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BeNeLux € 5,80 Finnland € 8,– Griechenland € 7,– Norwegen NOK 82,– Polen (ISSN00387452) ZL 32,– Slowakei € 6,60 Spanien

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Dänemark dkr 53,– Frankreich € 6,50 Italien € 6,50 Österreich € 5,80 Portugal (cont) € 6,50 Slowenien € 6,30 Spanien/Kanaren € 6,70 Ungarn Ft 2350,- Germany

Grundrente

Ärmsten triezt
Wie der Staat seine
Die Sphinx
von Cupertino
Apple-Chef Tim Cook
Vorurteile

ertragen müssen
Was Kinderlose so alles
Das globale Netzwerk rechter Terroristen
VERSCHWÖRUNG
DIE BRAUNE
Nr. 13 / 23.3.2019
Deutschland € 5,10
ENDLICH FREI.
DER NEUE BMW Z4 ROADSTER.

Abbildung zeigt Sonderausstattungen.


Freude am Fahren
Das deutsche Nachrichten-Magazin
Neue
Hausmitteilung
Freiräume?
Betr.: Titel, AfD, Macron, SPIEGEL GESCHICHTE Mit durchgängig

Der Terrorist Brenton Tarrant, der in Christchurch 50 Men- digitalen Prozessen im


schen tötete, gilt als Einzeltäter, als sogenannter einsamer
Wolf. Einsam mag er vielleicht gewesen sein, allein in Unternehmen.
seiner Gedankenwelt war er nicht. Ein Team von Redak-
teuren beschreibt in der Titelgeschichte die Strukturen
eines internationalen Netzes von Rechtsextremen. So
bezieht sich Tarrant auf den Norweger Anders Breivik,
der 2011 in Oslo und auf Utøya 77 Menschen ermordete.
Ihn hatte auch David Sonboly zum Vorbild, der am fünften
Höflinger Jahrestag von Breiviks Tat in München neun Menschen
erschoss und Kontakt zu einem Amerikaner hatte, der spä-
ter auch einen Anschlag verübte. Die Journalisten recherchierten in Deutschland, den
USA und Neuseeland, wo Laura Höflinger Tarrants Spuren folgte. »Die sozialen Medien
erlauben es Terroristen, sich global zu verbinden«, sagt Martin Knobbe, der den Text
zusammenfügte. »So ist ein neuer Tätertypus entstanden: Er handelt allein, nicht als
Teil einer Gruppe, sondern einer Bewegung.« Der Wolf ist ein Rudeltier. Seite 12

Noch nie in der Geschichte des Deutschen Bundestags hat es so viele Abgeordnete
gegeben, 709 Frauen und Männer repräsentieren den Willen des Volkes und treten
sich dabei in jeder Beziehung gegenseitig auf die Füße. Im Januar setzte sich Alexander
Smoltczyk eine Woche lang auf die Zuschauertribüne, beobachtete und hörte zu.
Danach verabredete der Reporter sich mit Abgeordneten aller Parteien, um die
Woche nachzubereiten: »Ich wollte wissen, wie Parlamentarier miteinander umgehen,
die sich nicht selten abgrundtief verachten.« Das betrifft vor allem die Abgeordneten
der AfD-Fraktion. »Inzwischen arbeiten manche durchaus ernsthaft in den Ausschüs-
sen mit. Andere genießen es, geschnitten zu werden.« Sein Bericht über die neuen
Grenzen und Grenzüberschreitungen auf Seite 52

Viereinhalb Jahre lang war Julia Amalia


Heyer Korrespondentin in Paris, und in
dieser Zeit beobachtete sie aus nächster
Nähe den Aufstieg Emmanuel Macrons:
vom Berater zum Minister zum jüngsten
Präsidenten der Fünften Republik zum Star
der Europäischen Union. Sie erlebte auch
seinen Absturz zu einem Sonnenkönig,
der den Kontakt zum Volk verloren hat.
Regelmäßig begleitete Heyer ihn auf Reisen
und traf Macron zum Interview. In ihrem Macron, Heyer
Abschiedsstück aus Frankreich beschreibt
Heyer, die ins Berliner Büro gewechselt ist, die romanhafte Karriere eines Mannes,
»der über sich selbst gestürzt ist und nun endlich anfängt, Politik in Frankreich für Egal, was Sie geschäftlich planen: Die dafür not-
die Franzosen zu machen«. Seite 80 wendigen Freiräume verschaffen Sie sich mit
durchgängig digitalen DATEV-Lösungen für
sämtliche kaufmännischen Aufgaben. So kön-
nen Sie sich ganz auf das Wesentliche konzent-
Wäre ich so mutig gewesen? Diese Frage stellen sich viele Men- rieren – Ihr Unternehmen.
schen, wenn sie an den Widerstand gegen Adolf Hitler denken.
Damals ging nur eine kleine Minderheit der Deutschen das Risiko
ein, dem Regime entgegenzutreten. Die, die sich trauten, verband
Digital-schafft-Perspektive.de
außer dem Hass auf die Nazis wenig. Die neue Ausgabe von
SPIEGEL GESCHICHTE zeigt, aus welch verschiedenen Gründen
sich Leute entschlossen, gegen die Diktatur aufzubegehren. Und
Redakteurin Marianne Wellershoff sammelte Informationen
über den Gestapo-Spitzel, der ihre Tante denunziert hatte. Das
Heft »Widerstand gegen Hitler« erscheint am Dienstag.

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 5


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 13 | 23. März 2019

Titel Ressentiments Wissenschaftler


Herbert Renz-Polster
Terrorismus Der Attentäter über frühkindliche
von Neuseeland kommt aus Psychoprobleme von
einer global vernetzten rechts- Populisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
extremen Internetszene . . . . 12
Lebensmodelle Fünf Deutsche
erklären, warum
Deutschland sie keinen Nachwuchs
wollten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Leitartikel Warum die Fusion
von Commerzbank und Deut- Kommunikation Wie die
scher Bank ein Irrweg ist . . . . 8 Parteien ihr Bild in
der Öffentlichkeit selbst
Meinung Der gesunde steuern wollen . . . . . . . . . . . . . . 49
Menschenverstand / So
gesehen: Was zum Teufel
sind Uploadfilter? . . . . . . . . . . . 10

MICHAEL KAPPELER / DPA


Gesellschaft

Ganztagsschulen zahlen sich Früher war alles schlechter:


aus / Lügendetektor zur Drei-Sterne-Restaurants /
Grenzkontrolle? / Scheuer Sollte man fürs Nichtstun
bremst Carsharing aus . . . . . . 20 bezahlt werden? . . . . . . . . . . . . 50

Affären Auf den AfD-Spenden-


listen stehen Strohmänner –
Strohmann Eine Meldung und ihre
Geschichte Wie ein
mit welchen Methoden sie an der Costa Brava Taucher im Maul eines
angeheuert wurden . . . . . . . . . 24 Wals überlebte . . . . . . . . . . . . . . 51
Neun Wochen vor der Europawahl hat die AfD
CDU Im SPIEGEL-Gespräch einen neuen Skandal. Es geht um ominöse Stresstest Die AfD im
verteidigt Parteichefin Bundestag – ein Lehrstück
Kramp-Karrenbauer ihren
Wahlkampffinanziers, mutmaßlich gefälschte über Umgangsformen . . . . . . 52
Umgang mit Viktor Orbán 28 Unterstützerlisten und eine Schweizer PR-Agentur.
Mittendrin: Parteichef Jörg Meuthen. Seite 24 Homestory Befördern
Liberale Die Eskapaden von Kinderbücher Geschlechter-
Freigeist Wolfgang Kubicki 31 klischees? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

Finanzen Minister Olaf Scholz


DAVID P. MORRIS / BLOOMBERG / GETTY IMAGES

gerät unter Druck Wirtschaft


aus den eigenen Reihen .... 32
Neue Klimaziele kosten
Grundrente Senioren, die Hilfe 150 000 Jobs / Boeing 737
vom Staat brauchen, müssen Max – hohe Entschädigungen
ihre Armut beweisen – ist das für Hinterbliebene der
zumutbar? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Absturzopfer . . . . . . . . . . . . . . . . 58

Demografie Die verzweifelte Konzerne Tim Cook hat aus


Suche der Großstädte nach Apple ein hochprofitables
Raum für neue Schulen . . . . 37 Unternehmen gemacht – und
ein langweiliges . . . . . . . . . . . . . 60
Integration Sexualkunde- Uncool, aber reich
kurse für Migranten ........ 38 Wie Apple Netflix
Seit dem Tod von Steve Jobs hat Apple keine Konkurrenz machen will ... 64
Bundeswehr Wer darf sich Innovation mehr hinbekommen, die es mit iPod,
Veteran nennen? Die Antwort Finanzindustrie Deutsche-
von Verteidigungsministerin
iPhone, iPad aufnehmen kann. Die Fans trauern Bank-Chef Christian
Ursula von der Leyen empört dieser Zeit hinterher. Doch Jobs Nachfolger Sewing fremdelt mit der
viele Soldaten . . . . . . . . . . . . . . 40 Tim Cook denkt lieber ans Geldverdienen. Seite 60 Commerzbank . . . . . . . . . . . . . . 66

6 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Analyse Monsanto entwickelt Wissenschaft
sich für Bayer zum
existenziellen Risiko . . . . . . . . 67 Quantenphysik für Babys /
Expertenstreit um
Dieselskandal Rechtsvorstand Glyphosat / Einwurf: Kleine
Hiltrud Werner und US- Teams sind innovativer . . . . . 96
Aufseher Larry Thompson
im SPIEGEL-Gespräch über Klima Warum die Wolken
die angebliche neue Moral alle Vorhersagen
bei VW . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 zur globalen Erwärmung
unberechenbar machen . . . . 98
Konsum Der geschäftstüchtige
Guru Baba Ramdev . . . . . . . . . 72 Umwelt Biologen suchen in
Wäldern und Seen nach DNA-

THEKLA EHLING / DER SPIEGEL


Spuren verborgener Tiere 102
Ausland
Luftfahrt Einfangen oder
Warum man Ungarns Regie- rammen – wie sich
rungschef entschiedener ent- gefährliche Hobbydrohnen
gegentreten sollte / Ungewöhn- vom Himmel holen lassen 104
licher ziviler Ungehorsam in
China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Geschichte Hitlers Bart – ein
Schmerzhaft lustig deutscher Gelehrter erforscht
Großbritannien Premier- das Symbol des Bösen . . . . . 105
ministerin Theresa May droht Bekannt wurde Giulia Becker als kontroverse
den Kampf um den Brexit zu Twitter-Persönlichkeit und Gag-Schreiberin für
verlieren – und die Macht 76 Kultur
Jan Böhmermann. Nun hat sie einen überraschen-
Müssen die Briten kurz den Roman veröffentlicht: »Das Leben ist eins Kulturstaatsministerin Monika
vor dem Brexit noch an der der Härtesten« ist lustig, tut aber weh. Seite 116 Grütters zur Michael-Jackson-
Europawahl teilnehmen? . . . 78 Ausstellung / Phrasen in der
Politik / Kolumne: Zur Zeit 108
Analyse Die schlechte
Wirtschaftslage bringt den Zeitgeschichte In einem Buch
türkischen Präsidenten Kinder oder Leben über sein Leben unterstellt
Erdoğan in Bedrängnis . . . . . 79 Christoph Hein dem SPIEGEL
Ist ein Leben ohne Nachwuchs besser? Seitdem Schurkereien . . . . . . . . . . . . . . 110
Frankreich Wie Macron eine Feministin in einem Manifest zu Kinderlosig-
durch den Hass seiner keit aufruft, gibt es scharfe Kritik. Fünf Menschen, Essay Erst bewegten Flüchtlinge
Gegner zu seiner Stärke die auf Nachkommen verzichten, erklären ihr die Deutschen, jetzt demonstrie-
zurückgefunden hat . . . . . . . . 80 rende Kinder – warum? . . . . 114
Lebensmodell. Und wehren sich gegen Vorurteile,
Syrien Das Ringen um das Mitleid, doch auch Neid. Seite 46 Literatur Die TV-Comedienne
Leben kranker IS-Kinder . . . 84 Giulia Becker hat einen
tragisch-komischen Roman
Kosovo Europas jüngster geschrieben . . . . . . . . . . . . . . . . 116
Staat will sich von
seinen Schutzmächten Zeitgeist SPIEGEL-Gespräch
emanzipieren . . . . . . . . . . . . . . . 86 mit dem Theatermacher Bernd
Stegemann über Kränkung als
JAN HELGE PETRI / DER SPIEGEL

politische Waffe und den Irr-


Sport weg der deutschen Linken 118

Warum sich Fußballprofis im Filmkritik In »Ein Gauner &


April in Acht nehmen müssen / Gentleman« tritt Robert
Magische Momente: Der Redford zum letzten Mal als
ehemalige Fußballweltmeister Schauspieler an . . . . . . . . . . . . 123
Jürgen Kohler über
unvergessene Zweikämpfe 89 Weltmeister aus dem Slum
Boxen Der Faustkampf ist Der Boxer Henry Malm und sein Trainer Suleyman Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
die einzige Hoffnung Korley haben einen Traum: Mit Faustkämpfen Impressum, Leserservice . . . 124
der Slumkinder von Accra 90 Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
wollen sie einem Elendsviertel von Accra, Ghanas Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
Fußball Joachim Löws Hauptstadt, entfliehen. Ihre Vorbilder sind Welt- Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
Torwartproblem ............ 94 meister, die aus demselben Slum stammen. Seite 90 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titelfoto: Spencer Platt / Getty Images 7


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Nationale Schnapsidee
Leitartikel Eine staatlich orchestrierte Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank wäre falsch.

E
s ist ja nicht so, als wäre nicht alles schon einmal Hinzu kommen Rechtsrisiken wegen der Verwicklung in
da gewesen. Endlich, so hieß es im Sommer Geldwäschefälle sowie dubiose Kredite an Donald
2008 aus der Politik, könne die hiesige Wirtschaft Trump. Der bekam als Immobilieninvestor zeitweise nur
auf einen zweiten nationalen Finanzchampion noch von der Deutschen Bank Geld.
zurückgreifen. Was war passiert? Die Commerzbank hat- Diese Risiken werden die Bank in den Schlagzeilen und
te den Kauf der Dresdner Bank verkündet, um zur ihre Kosten hoch halten. Aber so gefährlich wie einst bei
damals noch starken Deutschen Bank aufzuschließen. Die Lehman Brothers ist das nicht. Und sollte die Deutsche Bank
Große Koalition in Berlin orchestrierte den Deal – auch tatsächlich in Existenznot geraten, müsste der Bund ohnehin
weil der Allianz-Konzern, bis dato Eigner der Dresdner einspringen, um sie zu retten. Fürs Scheitern ist sie zu groß.
Bank, an der maroden Tochter zu ersticken drohte. Das Die Banken müssen sich selbst sanieren, Risiken dras-
tat dann die Commerzbank, weshalb der Bund sie in der tisch reduzieren, Geschäftsmodelle schärfen. So banal es
Finanzkrise mit Steuermilliarden klingt: So läuft das in einer Markt-
retten musste. wirtschaft, dafür werden Manager
Elf Jahre später scheinen die Ver- bezahlt. Erste Erfolge beim Kosten-
antwortlichen in Berlin nicht klüger senken gibt es, wenngleich die Ein-
geworden zu sein. Denn die fixe Idee nahmen noch stärker sinken. Das
»nationaler Champions« lebt wieder ist gefährlich, aber nichts, was der
auf. Wirtschaftsminister Peter Alt- Staat per Fusion heilen könnte.
maier hat sie in seiner »Nationalen Die Kollateralschäden einer Fu-
Industriestrategie 2030« skizziert. In sion wären schlimmer: Anstatt sich
der listet er die Deutsche Bank als er- um Kunden zu kümmern, wären
haltenswert auf. Finanzminister Olaf die Partner über Jahre mit sich selbst
Scholz geht noch einen Schritt weiter. beschäftigt. Ihre Kulturen sind
Er hat die Commerzbank, an der der grundverschieden. Selbst in der
Bund 15 Prozent hält, und die Deut- Deutschen Bank trauen sich Invest-
sche Bank in Fusionsgespräche ge- mentbanker und der Rest nicht über
drängt. Bloß: Die wollen das offen- den Weg. Dass Berater enormes Ein-
MARC-STEFFEN UNGER

kundig gar nicht. Beinahe missmutig sparpotenzial ausgerechnet haben,


klingt jedenfalls, was an Verlaut- ist deren Aufgabe; dafür werden sie
barungen aus den Banken dringt. fürstlich entlohnt. Ob sie richtig ge-
Löblich ist, dass sich Scholz, an- rechnet haben, wird sich allerdings
ders als sein gleichgültiger Vor- erst in einigen Jahren herausstellen.
gänger Wolfgang Schäuble, für den Scholz und sein umtriebiger
Finanzplatz Frankfurt interessiert. Staatssekretär Jörg Kukies – einst
Dessen Wohlergehen ist, bei allem Volkszorn gegenüber Wertpapierhändler bei Goldman Sachs in Frankfurt,
Bankern, überlebenswichtig für den Industriestandort nicht aber Fusionsberater – haben die Banken in die Enge
Deutschland, der sich gegen potente Nationalisten in West getrieben. Gleichzeitig schüren sie Ängste vor einem
und Ost sowie Europas Erosion behaupten muss. Ausverkauf der Geldhäuser an Ausländer. Das ist eine
Die Champions-Idee ist dennoch die falsche Antwort. Nebelkerze: Kein Rivale interessiert sich für die Deutsche
Denn die beiden größten privaten Banken des Landes Bank und ihre toxische Bilanz; einen Verkauf der
sind trotz schwacher Verfassung immer noch in der Lage, Commerzbank kann der Bund dank seiner Beteiligung
ihrem eigentlichen Zweck nachzukommen: die Kunden mit verhindern.
Krediten zu versorgen. Das konnten sie übrigens selbst in Ob die Institute einen Rückzug von der Fusion unbescha-
der Finanzkrise, als sich viele ausländische Geldhäuser aus det überstehen würden, ist ungewiss. An der Börse ist die
Deutschland vorübergehend zurückzogen. Ausgerechnet die Euphorie jedenfalls verpufft, Aufsichtsräte und Mitarbeiter
dürften jetzt profitieren, wenn Commerzbank und Deutsche sind verärgert, die Kanzlerin geht auf Distanz. Und in der
Bank fusionierten und eine deutsche Kreditadresse wegfiele. SPD wundern sie sich, warum Parteivize Scholz vor wichti-
Was Scholz umtreibt, sind die hohen Risikoprämien, die gen Landtagswahlen den Abbau Zehntausender Stellen in
die Deutsche Bank am Kapitalmarkt zahlen muss, um Kauf nimmt, der unumgänglich wäre bei einer Fusion.
ihr Geschäft zu refinanzieren (SPIEGEL 4/2019). Die Auf- Dass sich Wirtschafts- und Finanzpolitiker um Schlüssel-
schläge sind Ausdruck des Misstrauens gegenüber dem branchen kümmern, ist ihre Pflicht. Sie sollten sich dabei
Konzern. Dessen Investmentbanking verschlingt Milliarden- aber nicht aufführen wie windige Berater, die ihren Kunden
boni, ohne mit den US-Rivalen mithalten zu können. Verdorbenes andrehen. Tim Bartz

8 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


volkswagen.de

Fußball,
das sind wir alle.
Volkswagen. Stolzer Partner des DFB.
#wedrivefootball
Meinung So gesehen

Uploadwas?
Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand
Endlich verständlich: die
EU-Urheberrechtsreform
Der Masochismus der SPD G Es ist an diesem Samstag einmal
mehr mit erschreckenden Szenen der
Dass Sozialdemokraten wurde Andrea Nahles gefragt. »Nein«, Ignoranz zu rechnen. Während von
nicht mit Zahlen umgehen antwortete sie. »Wir haben gelernt.« Aachen bis Würzburg mutmaßlich
könnten, ist ein Gassen- Wie in den ersten beiden Koalitio- viele Tausend engagierte junge Men-
hauer konservativer nen hat die SPD erneut viele ihrer schen gegen die geplante EU-Urhe-
Denunziation. SPD- Anliegen durchgesetzt, sogar mehr als berrechtsreform protestieren werden,
Finanzminister wie Helmut CDU und CSU. Erwähnt seien hier mit Plakaten insbesondere gegen
Schmidt oder Peer Steinbrück nur die Musterfeststellungsklage, die Artikel 13 derselben und drohende
bewiesen das Gegenteil, und Olaf verschärfte Mietpreisbremse, das Uploadfilter, stehen wahrscheinlich
Scholz tut es aktuell auch. Wenn es Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit, Millionen verständnislos am Rand.
aber um Große Koalitionen unter das gut geframte »Gute-Kita-Gesetz«, Artikel 13? Uploadfilter? Die digi-
Angela Merkel geht, ist eine gewisse die Festschreibung des Rentenniveaus talen Analphabeten begreifen wohl
Rechenschwäche der Sozialdemo- bis 2025 oder die Rückkehr zur hälf- nicht, welche verheerenden Folgen es
kraten nicht zu leugnen. tigen Finanzierung der Krankenkassen- für Meinungsfreiheit, Meme-Kultur,
In die erste GroKo startete die SPD beiträge. Auch die dritte Große Koa- für User-Generated Content und
2005 mit 34,2 Prozent und kam mit lition ist, inhaltlich, eine sozialdemo-
23 Prozent wieder heraus. In die zwei- kratische.
te ging es 2013 mit 25,7 Prozent, am Nur die Bürger sehen das frecher-
Ende standen 20,5. Eine nüchterne weise wieder mal anders. Im aktuellen
Analyse der Zahlen hätte den Genos- ARD-Deutschlandtrend erklärten
sen etwas verraten können. Trotzdem 48 Prozent der Befragten, die CDU
unterzeichneten sie vor einem Jahr habe sich inhaltlich am stärksten durch-
den dritten Koalitionsvertrag mit Mer- gesetzt. 16 Prozent sagten das über die
kels Union. Dieses Mal werde alles SPD. Immerhin: Damit lag sie noch
anders, beteuerten die Spitzen der Par- knapp vor der CSU (14 Prozent).
tei. Also echt jetzt. Die 20,5 Prozent der SPD bei der
»Der Koalitionsvertrag ist sehr gut, Bundestagswahl konnten in den selbst für kleine Blogger haben kann,
besser als der vor vier Jahren«, Umfragen weiter konsequent reduziert wenn die Reform Realität wird.
schwärmte Manuela Schwesig. Tatsäch- werden. Das mag ungerecht sein. Beim Sogar Spitzenpolitiker scheinen
lich hatte die SPD für eine 20,5- dritten Mal aber verbietet sich jedes nicht in Gänze begriffen zu haben,
Prozent-Partei fast unverschämt viele Mitleid. Wer konstant gegen dieselbe was auf dem Spiel steht.
Ministerien und Inhalte bekommen. Wand rennt, darf sich nicht wundern, Anders als die Kampagne »Rettet
»Wir gehen diesmal mit einer anderen wenn er nicht vorankommt und jedes die Bienen« muss »Rettet das Inter-
Haltung in diese Koalition«, versprach Mal etwas derangierter zurückbleibt. net« zudem ohne ein Maskottchen
Malu Dreyer. Ob es ein Naturgesetz auskommen. Sascha Lobo sammelt
sei, dass die SPD aus Großen Koalitio- An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und nun mal keinen Honig.
nen immer geschwächt hervorgehe, Markus Feldenkirchen im Wechsel. Darum soll hier ein letzter Ver-
such unternommen werden, das Pro-
blem der Uploadfilter so radikal zu
Kittihawk vereinfachen, dass seine Dramatik
der breiten Masse begreifbar wird.
Stellen Sie sich also vor, das Inter-
net wäre Ihr Auto. Sie wollen los-
fahren, geht aber nicht, weil der
Motor nach neuer EU-Richtlinie erst
startet, nachdem Sie in den obligato-
risch eingebauten Alkotester gepus-
tet haben. Schlimm genug. Aber
das unzuverlässige Gerät sperrt den
Anlasser nicht nur bei Volltrunken-
heit, sondern manchmal schon nach
dem Genuss einer einzigen Schorle.
Immer noch zu kompliziert? Dann
eben so: Die EU-Reform könnte dazu
führen, dass weniger kostenlose
Pornos im Netz zu finden sind. Auf
die Barrikaden! Stefan Kuzmany

10 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


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T e r r o r i s m u s Der Attentäter, der in Neuseeland ein


Massaker unter Moscheebesuchern angerichtet hat, wird im
rechtsextremen Milieu verehrt – auch in Deutschland.
Die Szene ist längst global vernetzt, die Sicherheitsbehörden
sind überfordert.

12 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Titel

F
ür manche war es ein Happening so fühlen wie er. Diese Menschen leben hen könnte. Tarrant steht für eine neue
im Internetforum 8chan am vorver- überall auf der Welt, viele in Deutschland. Sorte des Terrors, die vor allem dafür ge-
gangenen Freitag gegen 13.30 Uhr. Ihre Freude über den Tod der Muslime dacht ist, über das Internet Nachahmer zu
Brenton Tarrant hatte gerade an- versuchen sie kaum zu verbergen. rekrutieren. »Troll-Terrorist« hat SPIEGEL-
gekündigt, einen tödlichen Anschlag aus- Die »Propaganda der Tat« ist eine Idee ONLINE-Kolumnist Sascha Lobo den At-
zuführen und diesen live auf Facebook zu aus dem 19. Jahrhundert, einst von Anar- tentäter in seiner Kolumne treffend be-
übertragen. Da meldeten sich die ersten chisten ersonnen. Attentäter wie Tarrant zeichnet. Ein harmlos klingender Name
Fans. »Viel Glück«, schrieb einer, »klingt beleben sie nun wieder und nutzen dafür für einen Tätertypus, den Sicherheitsbe-
nach Spaß« ein zweiter, »bester Start ins die Mittel der digitalen Welt: den Live- hörden für sehr gefährlich halten – gegen
Wochenende« ein dritter. Und dann, als stream über soziale Netzwerke, den Auf- den sie aber noch kein schlüssiges Konzept
tatsächlich über Tarrants Kopfkamera zu ruf an Gleichgesinnte, sogenannte Memes haben.
sehen war, wie er am Eingang der Al- der Tat zu verbreiten: ikonengleiche Bil- Was nach Amokläufen bislang als Er-
Noor-Moschee in Christchurch, Neusee- der, Tarrants Rucksack zum Beispiel, den klärung angeboten wird, wirkt oft hilflos
land, den ersten Menschen nie- und wie eine Schablone gesell-
derschoss, der ihn gerade noch schaftlicher Trauerarbeit. Die
freundlich gegrüßt hatte, schrieb Täter werden als schwierige Ein-
ein vierter: »Heilige Scheiße, net- zelgänger beschrieben, als Ge-
te Schießerei!« störte, als große Einsame mit
Fast 200 Facebook-Nutzer sa- oder ohne schwere Kindheit. Sie
hen auf ihrem Handy, Tablet werden per Ferndiagnose mal
oder Monitor dabei zu, wie der als psychisch krank, mal als so-
28-Jährige aus dem Auto stieg, zial isoliert dargestellt. »Einsa-
den Kofferraum öffnete, in dem me Wölfe« nennen die Forscher
seine Gewehre lagen, und dann solche Täter.
begann, 50 Menschen in zwei Das ist meist richtig, auch Tar-
Moscheen und deren Umgebung rant hatte nach jetzigem Stand
zu töten. der Ermittlungen keinen Mittä-
Kinder wie den 3-jährigen ter. Er handelte nicht im Auftrag
Mucad Ibrahim. Schüler wie den eines Anführers, er plante die
14-jährigen Sayyad Milne. Män- Tat offenbar allein. In seiner Um-
ner wie den Familienvater Kha- gebung nahm wohl keiner wahr,
led Mustafa. Frauen wie Husne was in ihm über Monate reifte
Ara Parvin, die noch versuchte, und wie er von Tag zu Tag radi-
ihren Mann im Rollstuhl zu be- kaler wurde. Hinweise, dass er
schützen. psychisch krank ist, gibt es keine.
Ein Massenmord an Musli- Was aber wäre, wenn zwi-
men, dokumentiert in Echtzeit, schen gewissen Massenmördern
gefilmt in der Optik eines Video- ein ideologisches Band bestün-
spiels, bejubelt wie ein Fußball- de? Wenn ihre Taten gar nicht
finale. »So werden wir gewin- so singulär und unerklärlich wä-
nen«, schrieb ein fünfter. Mehr ren, sondern politisch herleit-
Menschenverachtung geht nicht. bar? Wenn die einsamen Wölfe
Keiner dieser fast 200 Zu- in Wahrheit ein Rudel bildeten?
schauer meldete Facebook das Oder, um im Sprachgebrauch
Verbrechen, Tausende sahen den der Täter zu bleiben: wenn sie
Livestream nachträglich. Das Un- sich als Frontsoldaten einer gro-
ternehmen, dessen Chef Mark C h r i s t c h u r c h 1 7. 3. 2 0 1 9 – ßen Bewegung verstünden, die
Zuckerberg sich gern rühmt, dass Polizeiabsperrung vor der Al-Noor-Moschee. sich vermeintlichen Gefahren
Zehntausende Moderatoren die Zwei Tage zuvor hat Tarrant (linke Seite) unserer Zeit entgegenstellten?
Inhalte des Netzwerks ständig das Feuer auf die Gläubigen eröffnet Diese Lesart gewinnt mit der
überwachen, bemerkte erst mal Tat von Christchurch an Plausi-
nichts. Erst zwölf Minuten nach- bilität. Die Linie zwischen den
dem die Übertragung beendet war, er- er bei der Tat trug. Sein Abbild wird zur Gedankenwelten des Brenton Tarrant und
reichte Facebook der erste Hinweis. Insignie eines vermeintlichen Helden und etwa des Anders Breivik, der 2011 in Nor-
300 000 Kopien des Videos löschte das zum Aufruf, es ihm gleichzutun. wegen 77 Menschen tötete, ist leicht zu
Unternehmen daraufhin angeblich inner- Darf man über einen solchen Täter ziehen. Beide fabrizierten zur Begründung
halb von 24 Stunden, 1,2 Millionen Mal schreiben und ihn damit, wenn auch nicht ihrer Morde ein Amalgam aus menschen-
verhinderten demnach automatisierte Fil- willentlich, aufwerten? Darf man seinen verachtenden Theoremen. Sie fassten sie
ter, dass Tarrants Video hochgeladen wur- Namen nennen, oder soll man ihn ver- in sogenannten Manifesten zusammen, die
de. Doch wie bei allen Daten, die im In- schweigen, wie es Neuseelands Premier- nun durch die digitalen Kanäle geistern
ternet schnell und vielfach geteilt werden, ministerin Jacinda Ardern macht? Oder und zur Bibel potenzieller neuer Attentä-
gelang die Tilgung nicht. Wer will, findet muss man aushalten, dass er triumphieren ter werden.
das Video noch immer. könnte, läse er diesen Artikel? Tarrant nimmt in seiner Erklärung auf
Brenton Tarrant hat seine Ziele erreicht: Die Antwort lautet: Ja, man muss es. Breivik Bezug und ist diesem im sprach-
weltweite Aufmerksamkeit, 17 grausame Man muss über Brenton Tarrant reden, lichen Ausdruck und im Layout ähnlich,
Minuten als Vermächtnis und am Ende die man muss über ihn schreiben, um zu ver- wie die norwegische Journalistin Asne
virtuelle Verbeugung von Menschen, die stehen, was geschah und was noch gesche- Seierstad sagt, die über Breivik ein Buch

Fotos: Reuters, Vincent Yu / AP / picture alliance (r.) 13


Titel

geschrieben hat. »Beide teilen dieselbe Schläfer einer Bewegung, die zumindest Der Topos vom Endkampf der Chris-
Ideologie, eine Art modernen Faschismus, darin ihren kleinsten gemeinsamen Nen- tenheit mit den Muslimen hat in den ver-
dessen Hauptfeindbild die Muslime sind.« ner findet, dass es für sie lebensunwertes gangenen Jahren innerhalb der extremen
Tarrant behauptet in seinem Manifest so- Leben gibt? Und dass sie das Recht zur Aus- Rechten den Rassismus als ideologisches
gar, er habe kurzen Kontakt zu Breivik ge- löschung hätten? Wie viele Schläfer gibt Herzstück teilweise ersetzt. Diese Sicht-
habt, wobei nicht klar wird, wann und wie. es wohl, und wann wacht ein Schläfer auf? weise ähnelt der islamistischer Attentäter,
Auch David Sonboly, der 2016 am Brenton Tarrant wuchs in den Neunzi- die in ihrem Kampf gegen die »Ungläubi-
Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun gerjahren im Osten Australiens auf, in ei- gen« ebenfalls einen Bogen vom frühen
Menschen aus Einwandererfamilien er- nem kleinen Ort namens Grafton. Sein Va- Mittelalter über die Kreuzzüge bis in die
schoss, suchte die Nähe zu dem norwegi- ter arbeitete bei der Müllabfuhr, seine Mut- Gegenwart spannen. »Extremisten sehen
schen Attentäter. Er wollte für seinen An- ter als Lehrerin, gemeinsam hatten sie sich nie in der Rolle des Aggressors, son-
schlag unbedingt die gleiche Pistole haben, zwei Kinder. Tarrants Vater erkrankte früh dern in einem Zustand existenzieller Be-
die der Norweger benutzt hatte. Nach lan- an Krebs und starb 2010 im Alter von drohung«, sagt der Terrorismusforscher
ger Suche wurde er im Darknet fündig. 49 Jahren. Peter Neumann vom Londoner King’s
Niemand muss mehr zu Websites knall- Tarrant gab seinen Job als Trainer in ei- College. »Der Kampf der Kulturen steht
harter Neonazis vorstoßen, um die Sorge nem Fitnessstudio auf und beschloss, in ihren Augen kurz bevor.«
über das angebliche Sterben der weißen durch die Welt zu ziehen. Es wurde eine
Rasse zu inhalieren. Niemand muss zu Ka- Reise, die offenbar seine Ideologie prägte In den Jugoslawienkriegen rechtfertigten
meradschaftstreffen in piefige Gasthöfe ge- und verfestigte. serbische Kriegsverbrecher mit einer sol-
hen, um zu erfahren, wo die vermeintliche Entscheidend dürften wohl seine Auf- chen Ideologie ihren Kampf gegen musli-
Gefahr lauert: bei den muslimischen Ein- enthalte auf dem Balkan gewesen sein, des- mische Bosnier. Brenton Tarrant unterleg-
wanderern, den »Invasoren«, wie Tarrant sen Geschichte und Mythen sein rechts- te sein Video mit einem serbischen Kampf-
sie nennt. extremes Denken mit inspiriert haben lied aus dieser Zeit: »Karadžić, führe deine
Die Verschwörungsfantasien eines Brei- könnten: die Mär vom ewigen Kampf des Serben«. Der Song wurde vor mehr als
vik, Sonboly oder Tarrant sickern, vermit- Christentums gegen muslimische Horden, zehn Jahren von Rechtsradikalen in neuen
telt durch charmante YouTuber oder durch die aus dem Osten anrücken, um das Versionen mit dem zynischen Untertitel
die Fankanäle beliebter Rapper, in den Kreuz gegen den Halbmond zu tauschen. »Remove Kebab« ins Netz gestellt.
populären Zeitgeist ein. Sie landen in Fo- Auf den Waffen und Magazinen, die Glaubt man Tarrants »Manifest«, dann
ren wie 4chan oder 8chan, in Spielercom- Tarrant später zum Töten benutzte, tau- beschloss er im Frühjahr 2017, dass nur
munitys wie Discord oder Steam, auf Platt- chen etliche Namen christlicher Krieger Gewalt die endgültige Lösung sei. Damals
formen wie Global Fascist Fraternity, Fas- auf, die sich in den vergangenen gut tau- starb in Stockholm die elfjährige Ebba
cist Forge oder Ironmarch, eingebettet in send Jahren mit osmanischen Heeren Åkerlund auf dem Weg von der Schule,
eine rechte Netzkultur mit eigenen Codes schlugen. Tarrant stellte sich in eine Linie als ein 39-jähriger Usbeke einen Lkw in
und eigenem Habitus. Den Teilhabern fällt mit diesen Männern und versuchte wo- eine Menschenmenge fuhr. Ein paar Wo-
es oft schwer, zwischen Ernst und übler möglich so, seine Tat als Teil eines Jahr- chen später wurde Emmanuel Macron
Ironie zu unterscheiden, vielleicht gar zwi- hunderte währenden Schicksalskampfes französischer Präsident. Tarrant fuhr in
schen virtueller und analoger Welt. Wie zu verklären. dieser Zeit durch Frankreich.
ist der verstörende Applaus für die Dort, so schreibt er, habe er die
Liveübertragung einer brutalen Tö- Lage schlimmer erlebt, als er sie sich
tungsserie zu erklären? Offenbar ausgemalt habe. Er saß im Mietwa-
können oder wollen die Jubler zwi- gen vor einem Einkaufszentrum
schen Ego-Shooter und Massen- und sah überall »Eindringlinge«.
mord nicht mehr trennen. Auch die sexuellen Übergriffe zum
Mörder wie Breivik oder Tarrant Jahreswechsel 2015/16 in Köln er-
sehen sich als Avantgarde einer wähnt er. Er findet sie »schockie-
schwindenden Mehrheit. Schwer rend« und schreibt an die Täter: »Ihr
bewaffnet nehmen sie das Heft des werdet hängen.«
Handelns in die Hand, denn sie ha- »Der große Austausch«, nennt
ben die Apokalypse vor Augen. Tarrant sein Manifest. Es ist nicht
Während alle anderen nur quat- nur der Titel eines Buches des 1946
schen, schaffen sie blutige Fakten, geborenen französischen Autors
um die vermeintlichen Interessen Renaud Camus, es ist auch eine ideo-
der weißen Rasse zu verteidigen. logische Deutung der Moderne. Sie
Diese Verbohrtheit wirkt auf hat sich binnen weniger Jahre in al-
manch jungen Kopf, die dahinter- len rechten Netzwerken sowie im
steckende Ideologie jedenfalls spuk- parlamentarischen Populismus ver-
te durch die Köpfe so mancher Tä- breitet.
FRANCOIS LENOIR / REUTERS

ter der vergangenen Jahre. In den In Deutschland ist die Schimäre


USA wollte zuletzt ein Leutnant als »Umvolkung« bekannt, der is-
der US-Küstenwache Zivilisten in lamfeindliche Autor Akif Pirinçci
hoher Zahl töten. Er habe sich von nennt sein Buch so, der AfD-Frak-
Breivik dazu inspirieren lassen. tionschef im Bundestag, Alexander
Muss man sich diese Art von Gauland, schreibt in Pressemittei-
Massenmördern also einer ideolo- lungen von einem »Bevölkerungs-
gischen Familie zugehörig vorstel- Breiviks Manifest – austausch«. Man kann Menschen
len? Sind sie, ohne dass es einer Amalgam aus menschenverachtenden wie Camus oder Pirinçci oder Gau-
Organisation bedarf, terroristische Theoremen land nicht vorwerfen, sie seien für

14 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


die tödlichen Taten eines Mas-
senmörders verantwortlich.
Aber es sind die gleichen
Denkmuster, auf die sie sich
berufen.
In Camus’ Weltsicht gibt es
eine groß angelegte und be-
wusst herbeigeführte Bewe-
gung, um die »ursprüngliche«
europäische Bevölkerung
durch Araber und Afrikaner
zu ersetzen. Der Autor hält
den Massenmord an europäi-
schen Juden, die Shoah, für
kleiner als den angeblich ge-
planten »Genozid« an der in-
digenen europäischen Bevöl-
kerung.
Die europäische Zivilisa-
tion ist demnach in Gefahr,
weil der weiße Mann nicht
mehr Herr der Lage ist. Die
radikale Auslegung dieser
Ideologie mündet in Gewalt.
Angesichts der angeblich dro- S k i e n 1 0. 1. 2 0 1 7 – Der norwegische Massenmörder
henden Völkervernichtung ist Breivik zeigt am ersten Verhandlungstag in seinem Berufungsprozess
LISE ASERUD / AP

alles erlaubt, es gelten keine den Hitlergruß


Regeln und Gesetze mehr. Aus
Sicht der Terroristen und ihrer
Anhänger gibt es daher nur
Helden des Widerstands.
Nach dem Attentat in Neuseeland mel- scheen hätten mehr Besucher, so die Be- die Schnauze endgültig voll haben? Macht
det Camus sich in einem Tweet zu Wort. gründung. Wegen ihres Aussehens wür- mal hin da.«
Er empfiehlt »meinen muslimischen Freun- den die Gebäude im Fernsehen mehr Für Wissenschaftler Hartleb fehlt in
den«, sich in eine Art Festung auf islami- hermachen. Ein Gedanke, der sich durch Deutschland die angemessene Aufmerk-
schem Boden zurückzuziehen, denn er, sein gesamtes Manifest zieht: Wie erziele samkeit für dieses Phänomen, das fange
Camus, sei in großer Sorge um sie. Eine ich die maximale mediale Aufmerksam- schon bei den Behörden an: »Während bei
Sorge, die man auch als Drohung lesen keit? Als Tarrant nach seiner Festnahme islamistischen Tätern die Ideologie als zen-
kann. dem Haftrichter vorgeführt wird, formt traler Erklärungsansatz gilt, wird bei rech-
Als Brenton Tarrant nach seiner Europa- er ein »White Power«-Handzeichen: eine ten Tätern die rassistische Gesinnung oft
reise zurückkehrte, ließ er sich nicht in Geste weißer Extremisten, eine Triumph- als Nebenaspekt abgetan.« Wie bei David
Australien, sondern in Neuseeland nieder. botschaft an die klammheimlichen Be- Sonboly, dem Münchner Attentäter. Das
Er wählte Dunedin, eine Stadt im Süden wunderer. Motiv für die Morde des psychisch auffäl-
des Landes, entworfen von schottischen Der Rechtsextremismusforscher Florian ligen 18-Jährigen, so sah es die Polizei, sei
Kolonialisten nach dem Vorbild Edin- Hartleb ist sich sicher: »Eine solche Tat Rache gewesen, für jahrelanges Mobbing
burghs. Am Hafen gleiten Möwen durch hätte auch in Deutschland, Österreich oder in der Schule. Erst später deklarierten meh-
die Luft. An der Küste leben Pinguine und Schweden passieren können.« Schließlich rere Gutachter der Stadt München die Tat
Robben. Die größte Gruppe Einwanderer beziehe sich der Attentäter stark auf den als Hassverbrechen. Auch Hartleb gehörte
sind Briten. Verschwörungsdiskurs der Rechten in zu diesen Gutachtern.
Das Haus, in dem Tarrant gelebt hat, Europa. Zudem gibt es auch hierzulande Wo hört der Amoklauf auf, wo fängt
steht auf einem kleinen Hügel, nicht weit eine Szene, die den Australier für seine Terrorismus an? David Sonboly rief seinen
von einer Bucht entfernt. Es ist hell gestri- Tat feiert. »Richtig geil das Muselgesocks Opfern zu: »Ihr Ärsche seid selbst schuld,
chen, mit weißem Holzzaun. Am Briefkas- weggerotzt BAM BAM BAM«, schreibt ihr habt mich gemobbt!« Er brüllte zwi-
ten steht: »Keine Werbung«. einer am Tag danach auf der deutschspra- schen seinen tödlichen Schüssen aber auch:
Tarrant besaß einen Waffenschein. Er chigen Plattform Kohlchan. »Und das war »Ich bin hier geboren, wegen den Scheiß-
hatte einen Schlüssel zur Schießanlage im nur der Anfang«, fügt ein anderer hinzu. kanaken tue ich das!« Und: »Ich hasse
Bruce Rifle Club, wo er regelmäßig trai- »Wann passierts in der Megatürkenmo- euch Moslems!«
nierte. Er schoss mit einem Jagdgewehr schee in Köln? Ein paar SEK Beamte die Bereits ein Jahr vor den Morden zog
und einem halb automatischen Gewehr, Sonboly, selbst Sohn eines Iraners, über
die Waffen hatte er legal im Internet ge- »ausländische Untermenschen mit meist
kauft. Als er im Februar 2018 zum Klub »Bei rechten Tätern Türkisch-Balkanischen Wurzeln« her und
stieß, erinnert sich dessen Vizepräsident, sprach von »Kakerlaken«, die »ich exeku-
habe er das Schießen bereits beherrscht. wird die rassistische tieren werde«. Sein Pamphlet zeichnete
Erst sollte Dunedin das Ziel sein, Gesinnung er großspurig als »Manifest« und offenbar-
schreibt Tarrant, dann sei seine Wahl auf te, wer sein Mentor war: Als Profilbild bei
das viereinhalb Autostunden entfernte
oft als Nebenaspekt WhatsApp verwendete er ein Foto von
Christchurch gefallen, die dortigen Mo- abgetan.« Breivik. Es war der fünfte Jahrestag des

15
Wie gefährlich islamfeind-
liche Ideologie in Verbindung
mit dem Hass im Internet sein
kann, zeigt der Fall von Nino
K. Wenige Tage vor dem Tag
der Deutschen Einheit 2016
zündete er eine Rohrbombe
an einer Dresdner Moschee.
Auf seinem Rechner sam-
melte K. Internet-Meme, jene
kleinen Bilder, die bei ihm mit
menschenfeindlichen Sprü-
chen versehen waren. Auf ei-
nem ist Gott zu sehen, der an
einem Fließband Menschen
auf die Erde schickt und sagt:
»So, Hirn ist alle, jetzt gibt’s
nur noch Muslime.« Auf ei-
nem anderen ist ein Schlauch-
boot mit Flüchtlingen zu se-
hen, dazu der Satz: »Wo ist
der Weiße Hai, wenn man ihn
braucht?«
K. war auch für seine Ge-

MOHAMED ALY SHEHAB


sinnung auf der Straße unter-
M ü n c h e n 2 2. 7. 2 0 1 6 – Der Attentäter Sonboly auf einem Parkdeck, wegs, bei Pegida. Auf einer
nachdem er an einem Einkaufszentrum neun Menschen getötet hat der rechten Demos stieg er auf
die Bühne und schnappte sich
das Mikrofon: Merkel reiche
»der größten Massenvernich-
tungswaffe, dem Islamismus,
Massenmords in Norwegen, als Sonboly Parallelen zum Livevideo, das Brenton die Hand«, schrie er. Für ihre »Taten gegen
tötete. Tarrant aufgenommen hat. Was ist vir- das deutsche Volk« werde sie sich noch
Auf der Spieleplattform Steam tum- tuell, was ist echt? Die Unterschiede ver- verantworten müssen.
melte sich Sonboly in Foren, die Amok- schwimmen. Seine Rohrbombe beschriftete Nino K.
läufern und Attentätern huldigten und ge- Nach Protesten nahm Valve das Spiel mit »Mosche«, mit einem e, und zündete
gen die »Masseninvasion« muslimischer von seiner Plattform. Auch das Gesprächs- sie direkt an der Wohnungstür des Imams,
Flüchtlinge nach Europa agitierten. Ein forum für Amoktaten wurde offline ge- der dort mit Frau und Kindern lebte. Ihren
Rassist aus dem US-Bundesstaat New Me- stellt. Bis heute aber kann man dort Hul- Tod, so entschied ein Gericht, nahm er da-
xico, der mit Sonboly gechattet hatte, ver- digungen an rassistisch motivierte Atten- bei in Kauf, was er bestritt. In erster In-
lieh dem Mörder von München nach des- täter abrufen. Ein Nutzer namens Gorgon stanz wurde er zu knapp zehn Jahren Ge-
sen Attentat den Titel »Kebab-Entferner«. etwa schreibt, er werde Schwarze und Ju- fängnis verurteilt. »Nur durch großes
Ende 2017 erschoss der US-Amerikaner den »auslöschen«, und: »Wir werden eine Glück ist niemand gestorben«, sagt die Ne-
an einer Highschool selbst zwei Schüler Amokalypse starten, Brüder!!!!« benklageanwältin Kati Lang. Der Imam
mit lateinamerikanischen Wurzeln. Bei Manche verherrlichen das Attentat von zog nach dem Anschlag aus Sachsen weg,
einem anderen von Sonbolys Chatpart- Christchurch als besonders aufregendes die Familie ist bis heute traumatisiert.
nern fand die Polizei Anleitungen zum »Larping«. In der Spielerszene steht das »Dann knallen wir eine Moschee nach
Bau von Rohrbomben und große Mengen für »Live Action Role Playing«, also ein der anderen hoch und hängen die Schwei-
an Kleinkalibermunition. Extremismus- lebensechtes Rollenspiel. Es gibt sogar ne an Ort und Stelle auf«, notierten auch
forscher Hartleb, der die Verbindung des Seiten, die Rankings rassistischer Atten- die Rechtsterroristen der »Oldschool So-
Münchners zum amerikanischen Atten- täter veröffentlichen. Tarrant belegt dort ciety« (OSS) in einer Chatgruppe. Bis zu
täter entdeckt hat, spricht von »virtuellen, derzeit die Nummer vier, Nummer eins ist 1000 Nachrichten täglich tauschte die Neo-
weltumspannenden Terrornetzwerken«. Breivik. nazitruppe aus, unter anderem plante sie
Die Plattform Steam wird von dem Natürlich wird nicht jeder, der wie Son- Anschläge auf Flüchtlingsheime.
US-Unternehmen Valve betrieben, das mit boly mehr als 4000 Stunden den Ego- Ehe es aber zu einer Attacke kommen
»Counter-Strike« bekannt wurde, einem Shooter »Counter-Strike« gespielt hat, konnte, nahm das Bundeskriminalamt vier
frühen, brutalen Ego-Shooter. Valve ist der zum Killer. Andererseits wirkt das Netz mutmaßliche Führungskader fest. Verfas-
Marktführer für PC-Spiele-Downloads, oft wie ein Katalysator für toxische Ideen. sungsschutz und Polizei hatten einen
mit einem geschätzten Jahresumsatz von V-Mann in die geschlossenen OSS-Foren
mehr als vier Milliarden Dollar. einschleusen können: eine analoge Lösung
Im vergangenen Jahr geriet das Unter- Der neue Tätertyp für ein digitales Problem. »Wenn wir kei-
nehmen in die Schlagzeilen, weil bei nen Zugang zu der Gruppe gehabt hätten,
Steam ein Spiel namens »Active Shoo- ist um die 30, wäre uns die Aufdeckung nicht gelungen«,
ter« erschien. Dabei konnten Spieler in männlich und zum sagt ein Beamter. Ursprünglich hatte sich
die Rolle eines Amokläufers an einer die Gruppe bei Facebook gebildet, bevor
Schule schlüpfen. Sieht man sich das Spiel
Teil zuvor sie zu einem verschlüsselten Messenger-
und andere Ego-Shooter an, entdeckt man nicht aufgefallen. dienst wechselte.

16 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Titel

Auch die »Hooligans gegen Salafisten«, der »Reichsbürger« und »Prepper«, die Ausland kaum wertvolle Erkenntnisse,
kurz Hogesa, formierten sich in einer sich auf einen »Tag X« vorbereiten, an wenn es um Neonazis geht.« Dabei ist in
rechtsradikalen Facebook-Gruppe – und dem die staatliche Ordnung zusammen- den Behörden seit Langem klar, dass die
brachten dann später in Köln Tausende bricht. Auch sie entwickeln ihre apokalyp- Führungsfiguren der deutschen Szene in-
Teilnehmer auf die Straße. Die Polizei wur- tische Weltsicht oft in geschlossenen Chats. ternationale Kontakte pflegen.
de davon völlig überrascht. 45 verletzte Zugleich stoßen die Ermittler immer wie- Das Bundeskriminalamt hat auf die
Beamte und wilde Ausschreitungen in der der auf ganz reale Waffenlager. Bei einem neue Bedrohungslage von rechts reagiert
Innenstadt waren die Folge. Offenbar hat- »Reichsbürger« in Bayern fanden sie ne- und die Zahl der Ermittler erhöht. Der
ten die Ermittler nicht bemerkt, was sich ben einem geladenen Revolver und einem neue Chef des Bundesamts für Verfas-
im Netz zusammenbraute und ins echte Schrotgewehr Kunststofftonnen voller Le- sungsschutz, Thomas Haldenwang, will
Leben schwappte. In einer vertraulichen bensmittel. Er befürchte, dass die »Musel- die Rechtsextremismus-Abteilung um
Analyse kam das nordrhein-westfälische manen uns überrennen und Polizei und 50 Prozent aufstocken. Und der General-
Landeskriminalamt zum Ergebnis, dass Militär diese nicht mehr aufhalten könn- bundesanwalt in Karlsruhe schreitet bei
die Bewegung »keine einheitliche Grup- ten«, sagte der Mann. Terrorverdacht von rechts nun noch früh-
pierung«, sondern ein »heterogenes Bild zeitiger ein, wie zuletzt in Chemnitz, wo
mit Straftätern verschiedener Spektren« Für eine flächendeckende Kontrolle im Rechtsextremisten in einem konspirativen
darstelle. Die verbindenden Elemente: Internet aber fehlt das Personal. Zwar sind Chat vom »Bürgerkrieg« raunten.
Feindseligkeit gegen den Islam, Angst vor die Dienststellen für Rechtsextremismus Hochrangige Verfassungsschützer fürch-
Fremden, Brutalität und das Internet. bei Polizei und Verfassungsschutz besser ten dennoch, dass sich neue rechtsterro-
Mit der neuen Entwicklung halten die bestückt als die, die sich mit Linksextre- ristische Strukturen in Deutschland heraus-
Sicherheitsbehörden nur schwer Schritt. Zu mismus befassen. Im Vergleich zu den Er- bilden könnten. »Wir müssen wachsam
lange orientierten sie sich an den altbekann- mittlern islamistischen Terrors sind sie je- sein«, sagt der Leiter eines Landesamts.
ten Strukturen der rechtsextremen Szene. doch deutlich in der Minderzahl. Die Prio- »Nach unserer Bewertung ist das militante
Sie beobachteten Kameradschaften und Par- risierung der Politik ist seit 9/11 eindeutig: Personenpotenzial erheblich. Es reicht
teien, Szenetreffs und Straßendemos. Doch Spricht sie von Terrorgefahr, meint sie vor möglicherweise ein einzelnes Ereignis als
die Terrorgefahr von rechts ist unberechen- allem die, die von Islamisten ausgeht. Initialzündung, um schwerste Gewaltakte
barer, seit das Internet zum zentralen Ver- Auch die internationale Zusammenar- auszulösen.« Das kollektive Versagen, den
sammlungsort geworden ist. In einem ver- beit ist diffizil. Deutschland hat wegen sei- »Nationalsozialistischen Untergrund« recht-
traulichen Bericht an den Bundestag beklag- ner Geschichte die strengsten Gesetze, was zeitig zu erkennen, hat man nicht verges-
te das Bundesamt für Verfassungsschutz im rechtsradikale Hetze anbelangt. »Gerade sen. Und die Resonanz unter deutschen
Februar, dass »die Bearbeitung rechtsterro- im angelsächsischen Raum fallen viele Äu- Rechtsextremisten auf den Attentäter von
ristischer Ansätze« in den vergangenen Jah- ßerungen im Netz unter die Meinungsfrei- Christchurch nährt diese Bedenken.
ren »deutlich arbeits- und personalintensi- heit, während sie bei uns strafrechtlich ver- Was passiert, wenn man die Gefahr
ver« geworden sei. Weil sich potenzielle Ge- folgt werden müssten«, sagt ein Staats- rechtsextremer Gewalttäter zu lange aus
walttäter oft nicht mehr in klassischen schützer. »Ich erwarte mir daher aus dem den Augen verliert, kann man in den USA
rechtsextremen Strukturen beweg-
ten, entstünden »Probleme in der
weiteren Beobachtung und Aufklä-
rung« durch die Geheimdienste.
Der neue Tätertypus sei meist um
die 30 Jahre alt, männlich und zu
einem beträchtlichen Teil den Be-
hörden zuvor noch nicht aufgefal-
len. Sein Weltbild bastele er sich oft
aus verschiedenen rechten Ideologie-
elementen, Versatzstücken und Ver-
schwörungstheorien zusammen.
Der Hass richte sich vor allem gegen
Asylbewerber und Muslime.
Der Fokus der Überwachung
müsse deshalb noch stärker »auf
rechtsextremistische Internetaktivi-
täten gerichtet werden, da hier hohe
FILIP SINGER / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

Risiken in Bezug auf Radikalisie-


rung, Mobilisierung und Konspira-
tion bestehen«, heißt es in dem ver-
traulichen Geheimdienstbericht.
Wissenschaftler wie der Londoner
Politologe Peter Neumann drängen
darauf, sich das Phänomen gründ-
licher anzusehen. »Bislang hat noch
keine Behörde und keine Studie das
Verhältnis von Onlinekommenta-
ren und Offlineverhalten schlüssig
erklärt«, sagt Neumann. C h e m n i t z 2 7. 8. 2 0 1 8 – Rechtsextreme und Hooligans
Eine Besonderheit unter den Is- demonstrieren, nachdem ein Deutschkubaner mutmaßlich von
lamhassern ist die wachsende Szene Flüchtlingen getötet wurde

17
beobachten: Laut den Angaben der Anti- pel und geben zugleich Journalisten Inter-
Defamation League haben rechtsextreme
Eine toxische views.
Gewalttäter dort seit dem 11. September Melange aus frus- Schritt für Schritt wird die Schwelle zum
2001 deutlich mehr Menschen getötet als trierten Maulhelden Terrorismus kleiner. In der Folge der Neo-
andere terroristische Gruppierungen. Im nazimärsche von Charlottesville erklärte
Jahr 2017, dem ersten Amtsjahr Donald und psychisch FBI-Direktor Christopher Wray in einer
Trumps, waren rund 60 Prozent aller Ter- labilen Fanatikern. Anhörung vor dem US-Kongress, dass sei-
roranschläge in den USA durch rechts- ne Behörde ungefähr tausend offene Er-
extreme Ideologie motiviert, rassistisch, mittlungsverfahren gegen inländische Ter-
antisemitisch oder homophob. Die Global Innenstädten ankam. Nachdem sie so viele rorverdächtige führe. Das seien genauso
Terrorism Database zählte in den USA Jahre im Internet verbracht hatten, oftmals viele wie gegen mutmaßliche Mitglieder
2006 nur 6 Anschläge, 2017 aber schon eng verbunden mit der Computerspiel- des »Islamischen Staats«.
65, die 95 Menschenleben forderten. szene, sahen die neuen Rechten aus wie Man kann die Entwicklung in den USA
36 dieser Angriffe werden rechten Grup- Fantasyfiguren. Sie trugen Motorradhel- als Folie für das betrachten, was in
pierungen zugeschrieben, sie kosteten me, Rüstungen, manche auch »Make Ame- Deutschland noch kommen kann. Erste
11 Menschen das Leben. rica Great Again«-Kappen. »Alt Right« Vorboten gibt es schon. »Wir wollen den
Für diese vermehrte rechte Gewalt gab werden sie genannt. totalen Bürgerkrieg«, heißt es in einer
es in den vergangenen zehn Jahren eine Die allermeisten von ihnen sind keine E-Mail an einen potenziellen Terroristen.
Anzahl von Gründen: Die Wahl Barack Terroristen. Aber auch keine »sehr guten Die verschlüsselte Nachricht, gesendet
Obamas zum ersten schwarzen Präsiden- Leute«, wie Präsident Trump sie im Nach- im vergangenen Juli, lautete weiter: »Un-
ten hat Rassisten befeuert wie kaum ein gang der Nazimärsche von Charlottesville ser Schwerpunkt liegt auf Gewalt und Tö-
anderes Ereignis zuvor. Zugleich waren unter ihnen ausgemacht haben wollte. Vie- ten sowie Propaganda, die zu solcher Ge-
über Jahre Foren im Internet unbeachtet le sind durchaus gewaltbereit. walt und solchem Töten führt.« Gewalt
geblieben, in denen sich Rechtsextreme Die Eskalation hin zu Schüssen und zum Erhalt des Volkes, ein Rassenkrieg,
unkontrolliert organisieren konnten. Bomben und Toten vollzieht sich in den darum gehe es. Dafür brauche man mög-
Schließlich schuf die Wahl Trumps zum USA über zwei Stufen. Auf der ersten tau- lichst viele Männer. »Wir hoffen auf eine
Präsidenten ein gesellschaftliches Klima, chen Populisten und Hetzer auf. Leute wie langfristige Zusammenarbeit mit Dir, die
das es den nun zum Teil sehr gut organi- der amtierende US-Präsident, der die rech- in Zukunft weit über Propaganda hinaus-
sierten rechtsextremen Netzwerken er- ten Demonstranten in Charlottesville ver- gehen kann«, schrieb der Rekrutierer und
möglicht, aus den Tiefen des Internets teidigt und den rechtsextremen Hetzern schloss mit den Worten: »Sieg Heil! Viele
auch auf Amerikas Straßen aufzutauchen. so signalisiert hat, dass das, was sie da tun, Grüße!«
Es war ein ungewohntes Bild Anfang kein Tabu mehr sei. In der zweiten Eska- Die E-Mail wurde in fehlerfreiem
2017, als die neue radikale Rechte der USA lationsphase schwingen Leute der Alt- Deutsch verfasst, ohne Zweifel von einem
plötzlich an den Universitäten und in den Right-Bewegung auf offener Straße Knüp- Muttersprachler. Die Identität des Absen-
ders ist unklar. Fest steht: Die
Person ist Mitglied der »Atom-
waffen Division Deutsch-
land«, eines Ablegers des US-
amerikanischen Neonazinetz-
werks »Atomwaffen Division«
(AWD).
Im Jahr 2015 hatte sich die
Gruppe im einschlägigen In-
ternetforum »Ironmarch.org«
gegründet. Zunächst war die
AWD nur internetaffinen Ein-
geweihten bekannt, sie galt als
ein Netzphänomen. Doch in
diesem virtuellen Raum pro-
duziert sie Anhänger vom sel-
ben Typus wie der Attentäter
aus Christchurch: junge Män-
ner, die es nicht bei starken
Sprüchen im Internet belas-
sen, sondern auch im echten
Leben bereit sind zu handeln,
will heißen, zu morden.
Fünf Menschen fielen jun-
gen Männern aus dem AWD-
Umfeld in den USA bislang
zum Opfer. Darunter der jüdi-
sche, homosexuelle Student
Blaze Bernstein, der im ver-
RYAN M. KELLY / AP

gangenen Jahr mutmaßlich


von dem AWD-Mitglied
C h a r l o t t e s v i l l e 1 2. 8. 2 0 1 7 – Ein rechtsradikaler Attentäter rast Samuel Woodward in einem
mit seinem Auto in eine Gruppe linker Gegendemonstranten Park in Kalifornien getötet
wurde. Woodward, ein ehemaliger
Schulkamerad des Opfers, steht we-
gen Mordes in den USA zurzeit vor
Gericht. Die Staatsanwaltschaft
spricht von einem Hassverbrechen,
Woodwards Anwalt von einer psy-
chischen Störung seines Mandan-
ten. Den Anhängern der AWD ist
das einerlei, sie idealisierten den Tä-
ter, ein neues Vorbild war geboren.
Die AWD-Welt ist dem Troll-Kos-
mos des Brenton Tarrant aus Aus-
tralien verblüffend ähnlich: eine to-
xische Melange aus frustrierten
Maulhelden, ideologisierten Netz-
kriegern und psychisch labilen Fa-
natikern. Die Taten rechtsradikaler
Mörder oder auch Amokläufer, egal
wo auf der Welt, werden von AWD-
Anhängern online gefeiert, in den
szenebekannten Foren, mit men-

SPENCER PLATT / AFP


schenverachtendem Humor. »Glau-
be an etwas. Auch wenn das heißt,
alles zu opfern«, schrieben AWD-
Sympathisanten in einem Meme
kurz nach dem Anschlag in Neusee-
land auf ein Foto ihres neuen Hel- D r a k e t o w n 2 1. 4. 2 0 1 8 – Aufmarsch mit Hakenkreuz
den Brenton Tarrant. Darunter des National Socialist Movement, einer der größten Neonazi-
montierten sie das Logo der Sport- organisationen der USA
bekleidungsfirma Nike mit deren
Werbespruch »Just do it« – tu es
einfach.
Egal ob Anschläge, Morde oder Massa- das mutmaßliche AWD-Mitglied Benjamin ein Maskierter zum »letzten Kampf in
ker: Alles, was der heutigen Gesellschaft Bogard in Texas. In einem Video, in dem Trümmern« auf, »der bald kommen wird«.
schadet, wird von der »Atomwaffen Divi- der junge Mann eine Totenkopfmaske Im November versteckten AWD-Anhän-
sion« gefeiert. Nachahmer sind ausdrück- trägt, fuchtelt er mit einer Shotgun herum. ger Werbeflyer in Büchern einer Unibiblio-
lich erwünscht. »Sie wollen, dass die Ge- »Nimm deine Shotgun, stell dich an den thek in Berlin. »Deutsche Studenten! Miß-
sellschaft kollabiert«, sagt der Extremis- Straßenrand, lade durch, ziele auf sie, und braucht euren Geist nicht länger in den
musforscher Keegan Hankes vom Sou- drück ab! Heil Hitler!«, spricht Bogard in Diensten der Volksfeinde!«, ist auf den
thern Poverty Law Center in Alabama, die Kamera. Zetteln zu lesen. Eine aufgedruckte E-Mail-
der sich seit Jahren mit der Neonazigrup- US-Medienberichten zufolge soll er sich Adresse über einem Bild zweier bewaff-
pe beschäftigt. »Egal ob Drogendealer im Internet zudem nach Bombenbauanlei- neter Maskierter dient als Kontaktmög-
mehr Stoff verkaufen oder ob Banken kol- tungen erkundigt und nach Fotos des At- lichkeit.
labieren – jegliche Art von Verkommen- tentäters Dylann Roof gesucht haben. BKA und Verfassungsschutz tauschten
heit oder Zerstörung soll gefördert wer- Roof hatte 2015 neun Schwarze während sich über das deutsche AWD-Video aus,
den.« Die Ziele der AWD sind denen eines Gottesdienstes in Charleston, South die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main
des Massenmörders in Neuseeland recht Carolina, erschossen. Seit dem Anschlag ermittelt in dem Fall wegen des Verbrei-
ähnlich: Mit Anschlägen soll ein Bürger- ist der Attentäter ein weiterer Säulenheili- tens von Propagandamitteln verfassungs-
krieg provoziert werden, die »weiße ger der rechten Netzkrieger, auch der Mas- widriger Organisationen. Täter konnten
Rasse« gegen den Rest, dafür ist jedes Mit- senmörder von Christchurch nannte ihn allerdings auch neun Monate nach Veröf-
tel recht. in seinem Manifest. fentlichung des Videos noch nicht identifi-
In Chaträumen der AWD kursiert ein Die Aktivitäten der AWD beschränken ziert werden. Auf eine Kleine Anfrage der
»White Resistance Manual«. Ein 340 Sei- sich längst nicht mehr auf die USA, die Linken erklärte die Bundesregierung im
ten langes Dossier, in dem zum »führer- Szene hat sich internationalisiert und ist Juli, es gebe bei der »Atomwaffen Divi-
losen Widerstand« aufgerufen wird und damit kaum zu kontrollieren. Die Hetze sion« keinerlei Anhaltspunkte für eine ter-
das zeigt, wie man Bomben baut. Die idea- gegen Juden, Homosexuelle, Schwarze roristische Vereinigung.
len Anschlagsziele werden mitgeliefert: und Muslime findet auf einschlägigen Platt- Jörg Diehl, Alexander Epp, Ullrich Fichtner,
Kraftwerke, Trinkwasserlager, Mobilfunk- formen wie Discord oder Wire statt und Laura Höflinger, Roman Höfner,
masten: die kritische Infrastruktur der Ge- dient der Rekrutierung neuer Sympathi- Martin Knobbe, Roman Lehberger, Philipp
sellschaft. santen für ein globales Netzwerk. Ableger Oehmke, Jan Puhl, Marcel Rosenbach,
So reifen menschliche Zeitbomben he- der AWD oder Gruppen, die dem Netz- Britta Sandberg, Wolf Wiedmann-Schmidt
ran, oftmals unbemerkt von Polizei oder werk nahestehen, gibt es mittlerweile in
Geheimdiensten. Mit geschätzt 80 bis Großbritannien, den Niederlanden, Aus- Video
Die »Atomwaffen
100 Mitgliedern in den USA ist die AWD tralien, Kanada und Deutschland. Division«
keine Massenbewegung, aber es wäre fatal, Im Juni veröffentlichte die »Atomwaf- spiegel.de/sp132019rechte
das Milieu als reines Internetphänomen fen Division Deutschland« ein Propagan- oder in der App DER SPIEGEL
abzutun. Ende Februar verhaftete das FBI davideo. Vor einer Hakenkreuzflagge ruft

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 19


Deutschland
Das AfD-Geschäft, so der Strohmann, habe sich als »Griff in einen großen Misthaufen« erwiesen. ‣ S. 24

VOLKER DZIEMBALLA
Schüler einer Ganztagsschule im hessischen Hochheim

Bildung

Schule am Nachmittag hilft dem Arbeitsmarkt


Bessere Bildungschancen für sozial benachteiligte Kinder
 Der Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschüler könnte allem Ersteres dürfte schwer zu bekommen sein: In nahezu allen
sich volkswirtschaftlich rechnen. Das geht aus einer bisher unver- Bundesländern fehlen Lehrkräfte und Erzieher.
öffentlichten Modellstudie der Bertelsmann Stiftung vor. »Die Die Forschergruppe errechnete, dass mit einer Anschubfinan-
verbesserte Schulkindbetreuung unterstützt das Bemühen von zierung von rund vier Milliarden Euro bis zu einer Million zusätz-
Müttern, ihre Arbeitszeit auszuweiten und ihren Stundenlohn zu liche Betreuungsplätze entstehen könnten. Der Ganztagsschul-
steigern«, heißt es in dem Papier. Bis zu 54 800 Vollzeitstellen ausbau sei derzeit neben dem Digitalpakt das wichtigste schuli-
könnten dadurch bis 2030 besetzt werden, schätzt die Forscher- sche Reformprojekt, sagt Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger. Vor
gruppe um die Ökonomen Tom Krebs (Mannheim) und Martin einigen Wochen hatten sich Bundestag und Bundesrat auf eine
Scheffel (Karlsruhe). Das beschere dem Staat in absehbarer Zeit Änderung des Grundgesetzes geeinigt, die eine Zusammenarbeit
Mehreinnahmen, mit denen sich die nötigen Investitionen refi- von Bund und Ländern bei bildungspolitischen Projekten ermög-
nanzieren ließen. Eine bessere Nachmittagsbetreuung könnte licht. Nach dem Digitalpakt Schule könnte nun der Ausbau des
zudem die Bildungschancen sozial benachteiligter Kinder erhö- Ganztagsangebots folgen. Die GroKo-Regierung hat in ihrem
hen, so die Wissenschaftler. Voraussetzung dafür seien allerdings Koalitionsvertrag einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung
qualifiziertes Personal und gute pädagogische Angebote. Vor für Grundschüler ab dem Jahr 2025 angekündigt. OLB

Finanztransaktionsteuer Abgabe, die künftig bei jedem Kauf eines reich, Belgien und Portugal, sind mit 11 Pro-
Anteilsscheins einer großen Aktiengesell- zent dabei. Die Mittel sollen zudem in
Milliarde aus Deutschland schaft fällig werden soll, in Deutschland Teilen auf die Beiträge der Staaten zum
 Die Bundesrepublik wird den mit rund eine Milliarde Euro einspielen. Das EU-Haushalt angerechnet werden, heißt es
Abstand größten Beitrag zur geplanten sind gut 31 Prozent des Gesamtaufkom- in dem Papier. Über den entsprechenden
Finanztransaktionsteuer liefern, die zehn mens von knapp 3,4 Milliarden Euro. Schlüssel wird unter den beteiligten Regie-
Staaten der Europäischen Union gemein- Frankreich, wo die Steuer bereits erhoben rungen freilich noch verhandelt. Deren
sam einführen wollen. Das geht aus einer wird, soll gut 24 Prozent beisteuern, Italien Finanzminister hatten sich bei ihrer Sit-
Aufstellung der EU-Kommission für den rund 19 Prozent, Spanien knapp 15 Pro- zung Anfang März grundsätzlich darauf
Finanzministerrat hervor. Danach soll die zent. Die übrigen Länder, darunter Öster- verständigt, die Steuer einzuführen. MSA, REI

20 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Steuerbetrug Schäfer: Da werden durchaus größere Carsharing
»Das ist kein Kleinvieh« Millionenbeträge durchgeschleust. Das
sehen wir in den Panama-Papers, die
Warten statt Parken
Der hessische Finanzmi- gerade in Hessen ausgewertet werden.  Bundesverkehrsminister Andreas
nister Thomas Schäfer, Das ist kein Kleinvieh. Scheuer (CSU) ist im Verzug mit einem
53 (CDU), fordert im SPIEGEL: Und für die Ermittlungen muss Parkplatzschild für Carsharing-Autos.
Bundesrat, dass Beamte man wirklich Telefone abhören? Obwohl das Inkrafttreten des Carsha-
BERT BOSTELMANN / LAIF

im Kampf gegen Steuer- Schäfer: Bei solchen Geschäften treffen ring-Gesetzes schon anderthalb Jahre
hinterziehung künftig sich die Leute nicht mehr in Hinterzim- zurückliegt und die Branche boomt,
auch Telefone und mern. Das geht über elektronische Kanä- fehlt das nötige Parkschild in der Stra-
Internetverbindungen le zwischen mehreren Beteiligten. Bei ßenverkehrsordnung. Die Anbieter des
anzapfen können. bandenmäßigem Umsatzsteuerbetrug Services warten händeringend darauf,
darf die Kommunikation heute schon vor allem in Großstädten die Verkehrs-
SPIEGEL: Müssen deutsche Steuerzahler überwacht werden. Und nach einem zeichen aufhängen zu kön-
fürchten, dass das Finanzamt demnächst Gesetzentwurf der Bundesregierung soll nen. In einem Brief an
mithört, wenn sie mit ihrem Steuerbera- der Zoll ähnliche Befugnisse bekommen, Scheuer warnt der Bundes-
ter telefonieren? um gegen Schwarzarbeit vorzugehen. verband Carsharing, dass
Schäfer: Ausdrücklich nein. Wer bei der Ich finde, dass die Steuerfahndung nicht die Kommunen den Start
Kilometerabrechnung schummelt, muss schlechter ausgestattet sein sollte, wenn neuer Projekte für gemein-
ganz sicher nicht damit rechnen, dass es um diese schweren Fälle geht, die wir schaftlich genutzte Autos
sein E-Mail-Verkehr abgefangen wird. im Auge haben. aussetzen würden, weil sie
Wir wollen dieses Instrument auf beson- SPIEGEL: Am Ende wird das Fernmelde- »auf die Veröffentlichung
ders schwere Fälle der Steuerhinterzie- geheimnis immer weiter eingeschränkt. des bereits vor langer Zeit
hung beschränken. Wo sehen Sie die Grenze? angekündigten amtlichen Parkschild-
SPIEGEL: Welche Fälle sind gemeint? Schäfer: Wir haben in Deutschland ein Verkehrszeichens warten«. Entwurf
Schäfer: Wir denken etwa an sogenannte bewährtes System: Auch nach einer Ein Entwurf des Ministeri-
Cum-Ex-Geschäfte, bei denen durch Gesetzesänderung würde die Steuer- ums für das Schild zeigt vier menschli-
Aktienleerverkäufe rund um den Dividen- fahndung nicht allein entscheiden, ob che Silhouetten und ein Auto, das in
denstichtag im großen Stil Steuern hinter- eine Überwachung gerechtfertigt ist. der Mitte durchgeschnitten ist – ganz
zogen wurden. Oder an den Geschäfts- Die Fahnder müssen einen Antrag bei als handle es sich hier um einen Not-
mann, der seit Jahrzehnten Schwarzgeld Gericht stellen, dann entscheidet ein halteplatz für kaputte Pkw. Die Grünen,
in der Schweiz hat und nun aus Angst vor unabhängiger Richter. Wir dürfen von Scheuer als Verbotspartei
Entdeckung mit seinem Steuerberater nicht tatenlos dabei zusehen, wie Straf- geschmäht, ermahnen diesen, ein ver-
und möglicherweise auch mit seiner Bank täter die technischen Möglichkeiten ständliches Piktogramm gestalten zu
und einer Anwaltskanzlei verabredet, die- immer stärker für ihre Zwecke nutzen lassen. »Verkehrsminister Scheuer
ses Geld in ein Drittland zu verschieben, und wir nicht mithalten können. Wenn redet viel über die Zukunft der Mobili-
ein sogenanntes Steuerparadies. das Entdeckungsrisiko zu gering tät. Wenn Maßnahmen anstehen, wird
SPIEGEL: Um welche Beträge kann es da ist, wird die Verlockung zur Straftat es dann aber sehr ruhig«, sagt Grünen-
gehen? größer. MAB Verkehrsexperte Oliver Krischer. GT

Dammbruchkatastrophe lich, die »endgültige Situation der Anlage« Registers über Arbeiten, die anders durch-
nach dem Bau der ersten, insgesamt geführt wurden als ursprünglich geplant.
Versagte deutscher TÜV 60,5 Meter hohen Schichten zu beurtei- Am 25. Januar war der nunmehr 86 Meter
in Brasilien? len, heißt es im Gutachten. Eine Doku- hohe Damm gebrochen. Er begrub unter
mentation habe lediglich für die nach dem anderem eine Kantine unter sich, in der
 Nach dem Dammbruch im brasiliani- Jahr 2003 hinzugekommenen vier Schich- Minenarbeiter gerade zu Mittag aßen.
schen Brumadinho, bei dem im Januar ten vorgelegen. Zudem beklagten die Der TÜV teilt mit, das neue Gutachten
mehr als 200 Menschen ums Leben internen Prüfer das Fehlen eines präzisen beschreibe den Zustand des Damms zum
kamen, gerät der TÜV Süd weiter Zeitpunkt seiner Begutachtung,
unter Druck. Brasilianische Mit- und verweist auf externe Exper-
arbeiter des deutschen Prüfunter- ten, die »den tragischen Damm-
nehmens hatten die Sicherheit bruch untersuchen«. Sollten die-
des Damms vier Monate vor dem se ein Fehlverhalten von TÜV-
ANTONIO LACERDA / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

Unglück zertifiziert. Laut dem Süd-Mitarbeitern feststellen,


265-seitigen TÜV-Gutachten zu werde man »die notwendigen
Damm 1, das dem SPIEGEL vor- Konsequenzen ziehen«. Laut
liegt, fehlten den örtlichen Prü- internen Dokumenten hatten
fern allerdings wesentliche Unter- die brasilianischen TÜV-Inspek-
lagen zur Beschaffenheit des seit toren bereits 2017 Zweifel an
1976 schichtweise errichteten Erd- der Sicherheit des Damms geäu-
damms. Für die ersten sechs ßert und diverse Mängel aufge-
Schichten hatte das Bergbauunter- listet. Trotzdem vergab der
nehmen Vale demnach keine TÜV das Prüfsiegel. Die brasi-
»As-built«-Dokumente vorgelegt. lianische Staatsanwaltschaft
Es war dem Team daher nicht mög- Folgen des Dammbruchs in Brumadinho ermittelt. CHE, GUD, SSU

21
IS-Anhänger zen dort inzwischen 59 Islamisten mit Linkenpropaganda
Mehr deutsche Gefangene deutschem Pass in Gefängnissen oder Gute Katja,
Internierungslagern ein. Drei Viertel von
 Bei Gefechten um die letzte IS-Enkla- ihnen sind Frauen. Hinzu kommen schlechte Sahra
ve in Syrien sind offenbar auch zahlrei- knapp 60 deutsche Kinder, die meist mit
che Deutsche in Gefangenschaft geraten. ihren Müttern festgehalten werden. Der  Pünktlich zum Europawahlkampf
Nach Zählung der Bundesregierung sit- Bundesnachrichtendienst konnte viele hat die Parteizentrale der Linken eine
der Islamisten in Syrien Anleitung verteilt, wie man sich kor-
befragen. Gegen 20 rekt fotografieren lässt. Der Schnell-
Deutsche liegen inzwi- kurs in Sachen Bildsprache ging an
schen auch Haftbefehle aussichtsreiche Listenkandidaten.
des Bundesgerichtshofs Punkt 1: »Was
oder der Länderjustiz wollen wir aus-
vor. Die Kurden, die strahlen?«, Ant-
einen Großteil der IS- wort: »Wir sind
Anhänger festhalten, die beste der Par-
drängen darauf, dass die teien, mit den

CHRIS HUBY / LE PICTORIUM / STUDIO X


jeweiligen Heimatländer coolsten Leuten.
ihnen die Gefangenen Bei uns ist echt
abnehmen. Berlin ist was los und alle
nach wie vor zurückhal- haben immer
tend, eine konzertierte Spaß.« Illustriert
Rückholaktion gilt als wird das mit
ausgeschlossen. Nur in einem Foto der
Einzelfällen soll es Über- Parteivorsitzen-
Transport von IS-Anhängerinnen mit Kindern in Syrien stellungen geben. WOW den Katja Kip-
ping und Bernd
Riexinger beim
Wahlkampf in
Grenzkontrollen gen antwortenden Person »kriminelle einer Fußgänger-
Klage wegen EU- Absichten« erkennen können und den zone. Das Foto
Beamten bei der Grenzkontrolle einen ist mit einem grü-
Lügendetektor »Risikowert« anzeigen. Bislang verläuft nen Haken mar-
das Forschungsvorhaben allerdings weit- kiert: alles rich-
 Der Spitzenkandidat der Piratenpar- gehend intransparent. Als Grund nennt tig. Unter Punkt Kipping, Riexinger,
tei für die Europawahl, Patrick Breyer, die EU-Kommission den Schutz der 3 erklärt das Wagenknecht (im
verklagt die EU-Kommission wegen der kommerziellen Interessen beteiligter Karl-Liebknecht- Wahlkampfmanual)
im Detail geheimen Forschung an einem Unternehmen. Breyer hat nun beim Haus, wie man es
Video-Lügendetektor. Die EU lässt im Gericht der Europäischen Union in auf keinen Fall machen solle: Köpfe
Zuge des Forschungsprojekts »iBor- Luxemburg Klage auf Offenlegung von von Personen nie in der Bildmitte plat-
derCtrl« durch europäische Unterneh- Projektunterlagen und -berichten einge- zieren, sondern im obersten Drittel.
men und Forschungsinstitute, darunter reicht, auch zur ethischen und rechtli- Als Negativbeispiel, versehen mit
auch die Leibniz Universität Hannover, chen Bewertung der Technologie. Ein rotem Kreuz, dient eine Aufnahme der
Detektoren entwickeln, die künftig bei überwiegendes öffentliches Interesse Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagen-
Einreisekontrollen eingesetzt werden daran ergebe sich schon daraus, dass das knecht. Wagenknecht, die eigentlich
sollen. Geplant ist, dass Bürger aus Projekt »Grundfragen des Einsatzes als fotogen gilt, befindet sich seit Jah-
Drittstaaten künftig bei der Grenzkon- ›künstlicher Intelligenz‹ und nach deren ren im Streit mit der Parteispitze und
trolle oder schon von zu Hause aus vor Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hatte zuletzt angekündigt, künftig aus
der Webcam eine Art Lügendetektor- aufwirft«. Das Gesamtprojekt wird mit gesundheitlichen Gründen kürzerzu-
Test absolvieren. Das videobasierte Sys- 4,5 Millionen Euro gefördert und soll treten. Ihre Anhänger hatten Mobbing
tem soll anhand der Mimik der auf Fra- bis August abgeschlossen sein. HIP gegen sie beklagt. ABE

Chemnitz sie Spekulationen rund um den Prozess


Richter kritisieren Politik an und erweckt zumindest den
Anschein, die Politik wolle öffentlichen
 Der Deutsche Richterbund hat die Druck und Einfluss auf das Gericht aus-
Politik eindringlich davor gewarnt, sich üben. Das schwächt das Vertrauen in
mit öffentlichen Äußerungen in Straf- die Arbeit der unabhängigen Justiz und
MICHAEL TRAMMER / IMAGO

verfahren einzumischen. Es sei nicht hilf- in den Rechtsstaat«, sagt Rebehn. Im


reich, wenn etwa Chemnitz’ Oberbürger- Prozess wird eine tödliche Messer-
meisterin Barbara Ludwig im Totschlags- attacke auf einen 35-Jährigen verhan-
prozess gegen einen Syrer öffentlich delt, unter Verdacht steht ein syrischer
kundtue, ein Freispruch sei für die Stadt Mann. Die Tat führte im vergangenen
schwierig, sagt der Geschäftsführer des August zu Aufmärschen von Rechtsra-
Verbands, Sven Rebehn. »Damit heizt Ludwig dikalen und zu Gegenprotesten. RAN

22 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


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Deutschland

Die Costa-Brava-Masche
Affären Im Spendenskandal seiner Partei gerät AfD-Chef Jörg Meuthen zunehmend unter Druck:
Angebliche Wahlkampf-Finanziers entpuppen sich als gekaufte Strohmänner,
dem Bundestag wurden offenbar gleich mehrere gefälschte Unterstützerlisten vorgelegt.

