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Krishnamurti

Das Tor zu Neuem


Leben

SIESCHU-VERLAG ZEPPELINHEIM

»Es scheint mir wichtig, daß dieser Aufstand der Jugend vor dem Hintergrund
des Chaos in der Welt, der Unordnung und des menschlichen Elends gesehen
wird. Diese Probleme können nicht durch Politik, nicht durch die Wirtschaft
oder durch Propaganda gelöst werden. Doch wenn es Menschen gibt, denen
Freiheit und Liebe über alles gehen, dann ist die Voraussetzung da, eine neue
Welt aufzubauen.«
»Um diese Welt vor dem Chaos zu retten, bedarf es schon einer Revolution —
aber keiner solchen Revolution, wie wir sie aus der Geschichte her kennen —
sondern einer Revolution, die im Innern des Menschen ausbricht.«
Krishnamurti

Der englische Buchtitel lautet: Talks by Krishnamurti in Europe


ins Deutsche übertragen von einer Arbeitsgemeinschaft.
Alle Rechte vorbehalten
©dieser Ausgabe Siemsen-Schumann-Veriag Zeppelinheim 1981
Umschlag: Ekhard Siemsen-Schumann
Satz: T&S-GmbH, Frankfurt
Druck: Köhler-Druck Dietzenbach
Printed in Germany ISBN 3-88764-000-4
INHALT
Inhalt 5
Inhaltsverzeichnis der Fragen 6
Vorwort 11
Das ICH und die Gesellschaft 13
Diskussionsgespräch 33
Der Tod gehört zum Leben 64
Grundlagen der Meditation 83
Diskussionsgespräch 103
Der religiöse Mensch 120
Wer ist Krishnamurti? 137

Hier werden die wichtigsten Fragen noch einmal aufgeführt, die während der Reden von den
Zuhörern an Krishnamurti gestellt worden sind. Im Text werden die Fragen in schräger
Schrift wiedergegeben:
Ist vollkommene Achtsamkeit im Hinblick auf angenehme Dinge wesentlich, wie sie es
hinsichtlich der unangenehmen und schmerzlichen Dinge ist?........................37
Man stellt fest, daß der Geist tatsächlich nur für etwa 30 Sekunden ruhig sein kann. Was
meinen Sie also mit der Ruhe des Geistes?.......................................39
Wenn wir die Dinge sehen, wie sie sind — mit vollkommener Achtsamkeit, mit unkritischem
Gewahrsein — was geschieht dann mit den verschiedenen Kunstgattungen und im
besonderen mit denen, die sich mit der Sprache befassen? 42
Sie sprechen vom Sehen oder Hören als einer Tatsache ohne Entstellung, ganz gleich, ob sie
angenehm oder unangenehm ist. Ist das ein atimählich fortschreitender Prozeß des Erfor-
schens und daher eine Frage der Zeit, oder ist es eine unmittelbare
Wahrnehmung?.............................46
Wenn man die Tatsache in ihrer wahren Beschaffenheit wahrnimmt, mag man sich mit Erfolg
aus verschiedenen Problemen und Schwierigkeiten herauslösen. Aber dahinter steht weiterhin
das Verlangen nach jenem Beständigen, das mit Gott bezeichnet werden mag......................49
Nach all den Reden über Beständigkeit und Konflikt habe ich nichts, das ich mit nach Hause
nehmen könnte.......55 Angenommen, man hätte diese Freiheit von allem Konflikt, von der Sie
sprechen, erreicht, was sollte man mit seiner freien Zeit und überschüssigen Energie
anfangen, wenn man sich nicht der sozialen Arbeit, dem Tierschutz und so weiter widmen
würde?...................................56
Es scheint mir, daß in dem Augenblick, da das "Ich " in Erscheinung tritt, ein Problem
entsteht. Dieses "Ich" macht sich an die Arbeit und versucht das Problem zu lösen — das ist
Unsinn. Ist nicht das "Ich" das einzige Problem? ....58
Ist nicht Gewohnheit Teil des Problems? Man neigt dazu, alt diese Wünsche durch
Gewohnheit zu verewigen. .... .58
Wenn kein "Ich" da ist, was ist es, das da schaut und hört?............................................60
Ich bin durch die Gesellschaft infiziert. Wie kann ich von dieser Verunreinigung frei
werden?...................60
Würden Sie dann sagen, daß Anstrengung zerstörend ist? 61 Ich finde es unmöglich, jederzeit
bewußt zu sein........62
Sie sprachen von Zeit im seelischen Sinne und von der chronologischen Zeit. Die Zeit für
unsere heutige Diskussion ist begrenzt. Es ist jetzt ein Viertel nach zwölf, d.h. diese
chronologische Zeit bindet uns. Ist es nicht möglich, eine Organisation zu schaffen, so daß
wir uns jeden Tag treffen und unsere Gespräche fortführen könnten?................62
Was ist der tiefere Sinn einer Bewußtheit, die zwischen den Dingen nicht mehr
wählt?...........................72 Ist es nicht wichtig, sich von negativen Gefühlen frei zu machen,
während man die positiven bewahrt?............74
Ist nicht das Leben im Westen künstlicher als im Osten ? . 76
Ich hatte geglaubt, es ist dort einfacher. Ist der Tugendbegriff dort nicht
einfacher?...........................77
Kann man den Zustand, von dem Sie sprechen, erreichen, ohne zuvor den Geist zu
schulen?.....................77
Nicht ganz. Ich verstehe nicht, wie ein Mensch, der nicht zuvor im Denken ausgebildet und
geschult wurde, Ihre Antworten verstehen kann..............................78
Wir scheinen nicht fähig zu sein, das, worüber Sie sprechen, anzuwenden; uns fehlt die
Energie....................79
Sie haben uns das Nichts beschrieben, einen Zustand der Leere. Können Sie uns etwas von
der großen Wahrheit sagen, die diese Leerheit füllen kann?...................79
Sie haben nicht die drohende Zerstörung der Welt durch die Wasserstoffbombe
erwähnt..........................81
Wäre es nicht besser, die Worte "innere Gelassenheit" und "Ruhe" zu gebrauchen, anstatt des
"inneren Todes"? . .81
Welches ist der Zweck des menschlichen Lebens auf diesem
Planeten?........................................94
Sie sagten, daß der Denker und der Gedanke eines sind. Würden Sie so freundlich sein,
darüber ausführlicher zu sprechen?........................................94 Man gelangt zu dem Punkt,
da man innerlich die Wahrheit dessen, was Sie sagen, klar erkennt. Aber man muß in der
äußeren Welt leben, und die große Schwierigkeit liegt in der Anwendung der
Dinge..............................98
Wie kann die Stille des Geistes erhalten bleiben ?........99
Sie sagten, daß das Leben armselig ist. Ist es gut, das zu behaupten?
.........................................99
Wenn wir uns von dem "Ich" leer gemacht haben, was bleibt dann, um den Geist zu
füllen ?.................700
Sie mißverstehen mich. Als ich sagte, daß die Tasse nützlich sein sollte, meinte ich, daß der
Zweck des Lebens ist, den Willen Gotteszu tun...............................100
Verstehe ich Sie richtig, wenn ich sage, daß Aufmerksamkeit (attention) der Zeit angehört und
Bewußtsein (aware-ness) der Ewigkeit? Und daß, wenn wir die Grundlage für die
Aufmerksamkeit in der Zeit legen, wir einen Schimmer von einer Bewußtheit empfangen
werden, die zeitlos ist? 104
Was verstehen Sie darunter, wenn Sie sagen, daß man alle Erinnerungen zerschlagen muß,
um sich vom Leid zu befreien? Ich habe kürzlich meine Frau verloren. Als sie starb, sagte sie:
„Der Tod ist der Funke des Lebens." Wie kann ich das jemals vergessen?..........................109
Warum ist es so schwer, ohne Daseinshunger zu leben? . 112
Da wir älter werden, scheint sich der Geist schichtweise zu verhärten. Ist dieser Prozeß
natürlich und unvermeidlich?............................................115 Wäre es nicht wertvoll, mit
vollem Bewußtsein die geschichtliche Vergangenheit zu untersuchen?...........117
Welches ist der Kern oder die Triebfeder Ihrer Lehre? . .124
Was ist die leise, zarte Stimme des Gewissens? Ist es nicht die Stimme Gottes, die in jedem
von uns spricht?_____128
Warum reden Sie ständig über das Bekannte? Warum sprechen Sie nicht über das
Unbekannte?................128
Glauben Sie, daß eine Wiederholung von Worten, wie heilig sie auch sein mögen, Meditation
ist?.................130
Sie haben gesagt, daß man sterben muß, um von der Vergangenheit, vom Denken frei zu sein
und daß das nicht nur eine Behauptung dem Worte nach ist: es muß ein tatsächliches Sterben
sein. Meinen Sie damit, daß wir physisch sterben müssen?.....................................132
Ich glaube, Sie sagten, es sei besser, ein Problem zu vermeiden, als eine Lösung zu
finden......................133
Können wir nicht, wenn es die Zeit zuläßt, ruhig sitzen und zusammen einige Augenblicke
vollkommenen Schweigens erleben?.........................................133
Welches ist der Unterschied zwischen Meditation und
Kontemplation?......................................134
Wie ist es möglich, intensiv bewußt zu sein, während man mit einer bestimmten Arbeit
beschäftigt ist?...........135
Können wir nicht etwas von der Unschuld eines Kindes
lernen?............................................136
VORWORT DES HERAUSGEBERS
Krishnamurti gilt als einer der tiefgründigsten Kenner des Menschen; er zeigt uns, daß ein
Leben ohne Leid und Trübsal für jeden Verständigen inmitten dieser fragwürdigen Welt
möglich ist.

Krishnamurti hat viele Länder im Osten und Westen besucht und zu vielen Menschen
gesprochen. Seit 1961 kommt er jeden Sommer nach Saanen (Berner Oberland, Schweiz), wo
eine große internationale Hörerschaft seinen Reden mit großer Aufmerksamkeit folgt.

Seine Reden erscheinen jeweils in Englisch und sind in nahezu alle Sprachen übersetzt
worden. Mehrere seiner Bücher wurden in deutscher Sprache veröffentlicht. Die ersten
Auflagen einiger Bücher sind inzwischen vergriffen, so daß ich, angespornt durch die große
Nachfrage und durch meine eigene Begeisterung für seine Schriften, die Neuauflagen
übernommen habe.

Die vorliegende Übersetzung ist das Werk einiger Freunde, die ihr Möglichstes getan haben,
um der Tiefgründigkeit und der sprachlichen Ausdruckskraft des Urtextes gerecht zu werden.
Wer Krishnamurti gehört hat, weiß, mit welch verhaltener Intensität er spricht. Er benutzt nie
ein Konzept; er steht gleichsam in Kommunion mit seinen Zuhörern, und die Dynamik seines
Wortes und seiner Gebärde sucht die Menschen aus der Verwirrung und Lethargie ihrer
gegenwärtigen Existenz herauszuheben. So ist denn dieses Buch — wie auch alle weiteren —
eine eindringliche Herausforderung für jeden, der um eine neue Einstellung zum Leben und
zu den Mitmenschen ernsthaft bemüht ist.

Juni 1981 Ekhard Siemsen-Schumann


DAS ICH UND DIE GESELLSCHAFT
Um zu verstehen, was wir an diesem und an den folgenden Abenden eingehend betrachten
werden, ist ein klarer Geist erforderlich, der unmittelbarer Wahrnehmung fähig ist.
Verständnis ist nicht irgend etwas Geheimnisvolles; aber es erfordert einen Geist, der fähig
ist, auf die Dinge direkt, ohne Vorurteil, ohne persönliche Neigungen und Meinungen zu
schauen. Leider sind die meisten von uns voreingenommen, so daß es für uns schwer ist,
unmittelbar zu verstehen und das Wahre augenblicklich zu sehen. Ich möchte über etwas
sprechen, das nicht leicht zu erklären ist. Aber man muß Worte gebrauchen, und Worte
bringen eine Schwierigkeit mit sich, weil sie auf so vielfache Art verdreht werden können,
und zudem ist das Wort nicht die Sache. Das Wort ist niemals die Sache selbst, es ist nur ein
Hilfsmittel. Es ist oder sollte so sein, als ob man durch eine offene Tür schaut. Aber wenn wir
an den Worten hängenbleiben, dann können wir nicht vorankommen, besonders in Fragen, die
nicht technischer Natur sind. Es ist ziemlich leicht, eine bestimmte Technik zu erklären,
indem man die entsprechenden Fachausdrücke benutzt. Aber hier brauchen wir einen Geist,
der nicht behindert ist, die Dinge zu sehen, wie sie sind, einen Geist, der fähig ist, jegliches
Ding ohne die Färbung seiner eigenen Voreingenommenheit zu prüfen.

Was ich an diesem Abend zu sagen wünsche, betrifft eine innere Revolution, eine
Zerstörung der psychologischen Struktur der Gesellschaft, die wir sind. Wir sind selbst das
seelische Gefüge der Gesellschaft. Die Gesellschaft mit ihren Bestrebungen, ihrem Neid,
ihrem Trachten nach Erfolg ist nicht nur die äußere Zurschaustellung der Verhältnisse. Die
Gesellschaft ist weit mehr ein innerer Zustand, sie ist in jedem von uns tief verwurzelt. Diese
psychologische Gesellschaftsstruktur bindet uns, sie formt unseren Geist, unsere Gedanken,
unsere Gefühle, und ohne sie in uns vollkommen zu zerstören, können wir unmöglich frei
sein, um zu entdecken, was wahr ist. Aber die Zerstörung dieser psychologischen
Gesellschaftsstruktur, die Sie und ich sind, geschieht nicht durch Anstrengung. Das zu
verstehen ist für die meisten Menschen eines der schwierigsten Dinge.

Ich gebrauche das Wort "verstehen'* nicht in irgendeinem mystischen oder geheimnisvollen
Sinne. Wenn Sie entspannt sind, wenn Sie einfach zuhören und ihren Geist einer Sache
zuwenden, verstehen Sie sie ziemlich leicht und schnell. Aber Sie sind so daran gewöhnt, sich
anzustrengen, daß es Ihnen schwer fällt, mich zu verstehen, wenn ich über ein Leben spreche,
das anstrengungslos ist.

Das innere Gefüge der Gesellschaft ist das, was wir sind, was wir denken, was wir fühlen —
der Neid, der Ehrgeiz, der ewige Kampf, der durch den Widerspruch hervorgerufen wird,
sowohl bewußt wie unbewußt —, und darin sitzen wir fest. Wir glauben, daß wir uns sehr
anstrengen müssen, um da hindurchzustoßen. Aber Anstrengung bringt immer Konflikt und
Widerspruch mit sich. Wenn kein Widerspruch da ist, gibt es keine Anstrengung: dann leben
Sie. Aber Widerspruch ist da und wird durch das psychologische Gefüge der Gesellschaft, in
der wir leben, hervorgebracht. In jedem von uns ist bewußt oder unbewußt ständig ein
Zwiespalt, geht jederzeit ein Kampf vor sich. Ich glaube nicht, daß es uns möglich ist, ein volles
Leben jenseits des Verstandes zu führen oder es zu verstehen, wenn wir nicht zuvor diese ganze
psychologische Struktur vollkommen durchschaut haben und hindurchgebrochen sind.

Sehen Sie, die Welt wird immer oberflächlicher. Auf der ganzen Erde nimmt der Wohlstand zu. Es gibt
den Wohlfahrtsstaat, und nach allen Seiten werden große Fortschritte gemacht. Aber im Innern sind wir
mehr oder weniger gleich geblieben, folgen wir denselben alten Methoden, denselben Glaubensformen.
Wir mögen unsere Dogmen gelegentlich in Anpassung an die Verhältnisse ändern; dennoch führen wir
ein oberflächliches Leben. Wir kratzen nur immer an der Oberfläche herum und gehen niemals tiefer.
Und wie klug wir in einer seichten Art auch sind, wieviel Wissen oder Kenntnisse wir über so viele
Dinge auch haben mögen — ich sehe nicht, wie wir frei und damit schöpferisch sein können, solange
wir nicht das ganze seeliche Gefüge in der Tiefe unseres Seins vollkommen umwandeln.

So möchte ich gerne an diesem Abend mit Ihnen erwägen, wie eine Revolution, eine seelische
Revolution ohne Anstrengung vollbracht werden kann. Ich gebrauche das Wort "Anstrengung" im
Sinne des Strebens, des Versuchs, etwas zu erreichen, etwas zu werden; ich gebrauche es in bezug auf
einen Menschen, der in Widersprüche verwickelt ist, der kämpft, um zu überwinden, um sich zu
disziplinieren, sich gleichzuschalten, sich anzupassen, eine Wandlung in sich hervorzubringen — ich
gebrauche das Wort "Anstrengung", indem ich das alles einbeziehe.

Ist es nun möglich, eine alles umfassende Revolution ohne Anstrengung hervorzubringen, nicht nur im
bewußten Geist, sondern auch in der Tiefe des Unbewußten? Denn wenn wir eine Anstrengung
machen, um eine innere Revolution zu vollbringen, liegt darin Zwang, Beeinflussung, ein
Motiv, eine Zielsetzung, und das alles ist die Folge unserer Begrenzung.

Man kann auf mancherlei Art zuhören. Sie können zuhören, indem Sie zu interpretieren
versuchen, was ein anderer sagt, oder indem Sie das Gesagte mit dem vergleichen, was Sie
bereits wissen. Sie können zuhören mit all den Reaktionen Ihrer lebhaften Erinnerung. Aber
es gibt nur eine Art wirklichen Zuhörens, nämlich zu lauschen ohne das Geschwätz Ihrer
eigenen Gedanken.

Ich weiß nicht, ob Sie je versucht haben, einer Sache, sei sie angenehm oder unangenehm,
einfach zuzuhören, ohne Ihren eigenen Gedankenprozeß einzuschalten. Es ist schwierig, das
zu tun, es ist eine wirkliche Kunst, weil wir immer vergleichen, bewerten oder verurteilen.
Wir hören niemals einfach zu; wir sehen nie etwas wirklich, weil wir augenblicklich sagen, es
ist schön oder häßlich, es ist dieses oder jenes. Vielleicht werden Sie heute abend nur einfach
zuhören, ohne dem, was gesagt wird, zuzustimmen oder es abzulehnen, ohne Ihre eigenen
Vorstellungen oder Deutungen hineinzubringen — was aber nicht heißt, daß Sie sich von mir
beeinflussen lassen sollen. Im Gegenteil. Zuzuhören verlangt vollkommene Aufmerksamkeit.
Aber eine solche Bewußtheit ist nicht gleichbedeutend mit Konzentration. Wenn Sie sich
konzentrieren, dann stellen Sie sich scharf auf einen Punkt ein und schließen alles andere aus,
und dieses Ausschließen ist für das Zuhören eine Schranke. Ich sage hier nichts
Ungewöhnliches. Sie können damit experimentieren und das selbst schnell herausfinden.
Wenn Sie mühelos zuhören, ohne sich abzuriegeln, dann lauschen Sie jedem Ding, nicht nur
den Worten, und Sie sind überdies Ihrer ei- genen inneren Reaktion gewahr. Die Worte sind
dann ein Mittel, mit dem Sie die Tür öffnen, durch die Sie sich selbst schauen.

Wenn Sie während dieser Reden so zuhören können, dann wird, so glaube ich, eben dieses
Zuhören eine tiefe fundamentale Revolution hervorbringen, weil Sie in dieser vollkommenen
Achtsamkeit bereits Ihre Begrenzung durchbrochen haben.

Unsere Voreingenommenheit, bewußt oder unbewußt, ist tiefgehend und schwerwiegend. Wir
sind Christen, Hindus, Engländer, Franzosen, Deutsche, Inder, Russen; wir gehören dieser
oder jener Kirche mit all ihren Dogmen an, dieser oder jener Rasse mit ihrer geschichtlichen
Bürde. Auf der Oberfläche ist unser Verstand geschult. Der bewußte Verstand wird je nach der
Kultur, in der wir leben, erzogen, und davon kann man sich vielleicht ziemlich leicht lösen.
Es ist nicht allzu schwer, sich davon loszusagen, ein Engländer zu sein, ein Inder, ein Russe
oder was man sonst zufällig sein mag, oder eine besondere Kirche oder Religion aufzugeben.
Aber es ist weit schwieriger, das Unbewußte, das in unserem Leben eine weitaus größere
Rolle spielt als der bewußte Verstand, frei zu machen von allen Einflüssen, die darauf
eingewirkt haben. Die Ausbildung des bewußten Verstandes ist zweckvoll und notwendig als
ein Mittel, seinen Lebensunterhalt zu verdienen oder eine bestimmte Funktion auszuüben —
das ist es, womit sich unsere Erziehung zumeist beschäftigt. Wir werden geschult, gewisse
Dinge zu tun oder mehr oder weniger mechanisch auf bestimmte Art tätig zu sein. Das ist
unsere oberflächliche Erziehung. Aber innerlich, unbewußt, tief unten sind wir das Resultat
menschlichen Bemühens vieler Jahrtausende. Wir sind das Endergebnis menschlicher
Kämpfe, Hoffnungen, Enttäuschun gen, der ewigen Suche nach etwas Jenseitigem; und dieses
Aufschichten der Erfahrungen geht in uns immer weiter vor sich. Dieses Bedingtsein gewahr
zu werden und frei davon zu sein, verlangt sehr viel Aufmerksamkeit.

Dies ist nicht eine Sache der Analyse, weil Sie das Unbewußte nicht analysieren können. Ich
weiß, daß es Spezialisten gibt, die das zu tun versuchen; aber ich glaube nicht, daß es möglich
ist. Dem Unbewußten kann man sich nicht vom Bewußten her nähern. Ich will Ihnen zeigen
warum.

Durch Träume, durch Hinweise, durch Symbole, durch verschiedene Arten der Andeutung
versucht das Unbewußte, sich mit dem bewußten Geist zu verständigen. Diese Winke und
Andeutungen erfordern eine Auslegung, und der bewußte Verstand deutet sie in der ihm
eigenen Begrenztheit, nach seinen besonderen Idiosynkrasien. So gibt es niemals einen
vollkommenen Kontakt zwischen den beiden und niemals ein vollkommenes Verstehen des
Unbewußten. Das Unbewußte ist etwas, das wir in seiner Ganzheit nicht völlig erkennen.
Solange wir das Unbewußte mit seiner historischen Last, der ganzen langen geschichtlichen
Vergangenheit nicht verstehen und von dieser Last frei sind, wird es immer Widersprüche,
Konflikte und Kämpfe geben, die sich im Innern abspielen.

Wie ich bereits sagte, ist Analyse nicht der Weg, um das Unbewußte zu verstehen. In der
Analyse ist ein Beobachter enthalten, ein Analytiker, abgesondert von dem Analysierten. Es
besteht ein Bruch, der das Verstehen verhindert.

Hier liegt eine unserer Schwierigkeiten, vielleicht unsere Hauptschwierigkeit: von dem
gesamten Inhalt des Unbewußten frei zu sein. Und ist so etwas möglich? Ich weiß nicht, ob
Sie je versucht haben, sich zu analysieren — genau zu untersuchen, was Sie denken, was Sie
fühlen mitsamt den Motiven und Absichten, die hinter Ihren Gedanken und Gefühlen liegen.
Wenn Sie es getan haben, bin ich überzeugt, daß Sie erfahren haben, daß die Analyse nicht
sehr tief eindringen kann. Sie dringt bis zu einer gewissen Tiefe, und da kommt sie zum
Stehen. Um tiefer einzudringen, muß man Schluß machen mit dieser Methode, in der ein
Analysierender ständig analysiert. Statt dessen muß man beginnen, nur einfach zu hören, zu
sehen und jeden Gedanken und jedes Gefühl zu betrachten, ohne zu sagen: „Das ist richtig
und das ist falsch", ohne zu verurteilen oder zu rechtfertigen. Wenn Sie in dieser Art
betrachten, werden Sie finden, daß es keinen Widerspruch gibt und daher keine Anstrengung;
und damit ist unmittelbares Verständnis gegeben.

Aber um wirklich tief in sich einzudringen, muß man offensichtlich vom Ehrgeiz, vom
Wetteifer, von Neid und Gier frei sein. Und das ist eine schwierige Sache, weil Neid, Gier und
Ehrgeiz die eigentliche Substanz der psychologischen Gesellschaftsstruktur darstellen, von
der wir ein Teil sind. In einer Welt wie dieser zu leben, die auf Besitzgier, Ehrgeiz und
Wettstreit aufgebaut ist, und von diesen Dingen völlig frei zu sein, ohne jedoch durch die Welt
zertört zu werden — das ist das eigentliche Problem.

Wenn man beobachtet, weiß man, wie schnell Wissen und Technik in der Welt voranschreiten.
Der Mensch hat schon den Mond betreten. Die Computer übernehmen die Initiative, und wir
selbst werden immer mehr zu Maschinen, leben immer automatischer. Viele von uns gehen
Tag für Tag ins Büro und werden durch ihre Arbeit gründlich gelang weilt. Dieser
Langenweile suchen wir zu entrinnen. Und die Religion ist ein wunderbares Mittel zum
Entkommen. Oder wir putschen unsere Gefühle durch Drogen auf, um stärker zu empfinden,
mehr wahrzunehmen. Das geht in der ganzen Welt vor sich. Wir leben in einem ständigen
Konflikt, nicht nur mit uns selbst, sondern auch mit anderen. Unsere ganzen Beziehungen
basieren auf Konflikt, auf Besitz, auf Gewinnsucht, auf Macht. Und wenn der Mensch in
einen solchen Konflikt, in solche Verzweiflung und Unruhe verwickelt ist, sehe ich nicht, wie
er weit kommen kann. Aber man muß weit gehen! Man muß die ganze psychologische
Struktur der Gesellschaft in sich selbst zerstören. Sie vollkommen zu zerstören ist wirklich das
Kreuz unseres Daseins, weil wir ein so oberflächliches Leben führen. Wir suchen, tief in die
Dinge einzudringen, indem wir lesen, Wissen erwerben, mehr und mehr Kenntnisse
gewinnen. Aber alles Wissen, alle Kenntnisse bleiben immer an der Oberfläche.

So lautet die Frage wirklich: Wie soll man in dieser Welt leben, ohne äußere und besonders
innere Konflikte hervorzubringen? Denn der innere Konflikt führt den äußeren herbei. Nur
ein Mensch, der vom Zwiespalt wirklich frei ist, und zwar auf jeglicher Ebene, weil er keine
seelischen Probleme irgendwelcher Art hat — solch ein Mensch kann herausfinden, ob etwas
jenseits seines eigenen Geistes existiert.

Unser Problem hegt im wesentlichen nicht darin, wie wir mehr verdienen können oder wie
wir die Wasserstoffbombe aufhalten können oder ob wir uns diesem oder jenem
Gesellschaftssystem anschließen sollen — solche Probleme liegen nicht sehr tief. Sie werden
durch wirtschaftliche Faktoren, durch historische Ereignisse und durch die unzähligen
Zwangsmaßnahmen der souveränen Regierungen, der Gesellschaften und Religionen
geschaffen und gelenkt. Worauf es ankommt, ist, daß wir fähig sind, uns von all diesem zu
trennen — nicht, indem wir uns zurückziehen, nicht, indem wir Mönch oder Nonne werden,
sondern indem wir tatsächlich die tiefere Bedeutung verstehen. Man muß selbst herausfinden,
ob es möglich ist, von der psychologischen Struktur der Gesellschaft vollkommen frei zu sein
— das heißt, vom Ehrgeiz frei zu sein. Ich sage, es ist durchaus möglich; aber es ist nicht
leicht. Es ist sogar äußerst schwer, vom Ehrgeiz frei zu sein. Im Ehrgeiz liegt "das Mehr". Das
Mehr schließt die Zeit ein; und Zeit bedeutet, etwas zu erreichen, einen Erfolg zu erzielen.
Die Zeit verneinen heißt, vom Ehrgeiz frei zu sein. Ich spreche nicht von der chronologischen
Zeit — die können Sie nicht verneinen, denn dann werden Sie Ihren Bus verpassen. Aber das
innere Zeitgefühl, das wir von uns aus geschaffen haben, um innerlich etwas zu werden —
das können wir verneinen. Und das bedeutet in Wirklichkeit, sich von dem Morgen
abzuwenden ohne der Hoffnungslosigkeit zu verfallen.

Es gibt kluge Leute, Intellektuelle, die die Entwicklungsformen des Menschen untersucht
haben. Sie haben die Gesellschaft mit ihren endlosen Kriegen durchforscht, sie haben die
Kirchen mit ihren Glaubenssätzen, Dogmen und Erlösern untersucht mit dem Ergebnis, daß
sie ohne Hoffnung sind. In dieser Ausweglosigkeit haben sie eine Philosophie entwickelt, die
darin gipfelt, das Gegenwärtige hinzunehmen, nicht über das Morgen nachzudenken, sondern
ausschließlich im Jetzt zu leben. Das meine ich ganz und gar nicht. Das ist verhältnismäßig
leicht. Jeder materialistische, oberflächliche Mensch kann das tun, und er braucht dabei nicht
einmal sonderlich klug zu sein. Und leider tun das die meisten von uns: Wir leben in den Tag
hinein, und das Heute wird auf viele Morgen ausgedehnt. Das meine ich ganz und gar nicht.
Es geht darum, den Ehrgeiz vollkommen und augenblicklich zu verneinen, sich in seinem
Innern von der sozialen Struktur loszusagen, so daß der Geist niemals durch Zeit, durch
Ehrgeiz, durch den Wunsch, irgend etwas zu sein oder nicht zu sein, gefesselt wird,

Sehen Sie, der Tod ist etwas Erstaunliches. Es ist sehr viel Einsicht erforderlich, um den Tod
zu verstehen, den Ehrgeiz und den Neid natürlich und ohne Anstrengung in sich sterben zu
lassen. Neid schließt den Vergleich, den Erfolg, das Trachten nach "dem Mehr" ein: Sie haben
mehr, und ich habe weniger, Sie haben ein großes Wissen, und ich bin unwissend. Kann man
diesen Prozeß völlig augenblicklich beenden? Man kann ihn beenden! Man kann sich
gänzlich vom Ehrgeiz, Neid und Wettstreit abwenden; aber nur dann, wenn man fähig ist,
darauf zu schauen, ohne die Tatsachen zu verdrehen. Der Geist wird so lange irregeleitet, wie
ein Motiv vorhanden ist. Wenn Sie sich von dem Ehrgeiz mit der Absicht lossagen, etwas
anderes zu sein, bleiben Sie weiterhin ehrgeizig. Das ist überhaupt keine Abkehr. Wenn Sie
etwas aus einem Motiv heraus aufgeben, ist es nicht Entsagung. Und die meisten Entsagungen
haben im Hintergrund dieses Motiv: Erfolg zu haben, etwas zu sein, zu erreichen oder zu
finden.

So scheint es mir, daß wir nur immer klüger und immer besser informiert werden. Wir sind
durch Worte, Ideen, Theorien, Wissen erzogen worden, und es gibt in unserem Geist nur
wenig unausgefüllten Raum, von dem aus die Dinge klar gesehen werden können. Nur der
leere Geist ist es, der klar sehen kann, nicht der Geist, der vollgestopft ist mit einer Menge
von Infonnationen und Kenntnissen und es nicht der Geist, der unaufhörlich tätig ist, der
sucht, der auf Erfolg aus ist, der begehrlich ist. Aber ein Geist, der leer ist, ist darum nicht
inhaltslos. Den Zustand eines leeren Geistes zu erleben ist äußerst schwer. Und nur in dieser
Leerheit ist Verstehen, nur in dieser Leerheit ist schöpferisches Leben.

Um zu diesem Zustand der Leerheit zu gelangen, muß man die ganze soziale Struktur
verneinen — das ganze seelische Gebilde von Ehrgeiz, Geltungsdrang und Macht. Für ältere
Menschen ist es verhältnismäßig leicht, nicht ehrgeizig zu sein und Macht und Rang
abzulehnen; aber solche Versagungen liegen an der Oberfläche. Darum ist es so wichtig, das
Unbewußte zu verstehen. Mit einem positiven, geschulten, analysierenden Geist können Sie
nicht das Unbewußte — das, was verborgen ist und das Sie nicht kennen — untersuchen.
Wenn Sie das Unbewußte durch den bewußten Prozeß der Analyse untersuchen, schaffen Sie
unweigerlich Konflikt.

Unsere Einstellung auf jedes verborgene psychologische Problem ist immer positiv. Das
heißt, wir wünschen den Problem beizukommen, es unter Kontrolle zu haben oder zu lösen.
Darum analysieren wir es, oder wir wenden ein besonderes System an, um das Problem zu
verstehen. Aber etwas, das Sie nicht kennen, können Sie nicht durch das verstehen, was Sie
bereits darüber wissen, Sie können nicht vorschreiben, was es sein sollte oder nicht sein
sollte. Sie müssen sich ihm mit leeren Händen nähern; und leere Hände zu haben oder einen
leeren Geist, ist äußerst schwierig. Unser Verstand ist so voll der Dinge, die wir kennengelernt
haben. Wir sind beladen mit unseren Erinnerungen und jeder Gedanke ist ein Widerhall dieser
Erinnerungen. Mit positivem Denken nähern wir uns dem, was nicht positiv ist, dem
Verborgenen, dem Unbewußten.

Wenn Sie dem, was gesagt wird, einfach zuhören können, ohne irgendeine Idee, ohne zu
erwarten, daß man Ihnen sagt "wie7', dann, so glaube ich, werden Sie entdecken, daß Sie fähig
sind, sich dem Unbewußten — das solche Macht hat und solch einen ungewöhnlichen Zwang
auf Sie ausübt — zu nähern, ohne Widerspruch zu erzeugen und damit ohne

Anstrengung.

Sie sollten darum meine Worte nicht einfach übernehmen, und ich hoffe, Sie werden es nicht
tun, denn damit würden Sie mich zu Ihrer Autorität machen, und das wäre schlimm.

Es gibt das Unerkennbare, etwas, das weit über den Verstand, weit über alles Denken
hinausreicht. Aber Sie können sich ihm unmöglich mit all Ihren Kenntnissen und
Erinnerungen, mit den Narben der Erfahrung, mit der Last der Unruhe, Schuld und Furcht
nähern. Und Sie können sich von diesen Dingen nicht durch eine Anstrengung, welcher Art
sie auch sein mag, frei machen. Sie können davon nur frei werden, wenn Sie jedem Gedanken
und jedem Gefühl lauschen ohne den Versuch, das, was Sie wahrnehmen, zu deuten: einfach
zuhören, nur eben beobachten und aus der inneren Leere achtsam sein. Dann können Sie in
dieser Welt leben, unberührt von ihrem Haß, ihrer Häßlichkeit und Brutalität. Sie können —
als Angestellter, als Busfahrer, als Bankdirektor oder als was auch immer — arbeiten, ohne
durch Ihre Stellung eingeengt zu werden. Sobald Sie bei dieser Arbeit Ehrgeiz, Autorität,
Macht oder Geltungsdrang als psychologische Faktoren mitspielen, können Sie in dieser Welt
nicht ohne immerwährendes Leid leben.

Die meisten von uns kennen das alles zur Genüge. Man hat es eigentlich gar nicht nötig, einer
Rede wie dieser zuzuhören. Wir wissen recht gut, daß diese Welt schrecklich, brutal und
häßlich ist, in der jede Religion, jede politische Clique versucht, das Denken des Menschen zu
formen, in der der Wohlfahrtsstaat uns immer bequemer, dumpfer und stumpfsinniger macht.
Wir haben den Konflikt als ein Mittel benutzt, äußerlich gewandter und gescheiter zu werden.
Aber innerlich haben wir uns überhaupt nicht geändert; wir fahren fort zu sein, wie wir seit
Jahrhunderten gewesen sind: furchtsam, angsterfüllt, schuldbeladen, Macht suchend, nach
Sexualität verlangend. Wir lassen fortbestehen, was animalisch an uns ist, und das bedeutet,
daß wir weiterhin innerhalb der psychologischen Gesellschaftsstruktur wirken.

