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GESCHWINDIGKEIT DER GESCHICHTE C'? ? F ?

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T.tr-'lL
G eschw indigkeit geh ort zw eifelsohne zum M yth os der
M od ern e. D ie kulturelle V erw erfung der G eschw indigkeit
tritt in je n e m historischen M om en t b eso n d ers v erstàrk t auf,
wo d ie G eschw indigkeit als M erkm al der M od ern e, der
M étro p o le u n d d er M assen gesellsch aft rad ik al in E rsch ei-
nung tritt, also um d ie Jah rh und ertw end e. D a s beschleunigte
T em p o d e s m o d e m e n L e b e n s in der S ta d t erzeugte so g a r eine
n eu ep sy ch iatrisch e N om en klatu r a u f B uchtiteln: «A m e ric a n
N e rv o u sn e ss» (G e o r g e M .B e a rd , 1881) u n d «N ew y ork itis»
(Jo h n G irdner, 1901). M it schier m ôrderischer Plotzlichkeit
schien d ie M obilitât d es urban en L e b e n s anzuw achsen.
G e k la g t w urde, daB m it H ilfe v o n T elegraphen , T eleph onen ,
E isen bah n en , A u to s, D am p fm asch in en u n d E lek trizitât
G esch àftsleu te h undertm al m eh r T ran sak tio n en zu einer
gegeben en Z eit durchführen als im 18. Jah rh u n d ert. D e r
R hythm us d er n eu en m asch in enerzeugten G eschw indigkeit
steigere die A n z ah l d er Sinn esein drücke, die d er M en sch in
einer Z eitein heit zu verarbeiten h abe, ü b er d ie m enschliche
K ap az itàt hinaus, intensiviere den W ettbew erb, d ie A ufre-
gung, die A n sp a n n u n g u n d sei dah er fu r eine gan ze R eih e
n ervôser K ran kh eiten w ie N eurasth énie, N eu ralgie un d
D y sp e p sie verantw ortlich, d ie zu dieser Z e it erstm als diagn o-
stiziert w urden. D ie B esch leu n igu n g d er T ran sp ortatio n un d
der K om m u n ikatio n durch d ie m od ern e T echn ologie w urde
von der K u ltu r als am erikan isch e Kjrankheit, als D egen era-
tion, als P ath o gen ie d es u rb an en L e b e n s verteufelt.
A u ch R o b e rt M u sil beginnt seinen R o m an « D e r M an n ohne
Eigenschaffcen» m it einer ironischen B esch reibun g der u rb a­
nen B esch leun igun g. M u sils M an n ohne E igen sch aften steht
im A u g u st 1913 am F en ster u n d beo b ach tet m it einer S to p p -
uhr in d er H a n d d ie A u sb rü ch e d er m o d e m e n G esch w in dig­
keit:
« E r stan d hinter einem d er Fenster, sah durch den zartgrünen
Filter der G arten lu ft a u f die bràunliche StaB e un d zâhlte m it
der U h r seit zehn M in uten die A u to s, d ie W agen, die Tram -
bahnen u n d die von d er E n tfe m u n g ausgew asch enen
G esich ter d er FuB gàn ger, die d a s N etz d es B lick s m it quirlen-

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der E lle füllten; er schâtzte die G eschw indigkeiten, die W in-


