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der Retrograder Industrie Bau des Wolchow-


Wir wußten, daß im /
Wirischaftswettstreit mit billigen Strom liefern soll­ Kraftwerks, den die

1917-1987 dem Kapitalismus der Sieg


nur
Grad
bei
der
und größerer
einem hohen
Organisation
Produktivi­
te, wurde
nommen.
wiederaufge­
In ungeheizten
Stadtwohnungen frierend,
sannen Ingenieure über
Besitzer von Wärmekraft­
werken vor der Revolution
abgebrochen hatten.
-
,
tät der Arbeit möglich die Elektrifizierung der
war. Dazu brauchten wir Landesmitte und des Do- Kräfte Rußlands wurden
Brennstoff, Elektrizität uno nezbeckens und über den aufgeboten. Die wirtschaft­
Am 14. März 1918 traf liche Umstellung weckte
Stahl, die im zaristischen Bau eines Wasserkraft­
in Moskau ein Telegramm
Rußland kaum produziert werks an der Wolga nach. bei den Arbeitern Unter­
von Prof. J. Lomonossow
wurden. Diese Wirtschafts­ Die besten wissenschaft­ nehmungsgeist und Neue­
ein, der im Auftrag der rertum und bei den Mas­
zweige mußten erst ge­ lichen und technischen ir
Sowjetregierung ange-
schaffen werden. Aber sen revolutionären Elan.
fragt hatte, ob eine wei­ Nach den heutigen Maß­
wie? Die ganze Wirtschaft
tere Lieferung rollenden stäben könnten die Pläne
lag darnieder, aus Brenn­
Materials aus Amerika Die Bauern gingen wie der Partei vom Frühjahr
stoff- und Strommangel £
möglich sei. Darin hieß ein Mann gegen die das 1918 für das geschwächte
wurden Betriebe stillge­
es: „Die früher in Betrie­ Getreide verschiebende Rußland zumindest einem
legt. Züge fuhren keine,
ben der USA gebauten Dorfbourgeoisie vor. Sie Aufruf zum Start in den
, die Äcker blieben unbe-
750 Lokomotiven
16 000 Waggons
U
werden
stellt, und das Arbeitslo­
selbst lieferten es zu Weltraum gleichgesetzt $
festen Preisen an den
aus politischen Gründen
senheer wuchs an. werden. Es kam diesem r
Die Arbeiter der Brjans-
Staat ab. Aufruf nach.
nicht nach Rußland abge-
ker Lokomotivbauwerke
feriigt."
und nach ihnen die Proleta­
Das war also eine Sank­ if-
rier Petrograds beschlossen
tion! Arbeitsbestimmungen. Dar­
Ungefähr zur selben in hieß es: „Wir gehen
i
Zeit begann Lenin die zu schöpferischer Auf­
Schaffung der Grundlagen
der sozialistischen Wirt­
bauarbeit über. Wer eine 5
Maschine vorzeitig an­
schaft zu planen. Dafür hält, wird vor Gericht ge­ ;
bestanden schon Möglich­ stellt und entlassen.'* Bei S
keiten. Der Staat ging von strikten Sparmaßnahmen
der Kontrolle der Arbei­ und revolutionärer Diszi­
ter über die Produktion plin des ganzen Volkes
zu deren Leitung durch begannen die Bolschewi-
I
sie über. Die Produktiv­ ki, die Produktion zu pla­
kräfte wurden regeneriert, nen. Sie klärten die Ka­
aber die sozialistische pazität etwa eines Dut­
Wirtschaftsleitung mußte zends größter Betriebe
noch beim Fortbestehen und verteilten die Brenn-
des Staatskapitalismus und und Rohstoffe unter sie
der Privatwirtschaft auf- Der Bau des Wasserkraft­
gebaut werden. werks am Wolchow, das
MOSKAUER HEFTE Januar 1987
FÜR POLITIK Gründungsjahr 1943

IN DIESEM HEFT:

2 18
Wort des Redakteurs a Zeitgeschichte
Nach Lenin fl L. Besymenski
Direktive 476/2

NZ-Umfrage 22
Ist eine kernwaffenfreie Welt möglich! A. Lebedew
„Europa-Kernbombe" (zweiter Beitrag)
Auf Fragen der Redaktion antworten
Kaunda (Sambia), Jewtuschenko (UdSSR), "y’V ‘ -*'•*
Renton (Großbritannien), Blix (IAEA), / 25
Spaggiari (Italien) " • Unter der wirtschaftlichen Lupe
F. Gorjunow
Devisenspiele
5
Panorama
26
Menschenrechte
M. Sturua
8 Mehrfacher Mord
Frankreich
N. Jermakow
Gegenangriff der Rechten 28
Städte und Jahre
A. Pin
Die Steine Prags
10
Schv/eden
D. Pogorshelski 31
Bofors verwischt die Spuren G. Oganow
Sonne und Brot in seiner Malerei
(in memoriam Renato Guttuso)
11
UdSSR-lndien 32
W. Sacharow, Kulturminister der UdSSR Sport
A. Tschaikowski
Festival der Freundschaft Igor Belanows „Goldener Ball"

n
16 i TITELBILD: I. Smirnow
Polemik
% W. Zwetow
3 Nein, das ist erforderlich
3

?. XS'UE
?
j
5

Chefredakteur
WAS TUN! V. IGNATENKO-
Jede Redaktionskollcgium:
Generation
hat ihren Weg L. BESYMENSKI,
zu Lenin. Danach, S. GOUAKOW,
wie wir uns J. GUDKOW

I
Lenin zuwenden, (verantw. Sekretär),
läßt sich über vieles A. LEBEDEW.
urteilen... A. PIN.
Ober das ideologische B. PISTSCHIK
und geistige
(stellv. Chefredakteur),
Vermächtnis Lenins
schreibt A. PUMPJANSKI
der Publizist {stellv. Chefredakteur),
Jegor JAKOWLEW V. TSCHERNJAWSKI
{stellv. Chefredakteur),
12 V. ZOPPI
"NEUE ZEIT" 4.87
1
;

NACH LENIN .
Der Dichter hat recht: Lenin ist waren erforderlich, damit die Idee
auch heute lebender als die am der friedlichen Koexistenz
, allge-
.
Leben sind. Über 60 Jahre nach dem meine Anerkennung als universel­
Es ist ganz klar, daß bitteren Januar 1924 wurde das les Prinzip der internationalen
Michail Gorbatschow die
Bedürfnis, Lenin um Rat zu fragen, Beziehungen fand,
Notwendigkeit der interna­
tionalen Zusammenarbeit was zu tun ist, an seinen Vorstei- Ein Erfolg? Zweifelsohne. Doch
für die Gewährleistung ei­ Jungen, an seinem Vermächtnis die Zeit schreitet voran. Jetzt leben
ner friedlichen Zukunft der unsere Taten und Pläne zu messen, wir im Nuklear- und Rakeienzeital-
Erde erkennt. Die Menschen nur noch größer. Warum dem so ter. Und das hat seine eigenen
werden nie vergessen, wie
dringend der sowjetische ist, soll Gegenstand der Überle- Probleme, die ein ungewöhniienes,
Spitzenpolitiker in Reykja­ gungen des Publizisten sein, der in neues Herangehen verlangen.
vik zum Verzicht auf SDl diesem Heft der „Neuen Zeit" das Schon lange vor unseren Tagen
appellierte. Ich bin über­ hielt Lenins scharfer Geist eine
zeugt, daß seine Vor­ Wort ergreift. Wir aber wollen ein
schläge schließlich helfen anderes Thema berühren. besorgniserregende Erscheinung
werden, "Sternenkriege" zu fest. Im Imperialismus, konstatierte
unterbinden, und daß sie Keiner der auf Erden Lebenden
Lenin, „durchdringt die Militarisie­
unsere Generation vor der hat so viel für die arbeitenden
Vernichtung in einem ther­ rung das ganze öffentliche Leben".
Menschen getan wie Lenin. Von
monuklearen Krieg bewah­ Heute hat die verstärkte Militarisie-
Lenin erhielten die Werktätigen als
ren werden. rung der USA und des gesamten
Isao ASHIBA Vermächtnis das Sowjetland und
NATO-Blocks zu einem wahnsinni­
Tokio, Japan die Wissenschaft vom Aufbau des
gen nuklearen Rüstungswettlauf
Sozialismus. Ja, nicht immer und
geführt, der die Zivilisation immer
nicht allen Leninschen Weisungen
näher an die kritische Linie treibt.
Mich regt auf, daß unsere haben wir unerschütterliche Treue
westlichen Massenmedien bewahrt. Und dafür haben wir Es gibt nur eine Möglichkeit,
mit zweierlei Maß an die einen hohen Preis gezahlt. Doch diese kritische Linie nicht zu
Berichterstattung aus der überschreiten: die Welt von den
UdSSR und Ländern des unter jenen Weisungen, an die wir
Westens heran gehen. Sie uns stets gehalten haben, ist Lenins Nuklearwaffen zu befreien. Ohne
mißbrauchten die Tragödie Mahnung, unermüdlich für die sie wird auch ein Nuklearkrieg
von Tschernobyl für propa­ Befreiung der Menschheit von den unmöglich werden.
gandistische Ziele und Die Sowjetunion schlägt, gestützt
blähten ihr Ausmaß und ihre Kriegen und den Ursachen, die sie
Folgen auf. Als jedoch der hervorbringen, zu kämpfen. auf das am 15. Januar 1986 verkün-
Rhein starb (das gleiche dete Programm für eine kernwaf-
Schicksal erwartet unseren „Beendigung der Kriege, Friede fenfreie Welt, ein kühnes rea-
Fluß Po), verniedlichte die unter den Völkern, Aufhören von listisches Herangehen an die Zü-
Presse diese Katastrophe. Raub und Gewalt" - das ist Lenin gelung des Wettrüstens in allen
Schon wenige Tage nach
der Tragödie versuchte man zufolge das Ideal des Sozialismus, seinen Richtungen vor, Diese
die Leser damit zu be­ Unsere Zivil, sat.on diesem ideal weitreichenden Vorschläge, heißt
schwichtigen, daß alles wie­ naher zu bringen, war und bleibt es in der Botschaft Michail Gor-
der im Lot sei. die Hauptaufgabe der sowjetischen batschows an die führenden Reprä-
Maria PERELLI
uK vsit" 9 T „ sentan1e" der Staaten der „Sechs
Mailand, Italien
Leben der Völkergemeinschaft zu von Delhi", sind das solide Bauma-
verbannen ist ihr höchstes Ziel, renal, aus dem bereits im kommen-
Die US-Propaganda po­ Fnedliche Koexistenz Entspannung den Jahrzehnt das feste
saunt in die Welt hinaus, und Abrüstung sind ihre höchsten' Gebäude
daß die US-Bürger große einer zuverlässigen Sicherheit für
Prioritäten.
Freiheiten genießen. Eine alle errichtet werden könnte.
solche "Freiheil" ist die Dornig und kompliziert ist der
Die Zeit drängt. Dynamik und
unbegrenzte Möglichkeit Weg zu einer Welt ohne Waffen,
eines jeden, eine Feuer­ Verantwortungsbewußtsein werden
ohne Kriege. Schwer ist die Bürde, von der PoIitik jm Nuk!ear_ und
waffe zu besitzen. Unlängst die der Sozialismus übernommen
brächte eine unserer Zei­ Weltraumzeitalter verlangt. Lenins
tungen die Mitteilung, daß hat. Doch der Fortschritt ist unauf­
Weisungen folgend, verstärkt die
eine Bank in Harrisburg haltbar.
(USAj ihren Kontobesitzern Sowjetunion das Potential des Frie­
Zum Eckstein der Außenpoli- dens. L
angebofen hat. Ihnen statt der Sozialismus kann kein
tik des jungen Sowjetrußland Nein als
der Jahreszinsen Feuerwaf­ Antwort auf die Frage
fen zu liefern. Merkwürdig, wurde Lenins Idee der nach dem Sein oder L
daß ein Land, in dem friedlichen Koexistenz von Staaten Nichtsein der
J Menschheit akzeptieret Der ge-
Gewalt herrscht, fast nichts mit unterschiedlichen Ge- sellsehattliche ForLbHf?,' d^Zi^
lut, um sie auch nur sellschafissystemon. Vielen schien
halbwegs einzudämmen! ... • . . , , sa"on müssen und werden weiter-
Stephanie JACKSON sie eine Utopie zu sein. Jahrzehnte bestehen.
Gin Gin, Australien
2
"NEUE ZEIT" 4.87
NZ-UMFRAGE _______

IST IS KfRNWAFFEM WEIT MÖGLICH


H WIE lliira 1 SIEH DIE GRUNDLAGEN
ii INTERNATIONALEN STAGI1ITÄT VOR?
Kenneth Kaimda: wurde zum Patriotismus und dieser zum
Verrat.
Die amerikanischen Fahnenflüchtigen in
LICHT I!) UNSERER GEFÄHRLICHEN WELT Vietnam verrieten Amerika nicht. Viele
taten es nicht aus Feigheit, sondern weil
Kenneth Kaunda ist Präsident Sambias sie dem Gebot ihres Gewissens folgten.
Das ist eine sehr wichtige Frage. Sie Er hat fürv/ahr neues Licht in unsere Eine amerikanische Studentin, die in den
muß, wenn dem solange nicht so ist, die gefährdete Welt getragen. Ich sage das Lauf einer MPi eine Blume steckte, war
führenden Repräsentanten aller Länder - nicht, weil ich jetzt mit einem sowjetischen eine Patriotin, und der Nationalgardist,
in Ost und West, in Nord und Süd - Journalisten spreche. Ich sage das, v/as ich der sie ermordete, war ein Anfipafriot.
beschäftigen. Wir alle leben auf einem denke, sage es von ganzem Herzen. Ich könnte noch viele Beispiele anfüh-
Planeten, und die Bewahrung des ren.
Mein Aufruf an alle führenden
Weltfriedens muß eine vorrangige Auf­ Repräsentanten im westlichen Lager lau­ Patriotismus ohne Gewissen ist
gabe sein. Doch er kann nicht bewahrt tet: Gebt Michail Gorbatschow eine Antipatriotismus. Das Gewissen der
werden, solange uns die Nuklearwaffen Chance, stellt ihn auf die Probe, erprobt Menschen ist aber verschieden. Es kann
als Damoklesschwert bedrohen. Ich das, v/as die heutige sowjetische Führung winzig sein und wegen seiner Winzigkeit
glaube aufrichtig, daß die Welt ohne sagt, nicht aber das, was früher geschah. und Selbstsicherheit unbemerkt von sei­
Nuklearwaffen bestehen kann. Existierte Wenn man im Westen die Vorschläge nem Träger in Gewissenlosigkeit Umschla­
sie ja, bevor Nuklearwaffen erfunden gen. Schlimm, wenn die Evolution des
dieses Mannes, seinen aufrichtigen Frie­
wurden. denswillen ignoriert, dann wird eine Gewissens hinter der der Technik zu­
In diesem Zusammenhang möchte ich Chance ungenutzt bleiben, was man rückbleibt. In deren Evolution haben wir
von der mir gebotenen Möglichkeit später vielleicht immer bedauern wird. manches erreicht. Wohl alle betrachten
Gebrauch machen, um im Namen des Kurz gesagt, sind die Vorschläge Leibeigenschaft und Sklaverei als gewis­
Volkes, der Partei und der Regierung Michail Gorbatschows für die Beseitigung senlos. Doch viele Spielarten der Leib­
Sambias Michail Gorbatschow für dessen der Nuklearwaffen bis zum Jahre 2000 eine eigenschaft und Sklaverei tragen freiheit­
Tätigkeit im Interesse der Bewahrung des reale Chance. Dieses Ziel ist erreichbar, liche Schutztarnung.
Friedens, für dessen Friedensengagement wenn die Führer aller Nuklearmächte Das Gewissen lehnt sich gegen den
entschlossen handeln werden. Krieg auf. Ein schmutziger Krieg tötet es
Tribut zu zollen. Er hat dafür so viej getan.
ab. Aus der Geschichte wissen wir, wie oft
jede kriegführende Partei raffiniert "be­
Jewgeni Jewtuschenko: wies", daß sie von der anderen in den
Krieg hineingehetzt worden, daß ihr
eigenes Gewissen rein und gewissenlos
ALLES NOTWENDIGE ihr Gegner sei.
Im nuklearen Zeitalter können dem
IST MÖGLICH Gewissen keine nationalen Grenzen ge­
zogen werden. Das Gewissen ist nur dann
Jewqeni JEWTUSCHENKO. Dichter national, wenn es international ist. Nur die
Evolution des internationalen Gewissens
Eine Welt ohne Kernwaffen ist notwen­ Verrat an einem Befehl Hitlers zu üben, kann allen Nationen den Frieden verbür­
dig und darum möglich, denn möglich ist bedeutete Treue zum Vaterland und gen — allen zusammen und jedem einzel­
Wahrung des Gewissens. Der Verrat nen.
alles, was notwendig ist.
Der internationalen Stabilität liegt die
Stabilität des Gewissens zugrunde. Nichts
ist aber stabiler als dieser Begriff, der Timothy Renton:
andauernd abgewertet wird.

Verrat am Heimatland ist gewissenlos.


WIR HABEN ANDERE
Es gibt aber Leute, die das Heimatland mit
der Regierung identifizieren. Für die
meisten Bewohner Hitlerdeutschlands war
PRIORITÄTEN
Hitlers Befehl ein Befehl des Vaterlandes. Timothy Renton ist Staatsministcr Großbritanniens für Auswärtige Angelegenheiten
Die Geschichte hat aber gezeigt, daß und Commonwealth-Fragen.
Hitler ein Verräter an Deutschland war,
weil er nicht von dessen wahren, sondern Das Beste, was man heute tun Scann - das drei spezifische Prioritäten zu konzentrie­
von eingebildeten Interessen ausging. Nützlichste und Realste - ist es, sich auf ren, die Frau Thatcher und Präsident
"NEUE ZEIT" 4.87 3

t
Hans Blix:
EINE SOLCHE WELT IST REAL
Dr. Hans Blix ist Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde.

Optimistisch schätze ich die Bei allen Abrüstungsverhandlungen


Möglichkeiten der Abrüstung ein und sind die Fragen der Kontrolle unab­

versuche nach Kräften dazu beizutragen, dingbarer Bestandteil der Tagesordnung.

wenn ich auch bislang nicht auf spürbare Deshalb meine ich, daß unsere diesbe­
Ergebnisse verweisen kann. Nichtsdesto­ züglichen Erfahrungen von großer Bedeu­
weniger scheint mir, daß die Schaffung tung für die Verhandlungen über nukleare
einer Welt ohne Nuklearwaffen real ist. Abrüstung sind.
Verhandlungen über nukleare Abrüstung Und noch etwas. Heute laden vier von
werden in Genf geführt, doch auch wir fünf Nuklearmächten freiwillig unsere
leisten im Rahmen unserer Behörde eine Inspekteure für die Kontrolle einiger zivil
Arbeit, die dafür von nicht geringer genutzter Anlagen ein. Zu diesen Ländern
Bedeutung ist. Gemeint sind die Maßnah­ gehört auch die Sowjetunion, die sich vor
men der IAEA für Sicherheit und Garan­ einigen Jahren einem solchen System
tien. Ich will das erläutern: Wir ver­ angeschlossen hat. Uns wird eine ganze
wirklichen ein Kontrollsystem, in das Reihe von Anlagen in der Sowjetunion -
sowohl Teilnehmer des Atomsperrvertra­ nach unserer Wahl zur Inspektion
ges als auch andere interessierte Staaten angeboten. Gegenwärtig verhandeln wir
einbezogen sind, die unsere Behörde mit China über die Inspektion einiger
über den Lagerungsort von Spaltmaterial, chinesischer zivil genutzter (Suklearanla-
d. h. von Plutonium und Uran, informieren. gen. Ich möchte hoffen, daß es uns noch in
Außerdem entsenden wir Inspekteure in diesem Jahr gelingen wird, eine Verein­
diese Länder, um die angegebenen barung mit der VR China zu erreichen.
Lagerungsorte von Spaltmaterial zu In Zukunft, meine ich, werden bei der
kontrollieren. So überwachen wir, daß es Erörterung von Fragen der nuklearen
nicht für militärische Zwecke in den Abrüstung unsere Erfahrungen bei der
Teilnehmerländern des Atomsperrvertra­ Inspektion zivil genutzter Nukiearanlagen
Plakat von W. Weber (Brasilien) zum ges, des Tlatelolco-Vertrages sowie in in Staaten, die über Kernwaffen verfügen,
internationalen Wettbewerb "Für Frie­ den Staaten, die ihre Nuklearanlagen berücksichtigt werden.
den und sozialen Fortschritt". unter die Kontrolle der IAEA gestellt
haben, verwandt wird.

Reagan in Camp David im November
v. J. vereinbarten. Das sind jene Prioritä­
Ivo Spaggiari:
ten, die heute von all unseren Verbünde­
ten im Nordatiantikpakt gebilligt werden.
Konkret umfassen sie einen 50prozentigen
Abbau der strategischen Offensivwaffen,
ICH GLAUBE DARAN
ein Abkommen über Mittelstreckenrake­
Ivo spaggiari ,ist unter dem Pseudonym Pantaleone
ten größerer Reichweite, die wir vollstän­ als italienischer Maler,
Preisträger vieler internationaler Wettbewerbe
dig vernichten möchten, und ein Verbot bekannt. Er ist Mitglied der
Kommunistischen Partei Italiens.
der chemischen Waffen.
Da ich mich hier in Moskau befinde, Ja, die Welt ist ohne Kernwaffen
vorgestern erkennen, wer in dem unge­
wäre es wohl angebracht, von unserem möglich, daran glaube ich, und ohne
diesen Glauben wäre es einfach un­ mein schwierigen Gespräch zwischen den
Fünfjahrplan zu sprechen. Ich meine, daß
möglich, zu leben, zu atmen und zu Großmächten welchen Standpunkt ein­
wir ein Verbot der chemischen Waffen
nimmt. Auf der einen Seite ein stetes
sogar früher erreichen können. ln fühlen. Ja, internationale Stabilität ist bei
Suchen nach neuen, der Nuklearepoche
gleichem Maße gilt das auch für ein einem Verzicht auf Kernwaffen möglich.
Abkommen, das die Mittelstreckenraketen Als langjährigem Mitglied der KP Ita­ entsprechenden Lösungen und die be­
größerer Reichweite verbietet. Für die liens und ehemaligem antifaschistischem eindruckend aufrichtige Bereitschaft, be­
Ausarbeitung der Einzelheiten des 50pro- Partisanen ist mir der rastlose Kampf der liebige Gegenvorschläge zu erwägen und
zentigen Abbaus der strategischen Offen­ UdSSR und ihrer jetzigen dynamischen zu erörtern, auf der anderen Seite die
sivwaffen ist offenbar mehr Zeit erforder­ Führung um festeren Frieden und Völker­ Verletzung von SALT II, die Weigerung,
lich - daher auch die Fünfjahresfrist des verständigung ungemein wichtig, und ich ‘ s,c em sowjetischen Teststoppmorato-
Plans. Doch wenn es uns gelingen würde, solidarisiere mich damit. Ja, die Kernwaf­ num anzuschließen und das Aufstocken
qualitativ neuer
eine Einigung über diese drei fen auf der Erde könnten vernichtet strategischer Rüstungen,
praktischen Punkte zu erzielen, würde das werden, wenn auch der Westen begreift ir stehen die Science-fiction-Künstler
diese bereits zum umfassendsten wie zeitgemäß und lebenswichtig das nahe. S.e könnten Bilder von "Ster-
Programm für den Abbau der Nuklearwaf- umfassende Friedensprogramm ist, das im enkriegen malen. Effektvoll würden
feh machen. Ich meine, man sollte die Komplex der in Reykjavik vorgebrachten In w aL,er. ?Ur auf den Mildern aussehen.
Anstrengungen besser auf diese praktisch sowjetischen Friedensvorschiäge so aus- in. ^ hkeit Wäre" sie das Ende von
erreichbaren Ziele lenken als weit voraus­ lunrlich und konkret formuliert ist. sür I, Samten menschlichen Zivili­
schauen, in eine utopischere Situation der Ich gewinne den Eindruck, daß heute sation und der letzten Blume auf diesem
vollständigen Vernichtung der Nuklear­ viel mehr Italiener als Planeten.
gestern oder
waffen, die meiner Meinung nach in
nächster 'Zukunft nicht entstehen wird, j
A. ARCHIPOW, J.

