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Cash; 1997-05-30; Seite 18; Nummer 22

aktuell
Die Früchte des Zorns
Jüdische Organisationen werden mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert wie die Schweizer
Banken
Erben von Nazi-Opfern werfen den jüdischen Organisationen teilweise das Gleiche vor wie den
Schweizer Banken. Die «Jewish Claims Conference» ist besonders ins Schussfeld geraten.
Shraga Elam
Ina und Rita Wohlfahrt leben in Israel. Sie sind nicht miteinander verwandt, ihre Väter trugen
aber beide den Vornamen David, und beide stam men ursprünglich aus der Stadt Kaunas in
Litauen. Als die grösste israelische Zeitung, «Yediot Achronot», eine Serie über
«nachrichtenlose Vermögen» in Israel publizierte, war auch von einem Grundstück im
Villenviertel von Haifa die Rede, das einem David Wohlfahrt gehörte. Beide Frauen meldeten
daraufhin ihre Ansprüche an. Man fand Dokumente, die eindeutig Ina als berechtigte Erbin
auswiesen. Doch Frau Wohlfahrt konnte ihre Erbe vorerst nicht antreten. Der Staat hatte nämlich
seine schwere Hand auf das Haus gelegt und es weiterverkauft. Ina musste bis zum Obersten
Gerichtshof prozessieren, bis sie endlich zu ihrem Recht kam.
Der Fall zeigt auf, dass auch Israel sein Problem mit den nachrichtenlosen Vermögen hat. «Wie
es sich herausstellt, verheimlicht der Staat (Israel) den rechtmässigen Besitzern Grundstücke im
Wert von mehreren Milliarden Dollar», schreibt «Yediot Achronot». Und: «Alle Forderungen,
die vollständige Erbenliste zu veröffentlichen, wurden bisher abgelehnt. (...) Der Staat Israel
verlangt solche Offenheit von den Schweizer Banken, pocht aber selbst auf totale Geheimhaltung
bei Vermögen, die sich unter seiner Kontrolle befinden.»
Die JCC verfolgt eigene finanzielle Interessen
Auch die israelischen Bankiers schalten beim Thema nachrichtenlose Vermögen auf stur. In der
renommierten Tageszeitung «Ha'aretz» war kürzlich die Rede von mindestens 3 Millionen
englischen Pfund, die 1939 auf Konten von Auslandjuden in Palästina eingefroren wurden. Die
Bankiers selbst wollen von diesen Konten noch nie gehört haben.
Ein Bericht des Nachrichten magazins «Jerusalem Report» beschäftigt aber derzeit die jüdischen
Gemeinschaften am meisten. Er nimmt die Praktiken der Dach organisation Jewish Claims
Conference (JCC) unter die Lupe, wo so bekannte Männer wie Edgar Bronfman, Israel Singer
und David de Roth schild im Verwaltungsrat sitzen. Die JCC koordiniert die
Wiedergutmachungs fragen mit Deutschland und vertritt die Rechte der jüdischen Erben.
Dies betrifft seit der Wieder vereinigung auch das Gebiet der Ex-DDR. Jüdische Erben, gemäss
«Jerusalem Report» mehrere zehntausend, beklagen sich immer häufiger, dass die JCC sie nicht
beim Finden ihrer Vermögen unterstütze, sondern sie im Gegenteil daran hindere. Die Vorwürfe
scheinen verständlich zu sein, hat doch die JCC mit der deutschen Regierung einen Vertrag
abgeschlossen, wonach ihr alle Vermögen zufallen, die nicht be ansprucht werden. Bis zum 31.
Dezember 1992 mussten allfällige Ansprüche angemeldet werden.
Diese Frist wurde von der JCC jedoch nur in einer kleinen Nachrichtenagentur publiziert. Dies
hatte zur Folge, dass viele Berechtigte gar nicht rechtzeitig von ihrer Chance erfuhren. Die JCC
weigert sich standhaft, die Frist zu verlängern. Alle Erben müssen sich deshalb auf langwierige
Verhandlungen mit ihr einlassen und sich dabei nicht selten als «Erbschaftsjäger» beschimp fen
lassen. Dabei wird nicht um «pea nuts» gekämpft. Experten beziffern den Wert der
Liegenschaften auf mehrere hundert Millionen Dollar.
Einer, der im Clinch mit der JCC liegt, ist Moshe Cohen (der Name wurde geändert, weil das
Verfahren noch läuft). Die Grosseltern seiner Frau besassen zwei Liegenschaften in Ost-Berlin
mit einem Gesamtwert von rund einer Million Dollar. Im Januar 1993 stellten die Cohens einen
Antrag, inzwischen ist ihr Besitzanspruch amtlich bestätigt. Doch die Cohens erhalten weder
Geld noch Häuser. Die JCC ist ihnen zuvorgekommen.
Die JCC startet auch schon mal eine Rufmordkampagne
Moshe Cohen ist nach New York geflogen und hat dort den JCC- Direktor Saul Kagan getroffen.
Dieser hat sein Anliegen zunächst rundweg abgelehnt. Nach intensiven Verhandlungen war er
dann bereit, den Cohens die Hälfte des Wertes zuzugestehen. Nachdem sich der «Jerusalem
Report» der Sache annahm, sollen die Cohens neuerdings 80 Prozent erhalten.
