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~ J.B.

METZLER
Handbuch
Deutscher Idealismus
In Zusammenarbeit mit Matteo d’Alfonso
Félix Duque, Gian Franco Frigo
Bärbel Frischmann, Piero Giordanetti
Jean-François Kervégan, Lothar Knatz
Georg Mohr, Brian O’Connor
Detlev Pätzold, Maciej Pot˛epa
Michael Rosen und Henriikka Tavi

herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler

Verlag J. B. Metzler Stuttgart · Weimar


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.ddb.de> abrufbar.

ISBN-13: 978-3-476-02118-2
ISBN 978-3-476-05211-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05211-7

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede
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Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für
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und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2005 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2005
www.metzlerverlag.de
info@metzlerverlag.de
V

Inhalt

Vorbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . IX 2.2 Condillacs Sensualismus, die französische


Aufklärung und die ›Encyclopédie ou
dictionnaire raisonné des sciences,
I. Der Deutsche Idealismus – des arts et des métiers‹ . . . . . . . . . . 83
Zur Einführung . . . . . . . . . . . . 1 3. Kants ›Revolution der Denkungsart‹ –
1 Begriffliche Vorklärungen . . . . . . . . . 1 Die Kritik der Erfahrung
1.1 Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 und der Vernunft . . . . . . . . . . . . . 86
1.2 ›Idealismus‹ – Verwendungen des Wortes 3.1 Problemstellungen und wesentliche
im Deutschen Idealismus . . . . . . . . . 3 Prinzipien der Kritik der reinen Vernunft 89
2. Die Vernunft und das Absolute . . . . . . 6 3.2 Die Kopernikanische Revolution . . . . . 90
3. System und Methode . . . . . . . . . . . 8 3.3 Die Gesetzgebung der menschlichen
4. Erkenntnis und Wissen . . . . . . . . . . 9 Vernunft, der ›Weltbegriff‹ von
5. Die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Philosophie und der ›sensus communis‹ 92
6. Freiheit, Moral und Sittlichkeit . . . . . . 12 4. Philosophie der Erkenntnis
7. Das Recht und der Staat . . . . . . . . . . 13 und des Wissens nach Kant . . . . . . . . 93
8. Die Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . 14 4.1 Fichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
9. Religion und Gottesbegriff . . . . . . . . 16 4.2 Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
10. Das Schöne und die Kunst . . . . . . . . 18 4.3 Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
11. Der philosophische Beitrag der deutschen Philosophie des Geistes statt Erkenntnis-
Frühromantik und Hölderlins . . . . . . 19 theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
12. Rezeptionen des deutschen Idealismus . . 20 Die Phänomenologie des Geistes . . . . . 112
5. Ein Ausblick auf die Entwicklung
nach Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
II. Die Vernunft und das Absolute 22
1. Einleitung und ideengeschichtlicher V. Die Natur . . . . . . . . . . . . . . . . 121
Horizont . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 1. Prämissen . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
1.1 Mendelssohn und Lessing . . . . . . . . . 23 2. Finis historiae naturalis . . . . . . . . . . 122
1.2 Jacobi als Katalysator . . . . . . . . . . . 25 3. Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
1.3 Herder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 4. Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
2. Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 4.1 Wie ist eine Welt außer uns möglich? . . 125
3. Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 4.2 Allgemeiner Organismus . . . . . . . . . 126
4. Fichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 4.3 Die Natur als absolute Tätigkeit . . . . . 127
5. Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 4.4 Die Natur als bewußtlose Tätigkeit . . . . 128
4.5 Die Natur als ›unreife Intelligenz‹ . . . . 129
4.6 Die Natur als Schmerz und Angst . . . . 130
III. System und Methode . . . . . . . . 55 4.7 Der Mensch als Gipfel und Retter
1. Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 der Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
2. Reinhold und Fichte . . . . . . . . . . . . 62 5. Hegels Verteidigung der Natur . . . . . . 132
2.1 Reinholds ›Elementarphilosophie‹ . . . . 62 5.1 An der Seite Schellings . . . . . . . . . . 132
2.2 Fichtes ›Grundsatz‹ . . . . . . . . . . . . 63 5.2 Der Weg zur eigenständigen Position . . . 134
3. Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 5.3 Natur als Organismus . . . . . . . . . . . 135
4. Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 5.4 Naturphilosophie und Wissenschaft . . . 140

VI. Freiheit, Moral und Sittlichkeit 144


IV. Die Erkenntnis und das Wissen 80 1. Moralphilosophie im Deutschen
1. Probleme der Erkenntnistheorie . . . . . 80 Idealismus – zur Einführung . . . . . . . 144
2. Erfahrung und Interpretation 2. Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
der Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . 81 2.1 Praktische Vernunft und Sittlichkeit;
2.1 Britische Empiristen über die Natur Moral und Recht . . . . . . . . . . . . . 146
der menschlichen Erkenntnis . . . . . . . 81 2.2 Maximen, praktische Gesetze, Imperative 146
VI Inhalt

2.3 Hypothetische und kategorische 5.2 Die Ausweitung des Rechtsbegriffs . . . . 201
Imperative . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 5.3 Die Abstraktheit des ›abstrakten Rechts‹ 203
2.4 Das Grundgesetz der reinen praktischen 5.4 Verbrechen und Strafe . . . . . . . . . . . 204
Vernunft als Kriterium praktischer 5.5 Die bürgerliche Gesellschaft als
Geltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Vermittlung und ›verlorene‹ Sittlichkeit 206
2.5 Achtung als moralisches Gefühl; 5.6 Der Staat als Institution und
Legalität und Moralität . . . . . . . . . . 149 geschichtliche Größe . . . . . . . . . . . 209
2.6 Freiheit als Autonomie . . . . . . . . . . 150 ›Idealität‹ des Staates: Subjektivität und
2.7 Dasein Gottes, Unsterblichkeit der Seele, Objektivität des Politischen . . . . . . . . 209
Glückseligkeit: Postulate der praktischen Verfassung und Gewaltenteilung . . . . . 211
Vernunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
3. Fichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
4. Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 VIII. Die Geschichte . . . . . . . . . . . . 218
4.1 Das Naturrecht und die problematische
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
Autonomie des Ich . . . . . . . . . . . . 156
2. Der christliche Horizont: Augustinus . . . 218
4.2 Recht versus Moral . . . . . . . . . . . . 158
3. Der Standpunkt der Frühmoderne:
4.3 Das Absolute, die Übel der Welt
Bossuet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
und das Böse . . . . . . . . . . . . . . . . 159
4. Der Providentialismus der Aufklärung . . 220
5. Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
5. Herder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
5.1 Hegel als Kritiker des ›Kantschen
5.1 Grundsätze von Herders Geschichts-
Moralismus‹? . . . . . . . . . . . . . . . . 162
auffassung . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
Die Nähe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
5.2 Geschichte und Biologie . . . . . . . . . . 225
Die Distanz . . . . . . . . . . . . . . . . 163
5.3 Herders Kraft-Begriff . . . . . . . . . . . 225
5.2 Konsistenz und Eigenständigkeit
5.4 Die ›Bildung der Menschheit‹ . . . . . . . 226
des moralischen Standpunktes . . . . . . 163
6. Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
5.3 Subjekt, Norm, Handlung . . . . . . . . . 166
7. Die Agenten der Geschichte . . . . . . . . 229
5.4 Sittlichkeit als ›Wahrheit‹ der Moralität 167
8. Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
9. Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
VII. Das Recht und der Staat . . . . . . 172 9.1 Zur Einleitung: Natur und Geschichte . . 233
9.2 Der Geist und das Individuum . . . . . . 236
1. Recht und Staat – zur Einführung . . . . 172
9.3 Hegel und die idealistische Geschichts-
2. Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
auffassung . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
2.1 Praktische Vernunft, Recht und Ethik . . 174
10. Eine Zwischenbilanz . . . . . . . . . . . . 239
2.2 Begriff und Prinzip des Rechts . . . . . . 177
11. Schellings ›positive‹ Philosophie der
2.3 Grundlagen des Privatrechts: Eigentum
Geschichtlichkeit als Alternative innerhalb
als provisio . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
des Deutschen Idealismus . . . . . . . . . 240
2.4 Das Staatsrecht: die Republik als Telos
des modernen Staates . . . . . . . . . . . 180
2.5 Das Strafrecht . . . . . . . . . . . . . . . 183 IX. Die Religion und der Gottes-
2.6 Das Völker- und Weltbürgerrecht . . . . . 184
begriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
3. Fichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
3.1 Freiheit, Leiblichkeit, interpersonale 1. Der Pantheismus-Streit und die
Anerkennung . . . . . . . . . . . . . . . 187 Entwicklung der Religionsphilosophie . . 249
3.2 Der Begriff des Rechts: Urrecht, 2. Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Zwangsrecht, Staatsrecht . . . . . . . . . 190 3. Fichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
3.3 Eigentum, Recht auf Arbeit, Sozialstaat 191 4. Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
3.4 Strafrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 5. Schleiermacher . . . . . . . . . . . . . . . 276
4. Schelling . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 5.1 Religionsphilosophie in den ›Reden über
4.1 Freiheit und die Notwendigkeit von Recht die Religion‹ . . . . . . . . . . . . . . . . 276
und Staat . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194 5.2 Religion und Gott beim späten Schleier-
4.2 Die Kritik des Staates . . . . . . . . . . . 197 macher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
4.3 Die Revolution von 1848 . . . . . . . . . 198 6. Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
5. Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 6.1 Religion in Hegels Frühschriften . . . . . 283
5.1 Die ›philosophische Rechtswissenschaft‹: 6.2 Die Religion in Hegels späteren Schriften 284
Begriff und Idee . . . . . . . . . . . . . . 200 6.3 Die Beweise vom Dasein Gottes . . . . . 286
Inhalt VII

6.4 Die Religion und Gott . . . . . . . . . . . 287 6. Die romantische »Sehnsucht nach
6.5 Die Religionen als endliche »ethnische dem Unendlichen« . . . . . . . . . . . . . 335
Religionen« . . . . . . . . . . . . . . . . 288 7. Philosophie und Poesie . . . . . . . . . . 336
8. Religion als versöhnende Kraft
des Zeitalters und Neue Mythologie . . . 338
X. Das Schöne und die Kunst . . . . 297 9. Antiszientistische Systemkritik . . . . . . 341
1. Baumgarten und Burke. Rationalismus 10. Ironie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344
und Empirismus . . . . . . . . . . . . . . 297 11. Philosophie als Hermeneutik . . . . . . . 345
2. Kant: Die moralische Grundlegung der 12. Sprachphilosophie . . . . . . . . . . . . . 347
Ästhetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 13. Theorie der Geschlechter . . . . . . . . . 348
2.1 Die transzendentale Kritik . . . . . . . . 297 14. Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349
2.2 Die Analytik des Schönen . . . . . . . . . 298
2.3 Das Erhabene . . . . . . . . . . . . . . . 301 XII. Rezeptionen des Deutschen
2.4 Die Deduktion der reinen ästhetischen Idealismus in Europa . . . . . . . . 355
Urteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
2.5 Das freie Interesse am Schönen . . . . . . 302 1. Großbritannien und Irland . . . . . . . . 356
2.6 Das Genie . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 1.1 Die frühe Rezeption des Deutschen
2.7 Die schönen Künste . . . . . . . . . . . . 303 Idealismus in England . . . . . . . . . . . 356
2.8 Die Dialektik der ästhetischen 1.2 Die frühe Rezeption des Deutschen
Urteilskraft . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 Idealismus in Schottland . . . . . . . . . 358
2.9 Die Methodenlehre des Geschmacks . . . 304 1.3 Die idealistische Bewegung in England . . 360
3. Schellings Philosophie der Kunst . . . . . 304 1.4 Die Rezeption des Deutschen Idealismus
3.1 Die transzendentale Deduktion in Irland . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362
der Kunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 2. Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . . 364
3.2 Die ästhetische Anschauung . . . . . . . . 306 2.1 Die frühe Kant-Rezeption . . . . . . . . . 364
3.3 Die Kunst als Form des Absoluten . . . . 307 2.2 Kant und die nachkantische Debatte in
3.4 Die Konstruktion der historischen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts . . 365
Kunstformen . . . . . . . . . . . . . . . . 308 2.3 Victor Cousin und der Einzug des
3.5 Naturschönes und Kunstschönes . . . . . 310 Deutschen Idealismus in der Sorbonne . . 366
3.6 Philosophische Konstruktion und 2.4 Die Fichte-Rezeption im französischen
empirischer Gegenstand . . . . . . . . . . 312 Spiritualismus . . . . . . . . . . . . . . . 367
4. Hegels Ästhetik . . . . . . . . . . . . . . 313 2.5 Die französische Hegel-Renaissance . . . 367
4.1 Der vorlogische Charakter der Kunst 3. Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368
beim Jenaer Hegel . . . . . . . . . . . . . 313 3.1 Die erste italienische Kantrezeption . . . 368
4.2 Die Kunst in der Religion: 3.2 Die erste italienische Hegel-Rezeption . . 369
Die Phänomenologie des Geistes . . . . . 314 3.3 Der italienische ›Neokantismo‹ . . . . . . 371
4.3 Die Kunst als vorlogische Vergangenheit 3.4 Der ›Neoidealismo‹ . . . . . . . . . . . . 371
der Wahrheit in den Berliner Vorlesungen 3.5 Neue philosophiegeschichtliche
Hegels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 Perspektiven nach dem Zweiten
Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
4. Spanien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
XI. Der philosophische Beitrag 4.1 Die Kant-Rezeption von ihren Anfänge
der deutschen Frühromantik bis zum spanischen Neukantianismus . . 373
4.2 Der ›Krausismo‹ . . . . . . . . . . . . . . 374
und Hölderlins . . . . . . . . . . . . . 326 4.3 Die spanische Rezeption der Hegelschen
1. Zeitgenössische Anknüpfungspunke Rechtsphilosophie . . . . . . . . . . . . . 376
der frühromantischen Philosophie . . . . 327 4.4 Der ›Krausopositivismo‹ . . . . . . . . . 376
2. Der philosophische Werdegang 5. Rezeptionen des Deutschen Idealismus
der Frühromantiker . . . . . . . . . . . . 328 in Polen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
3. Frühromantische Philosophie 5.1 Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
als Idealismus . . . . . . . . . . . . . . . 330 5.2 Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378
4. Politische Philosophie . . . . . . . . . . . 331 5.3 Die polnischen ›Philosophen der Tat . . . 379
5. Geschichtsphilosophie, Menschenbild 5.4 August von Cieszkowski . . . . . . . . . . 380
und die Idee unendlicher 6. Die frühe Rezeption Kants und Hegels
Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . 333 in Finnland . . . . . . . . . . . . . . . . 383
VIII Inhalt

6.1 Die frühe Kant-Rezeption in Finnland . . 383 3. Forschungsstellen und Kommissionen . . 411
6.2 Die Blüte des Hegelianismus in Finnland 385 4. Philosophische Gesellschaften . . . . . . . 412
5. Informationsquellen im Internet . . . . . 412

Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . 390
Verzeichnis der Autorinnen
und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . 413
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
Allgemeine Informationen zum Studium des
Deutschen Idealismus und der deutschen Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415
philosophischen Frühromantik . . . . . . . . . 410 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . 415
1. Bibliographien . . . . . . . . . . . . . . . 410 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421
2. Periodica . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
IX

Vorbemerkung

Der Deutsche Idealismus war und ist eine der wir- auch Lehrende und Forschende, deren Spezialgebiete
kungsmächtigsten Ideenkonstellationen in der Ge- außerhalb des Deutschen Idealismus liegen.
schichte der Philosophie. Er hat wichtige Quellen in Die Autorinnen und Autoren dieses Buches – sie
der deutschen Kulturgeschichte. Ihn jedoch als ein haben die Kapitel zusammen erörtert und tragen ge-
vorrangig nationalgeschichtliches Phänomen zu be- meinsam die Verantwortung für das Buch – konzen-
handeln, würde zu kurz greifen. Er ist vielmehr im trieren sich in ihren Darstellungen im wesentlichen
Horizont verschiedenster Formen der Beeinflussung, auf die Philosophien Kants, Fichtes, Schellings und
Rezeption und Akkulturation zu sehen und zu er- Hegels, ohne aber damit dementieren zu wollen, daß
forschen, in denen er mit anderen Elementen der eu- sich der Deutsche Idealismus in weit komplexeren
ropäischen Kultur-, Geistes-, Wissenschafts-, Rechts- Konstellationen entwickelt hat. Die Erforschung der
und Politikgeschichte interagiert. Tiefendimensionen, Verzweigungen und Vernetzun-
In das Studium des Deutschen Idealismus müssen gen dieser Konstellationen hat im letzten Jahrzehnt
andere philosophische Denkweisen und Kulturen – zu einer beachtlichen Erweiterung der Kenntnisse
wesentliche Momente der europäischen Vorge- über den Deutschen Idealismus geführt; abgeschlos-
schichte wie der britische Empirismus, der Rationa- sen ist die Forschung freilich noch keineswegs. Die
lismus oder die französische Aufklärung – einbezo- Vorstellung einer Linie ›von Kant bis Hegel‹ hat sich
gen werden, um die Herausbildung und Entwicklung jedenfalls als viel zu einfach erwiesen. Die weitge-
dieses Philosophierens in Deutschland verstehen zu hende Konzentration dieses Handbuchs auf die ›gro-
können. ßen Meister‹ ist nicht dieser historiographischen Le-
Zu berücksichtigen sind zeitgenössische Rezeptio- gende geschuldet; maßgeblich waren allein Um-
nen und Metamorphosen in anderen europäischen fangsgründe.
Kulturen, die sich daraus ergebenden Interaktionen Einbezogen wurde die oft abseits des Deutschen
zwischen den Philosophien und die Beziehungen zu Idealismus thematisierte Philosophie der Frühro-
Religion, Kunst, Wissenschaften, Recht und Politik. mantik; sie hat sich explizit als Idealismus definiert;
Geschieht dies, so wird deutlich: Der ›deutsche‹ Idea- mit ihr erweitert sich der Blick auf die Vielschichtig-
lismus war und ist ein zentrales Moment der Ent- keit der idealistischen Entwicklung.
wicklung Europas als einer polyphonen kulturellen Bei der systematischen Darstellung wesentlicher
Einheit. Probleme des Deutschen Idealismus kommen in die-
Eine umfassende Geschichte seiner vielfältigen Re- sem Handbuch die jeweils behandelten Autoren nicht
zeptionen außerhalb Deutschlands ist noch nicht ge- nur in kürzeren Zitaten, sondern auch in ausführli-
schrieben. Das umfangreiche Kapitel 12 in diesem chen, für die jeweiligen systematischen Probleme re-
Handbuch ist ein erster Beitrag zu einer Historio- präsentativen Quellenauszügen zu Wort. Die Ent-
graphie, die der Komplexität dieser ganz unter- wicklungsgeschichte dieser Probleme bestimmt die
schiedlich motivierten Rezeptionen entspricht; es er- Darstellung. Das Handbuch ist ein Plädoyer für hi-
hebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es geht storisches Lesen; wenn die Quellennachweise in den
darum, deutlich zu machen, daß der Deutsche Idea- Endnoten jeweils nicht nur die vollständigen Titel
lismus bereits in der Zeit seiner Entstehung und Ent- der zitierten Schriften, sondern auch das Erschei-
wicklung in zahlreichen europäischen Ländern als in- nungsjahr enthalten, so ist dies keine nebensäch-
tellektuelle Anregung – zustimmend oder als Anlaß liche Information; sie verweist vielmehr darauf, daß
zu Kritik – wahrgenommen wurde, und exempla- auch die idealistischen Philosophien im Prozeß ihrer
risch darzulegen, in wie unterschiedlichen Formen er Entstehung und Entwicklung studiert werden müs-
unter den jeweiligen Bedingungen nationaler kultu- sen.
reller Konstellationen rezipiert wurde. Thematisiert Dieses Handbuch ist in enger Kooperation seiner
werden die Rezeptionen in Großbritannien und Ir- Autorinnen und Autoren als Ergebnis von Intensiv-
land, Frankreich, Italien und Spanien sowie Polen seminaren entstanden, die von 1999 bis 2002 als
und Finnland. Sommerkurse des Studiengangs Philosophie der Uni-
Die Adressaten dieses nach systematischen Ge- versität Bremen unter dem Titel Philosophie – in der
sichtspunkten strukturierten und erstmals in der Per- Mitte europäischer Kultur. Die Philosophie des deut-
spektive systematischer Fragestellungen in die Ge- schen Idealismus im europäischen Vergleich: Entste-
schichte des Deutschen Idealismus einführenden hung, Rezeption, Wechselwirkung und heutige Wege
Handbuchs sind fortgeschrittene Studierende, aber und Ziele der Forschung stattgefunden haben. Die
X Vorbemerkung

Aufgabe dieser Seminare bestand darin, die an ver- Einen wesentlichen Beitrag zu unserer Arbeit ver-
schiedenen europäischen Universitäten isoliert ent- danken wir Francesco Moiso (Milano) und seinen
standenen Schwerpunktsetzungen und Aktivitäten enzyklopädischen philosophie- und wissenschaftsge-
zur Untersuchung des Deutschen Idealismus zu bün- schichtlichen Kenntnissen. Sein zu früher Tod hat
deln. Beteiligt waren Lehrende und Forscher aus acht verhindert, daß er sich mit der Bearbeitung seiner
und Studierende aus elf Ländern. Bremer Vorlesungen an der Veröffentlichung der Er-
Die Studierenden haben sich an der Vorbereitung träge der Intensivseminare beteiligen konnte.
und Durchführung der Seminare aktiv beteiligt und Wir danken der Università degli Studi di Milano
durch Interpretationen von Quellen und Untersu- für ihre gastfreundliche Unterstützung.
chungen zu Rezeptionen des Deutschen Idealismus Der Universität Bremen sind wir für die langjäh-
in ihren Ländern wesentlich zum Gelingen beigetra- rige großzügige personelle und finanzielle Förderung
gen. Die Vorlesungen der Lehrenden waren Grund- unserer Arbeit zu Dank verpflichtet.
lage einer intensiven gemeinsamen Arbeit, in der Unser Dank gilt schließlich Herrn Andreas Jürgens
durch die komplexe Behandlung zentraler Probleme (Bremen) für seine Hilfe beim Korrekturlesen.
des Deutschen Idealismus – Vernunft und Absolutes,
Erkenntnis, Wissen und Wissenschaft, Natur und Ge- Bremen, im März 2005
schichte, Kunst und Religion, Moral, Recht und Staat
– die Kenntnis der unterschiedlichen europäischen Matteo d’Alfonso (Milano/München), Félix Duque
Wissenskulturen im Kontext des Deutschen Idealis- (Madrid), Gian Franco Frigo (Padova), Bärbel
mus vertieft wurde. Die Analysen wurden bis in die Frischmann (Bremen), Piero Giordanetti (Milano),
Untersuchung gegenwärtiger Wirkungen dieser Phi- Jean-François Kervégan (Paris), Lothar Knatz
losophie fortgeführt. (Bremen), Georg Mohr (Bremen), Brian O’Connor
Methodenprobleme der Philosophiegeschichts- (Dublin), Detlev Pätzold (Groningen), Maciej
schreibung und der Forschung und Lehre zum Deut- Pot˛epa (Warszawa), Michael Rosen (Oxford),
schen Idealismus wurden bei Kolloquien der Lehren- Hans Jörg Sandkühler (Bremen), Henriikka Tavi
den auf Einladung der Università degli Studi di Mi- (Helsinki)
lano in deren Gästehaus in Gargnano di Garda er-
örtert.
1

I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

1. Begriffliche Vorklärungen1 klarieren. Die mit dem Wort gemeinte Konstellation


ist von den Schülern vor allem Hegels zunächst nur
1.1 Probleme mit Namen bezeichnet worden: 1837/1838 legt C. L.
In der Geschichte der Philosophie wird ein Typus Michelet eine Geschichte der letzten Systeme der Philo-
von Theorien mit einem Namen bezeichnet, der sich sophie in Deutschland von Kant bis Hegel vor. Durch
seit Kant auch als Selbstbezeichnung eingebürgert R. Kroners Von Kant bis Hegel (1921/1924) ist diese
hat: Idealismus. Diese Bezeichnung umfaßt jene Ide- vermeintliche ›Linie‹ zum Topos und zur Legende
enlehren, wie sie seit Platon bekannt sind. Als philo- geworden.
sophische Strategie ist der Idealismus zumindest Es ist eine allgemeine ideengeschichtliche Erschei-
durch drei Merkmale ausgezeichnet: (i) Als Ontolo- nung, daß -ismus-Typenbegriffe wie ›Idealismus‹ nur
gie behauptet er die Existenz von geistigen Entitäten selten als Selbstbezeichnungen und meist von Kriti-
(Ideen), die nicht auf materielle Entitäten reduzier- kern als Bezichtigungsbegriffe eingeführt werden. Ein
bar sind; (ii) als Erkenntnistheorie vertritt er die -ismus gehört in der Regel als relationaler Terminus
These, daß die den Menschen erscheinende Außen- zu einem Paar von Oppositionsbegriffen, so auch
welt nicht von den Vorstellungen denkender Subjekte ›Idealismus‹, der ohne ›Materialismus‹ (oder ›Realis-
unabhängig ist; und (iii) als Ethik widmet er sich mus‹) als Widerpart nicht zu denken ist, wie die eng
normativen Konzepten der Begründung und Recht- miteinander verkoppelte Einführung von ›Materia-
fertigung des Handelns aus Vernunftprinzipien. lismus/Idealismus‹ zeigt.
Innerhalb dieser Formation wird die Entwicklung (i) Materialismus: Im 1720 in Jena (zunächst Lon-
von Kant bis zu Hegel und zum Spätwerk Schellings don 1717) erschienenen Briefwechsel zwischen S.
als Deutscher Idealismus verortet. In sich durchaus Clarke und G. W. Leibniz sind ›Materialist‹ und ›Ma-
heterogen, hat sich diese besondere philosophische terialismus‹ erstmals in deutscher Sprache belegt:
Konstellation als intellektuelle Bewegung aus ihrer Clarke kritisiert, »der ungegründeten Weltweisheit
Zeitgenossenschaft im ›Zeitalter der Vernunft‹ ver- derer Materialisten« liefen »die mathematischen
standen, näher: der Manifestationen dieser Vernunft Grundsätze der Philosophie gerade zuwider«, und
als Wissen des Ganzen und als Wissenschaft sowie als der »Begriff derjenigen, welche behaupten, daß die
Fortschritt, Freiheit und Recht. Von der Idylle des Welt eine große Maschine sei«, führe »den Materia-
kontemplativen Lebens in ›abstrakten Ideen‹, die lismum und das blinde Verhängnis ein«. Leibniz hat
dem Idealismus angedichtet wurde, kann nicht die dem mit der Zuspitzung beigepflichtet, daß die
Rede sein. Die Philosophen des Deutschen Idealis- »Lehrsätze derer Materialisten zur Unterhaltung der
mus engagieren sich nach ihrem Selbstverständnis im Gottlosigkeit einen großen Beitrag tun«.2 In J. G.
Umbruch zu einer neuen Zeit. Der Idealismus in Walchs Philosophischem Lexikon (21733) wird der
Deutschland ist im ausgehenden 18. und bis zur ›Materialismus‹ mit der Leugnung der »geistlichen
Mitte des 19. Jahrhunderts Zeitzeuge eines Zyklus Substanzen« identifiziert; er sei ein »Mechanismus«,
von wissenschaftlichen, kulturellen und politisch-so- der »alle Begebenheiten und Wirkungen der natür-
zialen Veränderungen, die als Revolutionen verstan- lichen Körper bloß aus der Beschaffenheit der Mate-
den werden, und auch eines Anti-Zyklus von Gegen- rie« abzuleiten suche.3 Zedler hat 1739 im 19. Bd.
Revolutionen und Restaurationen. Die philosophi- seines Grossen vollständigen Universal-Lexicon aller
schen Zeitgenossen gehen davon aus, daß die Philo- Wissenschaften und Künste Walchs Ausführungen
sophie kein bloß äußerliches Verhältnis zum Bruch zum ›Materialismus‹ übernommen, aber in einem
mit dem ancien régime in der Französischen Revolu- bei Walch noch nicht vorkommenden Artikel Mate-
tion und zur Freisetzung der modernen bürgerlichen rialisten die kritischen Konnotationen formuliert, die
Gesellschaft hat; dies gilt auch für die Veränderungen in Zukunft zur Denunziation des ›Materialismus‹ ge-
des ästhetischen und religiösen Weltbildes sowie des hören sollten: Die Materialisten seien eine »schlimme
philosophischen und wissenschaftlichen Wissens. So Secte unter den Philosophen«, ihre Leugnung der
verstanden, bildet das, was ›Deutscher Idealismus‹ Differenz von Seele und Leib gebe die »Freiheit mit
genannt wird, eine Einheit. der Unsterblichkeit der Seelen« preis, und ihr ganzes
Den Philosophen aber, die dieser Einheit zuge- Denken sei »der Religion und Tugend nachteilig«.
rechnet werden, ist es nicht eingefallen, sich selbst als Damit sind bereits in den Anfängen durch den syn-
deutsche Idealisten zu bezeichnen und ihre Philoso- onymen Gebrauch von ›Materialismus‹, Mechanis-
phien unter dem Zeichen Deutscher Idealismus zu de- mus, Sektentum, Religionsfeindlichkeit, Immoralis-
2 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

mus und Verstoß gegen die kirchliche und staatliche da lebendig macht, das Fleisch ist kein Nütze.‹« Die
Ordnung die wesentlichen Elemente gegeben, die es Autoren dieser Kritik sind die jungen K. Marx und F.
über lange Zeit verhindern, daß sich Materialisten als Engels; sie formulieren sie in Die heilige Familie oder
Materialisten bezeichnen. ›Materialismus‹ ist als Be- Kritik der kritischen Kritik (1845). In dieser ersten ge-
griff eine Kampfansage gegen den Materialismus der meinsamen Polemik gegen die ›linke‹ Hegelschule
Materialisten. prägen sie die Bezeichnung »deutscher Idealismus«:
(ii) Idealismus: Chr. Wolff, selbst vom Verdacht des
Die Metaphysik des 17. Jahrhunderts, welche von
Spinozismus und Atheismus bedroht – Spinoza gilt
der französischen Aufklärung und namentlich von
weithin als Hauptvertreter des ›Materialismus‹ –,
dem französischen Materialismus des 18. Jahrhun-
führt wenig später die folgenreiche Dichotomie Ma-
derts aus dem Felde geschlagen war, erlebte ihre
terialist/Idealist ein.4 Auch wenn andere Polaritäten
siegreiche und gehaltvolle Restauration in der
wie ›Materialismus/Immaterialismus‹ oder ›Natura-
deutschen Philosophie und namentlich in der spe-
lismus/Spiritualismus‹ noch begegnen, bezeichnet
kulativen deutschen Philosophie des 19. Jahrhun-
seit Wolff ›Idealismus‹ das Veto gegen materialistische
derts. Nachdem Hegel sie auf eine geniale Weise
Konzeptionen. Der Idealismusbegriff hat sich als Ty-
mit aller seitherigen Metaphysik und dem deut-
pen-Begriff seit dem 18. Jahrhundert durchgesetzt,
schen Idealismus vereint und ein metaphysisches
und zwar als Bezichtigungsbegriff. So wird bei Leib-
Universalreich gegründet hatte, entsprach wieder,
niz und Wolff derjenige bezichtigt, ›Idealist‹ zu sein,
wie im 18. Jahrhundert, dem Angriff auf die Theo-
der die ideelle Existenz der ›Seele‹ behauptet und die
logie der Angriff auf die spekulative Metaphysik
Existenz der realen Welt und der ›Körper‹ leugnet.
und auf alle Metaphysik. – Sie wird für immer dem
Von hierher rührt der noch heute pejorative um-
nun durch die Arbeit der Spekulation selbst voll-
gangssprachliche Gebrauch: ›Idealisten‹ idealisieren,
endeten und mit dem Humanismus zusammen-
verkennen die ›harte Realität‹ und mühen sich ver-
fallenden Materialismus erliegen.6
geblich für ideale Ziele ab. Terminologisch tritt ›Idea-
lismus‹ mit Kant in der Philosophie als Selbstbe- Der Terminus ›Deutscher Idealismus‹ gehört in der
zeichnung und als Gegenbegriff gegen ›Naturalis- Zeit seiner Prägung in das Wortfeld von ›Ideologie‹,
mus‹, ›Materialismus‹, ›Realismus‹ und ›Dogmatis- und dies bedeutet: zu dem an Napoléons Denunzia-
mus‹ auf. 1785 erklärt M. Mendelssohn: tion der Idéologistes (Destutt de Tracy, Cabanis u. a.)
als ›idéalistes‹ und ›idéologues‹ orientierten Sprach-
Der Anhänger des Idealismus hält alle Phänomena
gebrauch. ›Idealistisch‹ kann bei Marx und Engels
unsrer Sinne für Accidenzen des menschlichen
auch als allegorischer Ausdruck für ›ideologisch‹ auf-
Geistes, und glaubet nicht, daß ausserhalb dessel-
treten, wie etwa die Wortverbindung »idealistische
ben ein materielles Urbild anzutreffen sey, dem sie
Superstruktur«7 belegt. In einer im Manuskript von
als Beschaffenheiten zukommen.5
Marx‹ und Engels‹ Die deutsche Ideologie gestriche-
Der Begriffsgebrauch ist allerdings in der ganzen so nen Fußnote heißt es:
benannten Epoche keineswegs stabil und einheitlich.
Der deutsche Idealismus sondert sich durch keinen
Die idealistischen Philosophen in Deutschland pole-
spezifischen Unterschied von der Ideologie aller an-
misieren vornehmlich gegen den Antipoden ›Realis-
dern Völker ab. Auch diese betrachtet die Welt als
mus‹ und streiten zugleich um die richtige Idealis-
durch Ideen beherrscht, die Ideen u[nd] Begriffe
mus-Konzeption; sie grenzen sich gegeneinander ab
als bestimmende Prinzipien, bestimmte Gedanken
und kennzeichnen die eigene bzw. gegnerische Posi-
als das den Philosophen zugängliche Mysterium
tion jeweils durch Hinzufügung von Adjektiven als
der materiellen Welt. Hegel hatte den positiven
einen bestimmten Idealismus – ›kritischer‹, ›tran-
Idealismus vollendet. […] Die deutschen Philoso-
szendentaler‹, ›subjektiver‹, ›objektiver‹, ›absoluter‹,
phen, aus ihrer Traumwelt aufgerüttelt, protestie-
›uneigentlicher/eigentlicher‹, ›schlechter‹, ›platter‹,
ren gegen d[ie] Gedankenwelt, der sie die Vorstel-
›dogmatischer‹, ›formaler‹, ›abstrakter‹ … Idealis-
lung der wirklichen, leib[haftigen …] Die deut-
mus.
schen philosophischen Kritiker behaupten sämt-
Der Terminus ›Deutscher Idealismus‹ ist erst in den
lich, daß Ideen, Vorstellungen, Begriffe bisher d[ie]
1840er Jahren eingeführt worden, und zwar durch
wirklichen Menschen beherrscht u[nd] bestimmt
materialistische Gegner, die für einen ›realen Huma-
haben, daß d[ie] wirkliche Welt ein Produkt d[er]
nismus‹ und gegen dessen ›Feind‹, den »Spiritualis-
ideellen Welt ist.8
mus oder den spekulativen Idealismus« plädierten,
»der an die Stelle des wirklichen individuellen Men- In neutraler, nicht mehr ideologiekritischer Bedeu-
schen das ›Selbstbewußtsein‹ oder den ›Geist‹ setzt tung taucht ›Deutscher Idealismus‹ erst weit später
und mit dem Evangelisten lehrt: ›Der Geist ist es, der auf, so z. B. 1865 in F. A. Langes – er ist Neukantianer
Begriffliche Vorklärungen 3

– Geschichte des Materialismus.9 Der Terminus kann einem dieser Denker zum anderen zu untersuchen.
zu der Zeit als etabliert gelten, als ihn etwa W. Dil- Und doch gibt es hier die Gefahr, das Ganze kom-
they in seiner Einleitung in die Geisteswissenschaften plexer und widersprüchlicher Konstellationen (so der
(1883) oder in Der Aufbau der geschichtlichen Welt in Titel des von D. Henrich initiierten Forschungspro-
den Geisteswissenschaften (1910) ohne weiteren Er- gramms12) aus den Augen zu verlieren und sich auf
läuterungsbedarf verwendet. Doch eine allgemein ak- die vier ›großen Meister‹ zu fixieren, gerade so, als
zeptierte Definition von ›Idealismus‹ gab und gibt es hätten sie nicht in einer Zeit außerordentlich aktiver
nicht; 1910 notiert F. Mauthner, ›Idealismus‹ sei »ein philosophischer Diskussionen geschrieben, die durch
verhältnismäßig junges Wort; aber es war von Anfang viele mittlerweile fast vergessene, aber damals wich-
an verworren, und selten verstehen zwei Menschen, tige Gesprächsteilnehmer mit getragen wurde. Ob-
die [das Wort] gebrauchen, unter Idealismus das- wohl Kant, Fichte, Schelling und Hegel oft in Reak-
selbe«.10 tion aufeinander geschrieben haben, war ein interner
›Deutscher Idealismus‹ ist bis heute nicht unum- Dialog nicht ihr einziges Ziel. Ein wegweisender Ver-
stritten; als Alternativvorschlag wurde ›Klassische such, die neueren Forschungsergebnisse in eine ein-
deutsche Philosophie‹ in die Historiographie der Phi- heitliche Interpretation des Deutschen Idealismus zu
losophie eingebracht, doch das sachliche Problem integrieren, liegt mit Frederick Beisers The Fate of
wird damit auch nicht gelöst. Reason (1987), Enlightenment, Revolution and Ro-
manticism (1992) und German Idealism (2002) vor.
›Deutscher Idealismus‹ ist ein so allgemeiner
(v) Eine weitere Gefahr besteht darin, die zeitliche
Name, der sehr verschiedene Dinge zum Zwecke
Folge als notwendig und den Weg von Kant zu Hegel
der Abkürzung, der Herrschaft und der Indifferen-
als teleologische Entwicklung mißzuverstehen. Die
zierung zusammenfaßt. […] gemessen am sach-
Gefahr ist um so größer, als dieses Interpretations-
lichen Gehalt ist ›Deutscher Idealismus‹ ein denk-
muster von Hegel selbst in seinen Vorlesungen über
bar schlechter Name.11
die Geschichte der Philosophie ins Spiel gebracht wor-
Diese Warnung vor dem Wortgebrauch ist aus meh- den ist, um seine eigene Theorie als den Endpunkt
reren Gründen nicht unberechtigt: eines dialektischen und somit notwendigen Prozesses
(i) Die Philosophien des Deutschen Idealismus zu legitimieren. Seine Vorgänger, hätten sie Hegel
sind nicht nur auf höchst unterschiedliche Weise überlebt, hätten dies nicht akzeptiert; Schelling, der
›idealistisch‹, sondern sie schließen – bereits bei Kant Hegel überlebt hat, hat ihm vehement widerspro-
und dann mit Kant oder gegen Kant – auch idea- chen.
lismuskritische Strategien in Richtung einer Imple- (vi) Der Deutsche Idealismus wird als philosophi-
mentierung realistischer Ontologien in sich ein; nicht sche Bewegung gesehen, und dies nicht zu Unrecht.
zu vergessen sind auch die Dialoge, die Kant mit dem Es gibt aber keinen guten Grund, hinter das Selbst-
Materialisten G. Forster und Schelling mit dem Ma- verständnis seiner Protagonisten zurückzufallen. Sie
terialisten Feuerbach geführt haben. haben ihre Philosophien bewußt und explizit in In-
(ii) Die Philosophien des Deutschen Idealismus in- teraktionen entwickelt und wahrgenommen – mit
teragieren auf unterschiedlichste Weise mit Philoso- den zeitgenössischen, teilweise nicht weniger tief-
phien anderer nationaler Kulturen, sei es im Rekurs greifenden Veränderungen in Kunst und Religion,
auf die Philosophiegeschichte, sei es in direktem Be- Naturforschung und Naturwissenschaften, Recht
zug auf Zeitgenossen. und Politik sowie mit den entsprechenden Theo-
(iii) Der Name ›Deutscher Idealismus‹ verführt in- rien.
sofern zu unangemessenen Vereinfachungen, als er
die Epoche von Kants kritischer Philosophie (1781) 1.2 ›Idealismus‹ – Verwendungen des Wortes
über Hegels Enzyklopädie und Logik (bis 1831) bis zu im Deutschen Idealismus
Schellings Tod (1854) auf einen einzigen Nenner zu Kant, der Begründer des ›kritischen Idealismus‹, hat
bringen sucht; die Konflikte in der Philosophie dieser sich immer wieder von jenem Idealismus distanziert,
Zeit, in denen sich zahlreiche einer Erinnerung wür- den G. Berkeley in seinem später als ›Solipsismus‹
dige Gegner der Idealisten engagieren, werden aus- gekennzeichneten Gedankenexperiment des ›solum
geblendet. ipse‹ und des ›esse est percipi‹ zur Warnung vor Gott-
(iv) Der ›Deutsche Idealismus‹ ist mit den vier losigkeit konzipiert hatte. Kant schreibt hierzu:
›großen Namen‹ Kant, Fichte, Schelling, Hegel nicht
hinreichend umschrieben, so verständlich dies auf Es ist also der Egoismus und Idealismus ein skepti-
den ersten Blick auch sein mag, waren doch diese scher Versuch, wo man nicht die Dinge läugnet,
Philosophen so sehr miteinander verkettet, daß es bei sondern den Sinnen ihre Zuverlässigkeit nimmt.
jeder beliebigen Frage sinnvoll ist, die Erbfolge von Daß die Sinne keinen Beweis geben können (wel-
4 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

ches in der Philosophie sehr gut ist), dienet, die Die Auflösung dieser Schwierigkeit beruht auf
Untersuchungen zu unterscheiden. Der Verstand etwas, was man sehr leicht aus dem Zusammen-
kann zwar zu der Zuverlässigkeit der Sinne etwas hange der Schrift hätte einsehen können, wenn
hinzuthun; denn wenn Dinge verändert werden, so man gewollt hätte. Raum und Zeit sammt allem,
muß in ihnen ein Grund der Veränderung seyn. was sie in sich enthalten, sind nicht die Dinge oder
Also bleibt der Egoismus und Idealismus als pro- deren Eigenschaften an sich selbst, sondern gehö-
blematisch in der Philosophie.13 ren blos zu Erscheinungen derselben; bis dahin bin
ich mit jenen Idealisten auf einem Bekenntnisse.
Unter dem Titel ›Widerlegung des Idealismus‹
Allein diese und unter ihnen vornehmlich Berkeley
schreibt er in seiner Kritik der reinen Vernunft:
sahen den Raum für eine bloße empirische Vor-
Der Idealism (ich verstehe den materialen) ist die stellung an, die eben so wie die Erscheinungen in
Theorie, welche das Dasein der Gegenstände im ihm uns nur vermittelst der Erfahrung oder Wahr-
Raum außer uns entweder bloß für zweifelhaft nehmung zusammt allen seinen Bestimmungen
und unerweislich, oder für falsch und unmöglich bekannt würde; ich dagegen zeige zuerst: daß der
erklärt; der erstere ist der problematische des Car- Raum (und eben so die Zeit, auf welche Berkeley
tesius, der nur Eine empirische Behauptung (asser- nicht Acht hatte) sammt allen seinen Bestimmun-
tio), nämlich: Ich bin, für ungezweifelt erklärt; der gen a priori von uns erkannt werden könne, weil er
zweite ist der dogmatische des Berkeley, der den sowohl als die Zeit uns vor aller Wahrnehmung
Raum mit allen den Dingen, welchen er als unab- oder Erfahrung als reine Form unserer Sinnlichkeit
trennliche Bedingung anhängt, für etwas, was an beiwohnt und alle Anschauung derselben, mithin
sich selbst unmöglich sei, und darum auch die auch alle Erscheinungen möglich macht. […]
Dinge im Raum für bloße Einbildungen erklärt. Mein so genannter (eigentlich kritischer) Idea-
Der dogmatische Idealism ist unvermeidlich, wenn lism ist also von ganz eigenthümlicher Art, näm-
man den Raum als Eigenschaft, die den Dingen an lich so, daß er den gewöhnlichen umstürzt, daß
sich selbst zukommen soll, ansieht; denn da ist er durch ihn alle Erkenntniß a priori, selbst die der
mit allem, dem er zur Bedingung dient, ein Un- Geometrie, zuerst objective Realität bekommt,
ding. Der Grund zu diesem Idealism aber ist von welche ohne diese meine bewiesene Idealität des
uns in der transscendentalen Ästhetik gehoben. Raumes und der Zeit selbst von den eifrigsten Rea-
Der problematische, der nichts hierüber behaup- listen gar nicht behauptet werden könnte. Bei sol-
tet, sondern nur das Unvermögen, ein Dasein au- cher Bewandtniß der Sachen wünschte ich, um al-
ßer dem unsrigen durch unmittelbare Erfahrung len Mißverstand zu verhüten, daß ich diesen mei-
zu beweisen, vorgiebt, ist vernünftig und einer nen Begriff anders benennen könnte; aber ihn
gründlichen philosophischen Denkungsart gemäß: ganz abzuändern will sich nicht wohl thun lassen.
nämlich, bevor ein hinreichender Beweis gefunden Es sei mir also erlaubt, ihn künftig, wie oben schon
worden, kein entscheidendes Urtheil zu erlau- angeführt worden, den formalen, besser noch den
ben.14 kritischen Idealism zu nennen, um ihn vom dog-
Seinen eigenen Idealismus erläutert er in Abgrenzung matischen des Berkeley und vom sceptischen des
zu anderen Idealismen so: Cartesius zu unterscheiden.15

Der Satz aller ächten Idealisten von der Eleatischen Um den Idealismus Kants hat sich von 1782 bis 1796
Schule an bis zum Bischof Berkeley ist in dieser in Deutschland eine intensive Auseinandersetzung
Formel enthalten: »Alle Erkenntniß durch Sinne ergeben16, auf die hier nur kurz verwiesen werden
und Erfahrung ist nichts als lauter Schein, und nur kann. Seine Ideen wurde keineswegs ohne Schwierig-
in den Ideen des reinen Verstandes und Vernunft keiten und Widerspruch aufgenommen, sondern von
ist Wahrheit.« Seiten des Dogmatismus, Eklektizismus, Skeptizis-
Der Grundsatz, der meinen Idealism durchgän- mus und Fideismus (Glaubensphilosophie) be-
gig regiert und bestimmt, ist dagegen: »Alles Er- kämpft. Ein moderater Dogmatiker wie Moses Men-
kenntniß von Dingen aus bloßem reinen Verstande delssohn verteidigte 1785 in seinen Morgenstunden
oder reiner Vernunft ist nichts als lauter Schein, den ontologischen Gottesbeweis gegen Kant, den ›al-
und nur in der Erfahrung ist Wahrheit.« les Zermalmenden‹. Kant, so auch J. A. Reimarus,
Das ist ja aber gerade das Gegentheil von jenem habe nur die Philosophie der skeptischen Humeaner
eigentlichen Idealism; wie kam ich denn dazu, fortgesetzt. Noch heftiger reagierten die ›Zeloten‹, die
mich dieses Ausdrucks zu einer ganz entgegenge- Wächter des Glaubens, aus dem katholischen und
setzten Absicht zu bedienen, und wie der Recen- dem protestantischen Lager. Auf der anderen, nicht-
sent, ihn allenthalben zu sehen? fideistischen Seite warf der Eklektiker D. Tiedemann
Begriffliche Vorklärungen 5

dem Königsberger übermäßigen Dogmatismus vor. Realismus und des Idealismus«, und das ist »die: wel-
Noch härter waren die Angriffe aus zwei der mäch- chen Weg man in Erklärung der Vorstellung nehmen
tigsten akademischen Einrichtungen im damaligen solle«.18
Deutschland: den Universitäten Göttingen und Halle. Seine Antwort formuliert er 1797 in der Ersten
In Göttingen war die Universität von Eklektikern und Einleitung in die Wissenschaftslehre:
moderaten Popularphilosophen beherrscht; in einer
Der Idealismus erklärt […] die Bestimmungen des
Rezension in den einflußreichen Göttinger Anzeigen
Bewusstseyns aus dem Handeln der Intelligenz.
von gelehrten Sachen warf Ch. Garve Kant schon 1782
Diese ist ihm nur thätig und absolut, nicht leidend;
vor, einen Berkeleyschen Idealismus zu propagieren.
das letzte nicht, weil sie seinem Postulate zufolge
Noch einflußreicher waren die Kritiken Hamanns,
erstes und höchstes ist, dem nichts vorhergeht, aus
Herders und Jacobis. Alle drei mißtrauten dem dis-
welchem ein Leiden desselben sich erklären liesse.
kursiven rationalen Denken und pochten auf unmit-
Es kommt aus dem gleichen Grunde ihr auch kein
telbare Gewißheit und historische Überlieferung.
eigentliches Seyn, kein Bestehen zu, weil dies das
Hamann kritisierte die Vernunft von ›außen‹, im Na-
Resultat einer Wechselwirkung ist, und nichts da
men der christlichen Religion; Herder wandte sich im
ist, noch angenommen wird, womit die Intelligenz
Namen der Rechte der von der mechanischen Ver-
in Wechselwirkung gesetzt werden könnte. Die In-
nunft entheiligten Natur gegen Kant; und Jacobi ar-
telligenz ist dem Idealismus ein Thun, und absolut
gumentierte mit einer schneidenden internen Kritik
nichts weiter; nicht einmal ein Thätiges soll man
an den Voraussetzungen des diskursiven Denkens ge-
sie nennen, weil durch diesen Ausdruck auf etwas
gen jegliche Philosophie.
bestehendes gedeutet wird, welchem die Thätigkeit
Neben Gegnern meldeten sich kritische Freunde
beiwohne. So etwas anzunehmen aber hat der
wie K. L. Reinhold zu Wort, der Kants Doktrin als ein
Idealismus keinen Grund, indem in seinem Prin-
›neues Evangelium der reinen Vernunft‹ mißver-
cip es nicht liegt, und alles übrige erst abzuleiten
stand. Kant selbst hatte jedoch darauf bestanden, die
ist.19
Kritik sei nichts als eine »Propädeutik zum System
der reinen Vernunft«: In der Darstellung der Wissenschaftslehre wird Fichte
dann 1801 das Prinzip seiner Philosophie auf die
Eine solche würde nicht eine Doctrin, sondern nur knappe Formel bringen:
Kritik der reinen Vernunft heißen müssen, und ihr
Nutzen würde wirklich nur negativ sein, nicht zur Dies der wahre Geist des transcendentalen Idea-
Erweiterung, sondern nur zur Läuterung unserer lismus. Alles Seyn ist Wissen.20
Vernunft dienen und sie von Irrthümern frei hal- An dieser Bilanz nimmt Schelling Anstoß; er plädiert
ten, welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich in seinen Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797,
nenne alle Erkenntniß transscendental, die sich 21 803) für die Erneuerung des realistischen Mo-
nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit un- ments im Idealismus, und dies heißt: für die Natur,
sern Begriffen a priori von Gegenständen über- die Fichte ›annihiliert‹ habe:
haupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe
würde Transscendental-Philosophie heißen.17 Bestimmen wir also die Philosophie im Ganzen
nach dem, worin sie alles anschaut und darstellt,
Nachdem der Kantianismus die skeptizistischen Kri- dem absoluten Erkenntnisakt, von welchem auch
tiken wie die des Aenesidemus (Pseudonym G. E. die Natur nur wieder die eine Seite ist, der Idee
Schulzes) überstanden hatte, schien Maimons radikal aller Ideen, so ist sie Idealismus. Idealismus ist und
kritischer Skeptizismus ihn endgültig in eine Sack- bleibt daher alle Philosophie, und nur unter sich
gasse geführt zu haben. Stand seine Auflösung bzw. begreift dieser wieder Realismus und Idealismus,
Selbstauflösung bevor? Es entstand eine neue intel- nur daß jener erste absolute Idealismus nicht mit
lektuelle Kultur, die sich auf die Suche nach dem diesem andern, welcher bloß relativer Art ist, ver-
wahren Geist der kritischen Philosophie machte – der wechselt werde.21
Deutsche Idealismus. Kants Problemstellungen wur-
Mit seinem System des transzendentalen Idealismus
den ernstgenommen; die Problemlösungen entfern-
(1800) glaubt Schelling, die Fichte noch unzugäng-
ten sich mehr oder weniger von ihm.
liche Lösung einer Synthese von Natur- und Tran-
Fichte entwickelt sein Idealismus-Verständnis
szendentalphilosophie, von Realismus und Idealis-
durchaus im Anschluß an Kant, freilich in Kritik an
mus, gefunden zu haben:
dessen ›Feigenblatt‹-Realismus der Existenz, aber
Unerkennbarkeit der ›Dinge, wie sie an sich selbst Wie die Naturwissenschaft den Idealismus aus
sind‹, und auf eine radikal subjekt-zentrierte Art und dem Realismus hervorbringt, indem sie die Natur-
Weise. Es geht ihm um die »wahre Streitfrage des gesetze zu Gesetzen der Intelligenz vergeistigt, oder
6 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

zum Materiellen das Formelle hinzufügt […], so der Zukunft (1843) den Idealismus vom Kopf auf die
die Transzendental-Philosophie den Realismus aus Füße zu stellen beabsichtigt:
dem Idealismus, dadurch, daß sie die Gesetze der
Der Idealismus hat daher recht, wenn er im Men-
Intelligenz zu Naturgesetzen materialisiert, oder
schen den Ursprung der Ideen sucht, aber unrecht,
zum Formellen das Materielle hinzubringt.22
wenn er sie aus dem isolierten, als für sich sei-
An dieser Position hält Schelling auch noch nach endem Wesen, als Seele fixierten Menschen, mit
dem Übergang zu einer Identitätsphilosophie des Ab- einem Worte: aus dem Ich ohne ein sinnlich gege-
soluten fest. 1809 schreibt er in seinen Philosophi- benes Du ableiten will. Nur durch Mitteilung, nur
schen Untersuchungen über das Wesen der menschli- aus der Konversation des Menschen mit dem Men-
chen Freiheit: schen entspringen die Ideen. Nicht allein, nur selb-
ander kommt man zu Begriffen, zur Vernunft
Der Idealismus, wenn er nicht einen lebendigen überhaupt.27
Realismus zur Basis erhält, wird ein ebenso leeres
und abgezogenes System, als das Leibnizische, Spi- Dieser kurze Abriß zum Idealismus-Selbstverständ-
nozische, oder irgend ein anderes dogmatisches. nis deutscher Idealisten kann nicht mehr leisten, als
Die ganze neu-europäische Philosophie seit ihrem auf die konzeptionellen Unterschiede ihrer Philoso-
Beginn (durch Descartes) hat diesen gemeinschaft- phien aufmerksam zu machen. Die Probleme, denen
lichen Mangel, daß die Natur für sie nicht vor- sie sich gewidmet haben, und die teils übereinstim-
handen ist, und daß es ihr am lebendigen Grunde menden, teils voneinander abweichenden Problemlö-
fehlt. Spinozas Realismus ist dadurch so abstrakt sungen werden in den elf Hauptkapiteln dieses
als der Idealismus des Leibniz. Idealismus ist Seele Handbuchs vorgestellt und erläutert. Das 12. Kapitel
der Philosophie; Realismus ihr Leib; nur beide zu- stellt Rezeptionen des Deutschen Idealismus in euro-
sammen machen ein lebendiges Ganzes aus.23 päischen Ländern dar. Die folgenden Passagen bieten
Zusammenfassungen der wesentlichen Gehalte dieser
Auch Hegel, der sich bis 1807 Seite an Seite mit Kapitel (die Quellenzitate sind in den entsprechen-
Schelling für ein nicht-subjektivistisches Verständnis den Kapiteln nachgewiesen).
von Idealismus einsetzt, teilt die Kritik, in Fichtes
Idealismus sei »das System des Wissens ein Wissen
von einem ganz leeren Wissen, welchem eine empiri- 2. Die Vernunft und das Absolute
sche Realität – von der Einheit, welcher die Man-
nigfaltigkeit – absolut entgegengesetzt ist«.24 Er wür- Berühmt und berüchtigt ist der Deutsche Idealismus
digt noch in seiner Wissenschaft der Logik, daß der nicht zuletzt wegen eines sich rapide vollziehenden
»konsequenter durchgeführte transzendentale Idea- Umschwungs, der das Verhältnis zweier selbst inner-
lismus […] die Nichtigkeit des von der kritischen halb der Philosophie extraordinärer Themen betrifft,
Philosophie noch übriggelassenen Gespensts des nämlich das eines spezifischen Erkenntnisvermögens
Dings-an-sich, dieses abstrakten, von allem Inhalt ab- und das eines besonderen Gegenstandes von philo-
geschiedenen Schattens erkannt und den Zweck ge- sophischer Erkenntnis: die Vernunft und das Absolute.
habt, ihn vollends zu zerstören. Auch machte diese Auf diesem Felde vollzieht sich die Wende vom kriti-
Philosophie den Anfang, die Vernunft aus sich selbst schen zum spekulativen Idealismus. Der Ausgangs-
ihre Bestimmungen darstellen zu lassen. Aber die punkt lag 1781/1787 in Kants groß angelegtem Ver-
subjektive Haltung dieses Versuchs ließ ihn nicht zur such, den reinen Vernunftgebrauch kritisch in seine
Vollendung kommen.«25 Mit dem Satz der Logik – Schranken zu weisen; aber schon ab etwa 1801 ent-
»daß das Endliche ideell ist, macht den Idealismus wickelten in rascher Folge Fichte in seinem Spätwerk,
aus«26 – kennzeichnet er dann den Weg seiner Philo- Schelling in seiner Identitätsphilosophie und Hegel
sophie zu der bisher ausstehenden Vollendung, den spekulative Systeme, in denen die philosophische
Weg des Idealismus als Philosophie des Geistes, der Vernunft selbst verabsolutiert zu werden scheint, in-
sich im Prozeß der Aufhebung der Gestalten seines dem sie in Form des absoluten Wissens zur Konzep-
Andersseins in Natur und Geschichte als absoluter tualisierung eines wie auch immer zu bestimmenden
Geist selbst expliziert. Absoluten zum Einsatz kommt.
Dieser ›Deutsche Idealismus‹ ist nach Hegels Tod Aber die Sachlage ist, wie bei derart großen The-
(1831) bald auf den erbitterten Widerstand derer ge- men nicht anders zu erwarten, komplizierter. Da ist
stoßen, deren Theorien nicht möglich gewesen wä- zum einen der komplexe philosophiehistorische Hori-
ren, wären sie nicht durch die Schule Kants und He- zont. Der Deutsche Idealismus reagiert unmittelbar
gels gegangen. Den Ton dieser Kritik gibt L. Feuer- sowohl auf die vormalige deutsche Schulmetaphysik
bach vor, der mit seinen Grundsätzen der Philosophie als auch auf die Philosophie der Aufklärung in ihrem
Die Vernunft und das Absolute 7

europäischen Kontext. Aber auch originelle Denker kritische Idealismus das genaue Gegenteil zum dog-
des 17. Jahrhunderts wie Descartes und Leibniz ste- matischen Rationalismus der frühneuzeitlichen Me-
hen zunehmend wieder auf der Tagesordnung, vor taphysik. Fichte hat jedoch seine Wissenschaftslehre
allem wirkt jedoch die Renaissance der Philosophie mehrfach neu ausgearbeitet. Ab der Version der Dar-
Spinozas. So sah sich Kant genötigt, zumindest stellung der Wissenschaftslehre aus dem Jahre 1801
punktuell (1786) auf den ein Jahr zuvor gerade aus- bis zum letzten Vortrag im Jahre 1812 zeigt sich eine
gebrochenen Spinoza-Streit zwischen Mendelssohn zunehmende Tendenz, das auf das Ich gegründete
und Jacobi einzugehen, da er sich durch Jacobi in Selbst- und Weltwissen nicht nur als absolutes Wis-
Sachen Spinoza kompromittiert fühlte und seine sen zu charakterisieren, sondern zugleich als Refle-
neue eigene Transzendentalphilosophie nicht in den xion eines vorgängigen, göttlichen Absoluten. Fichte
allgemeinen Aufruhr hineingezogen sehen wollte. versucht allerdings nicht, das faktische Wissen un-
Aber einige Jahre später entwickeln Fichte, Schelling mittelbar in einem Absoluten als dem göttlichen
und Hegel ihre Positionen sogar in ständigem (teils Sein, wie er Spinoza unberechtigterweise vorwirft, zu
kritischen) Bezug auf Spinozas Monismus der Sub- fundieren. Statt dessen unterscheidet er zwischen
stanz. Hinzu kommt, daß nicht nur die neuzeitliche dem Wesen und der Bildlichkeit des Absoluten und
europäische Philosophie des 17. und 18. Jahrhun- bezeichnet letztere als erste Erscheinung, die gleich-
derts im Deutschen Idealismus nachwirkte, denn zu- sam sein Urbild oder Urschema darstellt. Erst über
mindest bei Schelling und Hegel waren zudem durch dieses Mittlere manifestiert sich das Absolute selbst
den Einfluß der Ausbildung am Tübinger Stift von gleichsam als ein Sicherscheinen (Reflexion) im fak-
Anfang an Platon und der Neuplatonismus28, also tischen Wissen, indem es sich in ihm bildet oder
antike Formen von Einheitsmetaphysik, immer in ih- ausspricht.
rem Denken gegenwärtig. Schelling hatte sich, nachdem er seine frühe tran-
Zum anderen zeigt die Denkentwicklung der deut- szendentalphilosophische Natur- und Geistphiloso-
schen Idealisten ihre jeweilige Eigendynamik, die phie in seinem System des transzendentalen Idealis-
Umschwünge und teils sogar Brüche in ihren Philo- mus (1800) als zwei komplementäre Disziplinen (ne-
sophien erkennen läßt. Immerhin hatte schon Kant ben der Kunst) in einem System integrieren konnte,
in der zweiten Auflage seiner Kritik der reinen Ver- ab 1801 an eine neue Darstellung, die Darstellung
nunft (1787) die Tür zu klassischen metaphysischen meines Systems der Philosophie und die Fernere Dar-
Themen einen Spalt weit offen gelassen, indem er die stellungen aus dem System der Philosophie (1802) ge-
drei transzendentalen Ideen von Seele, Welt und Gott wagt. Diese bis etwa 1810 andauernde Phase seines
doch in ihrer Funktion als regulative Ideen aner- Denkens wird treffend als ›Identitätsphilosophie‹ be-
kannte. Sie beziehen sich zwar nicht auf Gegenstände zeichnet, weil er hier die Vernunft als absolute Ver-
schlechthin, aber sie repräsentieren doch Quasiob- nunft auf einen absoluten Indifferenzpunkt (noch
jekte (die Annahme, als ob eine Seelensubstanz, eine vor dem Unterschied zwischen Natur und Geist) ori-
unendliche Welt und ein oberstes göttliches Wesen entiert, der für ihn die absolute Identität (›Identität
bestünden), um der Vereinheitlichung unserer man- der Identität‹) ist, die zugleich Universum, aber nur
nigfaltigen Verstandesoperationen Richtungslinien im Sinne absoluter (undifferenzierter) Totalität sein
vorzugeben, d. h. sie gleichsam auf einen jeweiligen soll. Dies zu begreifen sei Aufgabe der philosophi-
focus imaginarius hin zu orientieren. Diese nur regu- schen Vernunft; die Differenz komme erst durch den
lative Funktion der Ideen des reinen Vernunftge- reflektierenden Verstand ins Spiel. Schwierig gestaltet
brauchs garantiert für Kant also, daß er niemals bei sich bei einem derart hermetisch geschlossenen Aus-
einem Absoluten – bzw. schlechthin Unbedingten, gangspunkt der ontologische Übergang in die Man-
wie er es nennt – endet. Die Grenzen bleiben für die nigfaltigkeit der Erscheinungen der natürlichen und
Metaphysik eng gezogen. geistigen Welt. Hegel29, der anfangs in Jena noch ein
Fichte hatte in der frühen Version seiner Wissen- Stück des philosophischen Wegs gemeinsam mit
schaftslehre (Grundlage der gesamten Wissenschafts- Schelling zu gehen bereit war, spottete später über
lehre, 1794) das Ich als das wahre Absolutum be- Schellings Begriff von absoluter Identität bzw. Indif-
stimmt. Ein absolutes Ich, das sich selbst setzt und ferenz als die ›Nacht, worin alle Kühe schwarz sind‹.
sich teilt, indem es in sich dem nun relativen Ich ein Hegel selbst, dessen Vernunftbegriff schon 1801 in
relatives Nicht-Ich entgegensetzt. Von Spinoza über- seiner sogenannten Differenzschrift, anders als bei
nimmt er dabei Grundgedanken wie den von Selbst- Schelling, auf der Ausgangsformel ›Identität der
verursachung und den eines sich differenzierenden Identität und der Nichtidentität‹ beruhte, hat in sei-
Wesens. Aber für all dies muß man Fichte zufolge das ner Wissenschaft der Logik in die Lehre vom Wesen
empirische Ich nicht auf ein höchstes göttliches We- (1813) gleichwohl ein Kapitel über ›Das Absolute‹
sen hin transzendieren. In diesem Punkt ist ihm der aufgenommen, das halb an Schellings Identitätsbe-
8 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

griff, halb an Spinozas Trias ›Substanz-Attribut-Mo- Systemcharakter der Philosophie aufzeigen lassen.
dus‹ erinnert. Das Absolute soll sowohl die Negation Von diesem Projekt gab es präskriptive und deskrip-
als auch die Position aller Prädikate sein. Aber diese tive Versionen: In gewisser Hinsicht war die System-
hybride Konstruktion von einem in sich differenz- Diskussion ein Aufruf, die Vernunft auf die Anschau-
losen Einen einerseits und einer in Form von Attri- ungen anzuwenden, andererseits wurde aber auch
buten in sich alle Differenzierungen enthaltenden behauptet, daß Wissen tatsächlich bereits systema-
und in Modifikationen entäußernden Substanz an- tisch ist und nur der Philosophen bedarf, um es als
dererseits stellt in Hegels Logik nur eine Übergangs- solches zu identifizieren. Die Philosophie sieht sich
phase dar. Der Entwicklungsgang geht in der Lehre als grundlegende Wissenschaft in der besonderen
vom Begriff (1816) von der Substanz über in den Be- Pflicht, die innere Ordnung der Wirklichkeit aufzu-
griff und schließlich in die absolute Idee, die sich in zeigen, eine Ordnung, die von den Einzelwissen-
der weiteren Ausgestaltung seines philosophischen schaften zwar zugrunde gelegt wird, deren Nachweis
Systems in der Enzyklopädie (ab 1817) in den Ge- deren Kompetenzen jedoch übersteigt.
stalten der Natur sowie des menschlichen subjektiven Kant behauptet, daß Erkenntnis eine systematische
und objektiven Geistes entfaltet. Seine Darstellung Form hat; empirische Nachforschung allein aber
des Absoluten als einer eigenständigen philosophi- kann die Verbindungen des Systems nicht erklären.
schen Kategorie scheint Hegel letztlich nicht allzu Deshalb sieht er den Begriff des ›Systems‹ als vom
wichtig gewesen zu sein, denn er streicht sie ersatzlos Verstandesvermögen abgetrennt. Da aber der Sy-
in der in Kurzfassung gegebenen Logik im ersten Teil stembegriff nicht durch das Verstandesvermögen zu
seiner Enzyklopädie. Ganz zurück bei Kant ist er da- erklären ist, glaubt er, dieser müsse dem Vernunftver-
mit aber sicher nicht. mögen zugeschlagen werden. Eben jenes Vernunftver-
Zusammenfassend kann man feststellen, daß im mögen, das die spekulative Metaphysik so miß-
Deutschen Idealismus der Flirt der philosophischen braucht hat, bezeugt einen ›richtigen Gebrauch‹.
Vernunft mit dem Absoluten kurz, heftig und sehr Kant zieht nicht in Betracht, daß die Tendenz, tran-
variationsreich war, aber zu keiner stabilen Verbin- szendente Ideen – wie ›System‹ – zu verwenden, eine
dung führte. von Natur her irreführende Aktivität darstellen
könnte. Vielmehr besteht er – letztlich ohne Beweis –
darauf, daß bestimmte transzendente Ideen, die nicht
3. System und Methode unmittelbar in der Erfahrung gefunden werden, ei-
nen nichtspekulativen Gebrauch haben, der sie vor
Für die deutschen idealistischen Philosophen ist Wis- der ›Dialektik‹ bewahrt.
sen – insbesondere philosophisches Wissen – syste- Fichtes Überlegungen zur Methodologie der Philo-
matisch, sofern es mit Hilfe der angemessenen Me- sophie führten ihn unmittelbar auf Fragen zu deren
thode erlangt wurde. In dieser Hinsicht ist der Deut- Systemcharakter. In dem Wunsch, die Gültigkeit der
sche Idealismus ein – wenn auch radikaler – Nach- grundlegenden These einer Prä-Eminenz der Ver-
folger des Rationalismus. Bei jedem der wichtigeren nunft zu beweisen, beharrt er darauf, daß die Philo-
Philosophen dieser Zeit entspringt das Systembe- sophie wissenschaftlich sein muß: ein Wissenskor-
dürfnis Überlegungen zum Wesen des Wissens, zum pus, der rigoros zu strukturieren und zu demonstrie-
philosophischen Beweis und zu der dem Erlangen ren ist. Er schließt dabei die romantische Idee, daß
philosophischer Beweise angemessensten Methode. man mit Hilfe einer fragmentarischen und parado-
Das grundlegende aus diesen Überlegungen hervor- xen Logik zur Wahrheit gelangen könne, explizit aus.
gehende Prinzip ist, daß – in der Sicht der deutschen Wenngleich weder die Vorstellung von Philosophie
Idealisten – kein System überzeugen kann, das sich als strenger Wissenschaft noch ein entsprechender
auf zusammenhanglose Behauptungen gründet. Anspruch ungewöhnlich waren, fordert Fichte wei-
Auch wenn Meinungsverschiedenheiten darüber terhin, die Philosophie müsse systematisch sein.
bestehen, was genau für die Philosophie ein ›System‹ Seine Begründung: Wenn Wissenschaft systematisch
konstituiert, herrscht doch Übereinstimmung dar- ist, und Philosophie eine Wissenschaft ist, dann muß
über, daß es Philosophie nur als System gibt, und daß die Philosophie systematisch sein.
nur eine Methode zu diesem System führen kann. Schellings transzendentaler Idealismus ist zunächst
Dabei geht es nicht darum, daß die Philosophie ihre stark durch den Einfluß Fichtes gekennzeichnet. Er
Sätze in einer ›systematischen Form‹ darlegen muß, empfiehlt wie Fichte eine deduktive Methode, in der
um sie überzeugender oder eingängiger zu machen. gültige Sätze aus einem Satz von selbst-evidenter Ge-
Vielmehr würde sich unter der Voraussetzung, daß wißheit hergeleitet werden: von einem unbedingten
sie – die grundlegende Wissenschaft – die im Grunde ersten Prinzip. Zusammen genommen bilden diese
systematische Struktur der Vernunft artikuliert, der Sätze ein System. Schellings Naturphilosophie ver-
Erkenntnis und Wissen 9

wickelt ihn in eine etwas andere Version von System. wie zuvor die rationalistische Metaphysik der Schul-
Natur ist ein Sammelbegriff, unter dem wir Gegen- philosophie, der Empirismus in der Tradition Bacons
stände fassen, die an gemeinsamen Merkmalen ge- und materialistische und naturalistische Erkenntnis-
setzmäßigen Verhaltens Teil haben. Als Idealist be- theorien zeitgleich koexistiert haben, existieren zur
tont Schelling, daß die Systemhaftigkeit der Natur Zeit des Deutschen Idealismus die kritische Philoso-
nicht als ein von uns unabhängiges System verstan- phie Kants und Gegenpositionen rationalitätskriti-
den werden kann: Wenn wir den Systemcharakter der scher glaubensphilosophischer Widersacher, der ra-
Natur erkennen, rekonstruieren wir unser Verständ- dikale ›Ich‹-Idealismus Fichtes, Schellings Bemühun-
nis, das wir an sie herantragen. Und beides scheint gen um einen Kants Welten-Dualismus vermeiden-
sich auf irgendeine Art und Weise wechselseitig zu den ›Ideal-Realismus‹, Hegels Metaphysik des
bestimmen. Die Natur kann, in anderen Worten, als Absoluten als Geist und Schopenhauers zeitgleiche
System betrachtet werden. Auflösung der Welt in ›Wille und Vorstellung‹. Nicht
Hegel führt die Philosophie zu einer Beschreibung zu vergessen sind aber auch bereits zu Kants Zeiten
von System hin, die als das Bemühen verstanden wer- Versuche der Reduktion der philosophischen Episte-
den kann, die Einsichten seiner Vorgänger zu inte- mologie auf empirische Naturtheorien (vor allem auf
grieren. Kant hat erkannt, daß es eine Funktion der die Physiologie, so u. a. in Form der französischen
Vernunft ist, Ordnung in unseren Erkenntnissen zu Idéologie); auch die physikalistische ›philosophie posi-
suchen. Sein Fehler besteht nach Hegel jedoch darin, tive‹ A. Comtes meldet sich schon zu Wort, und noch
nicht realisiert zu haben, daß die systematische Ord- zu Lebzeiten Schellings tritt der physiologische Mate-
nung, in die unser Wissen fällt, nicht immer sub- rialismus mit seinem Plädoyer für die Naturalisie-
jektiv ist. Fichte und Schelling betonten mit ihren rung der Erkenntnistheorie gegen jeglichen Idealis-
transzendentalen Idealismen zu recht den deduktiven mus an. Sie alle sind auf ganz unterschiedliche Weise
Charakter von Systemen: daß Systeme nicht lediglich und in Auseinandersetzung miteinander bemüht, das
Aufräumübungen sind, daß ihre Sätze miteinander in ihnen bei Kant ungelöst erscheinende Problem der
strenger Beziehung stehen müssen. Die Vorstellung, Beziehung zwischen subjektiver Erkenntnis und ob-
daß die grundlegendsten Wissenssysteme einem jektiver Realität zu lösen. Ungeachtet ihrer Unter-
Grundsatz aufruhen, einem Prinzip außerhalb des schiede und Gegensätze verfolgen alle erkenntnis-
Systems, einem nicht beweisbaren Satz, lehnt Hegel theoretischen Bemühungen das Ziel, eine für die
jedoch ab. Und Schellings Ausführungen zur objekti- menschliche Existenz zentrale Frage zu beantworten:
ven Systematisierung der Natur schließlich sind rich- Wie läßt sich das Ziel des Erkennens erreichen, durch
tungsweisend für die Vorstellung der Objektivität des Bewußtseinsleistungen mit der Wirklichkeit in Bezie-
Wissenssystems. Bei Hegel finden wir, daß das ›Sy- hung zu treten und diese so zu repräsentieren, daß
stem der Philosophie‹ – das wichtigste System von Repräsentationen Handlungen rational anleiten? Bei
allen – ein Holismus ist, dessen jedes Moment alle der Beantwortung dieser Frage werden in mehr oder
anderen Systeme inferentiell stützt. Jedes Moment weniger realistischen oder aber mehr oder weniger
hat seine Notwendigkeit innerhalb des Systems dann konstitutionstheoretischen Perspektiven Demarkati-
und nur dann, wenn es inferentiell artikuliert wird. onslinien an den Grenzen der Realität an sich abge-
Dies bedeutet, daß das System selbst dasjenige ist, steckt.
was wahr ist – das System in seiner vollständig ar- Zu allen Streitfragen verhalten sich die Philoso-
tikulierten Darlegung – und nicht ein privilegierter phen des Deutschen Idealismus, der in der Philoso-
Grundsatz. phie der Erkenntnis und des Wissens eine ganz ei-
gengeartete, in sich differenzierte Ideenformation
darstellt, in der es sowohl Kontinuität als auch Dis-
4. Erkenntnis und Wissen kontinuität gibt. Der vorrangige Gesprächspartner ist
Kant; die Stellungnahmen pro (so im wesentlichen
Die philosophischen Theorien der Erkenntnis und Schelling) oder contra Kant (so vor allem Hegel) zei-
des Wissens im Deutschen Idealismus unter ›Er- gen Idealisten, die an ganz unterschiedlichen Kon-
kenntnistheorie‹ zu subsumieren, ist problematisch. zeptionen von Idealismus arbeiten. Kants Philoso-
Dieser Terminus wird erst um 1830 in der Kantischen phie ist nicht zuletzt deshalb Anknüpfungspunkt
Schule geprägt; die Disziplinbezeichnung ›Erkennt- oder Stein des Anstoßes, weil sie die Erinnerung auch
nistheorie‹ entstammt dem Neukantianismus und an den britischen Empirismus, den kontinentalen
kann erst mit Zellers Schrift Über Bedeutung und Rationalismus und sensualistisch-materialistische
Aufgabe der Erkenntnistheorie (1862) als etabliert gel- Theorien der französischen Aufklärung lebendig er-
ten. Noch problematischer wäre es, von der Erkennt- hält. Auch Kant beginnt nicht an einem Nullpunkt.
nistheorie des Deutschen Idealismus zu sprechen. So, Er gehört, wie in Kap. 4 ausgeführt wird, zu der Tra-
10 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

dition, die bei Francis Bacon beginnt und in der Da- Kant umreißt seine Programmatik in der ›Vorrede‹
vid Hume eine Wegmarke bedeutet, die keine Philo- zur 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft: Die Me-
sophie der Erkenntnis mehr übersehen kann. In diese taphysik muß versuchsweise die ›kopernikanische‹
Tradition hat sich auch E. B. de Condillac einge- Annahme wagen: Die Gegenstände müssen sich nach
schrieben, der den Empirismus radikalisierend in die unserer Erkenntnis richten, nicht umgekehrt. Diese
neue französische sensualistische und materialisti- Programmatik wird mit detaillierten erkenntniskriti-
sche Denkkultur übersetzt. Nicht zu vergessen sind schen Analysen untermauert; so wird ein neuer Hori-
die mit der Encyclopédie verbundenen philosophes, zont für mehr als eine Generation von Philosophen
die einen Schritt über eine vorrangig an Naturtheo- eröffnet. Man kommt nicht an Kant vorbei, gerade
rien orientierte Erkenntnislehre hinaus in Richtung auch dann nicht, wenn man ihn als Stein eines An-
einer neuen praktischen und geschichtsphilosophi- stoßes zu weiterführenden Lösungen der problemati-
schen Bestimmung der Gründe und Funktionen der schen Beziehung zwischen Erkenntnis und Welt, zwi-
Erkenntnis und des Wissens gehen. schen Idealismus und Realismus wahrnimmt.
Praktische Gründe bestimmen letztlich auch Kants Es ist zunächst Fichte mit seiner Wissenschaftslehre,
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Wie der – unzufrieden mit Kants Programmverwirkli-
können sich Menschen aus der ihnen ›beinahe zur chung – seit 1794 und in Varianten bis 1813 einen
Natur gewordenen Unmündigkeit herausarbeiten‹? radikaleren philosophischen Systemansatz ausarbei-
Kant konzentriert sich zunächst auf eine Kritik der tet. Mit der Befreiung ›von den Fesseln der Dinge an
reinen Vernunft, die zu einer Erneuerung der Er- sich‹ wird Kants Dualität von Denken und objektiver
kenntnistheorie führt und auch zur Veränderung der Welt in einer subjekt-zentrierten monistischen Kon-
allgemeinen intellektuellen Kultur beiträgt. ›Kritik‹ zeption von Wissen aufgelöst. Vor seiner Wissen-
bedeutet, das Feld einer zukünftigen nicht-empiri- schaftslehre sei Kant nicht verstanden worden; dessen
schen wissenschaftlichen Metaphysik zu vermessen, Interpreten hätten wegen der Problematik der Dinge,
um eine zuverlässige Antwort auf die zentrale Frage wie sie an sich selbst sind, leichtes Spiel gehabt, ihn
zu geben: »Was kann ich wissen?« Sein vorrangiges als Dogmatiker (Realisten) auszugeben und so den
Interesse gilt nicht der Genese von Erfahrung und ›beliebten, oberflächlichen Empirismus ferner zu
nicht deren Gegenständen, sondern den transzenden- pflegen‹. Fichte sucht nun nach dem Grund einer Er-
talen Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. fahrung, deren Objekt ›notwendig außer aller Erfah-
Zwar ist auch Kants Theorie eine Philosophie der Er- rung‹ gefunden werden soll: Die Vernunft muß aus
fahrung, doch das gegenüber dem Empirismus Neue sich selbst und frei von äußerer Determination sich
besteht darin, daß sie nach der Möglichkeit synthe- selbst und ihre Objekte ›setzen‹. Das erkennende Ich
tischer Urteile a priori fragt, um so über das Ensemble wird nun mit der Eigenschaft ausgestattet, durch in-
von Anschauung, Verstandestätigkeit und Vernunft- tellektuelles Handeln in Selbstbestimmung und
Synthesis aufzuklären. Selbstnegation zugleich die Wirklichkeit als Nicht-Ich
Was Kant an Neuem in die Theorie der Erkenntnis zu konstituieren. Am Nicht-Ich hat das Ich eine
und des Wissens einführt, sind vor allem (i) die Theo- selbstgesetzte Grenze, die es überschreitet, sobald es
rie von Raum und Zeit als der Sinnlichkeit zugeord- das, was nicht Ich ist, als Produkt des eigenen Han-
nete notwendige Formen der Anschauung a priori; delns begreift. Unbedingt, d. h. auf keinen anderen
(ii) die Theorie der ›reinen Verstandesbegriffe‹ (Kate- Grund mehr zurückzuführen, ist für Fichte allein das
gorien) und der ›Schemata‹, der Urteile und der Ver- Wissen selbst. Tathandlung, Setzung und Ich-sein
nunftschlüsse; (iii) die transzendentale Deduktion sind identisch. Der Problematik dieser Position ist
eines Kategoriensystems: Die Kategorien (reine Ver- sich Fichte bewußt; er spricht bereits am Anfang der
standesbegriffe) sind Bedingungen der Möglichkeit Wissenschaftslehre von einem ›unvermeidlichen Zir-
der Erkenntnis a priori von Gegenständen der Er- kel‹ der Argumentation.
fahrung, und zwar innerhalb der Grenzen der Erfah- Schelling hat im Ausgang und in Kritik an Fichte
rung; (iv) die Theorie der transzendentalen Apper- sein Interesse bis 1800 im wesentlichen auf zwei Fra-
zeption, des ›Ich denke‹, das alle Vorstellungen muß gen konzentriert: (i) Wie ist eine Philosophie be-
begleiten können; (v) die Theorie der produktiven gründbar, die ihre Nähe zur erfahrbaren Welt nicht
Einbildungskraft; (vi) die Lehre vom Schematismus, verliert und die doch nicht durch Empirie, sondern
in der das Verhältnis zwischen Kategorien, reinen voraussetzungslos zu begründen ist? (ii) Wie kann
Anschauungen und in der Anschauung gegebenen die Kantische Transzendentalphilosophie so erweitert
Sinnesdaten bestimmt wird; und (vii) die Theorie je- werden, daß Realität nicht nur durch die Kant zu-
ner Ideen der Vernunft, die eine regulative Funktion folge unerkennbaren Dinge, wie sie an sich selbst
haben, obwohl sie die Grenzen der Erfahrung über- sind, im philosophischen Denken präsent ist, son-
schreiten (Gott, Freiheit und Unsterblichkeit). dern materialiter im Begriff einer wirklichen produk-
Die Natur 11

tiven, autopoietischen und selbstreferentiellen Natur? Kant, sei es in der aus der Krise der positiven Wissen-
Immer wieder widmet er sich dem Realismus-Pro- schaften entstehenden Wissenschaftstheorie, sei es im
blem, d. h. der Frage, wie eine objektive Welt ›für uns Neukantianismus; der Weg, der jetzt eingeschlagen
wirklich geworden, wie jenes System und jener Zu- wird, führt hinter die nachkantischen Philosophien
sammenhang der Erscheinungen den Weg zu unserm des Deutschen Idealismus zurück; er führt zurück zu
Geiste gefunden, und wie sie in unsern Vorstellungen Kant.
die Notwendigkeit erlangt haben, mit welcher sie zu
denken wir schlechthin genötigt sind‹. Seine Antwort
formuliert er in der These der Identität von Geist und 5. Die Natur
Natur, des ›Parallelismus der Natur mit dem Intel-
ligenten‹. Er präzisiert sie nach 1800 im Übergang Die Naturphilosophien im Deutschen Idealismus
von der Transzendental- zur Identitätsphilosophie: entstehen zu einer Zeit, in der epistemologische De-
Das ›Wissen um das Absolute und das Absolute batten über die Entwicklung lebendiger Organismen
selbst‹ sind eins, und das Organ, mit dem man zu (Harvey, Leeuwenhoek, Trembley, Needham, Wolff,
diesem Wissen gelangt, ist die intellektuelle Anschau- Blumenbach, Buffon) die Komplexität von Natur-
ung. Die Identitätsphilosophie Schellings führt die prozessen aufdecken. Die bisherigen Beschreibungen,
Epistemologie, die seit Kant den Rang einer ersten die sich am Modell der ›historia naturalis‹ orientier-
Philosophie innehat, zurück in eine Ontologie des ten, oder Versuche, die Naturentwicklung in ein rein
Wissens, die Schelling zunehmend historisch-genetisch mechanistisches Schema zu pressen, haben sich als
begründet. unhaltbar erwiesen.
Überzeugt von der die philosophische Entwick- Kant greift an beiden Fronten ein: Er schlägt ein
lung abschließenden Funktion seines Systems, hat dynamistisches Modell der Natur vor (so in seinen
Hegel von der Phänomenologie des Geistes (1807) Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissen-
über die zwischen 1812 und 1816 entstandene Wis- schaft, 1786) und schreibt den lebendigen Organis-
senschaft der Logik bis zur Enzyklopädie der philoso- men eine ›bildende Kraft‹ zu, welche die mechani-
phischen Wissenschaften im Grundrisse (1817, 21 827, schen Kräfte teleologisch zu einem determinierten
31 830) einen Idealismus der Objektivität und Not- Ziel treibt (so in seiner Kritik der Urteilskraft, 1790).
wendigkeit des Geistes und eine Prozeßtheorie der Ge- Schelling versteht zunächst die Realität als die ge-
schichte der Vernunft des Absoluten ausgearbeitet. genständliche Welt, auf welche die Freiheit des Ich
Die Selbstentfaltung der Idee ist der Grund der Ein- wirkt; er begreift aber schon bald die strukturelle
heit von Erkennen, Wissen und Wirklichkeit. Dies ist Identität von Welt und Ich und faßt sie so als das
Hegels Antwort auf die auch ihn leitende Frage ›Wie Resultat von zwei einander entgegengesetzten Kräf-
kommen wir Subjekte zu den Objekten hinüber?‹ ten auf, die sich vergegenständlichen und danach
Menschliches Erkennen ist als Leistung des Selbst- streben, zu Bewußtsein zu gelangen; gleichwohl ist
bewußtseins ein Implikat des substantiellen Geistes, die Natur nicht das Pendant des Bewußtseins, son-
der zum Sichwissen gelangt. In dieser spekulativen dern dessen Vorgeschichte. Die Natur wird zum Mo-
Metaphysik des ›Sichwissens‹ des Geistes sind er- ment der Entwicklung des Geistes, der zwar als An-
kenntnistheoretische Fragen im Sinne transzenden- fang wirkt, aber in einen die ganze Realität umfassen-
taler Vor-Fragen nach den Bedingungen der Mög- den Prozeß des Lebendigen einbezogen ist: Vom
lichkeit von Erkenntnis sinnlos: Der Geist ist Erken- Kristall bis zum Organismus gibt es eine ununter-
nen; Wissen ist Geist. Deshalb verwirft Hegel seit der brochene Bewegung; diese zielt darauf ab, die Welt
Phänomenologie des Geistes den Ansatz von Kants des Geistes in einer Art Leistungssteigerung, in einer
›Kritik‹: Es gibt für ihn keinen Grund mehr, anstatt Überwindung immer reichhaltigerer Widersprüche,
unmittelbar ›an das wirkliche Erkennen dessen, was zu überschreiten. Das Leben schützt sich dank ent-
in Wahrheit ist‹ zu gehen, ›vorher über das Erkennen gegengesetzter Kräfte vor Erstarrung; sie erlauben
sich zu verständigen‹. Unter ›Erkenntnistheorie‹ ist ihm die Entwicklung seiner Möglichkeiten, die es
Hegels Lehre vom sich selbst erkennenden und wis- von Anbeginn in unentfalteter Weise in sich trägt.
senden Geist nicht mehr zu subsumieren. Die Einsicht in die polare Struktur des Lebens und
Die erkenntnistheoretische Entwicklung seit Bacon der gesamten Realität ermöglicht ein neuartiges Ver-
erreicht in Hegels System ihren nachkantischen ständnis galvanischer, elektrischer und chemischer
Scheitel- und Wendepunkt. Von nun an werden sich Phänomene; sie wirft ein neues Licht auf die Bildung
drei Tendenzen geltend machen: (i) antirationalisti- und die Funktionsweise der Organismen, auf die Be-
sche Philosophien, (ii) die positiv-wissenschaftliche ziehung zwischen Gesundheit und Krankheit sowie
Empirisierung und Naturalisierung der philosophi- zwischen Leben und Tod.
schen Probleme und (iii) verschiedene Rekurse auf Gerade das in dieser Zeit wegweisende Organis-
12 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

