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FAKTOR FÜNF

ROBERT HABECK
OESHANG
545
;k Habeck
1
Todeshang
Robert Habeck
In die Ferien........................................... 5
Ihre Hütte............................................... 8
Der Kurs................................................. 16
Eine Kneipengeschichte....................... 18
Der Plan.................................................. 27
Der Hang................................................ 35
Verdacht.................................................. 46
In die Ferien

Es hört auf zu schneien. Doris, Mark und Lars


blicken aus dem Busfenster. Alles ist weiß. Auf
den Bäumen liegt Schnee.
„So muß es in den Wolken aussehen", sagt
Doris.
„Oder in einer Wattefabrik", lacht Lars.
Sie fahren immer höher in die Berge. Es sind
Osterferien, und die drei Freunde machen
Urlaub in Österreich.
Sie wollen zwei Wochen lang Ski fahren.
Freunde von Marks Eltern haben ein Haus in
der Nähe der Schweizer Grenze. Es liegt hoch
in den Bergen. Bis Ende April, manchmal bis
zum Mai, liegt dort Schnee.
Und jetzt schneit es auch schon wieder. Es
ist der achte April.
„Jetzt sind wir hier, und vor zwei Tagen
waren wir noch in der Schule."
„Unglaublich!" sagt Lars.
„Ja, aber die Fahrt hat ja nun auch lange ge­
nug gedauert", antwortet Doris, die froh ist,
daß sie nun bald da sind.

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Mit dem Zug sind sie von Hamburg nach
München gefahren. Das hatte die ganze Nacht
gedauert. Am Morgen tranken sie in München
auf dem Bahnhof einen Kaffee. Der schmeckte
furchtbar.
Auf dem Bahnhof waren viele Menschen mit
Skiern. In ganz Deutschland hatten die Oster­
ferien angefangen. Aber es waren auch viele
Dänen, Schweden und Holländer da. Sie
mußten in einen Zug nach Innsbruck umstei­
gen. Und von Insbruck ging es drei Stunden
lang mit dem Bus weiter nach Linzl.
Linzl ist ein kleiner Ort. Es gibt dort eine
Kirche mit einem Turm. Die Häuser sind klein
und haben Steindächer. Eigentlich gibt es nur
eine einzige Straße durch den Ort. Sie fahren
gerade auf dieser Straße. Es sind nicht mehr so
viele Menschen im Bus. Der Bus hält. Sie sind
da.
Als sie darauf warten, daß der Busfahrer
ihnen ihre Rucksäcke gibt, bewerfen sich Mark
und Lars mit Schneebällen. Sie sind albern wie
Kinder. Sie freuen sich auf den Urlaub.
„Mark, Lars, seid ihr nicht zu alt für solche
Kinderspiele?" ruft Doris. „Ich glaube, ich muß
euch stoppen!"
Und sie beginnt wie wild, Schneebälle auf
die beiden Jungen zu werfen. Dann läuft sie
weg, bevor die beiden sie treffen können.
Dann bekommen sie ihre Rucksäcke vom
Busfahrer. Sie sind ganz schwer. Sie haben viel
Proviant mit. Es ist teuer hier in den Bergen,
deshalb haben sie viele Dinge mitgebracht.
„Es ist wirklich gut, daß wir Rucksäcke statt
Koffer haben", sagt Lars.
„Ja, das stimmt!" gibt Mark ihm recht.
„Schon auf dem Hauptbahnhof beim Umstei­
gen war es ein Vorteil."
„Außerdem können wir, wenn es taut, mit
den Rucksäcken sogar wandern", sagt Doris.
Aber da besteht keine Gefahr. Der Schnee ist
sehr hoch, und alles ist weiß.

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Ihre Hütte

Ihre Hütte ist ganz aus Holz. Sie besteht aus


einem einzigen Raum. In einer Ecke steht ein
Holzofen, in der anderen gibt es eine kleine
Küche. Und dann stehen noch zwei große Bet­
ten in dem Haus.
„Meine Güte, so große Betten habe ich ja
noch nie gesehen", sagt Mark überrascht.
„Vielleicht wohnt ja sonst der Yeti hier",
macht sich Lars über Mark lustig.
„Nein, früher hat hier bestimmt eine ganze
Familie gewohnt, und die haben zu mehreren
in einem Bett geschlafen", sagt Doris.
„Ja, das müssen wir wohl auch, was Mark?"
und Lars schlägt seinem Freund dabei auf die
Schulter.
„Mit dir? Ich soll mit dir in einem Bett schla­
fen? O nein, Doris, nicht mit Lars! Seine Füße
stinken, und er schnarcht! Bitte, Doris, dann
lieber mit dir!"
Aber Doris lacht nur:
„Nein, meine Füße stinken noch viel mehr.
Das wird keiner von euch aushalten."
Also schlafen die beiden Jungen in einem
I
!

Bett und Doris in dem anderen. So war es auch


geplant.

Die drei kennen sich seit vielen Jahren. Schon


seit immer, hat Doris das Gefühl. Eigentlich
kommt Doris aus Kiel, und Marks Eltern
haben, als er sechs Jahre alt war, einmal ein
Jahr im Ausland gearbeitet. Aber dann kamen
sie wieder zurück nach Hamburg.
Jetzt, mit achtzehn Jahren, sind die drei so
gute Freunde, daß sie sich nicht vorstellen kön­
nen, ohne einander zu leben.

Heute ist es schwieriger, etwas zusammen zu


machen. Die Leute, die die drei zusammen
sehen, wollen immer wissen, wer der Freund
von Doris ist. Und wenn Mark und Lars beide
zusammen „ich" sagen, halten das alle für sehr
unmoralisch.
„Aber wir sind doch beide Doris' Freunde",
sagen dann Mark und Lars.
Die Leute wollen aber wissen, wer denn mit
Doris zusammen ist. Mark ärgert sich darüber
sehr:
„Als ob man immer gleich heiraten muß,
wenn ein Junge und ein Mädchen Freunde sind."
„Zwei Jungen und ein Mädchen", verbessert
Doris.

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„Eben", sagt Mark.
Eigentlich versteht er selbst nicht, warum er
nicht in Doris verliebt ist. Sie ist mit ihrem
dunklen, kurzen Haar sehr hübsch. Das findet
Lars auch. Aber auch er ist nicht in Doris ver­
liebt. Auch er versteht das nicht. Die Bedin­
gungen sind ideal. Doris hat gerade mit ihrem
Freund Schluß gemacht. Und Lars' Freundin
ist eine Spanierin, die er im Urlaub kennenge­
lernt hat. Er sieht sie nur zweimal im Jahr. Das
ist auf die Dauer doof, findet er. Doris sieht er
fast jeden Tag. Aber weder Mark noch Lars
können sich vorstellen, mit ihr zusammen zu
sein. Und deshalb schlafen die beiden Jungen
in einem Bett.