D
as unmoralische Angebot ereilte Die Swiss Connection der AfD – nun auch noch eine Strohmann-Affäre
Peter Schneider* in entspannter ins Haus. In deren Zentrum steht mit Meu-
Wahlkampagne der Schweizer PR-Agentur Goal AG
Urlaubsatmosphäre. An der son- then ausgerechnet der AfD-Spitzenkandi-
zugunsten von Jörg Meuthen im baden-württem-
nigen Costa Brava, unweit des bergischen Landtagswahlkampf (Frühjahr 2016) dat für die Europawahl.
Ferienparadieses Lloret de Mar, hatte der Die AfD sieht sich selbst als »die einzige
Kaufmann im vergangenen Sommer einen Rechtsstaatspartei in Deutschland«. Seit
alten Bekannten aus Süddeutschland ge- ihrer Gründung wettern ihre Politiker ge-
troffen. Man sprach über ein Geschäfts- drohende gen das Finanzgebaren der vermeintlich
Strafzahlungen
modell der besonderen Art: Schneider 89 800 € (dreifacher Wert) verkommenen »Altparteien«. Nun steckt
könne ohne große Mühe »einen Tausi« die »Alternative für Deutschland« selbst
verdienen, wenn er im Gegenzug seinen für Inserate, in einem Sumpf aus fragwürdigen Spen-
Namen für eine nicht ganz lupenreine Flyer, Plakate den und dubiosen Geldgebern. In mehre-
und Grafik
Spendenangelegenheit hergeben würde. ren Bundesländern und in der Schweiz be-
Kaufmann Schneider, der in geschäft- angeblich schäftigen die Vorgänge auch die Justiz.
lichen Dingen wenig Berührungsängste 10 Einzelspender Ausgangspunkt der neuen Affäre ist
mit der deutschen Justiz hat, willigte ein. eine umstrittene Werbekampagne, die
Wunschgemäß bestätigte er, für die Wahl- 269 400 € Meuthen 2016 den Weg in den baden-
kampfkampagne eines gewissen Jörg Meu- württembergischen Landtag ebnen sollte.
then eine hohe vierstellige Summe zur Ver- Organisiert wurde sie von der Schweizer
fügung gestellt zu haben. Nachdem Schnei- PR-Firma Goal AG, die von dem deut-
der eine entsprechende Erklärung unter- Wahlkampagne der Schweizer PR-Agentur Goal AG schen Politwerber Alexander Segert gelei-
zeichnet hatte, sei der versprochene Lohn zugunsten von Guido Reil im nordrhein-west- tet wird, einem Freund Meuthens.
geflossen, berichtet er. Daheim in Deutsch- fälischen Landtagswahlkampf (Frühjahr 2017) Aus dem Umfang und Wert der Kampa-
land habe er dann die 1000 Euro erhalten, gne hatten die Freunde lange ein Geheimnis
»in cash«. gemacht – bis Meuthen jüngst mit überra-
An die spanische Urlaubsepisode erin- 44500 € schenden Neuigkeiten aufwartete: In einem
nert sich der Kaufmann heute nur noch Interview mit der »Welt« räumte der AfD-
für Werbe-
ungern: Als ihn Reporter des SPIEGEL und briefe,
Chef nicht nur ein, dass die Wahlkampfhilfe
des ARD-Politikmagazins »Report Mainz« Plakate aus der Schweiz wesentlich höher ausfiel
am Dienstag zu der gefälschten Zuwen- und Grafik als bislang angenommen. Fast 90 000 Euro
dungsbescheinigung für Meuthen, den 133 500 € habe die Kampagne gekostet, inklusive Zei-
Bundesvorsitzenden der AfD, befragten, angeblich tungsinseraten, Flyern und Werbeplakaten,
6 Einzelspender
bestätigte Schneider erst nach einigem verriet Meuthen. Und noch mehr: Die Kos-
Zögern, dass er sich als Strohmann habe ten, das wisse er von Segert, hätten »zehn
anheuern lassen. Die ganze Sache habe er Unterstützer« übernommen, die der Goal
auch schon dem baden-württembergi- Wahlkampfspende an den AfD-Kreisverband AG jeweils »Beträge zwischen 6000 und
schen Landeskriminalamt erklären müs- von Alice Weidel, überwiesen über das Konto 9700 Euro« zur Verfügung gestellt hätten.
sen; Anfang des Jahres sei er als Zeuge der Zürcher Firma PWS PharmaWholeSale Nun zeigt sich, dass Meuthen seinem
vernommen worden. Dass er sich im Som- International AG, im Bundestagswahlkampf Freund Segert vielleicht zu sehr vertraut hat.
mer 2018 auf den Deal mit der Spenden- (Sommer 2017)* Die Interviewaussagen des AfD-Manns über
quittung eingelassen habe, sei ein großer seine Spender dürften kaum zu halten sein:
Fehler gewesen, sagt Schneider. Im Nach- Nach gemeinsamen Recherchen von SPIE-
hinein habe sich das Geschäft als »Griff in 132005,52 € GEL und »Report Mainz« sind mehrere an-
einen großen Misthaufen« erwiesen. (gestückelt gebliche Kampagnen-Finanziers von Meu-
überwiesen
Zu einer ganz ähnlichen Einschätzung in 17 Tranchen)
thens Liste in Wahrheit Strohmänner.
dürfte dieser Tage auch die AfD-Spitze Nach übereinstimmenden Angaben von
kommen. Die brisanten Bekenntnisse von Personen, die mit dem Vorgang vertraut
Schneider und weiteren Zeugen treffen die sind, haben mehrere der angeblichen Gön-
Rechtspopulisten zu einem denkbar un- ner in Vernehmungen durch das baden-
günstigen Zeitpunkt. Neun Wochen vor angeblich württembergische Landeskriminalamt be-
der Europawahl steht der AfD – die ohne- 14 Einzelspender stritten, jemals Geld für die Meuthen-Kam-
hin schon von einem Spendenskandal um pagne der Goal AG gegeben zu haben.
Fraktionschefin Alice Weidel belastet ist *Der Betrag wurde Stattdessen hätten sie sich – so wie Peter
Monate später größten-
teils wieder an den 396 016,56 € Schneider – nur als Spender ausgegeben
* Name geändert. Absender überwiesen. und dafür teilweise Geld erhalten. Gleich-

24
LARS BERG
Kampagnen-Profiteur Meuthen: 1000 Euro Cash für ein Geschäftsmodell der besonderen Art

lautende Angaben machten mehrere der und seine Partei. Mittlerweile prüft die werden. In einer Umfrage der Forschungs-
Strohleute selbst. Bundestagsverwaltung mehrere größere gruppe Wahlen zur Europawahl sank die
Wer Meuthens Schweizer Wahlkampf- und kleinere Spendenkomplexe der AfD, AfD in der vergangenen Woche das erste
hilfe tatsächlich finanziert hat, ist nun wie- in deren Zusammenhang immer wieder Mal seit Monaten unter 10 Prozent. Auch
der völlig offen. Fest steht, dass der oder die Goal AG auftaucht. Hat die Partei Gel- im Bund stehen die Rechtspopulisten mit
die Geldgeber offenbar großen Wert auf der oder Leistungen erhalten, die sie ent- rund 12 Prozent schlechter da, als sie es
Diskretion legten und zur Wahrung ihrer weder nicht richtig deklariert hat oder die sich nach den letzten Wahlerfolgen ausge-
Anonymität auch vor kriminellen Metho- gar als illegale Parteienfinanzierung gewer- rechnet hatten.
den nicht zurückschreckten. tet werden müssen? Kämen die Beamten Die Partei hat in ihrer noch jungen Ge-
Meuthen beteuert, dass »nach unserer des Bundestags zu diesem Ergebnis, würde schichte schon diverse Affären angesam-
sorgfältig gesicherten Rechtsauffassung« dies hohe Strafzahlungen nach sich ziehen. melt. Da geht es nicht nur um Strohmann-
die Unterstützung der Goal AG »keine Auf dem Papier bemüht sich die AfD Vorwürfe, sondern auch um die fragwür-
Spende« im Sinne des Parteiengesetzes um die bestmögliche Kooperation mit der dige Anschubfinanzierung der Partei über
sei. Unterdessen prüft die Staatsanwalt- Bundestagsverwaltung, deren Prüfungen eine Münchner Werbeagentur (SPIEGEL
schaft Stuttgart im Zusammenhang mit der gleich drei AfD-Spitzenfunktionäre betref- 48/2018), um mysteriöse Zuwendungen ei-
Werbekampagne für Meuthen die Einlei- fen: Jörg Meuthen, die Bundestagsfrak- ner niederländischen Stiftung, um einen
tung eines Ermittlungsverfahrens, wie ein tionschefin Alice Weidel und den NRW- parteieigenen Goldshop, einen exklusiven
Behördensprecher auf Anfrage bestätigte. Europakandidaten Guido Reil. Für alle Moskau-Trip von AfD-Funktionären im
Als EU-Abgeordneter ist Meuthen zwar drei Finanzkomplexe hatte die AfD in der Privatjet – und nicht zuletzt um die Rolle
vorerst vor Strafverfolgung geschützt. Schweiz Listen der Finanziers und Zuwen- eines ominösen »Vereins zur Erhaltung der
Doch sollte die Staatsanwaltschaft einen dungsbeträge angefordert. Nun rächt sich, Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen
Anfangsverdacht gegen den Spitzenkan- dass diese Listen offenbar ungeprüft an Freiheiten«. Dieser machte seit 2016 mit-
didaten erkennen und die Aufhebung sei- die Bundestagsverwaltung weitergereicht hilfe von groß angelegten Plakataktionen
ner Immunität beantragen, wäre es für die wurden – jetzt liegen sie bei diversen und flächendeckend verteilten Wahl-
AfD ein Desaster. Staatsanwaltschaften. kampfzeitungen Stimmung für die AfD.
Dabei sind die Stuttgarter Vorermittlun- Im Endspurt vor der Europawahl kann Woher das Geld für die millionenschwe-
gen nicht das einzige Risiko für Meuthen die Finanzaffäre gefährlich für die AfD re Propaganda stammte, die oft kaum von

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 25


Deutschland

erfolgreichen Bundestagswahl an den of-


fiziellen Absender zurücküberwiesen –
eine Pharmafirma aus Zürich, die sich je-
doch nur als Fassade erwies. Beim Bun-
destag gab die AfD später an, dass das
Geld laut Angaben der Pharmafirma von
14 Einzelspendern aus Deutschland, Spa-
nien und Belgien gestammt habe.
Auf der entsprechenden Liste, die die
AfD offenbar auch ungeprüft an den Bun-
destag schickte, findet sich sowohl der
Name von Peter Schneider als auch der
seines nach Spanien ausgewanderten Be-
kannten. Wenn also die Strohmänner der
Meuthen- und der Weidel-Spende teilwei-
se dieselben sind – waren auch die Hinter-
männer und wahren Geldgeber identisch?
Mindestens eine weitere Namensüber-
schneidung gibt es den Ermittlungen zu-

GOTTFRIED STOPPEL
folge auch mit einer dritten AfD-Unter-
stützerliste. Darauf stehen die Namen von
sechs vermeintlichen Gönnern, die sich an
der Finanzierung einer Kampagne für den
Fraktionschefin Weidel, Vereinsfunktionär David Bendels* 2017: Identische Geldgeber? AfD-Politiker Guido Reil beteiligt haben
sollen. Reil steht heute auf Platz zwei der
AfD-Liste für die Europawahl, nachdem
der offiziellen AfD-Werbung zu unter- einer Familie aus dem Rhein-Main-Gebiet, er 2017 erfolglos für den nordrhein-west-
scheiden war, blieb bis heute im Dunkeln. darunter eine pflegebedürftige Seniorin fälischen Landtag kandidiert hatte. Auch
Gesteuert wurden die Vereinstätigkeiten und ein Hartz-IV-Empfänger. Alle sollen er ließ sich damals wie zuvor Jörg Meuthen
maßgeblich von ebenjener Goal AG, deren falsche Quittungen signiert haben. von der Schweizer Goal AG helfen, mit
Aktivitäten die AfD jetzt in ernsthafte Bei dem Bekannten von Peter Schneider, Wahlwerbung im Wert von 44 500 Euro.
Schwierigkeiten bringen könnten. der ihm das verlockende Angebot unter- Wegen der womöglich illegalen Verbu-
Angesichts drohender Strafzahlungen breitet haben soll, handelt es sich den Er- chung dieser Kampagne durch die AfD hat
(siehe Grafik Seite 24) will die AfD nun Gel- mittlungen zufolge um einen 60-jährigen die Staatsanwaltschaft Essen am Dienstag
der einfrieren, um für mögliche Sanktionen Mann aus dem Rhein-Main-Gebiet, der ein Ermittlungsverfahren wegen des Ver-
gewappnet zu sein. Der Konvent, das höchs- vor Jahren nach Spanien ausgewandert ist. dachts auf Verstoß gegen das Parteien-
te Gremium der Bundes-AfD zwischen den Hier residiert der ehemalige Geschäftsfüh- gesetz eingeleitet – es richtet sich zunächst
Parteitagen, trifft sich am kommenden Wo- rer einer hessischen Marketingfirma in der gegen »unbekannt«.
chenende, um darüber zu entscheiden. Laut Provinz Girona, in einer weiß verputzten In dem Geflecht von Spenden und Stroh-
eines internen Schreibens des Bundesvor- Casa mit Meerblick. Gegenüber »Report männern könnte wohl vor allem eine Person
stands soll unter anderem beschlossen wer- Mainz«, dessen Reporter ihn vor seinem für Aufklärung sorgen: Goal-Chef Alexan-
den, »für Zahlungsverpflichtungen, die sich Haus trafen, lehnte der Mann am Mittwoch der Segert. Bemerkenswert viele Finanz-
aus laufenden Verfahren bei der Bundes- jede Stellungnahme zu den Vorwürfen ab. affären der AfD scheinen letztlich zu Segerts
tagsverwaltung ergeben können«, eine Wer hinter dem Täuschungsmanöver Firma zu führen. Doch der Goal-Chef
Rücklage von einer Million Euro zu bilden. mit den falschen Quittungen steckt, ist un- schweigt beharrlich. »Zu laufenden Verfah-
In Partei und Fraktion ärgern sich hinter klar. Bemerkenswert ist jedoch der Um- ren«, erklärte er auf Anfrage, »nehmen wir
vorgehaltener Hand einige, dass die AfD stand, dass die Dienste mancher Stroh- grundsätzlich keine Stellung.« Ein AfD-
womöglich die Kollektivhaftung für die Ver- männer im Jahr 2018 offenbar gleich mehr- Sprecher teilte mit, Segert habe erst Anfang
fehlungen einzelner Funktionäre überneh- fach für die Verschleierung von Zuwen- März die »Namen und Beträge der Kosten-
men muss, die sich aus trüben Quellen Pri- dungen in Anspruch genommen wurden. übernehmer« in den Fällen Meuthen und
vatkampagnen spendieren ließen. Deshalb So tauchten mehrere angebliche Meuthen- Reil »noch einmal schriftlich bestätigt«.
wird der AfD-Konvent auch über eine Än- Unterstützer später auch auf der Spender- Auch AfD-Chef Meuthen klammert sich
derung der Finanzordnung beraten: Falls liste für Alice Weidel auf. In ihrem Fall an das Wort seines Freundes: Segert habe
die Bundespartei Strafen nach dem Partei- geht es um mehr als 130 000 Euro, die im ihm »die bereits im August 2018 übermit-
engesetz »schuldhaft verursacht«, heißt es Bundestagswahlkampf an den Kreisver- telte Liste von Unterstützern« für seinen
im Entwurf, soll sie gegenüber den Landes- band der heutigen AfD-Fraktionschefin Wahlkampf von 2016 »schriftlich und ver-
und Ortsverbänden »für den daraus entste- geflossen sind (SPIEGEL 9/2019). bindlich bestätigt«, betont Meuthen. »Da-
henden Schaden« haften. Die Haftung soll Sowohl die Bundestagsverwaltung als rauf durften und dürfen wir uns verlassen.«
auch umgekehrt gelten. So müssten nicht auch die Staatsanwaltschaft Konstanz prü- Jetzt müssen nur noch die Staatsanwalt-
alle Ebenen der AfD für die Eskapaden von fen die fragwürdige Großspende; ermittelt schaft und Bundestagsverwaltung diese
Meuthen und Weidel geradestehen. wird auch gegen Weidel selbst. Die Frak- Auffassung teilen.
Die neuen Strohmann-Vorwürfe dürften tionschefin weist die Vorwürfe zurück. Ann-Katrin Müller, Sven Röbel
diese Stimmung noch befeuern, zumal die Ihr Kreisverband hatte den Großteil des
angeblichen Finanziers der Schweizer Betrags erst Monate nach der für Weidel ‣ Lesen Sie auch auf Seite 52
Wahlkampfhilfen bei näherer Betrachtung Stresstest – wie die AfD die Umgangs-
alles andere als typische Parteispender * Vorsitzender des »Vereins zur Erhaltung der Rechts- formen im Bundestag verändert hat
sind: Auf den Listen stehen fünf Mitglieder staatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten«.

26 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Der neue Ford Edge

Seine Technologien: auffallend innovativ. Sein Design: auffällig


anders. Der neue Ford Edge überzeugt nicht nur mit neuester
Technik. Dank seiner eindrucksvollen Präsenz sorgt er auch für
einen unverwechselbaren Auftritt.

Abbildung zeigt Wunschausstattung gegen Mehrpreis.

Kraftstoffverbrauch (in l/100 km nach § 2 Nrn. 5, 6, 6a Pkw-EnVKV in der jeweils geltenden


Fassung): 7,2–6,0 (kombiniert). CO2-Emissionen: 187–156 g/km (kombiniert).
»Orbán erhält noch eine Chance.
Es ist definitiv die letzte«
SPIEGEL-Gespräch CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, 56, über ihre Kritik
an den Schülerprotesten zum Klimaschutz, ihre sinkenden persönlichen
Umfragewerte und ihre Strategie im Umgang mit Ungarns Regierungschef

GENE GLOVER / DER SPIEGEL

Parteivorsitzende Kramp-Karrenbauer: »Wir haben den Umweltschutz vernachlässigt«

28 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Deutschland

SPIEGEL: Frau Kramp-Karrenbauer, die parlament an verschiedenen Orten tagt. sich über ihre unterschiedlichen europa-
CDU war mal die Europapartei. Warum Das hat im Übrigen im vergangenen Jahr politischen Antworten auseinandersetzen,
haben Sie sich von den Grünen in dieser auch die Kanzlerin schon gesagt. Es ergibt als das Feld den Populisten zu überlassen,
Frage den Rang ablaufen lassen? sich aus unserer eigenen Verfassungstra- die Europa ablehnen.
Kramp-Karrenbauer: Die Union war nicht dition, dass es Sinn macht, Parlament und SPIEGEL: Können wir keine europapoliti-
nur die Europapartei, sie ist es auch heute Regierung oder in diesem Fall Parlament schen Impulse der Bundeskanzlerin mehr
noch. Da lassen wir uns von niemandem und Kommission an einem Standort zu ha- erwarten, weil jetzt Sie zuständig sind?
übertreffen. ben. Das spricht für Brüssel. Kramp-Karrenbauer: Die Bundeskanzle-
SPIEGEL: Die Einschätzung, dass die Grü- SPIEGEL: Den Franzosen ist Straßburg rin genießt in Europa ein überragendes An-
nen als die Europapartei wahrgenommen wichtig. sehen und hält durch ihre Politik Europa
werden, stammt von Ihrem Parteifreund Kramp-Karrenbauer: Ich weiß, dass immer wieder zusammen. Ich kann als Par-
Gunther Krichbaum, dem Vorsitzenden Frankreich an diesem Punkt empfindlich teivorsitzende über das hinausgehen, was
des Europaausschusses im Bundestag. ist. Aber es gibt in der Diskussion um im Regierungshandeln möglich ist. Das
Kramp-Karrenbauer: Ich weiß nicht, was Europa eben immer Dinge, die für den entspricht unserer Arbeitsteilung.
zu dieser selbstkritischen Betrachtung ge- Partner schwieriger sind. Für Deutschland SPIEGEL: Sie haben in Ihrem Beitrag einen
führt hat. Ich mache mir dieses Urteil für ist die Forderung nach einer Bankenunion europäischen Pakt für Klimaschutz gefor-
die CDU im Allgemeinen und speziell für oder dem Eurozonenhaushalt auch nicht dert. Gleichzeitig äußern Sie sich skeptisch
den saarländischen Landesverband, den einfach. Trotzdem muss man diese Dinge zu den Schülerprotesten. Warum dieser
ich lange geführt habe, nicht zu eigen. Die ansprechen. Schlingerkurs?
CDU ist und bleibt die Europapartei. Wir SPIEGEL: Eines der beliebtesten Feindbil- Kramp-Karrenbauer: Mit dem »Pakt für
wollen ein starkes Europa und werden im der der Europagegner sind die faulen und den Klimaschutz« meine ich ein Bündnis
Europawahlkampf deutlich machen, wa- überbezahlten Brüsseler Beamten. Dieses derjenigen Länder in Europa, die mit ge-
rum wir das besser können als die anderen. Bild bedienen Sie in Ihrem Beitrag, indem meinsamen Initiativen vorangehen wollen
SPIEGEL: Finden Sie Ihren Satz »Die Ein- Sie eine Besteuerung der Beamten fordern, und können. Ich bin fest davon überzeugt,
zigen, die Schengen derzeit perfekt nut- die es längst gibt. dass wir in Sachen Klima als CDU wesent-
zen, sind kriminelle Elemente« europa- Kramp-Karrenbauer: Die Formulierung lich mehr tun müssen. Wir waren in Fragen
freundlich? im Text war in der Tat verkürzt, was bei des Umweltschutzes schon sehr viel weiter
Kramp-Karrenbauer: Der Satz lautet voll- der Endredaktion übersehen wurde. Na- und haben das Thema in den letzten Jah-
ständig »… nicht die Sicherheitsbehör- türlich bezahlen europäische Beamte Steu- ren vernachlässigt. Das ist ein Fakt, den
den«. Das ist meine Erfahrung auch aus ern, aber sie bezahlen sie nicht auf alle ich klar benennen will. Die Stärke der Grü-
sieben Jahren als Innenministerin in einem Gehaltsbestandteile, und sie werden an- nen beruht zum Teil auch darauf, dass wir
Grenzgebiet. Ich weiß, wovon ich rede. ders besteuert als in ihren Heimatländern. keine Antworten auf Klimafragen gegeben
Mit Europafeindlichkeit hat das nichts zu Wenn wir uns über Akzeptanz und Ef- haben.
tun. Ich möchte Schengen vollenden, das fektivität der Brüsseler Verwaltung Ge- SPIEGEL: Sie stellen gerade Norbert
heißt dadurch stärken, dass wir uns um danken machen, dann muss man auch da- Röttgen und Peter Altmaier, die unter An-
die noch bestehenden Probleme und Lü- rüber reden. gela Merkel Umweltminister waren, ein
cken kümmern, insbesondere beim Außen- SPIEGEL: Macron hat als Präsident einen schlechtes Zeugnis aus.
grenzschutz. Die Reaktion auf diesen Satz offenen Brief an die EU-Bürger geschrie- Kramp-Karrenbauer: Nein. Die CDU hat-
war parteipolitisch motiviert und bewusst ben. Sie haben als Parteichefin geantwor- te mit Klaus Töpfer, Angela Merkel, Nor-
verzerrend. Ich würde es als »Fake-Empö- tet. Ist das angemessen? bert Röttgen und Peter Altmaier hervor-
rung« bezeichnen. Kramp-Karrenbauer: Wir hatten im ver- ragende Umweltminister. Ich spreche vor
SPIEGEL: Sie haben in einem Zeitungs- gangenen Jahr eine Debatte darüber, dass allen Dingen für die Partei, und ich spreche
artikel auf die europapolitischen Vorschlä- Emmanuel Macron als eine seiner ersten von den letzten Jahren. Mein erster Chef
ge von Emmanuel Macron geantwortet. Amtshandlungen eine große europapoliti- war Klaus Töpfer, das war jemand, der die-
Auch dort haben Sie zunächst Einwände sche Rede gehalten hat und sehr lange auf ses Thema auch in der CDU gegen viele
und Bedenken formuliert. eine Antwort aus Deutschland warten Widerstände präsent gemacht hat. Wir ha-
Kramp-Karrenbauer: Dieser Text ist ein musste. Das ist allerorten kritisiert worden, ben einfach als Partei in der letzten Zeit
starkes proeuropäisches Bekenntnis. Ich und ich teile diese Kritik. Jetzt hat Macron zu häufig gesagt, Klimaschutz, Arten-
habe Vorschläge gemacht, mit denen wir einen zweiten Aufschlag gemacht, und auf schutz, das interessiert unsere Leute nicht.
Europa stärken können. Wenn man sich den habe ich nun direkt geantwortet. Bei meiner Zuhör-Tour im vergangenen
den Text objektiv anschaut, stellt man fest, SPIEGEL: Müsste auf den Präsidenten Jahr habe ich das Gegenteil erlebt.
dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen nicht die Kanzlerin antworten? SPIEGEL: Dann müssten Sie die Schüler-
den Ausführungen Präsident Macrons und Kramp-Karrenbauer: Macron steht auch proteste doch unterstützen.
meinen Vorstellungen gibt. Das betrifft für seine Bewegung »En Marche« und Kramp-Karrenbauer: Ich finde es zu-
den Klimaschutz, die Sicherheits- und Ver- führt derzeit Europawahlkampf. Ich emp- nächst wirklich gut, dass Schülerinnen und
teidigungspolitik, das Thema Schengen finde es als Aufgabe der CDU-Vorsitzen- Schüler wieder für etwas auf die Straße
und die Bedeutung eines multilateralen den, eigene Vorstellungen darzulegen und gehen. Ich bin selbst in die Partei eingetre-
Ansatzes, Politik zu machen. im Europawahlkampf auch eine sehr per- ten zur Zeit der Diskussion um den Nato-
SPIEGEL: Sie regen an, das Europaparla- sönliche Sichtweise auf die europapoliti- Doppelbeschluss. Da war das vollkommen
ment von Straßburg nach Brüssel zu ver- schen Herausforderungen zu formulieren. normal, dass man dafür oder dagegen de-
legen. Das ist eine Forderung, die null Das war im Grunde genommen der ganze monstrierte.
Chancen auf Realisierung hat und in Frank- Hintergrund für diesen Artikel, der natür- SPIEGEL: Jetzt müsste ein »Aber« kom-
reich als Provokation wahrgenommen lich durch die zeitliche Nähe zu den Aus- men.
wird. Was bringt so etwas? führungen Macrons noch mal eine andere Kramp-Karrenbauer: Es kommt kein
Kramp-Karrenbauer: Es ist vollkommen Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich habe »aber«, was das Anliegen angeht. Der
unbestritten, dass man auch darüber reden damit eine Debatte angestoßen. Es ist doch Schutz des Klimas und damit die Bewah-
muss, ob es sinnvoll ist, dass das Europa- besser, dass die demokratischen Parteien rung der Schöpfung ist eines der ganz gro-

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ßen existenziellen Zukunftsthemen. Es be- keinen sauberen Schnitt gemacht und sich
trifft besonders die jungen und die kom- von Viktor Orbáns Partei getrennt?
menden Generationen. Es ist nachvoll- Kramp-Karrenbauer : Wir alle haben

GENE GLOVER / DER SPIEGEL


ziehbar und wichtig, dass sie der Politik durchaus Zweifel, ob Fidesz noch die Wer-
hier Druck machen. Ich bin mir nur nicht te und Grundsätze der EVP vertritt. Viktor
sicher, ob man sagen sollte, für dieses The- Orbán hat sich aber in den vergangenen
ma kann man die Schule schwänzen. Was Tagen bewegt, etwa bei der Frage, wie es
sagen wir, wenn demnächst jemand für mit der Zentraleuropäischen Universität
Themen die Schule schwänzt, die uns in Budapest weitergeht. Darum erhält er
nicht so lieb sind? Ich finde, wenn einem Kramp-Karrenbauer beim noch eine Chance, definitiv die letzte.
etwas wirklich wichtig ist, dann kann man SPIEGEL-Gespräch* SPIEGEL: Ein Weisenrat soll nun untersu-
auch mal samstags dafür auf die Straße »Im Moment nicht glaubwürdig« chen, ob Fidesz und EVP noch zusammen-
gehen oder muss den ausgefallenen Stoff passen. Welche Erkenntnisse sollen da
eben nachholen beziehungsweise zu den gen in den kommenden Jahren wieder gewonnen werden, die Sie nicht ohnehin
Fehltagen stehen. nicht erfüllen. Wie passt das zusammen? schon haben?
SPIEGEL: Sie schlagen den Bau eines Kramp-Karrenbauer: Der Verteidigungs- Kramp-Karrenbauer : Es geht auch darum,
deutsch-französischen Flugzeugträgers vor. etat ist für uns als CDU von besonderer ob Orbán die von ihm gegebenen Verspre-
Ist das nicht ein bisschen absurd angesichts Bedeutung. Wir stehen zu unserer Bundes- chen einhält, was den Bestand der Univer-
der Tatsache, dass wir den Franzosen der- wehr und zu unseren Verpflichtungen in sität und das Ende der Kampagne gegen
zeit keine Schalter für gepanzerte Polizei- der Nato. Ich bin deshalb sehr froh, dass die EU angeht. Mit dem früheren Ratsprä-
fahrzeuge liefern, die sie nach Saudi-Ara- für 2020 der Etat für das Verteidigungs- sidenten Herman Van Rompuy leitet ein
bien exportieren wollen? Wie glaubwürdig ministerium entgegen der ursprünglichen ausgesprochener Orbán-Kritiker die Kom-
ist Deutschland bei dem Thema? Planung noch mal erhöht worden ist. Im mission. Das war mir wichtig.
Kramp-Karrenbauer: Im Moment ist Übrigen gab es auch in der Vergangenheit SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, Orbán
Deutschland in Fragen der Verteidigungs- durchaus Unterschiede zwischen der mit- will Ihnen überhaupt entgegenkommen?
industrie nicht besonders glaubwürdig. telfristigen Finanzplanung und dem, was Kramp-Karrenbauer : Er hat zunächst eine
Durch unsere sehr strengen Regeln und dann vom Bundestag verabschiedet wor- sehr kritische Rede gehalten. Viele andere
die noch strengere Auslegung dieser Re- den ist. Deshalb werden wir uns weiter da- haben mit mir dann klargemacht, wie ernst
geln machen wir gemeinsame europäische für einsetzen. Mein Eindruck ist, dass die uns die Sache ist. Die Tatsache, dass er die
Projekte derzeit fast unmöglich. Wenn SPD leider der populistischen Versuchung Suspendierung akzeptiert hat, zeigt, dass
man eine europäische Sicherheits- und Ver- erliegt, dem alten Reflex zu folgen und zu ihm die Mitgliedschaft in der EVP nicht
teidigungspolitik will, dann muss man sich sagen: »Wir sind für die Renten, die Union egal ist. Es liegt jetzt an Fidesz zu beweisen,
auch auf europäische Regeln verständigen, ist für die Rüstung.« dass es noch genug Gemeinsamkeiten mit
und die werden dann nicht so strikt wie SPIEGEL: Der amerikanische Botschafter der EVP gibt. Ob das gelingt, weiß ich nicht.
die deutschen Vorschriften sein können. Richard Grenell hat von einem beunruhi- SPIEGEL: Kritiker bemängeln, mit der Ent-
Das muss man akzeptieren. genden Signal Deutschlands an seine Ver- scheidung wollten die EVP und ihr Spit-
SPIEGEL: Ende März läuft dieses Rüstungs- bündeten gesprochen. Der britische »Eco- zenkandidat Manfred Weber lediglich
exportmoratorium aus, das Union und nomist« beklagt das »German problem« über die Europawahl hinwegkommen.
SPD vereinbart haben. Sollte es verlängert der Nato. Sorgt Sie das? Kramp-Karrenbauer : Das hat mit der
werden? Kramp-Karrenbauer: Deutschland ver- Europawahl nichts zu tun. Die Kritiker
Kramp-Karrenbauer: Ich glaube, die SPD dankt der Nato viel und ist sich seiner Ver- kommen aus Parteienfamilien, die selbst
will es auf jeden Fall verlängern. Dann antwortung für das Bündnis hinreichend ihre Probleme haben, wie die Sozialisten
muss man aber auch den Mut haben, sich bewusst. Richtig ist, dass wir uns dazu ver- und Sozialdemokraten mit ihren rumäni-
vor der Landtagswahl in Bremen vor die pflichtet haben, den Anteil der Verteidi- schen Parteifreunden. Wir haben vorge-
Werftarbeiter zu stellen und zu sagen: gungsausgaben zu erhöhen. Das ist im legt, nun müssen die anderen nachlegen.
»Sorry, Leute, das heißt für euch, dass eure Etatentwurf nicht ausreichend abgebildet. SPIEGEL: Sie sind jetzt gut 100 Tage im
Arbeitsplätze in Gefahr sind.« Und das müssen wir bei den Haushaltsbe- Amt, Ihre persönlichen Zustimmungswer-
SPIEGEL: Sind Sie gegen eine Verlänge- ratungen im Parlament möglichst korrigie- te sind laut Umfragen gesunken, die der
rung? ren. Ich weise allerdings nur auch darauf Union stagnieren. Sind Sie mit der Bilanz
Kramp-Karrenbauer: Ich gehe zumindest hin, dass man in Zeiten, in denen die wirt- zufrieden?
offener als die SPD an diese Frage heran. schaftliche Dynamik nachlässt, die richti- Kramp-Karrenbauer: Meine persönlichen
Man kann schlecht für mehr europäische gen Prioritäten setzen muss. Das gilt auch Werte waren zunächst ungewöhnlich hoch.
Lösungen plädieren und dann Briten und für meine eigene Partei. Das hatte sicherlich damit zu tun, dass ich
Franzosen sagen: »Tut uns leid, unsere SPIEGEL: Wo liegen Ihre Prioritäten? Projektionsfläche für alle möglichen Wün-
moralischen Ansprüche müssen jetzt für Kramp-Karrenbauer: Für die CDU ist eine sche und Vorstellungen war. In dem Mo-
alle gelten.« solide Haushaltsführung wichtig. Ich habe ment, in dem ich mich in politische Kon-
SPIEGEL: Noch mal: Wie würden Sie ent- im Koalitionsausschuss gesagt, dass für uns troversen begebe, schärft das natürlich das
scheiden? die Prioritäten im Bereich der Investi- Profil, schafft aber auch Gegner.
Kramp-Karrenbauer : Mit mehr Offenheit tionen in Infrastruktur, in Zukunftstechno- SPIEGEL: Sie sind doch angetreten, um
für alle Aspekte. Ich glaube, wer pauschal logien und bei der Verteidigung liegen. Ihre Partei erfolgreicher zu machen.
Nein sagt, nimmt politische Kollateralschä- SPIEGEL: Die Europäische Volkspartei, zu Kramp-Karrenbauer: Wir haben als Union
den in Kauf. der CDU und CSU gehören, hat beschlos- ordentliche Umfragewerte, was die Europa-
SPIEGEL: Sie haben wie Angela Merkel ge- sen, die Mitgliedschaft der ungarischen Fi- wahl anbelangt. Das ist für mich im Mo-
sagt, Europa müsse mehr für seine Sicher- desz zu suspendieren. Warum hat die EVP ment das Wichtigste.
heit tun. Der Haushalt von Finanzminister SPIEGEL: Frau Kramp-Karrenbauer, wir
Olaf Scholz spricht eine andere Sprache. * Mit den Redakteuren Melanie Amann und Ralf Neu- danken Ihnen für dieses Gespräch.
Deutschland wird seine Nato-Verpflichtun- kirch im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin.

30
Deutschland

Grober
Lambsdorff entschied sich zum Gegen- dass die Liberalen das Image als Intri-
angriff. »Das ist nicht die Haltung der gantentruppe abstreifen müssen. Ausge-
@fdp«, schrieb er auf Twitter. Im Umgang rechnet Kubicki, der Lindner am Abend

Klotz
mit dem US-Botschafter rate er zu »sou- der verlorenen Wahl versprochen hat,
veräner Gelassenheit«. nicht gegen ihn zu arbeiten, schert immer
Genau die hätte sich mancher in der Füh- wieder aus. Daran hindert ihn auch
rungsspitze von Lambsdorff gewünscht. So sein Amt als Bundestagsvizepräsident
Liberale Die Freidemokraten plädierte der Parlamentarische Geschäfts- nicht, wie manche in der Partei gehofft
führer Marco Buschmann intern dafür, hatten.
sind uneins über die Frage, Kubickis Wortmeldungen einfach zu igno- Lindner ist Kubickis Alleingänge leid.
wie sie mit den Alleingängen von rieren. Kubicki und der US-Botschafter Dem gehe es doch vor allem um sich selbst,
Parteivize Wolfgang Kubicki seien sich gar nicht so unähnlich, so Busch- soll der Parteichef hinter verschlossenen
mann im kleinen Kreis: »Der Wolfgang ist Türen gesagt haben.
umgehen sollen. der Ric Grenell der FDP.« Vor allem zu außenpolitischen Themen
Die meisten Parteifreunde folgten offen- vertritt Kubicki Positionen, die man eher

D er Wechsel von Brüssel nach Berlin


fällt Politikern oft schwer, aus vie-
len unterschiedlichen Gründen. Bei
Alexander Graf Lambsdorff, der im Herbst
bar Buschmanns Rat: Die öffentliche Un-
terstützung für Lambsdorff fiel jedenfalls
mager aus. Parteichef Lindner kommen-
tierte den Fall nur auf Nachfrage am Ran-
bei der Linken vermutet. Schon vor Be-
ginn der Jamaikasondierungen nannte er
die EU-Sanktionen, die nach der Annexion
der ukrainischen Krim gegen Moskau ver-
2017 vom EU-Parlament in den Bundestag de der Fraktionssitzung: »So wenig, wie hängt worden waren, »Quatsch«. Man
umzog, gibt es nur einen Grund, und müsse sich »mal anhören, wo die
der trägt einen Namen: Wolfgang Russen ihre Ängste haben«, riet er.
Kubicki. Im April 2018 forderte Kubicki er-
Lambsdorff hält sich als stellver- neut, die Sanktionen auslaufen zu
tretender FDP-Fraktionsvorsitzen- lassen, obwohl der FDP-Vorstand
der für Außenpolitik und ehemaliger zuvor einen gegenteiligen Beschluss
Beamter des Auswärtigen Amts für gefasst hatte. Lindner blieb nichts
so etwas wie den Chefdiplomaten anderes übrig, als den Parteitag mit
seiner Partei. Das hindert jedoch der Frage zu beschäftigen.
den stellvertretenden Parteivorsit- Dort erlitt Kubicki zwar eine Nie-
zenden Wolfgang Kubicki nicht da- derlage. Dafür gelang es ihm, im Eu-
ran, sich regelmäßig auch zu außen- ropawahlprogramm eine klare Fest-
politischen Themen zu Wort zu legung der Partei zur Ostseepipeline
melden. Unglücklicherweise sind Nord Stream 2 zu verhindern. Sie
Lambsdorff und Kubicki häufig un- wird von den Außenpolitikern kri-
terschiedlicher Meinung. tisch gesehen, weil sie die deutsche
Lambsdorffs Problem ist, dass er Abhängigkeit von russischem Erd-
zwar von Außenpolitik viel Ahnung gas erhöhe. »Faktisch haben wir kei-
hat, aber mit seinen Botschaften ne klare Haltung zu Nord Stream«,
nicht immer durchdringt. Bei Ku- sagt ein führender Liberaler.
bicki verhält es sich genau anders- Dass Grenell zu den schärfsten
herum. In der Mediendemokratie Nord-Stream-Kritikern gehört, dürf-
schlägt Prominenz oft Sachkenntnis, te für Kubicki den Reiz erhöht ha-
ROMAN PAWLOWSKI

weshalb Kubicki gern zitiert wird, ben, dessen Ausweisung zu fordern.


gerade weil er so undiplomatisch »Manchmal gehört auf einen groben
auftritt. Klotz ein grober Keil«, rechtfertigt
In der vergangenen Woche war sich der FDP-Vize.
es mal wieder so weit. Kubicki, der Er denkt nicht daran, künftig den
Mann aus Strande bei Kiel, über- FDP-Senior Kubicki Mund zu halten – schon gar nicht,
raschte mit der Forderung, den US- Eher Positionen der Linken wenn ihm der Neffe von Otto Graf
Botschafter in Berlin, Richard Gre- Lambsdorff widerspricht. »Äuße-
nell, zur unerwünschten Person zu erklä- wir den russischen Botschafter ausgewie- rungen von Parteifreunden, die meinen,
ren und aus Deutschland auszuweisen. sen haben, sollten wir den amerikanischen als Einzige für die Partei sprechen zu dür-
»Wer sich als US-Diplomat wie ein Hoch- Botschafter ausweisen.« fen, halte ich in der Sache nicht für ziel-
kommissar einer Besatzungsmacht auf- Denn Kubicki ist für Lindner Fluch und führend«, sagt Kubicki.
führt, der muss lernen, dass unsere Tole- Segen zugleich. Es ist nicht zuletzt dem Außer von Lambsdorff habe er persön-
ranz auch Grenzen kennt«, sagte Kubicki Mann von der Ostseeküste zu verdanken, lich in der Partei überwiegend positive
der Nachrichtenagentur AFP. Seine Ein- dass die FDP die Zeit der außerparlamenta- Rückmeldungen für seine Kritik an Gre-
lassungen fanden großes Echo, auch bei rischen Opposition überlebt hat. Der kernig nell erhalten, behauptet Kubicki. »Ich stel-
SPIEGEL ONLINE war es eine der am häu- und authentisch wirkende Kubicki spricht an- le mich auf dem Parteitag im April wieder
figsten gelesenen Meldungen des Tages. dere Wähler an als der jugendlich-glatte Par- als stellvertretender Parteivorsitzender zur
Für die Parteispitze sind Kubickis Wort- teichef. In den Reichweitenanalysen, die die Wahl und hoffe auf ein ähnlich gutes Er-
meldungen eine Herausforderung. Lässt FDP-Fraktion täglich für ihr Spitzenpersonal gebnis wie beim letzten Mal.«
man sie unkommentiert, entsteht der Ein- bestellt, schob sich Kubickis Balken diese Damals bekam Kubicki 92,29 Pro-
druck, es handle sich um die offizielle Linie Woche erstmals an dem Lindners vorbei. zent – mehr als Parteichef Lindner.
der FDP. Widerspricht man Kubicki öffent- Andererseits hat Lindner aus der Wahl- Christoph Schult
lich, heißt es: Die FDP streitet wieder. niederlage von 2013 die Lehre gezogen,

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Deutschland

Revolte gegen die Null


Finanzen In der SPD-Fraktion rebellieren Abgeordnete gegen den Kurs
von Finanzminister Scholz. Sie wollen die Schuldenbremse des Grundgesetzes reformieren,
damit der Bund mehr investieren kann.

W
enn Finanzminister Olaf Steuersenkungen. »Die Verteufelung der Ihr Parteigenosse und Ausschusskollege
Scholz Kritiker oder Kabinetts- Schulden ist nicht mehr zeitgemäß«, meint Michael Schrodi ist derselben Überzeu-
mitglieder mit überbordenden Hüther. gung. Er nennt sich selbst einen Gegner
Ausgabenwünschen abwehren Tatsächlich findet in der Ökonomen- der Schuldenbremse von Anfang an. »Sie
will, dann wird er gern grundsätzlich. »Wir zunft ein Umdenken statt. Viele halten das beschneidet den Entscheidungsspielraum
Deutschen finden ein Thema so wichtig, alte Diktum, die Schulden von heute seien des Parlaments, den Wünschen und Be-
dass wir es in der Verfassung verankert ha- die Steuern von morgen, nicht mehr für dürfnissen der Bürger nachzukommen«,
ben«, sagt der SPD-Mann dann und verrät zutreffend. Besonders dann nicht, wenn sagt er. »Wenn selbst konservative Ökono-
seinem Gegenüber zügig, um welches es neue Kredite dank Niedrigzinsen fast zum men die Konsequenzen der Vorschrift be-
sich handelt: »die Schuldenbremse«. Nulltarif zu haben sind. Wenn Investi- klagen, dann zeigt sich, wie kontraproduk-
Zweierlei soll die Belehrung bewirken: tionen praktisch nichts kosten, die Wirt- tiv sie wirkt und wie groß der Problem-
Zum einen will der Bundeskassenhüter schaft aber dank des zusätzlichen Impulses druck jetzt ist.«
den Bittsteller veranlassen, sein sicher be- wächst, finanzieren sich die Schulden von Wiebke Esdar, ebenfalls für die SPD
rechtigtes, aber teures Vorhaben aufzuge- selbst, so der Glaube. Mitglied im Finanzausschuss, plädiert da-
ben. Zum anderen will Scholz klarmachen, In der SPD-Fraktion stößt die Kritik an für, »die Schuldenbremse abzuschaffen
dass es nicht an seiner Knauserigkeit schei- der Schuldenbremse auf positive Reso- oder zumindest durch eine Investitions-
tert. Eine höhere Macht ist am Werk, der nanz. »Ich finde das prima«, sagt die Fi- verpflichtung des Bundes zu ergänzen, die
er zu gehorchen hat, das Grundgesetz. nanzexpertin Cansel Kiziltepe. Die Schul- ebenfalls Verfassungsrang besitzt«. Und
Genau vor zehn Jahren einigte sich eine denvorschrift des Grundgesetzes gilt auch weiter: »Die Schuldenbremse tut so, als
Kommission zur Reform des Föderalismus ihr vor allem als Investitionsbremse. »In ob wir späteren Generationen nur einen
auf das Instrument, das die Regierung den vergangenen Jahren haben der Bund Kontostand hinterlassen«, sagt sie. »Dabei
beim Geldausgeben disziplinieren sollte. und auch die Länder nicht genügend in- haben die Menschen von morgen auch et-
In diesem Gremium saßen Mitglieder aller vestiert, und das lag nicht zuletzt an den was davon, wenn wir heute in funktionie-
damals im Bundestag vertretenen Parteien. Beschränkungen des Grundgesetzes.« rende Infrastruktur investieren.«
Über Jahrzehnte hinweg hatten Regie- Einig sind sich die Rebellen darin, dass
rungen aller Couleur von Jahr zu Jahr die Schuldenbremse flexibler gehandhabt
mehr Schulden angehäuft. Das sollte ein Wirksame Schuldenbremse werden müsse, besonders wenn die Kon-
Ende haben. Dem Bund gestand die Kom- Nettokreditaufnahme des Bundes junktur tatsächlich einbrechen sollte. »Da
mission noch ein Minidefizit zu, in abso- in Milliarden Euro müssen wir gegenhalten können«, sagt
luten Zahlen derzeit knapp zwölf Milliar- Kiziltepe. »Die schwarze Null ist kein
den Euro. Die Selbstbindung der Politik 44 Selbstzweck.« Und ihr Kollege Schrodi er-
wirkte. Die Neuverschuldung des Bundes gänzt: »Wir müssen die falsche Erzählung
lag 2010 noch bei 44 Milliarden Euro, bis 34 der schwäbischen Hausfrau endlich durch-
2014 sank sie auf null. Seitdem kommt die brechen.«
Regierung von Kanzlerin Angela Merkel 23 22 Auf Mithilfe ihres Finanzministers kön-
(CDU) ohne frische Kredite aus. Und so 17 Seit 2014 hat der Bund nen die Abgeordneten vorerst nicht zäh-
soll es auch weitergehen: »Es bleibt bei keine neuen Kredite len. Eisern hält Scholz an der schwarzen
einem ausgeglichenen Haushalt ohne neue mehr aufgenommen. Null fest. Festgeschrieben ist sie nirgend-
Schulden«, verkündete Scholz vergange- 0 wo, sie etablierte sich in den vergangenen
nen Mittwoch bei der Vorstellung der Eck- Jahren aber als finanzpolitische Orientie-
werte für den Etat 2020. 2010 2015 2019 * rungsgröße, unabhängig von den Vorga-
Doch pünktlich zum Jubiläum der ben der Schuldenbremse. Der Grund ist
Grundgesetzänderung gerät die Schulden- Staatsverschuldung in Prozent des BIP einfach: Ein ausgeglichener Haushalt mit
bremse unter Druck, und das gleich von der griffigen Bezeichnung »schwarze Null«
mehreren Seiten. Linke Ökonomen wie der 81,0 lässt sich leicht erklären und verstehen.
80
Düsseldorfer Volkswirt Jens Südekum, aber Für die Schuldenbremse gilt das Gegen-
auch der Chef des Deutschen Instituts für teil. Sie geht von einem strukturellen, also
Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, sa- dauerhaften Defizit aus. Dessen Höchst-
gen, die Vorgabe hindere den Finanzminis- grenze liegt bei 0,35 Prozent des Brutto-
ter daran, genügend Geld zu investieren. inlandsprodukts (BIP), in absoluten Zah-
Eher konservative Wirtschaftswissen- 60,1 len knapp zwölf Milliarden Euro. Um zu
schaftler wie Michael Hüther, Chef des ar- 60 ermitteln, wie hoch das strukturelle Minus
beitgebernahen Instituts der deutschen ausfällt, müssen die Beamten des Bundes-
Wirtschaft in Köln, fügen hinzu, die Maß- finanzministeriums (BMF) komplizierte
* geplant; Quelle: BMF
gabe des Grundgesetzes habe nicht nur Berechnungen anstellen. Sie kalkulieren,
Investitionen ausgebremst, sondern auch 2010 2015 2018 wie hoch konjunkturbedingte Mehreinnah-

32
Zudem kann der Bundestag in einer ex-
tremen Krise mit Kanzlermehrheit beschlie-
ßen, dass die Regierung unbegrenzt Kredite
aufnehmen darf. Einen solchen Schulden-
schub kann der Bund umso besser verkraf-
ten, je stärker er seine Verschuldung zuvor
drückt. »Die Schuldenbremse bietet viel
mehr Gestaltungsspielraum, als ihre Kriti-
ker bemängeln«, sagt Kastrop. Zum Bei-
spiel könne der Finanzminister das Ziel der
schwarzen Null aufgeben und die vorgege-
bene Verschuldungsobergrenze von derzeit
zwölf Milliarden Euro ausreizen. Vor allem
sei die Schuldenbremse nicht der Grund
dafür, dass der Bund in der vergangenen
Dekade zu wenig Geld für Straßen, Schie-
nen oder digitale Infrastruktur ausgegeben
habe. »Die Investitionen des Bundes sind
schon vor 2009 geschrumpft«, sagt Kastrop.
»Ganz ohne Schuldenbremse.«
Die Grundgesetzvorgabe verhindere
keine Investitionen, meint auch Clemens
Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts.
»Das ist ein Scheingefecht«, sagt er. »In-
vestitionen scheitern in Deutschland am
fehlenden politischen Willen und am Wi-
derstand der Bevölkerung.« Zudem habe
die schwarz-rote Koalition in den vergan-

HENNING SCHACHT / ACTION PRESS


genen Jahren ständig falsche Prioritäten
gesetzt, als sie, statt zu investieren, die So-
zialausgaben aufgebläht habe.
Dennoch sind die Verteidiger der Finanz-
regel offen für Änderungen. »Niemand
sollte die jetzige Form der Schuldenbrem-
se zum Dogma erheben«, meint Kastrop.
Denkbar sei, höhere strukturelle Defizite
Minister Scholz, Kanzlerin Merkel: Unter seinen Möglichkeiten zuzulassen, je niedriger die Staatsver-
schuldung gesunken sei. Zudem könne die
Schuldenbremse durch eine Ausgaberegel
men ausfallen und wie viel Geld abfließt nen Möglichkeiten. Wer die Schuldenbrem- ergänzt werden, schlägt er vor.
aus bestehenden Finanztöpfen, zum Bei- se übererfüllt, diskreditiert sie, weil sie eine Wie die auf europäischer Ebene ausse-
spiel dem Energie- und Klimafonds. Diese solche Strenge gar nicht verlangt. hen könnte, hat Ifo-Chef Fuest zusammen
Werte erhöhen das strukturelle Defizit, »Solchen Übereifer kann man doch mit einem Co-Autor in einem noch unver-
weil sie nicht nachhaltig sind. nicht der Schuldenbremse anlasten«, sagt öffentlichten Aufsatz entwickelt. Die bei-
Obwohl Scholz für das nächste Jahr wie- Christian Kastrop, Direktor bei der Ber- den Ökonomen empfehlen, dass der Haus-
der mit einer schwarzen Null plant, kommt telsmann-Stiftung. »Wer trotz Spielräu- halt eines Landes nur im Gleichschritt mit
das strukturelle Defizit dem Limit gefähr- men, die die Schuldenbremse zusammen seinem nominalen Wirtschaftswachstum
lich nahe. 2020 betrage »der Sicherheits- mit niedrigen Zinsen bietet, freiwillig auf zulegen darf. So bleibt der Anteil der
abstand zur Obergrenze bei einem struk- zukunftsweisende Projekte verzichtet, der Schulden gemessen am BIP konstant. Län-
turellen Defizit von 10,6 Milliarden Euro trifft eine politische Entscheidung.« der mit hohem Schuldenstand dürfen ihre
nur noch 1,2 Milliarden Euro«, heißt es in Kastrop gilt als einer der geistigen Vä- Etats nur langsamer wachsen lassen, damit
einem internen Vermerk des BMF. »Maß- ter der Schuldenbremse. Als Unterabtei- der Schuldenstand sinkt.
geblich hierfür sind vor allem die hohen lungsleiter im BMF entwickelte er das Für Änderungen an der Schuldenbrem-
Finanzierungsdefizite der nach der Schul- Konzept vor zehn Jahren entscheidend se besteht eine hohe Hürde. Weil sie Ver-
denregel zu berücksichtigenden Sonder- mit. Seiner Meinung nach hat es sich be- fassungsrang genießt, braucht es dafür eine
vermögen sowie die hohe negative Kon- währt. Innerhalb nur eines Jahrzehnts Zweidrittelmehrheit in Bundestag und
junkturkomponente.« Weil der Spielraum wurde der Bundeshaushalt saniert und Bundesrat. Beides ist derzeit nicht in Sicht.
im nächsten Jahr fast ausgeschöpft ist, damit fit gemacht für die Herausforderun- Die Radikalreformer aus den Reihen der
nimmt Scholz in seinem Etatentwurf vor- gen der Zukunft. SPD-Fraktion wollen sich dadurch nicht
sorglich Kürzungen vor, zum Beispiel bei Auch den Vorwurf der Kritiker, die entmutigen lassen. »Auch für die Einfüh-
der Flüchtlingshilfe für die Länder. Nach Schuldenbremse stelle bei konjunktureller rung der Schuldenbremse brauchte es
den Berechnungen der BMF-Fachleute soll Flaute ein zu starres Korsett dar, lässt Kas- jahrelanges neoliberales Trommelfeuer«,
sich das Strukturdefizit bis 2023 jedes Jahr trop nicht gelten. Tatsächlich darf der Bund sagt der Abgeordnete Schrodi. »Solche
ungefähr halbieren. Etatlöcher, die während einer Rezession Mehrheiten lassen sich mit Ausdauer und
Solange Scholz den Spielraum der Schul- durch ausbleibende Steuereinnahmen und Geduld auch wieder ändern.«
denbremse nicht ausschöpft und an der explodierende Sozialausgaben gerissen Christian Reiermann
schwarzen Null festhält, bleibt er unter sei- werden, durch neue Schulden ausgleichen.

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 33


Deutschland

rin sind sie sich einig, allerdings reicht die

»Als würden sie betteln« Eintracht kaum weiter. Weil in diesem Jahr
in vier Bundesländern gewählt wird, buh-
len Union und SPD mit unterschiedlichen
Versprechen um die Gunst ihrer Wähler.
Grundrente Senioren, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, Das Konzept jedenfalls, das Bundes-
müssen heute aufwendig beweisen, dass sie arm sind. Union und sozialminister Hubertus Heil (SPD) erson-
nen hat, um kleine Renten aufzustocken,
SPD streiten, ob diese Prüfung zumutbar ist. Ein Behördengang. schießt weit über die Vereinbarungen des
Koalitionsvertrags hinaus. Die Union ist
vergrätzt, weil der SPD-Politiker auf das
Zehn-Seiten-Formular verzichten will.
»Eine bürokratische Bedürftigkeitsprüfung,
die mühsam angespartes Vermögen und
Wohneigentum infrage stellt, wäre der fal-
sche Weg«, sagt Heil. Für die Union ist
dieses Detail aber entscheidend: »Ohne
Bedürftigkeitsprüfung wird es mit uns
keine Grundrente geben«, erklärt CDU-
Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer.
Auch die Bundeskanzlerin sieht das so.
Der Streit offenbart sehr unterschied-
liche Auffassungen davon, was die Renten-
versicherung leisten soll. Die Sozialdemo-
kraten fordern, sie müsse die Leistung von
Senioren anerkennen: Wer lange Jahre
Beiträge auf kleine Löhne eingezahlt hat,
soll mit einer höheren Rente rechnen dür-
fen – ohne sich umständlich zu erklären.
»Mein Vorschlag erfüllt die Ziele des
Koalitionsvertrages: Lebensleistung anzu-
erkennen und einen wirksamen Beitrag
gegen Altersarmut zu leisten«, sagt Heil.
Die Union dagegen argumentiert, das
HC PLAMBECK / DER SPIEGEL

Rentensystem sei bereits leistungsgerecht:


Je mehr man einzahlt, desto mehr kommt
am Ende heraus. Nur im Notfall solle der
Staat kleine Renten aufpolstern, um Ar-
mut ganz zielgenau zu bekämpfen. Und
dazu müsse man erst einmal prüfen, wer
Rentnerin Grundmann: »Sechseinhalb Quadratmeter, mein Verhängnis« wirklich bedürftig sei.
In Wahrheit geht es bei diesem Streit
auch ums Geld. Jede Inspektion der finan-

W er im Flur des Sozialamts Berlin-


Pankow warten muss, der kann
auf dunklen Metallsitzen ausruhen.
Die Stühle sind am Boden festgeschraubt
bescheid, das Sparbuch. Den Mietvertrag,
die Police für die Haftpflicht- und für die
Sterbegeldversicherung. »Wir prüfen je-
den Fall sehr genau«, sagt Heike Benken-
ziellen Lebensumstände, jede »Schnüffe-
lei«, wie sie der Sozialverband VdK nennt,
dient dazu, den Kreis potenzieller Emp-
fänger kleinzuhalten. Von Heils Idee einer
und etwas unbequem, die Kunden nutzen stein, die kommissarische Amtsleiterin. Grundrente – ganz ohne Prüfung – könn-
sie trotzdem dankbar. Ein grauhaariger Zehn DIN-A4-Blätter, so viele Bogen ten bis zu vier Millionen Menschen profi-
Herr hat seine Krücke an die Wand gelehnt muss ein Rentner in Berlin ausfüllen, tieren, rechnet das Ministerium vor. Die
und dreht seinen Hut in der Hand. Er ken- um zu beweisen, dass er in Not ist. Zehn Kosten: leicht fünf Milliarden Euro pro
ne das schon, erklärt er dem Mann auf Seiten, die irgendwann bei Heike Benken- Jahr. Mit einer Prüfung schrumpft der Be-
dem Sitz neben ihm. Die Stütze müsse er steins Team landen. Nur wer nicht allein trag auf wenige Hundert Millionen Euro.
in jedem Jahr neu beantragen. Seine Rente für seinen Lebensunterhalt sorgen kann, Die These, dass die Bedürftigkeitsprü-
reiche nicht zum Leben. wird am Ende Geld vom Staat erhalten. fung ein entwürdigender Akt sei, gehört
An welche Tür die beiden schließlich Ob man diese Bedürftigkeitsprüfung zu der politischen Erzählung, die die SPD
klopfen dürfen, hängt von ihrem Nach- für zwingend oder für eine sozialpoliti- um die Grundrente geschaffen hat. In der
namen ab. Anfangsbuchstabe Cj bis Cz, I, sche Zumutung hält, ist auch eine Frage Erzählung der Union sorgt sie für mehr
L und St bis Stq: Raum 225. Buchstaben Kp des ideologischen Standpunkts. In der Gerechtigkeit. Keinen Zweifel gibt es aller-
bis Kz, Mp bis Mz, Na bis Nd und Zb bis Großen Koalition ist das Zehn-Seiten-For- dings daran, dass es sich um eine »höchst
Zh: Raum 224. Der Sozialstaat ist pingelig. mular zum Zentrum eines politischen bürokratische Prüfungspraxis« handelt,
Das gilt auch für alles, was hinter den Streits geworden. Es geht um eine neue wie Verena Bentele sagt, die Präsidentin
Türen passiert. Senioren, die einen Antrag Grundrente und darum, wer von ihr pro- des Sozialverbands VdK Deutschland.
auf die Grundsicherung im Alter stellen, fitieren soll. Union und SPD hatten in ih- Derzeit gewährt die Grundsicherung Al-
müssen Auskunft geben über jeden Euro, rem Koalitionsvertrag vereinbart, kleine leinstehenden exakt 424 Euro im Monat –
mit dem sie ihr Leben finanzieren. Konto- Renten langjähriger Verdiener mit mindes- das gilt für Hartz-IV-Empfänger genau wie
auszüge auf den Tisch legen, den Renten- tens 35 Beitragsjahren aufzustocken. Da- für Rentner. Zusätzlich überweist das Amt

34 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


die »ortsüblichen Kosten für eine ange- Wenn die Rente nicht reicht sich trennen, neben dem roten Samtsofa
messene Wohnung«. All das wird nur für Empfänger von Grundsicherung im Alter und dem Tisch mit Spitzendeckchen sta-
ein Jahr bewilligt, danach müssen die Se- peln sich die letzten Umzugskartons.
nioren wieder einen Antrag stellen. Bei Ingrid Grundmann teilt das Problem
fehlender Mitwirkung »müssen Sie mit der 552650 vieler älterer Frauen: Sie hat ein Leben
Versagung oder dem Entzug der beantrag- 497433 lang geschuftet, aber nicht immer bekam
ten oder bezogenen Leistung rechnen«, so sie einen Lohn dafür. Zwei Jahrzehnte lang
409 958 Veränderung
steht es in einem Brief, den eine süddeut- gegenüber hat sie in der Klavierbaufirma ihres Man-
sche Kommune verschickte. Zu viel Em- 2008: nes gearbeitet, unentgeltlich. Nach der
pathie dürfen Senioren nicht erwarten. Trennung fand sie eine Stelle als Sekretä-
Auf dem Sozialamt Berlin-Pankow er- rin. Heute überweist die Rentenkasse ihr
scheinen viele Rentner gar nicht selbst. Sie + 35 % in jedem Monat 552,42 Euro, dazu kom-
schicken Vertraute oder die Kinder, um ih- men 40,97 Euro aus einer Betriebsrente.
ren Antrag abzugeben. Einige Rentner Lange kam sie mit ihrer Rente und den
können das Bett nicht verlassen. Anderen 2008 2013 Sep. 2018 Ersparnissen über die Runden, erst vor
ist die Sache unangenehm. »Manche Se- Kurzem hat sie die Grundsicherung bean-
nioren kommen sich vor, als würden sie Durchschnittliche monatliche Altersrente * tragt. Doch die Bedürftigkeitsprüfung er-
betteln«, sagt Heike Benkenstein. »Wir gab, dass ihr Sparvermögen am Stichtag
können das leider nicht verhindern.« Frauen Männer 31. Januar um 221,57 Euro über der 5000-
Das zehnseitige Formular stellt viele Euro-Grenze lag. In einem Ablehnungs-
Fragen. Gibt es »Sparguthaben«? »Sach- Ost 928 € 1198 € bescheid schrieb das Amt, es gebe keinen
werte von besonderem Wert«? »Ver- »sozialhilferechtlichen Bedarf«.
schenktes Vermögen innerhalb der letzten West 622 € 1095 € Von den bescheidenen Rücklagen ist
10 Jahre?« Was dahintersteht: Wer die nicht viel geblieben. Sie verschwanden mit
Grundsicherung im Alter bezieht, darf ma- * Rentenbestand
der Kaution für die neue Wohnung, den
ximal 5000 Euro an Vermögen behalten, Quellen: Deutsche Rentenversicherung, Statistisches Bundesamt Kosten für den Umzug und mit den jüngsten
den Rest muss er vorher verbrauchen. Nur Ausgaben für Zahnersatz. Seit Februar ste-
für Einkünfte aus Betriebs- oder Riester- hen Ingrid Grundmann nun 276,61 Euro an
renten gibt es Freibeträge. Allerdings Wohnung bleiben. Nach seinem Tod je- Grundsicherung monatlich zu – allerdings
klingt das in der Theorie abschreckender, doch haben die Kinder Nachteile. Wenn nur bis Juli. Ab August könnten »nicht mehr
als es in der Praxis ist. Unionspolitiker nun fordern, selbst genutz- die vollen Kosten der Unterkunft berück-
»Wir haben wenig damit zu tun, Vermö- te Immobilien bei der Bedürftigkeitsprü- sichtigt werden«, schrieb das Amt. Die Mie-
gen über der Freigrenze abzuprüfen«, sagt fung zu verschonen, dann profitieren da- te sei zu hoch. Und: »Die angemessenen
Benkenstein. Es gibt nicht viel zu holen von vor allem die Erben. Quadratmeter für 1 Person betragen 45.«
bei den Senioren in Berlin-Pankow mit Bei einer Mietwohnung ist die Sache Ingrid Grundmanns Wohnung misst
ihrer typischen Ostbiografie: viel Arbeit, schwieriger – und das hat auch damit zu 51,5 Quadratmeter. »Sechseinhalb Qua-
wenig Erspartes. Trotzdem lohnt es sich tun, dass die Sozialhilfe Sache der Kom- dratmeter, mein Verhängnis«, sagt sie.
für den Staat, genau hinzuschauen. So wie munen ist und die Vorgaben für zulässige Das Amt empfiehlt ihr nun, einfach eine
kürzlich, als ein Rentner ankreuzte, er Mieten von Stadt zu Stadt unterschiedlich andere Leistung zu beantragen, einen
habe kein Vermögen, obwohl er auf Ebay ausfallen. In Berlin halten die Sozialämter Mietzuschuss, sie könne sich dazu »umge-
mit Goldbarren handelte. für einen Alleinstehenden eine monatliche hend während der Öffnungszeiten bei der
Bei der Masse der Senioren aber weckt Bruttokaltmiete von 404 Euro für ange- Wohngeldstelle« melden. Doch inzwi-
die Prüfung Ängste. Davor, die eigene messen, für ein Paar sind es 472,20 Euro. schen fühlt sich die alte Dame überfordert.
Wohnung aufgeben zu müssen. Und davor, Der Trick, einen Untermieter einzu- »Meine Kräfte schwinden«, sagt sie.
dass die Kinder vom Sozialamt verdonnert quartieren, fällt bei kleinen Wohnungen Viele Senioren verirren sich im Dickicht
werden könnten, für die greisen Eltern ein- aus. Am Ende reagieren die Senioren oft des Sozialrechts, vielleicht liegt genau da-
zuspringen. Spricht man mit den Mitarbei- selbst. Sie ziehen in günstigere Stadtteile. rin die Krux der Prüfung. Und jede Kom-
tern in den Ämtern, ahnt man, dass beides »Die Miete ist für viele der Genickbruch«, mune handhabt die Praxis ein wenig an-
in der Realität eher selten vorkommt. sagt Benkenstein. Die Altersarmut von ders. Einige Beamte schauen bei der Frage
Unter Punkt »VI. Unterhalt« fragt das heute gehe oft auf die gestiegenen Wohn- nach der angemessenen Wohnung auch
Berliner Formular, ob eines der Kinder – kosten zurück. Nicht nur in Berlin, son- auf die Quadratmeterzahl, andere vor al-
oder ein Elternteil – über »erhebliches Ein- dern auch fast überall sonst. lem auf die Miethöhe.
kommen (ab 100 000 EUR jährlich)« ver- In Schwerin hat Ingrid Grundmann Es gibt Städte, die es für sinnvoll halten,
fügt. Wer »nein« ankreuzt, dessen Familie schon im vergangenen November Konse- wenn Senioren Geld zurücklegen, um da-
bleibt in der Regel unbehelligt. Ein »ja« quenzen gezogen. Ihr altes Haus mit See- mit Heizöl zu einem günstigen Zeitpunkt
ist Heike Benkenstein in ihrem Berufs- blick konnte sie sich nicht mehr leisten, da- zu kaufen. Und es gibt andere, die zu hohe
leben kaum je untergekommen. her zog die 80-Jährige um. Ihr altes Leben Rücklagen im Zweifel als Einkommen wer-
Auch dass Kunden ihre selbst genutzte will in die neue Wohnung nicht ganz pas- ten und ihre Überweisungen kürzen, wie
Eigentumswohnung oder ihr eigenes Haus sen. Von ihrem Kristallleuchter musste sie es ein Senior aus Bayern erlebte.
aufgeben mussten, komme so gut wie nie Dabei ist nicht jede Vorgabe logisch:
vor. »Wir setzen so schnell keinen auf die Wenn die Kosten für das Kabelfernsehen
Straße«, sagt sie. Bestandteil des Mietvertrages sind, dann
Bei Senioren mit Immobilienbesitz ist Viele verirren sich im zahlt meist das Amt dafür. Steht das Kabel-
das Verfahren pragmatisch: Ist die Woh- Dickicht des Sozial- fernsehen nicht im Mietvertrag, müssen
nung zu groß, dann lässt sich das Amt im die Senioren dafür aufkommen.
Zweifel ins Grundbuch eintragen. Der Se- rechts, genau darin liegt Allerdings neigen Rentner nicht zum
nior darf damit zu Lebzeiten in seiner die Krux der Prüfung. Widerstand. In ihrem ganzen Arbeitsle-

35
Mit SPIEGEL+ nutzen ben sei es nur einmal vorgekommen, dass
eine reifere Dame ausfallend geworden

Sie die ganze digitale sei, erzählt Heike Benkenstein. Die Senio-
rin schlug mit der Handtasche auf eine
Sachbearbeiterin ein. Die meisten Rent-
ner schämen sich leise. Sie meiden das

Welt des SPIEGEL. Amt.