kel, die leben digen K ràfte vorüberbew egter M assen , die d as
A u ge blitzschnell nach sich zieh en ,...(S.12) A u to s sch ossen
aus schm alen, tiefen StraB en in d ie Seichtigkeit heller Plàtze.
FuBgângerdunkelheit bild ete w olkige Schnüre. W o kràftigere
Striche d er G eschw indigkeit quer durch ihre lockere E ile fuh-
re n ,...» (S .9 ) D ie «W elt ohne E ile » w urde unw iderruflich zur
«W elt v o n G e ste m » (S te fa n Z w eig, 1944):
«ein e geordn ete W elt m it klaren Schichtungen u n d gelasse-
nen Ü b ergàn gen , eine W elt ohne H ast. D e r R hythm us der
neuen G eschw indigkeiten h atte sich n och nicht von den
M aschinen, von dem A u to , dem T eleph on, dem R a d io , dem
F lu gzeu g a u f den M ensch en ü bertragen, Z e it u n d A lte r hat-
ten ein an deres M aB. M a n lebte g em âch lich er,...»(S .4 0 )
Z w eig kon nte sich nicht erinnern, seinen V ater j e in E ile gese-
hen zu h aben : «S e lb st in m einer frühesten K in dh eit, als m ein
V ater noch nicht vierzig Ja h re ait w ar, kann ich m ich nicht
entsinnen, ihn j e eine T rep p e h astig hinauf- o d er hinunterlau-
fen gesehen zu h aben o d er ü b erh au p t etw as in sichtbarer
F orm h astig tun. E ile galt nicht nur als unfein, sie w ar in der
T at ü b erflü ssig ,...»(S .4 1 )
N u r d as P rolétariat m uBte zur A rb e it hasten, zur m it S to p p -
un d Stechuhr zeitkontrollierten A rb eit, zur F ab rik m it ihrem
M asch in en-T em po, zur H ek tik d es FlieB ban des. G eschw in ­
digkeit roch nach der rohen E n e rg ie d er M assen , nach
A rbeitsw elt, n ach Fabriksm asch in en. In den K on tors der
B an k en u n d den B ü ro s der B ü rge r w aren H ektik un d E ile
verpônt. N u r a u f d er B ô rse , w o G eschw indigkeit p er se G e ld
bed eutete, bekan n te sich auch der B ü rger zur H ektik. In den
gehobeneren K lasse n herrschte ein gem âchlicherer G a n g des
L eb en s. E in G en tlem an schreitet einher u n d w ieselt o d er
w eibelt nicht. In den C h efetagen w ird die R u h e u n d W eile
so g a r bis zur L an gew eile gepflegt, um den K lassen un ter-
schied zu betonen. N u r A n gestellte u n d A rb eiter fallen unter
d as V erdikt der G eschw indigkeit, weil sie ja im A rb eitsp ro -
zeB m it diesen M asch in en in B erü h ru n g kom m en, gleichsam
Teile d ieser M asch in en w erden, w elche die m od ern e
G eschw indigkeit erzeugen.
A ls um die Jah rh u n d ertw en d e die ersten schrillen K làn g e des