Die Cohens sind kein Einzelfall. Joseph Wolff, ehemaliger Chef der israelischen Ölgesellschaft
Paz, will jetzt sogar eine Sammelklage gegen die JCC einreichen, mit der Begründung, die
Dachorganisation sei bloss Treuhänderin, nicht aber Besitzerin der nachrichtenlosen Vermögen.
Das sieht Saul Kagan anders. Für ihn ist die JCC die legale Erbin der Ex-DDR-Vermögen und
Personen wie die Cohens will er allenfalls aus seinem Goodwill-Fonds abspeisen.
Die JCC kämpft mit harten Bandagen. Das musste auch der Schweizer Treuhänder Emile
Edelmann erfahren. Seine Firma Reviitam AG hat sich darauf spezialisiert, Besitzer von
Immobilien in der Ex-DDR ausfindig zu machen. Nach aufwendigen Recherchen hat er eine
Gestapo-Liste gefunden, jetzt sucht er nach Nachkommen der ehe maligen Besitzer. Edelmann,
der seine Tätigkeit gegen Provision betreibt, wurde von der JCC ultimativ aufgefordert
auszusteigen. Weil sich Edelmann weigert, wurde er Zielscheibe einer von der JCC gesteuerten
Rufmordkampagne in den deutschen Medien («Focus», FAZ).
Im «Jerusalem Report» wird auch ein Korruptionsverdacht aufgeworfen, weil der Kreis der
zugelassenen Makler von der JCC sehr eingeschränkt worden ist. Auch wenn die Gelder für die
Unterstützung bedürftiger Shoa-Überlebender verwendet werden, ist die Miss achtung von
Privatansprüchen zumindest umstritten. Die JCC muss sich eine Reihe von kritischen Fragen
gefallen lassen. Warum wird die Liste der Liegenschaften, die in ihrem Besitz sind, nicht
veröffentlicht? Weshalb werden private Anwälte und Makler bekämpft? Warum wird die
Anmeldefrist nicht verlängert?
Angesichts dieser Vorgänge muss auch diskutiert werden, wie ernst es Organisationen wie die
Jewish Agency und der World Jewish Congress (beide sind bei der JCC vertreten) mit den
Rechten der ursprünglichen Besitzer der nach rich ten losen Vermögen in der Schweiz meinen,
schliesslich möchte JCC-Direktor Kagan eine führende Rolle im schweizerischen Holocaust-
Fonds spielen.
Die Missstände innerhalb der jüdischen Organisationen sind keine Ausrede für die Schweiz, sich
von ihren Verpflichtungen zu drücken. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass die JCC für
die Nazi-Opfer Grosses geleistet hat. Die Frage nach der gerechten Verteilung der Gelder
erfordert es jedoch, dass die Missstände öffentlich gemacht werden. Dabei sollte nicht vergessen
werden, dass nicht nur jüdische, sondern auch andere Nazi-Opfer berechtigte Ansprüche stellen
können.
Problematik in der Schweiz
· Bezüglich der nachrichtenlosen Vermögen in der Schweiz existiert ein ähnliches Problem wie
in Israel. Laut dem renommierten israelischen Shoa-Forscher Professor Yehuda Bauer stellten
während des Krieges in Osteuropa viele Juden ihre Vermögen direkt den vor Ort wirkenden
jüdischen Hilfswerken zur Verfügung - gegen das Versprechen, dass deren Gegenwert in
«sichere» Länder wie etwa die Schweiz transferiert werde. Sie würden dann nach dem Krieg
(daher hiess dieser Mechanismus «après la guerre») zurückerstattet. Dies ist aber laut Bauer nie
geschehen.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass seit Anfang der Affäre um
nachrichtenlose Vermögen der Saly-Mayer-Nachlass (ETH-Archiv für Zeitgeschichte) für
Journalisten gesperrt worden ist. Denn über Mayer, den Vertreter des US-jüdischen Hilfswerks
«Joint Distribution Committee», sind solche «Après»-Trans aktionen abgewickelt worden.
Folglich ist er im Besitz der Liste der ursprünglichen Eigentümer gewesen. Die Offenlegung
dieses Nachlasses ist daher im Interesse der legitimen Erben.
Die Jewish Claims Conference (JCC)
· Die «Conference on Jewish Material Claims Against Germany» oder auch «Jewish Claims
Conference» wurde 1951 von 22 verschiedenen jüdischen Organisationen gegründet, um die
Wiedergutmachungsverhandlungen mit der BRD zu führen. Der JCC verfügt über 200
Angestellte und Büros in New York, Frankfurt und Tel Aviv.
Seit 1953 hat Deutschland 58 Milliarden Dollar an Israel, verschiedene jüdische Organisationen
und Privatpersonen bezahlt. Bis zum Jahr 2030 sind noch weitere Zahlungen in der Höhe von 20
Milliarden Dollar zu erwarten. Allein im letzten Jahr sind 840 Millionen Dollar Renten an
140'000 Holocaust-Überlebende ausbezahlt worden. Zum Vergleich: An deutsche
Kriegsveteranen (darunter auch an Waffen-SS-Offiziere) sind im gleichen Zeitraum 7,7
Milliarden Dollar bezahlt worden.
Aus dem Verkauf von ehemals jüdischem Eigentum in der Ex-DDR sind bis 1996 insgesamt
rund 150 Millionen DM erzielt worden.