Sie richten sich schnell im Haus ein. Mark


schmeißt alle seine Sachen kreuz und quer
durch den Raum. Nach zwanzig Minuten sieht
das Zimmer aus wie bei ihm zu Hause. Und
Lars besteht darauf, daß Mark gleich wieder
aufräumt und seine Socken, Unterhosen und
Bücher wieder vom Fußboden aufhebt.
„Was hast du denn da für ein Buch?" fragt
Doris.
„Einen Reiseführer", antwortet Lars.
„Wozu brauchst du denn den?" will Mark
wissen.

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„Es ist kein richtiger Reiseführer, eher ein
Geschichtsbuch. Da steht viel über diesen Ort
hier drin."

Dann packen sie ihre Skier aus und fahren los.


Lars ist ein bißchen unsicher. Es ist vier Jahre
her, daß er zum letzten Mal Ski gelaufen ist.
Lars ist groß und dünn. Alles, was er tut, sieht
etwas unsicher aus. Nicht nur das Skilaufen.
Mit seinen kurzen Haaren und der kleinen
Brille sieht er wie ein Professor aus. Aber er ist
sehr ausdauernd.
„Komm, Professor, oder soll ich dich schie­
ben?" ruft Mark, der hinter Doris hersaust.
„Schieb dich selbst", ruft Lars hinterher und
denkt: Na warte, dich hole ich noch ein.
Es dauert nicht lange, da hat er sich wieder
an alles erinnert und fährt lachend hinter den
anderen her. Die sind auch in den letzten
Jahren Ski gefahren. Außerdem kann Doris fast
alle Sportarten sehr gut. Sie ist zwei Köpfe klei­
ner als der große Lars. Und es sieht sehr ko­
misch aus, wenn die beiden zusammen Sport
machen oder tanzen. Lars ist Doris' Tanzpart­
ner. Sie tanzen Flamenco.
„Und wenn wir zurückkommen, dann tanzt
ihr bestimmt nur noch Schuhplattler oder
einen anderen österreichischen Volkstanz mit

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Blasmusik!" hatte Mark sie vor der Abfahrt
geärgert.
Mark kann zwar auch nicht besser Ski laufen
als Lars, aber er riskiert einfach, direkt hinter
Doris herzufahren. Nach zweihundert Metern
liegt er im Schnee.
„Na, du alte Ente", sagt Lars, „soll ich ein
Abschleppseil holen?"
Die Sonne scheint jetzt. Es ist Urlaubswetter.

Sie fahren zu einem Lift. Dort sehen sie ein


Schild, auf dem ein Skikurs angeboten wird.
Lars schlägt vor, diesen Kurs mitzumachen.
Mark will nur, wenn Doris will. Und Doris
will, weil sie weiß, daß Lars will. Der Kurs ist
nicht sehr teuer. Teuer ist dagegen die Fahrkar­
te für den Lift. Aber wenn man sie kauft,
bekommt man den Kurs billiger.
Lars geht in das kleine Haus, wo die Fahr­
karten verkauft werden.
Ein Mann mit Oberlippenbart und Goldkette
verkauft ihm die Liftkarten und sagt, daß sie
morgen um zehn hier zum Kurs sein sollen.
Lars nickt.
Der Mann ist ihm sehr unsympathisch. Er ist
so, wie die Skilehrer in allen Büchern beschrie­
ben werden. Ein Macho.

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Dann denkt er aber auch nicht länger an den
Skilehrer. Sie steigen in den Lift. Mark macht
Witze.
Dann fahren sie los. Und als sie in der Luft
sind, merkt Mark, daß er nicht schwindelfrei
ist. Das ist der beste Witz, finden Lars und
Doris.

Sie fahren den Rest des Tages Ski. Immer wie­


der fahren sie mit dem Lift nach oben und im
Slalom wieder hinunter. Es macht so viel Spaß,
daß Mark ganz vergißt, daß er nicht schwin­
delfrei ist. Er will nur wieder nach oben, um
wieder abfahren zu können.

Völlig naß vor Schweiß kommen sie abends zu


ihrem Haus.
Mark geht mit seinen dicken Skistiefeln ins
Haus. Er wirft seine Jacke in eine Ecke und sich
selbst mit seinen Stiefeln aufs Bett.
„Du bist doch ein echtes Schwein", sagt
Lars, „zur Strafe mußt du heute kochen."
Aber das ist keine Strafe für Mark. Er kocht
gerne und gut. Nach einer Stunde gibt es ein
leckeres Essen aus Konservendosen. Und dop­
pelte Portion für alle. Die ist auch nötig, weil
Mark die Hälfte selbst aufißt.
Dann kochen sie Tee. Sie zünden Kerzen an.

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Doris wäscht die Teller und das Besteck ab,
Lars räumt Marks Zeug zum zweiten Mal auf,
und Mark sucht in seiner Tasche nach Schoko­
lade.
Es wird ein sehr schöner Abend. Sie reden
bis lange in die Nacht und spielen Karten.
Doris gewinnt beim Skat und Pokern. Sie
kochen wieder Tee und essen Marks Schokola­
de. Und sie freuen sich, daß sie noch zehn sol­
cher Abende vor sich haben.

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Der Kurs

Es sind herrliche Tage. In den Nächten schneit


es, und am Tag scheint meistens die Sonne.
Alle drei werden immer besser im Skifahren.
Am Vormittag nehmen sie am Skikurs teil.
Aber der Kurs gefällt ihnen nicht.
Lars glaubt seinen Augen nicht, als ausge­
rechnet der unsympathische Mann, der ihnen
die Karten verkauft hat, ihr Skilehrer ist. Er
präsentiert sich als „der Franzi". Und Doris
sagt leise zu Mark:
„Er hat gemeine Augen."
Tatsächlich hat Franzi sehr kleine Augen.
„Das stimmt", flüstert Mark zurück, „es sind
die Augen von einem Schwein."
Sie müssen sich alle in einer Reihe aufstellen
und dann durchzählen, obwohl sie nur zehn
Leute in der Gruppe sind.
„Wir sind doch nicht bei den Soldaten", sagt
Mark.
„Oder im Gefängnis", gibt Lars zurück.
Aber Franzi denkt wohl, daß sie bei den Sol­
daten sind. Er befiehlt und kommandiert sie
herum. Und immer wieder müssen sie sich in

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einer Reihe aufstellen. Lars ärgert sich sehr
darüber. Und als sie nach einer Slalom-Übung
wieder „antreten" müssen, sagt er:
„Warum stellen wir uns nicht auch noch der
Größe nach auf?"
Franzi blickt ihn böse an. Dann wendet er
sich ab und fragt in die Runde:
„Was hat der Deutsche gesagt? Kommt hier­
her und will mir Vorschriften machen? Sagt
mir, was ich tun soll? Das lohnt sich nicht. Hier
bestimme ich."
Sie müssen einer nach dem anderen hinun­
terfahren. Der erste muß stehen bleiben, dann
fährt der zweite um ihn herum und bleibt auch
stehen. Dann der dritte um die beiden anderen
- und so weiter.
Wie lebende Slalomstangen, ich bin doch
kein „Hindernis", denkt Lars, der diese Übung
auch doof findet. Er überlegt sich sogar, ob er
am nächsten Tag überhaupt noch zu dem Kurs
gehen soll. Aber nachdem sie am Nachmittag
wieder alleine gefahren sind und es so viel
Spaß gemacht hat, vergißt er seinen Ärger.