Die Frage ist, wie wir diese Struktur völlig zerbrechen, wie wir sie vollkommen zerstören und
aufheben können, ohne geistig zu erkranken und ohne deswegen ein Mönch, eine Nonne oder
ein Eremit zu werden. Dieses ganze Gefüge kann nur augenblicklich zerbrochen werden, es
kann nicht irgendwann getan werden. Entweder tun Sie es sofort oder niemals. Ich gebrauche
das Wort "niemals" nicht, um die Hölle im religiösen Sinn einzubeziehen; aber wenn Sie nicht
verstehen können, wenn Sie nicht jetzt vollkommene Achtsamkeit aufbringen können, werden
Sie dann fähig sein, morgen vollkommen bewußt zu sein? Wenn Sie bis morgen warten,
werden Sie dazu immer unfähig sein.

Achtsamkeit ist also keine Frage der Zeit. Verstehen ist kein Prozeß allmählichen Wachstums,
bis Sie zum Verständnis gelangen. Deshalb ist es so wichtig zu wissen, wie man zuzuhören
hat, wie die Dinge in ihrem Sosein zu sehen sind, wie man auf eine Tatsache ohne Meinung,
ohne Urteil, ohne Verdammung zu schauen hat: die Tatsache zu sehen, daß Sie ehrgeizig sind
— es einfach als eine Tatsache zu sehen, ohne zu sagen, es sei richtig oder falsch, oder zu
fragen, was Ihnen in dieser Welt passieren würde, wenn Sie nicht ehrgeizig wären und so
weiter, und so fort. Wenn Sie einfach auf die Tatsache schauen können, ohne sie zu verdrehen,
werden Sie bemerken, daß diese einfache Wahrnehmung der Tatsache nicht nur Konflikt
erzeugende Dualität des Beobachters und des Beobachteten beseitigt, sondern auch sehr viel
Energie freisetzt. Und Sie brauchen Energie. Ich meine nicht die Energie, die man aus einem
Konflikt schöpft. Solche Energie ist zerstörerisch. Ich spreche von der Energie, die entsteht,
wenn Sie eine Tatsache vollkommen sehen: daß Sie sinnlich sind, daß Sie ehrgeizig sind, daß
Sie neidisch sind, daß Sie sich fürchten. Und Sie können die Tatsache nicht in dieser Art
sehen, wenn Sie durch Worte gebunden sind. Worte sind Ideen; Ideen sind Gedanken. Um auf
eine Tatsache ganz zu schauen, ohne sie zu entstellen, muß in dem schauenden Geist ein
leerer Raum sein.

Bitte, mißverstehen Sie nicht das Wort "leer". Sehen Sie, unsere Gedanken sind niemals
ruhig; sie schwatzen ständig, sie theoretisieren, bauen, zerstören und fangen wieder von vorne
an. Aber wenn der Geist still ist, dann gibt es weder Zeit noch Raum; Zeit und Raum
verschwinden. Da ist weder ein Morgen noch die nächste Sekunde. Diese Stille des Geistes ist
vollkommene Achtsamkeit, und in dieser Bewußtheit liegt alle Tugend. Das ist wahre Tugend;
es gibt keine andere Tugend, keine andere Moral. Jede andere Form der Tugend oder Moral
wird durch den Verstand hervorgebracht, durch Ehrgeiz, Neid, welches die psychologische
Struktur der Gesellschaft ist.

Tatsachen zu sehen, wie sie sind, bedeutet das Ende eines jeden Problems. Wenn der Geist
vollkommen leer ist von jedem Problem — und er kann so leer sein —, wenn er jedes
Problem verneint hat, wenn er nicht länger der Nährboden für irgendein Problem ist, dann
werden Sie, wenn Sie so tief eingedrungen sind, finden, daß es etwas gibt, das weit über all
das hinausgeht, etwas, das der Geist nicht ermessen und keine Religion einfangen kann. Und
um in dieser chaotischen, verwirrten Welt zu leben, ist es wesentlich, solch einen Geist zu
haben — einen Geist, der fähig ist, auf jegliches Ding klar und gesund zu schauen und jede
Tatsache zu sehen, wie sie ist. Nur solch ein Geist ist ruhig, still, und nur zu solchem Geist
kann das Unermeßliche kommen.

DAS ENDE DES LEIDENS


An diesem Abend möchte ich gern über Furcht, Leid und Unschuld sprechen.

Wir alle haben viele Erfahrungen, und jede Erfahrung hinterläßt eine Spur. Jeder Gedanke,
jeder Einfluß formt unseren Geist auf eine bestimmte Weise, und es ist unbedingt notwendig,
sich von allem, was man erfahren hat, loszusagen, so daß der Geist jung, frisch und
unschuldig ist. Nur ein unschuldiger Geist, obgleich er durch tausend Erfahrungen gegangen
sein mag, ist durch die Vergangenheit unbelastet und kann wahrnehmen, was wahr ist, und
über das hinausgelangen, was vom Menschen geschaffen wurde.

Furcht ist meines Erachtens eine der zersetzenden und zerstörenden Kräfte, die diese
Unschuld unmöglich machen. Furcht ist, psychologisch gesehen, Zeit. Es gibt keine Furcht,
wenn Sie überhaupt kein seelisch bedingtes Zeitgefühl haben. Wenn es kein Morgen gibt, auf
das Sie sich hinbewegen, und kein Zurückschauen, hört jede Art der Furcht auf. Furcht
entsteht, wenn sich das Denken in die Zukunft projiziert oder Vergleiche zur Vergangenheit
zieht. Vom psychologischen Standpunkt aus ist Zeit das Denken, bewußtes wie unbewußtes;
und es ist der Gedanke, der die Furcht erzeugt.

Wir kennen jede Art von Furcht: Furcht vor dem Tod, Furcht vor der Krankheit, Furcht vor
dem Alter, Furcht vor dem Verlust eines Zustandes, der uns Befriedigung gegeben hat, Furcht
vor der öffentlichen Meinung, die Furcht, sich nicht zu erfüllen, nicht erfolgreich oder ein
Niemand zu sein. Da wir furchtsam sind, suchen wir nach verschiedenen
Fluchtmöglichkeiten, nach außen wie nach innen; und für die meisten von uns ist die Religion
zu einer speziellen Fluchtmöglichkeit vor der Furcht geworden. Um die Furcht zu verstehen,
muß man den ganzen Prozeß des Denkens verstehen, den ganzen Denkmechanismus.

Wie ich neulich bereits ausgeführt habe, ist es wichtig, dem, was gesagt wird, zuzuhören,
ohne zuzustimmen oder abzulehnen; denn wir beschäftigen uns hier nicht mit Ideen, sondern
mit Tatsachen. Wir befassen uns mit Tatsachen ohne Rücksicht darauf, ob sie angenehm oder
unerfreulich sind. Und wenn wir fähig sind, auf die Furcht zu schauen, allem zu lauschen, was
darin enthalten ist, ihr Gefüge zu sehen, dann bin ich sicher, daß der Mensch augenblicklich
von der Furcht frei sein wird.

Wir wissen jedoch nicht, wie wir zuhören sollen, weil wir immer versuchen, vor der Furcht
davonzulaufen. Wir wünschen sie aufzulösen, wir möchten einen Weg entdecken, um
herauszukommen, wir wünschen ihre Ursache zu finden. Wir geben der Tatsache "Furcht"
einen Namen, und dann wird das Wort von höchster Bedeutung. So schenken wir einer
Tatsache nie unsere volle Aufmerksamkeit.

Die Ursache der Furcht zu finden, bedeutet nicht, von der Furcht frei zu sein. Nach einer
gründlichen Analyse und Untersuchung mag man die Ursache der Furcht kennen; aber letzten
Endes ist man weiterhin furchtsam. Solange man nicht wirklich von der Furcht frei ist,
erzeugt jede Art des Suchens und Forschens nur weiterhin Illusionen und Verzer- rungen. Ein
wahrhaft religiöser Mensch, wenn ich dieses Wort gebrauchen darf, ist in seinem Innern von
der Furcht frei. Unter einem religiösen Menschen verstehe ich den ganzen Menschen, nicht
einen, der nur sentimental ist oder aus der Welt flieht, indem er sich mit Ideen, Illusionen oder
Visionen betäubt. Der Geist eines religiösen Menschen ist ruhig, gesund, vernünftig, logisch
— und man braucht einen solchen Geist, nicht aber einen Geist, der sentimental, gefühlvoll,
furchtsam und durch seine besondere Voreingenommenheit gefesselt ist.

Wenn ich kann, möchte ich gern das Problem der Furcht derart erforschen, daß der Hörer
allein durch das Zuhören von der Furcht frei wird.

Sehen Sie, wir möchten von der Furcht jederzeit frei sein — für immer und ewig. So etwas
gibt es aber nicht: frei zu sein für alle Ewigkeit. Um das zu verstehen, muß man die Fortdauer
verstehen. Was einer Sache, einer angenehmen oder unangenehmen, Fortbestand gibt, ist das
Denken darüber. Wenn wir über etwas nachdenken, geben wir ihm dadurch Fortdauer. Wir
geben der Furcht Fortdauer, indem wir über sie nachdenken — was nicht bedeutet, daß wir
nicht den gesamten Prozeß der Furcht zu erforschen hätten.

Wie ich schon sagte, ist Furcht im psychologlischen Sinne Zeit, und Zeit ist Denken. Die Zeit
ist der Prozeß des Werdens, des Ausweichens, des Vollbringens: Ich bin dieses, und ich
wünsche jenes zu sein. So ist die Zeit der Faktor der Furcht. Wenn Sie einem Ereignis,
welcher Art es auch sein mag, unmittelbar gegenüberstehen, dann gibt es in diesem
Augenblick keine Furcht. Erst das Denken darüber verursacht die Furcht. Denken ist die
Reaktion der Erinnerung. Erinnerung im gewöhnlichen Sinne ist notwendig, sonst würden wir
vor einen fahrenden Bus laufen oder eine giftige Schlange in die Hand nehmen. Aber wenn
die Erinnerung das Denken als Reaktion hervorruft, wird es zu einer Behinderung und erzeugt
Furcht. Das ist eine psychologische Tatsache.

Der Tod ist das Unbekannte; doch wenn wir sagen, daß wir uns vor dem Tod fürchten,
fürchten wir uns in Wirklichkeit nicht vor dem Unbekannten, sondern davor, das uns
Bekannte aufgeben zu müssen, all die Dinge, die wir erfahren haben, die uns erfreuten, die
wir aufgebaut haben. Das Denken ist diese Erinnerung an das Bekannte und die Antwort
darauf; darum kann das Denken niemals frei sein. Freiheit des Denkens gibt es nicht, weil das
Denken immer bedingt ist, es ist immer die Antwort, die aus der Erinnerung kommt. Um von
der Furcht völlig frei zu sein, muß man den Aufbau der Erinnerung als etwas Kontinuierliches
verstehen.

Als Mechaniker, als Wissenschaftler oder als Ingenieur brauchen Sie die Stetigkeit der
Erinnerung, sonst könnten Sie nicht arbeiten. Aber die Fortdauer des Denkens als ein Bündel
der Erinnerungen, das sich mit dem Ich und Mein befaßt, und die Antwort auf dieses
voreingenommene Denken ist psychologische Zeit, das heißt Furcht. Das Denken über den
Tod — das plötzliche Aufhören alles dessen, was man gekannt hat — erzeugt Furcht und gibt
ihr Fortdauer. Um also die Furcht wirklich aufzuheben, muß das Denken zu Ende kommen.
Sie mögen sagen: „Das ist vollkommen verrückt. Wie soll ich denn das Denken beenden?
Wenn ich zu denken aufhöre, wie kann ich da meinen Lebensunterhalt verdienen? Wie soll
ich morgen früh meine Arbeit verrichten?" Es gibt zwei verschiedene Arten des Denkens:
Denken, um eine Tätigkeit auszuüben, und Denken in dem Sinne, daß diese Tätigkeit benutzt
wird, um einen höheren Rang zu erwerben. Die psychologische Fortdauer des Denkens
entwickelt sich dadurch, daß die Tätigkeit benutzt wird, um Autorität, einen hohen Posten
oder Ansehen zu erlangen — das alles bringt die Furcht hervor.

Bitte, hören Sie dem, was gesagt wird, einfach zu. Nicht, daß Sie annehmen sollen, was ich
sage, sondern hören Sie einfach zu. Ich erzähle Ihnen keine Märchen; ich sage nichts
Außergewöhnliches. Ich weise nur auf die Tatsache hin, daß Zeit im psychologischen Sinne
Furcht erzeugt. Die Zeit ist der Ablauf des Denkens; und ein Mensch, der von der Furcht
vollkommen frei sein möchte, ganz und gar frei, muß das Denken beenden. Das erfordert
Bewußtsein — nicht Konzentration, sondern vollkommene Achtsamkeit bei jedem Gedanken.
Wenn Sie jedem Gedanken vollkommene Aufmerksamkeit zuwenden, ganz gleich, ob er
wichtig oder unwichtig, tiefgründig oder ohne große Bedeutung ist, dann werden Sie erfahren,
daß in diesem Zustand völliger Bewußtheit das Denken aufhört.

Die Furcht erzeugt Schuldgefühl und Sorge; und Sorge in jeder Form ist der Anfang des
Leides. Wir kennen den Kummer, nicht geliebt zu werden, den Schmerz, wenn jemand, dem
wir tief verbunden sind, leidet oder stirbt. Wir haben das Leid angebetet. Das zeigt sich
besonders im Christentum, daß das Leid immer als etwas Besonderes betrachtet. Gehen Sie in
eine Kirche und Sie werden den Leidensmann sehen. Für die meisten von uns gibt es kein
Aufhören des Leides, weil wir das Leid auf einen Thron gesetzt haben um unser ganzes Leben
in seinem Schatten zuzubringen. Wir zollen dem Leid große Hochachtung. Es ist etwas, um
das jeder kultivierte Mensch weiß und das er in seinem Herzen verschlossen hält; und wenn er
in die Kirche geht, betet er es dort an oder er versucht, ihm auf jede mögliche Art zu
entrinnen.

Aber es gibt ein Ende des Leides. Das Leid muß vollkommen aufhören, sonst wird das
religiöse Bewußtsein, von dem ich spreche, niemals in uns lebendig. Das Leid führt uns nicht
zur Wahrheit; dennoch ist es von großer Bedeutung, weil es uns etwas verrät.
Bedauerlicherweise gehen die meisten Menschen diesem Hinweis, diesem Wink aus dem
Wege und leben mit dem Leid. Wenn Sie das Leid gründlich erforschen, werden Sie einsehen,
daß es Selbstmitleid ist, obgleich wir es anders benennen mögen. Sie haben jemanden
verloren — den Ehemann, die Ehefrau, einen Sohn —, und Ihr Kummer ist das Mitleid, das
Sie mit sich selbst haben, weil Sie nun allein sind. Wir alle kennen diese Selbstbe-mitleidung,
die aus der Vereinsamung kommt. Und Selbst-bemitleidung in jeglicher Form, dieses
Bekümmertsein um sich selbst ist der Anfang des Leides. Das Gefühl der Minderwertigkeit
und das Streben nach Überlegenheit, der Konflikt und der Triumpf, das Ziel erreicht zu haben,
das Elend der Enttäuschung — das alles erzeugt Leid.

Sehr wenige von uns stehen jemals dem Leid wirklich gegenüber. Wir haben wahrscheinlich
das Leid nie unmittelbar erfahren. Ich werde erklären, wie ich das meine. Wir haben Hunger
und Sexualität direkt erlebt; doch möchte ich wissen, ob wir das Leid ebenso unmittelbar
erfahren haben. Wir verweilen bei dem, was angenehm ist, wir wünschen darin zu verharren;
aber das Leid suchen wir zu vermeiden, wir schauen es niemals wirklich an. Der Wunsch,
einen Ausweg zu finden, dem Leid zu entrinnen durch Worte, durch Ideen, durch den
Glauben, durch Trinken oder was Sie wollen — all das hindert uns, die Tatsache des Leidens
wirklich anzuschauen.

Mein Sohn stirbt, meine Frau oder mein Mann verläßt mich, und ich bin voller Leid. Was hat
sich tatsächlich ereignet? Man hat mich allein gelassen, ich bin vereinsamt, ich habe
niemanden, auf den ich mich noch stützen kann. Ich hatte mich mit diesem Menschen
vollkommen identifiziert, und nun, da er fort ist, fühle ich mich verloren. Die Tatsache ist, daß
ich seelisch abhängig bin; und dieser Zustand schafft verschiedene Arten der Ausflucht, die
alle nur die Furcht und das Leid fortbestehen lassen.

So fällt es sehr schwer, das Leid anzuschauen und es direkt zu erfahren. Mit dem Wort "Leid"
sind für uns so viele Dinge verknüpft; aber um irgend etwas vollkonimen zu erfahren, müssen
wir von dem Wort unabhängig sein. Doch Sie sind den Worten versklavt — Worten wie Brite,
Franzose, Inder, Christ, Hindu. Ebenso hat das Wort "Leid" eine ungewöhnliche Gewalt über
Sie. Dieses Wort, dieses Symbol hat Jahrhunderte religiöser Beeinflussung hinter sich — daß
Sie das Leid ertragen müssen, daß Sie durch das Leid Erlösung finden werden, daß das Leid
zum Frieden führen wird und so weiter. Das alles hat den Geist beeinflußt, und diese
Beschränkung durchbrechen Sie niemals. Aber um vom Leid frei zu sein, müssen Sie die
ganzen Symbole zerschlagen, all die Worte verwerfen und direkt auf die Tatsache schauen.
Und Sie können nicht auf Ihre Selbstbemitlei-dung schauen, wenn das Bild auf dem Klavier
oder auf dem Kaminsims für Sie alles bedeutet, denn dann haben Sie sich mit einer Idee, mit
einer Erinnerung identifiziert, mit etwas, das tot und dahin ist, und Sie leben in der
Vergangenheit. Sich von der Vergangenheit vollkommen loszureißen, sie mit ihrem ganzen
Inhalt, mit all ihren Erinnerungen gänzlich zunichte zu machen, ist das Ende des Leidens.

Ebenso wie die Furcht den Geist verstört, indem sie Illusionen und Verderbnis jeglicher Art
hervorbringt, macht das Leid den Geist stumpf und gefühllos, weil der Mensch im Leid nur
mit seiner eigenen Trostlosigkeit, mit seiner Selbst-bemitleidung und Verlassenheit
beschäftigt ist. Und ich versichere Ihnen — nicht daß Sie es glauben müssen, aber ich sage
Ihnen —, es gibt ein Ende des Leidens, und dann sieht man jegliches Ding neu. Nur, wenn der
Geist frei ist vom Leid und von aller Furcht, tritt er in den Zustand der Unschuld. Und der
Mensch muß unschuldig sein, wenngleich er unzählige Jahre gelebt hat; denn nur der neue,
unschuldige, der junge Geist ist fähig, das wahrzunehmen, was jenseits menschlicher
Beschränkung ist.

Das alles erfordert sehr viel Achtsamkeit und wirkliche Ernsthaftigkeit — nicht ein langes
Gesicht und all die anderen Albernheiten, sondern die Fähigkeit, einem bestimmten Gedanken
sofort bis zu seinem Ende nachzugehen, ihn sich vollkommen entfalten zu lassen, ohne ihn
daran zu hindern. Aber das ist nicht möglich, wenn Sie sich in der Vergangenheit verankert
haben.

Sie mögen zu diesen Versammlungen kommen und ernsthaft zuhören oder gelegentlich
kommen und mit halber Aufmerksamkeit dabei sein, aber alle Worte und Reden werden nichts
an der Tatsache ändern, daß man sich fürchtet und daß man leidet. Die meisten Menschen
haben niemals einen Zustand der Unschuld erfahren, obgleich sie über all das argumentieren,
diskutieren, schreiben und Haarspalterei treiben mögen und auch darüber, wer recht oder wer
unrecht hat, was zu tun und zu lassen ist. Wenn Sie reich sind oder in guten Verhältnissen
leben, mögen Sie zu einem Analytiker gehen; aber kein äußeres Mittel, keine Anstrengung
kann Sie vom Leid oder von der Furcht befreien. Was Freiheit bringt, ist allein die
Achtsamkeit, daß heißt, daß man der Tatsache aus einer tiefen Leere heraus ins Auge schaut
und die Dinge sieht, wie sie sind, ohne Verzerrung. In diesem Zustand der Achtsamkeit
entwickelt sich eine Unschuld, die Tugend, die Demut ist.

Vielleicht wünschen Sie jetzt einige Fragen zu stellen. Darf ich vorschlagen, daß sich Ihre
Fragen auf das beziehen, worüber ich gesprochen habe. Fragen Sie zum Beispiel nicht, wie
man den Krieg beenden kann. Darüber können wir ein anderes Mal diskutieren. Fragen Sie
nicht, was wegen der Atombombe zu tun ist oder ob es richtig oder falsch ist,
Milliardenbeträge für die Raumfahrt auszugeben, wenn auf der Erde Millionen Menschen
hungern.

Sehen Sie, jeder von uns hat Probleme: Wir werden von Problemen gepeinigt. Alles, was wir
mit der Hand, dem Herzen oder dem Geist berühren, wird zu einem Problem. Und wenn Sie
eine Frage über ein Problem stellen, bin ich ziemlich sicher, daß Sie eine Antwort erwarten.
Aber es gibt keine Antwort unabhängig von dem Problem selbst. Es ist nicht wichtig, eine
Antwort auf das Problem zu finden, sondern zu verhindern, daß Probleme entstehen. Ein
Mensch, der krank ist, möchte gesund werden, und er wird Ärzte finden, die ihn behandeln.
Aber es gibt auch Ärzte, die sich bemühen, die Krankheit zu verhindern, und das ist weit
wichtiger, als Symptome zu kurieren. Bedauerlicherweise wünschen die meisten von uns, daß
ihre Symptome geheilt werden. Wir wissen nicht, wie wir es verhindern können, daß ein
Problem überhaupt entsteht. Es liegt eine große Schönheit, eine große Sensibilität darin, eines
jeglichen Problems in dem Augenblick gewahr zu sein, da es entsteht, und unmittelbar mit
ihm fertig zu werden, es auf der Stelle zu beenden, so daß es nicht in den nächsten Tag
hinüber getragen wird. Das können wir nicht dadurch erreichen, indem wir eine Droge
nehmen oder zu vergessen suchen oder dem Problem zu entrinnen trachten, sondern einfach
dadurch, daß wir einsehen, daß es für kein Problem, welcher Art auch immer, eine Antwort
gibt, die nicht aus ihm selbst kommt. Ich spreche von seelischen Problemen, nicht von
mechanischen. Wenn man mit vollkommener Achtsamkeit auf ein Problem schaut, löst es sich
auf.

Ist vollkommene Achtsamkeit im Hinblick auf angenehme Dinge wesentlich, wie sie es
hinsichtlich der unangenehmen und schmerzlichen Dinge ist?

Wir wünschen den angenehmen Dingen Fortdauer zu geben. Wir gehen in der Erinnerung
zurück zu den Freuden der Kindheit, zu den Vergnügungen, die wir vor langer Zeit erfahren
haben, oder wir klammern uns an das, was uns jetzt erfreut; und den Dingen, die nicht
angenehm sind, möchten wir ein Ende setzen. Aber wenn man in völliger Achtsamkeit lebt,
wendet man sich dem Angenehmen wie dem Schmerzlichen zu. Der Wunsch nach Fortdauer
des Angenehmen ist der Anfang des Leides. Warum sollte das Angenehme nicht aufhören? Sie
möchten, daß der Schmerz ein Ende nimmt; aber das Angenehme wünschen Sie
beizubehalten. Vom Vergnügen abhängig zu sein, stumpft den Geist ab, macht ihn gefühllos,
ebenso wie es der Schmerz tut. Das zu vermeiden, was wir Leid nennen, und Vergnügen zu
suchen — beides bringt diese Unachtsamkeit eines trägen Geistes hervor. Der Mensch, der
viel Vergnügen gehabt hat, der Vergnügen sucht und im Vergnügen lebt, ist stumpfsinnig. Und
ebenso stumpfsinnig ist der Mensch, der das Leid vermeidet oder im Leid verharrt.
Vollkommene Achtsamkeit zu verstehen, ist wirklich ein — ich war im Begriff, das Wort
"Problem" zu gebrauchen.

Bewußt zu sein, heißt einen Raum zu betreten und die Menschen darin zu sehen, die
Proportionen des Raumes, die Farbe des Teppichs, die Bilder an der Wand — alles. Aber das
können Sie nicht, wenn Sie sagen: „Ich mag dieses Bild nicht" — „Der dort ist mein Freund"
— „Ich liebe die Farbe des Teppichs nicht" — „Der Raum hat keine richtige Proportion" und
so fort. Wenn Ihr Geist schwatzt, zwischen Neigung und Abneigung hin und her schwankt,
dann sind Sie nicht achtsam.

Sehen Sie, Sie können auf eine Blume mit oder ohne Ihre botanischen Kenntnisse schauen.
Wenn Sie sie vom botanischen Standpunkt aus betrachten, ist schon eine gewisse
Aufmerksamkeit vorhanden. Aber Sie können auf eine Blume auch von einem nicht
botanischen Standpunkt aus schauen, das heißt, daß Sie ohne Wissen auf sie schauen. Bitte,
übersetzen Sie das "ohne Wissen" nicht als einen Zustand der Unwissenheit. Ohne Wissen zu
sein, heißt Weisheit zu haben; denn das Wissen hat Fortbestand, und Weisheit ist ohne
Fortdauer. Voll bewußt zu sein, bedeutet einen Zustand der Aufmerksamkeit, der ohne
Schranke, ohne Ende, ohne Begrenzung ist. Sie betrachten jegliches Ding, nehmen alles in
sich auf. Aber Sie können das nicht tun, wenn hinter Ihrer Achtsamkeit ein Motiv liegt, wie
wertvoll es auch sein mag. Wenn Sie sagen: „Ich will bewußt sein, um mein Leid zu
beenden", dann sind Sie nicht achtsam.

Versuchen Sie es manchmal, wenn Sie wollen, voll auf eine Blume, auf einen Baum, auf ein
menschliches Wesen zu schauen. Schauen Sie ohne Wissen, ohne Denken — was nicht
bedeutet, in einem Zustand von Gedächtnisschwund oder innerer Dumpfheit zu sein. Wenn
Sie so umfassend auf etwas schauen, werden Sie finden, daß Sie sich in einem
außergewöhnlichen Zustand der Achtsamkeit befinden, der nichts mit Konzentration zu tun
hat. Konzentration ist Ausschließung. Ein Mensch, der aufmerksam ist, kann sich
anstrengungslos konzentrieren, ohne dabei etwas abzuweisen. Aber ein Mensch, der
Konzentration durch Anstrengung, Training, Disziplin erworben hat — solch ein Mensch
kann niemals achtsam sein.
Man stellt fest, daß der Geist tatsächlich nur für etwa 30 Sekunden ruhig sein kann. Was
meinen Sie also mit der Ruhe des Geistes?

Zunächst einmal ist die Ruhe des Geistes nicht ein Zustand, der errungen werden kann. Sie
können nicht verschiedene Schritte in dieser Richtung tun. Sie können nicht nach einem
System üben, um ruhig zu werden, weil eine solche Schulung den Geist nur abstumpft. Ein
Mensch, der sich nach einem Vorbild ausrichtet, ist innerlich tot. Das muß als erstes ganz klar
erkannt werden.

Ein Mensch, der sich anpaßt, sei es, daß er sich den Anordnungen der Gesellschaft, der
Meinung der Nachbarn, den Dogmen der Kirche oder irgendeiner anderen Autorität fügt, kann
niemals sensitiv sein — was nicht bedeutet, daß Sie dem Schutzmann nicht gehorchen sollen.
Das ist etwas ganz anderes. Ich spreche von einem Einordnen in dem Sinne, daß wir uns der
Autorität einer Tradition, eines Buches, eines Systems, eines Glaubens fügen. Der Mensch,
der sich einer Schablone anpaßt, was eine Form der Disziplin ist — solch ein Mensch ist nicht
ruhig, er ist nicht mehr geöffnet. Das ist das erste, was gründlich verstanden werden muß.
Hinter unserer Anpassung liegt der Wunsch, innerlich sicher zu sein. Ein Mensch, der
Sicherheit sucht, kann niemals frei sein; und nur in der Freiheit, in der vollkommenen
seelichen Freiheit kann es die Stille des Geistes geben.

So gibt es keine Schritte, die zu einem stillen Geist hinführen. Überdies wissen Sie ja gar
nicht, was Stille des Geistes überhaupt ist. Sie sind nur daran interessiert, diesen Zustand zu
erfahren und ihn dann zu bewahren. Darum sagen Sie, er dauert nicht länger als 30 Sekunden.
Warum sollte er andauern? Sehen Sie, nicht die Sache ist Ihnen wichtig, sondern was sie
Ihnen gibt. Darum wünschen Sie zu wissen, wie Sie dahin gelangen können und ob der
Zustand bleibend ist. Damit führen Sie das Element der Zeit ein: Die Stille muß Fortdauer
haben, sie muß länger als 30 Sekunden währen. Aber ein Schweigen, das Fortdauer hat, ist
kein Schweigen. Wenn die Zeit dabei mitspielt, ist es keine Stille des Geistes.

Hierzu gehört auch noch die Frage des Beobachters und des Beobachteten. Wenn ein "Du"
vorhanden ist, das das Schweigen erfährt, ist es kein Schweigen. In dem Augenblick, da Sie
gewahr sind, daß Sie glücklich sind, ist das Glücksgefühl schon nicht mehr da. Sobald Sie
sagen: „Ich bin in einem ungewöhnlichen Zustand der Demut", ist es damit schon vorbei. Für
Sie ist Schweigen ein Zustand, den Sie erfahren, so wie Sie den Hunger erfahren, und Sie
wünschen diese Erfahrung festzuhalten, Sie möchten, daß es fortdauert. So besteht eine
Dualität: Sie und das, was erfahren werden soll. Wenn Sie da tief eindringen, werden Sie
finden, daß das Schweigen, daß Sie erfahren haben und das Sie fortzusetzen wünschen, nur
die Erinnerung an einen Zu- stand ist, der vorüber ist; daher ist es nicht länger Schweigen.
Bitte, das mag vielleicht ein wenig kompliziert sein, und es erfordert Ihrerseits
Aufmerksamkeit. Was ich sage, ist folgendes: Schweigen kann nicht "erfahren" werden.
Schweigen zu "erfahren" ist etwas Schreckliches. Was ist mit solcher Erfahrung verknüpft?
Da ist in Ihnen eine Erinnerung an etwas, das Sie als Schweigen erlebt haben, und die
Erinnerung ist der Widerhall aus Ihrem Gedächtnis. Der Gedanke erinnert sich des
Schweigens. Und in dem Augenblick, da sich der Gedanke des Schweigens erinnert, ist es
nicht länger Schweigen; es ist etwas, daß der Vergangenheit angehört, dem Sie in der
Gegenwart den Namen "Schweigen" gegeben haben.

Um daher zu verstehen, was Schweigen ist, müssen Sie frei sein von Anpassung und
Nachahmung, frei von Autorität, frei von den vergangenen Erfahrungen, die Sie angehäuft
haben. Denn all die Erfahrungen, die Sie angesammelt haben, sind sowohl bedingter Natur
wie auch zugleich bedingend; sie gehören der Vergangenheit an und verstärken die
Vergangenheit. Ebenso müssen Sie damit aufhören, den Denker und das Denken als zwei
voneinander getrennte Dinge zu sehen, denn diese Einteilung ruft den Konflikt der Dualität
hervor. Wenn Sie das Schweigen nicht suchen, wenn kein Verlangen nach irgendeiner
Erfahrung besteht, weil Sie die ganze Bedeutung der Erfahrung verstanden haben, wenn Sie
nichts erwarten, dann wird vielleicht das Schweigen von selber kommen. Nur der unschuldige
Geist ist still.

Und wenn man so weit gekommen ist, dann ist in diesem Schweigen eine ungewöhnliche
Bewegung, die ohne einen Beobachter ist, der die Bewegung überwacht; es ist nur Bewegung
da, es gibt keinen Erfahrenden und daher kein Erfahren. Die Zeit ist aufgehoben. Für die
meisten von uns sind das bloß Worte und haben daher keine Bedeutung. Wertvoll allein ist die
Tatsache zu sehen, daß Autorität jeder Art zerstörend ist, sei es die Auto-riät der Tradition, des
Erlösers, des Meisters oder des anwesenden Sprechers. Wir suchen Autorität, weil wir
Sicherheit wünschen, wir möchten nicht fehlgehen, wir wünschen das Richtige, das
Gefahrlose, das Anerkannte zu tun. Und ein Mensch, dem es um Ansehen geht, ist nicht nur
ein bürgerlicher, mittelmäßiger Geist, sondern er ist auch unempfänglich und absolut unfähig,
vollkommen bewußt zu sein. Wo vollkommene Achtsamkeit ist, ist Tugend - aber keine
Nachahmung der Tugend, wie sie von einer Gesellschaft geübt wird, der es vor allem auf
Ehrbarkeit ankommt. Dann ist Tugend etwas Neues, Frisches und kann jeden Tag und hinter
jeder Ecke aufgelesen werden. Dann werden Sie das Schweigen finden, und in diesem
Schweigen etwas Schöpferisches, das unermeßlich ist.

Wenn wir die Dinge sehen, wie sie sind — mit vollkommener Achtsamkeit, mit unkritischem
Gewahrsein —, was geschieht dann mit den verschiedenen Kunstgattungen und im
besonderen mit denen, die sich mit der Sprache befassen?

Ist Schönheit etwas, das vom Menschen gemacht wird? Ist Schönheit eine Sache der
Begabung oder des persönlichen Geschmacks? Oder ist Schönheit etwas jenseits des Denkens
und Fühlens, etwas, das nichts mit einer Fähigkeit, einer besonderen Vorliebe, mit Neigung
und Abneigung oder persönlichem Geschmack zu tun hat?

Und was bedeutet das Bedürfnis, zu gestalten? Sie mögen etwas durch Worte ausdrücken, in
Form eines Gedichtes, oder Sie mögen es in Marmor oder auf der Leinwand darstellen; Sie
mögen es in Ihrer Küche tun oder indem Sie die Hand eines anderen halten. Aber was
bedeutet das Bedürfnis nach Darstellung? Ich sage nicht, daß Sie sich nicht ausdrücken
sollten. Sie mögen etwas zum Ausdruck bringen, Sie mögen es in Worte kleiden; doch das
Wort ist nicht das Ding. Das Symbol ist niemals das Wirkliche. Aber Sie haben es dargestellt,
und weil Sie die Fähigkeit oder das Talent besitzen, wird das Dargestellte wichtig; es hat
Wert, es bringt etwas ein, und so fängt das ganze Theater an, das damit gemacht wird.

Wie ich sagte, liegt in der völligen Achtsamkeit etwas Schöpferisches, das sich nicht durch
Worte, Symbole oder Ideen ausdrücken läßt. Es ist totale Energie. Ich mag die Gabe haben,
Gedichte zu schreiben; aber wie kann ich diese umfassende Energie, dieses Ungewöhnliche,
das Schöpfung genannt wird, in Worten ausdrücken? Wenn Sie das Wort "Schöpfung" nicht
mögen, geben Sie ihm einen anderen Namen. Man hat irgendwie das Gefühl, daß es so etwas
gibt wie eine schöpferische Bewegung, eine Unermeßlichkeit, eine Zeitlosigkeit. Doch wie
können Sie dieses Unermeßliche in Worten ausdrücken? Und selbst wenn es dargestellt wird,
ist dieser Ausdruck nicht das Ding selbst. Welchen Wert also hat die Dichtung in bezug auf
das Unermeßliche?