mus-Konzept übernimmt eine wichtige Rolle bei der der Nicht-Vernunft der Äußerlichkeit unterworfen.
Erforschung der Produktivität der Natur, die in Ver- Erst die geistige Form repräsentiert ein höheres Le-
wandtschaft mit dem künstlerischen Schaffen gese- bendiges.
hen wird: Die Organismen sind die Kunstwerke der In seiner Darstellung der verschiedenen Momente
Natur. Selbst die mythologischen Vorstellungen der der Natur als ›Mechanik‹, ›Physik‹ und ›Organik‹ ge-
frühen Völker sind gesteigerte Ausdrücke eines lingt Hegel dank der systematischen Struktur seiner
Kunsttriebes, der in die Materie selbst eingeschrieben Theorie und der dialektischen Methode eine Präsen-
ist und die Tendenz hat, sich in immer höheren und tation der unterschiedlichen Naturphänomene –
komplexeren Formen zu verwirklichen. Die ur- vom Mechanischen bis zum organischen Leben –, in
sprüngliche Autonomie und Autarkie der Natur ma- welche die neuesten Ergebnisse der empirischen Wis-
nifestiert sich endlich als Ort des Zusammentreffens senschaften eingeflossen sind, deren eigentlichen
von Freiheit und Notwendigkeit, von Unendlichem Sinn und allgemeine Bedeutung aufgedeckt wird. Mit
und Endlichem. anderen Worten: Der Naturphilosoph bearbeitet
Hegel skizziert in Jena seine ersten naturphiloso- Phänomene, die bereits von naturwissenschaftlicher
phischen Entwürfe in direkter Auseinandersetzung Rationalität ›präpariert‹ sind. So entnimmt Hegel
mit Schelling. Die systematische Ausformung seiner z. B. der Mathematik die Debatte über das Unend-
Naturphilosophie legt er 1817 mit seiner Enzyklopä- liche und zeigt deren spekulative Bedeutung auf;
die vor, die ihm als Grundlage seiner weiteren Vor- oder er bezieht die Brownsche Lehre von den Krank-
lesungen dient; die beiden späteren Auflagen (1827, heiten in seine dialektische Konzeption des Lebens
1830) bringen in dieser Hinsicht nur geringfügige ein und legt dar, daß Krankheit eine organische
Veränderungen. Bei Hegel hat die Naturphilosophie Funktionsstörung darstellt und zugleich, wie der
den Charakter theoretischer Betrachtung, d. h. eines Tod, das Siegel der unerträglichen Begrenztheit des
Denkens, in dem sich die Natur als ›die Idee in der bloß biologischen Lebens ist.
Form des Andersseins‹ offenbart, als das ›Negative ih- Die idealistische Naturphilosophie leistet, so be-
rer selbst‹, als ein selbstbezügliches Außer-sich-sein- fremdlich sie heute auf den ersten Blick erscheinen
Können der Idee. Dies bedeutet: In der Natur er- mag und ungeachtet ihrer verschiedenen Ausfor-
scheint die Idee in der Form ihrer eigenen Äußer- mungen, zum ersten Mal seit der Renaissance eine im
lichkeit, in einer Form der Andersheit, die freilich ihr strengen Sinne einheitliche Interpretation von Mate-
Sich-in-Bezug-Setzen zur Idee niemals verleugnet. rie und Geist sowie von Natur und Geschichte als
Aber im Status ihrer Äußerlichkeit und Andersheit emergenten Momenten eines einzigen Prozesses. An-
kann sich die Idee in der Natur nur auf jene unange- ders als die dualistische und objektivistische mo-
messene Weise manifestieren, die sie überwinden derne Naturwissenschaft betont sie die organische
muß, um als Geist zu sich selbst zu kommen. In die- Einheit des Ganzen; gegen den mechanistischen Ma-
ser Charakterisierung der Natur zeigt sich die ›Mit- terialismus besteht sie auf einer lebendigen Materie,
telstellung‹, die ihr im Hegelschen System zwischen die von Anbeginn durch eine noch unbewußte Ratio-
der Logik und der Philosophie des Geistes zugewie- nalität geprägt ist; gegen eine auf Herrschaft über die
sen wird. (Schelling hingegen stellt die Natur an den Natur ausgerichtete Naturforschung setzt sie auf die
Anfang, ohne sich genötigt zu sehen, ihr eine ›Logik‹ sympathetische Erforschung der Natur als unserer ei-
voranzustellen.) genen ›Vorgeschichte‹; gegen die Ausbeutung der Na-
Weil sie Äußerlichkeit ist, ist es – so Hegel in den tur plädiert sie dafür, einen Sinn zu entwickeln für
§§ 248ff. seiner Enzyklopädie der philosophischen Wis- die Bedeutung der gemeinsamen Zugehörigkeit alles
senschaften im Grundrisse (1830) – der Natur eigen, Lebendigen zur Natur und für die sich hieraus er-
daß die Begriffsbestimmungen auf indifferente Weise gebende Verantwortung; dies macht ihre ethische Di-
und in Vereinzelung gegeneinander bestehen und die mension aus.
Momente des Unterschieds so auseinanderfallen, als
wären sie einander gleichgültige Existenzen. Der Be-
griff ist im Inneren verborgen: Dies ist der Grund, 6. Freiheit, Moral und Sittlichkeit
warum die Natur in ihrem Dasein nicht Freiheit,
sondern nur Notwendigkeit und Zufälligkeit zeigt. In Die Moralphilosophie oder Ethik erlebt im Deut-
der Natur existiert der Begriff nur als ›lebendiges In- schen Idealismus eine wechselhafte Karriere. Nicht
dividuum‹, das unfähig ist, sich als Begriff zu erfas- nur inhaltlich, in den moralphilosophischen Aussa-
sen; hierher rührt die ›ungebundene, zügellose Zufäl- gen, weichen Kant, Fichte, Schelling und Hegel von
ligkeit‹ der Formen in der Natur. Der höchste Punkt, einander ab, sondern der Stellenwert von Moralphi-
zu dem die Natur gelangt, ist das Leben. Doch das losophie selbst wird sehr unterschiedlich beurteilt.
natürliche Leben ist auch nur ›natürliche Idee‹ und Während sie vor allem bei Kant und in seinem Ge-
Das Recht und der Staat 13

folge beim Jenenser Fichte den Rang eines wichtigen 7. Das Recht und der Staat
eigenständigen Systemteils genießt, das in umfang-
reichen Werken entfaltet wird, tritt sie bei Schelling Sowohl aus rein theoretischen als auch aus geschicht-
und Hegel in den Hintergrund. Bei Kant und Fichte lichen Gründen sind die Fragen der Rechtsphiloso-
ist die Moral die Dimension der Freiheit und damit phie und der politischen Philosophie für die Protago-
des höchsten Interesses der Vernunft. Freiheit, das ist nisten des Deutschen Idealismus von zentraler Be-
die Erkenntnis des Sittengesetzes, und das Sittenge- deutung gewesen. Es ist einerseits ein signifikanter
setz ist nichts anderes als Ausdruck der Freiheit ver- Zug ihrer gedanklichen Konstruktionen, daß die
nünftiger Wesen. ›praktischen‹ Fragen nicht bloß als empirische oder
So großen Eindruck diese Thesen auf die Zeitge- als Fragen einer ›angewandten‹ Philosophie betrach-
nossen und die Nachwelt machten, so wenig werden tet werden. Weil sie den Begriff der theoria tiefgrei-
sie von Schelling und Hegel weiter verfolgt. Schelling fend umgestaltet und erweitert haben, mußten die
hat kein Werk zur Moralphilosophie verfaßt. Zwar ›Idealisten‹ auch das Verständnis der praxis weitge-
haben die Moralität des menschlichen Handelns und hend modifizieren. In diesem Sinne kann der Titel
der für ihn problematische Status einer Moralphilo- von Kants kleiner Schrift aus dem Jahr 1793 Über den
sophie ihn immer wieder – in Auseinandersetzung Gemeinspruch: das mag in der Theorie richtig sein,
mit der Kantischen Ethik – zur Kritik an der Faktizi- taugt aber nicht für die Praxis als das Programm einer
tät der Moral und zu alternativen Begründungen der Neugründung der praktischen Philosophie gelten.
Geltung sittlicher Normen veranlaßt. Zu einer eigen- Daß die ›praktischen‹ Fragen (d. h. Fragen einerseits
ständigen Neubegründung von Moral entschließt er der Moralphilosophie, andererseits der Rechts- und
sich nicht. Bei Hegel ist ›Moralität‹ ein Kapitel der Staatsphilosophie) wahrheitsfähig sind und es in die-
Rechtsphilosophie. Zwar soll sein Veto gegen morali- sem Sinne eine ›spekulative‹ Rechtswissenschaft ge-
schen Subjektivismus aller Art nicht den positiven ben soll, ist ein zentraler Anspruch des deutschen
Gehalt einer innerhalb ihrer Grenzen bleibenden Idealismus insgesamt. Hegel hat dies in seiner Jenaer
Moralität verdecken. Die Moralität ist für Hegel das Schrift Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten
unentbehrliche Vermittlungsmoment zwischen Pri- des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philo-
vatrecht und Sittlichkeit. Die Moralphilosophie sophie und sein Verhältnis zu den positiven Rechtswis-
Kants und Fichtes jedoch verkennt laut Hegel eben senschaften herausgearbeitet. Der ›Idealismus‹ soll in-
diesen ihren Status und macht die Moral zu einem sofern auch ein ›Realismus‹ sein, als er sich auch für
abstrakten Prinzipiengerüst, das ›gegen‹ eine defizi- die ›realen‹ Fragen des menschlichen Zusammenle-
täre historische Realität gestellt wird. Bei Schelling bens interessieren muß; dies ist eine wichtige Kom-
und vor allem Hegel treten Recht und Geschichte als ponente des Selbstverständnisses dieser Philosophie
Objektivierungen von Vernunft in den Vordergrund. – selbst bei einem Denker wie Schelling, der sich
Damit wird auch Moral ›historisiert‹ und in eine ver- nicht so intensiv mit politischen Fragen befaßt hat
nunftphilosophische Rekonstruktion der Rechts- wie z. B. Fichte oder Hegel, den schon seine Tübinger
und Moraltradition integriert. Kommilitonen den ›alten Politicus‹ genannt haben
Über alle Divergenzen zwischen den Autoren hin- sollen.
weg läßt sich jedoch ein Leitgedanke durch die Philo- Nicht nur innertheoretische Gründe erklären das
sophien der Deutschen Idealisten hindurch verfol- starke Interesse der deutschen Idealisten an der Phi-
gen: die vernunfttheoretische Explikation von Frei- losophie des Rechts und des Staates sowie an der Phi-
heit als Autonomie. Der Zusammenhang von Freiheit losophie der Geschichte. Ihr Interesse hat ganz offen-
und Autonomie, wie er im Deutschen Idealismus sichtlich mit dem großen Ereignis der Zeit, nämlich
verstanden und systematisch entwickelt wird, geht mit der Französischen Revolution zu tun. Daß, wie
auf Rousseau zurück: Freiheit als Selbstgesetzgebung, Hegel gesagt hat, ›die Revolution eines geistreichen
Auto-nomie. Diesen Gedanken nimmt Kant auf und Volks, die wir in unseren Tagen haben vor sich gehen
buchstabiert ihn philosophisch zu einer umfassenden sehen‹, größtes Interesse, ja ›eine Theilnehmung dem
Theorie der praktischen Vernunft aus. Unter der Fe- Wunsche nach, die nahe an Enthusiasm grenzt‹ bei
der Kants erweist sich Freiheit als Wesen von Ver- deutschen Intellektuellen geweckt hat, erklärt sich
nunft und diese als primär praktisch. Vermutlich hat teilweise aus den Defiziten des ›rückständigen‹
kein Gedanke eine so große Wirkung auf Fichte und Deutschland, die Revolution zu ›importieren‹; der
Hegel gehabt, wie Kants Gedanke von der Selbstge- einzige Ausweg schien für die aufgeklärten Geister
setzgebung als Prinzip der Vernunft. Der Deutsche darin zu bestehen, das, was in Frankreich ›gemacht‹
Idealismus kann, nicht nur unter dem Aspekt der wurde, zu ›denken‹. Dies ist der Ursprung einer The-
Moralphilosophie, als die anspruchsvolle systemphi- matik, auf die der Deutsche Idealismus, insbesondere
losophische Ausformulierung dieses Gedankens ver- Hegel, aber nach ihm auch Marx aufmerksam ge-
standen werden.
14 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

macht haben: Der (vielleicht nicht ganz frei ge- Wirklichkeit nach diesem erbaut. [. . .] Es war die-
wählte) Beruf der deutschen Philosophie sei, eine Re- ses somit ein herrlicher Sonnenaufgang. Alle den-
volution im Denken an Stelle der politischen Revolu- kenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert.
tion durchzuführen. Nicht zufällig betont z. B. Hegel Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit ge-
in der Vorrede zu seiner Logik ›die völlige Umände- herrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die
rung, welche die philosophische Denkweise seit etwa Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Ver-
fünfundzwanzig Jahren unter uns erlitten‹ und den söhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst ge-
höheren Standpunkt, ›den das Selbstbewußtsein des kommen.30
Geistes in dieser Zeitperiode über sich erreicht hat‹: In Hegel und die französische Revolution hat Joachim
Die durch die Kritik der reinen Vernunft eröffnete Ritter die nachdrückliche These aufgestellt:
philosophische Revolutionsperiode sei sozusagen das
Äquivalent der politischen Revolution in Frankreich Das Ereignis, um das sich bei Hegel alle Bestim-
seit 1789. mungen der Philosophie im Verhältnis zur Zeit, in
Es handelt sich aber – zumindest für die meisten Abwehr und Zugriff das Problem vorzeichnend,
im Lager der ›neuen‹ (nachkantischen) Philosophie – sammeln, ist die französische Revolution, und es
nicht nur um eine ›intellektuelle‹ Revolution. Es geht gibt keine zweite Philosophie, die so sehr und bis in
ihnen auch darum, sich am politischen Werk einer ihre innersten Antriebe hinein Philosophie der Revo-
als europäisch wahrgenommenen Revolution zu be- lution ist wie die Hegels.31
teiligen. Während der 1790er Jahren erscheint in Man kann wohl behaupten, daß die ganze nachkanti-
Deutschland eine Reihe politischer Schriften, die sche Philosophie eine ›Philosophie der Revolution‹
auch als philosophische Beiträge gelten können. 1793 war, wenn auch nicht in dem Sinne, daß sie damit
veröffentlicht Fichte die Zurückforderung der Denk- notwendigerweise auch eine ›revolutionäre Philoso-
freiheit von den Fürsten Europens und den Beitrag zur phie‹ hätte sein wollen; Fichte oder Forster oder Er-
Berichtigung der Urtheile des Publicums über die fran- hard können darüber nicht hinwegtäuschen. Aber die
zösische Revolution; ebenfalls 1793 schreibt G. Forster Revolution war für alle ein zentrales Thema. Deshalb
Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der hat der vielstimmige Beitrag des Deutschen Idealis-
Menschheit; 1795 erscheint vom Jakobiner J. B. Er- mus zur politischen Philosophie und zur Rechtsphi-
hard Über das Recht des Volkes zu einer Revolution; losophie so großes Gewicht. Ohne ihn hätte es keinen
1798 veröffentlicht Hegel anonym eine ›an das Würt- Karl Marx gegeben.
tembergische Volk‹ gerichtete Flugschrift Daß die
Magistrate von den Bürgern gewählt werden müssen. . .
Politik ist also mit dem Schicksal der Philosophie eng 8. Die Geschichte
verknüpft. Es wird zwar schon bald klar, daß in
Deutschland eine Revolution nicht auf der Tagesord- Die Geschichte ist eines der zentralen Themen, de-
nung steht; manchen scheint dies auch besser so. He- nen sich die deutschen Idealisten widmen. Was den
gel verzichtet 1800 darauf, seine Schrift über die Ver- idealistischen Geschichtsbegriff nicht zuletzt aus-
fassung des deutschen Reiches, die auch ein Appell zu zeichnet, ist die Integration der Geschichte in die
einer grundlegenden Neuordnung sein sollte, zu Philosophie und – zumindest in den späteren Phasen
Ende zu schreiben und zu veröffentlichen. Doch des Idealismus – der Philosophie in die Geschichte.
bleibt bei ihm wie bei den meisten deutschen Philo- Die Idealisten haben ein neues und einzigartiges Ge-
sophen das durch die Revolution in Frankreich ge- schichtsverständnis entwickelt, ohne die intellektuel-
weckte starke Interesse an rechts- und staatsphiloso- len Beziehungen zu ihren Vorgängern zu vernachläs-
phischen Fragen erhalten. Noch 1830, in einer Zeit, sigen. Auch die Weltanschauung der philosophes der
in der sich der alte Hegel längst von revolutionären Aufklärungszeit war nicht unhistorisch. Ihr zufolge
Gedanken distanziert hat, erklärt er in seiner Berliner bewegen sich Gesellschaften in Etappen zu materiel-
Vorlesungen über die Philosophie der Weltge- lem und moralischem Fortschritt. Der Deutsche
schichte: Idealismus ist keine ›Gegen-Aufklärung‹.
Die Geschichtsauffassung der Aufklärung im 18.
Der Gedanke, der Begriff des Rechts machte sich Jahrhundert war durch drei wesentliche Merkmale
mit einem Male geltend, und dagegen konnte das charakterisiert: (i) Die Geschichte ist providentiell in
alte Gerüst des Unrechts keinen Widerstand lei- dem Sinne, daß sie die praktische Verwirklichung der
sten. [. . .] Solange die Sonne am Firmamente steht göttlichen Güte ist. Der providentielle Charakter der
und die Planeten um sie herumkreisen, war das Geschichte kann in der Ordnung und Zweckmäßig-
nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf keit der Geschichte als Ganzer erkannt werden. (ii)
den Kopf, d. i. auf den Gedanken stellt und die Die Geschichte durchläuft systematisch eine Reihe
Die Geschichte 15

von prädeterminierten Etappen; bei jeder Etappe neh- der vor, durch Analogieschlüsse nur zu Scheinlösun-
men die Grundinstitutionen der Gesellschaft (z. B. gen zu kommen. 1784 leistet er in Form seines Essays
ihre Politik, Religion, Wirtschaft und Kultur) eine Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerli-
charakteristische Form an. (iii) Die Geschichte ist cher Absicht seinen eigenen Beitrag zur Philosophie
fortschrittlich; die Menschheit durchläuft eine mora- der Geschichte. Im Gegensatz zu Herders ›philoso-
lische Entwicklung von einem Zustand der Barbarei, phischer Geschichte‹ behandelt Kant keine empiri-
in dem rohe und unreflektierte Affekte (›Leiden- schen historischen Ereignisse. Statt dessen stellt er
schaften‹) das menschliche Handeln bestimmen, zu Grundsätze auf, die als Axiome für das Studium der
einem zivilisierten Zustand, in dem die Menschen Geschichte dienen sollen: Die Geschichte ist provi-
auf der Grundlage zweckgerichteter Überlegung und dentiell; sie bringt mit der Zeit einen guten Zweck
der Wahrnehmung der Wünsche und Bedürfnisse zustande; dieser Zweck entsteht als die unbeabsich-
anderer (›Interessen‹) handeln. Deshalb werden sie tigte Folge von Handlungen, die an individueller
fähig, als friedliche Mitglieder einer bürgerlichen Ge- Selbstförderung orientiert sind; die Geschichte ist
sellschaft zu leben. eine Geschichte der Freiheit; der Fortschritt wird im
Es gibt neben großer Übereinstimmung zwischen wesentlichen politisch beschrieben; er besteht vor al-
Aufklärung und Deutschem Idealismus freilich auch lem in der Herausbildung weltbürgerlichen Rechts-
offensichtliche Differenzen. Herder verwirft in Auch verhältnisse und in der Positivierung einer gerechten
eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Verfassung.
Menschheit (1774) wie Rousseau die Annahme der Schelling ist der erste unter den deutschen Idea-
Aufklärungshistoriker, daß die Gesellschaft in ihren listen, der in seinem System des transzendentalen
früheren, ›primitiven‹ Phasen der heutigen Gesell- Idealismus (1800) das Problem der in der Geschichte
schaft moralisch unterlegen war; jede Gesellschaft handelnden Agenten explizit behandelt. Seine Dis-
muß nach ihren eigenen Maßstäben bewertet wer- kussion der Frage des historischen Handelns beginnt
den. Diese Position gründet in Herders Geschichts- mit dem Versuch, die Frage zu beantworten, die Kant
begriff: Die Geschichte ist providentiell, aber gleich- mit besonderer Schärfe in seiner Grundlegung zur
zeitig ein möglicher Gegenstand rationalen Verste- Metaphysik der Sitten aufwirft: Wie ist die spontane
hens; das Ganze der Realität unterliegt Gesetzen, die Freiheit des menschlichen Handelns vereinbar mit
die Geschichte ebensosehr wie die Natur beherr- dem empirischen Dasein dieser Handelnden als Mit-
schen; diese ›Gesetze‹ sind biologische Prinzipien glieder einer kausal bestimmten physischen Welt? Im
(Prinzipien der Entwicklung), nicht aber quantitativ- Unterschied zu Kant nimmt er eine metaphysische
deduktive Gesetze nach dem Muster der Mechanik; Verbindung zwischen Freiheit und Notwendigkeit
die Welt muß, um ganz verwirklicht zu werden, alle an, eine prästabilierte Harmonie zwischen der tran-
mögliche Formen und Variationen in sich tragen; szendentalen Dimension des menschlichen Handelns
deshalb ist der Schlüssel zum Verständnis der Ge- und der empirischen Realität, in der diese Handlun-
schichte in ihrer Mannigfaltigkeit und Heterogenität gen vollzogen werden. Der Grund dieser Harmonie
und nicht in ihrer Konformität mit einer einzigen ist das Absolute. Schelling ist zunehmend skeptisch
einfachen Struktur zu finden; die Individuen in der hinsichtlich der Realisierbarkeit von Kants Idee uni-
Geschichte bilden ihre Identität durch ihre Mitglied- verseller Rechtsverhältnisse als des Zwecks der Ge-
schaft in Völkern, Geschlechtern und Traditionen. schichte. Es scheint ihm ›zweifelhaft und ungewiß, ja
Diese, und nicht rechtliche oder politische Organisa- unmöglich‹, daß alle Individuen dieses Ziel verfol-
tionsformen, sind die grundlegenden Kräfte, welche gen, ›da bei weitem die meisten sich jenen Zweck
die Gesellschaften bestimmen; die Einheit der Ge- nicht einmal denken‹. Die Idee einer moralischen
schichte liegt darin, daß sie durch menschliche Ver- Weltordnung erscheint ihm als fragwürdig. Statt des-
nunft von einer Gesellschaftsform zur anderen vor- sen sucht er die Spur jener Gesetzmäßigkeit, in der
angetrieben wird; und die menschliche Vernunft eine ›unbekannte‹ Hand das freie Spiel der Willkür in
selbst macht Fortschritte – mit der Zeit wächst das, der Geschichte regelt. Er findet diese Spur im Ab-
was Herder ›Humanität‹ nennt. soluten als dem Grund der Harmonie zwischen der
Gegen diese Konzeption hat Kant Einwände erho- ›Freiheit und dem Intelligenten‹, und dies bedeutet:
ben, die sowohl den Übergang, den Herder von der im ›System der Vorsehung‹, d. h. in der Religion. Für
Biologie zur Geschichte postuliert, als auch den Er- Schelling ist die Geschichte als Ganzes eine ›fortge-
klärungswert der Hypothese ›unsichtbarer, die Orga- hende, allmählich sich enthüllende Offenbarung des
nisation bewirkender Kräfte‹ bezüglich der Biologie Absoluten‹.
und Geschichte in Frage stellt. Wie könne man ›das, In Hegels Schriften sind alle Themen der idealisti-
was man nicht begreift, aus demjenigen erklären wol- schen Geschichtsauffassung zusammengefaßt; im
len, was man noch weniger begreift‹? Kant wirft Her- Unterschied zum frühen Schelling nimmt sein Sy-
16 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

stem der spekulativen Philosophie insofern histori- schichte nicht spekulativ zu konstruieren, sondern,
schen Charakter an, als konkrete Geschichtsschrei- beginnend bei den Mythen und polytheistischen Re-
bung für das systematische Denken von grundlegen- ligionen, in einer neuen narrativen Hermeneutik les-
der Bedeutung ist. Hegel gründet wie Herder sein bar machen. Damit löst er sich von metaphysischen
Geschichtsbild auf eine philosophische Theorie der Konstruktionen der Geschichte und zugleich von je-
Entwicklung. Diese Idee liegt dem ganzen System sei- der Begriffs-Philosophie. Die in seiner ›positiven Phi-
ner Metaphysik zugrunde. Während sich die Ent- losophie‹ seit den Weltalter-Entwürfen (ab 1810) for-
wicklung in der Natur auf eine ›unmittelbare, gegen- mulierte Position lautet: ›Mit der ›Vernunftwissen-
satzlose, ungehinderte Weise‹ vollzieht, verwirklicht schaft ist eine Philosophie der wirklichen Geschichte
sich in der Geschichte der Geist, indem er den Wider- unmöglich‹.
stand von Formen seines eigenen Selbst überwindet:
Die Geschichte ist voll von Konflikten, und dies nicht
nur, weil der ›logische‹ Prozeß, die Selbstexplikation 9. Religion und Gottesbegriff
des Geistes, durch Willkür und Kontingenz gestört
wird, sondern weil die Geschichte ein Drama ist, in Was die Religionsphilosophie des Deutschen Idealis-
dem verschiedene Aspekte eines einzigen Prinzips mus auszeichnet, ist ihre enge Verbindung mit der
miteinander in Widerspruch treten und immer kom- Moralphilosophie, vor allem mit dem Begriff der Au-
plexere Formen annehmen. Geschichte ist der Prozeß tonomie. Das moralische Gesetz führt bei Kant durch
des Geistes, der Selbst-Wissen erlangt – die Bewe- den Begriff des höchsten Gutes zur Religion. Die
gung hin zu dem Zustand, in dem er in sich und für enge Beziehung zwischen Moral und Religion grün-
sich selbst ist und deshalb frei. Die Weltgeschichte ist det bei ihm darin, daß die beiden für die Moral wich-
›die Auslegung des Geistes in der Zeit, wie die Idee als tigen Postulate, das Dasein Gottes und die Unsterb-
Natur sich im Raume auslegt‹. Die Geschichte ist für lichkeit der Seele, in einem die Grundlage auch der
Hegel eine zweckmäßige und notwendige Entwicklung Religion bilden. Die aus der Kritik der reinen Ver-
in Stufen. Dies wirft das Problem auf, wie angesichts nunft bekannte Formel, man müsse das Wissen auf-
dieser Notwendigkeit das Handeln der Individuen heben, um für den Glauben Platz zu schaffen, erhält
noch als Ursache der historischen Veränderung ge- in der Kritik der praktischen Vernunft ihre tiefere
dacht werden kann. Hegels Antwort lautet: Die Grundlegung und in der Schrift Die Religion inner-
Zwecke des Geistes verwirklichen sich durch die ›List halb der Grenzen der bloßen Vernunft ihre Durchfüh-
der Vernunft‹, welche ›die Leidenschaften für sich rung. Erst in der Religionslehre gibt Kant die Ant-
wirken läßt‹. Mit diesem Theorem will Hegel die Ko- wort, warum der Mensch noch handeln soll ange-
ordination von zwei verschiedenen Subjekten leisten: sichts der Existenz des radikalen Bösen in ihm und in
Geist und Individuum. Das Handeln der Individuen der Welt und der prinzipiellen Unmöglichkeit, die Si-
soll nicht überflüssig sein: Sie verwirklichen die cherheit zu haben, daß der Kampf zwischen dem gu-
Zwecke des Geistes, und zwar als unbeabsichtigte ten und dem bösen Prinzip im Menschen mit dem
Folge der vernünftigen Verfolgung ihrer eigenen Sieg des Guten endet. Der Mensch braucht die Reli-
Zwecke. Die Geschichte verwirklicht mit der Zeit ei- gion, um die Hoffnung zu haben, daß der Sieg für
nen Zweck, der von den Individuen als vernünftig ihn im Bereich des Möglichen liegt. Angesichts des
erkannt werden kann. Aber dieser Zweck ist kein Bösen in der Welt ist die unbedingte Verbindlichkeit
Fortschritt zum größeren Glück der Menschheit. Der unserer Pflichten einzig mittels der Idee Gottes als
providentielle Charakter der Geschichte besteht als des Unbedingten und der Religion zu begründen.
Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit in der Ver- Der Mensch kann nur hoffen, daß er durch seine sitt-
wirklichung der substantiellen Vernunft. liche Tat das kommende Reich Gottes in seinem Ge-
Hegels Geschichtsphilosophie stellt den spekulati- wissen bezeugt, wenn er es schon nicht ›machen‹
ven Höhepunkt in der Entwicklung des Deutschen kann. Was Kant interessiert, ist nicht die empirische,
Idealismus dar, freilich keinen unumstrittenen. Ge- historisch gegebene Religion, sondern die Vernunft-
gen seine ›Logik der Geschichte‹ legen in den beiden religion, die eine Art Kriterium der Vernünftigkeit für
Jahrzehnten nach seinem Tod nicht nur Feuerbach, jeglichen Offenbarungsglauben darstellt.
die Hegelsche Linke und der mit Engels verbundene In diese Richtung zielt auch der frühe Fichte in
junge Marx ihren antimetaphysischen Protest ein: seiner Religionsphilosophie. Er geht mit Kant über
Hegel habe die ›Idee‹ an die Stelle der (gesellschaft- Kant hinaus, indem er in der Zeit des Atheismus-
lichen) Wirklichkeit gesetzt. In die Entwicklungsge- streits die moralische Ordnung als das Göttliche be-
schichte des Deutschen Idealismus mischt sich ein stimmt. Indem er Gott als moralische Ordnung ver-
anderer Gegner ein – Schelling, aus eigener Sicht die steht, lehnt er die Vorstellung von Gott als einem sei-
Alternative zu Hegel. Er plädiert dafür, die Ge- enden, für sich bestehenden Wesen, das die Ursache
Religion und Gottesbegriff 17

der moralischen Ordnung wäre, ab. Religion ist für und einer hermeneutischen Bibelkritik, und es endet
Fichte nichts anderes als der praktische Glaube an mit der Konzeption einer ›positiven Philosophie‹, in
eine moralische Welt-Regierung. Zugleich distanziert der das Verhältnis von Gott und Mensch als ge-
sich Fichte von Kants Religionsauffassung: Gott ist schichtliches Verhältnis neu bestimmt wird und der
als ›gerechter Richter‹ kein Garant der Übereinstim- Vernunft durch Einsicht in ihre Bedingtheit Grenzen
mung zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit, son- aufgewiesen werden. Die Geschichte der Mythologien
dern wird mit dem als ›Tathandlung‹ des transzen- und der Religionen ist für Schelling zunächst eine Do-
dentalen Ich begriffenen Sittengesetz identifiziert. In kumentation der Entwicklungsgeschichte des Be-
seinen späteren Schriften, vor allem in der Wissen- wußtseins. Die Person Jesus Christus markiert die
schaftslehre von 1804 und in den Vorlesungen Die entscheidende Zäsur der Ablösung der Mythologien
Anweisung zum seligen Leben (1806) hat Fichte die und des Heidentums durch das Christentum. Zu-
›begreifliche Unbegreiflichkeit‹ Gottes – des ›Absolu- gleich aber gibt es auch eine Kontinuität zwischen
ten‹ – als Grundfigur seiner transzendentalen Onto- Mythologie und Christentum, wie sie sich z. B. in ei-
logie herausgearbeitet. Fichte weist darauf hin, daß ner Entwicklungslinie von Dionysos zu Christus aus-
das reflexive Denken nicht imstande ist, das Leben drückt. Der christliche Monotheismus erhebt einen
des Absoluten in Begriffen zu fassen. Einerseits hat universellen Geltungsanspruch und er ersetzt das
der Mensch im Wissen nur Zugang zum Absoluten, schöpferische Prinzip der Natur durch das geistige
das im Bild, nur durch Repräsentationen faßbar ist. Prinzip in der Geschichte. Dieses ideale Prinzip gilt
Andererseits offenbart sich das Leben Gottes bzw. das Schelling als das treibende Motiv der Moderne. Der
absolute Sein als Dasein in unserem Bewußtsein. Die Begriff Gottes markiert identitätsphilosophisch die
Aporie des reflexiven Denkens versucht Fichte durch Einheit des Realen und Idealen. Durch Christus als
die Intuition aufzulösen. Zwar bleibt der Mensch geschichtlich handelnde Person propagiert Schelling
durch das begriffliche Wissen an die empirische Welt ein lebendiges Christentum fernab aller dogmati-
und an das Selbstbewußtsein gebunden, aber die ge- schen Moralpostulate. Durch die Unterscheidung
samte Vielfalt der menschlichen Bewußtseins- und von Grund (Natur) und Wesen (Geist) ergibt sich
Lebensformen ist Erscheinung des göttlichen Seins. eine innere Differenzierung des Absoluten, in der
Die Gotteslehre erreicht ihren Gipfelpunkt als Selig- Gott als ein persönliches und geschichtliches Wesen
keitslehre. Die Religion setzt den mystischen Gedan- bestimmt wird, dessen Selbstentfaltung mit der Exi-
ken der Vereinigung mit dem absoluten Sein voraus. stenz und Wirklichkeit des Weltgeschehens verbun-
Die Verbindung stiftet die ›absolute Liebe‹, die sich im den ist. Damit ist auch das Thema der Theodizee ge-
Gefühl der ›Ergriffenheit durch das unbegreifliche stellt: Für Schelling resultiert das Böse nicht aus der
Absolute‹ ausdrückt. Natur des Menschen als einem Mängelwesen, son-
In die Richtung der philosophischen Theologie dern die Möglichkeit des Bösen entspringt gerade sei-
Fichtes geht auch Schleiermacher in seiner Glaubens- ner Freiheit. Das, was aller geschichtlichen Erfahrung
lehre und Dialektik. Er erörtert hier das Problem des voraus liegt, führt Schelling letztlich auf den freien
Gottesbewußtseins im Rahmen einer Begründungs- Willen eines absoluten Schöpfergottes zurück. Diese
theorie des Bewußtseins. In dieser Theorie – man allem Seienden voraus liegende Bestimmtheit kann
kann sie einen Gottesbeweis nennen – bildet der Be- die Vernunft nicht erfassen, es ist eine unvordenk-
griff des Absoluten den Angelpunkt. Für Schleierma- liche Bestimmung ihrer eigenen Existenz. So kommt
cher bildet Gott die letzte Bedingung des Bewußt- Schelling in seiner Spätphilosophie zur Konzeption
seins. Wir leben in Gott und er in uns. Das Absolute einer positiven Philosophie, in der die Vernunft ein-
ist über uns erhaben und stellt zugleich unser Inner- sieht, daß sie ihren eigenen Bedingungsrahmen we-
stes dar. Wie für Fichte ist auch für Schleiermacher der selbst setzt, noch diesen transzendieren oder re-
deutlich, daß jedes Sprechen über das Absolute flektieren kann. Die Macht der Vernunft erstreckt
schwierig und bestenfalls in Negationen möglich ist. sich lediglich auf die Analyse des Was ihrer Existenz,
Freilich geht auch Schleiermachers Gotteslehre über nicht aber auf das Faktum des Daß.
Negationen hinaus. Er präsentiert in der Dialektik Hegel hat in seiner Religionsphilosophie deutlich
und in der Glaubenslehre eine Theorie des Begriffs Kants und vor allem Fichtes frühe Position über-
des ›unmittelbaren Selbstbewußtseins‹, das vom schritten, die Gott als moralischen Gesetzgeber ver-
transzendenten Grund, der nicht die Idee der Welt, steht und ihn mit dem Gedanken der moralischen
sondern die Idee Gottes ist, schlechthin abhängig Autonomie verbindet. Seine Position geht in die
ist. Richtung der Vereinigung des unendlichen Gottes
Das Thema ›Religion‹ umschließt Schellings Werk mit der Autonomie des endlichen Menschen, um da-
wie eine Klammer. Es beginnt mit der Auseinander- durch beide Momente als Momente eines umfassen-
setzung um die rationalistische Aufklärungstheologie den Freiheitsbegriffs zu denken. Die Religion ist das
18 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

subjektive Tun des Menschen, das im Tun Gottes sei- mehr ausführlich behandelt, so bleibt doch eine Kon-
nen Grund hat. Gott existiert nicht jenseits der Welt; tinuität in der Systemstruktur erhalten, denn sowohl
er ist als Geist im menschlichen Geist gegenwärtig. die Kunst als auch Mythologie und christliche Religion
Dem Menschen kommt eine fundamentale Rolle zu: verweisen die reflexive Vernunft auf eine ursprüng-
Gott kann sein Selbstbewußtsein nur mittels des end- liche und andere eigengesetzliche menschliche Pro-
lichen menschlichen Geistes erlangen. duktivität, die in der Geschichte auch als dunkle Ge-
walt begegnet. In der Gegenüberstellung mit der An-
tike entwickelt Schellings Kunstphilosophie wesent-
10. Das Schöne und die Kunst liche Kriterien der Moderne, in welcher der Verlust
einer allgemeinen Mythologie zur Autonomie und
Kant behandelt das Schöne, das Erhabene und das Partikularisierung des Subjekts führt.
Genie seit der frühen Periode seiner philosophischen Für Hegel ist die Kunst eine der Formen der
Entwicklung bis in die 1790er Jahre hinein. Im Un- Selbst-Vergegenständlichungen des Geistes. Sie ist
terschied sowohl zu rationalistischen als auch zu em- dessen entäußertes Inneres. In Polemik gegen roman-
piristischen Ansätzen gründet er in seiner Kritik der tische Kunstauffassungen, in Kritik an der Überhö-
Urteilskraft (1790) Schönheit, Erhabenheit und ge- hung ästhetischer Subjektivität und in Distanz zu
niale Kunst auf das Verhältnis zwischen Einbildungs- Theorien, die für die Kunst Autonomie reklamieren,
kraft, Verstand und Vernunft. Die transzendentale kommt Hegel letztlich zu dem Ergebnis, die Kunst sei
Kritik entwickelt das subjektive Prinzip des Schönen, ›in ihrer Wahrheit‹ Religion. Sie hat in seiner Sicht die
des Erhabenen und des Genies als ein Prinzip a Funktion, sich selbst um des Menschen willen aufzu-
priori. Kant gelangt zu diesem Ergebnis, indem er die heben, und zwar gerade so, wie die Religion um des
ganze Ästhetik auf das Übersinnliche zurückführt. göttlichen Geistes willen zur freiwilligen Aufopferung
Dieses übersinnliche Substrat läßt sich durch die des menschlichen ›geistigen‹ Daseins führt.
reine spekulative Vernunft nicht erkennen, sondern In den §§ 556–563 seiner Enzyklopädie der philo-
bildet die Vermittlung zwischen Natur und Freiheit, sophischen Wissenschaften im Grundrisse. Dritter Teil:
zwischen Sein und Sollen. In der Ästhetik vollzieht Die Philosophie des Geistes (1830) argumentiert er,
sich die Versinnlichung des Übersinnlichen der Frei- die Kunst sei die ›konkrete Anschauung und Vorstel-
heit und der mit ihr verbundenen Ideen der Unsterb- lung des an sich absoluten Geistes als des Ideals, der
lichkeit und der Existenz Gottes. Die übersinnliche aus dem subjektiven Geist geborenen konkreten Ge-
Idee der Freiheit rechtfertigt die Gültigkeit des Schö- stalt, in welcher die natürliche Unmittelbarkeit nur
nen und des Erhabenen. Zeichen der Idee‹ ist – der ›Gestalt der Schönheit‹. Der
Mit dem Titel ›Philosophie der Kunst‹ will Schelling absolute Geist kann jedoch nicht in partikulären Ge-
die Differenz gegenüber den zeitgenössischen Ästhe- staltungen expliziert werden; deshalb ist der Geist der
tiken anzeigen und deutlich machen, daß seine schönen Kunst ein ›beschränkter Volksgeist‹. Kunst-
Kunstphilosophie eingebettet ist in eine philosophi- werke haben die unendliche Form noch nicht er-
sche Systematik, in der er ihr ohne jeden Abstrich reicht; sie sind sich nicht ›freier Geist‹ bewußt. Die
philosophischen Rang beimißt. Diese Philosophie schöne Kunst ist mit den Religionen verbunden. He-
der Kunst gewinnt Zugang zu den Kunstwerken über gel macht allerdings einen Vorbehalt: Solange Kunst
eine transzendentalphilosophische Reflexion von Wis- und Religion in engem Zusammenhang stehen, zeigt
sensformen, nicht durch Auseinandersetzung mit dies, daß der Geist im Prozeß seiner Selbstentfaltung
konkreten Werken. Das Besondere der künstlerischen in den verschiedenen Formen seines Andersseins
Tätigkeit ist die Einheit von Bewußtem und Bewußt- zwar schon die Stufe der konkreten ›in sich frei ge-
losem, das im Kunstwerk als einem zweckfreien Ob- wordenen‹ Geistigkeit erreicht hat, aber noch nicht
jekt eine Form gewinnt und darüber reflexiv die Re- ›absolute Geistigkeit‹ Prinzip ist. Das Bedürfnis nach
konstruktion der Genese schöpferischer Tätigkeit er- Kunst ist Ausdruck eines defizitären Zustandes; in
laubt. Dabei wird die ästhetische Tätigkeit für Schel- diesem Zustand ist sie das einzige Organ, in dem der
ling zu einem Paradigma schöpferischer Tätigkeit ›abstrakte, in sich unklare, aus natürlichen und gei-
schlechthin. Die Philosophie der Kunst gliedert sich stigen Elementen verworrene Inhalt‹ dazu tendieren
bei ihm in einen allgemeinen philosophischen Teil kann, zu Bewußtsein zu gelangen. Die schöne Kunst
und einen gattungstypologischen Teil. Die allge- ist nur eine Befreiungsstufe, nicht aber die höchste
meine Aufgabe der Kunst ist in platonischer Tradi- Befreiung selbst. Ihre Zukunft hat mit der ›wahrhaf-
tion die reale Darstellung einer Idee. Die Kunst ist ten Religion‹ begonnen. Jetzt erst geht der noch be-
neben Natur und Geschichte eine der drei Potenzen, schränkte Gehalt der Idee in ein höheres Dasein über,
die das Absolute erfassen. Auch wenn Schelling in in dem der Inhalt der Idee die Bestimmung der freien
seiner Spätphilosophie das Thema der Kunst nicht Intelligenz zum Prinzip hat und ›als absoluter Geist
Der philosophische Beitrag der deutschen Frühromantik und Hölderlins 19

für den Geist ist‹. Der Zweck der Kunst ist nicht Nach- stimmte Methode diszipliniert werden kann, sondern
ahmung der Natur, sondern Anschauung des Göttli- immer wieder neue Wege zu gehen versucht. Zu die-
chen in einem sinnlichen Werk. In dem Maße aber, sen Wegen gehört beispielsweise die Arbeit mit Frag-
wie sich das Absolute in den Formen des objektiven menten, die an die Stelle des philosophischen Systems
und des absoluten Geistes expliziert und die Philo- treten; die Fragmente skizzieren einen systemati-
sophie fähig ist, diesen Prozeß und dessen Resultat im schen Gedanken, ohne aber selbst ein System zu kon-
Denken auszudrücken, ist die Kunst an das Ende ih- stituieren. Sie können flexibel miteinander kombi-
rer Funktion gekommen, Repräsentation des Absolu- niert werden und damit stets zu neuen Einsichten
ten zu sein. Hegels These vom ›Ende der Kunst in führen. Zur Kennzeichnung einer experimentellen
ihrer höchsten Bedeutung‹ ist eng mit dem Aufkom- Philosophie, die sich keiner bestimmten Methode
men der absoluten geoffenbarten Religion verbun- verpflichtet, sondern skeptisch davon ausgeht, daß
den. Kunst und Kunstwerke wird es weiterhin geben. Begriffe oder Theorien nicht ›die Wahrheit‹ ausdrük-
In der spekulativen Perspektive der Philosophie des ken, sondern diese nur symbolisch fassen, benutzt
Geistes aber gehört sie per definitionem der Vergan- Schlegel die Charakterisierung ›ironisch‹. Eine ironi-
genheit an. sche Philosophie betont die Arbeit mit Paradoxien
und Widersprüchen, die als Triebkräfte des Fragens
und Deutens nicht eliminiert, sondern produktiv ge-
11. Der philosophische Beitrag macht werden sollen.
der deutschen Frühromantik und Hölderlins Weiterhin arbeiten die Frühromantiker mit einer
nicht-repräsentationalen Auffassung von Sprache
Die Frühromantiker – zu nennen sind hier Novalis und Wissen. Demnach sind Theorien nichts anderes
und Friedrich Schlegel, aber auch in Hölderlins Phi- als kulturhistorisch relative Beschreibungsversuche
losophie finden sich gewisse Parallelen – schalten sich unserer Welt. Der Reichtum einer Kultur besteht
in der zweiten Hälfte der 1790er Jahre in die Diskus- demnach darin, vielfältige Deutungsmodelle anzu-
sion über die zeitgenössische Philosophie ein, über bieten und diese Modelle so zu gestalten, daß sie of-
die Philosophie Kants und der Kantianer bis zu Rein- fen sind für Interpretation. Ein solches hermeneu-
hold, Fichte und Schelling. Obwohl sie ihre eigene tisches Philosophieverständnis betont, daß die inter-
Philosophie durchaus in die transzendentalphilo- pretative Arbeit immer wieder neu ansetzen und sich
sophisch-idealistische Tradition stellen, spielen sie der Relativität ihrer Deutung bewußt sein muß. In
aus mehreren Gründen eine philosophische Sonder- dieser hermeneutischen Intention stellen die Früh-
rolle. (i) Sie sind selbst keine Philosophen mit akade- romantiker dem begrifflichen Denken ein metapho-
misch-institutioneller Einbindung; bemühen sie sich risch-allegorisches Denken gegenüber. Während Be-
um eine akademische Laufbahn, wie z. B. F. Schlegel, griffe auf definitorische Genauigkeit ausgerichtet
so ohne Erfolg. (ii) Sie entwickeln die Auffassung ei- sind, bleiben Metaphern und Allegorien unbestimmt
nes philosophischen Idealismus, der – alternativ zum und deutungsoffen. Wenn die Frühromantiker als
szientistisch-systematischen Philosophieverständnis Bezugspunkt der Allegorie das ›Unendliche‹ rekla-
von Kant, Fichte, Schelling und Hegel – Philosophie mieren, dann markieren sie als die Reichweite des
eher im platonischen Sinn als Liebe zum Wissen und Geistes einen nie auszufüllenden, nie zu erschöpfen-
als Weisheit versteht. Ihre Philosophie nimmt ver- den Sinnhorizont.
schiedene Ausrichtungen an: als magischer Idealis- Dem liegt eine anthropologische Auffassung zu-
mus (Novalis), als kritischer Idealismus (Schlegel), grunde, die sich im Bildungsbegriff verdichtet. Der
als Mythologie und vor allem als eine Philosophie, Mensch wird als ein Wesen verstanden, das durch
die eng mit Poesie verbunden ist. Insbesondere bei seine Körperlichkeit endlich und in die Welt einge-
Hölderlin und Novalis geht das eigene dichterische bunden, aber durch seinen Geist frei und unendlich
Schaffen parallel mit den philosophischen Interessen, ist. Der Geist, seine Kreativität und Phantasie, ist das
geht das Philosophische ins poetische Werk ein und schöpferische Vermögen im Ich. Unter dem Aspekt
erhält die Philosophie Anregung durch Reflexion auf seiner Geistigkeit ist der Mensch unendlich perfekti-
das Wesen des Poetischen. Mit diesem Verständnis bel. Bildung heißt dann, die Möglichkeiten des
von Philosophie und Poesie werden strikte Grenz- Menschseins zu entwickeln und zu erweitern. In die-
ziehungen zwischen den Disziplinen in Frage ge- ser Perspektive stimmen die Frühromantiker ganz
stellt. mit der Aufklärung überein. Mit der Aufklärung tei-
Damit verändert sich auch der Anspruch, den die len sie politisch die Hoffnung auf eine neue, humane
Philosophie der Frühromantik vertritt. In den Vor- gesellschaftliche Entwicklung, die dem Einzelnen
dergrund tritt ein experimentelles, plurales Denken, umfassende Möglichkeiten der Entfaltung der eige-
das nicht mehr durch Verpflichtung auf eine be- nen Fähigkeiten und Talente bietet. Gegen die Auf-
20 I. Der Deutsche Idealismus – Zur Einführung

klärung richten sie sich hinsichtlich einer verkürzten fünfzig Jahre zuvor ausgeübt hatte. Vergleichbares
Auffassung von Rationalität, Wissenschaft, Religion gilt, wie in Kap. 12 gezeigt wird, auch für Polen oder
und Mythologie. für Finnland.
In ihren programmatischen Anstrengungen geht es Nationale kulturelle Traditionen und Zukunftsper-
den Frühromantikern darum, das kreative Potential spektiven haben bei den Rezeptionen des Deutschen
des Menschen in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen Idealismus eine große Rolle gespielt und ihm jeweils
zu stellen, sei es in Philosophie und Wissenschaft, sei ein besonderes Profil gegeben. Berücksichtigt man
es Kunst und Poesie, Religion und Mythologie oder aber auch die wechselseitigen Interaktionen zwischen
Politik. An allen diesen Bereichen hat ein idealisti- den nationalen Rezeptionen, so wird über besondere
sches Denken Anteil, denn es ist für die Frühroman- nationale Merkmale hinaus der allgemein europäische
tiker dasjenige Denken, das auf der freien, schöpferi- Charakter der Wirkung des Deutschen Idealismus
schen Tätigkeit des Geistes beruht. deutlich.
Im ausgehenden 20. Jahrhundert war das Interesse
am Deutschen Idealismus für eine gewisse Zeit rück-
12. Rezeptionen des deutschen Idealismus läufig. Die nicht zuletzt im Kontext der Analytischen
Philosophie, aber auch in Perspektiven von Einzel-
Die deutsche Philosophie hat in der Zeit vom Er- wissenschaften – z. B. an der spekulativen Erkennt-
scheinen der Kritik der reinen Vernunft (1781) bis zu nis-, Natur- und Geschichtsphilosophie – formulierte
dem in den 1860er Jahren entstehenden Neukantia- Kritik am metaphysischen Charakter des idealisti-
nismus eine solche Blüte erlebt, daß Intellektuelle in schen Theorietypus ließ ihn als überholt erscheinen.
ganz Europa sich einer direkten Bezugnahme auf die Gegenwärtig ist ein Umdenken zu verzeichnen: Der
neuesten Ergebnisse der deutschen philosophischen Deutsche Idealismus zieht, wie die große Anzahl von
Debatte nicht entziehen konnten. England und ihm gewidmeten Quelleneditionen und Publikatio-
Frankreich sind die ersten Länder, in denen die Spu- nen sowie das Erscheinen des Internationalen Jahr-
ren einer Rezeption der Kantschen Philosophie zu buchs des Deutschen Idealismus/International Year-
finden sind. Dies ist nicht verwunderlich, war doch book of German Idealism (seit 2003) zeigt, in For-
die philosophische Debatte zwischen deutschen Ge- schung und Lehre neue Aufmerksamkeit auf sich; er
lehrten und ihren Ansprechpartnern in diesen zwei ist nicht nur in Europa und Nordamerika32, sondern
Ländern schon im 18. Jahrhundert besonders aktiv. weltweit aktuell.
Die deutsche vorkantische Schulphilosophie stand Hans Jörg Sandkühler (Red.)
vorwiegend noch unter dem Einfluß der französi-
schen Aufklärung; die Entstehung der deutschen Ro-
mantik verdankte sich Impulsen der englischen Kul-
Weiterführende Literatur
tur auf die deutsche. Mit Kant aber trat eine Umkeh-
rung dieser Tendenz ein. Von nun an sollten deutsche Ameriks, K. (Hrsg.), 2000, Cambridge Companion to German
Intellektuelle, statt vorwiegend philosophische Ideen Idealism, Cambridge.
zu importieren, ihre eigenen philosophischen Arbei- Ameriks, K./J. Stolzenberg (Hrsg.), 2005, Der deutsche Idea-
ten in die anderen Länder exportieren. lismus und die gegenwärtige analytische Philosophie/Ger-
man Idealism and Contemporary Analytic Philosophy. In-
Die französische Rezeption der deutschen Philo- ternationales Jahrbuch des Deutschen Idealismus/Interna-
sophie erfüllte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun- tional Yearbook of German Idealism, Bd. 3, Berlin.
derts eine wichtige, wenn auch durch Mißverständ- Beiser, F. C., 2002, German Idealism. The Struggle Against
nisse dieses philosophischen Denkens belastete Ver- Subjectivism, 1781–1801, Cambridge, MA/London.
mittlungsfunktion: Die französischen Übersetzun- Bourgeois, B., 2000, L’idéalisme allemand, Paris.
Braun, H., 1982, Materialismus-Idealismus. In: Geschichtliche
gen, Kommentare und Interpretationen deutscher Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen
Werke waren die ersten und für lange Zeit die ein- Sprache in Deutschland, hrsg. v. O. Brunner/W. Conze, R.
zigen Quellen, die dem philosophischen Denken in Koselleck, Bd. 3, Stuttgart.
Italien und Spanien den Zugang zur kritischen Philo- Bubner, R. (Hrsg.), 1978, Deutscher Idealismus, Stuttgart.
Cassirer, E., 2000 [1920], Das Erkenntnisproblem in der Philo-
sophie Kants und zu den Systemen Fichtes, Schellings
sophie und Wissenschaft der neueren Zeit. 3. Bd.: Die nach-
und Hegels eröffneten. Sowohl für den italienischen kantischen Systeme. Gesammelte Werke, Hamburger Aus-
als auch für den spanischen Bereich war die Bezug- gabe, Bd. 4, Hamburg.
nahme auf die deutsche Philosophie am Ende des 19. Duque, F., 1998, Historia de la Filosofia Moderna. La Era de la
Jahrhunderts ein probates Mittel, die Intellektuellen Crítica, Madrid.
Gamm, G., 1997, Der Deutsche Idealismus. Eine Einführung
zur sozialen, politischen und kulturellen Erneuerung in die Philosophie von Fichte, Hegel und Schelling, Stutt-
ihrer Länder aufzurufen, also analog der Funktion, gart.
welche die Philosophie auch in Deutschland fast Gawoll, H.-J./Ch. Jamme (Hrsg.), 1994, Idealismus mit Folgen.
Anmerkungen 21

Die Epochenschwelle um 1800 in Kunst und Geisteswissen- 7 Marx/Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 36.
schaften, München. 8 Ebd., S. 14. Hervorh. nicht im Orig.
Hartmann, N., 1923, Die Philosophie des deutschen Idealis- 9 Lange 1974, S. 529.
mus. I. Teil: Fichte, Schelling und die Romantik, Berlin/ 10 Mauthner 1910.
Leipzig. 11 Gamm 1997, S. 8 und 12.
Hartmann, Nicolai, 1929, Die Philosophie des deutschen Idea- 12 Vgl. die programmatische und materialreiche gleichna-
lismus. II. Teil: Hegel, Berlin/Leipzig. mige Studie Henrich 1991; vgl. auch Henrich 2004.
Henrich, D., 1982, Selbstverhältnisse. Gedanken und Ausle- 13 Kant, Vorlesungen über die Metaphysik (Pölitz), AA XXVIII,
gungen zu den Grundlagen der klassischen deutschen Phi- S. 208.
losophie, Stuttgart. 14 Kant, Kritik der reinen Vernunft (21787), B 274 f.
Henrich, D., 1991, Konstellationen. Probleme und Debatten 15 Kant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik
am Ursprung der idealistischen Philosophie (1789–1795), (1783), AA IV, S. 374 f.
Stuttgart. 16 Vgl. hierzu ausführlich Duque 1998, S. 159–198.
Horstmann, R.-P., 32 004, Die Grenzen der Vernunft. Eine Un- 17 Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781), A 11 f.
tersuchung zu Zielen und Motiven des Deutschen Idealis- 18 Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (1794),
mus, Frankfurt/M. SW 1, S. 155 f.
Incardona, N., 1995 Idealismo tedesco e neoidealismo italiano, 19 Fichte, Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797), SW
Palermo. 1, S. 440.
Pippin, R. B., 2004, Die Verwirklichung der Freiheit. Der Idea- 20 Fichte, Darstellung der Wissenschaftslehre (1801), SW 2,
lismus als Diskurs der Moderne, Frankfurt/M. S. 35.
Siep, L., 1992, Praktische Philosophie im Deutschen Idealis- 21 Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797,
2
mus, Frankfurt/M. 1803), SW II, S. 67.
Solomon, R. C./K. M. Higgins (Hrsg.), 1993, The Age of Ger- 22 Schelling, System des transzendentalen Idealismus (1800),
man Idealism. Vol. VI of The Routledge History of Philos- SW III, S. 352.
ophy, London/New York. 23 Schelling, Philosophische Untersuchungen über das Wesen
Vetö, M., 1998, Études sur l’idéalisme allemand, Paris. der menschlichen Freiheit (1809), SW VII, S. 356.
24 Hegel, Aufsätze aus dem Kritischen Journal der Philosophie,
HW 2, S. 406.
25 Hegel, Wissenschaft der Logik I, HW 5, S. 41.
Anmerkungen 26 Ebd., S. 172.
27 Feuerbach 1950, S. 153.
1 Zu dieser Einführung haben mehrere der an diesem Hand- 28 Vgl. Beierwaltes 2004.
buch Beteiligten Kurzfassungen der von ihnen verfaßten 29 Zu neueren Gesamtdarstellungen seiner Philosophie vgl.
Kapitel beigetragen. Fulda 2003 und Jaeschke 2003.
2 Vgl. zur Begriffsgeschichte Braun 1982. 30 Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte,
3 Walch 1968, S. 62. HW 12, S. 529.
4 Wolff 1740, Bd. 2, S. 449. 31 Ritter 1965, S. 18.
5 Mendelssohn, Morgenstunden oder Vorlesungen über das 32 Vgl. etwa zum Deutschen Idealismus und zur gegenwär-
Daseyn Gottes (1785), MS 3.2, S. 59. tigen analytischen Philosophie Ameriks/Stolzenberg 2005.
6 Marx/Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen
Kritik (1845), MEW Bd. 2, S. 7 und 132. Hervorh. nicht im
Orig.
22

II. Die Vernunft und das Absolute

1. Einleitung und ideengeschichtlicher gar am Ende den Begriff ›das Absolute‹ wieder fallen.
Horizont Die Problemlage war darüber hinaus noch zusätzlich
verwickelt, da man sich nicht direkt, und falls ge-
Für den Deutschen Idealismus und die in ihm voll- wünscht, im kritischen Frontalangriff, auf eine ein-
zogene Kritik an der traditionellen Metaphysik, bzw. heitliche und noch ungebrochen starke Metaphysik-
seine verschiedenen Versuche, sie in neue Formen tradition beziehen konnte. Man hatte es vielmehr
philosophischer Systembildungen zu transformieren, auch mit der ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun-
sind mindestens zwei Vorgänge kennzeichnend. derts in Deutschland aufblühenden Philosophie der
Erstens wurde, anders als etwa in der rationalisti- Aufklärung zu tun, deren aus ihrer Kritik an der
schen Metaphysik des 17. und frühen 18. Jahrhun- Schulmetaphysik (jedoch nicht ohne gezielte Rück-
derts, eine deutlichere Unterscheidung zwischen dem griffe auf bestimmte Philosophien des 17. Jahrhun-
Verstand und der Vernunft und ihren jeweiligen An- derts) entstandenen neuen Denkansätze die Deut-
sprüchen und Leistungen als Erkenntnisvermögen schen Idealisten nicht befriedigend fanden, obwohl
eingeführt. Dabei wurde der Philosophie nicht nur sie ihre Intentionen weitgehend teilten. Da die
die erkenntniskritische Rolle zugewiesen, die Unter- Sprachregelung zu ›Deutscher Idealismus‹ keines-
schiede zwischen Verstandes- und Vernunftgebrauch wegs einheitlich ist, folgende Erläuterung: Ich spre-
klarzulegen, sondern die Philosophie überhaupt che zwar von ›Idealismus‹ im weitesten Sinne (ein-
wurde als Selbsterkenntnis der Vernunft aufgefaßt. schließlich Kant), differenziere aber im Folgenden
Zweitens schien dadurch die philosophische Ver- zwischen ›kritischem‹ und ›spekulativem‹ Idealis-
nunft selbst in den Rang eines Absoluten erhoben zu mus, wobei unter die erste Kategorie Kant, der frühe
werden. Obwohl keine direkte Rezeption vorliegt, ist Fichte und frühe Schelling fallen, unter die zweite die
es der Erwähnung wert, daß erstmals im Spätmittel- Spätphilosophien Fichtes und Schellings sowie He-
alter der deutsche Kardinal Nicolai de Cusa den Be- gels gesamte Philosophie.
griff des Absoluten in substantivierter Form in die Am Vorabend der Entstehung des kritischen und
philosophische Terminologie einführte und zugleich sodann des spekulativen Idealismus war also in
die Vernunft (intellectus) im Unterschied zum dis- Deutschland die Disziplin der Metaphysik mit ihren
kursiven und messenden Verstand (ratio) auf die Er- Hauptthemen – Seele, Welt und Gott – zwar ein fe-
kenntnis dieses bei ihm problemlos als Gottesbegriff ster Bestandteil des akademischen Unterrichts, aber
gedeuteten Absoluten ausrichtete.1 Für die deutschen man kann nicht behaupten, daß sie in der Periode
Idealisten sollte dagegen die Redeweise von der auf zwischen Christian Wolff und Alexander Baumgarten
die Totalität des Denkbaren und Erkennbaren gerich- zu großem Ansehen gelangt wäre. Dies ist nicht ganz
teten absoluten Vernunft nicht nur gegenüber dem verwunderlich, hatte doch ähnlich wie etwa in Frank-
Gottesbegriff (s. Kap. 9: Die Religion und der Gottes- reich (z. B. durch Voltaire) und in England (z. B.
begriff) als dem vorzüglichen Kandidaten für das Ab- durch Hume) auch in Deutschland die Aufklärungs-
solute in der traditionellen Metaphysik abgegrenzt bewegung erhebliche Zweifel an der Kompetenz und
werden, sondern es stellte sich zudem die weitaus Reichweite der menschlichen Vernunft bezüglich der-
schwierigere Frage, ob das nun neu zu bestimmende jenigen Gegenstände der Philosophie angemeldet, die
Absolute überhaupt auf etwas Gegenständliches und einen metaphysischen Status innehatten, insofern sie
einen möglichen Gegenstand von Erkenntnis ver- dafür galten, Manifestationen des Absoluten und gar
weist und wenn nicht, was denn dann seine Bedeu- ›das Absolute‹ selbst zu sein. Vor allem betraf diese
tung und Form der Darstellung sei. Skepsis die Möglichkeit einer verständigen und ver-
Die Antworten der vier bekanntesten Philosophen nunftgemäßen Fassung des Gottesbegriffs und in
des Deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Schelling zweiter Linie davon abhängig des Seelen- und Welt-
und Hegel) fielen dabei sehr unterschiedlich aus, und begriffs.
zwar teils sogar innerhalb der verschiedenen Phasen Allerdings zeigte sich bei einigen führenden Den-
ihres jeweiligen Denkweges. Um nur einige Varianten kern der Aufklärung etwa ab den 1760er Jahren eine
zu nennen: Nicht jeder setzte allzeit die Vernunft um- zunächst noch im Verborgenen wirkende Tendenz,
standslos absolut; nicht jeder sprach, wenn von ›ab- die herkömmlichen metaphysischen Fragen in einem
soluter Vernunft‹ die Rede war, auch in substantivier- ›neuen alten Licht‹ zu sehen, indem auf philosophi-
ter Form über ›das Absolute‹; nicht jeder setzte, wenn sche Systeme des 17. Jahrhunderts zurückgegriffen
von beidem die Rede war, auch beide gleich oder ließ wurde. Lessing, Mendelssohn und etwas später Her-
Einleitung und ideengeschichtlicher Horizont 23

der leiteten eine Spinoza- und eine Leibnizrenais- entnehmen läßt. Ihr wichtigstes Motiv bei der vor-
sance ein, wobei Spinozas Philosophie zunächst noch sichtigen Adaptation spinozistischer Philosopheme
apokryph wirkte (bis zur Veröffentlichung von Les- ist, wie Lessing in seiner Rezension sagt, der Versuch,
sings Spinoza-Bekenntnis in Jacobis Über die Lehre einen »Gesichtspunkt« zu finden, »aus welchem man
des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendels- Spinosens Lehrgebäude betrachten muß, wenn es mit
sohn, 1785), während Leibniz’ originales Denken der Vernunft und Religion bestehen solle«.4 Dieser
nicht zuletzt durch die neue Dutens-Ausgabe seiner Gesichtspunkt sei zu gewinnen, wenn man Spinoza
Werke (1768) schon etwas früher aus dem Schatten von Leibniz aus uminterpretiere. Spinozas, für die
seines bis dahin übermächtigen Interpreten Wolff theologia naturalis als äußerst heikel erachtete, enge
herausgetreten war. Ob man einem dieser beiden Verknüpfung zwischen Gott und Welt sollte auf die-
großen Rationalisten in Wissenschaft und Metaphy- sem Wege entschärft werden. Spinoza selbst hatte
sik, selbstredend in aktualisierter Form, den Vorzug Gott als die immanente Ursache (causa immanens,
geben sollte (Lessing mit dem Hauptakzent auf Spi- non transiens) in allem weltlich Seienden bestimmt,
noza, Mendelssohn eher auf Leibniz), ob man sie auf so daß er beide mit der sicher interpretationsbedürf-
fruchtbare Weise miteinander kombinieren könnte tigen Konjunktion »oder« (sive) verbinden konnte:
(vor allem Herder), oder aber ob man sich vielmehr »Gott oder die Natur« (Deus sive Natura). Dabei
durch einen salto mortale ganz aus der rationalisti- wahrte er allerdings den Unterschied zwischen der
schen Philosophie verabschieden müsse (wie Jacobi göttlichen Kausalität in der Natur (natura naturans)
dies empfahl), war dabei noch keineswegs entschie- und den als ihre Modi aufgefaßten Wirkungen (na-
den. Wichtig war allein, daß im Kielsog des soge- tura naturata), d. h. den einzelnen endlichen Gedan-
nannten Spinoza-Streits Themen der Metaphysik, ken und Dingen in der psychischen und physischen
unabhängig von ihrer Behandlung in der Schulphilo- Natur.5 Lessing und Mendelssohn waren sich indes-
sophie des 18. Jahrhunderts, plötzlich wieder auf der sen zunächst einig darin, daß man Spinozas Rede-
Tagesordnung standen und bis zur Jahrhundert- weise von der Relation von Gott und Welt als Deus
wende sehr kontroverse Debatten auszulösen ver- sive Natura »nicht auf die ausser uns sichtbare, son-
mochten. Die vier führenden Deutschen Idealisten – dern auf diejenige Welt anwenden [müsse], welche,
Kant, Fichte, Schelling und Hegel – sind sich dieses mit Leibnizen zu reden, vor dem Ratschlusse Gottes,
Kontextes ihrer eigenen philosophischen Systement- als ein möglicher Zusammenhang verschiedener
würfe sehr wohl bewußt, und sie versuchen daher, Dinge in dem göttlichen Verstande existirt hat«.6 Auf
jeder auf seine Weise, mit der spinozistischen Her- diesem Wege konnte Mendelssohn in Philosophische
ausforderung (und Jacobis »metaphysischem Unwe- Gespräche Spinozas Philosophie zumindest historisch
sen über Spinoza«, wie Goethe sagte2) umzugehen. als eine notwendige Übergangsphase rehabilitieren
Es ist daher nicht erstaunlich, daß sie ihre jeweils ei- und ihn sogar als Vorläufer von Leibniz im Hinblick
genen philosophischen Unternehmungen nicht nur auf dessen Lehre von der vorherbestimmten Harmo-
immer noch auf die klassischen Themen der meta- nie zwischen Seele und körperlicher Welt bezeich-
physica specialis (psychologia rationalis, cosmologia ra- nen.7 Mendelssohn schließt sich der Kritik Wolffs an
tionalis und theologia naturalis) zurückbeziehen, son- Spinoza an, nicht aber der Kritik Bayles; er unter-
dern vor allem die vordringliche Frage zu klären ver- stützt allerdings dessen Kritik an Spinozas Zuweisung
suchen, wie, wenn überhaupt, das Absolute und seine des Attributs ›unendliche Ausdehnung‹ an die gött-
Manifestationen im menschlichen Geist und in der liche Substanz, und dies stimmt gut mit seiner eige-
Natur mit den Mitteln des menschlichen Verstandes nen idealistischen Grundposition zusammen8, ist er
und der Vernunft konzeptualisiert werden könnten. doch der Meinung, daß seine Verdienste um die
Es ist daher ratsam, erst einen Blick auf diesen un- Metaphysik verkannt wurden: »Er war ein Opfer für
mittelbaren Entstehungskontext des Deutschen Idea- den menschlichen Verstand; allein ein Opfer, das mit
lismus in der deutschen Spätaufklärung und deren Blumen gezieret zu werden verdient. Ohne ihn hätte
wichtigsten Referenzpunkt in der europäischen Ide- die Weltweisheit ihre Grenzen nimmermehr so weit
engeschichte3 zu werfen. ausdehnen können«9 – zu weit, wie Kant später kon-
statieren wird. Lessing selbst hatte sich spätestens ab
1.1 Mendelssohn und Lessing den sechziger Jahren intensiver mit Spinoza befaßt
Die Haltung Lessings und Mendelssohns gegenüber und dessen Philosophie stets mehr schätzen ge-
Spinoza ist in den 1750er Jahren noch ziemlich ambi- lernt.10 So schließt er sich z. B. in dem Fragment Über
valent, wie sich aus Mendelssohns Schrift Philosophi- die Wirklichkeit der Dinge außer Gott (1763) Spinozas
sche Gespräche (1755) und Lessings Rezension dersel- im 15. und 18. Lehrsatz des ersten Teils der Ethica
ben (vom 1. März 1755), sowie aus ihrer gemeinsam formulierten Immanenzgedanken vorbehaltlos an:
verfaßten Preisschrift Pope ein Metaphysiker! (1755) »Ich mag mir die Wirklichkeit der Dinge außer Gott
24 II. Die Vernunft und das Absolute

erklären, wie ich will, so muß ich bekennen, daß ich Sinne des Theismus wiederhergestellt. In diese Lücke
mir keinen Begriff davon machen kann«.11 Und in kann nun der nach Mendelssohns Meinung geläu-
seinen Gesprächen mit Jacobi im Jahre 1780, deren terte Pantheismus oder Spinozismus Lessings treten,
Stellenwert durch Jacobis Überlieferung natürlich den er in teils Leibnizianischer Terminologie folgen-
problematisch bleibt12, sagt er unumwunden: dermaßen charakterisiert:
Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind Da wir also (ich rede immer noch im Namen mei-
nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen nes abgeschiedenen Freundes [Lessing]) da wir das
[…] Ich. Da wären Sie ja mit Spinoza ziemlich ein- System [Spinozas] nunmehr in etwas abgeändert
verstanden. Lessing. Wenn ich mich nach jemand haben und der Gottheit eben so wohl, als der
nennen soll, so weiß ich keinen andern. […] Es Theist, die allerhöchste Vollkommenheit zuschrei-
gibt keine andre Philosophie, als die Philosophie ben; so nehmen wir dem zufolge auch mit diesem
des Spinoza.13 an, daß sich der göttliche Verstand alle möglichen
zufälligen Dinge, nebst ihren unendlichen Man-
Mendelssohn hat sich, anders als Lessing, Spinoza
nigfaltigkeiten und Veränderungen, sammt ihrer
nicht mehr weiter angenähert. Wenngleich auf seine
Verschiedenheit und Güte, Schönheit und Ord-
ganz eigene Weise, hat er dennoch die traditionellen
nung, auf das allerdeutlichste und ausführlichste
Themen der Schulmetaphysik behandelt. Insbeson-
vorgestellt, und daß er vermöge seiner allerhöch-
dere hat er sich mit der theologia naturalis und den
sten Billigungskraft der besten und vollkommen-
Gottesbeweisen befaßt, wie in der Abhandlung über
sten Reihe der Dinge den Vorzug gegeben habe.16
die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften (1763)
und ebenso noch in der späten Schrift Morgenstun- Mit Hilfe von Leibniz’ Lehre von den möglichen Wel-
den oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes (1785). ten im Geiste Gottes und seiner Weisheit, die best-
Die letztere Schrift ist nicht nur kennzeichnend für mögliche zu bestimmen, wird Spinozas deterministi-
die Konstanz in Mendelssohns Position, weil sie nach sche Sicht der Dinge ausgeschaltet; bei Spinoza hieß
Kants kritischer Wende und der damit einhergehen- es:
den Abweisung jeglichen Gottesbeweises in der theo-
Die Dinge haben auf keine andere Weise und in
retischen Philosophie geschrieben ist, sondern auch,
keiner anderen Ordnung von Gott hervorgebracht
weil sie im unmittelbaren Zusammenhang mit Jaco-
werden können, als sie hervorgebracht worden
bis erster Veröffentlichung zum Spinoza-Streit und
sind. Beweis: Alle Dinge sind nämlich aus der gege-
Mendelssohns geharnischter Reaktion hierauf in sei-
benen Natur Gottes notwendigerweise erfolgt […]
ner Schrift An die Freunde Lessings. Ein Anhang zu
Hätten die Dinge also von anderer Natur sein oder
Herrn Jacobis Briefwechsel über die Lehre des Spinoza
auf andere Weise zum Wirken bestimmt werden
(1786) steht. (Jacobis Publikation seiner Schrift Über
können, so daß die Ordnung der Natur eine an-
die Lehre des Spinoza erfolgte fast zeitgleich mit Men-
dere wäre, dann könnte auch Gottes Natur eine
delssohns Morgenstunden Ende September/Anfang
andere sein, als sie jetzt ist […] und folglich
Oktober 1785.14) Nachdem Mendelssohn die ihn
könnte es zwei oder mehrere Götter geben, was
höchst beunruhigenden Nachrichten von dem Be-
[…] widersinnig ist.17
kenntnis Lessings zu Spinoza (in dessen Gesprächen
mit Jacobi im Jahre 1780) erhalten hatte, versuchte er Darüber hinaus wird durch Mendelssohn das Ver-
in seinen Morgenstunden in der XIII. bis XV. Vorle- hältnis von Seele, Welt und Gott ganz idealistisch
sung nicht nur Spinozas Pantheismus, oder was er gedeutet:
dafür hielt, zu widerlegen, sondern unternahm auch
Wer sagt uns, daß wir selbst und die Welt, die uns
den Versuch, seinem alten Freund Lessing nur einen
umgiebt, etwas mehr haben, als das idealische Da-
»geläuterten Pantheismus«, der mit Religion und
seyn in dem göttlichen Verstande; etwas mehr
Sittlichkeit verträglich sei, zuzuschreiben. Hierfür
sind, als bloße Gedanken Gottes und Modificatio-
mußte er zunächst, der Linie von Wolffs Spinoza-
nen seiner Urkraft?18
Kritik folgend, die enge Verschränkung zwischen
Gott und Welt unterlaufen, die Spinoza dadurch be- Aber dies ist die von Mendelssohn Lessing unter-
gründet hatte, daß er die endlichen Dinge ›nur‹ als stellte Position. Für Mendelssohn selbst hängt sowohl
Modifikationen einzelner Attribute der unendlichen die Kritik an Spinozas Pantheismus als auch der
göttlichen Substanz bestimmt hatte.15 Auch die end- Nachweis der Unschädlichkeit eines geläuterten Pan-
lichen (zufälligen) Dinge sind für Mendelssohn trotz theismus vor allem von dem rechten Gottesbegriff
aller Unvollkommenheit Substanzen und somit wer- und den »wissenschaftliche[n] Lehrbegriffe[n] vom
den nicht nur sie relativ aufgewertet, sondern wird Daseyn Gottes« ab, zu denen er selbst zwei eigene
auch die Transzendenz ihres göttlichen Ursprungs im Varianten beisteuert (in der XVI. und XVII. Vorle-
Einleitung und ideengeschichtlicher Horizont 25

sung). Seine Reaktion auf den fingierten Gesprächs- an und für sich einer größern Deutlichkeit und
partner Lessing lautet: größern Vollständigkeit fähig, als ich ihm zu geben
Wenn ich Sie recht verstehe, würde ich ihm ant- vermag.24
worten, so geben Sie, im Nahmen Ihres Panthei- So schließt er auf die Existenz eines göttlichen, un-
sten, zwar einen außerweltlichen Gott zu, läugnen endlichen Verstandes:
aber eine außergöttliche Welt, und machen Gott Es muß also nothwendig ein denkendes Wesen, ei-
gleichsam zum unendlichen Egoisten.19 nen Verstand geben, der nicht nur mich, sammt
Mendelssohn ist sich, wie sein Vorbericht zeigt, dabei allen seinen Beschaffenheiten, Merkmalen und
sehr wohl bewußt, daß er zu diesem Zeitpunkt Unterscheidungszeichen, sondern den Inbegriff al-
(1785) eigentlich eine anachronistische Position be- ler Möglichkeiten, als möglich, den Inbegriff aller
zieht, die ihn in die Schulphilosophie vom Anfang Würklichkeiten, als würklich, mit einem Worte,
des Jahrhunderts zurückversetzt. den Inbegriff und den Zusammenhang aller Wahr-
heiten, in ihrer möglichsten Entwickelung, auf das
Ich weiß, daß meine Philosophie nicht mehr die
deutlichste, vollständigste und ausführlichste sich
Philosophie der Zeiten ist. Die Meinige hat noch
vorstellet. Es giebt einen unendlichen Verstand.25
allzusehr den Geruch der Schule […] Das Ansehen
dieser Schule ist seitdem gar sehr gesunken, und Trotzdem hält es Mendelssohn (wie schon Descartes
hat das Ansehen der spekulativen Philosophie in seinen Meditationes) für nötig, seinen ersten Be-
überhaupt mit in seinen Verfall gezogen.20 weis mit einem aus dem Begriff der Vollkommenheit
des höchsten Wesens geführten (a priori) Beweis zu
Gleichwohl sucht er weder Anschluß bei der sich am
ergänzen, indem er ganz traditionell den Begriff von
Sensualismus und Naturalismus orientierenden radi-
einem vollkommenen Wesen für nicht denkbar hält,
kalen Aufklärungsphilosophie, noch bei Kants kriti-
wenn man nicht zugleich dessen Existenz annimmt.
scher Philosophie, von dem er immerhin hofft, daß
Dabei versucht er, mit welchem Erfolg sei dahinge-
er »mit demselben Geiste wieder aufbauen wird, mit
stellt, offensichtlich auch Kants Kritik an solch einem
dem er niedergerissen hat«.21 Mendelssohn selbst
ontologischen Gottesbeweis, wonach ›Existenz‹ kein
will es bei einem Versuch belassen, die Philosophie
reales Prädikat sei, was zum Begriffe eines Dinges
des gesunden Menschenverstandes (Sensualismus)
hinzukommen könne, zu entkräften.26
mit den Vernunftschlüssen der Metaphysik so zu
Man kann Mendelssohns unzeitgemäße philoso-
kombinieren, daß sie einander wechselseitig korrigie-
phische Bemühungen, die sich stark auf Argumen-
ren.22 Denn im Grunde genommen mißtraut er so-
tationen der rationalistischen Metaphysik stützen, so
wohl der Reichweite der Sinnenerkenntnis als auch
wie wir ihnen bei Descartes, Leibniz und vor allem
der Vernunfterkenntnis und führt die ihnen eigenen
bei Wolff begegnen, nur verstehen, wenn man seine
Täuschungen auf einen gemeinsamen Mangel zu-
Angst vor einer Renaissance der Philosophie Spino-
rück: die jeweilige Unvollständigkeit der Induktion:
zas ernst nimmt. Genauer gesagt: Er wollte nicht nur
»so begnüge ich mich gezeigt zu haben, daß bey der
der von Jacobi seit 1783 zunächst nur in brieflichen
Sinnentäuschung allezeit ein logischer Fehler zum
Mitteilungen vertretenen Behauptung, Lessing sei ein
Grunde liege. Der falsche Schein fließet mit dem Irr-
Spinozist gewesen, entgegentreten, sondern vor allem
thume der Vernunfterkenntniß aus einerley Quelle.
die Alternative unterlaufen, entweder die laut Jacobi
Durch einen unrichtigen Schluß aus einer unvoll-
für Lessing einzige konsequente rationalistische Me-
ständigen Induction […] Mit einem Worte, Sinnen-
taphysik zu akzeptieren und Spinozist zu werden
täuschung und Irrthum der Vernunft habe beide ei-
oder aber sich Jacobis eigenem salto mortale in den
nerley Ursprung, fließen beide aus einem Unvermö-
Glauben an Gott als »eine persönliche extramundane
gen der Erkenntniß«.23 Diesem Mangel soll nun aber
Ursache der Welt« anzuschließen.27 Kants kritische
gerade durch Gottesbeweise Abhilfe verschafft wer-
Philosophie war für Mendelssohn offensichtlich kein
den, und so führt Mendelssohn seinen eigenen ersten
Ausweg aus seinem Dilemma, worauf wir oben schon
(a posteriori) Gottesbeweis auf der Grundlage der
hingewiesen haben. Allerdings hat er die erste Auf-
Unvollständigkeit der menschlichen Erkenntnis (und
lage der Kritik der reinen Vernunft (1781) wohl nicht
ihrer prinzipiell möglichen Entwicklungsfähigkeit!),
selbst aus der Quelle studiert.28
d. h. er setzt im Bereich der rationalen Psychologie
an: 1.2 Jacobi als Katalysator
Ich bin nicht blos das, was ich von mir deutlich Jacobi war überrascht von Lessings Bekenntnis zu
erkenne, oder, was eben so viel ist: Zu meinem Da- Spinozas Philosophie. Zu seinen Gesprächen mit Les-
seyn gehört mehr, als ich mit Bewußtseyn von mir sing in Wolfenbüttel war er unter anderen Voraus-
einsehe, und auch das, was ich von mir erkenne, ist setzungen angereist: »Ich war großen Theils in der
26 II. Die Vernunft und das Absolute

