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Die Realdialektik und der Begriff:

Wie wenig die Realdialektik gesonnen ist, die Bedeutung der Begriffe als solche herabzusetzen,
hat ihr nächster Vertreter jederzeit in einer besondern Vorliebe für scharfe, namentlich
synonymische Begriffssonderungen bethätigt. Wer aber an solchen seine Freude hat, dem kann
doch unmöglich mit einer Confusion der begrifflichen Conceptionen, als der einfachsten
Verletzung des Identitätsprincips, gedient sein — denn was könnte es für einen Zweck haben,
Begriffe mittels Definition oder Unterscheidung erst festzustellen, wenn nicht die Absicht
obwaltete, das so einmal Festgestellte auch als solches festzuhalten?

Begriffe, die mit einem Widerspruch behaftet sind, kann das Denken nicht gebrauchen; die sind
zu nichts gut, als den Verbaldialektikern Futter in ihre Krippe zu liefern, und von deren Treiben
hat sich die Realdialektik ja oft genug schon losgesagt. Wäre unser Denken wirklich unfähig, es
über solche Begriffe hinauszubringen, welche dem Wesen des begrifflich zu Fassenden
widersprechen, so müsste dies Verhältniss des Widerspruchs doch wohl auch ein wechselseitiges
sein und demgemäss, wenn a dem b widerspricht, auch b dem a widersprechen, in diesem Falle
also auch das begrifflich zu Fassende dem Begriffe oder der begrifflichen Fassung. Darum
überlässt die Realdialektik das ganze Gerümpel der hölzernen Eisen und der viereckigen Kreise
um den „Spottpreis“ der Unentgeltlichkeit dem nächsten besten logischen Trödler, der sich nicht
mehr oder noch nicht gênirt, damit hausieren zu gehen. Solche Scharteken aus verstaubten
Winkeln in irgend einem Hintergebäude der ehrsamen Matrone „formale Logik“ passen nicht
hinein in den Hausrath der Realdialektik. Da sind ausser Cours gesetzt alle bloss gemachten,
rein conventionell in Umlauf gekommenen, nirgends auf irgendwelcher empirischen Grundlage
der Gegebenheit fundirten Begriffe: an den Realvaluten der Willensgegensätze gemessen,
erscheinen die blossen Begriffswiderspritche als Kellerwechsel oder blecherne Rechenpfennige.
Am Ladentisch der Scholastik mag für „verflucht gescheit“ passieren, was vor den prüfenden
Augen der Realdialektik als „herzlich dumm“- sich herausstellt, wie jene Allmacht, welche
aufhören sollte, sie selbst zu sein, indem sie sich — sei es auch angeblich aus sich selber heraus
— selber beschränkt. Es macht ja die specifische Beschäftigung der Scholastik und
professionellen Apologetik aus, mittels wohl verketteter argumentationes ex concessis den
Schein aufrecht zu erhalten, als ob sich der Inhalt der meistangefochtenen Dogmen ganz
bequem um den Spinnrocken der formalen Logik legen lasse. Von irgendeinem Begriffscocoon
den seidenen Faden solch pseudologischer Syllogismen herunterzuhaspeln ist ja das Handwerk
bestallter Sophisten, mit welchen die Realdialektik keinerlei Gemeinschaft hat, noch haben will.
Dern, der durchaus tanzen will, ist bekanntlich leicht gepfiffen, und bald zu überzeugen, wer
wähnt, an äusserlicher Correctheit bereits eine Gewähr für materielle Richtigkeit eines
Gedankens zu besitzen.

Die Realdialektik, niemals auf täuschende Tücke bedacht, stimmt wahrlich nicht ein in das
bedenkliche Lob, welches Hegel seiner Muttersprache soll gespendet haben: sie sei darum die
beste zum Philosophieren, weil es in ihr so viel doppelsinnige Wörter gebe. Ihre Zwecke, die
nicht auf Einschüchterung ausgehen, warden nicht im Geringsten gefördert mittels jenes
„vollkommenen Widerspruchs“, der „gleich geheimnissvoll für Kluge wie für Thoren“ ihr ist
unvergessen, was gleich darnach aus Mephisto's spottendem Munde ergangen:

Mein Freund, die Kunst ist alt und neu

Sie kennt die Liebhaberei der Geistessterilitat der Faustbewunderer a la Wagner für

Reden, die so blinkend sind,


In denen sie der Menschheit Schnitzel kräuseln,

schon aus ihrem Plato, allwo sie (Hippias maj. 304 a) knísmata kaí peritmémata tôn lógon
heissen. Ihr ist die Sprache sozusagen die blosse Erscheinung des Denkens, hinter welcher das
„reine“, wortlose Erkennen der Intuition stehen bleibt, als das zu dieser Erscheinung gehörende
Ding an sich des Denkens.