'NEUE ZEIT" 4.87


PANORAMA

ASIATISCH-
PAZIFISCHE
REGION

Wer wird

folgen?
OIN MOSKAU WURDE DER
MIT DER REGIERUNG DER
MVR ABGESTIMMTE
BESCHLUSS GEFASST, EINEN
TEIL DER SOWJETISCHEN
TRUPPEN, DIE SICH
ZEITWEILIG AUF
MONGOLI SCHEM
TERRITORIUM BEFINDEN,
ZU ROCKZU NEHMEN. SO
WIRD EINE WEITERE THESE
AUS MICHAIL GORBA­
TSCHOWS REDE VON WLA­
DIWOSTOK VERWIRKLICHT.
Die Mitteilung des
UdSSR-Verteidigungsmimsie-
riums fand ein starkes Echo in
der Region. Devon berichteten
u. a. alle japanischen Zeitun­
gen. „Die Entscheidung der
Sowjetunion", unterstrich der
"Tokyo Shimbun", "ist von
großer politischer Bedeutung."
Die Sowjetunion, die eine
realistische Konzeption für
Frieden und Stabilität im asia­
tisch-pazifischen Raum vor­
schlug, beschränkt sich nicht
auf Erklärungen und Deklaratio­
nen, sondern tut das, was von
ihr abhängt.
Der Abzug eines Teils der
Truppen aus der Mongolei
zeugt von der festen Überzeu­
Wir machen uns hier in Nevada unsere Gesundheit kaputt, weil wir die Welt retten
gung Moskaus, daß eine regio­ wollen, und die Russen bleiben bei ihrem ekligen Moratorium!
nale Entspannung möglich ist.
Maßnahmen wie die Begren­ Zeichnung: W. Arsenjew
zung der Rüstungen in der
Region, die Beseitigung von
Anlässen für mögliche Ver­
dächtigungen im Bereich der Versuche einiger anderer Län­ nimmt. Doch nichtsdestoweni­ Antinuklearpolitik der Staaten
militärischen Aktivitäten wer­ der, die ganze Region, wenn ger unterstützen wir den Be­ des Südpazifiks, vor allem
den zweifelsohne zur Herstel­ schon nicht vollständig unter schluß der sowjetischen Füh­ Neuseelands. Offenbar deshalb
lung von Vertrauen und zur ihre Kontrolle zu bringen, so rung. Der Abzug eines Teils der setzen die USA all ihren Einfluß
Verständigung zwischen den doch zumindest eine Konsoli­ sowjetischen Truppen - obwohl ein, um deren gemeinsames
Staaten beitragen. dierung der Friedenskräfte zu es uns rein menschlich weh tun Handeln zu verhindern und sie
"Wir verfolgen aufmerksam verhindern und die bestehen­ wird, von den Waffenbrüdern zu entzweien. Im neuen Jahr
die Entwicklung im asiatisch­ den Spannungsherde zu be­ Abschied zu nehmen - muß als hat Japan, dessen Außenmi­
pazifischen Raum", sagte mir in wahren. Unserer Aufmerksam­ Beispiel dienen und anderen nister T. Kuranari eine Reise
Ulan-Bator General Tschordon keit ist auch nicht der Prozeß Ländern bei der Suche nach durch Länder des Pazifikraums
Purewdorsh, Leiter des Instituts der Verstärkung der amerika­ Wegen zur Sicherheit und zu unternahm, um einen „Keil"
für militärwissenschaftliche nischen Militärpräsenz in der einem dauerhaften Frieden in (wie der „Tokyo Shimbun"
Forschungen des MVR-Vertei- Region entgangen. Wir sind der Region helfen." schrieb) zwischen die Sowjet­
digungsministeriums. „Hier auch darüber besorgt, daß Die Sowjetunion und die union und diese Staaten zu
stoßen zwei entgegengesetzte Tokio den Aktionsbereich sei­ anderen sozialistischen Länder treiben, diese Mission über­
Tendenzen aufeinander: das ner 'Selbstverteidigungskräfte' Asiens sind nicht allein in ihrem nommen. Das Programm für die
Streben einer großen Zahl von ausweitet und von jeder Streben, hier Stabilität zu er­ Reise T. Kuranaris v/ar bei den
Staaten nach einer Stabilisie­ Beschränkung de s reichen. Großen Einfluß auf die kurz zuvor erfolgten japanisch-
rung der Lage sowie die Rüstungshaushalts Abstand Lage in der Region hat die amerikanischen militärischen
"NEUE ZEIT" 4.87 5
PANORAMA |
i
SAULNIER, STABSCHEF DER
bei allen afghanischen Patrio­ Auf einer Konferenz in
Konsultationen festgelegt wor­ FRANZÖSI SCHEn
den. Die Sprecher des Penta­ ten, die davon träumen, daß im Peschawar lehnten die Führer
STREITKRÄFTE AU S
gon und des Nationalen Vertei- Lande endlich der Frieden der Oppositionsparteien, deren
N ' D J A M E N A . ALS
digungsamtes beschlossen in Einzug hält. Die Revolutionsre- Hauptquartiere sich in Pakistan
Frie- BESTÄTIGUNG VERWIES ER
Honolulu, sich um eine „umfas- gierung hat den Kurs auf befinden, die
DARAUF, DASS die
sende Zusammenarbeit" im mi­ Aussöhnung proklamiert. Er densvorschiäge ab. Offen be-
seine STRATEGISCHE "ROTE LINIE"
litärisch-strategischen Bereich wurde von den Delegierten der kündete Washington
zu bemühen. Nicht nur für AB JETZT NICHT MEHR
II. Konferenz der Nationalen Ablehnung des Kurses auf
abgestimmte Operationen im EXISTIERT.
Vaterländischen Front (NVF), nationale Aussöhnung. Der
Kriegsfall, sondern auch, um Das französische Heereskom­
der größten Massenorganisa­ Sprecher des Weißen Hauses
die Kontrolle über den gesam­ mando hatte die "Rote Linie"
tion der DRA, unterstützt. bezeichnete den in Kraft getre-
ten Pazifikraum schon heute 1983 errichtet. Sie verlief auf
Die NVF hat eine Schlüssel- tenen Waffenstillstand als „be-
sicherzustellen. dem 16. Breitengrad und teilte
rolle bei der Verwirklichung langlos". Die USA stellen das
Eben deshalb sprach T. Kura-
der Politik der nationalen Aus- so hin, als hänge eine politische den Tschad in zwei Hälften. Im
nari bei seiner Reise immer
söhnung zu spielen. Dazu wird Regelung in Afghanistan nur Südteil befinden sich bis heute
wieder von dem „immer ge­
fährlicheren Einfluß der So­ die Einbeziehung der patrio- vom Abzug der sowjetischen noch französische Truppen. Da­
tisch gesinnten Mullahs und der Truppen ab. Zur gleichen Zeit mals wurde verlaufbart, daß
wjetunion in der Region". In
Ulemas, der Richter, Ärzte, tauchten in der amerikanischen diese die "Rote Linie" nicht
Canberra schlug er den austra­
lischen Ministern vor, eine Lehrer, Stammesältesten und Presse Meldungen über eine überschreiten würden. Jetzt
bilaterale Zusammenarbeit im anderer Mitbürger, die die Verstärkung der „Hilfe", die dagegen gab der Stabschef der
Kampf gegen die „sowjetische Achtung des Volkes genießen, die USA den Duschmanen französischen Streifkräfte deut­
Infiltration" in die Wege zu in die leitenden Organe der 1987 zukommen lassen, auf. lich zu erkennen, daß auch eine
leiten. Seine Vorschläge fan­ Front beitragen. Auch den Die Volksmacht der DRA ist "Rote Linie" ihn nicht daran
den aber keine Aufnahme. In islamischen Parteien, die zur sich natürlich bewußt, daß die hindern werde, im nördlichen
Wellington ging Kuranari mit Aussöhnung mit der Aussöhnung keine einmalige Tschad zu operieren. Seinen
keinem Wort aut die Antinuk- Volksmacht bereit sind, wurde Aktion ist. Dieser Prozeß ver- Worten sollten Taten folgen.
learpoliiik Neuseelands ein. Er
angeboten, sich der Front anzu- langt Zeit und Geduld, Taten wie diese:
vermied dieses Thema, da man
schließen. Hierbei können sie Kompromisse und Zuge­ Höchstwahrscheinlich setzt
in Tokio zutiefst darüber be-
ihre Organisationsstruktur be­ ständnisse. Der Generalsekre- die "neue Lage" für Saulnier
sorgt sei, wie die Zeitung
halten und sich mit politischer tär des ZK der DVPA, Najib, am 16. Dezember 1986 ein,
„Sankei" schrieb, daß der Kurs
Tätigkeit befassen. erklärte auf einer Pressekonfe­ denn an diesem Tag warfen
Neuseelands den Antikriegs-
in der Region So steht die NVF, die auf der renz in Kabul: „Die Politik der französische Transportflug­
Stimmungen
Auftrieb gebe und der amerika­ Konferenz in Nationale Front nationalen Aussöhnung wird zeuge über dem Hochland von
nischen Politik abträglich sei. (NF) umbenannt wurde, allen unter beliebigen Bedingungen Tibesti im Nordfschad Waffen
So sieht der außenpolitische offen: sowohl jenen, die vom fortgeführt - selbst, wenn die für Kämpfer der N'Djamena-
Kurs Japans aus, eines Landes, Feind betrogen wurden oder I
Gegner die einseitige Feuer- Regierung ab. Danach er-
dessen Vergangenheit - Hiro­ mit den Zielen der Revolution einstellung nicht unterstützen moglichte
|
das französische
shima und Nagasaki- eigentlich nicht einverstanden sind, doch
werden. Wenn als Antwort auf Heereskommando etwa 1000
von ihm die Teilnahme am
sich als Patrioten Afghanistans unsere Feuereinstellung N'Djamena-Soldaten, ihre Kor-
Kampf für eine kernwaffenfreie betrachten,
a s auch jenen Kampfhandlungen der gegne- dons zu passieren. Sie fuhren
Welt, für einen Abbau der
U"d £rüpPen' rjsche" Seite folgen werden, mit LKWs nach Tibesti und
Spannungen in der Region
erwarten läßt.
d.e die Plattform der Demokra- dann werden wir darauf mit der nahmen an Kampfhandlungen !
tischen Volkspartei Afgha­
Die Sowjetunion de- ganzen Macht der Streitkräfte teil. Somit brach Frankreich ein
nistans (DVPA) nicht anerken-
monsirierf, daß des von ihr antworten müssen. Die Alterna­ zweites Versprechen, nämlich
nen.
vorgeschlagene Programm für tive zur Ablehnung der Aus­ keine militärischen Zusam­
Die II. Konferenz der NF
asiatische Sicherheit ver- söhnung ist Krieg. Doch dies
fand am ersten Tag des am 15. menstöße zwischen den
wirklicht werden kann. Die wird nicht
Januar verkündeten halbjähri­ unsere Wahl sein." kämpfenden Parteien im Tschad
UdSSR, die Mongolei und die L. MIRONOW
gen Waffenstillstands statt. Als zuzulassen, um ihnen zu er­
anderen sozialistischen Staaten
gesamtnationales Fest begin­ möglichen, nach friedlichen
Asiens beweisen dies mit Taten.
Wer wird ihrem Beispiel fol­ gen diesen Tag Zehntausende Lösungen des Konflikts zu
von Einwohnern Afghanistans, TSCHAD suchen, der das Land zerreißt.
gen?
L. MLETSCHIN in Hunderten Dörfern. Auf den-------------------— Die Soldaten N'Djamenas
Aufruf der DVPA, des Revolu- waren nicht allein im Gebiet
tionsrates und der Regierung Tibesti. Wie der Pariser
der DRA zu einem Waf­ "Monde" meldet, waren sie in
AFGHANISTAN fenstillstand reagierten schon in Keine Begleitung französischer „Be­
den ersten Tagen einige be­ obachter", die die militärische
waffnete Gruppierungen, ab­ Aufklärung übernommen hat-
Der Waffen- gesehen von jenen, mit denen
bereits früher verhandelt wur­
,fRote fen. Sie halten sich zweifellos
noch in Tibesti auf. Die Zeitung
de. So gingen in der Provinz verschwieg die Anzahl der
Stillstand Herat 3500 Mitglieder be­
Linie“ „Beobachter". Außerdem
waffneter Gruppierungen und schwieg sie zu der Frage, ob
• WER FÜR UND WER GEGEN in der Provinz Fariab 500 auf nicht diese „Beobachter" die
DIE POLITIK
AUSSÖHNUNG IST.
DER die Seite der revolutionären
Staatsmacht über. Doch es
mehr Kampfoperationen der N'Dja-
mena-Truppen leiten.
„Solh" bedeutet in Paschtu geschah auch, daß die gegne­ ®> IM
TSCHAD SEI EINE Auch der „Figaro" wußte
und Dari „Frieden". Dieses rische Seite das Feuer eröffne- "VÖLLIG
NEUE LAOP" nteressantes zu vermelden.
V/ort ist heute in aller Munde, ie...
EINGETRETEN, MELDETE JEAN Wie sich herausstellt, wurde am
6 ,6- Dezember im Gebiet Tibesti

"NEUE ZEIT” 4.87

’i

PANORAMA

destagswahlen am 25. Januar rium tatsächlich nicht vorstel­


auswirken könnte. len, wo sie eingebaut werden
Schon auf den ersten Sitzun­ sollten?
gen kamen für die jetzige Die CDU/CSU-Mitglieder in
Regierungskoalition un- der Parlamentskommission ha­
günstige Fakten ans Tageslicht. ben kein Bedürfnis, sich mit
Es wurde klar, daß die Kieler diesen Fragen zu beschäftigen.
Schiffbaufirma „Howaldtswerke Einen Tag nach Schreckenber­
- Deutsche Werft" (HDW) und gers Aussagen erklärte ihr
das eng mit ihr verflochtene Obmann Friedrich Bohl, daß die
Ingenieurkontor Lübeck (IKL) Kommission seiner Meinung
Blaupausen von U-Booten unter nach ihre Pflicht getan habe,
den Augen der Regierung an und schlug vor, sie aufzulösen.
die RSA verkauft hatten. Wenn nämlich von Seiten der
Der Zeuge Waldemar Regierung keine offizielle Er­
Schreckenberger, von 1982 bis laubnis für den Verkauf der
1984 Leiter des Bundeskanzler- Blaupausen Vorgelegen habe,
Diese "Mirage" ist eines von den Dutzenden französischen
amtes, gab zu, daß ihm Kohl gebe es auch nichts mehr zu
Kampfflugzeugen im Tschad.
Foto: "Jeune Afrique" (Paris) aufgetragen habe, die Anfrage untersuchen. Was die Vorge­
der RSA "wohlwollend" zu hensweise der HDW- und
prüfen. Die Chefs des Lübecker IKL-Vorstände angehe, so
nicht nur Milifärladung abge­ durchführen. Besonders seit­ Kontors wußten von der Inter­ stimme Bohl mit der Kieler
worfen. Ebenfalls per Luftweg dem die "Rote Linie" offiziell essiertheit des Kanzlers und Oberfinanzdirektion überein,
war eine französische als nicht mehr existent erklärt des CSU-Vorsitzenden Strauß die den nicht genehmigten
Fallschirmjägergruppe dort­ wurde, also Fiktion ist. an einem Zustandekommen des Verkauf von Konstruktionsplä-
hin unterwegs. Die Zeitung L. SKURATOW Geschäfts (davon hatte ihnen ne.n an die Rassisten als min­
schreibt, es handele sich dabei Schreckenberger selbst erzählt) derschweren Fall eingestuft
um Instrukteure, die in kür­ und beeilten sich, den Vertrag hatte. Die Finanzdirektion hatte
zester Frist N'Djamena-Kämpfer über die Lieferung der vorgeschlagen, jede Firma mit
im Umgang mit französischen BRD Konstruktionspläne mit den 50 000 DM Geldstrafe zu bele­
Waffen schulen und en­ Rassisten abzuschließen. Am gen. Eine lächerlich geringe
ges • Zusammenwirken mit 19. Juni 1985 hatten die Summe, wenn man sie mit dem
ihren Truppen üben sol­ IKL-Vertreter den letzten Teil Erlös vergleicht. Norbert Gan­
len. der Skizzen in der
Weiter berichtet
der „Figaro" über französische Händler RSA-Botschaft in Bonn überge­
sei, Obmann der Sozialdemo­
kraten in der Kommission, be­
Trainingslager für N'Djamena- ben, einen Tag nach dem wertete diesen Vorschlag als
Kämpfer nördlich der "Roten
Linie". Mitte Januar flogen
und Vermittler Treffen mit Wirtschaffsminister
Bangemann, der den hansea­
"Freibrief für
Rüstungsgeschäfte".
illegale
Bohls
14 französische Jaguar- und tischen Geschäftsleuten von Erklärung veranlaßie Uschi Eid,
Miragebomber einen Angriff O IN BONN NAHM DER der endgültigen Entscheidung die Obfrau der Grünen zu der
auf den Flughafen Ouadi Doum AUF INITIATIVE DER der Regierung berichtet haben Frage, ob nicht tatsächlich Be-
im Nordtschad und setzten OPPOSITIONSPARTEIEN will, keine Erlaubnis für dieses sfechungsgelder von den Fir­
das Funkmeßsystem dieses GEGRÜNDETE PARLAMENTA­ Geschäft zu geben. men HDW und IKL an
Flugplatzes außer Gefecht. RISCHE AUSSCHUSS DES Die Waffenhändler verstan­ Unionspolitiker geflossen sind.
BUNDESTAGES ZUR den den Minister offensichtlich Die Frage ist nicht unbegrün­
Damit leitef Frankreich UNTERSUCHUNG ILLEGALER so, daß eine fehlende Erlaubnis det. Bekanntlich wurden die
scheinbar sein militärisches En­ LIEFERUNGEN VON kein Verbot bedeutet. Schon Zeichnungen für 46 Mio DM
gagement im Nordtschad erst BLAUPAUSEN MODERNSTER Anfang der 70er Jahre haften verkauft. Auf den Rechnungen
ein. In N'Djamena erklärte Jean U-BOOTE AN DIE RSA SEINE sie ebenfalls ohne Erlaubnis, der Händler figurierten nur
Saulnier vor Journalisten ARBEIT AUF. aber mit dem schweigenden 42,6 Mio. Wo die übrigen
großspurig: „Wir sagen nicht, Hohe Regierungsbeamte, Einverständnis der Regierung 3,4 Mio hingekommen sind,
daß wir im Norden, wenn es Minister und selbst Kanzler Konstruktionspläne für U-Boote weiß niemand. Aller
nötig sein sollte, nicht noch Kohl sind in die Affäre ver­ an Israel verkauft. Wahrscheinlichkeit nach wur­
einmal Maßnahmen ergreifen", wickelt (siehe NZ 51/86). Ende Inzwischen wurde ruchbar, den sie jenen als Kommission
und fügte hinzu: „Man darf die Dezember bereits sollten die daß nicht nur Skizzen, sondern gezahlt, die das Geschäft
Größenordnung seiner Opera­ ersten Zeugen ihre Aussagen auch elektronische Militäraus- durchführen halfen. In der
tionen nicht von vornherein vor der Kommission machen. rüstungen an Pretoria gingen. Presse wird der Name des
beschränken." CDU/CSU- und FDP-Parlamen- Der "Spiegel" meldete, daß ehemaligen CSU-Bundesfags-
tarier bestanden jedoch auf bereits 1931 das noch von Otto abgeordneien und Strauß-Inti­
In diesem Zusammenhang ihren Weihnachtsferien und Graf Lambsdorff (FDP) geleiiefe mus Siegfried Zoglmann ge­
bemerkt der „Figaro", daß die setzten durch, daß die Kommis- Wirischafisministerium der nannt, der sich jetzt als
Beobachter in N'Djamena ge­ sionssitzung auf Mitte Januar Firma LlTEF in Freiburg die Lobbyist der Bundeswehr betä-
spannt sind auf die Ankunft verschoben wurde. Hierbei Erlaubnis gegeben harte, der figt. Es fällt jedoch schwer, sich
einiger hoher Luftlandeoffizie­ geht es natürlich nicht um RSA Navigationssysteme, die vorzustellen, daß es Zoglmann
re. Dort fragt man sich, ob nicht Ferien. Die Regierungsparteien sich auch für Kriegsschiffe und gelungen sein sollte, eine solch
der Auftrag des französischen befürchten, daß eine Veröf­ U-Boote eigneten, zu verkau- hohe Summe in die eigene
Truppenkontingents verändert fentlichung neuer Details die­ len. 1985 und 1986 lieferte Tasche zu stecken, ohne mit
wurde. Es kann von jetzt an ses beschämenden Geschäfts LlTEF den Rassisten weitere anderen "Vermittlern" zu tei­
nicht nur Verteidigungs-, son­ mit den Rassisten sich auf die elektronische Anlagen. Konnte len. A. TOLPEGIN
dern auch Angriffsoperationen Ergebnisse der Bun- man sich im Wirtschaftsministe- Bonn NZ-Korrespondent
"NEUE ZEIT" 4.87 7
FRANKREICH

Gegenangriff der Rechtem


Nikiia JERMAKOW
durch die engere Klassenverbundenheit
In meinem Haus geht das Licht aus. Schon die frühere Majorität ging daran,
der regierenden Majorität mit der
Schnell erkaltet der elektrische Herd, das die Kontrolle über die Preisbildung ab­
Großbourgeoisie; durch den Wunsch, bei
Abendbrot muß aufgeschoben werden. zuschwächen. Die Industriellen bekamen
Die Schreibmaschine stelle ich weg. We­ Steuervergünstigungen, und bei der Ar­ ihren Wählern den Eindruck zu erwecken,

gen des neuerlichen Streiks wird eine als hätten sie den früheren Kurs der
beitsorganisation entschied man sich für
halbstündige Unterbrechung der Stromzu­ die sogenannte flexible Arbeitszeit, was Sozialisten aufgegeben; durch den für die
fuhr angesagt. Wird aber das, was ich Regierung ungünstigen, sie zur Eile an­
den Unternehmern den Arbeitern _ge-
treibenden Terminkalender — im
heute schreibe, noch aktuell sein, wenn genüber freie Hand gab.
der Leser das NZ-Heft auf dieser Seite Die Vorlage über die Arbeitszeitrege­ Frühjahr 1988 sollen ja wieder Präsi­
auf schlägt? lung war die letzte Verfügung der dentschaftswahlen stattfinden.
Jetzt möchte in Frankreich kein Politiker, Sozialisten, die im Eiltempo durchge­ Das alles diktierte der Regierung
kein Kommentator und keine Zeitung peitscht wurde. Dafür wurde eine Sonder­ Chirac ihre Politik. Allerdings konnte
genau Voraussagen, was in den nächsten tagung der Nationalversammlung unmit­ selbst die raffinierteste Propaganda nicht
Tagen geschehen wird. telbar vor den Wahlen anberaumt und der tarnen, daß die einen Schichten zu­
Wird die regierende Majorität imstande Regierung die Vertrauensfrage gestellt. sätzliche Zugeständnisse erhalten hatten
sein, das Anschwelien des Streikkampfes Dieses Vorgehen wurde von den franzö­ und daß die anderen noch mehr für die
zu verhindern und die "Heldentat" der sischen Geschäftskreisen anfangs begrüßt, Unkosten der Krise aufkommen mußten.
Regierung Reagan zu wiederholen, die worauf die Börse sofort lebhaft reagierte.
seinerzeit ostentativ gegen streikende Es gelang der PS, zwischen den Interes­ Wer verlor
Fluglotsen vorging? Oder den "Sieg" der sen der verschiedenen Schichten zu
Regierung Thatcher über streikende bri­ balancieren, ohne bei der Öffentlichkeit und wer gewann
tische Bergarbeiter? Oder werden die den Eindruck zu erwecken, daß sie einer Schon eine kurze Aufzählung der Zuge­
Insassen des Palais Matignon das Hasen­ von ihnen den Vorzug gab. Im Sinne der ständnisse an die Bourgeoisie aus den
panier ergreifen müssen und nach einem besten Traditionen der Sozialdemokratie letzten Monaten ist sehr aufschlußreich.
von vielen abstrusen Szenarios ein poli­ wurde ziemlich lange für Burgfrieden Die Steuern auf große Vermögen sind
tisches Puppenspiei mit Rücktritten und gesorgt. Die Rechten störten, als sie restlos aufgehoben worden, man hat die
Wahlen veranstalten? Solches liest man wieder ans Ruder kamen, das prekäre Einkommen- und die Gewinnsteuer der
dieser Tage zwischen den Zeilen der Gleichgewicht (was ihnen jetzt von der Unternehmer gesenkt, eine Amnestie für
französischen Presse. sozialistischen Opposition vorgeworfen Personen erlassen, die widerrechtlich Ka­
Womit die jetzige Krise auch immer wird), indem sie eine Reihe der vom pital ins Ausland verschoben. Auch hat
enden mag, sie hat gezeigt, wie akut die Großkapital geforderten Reformen forcier­ man wieder festgesetzt, daß
Probleme der Gesellschaft Frankreichs ten.
Goldgeschäfte anonym bleiben dürfen.
sind. Wodurch ist es in diese Lage Zu dieser Entscheidung wurden die
Die Preiskontrolle ist fast restlos aufgeho­
gekommen? Was für objektive und subjek­ Rechten durch mehrere Faktoren veran-
ben. Die Steuern für Personen, die zum
tive Faktoren waren der Anstoß zu der laßt: durch den Durst nach Revanche für
Verpachten Immobilien erwerben, sind
dramatischen Entwicklung? die Wahlniederlage von 1981; durch die
gesenkt, die administrative Kontrolle über
Neigung zu den bei den Rechtskreisen
Entlassungen, die eine wenn auch unwe­
Der Druck des Großkapitals modischen Dogmen der Reaganomic; sentliche Garantie gegen die
Als die Rechten nach fünfjähriger Un­
Die Männer mit Stahlhelmen sind kein Eh
terbrechung im Frühjahr 1986 wieder zur
Frankkreich die streikenden Eisenbahner empfangen.'"6* h°he" S° wl,rden
M»achi kamen, fanden sie die Wirtschaft
vom Standpunkt der herrschenden Klasse Foto aus: "L'Humanife" (Frankreich)
durchaus befriedigend vor und steuerten
den vorherigen Kurs im Grunde genom­
men nur weiter.
Die Arbeitslosigkeit wurde nach wie vor
mit allerlei Mitteln abgebremsi, z. B. da­
mit, daß der Jugend keine feste, nur
schlechibezahlte und ofi ungelernte Ar­
beit gegeben wurde. Wie in den anderen
westlichen Landern war die Bekämpfung
der Inflation auch hier die größte finan­
zielle Sorge, und den Schwerpunkt der
Etatpolitik bildete die Kürzung der staat­
lichen Aufwendungen größtenteils für
soziale Zwecke.
Die Konkurrenzfähigkeit der franzö­
sischen Industrieerzeugnisse wurde na­
mentlich durch Lohneinsparungen und
Abbau bei gleichzeitiger Steigerung der
Arbeitsproduktivität mittels Modernisie-
rung der Industrie stimuliert.
<
8
"NEUE ZEIT" 4.87
unumschränkte Willkür der Arbeitgeber in der Handelsbilanz sank auf gen und haben alle Hebel in Bewegung
bot, ist abgeschafft. 2,6 Md. Franc. Stimulierend wirkte dabei gesetzt, um die Streikbewegung nieder­
Es ist ein wahres Geschenk für die die im vorigen Frühjahr verfügte Francab­ zuschlagen.
Unternehmer, daß die Regierung es ihnen wertung im Rahmen des europäischen Bei unwesentlichen Zugeständnissen ist
völlig überlassen hat, zu bestimmen, Währungssystems. Die Zahlungsbilanz man entschlossen, im Wichtigsten nicht
wieviel und für welchen Lohn sie die schloß seit 1979 zum ersten Mal mit einem nachzugeben. Man hat die Löhne auf Eis
Werktätigen arbeiten lassen sollen. Wenn Aktivsaldo in Höhe von 20 Md. Franc gelegt, und man versucht, die Ein­
sie Personen einstellen, die noch nicht ab. (Beide Indizes lauf Angaben für heitsfront der Streikenden dadurch zu
25 Jahre alt sind, brauchen sie die 11 Monate von 1986.) sprengen, daß man versöhnlerische Ge­
Pflichtabgaben an allerlei Sozialkassen Hinter den äußerlich recht annehmba­ werkschaften an sich lockt. Auch rechnet
nicht zu leisten. ren Ergebnissen verbirgt.sich jedoch eine man auf die schwere materielle Lage der
alles andere als rosige Wirklichkeit. Die besonders lange Streikenden, betreibt
Eine bestimmte Wählerkategorie, die
Stromgebühren nicht eingerechnet, sind eine niederträchtige Propaganda gegen
gewohnheitsmäßig die Rechten wählt, ist
die Preise voriges Jahr insgesamt um die Arbeiter, schreckt die Kleinbürger mit
auch nicht zu kurz gekommen, für sie sind
4 Prozent gestiegen. Nimmt man nur die den Kommunisten, bietet die eigenen
2 Md. Franc staatliche Bauernhilfe (die
Preise für Erzeugnisse der verarbeitenden politischen Aktivisten sowie als Verstär­
vornehmlich den großen Landwirten zu­
Industrie und für Dienstleistungen des kung Kleinhändler und kleine Fabrikbesit­
fließen wird) bereitgestellt worden. Die
Privatsektors, so sind es 4,7 Prozent. zer auf. Was tut man nicht alles!
Honorare der privat praktizierenden Ärzte
Frankreich hat am Sinken der ölpreise Das Blatt der Geschäftswelt "Expan­
hat man erhöht.
80 Md. Franc gewonnen, aber im Handel sion" schlägt Alarm: Der Konflikt werde
Zugleich wurden unter dem Vorwand mit Industrieerzeugnissen 50 Md. Verlust rasch politisch, der Burgfrieden sei hin,
der "Krisenbekämpfung" und aus "natio­ buchen müssen. Das bedeutet, daß die Klassenkämpfe seien im Gange, sie
naler Solidarität" Maßnahmen ergriffen, französischen Erzeugnisse noch nicht kon­ brächen an beliebigem Ort und zu
die die Werktätigen empfindlich getroffen kurrenzfähig genug sind. beliebiger Zeit aus. Im Namen der Unter­
haben. Im Etat für 1987 sind die Sozialauf- Versuche, das damit zu erklären, daß in nehmer fordert das Blatt von den Behör­
wendungen stark gekürzt. Der garantierte Frankreich die Löhne zu hoch sind, was den Maßnahmen gegen derlei Erschütte­
Mindestlohn und die im staatlichen den Export verfeuere, sind unhaltbar. In rungen. Es klagt: "Konflikten muß man wie
Wirtschaftssektor verdienten Löhne und der Stahlindustrie machen die Löhne der Tbc Vorbeugen."
Gehälter sind auf Eis gelegt. Der private z. B. 30 Prozent des Werts des Endpro­ Die stürmischen Geschehnisse haben
Wirtschaftssektor darf Lohne und Gehälter dukts aus, im Kraftwagenbau 20 und in der die Differenzen innerhalb der regieren­
höchstens um 2 Prozent erhöhen (was das Erzeugung der Elektronikindustrie sogar den Majorität wieder verschärft. Ein Teil
Steigen der Preise nicht aufwiegt). Die nur 10 Prozent. Diese Prozentsätze sin­ ihrer Gruppierungen (z. B. das kleine
Rentenerhöhung ist abgesagt, dagegen ken — wohlgemerktl — ununterbrochen. Sozialdemokratische Zentrum, das zur
sind die Abgaben der Werktätigen für die Die Erhöhung der Aufwendungen für Union für die Französische Demokratie
Rentenkasse erhöht worden. Löhne je Erzeugniseinheit ist in Frankreich gehört) sind dazu übergegangen, für
Den Fällen vollständiger oder teilwei­ geringer als in der BRD, wo dieser einen Dialog und gegen ein Fortdauern
ser Entschädigung für Verluste bei schwe­ Prozentsatz 1986 auf 2,3 bei gleichzeitiger der Konfrontation Stellung zu nehmen.
ren Erkrankungen sind Grenzen gezogen. Zunahme der Konkurrenzfähigkeit bun­ Einer der führenden Rechten und
Selbst eine alie betreffende Maßnahme desdeutscher Waren stieg. wahrscheinlicher Kandidat für den Posten
wie die Senkung der Einkommensteuer hat Die Industriellen und Finanzleute sind des Staatschefs, der ehemalige Mi­
nur den bevorzugten Schichten Nutzen alles in allem mit der Sachlage zufrieden. nisterpräsident Raymond Barre, pflichtet
gebracht, denn dabei haben die Werktäti­ Ihre Gewinne erreichten voriges Jahr eine formal noch immer dem Vorgehen der
gen um genau soviel mehr in die Höhe sondergleichen. Allerdings führte Majorität bei, hat sich aber ganz entschie­
verschiedenen Sozialkassen einzuzahlen, das nicht zum Steigen der geringen den von der Regierung distanziert.
wie ihr Steuererlaß ausmacht. Investitionen in der Industrie und auch Auch ein in der Geschichte der Fünften
Die aufgezählten Maßnahmen bedürfen nicht zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Repubik noch nie dagewesener neuer
keines Kommentars, ihre Klassenaus­ Es sieht ganz danach aus, daß diese politischer Mechanismus — die "Koexi­
richtung liegt auf der Hand. Tendenz 1987 anhalten wird. stenz" des sozialistischen Präsidenten
Hat es die Regierung fertiggebracht, und des Rechtskabinetts — ist ins Schleu­
dadurch, daß sie die Armen noch ärmer "Die unten" präsentieren dern geraten. Der konservative "Figaro"
und die Reichen noch reicher gemacht hat, die Rechnung wiederum nimmt an, daß sich die "Ko­
das Land aus der Krise hinauszuführen existenz" im Stadium eines "kalten Krie­
und die Wirtschaft zu sanieren und zu So sah die soziale und wirtschaftliche ges" befinde.
beleben? Das knappe Jahr, das sie an der Landschaft aus, auf deren Hintergrund es Die Sozialisten, die eine eigene Moder­
Macht ist, war eine zu kurze Zeit, als daß gegen Ende vorigen und Anfang dieses nisierungsvariante für Frankreich Vorschlä­
man die Dinge objektiv beurteilen könnte. Jahres zu der ungeheuren Klassenexplo­ gen, haben einen großartigen Anlaß zur
Einige Schlußfolgerungen drängen sich sion gekommen ist. Die Seeleute, Eisen­ Kritik der regierenden Majorität bekom­
aber dennoch auf. bahner, staatlichen Angestellten, das men.
Man muß bedenken, daß das Kabinett Kraftwerkpersonal, das des Stadtverkehrs Ein grundsätzliches Urteil über die
Chirac unter für Frankreich äußerst günsti­ und die Bergleute haben der Regierung Geschehnisse geben die französischen
gen Wirtschaftsverhältnissen ihren Einzug und den Unternehmern machtvoll ihre Kommunisten ab. Sie unterstützen im
im Palais Matignon hielt. Dank dem jähen eigene Notlage in Erinnerung gebracht. Tageskampf die berechtigten Forderun­
Sinken der Rohstoff-, vor allem der Ober die anschwellenden Aktionen der gen der Werktätigen und deren Vorge­
Erdölpreise konnte es die Ausgaben für Arbeiter nach dem Sieg der Studenten, hen zur Wahrung ihrer Rechte. Die
den Import von Energieträgern auf die die durchgesetzt haben, da8 die Regie­ "Humanite" schreibt: "Was jetzt in unse­
Hälfte senken und dadurch 80 Md. Franc rung von ihrer Hochschulreform Abstand rem Land vor sich geht, heißt Klassen­
einsparen. Frankreich hatte auch durch genommen hat, ist die herrschende Klasse kampf. Die Großbourgeoisie verteidigt
das Sinken des Dollarkurses einen Ge­ erschrocken. Zwar war das Anwachsen sich gegen die Offensive der Werktäti­
winn. Im vergangenen Jahr verblieb aber der Unzufriedenheit unter den Massen gen. Sie verteidigt ihre Vorrechte, ihre
die Zahl der Arbeitslosen bei 2,5 Millio­ nicht zu verkennen, aber ein derart Macht, ihre finanzielle und politische
nen. Die Zuwachsrate der Wirtschaft stieg vehementer Ausbruch kam der Regierung Strategie. Man weiß längst, daß ihrer
zwar, wenn auch unwesentlich. Das An­ denn doch überraschend. Meinung nach dieser Zweck auch die
wachsen der Inflation konnte bei 2,3 Pro­ Nach kurzer Verwirrung sind die schlimmsten Mittel heiligt."
zent abgebremst werden. Der Fehlbetrag Rechten zum Gegenangriff übergegan- Paris
"NEUE ZEIT" 4.87
SCHWEDEN

tär der Gewerkschaft der dänischen

Bofors verwischt
Seeleute in einem Interview für die
schwedische Zeitung „Arbetet .
Schweden gehört dank den Anstren-
gungen der Rüstungskonzerne Bofors,

die Spuren Nobel Kemi und FFB schon seit langem zu


den zehn größten Rüstungsexporteuren.
Dabei entfällt die Hälfte seiner Lieferun-
gen auf Entwicklungsländer. Geld stinkt
bekanntlich nicht. Es gelangt in die
Unter rätselhaften Umständen kam der Leiter Taschen der Rüstungsfabrikanten, die ihre
eigene Moral haben. Jetzt stellt sich der

der Inspektion für Kriegsmaterial (KMI), Untersuchung im „Fall Bofors" die Frage:
Wußten die Regierung und die KMl von