Absicht gekommen, von Ihnen Hülfe gegen den Spi- Denken ist ein Attribut Gottes, anders formuliert,
noza zu erhalten«.29 Jacobi selbst war ein Gegner je- Gott ist ein denkendes Ding […] Ausdehnung ist
des der bisherigen rationalistischen Systeme der Phi- ein Attribut Gottes, anders formuliert, Gott ist ein
losophie und das des Spinoza insbesondere. Zwar ausgedehntes Ding.34
war für ihn Spinozas Philosophie die konsequenteste Es ging Jacobi jedoch nicht nur um die Anzahl und
Form der rationalistischen Metaphysik, aber gerade den Status der göttlichen Attribute. Der Hauptman-
darum auch diejenige, die geradewegs in den Fata- gel der Philosophie Spinozas bestand für ihn letztlich
lismus und Atheismus (also schlimmer noch als nur darin, daß in ihr mittels der attributiven Bestimmun-
zum Pantheismus, wie Mendelssohn meinte) führe, gen wie ›denkendes Ding‹ und ›ausgedehntes Ding‹
so daß man sich in den Offenbarungsglauben zu ret- das göttliche Absolute terminologisch nur im Sinne
ten habe. Jacobi formulierte seine diesbezügliche von allgemeinen (Gott, Welt und menschlicher Seele
Einschätzung und seine eigene Gegenposition in u. a. gemeinsamen) geistigen und natürlichen Eigenschaf-
folgenden Lehrsätzen: ten umschrieben werde. Gott sei damit nicht erfaßt
I. Spinozismus ist Atheismus. […] III. Die Leib- als göttliche Person im eigentlichen christlichen Sinne,
nitz-Wolfische Philosophie, ist nicht minder Fata- d. h. als Schöpfergott mit Eigenschaften wie Allmäch-
listisch, als die Spinozistische, und führt den unab- tigkeit, Wahrhaftigkeit und darüber hinaus als ein
läßigen Forscher, zu den Grundsätzen der letzteren Gott, der nicht nur der Vorhersehung fähig, sondern
zurück. IV. Jeder Weg der Demonstration geht in auch ein gnädiger Gott ist.35 Die überzogenen, weil
den Fatalismus aus. V. Wir können nur Aehnlich- nicht einlösbaren, Erkenntnisansprüche der rationa-
keiten demonstriren; und jeder Erweis setzt etwas listischen Metaphysik müssen also für Jacobi dem
schon Erwiesenes zum voraus, wovon das Prinzi- Glauben an den sich offenbarenden Gott als eine
pium Offenbarung ist. VI. Das Element aller handelnde Person Platz machen. »Nach meinem Ur-
menschlichen Erkenntniß und Würksamkeit, ist theil ist das größeste Verdienst des Forschers, Daseyn
Glaube.30 zu enthüllen, und zu offenbaren … Erklärung ist ihm
Mittel, Weg zum Ziele, nächster – niemals letzter
Für Jacobi scheitert jede rationalistische Metaphysik Zweck. Sein letzter Zweck ist, was sich nicht erklären
bzw. der Weg der Demonstration in der theologia na- läßt: das Unauflösliche, Unmittelbare, Einfache«,
turalis und damit auch in den davon abhängenden und das bedeutet entgegen Spinozas Kritik an finali-
Gebieten der metaphysica specialis an ihren unange- stischen Erklärungen für Jacobi:
messenen Gottesbegriffen. Dies gelte auch für die
konsequenteste Version desselben, nämlich Spinozas Ich habe keinen Begriff der inniger, als der von den
Begriff für die Absolutheit Gottes als das absolut un- Endursachen wäre […] Freylich muß ich dabey
endliche Seiende (ens absolute infinitum) bzw. die eine Quelle des Denkens und Handelns anneh-
einzige und absolut unendliche Substanz (substantia men, die mir unerklärlich bleibt.36
absolute infinita).31 Der entscheidende Mangel rührt An diesem Punkte scheint übrigens Mendelssohn mit
daher, daß es erst auf der Ebene der endlichen Jacobi vordergründig übereinzustimmen. Er kann es
menschlichen Vernunft (intellectus)32 möglich sei, die sich selbst nicht vorstellen, daß Spinoza Endursachen
göttliche Substanz über die ihr aus der eigenen Per- abgelehnt haben sollte, es wäre »die vermessenste Be-
spektive zugeschriebenen zwei Attribute ›unendliches hauptung, die je aus eines Sterblichen Munde ge-
Denken‹ und ›unendliche Ausdehnung‹ auf rationale kommen«.37 Spinoza selbst hatte im Anhang zum er-
Weise zumindest teilweise näher zu bestimmen. (He- sten Teil der Ethica Erklärungen im Sinne von finalen
gel wird sich später im Prinzip der Kritik an Spinozas oder Zweckursachen klar zurückgewiesen38, und im
Attributenlehre anschließen, wenn er in seinen Vor- Vorwort zum vierten Teil heißt es nochmals:
lesungen über die Geschichte der Philosophie abfällig
von »herbeigelaufenem Verstand« spricht.33) Spinoza Also ist der Grund oder die Ursache, warum Gott,
war dagegen viel weiter gegangen, indem er schon in d. h. die Natur handelt und warum er existiert, ein
der sechsten Definition des ersten Teils seiner Ethica und derselbe. Wie er also um keines Zweckes wil-
Gott eine unendliche Anzahl von Attributen zuge- len existiert, so handelt er um keines Zweckes wil-
sprochen hatte und spätestens zu Beginn des zweiten len […] Was Zweckursache genannt wird, ist
Teils die auch uns Menschen bekannten (nämlich nichts anderes als der menschliche Trieb selbst.39
Denken und Ausdehnung) ganz eindeutig als zwei Es gilt also für Spinoza durchweg ein Determinismus
der Gott im ontologischen Sinne zukommenden At- der Natur, der sich beim Menschen als physischer
tribute angegeben hatte: und psychischer Trieb im Sinne des conatus perseve-
randi manifestiert.
Demgegenüber zieht Mendelssohn aus der für ihn
Einleitung und ideengeschichtlicher Horizont 27

unabweisbaren finalen Kausalität in der physischen aber Millionen andre Empfindungs- und Wir-
und psychischen Welt jedoch nicht Jacobis Konse- kungskräfte und Er, der Selbstständige, er ist im
quenz, daß dies direkt zurück in den Glauben an eine höchsten, einzigen Verstande des Worts, Kraft, d. i.
nicht erklärbare göttliche Person als Ursache der Welt die Urkraft aller Kräfte, die Seele aller Seelen. Ohn‹
führen müsse. Es handelt sich vielmehr um eine ihn entstand keine derselben, ohn‹ ihn wirkt keine
Frage, die von der Metaphysik als spekulativer Wis- derselben und alle im innigsten Zusammenhange
senschaft zu behandeln ist. »Die Frage, die in der Me- drucken in jeder Beschränkung, Form und Er-
taphysik vorkömmt und der Untersuchung werth ist, scheinung sein selbstständiges Wesen aus, durch
bestehet eigentlich darinn: Ob das System der Endur- welches auch sie bestehen und wirken.44
sachen apodiktisch zu erweisen sey«, oder aber nur
auf dem Wege der »Induktion« erschlossen werden Wie schon bei Mendelssohn und weniger stark bei
könne.40 Mendelssohn wählt vorwiegend den zwei- (dem späten) Lessing erfolgt diese Umdeutung von
ten Weg, und dies erscheint ihm genug, um sich ge- Spinozas Substanzmetaphysik durch einen Rückgriff
gen Jacobis Credo abgrenzen zu können. Wie immer auf Leibniz – und bei Herder hinzukommend auf
man dieses beurteilen mag, die Diskussion zwischen Hemsterhuis.45 Spinozas begriffliche Unterscheidun-
Jacobi und Mendelssohn um Spinozas Ablehnung gen zwischen der einen unendlichen Substanz, ihren
von Endursachen brachte jedenfalls ein älteres großes uns kenntlichen Attributen ›Denken‹ und ›Ausdeh-
Thema der Metaphysik in erneuerter Form auf die nung‹, sowie deren Modi wird teils aufgegeben: »wir
Tagesordnung, zu dem sich die Deutschen Idealisten lassen das anstößige, unpassende Wort Eigenschaft
ab Kant verhalten mußten: das Verhältnis von Natur- (Attribut) überhaupt gar weg und setzen dafür, daß
notwendigkeit (kausaler Determinismus der Natur) sich die Gottheit in unendlichen Kräften auf unend-
und Freiheit (nicht nur des göttlichen, sondern vor liche Weisen offenbare«.46 (Übrigens wird in fast allen
allem des menschliches Handelns als Kausalität aus Darstellungen der Philosophie Spinozas bei deut-
Freiheit). schen Idealisten seiner Attributenlehre nicht der
Platz gegeben, der ihr gebührt.) Spinozas begriffliche
Unterscheidungen werden bei Herder durch Leibniz’
1.3 Herder Konzeption von der universellen Harmonie unend-
Auch Herder war sicherlich ein Wegbereiter für die lich vieler Monaden (einfacher immaterieller Sub-
Herausbildung des spekulativen Idealismus, wobei stanzen und den aus ihnen zusammengesetzten Kör-
seine Abneigung gegenüber Kants kritischem Idea- pern) ersetzt, so daß letztlich nach Herders Deutung
lismus allerdings nicht die ausschlaggebende Rolle der Unterschied zwischen Geist und Körper (und da-
gespielt hat.41 Entscheidender waren seine Beiträge mit auch die kontraintuitive Annahme von einer zwi-
zur Geschichtsphilosophie und Anthropologie (s. schen ihnen bestehen prästabilierten Harmonie) sich
Kap. 8: Die Geschichte), sowie der kräftige Impuls, in die Harmonie immaterieller Kräfte auflöst. Leibniz
den sein Buch Gott. Einige Gespräche (Spinoza-Ge- ist »es zuerst gewesen, der den Grund ihrer Erschei-
spräche, 1. Fassung 1787, 2. Fassung 1800) zur Spino- nung, immaterielle Substanzen, in die Metaphysik
zarenaissance gegeben hat. Mit letzterem hat er in eingeführt« hat, und dies bedeutet:
seiner sehr freien Umdeutung der spinozistischen
Philosophie zu einer romantisierenden Physiko- Die ganze Welt Gottes wird ein Reich immateriel-
Theologie42 und entgegen Kants Kritik an den über- ler Kräfte, deren keine ohne Verbindung mit an-
zogenen Ansprüchen der traditionellen Metaphysik dern ist […] Als er späterhin durch die Lehre der
nochmals einen Versuch unternommen, das Verhält- Monadologie der Metaphysik über Körper einen
nis von Seele, Welt und Gott in intimster Verschrän- ganz andern Weg anwies […] Blieb es gleich keine
kung zu präsentieren. Den Schlüsselbegriff hierfür prästabilierte Harmonie mehr zwischen Geist und
findet er in erster Linie weder in dem der mensch- Körper, sondern eine Harmonie zwischen Kräften
lichen Vernunft (»Denkkraft«) noch in dem des gött- und Kräften; Harmonie blieb es doch immer.47
lichen Absoluten (»Er, der Selbstständige«), sondern
Herders philosophische Bemühungen muß man
in dem naturphilosophisch-kreationistisch gedeute-
trotz aller Verdienste als eine romantisierende Dar-
ten Mittelbegriff ›Kraft‹, bzw. seiner Annahme von
stellung der traditionellen philosophischen Metaphy-
»substanziellen«, »organischen«, »göttlichen Kräf-
sik bezeichnen, weil er bei seinem Versuch, Natur
ten«.43
und Geist mittels der Immanenz des göttlichen Ab-
Substantielle Kräfte. Nichts ist deutlicher als dieses soluten in ihrer Einheit zu denken, weder den Natur-
und nichts gibt dem Spinozischen System selbst begriff noch den Geistbegriff philosophisch einer
eine schönere Einheit. […] In der Welt, die wir weiteren Klärung zuführte noch seine Beschreibung
kennen, steht die Denkkraft oben an; es folgen ihr physischer und psychischer Kräfte empirisch weiter
28 II. Die Vernunft und das Absolute

unterbaute.48 Dies gehört bei Herder jedoch zu sei- stellung meines Systems der Philosophie (1801) und
nem letztlich noch primär theologisch motivierten Fernere Darstellung aus dem System der Philosophie
Programm, d. h. es ist die Konsequenz seiner Auffas- (1802) zu Worte kommen, womit er in unserer Dar-
sung über die Vernunft und das göttliche Absolute. stellung an die zweite Stelle rückt und ein Beispiel für
den Stand der Dinge um die Jahrhundertwende ab-
Wir wissen nicht, was Kraft ist noch wie sie wirke?
gibt. Wir müssen hier leider von den Konstellationen
wir sehen ihre Wirkung nur als Zuschauer und bil-
absehen, die sich gerade um die Jahrhundertwende
den uns daher analogische Urteile. Selbst die all-
verdichten, also die durch Hegel unterstützte allmäh-
gemeinen Regeln hierüber, die wir aufs beste be-
liche Entfremdung zwischen Schelling und Fichte ei-
währt finden, können wir nie demonstrieren.[…]
nerseits und die intensive Zusammenarbeit zwischen
Selbst die Gedanken meiner Seele, als Wirkungen
Schelling und Hegel in Jena zu Beginn des neuen
betrachtet, begreife ich nicht; nur dann sind sie
Jahrhunderts andererseits.51
mir begreiflich, wenn ich sie als ›als ewige Wahr-
heiten zum Wesen meiner Vernunft gehörig‹ unter
die Regel einer innern Notwendigkeit zu bringen
2. Kant
vermag. Dahin habe ich auch in Ansehung Gottes
meinen Beweis eingeschränket; wer zuviel bewei-
Es ist nicht überflüssig anzumerken, daß Lessings
sen will, läuft Gefahr, daß er nichts beweise.49
und nur einige Jahre später Herders52 zunächst noch
Erst spekulative Idealisten, wie insbesondere Schel- nicht in der Öffentlichkeit sich vollziehende Annähe-
ling und Hegel, werden Herders Ansätze nach der rung an Spinozas monistische Substanzmetaphysik,
Jahrhundertwende im philosophisch professionellen, die die drei Hauptgebiete der metaphysica specialis
also mehr als nur analogische Urteile bildenden integriert, sich in einem Zeitraum abspielt, in dem
Sinne weiterentwickeln, indem sie in Wiederanknüp- Kant in seiner sogenannten vorkritischen Periode auf
fung und Abgrenzung gegenüber Spinoza nicht nur wissenschaftlich-innovative, aber philosophisch eher
Natur und Geist, sondern auch das göttliche Abso- traditionelle Weise sich mit Themen dieser drei Ge-
lute selbst in erster Linie wieder rein philosophisch biete befaßt. So arbeitet er auf dem Gebiet der ratio-
zu konzeptualisieren versuchen. nalen Kosmologie mit seinem bahnbrechenden Werk
Bei den im Folgenden zu behandelnden führenden Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels
Deutschen Idealisten (Kant, Fichte, Schelling und (1755) und zu speziellen physikalischen Fragen wie
Hegel) zeigt das Metaphysikverständnis50, sowie ihre z. B. in seiner Monadologia Physica (1756), wobei Na-
jeweilige Bestimmung des Verhältnisses der mensch- turphilosophie, Mathematik und Metaphysik für ihn
lichen Vernunft zum Absoluten als einem aus ver- keinen Gegensatz bilden. (Der vollständigere Titel
schiedenerlei Gründen problematischem ›Gegen- dieser letzteren kleinen Abhandlung, die allerdings
stand‹ des Denkens, im unterschiedlichen Maße Ak- für den akademischen Zweck der Erlangung der ve-
zentverschiebungen im Laufe ihres Philosophierens. nia legendi geschrieben wurde, lautet bezeichnender-
Hier kann nur ganz am Rande die Entwicklungsge- weise: Metaphysicae cum geometria iunctae usus in
schichte innerhalb ihrer Werke mit einbezogen wer- philosophia naturali, cuius specimen I. continet Mona-
den. Im Mittelpunkt soll jeweils eine möglichst re- dologiam Physicam ….) Themen aus den Gebieten
präsentative Phase ihres Denkens stehen. Bei Kant der natürlichen Theologie und der rationalen Psy-
wird der Focus auf der Mitte der achtziger Jahre lie- chologie werden vor allem ab den sechziger Jahren
gen, insbesondere die zweite Auflage seiner Kritik der behandelt in Schriften wie: Der einzig mögliche Be-
reinen Vernunft (1787), die in unmittelbarer zeitli- weisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes
cher Nähe zum Ausbruch des Spinoza-Streits liegt. (1763), Untersuchung über die Deutlichkeit der
Bei Fichte wird von der üblichen Chronologie inso- Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral
fern abgewichen, als die sehr späte Variante seiner (1764) und die schon teils metaphysikkritische Ab-
Wissenschaftslehre aus dem Jahre 1812 ausgewählt handlung Träume eines Geistersehers, erläutert durch
wird. Ein Grund hierfür liegt in der Deutlichkeit des Träume der Metaphysik (1766).
Spinozabezugs, ein anderer in der zeitlichen Nähe zu Kants Wende zum kritischen Idealismus geht nicht
Hegels Position in der Wissenschaft der Logik einher mit der Verabschiedung jeglicher Metaphysik,
(1812–1816), die einen interessanten Kontrast zum sondern mit der pünktlichen Beschränkung ihrer
späten Fichte ergibt. Schelling, bei dem es wegen der Reichweite und des Status der Aussagen der meta-
Dynamik seiner intellektuellen Entwicklung am physica specialis über Seele, Welt und Gott, welche
schwierigsten ist eine repräsentative Phase seines nach Kant auf »transzendentalen Ideen« beruhen
Denkens auszuwählen, soll mit seinen ersten Schrif- und nicht als Begriffe von Gegenständen einzustufen
ten zur sogenannten Identitätsphilosophie, der Dar- sind.53 In seiner Streitschrift gegen Eberhard (Über
Kant 29

eine Entdeckung nach der alle neue Kritik der reinen bzw. nicht erklären zu wollen, was unerklärlich sei,
Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden antwortete Lessing:
soll, 1790) umschreibt er seine Position ganz prinzi-
Worte, lieber Jacobi, Worte! die Grenze, die Sie set-
piell, indem er sagt, »daß das Stehen und Fallen der
zen wollen, läßt sich nicht bestimmen. Und an der
Metaphysik lediglich auf der Art beruhe, wie die […]
andern Seite geben sie der Träumerei, dem Un-
Aufgabe aufgelöset würde«: »wie sind synthetische
sinne, der Blindheit freies offenes Feld.57
Urtheile a priori möglich?«54 Daß Kant auch in seiner
kritischen Periode keine Berührungsängste gegen- Andererseits rügt Kant Mendelssohns Versuche in
über dem Wort ›Metaphysik‹ entwickelt, geht schon den Morgenstunden, auf traditionelle Weise mit den
aus den Titeln einiger seiner Schriften aus dieser Pe- Mitteln der reinen Vernunft Gottesbeweise liefern zu
riode hervor, wie etwa: Prolegomena zu einer jeden wollen, was letztlich ebenfalls zur (nun philosophi-
künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auf- schen, nicht religiösen) Schwärmerei führe: »Mendels-
treten können (1783), Grundlegung zur Metaphysik sohn dachte wohl nicht daran, daß das Dogmatisiren
der Sitten (1785) oder gar Metaphysische Anfangs- mit der reinen Vernunft im Felde des Übersinnlichen
gründe der Naturwissenschaften (1786). der gerade Weg zur philosophischen Schwärmerei sei,
Gleichwohl muß sich Kant mit seinem eigenen und daß nur Kritik eben desselben Vernunftvermö-
transzendentalphilosophisch gewendeten Metaphy- gens diesem Übel gründlich abhelfen könne«.58
sikverständnis nicht nur gegenüber der Schulmeta- Trotzdem fällt seine Kritik an Mendelssohn etwas
physik abgrenzen, sondern sieht auch ab 1785 die milder aus, denn seine Gottesbeweise leisten zwar
Notwendigkeit, sich im Kontext des aufgeflammten »nichts zum Behuf einer Demonstration. Darum
Spinoza-Streits zu positionieren und damit etwas zu sind sie aber keineswegs unnütz«.59 Dies alles hat da-
dieser spezifischen Variante rationalistischer Meta- mit zu tun, daß Kant selbst keineswegs auf die An-
physik des 17. Jahrhunderts zu sagen. Daß die Dis- nahme eines Begriffes von Gott als »einem ersten Ur-
kussionslage eigentlich noch viel komplexer ist, kann wesen, als oberster Intelligenz und zugleich als dem
man daraus ersehen, daß Kant gegenüber Eberhards höchsten Gute«60 verzichten will. Dies scheint ihm
Angriff gegen seine Kritik der reinen Vernunft, die notwendig sowohl im Hinblick auf die theoretische
dieser mit Leibnizschen Philosophemen überflüssig als auch, in stärkerem Maße, für die praktische Phi-
zu machen versucht hatte, seinerseits mit einer tran- losophie, denn das »Bedürfnis der Vernunft« betrifft
szendentalphilosophischen Lesart von Leibniz – die sowohl ihren theoretischen als auch ihren prakti-
er sogar als »Apologie für Leibniz« bezeichnet – zu schen Gebrauch. Im ersten Falle ist dies Bedürfnis im
begegnen versuchte.55 Wie schon zu Lessings und Unterschied zum zweiten Falle nur bedingt:
Mendelssohns Zeiten ging es nicht nur um Spinoza,
d. i. wir müssen die Existenz Gottes annehmen,
sondern auch um Leibniz, nun allerdings auf dem
wenn wir über die ersten Ursachen alles Zufälligen
Hintergrund von Kants neuem kritischen Idealismus.
vornehmlich in der Ordnung der wirklich in der
Kant nutzt aber zunächst die erste Gelegenheit sich
Welt gelegten Zwecke urtheilen wollen. Weit wichti-
zum Streit zwischen Mendelssohn und Jacobi zu äu-
ger ist das Bedürfnis der Vernunft in ihrem prakti-
ßern, und zwar in seinem Aufsatz Was heißt: Sich im
schen Gebrauche, weil es unbedingt ist, und wir
Denken zu orientiren? aus dem Jahre 1786. Er kon-
die Existenz Gottes voraus zu setzen nicht bloß als-
zentriert sich in erster Linie auf das Gebiet der natür-
dann genöthigt werden, wenn wir urtheilen wollen,
lichen Theologie und weiß sich hierin zunächst mit
sondern weil wir urtheilen müssen. Denn der reine
Mendelssohn gegen Jacobis Glauben an Gott als eine
praktische Gebrauch der Vernunft besteht in der
persönliche und unerklärliche extramundane Ursa-
Vorschrift der moralischen Gesetze. Sie führen
che der Welt einig darin, daß allein die reine Vernunft
aber alle auf die Idee des höchsten Gutes, was in der
und nicht der Glaube zu sprechen habe.
Welt möglich ist, so fern es allein durch Freiheit
Wenn also der Vernunft in Sachen, welche über- möglich ist: die Sittlichkeit.61
sinnliche Gegenstände betreffen, als das Dasein
Mendelssohn hatte nach Kant dieses Bedürfnis als
Gottes und die künftige Welt, das ihr zustehende
Ausdruck der gesunden Vernunft (eigentlich des ge-
Recht zuerst zu sprechen bestritten wird: so ist aller
sunden Menschenverstandes) mißverstanden und
Schwärmerei, Aberglauben, ja selbst der Atheisterei
war daher in den Dogmatismus abgeglitten. Kant da-
eine weite Pforte geöffnet.56
gegen will dieses Bedürfnis, um alle Mißverständ-
Es sind dies fast genau die Worte, die Lessing 1780 nisse auszuschließen, mit einem anderen Namen be-
Jacobi entgegengestellt hatte. Nachdem Jacobi dafür nennen, nämlich dem eines »Vernunftglaubens«.62
plädiert hatte, eine Grenzscheidung zwischen dem Dies hat jedoch für ihn nichts mit Glauben im theo-
Erkennbaren und dem Unerkennbaren einzuhalten, logischen Sinne zu tun, sondern ist entweder nur
30 II. Die Vernunft und das Absolute

eine unter bestimmten Bedingungen notwendige An- Attribute unendliches Denken und unendliche Aus-
nahme (Hypothese) im Bereich der theoretischen dehnung zu deren endlichen Modi – ein ontologisch
Philosophie, oder aber eine unbedingte Annahme begründeter Parallelismus zwischen der logischen
(Postulat) im Bereich der praktischen Philosophie. Ordnung der geistigen Welt und der kausalen Ord-
(Damit war der »Streit um die Göttlichen Dinge« nung der extramentalen körperlichen Welt als Mani-
keineswegs beendet, der ab der Jahrhundertwende festationen der göttlichen Substanz installiert worden
während der Blütezeit des spekulativen Idealismus war, mußten für Kant mit seiner transzendental-
erneut entflammte.63) philosophischen Wende nicht nur die rationalisti-
Wenn Kant trotz aller Sympathie für die Bemü- schen Gottesbeweise, sondern alle drei großen meta-
hungen Mendelssohns letztlich bei ihm den Tatbe- physischen Themen (Gott, Welt, Seele) auf den Prüf-
stand des Dogmatisierens als erwiesen ansah, so stand der Vernunftkritik.68 Dieses Programm hatte er
mußte ihm die Philosophie Spinozas a fortiori als in dem als »Transscendentale Dialektik« betitelten
Dogmatismus erscheinen. Und deshalb steht er nicht Teil der ersten Auflage seiner Kritik der reinen Ver-
an, sich in diesem Kontext unmißverständlich zu er- nunft schon durchgeführt und in der 2. Auflage von
klären. Dies war auch deshalb angezeigt, weil Jacobi 1787, vielleicht auch wegen des virulenten Spinoza-
in Über die Lehre des Spinoza einen Gedanken Spino- Streits, dann erheblich weiter ausgearbeitet. Inner-
zas mit Passagen aus Kants Kritik der reinen Vernunft halb der transzendentalen Dialektik ist das 1. Haupt-
(1. Aufl. 1781) hatte erläutern wollen und ausdrück- stück »Von den Paralogismen der reinen Vernunft«
lich zwischen ihnen eine Geistesverwandtschaft her- gegen die psychologia rationalis der rationalistischen
stellte, was er später aber wieder zurücknahm.64 Kant Metaphysik gerichtet, das 2. Hauptstück »Die Anti-
fühlte sich jedenfalls kompromittiert und seine Reak- nomien der reinen Vernunft« gegen ihre cosmologia
tion war gereizt: rationalis und das 3. Hauptstück »Das Ideal der rei-
nen Vernunft« gegen die theologia naturalis ein-
Es ist kaum zu begreifen, wie gedachte Gelehrte in
schließlich der Kritik ihrer Gottesbeweise.69
der Kritik der reinen Vernunft Vorschub zum Spi-
Bevor die Kritik Kants am überschießenden Ge-
nozism finden konnten. Die Kritik beschneidet
brauch der reinen Vernunft bzw. die ihr unter klaren
dem Dogmatism gänzlich die Flügel in Ansehung
Restriktionen von ihm zugestandene positive Ver-
der Erkenntniß übersinnlicher Gegenstände, und
wendungsweise angemessen eingeschätzt werden
der Spinozism ist hierin so dogmatisch, daß er so-
kann, ist es zunächst wichtig, Auskunft darüber zu
gar mit dem Mathematiker in Ansehung des Be-
geben, welche Rolle Kant der reinen Vernunft als Er-
weises wetteifert.65
kenntnisvermögen im Unterschied zum Verstand zu-
Die Verdienste seines eigenen kritischen Idealismus weist und welchen Bezug sie zu den Weisen der Vor-
bei der Zurückweisung des spinozistischen Dogma- stellung des Absoluten in seinen Erscheinungsformen
tismus beschreibt Kant mit fast gleichlautenden Wor- als einfacher Seelensubstanz, Welt als Totalität und
ten im selben Jahre anläßlich seiner Besprechung ei- Gott hat. Die reine menschliche Vernunft nennt Kant
ner Rezension zu Mendelssohns Morgenstunden.66 »das Vermögen der Principien«, während der Ver-
Wegen der Vernachlässigung einer vorgängigen stand von ihm als »das Vermögen der Regeln« be-
Überprüfung der Möglichkeiten und Grenzen der zeichnet wird.70 Der Verstand ist insoweit von em-
menschlichen Erkenntnisvermögen mußte für Kant pirischem Gebrauch, als er jederzeit auf die in der
nicht nur die rationalistische Schulphilosophie (von Sinnlichkeit gegebene Mannigfaltigkeit von Erschei-
Wolff bis Baumgarten) und ihr Abgesang bei Men- nungen bezogen bleibt. Gleichwohl geht der Verstand
delssohn, sondern vor allem die Philosophie Spino- der Sinnlichkeit vorher und ist als »ein Vermögen der
zas als Dogmatismus gelten, etwa Kernsätze wie: Einheit der Erscheinungen vermittelst der Regeln«71
»Unter Attribut verstehe ich das, was der Verstand die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung über-
(intellectus) an einer Substanz als deren Essenz aus- haupt, weil er die nur in den zwei Formen der reinen
machend erkennt«, oder: »Die Ordnung und Ver- Anschauung (Raum und Zeit) apprehendierbaren
knüpfung von Ideen ist dieselbe wie die Ordnung Erscheinungen unter seine Kategorien subsumiert
und Verknüpfung von Dingen«, oder wenn Spinoza und ihnen auf diese Weise vorgängig (a priori) nach
gar vom menschlichen Geist sagt, daß er »mit dem bestimmten Regeln in konzeptuellen Schemata syn-
Körper nicht völlig zerstört werden [kann], sondern thetische Einheit verleiht, was sie erst zu Gegenstän-
es bleibt von ihm etwas bestehen, das ewig ist«.67 den möglicher Erfahrung werden läßt. Kant hat diese
Nicht zuletzt wegen der engen Verknüpfung der klas- Verfahrensweise des Verstandes zur Bildung synthe-
sisch metaphysischen Felder in Spinozas Metaphysik, tischer Urteile a priori am vollständigsten in der Kri-
in der mittels seines kategorialen Dreischritts – von tik der reinen Vernunft im sog. »System aller Grund-
der einen absolut unendlichen Substanz, über ihre sätze des reinen Verstandes« expliziert.72
Kant 31

Die reine Vernunft ist dem Verstand gegenüber unter dem Titel »transscendentale Ideen« ausführlich
»das Vermögen der Einheit der Verstandesregeln un- analysiert.75
ter Principien. Sie geht also niemals zunächst auf Er- Es ist wichtig darauf hinzuweisen, daß an sich die
fahrung oder auf irgend einen Gegenstand, sondern Vernunftbegriffe nicht problematisch sind, wenn
auf den Verstand, um den mannigfaltigen Erkennt- man sie als aus einem Vernunftschluß richtig ge-
nissen desselben Einheit a priori durch Begriffe zu schlossene Begriffe (conceptus ratiocinati) auffaßt (im
geben, welche Vernunfteinheit heißen mag und von Unterschied zu einem erschlichenen oder »vernünf-
ganz anderer Art ist, als sie von dem Verstande ge- telnden Begriff«, conceptus ratiocinantes):
leistet werden kann«.73 Wesentliches Kennzeichen
Wenn sie das Unbedingte enthalten, so betreffen
der Vernunft ist also, daß sie (i) eigentlich nicht auf
sie etwas, worunter alle Erfahrung gehört, welches
Erfahrungsgegenstände bezogen und damit nicht von
selbst aber niemals ein Gegenstand der Erfahrung
empirischem Gebrauch ist und daß sie (ii) Einheit
ist: etwas, worauf die Vernunft in ihren Schlüssen
durch Begriffe herzustellen versucht, die in erster Li-
aus der Erfahrung führt, und wornach sie den
nie sich auf die vielfachen Verstandesoperationen be-
Grad ihres empirischen Gebrauchs schätzt und ab-
ziehen. Die Sache kann, wie Kant dann zeigt, jedoch
mißt, niemals aber ein Glied der empirischen Syn-
ab einem jetzt näher zu bestimmenden Punkt gründ-
thesis ausmacht.76
lich schiefgehen. Das Verfahren birgt noch keine Ri-
siken, wenn man die reine Vernunft nur in ihrem Ein Begriff der reinen Vernunft oder eine transzen-
formalen »logischen Gebrauche« betrachtet, denn dentale Idee ist für Kant also »kein anderer, als der
dann ist klar, daß es nicht um empirische Gegen- von der Totalität der Bedingungen zu einem gegebe-
stände geht und die Vernunfteinheit nur ein Metani- nen Bedingten«, und es gibt davon genau drei, analog
veau zur formalen Vereinheitlichung von Verstandes- den traditionellen metaphysischen Vorstellungen von
operationen darstellt. (Zum logischen Gebrauch der Seele, Welt und Gott:
Vernunft s. Kap. 3: System und Methode.) Einen
[D]avon die erste die absolute (unbedingte) Einheit
Schritt weiter geht man, wenn (obzwar noch immer
des denkenden Subjects, die zweite die absolute Ein-
unter dem Titel des logischen Gebrauchs der reinen
heit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung, die
Vernunft) der Ausdruck »das Unbedingte« eingeführt
dritte die absolute Einheit der Bedingung aller Ge-
wird. Dieser Ausdruck, zunächst noch ganz neutral
genstände des Denkens überhaupt enthält. Das den-
als eine logische Maxime aufgefaßt, wird späterhin
kende Subject ist der Gegenstand der Psychologie,
sich als vermeintlicher Platzhalter erweisen für über-
der Inbegriff aller Erscheinungen (die Welt) der
sinnliche Gegenstände, die dann fälschlicherweise als
Gegenstand der Kosmologie, und das Ding, welches
Manifestationen des Absoluten interpretiert werden
die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem,
können. Diese Gefahr zeichnet sich also schon ab
was gedacht werden kann, enthält (das Wesen aller
beim Übergang von einem Vernunftschluß zu einem
Wesen), der Gegenstand der Theologie. Also giebt
Vernunftprinzip:
die reine Vernunft die Idee zu einer transscenden-
[D]er eigenthümliche Grundsatz der Vernunft talen Seelenlehre (psychologia rationalis), zu einer
überhaupt (im logischen Gebrauche) sei: zu dem transscendentalen Weltwissenschaft (cosmologia
bedingten Erkenntnisse des Verstandes das Unbe- rationalis), endlich auch zu einer transscendenta-
dingte zu finden, womit die Einheit desselben voll- len Gotteserkenntnis (theologia transscendentalis)
endet wird. Diese logische Maxime kann aber an die Hand.77
nicht anders ein Principium der reinen Vernunft
Wir sehen, daß Kant in diesem Zusammenhang auch
werden, als dadurch, daß man annimmt: wenn das
das Wort ›absolut‹ in adjektivischer Form verwendet,
Bedingte gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe
keineswegs aber über ›das Absolute‹ spricht, sondern
einander untergeordneter Bedingungen, die mit-
allenfalls, wie wir gesehen haben, den neutraleren
hin selbst unbedingt ist, gegeben (d. i. in dem Ge-
Ausdruck ›das Unbedingte‹ (als die annäherungs-
genstande und seiner Verknüpfung enthalten).74
weise vollständige Reihe des Bedingten) verwendet.
Die entscheidende Frage ist also, ob man dieses Ver- Aber auch über die Verwendung der adjektivischen
nunftprinzip interpretiert als eine logische Vorschrift, Form des Wortes ›absolut‹ hatte er seine Zweifel und
nämlich nur die Reihe der Bedingungen zu vervoll- will es ausschließlich im komparativischen Sinne ver-
ständigen, oder aber, ob man letztendlich mittels die- standen wissen.78 Obwohl er an diesem Ausdruck
ses Prinzips Formen des Unbedingten als Grundlage festhalten will, gilt seine Sorge der damit verbunde-
der Reihe des Bedingten hypostasiert. In letzterem nen Gefahr einer Reifizierung transzendentaler Ideen
Falle vollzieht man den Schritt zu den »transscenden- zu übersinnlichen Gegenständen, die dann eintritt,
ten Begriffen der reinen Vernunft«, die Kant dann wenn man die Synthesisfunktion der reinen Vernunft
32 II. Die Vernunft und das Absolute

bei der Bildung dieser drei Vernunfteinheiten mit auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit da-
dem Erreichen eines jeweils schlechthin Unbedingten von uns im Rücken liegen, d. i. wenn wir in un-
verwechselt. serem Falle den Verstand über jede gegebene Er-
fahrung (den Theil der gesammten möglichen Er-
Nun geht der transscendentale Vernunftbegriff nur
fahrung) hinaus, mithin auch zur größtmöglichen
auf die absolute Totalität in der Synthesis der Be-
und äußersten Erweiterung abrichten wollen.81
dingungen und endigt niemals als bei dem
schlechthin, d. i. in jeder Beziehung Unbeding- Der Unterschied zwischen konstitutivem und regula-
ten.79 tivem Gebrauch von Begriffen ist entscheidend. Der
konstitutive Gebrauch ist exklusiv Kennzeichen des
Aber die Probleme sind natürlich nicht nur mit ter-
Verstandes, weil dieser mittels der reinen Verstandes-
minologischen Mitteln zu umgehen, zumal sie für
begriffe (Kategorien) die Regeln zur Synthesis mögli-
Kant tiefer liegen, weil die Gefahr eines über-
cher Gegenstände empirischer Erkenntnis (in den
schwenglichen Gebrauchs der reinen Vernunft ihr
Anschauungsformen des Raumes und der Zeit) vor-
immanent sei. Sie habe einen »Hang zur Erweiterung
schreibt. Die Begriffe der reinen Vernunft, die tran-
über die engen Grenzen möglicher Erfahrung«, neige
szendentalen Ideen, sind dagegen ausschließlich re-
zu »Ausschweifung und Irrthum«, so daß »in der rei-
gulativ verwendbar, d. h. sie können nur Richtungs-
nen Vernunft ein ganzes System von Täuschungen
linien angeben, um die vielfältigen Verstandesopera-
und Blendwerken angetroffen« werde, wenn man da-
tionen auf wenige übergeordnete Einheitspunkte
gegen nicht »gleichsam ein System der Vorsicht und
auszurichten. Aber auch bei diesem bescheidener
Selbstprüfung errichte«.80 Kants detaillierte kritische
auftretenden regulativen Gebrauch kann einiges
Analyse der drei transzendentalen Ideen dient genau
schiefgehen, wie Kant mit der hier verwendeten Spie-
diesem Zwecke der Vorsicht und Selbstprüfung. Das
gelmetaphorik zeigen will. Unproblematisch ist die
Resultat dieser Prüfung und seine generelle Sicht-
Sache wiederum, wenn wir es mit Gegenständen zu
weise in metaphysicis kommt in dem (aus der 2. Aufl.
tun haben, die im Bereich empirisch möglicher Er-
stammenden) »Anhang zur transscendentalen Dia-
fahrung liegen, d. h. raum-zeitlich in unserem sinnli-
lektik« nochmals pointiert zur Geltung, aus dessen
chen Wahrnehmungsfeld liegen (»uns vor Augen
erstem Abschnitt mit dem Titel »Von dem regula-
sind«). Dann nämlich können wir den Unterschied
tiven Gebrauch der Ideen der reinen Vernunft« das
zwischen dem direkten Wahrnehmungsbild eines Ge-
folgende Textfragment entnommen ist.
genstandes und seinem Spiegelbild durch Verglei-
Ich behaupte demnach: die transscendentalen chung beider feststellen. Haben wir dagegen nicht die
Ideen sind niemals von constitutivem Gebrauche, Möglichkeit zu einem direkten Wahrnehmungsbild
so daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände ge- (bei Gegenständen die »uns im Rücken liegen«), ent-
geben würden, und in dem Falle, daß man sie so fällt diese Kontrollinstanz. Es kann dann bei Anwen-
versteht, sind es bloß vernünftelnde (dialektische) dung der Spiegelmetapher auf den Fall der transzen-
Begriffe. Dagegen aber haben sie einen vortreffli- dentalen Ideen die Illusion entstehen, daß die eigent-
chen und unentbehrlich nothwendigen regulativen lich von der menschlichen Vernunft entworfenen
Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewis- Richtungslinien nicht ein Konstrukt des Erkenntnis-
sen Ziele zu richten, in Aussicht auf welches die subjekts sind, die fiktive Zielpunkte anvisieren (einen
Richtungslinien aller seiner Regeln in einen Punkt focus imaginarius), sondern statt dessen Sehstrahlen
zusammenlaufen, der, ob er zwar nur eine Idee (fo- und Spiegelbilder von faktischen, aber für uns nicht
cus imaginarius), d. i. ein Punkt, ist, aus welchem wahrnehmbaren Gegenständen zu sein scheinen
die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen, in- (»von einem Gegenstande selbst […] ausgeschossen
dem er ganz außerhalb den Grenzen möglicher Er- wären«). Es bleibt trotz der Aufklärung mittels des
fahrung liegt, dennoch dazu dient, ihnen die Beispiels von optischer Illusion dennoch eine gewisse
größte Einheit neben der größten Ausbreitung zu Zweideutigkeit vorhanden, weil uns die Spiegelme-
verschaffen. Nun entspringt uns zwar hieraus die tapher ja nur optische Illusionen über die Lage von
Täuschung, als wenn diese Richtungslinien von ei- Gegenständen (entweder hinter der, als solcher nicht
nem Gegenstande selbst, der außer dem Felde em- erkannten, Spiegeloberfläche oder hinter unserem
pirisch möglicher Erkenntniß läge, ausgeschossen Rücken) deutlich machen kann. Damit wird aber
wären (so wie die Objecte hinter der Spiegelfläche noch keineswegs die Existenz solcher Gegenstände in
gesehen werden); allein diese Illusion (welche man Zweifel gezogen, denn wo nichts ist, gibt es weder ein
doch hindern kann, daß sie nicht betrügt), ist direktes Wahrnehmungsbild noch ein Spiegelbild
gleichwohl unentbehrlich nothwendig, wenn wir von etwas. Entsprechend ist Kants Aussage, man
außer den Gegenständen, die uns vor Augen sind, könne die entstandene Illusion doch »hindern«, daß
Kant 33

sie »nicht betrügt« nur für den unproblematischen lich (in der Psychologie) alle Erscheinungen,
Fall der sinnlich gegebenen Gegenstände zutreffend Handlungen und Empfänglichkeit unseres Ge-
und gerade nicht für den problematischen Fall der müths an dem Leitfaden der inneren Erfahrung so
›Gegenstände‹, die vermeintlich als Referenten für verknüpfen, als ob dasselbe eine einfache Substanz
die transzendentalen Ideen fungieren. Ich will damit wäre, die mit persönlicher Identität beharrlich
nicht behaupten, daß die von Kant hier verwendete (wenigstens im Leben) existirt, indessen daß ihre
Spiegelmetapher gänzlich fehl am Platze wäre. Will Zustände, zu welchen die des Körpers nur als äu-
man vorsichtig sein, dann kann man nur darauf hin- ßere Bedingungen gehören, continuirlich wech-
weisen, daß sie wie jede Metapher ihre Grenzen hat. seln. Wir müssen zweitens (in der Kosmologie) die
Will man etwas weiter gehen, dann könnte man auf Bedingungen der inneren sowohl als der äußeren
eine inhaltliche Zweideutigkeit in Kants Auffassung Naturerscheinungen in einer solchen nirgend zu
vom Status der Referenten transzendentaler Ideen vollendenden Untersuchung verfolgen, als ob die-
sprechen, d. h. bei seinem Versuch ihnen doch, wie selbe an sich unendlich und ohne ein erstes oder
Otfried Höffe im freien Anschluß an Kant (KrV B oberstes Glied sei, obgleich wir darum außerhalb
697) sagt, eine »unbestimmte Objektivität« zuzu- aller Erscheinungen die bloß intelligibelen ersten
schreiben.82 Unter den extrem erweiterten Erkennt- Gründe derselben nicht leugnen, aber sie doch nie-
nisansprüchen der Vernunft bleibt für Kant die Illu- mals in den Zusammenhang der Naturerklärungen
sion »gleichwohl unentbehrlich nothwendig«. Aber bringen dürfen, weil wir sie garnicht kennen. End-
was heißt das genau? Dies kann man weiter aufklären lich und drittens müssen wir (in Ansehung der
mit Hilfe der folgenden Textfragmente aus dem zwei- Theologie) alles, was nur immer in den Zusam-
ten Abschnitt des »Anhang zur transscendentalen menhang der möglichen Erfahrung gehören mag,
Dialektik«, der den bezeichnenden Titel trägt: »Von so betrachten, als ob diese eine absolute, aber
der Endabsicht der natürlichen Dialektik der durch und durch abhängige und immer noch in-
menschlichen Vernunft«. nerhalb der Sinnenwelt bedingte Einheit ausma-
che, doch aber zugleich, als ob der Inbegriff aller
Es ist ein großer Unterschied, ob etwas meiner
Erscheinungen (die Sinnenwelt selbst) einen ein-
Vernunft als ein Gegenstand schlechthin, oder nur
zigen obersten und allgenugsamen Grund außer
als ein Gegenstand in der Idee gegeben wird. In
ihrem Umfange habe, nämlich eine gleichsam
dem ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin,
selbstständige, ursprüngliche und schöpferische
den Gegenstand zu bestimmen; im zweiten ist es
Vernunft, in Beziehung auf welche wir allen em-
wirklich nur ein Schema, dem direct kein Gegen-
pirischen Gebrauch unserer Vernunft in seiner
stand, auch nicht einmal hypothetisch zugegeben
größten Erweiterung so richten, als ob die Gegen-
wird, sondern welches nur dazu dient, um andere
stände selbst aus jenem Urbilde aller Vernunft ent-
Gegenstände vermittelst der Beziehung auf diese
sprungen wären.83
Idee nach ihrer systematischen Einheit, mithin in-
direct uns vorzustellen. […] Auf solche Weise ist Die transzendentalen Ideen sind, wie Otfried Höffe
die Idee eigentlich nur ein heuristischer und nicht es umschreibt, nicht »sekundäre Bilder von« Gegen-
ostensiver Begriff und zeigt an, nicht wie ein Ge- ständen, sondern jeweils ein »Bild für« etwas, oder
genstand beschaffen ist, sondern wie wir unter der präziser mit Kant gesagt: sie sind »ein Schema«, um
Leitung desselben die Beschaffenheit und Ver- die systematische Einheit der verschiedenen mögli-
knüpfung der Gegenstände der Erfahrung über- chen Erkenntnisgegenstände des Verstandes indirekt
haupt suchen sollen. Wenn man nun zeigen kann, zu repräsentieren.84 In diesem Sinne als Schemata
daß, obgleich die dreierlei transscendentalen Ideen sind sie unverzichtbar für die größtmögliche und äu-
(psychologische, kosmologische und theologische) di- ßerste Erweiterung der Erfahrungserkenntnis und
rect auf keinen ihnen correspondirenden Gegen- stehen somit immer noch im Dienste des Verstandes.
stand und dessen Bestimmung bezogen werden, Die Maxime der Vernunft besteht darin, die den drei
dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs Feldern der speziellen Metaphysik zugehörigen tran-
der Vernunft unter Voraussetzung eines solchen szendentalen Ideen optimal zu nutzen unter der Ein-
Gegenstandes in der Idee auf systematische Einheit schränkung, daß der ›Gegenstand‹ auf den sie jeweils
führen und die Erfahrungserkenntniß jederzeit er- referieren nicht als ein »Gegenstand schlechthin« ge-
weitern, niemals aber derselben zuwider sein kön- nommen wird, sondern als ein »Gegenstand in der
nen: so ist es eine nothwendige Maxime der Ver- Idee«. Genau hierin liegt der Unterschied zwischen
nunft, nach dergleichen Ideen zu verfahren. […] einem dogmatischen Realismus und einem kriti-
Ich will dieses deutlicher machen. Wir wollen schen Idealismus.
den genannten Ideen als Principien zu Folge erst- Was es aber genauerhin bedeutet, wenn von einem
34 II. Die Vernunft und das Absolute

Gegenstand in der Idee gesprochen wird, bedarf wei- (also seiner eigenen ›speziellen Metaphysik des Als-
terer Präzisierung, die Kant im nächsten Abschnitt zu ob‹) könne letztlich auch »dem Materialism, Fata-
geben versucht. Es handelt sich bei solcherart Gegen- lism, Atheism […] die Wurzel abgeschnitten wer-
ständen, weil sie jenseits aller möglichen Erfahrung den«.87 (Diese, noch vor dem öffentlichen Ausbruch
angesiedelt werden, um Quasigegenstände, da erstens des Spinoza-Streits geschriebene Aufzählung spricht
ihr ontologischer Status prinzipiell nicht zu klären ist noch nicht von Atheismus und nennt statt dessen in
und da sie zweitens doch als epistemisch notwendig anderer Reihenfolge: Materialismus, Naturalismus,
anzunehmen sind. Kant drückt diese Sachlage durch Fatalismus.)
die pointierte und vielfach wiederholte Verwendung
des Ausdrucks »als ob« aus, weshalb man von seiner
»Philosophie des Als-ob« sprechen kann.85 Dieses 3. Schelling
Als-ob ist jedoch nicht zu verwechseln mit einer no-
torischen Illusion oder, salopp gesagt, mit einer fixen Schelling hat sich lange Zeit der Transzendental-
Idee. Denn die Annahme solcher Quasigegenstände philosophie Kants und der frühen Wissenschaftslehre
ist zwar epistemologisch gut begründet, muß aber als Fichtes verpflichtet gefühlt, d. h. er glaubte sich
ontologisch neutral interpretiert werden. Anders ge- durchaus im Rahmen des kritischen Idealismus zu
sagt: Es sind prinzipiell keine positiven oder nega- bewegen. Er konfrontierte allerdings schon in seinen
tiven ontologischen Aussagen darüber möglich, ob ersten Schriften den kritischen Idealismus mit dem
die Referenten für die Idee einer Seelensubstanz, die Realismusproblem (s. Kap. 4: Die Erkenntnis und das
Unendlichkeit der Welt und Gott als Gegenstände Wissen). Schelling publizierte im Jahre 1800 sein er-
schlechthin existieren oder nicht existieren, weil es in stes umfassendes philosophisches System, in dem er
diesen Fällen kein Entscheidungskriterium gibt. Man seine eigene Erkenntnistheorie, Naturphilosophie
bleibt nur auf der sicheren Seite, wenn man den Weg und Ästhetik aus einem Guß präsentierte, unter dem
des kritischen Idealismus geht und die ontologische Titel System des transzendentalen Idealismus. Trotz-
Frage ausklammert. Dies gilt ebenfalls für den letzten dem hat er sich auch in dieser frühen Phase gleich-
und heikelsten Punkt dieses Textfragments. zeitig dem Denken Spinozas zugewandt, obwohl ihm
Denn schließlich sehen wir, daß Kant am Ende im nicht unbekannt war, daß Spinoza als dogmatischer
Zusammenhang mit der dritten und höchsten tran- Antipode der kritischen Philosophie galt. So hatte
szendentalen Idee doch von etwas Absolutem spricht Kant 1786 deutlich geurteilt: »Der Spinozism ist […]
(einem »einzigen obersten und allgenugsamen dogmatisch« »in Ansehung der Erkenntniß übersinn-
Grund«), welches hier mit der göttlichen Vernunft licher Gegenstände«; und Fichte hatte es nochmals
identifiziert wird und wovon nicht nur die mensch- 1794 in der gleichen Tonlage, wenngleich ambivalen-
liche Vernunft ein Abbild darstellt, sondern in dem ter, formuliert: »der Kriticism ist darum immanent,
(»jenem Urbilde«) die Gegenstände selbst ihren Ur- weil er alles in das Ich setzt; der Dogmatism tran-
sprung zu haben scheinen. Aber all dies sind für Kant scendent, weil er noch über das Ich hinausgeht. Inso-
nur Aussagen innerhalb seiner, wie ich es nennen fern der Dogmatism consequent seyn kann, ist der
möchte, ›speziellen Metaphysik des Als-ob‹. Das Spinozism das consequenteste Product desselben«.88
heißt, sie gehören erstens nur in den Rahmen einer Schelling bezieht sich dagegen z. B. in seiner frü-
Heuristik im Dienste der wissenschaftlichen For- hen Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Na-
schung und erheben damit nicht mehr die epistemi- turphilosophie (1799) positiv auf Spinoza, wenn er
schen Ansprüche, die die traditionelle metaphysica dessen Unterscheidung zwischen natura naturata
specialis mit solchen Aussagen als ontologischen Aus- und natura naturans übernimmt und unter dem
sagen über Seinsbereiche und ihre jeweiligen Gegen- zweiten Aspekt die schaffende Natur als Subjekt ver-
stände zu verbinden können glaubte. Aber auf eine steht, indem er sich vermutlich auf Spinozas Rede-
ausschließlich heuristische Funktion im Rahmen des weise von der ganzen Natur als einem Individuum
theoretischen Gebrauchs der Vernunft will Kant die bezieht, bei dem zu lesen ist:
Rolle der transzendentalen Ideen von Seele, Welt und
Und wenn wir so weiter ins Unendliche fortfahren,
Gott denn doch nicht beschränken, wie wir eingangs
werden wir leicht begreifen, daß die ganze Natur
schon erwähnten.86 Sie haben darüber hinaus zwei-
ein Individuum ist, dessen Teile, d. h. alle Körper,
tens eine eminent praktische Funktion für alles
auf unendlich viele Weisen sich verändern, ohne
menschliche sittliche Handeln im Rahmen einer Phi-
daß sich dabei das ganze Individuum irgendwie
losophie der Freiheit, worauf Kant schon in der »Ein-
veränderte.89
leitung« zur Kritik der reinen Vernunft (B) in aus dem
Spinoza-Streit vertrauter Tonlage hinweist: Nur von
einer durch Kritik geläuterten spekulativen Vernunft
Schelling 35

Schelling schreibt: Systems der Philosophie die Kontinuität seiner philo-


sophischen Position:
Die Natur als bloßes Produkt (natura naturata)
nennen wir Natur als Objekt (auf diese allein geht [D]as System, welches hier zuerst in seiner ganz
alle Empirie). Die Natur als Produktivität (natura eigenthümlichen Gestalt erscheint, ist dasselbe,
naturans) nennen wir Natur als Subjekt (auf diese was ich bei den ganz verschiedenen Darstellungen
allein geht alle Theorie).90 desselben immer vor Augen gehabt, und woran ich
mich, für mich selbst, in der Transscendental- so-
Unter ›Theorie‹ muß hier Schellings sogenannte
wohl als Naturphilosophie beständig orientirt
»spekulative Physik« als seine neue Auffassung von
habe.95
der vormaligen cosmologia rationalis verstanden wer-
den. Im System des transzendentalen Idealismus wird In diesem Kontext gibt es wiederum deutliche Be-
sodann die Komplementarität von Natur und Geist, züge zu Spinozas Philosophie, aber zunächst soll
bzw. von Naturphilosophie und Transzendental- Schellings neuer Vernunftbegriff und seine Auffas-
philosophie aus dem »Parallelismus der Natur mit sung vom Absoluten, die beide unter dem Begriff
dem Intelligenten«91 begründet, ein Gedanke, der »absolute Identität« firmieren, behandelt werden.
wohl einer Anleihe an den bei Spinoza vertretenen Schelling bezeichnet sogar sein ganzes System als
Parallelismus der Attribute ›Ausdehnung‹ und ›Den- »das absolute Identitätssystem« und stellt es dem so-
ken‹ und ihrer jeweiligen Modi zu verdanken ist. Im genannten »Reflexionssystem« gegenüber, welches
Rahmen seiner Transzendentalphilosophie, die als man daran erkennt, daß es von Gegensätzen aus-
Philosophie des (menschlichen) Geistes die Nachfol- geht.96 Schelling setzt statt dessen gleich am Anfang
gedisziplin der vormaligen psychologia rationalis dar- seines Identitätssystems die Vernunft absolut, weil sie
stellt, entwickelt Schelling jedoch völlig unabhängig anders als die in Gegensätzen sich bewegende Refle-
von Spinoza auf sehr originelle Weise (über Kant und xion zunächst für gegenüber dem Grundgegensatz
auch Fichte noch hinausgehend) die intellektuelle zwischen Subjektivem und Objektivem indifferent
Anschauung zum leitenden Erkenntnisvermögen erklärt wird: »§. 1. Erklärung. Ich nenne Vernunft die
und das Verfahren der Konstruktion als die Methode absolute Vernunft, oder die Vernunft, insofern sie als
des Erkennens, die die kantische Zweiteilung in Sinn- totale Indifferenz des Subjektiven und Objektiven ge-
lichkeit/Anschauung einerseits und Verstand/Ver- dacht wird«, und das bedeutet:
nunft andererseits in sich vermitteln soll (s. den Ab-
Der Standpunkt der Philosophie ist der Stand-
schnitt zu Schelling in Kap. 4: Die Erkenntnis und
punkt der Vernunft, ihre Erkenntniß ist eine Er-
das Wissen).92
kenntniß der Dinge, wie sie an sich, d. h. wie sie in
Nach der Jahrhundertwende entfaltet Schelling in
der Vernunft sind. Es ist die Natur der Philosophie
mehreren Schriften, in Abgrenzung vor allem gegen-
alles Nacheinander und Außereinander, allen Un-
über Fichtes früher Wissenschaftslehre (bis zu deren
terschied der Zeit und überhaupt jeden, welchen
Version aus dem Jahre 1801/02) und sicher auch an-
die bloße Einbildungskraft in das Denken ein-
geregt durch die Zusammenarbeit mit Hegel in Jena,
mischt, völlig aufzuheben und mit Einem Wort in
seine neue sogenannte Identitätsphilosophie.93 Ich
den Dingen nur das zu sehen, wodurch sie die ab-
werde mich hier vor allem auf zwei der ersten Schrif-
solute Vernunft ausdrücken, nicht aber, insofern
ten zur Identitätsphilosophie beschränken: Darstel-
sie Gegenstände für die bloß an den Gesetzen des
lung meines Systems der Philosophie (1801) und Fer-
Mechanismus und in der Zeit ablaufende Refle-
nere Darstellungen aus dem System der Philosophie
xion sind.97
(1802). Ebenso aufschlußreich für die frühe Identi-
tätsphilosophie wären indes auch Schellings Schrift Man könnte glauben, daß Schelling hier nur den Un-
Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip terschied der ersten inadäquaten Erkenntnisweise,
der Dinge. Ein Gespräch (1802)94, und nicht zuletzt die der Einbildungskraft (imaginatio), gegenüber der
seine Vorlesungen über die Methode des akademischen höchsten, der des intuitiven Wissens (scientia intui-
Studiums (1803), insbesondere deren erste, vierte, tiva), wie Spinoza es beschrieben hatte, im Auge hat,
sechste und siebente Vorlesung. Die reifste Fassung wobei er allerdings Spinozas zweite Erkenntnisweise,
der Identitätsphilosophie findet sich, wie M. Frank die des Verstandes (ratio), übergeht. Aber es wird
darlegt, dann in den Stuttgarter Privatvorlesungen schnell klar, daß es sich für ihn um mehr als nur ein
von 1810. methodisches Verfahren und eine Weise des Erken-
In der Identitätsphilosophie vollzieht Schelling den nens handelt, da die absolute Vernunft von ihm nicht
Übergang vom kritischen zum spekulativen Idealis- nur im epistemologischen Sinne absolut gesetzt wird,
mus. Er selbst betont allerdings, wie die meisten Au- sondern darüber hinaus im ontologischen Sinne als
toren, in der ›Vorerinnerung‹ zur Darstellung meines »das Absolute« selbst zu verstehen ist. Denn Schelling
36 II. Die Vernunft und das Absolute

sagt unmißverständlich: »darüber wird bei dieser aus sich selbst herausgetreten, und alles, was ist,
ganzen Darstellung gar kein Zweifel statuirt: die Ver- insofern es ist, die Unendlichkeit selbst sey, ein
nunft ist das Absolute, sobald sie gedacht wird, wie Satz, welchen von allen bisherigen Philosophen
wir es (§. 1) bestimmt haben«.98 Dies impliziert, so nur Spinoza erkannt hat, obgleich er den Beweis
die folgende Überlegung Schellings, daß die Vernunft dafür nicht vollständig geführt, noch auch ihn so
im emphatischen Sinne nur Eine sein kann, und zwar deutlich ausgesprochen hat, daß er nicht hierüber
nicht nur im Sinne eines gemeinsamen Erkenntnis- fast allgemein mißverstanden worden wäre.103
vermögens der menschlichen Gattung, da sie von Später, nachdem er den Begriff der quantitativen Dif-
Anfang an als die Indifferenz alles Subjektiven und ferenz (in der Form ›A = B‹) eingeführt hat, präzi-
Objektiven bestimmt worden war. Damit gelangt siert Schelling, daß das Neue seiner Lesart von Spi-
Schelling in Form des Identitätssatzes ›A = A‹ auf das nozas Monismus der Substanz in der Streichung des
»höchste Gesetz für das Seyn der Vernunft, und da au- Parallelismus ihrer Attribute Denken und Ausdeh-
ßer der Vernunft nichts ist (§. 2), für alles Seyn (inso- nung besteht:
fern es in der Vernunft begriffen ist) […] das Gesetz
der Identität«.99 Im Anschluß an die Argumentation Da A das erkennende Princip, B aber, wie wir fin-
Fichtes im ersten Paragraphen seiner Grundlage der den werden, das an sich Unbegrenzte oder die un-
gesamten Wissenschaftslehre (1794) soll der Identitäts- endliche Extension ist, so haben wir hier ganz ge-
satz jedoch nicht als eine Relation schon vorausge- nau die beiden Spinozistischen Attribute der ab-
setzter Relata verstanden werden. Ebenso kann, im soluten Substanz, Gedanken und Ausdehnung, nur
Sinne der Subjekt-Prädikat Struktur von Aussagesät- daß wir diese nie bloß idealiter, wie man den Spi-
zen verstanden, die Differenzierung zwischen dem noza insgemein wenigstens versteht, sondern
›A‹ an Subjektstelle und an Prädikatstelle nur eine durchaus als realiter Eins denken.104
Setzung (»d. h. ein Attribut der absoluten Identität Bei der Einsicht in die fundamentale Stellung der ab-
selbst«)100 sein. Es geht Schelling also eigentlich nicht soluten Identität kann also nicht stehengeblieben
um eine Relation oder eine Aussage, sondern um den werden, weil zugleich ihre Omnipräsenz gefordert
Begriff »absolute Identität« als Ausdruck des Absolu- wird, was einschließt, daß – wie scheinhaft auch im-
ten (genitivus subjectivus und objectivus), und daher mer – etwas außerhalb ihrer besteht, worin sie prä-
sind die folgenden Lehrsätze der Schelling ganz eige- sent ist. Damit nicht nur Eines sein, sondern auch
nen Identitätsphilosophie entscheidender: »§. 9. Die Vieles angenommen werden kann, muß, mit Schel-
Vernunft ist Eins mit der absoluten Identität«; »§. 10. lings Worten gesagt, außer der absoluten Indifferenz
Die absolute Identität ist schlechthin unendlich«.101 auch eine zumindest »quantitative Differenz« beste-
Aus letzterem können wir ersehen, daß für Schelling hen, allerdings entstanden »nur vermöge einer will-
die absolute Identität kein einfaches Wesen (essentia kürlichen Trennung des Einzelnen vom Ganzen, wel-
simplex) jenseits alles anderen ist, sondern vielmehr che durch die Reflexion ausgeübt wird, aber an sich
allem immanent ist, was er auf vielleicht überzogen gar nicht stattfindet«.105 Nur in der Reflexion ent-
identistische Weise so formuliert: steht also quantitative Differenz, die sozusagen au-
ßerhalb der absoluten Indifferenz, die gleichzeitig ab-
§. 12. Alles, was ist, ist die absolute Identität selbst. solute Totalität (»Universum«) sein soll, besteht und
[…] Zusatz 1. Alles, was ist, ist an sich Eines. Die- dasjenige konstituiert, was ein einzelnes Ding ge-
ser Satz ist die bloße Inversion des vorhergehen- nannt wird:
den.102
Erklärung. Universum nenne ich die absolute To-
Jedenfalls meint er sich an diesem Punkt einig mit talität. Zusatz. Die quantitative Differenz ist nur
Spinoza zu sein, bzw. ihn als erster richtig begriffen außerhalb der absoluten Totalität möglich […] §.
und es deutlicher als dieser ausgesprochen zu ha- 27. Erklärung. Was außerhalb der Totalität ist,
ben: nenne ich in dieser Rücksicht ein einzelnes Seyn oder
Die absolute Identität hat eben nie aufgehört es zu Ding.106
seyn, und alles, was ist, ist an sich selbst betrachtet In metaphysischer Strenge genommen (à la rigeur
– auch nicht die Erscheinung der absoluten Identi- métaphysique, wie Leibniz zu sagen pflegte) sind die
tät, sondern sie selbst, und da es ferner die Natur einzelnen endlichen Seienden und Seinsbereiche nur
der Philosophie ist, die Dinge zu betrachten, wie ein Produkt der differenzierenden und quantifizie-
sie an sich (§. 1), d. h. (§. 14. 12) insofern sie un- renden Reflexion und repräsentieren eine Einteilung
endlich und die absolute Identität selbst sind, so des Wissens und der Wissenschaften, sozusagen ohne
besteht also die wahre Philosophie in dem Beweis, ontologisches Korrelat, was, wie ich meine, ziemlich
daß die absolute Identität (das Unendliche) nicht kontraintuitiv ist.
Schelling 37

Einmal abgesehen von diesem Problem der Identi- nach wie vor für Schelling, anders als bei Spinoza,
tätsphilosophie, ist es auch eine Frage, ob für Schel- eine unzulängliche Erkenntnisart bleibt.114
ling die Darstellung der absoluten Identität oder der Gleichwohl wird als Anfangspunkt noch ein sub-
absoluten Indifferenz, sowie ihre schrittweise Ausfal- tiler Unterschied zwischen »absolutem Erkenntnis-
tung in die Differenz eine exklusive Aufgabe der Phi- akt« und »absoluter Erkenntnisart« gesetzt:
losophie ist. In jedem Falle dürfte es die Aufgabe aller
drei Großgebiete der vormaligen metaphysica specia- Was das Erste betrifft, so ist es nothwendig, sich
lis sein, also der rationalen Psychologie (bei Schelling zum absoluten Subjekt-Objekt, zum absoluten Er-
die Transzendentalphilosophie), der rationalen Kos- kenntnisakt selbst zu erheben, indem von der Sub-
mologie (die Naturphilosophie), aber wohl auch der jektivität der intellektuellen Anschauung gänzlich
natürlichen Theologie. Während die in der rationa- abstrahirt wird, das Absolute an und für sich zu
len Kosmologie zu behandelnden Naturphänomene erkennen.115
jedoch schon ausführlich im ersten Identitätssystem Diese Unterscheidung ist deshalb von Wichtigkeit,
selbst thematisiert werden, 107 kommen die Themen weil Schelling zeigen will (er selbst spricht sogar von
der rationalen Psychologie dann erst in den Fernere einem »Beweis«, obwohl in seinem Argumentations-
Darstellungen aus dem System der Philosophie (1802) gang an dieser Stelle eine Beweisstruktur schwer zu
wieder ausführlich zur Sprache, 108 wohingegen das erkennen ist), »daß es einen Punkt gebe, wo das Wis-
göttliche Wesen als Gegenstand der natürlichen sen um das Absolute und das Absolute selbst eins
Theologie zunächst an die Theologie selbst delegiert sind«.116 Aber zu Beginn der Fortsetzung seiner Ab-
wird, denn Schelling sagt, was den letzten Punkt an- handlung (sie erschien in zwei Teilen in der Neue
geht, in den (auch schon im Jahre 1802 gehaltenen) Zeitschrift für spekulative Physik) rekapituliert Schel-
Vorlesungen über die Methode des akademischen Stu- ling in knapper Form das Ergebnis seines bisherigen
diums: »Die erste, welche den absoluten Indifferenz- Argumentationsgangs in Beweisform, in der die in-
punkt objektiv darstellt, wird die unmittelbare Wis- tellektuelle Anschauung die Schlüsselstelle erhält.
senschaft des absoluten und göttlichen Wesens, dem-
nach die Theologie seyn«.109 Aber außer den Gebie- 1. Das absolute Wissen ist auch das Absolute selbst.
ten der speziellen Metaphysik kommt noch hinzu der Beweis. Absolutes Wissen = Einheit des Denkens
bei Schelling sehr bewußt anvisierte Bezug zu den und Seyns, nun dieß nothwendige Form oder Art
empirischen Wissenschaften, worüber man ebenfalls zu seyn in Ansehung des Absoluten, und diese
mehr aus seinen Vorlesungen über die Methode des Form oder Art zu seyn und die Absolutheit selbst
akademischen Studiums erfährt.110 sind wiederum eins kraft der Idee selbst. Also mit
In den Fernere Darstellungen aus dem System der dem absoluten Wissen ist die Form oder Art das
Philosophie weist Schelling Fichtes Dogmatismusvor- Absolute zu seyn, demnach auch das Absolute
wurf gegenüber Spinoza zurück, wonach dieser »über selbst.
das im empirischen Bewußtseyn gegebene reine Be- 2. Von dem Absoluten gibt es kein Denken und
wußtseyn« hinausgegangen und das letztere (das kein Seyn, also auch kein Subjekt und kein Objekt,
reine absolute Ich) in Gott gesetzt habe, so daß das sondern das Absolute ist eben nur Absolutes ohne
empirische Bewußtsein nur als »die besonderen Mo- alle weitere Bestimmung. Aber eben dieses Abso-
dificationen der Gottheit« auftrete.111 Vielmehr habe lute kraft der nothwendigen Form seines Wesens,
Spinoza laut Schelling beide »schlechthin ungetrennt welche absolute Idealität ist, setzt sich selbst ob-
und im absoluten Bewußtseyn vereinigt gesetzt« und jektiv, d. h. es setzt seine eigne Wesenheit, die im
habe dadurch »die intellektuelle Anschauung als al- Gegensatz gegen das Objekt nun den Charakter
leiniges Princip der höchsten Erkenntnisart und des Subjekts, des Unendlichen annimmt; es setzt
selbst mit einer Klarheit erkannt […], wie wenige vor seine eigne Wesenheit als Unendliches ins Endli-
ihm und beinahe keiner nach ihm«.112 Die absolute che, aber eben deßwegen auch hinwiederum das
Vernunft wird von Schelling im Unterschied zur Re- Endliche in sich als Unendliches – und beides ist
flexion nun »absolute Erkenntnisart« genannt und Ein Akt.
mit der intellektuellen Anschauung identifiziert, die Dieß die Art, wie aus dem Absoluten Unend-
als das Vermögen definiert wird, das Allgemeine im liches und Endliches entsteht, nämlich erst durch
Besonderen bzw. das Unendliche im Endlichen »zur sein eignes Subjekt-Objektiviren (aber kein Ent-
lebendigen Einheit vereinigt zu sehen«.113 Im An- stehen in der Zeit, sondern ein ewiges). In dieser
schluß an Spinoza unterscheidet Schelling nun drei Beziehung wird das Absolute bestimmt als das, was
Erkenntnisarten, d. h. er differenziert zwischen Ein- an sich weder Denken noch Seyn, aber eben deß-
bildungskraft und Verstand und nennt letzteren jetzt wegen absolut ist. Indem die Vernunft aufgefordert
›Reflexion‹, wobei der Verstand oder die Reflexion wird, das Absolute weder als Denken noch als Seyn
38 II. Die Vernunft und das Absolute

und doch zu denken, entsteht für die Reflexion ein eine Konstruktion der reflektierenden Vernunft dar-
Widerspruch, da für diese alles entweder ein Den- stellt; sodann die Ebene der Ideen, die Allgemeines
ken oder ein Seyn. Aber eben in diesem Wider- (Universa) sind, also Ideen im platonischen Sinne;
spruch tritt die intellektuelle Anschauung ein und und schließlich die Ebene des Absoluten selbst, wobei
producirt das Absolute. In diesem Durchgang liegt diese erst eigentlich das Wesen der absoluten Ver-
der lichte Punkt, worin das Absolute positiv an- nunft oder des absoluten Erkennens verkörpert und
geschaut wird. (Die intellektuelle Anschauung also den Ideen auf der zweiten Ebene ihr ideales Sein ver-
in der Reflexion nur negativ). Durch diese positive leiht.121 Wie aber muß man die im vorherigen Zitat
Anschauung ist nun überhaupt erst philosophische genannte »gedoppelte Einheit«, die alle drei Ebenen
Construktion oder, was dasselbe ist, Darstellung miteinander vermitteln soll, interpretieren?
im Absoluten möglich, wovon §. IV handelt.117 Schellings Überlegungen beruhen auf seiner
Grundformel von der »Identität der Identität«.122
Im folgenden IV. Paragraphen geht es Schelling nun Angewandt auf das hier vorliegende Problem besagt
darum zu zeigen, wie es mittels des so ausgezeich- sie, daß »alle Wissenschaft auf der Erkenntniß und
neten Vermögens der intellektuellen Anschauung ge- Gleichsetzung der gedoppelten Einheit [beruht], der
lingen kann, die philosophische Konstruktion der ersten, dadurch ein Wesen an sich selbst, und der
Dinge im Absoluten als eine Wissenschaft darzustel- anderen, wodurch es im Absoluten ist«.123 Dabei geht
len, d. h. verschiedene Einheiten begrifflich zu be- es um eine neue Fassung der Begriffe des Endlichen
stimmen. Dabei bedient er sich jedoch enttäuschen- und des Unendlichen bzw. einen Versuch, den Hiatus
derweise ziemlich konventioneller konzeptueller Mit- zwischen beiden zu überwinden. Jedes einzelne, an
tel. Er arbeitet mit den Begriffen ›Allgemeines und sich selbst seiende Wesen (eine Pflanze, ein Tier, ein
Besonderes‹, ›Vorbild und Gegenbild‹, ›Unendliches Mensch, etc.) ist nur scheinbar ein endliches Wesen,
und Endliches‹, wobei für ihn bei der Verwendung und auch das Absolute repräsentiert nicht ›nur‹ Un-
dieser Begriffspaare die Sache immer dann schief- endlichkeit. Denn den (unüberbrückbaren) Abstand
geht, wenn damit ein Gegensatz von Wesen und Er- zwischen Endlichem und Unendlichem will Schelling
scheinung intendiert wird. gerade mittels der zwei Einheiten nivellieren, indem
Das ganze Universum ist im Absoluten als Pflanze, er nicht nur, wie etwa Spinoza, das Unendliche im
als Thier, als Mensch, aber weil in jedem das Ganze Endlichen omnipräsent sein läßt, sondern vielmehr
ist, so ist es nicht als Pflanze, nicht als Thier, nicht das eine ins andere und, darin besteht die eigentliche
als Mensch oder als die besondere Einheit, sondern Pointe, auch vice versa setzt. Auf beiden Seiten der
als absolute Einheit darin; erst in der Erscheinung, Gleichsetzung der zwei Einheiten muß jeweils schon
wo es aufhört das Ganze zu seyn, die Form etwas eine Form der Identifizierung des Endlichen mit dem
für sich seyn will und aus der Indifferenz mit dem Unendlichen stehen, sonst wären sie nicht gleichzu-
Wesen tritt, wird jedes das Besondere und die be- setzen: »Denn sowohl das Endliche an sich betrachtet
stimmte Einheit.118 als das Unendliche enthält jedes die gleiche (formale)
Identität des Endlichen und Unendlichen«.124 Damit
Schelling konzediert zunächst nur, daß diese be- wird die auf der Ebene der Erscheinung noch stattha-
stimmten Einheiten »ideelle Formen und Bilder« bende (sehr konventionelle) Redeweise vom »Bild«
sind, »unter welchen im absoluten Erkennen das oder der »Erscheinung« des Absoluten, die eine
Ganze ausgeprägt wird«.119 Aber kurz darauf geht er Asymmetrie zwischen beiden im Sinne eines »Vor-
einen Schritt weiter, indem er (nicht ohne Rückgriff bildlichen« und eines »Gegenbildlichen« nahelegt,
auf ein Göttliches) sagt: annulliert. Es ist daher wohl kein Zufall, daß Schel-
[E]s gibt keine Pflanze an sich oder Thier an sich; ling zwar unter anderem Spinozas Terminologie be-
was wir Pflanze nennen, ist [nicht das Wesen, die nutzt, indem er zuweilen von absoluter Substanz und
Substanz, sondern] bloß Begriff, bloß ideelle Be- auch ihren Attributen spricht, aber nicht von ihren
stimmung, und alle Formen erlangen Realität nur, Modi, denn ein Modus ist für Spinoza der Ausdruck
insofern sie das göttliche Bild der Einheit empfan- für die endlichen Dinge in ihrem Eigensein, und
gen; dadurch aber werden sie selbst Universa, und zwar trotz der Immanenz des Unendlichen im End-
heißen Ideen und hören jede auf eine besondere zu lichen, der natura naturans in der natura naturata.
seyn, indem sie sich jener gedoppelten Einheit er- Anders gesagt, Spinoza hält sich an die Differenz zwi-
freuen, auf welcher die Absolutheit beruht.120 schen den Formen des Unendlichen und dem End-
lichen, während Schelling sie bewußt konfundiert,
Schelling unterscheidet hier offensichtlich drei Ebe- um zu gewährleisten, daß die von ihm zum Absolu-
nen: zunächst die der Erscheinung, wo etwas als Be- tum erhobene Identität nicht realiter in eine Vielheit
sonderes in begrifflicher Bestimmung auftritt und diffundiert. Wie weit Schelling darin (zu diesem Zeit-
Fichte 39

punkt) zu gehen bereit ist, kann man aus folgender standekommen des ›Ich denke‹ als Ausdruck des
starker Behauptung ersehen: Prinzips der ursprünglich-synthetischen Einheit der
Was du z. B. in der Natur als eine im Raum be- Apperzeption.
schlossene Totalität beisammen, in der Geschichte Das Ich ist aber noch in dem weiteren Sinne ab-
dagegen in die unendliche Zeit auseinander gezo- solut zu nennen, weil es bei dieser Selbstsetzung als
gen erkennst, ist nicht bloß bildlich oder im Be- Selbstbewußtsein nicht sein Bewenden hat, denn es
griff, sondern wahrhaft dasselbe, so verschieden es setzt sich in einer weiteren Handlung einem Nicht-
auch erscheinen möge, indem das eine unter das Ich entgegen (also durch Inversion des Identitätssat-
Siegel der Endlichkeit, das andere unter die Be- zes). Diese Entgegensetzung muß, um die Absolut-
stimmung und das Gesetz der Unendlichkeit gelegt heit des Ich nicht zu gefährden, jedoch verstanden
ist.125 werden als eine Teilung im Ich selbst (als eine »quan-
titative Differenz«, wie Schelling sagen würde).
Die auf der Ebene der Erscheinung prima facie von-
einander unterschiedenen Bereiche ›Natur‹ und ›Ge- Das Ich wird selbst in einen niederen Begriff, den
schichte‹ (bzw. der menschliche ›Geist‹ in seinen fak- der Theilbarkeit, herabgesetzt, damit es dem
tischen Handlungen), werden nicht mehr nur als Nicht-Ich gleichgesetzt werden könne; und in
komplementär angesehen wie noch im System des demselben Begriffe wird es ihm auch entgegenge-
transzendentalen Idealismus, sondern werden hier setzt. Hier ist also gar kein Heraufsteigen, wie sonst
vom Standpunkt des absoluten Erkennens aus be- bei jeder Synthesis, sondern ein Herabsteigen. Ich
trachtet vollständig miteinander identifiziert. und Nicht-Ich, sowie sie durch den Begriff der ge-
genseitigen Einschränkbarkeit gleich- und entge-
gengesetzt werden, sind selbst beide etwas (Acci-
4. Fichte denzen) im Ich, als theilbarer Substanz; gesetzt
durch das Ich, als absolutes unbeschränkbares
In den frühen Versionen seiner Wissenschaftslehre ist Subject, dem nichts gleich ist, und nichts entge-
für Fichte das Ich (bzw. das Wissen des Ich) dasje- gengesetzt ist.129
nige, dem allein der Titel eines Absoluten wirklich
gebührt. Das Ich, entstanden aus einer »Thathand- Das absolute Ich teilt sich also in ein relatives Ich und
lung«, die analog der Relation des Identifizierens ein relatives Nicht-Ich, woraus dann alle weiteren ka-
(ausdrückbar im Identitätssatz ›A = A‹) gesehen wer- tegorialen Unterscheidungen des Wissens (des Ich) in
den kann, zeichnet sich darüber hinaus gerade da- seiner Weltbezogenheit (im Sinne des Bezugs auf das
durch aus, daß es sich in dieser Handlung selbst erst Nicht-Ich) abgeleitet werden können, ohne daß da-
konstituiert. An späterer Stelle steht die prägnante durch das »absolute Ich« aufhörte, gemäß dem »We-
Formulierung: »die Relation soll absolut, und das ab- sen der kritischen Philosophie […] als schlechthin
solute soll nichts weiter seyn als eine Relation«.126 unbedingt und durch nichts höheres bestimmbar
Das Ich wird also nicht etwa schon als vor dieser aufgestellt« zu werden.130
Handlung bestehend vorausgesetzt und gleichsam Die ganze Relationalität des absoluten Ich, sein Akt
nachträglich in einem reflexiven Akt als solches er- der Selbstkonstituierung und seine Teilung in das auf
kannt, sondern es ist in dem Sinne absolut, daß es das Nicht-Ich sich beziehende relative Ich findet für
Ursache seiner selbst ist und nur durch sich selbst Fichte ausschließlich in der Sphäre des Wissens statt,
begriffen wird: »Das Ich setzt ursprünglich schlechthin das dadurch ebenfalls als absolutes Wissen charakte-
sein eigenes Seyn«; und das impliziert: »Das Ich ist risiert wird. Diese Absolutheit muß jedoch im Sinne
nur insofern, inwiefern es sich seiner bewußt ist«.127 eines transzendentalphilosophischen Idealismus ver-
Diese Sätze liegen auf der Linie von Spinozas Defini- standen werden. Denn sowohl das Selbstwissen als
tionen von causa sui und substantia: auch das Weltwissen gehören beide zu den notwendi-
gen Bedingungen der Möglichkeit jedes einzelnen,
Unter Ursache seiner selbst verstehe ich das, dessen empirisch wißbaren Faktums. Hierbei spielen die
Essenz Existenz einschließt, anders formuliert das, traditionellen epistemischen Vermögen, wie die Ein-
dessen Natur nur als existierend begriffen werden bildungskraft, der Verstand und die Vernunft, auf
kann. […] Unter Substanz verstehe ich das, was in komplexe Weise zusammen. Die produktive Einbil-
sich selbst ist und durch sich selbst begriffen wird, dungskraft ist für Fichte ein in sich widersprüchli-
d. h. das, dessen Begriff nicht des Begriffs eines an- ches Vermögen, das gleichsam »in der Mitte schwebt«
deren Dinges bedarf von dem her er gebildet wer- zwischen relativem Ich und Nicht-Ich, oder wie
den müßte.128 Fichte hier sagt, zwischen »Endlichem und Unendli-
Aber ebenso steht hier im Hintergrund Kants Auffas- chen«, d. h. zwischen der »Bestimmung und Nicht-
sung von der Spontaneität des Verstandes beim Zu- Bestimmung« von möglichen Objekten des Wis-
40 II. Die Vernunft und das Absolute

sens.131 Was zunächst nur als ein Nachteil erscheint, scheint hier seinen Begriff des absoluten Ich analog
hat jedoch den Vorteil, daß damit die Einbildungs- zu Spinozas Substanzbegriff und das relative Ich und
kraft auf absolute Weise produktiv sein kann, sozu- Nicht-Ich als dessen zwei Modi, d. h. als Denken und
sagen den Motor des immer weiter gehenden Wis- Ausdehnung, zu interpretieren. Die Kritik betrifft
sensdrangs darstellt. Sie selbst orientiert damit zwar also nicht die Struktur, sondern die Lokalisation des
auf jeweils immer neue mögliche Wissensobjekte, ge- Absoluten.
langt dadurch jedoch nicht selbst zur Objektbestim-
Der theoretische Theil unserer Wissenschaftslehre
mung. Es ist daher die Aufgabe der Vernunft, die pro-
[…] ist wirklich, wie sich zu seiner Zeit zeigen
duktive Einbildungskraft zu fixieren oder festzuhal-
wird, der systematische Spinozismus; nur daß ei-
ten, um überhaupt zu bestimmten Wissensobjekten
nes Jeden Ich selbst die einzige höchste Substanz
zu gelangen, was die Vernunft ihrerseits mittels des
ist.135
Verstandes (»ein Mittelvermögen«) in Gestalt von
Verstandesbestimmungen bewerkstelligt. Fichte be- Natürlich ist mit »eines Jeden Ich« nicht die indivi-
schreibt das Zusammenspiel der drei Vermögen und duelle Persönlichkeit eines jeden empirischen Ich ge-
ihr Resultat folgendermaßen. meint, sondern die ihnen gemeinsame Ich-Struktur
als Bedingung der Möglichkeit empirischen Ich-Be-
Es ist klar, dass, wenn das geforderte Festhalten
wußtseins überhaupt, oder kurz gesagt: das transzen-
möglich seyn solle, es ein Vermögen des Festhal-
dentale Subjekt.
tens geben müsse; und ein solches Vermögen ist
Fichte teilt in dieser Hinsicht eigentlich nicht nur
weder die bestimmende Vernunft, noch die pro-
Jacobis ›Würdigung‹ Spinozas, nämlich der konse-
ducirende Einbildungskraft, mithin ist es ein Mit-
quenteste Philosoph des rationalistischen Dogmatis-
telvermögen zwischen beiden. Es ist das Vermögen,
mus zu sein:
worin ein wandelbares besteht, gleichsam verstän-
digt wird, und heisst daher mit Recht der Verstand. Insofern der Dogmatism consequent seyn kann, ist
– Der Verstand ist Verstand, bloss insofern etwas in der Spinozism das consequenteste Product dessel-
ihm fixirt ist; und alles, was fixirt ist, ist bloss im ben.136
Verstande fixirt. Der Verstand läßt sich als die Ich bemerke noch, daß man, wenn man das Ich
durch Vernunft fixirte Einbildungskraft, oder als bin überschreitet, nothwendig auf den Spinozis-
die durch Einbildungskraft mit Objecten verse- mus kommen muss!137
hene Vernunft beschreiben. – Der Verstand ist ein
Fichte geht vielmehr einen Schritt weiter, wenn er
ruhendes, unthätiges Vermögen des Gemüths, der
etwa in den Vorlesungen über Logik und Metaphysik
blosse Behälter des durch die Einbildungskraft
(1797) sagt, daß »Spinoza die kritische Philosophie
hervorgebrachten, und durch die Vernunft be-
gefunden [hätte], u. er würde sie sehr gut mit seinem
stimmten und weiter zu bestimmenden; was man
großen Geiste ausgeführt haben«, wenn er sein Den-
auch von Zeit zu Zeit über die Handlungen des-
ken nochmals gedacht hätte, d. h., transzendental-
selben erzählt haben mag.132
philosophisch gesprochen, die im erkennenden Be-
Erst im Verstand wird letztlich der Realitätsgehalt des wußtsein liegenden Bedingungen seiner Möglichkeit
Wissens festgeschrieben: »er ist das Vermögen des thematisiert hätte. Die Demarkationslinie zwischen
Wirklichen, in ihm erst wird das Ideale zum Rea- Spinozismus und Kritizismus ist für Fichte hiermit
len«.133 Man ginge jedoch fehl in der Annahme, hier- genau anzugeben:
aus eine hierarchische Ordnung der drei Vermögen
Es giebt auch ein solches System wie das Spinozi-
ableiten zu können (wie wir sie u. a., wenn auch nicht
stische in der kritischen Philosophie; aber der kri-
mehr in ganz reiner Form, noch bei Spinoza antref-
tische Philosoph weiß, daß er so denkt, in dieser
fen), denn der ganze Prozeß funktioniert nur im
Philosophie hat dieser Spinozismus transcenden-
ständigen Zusammenspiel aller drei Komponenten
tale Gültigkeit; es ist das nothwendige Wesen der
und hat damit eine Struktur von sich ständig erwei-
Vernunft. Bey Spinoza ist es transcendent, u. ist
ternden konzentrischen Kreisen.
das Wesen des Dinges an sich.138
Wie im vorhergehenden Abschnitt schon erwähnt,
kritisiert Fichte an Spinoza, daß dieser noch über Ganz zugespitzt gesagt besteht der Unterschied letzt-
dem Ich ein Absolutes angesetzt habe (die göttliche, lich in der Entscheidung, ob man die göttliche Ver-
absolut unendliche Substanz), was gar nicht nötig nunft (genauer: Gott als denkende Substanz), oder
sei, da im absoluten Ich schon »das Substrat der aber die menschliche Vernunft (genauer: das tran-
Theilbarkeit überhaupt oder die höchste Substanz, szendentale Subjekt) absolut setzt.
worin beide, das Ich und Nicht-Ich (Spinoza’s Intelli- Es ist kaum ein Zufall, daß Fichte auch in den spä-
genz und Ausdehnung) gesetzt sind«.134 Fichte teren Versionen seiner Wissenschaftslehre Spinozas
Fichte 41

Philosophie immer wieder in kritischer Würdigung Der beste Anknüpfungspunkt dafür ist das System
als Referenzpunkt, d. h. als Anknüpfungs- und Ab- des Spinoza. Nicht etwa dies zur Prüfung, sondern
grenzungspunkt, für die Darstellung seines eigenen um es zu brauchen. 1) Sein: Charakter, absolute
Vorhabens anführt, wie sich z. B. auch in der späten Negation des Werdens. In ihm, dem Einen, ist Alles,
Version Die Wissenschaftslehre. Vorgetragen im Jahre in ihm wird Nichts. Hieraus Selbstständigkeit, ein
1812 zeigt. Zugleich kann man Veränderungen in negativer Begriff; Wandellosigkeit, gleichfalls: hier-
Fichtes Konzeption der Wissenschaftslehre angeben, aus Einheit des Seins und die andern bekannten
die ihn im Laufe der Jahre fast zwangsläufig in die Folgerungen. So Spinoza, so wir. 2) Nun gehen wir
Nähe, die gleichwohl nie distanzlos ist, zu Spinoza ab.142
bringt. So zeichnet sich schon im Jahre 1801 eine Re-
lativierung des singulären Absolutheitsanspruchs des Fichtes Absetzbewegung besteht nun darin, daß er
Ich bzw. des absoluten Wissens ab, wenn Fichte sagt: dieses göttliche Sein nicht rein ontisch auffaßt als das
»Das Wissen ist nicht das Absolute, aber es ist selbst Sein selbst, sondern zunächst epistemisch als ein Re-
als Wissen absolut«.139 Der Rekurs auf ein das ab- sultat der Reflexion, d. h. als den Gedanken oder den
solute Wissen noch fundierendes Absolutes führt Begriff ›Sein‹. ›Reflexion‹ wird hierbei jedoch im
letztlich auf einen Gottesbegriff, der spinozistisch an- Sinne der Spiegelmetaphorik genommen (vor der
mutet, weil dieser entgegen jeder Schöpfungslehre Kant, wie wir oben in Abschnitt 2 gesehen haben, in
seine strikt notwendige Manifestation in der Erschei- Fragen der Metaphysik gewarnt hatte), also derge-
nung impliziert. So stellt Fichte dementsprechend in stalt, daß das absolute Sein selbst in der Reflexion
der Wissenschaftslehre. Vorgetragen im Jahre 1812 die erscheint, bzw. sich ausspricht: »Ich denke den Begriff
Frage: »ist die Erscheinung an sich zufällig? Kann des Seins: in welchem es sich ausspricht: sich aus-
Gott erscheinen oder auch nicht; […] oder ist sein sprechend als sich aussprechend: denn der Begriff
Erscheinen nothwendig […]?«, und er beantwortet giebt sich ja als der wahre!«.143 Weil diese epistemi-
sie eindeutig: sche Erscheinungsform jedoch immer noch im Wi-
derspruch zum ontischen Charakter des absoluten
Es ist leicht einzusehen, das Letztere: Gott ist, was Seins als des Unwandelbaren und alles Enthaltenden
er ist, schlechthin dadurch, daß er ist: durch sein steht, ist damit für Fichte aber erst das Grundpro-
bloßes formales Sein ist sein ganzes Sein gegeben. blem der Philosophie überhaupt angesprochen, vor
Nun erscheint er unter Andern; so gewiß darum er dem, ohne es seiner Meinung nach zu wissen, auch
erscheint, ist dies durch sein absolutes Sein, und er Spinoza stand, wenn er das (menschliche) Denken
kann, nachdem er einmal erscheint, nicht nicht er- und die (körperliche) Ausdehnung als Modi des gött-
scheinen. Das Faktum ist ein absolut nothwendi- lichen Seins oder der absoluten Substanz be-
ges.140 stimmte.144 Das Grundproblem formuliert Fichte ex-
In Spinozas Ethica heißt es vergleichbar: plizit als Widerspruch: »Ausser ihm ist seinem Be-
griffe nach kein Sein: aber der Begriff ist, und ist aus-
Ferner, die Modi der göttlichen Natur sind aus ihr ser ihm. Protestatio facto contraria!«145 Fichtes
ebenfalls notwendigerweise und nicht zufälliger- Lösung dieses Problems besteht darin, daß er den
weise erfolgt […]. Demnach ist alles aus der Not- Gedanken oder den Begriff ›Sein‹ zunächst so aus-
wendigkeit der göttlichen Natur bestimmt, nicht legt, daß er weder in den Modus des Denkens (als
nur überhaupt zu existieren, sondern auch in einer »gedachtes Sein«), geschweige denn den der Ausdeh-
bestimmten Weise zu existieren und etwas zu be- nung (als »eine Welt«) einzuordnen ist. Er schiebt
wirken; und es gibt nichts Zufälliges. W. z. B. statt dessen ein »Mittel« dazwischen, das von anderer
w.«141 Art ist und terminologisch als Schema, Bild oder Er-
Was jedoch bedeutet für Fichte genauerhin »Erschei- scheinung umschrieben wird und als solches nicht
nung«, und worin besteht die Differenz zu Spinozas gedacht, sondern nur angeschaut werden kann. »Was
Modi des Denkens und der Ausdehnung als den Ma- ist da für uns? der Begriff. Was ist er? das Sein selbst?
nifestationen (affectiones) der absoluten göttlichen – nein, sein Schema und Bild, Erscheinung: Sein aus-
Substanz? Im Anschluß an Spinozas Definition Got- ser seinem Sein«, und hierin liegt für Fichte der neue
tes als das absolut unendliche Seiende (ens absolute Ausgangspunkt der Wissenschaftslehre: »Also – ausser
infinitum) geht Fichte hier zunächst von einer Vor- dem Absoluten ist da, weil es nun einmal da ist, sein
stellung des göttlichen Seins aus (die allerdings eher Bild. Ist der absolut bejahende Satz der W.-L., von
an Parmenides erinnert), um sodann das spezifisch dem sie ausgeht: ihre eigentliche Seele«.146 Von der
Neue seiner Wissenschaftslehre hervorhebend davon Faktizität sowohl des Absoluten als auch eines Bildes
abzusetzen. des Absoluten auszugehen, bedeutet jedoch nicht,
unter ›Bild‹ ein, im welchem Maße auch immer, defi-
42 II. Die Vernunft und das Absolute

zientes Abbild des Absoluten zu verstehen, sondern Erscheinung muß sich setzen, (sich erscheinen),
sein Urbild. Das Bild des Absoluten, oder genauer um auch nur das Absolute setzen zu können, und
seine »Bildlichkeit«, bedeutet vielmehr: »Unmittelba- unter der Bedingung, daß dieses in ihr er-
res Urbild, durchaus genaues, treues und entspre- scheine.149
chendes«.147 Dem Risiko, in die Falle der Verdopp-
(In der neuen historisch-kritischen Gesamtausgabe
lung des Absoluten zu geraten, versucht Fichte also
steht statt »Ich-Form« der Ausdruck »sichForm«.
dadurch zu entgehen, daß er unter diesem »Urbild«
Aber auch in dieser Ausgabe taucht an späterer Stelle
die Bildlichkeit des Absoluten selbst versteht. Und
in vergleichbarem Kontext der Ausdruck »IchForm«
das impliziert, den Begriff des Absoluten in zwei »Be-
auf.150 Obwohl beide Ausdrücke sicher nicht gleich-
standtheile« zu zerlegen: »das innere Wesen des Ab-
gesetzt werden können, weil mit »sichForm« auf all-
soluten, und seine Bildlichkeit«.148 Mit einiger Phan-
gemeinere Weise die in der Reflexionsform liegende
tasie könnte man sagen, daß Fichte mit diesem Ver-
Struktur der Selbstbezüglichkeit angegeben wird,
fahren der Einschiebung des Mittels ›Urbild‹, inter-
meine ich doch, daß das im Ich-Begriff liegende Vor-
pretiert als Bildlichkeit des Absoluten, die Ebene
bild der Selbstbezüglichkeit des Selbstbewußtseins
schafft, welche bei Spinoza die Attribute besetzen, al-
weiterhin als deren Grundform angesehen werden
lerdings mit dem Unterschied, daß Fichte nur ein Ur-
muß.) Wie das oben zitierte Textfragment zeigt, be-
bild des Absoluten kennt, während bei Spinoza eine
steht Fichtes Kritik an Spinoza darin, daß dieser über
unendliche Anzahl von Attributen (von denen wir als
einen Begriff des Absoluten zu verfügen vermeint,
Menschen jedoch nur die Attribute ›Denken‹ und
der dieses unmittelbar qualitativ bestimmt, also
›Ausdehnung‹ zu erfassen vermögen) das Wesen der
durch die Annahme solcher (attributiver) Bestim-
absoluten Substanz jedes auf seine Weise ausdrücken.
mungen wie die des Denkens und der Ausdehnung.
Wie dem auch sei, Fichte selbst sieht die Sache, Spi-
Aber tatsächlich könne Spinoza doch diese Bestim-
nozas Attributenlehre wiederum geflissentlich über-
mungen nur im Rückschluß von den Kennzeichen
gehend, folgendermaßen:
unseres eigenen faktischen Daseins als denkende und
Um den Unterschied zu fassen, denken Sie sich fol- ausgedehnte Wesen auf das Absolute übertragen.
gende andere Schlußweise. Wir hätten einen realen Daraus zieht Fichte die Konsequenz, die Lösung des
Begriff vom Absoluten, und sähen in demselben Problems auf dieser ›unteren‹ Ebene anzusiedeln,
irgend einen Charakter = x, zufolge dessen er er- und er konzentriert sich dabei wiederum im Sinne
scheinen müsse. So schlössen wir auf die Noth- des transzendentalen Idealismus auf den Aspekt des
wendigkeit der Erscheinung ganz unabhängig von Denkens, bzw. das sich seiner selbst bewußte Ich
ihrem faktischen Gegebensein. Hier verhält es sich (»die Ich-Form«), von wo aus alles Wissen (Selbst-
anders. 1) Einen solchen Begriff haben wir eben wissen und Weltwissen) erschlossen wird. Aber hier-
nicht. – Spinoza, der in Gott einen solchen Begriff bei handelt es sich für Fichte nicht um die schlichte
hineinbringt, findet ihn selbst doch nur faktisch. Setzung eines anderen Faktums neben der Erschei-
Wie kann er sonst auf Ausdehnung und Denken, nung, dem Urbild des Absoluten, bzw. seiner Bild-
als die Grundformen, gekommen sein. 2) Wir wer- lichkeit als eines seiner zwei Bestandteile. Die Pointe
den indeß, Sie sehen es voraus, auch in der W.-L. besteht vielmehr darin, daß diese Erscheinung des
eine solche Schlußweise bekommen. Wir haben Absoluten sich in der Ich-Form erscheint, also auf be-
nämlich auch solch einen, eine qualitative Bestim- wußte Weise reflektiert wird, d. h. in der Form des
mung gebenden Begriff: die Ich-Form. Aus dieser, Wissens. Er nennt das Resultat dieses Dreischritts –
unabhängig von der Fakticität, werden wir direkt vom Absoluten selbst über seine urbildliche Erschei-
folgern; aber nur innerhalb der Erscheinung. nung bis hin zu seiner sich wissenden Reflexion in
3) Dies ist wichtig. Alles unser Wissen geht der Ich-Form – auch das »Sicherscheinen« der Er-
schlechthin aus von einem absoluten Faktum, dem scheinung und sieht in ihm den eigentlichen Gegen-
eben, daß die Erscheinung von sich weiß, sich er- stand der Wissenschaftslehre. »Nur dieses Sicherschei-
scheint. Alle Deduktion, Einsicht, Verständigung nen, diese in sich zurückgehende Form; diese Refle-
etc., die ja nur im Wissen möglich, bedarf darum xion, wie man es im Allgemeinen ausdrücken
dessen, als einer Voraussetzung, als Grundfaktum. könnte, ist das Objekt der W.-L. oder Philoso-
[…] Ueberlegen Sie: das Absolute soll erscheinen, phie«.151 Diese Grundstruktur versucht Fichte in ver-
wie es eben erschien in seinem Begriffe: so nur, schiedenerlei Vorstellungen zu fassen, z. B. in der –
und unter dieser Bedingung ist sie Erscheinung des oben schon erwähnten – von der verbalen Termino-
Absoluten; aber es kann als Absolutes nur erschei- logie ausgehenden Vorstellung von Sprachbildung
nen neben einem Gegensatze des Nichtabsoluten; (»sich ausspricht als sich aussprechend«), oder auch
da ist nichts Anderes, denn die Erscheinung. Die in der von der visuellen Terminologie des Bildes aus-
Hegel 43

gehenden Vorstellung von Evolution: »Das Bild, das pante Ähnlichkeiten mit der Vorgehensweise Schel-
absolute, das Urschema, Schema I, bildet sich«.152 lings in dessen früher Identitätsphilosophie, die aber
Trotzdem bleibt für Fichte die Ich-Struktur das eine genauere Analyse erfordern.
Herzstück seiner späten Wissenschaftslehre, auch
wenn sie nicht mehr an erster Stelle auftritt, weil ihr
das (göttliche) Absolute und sein Urbild noch vor- 5. Hegel
ausliegt. Sie bleibt gerade deswegen das Herzstück,
weil für Fichte die Erscheinung sich erscheinen muß, Hegel hat erst im Laufe seiner Jenaer Periode seine
um das Absolute setzen zu können, so daß es in der eigene Philosophie im Kontext der aktuellen Versu-
Ich-Form erscheine. Die Redeweise von Gott als dem che einer (vermeintlichen) Vollendung oder gar
Absoluten impliziert nicht seine Transzendenz im Überbietung des Kantischen kritischen Idealismus,
Sinne seines vermeintlich freien Schöpfungswillens, insbesondere durch Fichte und Schelling, entwickelt.
sondern der Gottesbegriff wird strikt an den Begriff Zu Beginn der Jahrhundertwende, während seiner
des Ich gekoppelt. Da er nicht nur ein inneres Wesen intensiven Zusammenarbeit mit Schelling, folgte er
besitzt, sondern als zweiten Bestandteil seine Bild- noch weitgehend der Linie einer neuen Form von
lichkeit, also das Faktum seiner Erscheinung, ist der spekulativem Idealismus oder absoluter Metaphysik,
Übergang zur Ich-Form als Sicherscheinen unaus- die dieser in seiner ersten Darstellung der sogenann-
weichlich in Gang gesetzt: »er kann, nachdem er ein- ten Identitätsphilosophie vorgezeichnet hatte.154 Dies
mal erscheint, nicht nicht erscheinen«.153 Darüber zeigt sich insbesondere in Hegels erster philosophi-
hinaus finden wir nur in der Ich-Form diejenige Re- scher Schrift Differenz des Fichteschen und Schelling-
flexionsstruktur, die den Anforderungen entspricht, schen Systems der Philosophie (1801), obwohl auch
setzende und sich wissende Reflexion zu sein. hierin schon Hegels ganz eigene Sicht der Rolle des
Die Schwierigkeit dieses Ansatzes der Wissen- Verstandes und der Vernunft in Bezug auf das Ab-
schaftslehre des späten Fichte liegt daher wohl we- solute anklingt. Der Verstand fixiert als isolierte Re-
niger an dieser Konstante innerhalb seines Denkens, flexion notwendige Gegensätze des Lebens, wie Geist
sondern in der Einführung des Konzepts einer ›er- und Materie, Seele und Leib, Freiheit und Notwen-
sten‹ Erscheinung des Absoluten, also bei dem »Mit- digkeit etc.:
tel«, das als das »absolute Bild, Urschema, Schema I«
Solche festgewordene Gegensätze aufzuheben, ist
bezeichnet wird. Denn diese ist als solche für Fichte
das einzige Interesse der Vernunft. Dies ihr Inter-
zunächst qualitativ noch ganz unbestimmt und wird
esse hat nicht den Sinn, als ob sie sich gegen die
von ihm zugleich doch unmittelbares, genaues und
Entgegensetzung und Beschränkung überhaupt
treues Urbild des Absoluten genannt, woraus man
setze; denn die notwendige Entzweiung ist ein Fak-
wird schließen dürfen, daß das innere Wesen des Ab-
tor des Lebens, das ewig entgegensetzend sich bil-
soluten selbst ebenfalls qualitativ unbestimmt sein
det, und die Totalität ist in der höchsten Lebendig-
muß. Dies bedeutet, daß erst auf der Ebene der Refle-
keit nur durch Wiederherstellung aus der höchsten
xionsweise in der Ich-Form überhaupt qualitative
Trennung möglich.155
Bestimmungen (Differenzierungen) entstehen und
damit eigentlich schon die Redeweise von zwei Be- Die Gegensätze sollen jedoch durch die Vernunft
standteilen des Absoluten äußerst problematisch oder philosophische Reflexion vermittelt werden, in-
wäre, weil dies eine rein numerische Differenz bliebe dem sie auf das Absolute bezogen werden:
und zur Verdopplung des Absoluten führen würde.
Die isolierte Reflexion, als Setzen Entgegengesetz-
Wollte Fichte sich diesen Schwierigkeiten jedoch ent-
ter, wäre ein Aufheben des Absoluten; sie ist das
ziehen, müßte er sich entweder Spinozas Attributen-
Vermögen des Seins und der Beschränkung. Aber
lehre annähern und ein in sich schon differenziertes
die Reflexion hat als Vernunft Beziehung auf das
Absolutes annehmen, oder aber er müßte im Gegen-
Absolute, und sie ist nur Vernunft durch diese Be-
teil Schellings Ausgangspunkt bei der absoluten Iden-
ziehung; die Reflexion vernichtet insofern sich
tität als totaler Indifferenz akzeptieren. Er versucht
selbst und alles Sein und Beschränkte, indem sie es
statt dessen bei seinem Versuch der Fundierung der
aufs Absolute bezieht. Zugleich aber eben durch
Ich-Struktur in einem vorgängigen Absoluten den
seine Beziehung auf das Absolute hat das Be-
Mittelweg über die Annahme der zwei Bestandteile
schränkte ein Bestehen.156
des Absoluten zu gehen. Trotzdem scheint dabei, wie
ich meine, das Pendel mehr in die Richtung Schel- Mit seiner Differenzschrift hat Hegel sicher den Bruch
lings auszuschlagen, denn es zeigen sich im Fortgang zwischen Schelling und Fichte beschleunigt. Anfäng-
des Vortrags seiner Wissenschaftslehre aus dem Jahre lich ging es nur um die zwischen Schelling und
1812 – sicher ganz contre cœur – eher einige frap- Fichte ab 1800 in ihrem Briefwechsel diskutierte
44 II. Die Vernunft und das Absolute