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Eine
Kneipengeschichte

Am anderen Ende der Straße von Linzl liegt


eine Kneipe. Es gibt auch eine andere Kneipe
in der Mitte des Ortes, aber dort sind nur Tou­
risten. Lars schlägt vor:
„Wollen wir heute abend ausgehen?"
„Ausgehen?" fragt Doris.
„Ja, in die Kneipe", antwortet Lars.
„Au ja", ruft Mark, „und dann trinken wir
die ganze Nacht durch."
Alle lachen. Und Mark fällt wieder auf, wie
hoch Doris lachen kann. Wieder überlegt er,
warum er nicht in sie verliebt ist.
Sie ziehen sich warm an und gehen durch
den Ort.
Doris sagt:
„Wenn es dunkel ist und Schnee liegt, ist es
immer wie Weihnachten."
„Das stimmt", finden auch Mark und Lars.
Sie gehen an der Kirche vorbei. Von den Häu­
sern fällt Licht auf den Platz vor der Kirche. Es
gibt nur wenige Laternen.

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Linzl sieht an diesem Abend aus wie ein Ort
aus einem Skikatalog. Das Rathaus steht der
Kirche gegenüber. Aber das Rathaus ist nicht
größer als eine Autogarage, findet Lars.

Sie kommen bei der Kneipe an, und Mark öff­


net die Tür. Warme Luft, Zigarettenrauch und
Männerstimmen schlagen ihnen entgegen. Sie
treten ein und setzen sich an einen Tisch in der
Ecke. Lars bestellt drei Bier. Während er an der
Bar wartet, sieht er sich um.
Es sind vielleicht zwanzig Leute in der Knei­
pe. Alles Männer. Und es kommt ihm vor, als
ob sie alle einen Bart hätten. Sie spielen Karten,
rauchen und trinken. Eigentlich ist es ganz
gemütlich. Er weiß nicht, warum er sich nicht
wohl fühlt. Irgend etwas stört ihn.
Das Bier wird in große Gläser gefüllt. Mark
kommt, um Lars zu helfen.
„Wie findest du es hier?" fragt Lars ihn.
„Gut eigentlich. Aber Doris fühlt sich nicht
wohl", antwortet Mark. „Sie meint, alle Män­
ner würden sie anschauen."
„Weil sie die einzige Frau ist?" fragt Lars.
Sie setzen sich.
„Gefällt es dir hier nicht?" fragt Lars Doris.
„Nicht besonders", antwortet sie.
„Sollen wir gehen?" fragt Mark.

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„Nein, ach was, jetzt trinken wir erstmal das
Bier."
Während sie das Bier trinken, erzählt Lars,
was er in seinem Reiseführer über Linzl gele­
sen hat.
„Im Zweiten Weltkrieg wurde hier ganz viel
geschmuggelt. Österreich gehörte ja zu Deutsch­
land. Und hinter den Bergen, auf denen wir
heute Ski gefahren sind, liegt die Schweiz."
„Und dann sind sie hier mit Skiern über die
Grenze gefahren?" fragt Doris.
„Ja genau."
„Was wollten die denn schmuggeln? Schwei­
zer Schokolade?" fragt Mark.
„Dummkopf, Waffen natürlich", gibt Lars
zurück.
„Waffen?"
„Denk doch mal nach."
„Waffen hatten die doch in Deutschland
unter den Nazis genug."
„Ja, aber die Falschen ..."
„Die falschen Waffen?" Mark versteht immer
noch nicht.
„Nein, die falschen Leute", antwortet Lars,
„die Nazis."
„Du meinst, über die Schweiz wurden Waf­
fen für den deutschen Widerstand einge­
schmuggelt?"

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„Na endlich! Genau so war es. Und deshalb
haben die Nazis die Grenze wie verrückt
bewacht. Überall waren hier Soldaten. Aber
weil die Berge so schwer zu bewachen sind,
haben es die Widerstandskämpfer immer wie­
der versucht."
„Aber nicht mit viel Erfolg", meint Doris.
„Nein, wohl nicht", gibt Lars zu.
Alle drei schweigen, trinken an ihrem Bier.
Als sie fertig sind, sagt Mark: 4v
„So, jetzt gehen wir nach Hause, dort ist es
lustiger."
„Genau", sagt Doris und steht schon auf, als
der Wirt von der Kneipe mit drei Bier kommt.
„Wir haben nichts mehr bestellt", sagt Lars.
„Nein", antwortet der Wirt, „sie sind von
dem Herrn dahinten."
Die drei sehen sich um. An der Bar steht der
Skilehrer und hebt sein Bierglas. Er trinkt
ihnen zu.
„Mist", sagt Mark, „das Schweinsauge."
„Jetzt kommt er rüber", sagt Doris.
„Gehen wir", schlägt Mark vor. Aber da ist
der Skilehrer schon heran.
„Hallo", sagt er, „ihr seid doch in meinem
Kurs."
Lars denkt: Wieso ist er denn nun so freund­
lich?

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Der Skilehrer sagt:
„Du bist doch der junge Freund, der nicht
gerne in einer Reihe steht." Er lacht und
schlägt Lars auf die Schulter.
Auch Mark und Doris denken, daß der Ski­
lehrer sich verstellt. Weil er so nett tut, ist es
schwierig zu gehen. Sie setzen sich wieder.
Und ohne zu fragen setzt sich der Skilehrer
auch. Was will der nur? fragt Lars sich, wieso
gibt er uns ein Bier aus?
„Danke für das Bier", sagt Doris.
Lars blickt Doris an. Und dann kommt ihm
ein Gedanke: Vielleicht will der Skilehrer ja was
von Doris ... Wenn er schon so aussieht, wie ein
Macho, dann ist er ja vielleicht auch einer."
„Bitte, bitte! Ich habe gesehen, daß ihr schon
gehen wolltet. Da habe ich gedacht, das ist
kein gutes Zeichen. Vielleicht gefällt es ihnen
nicht. Und - jetzt bleibt ihr!" Der Skilehrer
freut sich.
Und es gefällt uns immer noch nicht, denkt
Lars.
„Ja, danke nochmals", sagt Doris noch mal.
„Das freut mich besonders, daß es dir
gefällt", sagt der Skilehrer und blickt Doris
wieder lange an. Viel zu lange für Lars.
„Wie gefällt euch denn Linzl?" will er nun
wissen.