Carl-Fredrik Algernon, ums Leben den Geschäften des Konzerns? Wenn sie
informiert waren, aber schwiegen, droht
den Bofors-Bossen nichts. Wenn aber der
Es geschah abends, in der Hauptver­ gelangten. Das teilte neulich der Experte Konzern die Regierung zu betrügen
kehrszeit, auf einer Tunnelbahnstation im einer hiesigen Antikriegsorganisation, des versuchte, dann können seine Bosse hinter
Zentrum Stockholms. Ein Mann, der am Schwedischen Komitees für Frieden und schwedische Gardinen kommen.
Rande des Bahnsteigs stand, fiel plötzlich Vermittlung, Henrik Westander, mit. Das Jetzt behauptet der Konzern, die
auf die Gleise. Alles geschah in Sekun­ Komitee prüfte sorgfältig die Angaben Regierung und die KMl seien auf dem
denschnelle... über Lieferungen. „Wir vertrauen unseren laufenden gewesen. Doch offenbar blufft
Die Polizei nahm die Untersuchung auf, Informationen voll und ganz und gerade- Bofors verzweifelt - niemand kann die
appellierte an alle, die Zeugen des deshalb beschlossen wir, das der Polizei Richtigkeit dieser Behauptung bestätigen.
Vorfalls gewesen waren, Einzelheiten zu melden", sagte Henrik Westander. Die
Und ist es denn vorstellbar, daß der
mitzuteilen, da nicht ausgeschlossen ist, Glaubwürdigkeit der Fakten wird, wie er
ermordete Olof Palme, der sich als
daß jemand Algernon vor den Zug erklärte, auch durch Angaben unter­
Vermittler bei Versuchen, den sinnlosen
gestoßen hat. mauert, die das Komitee aus einigen
Golfkrieg zu beenden, betätigte, von den •
Das Unglück in der Tunnelbahn könnte zuverlässigen Quellen im Iran erhielt.
Waffenlieferungen des Bofors-Konzerns
man in die triviale Chronik der Vorfälle Diese Angaben bestätigt auch der Sokre-
wußte und ihn gewähren ließ? Auch
einer Großstadt eincrdnen. Wenn da nicht
Algernons Vorgänger Bangk Rosanios
Umstände wären, die mit der Person und
der beruflichen Stellung Algernons Zu­ kann nichts sagen gerade, als die
sammenhängen. Einige Jahre lang war er Kontrakte geschlossen wurden, erkrankte
Leiter der KMl gewesen. Zum Aufgaben­ er plötzlich schwer und starb...
bereich dieses Amtes gehört die Kontrolle Der geheimnisvolle Tod von Carl-
über den schwedischen Waffenexport. Fredrik Algernon wird die Untersuchung
Entsprechend den hiesigen Gesetzen ist des Bofors-Skandals stark erschweren,
der Export von Rüstungsgütern in Länder, meinen die schwedischen Zeitungen.
die in einen bewaffneten Konflikt ver­ Algernon hätte schon bald aussagen
wickelt sind oder am Rande eines solchen sollen. Doch jetzt ist er verstummt - für
Konflikts stehen, in Länder, in denen die immer.
Menschenrechte mißachtet werden, ver­ D. POGORSHELSKi,
boten. In anderen Fällen aber muß der NZ-Sonderberichterstatter
Stockholm
Fabrikant nur eine Genehmigung bei der
Regierung beantragen, wobei er darauf
verweist, wohin die Waffen gehen sollen, Der schwedische Bofors-Konzern und
und an der Grenze sind dann die seine tödlichen Erzeugnisse, die in
ausgefüllteri Formulare, in denen der Umgehung der Gesetze an den Iran
Abnehmer genannt ist, vorzuweisen. geliefert wurden
Diese Vorschriften zu umgehen ist, wie
Foto aus: „L'Express"
sich herausstellt, nicht sonderlich schwer.
Jetzt steht die Untersuchung der unge­
(Frankreich)
setzlichen Lieferungen des größten
Rüstungskonzerns Bofors - Luftabwehrra-
keten an die Goifstaaten, darunter den
Iran - vor dem Abschluß.
Im Sommer 1985 waren Tatsachen des
illegalen Handels bekannt geworden. Der .3TZ .. ....
mächtige Boss von Bofors, Klaes-Ulrik
Winberg, mußte seinen Posten im schwe­
dischen Unternehmerverband raumen.
Wie die französische Zeitschrift „Express"
schreibt, hat Teheran einen Kontrakt mit ,a
dem Konzern über die Lieferung von 400
RBS-70-Reketen geschlossen, die es über
; fl 3 ?5 13 fl fl fl a a *!
ein „befreundetes Land" erhalten sollie.
Im „Fall Bofors" figurierte Singapur als flU -9-3 ? ^ :i J2L J .j ^
l
Empfänger. ■-

Doch dieser Kleinstaat fungierte nur als se


Umschlagspunkt, von wo aus die Waffen
dann in die von dem langjährigen
militärischen Konflikt erfaßte Golfregion

10
"NEUE ZEIT” 4.87
UdSSR—SWDiEN
Altertum bis zur modernen Malerei, Bilder

Festival
i aus Südindien, eine Sammlung nationaler
Musikinstrumente, Werke der dekorativen
Gebrauchskunst, Juwelierarbeiten,
Kunsthandwerk aus verschiedenen Lan­
desteilen, Exponate indischer Textilien mit

der Freundschaft Modenschau.


Auch wir empfehlen die verschie­
densten Exponate der Aufmerksamkeit
des indischen Publikums. Wir zeigen
Ankündigung des UdSSR-KuIturminisfers Wassili SACHAROV/, Vorsitzender eine Lenin-Ausstellung, wir zeigen die
des Sowjetischen Festivaücomifees. Kunst, die durch die Oktoberrevolution
erst möglich wurde, wir zeigen eine
Sammlung russischer Malerei des 19.
Die sowjetisch-indischen Kulturbezie­ erstklassigen Kollektive auffreten, wie
Jahrhunderts, eine Ikonensammlung, rus­
hungen waren schon immer recht vielfältig z. B. das Ballett des Bolschoitheaters, des
sische Juvelierarbeiien und Bilder westeu­
und reichhaltig, aber ein solch umfassen­ Leningrader Kirow-Theaters und des
ropäischer Meister aus unseren Museen.
des sowjetisch-indisches Kulturprogramm, Alischer Nawoi-Theafers der Usbekischen
, , . , _ , , | Es wird eine Teppichausstellung und
v/ie wir es bei diesen nationalen Festivals SSR choreographische Ensembles unter , mcdarne Textilgestaltung geben, mit Mo-
in diesem und im nächsten Jahr durchfüh­ Le.fung von Igor Mo.ssejew, Berjoska j denschau< wir werden sowjetische
ren wollen, des indischen in der UdSSR und Bachor aus Tascnkem, Schau- i( sku,piuren ausste|[en und dekorative Ge-
und des sowjetischen in Indien, hat es spielensembles aus dem Moskauer brauchskljnsi der Völker der UdSSR,
allerdings noch nicht gegeben. Künstlertheater, dem Lemngrader Gork,- Arbeifen sowjetischer Künstler über in-
Die Idee dazu entstand, als sich Theater, das Puppentheater unter Leitung djsche Themen- Es wird ßuchausstellun-
Premierminister Rajiv Gandhi im Mai v°n( Sergej Obraszow und das Z.geu- • gen geben. Eine besondere Ausstellung
1985 zu einem Regierungsbesuch in Mos­ nerineater Romen . j beb<3ndelt die Geschiente der indisch-
kau aufhieli. Während des jüngsten j russischen und indisch-sowjetischen Be­
Besuchs Michail Gorbatschows in Delhi
wurde dann ein Protokoll über Programme
und Ablauf der Feierlichkeiten unter­
zeichnet. Sie sind charakteristischen Daten
pF; |
ziehungen im Lauf der Jahrhunderte bis in
unsere Tage.
In Delhi wird eine große sowjetische
Industrie- und Handeisausstellung zu se­
in der Geschichte unserer Länder gewid­ hen sein. Es werden Errungenschaften der
met, dem 4G. Jahrestag der indischen
Unabhängigkeit, und dem 70. Jahrestag i;
■ i:
; - ] i
sowjetischen Wissenschaft, Technik und
Architektur gezeigt.
der Oktoberrevolution. In 24 indischen Städten werden 80
Es wird ein großes Ereignis im kulturel­ ■
sowjetische Spielfilme und 60 Dokumen­
len Leben unserer Völker sein, und in ! tär-, Lehr- und Zeichentrickfilme vorge-
beiden Ländern mißt man ihnen die f U-' 1 führt werden. Alte und reue Produktio­
!
gebührende Aufmerksamkeit bei. Das
können Sie schon daran sehen, daß ¥■
■ \f i
nen. Die indischen Filmemacher zeigen
etwa ebensoviele Filme in ebensovielen
Michail Gorbatschow und Rajiv Gandhi Städten der UdSSR.
den Ehrenvorsitz der nationalen Organisa­ Führende Wissenschaftler und Persön­
tionskomitees zur Durchführung der Festi­ ' lichkeiten aus Politik und Gesellschaft
vals übernommen haben. beider Länder werden sich an gemeinsa­
Es sind Theatervorstellungen und Kon­ men Seminaren und Konferenzen beteili­
i
zerte größerer und kleinerer Künstlerkol­ gen. Es wird eine thematisch weiterge­
lektive vorgesehen, Auftritte bekannter faßte Konferenz geben über "Gegensei­
Diese alte Kupfermünze ist jetzt das
Solisten, verschiedene Ausstellungen, tige Beeinflussung und Verbindungen der
Emblem des indischen Festivals. Sie stellt
Filmfestivals, wissenschaftliche Sympo- Völker Indiens und der Sowjetunion auf
das alte- buddhistische Gebot: "Nichts ]
sien, kreative Begegnungen, verschiedenen Gebieten in den letzten
Lebendiges verletzen" dar.
Sportwettkämpfe und Schauvorstellungen. Jahrhunderten bis heute".
Alle Aktivitäten erstrecken sich über In Indien finden Konferenzen und
einen weitgefaßten geographischen Seminare zum sowjetisch-indischen Ver­
Das sowjetische Festivalprogramm ge­
Raum. Die indischen Gäste besuchen trag über Frieden, Freundschaft und
stalten Kammerorchesier, Schlageren- !
Moskau, Leningrad, die Hauptstädte der Zusammenarbeit statt, zu verschiedenen
Unionsrepubliken und viele andere Städte sembles, Chöre, Instrumentalgruppen, r
Aspekten der sowjetisch-indischen Zu­
Sänger, Zirkusarristen, Folkloregruppen
unseres Landes. sammenarbeit, zum Kampf für Frieden und
Auch in Indien haben die Einwohner aus allen Unionsrepubliken.
Sicherheit, unter anderem auch in der
von nicht weniger als 40 Städten die Den Bewohnern des heißen Indiens so!:
asiatisch-pazifischen Region. Es begegnen
Gelegenheit, Bühnenvorstellungen und ein ungewöhnliches Schauspiel, eine Eis­
sich Historiker, Ökonomen, Agraroxper-
Konzerte sowjetischer Künstler zu be­ revue, geboten werden. Unsere Eistänzer
ien, Arzie, Dichter, Filmemacher, Lehrer,
haben eine mobile Bühnenkonstruktion 1
suchen und sich unsere Ausstellungen und Biblioihekare und Ethnologen. Es wird
mit Kunsteisbahn im Gepäck.
Filme anzusehen. Treffen und Diskussionen zwischen Ju­
Auf jeder Seite beteiligen sich etwa
Als zeitlich erstes beginnt das indische gendlichen geben Zwischen den
Festival am 3. Juli, wenige Tage vor dem 3500 Menschen am unmittelbaren
Sportlern unserer Länder werden
40. Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens Programmablauf, davon etwa 2300 j
Freundschaftstreffen stattfinden. Es wird
Künstler und Interpreten. Auch Wis- j
in Moskau. Schauvorführungen geben. Unsere Zu­
senschaftler, Persönlichkeiten des öf­
Das sowjetische Festival soll am 21. schauer können sich mit traditionellen
November 1987 in Delhi eröffnet werden. fentlichen Lebens, Filmschaffende, Dele- )
maischen Sportarten vertraut machen,
Es wird einen festlichen Umzug und eine gierte von Frauen- und Jugendorganisa- I
usw.
künstlerisch-sportliche Massenshow ge­ tionen und Sportler zählen zu den j Die bevorstehenden nationalen Festi­
ben. Festakte sollen auch in Bombay, Festivalfeilnehrr.ern. | vals werden unseren Völkern er­
Bangalore und Kalkutta stattfinden. Wir werden die verschiedensten Aus­ möglichen, Kuliur und geistige Welt des
Im Lauf des Jahres werden in verschie­ stellungen organisieren. Indien wird seine ; andern kennenzulernen. Damit vertiefen
denen indischen Städten auch unsere klassische Kunst bei uns vorführen, vorn 1 wir unser gegenseitiges Verständnis.

"NEUE ZEIT' 4.87 11


LENIN HEUTE

WAS TUN?
Fragen an uns in unserer Zeit
Jegor JAKOWLEW

Die Art, wie sich Menschen Lenin zuwenden, sagt viel aus. Zeitgenossen erinnerten sich daran, daß Wladimir lljitsch sich über
Wollen wir bis zum Wesen Vordringen und eine Antwort auf etwas zugezogene Vorhänge ärgerte und es nicht duldete, wenn man die
bekommen, was uns keine Ruhe läßt, oder greifen wir ein brillantes Fenster seines Arbeitszimmers mit Stores verdeckte; er hatte das
Zitat heraus? Lernen wir — oder entlehnen wir uns ein Zitat, um Gefühl, von der Außenwelt getrennt zu sein, und das v/ar ihm
andere zu belehren? In den 55 Bänden von Lenins Gesammelten une rträglich. Der Wunsch, "die Vorhänge auseinanderzuziehen",
Werken gibt es Zitate für alle erdenklichen Situationen, besonders ist auf uns übergekommen: der Wunsch, von unserem Heute aus
wenn man sie herausreißt oder durch drei Punkte vorne und hinten unser wahres Gestern zu sehen. Und selbständig zu entscheiden,
kappt. Auch inmitten eines Satzes nehmen sich drei Punkte hübsch was wir davon heute brauchen können.
aus. Zur Zeit der Reorganisation regnete es Zitate über deren Unsere vielen Fragen sind keineswegs konstruiert, man hört sie
Nutzen, dann vergingen Jahre, und nun holt man ein.Zitat darüber überall: im Freundeskreis, bei einem Vortrag, unter Angehörigen.
hervor, wie schädlich ein zu starker Hang zur Reorganisation ist. Man braucht nur nachzudenken, und vieles, was selbstverständ­
Es gab auch einen anderen, offen zugegeben mir besonders lich schien, ist es mit einemmal nicht mehr. Oft wiederholen wir
gewohnten Weg: Man wandte sich Lenins Schriften zu, um z. B.: nach Leninscher Art leben und arbeiten. Aber wer von uns
sozusagen etwas Unausgesprochenes ans Licht zu fördern. Man könnte, wenn man nicht jeder kritischen Einstellung zu sich selbst
schreibt z. B. den Artikel "Lenins Schule der Sachlichkeit" und bar ist, über sich sagen: Ich lebe und arbeite wie Lenin?
zitiert ein Telegramm, das Lenin im April 1918 voller Ärger an den Lebendiges kann man nicht ohne weiteres vervielfältigen. Das
stellvertretenden Vorsitzenden des Exekutivkomitees des Gou­ Beispiel Lenin ist kein Schema zur Nachahmung. Vielmehr handelt
vernements Archangelsk richtete: "Wenn wir den Arbeitern und es sich um den Sinn des Lebens, seine höchsten Prinzipien, die das
Bauern tatsächlich Disziplin beibringen wollen, so müssen wir bei Menschengeschlecht zeit seines Bestehens erarbeitete. Dem
uns selbst beginnen." Bei einem solchen Zitieren beschäftigt einen Beispiel Lenins folgen? Ja, dazu muß man eine Persönlichkeit sein,
nicht die damalige Amtsperson von Archangelsk 1918, sondern ein Mensch, für den es zwischen Überzeugung und Tat keine
eine ganz andere: ein Grobian von einem Leiter, der seine Spanne gibt.
Kollegen drückt und dem man eine Woche zuvor als Journalist Wir fragen dies und wundern uns über jenes. Und möchten, daß
begegnet war. Möge er doch lesen und sich Gedanken machen. jene antworten, an die wir unsere Fragen richten, daß wieder
Sehr möglich ist allerdings, daß er das zwar liest und es doch nicht einmal die Stimmen erklingen, die in unserem Gedächtnis vielleicht
auf sich bezieht. verstummt waren.
Warum schreibe ich über all das in der Vergangenheitsform? MAXIM GORKI. In den Jahren 1917/1918 waren meine
Weil ich einmal den ausgetretenen Pfad ging und mich bald in Beziehungen zu Lenin bei weitem nicht so, v/ie ich sie
einer Sackgasse sah. Der XXVII. Parteitag der KPdSU fand statt, ich sehen wollte, sie konnten jedoch nicht anders sein.
machte wie üblich einen Band Lenins auf, um meine Gedanken als In der Einschätzung der Rolle der Intelligenz in der
Publizist darzulegen. Ein Tag nach dem anderen verging, aber russischen Revolution war ich anderer Meinung als die ICommu-
mein Artikel wollte und wollte nicht zustande kommen, Seite auf nisten...
Seite wanderte in den Papierkorb. Was ging vor? Übung hat man, LENIN. Sie sind ein rätselhafter Mensch, in der Literatur
da man seif Jahrzehnten im Metier ist. Dann kam ich jedoch anscheinend ein guter Realist, in Ihren Beziehungen zu anderen
dahinter, genauer, ich empfand es: Die Zeit der Andeutungen jedoch ein Romantiker. Bei Ihnen sind alle nur Opfer der
vergeht. Wenn man heute etwassagen will, muß man es mit voller Geschichte, nicht wahr! Sie möchten mich davon überzeugen daß
Stimmkraft tun — vorausgesetzt, daß man etwas mifzuteilen hat. eine kampfgestählte Partei der Arbeiterklasse verpflichtet sei' vor
Jedermann zieht sich die Grenze des Erlaubten selbst, und jene, allem den Intelligenzlern bestens in den K ?
die sich nicht so recht entschließen können, tuscheln miteinander
und versuchen zu klären, ob die denn das dürfen und wer so was
erlaubt habe. Ja, hätten sie es im voraus gewußt, so hätten sie's sich
r,,9eni war-w:::
vor den schweren Wagen der Ge-
schichte Rußlands gespannt ist.
^
ebenfalls geleistet und wären dann ebenfalls fortschrittlich und LENIN. Eine ... Revolution kann nur
bei selbständigem histo-
betreffenden Ortes gut angeschrieben, und dies mit Garan- rischem Schöpfertum der Mehrheit der
Bevölkerung ... erfolgreich
tieschein. verwirklicht werden.
Jenen Artikel habe ich nicht fertiggebracht. Was war, ist vorbei;
Der bewaffnete Aufstand in Petronr*d ,■
und das Augenblickliche nur deshalb zu bewundern, weil es Dekrete über den Frieden und ^ 9 ' ** WUrde" ?
endlich so ist, wie es sein soll — ja, besteht die Aufgabe denn angenommen. Wie sollte aber das *1 de°- Grund und Boden
darin? Die Zeiten ändern sich. Die Hauptstraße der russischen Bolschewik „och keine s.ra,(en ora; *e9'ert Werden' ^ d
Publizistik, jene Hauptstraße, auf der sie sich mit seltener Konse­ draußen im Lande hatten? 0r9anisat'°nen ,m Zentrum und
quenz bewegt, führt von Alexander Herzens "Wer ist schuld?" bis Was tun?
zu Tsc’nernyschewskis und Lenins "Was tun?".
und sonstigen!'Betrieber,e '^jdj!S ,^a/1^*' landwirtschaftlichen
Unsere Entwicklung bewegt sich von Glauben zu Wissen, von
Axiomen zu Theoremen. Vieles mußte — und diese in jeder Herstellung, die Lagoruno und t * V^ei,edc°nfr°,,e Über d,C
Hinsicht__ neu bewiesen werden. Auch in unserem Verhältnis zu führt... 9 d den Kauf und Verkauf ... elnge-

Lenin: von der Bewunderung zur Erkenntnis des Wertes seiner Dir, Arbeiter Iwanow Petrow d
Persönlichkeit und der Vollbringungen dieser Persönlichkeit. Jede unterstellt, die dich früher . ° er Sldor°w, werden diejenigen
Generation hat ihren Weg zu Lenin und ihre Einstellung zu ihm. Wie sollte man über dL„
Heute erheben sich wohl mehr Fragen als je zuvor. Lenins D,e Bauern schickten ihre Abgesandt
en Ländereien verfügen?
en zum Smolny, zu Lenin.
12
■ NEUE ZEIT" 4.87
Auch das ist Vergangenheit. Wir leben im Staate des ganzen
Volkes, haben ein völlig anderes Bildungsniveau.
Ja, die Zeit ist anders, aber die Wahrheit bleibt die alte. Wir
sehnen revolutionäre Wandlungen herbei, und ihr Umfang hängt
von jedem von uns wie auch von uns allen ab.
Es genügt nicht, sich auf Lenin zu berufen; man muß seinen Weg
gehen. Gehen aber heißt, nicht stehenbleiben, nicht etwa einen
Schritt vorv/ärts und zwei Schritte zurück zu tun. Gehen bedeutet
voranzukommen.
Weiter als Lenin?
Gewiß, wie denn sonst? Weitergehen in der Arbeit der Sowjets,
im Wahlsystem, in allem, was uns den staatlichen Angelegenheiten
näherbringt und die Stimme eines jeden von uns überzeugender
macht. Weitergehen bei der Suche nach Formen, die unserem
heutigen Tag entsprechen.
LENIN. Revolutionen, die man, nachdem man die Macht erobert
hat, in die Tasche stecken könnte, um sich auf seinen Lorbeeren
auszuruhen, hat es in der Geschichte nicht gegeben. Wer da meint,
daß solche Revolutionen denkbar seien, ist nicht nur kein Revolu­
tionär, sondern der schlimmste Feind der Arbeiterklasse.
Nach Beendigung des Bürgerkriegs war die Politik des
"Kriegskommunismus" nicht mehr aktuell. Aber schon damals gab
es Stimmen, die forderten, "die Schrauben fester zuzuziehen".
LENIN. Eine solche Politik wäre dumm und selbstmörderisch für
eine Partei, die sie erprobt hätte. Es muß offen gesagt werden,
einige Kommunisten begingen 'in Gedanken, Worten und Taten'
die Sünde einer solchen Politik. Wir wollen versuchen, uns von
solchen Fehlern zu befreien. Wir müssen sie unbedingt korrigie­
ren, sonst wird es ganz schlimm sein.
Im Dezember 1920 hörte Lenin auf einer Beratung der parteilo­
sen Bauern die Ansprachen und machte sich Aufzeichnungen, nach
Möglichkeit in den Worten der Bauern selbst:
"Man muß den Bauern eben interessieren. Sonst kommt nichts
raus. Holz sägen — das kann ich noch bei Knüppeldisziplin. Doch
die Landwirtschaft läßt sich nicht unter dem Knüppel betreiben.
...Regierte er des Denkens Flug Die Schaffenden und nicht die Piizesucher vorziehen."
Und deshalb nur — das Land, die Zeit. Die neue ökonomische Politik wurde erwogen. Ihre Basis bildete
Boris Pasternak der Obergang von der Ablieferungspflicht zur Naturalsteuer. Jetzt
Zeichnung: R. Chaischafrian kann man wohl gar nicht zählen, wie viele Informationen von unten

LENIN. Der Rat der Volkskommissare fordert, die Bauern auf, angeforderi, wie viele Gespräche und Begegnungen mit Bauern
durchgefuhrf wurden.
selbst die ganze lokale Macht In ihre Hände zu nehmen.
Du, Bauer Iwanow, Petrow oder Sidorow, kannst über LENIN. Ufa. An den Vorsitzenden des Exekutivkomitees des
den Grund und Boden verfügen. Gouvernements. Bitte den Bauern des Dorfes Beketowo Alexe]
Die Armee bleibt noch in den Schützengräben, bis zum Frieden Romanowitsch Schaposchnikow und Taras Grigorjev/ifsch Kondrow

mit Deutschland ist es noch weit. unverzüglich die Einladung zu übermitteln, jetzt nach Moskau zu
einer Beratung über wichtige Angelegenheiten zu kommen, die
LENIN. Soldaten!.. Mögen die Regimenter, die in den Steilun­
gen liegen, sofort Bevollmächtigte zur förmlichen Aufnahme von die Bauern und die Bauernwirtschaft betreffen.