Frage nach der Rolle der Naturphilosophie innerhalb ausgesprochene echte Prinzip der Spekulation. So-
der Transzendentalphilosophie, so wie sie Schelling wie aber die Spekulation aus dem Begriff, den sie
in seinem System des transzendentalen Idealismus von sich selbst aufstellt, heraustritt und sich zum
(1800) als gleichberechtigt neben die Philosophie des System bildet, so verläßt sie sich und ihr Prinzip
Geistes gestellt hatte. Spätestens nach der Veröffentli- und kommt nicht in dasselbe zurück. Sie übergibt
chung von Schellings Darstellung meines Systems der die Vernunft dem Verstand und geht in die Kette
Philosophie (1801) ging es um die grundsätzlichere der Endlichkeiten des Bewußtseins über, aus wel-
Frage, ob im Sinne des durch Fichte weiterentwickel- chen sie sich zur Identität und wahren Unendlich-
ten kritischen Idealismus das (absolute) Ich der un- keit nicht wieder rekonstruiert. Das Prinzip selbst,
hintergehbare Ausgangspunkt jedes philosophischen die transzendentale Anschauung erhält hierdurch
Systems bleiben und somit der eigentliche Kandidat die schiefe Stellung eines Entgegengesetzten gegen
für ein Absolutes sein müsse, oder aber, ob es im die aus ihm deduzierte Mannigfaltigkeit.158
Sinne von Schellings neuer Identitätsphilosophie und
Allerdings muß zumindest im Hinblick auf Kant als
in ihrer Terminologie gesprochen noch durch die
fraglich gelten, ob dieser wirklich in der sogenannten
Ansetzung eines Indifferenzpunktes überboten wer-
metaphysischen und sodann der transzendentalen
den müsse, der als absolute Identität ebensowohl die
Deduktion der reinen Verstandesbegriffe (Katego-
absolute Vernunft (als Indifferenz des Subjektiven
rien) an ›Deduktion‹ im Sinne einer Ableitung aus
und Objektiven) als auch die absolute Totalität (als
dem höchsten Prinzip der Transzendentalphilosophie
Universum) repräsentiert.
(der ursprünglich synthetischen Einheit der Apper-
Schelling definierte diese Begriffe im Jahre 1801
zeption, die Hegel hier verkürzend »transzendentale
folgendermaßen:
Anschauung« nennt) denkt. Denn außer dem Nach-
§. 1. Erklärung. Ich nenne Vernunft die absolute weis der Grundlegungsfunktion dieses Prinzips für
Vernunft, oder die Vernunft, insofern sie als totale die Kategorien und alle anderen apriorischen For-
Indifferenz des Subjektiven und Objektiven ge- men kann Kant zufolge nicht viel mehr gesagt wer-
dacht wird. den als:
§. 26. Die absolute Identität ist absolute Totalität.
Von der Eigenthümlichkeit unsers Verstandes aber,
§. 32. Die absolute Identität ist nicht Ursache des
nur vermittelst der Kategorien und nur gerade
Universum, sondern das Universum selbst. Denn al-
durch diese Art und Zahl derselben Einheit der
les, was ist, ist die absolute Identität selbst
Apperception a priori zu Stande zu bringen, läßt
(§. 12).157
sich eben so wenig ferner ein Grund angeben, als
Es liegt auf der Hand, daß mit dieser Bestimmung warum wir gerade diese und keine andere Funk-
des Absoluten kein traditioneller Gottesbegriff anvi- tionen zu urtheilen haben, oder warum Zeit und
siert ist, allenfalls geht es um eine identistische Um- Raum die einzigen Formen unserer möglichen An-
interpretation von Spinozas Modell der Immanenz schauung sind.159
der einen unendlichen Substanz in ihren endlichen
Hegels Kontroverse mit Fichte bezog sich allerdings
Modi oder anders gesagt: der natura naturans in der
nur auf die veröffentlichten frühen Versionen der
natura naturata.
Wissenschaftslehre Fichtes vor der Jahrhundertwen-
Hegel konstatierte in seiner Differenzschrift lapi-
de,160 denn weder Schelling noch Hegel hatten Fich-
dar: »Man kann vom Fichteschen System […] nicht
tes weitere Entwicklung der Wissenschaftslehre ab
sagen, daß es Glück gemacht habe«, und er begrün-
1801/02 (und a forteriori auch nicht die im vorhe-
det dies durch einen Mangel, der dem kritischen
rigen Abschnitt analysierte aus dem Jahre 1812)161
Idealismus Kants und Fichtes trotz ihrer Verdienste
mehr verfolgen können. Aber auch die philosophi-
eigentümlich sei und der darin bestehe, daß man sich
sche Zusammenarbeit zwischen Hegel und Schelling
in der Systementfaltung unter Verzicht auf die An-
währte nicht lange. Spätestens seit den auf Schellings
sprüche der Vernunft in endlichen Verstandesbe-
Identitätsphilosophie gemünzten bösen Worten aus
stimmungen verliere.
der Vorrede zu Hegels Phänomenologie des Geistes
Das reine Denken seiner selbst, die Identität des (1807) war es mit der Freundschaft vorbei. Hegel
Subjekts und des Objekts, in der Form Ich = Ich ist richtete sich dort in seiner Polemik gegen Schellings
Prinzip des Fichteschen Systems, und wenn man Grundformel für die Struktur des Absoluten als
sich unmittelbar an dieses Prinzip sowie in der »Identität der Identität«162 (der er seine eigene For-
Kantischen Philosophie an das transzendentale mel von der »Identität der Identität und der Nicht-
Prinzip, welches der Deduktion der Kategorien identität« schon viel früher und damit Schelling still-
zum Grunde liegt, allein hält, so hat man das kühn schweigend korrigierend entgegenstellt hatte: »Das
Hegel 45

Absolute selbst aber ist darum die Identität der Iden- Das Bewußsein ist der Geist als konkretes, und
tität und der Nichtidentität; Entgegensetzen und zwar in der Äußerlichkeit befangenes Wissen; aber
Einssein ist zugleich in ihm«163): die Fortbewegung dieses Gegenstandes beruht al-
lein, wie die Entwicklung alles natürlichen und
Irgendein Dasein, wie es im Absoluten ist, betrach-
geistigen Lebens, auf der Natur der reinen Wesen-
ten, besteht hier in nichts anderem, als daß davon
heiten, die den Inhalt der Logik ausmachen. Das
gesagt wird, es sei zwar jetzt von ihm gesprochen
Bewußtsein, als der erscheinende Geist, welcher
worden, als von einem Etwas; im Absoluten, dem
sich auf seinem Wege von seiner Unmittelbarkeit
A = A, jedoch gebe es dergleichen gar nicht, son-
und äußerlichen Konkretion befreit, wird zum rei-
dern darin sei alles eins. Dies eine Wissen, daß im
nen Wissen, das sich jene reinen Wesenheiten
Absoluten alles gleich ist, der unterscheidenden
und erfüllten oder Erfüllung suchenden und for- selbst, wie sie an und für sich sind, zum Gegen-
dernden Erkenntnis entgegenzusetzen oder sein stand gibt. Sie sind die reinen Gedanken, der sein
Absolutes für die Nacht auszugeben, worin, wie Wesen denkende Geist.167
man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz sind, ist die Die Logik tritt für Hegel also in dem Sinne an die
Naivität der Leere an Erkenntnis.164 Stelle der Metaphysik, insofern sie die Fundamental-
Wir werden Hegels Auffassung von der Rolle der Ver- wissenschaft für alle Bereiche der Philosophie der
nunft und vom Absoluten noch näher auf der Natur und des (menschlichen) Geistes bildet, weil –
Grundlage seiner ausgereiften Philosophie ab der so seine starke These – ihnen reine Wesenheiten in
Wissenschaft der Logik (1812–1816) zu präzisieren der Form reiner Gedanken zugrunde liegen. Solcher-
haben. Zunächst soll seine neue Logikkonzeption je- art Essentialismus ist darüber hinaus spekulativer
doch erst im Hinblick auf die sich hiermit vollzie- Idealismus, weil diese reinen Gedanken oder Denk-
hende Transformation des Metaphysikverständnisses bestimmungen aufgefaßt werden im Sinne eines sich
besprochen werden. Sodann soll in einem ersten An- denkenden Geistes, der ganz offensichtlich nicht
lauf kurz gezeigt werden, wie sich hieraus eine ambi- ›nur‹ den endlichen, menschlichen Geist repräsen-
valente Haltung gegenüber dem Typus von Metaphy- tiert, da dieser nicht grundlegend für alles natürliche
sik, für den Spinoza steht, ergibt. Dabei ist mit He- und (menschliche) geistige Leben sein könnte. Es ist
gels kritischen Bemerkungen zu Spinoza implizit teils also kein Abweg, wenn man sich hierbei erinnert
auch Schellings Identitätsphilosophie mitbetroffen, fühlt an antike Lehren vom Logos (logos) oder Geist
insofern dieser sich an entscheidenden Punkten auf (nous) und insbesondere an Aristoteles‹ Rede vom
Spinoza berufen zu können glaubte, wie wir oben sich denkenden Denken (noesis noeseos, Met. 1074b).
(Abschnitt 3) ausgeführt haben. Hegel stellte später diese Zusammenhänge selbst her,
Hegels in der Jenenser Phase sich herausbildende indem er in der zweiten Vorrede zum ersten Teil der
eigene Version des spekulativen Idealismus wird von zweiten Ausgabe der Wissenschaft der Logik den
ihm zunächst auch noch mit dem Disziplintitel ›Me- Nachdruck legt auf den »Logos, die Vernunft dessen,
taphysik‹ bezeichnet, denn er hält in Jena mehrfach was ist, die Wahrheit dessen, was den Namen der
Vorlesungen unter dem Titel ›Logik und Metaphysik‹ Dinge führt; am wenigsten ist es der Logos, was au-
und hatte ausgereifte Publikationspläne wie das Ma- ßerhalb der logischen Wissenschaft gelassen werden
nuskript Logik, Metaphysik, Naturphilosophie (1804/ soll«168; oder wenn er in der Enzyklopädie sagt: »daß
05) belegt.165 Aber schließlich wird für ihn die Wis- der nous und in tieferer Bestimmung der Geist die
senschaft der Logik die Nachfolgedisziplin der vorma- Ursache der Welt ist«.169 Es darf nicht vergessen wer-
ligen Metaphysik, was nicht ausschließt, daß er sich den, daß Hegels neue Bestimmung einer Wissen-
hierin auch mit den traditionellen Themen der meta- schaft der Logik als der eigentlichen Metaphysik
physica specialis, wie z. B. mit der »Metaphysik des nicht nur auf die zeitgenössische Diskussion bezogen
Geistes« oder der Seele (psychologia rationalis) und ist, sondern ebenso zurückgeht auf seinen Versuch,
ihren Kritikern (z. B. Kant) befaßt.166 In der Vorrede auch Formen der antiken Metaphysik in diesen
zum ersten Teil der ersten Ausgabe der Wissenschaft Transformationsprozeß wieder miteinzubinden.170
der Logik. Die Lehre vom Sein (1812) sagt Hegel, daß Nicht zuletzt war jedoch, wie bei seinen beiden be-
»die logische Wissenschaft […] die eigentliche Meta- rühmten Zeitgenossen Fichte und Schelling, auch für
physik oder reine spekulative Philosophie ausmacht«, Hegel neben der Philosophie Kants die gleichsam
und er bestimmt ihren Gegenstand im Unterschied wieder auferstandene Philosophie Spinozas ein wich-
zur Darstellung des konkreten, in seiner Entwicklung tiger Referenzpunkt und eine Herausforderung für
erscheinenden Geistes in der Phänomenologie des sein eigenes Denken. In seinen Vorlesungen über die
Geistes folgendermaßen: Geschichte der Philosophie, von deren überlieferten
Nachschriften aus den Berliner Jahren heute nicht
46 II. Die Vernunft und das Absolute

mehr zu sagen ist, welche Teile aus dem verlorenge- Um zunächst nähere Auskunft darüber zu erhal-
gangenen Manuskript aus der frühen Jenenser Zeit ten, was das Besondere an Hegels Vernunftbegriff in-
stammen, in der er schon Vorlesungen zur Philoso- nerhalb seiner Version von spekulativem Idealismus
phiegeschichte gehalten hatte, ist sein Urteil ambiva- oder der spekulativen Logik ausmacht, kann man
lent. Einerseits ist für ihn Spinozas Philosophie sich am besten an den drei Momenten des Logischen
(»Spinozas Idealismus«!) die conditio sine qua non orientieren, so wie sie Hegel in seiner Darstellung der
aller modernen Philosophie (»entweder Spinozismus Logik innerhalb seiner Enzyclopädie der philosophi-
oder keine Philosophie«)171 und sei sogar die Voraus- schen Wissenschaften (1817, 21 827, 31 830) im »Vor-
setzung für die Befreiung des Geistes. begriff« in den §§ 79–82 angegeben hat.
Wenn man anfängt zu philosophieren, so muß § 79
man zuerst Spinozist sein. Die Seele muß sich ba- Das Logische hat der Form nach drei Seiten. a) die
den in diesem Äther der einen Substanz, in der abstrakte oder verständige, b) die dialektische oder
alles, was man für wahr gehalten hat, untergegan- negativ-vernünftige, g) die spekulative oder posi-
gen ist. Es ist diese Negation alles Besonderen, zu tiv-vernünftige.
der jeder Philosoph gekommen sein muß; es ist die Diese drei Seiten machen nicht drei Teile der Logik
Befreiung des Geistes und seine absolute Grund- aus, sondern sind Momente jedes Logisch-Reellen,
lage.172 das ist jedes Begriffes oder Wahren überhaupt. Sie
Dies sind Kennzeichnungen, die man zumeist eher können sämtlich unter das erste Moment, das Ver-
mit Descartes als mit Spinoza verbindet, aber es ist ständige gesetzt und dadurch abgesondert ausein-
deutlich, daß Hegel hier an Spinoza vor allem dessen andergehalten werden, aber so werden sie nicht in
Monismus schätzt. Andererseits bleibt für ihn Spino- ihrer Wahrheit betrachtet. – Die Angabe, die hier
zas Monismus der einen göttlichen Substanz proble- von den Bestimmungen des Logischen gemacht ist,
matisch, weil sie für ihn noch nicht zugleich das sowie die Einteilung ist hier ebenfalls nur antizi-
»Prinzip der Subjektivität« repräsentiert: »sie muß piert und historisch.178
auch als in sich tätig, lebendig gedacht werden und § 80
eben dadurch sich als Geist bestimmen«.173 Hegel a) Das Denken als Verstand bleibt bei der festen
folgt hierbei ganz offensichtlich Jacobis Spinozadar- Bestimmtheit und der Unterschiedenheit dersel-
stellung, wenn er sagt: »Es wird also nicht aus der ben gegen andere stehen; ein solches beschränktes
unendlichen Substanz entwickelt, daß es Verstand, Abstraktes gilt ihm für sich bestehend und sei-
Willen, Ausdehnung gibt […] es ist ja das Eine, wo- end.179
hinein alles geht, um darin zu verschwinden, aus § 81
dem aber nichts herauskommt«.174 Jacobi hatte Spi- b) Das dialektische Moment ist das eigene Sichauf-
nozas Substanzbegriff fälschlicherweise aufgefaßt als heben solcher endlichen Bestimmungen und ihr
»das Ur-Seyn, das allgegenwärtige unwandelbare Übergehen in ihre entgegengesetzten.
Würkliche, welches selbst keine Eigenschaft seyn 1. Das Dialektische, vom Verstande für sich ab-
kann […], welches schlechterdings nur ein Einziges gesondert genommen, macht, insbesondere in wis-
seyn kann, und in dem alles nothwendig sich durch- senschaftlichen Begriffen aufgezeigt, den Skeptizis-
dringen, und schlechterdings zu Einem werden muß. mus aus; er enthält die bloße Negation als Resultat
[…] Darum kann Gott, distinctive, so wenig ein aus- des Dialektischen. 2. Die Dialektik wird gewöhn-
gedehntes körperliches Ding, als ein denkendes ge- lich als eine äußere Kunst betrachtet, welche durch
nannt werden«.175 Damit wird Spinozas Substanzbe- Willkür eine Verwirrung in bestimmten Begriffen
griff in die Nähe von Parmenides‹ Seinsbegriff ge- und einen bloßen Schein von Widersprüchen in ih-
rückt, und Hegel sagt es explizit: »Es ist dasselbe, was nen hervorbringt, so daß nicht diese Bestimmun-
bei den Eleaten das on. Es ist die morgenländische gen, sondern dieser Schein ein Nichtiges und das
Anschauung, die sich mit Spinoza zuerst im Abend- Verständige dagegen vielmehr das Wahre sei. Oft
lande ausgesprochen hat«.176 Aber er wirft Spinoza ist die Dialektik auch weiter nichts als ein subjekti-
nicht – wie so viele – Atheismus vor, sondern Akos- ves Schaukelsystem von hin- und herübergehen-
mismus, d. h. ihm zufolge sei die Welt, das Endliche dem Räsonnement, wo der Gehalt fehlt und die
das nicht Substantielle oder Verschwindende, und Blöße durch solchen Scharfsinn bedeckt wird, der
Hegel ist so geschmacklos, um in diesem Zusammen- solches Räsonnement erzeugt. – In ihrer eigentüm-
hang zu erwähnen, daß Spinoza selbst ja an der lichen Bestimmtheit ist die Dialektik vielmehr die
Schwindsucht gestorben sei.177 Trotzdem wird auf eigene, wahrhafte Natur der Verstandesbestim-
Hegels Spinozaverständnis nochmals bei seiner Be- mungen, der Dinge und des Endlichen überhaupt.
handlung des Begriffs ›das Absolute‹ zurückzukom- Die Reflexion ist zunächst das Hinausgehen über
men sein.
Hegel 47

die isolierte Bestimmtheit und ein Beziehen dersel- die Stelle der von Hegel schon frühzeitig in der Diffe-
ben, wodurch diese in Verhältnis gesetzt, übrigens renzschrift monierten Art und Weise der Deduktion
in ihrem isolierten Gelten erhalten wird. Die Dia- von Kategorien im kritischen Idealismus Kants und
lektik dagegen ist dies immanente Hinausgehen, des frühen Fichte. Gleichwohl darf nicht übersehen
worin die Einseitigkeit und Beschränktheit der werden, daß das verständige Moment des Logischen
Verstandesbestimmungen sich als das, was sie ist, oder die »Verstandes-Logik« die Voraussetzung der
nämlich als ihre Negation darstellt. Alles Endliche beiden Momente der Vernunft in ihrer Funktion für
ist dies, sich selbst aufzuheben. Das Dialektische die »spekulative Logik« bleibt oder in ihr enthalten
macht daher die bewegende Seele des wissen- ist, weil ohne die Fixierung von endlichen Bestim-
schaftlichen Fortgehens aus und ist das Prinzip, mungen durch den Verstand auch das immanente
wodurch allein immanenter Zusammenhang und Hinausgehen über deren Einseitigkeit zunächst
Notwendigkeit in den Inhalt der Wissenschaft durch das dialektische oder negative Moment der
kommt, so wie in ihm überhaupt die wahrhafte, Vernunft nicht möglich wäre. Anders gesagt: Ohne
nicht äußerliche Erhebung über das Endliche die vorgängige Fixierung von einseitigen Verstandes-
liegt.180 bestimmungen wäre weder ihre jeweilige entgegenge-
§ 82 setzte Bestimmung zu finden, noch wäre letztlich ihre
g) Das Spekulative oder Positiv-Vernünftige faßt die konkrete Einheit durch den darauf mittels des spe-
Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegenset- kulativen oder positiven Moments der Vernunft er-
zung auf, das Affirmative, das in ihrer Auflösung folgenden Schritt zu gewinnen, worin die durch die
und Übergehen enthalten ist. dialektische Methode in Form von Entgegensetzun-
1. Die Dialektik hat ein positives Resultat, weil gen gewonnenen unterschiedenen Bestimmungen
sie einen bestimmten Inhalt hat oder weil ihr Resul- synthetisiert werden. Ebenfalls hinweisen muß man
tat wahrhaft nicht das leere, abstrakte Nichts, son- auf die Tatsache, daß für Hegel die Dialektik schein-
dern die Negation von gewissen Bestimmungen ist, bar nicht nur eine Methode der Vernunft ist, bzw.
welche im Resultate eben deswegen enthalten sind, eines der Momente dieses Erkenntnisvermögens aus-
weil dies nicht ein unmittelbares Nichts, sondern macht. Unüberhörbar ist der ontologisierende Un-
ein Resultat ist. 2. Dies Vernünftige ist daher, ob- terton: Die Dialektik bringt zwar zunächst die Natur
wohl ein Gedachtes, auch Abstraktes, zugleich ein der Verstandesbestimmungen (also eines Erkenntnis-
Konkretes, weil es nicht einfache, formelle Einheit, vermögens) ans Licht, aber sie ist darüber hinaus für
sondern Einheit unterschiedener Bestimmungen ist. Hegel ebenso »die wahrhafte Natur […] der Dinge
Mit bloßen Abstraktionen oder formellen Gedan- und des Endlichen überhaupt«. Dies stimmt übri-
ken hat es darum überhaupt die Philosophie ganz gens gut zusammen mit der oben zitierten Bemer-
und gar nicht zu tun, sondern allein mit konkreten kung aus der Differenzschrift, derzufolge »die not-
Gedanken. 3. In der spekulativen Logik ist die wendige Entzweiung […] ein Faktor des Lebens [ist],
bloße Verstandes-Logik enthalten und kann aus je- das ewig sich entgegensetzend bildet«.182 Auf dem
ner sogleich gemacht werden; es bedarf dazu Hintergrund dieser latenten Spannung zwischen der
nichts, als daraus das Dialektische und Vernünftige (selbstredend) epistemologischen Auffassung des
wegzulassen; so wird sie zu dem, was die gewöhn- Verstandes und einer (nicht selbstverständlichen)
liche Logik ist, eine Historie von mancherlei zusam- ontologischen Akzentuierung der Dialektik als der
mengestellten Gedankenbestimmungen, die in ih- negativen Seite der Vernunft ist es interessant zu se-
rer Endlichkeit als etwas Unendliches gelten.181 hen, wie Hegel das abschließende dritte Moment des
Logischen, d. h. die positive oder spekulative Seite der
Wie Kant ist Hegel der Meinung, daß klar zwischen Vernunft verstanden wissen will. Denn gerade die
Verstand und Vernunft unterschieden werden müsse. Frage, ob er hierin entweder nur eine epistemologi-
Aber für ihn ist die Wertung nicht nur eine andere, sche oder aber eher eine ontologische Dimension
was man schon aus seiner stiefmütterlichen Behand- sieht, oder ob er beide zusammenzuführen vermag,
lung des Verstandes ersehen kann. Der Begriff der kann Klarheit über den Typus von spekulativem
Vernunft wird für ihn nicht nur eindeutig dominant, Idealismus verschaffen, den Hegel im Sinn haben
sondern er bringt darüber hinaus eine weitere Diffe- mochte. Die Klärung dieser Frage wird auch wichtig
renzierung innerhalb seines Konzepts von Vernunft sein für die noch zu behandelnde Frage nach dem
ins Spiel, die wesentlich ist für seine Zuweisung der Begriff des Absoluten, bzw. wie die Hegelsche Rede-
Aufgabe, welche die dialektische Methode bei der Ge- weise von »absoluter Idee« auf dem Hintergrund sei-
nerierung von Begriffsbestimmungen und der Fort- ner Auffassung vom sich denkenden Geist zu inter-
entwicklung zu einem System der Begriffe als reinen pretieren ist.
Denkbestimmungen zu übernehmen hat. Sie tritt an Es ist in dem oben zitierten § 82 jedoch zunächst
48 II. Die Vernunft und das Absolute

nur gesagt, daß die abschließende Rolle der positiven Die Idee selbst ist nicht zu nehmen als eine Idee
oder spekulativen Vernunft darin besteht, für das von irgend etwas, sowenig als der Begriff bloß als
Entgegengesetzte eine konkrete, inhaltlich gefüllte bestimmter Begriff. Das Absolute ist die allge-
Einheit in Form einer Einheit unterschiedener Be- meine und eine Idee, welche als urteilend sich zum
stimmungen herzustellen. Weiterhin wird dieses Ver- System der bestimmten Ideen besondert, die aber
nünftige selbst als ein sowohl Abstraktes (»Gedach- nur dies sind, in die eine Idee, in ihre Wahrheit
tes«) als auch Konkretes gefaßt, aber zunächst geht es zurückzugehen. Aus diesem Urteil ist es, daß die
im Sinne idealistischer Epistemologie um »objektive Idee zunächst nur die eine, allgemeine Substanz ist,
Gedanken«. Obwohl wir uns hier innerhalb des He- aber ihre entwickelte, wahrhafte Wirklichkeit ist,
gelschen Systems noch im Rahmen des »Logisch-Re- daß sie als Subjekt und so als Geist ist.187
ellen« bewegen, d. h. der Logik als »der Wissenschaft
der Dinge in Gedanken gefaßt«183, ist der Schritt zu Damit ergibt sich die Frage, wie Hegel seine eigen-
den realphilosophischen Teilen des Systems (Philo- tümliche Auffassung vom Absoluten, das erst im
sophie der Natur und des subjektiven und objektiven Durchgang durch alle Systemteile und Rückgang in
Geistes) jedoch von Anfang an angelegt, denn für sich selbst zum Absoluten wird, zur Darstellung
Hegel gilt die starke idealistische Annahme, daß es bringt.188
sich um objektive Gedanken im folgenden Sinne In der Wissenschaft der Logik, und zwar in Die
handelt: Lehre vom Wesen (1813) hat Hegel ein ganzes Kapitel
unter dem Titel »Das Absolute« plaziert, und er fügt
Daß Verstand, Vernunft in der Welt ist, sagt das- ihm auch eine Anmerkung zu Spinoza (und Leibniz)
selbe, was der Ausdruck ›objektiver Gedanke‹ ent- hinzu. Das Absolute kann aber nicht wie eine der
hält. Dieser Ausdruck ist aber eben darum unbe- anderen Kategorien der Hegelschen Logik angesehen
quem, weil Gedanke zu gewöhnlich nur als dem werden, denn es läßt sich nicht im gewöhnlichen
Geiste, dem Bewußtsein angehörig und das Ob- Sinne bestimmen. Als »einfache gediegene Identität«
jektive ebenso zunächst nur von Ungeistigem ge- ist es unbestimmt, es ist nichts von allem (»die Nega-
braucht wird.184 tion aller Prädikate«) und soll doch zugleich die
Erst gegen Ende dieses ersten Teils im Systemaufbau Grundlage von allem (»die Position aller Prädikate«)
der Enzyklopädie wird deutlich, daß die Vernunft für sein.189 Die Darstellung des Absoluten muß daher
Hegel nur dann als die konkrete Einheit unterschie- auf eine andere Weise erfolgen als durch die Angabe
dener Bestimmungen gelten kann, wenn sie als Idee von einzelnen Prädikaten, die ihm zuerkannt bzw.
gefaßt wird. Dabei wird es ihr zugemutet, epistemo- aberkannt werden könnten. Den Weg, der dann al-
logische und ontologische Dimensionen gleicherma- lein noch offen ist, nennt Hegel »die eigene Ausle-
ßen in sich zu befassen: »Die Idee kann als die Ver- gung des Absoluten« oder »ein Zeigen dessen, was es
nunft (dies ist die eigentliche philosophische Bedeu- ist«.190 Das Absolute wird hiermit schon als ein Sub-
tung für Vernunft), ferner als Subjekt-Objekt, als die jekt und darüber hinaus gleichsam als sein Selbstdar-
Einheit des Ideellen und Reellen, des Endlichen und steller angesehen. Das Schauspiel, das gegeben wird,
Unendlichen, der Seele und des Leibes, […] usf., ge- dauert allerdings wie gewöhnlich seine Zeit, erfolgt
faßt werden«.185 Die Vernunft gefaßt als Idee kann in mehreren Akten und kennt verschiedene Masken,
dies aber nur leisten, weil Hegel die Idee in den Rang deren letzte erst am Ende fällt. Die erste Maske, unter
des Absoluten erhebt und sie konsequenterweise als der das Absolute ab jetzt auftritt, hat nun gerade die
den einzigen wahrhaften Gegenstand auszeichnet, Physiognomie von Spinozas Denken. Aber gerade
d. h. nicht mehr wie noch Kant von drei transzenden- weil sie nur die erste ist, stellt Hegel gegenüber Spi-
talen Ideen entsprechend den drei Teilgebieten der nozas axiomatischem Systemaufbau der Ethica –
metaphysica specialis ausgeht. Es geht dabei nicht nur worin von Beginn an mittels acht Definitionen und
um die Frage nach der Anzahl, denn Hegel kann sieben Axiomata der konzeptuelle und theoretische
ebensowenig Kants Qualifizierung einer transzen- Rahmen für sein Absolutes (das absolut unendliche
dentalen Idee als focus imaginarius, bzw. positiv ge- Seiende, bzw. Substanz) abgesteckt wird – unmiß-
sehen als regulative Idee zustimmen.186 Hegel über- verständlich klar: »das Absolute kann nicht ein Er-
nimmt an dieser Stelle also von Spinoza den Monis- stes, Unmittelbares sein, sondern das Absolute ist we-
mus der Substanz, transformiert ihn aber in einen sentlich sein Resultat«.191
Monismus der Idee, was bedeutet, daß sie nicht nur Weil das Absolute sich also weder im gewöhnli-
Substanz sei, sondern Subjekt oder Geist werden chen Sinne mittels äußerlicher Reflexion definieren,
soll. noch (was vermutlich auch gegen Schellings Identi-
tätsphilosophie gesagt ist) auf systematische Weise
positiv bestimmen läßt, gibt Hegel in diesem Kapitel
Hegel 49

über »das Absolute« statt dessen den ersten Akt sei- (omnis determinatio est negatio) angewandt wird.
ner Selbstdarstellung, die in semi-spinozistischer Ter- Diese Mannigfaltigkeit kann wiederum auf zweierlei
minologie präsentiert wird, indem die Ausdrücke Weise ausgelegt werden. Entweder fällt sie sozusagen
›Attribut‹ und ›Modus‹ (im Singular!) Verwendung vom Himmel, d. h. sie wird von irgendwoher impor-
finden. tiert und ist daher, wie Hegel sagt, eine dem Absolu-
ten äußerliche Reflexion. Damit entsteht die Schwie-
Das Attribut ist erstlich das Absolute als in der ein-
rigkeit etwas neben dem Absoluten anzunehmen.
fachen Identität mit sich. Zweitens ist es Negation,
Oder aber sie wird ins Absolute selbst verlegt, so daß
und diese als Negation ist die formelle Reflexion-
es sich als Modus setzt (A = B ∧ C ∧ D, …), d. h. es
in-sich. Diese beiden Seiten machen zunächst die
ist alles, ohne doch eines davon zu sein. Damit ent-
zwei Extreme des Attributs aus, deren Mitte es
steht die Schwierigkeit, daß es sich veräußerlicht im
selbst ist. – Das zweite dieser Extreme ist das Nega-
Sinne des sich Verlierens »in die Veränderlichkeit und
tive als Negatives, die dem Absoluten äußerliche
Zufälligkeit des Seins«, wobei hiermit natürlich die
Reflexion. – Oder insofern als es als das Innere des
endlichen Seienden gemeint sind. Betrachtet man je-
Absoluten genommen wird und seine eigene Be-
doch diesen Modus des Absoluten nur als einen
stimmung es ist, sich als Modus zu setzen, so ist er
Schein, dann tritt man den Rückweg an, und zwar
das Außersichsein des Absoluten, der Verlust seiner
zunächst über die negative Formbestimmtheit des
in die Veränderlichkeit und Zufälligkeit des Seins,
Attributs des Absoluten zu seiner positiven und letzt-
sein Übergegangensein ins Entgegengesetzte ohne
lich zurück zur absoluten Identität.
Rückkehr in sich; die totalitätslose Mannigfaltigkeit
Diese erste (positive) Auslegung des Absoluten in
der Form und Inhaltsbestimmungen.
spinozistischem Gewande entgeht nach Hegel damit
Der Modus, die Äußerlichkeit des Absoluten, ist
aber nicht der Gefahr des Akosmismus oder der
aber nicht nur dies, sondern die als Äußerlichkeit
Schwindsüchtigkeit der endlichen Dinge gegenüber
gesetzte Äußerlichkeit, eine bloße Art und Weise,
dem alles absorbierenden Absoluten. Ohne Spinoza
somit der Schein als Schein oder die Reflexion der
hier schon zu nennen, lautet die Bilanz:
Form in sich, – somit die Identität mit sich, welche
das Absolute ist. In der Tat ist also erst im Modus Diese positive Auslegung hält so noch das Endliche
das Absolute als absolute Identität gesetzt; es ist vor seinem Verschwinden auf und betrachtet es als
nur, was es ist, nämlich Identität mit sich, als sich einen Ausdruck und Abbild des Absoluten. Aber
auf sich beziehende Negativität, als Scheinen, das die Durchsichtigkeit des Endlichen, das nur das
als Scheinen gesetzt ist. Absolute durch sich hindurchblicken läßt, endigt
Insofern daher die Auslegung des Absoluten von in gänzliches Verschwinden; denn es ist nichts am
seiner absoluten Identität anfängt und zu dem At- Endlichen, was ihm einen Unterschied gegen das
tribut und von da zum Modus übergeht, so hat sie Absolute erhalten könnte; es ist ein Medium, das
darin vollständig ihre Momente durchlaufen.192 von dem, was durch es scheint, absorbiert
wird.194
Da, wie wir gesehen haben, die einfache gediegene
Identität des Absoluten als solche unbestimmt und Die Systemstelle innerhalb von Hegels Wissenschaft
unbestimmbar ist, muß diese absolute Identität sich der Logik (in Die Lehre vom Wesen und noch nicht in
selbst auslegen bzw. zeigen, was sie ist. Dies geschieht Die Lehre vom Begriff) sowie die damit verbundene
in einem ersten Schritt über den Versuch, von seiner Art der ersten Darstellung einer Auslegung des Ab-
relationslosen Identität abzugehen und das Absolute soluten (in durchaus hierher passenden reflexionslo-
als Attribut zu sehen, d. h. es zu relativieren, indem gischen Schritten) läßt erkennen, daß wir es hierbei
seine möglichen Strukturmerkmale gezeigt werden. noch nicht mit Hegels eigener Position zu tun haben,
»Das Attribut ist das nur relative Absolute, eine Ver- sondern mit einer wichtigen, aber dennoch defizien-
knüpfung, welche nichts anderes bedeutet als das Ab- ten Form, die philosophiehistorisch mit Spinoza
solute in einer Formbestimmung«.193 Formal betrach- identifiziert wird. Daß dies tatsächlich der Fall ist,
tet gibt es zwei Varianten, entweder in positiver Form wird aus den ersten Sätzen der sich an das Kapitel
bestimmt als der Identitätssatz: ›A = A‹, oder in nega- »Das Absolute« anschließenden »Anmerkung« deut-
tiver Form als: ›A ≠ B, A ≠ C, A ≠ D, …‹. Für Hegel lich: »Dem Begriffe des Absoluten und dem Verhält-
sind dies zwei Extreme, aber das Attribut ist deren nisse der Reflexion zu demselben, wie es sich hier
Mitte. Der nächste Schritt ist schon angelegt in der dargestellt hat, entspricht der Begriff der spinozisti-
zweiten, negativen Formbestimmtheit, denn hierin schen Substanz. Der Spinozismus ist darin eine man-
kommt eine Mannigfaltigkeit (›B‹, ›C‹, ›D‹, …) ins gelhafte Philosophie, daß die Reflexion und deren
Spiel, indem Spinozas Prinzip, wonach alles Bestim- mannigfaltiges Bestimmen ein äußerliches Denken
men von etwas ein Negieren von etwas anderem ist ist«.195 Es handelt sich hierbei nach Hegels Meinung
50 II. Die Vernunft und das Absolute

vor allem deshalb um ein noch unzureichendes Den- Konzeption bleiben auch eine Reihe von werkinter-
ken, weil die Definitionen des Attributs und des Mo- nen Fragen, z. B. warum Hegel im Zusammenhang
dus der äußerlichen Reflexion und damit nur dem mit der Plazierung von Spinozas Philosophie in der
endlichen, menschlichen Verstand entsprungen Wesenslogik überhaupt über ›Das Absolute‹ handelt
sind.196 und nicht über ›Die Substanz‹, was ja auch termino-
Die Selbstauslegung des Absoluten ist also ein Bei- logisch Spinoza näher gekommen wäre. Zudem
spiel für das komplizierte Verhältnis zwischen Histo- scheint es sich um eine Verdopplung zu handeln,
rischem und Logischem bei Hegel. Sie ist zum einen wenn er zu Beginn der Begriffslogik nochmals auf
ein sich philosophiehistorisch vollziehender Prozeß, Spinozas Monismus der Substanz zurückkommt.200
der für ihn offensichtlich mit Spinoza erstmals ganz Es mag daher vielleicht konsequent sein, daß gerade
dezidiert einsetzt. Aber es handelt sich für Hegel das Kapitel »Das Absolute« (nicht nur wegen not-
ebenso um eine systematische Explikation der Form- gedrungener Kürzungen) in der Enzyklopädie-Ver-
bestimmungen des Absoluten innerhalb seiner eige- sion der Logik (schon ab der ersten Heidelberger Fas-
nen spekulativen Logik, die an dieser Stelle (im Kapi- sung von 1817) von Hegel nicht mehr aufgenommen
tel »Das Absolute«) zwar eine bestimmte Form an- wird. Statt dessen arbeitet er dort stärker mit einer
nimmt, aber als solche noch nicht abgeschlossen sein einander ablösenden Reihe von Definitionen des Ab-
kann. Denn deren Ziel ist für Hegel in der Wissen- soluten. So heißt es z. B. innerhalb seiner Lehre vom
schaft der Logik und darüber hinaus für das gesamte logischen Urteil und Schluß: »die Definition des Ab-
System die »absolute Idee«: soluten ist nunmehr, daß es der Schluß ist, oder als
Satz diese Bestimmung ausgesprochen: ›Alles ist ein
[D]ie absolute Idee allein ist Sein, unvergängliches
Schluß‹.«; aber ganz am Ende wiederum kulminie-
Leben, sich wissende Wahrheit und ist alle Wahrheit.
rend in der absoluten Idee wird festgestellt: »Die De-
Sie ist der einzige Gegenstand und Inhalt der Phi-
finition des Absoluten, daß es die Idee ist, ist nun
losophie. Indem sie alle Bestimmtheit in sich ent-
selbst absolut. Alle übrigen Definitionen gehen in
hält und ihr Wesen dies ist, durch ihre Selbstbe-
diese zurück«.201 Die Frage jedoch, ob Hegel damit
stimmung oder Besonderung zu sich zurückzu-
den Begriff des Absoluten (d. h. natürlich nur in sei-
kehren, so hat sie verschiedene Gestaltungen, und
ner substantivierten Form) auch als eine der logi-
das Geschäft der Philosophie ist, sie in diesen zu
schen Kategorien (mit einem eigenen Kapitel) inner-
erkennen. Die Natur und der Geist sind überhaupt
halb seiner Wissenschaft der Logik aufgeben wollte,
unterschiedene Weisen, ihr Dasein darzustellen,
bleibt offen, denn er ist am Ende seines Lebens leider
Kunst und Religion ihre verschiedenen Weisen,
nur noch zur Überarbeitung des ersten Buchs des er-
sich zu erfassen und ein sich angemessenes Dasein
sten Teils Die Lehre vom Sein (1832) gekommen.
zu geben; die Philosophie hat mit Kunst und Reli-
gion denselben Inhalt und Zweck; aber sie ist die Detlev Pätzold
höchste Weise, die absolute Idee zu erfassen, weil
ihre Weise, die höchste, der Begriff ist.197
Die absolute Idee soll in Hegels spekulativem Idea- Weiterführende Literatur
lismus also in der Tat ontologische und epistemologi- Zu Kant
sche Rollen übernehmen. Sein, Leben (Natur) und Allison, H. E., 1980, Kant’s Critique of Spinoza. In: R. Ken-
Erkennen (der sich denkende Geist) sollen gleicher- nington (Hrsg.), The Philosophy of Baruch Spinoza,
maßen ihre Daseinsformen sein, die in Kunst, Reli- Washington.
gion und Philosophie ihre Formen epistemischer Höffe, O., 2003, Kants Kritik der reinen Vernunft. Die Grund-
legung der modernen Philosophie, München.
Realisierung erhalten und dann zusammengenom- Model, A., 1986/87, Zu Bedeutung und Ursprung von Ȇber-
men unter dem Titel »absoluter Geist«198 firmieren. sinnlich« bei Immanuel Kant. In: Archiv für Begriffsge-
(Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Reli- schichte Bd. XXX (1986/87).
gion und Philosophie sowie die Begründung dafür, Renault, A., 1998, Transzendentale Dialektik, Einleitung und
daß Hegels Auffassung vom Absoluten weder in der Buch I. In: G. Mohr/M. Willaschek (Hrsg.), Immanuel
Kant. Kritik der reinen Vernunft, Berlin.
Philosophie noch in der Religionsphilosophie eine Seel, G., 1998, Die Einleitung in die Analytik der Grundsätze,
Rückkehr zur traditionellen theologia naturalis impli- der Schematismus und die obersten Grundsätze. In: G.
ziert, finden sich am ausführlichsten in seinen Vor- Mohr/M. Willaschek (Hrsg.). Immanuel Kant. Kritik der
lesungen über die Philosophie der Religion; beispiels- reinen Vernunft, Berlin.
weise in der Einleitung (1824) und in Der Begriff der
Zu Fichte
Religion (nach dem Manuskript 1821)199; s. auch Baumanns, P., 1990, J. G. Fichte. Kritische Gesamtdarstellung
Kap. 9: Die Religion und der Gottesbegriff. seiner Philosophie, Freiburg/München.
Einmal abgesehen vom hohen Anspruch dieser Gloy, K., 1982, Der Streit um den Zugang zum Absoluten.
Anmerkungen 51

Fichtes indirekte Hegel-Kritik. In: Zschr. f. philosophische sätze, etc.: Spinoza, Ethica I, prop. 18, prop. 29; Ethica IV,
Forschung, 36. Band (1982), Heft 1. Praef., prop. 4.
Lauth, R., 1978, Spinoza vu par Fichte. In: Archives de Philo- 6 Lessing, Rezension von Moses Mendelssohns ›Philosophische
sophie, tome 41 (1978), no.1. Gespräche‹ (1755), LM VII, S. 14. Zur entsprechenden For-
Lauth, R., 1984, Die transzendentale Naturlehre Fichtes nach mulierung in Mendelssohns Philosophische Gespräche vgl.
den Prinzipien der Wissenschaftslehre, Hamburg. Mendelssohn, Philosophische Gespräche (1755), MS 1,
Philonenko, A., 1984, L’œuvre de Fichte. A la recherche de la S. 10. Zu Mendelssohn vgl. die grundlegende Studie: Alt-
vérité, Paris. mann 1973.
Rohs, P., 1991, Johann Gottlieb Fichte, München. 7 Vgl. Mendelssohn, Philosophische Gespräche (1755), MS 1,
S. 7–12.
Zu Schelling 8 Vgl. Mendelssohn, Philosophische Gespräche (1755), MS 1,
Beierwaltes, W., 1980, Absolute Identität. Neuplatonische Im- S. 15; vgl. Bayle 1974, Historisches und Critisches Wörter-
plikationen in Schellings »Bruno«. In: ders., Identität und buch (1695–1697), IV, S. 268. Wolffs Spinoza-Kritik findet
Differenz, Frankfurt/M. sich in seiner Theologia naturalis (1737/1741), pars II,
Düsing, K., 1988, Schellings und Hegels erste absolute Meta- §§ 671–716; sie ist in deutscher Version (nebst der deut-
physik (1801–1802), hrsg., eingel. und mit Interpretationen schen Übersetzung von Spinozas Ethica von J. L. Schmidt)
versehen, Köln. wieder abgedruckt in: Wolff 1981, III. Abt., Bd. 15, S. 3–
Frank, M., 1985, Eine Einführung in Schellings Philosophie, 128.
Frankfurt/M. 9 Mendelssohn, Philosophische Gespräche (1755), MS 1,
Jantzen, J., 1998, Die Philosophie der Natur. In: H. J. Sand- S. 14.
kühler (Hrsg.), F.W.J. Schelling, Stuttgart/Weimar. 10 Vgl. hierzu ausführlicher Pätzold 2002, S. 93–113.
Moiso, F., 1995, Spekulation und empirische Wissenschaften in 11 Lessing, Über die Wirklichkeit der Dinge ausser Gott (1763),
Schellings Naturphilosophie. In: H. J. Sandkühler (Hrsg.), LW 8, S. 515.
Interaktionen zwischen Philosophie und empirischen Wis- 12 Vgl. hierzu Pätzold 2002, S. 80–86.
senschaften, Frankfurt/M. 13 Lessing, F. H. Jacobi über seine Gespräche mit Lessing
(1785), LW 8, S. 563–564; vgl. auch diese Gespräche abge-
Zu Hegel druckt in: Jacobi, Über die Lehre des Spinoza in Briefen an
Boer, K. de, 2004, The Dissolving Force of the Concept: Hegel’s den Herrn Moses Mendelssohn (1785), JW 1.1, S. 16–18.
Ontological Logic. In: The Review of Metaphysics 57 14 Über die verwickelten Hintergründe der Entstehung beider
(2004). Schriften und des weiteren Gangs der Dinge im Spinoza-
Düsing, K., 1983, Hegel und die Geschichte der Philosophie, Streit informiert Leo Strauss in seiner Einleitung zu dem
Darmstadt. von ihm betreuten Band der Werke Mendelssohns; vgl. MS
Fulda, H. F., 1991a, Spekulative Logik als die »eigentliche Me- 3.2, S. XI-XCV; vgl. weiterhin Christ 1988.
taphysik«. Zu Hegels Verwandlung des neuzeitlichen Meta- 15 Vgl. Mendelssohn, Morgenstunden oder Vorlesungen über
physikverständnisses. In: D. Pätzold/A. Vanderjagt (Hrsg.), das Daseyn Gottes (1785), MS 3.2, S. 104–105.
Hegels Transformation der Metaphysik, Köln. 16 Ebd., S. 115.
Fulda, H. F., 2003, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, München. 17 Spinoza, Ethica I, prop. 33.
Henrich, D., 1978, Formen der Negation in Hegels Logik. In: 18 Mendelssohn, Morgenstunden (1785), MS 3.2, S. 116.
R.-P. Horstmann (Hrsg.), Seminar: Dialektik in der Philo- 19 Ebd., S. 116.
sophie Hegels, Frankfurt/M. 20 Ebd., S. 4.
Lauth, R., 1987, Hegel vor der Wissenschaftslehre, Stuttgart. 21 Vgl. ebd., S. 4f.
Pätzold, D., 1988, Hegels Metaphysikbegriff im Lichte seiner 22 Vgl. ebd., S. 79 f.; vgl. auch in seiner Reaktion auf Jacobi in:
Darstellung der aristotelischen und der scholastischen Me- Mendelssohn, An die Freunde Lessings. Ein Anhang zu
taphysik. In: D. Henrich/R.-P. Horstmann (Hrsg.), Meta- Herrn Jacobi Briefwechsel über die Lehre des Spinoza (1786),
physik nach Kant?, Stuttgart-Bad Cannstatt. MS 3.2, S. 197 f.
Wolff, M., 1981, Der Begriff des Widerspruchs. Eine Studie zur 23 Mendelssohn, Morgenstunden (1785), MS 3.2, S. 34.
Dialektik Kants und Hegels, Königstein/Ts. 24 Ebd., S. 141.
25 Ebd., S. 146.
26 Vgl. ebd., S. 151 f.
27 Vgl. Jacobi, Über die Lehre des Spinoza (1785), JW 1.1,
Anmerkungen S. 20 f.
28 Vgl. Mendelssohn, Morgenstunden (1785), MS 3.2, S. 3.
1 Vgl. z. B. Cusanus 1970, De Docta Ignorantia. Liber Primus 29 Jacobi, Über die Lehre des Spinoza (1785), JW 1.1, S. 17.
(1440), S. 12, 38, 68; Cusanus 1971, De Coniecturis 30 Ebd., S 120–125.
(1440/1444), S. 24–32 (in dieser Übersetzung wird aller- 31 Vgl. Spinoza, Ethica I, def. 6; prop. 13.
dings verwirrenderweise ›intellectus‹ mit ›Verstand‹ und 32 Vgl. Ebd., def. 4.
›ratio‹ mit ›Vernunft‹ wiedergegeben). 33 Hegel, HW 20, S. 177.
2 Brief an Knebel vom 18. November 1785. Vgl. auch seinen 34 Spinoza, Ethica II, prop. 1; 2.
Jacobis Position abweisenden Brief an Jacobi vom 21. Ok- 35 Vgl. insbesondere die Beylage IV und VII zur zweiten Auf-
tober 1785. lage in: JW 1.1, S. 219 ff., 261 f.
3 Zur Wirkung Spinozas im Deutschen Idealismus vgl. Vay- 36 Jacobi, Über die Lehre des Spinoza (1785), JW 1.1, S. 29;
see 1994. 28.
4 Lessing, Rezension von Moses Mendelssohns ›Philosophische 37 Mendelssohn, An die Freunde Lessings (1786), MS 3.2,
Gespräche‹ (1755), LM VII, S. 14. S. 211.
5 Vgl. Spinoza 1999, Ethica Ordine Geometrico demonstrata 38 Vgl. Spinoza, Ethica I, App., S. 81–89.
(1677), zitiert als Ethica unter Angabe der üblichen Ver- 39 Spinoza, Ethica IV, Praef., S. 375.
weise auf die einzelnen Teile, Definitionen, Axiome, Lehr- 40 Mendelssohn, An die Freunde Lessings (1786), MS 3.2,
S. 212 f.
52 II. Die Vernunft und das Absolute

41 Zum breiteren Kontext von Herders Positionsbestimmung 70 Kant, Kritik der reinen Vernunft B 356.
und vielen Details vgl. Zammito 1997, S. 107–144; Ham- 71 Ebd., B 359.
macher 1997, S. 166–188. Zur Genese und Beurteilung von 72 Vgl. ebd., B 187–294. Zu den Grundlagen dieses Teils der
Herders Spinoza-Rezeption vgl. Bell 1984. Kritik der reinen Vernunft vgl. Seel 1998, S. 217–246.
42 Vgl. Pätzold 2005. 73 Kant, Kritik der reinen Vernunft B 359.
43 Vgl. Herder, Gott. Einige Gespräche (1787), HS 4, S. 709 ff. 74 Kant, Kritik der reinen Vernunft B 364.
44 Ebd., S. 709 f. 75 Ebd., B 366; vgl. weiterhin ebd., B 377–399.
45 Vgl. Hammacher 1997, S. 180–183. 76 Ebd., B 367 f.
46 Herder, Gott. Einige Gespräche (1787), HS 4, S. 709. 77 Ebd., B 391–392. Interessant ist die Abweichung von der
47 Ebd., S. 715 f. traditionellen Bezeichnung der Theologie als theologia na-
48 Herders Kenntnis vom Stand der Wissenschaften zu seiner turalis oder rationalis.
Zeit wird recht kritisch beleuchtet in: Nisbet 1970; ebenso 78 Vgl. ebd., B 380–383.
die Einschätzung von Bell 1984, S. 127–129 und Otto 1994, 79 Ebd., B 382.
S. 289–291; positiver bei Zammito 1997, S. 133–135. 80 Ebd., B 739.
49 Herder, Gott. Einige Gespräche (1787), HS 4, S. 757. Zu sei- 81 Ebd., B 672–673.
nem auf den Gottesbeweis gestützten Vernunftbegriff vgl. 82 Vgl. Höffe 2003, S. 273.
ebd. S. 752–755. 83 Kant, Kritik der reinen Vernunft B 698–701.
50 Vgl. Voßkühler 1996. 84 Vgl. Höffe 2003, S. 273. Zum Unterschied zwischen einem
51 Zum ersten Aspekt vgl. Lauth 1987; Pätzold 2002, S. 120– Schema und einem Bild, den Kant allerdings schon in der
127; zum zweiten Aspekt vgl. Düsing 1980, S. 25–44; Dü- ›Analytik der Grundsätze‹ macht, vgl. Kritik der reinen Ver-
sing 1988. nunft B 179–181.
52 Zur Genese von Herders Spinozarezeption ab seiner Rigaer 85 Wie O. Höffe im Anschluß an H. Vaihinger sagt; vgl. Höffe
Zeit (1769) vgl. ausführlich: Bell 1984, S. 38–70. Auch in 2003, S. 268; 276 f.
seiner Weimarer Zeit wirkt er als treuer Makler Spinozas, 86 Vgl. das Zitat bei Anm. 60.
wie man u. a. aus der Tatsache ersehen kann, daß er Frau 87 Kant, Kritik der reinen Vernunft B XXXIV; vgl. auch mit
von Stein und Goethe zu Weihnachten ein Exemplar der deutlichem Bezug auf die transzendentalen Ideen: Kant,
Ethica mit einem Widmungsgedicht schenkt, vgl. ebd. Prolegomena (1783), AA IV, S. 363.
S. 97–98. 88 Kant, Was heißt: Sich im Denken orientiren? (1786), AA
53 Vgl. Kant, Kritik der reinen Vernunft (21787), B 672–673. VIII, S. 143 Anm.; Fichte, Grundlage der gesamten Wissen-
54 Kant, Über eine Entdeckung nach der alle neue Kritik der schaftslehre (1794), SW I, S. 120.
reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht wer- 89 Spinoza, Ethica II, lemma 7, schol.
den soll (1790), AA VIII, S. 244. 90 Schelling, Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Na-
55 Vgl. ebd., S. 246–251. turphilosophie (1799), SW III, S. 284. K. Düsing unter-
56 Kant, Was heißt: Sich im Denken orientiren? (1786), AA scheidet drei Phasen in Schellings Spinozarezeption bis
VIII, S. 143. Erst von diesem Zeitpunkt an verwendet Kant einschließlich seiner Jenenser Zeit (1803), demzufolge
den Ausdruck ›übersinnlich‹; vgl. Model 1986/87, S. 184 f. seine frühe Naturphilosophie in die zweite Phase fällt, wäh-
57 Lessing, F. H. Jacobi über seine Gespräche mit Lessing rend die Entstehung der Identiteitsphilosophie ab 1801 die
(1785), LW 8, S. 570 (vgl. auch JW 1.1, S. 29). dritte Phase markiert; vgl. Düsing 1980, S. 35; vgl. auch
58 Kant, Was heißt: Sich im Denken orientiren? (1786), AA Pätzold 2002, S. 129–139. Als Einführung in Schellings
VIII, S. 138 Anm. frühe Naturphilosophie vgl. Moiso 1995, S. 115–133, Jant-
59 Ebd. zen 1998, S. 82–108; vgl. in diesem Buch den Abschnitt zu
60 Ebd., S. 137. Schelling in Kap. 5: Die Natur.
61 Ebd., S. 139. Zum Gebrauch der praktischen Vernunft vgl. 91 Schelling, System des transzendentalen Idealismus (1800),
in diesem Buch Kap. 6: Freiheit, Moral und Sittlichkeit. SW III, S. 331.
62 Vgl. Kant, Was heißt: Sich im Denken orientiren? (1786), 92 Kant selbst hielt so etwas wie eine intellektuelle Anschau-
AA VIII, S. 140. ung für unmöglich; vgl. Kritik der reinen Vernunft B 135;
63 Dies belegt der von W. Jaeschke herausgegebene Band mit 145. Fichte dagegen hatte diesem Vermögen eine wichtige
demselben Titel, der sich an die Schrift Jacobis Von den Rolle zuerkannt; zu Fichtes Position in dieser Frage vgl.
göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung (1811) anlehnt; wiederum Kap. 4 in diesem Buch. Auch bei Romantikern,
vgl. Jaeschke 1999. wie Novalis, hatte sie große Bedeutung; vgl. hierzu Kap. 11:
64 Vgl. Jacobi, Über die Lehre des Spinoza (1785), JW 1.1, S. 96 Der philosophische Beitrag der deutschen Frühromantik
Anm. 1. und Hölderlins. Zur Methode der Konstruktion vgl. Schel-
65 Kant, Was heißt: Sich im Denken orientiren? (1786), AA- lings kleine Schrift Ueber die Construktion in der Philoso-
VIII, S. 143 Anm. phie (1803), SW V, S. 125–151.
66 Vgl. Kant, Einige Bemerkungen zu Ludwig Heinrich Jakob’s 93 Als Einführung in Schellings Identitätsphilosophie bis zu
Prüfung der Mendelssohn’schen Morgenstunden (1786), AA- den Stuttgarter Privatvorlesungen (1810) vgl. Frank 1985,
VIII, S. 151. S. 104–132.
67 Spinoza, Ethica I, def. 4; Ethica II, prop. 7; Ethica V, prop. 94 Vgl. hierzu Beierwaltes 1980, S. 204–240.
23. 95 Schelling, Darstellung meines Systems der Philosophie
68 Zu den weiteren Details von Kants Spinoza-Kritik vgl. Alli- (1801), SW IV, S. 108. Zudem vermeidet Schelling eine
son 1980, S. 199–227 und Pätzold 2002, 114–119. Festlegung, ob es sich hierbei um Idealismus (im Sinne
69 Im Folgenden beziehe ich mich vorwiegend auf die 2. Auf- Fichtes) oder Realismus (im Sinne Spinozas) handelt; vgl.
lage von 1787 (Kritik der reinen Vernunft B) in: AA III; wo ebd., S. 109–110.
nötig wird auf den Text der 1. Auflage unter der Sigle Kritik 96 Vgl. Schelling, Darstellung meines Systems der Philosophie
der reinen Vernunft A in: AA IV verwiesen. Zu den Grund- (1801), SW IV, S. 113.
lagen dieses Teils der Kritik der reinen Vernunft vgl. Renault 97 Ebd., S. 114; 115. Übrigens kopiert Schelling in dieser
1998, S. 353–370. Schrift bewußt (vgl. SW IV, S. 113) teilweise Spinozas Dar-
Anmerkungen 53

stellungsart aus der Ethica (d. h. in geometrischer Ord- 135 Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794),
nung), indem er ebenfalls mit Lehrsätzen, Erklärungen, SW I, S. 122.
Zusätzen etc. operiert. 136 Ebd., S. 120:
98 Ebd., S. 115. 137 Ebd., S. 101.
99 Ebd., S. 116. 138 Fichte, Vorlesungen über Logik und Metaphysik (1797), GA
100 Ebd., S. 122. IV.1, S. 370.
101 Ebd., S. 118. 139 Fichte, Darstellung der Wissenschaftslehre aus dem Jahre
102 Ebd., S. 119. 1801, SW II, S. 22. Zu den verschiedenen Versionen von
103 Ebd., S. 120. Fichtes Wissenschaftslehre vgl. Baumanns 1990; zur der
104 Ebd., S. 136: sich in der Version aus dem Jahre 1801 anbahnenden
105 Ebd., S. 126. Wende vgl. auch Gloy 1982, S. 25–48.
106 Ebd., S. 125. 140 Fichte, Die Wissenschaftslehre. Vorgetragen im Jahre 1812,
107 Vgl. ebd., S. 142–212. SW X, S. 343.
108 Vgl. Schelling, Fernere Darstellungen aus dem System der 141 Spinoza, Ethica I, prop. 29; vgl. auch das Zitat aus prop.
Philosophie (1802), SW IV, S. 339–423. Die rationale Kos- 33 oben bei Anm. 17. Zu Fichtes expliziter Ablehnung
mologie oder Naturphilosophie kommt im Anschluß jeder Schöpfungslehre vgl. SW X, S. 345.
hieran nochmals zur Darstellung; vgl. SW IV, S. 423– 142 Fichte, Die Wissenschaftslehre. Vorgetragen im Jahre 1812,
508. SW X, S. 326 f.
109 Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen 143 Ebd., SW X, S. 327.
Studiums (1803), SW V, S. 283. 144 Vgl. ebd., S. 327 f.
110 Zum Verhältnis von metaphysischer Spekulation und em- 145 Ebd., S. 327.
pirischen Wissenschaften am Beispiel von Schellings Na- 146 Ebd., S. 332 f.
turphilosophie vgl. Moiso 1995. 147 Ebd., S. 334.
111 Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794), 148 Ebd.
SW I, S. 100–101; und vgl. weiterhin: SW I, S. 119–122. 149 Ebd., S. 344, 345.
112 Schelling, Fernere Darstellungen aus dem System der Philo- 150 Vgl. GA II.13, S. 67; 145, 147.
sophie (1802), SW IV, S. 354. 151 Fichte, Die Wissenschaftslehre. Vorgetragen im Jahre 1812,
113 Vgl. ebd., S. 361 f. SW X, S. 339.
114 Vgl. ebd., S. 364 f. 152 Ebd., S. 338 und S. 327. Fichte spricht im Zusammenhang
115 Ebd., S. 360. der erstgenannten Stelle sogar von erster bzw. zweiter ›Po-
116 Ebd., S. 361. tenz‹, wie Schelling in seinem Identitätsystem.
117 Ebd., S. 391–392 Anm. 1; vgl. auch SW IV, S. 372–373, wo 153 Ebd., S. 343; vgl. das ausführliche Zitat bei Anm. 139.
Schelling das Verhältnis des Denkens und des Seins in 154 Zu Schellings und Hegels Position in diesen Jahren vgl.
Spinozas Terminologie der zwei Attribute ›Denken‹ und Düsing 1980, S. 25–44 und Düsing 1988.
›Ausdehnung‹ formuliert, jedoch der Interpretation Jaco- 155 Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen Sy-
bis folgend von einer bei Spinoza selbst nicht behaupteten stems der Philosophie (1801), HW 2, S. 21–22.
Identität beider im Absoluten ausgeht, aber anders als Ja- 156 Ebd., S. 26.
cobi daraus das Zusammenfallen des absoluten Erkennens 157 Schelling, Darstellung meines Systems der Philosophie
mit dem Absoluten selbst schließen zu können glaubt; vgl. (1801), SW IV, S. 114; 125; 129.
SW IV, S. 377 f. 158 Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen Sy-
118 Ebd., S. 394. stems der Philosophie (1801), HW 2, S. 11.
119 Ebd., S. 394. 159 Kant, Kritik der reinen Vernunft B 145 f.
120 Ebd., S. 394; meine Kursivierung. 160 Vgl. hierzu Lauth 1987.
121 Vgl. ebd., S. 395 f. 161 K. Gloy hat gleichwohl einen interessanten systematischen
122 Vgl. ebd., S. 407; vgl. auch schon in Schelling, Darstellung Vergleich zwischen der späten Wissenschaftslehre Fichtes
meines Systems der Philosophie (1801), SW IV, S. 121. (ab 1801) und der Position Hegels seit der Ausarbeitung
123 Schelling, Fernere Darstellungen aus dem System der Philo- seiner Wissenschaft der Logik gezogen; vgl. Gloy 1982.
sophie (1802), SW IV, S. 408. 162 Vgl. Schelling, Darstellung meines Systems der Philosophie
124 Ebd., S. 407. Schelling spricht in diesem Zusammenhang (1801), SW IV, S. 121.
auch von ›Potenzen‹; vgl. SW IV, S. 419–423. 163 Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen Sy-
125 Ebd., S. 411; vgl. auch Schellings Darstellung im Rahmen stems der Philosophie (1801), HW 2, S. 96.
seiner Potenzenlehre: SW IV, S. 422. 164 Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), HW 3, S. 22.
126 Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794), 165 Zu diesen ersten Entwürfen und der Frage, warum Hegel
SW I, S. 199. Zu Gesamtdarstellungen der Philosophie später den Titel ›Metaphysik‹ unter den der ›Logik‹ derart
Fichtes vgl. Philonenko 1984, Rohs 1991. subsumiert, daß diese »zugleich die eigentliche Metaphy-
127 Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794), sik« sein kann, vgl. Fulda 2003, S. 75–81, 93–100.
SW I, S. 97 f. 166 Vgl. Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Begriff
128 Spinoza, Ethica I, def. 1; 3. (1816), HW 6, S. 487–493; und zu allen drei Gebieten der
129 Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794), metaphysica specialis in der Schulmetaphysik und sodann
SW I, S. 119. aus Kantischer Perspektive vgl. Hegel, Enzyklopädie der
130 Ebd., S. 119. philosophischen Wissenschaften I (1830), HW 8, S. 97–106;
131 Vgl. ebd., S. 216. 124–137. Vgl. hierzu Fulda 1991a, S. 9–27.
132 Ebd., S. 233. 167 Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Sein (1812,
2
133 Ebd., S. 233 f. Vgl. hierzu Lauth 1984, S. 17–56. 1832), HW 5, S. 16–17.
134 Fichte, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794), 168 Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Sein (1832),
SW I, S. 122. Zu Fichtes Spinozabild vgl. Lauth 1978, HW 5, S. 30.
S. 27–48 und Pätzold 2002, S. 119–129. 169 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I
(1830), HW 8, S. 52.
54 II. Die Vernunft und das Absolute

170 Zu einigen Aspekten seiner gegen scholastische Deforma- 186 Vgl. z. B. Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Be-
tionen gerichteten Restituierung der ›ersten Philosophie‹ griff (1816), HW 6, S. 463. Zu Hegels mehr als nur epi-
(prote philosophia) des Aristoteles (die erst später den Ti- stemologischer Bedeutung seines Konzepts von ›absoluter
tel ›Metaphysik‹ erhielt) vgl. Pätzold 1988, S. 602–619. Idee‹ vgl. Fulda 1991b, S. 80 ff.; Fulda 2003, S. 121 ff.
Zum breiteren Spektrum der Verarbeitung antiker Meta- 187 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I
physik (insbesondere auch der platonischen und neupla- (1830), HW 8, S. 368.
tonischen Elemente) durch Hegel vgl. Düsing 1983, S. 40– 188 Vgl. zum Verfahren der fortschreitenden Darstellung des
159. Absoluten in einer Reihe von Definitionen und der damit
171 Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III, verbundenen Probleme: Fulda 1991b, S. 65–78; Fulda
HW 20, S. 161; 163 f. 2003, S. 104–122.
172 Ebd., S. 165. 189 Vgl. Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Wesen
173 Ebd., S. 164; 166. (1813), HW 6, S. 187.
174 Ebd., S. 167. 190 Ebd.
175 Jacobi, Über die Lehre des Spinoza (1785), JW 1.1, S. 98; 191 Ebd., S. 196.
112; 111. 192 Ebd., S. 193.
176 Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III, 193 Ebd., S. 191. Hier ist die Nähe zu Schellings früher Identi-
HW 20, S. 165. tätsphilosophie besonders groß; vgl. Schelling, Darstel-
177 Vgl. ebd., S. 163; 177; 167. lung meines Systems der Philosophie (1801), SW IV,
178 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I S. 122.
(1830), HW 8, S. 168. 194 Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Wesen
179 Ebd., S. 169. (1813), HW 6, S. 190.
180 Ebd., S. 172–173. 195 Ebd., S. 195.
181 Ebd., S. 176 f. 196 Vgl. ebd., S. 196 ff.
182 Hegel, Differenz des Fichteschen und Schellingschen Sy- 197 Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Begriff
stems der Philosophie (1801), HW 2, S. 21. Zur Rolle der (1816), HW 6, S. 549.
Negativität und den reflexionslogischen Formen der Ne- 198 Vgl. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaf-
gation in Hegels Logik vgl. Henrich 1978, S. 213–229 und ten III (1830), HW 10, S. 366–394.
Wolff 1981, S. 101–168. 199 Vgl. Hegel 1993, S. 34–38; 95 f.
183 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I 200 Vgl. Hegel, Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Begriff
(1830), HW 8, S. 81. (1816), HW 6, S. 249–251.
184 Ebd. 201 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I
185 Ebd., S. 370. (1830), HW 8, S. 332; 367 f.
55

III. System und Methode

Der in der Philosophie des Deutschen Idealismus nunft zugängliche Struktur gibt, die empirische Ar-
vertretene Begriff des Systems löst wohl bei Lesern beit ermöglicht. So betrachtet beispielsweise Descar-
mit einer eher empirischen Ausrichtung Befremden tes auf diese apriorische Weise erworbene Begriffe als
aus. Allem Anschein nach führt der Wunsch nach ei- selbst-evident: Ihre Rechtfertigung besteht genau
ner Systematisierung allen Wissens zu einer unbe- darin, daß die klaren und deutlichen Begriffe der Er-
gründeten Synthese von Begriffen, bei der eine Be- fahrung vorgängig sind. Spinozas Ethica, Ordine Geo-
rücksichtigung von in den Naturwissenschaften auf- metrico Demonstrata stellt einen expliziten Versuch
zufindenden Rechtfertigungsformen durchweg abge- dar, Ideen in logischer und deduktiver Form zu prä-
lehnt wird. Eine Philosophie, die durch vorgefaßte sentieren, aber auch zu zeigen, daß Beweise philo-
Vorstellungen einer inneren Systematizität der Reali- sophischer Behauptungen auch mit Hilfe der geome-
tät verblüfft – muß sie nicht mit einer ebenso frag- trischen Methode geführt werden müssen. Dies bein-
würdigen Methodologie operieren? Edmund Husserl haltet ein analytisches Verfahren, in dem wir kom-
bringt dieses konventionelle Vorurteil sarkastisch plexe Wahrheiten von einfacheren Axiomen ableiten.
zum Ausdruck: So ist zum Beispiel der Grund dafür, daß irgendeine
geometrische Figur genau die Eigenschaften hat, die
Ein philosophisches ›System› im traditionellen
sie hat, in der Anordnung ihrer Linien und der Win-
Sinn, gleichsam eine Minerva, die vollendet und
kel von deren Nexus zu suchen. Diese Idee bezieht
gewappnet aus dem Haupte eines schöpferischen
sich ganz offensichtlich auf einen weiten Sinn von
Genies entspringt – um dann in späteren Zeiten
›Ursache‹: es ist eher ein Fall von ›weil‹; signifikant ist
neben anderen solchen Minerven im stillen Mu-
aber, daß sie mit der Vorstellung einhergeht, daß Ver-
seum der Geschichte aufbewahrt zu werden?1
ständnis nur da in die Erfahrung kommt, wo es
Eine solche Reaktion wird jedoch der sorgfältigen Rechtfertigung im Sinne eines analytischen Verfah-
Überzeugungsarbeit der großen philosophischen Sy- rens gibt. Dieses rationalistische Element wird in der
steme des Deutschen Idealismus, die allesamt unter Vorstellung der deutschen Idealisten von Rechtferti-
expliziter Ablehnung romantischer Rhapsodie und gung bedeutsam werden.
schlampiger Logik entwickelt wurden, nicht gerecht. Wenngleich man den Eindruck haben kann, daß
Sie versäumt es auch, die unterschiedlichen Wege zu einige der Texte aus der Zeit des Deutschen Idealis-
erkennen, mit Hilfe derer die in dieser Zeit konzipier- mus mehr damit beschäftigt sind, Ordnung in die
ten philosophischen Methoden der Philosophie ein von Naturwissenschaft und Philosophie entwickelten
eigenes und irreduzibles Reich abzustecken halfen. Begriffe zu bringen, als mit der Frage nach deren ei-
Die bei den deutschen Idealisten aufzufindende gentlicher Kompatibilität, wäre es falsch zu denken,
Verbindung zwischen den Ideen von System und Me- daß das Bedürfnis nach Systematizität im Allgemei-
thode ist weit vom Alltagsdenken entfernt. Die em- nen ein Eigenleben führt. ›L’esprit systèmatique‹, wie
piristische Philosophie empfiehlt hingegen zwar typi- dies der Enzyklopädist D’Alembert genannt hat, ist
scherweise Methoden zum Erwerb objektiven Wis- keine willkürliche Wahl und auch kein unbewußter
sens, bleibt aber, was die Art und Weise anbelangt, Übertrag aus dem Rationalismus. Bei jedem der
auf welche die Ergebnisse dieser Methoden mitein- wichtigeren Philosophen dieser Zeit entspringt das
ander in Beziehung zu setzen sind, agnostisch. Für Systembedürfnis Überlegungen zum Wesen des Wis-
die Philosophen des Deutschen Idealismus indes ist sens, zum philosophischen Beweis und zu der dem
Wissen – insbesondere philosophisches Wissen – sy- Erlangen philosophischer Beweise angemessensten
stematisch, sofern es mit Hilfe der angemessenen Me- Methode. Das grundlegende aus diesen Überlegun-
thode erlangt wurde. In dieser Hinsicht ist der Deut- gen hervorgehende Prinzip ist, daß in den Augen der
sche Idealismus ein – wenn auch radikaler – Nach- deutschen Idealisten kein System überzeugen kann,
folger des Rationalismus. Die Behauptung, daß wir das sich auf zusammenhanglose Behauptungen grün-
alleine durch Vernunftverfahren Wissen erwerben det.
können, das sich artspezifisch von jenem Wissens Die postkantische Agenda mit ihrer einzigartigen
unterscheidet, das uns durch kontingente empirische Synthese von Überlegungen zu Methode und System
Erfahrung zugänglich ist, bezeichnet eine grund- wurde in entscheidenden Aspekten durch eine Reihe
legende These der rationalistischen Philosophie von Texten K. L. Reinholds aufgestellt. Frederick Bei-
(s. Kap. 2: Die Vernunft und das Absolute). Die Idee ser hat darauf hingewiesen, daß Reinhold die folgen-
dahinter ist, daß es eine essentielle, allein der Ver- den Anforderungen an die Philosophie festlegte: (1)
56 III. System und Methode

daß sie systematisch zu sein habe, (2), daß sie mit der deutschen Idealisten in ihrer ganzen Breite, und
einem einzigen evidenten Prinzip anzufangen habe, eine genaue Darlegung zu diesem Begriffs in seinen
und (3), daß nur die Phänomenologie das Ideal einer unterschiedlichen Erscheinungsformen wäre ein na-
prima philosophia realisieren könne, und daher eine hezu endloses Unterfangen. Um eine Vorstellung von
Philosophie, die als grundlegende Disziplin aller ra- diesem Begriff zu gewinnen – darüber, wie er die Be-
tionalen Untersuchungen dienen soll, in einer ir- mühungen der unterschiedlichen Philosophen prägte
gendwie unmittelbaren Bewußtseinserfahrung grün- – muß man – unter Vernachlässigung der in ihren
den müsse.2 Es ist interessant, daß Reinholds Werk Werken auffindbaren speziellen Systemformen, wie
von Seiten G. E. Schulzes (der unter dem Pseudonym etwa des ›Systems der Moralität‹, der Religion, des
Aenesidemus schrieb) eine vernichtende Kritik er- Wissens – die spezifischen Schriften zur Natur des
hielt, in der Reinholds – und sogar Kants – Behaup- Systems untersuchen.
tungen zur erfahrungskonstitutiven Rolle des Vor-
stellungsvermögens als Ursache und Grund von Vor-
stellungen rigoros abgelehnt wurden. Anstatt jedoch 1. Kant
Philosophen wie etwa Fichte und Schelling von einer
gewissen Aneignung der ›kritischen‹ Philosophie Die idealistische Vorstellung von System und Me-
Kants abzuschrecken, schien diese sie auf der Suche thode hat ihre Vorgeschichte in Kants kritischer Phi-
nach einer tragfähigeren Bestimmung von Ursache losophie. Seine Meinungsverschiedenheiten mit dem
und Grund von Vorstellungen noch tiefer in den Rationalismus und seine Offenheit für jene Art von
transzendentalen Idealismus zu treiben, einer Be- Unbestimmtheit, die mit der empiristischen Me-
stimmung, die zu zunehmend komplexeren Überle- thode einhergeht (s. Kap. 4: Die Erkenntnis und das
gungen zur Rolle des Systems in der Philosophie Wissen), wirken sich überaus mäßigend auf seine
führte. Die Reinholdsche Agenda war tatsächlich von Gedanken zum Systembegriff aus. Wie die Ge-
Fichte bis Hegel eine Konstante, ungeachtet dessen, schichte des Kantianismus gezeigt hat, gibt es eine
daß sich jeder Philosoph das Recht vorbehielt, die ganze Reihe von Möglichkeiten, die kritische Philo-
Bedingungen der Debatte neu zu entwerfen. sophie zu charakterisieren. Zu einem gewissen Grad
Wenngleich zwischen den unterschiedlichen Kon- hängen die unterschiedlichen Charakterisierungen
zeptionen Meinungsverschiedenheiten darüber be- davon ab, welchen Teil insbesondere der ersten Kritik
stehen, was genau für die Philosophie ein ›System‹ man betont. Die Vorstellung, daß die Kritik der rei-
konstituiert, herrscht Übereinstimmung darüber, nen Vernunft (1781) im Kern eine Verteidigung der
daß es Philosophie nur als System gibt und nur eine Möglichkeit synthetischer Urteile a priori ist, neigt
Methode uns zu diesem System bringen kann. Dabei dazu, die Bedeutung eines großen Teils der zweiten
geht es nicht darum, daß die Philosophie ihre Sätze Hälfte des Buches zu schmälern. Es sind aber gerade
in einer ›systematischen Form‹ darlegen muß, um sie die Abschnitte der ›Transzendentalen Dialektik‹, in
überzeugender oder eingängiger zu machen. Viel- denen wir Kants Diskussion der Beziehung zwischen
mehr würde sich unter der Voraussetzung, daß sie – System und Wissen finden.
die grundlegende Wissenschaft – die im Grunde sy- Die Kritik der reinen Vernunft liefert eindeutig eine
stematische Struktur der Vernunft artikuliert, der Sy- Erklärung menschlicher Erkenntnis und der Me-
stemcharakter der Philosophie aufzeigen lassen. Von thode, mit Hilfe derer Urteile a priori zustande kom-
diesem Projekt gab es präskriptive und deskriptive men. Typischerweise erlaubt Kant den Naturwissen-
Versionen: In gewisser Hinsicht war die System-Dis- schaftlern, ihrer Arbeit nachzugehen: Sie operieren
kussion ein Aufruf, die Vernunft auf die Anschau- schließlich innerhalb empirisch fruchtbarer Diszipli-
ungen anzuwenden, andererseits wurde aber auch nen. Was er aber zu tun versucht, ist, die naturwis-
behauptet, daß Wissen tatsächlich bereits systema- senschaftliche Methode in die Philosophie hinein zu
tisch ist und nur der Philosophen bedarf, um es als tragen, um letzterer eine Methode an die Hand zu
solches zu identifizieren. Die Philosophie sieht sich geben, die sicheres Wissen gewährleistet:
als grundlegende Wissenschaft in der besonderen In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der
Pflicht, die innere Ordnung der Wirklichkeit aufzu- Metaphysik umzuändern, und dadurch, daß wir
zeigen (ein Anspruch, der sich in unterschiedlicher nach dem Beispiele der Geometer und Naturfor-
Form von Kants Bestätigung der Behauptungen über scher eine gänzliche Revolution mit derselben vor-
äußere Erfahrung bis zu Schellings Vorstellung des nehmen, besteht nur das Geschäfte dieser Kritik
Absoluten findet), eine Ordnung, die von den Einzel- der reinen speculativen Vernunft. Sie ist ein Tractat
wissenschaften zwar zugrunde gelegt wird, deren von der Methode, nicht ein System der Wissen-
Nachweis ihre Kompetenzen jedoch übersteigt. schaft selbst; aber sie verzeichnet gleichwohl den
Der Begriff ›System‹ durchzieht die Bemühungen ganzen Umriß derselben sowohl in Ansehung ihrer
Kant 57