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m o d e m e n M yth os der G eschw indigkeit ertônten, als die
ij R h eto rik d er R ase re i einsetzte, als d ie K la g e ü b er d as groB-
1|! stâdtisch e F ie b e r der R ap id itât, ü b er die H ektik d e s m oder-
! [j nen A lltag s, ü b e r die H etze d es y o rbeiü iegen d en L eb en s,
i ü b er den n ervôsm ach en d en jazzigen L eb en sstil began n , w ar
jij d iese A n g st v or d em an steigen d en T em p o d es m o d e m e n
;j L e b e n s n o c h k la r m it einem B ew uB tsein seiner U rsach en ver-
Cj w urzelt, nàm lich d er T echn ologie u n d der K lassen gesell-
jl, schaft. Z w eig nennt deutlich die M asch in e als V erursacher
jij d er n eu en G eschw indigkeit beim N am e n u n d zàhlt auch die
1 T ech n ologie d er B esch leu n igu n g a u f: A u to s, T elefon, R a d io ,
lij Flu gzeu g. E r beschreibt a b e r auch, w ie G eschw indigkeit in
|j: d er n och klaren K lassen h ierarch ie kein M erk m al d er herr-
j;j sc h e n d e n K la sse w a r, ja s o g a r alsu n fe in g a lt. M u sü beschreibt
ij j auch d ie zw ei an deren T o p o i, die zu d er m aschinellen
* ij G eschw indigkeit gehoren, nàm lich die S ta d t u n d die anony-
j|| m en M assen , deren «G e sich te r v o n d er E n tfe m u n g ausgew a-
| sch en » sind. A u s ail d en k lassifizierenden u n d deklassieren-
den Schriften d er Z e it geht k lar hervor, daB es die E in fü h m n g
|| d er n eu en T ech n ologie w ar, d er d ie M enschheit d iese bestür-
j|| zen d e B esch leu n igu n g des Lebensrh ythm us zu verdanken
j|j h atte, u n d daB die herrsch ende K la sse d as L o s a u f die A rb ei-
|l ter u n d A n gestellten abw âlzen konnte, d ie d av o n m it d o p p el-
ter W ucht getroffen wurden.
j| D o c h d ie kulturelle K la g e ü b er d ie B esch leu n igu n g h at T radi-
! tion, von J.J.R o u s s e a u bis H en ry A d a m s. In seinem «G e se ll-
jj sch aftsvertrag» (B u ch 3, K ap ite l 1) beschreibt R o u sse a u
1762 d a s G e se tz d er inversen P rop ortion zw ischen B ev ô lke-
1 run gsan zah l u n d politischer Freiheit. W enn d ie G rô B e einer
1 B e v ô lk e m n g h u n derttau sen dfach anw âchst, dan n reduziert
j sich d er EinfluB einer einzigen Stim m e a u f den hunderttau-
jj sen d sten Teil. D ie se einzelne Stim m e un ter hunderttausen -
| den h at dem en tsprech en d w eniger E in fluB a u f die Form ulie-
I ru n g je n e r allgem eingültigen G e se tz e , w elche d an n d a s Sub-
je k t d ieser Stim m e beherrschen. D ie P ro p ortio n d er M acht,
1 in w elcher d er So u v erân zum individuellen Su b jek t steht,
S steigt an in d em M aB e, w ie d ie B ev ô lk eru n g sich verm ehrt. J e
I m eh r d ie B e v ô lk e m n g anw âchst, u m so m ehr w àchst die
I M ach t d e s S ta ate s u n d u m so m eh r verschw indet die Freiheit
d es Individuum s. U n d w ie ist es heute, w o in d er T at m im er
w eniger ü b er im m er m ehr M ensch en herrsch en? D ie A n gst
vor der M assen gesellsch aft âuBert sich als K la g e ü ber das
exponentieU besch leun igte B evôlkeru n gs w achstum .
A u ch fü r den klassisch en N ation alô k o n om en T h o m as
R o b e rt M alth u s w ar bereits im 18 Ja h rh u n d e rt die B esch leu ­
nigung d es B evôlkerungs-W achstum s die U rsa ch e des sozia-
len Ü b e ls. M alth us verglich in seinem berühm ten « E s s a y on
the P rinciple o f P o p u latio n » (1 7 9 8 ) die arithm etische R eih e
des W achstum s der N ah rungsm ittel m it d er geom etrischen
P rogression d es W achstum s der B e v ô lk e m n g , sodaB die
m enschliche R a s s e im Y erhâltnis 1 ,2 ,4 ,8 ,1 6 ,1 2 8 ,2 5 6 ,5 1 2 etc.
anw achsen w ürde u n d d ie physische Su bsisten z im V erhàltnis
1 ,2 ,3 ,4 ,5 ,6 ,7 , 8,9,10 etc. In drei Jah rh u n d erten w ürde d as
Y erhâltnis von B e v ô lk e m n g u n d N ah ru n g bereits 4 0 9 6 : 13
sein, d a s hieBe, im m er m ehr M ensch en stü n d e im m er w eni­
ger N ah ru n g zur Y erfügun g. A m E n d e der B evôlkerun gsbe-
schleunigung stan d fü r M althus die ew ige H ungerepidem ie
u n d fü r R o u sse a u d er C âsarism u s. In je d e m F all führt die
B esch leunigung, d efm iert als exponen tielles W achstum ,
im m er zu irgend einer A r t K o lla p s u n d ist d ah er verwerflich.
M alth u s’Streitschrift w ar gegen den radikalsozialistischen
Schriftsteller W illiam G od w in (1 7 5 6 -1 8 3 6 ) gerichtet, dèn
A u to r v o n «P o litical Ju stic e » un d «C a le b W illiam s» (1794).
G od w in s T ochter M ary W ollstonecraft Shelley w idm ete
ihren R o m a n «F ran k en stein » dem V ater, dem K ritiker von
S taat, B esitz, E h e , Strafjustiz. D e r M althusian ism us w ar
gegen die Sozialpolitik, d a sie die V erm ehrung d er A rm en
begün stigte. In der F ra g e der Schw angerschaftsunterbre-
chung lebt der N eom alth u sian ism u s weiter.
D ie am erikanischen H istoriker H enry u n d B ro o k s A d a m s
h aben in ihren W erken (T h e D é g ra d atio n o f the D ém ocratie
D o g m a , 1920, bzw. T h e L a w o f C ivilisation an d D ecay : A n
E s s a y on H istory, 1 8 9 6 ) d iese L in ie fortgesetzt. W ie bereits
d en suggestiven T iteln entnehm bar, w urde fü r Y erfall und
D é g ra d atio n d as « G e s e tz der B esch leu n igu n g» verantw ort-
lich gem acht. H en ry schrieb bereits 1902 an B ro o k s: «Ich
sa g e fü r die nâchsten hundert Ja h re einen endgültigen, kolos-
salen , kosm ischen K o lla p s v orau s.... wir sorgen uns nicht im
O
geringsten, von w o u n sere praktisch unendlichen E n erglen ;
h erkom m en u n d wohin sie uns füh ren .» Ü b e r d ie B esch leu -
n igung d er Geschw indigkeit. d er G esch ich te schrieb H en ry
A d a m s 1909: « D ie Welt h at zw ischen 1800 u n d 1900 ihren
Schritt, ihre B ew egu n g nichl v erd o p pelt o d er verdreifacht,
so n d e m g em essen an allen w issenschaftlich bek an n ten Stan - ,
d ard s w ie P ferdekraft, K alo rien , V olt, M a sse etc. sind u m I
1900 die Sp an n u n g, V ibration u n d d er sogen an n te F ort- \
schritt d er G esellsch aft tau sen d fach grôB er als um 1 8 0 0 .»
W as b atte H enry erst h eu te geschrieben, w o die Besch leuni- j
gu n g m illionenfach grôB er ist? H enry A d a m s k leid ete d as
« G e se tz der B esch leu n igu n g» wie M alth us in eine m athem a-
tisch e Form el. F ü r ihn gleicht d ie gekrü m m te L in ie der
B esch leu n igu n g in d er ôkonom ischen G eschich te d em V er-
d am p fe n v o n W asser u n d ist dah er eine logarith m isch e
K urve.