Offiziell zählt die Statistik heute rund
550 000 Senioren, die staatliche Grund-
sicherung beziehen. Der Ökonom Johan-
nes Geyer vom Deutschen Institut für
Wirtschaftsforschung schätzt allerdings,
dass in Wahrheit mehr als eine Million
Rentner Anspruch auf die staatliche Hilfe
hätten. »Es gibt eine große Scheu vor dem
Gang zum Amt«, sagt er. »Das hat viel
mit Scham zu tun – aber auch mit unbe-
gründeten Ängsten.« Das Problem sei,
dass die Senioren bei der Prüfung so viel
von sich preisgeben müssten. »Das lässt
niemand einfach so über sich ergehen«,
sagt Geyer.
So gibt es tatsächlich Gründe, über die
Bedürftigkeitsprüfung nachzudenken. Vor
allem darüber, wie man sie für Rentner er-
träglicher macht. Ökonom Geyer findet,
es sei »nicht effizient, die Menschen zu
zwingen, ihr Vermögen fast vollständig
aufzulösen, bevor sie einen Anspruch auf
Grundsicherung haben«.
Auch Sozialminister Heil argumentiert
1 Monat in diese Richtung. Eine Bedürftigkeitsprü-
fung führe dazu, »dass viele Menschen die
SPIEGEL+ Grundrente gar nicht beantragen, weil sie
sich schämen, trotz jahrzehntelanger Ar-
gratis beit zum Sozialamt gehen zu müssen«,
sagt er. Damit würde man »verschämte
Altersarmut billigend in Kauf nehmen«.
Ob Union und SPD sich einigen können,
bleibt offen. Der Koalitionsvertrag sah vor,
den Vermögenscheck bei einer Grundren-
te auf die Rentenkasse zu übertragen, da-
mit kein Senior zum Sozialamt muss.
Doch das gilt als nicht machbar. Der Ar-
beitnehmerflügel der CDU schlägt vor, die
DRID, Hamburg

Bedürftigkeitsprüfung abzuspecken: Im-


mobilienbesitz oder Ersparnisse sollen
nicht angetastet werden. Die CSU will,
dass bedürftige Seniorinnen wenigstens
15 000 Euro an Vermögen und mehr von
ihrer Rente behalten dürfen. Finanzminis-
ter Olaf Scholz (SPD) scheint an einen
Kompromiss ohnehin nicht zu glauben: In
seinen Finanzplan hat er kein Geld für die
Grundrente eingestellt.
Dass aber etwas geschehen müsse, for-
Sie erhalten vollen Zugriff auf alle Inhalte von SPIEGEL+ auf dern auch die Praktiker auf den Ämtern.
SPIEGEL ONLINE, erfahren mit Daily Update das Wichtigste des »Ich finde es nicht richtig, dass es in der
Tages und lesen die digitale SPIEGEL-Ausgabe schon freitags Grundsicherung keinen Unterschied aus-
ab 18 Uhr. macht, ob jemand sein Leben lang Beiträ-
ge eingezahlt hat oder nicht«, sagt Heike
Testen Sie jetzt SPIEGEL+ 1 Monat gratis! Als Abonnent der Benkenstein. »Wenn man viele Jahre einer
gedruckten Ausgabe können Sie dann für nur € 0,70 weiterlesen. Arbeit nachgegangen ist, müsste mehr von
der Rente bleiben.«
Lisa Becke, Cornelia Schmergal
Jetzt gratis testen: Mail: cornelia.schmergal@spiegel.de

abo.spiegel.de/upgrade
36 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019
Deutschland

Aufs Dach
und Jugendliche mehr als noch ein Jahr lien, die in den vergangenen Jahren aufge-
zuvor. Im Sommer sollen hier noch einmal nommen wurden.
knapp 800 Erstklässler mehr eingeschult Da Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Hol-
werden als im Vorjahr – das entspricht stein und Bayern gleichzeitig das achtjähri-
Demografie Bildungspolitiker etwa 40 Klassen, die zusätzlich gebildet ge Gymnasium um ein Jahr verlängern,
haben sich verschätzt: Die werden müssen. Die Schülerzahl wächst muss dort obendrein für einen zusätzlichen
dreimal so schnell wie die Bevölkerung. Jahrgang Platz geschaffen werden.
Schülerzahlen steigen, statt zu Wie sich zeigt, müssen die Länder der- Die meisten Städte haben die Raumnot
sinken – nun fehlt in Großstädten zeit nicht nur den Lehrermangel beseiti- erkannt: In München sollen bis 2030
der Platz für neue Schulen. gen, sondern auch das Platzproblem. Jetzt 45 neue Schulen gebaut werden. Berlin
rächt sich, dass Bildungspolitiker lange möchte mehr als 60 Schulen errichten,
von sinkenden Schülerzahlen ausgingen. Hamburg 30 bis 40. »Darüber hinaus soll

E in guter Ruf kann manchmal eine


Menge Ärger bereiten. Die Max-
Brauer-Schule in Hamburg-Altona,
Gewinnerin des Deutschen Schulpreises,
Der Trend zeigt schon seit Jahren in
eine andere Richtung. Bekamen Frauen in
Deutschland 2011 im Durchschnitt noch
1,39 Kinder, waren es 2017 1,57. In Groß-
eine Reihe von bestehenden Schulen sa-
niert und erweitert werden«, sagt Schul-
senator Ties Rabe (SPD). Mehr als vier Mil-
liarden Euro stehen für den Ausbau bereit.
berühmt für ihre Pädagogik und ihren Um- städten macht sich diese Entwicklung stär- Doch die Innenstädte sind dicht besie-
gang mit einer heterogenen Schülerschaft, ker bemerkbar als auf dem Land. Im Ham- delt. Passende Grundstücke gibt es oft nur
ist so ein Fall. Weil viele Eltern ihre Kinder burg etwa ist die Zahl der Neugeborenen in Randbezirken. Und selbst wenn eine
dorthin schicken wollen, platzt die Grund- in nur sieben Jahren um 28 Prozent gestie- Brache gefunden ist: Bis ein neues Gebäu-
und Stadtteilschule aus allen Nähten. gen. »Vor rund zehn Jahren erschienen die de gebaut ist, vergehen Jahre.
In Zukunft sollen sechs Klassen Deshalb müssen die Städte den
einen Grundschuljahrgang for- vorhandenen Platz nutzen oder
men. Bisher waren es drei. Die kreativ werden. Frankfurt am
Schülerzahl wird sich mittelfristig Main baut nun eine sogenannte
verdoppeln. »Gleichzeitig haben Hybridschule: In Bockenheim ent-
die Kinder aber kaum mehr steht ein Gebäude, das in den un-
Platz«, sagt Silke Stahn, Mutter teren Stockwerken eine Grund-
von drei Kindern und Elternrätin schule samt Turnhalle beheimatet,
an der Max-Brauer-Schule. »Im darüber liegen Wohnungen.
Gegenteil: Der Schulhof ist schon An einer Grundschule in der en-
jetzt eine Katastrophe, zu klein für gen Hamburger HafenCity verleg-
all die Kinder.« Die Enge mache te man den Schulhof aufs Dach –
aggressiv. »Wenn es Streit gibt, auch wenn dieser bei Unwetter
kann niemand ausweichen.« zeitweise geschlossen werden
DAVID MAUPILÉ / DER SPIEGEL
Zehn Container stehen bereits muss. Anderswo gehen die Jahr-
auf dem Gelände, im Verwaltungs- gänge versetzt in die Pause, damit
deutsch »Mokl« genannt, »Mobi- es auf den engen Höfen nicht zu
ler Klassenraum«. Ein mehrstöcki- voll wird. In Hamburg-Harburg
ger Neubau soll hinzukommen, entwarf man ein Schulgebäude
eine Turnhalle wird derzeit errich- mit Turnhalle auf dem Dach.
tet. »Wir erwarten eine jahrelange Dass im kommenden Sommer
Dauerbaustelle«, sagt Stahn. Im Mobile Klassenräume in Hamburg mehr als neun von zehn Hambur-
Februar zogen deshalb mehr als Unterricht im Container ger Erstklässlern den Wunsch-
300 Schüler, Eltern und Lehrer schulplatz bekommen werden,
protestierend durch die Straßen, um sich Bevölkerungs- und Kinderzahlen in Köln hat Schulsenator Ties Rabe auch der
gegen die »Massenkinderhaltung« zu weh- noch stabil«, heißt es im dortigen Schul- Kreativität seiner Mitarbeiter und der
ren, wie sie es nennen. Zusammen mit ei- entwicklungsplan von 2018. »Die Progno- Kompromissbereitschaft der Hamburger
nigen Familien aus anderen Hamburger se ist teilweise schon von der Wirklichkeit Schulleitungen zu verdanken. Hilfreich
Schulen gründeten sie die Elterninitiative überholt worden.« ist, dass ein Großteil der geflüchteten Kin-
»Das muss anders gehen«. »Die Großstädte üben große Anzie- der, die ab 2015 in die Hansestadt kamen,
Ähnliches ist in vielen deutschen Groß- hungskraft aus, trotz der hohen Mieten«, mittlerweile keine gesonderten Sprach-
städten zu beobachten. An den Schulen sagt Kai Maaz vom DIPF Leibniz-Institut lernklassen mehr besuchen muss, sondern
wird es eng. Hamburg, Berlin, Dresden, für Bildungsforschung und Bildungsinfor- gemeinsam mit den anderen Kindern
Stuttgart und andere erleben einen Schü- mation in Frankfurt am Main. »Wenn Städ- lernt. So werden Räume frei. An einigen
lerboom. te sich attraktiv präsentieren, um Unter- Standorten plant die Behörde, vorüber-
In Frankfurt am Main wurden im vori- nehmen und Arbeitnehmer anzuwerben, gehend Vorschulklassen zu schließen, um
gen Sommer 7078 Erstklässler eingeschult, müssen sie auch in Infrastruktur investie- Platz zu schaffen. Erstklässler müssen zur
in vier Jahren sollen es mehr als 8800 sein. ren, in Wohnungen, aber auch in Bildungs- Schule gehen, Vorschüler in der Regel
In Bremen werden im Jahr 2025 knapp einrichtungen.« nicht.
20 Prozent mehr Kinder in die öffentliche Während Schulen auf dem Land man- Gelöst ist das Platzproblem damit aller-
Grundschule gehen als 2017, an weiter- gels Nachfrage schließen müssen, ziehen dings nicht, zumindest nicht dauerhaft:
führenden Schulen gute 13 Prozent. Zuwanderer meist in größere Städte, was Grundschüler werden älter – aber die
Hamburg erwartet bis zum Jahr 2030 die Schülerzahlen dort weiter steigen lässt. weiterführenden Schulen sind auf den
45 000 zusätzliche Schüler. Allein in die- »Wir beobachten vor allem Zuzüge aus der Ansturm bisher kaum vorbereitet.
sem Schuljahr zählen die Behörden in Europäischen Union«, sagt Maaz. Hinzu Miriam Olbrisch
Hamburger Klassenzimmern 2300 Kinder kommen die Kinder von Flüchtlingsfami-

37
Deutschland

Sexualität geht. Auslöser waren mehrere

Sexuell gebildet Meldungen über Vergewaltigungen in der


Stadt Stavanger, bei denen Migranten tat-
verdächtig waren. Die norwegische Regie-
rung sah sich offenbar gezwungen zu rea-
Integration Nicht erst seit der Silvesternacht in Köln 2015 wird gieren. Als das Projekt auslief, erneuerte
über das Frauenbild von Zuwanderern diskutiert. Aufklärungs- Norwegen die Finanzierung nicht.
angebote könnten dazu beitragen, sexuelle Gewalt zu verhindern. Auch in Deutschland gab es einen Mo-
ment, als die Politik plötzlich unter Hand-
lungsdruck geriet: die Kölner Silvester-

I rgendwo am Rande Berlins sitzen sie-


ben erwachsene Männer aus Afgha-
nistan, Syrien und dem Irak in einem
flachen Wohncontainer, der zum Seminar-
zwischen Paaren in der Öffentlichkeit ver-
boten sind, wo Vergewaltigung in der Ehe
nicht strafbar ist? Theoretisch ist alles ganz
einfach. In der Praxis ist das mit der Zu-
nacht 2015. Damals wurden Hunderte
Frauen begrapscht, viele Tatverdächtige
waren Asylbewerber oder Geduldete. Wie
konnte das passieren?, fragten viele Bür-
raum umgebaut ist. Sie starren auf das Vi- stimmung selbst bei einer Tasse Tee nicht ger. Einige Experten erklärten, der Ehr-
deo mit einem teetrinkenden Strichmänn- immer so eindeutig. begriff der Araber sei schuld. Freizügig ge-
chen, das an die Wand projiziert wird. Es Offiziell heißen die Kurse »Gemeinsam kleidete Frauen würden als ehrlos gelten.
ist ein Donnerstag im Februar, vor ihnen für Respekt und Sicherheit«. Darin geht Seither wurde immer wieder breit über
stehen Teller voller Obst, an den Fenster- es um sexuelle Selbstbestimmung und Ver- einzelne fürchterliche Sexualdelikte be-
scheiben kleben selbst gebastelte Schnee- gewaltigung, um Liebe, Sexualität und richtet, die Asylbewerber verübt hatten,
männer. Vier Stunden lang soll es hier um Zwangsheirat. Es gibt extra Seminare für etwa im Fall von Maria L., die 2016 in Frei-
sexuelle Selbstbestimmung gehen. Frauen, für männliche und für weibliche burg von einem Afghanen vergewaltigt
Das Video erläutert den Unterschied Jugendliche. Die Teilnahme ist freiwillig – und ermordet wurde.
zwischen einvernehmlichem Geschlechts- weil es sich unter Zwang schlecht über in- Tatsächlich deuten Statistiken darauf
verkehr und einer Vergewaltigung. Das sei time Themen spricht, so die Philosophie. hin, dass mehr Sexualstraftaten, die mut-
so ähnlich wie mit dem Teetrinken, erklärt Angeboten werden sie von dem nor- maßlich von Asylbewerbern und Flücht-
eine Stimme aus dem Off auf Englisch. wegischen Unternehmen Hero, das fünf lingen begangen wurden, angezeigt wer-
Fragt man eine Person, ob sie eine Tasse Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland be- den als noch vor einigen Jahren. Allerdings
Tee möchte, und sie antwortet: »Ja, total treibt, vier in Berlin und eine in Sachsen. sind jetzt auch viel mehr da als früher. Und
gern«, will sie einen Tee. Zögert sie, kann In Norwegen organisiert Hero solche Se- viele, die kamen, sind jung, männlich, ar-
man den Tee zubereiten und dann wieder minare bereits seit 2009. Von 2013 bis beitslos und leben in Städten. Das alles
fragen. Aber auf keinen Fall sollte man die 2015 war es für Asylbewerber in Norwe- sind Risikofaktoren.
Person zwingen, den Tee zu trinken. »Und gen sogar verpflichtend, einen Kurs zu be- Eindeutig gestiegen ist die Sensibilität
wenn jemand ›Nein danke‹ sagt, dann suchen, in dem es um Normen, Werte und für das Thema. Nicht nur Populisten ver-
mach einfach keinen Tee«, erklärt die weisen bei jedem Anlass auf eine andere
Stimme weiter. »Werd auch nicht sauer, Kultur der Zugewanderten, das Aufwach-
wenn die Person keinen Tee mag.« Und: sen in einer patriarchalen Gesellschaft,
»Bewusstlose mögen keinen Tee.« dazu den Islam – all das erkläre die Über-
Eigentlich ganz simpel. griffe.
»Habt ihr das verstanden?«, fragt Kurs- Gibt es ein spezifisches Problem mit
leiter Desale Terefe Wendwesen, 35, die Zuwanderern? Nein, sagt Heinz-Jürgen
Männer vor ihm. »Ja«, sagt ein Afghane, Voß, 39, Professor für Sexualwissenschaft
auf dessen T-Shirt »Nasa« prangt, sein und Sexuelle Bildung an der Hochschule
Bart und die Augenbrauen sind sorgfältig Merseburg. Wenn man das Problem sexu-
konturiert. »Sex mit Gewalt ist schlecht.« eller Übergriffe angehen wolle, müsse man
Alle nicken. Doch dann fügt er hinzu: insgesamt auf Männer schauen. Die sind
»Aber ich bin sauer, wenn ich meinem allen Statistiken zufolge viel häufiger Täter
Freund Tee mache, und dann trinkt er ihn als Frauen.
nicht.« Allerdings müsse man anerkennen:
Seminarleiter Wendwesen schaut ge- »Auch neu zugewanderte Männer und
quält, er braucht einen Moment, bis er Frauen brauchen sexuelle Bildung.« Wie
sagt: »Das ist interessant. Meine Verwand- sonst solle jemand wissen, was in Deutsch-
ten sind auch enttäuscht, wenn ich nichts land als übergriffig gelte und was nicht?
essen oder trinken will. Aber man darf Genauso wichtig sei es allerdings, sexuelle
trotzdem Nein sagen.« Wendwesen hat Gewalt in Flüchtlingsunterkünften zu ver-
selbst eine Flucht hinter sich, er ist in hindern. Dass in der Sozialen Arbeit, zum
Äthiopien und Eritrea aufgewachsen, hat Beispiel der Jugendhilfe, vor 2015 kaum
ILLUSTRATIONEN: BLUE SEAT STUDIOS

lange in Italien gelebt, bevor er nach Konzepte entwickelt worden seien, findet
Deutschland kam. »Ich muss bei meiner Voß »schockierend« und »grob fahrlässig«.
Familie immer mehr essen, als ich will«, Auch davor seien schließlich Asylbewer-
ruft ein zweiter Mann dazwischen. Er fühlt ber nach Deutschland gekommen.
sich verstanden. In den Integrationskursen für Asyl-
Wie erklärt man das Prinzip der sexuel- bewerber wird das Thema Sexualität laut
len Selbstbestimmung jemandem, der in Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
einem anderen Teil der Welt aufgewachsen (Bamf) bis dato lediglich erwähnt. Den
ist, wo Mädchen und Jungen vielleicht ge- Szenen aus Sexualkunde-Trickfilm letzten Vorstoß zu mehr sexueller Bildung
trennt zur Schule gehen, wo Zärtlichkeiten »Bewusstlose mögen keinen Tee« machte die Integrationsbeauftragte der

38
Als das Video zu Ende ist, fragt Wend-
wesen, was die Männer darüber denken.
»So ist das Leben«, grummelt ein Teilneh-
mer, er ist selbst Familienvater. Dann re-
det er auf Arabisch weiter. Ein anderer
Mann aus Syrien protestiert. Schließlich
übersetzt er für Wendwesen. Der andere
habe gesagt, das Mädchen sei selbst
schuld. Männer könnten sich nicht beherr-
schen. Die Hormone. Dabei sei das
Quatsch. »Wir sind doch Menschen, keine
Tiere.« Wendwesen geht dazwischen:
»Also ich finde, eine Frau hat niemals
Schuld, wenn sie vergewaltigt wird«, sagt
er. Der Familienvater zuckt widerwillig
mit den Schultern.
Wäre es nicht besser, den Teilnehmern
deutlicher zu machen, was richtig und was
falsch ist?
Eva-Maria Gärtner, die Hero in
Deutschland vertritt, wiegelt ab. In den
Kursen sollen Prozesse angestoßen, und
es soll Raum für andere Meinungen gelas-
sen werden, »auch wenn es aus der Sicht
einer deutschen Frau manchmal schwer-
fällt«. Auf zu viel Erziehung würden die
meisten Menschen abwehrend reagieren.
Viel effektiver sei es, wenn die Teilnehmer
auf Augenhöhe untereinander diskutier-
ten. Gärtner wisse aus Erfahrung, sagt sie,
dass im Nachhinein in den Unterkünften
meistens weiter über die Themen gespro-
chen werde.
In den kommenden sechs Monaten wer-
den die Hero-Kurse ausgeweitet auf alle
Unterkünfte im Berliner Bezirk Marzahn-
Hellersdorf, auch die anderer Träger.
LISA WASSMANN / DER SPIEGEL

Auf Bundesebene fehlt ein sexualpäda-


gogisches Konzept, das auf die Bedürfnisse
von Zuwanderern ausgerichtet ist, bis heu-
te. Das liegt auch an der föderalen Struktur
Deutschlands, Bildung ist Ländersache.
Doch selbst in den einzelnen Bundes-
ländern gibt es keine flächendeckenden
Seminarteilnehmer in Berliner Flüchtlingsunterkunft: Diskutieren auf Augenhöhe Angebote. Nordrhein-Westfalen hat zwar
nach der Silvesternacht 2015 ein Landes-
programm aufgelegt, unterstützt damit
Bundesregierung, Annette Widmann- Menschen unmittelbar nach ihrer An- aber lediglich einzelne Projekte. Die Folge:
Mauz (CDU) im Herbst – allerdings weni- kunft, wenn sie gerade erst der größten Selbst vorbildliche Konzepte sind über die
ger als durchdachte Strategie und mehr als Not entflohen sind, »auch nur entfernt einzelnen Kommunen hinaus kaum be-
Reaktion auf die Berichte über eine Grup- aufnahmefähig« für sexuelle Bildung kannt. Auch Wissenschaftler Voß hat kürz-
penvergewaltigung in Freiburg. sind. Der richtige Ort seien die Folge- lich gemeinsam mit Kollegen ein Hand-
Widmann-Mauz forderte, es solle schon unterkünfte. buch für interkulturelle sexuelle Bildung
in den Erstaufnahmeeinrichtungen »Weg- Die Männer in dem Kurs in Berlin leben entwickelt, für den Burgenlandkreis in
weiserkurse über das Zusammenleben in in solchen Folgeunterkünften, einige von Sachsen-Anhalt. Das ist ein Landkreis von
Deutschland« geben. Und dazu gehöre ihnen sind vor mehr als drei Jahren ge- 294 in ganz Deutschland.
auch, »dass es für sexuellen Missbrauch kommen. Ihr Deutsch ist so gut, dass sie Bislang ist es also noch Zufall, ob Asyl-
und andere Gewalttaten null Toleranz dem Kursleiter mehr oder weniger ohne bewerber in einem Landkreis leben, der
gibt«. Sprachmittler folgen können. Geld für sexuelle Bildung ausgibt oder
In einigen Ankerzentren in Bayern wer- Es dauert keine zwei Stunden, da zeigt nicht. Dabei könne erfolgreiche sexuelle
den solche Kurse gerade modellhaft er- sich, wie unterschiedlich die Teilnehmer Bildung tatsächlich zu weniger Übergriffen
probt. Der Unterricht findet in 13 unter- sexuelle Selbstbestimmung verstehen. führen, glaubt Voß. »Jemand muss ja erst
schiedlichen Sprachen statt, unter ande- Wendwesen zeigt ein weiteres Video, in mal erkennen, dass er eine Grenze ver-
rem Arabisch, Farsi und Russisch – damit dem zwei Jugendliche auf einer Party knut- letzt, um sein Verhalten zu ändern.«
die Zuhörer möglichst viel verstehen. schen. Irgendwann drängt der Junge das Laura Backes
Sexualpädagoge Voß zweifelt am Sinn Mädchen in ein Zimmer, sperrt ab und ver- Mail: laura.backes@spiegel.de
dieser Angebote. Er glaubt nicht, dass gewaltigt sie.

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 39


Deutschland

Wortgefecht
Bundeswehr Was ist ein Veteran? Die Verteidigungsministerin sagt: jeder, der mal bei der Truppe war
oder noch ist. Viele Soldaten, die im Einsatz waren, fühlen sich davon zurückgesetzt.
Über einen Streit, der viel über die Armee von heute erzählt. Von Christoph Hickmann

I
n Koblenz, in der Cafeteria des diesem Dienstverhältnis ehrenhaft aus- war ein bisschen wie damals, als sie noch
Bundeswehrkrankenhauses, sitzt geschieden ist, also den Dienstgrad nicht Sozialministerin war und allen Kindern
an einem Nachmittag im Februar verloren hat.« ein »warmes Mittagessen« versprach.
der einstige Infanterist Alexander Also jeder, der mal Bundeswehrsoldat Zugleich ist es die maximale Unschärfe:
Sedlak und spricht über Afghanistan. In war und sich anständig benommen hat, Alle drin und damit letztlich keiner, so
Afghanistan hat er gekämpft, in Koblenz außerdem diejenigen, die es noch sind, der sehen das Menschen wie Alexander
ist er zur Traumatherapie, weil er Af- Afghanistankämpfer genauso wie der frü- Sedlak. Der Streit ist nicht vorbei, auf den
ghanistan nicht mehr loswird. Es ist, er here Wehrpflichtige, der sich die Zeit beim Befehl folgte diesmal kein Gehorsam.
überlegt kurz, sein siebter stationärer Bund mit Trinkspielen verkürzt hat. Es ist Warum nicht? Man könnte ja auf die
Aufenthalt hier. eine Klammer, die niemanden außen vor Idee kommen, die Bundeswehr habe der-
In Afghanistan, so erzählt es Sedlak, 29, lässt, also eine, mit der alle zufrieden sein zeit noch ein paar andere Probleme, zu we-
sind ihm Kugeln um den Kopf geflogen, könnten. Aber so ist es nicht. nig Geld, zu wenig Nachwuchs, dafür eine
er hat Verletzte gesehen, Tote, Oberbefehlshaberin, die ein
er hat geschossen, wurde be- paar Berater zu viel beschäftigt
schossen. Er darf sich Veteran hat. Doch es geht bei diesem
nennen, er sagt: »Auf jeden Streit um mehr als ein Wort.
Fall fühle ich mich als Veteran. Es geht aus Sicht vieler Sol-
Ein Veteran ist für mich ein daten um die Frage, was ihr
Soldat mit Einsatzerfahrung. Einsatz wert war. Ob er über-
Jemand, der im Ausland ge- haupt etwas wert ist oder ob
dient hat.« der Veteran für alle nicht sogar
In Berlin-Charlottenburg, ganz gut passt zu einer Gesell-
bei einem Italiener am Savi- schaft, die ihre Armee zwar
gnyplatz, sitzt ein paar Tage mittlerweile seit Jahrzehnten
später der Militärhistoriker ins Ausland schickt, aber ei-
Sönke Neitzel und spricht über gentlich immer nur dann kurz
die Instandsetzungskompanie aufmerkt, wenn mal wieder
60 in Hofgeismar. Dort, in was nicht funktioniert, U-Boo-
Nordhessen, hat Neitzel vor te nicht fahren oder Flugzeuge
gut 30 Jahren seinen Wehr- nicht abheben.
dienst geleistet. Es gab, so Bernhard Drescher, Vorsit-
kann man das sagen, nicht ra- zender des Bundes Deutscher
send viel zu tun. Einsatzveteranen, sagt: »Wir
Der Dienst des Obergefrei- Soldat Sedlak um 2011 in Afghanistan erleben gerade einen gefähr-
ten Neitzel bestand darin, in »Man weiß, wie sich’s angehört hat« lichen Rechtsschwenk in unse-
der Kaserne eine Tankstelle zu rer Bewegung. Die Leute ge-
führen, was ihm viel Zeit ließ, Latein- Was ist ein Veteran, was ist eine Vetera- hen den rechten Rattenfängern auf den
vokabeln für sein bevorstehendes Studium nin? Man denkt da erst mal an alte Männer, Leim, die ihnen wer weiß was verspre-
zu lernen. Aber auch Neitzel, 50, Profes- Stalingrad, vielleicht an Sylvester Stallone, chen.« Und das, sagt Drescher, habe »auch
sor für Militärgeschichte an der Universität wie er John Rambo spielte. Doch es hat, mit der Veteranendebatte zu tun«.
Potsdam, darf sich jetzt Veteran nennen. unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, Worum genau also geht es hier?
Er sagt: »Nee, ich würde mich nie als Ve- seit Jahren Streit um dieses Wort gegeben. Alexander Sedlak ist ein schlanker, jun-
teranen bezeichnen. Da muss ich doch la- Auf der einen Seite standen die, die aus ger Mann, bärtig, auf dem Kopf ein Base-
chen. Herr Neitzel, der Veteran von der dem Auslandseinsatz kamen. Sie gründe- cap, auf seinem T-Shirt steht »Hard Rock
Tankstelle in Hofgeismar!« ten, mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Cafe« und »Love all, serve all«.
Aber so soll es jetzt sein, so hat es die Zweiten Weltkrieg, Veteranenvereine. Sie Seine Stimme ist weich, zu Beginn
Verteidigungsministerin festgelegt. Und wollten dieses Wort für sich. Sie sollten des Gesprächs blickt er einen kaum an,
was eine Ministerin festlegt, das ist halt so. Veteranen sein, die anderen nicht. dann häufiger und länger. Manchmal bricht
Seit Ende November gibt es in Deutsch- Auf der anderen Seite standen diejeni- ein Lachen aus ihm heraus, als würde
land rund zehn Millionen Veteranen. gen, die es breiter anlegen wollten, die Druck entweichen. Sedlak sagt: »Also, der
Damals verkündete Ursula von der Leyen auch den Kalten Krieger einbeziehen woll- Punkt, an dem mir klar war, ich muss was
in einem sogenannten Tagesbefehl: »Vete- ten, der einst den Luftraum an der inner- machen, das war, als ich nur noch 66 Kilo
ranin oder Veteran der Bundeswehr ist, deutschen Grenze überwacht hat. Von der auf der Waage hatte.« Bei 1,84 Meter.
wer als Soldatin oder Soldat der Bundes- Leyens Definition sollte den Streit been- Da lag der letzte Einsatz, der in Afgha-
wehr im aktiven Dienst steht oder aus den: Alle drin, keiner geht verloren. Es nistan, schon ein paar Jahre zurück, aber

40 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


er hatte es lange nicht wahrhaben wollen,
trotz all der Dinge, die danach kamen und
langsam stärker wurden: Schlafstörungen,
Aggressionen, die Daueranspannung, die-
se Panik, wenn unangekündigter Besuch
kam. »Da hab ich alles stehen und liegen
gelassen und mich irgendwo in der Woh-
nung verbunkert, bis der wieder weg war.«
Sedlak hat eine PTBS, eine posttrauma-
tische Belastungsstörung, wie sie nach Er-
kenntnissen der Bundeswehr etwa drei
Prozent aller Soldaten aus dem Einsatz
mitbringen – wobei die PTBS nur die Spit-
ze des Eisbergs ist, unter psychischen Be-
einträchtigungen allgemein leiden ge-
schätzt 20 Prozent der Rückkehrer. Sedlak
kann mittlerweile über sein Trauma reden.
Er habe, sagt er, »viele Situationen er-
lebt«, aber hier, in der Therapie, habe er
sich auf eine festlegen sollen, um daran zu
arbeiten. »Das war damals ein Massen-
anfall von Verwundeten nach einem Sui-
cider-Anschlag, mit über 20 Toten und Ver-
letzten, darunter zwei Kinder.« Sedlak
sagt, er sei Ersthelfer gewesen, die ersten
beiden Patienten habe er verloren. »Und
ich war bei der Bergung und Versorgung
von den Kindern dabei.«
Pause.
Dann, sagt Sedlak, habe er mit seinem
Scharfschützentrupp in der Stellung ge-
legen, »da hat uns ein anderer Hecken-
schütze gefunden, wir haben ihn aber
nicht gesehen«. Die Kugeln, sagt Sedlak,
seien ihnen zwei, drei Zentimeter am Kopf
vorbeigeflogen, sein Kamerad neben ihm
habe sich gleich in Embryohaltung auf den
Boden gelegt. »Dieses Pfeifen von ’nem
Projektil, das einem am Ohr vorbeifliegt,
das ist was, das vergisst man nicht«, sagt
Sedlak. Er spricht jetzt ziemlich leise.
Und die Schüsse, die er abgegeben hat?
Natürlich habe er geschossen, sagt Sed-
lak, das sei sein Auftrag gewesen. Aber er
möchte darüber nicht reden, jedenfalls
nicht öffentlich. Was er erlebt habe, sagt
er, vermische sich in seinem Kopf, er kön-
ne nicht sagen, was am schlimmsten gewe-
sen sei. Aber er wisse von jeder Situation
noch, »wie es zu dem Zeitpunkt da gero-
chen hat, man weiß, wie sich’s angehört
hat, wie sich’s angefühlt hat und was genau
passiert ist. Das weiß man einfach.«
Was ist ein Veteran? Hier sitzt einer und
erzählt ruhig, nüchtern vom Krieg, in den
ihn der Bundestag geschickt hat.
Sedlak ist Mitglied im Bund Deutscher
Einsatzveteranen. Es gibt in der Szene
ROMAN PAWLOWSKI / DER SPIEGEL

noch einen anderen Verein, den Combat


Veteran e. V., beide sind eher klein, drei-
stellige Zahl an Mitgliedern, sie kümmern
sich vor allem um diejenigen, die geschä-
digt, traumatisiert aus dem Einsatz gekom-
men sind. Doch es ist bei Weitem nicht die
Mehrheit, die krank zurückkehrt.
Gerade erst ist dazu eine Studie ver-
Veteran Sedlak: »Dieses Pfeifen von ’nem Projektil« öffentlicht worden, Bundeswehr-Wissen-

41
schaftler befragten dafür Soldaten, die Brandverletzungen. Es folgte die PTBS: Einsatzmedaillen, eine deutsche und eine
2010 in Afghanistan waren. Sieben Solda- Schlafstörungen, Alkoholsucht, Gefühls- amerikanische«, sagt Sedlatzek-Müller.
ten des Kontingents fielen, 28 wurden ver- kälte, Aggressionen, das volle Programm. Er steht auf, läuft zum Schrank, nimmt
wundet, teilweise schwer, mehr als die »Ich gelte als austherapiert«, sagt er. »Das sie beide heraus. »Hier«, sagt er, »auf der
Hälfte berichtete, feindlichen Beschuss er- heißt, ich bin dauerhaft geschädigt.« amerikanischen, da steht vorn was drauf
lebt zu haben. Trotzdem sagten nur sieben Er sitzt am Wohnzimmertisch seines und hinten auch.« Und auf der deutschen?
Prozent der Soldaten, es gehe ihnen ge- Hauses in Stade, um die 50 Kilometer von Vorn ein Adler. Er wendet sie. »Und hin-
sundheitlich schlecht. Stattdessen gab Hamburg, und erzählt ruhig, freundlich ten nichts. Das zeige ich gern den Schul-
knapp die Hälfte an, psychisch belastbarer von seinem Kampf gegen den Dienstherrn. klassen, vor denen ich Vorträge halte: Jeder
geworden zu sein. Es habe lange gedauert, bis seine Schädi- Einsatz hat zwei Seiten. Aber bei uns fehlt
»Man darf diese Gruppe nicht vergessen, gung anerkannt worden sei, aber wenn die Kehrseite der Medaille. Die Anerken-
wenn über Veteranen diskutiert wird«, man einmal drin sei im System der Versor- nung, das politische und gesellschaftliche
sagt der Politikberater Christian Weber. gung, dann sei alles gut, sagt Sedlatzek- Interesse an dem, was wir geleistet haben.«
Er war 13 Jahre lang bei der Bundeswehr, Müller. »Bei der Versorgung von Einsatz- Als von der Leyens Definition öffentlich
letzter Dienstgrad Hauptmann, und er rückkehrern sind wir innerhalb der Nato war, druckte die Zeitschrift des Reservis-
hat über »Veteranenpolitik tenverbands, die tatsächlich
in Deutschland« promoviert. »loyal« heißt, eine Auswahl an
»Wir konzentrieren uns hier Leserbriefen: »Infantil und lä-
manchmal zu sehr auf Gefecht cherlich«, stand darüber,
und Verwundung«, sagt er, »Komme mir verschaukelt
»aber die große Mehrheit vor« oder schlicht: »Absurd«.
erlebt so etwas im Einsatz Ein Generalmajor a. D. fragte:
gar nicht.« »Wer denkt sich so etwas aus?«
Weber war vier Monate in Und ein Hauptfeldwebel der
Mali, als Presseoffizier, es gab Reserve wütete, der Politik sei
keine bedrohliche Situation. »nichts Besseres eingefallen,
Der Einsatz habe ihn persön- als eine Gleichmacherei zu be-
lich bereichert, sagt er. Und ja, treiben, wie ich sie schon aus
auch er fühle sich als Veteran. der ehemaligen DDR kenne«.
»Ich muss damit nicht hausie- In Dänemark gilt als Veteran,
ren gehen, aber das Gefühl ist wer im Auslandseinsatz war,
schon da.« Von der Leyens De- ähnlich ist es in den Niederlan-
finition findet er »vollkommen den. In Frankreich gibt es einen
absurd«. »Kombattantenausweis«, für
Denn sie alle, die Ge- den man eine von mehreren
schwächten und Gestärkten, Bedingungen erfüllen muss,
die mit Gefechtserfahrung etwa die Teilnahme an fünf
und die, die nur im Lager Feuergefechten. In den USA
saßen, haben eines gemein- und Großbritannien gelten alle
ROMAN PAWLOWSKI / DER SPIEGEL

sam: Sie haben, wenn auch in Ehemaligen oder alle ehrenhaft


unterschiedlicher Intensität entlassenen Soldaten als Ve-
und Härte, eine Erfahrung teranen. Aber nur hier, in
gemacht, die sich fundamental Deutschland, wird jeder Rekrut
vom Erfahrungsschatz einer dazugezählt, sobald er die Ka-
durchzivilisierten Gesellschaft serne betreten hat.
unterscheidet. Na und?, fragt man an der
Laut Verteidigungsministeri- Spitze des Ministeriums. Einer
um waren seit 1991 um die Veteran Sedlatzek-Müller argumentiert, die ganze Aufre-
400 000 deutsche Soldaten im »Bei uns fehlt die Kehrseite« gung sei »rein rational« ähn-
Auslandseinsatz. Es gibt Min- lich schwer nachvollziehbar
derheiten, über deren Belange mehr gere- führend. Die Amerikaner, die Briten und wie bei der Ehe für alle: Weil ihr jetzt auch
det wird. die Franzosen, die gucken sich mit großen heiraten dürft, ist meine Ehe weniger wert.
Robert Sedlatzek-Müller, 41, schlank, Augen an, was wir haben.« Aber es werde ja niemandem etwas weg-
trainiert, der Schädel rasiert, könnte noch Trotzdem sagt Sedlatzek-Müller: »Ich genommen, stattdessen werde es für alle
immer als Elitesoldat durchgehen, doch akzeptiere nicht, dass wir zehn Millionen besser.
mittlerweile ist er so etwas wie der Veteran Veteranen haben.« Allerdings ist noch gar nicht klar, was
der Veteranenbewegung, er war von An- Aber warum eigentlich nicht? genau besser werden soll. Abgesehen
fang an dabei. Er gehört ebenfalls zu »Weil man uns, die wir im Einsatz waren, vom Status ist wenig geklärt, er muss erst
denen, die fast zerbrochen wären. Der damit einen Teil unserer Identität nimmt. ausgestaltet werden, es soll sich nun ein
Kampf um den Status war auch ein Kampf Warum haben wir denn die Veteranenver- Veteranenrat gründen. Soziale Vorteile
für sich selbst. eine gegründet? Weil wir etwas zusammen wie in den USA werden sich mit dem
Sedlatzek-Müller war Fallschirmjäger, erlebt haben und das auch ausdrücken wol- Veteranenstatus nicht verbinden, schließ-
gehörte zu den Härtesten der Harten, war len, in einem bestimmten Status. Ist doch lich gibt es hier ein funktionierendes
im Kosovo, dreimal in Afghanistan, über- eigentlich ganz einfach.« Sozialsystem. Es dreht sich alles erst mal
lebte dort eine Raketenexplosion, Schädi- An der Wand steht ein Schrank mit ver- um dieses Wort.
gungsgrad 50 Prozent: Hörminderung, glaster Tür, darin liegen Medaillen, Aus- Wobei, es gibt auch die Abzeichen. Das
Tinnitus, Zähne verloren, Splitter- und zeichnungen, Abzeichen. »Ich hab ja zwei ist noch mal eine eigene Geschichte.

42 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Deutschland

Vor mehr als sechs Jahren hatte von der Neitzel spricht dann über den »Typus bigen Feldlager verbringen oder im Zwei-
Leyens Vorgänger Thomas de Maizière ei- des Soldaten in seinem ursprünglichen fel ihr Leben einsetzen sollen. Und sie wol-
gentlich bereits eine eigene Definition ver- Sinn«, dessen Welt nicht der Savignyplatz len für das Besondere ihres Dienstes be-
kündet: Ein Veteran sei ein ehemaliger Sol- sei und der natürlich »eine vollkommen sondere Anerkennung.
dat, der im Auslandseinsatz gewesen sei, andere Grunddisposition« habe als ein His- Das war schon immer so, man wird die-
Punkt, aus. Und er ließ Veteranenabzei- toriker oder ein Abgeordneter. Übersetzt: ses Bedürfnis nie ganz befriedigen können.
chen beschaffen, exakt 10 198, kleine Kreu- ein Kämpfer, kein Redner und Verhandler. Aber man darf die Lücke zwischen Einsatz
ze mit einem Adler in der Mitte. Die Bun- »Die Frage ist, ob wir das eigentlich aus- und Anerkennung auch nicht zu groß wer-
deswehr ist, wie jede Armee der Welt, ver- halten, dass es solche Typen in unserer Ge- den lassen. Sonst stoßen andere hinein.
narrt in Abzeichen, weshalb es womöglich sellschaft gibt«, sagt Neitzel. Die AfD hat im vergangenen Jahr ein ei-
viel Frust, Enttäuschung und Verbitterung Und bei alldem gehe es um eine noch genes Veteranenkonzept vorgelegt: Wer im
verhindert hätte, eine Art metallenes Pflas- größere Frage: »Wozu eigentlich Streitkräf- Einsatz war, ist Veteran. Wer nicht im Ein-
ter in Form eines Kreuzes. te? Ist die Bundeswehr eine Armee, die satz war, ist es nicht. Es ist ziemlich genau
Allerdings hatte sich der Minister dann ein bisschen Bündnisverteidigung übt und das, was die Vorkämpfer der Einsatzvete-
in seinem letzten Amtsjahr mit eher ansonsten Brunnen bohrt? Oder ist sie ranen wollten. »Uns geht es darum, unserer
unerfreulichen Dingen wie ei- Armee wieder einen angemes-
nem Untersuchungsausschuss senen Stellenwert in der Gesell-
herumzuschlagen, die Defini- schaft zu geben«, sagt der AfD-
tion wurde nie offiziell, die Ab- Verteidigungsexperte Rüdiger
zeichen wurden nie ausge- Lucassen. Der Mann ist Oberst
geben. Sie lagern in mehreren a. D., er weiß, was in der Trup-
abschließbaren Drehrollladen- pe ankommt.
schränken im Ministerium, in Verteidigungsministerium,
einem Drucker- und Kopier- früher Mittwochnachmittag,
raum. am Mikrofon steht die Ministe-
Vor einiger Zeit gab es Ärger, rin und sagt zu den Menschen
weil ein paar Abzeichen bei vor ihr, sie könnten stolz sein
Ebay aufgetaucht waren, wo- »auf Ihren Kampfgeist, auf Ih-
raufhin das Ministerium mitteil- ren überragenden Willen«.
te, es seien »61 Exemplare als Ursula von der Leyen ist ge-
Ansichtsexemplare« ausgege- kommen, um die deutschen
ben worden, also noch »aktuell Teilnehmer der »Invictus Ga-
10 137 Abzeichen im Bestand« mes« zu ehren, eines paralym-
des Ministeriums. Die Zahl der pischen Wettbewerbs für »ein-
Ebay-Veteranen dürfte sich in satzgeschädigte, traumatisierte,
eher engen Grenzen halten. verunfallte oder erkrankte ak-
Und damit noch einmal tive sowie ehemalige Soldatin-
zum Militärhistoriker Neitzel, nen und Soldaten«, so drückt
der kein Ebay-Veteran ist, son- es das Ministerium aus. Oder
dern ein echter, weil er einst auch: für Veteranen.
in Hofgeismar Wehrdienst leis- Vor der Ministerin im Raum
tete. An einem frühlingshaften stehen Generäle, Admirale,
Tag sitzt er am Savignyplatz, sonstige Dienstgrade und an
wo das alles, Mali, Afghanis- ein paar Tischen verteilt die
tan, Drehrollladenschränke, knapp 20 deutschen Teilneh-
ziemlich weit weg wirkt. Neit- mer mit ihren Betreuern. Einer,
zel, ein schlanker, fast zarter ein junger Mann, muss sich auf
Mann, sagt, es gehe hier doch Fallschirmjäger Sedlatzek-Müller 2005 einen Rollator stützen, ein an-
»um mehr als nur diesen Be- »Dauerhaft geschädigt« derer, älterer, hat eine kom-
griff«. Eigentlich, sagt er, gehe plett vernarbte Gesichtshälfte.
es um ein »innenpolitisches Projekt«. eine Armee, die im äußersten Fall auch Aber den meisten von ihnen sieht man
Aber welches? Krieg führt?« Diese Frage sei nach wie vor erst einmal nicht an, was ihnen fehlt.
»Es geht darum, der Bundeswehr einen nicht beantwortet. »Das sieht man auch »Sie sind alle Vorbilder«, sagt von der
möglichst zivilen Anstrich zu geben, damit an diesem Veteranenbegriff.« Leyen – und dass »Ihr Dienst und Ihre Ver-
sie in unserer Gesellschaft überhaupt noch Und so ergibt es dann Sinn. So versteht dienste um unser Land in der Gesellschaft
vermittelbar ist.« man die Enttäuschung, den Zorn, das bei- hoch anerkannt werden«.
Das heißt? nahe beamtenhafte Ringen um ein Wort, Es folgen ein Musikstück, eine weitere
»Wenn ich sage, alle sind Veteranen, eine Definition, einen Status. Man kann Rede und ein Video, man sieht in schnel-
dann verhindere ich damit, dass der Typus das alles eben auch so lesen: als Ergebnis ler Schnittfolge Menschen beim Kugel-
des Kriegers öffentlich sichtbarer wird«, einer großen Orientierungslosigkeit. stoßen, Schwimmen, Weitsprung. Da-
sagt Neitzel. »Den brauche ich zwar in be- Ja, es geht auch um Geld, um Zuschüsse, nach geht von der Leyen von Tisch zu
stimmten Einsätzen, aber er ist hier eigent- Vorteile, es geht um Einfluss, es kämpfen Tisch und ehrt die Teilnehmer. Für jeden
lich nicht erwünscht. Also hat man diese die kleinen Veteranenvereine gegen die gibt es eine Medaille und einen Fotoband.
vollkommen inhaltsleere Definition ge- großen Verbände, aber es geht eben auch Die Sportler scheinen sich ehrlich zu freu-
wählt, die niemandem aufstößt, nur den- um zwei soldatische Grundbedürfnisse: en. Manchmal braucht es dafür ja nicht
jenigen, die im Einsatz waren. Die haben Soldaten wollen gesagt bekommen, wofür sehr viel.
ohnehin keine Lobby.« genau sie mehrere Monate in einem stau-

43
Deutschland

NICOLE MASKUS-TRIPPEL / DER SPIEGEL


Mediziner Renz-Polster

»Die Welt als Kampfplatz«


Gedeihstörungen. Das gleiche Muster lässt
sich auch bei Anhängern von anderem
autoritären Gedankengut beobachten: bei
Sektenmitgliedern, gewaltbereiten Sala-
Ressentiments Seelische Nöte in den ersten fisten oder Hooligans.
SPIEGEL: Erklären Sie sich so auch die Tat
Lebensjahren erklären den Autoritätsglauben von Populisten, jenes Mannes, der vorige Woche im neu-
meint der Erfolgsautor Herbert Renz-Polster. seeländischen Christchurch 50 Menschen
getötet und Dutzende verletzt hat, als er
auf Gläubige in zwei Moscheen schoss?
Renz-Polster, 59, ist Kinderarzt und lebt im Renz-Polster: Fehlt einem Kind das inne- Renz-Polster: Ja. Wobei natürlich bei Wei-
schwäbischen Vogt. In seinen Sachbüchern re Erleben von Zugehörigkeit, Anerken- tem nicht jeder Mensch mit einer rechten
hat er einen leistungsorientierten Erzie- nung und Sicherheit, bleibt ein Vakuum. Gesinnung zum Gewalttäter wird. Doch
hungsstil wiederholt kritisiert. Äußere Angebote, die Ersatz versprechen, politisch motivierte Gewalttäter haben ne-
werden dann attraktiv. Gerade rechts- ben einer extrem autoritären und feindse-
SPIEGEL: Sie behaupten in Ihrem neuen populistische Botschaften finden einen ligen Weltsicht häufig auch eine zerstörte
Buch, der Erfolg der Rechtspopulisten in idealen Haftgrund, schließlich drehen sie Kindheit gemeinsam. Das trifft für Rechts-
Europa und in den USA sei auf lauter be- sich zentral um Macht, Sicherheit und terroristen, Linksterroristen oder Dschiha-
schädigte Kindheiten zurückzuführen*. Zugehörigkeit. Sicher gebundene Kinder disten zu. So wie sich die Berichte in den
Wie kommen Sie zu dieser kühnen These? hingegen erwerben eine innere Stärke und Zeitungen lesen, kommt beim Attentäter
Renz-Polster: Die Familie ist das erste poli- Unabhängigkeit, die sich mit autoritären von Christchurch beides zusammen: Sein
tische System, das wir Menschen kennen- Strukturen nicht verträgt. Manifest strotzt vor Rassismus und Über-
lernen. In ihr prägt sich die Sicht auf alle SPIEGEL: Das klingt nach einer sehr ein- legenheitskult, und als Kind scheint er im-
Themen, die wir auch als Gesellschaft ver- fachen Erklärung. mer wieder Verletzendes und Verstören-
handeln: Wer hat die Macht? Erlebe ich Renz-Polster: Natürlich entwickeln sich des erlebt zu haben. Die Eltern ließen sich
mich als ohnmächtig oder wirksam, fühle nicht alle Kinder mit frühkindlichen Defi- früh und unglücklich scheiden, die Schul-
ich mich zugehörig oder ausgeschlossen? ziten zu autoritären Persönlichkeiten. zeit war erfolglos, die Verhältnisse waren
Diese Fragen sind die Grundpfeiler der Manche können die frühen Bindungsdefi- ärmlich, Gleichaltrige haben ihn offenbar
Kindheit – und die Antworten darauf sind zite dank günstiger Umstände auch aus- gemobbt, dann erkrankte der Vater an
entscheidend für die weitere Entwicklung. gleichen. Aber der elementare seelische Krebs und starb. So schwierig es ist, Bio-
SPIEGEL: Inwiefern? Mangel kann die Psyche derart verletzen, grafien aus der Ferne zu beurteilen: Das
dass sich das vermeintlich unumstößliche alles weist für mich auf tiefgreifende
* Herbert Renz-Polster: »Erziehung prägt Gesinnung.
Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte –
Weltbild von Rechtspopulisten wie ein traumatisierende Erfahrungen hin. Bei
und wie wir ihn aufhalten können«. Kösel; 320 Seiten; Pflaster darauflegt: Es verspricht eine spä- Anders Breivik, auf den sich der Attentäter
20 Euro. te Kompensation für die frühkindlichen ja offenbar bezieht, war es ähnlich.

44
SPIEGEL: Breivik hatte im Juli 2011 in Nor- Rolle. Ähnlich verhält es sich mit den
wegen 77 Menschen getötet, die meisten Kindheiten in der ehemaligen DDR.
davon waren Jugendliche in einem Ferien- SPIEGEL: In welcher Hinsicht?
camp.  Renz-Polster: Nach der Wende waren viele
Renz-Polster: Die Mutter hatte ihn eigent- Menschen davon überrascht, dass es gerade
lich abtreiben wollen, es kam dann nicht in jenem Teil Deutschlands, der sich als
dazu, aber Breivik ist mit diesem Wissen antifaschistisch verstanden hatte, immer
aufgewachsen. Die veröffentlichten psy- wieder zu rechtsextremen Übergriffen kam.
chiatrischen Befunde zeigen, dass er sich Ähnlich irritiert blickte man später auf den
immer abgelehnt und in seiner Existenz rasanten Erfolg der AfD in den neuen Bun-
bedroht fühlte. Das hat sich mit entsetzli- desländern. Ich teile die soziologischen Er-
chen Folgen bis in sein Erwachsenenalter klärungen: Da wirkt das Erbe eines autori-
fortgesetzt. tären Regimes fort, da sammeln sich jene,
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass es die sich abgehängt fühlen. Aber ich führe
keine derartigen Täter und auch generell die Entwicklungen auch auf belastete Kind-
keine Anhänger autoritärer Ideologien heiten zurück. In der ideologiebehafteten
gäbe, wenn Eltern und Pädagogen besser Pädagogik der staatlichen Krippen spielte
mit Kindern umgingen? die Idee einer sicheren Bindung offiziell
Renz-Polster: Genau so sehe ich das. Die- keine große Rolle. Und als mit dem Ende
se Menschen vereint ein inneres Erleben, der DDR die vertraute äußere Ordnung
das auf eine früh angelegte Unsicherheit wegfiel, fehlte vielen Menschen genau jener
zurückzuführen ist. Sie haben ein messbar innere Kompass aus Selbstvertrauen und
negativeres Menschenbild und reagieren Selbstsicherheit, der ein Menschenkind
auf jene, die anders als sie denken, mit Ab- durch verwüstetes Gebiet führen kann.
wertung, Ablehnung oder Hass. Sie sehen SPIEGEL: Nun ist Rechtspopulismus nicht
die Welt als einen Kampfplatz an, weil sie nur ein ostdeutsches Phänomen. Und das
sich in ihr nie sicher gefühlt haben. Wissen über kindliche Bedürfnisse hat in
SPIEGEL: Zahlreiche Politologen, Soziolo- den vergangenen Jahrzehnten deutlich zu-
gen und Philosophen erklären den Erfolg genommen. Tausende engagierte Lehrer,
von Rechtspopulisten und anderen auto- Sozialpädagogen und Eltern denken über
ritären Gruppen allerdings mit den verun- Fragen der kindlichen Entwicklung nach.
sichernden Umbrüchen der globalisierten Das widerspricht Ihrer These.
Welt. Haben die alle unrecht? Renz-Polster: Wir haben tatsächlich die
Renz-Polster: Auch deren Erklärungen besten Kindheiten, die es jemals in
führen letztlich zu der Frage, ob ein Deutschland gab. Deshalb halte ich es
Mensch über einen funktionierenden in- auch für wenig wahrscheinlich, dass die
neren Kompass verfügt. Die Globalisie- AfD jemals ins Bundeskanzleramt ein-
rung stellt jeden vor die Frage, ob er sein zieht. Aber vielen Jungen und Mädchen
Leben an die sich rasant verändernde Welt fehlt es nach wie vor am Nötigsten: dem
anpassen muss. Nicht jeder Modernisie- Gefühl von Anerkennung und Sicherheit.
rungsverlierer schließt sich Rechtspopulis- Wenn sie aus Familien kommen, in denen
ten, Salafisten oder anderen autoritären es schlecht läuft, und dann in Kindergärten
Gruppen an. Um mit gesellschaftlichen oder Schulen wenig Ermutigung erfahren,
Umbrüchen und Krisen produktiv umzu- ist die Gefahr groß, dass wir sie zu poten-
gehen, braucht es eine gefestigte und den- ziellen Rechtspopulisten erziehen.
noch wandlungsfähige Persönlichkeit, wie SPIEGEL: Welche Lösung schwebt Ihnen
sie ein sicher gebundenes Kind entwickelt. vor?
Bei Menschen mit Bindungsdefiziten hin- Renz-Polster: Wir müssen unseren Kin-
gegen aktiviert die Globalisierung das früh- dern eine Kindheit geben, in der es um
kindlich erlebte Unsicherheitsgefühl. menschliches Wachstum und die seeli-
SPIEGEL: Bislang spielen derartige Argu- schen Bedürfnisse geht – und nicht um
mente in den Debatten über Globalisie- Auslese oder Wettbewerb. Wenn wir wei-
rung und Rechtpopulismus keine erkenn- terhin die Schulnoten oder ein erwünsch-
bare Rolle. tes Verhalten ins Zentrum unserer Auf-
Renz-Polster: Genau das finde ich über- merksamkeit rücken, ziehen gerade jene
raschend. Die politischen Entwicklungen Kinder, die in ihren Familien belastet sind,
in Deutschland sind ohne den Blick auf die Nieten. Wir müssen uns bewusster ma-
die Kindheiten der jeweiligen Generatio- chen, dass Kinder ein Umfeld brauchen, in
nen kaum zu verstehen. Man hat den Er- dem sie reifen und nachreifen können –
ziehungsdrill im Kaiserreich zwar immer und dass stabile Bindungserfahrungen ih-
als einen Boden für die nationalsozialis- nen dabei die größten Chancen bieten. Die
tische Pädagogik verstanden, in der Kin- Zukunft ist immer ungewiss, das gilt heute
der hart wie Kruppstahl sein sollten. Aber vielleicht mehr denn je. Umso wichtiger
inwieweit daraus ein seelisches Erbe er- ist es, dass ein Kind das Vertrauen erwirbt,
wachsen ist, das die politische Gesinnung sie angstfrei gestalten zu können.
in der Bundesrepublik mitgeprägt hat, Interview: Katja Thimm
spielte auch in der Forschung lange keine

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 45


Deutschland

Mitleid oder Neid


Lebensmodelle In einem Manifest forderte die Lehrerin Verena Brunschweiger, auf Nachwuchs
zu verzichten – und löste eine scharfe Debatte aus. Vier Frauen und ein Mann
berichten von ihrem Alltag ohne Nachkommen. Und wehren sich gegen Vorurteile.

A
ls Marie-Theres Thiell 31 Jahre Gesellschaftlich gehören Frauen und grund ihres Lebensstils angeklagt und be-
alt war, änderte sich ihr Leben für Männer, die bewusst auf Nachwuchs ver- neidet«.
immer. Ihre Laufbahn bei RWE zichten, zu einer Minderheit, über die bis- Gabriele Riedle, 60, kann das bestäti-
begann. Und ihre Beziehung zer- lang selten geredet wurde und deren Mo- gen. »Früher hieß es über kinderlose Frau-
brach, ihr langjähriger Freund verließ sie, tive und Probleme wenig erforscht sind. en, sie wollten sich egoistisch selbst ver-
er wollte keine Karrierefrau, sondern eine Dabei sind sie viele Millionen, und ihre wirklichen«, sagt sie. »Heute werden wir
Familie. Zahl wächst: Jede fünfte Frau bleibt heute manchmal als arme Opfer gesehen. Jede
Thiell konzentrierte sich auf ihren Beruf, kinderlos, bei Akademikerinnen ist es jede Art von Hypothese über Kinderlose ist
»24 Stunden lang, sieben Tage die Woche«, vierte. letztlich eine Kriegserklärung.«
wie sie sagt. Heute ist sie eine der mäch- Um das Phänomen besser zu verstehen, Mitleid verbittet sie sich. Sie selbst be-
tigsten Frauen in der Energiebranche und hat das Bundesfamilienministerium 2015 reue grundsätzlich nichts, an jedem Punkt
leitet die RWE-Tochter Innogy Ungarn. eine Studie über das Leben von Menschen ihres Lebens habe sie sich so entschieden,
Gut 2700 Mitarbeiter hängen von ihren ohne Nachwuchs veröffentlicht. Der wie sie es zu dem Zeitpunkt für richtig
Entscheidungen ab, viele mit Familien. Münchner Soziologe Carsten Wipper- hielt. Mit Mitte dreißig fragte sie ihren da-
Kinder? Vermisst sie nicht. Die Entschei- mann fand heraus: Es sind vor allem An- maligen festen Freund, ob sie auf Verhü-
dung für den Job sei eben eine gegen eige- gehörige gehobener Milieus, »Performer«, tung verzichten solle. »Ich habe noch viel
nen Nachwuchs gewesen. »Das war früher wie er schreibt, die bewusst auf Nach- Zeit zum Zeugen«, habe der geantwortet.
so«, sagt die 59-jährige promovierte Juris- wuchs verzichten. Drei Jahre später war die Beziehung vor-
tin, »wir hatten andere Werte.« Und: Sie werden dafür von der Gesell- bei, und ihr lief die Zeit davon.
Mit »anderen Werten« meint Thiell schaft nicht gerade geliebt. Betroffene »er- Danach begann die Berliner Journalistin
nicht bessere Werte. Sie ist stolz darauf, fahren aufgrund ihrer gewollten Kinder- eine Affäre mit dem russischen Schriftstel-
dass im Vorstand ihres Unternehmens in losigkeit offene oder latente Stigmatisie- ler Wiktor Jerofejew, elf Jahre älter als
Ungarn zwei Frauen und zwei Männer ar- rungen«, so Wippermann. Sie sähen sich sie selbst, verheiratet, Vater. »Mit Wiktor
beiten. Und sie spricht selbstbewusst über »mit Vorwürfen eines sozialschädlichen begann die intensivste Zeit meines Le-
ihr Lebensmodell. Etwa über ihr Hobby Egoismus« konfrontiert und würden »auf- bens«, sagt Riedle. Sie trafen sich zu Re-
Mode, für das sie gern »die Kreditkarte portagereisen, schrieben zusammen einen
glühen« lässt, über Männer (»ich lebe à la Roman. Für Kinder sei kein Raum gewe-
carte«) oder Verwandte (»bitte nicht ›kei- Nein zum Nachwuchs sen. »Mir ist erst viel später bewusst ge-
ne Kinder‹ gleichsetzen mit ›keine worden, dass die Logik meines Lebens
der Frauen in Deutschland,
Familie‹«).
Was die Managerin nervt, ist die Unter-
stellung, dass Menschen wie ihr etwas feh-
74% die keine Kinder haben,
sind gewollt kinderlos.
nicht auf Kinder hinauslief.«
Und heute? Riedle ist ledig, keine Kin-
der, keine Enkel. »Ich bin insgesamt auf
le. Dass kinderlose Frauen wahlweise be- mich allein gestellt, und das ist nicht
dauernswert seien – oder eiskalt. Diese Frauen haben momentan keinen Wunsch schön«, sagt sie. Doch im Gegensatz zu
nach eigenen Kindern, weil …
Private Entscheidungen wie ihre wer- vielen Eltern in ihrem Alter sei sie ans Al-
den jetzt scharf diskutiert. »Kinderfrei Schulbildung der Frauen leinsein gewöhnt, sei ihr der Schmerz er-
statt kinderlos« lautet der Titel eines Ma- »… Partnerschaften hoch 26% spart geblieben, der häufig auftritt, wenn
nifests, mit dem die Regensburger Femi- heute oft in die Brüche die erwachsen gewordenen Kinder für im-
mittel 39
gehen, da sind Kinder
nistin und Gymnasiallehrerin Verena Brun- ein großes Problem.« gering 45 mer ausziehen.
schweiger vor allem in sozialen Medien Jede vierte kinderlose Frau und jeder
eine hitzige Debatte provozierte. Es ging »… ihre beruflich 37 vierte kinderlose Mann zwischen 20 und
um den gesellschaftlichen Nutzen oder Situation dafür nicht 24 50 Jahren ist der Studie des Familien-
Schaden des Kinderkriegens. geeignet ist.« 22 ministeriums zufolge unglücklich darüber,
Viele Betroffene schweigen lieber. Sie keinen Nachwuchs zu haben. Die meisten
haben keine Lust, ihren Lebensentwurf öf- »… Kinder mit 14 allerdings kommen damit ganz gut klar.
fentlicher Kritik auszusetzen. Thiell, drei hohen finanziellen »In westlichen Industrienationen sind
19
weitere Frauen und ein Mann haben mit Belastungen Nichteltern im Schnitt sogar etwas zu-
verbunden sind.« 26
dem SPIEGEL gesprochen. Für eine von ih- friedener als Eltern«, sagt die Soziologin
nen, Manuela Vickermann, ist es sogar ein Hilke Brockmann von der Jacobs Uni-
15
bewusstes Coming-out. »Wir kinderlosen »… Kinder mit großem versity Bremen. Die Professorin, Mutter
Frauen können genauso mitfühlen wie 16 von zwei Töchtern, staunt selbst über
Stress verbunden sind.«
Mütter. Wir können genauso sozial enga- 23 diesen Befund, den viele Studien bestätigt
giert sein, genauso fürsorglich«, sagt sie. Angaben in Prozent, Auswahl aus den Antwortmöglichkeiten; haben. »Für Deutschland konnten wir
»Wir sind ganz normale Menschen.« 990 befragte Frauen im Alter von 20 bis 50 Jahren; Quelle: BMFSFJ, 2015 sogar nachweisen, dass Mütter im Schnitt

46 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


mit jedem weiteren Kind unzufriedener
werden.«
Die Entscheidung gegen Nachwuchs tref-
fen nur wenige gezielt schon in jungen Jah-
ren. Oft ist es eine »zeitlich befristete Hal-
tung« gegen das Kinderkriegen, wie die
Studie des Familienministeriums zeigt –
spätere Elternschaft nicht ausgeschlossen.
Nur stellt die sich dann häufig nicht
mehr ein. Für viele ist das schmerzlich,
manche werden depressiv. Andere suchen
für viel Geld Hilfe, etwa bei Gynäkologen
wie Katrin Schaudig. »Viele Menschen ha-
ben heute die Vorstellung, mit Hormon-
präparaten und In-vitro-Fertilisation ließe
sich die Fruchtbarkeitsphase beliebig ver-
längern«, sagt die Hamburger Ärztin.
»Das ist ein Irrtum.« Patientinnen zwi-
schen 30 und 35 rät Schaudig manchmal
zum »Social Freezing«, zum Einfrieren
von Eizellen – etwa wenn eine langjährige
Beziehung gerade zerbrochen sei. Es sei
schwer, einen neuen Partner zu finden,
wenn von Anfang an der Druck da ist, ein
Kind zu zeugen.
Diana Ewald* erfuhr mit 38 Jahren,
dass es für sie schon zu spät sei für ein
Kind. Sie hätte sich gewünscht, dass je-
mand sie rechtzeitig gewarnt hätte. Die
58-Jährige hat es weit gebracht, sie ist Che-
fin in einem Rundfunksender.
»Niemand hat je zu mir gesagt: Wenn
NORA KLEIN / DER SPIEGEL

du ein Kind bekommst, machst du keine


Karriere. Das lief anders. Da war dann ein
Wirtschaftsgipfel in Südkorea, und es hieß:
Die Kollegin hat kleine Kinder, die kann
nicht so lange weg.« Wenn Mütter in der
Redaktion aus Afghanistan berichten woll-
»Jede Art von Hypothese über ten, hätten sie zu hören bekommen: »Das
ist viel zu gefährlich, denk an deine Kin-
Kinderlose ist letztlich eine Kriegserklärung.« der.« Das sei Vätern, die in Kriegsgebiete
Autorin Riedle, 60 fahren wollten, nie vorgehalten worden.
Ewald verschob ihren Kinderwunsch,
ging ins Ausland, stieg auf. »Schließlich
fassten mein Mann und ich einen tollen
Plan: Ich würde arbeiten, er zu Hause blei-
ben und mir unser künftiges Kind alle paar
Stunden zum Stillen vorbeibringen.«
Es klappte jedoch nicht, und der
Schmerz darüber traf sie tief. Ihre Schuld-
gefühle, immerhin, hat Ewald überwun-
den. »Irgendwann war mir klar, dass ich
mich nicht dafür schämen muss, dass ich
Karriere machen wollte. Und die wiede-
rum, davon bin ich überzeugt, hätte ich
mit Kindern so nicht machen können.«
SELINA PFRUENER / DER SPIEGEL

Heute sei sie mit sich im Reinen. Was


sie allerdings störe, seien Menschen, die
sie für schrullig hielten, weil sie keine Kin-
der hat, oder die ihr klare Ansagen als
TOTH MILAN

Hartleibigkeit auslegten. »Das sagt dir kei-


ner ins Gesicht, aber man ahnt es. Und
fühlt sich doppelt bestraft.«
»Kinder sind im Job »Das war früher so, Jüngeren Frauen im Sender gibt sie des-
halb einen Rat: »Wenn ihr Kinder haben
bei Männern kein Thema.« wir hatten andere Werte.«
Unternehmer Schwartz, 52 Managerin Thiell, 59 * Name geändert.

47
wollt, macht es jetzt, sonst dann begeisterte sie die Aus-
könnte es zu spät sein: Schaut bildung zur Steuerfachange-
mich an!« Sie garantiere den stellten so sehr, dass sie anfing
Jüngeren, nach der Babypause zu studieren. »Ich bin ein Zah-
wieder da einsteigen zu kön- lenmensch, ich liebe Daten
nen, wo sie aufgehört haben. und Fakten.«
Für Ewald ist die Sache klar: Sie wurde »Manager«, »Se-
»Wenn die Gesellschaft Kinder nior Manager«, »Director«.
will, dann muss sie dafür sor- »Jedes Mal dachte ich, die Stufe
gen, dass Frauen die Chance gönne ich mir noch, bevor ich
haben, sie zu bekommen, eine Familie gründe.« Als sie
ohne berufliche Nachteile zu dann erfuhr, dass es zu spät da-
riskieren.« für sei, war sie froh, weil nun
Und was ist mit den Män- der Weg nach ganz oben frei
nern? Axel Schwartz ist 52 und war. »150 Prozent fürs Kind ge-
zufrieden mit seinem Leben. ben und 150 Prozent für die
Der Kölner Unternehmer hat Karriere, das geht nicht.«
keine Kinder, weil er lange Seit zwei Jahren ist Vicker-
keine wollte. Und außer den mann Partnerin in der interna-
Eltern seiner Ex-Frau habe tionalen Steuerabteilung von
ihn auch nie jemand danach PricewaterhouseCoopers. Auf
gefragt, erst recht nicht im ihrer Managementebene ist
beruflichen Umfeld. »Keiner, nur etwa jede zehnte Füh-
nie.« Er staunt selbst darüber, rungskraft eine Frau.
schüttelt den Kopf. »Kinder In ihrer Hamburger Woh-
sind im Job bei Männern kein nung stehen Fotos von ihren
Thema.« Patenkindern in einer hell er-
Seine zweite Frau brachte leuchteten Nische, ein Mäd-
zwei Teenager mit in die Ehe, chen, 5, ein blonder Junge, 8.
sie habe es ihm leicht gemacht. Auch in Lateinamerika hat sie
»Ich musste nie den Ernährer Patenschaften übernommen.