Grenzen, als auch den ganzen inneren Gliederbau setzen zusammenhängendes System wird. Man
derselben.3 kann eigentlich nicht sagen, daß diese Idee ein Be-
griff vom Objecte sei, sondern von der durch-
Man könnte sagen, daß Kant dem Beispiel Humes
gängigen Einheit dieser Begriffe, so fern dieselbe
folgt, wenn er Verfahren zum Nachweis gültigen Wis-
dem Verstande zur Regel dient. Dergleichen Ver-
sens entwirft. Kants Methode bezeichnet als solche
nunftbegriffe werden nicht aus der Natur ge-
eine einzigartige Zusammenfügung von inhaltlichen
schöpft, vielmehr befragen wir die Natur nach die-
und konzeptuellen Elementen unserer Erfahrung, die
sen Ideen und halten unsere Erkenntniß für man-
beide in das ihnen gebührende Licht gerückt werden
gelhaft, so lange sie denselben nicht adäquat ist.
müssen, wenn unsere Philosophie nicht mit dialekti-
Man gesteht, daß sich schwerlich reine Erde, reines
schem Schein verfahren soll. Insofern können wir die
Wasser, reine Luft etc. finde. Gleichwohl hat man
›Transzendentale Dialektik‹ als eine Erörterung be-
die Begriffe davon doch nöthig (die also, was die
stimmter philosophischer Fehlschlüsse betrachten,
völlige Reinigkeit betrifft, nur in der Vernunft ih-
zu denen es dann kommt, wenn nicht nach der im
ren Ursprung haben), um den Antheil, den jede
Kontext der synthetischen Urteile a priori dargelegten
dieser Naturursachen an der Erscheinung hat, ge-
Methode verfahren wird. Die ›Transzendentale Dia-
hörig zu bestimmen; und so bringt man alle Mate-
lektik‹ hat jedoch keine ausschließlich negative Funk-
rien auf die Erden (gleichsam die bloße Last), Salze
tion. Die Irrtümer der Philosophie werden nicht nur
und brennliche Wesen (als die Kraft), endlich auf
zum Zwecke ihrer Widerlegung angesprochen, son-
Wasser und Luft als Vehikeln (gleichsam Maschi-
dern auch, um die legitimen Quellen aufzuzeigen,
nen, vermittelst deren die vorigen wirken), um
aus denen sie entsprangen. Und Kant fordert sich
nach der Idee eines Mechanismus die chemischen
dann selbst dazu heraus, den rechten Gebrauch jener
Wirkungen der Materien unter einander zu erklä-
Ideen und Denkmodi aufzuzeigen, die ›dialektisch‹
ren. Denn wiewohl man sich nicht wirklich so aus-
mißverstanden worden sind.
drückt, so ist doch ein solcher Einfluß der Ver-
Unter den Ideen, die einer Reinterpretation in ih-
nunft auf die Eintheilungen der Naturforscher sehr
rem ›richtigen Gebrauche‹ bedürfen, ist die des ›Sy-
leicht zu entdecken.
stems‹. Von historischer Bedeutung ist hierbei, daß
Wenn die Vernunft ein Vermögen ist, das Be-
Kants Zeitgenossen in diesen Überlegungen zum Sy-
sondere aus dem Allgemeinen abzuleiten, so ist
stem eine lebenswichtige Möglichkeit sahen, eine Be-
entweder das Allgemeine schon an sich gewiß und
schreibung der Beziehungen zwischen unseren Wis-
gegeben, und alsdann erfordert es nur Urtheilskraft
sensinhalten zu geben, die nicht materialistisch-re-
zur Subsumtion, und das Besondere wird dadurch
duktionistisch wäre (im Unterschied zum analyti-
nothwendig bestimmt. Dieses will ich den apodik-
schen Kantianismus des 20. Jahrhunderts, der dazu
tischen Gebrauch der Vernunft nennen. Oder das
tendiert, die kritischen Dimensionen der ›Transzen-
Allgemeine wird nur problematisch angenommen
dentalen Dialektik‹ mit ihrer rigorosen Widerlegung
und ist eine bloße Idee; das Besondere ist gewiß,
metaphysischer Erkenntnis zu betonen).
aber die Allgemeinheit der Regel zu dieser Folge ist
Bei Kant heißt es im ›Anhang zur transzendentalen
noch ein Problem: so werden mehrere besondere
Dialektik, Von dem regulativen Gebrauch der Ideen
Fälle, die insgesammt gewiß sind, an der Regel ver-
der reinen Vernunft‹ in der Kritik der reinen Ver-
sucht, ob sie daraus fließen; und in diesem Falle,
nunft:
wenn es den Anschein hat, daß alle anzugebende
Übersehen wir unsere Verstandeserkenntnisse in besondere Fälle daraus abfolgen, wird auf die All-
ihrem ganzen Umfange, so finden wir, daß dasje- gemeinheit der Regel, aus dieser aber nachher auf
nige, was Vernunft ganz eigenthümlich darüber alle Fälle, die auch an sich nicht gegeben sind, ge-
verfügt und zu Stande zu bringen sucht, das Sy- schlossen. Diesen will ich den hypothetischen Ge-
stematische der Erkenntniß sei, d. i. der Zusam- brauch der Vernunft nennen.
menhang derselben aus einem Princip. Diese Ver- Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus
nunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, näm- zum Grunde gelegten Ideen als problematischen
lich die von der Form eines Ganzen der Erkennt- Begriffen ist eigentlich nicht constitutiv, nämlich
niß, welches vor der bestimmten Erkenntniß der nicht so beschaffen, daß dadurch, wenn man nach
Theile vorhergeht und die Bedingungen enthält, aller Strenge urtheilen will, die Wahrheit der all-
jedem Theile seine Stelle und Verhältniß zu den gemeinen Regel, die als Hypothese angenommen
übrigen a priori zu bestimmen. Diese Idee postu- worden, folge; denn wie will man alle mögliche
lirt demnach vollständige Einheit der Verstandes- Folgen wissen, die, indem sie aus demselben ange-
erkenntniß, wodurch diese nicht bloß ein zufälli- nommenen Grundsatze folgen, seine Allgemein-
ges Aggregat, sondern ein nach nothwendigen Ge- heit beweisen? Sondern er ist nur regulativ, um da-
58 III. System und Methode

durch, so weit als es möglich ist, Einheit in die verbunden, Erinnerung, Witz, Unterscheidungs-
besonderen Erkenntnisse zu bringen und die Regel kraft, vielleicht gar Verstand und Vernunft sei. Die
dadurch der Allgemeinheit zu nähern. Idee einer Grundkraft, von welcher aber die Logik
Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also gar nicht ausmittelt, ob es dergleichen gebe, ist we-
auf die systematische Einheit der Verstandeser- nigstens das Problem einer systematischen Vorstel-
kenntnisse, diese aber ist der Probirstein der Wahr- lung der Mannigfaltigkeit von Kräften. Das logi-
heit der Regeln. Umgekehrt ist die systematische sche Vernunftprincip erfordert diese Einheit so
Einheit (als bloße Idee) lediglich nur projectirte weit als möglich zu Stande zu bringen, und je
Einheit, die man an sich nicht als gegeben, son- mehr die Erscheinungen der einen und anderen
dern nur als Problem ansehen muß; welche aber Kraft unter sich identisch gefunden werden, desto
dazu dient, zu dem mannigfaltigen und besonde- wahrscheinlicher wird es, daß sie nichts als ver-
ren Verstandesgebrauche ein Principium zu finden schiedene Äußerungen einer und derselben Kraft
und diesen dadurch auch über die Fälle, die nicht sind, welche (comparativ) ihre Grundkraft heißen
gegeben sind, zu leiten und zusammenhängend zu kann. Eben so verfährt man mit den übrigen.
machen. Die comparativen Grundkräfte müssen wie-
Man sieht aber hieraus nur, daß die systemati- derum unter einander verglichen werden, um sie
sche oder Vernunfteinheit der mannigfaltigen Ver- dadurch, daß man ihre Einhelligkeit entdeckt, ei-
standeserkenntniß ein logisches Princip sei, um da, ner einzigen radicalen, d. i. absoluten, Grundkraft
wo der Verstand allein nicht zu Regeln hinlangt, nahe zu bringen. Diese Vernunfteinheit aber ist
ihm durch Ideen fortzuhelfen und zugleich der bloß hypothetisch. Man behauptet nicht, daß eine
Verschiedenheit seiner Regeln Einhelligkeit unter solche in der That angetroffen werden müsse, son-
einem Princip (systematische) und dadurch Zu- dern daß man sie zu Gunsten der Vernunft, näm-
sammenhang zu verschaffen, so weit als es sich lich zu Errichtung gewisser Principien, für die
thun läßt. Ob aber die Beschaffenheit der Gegen- mancherlei Regeln, die die Erfahrung an die Hand
stände oder die Natur des Verstandes, der sie als geben mag, suchen und, wo es sich thun läßt, auf
solche erkennt, an sich zur systematischen Einheit solche Weise systematische Einheit ins Erkenntniß
bestimmt sei, und ob man diese a priori auch ohne bringen müsse.
Rücksicht auf ein solches Interesse der Vernunft in Es zeigt sich aber, wenn man auf den transscen-
gewisser Maße postuliren und also sagen könne: dentalen Gebrauch des Verstandes Acht hat, daß
alle mögliche Verstandeserkenntnisse (darunter die diese Idee einer Grundkraft überhaupt nicht bloß
empirischen) haben Vernunfteinheit und stehen als Problem zum hypothetischen Gebrauche be-
unter gemeinschaftlichen Principien, woraus sie stimmt sei, sondern objective Realität vorgebe, da-
unerachtet ihrer Verschiedenheit abgeleitet werden durch die systematische Einheit der mancherlei
können: das würde ein transscendentaler Grund- Kräfte einer Substanz postulirt und ein apodikti-
satz der Vernunft sein, welcher die systematische sches Vernunftprincip errichtet wird. Denn ohne
Einheit nicht bloß subjectiv- und logisch-, als Me- daß wir einmal die Einhelligkeit der mancherlei
thode, sondern objectiv nothwendig machen Kräfte versucht haben, ja selbst wenn es uns nach
würde. allen Versuchen mißlingt, sie zu entdecken, setzen
Wir wollen dieses durch einen Fall des Vernunft- wir doch voraus: es werde eine solche anzutreffen
gebrauchs erläutern. Unter die verschiedenen Ar- sein; und dieses nicht allein, wie in dem angeführ-
ten von Einheit nach Begriffen des Verstandes ge- ten Falle wegen der Einheit der Substanz; sondern
hört auch die der Causalität einer Substanz, welche wo sogar viele, obzwar in gewissem Grade gleich-
Kraft genannt wird. Die verschiedenen Erschei- artige, angetroffen werden, wie an der Materie
nungen eben derselben Substanz zeigen beim er- überhaupt, setzt die Vernunft systematische Ein-
sten Anblicke so viel Ungleichartigkeit, daß man heit mannigfaltiger Kräfte voraus, da besondere
daher anfänglich beinahe so vielerlei Kräfte dersel- Naturgesetze unter allgemeineren stehen, und die
ben annehmen muß, als Wirkungen sich hervor- Ersparung der Principien nicht bloß ein ökono-
thun, wie in dem menschlichen Gemüthe die mischer Grundsatz der Vernunft, sondern inneres
Empfindung, Bewußtsein, Einbildung, Erinne- Gesetz der Natur wird.
rung, Witz, Unterscheidungskraft, Lust, Begierde In der That ist auch nicht abzusehen, wie ein
u. s. w. Anfänglich gebietet eine logische Maxime logisches Princip der Vernunfteinheit der Regeln
diese anscheinende Verschiedenheit so viel als stattfinden könne, wenn nicht ein transscenden-
möglich dadurch zu verringern, daß man durch tales vorausgesetzt würde, durch welches eine sol-
Vergleichung die versteckte Identität entdecke und che systematische Einheit, als den Objecten selbst
nachsehe, ob nicht Einbildung, mit Bewußtsein anhängend, a priori als nothwendig angenommen
Kant 59

wird. Denn mit welcher Befugniß kann die Ver- ben, entdeckt er, daß sie einfach nicht alle Merkmale
nunft im logischen Gebrauche verlangen, die von Erkenntnis erklären kann. Das hier in Frage ste-
Mannigfaltigkeit der Kräfte, welche uns die Natur hende Merkmal von Erkenntnis ist ihre Systemhaftig-
zu erkennen giebt, als eine bloß versteckte Einheit keit. Erkenntnis hat eine systematische Form, aber
zu behandeln und sie aus irgend einer Grundkraft, empirische Nachforschung kann die Verbindungen
so viel an ihr ist, abzuleiten, wenn es ihr freistände innerhalb des Systems nicht erklären. Deshalb sieht
zuzugeben, daß es eben so wohl möglich sei, alle Kant den Begriff des ›Systems‹ als vom Verstandes-
Kräfte wären ungleichartig, und die systematische vermögen abgetrennt. Da aber der Systembegriff
Einheit ihrer Ableitung der Natur nicht gemäß? nicht durch das Verstandesvermögen zu erklären ist,
Denn alsdann würde sie gerade wider ihre Bestim- glaubt er, seiner bekannten Methodologie folgend,
mung verfahren, indem sie sich eine Idee zum dieser müsse dem Vernunftvermögen zugeschlagen
Ziele setzte, die der Natureinrichtung ganz wider- werden. Das heißt, eben jenes Vernunftvermögen,
spräche. Auch kann man nicht sagen, sie habe zu- das die spekulative Metaphysik so mißbraucht, hat
vor von der zufälligen Beschaffenheit der Natur einen ›richtigen Gebrauch‹. Kant zieht nicht in Be-
diese Einheit nach Principien der Vernunft abge- tracht, daß unsere Tendenz, transzendente Ideen (wie
nommen. Denn das Gesetz der Vernunft, sie zu etwa ›System‹) zu verwenden, eine von Natur her ir-
suchen, ist nothwendig, weil wir ohne dasselbe gar reführende Aktivität darstellen könnte. Vielmehr be-
keine Vernunft, ohne diese aber keinen zusam- steht er, letztlich ohne Beweis, darauf, daß bestimmte
menhängenden Verstandesgebrauch und in dessen transzendente Ideen – Ideen, die nicht unmittelbar in
Ermangelung kein zureichendes Merkmal empiri- der Erfahrung gefunden werden – einen nichtspeku-
scher Wahrheit haben würden, und wir also in An- lativen Gebrauch haben, der sie vor der ›Dialektik‹
sehung des letzteren die systematische Einheit der bewahrt.
Natur durchaus als objectiv gültig und nothwendig Es sind eben jene Bedingungen der Kritik der rei-
voraussetzen müssen. […] nen Vernunft, die Kant zu seinen Überlegungen zur
Wäre unter den Erscheinungen, die sich uns Systematizität führen. Die ›Transzendentale Analytik‹
darbieten, eine so große Verschiedenheit, ich will hatte gezeigt, wie das Verstandesvermögen zu den
nicht sagen der Form (denn darin mögen sie ein- Gegenständen der Erfahrung beiträgt. Die Vernunft
ander ähnlich sein), sondern dem Inhalte, d. i. der beschäftigt sich jedoch nicht unmittelbar mit Gegen-
Mannigfaltigkeit existirender Wesen nach, daß ständen – sie ist nicht konstitutiv und kann die Ei-
auch der allerschärfste menschliche Verstand genschaften von Gegenständen nicht bestimmen.
durch Vergleichung der einen mit der anderen Wenn in der Philosophie der Fehler gemacht wird, zu
nicht die mindeste Ähnlichkeit ausfindig machen denken, daß die Vernunft die Gegenstände bestimme
könnte (ein Fall, der sich wohl denken läßt), so – ein Fehler, den der Rationalismus angeblich
würde das logische Gesetz der Gattungen ganz und macht –, wird sie inkohärent oder dialektisch. Die
gar nicht stattfinden; und es würde selbst kein Be- Vernunft bezieht sich auf Gegenstände, indem sie un-
griff von Gattung oder irgend ein allgemeiner Be- sere Begriffe ordnet, und nicht indem sie entscheidet,
griff, ja sogar kein Verstand stattfinden, als der es welche Begriffe der Wirklichkeit angemessen sind
lediglich mit solchen zu thun hat. Das logische (eine Theorie, die mit jenen naturwissenschaftlichen
Princip der Gattungen setzt also ein transscenden- Theorien unvereinbar zu sein scheint, nach denen die
tales voraus, wenn es auf Natur (darunter ich hier Wirklichkeit bestimmter Erscheinungen durch
nur Gegenstände, die uns gegeben werden, ver- Schlüsse auf ihre Notwendigkeit, erklärt wird). Es
stehe) angewandt werden soll. Nach demselben sind die Aktivitäten der Vernunft, durch die ›System-
wird in dem Mannigfaltigen einer möglichen Er- haftigkeit‹ zu einem Merkmal unserer Erkenntnis
fahrung nothwendig Gleichartigkeit vorausgesetzt wird: Die Vernunft ist darauf aus, unsere Begriffe in
(ob wir gleich ihren Grad a priori nicht bestimmen eine bestimmte Ordnung zu bringen, die nicht in der
können), weil ohne dieselbe keine empirische Be- Erfahrung gegeben ist. Die Vernunft, in dem ihr an-
griffe, mithin keine Erfahrung möglich wäre.4 gemessenen Gebrauch, ist jene Tätigkeit, welche eine
›kollektive Einheit‹ (Direktheit) in unseren epistemi-
Kants Nachforschungen zur Systematizität der Er- schen Aktivitäten anstrebt. Kant behauptet – und
kenntnis können zunächst willkürlich erscheinen. dies ist keine in sich naheliegende Behauptung –, daß
Warum sollten wir annehmen, daß Wissen eine wir naturgemäß dazu neigen, mit Hilfe dieser Ver-
Sammlung von intern miteinander verbundenen Tat- nunftideen zu verfahren: Sie motivieren unsere sy-
sachen ist, ein System im Unterschied zu einem Ag- stematischen Tendenzen.
gregat? Wenngleich Kant, wie stets, versucht, die em- Die Strategie, mit deren Hilfe Kant versucht, die
piristische Methodologie so weit wie möglich zu trei- Systemidee zu verteidigen, ist angreifbar. Kant argu-
60 III. System und Methode

mentiert mit Hilfe eines disjunktiven Syllogismus, wo rien empirischer Entdeckung vorgibt: Das heißt, die
er statt dessen eigentlich die Gültigkeit der verwende- Vernunft antwortet nicht regulativ auf den Verstand,
ten Begrifflichkeiten aufzeigen sollte. So schlägt er sondern beeinflußt diesen ab initio. Wenn dem aber
uns entweder Verstand oder Vernunft als Begründung so ist, dann verdankt sich das, was wir Erkenntnis
für in Frage stehende Begriffe vor: Wenn es nicht das nennen, zu einem großen Teil der Vernunft. Die
eine ist, muß es das andere sein, sind dies doch nach Weise, in der die Vernunft Gegenstände festsetzt, ist
Kant die einzigen beiden in Betracht zu ziehenden selbstverständlich eine andere als die, in der das Ver-
Optionen. Das Problem ist aber, daß die Vernunft stehen durch Urteile Empfindlichkeit bestimmt.
überwiegend als dasjenige Vermögen bestimmt wird, Wenn aber der Verstand von der Vernunft regiert
welches Nicht-Verstand ist: Es besorgt das, was das wird, dann muß das, was wir als Gegenstände be-
Verstandesvermögen übrig läßt. zeichnen, in von der Vernunft vorgeschriebene ratio-
Ferner ist Kants Behauptung bemerkenswert, daß nale Rahmen passen: Alle als Vorstellungen einer Gat-
transzendentale Ideen eine positive Funktion haben tung oder Spezies etc. erkennbaren Gegenstände
müssen, da sie andernfalls kein Merkmal unseres in- müssen bereits in einem System kategorisiert sein.
tellektuellen Lebens wären, denn diese Behauptung Kant gibt ausdrücklich an, daß ›Vernunft‹ nicht le-
postuliert die notwendige Zweckhaftigkeit dieser diglich die Tendenz zum Systematisieren bezeichnet.
Ideen. Man könnte hier aber gleichermaßen die Auf- Sie bezeichnet Systematisierung unter bestimmten
fassung vertreten, daß diese Ideen das Produkt Ideen. Jede geistige Disziplin – wie etwa Biologie, Bo-
menschlichen Schwachsinns sind. Ebenso könnte tanik und Geographie – wird ihre eigenen Ord-
man nach dem Zusammenhang zwischen Vernunft nungsbegriffe bereitstellen. Daher ist die Systemati-
und Systematisierung fragen. Was ist vernünftig sierung der Erkenntnis eigentlich keine Tätigkeit
daran, unsere Ideen in eine Ordnung zu bringen? Es zweiter Ordnung nach dem Ereignis. Sie beeinflußt
gibt, im Unterschied hierzu, evolutionäre Auffassun- vielmehr unseren Erwerb von Wissen.
gen der Epistemologie, wie etwa Nietzsches, die in In dieser Hinsicht hat Kant einen großen Einfluß
Wissenssystemen lediglich einen Willen zur Vereinfa- auf die gegenwärtige Diskussion um ›Begriffssche-
chung zum Zwecke des Überlebens sehen; ihnen zu- mata‹ gehabt, in der Fakten gemäß dem Projekt in-
folge ist Systematisierung nicht ›vernünftig‹, sondern terpretiert werden, das hinter ihrer Entdeckung liegt.
biologisch. Und die Grenzen von Kants Verpflichtungen auf den
Kant charakterisiert die systematisierende Tendenz Idealismus sind hier lehrreich. Die Begriffsschemata
der Vernunft als den hypothetischen Vernunft-Ge- sind insoweit offen für Revision, als wir herausfinden
brauch. Dieser unterscheidet sich von ihrem apodik- könnten, daß neue Fakten in ihrem Rahmen nicht
tischen Gebrauch. Bei letzterem wird von der Wahr- erklärt werden können.
heit eines Allgemeinen ausgegangen und von diesem Aufgrund dessen ist die Unterscheidung zwischen
das Besondere abgeleitet. Wie Kant jedoch erklärt, konstitutivem empirischem Wissen und regulativem
entdeckt der Verstand Kenntnis des Besonderen, und Wissen über Gegenstände oder Begriffe innerhalb ei-
er ist das alleinige Vermögen, das uns Kenntnis des nes Systems schwer haltbar, und Philosophen nach
Besonderen vermittelt. Deshalb muß unser Gebrauch Kant hatten keine Schwierigkeit, sie aufzugeben.
des Allgemeinen ›hypothetisch‹ sein. Im hypotheti- Kants ›Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der
schen Gebrauch argumentieren wir vom Besonderen reinen Vernunft‹ stützt diese organischere Auffassung
zu einem angenommenen Allgemeinen, um heraus- der Beziehung zwischen Vernunft und Verstand:
zufinden, ob es darunter fällt. Dies zeigt nach Kants
Denn das Gesetz der Vernunft, sie zu suchen, ist
Auffassung, daß die Systematisierung von Erkennt-
nothwendig, weil wir ohne dasselbe gar keine Ver-
nissen als eine regulative Tätigkeit aufzufassen ist,
nunft, ohne diese aber keinen zusammenhängen-
und nicht als eine konstitutive, da der Inhalt unserer
den Verstandesgebrauch und in dessen Ermange-
Begriffe von dem Bemühen, das Allgemeine zu ent-
lung kein zureichendes Merkmal empirischer
decken, dem das Besondere zuzuschlagen ist, nicht
Wahrheit haben würden, und wir also in Anse-
verändert wird. Systemhaftigkeit wird also im regula-
hung des letzteren die systematische Einheit der
tiven Sinne zu Untersuchungszwecken angenommen.
Natur durchaus als objectiv gültig und nothwendig
Dies wirft allerdings eine Frage auf: Wenn der Ver-
voraussetzen müssen.5
stand der Mechanismus objektiver Erkenntnis ist,
wie ist dann die durch Systematisierung erzeugte Er- Unter ›Merkmal empirischer Wahrheit‹ ist in diesem
kenntnis zu erklären? Welche Gültigkeit hat sie, und Zusammenhang ein Kriterium zu verstehen, das es
vermag sie zu überzeugen? Ist das Ordnen lediglich ermöglicht, systematisierbares empirisches Wissen
subjektiv, wie Hegel behauptet? von solchem zu unterscheiden, das nicht in einem
Es gibt Hinweise dafür, daß die Vernunft die Krite- System untergebracht werden kann. Es ist schwierig,
Kant 61

diese radikale Aussage mit denjenigen zu versöhnen, Erfahrung beinhaltet immer schon ein wesentliches
die der Vernunft nur eine epistemologisch begrenzte Maß an Unterscheidung und Differenzierung: einen
Rolle zuerkennen wollen. Wenn davon auszugehen Prozeß des Ordnens, welcher die Welt erst wirklich
ist, daß die Vernunft ein Kriterium empirischer verhandelbar macht.
Wahrheit bereitstellt, welches auch immer das sein Es ist interessant, daß Kant uns keine präzise Er-
mag, dann ist die Position der ›Analytik‹ bestenfalls klärung zur Natur systematisierten Wissens gibt. Was
hoffnungslos unvollständig, schlimmstenfalls, aus ihn anbelangt, so ist eben jenes Geschäft, Ähnlich-
kritischer Sicht, dogmatisch, denn sie hat uns augen- keiten zwischen Phänomenen anzunehmen, eine in
scheinlich eine Erklärung dafür gegeben, wie synthe- der Erfahrung sich offenbarende systematische Tätig-
tische Erkenntnis a priori möglich ist, ohne uns ein keit: Das heißt, Systematisierung ist evident. Gleich-
empirisches Kriterium zu geben. Nach dem Stand wohl liegt sie nicht in den Eigenschaften von Gegen-
der ›Analytik‹ können wir »keinen zusammenhän- ständen begründet, sondern wird von der Vernunft
genden Verstandesgebrauch« haben, da dort die Rolle auf grundverschiedene Phänomene angewendet. In
der Vernunft nicht zur Kenntnis genommen wurde. der Tat nimmt Kants Vorstellung zum Systemcharak-
Die größere Signifikanz dieser radikalen Auffassung ter seine Ausführungen zu teleologischen Urteilen in
der Vernunft läßt sich durch eine weitere Textstelle der Kritik der Urteilskraft (1790) vorweg, in denen
bestätigen: Zweckhaftigkeit nicht als der Sache innewohnende
Eigenschaft vorausgesetzt wird, sondern als eine Ei-
Das logische Princip der Gattungen setzt also ein
genschaft unserer Urteilsformen. Systematisierung ist
transscendentales voraus, wenn es auf Natur (dar-
daher eine nützliche und (in Kants technischem
unter ich hier nur Gegenstände, die uns gegeben
Sinne) ›vernünftige‹ Tätigkeit, die jedoch subjektiv
werden, verstehe) angewandt werden soll. Nach
bleibt. Wissen scheint gemäß einem System erzeugt
demselben wird in dem Mannigfaltigen einer mög-
zu werden, und Gegenstände scheinen Teil einer sie
lichen Erfahrung nothwendig Gleichartigkeit vor-
konstituierenden Einheit zu sein, doch ist dies ledig-
ausgesetzt (ob wir gleich ihren Grad a priori nicht
lich ein Vernunfturteil.
bestimmen können), weil ohne dieselbe keine em-
Interessanterweise läßt sich Kant in seinen Erörte-
pirischen Begriffe, mithin keine Erfahrung mög-
rungen zur Moral zu einer weniger vorsichtigen Ver-
lich wäre.6
wendung des Systembegriffs verleiten (s. Kap. 6: Frei-
Es ist nicht überraschend, daß sich Bemerkungen wie heit, Moral und Sittlichkeit). In der Kritik der prakti-
diese so recht wie eine Ableitung der Ideen der Ver- schen Vernunft (1788), der Grundlegung zur Metaphy-
nunft lesen, denn die Vernunft ist unerläßlich er- sik der Sitten (1785), und der Metaphysik der Sitten
kenntniskonstitutiv. Es sind eben jene Organisations- (1797) spricht er häufig vom ›System der Moral‹. Die
prinzipien der Vernunft, die Erfahrung – in Kants Vorstellung eines moralischen Systems wird nicht da-
rationalem, strukturiertem Sinne – überhaupt erst durch erreicht, daß konventionelle moralische Ur-
möglich machen. Schließlich ist der Verstand gegen- teile ordentlich arrangiert werden. Moralische Urteile
über dem Diktat synthetischer Erkenntnis rechen- sind für Kant vielmehr solche, die durch rationale
schaftspflichtig. Neue Erkenntnisgegenstände kön- Reflexion über bestimmte fundamentale Prinzipien
nen nur als solche akzeptiert werden, wenn sie der hervorgebracht werden. Moralische Urteile müssen
Vernunft konform sind. Diese starke Auffassung von allgemein – auf jede Situation und jede Person – an-
der Rolle der Vernunft ist nicht Kants offizielle Posi- wendbar sein, und sie müssen konsistent sein, dürfen
tion – zum Glück, da sie die Unterscheidung zwi- also keine selbst-widerlegenden Maximen nahelegen.
schen Vernunft und Verstand schwächen würde, aus Insofern steht jedes moralische Urteil dadurch mit
der die Idee der Konstituierung ihren Sinn bezieht. anderen in systematischer Beziehung, daß es ein Pro-
Aber wenn der Vernunft darin eine konstitutive Rolle dukt praktischer Vernunft ist. Es gibt eine weitere
zukommt, daß sie die Regeln vorgibt, gemäß derer Hinsicht, in der sich systematische Einheit in der
empirische Erkenntnis möglich wird, dann müßte Moral nachweisen läßt: Wenn wir das grundlegende
ihr Unterschied zum Verstand anders bestimmt wer- Prinzip einer moralischen Person nehmen (das Prin-
den, als Kant dies tut. zip der reinen praktischen Vernunft) – welche immer
Ein signifikantes Merkmal von Kants Erörterung als Zweck und nie als Mittel behandelt werden soll –,
der systematisierenden Funktion von Vernunft ist, können wir beginnen, eine Reihe weiterer spezifi-
daß die in Betracht gezogenen Beispiele überwiegend scher Prinzipien abzuleiten, so etwa jene, die die an-
naturwissenschaftlicher Herkunft sind. Es scheint da- gemessene Rolle der Familie, die rechte Form der Ehe
her, daß sich gewöhnliches Wissen nicht am System- und so weiter betreffen. Auf diese Weise entsteht ein
charakter oder der Vernunft orientiert. Systemhaftig- ›System der Moral‹ in Form einer Reihe von Prinzi-
keit betrifft jedoch, so Kant, die Erfahrung insgesamt. pien, die sich von einem grundlegenden Prinzip ab-
62 III. System und Methode

leiten. Mit seiner Verwendung von Systematizität in transzendentalen Inhalts und der Beziehungen, die
der Moraltheorie verfolgt Kant also zwei Ziele: Es sie untereinander knüpfen und zum Inbegriff dessen
geht darum, die formalen Eigenschaften moralischer machen, was Kant ›Gemüt‹ und Reinhold ›Vorstel-
Urteile (Eigenschaften, die ein Urteil auf das andere lungsvermögen‹ nannte. Indem er dieses Verfahren
beziehen) und die inhaltlichen Eigenschaften, die je- befolgte, ließ Reinhold die klassische Problematik
des Urteil auf ein grundlegendes Moralprinzip bezie- von ›Induktion‹ und ›Abstraktion‹ beiseite und rich-
hen, zu identifizieren. tete seinen Augenmerk auf den Reflexionsakt des Be-
Brian O’Connor wußtseins, welches eine reine Introspektion seiner ei-
genen ›ursprünglichen Tat‹ als unveränderlicher und
beständiger, notwendiger Formen des Denkens zu-
2. Reinhold und Fichte läßt.
Was ist das Kriterium für solche apriorische Un-
Kants Überlegungen zur Vorstellung des Systems sind veränderlichkeit und Konstanz? Es muß sich zwar
mit seinen ontologischen Überzeugungen konsistent. um ein ›Grundprinzip‹ handeln, aber nicht im mate-
Wenn es keine direkte Korrelation zwischen unserem riellen Sinne. Es kann kein Prinzip der Deduktion
Wissen und der Welt, wie sich an sich selbst ist, gibt, der Subjekte und Prädikate sein, mit welchen wir die
dann können wir nicht davon ausgehen, daß sich Sy- Dinge beurteilen, sondern lediglich ein Prinzip der
stematizität an der ›Natur der Dinge‹ orientiert. Statt Verbindungsformen zwischen diesen: die »Notwen-
dessen verstehen wir Systematizität als unsere Art digkeit der Verknüpfung dieser Vorstellungen«. Die-
und Weise – unsere höchst vernünftige Art und ses ordnende Prinzip kann jedoch nicht das (logisch-
Weise –, die Welt zu begreifen. Systemhaftigkeit hat formelle) Prinzip des Widerspruchs sein, welches
für ihn daher eine subjektive Gültigkeit: Die beson- nichts ist als die Inversion durch zwei Negationen der
deren Formen, die sie annimmt, hängen von dem allgemeinen affirmierenden Formel des Denkens,
Wissenden und von dem Kontext epistemischer nämlich daß die Merkmale eines Objektes durch die
Praktiken ab, innerhalb dessen der Wissende sich be- entsprechenden Vorstellungen verknüpft sind.8 Kurz:
wegt. Im wesentlichen nötigt uns aber die Vernunft Der Satz des Widerspruchs ist im Grunde hypothe-
zur Systematisierung. tisch, denn, wie Reinhold lehrt, damit ein Prädikat
Daß der Systembegriff sich ändert, wenn sich on- einem Subjekt widerspricht, muß schon im Subjekt
tologische Überzeugungen wandeln, ist offensicht- notwendigerweise der Gegensatz des Prädikates vor-
lich. handen sein: Daß etwas ›Nichtrundes‹ dem Subjekt
›Kreis‹ nicht entspricht, hängt davon ab, daß das Prä-
2.1 Reinholds ›Elementarphilosophie‹ dikat ›rund‹ schon im Begriff des Subjekts impliziert
Kant selbst hatte eingeräumt, die Kritik sei nichts als ist. Hier ist also der gesuchte letzte Grund nicht zu
eine »Propädeutik zum System der reinen Vernunft«: finden, denn erst wenn das Subjekt durch ein be-
»Eine solche würde nicht eine Doktrin, sondern nur stimmtes Prädikat wirklich gedacht wird, kann man
Kritik der reinen Vernunft heißen müssen«; »ihr Nut- mit Recht sagen, es sei nicht möglich, ihm das gegen-
zen würde in Ansehung der Spekulation wirklich nur sätzliche Prädikat zuzusprechen. Daraus folgt, daß
negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur zur das erste Prinzip absolut selbstbestimmend sein
Läuterung unserer Vernunft dienen.«7 1799 jedoch muß, d. h. es muß evident und auf keinen Bereich
verstand er sich zu einer anderen Selbsteinschätzung: der Philosophie reduzierbar sein; es muß eine ›Tat-
Bedrängt durch Fichte, sah er nun in der Kritik selbst sache‹ auszudrücken: eben die Tatsache des Bewußt-
schon das System. seins.
Es war K. L. Reinhold, der als erster versuchte, aus Dieses »Prinzip des Bewußtseins«, das die ganze
den kantischen Vorgaben ein schlüssiges System zu Elementarphilosophie – für Reinhold die wirkliche
machen, und zwar durch seine ›Elementarphiloso- prima philosophia – begründet, definiert sich wie
phie‹. Womit, so seine Ausgangsfrage, sollte die Phi- folgt:
losophie beginnen, wollte sie sich als ›Wissenschaft‹
daß zu jeder Vorstellung ein vorstellendes Subjekt
etablieren? Die Kritik handelte vornehmlich von ›Be-
und ein vorgestelltes Objekt gehöre, welche Beyde
wußtseinsakten‹, gruppiert unter dem allgemeinen
von der Vorstellung, zu der sie gehören, unterschie-
Titel ›Vorstellungen‹. Es war das Verdienst Reinholds,
den werden muß.9
das von Jacobi aufgedeckte Problem zu beseitigen,
welches dann auftritt, wenn man nach der Ursache Anders gesagt: Im Bewußtsein wird die Vorstellung
oder dem Ursprung unserer Vorstellungen fragt, liege von dem Vorgestellten und dem Vorstellenden unter-
dieser nun im ›Geist‹ oder in einem ›Ding an sich‹. Er schieden und auf beide bezogen.10 Aus diesem Prin-
widmete sich der Analyse der Vorstellungen, ihres zip folgen unmittelbar zwei weitere: das der Erkennt-
Reinhold und Fichte 63

nis und das des Selbstbewußtseins.11 (i) Nach dem er- 2.2 Fichtes ›Grundsatz‹
steren Prinzip sind wir uns der vorgestellten Objekte Die Veränderung ontologischer Voraussetzungen
insofern bewußt, als sie im Bewußtsein von der vor- führt auch bei Fichte zu einer Konzeption, die sich
gestellten Vorstellung und dem vorgestellten Vorstel- von Kant abwendet. Auch Fichte lehnt Kants Vorstel-
lenden unterschieden sind. (ii) Nach dem zweiten lung vom Ding-an-sich als ein überholtes Stück ma-
Prinzip sind wir uns unseres eigenen, als des Vor- terialistischen Dogmatismus ab:
stellenden vorgestellten Subjekts bewußt; dieses Sub-
[D]as Ding an sich ist eine blosse Erdichtung, und
jekt ist der Begründer aller Erkenntnis a priori. So
hat gar keine Realität. Es kommt nicht etwa in der
versucht Reinhold, die Grundbegriffe des Erkennens
Erfahrung vor: denn das System der Erfahrung ist
durch ihre bloße innere Beziehung zu definieren,
nichts Anderes, als das mit dem Gefühle der Noth-
ohne sich darüber auszusprechen, was ›außerhalb‹
wendigkeit begleitete Denken, und kann selbst von
dieser Beziehung ›Subjekt‹, ›Objekt‹ oder deren bei-
dem Dogmatiker, der es, wie jeder Philosoph, zu
der Existenz bedeuten könnten. Das ›Vorgestellte‹ be-
begründen hat, für nichts Anderes ausgegeben
zeichnet einfach die Materie der Erkenntnis, das
werden.15
›Vorstellende‹ die Form, und die ›Vorstellung‹ die
Vereinigung oder Synthesis beider. Erfahrung läßt sich daher für Fichte im Sinne ihrer
Demnach ist klar, daß die ganze Kantsche Proble- notwendigen inneren Beziehungen erklären. Und
matik bezüglich vermeintlicher ›Dinge an sich‹ ver- wenn Erfahrung die Form eines Systems annimmt,
schwindet, da Reinhold keine scharfe Unterschei- dann ist dieses kein Subjektives, sondern statt dessen
dung zwischen ›denken‹ und ›erkennen‹ anerkennt. ein als notwendig Bestimmtes. Es gibt keine ›Nicht-
Auch Kants noumenon ist ein ›vorgestelltes‹ Objekt, identität‹ zwischen Wissen und Wirklichkeit, und
bloß ohne die Einschränkungen der Sinnlichkeit. Wissenssysteme sind daher objektiv und nicht im
Daraus folgt, daß es vom ›Ding an sich‹ keinen Ge- Kantischen Sinne subjektiv.
danken gibt, oder genauer gesagt: daß dieser Ge- Ein weiterer wichtiger Streitpunkt zwischen den
danke widersprüchlich ist: Positionen von Kant und Fichte ist die Beweisme-
thode. Kant denkt über die Bandbreite epistemischer
Das, was ich Begriff des Dinges an sich nenne, und
Phänomene nach und versucht, sie vor dem Skepti-
dessen Möglichkeit und Ursprung in der Theorie
zismus zu retten. Auch bestätigt er die Richtigkeit je-
des Erkenntnisvermögens entwickelt wird, ist die
ner grundlegenden Erfahrungsbegriffe, indem er
Vorstellung eines Dinges überhaupt, daß keine
zeigt, wie sie funktionieren und entstehen. Kant lei-
Vorstellung ist; keines bestimmten, individuellen,
tete diese Begriffe in der ›Transzendentalen Deduk-
existierenden Dinges.12
tion‹ vom Verstandesvermögen ab. Es wurde ihm je-
Mit diesem Ausdruck wird nur die Negation der doch zur Last gelegt, die von den Logikern entwor-
Form jeder Vorstellung ausgedrückt; er weist auf et- fene Urteilstafel einfach akzeptiert zu haben. In der
was hin, »welches dem bloßen Stoffe einer Vorstel- Tat betrachteten die meisten Nachkantianer Kants
lung außer der Vorstellung zum Grunde liegen Akzeptanz der Gegebenheiten (insbesondere der Ka-
muß«.13 Wie kann aber etwas Undenkbares und rein tegorien) als übermäßig vorsichtig, während die Phi-
Negatives der Materie ›zugrunde liegen‹, d. h. die losophie doch eigentlich eine voraussetzungslose An-
Materie bestimmen? Reinhold selbst räumt ein, daß gelegenheit des Ableitens von Phänomenen aus ihrer
dieser widersprüchliche Begriff »vorstellbar ist als die Notwendigkeit sein sollte. Es ist dieses – von Fichte
Negation der Form der Vorstellung, d. h. dem kein empfohlene – mühselige Verfahren der Deduktion,
anderes Prädikat beygelegt werden kann, als daß es das für ihn den systematischen Charakter der Erfah-
keine Vorstellung ist.«14 Daher muß jeder, der den rung erklärte. Wieder ist Deduktion nicht bloß ein
Begriff des Dinges an sich aufrechterhalten will, um Kennzeichen philosophischer Darstellung: Deduk-
einen augenscheinlichen Widerspruch abzuweisen, tion zeichnet die Entstehung der grundlegenden Er-
notwendigerweise in eine Tautologie verfallen, die fahrungsstrukturen genau auf.
zugleich zu einem stärkeren Widerspruch wird: Der Fichtes Überlegungen zur Methodologie der Philo-
Begriff des ›Dinges an sich‹ ist die Vorstellung eines sophie führten ihn unmittelbar auf Fragen zum Sy-
Begriffes, nicht der eines bestimmten Dinges; allein stemcharakter. In dem Wunsch, die Gültigkeit der
dieser Begriff ist unvorstellbar. Das ›Ding an sich‹ grundlegenden These einer herausragenden Stellung
wäre also folglich entweder eine unvorstellbare Vor- der Vernunft zu beweisen, beharrte er darauf, daß die
stellung oder die Unvorstellbarkeit einer Vorstel- Philosophie wissenschaftlich sein müsse: ein Wis-
lung. senskorpus, der rigoros zu strukturieren und zu de-
Félix Duque monstrieren ist. Er schloß dabei die romantische
Idee, daß man mit Hilfe einer fragmentarischen und
64 III. System und Methode

paradoxen Logik zur Wahrheit gelangen könnte, ex- feste System, das auf einem unerwiesenen und un-
plizit aus (s. Kap. 11: Der philosophische Beitrag der erweisbaren Satze beruhet, nicht Wissenschaft;
deutschen Frühromantik und Hölderlins). Weder die und warum nennen wir die Kenntniss des zweiten,
Vorstellung von Philosophie als strenger Wissen- die in seinem Verstande mit keinem Systeme zu-
schaft noch dahingehende Ansprüche waren zu Fich- sammenhängt, Wissenschaft?
tes Zeit ungewöhnlich, und auch er forderte, daß Ohne Zweifel darum, weil das erstere in aller sei-
Philosophie systematisch sein müsse. Seine Begrün- ner schulgerechten Form doch nichts enthält, das
dung: Wenn Wissenschaft systematisch ist, und Phi- man wissen kann; und der letztere, ohne alle
losophie eine Wissenschaft ist, dann muß die Philo- schulgerechte Form, etwas sagt, das er wirklich
sophie systematisch sein. weiss, und wissen kann.
In § 1 seiner Schrift Ueber den Begriff der Wissen- Das Wesen der Wissenschaft bestünde sonach,
schaftslehre (1794) argumentiert Fichte: wie es scheint, in der Beschaffenheit ihres Inhalts
und dem Verhältnisse desselben zu dem Bewußt-
Um getheilte Parteien zu vereinigen, geht man am seyn desjenigen, von welchem gesagt wird, daß er
sichersten von dem aus, worüber sie einig sind. wisse: und die systematische Form wäre der Wis-
Die Philosophie ist eine Wissenschaft; – darüber senschaft bloss zufällig; sie wäre nicht der Zweck
sind alle Beschreibungen der Philosophie so über- derselben, sondern bloss etwa das Mittel zum
einstimmend, als sie in der Bestimmung des Ob- Zwecke.
jects dieser Wissenschaft getheilt sind. Und wie, Dies liesse sich vorläufig so denken. Wenn etwa
wenn diese Uneinigkeit daher gekommen wäre, aus irgend einer Ursache der menschliche Geist
daß der Begriff der Wissenschaft selbst, für welche nur sehr wenig gewiss wissen, alles andere aber nur
sie einmüthig die Philosophie anerkennen, nicht meinen, muthmaassen, ahnen, willkürlich anneh-
ganz entwickelt war? Wie wenn die Bestimmung men könnte, aber doch, gleichfalls aus irgend einer
dieses einzigen von allen zugestandenen Merkmals Ursache, mit dieser engbeschränkten oder unsi-
völlig hinreichte, den Begriff der Philosophie selbst cheren Kenntniss sich nicht wohl begnügen
zu bestimmen? könnte, so würde ihm kein anderes Mittel übrig
Eine Wissenschaft hat systematische Form; alle bleiben, dieselbe auszubreiten und zu sichern, als
Sätze in ihr hängen in einem einzigen Grundsatze daß er die ungewissen Kenntnisse mit den gewis-
zusammen, und vereinigen sich in ihm zu einem sen vergliche, und aus der Gleichheit oder Un-
Ganzen – auch dieses gesteht man allgemein zu. gleichheit – man verstatte mir vorläufig diese Aus-
Aber ist nun der Begriff der Wissenschaft er- drücke, bis ich Zeit erhalte, sie zu erklären – aus
schöpft? der Gleichheit oder Ungleichheit der ersteren mit
Wenn jemand auf einem grundlosen und uner- den letzteren, auf die Gewissheit oder Ungewiss-
weislichen Satze, z. B. auf dem, daß es in der Luft heit derselben folgerte. Wären sie einem gewissen
Geschöpfe mit menschlichen Neigungen, Leiden- Satze gleich, so könnte er sicher annehmen, daß sie
schaften und Begriffen, aber ätherischen Körpern auch gewiss seyen; wären sie ihm entgegengesetzt,
gebe, eine noch so systematische Naturgeschichte so wüsste er nunmehro, daß sie falsch wären, und
dieser Luftgeister aufbaute, welches an sich recht er wäre vor längerer Täuschung durch sie gesi-
wohl möglich ist – würden wir ein solches System, chert. Er hätte, nicht Wahrheit, doch Befreiung
so streng auch in demselben gefolgert würde, und vom Irrthume gewonnen. –
so innig auch die einzelnen Theile desselben unter Ich mache mich deutlicher. – Eine Wissenschaft
einander verkettet seyn möchten, für eine Wissen- soll Eins, ein Ganzes seyn. Der Satz, daß eine auf
schaft anerkennen? Hinwiederum, wenn jemand einer horizontalen Fläche in einem rechten Winkel
einen einzelnen Lehrsatz anführt – etwa der me- aufgestellte Säule perpendicular stehe, ist für den,
chanische Handwerker den Satz: daß eine auf einer der keine zusammenhängende Kenntniss von der
horizontalen Fläche in einem rechten Winkel auf- Geometrie [oder der Geschichte, 1ste Ausg.] hat,
gestellte Säule perpendicular stehe, und ins unbe- ohne Zweifel ein Ganzes, und insofern eine Wis-
dingte verlängert, nach keiner von beiden Seiten senschaft.
hängen werde; welches er ehemals gehört, und in Aber wir betrachten auch die gesammte Geo-
vielfältiger Erfahrung als wahr befunden* [1]; – so metrie [und Geschichte] als eine Wissenschaft, da
wird jedermann zugestehen, derselbe habe Wissen- sie doch noch gar manches andere enthält, als je-
schaft von dem gesagten; ob er gleich nicht den nen Satz. – Wie und wodurch werden nun eine
geometrischen Beweis seines Satzes von dem er- Menge an sich höchst verschiedener Sätze zu Einer
sten Grundsatze dieser Wissenschaft an systema- Wissenschaft, zu Einem und eben demselben
tisch führen kann. Warum nennen wir nun jenes Ganzen?
Reinhold und Fichte 65

Ohne Zweifel dadurch, daß die einzelnen Sätze wisser Satz heisst ein Grundsatz. Jede Wissenschaft
überhaupt nicht Wissenschaft wären, sondern daß muß einen Grundsatz haben; ja sie könnte ihrem
sie erst im Ganzen, durch ihre Stelle im Ganzen, inneren Charakter nach wohl gar aus einem ein-
und durch ihr Verhältniss zum Ganzen es werden. zigen, an sich gewissen Satze bestehen, – der aber
Nie aber kann durch blosse Zusammensetzung dann freilich nicht Grundsatz heissen könnte, weil
von Theilen ein etwas entstehen, das nicht in ei- er nichts begründete. Sie kann aber auch nicht
nem Theile des Ganzen anzutreffen sey. Wenn gar mehr als Einen Grundsatz haben, weil sie sonst
kein Satz unter den verbundenen Sätzen Gewiss- nicht Eine, sondern mehrere Wissenschaften aus-
heit hätte, so würde auch das durch die Verbin- machen würde.
dung entstandene Ganze keine haben. Eine Wissenschaft kann ausser dem vor der Ver-
Mithin müßte wenigstens Ein Satz gewiss seyn, bindung vorher gewissen Satze noch mehrere Sätze
der etwa den übrigen seine Gewissheit mittheilte; enthalten, die erst durch die Verbindung mit je-
so dass, wenn, und inwiefern dieser Eine gewiss nem überhaupt als gewiss, und auf dieselbe Art
seyn soll, auch ein Zweiter, und wenn, und inwie- und in demselben Grade gewiss wie jener erkannt
fern dieser Zweite gewiss seyn soll, auch ein Dritter werden. Die Verbindung besteht, wie eben erinnert
u.s.f. gewiss seyn muß. Und so würden mehrere, worden, darin, daß gezeigt werde: wenn der Satz A
und an sich vielleicht sehr verschiedene Sätze, eben gewiss sey, müsse auch der Satz B – und wenn die-
dadurch, daß sie alle – Gewissheit, und die gleiche ser gewiss sey, müsse auch der Satz C u. s. f. gewiss
Gewissheit hätten, nur Eine Gewissheit gemein ha- seyn; und diese Verbindung heisst die systemati-
ben, und dadurch nur Eine Wissenschaft werden. – sche Form des Ganzen, das aus den einzelnen
Der von uns so eben schlechthin gewiss ge- Theilen entsteht. – Wozu nun diese Verbindung?
nannte Satz – wir haben nur einen solchen ange- Ohne Zweifel nicht um ein Kunststück des Ver-
nommen – kann seine Gewissheit nicht erst durch bindens zu machen, sondern um Sätzen Gewiss-
die Verbindung mit den übrigen erhalten, sondern heit zu geben, die an sich keine hätten: und so ist
muß sie vor derselben vorher haben; denn aus Ver- die systematische Form nicht Zweck der Wissen-
einigung mehrerer Theile kann nichts entstehen, schaft, sondern sie ist das zufällige, nur unter der
was in keinem Theile ist. Alle übrigen aber müßten Bedingung, daß die Wissenschaft aus mehreren
die ihrige von ihm erhalten. Er müßte vor aller Sätzen bestehen solle, anwendbare Mittel zur Er-
Verbindung vorher gewiss und ausgemacht sein. reichung ihres Zwecks. Sie ist nicht das Wesen der
Kein einziger von den übrigen aber müßte vor der Wissenschaft, sondern eine zufällige Eigenschaft
Verbindung es sein, sondern erst durch sie es derselben. – Die Wissenschaft sei ein Gebäude; der
werden. Hauptzweck dieses Gebäudes sey Festigkeit. Der
Hieraus erhellet zugleich, daß unsere obige An- Grund ist fest, und so wie dieser gelegt ist, wäre
nahme die einzige richtige ist, und daß in einer der Zweck erreicht. Weil man aber im blossen
Wissenschaft nur Ein Satz seyn kann, der vor der Grunde nicht wohnen, durch ihn allein sich weder
Verbindung vorher gewiss und ausgemacht ist. gegen den willkürlichen Anfall des Feindes, noch
Gäbe es mehrere dergleichen Sätze, so wären sie gegen die unwillkürlichen Anfälle der Witterung
entweder mit dem anderen gar nicht verbunden, schützen kann, so führt man auf denselben Seiten-
und dann gehörten sie nicht zu dem gleichen Gan- wände, und über diesen ein Dach auf. Alle Theile
zen, sondern machten Ein oder mehrere abgeson- des Gebäudes werden mit dem Grunde, und unter
derte Ganze aus; oder sie wären damit verbunden. sich selbst zusammengefügt, und dadurch wird das
Die Sätze sollen aber nicht anders verbunden wer- Ganze fest, aber man baut nicht ein festes Ge-
den, als durch die Eine und gleiche Gewissheit: – bäude, damit man zusammenfügen könne, son-
wenn Ein Satz gewiss ist, so soll auch ein anderer dern man fügt zusammen, damit das Gebäude fest
gewiss seyn, und wenn der Eine nicht gewiss ist, so werde; und es ist fest, in so fern alle Theile des-
soll auch der andere nicht gewiss seyn; und ledig- selben auf einem festen Grunde ruhen.16
lich dieses Verhältniss ihrer Gewissheit zu einander
soll ihren Zusammenhang bestimmen. Dies Fichtes Behauptung, daß Wissenschaft eines ›Grund-
könnte von einem Satze, der eine von den übrigen satzes‹ bedarf, der als Grundlegung allen weiteren
Sätzen unabhängige Gewissheit hätte, nicht gelten; Wissens dient, leitet sich aus seinen Ideen darüber
wenn seine Gewissheit unabhängig seyn soll, so ist her, wie ein System der Philosophie vorgehen müsse.
er gewiss, wenn auch die anderen nicht gewiss Dieser Grundsatz muß unabhängig vom System be-
sind. Mithin wäre er überhaupt nicht mit ihnen wiesen werden. Wäre er abgeleitet worden, dann
durch Gewissheit verbunden. – Ein solcher vor der wäre er auf andere Sätze angewiesen. Statt dessen
Verbindung vorher und unabhängig von ihr ge- dürfen aber andere Sätze aus ihm abgeleitet werden.
66 III. System und Methode

Fichtes Systemvorstellung variiert, hinsichtlich des (i) Er vertritt die Auffassung, daß der Grundsatz,
Grades, zu dem sie das in ihr enthaltene Wissen be- sofern er nicht über eine besondere Selbst-Gewißheit
stimmt. Nach seiner Ansicht bildet zum Beispiel je- verfügt, ein von einem anderen Prinzip abhängiges
der gesammelte Korpus von Wissen ein Ganzes. Prinzip sein wird, das wiederum von einem anderen
Prinzip abhängt, und so weiter ad infinitum. (Dies
Jede Wissenschaft, wenn sie nicht ein einzelner ab-
bestreitet Hegel, für den es kein solches selbst-gewis-
gerissener Satz, sondern ein aus mehreren Sätzen
ses Erstprinzip gibt. Die Vernetzung unserer Schluß-
bestehendes Ganze seyn soll, hat systematische
folgerungen innerhalb unserer Wissenssysteme recht-
Form.17
fertigt dasjenige, dessen wir uns gewiß sein können.)
In diesem Zusammenhang könnte ›System‹ ein Syn- Wenn Fichte also das System als eine Art von Zirkel
onym sein für Sätze, die sich wechselseitig stützen. beschreibt, legt er Wert darauf, daß dies kein Zirkel
Der Begriff des Systems bezeichnet für Fichte in der ist, der aus bloß vermittelten Wahrheiten zusammen-
Tat eine Reihe jener Sätze, die von dem Grundsatz gesetzt ist, sondern aus durch den Grundsatz vermit-
irgendeiner Wissenschaft hergeleitet wurden. telten Wahrheiten. Eine weitere wichtige Bestim-
Der Grundsatz ist der primäre Satz – und er muß mung der ›Zirkelhaftigkeit‹ des Systems ist, daß sein
unmittelbar gewiß sein –, wohingegen andere Sätze Grundsatz zugleich der Anfangspunkt und der Ab-
ihm nachrangig und daher weniger gewiß sind, wie schluß des Wissens ist. Dem Anfangspunkt wird je-
Fichte behauptet. Dies ist eine starke Behauptung: doch keine Gewißheit hinzugefügt: vielmehr wird ge-
Wenn der Grundsatz gewiß ist und die weiteren Sätze zeigt, daß der Anfangspunkt das entscheidende Prin-
korrekt von ihm abgeleitet wurden, dann büßen sie zip allen Wissens ist.
nichts von der Gewißheit ein, die dem Grundsatz (ii) Fichte lehnt das ab, was wir heutzutage als
selbst zukommt. Fichte gibt eine Charakterisierung theoretischen Pluralismus bezeichnen. Die Vorstel-
dessen, was der Grundsatz des Systems sein muß: lung, daß es eine ganze Reihe von grundlegenden
Sein grundlegender Charakter muß in jedwedem Prinzipien geben könnte, würde zu einer Mehrzahl
Wissensanspruch unmittelbar präsent sein. »man von Systemen führen. Heute neigen wir eher zu der
weiss, was er aussagt, weil man überhaupt weiss; man Annahme, daß sich unsere Überzeugungen – etwa
weiss es unmittelbar, so wie man irgend etwas jene, die unser moralisches und politisches Leben be-
weiss‹.18 Es ist nicht überraschend, daß Fichte mit treffen – oftmals von konkurrierenden Erstprinzipien
dem Vorschlag fortfährt, der ›Intellekt‹ – seine Re- ableiten und theoretische Stringenz sich nicht immer
konstruktion von Kants ›Ich denke‹ – sei dieser alles mit der Realität verträgt.
begleitende Grundsatz. Angesichts neuerer Interpretationen von Fichtes
Da wir Fichtes höchstes Ziel kennen – die Etablie- Begriff des Setzens, die diesen für mit der zeitgenössi-
rung des Intellekts als Prinzip der Erfahrung – kön- schen Kohärenztheorie kompatibel erklären, ist die
nen wir sehen, wie diese Zielsetzung seine Gedanken Bemerkung angebracht, daß Fichte die Idee ablehnt,
zum Systemcharakter leitet. Die Frage ist also: Erfüllt der Grundsatz könne als ein vorläufiges Prinzip auf-
das ›Ich‹ die Rolle des Grundsatzes? (Zu Fichtes gefaßt werden.19 Die Vorstellung eines vorläufigen
Theorie der Subjektivität s. den Fichte-Abschnitt in grundlegenden Prinzips ist, so seine Behauptung,
Kap. 4: Die Erkenntnis und das Wissen.) Denn nun eine Inkohärenz: Sie beinhaltet ein willkürliches ›Ein-
können wir sehen, daß es einen bestimmten Sinn grenzen‹ dessen, was wir wissen, und die Setzung ei-
gibt, in dem das ›Ich‹ unmittelbar gewiß ist, nämlich nes uns unbekannten Reichs der Ungewißheit. Daher
insofern, als wir nicht von anderen Gewißheiten auf ist das System des Wissens absolut, ahistorisch und
das Selbstbewußtsein schließen. Zudem ist es nicht apodiktisch.
falsch, da es selbst-gewiß ist. Fichte nennt in der Tat Man könnte auch nach der Form des Grundsatzes
Kriterien, die mit dem ›Ich‹ als Grundsatz höchst fragen, die ihn für weitere Deduktionen angemessen
kompatibel sind. Es gibt das interne Kriterium von macht. Wir können Sätze nur von anderen Sätzen
Wahrheit ohne Nachweis (Nachweise müssen sich auf ableiten. Daher muß der Grundsatz eine propositio-
andere Sätze stützen) und das externe Kriterium, und nale Form annehmen. Aber Behauptungen über et-
wir können alles, was wir wissen, auf den Grundsatz was – den Grundsatz –, das vermeintlich aller Über-
zurückführen; das Selbst in einer Reihe komplexer legung vorausgeht, sind, wie Hegel wußte, anfällig
Ableitungen wird sich als Grundlage unserer Schlüs- für Dekonstruktion: Wie kann etwas eine propositio-
selbegriffe erweisen. nale Form annehmen – einen Ausdruck der Sprache
Vor dem Hintergrund der grundlegend idealisti- – und gleichzeitig als aller Überlegung vorgängig be-
schen Aspirationen von Fichtes System ist nun zu hauptet werden? Interessanterweise fragt sich Fichte,
sehen, warum er zwei Alternativen zur Vorstellung ob der Grundsatz durch das Argument dekonstruiert
eines von einem Grundsatz hergeleiteten Systems werden könnte, daß, wenn der Grundsatz logisch ist,
ablehnt:
Schelling 67

die Logik dann dem Grundsatz vorgängig wäre. Er Wissenschaft angemessene Methodologie zu entwik-
argumentiert jedoch, daß die Logik sich von dem keln, auffällige Ähnlichkeiten zu Fichtes Ueber den
Grundsatz herleitet. Begriff der Wissenschaftslehre (1794) auf. So wie
Gegen Fichtes Vorstellung, daß Philosophie, wenn Fichte empfiehlt Schelling eine deduktive Methode,
sie denn eine Wissenschaft ist, wie die Wissenschaft in der gültige Sätze aus einem Satz von evidenter Ge-
systematisch sein muß, läßt sich mindestens zweierlei wißheit hergeleitet werden: von einem unbedingten
einwenden: Erstprinzip. Zusammen genommen bilden diese
(i) Auf welche Art ist Wissenschaft systematisch? Sätze ein System.
Wissenschaft, könnte man meinen, bezeichnet einen Schelling ist sich wohl bewußt, daß Kant sich be-
Wissenskorpus, in dem Theorie und empirische Ent- müht hatte, die Philosophie von der in seinen Augen
deckung einander bestimmen. Dies bedeutet, daß fruchtlosen Suche nach dem Unbedingten weg zu
jede Wissenschaft von Natur aus provisorisch ist, da führen. Kant war mit seiner kritischen Philosophie
sie gegenüber neuer empirischer Forschung offen zu dem Schluß gelangt, »daß das Unbedingte ohne
bleibt. Zu sagen, daß sie eine systematische Form mit Widerspruch gar nicht gedacht werden könne«, da das,
sich bringt, hieße sie in ihrer Revidierbarkeit ein- was ohne Widerspruch gedacht werden kann, seinen
schränken. Eine solche Auffassung von Wissenschaft Grund in der raum-zeitlichen (›bedingten‹) Realität
steht im Widerspruch zu Fichtes Vorstellung, daß unserer materiellen Erfahrung haben muß.20 Schel-
Philosophie als Wissenschaft ein System notwendiger ling wurde jedoch eindeutig von anderen Gedanken
Beziehungen zwischen Begriffen bezeichnet. aus Kants kritischer Philosophie in Versuchung ge-
(ii) Der zweite Einwand liegt in der Vorstellung, führt: jenen, die die einzigartigen Charakteristika des
daß das Kriterium der Wissenschaft ihre Systematizi- ›Ich denke‹ (das alle ›Vorstellungen muß begleiten
tät ist. Wenn wir Wissenschaft als Systematizität defi- können‹ und als spontan erfahren wird) betrafen.
nieren, dann haben wir keine externen Wertungskri- Man kann, ohne Kant dabei untreu zu werden, sagen,
terien. So könnten auch Astrologie und Dämonolo- daß auch er diesen Aspekt des Bewußtseins – des ›Ich
gie als Wissenschaften aufgefaßt werden, sofern ihre denke‹ – durch den Kontrast zu ›bestimmbaren‹ Ge-
Sätze systematisch angeordnet sind. Fichte scheint genständen herausgestrichen hat. Jedoch ist für Kant
gegenüber diesem zweiten Einwand wachsam zu sein, das ›Ich denke‹ kein Satz, von dem ein System der
da er betont, daß eine Wissenschaft nicht auf uner- Philosophie hergeleitet werden kann.
wiesene und unerweisbare Sätze gegründet werden Bei Schelling wird das ›Ich‹, das als Grundlage ei-
könne. Diese vernünftige Forderung erweist sich für nes deduktiven Systems dienen könnte, selbst nicht
Fichte jedoch als schwierig, da er sich von einer rein ›deduziert‹, wie dies bei Kant der Fall ist. Schelling
intra-systematischen Erklärung des Wissens wegbe- schlug vielmehr vor, den Anfang des Systems mit Hilfe
wegen möchte. Damit muß er ein Erstprinzip finden, der intellektuellen Anschauung zu lokalisieren. ›Intel-
daß nicht als Teil des Systems bewiesen werden darf. lektuelle Anschauung‹ bezeichnet die Behauptung,
Wenn es aber nicht als Teil des Systems bewiesen daß es in aller Erfahrung ein Gewahrwerden des ›ab-
werden darf, könnte es wiederum eine den Anforde- soluten Ich‹ gibt – jenes nicht-empirisch bestimmten
rungen systematischer Herleitung nicht unterzogene Teils unseres Denkens. Diese introspektive, cartesia-
falsche Wissensbehauptung sein. Fichte begibt sich nisch klingende Behauptung wurde von Kant, der das
mit seiner Position in ein natürliches Dilemma: Er ›Ich denke‹ als eine Bedingung und nicht als ein Ele-
zielt auf Wissenschaftlichkeit und daher auf die Ver- ment des Seins betrachtete, rundweg abgelehnt. Die
meidung von Scheinwissen ab; zu diesem Zweck Behauptung selbst ist aber nicht absonderlich, wenn
kann er nun aber entweder einen Grundsatz anwen- wir die Inhalte unseres Denkens phänomenologisch
den, der nicht von anderen Sätzen hergeleitet werden betrachten: Daß wir alle Merkmale irgendeiner em-
darf (und der daher unbegründet sein könnte) oder pirischen Bestimmung zuschreiben können, ist kei-
aber seine Position systemintern rechtfertigen und neswegs offenkundig. Ob uns dies Grund gibt, es als
damit den Kontakt zur äußeren Realität verlieren. ›absolut‹ zu beschreiben, ist freilich umstritten.
In Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie
überhaupt versucht Schelling zu zeigen, daß das ›Ich‹
3. Schelling für die Erfahrung als Ganze verantwortlich zeichnet.
Auf der Grundlage einer schwachen Lesart dieser Be-
Schellings transzendentaler Idealismus ist zunächst hauptung könnte man argumentieren, daß Schelling
stark durch den Einfluß Fichtes gekennzeichnet. Sein ›Erfahrung‹ einfach als jene Beschäftigung mit der
früher Aufsatz Über die Möglichkeit einer Form der Welt erklärt, deren wir bewußt gewahr sind. Es gibt
Philosophie überhaupt (1794) weist in seinen Bemü- jedoch Textpassagen – sie lassen sich auch bei Fichte
hungen, für die Philosophie eine ihrem Status als finden –, in denen Schelling behauptet, daß die Rea-
68 III. System und Methode

lität der Welt – das, was wir gewöhnlich als Gegen- kraft aus dem ganzen Reichthum der Erfahrung
stände erfahren – eigentlich als das Produkt des Ich zu herbeiführt, und dadurch das Urtheil verwirrt und
verstehen ist. Schellings Bemühen führt im großen beunruhigt. Man kann die Kraft der Beweise nicht
und ganzen zu einer gemäß Reinholds drei Kriterien leugnen, auch weiß man nichts, was gewiß und
strukturierten Position: evident wäre, an die Stelle jener Principien zu set-
(i) diese leitet die Absolutheit des Ich systematisch zen, aber man fürchtet sich vor den als ungeheuer
dadurch her, daß sie die Unzulänglichkeiten der Al- vorgespiegelten Consequenzen, die man aus den-
ternativen exponiert; selben zum voraus hervorgehen sieht, und ver-
(ii) sie beginnt in Form des ›Ich‹ mit ›einem ein- zweifelt alle jene Schwierigkeiten zu lösen, welche
zigen, selbst-gewissen Erstprinzip‹ und die Principien in ihrer Anwendung unfehlbar fin-
(iii) dieses ›Ich‹ wird durch die ›intellektuelle An- den müssen. Da man aber von jedem, welcher an
schauung‹ phänomenologisch validiert. philosophischen Untersuchungen überhaupt An-
Im System des transzendentalen Idealismus (1800) theil nimmt, mit Recht verlangen kann, daß er je-
führte Schelling seinen Ansatz weiter, bei dem alle der Abstraktion fähig sey, und die Principien in
Erfahrung vom ›Ich‹ hergeleitet werden könne. Seine der höchsten Allgemeinheit aufzufassen wisse, in
spezifischen Gedanken zur System-Idee weisen dar- welcher das Einzelne völlig verschwindet, und in
auf hin, daß er Philosophie als das Bemühen um eine der, wenn sie nur die höchste ist, sicher auch die
selbstbegründende Rechtfertigung betrachtete. Schel- Auflösung für alle möglichen Aufgaben zum Vor-
ling führt aus: aus enthalten ist, so ist es natürlich, daß bei der
Es wird als Hypothese angenommen, in unserem ersten Errichtung des Systems alle ins Einzelne
Wissen sey ein System, das heißt, es sey ein Ganzes, herabsteigenden Untersuchungen entfernt, und
was sich selbst trägt und in sich selbst zusam- nur das Erste, was nöthig ist, die Principien ins
menstimmt.21 Reine gebracht und außer allen Zweifel gesetzt
werden. Indeß findet doch ein jedes System den
Schellings Ausführungen zum Systemcharakter des sichersten Probirstein seiner Wahrheit darin, daß
Wissens könnten also als Versuch einer intra-syste- es nicht nur zuvor unauflösliche Probleme mit
matischen Selbstbegründung verstanden werden, Leichtigkeit auflöst, sondern selbst ganz neue bis-
d. h. als die Vorstellung, daß die Gründe des Systems her nicht gedachte hervorruft, und aus einer all-
das System selbst sind: gemeinen Erschütterung des für wahr Angenom-
Da jedes wahre System (wie z. B. das des Welt- menen eine neue Art der Wahrheit hervorgehen
baues) den Grund seines Bestehens in sich selbst läßt. Es ist dieß aber eben das Eigenthümliche des
haben muß, so muß, wenn es ein System des Wis- transscendentalen Idealismus, daß er, sobald er
sens gibt, das Princip desselben innerhalb des Wis- einmal zugestanden ist, in die Nothwendigkeit
sens selbst liegen.22 setzt, alles Wissen von vorne gleichsam entstehen
zu lassen, was schon längst für ausgemachte Wahr-
Vor dem Hintergrund der Vorstellung vom ›Ich‹ als heit gegolten hat, aufs neue unter die Prüfung zu
dem Prinzip der Philosophie (im Rahmen des tran- nehmen, und gesetzt auch, daß es die Prüfung be-
szendentalen Idealismus betrachtet) mußte Schelling stehe, wenigstens unter ganz neuer Form und Ge-
letztlich jedoch ein Erstprinzip finden, das nicht im stalt aus derselben hervorgehen zu lassen.
System selbst begründet lag. Der Zweck des gegenwärtigen Werkes ist nun
In der ›Vorrede‹ zum System des transzendentalen eben dieser, den transscendentalen Idealismus zu
Idealismus hat Schelling die in dieser Periode seines dem zu erweitern, was er wirklich seyn soll, näm-
Denkens maßgebliche System-Idee erläutert: lich zu einem System des gesammten Wissens, also
Daß ein System, welches die ganze, nicht bloß im den Beweis jenes Systems nicht bloß im Allgemei-
gemeinen Leben sondern selbst in dem größten nen, sondern durch die That selbst zu führen, d. h.
Theil der Wissenschaften herrschende Ansicht der durch die wirkliche Ausdehnung seiner Principien
Dinge völlig verändert und sogar umkehrt, wenn auf alle möglichen Probleme in Ansehung der
schon seine Principien auf das strengste bewiesen Hauptgegenstände des Wissens, welche entweder
sind, einen fortdauernden Widerspruch selbst bei schon vorher aufgeworfen aber nicht aufgelöst wa-
solchen finde, welche die Evidenz seiner Beweise ren, oder aber erst durch das System selbst möglich
zu fühlen oder wirklich einzusehen im Stande gemacht worden und neu entstanden sind. Es folgt
sind, kann seinen Grund allein in dem Unvermö- daraus von selbst, daß diese Schrift Fragen und
gen haben, von der Menge einzelner Probleme zu Gegenstände berühren muß, welche bei sehr vielen
abstrahiren, welche unmittelbar mit einer solchen von solchen, die sich jetzt wohl in philosophischen
veränderten Ansicht die geschäftige Einbildungs- Dingen ein Urtheil herausnehmen, noch gar nicht
Schelling 69

in Anregung oder zur Sprache gekommen sind, in- weis der ganz gleichen Realität beider Wissenschaf-
dem sie noch an den ersten Anfangsgründen des ten in theoretischer Rücksicht, welche der Verfas-
Systems hangen, über welche sie, sey es aus ur- ser bis dahin nur behauptet hat, ist daher in der
sprünglicher Untüchtigkeit auch nur zu begreifen, Transscendental-Philosophie und insbesondere in
was mit ersten Principien alles Wissens verlangt derjenigen Darstellung davon zu suchen, welche
wird, oder aus Vorurtheil, oder aus was immer für das gegenwärtige Werk enthält, welches darum als
andern Gründen, nicht hinwegkommen können. ein nothwendiges Gegenstück zu seinen Schriften
Auch ist für diese Klasse, obgleich die Untersu- über die Natur-Philosophie zu betrachten ist.
chung, wie sich versteht, bis auf die ersten Grund- Denn es wird eben durch dasselbe offenbar, daß
sätze zurückgeht, doch von dieser Schrift wenig zu dieselben Potenzen der Anschauung, welche in
erwarten, da in Ansehung der ersten Untersuchun- dem Ich sind, bis zu einer gewissen Grenze auch in
gen in derselben nichts vorkommen kann, was der Natur aufgezeigt werden können, und da jene
nicht entweder in den Schriften des Erfinders der Grenze eben die der theoretischen und praktischen
Wissenschaftslehre, oder in denen des Verfassers Philosophie ist, daß es sonach für die bloß theo-
schon längst gesagt wäre, nur daß in der gegenwär- retische Betrachtung gleich gültig ist, das Objekte
tigen Bearbeitung die Darstellung in Ansehung ei- oder das Subjektive zum Ersten zu machen, indem
niger Punkte eine größere Deutlichkeit erlangt ha- für das Letztere nur die praktische Philosophie
ben mag, als sie zuvor gehabt hat, durch welche (welche aber in jener Betrachtung gar keine
aber doch ein ursprünglicher Mangel des Sinns Stimme hat), entscheiden kann, daß also auch der
wenigstens nimmermehr ersetzt werden kann. Das Idealismus kein rein theoretisches Fundament hat,
Mittel übrigens, wodurch der Verfasser seinen insofern also, wenn man nur theoretische Evidenz
Zweck, den Idealismus in der ganzen Ausdehnung zugibt, niemals die Evidenz haben kann, welcher
darzustellen, zu erreichen versucht hat, ist, daß er die Naturwissenschaft fähig ist, deren Fundament
alle Theile der Philosophie in Einer Continuität sowohl als Beweise ganz und durchaus theoretisch
und die gesammte Philosophie als das, was sie ist, sind. Es werden eben aus diesen Erklärungen auch
nämlich als fortgehende Geschichte des Selbstbe- diejenigen Leser, welche mit der Natur-Philosophie
wußtseyns, für welche das in der Erfahrung Nie- bekannt sind, den Schluß ziehen, daß es einen in
dergelegte nur gleichsam als Denkmal und Docu- der Sache selbst, ziemlich tief, liegenden Grund
ment dient, vorgetragen hat. Es kam, um diese Ge- hat, warum der Verfasser diese Wissenschaft der
schichte genau und vollständig zu entwerfen, Transscendental-Philosophie entgegengesetzt, und
hauptsächlich darauf an, die einzelnen Epochen von ihr völlig abgesondert hat, indem zuverlässig,
derselben und in denselben wiederum die einzel- wenn unsere ganze Aufgabe bloß die wäre, die Na-
nen Momente nicht nur genau zu sondern, son- tur zu erklären, wir niemals auf den Idealismus
dern auch in einer Aufeinanderfolge vorzustellen, wären getrieben worden.
bei der man durch die Methode selbst, mittelst Was nun aber die Deduktionen anbelangt, wel-
welcher sie gefunden wird, gewiß seyn kann, daß che von den Hauptgegenständen der Natur, der
kein nothwendiges Mittelglied übersprungen sey, Materie überhaupt und ihren allgemeinen Funk-
und so dem Ganzen einen inneren Zusammen- tionen, dem Organismus u. s. w. in dem vorliegen-
hang zu geben, an welchen keine Zeit rühren den Werk geführt worden sind, so sind es zwar
könne, und der für alle fernere Bearbeitung gleich- idealistische, deßwegen aber doch nicht (was viele
sam als das unveränderliche Gerüste dastehe, auf als gleichbedeutend ansehen) teleologische Ablei-
welches alles aufgetragen werden muß. Was den tungen, welche im Idealismus ebenso wenig als in
Verfasser hauptsächlich angetrieben hat, auf die einem andern System befriedigend seyn können.
Darstellung jenes Zusammenhangs, welcher ei- Denn wenn ich z. E. auch beweise, daß es zum Be-
gentlich eine Stufenfolge von Anschauungen ist, huf der Freiheit oder der praktischen Zwecke noth-
durch welche das Ich bis zum Bewußtseyn in der wendig ist, daß es Materie mit diesen oder jenen
höchsten Potenz sich erhebt, besonderen Fleiß zu Bestimmungen gebe, oder daß die Intelligenz ihr
wenden, war der Parallelismus der Natur mit dem Handeln auf die Außenwelt als durch einen Orga-
Intelligenten, auf welchen er schon längst geführt nismus vermittelt anschaue, so läßt mir doch die-
worden ist, und welchen vollständig darzustellen ser Beweis noch immer die Frage unbeantwortet,
weder der Transscendental- noch der Natur-Philo- wie und durch welchen Mechanismus denn die In-
sophie allein, sondern nur beiden Wissenschaften telligenz gerade eben das anschaue, was zu jenem
möglich ist, welche eben deßwegen die beiden Behuf nothwendig ist. Vielmehr müssen alle Be-
ewig entgegengesetzten seyn müssen, die niemals weise, welche der Idealist für das Daseyn bestimm-
in Eins übergehen können. Der überzeugende Be- ter Außendinge führt, aus dem ursprünglichen
70 III. System und Methode

Mechanismus des Anschauens selbst, d. h. durch Der frühe Schelling der Naturphilosophie (s. Kap. 5:
eine wirkliche Construktion der Objekte geführt Die Natur) hatte eine etwas andere Version von Sy-
werden. Die bloß teleologische Wendung der Be- stem entwickelt. Seine Sorge, daß der transzendentale
weise würde darum, weil die Beweise idealistisch Idealismus für sich selbst lediglich eine schmale, sub-
sind, doch das eigentliche Wissen um keinen jektive Erklärung der Erfahrung bereitstellen könnte,
Schritt weiter bringen, da bekanntlich die teleo- führte ihn dazu, die Struktur der Phänomene äuße-
logische Erklärung eines Objekts mich schlechter- rer Erfahrung, nämlich der Natur, zu untersuchen.
dings nichts über seinen wirklichen Ursprung leh- ›Natur‹ bedeutet jedoch nicht einfach zufällige Er-
ren kann. eignisse oder eigenständige Gegenstände. ›Natur‹ ist
Die Wahrheiten der praktischen Philosophie vielmehr ein Sammelbegriff, unter dem Gegenstände
können in einem Systeme des transscendentalen gefaßt werden, die an gemeinsamen Merkmalen ge-
Idealismus selbst nur als Mittelglieder vorkom- setzmäßigen Verhaltens teilhaben. Freilich konnte die
men, und was eigentlich von der praktischen Phi- Systemhaftigkeit der Natur nicht als ein von uns un-
losophie demselben anheimfällt, ist nur das Ob- abhängiges System verstanden werden: Wenn wir Sy-
jektive in ihr, welches in seiner größten Allgemein- stemcharakter in der Natur erkennen, rekonstruieren
heit die Geschichte ist, welche in einem System des wir, was wir selbst an sie herantragen. Einerseits ist
Idealismus ebenso gut transscendental deducirt zu die Natur selbst durch die Notwendigkeit ihrer Ent-
werden verlangt, als das Objektive der ersten Ord- wicklung gekennzeichnet; sie produziert sich selbst;
nung oder die Natur. Diese Deduktion der Ge- andererseits treibt sie ihre eigene Entwicklung bis zur
schichte führt zugleich auf den Beweis, daß das, menschlichen Intelligenz heran, in der sie sich selbst
was wir als den letzten Grund der Harmonie zwi- erkennt; beide Momente – das objektive der Ent-
schen dem Subjektiven und Objektiven des Han- wicklung und das subjektive des Erkennens der Ent-
delns anzusehen haben, zwar als ein absolut Iden- wicklung -bestimmen sich wechselseitig. In anderen
tisches gedacht werden muß, welches aber als sub- Worten: Die Natur kann als System betrachtet wer-
stantielles oder als persöhnliches Wesen vorzustel- den. Schelling dachte nicht, daß der Systemcharakter
len, um nichts besser wäre, als es in ein bloßes vom originären Akt der intellektuellen Anschauung
Abstraktum zu setzten, welche Meinung man dem herrührte. Unter dem Systemcharakter verstand er
Idealismus nur durch das gröbste Mißverständniß vielmehr zunächst eine Reihe notwendig miteinander
aufbürden konnte. verbundener Begriffe.
Was die Grundsätze der Teleologie betrifft, so In seiner Einleitung zu dem Entwurf eines Systems
wird der Leser ohne Zweifel von selbst einsehen, der Naturphilosophie (1799) führte er anläßlich seiner
daß sie den einzigen Weg anzeigen, die Coexistenz Erörterung der Vorstellung des Apriori diese gegen-
des Mechanismus mit der Zweckmäßigkeit in der über Kant neue Version des Systembegriffs ein. Wäh-
Natur auf eine begreifliche Weise zu erklären. – rend für Kant das Apriori eine zur Möglichkeit der
Endlich wegen der Lehrsätze über die Philosophie Erfahrung notwendige Regel dar stellt, besteht für
der Kunst, durch welche das Ganze geschlossen Schelling das, was wir a priori wissen, in allen als
wird, bittet der Verfasser diejenigen, welche für notwendig verstandenen Aspekten der (anorgani-
dieselben etwa ein besonderes Interesse haben mö- schen und organischen) Natur: Es ist also Notwen-
gen, zu bedenken, daß die ganze Untersuchung, digkeit in diesem weiteren Sinne, die das Apriorische
welche an sich betrachtet eine unendliche ist, hier definiert, so wie Zufälligkeit das Aposteriori. Die Na-
bloß in der Beziehung auf das System der Philo- tur ist ein a priori-System, das nur dann als System
sophie angestellt wird, durch welche eine Menge erscheint, wenn wir sie vom spekulativen Standpunkt
Seiten dieses großen Gegenstandes zum voraus aus betrachten. Und als ein a priori-System kann sie
von der Betrachtung ausgeschlossen werden als ein System von untereinander verwandten Prinzi-
mußten. pien untersucht werden. Natürlich läßt sich letzteres
Schließlich bemerkt der Verfasser, daß es ein Ne- alleine in der Erörterung beweisen. Insofern ist die
benzweck gewesen sey, eine so viel möglich allge- Analyse ein Verfahren, in dem die Konstruktionsstu-
mein lesbare und verständliche Darstellung des fen der Natur aus ihrer ursprünglichen Einheit her-
transscendentalen Idealismus zu geben, und daß aus rekonstruiert werden. In seinen Ideen zu einer
ihm dieß schon durch die Methode, welche er ge- Philosophie der Natur (1797, 21 803) buchstabierte
wählt hat, einigermaßen gelungen seyn könne, da- Schelling die systematische Struktur der philosophi-
von hat ihn eine zweimalige Erfahrung bei dem schen Betrachtung der Natur aus:
öffentlichen Vortrag des Systems überzeugt.23
In der Naturphilosophie finden Erklärungen so
wenig statt als in der Mathematik; sie geht von den
Schelling 71

an sich gewissen Principien aus, ohne alle ihr etwa nen Wissenschaften gesagt wird, ist an Schellings Me-
durch die Erscheinungen vorgeschriebene Rich- taphysik des Wissens und des Handelns orientiert,
tung; ihre Richtung liegt in ihr selbst, und je ge- deren zwei Kernsätze lauten:
treuer sie dieser bleibt, desto sicherer treten die Er-
Das Wissen, in seiner Allheit, ist […] die eine,
scheinungen von selbst an diejenige Stelle, an wel-
gleich absolute Erscheinung des Einen Universum,
cher sie allein als nothwendig eingesehen werden
von dem das Seyn oder die Natur die andere ist.
können, und diese Stelle im System ist die einzige
Der Mensch, das Vernunftwesen überhaupt, ist
Erklärung, die es von ihnen gibt. Mit dieser Noth-
hingestellt, eine Ergänzung der Welterscheinung
wendigkeit begreifen sich in dem allgemeinen Zu-
zu seyn: aus ihm, aus seiner Thätigkeit soll sich
sammenhang des Systems und dem Typus, der für
entwickeln, was zur Totalität der Offenbarung
die Natur im Ganzen wie im Einzelnen aus dem Gottes fehlt.28
Wesen des Absoluten und der Ideen selbst fließt,
die Erscheinungen nicht nur der allgemeinen Na- Der Begriff der Totalität verbindet sich bei Schelling
tur, über welche man zuvor nur Hypothesen mit der Achtung der Pluralität:
kannte, sondern eben so einfach und sicher auch Hierin liegt die wahre Duldsamkeit, alle Dinge als
die der organischen Welt, deren Verhältnisse man in der Totalität begriffen zu denken und an ihrer
von jeher zu den am Tiefsten verborgenen und auf Stelle zu achten; nicht aber darin, alles unter Ein
immer unerkennbaren gezählt hat.24 Gesetz beugen zu wollen und die Mannichfaltig-
Bereits hier zeichnet sich im Kontext der Überlegun- keit der göttlichen Schöpfung, die sich vorzüglich
gen zum »Zusammenhang des Systems« und zum im Menschengeschlecht offenbart, unter eine For-
»Typus, der für die Natur im Ganzen wie im Einzel- mel zwingen zu wollen, Sittengesetz genannt, wel-
nen aus dem Wesen des Absoluten und der Ideen selbst ches der größt mögliche Wahn ist.29
fließt«, der Weg ab, den Schelling bald nach 1800 mit Der Gegenstand der Vorlesungen ist das »wahre Wis-
seiner Identitätsphilosophie gehen wird: Der Grund sen […], worin nicht das Individuum, sondern die
des Systemcharakters des Seins und der Konzeptuali- Vernunft weiß«.30 Die Identitätsphilosophie Schel-
sierung der Philosophie als System ist das in allen lings führt die Epistemologie, die seit Kant den Rang
seinen Formen und Gestaltungen mit sich selbst einer ersten Philosophie innehat, zurück in eine On-
identische Absolute. tologie des Wissens.
Dieses Konzept ist die Grundlage der Forderung Auf dieser spekulativen Grundlage thematisiert
nach Ganzheitlichkeit des Wissens, die Schelling 1803 Schelling die Geschichte des Wissens und fordert
in seinen Vorlesungen über die Methode des akademi- dazu auf, »das Vergangene selbst zum Gegenstand
schen Studiums aus dem Begriff des Absoluten be- der Wissenschaft zu machen«, statt »die Kenntniß
gründet. Die dem »Ganzen der Wissenschaften« ge- davon an die Stelle des Wissens selbst zu setzen.
widmeten Vorlesungen gehen von der zeitkritischen Durch das historische Wissen in diesem Sinn wird
Diagnose eines »Chaos […] oder eines weiten der Zugang zu dem Urbild verschlossen«.31 Zwar hat
Oceans« aus, auf dem man sich in den modernen auch das »wirkliche Wissen, da es successive Offenba-
arbeitsteiligen Wissenschaften »ohne Compaß und rung des Urwissens ist, […] notwendig eine histori-
Leitstern« alleine gelassen sehe.25 Als Therapie sche Seite«.32 Diese ›historische Seite‹ steckt das Ter-
schlägt Schelling einen »absoluten Begriff der Wissen- rain der positiven Wissenschaften ab.33 Der Gegen-
schaft« vor, der alles einzelne Wissen auf die episte- satz, der zwischen der »Historie«, d. h. den positiven
mische Totalität orientiert; alles Besondere hat nur Wissenschaften, und der Philosophie behauptet wird,
»Wert, sofern es das Allgemeine und Absolute in sich besteht aber »nur, solange die Geschichte als eine
empfängt«. Damit man »nicht als ein Sklave, sondern Reihe zufälliger Begebenheiten oder als bloß empiri-
als ein Freier und im Geiste des Ganzen« denkt, muß sche Nothwendigkeit begriffen wird« und nicht ge-
jegliches Wissen am ›Urwissen‹ teilhaben. Die Philo- sehen wird, daß alles individuelle Handeln durch
sophie repräsentiert als »Wissenschaft aller Wissen- dieselbe Notwendigkeit bedingt ist, deren Wurzel das
schaften«26 die Totalität eines Wissens, das sich als Absolute ist.
Wissen des Wissens reflektiert. Das Problem des Systemcharakters der Philosophie
Schellings Vorlesungen zielen gewiß auch – und auf hat Schelling auch in seiner weiteren Entwicklung
den ersten Blick: vorrangig – auf ein neues Modell nicht losgelassen. In einer 1821 in Erlangen unter
der Institutionen, der Inhalte und der Didaktik der dem Titel Ueber die Natur der Philosophie als Wissen-
Wissenschaften. Ihrem philosophischen Gehalt nach schaft gehaltenen Vorlesung über das System der Phi-
aber sind sie ein enzyklopädisches System27 in meta- losophie heißt es hierzu:
physischer Gestalt. Was immer hier über die einzel-
72 III. System und Methode