Aber grade um auch her das Unechte von dem Echten, den bloss eingebildeten von dem
wirklichen Widerspruch zu unterscheiden, giebt es ja keinen zuverlässigeren Probierstein als die
feinere Begriffsdestinction, und weit entfernt, uns Amphibolien zu Nutze machen zu wollen,
freuen wir uns vielmehr des Vorzugs unserer ausgefeilteren Sprache, die uns so mancher
Verlegenheit enthebt, in welcher sich die Plato und Aristoteles noch von ungeklärten
Relativitäten und unüberwundenen Aporien umschnürt fanden.

Diese ihre Gewissenhaftigkeit ist es nun auch, was die Realdialektik vor dem Schicksal
bewahrt, welches ihr die Gegner zugedacht hatten, als sie darauf sannen, sie dialektisch
abzuthun. Da wurde versucht, mit einer Art von Dialektik in der zweiten Potenz (wo es in der
That vielleicht gelingen könnte, sie in die einfache gradlinige Strasse der richtigen Logik
zurückzubiegen) die Realdialektik in Selbstaufhebung und Selbstauflüsung zu verstricken.
Durchweg mit dem Handwerkszeug einer correcten Logik für Schule und Haus operirend,
decretirte oder vielmehr octroyirte man ihr Consequenzen, zu welchen sie sich richtig
verstanden keineswegs zu bekennen braucht, und zwar deshalb nicht, weil sie eben nicht „in
ihrem Begriffe liegen.“ Deshalb unterliessen wir es ja nicht, unsern Begriff des Widerspruches
selber in Einklang zu setzen mit unsern eigenen Identitätsforderungen und so Denen einen
Hauptspass zu verderben, welche schon am liebsten die Realdialektik realdialektisch, an einem
Selbstwiderspruch möchten verenden sehen.

Eher kann man natürlich der Begriffsdialektik mit in ihrer eigenen Werkstatte geschnnedetem
Rüstzeug beikommen, und wenigstens scheinbar gelungen war der Versuch E. v. Hartmann's (in
seiner Kritik der dialektischen Methode S. 42 ff.), die formale Dialektik in ihren eigenen Netzen
zu fangen und deren Princip mittels einfachen Consequenzenziehens wider sich selber zu
kehren. Solle, so concludirt er dort, der Widerspruch in allen Dingen und Begriffen wesentlich
und nothwendig sein, so müsste er in der Totalität sowohl aufgehoben werden, als bestehen
bleiben und in der selben Beziehung zu gelten sowohl aufhören, als fortfahren. Dies aber sei der
Widerspruch in höchster Potenz... „ist die Aufstellung der Behauptung möglich, so ist ihr Inhalt
falsch ist ihr Inhalt richtig, so ist sie als Behauptung unmöglich. Die Behauptung stösst ihren
eigenen Inhalt um, der Inhalt tödtet sie im Entstehenwollen. Den Dialektiker aber kümmert dies
Alles nicht selbst da, wo er sich wider den Vorwurf, in Widersprüchen zu reden, verwahrt, redet
er in Widersprüchen.“ Allein so wenig sonst auch die Realdialektik sich berufen fühlen kann,
der Caricatur ihrer selbst als Anwalt beizuspringen, so heischt doch Billigkeit und Recht, zu
Gunsten der so unglimpflich Angegriffenen aus deren Sinne den Gedanken vorzubringen: der
Satz vom Widerspruch ist das Triebrad der Dialektik — aber eben darum muss er ihr selber
verfallen: in ihr zugleich gesetzt und aufgehoben sein denn wäre er etwas absolut Feststehendes,
so gäbe es keine unbedingte Dialektik, da sie ja an ihrem eigenen Princip ihre Schranke fände;
und wäre er etwas schlechthin Aufgehobenes, so hätte man erst recht nicht, was von einem
Widerspruch zum andern fortjagte, d. h. vorwärtshetzte — dann also wäre das Princip der sich
selber mit logischen Stachelgeisseln weiterpeitschenden Dialektik in sich selber todt, und alle
„dialektische Bewegung“ fände in sich selber ihr Ende, ehe sie noch hätte recht beginnen
können.

