Umwelt


 potentielle Veränderungsmöglichkeiten durch spezifische
Interventionsmaßnahmen

Resümee
- Aussagekraft von Erblichkeitskoeffizienten in hohem Maße eingeschränkt

- Schätzung methodisch in vieler Hinsicht problematisch


 gezogenen Konsequenzen sind zu hinterfragen

- Anlageunterschiede sind unleugbare Entwicklungsgegebenheiten - dies


schließt pädagogische Einflussmöglichkeiten nicht aus

- ABER
Ein extremer milieutheoretischer Optimismus ist auf der Basis bisheriger
Befunde genauso wenig gerechtfertigt wie ein milieutheoretischer
Pessimismus

- Es ist naiv anzunehmen, dass man alle Menschen zu den gleichen


Entwicklungsergebnissen führen kann

- Solange Unterschiede noch auf Umweltvarianz zurückgeführt werden


können: genetisches Potenzial einer Population durch die gegebenen
Umweltbedingungen nicht voll ausgeschöpft
 Förderung möglich und auch angezeigt

- Analyse des komplexen Zusammenspiels von Anlage und Umwelt


 fördernde, behindernde, kompensierende Umweltwirkungen?