Die logarithmische Kurve der


Beschleunigung der Geschichte.
1800 Henry Adams, The Dégradation of
1700
the Démocratie Dogma, 1920.
1 60 0

U m d ie Jah rh u n d ertw en d e began n v erstàrk t d a s E in d rin gen


d er m athem atischen W issenschaften in die Sozialw issen-
schaften. O ffensichtlich w ar die sem iotisch e B esch leu n igu n g
so groB, d.h. w aren d ie sozialen, kulturellen, ôkonom ischen
D a te n so angew achsen , daB d er H istoriker verm einte, sich
m ath em atisch er H ilfsm ittel b ed ien en zu m ü ssen , u m über-
h au p t noch im stan d e zu sein, erklâren de M o d e lle fü r die
sozialen V eràn deru n gen aufstellen zu kônnen. S o erschien
zum B e isp ie l 1905 eine «A n th ro p o lo g ie d er nichtbesitzen-
den K la sse n » (d eu tsch 1910) m it zahlreichen statistischen
T ab ellen u n d D iag ram m en v on A lfre d o N iceforo. N icefo ro
verôffentlichte 1921 auch ein B u c h ü b er d ie Indexzahlen des
K ulturfortschritts « L e s indices n um ériques d e la civilisation
et d u p ro g rè s» (K u ltu r u n d Fortschritt im S p ie g e l d er Z ah len ,

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O
Strache V erlag W ien 1 9 3 0 ), wo es a u f Seite 2 2 4 fortschritts-
feindlich heiBt: « M a g die G esellsch aft auch un leugbare K ul-
turfortschritte genieBen - die Individuen fühlen sich desw e-
gen nicht glücklicher.» E in e s d er w enigen m athem atischen
G eschichtsw erke, d as sich nicht in den D ien st d es K ulturpes-
sim ism us stellt, d afü r ü ber u m so solidere ûlathem atische
M eth od en verfügt, verdan ken wir d er G egen w art, nâm lich
dem als m athem atischen B io lo ge n bekan nten N ico las R as-
hevsky: «L o o k in g at H istory through M ath em atics» (M .I T.
Press 1 9 6 8 ). D en n m athem atisch gestützte M od elle ü b er d as
E n d e d er G esch ich te aufgrün d aller m ôglichen F orm en
exponentieller B esch leunigung, sei es des w irtschaftlichen
W achstum s, sei es der B evôlkeru n g, der T echnologie, des
E n ergieverbrauch s etc. erfreuen sich g erad e auch h eute wie-
der enorm er P opularitàt. S ieh e z .B . die W eltm odelle des
C lub o f R o m e oder « T h e A ccélératio n o f H isto ry » von
G e ra ld P iel (1 9 7 2 ) o d er «P a rad o x e s o f P ro gress» von G un-
ther S .S te n t (1 9 7 8 ). A u ch K u lturpessim ism us ist als K lassen -
m erkm al fash ion ab le w ie eh u n d je. B esch leun igun g der
G eschich te u n d K ulturverfall, G eschw indigkeit u n d K ran k-
heit sind d ie A n alo gien , m it den en eine konservative
G eschichts- u n d K ulturth eorie w eiterhin operiert. M it
m athem atischen H ilfsm itteln m ochte sie dem den A n sch ein
eines objektiven N atu rgesetzes geben, w as nur kon servatives
A n gst- u n d W unschdenken ist.
W ir w ollen un s ü b er die B erechtigun g der W am u n gen v o r der
B esch leunigung, von R o u sse a u bis zum C lub o f R o m e , nicht
lustig m ach en, obw ohl es ein leichtes w àre, d a wir w eder im
C âsaren tu m leben, noch an H u n ger gestorben sin d u n d der
Fortschritt noch nicht logarithm isch kollabiert ist. A b e r wir
finden es nicht nur ab so lu t lâcherlich, tôricht u n d irreführend,
so n d e m auch gefâhrlich, w eiterhin B esch leunigung a u f A p o -
k aly p se zu reim en. K ran k ist nicht d as an steigen d e T em po,
d as zw eifellos aile A sp e k te d e s zeitgenôssischen L e b e n s
bestim m t, k ran kh aft ist vielm ehr j ene P hilosoph ie, w elche die
U rsa ch e n dieser B esch leu n igu n g nicht erkennt u n d die
M ensch heit im m er w ieder in ihrer E v o lu tio n brem sen
m och te, u n d zw ar zu einem ungeheuerlichen Preis, den wir
b a ld n ennen werden.