Anstatt in solchen Schlingen sich erwürgen zu lassen, geht die Realdialektik lieber selber auf
den Anstand. Sie weiss sehr wohl, dass es der Grenzrain der Axiome und
Fundamentaldefinitionen ist, wo am meisten philosophische Schmuggelwaare eingeschwärzt
wird, und legt sich deshalb auf die Lauer, um das unsaubere Gewerbe zu hintertreiben. Sie setzt
die Helm ihrer Kritik und Polemik da an, wo sich ein System allein aus den Fugen rücken lässt:
an den Urbegriffen, und weil hier des Unfugs am meisten getrieben wird von der scheinheiligen
máthesis, die sich mit diesem ihrem Namen schon das Privilegium erheuchelte, für die Lehre
und Wissenschaft par excellence zu passieren, so weiss sich die Realdialektik keinen schoneren
Triumph, als grade dieser arrogantesten ihrer Widersacherinnen gelegentlich das Lärvchen
herunterreissen zu dürfen. Das giebt ihr einen Eugen Dühring zum brauchbaren
Bundesgenossen, weil der sich ein besonderes Geschäft daraus gemacht hat, Fälschungen zu
enthüllen, welche namentlich unter dem Deckmantel einer Pseudo- Unendlichkeit auf
mathematischem Felde sind betrieben worden. Denn auch sie will das proton pseudos hier in
den Vorbedingungen zu allen späteren Demonstrationen aufweisen, um so den Feind schon in
der Wiege lahmzulegen und hier auf immer zu entwaffnen. Zu vornehm, ihren Witz zu üben an
den logischen Unhaltbarkeiten, die herauskomment sobald man sich anschickt, für Dinge wie
den mathematischen Punkt, die geometrische Linie u. dergl. den congruenten begrifflichen
Ausdruck zu finden, geht sie lieber der principiellen Prätension der Mathematiker zu Leibe: das
Anschauen solle sich vom Denken controliren lassen. Armselige Nothbehelfe dünkt, es sie,
wenn die Mathematik, welche wie keine andere Wissenschaft in die angebliche Unfehlbarkeit
ihrer Methode vernarrt ist und wie das verwöhnte Kind reicher Eltern à Conto ererbten Credits
sich des Allerkeckesten meint erdreisten zu dürfen, wenn die zu solchen Undenkbarkeiten
greifen muss wie: „Parallelen sind Milieu, welche sich in der Unendlichkeit schneiden".

Schon in unserm zweiten Capitel sahen wir im Mutterschos der Realdialektik das Unvermögen
des Denkens liegen, Alles seinem logischen Gerüste einzuzwangen. Das Logische stösst sehr
bald auf Dinge, an denen alle Kunst der Definition scheitert; weil ihr Wesen sich begrifflicher
Fassung absolut nicht fügen will, und glücklicherweise ist die Realdialektik nicht der erste
Versuch, das logische Denken in die damit angezeigten Schranken seiner Natur zurückzuweisen.