Der Gedanke oder das Bestreben, ein System des schreitet sie natürlich fort und zuletzt dahin, wo
menschlichen Wissens zu finden, oder, anders und nur die Individualität entscheidet, wodurch man
besser ausgedrückt, das menschliche Wissen im aber gesteht, daß keines des anderen absolut Mei-
System, im Zusammenbestehen zu erblicken, setzt ster; – hat sich aber A = B wirklich gesteigert (ohne
natürlich voraus, daß es ursprünglich und von sich übrigens im Wesentlichen verändert zu seyn),
selbst nicht im System – daß es also […] ein nicht während A = C sich nicht gesteigert hat, sondern
Zusammenbestehendes, sondern vielmehr sich geblieben ist, so wird vor der Hand A = B Meister
Widerstreitendes ist. Um diese Asystasie, diesen von A = C. Aber dieß dauert nicht lang, A = C
Unbestand, diese Uneinigkeit, gleichsam dieses wird endlich seines Nachtheils gewahr und steigert
bellum intestinum in dem menschlichen Wissen sich ebenfalls, so daß sie sich, nur auf dem höhern
zu erkennen – (denn dieser innere Widerstreit Standpunkt, wieder ebenso gut entgegenstehen als
muß offenbar werden), mußte der menschliche vorher auf dem niederen.
Geist sich in allen möglichen Richtungen schon Eine andere, noch zufälligere Möglichkeit ist
versucht haben. […] Also der Zeit nach sind die diese: Wenn A = B und A = C sich vollkommen die
Systeme vor dem System. Bedürfniß der Harmonie Wage halten, so wird es eben darauf ankommen,
kommt erst aus Disharmonie. wer von beiden, der 1, oder der 2 behauptet, der
Endlich muß, damit das Streben nach dem Sy- bessere Kämpfer ist. Allein dieß ist ein Sieg, der
stem wirklich vorhanden sey, die Einsicht hinzu- durchaus nichts entscheidet.
kommen, daß jener Widerstreit der Ansichten Also allerdings scheinbar und für eine Zeit kann
nicht etwas Zufälliges, in subjektiver Unvollkom- ein System des andern Meister werden, wirklich
menheit, etwa oberflächlichem Denken oder Ver- und in die Länge nicht, und daß dieß unmöglich
kehrtheit der Einzelnen, oder gar, wie manche sey – daß an sich jedes System gleiches Recht habe,
Seichtlinge sich vorstellen, in bloßen Logomachien gleichen Anspruch zu gelten – dieß ist die Einsicht,
Gegründetes sey. Man muß sich überzeugt haben, welche der Idee des Systems im großen Sinn – des
daß dieser Widerstreit einen objektiven Grund hat, Systems par excellence – vorausgehen muß. So-
daß er in der Natur der Sache selbst, in den ersten lange der Materialist noch dem Intellektualisten
Wurzeln alles Daseyns gegründet ist. Man muß oder der Idealist dem Realisten sein Recht nicht
eben darum die Hoffnung aufgegeben haben, die- zugesteht, ist an das System kat’exochen nicht zu
sen Widerstreit, dieses bellum omnium contra denken. […]
omnes damit zu beendigen, daß irgend eine ein- Also die Idee des Systems überhaupt setzt den
zelne Ansicht der andern absolut Meister werden, nothwendigen und unauflöslichen Widerstreit der
ein System das andere unterjochen könne. Dieß Systeme voraus: ohne diesen würde sie gar nicht
kann freilich scheinbar oft der Fall seyn. Nämlich entstehen.34
obwohl alle ausschließenden Systeme dieß mitein-
Es ist offensichtlich, daß sich Schelling in der Ab-
ander gemein haben, nicht das System, und inso-
lehnung partikulärer Ansprüche auf das System und
fern etwas Partielles, Untergeordnetes zu seyn, so
mit seiner Betonung der notwendigen Pluralität von
kann doch eins allerdings auf einer höhern Stufe
Systemen als Voraussetzung des ›Systems des
stehen als das andere. Oder – denn dieß verdient
menschlichen Wissens‹ nicht nur von Hegel unter-
genauere Darstellung – eigentlich verhält es sich
scheidet, sondern dieser auch der Adressat der Kritik
so. In allen Widersprüchen der Systeme unterein-
ist.
ander ist doch zuletzt nur Ein großer Wider-
spruch, Ein Urzwist. Wir wollen denselben so aus-
drücken, daß nach der einen Behauptung A = B,
4. Hegel
nach der andern = C ist. Nun kann es aber ge-
schehen, daß beide Systeme, das, welches A = B,
Hegel hat die Philosophie zu einem System-Ver-
und das, welches A = C setzt, auf einer sehr unter-
ständnis hingeführt, in dem sein Bemühen deutlich
geordneten Stufe aufgefaßt werden und so gegen-
wird, die Einsichten seiner Vorgänger aufzunehmen
einander auftreten. Mittlerweile findet sich einer,
und weiterzuentwickeln.
der über diesen untergeordneten Standpunkt sich
erhebt, aber auf dem höhern nicht etwa das auf- (i) Kant hatte erkannt, daß es eine Funktion der
stellt, wodurch A = B und A = C vereinigt werden, Vernunft ist, Ordnung in unseren Erkenntnissen
sondern wieder nur A = B, aber auf einer höhern zu suchen. Sein Fehler bestand nach Hegel jedoch
Stufe, in einer höhern Potenz; – sehr häufig aber darin, nicht realisiert zu haben, daß die systemati-
ist, daß die Einseitigkeit nur greller ausgebildet sche Ordnung, in die unser Wissen fällt, nicht im-
wird, denn wie einmal die Zerlegung angefangen, mer subjektiv ist.
Hegel 73

(ii) Fichte und Schelling betonten mit ihren Wie beginnen wir also mit der Philosophie? Wenn
transzendentalen Idealismen zu recht den dedukti- jeder Begriff vermittelt ist, dann taugt keiner davon
ven Charakter von Systemen: daß Systeme nicht zum Anfang der Philosophie. Hegel empfiehlt, mit
lediglich Aufräumübungen sind, daß ihre Sätze einem Begriff zu beginnen, der unmittelbar er-
miteinander in strenger Beziehung stehen müssen scheint, den wir als unmittelbar zu erfahren schei-
(die Form dieser strengen Beziehung wird nicht nen. Der Begriff, den Hegel zum Anfangspunkt des
näher erläutert). Die Vorstellung, daß die grund- Systems der Logik wählt, ist der des ›Seins‹. Dieses
legendsten Wissenssysteme einem Grundsatz auf- Prinzip wird, wie sich zeigen wird, tatsächlich von
ruhen, einem Prinzip außerhalb des Systems, ei- einer Reihe von Bestimmungen gestützt: Es wird sich
nem nicht beweisbaren Satz, lehnt Hegel jedoch als ein vermitteltes Prinzip herausstellen. Insofern ist
ab. der Begriff, mit dem zu beginnen ist, kein ›Grund-
(iii) Schellings Ausführungen zur objektiven Sy- satz‹ im Fichteschen Sinne, kein Satz, von dem alle
stematisierung der Natur waren richtungsweisend anderen Sätze hergeleitet werden. Der Ausgangs-
für die Vorstellung der Objektivität des Wissens- punkt ist vielmehr ein Begriff, der der Rechtfertigung
systems. ermangelt und der alleine in seinen systematisch ar-
tikulierten Beziehungen rechtfertigbar ist.
Bei Hegel ist das ›System der Philosophie‹ – das ent- In der Enzyklopädie der philosophischen Wissen-
scheidendste System von allen – ein Holismus, in dem schaften im Grundrisse (1830) legt Hegel in den
jedes Element alle anderen Systeme inferentiell stützt. §§ 61–78 seine detaillierteste Erklärung des Begriffs
Jedes einzelne Element hat seine Notwendigkeit in- der Vermittlung vor, d. h. der Theorie, die die innere
nerhalb des Systems dann und nur dann, wenn es in- Einheit des Systems erklärt. Vermittlung, so Hegel, ist
ferentiell artikuliert wird. Dies bedeutet, daß das Sy- ein Merkmal all dessen, was durch Kategorien be-
stem selbst dasjenige ist, was wahr ist – das System in griffen wird:
seiner vollständig artikulierten Darlegung- und nicht
ein privilegierter Grundsatz. Diese, wie sie der Verstand festhält, sind be-
Die von Fichte und Schelling bereits erörterte Be- schränkte Bestimmungen, Formen des Bedingten,
ziehung zwischen System und Methode findet bei Abhängigen, Vermittelten.
Hegel eine ausführliche Berücksichtigung, denn er Ein vermittelter Gegenstand ist also nicht grenzenlos
glaubt, daß der Entwurf eines Systems der Philoso- (begrenzt), nicht absolut (bedingt), nicht unabhän-
phie eines besonderen Typus intellektueller Beschäf- gig. Kategorien, fährt Hegel fort, sind Synonyme für
tigung mit Begriffen bedarf – einer besondere Me- Begriffe. Verstehen – durch Begriffe denken – bedeu-
thode. In diesem Zusammenhang unternimmt Hegel tet einen Gegenstand »in der Form eines Bedingten
seine Untersuchung des Dialektischen. und Vermittelten« begreifen.35 Wenn ›Vermittlung‹
Unter dem Titel ›Womit muß der Anfang der Wis- die Natur der Beziehungen zwischen Begriffen inner-
senschaft gemacht werden?‹ legt Hegel im Ersten halb eines konzeptuellen Ganzen bezeichnet, dann ist
Buch der Wissenschaft der Logik (1812) einige Ele- die Dialektik ein Schlüsselelement der Methode, mit
mente seines Systembegriffs dar. Er weist die Vorstel- deren Hilfe wir ›das Ganze‹ exponieren. Die Dialek-
lung, daß Wissen mit einem dem Nachweis entzoge- tik ist die Methodologie, mit Hilfe derer die vermit-
nen Prinzip oder Satz anhebt, explizit zurück; Fichte telte Natur unseres Wissens enthüllt wird.
ist das implizite Ziel seiner Kritik. Die Vorstellung In der Phänomenologie des Geistes (1807) versucht
eines Satzes, eines Grundsatzes, der außerhalb des Hegel das Verfahren zu erklären, durch das wir uns
Systems liegt, ist die Behauptung eines nicht-vermit- vom besonderen Wissen entfernen und in Richtung
telten Prinzips. Für Hegel sind jedoch alle Begriffe umfassendes Wissen bewegen, d. h. das Verfahren,
vermittelt. Diese ganz andere Art der Bedeutung – durch das wir uns von eigenständigen Wissens-Stük-
die Allgegenwart der Vermittlung – stellt Hegel vor ken zum System bewegen. Der Begriff, unter dem
eine Herausforderung, die Fichte als unüberwindbar Hegel dieses Verfahren faßt, ist Erfahrung: Die Entfal-
angesehen haben würde. Wenn es keinen privilegier- tung des philosophischen Systems ist Erfahrung an
ten Grundsatz geben kann, dann, so Fichte, muß ein sich. In seiner eigenen Nomenklatur beschreibt er Er-
System ein Zirkel ohne Anfang oder Ende sein. Hegel fahrung als die »dialektische Bewegung, welche das
greift dieses Problem tatsächlich explizit auf, um es Bewußtsein an ihm selbst […] ausübt«.36 Er argu-
zu lösen. ›Womit muß der Anfang der Wissenschaft mentiert, daß Erfahrung eine erkennbare rationale
gemacht werden?‹ ist ein Versuch anzuerkennen, daß Struktur besitzt. Dies bedeutet, daß der Prozeß, in
es keinen rein unmittelbaren Anfang gibt. Unmittel- dem wir vom besonderen zu umfassendem Wissen
barkeit wird in seiner Philosophie insgesamt ständig gelangen, weder planlos noch willkürlich ist. Jede Er-
zurückgewiesen. fahrungsphase wird durch einen rationalen Zwang
74 III. System und Methode

hervorgebracht. Erfahrung gibt sich nicht einfach an Die Methode ist daraus als der sich selbst wissende,
irgendeinem Punkt zufrieden, der hinter rational an- sich als das Absolute, sowohl Subjektive als Ob-
erkennbarem Wissen zurückbleibt. Das Denken ad- jektive, zum Gegenstande habende Begriff, somit als
justiert sich vielmehr solange selbst, bis es befriedigt das reine Entsprechen des Begriffs und seiner Rea-
ist, den Gegenstand erfaßt zu haben, den es zu ver- lität, als eine Existenz, die er selbst ist, hervorge-
stehen versucht. Im wesentlichen ist Erfahrung also gangen. Was hiermit als Methode hier zu betrach-
ein Prozeß, der von der rationalen Erfordernis ange- ten ist, ist nur die Bewegung des Begriffs selbst,
trieben wird, Unvollständigkeit und Inkohärenz zu deren Natur schon erkannt worden, aber erstlich
überwinden (das Moment der Dialektik). nunmehr mit der Bedeutung, daß der Begriff alles
Die dialektische Methode unterscheidet sich we- und seine Bewegung die allgemeine absolute Tätig-
sentlich vom Skeptizismus. Hegel behauptet, die keit, die sich selbst bestimmende und selbst rea-
Grundlage des Skeptizismus sei das Anerkennen des lisierende Bewegung ist. Die Methode ist deswegen
Moments in der Erfahrung, in dem Begriff und Ge- als die ohne Einschränkung allgemeine, innerliche
genstand nicht übereinstimmen (in gewissem Sinne und äußerliche Weise und als die schlechthin un-
ist dies ein Mißbrauch der Dialektik). Der Skeptizis- endliche Kraft anzuerkennen, welcher kein Objekt,
mus schließt hiervon Hegel zufolge darauf, daß so insofern es sich als ein äußerliches, der Vernunft
kein Gegenstand erkannt werden kann. In diesem fernes und von ihr unabhängiges präsentiert, Wi-
Sinne beläßt uns der Skeptizismus bei einem rein ne- derstand leisten, gegen sie von einer besonderen
gativen Wissen, das durch Abstraktion des Moments Natur sein und von ihr nicht durchdrungen wer-
des Zweifels von dem Prozeß des Verstehens gewon- den könnte. Sie ist darum die Seele und Substanz,
nenen ist. In Hegels Worten kennzeichnet es den und irgend etwas ist nur begriffen und in seiner
Skeptizismus, daß er »in dem Resultate nur immer Wahrheit gewußt, als es der Methode vollkommen
das reine Nichts sieht und davon abstrahiert, daß unterworfen ist; sie ist die eigene Methode jeder
Nichts bestimmt das Nichts dessen ist, woraus es re- Sache selbst, weil ihre Tätigkeit der Begriff ist.39
sultiert«.37
Diese Textpassage erläutert die von Hegel regelmäßig
Der Skeptizismus realisiert nicht, daß Negativität
geäußerte Forderung, daß die Philosophie versuchen
oder das Nichts ein Element des Verstehensprozesses
muß, im Unterschied zu einem externen ein internes
ist, nicht aber dessen Bedingung. Im Unterschied
Verständnis ihres Gegenstands zu erreichen. Externe
hierzu interpretiert Hegel Negativität als ein ratio-
Methoden besetzen den Gegenstand einfach mit vor-
nales Element der Erfahrung, das uns nötigt, nach
gefaßten Begriffen, wohingegen interne Methoden –
einem befriedigenderen Urteil zu suchen. Es ist wich-
die dialektische Methode als solche – empfindlich ge-
tig, daß diese Negativität nicht lediglich die Anerken-
genüber dem Gegenstand ist und auf die Erfahrung
nung eines Fehlers bezeichnet: Sie ist auch erbaulich.
des Gegenstands reagiert.
Sie deutet etwas über den Gegenstand an, den der
In der ›Einleitung‹ zu seiner Enzyklopädie der phi-
Begriff nicht bestimmen konnte. Die rationale Im-
losophischen Wissenschaften (1830) äußert sich Hegel
plikation dieser Negativität ist eine neue Wahrheit
zum Methodenproblem so:
und eine Verfeinerung unserer Konzeptualisierung
des Gegenstands. Und diese Erfahrung ist der Motor (§ 13) In der eigentümlichen Gestalt äußerlicher
dafür, das System zu entwickeln. Wir entdecken da- Geschichte wird die Entstehung und Entwicklung
durch über den Gegenstand, daß er der Gegenstand der Philosophie als Geschichte dieser Wissenschaft
ist, der letztlich die Identität mit dem Begriff verwei- vorgestellt. Diese Gestalt gibt den Entwicklungs-
gert. Aus diesem Grunde nennt Hegel die Negativität stufen der Idee die Form von zufälliger Aufeinan-
der Erfahrung »bestimmte [Negation]«, »die einen derfolge und etwa von bloßer Verschiedenheit der
Inhalt« hat.38 Prinzipien und ihrer Ausführungen in ihren Philo-
Die Wissenschaft der Logik (1812) enthält einige sophien. Der Werkmeister aber dieser Arbeit von
wichtige Überlegungen zur Rolle der Methode beim Jahrtausenden ist der eine lebendige Geist, dessen
Erreichen der ›absoluten Idee‹. Die ›absolute Idee‹ ist denkende Natur es ist, das, was er ist, zu seinem
nicht wirklich von der zu ihr führenden Methode ab- Bewußtsein zu bringen und, indem dies so Gegen-
trennbar. Schließlich ist die absolute Idee kein Ge- stand geworden, zugleich schon darüber erhoben
genstand oder Ding, das zu entdecken wir uns be- und eine höhere Stufe in sich zu sein. Die Ge-
mühen. Sie wird als Endpunkt eines Verstehenspro- schichte der Philosophie zeigt an den verschieden
zesses erreicht, und der Prozeß selbst – die Methode erscheinenden Philosophien teils nur eine Philo-
– ist daher von größter Bedeutung für das Erreichen sophie auf verschiedenen Ausbildungsstufen auf,
dieses Endpunktes. teils daß die besonderen Prinzipien, deren eines ei-
nem System zugrunde lag, nur Zweige eines und
Hegel 75

desselben Ganzen sind. Die der Zeit nach letzte beschränkten, von anderen unterschiedenen Prin-
Philosophie ist das Resultat aller vorhergehenden zip verstanden; es ist im Gegenteil Prinzip wahr-
Philosophien und muß daher die Prinzipien aller hafter Philosophie, alle besonderen Prinzipien in
enthalten; sie ist darum, wenn sie anders Philo- sich zu enthalten.
sophie ist, die entfaltetste, reichste und konkrete- (§ 15) Jeder der Teile der Philosophie ist ein phi-
ste. losophisches Ganzes, ein sich in sich selbst schlie-
Bei dem Anschein der so vielen, verschiedenen ßender Kreis, aber die philosophische Idee ist
Philosophien muß das Allgemeine und Besondere darin in einer besonderen Bestimmtheit oder Ele-
seiner eigentlichen Bestimmung nach unterschie- mente. Der einzelne Kreis durchbricht darum, weil
den werden. Das Allgemeine, formell genommen er in sich Totalität ist, auch die Schranke seines
und neben das Besondere gestellt, wird selbst auch Elements und begründet eine weitere Sphäre; das
zu etwas Besonderem. Solche Stellung würde bei Ganze stellt sich daher als ein Kreis von Kreisen
Gegenständen des gemeinen Lebens von selbst als dar, deren jeder ein notwendiges Moment ist, so
unangemessen und ungeschickt auffallen, wie daß das System ihrer eigentümlichen Elemente die
wenn z. B. einer, der Obst verlangte, Kirschen, Bir- ganze Idee ausmacht, die ebenso in jedem einzel-
nen, Trauben usf. ausschlüge, weil sie Kirschen, nen erscheint.
Birnen, Trauben, nicht aber Obst seien. In Anse- (§ 16) Als Enzyklopädie wird die Wissenschaft
hung der Philosophie aber läßt man es sich zu, die nicht in der ausführlichen Entwicklung ihrer Be-
Verschmähung derselben damit zu rechtfertigen, sonderung dargestellt, sondern ist auf die Anfänge
weil es so verschiedene Philosophien gebe und jede und die Grundbegriffe der besonderen Wissen-
nur eine Philosophie, nicht die Philosophie sei, – schaften zu beschränken.
als ob nicht auch die Kirschen Obst wären. Es ge- Wieviel von den besonderen Teilen dazu gehöre,
schieht auch, daß eine solche, deren Prinzip das eine besondere Wissenschaft zu konstituieren, ist
Allgemeine ist, neben solche, deren Prinzip ein be- insoweit unbestimmt, als der Teil nicht nur ein
sonderes ist, ja sogar neben Lehren, die versichern, vereinzeltes Moment, sondern selbst eine Totalität
daß es gar keine Philosophie gebe, gestellt wird, in sein muß, um ein Wahres zu sein. Das Ganze der
dem Sinne, daß beides nur verschiedene Ansichten Philosophie macht daher wahrhaft eine Wissen-
der Philosophie seien, etwa wie wenn Licht und schaft aus, aber sie kann auch als ein Ganzes von
Finsternis nur zwei verschiedene Arten des Lichtes mehreren besonderen Wissenschaften angesehen
genannt würden. werden. – Die philosophische Enzyklopädie unter-
(§ 14) Dieselbe Entwicklung des Denkens, wel- scheidet sich von einer anderen, gewöhnlichen En-
che in der Geschichte der Philosophie dargestellt zyklopädie dadurch, daß diese etwa ein Aggregat
wird, wird in der Philosophie selbst dargestellt, der Wissenschaften sein soll, welche zufälliger-
aber befreit von jener geschichtlichen Äußerlich- und empirischerweise aufgenommen und worun-
keit, rein im Elemente des Denkens. Der freie und ter auch solche sind, die nur den Namen von Wis-
wahrhafte Gedanke ist in sich konkret, und so ist er senschaften tragen, sonst aber selbst eine bloße
Idee, und in seiner ganzen Allgemeinheit die Idee Sammlung von Kenntnissen sind. Die Einheit, in
oder das Absolute. Die Wissenschaft desselben ist welche in solchem Aggregate die Wissenschaften
wesentlich System, weil das Wahre als konkret nur zusammengebracht werden, ist, weil sie äußerlich
als sich in sich entfaltend und in Einheit zusam- aufgenommen sind, gleichfalls eine äußerliche, –
mennehmend und -haltend, d. i. als Totalität ist eine Ordnung. Diese muß aus demselben Grunde,
und nur durch Unterscheidung und Bestimmung zudem da auch die Materialien zufälliger Natur
seiner Unterschiede die Notwendigkeit derselben sind, ein Versuch bleiben und immer unpassende
und die Freiheit des Ganzen sein kann. Seiten zeigen. – Außerdem denn, daß die philo-
Ein Philosophieren ohne System kann nichts sophische Enzyklopädie 1. bloße Aggregate von
Wissenschaftliches sein; außerdem, daß solches Kenntnissen – wie z. B. die Philologie zunächst er-
Philosophieren für sich mehr eine subjektive Sin- scheint – ausschließt, so auch ohnehin 2. solche,
nesart ausdrückt, ist es seinem Inhalte nach zufäl- welche die bloße Willkür zu ihrem Grunde haben,
lig. Ein Inhalt hat allein als Moment des Ganzen wie z. B. die Heraldik; Wissenschaften der letzteren
seine Rechtfertigung, außer demselben aber eine Art sind die durch und durch positiven. 3. Andere
unbegründete Voraussetzung oder subjektive Ge- Wissenschaften werden auch positive genannt, wel-
wißheit; viele philosophische Schriften beschrän- che jedoch einen rationellen Grund und Anfang
ken sich darauf, auf solche Weise nur Gesinnungen haben. Dieser Bestandteil gehört der Philosophie
und Meinungen auszusprechen. – Unter einem Sy- an; die positive Seite aber bleibt ihnen eigentüm-
steme wird fälschlich eine Philosophie von einem lich. Das Positive der Wissenschaften ist von ver-
76 III. System und Methode

schiedener Art. 1. Ihr an sich rationeller Anfang usf., so hier das Denken zum Gegenstande des
geht in das Zufällige dadurch über, daß sie das All- Denkens machen zu müssen. Allein es ist dies der
gemeine in die empirische Einzelheit und Wirklich- freie Akt des Denkens, sich auf den Standpunkt zu
keit herunterzuführen haben. In diesem Felde der stellen, wo es für sich selber ist und sich hiermit
Veränderlichkeit und Zufälligkeit kann nicht der seinen Gegenstand selbst erzeugt und gibt. Ferner
Begriff, sondern können nur Gründe geltend ge- muß der Standpunkt, welcher so als unmittelbarer
macht werden. Die Rechtswissenschaft z. B. oder erscheint, innerhalb der Wissenschaft sich zum Re-
das System der direkten und indirekten Abgaben sultate, und zwar zu ihrem letzten machen, in wel-
erfordern letzte genaue Entscheidungen, die außer chem sie ihren Anfang wieder erreicht und in sich
dem An-und-für-sich-Bestimmtsein des Begriffes zurückkehrt. Auf diese Weise zeigt sich die Philo-
liegen und daher eine Breite für die Bestimmung sophie als ein in sich zurückgehender Kreis, der
zulassen, die nach einem Grunde so und nach ei- keinen Anfang im Sinne anderer Wissenschaften
nem anderen anders gefaßt werden kann und kei- hat, so daß der Anfang nur eine Beziehung auf das
nes sicheren Letzten fähig ist. Ebenso verläuft sich Subjekt, als welches sich entschließen will zu phi-
die Idee der Natur in ihrer Vereinzelung in Zu- losophieren, nicht aber auf die Wissenschaft als
fälligkeiten, und die Naturgeschichte, Erdbeschrei- solche hat. – Oder, was dasselbe ist, der Begriff der
bung, Medizin usf. gerät in Bestimmungen der Exi- Wissenschaft und somit der erste – und weil er der
stenz, in Arten und Unterschiede, die von äußer- erste ist, enthält er die Trennung, daß das Denken
lichem Zufall und vom Spiele, nicht durch Ver- Gegenstand für ein (gleichsam äußerliches) philo-
nunft bestimmt sind. Auch die Geschichte gehört sophierendes Subjekt ist – muß von der Wissen-
hierher, insofern die Idee ihr Wesen, deren Er- schaft selbst erfaßt werden. Dies ist sogar ihr ein-
scheinung aber in der Zufälligkeit und im Felde ziger Zweck, Tun und Ziel, zum Begriffe ihres Be-
der Willkür ist. 2. Solche Wissenschaften sind auch griffes und so zu ihrer Rückkehr und Befriedigung
insofern positiv, als sie ihre Bestimmungen nicht zu gelangen.40
für endlich erkennen, noch den Übergang dersel-
ben und ihrer ganzen Sphäre in eine höhere auf- Als das eigentliche Projekt der Enzyklopädie könnte
zeigen, sondern sie für schlechthin geltend anneh- das Bemühen betrachtet werden, die nachkantiani-
men. Mit dieser Endlichkeit der Form, wie die erste sche Phase des Deutschen Idealismus dadurch zum
die Endlichkeit des Stoffes ist, hängt 3. die des Er- Abschluß zu bringen, daß es die Funktionsweisen der
kenntnisgrundes zusammen, welcher teils das Rä- Vernunft in der Wirklichkeit aufdeckt. Das Projekt
sonnement, teils Gefühl, Glauben, Autorität ande- wurde später als Versuch definiert, aufzuzeigen, daß
rer, überhaupt die Autorität der inneren oder Erfahrung letztlich verständlich ist als Anstrengung
äußeren Anschauung ist. Auch die Philosophie, menschlicher Wesen, Ordnung in der Welt zu finden.
welche sich auf Anthropologie, Tatsachen des Be- In dieser Hinsicht sind Menschen keine passiven
wußtseins, innere Anschauung oder äußere Erfah- Teile der Natur, sondern Agenten, die die Wirklich-
rung gründen will, gehört hierher. [4.] Es kann keit – zumindest oft – in Übereinstimmung mit der
noch sein, daß bloß die Form der wissenschaftlichen Vernunft frei formen. Die Enzyklopädie erstreckt sich
Darstellung empirisch ist, aber die sinnvolle An- über alle Begriffe und Prinzipien, die von Philoso-
schauung das, was nur Erscheinungen sind, so phen, Naturwissenschaftlern und anderen Theoreti-
ordnet, wie die innere Folge des Begriffes ist. Es kern entdeckt und entwickelt werden. Bei Hegel –
gehört zu solcher Empirie, daß durch die Entge- wie bei Fichte und Schelling – exemplifizieren oder
gensetzung und Mannigfaltigkeit der zusammen- bekräftigen bestimmte Texte die systematischen Di-
gestellten Erscheinungen die äußerlichen, zufälligen mensionen des Wissens. Die Reihenfolge, in der in
Umstände der Bedingungen sich aufheben, wo- den Texten Begriffe behandelt und ›deduziert‹ wer-
durch dann das Allgemeine vor den Sinn tritt. – den, geben dem Leser eine Erfahrung des System-
Eine sinnige Experimentalphysik, Geschichte usf. charakters: Wir bewegen uns von Begriff zu Begriff,
wird auf diese Weise die rationelle Wissenschaft bis unsere Ableitungen erschöpft worden sind. Nach
der Natur und der menschlichen Begebenheiten Hegel stehen diese Begriffe in einer systematischen
und Taten in einem äußerlichen, den Begriff ab- Beziehung; sie bilden eine ›organische Totalität‹: Sie
spiegelnden Bilde darstellen. sind alle Momente der Idee, die Hegel als die gesamte
(§ 17) Für den Anfang, den die Philosophie zu – mit allen ihren inneren Bestimmungen begriffene –
machen hat, scheint sie im allgemeinen ebenso mit Realität versteht. Innerhalb der absoluten Idee steht
einer subjektiven Voraussetzung wie die anderen jeder Begriff als Moment eines Ganzen in logischer
Wissenschaften zu beginnen, nämlich einen be- Beziehung mit allen anderen Begriffen. Das System
sonderen Gegenstand, wie anderwärts Raum, Zahl des Wissens ist ein für sich stehendes Ganzes, in dem
Hegel 77

jeder Begriff intern validiert wird. Es ist unabhängig daß »das Wissen nur als Wissenschaft oder als System
von den vermeintlichen Forderungen der existieren- wirklich ist und dargestellt werden kann«.44
den Welt. Die im Rahmen dieses Systems bestätigten Es stellt sich praktisch jedem, der Hegels Texte
Wahrheiten erweisen sich als notwendige Wahrhei- liest, eine wichtige Frage: Wir mögen zugestehen, daß
ten, da sie Elemente eines Systems sind. Diese Mo- die von ihm im Rahmen des philosophischen Sy-
mente nachzuzeichnen, ist Aufgabe der Philosophie. stems erörterten Begriffe miteinander in Beziehung
Was hat nun ein solcher Holismus mit den Funk- stehen. Wie ist diese Beziehung jedoch genau zu ver-
tionsweisen der Vernunft in der Wirklichkeit zu tun? stehen? Die Begriffe sind nicht bloß Teile einer
Für Hegel steht fest: »Ein »Philosophieren ohne Sy- Gruppe (so wie etwa Farben oder militärische
stem kann nichts Wissenschaftliches sein«. Es ist al- Dienstgrade). In Hegels Philosophie scheinen sie in
lerdings festzustellen, daß er die Prinzipien einer sy- deduktiver Beziehung miteinander zu stehen. Doch
stematisch holistisch gefaßten Wirklichkeit nie im welche Art von Deduktion ist dies? Die Deduktion
voraus genau festlegt. Seine Ansichten zum System eines Begriffs aus einem andern ist dann und nur
betreffen in erster Linie die Philosophie: dann logisch, wenn sie analytisch ist. Aber Hegels
Philosophie strebt Ausführlichkeit an: aus den Sätzen
Philosophie ist ein philosophisches Ganzes, ein
uns unbekannte Implikationen herauszuziehen.
sich in sich selbst schließender Kreis.41
Worin besteht das Ziel einer Umreißung von Bedin-
Die ganzheitliche Wirklichkeit muß durch die Erläu- gungen, die zusammen das System der Philosophie
terung des Systems, welches das Wirkliche kartogra- konstituieren? Es kann nicht das empirische Zusam-
phiert, aufgezeigt werden. In der Phänomenologie des menklauben dieser Begriffe sein (kein Aristoteles). Es
Geistes heißt es: gibt für uns keinen Grund zur Annahme, daß Be-
dingungen in irgendeiner Beziehung miteinander
Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur
stehen: Sie könnten einfach die gesammelten Bedin-
das durch seine Entwicklung sich vollendende We-
gungen eines bestimmten Phänomens sein. So wer-
sen. Es ist von dem Absoluten zu sagen, daß es
den Hegels deduktive Anstrengungen, seiner Emp-
wesentlich Resultat, daß es erst am Ende das ist,
fehlung zum Trotz, unvoreingenommen den zu prü-
was es in Wahrheit ist.42
fenden Sätzen oder Gegenstände zu folgen und die
Da also die Philosophie versucht, den grundlegenden damit einhergehende Deduktionslast einzulösen, von
Begriffen der Einzelwissenschaften einen Sinn zu ge- der Idee der Systematizität geleitet. Die Spannung
ben, verfährt sie auf schlußfolgernde Art und Weise, zwischen einer solchen Offenheit und dem, was sich
indem sie die implizite Beziehung identifiziert, in der als allumfassendes System erweist, ist problematisch.
ein Begriff zum andern steht, bis schließlich ein Ab- Die Begriffe der Philosophie können nicht vonein-
schluß erreicht worden ist. Dieser Abschluß ist je- ander abgeleitet werden: Der Kausalitätsbegriff kann
doch die vollständige Bestimmung und Spezifizie- beispielsweise nicht von dem Subjektbegriff abgelei-
rung des Anfangspunkts. In diesem Sinne stellt der tet werden. Hegels gegenteilige Meinung führt jedoch
Abschluß eine Rückkehr zum Anfangspunkt dar, zu einem Ableitungsverfahren, daß eine merkwür-
wenngleich dieser nun vollständig vermittelt ist, wo- dige Mischung von zuweilen logischen, zuweilen se-
hingegen er unter dem Anfangsmoment des Systems mantischen Deduktionen zur Folge hat, oder zuwei-
als unmittelbar vorgestellt wurde. Systematizität ist len auch Schlüssen auf das beste Erklärungsverfah-
das Ergebnis dieses Spezifierungsprozesses, dieser Ver- ren. Diese Deduktionsformen lassen sich tatsächlich
mittlung. Hegel argumentiert, daß es eine »Reihe« Seite an Seite auffinden; es verwundert kaum, daß
von »Gestaltungen gibt, welche das Bewußtsein auf Interpreten nachsichtig genug waren, zu versuchen,
diesem Wege durchläuft«.43 Im Durchlaufen der Hegels Systemdeduktionen als eine hermeneutische
›Reihe‹ sucht Hegel nur eine philosophische Erklä- Übung zu lesen.
rung von deren Beziehungen – eine Erklärung, die Die Vorstellung, daß Philosophie durch die rechte
nur mit dem Abschluß des Prozesses möglich ist, in Ausübung der Vernunft ein Erfahrungssystem produ-
dem die ›Spezifizierungen‹ beleuchtet werden. Die zieren könne, bleibt zu prüfen. Ungeachtet Hegels
Enzyklopädie ist also keine Sammlung, nicht einmal größter Anstrengungen hatte es (aus den oben ge-
eine besonders ordentliche Sammlung der Schlüssel- nannten Gründen) den Anschein, daß sein Versuch,
begriffe der westlichen Geisteskultur: In ihrem Ab- das System der Erfahrung zu erreichen, erfolglos
schluß kann sie als eine philosophische Rekonstruk- blieb. Verschiedene von Hegels Idealismus inspirierte
tion der Beziehung zwischen diesen Begriffen be- Philosophen unternahmen weitere Versuche, ein Sy-
trachtet werden, eine Gelegenheit für den Leser, das stem der Erfahrung zu erreichen. In Deutschland war
System von innen heraus zu verstehen. In der Phäno- es aber der nach Hegels Tod schreibende Schelling,
menologie des Geistes behauptet Hegel tatsächlich, der die erste nachidealistische Analyse zur fehlenden
78 III. System und Methode

Korrelation zwischen System und Wirklichkeit vor- Weiterführende Literatur


legte. In seiner späten, nun in seine ›positive Philo-
sophie‹ integrierten ›negativen Philosophie‹ – in der Allgemein
Ahlers, R. (Hrsg.), 2004, System and Context/System und Kon-
er sich gegen Hegel (und zugleich implizit gegen text. Early Romantic and Early Idealistic Constellations.
seine eigene frühere Philosophie) wandte – argumen- Frühromantische und Frühidealistische Konstellationen,
tierte er: Lewiston/Queenston/Lampeter.

In Hegels Logik findet man alle gerade zu seiner Zu Kant


Zeit gangbaren und einmal vorhandenen Begriffe Kopper, M., 1991, Die Systemfrage in der transzendentalen
jeden als Moment der absoluten Idee an einer be- Methodenlehre der Kritik der reinen Vernunft und ihre Be-
stimmten Stelle aufgenommen. Es ist damit die deutung für die Reflexion des Wissens in sich bei Hegel,
Würzburg.
Prätension einer vollendeten Systematisirung, d. h.
Leitner, H., 1994, Systematische Topik: Methode und Argu-
der Anspruch verbunden, daß alle Begriffe umfaßt, mentation in Kants kritischer Philosophie, Würzburg.
und außer dem Kreis der umfaßten kein anderer Sänger, M., 1982, Die kategoriale Systematik in den »meta-
möglich sey. Wenn sich nun aber Begriffe aufzei- physischen Anfangsgründen der Rechtslehre«. Ein Beitrag
gen ließen, von denen jenes System nichts weiß, zur Methodenlehre Kants, Berlin/New York.
Sandkaulen, B., 2004, ›Was geht auf dem langen Wege vom
oder die es nur in einem ganz anderen als dem Geist zum System nicht alles verloren‹. Problematische
ächten Sinn in sich aufzunehmen wußte? Anstatt Transformationen in der klassischen deutschen Philosophie.
eines impartiellen, alles mit gleicher Gerechtigkeit In: Ahlers (Hrsg.) 2004.
aufnehmenden Systems, werden wir also nur ein Stolzenberg, J., 1995, Ursprung und System, Göttingen.
Stolzenberg, J./H. F. Fulda, 2001, Architektonik und System in
partielles vor uns haben, das entweder nur solche
der Philosophie Kants, Hamburg.
Begriffe aufgenommen, oder die aufgenommenen
nur in dem Sinn aufgenommen hat, in welchem sie Zu Fichte
sich mit dem einmal schon vorausgesetzten System Asmuth, C., 2000, Der Anfang und das Eine. Die Systemgestalt
vertragen. Wenigstens da, wo das System auf die bei Fichte, Schelling und Hegel. In: Asmuth, C./A. Denker/
höheren, eben darum dem Menschen näher lie- M. Vater (Hrsg.), Schelling. Zwischen Fichte und Hegel. Be-
tween Fichte and Hegel, Amsterdam/Philadelphia (Pa.).
genden, auf die sittlichen und religiösen Begriffe Grosos, P., 1996, Système et subjectivité. Etude sur la significa-
kommt, da sind ihm ganz willkürliche Verrenkun- tion et l’enjeu du concept de système: Fichte, Hegel, Schel-
gen dieser längst vorgeworfen worden.45 ling, Paris.
Kraus, E., 1991 [1916], Der Systemgedanke bei Kant und
Diese Anklage erwies sich für das Schicksal der klassi- Fichte. Unveränd. Nachdr. der Ausg, Berlin, 1916, Vaduz.
schen Vorstellung des Deutschen Idealismus zum Sy- Mues A. (Hrsg.), Transzendentalphilosophie als System. Die
stem als entscheidend: Die Vorstellung, daß die ge- Auseinandersetzung zwischen 1794 und 1806, Hamburg.
Wildfeuer, A., 1999, Praktische Vernunft und System. Entwick-
samte Realität in einem Denksystem umfaßt werden lungsgeschichtliche Untersuchungen zur ursprünglichen
könne, wurde durch die philosophische Vorstellung Kantrezeption Johann Gottlieb Fichtes, Stuttgart-Bad
der Nicht-Identität ersetzt, bei der die Grenzen des Cannstatt.
Denkens ein Element der Erfahrung sind. Die Idee
der ›Dialektik‹ als einer Methode philosophischen Zu Reinhold
Ahlers, R., 2004, Reinhold and Hegel on Systematicy. The con-
Denkens wurde in einer problematischen Form von
ception of Reinhold’s system, seen in its reliance upon and
Marx und seinen Anhängern als ein Element in ei- confrontation with Jacobi, Fichte, Bardili and Schelling; and
nem mechanischen, an Positivität und wissenschaftli- his influence on Hegel. In: Ahlers (Hrsg.) 2004.
cher Nomologie orientierten System übernommen. Ameriks, K. P., 2004, Reinhold on Systematicy, Popularity, and
Im 20. Jahrhundert wurde das Potential dieses Be- the Historical Turn. In: Ahlers (Hrsg.) 2004.
Schönborn, A. v., 2004, Fichte and Reinhold on the Delimita-
griffs für eine philosophische Beschäftigung mit der tion of Philosophy. In: Ahlers (Hrsg.) 2004.
Erfahrung von H.-G. Gadamer und Th. W. Adorno
auf unterschiedliche Weise weiterentwickelt, die ihn Zu Schelling
aus seiner ursprünglichen Verwendung als ein Instru- Asmuth, C., 2000, Der Anfang und das Eine. Die Systemgestalt
ment der systematischen Philosophie extrahierten. bei Fichte, Schelling und Hegel. In: Asmuth, C./A. Denker/
M. Vater (Hrsg.), Schelling. Zwischen Fichte und Hegel. Be-
tween Fichte and Hegel, Amsterdam/Philadelphia (Pa.).
Brian O’Connor Cesa, C., 1997, System und Geschichte im Spannungsfeld zwi-
Aus dem Englischen übersetzt von Carola von Villiez schen Schelling und Hegel. In: Pragmatik. Handbuch Prag-
matischen Denkens, Bd. 1: Pragmatisches Denken von den
Ursprüngen bis zum 18. Jahrhundert, hrsg. v. H. Stacho-
wiak unter Mitarb. v. C. Baldus, Darmstadt.
Gloyna, T., 2002, Kosmos und System. Schellings Weg in die
Philosophie, Stuttgart-Bad Cannstatt.
Grosos, P., 1996, Système et subjectivité. Etude sur la significa-
Anmerkungen 79

tion et l’enjeu du concept de système: Fichte, Hegel, Schel- 9 Reinhold, Versuch einer neuen Theorie des menschlichen
ling, Paris. Vorstellungsvermögens (1789), 2. Buch, § VII, S. 200.
Marquet, J. F., 1968, Système et Sujet chez Hegel et Schelling. 10 Vgl. Reinhold, Beiträge zur Berichtigung bisheriger Missver-
In: Revue de Métaphysique et de Morale 73 (1968). ständnisse der Philosophen (1790); I, S. 145.
Marx, W., 1977, Aufgabe und Methode der Philosophie in 11 Ebd., S. 163 f.
Schellings System des transzendentalen Idealismus und in 12 Reinhold, Versuch einer neuen Theorie des menschlichen
Hegels Phänomenologie des Geistes. In: D. Henrich (Hrsg.), Vorstellungsvermögens (1789), 2. Buch, § XVII; S. 248.
1977, Ist systematische Philosophie möglich? Stuttgarter 13 Ebd., S. 249.
Hegel-Kongreß 1975, Stuttgart. 14 Ebd.
Mues A. (Hrsg.), Transzendentalphilosophie als System. Die 15 Fichte, Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797), SW
Auseinandersetzung zwischen 1794 und 1806, Hamburg. I, S. 428.
Roy, J., 1982, Système et liberté chez Kant et Schelling. In: Phi 16 Fichte, Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre (1794), SW
Zéro. Revue d’études philosophiques [Montréal], no. 2–3 I, S. 138–145.
(1982). 17 Ebd., S. 47.
Seysen, C., 2001, System und Methode. Zur Form der Tran- 18 Ebd., S. 48.
szendentalphilosophie bei Schelling und Schleiermacher. In: 19 Vgl. hierzu Breazeale/Rockmore 1994.
Danz, C./C. Dierksmeier/C. Seysen (Hrsg.), System als 20 Kant, Kritik der reinen Vernunft B XX.
Wirklichkeit. 200 Jahre Schellings »System des transzenden- 21 Schelling, System des transzendentalen Idealismus (1800),
talen Idealismus«‹, Würzburg. SW III, S. 353.
Thiel, M., 1994, Methode, IV: Fr. W. J. Schelling. Eine analyti- 22 Ebd., S. 354.
sche Darstellung, Heidelberg. 23 Schelling, System des transzendentalen Idealismus (1800),
SW III, S. 329–334.
Zu Hegel 24 Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797,
2
Cesa, C., 1997, System und Geschichte im Spannungsfeld zwi- 1803), SW II, S. 70 f.
schen Schelling und Hegel. In: Pragmatik. Handbuch Prag- 25 Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen
matischen Denkens, Bd. 1: Pragmatisches Denken von den Studiums (1803), SW V, S. 209.
Ursprüngen bis zum 18. Jahrhundert, hrsg. v. H. Stacho- 26 Ebd., S. 212 ff.; vgl. ebd., S. 254.
wiak unter Mitarb. v. C. Baldus, Darmstadt. 27 Ebd., S. 247; Schelling sagt, die Vorlesungen könnten als
Grosos, P., 1996, Système et subjectivité. Etude sur la significa- »Grundriß die Stelle einer allgemeinen Encyklopädie der
tion et l’enjeu du concept de système: Fichte, Hegel, Schel- Wissenschaften vertreten«.
ling, Paris. 28 Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen
Hösle, V., 1988, Hegels System, Hamburg. Studiums (1803), SW V, S. 218.
Horstmann, R.-P., 1972, Probleme der Wandlung in Hegels 29 Schelling, System der gesamten Philosophie und der Natur-
Jenaer Systemkonzeption. In: Philosophische Rundschau philosophie insbesondere (Würzburger Vorlesungen) (1804),
19. SW VI, 548.
Marquet, J. F., 1968, Système et Sujet chez Hegel et Schelling. 30 Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen
In: Revue de Métaphysique et de Morale 73 (1968). Studiums (1803), SW V, S. 224.
Marx, W., 1977, Aufgabe und Methode der Philosophie in 31 Ebd., S. 226 f.
Schellings System des transzendentalen Idealismus und in 32 Ebd., S. 282.
Hegels Phänomenologie des Geistes. In: D. Henrich (Hrsg.), 33 Ebd., S. 286.
1977, Ist systematische Philosophie möglich? Stuttgarter 34 Schelling, Ueber die Natur der Philosophie als Wissenschaft
Hegel-Kongreß 1975, Stuttgart. (1821), SW IX, S. 209–211.
Westphal, M. (Hrsg.), 1982, Method and Speculation in He- 35 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im
gel’s Phenomenology, Atlantic Highlands, N.J Grundrisse. Erster Teil: Die Wissenschaft der Logik (1830),
HW 8, S. 147.
36 Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), HW 3, S. 78.
37 Ebd., S. 73.
Anmerkungen 38 Ebd.
39 Hegel, Wissenschaft der Logik (1812), Die Lehre vom Begriff,
1 Husserl 1910/11, S. 291 f. HW 6, S. 550 f.
2 Beiser 1987, S. 228. 40 Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im
3 Kant, Kritik der reinen Vernunft (21787), B XXII. Grundrisse. Erster Teil: Die Wissenschaft der Logik (1830),
4 Kant, Kritik der reinen Vernunft B 673–679, 681 f. HW 8, S. 58–63.
5 Kant, Kritik der reinen Vernunft B 679. 41 Ebd., S. 60.
6 Ebd., B 682. 42 Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), HW 3, S. 23.
7 Kant, Kritik der reinen Vernunft A 11/ B 25; die hervor- 43 Ebd., S. 72.
gehobenen Wörter gehören zur 2. Auflage (B). 44 Ebd., S. 26.
8 Vgl. Reinhold, Beiträge zur Berichtigung bisheriger Missver- 45 Schelling, Zur Geschichte der neueren Philosophie (1827),
ständnisse der Philosophen (1790); I, S. 120. SW X, S. 139.
80

IV. Die Erkenntnis und das Wissen

1. Probleme der Erkenntnistheorie Repräsentationen Handlungen rational anleiten? Bei


der Beantwortung dieser Frage werden in mehr oder
Keine Philosophie beginnt an einem Nullpunkt, weniger realistischen oder aber mehr oder weniger
keine ist ohne Tradition. Doch keine Philosophie er- konstitutionstheoretischen Perspektiven Demarkati-
gibt sich allein aus der Akkumulation von Vorgängi- onslinien an den Grenzen der Realität an sich abge-
gem. Gleichwohl wird die Geschichte der philosophi- steckt: Entweder werden die objektive Realität und
schen Theorien, die sich der Lösung des Problems Eigenschaften realer Entitäten durch abbildende Re-
gewidmet haben, wie die Erkenntnis und das Wissen präsentation erkannt oder es wird von erkennenden
des Menschen entstehen und wie sie sich auf die Subjekten eine für Menschen bedeutungsvolle phä-
Wirklichkeit beziehen, oft als linearer Prozeß von nomenale, dem Erkenntnisvermögen entsprechende
schwächeren zu stärkeren Theorien geschrieben.1 Mit Wirklichkeit durch Bewußtseinsleistungen konstitu-
Schemata wie ›Von Hume zu Kant‹ oder ›Von Kant iert (geformt). Abhängig vom gewählten epistemolo-
bis Hegel‹ sind historiographische Legenden entstan- gischen Profil werden Kriterien entwickelt, nach de-
den. Die Geschichte der Philosophie der Erkenntnis nen zwischen wahrem und falschem Wissen über die
und des Wissens im 18. und 19. Jahrhundert kann Wirklichkeit entschieden werden soll (z. B. Wahr-
aber nicht als Abfolge empiristischer, sensualistischer, heitskriterien der Korrespondenz oder der Kohärenz,
materialistischer und idealistischer Epistemologien pragmatische Wahrheitskriterien u. a.)
verstanden werden. Ihr Merkmal ist vielmehr die Die erkenntnistheoretischen Bemühungen zielen
Gleichzeitigkeit heterogener, widersprüchlicher und darauf ab, den Begriff ›Erkenntnis‹ – er umfaßt so-
komplementärer Theorien. Es koexistieren die ratio- wohl den Prozeß als auch das Resultat des Prozesses –
nalistische Metaphysik der Schulphilosophie, der so zu bestimmen, daß das Wissen als gerechtfertigte
Empirismus in der Tradition Bacons, materialistische wahre Überzeugung von den schwachen Formen der
und naturalistische Erkenntnistheorien, die kritische Meinung und des Glaubens abgegrenzt werden kann.
Philosophie Kants, Versuche der Reduktion der phi- Mit ›Erkennen‹ wird eine intentionale, auf zu erfas-
losophischen Epistemologie auf empirische Natur- sende Sachverhalte gerichtete repräsentationale Tä-
theorien, vor allem auf die Physiologie, bereits um tigkeit bezeichnet, deren Ergebnis in intersubjektiv
1800 und der erkenntnistheoretische Idealismus verfügbarem und objektiv gültigem Wissen besteht.
Fichtes, Schellings und Hegels, die auf ganz unter- Wie aber objektiv gültiges Wissen zustande kommt
schiedliche Weise und in Auseinandersetzung mitein- und was ›objektive Gültigkeit‹ bedeutet, ist umstrit-
ander bemüht sind, das ihnen bei Kant ungelöst er- ten.
scheinende Problem der Beziehung zwischen subjek- Zu derartigen Streitfragen verhalten sich die Philo-
tiver Erkenntnis und objektiver Realität zu lösen. sophen des Deutschen Idealismus, der in der Ge-
Noch zu Lebzeiten Schellings und Hegels tritt der Po- schichte der Philosophie der Erkenntnis und des
sitivismus – Comtes philosophie positive – in Konkur- Wissens eine ganz eigengeartete, in sich differenzierte
renz zum Idealismus. (Das Wort ›Erkenntnistheorie‹ Ideenformation darstellt, in der es sowohl Kontinui-
wird erst um 1830 in der Kantischen Schule geprägt. tät als auch Diskontinuität, d. h. den bewußt gewoll-
Noch ohne terminologische Schärfe wurde es erst- ten Bruch gibt. Der vorrangige Gesprächspartner ist
mals in Tennemanns Geschichte der Philosophie ein- Kant; die Stellungnahmen pro (so vor allem Schel-
geführt; Beneke forderte 1832 in Kant und die philo- ling) oder contra Kant (so vor allem Hegel) zeigen
sophische Aufgabe unserer Zeit explizit dazu auf, an Idealisten, die an ganz unterschiedlichen Konzeptio-
die »Kantische Erkenntnistheorie« anzuknüpfen. Die nen von Idealismus arbeiten (s. Kap. 2: Die Vernunft
Disziplinbezeichnung ›Erkenntnistheorie‹ kann erst und das Absolute). Kants Philosophie ist nicht zuletzt
mit Zellers Schrift Über Bedeutung und Aufgabe der deshalb Anknüpfungspunkt oder Stein des Anstoßes,
Erkenntnistheorie, 1862, als etabliert gelten.) weil sie den Rekurs auch auf den britischen Empiris-
Ungeachtet ihrer Unterschiede und Gegensätze mus, den kontinentalen Rationalismus und sensuali-
verfolgen jedoch alle diese erkenntnistheoretischen stisch-materialistische Theorien der französischen
Bemühungen das Ziel, eine für die menschliche Exi- Aufklärung einfordert.
stenz zentrale Frage zu beantworten: Wie läßt sich Es ist sinnvoll, eine Darstellung zum Deutschen
das Ziel des Erkennens erreichen, durch Bewußt- Idealismus bei Kant beginnen zu lassen. Doch sollte
seinsleistungen mit der Wirklichkeit in Beziehung zu man nicht vergessen, daß auch er keinen Nullpunkt
treten und die Wirklichkeit so zu repräsentieren, daß bedeutet, sondern den Höhepunkt der Tradition, die
Erfahrung und Interpretation der Wirklichkeit 81

bei Francis Bacon beginnt und in der David Hume her unbekannter Voraussetzungen führt und so dem
eine Wegmarke bedeutet, die keine Philosophie der Fortschritt des Wissens dient.
Erkenntnis mehr übersehen kann. Kant selbst läßt Die Vorrede zur Instauratio Magna beginnt mit ei-
die zweite Auflage der Kritik der reinen Vernunft ner Kritik der bisherigen Entwicklung der Wissen-
(1787) demonstrativ mit einer Erinnerung an »Baco schaft und mit der Forderung nach neuen Hilfsmit-
de Verulamio« beginnen, in der es um das Wohl und teln, damit der Intellekt von seinem Recht auf die
die Würde der Menschen und um das Ende endlosen Dinge der Natur Gebrauch machen kann.4 Die neue
Irrtums geht. Schon 1783 hat er in seinen Prolego- Philosophie beginnt mit einer Kritik jenes Mißver-
mena bekannt, erst seine Hume-Lektüre habe seinen ständnisses, demzufolge der induktive Weg der Er-
›dogmatischen Schlummer‹ beendet und seinen Un- fahrung sich im bloßen Sammeln und Addieren von
tersuchungen im Feld der spekulativen Philosophie sensorischen Daten erschöpft. Bacon bezeichnet es
eine neue Richtung gewiesen.2 Was bei Bacon und als die größte von ihm eingeführte Veränderung, die
Hume ist für Kant so wertvoll, daß er bewußt diese Form der Induktion erneuert und aus ihr abgeleitete
Tradition wählt? Urteile auf eine neue Grundlage gestellt zu haben. Er
kritisiert das blinde Vertrauen auf die Sinne und for-
dert statt dessen deren Prüfung, denn es ist für ihn
2. Erfahrung und Interpretation sicher, daß die Sinne täuschen und Vorurteile richtige
der Wirklichkeit Urteile verhindern. Bacons Logik der Induktion und
seine Kritik der Vorurteile – der ›Idole‹ – sind die
2.1 Britische Empiristen über die Natur Geburtsstunde eines Empirismus, der alles andere als
der menschlichen Erkenntnis die abstrakte Gegenform des Rationalismus ist. Diese
1620 erscheint – als Signum einer neuen Konzeption Philosophie will die Grade der Gewißheit bestim-
von Wirklichkeit, Erkenntnis und Wissenschaft – men; sie will die sinnliche Wahrnehmung durch
Francis Bacons (1561–1626) Novum Organon, der Rückführung auf Gründe sichern; sie verwirft die
berühmt gewordene Teil der unvollendet gebliebenen Spekulation, um so dem Verstand einen sicheren Weg
Instauratio Magna, der ›Großen Erneuerung‹. Bacon zur Interpretation der sinnlichen Wahrnehmung zu
entwirft eine neue Philosophie als Theorie empiri- eröffnen. Erst die Interpretation macht die ›Tatsa-
scher Erforschung der Natur, der Gesellschaft und chen‹ zu dem, was sie für die Erkenntnis sind.
des Wissens. Seine Philosophie ist der Ursprung jener Bacon betont in seiner Idolenlehre bezüglich der
Bewegung, die als Aufklärung die Moderne einläutet. »Idole des Stammes«, die »in der Gattung der Men-
Das Novum Organon und das spätere Werk De di- schen begründet sind«, im Aphorismus 41, es sei »ein
gnitate et augmentis scientiarum (1623, Über die Irrtum zu behaupten, der menschliche Sinn sei das
Würde und die Vermehrung der Wissenschaften) er- Maß der Dinge«; in diesem Kontext formuliert er die
heben für die europäische intellektuelle Kultur das Einsicht, die von nun an zur Selbstaufklärung der
Wissen in den Rang des wichtigsten Mittels des Fort- Moderne gehört: Alle Wahrnehmungen der Sinne
schritts. Bacon sieht in einer Philosophie der Ent- und des Geistes geschehen »ex analogia hominis« und
deckungen und Erfindungen »die Option, die Natur nicht »ex analogia universi«; Bacon fährt fort: Der
so zu erkennen, daß Erkenntnisfortschritt und mate- menschliche Intellekt ist kein Instrument, das die
rielles Wohl der Menschheit zusammengehen kön- Dinge so spiegelt, wie sie an sich sind; er mischt viel-
nen und einander binden«.3 Bacon ist berühmt – mehr seine eigene Natur in die Natur der Dinge ein;
und in den Augen seiner Kritiker: berüchtigt – wegen er verzerrt und infiziert sie (»distorquet et inficit«).
der These, Wissen sei Macht. Doch gemeint war nicht, (Vor allem Ernst Cassirer hat sich in seinen Analysen
Wissen legitimiere Macht und Macht verschaffe dem zum Status naturwissenschaftlicher Erkenntnis wie-
Wissen Autorität. Vielmehr ist das Wissen die erste derholt auf diesen Aphorismus bezogen: Die Er-
Macht, der gegenüber die politische Herrschaft und kenntnis hat einen Objektbezug, der aber in der Er-
die technische Beherrschung der Natur ihre Maß- kenntnis- und Wissenschaftsgeschichte in dem Maße
stäbe im menschlichen Wohl legitimieren müssen. immer mehr zum Problem wird, wie der Beobachter
Ein anderes Mißverständnis sieht in Bacon den Ur- zur Dimension des Beobachteten wird; was »als der
heber eines Empirismus, der Sinnesdaten als einzige letzte unerschütterliche Grund der Erkenntnis er-
Quelle der Erkenntnis und die Induktion als alleinige schien«, stellt sich als nur »relativ-Gültiges« dar, das
Methode der Wissensgewinnung propagiere. Bacons »im gewissen Sinne von der Seite des ›Objekts‹ auf
Programm aber ist die Interpretation der Natur. In- die Seite des ›Subjekts‹ hinüber[rückt]« und nur
duktion und Deduktion zusammen begründen erst noch »ex analogia hominis« gilt, »nicht ›ex analogia
eine angemessene Methodologie der Wissenschaft, universi‹«.)5 Daß wir die Dinge nicht nach ihrer, son-
die als inquisitio legitima zur Entdeckung neuer, bis- dern nach unserer eigenen Art erkennen, erscheint
82 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

bei Bacon noch als Problem und als Aufgabe einer chen und Wirkungen können nicht durch Vernunft,
Reinigung der forschenden experimentellen Erkennt- sondern durch Erfahrung entdeckt werden; Kausali-
nis von den Beimischungen anthropomorpher Sub- tät ist kein Gegenstand von Erfahrung. Erfahrung
jektivität.6 Zugleich aber ist es schon für diesen Em- aber führt nur zu Wahrscheinlichkeit, nicht zu Ge-
pirismus kein Merkmal der ›Empirie‹, die Sprache setzmäßigkeit. Wir nehmen nur eine Sukzession
der Realität selbst kopierend nachzusprechen; es gibt wahr, nicht aber die verursachende Kraft. Das von
keine ›Tatsachen‹ und ›Daten‹, die nicht geladen wä- Hume gewählte Beispiel lautet: Daß die Sonne mor-
ren mit Interpretationen. gen nicht aufgehen wird, ist ein nicht minder ein-
In dieser Tradition wird für Kant auch David sichtiger Satz als die Behauptung, daß sie aufgehen
Hume (1711–1776) wichtig: wird. Keine Wirkung kann mit Notwendigkeit aus ei-
ner Ursache abgeleitet bzw. prognostiziert werden.
Ich gestehe frei: die Erinnerung des David Hume
Deshalb haben die Aussagen der Wissenschaft über
war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zu-
matters of fact keine verläßlicheren Grundlagen als
erst den dogmatischen Schlummer unterbrach
die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, die Prinzi-
und meinen Untersuchungen im Felde der specu-
pien, die die Naturphänomene hervorbringen, zu
lativen Philosophie eine ganz andere Richtung
größerer Einfachheit zu bringen und die vielen ein-
gab.7
zelnen Wirkungen auf einige wenige allgemeine Ur-
Hume, der als Diplomat in Paris mit Diderot, sachen zurückzuführen. Bilanziert man, so kann man
D’Alembert, Helvétius und auch mit Rousseau be- sagen: Der ursprüngliche Empirismus, der vom Em-
kannt ist, hat mit seinem Treatise of Human Nature pirizismus des 19. Jahrhunderts zu unterscheiden ist,
(1739/1740) zunächst keinen Erfolg. Das überarbei- kennt zwei Säulen, auf denen das Wissen ruht – die
tete 1. Buch dieses Werkes (›Of the Understanding‹) Sinnlichkeit und den Verstand; beide Säulen sind
erscheint 1748 unter dem Titel Philosophical Essays notwendig, damit Erfahrung zustande kommt.
Concerning Human Understanding; 1758 erhält es Der Empirismus hat eine nachhaltige Wirkung
den Titel An Enquiry Concerning Human Understand- ausgeübt; man findet seine Spuren in vielen sponta-
ing. nen Wissenschaftsphilosophien im 19. Jahrhundert;
Humes Ziel, auf das sich Kant in den Prolegomena die Spuren sind jedoch oft verwischt, denn der Em-
bezieht, ist eine wissenschaftliche Philosophie der pirismus wurde sensualistisch radikalisiert und ver-
Natur der Erkenntnis. Von einem ›naiven Empiris- einfacht. Mit Ausnahme Schellings hat sich der Deut-
mus‹ kann auch bei Hume keine Rede sein. Zwar ist sche Idealismus mit der Bacon-Hume-Tradition
für ihn der lebendigste Gedanke immer noch schwä- schwer getan. Folgenreich wurde das Verdikt Hegels
cher als die dumpfeste Wahrnehmung, und thoughts gegen den Empirismus. In seinen Vorlesungen über
oder ideas leisten weit weniger als impressions. Doch die Geschichte der Philosophie hat er Lockes (1632–
unterschätzt er die schöpferische Kraft des Intellekts 1704) Erfahrungsphilosophie als Ausführung der Ge-
nicht, ohne dessen Tätigkeit das durch die Sinne und danken Bacons gesehen und gegen Locke geltend
die Erfahrung gegebene mannigfaltige Material nicht gemacht:
verbunden werden könnte. Für sein Konzept wesent-
Aber wie dieser Gedanke – daß wir das Allge-
lich ist die Idee der Assoziation der Repräsentatio-
meine, Wahre aus der Erfahrung haben – bei Locke
nen: Es gibt ein Prinzip der Verbindung verschiedener
erscheint, daß wir das Wahre aus der Erfahrung
Gedanken oder Vorstellungen des Geistes, und wenn
oder dem sinnlichen Sein, aus der Wahrnehmung
sie in der Erinnerung oder in der Imagination er-
nehmen und abziehen, ist es der trivialste, schlech-
scheinen, führt eine die andere gewissermaßen me-
teste Gedanke, – statt [eines] Moments [wird es
thodisch und regelmäßig ein. Dieses Prinzip gilt uni-
bei den Empiristen] so das Wesen des Wahren.8
versell; es garantiert so Intersubjektivität – trotz der
basalen Funktionen der individuellen Sinnlichkeit Hegel kritisiert die Unterstellung, »daß die unmittel-
und der Erfahrung. Die von Hume genannten Asso- bare Wirklichkeit das Reale und Wahre ist und das
ziationsprinzipien sind resemblance, contiguity und Interesse der Philosophie die Erkenntnis dessen, was
cause or effect. an und für sich wahr ist, aufgibt und nur dahingeht,
Was Hume interessiert, sind die matters of fact, für die Art und Weise zu beschreiben, wie der Gedanke
die es keine mathematische Evidenz gibt, sondern das Gegebene aufnimmt«.9 Locke bleibe »ganz bei
nur die problematische Beziehung zwischen einem der gemeinen Stufe des Bewußtseins stehen, daß Ge-
singulärem Sinnesdatum und der Idee der Gesetzmä- genstände außer uns, führt sie herüber, erhebt die
ßigkeit und der Kausalität. Hume schließt aus, daß Einzelheiten der Wahrnehmung ins Allgemeine […]
die Kenntnis von Kausalbeziehungen durch Akte des Ganz außer den Augen gesetzt ist bei Locke die
Denkens a priori gewonnen werden können. Ursa- Wahrheit an und für sich selbst«.10 Hume schließlich
Erfahrung und Interpretation der Wirklichkeit 83

habe das Prinzip ›Erfahrung‹ zum Skeptizismus ra- untereinander verknüpfen.«15 Der Essai selbst hebt in
dikalisiert und »die Objektivität, das Anundfürsich- § 1 der Ersten Sektion an mit einer These, die schein-
sein der Gedankenbestimmungen aufgehoben«.11 bar Berkeley entlehnt ist:
Den Empirizismus, den Hegel verwerfen zu müssen
Mögen wir uns – metaphorisch gesprochen – bis
glaubt, hat es allerdings erst im Positivismus gegeben,
in den Himmel erheben, oder mögen wir in die
und diesem folgt um 1840 der Schock der Einsicht,
Abgründe hinabsteigen, wir kommen doch nie-
daß die vermeintlichen ›Tatsachen der Welt‹ theorie-
mals aus uns selbst hinaus, und wir nehmen nur
geladene Konstrukte unserer Interpretationen sind.
immer unsere eigenen Gedanken wahr.16
Nelson Goodman bilanziert in Fact, Fiction, and
Forecast, man schulde Hume verspätete Abbitte.12 So ist es zwar sinnlos, danach zu fragen, was die Na-
tur unserer Gedanken ist, doch im Rahmen einer rea-
2.2 Condillacs Sensualismus, die franzö- listischen Ontologie können zumindest folgende Be-
sische Aufklärung und die ›Encyclopédie hauptungen formuliert werden:
ou dictionnaire raisonné des sciences,
Wir müssen also in unseren Empfindungen drei-
des arts et des métiers‹
erlei unterscheiden: 1. die Perzeption, die wir ha-
Die im britischen Empirismus durch John Locke an-
ben, 2. die Beziehung, die wir zu einem außerhalb
gebahnte und durch Hume weitergeführte Tradition
von uns existierenden Ding herstellen, 3. die Fest-
hat Etienne Bonnot de Condillac (1714–1780) wieder
stellung, daß das, was wir auf die Dinge beziehen,
aufgenommen und in die neue französische sensuali-
ihnen auch wirklich zukommt.17
stische und materialistische Denkkultur übersetzt. Er
ist kein Locke-Epigone, sondern gibt dessen Ideen – Condillacs eigenständige Leistung ist die Idee seiner
Anstoß nehmend am rationalistischen Rest, d. h. der Semiotik, »daß der Gebrauch der Zeichen die wahre
Lockeschen Betonung der Reflexion neben der Im- Ursache für die Entwicklung der Imagination, der
pression – eine Wendung zur Philosophie der Spra- Kontemplation und des Gedächtnisses ist«.18 Die
che. Der 1746 erschienene Essai sur l’origine des con- Vierte Sektion des Essai ›Über die Operation, mit der
noissances humaines (Essai über den Ursprung der wir unseren Ideen Zeichen geben‹ und die Erste Sek-
menschlichen Erkenntnisse) folgt noch weitgehend tion des 2. Teils ݆ber den Ursprung und die Ent-
der Systematik Lockes; 1749 bietet die ›Abhandlung wicklung der Sprache‹ bezeugen zugleich den histo-
über die Systeme‹ eine kritische Abrechnung mit der risch-gesellschaftlichen Impetus der französischen
rationalistischen Metaphysik; im 1754 veröffentlich- Aufklärung. Für die entwicklungsgeschichtliche Un-
ten Traité des sensations (Abhandlung über die Emp- tersuchung der ›Gebärdensprache‹ und der ›artiku-
findungen) entwickelt Condillac nun einen von lierten Lautsprache‹ wird der nicht mehr nur physio-
Locke abweichenden radikalen Sensualismus, der logisch gedachte Begriff des Bedürfnisse19 zentral, der
auch die 1780 erschienene Logique und das postum die objektive Voraussetzung menschlicher, auf Zei-
1798 veröffentlichte Werk über die Sprache des Rech- chen und Sprache angewiesener Orientierung in der
nens prägt. Bereits im Essai von 1746 plädiert er für Realität bezeichnet. Noch gibt es für Condillac zwar
eine ›bescheidene‹ Metaphysik, die sich darum be- »nur eine Wissenschaft, das ist die Geschichte der
müht, »die Dinge so zu sehen, wie sie tatsächlich Natur«20, doch die Historisierung weist bereits vor-
sind«, und die daher so einfach ist »wie die Wahrheit aus auf jene ›natürliche‹ Menschheitsgeschichte, der
selbst«.13 Die Untersuchung zielt auf die Operatio- sich Diderot, Helvétius und Holbach widmen wer-
nen des menschlichen Geistes, »die Kunst, diese Ope- den.
rationen miteinander zu kombinieren und sie so zu Eine wesentliche Rolle in Condillacs Überlegungen
vollziehen, daß wir alles Verständnis gewinnen, des- nimmt das Problem des methodologischen Indivi-
sen wir fähig sind.« Gegenstand der Analyse sind der dualismus und des Universalien-Nominalismus ein;
Ursprung und die natürlichen Grenzen der Erkennt- der Nominalismus erweist sich als Wegweiser des
nis, die nur »mit Hilfe von Beobachtungen«, die »auf Materialismus.21 Es gehört zu den menschlichen Be-
ein einziges Prinzip zurückzuführen« sind, bestimmt dürfnissen, nicht »Namen für jeden einzelnen Ge-
werden können: »eine ständige Erfahrung, deren genstand zu ersinnen, daher wurde es frühzeitig er-
sämtliche Folgerungen durch neue Erfahrungen be- forderlich, über allgemeine Bestimmungen zu verfü-
stätigt werden«.14 Das Prinzip, »daß alle unsere Er- gen«. Kategorien wie »Wesen, Substanz, Sein« sind
kenntnisse von den Sinnen herkommen«, entlehnt Ergebnisse von Abstraktion und Klassifikation; für
Condillac ausdrücklich Bacon und Locke. Doch weit sie gilt, »daß die abstraktesten Bezeichnungen von
mehr als diese hebt er die Bedeutung von Zeichen den ersten Benennungen abgeleitet wurden, die man
und Sprache hervor: »Die Ideen verknüpfen sich mit den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen gegeben
den Zeichen, und nur dadurch können sie sich […] hat«.22 Die spätere Logique hat den Nominalismus –
84 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

er ist nicht mehr der Ockhams, sondern inzwischen bachs atheistischem Materialismus liegen Klüfte.
wesentlich durch die Empirie der Naturwissenschaf- Doch ist allen gemein, daß als Motiv für den Fort-
ten geprägt, deren Erkenntnis auf unter Gesetze sub- schritt der Erkenntnis die den Naturwissenschaften
sumierte Einzelobjekte geht – noch einmal zuge- eigene, auch für sie unverzichtbare theoretische Neu-
spitzt: gierde (curiositas) nicht mehr ausreicht; wie die Wis-
senschaften in der bürgerlichen Gesellschaft selbst
Wir haben gesagt, daß die Ideen von den sinnlich
längst in technische Praxis einbezogen worden sind,
wahrnehmbaren Objekten ihrem Ursprung nach
verbindet die philosophische Aufklärung aus prakti-
nichts anderes sind als die Empfindungen, die
schen Gründen der Veränderung des ancien régime
diese Objekte repräsentieren. Aber in der Natur
Wissen und praktische Verantwortung zu einer
existieren nur Individuen; also sind unsere ersten
neuen Einheit.
Ideen nur individuelle Ideen, Ideen von dem oder
Mit Denis Diderot Begründer der Encyclopédie, hat
jenem Objekt.23
Jean Le Rond D’Alembert (1717–1783) seinen Ge-
Wie weit sich die Entwicklung der Erkenntnistheorie lehrtenruf als Physiker und Mathematiker bereits in
inzwischen von jeder rationalistischen Metaphysik den 1740er Jahren mit Werken über die Dynamik, die
entfernt hat, wird deutlich an den impliziten ontolo- Theorie der Winde und mit Untersuchungen zur
gischen Prämissen, die nun im Interesse an einem Astronomie begründet; der Sekretär der Academie
anti-skeptischen Realismus die Theoriekonstruktion Française auf Lebenszeit ist zugleich ständiger Bera-
methodologisch anleiten: Es bedarf keines Gottes zur ter des preußischen Königs und der Berliner Aka-
Sicherung der Erkenntnis mehr; zureichender Grund demie. 1751 veröffentlicht er den Discours prélimi-
für Erkenntnissicherheit ist der Natur-Begriff, der naire de l’Encyclopédie (Einleitende Abhandlung zur
bereits so weit entwicklungstheoretisch aufgeladen Enzyklopädie), 1759 seinen Essai sur les éléments de
ist, daß er selbst die Logik als ›natürliche Logik‹ philosophie. Im ›Vorwort‹ zu den Ausgaben von 1759
prägt: »Es entsprach der Natur der Menschen, die und 1763 des Discours finden sich als Antworten auf
Schwäche ihrer Arme durch jene Mittel zu ergänzen, Kritiken zwei bemerkenswerte Dementis, die über
die die Natur ihnen zur Verfügung gestellt hatte, und Traditionslinien Auskunft geben. Zum ersten weist
so sind sie Handwerker (mécaniciens) geworden, ehe D’Alembert den Vorwurf zurück, der ihn als Nach-
sie es sein wollten. So sind sie auch Logiker gewor- folger Lockes und Condillacs in die Nähe zum Mate-
den; sie haben gedacht, ehe sie danach forschten, wie rialismus bringen sollte; er wendet sich gegen die Be-
man denkt. Es mußten sogar Jahrhunderte vergehen, hauptung, »daß ich die Dinge als wirkende Ursache
bis die Vermutung aufkam, daß das Denken Gesetzen unserer Sinnesempfindungen angesehen hätte – trotz
unterworfen sein könne, und noch heute denken die meiner ausdrücklichen Versicherung, daß sie zu un-
meisten, ohne auf solche Vermutungen zu kommen.« seren Empfindungen in keinerlei Beziehung stehen«;
Eine solche Logik, die »nicht mit Definitionen, Axio- zum anderen verteidigt er sich gegen den Einwand, in
men, Prinzipien« beginnt, sondern mit den Lehren, seiner Wissenschaftsgeschichte und -klassifikation
»die die Natur uns erteilt«24, steht an der Schwelle nur ein Plagiator Bacons zu sein. Empiristisches Ge-
eines Verständnisses von Erkenntnis, in dem eine meingut ist die Zurückführung aller unmittelbaren
materialistisch gedachte Praxis in den Vordergrund Erkenntnisse auf sinnliche Wahrnehmungen wie
treten wird. auch die These: »die wahre Philosophie wird jeder
Es ist die Generation der mit der Encyclopédie ou auf Tatsachen oder anerkannten Wahrheiten beru-
dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des mé- henden Schlußfolgerung den Vorzug vor derjenigen
tiers (1751 ff.) verbundenen philosophes, die den geben, die sich nur auf Hypothesen stützt«.25 Die
Schritt über eine vorrangig an den Naturwissenschaf- Problemstellung lautet:
ten orientierte Erkenntnistheorie hinaus in Richtung
Da keine Verbindung zwischen der einzelnen Sin-
einer neuen praktischen und geschichtsphilosophi-
nesempfindung und dem Gegenstand besteht, der
schen Bestimmung der Gründe und Funktionen der
sie hervorruft oder auf den wir sie zumindest be-
Erkenntnis und des Wissens tun. (Die Encyclopédie
ziehen, scheint es in der Tat ausgeschlossen, mit
wurde zunächst 1757 nach dem Erscheinen des
Hilfe eines Vernunftschlusses einen möglichen
7. Bandes und erneut 1759 durch Aufhebung der
Übergang vom einen zum anderen zu finden.26
Druckerlaubnis verboten; Diderot setzte die Arbeit
an ihr nach dem Ausscheiden D’Alemberts 1758 bis Die Problemlösung der Einführung eines »Instinkts,
zum vollständigen Vorliegen des Werks in 35 Bänden unfehlbarer als selbst die Vernunft«, verbunden mit
im Jahre 1780 fort.) Condillacs Konzepten ›Bedürfnis‹, ›Zeichen‹ und
Die Enzyklopädisten bilden keine einheitliche ›Sprache‹27, ist so schwach, daß D’Alembert ohne die
Schule, zwischen D’Alemberts Empirismus und Hol- Annahme der »Anschauung einer allmächtigen Intel-
Erfahrung und Interpretation der Wirklichkeit 85

ligenz« und der »Existenz Gottes« nicht auskommt.28 Tatsachen und Ereignissen. Laut D’Alemberts Dis-
Letztlich gibt D’Alembert seine Begründungen je- cours préliminaire verfolgt sie das doppelte Ziel, als
doch in einer gesellschaftsgeschichtlich argumentie- ›Encyclopédie‹ den »Aufbau und Zusammenhang der
renden Genealogie des Wissens aus praktischen Be- menschlichen Kenntnisse« aufzuzeigen und als ›dic-
dürfnissen und »lebensnotwendigen Handwerken«, tionnaire raisonné‹ – als methodisches Sachwörter-
denen das »zunächst halb spielerisch unternommene buch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe –
Studium der Natur«, die Künste und die Wissen- »die allgemeinen Prinzipien« der Ordnung des Wis-
schaften folgen. Sein Interesse gilt dem praktischen sens vorzustellen.35 Entsprechend stellt Denis Dide-
»Nutzen« als der Voraussetzung, »Forschungen zu rot (1713–1784) in seinem Artikel Encyclopédie der
rechtfertigen«.29 Gegen den »System-Geist« spekula- »rationalen Philosophie« die Aufgabe, die sich unauf-
tiver Philosophie gewandt30, konzentriert sich der hörlich durch Beobachtung und experimentelle Phy-
Discours bei der Erklärung des Anspruchs der Ency- sik vermehrenden »Tatsachen« und »Erscheinungen«
clopédie auf das Problem der ›Tatsachen‹. Hier zeigt miteinander zu vergleichen und zu verbinden.36 Di-
sich, daß philosophischer Empirismus im Interesse derots zur Abteilung ›Grammatik‹ gehörender Arti-
der Sicherung wissenschaftlicher Erkenntnis auf Ra- kel Eclairé et clairvoyant (Aufgeklärt und klarblik-
tionalitäts-Ansprüche nicht verzichten kann: Erst »in kend), der über den Aufgeklärten sagt, er kenne die
der Anwendung der mathematischen Analyse auf die »vergangenen Tatsachen«, und über den Klarblicken-
Erfahrungstatsachen oder auch nur in einer metho- den, er ahne, »was geschehen wird«, verbindet mit
disch gelenkten […] Beobachtung« kann »der einzig ›clairvoyant‹ »Vernunftgründe«37 und geht mit die-
wahre Weg der Naturphilosophie« eröffnet werden.31 sem Konzept weit über D’Alembert hinaus in Rich-
So beschreibt D’Alembert den Weg der Erkenntnis tung des die Aufklärung prägenden Anspruchs der
nicht als Weg von den einzelnen Wahrnehmungen Vernunft. Der »Fortschritt der Vernunft«38 wird am
zum allgemeinen Wissen, sondern gerade umge- praktischen Ziel gemessen, daß »unsere Enkel nicht
kehrt: nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhaf-
ter und glücklicher werden«.39 Laut Diderots Artikel
[D]er Geist verfolgt seine Untersuchungen nun
philosophe bildet sich der Philosoph zwar »seine
einmal in der Weise, daß er nach einer Verallge-
Prinzipien auf der Grundlage unzähliger einzelner
meinerung seiner Wahrnehmungen bis zum
Beobachtungen«, aber dies ist nur mittels der ›Ver-
Punkte ihrer äußersten Zergliederungsmöglichkeit
nunft‹ möglich, die anstelle der »Gnade« aus Ursa-
dann auf demselben Wege zurückkehrt, von
chen-Erkenntnis zum Handeln motiviert:
neuem die gleichen Wahrnehmungen macht und
daraus allmählich von Stufe zu Stufe die wirkli- Der Philosoph […] erkennt die Ursachen, soweit
chen Dinge wieder Gestalt werden läßt, die den dies in seiner Macht steht, kommt ihnen auch oft
unmittelbaren und direkten Gegenstand unserer zuvor und stellt sich bewußt in ihren Dienst.40
Sinnesempfindungen bilden.32
Erkenntnis des Kausalen, Antizipation und bewußtes
Wenn im Essai von 1759 Wissenschaft dadurch defi- Eingreifen in die Wirkungsweise der Naturgesetze
niert ist, daß sie »la Science des faits, ou celle des chi- sind die Voraussetzungen auch der Moralphilosophie
meres« (Wissenschaft der Tatsachen oder aber der (s. Kap. 6: Freiheit, Moral und Sittlichkeit): »Je mehr
Chimären) ist33, so ist dies im Horizont der Aufga- Vernunft Sie in einem Menschen finden, desto mehr
benbestimmung der Philosophie zu verstehen, die Rechtschaffenheit finden sie in ihm.«41
das Werk einleitet: Ihre Gegenstände sind die »Wis- Seit D’Alembert in seinem Essai formuliert hat, das
senschaft von den Tatsachen der Natur«, die zu er- philosophische Verhalten (morale du philosophe)
klären sind, und die »Wissenschaft von den ge- habe »zum Ziel die Art und Weise, in der wir denken
schichtlichen Tatsachen«, um deren Prinzipien »hi- müssen, um uns ohne Abhängigkeit von anderen
storischer Sicherheit« sie sich ebenso zu kümmern glücklich zu machen«42, ist Erkenntnistheorie nicht
hat wie um den »Nutzen, den man aus der Ge- mehr allein oder in erster Linie Aufklärung über Er-
schichte ziehen kann«. Die Philosophie selbst aber fahrung. Zwar bleiben Naturwissenschaft und Natur-
hat es nicht mit den Tatsachen als solchen zu tun, philosophie, wie die Beispiele von Helvétius und
sondern mit der rationalen Erklärung der durch die Holbach zeigen, ihre Orientierungspunkte; doch es
Wissenschaften vermittelten Tatsachen: »Die Philo- ändert sich die Zielbestimmung von Erkenntnis und
sophie ist nichts anderes als die Anwendung der Ver- Wissen: Erkenntnistheorie ist von nun an ein Ele-
nunft (raison) auf die verschiedenen Gegenstände, ment der praktischen Philosophie, der Geschichts-,
auf die sie ihre Wirkung entfalten kann.«34 Gesellschafts- und Moralphilosophie. Dies belegt das
In dieser Perspektive ist die seit 1751 erscheinende wegen seines radikalen Materialismus und Atheismus
Encyclopédie keine einfache Bestandsaufnahme zu angegriffene und verbotene, 1758 von Claude-Adrien
86 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

Helvétius (1715–1771) vorgelegte Werk De l’esprit 3. Kants ›Revolution der Denkungsart‹ –


(Vom Geist). In Lockeschem Geist geschrieben und Die Kritik der Erfahrung und der Vernunft
dem Sensualismus Condillacs verpflichtet, überträgt
es die erkenntnistheoretische Kritik an der rationali- Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer,
stischen Annahme ›angeborener Ideen‹ auf eine ma- sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen
terialistische historische Anthropologie: »Die Men- Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar
schen sind zu dem, was sie sind, nicht geboren, son- liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfä-
dern geworden.«43 Zwei Jahre nach Helvétius’ Tod ist hig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen,
1773 sein De l’homme, de ses facultés et de son éduca- weil man ihn niemals den Versuch davon machen
tion (Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten ließ.49
und seiner Erziehung) erschienen. Es belegt als Ana-
In der Kant vorausgehenden Entwicklung von Philo-
lyse des »Wesens des Despotismus, in den Köpfen das
sophien der Erkenntnis und des Wissens sind wesent-
Denken und in den Seelen die Tugend zu ersticken«
liche Streitfragen offen geblieben. Zu ihnen gehören
bereits den Verlust des Vertrauens in Aufklärung als
folgende Probleme: (i) Gibt es einen direkten Bezug
bloße erkenntnistheoretische Kritik und als ›Reform
(Referenz) des Erkennens auf die Realität? (ii) Sind
des Bewußtseins‹: Sie »kann die Franzosen zwar über
die Ergebnisse des Erkennens Abbilder von Realitäts-
das Unglück des Despotismus aufklären, ihnen aber
elementen oder formt, gestaltet, konstituiert das Er-
nicht das Mittel verschaffen, sich von ihm zu be-
kennen eine Welt, die als vom Bewußtsein unabhän-
freien«.44 Weil »der Mensch tatsächlich das Produkt
gige Realität-an-sich amodal ist, zu einer für Men-
seiner Erziehung ist« – wobei ›Erziehung‹ bereits für
schen bedeutungsvollen Wirklichkeit? (iii) Wie ist
›geschichtlich-gesellschaftliche Umstände‹ steht –,
der Erkenntnisprozeß zu verstehen? Gibt es eine Stu-
wird die »Wissenschaft vom Menschen« zu einem
fenfolge des Erkennens von basalen sensorischen Da-
Teil politischer Wissenschaft, »der Wissenschaft von
ten über Wahrnehmung und Erfahrung bis hin zu
der Regierung«. Die Prämisse lautet:
komplexen, durch Abstraktion und Synthesis er-
Der Mensch wird unwissend geboren, nicht aber reichten Erkenntnisgegenständen? Sind nicht viel-
dumm; und dumm wird er nicht einmal ohne mehr alle Momente des Prozesses simultan wirksam,
Anstrengung.45 so daß es keine Sinneswahrnehmung gibt, die nicht
bereits begrifflich interpretiert wäre? (iv) Wenn Er-
Deshalb interessieren in erster Linie die Verhältnisse,
kennen subjektiv ist, ist dann Intersubjektivität in Er-
deren Einwirkung die menschliche Wahrnehmung,
kenntnis und Wissen möglich?
Erfahrung und Erkenntnis fördert oder hemmt. Er-
Angesichts dieser und anderer epistemologischer
kenntnistheorie wird deshalb in den Kontext einer
Probleme bewirkt Kants Erkenntnislehre eine Revo-
Anthropologie des Politischen eingetragen, in der
lution, die der Revolutionierung des Weltbildes
auch die Ökonomie eine wichtige Rolle spielt: Der
durch Kopernikus vergleichbar ist. So zumindest hat
Mensch gehorcht »immer seinem wohl- oder
es Kant (1724–1804) selbst gesehen. In einem Brief
schlechtverstandenen Interesse. Das ist eine Wahrheit,
an Marcus Herz nimmt er 1781 für sich in Anspruch,
die auf Tatsachen beruht«.46 Der 1770 erschienene,
»eine gänzliche Veränderung der Denkungsart« her-
César Chesnau Du Marsais zugerechnete, aber wohl
beizuführen. Diese Veränderung leistet seine Kritik
von Holbach (1723–1789) verfaßte Essay über die
der reinen Vernunft (1781).
Vorurteile oder Vom Einfluß der Meinungen auf die
Sitten und das Glück der Menschen, eine Schrift, die Mit der Kritik der reinen Vernunft beabsichtigte
die Verteidigung der Philosophie enthält zieht eine epi- Immanuel Kant nichts Geringeres als eine Neube-
stemologische Bilanz der Aufklärung: gründung der Philosophie. Der hochkomplexe Ar-
gumentationsgang, den Kant in seinem Haupt-
Was wir Vernunft nennen, ist nichts anderes als die
werk entwickelt, hat eine doppelte Ausrichtung:
Wahrheit, die von der Erfahrung enthüllt, durch
zum einen schließt er im Aufbau und in der Be-
Nachdenken überprüft und auf die Lebensweise
grifflichkeit auch an die philosophische Tradition
angewendet wurde.47
an, zum anderen markiert er den Grundriß einer
Der philosophe »ist ein Mensch, der den Wert der neuen, ›kritischen‹ Philosophie, die sich in vielem
Wahrheit kennt … Wahrheit, Weisheit, Vernunft, Tu- durch eine dezidierte Abkehr von der Tradition
gend, Natur sind gleichwertige Begriffe, sie bezeich- auszeichnet. Daher sind die Interpreten, vor allem
nen das, was dem Menschengeschlecht nützt«.48 diejenigen, die sich Jahrhunderte später um eine
Aneignung dieses Werks bemühen, vor die schwie-
rige Aufgabe gestellt, im nachhinein die Theorie-
konstellationen zu überblicken, die die philosophi-
Kants ›Revolution der Denkungsart‹ – Die Kritik der Erfahrung und der Vernunft 87

schen Debatten des 18. Jahrhunderts geprägt ha- che Richtigkeit. Daher erhebt sich die metaphysi-
ben und an denen Kant kritisch-neubegründend sche Spekulation nicht nur über alle Erfahrung,
ansetzt.50 sondern auch über sämtliche Voraussetzungen, an-
hand deren über den Wahrheitswert der zur De-
Kants erste Kritik belegt zugleich Kontinuität: Sie läßt
batte stehenden Aussagen hinreichend und ver-
den roten Faden einer Philosophie der Erfahrung, den
bindlich entschieden werden könnte. Dennoch
Bacon und Hume geknüpft haben, nicht abreißen.
sind die metaphysischen Sätze verführerisch, da
Wenn Kant seine erkenntnistheoretische Aufgabe als
sie, wenn sie formallogisch korrekt entwickelt wer-
›Kritik‹ bestimmt, dann geht es ihm darum, das Feld
den, jedenfalls rational nachvollziehbar sind.
einer zukünftigen nicht-empirischen wissenschaftli-
Schon dies verleiht ihnen eine gewisse Autorität.
chen Metaphysik vorzubereiten, die eine zuverlässige
Aber die rationale Nachvollziehbarkeit eines Satzes
Antwort auf die zentrale Frage zu geben fähig ist:
besagt ja zunächst nicht mehr, als daß dieser Satz
»Was kann ich wissen?«51 Diese Kritik ist nicht mehr
nicht gegen das Widerspruchsprinzip verstößt.
als Teil der Logik gedacht; ›Kritik‹ ist ein Synonym
für iudicium (Urteil); der Begriff nimmt die Tradi- Und das reicht eben nicht. Darüber hinaus ist es
tion auf, die bereits in Giambattista Vicos Bezeich- entscheidend, zu wissen, ob ein solcher Satz außer-
nung der Analysis der Geometer als nova critica zu dem noch einen realen Gehalt hat und somit etwas
Tage tritt. Hieß es in Voltaires Dictionnaire philoso- über die Wirklichkeit aussagt. Ein Denken, das nur
phique, das Wort stamme ab von »krites, juge, estima- auf die Gesetze der Logik achtet und ansonsten
teur, arbitre« (Richter, Beurteiler, Schiedsrichter) und seine Inhalte nicht in der Erfahrung verankern
bezeichne das begründete Urteil des »bon juge«, so kann, verselbständigt sich zu abstrakten Raisonne-
gibt Kant ihm eine erweiterte Bedeutung: ›Kritik‹ be- ments, deren Ergebnisse man bestenfalls glauben
zeichnet das Vermessen eines Möglichkeitsraumes, d. h. kann. Ob mit ihnen ein Wissen über die Welt er-
das richtige Urteil über die ›Bedingungen der Mög- worben werden kann, ist also höchst zweifelhaft.
lichkeit‹ von etwas, vor allem von Erkenntnis und Es ist leicht einzusehen, daß gerade solche Sätze
Wissen aus Vernunft. der Kritik bedürfen. In der Tat befaßt sich Kant
mit solchen metaphysisch-spekulativen Sätzen in
Die ›Vernunft‹, von der im Titel die Rede ist, ist demjenigen Teil der KrV, der allein fast die Hälfte
zum einen die Vernunft der Philosophie, ist die des Gesamtumfangs einnimmt: in der transzenden-
Metaphysik betreibende Vernunft. Zum anderen talen Dialektik.52
ist sie aber auch die Vernunft, die als Instanz der
kritischen Prüfung wirksam wird. Es gibt keine an- Kant richtet mit seiner Kritik die Fragen der Philo-
dere, höherstehende Instanz, von der aus die Ver- sophie nicht direkt auf die empirischen und geneti-
nunft kritisiert werden konnte. Die Vernunft muß schen Voraussetzungen der Erkenntnis. Er betont
sich selbst prüfen und sie verfügt nach Kant auch ausdrücklich, »daß hier nicht von dem Entstehen der
über alle Mittel, eine solche Prüfung durchzufüh- Erfahrung die Rede sei, sondern von dem, was in ihr
ren und sich an die Ergebnisse dieser Prüfung zu liegt«.53 Sein Interesse gilt den transzendentalen Gel-
halten. Es handelt sich laut Titel dabei nicht um tungs-Bedingungen der Erkenntnis. ›Transzendental‹
eine Kritik der Vernunft insgesamt, sondern um bedeutet:
eine Kritik der ›reinen‹ Vernunft. Damit ist signali- Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich
siert, daß ein bestimmter Typ von Wissen, über nicht […] mit Gegenständen, sondern mit unserer
den die Vernunft zu verfügen glaubt, Zielpunkt der Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a
Kritik ist: ›reine‹ Erkenntnisse, d. h. solche Er- priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt.54
kenntnisse, die die Vernunft nicht aus der Erfah-
rung gewinnt, sondern über die sie ursprünglich Gleichwohl beharrt Kant auf dem Prinzip der Erfah-
von sich aus verfügt. […] Tatsächlich unterstellt rung und untersucht die Bedingungen der Möglich-
Kant, daß Erfahrungserkenntnisse unproblema- keit einer Erfahrung, die intersubjektiv und objektiv
tisch sind, solange sie ihren Wissensanspruch auf gültig sein kann. Diese Bedingung formuliert er so:
die jeweils gemachte Erfahrung begrenzen, denn »Erfahrung ist nur durch die Vorstellung einer notwen-
die Erfahrung ist bei solchen Erkenntnissen eine digen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich.«55
leicht zugängliche Kontrollinstanz. Dies gilt nicht Die Suche nach den Formen dieser ›notwendigen‹
für ›reine‹, nicht auf Erfahrung gestützte Erkennt- Verknüpfung führt auf Newtons Principia zurück:
nisse. Für sie scheint es überhaupt keine Kontroll- Hier, in Mathematik und Physik, findet Kant allge-
instanz zu geben außer den Gesetzen der Logik. meine und notwendige Denkformen, die nicht aus
Die Gesetze der Logik garantieren aber nur for- der Erfahrung gewonnen sind.
male Widerspruchsfreiheit, nicht jedoch inhaltli- Was Kant beschäftigt, ist das Problem, welchen
88 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

Status Gegenstände der Erkenntnis haben. Er löst inneren Zusammenhang von Sinnlichkeit und Ver-
dieses Problem mit einem Dualismus, der Unter- stand, von Wahrnehmung, Erfahrung und begriffli-
scheidung zwischen einer phänomenalen und einer cher Konstruktion. Der Apriorismus will zwar die
noumenalen Welt. Die Gegenstände werden der Er- skeptischen Schlußfolgerungen Humes vermeiden,
kenntnis nicht von der noumenalen Realität ›der aber nicht idealistisch sein in einem Berkeleyschen
Dinge, wie sie an sich selbst sind‹ gegeben; sie werden Sinne:
vielmehr in den Grenzen der uns erscheinenden
Der Idealismus besteht in der Behauptung, daß es
(phänomenalen) Welt im Erkennen als Erkenntnisob-
keine andere als denkende Wesen gebe, die übrigen
jekte konstituiert. Und diese sind »Vorstellungen un-
Dinge, die wir in der Anschauung wahrzunehmen
serer Sinnlichkeit«, deren »wahres Korrelatum aber,
glauben, wären nur Vorstellungen in den denken-
d. i. das Ding an sich selbst, gar nicht erkannt werden
den Wesen, denen in der Tat kein außerhalb dieser
kann, nach welchem aber auch in der Erfahrung nie-
befindlicher Gegenstand korrespondierte. Ich da-
mals gefragt wird«.56
gegen sage: es sind uns Dinge als außer uns be-
Die Transformation von Gegenständen, die in me-
findliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, al-
taphysisch-realistischen Repräsentationskonzepten
lein von dem was sie an sich selbst sein mögen,
als Abbildung von Realobjekten gefaßt sind, in kon-
wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Er-
stituierte Erkenntnisobjekte hat weitreichende Folgen
scheinungen, d. i. die Vorstellungen, die sie in uns
auch hinsichtlich der nicht zuletzt die Wissenschaf-
wirken, indem sie unsere Sinne affizieren […]
ten interessierenden Frage, was ›Tatsachen‹ sind. Es
Kann man dies wohl Idealismus nennen? Es ist ja
ist genau diese Einsicht, auf die fast 50 Jahre später
gerade das Gegenteil davon.59
die Philosophie der induktiven Wissenschaften – z. B.
die Whewells und Mills – zurückkommen wird, In seinen Prolegomena bekräftigt Kant: Während für
nachdem Zweifel am empirizistischen Vertrauen dar- Berkeley eine »Erkenntnis durch Sinne und Erfah-
auf entstanden sind, daß die wissenschaftliche Em- rung« nichts als »lauter Schein« sei, behaupte er »ge-
pirie ein getreues Abbild der Wirklichkeit schaffe. rade das Gegenteil von jenem eigentlichen Idealism«,
Man wird sich wieder der nicht-empirischen Voraus- wenn er den Grundsatz formuliere: »Alles Erkenntnis
setzungen wissenschaftlicher Erkenntnis bewußt wer- von Dingen aus bloßem reinen Verstande oder reiner
den und Kants Theorie der konstruktiven Funktion Vernunft ist nichts als lauter Schein, und nur in der
der Begriffe wieder aufnehmen. Erfahrung ist Wahrheit.« Sein »so genannter (eigent-
Kant nimmt in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) lich kritischer) Idealism« sei also »von ganz eigen-
den Begriff ›Tatsache‹ in seiner ursprünglichen Be- tümlicher Art, nämlich so, daß er den gewöhnlichen
deutung als ›Sache der Tat‹, als Hergestelltes; Tatsa- umstürzt, daß durch ihn alle Erkenntnis a priori,
chen sind »res facti«, »Gegenstände für Begriffe«; die selbst die der Geometrie, zuerst objektive Realität be-
objektive Realität von Tatsachen kann durch Erfah- kommt, welche ohne diese meine bewiesene Idealität
rung bewiesen werden, »in allen Fällen aber vermit- des Raumes und der Zeit selbst von den eifrigsten
telst einer ihnen korrespondierenden Anschau- Realisten gar nicht behauptet werden könnte«.60
ung«.57 In § 91 dieses Werkes gibt Kant folgende Was Kant in der Kritik der reinen Vernunft gegen-
Erläuterung: über dem klassischen Empirismus an neuen Begrün-
dungen einführt, ist folgendes:
Wenn wir bloß auf die Art sehen, wie etwas für uns
(nach der subjektiven Beschaffenheit unserer Vor- [Alle Erfahrung beruht] auf der synthetischen Ein-
stellungskräfte) Objekt der Erkenntnis (res cogno- heit der Erscheinungen, d. i. auf einer Synthesis
scibilis) sein kann, so werden alsdann die Begriffe nach Begriffen vom Gegenstande der Erscheinun-
nicht mit den Objekten, sondern bloß mit unse- gen überhaupt, ohne welche sie nicht einmal Er-
ren Erkenntnisvermögen […] zusammengehalten; kenntnis, sondern eine Rhapsodie von Wahrneh-
und die Frage, ob etwas ein erkennendes Wesen sei mungen sein würde, die sich in seinem Kontext
oder nicht, ist keine Frage, die die Möglichkeit der nach Regeln eines durchgängig verknüpften (mög-
Dinge selbst, sondern unsere Erkenntnis derselben lichen) Bewußtseins, mithin auch nicht zur tran-
angeht. Erkennbare Dinge sind nun von dreifacher szendentalen und notwendigen Einheit der Apper-
Art: Sachen der Meinung (opinabile), Tatsachen zeption, zusammen schicken würden. Die Erfah-
(scibile) und Glaubenssachen (mere credibile).58 rung hat also Prinzipien ihrer Form a priori zum
Grunde liegen, nämlich allgemeine Regeln der Ein-
Sollte man nun die Schlußfolgerung ziehen, Kant
heit in der Synthesis der Erscheinungen, deren ob-
habe alle Prinzipien des Empirismus verabschiedet
jektive Realität, als notwendige Bedingung, jeder-
und einen subjektivistischen Idealismus inthroni-
zeit in der Erfahrung, so sogar ihrer Möglichkeit
siert? Dies wäre ganz falsch. Die Kritik zielt auf den
gewiesen werden kann.61
Kants ›Revolution der Denkungsart‹ – Die Kritik der Erfahrung und der Vernunft 89

Der Apriorismus Kants kann als methodologischer dern sind Zuschreibungen erkennender Subjekte;
Idealismus verstanden werden. Die Zurechnung zu Der Raum ist »die Form aller Erscheinungen äu-
einem ontologisch und erkenntnistheoretisch ›sub- ßerer Sinne«64; die Zeit ist »die Form des inneren
jektiven Idealismus‹ ist mit Thesen, wie Kant sie etwa Sinnes, i. e. des Anschauens unserer selbst und un-
1790 in Replik auf eine Kritik an der Kritik der reinen seres inneren Zustandes«65;
Vernunft äußert, nicht in Einklang zu bringen: Die 2. die Theorie der ›reinen Verstandesbegriffe‹ (Kate-
realen Gegenstände geben als Dinge an sich den Stoff gorien) und der ›Schemata‹, der Urteile und der
zu empirischen Anschauungen; aber sie sind nicht Vernunftschlüsse in der den ›Elementen‹ des Ver-
deren Stoff, denn dieser kann nur durch die apriori- standes gewidmeten ›Transzendentalen Logik‹;
schen Anschauungsformen und Kategorien des Ver- 3. die transzendentale Deduktion eines Kategorien-
standes, die sowohl innerhalb der Erfahrung als auch systems: Die Kategorien (reine Verstandesbegriffe)
in nicht-empirischen Wissenschaften wirken, zur Er- sind Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis
kenntnis organisiert werden. In seiner Schrift Über a priori von Gegenständen der Erfahrung, und
eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen zwar innerhalb der Grenzen der Erfahrung;
Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden 4. die Theorie der transzendentalen Apperzeption,
soll (1790), in der er Einwände widerlegt, weist Kant des »Ich denke«, das alle Vorstellungen muß be-
die Annahme »anerschaffener oder angeborner Vor- gleiten können;
stellungen« zurück, um »alle insgesamt, sie mögen 5. die Theorie der produktiven Einbildungskraft;
zur Anschauung oder zu Verstandesbegriffen gehö- 6. die Lehre vom Schematismus66, in der das Ver-
ren«, als »erworben« auszuweisen: »Es gibt aber auch hältnis zwischen Kategorien, reinen Anschauun-
eine ursprüngliche Erwerbung […] Dergleichen ist gen und in der Anschauung gegebenen Sinnesda-
[…] erstlich die Form der Dinge im Raum und der ten bestimmt wird; es geht Kant um die auf Re-
Zeit, zweitens die synthetische Einheit des Mannigfal- geln a priori beruhenden Vermittlung von Sinn-
tigen in Begriffen.«62 lichkeit und Verstand, von Anschauung und
In ihrem Kern ist Kants Theorie eine Philosophie Begriff; der Schematismus der Verstandesbegriffe
der Erfahrung; das gegenüber dem britischen Em- ist die auf Wahrnehmungsgegenstände ange-
pirismus Neue besteht darin, daß sie nach der Mög- wandte Regel der synthetischen Einheit des Be-
lichkeit synthetischer Urteile a priori fragt, um der wußtseins;
Erfahrung ihren Ort zuweisen zu können. »Erfah- 7. die Theorie jener Ideen der Vernunft, die eine re-
rungsunabhängige Erkenntnis ist möglich als Er- gulative Funktion haben, obwohl sie die Grenzen
kenntnis von den formalen Bedingungen der Erfah- der Erfahrung überschreiten (Gott, Freiheit und
rung der Wirklichkeit. Es ist die Form der Erfahrung Unsterblichkeit).
›von der wir erfahrungsunabhängig etwas wissen Liest man die Vorrede zur 2. Ausgabe der Kritik der
können.«63 Dies macht Kants Lehre – in Verbindung reinen Vernunft, die wissens- und wissenschaftsge-
mit der kopernikanischen Wende der Epistemologie schichtlich argumentiert, so wird deutlich: Das phi-
– attraktiv für Wissenschaften, die den Status der losophische Problem liegt nicht in der Frage, ob Er-
Empirie zu klären suchen. Die Zentralität der Erfah- kenntnis durch synthetische Urteile a priori möglich
rung und die transzendentale Wendung zum Aprio- sei; diese Frage ist für Kant durch die Mathematik
rismus, die Kant dem Problem gibt, sind der Grund und die Newtonsche Physik beantwortet. Was ihn in-
sowohl für Kants Programmatik einer wissenschaftli- teressiert, ist das Wie des Zusammenhangs von Sinn-
chen Philosophie als auch für die besondere Nähe sei- lichkeit und Verstand als den beiden ›Säulen‹ des
ner Theorie zur Mathematik und zu den Naturwis- menschlichen Erkenntnisvermögens, von Erfahrung,
senschaften. apriorischer Erkenntnis und objektivem intersubjek-
tiven Wissen. Wenn die Frage nach dem Wie als phi-
3.1 Problemstellungen und wesentliche losophische Frage gestellt wird, so kann sie nicht
Prinzipien der Kritik der reinen Vernunft mehr einfach mit dem Hinweis auf die Tatsachen der
Was Kant an Neuem in die Theorie der Erkenntnis Empirie beantwortet werden. Es geht vorrangig um
und des Wissens einführt, sind vor allem »Erkenntnis a priori, oder aus reinem Verstande und
1. die in der ›Transzendentalen Ästhetik‹ ausgearbei- reiner Vernunft«.67 Kant wendet die zentrale Frage
tete Theorie von Raum und Zeit als der Sinnlich- so: »Wie sind synthetische Sätze a priori möglich?«68
keit zugeordnete notwendige Formen der An- Es handelt sich dabei um Sätze, die im Unterschied
schauung a priori; Raum und Zeit sind hinsicht- zu analytischen Sätzen, »die bloß erläuternd sind und
lich aller möglichen Gegenstände der Sinne ob- zum Inhalte der Erkenntnis nichts hinzutun«, »er-
jektiv gültig und haben empirische Realität; sie weiternd« sind »und die gegebene Erkenntnis vergrö-
›hängen‹ aber nicht an den Dingen-an-sich, son- ßern«.69 Über derartige Sätze schreibt Kant in der
90 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

Streitschrift Über eine Entdeckung, es sei ihnen mit Es ist das Problem der Einheit der Erfahrung, das
der »Maxime eines allgemeinen Mißtrauens« zu be- Kant lösen will. Diese Einheit setzt die apriorische
gegnen, »bevor nicht ein allgemeiner Grund ihrer Einheit des Selbstbewußtseins voraus, d. h. eine tran-
Möglichkeit in den wesentlichen Bedingungen unse- szendentale Einheit der Apperzeption.76 Dieses Prin-
rer Erkenntnisvermögen eingesehen worden« sei.70 zip ist der Inhalt des Satzes ›Von der ursprünglich-
Für die menschliche Erkenntnis ist die Komple- synthetischen Einheit der Apperzeption‹, dem zu-
mentarität zweier Erkenntnisvermögen, von Sinnlich- folge mit dem ›Ich denke‹ eine Synthesis »vor allem
keit und Verstand/Vernunft, und die Komplementari- Denken« gegeben ist, eine Synthesis, die »ein Aktus
tät zweier Vorstellungsarten, von Anschauung (als Lei- der Spontaneität« ist; und diese Synthesis »kann nicht
stung der Sinne) und Begriff (als Leistung des Ver- als zur Sinnlichkeit gehörig angesehen werden«;
standes) konstitutiv. Keines der beiden Momente
Ich verstehe […] unter Synthesis in der allgemein-
könnte getrennt vom anderen zu Erkenntnis führen:
sten Bedeutung die Handlung, verschiedene Vor-
Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand ge- stellungen zu einander hinzuzutun, und ihre Man-
geben, und ohne Verstand keiner gedacht wer- nigfaltigkeit in einer Erkenntnis zu begreifen.«77
den.71
Die Möglichkeit dieser Synthesis begründet Kant mit
Anschauung und Begriff folgen nicht aufeinander, der Idee der ›transzendentalen Apperzeption‹78, die
sondern wirken simultan zusammen. Die Sinnlich- ein transzendentales, nicht-empirisches, identisches
keit, die sich unmittelbar auf Gegenstände bezieht, ›Ich‹ leistet, das die Grundlage empirischen Selbst-
rezipiert Vorstellungen, der Verstand bezieht sich ver- bewußtsein ist:
mittels Begriffen auf Gegenstände; er ist selbsttätig
Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen be-
aktiv; er produziert Vorstellungen.
gleiten können; denn sonst würde etwas in mir
Für seine theoretische Begründung der Möglich-
vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden
keit synthetischer Urteile a priori findet Kant eine de
könnte, welches eben so viel heißt, als die Vorstel-
facto- ›Bestätigung‹ in »zwei Wissenschaften der
lung würde entweder unmöglich, oder wenigstens
theoretischen Erkenntnis«, nämlich in der reinen
für mich nichts sein.79
Mathematik und in der Naturwissenschaft.72 In die-
sen Wissenschaften entdeckt er jene typischen Sätze, Diese Konzeption eines transzendentalen, nicht em-
»welche alle Wahrnehmung (gemäß gewissen allge- pirischen Subjekts hat Kant den Einwand der Inkon-
meinen Bedingungen der Anschauung) unter jene sequenz seiner Philosophie der Erfahrung eingetra-
reinen Verstandesbegriffe subsumieren«, die in den gen. Doch es handelt sich um zwei Seiten einer Me-
Prolegomena in der ›logischen Tafel der Urteile‹, der daille. Kant besteht in der Kritik der reinen Vernunft
›transzendentalen Tafel der Verstandesbegriffe‹ und darauf, daß die »innere Erfahrung selbst nur mittel-
in der ›reinen physiologischen Tafel allgemeiner bar und nur durch äußere möglich ist«. Diese Aus-
Grundsätze der Naturwissenschaft‹ aufgeführt sind. sage ist ein Teil von Kants idealistischer ›Widerlegung
Die ersten beiden Tafeln erfassen unterschiedliche lo- des Idealismus‹ und gehört zum Beweis des ›Lehr-
gische Formen der Quantitäten, der Qualität, der Re- satzes‹: »Das bloße, aber empirisch bestimmte, Be-
lation und der Modalität; die dritte Tafel führt wußtsein meines eigenen Daseins beweist das Dasein
Axiome der Anschauung, Antizipationen der Wahr- der Gegenstände im Raum außer mir.«80
nehmung, Analogien der Erfahrung und Postulate In Kants ›Revolution der Denkungsart‹ wird jener
des empirischen Denkens überhaupt auf.73 minimale Realismus nicht dementiert, für den eine
Im Rahmen dieser transzendentalphilosophischen vom Bewußtsein unabhängige Welt außer Frage
›Kritik‹ zerschneidet Kant das Band der Tradition steht, und die epistemologische Revolution wäre
nicht; auch seine Philosophie ist eine Philosophie der mißverstanden, wollte man sie als Wende zu einem
Erfahrung: ontologischen Antirealismus auffassen.
Die reine Vernunft hat unter ihren Ideen nicht be-
3.2 Die Kopernikanische Revolution81
sondere Gegenstände, die über das Feld der Erfah-
Kant bringt das Prinzip seiner Kopernikanischen
rung hinauslägen, zur Absicht, sondern fordert
Wende in seinen Prolegomena auf die knappe Formel:
nur Vollständigkeit des Verstandesgebrauchs im
»der Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht
Zusammenhange der Erfahrung.74
aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor«. Er
Die Vernunft hat dabei »die eigentümliche Bestim- beugt aber sofort einem möglichen Mißverständnis
mung«, Prinzip »der systematischen Einheit des Ver- dieses Theorems vor: Es geht ihm nicht um »em-
standesgebrauchs« zu sein, bei dem die Grenzen der pirische Gesetze der Natur, die jederzeit besondere
Erfahrung und der phänomenalen Welt nicht über- Wahrnehmungen voraussetzen«, sondern um jene
schritten werden.75
Kants ›Revolution der Denkungsart‹ – Die Kritik der Erfahrung und der Vernunft 91

»reinen oder allgemeinen Naturgesetze, welche, ohne müsse sich nach den Gegenständen richten; aber
daß besondere Wahrnehmungen zum Grunde liegen, alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe
bloß die Bedingungen ihrer notwendigen Vereini- auszumachen, wodurch unsere Erkenntniß erwei-
gung in einer Erfahrung enthalten«; nur »in Anse- tert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zu
hung der letztern ist Natur und mögliche Erfahrung nichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht
ganz und gar einerlei«.82 in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fort-
Die revolutionäre Veränderung der ›Denkungsart‹ kommen, daß wir annehmen, die Gegenstände
wird in der 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft müssen sich nach unserem Erkenntniß richten,
in Analogie zur Revolution in der Mathematik und in welches so schon besser mit der verlangten Mög-
den Naturwissenschaften erläutert. Kant nimmt sich lichkeit einer Erkenntniß derselben a priori zusam-
vor, diese »wenigstens zum Versuche nachzuahmen«. menstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns ge-
Er verweist dabei u. a. auf Galilei, und dieser Hinweis geben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiemit
ist in diesem Kontext signifikant. Denn bereits Galilei eben so, als mit den ersten Gedanken des Coperni-
hatte in seinem Dialogo über die zwei größten Welt- cus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung
systeme 1632 geschrieben: der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte,
wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich
Die Philosophie ist in dem größten Buch geschrie- um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser
ben, das unseren Blicken vor allem offensteht – ich gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich dre-
meine das Weltall, aber das kann man nicht ver- hen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der
stehen, wenn man nicht zuerst seine Sprache ver- Metaphysik kann man nun, was die Anschauung
stehen lernt und die Buchstaben kennt, in denen es der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise
geschrieben ist. Es ist in mathematischer Sprache versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der
geschrieben, und seine Buchstaben sind Dreiecke, Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so
Kreise und andere geometrische Figuren, ohne sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas
diese Mittel ist es den Menschen unmöglich, ein wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als
Wort zu verstehen.83 Object der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres
Hier die programmatischen Sätze zur ›kopernikani- Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese
schen Wende‹ aus der ›Vorrede‹ zur 2. Auflage der Möglichkeit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei
Kritik der reinen Vernunft: diesen Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse wer-
den sollen, nicht stehen bleiben kann, sondern sie
Woran liegt es nun, daß […] noch kein sicherer als Vorstellungen auf irgend etwas als Gegenstand
Weg der Wissenschaft hat gefunden werden kön- beziehen und diesen durch jene bestimmen muß,
nen? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn die so kann ich entweder annehmen, die Begriffe, wo-
Natur unsere Vernunft mit der rastlosen Bestre- durch ich diese Bestimmung zu Stande bringe,
bung heimgesucht, ihm als einer ihrer wichtigsten richten sich auch nach dem Gegenstande, und
Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie dann bin ich wiederum in derselben Verlegenheit
wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Ver- wegen der Art, wie ich a priori hievon etwas wissen
nunft zu setzen, wenn sie uns in einem der wich- könne; oder ich nehme an, die Gegenstände oder,
tigsten Stücke unserer Wißbegierde nicht bloß ver- welches einerlei ist, die Erfahrung, in welcher sie
läßt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält und allein (als gegebene Gegenstände) erkannt werden,
am Ende betrügt! Oder ist er bisher nur verfehlt, richte sich nach diesen Begriffen, so sehe ich sofort
welche Anzeige können wir benutzen, um bei er- eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung selbst eine
neuertem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glück- Erkenntnißart ist, die Verstand erfordert, dessen
licher sein werden, als andere vor uns gewesen Regel ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gege-
sind? ben werden, mithin a priori voraussetzen muß,
Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird, nach
und Naturwissenschaft, die durch eine auf einmal denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung
zu Stande gebrachte Revolution das geworden nothwendig richten und mit ihnen übereinstim-
sind, was sie jetzt sind, wären merkwürdig genug, men müssen. Was Gegenstände betrifft, so fern sie
um dem wesentlichen Stücke der Umänderung der bloß durch Vernunft und zwar nothwendig ge-
Denkart, die ihnen so vortheilhaft geworden ist, dacht, die aber (so wenigstens, wie die Vernunft sie
nachzusinnen und ihnen, so viel ihre Analogie, als denkt) gar nicht in der Erfahrung gegeben werden
Vernunfterkenntnisse, mit der Metaphysik verstat- können, so werden die Versuche sie zu denken
tet, hierin wenigstens zum Versuche nachzuah- (denn denken müssen sie sich doch lassen) her-
men. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntniß nach einen herrlichen Probirstein desjenigen abge-
92 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

ben, was wir als die veränderte Methode der Den- findet, daß diese Einhelligkeit niemals anders, als
kungsart annehmen, daß wir nämlich von den durch jene Unterscheidung herauskomme, welche
Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in also die wahre ist.86
sie legen. […]
In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der 3.3 Die Gesetzgebung der menschlichen
Metaphysik umzuändern, und dadurch, daß wir Vernunft, der ›Weltbegriff‹ von Philosophie
nach dem Beispiele der Geometer und Naturfor- und der ›sensus communis‹
scher eine gänzliche Revolution mit derselben vor- In der ›transzendentalen Methodenlehre‹ der Kritik
nehmen, besteht nur das Geschäfte dieser Kritik der reinen Vernunft faßt Kant die Einheit, d. h. die
der reinen speculativen Vernunft. Sie ist ein Tractat »Ordnung der Teile«, unter dem Begriff des Systems,
von der Methode, nicht ein System der Wissen- und es ist die »Architektonik der reinen Vernunft«,
schaft selbst; aber sie verzeichnet gleichwohl den die aus einem bloßen Aggregat von Erkenntnissen
ganzen Umriß derselben sowohl in Ansehung ihrer ein Ganzes macht:
Grenzen, als auch den ganzen inneren Gliederbau Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere
derselben.84 Erkenntnisse überhaupt keine Rhapsodie, sondern
Wir erkennen von den Dingen nur das a priori, was wir sie müssen ein System ausmachen, in welchem sie
selbst in sie legen. Zu diesem Theorem gibt Kant eine allein die wesentlichen Zwecke derselben unter-
Erläuterung, in der er von der »dem Naturforscher stützen und befördern können. Ich verstehe aber
nachgeahmten Methode« spricht. Diese Methode be- unter einem Systeme die Einheit der mannigfalti-
steht darin, »die Elemente der reinen Vernunft in gen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der
dem zu suchen, was sich durch ein Experiment be- Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, so
stätigen oder widerlegen läßt«. Kant weiß natürlich, fern durch denselben der Umfang des Mannigfalti-
daß die Philosophie »zur Prüfung der Sätze der rei- gen sowohl, als die Stelle der Teile untereinander a
nen Vernunft […] kein Experiment mit ihren Ob- priori bestimmt wird. Der szientifische Vernunft-
jekten machen« kann (»wie in der Naturwissen- begriff enthält also den Zweck und die Form des
schaft«). Deshalb geht er in seinem Gedankenexperi- Ganzen, das mit demselben congruiert.87
ment von der Voraussetzung aus, »daß dieselben Ge- Im Abschnitt über die Architektonik überschreitet
genstände einerseits als Gegenstände der Sinne und Kant die Grenzen einer Kritik der reinen Vernunft
des Verstandes für die Erfahrung, andererseits aber und gibt zunächst eine allgemeine Bestimmung des
doch als Gegenstände, die man bloß denkt, allenfalls Status und der Funktion von Philosophie, einen
für die isolierte und über Erfahrungsgrenzen hinaus- »Weltbegriff« von Philosophie:
strebende Vernunft, mithin von zwei verschiedenen
Seiten betrachtet werden können«.85 Es handelt sich Philosophie [ist] die Wissenschaft von der Bezie-
hier weder um einen marginalen noch um einen ein- hung aller Erkenntniß auf die wesentlichen Zwecke
maligen Vergleich. Für Kants Absicht, eine Revolu- der menschlichen Vernunft (teleologia rationis hu-
tion in der Metaphysik herbeizuführen, ist das Mo- manae), und der Philosoph ist nicht ein Vernunft-
dell der Naturerkenntnis konstitutiv; die Kritik der künstler, sondern der Gesetzgeber der menschli-
reinen Vernunft ist als »Traktat von der Methode« chen Vernunft.88
nachdrücklich »nach dem Beispiele der Geometer Damit ist zugleich der Übergang von der Kritik der
und Naturforscher« konzipiert. Im Kontext findet reinen Vernunft zur Kritik der praktischen Vernunft
sich auch ein auffälliger Vergleich mit der Chemie. erreicht, und weder die Kantische Theorie der Erfah-
Kant begründet die experimentelle Idee, daß sich un- rung und des Wissens noch seine Theorie der Wis-
sere Erkenntnis nicht nach »den Gegenständen als senschaft sind ohne die Weite dieser Perspektive und
Dingen an sich selbst« richtet, und notiert dazu: außerhalb des Horizonts der praktischen Philosophie
Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit zu verstehen. Die Idee der Natur verbindet sich jetzt
dem der Chemiker, welches sie manchmal den Ver- mit der Idee der Freiheit:
such der Reduktion, im allgemeinen aber das syn- Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft
thetische Verfahren nennen, viel Ähnliches. Die (Philosophie) hat […] zwei Gegenstände, Natur
Analysis des Metaphysikers schied die reine Er- und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturge-
kenntnis a priori in zwei sehr ungleiche Elemente, setz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei be-
nämlich die der Dinge als Erscheinungen, und sonderen, zuletzt aber in einem einzigen philoso-
dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik ver- phischen System. Die Philosophie der Natur geht
bindet beide wiederum zur Einhelligkeit mit der auf alles, was da ist, die der Sitten nur auf das, was
notwendigen Vernunftidee des Unbedingten und da sein soll.89
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 93

Was Kant letztlich mit der systematischen Kritik der der Philosophie, die bei Wolff und Hume enden, das
Erkenntnis anstrebt, ist Aufklärung – der ›Ausgang Ergebnis seiner mit dem Ziel ›Aufklärung‹ durchge-
aus selbstverschuldeter Unmündigkeit‹. Es geht ihm führten Untersuchungen in einer Prognose: »Der kri-
um die Ermöglichung von Selbstdenken ohne Wider- tische Weg ist allein noch offen.«
spruch und mit Rücksicht auf andere. Der sensus Dieser Weg ist tatsächlich offen; er kann begangen
communis ist mehr als ein ›Vermögen der Erkennt- oder nicht begangen werden. Kant schließt mit ei-
nis‹, und es steht mehr auf dem Spiel als eine bloße nem Appell: Der Leser möge »urteilen, ob nicht,
Erweiterung von Erkenntnis und Wissen. Es geht um wenn es ihm beliebt, das Seinige dazu beizutragen,
eine ›erweiterte Denkungsart‹, um den epistemischen um diesen Fußsteig zur Heeresstraße zu machen,
Habitus, der sich ȟber die subjektiven Privatbedin- dasjenige, was viele Jahrhunderte nicht leisten konn-
gungen des Urteils […] wegsetzen [kann], und aus ten, noch vor Ablauf des gegenwärtigen erreicht wer-
einem allgemeinen Standpunkte ([… indem man] den möge: nämlich die menschliche Vernunft in
sich in den Standpunkt anderer versetzt) über sein dem, was ihre Wißbegierde jederzeit, bisher aber ver-
eigenes Urteil reflektiert«.90 Diese Reflexion setzt Ur- geblich beschäftigt hat, zur völligen Befriedigung zu
teilskraft voraus. bringen.«94
Kants Begriff der Urteilskraft bezieht sich auf jene Das »dogmatische Verfahren der reinen Vernunft,
Fähigkeit, welche die Bildung von richtigen, sachan- ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens«95
gemessenen Urteilen ermöglicht; sie ist das Vermö- Aussagen über Wirklichkeit zu machen, ist seit Kant
gen, unter Regeln zu subsumieren, d. h. zu unter- diskreditiert. Doch schon innerhalb des Deutschen
scheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel steht Idealismus wird dieses formale kritische Prinzip zu-
oder nicht. Der epistemologischen Dimension des Be- gunsten materialer Erkenntnislehren und in Form
griffs korrespondiert eine ethische: »Die Regel der Ur- von Metaphysiken des Absoluten aufgegeben (s. Kap.
teilskraft unter Gesetzen der reinen praktischen Ver- 2: Die Vernunft und das Absolute), die ihrerseits auf
nunft ist diese: Frage dich selbst, ob die Handlung, Einzelwissenschaften gestützte realistische, materiali-
die du vorhast, wenn sie nach einem Gesetze der Na- stische, naturalistische und positivistische Alternati-
tur, von der du selbst ein Teil wärest, geschehen ven zur Philosophie provozieren.
sollte, sie du wohl, als durch deinen Willen möglich, Hans Jörg Sandkühler
ansehen könntest. Nach dieser Regel beurteilt in der
Tat jedermann Handlungen, ob sie sittlich-gut oder
böse sind.« 91 4. Philosophie der Erkenntnis
Die Urteilskraft ist konstitutiv für das Wirken des und des Wissens nach Kant
kategorischen Imperativs, die Menschheit in sich
selbst und in allen anderen Personen als Zweck und 4.1 Fichte
nicht als Mittel zu behandeln (s. Kap. 6: Freiheit, Mo- Die Geburtsurkunde dessen, was in Weiterentwick-
ral und Sittlichkeit). Die Differenz zwischen Ideal lung der kritischen Philosophie Kants und in Ab-
und Faktizität ist Kant durchaus bewußt: »Allein ob- grenzung zu ihr Deutscher Idealismus genannt wird,
gleich das vernünftige Wesen darauf nicht rechnen liegt mit Fichtes Wissenschaftslehre vor, die er seit
kann, daß, wenn es auch gleich diese Maxime selbst 1794, inspiriert von Kant und Reinhold, in Varianten
pünktlich befolgte, darum jedes andere eben dersel- bis 1813 als eigenen philosophischen Systemansatz
ben treu sein würde, […] so bleibt doch jenes Gesetz: ausgearbeitet hat. Sein Anliegen war, die Frage nach
handle nach Maximen eines allgemein gesetzgebenden dem Grund für die Möglichkeit wahrer Erkenntnis so
Gliedes zu einem bloß möglichen Reiche der Zwecke, in zu beantworten, daß die dualistischen Unzulänglich-
seiner vollen Kraft, weil es kategorisch gebietend keiten der kantischen Philosophie behoben würden.
ist.«92 Fichte (1762–1814), der mit seinem 1793 erschiene-
Der Kontext zeigt, daß und warum für Kant die nen Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums
Urteilskraft nicht allein ein Problem der Erkenntnis- über die französische Revolution als der deutsche Phi-
kritik ist; in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) heißt losoph der Französischen Revolution angesehen wer-
es: »Befreiung vom Aberglauben heißt Aufklärung«. den kann, hat 1795 seine Wissenschaftslehre mit dem
Aufklärung bedeutet die Kritik des Bedürfnisses, revolutionären Frankreich verglichen:
»von andern geleitet zu werden, mithin de[s] Zu- Mein System ist das erste System der Freiheit; wie
stand[s] einer passiven Vernunft«.93 Den Stein des jene Nation von den äußern Ketten den Menschen
Anstoßes bilden falsche Autoritäten und blinder Ge- losreißt, reißt mein System ihn von den Fesseln der
horsam. Dinge an sich, des äußeren Einflusses los, und
Am Schluß seiner Kritik der reinen Vernunft bilan- stellt ihn in seinem ersten Grundsatze als selbstän-
ziert Kant nach kurzen Darstellungen zur Geschichte diges Wesen hin.96
94 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

Mit der Befreiung ›von den Fesseln der Dinge an »Ich an sich« ein – »nicht als Gegenstand der Erfah-
sich‹ wird Kants Transzendentalphilosophie radikali- rung, denn es ist nicht [durch eine äußere Welt] be-
siert; die Dualität von Denken und objektiver Welt stimmt, sondern wird lediglich durch mich bestimmt
wird in einer monistischen Konzeption von Wissen […] als etwas über alle Erfahrung Erhabenes«.102
aufgelöst: Während der ›Dogmatismus‹ »die Natur der Intelli-
genz […] durch den Satz der Kausalität erklären«
Dies der wahre Geist des transscendentalen Idea-
will, behauptet der Idealismus:
lismus. Alles Seyn ist Wissen. Die Grundlage des
Universum ist nicht Ungeist, Widergeist, dessen Die Intelligenz, als solche, sieht sich selbst zu; und
Verbindung mit dem Geiste sich nie begreifen dieses sich selbst Sehen geht unmittelbar auf alles,
liesse, sondern selbst Geist. Kein Tod, keine leblose was sie ist, und in dieser unmittelbaren Vereini-
Materie, sondern überall Leben, Geist, Intelligenz: gung des Seins und des Sehens besteht die Natur
ein Geisterreich, durchaus nichts Anderes. Wie- der Intelligenz.103
derum alles Wissen, wenn es nur ein Wissen ist, –
Wie aber kommen wir dann noch dazu, ein Sein an-
(wie Wahn und Irrthum, nicht als substantes des
zunehmen? Diese Präsupposition bedarf einer philo-
Wissens, denn das ist nicht möglich, sondern als
sophischen Klärung der Frage, wie ein Sein für uns
accidentes desselben möglich sey, davon zu seiner
möglich ist. Dogmatismus und Idealismus stellen
Zeit) – ist Seyn (setzt absolute Realität und Ob-
Versuche dar, den Grund der Erfahrung zu identifi-
jectivität).97
zieren. Der Grund wird entweder im Ding gesucht –
Fichte hat in seiner Ersten Einleitung in die Wissen- dies ist der Weg des Dogmatismus/Realismus – oder
schaftslehre (1797), die er, ähnlich wie Kant, mit ei- aber in der Intelligenz, im Ich; dies ist Fichte zufolge
nem Bacon-Motto eröffnet, für sich in Anspruch ge- der Weg des Idealismus; sowohl Schelling als auch
nommen, »daß mein System kein anderes sei als das Hegel werden in ihren Fichte-Kritiken bestreiten, daß
Kantische«.98 Vor seiner Wissenschaftslehre sei Kant dies die angemessene Problemlösung sei. Zwar leug-
jedoch »nicht verstanden worden«; dessen Interpre- net auch der Dogmatiker weder das Faktum des Be-
ten hätten wegen der Problematik der Dinge, wie sie wußtseins noch das Bewußtsein von Freiheit, aber er
an sich selbst sind, leichtes Spiel gehabt, ihn als sucht sie aus dem Ding an sich als ihrem Grund her-
»Dogmatiker« (Realisten, Materialisten) auszugeben zuleiten. Das Bewußtsein von Freiheit, d. h. die Selb-
und so den »beliebten, oberflächlichen Empirismus ständigkeit des Ich, muß deshalb für ihn letztlich zur
ferner zu pflegen«.99 Auf den ersten Blick hält Fichte Illusion werden, und der Dogmatiker ist Fatalist. Der
mit dem Ziel, das »System der von dem Gefühle der Idealist sucht den Grund der Erfahrung im Ich an
Notwendigkeit begleiteten Vorstellungen« zu unter- sich, aus dem er auch die Objektivität der Welt ab-
suchen, an der kantischen Orientierung auf die Er- leiten will. Er zeigt, daß das Ich etwas Reales im Be-
fahrung fest: »Die Philosophie hat […] den Grund wußtsein ist, nämlich in der Selbstbestimmung des
aller Erfahrung anzugeben.« Doch indem sie nach Denkenden. Damit ist das Ich allerdings noch nicht
dem Grund der Erfahrung fragt, liegt ihr Objekt als Erklärungsgrund der Erfahrung aufgewiesen.
»notwendig außer aller Erfahrung«.100 Während bei Denn es wäre zirkulär, die Erfahrung durch ein Er-
Kant die Dinge, wie sie an sich selbst sind, eine sub- fahrenes zu erklären.
jektunabhängige Erkenntnisquelle darstellen und als Im Konzept der Intelligenz ist für Fichte der Kanti-
Ursache des Anschauungsmaterials angenommen sche Dualismus überwunden. Zugleich kennzeichnet
werden, läßt Fichte die Vernunft aus sich selbst und dieser Begriff innerhalb des Deutschen Idealismus
frei von äußerer Determination sich selbst und ihre eine radikal anti-realistische Epistemologie104: Die
Objekte ›setzen‹. Das erkennende Subjekt (Ich) hat Intelligenz ist absolute Freiheit des Handelns, »tätig
die Eigenschaft, durch intellektuelles Handeln in und absolut nicht leidend« (d. h. unbeeinflußt durch
Selbstbestimmung und Selbstnegation zugleich die Außenwelt), »ein Tun, und absolut nichts wei-
Wirklichkeit (Nicht-Ich) zu konstituieren. ter«.105 Fichte grenzt sich so von jenem »transzen-
Fichte sieht zwei Erklärungssysteme in Konkur- denten Idealismus« ab, der »aus dem freien und völ-
renz zueinander, den Idealismus und den Dogmatis- lig gesetzlosen Handeln der Intelligenz die bestimm-
mus. Der Dogmatiker abstrahiert zugunsten des ten Vorstellungen ableitete; eine völlig widerspre-
Dings an sich von der Intelligenz, der Idealist im In- chende Voraussetzung, indem […] auf ein solches
teresse der Rettung der Freiheit der Intelligenz von Handeln der Satz des Grundes nicht anwendbar
den realen Gegenständen.101 Der Entscheidung der ist«;106 der von ihm entworfene »vollständige tran-
Wissenschaftslehre für den Idealismus folgt die szendentale Idealismus« hingegen »weiß bei seinem
These: »das Ding an sich ist eine bloße Erdichtung Verfahren nichts von der Erfahrung«. Für seinen
und hat gar keine Realität«. Statt dessen führt sie ein »vollständigen Idealismus« ist das »a priori und das a
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 95

posteriori […] gar nicht zweierlei, sondern ganz ei- 3. daß nicht alles Wissen über Subjektivität empi-
nerlei«, und »die Philosophie antizipiert die gesamte risch sein kann (Fichte).
Erfahrung«.107 Die Realität kann nur noch in einem Da die Frage nach den Bedingungen und Vorausset-
Begriff gedacht werden, der sie als eine vom handeln- zungen allen möglichen Wissens auf eine Wissen-
den intelligenten Ich abgeleitete Größe erscheinen schaft von den Wissenschaften abzielt, nennt Fichte
läßt, als Nicht-Ich, an dem das Ich eine selbstgesetzte seine Philosophie Wissenschaftslehre. Ihr Gegenstand
Grenze findet, die es überschreitet, sobald es das, was ist das gesamte System des menschlichen Wissens. Im
nicht Ich ist, als Produkt des eigenen Handelns be- ersten Grundsatz dieses Systems ist die Möglichkeit
greift. des Sich-selbst-Wissens festgeschrieben. Aus dem er-
Reinhold hatte 1790 als grundlegenden ›Satz des sten Grundsatz werden weitere Grundsätze teils de-
Bewußtseins‹ formuliert: »Im Bewußtsein wird die duziert, teils dialektisch entwickelt. In diesen Grund-
Vorstellung durch das Subjekt vom Subjekt und Ob- sätzen sollen diejenigen Elemente des Wissens for-
jekt unterschieden und auf beide bezogen.«108 Fichte muliert werden, die für alle Denkoperationen des Be-
bezweifelt, daß der Begriff der ›Vorstellung‹ der ge- wußtseins notwendig sind. Unbedingt, d. h. auf
suchte ursprüngliche Begriff a priori sei und der Satz keinen anderen Grund mehr zurückzuführen, ist für
des Bewußtseins erster Grundsatz aller Philosophie Fichte der Umstand des Wissens selbst. In alle Ge-
sein könne. Für ihn hat auch das ›Vorstellen‹ angeb- genstände des Wissens ist das Sich-selbst-Wissen ein-
bare Voraussetzungen; er untersucht deshalb den geschrieben: Wenn ich etwas weiß, ist es immer das
Fall, bei dem die Vorstellung dasjenige vorstellt, was Ich, welches dieses weiß.
selbst das Vorstellende ist – das Selbstbewußtsein. Im Wesentliche Merkmale der Wissenschaftslehre
Selbstbewußtsein ist das, was in der Vorstellung vor- sind:
gestellt wird, nichts anderes als das Vorstellende. An- 1. Der oberste Grundsatz dieses Systems ist der Satz
ders gesagt: im Selbstbewußtsein weiß sich der Wis- »Ich bin Ich«; zu diesem konstituierenden Ich
sende als Wissender, weiß sich ein Subjekt als Objekt kommt das Ich durch eine Selbst-Setzung, eine
seiner Vorstellung. Das Selbstbewußtsein identifiziert »Thathandlung«.109 Setzung und Ich-sein sind
sich aber offenbar nicht mit allen Vorstellungen, son- identisch.
dern es trifft eine Auswahl. Die Selektion nimmt das 2. Das gesamte Wesen der endlichen Vernunft wird
Selbstbewußtsein so vor, daß es jene Vorstellungen aus einer Wesensbestimmung des Sich-Setzens des
auswählt, mit denen es sich identifiziert, die es für Ich und einer gleichursprünglichen Setzung des
wahr hält. Dieser Akt der Identifikation mit dem Ge- Nicht-Ich bestimmt.
wußten stiftet erst das Selbstbewußtsein des Wissen- 3. Als Vermittlungsinstanz zwischen Ich und Nicht-
den. Das Selbstbewußtsein ist eine Handlung des Ich fungiert die dynamische Fähigkeit der prakti-
Wissens, bei der das Subjekt des Wissens nicht nur schen Vernunft. Die Wissenschaftslehre steht unter
mit dessen Objekt identifiziert wird, sondern auch dem Primat der praktischen Vernunft, die zwi-
mit dem Wissensakt selbst. Das Verhältnis des Wis- schen dem reinen, absoluten Ich und der ›Intelli-
sens zum Subjekt – zu dem, der weiß – zeichnet sich genz‹, d. h. der theoretischen Vernunft, vermit-
durch Unmittelbarkeit aus, denn wenn man versu- telt.
chen will zu beweisen, was Wissen ist, ist ein Wissen 4. Die Methodik des Gesamtgefüges zeichnet sich
über das Wissen immer schon vorausgesetzt. Daß aus durch Abstraktion von der Empirie, Reflexion
man das Wissen nicht beweisen kann, liegt an der auf die transzendentale Struktur der Vernunft, in-
Grundlosigkeit des Wissens. Wollte man dem Wissen tellektuelle Anschauung als ursprünglichen Mo-
einen Grund vorausdenken, müßte man diesen dus der Gegebenheit sowie Dialektik als Grund-
Grund wissen. Dann aber wäre dieser Grund vom lage der Beziehungsstruktur von Ich und Nicht-
Wissen abhängig, während er doch umgekehrt das Ich.
Wissen begründen soll. Was keinen Grund hat, ist In der Wissenschaftslehre soll die Möglichkeit synthe-
frei; das Wissen kann keinen Grund haben, also ist es tischer Sätze a priori erörtert werden, die zugleich als
frei. Grundlage des gesamten Systems des Wissens fun-
Dies ist der Stand der philosophischen Überlegun- gieren sollen. Bei dieser auf Reinholds Kant-Inter-
gen Fichtes in den Jahren 1793/94, also in der Zeit pretation basierenden Aufgabenstellung macht Fichte
der Ausarbeitung der Wissenschaftslehre. Die theore- stillschweigend drei Voraussetzungen:
tischen Voraussetzungen schließen drei Prämissen 1. Alles endliche Wissen beruht auf einem absoluten
ein: Grundsatz;
1. daß es einen höchsten Punkt der Philosophie ge- 2. der absolute Grundsatz stellt eine Tathandlung
ben muß (Reinhold); dar. ›Tathandlung‹ bezeichnet die Urtätigkeit des
2. daß dieser Punkt nur im Subjekt liegen kann Wissens im Selbstbezug des Sich-Wissens und be-
(Kant);
96 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

deutet, daß das Ich sowohl (aktiv) als Handelndes Tatsache des Bewußtseins. Von hier wird zur höch-
agiert als auch (passiv) Produkt der Handlung sten Tatsache des Bewußtseins, dem ›Ich bin‹ fort-
ist; geschritten; und diese höchste Tatsache wird schließ-
3. der Grundsatz soll ›aufgesucht‹ werden, ist aber lich auf die sie begründende Tathandlung zurückge-
weder beweisbar noch bestimmbar. führt.
Fichte ist sich dieser Problematik bewußt; er spricht Dabei geht es im Identitätssatz zunächst gar nicht
am Anfang der Wissenschaftslehre von einem ›unver- um die Existenz von A, sondern um einen Bezie-
meidlichen Zirkel‹ der Argumentation. hungszusammenhang. Es geht Fichte nicht um die
Den Gedanken einer durchgängigen Einheit des Existenz von Etwas, sondern um die Form von Etwas.
Wissens hat Fichte mit Nachdruck gerechtfertigt. Im Für den Bedingungszusammenhang setzt Fichte den
Unterschied zu Hegel begründet er aber diese Einheit Terminus »X«; dieser Zusammenhang ist schlechthin
nicht auf der Grundlage einer Theorie der Selbstex- gesetzt, d. h. es handelt sich um eine notwendige,
plikation und des Fürsichwerdens des objektiven Gei- nicht hintergehbare Grundtätigkeit des Geistes; er ist
stes. Er erörtert die Notwendigkeit, das menschliche wesentlich für die Bestimmung des Ich. Im Identi-
Wissen als ein System zu denken. Gäbe es kein sol- tätssatz war das A gegeben worden, und Fichte fragt
ches System, so seine Überlegung, dann gäbe es über- nach den Bedingungen dieses Gegebenseins. Die
haupt nichts unmittelbar Gewisses; zudem müßten Antwort erläutert eine genuine Fähigkeit des Ich, die
wir davon ausgehen, daß unser Wissen zwar aus end- für den gesamten Deutschen Idealismus bedeutsam
lichen Reihen, aber aus einem zusammenhanglosen ist. Es ist dies die dem Ich schlechthin gegebene Fä-
Nebeneinander von Reihen bestünde. Die Einheit des higkeit, zu ›setzen‹. Es ist das Ich, welches A setzt.
Wissens hat für Fichte aber ihr notwendiges Komple- Durch das Setzen des Ich ist sowohl das A als auch
ment in der Pluralität der Wissensformen, so daß das X als Bedingungszusammenhang gegeben. Dieses
eine Theorie des Wissens als Explikation des Struk- ›Setzen‹ soll – nach einer Erläuterung Fichtes in ei-
turzusammenhangs von Einheit und Vielheit zu ent- nem Brief – »kein Denken, kein Anschauen, kein
falten ist. Empfinden, kein Begehren, kein Fühlen« sein, son-
Mit einer Triade ›logischer Grundsätze‹ sichert dern »die gesammte Thätigkeit des menschlichen
Fichte in Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre Geistes, die keinen Namen hat, die im Bewußtseyn
1794/95 der neuen prima philosophia ihr Gebiet: das nie vorkommt, die unbegreiflich ist«.110 Während
reine Selbstbewußtsein oder absolute Wissen in der das ›Setzen‹ als Wesensmerkmal des Ich zunächst nur
unbedingten Einheit schlechthinnigen Setzens, Ent- die Bedeutung von ›hypothetisch annehmen‹ zu ha-
gegensetzens und Zusammensetzens. Fichtes einfüh- ben scheint, ändert sich dies im Verlauf der Argu-
rende Methodenüberlegung versichert, daß die drei mentation Fichtes durch einen Wechsel der Bezugs-
Grundsätze eine bruchlose Systementfaltung ver- ebenen. Während der Anfang zunächst als formal-
bürgten, und zwar im Hinblick auf Einheit, Form logisches Bedingungsverhältnis konzipiert war, wird
und Gehalt. nun eine Realitätsebene miteinbezogen, die im
Die Einheit und Homogenität stellt der erste Grunde genommen bereits von Anbeginn vorausge-
Grundsatz, der Satz der Identität in der Gestalt des setzt worden war. Fichte versteht den Identitätssatz
thetischen Urteils »Ich bin Ich«, sicher. Deduziert (A=A) als principium identitatis (Ich=Ich). Der Satz
wird ein Zusammenhang von Sätzen, welche synthe- steht mit sich selbst in einem Begründungsverhältnis;
tisch-apriorische Handlungen des einen und selben denn A ist nur dann mit sich selbst gleich, wenn A
Ich ausdrücken. Nach dem Grundsatz der theoreti- objektiv und real existiert. Die Gewißheit des Satzes
schen Vernunft ist das Ich durch das Nicht-Ich be- basiert auf der Gewißheit eines Bedingungsverhält-
stimmt; nach dem Grundsatz der praktischen Ver- nisses von Mit-sich-identisch-sein und realem Wirk-
nunft bestimmt das Ich das Nicht-Ich; es strebt ja lichsein. Objektiv real ist A dadurch, daß es vom Ich
danach, das Unvernünftige gänzlich unter die Ge- gesetzt, d. h. als seiend vorgestellt ist.
setze der Freiheit und der Vernunft zu stellen. Der Zusammenhang von Sein und Identisch-Sein
Die Frage nach dem Anfang und nach dem Grund hat seine Basis im Ich bin; das Sein des Ich (das esse
des Wissens stellt sich als Frage nach den Voraus- des sum) besteht in einer Tätigkeit, die in sich selbst
setzungen für den absoluten Grundsatz des Wissens. zurückkehrt (cogito me cogitare). Das »Ich denke« des
Hier konzentriert sich Fichte auf den Fall, bei dem Descartes wird von Fichte auf die Grundlage eines
das Selbstbewußtsein als Organ des Wissens zum Ge- »Ich bin« gestellt. Das Wesen des Ich liegt damit nicht
genstand des Wissens sich selbst, das Selbstbewußt- mehr im Denken, sondern diesem Reflexionsakt wird
sein hat. Die Argumentation zum ersten Grundsatz eine Selbstsetzung vorausgesetzt, die nicht nur
vollzieht sich in drei Schritten: Ausgegangen wird Grundlage des Denkens, sondern aller Bestimmun-
vom Identitätssatz (A=A) als der unbezweifelbaren gen des menschlichen Geistes ist. Während das ›Set-
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 97

zen‹ zuvor eine hypothetische Annahme ausdrückte, den Status des ›für-sich-seins‹ einbringt117, könnte
kommt ihm nunmehr die Bedeutung von ›Sein‹ zu, man versucht sein, einen Widerspruch zwischen der
es fungiert also als Existenzbedingung. Dann aber unmittelbaren Absolutheit des Ich und dem Für-
kann man ›Setzen‹ nicht mehr als ›hypothetisch an- sich-Sein des Ich anzunehmen. Fichte selbst ist in
nehmen‹, sondern nur als ›Produzieren‹ verstehen. späteren Entwürfen der Wissenschaftslehre auf diese
Vom Identitätssatz (A = A) geht Fichte zum »Ich Unterscheidung stärker eingegangen und nennt das
bin« und von hier zum »Ich bin Ich«.111 Während unmittelbare Selbstbewußtsein ›intellektuelle An-
das erste Ich, das Subjekt, als schlechthin gesetztes schauung‹, das reflektierte Selbstbewußtsein hinge-
gelten soll, so kann das zweite Ich, welches an der gen ›Begriff‹.
Stelle des Prädikats steht, als Seiendes gelesen wer- Fichtes Idealismus ist sich darüber im klaren, daß
den. Also: »das Ich sei, weil es sich gesetzt habe«.112 durch das Transzendieren der alltäglichen Erfahrung
Das Ich setzt sich selbst, »schlechthin weil es ist«.113 eine neue Art des Wissens angezielt wird: spekulatives
Es kann als ein »absolutes Subjekt« gelten, weil sein Wissen. Fichte gibt dem Denken des Philosophen, der
»Wesen« »darin besteht, daß es sich selbst als seiend vom realistischen Zugriff auf die Dinge abstrahiert,
setzt«.114 die neue Bezeichnung »Spekulation«, während das
Die Form der Systementwicklung des Wissens alltägliche »Denken« ein Vorstellen ist. Die Aufgabe
gründet im zweiten und dritten Grundsatz: »die bei- des spekulativen Wissens besteht darin, Wissenschaft
den letzten machen das synthetische Verfahren über- und alltägliches Denken in einem sich selbst gewissen
haupt erst möglich, stellen auf und begründen die Wissen zu begründen und verstehbar zu machen.
Form desselben«.115 Form meint dabei das geregelte Dank der Abstraktion unterscheidet der Idealist in
»Wie« der Ableitung. Deren Grundregel lautet: der Erfahrung Ding an sich und Ich an sich. Die Ich-
»keine Synthesis ohne Antithesis, keine Antithesis Ding-Relation ist für ihn aber keine reine Dingrela-
ohne Synthesis«. Der erste Teil der Regel wurzelt of- tion und deshalb auch nicht als Kausalnexus begreif-
fenbar im zweiten Grundsatz: Das Ich setzt sich un- bar. Der Idealist kennt die beiden Reihen im Ich und
mittelbar ein Nicht-Ich entgegen; anders kommt das unterscheidet sie. Hierin gründet die spekulative
endliche Selbstbewußtsein nicht zu sich selbst, als Überlegenheit des Idealismus. Fichte ist sich dessen
daß es sich von dem unterscheidet, was es nicht ist. bewußt, daß im Philosophieren kein selbstverständli-
Daher läßt sich jede Synthesis als Vereinigung ent- cher Standpunkt eingenommen wird, und für das
gegensetzter Strukturen aufdecken. Mit gleicher un- Philosophieren kann es keine Begründung allein aus
zweifelhafter Gewißheit gilt der zweite Teil der Regel: theoretischer Vernunft geben.
»keine Antithesis ohne Synthesis«. Sie hat ihren tran- Ist die Rede vom Ich als einem »Subjekt-Objekt«
szendentalen Grund im dritten Grundsatz: Das Ich mehr als eine leere Chiffre, deren Gehalt sich nicht
setzt im Ich die Antithesen von Ich und Nicht-Ich denken läßt? Zur Erklärung des Selbstbewußtseins
und damit eine Synthesis. Der dritte Grundsatz gibt führt Fichte die Beobachtung einer doppelt gerichte-
den Herkunftsbereich an, dem alle künftigen Synthe- ten Tätigkeit des Ich ein: Die innere Tätigkeit des Ich
sen entstammen und den sie mit keinem Schritt geht auf ein Objekt des Denkens und zugleich ›in
mehr verlassen: »Eben so ist in der ersten syntheti- sich‹ selbst. Der eine Zweig, die in sich gerichtete Tä-
schen Handlung, der Grundsynthesis (der des Ich tigkeit, bringt das Ich hervor. Mit der Formulierung
und Nicht-Ich) ein Gehalt für alle mögliche künftige »In-sich-gehen« stellt Fichte sicher, daß es sich nicht
Synthesis aufgestellt«. Die Grundsynthesis vereinigt um die Beziehung eines Subjekts zu einem externen
das Gegensätzliche, das ichhaft Subjektive und das Objekt handelt. Es wird so ein Ich erreicht, das reines
nicht-ichhaft Objektive, das Ideale und das Reale, Tun ist, ein Tun, das zunächst als »sich setzen« auf
den Geist und die Natur, und aus ihr »muß alles sich sich selbst gerichtet ist; zugleich ist es »als setzend«
entwickeln lassen, was in das Gebiet der Wissen- auf äußere Objekte gerichtet. Beide Male ist die Rede
schaftslehre gehören soll«.116 vom gleichen setzenden Handeln. Dies macht ein un-
Die Konstituierung des Selbstbewußtseins ist iden- mittelbares Wissen um sich selbst möglich. Die For-
tisch mit der Konstituierung des Ich. Die Existenz des mel vom »sich setzen als setzend« zielt auf die Einheit
Ich ist sowohl Folge als auch Implikation seines Set- des Ich.
zens. Dieses Setzen ist keines, dem in einem infiniten In der Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre
Regress ein immer neues Setzen vorausgeht, sondern (1797) stellt Fichte »für Leser, die schon ein philo-
das Ich selbst ist ein Setzen, vor dem es kein Ich gibt. sophisches System haben«, sein Programm so vor:
Die Selbstsetzung des Ich ist also nicht reflexiv, son-
dern produktiv. Mit dieser Setzung des Ich als Sub- 1. Dasjenige, was sie [die Wissenschaftslehre] zum
jektivität scheint zunächst keinerlei innere Differen- Gegenstande ihres Denkens macht, ist nicht ein
zierung verbunden zu sein. Da Fichte jedoch auch todter Begriff, der sich gegen ihre Untersuchung
98 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

nur leidend verhalte, und aus welchem sie erst diesem Systeme noch ein realistisches, gleichfalls
durch ihr Denken etwa. mache, sondern es ist ein gründliches und consequentes System möglich fin-
Lebendiges und Thätiges, das aus sich selbst und den sollte. Der Realismus, der sich uns allen und
durch sich selbst Erkenntnisse erzeugt, und wel- selbst dem entschiedensten Idealisten aufdringt,
chem der Philosoph bloss zusieht. Sein Geschäft in wenn es zum Handeln kömmt, d. h. die Annahme,
der Sache ist nichts weiter, als daß er jenes Leben- daß Gegenstände ganz unabhängig von uns ausser
dige in zweckmäßige Thätigkeit versetze, dieser uns existiren, liegt im Idealismus selbst, und wird
Thätigkeit desselben zusehe, sie auffasse, und als in ihm erklärt und abgeleitet; und die Ableitung
Eins begreife. Er stellt ein Experiment an. Das zu einer objectiven Wahrheit, sowohl in der Welt der
untersuchende in die Lage zu versetzen, in der be- Erscheinungen, als auch in der intelligibeln Welt,
stimmt diejenige Beobachtung gemacht werden ist ja der einzige Zweck aller Philosophie. – Der
kann, welche beabsichtigt wird, ist seine Sache; es Philosoph sagt nur in seinem Namen: Alles, was für
ist seine Sache, auf die Erscheinungen aufzumer- das Ich ist, ist durch das Ich. Das Ich selbst aber
ken, sie richtig zu verfolgen und zu verknüpfen; sagt in seiner Philosophie: So wahr ich bin und
aber wie das Object sich äussere, ist nicht seine lebe, existirt etwas ausser mir, das nicht durch
Sache, sondern die des Objects selbst, und er mich da ist. Wie es zu einer solchen Behauptung
würde seinem eigenen Zwecke gerade entgegenar- komme, erklärt der Philosoph aus dem Grund-
beiten, wenn er dasselbe nicht sich selbst über- satze seiner Philosophie. Der erstere Standpunct ist
liesse, sondern in die Entwickelung der Erschei- der rein speculative, der letztere der des Lebens
nung Eingriffe thäte. Der Philosoph von der ersten und der Wissenschaft (Wissenschaft im Gegen-
Gattung hingegen verfertigt ein Kunstproduct. Er satze mit der Wissenschaftslehre genommen); der
rechnet im Objecte seiner Bearbeitung nur auf die letztere ist nur vom ersteren aus begreiflich; aus-
Materie, nicht auf eine innere, selbstthätige Kraft serdem hat der Realismus zwar Grund, denn er
desselben. Ehe er an die Arbeit geht, muß diese nöthigt sich uns durch unsere Natur auf; aber er
innere Kraft schon getödtet seyn, ausserdem würde hat keinen bekannten und verständlichen Grund:
sie seiner Bearbeitung widerstehen. Aus dieser to- der erstere ist aber auch nur dazu da, um den letz-
dten Masse verfertigt er etwas lediglich durch seine teren begreiflich zu machen. Der Idealismus kann
eigene Kraft, und bloss nach seinem eigenen, nie Denkart seyn, sondern er ist nur Speculation.
schon vorher entworfenen Begriffe. In der Wissen- 2. Nach dieser vorläufigen Erinnerung, deren
schaftslehre giebt es zwei sehr verschiedene Reihen weitere Anwendung in unserer gegenwärtigen Ab-
des geistigen Handelns: die des Ich, welches der handlung enthalten seyn wird, – wie wird die Wis-
Philosoph beobachtet, und die der Beobachtungen senschaftslehre zu Werke gehen, um ihre Aufgabe
des Philosophen. In den entgegengesetzten Philo- zu lösen?
sophien, auf welche ich mich soeben bezog, giebt Die Frage, welche sie zu beantworten hat, ist,
es nur eine Reihe des Denkens, die der Gedanken wie bekannt, folgende: woher das System der vom
des Philosophen; da sein Stoff selbst nicht als den- Gefühle der Nothwendigkeit begleiteten Vorstel-
kend eingeführt wird. Es liegt ein Hauptgrund des lungen? oder: wie kommen wir dazu, dem, was
Misverständnisses und vieler nicht passender Ein- doch nur subjectiv ist, objective Gültigkeit beizu-
würfe gegen die Wissenschaftslehre darin, daß messen? Oder, da objective Gültigkeit durch Seyn
man diese zwei Reihen entweder gar nicht unter- bezeichnet wird: wie kommen wir dazu, ein Seyn
schied, oder was in die eine gehörte, mit dem, was anzunehmen? Da diese Frage von der Einkehr in
in die andere gehörte, verwechselte; und daß man sich selbst, von der Bemerkung, daß das unmittel-
dieses that, kam daher, weil man in seiner Philo- bare Object des Bewußtseyns doch lediglich das
sophie nur Eine Reihe antraf. Die Handlung des- Bewußtseyn selbst sey, ausgeht, so kann sie von
sen, der ein Kunstproduct verfertigt, ist, da sein keinem anderen Seyn, als von einem Seyn für uns
Stoff nicht handelt, allerdings die Erscheinung reden; und es wäre völlig widersinnig, sie mit der
selbst; aber die Relation dessen, der ein Experi- Frage nach einem Seyn ohne Beziehung auf ein
ment angestellt hat, ist nicht die Erscheinung Bewußtseyn für einerlei zu halten. Jedoch gerade
selbst, um die es zu thun ist, sondern der Begriff das widersinnigste pflegt in unserem philosophi-
von ihr. schen Zeitalter von den Philosophen am gewöhn-
lichsten zu geschehen.
In einer Anmerkung erläutert Fichte:
Die aufgestellte Frage: wie ist ein Seyn für uns
Auf dieselbe Verwechselung der beiden Reihen des möglich? abstrahirt selbst von allem Seyn: d. h.
Denkens im transscendentalen Idealismus würde nicht etwa, sie denkt ein Nicht-Seyn, wodurch die-
es sich gründen, wenn jemand neben und ausser ser Begriff nur negirt, nicht aber von ihm abstra-
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 99

hirt wurde, sondern sie denkt sich den Begriff des um in ihm erst den Grund alles Seyns – für das-
Seyns überhaupt gar nicht, weder positiv, noch ne- selbe, wie sich versteht – aufzuweisen. Aber dem
gativ. Sie fragt nach dem Grunde des Prädicats Subjecte kömmt, wenn von allem Seyn desselben
vom Seyn überhaupt, werde es nun beigelegt oder und für dasselbe abstrahirt ist, nichts zu, denn ein
abgesprochen; aber der Grund liegt allemal ausser- Handeln; es ist insbesondere in Beziehung auf das
halb des begründeten, d. i. er ist demselben ent- Seyn das handelnde. In seinem Handeln sonach
gegengesetzt. Die Antwort muss, wenn sie eine müsste er es auffassen, und von diesem Puncte aus
Antwort auf diese Frage seyn soll, und auf dieselbe würde jene doppelte Reihe erst anheben.
wirklich eingehen will, gleichfalls von allem Seyn Die Grundbehauptung des Philosophen, als ei-
abstrahiren. A priori, vor dem Versuche vorher zu nes solchen, ist diese: So wie das Ich nur für sich
behaupten, daß diese Abstraction in der Antwort selbst sey, entstehe ihm zugleich nothwendig ein
nicht möglich sey, weil sie überhaupt nicht mög- Seyn ausser ihm; der Grund des letzteren liege im
lich sey, heisst behaupten, daß sie auch in der ersteren, das letztere sey durch das erstere bedingt:
Frage nicht möglich, daß somit die Frage selbst Selbstbewußtseyn und Bewußtseyn eines Etwas,
aufgestelltermaassen nicht möglich sey: also daß das nicht wir selbst – seyn solle, sey nothwendig
die Aufgabe zu einer Metaphysik in dem angege- verbunden; das erstere aber sey anzusehen als das
benen Sinne des Wortes, inwiefern nach dem bedingende, und das letztere als das bedingte. Um
Grunde des Seyns für uns gefragt wird, nicht in der diese Behauptung zu erweisen, nicht etwas durch
Vernunft liege. Aus objectiven Gründen könnte die Raisonnement, als gültig für ein System der Exi-
Vernunftwidrigkeit dieser Frage gegen die Verthei- stenz an sich, sondern durch Beobachtung des ur-
diger derselben nicht erwiesen werden; denn diese sprünglichen Verfahrens der Vernunft, als gültig
behaupten: daß die Möglichkeit und Nothwendig- für die Vernunft, müsste er zeigen, zuvörderst: wie
keit der Frage auf das höchste Gesetz der Vernunft, das Ich für sich sey und werde; dann, daß dieses
auf das der Selbstständigkeit (die praktische Ge- Seyn seiner selbst für sich selbst nicht möglich sey,
setzgebung) sich gründe, unter welchem alle übri- ohne daß ihm auch zugleich ein Seyn ausser ihm
gen Vernunftgesetze stehen, und durch dasselbe entstehe.
begründet, aber zugleich auch bestimmt und auf Die erste Frage sonach wäre die: wie ist das Ich
die Sphäre ihrer Gültigkeit eingeschränkt werden. für sich selbst? das erste Postulat: denke dich, con-
Sie werden den Gegnern ihre Argumente zugeste- struire den Begriff deiner selbst, und bemerke, wie
hen, nur aber die Anwendbarkeit derselben auf du dies machst.
den gegebenen Fall läugnen; mit welchem Rechte, Jeder, der dies nur thue, behauptet der Philo-
kann der Gegner nur unter der Bedingung beur- soph, werde finden, daß im Denken jenes Begriffs
theilen, wenn er sich mit ihnen zu ihrem höchsten seine Thätigkeit, als Intelligenz, in sich selbst zu-
Gesetze, aber damit zugleich zum Bedürfniss einer rückgehe, sich selbst zu ihrem Gegenstande ma-
Beantwortung der bestrittenen Frage erhebt, und che.
sonach aufhört, ihr Gegner zu seyn. Der Wider- Ist dies nun richtig, und wird es zugestanden, so
streit könnte nur von einem subjectiven Unvermö- ist die Weise der Construction des Ich, der Art sei-
gen herkommen: aus dem Bewußtseyn, daß sie für nes Seyns für sich (und von einem anderen Seyn
ihre Person diese Frage nie erhoben, und nie das ist nirgends die Rede), bekannt, und der Philosoph
Bedürfniss gefühlt, eine Antwort darauf zu erhal- könnte nun fortschreiten zum Erweise, daß diese
ten. Dagegen läßt sich nun auch von der anderen Handlung nicht möglich sey ohne eine andere,
Seite durch objective Vernunftgründe nichts aus- wodurch dem Ich ein Seyn ausser ihm ent-
richten; denn der Zustand, in welchem jener Zwei- stehe.118
fel von selbst erfolgt, gründet sich auf vorherge-
Fichte legt Nachdruck auf die Feststellung, daß es
gangene Acte der Freiheit, die sich durch keine De-
sich beim Selbstbewußtein um ein unmittelbares Be-
monstration erzwingen lassen.
wußtsein handelt, eine Anschauung und ein Bewußt-
3. Wer ist es nun, der die geforderte Abstraction
sein vom Ich, in dem das Ich Subjekt und Objekt eins
von allem Seyn vornimmt: in welcher von den bei-
sind. Als Bezeichnung hierfür führt Fichte in Zweite
den Reihen liegt sie? Offenbar in der Reihe des phi-
Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797) den Begriff
losophischen Raisonnements; eine andere Reihe ist
»intellektuelle Anschauung« ein:
bis jetzt noch nicht vorhanden.
Das, woran allein er sich hält, und woraus er das Diese intellectuelle Anschauung ist der einzige fe-
zu erklärende zu erklären verspricht, ist das Be- ste Standpunct für alle Philosophie. Von ihm aus
wußtseyende, das Subject, welches er sonach rein läßt sich alles, was im Bewußtseyn vorkommt, er-
von aller Vorstellung des Seyns auffassen müsste, klären; aber auch nur von ihm aus. Ohne Selbst-
100 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

bewußtseyn ist überhaupt kein Bewußtseyn; das Wie aber ist ein derartiges Handeln auf sich selbst
Selbstbewußtseyn ist aber nur möglich auf die an- möglich? Wie ist Selbstbewußtsein möglich?
gezeigte Weise: ich bin nur thätig. Von ihm aus Die Formel Ich bin mir meiner bewußt setzt ein
kann ich nicht weiter getrieben werden; meine doppeltes Vorkommen des Ich voraus: das Ich als
Philosophie wird hier ganz un|abhängig von aller Denkendes auf der einen Seite und das Ich als Ge-
Willkür, und ein Product der eisernen Nothwen- dachtes auf der anderen Seite; beides wird im Selbst-
digkeit, inwiefern Nothwendigkeit für die freie bewußtsein unterschiedenen. Damit aber eine Unter-
Vernunft stattfindet; d. h. Product der praktischen scheidung möglich ist, müssen beide Vorkommen
Nothwendigkeit. Ich kann von diesem Stand- des Ich auf einmal gedacht sein. Wenn das Ich in die-
puncte aus nicht weiter gehen, weil ich nicht weiter ser Unterscheidung bestimmt wird, muß das den-
gehen darf; und so zeigt sich der transscendentale kende Ich, das ursprüngliche Subjekt das Denkens,
Idealismus zugleich als die einzige pflichtmässige auf einer neuen Stufe zum Objekt eines Denkens wer-
Denkart in der Philosophie, als diejenige Denkart, den. Die neue Stufe des Denkens bedarf wieder eines
wo die Speculation und das Sittengesetz sich in- eigenen Subjekts, und auch auf ihr treffen wir wieder
nigst vereinigen. Ich soll in meinem Denken vom eine Unterschiedenheit von Ich als Denkendem und
reinen Ich ausgehen, und dasselbe absolut selbst- Ich als Gedachtem an. Das ursprüngliche Problem
thätig denken, nicht als bestimmt durch die Dinge, stellt sich auf jeder neuen Ebene in gleicher Weise.
sondern als die Dinge bestimmend.119 Ein Ende der Gedankenreihe ist nicht abzusehen: Je-
der weitere Schritt geschieht im Raum des Denkens,
Mit der intellektuellen Anschauung ist die Grund-
weist ein Gedachtes auf und läßt die Frage nach dem
legung der Wissenschaftslehre erreicht. Sie ist der
Denkenden stellen.
einzige feste Standpunkt für alle Philosophie und das
Der Regreß in infinitum ist unvermeidlich. Durch
Tor, durch das man in die Wissenschaftslehre eintritt;
den Regreß, wie Fichte ihn anführt, wird nicht nur
sie ist Grundlage sowohl der theoretischen als auch
das Selbstbewußtsein in Frage gestellt, sondern zu-
der praktischen Philosophie Fichtes. Mit dem Han-
sammen mit dem Selbstbewußtsein auch Bewußtsein
deln, in dem das Ich sich selbst »als setzend« setzt,
überhaupt.
wird auch die Wirklichkeit konstituiert. Die Erklärung
Fichte ist derjenige, der die Fortführung und Ver-
der Möglichkeit der intellektuellen Anschauung kann
änderung von Kants Theorie des reinen denkenden
nur Aufgabe der praktischen Philosophie sein. Dem
Ich am weitesten treibt. Er hat auch als erster den
Philosophen, der sich auf die intellektuelle Anschau-
Einwand der unendlichen Iteration – oder den Zir-
ung beruft, bleibt vorerst zur Begründung nur ein
kelcharakter der Reflexionstheorie des Subjekts – er-
Glauben an ihre Realität, der allerdings auf Fakten
hoben und aus ihm Konsequenzen für die eigene
des Bewußtseins gegründet ist. Ihn in seiner Berech-
Theorie des Subjekts gezogen. Im Versuch einer neuen
tigung nachzuweisen, ist die zu erfüllende Aufgabe.
Darstellung der Wissenschaftslehre (1797) legt er dar,
Dies geschieht nur durch Aufweisung des Sitten-
daß jedermann über Selbstbewußtsein verfüge und
gesetzes in uns; in ihm ist das Ich als etwas Erhabenes
Selbstbewußtsein ein unleugbares Faktum sei.
vorgestellt, in dem ihm ein Absolutes, nur in ihm
Das kantische Reflexionsmodell des Selbstbewußt-
und schlechthin in nichts anderem begründetes Han-
seins ist in Fichtes Sicht in ausweglosen Schwierig-
deln angemutet wird; das Ich wird deshalb als ein
keiten. Kant faßt das Wesen des Ich als Reflexion.
absolut Tätiges charakterisiert.120
Diese Theorie nimmt zunächst ein Subjekt des Den-
Bereits mit der Tathandlung der intellektuellen
kens an und betont, daß es in einer stetigen Bezie-
Anschauung wurde Freiheit als Grundlage aller Phi-
hung zu sich selbst steht, die dadurch zustande
losophie, auch der theoretischen, in Anspruch ge-
kommt, daß sich das Subjekt dank der Reflexion zu
nommen. Wieder ist der Nachweis nur in der prakti-
seinem eigenen Gegenstand macht. Wenn wir anneh-
schen Philosophie möglich:
men, daß das Ich erst aus der Rückwendung des Sub-
In dem Bewußtsein dieses Gesetzes, welches doch jekts auf sich selbst als Objekt Kenntnis von seiner
wohl ohne Zweifel nicht ein aus etwas anderem Subjekt-Objekt-Einheit gewinnt, dann ist seine Iden-
gezogenes, sondern ein unmittelbares Bewußtsein tifikation ausgeschlossen, denn das Subjekt weiß
ist, ist die Anschauung der Selbsttätigkeit und nicht, wonach es suchen soll. Wenn man hingegen
Fremdheit begründet; ich werde mir durch mich annimmt, daß das Subjekt bereits Kenntnis von sei-
selbst als etwas, das auf eine gewisse Weise tätig ner Subjekt-Objekt-Einheit mitbringt, dann bereitet
sein soll, gegeben; ich werde mir sonach durch zwar die Identifikation dieser Einheit keine Schwie-
mich selbst als tätig überhaupt gegeben; ich habe rigkeiten, doch bewegt sich die Theorie in einem Zir-
das Leben in mir selbst, und nehme es aus mir kel, weil sie die Identifikationsleistung schon am An-
selbst.121 fang des Vorgehens voraussetzen muß.
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 101

Die Hypothese, daß »in jedem Bewußtsein Subjekt sie an sich selbst sind, im philosophischen Denken
und Objekt voneinander geschieden [sein müssen] präsent ist, sondern materialiter im Begriff einer
und jedes als ein Besonderes betrachtet« werden wirklichen produktiven, autopoietischen und
müsse, hat sich als falsch erwiesen. »Sie ist falsch, selbstreferenziellen Natur?
heißt ihr Gegenteil gilt«. Man muß also als neue Hy- Schelling hat sich Zeit seines Lebens als Erbe Kants
pothese formulieren: »es gibt ein Bewußtsein, in wel- verstanden. Die Kantische Philosophie gibt seiner
chem das Subjektive und das Objektive gar nicht zu Philosophie ihr erkenntnistheoretisches Problem vor;
trennen, sondern absolut Eins, und ebendasselbe aber Schelling sucht, zunächst durch Fichte moti-
sind«.122 viert, nach neuen Problemlösungen, die über den
Das Fichtesche Ich, das sich selbst setzt, kann frei- Kantischen Dualismus hinausführen. 1795 widmet er
lich das Rätsel des Selbstbewußtseins nicht lösen. Der sich in seinen Philosophischen Briefen über Dogmatis-
Grundgedanke, daß kein Ich-Subjekt dem Selbstbe- mus und Kritizismus einer Analyse der kritischen Phi-
wußtsein vorausliegt, sondern daß das Subjekt zu- losophie. Der »Kriticismus« habe »nur schwache
gleich mit dem ganzen Bewußtsein im Grundsatz Ich Waffen gegen den Dogmatismus, wenn er sein ganzes
= Ich erst hervortritt, ist die Kehrseite des Reflexions- System nur auf die Beschaffenheit unsers Erkenntniß-
modells, dessen Mängel Fichte erkannt hat. Die Sta- vermögens, nicht auf unser ursprüngliches Wesen
dien in der Entwicklung der Wissenschaftslehre ent- selbst gründet. […] Die Veranlassung dazu [zur Fest-
sprechen den Versuchen, dem Phänomen des Selbst- stellung dieser Schwäche] gab die Kritik der reinen
bewußtseins im Rahmen eines von Kant ausgehen- Vernunft, weil sie bloß Kritik des Erkenntnißvermö-
den, dessen Theorie aber radikalisierenden extrem gens war, und als solche weiter nicht als bis zur nega-
subjektiven Idealismus auf den Grund zu kommen. tiven Widerlegung des Dogmatismus kommen
konnte«.124
Maciej Pot˛epa, Lothar Knatz, Hans Jörg Sandkühler Auch in seinen Abhandlungen zur Erläuterung des
Idealismus der Wissenschaftslehre (1796/97) themati-
4.2 Schelling siert Schelling das Realismus-Problem:
Schelling (1775–1854), dessen philosophische Ent-
wicklung nach frühen aufsehenerregenden, von Der transscendentale Idealismus, sagt Kant, ist em-
Fichte inspirierten Schriften Über die Möglichkeit ei- pirischer Realismus, d. h. er behauptet, der vorge-
ner Form der Philosophie (1794), Vom Ich als Prinzip stellte Gegenstand sey zugleich auch der wirkliche.
der Philosophie, Philosophische Briefe über Dogmatis- Dagegen ist umgekehrt der transscendentale Rea-
mus und Kritizismus (1795)123 und Abhandlungen zur lismus empirischer Realismus, d. h. er muß be-
Erläuterung des Idealismus der Wissenschaftslehre haupten, der wirkliche Gegenstand sey ein ganz
(1796/97) 1798 in Jena ihren ersten Höhepunkt er- anderer, als der, welchen wir vorstellen. – Der ge-
reicht, hat sich im Unterschied und bewußtem Ge- meine Verstand aber ist ganz für den empirischen
genzug zu Fichte bis zu seinem großen System des Realismus und braucht gegen den empirischen
transzendentalen Idealismus (1800) mit erkenntnis- Idealismus beinahe keine andern als die leichtesten
theoretischen Fragen vor allem in Schriften zur Na- Waffen des Witzes und der Satire, die gegen den
turphilosophie befaßt (s. Kap. 5: Die Natur): Einlei- steifen Dogmatiker allerdings die vernünftigsten
tung zu den Ideen zu einer Philosophie der Natur und sind.125
Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797), Von der Das philosophische Problem besteht in Folgendem:
Weltseele, eine Hypothese der höheren Physik sowie Er-
ster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie und Ich glaube nicht, daß leicht jemand leugnen werde,
Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Natur- alle Zuverlässigkeit unseres Wissens beruhe auf der
philosophie oder über den Begriff der spekulativen Phy- Unmittelbarkeit der Anschauung. Die geistreich-
sik (1799). Schelling, ein glänzender Kenner der em- sten Philosophen sprechen von der Erkenntniß äu-
pirischen Naturforschung seiner Zeit, hat sein Inter- ßerer Dinge, als von einer Offenbarung, die uns
esse bis 1800 im wesentlichen auf zwei Fragen kon- geschieht; nicht als ob sie dadurch etwas zu er-
zentriert: klären vermeinten, sondern um anzudeuten, daß
1. Wie ist eine Philosophie begründbar, die ihre es überhaupt unmöglich sey, den Zusammenhang
Nähe zur erfahrbaren Welt nicht verliert und die zwischen Gegenstand und Vorstellung durch ver-
doch nicht durch Empirie, sondern vorausset- ständliche Begriffe zu vermitteln; dieselben nen-
zungslos zu begründen ist? nen unsere Ueberzeugung von äußern Dingen ei-
2. Wie kann die Kantische Transzendentalphilo- nen Glauben, entweder, weil die Seele mit dem,
sophie so erweitert werden, daß Realität nicht nur was sie glaubt, am unmittelbarsten umgeht, oder,
durch die Kant zufolge unerkennbaren Dinge, wie um mit Einem Worte zu sagen, daß jene Ueberzeu-
102 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

gung eine wahrhaft blinde Gewißheit sey, die nicht […] Nun haben wir aber ausdrücklich Dinge als
auf Schlüssen (von der Ursache auf die Wirkung) unabhängig von uns gesetzt. Uns dagegen fühlen
oder überhaupt auf Beweisen beruhe. Man sieht wir als abhängig von den Gegenständen.130
auch nicht ein, wie irgend eine Annahme, die erst
Das große Thema, dem Schelling sich hier widmet,
durch Schlüsse erzeugt wird, so in die Seele über-
gehen, so zum herrschenden Princip des Thuns heißt »Geist und Materie«. Mit ihm sind zwei vor-
und des Lebens werden könne, als der Glaube an rangige Fragen verbunden – erstens die »Frage selbst,
eine Außenwelt ist.126 mit der alle Philosophie beginnt«, und zweitens die
nach den »Elemente[n] unsers empirischen Wis-
Die Problemlösung, die Schelling favorisieren wird, sens«.131
zeichnet sich hier bereits ab: Schelling, der für die Transzendentalphilosophie
In unsrer Erkenntniß ist nichts Unmittelbares das verlorene Terrain des Materiellen, der Realität als
(eben deßwegen nichts Gewisses), wofern nicht die Natur zurückzugewinnen sucht, will im »Ich« dessen
Vorstellung zugleich Original und Copie, und un- bloße Selbst-Bezüglichkeit überwinden. Die Lösung,
ser Wissen ursprünglich und durch ein Ideal und die er in den Ideen vorschlägt, um zwischen der
Real zugleich ist. Der Gegenstand ist nichts anderes Skylla des metaphysischen Realismus (»die Dinge
als unsere selbsteigene Synthesis, und der Geist existiren außer uns, unabhängig von unseren Vorstel-
schaut in ihm nichts an als sein eignes Produkt. lungen«) und der Charybdis des metaphysischen
Die Anschauung ist völlig thätig, eben deßwegen Idealismus (»daß auch die Erscheinungen selbst zu-
produktiv und unmittelbar. […] Alle Anschauung gleich mit der Succession nur in unsern Vorstellun-
ist also ursprünglich eine bloß innere. Dieß folgt gen werden und entstehen«)132 durchzusteuern,
nothwendig aus demjenigen, was wir allein von führt zu einem Einheitspunkt von Geist und Mate-
der Natur der Seele wissen und wissen können. rie:
Wenn man uns fragt, worin das Wesen des Geistes Philosophie ist also nichts anderes, als eine Natur-
bestehe, so antworten wir: in der Tendenz sich lehre unsers Geistes. […] Wir betrachten das Sy-
selbst anzuschauen. Ueber diese Thätigkeit kön- stem unserer Vorstellungen nicht in seinem Seyn,
nen wir mit unsern Erklärungen nicht hinaus. In sondern in seinem Werden. Die Philosophie wird
ihr schon liegt die Synthesis des Idealen und Rea- genetisch […] Von nun an ist zwischen Erfahrung
len in unserem Wissen, durch sie allein kennt der und Spekulation keine Trennung mehr. Das Sy-
Geist sich selbst, und er hat nur Eine Grenze des stem der Natur ist zugleich das System unsers Gei-
Wissens, sich selbst.127 stes, und jetzt erst, nachdem die große Synthesis
Für den jungen Schelling besteht das epistemologi- vollendet ist, kehrt unser Wissen zur Analysis (zum
sche Problem nicht darin, »ob und wie jener Zusam- Forschen und Versuchen) zurück.133
menhang der Erscheinungen und die Reihe von Ur- Die Antwort auf die Frage, »wie eine Natur außer uns
sachen und Wirkungen, die wir Naturlauf nennen, möglich sey«, ist weit mehr als bloßes Programm.
außer uns [existiert], sondern wie sie für uns wirklich Die Theorie formuliert eine Norm, deren Verletzung
geworden, wie jenes System und jener Zusammen- mit dem Verlust einer Philosophie der Erkenntnis be-
hang der Erscheinungen den Weg zu unserm Geiste straft würde: »Die Natur soll der sichtbare Geist, der
gefunden, und wie sie in unsern Vorstellungen die Geist die unsichtbare Natur seyn.« Erkenntnistheorie
Notwendigkeit erlangt haben, mit welcher sie zu den- wird zur Philosophie »der absoluten Identität des
ken wir schlechthin genötigt sind«.128 Seine Grund- Geistes in uns und der Natur außer uns«.134
these: »Hier also, in der absoluten Identität des Gei-
Auch die Einleitung zu dem Entwurf eines Systems
stes in uns und der Natur außer uns, muß sich das
der Naturphilosophie von 1799 dokumentiert die Ver-
Problem, wie eine Natur außer uns möglich sei, auf-
änderung der erkenntnistheoretischen Problemlage
lösen.« 129
nach Kant. Im Unterschied zu Fichte führt Schelling
Es geht hier um eine realistische Transformation
in die Transzendentalphilosophie eine natur-ontolo-
des transzendentalen Idealismus, zugleich aber um
gische Begründungsebene ein; er hält ontologische
eine kritische Transformation des metaphysischen
Aussagen über die »letzten Ursachen der Naturer-
Realismus. In seinen Ideen fragt Schelling:
scheinungen« für möglich.135 Er unterscheidet zwei
Wie entstehen Vorstellungen äußerer Dinge in Formen der Natur, denen zwei Erkenntnisarten ent-
uns? Durch diese Frage versetzen wir die Dinge sprechen: »Die Natur als bloßes Produkt (natura na-
außer uns, setzen sie als unabhängig von unsern turata) nennen wir die Natur als Objekt (auf diese
Vorstellungen. Gleichwohl soll zwischen ihnen allein geht alle Empirie). Die Natur als Produktivität
und unsern Vorstellungen Zusammenhang seyn. (natura naturans) nennen wir die Natur als Subjekt
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 103

(auf diese allein geht alle Theorie)«.136 Dieser Natur- selbst ist, die ihr Ziel, »selbst ganz Objekt zu wer-
begriff erlaubt Schelling eine vom Kantischen Aprio- den«, erst »durch die höchste und letzte Reflexion«
rismus abweichende ›transzendentale‹ Argumenta- erreicht, »welche nichts anderes als der Mensch, oder,
tion in drei Schritten: 1. Während für die Transzen- allgemeiner, das ist, was wir Vernunft nennen, durch
dentalphilosophie »die Natur nichts anderes als Or- welche zuerst die Natur vollständig in sich selbst zu-
gan des Selbstbewußtseins« ist, können in der rückkehrt, und wodurch offenbar wird, daß die Na-
Naturphilosophie »idealistische Erklärungsarten« tur ursprünglich identisch ist mit dem, was in uns als
nichts leisten. 2. Im Unterschied zur Physik der na- Intelligentes und Bewußtes erkannt wird«. Das tran-
türlichen Einzelseienden muß die Naturphilosophie szendentale Wissen ist »ein Wissen des Wissens«, das
begreifen, »daß man […] eigentlich nur von solchen in der Identität der »beiden Sätze: Ich bin, und: es sind
Objekten wissen kann, von welchen man die Prinzi- Dinge außer mir« gründet.141
pien ihrer Möglichkeit einsieht«. Entsprechend lautet In der Einleitung zum System des transzendentalen
die epistemologische Kernthese: »Wir wissen nur das Idealismus, in dem es »nicht um Wissenschaftslehre,
Selbsthervorgebrachte, das Wissen im strengsten sondern um das System des Wissens selbst nach
Sinne des Wortes ist also reines Wissen a priori.« Grundsätzen des transzendentalen Idealismus«
3. Entscheidend ist aber das ontologische Argument geht142, stellt Schelling sein Programm und die Prin-
der Natur als Subjekt. Das Ganze der Natur entsteht zipien der Philosophie des Wissens so vor:
nicht erst in der Synthesis der Apperzeption, sondern
§ 1.
existiert vor den erscheinenden Teilen. Die hieraus
Begriff der Transscendental-Philosophie.
resultierende antidualistische Wende verändert auch
das Verfahren transzendentaler Begründung: »Nicht 1. Alles Wissen beruht auf der Uebereinstimmung
also wir kennen die Natur, sondern die Natur ist a eines Objektiven mit einem Subjektiven. – Denn
priori […] Aber ist die Natur a priori, so muß es auch man weiß nur das Wahre; die Wahrheit aber wird
sein, sie als etwas, das a priori ist, zu erkennen.«137 allgemein in die Uebereinstimmung der Vorstel-
1800 erweitert Schelling den transzendentalen lungen mit ihren Gegenständen gesetzt.
Idealismus dadurch »zu einem System des gesamten 2. Wir können den Inbegriff alles bloß Objektiven
Wissens, daß es »alle Teile der Philosophie in Einer in unserm Wissen Natur nennen; der Inbegriff al-
Kontinuität und die gesamte Philosophie als das, was les Subjektiven dagegen heiße das Ich, oder die In-
sie ist [darstellt], nämlich als fortgehende Geschichte telligenz. Beide Begriffe sind sich entgegengesetzt.
des Selbstbewußtseins, für welche das in der Erfah- Die Intelligenz wird ursprünglich gedacht als das
rung Niedergelegte nur gleichsam als Denkmal und bloß Vorstellende, die Natur als das bloß Vorstell-
Dokument dient«138: bare, jene als das Bewußte, diese als das Bewußt-
lose. Nun ist aber in jedem Wissen ein wechselsei-
Der Zweck des gegenwärtigen Werkes ist nun eben
tiges Zusammentreffen beider (des Bewußten und
dieser, den transscendentalen Idealismus zu dem
des an sich Bewußtlosen) nothwendig; die Aufgabe
zu erweitern, was er wirklich seyn soll, nämlich zu
ist: dieses Zusammentreffen zu erklären.
einem System des gesammten Wissens, also den
3. Im Wissen selbst – indem ich weiß – ist Ob-
Beweis jenes Systems nicht bloß im Allgemeinen,
jektives und Subjektives so vereinigt, daß man
sondern durch die That selbst zu führen, d. h.
nicht sagen kann, welchem von beiden die Priori-
durch die wirkliche Ausdehnung seiner Principien
tät zukomme. Es ist hier kein Erstes und kein
auf alle möglichen Probleme in Ansehung der
Zweites, beide sind gleichzeitig und Eins. – Indem
Hauptgegenstände des Wissens, welche entweder
ich diese Identität erklären will, muß ich sie schon
schon vorher aufgeworfen aber nicht aufgelöst wa-
aufgehoben haben. Um sie zu erklären, muß ich,
ren, oder aber erst durch das System selbst möglich
da mir außer jenen beiden Faktoren des Wissens
gemacht worden und neu entstanden sind.139
(als Erklärungsprincip) sonst nichts gegeben ist,
Der »Parallelismus der Natur mit dem Intelligenten« nothwendig den einen dem andern vorsetzen, von
verlangt im Begriff der Transzendentalphilosophie dem einen ausgehen, um von ihm auf den andern
nach einer Erneuerung der Einheit der philosophi- zu kommen; von welchem von beiden ich ausgehe,
schen Formen, die in der Sicht Schellings von Fichte ist durch die Aufgabe nicht bestimmt.
getrennt worden waren. Schelling verweigert sich der 4. Es sind also nur zwei Fälle möglich.
Alternative, entweder in Gestalt der Naturphiloso- A. Entweder wird das Objektive zum Ersten ge-
phie »das Objektive zum Ersten« zu machen oder aber macht, und gefragt: wie ein Subjektives zu ihm hin-
in Form der Transzendentalphilosophie »das Subjek- zukomme, das mit ihm übereinstimmt.
tive […] zum Ersten« zu erheben.140 Das Band zwi- Der Begriff des Subjektiven ist nicht enthalten
schen beiden ist dadurch geknüpft, daß es die Natur im Begriff des Objektiven, vielmehr schließen sich
104 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

beide gegenseitig aus. Das Subjektive muß also diese Tendenz wird sie zur Natur-Philosophie, wel-
zum Objektiven hinzukommen. – Im Begriff der che die Eine nothwendige Grundwissenschaft der
Natur liegt es nicht, daß auch ein Intelligentes sey, Philosophie ist.
was sie vorstellt. Die Natur, so scheint es, würde B. Oder das Subjektive wird zum Ersten gemacht,
seyn, wenn auch nichts wäre, was sie vorstellte. Die und die Aufgabe ist die: wie ein Objektives hinzu-
Aufgabe kann also auch so ausgedrückt werden: komme, das mit ihm übereinstimmt.
Wie kommt zu der Natur das Intelligente hinzu, Wenn alles Wissen auf der Uebereinstimmung
oder wie kommt die Natur dazu, vorgestellt zu dieser beiden beruht (1), so ist die Aufgabe diese
werden? Uebereinstimmung zu erklären ohne Zweifel die
Die Aufgabe nimmt die Natur oder das Objek- höchste für alles Wissen, und wenn, wie allgemein
tive als Erstes an. Sie ist also ohne Zweifel Aufgabe zugestanden wird, die Philosophie die höchste und
der Naturwissenschaft, die dasselbe thut. – Daß die oberste aller Wissenschaften ist, ohne Zweifel die
Naturwissenschaft der Auflösung jener Aufgabe Hauptaufgabe der Philosophie.
wirklich – und ohne es zu wissen – wenigstens sich Aber die Aufgabe fordert nur Erklärung jenes
nähere, kann hier nur kurz gezeigt werden. Zusammentreffens überhaupt, und läßt völlig un-
Wenn alles Wissen gleichsam zwei Pole hat, die bestimmt, wovon die Erklärung ausgehe, was sie
sich wechselseitig voraussetzen und fordern, so zum Ersten und was sie zum Zweiten machen soll.
müssen sie in allen Wissenschaften sich suchen; es – Da auch beide Entgegengesetzte sich wechselsei-
muß daher nothwendig zwei Grundwissenschaften tig nothwendig sind, so muß das Resultat der Ope-
geben, und es muß unmöglich seyn, von dem ei- ration dasselbe seyn, von welchem Punkte man
nen Pol auszugehen, ohne auf den andern getrie- ausgeht.
ben zu werden. Die nothwendige Tendenz aller Das Objektive zum Ersten zu machen, und das
Naturwissenschaft ist also, von der Natur aufs In- Subjektive daraus abzuleiten, ist, wie so eben ge-
telligente zu kommen. Dieß und nichts anderes zeigt worden, Aufgabe der Natur-Philosophie.
liegt dem Bestreben zu Grunde, in die Naturer- Wenn es also eine Transscendental-Philosophie
scheinungen Theorie zu bringen. – Die höchste gibt, so bleibt ihr nur die entgegengesetzte Rich-
Vervollkommnung der Naturwissenschaft wäre die tung übrig, vom Subjektiven, als vom Ersten und
vollkommene Vergeistigung aller Naturgesetze zu Absoluten, auszugehen, und das Objektive aus ihm
Gesetzen des Anschauens und des Denkens. Die entstehen zu lassen. In die beiden möglichen Rich-
Phänomene (das Materielle) müssen völlig ver- tungen der Philosophie haben sich also Natur- und
schwinden, und nur die Gesetze (das Formelle) Transscendental-Philosophie getheilt, und wenn
bleiben. Daher kommt es, daß, je mehr in der Na- alle Philosophie darauf ausgehen muß, entweder
tur selbst das Gesetzmäßige hervorbricht, desto aus der Natur eine Intelligenz, oder aus der Intelli-
mehr die Hülle verschwindet, die Phänomene genz eine Natur zu machen, so ist die Transscen-
selbst geistiger werden, und zuletzt völlig aufhö- dental-Philosophie, welche diese letztere Aufgabe
ren. […] Die vollendete Theorie der Natur würde hat, die andere nothwendige Grundwissenschaft der
diejenige seyn, kraft welcher die ganze Natur sich Philosophie.143
in eine Intelligenz auflöste. – Die todten und be-
Schellings ›transzendentale Betrachtungsart‹ bedeu-
wußtlosen Produkte der Natur sind nur miß-
tet insofern eine Reform der Kantischen Philosophie,
lungene Versuche der Natur sich selbst zu reflekti-
als zwar auch bei Schelling der Geist der Natur die
ren, die sogenannte todte Natur aber überhaupt
Gesetze vorschreibt; aber wesentlich für diese Etappe
eine unreife Intelligenz, daher in ihren Phänome-
seines Philosophierens ist: Dieser Geist ist Natur, wie
nen noch bewußtlos schon der intelligente Cha-
die Natur Geist ist. Die Theorie der Erkenntnis ge-
rakter durchblickt. – Das höchste Ziel, sich selbst
winnt, bei Aufrechterhaltung der Anliegen der Er-
ganz Objekt zu werden, erreicht die Natur erst
kenntniskritik, die Dimension einer Ontologie des
durch die höchste und letzte Reflexion, welche
Wissens zurück. Schelling verfolgt eine holistische
nichts anderes als der Mensch, oder, allgemeiner,
Strategie: Die Idee der Einheit der Wirklichkeit er-
das ist, was wir Vernunft nennen, durch welche
möglicht es, sich der Scheinalternative von Idealis-
zuerst die Natur vollständig in sich selbst zurück-
mus und Realismus zu widersetzen und zugleich ei-
kehrt, und wodurch offenbar wird, daß die Natur
nen naturalistischen Reduktionismus zu vermeiden;
ursprünglich identisch ist mit dem, was in uns als
Geist muß nicht auf Natur, Natur nicht auf Geist re-
Intelligentes und Bewußtes erkannt wird.
duziert werden; die Diskreta, Natur und Geist, kön-
Dieß mag hinreichend seyn, zu beweisen, daß
nen als in einer unauflöslichen Relation aufeinander
die Naturwissenschaft die nothwendige Tendenz
Bezogene gedacht werden; sie bilden ein irreduzibles
hat, die Natur intelligent zu machen; eben durch
Ganzes.
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 105

Zusammenfassend hält Schelling fest: intellektuelle Anschauung genannt«.147 Diese An-


schauung übernimmt die Funktion des jede Vorstel-
Wie die Naturwissenschaft den Idealismus aus
lung begleitenden Ich denke.
dem Realismus hervorbringt, indem sie die Natur-
Die spekulative Grundlage für diese Option sieht
gesetze zu Gesetzen der Intelligenz vergeistigt, oder
Schelling, von der Transzendental- zur Identitätsphi-
zum Materiellen das Formelle hinzufügt […], so
losophie übergehend, im »Beweis, daß es einen
die Transzendental-Philosophie den Realismus aus
Punkt gebe, wo das Wissen um das Absolute und das
dem Idealismus, dadurch, daß sie die Gesetze der
Absolute selbst eins sind«:
Intelligenz zu Naturgesetzen materialisiert, oder
zum Formellen das Materielle hinzubringt.144 Es gibt nicht ein absolutes Wissen und außer die-
sem noch ein Absolutes, sondern beide sind eins,
Sätze wie diese und die folgenden belegen, wie pro-
und hierin besteht das Wesen der Philosophie, da
blematisch es ist, eine Philosophie, die explizit Kants
ein absolutes Wissen auch außer ihr in anderer Er-
Erbe antritt, umstandslos unter ›Idealismus‹ zu ver-
kenntniß ist, nur daß es in dieser nicht als abso-
rechnen. Schelling sucht nach zutreffenderen Be-
lutes Wissen zugleich die Wesenheit und die Reali-
zeichnungen und bezeichnet in dieser Zeit seine
tät des Absoluten selbst ist; die erste Erkenntniß
Theorie als ›Real-Idealismus‹ oder ›Ideal-Realismus‹.
der Philosophie beruht auf der Gleichsetzung bei-
In seiner Allgemeinen Deduction des dynamischen
der und der Einsicht, daß es kein anderes Abso-
Processes oder der Kategorien der Physik (1800) legt
lutes gibt als in dieser Form [in der absoluten Evi-
Schelling eine naturhistorische und zugleich wissens-
denz selbst] und keinen andern Zugang zum Ab-
philosophische Argumentation »über das Verhältnis
soluten als diese Form, und daß, was aus dieser
der Naturphilosophie zum Idealismus« vor:
Form folgt, auch aus dem Absoluten selbst folgt,
[S]o gibt die Naturphilosophie zugleich eine physi- und was in jener ist, auch in diesem ist. Die Identi-
kalische Erklärung des Idealismus, und beweist, daß fication der Form mit dem Wesen in der absoluten
er an den Grenzen der Natur gerade so ausbrechen intellektuellen Anschauung entreißt dem Dualis-
muß, wie wir ihn in der Person des Menschen aus- mus die letzte Entzweiung, in der er sich hält, und
brechen sehen. – Der Mensch ist nicht nur Idealist gründet, an der Stelle des in der erscheinenden
in den Augen des Philosophen, sondern in den Au- Welt befangenen Idealismus, den absoluten Idea-
gen der Natur selbst – und die Natur hat von Ferne lismus.148
schon die Anlage gemacht zu dieser Höhe, welche
Bereits in seinen früheren ›Erläuterungen‹ und ›All-
sie durch die Vernunft erreicht. […] Der Idealist
gemeinen Anmerkungen‹, die im System von 1800
hat Recht, wenn er die Vernunft zum Selbstschöp-
den Abschluß des ersten Kapitels bilden, hatte Schel-
fer von allem macht, denn dies ist in der Natur
ling der Transzendentalphilosophie mit der intellek-
selbst begründet – er hat die eigne Intention der
tuellen Anschauung ein neues »Organ« zugeschrie-
Natur mit dem Menschen für sich, aber eben weil
ben:
es die Intention der Natur ist – (wenn man nur
sagen dürfte, weil die Natur darum weiß, daß der Die intellektuelle Anschauung ist das Organ alles
Mensch auf solche Art sich von ihr losreißt!) – transzendentalen Denkens. Denn das transzenden-
wird jener Idealismus selbst wieder zum Schein; er tale Denken geht eben darauf, sich durch Freiheit
wird selbst etwas Erklärbares – und damit fällt die zum Objekt zu machen, was sonst nicht Objekt ist;
theoretische Realität des Idealismus zusam- es setzt ein Vermögen voraus, gewisse Handlungen
men.145 des Geistes zugleich zu produzieren und anzu-
schauen […]. Das transzendentale Philosophieren
In dieser Perspektive wendet sich Schelling gegen je-
muß also beständig begleitet sein von der intel-
nen »Empirismus«, »welcher alles von außen in die
lektuellen Anschauung […]. Ohne diese Anschau-
Intelligenz kommen läßt«146, die theoretische Tran-
ung hat das Philosophieren selbst kein Substrat,
szendentalphilosophie räumt einer anderen Form der
was das Denken trüge und unterstützte; jene An-
Anschauung den zentralen Ort der philosophischen
schauung ist es, was im transzendentalen Denken
Konstruktion ein, – dem freien, sich seiner selbst be-
an die Stelle der objektiven Welt tritt und gleich-
wußten Ich: »Das Ich ist reiner Akt, reines Tun, was
sam den Flug der Spekulation trägt.149
schlechthin nicht-objektiv sein muß im Wissen, eben
deswegen, weil es Prinzip alles Wissens ist.« Die Das Modell der weltbildenden Produktivität des Ich
Form, in der es »Objekt des Wissens« werden kann, sieht Schelling, der 1798 erstmals mit dem Kreis der
»wird im Gegensatz gegen die sinnliche, welche nicht Romantiker um Fr. Schlegel in Berührung gekom-
als Produzieren ihres Objekts erscheint, wo also das men war seit 1800 in der ästhetischen Tätigkeit (s.
Anschauen selbst vom Angeschauten verschieden ist, Kap. 11: Der philosophische Beitrag der deutschen
106 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

Frühromantik und Hölderlins); die »idealistische Lassen Sie mich alles, was doch bloß Einleitung,
Welt der Kunst, und die reelle der Objekte sind also Vorbereitung seyn könnte, abkürzen und gleich
Produkte einer und derselben Tätigkeit«: unmittelbar zu dem Einen gelangen, wovon unsere
ganze folgende Untersuchung abhängig seyn wird,
Die objektive Welt ist nur die ursprüngliche, noch
und ohne das wir keinen Schritt zur Auflösung un-
bewußtlose Poesie des Geistes; das allgemeine Or-
serer Aufgabe thun können. Es ist die Idee des an
ganon der Philosophie – und der Schlußstein ihres
sich selbst unbedingten Wissens, welches schlecht-
ganzen Gewölbes – die Philosophie der Kunst.150
hin nur Eines und in dem auch alles Wissen nur
Die 1802 in Jena gehaltenen Vorlesungen über die Me- Eines ist, desjenigen Urwissens, welches, nur auf
thode des akademischen Studiums markieren deutlich verschiedenen Stufen der erscheinenden idealen
den neuen Ansatz. Schelling traut der Transzen- Welt sich in Zweige zerspaltend, in den ganzen un-
dentalphilosophie, die er bald als nur ›negative‹ (kri- ermeßlichen Baum der Erkenntniß sich ausbreitet.
tische) Philosophie beurteilen wird, die Lösung des Als das Wissen alles Wissens muß es dasjenige
Erkenntnis- und Wissensproblems nicht mehr zu. seyn, was die Forderung oder Voraussetzung, die
Was er nun auf dem Wege zu seiner ›positiven‹ (hi- in jeder Art desselben gemacht wird, aufs vollkom-
storischen) Philosophie entwickelt, ist eine Philoso- menste und nicht nur für den besonderen Fall,
phie der Identität, die ihren Grund im Absoluten hat. sondern schlechthin allgemein erfüllt und enthält.
Die dem »Ganzen der Wissenschaften« gewidmeten Man mag nun diese Voraussetzung als Ueberein-
Vorlesungen gehen von der Diagnose eines »Chaos stimmung mit dem Gegenstande, als reine Auflö-
[…] oder eines weiten Oceans« aus, auf dem man sung des Besondern ins Allgemeine oder wie im-
sich in den modernen arbeitsteiligen Wissenschaften mer ausdrücken, so ist diese weder überhaupt
»ohne Compaß und Leitstern« alleine gelassen noch in irgend einem Falle ohne die höhere Vor-
sieht.151 Als Therapie schlägt Schelling einen »absolu- aussetzung denkbar, daß das wahre Ideale allein
ten Begriff der Wissenschaft« vor, der alles einzelne und ohne weitere Vermittlung auch das wahre
Wissen auf die epistemische Totalität orientiert; alles Reale und außer jenem kein anderes sey. Wir kön-
Besondere hat nur »Wert, sofern es das Allgemeine nen diese wesentliche Einheit selbst in der Philo-
und Absolute in sich empfängt«. Damit man »nicht sophie nicht eigentlich beweisen, da sie vielmehr
als ein Sklave, sondern als ein Freier und im Geiste der Eingang zu aller Wissenschaftlichkeit ist; es
des Ganzen« denkt, muß jegliches Wissen am ›Ur- läßt sich nur eben dieß beweisen, daß ohne sie
wissen‹ teilhaben. Die Philosophie repräsentiert als überhaupt keine Wissenschaft sey, und es läßt sich
»Wissenschaft aller Wissenschaften«152 die Totalität nachweisen, daß in allem, was nur Anspruch
eines Wissens, das sich als Wissen des Wissens reflek- macht Wissenschaft zu seyn, eigentlich diese Iden-
tiert. Schellings Vorlesungen zielen gewiß auch – und tität oder dieses gänzliche Aufgehen des Realen im
auf den ersten Blick: vorrangig – auf ein neues Mo- Idealen [und umgekehrt die Möglichkeit der gänz-
dell der Institutionen, der Inhalte und der Didaktik lichen Umsetzung des Idealen ins Reale] beabsich-
der Wissenschaften. Ihrem philosophischen Gehalt tigt werde.
nach aber sind sie ein enzyklopädisches System153 in Bewußtlos liegt diese Voraussetzung allem dem,
Gestalt einer neuen Metaphysik. Metaphysik, so er- was die verschiedenen Wissenschaften von allge-
läutert Schelling an anderer Stelle, beruht »auf dem meinen Gesetzen der Dinge oder der Natur über-
Sinn für Totalität«; sie »ist der Gegensatz alles Me- haupt rühmen, so wie ihrem Bestreben nach Er-
chanismus, ist organische Empfindungs-, Denk- oder kenntniß derselben zu Grunde. Sie wollen, daß das
Handlungsweise«.154 Die zwei Kernsätze der Meta- Concrete und das in besondern Erscheinungen
physik des Absoluten lauten: (1) »Das Wissen, in sei- Undurchdringliche sich für sie in die reine Evidenz
ner Allheit, ist […] die eine, gleich absolute Erschei- und die Durchsichtigkeit einer allgemeinen Ver-
nung des Einen Universum, von dem das Seyn oder nunfterkenntniß auflöse. Man läßt diese Voraus-
die Natur die andere ist.« Und (2): »Der Mensch, das setzung in den beschränkteren Sphären des Wis-
Vernunftwesen überhaupt, ist hingestellt, eine Ergän- sens und für den einzelnen Fall gelten, wenn man
zung der Welterscheinung zu seyn: aus ihm, aus sei- sie auch allgemein und absolut, wie sie von der
ner Thätigkeit soll sich entwickeln, was zur Totalität Philosophie ausgesprochen wird, weder verstehen
der Offenbarung Gottes fehlt«.155 Der Gegenstand noch eben deßwegen zugeben sollte.
der Vorlesungen ist das »wahre Wissen […], worin Mehr oder weniger mit Bewußtseyn gründet der
nicht das Individuum, sondern die Vernunft Geometer seine Wissenschaft auf die absolute Rea-
weiß«.156 In der 1. Vorlesung schreibt Schelling unter lität des schlechthin Idealen, der, wenn er beweist,
dem Titel ›Über den absoluten Begriff der Wissen- daß in jedem möglichen Dreieck alle drei Winkel
schaft‹: zusammen zweien rechten gleich sind, dieses sein
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 107

Wissen nicht durch Vergleichung mit concreten ses treibende und lebende Ganze, ist ein todter Ab-
oder wirklichen Triangeln, auch nicht unmittelbar satz, der nach organischen Gesetzen früher oder
von ihnen, sondern von dem Urbild beweist: er später ausgestoßen wird.157
weiß dieß unmittelbar aus dem Wissen selbst, wel-
ches schlechthin-ideal, und aus diesem Grunde Auf der Grundlage der Metaphysik des Absoluten
auch schlechthin real ist. Aber wenn man auch die thematisiert Schelling immer intensiver die Ge-
Frage nach der Möglichkeit des Wissens auf die des schichtlichkeit und Geschichte des Wissens und for-
bloß endlichen Wissens einschränken wollte, so dert dazu auf, »das Vergangene selbst zum Gegen-
wäre selbst die Art empirischer Wahrheit, welche stand der Wissenschaft zu machen«, statt »die Kennt-
dieses hat, nimmer durch irgend ein Verhältniß zu niß davon an die Stelle des Wissens selbst zu setzen.
etwas, das man Gegenstand nennt – denn wie Durch das historische Wissen in diesem Sinn wird
könnte man zu diesem anders als immer nur der Zugang zu dem Urbild verschlossen«.158 Schel-
durch das Wissen hindurchkommen? – es wäre ling thematisiert die Geschichte in der Perspektive ei-
also überhaupt nicht begreiflich, wenn nicht jenes ner doppelten Notwendigkeit. Sie ist pragmatisch
an sich Ideale, das in dem zeitlichen Wissen nur notwendig, weil die Philosophie »nur ideal, nicht
der Endlichkeit eingebildet erscheint, die Realität real« die »unmittelbare Darstellung und Wissen-
und die Substanz der Dinge selbst wäre. schaft des Urwissens selbst« ist und die »reale Dar-
Aber eben diese erste Voraussetzung aller Wis- stellung des Urwissens« durch »alles andere Wissen«
senschaften, jene wesentliche Einheit des unbe- aufgrund von dessen Aufsplitterung und Mannigfal-
dingt Idealen und des unbedingt Realen ist nur da- tigkeit nicht von den Individuen, sondern nur durch
durch möglich, daß dasselbe, welches das eine ist, die ganze Menschheit – »und auch in dieser nur für
auch das andere ist. Dieses aber ist die Idee des eine intellektuelle Anschauung, die den unendlichen
Absoluten, welche die ist: daß die Idee in Ansehung Fortschritt als Gegenwart erblickt« – verwirklicht
seiner auch das Seyn ist. So daß das Absolute auch werden kann. Das Ganze wird durch die Geschichte
jene oberste Voraussetzung des Wissens und das repräsentiert. Geschichte ist »weder das rein Verstan-
erste Wissen selbst ist. des-Gesetzmäßige, dem Begriff Unterworfene, noch
Durch dieses erste Wissen ist alles andere Wissen das rein Gesetzlose, sondern [das], was, mit dem
im Absoluten und selbst absolut. Denn obwohl das Schein der Freiheit im Einzelnen, Nothwendigkeit im
Urwissen in seiner vollkommenen Absolutheit ur- Ganzen verbindet. Das wirkliche Wissen, da es suc-
sprünglich nur in jenem, als dem absolut-Idealen, cessive Offenbarung des Urwissens ist, hat demnach
wohnt, ist es doch uns selbst als das Wesen aller notwendig eine historische Seite«.159
Dinge und der ewige Begriff von uns selbst einge- Philosophie und Religion (1804) und die Untersu-
bildet, und unser Wissen in seiner Totalität ist be- chungen über das Wesen der menschlichen Freiheit
stimmt, ein Abbild jenes ewigen Wissens zu seyn. (1809) führen zu einer Aufwertung des seit der Auf-
Es versteht sich, daß ich nicht von den einzelnen klärung diskreditierten Glaubens. Die Teilhabe an
Wissenschaften rede, welche und inwiefern sie sich dem im Absoluten gründenden ›Urwissen‹ ist mit der
von dieser Totalität abgesondert und von ihrem rationalen, begrifflichen Form von Erkenntnis und
wahren Urbild entfernt haben. Allerdings kann Wissen nicht mehr möglich; Schelling fordert eine
nur das Wissen in seiner Allheit der vollkommene andere Erklärung der Beziehung von menschlichem
Reflex jenes vorbildlichen Wissens seyn, aber alles endlichem Wissen und göttlichem »unvordenkli-
einzelne Wissen und jede besondere Wissenschaft chem« Sein.
ist in diesem Ganzen als organischer Theil begrif- An der Zentrierung der nach-transzendentalen
fen; und alles Wissen daher, das nicht mittelbar Philosophie des Wissens auf das Absolute zerbricht
oder unmittelbar, und sey es durch noch so viele die Freundschaft mit Hegel, der 1801 in seiner Jenaer
Mittelglieder hindurch, sich auf das Urwissen be- Schrift Differenz des Fichte’schen und Schelling’schen
zieht, ist ohne Realität und Bedeutung. Systems der Philosophie als Anwalt Schellings gegen
Von der Fähigkeit, alles, auch das einzelne Wis- Fichte aufgetreten war und mit dem Schelling ge-
sen, in den Zusammenhang mit dem Ursprüngli- meinsam das Kritische Journal der Philosophie her-
chen und Einen zu erblicken, hängt es ab, ob man ausgegeben hatte. Die in Hegels Phänomenologie des
in der einzelnen Wissenschaft mit Geist und mit Geistes ausgesprochene Kritik an Schellings Konzept
derjenigen höhern Eingebung arbeite, die man des Absoluten setzt der fruchtbaren Zusammenarbeit
wissenschaftliches Genie nennt. Jeder Gedanke, 1807 ein Ende. Hegel und seine Schüler werden für
der nicht in diesem Geiste der Ein- und Allheit Schelling zu Gegnern.
gedacht ist, ist in sich selbst leer und verwerflich; Die Identitätsphilosophie Schellings führt die Epi-
was nicht harmonisch einzugreifen fähig ist in die- stemologie, die seit Kant den Rang einer ersten Phi-
108 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

losophie innehat, zurück in eine Ontologie des Wis- muß man fahren lassen, Geist oder Natur; beide
sens, die Schelling freilich zunehmend genetisch be- sind durchaus nicht zu vereinigen. Ihre vorgebli-
gründet und für die er neue, historische, mit den che Vereinigung ist theils Heuchelei und Lüge,
Weltaltern (ab 1810) auch narrative Formen der Dar- theils durch das innere Gefühl aufgedrungene In-
stellung findet. consequenz.161
In seiner Münchner (ab 1806) Zeit hat Schelling
Bereits 1800 hatte Fichte in Zur Darstellung von
die Konzeption seiner positiven Philosophie weiter
Schelling’s Identitätssysteme Fichte dessen »Einthei-
ausgearbeitet und die spätere Philosophie der Mytho-
lung der Philosophie in zwei Grundwissenschaften:
logie und Philosophie der Offenbarung in wesentlichen
Natur- und Transscendentalphilosophie« kritisiert:
Stücken vorbereitet. Es ist offensichtlich, daß es auch
in dieser Phase des Schellingschen Denkens zu kei- Ich sage: aber jene Natur, als Objekt, denkst du
nem vollständigen Bruch mit der früheren ›negati- doch nur; und sie ist dir nur, inwiefern du sie
ven‹ Philosophie kommt; er wird sie am Ende seines denkst. Sie läßt sich im Systeme des transscenden-
Lebens in Berlin unter dem Titel Darstellung der rein talen Idealismus nur dadurch erklären, daß von
rationalen Philosophie noch einmal aufnehmen und der Intelligenz abstrahirt wird: – es giebt eine sol-
neu bearbeiten. Für einen subjektiven Idealismus che Stufe, und diese ist der Uebergang von der Na-
nach dem Muster der Ich-zentrierten Theorie Fichtes tur zur Intelligenz. – Ebenso ist es in der Theo-
sieht Schelling jetzt allerdings endgültig keinen Platz logie: sie ist die objektivirte Intelligenz und wäre
mehr: sonach die dritte Grundwissenschaft. Schelling
sagt: ohne unsere praktische Natur würde man
Jener Satz: Alles ist nur und durch das Ich und für nicht auf den transscendentalen Idealismus getrie-
das Ich, schmeichelt daher anfänglich zwar dem ben werden. Ich antworte: rechnest du auch die
menschlichen Selbstgefühl und scheint dem in- Freiheit der Reflexion (über das bloße Erkennen)
nern Menschen die letzte Unabhängigheit von al- zum Praktischen, dann hättest du recht. Wo nicht,
lem Äußern zu geben. Aber näher betrachtet hat er so wird man schon durch die bloße Reflexion auf
etwas Thrasonisches oder Großsprecherisches, so- unser Wissen zum Idealismus getrieben. – Wenn
lang nicht gezeigt ist, wie, auf welche Weise dies wir nur wüßten von den Objekten, ohne von die-
alles, was wir als existierend anerkennen müssen, sem Wissen wiederum zu wissen; dann wäre der
durch das Ich und für das Ich ist. Die Meinung transscendentale Idealismus nicht einmal möglich.
dieses subjektiven Idealismus selbst konnte nicht Und dieser Standpunkt ist wissentlich der der Na-
seyn, daß das Ich die Dinger außer sich frei und turphilosophie, unwissentlich der des Dogmatis-
mit Wollen setzte; denn nur zu vieles ist, daß das mus.162
Ich ganz anders wollte, wenn das äußere Seyn von
ihm abhienge.160 Der zweite Streitpunkt betrifft die Identitätsphiloso-
phie Schellings. Gegen sie wendet Fichte in seiner
Der bissige Stil der Kritik zeigt: Im Deutschen Idea- Wissenschaftslehre 1804 ein:
lismus folgt nicht einfach Philosophie auf Philoso-
phie, sondern das philosophische Denken entwickelt Die Realität bleibt, als inneres Sein, wie wir uns
sich in theoretischen Auseinandersetzungen über eben ausdrücken müssen, um nur reden zu kön-
Kant und zwischen den Protagonisten. Die Atmo- nen: aber sie bleibt durchaus nicht als Glied irgend
sphäre ist oft gereizt; man sieht und artikuliert Kon- einer Beziehung, weil ein zweites Glied der Bezie-
kurrenzen und legt wert auf Originalität und das hö- hung und überhaupt alle Beziehung an ihr auf-
here Maß an philosophischer Einsicht. Der Fichte- zugeben ist: daher nicht objektiv; denn dies Wort
Schelling-Streit, der hier kurz beleuchtet sei, kann hat Bedeutung nur der Subjektivität gegenüber,
dies belegen. Er betrifft erstens die Naturphilosophie; welche auf unserm Standpunkte selbst keine Be-
Schelling schreibt Fichte schon früh ins Stammbuch, deutung hat. – Von dieser Wahrheit hat nun ein
er habe die Natur ›anihiliert‹; Fichtes Groll ist noch neuerer philosophischer Schriftsteller, ich meine
1812 zu hören: Schelling, mit seinem sogenannten Identitätssy-
steme einige Ahnung gehabt; nicht etwa, daß er die
Eine objektive Welt und Natur giebt es für uns absolute Vermittlung von Subjekt und Objekt ein-
ganz und durchaus nicht, und sie wird rein abge- gesehen hätte, sondern daß er mit ihnen eine Syn-
läugnet. Bei ihnen dagegen ist gerade diese das ab- thesis post factum meint; und durch diese Opera-
solut Wahre. So hat Schelling mich bedauert; ich tion glaubt er der W.-L. den Rang abgelaufen zu
habe keine Natur. Ich gebe ihm sein Bedauern zu- haben. […] Nun hebt er an, und sagt: die Vernunft
rück, es ihm als ein Unglück zurechnend, daß er sei die absolute Indifferenz zwischen Subjekt und
Natur hat, ein blindes Ungefähr. Eins von beiden Objekt. Hier muß ihm nun zuerst geschenkt wer-
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 109

den, daß sie nicht absoluter Indifferenzpunkt sein Dinge wirklich so, wie der gemeine Verstand sich
kann, ohne zugleich absoluter Differenzpunkt zu vorstellt, außer mir existiren, oder ob sie nur kraft
sein. Daß sie daher keines von beiden absolut, son- ursprünglicher Schranken der Ichheit und meiner
dern nur relativ ist; es daher, wie man es auch an- Vorstellkraft in mir, aber doch gleichwohl reell exi-
fangen will, in dieser Vernunft zu keinem Funken stiren, ist speculativ betrachtet vollkommen
von Absolutheit zu bringen ist. Sodann sagt er: die gleichgültig. Denn in beiden Fällen schreibe ich
Vernunft ist; er entäussert sich sonach derselben dem Endlichen Realität zu. Man kann überhaupt
von vorn herein, und stellt sie objektivirend vor gegen die Fichtesche Philosophie folgendes Di-
sich hin; so daß man ihm noch gratuliren muß, lemma aufstellen: entweder hat sie bloß Erklärung
daß er mit seiner Definition nicht die rechte Ver- der Endlichkeit zur Absicht, oder sie will Wissen-
nunft getroffen. Diese Objektivirung der Vernunft schaft des Unendlichen seyn. Ist das erste der Fall,
ist nun überall nicht der rechte Weg. Nicht um die so hat sie die Endlichkeit auf ihre höchste Mög-
Vernunft aussen herumreden, sondern das Ver- lichkeit, so weit diese selbst noch in der Sphäre der
nünftigsein wirklich und alles Ernstes treiben, ist Endlichkeit liegt, auf ihren allgemeinen Ausdruck,
die Sache der Philosophie. Dennoch ist dieser die Ichheit, reducirt, aber das Besondere der End-
Schriftsteller dermalen der Heros aller feurigen, lichkeit gänzlich unerklärt gelassen, hinter unbe-
und dabei wüsten und verworrenen Köpfe greiflichen Schranken, die absolut gesetzt werden;
[…]163 sie hat eben damit – mit dem absoluten Setzen der
Schelling dreht den Spieß um gleichen Jahr in seinen Schranken – die Endlichkeit zu einer absoluten
Würzburger Propädeutik-Vorlesungen um: Realität gemacht und dieses für-sich-selbst-beste-
hende Endliche auf keine Weise mit dem Unendli-
Fichte meint, es wäre schon gut, das Unendliche chen in Harmonie gesetzt. Soll sie aber Wissen-
zum Erklärungsgrund des Endlichen zu machen, schaft des Unendlichen seyn, so gesteht sie selbst,
wenn jenes nur nicht eben dadurch aufhörte ein daß sie es nicht ist; denn auch für die Wissen-
An-sich zu seyn. Allein der Fehler liegt höher, schaftslehre ist das letzte Verhältniß, in welchem
nämlich darin, überhaupt das Unendliche zum Er- das Subjekt zum Unendlichen stehen kann, das ei-
klärungsgrund zu machen, und eben dieß stammt nes Glaubens, d. h. einer vollkommenen Differenz.
ganz aus unserer endlichen Natur ab, die selbst Auch sie leugnet durchaus alle theoretische Ein-
nicht reell ist. Wenn Fichte sagt: Das Absolute ent- sicht in die übersinnliche Welt. Nur durch die Sitt-
weder in mir oder außer mir, so ein Produkt mei- lichkeit ist uns ein Blick in diese Welt geöffnet.
ner Subjektivität – außer mir, so nicht erkennbar, […] Hierin ist also die Fichtesche Philosophie
so ist die Antwort hierauf: Weder – noch etc. Denn ganz der Kantschen gleich, so wie ich überhaupt
wie sollte es für das Absolute überhaupt eine Be- durch das Bisherige als bewiesen annehmen zu
stimmung geben, die nur von mir, von der Ichheit dürfen glaube: 1) daß in keinem der bis jetzt ent-
der endlichen Natur hergenommen ist. Dieser wickelten Systeme das Verhältniß der Endlichkeit
ganze Cirkel kann also nur entstehen, wenn das zum Unendlichen ergründet ist, obgleich im Fich-
Endliche als eine wahre Realität fixirt und dem teschen Systeme wenigstens der höchste Ausdruck
Unendlichen entgegengesetzt wird, d. h. in jenem der ersten gefunden ist; 2) daß das Fichte’sche Sy-
Cirkel selbst spricht sich der absolute Dualismus stem nichts anderes ist als der vollkommen ausge-
aus. Fichte hat daher, weil entfernt, sich über das bildete Dualismus der idealistischen Ansicht wie
Endliche wahrhaft zu erheben, es vielmehr erst der Cartesianismus der der realistischen An-
vollkommen befestigt und nur in seinem reinen sicht.164
Gegensatz gegen das Unendliche fixirt. Zwar nennt
sich die Wissenschaftslehre Idealismus und sagt Derartige Auseinandersetzungen um die richtige Phi-
von sich selbst, daß sie die Sinnenwelt vernichte. losophie, zu denen hier nur ein Beispiel gegeben
Allein 1) sie ist Idealismus nur gegenüber von den wird, sind an der Tagesordnung. Sie finden in Brief-
wirklichen Dingen, indem sie nämlich der Ichheit wechseln statt und setzen sich in Rezensionen und
und den Vorstellungen ebenso wie der Leibnizia- Repliken in Literaturzeitungen fort.
nismus die Priorität über sie gibt. Sie ist nicht In Form der Abgrenzung argumentieren auch die
Idealismus im positiven Sinn, in dem nämlich, daß Münchner Vorlesungen Zur Geschichte der neueren
sie sich wahrhaft zu dem Unendlichen und positiv Philosophie (1827), in denen Schelling in der syste-
Idealen erhöbe. 2) Was die Vernichtung der Sin- matischen Darstellungen der großen Entwicklungs-
nenwelt und der Endlichkeit betrifft, so besteht sie linien der Philosophie der Moderne zugleich das hi-
in einer bloßen Uebersetzung des Endlichen aus storische Bewußtsein bezeugt, das seine Philosophie
dem Realen ins Ideale. Ob nun aber die sinnlichen prägt. Diese Vorlesungen, in denen die Debatte mit
110 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

Kant, Fichte und Hegel weitergeführt wird, halten bloß äußerlich wahrgenommen werden kann. Die
durchaus an der Idee eines Integrals von Natur- und wahre, die eigentliche Thatsache ist nur im Geiste
Transzendentalphilosophie fest und nehmen Motive des Feldherrn. Die rohe, bloß äußere Thatsache ei-
der frühen Nähe zu den Wissenschaften wieder auf. nes Buchs ist, daß hier Buchstaben und Wörter
Von besonderer Bedeutung ist hier, daß Schelling im neben und nach einander stehen; aber was an die-
Rahmen seiner Rationalismus-Kritik das empirische sem Buch die wahre Thatsache ist, weiß nur der,
Moment der Philosophie betont und in Auseinander- der es versteht. […] Die Ursache, warum uns be-
setzung mit dem klassischen Empirismus – er wür- sonders im Einzelnen der Natur so vieles ganz
digt vor allem Bacon165 – für einen neuen, höheren räthselhaft erscheint, ist, weil wir noch gar nicht
Empirismus plädiert: einmal dahin gekommen, dazu gelangt sind, die
eigentliche Thatsache zu wissen. Wenn nun aber
Denn wenn das Höchste, wozu gewiß nach allge- die Ausmittlung der Thatsache in der Natur dem
meiner Übereinstimmung selbst der bisher anders Natur-, in der Geschichte dem Geschichtsforscher
Denkenden, die Philosophie gelangen kann, eben angehört, so fällt die große Thatsache der Welt le-
dies sein würde, die Welt als frei Hervorgebrachtes diglich der Philosophie anheim, die ja davon auch
und Erschaffenes zu begreifen, so wäre demnach den Namen Weltweisheit erhalten hat, der jedoch
die Philosophie in Ansehung der Hauptsache, die nur für die eine Seite paßt, denn die Philosophie
sie erreichen kann, oder sie würde, gerade indem hat noch einen größeren Inhalt als die Welt.167
sie ihr höchstes Ziel erreicht, Erfahrungswissen-
schaft, ich will nicht sagen im formellen, aber doch Schelling kennt nicht die Debatten zur Selbstkritik
im materiellen Sinn, nämlich, daß ihr Höchstes des Empirismus, die schon bald innerhalb der ›posi-
selbst ein seiner Natur nach Erfahrungsmäßiges tiven Wissenschaften‹ geführt werden sollten, nach-
wäre. […] es ist an uns, sage ich, das System, das dem die positivistische Euphorie der ›Tatsachen‹ ver-
wir zu ergreifen und zu erreichen hoffen dürfen, flogen war, welche die 1830er Jahre beherrschten. Er
jenes positive System, dessen Prinzip eben wegen bleibt auf den Spuren Kants, wenn er hervorhebt, das
dieser seiner absoluten Positivität selbst nicht »Fortschreiten vom Objektiven ins Subjektive« sei
mehr a priori, sondern nur a posteriori erkennbar »gleichsam das Losungswort der allgemeinen Bewe-
sein kann, bis zu dem Punkt auszubilden, wo es gung, welche die Wissenschaft darzustellen hat. Das
mit jenem – in gleichem Verhältnis erweiterten Wesentliche war eben dieser Fortschritt vom Objekti-
und geläuterten Empirismus zusammenfließen ven ins Subjektive, da in der entgegengesetzten Rich-
wird.166 tung kein Fortschritt und also keine Wissenschaft
möglich ist.«168
In seiner 1830 in München vorgetragenen ›Einlei-
tung in die Philosophie‹ ist die Darstellung des philo-
sophischen Empirismus von herausragender Bedeu- 4.3 Hegel
tung:
Philosophie des Geistes statt Erkenntnistheorie
Die Erfahrung, durch welche die höchste Erkennt- G. W. F. Hegel (1770–1831) hat sein ›System der phi-
niß vermittelt ist, kann selbst schon nur eine phi- losophischen Wissenschaften‹ als die zur Vollkom-
losophische oder ein solche seyn, die das Resultat menheit entfaltete Philosophie des Geistes und als
philosophischer Bestrebungen ist […] Man kann den Endpunkt des Deutschen Idealismus aufgefaßt:
daher die frühern Bestrebungen in der Philosophie Mit seinem die Ideen der Vorläufer ›aufhebenden‹
(seit Cartesius) alle mit dem Experiment in der System sei der Geist insofern in das Stadium der Reife
Naturwissenschaft vergleichen. Es scheint freilich gekommen, als der philosophische Begriff des Begriffs
nichts leichter, als die Thatsache namhaft zu ma- alle Formen und Epochen seines logischen und hi-
chen, welche die Philosophie zu erklären hat. Al- storischen Andersseins durchlaufen habe und sich
lein bedenken Sie, welche Mühe und Arbeit selbst selbst als anundfürsichseiende Vernunft und Wahrheit
in der Naturwissenschaft es kostet, auch nur bis expliziert habe.
zur wahren Thatsache in höchst einzelnen Erschei- Die wegweisende Voraussetzung für dieses Selbst-
nungen zu gelangen. Man wird etwa sagen: Philo- verständnis ist die Kritik des Empirismus und der
sophie sollte die Thatsache der Welt erklären. Aber Kantischen Transzendentalphilosophie – wie jegli-
was ist denn nun an dieser Welt die eigentliche cher auf den Verstand gegründeter Reflexionsphilo-
Thatsache? Die wahre Thatsache ist jederzeit etwas sophie –, das Veto gegen die subjektive Ich-Philoso-
Innerliches. Die Thatsache einer gewonnenen phie Fichtes und die Kritik an Schellings Identitäts-
Schlacht z. B. sind nicht die einzelnen Angriffe, Ka- philosophie des Absoluten.
nonenschüsse u. s.w, oder was sonst von der Sache Hegel hat seine Philosophie weit intensiver als
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 111

viele seiner Vorgänger auf dem Wege der Auseinan- Die Philosophie wird hiermit für die Wissenschaft
dersetzung mit den historischen Gestalten des Philo- der Vernunft ausgegeben und zwar insofern die
sophierens erarbeitet; er hat in der Philosophiege- Vernunft ihrer selbst als alles Seins bewußt
schichte kein Chaos von Lehrmeinungen gesehen, wird.176
sondern notwendige Stufen der Selbstexplikation des
Philosophie ist ›System‹, und das System entspricht
Geistes. Überzeugt von der die Philosophie abschlie-
den Stufen der Selbstentwicklung der Idee bzw. des
ßenden Funktion seines Systems, hat er freilich mit
Absoluten: »1) die Logik, die Wissenschaft der Idee an
Schärfe gegen Philosophien polemisiert, die von ihm
und für sich, 2) die Naturphilosophie als die Wissen-
nicht als Gestalten der ›Vernunft‹ anerkannt wurden.
schaft der Idee in ihrem Anderssein, 3) die Philoso-
So gilt in erkenntnistheoretischer Hinsicht seine Kri-
phie des Geistes, als der Idee, die aus ihrem Anders-
tik an der neuzeitlichen Philosophie vor allem dem
sein in sich zurückkehrt«.177 ›System‹ ist nicht eine
Empirismus und Humes Skepsis – eine »Barbarei, die
Form der Philosophie, sondern die wissenslogische
unleugbare Gewißheit und Wahrheit in die Tatsachen
Entsprechung des Ganzen des Prozesses, der Ge-
des Bewußtseins zu legen wie der neuste Skeptizis-
schichte des zum ›Sichwissen‹ kommenden Geistes
mus«169 – sowie dem Materialismus. Der Idealismus
(s. Kap. 3: System und Methode). ›Geist‹ ist, wie He-
Hegels – ein Idealismus der Objektivität und Notwen-
gel in § 381 der Enzyklopädie (1830) definiert, »die zu
digkeit des Geistes – wendet sich gegen alle Formen
ihrem Fürsichsein gelangte Idee […], deren Objekt
subjektiver Begründung des Wissens über Erkennt-
ebensowohl als das Subjekt der Begriff ist«, »die sich
nisgegenstände. Die neue Metaphysik faßt nun als
selbst wissende wirkliche Idee«.178
onto-logische Dialektik das Denken als Bewegung des
Die Bewegung, die Selbstentfaltung der Idee (bzw.
Widerspruchs, als den »sich selbst erzeugenden, fort-
des Begriffs, des Geistes, des Absoluten) ist der
leitenden und in sich zurückgehenden Gang«170 des
Grund der Einheit von Erkennen, Wissen und Wirk-
objektiven Geistes. Die von Hegel vorgeschlagene
lichkeit. Dies ist Hegels Antwort auf die auch ihn
Methode ist dementsprechend »von ihrem Gegen-
Frage leitende Frage »Wie kommen wir Subjekte zu
stande und Inhalte nichts Unterschiedenes, denn es
den Objekten hinüber?«179 Menschliches Erkennen
ist der Inhalt in sich, die Dialektik, die er an ihm
ist als Leistung des Selbstbewußtseins ein Implikat
selbst hat, welche ihn fortbewegt«171; Dialektik ist
des substantiellen Geistes, der zum Sichwissen ge-
»kein äußeres Tun eines subjektiven Denkens, son-
langt. In der Enzyklopädie (1830) schreibt Hegel
dern die eigene Seele des Inhalts«.172 Der Wider-
hierzu:
spruch ist »die Natur des Denkens« und das wesent-
liche »Moment des Logischen«173, d. h. des logos, des Diese logische Natur, die den Geist beseelt, in ihm
Geistes. treibt und wirkt, zum Bewußtsein zu bringen, dies
Hegels Philosophie der Erkenntnis und des Wis- ist die Aufgabe. Das instinktartige Tun unterschei-
sens174 ist eine Prozeßtheorie der Geschichte der Ver- det sich von dem intelligenten und freien Tun da-
nunft des Absoluten (s. Kap. 2: Die Vernunft und das durch überhaupt, daß dieses mit Bewußtsein ge-
Absolute): Der ›Gang der Idee‹ wird grundsätzlich in schieht; indem der Inhalt des Treibenden heraus
der Figur der Einheit von Geist und Geschichte darge- aus der unmittelbaren Einheit mit dem Subjekte
stellt. Diesem Prinzip, mit dem Hegel sowohl Kants zur Gegenständlichkeit vor dieses gebracht ist, be-
dualistische Transzendentalphilosophie als auch die ginnt die Freiheit des Geistes, der in dem instinkt-
monistischen Subjekttheorien Fichtes und Schellings weisen Wirken des Denkens, befangen in den Ban-
überwunden zu haben glaubt, sind alle seine reifen den seiner Kategorien, in einen unendlich man-
Werke verpflichtet. Unter ihnen ragen in erkenntnis- nigfachen Stoff zersplittert ist. In diesem Netze
theoretischer Hinsicht die zur Zeit des Bruchs mit schürzen sich hin und wieder festere Knoten, wel-
Schelling erschienene, als erster Teil des ›Systems der che die Anhalts- und Richtungspunkte seines Le-
Wissenschaft‹ geplante Schrift Die Phänomenologie bens und Bewußtseins sind, sie verdanken ihre Fe-
des Geistes (1807), die zwischen 1812 und 1816 ent- stigkeit und Macht eben dem, daß sie, vor das Be-
standene Wissenschaft der Logik (21831) und die En- wußtsein gebracht, an und für sich seiende Be-
zyklopädie der philosophischen Wissenschaften im griffe seiner Wesenheit sind. Der wichtigste Punkt
Grundrisse (1817, 21 827, 31 830) heraus. für die Natur des Geistes ist das Verhältnis nicht
In der ersten Fassung seiner Enzyklopädie (Heidel- nur dessen, was er an sich ist, zu dem, was er wirk-
berg 1817) bestimmt Hegel sein Konzept von Philo- lich ist, sondern dessen, als was er sich weiß; dieses
sophie als ›System‹ und als ›Enzyklopädie der philo- Sichwissen ist darum, weil er wesentlich Bewußt-
sophischen Wissenschaften‹ in Abgrenzung von den sein [ist], Grundbestimmung seiner Wirklich-
positiven Wissenschaften und von Enzyklopädien ab, keit.180
die nur »Aggregat der Wissenschaften sind«175:
112 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

In Hegels spekulativer Metaphysik des ›Sichwissens‹ Phänomenologie des Geistes186, einer Real-Philoso-
des Geistes sind erkenntnistheoretische Fragen im phie der Geschichte der ›Bildung des Bewußtseins‹,
Sinne transzendentaler Vor-Fragen nach den Bedin- die in ihrem historischen Ansatz – nicht in den Er-
gungen der Möglichkeit von Erkenntnis sinnlos: Der gebnissen – Schellings System des transzendentalen
Geist ist Erkennen; Wissen ist Geist. Deshalb verwirft Idealismus folgt.187 In ihr geht es um das ›wirkliche
Hegel seit der Phänomenlogie des Geistes und bis hin Erkennen‹ dessen, was das Bewußtsein ›in Wahrheit‹
zur späten Fassung der Enzyklopädie (1830) den An- leistet. Das Thema ist das »Werden der Wissenschaft
satz von Kants ›Kritik‹: Es gibt keinen Grund, anstatt überhaupt oder des Wissens«188, und das Ziel »die
unmittelbar »an das wirkliche Erkennen dessen, was Einsicht des Geistes in das, was Wissen ist«.189 Zu-
in Wahrheit ist« zu gehen, »vorher über das Erken- nächst unter dem Titel Wissenschaft der Erfahrung des
nen sich zu verständigen«.181 Bewußtseins geplant und 1806 in Jena als Vorlesung
Ein Hauptgesichtspunkt der kritischen Philosophie vorgetragen, hat dieses Werk als ›Phänomenologie‹
ist, daß, ehe daran gegangen werde, Gott, das We- »das erscheinende Wissen zum Gegenstande«; anders
sen der Dinge usf. zu erkennen, das Erkenntnisver- als in seiner Wissenschaft der Logik oder in der Enzy-
mögen selbst vorher zu untersuchen sei, ob es sol- klopädie der philosophischen Wissenschaften beginnt
ches zu leisten fähig sei; man müsse das Instrument Hegels Analyse hier mit dem ›natürlichen Bewußt-
vorher kennenlernen, ehe man die Arbeit unter- sein‹, der anfänglichen Unmittelbarkeit der sinnli-
nehme, die vermittels desselben zustande kommen chen Gewißheit. Im Kapitel ›Bewußtsein‹ schreibt
soll; wenn es unzureichend sei, würde sonst alle Hegel über ›Die sinnliche Gewißheit oder das Dieses
Mühe vergebens verschwendet sein.182 und das Meinen‹:

Insofern es statt dessen um »das wirkliche Erkennen Das Wissen, welches zuerst oder unmittelbar unser
dessen, was in Wahrheit« ist, gehen muß, hat die Phi- Gegenstand ist, kann kein anderes sein als dasje-
losophie »nur das Geschäft«, die »eigene Arbeit der nige, welches selbst unmittelbares Wissen, Wissen
Vernunft der Sache zum Bewußtsein zu bringen«.183 des Unmittelbaren oder Seienden ist. Wir haben
Genau dies aber weiß das gewöhnliche Bewußtsein uns ebenso unmittelbar oder aufnehmend zu ver-
nicht. Deshalb kritisiert Hegel auch Philosophien der halten, also nichts an ihm, wie es sich darbietet, zu
Erkenntnis, die empiristisch auf dieses Bewußtseins- verändern und von dem Auffassen das Begreifen
niveau fixiert sind: abzuhalten.
Der konkrete Inhalt der sinnlichen Gewißheit
Die Endlichkeit des Erkennens liegt in der Voraus- läßt sie unmittelbar als die reichste Erkenntnis, ja
setzung einer vorgefundenen Welt, und das erken- als eine Erkenntnis von unendlichem Reichtum er-
nende Subjekt erscheint hierbei als tabula rasa. scheinen, für welchen ebensowohl, wenn wir im
[…] Dies Erkennen weiß sich noch nicht als die Raume und in der Zeit, als worin er sich ausbreitet,
Tätigkeit des Begriffs, welche es nur an sich ist, hinaus-, als wenn wir uns ein Stück aus dieser
aber nicht für sich. Sein Verhalten erscheint ihm Fülle nehmen und durch Teilung in dasselbe hin-
selbst als ein passives, in der Tat ist dasselbe jedoch eingehen, keine Grenze zu finden ist. Sie erscheint
aktiv.184 außerdem als die wahrhafteste; denn sie hat von
Hegel ist in seiner Logik (Metaphysik des Geistes) dem Gegenstande noch nichts weggelassen, son-
weder, wie die britischen Empiristen, an empirischen dern ihn in seiner ganzen Vollständigkeit vor sich.
Subjekten der Erkenntnis noch, wie Kant, am Ich als Diese Gewißheit aber gibt in der Tat sich selbst für
transzendentalem Subjekt interessiert; seine Aufmerk- die abstrakteste und ärmste Wahrheit aus. Sie sagt
samkeit richtet sich auf den Geist, den Begriff, die von dem, was sie weiß, nur dies aus: es ist; und ihre
Idee, das Absolute, als substantielles Subjekt – das Wahrheit enthält allein das Sein der Sache; das Be-
Subjekt als Substanz.185 Unter ›Erkenntnistheorie‹ ist wußtsein seinerseits ist in dieser Gewißheit nur als
Hegels Lehre vom sich selbst erkennenden und wis- reines Ich; oder Ich bin darin nur als reiner Dieser
senden Geist deshalb nicht mehr zu subsumieren. und der Gegenstand ebenso nur als reines Dieses.
Die größte Nähe zu einer ›Erkenntnistheorie‹ er- Ich, dieser, bin dieser Sache nicht darum gewiß,
reicht seine Philosophie mit der frühen Phänomeno- weil Ich als Bewußtsein hierbei mich entwickelte
logie des Geistes, die hier deshalb vorrangig zu be- und mannigfaltig den Gedanken bewegte. Auch
rücksichtigen ist. nicht darum, weil die Sache, deren ich gewiß bin,
nach einer Menge unterschiedener Beschaffenhei-
Die Phänomenologie des Geistes ten eine reiche Beziehung an ihr selbst oder ein
Hegel präsentiert die Alternative, die er in den Deut- vielfaches Verhalten zu anderen wäre. Beides geht
schen Idealismus einbringt, zunächst 1807 in seiner die Wahrheit der sinnlichen Gewißheit nichts an;
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 113

weder Ich noch die Sache hat darin die Bedeutung jekten hinüber?« erweist sich am Ende als falsch ge-
einer mannigfaltigen Vermittlung, Ich nicht die stellt: Im ›absoluten Wissen‹ ist die Trennung von
Bedeutung eines mannigfaltigen Vorstellens oder Subjekt und Objekt, von Wissendem und Gewuß-
Denkens, noch die Sache die Bedeutung mannig- tem, aufgehoben. Hegel spannt bis zu diesem Ende
faltiger Beschaffenheiten, sondern die Sache ist; einen weiten Bogen der geschichtlichen Formen des
und sie ist, nur weil sie ist; sie ist, dies ist dem Bewußtseinsprozesses, denen von der Antike an auch
sinnlichen Wissen das Wesentliche, und dieses rei- historische Epochen entsprechen, und der ›bestimm-
ne Sein oder diese einfache Unmittelbarkeit macht ten Negation‹ jeder Stufe durch die nächste: von der
ihre Wahrheit aus. Ebenso ist die Gewißheit als Be- sinnlichen Gewißheit und dem mit ihr verbundenen
ziehung unmittelbare reine Beziehung; das Bewußt- bloßen »Meinen« über die (täuschende) Wahrneh-
sein ist Ich, weiter nichts, ein reiner Dieser; der mung und das Selbstbewußtsein zur Vernunft und
Einzelne weiß reines Dieses oder das Einzelne. zum Geist (Sittlichkeit, Bildung und Moralität), zu
An dem reinen Sein aber, welches das Wesen die- Religion und Kunst sowie schließlich zum absoluten
ser Gewißheit ausmacht und welches sie als ihre Wissen:
Wahrheit aussagt, spielt, wenn wir zusehen, noch
Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als
vieles andere beiher. Eine wirkliche sinnliche Ge-
Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erin-
wißheit ist nicht nur diese reine Unmittelbarkeit,
nerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind
sondern ein Beispiel derselben. Unter den unzäh-
und die Organisation ihres Reiches vollbringen.
ligen dabei vorkommenden Unterschieden finden
Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien in
wir allenthalben die Hauptverschiedenheit, daß
der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins,
nämlich in ihr sogleich aus dem reinen Sein die
ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffnen
beiden schon genannten Diesen, ein Dieser als Ich
Organisation aber die Wissenschaft des erscheinen-
und ein Dieses als Gegenstand, herausfallen. Reflek-
den Wissens; beide zusammen, die begriffne Ge-
tieren wir über diesen Unterschied, so ergibt sich,
schichte, bilden die Erinnerung und die Schädel-
daß weder das eine noch das andere nur unmittel-
stätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit,
bar, in der sinnlichen Gewißheit ist, sondern zu-
Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den
gleich als vermittelt; Ich habe die Gewißheit durch
er das leblose Einsame wäre.193
ein Anderes, nämlich die Sache; und diese ist
ebenso in der Gewißheit durch ein Anderes, näm- Auch wenn Hegel auf nicht mehr als die »Darstellung
lich durch Ich.190 des erscheinenden Wissens« zielt, verfolgt er in der
›Einleitung‹ eine Strategie der Kritik an Konzeptio-
Im weiteren Gang wendet sich Hegel der Wahrneh-
nen der Erkenntnis und des Wissens, die von einer
mung191 und den Verstandesleistungen zu, um dann
externen Beziehung des Erkennens zum Gegenstand
den gesamten Weg zu rekonstruieren, auf dem sich
– für Hegel letztlich: zum Absoluten – ausgehen, also
das Bewußtsein zum Wissen heraufarbeitet. Die Phä-
von einer Werkzeugtheorie der Erkenntnis:
nomenologie des Geistes ist zunächst Darstellung, Be-
schreibung dieses Weges, freilich nicht im Sinne einer Statt mit dergleichen unnützen Vorstellungen und
empirischen Psychologie oder Kognitionstheorie. Sie Redensarten von dem Erkennen als einem Werk-
ist ›Philosophie des Geistes‹, und als solche verfügt sie zeuge, des Absoluten habhaft zu werden, oder als
bereits am Anfang der Darstellung über das volle ka- einem Medium, durch das hindurch wir die Wahr-
tegoriale Wissen, d. h. den in der genetischen Be- heit erblicken usf. – Verhältnisse, worauf wohl alle
schreibung erst am Ende erreichten spekulativen Be- diese Vorstellungen von einem Erkennen, das vom
griff des Wissens; auf dieser Grundlage klärt sie das Absoluten, und einem Absoluten, das von dem Er-
natürliche Bewußtsein über seinen Weg auf, der zur kennen getrennt ist, hinauslaufen –, statt mit den
Einheit von Bewußtsein (als Gegenstand) und Selbst- Ausreden, welche das Unvermögen der Wissen-
bewußtsein (als Begriff des Gegenstandes) führt. He- schaft aus der Voraussetzung solcher Verhältnisse
gels Anliegen ist es, den »Weg des natürlichen Be- schöpft, um von der Mühe der Wissenschaft zu-
wußtseins, das zum wahren Wissen dringt« aufzu- gleich sich zu befreien und zugleich sich das An-
decken, den »Weg der Seele, welche die Reihe ihrer sehen eines ernsthaften und eifrigen Bemühens zu
Gestaltungen, als durch ihre Natur ihr vorgesteckter geben, sowie statt mit Antworten auf alles dieses
Stationen, durchwandert, daß sie sich zum Geiste sich herumzuplacken, könnten sie als zufällige und
läutere, indem sie durch die vollständige Erfahrung willkürliche Vorstellungen geradezu verworfen
ihrer selbst zur Kenntnis desjenigen gelangt, was sie und der damit verbundene Gebrauch von Worten
an sich selbst ist«.192 wie dem Absoluten, dem Erkennen, auch dem Ob-
Die Frage »Wie kommen wir Subjekte zu den Ob- jektiven und Subjektiven und unzähligen anderen,
114 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

deren Bedeutung als allgemein bekannt vorausge- Die Vollständigkeit der Formen des nicht realen
setzt wird, sogar als Betrug angesehen werden. Bewußtseins wird sich durch die Notwendigkeit
Denn das Vorgeben, teils daß ihre Bedeutung all- des Fortganges und Zusammenhanges selbst erge-
gemein bekannt ist, teils auch daß man selbst ihren ben. Um dies begreiflich zu machen, kann im all-
Begriff hat, scheint eher nur die Hauptsache er- gemeinen zum voraus bemerkt werden, daß die
sparen zu sollen, nämlich diesen Begriff zu ge- Darstellung des nicht wahrhaften Bewußtseins in
ben.194 seiner Unwahrheit nicht eine bloß negative Bewe-
gung ist. Eine solche einseitige Ansicht hat das na-
Sein Alternativprogramm einer »ausführliche[n] Ge-
türliche Bewußtsein überhaupt von ihr; und ein
schichte der Bildung des Bewußtseins selbst zur Wis-
Wissen, welches diese Einseitigkeit zu seinem We-
senschaft« stellt Hegel in der ›Einleitung‹ zur Phäno-
sen macht, ist eine der Gestalten des unvollendeten
menologie des Geistes so vor:
Bewußtseins, welche in den Verlauf des Weges
Weil nun diese Darstellung nur das erscheinende selbst fällt und darin sich darbieten wird. Sie ist
Wissen zum Gegenstande hat, so scheint sie selbst nämlich der Skeptizismus, der in dem Resultate
nicht die freie, in ihrer eigentümlichen Gestalt sich nur immer das reine Nichts sieht und davon ab-
bewegende Wissenschaft zu sein, sondern sie kann strahiert, daß Nichts bestimmt das Nichts dessen
von diesem Standpunkte aus als der Weg des na- ist, woraus es resultiert. Das Nichts ist aber nur,
türlichen Bewußtseins, das zum wahren Wissen genommen als das Nichts dessen, woraus es her-
dringt, genommen werden […] Das natürliche Be- kommt, in der Tat das wahrhafte Resultat; es ist
wußtsein wird sich erweisen, nur Begriff des Wis- hiermit selbst ein bestimmtes und hat einen Inhalt.
sens oder nicht reales Wissen zu sein. Indem es Der Skeptizismus, der mit der Abstraktion des
aber unmittelbar sich vielmehr für das reale Wis- Nichts oder der Leerheit endigt, kann von dieser
sen hält, so hat dieser Weg für es negative Bedeu- nicht weiter fortgehen, sondern muß es erwarten,
tung, und ihm gilt das vielmehr für Verlust seiner ob und was ihm etwa Neues sich darbietet, um es
selbst, was die Realisierung des Begriffs ist; denn es in denselben leeren Abgrund zu werfen. Indem da-
verliert auf diesem Wege seine Wahrheit. Er kann gegen das Resultat, wie es in Wahrheit ist, aufge-
deswegen als der Weg des Zweifels angesehen wer- faßt wird, als bestimmte Negation, so ist damit un-
den oder eigentlicher als der Weg der Verzweiflung; mittelbar eine neue Form entsprungen und in der
auf ihm geschieht nämlich nicht das, was unter Negation der Übergang gemacht, wodurch sich der
Zweifeln verstanden zu werden pflegt, ein Rütteln Fortgang durch die vollständige Reihe der Gestal-
an dieser oder jener vermeinten Wahrheit, auf wel- ten von selbst ergibt.
ches ein gehöriges Wiederverschwinden des Zwei- Das Ziel aber ist dem Wissen ebenso notwendig
fels und eine Rückkehr zu jener Wahrheit erfolgt, als die Reihe des Fortganges gesteckt; es ist da, wo
so daß am Ende die Sache genommen wird wie es nicht mehr über sich selbst hinauszugehen nötig
vorher. Sondern er ist die bewußte Einsicht in die hat, wo es sich selbst findet und der Begriff dem
Unwahrheit des erscheinenden Wissens, dem das- Gegenstande, der Gegenstand dem Begriffe ent-
jenige das Reellste ist, was in Wahrheit vielmehr spricht. Der Fortgang zu diesem Ziele ist daher
nur der nicht realisierte Begriff ist. Dieser sich voll- auch unaufhaltsam, und auf keiner früheren Sta-
bringende Skeptizismus ist darum auch nicht das- tion ist Befriedigung zu finden. Was auf ein natür-
jenige, womit wohl der ernsthafte Eifer um Wahr- liches Leben beschränkt ist, vermag durch sich
heit und Wissenschaft sich für diese fertig gemacht selbst nicht über sein unmittelbares Dasein hin-
und ausgerüstet zu haben wähnt; nämlich mit dem auszugehen; aber es wird durch ein Anderes dar-
Vorsatze, in der Wissenschaft auf die Autorität über hinausgetrieben, und dies Hinausgerissen-
[hin] sich den Gedanken anderer nicht zu ergeben, werden ist sein Tod. Das Bewußtsein aber ist für
sondern alles selbst zu prüfen und nur der eigenen sich selbst sein Begriff, dadurch unmittelbar das
Überzeugung zu folgen oder, besser noch, alles Hinausgehen über das Beschränkte und, da ihm
selbst zu produzieren und nur die eigene Tat für dies Beschränkte angehört, über sich selbst, mit
das Wahre zu halten. Die Reihe seiner Gestaltun- dem Einzelnen ist ihm zugleich das Jenseits ge-
gen, welche das Bewußtsein auf diesem Wege setzt, wäre es auch nur, wie im räumlichen An-
durchläuft, ist vielmehr die ausführliche Ge- schauen, neben dem Beschränkten. Das Bewußt-
schichte der Bildung des Bewußtseins selbst zur sein leidet also diese Gewalt, sich die beschränkte
Wissenschaft. Jener Vorsatz stellt die Bildung in Befriedigung zu verderben, von ihm selbst. […]
der einfachen Weise des Vorsatzes als unmittelbar Diese dialektische Bewegung, welche das Be-
abgetan und geschehen vor; dieser Weg aber ist ge- wußtsein an ihm selbst, sowohl an seinem Wissen
gen diese Unwahrheit die wirkliche Ausführung. als an seinem Gegenstande ausübt, insofern ihm
[…]
Philosophie der Erkenntnis und des Wissens nach Kant 115

der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist neuern Zeit und ihrer Religion angehört. Das Gei-
eigentlich dasjenige, was Erfahrung genannt wird. stige allein ist das Wirkliche; es ist das Wesen oder
Es ist in dieser Beziehung an dem soeben erwähn- Ansichseiende, – das sich Verhaltende und Be-
ten Verlaufe ein Moment noch näher herauszuhe- stimmte, das Anderssein und Fürsichsein- und [das]
ben, wodurch sich über die wissenschaftliche Seite in dieser Bestimmtheit oder seinem Außersichsein
der folgenden Darstellung ein neues Licht verbrei- in sich selbst Bleibende;- oder es ist an und für sich.
ten wird. Das Bewußtsein weiß etwas, dieser Ge- – Dies Anundfürsichsein aber ist es erst für uns
genstand ist das Wesen oder das Ansich; er ist aber oder an sich, es ist die geistige Substanz. Es muß
auch für das Bewußtsein das Ansich; damit tritt die dies auch für sich selbst, muß das Wissen von dem
Zweideutigkeit dieses Wahren ein. Wir sehen, daß Geistigen und das Wissen von sich als dem Geiste
das Bewußtsein jetzt zwei Gegenstände hat, den ei- sein, d. h., es muß sich als Gegenstand sein, aber
nen das erste Ansich, den zweiten das Für-es-Sein eben so unmittelbar als aufgehobener, in sich re-
dieses Ansich. Der letztere scheint zunächst nur die flektierter Gegenstand. Er ist für sich nur für uns,
Reflexion des Bewußtseins in sich selbst zu sein, insofern sein geistiger Inhalt durch ihn selbst er-
ein Vorstellen nicht eines Gegenstandes, sondern zeugt ist; insofern er aber auch für sich, selbst für
nur seines Wissens von jenem ersten. Allein wie sich ist, so ist dieses Selbsterzeugen, der reine Be-
vorhin gezeigt worden, ändert sich ihm dabei der griff, ihm zugleich das gegenständliche Element,
erste Gegenstand; er hört auf, das Ansich zu sein, worin er sein Dasein hat, und er ist auf diese Weise
und wird ihm zu einem solchen, der nur für es das in seinem Dasein für sich selbst in sich reflektierter
Ansich ist; somit aber ist dann dies: das Für-es-Sein Gegenstand. – Der Geist, der sich so entwickelt als
dieses Ansich, das Wahre, das heißt aber, dies ist das Geist weiß, ist die Wissenschaft. Sie ist seine Wirk-
Wesen oder sein Gegenstand. Dieser neue Gegen- lichkeit und das Reich, das er sich in seinem eige-
stand enthält die Nichtigkeit des ersten, er ist die nen Elemente erbaut.196
über ihn gemachte Erfahrung. […]
Die Erfahrung, welche das Bewußtsein über sich Hegels metaphysische Philosophie des Geistes hat be-
macht, kann ihrem Begriffe nach nichts weniger in reits früh Kritik auf sich gezogen, so etwa die der
sich begreifen als das ganze System desselben oder junghegelianischen ›Linken‹ und von Karl Marx. Die
das ganze Reich der Wahrheit des Geistes, so daß Kritik, sie habe die Welt idealistisch auf den ›Kopf‹
die Momente derselben in dieser eigentümlichen gestellt, ist nie verstummt; über ihre Berechtigung ist
Bestimmtheit sich darstellen, nicht abstrakte, reine hier nicht zu richten. Statt dessen ist nach den Mo-
Momente zu sein, sondern so, wie sie für das Be- tiven Hegels zu fragen. Zwei eng miteinander ver-
wußtsein sind oder wie dieses selbst in seiner Be- bundene Motive durchziehen das gesamte Werk, so-
ziehung auf sie auftritt, wodurch die Momente des wohl in seinen theoretischen als auch in seinen prak-
Ganzen Gestalten des Bewußtseins sind. Indem es tischen Dimensionen: die Kritik am defizitären Sta-
zu seiner wahren Existenz sich forttreibt, wird es tus von Individualität unter Bedingungen der
einen Punkt erreichen, auf welchem es seinen ›Entzweiung‹ oder ›Entfremdung‹ und die Idee mög-
Schein ablegt, mit Fremdartigem, das nur für es lichen Fortschritts im Bewußtsein der Freiheit:
und als ein Anderes ist, behaftet zu sein, oder wo Wenn das Wissen von der Idee, d. i. von dem Wis-
die Erscheinung dem Wesen gleich wird, seine sen der Menschen, daß ihr Wesen, Zweck und Ge-
Darstellung hiermit mit eben diesem Punkte der genstand die Freiheit ist, spekulativ ist, so ist diese
eigentlichen Wissenschaft des Geistes zusammen- Idee selbst als solche die Wirklichkeit der Men-
fällt; und endlich, indem es selbst dies sein Wesen schen, nicht die sie darum haben, sondern [die] sie
erfaßt, wird es die Natur des absoluten Wissens sind.197
selbst bezeichnen.195
Hegel sieht die im spekulativen Begriff denkmögliche
Die Philosophie, die als ›Phänomenologie‹ den gan-
Freiheit von jener Individualität und Subjektivität
zen dialektischen Prozeß durch begreifendes Wissen
bedroht, die in der modernen bürgerlichen Gesell-
zu erhellen fähig ist, die ›Wissenschaft der Erfahrung
schaft freigesetzt ist. Dies zeigen etwa die religions-
des Bewußtseins‹ bzw. ›Wissenschaft des erscheinen-
philosophischen Reflexionen in der Phänomenologie
den Wissens‹, muß als totalisierende Theorie des
über das »schmerzliche Gefühl des unglücklichen Be-
Ganzen dieses Prozesses System sein:
wußtseins, daß Gott selbst gestorben ist. Dieser harte
Daß das Wahre nur als System wirklich, oder daß Ausdruck ist der Ausdruck des innersten sich einfach
die Substanz wesentlich Subjekt ist, ist in der Vor- Wissens, die Rückkehr des Bewußtseins in die Tiefe
stellung ausgedrückt, welche das Absolute als Geist der Nacht des Ich = Ich, die nichts außer ihr mehr
ausspricht, – der erhabenste Begriff, und der der unterscheidet und weiß.«198 Demgegenüber soll die
116 IV. Die Erkenntnis und das Wissen

Philosophie darauf bestehen, es komme »alles darauf Dissertation richtet sich Schopenhauers Angriff vor
an, das Wahre nicht als Substanz, sondern eben so allem gegen Hegel: »die Köpfe der jetzigen Gelehr-
sehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken«.199 tengeneration sind desorganisiert durch Hegel’schen
Die »Vollendung« des Geistes in seinem Werden Unsinn: zum Denken unfähig, roh und betäubt wer-
durch Anderssein »ist nicht mehr die Substanz selbst, den sie die Beute des platten Materialismus«.203 (Ge-
sondern ist ein Höheres, der Begriff, das Subjekt.«200 meint ist der physiologisch begründete Materialis-
Wenn »das allgemeine Individuum, der selbstbe- mus, wie er in der Mitte des 19. Jahrhunderts etwa
wußte Geist, in seiner Bildung« der Gegenstand der von Vogt, Moleschott und L. Büchner vertreten
Hegelschen Phänomenologie ist, dann hat dies auch wurde.)
seinen Grund darin, daß das »besondere Individuum 1852 hat er für den Kernsatz seiner Lehre – »der
[…] der unvollständige Geist [ist], eine konkrete Ge- Unterschied zwischen Vorstellung und Gegenstand
stalt, in deren ganzem Dasein eine Bestimmtheit ist unstatthaft: die Welt ist Vorstellung« – geltend ge-
herrschend ist«.201 macht, diese Aussage wie seine gesamte Philosophie
seien »bloß die Vollendung des Kantischen transzen-
Dies Tun und Werden aber, wodurch die Substanz
dentalen Idealismus«.204 Die Prämisse für die Auf-
wirklich wird, ist die Entfremdung der Persönlich-
stellung von vier Klassen des Satzes vom zureichen-
keit, denn das unmittelbar, d. h. ohne Entfrem-
den Grunde, d. h. vom Grund des Werdens, des Er-
dung an und für sich geltende Selbst ist ohne Sub-
kennens, des Seins und des Handelns, lautet:
stanz und das Spiel jener tobenden Elemente; seine
Substanz ist also seine Entäußerung selbst, und die Unser erkennendes Bewußtsein, als äußere und in-
Entäußerung ist die Substanz oder die zu einer nere Sinnlichkeit (Rezeptivität), Verstand und Ver-
Welt sich ordnenden und sich dadurch erhalten- nunft auftretend, zerfällt in Subjekt und Objekt,
den geistigen Mächte. Die Substanz ist auf diese und enthält nichts außerdem. Objekt für das Sub-
Weise Geist, selbstbewußte Einheit des Selbsts und jekt sein, und unsere Vorstellung sein, ist das Selbe.
des Wesens; aber beides hat auch die Bedeutung Alle unsere Vorstellungen sind Objekte des Sub-
der Entfremdung füreinander.202 jekts, und alle Objekte des Subjekts sind unsere
Vorstellungen.205
Der Ton, in dem Hegel über das besondere Indivi-
duum spricht, ist durchweg negativ gestimmt. Der In einer Erläuterung zur Verwendung des »Ausdrucks
Ausweg, den Hegel sucht, ist prekär; er führt zur me- reale Objekte« bestätigt Schopenhauer, daß hierunter
taphysischen Begründung der Notwendigkeit der nichts anderes zu verstehen sei »als eben die anschau-
Entfremdung für die Selbstentfaltung des Geistes. lichen, zum Komplex der an sich selbst stets ideal
bleibenden empirischen Realität verknüpften Vorstel-
lungen«.206 Lediglich in »der Professorenphilosophie
5. Ein Ausblick auf die Entwicklung der Philosophieprofessoren wird man noch immer
nach Hegel finden, daß die Anschauungen der Außenwelt Sache
der Sinne sei […] Hingegen die Intellektualität der
Die erkenntnistheoretische Entwicklung seit Bacon Anschauung, nämlich daß sie in der Hauptsache das
erreicht in Hegels System ihren nachkantischen Werk des Verstandes sei, welcher […] aus dem rohen
Scheitel- und Wendepunkt. Von nun an werden sich Stoff einiger Empfindungen in den Sinnesorganen
drei Tendenzen geltend machen: (i) antirationalisti- diese objektive Außenwelt allererst schafft und her-
sche Philosophien, (ii) die positiv-wissenschaftliche vorbringt, davon ist keine Rede«.207 Für Schopen-
Empirisierung und Naturalisierung der philosophi- hauer ist das »Objekt des innern Sinnes, das Subjekt
schen Probleme und (iii) verschiedene Rekurse auf des Wollens« das, was im Selbstbewußtsein als Gegen-
Kant, sei es in der aus der Krise der positiven Wissen- stand auftritt; als Erkanntes tritt es im Erkennen
schaften entstehenden Wissenschaftstheorie, sei es im »ausschließlich als Wille auf. Demnach erkennt das
Neukantianismus. Subjekt sich nur als Wollendes, nicht aber als Erken-
Der Deutsche Idealismus hat nach Kant und zu nendes […] Daher also gibt es kein Erkennen des Er-
Hegels Zeiten das erkenntnistheoretische Feld nicht kennens; weil dazu gefordert würde, daß das Subjekt
für sich alleine gehabt. Arthur Schopenhauer sich vom Erkennen trennte und nun doch das Erken-
(1788–1860) ist Zeitgenosse und Antipode. Seine nen erkennte, was unmöglich ist.«208
Dissertation Über die vierfache Wurzel des Satzes vom Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung
zureichenden Grunde erscheint 1813; die erste Auflage zieht aus dem Dilemma, daß ›kein Erkennen des Er-
des Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung ist kennens‹ und folglich keine Erkenntnistheorie mög-
bereits 1819 veröffentlicht. Nach einem Selbstzeugnis lich ist, die Konsequenz, den als »Wahrheit a priori«
aus dem Jahre 1847 in der Vorrede zur 2. Aufl. der behaupteten Satz »Die Welt ist meine Vorstellung« in
Ein Ausblick auf die Entwicklung nach Hegel 117

ein Äquivalent zu überführen – in das Axiom »die Erkenntnis. Was Nomologie war, wird mit der neu-
Welt ist mein Wille«. Der Rückbezug auf Berkeley kantianischen Philosophie der Erfahrungswissen-
wird ergänzt durch Rekurse auf die »Vedantaphiloso- schaften – sowohl der Natur- als auch der Kultur-
phie« der »Weisen Indiens«209 und schließlich auf das wissenschaften – wieder Nomothetik. Nicht die ›Rea-
»Nirwana der Buddhaisten«.210 Mit dieser Tendenz lität‹ diktiert der Erkenntnis ihre Gesetze, sondern
tritt zugleich der Nihilismus des 19. Jahrhunderts auf das Erkennen konstituiert Gesetze einer phänomena-
die Bühne. Die Forderung lautet, man solle der Kon- len Wirklichkeit.
sequenz nicht ausweichen, »daß mit der freien Ver- Der Weg, der jetzt eingeschlagen wird, führt hinter
neinung, dem Aufgeben des Willens, nun auch alle die nachkantischen Philosophien des Deutschen
jene Erscheinungen aufgehoben sind, jenes bestän- Idealismus zurück. Er führt (i) in spontanen Wissen-
dige Drängen und Treiben ohne Ziel und ohne Rast, schaftlerphilosophien und (ii) im Neukantianismus
auf allen Stufen der Objektivität, in welchem und zurück zu Kant.212
durch welches die Welt besteht […] Kein Wille: keine Hans Jörg Sandkühler
Vorstellung, keine Welt. Vor uns bleibt allerdings nur
das Nichts.«211
Es werden in der weiteren Entwicklung Erkennt- Weiterführende Literatur
nisprobleme vor allem der Naturwissenschaften sein
– zunächst der Physiologie, dann der Physik, die Zu Kant
Baumanns, P., 1997, Kants Philosophie der Erkenntnis. Durch-
selbstkritisch die kurze Phase ihres Positivismus gehender Kommentar zu den Hauptkapiteln der »Kritik der
überdenken –, die den Ruf nach philosophischer Er- reinen Vernunft«, Würzburg.
kenntnistheorie wieder laut werden lassen. Die Über- Baumgartner, H. M., 21 991, Kants »Kritik der reinen Ver-
zeugung wird immer stärker, daß nach dem Ende des nunft«. Anleitung zur Lektüre, Freiburg/München.
spekulativen Idealismus eine Theorie der Welt und Guyer, P., 1987, Kant and the Claims of Knowledge, Cam-
bridge, MA.
eine Theorie des Wissens von der Welt ohne Meta- Höffe, O., 2003, Kants Kritik der reinen Vernunft, München.
physik – sei es der Ideenwelt, sei es der Dingwelt – Kitcher, P. (Hrsg.), 1998, Kant’s ›Critique of Pure Reason‹:
notwendig seien. Diese Theorie soll aber auch dem Critical Essays, Lanham.
Sachverhalt Rechnung tragen, daß weder der Mate- Mohr, G./M. Willaschek (Hrsg.), 1998, Immanuel Kant, Kritik
der reinen Vernunft [Klassiker Auslegen], Berlin.
rialismus noch der Positivismus akzeptable neue Mohr, G. (Hrsg.), 2004, Immanuel Kant, Theoretische Philo-
Wege eröffnet haben. Auch die Versuche, den Idea- sophie, Texte und Kommentar, 3 Bde., Frankfurt/M.
lismus neu zu begründen, sind – so ist man über- Strawson, P. F., 1992, Die Grenzen des Sinns: ein Kommentar
zeugt – gescheitert: Der Idealismus sei nur das schiere zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Aus dem Engl. von
Gegenteil des Materialismus; wie letzterer beanspru- E. M. Lange, Frankfurt/M.
che er, die Welt monistisch, d. h. aus einem einzigen Zu Fichte
Prinzip, erklären zu können. Da dieses einzige Prin- Baumanns, P., 1972, Fichtes ursprüngliches System. Sein
zip die Idee bzw. der Geist ist, ist der Konflikt mit den Standort zwischen Kant und Hegel, Stuttgart-Bad Cann-
Naturwissenschaften und der empirischen Methode statt.
programmiert. Auf der anderen Seite erweist sich der Brüggen, M., 1979, Fichtes Wissenschaftslehre. Das System in
den seit 1801/02 entstandenen Fassungen, Hamburg.
Positivismus als naiv und simplistisch, weil er mit
Hogrebe, Wolfram (Hrsg.), 1995, Fichtes Wissenschaftslehre
seinem Prinzip – der Verabsolutierung der Sinnes- 1794. Philosophische Resonanzen, Frankfurt/M.
daten – auf eine ›gegebene fertige Welt‹ fixiert ist und Hühn, L., 1994, Fichte und Schelling oder: Über die Grenzen
den gerade in den Naturwissenschaften inzwischen menschlichen Wissens, Stuttgart/Weimar.
anerkannten engen Zusammenhang von Induktion Oesch, M. (Hrsg.), 1987, Aus der Frühzeit des deutschen Idea-
lismus: Texte zur Wissenschaftslehre Fichtes 1794/1804. Von
und Deduktion und von Beobachtung und Interpre- F. W. J. Schelling, F. Hölderlin, J. E. von; J. Fries, F. Jacobi,
tation nicht berücksichtigt. Anders gesagt: Weil die Würzburg.
Welt der Idealisten keine wirkliche Welt und die Welt Rockmore, T./D. Breazeale (Hrsg.), 1996, New Perspectives on
der Positivisten eine geistlose Welt ist, wächst das Be- Fichte, Atlantic Highlands.
Stolzenberg, J., 1996, Selbstbewußtsein. Ein Problem der Phi-
dürfnis nach einer Theorie, in der die Welt und die
losophie nach Kant. Zum Verhältnis Reinhold-Hölderlin-
Konstitution der Welt durch das Erkennen eine Ein- Fichte. In: Revue Internationale de Philosophie 50.
heit bilden – eine Einheit im Wissen. Die Idee der
Fundierung des Wissens der Wissenschaft allein aus Zu Schelling
›Tatsachen‹ und durch ›Gesetze‹, die durch eine noch Baumgartner, H. M./H. Korten, 1996, F. W. J. Schelling, Mün-
von Skepsis unbehelligte Idee der Kausalität gestützt chen.
Frank, M., 1985, Eine Einführung in Schellings Philosophie,
werden, ist fragwürdig geworden. In der Wissen- Frankfurt/M.
schaft selbst kündigt sich die Einsicht an, ›Gesetze Hühn, L., 1994, Fichte und Schelling oder: Über die Grenzen
der Natur‹ seien Sätze der Gesetzgebung durch die menschlichen Wissens, Stuttgart/Weimar.
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