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U ntersuch en wir nàm lich die apokalyptisch en V erw erfungen
der G eschw indigkeit m it m ein er logothetischen M éth ode,
die d avo n ausgeh t, daB ein Sign ifikan t (bew uBt o d e r unbe-
w uBt) einen an deren Sign ifikan ten verdeckt (sieh e « L o g o -
K u n st» in: L isch k a (H rsg .) P hilôsophenkünstler, M erv e Ver-
lag, B erlin 1 9 8 6 ), so erkennenw ir, w ie in d ie A n g s tu n d K la g e
v o r d er B esch leu n igu n g eigentlich die A n g st v or der M asse ,
v or d er Stad t, v or d er R évolu tion , v o r d er Industrie, v or der
T ech n ologie eingesch rieben ist. W om it eigentlich aile
G ru n d p feiler d er m o d e m e n Z ivilisation, die ein L e b e n fur
h underte M illionen von M ensch en erm oglicht h aben, ver-
w orfen werden.
D ie V erw erfung d er B esch leu n igu n g dient also tendenziell
d er V ernichtung d er M asse n u n d d eren L e b e n sb ase n S ta d t
u n d Industrie.
G e m e in sam ist den K ritik e m der G eschw indigkeit der
G esch ich te nicht nur d as B ew uB tsein, daB d ie B esch leu n i­
gu n g d as eigentliche P h àn om en ist, d as den M o d e m ism u s
beschreibt, daB d a s G e se tz d er B esch leu n igu n g d ie C ru x un d
d as D ilem m a d er M o d e m ità t ist, gem ein sam ist ihnen auch
die D atieru n g d er B esch leun igun g, nâm lich seit ca. 1800. D a s
ist nàm lich gen au die E p o c h e , m it d er die erste industrielle
R évo lu tio n beginnt, die als B a sis eine technische, m aschinelle
R évo lu tio n hat.
D ie n eu e T ech n ologie (d e r M asch in en ) h at d ie B esch leu n i­
gu n g eingeführt. D ie se Industriegesellsch aft h at die B ev ô lke-
ru n gsex p losio n erm oglicht. D a am augen fàlligsten, ist die
industrielle B esch leu n igu n g erstm als beim W achstum der
B ev o lk eru n g aufgefallen . M it dem M asch in enzeitalter
beginnt also auch d as M assen zeitalter un d d as Z eitalter der
B esch leun igun g. D ie B esch leu n igu n g bildet m it den M asch i­
nen u n d den M asse n eine h istorische E inheit. M aschine,
M asse , B esch leun igun g, S ta d t h aben die industrielle R é v o lu ­
tion bew irkt u n d die G ru n d p feiler der m o d e m e n Z ivilisation
geschaffen. B esch leu n igu n g ist also keine P ath ogen ie der
Z ivilisation, son d ern K on stitu en s der Z ivilisation. D em ent-
sprech end h aben die M asse n an d er E rsch affu n g d ieser Z iv i­
lisation m itgew irkt u n d sind d ie M asse n ein B estan d teil der
m od ern en Z ivilisation. D a h e r ist es eine reaktion âre V erdre-