Wo das Logische an diese feste Grenze gelangt ist, empfängt es die Realdialektik mit der
Mahnung, abzustehen vom Verfolgen doch ewig unerreichbarer Ziele und sich der vorhandenen
Kräfte lieber in der Richtung zu bedienen, wo sie besseren Erfolg versprechen. Aber ein
dankbares oder auch nur willkommenes Geschäft pflegt es allerdings nicht zu sein um solch
Bemühen, vom Trachten nach eingebildeten Möglichkeiten zurückbringen zu wollen. Wer sich
einmal in den Kopf gesetzt, er habe das Zeug dazu, den allerverlockendsten Beruf sich erwählen
zu dürfen, leiht kein willig Ohr dem aufrichtigen Mentor, der ihm zu Gemüthe führt, dass er
Dingen nachjage, die ihm auf immer versagt bleiben müssen, wie dem Stimmlosen der Ruhm,
als Opernsänger zu glänzen; und da wie dort pflegt die beliebteste Ausrede, mit welcher man
sich die Unbequemen vom Leibe zu halten sucht, ein „Was nicht ist, kann werden“ zu sein. Man
verweist darauf, wie viel Ungeahntes schon verwirklicht sei, und baut auf die Vergleichung der
Gegenwart mit der Vergangenheit unbeschränkte Hoffnungen für die Zukunft. Dem gegenüber
und insbesondere angesichts der Heberhebungen moderner Rechenkünstler und Kunstrechner
sammt deren immerhin staunenswerthen mechanischen Leistungen, erinnert die Realdialektik
— welche sich allerdings vorzugsweise und nicht aus blosser Laune oder Privat-Malice als
Anti-Mathese weiss gern auf die ägyptischen Pyramiden- und Cölner Dombaue, die auch ohne
solchen Krimskrams fertig geworden, bei dem es Einem doch zuweilen widerspruchsvoll genug
zu Sinn wird, wie zum Exempel bei „cubischen Plancurven des nullten Geschlechts“ (Klein und
Mayer's Mathem. Annalen, B. 13. II. 3). Das Ignoramus gesteht man seufzend zu, aber vom
Ignorabimus will man nichts hören. Und doch kann man nur auf ein Wachsen unseres
Erkenntnissstoffes, nicht auf entsprechende Zunahme unserer Grundvermögen rechnen. Oder
solche wirklich ein darwinistischer Evolutionist in seiner Zuversicht so weit gehen, dass er
glauben möchte, es werde dem Menschengeiste noch dereinst gelingen, z. B. vom Urbegriff
alles Mathematischen, von der Grösse, eine Definition 1 zu geben, bei welcher man sich nun
auch wirklich definitiv beruhigen könnte? Dünken uns nicht vielmehr einstweilen Diejenigen
nicht bloss die Ehrlichsten, sondern auch die Gescheitesten, welche offenen Verzicht geleistet
haben auf Analyse des Einfachen wie auf Versönnung des Widersprechenden und Herleitung des
Ursprünglichen, oder auf Beweise für das Axiomatische, kurz auf alle Verendlichung des
Ewigen? Deshalb wollen ja, auch wir nicht weichen aus den Fusstapfen, in denen Kant uns
vorangegangen, und es insbesondere mit Denen unter den Mathematikern halten, welche lieber

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Wie sehr es mit der logischen Unantastbarkeit mathematischer Grunderklärungen seinen Haken hat,
wissen die Mathematiker selber nur allzugut — es gehört dies Thema ja zu denen, deren Erörterung in
ihren Zeitschriften z. B. der Hofmann'schen beinahe einen stehenden Artikel bildet.
zur Anerkennung einer dussersten, in einem letzten Widersprechenden gegebenen
Wissensschranke sich verstehen wollen, als in eine vierte Raumdimension sich versteigen.
(Auch Zöllner erklärt nämlich ausdrücklich: in je mehr Dimensionen, desto widerspruchsfreier
könnten wir uns die Objecte denken wie sich Schwere, Härte, Widerstand blossen
Schattendimensionen nicht beilegen liessen, so würde was jetzt räthselhaft und unerklärlich
bleibe, verständlich werden durch die Annahme weiterer Dimensionen, vor allem also auch die
Unbegreiflichkeiten der Organisation, welche in das im Raum von drei Dimensionen waltende
Mechanische nicht rein aufgehe!)