NORA KLEIN / DER SPIEGEL


spielen oder die Kinder erzie- »Ich kann den armen Kindern
hen.« Unterschwellig habe ihn auf der Welt heute wahrschein-
die Kinderfrage aber durchaus lich besser helfen, als wenn ich
bewegt, sagt Schwartz, in ru- eigene hätte. Weil ich genug
higen Momenten. Er ist der verdiene.« Später, wenn sie
letzte Namensträger einer Fa- mal dafür Zeit hat, möchte Vi-
milie, die ihre Wurzeln bis ins ckermann ehrenamtlich in ei-
16. Jahrhundert zurückverfolgt, »Wir kinderlosen Frauen können nem Kinderhospiz arbeiten.
mit Schwartz stirbt dieser genauso mitfühlen wie Mütter, wir sind ganz Es nagt an ihr, wenn ihre
Zweig aus. »Wenn du nicht Leistung teilweise nicht so an-
mehr bist«, habe er sich gefragt,
normale Menschen.« erkannt wird wie die von be-
»was bleibt dann von dir?« Steuerexpertin Vickermann, 42 rufstätigen Müttern. »Für die
Vielleicht würden Männer interne Meinungsbildung zum
auch deshalb selten nach Kin- Thema Gleichstellung in der
dern gefragt, sagt er, weil es für sie ja quasi Dass Frauen sich dem Kinderthema an- Firma zähle ich deshalb nicht voll.« Auch
nie zu spät sei. »Ich kenne zwei ältere Ma- ders stellen müssen, hat auch historische das Netzwerken mit anderen Frauen habe
nager, die erst im fortgeschrittenen Alter Gründe. Mutterschaft ist oft noch ein wirk- sie enttäuscht eingestellt. »Da gab es Müt-
Vater geworden sind. Der eine sogar erst mächtiger Mythos, gerade hierzulande, wo ter, die ernsthaft forderten, wir kinderlo-
mit 60.« einst das »Ehrenkreuz der deutschen Mut- sen Frauen sollten ihre Überstunden über-
Zahlen bestätigen, dass viele Männer ter« verliehen wurde. nehmen. Auf die Idee, Männer zu fragen,
sich mit dem Kinderkriegen Zeit lassen. Immer tickt dabei auch die biologische kamen sie gar nicht.«
Von den 40- bis 44-jährigen Männern der Uhr. »Meine Ärztin sagte mir am Telefon, Derzeit sucht Vickermann einen Part-
Wippermann-Studie hat zumindest jeder ich sei im Klimakterium«, erinnert sich ner über ein Datingportal. Bei der Frage,
dritte noch kein Kind. Doch schließt nur Manuela Vickermann. »Ich war 34 Jahre ob sie Kinder haben wolle, hat sie »keine
ein Viertel der kinderlosen Männer eine alt und wusste nicht mal, was das ist.« Angabe« angekreuzt statt »nein«. »Sonst
spätere Vaterschaft für sich aus. Sie googelte, entdeckte, dass sie schon denken die Männer doch gleich, ich hätte
Und so hadern vor allem kinderlose in den Wechseljahren war. Sie staunte. Haare auf den Zähnen.« Nach eigenen
Frauen mit ihrer Situation. Auch wenn Und fühlte sich plötzlich erleichtert. »Ich Kindern gefragt, habe sie auch sonst
manche ihre Lebensform durchaus offen- merkte, dass ich gar keine Kinder haben oftmals ausweichend geantwortet, dass
siv vertreten, haben wohl alle schon mal wollte. Ich hatte die Erwartungen meiner sie leider keine bekommen konnte.
schräge Blicke kassiert. Umwelt für meine eigenen gehalten.« Das war nicht gelogen, aber auch nicht
»Haben Sie Kinder?« Wer darauf offen Vickermann, heute 42, stammt aus die ganze Wahrheit, »ich habe mich hinter
antworte, nein, ich will keine, sei schlecht einem Dorf in Westfalen. Ihr Weg schien dieser Antwort quasi versteckt«.
beraten, erzählt eine Firmengründerin. vorgezeichnet: Realschule, Lehre, Heirat, Annette Bruhns
»Ich habe schon Blicke geerntet, als killte Kinder, Hund. Den passenden Freund lern- Mail: annette.bruhns@spiegel.de
ich Meerschweinchen.« te sie schon in der Schule kennen. Aber

48 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Ohne Filter
Kommunikation Die Parteien
wollen über Newsrooms ihr
öffentliches Erscheinungsbild
kontrollieren. Gefährdet
der Trend die Pressefreiheit?

I m Jakob-Kaiser-Haus, dem Gebäude


für die Bundestagsabgeordneten und
ihre Mitarbeiter, wird umgebaut. In
den Räumen der Unions-Pressestelle rei-
ßen Handwerker dieser Tage Wände he-

QUELLE: TWITTER
raus, aus den kleinen Büros soll ein großes
werden. Fraktionschef Ralph Brinkhaus
will einen Newsroom schaffen, in dem ein
Medienteam die Arbeit seiner Abgeord-
neten choreografiert. Eine Mannschaft, die Regierungssprecher Steffen Seibert (3. v. l.)*: Sicher ist sicher
berichtet, erklärt, einordnet. Ganz so, als
wäre sie eine kleine Redakteurstruppe.
Der Trend zum Newsroom durchzieht fen. Ein Konzept gibt es noch nicht, über Anruf bei Lars Klingbeil, Generalsekre-
derzeit Parteien und Fraktionen, auch Mi- neue Stellen ist noch nicht entschieden, tär der SPD. Auch die Sozialdemokraten
nisterien bauen sich Schaltzentralen mit TV- beteuert man. Sicher ist aber, dass die haben einen Newsroom, sechs Stellen
Studios und Multimediaecken. Eine »Hoch- CDU künftig noch stärker selbst darüber sind inzwischen dafür reserviert, Mitte
rüstung im Inszenierungsgeschäft« nennt es bestimmen will, wie sie wahrgenommen April soll eine neue Chefin ihre Arbeit
der Medienwissenschaftler Bernhard Pörk- wird. Über Videos, Erklärungen, Podcasts. antreten. Die SPD leidet darunter, dass
sen, von einer überfälligen Professionalisie- Die Parteichefin macht daraus gar kei- sie medial als Partei in der Dauerkrise
rung sprechen dagegen die politischen Strate- nen Hehl: Beim Auftakt zum Werkstatt- beschrieben wird. Der Newsroom soll
gen: Es gelte, neben der klassischen Presse- gespräch über die Flüchtlingspolitik vor helfen, aus dieser Negativspirale auszu-
arbeit den Dialog mit dem Bürger zu stärken einigen Wochen habe man keine Presse zu- brechen.
und das Internet besser zu beobachten. gelassen und stattdessen einen Livestream Geht es darum, die Medien zu umgehen?
Alles ganz harmlos, so der Tenor. angeboten, berichtete Kramp-Karren- Klingbeil wiegelt ab. »Wir verzichten nicht
Nur ist der Newsroom eben auch ein bauer neulich in der »Entscheidung«, dem auf klassische Formate. Das wäre falsch«,
wunderbares PR-Instrument, ein Mittel, Magazin der Jungen Union, und schwärm- beteuert er. Aber die Vorteile sieht auch er:
um sich im Zweifel der Kontrolle und der te: »Wir waren Herr über die Bilder, wir »Im Newsroom können wir zusätzlich auch
medialen Einordnung zu entziehen. Wer haben die Nachrichten selbst produziert. eigene Botschaften verstärken«, sagt Kling-
im Newsroom schreibt oder filmt, kann In diese Richtung wird es weitergehen.« beil: »Wir verlängern die Kommunikation
die üblichen Filter vermeiden. Kein Kom- Das Recht der Parteien, modern zu kom- aus den klassischen Medien ins Internet
mentator setzt Zitate in einen kritischen munizieren, stellt niemand infrage. Schwie- direkt zu unseren Leuten.«
Kontext, kein Kameramann zeigt un- rig wird es, wenn Politiker die Strukturen Der Trend macht auch vor der Regierung
schöne Bilder. Und die Interviewer von verändern, um kritischen Fragen leichter nicht halt. Das Verkehrsministerium sieht
CDU. TV, längst präsent bei jedem wichti- ausweichen zu können. Sätze wie die von sich als Vorreiter. Im vergangenen Jahr
gen Parteitermin, fragen weniger hartnä- Kramp-Karrenbauer lassen den Medien- rückten dort, wo früher dröge Pressekon-
ckig als ihre »Kollegen« der unabhängigen wissenschaftler Pörksen aufhorchen. Der ferenzen zum Verkehrswegeplan stattfan-
Medien. So können die Parteien ihre Bot- Professor von der Uni Tübingen mahnt: den, die Techniker an. Seit Inbetriebnahme
schaften widerspruchslos über die ver- »Das Problem besteht darin, dass die Par- des »Neuigkeiten-Zimmers« hat sich bei
schiedensten Kanäle an Unterstützer ver- teien journalistische Arbeitsweisen letztlich Minister Andreas Scheuer und seinen Leu-
schicken. Echokammern, in denen man zum Zweck der Eigen-PR kopieren – mit ten ein Ritual eingespielt: Nach der Presse-
immer recht hat und niemand stört. Auf dem Ziel einer maximalen Kontrolle über konferenz, die jetzt im Eckzimmer nebenan
der Strecke bleibt der kritische Diskurs. Bilder und inhaltliche Akzentsetzungen.« stattfindet, läuft der CSU-Mann in sein eige-
Vorbild für diese Entwicklung ist ausge- Nach Kritik stellte Kramp-Karrenbauer nes TV-Studio, um noch einmal das zu ver-
rechnet die AfD. Deren Strategie, sich vorsichtshalber klar, dass für sie die freie künden, was er gerade erst den Journalisten
über Twitter, Facebook und andere Kanäle Presse zur Demokratie gehöre. Unabhän- sagte. Sicher ist sicher.
eine eigene Wirklichkeit zu schaffen, ver- giger Journalismus sei ihr »ein Herzens- Denn auch Scheuer beklagt sich gern,
folgen die Parteistrategen mit einer Mi- anliegen«, betonte sie. dass die Journalisten einfach nicht das
schung aus Sorge und Bewunderung – nun rüberbrächten, was er als Botschaft ver-
ziehen sie nach. Auch Annegret Kramp- künden wolle. »Ihr wollt’s doch nicht über
Karrenbauer hat große Pläne. Die CDU- die Zukunft der Mobilität schreiben«, sag-
Chefin will im zweiten Stock des Konrad- »Im Newsroom können te er ihnen im trauten Kreis, »sondern
Adenauer-Hauses einen Newsroom schaf- wir zusätzlich immer nur über den doofen Diesel.«

* Im »Neuigkeiten-Zimmer« des Bundesverkehrsminis-


auch eigene Botschaften Veit Medick, Ralf Neukirch,
Gerald Traufetter
teriums. verstärken.«
49
Gesellschaft
»Kein Duzen, kein Bier, keinen Kaffee mit Faschisten.« ‣ S. 52

Früher war alles schlechter


Nº 168: Drei-Sterne-Restaurants

2005 gab es 56 Lokale weltweit, die 2018 waren es


mit drei Sternen ausgezeichnet waren. 126 Restaurants.

Quelle: Michelin

Nicht der Duft schwarzer Périgord-Trüffeln durchzog wie Nationalstraßen gut, besser und ausgezeichnet einkehren könne.
sonst das Le Fouquet’s auf den Champs-Élysées, stattdessen biss 1933 notierten die Tester 23 Restaurants, die »eine Reise wert«
Tränengas in die Nase, als die Gelbwesten die Pariser Luxus- seien, und vergaben jeweils drei Sterne. 2018 gab es weltweit
Brasserie vergangenen Samstag verwüsteten. Ein Sakrileg, zu- 126 Restaurants mit der höchsten Michelin-Wertung. 28 davon
mal Frankreich seine gastronomische Sonderstellung auch den finden sich in Frankreich. Deutschland erreichte die Verfeine-
Sansculotten verdankt, Vorläufern der Gelbwesten, die von rung der Kochkünste verspätet: 1979 holte Eckart Witzigmann
1789 an wutentbrannt Aristokratenhäuser geplündert hatten. erstmals drei Sterne nach Deutschland, inzwischen hat sich die
Die damit brotlos gewordenen Köche machten aus der Not eine Zahl bei zehn, elf Spitzenrestaurants eingependelt. Die Stadt
Tugend und eröffneten Straßenküchen, Garstuben und später mit den meisten Sternen allerdings ist mittlerweile Tokio. Auch
Bistros. Die Revolution führte zu einer Popularisierung des ver- Pierre Gagnaire, unter dessen Namen im Le Fouquet’s gekocht
feinerten Geschmacks, von der sich Frankreich bis heute nicht wird, betreibt Restaurants in Japan, China, Südkorea: Die kuli-
erholt hat. Als sich »le peuple« motorisierte, lieferte der Reifen- narische ist die erfolgreichste aller französischen Revolutionen,
fabrikant Michelin praktische Hinweise, wo man am Rande der jedenfalls in den Ländern Asiens. alexander.smoltczyk@spiegel.de

Arbeitswelten ke, dass Arbeit an sich besser ist als auch nicht sein. Irgendwer muss doch die
Müßiggang. Arbeit erledigen.
Sollte man fürs SPIEGEL: Und das stimmt nicht? Welzer: Natürlich. Was ich meine: Die
Nichtstun bezahlt werden, Welzer: Wieso soll es sinnvoller sein, in Hochschätzung der Arbeit im Sinne der
der Rüstungsindustrie zu arbeiten und fremdbestimmten Erwerbstätigkeit ist
Herr Welzer? Waffen zu produzieren, deren einziger historisch jung, vor der Industrialisierung
Harald Welzer, 60, ist Soziologe und Autor Zweck die Zerstörung ist, als auf der war das noch anders. Wir achten die
des Buchs »Alles könnte anders sein«. Wiese zu liegen und in den Himmel zu Arbeit heute auch deswegen, weil sie dem
schauen? Tag eine Struktur gibt – man muss sich kei-
SPIEGEL: In der schwedischen Stadt Göte- SPIEGEL: Was soll es bringen, sich auf die ne Gedanken machen, was man mit seiner
borg ist eine unbefristete Stelle ausge- Wiese zu legen? Zeit anstellt. Wenn man kein Geld verdie-
schrieben: umgerechnet 2046 Euro brutto Welzer: Wir leben in einer Kultur des nen muss, ist man aber nicht zwangsläufig
im Monat fürs Nichtstun. »Die Arbeit ist Alles-immer. Der Rückzug aus der Unru- faul. Müßiggang ist etwas anderes als Faul-
das, was der Angestellte tun will«, heißt he des Alltags ist wichtig, wir brauchen heit. Faulheit ist ein Begriff, der uns dazu
es in der Jobbeschreibung. Gute Idee? die Kontemplation, die Lee- bringen soll zu arbeiten.
Welzer: Eine charmante Idee. Wir wun- re. Der eine hält die Leere Müßiggang heißt auch:
SEBASTIAN WILLNOW / DPA

dern uns nicht, wenn jemand 3000 Euro einen Tag lang aus, der Man kann sich ehrenamt-
Rente bekommt und Däumchen dreht, andere zwei Monate. Aber lich im Hospiz engagieren.
weil wir wissen, dass er dafür gearbeitet es wirkt wie eine Infusion: Man hat die Möglichkeit,
hat. Wir halten es aber für irrational, dass Man wird frischer, kreativer. anderes zu tun. Und zwi-
jemand für gar nichts entlohnt wird. SPIEGEL: Dass alle nur Wol- schendurch guten Gewis-
Dahinter steckt der absonderliche Gedan- ken zählen, kann es aber sens absolut nichts. MAG

50 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


wieder senkrecht hinab ins Wasser stießen. Bald sah Schimpf
Eine Meldung und ihre Geschichte
auch Delfine, die durchs Wasser schnitten. Er war am rich-
tigen Ort, er hatte Glück. Unter der Oberfläche, vom Boot

Abgetaucht aus zu erkennen, schwebte ein Bait Ball.


Schimpf zog sich um, setzte Maske und Schnorchel auf,
nahm eine Kamera und glitt ins Wasser. Bis auf etwa vier
Meter schwamm er an die Kugel aus Fischleibern heran,
Wie ein Deutscher im Meer vor Südafrika im brachte die Kamera in Position. Er machte die ersten Auf-
Maul eines Wals landete nahmen, als er links von sich einen mächtigen Schatten wahr-
nahm. Der Schatten kam auf ihn zu. Plötzlich wurde es dun-
kel. Schimpf spürte, wie etwas seinen Körper umschloss,

D er Tag, an dem Rainer Schimpf, aufgewachsen in


Mannheim, vor 16 Jahren ausgewandert nach Südafri-
ka, beinahe sein Leben verlor, begann beschaulich, im
Hafen von Port Elizabeth, Südafrika.
ungefähr auf Höhe der Hüfte, er spürte Druck von oben und
von unten, nicht schmerzhaft, nicht einmal unangenehm,
eher, Schimpf sucht am Telefon nach den richtigen Worten,
»wie eine feste Umarmung«.
Dort liegt Schimpfs seegängiges Schlauchboot; er belud Schimpf hatte an diesem Tag bis dahin keine Wale gesehen.
es an diesem Morgen mit Kameras, mit Neoprenanzügen, Andererseits war es die einzig mögliche Erklärung: Das hier
Taucherbrillen, Schnorcheln, Flossen, mit all dem, was er musste ein Wal sein – und Schimpf steckte in seinem Maul.
und seine sechs Mitreisenden an diesem Tag benötigen Er konnte nichts sehen, die Tauchmaske umschloss seine
würden. Nase, er konnte also auch nichts riechen, er spürte nur, wie
Schimpf führt eine Reiseagentur. Er bietet Fahrten hinaus er aus dem Wasser gehoben wurde, wie sein Hintern mitsamt
aufs offene Meer an, die Touren gehen an Orte, wo Taucher den Beinen aus dem Maul des Wals hing: ein moderner Jona,
Delfinen, Haien oder Bartenwalen nah sein, wo sie die Natur eingepackt in einen schwarzen Neoprenanzug, mit blauen
unmittelbar erfahren können. Schimpf hat sein Hobby, das Flossen an den Füßen.
Tauchen, zum Beruf gemacht. Wenn er am Telefon von dieser Schimpf steckte im Maul eines Brydewals. Die Art wird
Entscheidung erzählt, von seinem Leben als Auswanderer, bis zu 14 Meter lang und bis zu 25 Tonnen schwer, der Bryde-
stellt sich sehr schnell der wal hat Barten, aber keine
Eindruck ein, dass er damit Zähne. Die gute Nachricht:
sehr glücklich ist. Brydewale haben einen
An diesem Tag Ende viel zu engen Schlund, als
Februar wurde Schimpf dass ein Mensch hindurch-
nicht von Kunden begleitet, passen würde.
sondern von einem Foto- Die schlechte Nachricht
grafen, von seiner Frau und war, dass der Wal wahr-

HEINZ TOPERCZER
mehreren Bekannten, die scheinlich gleich tauchen
ebenfalls Taucher sind und und Schimpf mit sich in
die für Schimpfs Sicherheit die Tiefe ziehen würde.
sorgen sollten, wenn er im Schimpf konnte nichts tun.
Wasser war. Schimpf hoffte, Schimpf im Maul eines Wals Er konnte nur die Luft
draußen auf dem Meer anhalten, versuchen, ruhig
spektakuläre Bilder ma- zu bleiben und zu hoffen,
chen zu können – vom gro- dass er an diesem Tag ein
ßen Fressen und Gefressen- zweites Mal Glück haben
werden, das verlässlich werde.
stattfindet, wenn sich im Von der Website RP-Online.de Und er hatte Glück.
Frühjahr Millionen Sardi- Kaum zwei Sekunden nach-
nen versammeln, dem kalten Benguelastrom folgen und dem dem Schimpf im Maul des Wals gelandet war, presste dieser
Plankton, das den Fischen als Nahrung dient. das Wasser aus seinem Maul hinaus und schluckte die Sardi-
Die Schwärme der Sardinen locken Räuber an, in großer nen hinunter. Mit dem Wasser wurde auch Schimpf zurück
Zahl. Aus der Luft attackieren Tölpel die Fische, unter Wasser ins Meer gespült, unverletzt. Er kletterte ins Boot zurück,
greifen Haie und Delfine an, und oft sind es die Delfine, die seine erste Frage an den Fotografen lautete: »Hast du das im
einen Schwarm in die Enge treiben und die Sardinen zwingen, Bild?«
eine Kugel zu bilden, den »Bait Ball«, in den dann die ande- Schimpf ist 51 Jahre alt, er hat viel gesehen und scheint
ren Räuber einfallen, von allen Seiten, bis ihr Appetit gestillt ein eher pragmatischer Mensch zu sein, der die Dinge nimmt,
oder der Sardinenschwarm aufgerieben ist. wie sie kommen. Was passiert, passiert; es gibt keinen großen
Schimpf hoffte, ein solches Massaker dokumentieren zu Plan, keine Frage nach dem Warum.
können. Die Bilder wollte er als Werbung für seine Touren Was es allerdings gibt, sind Wahrscheinlichkeiten, und es
nutzen, er wusste, dass sich auch Fernsehsender in aller Welt war sehr unwahrscheinlich, dass Schimpf an diesem Tag noch
für solche Szenen interessieren. einmal eine ähnlich dramatische Begegnung mit einem Tier
Gegen acht Uhr am Morgen lag das Boot bereit. Schimpf haben würde. In der Saison, die von Februar bis Juli dauert,
lenkte es aus dem Hafen, dann ging es gut drei Stunden war er oft vier Stunden pro Tag im Wasser gewesen, seit
hinaus aufs Meer, bei guter Sicht und ruhiger See. Rund 16 Jahren, und nie war etwas Vergleichbares passiert.
50 Kilometer entfernt von der Küste, das Land war längst Er blickte vom Boot ins Meer. Das Wasser war klar,
hinter dem Horizont verschwunden, entdeckte Schimpf end- Schimpf konnte sehen, dass nun auch Haie am Bait Ball ar-
lich in einiger Entfernung, wonach er suchte: Tölpel, dunkle beiteten. Gute Bilder waren das. Schimpf nahm seine Kamera
Punkte, die über dem Meer kreisten und von dort immer und glitt wieder ins Wasser. Uwe Buse

51
Gesellschaft

Grenzsicherung
Stresstest Seit anderthalb Jahren sitzt die AfD im Bundestag, 91 Abgeordnete bilden die
größte Oppositionsfraktion. Verändert das die Umgangsformen? Wie soll man den
neuen Kollegen begegnen? Eine Sitzungswoche im Berliner Reichstag. Von Alexander Smoltczyk

E
s sind 66,5 Zentimeter, vorgege- gen mit einer weißen Bürgerwehr erwi- »Dann eröffne ich die Aussprache und erteile
ben durch die Verschraubungen schen. Laut Geschäftsordnung hätte die das Wort dem Bundesgesundheitsminister
im Boden des Plenarsaals, die Partei außerdem Anspruch auf einen Sitz Jens Spahn« (Beifall bei der CDU/CSU so-
nach Auskunft der Bundestagsver- im Bundestagspräsidium, zu besetzen in wie der Abg. Sabine Dittmar [SPD]).
waltung in der Horizontalen »mit unter- geheimer Wahl. Bislang scheiterte jeder
schiedlichen Toleranzen« eingerichtet sind. Kandidat daran, eine Mehrheit zu finden. Wer eine ganz normale Sitzungswoche
Es sind 66,5 Zentimeter, die Alt und Alle Abgeordneten, egal aus welchem lang von der Zuschauertribüne aus den
Neu voneinander trennen, die Guten von Lager, verbindet die Frage: wie umgehen Debatten lauscht, dem zeigt sich unsere
den weniger Guten. Für manchen markie- miteinander? Parlamentarische Demokra- Demokratie als fein kalibrierte Maschine.
ren sie die Grenze zwischen Zivilität und tie ist das Dilemma von körperlicher Nähe Eine Woche im Januar beispielsweise,
Barbarei, zwischen System und Antisys- und ideologischer Entfernung. es könnte auch eine beliebige andere sein:
tem. Es sind genau 66,5 Zentimeter Ab-
stand zwischen den Pulten der FDP-Frak-
tion und denen der AfD im Deutschen
Bundestag, 19. Wahlperiode, wo über jede
Sitzung Protokoll geführt wird.

74. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 17. Ja-


nuar 2019. Beginn: 10.45 Uhr. Präsident
Dr. Wolfgang Schäuble: »In der parlamen-
tarischen Weihnachtspause haben einige
Kollegen besondere Geburtstage gefeiert.
Alle guten Wünsche im Namen des ganzen
Hauses!« (Beifall).

Zu Beginn der Legislatur wollte die FDP


zwischen Unionsfraktion und Grünen plat-
ziert werden. Abgelehnt. Seit dem 24. Ok-
tober 2017 sitzen die Liberalen dicht neben
91 Abgeordneten einer Partei, die von den
anderen Fraktionen und der Mehrheit der
Bürger als indiskutabel angesehen wird.
Die AfD-Abgeordneten seien »Rassis-
ten« (Cem Özdemir, Grüne), ihre Partei
»rechtsradikal« (Sigmar Gabriel, SPD),
»gegen diesen Staat« eingestellt (Horst
Seehofer, CSU), in Teilen »offen national-
sozialistisch bis hin zu antisemitischen Un-
tertönen« (Friedrich Merz, CDU).
Unbestreitbar ist, dass die AfD die größ-
te Oppositionsfraktion im Plenum bildet.
Ihre Abgeordneten haben Anrecht auf
Fahrdienst, Gratisfahrten mit der Bahn, ei-
nen Stab von Mitarbeitern und Zugang zu
den exklusiven Räumlichkeiten der Parla-
mentarischen Gesellschaft. Auch stellt die
AfD gemäß ihrer Fraktionsstärke die Vor-
sitzenden der Ausschüsse für Haushalt,
Recht und Verbraucherschutz sowie für
Tourismus. Der Unterausschuss für Aus-
wärtige Kulturpolitik wird nur deshalb
noch nicht von der AfD geleitet, weil de-
ren Kandidat zum äußerst rechten Partei-
flügel gehört. Kürzlich ließ er sich auf einer
Dienstreise in Südafrika bei Schießübun-

52
Es wird über Schulspeisung debattiert, Der 19. Bundestag ist mit seinen 709 Ab- Gegenüber den Kollegen der AfD ha-
über den Brexit, über Organspenden und geordneten zu groß, um Wirgefühle auf- ben sich die meisten Abgeordneten für
den Frieden in Eritrea, über Wildtier- kommen zu lassen. Man reist an zu eng eine Haltung entschieden, die Sven-Chris-
schutz, die Planung der Bahn AG, Nah- getakteten Sitzungswochen, voller Frak- tian Kindler, Grüner aus Hannover, so
verkehr und Bürokratieabbau, es wird tions- und Ausschusssitzungen, Mittags- zusammenfasst: »Kein Duzen, kein Bier,
die Zukunft einer Fregatte in Schwerin runden, Besuchergruppen, Presseterminen, keinen Kaffee mit Faschisten.«
verhandelt sowie die Problematik des Anhörungen und Festveranstaltungen, Als Martin Reichardt, AfD-Vorsitzen-
tansanischen Megastaudamms »Stieglers Landesgruppentreffs und Plenarabstim- der in Sachsen-Anhalt, am Vortag den Sit-
Schlucht«. Unter anderem. mungen, die bis in die Nacht dauern kön- zungsraum des Familienausschusses be-
Jürgen Trittin kommt hereingeschlen- nen. Neulinge haben schon Schwierigkei- trat, reichte ihm niemand die Hand, selbst
dert, der frühere Umweltminister der Grü- ten, sich die eigenen Leute zu merken. die Vorsitzende schob sich grußlos an ihm
nen. Die Linke in der Tasche, läuft er an »Ganz am Anfang verirrte sich mittags vorbei wie an einer Zimmerpalme. Rei-
den Bänken der AfD vorbei, den Blick in ein CDUler an unseren Tisch«, erzählt chardt ist ehemaliger Offizier, eine anzug-
die Ferne gerichtet und im Gesicht einen Götz Frömming, bildungspolitischer Spre- sprengende Gestalt. Und war plötzlich un-
Ausdruck, wie man ihn von Opernbe- cher der AfD. »Wir machten Small Talk. sichtbar.
suchern kennt, wenn ein Obdachloser vor Bis das Gespräch auf Merkel kam. Da ver- »Das ist nicht schön«, sagt Reichardt.
dem Eingang hockt. abschiedete er sich schnell.« »Aber klar, wir sind in deren Wohnzimmer
Das Verhältnis zu den »Altparteien«, eingedrungen, in die Komfortzone.« Ihm
Bundesminister Jens Spahn: »… geht es also sagt Frömming, sei nicht besser geworden, sei das fast freundschaftliche Miteinander
darum, dem Transplantationsbeauftragten »im Gegenteil«. Seit der angekündigten in den Fraktionen von der Linken bis zur
durch verbindliche Freistellungsregelungen Prüfung seiner Partei durch den Verfas- Union, dieses Duzen und Umarmen durch-
und eine entsprechende Refinanzierung sungsschutz sei der Ton giftiger, die Dis- aus suspekt. Schließlich gehe es, sagt er,
mehr Freiraum …« tanz größer. um harten politischen Kampf.
Im Jahr 2017 hatte der damalige Innen-
minister Thomas de Maizière zehn Thesen
für eine deutsche Leitkultur skizziert. Un-
ter Punkt eins heißt es: »Wir sagen unseren
Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die
Hand.«

Abg. Markus Töns (SPD): »… Großbritan-


nien ist tief gespalten. Das kommt davon,
wenn Rechtspopulisten und Nationalisten
Lügen verbreiten. Meine Damen und Her-
ren, es scheint ja so zu sein, dass die AfD
für Deutschland Gleiches plant. Sie wollen
erstens den Euro abschaffen (Beifall bei der
AfD) und zweitens das Europaparlament
abschaffen.«

Die stellvertretende FDP-Vorsitzende


Marie-Agnes Strack-Zimmermann trägt
an diesem Tag eine schwarze Lederjacke.
Normalerweise meidet sie die Plätze
neben der AfD, setzt sich möglichst nahe
an die Union heran, genau wie ihre
Kolleginnen. »Um diese Sprüche nicht
ertragen zu müssen«, sagt sie. Diese Des-
pektierlichkeiten, zu leise fürs Protokoll,
aber laut genug für 66,5 Zentimeter
Abstand.
Sätze, wie sie ihn jetzt hört, von jenseits
des Ganges: »Oh, Frau Strack-Zimmer-
mann heute in Leder! Holen Sie gleich die
Peitsche raus?« Strack-Zimmermann ist
Rheinländerin, sie kann mit Sprüchen um-
gehen: »Ach, Herr Kollege, haben Sie zu
Hause einen Notstand? Brauchen Sie die
Peitsche?« Das sitzt.
»Ich halte mich für relativ schlagfertig,
ich bin eine gestandene Frau von 61 Jah-
JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

Abgeordnete von FDP (l.), AfD (r.) während


der Gedenkstunde zu Ehren der Opfer
des Nationalsozialismus am 31. Januar
»Wir sind in deren Wohnzimmer eingedrungen«

53
ren«, sagt Strack-Zimmermann. Anders tems und genossen es gleichzeitig. Joschka ein aggressives Protestgebaren eifrig auf
sei es für eine junge Frau, die ihre erste Fischer war selig, als ihm das Mikro abge- die Einhaltung der guten Ordnung im Ple-
Rede hält: »Die fühlt sich wirklich als dreht wurde.« Fischer, der Straßenkämpfer num pochen.«
Opfer und leidet unter dem Gefeixe.« und spätere Außenminister, hatte den da- Die AfDler schreiben Anfragen, halten
Jürgen Braun, der parlamentarische maligen Vizepräsidenten, »mit Verlaub«, sich an die Redezeiten und erheben sich,
Geschäftsführer der AfD, sagt, er verste- ein »Arschloch« genannt. wenn der Anlass es gebietet – wenngleich
he die Kollegin nicht: »Das geht hier Die Sprache im Bundestag sei früher di- mancher auch betont langsam, etwa in der
eben nicht zu wie in einem Mädchenpen- rekter gewesen, die Wortwahl weniger Holocaust-Gedenkstunde.
sionat«, sagt er. »Mit anderen FDP- politisch korrekt, sagt Vollmer. Heute rate
Kollegen gibt es durchaus mal ein fried- sie zu einer Haltung, wie sie auch Wolf- Marlene Mortler (CDU/CSU): »Liebe Frau
liches Wort. Aber Frau Strack-Zimmer- gang Schäuble einnimmt: »Nicht so aufre- Kollegin, da sind Sie bei mir genau an
mann ist völlig humorlos.« Was habe er gen. Sie behandeln wie ein rohes Ei und der richtigen Adresse. Als gelernte Haus-
sich schon für Sprüche wegen seines zivil auflaufen lassen. Umso größer die wirtschaftsmeisterin weiß ich sehr wohl,
Nachnamens anhören müssen, sagt Braun. Enttäuschung für die.« dass man sich mit wenig Geld sehr gut und
»Lieber eine schwarze Jacke als auch sehr ausgewogen ernähren
eine braune Gesinnung. Ständig kann.«
ging das heute so.«
Aber natürlich habe er Frau In der fast 70-jährigen Geschichte
Strack-Zimmermann, über den des Deutschen Bundestags haben
66,5-Zentimeter-Graben hinweg, sich Techniken der Gruppendyna-
schon die Hand ausgestreckt. Das mik herausgebildet, Mixed Zones
gehöre zur Kinderstube. Warum re- und ideologische Abkühlbecken.
den Sie nicht mit mir, habe er die Es gibt die Morgenandacht vor Ple-
FDP-Kollegin gefragt. Und eine narsitzungen, in der fraktionsüber-
Abfuhr erhalten: »Herr Braun, ich greifend gesungen und gebetet
will nicht mit Ihnen reden. Nicht wird. Bei einem Gebetsfrühstück
mit Rechtsradikalen. Nehmen Sie hat Jürgen Braun, der AfD-Frak-
es einfach zur Kenntnis.« tionsgeschäftsführer, zum ersten
Es sind verschiedene Welten. Mal mit einem Kollegen von der
Und andere Zeiten. Dinge, die im Linken gesprochen. Das funktionie-
Geschlechterverhältnis vor 10, 20 re schon, sagt Braun, sei aber »die
Jahren normal gewesen seien, emp- totale Ausnahme«.
fänden die anderen heute vielleicht Sie sind die Fremden. Die eigent-
als Sexismus, sagt Peter Boehringer lich nicht hierhergehören, aber nun
von der AfD, der den Haushaltsaus- mal da sind, weil jemand sie herein-
schuss leitet. Überhaupt sei die gelassen hat. In diesem Fall das
Frustrationstoleranz beim politi- Volk. Mag sein, dass einige sich in-
schen Gegner dramatisch gesunken: tegrieren lassen. Aber dafür sollen
»Die AfD sagt lediglich ein paar sie sich gefälligst anstrengen. Bis
Wahrheiten in der ›old fashioned‹ dahin sitzen sie eben allein in der
Tradition der Achtziger- und Neun- Cafeteria. Selbst die Linken, die bis-
JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

zigerjahre.« herigen Schmuddelkinder, wirken


jetzt wie Säulen der Gesellschaft.
Ingrid Arndt-Brauer (SPD): »Mein »Wir hatten das Problem im FC
Vorredner Dr. de Maizière hat Bundestag«, sagt Thomas Opper-
bereits gesagt: Es werden sehr mann. »Einige von denen wollten
viele Planstellen zusätzlich geschaf- bei uns mitmachen. Ich war mit
fen. 2018 und 2019 sind mehr als AfD-Abgeordneter Reichardt Vizekapitän Mahmut Özdemir ei-
6100 zusätzliche Planstellen und Plötzlich unsichtbar ner Meinung. Wir haben den Wer-
andere Stellen bewilligt worden; tekanon des DFB zu Toleranz, An-
diese werden zunehmend besetzt« tirassismus et cetera übernommen
(Dr. Thomas de Maizière [CDU/CSU]: Vizepräsidentin Claudia Roth: »Druck- und gesagt: ›Das müsst ihr unterschreiben.‹
›Sehr gut!‹). sache 19/7025. Nach einer interfraktionel- Einer hat es gemacht. Der durfte dann
len Vereinbarung sind für die Aussprache mitspielen.«
Etwa 900 Meter vom Reichstag entfernt, 60 Minuten vorgesehen. – Dazu gibt es kei- Wie in der Schule dient gemeinsames
im Café Einstein, erzählt Antje Vollmer nen Widerspruch. Dann ist es so beschlos- Reisen auch bei Parlamentariern zur Grup-
von früher, 1983, als die Grünen in den sen. – Ich bitte die Kolleginnen und Kolle- penbildung. »Bei unserer Reise nach Genf
Bundestag einzogen. »Für die anderen gen, Platz zu nehmen und Gespräche viel- zum Uno-Menschenrechtsausschuss saßen
waren wir ein Unfall der Geschichte. Ein leicht woanders zu führen.« wir alle in einem Kleinbus, und man sprach
Spuk, der bald vorbei sein würde. Uns nur das Nötigste«, sagt der Fuldaer CDU-
wurde die kalte Schulter gezeigt.« »Das antiautoritäre Gebaren der Grünen Abgeordnete Michael Brand. »Erst attackie-
Vollmer war vom ersten Tag an dabei. richtete sich gegen ›die da oben‹ – die AfD ren sie einen heftig, dann wollen sie ein
Später, sehr viel später, wurde sie stellver- tritt vor allem nach unten gegen Migran- Bier trinken gehen? Das brauche ich nicht.«
tretende Parlamentspräsidentin. Sie sagt: ten«, sagt Thomas Oppermann, der für Wobei es in einigen Fällen um mehr
»Die Medien haben uns getragen. Wir die SPD den Vizepräsidenten im Plenum geht als um Small Talk. »Ein massives
boten etwas Neues, Bilder und Provoka- stellt. »Aber es ist schon eine Ironie der Problem«, so der Grüne Sven-Christian
tionen. Wir fühlten uns als Opfer des Sys- Geschichte, dass heute die Grünen gegen Kindler, seien künftige Reisen der

54 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Gesellschaft

deutsch-israelischen Parlamentariergrup- das war ziemlich klar in dem Moment«, Es wird allgemein – und nicht ohne
pe: »Die Regierung in Jerusalem lehnt sagt Brand. »Ich bin jetzt 13 Jahre im Bun- Neid – anerkannt, wie professionell die
Treffen mit AfD-Politikern ab. Mit vollem destag, ich bin kein Frischling. Aber diese AfD-Fraktion sich der sozialen Netzwer-
Recht.« extreme Aggressivität, das hat mich er- ke bedient. Derzeit wird an einem
schrocken.« Newsroom gearbeitet, mit eigenem TV-
Vizepräsident Dr. Hans-Peter Friedrich: Beatrix von Storch lässt Brands Darstel- Kanal.
»Ich schließe die Aussprache. Wir kommen lung durch ihr Büro scharf widersprechen, »Die machen systematische Desinforma-
zur Abstimmung über die Beschlussemp- sie grenze »sehr nahe an eine Verleum- tion«, sagt Thomas Oppermann, und seine
fehlung des Ausschusses für wirtschaftliche dung«. Sehr wohl erinnere sie sich an »die Kollegin Claudia Roth sagt: »Die haben
Zusammenarbeit und Entwicklung auf Beschimpfungen des Kollegen Brand«. einen wahnsinnigen Propagandaapparat
Drucksache 19/7089.« Brands Schilderung wird von einem Par- aufgebaut.«
teikollegen bestätigt. Jede Rede, jede Provokation wird ins
Er müsse zugeben, sagt Thomas Opper- Das Protokoll vermerkt gar nichts Netz gestellt, auch jeder Lapsus der ande-
mann, dass die Intensität der Debatten dazu. ren. »Sie lauern nur auf Fehler, testen Gren-
durch die AfD »enorm zugenom- zen des Anstands aus«, sagt Roth.
men« habe. »Ich habe einmal das »Für die Sitzungsleitung ist das an-
britische Parlament erlebt. Das war strengend. Ich bin nach zwei Stun-
schon atemberaubend. Im Ver- den Präsidium immer richtig fertig.«
gleich dazu sind wir das House of Die Rüpelei wird dabei gern aus-
Lords« – gewesen. gelagert in die einschlägigen Blogs
Am 14. Dezember 2018, dem und Facebook-Seiten. Was den Alt-
letzten Sitzungstag vor der Jahres- eingesessenen jede Form von Ent-
wende, stand die Ausschuss-Über- spannungspolitik gegenüber AfD-
weisung eines Antrags zur Förde- Kollegen erschwert.
rung des wissenschaftlichen Nach- Sven-Christian Kindler, der grü-
wuchses zur Abstimmung. Die AfD ne Haushaltssprecher, sagt: »Vor-
beantragte einen »Hammelsprung«, dergründig versucht etwa Peter
um die Beschlussfähigkeit des Ple- Boehringer von der AfD, die Form
nums festzustellen, ein zeitaufwen- zu wahren. Unter seinem Vorsitz
diges, aber zulässiges Verfahren. ist bisher im Haushaltsausschuss
Nur boykottierten die Abgeord- nicht Chaos ausgebrochen, auch
neten der AfD dann den Hammel- weil wir die Verfahrensmehrheit
sprung und blieben vor den Türen haben. Aber ich kann nicht verges-
des Plenarsaals stehen. »Das halte sen, wie Boehringer im Plenum
ich für antiparlamentarisch«, sagt und auf Facebook seine Verschwö-
der CDU-Mann Michael Brand: rungstheorien verbreitet. Das geht
»Erst nach der Abstimmung sind gar nicht.«
sie wieder reingekommen. Wie
klein ist das und wie feige.« Vizepräsidentin Claudia Roth: »Vie-
Das Protokoll vermerkte: Anhal- len Dank. – Nächste Rednerin für
tende Unruhe – Glocke der Präsi- Bündnis 90/Die Grünen: Claudia
JESCO DENZEL / DER SPIEGEL

dentin ... Beifall und rhythmisches Müller« (Beifall beim Bündnis 90/
Klatschen bei der CDU/CSU, der Die Grünen). Claudia Müller: »Sehr
SPD, der FDP, der Linken und dem geehrte Frau Präsidentin! Sehr
Bündnis 90/Die Grünen sowie von geehrte Damen und Herren! Das
der Regierungsbank. Thema Peene-Werft zeigt …«
Brand wollte kurz den Saal ver-
lassen. »Ich nahm die Abkürzung FDP-Abgeordnete Strack-Zimmermann Die junge Abgeordnete trägt ein
durch die AfD-Reihen. Frau von »Brauchen Sie die Peitsche?« enges Wollkleid und passende Stie-
Storch schrie dort laut und wild ges- fel. Unwichtig, eigentlich. Vom
tikulierend herum, ich fragte nur: Rednerpult bis zu den vorderen Sit-
›Was sind Sie eigentlich für ein armes Nikolas Löbel (CDU/CSU): »Sie haben in zen der AfD sind es gerade mal 4,80 Meter,
Würstchen?‹ Sie guckt mich sehr seltsam Ihrem Antrag kein einziges Wort des Dan- und es gibt keinen Stenografentisch da-
an – und dann haut sie mir tatsächlich mit kes für den Einsatz unserer Soldaten übrig zwischen.
voller Wucht diesen beweglichen Sitz ge- gehabt. (Matthias W. Birkwald [Die Linke]: »Man spürt das dann körperlich, diese
gen meine Schienbeine!« ›Sie halten die falsche Rede!‹) Das offenbart Aggressivität, diese Feindschaft aus den
Brand ist Sprecher der Union für Men- den Charakter Ihres Ansinnens, dem ich Reihen der AfD«, sagt Sarah Ryglewski,
schenrechte. In seinem Büro hängt ein Por- hier entschieden widersprechen will …« SPD-Abgeordnete aus Bremen. »Vielleicht
trät der Mutter Teresa. achtet man unbewusst viel zu sehr auf
»Ich war fassungslos. Da steht dann ein Wie einst die Grünen ist die AfD zugleich die.«
Mann auf, ein AfD-Abgeordneter, baut Bewegungs- und Parlamentspartei, von Man weiß ja, sagt sie, welche Reaktio-
sich vor mir auf, mitten im Plenarsaal, fast der Straße ins Hohe Haus gespült. Sie nen kommen, wenn man zu Themen der
Nase an Nase, und schreit mich an: ›Haben schielt deshalb immer mit einem Auge zur AfD spricht: »Hasskommentare im Inter-
Sie ein Problem?!‹« Basis. Jede Rede ist auch eine Botschaft net, widerliche Anrufe und E-Mails, wo
»Nase an Nase«, das sind deutlich weni- an die eigenen Leute. einem eine Vergewaltigung gewünscht
ger als 66,5 Zentimeter. »Noch ein Wort, Durch die neuen Medien ist dieser wird. Und wenn einem dann Familie und
und ich hätte eine ins Gesicht bekommen, Kontakt direkter, schneller, manipulativer. Freunde sagen, dass sie sich um mich Sor-

55
Immer wenn es um Gender oder Ähnli-
ches geht, spüre sie Häme und Verachtung,
sagt Roth: »Da hockt diese Masse Mann,
raunt vor sich hin und klopft sich auf die
Schenkel.« Als das später im Ältestenrat
zur Sprache gebracht wurde, fragte Wolf-
gang Schäuble, der Bundestagspräsident,
nach konkreten Vorfällen. Mit nur gefühl-
ter Aggression könne er nichts anfangen.
Schäuble sitzt seit 1972 im Bundestag.
Er kommt aus einer Zeit, als der Kanzler
Willy Brandt hieß und in der Union Alfred
Dregger und Franz Josef Strauß den natio-
nal-reaktionären Flügel bespielten. Als

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL


auch ein CDU-Landesminister von Ȇber-
fremdung« sprach.
In diese Sitzungswoche fällt zudem der
erste Medienempfang der AfD-Fraktion.
Man will Bilanz ziehen nach einem Jahr,
bittet zu Häppchen, Live-Jazz und Aus-
SPD-Abgeordneter Oppermann: Systematische Desinformation tausch ins Abgeordneten-Restaurant. Die
Parteiprominenz lässt sich sehen, Gau-
land, Höcke, Weidel, es riecht nach Bier.
gen machen, dann macht das schon etwas »Die Leichtigkeit des Hauses ist weg. Man Ein wenig abseits steht ein führendes Frak-
mit einem.« schaut, wer neben einem steht im Aufzug, tionsmitglied und hofft, dass alles gut geht.
Vorn am Rednerpult spricht Claudia und redet nicht mehr drauflos. Gehört der »Sie müssen sich klarmachen«, sagt der
Müller jetzt über die Peene-Werft. Ihr zu den anderen? Plötzlich wird geschwie- Mann, »dass 85 Prozent unserer Abgeord-
Wollkleid und ihre Stiefel sind offenbar gen.« Der Raum sei anders geworden. Die neten keinerlei parlamentarische Erfah-
Grund genug für die Fraktionsgeschäfts- Distanzen sind geschrumpft. »Die Miss- rung haben.«
führer der AfD, Bemerkungen zu machen. gunst kommt nah«, sagt Roth. »Diese per- Die AfD hat viele Wähler, aber wenige
»Die Herren fingen an zu feixen und sönlichen Angriffe kommen nah.« Mitglieder. Nirgends ist es leichter, es bis
sich beifallsuchend umzudrehen«, wird Als es um das Thema Ferkelkastration in den Bundestag zu schaffen als in der
sich später die FDP-Abgeordnete Strack- ging, erzählt Roth, seien von rechts außen AfD. In der Fraktion finden sich Astrolo-
Zimmermann erinnern. »Es war noch Sprüche gekommen wie: »Kein Thema, gieanhänger und Völkische, Karrieristen
nicht mal lustig, nur ein billiges Schenkel- bei mir ist noch alles intakt.« und Heimatlose aller Länder, Rechtsradi-
klopfen. Unerträglich. Ob sie sich nicht Oder wenn der AfD-Abgeordnete Gott- kale und Rechthaber.
einmal benehmen könnten, fragte ich. fried Curio von einem »zur Regel entarte- »Die Hälfte der Fraktion ist letztlich nar-
Dann bin ich aufgestanden und zur Vize- tem Doppelpass« spricht und einem Re- zisstisch und uninteressant«, sagt der AfD-
präsidentin gegangen, um sie darauf auf- gierungsmitglied misslungene Integration Abgeordnete. »Das wird sich in der nächs-
merksam zu machen. Es reichte.« vorwirft – für Roth ist es »die gezielte Ent- ten Legislaturperiode ändern.«
grenzung von Umgangsformen und Spra- Es wird ein entspannter Abend. Man
Vizepräsidentin Claudia Roth: »Vielen che, die mich unweigerlich an Victor Klem- steht plaudernd zusammen, später fallen
Dank, Frau Kollegin Müller. – Es gab hier perer und seine Analyse zur Sprache des Scherzworte, das Wort »Oberweite« ist
gerade eine kleinere Diskussion, eine klei- ›Dritten Reichs‹ erinnert.« zu hören, als dem Abgeordneten H. eine
nere Kontroverse. Es geht darum, welche Volontärin des WDR vorgestellt wird, »ha-
Kommentare geäußert werden, wenn Kol- haha«, lacht es. Und schon etwas schwan-
leginnen am Redepult sind. Da wir hier Gut gebrüllt kend pikt der leitende Fraktionsmitarbei-
oben das akustisch nicht wahrnehmen konn- Zwischenrufe im Deutschen Bundestag in der ter dem Herrn Abgeordneten den Zeige-
ten … (Dr. Bernd Baumann [AfD]: ›Wir aktuellen Legislaturperiode nach Fraktionen finger kameradschaftlich auf die Brust und
auch nicht!) – Sie kommen ja von Ihnen, meint, scherzhaft: »Du! Jude, du.«
(Dr. Bernd Baumann [AfD]: ›Nein!‹) aus
Ihrer Fraktion –, bitte ich, dass das im nächs-
AfD 6203 Vizepräsident Dr. Hans-Peter Friedrich:
ten Ältestenrat thematisiert wird« (Beifall »Vielen Dank. Damit schließe ich die Aus-
bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP, der Grüne 6036 sprache. Interfraktionell wird Überweisung
Linken und dem Bündnis 90/ Die Grünen). der Vorlage auf Drucksache 19/5950 an die
in der Tagesordnung aufgeführten Aus-
Claudia Roth ist nicht bekannt dafür, Men- CDU/CSU 5184 schüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit ein-
schen aus dem Weg zu gehen. Aber es gibt verstanden? – Das ist der Fall. Dann ist
Grenzen. Nach den Vorfällen auf der die Überweisung beschlossen. Die Sitzung
Kölner Domplatte Silvester 2015 hatte der SPD 4796 ist geschlossen« (Schluss: 0.11 Uhr).
damalige Vorsitzende der AfD-Jugend-
organisation, Markus Frohnmaier, die
Bundestagsvizepräsidentin beschuldigt, Linke 4287 Video
Wie die AfD im
»mittelbar mitvergewaltigt« zu haben. Quelle: Bundestag auftritt
Dann wurde er in den Bundestag ge- Bundestags-
spiegel.de/sp132019afd
wählt. »So jemandem begegne ich jetzt auf FDP 4114 protokolle bis
15. März 2019; oder in der App DER SPIEGEL
dem Weg zum Plenum«, sagt Claudia Roth. eigene Auswertung

56 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Gesellschaft

Danke, Conni
Auto, die wir einlegten, wenn lange Fahrten mühsam zu wer-
den drohten. Wenn Conni etwas Lobenswertes tat oder sagte,
johlten meine Kinder. Wenn Connis Mutter sprach, sanft, ge-
duldig erklärend, dann äfften meine Kinder ihren Tonfall
nach.
Homestory Kinderbücher, klagen Erwachsene, Fein, Conni, das hast du prima gemacht.
bestätigen häufig Klischees. Ist das schlimm? Danke, Conni, dass du daran gedacht hast.
Die Kassette war der ideale Streitschlichter – es gab kaum
etwas, das unsere Kinder mehr vereinte als die Abneigung

V or Kurzem stieß ich im Keller auf einen Karton mit


Kinderbüchern. Wir wollten umziehen, die Regale wa-
ren schon zu einem Drittel geleert, am Kellereingang
lag ein großer blauer Ikea-Sack bereit, fürs Altpapier. Unsere
gegen Conni und ihre Mutter. Wenn es zu Beginn der Kassette
heißt: »Conni mit der Schleife im Haar«, dann sangen unsere
Kinder hinten im Auto begeistert: »Conni mit der Scheiße
im Haar.«
Tochter wird 15 Jahre alt, die beiden Jungs machen im Som- Geschlechterrollen gibt es, überall und vermutlich seit An-
mer ihr Abitur; ein Umzug bietet die schöne Gelegenheit, beginn. Ebenso gibt es Stereotype und Klischees. Klischees
die Sedimente der Vergangenheit abzutragen. sind ärgerlich, aber sie bieten einen großen Vorteil: Sie er-
In dem Karton: geschenkte und gekaufte Bücher, Klassiker leichtern das Alltagsleben, eben weil sie verallgemeinern.
und Obskures, Geliebtes und nie Gelesenes – »Der Räuber Differenzierung ist anstrengend und nicht immer notwendig.
Hotzenplotz« und »Der kleine Wassermann«, das »Dschun- Kinder, das weiß man inzwischen, entwickeln bereits ab
gelbuch« und »Yogi Bär«, Fußballbücher, Detektivgeschich- dem dritten Lebensjahr geschlechtstypische Vorlieben – für
ten, Erklär-mir-die-Welt-Zeug. Und, mittendrin, ein paar Spielsachen ebenso wie für Spielpartner. Vermutlich hilft es
»Conni«-Bücher. »Conni« heißt eine Reihe aus dem ihnen dabei, mit der verblüffend unübersichtlichen Welt
Carlsen-Verlag, erzählt werden die Abenteuer ei- klarzukommen. Bis zum Ende der Grundschulzeit
nes kleinen blonden Mädchens, die Bücher verfestigen sich diese Vorlieben größtenteils –
tragen Titel wie »Conni backt Pizza«, Kinderbücher haben daran sicherlich ei-
»Conni hilft Papa«, »Conni und die Rei- nen Anteil.
se ans Meer« oder auch »Conni hilft Ist es also ein Problem, dass Jungen
Mama«. »Altersgerechte Themen in Kinderbüchern häufig als aben-
in sprachlich adäquater Form«, so teuerlustig und draufgängerisch ge-
bewirbt der Verlag seine Reihe. zeichnet werden? Und Mädchen
Möglich, dass uns Eltern das da- als freundlich und pferdelieb?
mals überzeugt hatte. Die Lieblingsheldin meiner
»Conni«-Geschichten haben Kinder stammt aus einem Pixi-
einen eigenen Sound. Meist will Buch, es trägt den schönen Titel
Conni etwas, ihre Mutter ist da- »Hannelore geht spazieren«. Er-
gegen, also erklärt sie es Conni zählt wird die Geschichte der
so liebevoll, dass diese sofort kleinen Hannelore, die so brav
alles einsieht. Worauf Conni ist, dass sie bereits mehrere Aus-
anfängt, Staub zu saugen, damit zeichnungen bekommen hat: eine
ihre Mutter sich mal ausruhen kann. Medaille für Gehorsam, eine für
Conni ist verständig und Pünktlichkeit, eine weitere für gutes
von einer munteren Benehmen. Hannelore, heißt es in dem
Keckheit, die vor allem Büchlein, trägt die Medaillen jeden Tag stolz
Eltern begeistert. an ihr sauberes Kleid geheftet; weil sie so brav
Mittlerweile sind mehr als hundert Titel erschienen, ist, erlaubt ihr der Prinz des Landes, in seinem Park
es gibt Conni-Glitzerbecher und Conni-Brotdosen, Puzzles, spazieren zu gehen. Dort entdeckt ein Wolf die kleine Han-
Conni-Puppen und Steckdosenlichter. nelore. Das Mädchen versteckt sich in einem Busch, doch
Neulich las ich in der »Süddeutschen Zeitung« (»SZ«) von weil Hannelore so zittert und der Wolf das Klirren der
einer interessanten Untersuchung. Die Kolleginnen hatten Medaillen hört, springt er mit einem gewaltigen Satz in ihr
Kinderbücher ausgewertet. Sie wollten wissen, ob Kinder- Versteck.
bücher Geschlechterrollen festigen. Bilden sie die Welt ab, Ich habe meinen Kindern das »Hannelore«-Buch bestimmt
wie sie ist, aufregend und bunt? Oder trennen sie zwischen 20-mal vorgelesen; an dieser Stelle grinsten sie jedes Mal
einer Jungs- und einer Mädchenwelt? voller Vorfreude.
In den Büchern ist die Abenteuerwelt von Jungen vielfältig, Kinder sind Anarchisten. Sie akzeptieren, dass man Re-
das ist eines der Ergebnisse. Die Welt der Mädchen kreist, geln einhalten muss; sie lieben es, wenn jemand die Regeln
vereinfacht ausgedrückt, rund um den Reiterhof. Offenbar bricht. Überdies werden Kinder ungern belehrt. Sie können
ist das ein Problem. ziemlich gut erkennen, ob etwas sinnvoll oder Stuss ist. Und:
In dem Artikel wurden die »Conni«-Bücher ausdrücklich Sie mögen es, wenn das, was sie ängstigt oder berührt, in
als Beispiel erwähnt. Die Reihe sei so beliebt, schreiben die Geschichten verpackt wird. Am Ende geht es nicht um Jungs-
Verfasserinnen, weil Conni den traditionellen Familienalltag oder Mädchenbücher, sondern darum, ob eine Geschichte
abbilde: Papa arbeitet, Mama macht den Haushalt. Wenn gut ist.
Mama mal nicht kochen oder aufräumen kann, springt Conni Die meisten Kinderbücher werden wir verschenken. Die
ein. Mit »Gendermarketing« erklären das die Autorinnen »Conni«-Bücher landeten im Ikea-Sack.
der »SZ«. Spiegeln die »Conni«-Bücher also eine Mädchen- Hannelore bleibt bei uns. Das ist vor allem jenem Satz zu
welt? Oder eher eine Märchenwelt? verdanken, der unseren Kindern so gut gefiel, an der Stelle,
Bei meinen Kindern, das kann ich sagen, war Conni nie an der der Wolf das Klirren hört: »Er fraß Hannelore auf. Al-
beliebt. Eine Zeit lang hatten wir eine »Conni«-Kassette im les, was übrig blieb, waren ihre drei Medaillen.« Hauke Goos

Illustration: Thilo Rothacker für den SPIEGEL 57


Wirtschaft »Tim tut mir leid.« ‣ S. 60

SEBASTIAN WILLNOW / PICTURE ALLIANCE / DPA


BMW-Produktion in Leipzig

Automobilindustrie

Klimaziele könnten 150 000 Jobs kosten


Die IG Metall fordert von der Politik, den möglichen Beschäftigungsabbau sozial verträglich abzufedern.
 Die schärferen EU-Klimaziele könnten in der Automobil- E-Autos. »Deshalb muss alles unternommen werden, damit
industrie bis zu 150 000 Arbeitsplätze in der Produktion kos- die Beschäftigung an den Standorten gesichert wird«, sagt Jörg
ten – mögliche weitere Verluste etwa in der Entwicklung sind Hofmann, Vorsitzender der IG Metall. »Die zusätzliche Wert-
dabei nicht berücksichtigt. So wertet die IG Metall neue schöpfung, die durch Elektromobilität entsteht, etwa bei Batte-
Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissen- riezellen oder der Steuerungselektronik, muss hier für Jobs
schaft und Organisation (IAO). Die EU hat beschlossen, den sorgen.« Von der Politik fordert er, dass sie eine Ladeinfrastuk-
CO2-Ausstoß bei Neuwagen bis 2030 um 37,5 Prozent zu sen- tur für Elektroautos garantiere, damit der Umstieg auf die E-
ken. Das IAO berechnete auf dieser Grundlage, wie viele Mobilität gelinge. »Das schlimmste Szenario wäre, die Unter-
Arbeitsplätze bei Elektroautos entstehen und wie viele bei den nehmen stellen auf Elektromobilität um, und die Kunden kau-
Verbrennungsmotoren wegfallen könnten. Erstmals wurde fen keine Elektroautos«, sagt Hofmann. Er fordert zudem
dabei analysiert, wie sich die Verluste verteilen werden. Bei Strukturhilfefonds für besonders betroffene Regionen. Auch
den Autobauern sind in der Antriebsproduktion etwa brauche es »arbeitsmarktpolitische Instrumente, um den
35 Prozent der Jobs bedroht, bei den Zulieferern sind es rund Beschäftigungsabbau sozialverträglich zu gestalten, von der
44 Prozent. Grund dafür ist die einfachere Antriebstechnik bei Qualifizierung bis hin zu Vorruhestandsprogrammen«. MAD

Verkehr der Schuldenstand der Bahn auf mehr als unternehmen Arriva verkaufen. Für diesen
Bahn will eine Milliarde 20 Milliarden Euro anwachsen und somit Vorschlag zeichnet sich im Kontroll-
jene rote Linie überschreiten, die die gremium eine breite Zustimmung ab, ein-
neue Schulden machen Bundesregierung dem staatseigenen Unter- schließlich der im Aufsichtsrat sitzenden
nehmen vorgegeben hat. Auf der Bilanz- Parlamentarier der Großen Koalition. Dort
 Der Vorstand der Deutschen Bahn will pressekonferenz am kommenden Donners- macht man sich jedoch Sorgen, ob die Plä-
einen weiteren Kredit in Höhe von einer tag will Bahn-Chef Richard Lutz einen ne von Lutz aufgehen. »Es gibt in dem
Milliarde Euro aufnehmen, um die Finan- ungedeckten Geldbedarf von 2,5 Milliar- Finanzierungsvorschlag keinen Plan B für
zierungslücke in der Bilanz zu schließen. den Euro in diesem und 4 Milliarden Euro den Fall, dass der Verkauf von Arriva schei-
Das geht aus einer Vorlage für die Auf- in den kommenden Jahren bekannt geben. tert«, sagt ein Aufsichtsratsmitglied. Im
sichtsratssitzung des Konzerns am kom- Um frisches Geld einzuspielen, will die schlimmsten Fall müsste der Staat als Bür-
menden Mittwoch hervor. Dadurch würde Bahn ihre Anteile am britischen Bahn- ge für weitere Kredite einspringen. BAZ, GT

58 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


737-Max-Absturz Air Berlin

STEPHEN BRASHEAR / GETTY IMAGES


»Der Schadensersatz Gläubiger klagt wegen
verdreifacht sich« Millionenhonorar
Elmar Giemulla, 68, Professor für  Ein Gläubiger der insolventen Flug-
Luftfahrtrecht, über die Ansprüche der linie Air Berlin hat beim Berliner Amts-
Hinterbliebenen nach dem Absturz Boeing 737 Max gericht Charlottenburg Beschwerde
zweier Boeing-Maschinen gegen das Honorar für Insolvenzverwal-
ter Lucas Flöther eingelegt. Dem halle-
SPIEGEL: Boeing gerät immer stärker konzipiert worden ist, dann hätte das schen Anwalt wurde die Auflösung der
unter Druck, weil es bei der Zulassung harte juristische Konsequenzen. Airline mit mehr als 26 Millionen Euro
der 737 Max offenbar zu Unregelmäßig- SPIEGEL: Welche wären das? vergütet. Aus Sicht des Klägers, der von
keiten gekommen ist. Was hätte das für Giemulla: Bei einem Schadensersatz mit der Düsseldorfer Anwaltskanzlei
rechtliche Folgen? Bestrafungscharakter werden die An- Lambrecht vertreten wird, sei die festge-
Giemulla: Ich gehe davon aus, dass die sprüche der Hinterbliebenen verdrei- setzte Mindestvergütung »rechtsfehler-
Hinterbliebenen der 346 Absturzopfer facht. Der reine Schmerzensgeld- haft«. So steht es in der Mitte März
ihre Ansprüche in den USA geltend ma- anspruch dürfte in den USA pro Passa- eingereichten Klage. Flöther bestreitet
chen werden. Für den Konzern wäre das gier auf zwei Millionen Dollar festgelegt dies: »Die Bemessung der Vergütung
dramatisch. Im Gegensatz zu deutschem werden. Bei 346 Opfern aus beiden Ab- erfolgte auf Grundlage geltenden
Recht können amerikanische Gerichte stürzen wären das inklusive der Verdrei- Rechts.« Er habe sogar weniger berech-
Boeing zur Zahlung von sogenannten fachung über zwei Milliarden Euro. net, als möglich gewesen wäre. GT
»punitive damages« verurteilen, was auf SPIEGEL: Würde das nicht von den Ver-
Deutsch so viel heißt wie Schadensersatz sicherungen des Konzerns übernommen

BRITTA PEDERSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA


mit Bestrafungscharakter. werden?
SPIEGEL: Was müsste Boeing dafür getan Giemulla: Genau das ist bei dieser
haben? besonderen Form des Schadensersatzes
Giemulla: Die Anwälte der Hinterbliebe- nicht möglich, denn er soll das Unter-
nen müssten dem Gericht überzeugend nehmen für sein Fehlverhalten bestra-
darlegen, dass Boeing die Passagiere fen. In der Vergangenheit ist an einer
sehenden Auges einem Risiko ausgesetzt solchen Strafe schon mal ein Flugzeug-
hat. Das wäre im konkreten Fall der bei- hersteller zugrunde gegangen. Das war
den Abstürze von 737-Max-Maschinen allerdings einer, der Sportmaschinen ge-
etwa gegeben, wenn sich herausstellt, baut hat. Für Boeing sehe ich eher den Flöther
dass tatsächlich falsche Angaben gegen- Imageschaden als echte Bedrohung. Die
über der Luftaufsichtsbehörde gemacht Ingenieure müssen jetzt eine Lösung für
wurden, womöglich sogar aus Profit- das unsichere Computersystem ent-
streben. Wenn sich bewahrheitetet, dass wickeln, die den Passagieren glaubhaft Verbrauchswerte
ein für den Absturz verantwortliches macht, ohne Risiko in eine 737 Max ein- Weitere Porsche-Modelle
Computersystem wissentlich zu unsicher steigen zu können. GT
unter Verdacht
 Der Sportwagenhersteller Porsche
Greser & Lenz untersucht weitere Fahrzeugmodelle
wegen möglicherweise falsch angegebe-
ner Spritverbräuche. Ende Januar hatte
das Unternehmen Selbstanzeige beim
Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) wegen
Unregelmäßigkeiten bei Verbrauchs-
tests beim Sportwagenmodell 911 erstat-
tet. Fahrzeuge der Baujahre 2016 und
2017 verbrauchten mehr Benzin und
stießen deshalb auch mehr Kohlendi-
oxid aus, als in der Typgenehmigung
vermerkt. Für den gleichen Zeitraum
untersucht der Autohersteller nun auch
die Modelle Boxter und Cayman, die
viele ähnliche Teile wie der Porsche 911
enthalten, auf möglicherweise fehler-
haft angegebene Verbrauchswerte. Ins-
gesamt könnten weltweit bis zu 110 000
Fahrzeuge betroffen sein. Porsche hat
das KBA bereits über die Ausweitung
der internen Ermittlungen informiert.
In allen Fällen handle es sich um Model-
le, die aktuell nicht verkauft würden, so
das Unternehmen. GT, SH

59
Wirtschaft

Der ewige Nachfolger


Konzerne Seit Tim Cook Apple führt, ist die Edelmarke von Jahr zu Jahr langweiliger
geworden. Es fehlen bahnbrechende neue Produkte, und selbst das iPhone
verkauft sich nicht mehr wie früher. Doch womöglich macht Cook alles richtig.

W
ie tritt man an die Stelle eines
Gottes? Der »Economist«
stellte Apple-Gründer Steve
Jobs einmal als Heiland dar,
das »New York Magazine« bezeichnete
ihn als »iGod«. Und Tim Cook, sein Nach-
folger, wer ist Tim Cook?
Das ist auch nach acht Jahren, die Cook
nun im Amt ist, noch immer schwer zu sa-
gen. Ihn selbst kann man nicht fragen,
Apple hat eine Interviewanfrage abge-
lehnt, ebenso wie die Bitten um Gespräche
mit diversen anderen Apple-Größen. Aber
Cook wird ohnehin meist dadurch defi-
niert, wer oder was er alles nicht ist.
Er ist kein Visionär, wie Jobs einer war.
Er ist kein Zauberer, kein Schöpfer neuer
Welten. Er hat die Firma nicht zu neuen
innovativen Höhenflügen geführt. Er hat
nur wenig Humor und kaum Charisma. Er
hat kein großes Ego. Er ist sicher nicht »der
Philosoph des 21. Jahrhunderts«, wie eine
SPIEGEL-Titelgeschichte vor bald zehn
Jahren den Mann nannte, der ihn ein-
gestellt hatte: Jobs. Überhaupt, er ist ein-
fach nicht Steve Jobs, und das wollen ihm
viele noch immer nicht verzeihen. Er heißt
auch nicht »Tim Apple«, obwohl Donald
Trump ihn bekanntlich vor Kurzem so
nannte. Er ist kein Vater. Und er hat, so-
weit man weiß, keinen Lebenspartner, er
hat ohnehin so gut wie kein Privatleben.
Wie kann dieser Mann ohne Eigenschaf-
ten Chef des vielleicht erfolgreichsten Un-
ternehmens in der Geschichte des moder-
nen Kapitalismus sein?
Klar ist, dass Tim Cook und Apple in
den vergangenen Monaten so viel schlech-
te Presse bekommen haben wie wohl noch
nie seit 1996, als Jobs zwischendurch eine
andere Firma, Pixar, leitete und der Kon-
zern nah am Konkurs stand. Klar ist, dass
die iPhone-Verkäufe, die fast zwei Drittel
des Apple-Umsatzes ausmachen, im letz-
ten Quartal wesentlich bescheidener aus-
fielen, als die Firma erhofft hatte (China-
geschäft schlecht, Indien schwach). Klar Klar ist, dass Apple nächste Woche, am Wie wenig man weiß über einen der
ist, dass Apple schon lange keine wahnsin- 25. März, an seinem Hauptsitz in Cuper- mächtigsten Manager der Welt und wie
nig großartige (»insanely great« – Steve tino mit Pomp etwas Neues, irgendwie groß die Wissbegierde ist, zeigt die Menge
Jobs’ berühmter Anspruch) Erfindung Großes vorstellen will, ein Streaming- und- der Tim-Cook-Fragen, die sich auf
mehr gemacht hat und dass die Apple-Be- Abo-Modell, mit dem Apple neue Einnah- Quora.com finden, einer Fragen-und-Ant-
obachter mit wachsender Ungeduld auf mequellen erschließen und unabhängiger worten-Seite von allen für alle.
das nächste Wunder warten (die AirPods von den Hardware-Verkäufen werden will
zählen für die Apple-Jünger nicht, die (siehe Kasten). Wird Apple, wird Cook Wie viele Stunden Schlaf kriegt Tim Cook?
Apple Watch auch nicht, noch nicht). endlich ein neues Kapitel aufschlagen? Wie ist es, mit Tim Cook zu arbeiten?

60
Warum wird Tim Cook ignoriert und un- sische Tastatur besaß). »Warum Apple dem te, dass er sie bald entwickeln würde.
terschätzt? Ist Tim Cook tot? Untergang geweiht ist«, legte 2011 die Kommt das je wieder?
Die letzte Frage kann man immerhin »Huffington Post« dar. 2017 sah ein Analyst Einer, der das wissen könnte, ist Lean-
zweifelsfrei verneinen. Viele halten ihn und Apple vor einer »jahrzehntelangen Malai- der Kahney.
seinen Konzern aber in jüngster Zeit für se« stehen, denn »die Risiken für die Firma Nicht nur hat der Brite, 53, der seit Jahr-
angeschlagen. Nach dem monatelangen waren nie größer«. Im Herbst vergangenen zehnten in San Francisco lebt, gerade eine
Kursrutsch und der Umsatzwarnung im Ja- Jahres sorgte sich der TV-Sender CNBC Tim-Cook-Biografie geschrieben, die bald
nuar ist wieder »Peak Apple« in der Presse, um eine voranschreitende »Apple-Schmel- erscheinen wird*. Kahney ist auch Grün-
bei Analysten, bei Experten. Und das ist ze« und fragte: »Verliert der Markt den der und Chef des Apple-Blogs »Cult of
gleichbedeutend mit: Peak Cook. Peak, Tech-Giganten?« Für das deutsche »Mana- Mac«. »Die These, dass Cook scheitern
Spitze, der Punkt, von dem aus es bergab ger Magazin« (das zum SPIEGEL-Verlag wird, dass Apple vor dem Untergang steht,
wird niemals verschwinden«, sagt Kahney.
Früher, als Kahney noch Redakteur beim
Tech-Magazin »Wired« war, habe er alle
Konzernchef Cook vor Porträt des paar Wochen von Autoren Vorschläge für
Firmengründers Jobs Apple-Abgesänge jedweder Art erhalten.
»Und das gab es eigentlich nur bei Apple.
Niemand wollte Microsoft, Google oder
IBM beerdigen.«
Woher rührt diese morbide Lust aufs
Apple-Requiem? Zu einer Antwort führt
vielleicht ein altes Buch von Kahney aus
den Nullerjahren (2004), das ebenfalls
»The Cult of Mac« heißt und in seinem
Büro herumliegt. Es enthält viele Fotos,
und wer es betrachtet, spürt, dass Apple
tatsächlich nicht mehr ist, was es damals
war: Kult. Spürt, dass die Apple-Toten-
gräber von heute vielleicht vor allem ent-
täuschte Verliebte von damals sind.
Man sieht hier Bilder von Menschen,
die sich das Apple-Logo ins Kopfhaar ra-
siert haben oder es als Tattoo auf dem Hin-
tern tragen. Man erfährt von einem
Songwriter, der Hymnen auf den Macin-
tosh singt. Man liest kryptoerotische Er-
fahrungsberichte von Menschen, die ihre
Freude beim langsamen Auspacken ihres
Macintosh beschreiben. Es ist eine Art
Apple-Kamasutra. Apple-Produkte, da-
mals, wurden nicht bedient, sie wurden
gestreichelt. Wenn man sich Apple und
den damaligen Apple-Käufer als ein Lie-
bespaar vorstellt, dann waren das die wil-
den Jahre, die Neunziger, die Nuller. Heute
muss man wohl sagen: Herzflattern vorbei.
Aber es ist womöglich eine ziemlich stabile
Ehe daraus geworden.
Kahney hat eine einfache Formel für die
Reifung des Apfels von Jobs zu Cook:
»Jobs war vor allem kulturell erfolgreich.
MARCIO JOSE SANCHEZ / AP

Cook ist es finanziell.« Das ist schon alles?