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„Danke, es ist ein typischer Skiort", gibt
Mark kühl zurück.
„Nein, durchaus nicht", widerspricht nun
der Skilehrer. „Linzl sieht zwar so aus, wie die
anderen Orte hier, aber es ist ein besonderer
Ort. Viele Geschichten sind hier passiert."
Die uns alle gar nicht interessieren, denkt
Lars, aber er traut sich nicht, das zu sagen.
„Ich will euch eine Geschichte erzählen. Und
es ist eine besondere, extra für euch.
„Es ist schon eine ganze Zeit her", beginnt
der Skilehrer nun seine Geschichte, „da waren
auch drei junge Deutsche hier."
„Das ist doch nichts Besonderes", antwortet
Doris, „hier ist doch alles voll Deutscher."
„Ja, beginnt der Skilehrer noch mal, „aber
damals war es etwas Besonderes. Es war
während des Krieges, wißt ihr. Und da war
hier kein Mensch."
Schon wieder der Krieg, als ob er uns zuge­
hört hat, denkt Lars.
„Es gab eigentlich gar keine Touristen hier.
Als dann doch einmal drei junge Deutsche
kamen, fiel das sehr auf. Sie waren reich. Das
sahen alle Leute sofort. Es waren auch zwei
Jungen und ein Mädchen. Das Mädchen sah
bestimmt so gut aus wie du", sagt er zu Doris.
Doris rückt von ihm weg, als er ihr die Hand

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auf den Arm legt. Lars zuckt zusammen. Er ist
jetzt sicher, daß der Skilehrer etwas von Doris
will. Die Geschichte ist nur ein Trick. Am lieb­
sten würde er sofort aufstehen.
Aber der Skilehrer redet einfach weiter:
„Sie liehen sich Skier und fuhren am Morgen
in die Berge. Mittags kamen zwei Polizisten.
Sie fragten nach den dreien. Und dann sagten
sie, daß es Juden wären. Sie wollten über die
Grenze in die Schweiz fliehen. Im Ort wurden
Männer gesucht, die sie fangen sollten. Die
drei kannten sich in den Bergen ja nicht aus.
Und die Männer aus dem Ort würden sie
bestimmt schnell finden. Eine Gruppe von sie­
ben Männern fuhr ihnen nach.
Am Nachmittag wurde das Wetter schlecht.
Es begann wieder zu schneien. Noch hatten die
Männer sie nicht gefunden. Und die Sicht wur­
de nun schlechter. Deshalb wollten sie nach
Hause fahren. Nur einer wollte weiter nach
ihnen suchen. Er ließ sich nicht bremsen. Er
fand die Frau sehr hübsch. Die anderen sechs
Männer kamen ins Dorf zurück."
„Und was geschah mit den drei Flücht­
lingen?" fragt Doris.
„Weiß man nicht. Auch von dem siebten
Mann hat man nie wieder etwas gehört",
antwortet der Skilehrer, „aber am nächsten Tag

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startete noch einmal ein Suchtrupp. Und der
stellte fest, daß am Hang, der in die Schweiz
führt, eine Lawine abgebrochen war. Lag wohl
am Neuschnee."
„Wurden sie vom Schnee begraben?" will
Mark wissen.
„Man weiß es nicht. Aber seitdem heißt der
Hang zur Schweiz hin „Todeshang"."

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Der Plan

Mark, Lars und Doris gehen schweigend durch


das Dorf nach Hause.
Sie spielen auch nicht mehr, als sie zu Hause
sind. Doris und Mark legen sich gleich ins Bett,
Lars liest noch ein wenig.

Am Morgen kommt ihnen der letzte Abend


unwirklich vor. Aber gleich haben sie ja wieder
Skikurs.
Der Skilehrer nickt ihnen zu, als sie kom­
men. Dann brüllt er wieder:
„Alle in einer Reihe aufstellen! Durchzählen!"
Lars kann es nicht verhindern, daß er an die
drei Juden denken muß. Er kommt sich genau­
so gejagt vor.

Im Laufe der Woche passiert viel Neues. Sie


machen viele schöne Abfahrten, und die Aben­
de sind sehr gemütlich. In die Kneipe gehen sie
nicht wieder. Mark hat dafür einen Kasten Bier
gekauft. Und Lars sagt am Morgen:
„Doris, ich glaube, ich muß doch bei dir im
Bett schlafen. Mark stinkt wie ein altes Bierfaß."

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Aber das will Mark nun wieder nicht, daß
Lars bei Doris schläft. Deshalb trinkt er nicht
mehr so viel Bier. Oder nur, wenn Lars auch
trinkt.
Die Tage sind sehr schön. Aber die drei den­
ken oft über die Geschichte mit den drei Juden
nach. Die ist fast noch wichtiger als alles, was
sie sonst machen. Und so wundern sich die
beiden anderen auch nicht, als Lars am vorletz­
ten Abend fragt:
„Wollen wir übermorgen zum Todeshang
fahren?"
Sie liegen im Bett, es ist schon dunkel, und
Mark und Doris sind schon fast eingeschlafen.
Aber Lars' Frage macht sie wieder wach.
„Ja", sagen beide fast gleichzeitig. Ohne es
den anderen zu sagen, hat jeder von ihnen die
ganze Zeit an die Geschichte gedacht. Lars muß
immer an die Geschichte und an den Abend in
der Kneipe denken, weil er seit dem Kneipen­
abend ein wenig Angst hat, daß der Skilehrer
sich an Doris ranmacht. Mark, weil er es span­
nend findet. Und Doris, weil es damals zwei
Jungen und ein Mädchen waren, genau wie sie.
Sie haben alle die Geschichte nicht vergessen
können.
„Weißt du, wo der Todeshang ist?" fragt
Doris Lars.

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„Nein, weiß ich nicht. Er steht nicht unter
dem Namen im Reiseführer."
„Dann müssen wir morgen den Skilehrer
noch einmal nach dem Weg fragen", sagt
Mark.
„Muß das sein?" fragt Lars.
„Ja, ich glaube schon", antwortet Mark.
„Ich kann ihn ja fragen", sagt Doris, „zu mir
ist er nett."
„Zu nett", findet Mark.