Waffenstillsiandsverhandlungen mit dem Gegner wählen. Die Bauern besuchten Lenin und sprachen nach der Rückkehr auf
Der Rat der Volkskommissare erteilt euch das Recht dazu... einer Konferenz der parteilosen Bauern des Gouvernements Ufa.
Dir, Soldat Iwanow, Petrow oder Sidorow, gehört nun dieses Liest man das Protokoll, kann man sich leicht vorsfellen, wovon die
Recht. Rede in Wladimir lljitscns Arbeitszimmer war.
Du, Arbeiter Iwanow, Bauer Petrow, Soldat Sidorow... Die
EIN BAUER. Aus welchem Grund man uns hcrbestcilt hat. wissen
Revolution... Wie lange ist das her! Wir leben inzwischen in einer
wir nicht. Allerdings haben wir gehört, daß man Leute aus allen
Welt mit festgelegten Regeln.
Teilen Rußlands zusammenruft, um zu erfahren, wie es im Lande
Von der Revolution hören wir schon im Kindergarten und dann
aussieht.
in der Schule. Sie ist ein eher romantisches Nachahmungsbeispiel.
Aber für den Alltag? Wer würde seine täglichen Angelegenheiten LENIN. Wir möchten wissen, wie sich das Leben bei euch, an Ort
so gradlinig — handle von unten, ohne auf irgendwelche Hinweise und Stelle, anläßt, wie es z. B. bei euch im Dorf Ist!
zu warten — erledigen? Wer, frage ich den Leser: ein Minister DER BAUER. Sehr schwer, unerträglich ist unser Leben gewor­
Iwanow, ein Vorsitzender Petrow oder ein General Sidorow? Die den.
Zeiten sind anders. LENIN. Warum konkret ist es für Sie unerträglich!
Es wurde zu Recht bemerkt: Denkstereotypen wachsen dem DER BAUER. Die Ablieferungs- und die Arbeitspflicht sind
Bewußtsein gleichsam von selbst an. Und schon glaubt man, eine unsäglich schwer. Kaum hat man seiner Ablieferungspflicht genügt,
wirklich große Volksaktion sei nur zur Zeit einer Revolution da kommen sie noch einmal und dann ein drittes Mal, bis sie einen
möglich. Dabei waren es die Zeiten des Kriegskommunismus und völlig ausgenommen haben. Genau so ist es mit dem Vieh: Sie
eines begrenzten Wahlrechts. Lenin nannte sie nur Vorstufen der lassen einem nur eine einzige Kuh übrig, alles andere wird
Geschichte. Er sagte schon in den ersten Jahren der Sowjetmacht: weggenommen.
Wir haben bisher nicht erreicht, daß die werktätigen Massen an der LENIN. Niemand und nichts kann uns zu Fall bringen außer
Verwaltung mitwirken könnten, denn außer den Gesetzen gibt es unseren eigenen Fehlern... Eine solche Weisung wurde von
noch das Kulturniveau, das sich keinem Gesetz unterwerfen läßt. niemandem erteilt.

"NEUE ZEIT" 4.87 13


DER BAUER. Ja, und da wissen wir nicht, warum das so getan LENIN. Sie irren sich, wenn Sie denken, daß ich Kleinigkeiten
wird. keine Bedeutung beimesse, übrigens ist die von Ihnen fostgestellte

LENIN. Und wie soll man mit all dem leben! Unterbewertung der Arbeit keine Kleinigkeit. Wie soll man aber

DER BAUER. Das Sagen habt ihr. Aber wenn ihr es weiter so einem Arbeiter vorwerfen, daß er sieh noch nicht der Tatsache
treibt, vergällt ihr uns die ganze Lust am Arbeiten. bewußt ist, daß er der Herr über alles ist! Dieses Bewußtsein muß
kann sich auch nur bei einem
LENIN. Wenn man aber die Pflichtablieferung durch eine Steuer sich nicht sofort einstellen, es
ersetzt! Sie wird dann je nach der Ernte festgesetzt. Nachdem der Sozialisten herausbilden. Auf schnelle Fortschritte prätendieren
Bauer die Steuer entrichtet hat, kann er mit dem Rest nach seinem und rechnen wir dabei nicht. Wir wissen, daß diese Sache eine
Ermessen verfahren. ganze historische Epoche in Anspruch nehmen wird. Es bedarf
DER BAUER. Da wird jeder Bauer sich Mühe geben und Zusehen, ganzer Generationen, was jedoch nicht heißt, daß es ganzer
daß er zu einem weiteren Pud Getreide kommt. Hat man alles Jahrhunderte bedarf.
abgeliefert, wie die Steuer verlangt, verbleibt einem noch immer Selbstverständlich braucht man eine ganze Epoche dazu, das
etwas. Das wäre eine Erleichterung für uns.
Bewußtsein des Sozialisten zu festigen und es als geistigen Wert
LENIN. Jetzt sagen Sie mir bitte, warum es, als der Grund und jedes einzelnen zu stärken. Aber wo liegt da die Zeitgrenze?
Boden noch dem Gutsherrn gehörte, viel Brot gab: Man führte das Berufen wir uns auf Lenin, der immer von unaufschiebbar und
Getreide ins Ausland aus, und für Rußland reichte es auch noch. höchstwichtig sprach. Doch das Höchstwichtige hat bis jetzt noch
Jetzt habt ihr den gutsherrlichen Boden, Brot aber gibt es nicht keinen Abschluß gefunden, es steht bei uns noch bis heute anders.
genug. Manchmal so anders, daß man sich schämen muß. Warum? Wohl

DER BAUER. Der Boden geht von Hand zu Hand. Dabei ist der
darum, daß wir, ohne es zu wollen, Lenin zu einem Übermenschen /
stilisieren. Als müßte sich jener für alles verantworten, der mit
Boden unser Ernährer. Wenn wir den Boden nicht bestellen, wird
es auch kein Brot geben. seinem Blick Jahre durchdringen konnte, dem es aber nicht
gegeben war, mit uns zu arbeiten und zu entscheiden. Seit mehr als
LENIN. Das muß man sich durch den Kopf gehen lassen... Dem
einem halben Jahrhundert ist er nicht mehr. Und so müssen wir uns
Wunsch der parteilosen Bauernschaft, die Ablieferungspflicht (Im
Sinne der Beschlagnahme der Überschüsse! durch eine Getrei­ selbst fragen: Wurde gestern, wird heute alles so getan, wie Lenin

desteuer zu ersetzen, ist nachzukommen... uns riet, wie er darauf bestand?

GORKi. Ich weiß, er mochte Menschen und nicht Ideen, Sie Weiter als Lenin gehen. In gewissen Dingen auch zurückkehren.
wissen, wie er Ideen abbrach und zusammenbog, wenn das Wohl Zurückkehren zu Dingen, die wir nicht geschafft, die wir auf­
des Volkes es erforderte. geschoben, umgangen, bei denen wir uns überstürzt haben. Ein
Grubenarbeiter wird seinen Streb nicht vortreiben, bevor er ihn
Wir zitieren Lenin und freuen uns jedesmal: Das ist, als hätte er nicht abgesiützt hat.
es heute gesagt. Ist das aber manchmal kein Grund zu Traurigwer­
LENIN. Nicht auf Grund des Enthusiasmus unmittelbar, sondern
den? Ich verlasse gerade das Haus und sehe, wie auf dem
mit Hilfe des ... Enthusiasmus, auf Grund des persönlichen ’nreres-
nahegeiegenen Baugelände Fensterscheiben aus Unachtsamkeit
ses, der wirtschaftlichen Rechnungsführung bemüht euch, zuerst
zerschlagen und Dachblech verdorben wird. Hat man etwa wenig
feste Stege zu bauen...; sonst werdet ihr nicht zum Kommunismus
schöne Worte über das fortgeschrittene Bewußtsein der Werktäti­
gelangen, sonst' werdet ihr die Millionen und aber Millionen
gen gemachi? Und da erinnert man sich an Lenin: Von Phrasen muß
Menschen nicht zum Kommunismus führen.
man sich frei zu machen wissen.
Lenin sagte: Die Elementargewalt des Kleineigentümers, der nur Auf einer Sitzung des Rates der Volkskommissare wurde der
dem Gedanken lebt: "Ich reiße an mich, was ich kann, alles andere Finanzplan für die Torfgewinnung erörtert. Lenin führte den
ist mir schnuppe", sei stärker als alle Kornilow, Dutow und Kaledin Vorsitz Ein Vertreter von "Glawtorf" (Hauptverwaltung für
zusammengenommen. Tortforderung) erstattete den Bericht.

An Kaledin und Duiow erinnert sich kaum noch jemand, aber der
VERTRETER VON ■'GLAWTORF'. Nun zu den Bedingungen in
Wunsch, "an sich zu reißen, was man kann", macht sich noch immer
den, Torftruchen. Ich spreche vom Wohnen. Der Bau jeder Baracke
bemerkbar. Sich als Herr im Lande fühlen... Wie ein Satiriker
wird sich, wie aus dem Kostenanschlag hervorgeht, auf 4000 Rubel
schrieb, haben einige Menschen das recht originell aufgefaßt: Bis sTeiien.
zum Werkior bin ich der Herr über alles, und was hinter dem EIN VERTRETER
DES VOLKSKOMMISSARIATS FÜR
Werktor liegt, gehört mir sowieso.
P™vtori^mSEm' Unv'r,'ftbarer Luxus! Eine Baracke ist ein
Wir lamentieren darüber, haben aber schon zu staunen aufge­ Provisorium, man muß die Ausgaben dafür
einschränken, den
hört. Ein wahrer Herr mit Eigentümerdenken hätte so was nicht Betraag auf 2000 senken.
getan. Wir handeln anders — also fühlen wir uns nicht als Herren
der"Volkskommissare deS Ra,eS
über das Land.
"Glawtorf""- ' ZeHel- An de" Vertreter von
GORKI. Damals, im Jahre 1920, steckte ich tief im "Alltag”.
Vieles war komisch, ohne lustig zu sein. Ich klagte Wladimir lljitsch "Haben Sie schon einmal Baracken
gebaut!..."
über die Tücke des tagtäglichen Lebens. Es kam vor, daß ich mit VERTRETER VON "GLAWTORF"
Selbstverständlich!
ihm heftig sprach, ohne ihn zu schonen. Mit ihm konnte man sich Lenin im Zettel
Finanzwesen: n den Vertreter des Volkskommissariats für
wie mit keinem anderen aussprechen... Mich deprimiert die
Einstellung „der Arbeiter zu ihrer Arbeit. Es ist erstaunlich, wie Haben Sie je Baracken gebaut!
wenig Wert sie darauf legen. VERTRETER DES v°LKSKOMMISSARI ATc
LENIN. Sie wollen sagen, daß die Millionen Proletarier in ihrer gebaut. Nein, ich habe keine

Mehrheit unwissend, unentwickelt, ungebildet sind. Was soll man LENIN. Es ist
sein... Zwei Vorschläge fllgeTvo^n Sa9e"' ^ Minlster ZU
tun, wir haben keine andere Stütze als die Proletarier, die ihrer
Partei folgen. der Baracken früher gebaut h * 4°er °rste' — des Genossen,
GORKI. In Petrograd reißen Arbeiter Holzhäuser ab, um Holz zweitte, des Genossen,derV°°0 RubeI zu geben. Der
zum Heizen zu haben, und hierbei zerbrechen sie Fensterrahmen, 2000 Rübel * B-cke zu bewilligen.11 e Baracken gebaut hat:
zerschlagen Fensterglas und verderben das Blechdach für nichts Sich immerund in alle
und wieder nichts. Inzwischen tropft das Dach ihrer Häuser, und lassen — ■wer würde denn ^esunden Menschenverstand leiten
ihre Fenster sind mit Sperrholz verschlagen... Aber man muß geht der Streit "" ««gegen Einwände erheben? Dabei
annehmen, daß Sie wahrscheinlich in großen Maßstäbcn denken. weiter. Der
Volkskommissariats füJr Fina Opponent, jener Vertreter des
Bis zu Ihnen dringen diese Kleinigkeiten nicht vor. nzwesen,
besiegt. Beispielswei erweist sich nicht immer als
se erbietet
14 sich einer, für drei zu arbeiten,

"NEUE ZEIT" 4.87


und erwartet natürlich ein entsprechendes Entgelt. Darauf hört er, GORKI. Lenin ist meiner Meinung nach eine Quelle der Energie,
er wolle sich bereichern. ohne deren Einwirkung die russische Revolution nicht die Form
Instruktionen, Beschränkungen, Warnungen, Bestimmungen... hätte annehmen können, die sie annahm... Ich muß sagen, daß
Man braucht ihnen nur blind zu folgen, und schon v/irkt Untätigkeit meine persönlichen Sympathien für Lenin in dem Moment, da ich
wie Ordnung und ein richtiger Schritt als Verstoß gegen etwas. über ihn schreibe, keine Rolle spielen. Ich betrachte Ihn als ein
Alle diskutieren, alle sind unzufrieden, trotzdem gelingt es nicht, meiner Beobachtungsgabe zugängliches Wesen neben allen
dem Sumpf der Bürokratie zu entkommen. Was tun? anderen Menschen und Erscheinungen, die mich als Sozialroman-
Ja, aber leiten heißt nicht nur Verpflichtungen im Rahmen eines cier in meiner Heimat interessieren müssen. Lenin ist ein Idealist,
Wettbev/erbs übernehmen und sie vorweisen. Leiten heißt auch, wenn man unter diesem Begriff die Konzentration aller Kräfte der
die Umstände verändern, wenn sie das Leben und Wirken Person auf eine einzige Idee — die Idee des allgemeinen
behindern. Wohlergehens — versteht. Sein persönliches Leben ist so, daß
Am sichersten sei es, meinen einige, überhaupt nichts zu Lenin in der Epoche der vorherrschenden religiösen Vorstellungen
verändern, vor allem nicht für sich selbst. Heute fällt eine solche als Heiliger gegolten hatte. Ich weiß, Spießbürger würden sich
Haltung besonders auf. Die Umstände haben sich sehr wohl darüber blau und grün ärgern, viele Genossen lächeln, Lenin selbst
verändert, aber das freut nicht unbedingt alle. lustig loslachen...
Früher sprach man gern darüber, daß man vielleicht etv/as
LENIN. Entwurf eines Beschlusses des Politbüros. Das Politbüro
Vernünftiges und Gutes tun würde, daß die anderen aber es einem betrachtet es als äußerst unangebracht, daß "Die Kommunistische
unbedingt verv/ehren würden. Heute heißt es: Macht mal! Aber Internationale" in ihrem Heft Nr. 12 Gcrkis Artikel brachte, denn
nein, sie zögern. diese Artikel sind vom kommunistischen Geist weit entfernt, ja
Der Kampf für den Stahlausstoß, für die Ölförderung — das v/eisen sogar viel Anfikomrr.unistisches auf. Künftig sind ähnliche
springt ins Auge. Aber der Kampf der Meinungen, die Umwertung Artikel in der "Kommunistischen internationale" auf keinen Fall
von Autoritäten, der Kampf gegen Dinge, die sich uns störend in zu veröffentlichen.
den Weg legen? Man glaubt, das sei etwas für Auserwählte — als Dieser Beschluß des Politbüros wurde gleich damals gefaßt. Wie
gehörte jemand anderer, ein Übergeordneter dazu, das zu tun, was man sieht, reagierte Lenin ganz anders, als Gorki angenommen
eigentlich deine Sache ist. hatte. Das Leben, die Geschichte ist keine Aufführung, in der man
Im Jahre 1921 schrieben Kommunisten des Amtsbezirks Bakury, eine einzige Figur auf der Vorderbühne ansfrahlt. Im Schatten
Gouvernement Saratow, an Lenin. bleiben dann die Partei, die Massen, d. h. jene, die tatsächlich
LENIN. Der Sekretär Eurer Organisation ... hat mir schriftlich Geschichte machen.
mifgefeilf, daß Ihr auf Verlangen der Bauern beschlossen, habt, GORKI. Keineswegs verwöhnt, Wein und Tabak abhold, von
mich durch ihn von den konterrevolutionären Handlungen gewis­ früh bis spät mit komplizierter, schwieriger Arbeit beschäftigt,
ser Funktionäre des Ernährungswesens in Eurem Amtsbezirk in verstand er es absolut nicht, für sich selbst zu sorgen, hatte jedoch
Kenntnis zu setzen, solcher Funktionäre, die die Besitzlosen ein wachsames Auge auf das Leben der Genossen.
verhöhnen, die plündern, ihre eignen Taschen füllen, die Herstel­ Ein Ausweis, den die Verwaltung für die Angelegenheiten des
lung von Selbstgebranntem Schnaps begünstigen, saufen, Frauen Rates der Volkskommissare an Wladimir lljitsch Lenin aussieilte:
vergewaltigen, die Sowjetmacht provozieren usw. "Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Wladimir
Was unternahm Lenin? Wenn man ihn über diese Verbrechen in lljitsch Uljanow (LeninJ, beschäftigt sich eine unbegrenzte Zahl
Kenntnis gesetzt hatte, v/urden die Schuldigen gewiß bestraft... So von Stunden mit geistiger Arbeit, aus welchem Grund er Anrecht
heißt es doch gewöhnlich: "Die Schuldigen wurden bestraft" — als auf die Nahrungsmittel- und Brotmarken erster Kategorie hat."
hatte nicht er, sondern jemand anderer es getan. Lenin kämpfte für soziale Gleichheit. Aber Gleichmacherei war
LENIN. Ihr bittet darum, von hier, von Moskau aus diese ihm fremd. Übrigens führt man das gern ins Treffen, sobald die
konterrevolutionären Handlungen zu unterbinden. Es ist aber eine Rede auf Privilegien kommt.
der allerv/ichtigsten Aufgaben der örtlichen Parteiorganisationen, Ein Mensch, der sich wirklich der Aufgabe verschrieben hat,
auch der Euren, den Kampf gegen die Konterrevolution mit aller soziale Gleichheit herbeizuführen, kann sich nicht der Idee der
Kraft an Ort und Stelle zu führen. Es ist Eure Pflicht und Schuldig­ einfachsten Gleichheit entziehen: der Gleichheit gegenüber sich
keit, ... dafür zu sorgen, daß solche Konterrevolutionäre und selbst, gegenüber der eigenen Lebensweise. Dir wird ein Paket mit
Schurken, von denen ihr berichtet, verhaftet und vor das Revolu­ seltenen Delikatessen an den Arbeitsplatz gebracht, dem anderen
tionstribunal gestellt werden. sagt man aber, ihm stehe cas nicht zu. Du kannst natürlich dabei
Kritisieren, auf seiner Meinung bestehen und — sich durchset- erröten. Aber viel schlimmer isi: Du kennst die Empfindungen des
zen. Schön. Wo ist jedoch die Garantie, daß die Kritik unterstützt, Menschen, dem ein Vorrecht verweigert wird, nicht. Dabei wirst du
daß der eingebrachte Vorschlag angenommen wird? Gibt es eine morgen vielleicht Ratschläge erteilen, wie er zu leben habe. Und
Garantie, daß das Leben eines Menschen nicht unmittelbar danach staunen, daß man dich nicht versteht.
zu einem Leidensweg wird? Man kennt Beispiele genug. Bertolt Über Privilegien redet man endlos. Schlimm, wenn sie nicht
Brecht sagte: Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. verdient seien. Normal, wenn sie einem "zustehen". Aber liegt der
Aber eine Menschheit ohne Helden?.. Einmal bemerkte Wladimir Kern der Sache darin? Wenn dir etwas zusfeht, nimmst du es, ohne
lljitsch, wenn wir "Auf zum letzten Gefecht!" singen, so sei das dich zu befragen? Und wie ist es mit der Selbsfbegrcnzung, mir
leider eine kleine Unwahrheit, denn leider sei das nicht unser welcher eigentlich eine Persönlichkeit beginnt? Ein intelligenter
letztes Gefecht. Mensch ist ohne Selbstbegrenzung undenkbar.
Gorki schrieb, Lenins Heroismus sei die in Rußland nicht seifen Wer staunt über Lenins privates Leben und seine Bescheidenheit
vorkommende bescheidene, asketische Tat eines ehrlichen rus­ am meisten? Leute, denen die Freuden des geistigen Lebens
sischen Intellektuellen und Revolutionärs, der unerschütterlich an gelinde gesagt nicht sehr bekannt sind.
die Möglichkeit der sozialen Gerechtigkeit auf der Erde glaubt. Es gab Jahre, da es am wichtigsten schien, den Menschen in
GORKI. Mich beeindruckte stets Lenins unversöhnliche, unaus­ Lenin zu schildern. Die höchsten Äußerungen des menschlichen
löschliche Feindschaft gegen das Unglück der Menschen, sein Geistes sind immer, in allen Zeiten aktuell. Ganz besonders in
markanter Glaube daran, daß das Unglück keine unverrückbare freudlosen Zeiten. Wir kehrten uns der Vergangenheit zu, dabei
Grundlage des Seins, sondern eine Widerwärtigkeit ist, die die ging die Zeit — unsere Zeit! — weiter, veränderte die Gegenwart
Menschen hinwegfegen können und müssen. und überwand Veraltetes. Die Zeit bringt uns zu Lenin zurück, zum
Das schrieb Gorki bereits nach Lenins Tod, in jenem literarischen Erbauer und Gründer der neuen Gesellschaft, zu einem Menschen,
Porträt, das wir alle kennen. Aber 1920 erschien in der Zeitschrift der nach Gorkis Wort die Leute m ihrem gewohnten Leben in
"Die Kommunistische Internationale" Gorkis Artikei Wladimir einem Maße auf störte, wie es keiner vor ihm zu tun vermocht hatte.
lljitsch Lenin".
"NEUE ZEIT' 4.87 15
ln Heft 48 1986 los ich dos Interview mit Herrn Noboru Goto
dem Präsidenten der japanischen Industrie- und Handelskammer. Es
POST
^Erstens* zum Standpunkt von Herrn Goto zur Bildung gemeinsamer

(für Japan, natürtich) von deren


Schaffung „... in einem sehr engen Bereich" ,m„Zl<us?.mm®np^f
der Oberfüllung des Weltmarkts durch Rohstoffe . Durch Rohsf®”®: japanisch-sowjef,.
Andere Bereiche für Investitionen in Zusammenarbeit mit der■ UdSiK
weist uns das japanische Busineß, wie der Präsident seiner Industrie- Ziehungen endljrf
Ich habe Ihren Brief, Genosse und Handelskammer verkündet, offenbar nicht zu? Herr Go o is zu blasen began.
Rogowoj, gelesen, und dabei mußte bereit, eigentlich nur .... über die Verarbeitung von Meeresproduk­ Und weiter 3e
ich an die Worte eines Philosophen ten" und „über die Nutzung von Waldressourcen" zu sprechen. Ist sowjetisch-japarii«
der Vergangenheit denken: „Wo der es etwa so, daß wir außer Meeresprodukten und Holz Japan nichts Produktion vom A
gesunde Menschenverstand am Werk zu bieten haben? Gehören ja zur Struktur unseres Exports selbst in Chemieerzeugnis<
ist, da erholt sich das Herz." Sie haben Industrieländer sowohl Technologien als auch Industrieerzeugnisse holtstechnik, Shrili
offenbar Ihrem Herzen zu große usw. Selbst angesichts der relativ (jm Vergleich zur gesamtnationa­ z. B. die ai^ä
Freiheit gegeben, und das hat Sie len) unzureichenden industriellen Infrastruktur unseres Fernen Monsanto oder IS
wohl gehindert, objektiv daranzuge­ Ostens ist das im Grunde ziemlich erniedrigend. erstere will gernli
hen, was der Präsident der japa­ Und zweitens, das Wichtigste... zide erzeugen, dji
nischen Industrie- und Handelskam­ Herr Goto laßt sich völlig klar und eindeutig über das „Bestehen
nen für Industrie
eines Problems - der territorialen Frage" - aus. Wir aber drängen da
mer, Noboru Goto, in seinem Inter­ Ihre Bemerkung
einen Dialog auf? Mit dem gleichen Erfolg könnten wir auch mit der
view für die NZ sagte, ja überhaupt an hat mich sehr veryi
BRD über die Grenzen von 1937, einschließlich Ostpreußens, einen
die Idee gemeinsamer sowjetisch­ „Dialog aufdräng
„Dialog führen"!
japanischer Betriebe. Meiner Meinung nach ist das japanische Monopolkapital ganz boru Goto sich (
Das Interview mit Noboru Goto ist, konsequent bei der Verwirklichung des Plans, den Hirohito bei der eines Problems
wie ich meine, ein Echo auf Michail Kapitulation 1945 verkündete: wirtschaftlich-technische Spitzenposi­ Frage" auslässe: Vi
Gorbatschows Rede in Wladiwostok tionen zu erreichen und dann... Ob in militärischer Form, im haben, stammen
vom Sommer v. J. Erinnern Sie sich, wirtschaftlichen oder im wissenschaftlich-lechnischen Bereich, die gemeinsame Betri
dort war u. a. davon die Rede, daß die Expansion Japans ist unwandelbar... sondern von den J
. geographische Lage des Fernen W. ROGOWOJ
deren Bewußtsein
Ostens den Kurs auf die bestmögliche Krasnodar, RSFSR
toriale Frage",:di<
Nutzung der Ressourcen des Ozeans der hartnäckigen
Sowjetunion immt
sei. Doch die real«
Handel und Wirts
wie v/ir sehen, als ■
Nein, das ist erforderlich sollten wir dann
ebenso hirnverbrä
sind, besondere A
men?
bestimmt, und es wurde auf den konkrete Ergebnisse erbracht. Japa- Form der wirtschaftlichen Zusammen- Und noch etw
chronischen Mangel von diese Res- nische Firmen unterbreiteten Vor­ arbeit unserer Länder nicht gegeben. Recht Besorgnis ü
sourcen verarbeitenden Betrieben in schlage für die Bildung von 11 ge­ Und verständlich ist das Streben der der neokolonialisti
jenen Regionen verwiesen. Michail meinsamen Betrieben. So sind drei Japaner, sich davon zu überzeugen, der Politik Japaps
Gorbatschow, der damit auch Holz bedeutendste Fischerei- und Fisch- daß ein solches Vorhaben lebensfähig denzen nicht rsal
meinte, betonte, es sei wichtig, aus verarbeitungsfirmen daran interes- ist. Nahrungsmittel- und holzverarbei- eben eine Welte
den fernöstlichen Rohstoffen zumin- siert, mit sowjetischen Betrieben ei­ tende Betriebe verlangen keine werden, in der c
desi Halbfertigprodukte, am besten ne gemeinsame Produktion aufzuneh- großen Investitionen, ihre Errichtung Recht beruht, nich
aber Endprodukte zu gewinnen. men. Es gibt Pläne für die gemeinsame ist nicht mit einer außerordentlichen der Macht. Umfass'
Offenbar studierte Noboru Goto Produktion von Holzfertigerzeugnis- Kräfteanspannung oder mit einem tig vorteilhafte
aufmerksam die Wladiwostoker Rede, sen. wirtschaftlichen Risiko verbunden. Wirtschaftsbeziehi
wie japanische Geschäftsleute Sie schreiben. Sie fühlten sich Deshalb sind sie durchaus als, wenn Wege, eine solch
üblicherweise mii unseren gedemütigt, da in den japanischen man das so sagen will ExDerimentipr- schaffen.
Grundsatzdokumenten zu Fragen von Vorschlägen nicht die gemeinsame feld geeignet, auf dem man die Ein amerikaniscl
Wirtschaft und Handel verfahren.
c Und Produktion von Industriewaren er- positiven und die negativen Seiten der päischer Geschäft!
in seiner Antwort auf die Frage des wahnt werde. Meiner Meinung nach gemeinsamen Wirtschaftstätigkeit klä- Stärke der j«p4'
NZ-Korrespondenten brachte er natür- wäre es für uns viel betrüblicher, wenn ren kann. kurrenz paßte, s,
lieh seine Haltung zur Idee gemeinsa- wir z. B. geschickt zubereitete Halbfer- Ich persönlich meine daß das Krieg ist, wie da* C
mer Betriebe zum Ausdruck. „... Bei tigprodukte aus Fisch vergeblich in Experiment gelingen wird Der Fortführung de
der Verarbeitung der Meeresproduk- den Geschäften suchen würden. Die gleichen Meinung sind viele ’a schäftsbeziehunctei
te, bei der Nutzung der Waldressour- Japaner, die langjährige Traditionen nische Wirtschaftswissenschaftler1 ^d Japaner meinen, fl
cen sind gemeinsame Betriebe ange- der rationellen Verarbeitung von Industrielle. So ist Prof KO *" Un Krieges." Wir *<
bracht", sagte Noboru Goto. Was aber Meeresprodukten und der Zuberei- der Universität Naqova 'eiiflT* V2” Haltung zu den.
seine Bemerkung bezüglich der Ober- tung schmackhaftester Gerichte aus der Japanischen Vereiniau ^ 6 Ha
gen, zum '''*
füllung des Weltmarktes durch ihnen besitzen, werden uns in den Förderung des Handels mit derLJrKCR wirtschaftlichen^
Rohstoffe angeht, so entspricht dies gemeinsamen Betrieben ihre Techno- und den anderen sdzialistischp I -
dem XXVII. Par1
der Wirklichkeit, und von einem logie und ihre Erfahrungen vermitteln, dem, davon überzeuqt daß °
wurde die .AuM?
Unternehmer zu erwarten, daß er unter und das wird helfen, das Angebot an same japanisch-sowjetische J7°?" interessierten kapit
solchen Bedingungen Kapital in die Nahrungsmitteln zu vergrößern. Das aussichtsreich sind Die
die Hendels-
Förderung von Rohstoffen und Bo- gleiche gilt für die gemeinsame sieht er neben allem •d j
hungen gerade
denschätzen investieren will, wäre Produktion von z. B. Möbeln oder Effektivität der Reoierunn.l, "li •
teilhafter und *
zumindest neiv. Fertighäusern. de, UdSSR über diese rT s,"1
Grundlage, "
Das Studium der Wladiwostoker Gemeinsame Betriebe sind sowohl S. Suetomi Leiter de ®otr'ebe’
des Wohlwolle01 u
Rede Michail Gorbatschows durch für uns als auch für die Japaner etwas Vertretung der Hanj«i »• Mosk®ue'
gen Vertrauen*.
japanische Unternehmer hat bereits Neues. Hat es ja bislang eine solche bussan, erklärte daß in d’S* M|'j“' 1 \

16
"NEUE ZEIT" 4.87
POST ECHO POST ECHO

sehen Geschäftsbe-
MEINUNGSSTREIT
h ein günstiger Wind
n".
•he ich gemeinsame
sehe Betriebe zur
Trennung von der Heimat • • • verteidigen würde. Jetzt
v/eiß ich, daß ich keine
Maschinen, Anlagen, Zukunft habe, bis ich die
sen und von Haus­ USA verlassen und in die
ich jenen, wie sie uns
srikanischen Firmen
DOPPELT Mein Verstand sagt mir, daß der ich lebe, gibt es keine
sie selbst an ihrem Schicksal Organisation, die ' tat-
Sowjetunion
v/erde.
übersiedeln

SSM.C anbieten: Die schuld sind, doch wenn man sächlich die Rechte und Kafherine SEN1EK
insam mit uns Herbi- die Tränen in ihren Augen Interessen der Werktätigen Kalifornien, USA
e zweite Nähmaschi- BETRÜBLICH sieht, dann krampft sich das
; und Haushalte. Herz zusammen. Da sagt
g, Genosse Rogowoj,
Aus verschiedenen Grün­ man sich: Ja, sollen sie doch
yundert, daß wir den
den verlassen einzelne Bür- zurückkommen, wenn sie
gen", während No-
über das „Bestehen ger für immer die UdSSR Land' als sie in der .
Fremde waren, keinen
- der territorialen und suchen ihr Glück
in der Ferne. großen Schaden zufügten.
Vie Sie wohl bemerkt
Betrüblich, daß sie der Haben viele ja Kinder. Und
alle Vorschläge für
bürgerlichen Propaganda kann man etwa Kinder ohne
iebe nicht von uns,
die Heimat erziehen?
Japanern. Und nur in glauben, daß sie vernünfti­
i existiert eine „terri- gen Argumenten nicht zu­ P. WASSIUEWA
e angeblich „v/egen gänglich sind. Für mich ist Irkutsk, RSFSR
i Weigerung" der es aber noch betrüblicher,
er noch nicht gelöst wenn solchen Leuten die ^f|j»
en Erfordernisse von Schuppen von den Augen
schaff erweisen sich, fallen, wenn sie sich ent-
gewichtiger. Warum schließen heimzukehren SKLAVEN
also Illusionen, die
und ihnen diese Rückkehr
annt wie aussichtslos
erlaubt wird. Was soll das? niar
Aufmerksamkeit wid-
Mir ist es unverständlich. Müll
Kann man etwa die Heimat
fas. Sie äußern zu
Jber dieVerstärkung zurückholen, kann man etwa
ischen Tendenzen in die eigene Mutter, die man
s. Damit diese Ten- aufgehört hat zu lieben,
lisiert werden, muß wieder liebgewinnen? Un- Unsere Familie ließ sich
Ordnung geschaffen ser Land verlassen
1905 jn Kalifornien nieder.
die Macht auf dem Menschen, die sich der nachdem mein Vater, ein
it aber das Recht auf Tragweite ihres Schrittes Ukrainer, aus Rußland
iende und beidersei- bewußt sein sollten. Wir emigriert war. Nach seiner
Handels­ und aber verzeihen ihnen'dann Ankunft in den USA suchte
ungen sind einer der alles. Finden Sie das ge- er |ange Arbeit und kam
1e Weltordnung zu recht? schließlich als Bergmann in
Kupfergruben unter.
her oder westeuro- A. SHOWNIR 1929 starb er an Silikose. So
smann, der vor der
Gebiet Saporoshje, Ukr. mußte ich mit 14 zu arbeiten
•sehen Handelskon- SSR beginnen. Und ich schufte­
agfe einmal: „Der
te, oft ohne Urlaub, bis ich
-lausewitz sagte, die
Politik. Die Ge- 62 war. Anfangs arbeitete . .. ,>
ich 6 Tage die Woche 10 * if
J! aber sind, wie die
UND DOCH
a,e Fortführung des
^°en eine andere -Äf-,..... ....j
Seschäftsbeziehun-
sndel und zur
TUN SIE 2,5 Dollar erhielt. Erinnert
nicht eine solche Maloche
‘jsammenarbeit. Auf an die Arbeit der Ne- Diese Silhouette wurde auf der Erde aus Zeitungen von
M‘n"?aPolis f“r Erinnerung, an Arvid
teitag der KPdSU
Je gestellt, mit den
EINEM gersklaven auf den Planfa-
gen im 18. Jh.F Glauben Sie
Arbeitslosen
Du . von Mi Honen obdachlosen Amerikanern.
«'«tischen Ländern , . . , . nk » ■ gelegt. Er übernachtete in einer Mülltonne und wurde
m.r, das ist kerne Obertre,- von dem RäuraungsfclhrIeug In den Zeihlngcn
. Wirfschaftsbezie-
Jt beiderseitig vor-
LEID bung. Wenn Sie wußfen, ,daruntcr auch in der „Minneapolis Star and Tribüne";
wle die ständige Sorge um de„ Ausschnitf sende ieh |hnen) wurd<! dieJor
aueLChberechtigter
In letzter Zeit las ich das Morgen dem Menschen Unglücksfall gemeldet. Und der Kommentar dazu! Arvid
md wSr Grundl*9e wiederholt von Menschen, zusetzt! Ich habe schon Dulak wird da im Gegenteil „verurteilt“ - weil er nlchl
” ..des gegenseiti-
^■terzuentwickeh. die das Leid des Verlustes lange verstanden, daß nur dort, wo es sich gehört, schlief.
ihrer Heimat erfuhren, de- die sozialistische Ge­
^'adimlr ZWETOW
nen mehr als genug Schwe- ^sellschaft Leben und VA/ uZu-
. Ronald i. SCHLEYER
res in der Ferne widerfuhr, kunft sichert. In der Welt, in Minneapolis, USA
"NEUE ZEIT“ 4.87
ZEITGESCHICHTE

1947 planten die USA die Okkupation Chinas


Davon zeugt die

- •

Komitee der Stabschefs {oberstes militärisches Organ der


Das Dokument- des Oberkommandos der US-Streit­
kräfte ist umfangreich: über 180 Seiten, dazu Landkar­ US-Streitkräfte) unterstellt war. Geheimhaltungsgrad: "Sireng
ten, Tabellen und Schemata, wie sich's für Stabsunterlagen gehört. geheim". Der Ernst der Zusammensteller steht außer jedem
Codename der Operation: "Moonrise" {Mondaufgang], Ausferti­ Zweifel, sie verwiesen in der Einführung sogar eigens, der Plan sei
gungsdatum 29. August 1947, Kr. 476/2{die Zwei bedeutet, daß "aufmerksam zu lesen".
auch andere Operationsvarianten bestanden); Erarbeiten Verei­ Wir wollen das tun. Die erste Frage in diesem Zusammenhang:
nigter Ausschuß für Verteidigungsplanung, der dem Vereinigten In welchem Teil der Welt sollte die geplante Operation steigen!

wurden die physisch-topographischen Ei­ Die Zeittafel des abenteuerlichen Pen­


Ort genschaften Chinas analysiert, in welchem tagon-Vorhabens ist nun bekannt: Der
Zusammenhang folgende tiefsinnige Be­ erste Plan eines Atomwaffenüberfalls auf
der Handlung merkung gemacht wird: die UdSSR ist vom 3. November 1945 da-
"Bei militärischen Operationen in China tiert; darin wurde, wenn auch in sehr
Die Antwort finden wir schon auf S. 5, sind die Klima- und Witterungsbedingun­ allgemeiner Form, das mögliche Verhalten
auf der der Operaiionsraum von ''Moon­ gen in Betracht zu ziehen." dritter Länder im Kriegsfälle erwogen.
rise" wie folgt charakterisiert wird: Demnach militärische US-Operationen Die in Weiterentwicklung dieses Do­
"Das in Betracht kommende Areal von in China 1947? In einem Land, das auch kuments ausgearbeitete Operation
Südchina bis Ostsibirien und Alaska stellt damals gleich den Vereinigten Staaten Pincher" (Direktive des Vereinigten Aus­
in der Hauptsache einander ab­ UNO-Mitglied und sogar Ständiges Mit­ schusses für Verteidigungsplanung vom
wechselnde Streifen von Hochgebirgen glied des Sicherheitsrates war? 2. Februar 1946) sah konkret vor, daß zum
und Tälern dar, die sich ungefähr parallel
Momeni der Kriegsentfesselung durch die
zur kontinentalen Pazifikküste ziehen. Die
Gebirgsgebiete sind mäßig durchschnit­
Am Ursprung USA sie und ihre eventuellen Bündnis­
partner Unterstützung "an der Linie
ten, wenig bewaldet und im Schnitt nur
Beringmeer—Japanisches Meer—Gelbes
5000—8000 Fuß hoch. Sie schließen klei- des Neoglobalismus Meer brauchen, was seinerseits "eine
nere Ebenen und nicht sehr hohe Plateaus aktivere Benutzung Alaskas, der
zwischen sich ein, viele Ge- Im Herbst 1946 wurde in einer gehei­
US-Stützpunkte im Pazifik, auf den in
birgseinschnitte sind durch lange Täler­ men Denkschrift für Präsident Truman von
Treuhänderschaft stehenden japanischen
ketten verbunden. Die tiefsten zwischen seinem Sonderberater Clark Clifford emp­
Inseln, in Japan, auf Riukiu und möglicher­
den Bergen liegenden Becken sind unter fohlen:
weise von Häfen und Stützpunkten in
dem Meeresspiegel gelegen, darin befin­ "Unsere Politik muß völlig global sein.
China" erfordern werde.
den sich das Japanische, das Südchine- Aus seinerzeit naheliegenden Gründen
Osfchinesische, das behandelten wir die Europa-, die Nahost-, Warum der Stützpunkte in China? Hier
sische, das
die Antwort:
Ochotskische und das Beringmeer. Aus­ die Indien-und die Chinapolitik geson-
dert..." Qingdao, Shanghai und Chengdu wer-
führlicher s. Ergänzung A zum Anhang
Dies ist ein wichtiger "methodolo­ den als Fliegerstützpunkte befrachtet, von
(S. 60)."
In der Tat werden auf den Seiten gischer" Hinweis: Will man amerikanische imccd aUS V,er Industriegebiete der
60—76 ausführlich folgende Gebiete un­ Pläne im Hinblick auf ein Land prüfen so UdSSR — Nowosibirsk, Irkutsk, Keme-
tersucht: Kamtschatka, Sachalin, Sudost- ist in erster Linie der Platz dieses Landes rowo und Stalinsk — zu erreichen sind.
und Nordostsibirien, China (Mandschurei, in Washingtons globalen Plänen zu be­ iese Gebiete sind für die auf Japan und
i
Nord- und Ostchina), Korea, Japan (die stimmen. Clifford bezeichnete diese Pläne reichbar0 9eS<dGtzfen B“29-Flugzeuge uner-
Inseln Hokkaido, Honshu, Kyushu und als die eines "Totalkrieges gegen die „ gegen die auf Indien
Shikoku) sowie Alaska. Am ausführlichsten UdSSR". gestutzten Flugzeuge durch den Himalaja
aogeschirmt."
,18
"NEUE ZEIT" 4.87
Ein zweifacher Plan Japan okkupierte einen großen Teil des dent Trumans den Truppen im Fernen
chinesischen Territoriums: die Mandschu­ Osten die Direktive zugehen, die vor­
Aber das ist nur der eine Aspekt der rei, Nord-, Zentral- und Südostchina, die schrieb, zu "Soforfhandlungen", nämlich
geheimen US-Pläne von 1946/47. Ihr ganze Seeküste des Landes mit den "möglicherweise vor dem Einmarsch der
Objekt war nicht nur die UdSSR. In nicht wichtigen Häfen Tianjin, Shanghai und Russen", bereit zu sein. Gemeint war eine
geringerem Maße richteten sie sich auch Kanton. Die Truppen der Guomindang- dringliche Landung von US-Truppen in
gegen China, gegen die chinesische Regierung standen formell auf seiten der der Mandschurei und in Korea.
Revolution. Im Jahre 1947 wurde der Alliierten, leisteten jedoch keinen nen­ In Erfüllung ihrer Pflicht als Alliierte
"Pincher"-Plan durch einen neuen, unter nenswerten Beitrag zu deren Kampf. Der gingen die sowjetischen Truppen im
dem Codenamen "Broiler", ersetzt. Ober US-General Joseph Stilwell, der sich in Fernen Osten am 9. August zur Offensive
diese Ziele hieß es darin: China als militärischer Hauptberater be­ über. Zwei Tage später, am 1t. August,
fand, sandte wiederholt besorgte Berichte richteten die Vereinigten Stabschefs fol­
"Es gilt, eine militärische und politische nach Washington: über den Zerfall des gende Direktive an die Kommandieren­
Situation im Fernen Osten zu verhindern, Regimes, über den Unwillen Tschiang den:
in der die Völker Asiens die kommu­ Kaischeks, gegen die Japaner Krieg zu "Nach Ansicht des Präsidenten ist es
nistische Ideologie akzeptieren könnten." führen, und seine Pläne eines Bür- notwendig, im voraus Maßnahmen auszu­
Der Schluß: "Das nationalistische China gerkriegs. Tschiang sabotierte eindeutig arbeiten, damit der Hafen Dairen (Dalni)
ist zu unterstützen", weil es in seinen die Kampfhandlungen gegen Japan und und ein Hafen in Korea (Söul) sofort nach
Beziehungen zu den USA "den gleichen konzentrierte sich auf den Kampf gegen der Kapitulation Japans okkupiert werden
Kurs wie während des zweiten Weltkrie­ die Volksbefreiungsarmee und auf die können, wenn die Häfen bis dahin nicht
ges steuern" werde. Blockade der befreiten Gebiete Chinas. von den sowjetischen Truppen besetzt
Als das Jahr 1945, das Jahr des Sieges in sein werden."
Eine weitere Direktive jener Zeit,
Nr. 1769/1 vom 29. April 1947, betitelt Europa und auch im Fernen Osten, kam, Zur Erfüllung der Direktive forderte
suchten die militärischen und politischen General Wedemeyer, Chef der US-Mili-
"US-Hilfe an andere Länder im Interesse
US-Kreise, wohl wissend, daß sie ohne die tärmission in China, von Washington am
der nationalen Sicherheit", erläuterte
sowjetische Hilfe den Krieg nicht zu 12. August dringend sieben US-Di-
recht zynisch:
beenden vermochten, nach Mitteln und Visionen an. Darauf mußte jedoch ver­
"Chinas größte militärische Ressource
wegen, die eigenen Interessen in China, zichtet werden: Schon am 12. August
ist das AAenschenmaterial. Doch verfügt
das seiner Befreiung entgegenfieberte, zu mußten die Vereinigten Stabschefs ihre
China über keine Industrie, die dieses
gewährleisten. Am 21. Juli 1945 ließen die Direktive "angesichts des raschen Vor-
Menschenmaferial für die Teilnahme an
Vereinigten Stabschefs auf Weisung Präsi- stoßes der Russen" aufheben.
Kampfhandlungen einkleiden könnte, und j
ist nicht imstande, es zu ernähren, damit es j
kampffähig ist..."
Nicht weniger zynisch äußerten sich die
Urheber der Direktive dahingehend, daß
es keinen Sinn habe, viel zu viel in die
Guomindang zu investieren, weil deren
Effektivität "zweifelhaft" sei. Doch v/enn
eine amerikanische Offensive "auf unse­
ren ideologischen Haupigegner", d. h. auf
die UdSSR, beginne, werde "ein Erfolg
der Offensive die unentwickelten Fern­
ostländer vom Kommunismus isolieren.
Es wird möglich sein, sie durch
wirtschaftliche Quarantäne in Isolierung
zu halten."
Und so erkannte die Direktive 1769/1,
"ausgehend davon, daß der künftige
Krieg ideologisch sein wird und die
laufende Hilfe nur vom Standpunkt unse­
rer nationalen Sicherheit aus erwiesen
werden muß", den ersten Platz in den
US-Plänen im Fernen Osten nicht dem
China Tschiang Kaischeks, sondern Japan
zu. Trotzdem war im Punkt 7 des "ßroi-
Ier"-Plans die Rede erneut von der
Notwendigkeit, Tschiang Kaischeks Trup­
pen und Regime zu unterstützen sowie
gegen die Volksbefreiungsarmee Chinas
vorzugehen.

In den Kriegsjahren

Die Beziehungen der USA zu Tschiang


Kaischeks Regime wurden in den
Kriegsjahren vor allem durch die Erforder­
nisse des Krieges gegen Japan diktiert.

” Moonrise": Richtung
Kampfhandlungen der US-Luftwaffe ge-
9en China und die UdSSR.

"NEUE ZEIT' 4.87


zeichnet disziplinierte Führung und ein
Das war das allgemeine Ziel. In Anwen­
praktisches Programm, das dazu angetan
dung konkret auf China erwogen die
DIREKTIVE 476/2 j Urheber des "Moonrise"-Plans mehrere
ist, von der Bevölkerung unterstützt zu
werden. Die Präsenz der US-Truppen wird
Varianten des Vorgehens (eine für alle
den Kommunisten die Möglichkeit geben,
militärischen US-Dokumente jener Jahre
den latenten Ausländerhaß der meisten
charakteristische Methode).
Chinesen auszunutzen, und sie könnten
Bei der ausführlichen Analyse aller
den Kern einer ernstzunehmenden Wi­
Darauf wurde die Konzeption abgeän- Aspekte der möglichen US-Aktivitaten in
derstandsbewegung bilden. Da sich die
deri: Tscbiang Kaischek sollte direkie Hilfe China wurden nämlich folgende Varianten
kommunistischen Funktionäre
erhalten, damit gerade seine Truppen die in Betracht gezogen:
grundsätzlich zur sowjetischen Interpreta­
Provinzen Nordost- und Zentralchinas be­ a) China bleibt ein "neutraler und
setzten. Diese Operation begann tat­ tion des marxistischen Dogmas bekennen,
nichtokkupierter Staat";
sächlich am 30. September mit der ist schwer damit zu rechnen, daß be­
b) US-Truppen marschieren in China ein
Landung der 't. Division in Tanggu (bei trächtliche kommunistische Massen für die
und gehen gemeinsam mit den Guomin-
Tientsin). Darauf versuchte die 7. Flotte, Sache der Amerikaner zu gewinnen sind."
dang-Behörden vor.
die Guoniinaang-Truppen an Bord ge­ Die amerikanischen Planer wären natür­ Doch in den USA glaubte man, "innere"
nommen hatte, eine Landung in Daini, was lich nicht amerikanische Planer gewesen, Reserven für eine Okkupation Chinas zu
den geltenden sowjetisch-chinesischen wenn sie als "dritte Variante" nicht eine
haben:
Abkommen direkt widersprach. Nach ei­ imaginäre Okkupation Chinas, der
ner Niederlage setzte das US-Kommando Mandschurei, Taiwans, Japans und selbst "Die chinesischen Regierungen un­
diese Truppen in anderen Gebieten aus. Alaskas durch sowjetische Truppen be­ terdrückten die nationalen Minderheiten
Im Ergebnis befanden sich in China Ende schrieben und ausgemalt hätten. Aber das der Mongolen in .der Inneren Mongolei
1945 rd. 113 000 US-Soldaten, was keines­ "gehörte eben dazu", und die "Analyti­ und die Moslems in Xinjiang, daß es ein
wegs nötig wer, um bloß die japanischen ker" selbst zogen den Schluß, daß die leichtes sein wird, die Einheimischen zu
Truppen zu "entwaffnen". UdSSR solche Pläne für den Fernen Osten einem Aufstand zu provozieren.
Auf der Moskauer Außenministerkonfe­ wohl nicht habe. Die Pläne einer US-Ok-
renz 1945 widersetzten sich die USA kupation dagegen...
erbittert dem Beschluß, alle fremden Sie war für die "Moonrise"-Urheber ein
Truppen aus China abzuziehen. Die durchaus machbares Vorhaben. Begrün­
Wirtschaftliches
US-Vertreter redeten von der Notwendig­ det wurde das so:
keit, die japanischen Kriegsgefangenen zu "Die USA sind die einzige Großmacht,
"überwachen'' und zu evakuieren. Nach die zweifellos mit gutem Willen der Ein Abschnitt des "Moonrise"-P!ans ist
der Kapitulation war jedoch schon viel politisch indifferenten Bevölkerungsmasse insofern ungewöhnlich, als er rein
Zeit vergangen, und dieses Argument Chinas rechnen kann. Das hängt teils mit wirtschaftliche Probleme behandelt, wenn
wirkte wenig überzeugend. Die USA der US-Hilfe an China während des auch von einem originellen Standpunkt
mußten den Beschluß darüber unter­ zweiten Weltkrieges, teils mit dem relativ aus: von dem wirtschaftlicher Vorteile
zeichnen, daß der "Truppenabzug guten Ruf der USA in Vorkriegschina (und Nachteilel) einer Okkupation Chinas.
wünschenswert" sei. Als die UdSSR den zusammen... Hier zeigten die Planer einen nicht eben
endgültigen Abzug ihrer Truppen aus der alltäglichen Realismus, weil sie sich bei
Wenn US-Truppen an militärischen
Mandschurei bis zum 15. April 1946 be­ einem Einmarsch amerikanischer Truppen
Operationen teilnehmen, werden sie in
kanntgab, sahen sich die USA genötigt, in China keine besonders großen und
den meisten Gebieten Chinas auf geringe­
die Starke ihrer Truppen zu vermindern. raschen wirtschaftlichen Vorteile ver-
ren Widerstand als andere Länder stoßen.
Bis Juni 1947 blieben dorr nur noch 6180 sprachen. Zuerst untersucht der Plan
Mehr noch: Da die US-Truppen in hohem
Mann. "augenblickliche Vorteile" der Okkupa­
Maße sich selbst versorgen und kaum zur
So kommen wir an das Jahr 1947 heran, tion:
gewaltsamen Requisition greifen werden,
da die Operation "Mvoonrise" entstand.
wird auch der unmittelbare Grund zum
Die für die Ausfuhr geeigneten Ob­
Widerstand entfallen."
jekte haben einen geringen Wert im
"Wenn Es meldeten sich jedoch auch Zweifel: Vergleich mit amerikanischen oder sowje­
"Anzunehmen ist, daß die Guomin- tischen Industriebetrieben. Das gesamte
dang-Behörden wahrscheinlich auf seiten
die US-Truppen..." der US-Truppen sein und ihnen helfen
rollende Material z. B. zählt rd. 1370
Lokomotiven und 18 000 Waggons von
werden. Aber ihre Hilfe wird nur einen verschiedenem Grad der Einsatzfähigkeit,
Mit dieser Operation wollten die USA Teileffekt haben. Erstens ist das Niveau und die Spurbreite ist schmaler als auf den
sowohl die UdSSR als auch die chinesische ihrer verwaltungstechnischen Aktivität in sowjetischen Eisenbah nen. Ein Großteil
Revolution schwächen. Deshalb wurde China nicht hoch. Die Guomindang der Industrieanlagen ist entweder veraltet
das militärpolitische Ziel so formuliert: ist unfähig, einen wirksamen Verwal­ oder hat wenig mit der Rüstungswirtschaft .
" Durch Angriffsoperationen tungsdienst auszuüben. Noch wichtiger zu tun, wie z. B. kleine Mehl- und
hauptsächlich im Westen Eurasiens und ist, daß die Guomindang keine positive Olfabnken. Der Gewi r»n von dem 1947 zu
aktive Verteidigung in Ostasien den Unterstützung im Volk hat. Heute vermag
erwartenden Produktionsausstoß ist eine
Willen der Sowjetunion zur Fortführung sie es nicht, das Volk für die Alliierten und Quantite negligeable."
der Kampfhandlungen zu unterdrücken. ihre Unterstützung zu begeistern. Ande­
Vor allem die Linie ßeringmeer-Japa- rerseits können die Guomindang-Behör- Jcfar» s°llte man meinen, kein
nisches Meer—Gelbes Meer duren die den wegen der seit alters traditionellen wirtschaftlicher Gewinn winkt, nicht ein­
erste Hilfe an China abzusichern... Maxi­ Passivität der Bauern die äußeren mal zum Plündern ist etwas da. Aber die
mal wirksame strategische Luftangriffe auf Miachtartribute bewahren und bei der Analyse geht weiter und führt uns an
die lebenswichtigen westlichen Gebiete Unterdrückung der Widerstandsbewe­ einen
bemerkenswerten Schluß heran:
der UdSSR zu unternehmen und sic mit gung auf großen Flächen helfen."
"D,e Umstände, unter denen ein Terri-
Operationen zur Sicherstellung notwendi- Wer sollte nach Ansicht der Verfasser
tjot Luftstützpunkte sowie mit politischen, des Dokuments den Okkupanten Wi­ kni w fremde militärische Kontrolle
psychologischen und illegalen Operatio- derstand leisten? m ‘ l3Ut Ginem Ertrag), oder die
nen auf den durch die Russen besetzten "Von größter politischer Gefährlichkeit eine/ 1 ^ lan9währenden Charakter
lerritorien zu verbinden, um die rus­ für die US-Kräfte wird die Kommunistische oahn üChLen K°ntrolle könnten die Okku-
sischen Ressourcen lahmzulegen.'' Partei Chinas sein. Sie hat eine ausge- rer A Sb?horden Prüfung umfassende­
rer Aspekte der Wirtschaftspolitik veran-
70
"NEUE ZEIT" 4.87
lassen. Politische Ziele und eine langzeit­
Karten der Chausseen und Eisen­ Städten der Mandschurei für B-50-Maschi-
liche militärische Notwendigkeit könnten
bahnen in China, der Häfen an der Küste nen bzw. 3000 Meilen bis Zentralchina für
eine Erhöhung der Okkupationsausgaben
Chinas, Japans, Koreas und des sowje­ ß 36. Für die Luftstützpunkte auf Alaska:
rechtfertigen, damit sie die Verantwor­
tischen Fernen Ostens; 1500—3000 Meilen für Angriffe auf sibi­
tung für das Funktionieren der Zivil­
Karten der US-Luftstützpunkie irn rische Städte.** Zur Sicherstellung des
wirtschaft einschließen... Die wichtigsten
Fernen Osten (unter Angabe der Reich­ US-Vorgehens sollten eine Luffiandedivi-
Vorteile des wirtschaftlichen Wiederauf­ weite der Bomber und der Ziele für sion, zwei Gruppen schwerer Bom­
baus sind hauptsächlich vom Standpunkt Luftangriffe in Sibirien). ber, drei Jägergruppen, je eine Gruppe
der Erreichung politischer Ziele zu beur­ Besonders detailliert wurde im Plan die von Allweiterjägern und von Absetzflug­
teilen." Möglichkeit einer Landung von Truppen zeugen, je eine Staffel von Aufklärungs­
Da haben wir es: Die USA nahmen ein in fernöstlichen Häfen geprüft, wozu alle flugzeugen und von Wetterfernaufklä-
wirtschaftliches Risiko bei der Okkupation Häfen nach folgendem Schema klassifiziert rungsflugzeugen konzentriert werde n.
Chinas in Kauf, nur um ihre politischen wäre n: Den Bedarf an Seestreitkräften bestimmte
Ziele zu erreichen!
1. Name des Hafens; der Plan wie folgt: ein operatives Ffug-
2. Zahl der Schiffe vom "Liberty"-Typ*, zeugträgerverband, drei Sucn-Angriffs-
Sinn die der betreffende Hafen gleichzeitig gruppen von Geleifflugzeugträgern,
aufnehmen kann; 8 U-Booi-Floftillen, 1 Gruppe
der Operation Unterwasserminenleger und 12 Staf-
3. Tonnage, die in 24 Stunden bearbei­
tet werden kann. fein von Patrouillenflugzeugen.
Der "alternative" Charakter der Erwä­ Nach diesen Punkten wurde die Auch ein konkreter Plan der
gungen im "Moonrise"-Plan— hier die Einschätzung folgender Häfen vorgenom- Kampfhandlungen wurde umrissen:
"Am günstigsten ... wäre die Halbinsel
Shandong. Das dortige Gelände ergibt
ideale Verteidigungsstellungen, beson­
ri---
m ‘ - - ... ; i
irngm
.... •; i *’ *
'v. .

-
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ders in unmittelbarer Nähe von Qingaao.
Ein weites Tal, das sich von der Basis der
Halbinsel in ihr Inneres zieht, bietet
zahlreiche Möglichkeiten für die Anfe-
.! i 9ur>g von Flugplätzen, darunter für
Üi:' yi i/'‘t schwere Bomber. Das ganze Ternto-
^ \\ ‘ !/ii.-■■■■■ rium ist durch Eisenbahnstrecken und
-'W.* V, ' ' ;• ■ 1 Chausseen mir dem ausgeze.chneten Ha-
•• 0 , ■ : ! fen Qmgdao verbunden. Bei Handlungen

' /JÄ'lfcrfc-' -V j von den Stützpunkten auf der Halbinsel


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, Shandong könnten die Luftstredkräfte der
Alliierten den Russen die Kontrolle der
| Kommunikationen in Korea und Nordchina

Px ■ • ■=■.. m,v/yf ! streitig machen. Sie könnten ferner Dairen,


Port Arthur und andere sowjetische Hä­
fen am Gelben Meer und in der Zhili-Bai
r- v , \p
l neutralisieren und um die Luftherrschaft in
der ganzen Region rivalisieren. Nach

l_Li ____ i
[ Qingdao
Erreichung der Luftherrschaft
einen
könnte
ausgezeichneten
• Stützpunkt für die Seesfreirkräfte abge-
i ben, die zur Erreichung der völligen
Argumente für und hier gegen die Okku­ Truppen der Volksbefreiungsarmee zie­
Kontrolle über die Zhili-Bai eingesetzt
pation Chinas — ist verständlich. In der hen ins befreite Peking ein. sein werden. Die chinesischen naiiona-
Tat waren die Jahre 1946 und 1947 für die listischen Kräfte sind außerstande, den
Macher der amerikanischen Fernostpolitik ' Raum Shandong zu halfen. Sie wer den
schwer. Die antikommunistischen men: Jinwangtao, Dairen, Port Arthur,
eine wesentliche Hilfe der Alliierten zu
Denkmuster hatten Washington in eine Weihaiwei, Chefu, Qmgdao, Nanjing. ; La.nde, am See und ,n der Luit brauchen.”
Sackgasse getrieben, denn trotz aller Shanghai, Ningbo, Wuhu, Sangtuao, Liao- i
Nur wenig schien zu fehlen: Befehl
Schwierigkeiten siegte die Volksrevolu­ yao, Hankou, Amoy, Hongkong { erteilt, und...
tion in China, während die Reaktion eine Kuonchouwan, Macao und Huilingsan. j
Schlappe nach der anderen einstecken
mußte. Wie nun weiter? Lehren aus der Eine weitere Anlage gab Aufschluß
; Eine Rechnung
Geschichte ziehen? Den Realitäten über die Möglichkeiten, in Gebieten ohne
Rechnung tragen? Häfen Truppen auszusefzen. ohne den Wirt
Viel genauer waren die Anlagen über
Nein, antwortete die US-Generalität, Straßen und besonders Luftstützpunkte.
wozu Lehren ziehen, wenn es doch in Für einen solchen Stützpunkt auf den | Aber die Verfasser des "Moonri-
Jahrhunderten bewährte Mittel gibt? Eben Aleuten wurde die Reichweite der Bom­ se"-P!ans schwankten wie Buridans Esel:
darin bestand der praktische Sinn der ber angegeben: 2000 Meilen bis zu den J Sollten sie mit Chinas Okkupation begin­
"Moonrise"-Operation: Sie sollte den nen, sollten sie damit warfen oder sich
imperialistischen Status quo im Fernen j gänzlich zurückziehen?
Osten wiederherstellen. Und die Opera­ * Der meistverbreiiete Typ der amerika­ ■ Die Frage, ob die US-amerikanische
tion war schon nicht "alternativ", sondern nischen Frachtschiffe in der Kriegszeii. Okkupation möglich und machbar war,
sehr konkret geplant. A\an braucht sich nur Bei Handlungen von den wurde ganz anders entschieden: durch
die durch und durch sachlichen Anlagen Luftstützpunkten in China (z. B. von das chinesische Volk.
zum "Moonrise"-Plan anzusehen: Nanjing) aus galt es für 8-29-rlugzeuge im März 1947 unternahmen die Guo-
afs möglich, ganz China, Tschifa und mindang-Truppen eino Offensive gegen
—- Standortskizze der Truppen der
Chabarowsk, für B 50 Nowosibirsk und für Yangan, das Zentrum der befreiten Gebie­
USA, Großbritanniens, der Guomindang
B 36 Swerdlowsk zu erreichen. te. Tschiang Kaischok versprach, die
und der Volksbefreiungsarmee;
71
"NEUE ZEIT" 4.87
Kommunisten im August oder September
zu "vernichten".
sprechen jedoch
Er
nicht
Mandschurei gingen die nach ihrer Be­
konnte sein
halten. In
Ver­
der
„Europa- Kerubombe"
freiung aufgestellten Truppen der Verein­ und die Alternativen zur Abschreckungs­
ten Demokratischen Armee Anfang
1947 zur Gegenoffensive
1948 endete sie mit der völligen Zerschla­
über. Ende strategie
gung einer etwa 500 000 Mann starken Alexander LEBEDEW
Guomindang-Gruppierung und mit der
Wie sehen die Argumente für die bundesdeutschen Ex-Kanzlers Helmut
Befreiung der ganzen Mandschurei.
"Euro-Bombe" aus? Zunächst ein- Schmidt ist in diesem Zusammenhang
Erschreckt forderten Tschiang Kaischeks
Anhänger von den USA, "der UdSSR mal wird behauptet, die erw ähnenswerf. Er selbst trägt ein gerüt­
Warschauer Pakt-Staaten seien an konven­ telt Maß Verantwortung für die Stationie-
einen Schlag zu versetzen", um den
Vormarsch der revolutionären Truppen tioneller Rüstung überlegen. Bei der rung amerikanischer Pershings und Crui-
zum Stehen zu bringen. Tschiang wollte quantitativen Bestimmung wiederum se Missiles in Europa. Sei-

diesen Schlag "unverzüglich, solange die schwankt man zwischen zweifacher, drei- ner Meinung nach sind die sowjetischen
facher, gar fünffacher Überlegenheit... nuklearen operativ-taktischen Mittel nicht
UdSSR keine genügend starke Industrie­
Indes bestätigen das Internationale geeignet, als Instrument der politischen
macht geworden" sei.
I Institut für strategische Studien in London, Einschüchterung zu dienen. Das
In dieser Situation entstanden die Pläne il das Internationale Friedensforschungsin- Ungleichgewicht zwischen West und Ost
einer Okkupation Chinas. Der "Moonri- | stitut in Stockholm (SIPRI) und verschie- auf dem Gebiet der konventionellen
se"-Plan war 1947 geheim, bekannt wurde | dene einschlägige Publikationen, wie die Rüstung werde außerdem stark übertrie­
dagegen General Wedemeyers Bericht, französische "Defense nationale", ein an­ ben. Schmidt meint, daß die europäischen
worin vorgeschlagen wurde, Tschiang näherndes Gleichgewicht zwischen kon­ konventionellen Streitkräfte selbst in der
größere Finanz- und Militarhilfe zu erwei­ ventionellen Waffen und Streitkräften der Lage seien, die Sowjetunion von einer
sen, die Stärke der Gruppe der US-Mili- Warschauer Vertragsstaaten und der Invasion oder von Erpressung abzuhalfen
tärberater in China auf 10 000 Mann zu NATO natürlich unter Berücksichtigung und ohne amerikanischen Atomschild aus­
bringen und sogar eine "Treuhänderschaft ihrer strukturellen Unterschiede. zukommen. Der frühere Kanzler ging noch
der Großmächte" über die Mandschurei weiter. Falls Amerika auch weiterhin mit
Wer die Erpressung
zu errichten. Der General der einem Abzug seiner Soldaten aus Europa
Luftstreitkräfte Chennault seinerseits for­ fürchtet droht, dann sei er der Meinung, je früher,
derte dazu auf, amerikanische "Freiwilli­ desto besser.
Eigenartigerweise behaupten nun Lon­
gentrupps" für den Einsatz in China don, Paris, Bonn und ihre Verbündeten Damit antwortete Schmidt gleichsam
aufzustellen. immer wieder eine Überlegenheit des zufällig auf eine kürzlich erfolgte Erklä­
Aber es war zu spät, zu retten, was Ostens an konventionellen Waffen, atoma­ rung des amerikanischen NATO-Oberbe-
zugrunde ging. Truman selbst gab zu: ren taktischen und Mittelstreckenraketen fehlshabers in Europa, General Rogers,
"Unsere Lage in China ließ uns nur eine und chemischen Waffen, ohne die Vor­ der androhte, 350 000 Gis aus Europa
begrenzte Wahl übrig. Einerseits konnten schläge des Warschauer Vertrages für abzuziehen, falls Großbritannien sein Ter­
wir die Angelegenheit nicht sich selbst eine einschneidende Reduzierung all die­ ritorium für US-amerikanische Kernwaf­
überlassen... Aber die Alternative war ser Waffenarten ernsthaft zu prüfen. fenstützpunkte sperren sollte.
gleichermaßen unannehmbar. Sie bestand Vielleicht ist Westeuropa Das nennt man wahrscheinlich in jeder
darin, die Zerschlagung der Kommunisten wirklich so "schutzlos", daß man dort europäischen Sprache Erpressung. Dabei
zu übernehmen und die Russen gewaltsam warnt gerade General Rogers die Westeu­
eines nuklearen Keuschheitsgürtels be­
zum Abzug aus der Mandschurei zu darf, um seine Jungfernschaft bei einigem ropäer unermüdlich vor sowjetischer
zwingen." Risiko für Leib und Leben zu konservie­ Erpressung. Daß die Sowjetarmee zum
Selbstverständlich gab sich der Präsi­ ren? Der US-Botschafter in der Bundesre­ Sprung über die Elbe ansetze, untersteht
dent einer .Illusion hin, als er von "einer publik Deutschland, Richard Burt, ließ selbst er sich nicht, zu behaupten, aber
Zerschlagung der Kommunisten", und sei hierzu im November 1986 in einem die Bedrohung sei ja noch viel schlimmer:
es mit den US-Kräften, schrieb. Während "Stern"-Interview eine interessante Be­ Ohne einen einzigen Schuß abzufeuern,
er davon iräumte, rückten die Truppen der merkung fallen, er habe in den letzten könne die Sowjetunion Westeuropa in die
Vereinten Demokratischen Armee stür- Monaten einige Zeit bei den Streitkräften Knie zwingen. Indem sie mit ihrer atoma­
misch aus der Mandschurei nach der USA und der Bundesrepublik ver- ren Überlegenheit droht, versteht sich.
Nordchina vor, von wo aus sie gemeinsam bracht und könne sagen, daß eine Hier sollte man auf die Ansicht der
mit der Volksbefreiungsarmee in einem Beseitigung der Atomwaffen in Europa britischen Labour Party verweisen, d le aus
Zug den Yangisekiang erreichten. Es nicht bedeutet, daß Westeuropa schutzlos einer Erklärung zu Verteidigungs- und
begannen die letzten Kampfe um die dasteht. Er beruhigte die Europäer, indem außenpolitischen Fragen hervorgeht. Es
Befreiung, und die USA konnten ihren er ihnen versicherte, daß die Verteidi­ sei unmöglich, heißt es darin, auch nur ein
Ausgang nicht verändern. In jener Zeit gung der Alten Welt sich jederzeit auf die einziges Beispiel anzuführen, daß NATO-
schrieb Mao Zedong: "Die USA setzten amerikanischen strategischen Waffen ver- Länder,
. ob mit oder ohne----- j Atomwaffen
keine großen Kräfte zu einer Offensive auf lassen könne. au i rem Territorium, jemals einer atoma-
China ein, aber nicht, weil die US-Regie- Warum also hortet man in Westeuropa ren Erpressung ausgesetzt gewesen wä­
rung aas nicht wollte, sondern weil sie so äußerst gefährliche eigene und einge­ ren.
ihre Befürchtungen hatte... Sie befürchte­ führte Waffen, wenn Washington Sicher­ NATO-Generäle sind im übrigen der
te, daß die Völker der UdSSR, Europas heit mit amerikanischen strategischen nsic t, daß die Angst vor Vergeltung
und der ganzen Welt gegen sie aufireten Waffen garantiert, vor einer übrigens nicht
Sf,e,S b*SA die Sowjetunion davon
würden." existenten Bedrohung?
Der "Moonrise"-Plan blieb in den f a 6' 'r9endjemanden zu erpressen.
Viele westeuropäische Politiker stellen besteht dann
Pentagon-Safes Siegen, Doch bisweilen eigentlich die
sich diese Frage. Der Standpunkt des
charakterisieren unverwirklichte Pläne die !f Va.n. '^e "Abschreckungsfunktion"
Politik von Staaten besser als öffentliche der brit,sehen und französischen Atom-
wa en. Antwort: als Rückendeckung im
Reden ihrer führenden Politiker. 'Zweiter Teil des Artikels zum Kernwaf­
Publikation von fenpotential Großbritanniens 4Ä,nes Abzugs der Amerikaner aus
und Westeuropa.
L. BESYMENSKI Frankreichs
Die Westeuropäer brauch en sich,
22
"NEUE ZEir* 4.87

%
glaube ich, die geringsten Sorgen zu
mern haben. Den bestehenden euro­ die der Magier zum Entzücken des
machen, eines schönen Tages von den
päischen Brückenkopf zu festigen Publikums aus dem Zylinder zaubert, und
Vereinigten Staaten im Stich gelassen zu
(und auszubauen) und keine europäische wieder hineinsteckt.
werden. In letzter Zeit verstärkt zu militärisch-politische
I ntegration Wenn britische und französische
beobachtendes Gerede über die Gefahr
anzustreben. Man spürt den Arm Atomwaffen existieren, woran heute
einer Rückkehr der USA zur Isolation spo-
des amerikanischen militärisch-industriel­ niemand zweifelt, muß man auch die
litik der 20er und 30er Jahre verfolgt eine
len Komplexes. Er haßt Konkurrenten. Möglichkeit ihres Einsatzes in
ganz bestimmte Absicht, die der erwähnte
Rechnung stellen. Wie
ver-
General Rogers eindeutig formulierte,
nunfiwidrig eine solche Perspektive auch
nämlich Westeuropa einzuschüchtern und Todsichere immer scheinen mag.
noch willfähriger zu machen.
Selbstmord waffen NATO-Doktrin und französische Strate­
Aus mehreren Gründen denken die
gie halten für sich die Option auf einen
Amerikaner nicht daran, Westeuropa den Um diese Fragen ist scheinbar ein atomaren Erstschlag für den Fall eines in
Rücken zu kehren. Dabei steht nicht heimlicher diplomatischer Kampf ent­ Europa entstehenden Konflikts offen.
einmal die Tatsache im Vordergrund, daß brannt, über den nicht viel geschrieben Sollte so etwas passieren, können sich
die westeuropäischen Regierungschefs wird. Befrachtet man allein die Wallun- Großbritannien, Frankreich und ihre
die USA überreden, das ja nicht zu tun.
Das ist kein Grund, sondern eine Entschul­
digung. Auch Emotionen, so etwa die
gemeinsame Quelle der westlichen Mittel-
meerzivilisafion, ethnische Wurzeln und
Geschichtsbande sind hierbei nicht aus-
schlaggebend. Erst recht nicht für einen
Staat, der den Globalismus zu seiner
Strategie gemacht hat.
Was ist es dann, was diesen unüber­
windbaren D^ang der USA nach Europa
ausmacht, diese Sucht, ganz dicht an der
Konfrontaiionsfinie beider Systeme und
Blöcke zu balancieren, als angeblich Ga­
rant atlantischer Solidarität? Auf bei­
den Seiten des Atlantik erklärt man
schließlich eifrig, wie notwendig die
militärische Präsenz der USA in Westeu-
ropa sei.
ich möchte auf einen Grund hinweisen,
der im Westen nicht an die große Glocke
gehängt wird. Jenseits des Ozeans bleibt
man nämlich eher von Schlafstörungen
verschont, wenn man keine westeuro­
Zeichnung: N. Stscherbakow
päischen Extratouren zu befürchten hat, im
Innern nicht und nach außen nicht, wenn
man weiß, daß auf dem Kontinent amerika­
gen an der Oberfläche, dann ist die Partner in Westeuropa die Folgen eines
nische Truppen unter Waffen Wache
westeuropäische Argumentation rech: sowjetischen Vergeltungsschlages an
schieben.
kurzatmig. Wenn London, Paris und auch zehn Fingern ausrechnen. Dann helfen
Überdies beruhigt die Gewißheit, daß
Bonn schon so eingenommen sind von ihnen auch die Amerikaner nicht mehr.
in Europa amerikanische Atomwaffen ste­
der Idee einer "Atommacht Europa",
hen, sehr. Um eben deren Beibehaltung Solche Szenarien sind haarsträubend.
warum klammern sie sich dann noch so
sorgen sich die USA zuallererst. Das gab Man muß sie jedoch einkalkulieren, weil
verzweifelt an amerikanische Mit­
man Neil Kinnock in Washington unlängst das Ausknobeln verschiedener Varianten
telStreckenraketen, die sowjetisches Ter­
unmißverständlich zu verstehen. Nach eines atomaren Konflikts und seiner Eska­
ritorium erreichen? Betrachten sie diese
dem Motto: Ob ihr euch Tridents kauft lation im Westen zu einer "Wissenschaft“,
dagegen als Ausgleich für die sowje­
oder es bleiben laßt, ist euer Bier. Aber einem Beruf aufgewertet wurde. Greifen
tischen SS-20, wozu brauchen dann
wenn ihr unsere Kernwaffenstüfzpunkte •wir uns eines der gebräuchlichsten Szena­
Großbritannien und Frankreich eigene
von den Britischen Inseln runterschmeißen rien heraus. Ein Schlagabtausch zwischen
Atomwaffen?
wollt... USA und UdSSR findet statt. Glaubt man in
Sie weigern sich, ihr Kernwaffenpoten­
Im ersten Artikel war bereits die Rede Großbritannien, Frankreich und den
tial in die Kategorie der europäischen
davon, daß man in Washington anfangs westeuropäischen Staaten, die Atomwaf­
Atomwaffen aufnehmen und bei einer
keine Begeisterung für die britischen und fen auf ihrem Territorium stationiert haben,
französischen Atomwaffen aufbrachte. eur opäischen Aufrechnung mitzählen zu denn im Ernst, in diesem Fall ungeschoren
lassen. Für sie gehören ihre eigenen
Später lernte man dann, sie für sich davonzukommen?
Atomwaffen in die Kategorie der strare-
strategisch und wirtschaftlich profitabel
gischen Waffen. Steht jedoch diese Man darf wohl kaum erwarten, daß ein
zu nutzen. Der Verkauf von Tridenf-
Kategorie zur Debatte, sträuben sich Land Opfer eines atomaren Angriffs wird,
U-Booten an die Briten ist übrigens auch
London und Paris dagegen, daß ihre treu und brav au? die edlen Absichten und
kein reiner Akt der Nächstenliebe, wenn
Atomwaffen überhaupt bei Verhandlun­ christlichen Tugenden der Westeuropäer
Rüstungsindustrie der USA daran
gen erwähnt und bei irgendwelchen vertrautuna wertvolle Zeii verüeri, indem,
wenigstens 14 Md. Dollar verdient. Jen­
Kürzungen etwa dazugezähli werden. man darüber nachgrübelt, wessen Rakete,
seits des Atlantik wacht man aber argwöh­
eine britische, eine französische oder eine
nisch Über jeden Schritt Westeuropas auf sie
Nun könnte man meinen, in der Bundesrepublik Deutschland statio­
e'n autonomes militärisches Integra-
seien keine Realität. Aber es nierte, denn nun auf ihr Ziel abgeschossen
tionssysiem hin. Erst recht, wenn es auf U-Boote mit Hun-
geht nicht an, wurde. Die Ziele, vorher schon unter die
Kernwaffen beruhen soll. Washington nuklearen Sprengköpfen an
derten i westlichen Bündnispartner aufgeteilt, lie­
mahnt: Die NATO ist es, worum sich Bord zur weißen Taube hochzustihsieren. gen auf sowjetischem Boden.
Westeuropäer zunächst einmal zu küm-
23
"NEUE ZEIT" 4.87
Worin also besteht der Versiche­ Frankreichs eine Diskussion über Funktion
dienstes gegen Green-Peace-Mit-
rungsschutz der britischen und franzö­ und Aufgabe der "force de frappe" in
glieder.
sischen Atomwaffen? Man sollte sie ver­ Das britische Beispiel ist nicht weniger Gang gekommen.
nünftigerweise eher als todsichere Es wäre wünschenswert, wenn auf
aufschlußreich. Die britische Atomflotte
Selbstmordwaffen bezeichnen. beiden Seiten des Ärmelkanals die Ein­
konnte Argentinien nicht davon abhalten,
Eine Reduzierung dieser Mittel und um wegen der Faikland-lnseln (Malvinen) mit sicht wächst, daß sowohl England als auch
e<n entsprechendes Äquivalent verrin­ Konflikt zu geraten. Frankreich, beide Mitglieder des Sicher­
London in
gerte sowjetische Waffen würden zumin­ heitsrates, ausreichend politische,
Glücklicherweise leisteten die mit Atom­
dest das gefährliche atomare Fieber in waffen bestückten britischen Schiffe kei­ wirtschaftliche, diplomatische und militä­
Euiopa und die Gefahr eines nichtsanktio- nen unmittelbaren Beitrag zum "helden­ rische (nichtnukleare) Mittel haben, um
nierten Nuklearschlsges senken. Eine haften" Sieg der königlichen Streitkräfte. nicht nur eigene Interessen zu verteidi-
solche Maßnahme hätte unschätzbare po­ Allein ihre Anwesenheit in der Kampfzone gen, sondern auch eine konstruktive Rolle
litische Bedeutung: Sie würde zeigen, daß hätte, der britischen Presse zufolge, bei der Beilegung von Konflikten und
man ein weiteres Anwachsen der atoma­ äuße» st dramatische Folgen haben kön­ beim Abbau von Spannungen zu überneh­
ren Waffenarsenale verhindern kann und nen. men.
daß es möglich ist, ihre stufenweise Was soll marf also mit den britischen
Reduzierung bis zur völligen Beseitigung und französischen Atomwaffen anfangen?
in die Wege zu leiten. Sie würde zeigen, Kerne Rückkehr zu Der einzig vernünftige Weg führt über
daß der gute Wille dazu vorhanden ist. ihren Abbau bis zur völligen Verschrot­
Als die britische Labour Party ihr nuklea- Pi eil und Sogen tung. Würde man das in London, Paris und
ios Abrüstungsprogramm verabschiedete, Beim gegenwärtigen Entwicklungsstand Bonn doch nur nicht mißverstehen als
versprach man in Moskau, das eigene der Atomwaffen und angesichts des Kräf­ Anschlag auf ihre Souveränität, auf ihre
Arsenal um ebensoviele Sprengköpfe zu teverhältnisses in der Welt wäre es wenig eigenständige Rolle in der Weltpolitik
dezimieren, wie London bereil ist, eigene sinnvoll, sich die effektive politische oder gar auf die westeuropäische
zu liquidieren. Für den Fall eines Abzugs Funktion der nuklearen Mittel vorstellen Selbständigkeit!
ausländischer Atomwaffen von britischem zu wollen, die der britischen und franzö­ Es könnte möglicherweise wie ein
Territorium erklärte die UdSSR, keine sischen Diplomatie zur Verfügung stehen. Anschlag aussehen, würde die Sowjet­
Atomraketen zu unterhalten, die die Einflußreiche politische Kräfte in union gleichzeitig darauf bestehen, ihre
Britischen inseln im Visier haben. Man Großbritannien urteilen ebenso. Die La- eigenen Atomwaffen unangetastet zu las­
könnte einwenden, dies bewahre uns bour Party meint, die NATO solle über­ sen. Wenn sie also beabsichtigte, ein
immer noch nicht vor dem "nuklearen haupt auf die überlebte Atomstrategie europäisches nukleares Raketenmonopol
Winter", wenn ein globaler Konflikt aus- verzichten. Ais Reagan in Reykjavik einer zu errichten. Aber so stehen die Dinge
bricht. Sicherlich nicht. Davor kann uns nur vollständigen Vernichtung der Nuklear­ nun einmal nicht.
die restlose Beseitigung aller Kernwaffen rüstung im Prinzip zustimmte, erklärten Moskau verlangt keine unverzügliche
bewahren. Aber auch Teilschritte sind Labour-Poliiiker, daß seine Position jetzt Reduzierung oder Beseitigung britischer
wichtig. Sie müssen nur in diese Richtung näher an ihrer, als an der Position der und französischer Atomwaffen.
führen... Sicherheit für Europa liegt im Konservativen Partei liege. Das hat viele Die UdSSR und die USA müs­
Verzicht auf .Atomwaffen, nicht in ihrer Tories aufgeregt. Die Allianz der Libera­ sen ihre Kernwaffen als erste abbauen.
Vet voUkommnung. len und Sozialdemokraten bezieht eine Großbritannien und Frankreich wären, wie
Es könnte aber doch sein, daß Großbri­ Konipromißlinie: Ihre Führung ist der in der Erklärung vom 15. Januar 1986 vor­
tannien und Frankreich atomare Stärke Auffassung, das Schicksal der britischen geschlagen wurde, erst in der 2. Etappe,
mcht einmal sosehr als militärisches, son- Nuklearrüstung müsse in Verhandlungen also in 5 bis 8 Jahren, an der Reihe, sich
dorn vielmehr als politisches Mittel entschieden werden, während sie ein diesem Prozeß anzuschließen. In der bis
brauchen, als unverzichtbares Attribut weiteres Anwachsen dieser Mittel nicht zum Ende dieses Jahrhunderts verbleiben­
gegenwärtiger Diplomatie, als Presti­ befürworten. den Zeit müßte die Beseitigung aller
geobjekt? In Frankreich verläuft die Scheidelinie nuklearen Raketenwaffen auf der Erde
ln den 60er Jahren hätte zwischen Gegnern und Befürwortern ei­ erfolgen.
man solche Träumereien ner- nationalen Atombewaffnung weniger
Würden die jetzigen Führer Großbri­
noch verstanden, aber heute? klar. Gründe dafür liegen in der
tanniens, Frankreichs und anderer westeu­
Jeder Staat hat das legitime Rechi, Nachkriegsgeschichte, als noch viele Fran­
ropäischer Länder ihre Öffentlichkeit nur
hinreichende Mittel für die Ge­ zosen mit der Atombombe die Vorstel­
nicht immer wieder damit schrecken, daß
währleistung seiner eigenen Sicherheit zu lung einer wiederauferstehenden
Europa in das Zeitalter der Siebenjähri­
besitzen. Die Gefahr eines planetaren Großmacht verbanden. Ob jedoch der
gen, Dreißigjährigen oder Hundertjähri­
Zusammenbruchs aber um eines hinter­ Glaube an Atomwaffen, selbst wenn sie
gen Kriege zurückgeworfen werdel Die
wäldlerischen Prestigebegriffs 'willen zu niemandem sonst unterstellt sind, heute
Rückkehr zu Pfeil und Armbrust droht
erhöhen, wäre riskant und rücksichtslos, immer noch so stark ist, in einer von nicht.
t'-eradige Bestrebungen werden auch we­ gegenseitiger Abhängigkeit bestimmten
Überlebenschancen für Europa liegen
der durch historische Erfahrungen, noch Welt, über der die gleiche Gefahr des
nicht im Projekt einer "Euro-Bombe" oder
durch die politische Praxis Englands bzw. atomaren Todes schwebt, dürfte bezwei-
stellvertretend für alle westeuropäischen
Frankreichs bestätigt. ff»!t werden.
Länder einzusetzenden britisch-franzö­
Es ist noch erinnerlich, daß der außen- Schon jetzt macht sich in verschiedenen
sischen Atomwaffen. Sie liegen ganz
politische Kurs de Gaufies Frankreich Schichten der französischen Gesellschaft
woanders. Echte nationale Sicherheitsga­
große internationale Autorität sicherte. Stimmungswandel bemerkbar. In der
rantien kann man heute nur noch über
Damals befand sich ihre "force de treppe" letzten Zeit setzen sich nicht nur Kommu­
umfassende, universelle, einheitliche und
nc c l< im Entwicklur.gsstadium Paris dürfte nisten, sondern auch die Friedensbewe­
lur alle gleiche Sicherheit erarbeiten. Das
mit Atomwaffen wohl kaum etwas enfan- gung und einige führende Militärs im
ist Sache der Politiker und nicht der
gen können im Tschad, oder im Nahen Ruhestand für den Abbruch der Kernwaf­
Militärs.
Or>n, etwa bei der Lösung der Geiselfra- fe.'. tests ein. Das würde zu einem Einfrie­
Großbritannien, Frankreich und ihre
qo, oder auch in Neukaledonien. Paris ren o'er Atomwaffenarsenale auf dem
mchlnuklearen
erntet keinen Lorbeer, sondern vielmehr jetzigen Stand führen. Anscheinend westeuropäischen Ver­
bündeten können in diesem Prozeß eine
abgrundtiefe Verachtung durch die un­ wächst auch unter Sozialisten die Be­
wichtige Aufgabe wahrnehmen.
beirrt© Fortsetzung von Atomtests auf reitschaft. Korrekturen an der Militär- Und
doVtrm vorzunehmen. Es sieht so aus, als wenn sie nur darin besteht, ihn nicht durch
dem Mururoa-Atoil und durch das rüde
sei auf verschiedenen politischen Ebenen zusätzliche Hindernisse zu stören.
Vorgehen des französischen Geheim

74 "NEUE ZEIT" 4.87

L
UNTER DER WIRTSCHAFTLICHEM LUPE

in den Jahren des "starken Dollars"


(1980-1984) hatte sich das US-Fi-
nanzsystem derart an ständige Spritzen
von Auslandskapital gewöhnt, daß dessen
Abfluß in andere Länder sehr schmerzhaft
Im jetzigen rekordkalten Januar v/aren sein wird. Vor allem wird er einen Mangel
Währungen. Doch auch dieses Abkommen
offenbar die Devisenbörsen die einzigen an Leihkapital auf dem Geldmarkt der USA
wurde von den USA im Januar total
heißen Plätze in der Welt des Kapitals. Die Hervorrufen, was den Diskontsatz
ignoriert, als die ersten Gerüchte von
Temperaturen dort begannen bereits kurz hochtreiben wird. Das aber wird zu einei
einer Senkung des Dollarkurses auf
vor Neujahr wegen der Entwertung des Rezession führen - und das, wo die
tauchten. Für die Devisenspekulanten sind
französischen Franc zu steigen. Nach dem Konjunktur auch ohnehin zu wünschen
solche Gerüchte ein Signal, US-Dollar
Franc fielen die Spekulanten über die übrigfäöf. Bekannt ist ferner, daß Auslän­
abzustoßen sowie D-Mark, Yen, Pfund
italienische Lira, die dänische Krone, den der einen Großteil von Staatsanleihen der
Sterling und selbst die schwachen Wäh­
belgischen Franc und das irische Pfund USA angekauft haben, wodurch sie halfen,
rungen Franc und Lira anzukaufen. Wa­
her. Gegen Ende der zweiten Woche des das Defizit des Bundeshaushalts zu decken
shington begann eine "Flucht aus cioru
Jahres v/ar das Fieber so hoch geklettert, und die Rechnungen des Pentagon zu
Dollar" zu organisieren, um die Konkur­
daß die EG-Finanzminister das Verhältnis begleichen. Da ein Ende der Defizite
renten mit billigen Waren brutal zu
der Wechselkurse der Währungen, die einstweilen nicht abzusehen ist, fragt sich,
schlagen - ebenso, wie es das Anfang der
zum Europäischen Währungssystem ■wie die Reagan-Administration die
70er Jahre tat.
(EWS) gehören, revidieren mußten. Um wachsenden Ausgaben decken wird.
die Devisenleidenschaften zu dämpfen, Die Ergebnisse der damaligen Devisen ­ Unterdes drängt die Zeit, um so mehr,
vereinbarten die Minister eine Anhebung politik der USA sind bekannt. Sie führte da Washington nicht nur die Außenhan­
des Kurses der D-Mark und des hollän­ zum Zerfall des Bretton-Woods-Systems dels-, sondern auch die Zahlungsbilanz in
dischen Guldens, was entsprechende der Nachkriegszeit für die harten Wäh­ Ordnung zu bringen hat. Sind die USA ja
Veränderungen der Wechselkurse in den rungskurse, zu hemmungsloser Inflation., aus einem Kreditgeberland zum größten
anderen E WS-Teilnehmerländern nach zu einem jähen Ansteigen der Schuldner der Welt geworden. Einerseits
sich zog. Weltmarktpreise für verschiedene Waren verringert die Senkung des Dollarkurses
und zu allgemeiner finanzieller Instabili­ d.ese Schulden, andererseits aber veran­
Doch diese vierte Wechselkurskorrektur
tät. Gegen Ende der 70er Jahre war der laßt sie die Kreditgeber der Vereinigten
der vergangenen 18 Monate in der EG
Dollar derart geschwächt, daß das Ver­ Staaten, schneller ihr Kapital aus den
kühlte dis westeuropäischen Börsen nicht
sprechen, ihn erneut stark zu machen, ein Dollarfonds herauszunehmen. Und wie in
ab. Stürmische Kursschwankungen vollzo­
erfolgreicher Wahlkampftrurnpf Ronald den 70er Jahren wird der stürmische
gen sich auch in den anderen Fi­
Reagans wurde. Transfer von Spekulationskapifal aus einer
nanzzentren des Weltkapitalismus, hatte
Wozu aber kann die Wiederholung Währung in die andere die Devisenlage
sich ja ein sehr routinierter Devisenschie­
dessen führen, was die Reagan-Admi- des Westens erschüttern.
ber, Washington, aktiv in das Spiel
nistration selbsi schon einmal durchge­ Der heiße Januar an den Finanzbörsen
eingeschaltet. Und der agierte nicht nach
macht hat? Darüber zerbrechen sich jefzi der Welt des Kapitals hat gezeigt, daß
den Regeln und entgegen den Vereinba­
Wirtschaftswissenschaftler auf beiden Sei­ eine solche Erschütterung bereits begon­
rungen, die er den anderen westlichen
ten des Atlantik und au: den japanischen nen hat. Der Kurs der D-Mark steigt,
Ländern aufgezwungen hafte.
Inseln den Kopf. Dabei kommen sie zu obwohl der Dollar bereits weniger
Im September 1985, als sich die dem Schluß, daß Washingtons neue D-Mark wert ist als vor 6 Jahren. Und
Konjunktur in der amerikanischen Devisenspiele ein nicht geringes Risiko vielleicht ist der Tag nicht fern, da die
Wirtschaft zu verschlechtern begann - sowohl für die amerikanische Wirtschaft Einstellung gegenüber dem US-Dollar auf
nicht zuletzt wegen der Verschärfung der als auch für das auf die Dollar-Hegemonie den Straßen Europas ebenso sein wird,
ausländischen Konkurrenz - , wurde im gegründete kapitalistische Wäh-
I wie sie der Karikaturist 1973 darstellie
New-Yorker Plaza-Hotel eine Sonderbera­ rungssystem insgesamt in sich tragen. F. GORJUNOW
tung von Finanziers der „Gruppe der
Fünf" (USA, Japan, BRD, Großbritannien
"Offenbar ist der Dollarkurs wieder gefeiten...“
und Frankreich) einberufen. Sie schlossen
ein Abkommen über eine „geregelfe" Zeichnung aus: ''Tageszeitung'" (BRL>)
Senkung des Dollarkurses, die es den USA
erlauben würde, die Konkurrenzfähigkeit
ihrer Waren zu steigern und mit der Zeit
die Außenhandelsbilanz zu verbessern. Je
niedriger die Währung eines Landes
gegenüber den Währungen seiner Han­
delspartner bewertet wird, desto billiger
sind ja seine Exportgüter, desto größer ist
sein Export. Washington aber brauchte
eine „geregelte" Entwertung des Dollars,
weil sich die Konkurrenten dem auf
verschiedene Weise widersetzen
könnten, damit ihre Waren nicht teurer
werden.
Doch die Konkurrenz widersetzte sich
nicht. Und im Laufe des Jahres 1986 fiel
^er Kurs des Dollars gegenüber der
D-Mark und dem japanischen Yen um 20
Prozent. Als besonders verhängnisvoll
wirkte sich die entsprechende Anhebung
°es Yen-Kurses auf die japanische
Wirtschaft aus: Sie führte zu einem jähen
Rückgang der Produktion in den Ex­
portbranchen. Da ein weiterer
Aufschwung des Yen noch größere
erluste heraufbeschwor, Unterzeichnete
T°kio am 31. Oktober das von Washington
^geschlagene zweiseitige Abkommen
über die Stabilisierung der Kurse beTder
25
"NEUE ZEIT" 4.87
MENSCHENRECHTE

Mehrfacher ;;
i

I i

Mord
Martin Luther King
und das gespaltene Amerika

35 Jahren sind wir klüger, oder?1' Damit


Melor STURUA wollte er auf die Geheimhaliungsfrist
angespielt haben. Darauf gab es einen
Skandal, und Reagan mußte sich bei Kings
Der Mensch Martin Luther King wurde Leben zu erfüllen. Laßt uns, die wir den
Witwe Coretia entschuldigen. Dann ließ er
am 15. Januar 1929 in Atlanta, Georgia, Geburtstag Martin Luther Kings feiern,
sich doch noch dazu herab, die Bill zu
geboren und wurde am 4. April 1968 in noch einmal die Verpflichtung erneuern,
unterzeichnen: "Okay, wenn sie unbe­
Memphis, Tennessee, ermordet. Das seinen Traum wahr zu machen."
dingt wollen..."
Symbol Martin Luther King wird in den Schöne Worte, nicht wahr? Der sie
Man wird unwillkürlich an eine länger
Vereinigten Staaten von Amerika tag­ ausspricht, ist derselbe Politiker, der, als
zurückliegende Pressekonferenz im
täglich geboren und bricht erschlagen King 1964 der Friedensnobelpreis verlie­
Weißen Haus erinnert, als eine schwarze
zusammen. Er wird geboren im Feuer des hen wurde, gegen das Bürgerrechtsgesetz
Journalistin Reagan fragte:
Kampfes, den die schwarze Bevölkerung Front machie. Derselbe Politiker, dessen
"Herr Präsident, in den 60er Jahren
des Landes für ihre Gleichberechtigung Regierung, Justizminister Meese voran,
waren Sie gegen jede Form von Bürger­
führt. Und fällt, niedergestreckt durch die mit allen Mitteln versucht, die Struktur
dieses Gesetzeswerkes selbst zu zerstö­ rechtsgesetz. In letzter Zeit hieß es, daß
Unbarmherzigkeit, mit der eine gewalttä­
Sie sich als Teilnehmer der von Martin
tige und rassistische Gesellschaft auf seine ren. Derselbe Politiker, der Gegner der
Luther King ausgerufenen Revolution be­
Brüder einschlägt. Dieses Paradoxon Rassenintegration in die Bürgerrechtskom­
mission delegierte und die Steuerbe­ trachten. Wenn das so ist, warum setzt
kennzeichnet Leben und Wirken eines
Apostels der Gewaltlosigkeit, der im freiung für Colleges unterstützte, die dann Ihre Regierung alles daran, die
Schwarze diskriminieren. Derselbe Politi­ flexiblen Lohntarife für schwarze Amerika­
Feuer fällt und neu ersteht, der im Kampf
ker, der konsequent Jahr für Jahr Sozial­ ner, Angehörige von Minderheiten und
der Leidenschaften fällt und neu erstehi.
Frauen abzuschaffen?"
leistungen kürzt. Derselbe Politiker
schließlich, der bis zuletzt verhindern Ohne mit der Wimper zu zucken
Frage an wollte, daß der Geburtstag des großen versetzte der "große Kommunikator":
"Wir wollen dasselbe, was meiner
den Präsidenten Künders aus Atlanta zum Nationalfeiertag
erkllärt wurde. Meinung nach auch Martin Luther King
1986 wurde Kings Geburtstag erstmalig Der entsprechende Gesetzentwurf hat gefordert hat, nämlich eine Gesellschaft,
eine 16jährige Irrfahrt durch das ju­ in der die Hautfarbe des einzelnen
zum Nationalfeiertag erklärt. In einer
GebuHstagsbotschaft hatte R. Reagan pa­ ristische Labyrinth des Kongresses hinter Mitglieds keine Rolle spielt..."
thetisch verkündet: "Voller Genugtuung sich. Reagan begründete seine Weige­ Danach gab es noch eine Frage:
richte ich meine innigen Grußworte an rung, die Bill durch seine Unterschrift zu “Glauben Sie, daß Sie heute Präsident
alle, die den Tag Martin Luther Kings bestätigen, damit, daß er sich nicht den wären, wenn Sie mit schwarzer Haut oder
als Frau geboren
erstmalig in unserem Lande als Bundes- Luxus leisten könne, seinen Staatsbeamten n worden wären?"
feiertag begehen. Doktor King schmie­ "noch einen Feiertag" zu schenken. Sena­ . er große Kommunikator"
------ sah von
einer f
dete seinen Traum aus den Werten seiner tor Jesse Helms aus North Carolina, Führer Beantwortung dieser Frage ab.
Religion und aus den Idealen der Gründer der Ultrarechten, eilte seinem Präsidenten Der Mörder
unseres Landes. Er hegte einen Traum von zu Hilfe, indem er die Version einer ist frei
einer Welt, in der die Menschenwürde "kommunistischen Steuerung" Kings auf­
Als Mörder Martin Luther Kings gilt der
respektiert wird und die Menschenrechte wärmte. Er verlangte die Veröffentlichung Gefangene
verteidigt werden und in der alle vor dem des von FBI-Direktor Hoover angelegten Nr. 65 477 im Staats­
Dokuments Nr. 2027. Als man Reagan gefängnis Tennessee, James
Gesetz gleich sind. Wie schon Abraham
fragte, was er von Helms' Beschuldigun­ Earl Ray. Die Einzeltäter­
Lincoln, so strebte auch er danach, unsere
gen halte, witzelte der Präsident: "|n version hält jedoch keiner Kritik stand und
Unabhängigkeitserklärung vollständig mit
wurde noch nie unter Beteiligung aller
Seiten vor einem Geschworenengericht
die Schwarzen mehrheitlich, daß sich ihre dem Kapitol gab sich die "Washingtoner
nachgewiesen. Kann man dann nicht alle
Lage in den USA in den letzten 5 Jahren Gesellschaft" ein Stelldichein. Anlaß war
rassistischen Verbrechen Einzeltätern zu­ verschlimmert hat. die feierliche Enthüllung einer Bronze­
schreiben? James Earl Ray sitzt in seiner
William Wilson, Dekan des Fachbe­ büste Martin Luther Kings, des ersten und
fensterlosen Zelle im "Todestrakt" von
reichs Soziologie an der Universität bislang einzigen Denkmals für den
Block 6, ist also zuverlässig untergebracht. Chicago und Experte in Fragen der Schwarzen im Gebäude des höchsten
Genauso verzweifelt saß er auch an jenem
schwarzen Armut, fand in den 60er Jahren gesetzgebenden Organs der USA, das mit
verhängnisvollen Tag im Mai 1985 da, als heraus, daß auf 100 schwarze Frauen Büsten, Statuen und Gemälden histo­
in Philadelphia unverhüllter Genozid ver- zwischen 20 und 24 Jahren noch 70 rischer Würdenträger geradezu
übt wurde. Oder konnte der Gefangene schwarze Männer in Lohn und Brot kamen. vollgestopft ist. In ihrer Gesellschaft nahm
Nr. 65 477 etwa elf Schwarze umbringen, 1980 v/aren es 50 und bei den 18-19jähri- sich King nicht nur einsam, sondern wie
die in Osage-Avenue Nr. 6221 wohnten, gen nur 35. ein Gefangener in einem Gefängnis mit
in der Stadt, wo die Unabhängigkeits­ hochtrabendem Namen aus.
erklärung verkündet worden war, an die Dqr Gefangene Nr. 65 477, eingesperrt
"Wir müssen eins wissen: Dr. King starb
Reagan unangebrachterweise im Zusam­ in Einzelhaft, im "Todestrakt" von Block
nicht, weil er träumte, sondern weil er
menhang mit Kings Geburtstag erinnerte? 6 des Staatsgefängnisses Tennessee, ist
handelte und die Regierung herausforder­
nicht für den Landeshaushalt verant­
Konnte der Gefangene Nr. 65 477 etwa te", sagte sein Freund und Schüler Jesse
wortlich. Er ist mit dem Abfassen von
das Haus Nr. 6221 im Alleingang umzin­ Jackson. Wahre Wortei
Begnadigungsgesuchen beschäftigt. Den
geln und es dann noch vom Hubschrauber Präsident Reagan rang sich eine schief-
Landeshaushalf stellen andere zusammen.
aus bombardieren? Unter den Toten waren mäulige Entschuldigung bei Coretta King
Der Korrespondent E. Lewis kommentierte
Frauen und Kinder. ab, v/egen seines plumpen Scherzes über
den Bundeshaushaltsenfwurf der USA für
Oder war der Gefangene Nr. 65 477 etwa das FBl-Dossier. Völlig unbeeindruckt
das Finanzjahr 1987: "Was ist los in der
nicht zuverlässig eingesperrt, als in jener warfen die Behörden dagegen Coretta
Bundesregierung? Jusfizminisfer Meese
grausigen Dezembernacht 1986 im und ihre Kinder, Martin Luther Kings Sohn
kämpft darum, die bescheidenen Maßnah­ und Tochter, ins Gefängnis, als sie vor der
New-Yorker Vorort Howard Beach
men und seit längerer Zeit unternomme­
der schwarze Jugendliche Michael Griffith RSA-Botschaft in Washington an einer
nen Versuche außer Kraft zu setzen, mit Protestkundgebung feilnahmen.
gelyncht wurde? Griffith und seine
denen schwarze Amerikaner wieder in Vize Bush will Kings Geburtstag
"dreckigen Niggerfreunde" wurden allein
den Wirtschaffsprozeß des Landes in­ als "tag der nationalen Versöhnung" be­
deswegen verprügelt, weil sie es gev/agt
tegriert werden sollen, aus dem man sie
hatten, sich in einem Weißenviertel zu gangen wissen. Als könnte man Freiheit
vorher ausgeschlossen harte. Damit signa­ und Sklaverei miteinander versöhnen!
zeigen. Dreien gelang die Flucht. Griffith
lisiert er: Ihr seid uns egal. Auch Präsident Aber wenn der Name Kings für die einen
ereilte der Tod unter Autoreifen. Michael
Reagan hat das klar zum Ausdruck ge­ Beruhigungsmittel ist, so ist er für andere
Griffith und Martin Luther King brachte
bracht. Sogar die effektiven Programme,
nicht der Gefangene Nr. 65 477 um, ein Kampfaufruf. Deshalb nahm an den
die dazu geeignet v/aren, die Ärmsten der vorjährigen Feierlichkeiten in Atlanta ein
sondern, wie Mark Twain es nannte, die
Armen aus dem Schlamassel zu ziehen, sie
"Vereinigten Lynch-Staaten". weiterer Friedensnobelpreisträger teil,
gesund werden und Hoffnung schöpfen zu
Aus Anlaß des vorjährigen Geburtstags der südafrikanische Bischof Desmond Tufu.
lassen, sollen geopfert werden, damit wir
Martin Luther Kings besuchte Reagan in Coretta King überreichte Desmond Tutu in
mehr Rüstung produzieren können." Der der baptisfischen Ebenezerkirche, in der
einem Washingtoner Viertel eine
Bundeshaushaltsenfwurf für das Finanzjahr
Grundschule für schwarze Kinder, die den schon King und sein Vater gepredigt
1988 verstärkt diese Tendenz noch. hatten, den Marfin-Luiner-King-Preis. Im
Namen des großen Kämpfers für die
Gegensatz zu Bush sprach Tufu nicht von
Gleichberechtigung der Farbigen trägt.
"Versöhnung", sondern von Unver-
Mit einem Schüler dieser Schule, dem
achtjährigen Rudy Heinz, schreibt sich der
Liebe und Haß söhnücnkeii. Im Gegensatz zu Bush, der
gesagt hatte, daß die Liebe stärker sei als
Präsident noch heute. Reagan pries King
Im Referat "Lage im schwarzen Amerika der Haß, sprach Tutu davon, daß die
und seine Sache, sprach davon, daß er
1986", veröffentlicht von der Schwarzen- Freiheiisliebe stärker sei als der Haß ihrer
"weiterhin energisch die Menschenrechte
organisation National Urban League, Verfolger. Der eine wie der andere
mit Leben erfülle", daß "unser Land
heißt es: "Wenn die Regierung die schwörfe auf Martin Luther King.
solange nicht frei sein wird, wie wir alle
Bürgerrechte in Rambo-Manier zerfrüm- Seine Träume bleiben vorerst noch
nicht frei sind". Zu guter Letzt sagte
Reagan: mern will, dann soll sie nicht so tun, ais Träume. Amerikas Hauptstraße, die Main
seien ihre Bestrebungen segensreich für Street, bleibt Schwarzen vorerst ver-
"Auf die Frage, wie es den Schwarzen
die schwarze Bevölkerung." Rambo-Ras­ schlossen. Die Straßen, in denen die
im Amerika von heute geht, kann ich nur
sisten zerstören King und seinen Traum. schwarze Bevölkerung der Vereinigten
antworten: 'Besser, als jemals zuvor!'"
Mär­ Dabei sind die statistischen Zahlen schon Staaten lebt, sehen eher so aus, wie die
Den Kindern erzählt man
keine Kugeln aus einer "Remington" Auburn-Avenue in Atlanta, in der King
chen. Weil ich hier nicht für Kinder
mehr, sondern Granaten aus den geboren wurde, die Straße der Slums und
schreibe, bringe ich statt dessen Statistik.
Fünfzehnzöllern der "New Jersey". In der Ausgestoßenen.
Zunächst einige Angaben des amerika­
dem Referat heißt es weiter: "W'enn die Hinter der baptistischen Ebenezer­
nischen nationalen Zentrums für Ge­
Schwarzen 12 Prozent der US-Bevölke- kirche an der Auburn-Avenue ruht Martin
sundheitsstatistik: Zwischen 1960 una
rung ausmachen, stellen sie doch 22 Pro- Luther Kings Asche unter weißem Mar­
1985 sfieg die Zahl der Suizide unter
zent der Armen seit 1980." mor. In die Grabplatte sind seine be­
Schwarzen um das Dreifache. Aber was
Wenn es um die Respektierung von kannten Worte eingemeißeli: "Free at last,
in der Statistik Selbstmord heißt, ist poli­
Bürgerrechten geht, stellt John E. Jacob, endlich frei." Kings Volk ist in Amerika
tischer Mord. Die Verzweifelten sollen
Vorsitzender der National Urban League, noch lange nicht frei. Es kämpft für seine
selbst Hand an sich gelegt haben? Das
Reagan die miserabelste Personalakte im Freiheit. King ist mit seinem Volk. Auch
wäre zu simpel. Es ist diese Gesellschaft,
Vergleich zu allen Regierungen der der Tod hat ihn nicht von dieser Pflicht
die sie in die Zange nimmt.
letzten 50 Jahre aus. erlöst.
Einer von der Fernsehgesellschaft CBS
und der "New York Times" durchge­
... Es geschah vor genau einem Jahr. Im
Kupppelsaal des Kongreßgebäudes auf

führten Meinungsumfrage zufolge meinen
27
"NEUE ZEIT" 4.87

STÄDTE UND JAHRE

Die
Steine
Prags
• Alte Baukunst, neue Probleme

# Handwerker gesucht • Auf daß die

Zeitfolge nicht abbreche.

Albert PIN, NZ-Sonderkorrespondent

Die Tür zum Hause "Unter der Glocke" Das Modell ist heute für Historiker, des 16. und von Anfang des 17. Jahrhun­
war abgeschlossen. Dr. Jozef Mayer Architekten, Kunsthistoriker und Restaura­ derts als Denkv/ürdigkeit der Renaissance
entschuldigte sich und ging den Schlüssel toren sehr wertvoll. Im vorigen und geführt. Vor etwas mehr als zehn Jahren
holen. In den Minuten, bis er wiederkam, jetzigen Jahrhundert hat das Stadtbild sind die ursprüngliche Planung des
konnte ich die Fassade des eiten Baus, den viele neue Züge angenommen. Gegen Grundstücks, die Räume sowie der Hof mit
umzäunten Bauplatz davor, das Jan-Hus- Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Prag Brunnen und Treppe wiederhergestellt
Denkmal daneben und die imposante viel umgebaut, und in den jüngsten worden. Das Haus gehört jetzt den
Teynkirche dahinter betrachten. Jahrzehnten hat es sich ausgedehnt. Doch Architekten. Hier empfing mich in seinem
Ich siand auf dem berühmten Staro- der historische Stadtkern mit den wunder­ Arbeitszimmer der Chefarchitekt Prags,
mestske Platz, der jahrhundertelang das baren Baudenkmälern ist, wenn auch nicht Blahomir Borovicka.
Herz Prags war. Die Turmuhr auf dem ganz ohne Einbußen, erhalten geblieben. Als ich hinging, stellte ich mir schon
Rathaus schiug die Mittagsstunde — das Ein Kenner von Altertümern, der einen Kreis komplizierter Probleme vor,
tut sie schon fast 500 Jahre, seitdem ein Langweils Modell betrachtet und es un­ über die der Chefarchitekt zu mir
kunstfertiger Meister die sehenswerte Uhr willkürlich mit dem heutigen Prag ver­ sprechen würde. Die Geschichte be­
schuf. gleicht, seufzt gewiß öfter. Leider sind die rühmter Bauten und Städte interessiert
Dr. Mayer, Abteilungsleiter in der Einbußen zahlreich und um so bitterer, als mich schon lange. Ich wußte auch von der
Prager Zentrale für Denkmals- und Na- nicht nur der Zahn der Zeit, sondern auch alten Tradition der Prager, die von ihren
iurschuiz, kam mit dem. Schlüssel zurück menschlicher Leichtsinn, Unverstand und Vorfahren geschaffenen Werte zu ehren.
und schloß auf. Drang nach Gewinn schuld daran sind. Seit 1900 besteht ein Klub namens "Für
Ich möchte mir eine kurze Abweichung Dennoch haben die Prager, die ihre Stadt 1 das alte Prag", dem Kulturschaffende und
vom Thema gestatten, aber der Besuch in innig lieben, wie mir scheinen will, Grund einfache Leute angehören, die die
dem Haus "Unter der Glocke" (einem der zum Optimismus. Die Sorge für die Denkwürdigkeiten des Landes vor der
wunderbarsten Prager Bauwerke) ist nur Erhaltung des Erbes und folglich auch der Habgier der Bourgeoisie in Schuiz nah­
aufgeschoben, während wir einen Gegenwart und Zukunft des Landes ist men . Damals bauten geschäftstüchtige
Abstecher ins Prager Stadtmuseum ge­ jetzt Staatsangelegenheit. Natürlich kostet Leute die ersten Mietskasernen und ver-
macht und das einzigartige, vor mehr als das viel Mühe, braucht man die Fähigkeit, nichteten dabei skrupellos oft einzigartige
150 Jahren angefertigte Modell des histo­ Probleme zu lösen und Versäumtes • alte Bauten. Dank den Klubmitgliedern
rischen Stadtzenirums gesehen haben. nachzuholen. Aber gerade darin zeigen I konnte vieles davor bewahrt werden.
Der Künstler, Antonin Langweil, hat nicht sich die Reife der Gesellschaft und ihre ! "Ober das alte Prag, über seine I;
sozialistische Zivilisiertheit.
nur Straßen, Plätze, Gebäude, Denkmäler, Denkwürdigkeiten und Lokalpatrioten
Fahrdämme und Gehsteige auf könnte ich endlos sprechen", sagte Blaho­ I
19 Quadratmetern reproduziert, sondern Unter mir Borovicka. "Ich möchte aber vor allem
auch Details wie die Straßenlaternen und ein Ereignis der jüngsten Zeit erwähnen. i
Gullys die Zäune, Schuppen und ! Denkmalsschutz Durch einen Regierungsbeschluß von
Brennhoizstapei auf den Hofen, die 8au- ; 1971 ist der historische Stadtkern mit
me, Sträucher und Wege in Gärten und Das Haus Nr. 8 am Hradschin- seinen etwa 900 Hektar zum Prager
Parks. Er hat sich sogar bemüht, die Farbe Platz ist in Prag vielen bekannt. Stadtmuseum erklärt und unter
der Fassaden und die Form der Dächer, Im Register der Prager Sehenswür­
Denkmalsschutz gestellt worden. Hier
die Hausnummern, Wappen und Schilder . digkeiten ist es als ehemaliges Marti- stehen 13 nationale Baukomplexe wie der
an den Häusern getreu nachzubilden nicky-Schloß aus der zweiten Hälfte Hradschin, Vysehrad und über 1400