Von einer gewissen Klassicität der Präcision ist die Fassung, in welcher Wundt (Grundzüge der
physiologischen Psychologie S. 690) dem Ansinnen Zöllner's entgegentritt, wir sollten uns nun
auch den vierdimensionalen Baum als wirklich vorhanden, ja als den eigentlich allein
wirklichen Ort des Dings an sich vorstellen oder wenigstens denken. Wundt sagt dort: „wir
dürfen nicht annehmen, dass wir die Welt so vorstellen müssen, wie wir sie nicht vorstellen
können“ ein Ausspruch, welcher für die Realdialektik doppelt interessant ist, weil er
oberflächlich angesehen seine volle Schärfe ebenso sehr gegen diese selber wie gegen jene
hypermathematischen Verstiegenheiten zu kehren scheint, dagegen richtig verstanden sehr wohl
von der Realdialektik zur eigenen Devise genommen werden kann. Denn es ist ja grade deren
eigene Grundbehauptung, dass wir uns bei näherer Prüfung unvermögend finden, die Welt
logisch auszudenken, und eben weil wir dies nicht können, uns dazu genöthigt finden, dass wir
sie antilogisch auffassen müssen. Dem entsprechend wird sich die Realdialektik auch
bescheiden, auf die (ebenda S. 691) aufgeworfene Frage, ob Vorstellbares aus Unvorstellbarem
dürfe abgeleitet werden, nicht gleich eine entschiedene Antwort bei der Hand zu haben; denn als
wir die Einzelwidersprüche aus dem Universalwiderspruch herzuleiten uns vorbehielten,
machten wir uns damit nicht anheischig, das Erkennen einer totalen Vorstellbarkeit zuzuführen,
ohne jedoch andererseits absolute Unvorstellbarkeit vom realdialektischen Grundgedanken
aussagen zu wollen. Lässt sich das Widersprechende auch nicht ganz aussprechen, so muss sich
doch davon oder darüber sprechen lassen, wenn es überbaupt Gegenstand philosophischer
Erörterung sein soll.

Seine nächste Probe besteht jener Zweifel bei den Herleitungen aus dem Begriff und Wesen der
Unendlichkeiten. In dem betreffenden Capitel seiner „Natürlichen Dialektik“ bemüht sich E.
Dühring angelegentlich, die unvorstellbare unendliche Zahl als mit einem Widerspruche
behaftet darzustellen, sobald sie als eine gegebene soll gedacht werden. Es heisst da S. 116: „der
erste Widerspruch wird begangen, indem vorgestellt wird, dass das, was nicht abgeschlossen
werden kann, dennoch abgeschlossen sei.“ Aber es ruht dies auf der bereits (Cap.7) erwähnten
zu engen Definition des Widerspruchs, nach welchem dieser „darin bestehen“ soll, „dass zwei
Begriffe in einer Hinsicht als identisch gesetzt werden, in welcher sie verschieden sind“;
während für uns das Wesen des Widerspruchs in der Aussage besteht, dass etwas gleichviel ob
Ding oder Eigenschaft, Subject oder Prädicat — zugleich sei und nicht sei. Darnach bemessen
erweist sich aber obiger Schluss Dühring's als eine fallacia per homonymiam, indem
„abgeschlossen“ das eine mal von der subjectiven Synthese, das andere mal von der objectiven
Vollständigkeit oder Totalität verstanden sein soll und grade von der, au fond doch
antiidealistischen, Auffassung des Positivismus aus ist doppelter Grund vorhanden, die objective
Wirklichkeit nicht von der subjectiven Vollziehbarkeit abhängig zu machen (was Dühring a. a.
O. S. 117 gegen diesen Einwand vorbringt, fält nach obiger Unterscheidung in sich selbst
zusammen). In diesem Sinne hat Wundt vollständig Recht, wenn er in den abstracten Begriffen
wesentlich „Postulate“ des Denkens erkennt, mittels deren wir die Schranken des effectiv
(synthetisch) Vorstellbaren überschreiten müssen, wenn wir nicht überhaupt auf ein grossere
Gedankenmassen bewältigendes Denken verzichten wollen — ein. Verzicht, zu welchem der
Mathematiker am wenigsten geneigt sein wird, weil er seine grossartigsten Operationen
lediglich mittels eben solcher Symbolisirungen vollzieht nur „dass seine algebraischen
Buchstaben noch ungleich mehr“ vom Carakter bloss angedeuteter Postulate haben, als die
Wortsprache, welche doch mehr oder weniger unmittelbar auf einem mehr sinnlichen
Fundamente ruhen bleibt. Wie es aber um deren Zuverlässigkeit bestellt sei, davon plaudert
derselbe Dühring ein unbezahlbares Geheimniss aus der Schule seiner mathematischen Freunde,
wo er (a. a. O. S. 134 ff.) sagt: „Wenn man in den Differentialgleichungen überall genaue
Gleichungen finden will, so verschliesst man sich selbst den Weg zur Lösung der
Schwierigkeiten. Carnot kam auf den sehr einfachen, aber an das Ei des Columbus erinnernden
Gedanken, gradezu unvollkommene Gleichungen einzugestehen und als Vermittler der
gewönlichen Operationen anzuerkennen. Das Gleichheitszeichen ist.. hier nie.. ein Zeichen der
Gleichheit, sondern nur ein Zeichen einerseits.... einer Ungleichheit von einer gewissen
Kleinheit und andererseits.... einer ebenfalls stetigen unbeschränkten Verminderung. Dies ist der
genaue Begriff, den man sich von der sogenannten unvollkommenen Gleichung Carnot's zu
machen hat.“ — Also Gleichheiten, die keine Gleichheiten sind! was bedarf es weiter Zeugniss,
um die Grundlehre der Realdialektik zu erhärten, dass es ohne fundamentalen Widerspruch
nirgendwo beim logisch sein wollenden Denken abgeht? Kann es einen glänzenderen Triumph
für uns geben, als dass die anspruchsvollste Erbfeindin des antilogischen Princips selber sich zu
dem Bekenntniss gedrängt sieht: sie arbeite, wo sie am „elegantesten“ „operire“ mit einem
eingestandenen Blendwerk?! Die Incongruenz des angeblich Congruentesten, das ist dieser
Weisheit „letzter Schluss“ also genau das, was wir sagen: die Welt absolut unfähig, logisch
begriffen zu werden, weil in ihrem Wesen an sich das directe Gegentheil alles logisch
„Correcten.“