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hung der T atsach en, w enn J o s é O rte g a y G a sse t 1930 in « D e r
A u fstan d der M a sse n » (den tsch 19 5 6 ) schreibt: «W ir sehen
die M en ge als solche in B e sitz der von der Z ivilisation
geschaffenen E inrichtungen u n d G e râ te .» (S .7 ) O rtega y
G a sse t tut so , als h àtte die Z ivilisation ihre segensreichen
Ein richtungen u n d G e râ te selbst geschaffen u n d fragt nicht,
w er die Z ivilisation erschaffen hat, wo doch klarerw eise die
G e râte , w elche wir als Indexzahl des K ulturfortschritts un d
der Z ivilisation m essen , von d er M en ge geschaffen w orden
sind. W as also O rtega y G a sse t u n d seinesgleichen stôrt, ist
die T atsach e, daB es ihnen nicht gelungen ist, die E rrungen -
schaften der m o d e m e n Z ivilisation, die von den M asse n erar-
beitet u n d erm oglicht w urden, einer selbstem an n ten E lite
vorzubehalten. S ie h aben d en K la sse n k a m p f verloren un d
rekurieren dah er a u f die K ultur, u m von d o rt au s, als letzte
Insel der E h te, die M en ge zu denunzieren:
«U n se re A u g e n sehen ü berall nur M engen. Ü b e ra ll? N ein ;
g erad e an den v om eh m sten Stellen, die, als verhâltnism âBig
verfeinerte Sch ôp fu n gen der m enschlichen K ultur, vorher
ausgew àhlten G m p p e n , m it einem W ort den E h ten vorbe-
halten w aren. D ie M en ge ist a u f einm al sichtbar gew orden
un d nim m t die besten P làtze der G esellsch aft ein. Früh er
blieb sie, w enn sie v orh an d en w ar, un bem erkt; sie stan d im
H in tergrund der sozialen Szene. Je tz t h at sie sich an die
R a m p e v orgesch oben ; sie ist zur H au p tp e rso n gew orden. E s
gibt keinen H eld en m ehr; es gibt nur n och den C h o r.«
N ach getan er A rb eit, der E rsch affu n g der Techno-Z ivilisa-
tion, hâtten die M asse n also w ieder in den H in tergrund tre-
ten, als A k te u re der G esch ich te abtreten sollen. D ie se s A rg u ­
m ent ist nicht nur inhum an, so n d e m auch okonom isch voll-
k om m en unsinnig. D en n erst d ie K au fk raft der A rb e ite r ist es
ja , w elche eine M assen p ro d u k tio n zu làsst u n d som it eine
V erfein erun g der technischen A p p aratu re n der Z ivilisation,
w ie z .B . b eim Z ah n arzt. E s ist nicht nur h um an w ünschens-
w ert, so n d e m okonom isch notw endig, daB die M asse n die
P ro d u kte ihrer A rb eit, die P ro d u kte der technischen Z ivilisa­
tion konsum ieren. D a h e r m uB m an also beim Z ah n arzt w ar-
ten, w ie O rtega y G a sse t klagt. F o rd h at diesen ôkonom i-
schen Z irk el durchschaut u n d dah er gesagt, seine A rb eiter

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m üBten so viel verdienen, daB d ie P roduzenten idealerw eise
auch d ie K à u fe r d er A u to s w âren. D ie M asse n bilden die
G ru n d lag e d er B esch leu n igu n g d er technischen R évolution
u n d Z ivihsation.
E .J.H o b sb a w m schreibt in « T h e A g e o f R évo lu tio n 1789-
1 8 4 8 » (1 9 6 2 ) zurecht, daB ab 1780 besch leun igter revolutio-
n ârer W echsel d ie N o rm w urde. D en n g e rad e eine beschleu-
nigte R a te d es W echsels ist es ja , w as w ir revolutionàr (statt
evolu tion àr) nennen. V on den A lch em isten b is zu den Terro-
risten ist es j a g e rad e d a s Z iel, d a s natürliche W achstum , die
natürliche V eràn d eru n g u n d E v o lu tio n (d e r M etalle o d er der
G esellsch aft) künstlich zu beschleunigen, d as ihnen d as
Selbstv erstàn d n is d er R évo lu tio n verleiht. D ie R a te d es
W echels u n d d es A u stau sch es von W aren, Inform ation en,
D ien stleistun gen, technischen E rfin d u n gen w ar eben ab
1800 so beschleunigt, daB wir von einer R évolution , von
einer industriellen R évo lu tio n sprachen.
Ja c q u e s E llu l nennt in seinem W erk « T h e T echn ological
S o cie ty » (1 9 6 4 ) die gegen seitige V erm eh run g technischer
Inn ovation en in einer geom etrischen P rogression eben falls
«b esch leu n igt». A u ch F ran k E . M an u el charakterisiert in sei­
n em B u ch «T h e A g e o f R e a so n » (1 9 5 1 ) d as britische System
w âh rend d er industriellen R évo lu tio n durch d ie «B e sch le u n i­
gu n g im T em p o in allen P h asen d es ôkonom ischen L e b e n s»
( S .7 4 ). D ie industrielle R évo lu tio n besch leunigte den ProzeB
d er P rodu ktion m it H ilfe von M asch in en so sehr, daB d as
T e m p o in d er T at gelegentlich unm enschhch w urde. D ah e r
die D àm o n isieru n g d er B esch leu n igu n g u n d d er M aschinen,
w elche d iese B esch leu n igu n g bew irkt hatten.
Wir sehen, der Signifikant «Beschleunigung» verdeckt also
den Sign ifikan ten «R é v o lu tio n », ab e r auch d ie Signifikanten
«In n o v atio n , Technik, Fortschritt, S tad t, D yn am ism us,
M asch in e ». D e r «A u fsta n d d er M a sse n » , w ie d ie B evôlke-
run gsbeschleun igun g v o m konservativen K ulturapokalypti-
k er O rte g a y G a sse t genannt w urde, w ar n ur m ôglich durch
die ôkonom ischen , technischen, nahrungstechnischen u n d
kom m un ikationstechn ischen Innovationen, w elche die indu­
strielle R évo lu tio n ausm achten. O h n e die tran sp ort-, kom -
m un ikation s- u n d nahrungstechnischen Fortsch ritte hatten