Der eine hatte die Ideen, der andere macht
Geld draus? »Jobs war im Grunde nie ein
CEO«, sagt Kahney, »dafür hatte er eben
Cook. Tim Cook war schon lange CEO, be-
vor man ihm den Titel gab.« Der Titel von
Kahneys (ziemlich unverhohlen liebedie-
geht: Die These vom erreichten Zenit gehört) ist Apple im Frühling 2019 »Fall- nerischer) Biografie lautet: »Tim Cook. The
taucht alle paar Jahre wieder auf, die obst« und sein Chef, Cook, ein »Irrläufer«. Genius Who Took Apple to the Next Le-
Apple-Pessimisten singen den Apple-Blues Apple, so war es lange, hatte immer wie- vel«. Was meint er mit der nächsten Ebene?
fast schon, seit es Apple gibt. Apples »Sarg- der die Kraft, Bedürfnisse zu befriedigen, »Schlicht die Dimensionen der Firma.
deckel geht zu«, sagte CNN – das war 1997. von denen der Kunde noch gar nicht wuss- Cooks Apple spielt einfach in einer völlig
Als das iPhone auf den Markt kam, 2007, anderen Liga als noch unter Jobs. Viele
lachte sich der damalige Microsoft-CEO * Leander Kahney: »Tim Cook. The Genius Who Took
Leute verstehen das nicht.«
Steve Ballmer schief über das Gerät und Apple to the Next Level«. Penguin Random House; Man vergisst tatsächlich leicht: Als der
gab ihm keine Chance (weil es keine phy- 320 Seiten. Erscheint am 16. April. Apple-Mythos in den Jobs-Jahren geschaf-

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 61


fen wurde, hatte die Firma einen Bruchteil
ihrer heutigen Größe und Marktstellung
(siehe Grafik). Lange erfasste das Begeh-
ren, das Apple durch die edle Einfalt und
stille Größe seiner Produkte weckte, nur
eine ästhetisch elitäre Minderheit, die al-

MEGA
lerdings medial extrem präsent war. Die
gewaltige Aufmerksamkeit, die Apple-Pro-
dukten zuteilwurde, stand bis vor ein paar
Jahren im Missverhältnis zu ihrer Verbrei-
tung. Genau spiegelbildlich war es immer
bei Microsoft: riesige globale Präsenz, kei-

PACIFIC COAST NEWS / INTERTOPICS / DDP IMAGES


nen interessiert’s. In diesem Sinne betreibt
Cook – Vorsicht, schlimmes Wort! – die
Microsoftisierung von Apple.
Erst mit dem iPhone und kurz vor Jobs’
Tod im Jahr 2011 begann Apples Aufstieg
zum globalen Massenausrüster, der dabei
aber die Premiumpreise beibehielt. So hat
der Konzern im vergangenen August als
erste Firma in der Geschichte den Börsen-
wert von einer Billion Dollar überschritten
(Für Zahlenfreunde: Das sind eine Million
Millionen. Oder 1000 Milliarden. Oder Privatmann Cook in Rom und
1 000 000 000 000). Seit Cook CEO ist, Palo Alto, Kalifornien (r.)
hat Apple um 800 Milliarden Dollar oder »Ausgeschlafen bis halb fünf«

MEGA
gut 1000 Prozent zugelegt. Cook hat Ap-
ple so groß gemacht, dass die Marke Main-
stream wurde. Omnipräsent. Gewöhnlich.
Und das ertragen viele nicht, für die Apple anwesen anderer Silicon-Valley-Größen ist loses Müsli mit ungesüßter Mandelmilch.
früher aufregend war, anders, neu, exklu- das eine bescheidene Hütte. Dann, um fünf, geht er ins Fitnesscenter.
siv. Denn was überall ist, ist immer auch Es ist Mittagszeit, also ist Cook eh nicht Cook hat, laut »Fortune«, außer Fitness,
ein bisschen langweilig. zu Hause. Er ist, wie man liest, ohnehin Radeln und der Footballmannschaft seiner
Wenn Cook ein Genie ist, dann ein Ge- selten da, eigentlich nur zum Schlafen, Uni (Auburn Tigers), keine Hobbys. Dann
nie der Langeweile. und auch dabei kommt er mit wenig aus. fährt er ins Büro, oder er wird gefahren.
Der Cook-Kenner und leitende Redakteur Um diese Uhrzeit ist sogar das notorisch
Kann Tim Cook programmieren? Hat des »Fortune«-Magazins Adam Lashinsky verstopfte Silicon Valley noch staufrei und
Steve Jobs Tim Cook je runtergemacht? Wo schrieb, Cook sei dafür bekannt, »als Cook in rund 20 Minuten beim Apple
wohnt Tim Cook? Erster im Büro zu sein und als Letzter zu Park.
Ein paar Straßen vom Ortskern Palo Al- gehen«, eine bemerkenswerte Leistung Wie bewegt sich einer wie Cook durch
tos entfernt liegt ein kleines Haus, vor dem bei gut 10 000 Mitarbeitern im Apple- die Welt? Zu Hause mag er mit dem Moun-
ein großer Baum sehr schräg in den Him- Hauptquartier. Er steht, laut »USA tainbike über die Hügel fahren oder zu
mel wächst. Kein Apfelbaum. Man kann Today«, üblicherweise um Viertel vor vier Fuß zum Fitnessstudio laufen, aber geflo-
sich schwer vorstellen, dass hier der Apple- auf (richtig: 3.45 Uhr). Einmal, als er 2015 gen wird per Privatjet, denn Flüge mit Li-
CEO wohnen soll; ist aber angeblich so. die Apple Watch der Öffentlichkeit vor- nienmaschinen, auch private, hat ihm der
Schlendert man auf dem Bürgersteig dran stellte, schrieb Cook auf Twitter, er habe Vorstand 2017 untersagt. Cooks Verdienst
vorbei, kann man in Tim Cooks Vorgarten sich vor diesem Event etwas mehr Ruhe zuletzt: 15,6 Millionen Dollar. Cooks Ver-
gucken, falls man die paar Quadratmeter als üblich gegönnt und »ausgeschlafen bis mögen: 625 Millionen (laut »Time«).
so nennen will, und, wären die Jalousien halb fünf«.
nicht unten, vielleicht in seine Küche. Die Danach liest er sich, laut »Business Warum benutzt Tim Cook Dropbox? Ist
Nachbargebäude rücken dem Häuschen Insider«, durch die ersten seiner 700 bis Apple unter Tim Cook im Niedergang? Wie
dicht auf den Leib, es gibt keinen hohen 800 täglichen E-Mails und schreibt Direk- sieht Tim Cooks Büro aus?
Zaun, keine Mauern, keine lange Auffahrt, tiven an Untergebene. Laut »New York Ti- Cooks Büro befindet sich im Apple Park
schon gar keine Bodyguards. Gemessen an mes« mag er zum Frühstück gern Rührei am 1 Apple Park Way, Cupertino. Fotos von
den in privaten Parks versteckten Luxus- (ohne Eigelb), Truthahnspeck und zucker- Robert Kennedy und Martin Luther King

1997 1998 2001 2003 2007


Steve Jobs kehrt Einführung des iMac: ein Jobs präsentiert Mit dem iTunes Store steigt Mit dem ersten iPhone beginnt
nach knapp zwölf Internetcomputer ohne Disketten- den iPod: Die »Hülse« Apple ins Musikgeschäft ein. das Zeitalter des mobilen Internets.
Jahren Auszeit als laufwerk. Mit seinem farbenfrohen, (engl.: pod) mit dem Es folgen Hörbücher, Podcasts,
Berater zu Apple zurück. transparenten Design wird er ein markanten Scrollrad Filme, Fernsehserien, iPod-
Schnell übernimmt er enormer Verkaufserfolg. wird zum Synonym Spiele und iPhone-Apps.
als »Interimschef« für moderne Musik-
de facto das Ruder. abspielgeräte.

Quelle: Thomson Reuters Datastream

1998 2000 2002 2004 2006


62
Wirtschaft

zieren den Raum. Ein berühmtes King-Zitat Cooks Vorgänger wurden und werden Der Franzose, 75, der einen viel beach-
steht in Cooks Twitter-Profil: »Die hartnä- die allerhöchsten Meriten zugeschrieben, teten Apple-Newsletter schreibt (»Monday
ckigste und dringlichste Frage im Leben ist nicht weniger als vier Industrien stellte er Note«), war mal ein führender Manager
diese: Was tust du für andere?« Eröffnet auf den Kopf: die Computerindustrie (mit der Firma. In der frühen Apple-Historie hat
2017, ist das neue Apple-Headquarter der dem Macintosh), die Musikindustrie er den undankbaren Part des Königsmör-
Glas und Stahl gewordene Ausdruck des Be- (durch iTunes Store und iPod), die Filmin- ders inne, weil er nicht nur entscheidend
deutungsdrangs einer Weltfirma. Ein ring- dustrie (durch Pixar und die Computerani- daran beteiligt war, dass Steve Jobs die Fir-
förmiges Gebäude von fast einem halben mation), die Telekommunikation (durch ma 1985 verlassen musste, sondern danach
Kilometer Durchmesser, im Inneren des das iPhone). Und was ist Cooks meistzi- auch dessen Aufgabe als Entwicklungschef
Rings ein Park von zwölf Hektar. So oft wie tiertes Verdienst? Die Optimierung der übernahm. Als Jobs 1997 wiederkam, war
unvermeidlich wird der Bau als Raumschiff Lieferkette. Die logistische Disziplin. Die Gassée nicht mehr dabei. Aber das Thema
bezeichnet. Auf Google Maps, aus der Luft globalen Produktionsabläufe. Hochgradig Apple hat ihn nie losgelassen.
betrachtet, sieht er aus wie ein Kornkreis, langweiliges Zeug. Leid tue ihm Cook deshalb, sagt Gassée,
von Aliens in die Landschaft gelasert. Oder Aber ungeheuer schwierig und furcht- weil die Jobs-Cook-Vergleiche offenbar
wie das Steuerrad eines gewaltigen iPods. bar wichtig. Was nützt die wunderbarste niemals aufhörten. Er bewundere den Stoi-
Die Zentrale duckt sich ins Gelände, ist Innovation, wenn sie nicht lieferbar ist? zismus, mit dem der Mann das seit Jahren
gleichzeitig riesig und unsichtbar, uneinseh- Als Cook vor 20 Jahren anfing bei Apple, aushalte. Vermutlich rührten Cooks Un-
bar. Mächtig und unnahbar. war die Firma arm, aber sexy; er sorgte verletzlichkeit und Disziplin von seiner
Fühlt sich Cook wohl in dem Ding? Er- dafür, dass sie sexy und reich zugleich wer- Herkunft. »Wer als schwuler junger Mann
dacht hat das Mutterschiff in seinen letzten den konnte. Heute mag Apple nicht mehr in Alabama aufwächst, geht entweder un-
Lebensjahren noch Steve Jobs, und Jobs ganz so sexy sein, dafür ist der Konzern ter oder entwickelt ein dickes Fell«, sagt
hat den Großbaumeister Norman Foster unvorstellbar reich. 249 Milliarden Dollar Gassée. Interessanter als die Frage aber,
ausgewählt, um es zu zeichnen. Cook sitzt Cash-Reserven hat CEO Cook in der Kas- wie Cook das Jobs-Erbe verwalte, findet
in einem Nest, das der Übervater ersonnen se, dreimal so viel wie zur Zeit seines er diese: »Wie würde ein Steve Jobs mit
hat, und so war es eigentlich immer: Tim Amtsantritts. Das ist mehr, als die Deut- der heutigen Größe von Apple zurecht-
ist der Typ, der Steves Firma führt. sche Bundesbank an Währungsreserven kommen? Könnte er das?«
Überliefert sind Anekdoten einer loya- vorweisen kann (202 Milliarden). In man- Gassée trifft sich regelmäßig mit alten
len Gefolgschaft. Nachdem Cook, gelern- chen Jahren verfügte Apple über mehr Apple-Freunden zum Essen, um infor-
ter Ingenieur, der seine Karriere bei IBM Bares als Amazon, Google/Alphabet und miert zu bleiben. Das ist eine eigene Exis-
begonnen hatte, erst ein halbes Jahr beim Microsoft zusammen. tenzform hier im Silicon Valley, Ex-hohes-
Rivalen Compaq angestellt war, verließ Tier verkehrt mit Ex-hohen-Tieren und
er 1998 den damaligen PC-Marktführer Welche Energieriegel isst Tim Cook gern? schreibt Expertisen. Monsieur Gassée ist,
abrupt wieder, weil Jobs ihn bei einem Hat Tim Cook Leibwächter? Wäre Steve was Apple betrifft, nicht im Mindesten
Treffen überzeugt hatte, seiner straucheln- Jobs heute stolz auf Tim Cook?
den Firma beizutreten (»Ich schaute auf »Tim tut mir leid«, sagt Jean-Louis
all die Probleme, die Apple hatte, und Gassée. Von Cooks Haus in Palo Alto sind Erst sexy, 1121
dachte, dass ich beitrage, sie zu lösen, dass es nur ein paar Schritte zum Restaurant dann reich
das ein Privileg sei, und plötzlich dachte Il Fornaio, einem Italiener, der früher Apples Börsenwert,
ich, ich mach das, ich tu’s«). Als er Jobs, mal chic war. Dort sitzt der Ex-Apple- in Milliarden Dollar
der sich von einem Eingriff nach einer Mann Gassée und saugt seinen Milch- 1000
Krebserkrankung (Bauchspeicheldrüse) kaffee durch einen Strohhalm, macht
erholte, interimistisch als CEO vertrat und er offenbar immer so, der Kellner hat Apple CEO
Gerüchte aufkamen, er werde ihm bald ihm, Stammgast seit Langem, das Glas Q Steve Jobs
nachfolgen, bezeichnete Cook Jobs als samt Halm unbestellt an den Tisch ge- Q Tim Cook 887
»unersetzlich«: »Ich sehe Steve hier noch bracht.
in seinen Siebzigern, mit grauem Haar,
wenn ich schon lange im Ruhestand bin.« 2019
Und 2009, als bei Jobs der Krebs zurück- Vermutlich
kehrte, offerierte Cook ihm Teile seiner wird Apple einen
Streamingdienst
Leber für eine Transplantation (Jobs lehn-
ankündigen.
te ab). 600
2016
AirPods:
Kabellose
Ohrstöpsel 2017
Das iPhone bekommt zu seinem
349 zehnjährigen Jubiläum den Zusatz X. 400

2011 2014 2018


Im August Das erste Produkt Der HomePod
übergibt der krebs- der Cook-Ära: Die konkurriert
kranke Jobs seinen Apple Watch wird über mit den smarten
Posten an Tim Cook. Touchscreen, digitale Lautsprechern
2010 200
Kurz darauf ist Apple Krone oder Sprache von Amazon
Jobs präsentiert das erstmals das wert- gesteuert. Die smarte Uhr und Google.
erste iPad. Ableger des vollste Unternehmen misst unter anderem Herz-
Tabletcomputers folgen: der Welt. frequenz, Schritte und
iPad mini (2012), iPad Air verbrauchte Kalorien.
(2013) und iPad Pro (2015).
2008 2010 2012 2014 2016 2018
63
Wirtschaft

beunruhigt. »Man braucht nur alle zehn Umsatz ein. Services sind mittlerweile der aktion mit. Zuletzt zählte Apple 360 Mil-
Jahre eine große Innovation.« Das iPhone zweitgrößte Umsatzbringer nach dem lionen Bezahl-Abos für seine verschiede-
ist allerdings schon mehr als zehn Jahre iPhone und zuletzt mit einer Bruttomarge nen Dienste – deutlich mehr, als Amazon
her. Ist das neue Abo, das Apple vorstellen von 63 Prozent: extrem lukrativ. »Dienst- Prime-Mitglieder aufweist. Die Services
wird, das nächste große Ding? Ist der leistungen« also, puh. Das klingt fast noch sind das unsichtbare Netz, das die Apple-
Schritt weg von der Hardware Richtung langweiliger als »Lieferkette« – und ist da- Hardwareprodukte miteinander verbindet,
Dienstleistungen die nächste Evolutions- mit klassisches Tim-Cook-Territorium. das die Apple-Menschen unmerklich um-
stufe für Apple? Und das soll Apples neues Zugpferd sein, garnt. »Die Services«, sagt Jean-Louis Gas-
Auch Tim Cook hat in jüngster Zeit um unabhängiger vom gesättigten Mobil- sée, »machen es für den Kunden schwer,
mehrfach von den Services gesprochen, telefonmarkt zu werden? Wie verdient Apple je wieder zu verlassen.«
hat die neuen Rekordergebnisse der ein- Apple überhaupt Geld damit?
zelnen Angebote betont: Dienstleistungen, Im iTunes-Store kauft oder mietet der Wann wacht Tim Cook auf? Was war Tim
meinte er, seien »ein anderer Weg, um die Apple-Mensch Musik, Filme, Podcasts. Im Cooks größter Fehler? Haben die iPhone-
Firma zum Wachsen zu bringen«. App-Store ersteht er Apps, und an man- Verkäufe zugenommen seit Tim Cook?
chen verdient Apple mit. Bei Apple Books Ja. Sehr. Als Cook begann, gab es nach
Wenn Steve Jobs heute wiederauferstehen gibt es digitale Bücher für iOS-Geräte und Schätzungen 200 Millionen iPhones auf
würde, würde er Tim Cook entlassen? Wa- Macs. Apple Music ist Apples Spotify-Kon- der Welt. Ende Januar meldete Apple, dass
rum ist Tim Cook kein Milliardär? Welche kurrent, kostet knapp zehn Euro im Monat weltweit »1,4 Milliarden Apple-Geräte im
Apple-Produkte benutzt Tim Cook? und hat laut Apple weltweit mehr als aktiven Einsatz« sind. 900 Millionen da-
Apple, das war eigentlich immer Hard- 50 Millionen Abonnenten. iCloud, die Da- von sind iPhones, 100 Millionen sind Mac-
ware. Schöne Dinge, zum Anfassen, zum tenspeicherwolke für Mails, Fotos, Kon- Rechner, 400 Millionen sind iPads, iPods,
Mitnehmen, zum Spielen. Dass der Kon- takte, Dokumente, ist bis fünf Gigabyte Smartwatches und Apple-TV-Boxen. Weil
zern um seine Produkte herum schon früh gratis, größer kostet. Mit Apple Care bietet viele Leute mehr als ein Apple-Gerät be-
eine ganze Reihe von Softwaredienstleis- Apple Rundum-Support für die eigenen sitzen, aber wenige mehr als ein iPhone,
tungen aufgebaut hat – daran denkt man Hardwareprodukte an. Und mit Apple Pay, darf man die Zahl der Apple-Menschen auf
erst mal nicht, wenn man an Apple denkt. seit ein paar Monaten auch in Deutschland eine gute Milliarde schätzen. Eine Milliarde
Doch die »Services«, so heißt der Ge- im Einsatz, kann der Apple-Mensch bar- – das ist also die ungefähre Zahl der Be-
schäftsbereich, brachten Apple im vergan- geldlos bezahlen, per iPhone oder Apple wohner des Apple-Ökosystems. Rund ein
genen Geschäftsjahr 37 Milliarden Dollar Watch, und Apple verdient bei jeder Trans- Siebtel der Weltbevölkerung.

Abo-Angebote Apple plant offenbar, einen eigenen Streamingdienst licherweise am Montag gemeinsam mit
Apple-Chef Tim Cook auf der Bühne
anzubieten, der Fernsehen, Musik und Presse bündelt.
stehen und ihre Produktionen vorstellen.

Angriff auf Netflix


Erwartet wird zudem eine umgebaute
Version von Apple News, dem Nach-
richtenangebot für iPhone, iPad und Mac.
Basis soll der im vergangenen Jahr von
Apple zugekaufte E-Magazin-Service
 Am Montag, 25. März, soll Apple an
KEVIN MAZUR / VF17 / WIREIMAGE / GETTY IMAGES

Texture sein, der Zugang zu mehr als


seinem Hauptsitz in Cupertino einen Net- 200 Titeln wie »New Yorker« oder »GQ«
flix-ähnlichen Streamingdienst enthül- ermöglicht.
len – angeblich ein Abo-Modell für Filme, Kosten für den Apple-Nutzer: vermut-
TV-Serien und möglicherweise auch für lich monatlich zehn Dollar. Allerdings
Videospiele. Doch Genaues weiß man sollen wichtige Zeitungen wie die »New
nicht, Apple hält sich wie immer bedeckt. York Times« sich gegen Apples dem Ver-
Aus diesem Grund ist die traditionelle, nehmen nach wenig attraktives Umsatz-
aufgeregte Apple-News- und Verdachts- verteilungsmodell sträuben. Angeblich
berichterstattung auch immer so voll mit will Apple 50 Prozent aller Einnahmen
Worten wie »soll«, »angeblich« und behalten.
»möglicherweise«. Schauspielerinnen Aniston, Witherspoon Spekuliert wird, dass Apple das neue
Die Namen und Stichworte, die verbrei- Video-Streaming-Angebot, seinen Musik-
tet werden, klingen glanzvoll. Berichten Dienst nicht in Apples neues Angebot dienst Apple Music und Apple News in
zufolge versucht Apple für den Streaming- integrieren. einem Abo-Dienst bündeln wird. Preis:
dienst, der auf iPhone, iPad, Mac, Smart Apple entwickelt sich auch selbst zum unbekannt. Der Streamingdienst dürfte
TV und Set-Top-Boxen verfügbar sein Hollywoodplayer: Das Unternehmen baut zuerst in den USA und danach in mehr
dürfte, Verträge mit Programmanbietern seine Präsenz in der Filmmetropole Los als hundert Ländern eingeführt werden.
wie dem WarnerMedia-Sender HBO Angeles aus und hat 2017 zwei Spitzen- Apple News ist in der aktuellen Version
(»Game of Thrones«), der CBS-Tochter manager von Sony Pictures eingestellt. nur in englischer Sprache erhältlich und
Showtime (»Homeland«) und Starz Mehr als eine Milliarde Dollar soll in offiziell in Deutschland nicht verfügbar.
(»Outlander«) auszuhandeln. Die müssen Produktionen mit Schauspielern und von Daran dürfte sich vorläufig nichts ändern.
entscheiden, ob sie Apple als Rivalen Regisseuren wie Jennifer Aniston, Brie Wann werden die neuen Apple-Services
oder als Partner oder beides betrachten Larson, Jason Momoa, Octavia Spencer, an den Start gehen? Das erfährt die
sollen. Netflix-CEO Reed Hastings hat Steven Spielberg und Reese Witherspoon Apple-Gemeinde und der Rest der Welt
bereits gesprochen – er wird seinen geflossen sein. Einige davon werden mög- am 25. März. Helene Laube

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Und es scheint, als wäre es Cook wich-
tiger, dieses Ökosystem zu pflegen und ein-
zuhegen, als es zu vergrößern. Die neuen
Film-, Musik- und News-Angebote, die
Apple jetzt als Abo vorstellen soll, dienen
dazu, die Apple-Weltbevölkerung zu un-
terhalten, das Services-Geschäft zu befeu-
ern. 2020 soll der Umsatz allein mit Ser-
vices laut Apple rund 50 Milliarden Dollar
erreichen. Katy Huberty, bekannte Apple-
Analystin, rechnet bis 2023 mit 100 Milliar-
den Dollar Services-Einnahmen. Dienst-
leistungen: langweilig, aber einträglich.
Ein anderes Zahlen-und-Gedanken-Ex-
periment macht der Apple-Experte Horace
Dediu. Sein Handgelenk-mal-Pi-Argument
geht so: Weil der Apple-Mensch sich durch-

HGM-PRESS
schnittlich etwa alle drei Jahre ein neues
iPhone für etwa 700 Dollar und alle fünf
bis sechs Jahre einen doppelt so teuren Mac Apple-Chef Cook in Florenz 2018: Genie der Langeweile
kauft, zahlt er Apple quasi einen Dollar pro
Tag. »So gesehen«, sagt Dediu, »braucht
Tim Cook sich keine Sorgen zu machen, Jobs mied den Anlass nach Möglichkeit. weise miserable Arbeitsbedingungen bei
wie viele Handys er im Weihnachtsgeschäft Kritische Fragen kommen so gut wie gar seinen Zulieferern in China und für krea-
verkauft oder ob das iPhone X ein Renner nicht. Niemand spricht von iPhone-Flaute, tive Steuermanöver. CEO Cook musste
ist oder nicht.« Es geht nur darum, dass die niemand fragt nach Wachstumsaussichten. sich deswegen schon vor einem Senatsaus-
Apple-Menschen ihre Apple-Geräte ver- Es will auch keiner wissen, ob Apple bald schuss in Washington verteidigen, in
lässlich durch neue ersetzen. Und das tun ein Falthandy vorstellen wird, wie Sam- Europa leistete Apple eine von der EU-
sie bisher mit großer Treue. »Bei 1,4 Mil- sung das bereits getan hat. Keinen interes- Kommission festgesetzte Steuernachzah-
liarden aktiven Geräten sind Apples Ein- siert, ob Apple mit seinen Bemühungen lung in Höhe von 13 Milliarden Euro.
nahmen nur für die Hardware 1,4 Mil- um ein selbstfahrendes Auto vorankommt Seltsamerweise wirkt Cook dennoch
liarden Dollar am Tag«, sagt Dediu. (»Project Titan«) und wann endlich die glaubwürdig bei seinem Engagement, was
Wachstum durch Stillstand – Apple kann Augmented-Reality-Brille zu kaufen ist. damit zu tun haben mag, dass diverse Tech-
sich das leisten. Das alte Missverständnis Ein älterer Herr fragt Tim Cook, ob sich Führer um ihn herum – Mark Zuckerberg
derer, die Apple Innovationsmüdigkeit vor- Videos von seinem alten iPad auf ein neues von Facebook, Jeff Bezos von Amazon, Elon
werfen, ist dieses: Apple ist nicht primär überspielen lassen, wenn ja, würde er sich Musk von Tesla, Jack Dorsey von Twitter –
ein Erfinderlabor, eher ist es eine Besse- nämlich eins zulegen. »Ich fände es super, seit einiger Zeit von Skandal zu Skandal
rungsanstalt. Eine Perfektionsmaschine. wenn Sie sich eins kaufen würden«, ant- straucheln und die Herren der Digitalwirt-
Apple hat das eigentliche Kreieren meist wortet Cook. Der Saal lacht höflich, Tim schaft gerade aussehen wie die apokalypti-
anderen überlassen und erst spät in Märkte Cook hat einen Scherz gemacht. Später schen Reiter. Dass Zuckerberg noch vor zwei
eingegriffen, um sie danach zu dominieren. wird er mit 99,1 Prozent wiedergewählt. Jahren für einen möglichen US-Präsident-
Apple hat nicht den ersten Desktop-Com- Kommunistische Verhältnisse im Herzen schaftskandidaten gehalten wurde, klingt
puter erschaffen, aber den ersten guten und das Kapitalismus. heute wie ein Witz. Würde Cook je Ambi-
schönen. Apple hat auch nicht das erste In den vergangenen Jahren hat Tim tionen auf das höchste politische Amt ent-
Smartphone gebaut, nicht den ersten Ta- Cook, Chef des mal wertvollsten, mal zweit- wickeln (was er bisher nicht tut), Applaus
bletcomputer und nicht die erste Smart- wertvollsten Unternehmens der Welt, einen wäre ihm gewiss. Die Sehnsucht nach einer
watch. Auch kabellose Kopfhörer gab es erstaunlichen Nebenjob für sich gefunden, moralischen Instanz im krisenversehrten Si-
schon lange bevor Apple mit den AirPods hat sich eine neue Rolle gegeben: die des licon Valley ist groß.
kam. Die erste smarte Datenbrille kam von guten Menschen von Cupertino. Bei Auf-
Google im Jahr 2014 auf den Markt, und sie tritten spricht er mittlerweile mindestens so Ist Tim Cook ein Heuchler? Wie lautet die
floppte, Apple entwickelt auch eine, ist aber gern von Klimaschutz, Bildung, Menschen- E-Mail-Adresse von Tim Cook?
auch fünf Jahre später noch nicht so weit. rechten, Gender-Gerechtigkeit, Datensi- So: tcook@apple.com. Wie Steve Jobs
cherheit, Diversity und Toleranz wie von vor ihm beantwortet auch Cook ab und
Ist Tim Cook ein guter Tänzer? Was für Geschäftlichem. Bei einer viel beachteten zu E-Mails von Kunden persönlich. Es gibt
Hemden trägt Tim Cook? Rede in Brüssel im letzten Oktober beklagte die Anekdote eines Bloggers, der Tim
Bei der Apple-Hauptversammlung sit- Cook den »datenindustriellen Komplex« Cook den Ratschlag gab, er solle nicht
zen Anfang März dieses Jahres rund 200 und die »Überwachung« durch Unterneh- Steve Jobs sein. Er soll Tim Cook sein.
Kleinaktionäre im Halbdunkel des Steve men, und es war klar, dass er vor allem die Cook antwortete: »Keine Sorge. Das ist
Jobs Theater im Apple Park. In der ersten Kollegen von Facebook und Google meinte. die einzige Person, die ich sein kann.«
Reihe haben sich Apple-Manager sowie Seine Homosexualität machte Cook 2014 Helene Laube, Guido Mingels
der frühere US-Vizepräsident Al Gore und mit einem persönlichen Essay öffentlich,
die anderen Mitglieder des Aufsichtsrats und er benutzte dabei große Worte. »Ich
platziert. Tim Cook steht auf der Bühne bin stolz darauf, schwul zu sein, und ich Animation
Die größten
und versucht sich an einem Lächeln. glaube, dass Schwulsein zu den größten Ga- Flops
»Ich liebe diese Versammlung«, sagt er. ben gehört, die Gott mir gegeben hat.« spiegel.de/sp132019apple
Schon zu Steve Jobs’ Zeiten war das seine Ein Wirtschaftsführer als Kämpfer für oder in der App DER SPIEGEL
Aufgabe, der Kontakt zu den Aktionären, das Gute? Apple ist auch bekannt für teil-

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 65


Wirtschaft

Lieber
allein
Finanzindustrie Ausgerechnet
Deutsche-Bank-Chef Christian
Sewing könnte der Gewinner
sein, wenn die Fusionsgespräche
mit der Commerzbank scheitern.

THOMAS LOHNES / GETTY IMAGES


P aul Achleitner mag es harmonisch.
Der Aufsichtsratschef der Deut-
schen Bank nimmt es deshalb schon
mal persönlich, wenn im Kontrollgremium
von Deutschlands größter Bank keine
Einigkeit herrscht.
Die Aufsichtsratssitzung am vergange- Bankmanager Sewing, Aufsichtsrat Achleitner: »Hier herrscht Agonie«
nen Donnerstag wird ihm da einiges abver-
langt haben. Auf der Tagesordnung stand
offiziell vor allem Routine, aber letztlich men könnten. Aber mit den Betriebsräten che mit der Commerzbank zu beenden.
drehte sich alles um den möglichen Zusam- und den Gewerkschaften wären die Strei- Ungefährlich ist ein solches Kalkül aller-
menschluss der Immer-noch-Nummer-Eins chungen nicht zu machen. dings nicht. In der Regierung war die Idee
mit der eher belächelten Commerzbank. Im Firmenkundengeschäft drohen Er- einer Zusammenlegung auch damit be-
Es wäre eine Fusion, so sehen das viele bei träge wegzubrechen. Kunden der beiden gründet worden, dass sie den Marktführer
der Deutschen Bank, unter ihrer Würde. Fusionspartner wollen nicht von einer ein- stabilisieren würde. Bliebe der Bund, der-
Gewerkschafter hatten schon in den Ta- zigen Großbank abhängig sein. zeit mit 15 Prozent an der Commerzbank
gen zuvor ihre Abneigung gegen die Idee Vielen Privatkunden wiederum ist die beteiligt, bei einer Fusion zumindest vor-
erklärt. Aktionärsvertreter waren ver- Vorstellung, ein weiteres Mal von einer IT- läufig an Bord, könnte er der neuen Groß-
ärgert, weil sie zuerst aus der Presse erfahren Plattform auf eine andere »migriert« zu bank Sicherheit geben, ihr gewissermaßen
hatten, dass der Vorstand Fusionsgesprä- werden, ein Graus. Und die Mitarbeiter? ihre hohe Kreditwürdigkeit leihen.
che mit der Konkurrenz aufnehmen wird. »Hier herrscht Agonie«, sagt ein Deutsche- Das würde der Deutschen Bank tatsäch-
Achleitner ist neben Bundesfinanz- Bank-Betriebsrat. Eine neue, lange Um- lich nutzen. Ende vorigen Jahres kostete
minister Olaf Scholz (SPD) die treibende bauphase, noch ehe die Postbank – über- es zeitweise 2,3 Prozent, sich gegen einen
Kraft hinter der Idee, einen »nationalen nommen vor zehn Jahren – voll integriert Zahlungsausfall der Deutschen Bank ab-
Champion« zu schaffen. In der Bank hat ist, werde keine Aufbruchstimmung schaf- zusichern. Liege die Prämie dauerhaft
sich jedoch herumgesprochen, dass Vor- fen. Und in London und New York fragen über 1,8 Prozent – so heißt es in der Bank
standschef Christian Sewing dem Deal sich Investmentbanker, warum die Deut- – sei sie nicht überlebensfähig, weil die
skeptisch gegenübersteht. sche Bank viel Geld in die Übernahme Geldbeschaffung schlicht zu teuer würde.
Der Aufsichtsratschef will, der Vor- einer weiteren Privatkundenbank stecken Seit sich in den vergangenen Monaten
standschef will nicht. Die Deutsche Bank will, die wenige Erträge abwirft, anstatt das die Gerüchte über eine Fusion verdichte-
schleppt sich mit einer schlechten Konstel- kriselnde Kapitalmarktgeschäft zu stärken. ten, ist der Risikoaufschlag für die Deut-
lation in die ohnehin heiklen Verhandlun- Hoffnungen, die Bundesregierung könn- sche Bank gesunken. Aber was, wenn aus
gen, die am Ende beide Unternehmen te die Schaffung eines neuen Konzerns der Sache nichts wird?
beschädigen könnten. »Es wäre nicht das durch eine Änderung des Holdingrechts An den Finanzmärkten dürfte ein Schei-
erste Mal, dass Paul Achleitner Trümmer steuerlich flankieren und so finanziell un- tern der Gespräche Nervosität auslösen.
hinterlässt«, sagt ein Aufsichtsratsmitglied. terstützen, haben sich nach SPIEGEL- In Aufsichtskreisen ist zu hören, man gehe
Die Unterhändler von Sewing und von Informationen zerschlagen. »Das Bundes- davon aus, dass die Deutsche Bank dann
Commerzbank-Chef Martin Zielke sondie- finanzministerium plant gegenwärtig keine überzeugend darlegen werde, wie sie
ren derzeit, ob sie in eine vertiefte Prüfung steuerrechtlichen Veränderungen in Bezug eigenständig auf Dauer profitabel arbeiten
einsteigen. Bis zur Hauptversammlung bei- auf Holdingstrukturen«, bestätigt das könne. Eine Art Plan B wäre gefragt, ein
der Banken am 22. und 23. Mai – so die Finanzministerium. Damit wird das unter einfaches »Weiter so« dürften Aufsicht und
kühne Annahme – könnte eine solche anderem von Aufsichtsbehörden favori- Geldgeber hingegen kaum akzeptieren.
Analyse erfolgen und ein Plan für eine Fu- sierte Holdingmodell unattraktiver. Sewing wird alles daransetzen zu zei-
sion stehen. Notfalls wäre man bereit, die Vorstandschef Sewing, so heißt es im gen, dass die Deutsche Bank keine Fusion
Aktionärsversammlungen zu verschieben. Umfeld der Deutschen Bank, hoffe in braucht. Am Ende könnte er sogar gestärkt
Doch einiges spricht dafür, dass es so Wahrheit, die Sache totverhandeln zu kön- aus der Fusionskrise hervorgehen – vor al-
weit nicht kommt. Gegner der Fusion bei nen. Dazu müsste er zeigen, dass es sein lem, weil ein Scheitern Achleitner schwä-
beiden Banken haben sich mit gewichtigen Institut allein besser kann. Die Gelegen- chen würde. Zum Plan B, ätzen Gegner
Gegenargumenten munitioniert: Rund heit dazu hat er am 26. April, wenn die der Fusion, könne auch gehören, dass der
30 000 Stellen und hohe IT-Kosten müss- Deutsche Bank Zahlen für das erste Quar- Aufsichtsratschef seinen Platz räumt.
ten wegfallen, damit sich die Sache rech- tal vorlegt. Können die überzeugen, wäre Tim Bartz, Martin Hesse
net — und die Aktionäre dem Plan zustim- das für Sewing ein Argument, die Gesprä-

66 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Wirtschaft

In den Händen der US-Justiz


Analyse Die Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto wird für Bayer zum Desaster. Die
Führung hat die juristischen Risiken und den gesellschaftlichen Widerstand unterschätzt.

D
as Leben sei immer lebensgefährlich, sagt Werner Entsprechend aufgebracht ist die Stimmung unter den
Baumann gern flapsig, und wer wollte ihm da wi- Aktionären. Ihre Wut und ihr Frust dürften sich in gut vier
dersprechen. Risiken gehören zum Leben auch eines Wochen in Bonn entladen. Dann steht die turnusmäßige
Vorstandsvorsitzenden. Aber es zählt auch zu des- Hauptversammlung der Bayer AG an.
sen Aufgaben, nicht sehenden Auges Risiken einzugehen, die Sie könnte zu einem Tribunal für Baumann und dessen
die Existenz des gesamten Unternehmens gefährden. Ziehvater Werner Wenning werden. Der Aufsichtsrats-
Genau ein solches Risiko aber war die Übernahme des vorsitzende gilt als Architekt der Bayer-Konzernstruktur, er
amerikanischen Glyphosat-Herstellers Monsanto, wie sich trieb den Deal mit Monsanto voran und verteidigt ihn bis
am Dienstag dieser Woche einmal mehr zeigte. Da befand heute.
eine Jury des Bundesbezirksgerichts in San Francisco, dass Kritische Aktionäre, Schutzvereinigungen, Kleinaktionäre
Monsantos glyphosathaltiges Unkrautvernichtungsmittel und Banken arbeiten derzeit an Gegenanträgen und Einsprü-
Roundup erheblich zur Krebserkrankung des Klägers Edwin chen zur Tagesordnung. Die ersten sind bei Bayer schon ein-
Hardeman beigetragen habe. Es war nicht das erste für Bayer gegangen, sie lassen auf eine turbulente Hauptversammlung
desaströse Urteil in Sachen Glyphosat, aber das erste, in schließen. Denn im Kern laufen die Forderungen darauf
dem Bayer und nicht Monsanto die hinaus, Vorstand und Aufsichtsrat
Verteidigung steuerte, und deshalb nicht aus der Verantwortung zu ent-
schmerzt diese Niederlage besonders. 7. Juni 2018 lassen.
Sie zerstört die Hoffnung der Kon- Bayer übernimmt Es dränge sich die Frage auf,
zernoberen, dass es ihren Juristen, die Monsanto schreibt etwa Christian Strenger,
sich im Pharmageschäft schon oft 98,70 € Experte für gute Unternehmens-
gegen Massenklagen wehren mussten, 10. August führung, in seiner Eingabe an Bayer,
Erstes Glyphosat-
besser gelingen würde, die Vorwürfe Verfahren in ob der »Abschlussdrang« des Vorstan-
der Kläger zu widerlegen. den USA des so groß gewesen sei, dass Bau-
Im ersten Verfahren hatten dies die mann mit seiner Aufgabe »unverein-
Monsanto-Anwälte vergebens ver- 20. März 2019
bare Risiken« eingegangen sei. Die
sucht. Damals, im August 2018, hatte Zweiter Glyphosat- Kritiker bezweifeln, dass der Vor-
ein Gericht einem Kläger 39 Millio- Prozess stand die Monsanto-Geschäftszahlen,
nen Dollar Schadensersatz zuge- die Wachstumsprognosen, vor allem
sprochen und Monsanto zu weiteren aber die Rechtsrisiken mit aller Sorg-
250 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Aktienkurs falt geprüft hat.
Die zweite Instanz reduzierte zwar 21. März Wurden, so fragen sie, die damals
die Strafe auf 39 Millionen, bestätigte 61,28 € bereits bekannten Klagen und Ver-
Quelle: Thomson Reuters Datastream
aber die Schuld Monsantos an der dachtsmomente über die Gesund-
Krebserkrankung des Klägers. heitsrisiken beim Einsatz von Glypho-
Denn darum ging und geht es in all den Klagen, über 11 000 sat bewusst kleingeredet, um den in Deutschland und Europa
sind es inzwischen: Ist Glyphosat krebserregend? Und, ohnehin umstrittenen Deal und den exorbitanten Kaufpreis
schlimmer noch: Hat Monsanto dies gewusst und vertuscht? von 63 Milliarden Dollar zu rechtfertigen? Aktionäre wie
Über diese Frage muss das Gericht im Fall Hardeman nun in Strenger wollen solche Fragen möglicherweise durch einen
einem zweiten Verfahren entscheiden. Und über die Höhe Sonderprüfer klären lassen.
des Schadensersatzes. Bislang weigern sich die Bayer-Manager, die Verantwor-
Zwei Verfahren, zwei Niederlagen. Noch gibt sich Bayer tung für das Desaster zu übernehmen. Sie hoffen, dass sich
überzeugt, dass die Urteile in den nächsten Instanzen auf- der Kauf von Monsanto langfristig als lohnende Investition
gehoben werden. Der Konzern will notfalls über Jahre hin- für den Konzern erweisen wird. Und sie beharren darauf,
weg Klage für Klage ausfechten und weist die Möglichkeit dass Dutzende Institute und Gutachten die Unbedenklichkeit
eines Vergleichs von sich. Bisher hat Bayer in seiner Bilanz von Glyphosat bescheinigt hätten. Doch ganz so eindeutig
nur 660 Millionen Euro für Rechtskosten, aber keinen Cent ist das nicht (siehe Seite 97), und selbst wenn es das wäre,
für mögliche Schadensersatzzahlungen zurückgestellt. würde es Baumann und Wenning kaum helfen. Die Gesell-
Die Finanzmärkte teilen die Zuversicht der Konzern- schaft hat sich längst ihre Meinung gebildet und lehnt den
führung nicht. Bayers Börsenwert ist seit der Monsanto-Über- Einsatz des Pestizids in weiten Teilen ab. Die Bayer-Führung
nahme um mehr als 30 Milliarden Euro gesunken, der Aktien- hat beides offenbar ignoriert, die juristischen Risiken und
kurs, der sich seit Anfang des Jahres wieder etwas berappelt den gesellschaftlichen Widerstand.
hatte, stürzte am Mittwoch nach dem Urteil zeitweise um Schon jetzt sind Baumann und Wenning schwer ange-
mehr als zehn Prozent ab. schlagen. Ihre Zukunft liegt in den Händen der US-Justiz.
Mit jedem weiteren Rückschlag wächst die Gefahr, dass Weitere Urteile, die den Klägern recht geben und Glyphosat
aktivistische Fonds Unternehmensanteile aufkaufen und den für deren Krebserkrankung verantwortlich machen, dürfte
Traditionskonzern zerschlagen, um seine Einzelteile mit zumindest Baumann kaum überstehen.
Gewinn zu verkaufen. Frank Dohmen, Armin Mahler

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 67


Wirtschaft

»Einen zweiten Dieselskandal


würde VW nicht überleben«
SPIEGEL-Gespräch Larry Thompson, US-Kontrolleur bei Volkswagen, und Hiltrud Werner,
Rechtsvorstand des Autobauers, über die Aufarbeitung der Dieselaffäre,
eine Unternehmenskultur der Angst und den »Ebit macht frei«-Lapsus des Vorstandschefs

Thompson, 73, wurde nach dem Diesel- Werner: Der Dieselskandal hat das Unter- schlimm, dass VW erst die Dieselaffäre
skandal vom US-Justizministerium ent- nehmen durchgeschüttelt, er war ein Ka- durchmachen musste. Aber ich glaube, das
sandt, um Volkswagen bei der Aufarbei- talysator für den Wandel, auch wenn die Unternehmen hat den Schuss jetzt gehört.
tung zu überwachen. Werner, 52, VW- Kraftanstrengung gewaltig war und ist. SPIEGEL: Sie haben als Vizejustizminister
Vorstand für Recht und Integrität, soll die Drei Jahre später sind wir in einem weit- unter George W. Bush gearbeitet und da-
Konzernkultur erneuern. aus besseren Zustand als damals. Der Kon- mals die Ermittlungen gegen die beiden
zern ist heute dezentraler organisiert und US-Skandalkonzerne Enron und World-
SPIEGEL: Herr Thompson, warum braucht setzt voll auf E-Mobilität. com geleitet. Was haben Sie dort für Ihren
ein deutsches Unternehmen wie VW einen Thompson: Einer Sache bin ich mir sicher: Job bei VW gelernt?
amerikanischen Aufpasser? Einen zweiten Dieselskandal würde Volks- Thompson: Volkswagen ist anders als je-
Thompson: Weil der Konzern in den USA wagen nicht überleben. Das ist meine per- der US-Konzern, den ich bisher kennen-
schwerwiegende Rechtsverletzungen be- sönliche Meinung, aber ich denke, dass sie gelernt habe. Die Leute hier sind dem Un-
gangen hat. VW hat sich schuldig bekannt. von vielen Menschen im Unternehmen ge- ternehmen tief verbunden. Die meisten
Zur Einigung mit dem Justizministerium teilt wird. Und niemand möchte, dass VW Mitarbeiter haben mit dem Dieselskandal
im Strafverfahren gehörte, dass VW einen aufhört, Autos zu bauen. Es ist zwar absolut nichts zu tun. Trotzdem haben sich
Monitor akzeptiert. Ich bin aber kein Er- viele für das, was passiert ist, bei mir ent-
mittler. Es ist nicht mein Job, in die Vergan- schuldigt. Das hat mich beeindruckt.
genheit zu schauen, sondern nach vorn. SPIEGEL: Das ist der nette Teil. Und der
SPIEGEL: Was bedeutet das? negative?
Thompson: Wir müssen den Konzern so Thompson: Um einem Missverständnis
umbauen, dass kein zweiter Dieselskan- gleich vorzubeugen: Ich würde VW nie
dal geschehen kann. Die Ursachen der Teure Trickserei mit Enron vergleichen.
Affäre müssen beseitigt werden. VW Aufwendungen von VW SPIEGEL: Die jahrelangen Bilanzfäl-
braucht ein Ethik- und Compliance- für den Dieselskandal schungen bei Enron gelten als einer
Programm, das Betrug und Verstöße der größten Wirtschaftsskandale der
gegen Umweltgesetze verhindert US-Geschichte.
2015 bis 2017
und aufdeckt. Thompson: Wäre die Lage bei VW
SPIEGEL: Wie werden Sie von den
Mitarbeitern empfangen? 25,8 Mrd. € derart schlimm, hätte ich das Man-
dat niemals angenommen. Aber
Thompson: Ich war vor einigen Ta- etwas habe ich bei Enron gelernt: Es
gen in Ingolstadt und habe vor dem hängt vom Topmanagement ab, ob
Audi-Management gesprochen. Einer ein Unternehmen Schwierigkeiten be-
der Kollegen dort sagte mir: Wir schät- kommt oder nicht. Viele Führungskräf-
zen wirklich sehr, dass Sie hier sind. Aber te bei Enron wussten genau, dass etwas
wir freuen uns auch, wenn Sie wieder weg schiefläuft. Ihnen fehlte aber der Mut, ihre
sind. Bedenken im Topmanagement vorzutra-
SPIEGEL: Frau Werner, Sie sollen VW zu 2018 gen oder auch nur einen anonymen Hin-
Redlichkeit erziehen. Qua Amt müssten
Sie zu den unbeliebtesten Menschen im
3,2 Mrd. € weis zu geben. Man braucht also eine Kul-
tur, die Manager ermutigt, Bedenken und
Konzern gehören. Kein schöner Job, oder? Verstöße zu melden.
Werner: Als Vorstand für Recht und Inte- SPIEGEL: Soll heißen, eine solche Unter-
grität sehe ich meine Aufgabe nicht darin, nehmenskultur fehlte bisher bei VW?
möglichst beliebt zu sein, sondern die Mit- 2019 Werner: Ja, in den Jahren vor dem Diesel-
arbeiter davon zu überzeugen, dass dieser 2 Mrd. €* skandal gab es bei Teilen von VW offenbar
Weg alternativlos ist. Wir müssen die Art nicht genug professionelle Zivilcourage.
und Weise, wie wir hier arbeiten, positiv Es gab Leute, die den Konzern einem gro-
verändern. Das gefällt nicht jedem. Aber 2020 ßen Risiko ausgesetzt haben, aber mög-
es ist eine spannende Aufgabe. licherweise dachten, sie handelten im Sin-
1 Mrd. €* *Schätzung des
SPIEGEL: Was hat VW aus der Dieselaffäre Finanzvorstands ne des Unternehmens. Gleichzeitig gab es
gelernt? im Dezember 2018 Kollegen, die das anders bewerteten – und

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kann man vergleichen mit Dopingtests im
Sport. Je besser die Messverfahren wer-
den, desto größer ist die Gefahr aufzuflie-
gen. Deshalb gibt es keine Alternative zu
Transparenz und Ehrlichkeit.
SPIEGEL: Herr Thompson, als Sie im Juni
2017 in Wolfsburg ankamen: Welchen Ein-
druck hatten Sie von der Kultur bei VW?
Thompson: Damals war das ganze Unter-
nehmen in einem Schockzustand. Es hatte
riesige Strafen in den USA zu zahlen und
eine Menge Ärger in Deutschland. Die Aus-
läufer des Skandals reichten bis nach Süd-
korea. Und dann wird ihnen noch ein Alien
wie ich aus den USA vor die Nase gesetzt.
SPIEGEL: Sie dürften sich umgekehrt ge-
wundert haben, in was für ein Unterneh-
men Sie geraten sind. VW hat eine kom-
plizierte Eigentümerstruktur, die Familien
Porsche und Piëch auf der einen Seite, das
Land Niedersachsen auf der anderen. Die
Gewerkschaften spielen eine große Rolle.
Glauben Sie, dass diese Struktur ein
Grund für den Dieselskandal ist?
Thompson: Eine komplizierte Struktur ist
keine Ausrede für eine inakzeptable Un-
ternehmenskultur. Ein Konzern, der global
Geschäfte macht, muss sich an die Regeln
halten, egal wo.
SPIEGEL: Vergangene Woche forderte VW-
Chef Diess seine Führungskräfte auf, nach
mehr Gewinn zu streben. Dafür verwen-
dete er die Worte »Ebit macht frei«. Viele
fühlten sich an die Nazi-Parole »Arbeit
macht frei« erinnert. Welchen Eindruck
hat der Ausspruch bei Ihnen hinterlassen?
Werner: Es tut mir sehr leid für die Men-
schen, die sich dadurch verletzt fühlten.
URBAN ZINTEL / DER SPIEGEL

Und ich weiß, dass es auch Herrn Diess


sehr leid tut, der sich ja dafür umfassend
entschuldigt hat. Es war sicherlich die fal-
sche Wortwahl, die aber in keiner Weise
beabsichtigt war. Ich saß bei diesem Mee-
ting in der ersten Reihe und habe die Aus-
Managerin Werner, Jurist Thompson: »Das Unternehmen hat den Schuss jetzt gehört« sage in dem gegebenen Zusammenhang
auch nicht spontan mit negativen Assozia-
tionen in Verbindung gebracht. Ich fand
trotzdem nichts unternommen haben. Wir dass so etwas nicht noch einmal passiert. das Zitat aber aus einem anderen Grund
müssen jetzt viele Jahre zurückschauen, Weil es nicht noch einmal passieren darf. unglücklich: Darin schwang ein Lob mit
um herauszufinden, wann und wo der Aus- Ein Unternehmen, das so groß ist wie VW, für die Marken im Konzern, die ihre eige-
gangspunkt für die Probleme liegt, aus de- hat Verantwortung: gegenüber seinen Mit- nen Gewinne höher bewerten als das Wohl
nen einer der größten Skandale der deut- arbeitern, den Menschen, der Umwelt. der Gruppe. Unser Ansatz heute aber ist,
schen Industrie geworden ist. Auch gegenüber der Regierung und den zuallererst darüber nachzudenken, was
Thompson: VW-Chef Herbert Diess selbst Behörden. Ein Unternehmen, das auf Dau- das Beste für den gesamten Konzern ist.
hat in einer Rede gesagt, VW sei übertrie- er erfolgreich sein will, darf nicht lügen Thompson: Als Amerikaner kenne ich
ben hierarchisch organisiert gewesen. Es und betrügen. Es sagt einiges, dass VW mich mit Nazi-Slogans nicht so gut aus.
habe eine Kultur der Angst gegeben, in jetzt in seinem Verhaltenskodex den Satz Aber jedes Mal, wenn ich nach Deutsch-
der Leute sich nicht getraut hätten, ihrem stehen hat, dass die Mitarbeiter nicht nur land komme, treffe ich mich mit Herrn
Chef die Rote Karte zu zeigen. Das muss Teil des Unternehmens sind, sondern auch Diess. Ich habe ihn als besonnenen und
das Team hier ändern. der Gesellschaft. anständigen Menschen erlebt. Deshalb ist
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Sie Werner: Es gab bei uns offensichtlich Leu- es wirklich schade, dass seine Worte nun
müssten die Wurzeln des Dieselskandals te, die sich zu lange sicher glaubten, nicht in diese Richtung interpretiert werden. Ich
finden. Sind Sie nun so weit vorgestoßen? erwischt zu werden. Vor 12, 15 Jahren hat- denke, seine Entschuldigung war angemes-
Thompson: Das steht in meinen internen ten wir zum Beispiel noch in der ganzen sen und ernsthaft.
Berichten, die aber vertraulich sind. So Industrie keine Testverfahren, die die SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, jeder
viel kann ich sagen: Das Unternehmen hat Emissionen fahrender Autos im Straßen- bei VW müsse die Grundwerte des Kon-
Prozesse gestartet, um sicherzustellen, verkehr überhaupt messen konnten. Das zerns verstehen, vom Pförtner bis zu

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 69


Herrn Diess. Ist dieses Verständnis
mittlerweile vorhanden?
Thompson: Ich kann nicht präzise
sagen, wie viele Mitarbeiter diese
Werte tatsächlich verstehen. Aber

URBAN ZINTEL / DER SPIEGEL


zumindest kann niemand mehr be-
haupten, er kenne sie nicht. VW hat
eine Reihe von Grundwerten etab-
liert, die für alle Mitarbeiter gelten.
Das sind keine vagen Begriffe wie
Integrität oder Ethik, sondern klare
Regeln: Wir lügen nicht, wir betrü-
gen nicht, wir tragen Verantwortung Thompson, Werner beim SPIEGEL-Gespräch*
für die Umwelt, wir arbeiten im »Wir lügen nicht«
Team.
SPIEGEL: Wer Verstöße gegen diese Werte SPIEGEL: Herr Thompson, bekommen Sie
bemerkt, soll sich künftig an eine soge- alle Informationen, die Sie brauchen?
nannte Whistleblower-Hotline wenden. Thompson: Sagen wir mal so: Wir hatten
Wie stark wird das Hinweisgebersystem zu Beginn einige professionelle Differen-
bereits genutzt? zen in der Frage, welche Dokumente ich
Werner: Es gab früher schon die Möglich- einsehen darf und welche nicht. In meiner
keit, anonyme Hinweise zu geben. Doch Rolle als Monitor muss ich Volkswagens
das System wurde kaum genutzt, es gab 80 Recht respektieren, nicht alle Dokumente
bis 90 Meldungen pro Jahr. Mittlerweile ist offenzulegen, zum Beispiel aus Daten-
die Zahl der Fälle stark angestiegen, in den schutzgründen. Ich bin aber zuversichtlich,
letzten zwölf Monaten auf mehr als 1100. dass wir alles bekommen, um unsere Auf-
Darunter waren drei Dutzend mögliche gabe gut zu machen. Mit meinen 73 Jahren
ernsthafte Regelverletzungen, die wir for- ist das wohl der letzte große Job, den ich
WORUM GEHT ES? mal untersuchen. Das zeigt, dass die Mitar- zu erledigen habe, und Sie können sicher
Die Frage ist: Wie wollen wir in Zukunft beiter dem System vertrauen und dass wir sein: Ich will ihn akkurat zu Ende bringen.
wohnen? Gibt es neue Wohnformen, uns ernsthaft um die Hinweise kümmern. SPIEGEL: Das ist eine Drohung, oder?
Architektur, die ein anderes Zusammen- SPIEGEL: Das neue Hinweisgebersystem Werner: Wir empfinden das nicht als Dro-
leben ermöglicht, oder auch Projekte war eine der Forderungen, die Sie 2018 an hung. Eher als einen sehr wertvollen Hin-
von Nachbarn, die Gemeinschaft‚ VW gestellt haben, Herr Thompson. Sind weis, dass wir alle Kriterien erfüllen müs-
schaffen? Wir suchen die besten Ideen Sie zufrieden mit der Reaktion? sen, um am Ende das nötige Zertifikat zu
für ein zukunftsorientiertes Wohnen. Thompson: Der Konzern bewegt sich, bekommen, mit dem das Mandat von Lar-
aber wir müssen uns darüber im Klaren ry Thompson endet. In allen unseren Ab-
WIE KANN MAN TEILNEHMEN? sein, wie viel harte Arbeit noch vor uns teilungen sind deshalb Hunderte von Mit-
Jeder kann beim Social Design Award liegt. Ich muss am Ende ein Urteil darüber arbeitern damit beschäftigt, seine Forde-
mitmachen. Die Einreichungsfrist läuft bis
fällen, ob all die neu gestarteten Program- rungen umzusetzen.
zum 31. August 2019. Die Wettbewerbs-
me auch nachhaltig funktionieren – und SPIEGEL: Ist denn klar, welche Kriterien
unterlagen und das Onlineformular für
nicht abrupt enden, sobald ich wieder nach VW konkret erfüllen muss?
die Beiträge findet man unter
Atlanta abreise. Zum Beispiel müssen wir Werner: Ich denke, die Kriterien sind klar.
www.spiegel.de/socialdesignaward
genau prüfen, ob VW allen Hinweisen auf Aber es geht nicht darum, irgendwelche
WIE LÄUFT DER WETTBEWERB AB?
Verstöße nachgeht und sie in angemesse- To-do-Listen abzuhaken. Ob das am Ende
Die Expertenjury wählt die zehn besten
ner Zeit bearbeitet. reicht, um das Unternehmen nachhaltig
Einreichungen aus, diese werden ab
SPIEGEL: VW verspricht auf der einen Sei- zu verändern, liegt letztlich auch im per-
Ende September auf SPIEGEL ONLINE te eine neue Ehrlichkeit und Offenheit. sönlichen Ermessen von Larry Thompson.
vorgestellt. Aus ihnen können die Leser Gleichzeitig tun Sie alles, um den Konzern Thompson: Ja, es gibt einen subjektiven
ihren Favoriten wählen. Die Gewinner vor weiteren Aktionärs- und Verbraucher- Aspekt bei der Bewertung. Ich muss ein-
geben wir auf SPIEGEL ONLINE und klagen zu schützen. Wie viel Transparenz schätzen, ob die Mechanismen im Kon-
am 12.11.2019 in SPIEGEL WISSEN können Sie sich leisten? zern ausreichen, um weiteren Betrug zu
4/2019 bekannt. Werner: Die rechtliche Situation, in der verhindern. Aber ich muss eben auch be-
wir uns befinden, ist weiterhin sehr kom- werten, wie ernsthaft und verbindlich das
WAS GIBT ES ZU GEWINNEN? plex. Denn viele Klagen und Verfahren ge- Management diese Ziele verfolgt.
Vergeben werden ein Jurypreis und ein gen VW und einzelne Mitarbeiter sind SPIEGEL: Frau Werner, als Sie selbst vor
Publikumspreis. Die Preise sind jeweils noch nicht abgeschlossen. Das macht un- zwei Jahren in den Vorstand rückten,
mit 2500 Euro dotiert. Der Rechtsweg sere Arbeit schwieriger. Wir müssen offen haben Sie gefordert, VW müsse »die Ho-
ist ausgeschlossen. und transparent handeln. Aber wir sind sen runterlassen« und endlich seine Ar-
als Vorstand auch verpflichtet, das Unter- roganz ablegen. Aber bis heute weigert
nehmen vor unberechtigten Ansprüchen sich der Konzern, seinen Kunden in
zu schützen. Das ist auch im Interesse un- Europa eine Entschädigung für den
serer Arbeitnehmer und Aktionäre, denn Dieselbetrug zu bezahlen. Sie selbst ha-
da geht es um unsere Zukunftsfähigkeit. ben neulich gesagt, den Kunden hier
Wir stellen aber dem Monitor alle Unter-
lagen und Informationen zur Verfügung, * Mit den Redakteuren Martin Hesse, Isabell Hülsen
In Kooperation mit
die er für seine Untersuchungen benötigt. und Simon Hage in der VW-Zentrale in Wolfsburg.

70 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Wirtschaft JETZT IM HANDEL:
sei keinerlei Schaden entstanden. Das
klingt verdächtig nach der alten VW-
SPIEGEL: Welche Haltung vertritt VW?
Werner: Wir haben, wie Sie wissen, seit
FIT FÜR DIE
DIGITALI-
Arroganz. Herbst 2015 im Konzern eine große Zahl
Werner: Das hat nichts mit Arroganz zu personeller Veränderungen auf vielen Ma-
tun. Es gibt viele Gründe, warum Diesel- nagementebenen vorgenommen. Die Unter-
autos seit dem letzten Jahr an Wert verlo- suchungen, wer persönlich verantwortlich

SIERUNG
ren haben. Der Dieselantrieb wird gene- ist, sind noch nicht abgeschlossen. Wo es
rell infrage gestellt, außerdem gibt es Fahr- konkreten Anlass gibt, haben wir gehandelt.
verbote in Innenstädten. Dafür kann man Sie wissen auch, dass einige Mitarbeiter ih-
nicht VW allein verantwortlich machen. ren Job verloren haben. Einige von ihnen weh-
SPIEGEL: In den USA haben Sie den Kun- ren sich mit Kündigungsschutzklagen. Wir
den Milliarden an Entschädigungen be- befinden uns mit einer Reihe von Ex-Mitar-
zahlt. In Europa zahlen Sie nichts. Warum beitern in gerichtlichen Auseinandersetzun-
diese Doppelmoral? gen, auch mit Führungskräften. Hier müs-
Werner: Es geht hier nicht um Doppel- sen wir die Urteile der Gerichte abwarten.
moral, es geht um die Rechtslage. Die ist SPIEGEL: Herr Thompson, Sie haben in
in den USA anders als im Rest der Welt. Ihrer Zeit als Vizejustizminister dafür plä-
Selbstverständlich hat VW auch in Europa diert, dass Unternehmen beschuldigten
und Deutschland das Interesse seiner Kun- Mitarbeitern nicht die Anwälte bezahlen
den im Auge. Die Softwareprobleme in sollten. VW hat aber mehreren Beschul-
den Fahrzeugen wurden behoben. Es gab digten den Rechtsbeistand finanziert. Wie
zahlreiche Zusatzmaßnahmen, die auf bewerten Sie das?
dem Dieselgipfel beschlossen wurden, Thompson: Ich habe damals nur gesagt,
zum Beispiel Umtauschprämien. dass Firmen keinen Anwalt bezahlen dür-
SPIEGEL: Herr Thompson, in einem frü- fen, um einen Mitarbeiter von einer Aus-
heren Bericht haben Sie beklagt, VW zie- sage abzuhalten. Man lässt ja auch nicht
he zu wenig sichtbare Konsequenzen ge- zu, dass die Mafia die Beschuldigten aus
genüber Mitarbeitern, die für den Diesel- ihren eigenen Reihen über bezahlte An-
wälte zum Schweigen bringt. Also sollte
man es auch Unternehmen nicht erlauben.
Werner: Volkswagen kooperiert vollum-
»Unternehmen müssen fänglich mit den Staatsanwaltschaften, und
Gesetzesbrecher für ihr wir zahlen keine Schweigegelder.
SPIEGEL: In der zweiten Halbzeit Ihres
Fehlverhalten zur Mandats werden die Staatsanwälte wohl
Verantwortung ziehen.« Anklagen gegen Ex-Vorstände wie Martin
Winterkorn und Rupert Stadler erheben.
Auch gegen Vorstandschef Diess und Auf- Weitere Themen:
sichtsratschef Hans Dieter Pötsch laufen
skandal verantwortlich sind. Ist VW zu
nachsichtig mit seinen schwarzen Schafen?
Ermittlungsverfahren. Welchen Einfluss
könnte das auf Ihr Urteil über VW haben? CORPORATE IDENTITY
Thompson: Mein Bericht ist vertraulich,
aber für alle Unternehmen gilt: Sie müssen
Thompson: Die Ermittlungen und die
Rechte, die Beschuldigte in den USA und
So definieren Sie die Marke
Gesetzesbrecher für ihr Fehlverhalten zur Deutschland haben, bringen mich in eine Ihres Unternehmens
Verantwortung ziehen. Und sie müssen delikate Lage und machen meine Unter-
diese Maßnahmen transparent machen,
damit der Belegschaft klar ist: Es gibt Kon-
suchung nicht leichter. Ich hoffe dennoch,
dass wir in der geplanten Zeit die Unter-
AUGUST-WILHELM SCHEER
sequenzen – bis hin zur Kündigung. suchung abschließen können. Der IT-Pionier rettet
Werner: Wir haben dabei im vergangenen SPIEGEL: Ihr Mandat ist auf drei Jahre an-
Jahr große Fortschritte gemacht. Wir ha- gelegt. Reicht das?
sein Lebenswerk
ben unseren Mitarbeitern die Konsequen- Thompson: Für diese Zeit habe ich jeden-
zen schwerwiegender Regelverstöße vor falls unterschrieben. Ich werde also mein MOTIVATION
Augen geführt. Wer nicht nach den neuen Bestes geben, mich an diese Vorgabe zu
Regeln spielt, wird sanktioniert. Und wer halten. Aber VW ist ein großes und kom- Strategien gegen den
gegen Gesetze verstößt, hat bei uns im Un-
ternehmen keinen Platz.
plexes Unternehmen. Wir haben lange ge-
braucht, um überhaupt ein Grund-
inneren Schweinehund
SPIEGEL: VW hält aber immer noch an verständnis des Konzerns zu bekommen.
der Legende fest, die Dieselaffäre sei das SPIEGEL: Wann werden Sie entscheiden,
Werk einiger Ingenieure auf der unteren
und mittleren Hierarchieebene. Ist das
ob VW ein positives Zeugnis erhält?
Thompson: Wir haben einen ersten Zwischen-
! Auch als digitale Ausgabe erhältlich:
glaubwürdig, Herr Thompson? bericht erstellt, es wird ein zweiter folgen. harvardbusinessmanager.de
Thompson: Es reicht, sich alle öffentlich Dann werden wir zum Ende des Mandats
verfügbaren Informationen anzusehen, entscheiden, ob wir es hinbekommen – oder
um Hinweise zu bekommen, dass Top- ob wir in die Verlängerung gehen müssen.
manager in die Affäre involviert waren. SPIEGEL: Frau Werner, Herr Thompson,
Ich weiß nicht, ob das Unternehmen dazu wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
öffentlich eine andere Auffassung vertritt.

71
Wirtschaft

Vom Guru
Konzerne kopieren die Produkte. Ram- selbst eine würzige Zahnpasta entwickelte
devs Konterfei ziert Kioske vom Himalaja und die Preise senkte, erholte sich die Mar-
bis zur Südküste. ke wieder. Auch L’Oréal hat reagiert und

empfohlen
Der Guru gründete seine Firma 2006 bringt mittlerweile Ayurvedashampoos he-
gemeinsam mit Acharya Balkrishna. Der raus. Die Nachahmerstrategie hat Erfolg.
Partner firmiert als Besitzer, dem Guru ge- Im abgelaufenen Geschäftsjahr ist der Ge-
hört offiziell nichts. Ihre Produkte basie- winn von Patanjali zum ersten Mal seit
Konsum Der indische Yogi Baba ren auf traditioneller indischer Heilkunde, der Gründung geschrumpft.
Ramdev hat eine ob Seife oder Spülmittel. Viele Inder glau- Ramdev wird nachgesagt, Yoga in Indien
ben daran. Und nicht nur das: Indien ist wieder populär gemacht zu haben. Er steht
Milliardenfirma gegründet, die ein Wachstumsmarkt. Westliche Unterneh- Premier Narendra Modi und dessen hin-
Konzernen wie L’Oréal men, die ihr Potenzial zu Hause ausge- dunationalistischer Partei nahe, machte für
und Nestlé Konkurrenz macht. schöpft haben, träumen von dieser Art sie Wahlkampf. Bei der Premierenfeier
Land. Ramdevs Eigenmarke macht ihnen einer neuen Show über Ramdevs Leben,
dieses Geschäft allerdings schwer. »Forbes« die in einem Stadion stattfand, saß der

E ine Stunde hat der Guru schon ge-


redet, da beginnt er, sich zu entklei-
den. Mit nacktem Bauch setzt Baba
Ramdev seine Show fort. Sein Oberkörper
führt seinen Partner Balkrishna mit einem
geschätzten Vermögen von fast fünf Mil-
liarden Dollar als einen der 25 reichsten
Männer Indiens.
Finanzminister auf der Tribüne neben ihm.
Es gab in Indien immer mal wieder Gu-
rus, die, Schwur hin oder her, reich wurden;
meist dank Spendengeldern. Ramdev ist
sieht aus, als wäre etwas in ihm zum wohl der erste, der ein Großunter-
Leben erwacht. Eine Welle rollt nehmen gegründet hat. Und nicht
durch seinen Magen, hinauf bis nur das: der damit eine Ideologie ver-
knapp unter die Rippen und wieder folgt. Wie kaum ein anderer vereinigt
hinab. Ramdev schnauft. er Spiritualität, Politik und Kapitalis-
Niemand weiß, wie alt der Guru mus in einer Person. Drei Dinge, die
wirklich ist, aber Mitte fünfzig mit einander in diesem Land nicht aus-
Sicherheit. Und der Mann ist fit. schließen, sondern begünstigen.
Ramdev strahlt in die Menge, macht Ramdev führt auch im Fernsehen
einen Handstand und läuft auf sei- gern und oft den »rollenden Bauch«
nen Händen über die Bühne. Krau- vor, die Atemtechnik ist zu seinem
ses Haar löst sich aus dem Zopf. Markenzeichen geworden. Er pre-
Ramdev ist einer der bekanntes- digt, dass seine Zuschauer kein Geld
ten und einflussreichsten Männer In- brauchten, um gesund zu leben, dass
diens. An diesem Abend spricht er sie stolz auf das Erbe ihres Landes
vor einer Gruppe Geschäftsfrauen sein sollten. Seine Botschaft ist pa-
in Delhi über das Geheimnis seines triotisch und politisch, sie ist eingän-
Erfolgs. Darüber, wie gerade er, der gig und aufmunternd. Er hat aus ei-
spirituelle Guru von Millionen In- ner jahrtausendealten Lehre eine
dern, ein Milliardenimperium auf- Turnstunde gemacht.
bauen konnte. Ob sich das nicht Ein paar Yogis protestierten, doch
widerspreche, Religion und Profit, seine Zuschauer lieben ihn. Millio-
fragt die Moderatorin. Ein Asket, nen sehen ihm zu, Tausende kom-
der alte indische Weisheiten kom- men zu seinen Veranstaltungen. Er
merzialisiere? ist ein Star, geht auf Teepartys der
Geld sei ja nicht per se schlecht, Queen und spricht bei den Verein-
sagt Ramdev, nur was man damit an- ten Nationen.
stelle, könne schlecht sein. Er selbst Indien ist in den vergangenen Jah-
STRINGER / AFP

verdiene nichts an Patanjali, wie ren nationalistischer geworden, und


sein Unternehmen heißt, er besitze der Guru heizt diesen Trend an. Er
nicht einmal ein Bankkonto. Seine wirft ausländischen Firmen neo-
Firma diene nur der Nation. Und Unternehmer Ramdev: »Ich singe ein Lied für euch« koloniale Ausbeutung vor, manche
dann macht er, was er macht, wenn Produkte nennt er »Gift«. Er spricht
er nicht mehr antworten will. Er ruft: vom zweiten Unabhängigkeitskampf:
»Ich singe jetzt ein Lied für euch.« Und Die Firma profitiert von Ramdevs Popu- Nach der politischen Befreiung folge die
das tut er. Es klingt fantastisch. larität, der in seinen Yogakursen schon mal wirtschaftliche.
Ramdev ist ein sogenannter Sannyasin, hauseigene Schokoriegel bewirbt. Die Pro- Skandale brandmarkt er als Verschwö-
erkennbar an seinem orangefarbenen Ge- dukte sind außerdem, zwar nicht immer, rung »mächtiger Kräfte«. Mal wurde ihm
wand. Jemand, der weltlichen Freuden ent- aber oft, billiger als die der Konkurrenz. Steuerhinterziehung nachgesagt, mal wur-
sagt und zurückgezogen lebt. Aber der Was auch daran liegt, dass Angestellte wohl den üble Verunreinigungen in Heilmitteln
Baba könnte nicht präsenter sein. Er hat weniger als den Mindestlohn verdienen. gefunden. Aber wann immer Anschuldigun-
eine morgendliche Yogasendung im Fern- Beispielsweise brachen die Zuwächse gen aufkommen, und davon gibt es viele,
sehen. Sein Unternehmen Patanjali Ayur- der Marke Colgate von zehn Prozent verfällt Ramdev in die gleiche Rhetorik: Ein
ved verkauft so ziemlich alles, von Sham- Wachstum pro Jahr auf ein Prozent ein, Angriff auf ihn sei ein Angriff auf Indien.
poo bis Mehl und neuerdings auch Jeans. als Patanjali begann, Zahnpasta zu verkau- Es ist Populismus, so wie ihn viele Länder
Binnen fünf Jahren verfünfzehnfachte sich fen, Zahnpasta mit Nelkengeschmack. Sie derzeit erleben; nur will Ramdev nicht re-
der Umsatz des Konsumgüterherstellers hat die Farbe von Lehm, schmeckt würzig, gieren, er will verkaufen. Laura Höflinger
auf gut eine Milliarde Euro. Internationale fast ein bisschen scharf. Erst als Colgate

72 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Vom Sofa
aus ackern.

Echt jetzt?

Echt.
Jetzt.

Und wie funktioniert das? Mit autonomen Landmaschinen. Denn in Zeiten


rasanten Bevölkerungswachstums und steigenden Nahrungsmittelbedarfs muss
auch Agrarproduktion effizienter werden. Ein Beispiel, das beweist, dass der
demografische Wandel ein Megatrend der Zukunft ist. Und eine zukunfts-
weisende Investmentgelegenheit.

Fidelity identifiziert und analysiert solche Chancen und bündelt sie in aktiv
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GmbH veröffentlicht ausschließlich produktbezogene Informationen, erteilt keine Anlageempfehlung/Anlageberatung und nimmt keine Kundenklassifizierung vor. Fidelity, Fidelity
International, das Fidelity-International-Logo und das „F-Symbol” sind Markenzeichen von FIL Limited. Herausgeber: FIL Investment Services GmbH, Kastanienhöhe 1, 61476 Kronberg im
Taunus. Stand März 2019. MK10270
Ausland
Wenn Macron Blickkontakt mit dem Gegner hat, dann hat er eigentlich schon gewonnen. ‣ S. 80

YASUYOSHI CHIBA / AFP


Rebecca Albino ist jetzt Witwe, sie trauert am Sarg ihres Mannes. Er ist eines von mindestens 240 Todes-
opfern, die der Wirbelsturm »Idai« allein in Mosambik forderte. Vom Indischen Ozean kommend,
richtete der Zyklon mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 165 Stundenkilometern und Starkregen
Verwüstungen bis nach Simbabwe und Malawi an. Fast eine halbe Million Menschen verloren ihr Zuhause.

Kommentar

Werft ihn raus!