Der nächste Tag ist ihr letzter Kurstag. Sie


fahren jetzt schon sehr gut und sicher Ski.
„Ich glaube, wir sind so gut, daß wir es
wagen können!" meint Doris.
„Ja, vor allem unser Professor hat ganz tolle
Fortschritte gemacht", lobt Mark Lars.
Nur an den Skilehrer haben sie sich trotz
allem noch nicht gewöhnt.
„Aber heute ist ja das letzte Mal", tröstet
sich Lars.

Der Skilehrer ist dieses Mal besonders doof.


Vor allem fällt den beiden Jungen auf, wie er
sich an Doris heranmacht.
Einmal, als Doris nach einer Slalomfahrt das
Ziel passiert, fährt er ihr mit Absicht in den
Weg. Doris kann nicht mehr bremsen. Und bei­

29
de stürzen. Doris fällt auf den Skilehrer drauf.
Der hält sie fest und ruft:
„Hoppla, nicht so stürmisch, schöne Frau!"
Dann kommen Mark und Lars heran.
„Lassen Sie sie los!" ruft Mark schon von
weitem.
„Ja, was denn, was denn", sagt der Skilehrer,
„wenn eine schöne Frau einem Mann so in die
Arme fährt..."
Da reicht es Lars:
„Sie altes, ekelhaftes Macho-Schwein. Sie
lassen sie sofort los!"
Das tut er nun auch endlich. Aber Lars redet
immer weiter:
„Wir haben uns Ihre Soldatenbefehle schon
viel zu lange angehört."
„Oho, der Deutsche ...", aber Lars unter­
bricht den Skilehrer:
„Der Deutsche ist viel weniger deutsch als
Sie, verdammter Österreicher." Und dabei
schubst er mit dem Skistock die Handschuhe
des Lehrers den Berg hinunter.
Doris ist aufgestanden. Und nun zieht Mark
Lars fort. Zu dritt fahren sie weg, während der
Skilehrer seinen Handschuhen nachläuft.

„Das hast du gut gemacht!" loben Doris und


Mark Lars.

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„Ach, sagt das nicht. Ich hätte das schon viel
früher machen sollen", wehrt Lars ab.
„Nein, nein, wie du ihm auch noch die
Handschuhe weggeschubst hast, also Profes­
sor!" sagt Doris.
Und Lars wird ganz stolz.
„Nur haben wir ihn jetzt nicht nach dem
Weg zum Todeshang gefragt", sagt Mark.
„Doch", antwortet Doris, „ich habe ihn
schon davor gefragt. Seht ihr den Gipfel?" Und
sie zeigt nach Westen.
„Ja", sagen beide.
„Darunter ist ein Waldstück, und da müssen
wir durch."
„Da gibt es keinen Lift", sagt Mark.
„Aber du bist doch sowieso nicht schwindel­
frei, das hast du wohl ganz vergessen",
antwortet Lars.
Alle lachen.
„Wie kommen wir denn den Hang hinauf?"
fragt Mark.
„Ja, das stimmt", sagt Doris, „einen Lift gibt
es da nicht."
„Nein, da müssen wir die Skier wohl
hochtragen", sagt Lars.
„Ich bin doch nicht doof!" ruft Mark empört
aus. „Ne, nee, weißt du, wie weit das ist? Das
dauert eine Stunde, mindestens. Das mache ich

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nicht. Nur wegen einer blöden Geschichte von
vor 50 Jahren."
„Ach Mensch, komm doch." Doris ist ent­
täuscht über Marks Reaktion.
Lars überlegt. Dann sagt er:
„Vielleicht gibt es doch eine Lösung, daß wir
hochsteigen und Mark mitkommt. Ich habe
einmal davon gehört, daß man sich eine „Steig­
haut" um die Skier machen kann, mit der kann
man bergauf steigen."
„Und wo sollen wir die herbekommen?"
fragt Mark.
„Franzi könnte uns bestimmt helfen", sagt
Lars, „aber das ist wohl keine gute Idee."
„Allerdings", sagt Doris, „aber vielleicht
können wir uns ja irgendwo im Ort welche
kaufen."
„Okay", sagt Lars, „ich gehe morgen ganz
früh los und versuche, welche zu bekommen.
Wenn ich aber keine kriege, dann tragen wir
die Skier. Auch Mark! Okay? Es ist doch ein
Abenteuer."
„Na, dann müssen wir wohl, was? Wir kön­
nen doch ein Abenteuer nicht auslassen",
macht Mark sich lustig.
„Ich weiß nicht", sagt Doris, „vielleicht soll­
ten wir es doch auslassen. Ich habe kein gutes
Gefühl bei der ganzen Sache."

33
„Hast du Angst?" fragt Lars.
„Ein bißchen, ja", gibt Doris zu.
„Wovor?" will Mark wissen.
„Vor dem Skilehrer. Er hat mich so heftig
festgehalten, und nun weiß er doch, daß wir
morgen dorthin wollen..."
„Ja, mir ist auch ein bißchen komisch", gibt
Lars zu.
„Ich verstehe euch nicht", sagt Mark,
„natürlich hat man vor einem Abenteuer ein
bißchen Angst. Der einzige Grund, nicht zu
gehen, ist, daß ich keine Lust habe, meine Skier
zwei Stunden den Berg raufzuschleppen."
„Das ist gar kein Grund", sagt Lars, der
Mark ärgern will.
„Außerdem möchte ich doch einmal dahin
fahren, wo die drei anderen damals verun­
glückt sind. Ich denke so viel an die Geschich­
te", sagt Doris.
„Ja, also dann morgen!" sagt Mark.
Der Hang

Abends packen sie ihre Sachen zusammen.


Denn am nächsten Abend müssen sie schon
abfahren.
Sie wollen vor der Dunkelheit zurück sein,
aber es ist gut, sich durch das Packen abzulen­
ken. Sie sind nervös. Aber sie wissen nicht,
warum. Eigentlich gibt es keinen Grund. Trotz­
dem denken sie die ganze Zeit an morgen. Und
nicht nur mit Freude ...

In der Nacht schlafen sie unruhig. Morgens


stehen sie früh auf. Noch früher aber Lars.
Während Mark und Doris Brote schmieren,
läuft er in den Ort hinunter.
„Hoffentlich findet er diese Steighäute, oder
was das sind, ich habe echt keine Lust, die Ski­
er den Berg hochzuschleppen", fängt Mark
wieder an.
Aber Doris sagt:
„Jetzt hör aber auf, immer schlechte Laune
zu verbreiten. Laß mal den Professor machen.
Der schafft das schon."
Tatsächlich kommt Lars bald danach zurück.