Welchen tiefen Sinn, welche Wichtigkeit, welche Bedeutung hat die Dichtung für einen
Menschen, der diese vollkommene Achtsamkeit verstanden hat? Hat solch ein Mensch noch
irgendein Bedürfnis, hinzugehen und Kunstwerke anzuschauen, Museen zu besichtigen,
Konzerte zu besuchen? Verstehen Sie das? Wenn Sie an der Quelle der Schöpfung getrunken
haben, was brauchen Sie dann noch anderes? Für die meisten von uns ist Kunst, Dichtung
oder Musik etwas sehr Wichtiges geworden. Wir sind wie die Menschen bei einem
Fußballspiel, die die Spieler beobachten. Ein paar spielen, und Tausende schauen zu. Welchen
Sinn hat das Wort, die Form, der Klang, das Symbol, wenn Sie sich von der ganzen inneren
Struktur der Gesellschaft befreit haben?

Ich befürchte, daß Sie dem Sprecher in der Erwartung zuhören, daß er Sie durch irgendein
Wunder in diesen Zustand versetzt oder daß Sie hoffen, von ihm dahin geführt zu werden.
Aber das ist nicht möglich. Sie müssen selbst ganz intensiv arbeiten. Es erfordert eine
ungeheure Energie, richtig zuzuhören. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist nötig, um die
Unachtsamkeit zu zerstören; und dann gibt es keinerlei Ablenkung mehr. Ein Mensch, der
achtsam ist, läßt sich durch nichts mehr stören. Aber für den Menschen, der konzentriert ist,
gibt es immer wieder Ablenkung. Die Kunst hat selbstverständlich den ihr zugehörigen Platz.
Aber sie ist nicht das, worauf es ankommt. Nur wenn Sie über die Kunst hinausgelangen
können, über die Schönheit, die von Menschenhand stammt — nur dann werden Sie jene
Schönheit erleben, die nicht mehr dargestellt werden kann. Und wenn diese Schönheit
vorhanden ist, besteht kein Bedürfnis mehr, nach etwas anderem zu suchen.

DISKUSSION
An diesem Morgen werden wir diskutieren, und wir sollten uns darüber klar sein, was wir
unter Diskussion verstehen. Ich halte es für wichtig, daß wir bei einem Gespräch dahin-
gelangen, die Art und Weise unseres Denkens klar zu sehen, das heißt, daß wir uns
entschleiern können, nicht von einem anderen, sondern vor uns selbst, und dabei erkennen,
was wir tatsächlich sind und was in unserem Innern vor sich geht. Eine Diskussion ist
sinnvoll, wenn sie uns als Spiegel dient, in dem wir uns deutlich, in allen Einzelheiten und
ohne Verzerrung sehen, und dabei sollten wir das ganze Bild aufnehmen und nicht nur auf
einen besonderen Teil schauen. Das ist eine recht schwierige Aufgabe, weil die meisten von
uns das, was sie sehen, dadurch entstellen, daß sie entweder das Angenehme suchen oder das
Schmerzliche zu vermeiden trachten. Aber in dieser Diskussion und in anderen, die noch
folgen werden, hoffe ich, daß wir uns selbst auf umfassende Weise sehen können.

Es wäre schade, wenn wir nur auf der Ebene der Worte und des Intellekts verbleiben, wozu
die meisten von uns neigen, und nicht in die Tiefe dringen würden. Wir neigen dazu,
bruchstückhaft zu denken; wir tun selten etwas vollständig, mit unserem ganzen Sein. Wir
leben und wirken auf verschiedenen Ebenen, nicht als ein ganzer Mensch, der sich der Folgen
seines Denkens und Fühlens bewußt ist. So wollen wir einmal versuchen, ob wir nicht über
die Ebene der Worte und des bloßen Gedankenaustausches hinausgelangen und tief in das
Unbewußte eindringen können. Wenn uns das gelingt, dann glaube ich, wird diese
Zusammenkunft in hohem Maße nützlich sein.

Sie sprechen vom Sehen oder Hören als einer Tatsache ohne Entstellung, ganz gleich, ob sie
angenehm oder unangenehm ist Ist das ein allmählich fortschreitender Prozeß des
Erforschern und daher eine Frage der Zeit, oder ist es eine unmit-telbare Wahrnehmung?

Je mehr die Zivilisation nach außen Fortschritte zu machen scheint — durch wachsenden
Wohlstand, Fahrt zum Mond, Erforschung von Venus oder Mars und so fort —, um so
verwickelter werden unsere menschlichen Probleme. Ich meine nicht die Probleme des
äußeren Lebens: wo man leben sollte, welche Art von Arbeit man verrichten, wieviel Geld
man verdienen sollte und alles übrige. Diese Fragen sind ziemlich leicht zu lösen. Ich spreche
über unsere seelischen Probleme, die weit brennender und tiefer sind. Vielleicht waren sie
immer drängend und tiefgehend, nur wird man ihrer jetzt mehr gewahr. Einige von uns, die
ihre äußeren Lebensumstände mehr oder weniger günstig geordnet haben, wenden sich
vielleicht nach innen; aber ich bezweifle es. Dessen ungeachtet bestehen diese seelischen
Probleme. Und wenn ich so sagen darf, sollten wir den Problemen, die wir bereits haben,
nicht noch ein weiteres dadurch hinzufügen, daß wir der Frage, wie etwas ohne Verdrehung
zu sehen oder zu hören ist, eine so große Bedeutung geben.

Zuhören heißt, nicht nur dem Sprecher zuzuhören, sondern auch Ihrem Nachbarn, Ihrer Frau,
Ihrem Mann oder einem Vogel. Eine Blume zu sehen bedeutet, sie sowohl vom botanischen
wie vom unbotanischen Standpunkt zu sehen. Zuhören heißt, der unaufhörlichen Einwirkung
der Kirche, des Staates, der Zeitungen, des Anzeigenblattes gewahr zu sein — all das zu
hören, ohne auf die eine oder andere Weise beeinflußt zu werden. Die meisten von uns
werden sehr leicht beeinflußt; unser ganzes seeliches Gefüge basiert auf Beeinflussung, auf
Propaganda. Wir sind Briten, Katholiken, Protestanen, Amerikaner, Hindus und so fort, wir
sind das Ergebnis einer Jahrtausende währenden Einwirkung. Wir werden beeinflußt durch
die Nahrung, die wir essen, durch das Klima, in dem wir leben, durch die Kleidung, die wir
tragen, durch die Zeitungen und Bücher, die wir lesen. Das Radio, das Fernsehen — alles
beeinflußt uns in unwahrscheinlichem Ausmaß, und dieser Einfluß ist entweder bewußt oder
unbewußt. In Amerika, glaube ich, haben sie verschiedene Experimente unterschwelliger
Propaganda versucht, die unmittelbar auf das Unbewußte zielt, ohne daß der bewußte Geist
dessen gewahr wird. Für den Bruchteil einer Sekunde lassen sie auf der Kinoleinwand oder
auf dem Fernsehschirm wiederholt eine Ankündigung aufleuchten, die der bewußte Geist
nicht erfaßt, die aber das Unbewußte auffängt und sich seiner erinnert. Und wenn Sie das
nächste Mal in einen Laden gehen, neigen Sie dazu, das Angekündigte zu kaufen.

Wir sind das Ergebnis vieler Einflüsse. Und Intelligenz ist nach meiner Auffassung die
Eigenschaft, die den Menschen befähigt, eines jeden Einflusses gewahr zu sein oder sovieler
wie möglich, und an ihnen allen vorüberzugehen, ohne sich in sie zu verstricken, ohne durch
sie verbogen oder bestimmt zu werden. Ständig der Beeinflussung gewahr zu sein und sie
abzuschütteln — das ist das eigentliche Wesen der Intelligenz. Es kommt darauf an, auf die
Propaganda, auf das, was gerade gesagt wird, hinzuhören und selbst unmittelbar zu sehen,
was wahr und was falsch ist. Das ist jedoch nicht möglich, solange Sie von Ihren
Werturteilen, Ihren Neigungen und Abneigungen beeinflußt werden, die doch nur das Echo
Ihrer kulturellen Bedingtheit sind. Die Tatsache zu sehen, wie sie ist: das ist wirkliches Sehen,
und dieses Sehen ist ein unmittelbares, es ist nicht eine Frage der Zeit.

Die meisten von uns glauben, daß Verständnis allmählich durch vergleichende Bewertung
kommt. Aber ist Verstehen ein vergleichender, allmählicher Vorgang, oder ist es unmittelbar?
Entweder verstehe ich etwas jetzt, oder ich verstehe es überhaupt nicht. Ich mag mir sagen:
„Ich werde allmählich verstehen, was gesagt wird; das Verständnis wird später irgendwann
kommen". Aber wird die Zukunft Verständnis bringen? Wenn nicht jetzt eine radikale
Verwandlung in meiner Anschauung, in meiner Einstellung, in meinem Zuhören geschieht,
wird mir die Zunkunft nicht helfen. Wenn ich meine Voreingenommenheit, meine Vorurteile,
meine Wertsetzungen, meine Neigungen und Abneigungen nicht augenblicklich abwerfe,
werden sie morgen weiterhin da sein.

Wenn ich es so sagen darf: Ich glaube, es ist ein lässiger Geist, der diese Vorstellung des
stufenweisen Anstiegs hat, der sagt: ,.Einmal werde ich schließlich verstehen, aber nicht
jetzt". Ich spreche nicht über den Erwerb von Fachwissen; das braucht seine Zeit. Eine
Sprache zu beherrschen, Mathematik zu studieren, das Maschinenwesen zu erlernen und so
fort — das alles erfordert Zeit. Aber die Tatsache zu sehen, daß man habsüchtig ist — diese
Wahrnehmung ist unmittelbar. Ebenso unmittelbar ist es, auf etwas hinzuhören, ohne es zu
entstellen — nicht nur auf den Spre- eher, sondern auf alles —, ohne es zu deuten, ohne den
mechanischen Gedankenprozeß sich einmischen zu lassen. Wenn Sie das versucht haben,
werden Sie wissen, daß es sehr — ich war eben im Begriff, das Wort "schwierig" zu
gebrauchen. Aber es ist nicht schwer — in dem üblichen Sinne des Wortes. Es erfordert nur
gewaltige Energie.

Mit etwas Häßlichem zu leben, in einer häßlichen Straße zu wohnen, in der es keinen Baum
gibt, jeden Tag mit dem Bus ins Büro zu fahren, umgeben von dem Lärm, den Gerüchen, dem
Schmutz einer großen Stadt — mit all diesem zu leben, ohne dadurch verdorben oder
abgestumpft zu werden, dazu bedarf es großer Energie. Und mit etwas Schönem zu leben, mit
einem Berg, einem Baum oder einem schönen Antlitz und sich nicht daran zu gewöhnen —
auch das erfordert viel Energie.

Ebenso bedarf es einer Aufmerksamkeit, die voller Energie ist, um zuzuhören, um ohne
Entstellung zu sehen. Doch besteht Aufmerksamkeit nicht darin, sich zu konzentrieren, den
Geist im Zaum zu halten und ihn zurückzuholen, wenn er davonläuft. Das ist es ganz und gar
nicht. Und ich hoffe, daß meine Erklärung daraus kein Problem macht. Sollte es zu einem
Problem werden, dann lassen Sie es bitte einfach fallen. Wir haben weiß Gott genug Probleme
und sollten den bestehenden nicht noch ein neues hinzufügen.

Wenn man die Tatsache in ihrer wahren Beschaffenheit wahrnimmt, mag man sich mit Erfolg
aus verschiedenen Problemen und Schwierigkeiten herauslösen. Aber dahinter steht weiterhin
das Verlangen nach jenem Beständigen, das mit Gott bezeichnet werden mag. Ich möchte
wissen, warum wir Beständigkeit wünschen. Sicherlich ist das Verlangen danach eine
Reaktion, die durch unseren Konflikt hervorgerufen wird. Wir sind in einem ständigen
Zustand des Wünschen und NichtWünschen, des Kommen und Gehen, der Hoffnung und der
Verzweiflung. Innerlich sind wir ständig im Kampfzustand, und wir wünschen ein wenig
Frieden, eine Zufluchtstätte, einen Gott, der uns völlige Ruhe schenken wird und von diesem
Widerstreit sehnsüchtigen Verlangens nach Erfüllung und Nichterfüllung, nach Liebe und
Nichtgeliebtwerden und so fort. So ist also unser Wunsch nach Beständigkeit eine Reaktion,
die aus dem Konflikt kommt. Wir werden sogleich darüber diskutieren, ob es wirklich so
etwas wie Beständigkeit gibt; aber zunächst müssen wir uns klar darüber sein, daß wir nur
darum nach Beständigkeit, nach einem dauernden Frieden verlangen, weil wir im Konflikt
leben. Wenn in uns überhaupt kein Konflikt wäre, dann würden wir nicht einen Zustand
bleibenden Friedens suchen.

Die Frage ist nun, ob der Mensch vom Konflikt jeder Art frei sein kann oder nicht. Ist es für
Sie und für mich möglich, vom Konflikt vollkommen frei zu sein? Oder ist das Leben ein
unvermeidlicher ein beständiger Kampf von dem Augenblick an, da wir geboren werden bis
wir sterben? Kampf, Widerspruch, der Konflikt der Gegensätze — wenn wir das alles als
unvermeidlich hinnehmen, dann entsteht die schwierige Frage, wie wir den Konflikt so leicht
und vergeistigt wie möglich machen können. Das versuchen die meisten Kulturen. Darum
müssen wir uns klar darüber sein, ob wir nur den Versuch machen, den Konflikt zu verfeinern
oder ob wir ihn ganz und gar ausmerzen wollen. Wir sprechen hier von dem seelischen
Konflikt, wie er in jedem von uns besteht, der sich später als Konflikt in der Welt zwischen
Gruppen, Rassen und Nationen niederschlägt. Für mich löst die bloße Vergeistigung des
inneren Konflikts nicht das Problem, weil der Konflikt fortbesteht; und Konflikt ist immer
zerstörerisch. Wie subtil und vergeistigt er auch sein mag, wie gelehrt, raffiniert, zergliedert,
wegdiskutiert — Konflikt macht den Geist dumpf, stumpfsinnig und unfähig, Über sich
hinaus zu gelangen. Ich denke, das ist ziemlich klar und bedarf keiner weiteren Erklärung.

So ist die Frage: Wie können Sie vom Konflikt völlig frei sein? Nicht, daß Sie nach einer
Methode oder einem System suchen sollten, denn dann bleiben Sie in dem System hängen,
und der Konflikt zwischen dem, was Sie sind, und dem was Sie sein sollten, beginnt von
neuem.
Ist es möglich, den Konflikt ganz und gar auszumerzen? Das ist die Frage. Für mich ist die
Aufhebung des Konflikts absolut notwendig. Nicht, daß ich träge oder anlagemäßig. wenig
aktiv bin, aber ich erkenne, was der Konflikt anrichtet. Draußen in der Welt kann man sehr
wohl sehen, was der Konflikt zur Folge hat: den Wettstreit zwischen den verschiedenen
Wirtschaftsgruppen und politischen Parteien, der zu verheerenden Kriegen zwischen diesem
und jenem Land führt. Und innerlich ist es weit schlimmer, weil der innere Konflikt den
äußeren hervorbringt. Wo ein innerer Konflikt besteht, gibt es Spannungen, die gewisse
künstlerische Leistungen hervorbringen mögen, die sich als Surrealismus oder als
Objektivismus oder Nicht-Objektivismus ausdrücken oder Sie mögen ein Buch schreiben
oder in einer Irrenanstalt landen.

Wir sind von Kindheit an dazu erzogen worden, zu wetteifern. Unsere Prüfungen fördern den
Wettbewerb, und in der Schule versuchen wir, bessere Zensuren zu bekommen als ein anderer
— Sie kennen ja den ganzen Ablauf. Wir sind daraufhin erzogen worden, innerlich immer
mehr zu wünschen und unsere Arbeit zu benutzen, um hochzukommen. Und man kann sehen,
was dem Menschen damit angetan wird: es macht ihn in Wirklichkeit alt, gefühllos und
dumpf. Ein ehrgeiziger Mensch lebt ständig in Konflikt, er kennt keinen Augenblick des
Friedens; er kann niemals wissen, was Liebe ist. Und wir werden von Anfang an dazu
getrieben, ehrgeizig zu sein. Der Konflikt ist auf verschiedenen Ebenen fest in uns verwurzelt,
an der Oberfläche wie in der Tiefe.

Ist es nun möglich, in dieser Welt zu leben ohne irgendeinen Konflikt im seelischen Bereich
und damit auch ohne äußeren Konflikt? Behaupten Sie bitte nicht, es sei möglich oder es sei
nicht möglich; Sie wissen es ja nicht. Ich sage, es ist möglich; für mich ist es so. Aber für Sie
ist es keine Tatsache, darum müssen Sie es herausfinden.

Ist es möglich, den Konflikt zu beseitigen, nicht teilweise oder in kleinen Stücken, sondern
vollständig? Kann der Mensch von der Vergangenheit frei sein, ohne zu sagen: "Ich werde
morgen etwas sein"? Den Konflikt zu beenden bedeutet, daß alle Motive oder Absichten,
irgendwohin zu gelangen, irgend etwas zu erreichen, vollkommen aufhören, wie etwa das
Trachten nach Ruhm und Tugend, nach Idealen oder den Ärger aufzuheben, um friedvoller zu
sein und so fort.

Das alles ist nicht gerade ein Kinderspiel. Es erfordert sehr

viel Verständnis und Einsicht.

Den seelischen Konflikt zu beenden, heißt nichts zu sein; und die meisten von uns können es
nicht ertragen, nichts zu sein - buchstäblich ein Nichts zu sein. Aber schließlich, was sind Sie?
Was sind die oberen Zehntausend? Nehmen Sie ihnen ihre Titel, ihre Stellungen, ihre
Auszeichnungen und all diesen Plunder, dann sind sie nichts. Und ich fürchte, auch wir
Durchschnittsmenschen versuchen auf irgendeine Art, etwas zu werden; aber innerlich sind
wir nichts; und warum sollten wir es nicht sein? Seien Sie nichts — aber das bedeutet nicht,
daß Sie versuchen nichts zu werden, weil das nur ein anderes Problem hervorruft.

Dies ist eine sehr ernsthafte Angelegenheit; es ist nicht damit getan, ein paar Worte
miteinander auszutauschen und auf ein paar Ideen zu hören. Wirklich nichts zu sein, bedeutet
eine unerhörte innere Meditation - wirkliche Meditation. Aber wir wollen darüber im
Augenblick nicht diskutieren.

Worauf es ankommt, ist, jetzt nichts zu sein und nicht zu versuchen, diesen Zustand
aufrechtzuerhalten. Denn wenn Sie nichts sind, sind Sie nichts und brauchen diesen Zustand
nicht zu bewahren. Es ist die Vorstellung, daß Sie einen bestimmten Zustand erreichen oder
ihn aufrechterhalten müssen, die den Konflikt erzeugt; denn damit werden Sie in den Kampf
zurückgeworfen, etwas zu werden.

Dann war noch die Frage, ob es irgend etwas Bleibendes gibt. Gibt es etwas Bleibendes? Was
verstehen wir unter Beständigkeit? Dieses Gebäude wird vielleicht 100 Jahre bestehen, wenn
es nicht durch Feuer, durch Bomben, durch dieses oder jenes zerstört wird. Wünschen wir die
Verewigung dessen, was wir sind, mit all unseren Kämpfen, unserer Mittelmäßigkeit, unserer
Bedeutungslosigkeit, unserer Verzweiflung, unseren Qualen und unserem Schuldbewußtsein?
Sie sagen: „Das ist nur an der Oberfläche; wir müssen darüber hinaus gelangen; und darüber
hinaus zu gelangen bedeutet, etwas Bleibendes zu finden". So projizieren Sie die Idee, daß die
Seele etwas Unvergängliches ist. Sie haben die Vorstellungen vom Himmel und von Jesus,
und Sie glauben an Gott. Aber gibt es wirklich irgend etwas Beständiges? Wenn man diese
Frage untersucht, sie erforscht, sie begreift, erfährt man dann nicht, daß es nichts Dauerndes
gibt, weder draußen noch drinnen?

Biologisch verändern Sie sich jeden Tag, jede Minute; alle sieben Jahre macht Ihr Blut einen
Wandel durch. Aber seelisch, intellektuell hängen Sie an bestimmten Ideen, und keine Bombe
kann diese Ideen zerstören. Sie sind Brite, Katholik oder was Sie wollen, und das bleiben Sie
bis zum Ende Ihres Lebens; nichts kann das erschüttern. Das ist also Beständigkeit, nicht
wahr? Und wenn diese Beständigkeit nur eine Reaktion auf den Widerspruch, den Konflikt
ist, wie es tatsächlich der Fall ist, was dann? Wenn alles unaufhörlich fließt und in Bewegung
ist, wie kann dann ein Mensch, der mit dem Gefühl für Zeit und Erinnerung groß geworden
ist und der sich an das Bleibende klammert — wie kann solch ein Mensch um das Zeitlose
wissen, das, was keine Grenzen, keine Schranken hat und dessen man sich nicht erinnern
kann?

Sehen Sie, für diejenigen von uns, die im konventionellen Sinne religiös sind, ist Gott eine
fortdauernde Wesenheit, die von Ewigkeit zu Ewigkeit besteht. Und wenn wir dem Religiösen
nicht zugeneigt sind, erfinden wir als Ersatz den Staat, eine Ideologie oder irgend etwas
Utopisches. Ob in Moskau oder in Rom, im wesentlichen ist es dasselbe.

Ist es möglich, im Seelischen aus der Zeit herauszutreten und überhaupt nicht in Begriffen der
Beständigkeit oder Vergänglichkeit zu denken? Kann man nicht in einem Zustand so
vollkommener Achtsamkeit leben, so völlig außer- halb der Zeit als morgen und gestern, daß
die ganzen Qualen der Sehnsucht, alle Erinnerungen und Erwarungen tot sind?

Auf ein so ernsthaftes Problem gibt es keine Antwort wie "ja" oder "nein". Man muß es
erforschen, und dann wird sich zeigen, was wahr und was falsch ist. Diese Entdeckung, diese
Einsicht ist weit wichtiger, als eine Antwort zu finden. Es gibt für kein seelisches Problem
eine Antwort; Antworten gibt es auf mechanische Probleme. Aber ein psychologisches
Problem müssen Sie erforschen, Sie müssen tief eindringen, und während Sie schauen,
während Sie erforschen, während Sie wahrnehmen, verschwindet das Problem. Es ist nicht
länger eine Last, Sie sind frei davon. Der ganze Prozeß des Denkens, wie wir ihn kennen,
kommt zu Ende; und dann — vielleicht — ist etwas völlig Neues da.

Nach all den Reden über Beständigkeit und Konflikt habe ich nichts, das ich mit nach Hause
nehmen könnte.

Dies ist keine Handelsware, es ist nichts, das Sie kaufen können. Wir schauen zusammen auf
dasselbe Problem, versuchen, es so umfassend wie möglich zu sehen. Sie hören mir nicht zu,
um von mir zu lernen. Sie hören zu, um über sich selbst etwas herauszufinden. Sich selbst zu
erkennen, ist weit wichtiger, als die Idee eines anderen mit nach Hause zu nehmen und damit
zu leben. Wenn unser Gespräch über Konflikt und Beständigkeit nicht zur Selbsterkenntnis
geführt hat, wenn es nur Worte gewesen sind, dann haben Sie nichts entdeckt, und dann gehen
Sie davon und sagen: „Worüber hat dieser Mann eigentlich gesprochen?" Aber wenn Sie beim
Zuhören den ganzen Prozeß Ihres eigenen Denkens, Ihres eigenen Fühlens, Ihrer eigenen
Bemühungenbeobachtet haben, dann werden Sie die Tür zu etwas Unermeßlichem geöffnet
haben.

Angenommen, man hätte diese Freiheit von allem Konflikt, von der Sie sprechen, erreicht,
was sollte man mit seiner freien Zeit und überschüssigen Energie anfangen, wenn man sich
nicht der sozialen Arbeit, dem Tierschutz und so weiter widmen würde?

Um die richtige Antwort zu erhalten, muß man die richtige Frage stellen. Wenn man eine
falsche Frage stellt, wird auch die Antwort falsch sein. Ist dies nun eine richtige Frage?

Wenn ich überhaupt keinen Konflikt habe, werde ich eine erstaunliche Energie zur Verfügung
haben. Das ist eine Tatsache. Der größte Teil unserer Energie wird durch Konflikte vertan,
durch den unaufhörlichen Kampf mit uns selbst und mit unseren Nachbarn. Wenn dieser
Konflikt aufhört, was geschieht dann mit dieser gesteigerten Energie? Offensichtlich wird
man es selbst herausfinden, wenn der Konflikt aufhört — wenn er es je tut.

Was meinen wir mit Energie? Wir kennen die Energie, die durch den Konflikt hervorgerufen
wird. Ein ehrgeiziger Mensch treibt sich selbst an, er kämpft unaufhörlich, um sein Ziel zu
erreichen, und das bringt eine bestimmte Art von Energie hervor, eine Rücksichtslosigkeit —
Sie wissen ja, was alles mit dem Ehrgeiz zusammenhängt. Aber wenn der Ehrgeiz völlig
aufhört — und das ist kein Zustand der Stumpfheit oder Gleichgültigkeit —, dann ist eine
Kraft da, die nichts mit der Energie des Konflikts zu tun hat. Die Energie des Konflikts, des
Wettstreites, des Hasses ist nicht vergleichbar mit der Energie der Zuneigung; denn
Zuneigung oder Liebe ist nicht das Gegenteil von Haß. Wenn diese überschüssige Energie da
ist, die mit der Konfliktfreiheit entsteht, mag man ruhig weiter ins Büro gehen oder seinen
Geschäften nachgehen, oder man mag diese Energie auf eine ganz andere Weise benutzen.

Ich möchte Ihnen etwas sagen: Die meisten von uns sind gefühllos; empfänglich sind wir nur
für die Schönheit und mühen uns ab, das Häßliche zu beseitigen. Aber wenn kein Konflikt
zwischen Schönheit und Häßlichkeit besteht, wenn es nur noch einen Seinszustand gibt, in
dem wir geöffnet sind — und dieser Zustand ist auch ein Ausdruck der Energie — dann wird
dieses Ding lebendig. Jede Farbe brennt mit einem ungestümen Feuer, sie ist nicht bloß rot,
blau oder weiß. Jeder Gedanke, jedes Gefühl ist ausgebrannt. Und wenn diese Energie nicht
an irgendeine besondere Form oder an ein Verlangen gebunden ist — wie es im allgemeinen
der Fall ist: meine Frau, mein Haus, meine Kinder, meine Stellung, mein Land, mein Glaube
—, dann ist die Energie vollkommene Stille. In dieser Stille ist eine machtvolle Bewegung,
die nicht von hier nach dort geht; es ist keine Bewegung der Zeit. Und das empfinde ich als
das Schöpferische, das ist Gott oder welchen Namen Sie dem geben mögen. Aber damit
vollkommene Stille lebendig wird, muß jeder Kampf und jeder Konflikt, jeder Wunsch, etwas
zu werden, jedes Verlangen nach weiterer Erfahrung — all das muß zu einem Ende kommen.

Aber welchen Sinn hat es eigentlich, daß ich darüber rede? Für mich sind dies keine Theorien;
aber wenn ich Über etwas spreche, das Sie nicht erleben, bleibt das für Sie bloße Theorie und
ist nichts Wirkliches. Es scheint mir, daß in dem Augenblick, dadas "Ich"inEr-scheinung tritt,
ein Problem entsteht. Dieses "Ich" macht sich an die Arbeit und versucht das Problem zu
lösen — das ist Unsinn, Ist nicht das "Ich" das einzige Problem?

Sie haben recht: So ist es. Solange ein Mittelpunkt besteht, gibt es einen Umkreis, der Zeit im
psychologischen Sinne ist. Und die Frage ist: Indem wir all die chaotischen Wünsche sehen,
die vom "Ich" erzeugt werden und die jedes menschliche Wesen gefangen halten — mein
Land, meine Religion, meine Familie, meine Versicherungspolice, mein Hypothekenbrief,
mein Dies und mein Das —, ist es da möglich, in dieser Welt zu leben und das "Ich"
auszulöschen, nicht theoretisch, sondern tatsächlich, so wie man einen Krebsschaden
wegschneidet? Ist es möglich, in einem bestimmten Land zu leben, einen Beruf zu ergreifen,
eine Frau oder einen Mann und Kinder zu haben, ein Haus zu besitzen und zur gleichen Zeit
ohne Zentrum zu sein? Durch das Leben zu tanzen ohne Leid — ist so etwas möglich?

Ist nicht Gewohnheit Teil des Problems? Man neigt dazu, all diese Wünsche durch
Gewohnheit zu verewigen.

Offensichtlich. Gewohnheit ist mechanisch, und unser Denken unterliegt der Gewohnheit.
Wenn wir Briten sind, werden wir für den Rest unseres Lebens Briten bleiben. Wenn wir
Katholiken sind, denken wir gewohnheitsmäßig an den Erlöser, an die Messe und die Beichte.
Wenn wir Hindus sind, werden wir für den Rest unseres Lebens dem Hinduismus versklavt
bleiben. Tag für Tag ins Büro zu gehen, gewohnheitsmäßig in die selben Gesichter zu
schauen, die sei- ben Vergnügungen zu wiederholen, das Rauchen, das Trinken, die Sexualität
— das alles ist die schreckliche Tyrannei der Gewohnheit. Gewohnheit ist im wesentlichen
ein Bündel von Erinnerungen, das unser "Ich" ist.

Ist es möglich, in dieser Welt zu leben und dieses Bündel ganz abzuwerfen? Wiederum
möchte ich Sie bitten, nicht zu sagen, es sei möglich oder es sei nicht möglich. Sie müssen es
herausfinden, Sie müssen dessen gewahr sein, Sie müssen da eindringen, nicht mit
Verzweiflung und nicht in der Hoffnung, es zu beenden, sondern ganz einfach, um es
aufzudecken. Ich sage, daß es getan werden kann und daß es getan werden muß, sonst ist das
Leben so häßlich. Sie mögen fähig sein, Gedichte zu schreiben, Sie mögen ein berühmter
Mann sein, Sie mögen eine gute Stellung, ein schönes Haus, eine reizende Frau oder talenierte
Kinder haben oder was es sonst noch so geben mag; aber solange Sie nicht vom "Ich" frei
sind, bleiben Sie innerhalb Ihres selbstgeschaffenen Gefängnisses und sind nicht fähig,
darüber hinauszugelangen.

Sie mögen jede Menge von Fragen stellen, aber wir kommen immer wieder auf das Gleiche
zurück, das heißt, auf Ihre eigene Fähigkeit zu schauen, zu hören und zu entdecken. Und diese
Fähigkeit kann nicht anerzogen und entwickelt werden, weil in dem Augenblick, da Sie sich
anschicken, sie zu entwickeln, die Fähigkeit zur Gewohnheit wird. Sie wird zu einer
Erfahrung, auf die Sie sich immer beziehen werden. Das Ganze ist wirklich sehr subtil; es
verlangt jederzeit volle Achtsamkeit. Wenn ich "jederzeit" sage, meine ich nicht, daß völlige
Achtsamkeit ein stetiger Prozeß ohne Unterbrechung sein soll. Es macht nichts aus, wenn Sie
sie verlieren. Wenn es geschieht, greifen Sie sie von Zeit zu Zeit wieder auf und finden
heraus, warum Sie sie fallen ließen, so, daß Ihr Geist aktiv, wach und lebendig ist. Wenn kein
"Ich" da ist, was ist es, das da schaut und hört?

Sehen Sie, das wird zu einer theoretischen Erörterung. Wenn Sie sich von allem, das Sie
erfahren haben, lossagen, wenn all Ihre Gesten und alle Morgen und Übermorgen und auch
die Gegenwart im Sinne der seelischen Zeit nicht mehr da sind — was ist dann da? Wie kann
ich Ihnen das beantworten? Mit Worten kann ich wohl sagen, daß da etwas Unermeßliches ist,
etwas ungeheuer Lebendiges; aber das hat überhaupt keine Bedeutung. Ich denke, die Frage
lautet tatsächlich: Ist es möglich, das "Ich'* auszulöschen? Wenn Sie da tief eindringen,
werden Sie Ihre Frage selbst beantworten.

Ich bin durch die Gesellschaft infiziert. Wie kann ich von dieser Verunreinigung frei werden?

Es handelt sich sicherlich nicht darum, wie man von dieser Verunreinigung frei sein kann,
weil Sie dann nur einen anderen Konflikt, ein anderes Problem schaffen. Das "Ich" wird nicht
durch die Gesellschaft vergiftet; es ist die Unreinheit. Das "Ich" ist etwas, das sich durch
Konflikt, durch Neid, durch Ehrgeiz und den Wunsch nach Macht, durch Schmerz,
Schuldbewußtsein und Verzweiflung gebildet hat. Und ist es diesem "Ich" möglich, sich ohne
Konflikt aufzulösen?

Dieses sind keine theoretischen Fragen. Wenn man überhaupt ernstlich darum bemüht ist, sich
selbst zu verstehen, sieht man, daß jede Anstrengung, das "Ich" aufzulösen, ein Motiv hat; die
Bemühung ist das Resultat einer Reaktion und deshalb noch immer ein Teil des "Ich". Was
also soll man tun? Man kann die Tatsache sehen, ohne irgend etwas zu tun. Die Tatsache ist,
daß jeder Gedanke, jedes Gefühl das Resultat der Gesellschaft ist, mit ihren Bestrebungen,
ihren Eifersüchteleien, ihren Begierden; und dieser ganze Prozeß ist das "Ich'*. Die Einsicht
selber in diesen ganzen Prozeß ist seine Auflösung; Sie brauchen keine Anstrengung zu
machen, um ihn aufzulösen. Etwas Giftiges zu sehen bedeutet, sich davon abzuwenden.

Würden Sie dann sagen, daß Anstrengung zerstörend ist?

Darüber habe ich doch den ganzen Morgen gesprochen.

Ich möchte wissen, warum es so schwer ist, etwas so Einfaches zu verstehen. Wenn zwei
Menschen darauf bestehen, sich zu streiten, kann es offensichtlich keinen Frieden zwischen
ihnen geben. Ebenso mögen die Nationen der Welt Friedensverträge und ähnliches
unterschreiben; aber sie können nicht in Frieden miteinander leben, solange sie nationalistisch
sind und darauf aus sind, ihre souveränen Regierungen beizubehalten oder solange sie stolz
darauf sind, Franzosen oder Engländer zu sein und was es sonst noch von diesem Unsinn
geben mag. Das alles hinwegzufegen, erfordert keine Anstrengung. Es kommt nur darauf an
zu sehen, wie stumpfsinnig das ist und wie lächerlich begrenzt und engstirnig unsere
Gedanken sind. Ein kleinlicher Charakter mag versuchen, sich zu ändern, eine gewaltige
Revolution in sich hervorzubringen; aber wie kann er das? Jede Revolution, die er
hervorbringt, wird ebenso oberflächlich und beschränkt wie er selbst sein. Aber wenn Sie nun
Ihre eigene Kleinlichkeit, Ihren eigenen Stumpfsinn sehen, dann entsteht eine völlig andere
Handlung, die nicht durch irgendein Verlangen oder einen Drang Ihrerseits angetrieben wird.
Darum ist eine negative Einstellung so wichtig. Ich spreche von einer negativen
Betrachtungsweise, die nicht der Gegensatz des Positiven ist. Es ist Verneinen! Verstehen Sie?
Wenn wir "nein" sagen, ist dieses "Nein" eine Reaktion, es ist das Gegenteil von "ja". Aber es
gibt eine Verneinung , ein "Neinsagen", das mit Reaktion überhaupt nichts zu tun hat. Ich
hoffe, Sie arbeiten mit und hören nicht nur dem Sprecher zu.

Ich finde es unmöglich, jederzeit bewußt zu sein.

Seien Sie nicht zu jeder Zeit und Stunde bewußt. Seien Sie es nur hin und wieder. Bitte, es
gibt keine ununterbrochene Bewußtheit — das ist eine fürchterliche Vorstellung. Es ist ein
Alptraum, dieser schreckliche Wunsch nach ununterbrochener Fortdauer. Seien Sie einfach
für eine Minute, für eine Sekunde gewahr, und in dieser einen Sekunde des Gewahrseins
können Sie das ganze Universum sehen. Das ist keine poetische Phrase. Wir sehen Dinge im
Nu, in einem einzigen Augenblick. Aber wenn wir etwas gesehen haben, wünschen wir es
einzufangen, es festzuhalten und ihm Fortbestand zu geben. Das ist überhaupt kein
Gewahrsein. Wenn Sie sagen: „Ich muß jederzeit bewußt sein", haben Sie daraus ein Problem
gemacht, und dann sollten Sie wirklich herausfinden, warum Sie wünschen, allzeit gewahr zu
sein — sehen Sie doch die Gier, die darin steckt, den Wunsch, etwas an sich zu bringen. Zu
sagen: „Gut, ich bin ständig gewahr", bedeutet nichts.

Sie sprachen von Zeit im seelischen Sinne und von der chronologischen Zeit. Die Zeit für
unsere heutige Diskussion ist begrenzt. Es ist jetzt ein Viertel nach zwölf, d.h. diese
chronologische Zeit bindet uns. Ist es nicht möglich, eine Orga- nisation zu schaffen, so daß
wir uns jeden Tag treffen und unsere Gespräche fortführen könnten?

Wenn Sie eine Organisation schaffen wollen, tun Sie es! Aber ohne mich. Wenn Sie den
Wunsch haben, mit mehreren zusammenzukommen, treffen Sie sich. Sie brauchen dafür nicht
meine Erlaubnis. Aber es ist richtig, daß wir durch chronologische Zeit gebunden sind. Sie
müssen Ihren Bus bekommen, Ihr Frühstück einnehmen, Sie müssen an diesem Nachmittag
eine Verabredung einhalten, Sie müssen Menschen besuchen und so fort. Ich muß dieses Land
zu einer bestimmten Zeit verlassen. Wir sind durch die Uhr, durch die chronologische Zeit
gebunden. Das ist selbstverständlich. Aber darüber spreche ich nicht, wie ich zu Beginn
sorgfältig erklärte. Ich spreche darüber, wie wir von der seelischen Bindung an die Zeit
freikommen können.

DER TOD GEHÖRT ZUM LEBEN


An diesem Abend würde ich gerne über die Zeit und den Tod sprechen und über das, was wir
Liebe nennen.

In diesen Reden befassen wir uns nicht mit Ideen. Ideen sind festgelegte Gedanken, und das
Denken löst nicht unsere tiefen seelischen Probleme. Unsere Probleme werden nur dann
wirklich ausgelöscht, wenn wir ihnen ins Auge sehen, nicht indirekt durch den Schleier des
Denkens, sondern indem wir unmittelbar mit ihnen in lebendigen Kontakt kommen und sie
als Tatsache sehen und empfinden. Wenn ich es so ausdrücken darf: Man muß mit seinen
Problemen in einem gefühlsmäßigen — nicht sentimentalen, sondern gefühlsstarken —
Kontakt stehen. Wenn wir uns auf das Denken stützen, wie klug, systematisch, gelehrt,
logisch, gesund und vernünfig es auch sein mag, werden unsere seelischen Probleme niemals
gelöst werden. Denn es ist der Gedanke, wie ich neulich bereits betonte, der unsere Probleme
erzeugt. Ein Mensch, der wirklich in das gesamte Problem des Todes eindringen und vor ihm
nicht davonlaufen möchte, muß erkennen, wie der Gedanke die Zeit erzeugt und wie das
Denken uns auch daran hindert, den Sinn, die Bedeutung und die Tiefgründigkeit des Todes
zu verstehen.

Die meisten von uns fürchten sich vor dem Tod, und wir versuchen, dieser Furcht zu
entrinnen, indem wir den Tod vernunftgemäß erklären, oder wir hängen verschiedenen
vernünftigen oder vernunftwidrigen Glaubensformen an, die auch wieder durch das Denken
ausgeklügelt wurden.

Um in das Problem des Todes einzudringen, bedarf es eines Geistes, der nicht nur vernünftig,
logisch, gesund, sondern auch fähig ist, direkt auf die Tatsache zu schauen, den Tod zu sehen,
wie er ist, ohne von Furcht überwältigt zu werden.

Um die Furcht zu verstehen, müssen wir die Zeit verstehen.

Ich meine nicht die Uhrzeit, die chronologische Zeit; das ist ziemlich einfach, das geht
automatisch, daran ist nicht viel zu verstehen. Ich spreche über die Zeit im seelischen Sinne:
das Zurückschauen auf vergangene Tage, auf die Dinge, die wir erfahren, erlebt, an denen wir
uns erfreut und die wir gesammelt und im Gedächtnis aufbewahrt haben. Die Erinnerung an
die Vergangenheit formt unsere Gegenwart, die wiederum in die Zukunft projiziert wird.
Dieser ganze Vorgang ist die seelische Zeit, in der das Denken gefangen ist. Im Denken wirkt
sich das Gestern aus und bewegt sich durch das Heute auf das Morgen hin. Der Gedanke an
die Zukunft wird durch die Gegenwart bedingt, die wiederum durch die Vergangenheit
bedingt ist.

Die Vergangenheit besteht aus den Dingen, die man in der Schule gelernt hat, aus der Arbeit,
die man verrichtet hat, dem technischen Wissen, das man erworben hat, und so fort; all das ist
Teil des mechanischen Erinnerungsprozesses. Aber die Vergangenheit besteht auch aus dem
psychologischen Wissen, das heißt aus den Erfahrungen, die man gemacht und bewahrt hat,
den Erinnerungen, die tief verborgen im Unbewußten ruhen. Die meisten von uns haben nicht
die Zeit, das Unbewußte zu erforschen. Wir haben zu viel zu tun, sind zu sehr durch unser
tägliches Leben und Treiben in Anspruch genommen; darum gibt uns das Unbewußte im
Traum mancherlei Winke und Hinweise, und diese Träume erfordern dann eine Auslegung.

Dieser ganze Prozeß — im Bewußten und Unbewußten — ist Zeit im psychologischen Sinne
— Zeit als Wissen, Zeit als Erfahrung, Zeit als ein Abstand zwischen dem, was ist, und dem,
was sein sollte, Zeit als ein Mittel, um etwas zu erreichen, Erfolg zu haben, etwas zu
vollbringen, etwas zu werden. Der bewußte Geist wird durch das Unbewußte geformt, und es
ist nicht leicht, die verborgenen Motive, Absichten und Triebe des Unbewußten zu verstehen,
weil wir den Zugang zum Unbewußten nicht durch bewußte Anstrengung finden können. Man
muß sich ihm auf eine negative Weise nähern, nicht durch den positiven Prozeß der Analyse.
Der Analysierende ist durch seine Erinnerungen begrenzt; und seine positive Einstellung auf
etwas, das er nicht kennt und dessen er nicht völlig gewahr ist, hilft ihm nicht weiter.

Ebenso müssen wir uns dem Tode negativ nähern, weil wir nicht wissen, was er ist. Wir haben
andere sterben sehen. Wir wissen, daß es Tod durch Krankheit, Alter und Verfall gibt, Tod
durch Unfall und den vorsätzlichen Tod; aber wir wissen nicht wirklich was es bedeutet zu
sterben. Wir mögen den Tod vernunftgemäß erklären. Wenn wir das Alter auf uns zukommen
sehen — die allmähliche Senilität, den Verlust unseres Gedächtnisses und so fort —, mögen
wir sagen: "Nun ja, zum Lebensprozeß gehören eben Geburt, Wachstum und Verfall, und das
Ende des physischen Mechanismus ist unvermeidlich." Aber das gibt kein tiefes Verständnis
für das Wesen des Todes.

Der Tod muß etwas Ungewöhnliches sein, so wie es das Leben ist. Leben ist etwas
Allumfassendes. Leid, Schmerz, Qual, Freude, absurde Ideen, Besessenheit, Neid, Liebe, der
seelische Schmerz der Einsamkeit — das alles ist das Leben; und um den Tod zu verstehen,
müssen wir das Leben in seiner Ganzheit verstehen, und dürfen nicht nur einen Teil davon
nehmen und mit diesem Bruchstück leben, wie es die meisten von uns tun. Im unmittelbaren
Verstehen des Lebens liegt das Verstehen des Todes, weil diese beiden nicht getrennt sind.

Wir beschäftigen uns hier nicht mit Ideen oder Glaubensfragen, weil durch sie nichts gelöst
wird. Ein Mensch, der wissen möchte, was es bedeutet zu sterben, der es wirklich erfahren
und seine volle Bedeutung kennen möchte, muß, während er lebt, des Todes gewahr sein; das
heißt, er muß jeden Tag sterben. Körperlich können Sie nicht täglich sterben, obgleich in
jedem Augenblick eine physische Veränderung vor sich geht. Ich spreche über das Sterben im
Geiste, Über das innere Sterben. Vor allem, was wir als Erfahrung, als Wissen angesammelt
haben, von den Freuden und Schmerzen, die wir durchlebt haben - von allem müssen wir uns
lossagen.

Aber die meisten von uns möchten nicht sterben, weil wir mit unserem Leben zufrieden sind,
und das, obwohl unser Leben so unschön, so armselig und so voller Neid und Zwiespalt ist.
Es ist ein Elend, unterbrochen von gelegentlichen Lichtblicken der Freude, die nur zu bald zur
bloßen Erinnerung werden; und auch unser Tod ist eine Trübsal. Aber wahres Sterben heißt,
sich innerlich von allem, was wir kennen, loszusagen - das bedeutet fähig zu sein, dem
Morgen entgegenzusehen, ohne zu wissen, was morgen sein wird. Das ist keine Theorie oder
ein unrealistischer Glaube. Die meisten Menschen fürchten sich vor dem Tod und glauben
daher an eine Wiedergeburt, an die Auferstehung oder klammern sich an irgendeinen anderen
Glauben. Aber ein Mensch, der wirklich herausfinden möchte, was der Tod bedeutet, ist an
Glaubensfragen nicht interessiert. Lediglich zu glauben ist ein Zeichen von Unreife. Um
herauszufinden, was der Tod ist, müssen Sie wissen, wie man geistig stirbt.

Ich weiß nicht, ob Sie je versucht haben, etwas aufzugeben, das Ihnen sehr vertraut ist und
das Ihnen unendliche Freude schenkt — davon sich loszusagen, nicht aus Vernunftgründen
oder aus einer Überzeugung heraus oder weil Sie eine Absicht damit verbinden, sondern sich
einfach abzulösen, so wie ein Blatt vom Baum fällt. Wenn Sie so jeden Tag, jede Minute
sterben können, dann werden Sie das Aufhören der seelisch bedingten Zeit erleben. Der Tod
ist in diesem Sinne für einen reifen Menschen, für einen Geist, der wirklich forschen möchte,
äußerst wichtig. Denn zu forschen heißt, ohne Motiv zu suchen. Sie können nicht
herausfinden, was wahr ist, wenn Sie ein Motiv haben oder wenn Sie von einem Glauben, von
einem Dogma abhängig sind. Sie müssen sich von all dem lossagen — lossagen von der
Gesellschaft, von religiösen Organisationen, von den verschiedenen Formen der Sicherheit,
denen der Geist verhaftet ist.

Religionen und Dogmen bieten innere Sicherheit. Wir sehen, daß die Welt in Unordnung ist;
die Verwirrung ist allgemein, und alles verändert sich sehr schnell. Indem wir das sehen,
wünschen wir etwas Bleibendes, Dauerndes und klammern uns darum an einen Glauben, ein
Ideal, ein Dogma, an irgendeine Form innerer Sicherheit; und das hindert uns, die Wahrheit zu
finden.

Um etwas Neues zu entdecken, müssen Sie ihm mit einem unschuldigen Geist begegnen, mit
einem Geist, der frisch, jung und durch die Gesellschaft unverdorben ist. Das innere Gefüge
der Gesellschaft ist Gier, Ehrgeiz, Macht und Ansehen; und um herauszufinden, was wahr ist,
muß man sich von dieser gesamten Struktur lossagen, nicht theoretisch, nicht abstrakt,
sondern man muß sich tatsächlich vom Neid und dem Trachten nach "dem Mehr" loslösen.
Solange ein Streben nach "dem Mehr" in irgendeiner Form vorhanden ist, kann man nicht die
ganze Bedeutung des Todes verstehen. Wir alle wissen, daß unser Körper früher oder später
sterben wird, daß die Zeit dahinschwindet und der Tod uns holen wird; und da wir uns davor
fürchten, denken wir uns Theorien aus, haben Ideen über den Tod und erklären ihn
vernunftgemäß. Aber das bedeutet nicht, den Tod zu verstehen.

Sie können mit dem körperlichen Tod nicht hadern. Sie können den Tod nicht bitten, Sie noch
einen Tag leben zu lassen; er ist endgültig. Ist es nun möglich, sich von Neid in der gleichen
Weise loszusagen, ohne Auseinandersetzung, ohne zu fragen, was morgen mit Ihnen
geschehen wird, wenn Sie sich vom Neid oder von Ehrgeiz befreien? Dann würden Sie
wahrhaft den ganzen Prozeß der seelisch bedingten Zeit verstehen.

Wir denken immer in Vorstellungen, die sich auf die Zukunft beziehen, und haben Pläne für
unsere seelische Entwicklung. Ich spreche nicht über praktische Planung, das ist etwas ganz
anderes. Aber innerlich wünschen wir, morgen etwas zu sein. Der berechnende Verstand denkt
daran, was er gewesen ist und was er sein wird, und unser Leben ist auf diesem Streben
aufgebaut. Wir sind das Resultat unserer Erinnerungen, die der Zeit zugehören. Und ist es
möglich, sich anstrengungslos, mühelos von diesem ganzen Prozeß zu lösen? Sie alle
wünschen, die Dinge hinter sich zu lassen, die schmerzlich sind, und das ist vergleichsweise
leicht. Aber ich spreche davon, sich von den Dingen loszusagen, die Ihnen große Freude, ein
starkes Gefühl des inneren Reichtums geben. Wenn Sie sich von der Erinnerung an eine
anregende Erfahrung lossagen, von Ihren Visionen, von Ihren Hoffnungen und Leistungen,
dann stehen Sie einem unsagbaren Gefühl der Vereinsamung gegenüber, und Sie haben nichts
mehr, worauf Sie sich stützen können. Die Kirchen, die Bücher, die Lehrer, die
philosophischen Systeme: Sie können sich auf nichts mehr verlassen — und das ist gut so.
Denn wenn Sie Ihr Vertrauen in eines dieser Dinge setzen, werden Sie sich weiterhin fürchten,
werden Sie weiterhin neidisch, gierig, ehrgeizig sein und Macht suchen.

Meistens werden wir verbittert, zynisch und oberflächlich, wenn wir uns auf nichts mehr
verlassen können, und dann leben wir von einem Tag zum anderen und meinen, das sei genug.
Aber das führt zu einem seichten, oberflächlichen Leben, mag der Mensch noch so klug und
weltweise sein.

Ich weiß nicht, ob Sie es je versucht haben, ob Sie jemals damit experimentiert haben: sich
ohne Anstrengung von allem, was Sie wissen und kennen, loszusagen, ohne zu fragen, was
morgen geschehen mag. Wenn Sie das tun können, werden Sie in ein ungewöhnliches Gefühl
der Vereinsamung geraten, einen Zustand der Nichtsheit, in dem es kein Morgen gibt — und
wenn Sie da hindurchgehen, ist es keine finstere Verzweiflung, die auf Sie wartet; im
Gegenteil.

Die meisten von uns sind doch wohl schrecklich einsam. Sie mögen einen interessanten Beruf
haben, Sie mögen eine Familie haben und sehr viel Geld besitzen, Sie mögen das
umfangreiche Wissen eines Gelehrten haben; aber wenn Sie das alles beiseite schieben, wenn
Sie mit sich allein sind, werden Sie dieses unsagbare Gefühl der Vereinsamung erleben.

Aber sehen Sie, in einein Augenblick werden wir von der Furcht gepackt. Niemals begegnen
wir dieser Vereinsamung; niemals erleben wir diese Leere und finden heraus, was sie wirklich
bedeutet. Wir drehen das Radio an, lesen ein Buch, sprechen mit Freunden, gehen in die
Kirche oder ins Kino oder trinken — all diese Dinge liegen auf der gleichen Ebene, weil sie
alle eine Ausflucht sind. Gott ist eine fröhliche Ausflucht und das Trinken auch. Wenn der
Mensch entflieht, gibt es zwischen Gott und dem Trinken keinen großen Unterschied. Vom
soziologischen Standpunkt aus ist das Trinken vielleicht nicht so gut; aber die Flucht zu Gott
hat auch ihren Nachteil.

Um den Tod zu verstehen, nicht theoretisch dem Worte nach, sondern um ihn wirklich zu
erfahren, muß die Vergangenheit in uns sterben, mit all ihren Erinnerungen, den
traumatischen Erlebnissen, den Schmeicheleien, den Beleidigungen, der Kleinlichkeit und
dem Neid — man muß sich von all diesem lossagen, das heißt: Das Ich muß sterben. Denn
alles das ist man selbst. Wenn Sie so weit gegangen sind, dann werden Sie erfahren, daß es
ein Alleinsein gibt, das nichts mit Vereinsamung zu hat. Einsamkeit und Alleinsein sind zwei
grundverschiedene Dinge. Aber zu diesem Alleinsein können Sie nicht kommen, ohne durch
den Zustand der Einsamkeit, in dem Beziehungen nichts mehr bedeuten, hindurchzugehen
und ihn zu verstehen. Die Beziehungen zu Ihrer Frau, Ihrem Mann, Ihrem Sohn, Ihrer
Tochter, Ihren Freunden, Ihrem Beruf — keine dieser Beziehungen bedeutet Ihnen etwas,
wenn Sie vollkommen einsam sind. Einige von Ihnen haben diesen Zustand sicherlich
erfahren. Und wenn Sie da hindurchgehen und darüber hinaus gelangen können, wenn Sie
sich nicht länger vor dem Wort "einsam" fürchten, wenn alles Bekannte für Sie tot ist und die
Gesellschaft Sie nicht mehr beeinflußt, dann werden Sie das Andere kennen. Die Gesellschaft
beeinflußt Sie nur, solange Sie innerlich zu ihr gehören. Die Gesellschaft kann von dem
Augenblick an keinerlei Einfluß mehr auf Sie ausüben, da Sie das seelische Band
zerschneiden, das Sie an die Gesellschaft bindet. Dann sind Sie den Fängen der sozialen
Moral und Konventionen entkommen. Aber durch diese Einsamkeit zu gehen, ohne vor ihr zu
fliehen, ohne sie mit Worten abzudecken, sondern mit ihr ganz eins zu sein, erfordert sehr viel
Energie. Um mit etwas Häßlichem zu leben, ohne sich dadurch verderben zu lassen, um mit
etwas Schönem dauernd zusammen zu sein und sich nicht daran zu gewöhnen: dazu brauchen
Sie Energie. Das Alleinsein, zu dem Sie kommen müssen — das ist eine geläuterte Energie.
Und aus dieser Negation, aus dieser völligen Leerheit entsteht das Schöpferische.
Alles Schöpferische vollzieht sich in der Leere und nicht, wenn Ihr Geist angefüllt ist. Der
Tod hat nur dann Bedeutung, wenn Sie sich von Ihren Eitelkeiten, Ihrer Oberflächlichkeit und
Ihren unzähligen Erinnerungen lossagen. Dann ist etwas Zeitloses da, etwas, zu dem Sie nicht
gelangen können, wenn Sie Furcht haben, wenn Sie an Glaubenssätzen hängen, wenn Sie
durch Leid gefesselt sind.

Was ist der tiefere Sinn einer Bewußtheit, die zwischen den Dingen nicht mehr wählt?

Bewußtheit ist nichts Mysteriöses, das Sie üben müssen; es ist nichts, das nur vom Sprecher
gelernt werden kann oder von irgendeinem bärtigen Herrn. Dieses ganze phantastische Zeug
ist unsinnig. Einfach gewahr zu sein — was bedeutet das? Gewahr zu sein, daß Sie dort sitzen
und ich hier, daß ich zu Ihnen spreche und Sie mir zuhören, diese Halle wahrnehmen, ihre
Form, ihre Beleuchtung, ihre Akustik, die verschiedenfarbigen Kleider zu betrachten, die die
Menschen tragen, ihr Verhalten zu beobachten, ihren angestrengten Versuch zuzuhören, ihr
Kratzen, Gähnen, ihre Langeweile zu sehen, ihre Unzufriedenheit darüber, daß sie nicht fähig
sind, von dem, was sie hören, etwas mit nach Hause zu nehmen, ihre Zustimmung oder
Ablehnung dessen, was gesagt wird. Das alles ist Teil der Achtsamkeit — allerdings ein sehr
oberflächlicher Teil.

Hinter dieser oberflächlichen Beobachtung liegen die Reak-ionen, die aus unserer
Voreingenommenheit entstehen: Dies gefällt mir, und dies gefällt mir nicht, ich bin britisch,
und Sie sind nicht britisch, ich bin ein Katholik, und Sie sind ein Protestant. Unsere
Voreingenommenheit sitzt wirklich sehr tief; in sie einzudringen erfordert gründliches
Nachforschen und Verständnis. Unserer Reaktionen, unserer verborgenen Motive und
Voreingenommenheit bewußt zu sein — auch das ist Teil des Gewahrseins.

Sie können nicht vollkommen achtsam sein, wenn Sie unterscheiden und sagen: „Das ist
richtig, und das ist falsch." Ihre Meinung darüber, was "richtig" und was "falsch" ist, hängt
von Ihrer Voreingenommenheit ab. Was für Sie richtig ist, mag im Fernen Osten falsch sein.
Sie glauben an den Erlöser, an Christus, aber von denen, die nicht dasselbe glauben wie Sie,
nehmen Sie an, daß sie zur Hölle fahren werden. Sie haben die Mittel, prachtvolle
Kathedralen zu bauen, während die anderen ein Steinbild, einen Baum, einen Vogel oder
einen Felsen anbeten mögen; und Sie sagen: "Wie töricht, wie heidnisch." Gewahr zu sein,
heißt all dieser Dinge bewußt zu sein ohne Unterschied. Es bedeutet, Ihrer bewußten und
unbewußten Reaktionen gegenüber vollkommen geöffnet zu sein. Und Sie können nicht
völlig gewahr sein, wenn Sie verurteilen, wenn Sie rechtfertigen oder wenn Sie sagen: "Ich
will meinen Glauben, meine Erfahrungen, mein Wissen behalten." Dann sind Sie nicht sehr
achtsam, und einseitiges Gewahrsein ist in Wirklichkeit Blindheit.

Zu sehen oder zu verstehen ist keine Frage der Zeit, es ist kein allmählicher Fortschritt.
Entweder Sie sehen, oder Sie sehen nicht. Sie können aber nicht sehen, wenn Sie nicht Ihrer
Reaktionen und Ihrer Voreingenommenheit zutiefst bewußt sind. Um Ihre
Voreingenommenheit zu erkennen, müssen Sie die Tatsache sehen und dürfen sich keine
Meinung, kein Urteil über sie bilden. Mit anderen Worten: Sie müssen darauf ohne Gedanken
schauen. Dann ist da eine Bewußtheit, ein Zustand der Achtsamkeit ohne einen Mittelpunkt,
ohne Grenzen, ohne die störende Einmischung der Bekannten. Nur in diesem Zustand
vollkommener Bewußtheit kann der Geist das, was über den Verstand hinausgeht, begreifen.
Ein unbedeutender Mensch, ein Mensch, der durch neurotische Ideen, durch Furcht, Gier und
Neid verkrüppelt ist, mag über das Unkennbare, über Gott, über dieses oder jenes
nachdenken, aber es wird keine Bedeutung haben. Ein solcher Mensch ist nicht religiös.

Ist es nicht wichtig, sich von negativen Gefühlen frei zu machen, während man die positiven
bewahrt?

Was verstehen wir unter Gefühl? Ist es eine Empfindung, eine Reaktion, eine Antwort der
Sinne? Haß, Verehrung, das Gefühl der Liebe oder Sympathie für einen anderen — das alles
sind Gefühle. Einige Gefühle wie Liebe und Sympathie nennen wir positiv, während wir
andere, wie z. B. den Haß, negativ nennen, und von diesen möchten wir freikommen. Ist
Liebe der Gegensatz von Haß? Und ist Liebe eine Gefühlswallung, eine Sinnesempfindung,
ein Gefühlszustand, der durch Erinnerung in die Länge gezogen wird?

Wissen wir, was es bedeutet zu lieben? Wissen wir es? Wir reden von der Liebe zu Gott, von
der Liebe zu unseren Frauen, unseren Männern, wir sagen, daß wir unsere Tiere lieben. Ist das
Liebe? Lieben wir unsere Familie?

Eine höchst seltsame Sache, die Familie! Die Familie ist etwas Schreckliches, weil wir daran
hängen, wir stecken etwas hinein, wir bringen Opfer, wir verewigen uns durch den
Familiennamen; die Familie sind wir, erweitert und fortgesetzt. Aber man kann eine Familie
haben ohne diese haßliche Unordnung.

Was meinen wir also mit Liebe? Liebe ist sicherlich nicht Erinnerung. Das zu verstehen fällt
uns schwer, weil für die meisten Menschen die Liebe aus der Erinnerung besteht. Wenn Sie
sagen, daß Sie Ihre Frau oder Ihren Mann lieben, was meinen Sie damit? Lieben Sie das, was
Ihnen Vergnügen gibt? Lieben Sie das, mit dem Sie sich identifiziert haben und das Sie als zu
sich gehörig betrachten? Bitte, das sind Tatsachen, ich erfinde nichts; schauen Sie also nicht
so erschreckt drein.

Was meinen wir damit, wenn wir sagen, daß wir lieben? Ist Liebe eine Sache der Zeit? Ist das
Liebe, wenn Sie an jemanden gebunden sind oder wenn Sie ihn besitzen? Wenn Sie sagen:
"Sie ist meine Frau, er ist mein Mann"? Liegt in dieser Beziehung Liebe? Wenn Sie
eifersüchtig sind, wenn Sie sich einsam und elend fühlen und Qualen erleiden, weil Ihre Frau
oder Ihr Mann sich von Ihnen abgewandt hat — ist das Liebe? Und ist es Liebe zu Gott, wenn
Sie jeden Tag oder einmal in der Woche einem Gottesdienst beiwohnen und alles mitmachen,
was dazu gehört? Um etwas zu lieben, müssen Sie damit vollkommen eins sein; Ihr Herz, Ihr
Geist, Ihr ganzes Wesen muß dabei sein, so daß keine Trennung zwischen dem Beobachter
und dem Beobachteten besteht. Das bedeutet nicht Identifizierung; das wäre nur eine andere
Täuschung. Wenn Sie sich mit Ihrer Familie identifizieren, hat das nichts mit Liebe zu tun.
Dann lieben Sie sich selbst in einer erweiterten Form.

Es ist das Bild meiner Frau oder meines Mannes, das wir lieben oder zu lieben glauben, nicht
der lebendige Mensch. Ich kenne meine Frau überhaupt nicht, und ich kann dieses Wesen
niemals kennen, solange es ein Wiedererkennen ist. Denn Wiedererkennen beruht auf
Erinnerung — Erinnerung an Lust und Leid, Erinnerung an die Dinge, für die ich gelebt habe,
die mir Schmerzen bereitet haben, die ich besitze und denen ich verhaftet bin. Wie kann ich
lieben, solange Furcht, Leid, Vereinsamung, der Schatten der Hoffnungslosigkeit besteht? Wie
kann ein ehrgeiziger Mensch lieben? Und wir sind alle so ehrgeizig, wenn auch auf
rechtschaffene Art.

Um wirklich herauszufinden, was Liebe ist, müssen wir uns von der Vergangenheit lossagen,
von all unseren Gefühlen, den guten und den schlechten — ohne Anstrenung lossagen, wie
wir es von etwas Verderblichem tun würden, weil wir es verstehen.

Ist nicht das Leben im Westen künstlicher als im Osten? Ich fürchte, sie sind sich ziemlich
gleich, es gibt kaum einen Unterschied zwischen ihnen. Wir haben so romantische Ideen über
den Osten.
Ich hatte geglaubt, es ist dort einfacher. Ist der Tugendbegriff dort nicht einfacher?

Ein einfaches Leben ist kein spirituelles Leben. Der Primitive fürchtet sich ebenso wie der
sogenannte zivilisierte Mensch; seine Ängste sind nur gröber, oberflächlicher. Aber man
empfindet durchaus, daß der verfeinerte, der hochentwickelte, an Kenntnissen reiche Mensch,
einfach werden muß. Er muß jung, unschuldig werden; er muß sich von allem Wissen, das er
gesammelt hat, lossagen. Und zu dieser Einfachheit kann man sowohl im Westen wie im
Osten kommen. Die Trennung zwischen dem Osten und dem Westen ist im höchsten Grade
unreif; abgesehen von der natürlichen geographischen Teilung ist sie künstlich. Die Menschen
leiden dort ebensosehr, wie sie es hier tun, und sind genauso materialistisch; nur reden sie so
viel Über Gott und Weisheit und können mit ihrem Verstand geschickte Kunststücke
vollziehen.

Kann man den Zustand, von dem Sie sprechen, erreichen, ohne zuvor den Geist zu schulen?

Nachdem Sie Ihren Geist geschult haben, müssen Sie sich auch davon befreien. Es ist eine
unserer merkwürdigen Vorstellungen, daß wir durch eine bestimmte Schulung oder Disziplin
gehen müssen, um die Freiheit zu "erreichen". Ich habe das Wort "erreichen" gebraucht. Ich
sagte: Lösen Sie sich einfach von den Dingen, die Sie jeden Tag erfahren; betrachten Sie nur
eben ihr eigenes Elend, Ihre Verhaftungen. Und das bedarf keiner Schulung.

Einem Menschen verhaftet zu sein ist offensichtlich keine Liebe. Sie sind an Ihre Frau oder
Ihren Mann gebunden. Warum? Vor allem, weil Sie einsam sind und an der Gesellschaft des
anderen Gefallen finden. Es gibt Ihnen Freude, Trost, ein Gefühl der Sicherheit und manches
andere. Da Sie gebunden sind, sagen Sie, daß Sie diesen Menschen lieben; und wenn er sich
einem anderen zuwendet, sind Sie eifersüchtig, neidisch, und Sie leiden. Bringt Liebe Leiden?

Unserer Verhaftung gewahr zu sein und uns augenblicklich von ihr loszusagen — ist dazu
Übung erforderlich? Sie behaupten, daß es so sei, weil Sie Ihre Verhaftung nicht aufgeben
möchten und der Meinung sind, daß Sie sich allmählich von ihr befreien werden. Habe ich
Ihre Frage beantwortet?

Nicht ganz. Ich verstehe nicht, wie ein Mensch, der nicht zuvor im Denken ausgebildet und
geschult wurde, Ihre Antworten verstehen kann.

Sie sprechen alle Englisch, Sie haben alle eine gewisse Schulung hinter sich. Was ist an dem,
was ich sage, so schwer zu verstehen? Ich sage, daß Bindung nicht Liebe ist und daß Sie sich
von der Verhaftung lossagen müssen, um herauszufinden, was Liebe wirklich ist. Erfordert
das Übung? Müssen Sie durch eine bestimmte Zucht hindurchgehen, um von der Verhaftung
frei zu werden? Um aufzudecken, warum Sie an bestimmte Dinge glauben und, nachdem Sie
den Glauben bloßgelegt haben, ihn unverwandt anzuschauen, sich von ihm loszusagen —
erfordert das Übung? Müssen Sie verschiedene Arten des Trainings hinter sich bringen, um
herauszufinden, was Liebe ist?

Wir müssen auf jedes Ding genau achtgeben.

Bedeutet das, daß Sie einem System folgen müssen? Ich fürchte, daß die meisten von uns
ziemlich träge sind; es ist uns gar nicht so sonderlich ernst damit, unmittelbar zu schauen;
darum sagen wir, daß es Zeit kosten wird.

Wir scheinen nicht fähig zu sein, das, worüber Sie sprechen, anzuwenden; uns fehlt die
Energie.

Wir haben sehr viel Energie, wenn es sich um etwas handelt, das wir wirklich tun möchten. Es
bedurfte einer gewissen Energie, um hierher zu kommen. Es bedarf großer Energie, um zu
glauben, um eifersüchtig oder ehrgeizig zu sein. Der ehrgeizige Mensch — Sie wissen ja, wie
energiegeladen er ist. Aber wir sagen, wir haben nicht die Kraft, uns vom Ehrgeiz zu befreien.
Warum? Es ist doch so einfach: Wir brauchen nur auf uns selbst zu schauen, unsere eigenen
Gedanken und unser Herz prüfen.

Sie haben uns das Nichts beschrieben, einen Zustand der Leere. Können Sie uns etwas von
der großen Wahrheit sagen, die diese Leerheit füllen kann?

Dieses Nichts ist nichts Geheimnisvolles. Es ist das motivlose Lossagen von allem, von dem
ganzen seelischen Gefüge der Gesellschaft. Wenn Sie ohne Motiv, ohne Ehrgeiz ver- neinen,
bleiben Sie in einer Leere zurück. Ist es nicht so? Wenn Sie nicht mehr ehrgeizig sind, nicht
länger durch den Wunsch nach Ruhm und Erfolg angetrieben werden, nicht mehr der Furcht
entfliehen — wenn Sie sich von all diesem losgesagt haben und hindurchgestoßen sind, dann
ist da eine Leerheit, ein Zustand der Negation. Und der Fragesteller möchte wissen, welch
große Wahrheit diese Leere füllen soll.

Tauschen wir bloß Worte aus, sprechen wir theoretisch, oder sind Sie — ohne jede
Beeinflussung, ohne Druck oder Zwang — aus der inneren Struktur der Gesellschaft ganz und
gar ausgebrochen? Sie mögen einen bestimmten Ehrgeiz aufgegeben haben und mit einem
anderen Ehrgeiz weiterleben. Sie mögen in mancherlei Hinsicht von der Furcht frei sein und
hängen weiterhin bestimmten Glaubensformen an. Aber wenn Sie von der psychologischen
Sozialstruktur völlig frei sind, dann stehen Sie in der Leere; dann gibt es weder ein Morgen
noch ein Gestern, noch einen Beobachter, der beobachtet. Wenn Sie nicht bis zu diesem Punkt
gekommen sind, dann ist jede Verständigung durch Worte über das, was darüber hinausgeht,
bloße Theorie und hat keinen Wert, weil das Wort nicht das Ding ist. Wenn Sie daher nichts
dagegen haben, wollen wir nicht darüber diskutieren, was jenseits dieses Zustandes der
Leerheit liegt. Es wird nur zu einem spekulativen Zeitvertreib.

Sie haben nicht die drohende Zerstörung der Welt durch die Wasserstoffbombe erwähnt.

Ich fürchte, die historischen Ereignisse nehmen ihren Lauf. Wenn wir in der Zwischenzeit
ständig unter der Drohung stehen, vernichtet, atomisiert zu werden, was sollen wir da- gegen
tun? Sind Sie der Meinung, daß wir die Politiker hindern werden, diesen phantastischen
Atompilz zu züchten? Sehen Sie doch, was alles daran hängt; beachten Sie das private und
staatliche Interesse daran. Die Armee, die Flotte, die Luftwaffe, die Kapitäne, die Generäle —
sie alle sind daran interessiert, und dieses Interesse kann nicht über Nacht beseitigt werden.
Diese Leute werden jeden Versuch, die Bombe zu ächten, widerstehen, genauso wie Sie
Widerstand leisten würden, wenn man Ihre fragwürdigen Geschäfte angreift. Aber wir —
nicht die Welt, nicht jemand anderes, sondern Sie und ich — können uns innerlich von der
Gier und unserem Neid, von unserem Haß und Nationalismus lossagen. Von all diesem
können wir uns sofort lösen und brauchen nicht auf die Wasserstoffbombe zu warten, daß sie
uns vernichte.

Wäre es nicht besser, die Worte "innere Gelassenheit" und "Ruhe" zu gebrauchen, anstatt des
"inneren Todes"?

Wenn die Worte "Gelassenheit" und "Ruhe" das seelische Aufhören oder den inneren Tod
bedeuten, dann werden sie ebenso gut sein. Wir können sehr leicht einige Worte austauschen,
aber die Tatsache bleibt, daß wir innerlich nicht sterben. Wenn es so etwas wie Gott und
Wahrheit gibt oder wie Sie es sonst benennen wollen, kann es nur gefunden werden, wenn wir
von dem Bekannten frei sind. Sich von dem Bekannten zu lösen ist etwas Ungewöhnliches —
das Bekannte, das aus Ihren gestrigen Erfahrungen besteht, aus den Dingen, die Sie schätzen
und auf die Sie verlangend zurückblicken. Wenn ich das Wort "sterben" gebrauche, meine ich
nicht, daß wir es gelassen hinnehmen. Das Bekannte in uns sterben zu lassen, heißt ihm ein
Ende zu setzen. Solch ein Sterben bringt Ruhe; aber die Ruhe ist etwas Nebensächliches, weil
durch diesen alles umfassenden geistigen Tod eine Unschuld entsteht, die in sich selbst Stille
des Geistes ist. Der unschuldige Geist ist ein stiller Geist; und der stille Geist kann entdecken,
was in dieser Stille geschieht.

GRUNDLAGEN DER MEDITATION


Ich möchte über etwas sprechen, das für viele ein wenig fremd sein wird, das ein wenig
außerhalb unseres alltäglichen Lebens liegen mag; aber ich halte es für wichtig, es zu
verstehen. Ich werde über Meditation sprechen. Das Wort hat viele Bedeutungen. Man nimmt
an, daß die Menschen im Orient viel meditieren; aber ich bezweifle es. Ernsthafte Menschen
tun es. Und wenn Sie im Westen ein religiöser Mensch sind, führen Sie vermutlich ein
kontemplatives Leben, oder Sie beten gelegentlich, wenn Sie nämlich in einer schwierigen
Lage sind. Aber für mich ist Meditation etwas ganz anderes.

Wie Sie wissen, habe ich über die Furcht, das Leid, die Zeit, den Tod gesprochen und über die
Dinge, denen wir jeden Tag in unserem Leben gegenüberstehen. Da ist der
gewohnheitsmäßige Trott der Büroarbeit mit seiner Langeweile und die ständige
Anstrengung, die wir machen, um einen bestimmten äußeren Lebensstandard
aufrechtzuerhalten. Auch innerlich suchen wir einen gewissen Grad von Würde und Freiheit
zu behaupten, indem wir festgelegten Lebensregeln folgen, von denen wir selten abweichen,
das alles ist nichts Phantastisches, Mystisches, es gehört zu unserem Dasein, und wir müssen
damit im Laufe unseres täglichen Lebens fertig werden. Ohne die rechte Grundlage zu
schaffen, kann man unmöglich meditieren. Das unentbehrliche Fundament der Meditation ist
Selbsterkenntnis. Ohne sich selbst zu kennen, führt Meditation, jede Kontemplation, jedes
Gebet, wie nützlich oder anscheinend segensreich es auch sein mag, unvermeidlich zu
Illusionen verschiedenster Art. Bevor man nicht begonnen hat, seiner selbst gewahr zu sein,
des Unbewußten wie des Bewußten, ehe man nicht seine inneren Motive, Konflikte, Nöte,
sein Schuldgefühl, seine Unruhe und Verzweiflung wahrnimmt, führt jede Form der
Meditation, der Kontemplation oder des Gebets nur zur Selbsthypnose. Man mag Visionen
haben, aber sie sind nur die Projektion der eigenen Bedingtheit. Der Christ wird Christus
sehen und der Hindu seinen besonderen Gott. Menschen, die solche Erlebnisse haben, machen
viel Aufhebens davon. Aber was sie erfahren, was sie in ihren Visionen sehen, ist in
Wirklichkeit die Antwort ihres eigenen Hintergrundes, ihrer Erziehung, ihrer Kultur; und um
richtig zu meditieren, muß man von dieser Beschränkung frei sein. Sonst ist Meditieren so, als
ob wir unentwegt im Kreise herumlaufen: Unsere Bedingtheit läßt die Visionen entstehen, die
umgekehrt wieder die Voreingenommenheit verstärken.

Nicht nur, um zu meditieren, sondern auch um ein erfülltes Leben zu führen, das heißt ein
Leben ohne die Last der Angst, ohne den unaufhörlichen Kampf zwischen Hoffnung und
Verzweiflung, ist es unbedingt notwendig, sich selbst zu kennen. Und sich selbst zu erkennen
erfordert eine Aufmerksamkeit besonderer Art — eine Bewußtheit, in der Sie ohne Bewertung
beobachten. Das heißt, Sie sehen, was tatsächlich vor sich geht, ohne zu verdammen oder zu
beurteilen. Sie sehen sich selbst wie in einem Spiegel ohne Gedanken — wenn ich dieses
Wort gebrauchen darf, das ich sogleich erklären werde. Wir wissen, was eine Blume im
botanischen Sinne ist. Wir kennen ihren Namen, ihre Gattung und so weiter, aber wir schauen
selten auf eine Blume ohne dieses Wissen. Die meisten von uns haben weder das Interesse
noch die Geduld oder die Fähigkeit, zu schauen und zu lauschen, ohne das ganze Elend und
die Plackerei der Vergangenheit, ohne alles das, was wir erfahren haben, hineinzuprojizieren,
wodurch die Wahrnehmung gestört wird. Um uns selbst zu kennen, benöten wir Bewußtheit
ohne unterscheidende Wertung; wir müssen fähig sein, ohne Interpretation zu schauen und zu
hören.

Da dieses Thema etwas schwierig werden wird, möchte ich vorschlagen, daß Sie einfach
zuhören, ohne sich um das Verstehen zu bemühen. Nicht, daß ich Sie beeinflussen will; hören
Sie einfach zu, wie Sie dem Gesang eines Vogels lauschen oder wie Sie ein Blatt betrachten
würden, das im Winde flattert, oder eine Wolke, die vorübergleitet, voller Licht und Zauber.
Hören Sie einfach zu. Versuchen Sie nicht, mit dem Verstand den Sinn des Gesagten zu
erfassen. Nicht, daß wir den Verstand nicht gebrauchen sollten. Ohne vernünftige Überlegung
werden wir es nicht weit bringen — und an diesem Abend würde ich, wenn möglich, gerne
sehr weit gehen. Aber um weit voranzukommen, müssen wir nahe beginnen. Und das Nächste
sind Sie selbst. Sie mögen über Gott sprechen und fähig sein, die Bibel oder irgendein anderes
heiliges Buch zu zitieren; aber ohne sich selbst zu verstehen, nicht teilweise, sondern ganz
und gar, sind Sie kein religiöser Mensch; Sie unterliegen nur den Einflüssen, der besonderen
Kultur oder Gesellschaft, in der Sie leben.

Vor allem ist dieser ungewöhnliche Zustand der Achtsamkeit nötig, in dem Sie ohne
Entschluß, ohne Motiv, ohne Zweck schauen und hören, und das bedeutet in Wirklich- keit,
daß Sie achtgeben, ohne dabei unter den Dingen zu wählen. Sich selbst zu erkennen ist kein
Prozeß, in dem man immer mehr Wissen über sich anhäuft. Sie sehen sich, wie Sie ärgerlich,
eifersüchtig, sinnlich oder neidisch sind — Sie beobachten das lediglich, und diese
Beobachtung ohne Analyse enthüllt den tieferen Sinn und die Bedeutung dieser Tatsache; Sie
brauchen keine Anstrengung zu machen, um sie aufzudecken. In dem Augenblick, da Sie sich
anstrengen, um zu analysieren, um zu verstehen, entstellen Sie die Tatsache; dann bringen Sie
Ihre Voreingenommenheit als Analytiker, als Christ, als dieser oder jener mit hinein.

Sich selbst kennenzulernen ist kein addierender oder anhäufender Prozeß. In dem Augenblick,
da Sie Wissen über sich sammeln, beeinträchtigt dieses Wissen die Wahrnehmung. Wenn Sie
auf sich durch einen Schleier des Wissens schauen, das Sie über sich angesammelt haben,
entstellen Sie das, was Sie sehen.

Ich hoffe, daß das verständlich ist, denn es ist ein sehr wichtiger Punkt. Die meisten von uns
häufen an. Wir häufen Tugend, Reichtum, Wünsche, Erfahrungen, Ideen an, und damit
beladen, machen wir unsere weiteren Erfahrungen. Auf diese Weise wird alles, was auch
immer wir erfahren, durch das Wissen oder die Erfahrung, die wir früher erworben haben,
eingeengt. Jede Erfahrung ist bereits ausgekostet und bekannt; daher gibt es nichts Neues.

Ich sprach neulich über den Tod. Sie müssen sich von allem Wissen über sich selbst lossagen,
Sie dürfen nicht fortfahren, Wissen über sich anzuhäufen. Denn das Selbst ist nie verharrend;
es wandelt sich ständig, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Sie sind nicht, was Sie
gestern waren, obgleich Sie es gerne wären; es ist eine Veränderung vor sich gegangen, der
Sie sich nicht bewußt sein mögen. Um sich selbst zu kennen — und Sie müssen sich ganz und
gar, durch und durch kennen —, müssen Sie aufhören, Wissen über sich anzuhäufen; und das
kann nur geschehen, wenn Sie aufhören, zu urteilen, zu bewerten, zu verdammen, zu
rechtfertigen. Das hört sich sehr einfach an, aber für die meisten von uns ist das nicht leicht,
weil wir dazu erzogen sind, zu verdammen, zu urteilen, zu bewerten, zu vergleichen und zu
rechtfertigen. Darin liegt unser Bedingtsein. Und die Dinge so klar zu sehen, wie sie sind,
ohne die Einstellung, die durch unser Bedingtsein hineingebracht wird, das ist keine Frage der
Zeit; es ist eine Notwendigkeit des Augenblicks. Es liegt auf der Hand, daß Sie die Tatsache
in ihrer wirklichen Bedeutung nicht sehen können, solange Sie all Ihre Erinnerungen und
Meinungen mit hineinbringen. Wenn das klar ist, nicht nur auf der Ebene des Wortes oder
Intellekts, sondern tatsächlich, dann können wir mit der Erforschung des Unbewußten
fortfahren.

Das Unbewußte spielt in unserem Leben eine große Rolle. Die meisten von uns wissen von
diesem Unbewußten nichts, es sei denn durch Träume, durch einen gelegentlichen Wink oder
Hinweis der Dinge, die im Verborgenen ruhen. Ich glaube, daß es überhaupt nicht notwendig
ist zu träumen; es ist eine Energieverschwendung. Wenn Sie wach und von Augenblick zu
Augenblick aller Dinge ohne Unterscheidung gewahr sind und daher den bereits vorhandenen
Erfahrungen nichts hinzufügen, wenn Sie auf jedes Ding in Ihrer Umwelt wie auch auf jeden
Gedanken achtgeben, dann werden Sie erfahren, daß das Träumen gänzlich aufhört — wenn
auch noch so viele Psychologen behaupten, daß Sie träumen müssen, obgleich Sie sich der
Träume nicht immer erinnern mögen. Das ist keine strittige Frage, die unter Beweis gestellt
werden muß; darüber braucht nicht disputiert oder argumentiert zu werden; Sie können es
selbst ausprobieren. Wenn Sie den Tag nicht im Halbschlaf verbringen, sondern voll wach
sind und alles um sich und in sich beobachten — jede Regung des Denkens, jedes Gefühl,
jede Reaktion —, dann werden Sie erfahren, daß Sie während des Schlafens nicht mehr
träumen.

Dem Unbewußten gegenüber, das verborgen ist und dessen man so wenig bewußt ist, kann
man sich nur negativ verhalten. Das versuche ich zu zeigen, wenn ich sage, daß es nicht
notwendig ist zu träumen.

Ich weiß nicht, wie weit Sie in das alles selbst eingedrungen sind. Wahrscheinlich empfinden
Sie es als zu lästig, über das Unbewußte zu sprechen; es ist zu jungianisch oder freudia-nisch.
Aber Sie müssen das Unbewußte kennen, weil ja das Unbewußte unser Leben zum größten
Teil lenkt, unsere Gedanken und Gefühle formt und alle möglichen Konflikte hervorruft.
Ohne das Unbewußte zu kennen, mögen Sie über Gott, über das Gebet, den Krieg, den
Frieden, die Atombombe sprechen» aber es wird wenig Sinn haben.

Im Unbewußten sind nicht nur die täglichen Reaktionen des einzelnen Menschen verwurzelt,
sondern auch die kollektiven Reaktionen der Rasse, der Sie angehören, der Kultur, in der Sie
aufgewachsen sind — nicht nur die augenblickliche Kultur der letzten Jahre ist gemeint,
sondern die gewaltige Ansammlung menschlichen Bemühens seit ewigen Zeiten. Das alles ist
da. Das Unbewußte in seiner Gesamtheit durch Analyse, durch schrittweises Erforschen
freilegen zu wollen, ist gänzlich unmöglich; denn wenn Sie in diesem Prozeß an irgendeinem
Punkt ungenau analysieren, wie es unvermeidlich ist, wird auch der Rest Ihrer Analyse falsch
sein. Wenn Sie die Nutzlosigkeit einer solchen Analyse einsehen, wenn Sie merken, daß sie
nicht tief in das Unbewußte eindringen und gewiß nicht darüberhinausgelangen können, dann
müssen Sie sich dem Unbewußten auf eine negative Weise nähern — das heißt umfassend.
Ich werde erklären, was ich

meine.

Hoffentlich ist das alles nicht zuviel für Sie. Ich behandle Sie nicht gönnerhaft, ich fühle mich
nicht klug oder überlegen — nichts dergleichen. Aber die meisten von Ihnen haben
wahrscheinlich über diese Dinge überhaupt nicht nachgedacht. Um dem, was gesagt wird,
logisch und mit gesundem Verstand zu folgen, ohne dadurch verwirrt oder beunruhigt zu
werden, brauchen Sie nur einfach zuzuhören. Vielleicht werden Sie manches davon nicht
sogleich verstehen; aber Sie werden es verstehen, wenn die Saat in einen Boden fällt, der
durch rechtes Zuhören vorbereitet ist.

Wenn unser Verhalten beim Prüfen oder Betrachten negativ ist, dann gibt es keine Trennung
zwischen dem Denker und dem Gedanken. Aber für die meisten von uns besteht eine
Trennung, ein Zwiespalt zwischen dem Denker und dem Gedanken, zwischen dem
Beobachter und dem Beobachteten, zwischen dem Teil des Geistes, der sagt: "Ich muß", und
dem anderen Teil, der sagt: "Ich darf nicht". Ein Wunsch zerrt uns in die eine Richtung und
ein anderer Wunsch in die entgegengesetzte. Wir alle kennen die Dualität des Zensors, der die
Gedanken immer beobachtet, beurteilt, bewertet.

Besteht nun tatsächlich eine Trennung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten,
zwischen dem Denker und dem Gedanken? Wir nehmen an, daß es so ist; aber ist es so? Es ist
sehr wichtig, das herauszufinden, denn wenn es keinen Zensor, keinen Denker, kein Zentrum
gibt, von dem aus geurteilt und bewertet wird, dann hört der Konflikt gänzlich auf. In
Wirklichkeit gibt es nur das Denken — Denken als die automatische Reaktion der
angehäuften Erinnerung. Dieses Denken hat den Denker als eine beständige Wesenheit
geschaffen, das "Ich", und nennt es dann das Ego, die Seele, das höchste Selbst. Aber es ist
doch nur das Ergebnis des Denkens, weil es bestimmt werden kann, immer das zu denken,
was die Gesellschaft wünscht. Die Kommunisten glauben nicht an Gott, aber Sie tun es, weil
Sie in diesem Glauben erzogen worden sind. Es ist eine Sache der Beeinflussung. Um diesen
ganzen Prozeß, das heißt das Unbewußte in seiner Ganzheit zu verstehen, müssen Sie in einer
negativen Weise darauf hinschauen. Das ist die einzige Möglichkeit, das Unbewußte
betrachten zu können, weil jedes positive Beobachten eine Spaltung zwischen dem
Beobachter und dem Beobachteten hervorbringt.

Ich weiß nicht, ob Sie je bemerkt haben, daß in dem Augenblick, da Sie auf etwas ohne
Gedanken schauen, kein Beobachter mehr da ist, sondern nur noch einfache Wahrnehmung?
Wenn Sie auf eine Wolke ohne die angesammelte Erinnerung an Wolken schauen, dann
betrachten Sie nur. In derselben Art muß man das Unbewußte beobachten; und wenn Sie sich
in dieser Art negativ verhalten, gibt es dann noch das Unbewußte? Haben Sie nicht das
Unbewußte mit seinem ganzen Inhalt hinweggefegt? Es gibt also eine unmittelbare
Wahrnehmung des Bewußtseins in seiner Ganzheit. Aber solange Ihre Voreingenommenheit
und die angehäufte Erfahrung der Vergangenheit Ihre Wahrnehmung beeinflussen, können Sie
nicht das Bewußtsein in seiner Gesamtheit erkennen.

Wenn Sie so weit gekommen sind — und Sie müssen so weit kommen —, dann werden Sie
die Grundlage für die Meditation geschaffen haben; denn dann werden Sie das Leid ganz und
gar ausgemerzt haben. Das bedeutet nicht, daß kein Mitgefühl mehr da ist. Aber Sie werden
das Leid beseitigt haben, das den Geist stumpf und gefühllos macht — das Leid als
Selbstbemitleidung —, das immer mit sich selbst beschäftigt ist und das überhaupt nichts mit
Mitleid zu tun hat.

Was ist nun Meditation? Da gibt es Menschen, die behaupten, daß Sie in der Meditation ihre
Gedanken beherrschen müssen. Was bringt dieser Zwang mit sich? Er schließt den
Widerspruch in sich ein, der eine Form des Konflikts ist. Sie versuchen sich auf etwas zu
konzentrieren, und andere Gedanken schleichen sich ein, die Sie hinwegzustoßen trachten. So
wird Konzentration allmählich zu einem Prozeß der Ausschließung. Es ist wie bei einem
Schuljungen, der aus dem Fenster sehen möchte, aber vom Lehrer angehalten wird, in sein
Buch zu schauen. Die Anstrengung, die es kostet, in das Buch zu schauen, wird Konzentration
genannt; aber solche Konzentration ist Ausschließung.

Es gibt einen Zustand der Aufmerksamkeit, in dem die Konzentration kein Ausschließen ist.
Wenn der Geist sich durch Disziplin, durch Zügelung, durch Unterdrückung, durch
Bestrafung und Belohnung konzentriert, macht diese Konzentration den Geist uneins mit sich
selbst und erzeugt Konflikt. In der Achtsamkeit gibt es keinen Konflikt. Dieser Zustand kann
nur verstanden werden, wenn Sie einsehen, was es bedeutet, sich durch Zwang zu
konzentrieren — wenn Sie das verstanden haben, hört das Bemühen, sich zu konzentrieren,
auf. Solange Sie eine Anstrengung machen, um sich zu konzentrieren, ist Widerspruch und
Konflikt da, jedoch keine Bewußtheit; aber Sie müssen Achtsamkeit haben. Meditation ist
nicht Beten. Das Gebet ist ein Flehen und Bitten, und das ist höchst unreif. Sie beten nur,
wenn Sie in einer schwierigen Lage sind; ein glücklicher Mensch betet nicht. Nur der
leidbeladene Mensch betet, der Mensch, der um etwas bittet oder der etwas zu verlieren
fürchtet. Und Kontemplation, wie Sie von den Abendländern praktiziert wird — auch das ist
keine Medikation.

Bitte, ich habe das Wort "Abendländer" nur als Mittel der Verständigung gebraucht; für mich
gibt es keine Einteilung in Ost und West. Der ganze Nationalismus ist zu lächerlich und
voreingenommen.

Was im allgemeinen Kontemplation genannt wird, schließt ein Zentrum ein, von dem aus Sie
meditieren. Es bedeutet, in einem Zustand der Empfangsbereitschaft, des Hinnehmens zu
sein; und auch das ist keine Meditation.

Um die Grundlage zur Meditation zu schaffen, muß man dies alles verstehen, so daß keine
Furcht, kein Kummer, kein Motiv, keine Anstrengung irgendwelcher Art vorhanden ist. Wenn
Sie aufhören, sich anzustrengen, nur weil jemand Ihnen gesagt hat, daß Sie keine
Anstrengung machen dürfen, versuchen Sie diesen anstrengungslosen Zustand zu erreichen
— und das ist nicht möglich. Sie müssen alles verstehen, was mit Anstrengung verbunden ist
— und nur dann werden Sie das Fundament für die Meditaion gelegt haben. Dieses
Fundament ist kein Stückwerk, es kann nicht allmählich durch das Denken zusammengefügt
werden, durch den Wunsch nach Erfolg, nach Vollendung oder in der Hoffnung, etwas zu
erfahren, das umfassender und bedeutsamer ist. All das muß aufhören. Und wenn die
Grundlage geschaffen worden ist, dann wird das Gehirn vollkommen ruhig. Es antwortet
nicht mehr auf irgendwelche Einflüsse oder Anregungen; es hat aufgehört, Visionen zu haben;
es wird nicht mehr durch die Vergangenheit gefesselt oder bestimmt. In diesem Zustand der
Ruhe zu sein, ist unbedingt nötig. Das Gehirn ist das Resultat unendlicher Zeitläufe. Es ist das
biologische, das animalische Ergebnis von Einflüssen der Kultur und der Gesellschaft. Und
nur, wenn das Gehirn vollkommen ruhig ist, ohne Bewegung, jedoch lebendig und nicht
durch Disziplin, Kontrolle und Unterdrückung abgetötet, nur dann kann der Geist zu arbeiten
beginnen. Aber diese vollkommene Ruhe des Gehirns ist kein Zustand, den man durch
Anstrengung erwerben kann. Er entsteht auf natürliche Weise, mühelos, wenn Sie die
Grundlage geschaffen haben, wenn keine Trennung mehr zwischen dem Denker und dem
Denken besteht.

Das alles ist Teil der Meditation; Meditation kommt nicht erst am Ende. Die Grundlage zu
schaffen, heißt frei zu sein von Furcht, Sorgen, Anstrengung, Neid, Gier, Ehrgeiz — frei von
dem ganzen inneren Gefüge der Gesellschaft. Wenn das Gehirn durch Selbsterkenntnis nicht
mehr wie eine anhäufende Maschine arbeitet, dann ist es ruhig, still, schweigend. In diesen
Zustand des Schweigens müssen Sie kommen, sonst sind Sie kein wirklich religiöser Mensch.
Sie spielen sonst nur mit den Dingen, die gar keine Bedeutung haben. Sie mögen sich Christ,
Hindu, Buddhist nennen oder was Sie wollen — doch sind solche Worte nur das Ergebnis der
Propaganda und haben für einen wahrhaft religiösen Menschen keinen Wert. Aber wenn jener
Zustand des Schweigens da ist, dann tritt das Unermeßliche, Unbenenn-bare ins Dasein. Dann
gibt es weder ein Annehmen noch Ablehnen; es ist auch kein Wesen da, das das Unermeßliche
erfährt. Es gibt keinen Erfahrenden — und das ist das Wunderbarste daran. Es gibt nur diese
ungeheure zeitlose Bewe- gung; und wenn Sie so weit gegangen sind, werden Sie wissen, was
schöpferisches Leben ist.

Vielleicht wünschen Sie einige Fragen zu stellen.


Welches ist der Zweck des menschlischen Lebens auf diesem Planeten?

Ich möchte wissen, warum wir einen Zweck haben müssen. Ist nicht das Leben selbst der
Zweck des Lebens? Aber unser Leben ist so unerquicklich, so armselig, so häßlich, so
mittelmäßig; es ist ein Schlachtfeld, und darum brauchen wir einen höheren Zweck, etwas, für
das wir leben können — ein Ideal, ein Utopia, einen wunderbaren Himmel. Wenn Sie sich
von diesem ganzen Unfug befreien könnten, möchte ich wissen, ob Sie weiterhin nach dem
Zweck des Lebens fragen würden. Ich glaube, Sie würden es nicht tun, weil Sie dann ein
erfülltes, reiches Leben führen würden und nicht ein Leben voller Kummer, Not und
Verwirrung. Weil wir so verwirrt sind, verlangen wir nach Klarheit; doch wir finden nicht
heraus, wie wir uns von dieser Verwirrung befreien können. Wir wünschen etwas Jenseitiges,
und damit sind wir wiederum in dem dualistischen Kampf zwischen! dem, was ist, und sein
sollte, eingefangen.

Ich fürchte, es gibt keinen Zweck des Lebens — das bedeutet nicht, daß Sie das armselige
Leben, das Sie jetzt führen, hinnehmen müssen. Im Gegenteil, Sie müssen hindurchstürmen
und das innere Gesellschaftsgefügte vollkommen zerstören. Dann werden Sie selbst
entdecken, daß das Leben etwas Ungewöhnliches ist.

Sie sagten, daß der Denker und der Gedanke eines sind. Würden Sie so freundlich sein,
darüber ausführlicher zu sprechen?

Was ist Denken? Der Gedanke ist die Antwort der Erinnerung. Ich frage Sie, wo Sie leben,
uns Sie antworten augenblicklich, weil Sie damit vertraut sind. Der Denkprozeß ist hier sehr
kurz, er funktioniert wie ein Computer, ein Elektronengehirn. Aber wenn man eine schwierige
Frage stellt, entsteht ein Zeitintervall, eine Verzögerung zwischen der Frage und der Antwort,
zwischen der Herausforderung und der Reaktion. Während dieser Zeit läuft das Denken
weiter, die Erinnerung beginnt zu arbeiten, sie wendet sich nach innen und schaut nach einer
Antwort aus, und binnen kurzer Zeit kommt die Antwort. Wenn man Ihnen dann eine noch
schwierigere Frage stellt, sagen Sie: „Ich weiß es nicht." Aber wenn Sie das sagen, möchten
Sie in Wirklichkeit wissen, Sie warten darauf, die Antwort zu finden, und schlagen entweder
in einem Lexikon nach, oder Sie fragen jemanden. Dieses "Ich-weiß-nicht" ist nur vorläufig.

Aber es gibt ein "Ich-weiß-nicht", einen Zustand des Nichtwissens, der eine vollkommene
andere Bedeutung hat. Bis jetzt gibt es immer den Denker und den Gedanken. Sie sagen: „Ich
weiß nicht", aber tatsächlich warten Sie darauf zu wissen. Wenn Sie schließlich wissen, wird
dieses Wissen den Kenntnissen hinzugefügt, die Sie bereits angesammelt haben, und wenn die
gleiche Frage das nächste Mal gestellt wird, werden Sie schnell darauf antworten können. So
ist Ihr "Ich-weiß-nicht" in Wirklichkeit ein Prozeß der Anhäufung.

Es gibt im Unterschied dazu noch ein gänzlich anderes "Ich-weiß-nicht", in dem kein Denker
und keine Gedankenanhäufung mehr bestehen. Es ist eine Tatsache: Sie wissen nicht. Für die
meisten Menschen ist dieser Zustand des Nichtwissens ziemlich erschreckend. Wir sagen
niemals wirklich: „Ich weiß nicht." Da ist immer die Eitelkeit des Wissens, das Gefühl der
Überlegenheit und der Minderwertigkeit und so fort. Aber wenn man sagt: „Ich weiß nicht",
ohne irgendein Gefühl dafür, daß man wissen möchte, oder daß man darauf wartet zu wissen,
dann gibt es weder den Denker noch den Gedanken. Es ist ein Zustand vollkommener
Negation. In diesem Zustand kann man auf das Unbewußte, auf den gesamten Inhalt des
Bewußtseins negativ schauen. Dann gibt es keine Bedingtheit mehr, keinen Zwiespalt
zwischen dem Denker und dem Gedanken — und der Geist ist frisch, jung, neu, lebendig.

Wenn man zu der Erkenntnis gelangt, daß die bloße Formulierung von Worten statisch ist,
wie geht es dann weiter?
Sie nehmen also an, daß Sie von der Wortbindung frei sein können. Ist es möglich, die
Begrenzung des Wortes zu sehen und vom Wort frei zu sein? Jede Formulierung ist ein
Prozeß des Denkens. Können wir ohne das Wort, ohne ein Symbol, ohne ein Leitbild denken?
Und wie kann das Wort aufgehoben werden? Die meisten von uns sind in den Worten
verfallen. Sie sind Britisch, und dieses Wort bedeutet Ihnen sehr viel. Wenn Sie sagen, daß Sie
an Gott glauben, glauben Sie an das Wort und nicht an Gott, Sie wissen nichts über Gott, und
wie können Sie an etwas glauben, das Sie nicht kennen? Das bedeutet nicht, daß Sie ein
Atheist sind — das ist ebenso unsinnig.

Die meisten von uns sind einsam, und wir wissen, was dieses Wort bedeutet. Wir wissen —
wenigstens glauben wir zu wissen —, was dieser Zustand der Vereinsamung ist. Verste- hen
wir ihn durch das Wort? Und wenn es das Wort "einsam" nicht gäbe, würden wir, wenn wir
ein bestimmtes Gefühl haben, es als Vereinsamung erkennen? Die meisten von uns sind den
Worten derart verfallen, daß wir unfähig sind, auf die Tatsache zu schauen. Es gibt einen
Zustand der Einsamkeit. Können Sie auf diesen Zustand ohne das Wort schauen? Nehmen wir
etwas, daß Ihnen vertrauter ist. Können Sie auf die Tatsache Ihres Ärgers oder Ihrer
Eifersucht ohne das Wort, ohne das Symbol schauen? Das Wort hat Gedankenverbindungen,
Erinnerungen, es vermittelt ein Wiedererkennen und so weiter. Um auf die Tatsache zu
schauen, muß man vom Wort frei sein. Und wenn man auf die Tatsache ohne das Wort schaut,
ist sie dann noch das, was man darüber gedacht hat?

Die Benennung oder Formulierung ist ein komplizierter Prozeß. Wenn Sie verstehen, daß das
Wort nicht das Ding ist, dann sind Sie — nicht durch das Wort, sondern unmittelbar und
lebendig — mit dem Ding in Kontakt. Und was geschieht dann?

Nehmen Sie die Eifersucht. Sie werden gewahr, daß Sie ein bestimmtes Gefühl erfahren, und
durch das Wort "Eifersucht" erkennen Sie es wieder. Sie haben dasselbe Gefühl bereits früher
gehabt, und die Erinnerung an dieses Gefühl, das Sie "Eifersucht" genannt haben, taucht
jedesmal auf, wenn sich das Gefühl wiederholt, und Sie sagen: „Ich bin eifersüchtig." So
schauen Sie nie auf die Tatsache, sondern erinnern sich nur dessen, was Sie für eine Tatsache
halten.

Was geschieht nun, wenn Sie auf das Gefühl ohne das Wort "Eifersucht" schauen — das heißt
ohne den ganzen Vorgang des Formulierens, des Wiedererkennens, der Assoziation und der
Erinnerung in Gang zu setzen? Wenn Sie ohne das Wort unmittelbar auf das schauen, das Sie
"Eifersucht" genannt haben, ist dann noch Eifersucht da?

Solange Sie nur durch den Prozeß des Wiedererkennens gehen, das heißt auf das Neue mit
Begriffen des Gewesenen schauen, dann ist der Konflikt unvermeidlich, dann gibt es nichts
Neues und keine Erinnerung. Das ist eine psychologische Tatsache. Wenn Sie tief in sich
eindringen, werden Sie alles im Nu verstehen. Sie brauchen dann weder mir noch einem
anderen zuzuhören. Wenn Sie die Last der Worte abwerfen, wenn Sie frei sind von dem
ganzen Überbau der Symbole und Ideen und direkt auf die Sache selbst schauen, vollzieht
sich eine Verjüngung, eine Erneuerung; es geschieht etwas völlig Neues.

Doch müssen Sie sehen, wie schwierig es zum Beispiel für einen Christen ist, das Symbol des
Kreuzes abzuwerfen, oder für Sie, das Wort ''Britisch" beiseite zu tun. Und Sie müssen das
Symbol abwerfen, Sie müssen sich von dem Wort befreien. Sie müssen frei sein von dem
Wort "Gott", um herauszufinden, was wirklich ist.

Man gelangt zu dem Punkt, da man innerlich die Wahrheit dessen, was Sie sagen, klar
erkennt. Aber man muß in der äußeren Welt leben, und die große Schwierigkeit liegt in der
Anwendung der Dinge.

Es gibt keine Anwendung, weil es keinen Widerspruch gibt. Die äußere und die innere Welt
sind nicht voneinander getrennt. Die äußere Welt ist mechanisch, und man muß auf sie das
praktische Denken anwenden. Das Benennen, das den ganzen anhäufenden Prozeß des
Wissens in sich schließt, ist wirklich sehr schädlich. Nicht, daß Sie kein praktisches Wissen
haben dürfen — darüber diskutieren wir nicht. Sie müssen es haben, sonst wüßten Sie nicht,
was in der nächsten Minute zu tun ist. Darin liegt nicht das Problem. Wissen oder Erfahrung
wird zu einem Übel, wenn wir nur aus der Rückerinnerung und mit Begriffen der
Vergangenheit leben. Nur wenn der Prozeß des sich Erinnerns aufhört, beginnt wahre
Betrachtung; und aus dieser Betrachtung entsteht eine Bewegung des Lebens.

Wie kann die Stille des Geistes erhalten bleiben?

Oh, ich fürchte, Sie haben alles verkehrt mitbekommen! Sie lieben den Zustand der Stille, und
darum wünschen Sie, daß er fortdauert. Aber das, was fortdauert, ist keine Stille, es ist Ihre
Erinnerung an das, was gewesen ist. Die Stille oder das Schweigen hat keine Fortdauer. Wenn
Sie je zu diesem Schweigen kommen — und Sie können nicht dahin gelangen, ohne die
rechte Grundlage zu schaffen —, werden Sie niemals diese Frage stellen. In diesem
Schweigen gibt es keine Zeit, keine Fortdauer und kein Gefühl dafür, etwas zu verewigen, das
Sie bereits erfahren haben. Liebe hat keine Fortdauer, nicht wahr? Wenn Sie Fortdauer hat, ist
es nicht mehr Liebe. Oh, Sie sehen nicht die Schönheit darin. — Leider!

Sie sagten, daß das Leben armselig ist. Ist es gut, das zu behaupten?

Ich behaupte es nicht, ich nehme es nicht als selbstverständlich hin, ich sehe es. Ich sehe das
Leid, die Furcht, die Unruhe, die Schuld; ich sehe die Beleidigten, die öffentlichen Häuser,
das Trinken, das Rauchen — nicht, daß diese Dinge richtig oder falsch sind. Ich sehe die
Routine des Lebens, den Gang ins Büro Tag für Tag mit seiner ganzen Langweiligkeit. Wenn
es Ihnen nicht gefällt, es unerquicklich zu nennen, benennen Sie es anders, aber das ist die
Tatsache. Ich gebrauche dieses Wort nur, um zu beschreiben, was vor sich geht. Und sollten
wir intelligenten Menschen uns nicht von all diesem losreißen und es in uns sterben lassen?
Haben Sie jemals versucht, sich von der Gewohnheit des Rauchens loszusagen, es nicht mit
Vernunftgründen zu bekämpfen, nicht ein Ersatzmittel dafür zu finden, nicht das ganze Elend
durchzumachen, indem Sie einer Sache widerstehen, die Ihnen Vergnügen bereitet, sondern
sie einfach abfallen zu lassen?

Wenn wir uns von dem "Ich" leer gemacht haben, was bleibt dann, um den Geist zu füllen?

Wie kann ich Ihnen darauf antworten? Entleeren Sie zunächst den Geist, und dann werden Sie
entdecken. Nicht Sie persönlich — wir alle. Das ist eine allgemeingültige Frage. Wir haben
solche Furcht davor, nichts zu sein. Wir haben solche Furcht vor der Leere, daß wir sie füllen
möchten. Wir fürchten uns vor unserer zermürbenden Einsamkeit, und wir versuchen, von ihr
davonzulaufen. Dieses Davonlaufen erzeugt die Furcht, aber es macht uns aktiv, und indem
wir davonlaufen, glauben wir sehr positiv zu sein. Wenn Sie diese Einsamkeit verstanden
haben, hindurchgegangen und darüber hinausgelangt sind, werden Sie selbst herausfinden,
was da ist, wenn das "Ich"nicht ist. Wie bei jeder anderen Sache müssen Sie mit dem Leersein
beginnen. Die Tasse ist zweckvoll, weil sie leer ist. Aber um diese Leere zu verste- hen, muß
man sozusagen blitzschnell hindurchgehen und die rechte Grundlage schaffen. Dann werden
Sie wissen, und Sie werden niemals einen anderen fragen, was jenseits dieser Leere liegt.

Sicherlich liegt die Bedeutung des Lebens darin, daß die Tasse nützlich sein sollte.
Die Tasse ist nur nützlich, wenn sie leer ist. Sie können Sie dann mit dem füllen, was Sie
mögen. Aber wenn Ihre Tasse bereits voll ist — angefüllt mit Schmerz, Trübsal, Konflikt -,
wozu dient sie dann? Welchen Zweck hat Ihr Leben so, wie es ist? Wettstreit, Kriege,
nationale Konflikte, die Trennung zwischen Ost und West, zwischen dieser Religion und
jener, was für einen Zweck hat das alles?

Sie mißverstehen mich. Als ich sagte, daß die Tasse nützlich sein sollte, meinte ich, daß der
Zweck des Lebens ist, den Willen Gottes zu tun.

Jeder Politiker, jeder Geschäftsmann, jeder General, der den Krieg vorbereitet, spricht über
den Willen Gottes. Auch die Kommunisten sprechen über den Willen Gottes, nur ist es in
ihrem Fall der Wille des Staates. Was ist der Wille Gottes? Sie können es nur herausfinden,
wenn Sie leer sind, wenn Sie nicht suchen, wenn Sie nicht fragen, wenn Sie nicht zu einer
besonderen Gruppe von Menschen gehören, wenn Sie keine Furcht haben, wenn Sie in einem
Zustand vollkommener Unsicherheit sind — was nichts mit Geistesgestörtheit zu tun hat. In
diesem Zustand der Ungewißheit sucht das Denken nicht länger nach einer Wohnstatt, um
darin sicher zu sein. Dann wird das, was Gott oder anders benannt werden mag, vielleicht
wirksam werden.

DISKUSSION
Die richtige Frage zu stellen, ist nicht leicht; aber wenn Sie die richtige Frage stellen und
wissen, wie Sie ihr begegnen müssen, haben Sie bereits die Antwort. Ich glaube, für die
meisten von uns liegt die Schwierigkeit darin, daß wir uns nicht klar darüber sind, was wir zu
fragen wünschen. Wir sind verwirrt, und in unserer Verwirrung tasten wir herum und stellen
einige Fragen in der Hoffnung, Klarheit zu gewinnen. Aber ich glaube nicht, daß ein
verwirrter Mensch Klarheit finden kann. Wenn der Mensch verwirrt ist, kann er nicht zur
Erleuchtung kommen, kann er kein Verständnis erlangen. Was er aber tun kann, ist,
herauszufinden, warum er verwirrt ist, welches die Ursache seiner Verwirrung ist, und damit
sollte er sich ernstlich befassen. Wir müssen mit der Verwirrung beginnen, nicht mit dem
Wunsch, Verständnis oder Klarheit zu erlangen. Wie soll ein verwirrter Geist Klarheit finden?
Was auch immer er entdeckt, es wird weiterhin verworren sein.

Wenn man nur versucht, eine Antwort auf ein Problem zu erhalten, verhindert man damit das
Verständnis für dieses Problem. Wenn ich ein Problem habe, ist meine instinktive Reaktion,
eine Antwort zu finden, mich auf die eine oder andere Art aus dem Problem herauszuwinden;
und im allgemeinen finde ich auch irgendeine Antwort, die mich vorübergehend befriedigt.
Aber das Problem kommt auf andere Art wieder zurück. Wenn ich nun, anstatt eine Antwort
zu suchen, das Problem selbst zu verstehen und zu entwirren beginne, ist in diesem Prozeß die
Antwort enthalten. Ich brauche nicht mehr nach einer Antwort außerhalb des Problems zu
suchen.

Das vor Augen, lassen Sie uns fortfahren.

Verstehe ich Sie richtig, wenn ich sage, daß Aufmerksamkeit (attention) der Zeit angehört und
Bewußtsein (aware-ness) der Ewigkeit? Und daß, wenn wir die Grundlage für die
Aufmerksamkeit in der Zeit legen, wir einen Schimmer von einer Bewußtheit empfangen
werden, die zeitlos ist?

Darf ich zunächst darauf hinweisen, daß Sie nicht hier sind, um nur zu verstehen, worüber ich
spreche. Sie versuchen, sich selbst zu verstehen und nicht das, was ich Ihnen sage. Wir
versuchen uns zu sehen, wie wir sind, uns selbst zu erkennen, und wenn möglich, ganz. Wir
versuchen, dieses ungewöhnlich komplexe Wesen zu verstehen, das jeder von uns darstellt,
mit seinen feinen Veränderungen, Konflikten, Nöten und Zwangshandlungen.

Ich habe gesagt, daß ein gewisses Gewahrsein notwendig ist, um sich selbst vollkommen zu
verstehen, sich selbst so zu sehen, wie man ist. Und wir können nicht derart bewußt sein,
wenn wir verurteilen oder rechtfertigen, was wir in uns sehen. Das ist bestimmt ziemlich
einfach. Wenn ich mich selbst verurteile, gibt es kein Verständnis. Dann bin ich mir der
tieferen Bedeutung dessen, was ich sehe, nicht bewußt; ich mißbillige es einfach. Wenn ich
jemanden verurteile oder ihn mit einem anderen vergleiche, verstehe ich diesen Menschen
nicht. Um uns selbst zu verstehen — wie edel oder unedel, wie feinfühlig oder gefühllos wir
auch sein mögen —, ist Bewußtheit erforderlich. In diesem Gewahrsein gibt es keine
Rechtfertigung, keine Verurteilung, keinen Vergleich. Rechtfertigung, Verurteilung und
Vergleich liegen im Bereich der Zeit; sie werden von unserer Voreingenommenheit diktiert.
Wir schauen auf die Dinge als Engländer, als Inder, als Christen oder als Kommunisten.
Unsere Betrachtung und unser Denken sind durch unsere besonderen Kultur-, Erziehungs-
und Umwelteinflüsse bedingt; und wenn wir dieser Bedingtheit nicht gewahr sind, können wir
nicht sehen, was ist, können wir nicht die Tatsache sehen. Das ist an sich ziemlich einfach;
das brauchen Sie nicht von mir zu lernen. Um das ungewöhnlich verwickelte Wesen, das Sie
darstellen, zu sehen und zu verstehen, müssen Sie auf sich ohne diesen Hintergrund schauen,
von dem aus Sie verurteilen, rechtfertigen und vergleichen. Und wenn Sie ohne diesen
Hintergrund auf sich schauen, werden Sie sich voll und ganz sehen.

Ich halte es für wichtig, diese Bewußtheit zu verstehen und daraus nicht etwas besonders
Geheimnisvolles zu machen. Es gibt im Hinblick auf das Gewahrsein überhaupt kein
Geheimnis. Es ist unendlich praktisch und auf das Alltagsleben anwendbar. Wenn man merkt,
daß man vergleicht, urteilt, wertet, wenn man seiner eigenen Neigungen und Abneigungen
und seiner Widersprüche gewahr ist, ohne zu verurteilen, ohne zu versuchen, aus diesen
Widersprüchen herauszukommen — wenn man all dessen einfach als einer Tatsache bewußt
ist, was geschieht dann? Was geschieht, wenn ich die Tatsache sehe, daß ich ein Lügner bin,
wenn ich mir dessen bewußt bin, ohne es zu verurteilen, ohne zu sagen, wie schrecklich das
ist, wie böse, wie unredlich und was für Unsinn es da noch geben mag? Wenn Sie einfach der
Tatsache gewahr sind, daß Sie lügen — was geschieht dann? Bitte Sie lernen von mir nichts.
Ich lehne es ab, Ihr Lehrer zu sein, ich lehne es ab, daß man mir nachfolgt. Das ist
verderblich, es ist ein Hindernis, es zerstört alle Ihre Fähigkeiten, selbst herauszufinden. Aber
wenn Sie beobachten, werden Sie sehen, daß Sie im einfachen Gewahrsein der Tatsache ohne
eine Meinung über sie sind. Sie schauen neuen Geistes darauf, ohne all die Erinnerungen und
Gedankenverbindungen, die damit verbunden sind.

Ich hoffe, ich mache das verständlich.

Die Schwierigkeit liegt darin, daß Sie niemals direkt auf die Tatsache schauen, sondern nur
auf die Werte und Meinungen, die mit der Tatsache verbunden sind; und das verhindert Sie,
die Tatsache zu sehen.

Was geschieht nun, wenn ich sehe, daß ich lüge oder daß ich ehrgeizig bin, daß ich neidisch
oder daß ich gierig bin? Wenn ich darauf ohne eine Meinung, ohne die damit verbundenen
Erinnerungen schaue, dann gibt es für mich kein Hindernis mehr, die Tatsache als solche
wahrzunehmen. Ich kann dann hinsehen ohne jede Ablenkung oder Verzerrung; und dann
entsteht daraus Energie, so daß ich mich mit der Tatsache auseinandersetzen kann. Ich kann
herausfinden, warum ich lüge und was dagegen zu tun ist. Verstehen Sie das? Wenn ich
hinsichtlich der Tatsache ohne Meinung, Urteil oder Wertung bin, dann erzeugt die Tatsache
selbst die Energie, mit der ich ihr entgegentreten kann.
All das ist Teil des Gewahrseins, es ist Teil der Zeit. Bitte, grübeln Sie nicht über das Zeitlose
nach. Um zu entdecken, was jenseits der Zeit liegt, dürfen Sie sich nichts darüber
zusammenreimen — noch können Sie es von mir erfahren. Um es herauszufinden, müssen Sie
hart arbeiten. Gewahrsein bedeutet, daß Sie sich Ihrer Reaktionen völlig bewußt sind, wenn
Sie einer Tatsache gegenüberstehen. Es bedeutet, daß Sie bei jeder Herausforderung Ihre
Reaktionen beobachten — nicht bei besonders heftigen, sondern bei den alltäglichen, den
kleinen Herausforderungen, die sich ereignen, wenn Sie in einem Bus fahren, wenn Sie mit
Ihrem Chef sprechen und so fort. Sie müssen nicht nur Ihrer bewußten, anerzogenen,
zeitbedingten Reaktionen gewahr sein, sondern auch der unbewußten Motive, Triebe und
Impulse; denn beide, das Bewußte wie das Unbewußte sind bedingt und Hegen daher
innerhalb der Zeit. Das Unbewußte ist die Vergangenheit, ist die angehäufte rassische
Erbschaft und alles dessen muß man gewahr sein.

Um nun dieses ganzen Prozesses, des unbewußten wie des bewußten, unterschiedslos gewahr
zu sein, bedarf es eines negativen geistigen Verhaltens. Und ich denke, es ist mittlerweise
deutlich geworden, was ich unter einer negativen Einstellung des Geistes verstehe. Das
positive Verhalten ist der Zustand, in dem man verdammt, verurteilt, bewertet, billigt,
verneint, zustimmt oder ablehnt; es ist das Ergebnis Ihrer besonderen Voreingenommenheit.
Aber die negative Betrachtungsweise ist nicht das Gegenteil der positiven.

Wenn Sie verstehen wollen, was der Sprecher sagt, müssen Sie auf eine negative Weise
zuhören! Das bedeutet, daß Sie das, was gesagt wird, weder aufnehmen noch verwerfen, noch
es mit dem vergleichen, was in der Bibel steht oder was Ihr Analytiker sagt. Sie hören einfach
zu. In diesem Zustand negativen Zuhörens sind Sie sich Ihrer eigenen Reaktionen bewußt,
ohne über sie zu urteilen. Damit beginnen Sie, sich selbst zu verstehen und nicht nur das, was
der Sprecher sagt. Was der Sprecher sagt, ist nur ein Spiegel, in dem Sie sich selbst
anschauen. Dieses Gewahrsein schließt die Aufmerksamkeit ein, und bei einer solchen
Achtsamkeit bedarf es keiner Anstrengung, um sich zu konzentrieren. In dem Augenblick, da
Sie sagen: „Ich muß mich konzentrieren", haben Sie Konflikt erzeugt, weil solche
Konzentration einen Widerspruch in sich schließt. Sie wünschen sich auf etwas zu
konzentrieren, aber Ihre Gedanken schweifen ab, also versuchen Sie, die Gedanken
zurückzuholen und halten damit diesen Kampf weiterhin in Gang. Solange dieser Kampf
weitergeht, hören Sie nicht zu. Wenn Sie da etwas tiefer eindringen, werden Sie bald finden,
daß das, was gesagt wird, der Wirklichkeit entspricht und nicht etwas ist, das Sie übernehmen,
weil Sie einen anderen darüber haben reden hören.

Gewahrsein ist also ein Zustand unterschiedsloser Bewußtheit. Und ohne dieses Gewahrsein,
diese Achtsamkeit, die die Dinge nicht mehr wertend unterscheidet, hat es keinen Sinn, über
das Jenseitige, das Zeitlose zu sprechen. Das ist bloße Spekulation. Es ist so, als ob Sie am
Fuße eines Berges sitzen und jemanden fragen, was auf der anderen Seite liegt. Um das
herauszufinden, müssen Sie den Berg ersteigen. Aber niemand wünscht den Berg
hinaufzuklettern, zumindest möchten es nur wenige. Die meisten von uns sind mit
Erklärungen, mit Vorstellungen, mit Ideen, mit Symbolen zufrieden. Uns genügt es, dem Wort
nach zu verstehen, was Achtsamkeit, was Gewahrsein ist.

Sich selbst zu verstehen, ist eine recht mühevolle Aufgabe. Ich gebrauche das Wort
"mühevoll" nicht im Sinne eines Konfliktes oder einer Anstrengung, um etwas zu erreichen.
Man muß daran wahrhaft interessiert sein. Wenn Sie es nicht sind, ist es damit erledigt, und
Sie brauchen sich nicht weiter darum zu kümmern. Aber wenn Sie interessiert sind, wird es
nicht leicht für Sie sein, im Verstehen Ihrer selbst bis zum Letzten durchzuhalten. Alle
menschlichen Probleme kommen aus diesem ungewöhnlich komplizierten, lebendigen
Zentrum, welches das "Ich" ist, und ein Mensch, der die verborgenen Wege dieses "Ich"
entdecken möchte, muß negativ gewahr sein, er muß alles ohne Unterscheidung betrachten.
Jede Anstrengung, um wahrzunehmen, jeder Zwang entstellt das, was gesehen wird, und dann
gibt es überhaupt keine Wahrnehmung.

Was verstehen Sie darunter, wenn Sie sagen, daß man alle Erinnerungen zerschlagen muß,
um sich vom Leid zu befreien? Ich habe kürzlich meine Frau verloren. Als sie starb, sagte sie:
„Der Tod ist der Funke des Lebens." Wie kann ich das jemals vergessen?

Ich hoffe, daß wir darauf sachlich und nicht persönlich schauen können.

Wir haben alle den Tod in der Familie erlebt oder ihn auf der Straße vorübergehen sehen. Hier
wird der tote Körper in einen Sarg gelegt und mit Blumen bedeckt; er wird in einem
Leichenwagen auf den Friedhof gebracht, gefolgt von Rolls-Royce-Wagen. Im Osten wird der
nackte Körper mit einem Tuch bedeckt, auf den nächstgelegenen Platz getragen und dort
verbrannt. Wie soll man nun diesem ungewöhnlichen Ereignis, das Tod genannt wird, ohne
Leid begegnen? Das ist der erste Punkt. Wie kann man den Tod verstehen? Wir alle werden
alt, und der Tod wird uns allen widerfahren. Wie soll ich ihm begegnen? Ich habe ihn
gesehen, es geschah in meiner Familie, doch weiß ich nichts über ihn. Mein Sohn ist tot, und
ich bin in Tränen aufgelöst; ich fühle mich einsam und elend. Da ich unglücklich bin, laufe
ich davon, ich möchte getröstet werden. In diesem Wunsch nach Trost findet der Geist einen
bequemen Ausweg: Er glaubt an das Leben nach dem Tode, an die Wiedergeburt, an eine
Auferstehung. Das alles ist Flucht vor der Tatsache des Todes.

Der Tod scheint das absolute Ende all dessen zu sein, das man gekannt hat, das Ende aller
Gespräche, Erfahrungen, Beziehungen, die man gehabt hat, der Freuden und Erinnerungen,
die man aufgespeichert hat; und da sind die letzten Worte, der Verlust der Gemeinschaft, der
tiefe Schmerz der Einsamkeit und Trennung.

All das bedeutet Leid. Wie kann ich nun den Tod verstehen, während ich lebe? Das kann nicht
im letzten Augenblick gelingen, weil ich da zu schwach bin, zu krank, zu verwirrt, weil ich zu
große Angst vor dem Tode habe. Ich muß den Tod verstehen, solange ich Lebenskraft,
Energie und die Fähigkeit habe, klar zu denken. Ist es nicht so?

Was für Gedanken soll ich über den Tod haben? Wie kann ich ihm nahekommen? Der Tod ist
das Unbekannte. Obgleich in der Literatur viel darüber geschrieben worden ist und viele
Leute gesagt haben, daß es ein Leben nach dem Tode gibt — daß sie Beweise dafür haben
und davon überzeugt sind —, ist der Tod noch immer das Unbekannte. Wie soll ich mich nun
ihm gegenüber verhalten? Was soll ich über ihn denken? Ich mag ein Gefühl dafür haben, wie
der Tod ist, aber solche Gefühle können sehr trügerisch sein. Wenn ich über das Leben nach
dem Tode eine sogenannte Intuition habe — und viele Leute behaupten das von sich —, mag
das, was ich "Intuition" nenne, nur mein Wunsch nach Trost oder mein Verlangen nach
Fortdauer sein. Es gibt also die Tatsache des Todes; und wie stelle ich mich darauf ein? Ich
suche nach einer Antwort, einer Erklärung, oder ich versuche ihn zu vergessen oder klammere
mich an die Erinnerung der letzten Worte meines Freundes, der dahingegangen ist, an die
Erinnerung all dessen, was wir einst gemeinsam taten. Der Tod ist eine Herausforderung, und
ich antworte darauf mit Gedanken an Erinnerung; oder mein Wunsch nach Trost läßt mich an
die Wiedergeburt, an dieses oder jenes glauben. Wir diskutieren nicht darüber, ob es eine
Widergeburt gibt oder nicht. Wir schauen auf die Tatsache des Todes und wie wir uns darauf
einstellen. Unsere Einstellung darauf ist wichtig, nicht, ob es eine Wiedergeburt, ob es eine
Fortdauer nach dem Tode gibt. Wenn ich auf den Tod schaue, denke ich über ihn nach, und
mein Denken ist das Ergebnis meiner Ängste, meiner Erinnerungen, meiner Hoffnungen,
meiner Verzweiflung, meiner Einsamkeit. Das ist der Hintergrund meiner Gedanken. Kann
ich mich nun, wenn ich auf die Tatsache schaue, von diesem Hintergrund lossagen? Verstehen
Sie, was ich meine? Zweifellos muß ich mich von meiner Furcht, Hoffnung, Verzweiflung
und Erinnerung loslösen, um die Tatsache zu verstehen, um mit ihr zu leben; dann schenkt sie
mir die Intensität, Vitalität und Energie, in sie einzudringen. Ich muß der Tatsache des Todes
ohne Furcht gewahr sein, ohne zu sagen: „Ich kann sie nicht vergessen, ich kann ihn nicht
vergessen; wie treulos wäre das!" Ich muß frei sein von der Fotografie, dem Bild, dem Götzen
auf dem Kaminsims oder in meinem Geist. Ich muß frei sein von allem, was ich erfahren
habe, um etwas zu verstehen, dem mit den bisherigen Erfahrungen nicht beizukommen ist. Ist
es nicht so?

Wir fürchten uns nicht vor dem Unbekannten, sondern vor dem Verlust oder der Preisgabe des
Bekannten. Wenn mein Bruder stirbt, bin ich dann wirklich so sehr um meinen Bru- der
bekümmert? Oder bin ich mit meiner Einsamkeit, meiner inneren Leerheit beschäftigt, mit
meiner Angst, in dieser schrecklichen, isolierten Welt allein leben zu müssen? Ist es nicht das,
was mich so verstört, und nicht das Unbekannte? Das kommt viel später. Kann ich nun das
Bekannte aufgeben, die Erinnerung an die Freude, die Erinnerung an alles, was wir
zusammen taten — mich mühelos, ohne Anstrengung davon lossagen? Kann ich das alles
einfach fallenlassen, ohne jeden Zwang, ohne irgendein Verlangen, ohne Motiv? Denn wenn
ich einen Beweggrund dafür habe, bin ich noch im Bereich des Bekannten.

Wenn Sie sich von dem Bekannten lossagen, von dem Bild Ihrer Frau, Ihres Mannes, Ihres
Sohnes, von den Erinnerungen an alles, was Sie gemeinsam getan haben, was bleibt dann
noch? Nichts ist Ihnen verblieben, nicht wahr? Und das bewußte oder unbewußte Wissen
dieser Tatsache macht Sie furchtsam. Mit nichts zurückzubleiben ist unsagbar schwer zu
ertragen, und die meisten Menschen möchten das nicht durchmachen; aber das ist der Tod.
Sehr wenige kön-' nen diesen Zustand ertragen, weil das Gemüt durch Angst und Unruhe so
eingeschüchtert und beherrscht ist. Aber wenn man so weit gekommen ist, dann ist das
Unbekannte da, eine Bewegung, die über jede zeitliche Begrenzung, über das Denken und
jede menschliche Vorstellungskraft hinausgeht. Es ist sehr schwer, diesen Zustand zu
beschreiben. Wenn Sie dahin gelangen, werden Sie selbst entdecken, daß Sie von Augenblick
zu Augenblick leben, ohne den Augenblick mit seinen Illusionen, Freuden und seiner
Verzweiflung anzunehmen — Sie leben, ohne um den nächsten Augenblick zu wissen und
daher in einem wunderbaren Gefühl des Unermeßlichen.

Warum ist es so schwer, ohne Daseinshunger zu leben? Sie würden diese Frage nicht stellen,
wenn Sie dem zugehört hätten, was vorher gesagt wurde. Wir tun das ständig: Jemand stellt
eine Frage, und wir sind durch unsere eigenen Probleme so in Anspruch genommen, daß wir
nicht zuhören. Wenn Sie der Betrachtung über den Tod zugehört hätten, würden sie sich diese
Frage selbst beantwortet haben.

Die Frage lautet: Warum ist es so schwer, ohne den Durst nach Sein oder Werden zu leben?

Wir kennen das Verlangen nach öffentlicher Anerkennung oder Ruhm, den Drang, in dieser
oder in der sogenannten spirituellen Welt etwas darzustellen, die Begierde des zwanghaften
Essens, der zwanghaften Sexualität und so fort. Und haben Sie jemals versucht, etwas von
diesen Begierden aufzugeben? Haben Sie jemals versucht, etwas aufzugeben, das Ihnen
Vergnügen bereitet oder das zu einer Gewohnheit geworden ist — es einfach fallenzulassen?
So viele von Ihnen rauchen. Es ist eine allgemeine Gewohnheit. Haben Sie jemals versucht,
mit dieser Gewohnheit aufzuhören, sich ohne Anstrenung, ohne Zwang einfach von ihr
loszusagen, ohne den Kampf, der beginnt, wenn wir sagen: „Ich darf nicht"? Wie begegnen
Sie dieser Gewohnheit — wenn Sie es überhaupt tun?

Ich rauche nicht, aber ich sehe viele Menschen, die es tun, für die es zu einer fesselnden
Gewohnheit geworden ist. Wenn sie es nicht aufzugeben wünschen, dann ist alles in Ordnung:
dann gibt es kein Problem. Aber wenn ich eine Gewohnheit aufgeben möchte, die seit Jahren
besteht, was soll ich tun? Kann ich sie ohne Anstrengung auflösen, sie einfach von mir
abfallen lassen? Wenn ich mich anstrenge, um einer Gewohnheit zu widerstehen, wissen Sie
aus Erfahrung, was sich dann ereignet: Es beginnt ein ständiger Kampf mit dieser
Gewohnheit. Eines Tages gebe ich sie auf, am nächsten Tag bin ich ihr wieder verfallen, und
dieses Spiel setze ich jahrelang fort.

Ich muß also zunächst die Nutzlosigkeit des Widerstandes oder der Anstrengung einsehen,
wenn es darum geht, eine Gewohnheit aufzuheben. Wenn das klar ist, was geschieht dann?
Ich bin mir der Gewohnheit voll bewußt. Wenn ich rauche, beobachte ich mich dabei. Ich bin
gewahr, wie ich meine Hand in die Tasche stecke, die Zigaretten heraushole, wie ich eine aus
der Packung herausziehe, sie leicht mit meinem Daumennagel oder auf einen anderen harten
Gegenstand klopfe, sie in den Mund stecke, sie anzünde, das Streichholz ausblase und Rauch
ausstoße. Ich bin jeder Bewegung gewahr, jeder Geste, ohne die Gewohnheit zu verurteilen
oder zu rechtfertigen, ohne zu sagen, sie sei richtig oder falsch, ohne zu denken: ,,Wie
schrecklich, ich muß davon frei sein" und so fort. Aufmerksam beobachte ich den ganzen
Vorgang des Rauchens. Versuchen Sie es das nächste Mal — das heißt, wenn Sie die
Gewohnheit zu brechen wünschen.

Wenn Sie eine Gewohnheit verstehen und sie aufgeben — und sei es die oberflächlichste —,
können Sie in das gewaltige Problem der Gewohnheit eindringen: in die Gewohnheit des
Denkens, des Fühlens, der Nachahmung — und in das Verlangen, etwas zu sein, denn auch
das ist eine Gewohnheit; dann wird das Kämpfen zu einer anderen Gewohnheit. Die meisten
von uns bleiben darin hängen, weil uns nur der Widerstand bekannt ist, der zu einer
Gewohnheit geworden ist. Unser ganzes Denken ist gewohnheitsbedingt; aber eine
Gewohnheit zu verstehen, heißt das Tor zu öffnen zum Verständnis für den ganzen
Gewohnheitsablauf. Sie finden her- aus, wo Gewohnheit notwendig ist, zum Beispiel bei der
Sprache, und wo sie schädlich ist.

Das Leben der meisten besteht aus einer Reihe von Gewohnheiten. In der Unruhe, der Angst,
der schecklichen Qual unseres Daseins suchen wir dadurch Trost, daß wir uns Gott zuwenden
— und auch daraus wird eine Gewohnheit. Wir haben Gewohnheiten im Essen, Denken und
Empfinden, und wir sagen: „Wenn ich nicht gewohnheitsmäßig lebe und wirke, was soll ich
tun, wie soll ich leben?" — was in Wirklichkeit die Furcht vor der Ungewißheit ist. Die
meisten von uns wissen nicht, was es bedeutet, in einem Zustand der Ungewißheit zu leben,
ohne verrückt zu werden. Wenn wir uns sehr unsicher fühlen, werden wir neurotisch, und das
ist nur eine Reaktion, die aus dem Wunsch nach Sicherheit entstanden ist. Das Denken ist
immer gewohnheitsmäßig abgelaufen und fürchtet sich davor, ungewiß und ungesichert zu
sein. In der Ungewißheit zu leben, ist ein gesunder und kein neurotischer Zustand; aber wir
wissen nicht, was das bedeutet.

Um das Verlangen nach Sein oder Werden zu verstehen, müssen Sie sich mit dem ganzen
Prozeß der Gewohnheit beschäftigen und ihn verstehen.

Da wir älter werden, scheint sich der Geist schichtweise zu verhärten. Ist dieser Prozeß
natürlich und unvermeidlich?

Wenn wir älter werden, werden wir starrer, weniger elastisch. Das ist eine Tatsache, die wir
leicht beobachten können. Wenn wir vernünftig essen, bestimmte Übungen machen und so
fort, können wir den Körper selbstverständlich ziemlich geschmeidig erhalten; aber darin liegt
nicht das ganze Problem. Wie kann man sich innerlich jung, beweglich, lebendig erhalten,
ohne geistig langsam zu erstarren und in festgelegten Formen zu leben und zu wirken? Das ist
das eigentliche Problem
Es gehört zu den größten Schwierigkeiten, von einer Idee frei zu sein. Nehmen Sie die Idee
Gott. Die sogenannten religiösen Menschen sind durch diese Idee schwer belastet. Es ist
dieser Begriff, der ihr Leben mitgeformt hat und in dem sie allmählich erstarrt sind. Der
Christ glaubt an den Erlöser, an Jesus und sein Kreuz. Das ist das Ergebnis einer
zweitausendjährigen Beeinflussung. Es ist Gewohnheit, die sie glauben oder nicht glauben
läßt, daß es nur einen Erlöser gibt. Bestimmte Ideen sind jedem von uns von Kindheit an
eingehämmert worden, und die meisten von uns leben mit ihnen weiter. Sie mögen ein Atheist
werden, aber Ihr Geist bleibt weiter an eine Idee, einen Glauben gefesselt. Es gibt die Idee des
Nationalismus, die Vorstellung von Recht und Unrecht — wir diskutieren nicht darüber, ob es
Recht oder Unrecht gibt, darum geht es jetzt nicht. Wir prüfen die Idee, den Glauben und wie
sie uns binden. Solange man in bestimmten gedanklichen Vorstellungen, in festgelegten
Denk-und Gefühlsrichtungen lebt, muß der Geist starr und hart werden.

Nehmen wir die menschlichen Beziehungen zu unserem Mann, unserer Frau, dem Sohn, der
Mutter, dem Vater und so fort. Eine der größten Schwierigkeiten in unseren Beziehungen liegt
darin, dieser Beziehungen niemals sicher zu sein. In dem Augenblick, da Sie einen Mann
haben, eine Frau, ein Kind, gehört dieses Wesen Ihnen. Sie haben das Musterbeispiel für den
Besitz geschaffen. Und dieser Besitz — in dem es Eifersucht, Unruhe, Furcht gibt, wird Liebe
ge- nannt; es wird zu einer erbarmungslosen und konventionellen Angelegenheit, zur
Gesellschaftsmoral.

Wie Sie sehen, ist unser ganzes Handeln, Denken und Leben genormt, und selbstverständlich
verhärtet unser Geist langsam, und auch der Zwiespalt in uns trägt das Seine zu diesem
Prozeß bei. In sich selbst dieser Dinge gewahr zu sein, heißt einen Geist zu haben, der weder
starr noch beweglich ist — es ist etwas gänzlich anderes. Aber um diesen Zustand zu
erfahren, muß man die Gewohnheit verstehen und von ihr frei sein.

Tugend kann nicht geübt werden. Tugend, die aus einer ständigen Übung entsteht, ist keine
Tugend. Demut übt keine Demut. Liebe sagt nicht: „Ich muß lieben." In dem Augenblick, da
man gewahr ist, daß man tugendhaft ist, wird die Tugend zerstört. Tugend entsteht ohne
Disziplin, ohne Anstrengung, ohne Nachahmung, ohne Übung, wenn wir nichts mehr
ansammeln, sondern nur noch lernen.

Wäre es nicht wertvoll, mit vollem Bewußtsein die geschichtliche Vergangenheit zu


untersuchen?

Ich möchte wissen, was wir mit dem Wort "wertvoll" meinen. Es ist wie das Wort "nützlich".
Die meisten von uns wünschen nützlich zu sein, Gott weiß warum. Wir möchten Wertvolles
leisten, wir wünschen der Vergangenheit Wertvolles abzugewinnen. Ich glaube, es ist ziemlich
einfach, sich über die geschichtliche Vergangenheit zu informieren. Sie können
Geschichtsbücher lesen. Aber ich spreche nicht über Geschichtsbücher. Ich spreche über die
Vergangenheit, die in Ihnen und mir lebt. Sie und ich sind der Bodensatz aller menschlichen
Wesen, mögen sie im Osten oder im Westen leben. Das "Ich" ist das psychologische
Endergebnis des geschichtlichen Ablaufs. Und wenn Sie das "Ich" prüfen, wenn Sie seiner
gewahr sind — was entdecken Sie dann? Sie finden nicht Gott, Sie finden nicht die Seele, Sie
finden nicht das Ewige und all das. Was Sie finden, sind unzählige Erinnerungen. Wir sind
erzogen zu glauben, daß wir eine Seele haben, daß in uns Gott ist oder daß es keinen Gott gibt
und wir für den Staat da sind. Es ist uns eingehämmert worden, daß wir das Rechte tun
müssen, daß wir tüchtig, daß wir gut sein müssen, daß wir dieses und nicht jenes sein müssen.
Um herauszufinden, ob es einen Gott gibt, müssen Sie diese schrecklichen Konventionen
zerstören, müssen Sie die Charakterzüge abstreifen, die Sie aufgebaut haben, um ein Muster
der Tugend zu sein, um in der Gesellschaftsmoral etwas darzustellen — Sie müssen das alles
vollkommen zerbrechen. Das ist die einzige wirkliche Revolution. Die Krisis liegt nicht auf
der wirtschaftlichen oder sozialen Ebene, sondern auf der seelischen. Es ist eine Krisis im
Bewußtsein; hier müssen wir der Herausforderung begegnen! Und wenn Sie in das ganze
innere Gesellschaftsgefüge eingedrungen sind, das das "Ich" ist, wenn Sie es beobachtet,
verstanden und zerbrochen haben, bleibt Ihnen nichts zurück; Sie sind einsam, vollkommen
alleinstehend.

Welche Beziehung hat die Wahrheit, die Liebe oder das Unbegreifbare zu dieser Welt der
Eifersucht, des Neides, der flüchtigen Freuden, des Glaubens, der Dogmen, der Leidenschaft?
Ich gebrauche nicht gerne das Wort "Leidenschaft". Leidenschaft ist etwas Wunderbares, sie
ist etwas Gutes. Ich meine nicht die Leidenschaft des Ehrgeizes, der Lust oder ähnliches. Die
Leidenschaft, über die ich spreche, ist etwas gänzlich anderes. Aber welchen Zusammenhang
hat dieses Unermeßliche — wenn es wirklich etwas derartiges gibt — mit unserer
Nichtigkeit? Gar keine! Aber wir wünschen immer, eine Beziehung zwischen den bekannten
Begriffen und etwas Unbegreiflichem herzustellen.

Nach der Wahrheit kann nicht gesucht werden. Da gibt es kein Suchen. Wie kann ein
kleinlicher Geist die Wahrheit suchen? Ein Geist, der ehrgeizig, neidisch und im Inneren
verwirrt ist, mag über die Wahrheit Vermutungen anstellen oder Erklärungen abgeben; aber
was er auch sagt, wird weiterhin unbedeutend, nichtssagend und beschränkt sein. Wichtig ist,
nicht die Wahrheit zu suchen, sondern frei zu sein von der kleinlichen Beschränktheit, denn
dann lassen Sie das Fenster offen, Sie schaffen einen Raum, in den das Unermeßliche, wenn
es so etwas gibt, eindringen kann.

DER RELIGIÖSE MENSCH


Es wäre schade, wenn wir nach diesen Reden nur mit Ideen, Begriffen oder Überzeugungen
auseinandergingen, weil diese, wie ich betont habe, den menschlichen Geist nicht
grundlegend verwandeln. Obgleich sich die Welt politisch, wirtschaftlich, sozial und in den
Handelsbeziehungen sehr schnell ändert, ist das Tempo dieser Veränderungen auffallender als
die Änderungen selbst. Was wir brauchen, ist eine gewaltige innere Revolution; aber
offensichtlich können wir mit den schnellen äußeren Veränderungen innerlich nicht Schritt
halten. Als Einzelwesen bleiben wir durch Konflikte gefesselt, wie es seit Jahrhunderten der
Fall gewesen ist.

Um zu entdecken, was wahr ist, müssen alle Überzeugungen, muß alles Vergleichen und
Verurteilen beiseite getan werden. Den meisten von uns fällt das sehr schwer, weil wir so
erzogen wurden, daß wir gar nicht anders können, als zu verurteilen oder zu rechtfertigen.
Wenn wir ein Problem haben, versuchen wir eine Lösung zu finden, anstatt das Problem zu
verstehen; und die Antwort liegt im Problem, nicht abseits davon. Für die meisten von uns ist
Verwandlung nur eine Änderung der äußeren Form. Wenn Sie aufmerksam hinschauen,
werden Sie sehen, daß eine äußere Änderung überhaupt keine Verwandlung ist. Jede
Verwandlung innerhalb der Zeit bleibt auf der gleichen Ebene und läßt das Alte in
abgewandelter Form weiterbestehen. Ich spreche nicht über eine Änderung der äußeren Form,
sondern über eine tiefgehende innere Revolution — und das bedeutet, sich gänzlich von dem
inneren Gefüge der Gesellschaft loszureißen. Eine Verwandlung innerhalb der
gesellschaftlichen Lebensauffassung ist eine Bewegung, die vom Bekannten zum Bekannten
führt. Ich bin dieses, und ich wünsche etwas anderes zu werden, was meinem Wunschbild
entspricht; also strenge ich mich an, um mich zu verwandeln. Aber das Wunschbild ist eine
Projektion des Bekannten, und das Trachten nach dem Ideal hat nichts mit Verwandlung zu
tun.

Revolution bedeutet ein umfassendes Gewahrsein des gesamten inneren "Ich"-Gefüges, des
bewußten wie des unbewußten, und ein völliges Freisein von dieser Struktur ohne den
Gedanken, etwas anderes werden zu wollen. Ob wir dessen bewußt sind oder nicht. Die
meisten von uns denken und handeln nach einem Vorbild und leben entsprechend. Wenn wir
versuchen, unser Leben zu verwandeln, übernehmen wir bewußt oder unbewußt eine
bestimmte Lebensart und glauben, uns verwandelt zu haben. Aber in Wirklichkeit hat sich gar
nichts verändert.

Wie ich sagte, ist jede innere Verwandlung ohne Verständnis des Unbewußten nur Anpassung
an eine Norm, die aus dem Unbewußten wirksam wurde. Die gegenwärtige Krise — nicht nur
die äußere, sondern auch die Krise im Bewußtsein — erfordert eine Revolution. Ich spreche
nicht von einer sozialen oder wirtschaftlichen Revolution, die nur die Oberfläche berührt,
sondern von einer Revolution im Unbewußten — von einem vollkommenen Durchbruch
durch das innere Gesellschaftsgefüge, von einer völligen Preisgabe des Ehrgeizes, des Neides,
der Gier, des Wunsches nach Macht, nach Stand und Ansehen und so fort. Das ist die einzige
Re- volution, weil ohne sie nichts Neues sein kann. Ohne eine solche Revolution schwelgen
wir nur in Wunschbildern und Begriffen; das Leid aber bleibt. Ein Aufhören des Leidens ist
nur durch diese totale Revolution möglich.

Es handelt sich also darum, wie diese innere Verwandlung, diese radikale Revolution
herbeigeführt werden kann. Wenn wir eine vorsätzliche, bewußte Anstrengung machen, um
uns zu verwandeln, erzeugen wir Zwiespalt und Kampf; und eine Verwandlung, die daraus
geboren wird, führt nur zu weiterem Elend.

Ist es nun möglich, eine Revolution im Innersten ohne bewußte Anstrengung


hervorzubringen? Ich habe sorgfältig klar gemacht, daß das Unbewußte die Speicherstätte der
Vergangenheit ist. Im Unterbewußten sind nicht nur die Erfahrungen des Einzelnen, sondern
auch die der Rasse bewahrt. Es ist das Lagerhaus des gesamten menschlichen Strebens und
Suchens seit unendlichen Zeiten: seines Su-chens nach Gott, seiner Verneinung Gottes, seiner
Anbetung des Staates, seiner Identifizierung mit der Nation, mit einer Idee und so fort. Die
Gesamtheit all dieser Dinge ist die Vergangenheit, ist der unbewußte Hintergrund eines jeden
von uns, von dem aus wir reagieren. Wir mögen das Unbewußte durch Untersuchung und
Analyse zu verstehen versuchen, aber das wird gewiß keine Revolution hervorbringen. Sie
können modifizieren und reformieren, aber Ihre Reform wird weitere Reformen notwendig
machen; es ist keine Revolution, kein Losreißen von der Vergangenheit. Man braucht einen
jungen, frischen, unschuldigen Geist, und der kann nur erlangt werden, wenn man sich
innerlich von der Vergangenheit loslöst. Wie kann nun diese Revolution ohne Anstrengung
geschehen, ohne den Versuch, dazu etwas zu tun? Jede Anstrengung, jeder Kampf, um eine
Verwandlung herbeizuführen, enthält einen Widerspruch, und dieser Widerspruch verstärkt
den Konflikt, der bereits existiert, und daher kann es keine Verwandlung geben. Nur in einem
Zustand der Unschuld können Sie etwas Neues wahrnehmen, das heißt nur dann, wenn die
Vergangenheit aufgehört hat, irgendwelche innere Bedeutung zu haben.

Unschuld ist eine der Forderungen der modernen Gesellschaft, aber ihr Anspruch ist noch von
recht oberflächlicher Art. Für Menschen, die viel Leid durchgemacht haben, die mit Schuld,
Unruhe und Angst beladen sind, bedeutet Unschuld etwas Großes. Aber die Unschuld, über
die sie sprechen, ist das Gegenteil von Verwicklungen, das Gegenteil von Leid, Elend, Kampf
und Verwirrung. Wirkliche Unschuld ist wie die Liebe kein Gegensatz. Liebe ist nicht der
Gegensatz zum Haß. Liebe entsteht nur dann, wenn der Haß in jeder Form aufgehört hat.
Ebenso muß der Mensch unschuldig sein, obgleich er durch Erfahrungen jeder Art gegangen
ist. Damit der Mensch diesen Zustand der Unschuld verwirklichen kann, müssen die
angehäuften Erfahrungen — die immer der Vergangenheit angehören und ein Teil des
unbewußten Hintergrundes sind — ein Ende nehmen.

Wie kann das nun geschehen? Die religiösen Menschen sagen, daß sie sich Gott zuwenden
und in einem Zustand der Empfangsbereitschaft sein müssen, damit die göttliche Gnade sich
ihnen zuwenden kann. Es gibt jede nur denkbare Art religiöser Übungen — ich war im
Begriff, das Wort' 'Quälerei" zu gebrauchen —, um den menschlichen Geist zu überreden, zu
beeinflussen, zu beherrschen, damit er in der einen oder anderen Form diese Unschuld
erreicht. Es gibt auch Menschen, die es mit verschiedenen Drogen versuchen und dadurch ein
erhöhtes Wahrnehmungsvermögen erlangen, einen ungewöhnlichen Zustand des Entzückens.
Aber Unschuld kann durch keine Droge, durch keine Yogaübung, durch kein
Glaubensbekenntnis oder eine Ablehnung und nicht durch das Warten auf die göttliche Gnade
hervorgebracht werden. Alles das bedeutet Anstrengung, Suchen und den Drang, der
Wirklichkeit zu entrinnen. Unschuld kann nur entstehen, wenn man von dem Erfahrenen
völlig frei ist — das bedeutet Abwendung von dem Bekannten, ein Lossagen von der
Vergangenheit, von angenehmen Erinnerungen, von Ideen, von allem, was man gehegt und
gepflegt hat und woraus sich der Charakter zusammensetzt.

Leider wünschen die meisten von uns nicht, sich von irgend etwas zu lösen, insbesondere
nicht von dem, was uns Vergnügen bereitet, von der Erinnerung an Dinge, die wir erlebt und
geschätzt haben. Wir würden lieber eine Ausflucht suchen und in einer Illusion leben. Aber
man muß sich von dem Bekannten lossagen, um unschuldig zu sein. Das ist nicht nur eine
verbale Behauptung oder logische Schlußfolgerung. Das Bekannte, die Vergangenheit muß
wirklich in uns sterben. Und man kann sich von dem Bekannten nicht lösen, wenn man ein
Motiv dafür hat; denn Motive sind in der Zeit, im Denken verwurzelt, und im Denken
antwortet der Hintergrund des Bewußtseins, und das ist das Bekannte.

Wir sind alle voreingenommen, sei es als Engländer, Russen, Hindus, Christen, Buddhisten
oder was Sie wollen. Wir sind durch die Gesellschaft, durch die Umwelt geformt worden; wir
sind die Umwelt. Die meisten von Ihnen glauben zweifellos an Gott und an Jesus, weil Sie in
diesem Glauben erzogen worden sind, während es für die Menschen in Rußland
selbstverständlich ist, nichts dergleichen anzunehmen. Die ganze menschliche Begrenztheit
liegt in der Bindung an das Bekannte, und diese Bedingtheit kann aufgehoben werden, aber
nicht durch Analyse. Sie kann nur aufgelöst werden, wenn man sich negativ auf sie einstellt,
und dieses Negative ist nicht der Gegensatz zum Positiven.

Wie Liebe nicht der Gegensatz zum Haß ist, so ist dieses Negative nicht der Gegensatz zum
Positiven — wobei das Positive als Prüfung und Analyse anzusehen ist und als der Versuch,
die festgelegte Form zu ändern oder sich einer anderen anzupassen. Das alles halten wir für
positiv; und das Negative, über das wir sprechen, ist nicht dessen Gegensatz, noch ist es eine
Synthese. In einer Synthese werden die Gegensätze vereint, aber das führt nur zu weiteren
Gegensätzen. Das Negative, über das wir sprechen, ist eine vollkommene Verneinung aller
Gegensätze. Wenn man die Auffassung — die unser Leben bisher mitbestimmt hat —, daß der
Mensch durch Anstrengung oder Analyse verwandelt werden kann, völlig ablehnt, dann ist
unsere Einstellung negativ. Und nur in diesem Zustand der Negation ist der Mensch
unschuldig. Solch ein Mensch ist wahrhaft religiös.

Nicht der Mensch ist religiös, der alle Tage oder einmal in der Woche zur Kirche geht oder
der ein bestimmtes Glaubensbekenntnis ablegt oder an Dogmen und Aberglauben gebunden
ist. Der religiöse Mensch ist in Wirklichkeit ein wissenschaftlicher Geist — wissenschaftlich
in dem Sinne, daß er fähig ist, die Tatsachen ohne Verzerrung zu beobachten, sich selbst zu
sehen, wie er ist. Um sich von allen Verstrickungen zu befreien, ist nicht Glauben und
Annehmen wichtig, sondern die Fähigkeit, sich selbst vernünftig und klar zu sehen und zu
verstehen, daß es keine Unschuld ge- ben kann, bevor nicht das innere Gefüge der
Gesellschaft, die das "Ich" ist, völlig zerstört worden ist, und daß der Mensch ohne Unschuld
niemals religiös sein kann.
Der religiöse Mensch ist nicht zersplittert, er teilt das Leben nicht in Abschnitte ein. Er
umfaßt das Leben in seiner Gesamtheit mit seinen Leiden und Schmerzen, seinen Freuden
und vorübergehenden Befriedigungen. Der religiöse Mensch ist in einem Zustand der
Unschuld, weil er völlig frei ist von Ehrgeiz, Gier, Neid, Wettstreit, und dem Verlangen nach
dem "Mehr". Und nur ein solcher Mensch kann über sich hinausgelangen, nicht der Mensch,
der lediglich an ein Jenseits glaubt oder der irgendeine Mutmaßung über Gott hat.

Das Wort "Gott" ist nicht Gott; die Vorstellung, die Sie von Gott haben, ist nicht Gott. Um
herauszufinden, ob es das gibt, was Gott genannt werden mag, müssen alle in Worte gefaßten
Vorstellungen und Formulierungen, alle Ideen, alle Gedanken, die aus der Erinnerung
aufsteigen, vollkommen aufhören. Nur dann besteht jener Zustand der Unschuld, in dem es
keinen Selbstbetrug, kein Wünschen, kein Verlangen nach einem Resultat mehr gibt; und
dann werden Sie selbst herausfinden, was wahr ist.

Solch ein Mensch sucht nicht länger Erfahrung. Ein Mensch, der Erfahrung sucht, ist unreif;
der unschuldige Geist hat aufgehört, sich damit zu beschäftigen. Er ist frei von dem Wort, das
dazu führt, aus dem Hintergrund des Bekannten heraus etwas wiederzuerkennen. Dieses sich
erinnernde Erkennen bedeutet Assoziation, entweder auf der Ebende des Wortes oder der
tatsächlichen Erfahrung, und ohne diese Gedankenverbindung können Sie nichts
wiedererkennen. Der religiöse oder unschuldige Geist ist von dem Wort frei, er ist frei von
Vorstellungen, Vorbildern, Formu- lierungen, und nur solch ein Geist kann herausfinden, ob
es das Unermeßliche gibt oder nicht.

Vielleicht wollen Sie jetzt Fragen stellen, die sich auf das beziehen, was wir zusammen
betrachtet haben.

Welches ist der Kern oder die Triebfeder Ihrer Lehre?

Das mit ein paar Worten zu sagen, wäre ziemlich schwierig. Wie ich zu erklären versucht
habe, ist das Zuhören eine Kunst. Die meisten von uns hören nicht zu, weil wir das, was wir
hören, nach unserem jeweiligen Zustand des Wohlseins oder der Schmerzen, nach unseren
Neigungen und Abneigungen, nach unseren Konflikten und den Formulierungen des bereits
Bekannten übersetzen. Ebensowenig sehen wir im allgemeinen etwas, weil das, was wir
tatsächlich oder optisch sehen, in dieser oder jener Art interpretiert wird. Wir können auf eine
Blume mit botanischen Kenntnissen schauen, doch nur wenige schauen sie ohne dieses
Wissen an — und doch ist es die einzige Möglichkeit, das innere Wesen, die Schönheit, die
ganze Lieblichkeit der Blume wahrzunehmen.

Genauso ist Ihr Wahrnehmungsvermögen hinsichtlich der Bedeutung des Gesagten davon
abhängig, wie Sie diesen Reden zugehört haben. Sie können unmöglich verstehen, wenn Sie
nur ein paar Ideen, ein paar Begriffe oder Meinungen aufgreifen. Wenn Sie das getan haben,
fürchte ich, werden diese Reden sehr wenig Bedeutung für Sie haben. Entweder hören Sie auf
das Ganze, oder Sie hören überhaupt nichts. Und wenn Sie allem, worüber wir gesprochen
haben, wirklich zugehört haben, dann werden Sie selbst das Wesentliche darin wahrnehmen
und mich nicht danach fragen, welches der Kern ist. Das ist nicht etwa eine geschickte Art,
den Spieß umzudrehen, es ist eine aktuelle Tatsache. Sie können die Wasser des Meeres nicht
in einem Netz oder den Wind in Ihrer Faust gefangen halten. Aber Sie können dem Brausen
des Sturmes, dem Ungestüm des Meeres lauschen; Sie können die ungeheure Kraft des
Sturmwindes fühlen, seine Schönheit und seine zerstörende Gewalt. Sie müssen das Alte total
zerstören, damit etwas Neues sein kann.

Was ist die leise, zarte Stimme des Gewissens? Ist es nicht die Stimme Gottes, die in jedem
von uns spricht?
Ich fürchte, daß man der leisen, zarten Stimme des Gewissens gegenüber höchst mißtrauisch
sein muß, ebenso wie man der Stimme Gottes in sich durchaus mißtrauen und sie bezweifeln
muß. Diese Stimme spricht zu den Heiligen, den Generälen und Kriegshetzern wie auch zu
Ihnen und mir. Eine solche Stimme muß durchaus abgelehnt werden, weil sie uns in eine
verhängnisvolle Irre führt. Für die meisten Menschen verkörpert die Stimme Gottes ihren
eigenen Wunsch, ihre eigene Sehnsucht, ihre persönliche Identifizierung mit einem ganz
bestimmten Land, einem Glauben oder einer Idee. Es ist leicht, Gottes Stimme in sich zu
erzeugen — erschreckend leicht. Und wenn Sie zufällig ein Organisator mit einem gewissen
Redetalent sind, werden Sie zu einem Führer, und Sie werden die Menschen ins Verderben, in
noch größeres Elend stürzen.

Warum reden Sie ständig über das Bekannte? Warum sprechen Sie nicht über das
Unbekannte? Warum spreche ich denn überhaupt? Was ist Kommunikation? Wir können uns
miteinander durch Worte verständigen, oder wir können schweigend verbunden sein. Die
meisten von uns ziehen eine schweigende Kommunikation vor, weil man dann all seine
gehätschelten Ideen und Glaubenssätze behalten und in seinem Elfenbeinturm bleiben kann.
Wenn wir uns aber durch Worte zu verständigen suchen, dann wird es beschwerlich, weil wir
dann in eine bestimmte Beziehung zueinander treten und den Sinn der Worte verstehen
müssen; und das können wir nur, wenn wir uns zur gleichen Zeit auf der gleichen Ebene
begegnen.

Ich spreche nicht, um Sie zu einer Verwandlung zu überreden oder Sie in irgendeine Form
innerer Revolution zu drängen, sondern weil man nicht umhin kann, über etwas zu sprechen,
das so naheliegend, so wirklich, so aktuell ist. Wenn Sie die ungewöhnliche Schönheit und
den Glanz einer Wolke sehen, möchten Sie es auch anderen sagen, damit sie hinschauen
wenigstens tue ich es. Das ist alles. Aus diesem Grunde spreche ich.

Die andere Frage ist: Warum komme ich immer auf das Bekannte zurück? Warum bleibe ich
nicht bei dem Unbekannten stehen und spreche von dorther?

Sie können das Unbekannte nicht kennen. Sie können nur das kennen, was Sie bereits
erfahren haben, wodurch Sie befähigt sind, es wiederzuerkennen. Das Unbekannte ist nicht
wiedererkennbar. Damit aber das Unermeßliche lebendig werden kann, muß das Bekannte
aufhören, muß man davon frei sein. Darum sprechen wir ständig über das Bekannte — um es
niederzureißen. Sie können unmöglich über das Unbekannte sprechen. Kein Wort, keine
Vorstellung kann es je in den Rahmen des Bekannten einfügen. Das Wort ist nicht das Ding,
das Ding muß unmittelbar und ohne Vermittlung des Wortes gesehen werden — und das ist
außerordentlich schwer. Um unschuldigen Geistes etwas wahrzunehmen, liebenden Herzens
etwas zu sehen mit einer Liebe, die niemals durch Eifersucht, Haß, Ärger, Gebundensein und
Besessenheit vergiftet wurde, muß man sich von der Verhaftung, dem Besitzanspruch, der
Eifersucht, dem Neid lossagen ohne Grund, ohne Ursache, ohne Motiv; und nur dann, in
dieser Freiheit vom Bekannten mag es das Andere geben.

Glauben Sie, daß eine Wiederholung von Worten, wie heilig sie auch sein mögen, Meditation
ist?

Meditation besteht nicht in der Wiederholung irgendwelcher Worte oder in dem, was die
Hindus Mantras und Sie Gebet nennen. Gebete und Mantras schläfern den Geist ein. Durch
das ständige Herunterleiern von Worten können Sie sich wunderbar zum Einschlafen bringen
— und viele von uns tun das. In diesem schläfrigen Zustand haben wir das Gefühl, ein
ungewöhnliches Stadium erreicht zu haben; aber das ist keine Meditation. Das ist nur eine
Selbstbetäubung mit Worten. Sie können sich auch dadurch betäuben, daß Sie bestimmte
Chemikalien einnehmen, sich betrinken oder irgendetwas ähnliches tun. Aber das hat nichts
mit Meditation zu tun.

Meditation ist wirklich etwas Ungewöhnliches; es ist etwas, das Sie jeden Tag tun müssen.
Aber Meditation ist nicht vom Leben getrennt. Es ist nichts, das am Morgen getan werden
soll, um es für den Rest des Tages zu vergessen oder an das Sie sich erinnern und es als
Richtschnur für Ihr Leben verwenden. Das ist keine Meditation. Meditation ist das
Gewahrwerden eines jeden Gedankens, jeden Gefühls, jeglichen Tuns, und diese Bewußtheit
kann nur entstehen, wenn Sie nicht mehr verdammen, urteilen und vergleichen. Sie sehen
alles, wie es ist, und das bedeutet, daß Sie Ihrer eigenen Voreingenommenheit — der
bewußten wie der unbewußten — gewahr sind, ohne sie zu entstellen und ohne den Versuch
zu unternehmen, sie zu ändern. Sie sehen in Ihrem Innern alle Antworten, Reaktionen,
Meinungen, Motive, Bedrängungen; aber das ist nur der Anfang.

Wenn Sie religiösen Geistes sein wollen, müssen Sie meditieren. Sie müssen Ihrer Gefühle
gewahr sein, müssen jede Regung Ihres Denkens empfinden — was nichts mit Konzentration
zu tun hat. Konzentration ist sehr einfach; jeder Schuljunge lernt sie. Aber Meditation
bedeutet nicht, durch etwas ganz beansprucht zu werden. Wenn ein kleines Kind durch ein
Spielzeug ganz in Anspruch genommen wird, ist es ruhig, ist es ganz eins damit. Und das
wünschen sich die meisten von uns: Wir möchten durch irgend etwas ganz in Anspruch
genommen werden, möchten uns mit einer Liebhaberei, einer Idee, mit einer Religion
identisch betrachten; aber das ist keine Meditation. Meditation geht über dieses unreife
Denken weit hinaus.

Meditation ist der Zustand der Bewußtheit, der uns jeden Gedanken und jedes Gefühl bewußt
erleben läßt. Aus dieser Achtsamkeit entsteht ein Schweigen, das nicht das Ergebnis einer
Disziplin und Beherrschung ist. Ein Schweigen, das durch Disziplin und Beherrschung
zustande kommt, ist das Schweigen des Verfalls, des Todes. Aber es gibt ein Schweigen, das
natürlich, anstrengungslos entsteht, ohne daß Sie dessen überhaupt bewußt sind, wenn
nämlich jene Achtsamkeit vorhanden ist, in der es keinen Erfahrenden, keinen Beobachter,
keinen Denker mehr gibt. Dieses Schweigen ist Unschuld; und in diesem Schweigen mag das
Unbekannte erscheinen — uneingeladen, ohne daß Sie es suchen oder darum bitten.

Sie haben gesagt, daß man sterben muß, um von der Vergangenheit, vom Denken frei zu sein
und daß das nicht nur eine Behauptung dem Worte nach ist: es muß ein tatsächliches Sterben
sein. Meinen Sie damit, daß wir physisch sterben müssen?

Auch physisch zu sterben, ist ziemlich schwer, weil wir so sehr am Körperlichen hängen.
Aber ich spreche nicht über den physischen Tod. Der ist für uns alle unvermeidlich. Wenn die
Wissenschaftler einige neue chemische Präparate entdecken, mag uns das die Möglichkeit
geben, weitere 50 Jahre oder länger zu leben. Aber weiterbestehen werden unsere
Beschränktheit, unsere Sorgen und Probleme, unsere Eifersucht und das Verlangen, schön und
reich an Empfindungen zu sein, und was wir sonst noch wünschen mögen. Ich spreche von
einem Sterben, das begrenzt ist auf das seelische Gefüge des "Ich", auf das, was wir sind. In
diesem Sinne zu sterben, heißt sich von seinem Neid lossagen. Die meisten von uns sind
neidisch. Die Gesellschaft basiert auf Neid, auf Vergleich, auf dem Trachten nach dem
"Mehr": mehr Wissen, mehr Einfluß, mehr Macht, mehr Reichtum, mehr und immer mehr.
Das ist die eigentliche Substanz des Neides. Um sich davon loszusagen, den Neid in sich
erlöschen zu lassen — ohne Überredung, ohne zu wissen, was danach sein wird —, das ist
wirklicher Tod, weil aus ihm die Unschuld hervorgeht. Denken, das in seinem Wesen das
Ergebnis der Fortdauer, der Vergangenheit ist, kann abgewandelt, kann geändert werden, es
kann eine neue Folge von Ideen, Formeln, Begriffen schaffen. Aber was fortdauert, kann
niemals den Tod erfahren und darum auch niemals die Unschuld. Wie vernünftig und logisch
das Denken auch sein mag, es wird niemals wissen, was Unschuld ist, weil es niemals frei
sein kann.

Ich glaube, Sie sagten, es sei besser, ein Problem zu vermeiden, als eine Lösung zu finden.

Nein, es tut mir leid, aber das habe ich nicht gesagt. Sehen Sie, die meisten von uns haben
Probleme, innere und äußere, und wir suchen immer eine Antwort. Für alle äußeren,
mechanischen Probleme gibt es eine Lösung; aber innere, seelische Probleme sind nicht zu
beantworten — sie müssen verstanden werden. Ein Mensch, der auf ein seelisches Problem
eine Antwort sucht, ist unfähig, das Problem zu verstehen.

Wenn ich ein inneres Problem habe, sagen wir innerhalb meiner menschlichen Beziehung,
und ich versuche, eine Antwort darauf zu finden, dann weiche ich dem Problem aus, weil
mich mein Suchen nach der Lösung daran hindert, auf die Tatsache des Problems zu schauen.
Um das Problem zu verstehen, muß ich darauf schauen — ohne Meinung, ohne eine Antwort
zu verlangen.

Können wir nicht, wenn es die Zeit zuläßt, ruhig sitzen und zusammen einige Augenblicke
vollkommenen Schweigens erleben?

Das gehört zu den gefährlichsten Dingen, die man tun kann. Eine Stunde lang saßen Sie hier
zusammen und hörten zu; und während Sie zuhörten, erwartete man von Ihnen, daß Sie still
wären. Wenn Sie im Zuhören während dieser Stunde oder auch nur für einige Minuten
innerlich nicht geschwiegen haben, dann wird ein stilles Zusammensitzen mit dem Versuch,
Schweigen zu erfahren, nur zu Illusionen verschiedener Art führen. Schweigen ist schwierig
und mühsam, damit kann nicht gespielt werden. Es kann nicht dadurch erfahren werden, daß
man ein Buch liest, einer Rede zuhört, zusammensitzt oder sich in die Wälder oder in ein
Kloster zurückzieht. Ich fürchte, nichts von alledem wird das Schweigen hervorbringen.
Dieses Schweigen verlangt eine intensive innere Arbeit. Sie müssen leidenschaftlich gewahr
sein — gewahr Ihrer Rede, Ihres Snobismus, Ihrer Ängste, Ihrer Unruhe, Ihres Schuldgefühls.
Und wenn Sie sich von all dem lossagen, dann kommt aus diesem Sterben die Schönheit des
Schweigens,

Welches ist der Unterschied zwischen Meditation und Kontemplation?

Vor allen Dingen, was meinen Sie mit dem Wort "Kontemplation"? Wenn Kontemplation
bedeutet, daß da ein Wesen ist, das sich bemüht, beschaulich nachzudenken, seine Gedanken
zu sammeln, dann ist Kontemplation das gleiche wie die sogenannte Meditation, in der ein
Meditierender versucht, ein Resultat zu erzielen. Der Mensch mag regelmäßig "meditieren",
um ruhig zu sein, um Gott zu erkennen, aber das ist keine Meditation und ist keine
Kontemplation. Solange ein Beobachter, ein Denker, ein Erfahrender da ist, ist Meditation
unmöglich. Meditation ist nichts, das Sie einfach aus einem Buch lesen und ein paar Jahre
lang üben können; es hat nichts mit Disziplin zu tun. Die meisten Menschen haben ihren
Geist so sehr diszipliniert, daß sie inner- lich tot sind, und in diesem Zustand versuchen Sie,
zu meditieren. Es kommt darauf an, die Form zu zerbrechen; und das ist der Anfang der
Meditation.

Wie ist es möglich, intensiv bewußt zu sein, während man mit einer bestimmten Arbeit
beschäftigt ist?

Ich sehe darin keine Schwierigkeit. Warum kann man nicht intensiv bewußt sein, während
man eine Arbeit verrichtet? Wenn Sie während der Arbeit, ganz gleich, ob sie mechanisch,
wissenschaftlich oder büromäßig ist, vollkommen bewußt sind, werden Sie sie nicht nur
wirkungsvoller tun, sondern Sie werden auch anfangen, dessen bewußt zu sein, warum Sie
tun, welche Motive hinter Ihrer Arbeit stehen. Sie werden beobachten, wie Sie zu Ihren
Untergebenen sprechen und zu denen, die Ihnen übergeordnet sind. Indem Sie sich Ihrer
Beziehungen zu allen anderen voll bewußt sind, werden Sie wissen, ob Sie Feindschaft,
Eifersucht, Haß säen; Sie werden alle Ihre Reaktionen in Ihren Beziehungen zur Umwelt
wahrnehmen, ganz gleich, ob es hier ist, in einem Bus, in Ihrem Büro oder in der Fabrik.
Alles das ist in dem intensiven Gewahrsein mit enthalten.

Wenn Sie ganz achtsam sind, mag es geschehen, daß Sie sogar Ihre Arbeit aufgeben. Darum
wünschen die meisten von uns nicht, so intensiv bewußt zu sein, es ist zu beunruhigend; wir
würden lieber mit dem gewohnten Tun fortfahren, selbst wenn es langweilig ist. Bestenfalls
geben wir das, was uns langweilt, auf und finden eine Stellung, die weniger langweilig ist;
aber auch das wird bald zur Routine.

So sind wir denn Gefangene unserer Gewohnheiten: der Gewohnheit, jeden Tag ins Büro zu
gehen, der Gewohnheit des Rauchens, der Sexualität, der Gewohnheit, an Ideen und Begriffen
festzuhalten, der Gewohnheit, ein Engländer zu sein und so fort. Wir leben und wirken
gewohnheitsmäßig. Der Gewohnheit intensiv bewußt zu sein, hat seine Gefahr; und wir
fürchten uns vor Gefahren. Wir fürchten uns davor, nicht zu wissen, nicht sicher zu sein. In
der Ungewißheit liegt eine große Schönheit, eine große Lebenskraft. Es ist kein ungesunder
Zustand, völlig unsicher zu sein; es bedeutet nicht, daß man geistesgestört wird. Aber
niemand von uns wünscht diesen Zustand der Ungewißheit. Wir würden lieber eine
Gewohnheit aufgeben und dafür eine angenehmere schaffen.

Können wir nicht etwas von der Unschuld eines Kindes lernen?

Das Kind ist nicht unschuldig; es ist unwissend. Während es aufwächst und heranreift,
verlangt das Kind nach Erfahrungen, Wir sprechen nicht über die Unschuld der Kindheit, das
ist etwas für die Dichter. Wir sprechen über die Unschuld eines reifen Menschen — eines
Menschen, der durch Schmerzen, Qualen, Leid, große Ängste und Zweifel gegangen ist und
der das alles hinter sich gelassen, sich von allem losgesagt hat.

WER IST KRISHNAMURTI?

Der geistig-moralische Verfall in unserer Zeit ist evident. Die Welt ist
darüber voller Angst und Unruhe. Wir aber haben nüchtern zu fragen: War es jemals um die
Menschheit anders bestellt?

Wenn wir die Vergangenheit betrachten, sehen wir sie vielfach in rosigem Licht. Wir
idealisieren allzu leicht. Das ist verständlich, weil uns das Vergangene nicht so bedrängt wie
das Gegenwärtige. Der Mensch mag in der Vergangenheit Großes hervorgebracht haben —
wie er es im Technischen und Wissenschaftlichen auch heute tut. Aber in seiner Wesensart hat
er sich nicht verändert. Animalische Instinkte, Gier, Haß und Wahn haben ihn immer
beherrscht, auch zu jenen Zeiten, deren kulturelle Ausdrucks formen heute unsere
oberflächliche Begeisterung erwecken. Wir erbauen uns an ihrem schönen Schein. Aber haben
Kathedralen, Tempel und Moscheen der Leiblosigkeit und Brutalität des Menschen je Einhalt
gebieten können? Daß sich die Perspektiven des Lebens allmählich verschieben, ist
selbstverständlich, wenn es auch die Geistig-Festgefahrenen ungerne zur Kenntnis nehmen.
Daß die Veränderungen heute in so rasanter Weise vor sich gehen, ist beängstigend, weil es
nur die äußeren Dinge sind, die sich verändern. Was unverändert bleibt, ist der Mensch in
seinem Wahn, in seiner Not und seiner Qual. Die Gegenwart, die uns bedrängt, ist nur die
menschliche Erbschaft von Jahrtausenden, die wir blind angetreten haben und deren Bürde
wir dumpf weitertragen.

Es gibt Zeitenwenden, da an die ganze Menschheit eindringlicher als sonst die Frage gerichtet
zu sein scheint, ob sie willens ist, das leidvolle Schicksal an die nächsten Generationen
weiterzugeben, oder ob sie bereit ist, sich von der Last des Leides durch eine gewaltige
Demonstration der Liebe zu befreien. Wegweiser in die Freiheit eines beglückenden
Menschentums standen immer am Wege der Menschheit. Immer aber bevorzugte man die
bequeme Straße und vermied das Ungewisse, das auf jeden wartet, der sich in die
unbekannten Regionen einer anderen Welt — in die Welt seines Inneren — vorzutasten
beginnt. In Zeiten tiefsten Niedergangs, wie wir sie jetzt trotz Kybernetik, Computer und
Automation durchleben, war das erlösende Wort sehr nahe und drang zu vielen Ohren. So
auch heute!

Doch immer bleibt die quälende Frage: „Wer hat Ohren zu hören?" Sind es immer nur die
wenigen?

Unser Jahrhundert scheint durch die Gegenwart eines Menschen wie Krishna-
murti gesegnet zu sein. Er zeigt uns durch sein Wort und mehr noch durch sein Leben,
inmitten dieser fragwürdigen Welt in vollkommener Freiheit und Schönheit zu leben.
Krishnamurti findet in seinen Reden Worte von solcher in- neren Gewalt, daß jeder religiöse
Mensch, der nicht im Dogmatismus erstarrt ist, davon berührt werden müßte. Er hat den
schlichten Sinn seiner Menschheitslehre und den Zweck seines eigenen Daseins mit höchster
Eindeutigkeit dargetan:

Im Menschen ist das Ganze des Lebens enthalten. Der Mensch trägt das ganze Universum in
sich. Doch empfindet sich der Mensch nur als Ausschnitt aus dem Ganzen und lebt
entsprechend in einer inneren Begrenztheit, die seinem Wesen nicht gemäß ist. Er ahnt die
Möglichkeit grenzenloser innerer Weite, denn das ewige Leben bedrängt von innen her seine
Enge und erzeugt in ihm eine ursprüngliche Sehnsucht nach einem anderen Leben. Darum
sucht der Mensch ständig, bewußt oder unbewußt, nach einem Weg, der ihn zur
Vollkommenheit führen soll. In seiner Unwissenheit greift er außen nach dem Heil, von wo
ihm niemals Rettung kommen kann. Er erwartet immer von einem anderen, daß er ihm das
Licht bringe. Er empfindet die Welt mitsamt ihren Himmeln und Höllen als etwas Fernes,
Fremdes, Feindliches, Abgesondertes. Diese schmerzliche Trennung von Objekt und Subjekt,
Ich und Welt, lehrt Krishmamurti, ist eine Illusion. Die Vollendung menschlicher Bestimmung
ist, das Ganze zu sein.

Im Einzelwesen liegt Anfang und Ende. In ihm liegt die Gesamtheit aller Erfahrung, allen
Denkens und Fühlens. In jedem Menschen ist die ganze Menschheit in ihrer umfassenden
Fülle verkörpert. In ihm ist die Summe aller Möglichkeiten enthalten. Die Vollendung des
Menschen ist nicht die Zerstörung der Natur, sondern ihre Krönung. Für einen befreiten
Menschen gibt es keine Zeit, er lebt in ständiger Gegenwärtigkeit, in höchster Klarheit. Jeder
Augenblick ist ihm die ganze Ewigkeit. So lehrt Krishnamurti, so lebt er. Er nennt sein Dasein
in jeder Beziehung mühelos. ,,Freuden und Sorgen suchen mich nicht mehr heim. Losgelöst
bin ich in Liebe, jenseits der Träume der Götter. Der einzige Zweck meines Lebens ist der,
den anderen zu helfen, Befreiung und Glück zu finden, wie ich es gefunden habe, und wie es
das letzte Ziel für die ganze Menschheit ist. Ich möchte nur die flüchtige Vision des Ewigen,
welche in seltenen Augenblicken unbestimmt und in weiter Ferne erscheint, für Euch bleibend
machen. Ich will meine ganze Zeit, mein ganzes Leben diesem Einen widmen, weil ich nur
hieran Interesse habe und an nichts anderem."
Wer ist dieser Mensch, der sein Leben so absolut dieser einen Aufgabe
unterstellt hat, dessen Leben und Wirken zu einer Einheit verschmolzen ist, so daß der jetzt
86jährige fast anonym wirkt?

Viele aus dem Morgendland habe ich gesehen und gehört; doch keiner ist wie er. Als
Krishnamurti vor 55 Jahren zu sprechen begann, vollzog sich in seinen Beziehungen zur
Umwelt ein dramatischer Umbruch.

Als Knabe war Krishnamurti schüchtern, zart und verträumt. Führende Theosophen wurden
auf ihn aufmerksam, als sie ihn mit seinem jüngeren Bruder am Strande in der Nähe von
Adyar/Indien spielen sahen. Man war von der geistigen Eigenart dieser beiden Knaben
betroffen und nahm sich ihrer Erziehung an. Die Theosophen waren damals auf der Suche
nach dem neuen Messias, für dessen Erscheinen sie glaubten Anzeichen erhalten zu haben. In
Krishnamurti schien für sie der große Weltenlehrer gefunden zu sein. Man sah in ihm das
Medium, das Sprachrohr einer höheren Macht. Zur Erfüllung seiner Mission wurde der
Sternen-Orden gegründet, als dessen geistiges Oberhaupt Krishnamurti seine Botschaft der
Welt verkünden sollte, unterstützt von anderen religiösen Organisationen und besonders von
den Auserkorenen, die sich seine Jünger nannten.

Doch es kam anders. Der Tod seines gehebten Bruders war ein Wendepunkt in
Krishnamurtis Leben. Nachdem er längere Zeit in Einsamkeit verbracht hatte, kam er als
Verwandelter zu den Menschen zurück. Das Erlebnis des Todes führte ihn zu den Tiefen des
Lebens; er wurde eins mit der Wahrheit, eins mit dem Leben. Aus dem schüchternen Knaben
war ein kompromißloser Streiter erstanden, der nichts Falsches duldete und nur noch für die
eine Aufgabe lebte: Der Welt das Licht zu bringen, das er selbst gefunden hatte.

In seinen ersten freien Reden in den zwanziger Jahren in Adyar und im Zeltlager Ommen
(Holland) wurden Grundtöne einer religiösen Revolution angeschlagen, wie sie die Welt seit
langem nicht mehr vernommen hatte. „Ich wünsche keine Gefolgschaft ... Ich verabscheue es,
daß sich jemand mein Jünger nennt. Seid vielmehr die Schüler eigenen Verstehens, das die
Frucht reifer Erkenntnis und großer Liebe ist. Betet nicht die äußere Gestalt von Krishna-
murti an, sondern verehrt die Wahrheit, die ewige, die als schöpferische Kraft in Euch liegt
und die keine äußere Autorität duldet.'*

Das war ein Bruch mit einer religiösen Tradition, die uns alle in irgendeiner Form gefangen
hält; es war ein Bruch mit den Gundsätzen der Theosophischen Gesellschaft. So konnte es
nicht ausbleiben, daß er, der erwartete Messias, den für seine Mission gegründeten Sternen-
Orden auflöste. Dieses Ereignis vollzog sich am 3. August 1928 im Zeltlager von Ommen vor
einer riesigen Schar von Theosophen und ihrer Führerschaft.

„Ich sage Euch, daß die Wahrheit ein pfadloses Land ist, dem Ihr Euch nicht auf einem
festgetretenen Pfad nähern könnt, durch keine Religion und keine Sekte. Die Wahrheit ist
grenzenlos und unbeschränkt... Weil ich frei bin, erwarte ich von denen, die mich verstehen
wollen, daß sie mir nicht folgen, aus mir keinen Käfig machen, der zu einer Religion oder
Sekte wird.

Seit 18 Jahren seid Ihr auf dieses Ereignis vorbereitet worden: Das Erscheinen des
Weltenlehrers. Seit 18 Jahren habt Ihr organisiert und Ausschau gehalten nach einem, der
Eurem Herzen und Eurem Geist einen neuen Zauber geben, der Euer Leben verwandeln und
Euch ein neues Verstehen vermitteln würde. Was aber ist tatsächlich geschehen?

Ihr wünscht neue Götter anstatt der alten, neue geistige Würden und neue Riten anstatt der
alten, die doch nur Schranken und Krücken wären. Ihr seid gewohnt, daß man Euch sage,
welche spirituellen Fortschritte Ihr gemacht habt. Wie kindisch! Wer sonst als Ihr selbst kann
Euch sagen, ob Ihr im Innersten schön oder häßlich seid? Ihr macht Euer geistiges Sein, Euer
Glück von einem anderen abhängig. Wenn ich nun sage, daß alle diese Dinge unnötig sind,
wenn ich sage, daß Ihr sie alle beiseite tun und in Euch selbst schauen müßt, um die
Erleuchtung zu erfahren, ist nicht einer bereit, es zu tun. Warum also eine Organisation?

Nach sorgfältiger Überlegung habe ich mich daher entschieden, den Orden aufzulösen. Ihr könnt
neue Organisationen bilden und einen anderen erwarten. Damit befasse ich mich nicht, auch
nicht mit dem Aufbau neuer Käfige oder neuer Dekorationen für solche Käfige. Mein einziges
Interesse ist, den Menschen frei zu machen, absolut, unbedingt."

Das sagte damals ein Mensch, der von Gestalt zart und in seinem Verhalten von großer
Liebenswürdigkeit war und der von seiner angeborenen Schüchternheit und Zurückhaltung
nichts verloren hatte. Kann man ermessen, welche geistige Gewalt in ihm wohnte, um die
Auflösung einer so großen und wohlfundierten Organisation vollziehen zu können, um eine
einflußreiche Gefolgschaft, die ihn verehrte zu verabschieden, um seine sogenannten Jünger
und Apostel in die Wüste zu schicken?

Die Freiheit, die er verkündete, hatte er nun auch äußerlich vollzogen. Er stand fortan allein, und
nur die Wahrheit war sein einziger Gefährte. So hat er sich davor bewahrt, in der Phantasie von
Sektierern zum Heiland und neuen Welterlöser zu werden; er hat seine Lehre davor gerettet, von
hierarchischen Kreisen als eine Verkündigung für Auserwählte in Anspruch genommen zu
werden. Er sprach von nun an zu allen, die ihn hören wollten.

Wer aber kann ihn hören? Es ist seltsam, daß sich der Mensch gerade im
religiösen Bereich am stärksten isoliert und in Zwietracht gerät mit seinem Bruder, der anders
denkt — obgleich sie alle von Liebe reden.

Der religiöse Mensch ist wie kein anderer seinem Glauben, seinem Dogma, seinem Erlöser
und Meister, seinem Vorurteil verhaftet. An ihm zeigt sich am klarsten, welche der vielen
Hemmungen den Menschen am schwersten belastet und ihn an der Freiheit hindert: Die
Gewohnheit, die Trägheit. Wir bemerken es kaum, daß wir im Geistigen weit mehr verhaftet
sein können als im Materiellen. Im Menschen ist das gleiche Gesetz am Werk, das alle Dinge
und Wesen bindet: Die Schwerkraft. Die gleiche Schwerkraft, die den Stein zur Tiefe fallen
und das Wasser bergab strömen läßt, treibt den Menschen an, immer das Bequemere, das
Angenehme zu suchen.

Die Pflanze hat die Schwere der Materie in ihrem begrenzten Raum überwunden und strebt
aufwärts zum Licht; nur im Licht kann sie ihre ganze Schönheit als Blüte entfalten. Vor der
gleichen geheimnisvollen Aufgabe steht der Mensch, nur mit dem Unterschied, daß ihn keine
blinde Naturgewalt zum Lichte drängt. Er steht im Zwiespalt zweier Gewalten, die sich schier
unentwirrbar in ihm streiten: Es ist die Begierde, Trägheit, Unruhe, Angst und der Zweifel auf
der einen Seite und die Sehnsucht nach einem vollendeten Dasein auf der anderen Seite.
Vieles hat des Menschen Geist vollbracht, um die Fesseln der Schwerkraft zu sprengen. Viele
hohe Werte hat sich der Mensch gesetzt, um ihnen nachzuleben. Doch unbemerkt greift die
Gewohnheit von allem Hohen Besitz und entwertet es zu Fernzielen, Hoffnungen, Idealen, zu
bloßen Worten, die immer inhaltsloser werden. Aus der Angst seines dunklen Jammerdaseins
erfand er die lichten Zufluchtsstätten des Jenseits. Anstatt das Höchste zu leben, machte es der
Mensch zu einem tröstlichen und unantastbaren Glaubenspostulat, das er bis aufs Messer
verteidigte. Das Wort, das Symbol, das Dogma ist ihm wichtiger als das Leben, dessen
höchste Ausdrucksform die Liebe ist.
Und bei welchem Meister und Erlöser, in welcher Sekte oder Religion der Mensch auch immer
ein wenig Trost, eine gewisse Beruhigung gefunden hat, daran hält er verzweifelt fest. In solch
einem Zustand hat der Mensch aufgehört, lebendig und aufnahmebereit zu sein; er hat seinen
Geist eingemauert und weiß nicht, daß er damit die lebendige Wahrheit getötet hat. Er
funktioniert nur noch schablonenhaft, routinemäßig und nennt das, worin er sich verbissen hat,
die Wahrheit.

Krishnamurti nennt diese Haltung geistigen Verfall. Er zeigt uns einen anderen Weg zur
Wahrheit. Für ihn sind alle Idealen, Dogmen, Hoffnungen und Zielsetzungen bloße Illusionen,
die den Menschen daran hindern, ein wahrer Mensch, das heißt: Ein Liebender zu sein.

Vor dem Erwachen zur Liebe steht für Krishnamurti das Selbst-Erkennen. Ohne uns selbst
klar zu sehen, ohne uns in all unserer Fragwürdigkeit zu durchschauen, ist die Liebe nur
Lippenbekenntnis. Die Liebe, wie sie seit Jahrhunderten ohne großen Erfolg gepredigt wurde,
ist in einen sentimentalen Idealismus abgeglitten. Wahre Liebe ist immer auf den Nächsten
bezogen. Unseren Nächsten zu lieben, erfordert Preisgabe. Eine andere Liebe als die zu dem
Menchen, dem wir jeweils begegnen, gibt es nicht. Zu dieser Liebe können wir nur durch ein
Selbst-Erkennen gelangen, das uns die Kraft gibt, auf alle unsere Ego-Schlacken ohne inneren
Konflikt zu schauen.

Krishnamurti lehrt es uns in jeder Rede. Bevor wir uns nicht selbst bis in die verborgenen
Abgründe unseres engen egozentrischen Daseins erkannt haben, können wir nicht erfahren,
was wirkliche Liebe ist.

Liebe ist die höchste Ausdrucksform menschlicher Beziehungen; sie kann auf keine Weise
durch Regeln, Riten und gute Werke erworben werden. Wir mUssen zuvor unser Ego
aufgeräumt haben, das so voller Begehrlichkeit und Eigendünkel steckt, daß in ihm für
selbstlose Liebe kein Raum ist. Das Verlangen nach eigenem Wohlsein beherrscht uns so sehr,
daß es zum Leitbild unseres Lebens geworden ist. Wann und wo auch immer dieses Bild
angetastet wird, ist es für uns schockierend. Wir begehren die Welt und wollen herrschen —
und wo es mißlingt, verdammen wir die Welt und verschließen uns vor ihr.

Wer aus dieser schmerzlichen Erfahrung vor der Welt flieht und zu Idealen irgendwelcher Art
seine Zuflucht nimmt, wird in die Irre geraten. Die einzige Realität, die uns jeweils und
unmittelbar zugänglich ist, sind wir selbst — aber nicht als edle Seele, sondern mit allen
unseren Herzenstrübungen.

Die Welt, wie wir sie erleben, entspricht genau unserem inneren Zustand der Unordnung.
Darum dürfen wir der Welt nicht entfliehen, darum kann die Welt nur in der Welt überwunden
werden, und gerade dort, wo sie uns am schmerzlichsten berührt. Wir sind die Welt, mit allem
Guten und Schlechten, das sie uns vor Augen hält. Wer vor dem Bösen der Welt flieht,
verschließt die Augen vor dem Bösen, das er in sich trägt; er lebt im Selbstbetrug. Er mag von
Liebe sprechen — es ist eine tönerne Schelle; er mag Gutes tun — es ist eine bittere Frucht.

Selten ist sich der Mensch im klaren darüber, welche begehrlichen Gewalten ihn an die Welt
binden und daß gewaltige Kräfte erforderlich sind, um die Fessem zu sprengen. Es sind
Kräfte des Ursprungs, die in jedem Menschen auf die Erlösung warten. Zu diesen befreienden
Kräften, zu diesen explosiven Gewalten zeigt uns Krishnamurti den Weg, der jenseits aller
Dogmen und Glaubenssätze, aller Riten und ausgetretenen Pfade, jenseits aller trägen
Gewohnheiten liegt. Krishnamurti zertrümmert alle Ideale, Hoffnungen und Wort-Wahrheiten,
um uns für die Realität eines schöpferischen Lebens frei zu machen.

Man kann die Wahrheit nicht in Institutionen oder Kirchen einschließen, so lehrt er; sie werden
ein bequemes Trostmittel. Mann kann eine Lehre nicht organisieren; sie wird zum Dogma. Man
kann das Leben (Gott) nicht zu einem Objekt machen, auf das man zu seiner Begeisterung und
seinem Wohlbefinden hinblickt.

Alle Religionen sind ihm zu investierten Interessen geworden. Religion ist für ihn gefrorenes
menschliches Denken.

All das ist für ihn ein Umweg, ein Irrweg, der immer ins Elend führt, zu Streitsucht, Haß und
zur Ausbeutung des Menschen. Man kann sich dem Leben nicht durch Mittler nähern noch es
für andere erobern. Wahrheit trotzt jeder Autorität, sei sie moralisch oder geistig. Autorität
strebt stets nach Herrschaft; gerade darum kann sie der Wahrheit nicht nahe kommen.
Wahrheit hat nichts mit Anbetung zu tun. Anbetung ist Mittelmäßigkeit. ,,Ihr sucht nicht mehr
nach Wahrheit in dem Augenblick, da Ihr irgend jemandem nachfolgt. Ihr sucht Eure
erschreckten Wünsche zu befriedigen. Ihr habt Angst. Warum solltet Ihr auch einen anderen
anbeten? Wenn Ihr durchaus verehren müßt, dann verehrt den Kuli auf der Straße."

Eine der fundamentalen Fragen, die Krishnamurti an uns richtet: Wie


können wir auf unsere Umwelt einwirken, wie können wir eine neue Gesellschaft aufbauen,
die nicht mehr von Ehrgeiz, Neid und Besitzgier beherrscht ist?

Nicht, indem wir einem Meister und Erlöser nachlaufen und von ihm das Heil erwarten.
Nicht, indem wir aus unserer inneren Unordnung die Gesellschaft zu veredeln trachten. Wer
selbst blind ist, kann keinen Blinden führen; wer selbst voller Unordnung ist, wird durch all
sein Tun die Unordnung in der Welt nur vermehren. Nur aus der Freiheit und Fülle des
einzelnen kann eine neue Gesellschaft entstehen, deren Struktur nicht mehr Begehren und
Machtstreben ist.

Wir sind dem Ewigen alle gleich nahe, nur unser mit totem Ballast beladenes Bewußtsein ist
es nicht. Krishnamurti zeigt uns diesen Ballast auf; er lehrt uns unermüdlich, wie wir uns von
unseren einengenden Erfahrungen und dem toten Wissen befreien können. Das Bewußtsein ist
für ihn die Speicherstätte vergangenen Geschehens, das — als der Bodensatz der Erfahrung
— den Menschen an der Freiheit hindert.

Darum gibt es für Krishnamurti nur den einen Weg, der sowohl den einzelnen als auch die
Gesellschaft verwandeln kann. Dieser Weg liegt in uns selbst und führt durch unser eigenes
Herz. Uns von dem ausschließlichen Wert dieses einen Weges zu Überzeugen, dazu lehrt
Krishnamurti.

Für ihn ist Freiheit kein Endzustand; sie liegt im Menschen beschlossen und wird mit jeder
Erkenntnis unserer eigenen Verhaftungen spontan offenbar. Freiheit kann nicht ersonnen und
ergründet werden. Denken führt uns nie über den engen Kreis angesammelter Begriffe und
Glaubenspostulate hinaus. Mit dem Denken untermauern wir meist nur unsere Vorurteile.

Eine der beglückenden Erkenntnisse, die Krishnamurti der Welt vermittelt hat, ist wohl die,
daß der Akt der Freiheit oder Befreiung in unserem alltäglichen Handeln liegt. Nur im
handelnden Geschehen können die Kräfte aktiv gemacht werden, die uns von unserem engen,
kleinen Ego befreien. Dieser Prozeß ist ein spontanes Gewahrwerden all unserer Regungen in
dem Augenblick ihres Auftauchens. In einem solchen Akt des Selbsterkennens werden alle
Gedanken und Gefühle ihrer egozentrischen Bindungen entkleidet. Wer das einmal erlebt hat,
fragt nach keinem Lehrer mehr; er wird nicht ruhen, bis er im Lichte einer alles
durchdringenden Gegenwärtigkeit lebt. Diesen Prozeß nennt Krishnamurti schöpferisch. In
ihm ist die Fülle allen Lebens. Er führt zur Unsterblichkeit, die nicht ein Jenseits von Raum
und Zeit ist, sondern beglückende Gegenwärtigkeit. Das hat nichts mehr mit Askese und
Weltflucht zu tun. Wir bleiben inmitten der Welt, obgleich wir in einer anderen Dimension
leben. Jetzt beginnt erst das wahre Leben. Wir werden so gegenwartsnah! Wir laufen nicht
mehr blind, von Phantomen gejagt, an Menschen und Dingen vorüber. Alles wird unendlich
wertvoll. In jedem Ding wartet die Wahrheit auf unser ungetrübtes Auge.

Krishnamurti hat das Leben zu unserem Lehrmeister gemacht. Er versteht unter Leben etwas
sehr Konkretes. Für ihn gehört jeder Konflikt, jeder Ärger, jede Lust, jede Freude, jede Angst
zu den lebendigen Impulsen, die uns zum Wegweiser in die Freiheit werden können. Das ist
das Beglückende dieser Lehre, ihre Besonderheit, ihre Zeitnähe: Sie krönt den Alltag, sie
macht den Alltag lebendig! Sie verweist uns nicht auf hohe Gedankenflüge, schmelzende
Gefühle, Bücher, Gebete, Weihestunden, besondere Erlebnisse. Dadurch unterscheidet sie sich
in ihrer Form von anderen Lehren am meisten: Krishnamurti hat zur Verkündigung der einen,
ewigen Wahrheit den Ton gefunden, der sich einfügt in das Dröhnen unserer Maschinen.

Das tat dem modernen Menschen not; hierin liegt der Schwerpukt von Krishnamurtis
Wirkung. Von hier aus greift er mit unsichtbaren Händen in das Zeitliche ein. Denn wo fände
der Mensch unseres technischen Zeitalters — eingekeilt zwischen Straßenlärm und
Radiowellen, ausgeliefert den unzähligen verführerischen Einflüssen seiner Umwelt — wo
fände der Mensch die Muße, wo die Stätte, um sich nach alten Regeln entrückter Meditation
hinzugeben?

„Ich selbst meditiere," sagt Krishnamurti, „wenn ich im Wald spazieren gehe oder mit jemandem
spreche oder Musik höre oder wenn ich eine Spazierfahrt mache, den Garten bearbeite oder
Geschirr abwasche." Die Wahrheit ist aus den alten Gesetzen der Weisheit gewichen — vom
Dämon Zeit verjagt. Doch „die Wahrheit ist so gewaltig, daß sie jeder Verdrehung Trotz
bietet."

Das Vorrecht am Besitz der Wahrheit, hat Krishnamurti den Begünstigten und Auserwählten,
den Priestern, Philosophen und Geheimbündlern aus der Hand genommen und hat die Wahrheit
ins Leben geworfen, auf die Straße, in die Fabriken, in die Arbeitsstätten — überall hin.

Wer Augen hat, der wird sie sehen.

Das Wort als Mittler bildet immer die große Schranke zwischen der Wahrheit
und ihrer menschlichen Verwirklichung. Krishnamurti hat in den vielen Jahren seines
Wanderns und Lehrens die Wahrheit an kein Wort, kein Symbol gebunden. Seine Sprache ist
flexibel. Er hat das Ursprüngliche in allen Aspekten des Lebens angestrahlt, daher wird sein
Wort nicht zum Dogma erstarren können. Denn das Leben wird nicht erstarren.

Die Form seiner Darstellung hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Ihr intuitiver Charakter
hat eine nüchterne Klarheit angenommen. Er verwendet nie ein Konzept, darum spricht er
immer aus der Fülle des Herzens. Es ist erstaunlich, wie es ihm möglich ist, das ewige Thema
von der Freiheit des Menschen aus immer neuen Perspektiven zu beleben. Er spricht ohne
Pathos, aber mit einer Intensität, mit einer Dynamik des Wortes und der Gebärde, die den
Hörer zu einem unmittelbaren Verständnis führen möchte. Sein Auge ruht auf den Zuhörern;
es fängt die inneren Regungen auf, die von der Hörerschaft ausgehen, und jeder der Tausend,
die vor ihm sitzen, fühlt sich unmittelbar angesprochen. Krishnamurti sucht die Kommunion
mit den Menschen, um ihnen jene Zone zu erschließen, in der Leben, Tod und Wahrheit eins
sind.

Zum Zentrum seiner Vorträge hat Krishnamurti Saanen gewählt, einen kleinen Ort im Berner
Oberland in der Schweiz. Dort strömen in jedem Jahr Hunderte von Menschen zusammen,
vor denen er in einem eigens dafür errichteten Zelt spricht. Die in Englisch gehaltenen Reden
werden an Ort und Stelle in mehrere Sprachen übersetzt, so auch ins Deutsche.

Im Jahre 1969 ist in Brookwood Park/England eine Schule errichtet worden, in der junge
Menschen unterrichtet werden.

Wir stehen am Beginn einer Zeitenwende. Das gefühlsgebundene Zeitalter


geht nicht ohne Krämpfe zu Ende. Ein neues Äon unter dem Zeichen des Wassermann tritt
seinen Lauf an und wird in den Menschen auf unserem Erdball ein ungewöhnliches Verlangen
nach Erkenntnis erwecken. Man sieht heute schon, wie Wissen, Information, Technik,
Forschung, Erfindung und Wissenschaft von den Menschen Besitz ergriffen haben und sie auf
dieser Bahn vorantreiben — oft zu ihrem eigenen Unheil.

Auf der religiösen Ebene, die das eigentlich Menschliche beinhaltet, ist Krishnamurti der
Erneuerer, der das Urver-langen des Menschen nach Wahrheit zum Leuchten bringen möchte.

Neues kann aber nur da beginnen, wenn man sich von Altem löst. Das zu vollziehen, fällt uns
schwer, weil wir zu sehr an das Alte gebunden sind. Wir haben uns mit den geistigen Gütern
vergangener Zeiten schützend umgeben und fürchten uns geradezu vor den unbekannten
Gewalten, die aus der Zukunft auf uns zukommen. Wir fürchten nichts so sehr wie die
Ungewißheit, die immer mit dem Neuen, dem Unbekannten, verbunden ist.

Nur die Jugend fürchtet sich nicht. Sie ist heute weniger denn je traditionsgebunden und
dogmatisch eingeengt. Sie revoltiert gegen das Vergangene, das Tote, das Gesicherte — gegen
das Establishment.

Doch ihre Revolte ist ziellos; denn von außen läßt sich keine Gesellschaft und auch keine
erstarrte Lebensform in einem schöpferischen Prozeß umprägen. Wer es von außen versucht,
verschiebt nur die Kulissen.

„Wir haben1*, so sagt Krishnamurti zu der aufbegehrenden Jugend, ,,von jeher das Denken
benutzt, um die soziale Struktur umzuformen. Wir haben damit aber nicht vermocht, aus ihr
den Keim der Zerstörung, der Kriege und der Gewalttätigkeit zu entfernen. Denn das Denken
basiert auf dem Alten; es ist in seiner Grundstruktur entzweiend, und was auch immer vom
Denken ausgeht, kann niemals ein neues Leben, das sich auf Liebe gründet, hervorbringen.
Nur ein meditatives Eindringen in die animalischen Untergründe und Aggressionstriebe
unseres eigenen Daseins öffnet das Tor zu dem, was ewig neu ist.*'

, »Dieses Tor zu durchschreiten, ist Aufgabe eines jeden einzelnen. Dazu gehört keine große
Übung. Meditation ist keine Kunstfertigkeit; sie ist die unmittelbare Wahrnehmung der
Nichtigkeit unseres mechanisierten Daseins und unseres auf Genuß und Behagen
ausgerichteten Intellekts."

Das empfindet die Jugend, in der noch die schöpferischen Impulse lebendig sind, und sie
versucht, dieser monotonen Routine durch Revolten und Revolutionen zu entrinnen — nur
um wiederum in den neuen Bannkreis einer festgefügten Gesellschaftsform — in ein neues
Establishment hineinzu-gleiten.

Im holländischen Fernsehen wurde Krishnamurti einmal über die Probeme der revoltierenden
Jugend interviewt. Er führte dort unter anderem aus: „Zahllose Meinungen wurden schon über
die Studentenunruhen, die in der ganzen Welt ausbrechen, abgegeben. Doch ich glaube, daß
es nicht so wichtig ist, Erklärungen und Meinungen zu äußern, als genau zu sehen, was
wirklich ist.
Durch viele Jahrhunderte haben wir auf absurde, grausame und gewalttätige Weise gelebt.
Diese Lebensart muß verändert werden — das ist so offensichtlich! Ob diese Änderung durch
Gewalt oder auf andere Weise zustande gebracht wird, das ist das Problem. Ich glaube nicht,
daß Gewalt der angemessene Weg ist. Da ist der einzelne, der sich der Gesellschaft
widersetzt, die mit ihrer gegebenen Struktur den Menschen erdrückt. In dieser Struktur
herrscht in wirtschaftlicher, sozialer und religiöser Hinsicht unendlich viel Verwirrung. Diese
Uneinigkeit in Fragen der GottesvorsteUung ist eine der Hauptursachen des Elends in der Welt.

Moralität ist nicht an eine bestimmte Glaubensvorstellung gebunden. Die heutige


Gesellschaftsmoral ist meines Erach-tens eine der Ursachen für den Aufstand der Jugend. Die
Jugend klagt uns an, wir seien nicht moralisch, weil wir in einer ganz bestimmten Weise denken
und in einer ganz anderen Art handeln; weil wir sagen, wir wollen den Frieden und uns
gleichzeitig auf den nächsten Krieg vorbereiten; weil wir von der Nächstenliebe sprechen und in
unserem täglichen Leben doch nur auf unseren Vorteil bedacht sind; auch die Kirchen erschienen
sinnlos, weil sie nur Lippendienst verrichteten.

Solche Art von Religion will die Jugend nicht mehr. Sie will auch keine Nationalitäten, keine
Rassen- und Klassenunterschiede. Doch bis jetzt gibt es keine Politik und kein System, das
ihnen diese Möglichkeiten der Freiheit garaniert — weder der Kommunismus noch der
Kapitalismus.

Deshalb protestieren sie gegen beide. Und darum sagen die jungen Menschen, daß sie all
dieses nicht mehr wollen. Und sie haben damit vollkommen recht. Sie empfinden das
Mangelhafte der heutigen Zustände sehr stark, aber sie wissen (noch) nicht, wie sie es ändern
sollen.

Die Jungen sind die wirklich religiösen Menschen; was nicht bedeutet, Mitglied einer Kirche
zu sein. Nur der religiöse Geist kann helfen, eine neue Welt aufzubauen. Und deshalb ist
dieser Aufstand der Jugend nach meiner Ansicht eines der wichtigsten Geschehnisse dieses
Jahrhunderts. Es ist die natürliche Reaktion junger Menschen.

Die ältere Generation hat eine Welt aufgebaut, die voller Gewalt ist. Die vorangegangenen
Generationen haben keine schöne Gesellschaft hinterlassen. Sie alle führten zahllose Kriege,
und durch ihren ewigen Machthunger verursachten sie entsetzliches Elend. Die Menchen
haben trotz der vergangenen Revolutionen nur eine herzlose Bürokratie, mächtige Armeen
und Flotten zustandegebracht. Ist es da nicht zu begreifen, daß junge denkende Menschen zur
Rebellion getrieben werden?

Die Jugend soll revolutionär sein. Das bedeutet allerdings nicht, Gewalt anzuwenden.
Aufstand allein löst die Probleme nicht.

Der junge Mensch wird älter, gründet eine Familie und fügt sich in die alte Ordnung. Auch er
wird zu seiner Zeit den Aufstand einer neuen Jugend zu unterdrücken suchen. Deshalb ist es
so wichtig, daß eine totale Umwandlung des Bewußtseins stattfindet.

Meiner Meinung nach besteht die Weltkrise weder in den Jugendunruhen noch im Krieg oder
in der sozialen Ungleichheit; sie liegt vielmehr im Bewußtsein, in der aggressiven
Grundstruktur des Denkens.

Das Denken hat mit seinen besitzgierigen Vorstellungen diese abscheuliche Welt
geschaffen. Dieses triebhafte Denken ist die Ursache der Kriege und der Kriegs
Wissenschaft. Das Denken hat auch die glänzende Welt der Technik hervorgebracht. Doch
auch die Technik wird unser Problem nicht lö- sen, ebensowenig wie es die Wissenschaft tun wird.
Der Mensch muß in seinem tiefsten Bestände verändert werden. Sein Geist und sein Herz müssen
verwandelt werden.

Wir sprechen so viel über Liebe. In jeder Zeitschrift, in jeder Zeitung kann man darüber lesen: von
göttlicher und menschlicher Liebe. Das Wort Liebe hat seinen wahren Sinn völlig verloren. Wir lieben
nicht mehr. Liebe ist nur ein Mittel, um sexuellen Genuß zu erlangen. Damit will ich nichts gegen
sexuelle Lust sagen, doch damit hat Liebe nichts zu tun.

Wenn man das Leben, wenn man die Wirklichkeit liebt, tötet man nicht, und man teilt die
Menschen nicht auf in Christen und Heiden. Liebe ist eine Sache des Herzens, nicht des kleinen,
dummen Verstandes.

Liebe und Denken haben nichts gemeinsam. Wer wahrhaft liebt, kann nicht mehr hassen oder
eifersüchtig sein. Die Liebe kennt keine Habsucht und keine Machtgier. Nur der religiöse Mensch ist
fähig zu lieben, weil er innerlich frei und an kein Vorurteil gebunden ist. Allein der religiöse Geist ist
imstande, eine gänzlich andere Gesellschaft aufzubauen, die sich nicht auf Krieg, Aggression und
Gewalt gründet.

Der religiöse Geist verabscheut jede Form des Wetteifers. Wie kann jemand wetteifern und zugleich
sagen: „Ich liebe meinen Nächsten?" Wir können nicht lieben, und hier liegt meiner Ansicht nach der
Kern der Sache. Wenn man liebt, wird alles anders. Wo Liebe ist, kann kein Haß sein. Liebe
erschließt eine völlig andere Dimension des Lebens, und in dieser Dimension ist alles, was
geschieht, gut. Dies ist die wahre Moralität. Nicht die Moral einer Gesellschaft, die auf
Gewalt, Habsucht und Mißgunst aufgebaut ist.

Es scheint mir wichtig, daß dieser Aufstand der Jugend vor dem Hintergrund des Chaos in der
Welt, der Unordnung und des menschlichen Elends gesehen wird. Diese Probleme können
nicht durch Politik, nicht durch die Wirtschaft oder durch Propaganda gelöst werden. Doch
wenn es Menschen gibt, denen Freiheit und Liebe über alles gehen, dann ist die
Voraussetzung da, eine neue Welt aufzubauen."

Um diese Welt vor dem Chaos zu retten, bedarf es schon einer Revolution — aber keiner
solchen Revolution, wie wir sie aus der Geschichte her kennen — sondern einer
Revolution, die im Innern des Menschen ausbricht.

Krishnamurti ist ein solcher Revolutionär. Seine Revolte vollzieht sich in der Tiefe des
Bewußtseins, von wo aus sie den ganzen Menschen ergreift.

Innere Revolte ist ein Akt tiefer spontaner Erkenntnis, der jenseits aller einengenden Begriffe
liegt.

Unmittelbare Erkenntnis des inneren Lebensprozesses befreit vom Ballast der Vergangenheit,
vom Ballast festgefahrener Erfahrungen.

Freiheit von festgefügten Bildern und Begriffen weitet den Bewußtseinsraum für die Liebe.

Krishnamurti hat dem neuen Zeitalter die Impulse für ein tieferes, religiöses Verständnis
gegeben, möchte die kommenden Generationen von allen Dogmen und Ismen befreien und
gibt dem Leben einen Sinn, indem er zeigt, welche Fülle und Schönheit im Gegenwärtigen
liegt. Wer Krishnamurti verstanden hat, ist ein Verwandelter und steht außerhalb des
Begierdenstromes und der Haßkomple-xe der Gesellschaft. Aber er flieht die Gemeinschaft nicht,
sondern beweist durch sein Verhalten, daß inmitten dieses Chaos ein anderes Leben als das des
Eigennutzes möglich ist. Durch solche Lebensart wirkt er auf die Umwelt ein und verwandelt sie
durch Kräfte, die er auf natürliche Weise ausstrahlt. Seine Wesenszüge sind Verständnis und
Geduld, Heiterkeit und Liebe.

E. Sch.