Warum Europas Konservative ruppiger mit Ungarns Viktor Orbán umspringen könnten

Sie hätten ihn endlich rauswerfen sollen. Aber die EVP-Fraktion möglich gemacht hat – schützte sie Ungarn doch vor EU-Sanktio-
im Europaparlament hat es gerade einmal geschafft, Viktor Orbáns nen und wertete Orbáns Positionen auf. Das zweite Argument
Mitgliedschaft vorläufig zu suspendieren. Seit neun Jahren sind er lautet: Wenn wir Orbán rausschmeißen, bildet er einen Block der
und seine Fidesz-Partei in Ungarn an der Macht, genauso lange Störer und Bremser, dem Rechtsparteien aus Osteuropa, Öster-
haben die europäischen Konservativen ihn geduldet, auch CDU reich, Italien, den Niederlanden und Frankreich angehören könn-
und CSU. Sie haben zugesehen, wie er die Demokratie in seinem ten. Doch außer der Angst vor Fremden eint diese wenig. Polen
Land demolierte und Fremdenhass säte. Nun soll ein dreiköpfiger und Ungarn brauchen EU-Subventionen und wollen sogar mehr
»Weisenrat« entscheiden, wie es weitergehen soll, ob Fidesz in der Zusammenarbeit, beispielsweise bei Energie und Verteidigung.
Fraktion bleiben darf. Die Chance aber, Orbán und den Ungarn Misstrauisch blicken sie nach Italien, das zu viel Geld ausgibt und
deutlich zu zeigen, dass sie mit ihrer Politik und Propaganda außer- zum europäischen Sanierungsfall werden könnte. Die AfD oder
halb der europäischen Wertegemeinschaft stehen, ist vertan. Marine LePens Partei schrecken andere angesichts ihrer Nähe zu
Es sind immer die gleichen zwei Argumente, mit denen die EVP Russland ab. Für alle wäre es politisch riskant, sich bei der EU als
ihre Milde gegenüber dem Brandstifter aus Budapest begründet – ewige Neinsager zu profilieren. Denn die Bevölkerung, vor allem
und beide taugen wenig. Das erste: Man könne mäßigend auf die die im Osten, stellt Europa nicht wie die Briten grundsätzlich infra-
Fidesz einwirken, solange sie Teil der EVP-Fraktion sei. Doch es ge. In Orbáns Ungarn zum Beispiel erreicht die EU in Umfragen
war wohl eher so, dass die Mitgliedschaft die Radikalisierung erst bis zu 80 Prozent Zustimmung. Jan Puhl

74 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Kasachstan und organisiert den Machtübergang.
Wobei ich es nicht für ausgemacht halte,
Das Mentor-Modell dass Parlamentssprecher Kassym-Scho-
mart Tokajew dauerhaft Präsident sein
Der Leiter des Moskauer Carnegie- wird. Es gibt andere Kandidaten.
Zentrums, Dmitrij Trenin, 63, über SPIEGEL: Etwa Nasarbajews Tochter?
den Rücktritt von Präsident Nursultan Trenin: Zum Beispiel die Tochter.
Nasarbajew und Putins Zukunft SPIEGEL: Was lässt Sie vermuten, dass
Putin auf ähnliche Art abtreten will?
SPIEGEL: Drei Jahrzehnte war Nursultan Trenin: Für autoritäre Regimes ist das ein
Nasarbajew in Kasachstan an der Macht, logisches Modell und wohl das beste.
nun hat er seinen Rücktritt verkündet. Denn wenn der scheidende Präsident kei-
Hat Sie das überrascht? nen Nachfolger bestimmt und den Nach-
Trenin: Ja und nein. Dass er am 19. März folgeprozess nicht kontrolliert, dann
zurücktritt, hat niemand erwartet. Aber kann der Staat oder das Regime zerfallen.
dass er strategisch so vorgehen würde, Oder das Erbe des autoritären Herrschers
wie er es getan hat – und wie es auch wird verworfen, so wie das in Turkmenis-
Putin meiner Meinung nach tun wird –, tan passiert ist. Für Putin ist der optimale
davon ging ich aus. Nasarbajew hatte Augenblick 2024, wenn laut Verfassung
nicht vor, als Präsident zu sterben. seine Amtszeit endet. Er wird nicht nur
SPIEGEL: Ist das überhaupt ein echter einen wahrscheinlichen Nachfolger
Junge Chinesin im »Gothic Look« Rücktritt? Nasarbajew bleibt ja Chef bestimmen, sondern eine ganze Kohorte
des Sicherheitsrats und der Regierungs- von Leuten, die die Generation Putin
China partei. ablösen werden. ESC
Trenin: Er verlässt das Präsiden-
Ungehorsam mit tenamt, aber er verlässt es nicht
schwarzem Lippenstift nach unten, sondern nach oben.
Er wird zum Garanten des politi-
 Man kennt nur ihren Onlinenamen schen Systems. Nehmen Sie Sin-

BERND VON JUTRCZENKA / DPA


und weiß, dass sie schwarze Kleidung gapur: Als Premierminister Lee
und dunkles Make-up mag. Doch die Kuan Yew zurücktrat, wurde er
junge Frau aus der Stadt Guangzhou erst »Senior Minister«, dann
hat in China eine ungewöhnliche Welle »Minister Mentor«. Das Modell,
zivilen Ungehorsams ausgelöst. Eine das Putin vorschwebt, nenne ich:
Wachfrau hatte der Frau den Zugang »Präsident-Mentor«. Auch Nasar-
zur Metro verwehrt, ihr »Gothic Look« bajew ist jetzt ein Präsident-Men-
sei »wirklich schrecklich«, sie solle tor, er betreut seinen Nachfolger Nasarbajew
sich abschminken. Statt sich zu fügen,
nutzte die junge Frau Chinas Kurz-
nachrichtendienst Weibo, um, wie sie
schrieb, »die Autoritäten herauszu- Chappatte
fordern: Welche Gesetze geben euch
das Recht, mich aufzuhalten und meine
Zeit zu verschwenden?«
Die Reaktionen waren überraschend.
Tausende teilten und kommentierten
ihren Beitrag, machten sich ihrerseits
im »Gothic Look« zur U-Bahn auf und
fotografierten sich, Hashtag: #Ein
SelfieFürDieGuangzhouMetro.
Chinas Internetzensur, die sonst keine
Aufmüpfigkeit toleriert, hielt sich
zurück, die Metro entschuldigte sich
und schickte die Wachfrau in eine
»Schulung«.
Selbst die Staatsmedien berichteten
neutral über die junge Frau – ein selte-
ner Sieg des Individualismus in einem
Land, in dem sonst stets das Kollektiv
gewinnt. Nicht alle Kommentare
stimmten der jungen Frau zu, manche
rieten ihr, künftig lieber ein Taxi zu
nehmen. Einer der meistgelesenen
Posts aber war die Frage, welche Farbe
und welche Marke von Lippenstift sie
benutze. Die Antwort: »Voodoo« von
Urban Decay. BZA

75
Ausland

Plakat im Londoner East End: Niemand glaubt, dass es leichter wird, wenn May weg ist

Der Untergang
Großbritannien Der letzte verzweifelte Versuch, ihren Brexit-Deal mit der EU zu retten, wird
Regierungschefin Theresa May wohl nichts mehr nützen. Das Nachfolgerennen hat begonnen.
Aber wer auch immer übernimmt, das Ringen mit Brüssel wird noch quälende Jahre dauern.

76
B
oris Johnson trägt neuerdings die der die Verhandlungen mit der Europäi- hen es dem 54-Jährigen nach, wenn er ver-
Haare kurz. Er hat in den vergan- schen Union – irgendwann, vielleicht – in schleierte Musliminnen als »Bankräube-
genen Monaten, für jeden sicht- einer zweiten Phase weiterführt. rinnen« oder »Briefschlitze« verunglimpft
bar, Gewicht verloren. Und zu- Europa muss sich auf das Schlimmste oder behauptet, Geld für die Aufklärung
letzt hat er sogar gelernt zu schweigen. Als gefasst machen. zurückliegender Kindesmissbrauchsfälle
der ehemalige britische Außenminister am Einer der Ersten, die sich kürzlich un- sei »zum Fenster rausgeschmissen«.
Dienstag ein Parlamentsgebäude in West- geniert um Mays Nachfolge bewarben, war Mehrere weibliche Tory-Abgeordnete
minster verließ, wurde er wie immer von deren ehemaliger Brexit-Minister Dominic drohten diese Woche, sie würden lieber
Journalisten mit Fragen traktiert. Aber der Raab. In einer Rede vor einem konser- die Partei verlassen, als unter Johnson zu
Mann, der sonst nie einem Mikrofon aus- vativen Thinktank versprach der smarte dienen. Es gibt jedoch keinen Zweifel da-
weicht, schob sich seine Skimütze ins Ge- 45-Jährige Mitte März, er werde »den gro- ran, dass die im Lauf der Brexit-Jahre nach
sicht und zog wortlos von dannen. ßen britischen Underdog von der Leine rechts gedriftete Parteibasis Johnson wäh-
Seither sind sich Londons Politik-Augu- lassen«. Seine Unterstützer haben die len würde. Sie liebt ihn für seine Vision
ren sicher: Johnson hat etwas vor. Er warte Facebookseite »Ready for Raab« lanciert, von einem »glorreichen Großbritannien«,
nur noch auf den richtigen Zeitpunkt, um der Zuspruch hält sich jedoch in Grenzen: das frei von allen Fesseln der EU wieder
sich mit Verve zurück ins Rampenlicht zu 114 Menschen haben sich dort bislang als zu alter Größe zurückfände.
katapultieren. Es sieht ganz so aus, als Raab-Fans zu erkennen gegeben. Ob Johnson jemals wird zeigen können,
wäre der Tag nicht mehr fern. Subtiler als Raab gehen die amtierenden wie das gehen soll, ist aber nicht gewiss.
Nach einer weiteren atemberaubenden Minister Jeremy Hunt (Außen) und Sajid Nach den Parteistatuten der Tories ist es
Woche hat in Großbritannien das Endspiel Javid (Innen) vor. Beide wurden zuletzt zunächst den Abgeordneten vorbehalten,
begonnen. Nicht nur um den Brexit – son- wiederholt dabei gesichtet, wie sie im das Bewerberfeld in einem mehrstufigen
dern auch um das Amt der Premierminis- Regierungsviertel Parteifreunde offenbar Wahlverfahren zu reduzieren. Von den bei-
terin. Es war Theresa May selbst, die am beim Frühstück oder bei einem Glas Wein den Kandidaten, die übrig bleiben, darf
Mittwoch vor dem Parlament andeutete, umwarben. Beide sollen bereits Mitarbei- die Basis am Ende einen wählen.
dass ihre Tage als Regierungschefin wo- ter für eine Wahlkampagne rekrutieren. Boris Johnson, der gut reden, aber we-
möglich gezählt seien. Und beide versuchten zuletzt eher un- niger gut taktieren kann, wird also in den
Dabei hätte es dieses Hinweises gar geschickt, ihr moderates Image abzulegen, kommenden Tagen und Wochen sein Ver-
nicht mehr bedurft. Wer gesehen hat, wie halten genau abwägen. Und vor allem wird
unverschämt populistisch sich May am er helfen müssen, May zu stürzen, ohne
Mittwoch direkt an ihr Volk wandte, um »Vielleicht erlebt sie selbst als Königinnenmörder dazustehen.
jede Schuld am Brexit-Desaster weit von noch einen Honeymoon, Dass May von selbst geht, ist unwahr-
sich zu weisen; wer ihren kraftlosen Brief scheinlich, auch wenn sie diese Woche be-
an die EU-Spitzen gelesen hat, in dem sie aber der würde nur drei tonte, sie werde »als Premierministerin«
fast schon flehentlich um eine Verlänge- Minuten dauern.« keine womöglich jahrelange Verschiebung
rung des Elends bat; wer ihrem stets be- des Brexits mitmachen. Der Handlungs-
sonnenen Parteifreund Dominic Grieve spielraum der glücklosen Regierungschefin
zugehört hat, der sich ihretwegen »schämt, um sich dem rechten Rand ihrer Partei an- ist jedoch am Ende dieser Woche auf ein
ein Konservativer zu sein« – der weiß: zudienen: Hunt, indem er die EU mit der Minimum geschrumpft.
Theresa May ist am Ende. Sowjetunion verglich; Javid, indem er einer Anfang kommender Woche wird May
»Mag sein, dass sie noch ein paar Mo- einst zum IS übergelaufenen Britin die einen vermutlich letzten verzweifelten An-
nate durch London stolpert«, sagt ein lang- Heimreise aus Syrien verwehrte. Dass lauf nehmen, um das mit der EU verhan-
jähriger Weggefährte. Vielleicht gelinge die 19-Jährige jüngst ihr Neugeborenes in delte Austrittsabkommen doch noch
es ihr sogar wirklich noch, ihr allseits ver- einem Flüchtlingslager verlor, versetzte Ja- durchs Parlament zu peitschen. Gelänge
hasstes Scheidungsabkommen mit der EU vids Führungsambitionen jedoch einen ihr das, würde die EU ihrem Land noch
auf den letzten Metern durchzudrücken. schweren Schlag. Plötzlich stand der erste einige Wochen zusätzliche Zeit einräumen,
»Aber retten kann sie sich nicht mehr.« Muslim, der eines der höchsten Staatsäm- um den Brexit technisch umzusetzen.
Mitten in der größten Nachkriegskrise ter bekleidet, als herzloser Technokrat da. May wäre dann tatsächlich diejenige,
des Vereinigten Königreichs bringen sich Neben Raab, Hunt und Javid liebäugeln die die Scheidung von der EU vollzogen
daher viele Spitzenpolitiker immer unver- derzeit mindestens sechs weitere promi- hätte. Aber kaum jemand glaubt, dass ihr
hohlener in Stellung, um May zu beerben. nente Tories mit dem Einzug in 10 Dow- das noch helfen würde. Einer aus Londons
Darunter mindestens eine Handvoll am- ning Street. Dass außerdem etliche Hin- Politikapparat sagt: »Vielleicht erlebt sie
tierender Minister, die eigentlich genug terbänkler ernsthaft erwögen, ins Rennen noch einen Honeymoon – aber der würde
damit zu tun haben müssten, ihr Land vor um ihre Nachfolge einzusteigen, sei Mays nicht länger als drei Minuten dauern.«
einem Abdriften ins Chaos zu bewahren. eigene Schuld, schreibt die Londoner Die wenigsten glauben, dass sich Mays
Damit setzt sich fort, was im Kern immer »Times«. Sie zitiert einen konservativen Blatt in einer dritten Abstimmung wirklich
das Problem war: Der Brexit, für den Rest Abgeordneten mit den Worten: »Diese noch einmal wenden wird. Viel wahr-
Europas ein außenpolitisches Drama, stellt Premierministerin hat die Latte so tief ge- scheinlicher ist, dass ihr das Parlament
sich in London vor allem als innenpoliti- hängt, dass viele glauben, sie könnten es kommende Woche zum dritten Mal eine
sches Ringen um die Macht dar. genauso gut selbst versuchen.« Niederlage zufügen wird, die dann wohl
Es ist ein unwürdiges Schauspiel, das Die größten Chancen auf das Amt des endgültig wäre. Anschließend könnten die
derzeit hinter den Kulissen Westminsters Premierministers werden jedoch Boris Abgeordneten de facto die Kontrolle über
WOLFGANG RATTAY / REUTERS

aufgeführt wird. Und egal wie es ausgeht: Johnson eingeräumt. Dass der ehemalige die Regierungsgeschäfte übernehmen, um
Alles spricht dafür, dass der Brexit, dieses Frontmann der Brexit-Kampagne sich ein ein für ganz Europa verheerendes No-
politische Perpetuum mobile, wegen die- ums andere Mal blamiert, sobald er den Deal-Szenario zu verhindern.
ses Machtkampfs noch schwieriger zu lö- Mund aufmacht, scheint einen Großteil Dafür müsste das Vereinigte Königreich
sen sein wird. Nach Lage der Dinge wird der konservativen Wählerschaft nicht zu die EU schleunigst um eine wohl neun-
es am Ende wohl ein Brexit-Hardliner sein, stören – im Gegenteil. Die Menschen se- monatige, womöglich gar zweijährige Aus-

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 77


EU Nehmen die Briten an der Europawahl teil? Die Folge wäre dehnung der Brexit-Frist bitten. Auf dem
EU-Gipfel am Donnerstag schlossen das
Chaos, diesmal jedoch in Brüssel und nicht in London. mehrere Staatschefs zwar aus – aber nie-
mand glaubt, dass der Staatenbund die Bri-

Aberwitzige Vorstellung ten, wenn es hart auf hart kommt, tatsäch-


lich über die Klippe schubsen würde.
Den Preis für eine großzügige Verlän-
gerung hat EU-Chefverhandler Michael
 Klaus Welle, der Generalsekretär des Barnier jüngst genannt: Großbritannien
Europaparlaments, ist erleichtert. Er sitzt und Nordirland müssten bereit sein, sich
am Mittwoch in seinem ausladenden künftig sehr viel enger als bislang geplant
Büro im elften Stock des Brüsseler Parla- an die EU zu binden und dafür wohl auch
mentsbaus und hält eine Kopie des Brie- im gemeinsamen Binnenmarkt und in der

JEAN FRANCOIS BADIAS / AP / DPA


fes in den Händen, der vor wenigen Zollunion verbleiben. Alternativ, so Bar-
Minuten aus London eingetrudelt ist. Die nier, könne London auch ein zweites Re-
britische Premierministerin Theresa May ferendum oder Neuwahlen ansetzen.
bittet darin um eine Verschiebung des Dass auch nur eines dieser Szenarien
Brexit-Datums auf den 30. Juni. Nur ein mit der sturen Amtsinhaberin in Downing
kurzer Aufschub. Das ist für Welle eine Street zu machen wäre, gilt als ausgeschlos-
gute Nachricht: Solange die Briten die sen. Zu sehr hat sie ihr Schicksal mit ihrem
EU vor dem 2. Juli verlassen, dem Tag, Deal verknüpft. Sollte Theresa May nicht
an dem das neu gewählte Europaparla- Plenarsaal in Straßburg spätestens dann zurücktreten, wird die
ment zusammentritt, müssen sie nicht an Gravierende Folgen Opposition wohl erneut ein Misstrauens-
der Europawahl teilnehmen. Das Chaos votum gegen sie in die Wege leiten. Dies-
wäre vorerst abgewendet. Die größere Gefahr besteht darin, dass mal dürften sich genug Rebellen unter den
Die Entwarnung könnte zu früh kom- eine erneute Europawahl in Großbritan- Tories finden, die helfen, die Konservative
men. Die britischen Gesetze sehen vor, nien zur Protestwahl würde – wobei un- aus dem Amt zu jagen. In Downing Street
dass bis zum 12. April entschieden werden gewiss ist, ob sich die Wut der Bürger ge- rechnen viele mit einem baldigen Ende.
muss, ob das Land an den Europawahlen gen London oder Brüssel richtet. Europa- Tory-Abgeordnete vergleichen die Stim-
Ende Mai teilnimmt. Ob der Brexit-Deal abgeordnete der Tories rechnen damit, mung dort allen Ernstes mit Adolf Hitlers
bis dahin das Unterhaus passiert hat, ist dass sich die Zahl ihrer Abgeordneten letzten Tagen im Führerbunker.
völlig offen. Es ist eine aberwitzige Vorstel- halbieren könnte. »Die Wähler, die in der Kaum jemand aber glaubt, dass das Bre-
lung: Die Bürger eines Landes, das die EU EU bleiben wollen, gehen zu Labour«, xit-Problem leichter zu lösen sein wird,
in absehbarer Zeit verlässt, sollen kurz vor heißt es dort, »und die, die den Brexit wenn May erst weg ist. »Wer immer der
Ende der Mitgliedschaft noch einmal Par- wollen, zu Nigel Farage.« Der ehemalige konservative Anführer nach May sein
lamentarier für Brüssel wählen. Damit Ukip-Chef hatte sich zuletzt einer neuen wird – Henry Kissinger, Nelson Mandela,
könnten sie sogar die Wahl des künftigen Brexit-Partei angeschlossen. Die großen Donald Trump –, Großbritannien wird in
EU-Kommissionschefs beeinflussen. Gewinner wären im Europaparlament derselben Lage wie vorher sein, mit relativ
Auch aus diesem Grund einigten sich die Sozialdemokraten – und die Rechten. schlechten Karten gegen einen geschlos-
die Staats- und Regierungschefs beim EU- Die Folgen wären gravierend. Unmit- sen auftretenden Verhandlungspartner«,
Gipfel am Donnerstagabend in Brüssel, telbar nach der Wahl müssen sich die schreibt der Kolumnist Daniel Finkelstein.
das Brexit-Datum auf den 22. Mai zu ver- Parlamentarier auf einen Kommissions- Das gilt erst recht, wenn der Nachfolger
schieben: den Tag, bevor die Europawah- präsidenten verständigen. Derzeit hat Boris Johnson heißen sollte. Der einstige
len starten. Sicher ist sicher. Wenn die Bri- keine Fraktion die nötige Mehrheit. Laut Brüssel-Korrespondent hat im dreijähri-
ten dem Deal in der kommenden Woche Umfragen wird die Europäische Volks- gen Brexit-Poker eine erschütternde Un-
jedoch nicht zustimmen, gilt die Verlänge- partei (EVP) etwa 180 Sitze bekommen, kenntnis über die Funktionsweise der EU
rung nur bis zum 12. April. Bis dahin sol- während die Sozialdemokraten auf offenbart. Seine Empfehlung lautete stets:
len die Briten dann sagen, wie es aus ihrer 130 Sitze abstürzen könnten. In diesem Man müsse einfach nur hart bleiben, dann
Sicht weitergehen soll, vor allem, ob sie Fall dürfte Manfred Weber, der Spitzen- werde der Staatenbund schon einknicken.
an der Europawahl teilnehmen wollen. kandidat der EVP, als Erster versuchen, So kann man sich täuschen.
Denn wenn die Briten noch Mitglied eine Koalition zu schmieden. In Brüssel fürchtet man, mit dem unbe-
der EU sind, wenn sich die Europaparla- Sollte Labour allerdings erneut Parla- rechenbaren Polit-Irrwisch bald die hoch-
mentarier am 2. Juli erstmals treffen, mentarier nach Brüssel entsenden, wür- komplexe zweite Verhandlungsphase aus-
aber keine EU-Abgeordneten gewählt de der Vorsprung der EVP schmelzen. tragen zu müssen, in der es um die künf-
haben, wäre laut Juristen jeder Beschluss Kein Wunder, dass mancher Sozialdemo- tigen gemeinsamen Beziehungen gehen
der EU angreifbar. krat die Frage nach der Wahlteilnahme wird. Auch daheim auf der Insel grassiert
Eigentlich ist die Zahl der Sitze im Par- der Briten recht entspannt sieht, wäh- bei moderaten Briten die Angst vor
lament für die Nach-Brexit-Zeit von rend Weber warnt: »Eine Teilnahme der »BoJo«. Es steht jedenfalls nicht zu erwar-
751 auf 705 verringert worden. Auf dem britischen Bürger an der Europawahl ist ten, dass er anders oder gar besser als May
Papier ist aber alles für den Fall vorbe- für mich undenkbar.« (SPIEGEL 10/2019). versuchen würde, die tiefen Gräben, die
reitet, dass die Briten erneut Parlamenta- Nicht nur er befürchtet, dass Chaos im der Brexit gerissen hat, zu überbrücken.
rier schicken. Solange die Briten in der Parlament dazu führen könnte, dass die Die Abgeordnete Anna Soubry hat das
EU bleiben, werden die Sitze weiterhin Staats- und Regierungschefs die Idee des kürzlich so ausgedrückt: »Sollte Boris
so verteilt wie bislang. Gewinner der Spitzenkandidaten zu den Akten legen übernehmen, dann gnade uns Gott.«
neuen Sitzverteilung wie Spanien oder und den Kommissionspräsidenten unter Jörg Schindler
Frankreich gingen erst mal leer aus. sich ausmachen. Peter Müller Mail: joerg.schindler@spiegel.de

78
Ausland

Ausnahmezustand
Analyse Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die anstehende Kommunalwahl
zu einer Frage des Überlebens erklärt. Er ist zu Recht nervös.

E
r ist wieder dort, wo er sich am wohlsten fühlt – auf und Erdoğan-Vertrauten Binali Yıldırım von der AKP etwa
der Straße. Seit Jahresbeginn reist Recep Tayyip Er- gleichauf mit Ekrem Imamoğlu, dem Spitzenkandidaten der
doğan rastlos durch die Türkei, drei bis vier Wahl- Republikanischen Volkspartei (CHP). In Ankara, der Haupt-
kampfauftritte absolviert er jeden Tag, ganz so, als stadt, und im traditionell oppositionellen Izmir liegt die CHP
träten bei der Kommunalwahl am 31. März nicht Bürger- vorn.
meister- und Stadtratskandidaten an, sondern er selbst, der Zwar hat Erdoğan durch seinen Sieg bei der Präsident-
Präsident. schafts- und Parlamentswahl im Juni 2018 seine Herrschaft
Erdoğan steht unter Druck wie seit Langem nicht mehr. zementiert. Die Kommunalwahl könnte das Machtgefüge in
Seine Partei, die islamistische AKP, hat seit ihrer Gründung der Türkei trotzdem nachhaltig verändern. Istanbul stellt
2001 jede einzelne Wahl gewonnen, doch jetzt werden die mit 15 Millionen Einwohnern knapp ein Fünftel der Gesamt-
Bürger erstmals inmitten einer schweren Wirtschaftskrise an bevölkerung der Türkei. Der Istanbuler Bürgermeister ge-
die Urnen gebeten. Und das macht den Präsidenten nervös. nießt mehr Prestige als viele Minister.
Zu Recht. Für Erdoğan, der seine Laufbahn als Lokalpolitiker in Istan-
Erdoğan ist an die Macht gekommen, weil er den Men- bul begann, ist die Abstimmung nicht nur von einem hohen
schen so glaubhaft wie kein anderer Politiker eine bessere symbolischen Wert. Er braucht die Kontrolle über die Stadt-
Zukunft versprochen hat. Bis 2023 verwaltungen, wohl auch um seinen
soll die Türkei nach seinen Plänen Unterstützern weiterhin ungestört
zu einer der zehn größten Wirt- Aufträge und Gefälligkeiten zukom-
schaftsnationen aufsteigen. Aber zur- men zu lassen. Sollten in Ankara und
zeit stehen die Menschen in den Istanbul künftig Oppositionspoli-
Großstädten für verbilligte Lebens- tiker regieren, ließe sich das Regie-
mittel Schlange. rungssystem der AKP nur sehr
Das türkische Bruttoinlandspro- schwer aufrechterhalten.
dukt ist im vierten Quartal 2018 um Erdoğan hat die Kommunalwah-
fast drei Prozent geschrumpft. Tau- len zu einer Frage des nationalen
sende Firmen gingen 2018 in die In- »Überlebens« erklärt. Und seine
solvenz, die Arbeitslosigkeit wird im Regierung hat in den vergangenen
März voraussichtlich auf einen Re- Wochen die Repressionen gegen
kordwert von 13 Prozent klettern. Oppositionelle und Bürgerrechtler
BURHAN OZBILICI / DPA

Zwar hat sich die Lira nach dem Ab- verschärft. So erhob die Istanbuler
sturz vom Spätsommer ein wenig Staatsanwaltschaft Anklage gegen
erholt, aber die Inflation ist mit rund Osman Kavala, einen international
20 Prozent nach wie vor hoch. Die bekannten Mäzen, der laut Erdoğan
Lebensmittelpreise sind im Januar angeblich die Gezi-Proteste 2013
und Februar explodiert, worunter Erdoğan-Anhängerinnen in Ankara organisiert haben soll. Auch der
vor allem Menschen mit niedrigem Entzug der Arbeitserlaubnis für
Einkommen leiden. ausländische Korrespondenten soll
Die Regierung in Ankara versucht, die Krise einzudämmen, offensichtlich von schwachen Umfragewerten der AKP
indem sie gegen Händler vorgeht, die die Preise überdurch- ablenken.
schnittlich stark angehoben haben. Sie hat einen Notfallfonds Erdoğan gehen nach 16 Jahren an der Macht zunehmend
eingerichtet, der es angeschlagenen Bau- und Immobilienfir- die Ideen aus, wie er seine Wähler mobilisieren soll. Seine
men ermöglicht, unprofitable Firmenteile abzustoßen. Das Angst vor einer Niederlage ist offenbar so groß, dass er nicht
Finanzministerium hat Exportunternehmen dazu verpflichtet, einmal davor zurückschreckt, die Anschläge auf zwei Mo-
acht Zehntel ihrer Einnahmen in türkischen Banken zu de- scheen in Christchurch, Neuseeland, vom 15. März für seinen
ponieren. Aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, Wahlkampf zu missbrauchen. Trotz internationaler Empörung
dass die Regierung selbst nicht weiß, wie sie die Wirtschaft spielte Erdoğan auf Kundgebungen mehrmals Filmaufnahmen
wieder dauerhaft aufrichten soll. des Terrorangriffs ab und forderte die Todesstrafe für den Täter.
Erdoğan gibt dem Ausland die Schuld für die Misere. »Sie Es ist ein weiterer, schamloser Versuch des türkischen Präsi-
haben begonnen, ein Spiel mit der Türkei zu spielen. Die denten, sich als Schutzpatron der Muslime zu inszenieren.
Preise für Auberginen, Tomaten, Kartoffeln und Gurken eska- Unterdessen verdichten sich in Ankara die Gerüchte, wo-
lieren. Das ist ein terroristischer Anschlag.« nach der frühere Premier Ahmet Davutoğlu und der frühere
Die Wähler sind jedoch nicht mehr bedingungslos bereit, Wirtschaftsminister Ali Babacan, beide AKP-Größen, kurz
seinen Verschwörungstheorien zu folgen. Laut einer Erhe- davor seien, eine eigene, moderat konservative Partei ins
bung des Meinungsforschungsinstituts Metropoll war Erdo- Leben zu rufen.
ğans Zustimmungsrate zum Jahresende auf knapp unter Das System Erdoğan wird am 31. März nicht einstürzen.
40 Prozent gefallen, den niedrigsten Wert seit Jahren. Für Aber es könnte Risse bekommen. Maximilian Popp
die Wahl in Istanbul sehen Umfragen den früheren Premier Twitter: @Maximilian_Popp

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 79


Ausland

Kind des Zorns


Frankreich Präsident Emmanuel Macron wäre fast an seiner Hybris gescheitert. Die Gelbwesten-
Bewegung hat ihn gelehrt, wieder um die Franzosen zu kämpfen. Von Julia Amalia Heyer

E
r fühle sich regelrecht verfolgt von hat widersprochen. Er, dem immer alles spricht mit Rentnern und Jugendlichen, mit
diesem Gesicht mit den ebenmäßi- in den Schoß zu fallen schien, muss sich Bürgermeistern und Präfekten. Er lädt In-
gen Zügen, der geraden Nase und jetzt anstrengen. Er schafft das, sagen die- tellektuelle zu sich in den Élysée-Palast ein
dem markanten Kiefer, schreibt jenigen, die ihn so lange schon kennen. und diskutiert bis morgens um zwei über
der, der ihn hasst: »Überall posieren Sie, »Emmanuel ist besonders gut, wenn es den Unterschied zwischen der »erzählen-
als stünden Sie Modell für einen Versand- schwierig wird«, sagen sie. den Identität« und der »geronnenen Iden-
hauskatalog.« Und es ist schwierig geworden, in die- tität«. Er kommt nach Bourg-de-Péage,
Man muss die Aversion gegenüber Em- sem zweiten Jahr seiner Präsidentschaft, fährt nach Étang-sur-Arroux, nach Grand
manuel Macron bei François Ruffin nicht die begann, wie er sich das zuvor so lange Bourgtheroulde oder nach Souillac. Er be-
zwischen den Zeilen suchen – sie wird schon ausgemalt hatte: als modernes Hel- findet sich in einer Art permanenter Bür-
durch nichts verbrämt. denepos. gersprechstunde, allerdings einer, die einem
Ruffin bezeichnet seine Abneigung ge- Ein überdurchschnittlich begabter jun- Nahkampf ähnelt. Die Debatte ist seine
gen den französischen Präsidenten als et- ger Mann gewinnt die Präsidentschafts- Waffe, sein Gegenmittel für das Gelbwes-
was »Physisches«, sie komme tief aus sei- wahlen. Gegen alle Vorzeichen, gegen alle ten-Gift und ein Besänftigungskommando,
nem Inneren. Und er sei bei Weitem nicht Widerstände. das auf diejenigen zielt, die ihn hassen. Und
der Einzige, der Emmanuel Macron auf Im Moment des Sieges, im Mai 2017, hier, in Bourg-de-Péage, wirkt diese Kur:
eine fast körperliche Weise »abstoßend« steht Emmanuel Jean-Michel Frédéric Erst wird er verhalten empfangen, am Ende
finde: Dieser Hass, so Ruffin, sei »mittler- Macron, 39 Jahre alt, auf einer Bühne im jedoch mit großem Applaus verabschiedet,
weile eine politische Tatsache«. Innenhof des Louvre und verspricht, die selbst von jenen in Warnweste.
Ruffin ist Autor und Regisseur einer Franzosen wieder mit sich selbst zu ver- Immer noch gilt: Wenn Macron Blick-
preisgekrönten Dokumentation, er ist gut kontakt mit dem Gegner hat, dann hat er
zwei Jahre älter als Macron und stammt eigentlich schon gewonnen.
wie dieser aus dem nordfranzösischen Je länger er durchs Land Macron sagt: »Sie können hier völlig
Amiens. In seinem gerade veröffentlich- fuhr, zuhörte und erklärte, frei sprechen, aber Sie dürfen bitte keine
ten Buch verknüpft er Macrons Biografie Dinge sagen, die nicht stimmen.«
mit seiner eigenen – es heißt vielsagend: desto höher kletterten Oder: »Hören Sie, unsere Verfassung
»Dieses Land, das Du nicht kennst«. Als seine Beliebtheitswerte. ist keine Schreibwerkstatt, wo Millionen
Macron 2017 zum Präsidenten gewählt Menschen mal ein bisschen kritzeln üben
wurde, zog François Ruffin für die Links- können.« Und immer wieder: »Ich höre
radikalen des »Unbeugsamen Frankreichs« söhnen. »Ich werde euch immer die Wahr- Ihren Zorn.« – »Ich respektiere Ihre Wut.«
ins Parlament ein. Aber schon davor be- heit sagen«, ruft er. Alles scheint möglich Und trotzdem: Es könne nicht angehen,
gegnete man ihm immer wieder. 2016 in diesem Augenblick. den Staat für alles haftbar zu machen. »Ich
wurde er zum Paten der Nuit-debout- Knapp zwei Jahre später sieht es anders habe keinen Zauberstab«, sagt er und
Bewegung, die an der Place de la Répu- aus. Weil sein Zauber verflogen ist, muss reicht sein Mikrofon an einen Mann in gel-
blique Nachtwachen abhielt – aus heutiger er jetzt kämpfen. ber Weste weiter. Der erklärt, er habe gar
Perspektive eine Art Vorläufer der Gelb- Es ist schon dunkel, als seine Limousine nicht gewählt, das bringe nichts.
westen-Bewegung. vor einer Mehrzweckhalle in Bourg-de- Macron ruft: »Wenn die Nichtwähler,
Ruffins übersteigerte Art, Emmanuel Péage hält, einem Kaff hinter dem TGV- weil sie plötzlich unzufrieden sind, die
Macron zu hassen, wirkt im Augenblick Bahnhof von Valence, irgendwo in der Pe- Kreisverkehre blockieren, dann ist das al-
wie eine Blaupause für das, was sich im ripherie. Ein Ort, der wie exemplarisch die les andere als demokratisch!« Er bekommt
ganzen Land ereignet. In Frankreich wird Frakturen der französischen Gesellschaft Applaus dafür. Da ist er wieder, der Über-
gerade grundsätzlich heftig gehasst, egal ausstellt, Symptom und zugleich Ursache performer, die Rampensau. »Macron zu-
ob es sich dabei um »die Reichen« handelt, für die Protestierenden, die Macron nun rück im Wahlkampf«, wird »Le Monde«
um Polizisten oder Juden, um Abgeord- seit Monaten vor sich hertreiben: die Gelb- am nächsten Tag titeln; es ist ein Kom-
nete – oder eben um Macron. westen. Die Bewegung, in sich disparat, pliment.
Denn so sieht es aus, fast zwei Jahre richtet sich gegen vieles – vor allem aber Aber Macron ergeht es wie jedem, der
nach seiner Wahl zum jüngsten Präsiden- gegen ihn, den Präsidenten. Hier, in der kämpft. Auf den Sieg folgt manchmal auch
ten der Fünften Republik: Das Land, das Halle, hocken ganz normale Bürger auf wieder eine Niederlage.
er einen wollte, wie er noch am Wahl- Plastikstühlen, sie haben sich angemeldet Am vergangenen Wochenende, pünkt-
abend versprach, ist zerklüftet. Vielleicht für die Veranstaltung, ohne zu wissen, dass lich zum Ausgang seiner »Grand Débat«,
mehr noch als zuvor. auch der Präsident dabei sein wird. Ein erlebte die Gewalt aufs Neue einen Höhe-
Emmanuel Macron, der als Präsident al- paar von ihnen tragen eine gelbe Weste. punkt. An den Champs-Élysées wurden
les anders machen wollte als seine Vorgän- Macron hatte sich und den Franzosen mehrere Zeitungskioske niedergebrannt
ger, weiß, dass er sich auf dünnem Eis be- nach den Ausschreitungen der Gelbwesten und zahlreiche Geschäfte geplündert; das
wegt. Dass er jederzeit einbrechen kann. im Dezember eine »Große Debatte« ver- Nobelrestaurant Fouquet’s, wo einst Nico-
So hat er es Vertrauten erzählt, und keiner ordnet, zwei Monate lang, landesweit. Er las Sarkozy seinen Wahlsieg feierte, sieht

80 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


nen Vorgängern so. Neu ist aller-
dings, dass die Emotionen derart ins
Extreme kippen. Dass das so ist,
liegt an Emmanuel Macron selbst,
auch wenn er das nicht einsehen
will, wenn man ihn danach fragt.
An diesem Januarabend strahlt
das Sofitel Kairo in den Farben der
Trikolore. Der Turm auf der Nil-
insel beherbergt Emmanuel Ma-
cron und seine Frau Brigitte, auf
Staatsbesuch in Ägypten. Er sitzt
in einem kleinen, stickigen Raum
vor einem Blumenbouquet und ei-
nem guten Dutzend Journalisten.
Es kommt nicht mehr oft vor, dass
man ihn so nah erlebt. Selbst seine
Sicherheitsleute hat er vor der Tür
gelassen.
Eigentlich gibt er keine Hinter-
grundgespräche auf Reisen. Vor
Journalisten sollte sich ein Präsi-
dent so selten wie möglich äußern,
das hat er bei seinem Amtsantritt
als Devise ausgegeben. Aber er, der
sich rarmachen wollte, muss sich
jetzt immer öfter erklären, muss
das Bild korrigieren, das er nach
außen abgibt und über das ihm die
Kontrolle entglitten ist.
Was haben sie mit ihm gemacht,
diese letzten Monate, als sich das
Glückskind, dem alles in den Schoß
zu fallen schien, in einen Kämpfer
verwandelte, in jemanden, der auch
um kleine Erfolge ringen muss?
– Monsieur le Président, kennen
Sie den »Ring des Polykrates«, die
Ballade von Schiller?
Er lacht, nickt. Er mag solche
Fragen, findet sie so viel interessan-
ter als die nach dem Tempolimit
oder der Wohnungssteuer. Er zi-
LAURENT CHAMUSSY / SIPA / ACTION PRESS

tiert selbst so gern, wie er liest, und


auch »Emmanuel M.« ist bereits
Held eines Romans, einer Eloge auf
ihn und seine Fähigkeiten. Den Ver-
fasser Philippe Besson hat er im
Sommer kurzerhand zum General-
konsul in Los Angeles gemacht,
was nicht nur die Karrierediplo-
maten irritierte, die diesen Posten
auch gern gehabt hätten. Besson
Debattierer Macron in Gréoux-les-Bains: Keine Augenringe, keine Falten, nicht mal ein Pickel denkt in seinem Buch viel darüber
nach, wie man so klug und fähig
sein kann wie Emmanuel Macron
jetzt aus wie die Kulisse eines Katastro- Macrons Debatte war ein Erfolg, auch und ob man damit eher Balzacs Eugène
phenfilms. Die Gelbwesten-Bewegung ist für ihn selbst. Je länger er durchs Land de Rastignac gleicht oder Flauberts Frédé-
seit Debattenbeginn geschrumpft, der fuhr, zuhörte und erklärte, desto höher ric Moreau.
Rückhalt in der Bevölkerung hat abgenom- kletterten seine Beliebtheitswerte. Oder eben Schillers Polykrates, dem
men, die Gewalt aber ist geblieben. »Er könnte selbst einen Stuhl verführen«, Herrscher von Samos, dem einfach alles
Das ist die Lage, einerseits. Andererseits schreibt der Schriftsteller Emmanuel Car- gelingt. Seinem Freund und Berater er-
diskutieren Zehntausende Franzosen fried- rère in einem Porträt über ihn. So groß die scheint das merkwürdig. Er fürchtet, so
lich wochenlang über Teilhabe, über Kli- Abneigung auf der einen Seite, so grenzen- viel Glück ziehe den Neid der Götter auf
maschutz und Energiewende. Darüber, los die Bewunderung auf der anderen. Dass sich.
wie ihre Gesellschaft aussehen und welche sich an einem Präsidenten die Geister schei- – Monsieur Macron, sind die Gelb-
Politik für sie gemacht werden soll. den, ist nichts Neues, das war auch bei sei- westen nun die Rache der Götter?

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KIRAN RIDLEY / GETTY IMAGES
Polizisten bei einem Gelbwesten-Protest am 16. März in Paris: »Ich respektiere Ihre Wut«

Er beugt sich vor, legt die Hände auf spricht über Demokratie und Menschen- gant wahrgenommen wird. Weil sie ihn so
die Knie. Nein, sagt er an jenem Abend rechte. »Die Stabilität eines Landes wird darstellen.
in Kairo. Er lächelt jetzt nicht mehr. Bei bedingt durch die Freiheit«, doziert er; es Mit der Tageszeitung »Le Monde« lag
alldem, was gerade in Frankreich passiere, ist unmöglich, Sisis Miene dazu zu lesen. er lange über Kreuz, weil er sich im Wahl-
handle es sich um ein Phänomen, das Am Ende sind zwei Fragen zugelassen, kampf von ihr nicht ernst genommen fühl-
exakt so auch in anderen Ländern zu be- und ein Ägypter fragt mit süffisantem Un- te. Dabei war er es selbst, der sich ein ums
obachten sei. Umwälzungen, mit denen terton, wie es denn nun eigentlich um die andere Mal als »Outsider« bezeichnete,
viele Demokratien im Augenblick zu Stabilität Frankreichs bestellt sei. der »außerhalb des politisch-medialen Sys-
kämpfen hätten. Die Gelbwesten verfolgen ihn bis nach tems« operiere.
Diese Analyse mag nicht völlig falsch Heliopolis. An seinem rasanten Aufstieg hatten die
sein, aber sie bleibt auf problematische Seine Bemerkungen zur Pressefreiheit Medien durchaus ihren Anteil. In seinen
Weise unvollständig. verursachen jedenfalls sarkastische Kom- zwei Jahren als Minister unter seinem Vor-
– Sie selbst, Ihr Regierungsstil, tragen mentare auf der Pressetribüne, wo vor al- gänger François Hollande erregte er mehr
dafür keine Verantwortung? lem die mitreisenden französischen Jour- Aufmerksamkeit als sämtliche Kollegen,
Für einen Moment wirkt es, als werde nalisten sitzen. Macrons eigene Beziehung auch, weil er das so wollte. Während die
er ungehalten. Als wäre er es nicht mehr zur Presse ist durchwachsen: Während der Regierung, deren Mitglied er war, quasi
gewohnt, dass jemand nachfragt, ihn be- Affäre um seinen prügelnden Leibwäch- wöchentlich neue Negativrekorde in den
helligt mit einer anderen Meinung. ter – eine Art Ouvertüre für den Krisen- Umfragen aufstellte, wurde er, Emmanuel
Nein, sagt er brüsk. Dann, etwas konzi- modus, in dem sich seine Präsidentschaft Macron, immer beliebter.
lianter: »Ich bin ein Kind dieses Zorns.« seit Monaten befindet – warf er den Jour- Sein Privatleben sei privat, sagte der
Und nicht nur das. Es gab Zeiten, da schür- nalisten öffentlich vor, »nicht mehr die Kandidat Macron und ließ sich anschlie-
te er die Wut auf »das System«, das er mit Wahrheit zu suchen«. Er glaubt, es sei ßend mit seiner Frau, Enkeln und Argen-
seinem Wahlsieg zu Fall bringen wollte. überwiegend ihre Schuld, dass er als arro- tinischer Dogge für eine Homestory ab-
Die Franzosen seien nun einmal ein sehr lichten. Als Präsident lässt er sich aus-
politisches Volk, sagt Macron. »Was unser schließlich von seiner eigenen Fotografin
Land jetzt braucht, ist Ruhe zum Nach- begleiten, für die Rechte an seinem Bild
denken.« Nicht die Politik wurde vertraut er der Agentur der berüchtigten
Am Tag darauf steht er in der prächtigen zu Macrons Problem, Paparazzi-Königin Mimi Marchand. Die
Rotunde des ägyptischen Präsidentenpa- von Mitterrand eingerichtete Salle de Pres-
lasts; er gibt eine Pressekonferenz, gemein- sondern seine se im Élysée schließt er, für Journalisten
sam mit Präsident Abdel Fattah el-Sisi. Er Persönlichkeit. soll dort kein Platz mehr sein.

82
Ausland
Sparen für
Mich
Er kann das jetzt, er ist Präsident. Und setzen; wie nimmt man Tausende An-
er macht in der Tat viele Dinge anders als regungen auf und verhindert, Tausende
die vor ihm. Anders auch, als er es sich Teilnehmer zu frustrieren?
selbst vorgenommen hatte, da mag er sich In seinem Hass-Pamphlet wundert sich
noch so viele Gedanken gemacht haben, François Ruffin, der Mann, bei dem Ma-
wie dieses Amt auszufüllen sei: noch hie- cron Aversionen auslöst, darüber, wie jun-
rarchischer, noch distanzierter. Weniger genhaft das Gesicht des Präsidenten nach
schwatz- und pflaumenhaft als unter Hol- wie vor wirke. Keine Augenringe, keine
lande. Am Ende bricht sich die Wirklich- Falten, nicht mal ein Pickel, schreibt er.
keit Bahn, und es sieht dann noch mal »Normalerweise findet man in einem Ge-
anders aus. sicht Spuren von Enttäuschung, von Leid,
Es war nicht er selbst, der diese zweite eben von irgendetwas Menschlichem.«
Phase seiner Präsidentschaft einläutete,
von der jetzt alle sprechen. Es waren seine
Man darf Ruffin getrost Hoffnung ma-
chen, dass diese Amtszeit weder an Em-
meine Kinder
Gegner, die Hater, wenn man so will. manuel Macron noch an seinem Gesicht
Wie im Rausch war dieses erste Jahr ver- spurlos vorbeigehen wird.
flogen: Emmanuel Macron Superstar, lau- Denn niemand außer ihm selbst hat es
tete das Motto; er unterlegte es mit langen, in der Hand, das Ruder herumzureißen.
feierlichen Reden über die Zukunft Euro- Zuzutrauen ist ihm das unbedingt. Er hat
pas oder die Zukunft des Multilateralis- eingesehen, dass er nicht im Pulk seiner
mus. Immer gab es irgendetwas, was er Verehrer regieren kann, dass er sich auch
wieder neu begründen wollte. Götter- mit Menschen umgeben muss, die anders
gleich sollte sein Mandat sein, kleiner ging ticken als er selbst. Zwei seiner engsten
es nicht. Dem Rest der Welt gefiel das erst Berater seit Wahlkampfzeiten haben des-
mal, er schaute wieder öfter nach Frank- halb ihre Posten aufgegeben.
reich, auf diesen jungenhaft wirkenden War man im Élysée vor Kurzem noch
Mann mit dem großen Gestus. der Meinung, der Präsident sei derart bril-
Und es stimmt ja: Macron schaffte in- lant, er müsse nicht auch noch beliebt sein,
nerhalb weniger Monate, was seine Vor- wird diese Sichtweise nun nach und nach
meine Enkel
gänger jahrzehntelang nicht vermochten: revidiert. Es kann durchaus hilfreich sein,
Frankreich als modernes Land erscheinen wenn auch das Volk mit dem einverstan-
zu lassen, als europäische Führungsnation den ist, was das Staatsoberhaupt anpackt.
mit Ideen. Wahrscheinlich stehe Macron In wenigen Wochen sind Europawahlen,
in einer Reihe mit Präsidenten wie Charles die er, vor einer ganzen Weile schon, zum
de Gaulle und François Mitterrand, nationalen Stimmungstest ausgerufen hat.
schrieb die Zeitschrift »Foreign Policy«. Damals, als das Glück ihn noch verfolgte
Der sonst so skeptische »Economist« be- wie ein hartnäckiger Stalker.
fand: »Frankreich hat alle Erwartungen Bisher liegt seine Partei LREM vorn, ge-
übertroffen«, habe sich quasi im Allein- folgt von Marine Le Pens Rassemblement
gang runderneuert. national. Gewinnt er die Wahl, hat er auch
Es war von allem ein bisschen zu viel. die Akzeptanz wiedergewonnen, die er
Zu viel Lob, zu viel Bühne. braucht, um den Umbau Frankreichs wei-
Die Franzosen stimmten für Macron, ter voranzutreiben, das ist sein Kalkül. Schon ab 25 € Sparrate im Monat
weil er ihnen den Bruch versprach: Tabula Ein Donnerstag im Februar, Emmanuel mit dem einfachen und
rasa. Den Bruch mit dem phlegmatischen Macron steht mit aufgekrempelten Är-
Vorgänger, der Macron noch seinen »Zieh- meln und durchnässtem Hemd in einer
intelligenten ETF-Sparplan von
sohn« nannte, als dieser bereits seine Be- Sporthalle im Burgund. Hunderte Jugend- Oskar Schritt für Schritt
wegung »En Marche« ausgerufen hatte liche um ihn herum, wenig Sauerstoff. ein Vermögen aufbauen.
und unverhohlen mit einer Kandidatur Nach mehr als drei Stunden Diskussion
liebäugelte. Macron war der Disruptor, der über Ausbildungswege und Atomkraft,
das Establishment hinwegfegen sollte. Er über die Möglichkeiten der repräsenta- Oskar ist die neue Art der Geldanlage:
versprach eine Transformation, Teilhabe, tiven Demokratie und die Vorzüge von ETF-basiert, weltweit gestreut,
Arbeitsplätze. Was die Franzosen hinge- Volksbefragungen wirken alle im Saal kostengünstig und intelligent.
gen nicht wollten, war ein Mann an ihrer recht erschlagen. Alle, bis auf einen. Als Die Eröffnung dauert nur 15 Minuten.
Spitze, der spricht wie ein Manager und seine Berater ihm winkend bedeuten, zum Und das Beste: Wir kümmern uns um alles.
sich aufführt wie ein Monarch. Ende zu kommen, ruft er in ihre Richtung:
Zwei Drittel der Franzosen wünschen »Können wir bitte noch ein bisschen wei-
sich, dass er sich ändert. Nicht die Politik termachen? Ginge das wohl?«
wurde zu seinem Problem, sondern seine Er hat immer viel Glück gehabt. Aber Oskar – der einfache und intelligente
Persönlichkeit. Statt immer noch eine Idee, er kann auch kämpfen. ETF-Sparplan.
noch eine Rede draufzusetzen, eine Ma- Alle Informationen unter
rotte, von der zum Beispiel auch deutsche
Diplomaten schwer genervt sind, muss er Video
Mein Macron, .de
die geschaffenen Erwartungen jetzt erst mein Paris
mal abarbeiten. Damit hat er genug zu tun. spiegel.de/sp132019macron
Wie zum Beispiel lässt sich seine landes- oder in der App DER SPIEGEL Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden.
weite Debatte in konkrete Ergebnisse über- Der Wert Deiner Kapitalanlage kann fallen
oder steigen. Es kann zu Verlusten des ein-
gesetzten Kapitals kommen.
DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 83
Ausland

durch Sandmücken übertragene Infek-

Die Unschuldigen tionskrankheit.


Doch bei den Kleinkindern aus Baghus,
die fast den ganzen Winter in Erdlöchern
und Verschlägen verbringen mussten, fän-
Syrien Wie kranke Säuglinge aus den Überresten des den sich nun die vielfältigsten Krankheiten.
untergehenden »Islamischen Staats« in einem kurdischen Überdies seien viele völlig ausgemergelt, hät-
ten Läuse, manche eine Lungenentzündung.
Krankenhaus versorgt werden. Von Christoph Reuter Dazu kämen die wirren Familienverhältnis-
se beim »Islamischen Staat«: Viele Mädchen
waren schon mit 15, 16 schwanger geworden

E in dreimonatiges Kind sollte anders


aussehen. Nicht wie dieses reglose,
winzige Bündel, dessen greisenhaft
faltige Haut über den Knochen spannt.
die verschiedenen Uno-Hilfsorganisatio-
nen selbst nicht recht wissen, was sie hier
eigentlich dürfen, und ein Arrangement
mit dem Krankenhaus getroffen haben.
und überfordert mit der Kindererziehung.
Manche Mütter seien bei den Bombarde-
ments umgekommen, die Väter oft als
Kämpfer gestorben, die Kinder von einer
Das mit einer Ernährungssonde und Infu- »Sie helfen uns mit Medikamenten, den Person zur anderen weitergereicht worden.
sionen in einem Brutkasten am Leben ge- angereicherten Milchmischungen, Gehäl- So sehen die kleinen Patienten auch aus:
halten wird. tern«, erzählt der Arzt. Aber all das ge- die Köpfe geschoren, die Kopfhaut noch
Saifullah, »Schwert Gottes«, heißt das schehe inoffiziell. Gleichzeitig sei die Lage schorfig, die Glieder spindeldürr, die Stim-
Baby, über das die Krankenschwester so dramatisch geworden, dass man die men meist nur schwaches Fiepsen.
nicht viel mehr weiß und über das der Öffentlichkeit dringend brauchte: »Es Die dramatischen Fälle landen in den
Arzt sagt, es habe immerhin die ersten kommen immer mehr. Wir schaffen das sechs der acht Brutkästen, die für Lagerkin-
drei Tage überlebt. Das gebe rein statis- nicht allein.« der reserviert sind. Die anderen kommen
tisch Anlass zur Hoffnung: »Dead on ar- An fast jedem Tag der vergangenen in mehrere große Säle, die in Windeseile
rival«, Tod bei Ankunft, sei die größte Woche kamen Hunderte, manchmal mehr auf dem alten Dach errichtet wurden, ein
Gefahr für die 20 bis 30 Kleinkinder und als tausend IS-Angehörige im Lager al- Raum für je 32 Kleinkinder. In ihren Ge-
Säuglinge, die jeden Tag in diesem Kran- Haul an, viele der Kinder massiv mangel- sichtszügen spiegelt sich die Internationali-
kenhaus der kurdisch kontrollierten Stadt ernährt, traumatisiert, manche verletzt, tät der IS-Anhänger wider: Da liegen Kin-
Hasaka, Syrien, ankommen, dessen Name andere an Krankheiten leidend, die das der mit afrikanischen Wurzeln neben einem
aus Sicherheitsgründen nicht genannt Ärzteteam im Krankenhaus in Hasaka strohblonden Mädchen aus Schweden, man-
werden soll. Genauso wenig wie der des seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte: che haben asiatische Gesichtszüge, andere
Arztes. »Tuberkulose, zumal bei Kindern, das europäische, viele sind eine Mischung aus
Hier landen die schwächsten und zu- gab es hier nicht mehr. Sehr selten waren verschiedenen Ethnien. The United Colors
gleich unschuldigsten Angehörigen des »Is- auch Krätze und Leishmaniose«, eine of Caliphate.
lamischen Staats«: die kranken Kin- Eines eint sie alle: dass sie un-
der des »Kalifats«. Dessen verblie- schuldig sind an ihrem Schicksal
bene erwachsene Getreue liefern und der Entscheidung ihrer Eltern,
sich seit Monaten ein Katz-und- aus aller Welt zum IS zu strömen
Maus-Spiel mit den kurdisch kom- und dessen Ideologie zu folgen,
mandierten Milizen um ihr letztes dass eine Frau vor allem Gebärma-
Refugium im Ort Baghus, dem zu- schine für neue Untertanen zu sein
letzt nur wenige Quadratkilometer habe.
großen Rest des IS-Gebiets – auf Manche Kinder liegen so still in
dem Höhepunkt des Terrorstaats ihrem Bett, dass man genau hin-
entsprach dessen Fläche jener Jor- schauen muss, um am ganz leichten
daniens. Diese Woche stand der Auf und Ab des Brustkorbs zu er-
Sieg laut kurdischen Kämpfern vor kennen, dass sie noch leben. Ande-
Ort kurz bevor, aber die Lage ist un- re, wie die abgemagerte zweijährige
übersichtlich. Mal dürfen Hunderte Sara mit dunkler Haut und kahlem
Zivilisten und verletzte Kämpfer he- Schädel, halten sich mit aller Kraft
rauskommen und sich ergeben, mal aufrecht. Mit ihrer dünnen Hand
wird wieder geschossen. umklammert sie die Finger der
Während die kapitulierenden Krankenschwester und schiebt sich
Männer in Haft kommen, landen Löffel um Löffel der buttrigen Pro-
die Frauen und Kinder fast alle im teinnahrung in den Mund, greift
riesigen Lager al-Haul. Mit rund nach der Wasserflasche, trinkt gie-
70 000 Insassen ist es mittlerweile rig und schaut jeden an, als wollte
völlig überfüllt und hat nur eine ein- sie sagen: Ich werde nicht verhun-
EDDY VAN WESSEL / DER SPIEGEL

zige Krankenstation. gern! Ich werde leben!


In der Schwebe hängt nicht nur Um den bei ihrer Ankunft Halb-
das Überleben des stark unterge- verhungerten das Überleben zu er-
wichtigen Babys Saifullah. Vollkom- möglichen, müssen sie mit Spezial-
men unsicher ist auch, wer hier über- milch gefüttert werden, aus extra
haupt von wem gerettet werden für ausgezehrte Kinder mit Vitami-
kann: Das Kurdengebiet im Nord- nen und Nährstoffen angereicher-
osten ist de facto im Moment un- Kinderstation im Hospital in Hasaka tem Milchpulver: Erst kommt die
abhängig, aber kein Staat, weshalb Halbverhungerten das Überleben ermöglichen Variante F-75, dann F-100, dann

84
EDDY VAN WESSEL / DER SPIEGEL

Mangelernährte Kleinkinder aus Baghus: »Es kommen immer mehr, wir schaffen das nicht allein«

eine halbfeste Proteinbutter. »Wir mussten Sicherheitsrisiko. Wir sind ja kein Militär- lung, wer wie dringend ärztliche Hilfe be-
erst mal die Schwestern schulen«, sagt der krankenhaus.« Allzu lange bleiben sollen nötige. Ein weiteres Problem habe er mit
Arzt: »So was kannten wir hier gar nicht. die Kleinen ohnehin nicht, »sobald wir sie seinen ganz normalen Patienten in Hasaka,
Wir sind ja nicht in Afrika.« stabilisiert haben, nach zwei, drei Wochen, der zwar vom Krieg weitgehend verschon-
Wer es lebend bis ins Krankenhaus schaf- kommen sie zurück zu ihren Müttern ins ten, aber armen Stadt: »Da kommen El-
fe, habe ziemlich gute Chancen. Nur bis Lager«. tern mit ihrem kranken Kind, und wir
dahin zu überleben, sei das Problem: Die Nur bei schweren Erkrankungen der haben keinen Platz. Außerdem müssen
Mütter und Kinder, die Baghus lebend ver- Kinder dürfen die Mütter mitkommen normale Patienten bezahlen. Was soll ich
lassen konnten, werden in offenen Lkw und eines der raren Einzelzimmer bezie- einem armen Bauern sagen, der mit sei-
mehrere Stunden ins Lager gefahren. Dann hen. Wie im Fall einer nach Syrien zum nem kranken Kind hier ankommt, aber
bringen Angehörige des Kurdischen Roten IS ausgereisten Deutschen, deren fünf Mo- keine Behandlung erhält, während für den
Halbmonds die schwersten Fälle per Sam- nate alte Tochter Sofia an einem Wasser- mangelernährten Säugling einer tunesi-
meltransport aus al-Haul nach Hasaka, das kopf leidet, einer krankhaften Erweite- schen Terroristenfamilie die Uno bezahlt?«
bedeutet noch mal anderthalb Stunden rung der Flüssigkeitshohlräume im Hirn. Er seufzt. Die internationale Gemein-
Fahrt. Viele der kleinen Patienten, sagt der Sofia wurde vor wenigen Tagen in Hasaka schaft müsste dringend ein richtiges Kran-
Arzt, überstünden diese Odyssee nicht. operiert. Doch zuvor, klagt ihre Mutter, kenhaus im Lager der IS-Gefangenen er-
Nach Zählung der Hilfsorganisation In- habe sie über Wochen immer wieder stun- richten. Aber nichts geschehe, obwohl die
ternational Rescue Committee, die bei der denlang mit der zusehends apathischer Dramatik der Lage seit mindestens zwei
Versorgung im Lager al-Haul mithilft, werdenden, sich immer wieder überge- Monaten allen bekannt sei. Alle hätten
sind dort seit Anfang Dezember bereits benden Kleinen am Tor des Lagerbereichs sich auf den Krieg gegen den IS konzen-
108 Kinder tot angekommen oder kurz für ausländische IS-Frauen gestanden und triert, daran, die Kämpfer einzusperren.
nach der Ankunft gestorben. Im Kranken- um ärztliche Hilfe gebeten. Erst als aus- Aber niemand habe an die Tausenden
haus von Hasaka hätten sie im März durch- ländische Reporter die Lagerleitung infor- Kinder gedacht, die dort in den vergange-
schnittlich einen Fall von »dead on arrival« mierten und ein Video der Tochter veröf- nen vier, fünf Jahren auf die Welt gekom-
pro Tag. fentlichten, sei sie ins Krankenhaus ge- men seien und nun entweder keine Eltern
Wenigstens sei es kein allzu großes Pro- bracht worden. mehr hätten oder nur solche, die in Ge-
blem, die Mütter davon zu überzeugen, Den Arzt wundert es nicht: »Es sind ein- fängnissen und Internierungslagern ein-
ihre Kinder allein ins Krankenhaus einlie- fach zu viele Menschen, zu viele Kranke säßen: »Im Moment kümmern wir uns um
fern zu lassen: »Die meisten haben noch aus diesem letzten IS-Gebiet gekommen. die Kleinen, so gut es geht. Aber nach
drei, vier weitere Kinder, um die sie sich Niemand hatte mit Zehntausenden gerech- zwei, drei Wochen müssen sie wieder raus
im Lager kümmern müssen. Wir hätten kei- net.« Jetzt hätten sie im Lager ein Problem hier, sonst haben wir keinen Platz.«
nen Platz für sie, außerdem wäre es ein mit der sogenannten Triage, der Beurtei-

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 85


Ausland

Zündeln auf dem Balkan


Kosovo Zwanzig Jahre nach der Intervention der Nato ist das Verhältnis zwischen Serbien und
seiner ehemaligen Provinz angespannt. Die Minirepublik bleibt ein Krisenherd.

D
er frühere Rebellenkomman- Vergewaltigung. Am Ende gab es beide selbst zu wehren: »Wir hatten keine Wahl,
deur trägt die Uniform des Male Freispruch. »Ich tat, was nötig war«, Serbien trat zuletzt immer aggressiver auf;
Staatsmanns mittlerweile per- sagt Haradinaj im Rückblick, es klingt aus uns wurden Offenheit und Großzügigkeit
fekt: Maßschuhe, dunkler An- seinem Mund fast teilnahmslos; während zunehmend als Schwäche ausgelegt.«
zug, goldene Manschettenknöpfe. Flan- des Kriegs und auch danach gehe es da- Zwar drückte US-Präsident Trump in
kiert von ehrfürchtig blickenden Hof- rum, »in einer gesetzlosen Gesellschaft zu Briefen an die Staatschefs in Belgrad und
schranzen empfängt Ramush Haradinaj überleben«. Noch heute, in der Uniform Priština die Hoffnung aus, baldmöglichst
in Priština, am Sitz der Regierung des des Staatsmanns, ist Haradinaj Kämpfer. im Weißen Haus ein »historisches Abkom-
Kosovo. Mit Strafzöllen von 100 Prozent auf Ein- men« besiegeln zu können. Eine dauerhaft
Wenn nicht Haradinaj und seine Gefähr- fuhren aus Serbien versucht er, eine Aner- friedliche Lösung ist aber nicht in Sicht.
ten gewesen wären, gäbe es Europas jüngs- kennung des Kosovo durch die Regierung Lange Zeit kam eine Teilung des Kosovo
te Republik vielleicht nicht. Unter dem in Belgrad zu erzwingen – und bringt da- für Washington nicht infrage. Inzwischen
Decknamen »Smajl« befehligte er in den mit die US-Schutzmacht gegen sich auf. klingt das anders. »Wir haben keine roten
Neunzigerjahren Teile der Freischärler-
armee UÇK – auf dem Höhepunkt des
Aufstands ethnischer Albaner gegen die
serbische Besatzungsmacht im Kosovo.
Heute ist er Regierungschef eines Landes,
das in Europa seinen Platz sucht.
Zwanzig Jahre nach den Nato-Bombar-
dements, mit denen ab dem 24. März
1999 der Abzug der jugoslawischen Ar-
mee erzwungen wurde, ist das Kosovo
noch immer ein Sorgenkind auf dem Bal-
kan. Die Minirepublik, kaum zwei Mil-
lionen Einwohner stark, zu 90 Prozent
albanisch besiedelt, wird bis heute von
mehr als 80 Staaten, darunter fünf EU-
Mitglieder, nicht anerkannt. Diese Unsicher-
heit bremst das Land. Als einzige europäi-
sche Nation westlich von Weißrussland
AGRON BEQIRI / REUTERS

benötigen die Kosovaren noch Visa für


Reisen ins Schengengebiet. Jeder dritte Er-
werbsfähige ist arbeitslos.
Seit Kurzem gibt es auf dem Balkan wie-
der längst überwunden geglaubte Diskus-
sionen über Grenzverläufe: Die albanisch- Premier Haradinaj: »Ich tat, was nötig war«
stämmigen Spitzenpolitiker im Kosovo
streiten, ob der serbisch dominierte Norden
der Republik im Rahmen eines Gebiets- Die Botschafter Washingtons sind die Linien mehr; wenn die beiden Länder einen
tauschs an Belgrad abgegeben werden soll. heimlichen Herrscher im Land, seit die Deal vorschlagen, der eine Grenzanpas-
Die Präsidenten Serbiens und des Kosovo autonome Provinz Kosovo sich 2008 mit sung vorsieht und von den Bürgern ange-
hatten diese Frage unter Federführung dem ausdrücklichen Segen Madeleine nommen wird, ist das für uns prima«, sagt
der EU-Chefdiplomatin Federica Moghe- Albrights von Serbien lossagen durfte. In- ein ranghoher US-Beamter in Priština: »Im
rini diskutiert. Premierminister Haradinaj zwischen aber bekommt Donald Trumps Ringen der Großmächte« gehe es Washing-
lehnt solche Überlegungen ab. Sie seien ge- Mann in Priština Widerstand zu spüren. ton vor allem darum, »das Kosovo nach
fährlicher Unfug: »Die Tragödien auf dem Bei den Strafzöllen handle es sich um Westen zu bugsieren«.
Balkan hatten immer mit Grenzfragen zu »eine souveräne Entscheidung der kosova- Hinein in die EU und in die Nato, soll
tun – wer diese Fragen neu aufwirft, be- rischen Regierung«, sagt Haradinaj kühl. das heißen: also weg von der russischen
schwört neue Tragödien herauf.« Im Klartext heißt das: Priština ist keine Einfluss-Sphäre. Die beginnt in der geteil-
Mehr als 13 000 Menschen starben zwi- Kolonie Washingtons und beansprucht das ten Stadt Mitrovica, im überwiegend ser-
schen Februar 1998 und Juni 1999. Haradi- Recht, sich rächen zu dürfen – etwa für bisch besiedelten Teil des Kosovo nördlich
naj kennt die Schrecken des Kosovokriegs. Serbiens jüngstes Veto gegen eine Mitglied- des Ibar-Flusses; und sie reicht überall dort-
Zweimal stand der Ex-Kommandeur selbst schaft des Kosovo bei Interpol. hin auf dem Balkan, wo Bündnisfragen un-
vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Ein erster Schritt heraus aus dem Schat- geklärt sind. In Bosnien-Herzegowina
Haag. Es ging um Verbrechen gegen die ten der amerikanischen Schutzmacht? Ha- etwa hält Moskau mit logistischer und mi-
Menschlichkeit, darunter auch Mord und radinaj sagt, das Kosovo müsse lernen, sich litärischer Hilfe für die serbische Teilre-

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publik die Drohkulisse einer Spaltung des versammelt sind unter der kyrillischen laden hat, der viele heutige Spitzenpoliti-
Staats aufrecht. Überschrift »Wir sind Brüder – Gott steht ker des Landes entstammen. Seit Januar
Die ungeklärte Zukunft des Kosovo uns bei«. Treueschwüre an die Adresse des wird verhandelt – vor einem Gericht, das
birgt Zündstoff in einer Gegend, in der orthodoxen Brudervolks gehören hier international besetzt, aber kosovarischem
ethnische Albaner über mehrere Länder nicht nur zur serbischen Folklore, sondern Recht unterworfen ist. Alte Kriegskame-
verstreut siedeln und schon geringste sind auch Teil des geopolitischen Kalküls. raden von Premier Haradinaj sind bereits
Grenzverschiebungen das delikate Gleich- Der Ton im Kosovo ist schärfer gewor- vorgeladen worden, ob als Beschuldigte
gewicht zu erschüttern drohen. Hinzu den: Die eigene Schutztruppe könnte oder Zeugen, wird bewusst offengelassen.
kommt: Die Massenproteste der letzten schrittweise in eine 5000 Mann starke re- Im gottverlassenen Flecken Tropoja auf
Wochen gegen die Regierenden in den guläre Armee umgewandelt werden. Bisher albanischer Seite zeigen zwei Männer auf
Nachbarländern Albanien, Montenegro garantiert die Nato für die Sicherheit im dem Friedhof, ohne zu zögern, auf das
und vor allem Serbien zeigen die Unge- Land – ihr Generalsekretär Jens Stolten- Grab jenes Kämpfers, der für die UÇK
duld jener Balkanbewohner, die seit Jah- berg warnt vor »schweren Erschütterungen« jenseits der Grenze gefallen ist – und dem
ren im Wartesaal der EU festsitzen. im Verhältnis zur Allianz. einer seiner Brüder später die abgetrenn-
Wer im Kosovo zündelt, auf dem histo- Und weil Albaniens Regierungschef Edi ten Köpfe zweier serbischer Soldaten zu
rischen Amselfeld mit den mittelalterlichen Rama in Tirana sauer ist über das, was er Füßen gelegt hat. Fotos belegen den grau-
Klöstern, wo laut serbischem Mythos die als Hinhaltetaktik der EU versteht, droht enerregenden Ritualmord.
Wiege der Nation steht, riskiert einen Flä- er mittlerweile damit, die albanischen Brü- Bei der Regierung in Priština heißt es
chenbrand. Und trotzdem: Federica Mog- der im Kosovo heim ins Mutterland zu ho- dazu, selbstverständlich dürfe untersucht
herini, Trumps Sicherheitsberater John len. Ein gemeinsames Staatsoberhaupt werden, ob Kriegsverbrechen auch auf al-
Bolton, Serbiens Präsident Aleksandar und eine Außenpolitik aus einem Guss sei- banischer Seite verübt wurden. Allerdings
Vučić – sie alle erwägen, den Norden des en, so Rama, eine ernst zu nehmende Al- werde die Geduld der albanischstämmigen
Kosovo Serbien zu überlassen und stattdes- ternative zum EU-Beitritt. Bevölkerung langsam überstrapaziert. Be-
reits unter Uno-Regie bis 2008 wurde er-
mittelt, später dann auch durch das Kriegs-
verbrechertribunal in Den Haag und die
EU-Mission Eulex; wenn jetzt noch einmal
versucht werde, die Wahrheit über die
UÇK herauszufinden, durch ein Spezial-
gericht, dann sei das zermürbend.
Den grotesken Zickzackkurs der west-
lichen Wertegemeinschaft belegt der Um-
stand, dass die gleichfalls verdächtigen
Ex-Kommandeure Hashim Thaçi, aktuell
Staatspräsident, und Fatmir Limaj, Vize-
premier, derweil mit der EU-Chefdiploma-
tin Mogherini auf verschiedenen Kanälen
verhandeln dürfen.
»Es gibt natürlich Leute, auf albanischer
wie serbischer Seite, die in Einzelfällen sa-
PIERRE CROM / GETTY IMAGES

gen: ›Mit dem Bastard da drüben verhandle


ich nicht‹«, sagt ein US-Spitzenbeamter in
Priština. Die Trump-Administration aber
wolle für das Kosovo eine historische Lö-
sung hinbekommen, vergleichbar den Be-
mühungen um einen Korea-Deal: »Wir müs-
Wandbild serbischer Kämpfer in Mitrovica: »Wir sind Brüder« sen vorankommen, der Status quo im Koso-
vo ist kritisch – entweder die Beziehungen
zwischen beiden Ländern verbessern sich,
sen das mehrheitlich albanisch besiedelte Fließend sind die Grenzen zwischen oder sie gehen komplett den Bach runter.«
Preševo-Tal dem Kosovo zuzuschlagen. beiden Staaten schon jetzt. Wer vom Ko- Solange die EU es versäumt, im Kosovo
Auch der kosovarische Präsident Hashim sovo nach Albanien reist, trifft nur auf die Richtung vorzugeben und sie gemein-
Thaçi setzt sich dafür ein – steht damit im oberflächliche Kontrollen. In Prištinas Re- sam zu vertreten, werden die Weichen auf
eigenen Land aber ziemlich allein da. gierungskreisen wird längst über die dem Amselfeld weiter in Washington ge-
Die ungeschriebene, international aber Schaffung eines »Mini-Schengen« auf stellt. Die Absichten der Europäer, klagt
respektierte Übereinkunft, an alten inner- dem westlichen Balkan diskutiert, das vor Kosovos Regierungschef, seien im Ver-
jugoslawischen Grenzen nichts zu ändern, allem die grenznah und kompakt siedeln- gleich mit denen der USA schwer zu ent-
wird infrage gestellt – ein gefährlicher Prä- den Albaner näher zueinanderbrächte. schlüsseln: »Als unsere Leute im Januar
zedenzfall. Wer könnte danach den bos- Gemeinsam erlittenes Unrecht und die nach Brüssel zu Gesprächen mit Moghe-
nischen Serben ein Bündnis mit Belgrad Blutspur, die hier durchs Bergland führt, rini flogen, hatten sie einen 30-seitigen
verwehren oder den albanischstämmigen schweißen die Menschen beidseits der Entwurf zur Konfliktlösung im Gepäck.«
Nordmazedoniern eines mit Tirana? Grenze zusammen. Und was kam im Gegenzug von den EU-
Wer sich aufmacht in den Norden des Seit Kurzem werden in Den Haag aber Unterhändlern? »Nichts«, sagt Haradinaj,
Kosovo, sieht hinter der Ibar-Brücke in auch wieder mögliche Kriegsverbrechen »außer Kaffee und Wasser, das allerdings
Mitrovica Plakate, auf denen die Präsiden- der albanischen Seite aufgerollt. Es geht gratis.« Walter Mayr
ten Russlands und Serbiens, Wladimir um die Frage, welche Schuld die kosovari- Mail: walter.mayr@spiegel.de
Putin und Aleksandar Vučić, einträchtig sche Freischärlerarmee UÇK auf sich ge-

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 87


GESUNDHEIT
Topmanager – plötzlich wollen alle ausschlafen

ULI HOENESS
Der Bayern-Boss verspielt sein Lebenswerk
Sport
Sané ist das Gesicht der neuen Nationalmannschaft. Die Zukunft. ‣ S. 94

Verletzungen bei Fußballspielern mit mindestens einem Pflichtspieleinsatz für einen Klub in der 1. und 2. Bundesliga, Saison 2016/17, in Prozent
Zeitpunkt der Verletzung Betroffene Körperregionen
Juli 6,2
August 8,7 Kniegelenk Sprunggelenk
September 9,7 15,5 12,5
Oktober 12,6
Unterschenkel
November 8,7 Ober- 10,8
Quelle:
Dezember 10,0 schenkel VBG-
24,4 Sportreport 2018
Januar 6,5 Fuß
10,3
Februar 10,4
sonstige

IMAGO
März 9,5 Kopf
15,8 Hüfte 6,4
April 13,2
Arjen Robben, 4,3
Mai 4,5 Juni: spielfrei Bayern München

Der April ist der Monat der Verletzungen: Wenn die Saison in spieler versichert sind, für ihren Sportreport 2018 ermittelt. Im
die Entscheidung geht, angeschlagene Spieler nicht mehr ge- Lauf der Saison 2016/17 verletzten sich die Spieler der ersten
schont werden und einige Profis durch vorherige Blessuren vor- beiden Ligen im Schnitt 2,7-mal und fielen deshalb 28 Tage aus.
belastet sind, kommen die Kicker am häufigsten zu Schaden. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Ausfalltage wegen
Das hat die Berufsgenossenschaft VBG, bei der alle Bundesliga- Knie- und Sprunggelenkverletzungen um 40 Prozent an.

Magische Momente

»Er hat mich salonfähig gemacht«


Der ehemalige Fußballweltmeister Jürgen Kohler, 53, über seine Duelle mit Hollands Stürmer Marco van Basten
SPIEGEL: Im Halbfinale der SPIEGEL: 1990 trafen Sie im Achtel- Kohler: Er hat in der Partie unglücklich
EM 1988 verlor Deutsch- finale der Weltmeisterschaft wieder auf agiert und kaum einen Ball bekommen.
land mit 1:2 gegen die van Basten. Erst am Ende, als das Spiel fast gelaufen
Niederlande. Ihr Gegen- Kohler: Wegen einer Verletzung hatte war, hat er einen unberechtigten Elfmeter
spieler Marco van Basten ich bei den drei Gruppenspielen zuvor herausgeholt. Aber wissen Sie was:
wurde zum Helden. Wie draußen gesessen. Zwei Tage vor dem Ich bin ihm bis heute dankbar für unsere
erinnern Sie sich daran? Spiel holte mich Franz Beckenbauer Duelle. Erst durch sie kamen Vereine
Kohler: Eigentlich machten wir kein in sein Zimmer. Er sagte: Du kennst den wie Juventus Turin auf die Idee, Geld in
OTTO KRSCHAK / IMAGO

schlechtes Spiel. Am Ende stand da nur van Basten. Du kennst seine Tricks, einen Defensivspezialisten zu investieren.
das falsche Ergebnis. Und zu van Basten: seine Bewegungen – bist du fit? Und so Vorher hieß es immer: Abwehrspieler
Er holte einen Elfmeter raus, der keiner kam ich ins Team. schnitzen wir uns irgendwie, wir kaufen
war, und machte das zweite Tor einfach SPIEGEL: Sie hatten van Basten im Griff. nur Stürmer.
großartig. Deutschland gewann 2:1. SPIEGEL: Sie sind van Basten dankbar?
SPIEGEL: Mit dem Abstand von mehr als Kohler: Ich habe mit Bayern München,
30 Jahren klingt das sehr lapidar. Juventus und Borussia Dortmund große
Kohler: Wieso lapidar? Van Basten wurde Titel gewonnen – wer weiß, ob sich
Torschützenkönig der EM und Weltfuß- ohne van Basten alles so gefügt hätte. Er
baller des Jahres, und ich habe aus diesem hat mich salonfähig gemacht, und egal
Spiel meine Lehren gezogen. wie heftig wir uns auf dem Feld bekämpf-
SPIEGEL: Welche denn? ten – wir konnten uns danach immer in
BOB THOMAS / GETTY IMAGES

Kohler: Sein Treffer zum 1:2 hat mir die Augen gucken.
schmerzhaft gezeigt, dass man als Vertei- SPIEGEL: Haben Sie mit ihm das Trikot
diger immer auch mit dem Unmöglichen getauscht?
rechnen muss. Ich wollte damals einer der Kohler: Nicht nach einem Länderspiel,
besten Innenverteidiger der Welt sein, aber nach einer Partie mit Juventus
und ich merkte, dass ich mich noch mehr gegen den AC Mailand. Ich empfand das
fokussieren muss. Van Basten, Kohler im Juni 1990 als Zeichen großer Wertschätzung. PK

89
Sport

Slum der
Champions
Boxen Ein Armenviertel in Ghanas Hauptstadt Accra
hat mehr Boxweltmeister hervorgebracht
als jeder andere Ort in Afrika. Der Sport bietet eine der
wenigen Chancen, der Armut zu entfliehen.

J
eden Morgen um fünf, wenn es drau- schindet sich in einem der rund 20 Gyms.
ßen noch dunkel und nur das Rau- In ihnen wohnt die Hoffnung, es als Profi
schen des Windes zu hören ist, er- zu Ruhm und Reichtum zu bringen. Nichts
hebt sich Henry Malm, 18 Jahre alt, spornt die Menschen mehr an.
von einer Holzpritsche, die unter einem Henry Malm boxt seit fünf Jahren als
Blechdach auf vier Pfählen steht. Er steigt Amateur im Leichtgewicht, in der Ge-
über zwei schlafende Hunde, schlurft zu wichtsklasse bis 60 Kilogramm. Die meis-
einem schiefen Schuppen und kramt ein ten seiner mehr als ein Dutzend Kämpfe
Paar ausgetretene Turnschuhe hervor. hat er gewonnen. Einmal gegen einen Jun-
Dann rennt der muskulöse Mann los, gen aus Accra, den er mit einem wuchtigen
in dünnem Trainingsanzug, mit leerem Kinnhaken niederstreckte. Die 300 Zu-
Bauch und müden Augen, durch die Stra- schauer im Kingsway, einem Marktplatz
ßen von Bukom, einem Armenviertel in in Bukom, tobten und brüllten »Assassin,
Ghanas Hauptstadt Accra. Er joggt vorbei Assassin«, Mörder, Mörder. Den Spitzna-
an Wellblechhütten, ruhenden Garküchen men hat er von Freunden für seine gefürch-
und den dicken Mauern der einstigen Skla- teten Schlagkombinationen bekommen.
venfestung James Fort, weiter zum Leucht- Er hat ihn sich mit Filzstift auf den rechten
turm und hinunter zum Strand der Atlan- Unterarm gemalt. Er wünschte, der Schrift-
tikküste, wo sein Hals zu kratzen beginnt, zug wäre ein Tattoo, sagt er.
weil von der Ziegenfarm nebenan der Bukom ist in Ghana eine Legende. Kein
Rauch von geräuchertem Fleisch aufsteigt. Flecken Afrikas hat auf so kleinem Raum so
Eine Stunde lang läuft Malm durch den viele Spitzenboxer hervorgebracht. Fast alle
Sand, 15 Runden im Kreis, jede 300 Meter der insgesamt zehn ghanaischen Weltmeis-
lang. Danach schnallt er sich ein Seil um ter stammen aus dem Viertel. Auch Azu-
die Hüfte, an dessen Ende ein alter Auto- mah Nelson, Ike Quartey, Alfred Kotey und
reifen hängt. 20 Minuten lang zerrt er ihn im Februar Richard Commey krönten ihre
stumm über den Strand, bei jedem Schritt Karriere mit einem WM-Gürtel und wurden
füllt sich der Reifen mit mehr Sand, das Ge- zu Volkshelden. Ihr Erfolg hat ein ganzes
wicht lässt Malms Oberschenkel brennen. Land stolz und boxverrückt gemacht.
Die einzigen Zuschauer sind ein paar Fi- Kurz vor sechs geht die Sonne über dem kannte er, welche Macht in seinen Fäusten
scher, die zwischen Bergen von Plastikmüll Meer auf. Henry Malm sitzt barfuß am steckt – und er beschloss, sie zu nutzen.
unter umgestülpten Booten hausen. Sie er- Strand und befördert Sand aus seinen Eines Nachmittags, so erzählt er es,
innern Malm täglich daran, wofür er sich Turnschuhen. Der Traum von einer Box- nahm er seinen Mut zusammen und lief
quält. Er sagt: »So will ich nicht leben.« karriere könnte in diesem Moment nicht in eine Boxschule am Ende seiner Straße.
Bukom ist eines der ältesten Viertel weiter weg sein. Er hasst das zeitige Auf- Über dem Eingangstor stand in dicken
Accras und gehört zum Stadtteil Ussher stehen, er hasst das Joggen, »aber ohne Graffiti-Lettern »Discipline Boxing Aca-
Town, einem ehemaligen Stützpunkt nie- Ausdauer wirst du nichts«, sagt er. Und demy«. Henry fand, das klang nach etwas
derländischer Kolonisatoren. In dem Slum später am Tag ist es zum Laufen zu heiß. Großem. Er fragte den Trainer, ob er mit-
drängen sich rund 20 000 Menschen, es »Das machen nur Anfänger.« machen könne, er sei ein guter Kämpfer.
gibt kein fließendes Wasser, oft fällt tage- Malm hat früh gelernt, dass in Bukom Der Coach lachte und schickte ihn gegen
lang der Strom aus. Viele Bewohner kön- das Recht des Stärkeren gilt. Wer hart zu- einen seiner besten Schüler in den Ring.
nen weder lesen noch schreiben, die Ar- schlagen kann, der hat das Sagen. Wer Henry trug das erste Mal Boxhandschuhe,
beitslosigkeit im Viertel ist hoch, die Lan- schwach ist, muss sich beugen. Als Teen- übermütig legte er los, ohne Taktik, ohne
geweile lässt sie lustlos in Plastikstühlen ager habe er sich mit einem Mitschüler um Plan. Er schlug einfach, so hart er konnte,
lümmeln, mancher hat sich aufgegeben. einen Schokoriegel geprügelt, sagt er. Hen- bis sein Gegner schnaufend in den Seilen
Die Bewohner sagen, wer in Bukom auf- ry verlor einen Eckzahn, »aber ich bekam hing. Am folgenden Tag durfte Henry mit-
wächst, der habe zwei Möglichkeiten. Er den Schokoriegel«. Danach habe sich trainieren. »Von da an wollte ich nichts
wird Fischer. Oder er wird Boxer und niemand mehr mit ihm angelegt. So er- anderes mehr machen«, sagt er.

90
JAN HELGE PETRI / DER SPIEGEL
Talent Malm, Trainer Korley: »Er hat keine Angst, du siehst es in seinen Augen«

Seit dem 15. Jahrhundert ist Bukom die Nach dem Joggen rüttelt Malm um halb will, wie spät es ist, geht er in einen Kiosk
Heimat der Ga. Für die Männer dieses Vol- sieben am Holztor seiner Boxschule. Er um die Ecke, wo hinter der Kasse eine
kes ist der Faustkampf schon lange eine will mit dem Co-Trainer an der Schlagtech- Wanduhr hängt.
Demonstration der Stärke und Mittel zur nik arbeiten, doch das Tor ist verschlossen, Malm spricht nicht viel, das kantige Ge-
Selbstverteidigung. Jede Woche trafen sie der Coach kommt nicht. sicht steckt voller Frust, Bukom hat ihn
sich am Strand, und einer reckte die Faust Mit hängenden Schultern trottet Malm schnell erwachsen gemacht. Seine Gedan-
in den Himmel und brüllte »Odododio- zurück nach Hause, unterwegs kauft er ken kreisen ständig um zwei Dinge: Wie
dioo!«, lasst uns kämpfen! sich von einem Händler eine kleine Tube werde ich ein besserer Boxer, und wo be-
Halbstarke gegen Halbstarke, Männer Flüssigseife. Dann zieht er seine Trainings- komme ich Geld her? Als Profi kann man
gegen Männer, Frauen und Kinder schau- jacke aus, holt aus einer Regentonne einen in der Woche zwischen 30 und 150 Cedi
ten zu. Feste Regeln gab es erst, als Eimer Wasser und kippt ihn sich mitten verdienen, umgerechnet 5 bis 25 Euro.
die Briten die Goldküste kolonialisierten. auf der Straße über den Kopf, an den Fü- Amateure wie Malm müssen froh sein,
So wurde dieser Sport Teil der Ga-Iden- ßen Fake-Badeschlappen von Gucci. Er wenn sie für einen Kampf vom Promoter
tität. habe gehört, das sei eine gute Marke. 25 Cedi, gut 4 Euro, erhalten. Malm gönnt
Heute gibt es in Bukom rund 400 Ama- Seine Klamotten wäscht Malm nach je- sich dann manchmal eine Orange, erzählt
teur- und 100 Profikämpfer. Die Menschen dem Training in einer Schüssel. Er besitzt er, »meine Belohnung«.
im Viertel sagen, sie atmeten, fühlten, leb- nur eine Handvoll Kleider, sein größter Eigentlich ist Ghana ein reiches Land.
ten Boxen. Henry Malm sagt: »Boxen ist Schatz ist eine Silberkette, die er in einem Es gehört zu den wichtigsten Goldförde-
alles, was ich habe.« Wäschesack versteckt. Wenn er wissen rern der Welt, die Ölvorkommen vor der

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 91


Sport

JAN HELGE PETRI / DER SPIEGEL


Boxer Malm beim Training auf dem Strand in Bukom: »So will ich nicht leben«

Küste sind groß, der Diamantenhandel flo- Einer der Boxstars Bukoms, Joshua det der Promoter. Ein nationaler Titel-
riert. Doch das Land leidet unter dem Clottey, wurde 2008 IBF-Champion im kampf in Accras neuer Boxarena koste 20
Fluch der Bodenschätze, wie viele afrika- Weltergewicht. Früher musste er mit zu Cedi Eintritt, knapp 3,50 Euro. »Aber die,
nische Staaten. Die Eliten sind korrupt, sie kleinen Schuhen trainieren, heute ist er die es sich leisten können, rufen mich an
teilen die Gewinne unter sich auf und rau- ein reicher Mann. Nachdem Clottey vor und wollen Freikarten haben. Völlig irre.«
ben so das eigene Volk aus. Ein Viertel der Jahren in Texas den US-Amerikaner Cal- Ntiamoah-Boakye hasst dieses Betteln,
Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, vin Green bezwungen hatte, säumten bei es zu ändern sei unmöglich. »In Ghana
mehr als eine Million Kinder sind unter- seiner Rückkehr Tausende die Straßen, um kennt jeder jeden, da bittet man gern um
ernährt. ihn zu bejubeln. Bis heute trainiert er in einen Gefallen«, sagt er. Genau deshalb
Der Hunger quält Malm jeden Tag, und der Boxschule, in der er einst anfing. Und gehe im Boxen nichts voran. »Wir haben
manchmal ist er so groß, dass ihm die Kraft mit ihm trainieren jene, die so werden wol- Riesentalente und keine Mittel, sie an die
fehlt. Ob er sich zum Frühstück Reis und len wie er. Weltspitze zu bringen. Ohne Geld keine
Bohnen oder nur Haferbrei kaufen kann, Die meisten Profiboxer in Bukom kön- hochkarätigen Gegner, keine internationa-
hängt davon ab, wie viele Cedi er in seiner nen kaum vom Sport leben. Sie fahren len Titelkämpfe.«
Hosentasche sind. Manchmal findet er kei- zum Fischen, buckeln Sandsäcke für Zie- Schon ein Amateurkampf sei eine logis-
ne, dann muss er die Fischer fragen, ob er gelbrennereien oder schlachten Ziegen. tische Herausforderung, sagt Ntiamoah-
für sie arbeiten kann. Dann schleppt er Die meisten von ihnen verschwinden in Boakye und klickt auf ein Video in seinem
Thunfische, nimmt sie aus und schneidet der Bedeutungslosigkeit, werden Boxtrai- Smartphone. Es zeigt einen Boxring am
sie mit langen Messern in Stücke. ner, vielleicht noch Polizist oder Soldat. Abend, umlagert von jubelnden Men-
Malm verachtet diesen Job, er bringt Immerhin etwas. schen, aufgestellt mitten auf einer Kreu-
wenig ein und lässt seine Finger stinken. Der Mann, der aus den Träumen der zung in Bukom, darüber an einer Wäsche-
»Ich bin kein Fischer«, sagt er. »Ich bin Kinder und Eltern ein Geschäft macht, leine zwei Glühbirnen, die gerade so hell
Boxer.« Doch die Not zwingt ihn, seinen heißt Alex Ntiamoah-Boakye. Er ist leuchten, dass die zwei Jungen in der Dun-
Stolz zu schlucken. Promoter und sitzt in einem dunklen Büro kelheit sehen, wo sie hinschlagen.
Den Fischer, der ihm ab und zu etwas unter einer summenden Klimaanlage an Boxen ist ein schmutziges Geschäft, vol-
zu tun gibt, nennt er »Papa«. Der Mann Bukoms Hauptstraße; vor ihm auf dem ler Krimineller, Großmäuler und Straßen-
ist nicht sein leiblicher Vater. Dieser starb, Schreibtisch drei Telefone, von denen ei- schläger – das war es schon immer. Für
als er drei Jahre alt war. Malm sagt, er hät- nes alle drei Minuten klingelt. Ntiamoah- Ghanas Regierung scheint das der Grund
te gern einen richtigen Vater. Einen, den Boakye hat sein Geld mit Immobilien ver- zu sein, lieber den Fußball zu fördern. »In
er um Rat fragen kann. dient, viel davon steckt er ins Boxen. »Oft deren Augen betreiben wir den Armeleute-
Seine Mutter hat wenig Zeit. Sie ver- mache ich Miese«, sagt er. sport«, sagt Peter Zwennes, Präsident der
kauft Regenschirme an einer Kreuzung in Für Boxen ist in Ghana kein Geld da. Die nationalen Boxorganisation. Dabei halte
Accras Zentrum, ihre Altersvorsorge sind einheimischen TV-Anstalten zahlten nicht das Boxen die Gesellschaft zusammen.
ihre sechs Kinder. Henry ist die größte für die Übertragungen, sagt Ntiamoah-Boa- Kein Sport habe dem Land mehr Weltmeis-
Hoffnung. Sie sagt: »Er ist ein starker Jun- kye, weil niemand Fernsehgebühren ent- ter beschert. Drei seiner vier olympischen
ge. Er wird Ghanas nächster Weltmeister.« richte. »Die Ticketpreise sind ein Witz«, fin- Medaillen hat Ghana im Boxen errungen.

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JAN HELGE PETRI / DER SPIEGEL
Trainierende Kinder im First Square Gym in Accra: Boxen hält die Gesellschaft zusammen

»Was haben wir Großes im Fußball er- ein Raubtierbändiger. »Was willst du in ausgepumpt am Boden, der Schweiß rinnt
reicht?«, fragt Zwennes. »Es ist traurig.« den Seilen?«, zischt er Malms Gegner an. ihm über den Oberkörper, sammelt sich
Am Nachmittag schlägt Henry Malm sei- »Komm schon! Wehr dich!« Nach jeder in den Furchen seiner Bauchmuskeln. Ei-
ne Fäuste in einen geflickten Sandsack, er Runde spritzt er den Jungen Trinkwasser gentlich sollte am Abend ein Trainings-
ist der Erste in der Discipline Boxing Aca- aus Plastiktüten ins Gesicht. Wasser aus kampf gegen einen anderen Boxklub statt-
demy. Die Sonne knallt ihm auf den Kopf, Flaschen ist Luxus. finden, aber der hat kurzfristig abgesagt.
ein Dach gibt es nicht, wenn es regnet, fällt »Henry hat das, was man nicht trainie- »Die haben Angst vor uns«, tönt Malm
das Training aus. Die Boxschule ist gerade ren kann«, sagt Korley. »Er hat keine und schlägt sich mit der Faust auf die Brust.
so groß wie ein Klassenzimmer, begrenzt Angst. Du siehst es in seinen Augen.« Nie Er wolle so schnell wie möglich ins Profi-
von vier braun gestrichenen Mauern, die habe er Malm vor einem Gegner zurück- geschäft einsteigen, mehr Geld verdienen,
gequetscht zwischen Wellblechhütten ste- weichen sehen. Einmal habe Malm einem sagt er. Dafür braucht er einen Manager –
hen. Der Ring misst nur vier mal vier Me- Nachwuchsboxer aus Ghanas National- jemanden, der ihn als Investition in die Zu-
ter, die Seile sind rissig, der Boden ist aus team eine Kopfnuss verpasst, weil der sich kunft sieht. Er hat keine Ahnung, woher der
Beton. »Wer hier k. o. geht, den knockt es bei einem Freundschaftskampf ständig kommen soll, einen anderen Plan hat er
zweimal aus«, sagt Suleyman Korley. wegduckte. »Manchmal ist er noch zu sehr nicht. Sein Plan ist es, ein Held zu werden.
Korley ist seit 21 Jahren Boxtrainer, ein Heißsporn.« Ansonsten bringe Malm für Nachts in seinen Träumen, erzählt
grimmig blickender Mann, der viel flucht. das Boxen im Leichtgewicht beste Voraus- Malm, fliege er über den Atlantik, weg
Alles, was er über Boxen weiß, hat er aus setzungen mit. Korley sagt: »Er kann ein von Bukom, weg von den Fischern, in die
Büchern. Geld macht er mit privaten Box- Champ werden, wenn er gesund bleibt.« USA, nach Las Vegas, dem Boxmekka. In
stunden für Accras Oberschicht. Jeden Korley besorgt neue Boxhandschuhe seinen Träumen ist er so gut wie der Ame-
Morgen trainiert er den Bruder des ehe- und neue Helme. Er sieht zu, dass die rikaner Floyd Mayweather Jr., Ex-Box-
maligen Präsidenten John Mahama. Nach- Amateure im Team genügend Kämpfe und weltmeister und bestbezahlter Sportler
mittags rast er auf dem Motorrad nach Bu- die Profis respektable Gegner bekommen. der Welt, sein Idol.
kom in die Boxschule. Seine Schüler müsse Er predigt, dass Boxen wichtig, aber nicht »Ich habe noch nichts erreicht«, sagt
er nicht motivieren, sagt er. »Ihre Moti- alles sei. Wenn er erfährt, dass jemand Henry Malm und starrt in den roten
vation ist es, keine Wahl zu haben.« nicht zur Schule geht, erzählt er ihm die Abendhimmel. Nur ein talentierter Boxer
Zum Aufwärmen scheucht der Trainer Geschichte der Boxikone Azumah Nelson. zu sein, der sich täglich gegen das Elend
die neun Jungen im Entengang über den Wie der als Kind nie lesen und schreiben behauptet – das ist in seiner Welt nichts
Boden und lässt sie 500 Seilsprünge ma- lernte. Wie ihn das eigene Management wert. Matthias Fiedler
chen. Danach schickt er Malm und einen später um viel Geld betrog. Dann fragt
Trainingspartner zum Sparring. Korley den Schulschwänzer: »Willst du
In sechs Runden zu drei Minuten fliegen Verträge lesen können oder in die Röhre Video
Fischen oder
die Fäuste, begleitet vom Raunen der üb- gucken wie Nelson?« kämpfen
lichen Zuschauer von der Straße. Wer die Nach drei Stunden am Sandsack und spiegel.de/sp132019boxen
Deckung zu tief hält, dem schlägt Korley im Ring, nach 200 Liegestützen und oder in der App DER SPIEGEL
mit einem Stock auf die Handschuhe wie 300 Rumpfbeugen kauert Henry Malm

93
Sport

Letzter
Inzwischen ist viel passiert. Die Natio- ren nur noch Neuer und Toni Kroos zur
nalmannschaft spielt nur noch zweitklas- Nationalmannschaft. Schwer zu sagen, wie
sig. Selbst gegen schwache Serben, die am lange noch.

Mann
Mittwoch ein Aufwärmgegner für das EM- Nach anfänglichem Zögern will Löw
Qualifikationsspiel gegen die Niederlande beweisen, dass er kein Bremser ist, son-
am Sonntag sein sollten, reichte es nur zu dern ein Erneuerer, ein Reformer. Wäh-
einem 1:1. rend Neuer wegen schwankender Leistun-
Fußball Neuer oder ter Stegen – Löw ist dabei, seine Auswahl umzu- gen kritisiert wird, spielt sein Konkurrent
die Entscheidung über die bauen. »Wir stehen vor einer neuen Zeit- Marc-André ter Stegen, 26, beim FC
rechnung«, sagt er. Er hat altgediente Spie- Barcelona eine starke Saison. In TV-
Nummer eins im deutschen Tor ler aus dem Kader geworfen. Mit jungen Expertenrunden wird nicht darüber de-
wird zeigen, wie groß der Profis will der Bundestrainer »mehr Tem- battiert, ob ter Stegen die neue Nummer
Reformeifer des Bundestrainers ist. po, Dynamik und Zielstrebigkeit« in das eins wird, es stellt sich die Frage: Wann
Spiel bringen. fällt Neuer?
Sané ist das Gesicht der neuen Natio- Der Konkurrenzkampf der jungen ge-

E inen Tag vor dem Länderspiel gegen


Serbien in Wolfsburg steht Leroy
Sané, 23, in Jogginghose und Kapu-
zenjacke in einem Konferenzraum und
nalmannschaft. Die Zukunft. Auf einem
Werbebanner des neuen DFB-Sponsors
VW wird er, umringt von jubelnden Fans,
groß in Szene gesetzt. Der arrivierte Kol-
gen die alten Spieler, das ist seit der ver-
korksten WM eines der Reizthemen inner-
halb der DFB-Auswahl. Alles fing im vori-
gen Juni mit der Personalie Neuer an, mit
hört sich an, was der Bundestrainer über lege Manuel Neuer hingegen, mit 32 Jah- der Entscheidung Löws, als Nummer eins
ihn zu sagen hat. ren und 85 Länderspielen dienstältester für das Turnier in Russland den Bayern-
Joachim Löw, 59, sitzt auf einer kleinen Nationalspieler, grüßt auf dem Bild etwas Torwart zu nominieren, obwohl dieser we-
Bühne und erklärt, dass »der Leroy« sich versteckt aus dem Hintergrund. Es wirkt, gen einer Fußverletzung monatelang nicht
toll entwickelt habe, dass der Flügelstür- als wollte er sich bereits verabschieden. hatte spielen können.
mer von Manchester City »außergewöhn- Vorigen November traten Sané und Von vielen jungen Spielern wurde die
liche Fähigkeiten« mitbringe und künftig Neuer gemeinsam vor einem Länderspiel Nominierung als Hinweis darauf ausgelegt,
einer der Anführer der neu formierten Na- gegen Russland in einer Schule in Leipzig dass der sportliche Wettkampf in der
tionalmannschaft sein werde. auf. Während der Fußballer aus Manches- Mannschaft ausgehebelt sei, dass der Trai-
Sané zuckt kurz mit den Mundwinkeln. ter lächelnd Dutzende Selfiewünsche der ner sich im Zweifel für seine verdienten
Noch im vorigen Sommer war er für Schüler erfüllte, wurde Neuer von Journa- Kräfte entscheiden würde. Ter Stegen
Löw nichts weiter als ein aus dem Ruder listen, die zu dem PR-Termin angereist wa- nahm die Degradierung tapfer hin und be-
gelaufenes Talent, ein Egoist, der sein ei- ren, mit unangenehmen Fragen gelöchert. schwerte sich nicht. Inzwischen erhebt der
genes Konterfei als Tätowierung auf dem »Warum halten Sie nicht mehr die un- gebürtige Mönchengladbacher offen An-
Rücken trägt und zu wenig Respekt vor haltbaren Bälle?« sprüche. Er wolle den Umbruch in der Na-
Kollegen zeigt. Kurz vor der Abreise zur »Stimmen die Reflexe nicht mehr?« tionalmannschaft auch auf der Position im
WM nach Russland strich der Bundestrai- Neuer musste sich vorkommen wie der Tor herbeiführen, sagt er.
ner den Dribbler aus dem Kader. Stattdes- Insasse eines Pflegeheims. Es sei alles in Neuer und ter Stegen haben kein
sen durfte ein Oldie wie Mario Gomez, 33, Ordnung mit seiner Form, blaffte er, »ich schlechtes, aber auch kein besonders gutes
vom VfB Stuttgart nach Moskau mitreisen. bin mit mir im Reinen«. Sané saß neben Verhältnis. Sie respektieren einander, re-
Aus heutiger Sicht klingt das wie ein ihm und blickte betreten zu Boden. den aber nur das Nötigste miteinander. Im
Witz. Aber so waren die Verhältnisse im Von den Fußballern, die 2014 in Rio de Umfeld ter Stegens ist man der Meinung,
absurden deutschen Fußballjahr 2018. Janeiro das WM-Finale gewannen, gehö- dass es zum Wechsel im Tor der National-
mannschaft kommen werde. Allerdings
wurde die Linie ausgegeben, keinen wei-
teren Druck aufzubauen. Das ist klug. Löw
ist niemand, der auf forsche Forderungen
reagiert. Er kann sehr bockig sein, wenn
er der Meinung ist, dass ein Spieler sich
zu sehr in den Mittelpunkt stellt.
Dass Löw ter Stegen gegen Serbien in
der zweiten Halbzeit spielen ließ, war ein
Statement. Der Bundestrainer steht nicht
mehr felsenfest hinter Neuer.
Andererseits wird sich Löw hüten,
Neuer genauso abzuservieren wie kürzlich
dessen Vereinskollegen Mats Hummels,
JULIA RAHN / PRESSEFOTO BAUMANN / IMAGO

Thomas Müller und Jérôme Boateng. Es


wird eine schleichende Machtübernahme
geben. Neuer wird mit allen Ehren und
Feuerwerk vor großem Publikum verab-
schiedet werden.
Danach muss Löw hoffen, dass seine
neu aufgestellte Nationalmannschaft gute
Ergebnisse einspielt. Weil es sonst einen
weiteren Wechsel geben könnte: auf der
Position des Trainers. Gerhard Pfeil
Konkurrenten ter Stegen, Neuer am Mittwoch: Nur das Nötigste miteinander reden

94 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


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Mittwoch und
Sonntag
Wissenschaft+Technik
»Denkbar ist, dass es prinzipiell unvorhersehbare Klimaphänomene gibt.« ‣ S. 98

AFP
Neben einer Wand aus Gletschereis wandern zwei französische Forscher über den Archipel Madre de Dios
(»Mutter Gottes«). Die chilenische Regierung möchte für diese Inselgruppe im Süden des Andenstaates
demnächst den Status als Weltnaturerbe beantragen. In die beeindruckende Karstlandschaft grub Wasser
eine Vielzahl von Höhlen. Den patagonischen Ureinwohnern, den Kawésqar, dienten diese als Grab-
und bisweilen als Wohnstätten.

Einwurf

Weniger ist mehr


Weshalb das Arbeiten in kleinen Teams leichter zu neuen Ideen führt
Albert Einstein war kein Freund des Nachdenkens in großen Wissenschaftssoziologe James Evans von der Universität Chicago
Gruppen: »Ich bin ein Pferd für einen Einspänner«, sagte der herausgefunden. Er und seine Kollegen analysierten mehr als
Physiker. Für Teamwork sei er nicht gemacht. 1916 vermutete 65 Millionen wissenschaftliche Aufsätze, US-Patente und Soft-
Einstein in einem ersten Aufsatz, dass das Weltall von Wellen wareprojekte der vergangenen Jahrzehnte. Ergebnis: In jeder
durchzogen werden müsse, mit denen sich Gravitationsfelder Dekade und in jedem Fachbereich waren es vor allem die kleinen
ausbreiten. Fast 100 Jahre später wiesen mehr als 1000 Wissen- Gruppen und Einzelpersonen, die mit wirklich neuen Ansätzen
schaftler die Existenz genau dieser Gravitationswellen nach. den Status quo ihres Fachs durcheinanderwirbelten. Und die größe-
2017 gab es dafür den Nobelpreis. Einer kommt auf die Idee – ren Teams? Entwickelten vor allem bereits bekannte Ideen weiter.
Tausende beweisen es. Evans vermutet, dass große Forschungsprojekte vor allem
Wissenschaftliche Großprojekte haben Konjunktur. So ar- zwei Dinge zu verlieren haben: ihren guten Ruf – und Förder-
beiten 800 Wissenschaftler in 19 Staaten seit 2013 im »Human gelder. Das führe dazu, lieber auf Nummer sicher zu gehen.
Brain Project«. Ihr Ziel: ein digitales Modell des menschlichen Kleinere Teams hingegen, so Evans, wagten auch mal zu schei-
Gehirns nachzubauen. Je größer die Anzahl an Wissenschaftlern, tern. Ansonsten dürfte fürs Nachdenken in großen Gruppen
desto größer der Output, so die Hoffnung. gelten, was der Komiker Karl Valentin den meisten mensch-
Neue, wirklich kreative Ideen aber – Einstein hatte mal wieder lichen Zusammenkünften vorhielt: Es ist schon alles gesagt, nur
recht – entstehen wohl vor allem in kleinen Teams. Das hat der noch nicht von allen. Kerstin Kullmann

96 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Bildung SPIEGEL: Welches Ziel sollen die Bücher

»Eltern haben Angst vor Mathe« dann erfüllen?


Ferrie: Ich möchte versuchen, die
Wissenskonzepte, die gemeinhin als die
Der Physiker Chris ist. Damit ihre Kinder sehen: Für meine anspruchsvollsten der Welt gelten, auf
Ferrie, 37, erklärt in sei- Eltern ist das ein Thema, das sie gern eine Ebene herunterzubrechen, auf der
ner Buchreihe »Baby- gemeinsam mit mir entdecken. Und nicht sie jeder verstehen kann. Und zu zeigen,
Universität« kleinen eines, vor dem sie Angst haben und das dass es dafür nicht unbedingt einen
Kindern mithilfe von sie meiden. Doktortitel braucht.
bunten Bällen, Pfeilen SPIEGEL: Also richten sich die Bücher SPIEGEL: Was planen Sie als Nächstes in
und Netzen, was Evolu- am Ende mehr an die Eltern als an die der Reihe?
tion, Quantenphysik Kinder? Ferrie: Ich muss sagen, dass ich in
oder die Relativitätstheorie bedeuten. Fer- Ferrie: Kleine Kinder wissen nicht, dass meinem Interesse immer auch
rie lehrt an der University of Technology die Relativitätstheorie den Erwachsenen mit meinen Kindern wachse. Vielleicht
in Sydney und ist Vater von vier Kindern. vorbehalten zu sein scheint. Und sie lieben verändere ich deshalb irgendwann
es, von ihren Eltern vorgelesen zu bekom- die Altersspanne, für die ich schreibe.
SPIEGEL: Herr Ferrie, warum sollte man men. Die Eltern wiederum finden das Im Moment arbeite ich aber für
einem zweijährigen Kind schon Bücher Thema Quantenphysik anfangs vielleicht die »Baby-Universität« mit anderen
über schwarze Löcher oder Gravitations- ein wenig irritierend, aber auch lustig. Wissenschaftlern an Büchern etwa
wellen vorlesen? SPIEGEL: Wie sind Sie auf die Idee zu der über Ökonomie. KK
Ferrie: Ich habe, zumindest in den Län- Reihe gekommen?
dern, in denen ich bisher gelebt habe, Ferrie: Ich habe schon als Kind immer
gesehen, dass viele Eltern ihren Kindern lieber Sachbücher gelesen als Belletristik. Fußnote

4000
schon bei den ersten Problemen, die in Als ich selbst Kinder bekam, fiel es mir
Mathe auftreten, eine Schwäche in dem schwer, für sie altersgerechte Sachbücher
Fach attestieren – meist, weil sie selbst zu finden. Also habe ich angefangen,
Angst davor hatten. Wenn sie dann das selbst welche zu schreiben.
erste Mal ihre Kinder dabei erleben, wie SPIEGEL: Mitte der Neunziger erfand
sie etwas nicht verstehen oder zu schwer eine amerikanische Lehrerin die »Baby Sterne bewegen sich offenbar gemein-
finden, sind sie schnell dabei zu sagen: Einstein«-Reihe: Sie brachte mithilfe von sam nur 100 Lichtjahre von der Erde ent-
»Weißt du was, ich war auch nicht gut in Handpuppen Kindern in kurzen Videos fernt durchs Weltall. Astrophysiker der
Mathe und habe trotzdem Erfolg im den Komponisten Ludwig van Beethoven Universität Wien haben diesen Strom
Leben. Also geht das in Ordnung.« oder den Maler Vincent van Gogh nahe. entdeckt, als sie mithilfe von Daten der
SPIEGEL: Wie sollen die Babybücher da Planen Sie etwas Ähnliches? Weltraumsonde »Gaia« die Bewegung
helfen? Ferrie: Ich will niemandem vorgaukeln, Hunderttausender Sterne in der Milch-
Ferrie: Ich möchte gar nicht unbedingt, dass die Kinder durch die Bücher einen straße analysierten. Weil diese Sonnen
dass kleine Kinder schon die Quanten- Wissensvorsprung erlangen. Darum geht vergleichsweise nah sind, können an
physik verstehen. Ich möchte vielmehr es mir nicht. Man weiß heute ja auch, ihnen gut die Lebenszyklen von
den Eltern helfen zu verstehen, dass das dass diese Konzepte ihre Versprechen Sternhaufen und das Gravitationsfeld
alles gar nicht so sonderlich kompliziert nicht eingehalten haben. der Milchstraße untersucht werden.

Medizin ten Einsatz des Mittels besteht kein Entstehung von NHL liefern. »Es fehlt
»Schauprozess« um erhöhtes Krebsrisiko«, konstatiert Daniel
Dietrich von der Universität Konstanz
jedoch ein biologischer Mechanismus, der
erklären könnte, wie Glyphosat den
Glyphosat? gegenüber dem SPIEGEL. Der Professor Krebs auslösen soll«, sagt Dietrich. Ganz
für Umwelttoxikologie hält die Hardeman- anderer Meinung ist Beate Ritz, Profes-
 Edwin Hardeman versprühte 26 Jahre Verhandlung für einen »Schauprozess«. sorin für Epidemiologie an der University
lang das Monsanto-Unkrautvernichtungs- Epidemiologische Studien würden zwar of California in Los Angeles, die vor dem
mittel Roundup (Wirkstoff: Glyphosat) einen »denkbaren Zusammenhang« US-Gericht als Expertin auftrat. Mit
auf seinem Grundstück. 2015 erkrankte zwischen Glyphosatbelastung und der einem »vernünftigen Maß an wissenschaft-
der heute 70-Jährige an Non-Hodgkin- licher Sicherheit« würden sowohl Glypho-
Lymphom (NHL), einer Form von Lymph- sat als auch Roundup NHL verursachen,
drüsenkrebs. Hängt beides miteinander schreibt Ritz in ihrer Stellungnahme.
zusammen? Eine Laienjury eines US-Bun- Warum sich die Wissenschaftler immer
desbezirksgerichts in San Francisco hat noch nicht einig sind, erklärt Dietrich mit
diese Frage am Dienstag einstimmig einer »unterschiedlichen Gewichtung«
bejaht, ein schwerer Rückschlag für den der verfügbaren Daten. Zudem gebe es
inzwischen zu Bayer gehörenden US-Saat- einen Mangel an aussagekräftiger For-
gutriesen, dem in einem zweiten Teil- schung zum Thema. »Wir brauchen epide-
verfahren nun Schadensersatzansprüche miologische Langzeitstudien, in denen
IMAGO STOCK

in Milliardenhöhe drohen. mal jemand zehn Jahre oder länger die An-
Dabei ist der Wissenschaftlerstreit, ob wender solcher Pestizide begleitet«, sagt
Glyphosat krebserregend ist, in Wahrheit Dietrich, »dann könnten wir die Sache
noch keineswegs beendet. »Beim korrek- Pestizideinsatz in der Landwirtschaft auch endlich zu den Akten legen.« PHB

97
MOMENT OPEN / GETTY IMAGES

Kumulonimbus-Wolken

98 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Wissenschaft

Eine neue Strategie


Klima Noch immer sind die Vorhersagen zur globalen Erwärmung erstaunlich ungenau. Mithilfe
schnellerer Supercomputer und künstlicher Intelligenz wollen Forscher
jetzt endlich das größte Problem der heutigen Klimamodelle in den Griff bekommen.

E
s ist eine schlichte Zahl, doch wird Um sich jedoch konkret auf das Kom- ihrer Zusammensetzung unterscheiden sie
sie das Schicksal dieses Planeten mende vorzubereiten, taugten die Modelle sich: Die einen bestehen aus winzigen
bestimmen. Sie ist leicht zu be- der Klimaforscher nicht. Als Entschei- Wassertröpfchen, andere enthalten viele
schreiben, doch vertrackt schwie- dungshilfe beim Bau von Deichen und Ent- kleine Körnchen aus Eis.
rig zu berechnen. Die Forscher nennen sie: wässerungskanälen seien sie ungeeignet. Jeder dieser Wolkentypen wirkt anders
»Klimasensitivität«. »Unsere Computer sagen nicht einmal mit auf das Klima ein. Und vor allem: Sie wir-
Sie gibt an, um wie viel sich die Durch- Sicherheit voraus, ob die Gletscher in den ken kräftig.
schnittstemperatur auf der Erde erwärmt, Alpen zu- oder abnehmen werden«, er- Selbst Laien kennen den Effekt. Sobald
wenn sich die Konzentration der Treib- klärt Stevens. sich eine Wolke vor die Sonne schiebt,
hausgase in der Atmosphäre verdoppelt. Die Schwierigkeiten, denen sich er und wird es kühler. Umgekehrt liegen die Wol-
Schon in den Siebzigerjahren wurde sie seine Forscherkollegen gegenübersehen, ken im Winter oft wie ein Deckel über dem
mithilfe primitiver Computermodelle er- lassen sich in ein Wort fassen: Wolken. Die Land, was die Wärme am Boden hält.
mittelt. Die Forscher kamen zu dem träge über den Himmel ziehenden Gebirge Natürliche Prozesse im Computer zu si-
Schluss, dass ihr Wert vermutlich irgendwo aus Wasserdampf sind der Fluch aller mulieren wird immer dann besonders hei-
zwischen 1,5 und 4,5 Grad liegen dürfte. Klimaforscher. kel, wenn kleine Ursachen große Wirkung
An diesem Ergebnis hat sich bis heute, Zunächst ist es die enorme Vielfalt ihrer hervorbringen. Für keinen anderen Faktor
rund 40 Jahre später, nichts geändert. Und Erscheinungsformen, die Wolken so unbe- im Klimageschehen gilt das so sehr wie für
genau darin liegt das Problem. rechenbar macht. Mal bilden sie zarte die Wolken. Alles Gewölk am Himmel zu-
Die Rechenleistung der Computer ist auf Streifen, mal treiben sie in Herden bau- sammengenommen würde, zu Wasser kon-
das Vielmillionenfache gestiegen, aber die schiger Gebilde dahin, oder sie türmen densiert, die Erde mit einem Film von ge-
Vorhersage der globalen Erwärmung ist so sich zu kilometerhohen Unwetterfronten rade einmal 0,1 Millimeter Dicke bede-
unpräzise wie eh und je. »Es ist zutiefst frus- auf. Einige wabern hoch oben als licht- cken. Diese winzige Menge Wasser reicht
trierend«, sagt Bjorn Stevens vom Hambur- durchlässige Schleier am Himmel, andere aus, das Klima massiv zu beeinflussen.
ger Max-Planck-Institut für Meteorologie. schließen sich zu einer dichten, tief hän- Das verdeutlicht eine weitere Zahl: Ver-
Seit mehr als 20 Jahren forscht er nun genden Decke zusammen. Und auch in ringerte sich der Anteil der tief hängenden
schon auf dem Feld der Klimamodellie-
rung. Er hat miterlebt, wie die Modell-
Erde, auf der die Wissenschaftler das Klima
Die Mächtige und die Tückische Zwei Wolkengattungen der Klimaforscher
simulieren, immer komplizierter und rea-
listischer wurde. Die Forscher setzten Mee- Kumulonimbus-Wolken
Sonnenlicht
resströme in den Ozeanen in Bewegung, Q reichen typischerweise in Höhen bis 13 Kilometer
und sie ließen Wälder auf den Kontinenten Q Einerseits wird Sonnenstrahlung reflektiert, andererseits
wachsen. Stevens hat selbst viel beigetra- wird von der Erde abgestrahlte Wärme festgehalten.
gen zum Fortschritt. Und doch musste er Q Abkühlungs- und Wärmeeffekt heben sich wechselseitig auf.
sich immer wieder aufs Neue eingestehen, Q regionaler Einfluss auf die Temperatur
dass seine Zunft, was die Vorhersage des Q bestimmt von großräumiger Luftbewegung
Klimawandels betrifft, auf der Stelle tritt.
Es ist nicht leicht, dieses Versagen der
Öffentlichkeit zu vermitteln. Stevens will
ehrlich sein, er will keine Probleme vertu- Stratokumulus-Wolken
schen. Trotzdem möchte er nicht, dass die Q tief in ein bis zwei Kilometer Höhe hängend
Leute denken, die jüngsten Jahrzehnte der Q hoher Rückstrahlungseffekt
Klimaforschung seien umsonst gewesen. Q kühlende Wirkung
»Die Genauigkeit der Vorhersagen ist Q globaler Einfluss auf die Temperatur
nicht besser geworden, aber unser Vertrau- Q bestimmt von kleinräumiger Luftbewegung
en in sie ist gewachsen«, sagt er. Die For-
scher hätten alles geprüft, was der globalen Sonnenlicht
Erwärmung vielleicht entgegenwirken
könnte. »Nun sind wir sicher: Sie kommt.«
Wärme
Genau das, meint Stevens, sei die Bot-
schaft gewesen, welche die Politiker ge- Wärme
braucht hätten, um sich auf das Pariser
Klimaabkommen einigen zu können. »Wir
haben da einen entscheidenden Beitrag
geleistet«, sagt er.

99
Stratokumulus-Wolken
Wolken auf Erden auch nur um Zusammen mit Kollegen
vier Prozentpunkte, würde es vom Jet Propulsion Laborato-
weltweit schlagartig um rund ry und vom MIT hat Caltech-
zwei Grad wärmer. Der gesam- Klimatologe Schneider eine
te Temperatureffekt, der im Forscherallianz geschmiedet.
Pariser Abkommen als gerade Ihr Ziel: die »Klimamaschine«
noch hinnehmbar bewertet zu bauen. So nennen Schnei-

FREDERIK / IMAGEBROKER / OKAPIA


wurde, wird also verursacht der und seine Mitstreiter ihr
durch vier Prozent einer neues Computermodell, das
0,1 Millimeter dünnen Schicht vor allem die tückischste Wol-
– kein Wunder, dass da verbind- kengattung ins Visier nehmen
liche Vorhersagen nicht leicht soll: die Stratokumuli.
zu treffen sind. Es handelt sich um den häu-
Es kommt hinzu, dass die Bil- figsten Typ von Wolken auf der
dung von Wolken stark von Erde. Vor allem in den Subtro-
den jeweiligen Bedingungen pen hängen Stratokumuli vie-
vor Ort abhängt. Die Wetter- Gleiche Welt, verschiedene Prognosen lerorts in geschlossenen Decken
küche ist bestimmt von Wir- Die Wirkung der globalen Erwärmung auf die Strahlungseffekte tief über den Ozeanen. Für das
beln, die wenige Kilometer, oft- der Wolken variiert je nach verwendetem Klimamodell drastisch.* Klima sind sie von heraus-
mals sogar nur einige Hundert ragender Bedeutung. Sie sind
Meter oder weniger messen. eine Art Thermostat der Erde.
Selbst die modernsten Klima- Stratokumulus-Wolken re-
modelle aber, die ja den gesam- flektieren einen großen Teil
ten Planeten abbilden, sind für des einfallenden Sonnenlichts,
so kleinräumige Prozesse noch deshalb haben sie eine stark
immer blind. kühlende Wirkung. So sitzt
Die Modellrechnungen der am Himmel über den subtro-
Wissenschaftler sind im Verlauf pischen Meeren eine der wich-
der vergangenen 50 Jahre im- tigsten Stellschrauben der
mer komplexer geworden, das Welttemperatur: Wenn sich
Prinzip jedoch ist dasselbe ge- MPI-ESM-LR (aus Deutschland) MIROC5 (aus Japan) hier neue Stratokumulus-Wol-
blieben: Die Forscher program- ken bilden, wird es kälter auf
mieren eine möglichst original- Erden – und wärmer, wenn sie
getreue Erde in ihre Computer sich auflösen.
ein und geben vor, wie stark die Doch ausgerechnet dieser
Sonne in welcher Weltregion Wolkentyp ist rechnerisch be-
strahlt. Dann schauen sie, wie sonders schwer in den Griff zu
sich die Temperatur auf ihrer bekommen. Denn die Stratoku-
Modell-Erde einstellt. mulus-Dynamik ist bestimmt
Das großräumige Klimage- *globale Erwärmung
auf einem Wasser-
von kleinräumigen Turbulen-
schehen können sie auf diese planeten um 4° C zen. Wer diese originalgetreu
Weise recht gut abbilden. Tief- Quellen: simulieren will, braucht Re-
FGOALS-G2 (aus China) Stevens, Bony, WCRP IPSL-CM5A-LR (aus Frankreich)
druckwirbel ziehen im Mo- chenmodelle mit wenigen Me-
dell, wie in der Wirklichkeit, Änderung der Strahlungseffekte tern Auflösung. »Das liegt weit
über den Nordatlantik, und In- – 20 Watt / m2 von Wolken + 20 Watt / m2 jenseits der Möglichkeiten heu-
dien wird allsommerlich vom tiger Computer«, sagt Schnei-
regenreichen Monsun heim- der. »Wenn wir warten, bis die
gesucht. nötige Rechenkapazität bereit-
Probleme jedoch bereiten die kleinräu- um teilweise mehr als zehn Grad aus- steht, wird der Klimawandel, den wir vor-
migen Details: die Luftturbulenzen über einander. Das lässt jede Prognose der Eis- hersagen wollen, längst eingetreten sein.«
der Meeresoberfläche etwa oder die Wir- bedeckung wie bloße Kaffeesatzleserei Er hofft, den Weg mit seiner Klima-
belschleppen, die Gebirge in den vorbei- erscheinen. maschine abkürzen zu können. Er will den
ziehenden Fronten hinterlassen. Vor allem »Wir brauchen eine neue Strategie«, Computer lehren, einige wenige Regionen
aber die Wolken: Die Forscher können in sagt Stevens. Er sieht sich in der Pflicht, der Erde mit hoher Auflösung zu simulie-
ihren Modellen das Wasser nicht verduns- einer vom Klimawandel bedrohten Gesell- ren, um dann diese Ergebnisse in großräu-
ten, aufsteigen und kondensieren lassen, schaft bessere Entscheidungshilfen an die mige Modelle einzufüttern. Die Zeit dafür
so wie es dies in der Wirklichkeit tut. Sie Hand zu geben. »Wir brauchen neue sei reif, meint er. Erstmals seien die Com-
müssen sich mit mehr oder weniger plau- Ideen«, findet auch Tapio Schneider vom puter leistungsstark genug, um klein- und
siblen Faustregeln behelfen. Caltech im kalifornischen Pasadena. großräumige Simulationen miteinander
»Parametrisierung« heißt das Verfahren, Schneider forscht als Deutscher in Ame- verschränken zu können.
doch die Forscher wissen: In Wirklichkeit rika, so wie Stevens als Amerikaner in Künstliche Intelligenz (KI) soll diese
ist das der Name einer chronischen Deutschland forscht. Beide kennen sich hochkomplexe Aufgabe erleichtern. In der
Krankheit, von der all ihre Klimamodelle aus Studienzeiten. Beide fühlen sich beru- Tat könnte es scheinen, als wären die He-
befallen sind. Oft liefern sie drastisch von- fen, das Rätsel der Wolken zu knacken. rausforderungen der Klimaforschung wie
einander abweichende Ergebnisse. Die Doch sind sie unterschiedlicher Meinung, geschaffen für die Anwendung von KI-
Temperaturen in der Arktis zum Beispiel welcher Weg ans Ziel führen wird. Über Systemen. Denn die Meteorologen stellen
klaffen in den verschiedenen Modellen diese Frage haben sie sich zerstritten. gewaltige Datenkonvolute bereit, in denen

100 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Wissenschaft

SPIEGEL-Gespräch
die Computer selbstständig nach Mustern kritische Teil des Klimageschehens künftig
suchen könnten. Genau darin liegt die Stär- besser vorhersagbar sein. Allerdings belief   live im Bucerius
ke der KI-Programme, die beispielsweise sich der simulierte Zeitraum zunächst nur
auch für Gesichtserkennung eingesetzt auf 40 Tage. »40 Tage und 40 Nächte, für
Kunst Forum
werden. Klimaforscher hat das Symbolwert«, sagt
Bisher allerdings waren die Ergebnisse
enttäuschend. Die Computer, so zeigte
der Hamburger Forscher – so lange trieb
Noah mit der Arche durch die Sintflut.
      Der Widerstand
sich, tun sich schwer damit, Muster, die sie Aber natürlich weiß Stevens: Um den gegen Hitler
anhand des heutigen Klimas erlernt haben, Klimawandel darzustellen, muss er die
in demjenigen der Zukunft wiederzuerken- Modelle für die Dauer von 40 Jahren
nen. Auch fehlen wichtige Daten, etwa laufen lassen. Bis dahin ist es noch ein wei-

© Ulrich Dahl
über die Feuchtigkeit und die Strömungen ter Weg.
innerhalb der Wolken. Schneider jedoch Globale Vorhersagen aus Pasadena,
glaubt zu wissen, wie er solcherlei Proble- regionale aus Hamburg – es wäre schön,
me umschiffen kann. wenn alles so klappte, wie es sich die bei-
Stevens wünscht seinem Freund in Pasa- den Kontrahenten vorstellen. Einstweilen
dena viel Glück mit seiner Klimamaschine. allerdings ist nur gewiss, dass die Mensch-
»Wir können jeden Fortschritt brauchen«, heit noch einige Zeit auf handfestere
sagt er. An einen Durchbruch aber mag er Klimaprognosen wird warten müssen.
nicht recht glauben. Auch Stevens hat sich Und selbst wenn sich die Wolken irgend-
lange mit dem Stratokumulus-Problem be- wann den Gleichungen der Forscher fügen,
fasst und ist dabei zu der Überzeugung wird die Welt dann sicher vor Über-
gelangt, dass es sich derzeit mit Klima- raschungen sein? Keiner der beiden For-
modellen noch nicht knacken lasse. scher mag da Entwarnung geben. »Wir
Der Hamburger Max-Planck-Forscher betreten unkartiertes Terrain«, sagt Prof. Dr. Wolfgang Benz
hat sich deshalb einem anderen Typ Wol- Schneider. »Da gibt es keine Gewiss-
ken zugewandt, den Kumulonimbussen. heiten.«
Das sind mächtige Gewitterwolken, die Gerade hat er ausgerechnet, was pas- Vor 75 Jahren scheiterte das Attentat auf
sich mitunter, dunkel und bedrohlich, hö- siert, falls sich die Stratokumulus-Wolken Hitler. Die Täter werden als Helden gefeiert,
her als jedes Gebirge bis an den Rand der über den subtropischen Ozeanen großflä- ebenso wie die Mitglieder der Weißen Rose.
Stratosphäre emporrecken. chig auflösen sollten. Seinen Modellrech- Doch der Widerstand gegen die National-
Zwar habe diese Wolkengattung auf die nungen zufolge würde das zwar erst bei sozialisten war vielfältig. Warum dauerte es
Durchschnittstemperatur der Erde einen einer Kohlendioxidkonzentration von so lange, bis auch der Mut von Deserteuren
vergleichsweise geringen Einfluss, erklärt 1200 ppm geschehen. Dieser Wert liegt oder Kommunisten gewürdigt wurde?
Stevens. Denn sie reflektieren ungefähr dreimal so hoch wie der heutige, selbst in
Über diese Fragen diskutieren die
ebenso viel Sonnenstrahlung ins All, wie den düstersten Treibhausszenarien gilt es
SPIEGEL-Redakteure Uwe Klußmann
sie andererseits von der Erde abgestrahlte als unwahrscheinlich, dass er erreicht wird.
und Eva-Maria Schnurr mit dem Berliner
Wärme festhalten. Doch auch Kumulo- Trotzdem war Schneider überrascht, als
nimbusse sind ein wichtiger Klimafaktor. er sah, wie sich in seinem Modell die Wol- Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz.
Denn diese Wolken transportieren Ener- kendecke über Pazifik und Atlantik ver-
gie. Verändert sich ihre Zahl oder ihre Ver- flüchtigte und die Welttemperatur darauf-
teilung, dann kann dies zur Verschiebung hin unaufhaltsam kletterte – um volle acht Dienstag, 2. April 2019, 20 Uhr
großer Wettersysteme oder ganzer Klima- Grad. »Es scheint dort eine Nichtlinearität Bucerius Kunst Forum
zonen beitragen. zu geben, die wir bisher nicht kannten«, Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg
Vor allem eine Eigenschaft macht die sagt er. »Das zeigt, wie schlecht die Stra-
wuchtig-spektakulären Kumulonimbus- tokumuli bisher verstanden sind.«
Tickets sind im Bucerius Kunst Forum und an allen
Wolken für Stevens interessant: Sie sind Stevens unterdessen fürchtet eher, dass
bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.
beherrscht von kräftigen Konvektions- es die Kumulonimbus-Wolken sind, die un- Die Eintrittskarte (10 Euro/8 Euro zzgl. Gebühren)
strömen, die großräumig genug wirbeln, erwartet Unfrieden stiften könnten. Tro- berechtigt am Veranstaltungstag zum Besuch der
um für moderne Supercomputer berechen- pische Sturmsysteme seien berüchtigt für Ausstellung »Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre«
bar zu sein. Große Hoffnungen setzt ihre Unberechenbarkeit. »Der Monsun (9. Februar bis 19. Mai 2019).
der Forscher auf eine neue Generation zum Beispiel könnte anfällig für plötzliche
von Klimamodellen, die gerade an den Änderungen sein«, meint er. Die Ausstellung ist am Veranstaltungsabend von
Start gehen. Möglich sei, dass die Berechnungen der 19 bis 19.45 Uhr exklusiv für Veranstaltungsgäste
Während die meisten ihrer Vorgänger feinmaschigen Computermodelle es er- geöffnet. Änderungen vorbehalten.
für Berechnungen ein Raster mit einer Auf- laubten, solche Klimakapriolen frühzeitig
lösung von rund hundert Kilometern über zu prophezeien. »Denkbar ist aber auch,
die Erde legen, haben diese neuen Modelle dass es prinzipiell unvorhersehbare Klima-
die Maschenweite auf fünf oder sogar noch phänomene gibt«, sagt Stevens. »Dann
weniger Kilometer verringert. Um ihre können wir noch so genau simulieren und
Verlässlichkeit zu testen, hat Stevens, zu- kommen trotzdem zu keinen verlässlichen
sammen mit Kollegen in Japan und den Ergebnissen.«
USA, eine erste Vergleichssimulation Das ist die schlimmste aller Möglichkei-
durchgeführt. ten. Denn dann steuert die Menschheit
Dabei zeigte sich, dass diese Modelle auch weiterhin ins Ungewisse.
die tropischen Sturmsysteme recht gut ab- Johann Grolle
bilden. Es scheint also, als würde dieser

101
Wissenschaft

zenswerten Ort erklärt, weil dort sel-

Die Spur der tene Saftling-Arten vorkommen – man-


che der Pilze waren dort in der Vergan-
genheit nie gesichtet worden, doch

Invasoren Forscher von der Aberystwyth Univer-


sity hatten ihr Vorhandensein mittels
eDNA belegt.
‣ Proben können nicht nur nach einer,
Umwelt In Flüssen und Ozeanen, auf Waldböden und Blüten sondern nach vielen verschiedenen Ar-
ten zugleich durchsucht werden – das
hinterlassen Tiere ihr Erbgut. Biologen nutzen diese DNA- erlaubt Rückschlüsse darauf, wie sich
Fragmente, um die Artenvielfalt in Ökosystemen zu erforschen. Ökosysteme zusammensetzen.
Schon offerieren mehr als ein Dutzend
Firmen Analysen von Umwelt-DNA nach

C hristopher Hempel schöpfte in Essen-


Borbeck Wasser aus einem Flüss-
chen im Emschergebiet. Jessie Gol-
ding füllte in den Wäldern von Montana
sieren, die Preise sind gefallen, die Erbgut-
sequenzen von immer mehr Arten bekannt.
Studien haben außerdem gezeigt, dass
eDNA-Proben verschiedenster Herkunft
den Wünschen ihrer Kunden. Bei der ers-
ten nationalen Konferenz zum Thema
»Marine Environmental DNA« im vergan-
genen November stellte Mark Stoeckle
Schnee in Plastikflaschen. Philip Francis zuverlässige Ergebnisse liefern können. von der New Yorker Rockefeller Univer-
Thomsen zupfte auf einer Wiese bei Ko- So dürfte die Methode, glaubt Thomsen, sity »GoFish« vor, einen molekularen
penhagen Blüten von ihren Stängeln. der an der Universität im dänischen Aar- Schnelltest für das Vorkommen von Fi-
Zurück in ihrem Labor in Essen, Missou- hus die Ökologie von Gewässern erforscht, schen. Der Nachweis einer Art kostet
la und Aarhus entlockten die Biologen den auch das Selbstverständnis der Biologen 15 Dollar, jede weitere 8. Schon nach drei
so unterschiedlichen Proben ihr Geheim- verändern. »Wir müssen weiterhin klassi- Tagen liegt das Ergebnis vor.
nis. Die Wissenschaftler wollten heraus- sche Feldstudien beherrschen«, sagt er – Bei aller Euphorie werden eDNA-Ana-
finden: Gibt es wieder Groppen im Em- Pflanzen sammeln, Insekten bestimmen, lysen herkömmliche Feldstudien nicht er-
schergebiet? War es ein Luchs, der Pfoten- Wildtiere beobachten. »Aber die Mole- setzen können. Hempel, Golding und
spuren im Schnee hinterließ? Und welche kularbiologie wird immer wichtiger.« Thomsen hätten ihre Forschungsfragen
Insekten sind auf den Wiesenblumen ge- Dies belegt das breite Spektrum der Dis- auch auf anderen Wegen beantworten
landet und wieder davongeschwirrt? ziplinen, in denen die eDNA Einzug ge- können. Im seichten Wasser des Emscher-
Alle drei Forscher nutzen unabhängig halten hat: gebiets lassen sich Groppen mit speziellen
voneinander ein Verfahren, das gegenwär- ‣ Aus Sediment von Höhlen und auch aus Keschern einfangen, Raubtiere können mit
tig die Ökologie revolutioniert. In ihren Eisbohrkernen bergen Forscher jahr- Wildkameras, über Kotproben und eigene
Proben fahnden sie nach Erbsubstanz ih- tausendealte Erbgutreste ausgestorbe- Beobachtung nachgewiesen werden, und
rer Forschungsobjekte – und erkennen so ner Wirbeltiere, Pflanzen oder Insekten. für Insekten gibt es Fallen.
beispielsweise, ob die jeweiligen Tiere am So lassen sich Ökosysteme vergangener Zudem muss höllisch aufpassen, wer
Ort der Untersuchung vorkommen. Hem- Zeiten rekonstruieren. sich auf den genetischen Nachweis verlas-
pel muss dafür keine Fische fangen, Gol- ‣ Lange bevor sie Schaden anrichten, kön- sen will. Kleinste Verunreinigungen kön-
ding den Luchs nicht leibhaftig durch den nen eingeschleppte Arten mithilfe der nen dazu führen, dass Erbgut von Orga-
Wald streifen sehen, Thomsen nicht stun- von ihnen hinterlassenen Erbgutspuren nismen nachgewiesen wird, die gar nicht
denlang auf einzelne Blüten starren. aufgespürt werden. Nach manchen In- am Ort der Suche vorkommen, sondern
Lebewesen hinterlassen molekulare vasoren, darunter Muschel- und Fisch- etwa im Labor als Überbleibsel früherer
Spuren in der Umwelt – aus Hautschup- arten, wird so bereits gefahndet. Experimente. Doch die drei Projekte zei-
pen, Urin, Kot, Schleim, Eiern, Haar, Ver- ‣ Vor der Küste Südkaliforniens haben gen eben auch beispielhaft das Potenzial
wesungsrückständen. In der Vergangen- Forscher Weiße Haie per eDNA nach- der molekularen Spurensuche.
heit wäre es undenkbar gewesen, diese gewiesen. Künftig könnten Bojen oder »Die Emschergroppe ist für uns nicht
Environmental DNA (eDNA) zu untersu- Roboter automatisch Wasserproben auf einfach ein Fisch«, erklärt Gunnar Jacobs,
chen. Zu aufwendig, zu teuer waren Erb- Hai-DNA untersuchen – eine Ergän- Ingenieur bei der Emschergenossenschaft
gutanalysen, Vergleichsdaten zudem nur zung der bereits üblichen Überwachung in Essen. »Sie ist eine Art Maskottchen für
für wenige gut erforschte Arten verfügbar. der Strände. den Umbau des Flusses.« Gemeinsam mit
Das ist vorbei: Neueste Sequenzier- ‣ Ein Gebiet im englischen Halesowen Christopher Hempel, der inzwischen an
geräte können DNA in kurzer Zeit analy- wurde soeben zum besonders schüt- der kanadischen University of Guelph

Mikro-Spurensuche
Tierbestimmung mit Umwelt-DNA

Herkömmliche Methoden, um die Arten- Forscher filtern daher auch aus Wasser- Diese Umwelt-DNA (eDNA) kann
vielfalt in einem Biotop zu untersuchen und anderen Umgebungsproben das Erbgut, zum Beispiel gewonnen werden aus: • Bodenproben
(Monitoring), sind zeitaufwendig, mitunter das die Organismen darin hinterlassen – • Gewässern (Meere, Seen, Flüsse) • Sediment- und
unvollständig und oft ein Eingriff in die etwa durch Ausscheidungen, Haut, • Blüten (DNA von Insekten, die Eisbohrkernen
Natur (etwa durch Einfangen). Schuppen, Haare oder Verwesung. die Pflanzen aufsuchen) • Schnee

102 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


eine invasive Methode, und wenn man da-
mit keine Fische erwischt, heißt das nicht
unbedingt, dass auch keine da sind.« Mit
der Erbgutfahndung konnten die Forscher
auch dort Groppen nachweisen, wo zuvor
keine ins Netz gegangen waren.
Wildbiologin Golding vom U. S. Forest
Service in Montana hat oft erlebt, wie
schwierig es ist, seltene Raubtiere wie den
Luchs in freier Natur zu beobachten. Ver-
wechslungen mit verwandten Arten sind
häufig, Wildkameras erfassen nicht jedes
Tier. Zumindest im Winter, urteilten sie
und ihre Forscherkollegen im Januar im

C. KRUTZ / WILDLIFE
Fachblatt »Biological Conservation«, kön-
ne die neue Methode das Monitoring deut-
lich verbessern.
Thomsen wiederum wollte mit seiner
Insektenstudie ein neues Anwendungsfeld
für eDNA öffnen – bislang stammen die
meisten Proben aus Gewässern. »Insekten
hinterlassen aber eine Menge Spuren, die
wir nutzen können«, sagt er. An den Pflan-
zen aus seiner Studie fand sich Erbgut von
mehr als 130 Arten – von Fliegen, Käfern,
Schmetterlingen, Bienen, Wanzen.
CAROLINE SEIDEL / DPA

Mit Insektenfallen wäre ein so kom-


plexes Abbild der vielen Blütenbesucher
kaum möglich gewesen, denn Thomsen
hätte nicht sagen können, welches Tier
welche Gewächse angeflogen hat. »Für die
Bestimmung muss man außerdem alle
Erbgutlieferanten Luchs, Groppe, Käfer Arten genau kennen«, sagt der Biologe.
OLE MARTIN

An einer Pflanze die DNA von über 130 Insekten Die Taxonomie, also die Kunst der Arten-
bestimmung, leidet unter Nachwuchsman-
gel. Moderne Genomanalysen könnten sie
zumindest teilweise ersetzen.
forscht, hat Jacobs das eDNA-Projekt Wo sich die Groppe wohlfühlt, gesundet Als Nächstes will sich Thomsen wieder
entwickelt. die Natur: Der dunkel gesprenkelte Fisch dem Wasser zuwenden. Für sein Projekt
Die Groppe steht symbolisch für eine galt im Emschergebiet fast ein Jahrhundert »Coast_Sequence« setzt er auf die Hilfe
Art Wiedergutmachungsaktion gegenüber lang als ausgestorben, sein Lebensraum der Bevölkerung. Ab September sollen
der Natur. Dass die Emscher, einst dre- vergiftet von den stinkigen Abwässern der Scharen Freiwilliger entlang der däni-
ckigster Fluss Deutschlands, und ihre Ne- Schwerindustrie im Ruhrgebiet – bis 1997 schen Küsten Wasser- und Bodenproben
benläufe überhaupt wieder eine solche in einem kleinen Zufluss ein paar Exem- sammeln. Thomsen möchte zum Bei-
Vielfalt an Lebewesen beherbergen, liegt plare wiederentdeckt wurden. spiel herausfinden, welchen Einfluss der
an einem gigantischen Renaturierungspro- Von diesen Groppen haben Jacobs und Salzgehalt eines Gewässerabschnitts auf
jekt. Seit 1992 werden die Abwässer in ein seine Kollegen einige in bereits renaturier- die Zusammensetzung der Meeresfauna
400 Kilometer langes unterirdisches Ka- te Gewässer gesetzt – und wollen nun wis- hat.
nalsystem verlegt, 350 Kilometer Fließ- sen, ob die seltenen Tiere dort heimisch »Das Leben ist in Ozeanen entstanden«,
gewässer in eine natürliche Form zurück- werden. sagt er, »und wir wissen längst noch nicht,
gebaut. 2021 soll alles fertig sein, Kosten: »Das Keschern schadet den Tieren zwar was dort alles vorkommt.« Julia Koch
rund 5,4 Milliarden Euro. nicht«, sagt Biologe Hempel, »aber es ist

? Tag-
Teichfrosch pfauenauge

Im Labor werden die DNA-Bruchstücke Barcodes für die Supermarktkasse, Mit der Barcodemethode kann auch nach vielen Arten zugleich ge-
vervielfältigt, mit Sequenziergeräten ausge- für jede Art spezifisch. So erfahren sucht und damit die Zusammensetzung eines Biotops beurteilt werden.
lesen und durch bioinformatische Metho- die Forscher, ob DNA der Arten, für Informationen über die genaue Anzahl, das Geschlecht und das Alter von
den mit bekannten Erbgutdaten verglichen. die sie sich interessieren, in einer Individuen liefert die eDNA-Methode allerdings nicht. Sie kann daher
Die Sequenzen sind, vergleichbar mit den Probe vorhanden ist. das klassische Monitoring nur ergänzen.