Darum erinnert es uns an das Stat pro ratione voluntas, wenn derselbe Dühring S. 7 den
Anspruch der Erkenntniss dahin formulirt „Wir wollen wissen, wie wir das System der Dinge
ohne Widerspruch denken können“; denn die Antwort müsste lauten: gar nicht! und wer
Unmögliches begehrt, hat das Anrecht verwirkt, gehört zu werden, und den Anmaassungen der
Mathematik, die Vertreterin des Logischen kath exogen zu sein, setzen wir den Ausspruch,
welchen Dühring ebenda citirt, von ihrem eigenen Meister Lagrange entgegen, dass das
Verfahren des höheren Calcüls regelmässig eines zweiten Denkfehlers bedürfe, um einen ersten
wieder gut zu machen — ein Wort, welches füglich dieser ganzen Betrachtung hätte zum Motto
gegeben werden können.

Falls aber darnach jemand höhnen möchte: „Nacht muss es sein, wo Eure Sterne strahlen“, so
darf sich die Realdialektik auf ihr gutes Gewissen zurückziehen, dass sie keinen Theil hat an
dem vielfach zur Anwendung gebrachten Kunstgriff, ein Mysterium durch das andrere erläutern
zu wollen, wie wenn Dunkel Licht in die Finsterniss tragen könnte. Was ihr an der Klarheit
voller Tageshelle gebricht, kommt auf Rechnung der Incongruenz zwischen logischen
Sprachmitteln und antilogischem Denkstoff; aber solange die Mathematik der Mittelbegriffe des
Irrationalen und Imaginären nicht entrathen kann, hat die am allerwenigsten ein Recht, zu einer
Weltanschauung die Nase zu rümpfen, welche nur ehrlicher als sie selber die Dinge beim
rechten Namen nennt.

Obzwar dem realdialektisch dreinschauenden Auge Alles ringsumher in das schwärzliche Grau
einer geistig vollzogenen Götterdämmerung sich hülle, so strahlt doch auch dahinein ein die
Nacht durchbrechendes Sternengeflimmer durch jene Löcher der Weltkrystalldecke, von denen
alte Mythen erzählen. Wenn die modernsten Vertreter „höheren“ und höchsten Formelkrams
sich schon rühmen: die Vorstellbarkeit ihrer Begrifflichkeit gehöre nur noch zu den Ausnahmen,
so vernimmt daraus die Realdialektik nur die Kehrseite derselben Einsicht, von welcher sie
selber ihren Hauptimpuls empfangen, dass nämlich die Begrifflichkeit, d. h. das Aufgehen in
rein logische Ausdrucksweise, beim anschaulichen oder gefülhlsmässigen Wissen kaum jemal
sich einfinde.

Ist dem aber also, dann können wir uns auch einer Abschätzung des Abstractionsvermögens
überhaupt nach seiner scientifischen Dignität nicht länger entziehen, und aus dem Thema dieses
Capitels entspinnt sich so ganz von selber die Frage des nächsten: