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Proseminar Alte Geschichte

Die Gracchen – Der Anfang vom Ende der römischen Republik


Herr Forster
SS 2018

Der politische Mord des Tiberius Gracchus in der römischen Republik -


Hätte er sein Schicksal abwenden können?

Kwok, Li-Yue (Matrikelnummer: 6534363)


Hf: Geschichte
Nf: Germanistik, Musikwissenschaften
3. Semester
Max-Baginskistr. 28, 65812 Bad Soden
Liyue.kwok@gmail.com

1
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Die Entstehung und das System der römischen Republik
3. die Krisen der römischen Republik vor T. Gracchus
4. Tiberius Gracchus und der Kampf um das sempronische Ackergesetz
5. Der politische Mord des Tiberius Gracchus – Motive, Folgen und Alternativen
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis

2
1. Einleitung

Tiberius Sempronius Gracchus. Reformer oder Revolutionär? Mann des Volkes oder ehrgeiziger,
aufrührerischer Politiker? In der hier behandelten Quelle „Plutarch, TG 6,20“ des antiken,
griechischen Schriftstellers Plutarch geht es um die Ermordung Tiberius, welche eine Folge seiner
Amtszeit als Volkstribun 133 v. Chr. und seines Erlasses einer neuen Gesetzesreform war.

“Nach den Angaben der Historiker war dies in Rom der erste Parteikampf seit dem Sturz
der Königsherrschaft, der durch Bürgerblut und Bürgermord entschieden wurde. Bis dahin
hatte man innere Wirren, mochten sie noch so tief greifen und an entscheidende Fragen
rühren, durch gegenseitige Nachgiebigkeit beigelegt, denn der Adel hatte Furcht vor der
Macht der Menge, und das Volk empfand Achtung vor dem Senat. Auch damals hätte sich
Tiberius wahrscheinlich leicht zum Einlenken bereden lassen, um so leichter, wenn sie ohne
Mord und Gewalttat zu ihm gekommen wären, hatte er doch nicht mehr als dreitausend
Anhänger um sich. Es hat indes den Anschein, die Verschwörung gegen ihn sei mehr durch
die Wut und den Haß der Reichen zustande gekommen als infolge der Gründe, die gegen ihn
ins Feld geführt wurde.”1

Nachdem die Entstehung und das System der römischen Republik und die Krisen, welche zu den
Geschehnissen der oben genannten Quelle führten kurz gezeichnet und der Hintergrund, sowie die
Motive und Ziele des T. Gracchus beleuchtet wurden, soll in diesem Kommentar die Fragestellung
erläutert werden, ob T. Gracchus sein Schicksal und die gewaltvolle Eskalation hätte abwenden
können. Dabei werden auch die Motive seiner Anhängerschaft sowie die Motive der oppositionellen
Kräfte mit in Betracht gezogen. Ferner werden die Geschehnisse der Quelle an sich, ihre
Darstellung, sowie der Autor mit anderen Quellen und Literatur aus der Wissenschaft verglichen.

1 Plu. TG. 6,20

3
2. Die Entstehung und das System der römischen Republik
Nach dem Ende der langjährigen Königsherrschaft der Etrusker über Rom bis zum 5 Jahrhundert v.
Chr. wurde die römische Republik die “res publica” ausgerufen.
Es traten an Stelle des Stadtregenten nun die patrizische Adelsherrschaft in Form des Praetors. Der
Senat, welcher zuvor ein Beratungsgremium des Stadtregenten war, wurde zu einer Versammlung
der Oberhäupter des Adels. 2
Die römische Republik war zu ihren Anfangszeiten oft der Gefahr von Angriffen außerhalb
ausgesetzt. Deshalb wurden die Plebejer, welche meist aus kleinen bis mittleren Bauern,
Handwerkern und Händlern bestand, zum Rückgrat der Miliz. 3 Und obwohl sie die Hauptlast der
Kriege trugen, wurden sie zuhause politisch und sozial benachteiligt. Diese Diskrepanz zwischen
Plebejern und Patriziern führten zu inneren Spannungen, mündeten aber niemals in Bürgerkriegen.
Es war ein über Generationen heranwachsender Konflikt, der im Laufe der Zeit immer wieder durch
Einigung beider Stände deeskaliert wurde und es kam nie zu offener Gewalt. Da die Plebejer ihre
Bedeutung erkannten und die Republik durchgehend durch militärische Gewalt von außen bedroht
war, legten die Plebejer ihre Waffen nieder und streikten wenn sie ungerecht behandelt wurden und
drohten die Stadt zu verlassen. 4 Die Plebejer bildeten zwei politische Organe um ihre Interessen in
der Republik zu vertreten. Zum einen gründeten sie die Volksversammlung in dem politische
Themen und Gesetzesentwürfe besprochen wurden. Diese Volksversammlung sollte von zwei bis
drei Volkstribunen geleitet werden, welche das zweite Organ bildeten. Es waren Beamte, die die
Plebejer vor der Willkür patrizischer Magistrate schützen sollte, indem sie zwischen Plebejer und
Magistrat trat. Außerdem wurden die Volkstribune durch einen Eid von allen Plebejern beschützt,
sollten sie wegen ihrer Stellung in Gefahr geraten.5
Die wichtigsten Institutionen, die drei Grundsteine der Verfassung der res publica: die
Volksversammlung, das Beamtentum und der Senat waren gebildet und die Verfassung änderte sich
in ihrer Grundstruktur bis zur Kaiserzeit nicht mehr.6

2 Schulz 2014, 22 - 23
3 Schulz 2014, 24
4 Schulz 2014, 27- 28
5 Bleicken 2004, 22
6 Bleicken 2004, 31

4
3. Die Krisen der römischen Republik
Durch die militärischen Erfolge der römischen Republik gegen Karthago und die hellenistischen
Könige im Osten gingen hohe Kriegskontributionen und -beute nach Rom. Zudem brachte der
Verkauf von Kriegsgefangenen, Raubzüge und Plünderungen viele Kriegsherren und ihre Familien
zu großem Reichtum.7 Diese investierten ihr Kapital in große Flächen an Land und Sklaven um
diese Flächen zu betreiben. Anstatt Getreide wurden bald nur noch Olivenbäume und Trauben
angebaut, sowie die Viehzucht betrieben, da die Adligen der hellenistischen Kultur verfielen und
sich an den Luxus gewöhnten. 8 Weite, gewonnen Gebiete der Römer, die nicht zu Kolonien
wurden, galten als ager publicus und waren jedem Bürger der res publica gegen eine niedrige Pacht
zur Landwirtschaft zur Verfügung gestellt. Da in Italien Ackerland zum Verkauf nicht unbegrenzt
zur Verfügung stand, bemächtigten sich Senatoren und andere reiche Römer, welche schon an
verschiedenen Orten Grundstücke besaßen, diese Staatsgebiete.9 Die ärmeren Bürger nahmen diese
Möglichkeit jedoch nicht wahr, da sie ihre Existenz lieber in einer Kolonie aufbauen wollten, wo sie
Hilfe bei Anfangsschwierigkeiten bekamen und in der Sicherheit einer sozialen Gemeinschaft
lebten.10 Durch die tiefgehenden Veränderungen in den Bereichen des Handels und der Wirtschaft
änderten sich die sozialen Strukturen in der römischen Gesellschaft. Für die mittelständischen und
Kleinbauern kam es zum Niedergang, da zum ersten die Kolonisierungspolitik stockte. Die
Kolonien waren nämlich zu aller erst dazu errichtet worden um eine militärische Sicherheit zu
garantieren und waren deshalb mehr Festung als lebenswerte Stadt in die man auswanderte und
lebte. 11 Zudem wurde durch das große Anwachsen des Großgrundbesitzes, sowie ihrer
kostengünstigeren Instandhaltung und Nutzung durch zum Beispiel das Einsetzen von Sklaven, die
Konkurrenzfähigkeit der ärmeren Schicht beinahe zerstört. Dass die besten Landstücke nun schon
okkupiert waren, stellten die jungen Menschen der neuen Generation vor ein schwieriges Problem.
Sie zogen nach Rom in der Hoffnung nach den Reichtümer der Kriege, jedoch waren ihre Chancen
mit den niedrigen Verdiensten auf ein Stück Land sehr gering und es machte sich eine Resignation
unter den Proletariern breit.12 Währenddessen bildete sich unter der römischen Oberschicht durch
den wachsenden Wohlstand und Luxus ein starker Konkurrenzkampf und das römische
Gemeinwesen änderte sich durch den schnellen außenpolitischen Aufstieg der römischen
Republik.13 Die Verarmung der Unterschicht, führte zu einem neuen Problem, und zwar in der

7 Schulz 2014, 81-83


8 Bleicken 2004, 63
9 Linke 2005, 10
10 Linke 2005, 11
11 Bleicken 2004, 64
12 Schulz 2014, 88-90
13 Linke 2005, 11

5
Hinsicht, dass die römische Bevölkerung, welche eigentlich wie in 2.) beschrieben den Hauptteil
des römischen Heeres stellte, kein Kapital mehr hatte um sich für den Kampf zu bewaffnen,
geschweige denn ein Grundstück besaßen, für dass es sich zu kämpfen und zu verteidigen lohnte.14
Es kam also in Folge dessen zur zunehmenden Landflucht, der “Proletarisierung” der mittleren
Bauernschicht und einen erheblichen Rückgang an Freiwilligen für den Krieg. Diese Probleme
stellten sich der römischen Republik zu den Lebzeiten von Tiberius und er versuchte, ob nun um
seine politische Karriere zu fördern und Anhänger zu sammeln oder um wirklich dem römischen
Volk und der Republik zu helfen, Reformen einzuleiten.

4. Das Leben des Tiberius Gracchus und der Kampf um das sempronische
Ackergesetz
Tiberius Sempronius Gracchus war einer von zwei Söhnen des berühmten Tiberius Gracchus,
welcher römischer Zensor gewesen ist. 15 Tiberius wurde nach einer aussichtsreicher Jugend und
erfolgreichem Feldzug in Afrika unter dem jungen Scipio zum Quästor ernannt. Er wurde nach
Numantioa gesandt um dort mit dem Konsul Gaius Mancinus zu kämpfen.16 Nachdem dieser
schwere Niederlagen erlitt und zu fliehen versuchte, wurden die Römer überfallen und eingekesselt.
Die Numantier trauten dem Ruf von Tiberius und so wurde er dazu aufgefordert die Bedingungen
eines Waffenstillstands und Abkommens zu verhandeln. Tiberius rettete dadurch 20.000 Menschen
das Leben, jedoch wurde dieses Abkommen in Rom als Schmach empfunden und die Karriere,
sowie sein Ruf erlitten großen Schaden. 17
Als die in 3.) herausgearbeiteten Probleme in der römischen Republik Überhand nahmen, ergriff
Tiberius die Chance um politisch voranzukommen und ließ sich zur Wahl zum Volkstribunen
stellen. Er wollte durch Reformen ein Ackergesetz erlassen, welches die gesetzliche Umverteilung
von ager publicus an mittellose Bürger vorsah. Es gab bereits ein Gesetz, welches besagte das
römische Bürger maximal 500 Joch des ager publicus okkupieren durften. Dieses Gesetz wurde
jedoch umgangen, indem man das okkupierte Land mit dem Privatbesitz vereinte und als diesen
ausgab. Dazu gab es erste Reformversuche 140 v. Chr. durch den Konsul C. Laelius, welche jedoch
auf großen Widerstand im Senat trafen.18 Da Tiberius ein geschulter Rhetoriker war konnte er seine
Zuhörer von sich überzeugen und so wurde er 133 v. Chr. zum Tribun gewählt. Nach Stockton,

14 Bleicken 2004, 65
15 Plu. TG. 6,1
16 Plu. TG. 6,5
17 Plu. TG. 6,6
18 Bleicken 2004, 64

6
scharte Tiberius als „vorausschauender Politiker“ bewusst einflussreiche Männer der Nobilität zur
Reformergruppe, da er wusste dass Großgrundbesitzer sich gegen die Agrarreform sträuben
würden.19 Sein Gesetzesentwurf sah so aus, dass er das alte Gesetz der ager publicus erweiterte und
allen Okkupanten 500 Joch Land mit 250 für maximal 2 Söhne zusprach und dieses Land in ihren
Besitz übertragen wollte. Das freigewordene Staatsland sollte zu je 30 Joch an mittellose, arme
Römer verteilt werden.20 Tiberius Gesetzesreform spaltete Rom, da die Patrizier sich nicht mehr
über die Verteilungskommission hinwegsetzen konnten und Staatsland von anderen abkaufen
konnten. Dies war in der Gesetzesreform geregelt.21 Auf der anderen Seite beklagte der arme Teil
der Bevölkerung, dass sie aus dem Wohlstand in die Armut geraten waren und sich keine Kinder
mehr leisten konnten, obwohl sie für Rom viele Schlachten gekämpft hatten. Der Senat ging indes
gegen Tiberius vor, indem sie den Volkstribun Octavius beauftragten, bei jeder von Tiberius
angesetzten Volksversammlung zur Reform, sein Veto einzulegen und die Versammlung aufzulösen.
22
Obwohl Octavius eine frühere Freundschaft mit Tiberius verband, konnte der sich gegen das
Drängen der Reichen nicht verschließen.23 Nachdem andere Maßnahmen scheiterten, setzte Tiberius
die Absetzung des Octavius zur Abstimmung an, wozu es auch kam. Dies galt als große Verletzung
der römischen Verfassung und war so noch nie vorgekommen. Die Reformer hatten kurzfristig
Erfolg und ihr Ackergesetz wurde durchgesetzt.

5. Der politische Mord an Tiberius Gracchus – Motive, Folgen und Alternativen


Nachdem wir nun die Vorgeschichte des Tiberius Gracchus und grob das Zustandekommen des
Ackergesetzes in seiner Amtszeit als Volkstribun erarbeitet haben, kommen wir nun zu seinen
Motiven und der Art seines politischen Handelns, um im Nachhinein die Folgen seiner Taten zu
bewerten. Außerdem soll die Leitfrage dieses Quellenkommentars erörtert werden, ob Tiberius sein
Schicksal hätte abwenden können.
Die Beweggründe und die Person des Tiberius Gracchus sind in der historischen Forschung
umstritten, da die Geschichtsschreiber und Forscher verschiedene Motive aufführen, wobei
sicherlich mehrere Beweggründe Tiberius zu seinem verhängnisvollen Weg führten. Stockton
spricht davon, dass die Verelendung des Kleinbauerntum, die Zunahme der Sklavenwirtschaft und
der unverhältnismäßige Grundbesitz weniger Männer „ein Leitmotiv“ für die Handlungsbasis