35
„Na, alle Brote geschmiert? Dann kann es ja
losgehen", lacht er.
„Hast du sie bekommen?" fragen Doris und
Mark fast gleichzeitig.
„Natürlich! Ihr kennt mich doch!" sagt Lars.
„Wo denn?" wollen die beiden anderen wis­
sen.
„Na, ich habe doch meinen Reiseführer. Im
Nachbarort gibt es ein Skigeschäft"
„Und wie bist du dahin gekommen? So
schnell?" fragt Doris.
„Getrampt. War ganz leicht", antwortet Lars.
„Dann geht's los!"
„Der Professor trägt den Rucksack mit den
Broten. Er ist ja so gut im Training", sagt Mark,
um Lars zu ärgern.

Der Aufstieg zu dem Waldstück ist anstren­


gend. Der Schnee ist hoch und das Laufen mit
den Steighäuten ist schwer.
„Wenn das so weitergeht, schaffen wir das
nicht", sagt Mark und die beiden anderen
geben ihm recht. Aber es geht nicht so weiter.
Der Schnee unterhalb des Waldstücks ist nicht
so hoch. Und im Wald gibt es einen kleinen
Pfad. Sie folgen dem Pfad eine Zeit auf der
gleichen Höhe.
„Ich habe oft überlegt, ob die drei wohl auch

36
in der Kneipe waren", sagt Doris.
„Komischer Gedanke", meint Mark.
„Nicht komischer, als daß wir hier auf ihren
Spuren sind", sagt Lars.
Der Wald ist zu Ende. Jetzt sind sie fast
oben.
„Ist dahinter der Todeshang?" will Lars wis­
sen.
„Nein", antwortet Doris, „jetzt kommt erst
ein Tal. Das müssen wir umfahren. Der Todes­
hang ist noch dahinter. Der Todeshang ist ganz
steil. Aber hier soll es noch nicht so steil sein."
„Da können wir doch Ski fahren?" fragt
Lars.
„Aha, war wohl doch zu anstrengend ...",
ärgert ihn Mark wieder.
„Ja, ich denke, wir können da Ski fahren",
antwortet Doris.
„Seht ihr die Wolken?" fragt Mark.
„Das mußte ja kommen!" ruft Doris.
„Was meinst du?" fragt Lars.
„Wie in der Geschichte. Es wundert mich gar
nicht, wenn es gleich zu schneien beginnt",
antwortet Doris.
„Gleich wohl noch nicht, aber es ist besser,
wenn wir heute nachmittag schon zu Hause
sind", meint Mark.
Oben bleiben sie stehen. Vor ihnen liegt ein

37
weites Tal. Sie können tatsächlich die Steighäute
abmachen und in ihre Rucksäcke stecken.
Dann packt Lars seinen Rucksack mit den
Broten aus.
„Komm", sagt er zu Mark, „damit du nicht
vor Schwäche umfällst."
„Ich? Hört ihn euch an ..."
„Hört auf, euch zu streiten", sagt Doris,
„sonst muß ich euch beide verprügeln!" droht
sie lachend.
„Wir streiten uns nicht. Ich versuche nur,
nett zu Lars zu sein", sagt Mark.
Da beginnt es zu schneien.
„Jetzt muß ich doch streiten", sagt Lars,
„wer hat denn gesagt, es fängt erst nachmittags
an zu schneien?"
„Also los, fahren wir los und sehen zu, daß
wir zum Todeshang kommen."
Die Abfahrt ist nicht sehr steil. Sie dürfen
außerdem nicht durch das Tal hindurchfahren,
weil sie sonst auf der anderen Seite wieder
hoch müssen. Denn der Todeshang liegt ja erst
im nächsten Tal. Also fahren sie in großen Sla­
loms am Hang entlang.
„Wie weit sind wir wohl?" fragt Doris nach
einiger Zeit.
„Weit, denke ich. Das Waldstück liegt schon
weit hinter uns", sagt Mark.

38
„Aber da unten ist es doch", sagt Lars und
zeigt in die Tiefe.
„Das kann nicht sein", gibt Mark zurück, „es
muß ein anderer Wald sein."
„Es gibt hier keinen anderen Wald. Wir sind
im Kreis gefahren", stellt Lars fest.
„Das kann nicht sein", meint Mark. Sie hal­
ten nun an.
„Schau doch zurück, dies ist die Passage, auf
der wir gekommen sind. Dort hinten geht sie
aus dem Wald, und da ..."
Jetzt sieht Mark, daß sie doch im Kreis
gefahren sind. Zwar haben sie den Weg nicht
verloren, aber der Weg selbst geht im Kreis. So
sind sie einen weiten Umweg gefahren.
„Seht ihr", sagt er, „der Weg selbst ist ein
Umweg. Wir hätten auch von dort direkt hier­
her kommen können", und er zeigt ins Tal
hinab.
„Du meinst, der Skilehrer hat uns mit Ab­
sicht den falschen Weg gezeigt?" fragt Doris.
„Ja, das glaube ich."
„Aber wieso?" fragt Doris.
„Weil er uns hier in die Falle locken wollte",
antwortet Mark.
„Aber was kann er von uns wollen?" fragt
Doris noch einmal.
„Na, dich, Mensch!" sagt Lars ganz aufge­

39
regt. „Ich habe es mir die ganze Zeit gedacht.
Hast du nicht bemerkt, daß er dich immer
schon so gierig angeguckt hat? Und dann
gestern der Zusammenstoß. Aber solange du
immer mit uns zusammen bist, dachte ich, bist
du sicher. Und im Ort bist du ja immer mit uns
zusammen."
„Meinst du, er hat uns hier rausgelockt?"
„Na klar! Und vielleicht hat er uns auch nur
deshalb die Geschichte erzählt, damit wir hier
herausfahren." Lars wird jetzt alles klar.
„Und dann hat er mns einen falschen Weg
gesagt, einen Umweg", fügt Mark hinzu.
„Weil er uns den Weg abschneiden will, hat
er uns hierher gelockt."
„Nein, das glaube ich nicht", sagt Doris,
"vielleicht ist der andere Weg zu schwierig."
„Bestimmt hat er uns hierhergebracht. Und
jetzt verstehe ich auch die Geschichte mit den
Juden, die haben sie ja auch den falschen Weg
geschickt."
Alle drei denken an die Geschichte. Plötzlich
fühlen sie sich wie die drei von damals. Jetzt
sind sie in Gefahr. Was sollen sie tim? Das
Abenteuer ist nun Wirklichkeit.
„Dann sollten wir schnell von hier fort", sagt
nun Doris.
„Ja, aber wohin?" fragt Mark, „sollen wir

40
zurück?"
„Ich frage mich, , doch Mark unterbricht
Lars:
„Linzl muß doch direkt unter uns liegen. Ich
schlage vor, wir fahren jetzt einfach ab, den
direkten Weg nach unten."
„Und wo liegt der Todeshang?" fragt Lars.
„Weiter das Tal lang", antwortet Doris.
Sie hat Angst wie die anderen auch. Doris
beginnt, abzufahren.
Während Mark und Lars hinter Doris herfah­
ren, überlegt Lars, ob wohl auch die Flüchtlinge
von damals hier gemerkt haben, daß sie auf
den falschen Weg geschickt worden sind.
Ja, bestimmt haben sie das. Und dann sind
sie zurückgefahren, wie wir. Die Männer aus
dem Dorf haben sie verfolgt. Und dann haben
sie ihnen den Weg abgeschnitten. Und dann,
was passierte dann?

Doris ist ungefähr zwanzig Meter vor Mark


und Lars. Es schneit immer dichter.
Da bleibt sie plötzlich stehen. Mark und Lars
kommen heran.
„Was ist?" will Mark wissen.
„Ich habe ihn gesehen, da vorne, oben auf
dem Hang", sagt Doris.
„Wo?" fragen Lars und Mark gleichzeitig.

41
„Da oben, jetzt könnt ihr ihn nicht mehr
sehen. Er fährt aber hinunter, zu uns!"
„Also schnell weiter", sagt Mark.
Das ist es also, denkt Lars, während die drei
damals den Hang zurückfuhren, haben sie
ihnen von oben den Weg abgeschnitten.
Mark will sofort weiter.
Aber Lars stoppt ihn. Jetzt weiß er, was sie
tun müssen:
„Wir müssen in Richtung Schweiz. Hier lau­
fen wir ihm ja direkt in die Arme."
Mark und Doris überlegen. Dann sagt Doris:
„Ich glaube, du hast recht. Aber dort ist das
Lawinengebiet, der Todeshang."
„Den wollten wir ja sowieso abfahren", sagt
Mark.
„Nein, eben nicht", antwortet Lars, „wir
müssen oben am Hang bleiben. Wir dürfen
nicht hinunter, denn dann kann er uns den
Weg abschneiden."
„Ich verstehe", sagt Mark, „du meinst, wir
müssen einen zweiten Umweg laufen, um dem
Skilehrer den Weg abzuschneiden?"
„Genau. Wenn wir weiter in Richtung Todes­
hang fahren, aber oben am Hang bleiben, dann
fährt er vielleicht an uns vorbei. Und dann
sind wir über ihm."
„Dann aber los!"

42
Doris sieht sich noch einmal nach dem
Skilehrer um. Aber sie sieht ihn nicht. Trotz­
dem weiß sie, daß er da ist. Sie fährt mit den
anderen los.
Der Schnee ist jetzt so dicht, daß sie dicht
zusammen fahren müssen, um sich nicht zu
verlieren. Alle haben Angst, daß sie die Orien­
tierung verlieren.
Lars läuft vorne. Er denkt, daß sie sich nicht
verlaufen können, solange der Berg links von
ihnen ist.
Nun schneit es immer heftiger. Sie bekom­
men noch mehr Angst. Ob er sie sehen kann?
Vielleicht hat er ein Gewehr.
Sie schwitzen. Das Laufen wird anstren­
gend. Und dann ruft Doris:
„Da oben ist er wieder."
Die beiden anderen sehen hoch und sehen
ihn auch. Es ist ein Skifahrer. Das ist klar. Aber
ist es der Lehrer?
„Wenn er etwas von uns will, dann muß er
zu uns runterkommen", sagt Mark, „und wir
sind immerhin zu dritt."
„Wenn er etwas will, ist er bestimmt bewaff­
net", sagt Lars.
„Weiter, weiter!"
Und sie laufen weiter.
„Wie weit war er weg?" fragt Doris.

44
„Nicht sehr weit."
„Schnell weiter, wenn er uns auch gesehen
hat, dann wird er jetzt versuchen, uns den Weg
abzuschneiden. Wir müssen schneller sein als
er", ruft Mark.
Sie laufen, laufen, laufen.

Und dann, plötzlich, rauscht es. Sie sehen


einen schwarzen Schatten durch den Schnee
rasen. Sie glauben, die dunkle Jacke ihres Ski­
lehrers zu erkennen. Und dann ist er ver­
schwunden.
Sie bleiben stehen. Sehen sich an.
„Und nun?" fragt Mark als erster.
„Nun ist er unter uns", antwortet Lars, „jetzt
ist die Gefahr erstmal vorbei."
„Wollte der uns rammen?" fragt Doris.
„Ich weiß nicht, er hat bestimmt eine Waffe
gehabt", gibt Mark zurück, „auf jeden Fall
konnte er uns auch nicht sehen. Er hat sich
gemerkt, wo wir waren. Und dann hat er uns
verpaßt, weil wir zu schnell waren. Jetzt wird
er versuchen, wieder hochzukommen."
In diesem Moment kommt das Geräusch
wieder.

45
I

Verdacht

Die drei blicken sich an. Dann blicken sie den


Hang hinunter.
„Das ist eine Lawine", sagt Mark.
Das Geräusch, das eben ein Rauschen war,
:wird lauter und lauter.
Unten, am Hang unter ihnen, löst sich der
Neuschnee. Er rutscht den Hang hinunter. Das
Geräusch wird zu einem Donnern.
Größer und größer wird die Lawine, andere
Stücke brechen ab, der ganze Hang kommt ins
Rutschen. Die Lawine donnert den Berg hinun­
ter. Dann ist es still.
„Mein Gott, da ist der Skilehrer", sagt Doris.
„Ob er die Lawine ausgelöst hat?" fragt
Mark.
„Wir müssen ihm helfen!" sagt Lars.
„Ihm helfen? Der wollte uns vielleicht
umbringen", sagt Mark.
„Das weißt du nicht, das war nur ein Ver­
dacht."
Die drei blicken in das Tal hinunter. Schließ­
lich sagt Mark:
„Wenn das den Juden auch passiert ist, dann

46
hatten sie danach freie Fahrt in die Schweiz."
„Los, wir müssen gucken, ob wir den Skileh­
rer finden!" sagt nun auch Doris.
„Aber vorsichtig, wenn ihm nichts passiert
,
i s t warnt Mark noch mal.
Sie fahren in das Tal hinunter. Der Schnee,
der liegengeblieben ist, ist wie Eis. Sie fahren
langsam im Slalom.
„Ich sehe nichts. Und ich weiß auch nicht,
wie wir etwas sehen können", sagt Mark. Es
schneit immer noch.
Sie sind jetzt dort, wo die Lawine aufgehört
hat. Sie hat ein kleines Tal ganz voll Schnee
gefüllt.
„Hier muß der Skilehrer liegen", sagt Doris,
„wir müssen ihn suchen."
Die beiden anderen nicken.
Sie schnallen ihre Skier ab und gehen über
den Lawinenschnee. Tief brechen sie ein. Sie
rufen.
„Das ich mir um den Skilehrer noch mal Sor­
gen machen würde, hätte ich nicht gedacht",
sagt Lars.
„Vielleicht ist er ja schneller als die Lawine
gewesen."
„Glaube ich nicht."
Wieder rufen sie.
„Vielleicht sollten wir besser weiterfahren

47
und Hilfe holen", sagt Doris.
„Oder nur einer, und die anderen suchen
weiter", schlägt Mark vor.
„Ich fahre nicht allein", sagt Doris.
„Stimmt", sagt Lars, „wir sind uns immer
noch nicht sicher, daß der Skilehrer nicht
immer noch eine Gefahr ist."
Wieder rufen sie, und wieder.
„Da war doch was, seid mal still!" sagt
Mark.
Alle lauschen.
„Tatsächlich. Da ruft jemand. Aber von wo?"
sagt Doris.
Sie versuchen durch den Schnee zu gucken.
Aber man kann nichts sehen. Wieder hört man
etwas.
„Hallo!" rufen alle drei.
„Hallo!" kommt es zurück. Jetzt kann man
es deutlich hören.
„Das kommt aus dem Tal. Das kommt von
unten. Das ist nicht hier bei uns auf dem Lawi­
nenfeld", sagt Lars.
Sie gehen in die Richtung, aus der das „Hal­
lo" kommt. Wieder hören sie es. Und wieder
rufen sie. Dann sehen sie auch etwas. Men­
schen kommen auf sie zu. Dann sind sie bei
ihnen angekommen. Ganz vorne ist der Ski­
lehrer.

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„Gott sei Dank, euch ist nichts passiert.
Auch dir nicht, junge Frau?" fragt er Doris.
Die ist genau so überrascht wie die anderen:
„Sie, Sie sind nicht...?"
„Was bin ich nicht?" fragt der Skilehrer.
„Wir dachten, wir hätten Sie oben auf dem
Berg gesehen", antwortet Mark für Doris.
„Nein, unmöglich. Erstens bin ich, gleich
nachdem die Lawine runtergekommen ist, los,
um im Dorf den Leuten zu sagen, daß ihr auf
dem Todeshang seid. Und zweitens wird der
Hang seit damals nicht mehr befahren. Nie­
mand aus der Gegend fährt hier", sagt der Ski­
lehrer.
„Aber wir haben oben bestimmt jemanden
gesehen. Dann muß es jemand anderes gewe­
sen sein", gibt Lars nicht nach.
„Ihr müßt euch getäuscht haben. Das war
wohl eure Phantasie."
„Es war jemand oben. Gleich nachdem wir
ihn gesehen haben, ist die Lawine abgebro­
chen", sagt Doris.
Der Skilehrer schüttelt den Kopf. Lacht.
„Wieso lachen Sie denn?" fragt Mark.
„Ihr Deutschen habt verdammtes Glück
gehabt. Das war die Lawine, die ihr gesehen
habt!"
„Sie meinen..."

49
„Wäret ihr nur etwas schneller gefahren,
hätte ich euch hier ausgraben müssen."
„Sind Sie nur gekommen, um uns zu
suchen?" fragt Lars.
„Ja, ich wußte ja nicht, daß ihr tatsächlich
den Todeshang abfahren wolltet, als mich die
junge Dame fragte. Und ich habe euch doch
diese Geschichte erzählt. Leute aus Linzl haben
euch aufsteigen sehen. Ich hätte euch ja fast
umgebracht. Die Lawine..."
„Ja, also, dann vielen Dank, daß Sie sich Sor­
gen um uns gemacht haben", bedanken sich
Mark, Doris und Lars.
„Es ist ja Gott sei Dank nichts passiert."

Der Skilehrer fährt sie nach Linzl zurück.


Plötzlich finden die drei ihn ganz nett. Doris
sagt:
„Wissen Sie, wir wollten Sie nämlich auch
retten!"
Der Skilehrer lacht.
„Ich habe noch eine Bitte", sagt Lars, „könn­
ten Sie für uns die Steighäute bei dem Skige­
schäft im Nachbarort abgeben?"
„Steighäute ..., meine Güte, ihr habt viel­
leicht Ideen ..." lacht Franzi. Die drei sind ein
bißchen stolz.

50
Noch vor dem Dunkelwerden sind sie in Linzl.
Und um zehn sitzen sie im Bus nach Inns­
bruck.
„Ja, Mensch, da haben wir mit unserem Ver­
dacht einen echten Fehler gemacht", sagt Lars.
„Wir haben uns mit dem Verdacht verdacht,
könnte man sagen."
„Wie so eine Geschichte einen durcheinan­
derbringt. Wie man sie nicht mehr von der
Wirklichkeit unterscheiden kann!" sagt Doris.
Die beiden anderen schweigen.
Die Laternen am Straßenrand werfen ein
gelbes Licht auf den Schnee.
„Findest du immer noch, daß es aussieht,
wie in den Wolken?" fragt Mark Doris. Doris
schaut aus dem Fenster.
„Ja, aber es wird Zeit, daß der Wind sie
wegbläst und man den Himmel wieder sieht."

51
In den Osterferien fahren Doris, Mark und Lars aus Hamburg
nach Österreich, um Ski zu fahren. Sie genießen die Ferien und
haben viel Spaß.
Eines Tages erzählt Franzi, der unsympathische Skilehrer,
eine mystische Geschichte vom »Todeshang«.
Diese Geschichte können sie nicht vergessen, und sie müs­
sen sie genauer untersuchen.

FAKTORFÜNF ist eine Reihe von fiktiven, unterhaltsamen und


spannenden Texten, die leicht zu lesen sind.
Die Texte behandeln aktuelle Themen, die zur Diskussion
und zum Nachdenken anregen und das landeskundliche Wis­
sen des Lesers erweitern.
FAKTORFÜNF richtet sich an Jugendliche, die mindestens
seit einem Jahr Deutsch lernen.
FAKTORFÜNFkann sowohl im Unterricht mit der ganzen Klas­
se als auch zum individuellen Lesen verwendet werden. Die
Bücher sind in drei Niveaustufen gestaffelt. Als Begleitmate­
rialien sind Lehrerhandbuch und Kassetten mit den Texten
erhältlich.