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die M asse n in den Stàd te n nicht em âh rt w erden kônnen. M an
erinnere sich, als u m 1910 d er B e g riff U rb an ism u s erstm als
auftauchte, w ie pessim istisch bis dahin die Schàtzun gen für
die Ü b erleb en sch an cen u n d W achstum sm ôglichkeiten der
Stâ d te w aren. D e r U rb an ism u s als W issenschaft ist der Ver-
such, « d ie industrielle S ta d t» (T ony G arn ier, 1917), die S tad t
als M asch in e, theoretisch in den G riff zu bekom m en.
D a s Ü b le w ar also m askiert. D a s eigentlich soziale Ü b le w ar
nicht so seh r die B esch leunigung, auch nicht die B esch leuni­
gung d es B evôlkerungsw ach stum s, so n d e m d ie angew ach-
sen e B ev ô lk eru n g selbst: die M asse. W as R o u sse a u un d M al-
thus m it dem V erw eis a u f C àsarism u s u n d H ungersn ot
eigentlich erreichen w ollten, war, die E n tsteh u n g der M assen
zu v erh in d em ; d.h. im G ru n d e predigten sie einen inversen
H o lo cau st, einen M assen m o rd . In der D isk u ssio n um die
M assen m ed ien w iederholt sich dieses D en km u ster der ban-
n en den B esch w ôru n g d es C àsarism u s in der F igu r des G ro-
Ben B ru d e rs d es M assen fem seh en s. R o u sse a u u n d M althus
h assten offensichtlich die M assen , je n e vielen, w elche die
S tâ d te bevôlkerten . S ie h assten auch die S tâd te, die B eh au -
sungen d er M assen . S ie h assten die Technik, w elche die
Stâd te, die P roduktion , den T ran sport u n d die D istribution
von W aren a u f M asse n b asis un d som it die E m à h ru n g der
M asse n erm ôglichten. D esh alb w ollten sie zurück zur N atur.
S ie w ollten die U n m ôglich keit des Fortschritts u n d d er M as-
sengesellsch aft zeigen. S ie w ollten uns nicht, denn die m ei-
sten von un s sind K in d e r der M asse. E rk en n en S ie die
U nm enschlichkeit ihres P ro gram m s?
A u ch im D isk u rs d er K la g e , der A n gst, d er A p o k a ly p se , von
R o u sse a u bis H eid eg g er seh en wir, daB zum einen der B egriff
der B esch leun igun g erstm als auftaucht als B e g riff der
B esch leu n igu n g des B evôlkerungsw achstum s, daB zum
an deren d ieses erste A uftreten des B egriffs der B esch leu n i­
gung, w enn auch m ask iert unter dem B e g riff d es beschleunig-
ten B evôlkerungsw ach stum s, in einem ursâchlichen Z u sam -
m en h an g m it der E n tsteh u n g der m o d e m e n Industriegesell-
sch aft steht. M assen gesellsch aft u n d technetronische À xa
sind eins, zum in dest im W esten. E s ist dah er n ur logisch, daB
in d er F o lg e der B e g riff der B esch leunigung a u f aile B ereiche
des m o d e m e n L e b e n s au sged eh n t w urde, in b eson d ers eben
a u f die Stad t, die M asch in en, d ie F ab riken u n d a u f die m it
D am p fk raft, E lek trizitàt o d e r B en zin selbstbew eglichen
Fortbew egungsm ittel. A u ch d er K ale n d e r verfiel der
B esch leun igun g. W ien h at hier eine sch on e T radition : vom
«H u n d e rtstu n d e n tag »(1 9 1 4 ) d e s Jo h a n n e s C . B aro lin bis zur
«Z e h n -T ag e -W o ch e »(1 9 7 9 ) von W em er Schim anovich.
E rst n ach den beschlennigt bew egten M asch in en sind die
bew egten B ild e r aufgetauch t, w eil erst n ach d er B esch leu n i­
gung d er m ateriellen P ro d u ktion eben m it H ilfe dieser
besch leun igend en M asch in en d ie B esch leu n igu n g d er kultu-
rellen P rodu ktion bego n n en hat, die wir M o d e m ism u s nen-
nen. D e r D àm o n , d as V irus d er B esch leun igun g h at erst nach
der industriellen d ie kulturelle R évolu tion bew irkt. D ie
B esch leu n igu n g d er K u ltu r u n d ihrer B ild er ist also au f dieser
historischen G ru n d lag e zu sehen. W elche ist nun die R o lle
der kulturellen B esch leun igun g, die von der B esch leu n igu n g
der B ild er b is zur «sem io tisch en B esch leu n igu n g» (Ja m e s H .
B un n, T h e D im en sion ality o f Sign s, T ools, an d M od els,
1981) reicht? U n ter sem iotisch er B esch leu n igu n g verstehe
ich die T atsach e, daB d er h eutige M ensch im urb an en E n v i­
ronm ent klarerw eise viel m ehr Z eich en zu verarbeiten h at als
früher. D ie R a te d es A u stau sch es v o n Z eich en in d er postin-
dustriellen G esellsch aft ist eben falls sprun gh aft beschleunigt,
revolutionâr an gestiegen, so w ie früher in der ersten in d u ­
striellen R évo lu tio n die R a te d es A u stau sch es von G ütern.
D ie industrielle B esch leu n igu n g h at also n ach d er m ateriellen
P roduktion (m it groBer V ersp âtu n g) auch die kulturelle P ro ­
duktion erfaBt, notw endigerw eise. Im K ult d er G eschw indig-
keit und der Stadt oder in der angstvollen Beschwôrung der-
selben tauch t d as P h ân om en d er M od ern e, d ie industrielle
B esch leunigung, erstm als in d er Bildw elt d er K u n st auf. D ie
eigentliche K u n st d ieses beschleunigten Z eitalters entsteht
ab er erst jetzt, w o im elektronischen B ild d ie B esch leu n igu n g
die B ildw elt wirklich erfaBt hat, u n d zw ar a u f d er B a sis von
M aschinen. N ach d er m aschinellen M assen p ro d u k tio n von
herkôm m lichen K unstw erken (in F otografien , Siebdru ck en
u. a. D ru ck fo rm en ) geschieht dies nun in d er M aschinen-
àsthetik der digitalen K unst.