19 Stockton 1979, 40f.


20 Bleicken 2004, 64
21 App. BC. 1,19
22 Christ 1979, 126
23 Rieger 1991, 107

7
Tiberius war.24 Plutarch schildert in den Abschnitten vor der behandelten Stelle, dass Tiberius auf
seiner Reise nach Numantia die sozialen Missstände in Etrurien gesehen hatte und den Entschluss
fasste, für die Rechte des einfachen Volkes einzutreten. Weitere Gründe waren nach Plutarch das
Drängen seiner Berater Diophanes und Blossius, die Erfolgserwartungen seiner Mutter Cornelia und
die Konkurrenz mit einem erfolgreicherem Rivalen.25 Jochen Bleicken jedoch sieht die Schmach
von Numantia, die Tiberius politische Karriere fast beendete als vorherrschenden Grund, wonach
Tiberius „nur der Weg über das Tribunat“ blieb, „das als Sprungbrett für außergewöhnliche
politische Umtriebe geeignet und auch öfter dazu benutzt worden war, wieder zu politischem
Ansehen zu gelangen.“26 Das damalige Agrarproblem war die dazu passende Materie um sich
politisch zu profilieren. Während die Motive des Tiberius nach Bleicken sehr pragmatisch sind,
schreibt Plutarch ihnen eine idealistische Natur zu. Dies passt zu Plutarch der sich selbst als
Biograph und nicht als Historiker sieht27 und seine Leser unterhalten und moralisch erziehen will,
indem er die Qualitäten der dargestellten Personen verdeutlicht.28 K. Christ geht einen Mittelweg
und beschreibt Tiberius als ein „reiner und konsequenter Idealist“ mit wenig politischer Erfahrung
gewesen sein, der den Gegenwind und die Starrheit des Senats unterschätzte und den Einfluss und
die Rolle des Volkstribuns überschätzte. Es wäre für Tiberius trotzdem die einzige Wahl zum
politischen Wiederaufstieg, da er als Tribun Gesetzesanträge direkt vors Volk bringen konnte und er
gerade für dieses Amt das passende Alter hatte.29 Dies ist jedoch eine zu flache Erklärung, die
richtige Punkte aufweist, jedoch vor allem mit dem Beweggrund von Blecken ergänzt werden muss.
In seiner Amtszeit als Volkstribun wurde stieß Tiberius bei seinem Kampf um das Ackergesetz auf
heftigen Widerstand seitens des Senats. Um das Gesetz durchzubringen brach er mit der
„abrogatio“, der Absetzung des Tribunen Octavius das römische Gesetz. Diese Absetzung mit der
Begründung Octavius handele nicht im Interesse des Volkes wurde von den Befürwortern des
traditionellen römischen Staatsdenken als Provokation empfunden.30 Die politischen Ziele Tiberius
waren nicht revolutionärer Art, jedoch hatte er den Senat übergangen und die Volksversammlung zu
einem zweiten Ort für Entscheidungsfragen neben dem Senat erschaffen und dadurch ein
jahrhundertealtes sozialpolitisches Gefüge in Frage gestellt.31 Nachdem das Gesetz durchgesetzt
wurde, beschloss Tiberius das attalidische Erbe, welches Rom vermacht wurde, einzuziehen und die
Verteilung des Landes zu finanzieren. Dies war das zweite verfassungswidrige Vergehen, da

24 Stockten 1979, 44
25 Plu. TG. 6,8
26 Bleicken 1988, 265f
27 Plu. Alex. 1,2-3
28 Plu. Nik. 1,5
29 Christ 1979, 122
30 Heftner 2005, 52-53
31 Bleicken 2004, 65

8
außenpolitische Bestimmungen eigentlich dem Senat zustanden. Diese radikalen, politischen
Maßnahmen verschlechterten die Stimmung zwischen dem Senat und den Anhängern Tiberius
Es deutet auf die Verzweiflung Tiberius hin, der um seine (politische) Existenz und ein zweites
politisches Scheitern fürchtete. Als Schutzmaßnahme wollte er sich deshalb im Folgejahr noch
einmal zum Tribunen wählen lassen. 32
Außerdem mobilisierte Tiberius vor Furcht seine Anhängerschaft und sprach vor ihnen über seinen
bevorstehenden Tod. Mit solchen Gesten trug er jedoch dazu bei, dass sich die Stimmung
verschärfte und gewaltbereiter wurde. Seine Opponenten sahen dies als Erklärung zum Bürgerkrieg.
33
Und so wurden Gracchus und große Teile seiner Anhängerschaft erschlagen und in den Tiber
geworfen. Die von ihm eingeleiteten Gesetzte blieben allerdings in Kraft. Das weißt daraufhin, dass
nicht das Gesetz, sondern die Umverteilung des politischen Entscheidungsprozesses, maßgeblich
verantwortlich für die Ermordung von Tiberius Gracchus war. 34
Zu der Frage ob Tiberius nicht noch einen anderen Weg gehabt hatte, um den Einspruch des
Octavius legal zu umgehen, meint Ernst von Stern, dass Tiberius nur hätte warten müssen, bis
Octavius Amt ablaufe, und dann die Reformen voranzutreiben. Jedoch räumt der Historiker ein,
dass man in während revolutionären Hochstimmungen nicht warten könne. 35 Zu der Frage ob
Tiberius seinen Tod hätte verhindern können, kann man sagen, dass Tiberius durch seinen Plan der
erneuten Wahl zum Volkstribunen und durch die Anstachlung seiner Anhängerschaft dazu, ihn zu
schützen, seine Gegner nur noch mehr provozierte und somit seinen Tod herbeiführte. Hätte er dies
nicht getan, hätte die römische Oberschicht ihn wegen der Absetzung Octavius wahrscheinlich
bestraft. Er wäre vielleicht jedoch mit seinem Leben davon gekommen.

32 Bleicken 2004, 65
33 Heftner 2005, 56
34 Bleicken 2004, 65-66
35 Christ 1979, 129

9
7. Fazit

Wir haben nun anhand der damaligen Situation und Krisen der römischen Republik, sowie durch
die Betrachtung der Vergangenheit und Motive des Tiberius Sempronius Gracchus, denn Kampf um
das sempronische Ackergesetz, sowie dessen Eskalation erklärt. Wie schon herausgearbeitet, war
Tiberius in vielerlei Hinsicht schon bei seiner Entscheidung sich zum Tribun aufstellen zu lassen,
zum Verhängnis verdammt worden. Er wollte keinen gewaltsamen Umsturz der Gesellschaft, der
Verfassung und des Staates, jedoch führte er eine Situation herbei, die in einen Umsturz hätte enden
können.36 Die schwerwiegende Absetzung von Octavius war die Folge von Tiberius Schaffen und
deutet auf dessen Verzweiflung hin, seine politische Existenz zu verlieren. Sie führte zu weiteren
eskalativen Maßnahmen beider Seiten und schließlich zu seinem Tod. Um die Leitfrage dieses
Quellenkommentars zu beantworten, ob Tiberius seinen Tod hätte verhindern können, kann man
sagen, dass Tiberius seine politische Geltung nicht verlieren wollte und deshalb so handelte, wie er
handelte. Er hätte seinen Tod verhindern können, jedoch wäre seine politische Karriere und seine
Stellung zu Ende gewesen.
Das Jahr 133 war ein Wendepunkt für die innenpolitische Geschichte Roms. Der Streit um das
Ackergesetzes des Tiberius, sein Verfassungsbruch bei der Absetzung des Volkstribuns Ocatvius,
sowie der Ausbruch der offenen Gewalt, war der Start einer Reihe von Bürgerkriegen und
innenpolitischer Erschütterungen, die es seit der Königszeit nicht mehr gegeben hatte und
letztendlich in den Untergang der römischen Republik führte.37

36 Christ 1979, 148-49


37 Bringmann 1985, 7

10
8. Literaturverzeichnis

Quellen:
 Plutarch, Grosse Griechen und Römer VI, hrsg. u. übers. Von K. Ziegler, Zürich/Stuttgart
1965
 Appian von Alexandria, Römische Geschichte II, hrsg. u. übers. Von W. Will, Stuttgart 1989

Sekundärliteratur:
 J. Bleicken, Geschichte der römischen Republik, München 2004 (6. Auflage)
 J. Bleicken, Überlegungen zum Volkstribunat des Tiberius Sempronius Gracchus, in:
Historische Zeitschrift, Band 247, 1988,
 K. Bringmann, Die Agrarreform des Tiberius Gracchus – Legende und Wirklichkeit,
Stuttgart 1985
 K. Christ, Krise und Untergang der römischen Republik, Darmstadt 1979
 H. Heftner, Von den Gracchen bis Sulla – Die römische Republik am Scheideweg 133-78 v.
Chr., Regensburg 2005
 B. Linke, Die römische Republik von den Gracchen bis Sulla, Darmstadt 2005
 H. Rieger, Das Nachleben des Tiberius Gracchus in der Lateinischen Literatur, Bonn 1991
 R. Schulz, Die römische Republik, Stuttgart 2014
 D. Stockton, The Gracchi, Oxford 1979

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