103
Technik

dischen Königshauses das Gerätegemetzel


Absturz der Gladiatoren eröffnet hat.
»Wir haben schon eine Menge lernen
können«, sagt Mark Wiebes, der neben
Luftfahrt Hobbydrohnen gefährden zunehmend den Flugverkehr. Wie dem Prinzen steht, ein bulliger Polizist mit
lassen sich die Plagegeister am schnellsten vom Himmel holen? türrahmenbreitem Kreuz und Handschel-
len am Gürtel. Er unterstützt das Drone-
clash-Turnier als Innovationsbeauftragter
Jamming der Polizei. »Allerdings tauchen mit jeder
Die Funkverbindung zwischen
Fernsteuerung und Drohne wird Lösung auch neue Probleme auf«, sagt er.
durch Störsender unterbrochen. So präsentieren im Hangar Hersteller
Nachteil: Die Drohne kann ihre elektromagnetischen Störkanonen, ma-
unkontrolliert abstürzen. schinengewehrgroße Geräte zum Preis von
mehr als 60 000 Euro, die den Funk zwi-
schen Pilot und Drohne lahmlegen sollen;
Geofencing allerdings kann diese Brachialmethode
Heruntergeladene GPS- auch andere Geräte außer Betrieb setzen.
Koordinaten verhindern Andere Konstrukteure setzen auf Ge-
den Flug der Drohne wehre, die Netze auf Drohnen abfeuern,
in abgesperrte Zonen.
Nachteil: Drohnenpiloten Abschuss in denen sich deren Rotoren verheddern
mit krimineller Energie können Die Drohne wird sollen. Doch die neuesten Eigenbauflieger
die Software überlisten. mit Lasern oder sind von einem kugelrunden Schutzkäfig
Geschossen zerstört. umhüllt, der solche Netze abtropfen lässt.
Nachteil: Querschläger Natürlich haben auch die neuen Kugel-
oder Ähnliches könnten
Menschen gefährden.
flieger eine Achillesferse: Wie fliegende
Igel rasen neue Abfangflieger der gegneri-
schen Rotorkugel entgegen; dann blockie-
ren ihre Carbonnadeln mit lautem Kra-
chen die Rotoren. Wenn diese Lanzen
Abfangen einen Akku aufspießen, explodiert dieser:
Jagddrohnen greifen Kurzschluss, Absturz, Blackout. Fast alles
die störende Drohne an. sei erlaubt beim Freistilringen der Mini-
Nachteil: erfordert hohe flieger, sagt Neitzke, »nur die Halle dürfen
Geschwindigkeit, Präzision wir nicht abfackeln«. Flammenwerfer spu-
und Reichweite. cken Feuer, eine Teslaspule droht mit einer
Million Volt, Prozessoren auszuschalten.
Immer mehr Teams scheiden aus, selbst
junge Hotshots wie »Torpedo Tom« und

M it messerscharfen Rotoren schwir-


ren die Angreifer heran, rammen
die Drohne von oben und unten.
Doch die dreht eine Pirouette und entwischt.
zungsweise auf über 50 Millionen Euro.
Mehr als einen Tag lang waren die Behör-
den nicht in der Lage, die Plagegeister zu
entfernen. Was tun?
der Stuntflieger »Ummagawd« (sprich:
»Oh my God«). Übrig sind im Finale aus-
gerechnet die alten Hasen: Professor Neitz-
ke und Bernard Ramault aus Belgien, des-
Der Schiedsrichter beendet die Runde. Genau darum geht es beim Wettkampf sen Spitzname »Opa« lautet, weil der Chef
Professor Klaus-Peter Neitzke legt die in Katwijk. des belgischen Teams mehr als 45 Jahre alt
Fernbedienung seiner Kampfdrohne zur Die Fluggeräte rammen sich, jagen ist – ein biblisches Alter in Copterkreisen.
Seite und atmet durch. Im Brotberuf lehrt einander mit Netzen, blenden sich mit glei- »Das Wettrüsten schreitet hier im Minu-
er Automatisierungstechnik an der Fach- ßenden Lichtblitzen oder schreddern tentakt voran«, sagt Neitzke. Jede Droh-
hochschule Nordhausen, früher arbeitete gegenseitig die Rotoren. Teams aus nenabwehr provoziert sofort eine Droh-
er für den Flugzeughersteller Airbus. Vo- Deutschland, den USA, der Schweiz, den nenabwehr-Abwehr: Um zum Beispiel
rigen Sonnabend ließ er es richtig krachen Niederlanden und Belgien frickeln an ih- gegnerische Netze zu fetzen, trägt seine
beim »Droneclash«, einer Art Gladiato- ren selbst gebauten Gladiatordrohnen. Drohne einen mittelalterlich wirkenden
renkampf zwischen ferngesteuerten Flug- »Ich bin hier der älteste Pilot«, sagt Morgenstern mit rotierenden Angelhaken.
geräten im niederländischen Katwijk. Neitzke, denn er ist über 50. »Die Jünge- Am Ende ein infernalisches Rammen
Die Regeln klingen nach Boxsport: ren haben bessere Reflexe, dafür bin ich und Stechen und Surren und Krachen, das
Wer die feindliche Königinnendrohne zehn listiger.« Gern täuscht er Bewegungen an, Publikum tobt. Schließlich gewinnt Opa
Sekunden lang zu Boden zwingt, gewinnt. zieht kurz nach links, bevor sein Modell- ganz knapp gegen den Professor – aller-
Der Spaß hat einen ernsten Hinter- baubolide dann doch nach rechts rast: »Ich dings nur deshalb, weil seine Batterien ein
grund. Immer öfter geraten Hobbydroh- schlage Haken wie ein alter Hase.« paar Sekunden länger durchhalten.
nen Flugzeugen ins Gehege. Allein in Wenn die Fetzen fliegen, gibt es Szenen- Hilmar Schmundt
Deutschland meldeten Piloten im vorigen applaus in den Reihen der 300 Schaulusti- Twitter: @hilmarschmundt
Jahr 158 Drohnenzwischenfälle. gen vor den beiden Plexiglasarenen im
Selbst kleine Fluggeräte könnten ein Flugzeughangar auf dem ehemaligen Flie-
Video
Triebwerk einer Linienmaschine beschä- gerhorst Valkenburg. Drohnen-Gladiatoren
digen. Rund 140 000 Passagiere saßen fest, Bald soll hier ein »Unmanned Valley«
als am britischen Flughafen Gatwick im entstehen, ein Testzentrum für unbemann- spiegel.de/sp132019drohnen
Dezember unbekannte Flugobjekte gesich- tes Fliegen; das verkündet Prinz Pieter- oder in der App DER SPIEGEL
tet wurden, der Schaden belief sich schät- Christiaan, der als Mitglied des niederlän-

104
IN DER SPIEGEL-APP

mutlich nach dem Ersten Weltkrieg gewe-

Modischer sen sein. Bilder von der Westfront zeigen


ihn noch mit breitem Schnauzer. Aus den
Jahren von 1919 bis 1923 gibt es laut Tiet-

Außenseiter jen keine Fotos, auf denen er deutlich zu


erkennen wäre. Danach aber sieht Hitler
aus, wie man ihn kennt – und machte sich
Geschichte Der Hitlerbart ist damit zum altmodischen Außenseiter.
ein Symbol des Bösen. Ein Ende der Zwanzigerjahre war der
Zweifingerbart zumindest umstritten. Er
Kulturwissenschaftler erforscht, werde »von modernen Herren nicht mehr
wie es so weit kommen konnte. bevorzugt«, heißt es etwa im Fachmagazin
»Der Deutsche Friseur«. In einer anderen
Zeitschrift soll er gar als »unappetitlich

M ännliche Gesichtsbehaarung kann


starke Gefühle auslösen. Unge-
stutzte Nasenhaare, überlange
Ziegenbärte oder wuchernde Augenbrau-
und grotesk« gebrandmarkt worden
sein. Hitler hielt trotzdem an seinem Bärt-
chen fest.
Ein gezwirbelter Schnauzer oder eine
en rufen Ekel, Irritation oder Wut hervor. andere verspielte Variante wie zum Bei-
Doch was sind sie im Vergleich zu dem, spiel das Modell »Kaiser Wilhelm«, das
was unter Barbieren der »Zweifingerbart« über viele Jahre äußerst populär war,
genannt wird? hätte zu ihm nicht gepasst. Der Nazi
Der nasenbreite Schnauzer kommt zwar brauchte etwas Hartes und Klotziges, eine
fast bauhausmäßig schlicht daher, er ist »radikale Absage an Körpermimesis und
aber auch ein Symbol des Bösen. Denn das schmückendes Ornament«, wie es Tietjen
borstige Viereck wurde vor allem durch formuliert.
seinen Träger Adolf Hitler bekannt. Wer Es mag Hitler gefallen haben, dass seine
sich derart frisiert, setzt sich unweigerlich Gesichtsbehaarung nach der »Machtergrei-
dem Verdacht aus, selbst ein Nazi zu sein. fung« offenbar eine Art Renaissance er-
So ist das schwarze Bärtchen lebte. Tietjen kann das dadurch
auch ein beliebtes Mittel, um Poli- erhärten, dass er bei seiner Re-
tiker zu diskreditieren. Auf dem cherche auf Flohmärkten und in
Höhepunkt der europäischen Fi- Bibliotheken auf Hunderte Fotos
nanzkrise wurde beispielsweise von Privatpersonen mit Zwei-
die deutsche Kanzlerin Angela fingerbart stieß. »Mit dem Bart
Merkel auf Plakaten griechischer konnte Hitler im Gesicht jedes
Demonstranten und in italieni- Mannes erscheinen«, sagt er,
schen Zeitungen häufig entspre-
chend karikiert.
»und wenn das ein Lehrer war,
hing der ›Führer‹ nicht nur als
Bühne als Biotop
Gefördert von der Gerda Henkel Stif- Bild an der Wand, sondern stand auch leib- Anarchische Maulwürfe feiern bei ihm
tung in Düsseldorf, erforscht der Kultur- haftig im Klassenraum.« die E-Gitarre, Überlebende eines Flug-
und Kunstwissenschaftler Friedrich Tiet- Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum
zeugabsturzes entdecken eine verlasse-
jen, wie der Tyrannenschnauzer zum verschwand der Zweifingerbart fast voll-
Teufelshorn der Moderne wurde – und ständig aus den Männergesichtern. Er war ne Insel, Rocker stranden im Schnee:
wie wirkungsmächtig es noch heute ist. genauso unmöglich geworden wie der Vor- Der gefeierte französische Regisseur
Seine Erkenntnisse werden Anfang kom- name Adolf. Es ist zwar nicht verboten, Philippe Quesne nimmt stets eine ei-
menden Jahres in einem Buch zusammen- den kantigen Schnauzer zu tragen, er wur- genwillige Spezies unter die Lupe. Sei-
gefasst. de aber schon mal aus einem Computer- ne bildstarken Inszenierungen schwan-
Der Wissenschaftler geht davon aus, spiel getilgt: Als das Actiongame »Wolfen- ken zwischen süßer Melancholie und
dass sich der Diktator nicht zufällig für die stein 2« durch die Bundesprüfstelle für absurdem Humor. Eine Videoreportage
Form seiner Gesichtsbehaarung entschied. jugendgefährdende Medien indiziert zu von den Proben an den Münchner
In »Mein Kampf« ist zu lesen, wie wichtig werden drohte, kam 2017 in Deutschland Kammerspielen, wo Quesnes neueste
Hitler das war, was heute Corporate Iden- eine entschärfte Variante auf den Markt – Theaterimprovisation »Farm Fatale«
tity genannt wird. mit einem glatt rasierten Diktator.
über die Utopie einer Landkommune
Ein Ergebnis dieser Überlegungen war »Der Bart ist neben dem Hakenkreuz
die Hakenkreuzfahne, mit der die NSDAP wohl das Symbol mit dem höchsten Wie- Ende März Uraufführung hat.
eine »unverwechselbare Signatur« bekom- dererkennungswert«, resümiert Tietjen.
men sollte, wie Tietjen sagt. Auch über Er sei, auch weil er so leicht darzustellen Sehen Sie die Visual Story im digitalen
sein Outfit machte Hitler sich offenbar aus- ist, »so mächtig, dass durch ihn alles zum SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code.
giebig Gedanken. Tietjen geht nach seinen Nazi werden kann« – selbst Hunde und
Recherchen davon aus, dass der Nazi- Katzen. Im Internet wimmelt es von Fotos
parteichef planmäßig nach etwas suchte, von Haustieren, die mit schwarzem Fell-
was »seine äußere Erscheinung zu einer klecks unter der Nase geboren wurden,
Marke verdichtete«. und es kommen immer neue hinzu. »Hit-
Es ist nicht ganz klar, wann sich der ler mag tot sein«, sagt Tietjen, »sein Bart
»Führer« zum ersten Mal seinen kantigen ist es nicht.« Guido Kleinhubbert
Oberlippenbart frisierte, aber es wird ver- JETZT DIGITAL LESEN

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Kultur
Es sind immer die Silkes dieser Welt, die sich kümmern. ‣ S. 116

Ausstellungen

Heikle Überhöhung
 Diese Bonner Schau mit dem Titel »On
the Wall« lebt von der Strahlkraft eines
besonderen Toten. Sie will zeigen, welches
Echo der 2009 verstorbene Popstar Michael
Jackson in der Kunstwelt ausgelöst hat,
wie er Fotografen, Maler und andere
Künstler zu Werken inspirierte. Entwickelt
wurde sie von der National Portrait Gallery
in London und dort 2018 eröffnet – in dem
Jahr, in dem der Musiker seinen 60. Ge-
burtstag gefeiert hätte (SPIEGEL 25/2018).
Der Direktor des Museums dankte damals
den Nachlassverwaltern Jacksons für ihr
»Vertrauen«, das Projekt war von einem
freundlichen Unterton geprägt. Seit diesem
Freitag gastiert die Ausstellung in der Bun-
deskunsthalle in Bonn. Allerdings hat die
Diskussion um »Leaving Neverland« den
Kontext der gezeigten Werke verändert. In
dem Dokumentarfilm behaupten zwei
Männer, als Kind von Jackson missbraucht
worden zu sein. So wirkt jegliche Überhö-
hung plötzlich heikel – und in Bonn wird
sie auch noch staatlich subventioniert. Die
Ausstellungshalle wird jährlich mit 21 Mil-
lionen Euro bezuschusst, das Geld kommt
aus dem Budget der Kulturstaatsministerin
COURTESY OF THE ARTIST. © DAVID LACHAPELLE

Monika Grütters. Sie sagte gegenüber dem


SPIEGEL, dass die filmische Dokumentation
»auch uns erschüttert hat«, die Missbrauchs-
vorwürfe hätten eine neue Dimension
erreicht, und davon werde die Ausstellung
nicht unbeeinflusst bleiben können. »Dazu
wird ganz klar gehören, die gegen die Per-
son Michael Jackson erhobenen Vorwürfe
kritisch anzusprechen«, sagt Grütters. Sie
sei sich sicher, dass ein geeigneter Weg
Fotografie aus der Schau »On the Wall« gefunden werde. UK

Sachbücher nen möchte und darum die Aussage ver- genehme Wahrheit oder das Eingeständnis
Es ist nur eine Phrase, Hase meidet. Der Journalist Oliver Georgi hat
nun die Eigenarten und Mechanismen
von Konflikten und Schwächen. Die gegen-
wärtige Öffentlichkeit sei extrem schaden-
 Wenn wieder mal »vollstes Vertrauen« der politischen Floskel in einem lesenswer- froh und Fehlern gegenüber intolerant. Es
ausgesprochen wird und der Rauswurf ten Buch analysiert: »Und täglich grüßt geht um Unterhaltung: Wer gewinnt, wer
droht, wenn Einigkeit betont wird, um das Phrasenschwein«, eben erschienen im verliert? Bei all den Reden, Grußworten,
Streit zu verschleiern, und man ein strate- Dudenverlag (224 Seiten; 18 Euro). Der Talkshowauftritten werden die Politprofis
gisches Konzept ankündigt, statt Ratlosig- Autor macht nicht allein die Politiker für zu Meistern der Aussagevermeidung.
keit zuzugeben – dann wandern wir im die Geschwurbelkultur verantwortlich, Sind wir wirklich bereit für Politiker, die
großen Reich der politischen Phrase. Die er zeigt auch, warum Medien und Bürger zu ihrer Fehlbarkeit, ihren Schwächen
Krise der postmodernen, liberalen Demo- das Wischiwaschi eigentlich erst provo- und Spleens stehen? Georgis gelungenes
kratie lässt sich längst an der politischen zieren. Eine Rede, die nichts aussagt, scha- Buch entlässt seine Leserinnen und Leser
Alltagssprache ablesen, die Wähler scho- de einem Politiker weniger als eine unan- in die Selbstkritik. NM

108 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Zeitgeschichte melreich, die den Adressaten ohnehin Nils Minkmar Zur Zeit
Briefroman Amerikas nie persönlich erreichen werden,
aber mit umso größerer Hoffnung auf Geht zur Schule
 Präsident Barack Obama hatte sich zu Erlösung durch den fernen Mann
Beginn seiner Amtszeit vorgenommen, im weißen Palast der Macht. Viele In der Diskussion um den
jeden Tag zehn Briefe zu lesen. Zehn aus bedanken sich einfach. Für den Schutz des Klimas hört man
der kaum überschaubaren Flut an Mut, den er ihnen gab. Einige wol- oft, es gehe darum, die Erde
Zuschriften, die das Weiße Haus Tag für len ihm von ihrem eigenen Mut zu retten. Die aber wird
Tag erreichen. Es war seine direkte Ver- erzählen, ein Erstwähler gleich zu auch noch stark erwärmt,
bindung zu den Leuten da draußen, die Beginn, der zum ersten Mal in seinem überflutet oder tiefgefroren
ihn gewählt hatten, zu denen, die ihn Leben etwas gegen den Willen seines ihre Bahnen ziehen. So wie die
nicht gewählt hatten, die ihn hassten, lieb- Vaters tat, als er seine Stimme Obama anderen Planeten auch. Was vor den
ten, die ihre Hoffnung auf ihn setzten. gab. Viele wollen auch schimpfen, Folgen des Klimawandels gerettet wer-
Manchen hat er persönlich geantwortet. den Weg des Präsidenten korrigieren den soll, ist die menschliche Zivilisation.
Eine Auswahl dieser Briefe und der oder einfach nur jammern. Aber alle, Städte, Landwirtschaft, Menschenrech-
Antworten des Präsidenten erscheint die Dankbaren und die Wütenden – te, Kultur – das ganze Programm des-
jetzt als Buch. Manche schreiben an ihn sie schreiben einem Menschen, von dem sen, was unser Leben lebenswert macht.
wie an den Messias, Briefe in ein Him- sie wissen: Der hat die Macht, mein Und hier stoßen wir auf das Problem,
Leben zu ändern. das ich mit der freitäglichen Schulstreik-
Obama 2011 Es ist ein verrückter, pathetischer bewegung habe. Das Anliegen teile
Briefroman der Hoffnung. Die Antwor- ich, in Wahrheit sind wir alle noch viel
EVERETT COLLECTION / BRIDGEMAN IMAGES

ten des Präsidenten sind so würdevoll, zu ruhig angesichts der ökologischen


sachlich und freundlich, wie sie nur sein Gefahr. Aber das Mittel, den Schul-
können – von einem Mann, von dem streik am Freitag, lehne ich ab. Auch
die Menschen Übermenschliches erhoff- wenn es nur wenige Stunden sind, es
ten oder befürchteten. VW berührt ein Prinzip. Die Schulpflicht ist
eine der bedeutendsten Errungenschaf-
Jeanne Marie Laskas: »Briefe an Obama. Das
Porträt einer Nation«. Aus dem Amerikanischen von
ten der Menschheit. Sie schützt Kinder
Nathalie Lemmens und Thorsten Schmidt. Gold- vor Ignoranz und Ausbeutung, vor
mann; 544 Seiten; 22 Euro. Erscheint am 25. März. elterlicher und politischer Willkür. Die
Schulpflicht verhindert Kinderarbeit
und ermöglicht erst die Autonomie des
Denkens und des Handelns.
Kino Grinsen und blödem Kichern säuft und Ich habe öfter von Menschen, die
Im Kifferhimmel kifft und lallt sich der Kerl durch die
gegensätzlichen Welten von Pennern und
schon lange leben, gehört, wie sehr sie
es bedauern, in einer von Krieg und
 Der US-amerikanische Regisseur Superreichen in Florida, wo er jeweils als Not gezeichneten Jugend nicht die
Harmony Korine erzählt in seinem neuen Freak bewundert beziehungsweise ver- Möglichkeit gehabt zu haben, länger
Film »Beach Bum« von vergeudetem achtet wird. In »Beach Bum« wird aller- die Schule zu besuchen. Auch wenn sie
Talent, der Gier nach Sex und von einem hand geboten, etwa ein böser Autounfall, später einen guten Beruf fanden – die
Helden, der sich praktisch tagtäglich von eine extrem blutige Haifischattacke und Trauer um Lernzeit, die nur dem Kind
früh bis spät zudröhnt mit Marihuana, eine tolle Nebenrolle für den Showstar gehörte, das sie einmal waren, bleibt.
Kokain, Cocktails und Bier. Der leicht Snoop Dogg – trotzdem passiert so gut Es gehört zur Schülerfolklore, auf die
verknitterte Hippiedichter im Zentrum wie nichts in diesem Film, der vor allem Schule zu schimpfen – aber das darf
des Films heißt Moondog und wird ein Rausch aus quietschbunten Farben nicht darüber hinwegtäuschen, dass der
gespielt vom besonders verwandlungs- und toller Musik, aus nackten Körpern, Schulbesuch ein schwer erkämpftes Pri-
süchtigen Schauspieler Matthew Bootsfahrten und Sonnenuntergängen in vileg der Kinder und Jugendlichen ist.
McConaughey, der mit Blondhaarmatte Miami und auf den Florida Keys sein Bildung befreit und ermöglicht stets
und in Frauenkleidern agiert. Mit eitlem will. Der Regisseur Korine gilt seit vielen noch mehr davon – aber wer an dieser
Jahren, in denen unter Stelle streikt, blockiert seine Möglich-
anderem sein irres keiten. Er verringert seine Macht.
Trieberweckungs- Wie die Schulpflicht ist auch das
märchen »Spring Streikrecht eine späte, schöne Errun-
Breakers« (2012) ent- genschaft. Ein guter Streik tut ziemlich
stand, als ewiges weh, ein Schulstreik aber, der sich
Versprechen und ver- nicht auf eine Verbesserung der Schule
krachtes Genie. Mit bezieht, ist für den Rest der klimazer-
seinem neuen Werk störenden Gesellschaft kein Problem.
wird er diesem Ruf Anders sieht es mit einem Konsum-
NEON / VICE STUDIOS / CONSTANTIN FILM

brav gerecht: Wie sein streik gegen ressourcenverschlingende


monomanischer Hip- Billigtextilien oder Fast-Food-Ketten
pieheld scheint er aus. Jugendliche, die nichts mehr kau-
sich für eine moderne fen, sind das wahre spätkapitalistische
Reinkarnation des Schreckgespenst.
großen französischen
Rauschdichters Baude- An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und
McConaughey in »Beach Bum« laire zu halten. HÖB Elke Schmitter im Wechsel.

109
Kultur

Ein
Schurkenstück
Literatur Der Schriftsteller Christoph Hein hat sein
Leben in Anekdoten aufgeschrieben. Mit der Wahrheit
nimmt er es in »Gegenlauschangriff« allerdings
nicht so genau, und er verteidigt seine Gegenwahrheit
mit allen Mitteln. Von Volker Weidermann

A
m Anfang schien das alles nur ein freiheit, Angst im Leben eines offenen,
Missverständnis zu sein. Eine ungeschützten, liebenden Menschen an-
Verwechslung, kann ja passieren, richtet. Die Icherzählerin und Heldin des
Christoph Hein wird in wenigen Buches, Claudia, hat sich als Folge der
Wochen 75 Jahre alt. Ein Leben voller Ungerechtigkeit, die sie am Beispiel ihrer
Kämpfe und wichtiger Bücher, mit Demü- besten Jugendfreundin hautnah erleben
tigungen und Siegen hat der Schriftsteller musste, für ihr späteres Leben einen Käl-
schon gelebt. Es geht um eine Geschichte tepanzer zugelegt. Sie hat – als Folge der
in seinem neuen Buch »Gegenlauschan- unbarmherzigen Brutalität des Systems –
griff. Anekdoten aus dem letzten deutsch- in Drachenblut gebadet. Das heißt: See-
deutschen Kriege«, das gerade erschienen lisch abgeschottet, unfähig zu lieben, sich
ist*. Sie handelt vom SPIEGEL, von einem Menschen gegenüber zu öffnen, lebt sie
ehemaligen DDR-Korrespondenten dieses ein Leben in innerer Sicherheit. Ein groß-
Hauses, einem Gespräch im Jahr 1993 und artiger Text über die Verheerungen im
dem Vorwurf gegen den Korrespondenten Leben eines Menschen.
von damals, ein »Schurke« zu sein, bezie- Aufgeschreckt durch den Erfolg dieser
hungsweise, wie Hein schreibt: »Für mich Novelle, war das Erscheinen des nächsten
hat er sich damit selbst als Schurke ent- Buches, Heins erstem Roman »Horns
larvt.« Was war da los? Ende«, ungleich schwieriger. In einem der
Spulen wir einen Moment zurück: Texte seines neuen Buches beschreibt
Christoph Hein war in den letzten Jahren Hein die Kämpfe um dieses Werk. Der
der DDR eine der wichtigsten literarischen Satz des Romans hatte lange in der Dru-
Stimmen jenes Staates. Begonnen hatte er ckerei auf Freigabe gewartet – die nicht
als Bühnenautor, wechselte aber, nach zer- erfolgte. Bis schließlich ein Drucker privat Autor Hein mit Sängerin Tamara Danz (l.)
mürbenden Kämpfen mit der Zensur, ver- die Druckmaschinen anlaufen und für sich,
mehrt zur Prosa, in der Hoffnung, in dieser ein paar Freunde und den Autor selbst
Form freier, direkter schreiben zu können. einige Exemplare drucken ließ. Exklusiv dass die Kultur Westeuropas insgesamt ge-
Was auch in Maßen gelang, mithilfe von und unzensiert. Ein Jahr darauf ließ Heins fährdet sein wird.« Hein hatte die Zenso-
Glück, Geschick und mutigen Helfern. Verleger Elmar Faber vom Aufbau Verlag ren im Vorfeld seiner Rede geschickt hin-
Sein zweites Prosabuch, die Novelle »Der das Buch einfach drucken. Und die Be- gehalten, konnte die Rede beinahe unge-
fremde Freund«, im Westen unter dem Ti- hörden wagten offenbar nicht, die geschaf- stört halten – und sie erschien im Westen,
tel »Drachenblut« erschienen, war ein gro- fenen Fakten vor aller Augen aus den in der »Zeit«. In diesen Vor- und Nach-
ßer, auch internationaler Erfolg. Buchhandlungen zu entfernen. wendejahren war Christoph Hein auf dem
Das Buch erschien 1982, und wenn man Damals war Hein ein viel gefragter Gipfel seines Ruhms.
es heute liest, ist man erstaunt, wie offen Mann in Ost und West. In Maßen mutig Es geschah mit Christoph Hein, was mit
ein mutiger, innerlich freier Autor damals und klug auf dem sehr schmalen Grat des all den bis zur Wende noch vom Westen
über die Ereignisse des 17. Juni 1953 und möglichen Widerstandes balancierend. hofierten, im Osten von Freund und Feind
die Folgen jenes Arbeiteraufstandes für die Auf dem 10. Schriftstellerkongress der akribisch gelesenen, bewunderten und ge-
Bevölkerung der DDR schreiben konnte. DDR im November 1987 geißelte er die fürchteten Schriftstellern und Schriftstelle-
Auch über Republikflucht und die Drang- Zensur als »überlebt, nutzlos, paradox, rinnen geschah: Sie waren nicht mehr wich-
salierungen, die Christen in der DDR zu menschenfeindlich, volksfeindlich, unge- tig. Ihrer Literatur, die einen Teil ihrer Be-
erleiden hatten. Und vor allem: über die setzlich und strafbar«. Nicht ohne dabei deutung der Tatsache verdankt hatte, dass
seelischen Folgen, die Überwachung, Un- zu erwähnen, dass die Kultur im Westen man in ihr Unsagbares sagen, Unschreib-
noch gefährdeter sei, durch die Konzen- bares schreiben konnte, gingen neben dem
* Christoph Hein: »Gegenlauschangriff. Anekdoten
tration im Verlagswesen in den kapitalisti- Gegner auch viele Anhänger verloren.
aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege«. Suhrkamp; schen Staaten: »Aussterben wird ein wich- Diesen Bedeutungsverlust, verbunden
122 Seiten; 14 Euro. tiger Teil der Kultur, ein so wichtiger Teil, mit vielen persönlichen Kränkungen, kann

110
WOLFGANG DIETZEL
und Ehefrau Christiane am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin: Wachsende Verbitterung

man in Heins neuem Buch von Anekdote dem der empörte Autor, der sich um sein Fantasien um und werdet auch noch reich
zu Anekdote verfolgen. »Vom Wachsen Leben betrogen sieht, gleich nach Ansicht damit. Ein grundsätzliches Gefühl der Em-
einer Bitterkeit« könnte es auch heißen. des Filmes einen empörten Brief schreibt, pörung und Kränkung – ob das dann im
Im Vorfeld des Erscheinens gab es schon dieser Regisseur hatte nie behauptet, Detail stimmig sein kann, ist nicht so wich-
eine erste Debatte um das Buch. Die »Süd- Heins Leben darstellen zu wollen. Er hatte tig. Dieser Text von Hein ist in seiner
deutsche Zeitung« hatte einen Text daraus ihn im Vorfeld des Filmes getroffen, Hein Falschheit unbedingt interessant.
vorabgedruckt, der im Buch unter dem Ti- hatte ihm sein Leben erzählt, und darauf- Bei einem anderen Text in dem Buch
tel »Mein Leben, leicht überarbeitet« er- hin hatte Donnersmarck einen aus vielen sieht es ganz anders aus. In ihm stimmt an
scheint. Darin wirft Hein dem Regisseur Leben zusammengesetzten Spielfilm ge- nachprüfbaren Fakten wenig, aber wie
des Films »Das Leben der Anderen« (Flo- macht, der so effektvoll war, dass er damit Hein – in einem mehrtägigen Mail-Aus-
rian Henckel von Donnersmarck, im Buch einen Oscar gewann. tausch – gegen alle nachprüfbaren Fakten
wird er nicht genannt) vor, sein, also Heins, Der Witz und die Tragik dieser Em- in immer neuen Versionen im Kern an
Leben im Film falsch dargestellt zu haben. pörungsschrift ist, dass hier ein Mann einer offenbar nicht wahren Geschichte
»Mein Leben war anders«, schreibt er. »Im zugleich den Diebstahl der eigenen Lebens- festhält, ist befremdlich.
Kino sitzend hatte ich erstaunt auf mein geschichte beklagt und die totale Fälschung Die Anekdote trägt den Titel »Dass ei-
Leben geschaut. So war es zwar nicht ge- derselben. Heins Text ist ein exemplarisch ner lächeln kann und lächeln«, sie soll sich
wesen, aber so war es viel effektvoller.« tragisches Stück über die Kränkungen von im Jahr 1993 zugetragen haben, die Stasi-
Und schließlich: »Mein Leben verlief völ- Bürgern der DDR nach dem Mauerfall: Akten waren zugänglich, über ihn, Hein,
lig anders.« Erst nehmt ihr uns unsere Biografien weg, gab es »Berge von Material«. Er selbst be-
Heins Text ist skurril und eigentlich die Bedeutung unserer Biografien – und schloss, sich nicht eingehend damit zu be-
ziemlich komisch: Denn dieser Regisseur, dann fabuliert ihr sie nach euren billigen schäftigen. Aber Hein erfuhr von einer

DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019 111


Kultur

Mitarbeiterin der Behörde für Stasi-Unter- tes Gespräch mit Christoph Hein gegeben. sagt: »Die ganze Geschichte ist erstunken
lagen, dass »bisher mehr als achtzig Jour- Es gab eines im Oktober 1989 und dann und erlogen.«
nalisten Einsicht« in seine Akten beantragt wieder ein längeres im Jahr 1998. Das erste Schließlich meldet sich Hein: Er habe
und erhalten hatten. hat ein ehemaliger DDR-Korrespondent ge- das Gespräch gefunden. »SPIEGEL vom
Ein paar Monate später, so Hein, habe führt: Ulrich Schwarz. Wir weisen Chris- 9. November 1998, das Gespräch führten
ihn die »Wochenzeitschrift DER SPIEGEL« toph Hein darauf hin, dass seine Geschichte Martin Doerry und Volker Hage. Aber
um ein größeres Interview gebeten. Es ka- nicht stimmen kann, und fragen, ob er wei- wieso fanden Ihre Archivare dieses Ge-
men drei Männer in seine Wohnung, einen terhelfen könne. Er antwortet: »Das Ge- spräch nicht?«
von ihnen kannte Hein, »denn er war zu spräch mit dem einleitenden, nicht gedruck- Auf dieses weitere Gespräch hatten wir
DDR-Zeiten der Korrespondent dieser Zeit- ten Satz, führte Herr Schwarz, den ich seit ihn in der allerersten Mail schon hingewie-
schrift für Ostdeutschland gewesen«. Da- Jahren kannte, zusammen mit zwei (?) an- sen. Keiner der beiden war DDR-Korres-
mals glaubte Hein, sie schätzten einander. deren Redakteuren. Es war ein Gespräch pondent, keiner der beiden kannte Hein
Doch er sollte sich täuschen. Denn er »er- nach der Wende.« Und fügt noch mal hinzu: aus DDR-Zeiten persönlich. Beide haben
öffnete das Gespräch mit den Worten: ›Herr »Auf jeden Fall nach der Wende und nach ihn – im Gegensatz zum »Schurken« aus
Hein, wir haben leider nichts gegen Sie in der Eröffnung der Stasi-Unterlagen.« der Geschichte – später wiedergesehen.
der Hand.‹ Dabei lächelte er.« Hein mut- Es kann sich also nicht um das Gespräch Zu einem weiteren SPIEGEL-Gespräch,
maßt, es habe sich dabei um ein »Lächeln von Ulrich Schwarz handeln, denn das er- mit Heins Sohn Jakob im Jahr 2004.
der Enttäuschung« gehandelt. Denn der schien im Oktober 1989. Selbst der nieder- Wir weisen ihn darauf hin, dass es sich
aus den genannten Gründen nicht um die
beiden Kollegen handeln könne, wir wei-
sen auch auf den freundlichen, respektvol-
len Ton des Gesprächs hin. Doch Chris-
toph Hein bleibt bei seiner Darstellung,
der Satz sei in diesem Gespräch gefallen,
womöglich, räumt er ein, sollte es eine
»wohl scherzhafte« Eröffnung des Ge-
sprächs sein. »Aber unübersehbar oder un-
überhörbar war auch das ›Schade‹, denn
anderenfalls hätte man liebend (gern) das
Titelblatt mit meinem Foto verziert.«
Jetzt wird es langsam wirklich merkwür-
dig. Die ganzen Eckdaten der Geschichte
stimmen nicht: 1993. Ex-Korrespondent
der DDR. Kannten und schätzten uns aus
DDR-Zeiten. Habe diesen Mann nie wie-
REGINA SCHMEKEN / SZ PHOTO

dergesehen. Nichts davon trifft auf Martin


Doerry und Volker Hage zu. Die beiden
sind einigermaßen sprachlos, als wir sie
mit den Vorwürfen konfrontieren. So ein
Satz sei nie gefallen. Beide waren nie in
der Stasi-Behörde, um sich Hein-Unter-
lagen vorlegen zu lassen. Nichts an Heins
Schriftsteller Hein in Havelberg: Verzerrt, verschönt, falsch Schurkengeschichte kann stimmen.
Wir bitten jetzt erneut um ein Treffen
und klärendes Gespräch, wenn das nicht
Journalist habe offenbar gehofft, in Heins trächtigste und einfallsreichste Schurken- möglich ist, um endgültige Klärung der
Akten einen Verrat, ein »Schurkenstück« journalist hätte da noch in keiner Stasi- Vorwürfe, denn das Buch mit den offenbar
zu finden, »denn dann hätte der SPIEGEL Unterlagenbehörde Hein-Akten einsehen erfundenen, rufschädigenden Vorwürfen
mich zur Titelgeschichte gemacht«. können. Erneute Mail an Hein, das könne gegen den SPIEGEL und einen Mitarbeiter
Ein paar Tage später erschien das nicht sein. Aber die Vorwürfe seien doch wird weiter verkauft und gelesen.
»mehrseitige Interview«, so Hein. Doch: sehr massiv, ob er das Missverständnis auf- Hein antwortet erneut schriftlich, inzwi-
»Die beiden einleitenden Sätze des Ge- klären könne. Er antwortet, das sei für ihn schen via Suhrkamp Verlag und die dort
sprächs fehlten.« Hein weiter, er habe die- »rätselhaft«, und er fahre am Sonntag nach in der Geschäftsleitung für Kommunika-
sen Journalisten »nie wiedergesehen«. Der Berlin, um sich dort auf die Suche zu ma- tion verantwortliche Tanja Postpischil. Es
Mann habe offenbar ihn, Hein, für einen chen. Alle Unterlagen seien in seiner Ber- sei richtig, »Ulrich Schwarz, den ich zu
Schurken gehalten, doch »für mich hatte liner Wohnung, nichts sei geordnet, und DDR-Zeiten kennen und schätzen lernte,
er sich damit selbst als Schurke entlarvt«. er habe »leider keinen Archivar«. hat mit dieser Anekdote nichts zu tun. Das
Denn er hatte »die niederträchtige Hoff- Inzwischen haben wir auch den bereits Interview, auf das ich anspiele, gab ich im
nung gehabt«, Ehrenrühriges über ihn zu pensionierten Kollegen Ulrich Schwarz November 1998. Zwei oder drei Journalis-
finden. Und er endet mit einem Verdam- kontaktiert. Der ist erst überrascht, weil ten waren bei mir erschienen, einen von
mungsurteil, des »Kollegen Shakespeare«: er Hein immer sehr schätzte und respek- ihnen kannte ich ebenfalls aus DDR-Zei-
»Dass einer lächeln kann und immer lä- tierte. Nein, dieser Satz sei selbstverständ- ten, allerdings arbeitete er damals noch
cheln und doch ein Schurke sein.« lich nie gefallen, das sei ja auch rein zeitlich nicht für den SPIEGEL, sondern für eine
Jetzt wollen wir natürlich wissen: Wer ausgeschlossen. Wir telefonieren dann andere Zeitung, und ich nahm ihn als Kor-
ist dieser Schurke mit den niederträchtigen noch ein paarmal, er hat sich inzwischen respondenten für die DDR wahr.« Hein
Hoffnungen? Die Spurensuche beginnt: Es das Buch besorgt. Sein Erstaunen wandelt beharrt darauf, »es gab jenen einleitenden
hat im Jahr 1993 kein im SPIEGEL gedruck- sich schon bald in Enttäuschung, und er Satz von ihm«, vermutlich sei der sarkas-

112 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


tisch gemeint gewesen. Ihn »erinnerte die-
ser erste Satz allerdings daran, dass eine
Hundertschaft von Journalisten meine Sta- Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control);
si-Akten vergeblich durchforscht hatte in nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller
der Hoffnung, darin Ehrenrühriges über
mich zu entdecken«. Außerdem habe er Belletristik Sachbuch
seinen Verlag gebeten, in der kommenden
Auflage darauf hinzuweisen, dass es sich 1 (1) Ferdinand von Schirach 1 (1) Bas Kast
bei der Person nicht »um den von mir ge- Kaffee und Zigaretten Luchterhand; 20 Euro Der Ernährungskompass
schätzten Herrn Schwarz« handele. C. Bertelsmann; 20 Euro
Wer also ist jetzt dieser »Schurke« vom 2 (2) Simon Beckett
SPIEGEL, wollen wir wissen. Volker Hage? Die ewigen Toten Wunderlich; 22,95 Euro 2 (3) Michelle Obama
Martin Doerry? Wenn nichts stimmt an Becoming Goldmann; 26 Euro

der Geschichte, nicht das Jahr, nicht der 3 (3) Dörte Hansen 3 (2) Andreas Michalsen
Beruf, wenn, da die beiden selbst niemals Mittagsstunde Penguin; 22 Euro
Mit Ernährung heilen Insel; 24,95 Euro
im Stasi-Archiv waren, sie auch nicht sym- 4 (4) Marc Elsberg Gier! Wie weit
bolisch für jene »Hundertschaft von Jour- 4 (–) Jürgen Todenhöfer
würdest du gehen? Blanvalet; 24 Euro Die große Heuchelei Propyläen; 19,99 Euro
nalisten« stehen, die seine Stasi-Akte ver-
gebens durchforscht haben – wie kann 5 (7) Daniela Krien 5 (4) Stephen Hawking
man da an dieser Geschichte festhalten? Die Liebe im Ernstfall Diogenes; 22 Euro Kurze Antworten auf große Fragen
Ergänzt nur um den Hinweis, es handele Klett-Cotta; 20 Euro
sich bei der Person nicht um den »ge- 6 (–) Sarah Kuttner
Kurt 6 (6) Anne Fleck
schätzten Herrn Schwarz«? S. Fischer; 20 Euro
Ran an das Fett Wunderlich; 24,99 Euro
Der Suhrkamp Verlag, den wir seit Diens-
tagabend wiederholt um eine Stellungnah- 7 (6) John Grisham 7 (5) Harald Welzer Alles könnte
Das Bekenntnis Heyne; 24 Euro anders sein S. Fischer; 22 Euro
me bitten, wie sie mit dem Buch weiter ver-
fahren wollen, schreibt: »Wir haben den 8 (5) Bela B Felsenheimer 8 (11) Dieter Nuhr
Antworten von Christoph Hein in der Scharnow Heyne; 20 Euro Gut für dich! Bastei Lübbe; 15 Euro
Messeeile gerade nichts hinzuzufügen und
erreichen auch Herrn Hein heute nicht mehr. 9 (8) Julian Barnes Die einzige 9 (8) Eckart von Hirschhausen / Tobias Esch
Den Änderungswünschen am Buch von Geschichte Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro
Die bessere Hälfte Rowohlt; 18 Euro

Christoph Hein werden wir uns selbstver- 10 (7) Yuval Noah Harari
ständlich gleich nach der Messe zuwenden.« 10 (9) T. C. Boyle 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
So lange wird das Buch weiterverkauft Das Licht Hanser; 25 Euro
C. H. Beck; 24,95 Euro
und danach eine erfundene Geschichte
11 (10) Nele Neuhaus 11 (10) Daniel Stelter Das Märchen
über die Methoden des SPIEGEL, eines Muttertag Ullstein; 22 Euro vom reichen Land FBV; 22,99 Euro
Mitarbeiters als Schurken, nur um den Hin-
weis ergänzt, es handele sich bei der Per- 12 (11) Sebastian Fitzek 12 (9) Johannes Krause / Thomas Trappe
son »nicht um Ulrich Schwarz«? Tanja Der Insasse Droemer; 22,99 Euro Die Reise unserer Gene Propyläen; 22 Euro
Postpischil findet nichts dabei: »Wo liegt
denn da die Verleumdung? Dass innerhalb 13 (13) Christian Berkel 13 (–) Ian Kershaw
Der Apfelbaum Achterbahn
einer Anekdote (!) irgendjemand, der Ullstein; 22 Euro
DVA; 38 Euro
nicht namentlich genannt wird und, wie
Sie ja selber feststellen, nicht identifizier- 14 (16) Carmen Korn
Zeitenwende Kindler; 19,95 Euro Der britische Historiker
bar ist, Stasi-Akten angeschaut hat? Was legt den zweiten Teil seiner
jeder kann und darf?« 15 (12) Michel Houellebecq
Geschichte Europas im
Mal sehen, wie es weitergeht. Eine Er- 20. Jahrhundert vor – und
Serotonin DuMont; 24 Euro beschreibt die deutschen
innerung, kämpfend bewahrt gegen alle Kanzler als Glücksfälle
Fakten. Falsch oder nicht? Meine Wahr- 16 (17) Siri Hustvedt
heit. So hatte Christoph Hein schon seine Damals 14 (–) Thomas Karlauf
frühe Romanheldin denken lassen: »Die Rowohlt; 24 Euro Stauffenberg Blessing; 24 Euro
Vergangenheit ist nicht mehr auffindbar. Ergreifende Reminiszenz 15 (15) Dirk Rossmann / Peter Käferlein /
Es bleiben nur die ungenauen Reste und einer Schriftstellerin
an das New York ihrer
Olaf Köhne »… dann bin ich auf
Vorstellungen in uns. Verzerrt, verschönt, den Baum geklettert!« Ariston; 20 Euro
Jugend, in dem sich Dich-
falsch. Nichts ist mehr überprüfbar. Meine tung und Wahrheit auf
Erinnerungen sind unwiderleglich gewor- das Innigste verbanden 16 (19) Stephan Grünewald Wie tickt
den. Es war, wie ich es bewahrt habe, wie Deutschland? Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro
ich es bewahre. Meine Träume können 17 (14) Ingrid Noll
Goldschatz 17 (13) Frank Bösch
nicht mehr beschädigt werden, meine Diogenes; 24 Euro
Zeitenwende 1979 C. H. Beck; 28 Euro
Ängste nicht mehr gelöscht.«
Das ist poetisch schön, nachvollziehbar 18 (–) darkviktory One Exit. 18 (17) Abbas Khider
und wahr. Wenn die Selbstverteidigung
Verloren im Untergrund Loewe; 16,95 Euro Deutsch für alle Hanser; 14 Euro
der eigenen Erinnerung jedoch gegen 19 (–) Anne Gesthuysen 19 (14) Elli H. Radinger
alle Fakten beleidigend wird, kommt die Mädelsabend Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro Die Weisheit alter Hunde Ludwig; 22 Euro
dichterische Selbstbehauptung an ihre
Grenzen. 20 (–) Günter Kunert 20 (18) Ines Geipel
Die zweite Frau Wallstein; 20 Euro Umkämpfte Zone Klett-Cotta; 20 Euro

113
Erfahrung: Diese Wahl erfolgt in Millisekunden, und sie
Elke Schmitter
ist eher unbewusst. Es erfordert eine eigene Anstrengung,

Die große
sich dem Strom von Informationen und provozierten
Gefühlen zu entziehen, der in einem fort fließt und in
dem wir mitschwimmen, uns treiben lassen und gelegent-
lich untergehen. Wenn ich nun einmal kurz ans Ufer tre-

Entlastung
te, stelle ich fest: Bis vor etwa zwei Jahren waren Flücht-
linge die Prominenten in der Gewissensbilanz, bei mir
wie allgemein. Das Foto des dreijährigen Alan Kurdi am
Strand des türkischen Ferienortes Bodrum ging im
September 2015 um die Welt. Die Medien überschlugen
Essay Eine neue Gefühlslage prägt das Land: sich mit Berichten über Geflüchtete, über ertrunkene
Seit 2015 waren Flüchtlinge die Kinder, Frauen, Männer im Mittelmeer. Der Treck
von Hunderttausenden durch Südosteuropa und Merkels
wichtigste Projektionsfläche für Mitgefühl, Angst, Entscheidung, die Dublin-Verordnung vorübergehend
Hass. Nun sympathisieren wir mit auszusetzen, beschäftigten mit all ihren Folgen über
demonstrierenden Jugendlichen. Warum? Jahre nicht nur die deutsche Öffentlichkeit. Die aber
besonders.

E
s ist noch nicht so lange her, da
hätte jemand wie ich die große
Bilanz auf den Sonntag oder das
Lebensende verschoben. Christ-
lich getaufte Menschen hatten über bei-
nahe zwei Jahrtausende die Gewohnheit,
ihr Gewissen mit einer Mittelsperson zu
erleichtern, in der Beichte oder im
Gespräch mit dem Pfarrer, und auf dem
Sterbebett gab es noch eine letzte Gele-
genheit, sich von moralischer Schuld zu
befreien. Zwischen den wöchentlichen
Ritualen und vor der letzten Beichte lag
das Gebet. Eine Zwiesprache mit sich
selbst im vorgestellten Angesicht der gro-
ßen göttlichen Instanz, die beides forder-
te: den Dank für alles, was gut war – das
Große und das Kleine, der Hintergrund
CHRISTIAN MANG

und das Aktuelle –, wie die Selbstanzeige


der Versäumnisse und der moralischen
Fehler. Das Raster für diese Anzeigen war
weder selbst entwickelt noch verhandel-
bar, es war gesetzt und allgemein; die Schülerinnen bei Fridays-for-Future-Demonstration am 15. März in Berlin
Nächstenliebe gehörte – wie in allen Welt-
religionen – selbstverständlich dazu.
Inzwischen haben bei mir, wie bei vielen Menschen Das hat sich geändert. Noch immer ertrinken Men-
Europas, die Medien und die sozialen Netzwerke einen schen im Mare Nostrum – in diesem Jahr bisher mindes-
großen Teil der Gewissensarbeit übernommen. Sie zeigen tens 282. Die Zustände in den griechischen Flüchtlings-
mir, was, über meinen privaten Horizont hinaus, im lagern seien »eine Schande für Europa«, wie der zustän-
Argen liegt, sie appellieren an mein Verantwortungsge- dige Brüsseler Beamte, der Brite Simon Mordue, sagt.
fühl als Bürgerin, wofür ich mich einsetzen oder spenden Auf dem Balkan erfrieren umherirrende Menschen. In
müsste, wogegen ich demonstrieren oder mich engagieren Libyen gibt es einen organisierten Sklavenhandel mit
soll. Sie tun das unaufhörlich, und der Rhythmus dieser Flüchtlingen, und in vielen Regionen Europas leben Tau-
Auseinandersetzung ist oft hektisch. In diesen Tagen sende in irregulären Camps ohne Schutz und Versorgung.
gehört dazu: die mögliche Verurteilung der Menschen- Aber das allgemeine Interesse und das moralische Enga-
rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh in Iran zu 33 Jahren gement haben inzwischen andere Projektionsfiguren:
Gefängnis und 148 Peitschenhieben. Mögliche Trauerbe- Statt der verzweifelten Fremden sind es nun die einheimi-
kundungen für die Opfer des Attentats in Neuseeland. schen Schüler, die für den Klimaschutz demonstrieren.
Und, sehr prominent: Unterstützung für die Jugendlichen, Der schwedische Teenager Greta Thunberg mag zwar
die sich bei den Demonstrationen »Fridays for Future« ambivalente Reaktionen auf sich ziehen – seinen Follo-
für das Weltklima engagieren. wern auf den Straßen aber fließen Wärme, Ermutigung
Klicks stimulieren in der Regel mehr Berichte und und Begeisterung zu.
Kommentare; das Interesse der vielen und die Medien be- Die Vorteile dieses Wechsels liegen auf der Hand:
dienen sich gegenseitig. In meiner Verantwortung liegt Jeder Flüchtling hat eine Geschichte, die wir nicht ken-
zwar, was ich auswähle als Gegenstand meiner Beachtung nen. Ist es ein junger Mann, der für die Versorgung sei-
und meines Engagements. Andererseits weiß ich aus ner Familie alles riskiert, wurde er verfolgt oder gar

114 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


Kultur

gefoltert? Ist er ein Täter oder gar ein Terrorist? Und hier kaserniert, weil es eine politische Entscheidung un-
nicht nur die Vergangenheit der Flüchtlinge ist ungewiss, serer Demokratie ist, ob sie überhaupt lebend ankommen
auch ihre Fremdheit ist eine Einladung zur Projektion. und ob sie mit uns leben dürfen. Beide sind Repräsentan-
Ist sie eine Ärztin oder er ein Analphabet, ist ein ande- ten einer Art von Unmündigkeit; die einen aufgrund ihres
rer Frauenverächter oder verantwortungsvoller Vater? Alters, die anderen aufgrund ihrer Hilflosigkeit. Aber die
Wird und will er sich integrieren – wenn er die Möglich- Jugendlichen sind die Agenten unserer guten Absichten,
keit bekommt –, und wie viele Menschen zieht er mög- sie handeln gewissermaßen in unserem Auftrag; sie sind
licherweise nach? eine narzisstische Erweiterung unseres »eigentlich guten«
Der Junge Alan Kurdi hat so viel Rührung erzeugt, weil Selbst. Die anderen waren einmal das Projekt dieses wohl-
bei ihm die Unschuld keines Nachdenkens und keiner meinenden Selbst, eine Verkörperung von Hoffnung auf
Recherche bedarf: Er war ein Kind aus Syrien. Gerechtigkeit und Emanzipation, auf das Recht jedes
Die nun demonstrierenden Schüler hingegen sind uns Menschen auf eine lebenswürdige Existenz.
vertraut. Es ist die nächste Generation, hier aufgewachsen Was ist passiert in den vergangenen vier Jahren, woher
und erzogen. Sie verkörpert unsere Werte wie unsere rührt dieser Schwenk in der Affektlage der Republik? Ich
Versäumnisse. Sie appelliert an unser Gewissen, aber so, kann die eigenen blinden Flecken nicht sehen. Aber ich
dass wir sie als Verbündete betrachten können. Sie stellt kann mich wundern über die emotionale Drift der vergan-
einen Vorwurf dar, aber kein Geheimnis. »The kids are all genen Jahre, über das allgemeine Entzücken angesichts
right«, heißt es mit Stolz. der protestierenden Schüler und über meine beschämte
Abwehr der Bilder ertrunkener Erwachsener –
und Kinder! – im Mittelmeer. Wie übrigens
auch von den Helden der Gegenwart, die trotz
rechtlicher Hürden bis zur Verurteilung daran
festhalten, dass Seenotrettung ein Gebot der
Menschlichkeit ist, und denen, die am Rande
der stacheldrahtumwehrten Flüchtlingslager
tun, was sie können. Ihre Berichte und Appel-
le allerdings dringen kaum mehr durch.
Denn unser wohlmeinendes Selbst hat die
Flüchtlinge und Helfer in einer Mischung aus
Scham und Resignation buchstäblich ad acta
gelegt. Unter der Führung von Angela Merkel
hat Europa die Not der Flüchtlinge zu einem
Problem der Verwaltung gemacht. Die Institu-
NATIONAL GEOGRAPHIC / GETTY IMAGES

tionen haben es übernommen. Und so offen-


sichtlich ihr Scheitern ist, so wenig beunruhigt
es noch das Gewissen; es ist, psychoanalytisch
gesprochen, vom Es zum Über-Ich weiter-
gereicht worden. Das Ich, der selbstbewusst
handelnde Bürger, ist nicht mehr gefragt. Nun
geben sich die höheren Instanzen damit ab:
Regierungen und supranationale Institutionen,
Repräsentanzen von Autorität mithin, deren
Schlauchboot und Schwimmwesten auf Lesbos 2015 komplexe Strukturen eine perfekte Gewissens-
entlastung bieten. Wenn es selbst die nicht
schaffen, so lautet der innere Subtext ange-
Ich erkenne mich darin wieder. Es ist entlastend und sichts der trostlosen Sachstandsberichte, dann brauche ich
schön, die eigene diffuse oder auch konkrete ökologische mich erst recht nicht zuständig zu fühlen.
Zukunftsangst quasi gewendet zu sehen: mit Zorn, mit Das Versagen der Politik fällt so gefühlsmäßig nicht auf
Kraft, aber auch mit rührender Unschuld vorgetragen diese zurück, sondern auf die Menschen, um die sie sich
von Menschen unter 20, solchen also, die noch keine kümmern müsste. Sie sind zu hoffnungslosen Fällen
SUV und keine energiewirtschaftlich sträfliche Altbau- geworden. Und sie scheinen nicht zu begreifen, dass das
wohnung gekauft haben, deren moralische Bilanz noch Spiel des Willkommens zu Ende ist und sich das Interesse,
einwandfrei ist. das Wohlwollen und die Projektionen auf neue Akteure
gerichtet haben. Sie flüchten noch immer in Richtung

I
gelobtes Landes, sie vegetieren noch immer in Zelten und
ch halte diese beiden Gruppen als Projektionsobjek- Lagern, sie sind zu Altlasten des Gewissens geworden, die
te einander entgegen, weil sie beide in meinen, an den Rand des Bewusstseins verschoben sind. Insofern
wenn auch diffusen, Verantwortungsbereich gehö- vollzieht die Drift unserer Anteilnahme von den Flücht-
ren. Weil sie uns in zwei Aspekten näher sind als die lingen zu den demonstrierenden Jugendlichen nach, was
Kriegsopfer im Jemen oder die Terroropfer in Neuseeland. die Politik Europas und Deutschlands vollzogen hat:
Die einen, weil sie meine Kinder sein könnten und die Die Flüchtlinge sind an die Ränder gedrängt, dort harren
Zukunft meines Landes repräsentieren. Ihre Generation sie aus. Sie symbolisieren nicht mehr unser gutes Selbst,
wird wesentlich bestimmen, in welcher Welt ich alt werde, unsere Mitmenschlichkeit und unsere Hoffnung, sondern
und umgekehrt finden sie die Welt so vor, wie ich sie als sie repräsentieren ein Versagen der demokratischen
Teil der heute Erwachsenen tatsächlich verantworte. Die Politik und so auch eine Art Scham. Und von dem, wofür
anderen, die Flüchtlinge, irren in Europa umher oder sind man sich schämt, wendet man sich ab. I

115
Kultur

Denn erfunden und aufgeschrieben hat sie

Silke zieht Giulia Becker.


Becker ist 28 Jahre alt und eine der wit-
zigsten und klügsten Stimmen ihrer Gene-

die Notbremse ration. »Das Leben ist eins der Härtesten«


ist ihr erster Roman, aber das heißt nicht,
dass man Becker nicht schon einmal be-
gegnet sein könnte. Sie hat zum Beispiel
Literatur Taubenpfleger, Frau mit Helfersyndrom – in Giulia Beckers gut 50 000 Follower auf Twitter und kom-
Debütroman »Das Leben ist eins der Härtesten« mentiert dort unter dem Namen »Schwes-
ter Ewald« meist feministische Themen –
werden Menschen zu Helden, die sonst unsichtbar bleiben. auf sehr krawallige, sehr lustige und sehr
kluge Art. Außerdem arbeitet sie als Au-
torin für Jan Böhmermanns »Neo Maga-

M anchmal ist das Leben so sehr


zum Verzweifeln, dass man nur
noch lachen kann, das hat Silke
Möhlenstedt von ihrer Oma gelernt. »Das
sche zu erfüllen. Bis Silke eines Tages die
Notbremse zog.
Würde man diesen Satz über irgendein
anderes Buch schreiben, dann wäre er viel-
zin Royale«.
Der Twitter-Account war allerdings zu-
erst da, es gab eine Zeit in Beckers Leben,
da fühlte sie sich wohler im Hintergrund,
Leben ist eins der Härtesten«, hat die im- leicht metaphorisch gemeint. In diesem und einem Teil von ihr geht das bis heute
mer gesagt, wenn ihre Depressionen im Buch aber findet sich Silke im Regional- so. Ihren Twitter-Account betrieb sie, ohne
Winter so schlimm wurden, dass ihr nichts express nach Wolfsburg wieder, um Ro- dass jemand wusste, wer sich dahinter ver-
anderes übrig blieb, als über die Sache zu land Unterlagen für einen wichtigen Ge- barg. Bis Böhmermann sie zu sich holte.
lachen. schäftstermin hinterherzutragen, die er zu Als das erste Mal eine Journalistin ein Por-
Und so heißt jetzt also dieser Roman, Hause vergessen hat. Es ist Sommer und trät über sie schreiben wollte, dauerte es
dessen etwas unglückliche Heldin Silke ge- sehr heiß. Und Silke hat keine Wasser- ein Jahr, bis Becker einem Interview zu-
worden ist. Was einigermaßen bemerkens- flasche dabei. stimmte. Ihre Agentur, sagt Becker, habe
wert ist, denn Frauen wie Silke werden eher Sie denkt darüber nach, dass sie statt- schon angefangen, sich zu wundern, wozu
selten zu Protagonistinnen von Romanen. dessen auch in ihrem eigenen Büro sitzen sie gebraucht werde, wenn sie ohnehin im-
Silke ist eine Frau über vierzig, und sie könnte, wo es einen kleinen Ventilator mer alle Anfragen absagen lasse.
hat kein glamouröses Leben. Die Geschich- gibt, den sie mal bei einer Tombola gewon- Inzwischen aber, so sagt das Becker, sei
te handelt nicht einmal davon, dass Silke nen hat. Dann denkt sie an Roland und ihr klar geworden, dass sie mit ihren Sa-
auf der Suche nach der Liebe wäre. Sie dass dieser wahrscheinlich nicht einmal chen nun einmal nicht im stillen Kämmer-
handelt stattdessen auch davon, wie Silke Danke zu den Unterlagen sagen wird, und lein bleiben könne, wenn sie davon leben
einen Roadtrip mit der alten Frau Goebel wolle.
aus der Wohnung nebenan in den Freizeit- Also singt sie auf der Bühne, wenn das
park Tropical Islands in Brandenburg un- Was sie nicht schreiben Böhmermann-Ensemble wie neulich auf
ternimmt. Das ist eine künstliche Tropen- wollte: ein Sachbuch Tour geht, und vergisst, dass sie eigentlich
welt in einer Halle, die einmal zum Bau zu nervös für so etwas ist. Also wird sie
von Luftschiffen errichtet worden ist. Dort über Feminismus. Lieber demnächst in Köln aus ihrem Buch lesen,
entdeckt Frau Goebel ihre Liebe zu Cola- etwas Unerwartetes. weil sie für den Debütpreis der Lit.Co-
Monsterslushs, einem ultrasüßen Sirup- logne nominiert ist. Also wird sie auf Lese-
getränk. Silke wiederum hat nur zwei reise gehen. Und also trifft sie jetzt wohl
Freunde: die immer zu laute Renate, die dann fallen ihr seine Freunde mit den Car- oder übel auch immer mal wieder Journa-
ihrem verstorbenen Hund nachtrauert und ports und den Schwenkgrills und den listen zu Interviews in Cafés. Und da sitzt
das Loch im Herzen mit Homeshopping- Protzhäusern ein, und dass sie all das sie dann mit Loch in der Strumpfhose und
kanal-Bestellungen zu stopfen versucht. eigentlich gar nicht will, aber Roland eben rosa Haargummi im Haar vor einer Blät-
Und den immer zu leisen Willy-Martin, schon. Sie schwankt in der Hitze zu der tertapete in Köln-Ehrenfeld, trinkt Mara-
der tagsüber als Taubenpfleger arbeitet Notbremse neben der Tür – bei der abrup- cujaschorle und berichtet im Schutz der
und nach Feierabend mit der gleichen Hin- ten Bremsung werden 28 Menschen leicht Selbstironie von ihrem Buch, von ihrem
gabe Online-Kniffel spielt. verletzt, der Zugführer verliert seine Leben und von sich selbst. Es ist ja eine
Es sind ja immer die Silkes dieser Welt, Schneidezähne, die freiwillige Feuerwehr der Paradoxien unserer Zeit, dass eine So-
die sich kümmern. Sie ist, so steht es an von Herzebrock-Clarholz rückt an und cial-Media-Figur wie Giulia Becker zwar
einer Stelle in diesem wunderbaren Buch, auch die Polizei. Die Schadensersatzsum- in einem fort in den Alltag ihrer Follower
wie ein Schwamm unter Wasser, vollge- me, die Silke zahlen soll, ist so hoch, dass eindringt – sie aber die Kunst beherrscht,
sogen mit den Problemen der anderen. Roland die Scheidung einreicht und Silke alles zu sagen und gleichzeitig so gut wie
Kaum drückt man etwas Wasser raus, einen Teil davon in Sozialstunden umwan- nichts von sich preiszugeben. Die sozialen
strömt schon wieder neues nach. deln lässt und fortan in der Bahnhofsmis- Medien verwandeln uns in Kunstfiguren
Silke hatte schon immer Probleme da- sion Borken arbeitet. unserer selbst.
mit, Grenzen zu ziehen und Nein zu sagen. Das also ist Silke Möhlenstedt, die Vor etwa zwei Jahren schrieb Becker
Das war schon so, als sie noch mit Roland entgegen aller Wahrscheinlichkeiten und für Böhmermanns Show das Lied »Ver-
zusammen war, ihrem von Ehrgeiz ge- entgegen aller Genre-Gesetze des Buch- dammte Scheide«, das von der Benachtei-
triebenen, narzisstischen Mann, der wie markts die Hauptfigur eines Romans ge- ligung als Frau handelt – in der Böhmer-
selbstverständlich davon ausging, dass es worden ist. Und nicht etwa, wie es sonst mann-Redaktion und im Leben. Das Vi-
Silkes Lebensinhalt sei, ihm seine Wün- in unserer Kultur üblich ist, als Vorgeführte deo wurde auf YouTube über 900 000-mal
in einer Fernseh-Doku-Soap. aufgerufen. Genug, dass mehrere Verlage
Guilia Becker: »Das Leben ist eins der Härtesten«. Aber Silkes Geschichte ist noch aus sie fragten, ob sie nicht ein Buch schreiben
Rowohlt; 224 Seiten; 20 Euro. Erscheint am 26. März. einem zweiten Grund bemerkenswert. wolle. Am besten natürlich so eine Art fe-

116 DER SPIEGEL Nr. 13 / 23. 3. 2019


saß, dem Programmleiter und der Lekto-
rin gegenüber, und ihre Idee ganz selbst-
verständlich vorstellte, als hätte sie sie
nicht erst Stunden zuvor beim Umsteigen
in Hannover in ihr Handy gesprochen.
Der Programmleiter und die Lektorin
fanden Gefallen daran. Also schrieb Be-
cker ein Exposé. Und dann den Roman.
In den Ferien auf Kreta auf einem Plastik-
stuhl mit Blick über das Meer. Und an den
Wochenenden.
Becker ist bewusst, dass es wahrschein-
lich sehr viele Menschen gibt, die sie von
Twitter kennen oder von Böhmermann,
die einen anderen Roman erwartet hätten.
Vielleicht einen über eine begabte junge
Frau in der Medienbranche, die damit zu
kämpfen hat, dass die Jungs dort alles un-
ter sich ausmachen, obwohl sie sich ganz
schrecklich modern, emanzipiert und
politisch korrekt fühlen. Und es stimmt ja
auch – auf den ersten Blick haben die
Schwester-Ewald-Tweets, der Scheiden-
song und der Silke-Möhlenstedt-Roman
nicht viel miteinander zu tun.
Aber irgendwie haben sie das dann
doch. Alle drei funktionieren nämlich so
gut, weil dieselbe Haltung dahintersteht.
Vor lauter lustigen Details und albernen
Überspitzungen merkt die Leserin erst hin-
terher, dass es eigentlich schon die ganze
Zeit um politische Fragen geht – darum,
wer in der Öffentlichkeit repräsentiert
wird und wer unsichtbar bleibt. Darum,
wessen Geschichten erzählt werden. Und
aus welcher Position heraus.
Wenn Becker auf das Leben blickt, dann
ist das wahnsinnig lustig – bis man merkt,
dass das alles auch fürchterlich traurig ist.
Die schlechtere Bezahlung von Frauen, die
Art und Weise, wie wir übergewichtige
Frauen behandeln, Silke Möhlenstedts
Leben, Tropical Islands.
Viele Komiker, sagt Becker, seien eigent-
lich tragische Figuren, die irgendwann ge-
THEKLA EHLING / DER SPIEGEL

lernt hätten, gerade deshalb zu lachen. So


unterschiedlich auch alle seien – die große
Gemeinsamkeit, die es oft gebe, sei, dass
sie früher nie zu den Coolen gehört hätten.
Becker ist ihr eigener Witz so selbstver-
ständlich, dass sie gar nicht mit Sicherheit
Autorin Becker: Alles ist wahnsinnig lustig – bis man merkt, dass es auch traurig ist sagen kann, wann und von wem sie gelernt
hat, den Grausamkeiten des Lebens mit
Galgenhumor zu begegnen. »Als dickem
ministisches Manifest für junge Frauen, er- Sie sammelte Ideen, aber keine erschien Kind in der Grundschule bleibt einem gar
zählt Becker. Aber Becker wusste schon ihr gut genug. Auch dann noch nicht, als nichts anderes übrig«, sagt sie.
damals ganz genau, was sie auf keinen Fall sie im Zug nach Hamburg saß, unterwegs Und sie kommt halt auch aus einer lus-
schreiben wollte: ein Sachbuch über Femi- zu ihrem Verlag. »Was würde wohl passie- tigen Familie. Ihre Oma ruft sie manchmal
nismus für junge Frauen. Weil nämlich, ren, wenn ich jetzt einfach die Notbremse an, nur um ihr einen Witz zu erzählen.
sagt sie, in letzter Zeit so viele so gute Bü- ziehe?«, fragte Becker ihren Freund, der Neulich zum Beispiel: »Ich wollte gerade
cher über Feminismus erschienen seien, mitgekommen war, in ihrer Verzweiflung in die Küche gehen. Aber auf dem Weg
von Margarete Stokowski zum Beispiel, und aus Spaß. Und dann fragte sie sich: wurde ich geblitzt, und dann war der
dass Becker nicht das Gefühl habe, dass Was würde wirklich passieren? Und da Lappen weg.« Die Oma weiß noch nicht,
es einen Aspekt gebe, den sie noch hinzu- war sie: die Idee von Silke Möhlenstedt. wie der Roman ihrer Enkelin heißt. Dass
fügen könne oder müsse. Becker kann sich heute noch sichtlich es die Worte sind, mit denen sie sie immer
Lieber wollte sie ein Buch schreiben, freuen, wenn sie sich daran erinnert, wie getröstet hat. Maren Keller
das niemand von ihr erwarten würde. sie kurz darauf an einem Konferenztisch

117
»Auf diesem Dampfer steuert
die Linke in den Untergang«
SPIEGEL-Gespräch Der Theatermacher und Aktivist Bernd Stegemann über Sprachkontrolle,
die Sensibilität von Minderheiten und Kränkung als politische Waffe

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

Dramaturg Stegemann: »Am Ende sind selbst die Gutmeinenden abgestoßen«

118
Kultur

Der Professor für Theatergeschichte und Freiheit des Theaters besteht doch gerade ostdeutschen Mann zum Beispiel, der sich
Dramaturgie in Berlin war zwei Jahre lang darin, dass jeder alles spielen darf. Wenn vor Ausländern fürchtet, nehmen wir seine
Chefdramaturg an der Schaubühne am wir dahinter zurückgehen, beleben wir die Sorgen nicht ab. Dem sagen wir, er solle
Lehniner Platz, derzeit arbeitet er am Ber- jahrhundertealte Tradition der Theater- sich nicht so anstellen.
liner Ensemble. Er gründete im Sommer zensur. Das Theater hat sich mühsam in Stegemann: Auch unter weißen Männern
2018 mit Sahra Wagenknecht die Samm- die Moderne vorgekämpft, und nun wird können sich viele in einer Opferposition
lungsbewegung »Aufstehen«, die sich zum eine moralische Ordnung etabliert, in der befinden, als Ausgegrenzte, Arbeitslose
Ziel gesetzt hat, die politische Linke in schwarze Figuren nur von Schwarzen und oder prekär Beschäftigte. Aber um diese
Deutschland wieder zu einen. In seinem Behinderte nur noch von Behinderten ge- Form der Diskriminierung zu sehen, muss
neuen Buch (»Die Moralfalle. Für eine Be- spielt werden dürfen. man auf die materiellen Verhältnisse
freiung linker Politik«) kritisiert Stege- SPIEGEL: Auch die Travestieshow wäre da- schauen. Genau dieses klassische Instru-
mann, 51, dass sich das linke Lager auf mit obsolet. ment der Wirklichkeitsbeschreibung gilt
Moralpolitik und Minderheitenthemen re- Stegemann: Welche Blüten die ständige heute als unmodern. Es ist zusehends
duzieren lasse und seine eigentliche Auf- Bereitschaft zur Kränkung treibt, zeigte uncool geworden, die Klassenfrage über-
gabe aus den Augen verliere: die Frage nach die Aufregung, als Scarlett Johansson ei- haupt anzusprechen.
der gerechten Verteilung des Eigentums. nen Transgender-Mann spielen wollte. Da SPIEGEL: Wie konnte das passieren?
gab es einen Riesenaufstand, weil der Stegemann: Der akademischen Linken
SPIEGEL: Herr Stegemann, viele Linke sa- Komment besagt, dass sich Schauspieler sind die Arbeiter peinlich geworden, weil
gen, dass politische Korrektheit ein Phan- nicht in Menschen verwandeln dürfen, die diese mit all den identitätspolitischen De-
tasma sei, das gar nicht existiere. Stigmatisierung erfahren haben. batten nichts anfangen können. Man muss
Stegemann: Das halte ich für einen fan- SPIEGEL: Sie sagen, dass die Kränkung im es sich leisten können, sich über die Fein-
tastischen Selbstbetrug. Es gibt in dem Mi- Diskurs der Linken die alte marxistische heiten der gendergerechten Sprache den
lieu, in dem ich mich aufhalte, eine Menge Gesellschaftsanalyse abgelöst habe. Kopf zu zerbrechen. Wer bei Amazon im
Leute, die glauben, man könne über die Stegemann: Der zentrale Begriff im Mar- Lager arbeitet, der interessiert sich eher für
Kontrolle der Sprache zu einer besseren xismus ist die Entfremdung. Diese lässt eine gerechte Bezahlung. Man kann hier
Welt kommen. Genau da setzt meine Kri- sich an objektiven Kriterien festmachen: deutlich die Doppelmoral der Identitäts-
tik an: Wenn Linke meinen, die Menschen Wenn der Fleischzerleger in einer Groß- politik sehen. Globale Konzerne wie Apple,
moralisch erziehen zu müssen, sind sie auf schlachterei für einen minimalen Lohn ar- Google oder Facebook achten in der
dem Holzweg. Außendarstellung peinlich genau darauf,
SPIEGEL: Bevor wir fortfahren: Was genau dass sie »divers« erscheinen, wie das so
haben wir unter politischer Korrektheit zu schön heißt – schon allein deshalb, weil
verstehen? »Auch unter weißen alle immer auch Kunden sind. Aber die-
Stegemann: Sprachhygiene ist vielleicht Männern können sich selben Firmen wehren sich, wenn ein Be-
ein zu starkes Wort, aber in jedem Fall triebsrat gegründet werden soll.
Sprachüberwachung. Politische Korrekt- viele in einer SPIEGEL: Die Identitätspolitik, die Sie so
heit sagt: Wenn sich jemand von einer Be- Opferposition befinden.« beklagen, hat allerdings auch enorme
zeichnung gekränkt fühlen könnte, dann Erfolge erzielt. Durch die #MeToo-Bewe-
muss dieses Wort unbedingt vermieden gung verloren mächtige Männer ihren Pos-
werden. Das Fundament der politischen ten, die Frauen belästigt hatten.
Korrektheit ist die Kränkung. beitet, dann ist das für jeden erkennbar Stegemann: Der anfängliche Erfolg von
SPIEGEL: Man könnte argumentieren, dass Ausbeutung. Was eine Kränkung ist, liegt #MeToo hat weniger mit Identitätspolitik
politische Korrektheit nur eine Form der dagegen im Auge des Betrachters. Aus die- als mit den radikal erweiterten Möglich-
Höflichkeit sei. ser Unwägbarkeit wird dann die absolute keiten von Publizität zu tun. Da haben
Stegemann: Leider wird die Höflichkeit Forderung, dass das Opfer immer recht sich Menschen, die ein Unrecht erlitten
oft mit groben Mitteln durchgesetzt. Krän- hat. Wer ihm widerspricht oder das sub- hatten, Gehör verschafft. Dass einzelne
kung ist ein höchst subjektives Gefühl, das jektive Empfinden anzweifelt, hat sich Stimmen heute dank Twitter oder Face-
dazu zu berechtigen scheint, andere aus- schon ins Unrecht gesetzt. Das ist eine in- book global wahrgenommen werden,
grenzen zu dürfen. Insofern ermöglicht teressante Umdrehung der Machtverhält- könnte eine Form der Öffentlichkeit sein,
politische Korrektheit nicht die Debatte, nisse, weil nunmehr allein das Opfer da- wie Kant sie sich gewünscht hätte. Es ist
sie erstickt sie. rüber entscheidet, wodurch es zum Opfer der zentrale Gedanke der Aufklärung, dass
SPIEGEL: Wie äußert sich das in Ihrem geworden ist und wie sich die Gesellschaft eine Gesellschaft sich durch das öffentliche
Arbeitsgebiet, dem Theater? ihm gegenüber zu verhalten hat. Gespräch selbst zivilisiert.
Stegemann: Wir bereiten am Berliner SPIEGEL: Was ist daran aus linker Sicht SPIEGEL: Dennoch haben Sie kritisiert,
Ensemble gerade eine Inszenierung von beklagenswert? dass #MeToo ins Totalitäre abgedriftet sei.
»Othello« vor. Am Theater herrscht seit Stegemann: Die sogenannte Identitäts- Stegemann: Das ist die Dialektik der Em-
Jahren ein Diskurs, der besagt, dass sich politik blendet die ökonomischen Verhält- pörungsindustrie und die Schattenseite
weiße Schauspieler nicht schwarz anmalen nisse aus und fokussiert ausschließlich auf von Twitter & Co. Wenn sich die Empö-
dürfen. Das Tabu geht zurück auf Shows, die Diskriminierungserfahrungen als An- rung absolut setzt, weil mit ihr die größte
die im 19. Jahrhundert in den USA aufge- gehörige einer gesellschaftlichen Gruppe. Aufmerksamkeit erzielt wird, verhindert
führt wurden und in denen weiße Schau- In der Folge entbrennt ein Kampf um die sie die konstruktive Debatte. In diesem
spieler mit Farbe im Gesicht, großen besten Plätze in der Opferhierarchie. Auf Sinne gab es ja auch fundierte Kritik, zum
Ohren und rot geschminkten Lippen diesem Dampfer steuert die Linke in den Beispiel von der Philosophin Svenja Flaß-
Schwarze karikiert haben. Das war ein- Untergang, weil sie damit ihren Anspruch pöhler. Sie hat zu Recht beanstandet, dass
deutig rassistisch. Daraus wird nun abge- aufgibt, die Stimme für alle Opfer der Aus- die #MeToo-Bewegung dazu übergegan-