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I GESCHWINDIGKEITSKULT IN DER KUNST


«W ir erklàren, daB sich die H errlichkeit d er W elt um eine
n eu e Schonheit bereichert hat: d ie Schônheit der G eschw in-
i digkeit. E in R enn w agen , d essen K aro sserie groBe R oh re
j schm ücken, die Schlangen m it explosivem A te m glei-
chen....ein aufh eulend es A u to , d as a u f K artàtsch en zu laufen
! scheint, ist schoner als die N ik e von Sam oth rake. Z e it un d
j R au m sind gestern gestorben. W ir leben bereits im A b solu -
; ten, denn wir h aben schon d ie ew ige, allgegenw ârtige
l G eschw indigkeit ersch affen .»
(F ilip p o T o m m aso M arinetti, 1909)

B esch leunigte B ild e r sind natürlich nicht d as T afelbild, son-


' d e m wie die Z ivilisation der B esch leun igun g au f der Techno-
I logie, d er Industrialisierung, den M asch in en u n d den M asse n
beruht, so verdanken auch die beschleunigten B ild er ihre
E x isten z den M asch in en u n d den M assen . F ilm u n d F oto ,
! deren B ild e r ihre E x isten z einer technischen A p p a ra tu r bzw.
M aschinerie verdanken, w urden dah er v o n A n fan g an als
M assen m ed ien definiert. Ich rechne auch die F o to grafie zu
den beschleunigten B ild ern - scheinbar p arad o xerw eise - weil
der Film ohne die F o to grafie nicht hàtte erfunden w erden
konnen. D ie F o to g rafie w ar eine logisch e V orau ssetzu n g fur
die K in em atografie, denn u m die Z e it beschleunigen zu kôn-
! nen, m uBte ich sie erst arretieren kônnen. U m die B ew egun g
sim ulieren zu konnen, m uBte ich sie erst in E in zelbilder zerle-
■ gen konnen. D e r C h ro n o (p h o to )grap h , w ie die ersten
F o to ap p arate hieBen, w ar also in der T at eine Z eitm aschine.
D ie Schw ierigkeiten, die F o to , Film , V ideo, Computerani-
1 m ation im m er n och h aben als K u n st anerkannt zu w erden,
liegen zum T eil eben darin, daB sie nicht nur als M asse n m e ­
dien definiert sind, so n d e m vor allem darin, daB sie m aschi-
n enerzeugte, m aschinenunterstützte, m aschinenbeschleu-
I nigte bzw. -bew egte B ild e r sind, w as dem historischen B ild-
un d K unstverstândn is w iderspricht, wo es «m ensch en er-
zeu gt» etc. statt «m asch in en erzeu gt» etc. heiBen m üBte. E in
àhnlicher K a m p f wie gegen d ie industrielle B esch leunigung
j ereignet sich daher nun auch gegen die kulturelle B esch leuni-

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