28 "NEUE ZEIT” 4.87

_
Schlösser, Klöster, Kirchen, Kapellen
Sie hängen daran, obwohl es sich in den Noch eine Besonderheit dieser Phase
und alle Wohnhäuser."
alten Häusern viel unbequemer als in der Rekonstruktion nennt der Chefarchi­
Die Museumszone ist zugleich das i
Neubauten wohnt. Die Unbequemlichkei­ tekt (Blahomir Borovicka ist es schon
Zentrum der Landeshauptstadt. Ob sich
ten belasten altere Leute und auch 16 Jahre). In den 70er Jahren umfaßten die
das miteinander verträgt? Ich frage mei­
jüngere, noch kinderlose nicht allzu sehr. Resfaurationsarbeiten einzelne Bau-
nen Gesprächspartner, wie sich die
Wenn junge Ehepaare Kinder bekommen, \ komplexe und sozusagen historische
Einwohner der Alt- und Neustadt, die von
dann bemühen sie sich gewöhnlich, in ! Schlüsselobjekte wie die Karisbrücke
Vysehrad, der Kleinseite und des
andere Stadtbezirke umzuziehen." , und den Hradschin. Jetzt
Hradschin denn so fühlen, ob sie nicht
Davon sprach auch Ende vorigen Jahres konzentrieren sich die Restauratoren auf
lieber in den Neubauvierteln wohnen
Karel Beranek, Sekretär des Prager eine durchgehende Rekonstruktion gan­
möchten.
Stadtparteikomitees, auf einem Plenum zer Häuserblocks oder Straßen, was viel
"Wir haben natürlich Schwierigkeiten
des ZK der KPTsch. Er machte folgende i rationeller ist. Ein Beispiel ist die Ceiutr.a
und Probleme. Der historische Stadtkern
Angaben: Von den gut 3000 Häusern im Straße in der Altstadt.
nimmt nur 1,6 Prozent des jetzigen
historischen Zentrum sind über 1100
Stadtareals ein. Ende vorigen, Anfang
kulturelle Denkwürdigkeiten. Über 800 | Die Königsstraße
dieses Jahrhunderts hatte er 170 000 Ein­
stammen aus dem 13.—18. Jahrhundert,
wohner, jetzt sind es nur 60 000 oder
über 600 aus dem 19. Fast die Hälfte der Die Celetna ist eine der ältesten und
5 Prozent aller Einwohner Prags. Im
Wohnungen hat rricht alle Bequemlichkei­ j zweifellos der interessantesten Straßen
historischen Zentrum arbeiten aber etwa
ten. Bisher sind nur Fassaden und Dächer I Prags. Gäste aus alier Welt sehen Sie sich
220 000 Personen, hier befindet sich
instand gesetzt, innen sind sie kaum unbedingt an. Sie bildet ja einen Teii der
ungefähr ein Drittel aller Prager Ar­
modernisiert worden. Mitten in der Stadt sogenannten Königssiraße, die in alten
beitsplätze. Hierher kommen Leute aus stehen baufällige Häuser unbewohnt Zeiten die Prager Hauptstraße war.
allen Stadtteilen zur Arbeit. Es ist drin­ Ihre Geschichte wird auf König Vaclav
"Die Schlußfolgerung", fährt mein Ge­
gend notwendig, das Zentrum zu ent­ IV., Sohn Kaiser Karls, zurückgefuhrt. Vor
sprächspartner fort, "drängt sich auf: Soil
lasten und einen Teil der Bürobetriebe in I ihm wohnten die Herrscher hoch über der
das alte Prag nicht leerstehen, soll es das
andere Bezirke zu verlegen. Das ist in den | Moldau im Hradschin. Ende des 14
belebte Stadtzentrum bleiben, dann muß
Plänen für die nächste Zeit berücksichtigt. | Jahrhunderts baute Vaclav an der Grenze
man sich neben der Restaurierung der
Zugleich haben wir auch die ungünstige | zwischen der Alt- und der Neustadt noch
geschichtlichen Denkwürdigkeiten ener­
Voraussage in Betracht gezogen, daß die i eine Residenz. Unter Vaclav und einigen
gischer mit der Modernisierung der
Prager Museumszone bis zum Jahr 2000 seiner Nachfolger war der Hradschin nui
bewohnbaren Häuser befassen.
noch weniger Einwohner haben wird. : Schauplatz offizieller Empfänge und Zere-
Nach dem Krieg wurde in Prag größten­
Diese Tendenz rückläufig zu machen, ist j rnonien. Dorthin begaben sich der Herr­
teils extensiv gebaut. An den Stadträn­
so gut wie unmöglich, aber abbremsen scher und sein Gefoige aus dem neuer.
dern entstanden immer neue Wohnviertel. I Königsschloß.
können wir sie.
In erster Linie wurde damit die Woh-
Das historische Zentrum genießt noch
nungsfrage bereinigt, und die Renovie­ ! Die Celetna ist jetzt eine Art Mikromu
jetzt die besondere Sympathie der Prager. rung und Modernisierung der alten seum der Prager Architektur
Häuser wurde aufgeschoben. Jetzt sind Allerdings ist der gotische
Prag heute: Die Teynkfrche und viele die Neubaumöglichkeiten fast erschöpft, : Baustil nur in den Kellern der äifei.
Gebäude der Altstadt sind mit Bauge­ weil so gut wie keine Grundstücke mehr Gebäude zu finden, wahrend das Barock
rüsten verschalt frei sind. Also müssen wir Baugelände in ; durch mehrere Meisterwerke reprasen
Foto: Autor der Altstadt finden und uns vor allem iiert ist. Den tschechischen
ernsthaft mit ihrer durchgehenden Re­ Kubismus repräsentiert in der Bau
konstruktion befassen. Das ist gar nicht ' kunst das Haus "Zur Schwarzen
• einfach. Die Bauleute sind schon gewöhnt, Madonna", das 1911 1912 an einer Ecke
sozusagen auf einem leeren Fleck anzu- des Gbstmarktes gebaut wurde. Bei einen.
fangen. Im alten Prag geht Fließbandar­ Spaziergang auf der Celetna ist es übri­
beit nicht, an, die modernen großen gens jeizr nicht ganz einfach, die Folge
Baumaschinen kann man hier nicht her­ der Zeitiäuffe zu erkennen. Andauernd *
bringen. Folglich müssen sich viele Bau- muß man Bogen schlagen oder sich an
leute, z. B. Montagearbeiter, umstellen. Mauern, Schaufenster oder Türen einla
Dagegen nimmt der Bedarf an Maurern, dender 'Weinkeller drücken. Fast die
Dachdeckern usw. zu. Es müssen ja Häuser ganze Straße starrt von Baugerüsten,
modernisiert oder umgebaut werden, die
vor langer Zeit oder in unserem Jahrhun- Über 50 alte Gebäude dieser Straße
dert entstanden. Beim Umbau muß man nehmen ihr ursprüngliches Aussehen an
die Decken auswechseln, die Räume (viele andere haben es schon angenoiw
völlig anders anordnen — eine Heidenar- j men) oder sind, falls nötig , innen moderni
beit. Dazu gehört auch die Rekonstruktion sieri worden. Bis Ende dieses Jahres
der Tiefbauanlagen, was unier allen bekommt die Straße auch neue Tiefbauan-
Umständen, besonders aber in alten fagen, neues Pflaster und neue ße-
Wohnvierteln mit ihren schmalen Straßen leuchtung. Kurz, bis Februar 1988 — bis
und lückenlosen Häuserzeilen., ungemein zum 40. Jahresiag des Sieges über d.c
mühselig ist. Deshalb kann man die Häuser Reaktion—wird die Straße in volle.
z. B. nicht an die Fernheizanlagen an­ Schönheit prangen und mit ihr auch de
schließen, das Rohrlegen wäre hier un­ historische StaromesJske-Piaiz, wo eben
möglich. Zum Heizen wird man statt Kohle falls große Restaurationsarbeitc.:
mehr Gas und Strom benutzen. Das ist Gange sind.
unbedingt notwendig: Die 680 alten j Rekonstruiert wird auch das nach der.
Kohleheizkessel im historischen Teil der j tschechischen Dramatiker Jozef Tyä be
Stadt sind ein um so größeres Problem, als nannte Theater, ein altes Gebäude auf ciei
die Luftzirkulation in der zwischen Hügeln Ryterska, das in die Weltgeschichte du.
eingezwängten Prager Senke erschwert Musik eingegangen ist: Hier wurde in
ist." Oktober 1787 Mozarts in Prag entstände

29
"NEUE ZEIT" 4.87
ner "Don Juan" uraufgeführt. In den Wiederherstellung, aber erst unter der.
soll, sagte der Klub kategorisch ja dazu
Gäßchen hinter der Teynkirche werden Volksmacht erlebte das Kloster seine
und lehnte eine andere Variante zur
Baudenkmäler aufgefrischt. Bauleute und Wiedergeburt. Jetzt beherbergt es eine
Lösung des Verkehrsproblems —
Restauratoren arbeiten auch am anderen ständige Ausstellung tschechischer Male­
Schnellstraßenbahnen — ab. Wäre diese
Ende der Königsstraße, auf der Neruda. Variante durchgekommen, so hätte man rei des 19. Jahrhunderts aus der Nationol-
Dort modernisieren sie über 90 Häuser. viele alte Bauten abiragen müssen. galerie.
Die Restaurationsarbeiten auf dem Ein Kulturzentrum mit winzigem Kino­
Hradschin und an den alten Schlössern auf Dr. Mayer, der mir vom Klub und von saal, einem Vortragssaal und einer Disko­
der Kleinseite gehen weiter — alle kann dessen Enthusiasten erzählte, ist selbst thek im Keller eines einstigen Schlosses,
man gar nicht aufzählen. Doktor der Philosophie, wo sich früher ein Speicher befand...
einer.
Wirtschaftsfachmann, Kunstgeschichtler Geschmackvolle Schaufenster von Anti­
Wie mir Dr. Mayer erzählte, werden in und Archäologe, leitet er — ich erinne­ quariaten und Buchhandlungen anstelle
diesem Planjahrfünft für solche Arbeiten re — in der Prager Zentrale für Denkmals­ von Bürofenstern... Ein Künstlerklub oder
3,5 Md. Kronen bereitgesiellt. Ungefähr und Naturschutz eine Abteilung und ist im ein Hotel in einem noch unlängst ver­
die Hälfte bekommt Prag. Ein schönes Klub Vizevorsitzender. Übrigens ist er in nachlässigten Haus... Eine Fußgängerzone
Geld, aber der Bedarf ist groß. Und hier erster Linie Wirtschaftsexperte, und die mitten im Zentrum, wo man sich vom
ein Problem aus den letzien Jahren: In einschlägigen Kenntnisse sind ihm in Karussell der Autos ausruhen kann. Derar­
Prag fehlt es an hochqualifizierten Bauar­ seinem jetzigen Wirkungskreis gut zustat­ tige Verwandlungen freuen die Prager
beitern, die zu manueller Arbeit fähig ten gekommen. Er mußte sich sogar mit natürlich, wenn vielleicht im Alliagstrubei
sind. (Davon sprach ja auch der Chefarchi­ der Kybernetik anfreunden. Für Leute, die auch nicht jeder bemerkt, wie sich das alte
tekt Prags). Noch unlängst zog Prag Baudenkmäler bewahren, sind Computer Prag verändert, wie seine Mauern, die
Fachkräfte aus Böhmen und anderen keine Modeangelegenheit, sondern eine Last der Jahrhunderte abwerfend, ihre
Gebieten heran. Sie haben viel zur Notwendigkeit. Die erste Voraussetzung ursprüngliche Schönheit wiedererlangen.
Rekonstruktion und Erneuerung bekannter für die Effektivität dieser Arbeit ist ja die Aber kommen wir auf den Staro-
Baudenkmäler beigetragen. Aber jetzt gründliche Kenntnis der alten Bauten. mestske-Platz, zu dem Haus "Unter der
sind viele von ihnen heimgekehrt. Dort Man braucht genaue Angaben über ihre Glocke", zurück! Wir folgen Dr. Mayer
werden sie auch dringend gebraucht. Geschichte und ihren jetzigen technischen hinein und hören seiner Erzählung über
Überall in der CSSR werden ja jetzt Zustand, also solide gespeicherte Infor­ dieses Schloß, das im 14. Jahrhundert für
Baudenkmäler (es gibt dort über-30 000) mationen, und da isi der Computer ein die Mutter Karls IV. gebaut wurde, zu. Im
wiederhergestellt. unentbehrlicher Helfer. vorigen Jahrhundert wurde es zur Hälfte
zerstört, später aber aufgestockt. Wir
Dank Dr. Mayers Mitarbeitern in der lernen die Restauratoren kennen, die vor
Für sich Abteilung für Denkmalsschutz sind fast für 15 Jahren zum ersten Mal herkamen, und
alle historischen Bauten ausführliche Do­ gratulieren zur fast fertigen mühevollen
selbst kumente angefertigt worden. Denkwür­ Arbeit allen Beteiligten: den Bildhauern,
digkeiten aus vielen Jahrhunderten stehen Zimmerleuten, Maurern und Kunsthistori­
unter Aufsicht der Prager Zentrale: kern.
Am Frontispiz des unlängst re­ Schlösser, Kirchen, alte Häuser mit vielen Ich erriet unschwer, daß Dr. Mayer
konstruierten Nationaltheaters steht: "Das Herren, angefangen vom Kulturministe­ dieses Haus ganz besonders liebt, denn
Volk für sich”. Die Prager nennen das rium bis zu gewöhnlichen Mietern. Leider der nicht mehr junge Mann führte mich,
schöne Gebäude an der Vifava, das für kommen nicht alle Besitzer oder Mieter angeregt erzählend, von Stockwerk zu
Volksgeid gebaut wurde und für das die ihren Verpflichtungen, die “Werke der Stockwerk, von Saal zu Saal. Spater erfuhr
Fundamenisieine aus allen Landesgegen­ Ahnen zu bewahren, befriedigend nach. ich, daß er demnächst eine umfangreiche
den angefahren wurden, die Goldene Bisher hat man Gleichgültige oder Monographie, einen Bericht über die
Kapelle, im November 1883 feierlich Nachlässige nur kritisiert und die Schuldi­ langjährigen Forschungen herausgibt,
eröffnet, symbolisiert das Theater das gen ermahnt. Mit Genugtuung erzählt mir dank denen die Geschichte des Hauses
Erwachen des nationalen Selbstbe- Dr. Mayer, daß schon eine Gesetzesvor- rekonstruiert und dieses in allen Details
wußtseins. iage abgefaßt ist, laut der auf Beschädi­ authentisch rekonstruiert werden konnte.
gung eines Baudenkmals eine Geldstrafe Ich glaube, nicht einmal alle Prager
Die Worte "Das Volk für sich” drücken, bis zu einer Million Kronen stehen wird. wissen schon von den hochinteressanten
meiner Ansicht nach, auch die heutige Entdeckungen der Restauratoren. Ein Ge­
Sorge der sozialistischen Gesellschaft für Bei den jetzt so begrenzten Baukapazi­ heimnis des Hauses hat mich besonders
die historischen und kulturellen Denkwür­ täten und beim jetzigen Mangel an beeindruckt. Ganz zu Anfang der Resfau-
digkeiten aus. An diesem edlen Werk ist Fachkräften muß man für die Restaura- rationsarbeiten wurde ein zugemauerter
ein weiter Kreis beteiligt: Baufachleute, tions- und Rekonstruktionsarbeiten eine Durchgang in die anstoßende Teynkirche
Restauratoren Historiker, Architekten, Reihenfolge festseizen. Hiermit und mit entdeckt. An einer Wand war eine Art
Bildhauer, Maler, Enthusiasten der ver­ der Aufsicht über die Arbeiten befaßt sich Balkon, zu dem man direkt aus dem
schiedensten Berufe, Schulkinder und das Personal der von Dr. Mayer geleiteten Oberstock des Hauses gelangen konnte.
Studenten, Hausfrauen und wer nicht noch Abteilung. Nicht minder wichtig ist es, Dr. Mayer gab mir eine Taschenlampe,
alles. Für die einen ist das Arbeit, für festzusiellen, wie ein in Rekonstruktion und ich betrat durch einen engen Korri­
andere ihr Lebenszweck und für viele befindliches historisches Objekt benutzt dor den Balkon, der über der leeren,
Bürgerpflicht und ureigenes Anliegen. werden konnte, d. h. dafür die hallenden Kirche hing.
Ich erwähnte schon den Klub "Für das zweckmäßige Verwendung bei geringfü­ Bald wird die Prager Galerie, di_ neue
. .
alte Prag". Er hat jetzt 2000 ehrenamt­ gigsten inneren Veränderungen zu fin­ Herrin des Hauses "Unter der Glocke",
liche Mitglieder, darunter Baumeister, den, namentlich, wenn es sich um eine hier ihre Ausstellungen anordnen. Einige
Bauingenieure und Kunstgeschichtler. uralte Denkwürdigkeit handelt. Räume, z. B. zwei Hauskapellen, in denen
Sie leisten den Restauratoren viel gotische Fragmente gefunden wurden,
praktische Hilfe, und das uneigennüt­ Das Blazena-Anezka-Kloster wurde werden bestimmt reges Interesse finden.
zig, in ihrer Freizeit. rekonstruiert. Einst war es der schönste
Ein Saal soll zu Konzerten dienen. Bei drei
Prager Baukomplex. Noch im vorigen
Probekonzerten hat sich die Akustik als
Auf die maßgebliche Meinung des Jahrhunderi war dieser frühgotische Bau
vorzüglich erwiesen. Sie wurden für
Klubs hören Staatsorgane und Stadtbehör­ (das Kloster wurde im 13. Jahrhundert
diejenigen veranstaltet, die das Werk der
den. Hier ein Beispiel. Als zur Debatte gegründet) vom Einsturz bedroht. Ahnen rzu neuem Leben erweckt haben.
stand, ob Prag eine U-Bahn bekommen 1892 entstand eine Gesellschaft für seine Prag-Moskau
30
"NEUE ZEIT" 4.87

II
um
in seiner Malerei
Eine iraurige Nachricht erreichte uns aus Italien.
Im Alter von 75 Jahren starb der Maler der Italienischen /bs i
Sonne und der Erde, ein großer Maler des 20. Jahrhunderts ir
unser Freund iSenot© GUTTUSO.
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Das leidgeprüfte, von sozialen Konflik­ Fäusten stehen sie mit dem Rücken zur Selbstbildnis
ten, Armut und täglich neuen Verbrechen Wand vor einem vertierten Gegner, und
der Mafia zerrissene Sizilien, die Heimat einen brennend aktuellen politisch
scharlachrotes Blut tropft auf den Stein-
bloßgelegten Inhalt zeigt. Unerbittlich
Renato Guftusos, hat einen Sohn verloren. Charakteristisch für Guttuso ist, daß er
klagt das Bild die Henkersknechte an.
Zeit seines Lebens war seine Seele nie darauf verzichtete, die soziale Zuge­
In dieser Zeit trat Renato Guttuso in die
weiigeölfnet für diese heimatliche Erde, hörigkeit seiner Personen selbst in den
Kommunistische Partei ein. Im Atelier des
sprachen seine Bilder von seiner innigen Bildtiteln zum Ausdruck zu bringen:
Künstlers war zwischen Sfaffeleien und
Liebe zu den kühnen Menschen dieser „Bergmann", „Steinmetz", „Mädchen, die
Paletten die Druckerpresse der römischen
Erde, den Fischern, Weinbauern, den 'Internationale' singend", „Zeitunglesen­
Parteiorganisation versteckt, auf der die
ewig Armen und Ausgebeuteten, aber der Arbeiter", „Die Fischer Kalabriens"...
Genossen Flugblätter druckten, die zum
Unbeugsamen. So bestimmt seine Ansichten und
Kampf gegen den Faschismus aufriefen.
Italien hat einen Künstler verloren, der Vorlieben deklarierend, mußte der
Es ist nicht erstaunlich, daß Guttuso im
mit seiner Maierei die großen Traditionen Künstler die Welt der Bourgeoisie und die
Nachkriegsitalien die demokratischen
eines Landes fortseizte, das zur Wiege der in ihr herrschende Ungerechtigkeit her­
Kräfte unter jungen Künstlern anleitefe,
Renaissance wurde, der Welt Riesen ausfordern.
die ihren Weg in der Kunst suchten, sich
schenkte, deren Kunst heute noch der In den Kriegsjahren, als das
Moden widersetzten, die sich als
menschlichen Zivilisation als Gradmesser faschistische Italien an der Seite Hitlers
aufdringliche Wellen von jenseits des
ihrer geistigen Errungenschaften dient. kämpfte, malte Renato Guttuso die enthül­
Atlantik über das Land ergossen. Einer
Die Welt und die Menschheit haben lende, von Protest erfüllte „Kreuzigung",
dieser Moden, dem Modernismus in
einen Sänger verloren, der immer, auch in die hinter dem biblischen Gegenstand
seinen extremen Ausformungen, der
den finstersten Epochen der Geschichte
Formspielereien zuliebe den Menschen
den Menschen besang, seine körperliche
negierte, seine geistige Welf und seine
und seelische Schönheit, seinen Drang „Mädchen, die 'Internationale' singend"
Psychologie, setzte Guttuso keine aus
nach Freiheit, nach Licht und weltweiter
dem Tag geborene Agitationsposter ent­
Brüderlichkeit.
gegen, sondern die realistische scharfsin­
Leben und Werk jedes echten Künstlers .
nige Aneignung der Wirklichkeit, einen
sind immer Freude für die Zeitgenossen
satten Ausdruck des vollen Lebens in all
und immer Lektion, Unterweisung für die seiner Vielfalt.
Nachkommen, die jüngeren Brüder, für Dieser Ansatz erwies sich als weitaus
Kollegen und Gleichgesinnte. ernsthafter, tiefer und wirksamer als jede
Im Herzen eines solchen Künstlers lebt plakative Propaganda. Auch davon gab es
eine Liebe, zu groß, um darin Platz zu reichlich auf den Ausstellungen all dieser
finden, immer bereit, auszubrechen als Jahre.
lebensspendender Quell unvergänglicher
Wir haben es Guttuso zu verdanken,
Schönheit und menschlicher Wärme. So
war es bei Gutiuso. Eben dieses erhabene daß im Ringen echter Künstler mit dern
.Kommerz, im Ringen der Kunst mit dem
Gefühl erhebt die von ihm geschaffenen
Personen — Bauern, Bäuerinnen, Landar­ Kapital, das die Schöpferkraft erdrosselt,
beiter, Bergleute und Hirten. Sie schreiten das Band zwischen fortschrittlichem
dahin, Heugabeln und Hackmesser hoch Kunstschaffen und den Sehnsüchten von
erhobe'n, die rote Fahne entfaltet, streng Millionen Werktätigen erstarkte.
Guttuso ging von uns. Seine Kunst ist
und entschlossen, den Kampf mit den
Mietlingen der Großgrundbesitzer aufzu­ mit uns und wird weiterhin unser
Kampfgefährte bleiben.
nehmen, ihr Recht auf das Stück Boden
durchzusetzen, das sie der sonnen- Durch Wiederholung wird der Sinn
dieser Worte verwischt. Aber sie bringen
durchglühten Öde abrangen. Alle Kräfte
angespannt, krallen sie sich in den felsi­ eine tiefe Wahrheit hervor. Wie die Sonne
gen Boden und füllen schwere Körbe voll und das Brot seiner Malerei.
mit giftigem Schwefel. Mit geballten Griqori OGANOW
"NEUE ZEIT" 4.87 31
-—;

SPORT

seinerzeit von Tschernomorez

Igor Belanows zu Dynamo Kiew überwechsel-


te).
Igors Weg im Sport war nicht
mit Rosen bestreut. Als kleiner
'i

oldener Ball
Junge bat er um die Aufnahme
in einen Fußballzirkel. Verge­
bens: zu klein und nicht schnell
genug... Zum Heulen. In die­
ser Situation zeigte er zum
ersten Mal seinen eisernen ;
Keiner der Fußballkenner
Charakter. Igor hörte mit dem
hätte vor einem Jahr gedacht,
daß der Stürmer von Dynamo
Fußbaall nicht auf und spielte !
leidenschaftlich, zumal es in
Kiew, Igor Belanow, eine der
Odessa genug Wiesen und
begehrtesten Trophäen des
Rasen gibt.
Fußballs in Europa und in der
Welt — den "Goldenen Es vergingen einige Jahre, da
Ball"'— holen wird. Diese Aus­ machte er auf sich aufmerksam.
zeichnung wird nach Auswer­ Es folgte eine Einladung zu
tung einer Umfrage der führen­ Tschernomorez. Drei Jahre da­
den Fußballreporter Europas nach hatte ihn Lobanowski im
verliehen, die von der Visier.
Wochenschrift "France-Foot­
ball" veranstaltet wird. Bei Dynamo Kiew klappte
Igor Belanow (26), der nach das Spielen für Igor Belanow
der WM in Mexiko-Stadt die nicht sofort. Die Mannschaft
ganze Fußballwelt von sich insgesamt machte damals ge­
sprechen ließ, konnte bedeu­ rade eine Krise durch, setzte
tend mehr Punkte als der aber viel daran, ihr kämpfe­
Engländer Gary Lineker sam­ risches Potential wiederher­
meln, der den 2. Rang belegte. zustellen. Sie suchte nach
Zu den 10 besten Fußballern neuen Wegen im modernen
Europaas gehörte 1986 noch Fußball. Lobanowski konnte die
ein Kicker aus Kiew — Alexan­ Rolle Belanows in der
v—-.1
der Sawarow. ! . - • . Söyssi Mannschaft richtig erahnen. Er
Und der symbolischen Welt- glaubte daran, daß der junge
Elf des Jahres 1986(zusammen- Sportler sowohl superhartes
gesieellt von der italienischen Training als auch die- Last
Foto: TASS
"Gazzetta delio Sport") gehört vorübergehender Mißerfolge
neben Igor Belanow auch der wird ertragen können. Igor
sowjetische Torhüter Rinat Das- mit einem sicheren Treffer ge­ eines Ausführenden fremder Belanow bewährte sich. Nun­
sajew an. krönt wurden, beteiligte sich Ideen zuweisen. Im Gegenteil. mehr ist die Zeit gekommen, da
Belanow isi der dritte sowje­ seinerzeit unbedingt auch Wla­ Belanow spinnt selber feine er aus dem Kiewer Klub wie aus
tische Fußballer, der mit dem dimir Muntian, der es verstand, Kombinationen und steuert das der Nationalelf nicht mehr weg­
"Goldenen Ball" ausgezeichnet den Ball auf eine Entfernung Spiel, er kann zwei, ja drei zudenken ist.
wurde. 1963 ging dieser Preis von Dutzenden von Metern Verteidiger binden und somit Der Inhaber des "Goldenen
an den legendären Torhüter exakt zu jenem Punkt zu kicken, seinen Mannschaftskameraden Balls" ist bescheiden und wirkt
von Dynamo Moskau und der wohin Blochin bereits eilte. Für Spielraum für eine Attacke sogar etwas scheu. Er hat nichts
Nationalelf der UdSSR, Lew Belanow "arbeiten" heute schaffen. Nicht von ungefähr übrig für Interviews. Muß er
Jaschin, und 1975 an Oleg gleich mehrere Mannschaftska­ wird er von seiner Elf mit der aber mit Journalisten sprechen,
Blochin. meraden. Besonders zu erwäh­ Rolle des Elfmeter-Schützen so erzählt er lieber von seinen j
Blochin und Belanow haben nen wäre Alexander Sawarow. betraut. Mannschaftskameraden.
viel Gemeinsames in ihrem Seine Finten verwirren oft die _ Mit dem Fußball begann es König Fußball hat von Bela-
Schicksal. Beide konnten Spit­ Verteidiger, die gegen ihn für Igor in Odessa, einer Stadt, now noch einiges zu erwarten.
zensportler werden in der Ob­ und Belanow spielen sollen. wo schon vor der Revolution Lernt Igor, die Trefferchancen
hut eines der besten Trainer der Berücksichtigt man, daß Sawa­ die ersten Fußballspiele hierzu­ besser zu nutzen, so wird er
row dribbeln kann wie kein 1
Welt Valeri Lobanowski. Beide lande ausgetragen wurden. Die eine neue Stufe in seiner
Fußballer sind vorzügliche anderer und obendrein- noch Einwohner von Odessa lieben Meisterschaft erreichen. r
Sprinter, die blitzschnell eine ganze Palette von heim­ diese Sportart und kennen sich In diesem Jahr stehen Igor
>
Höchstgeschwindigkeit er- tückischen Pässen aufzuweisen darin aus. Zwar mußte die f
Belanow und seinen Kamera­
reichen können. Olegs und hat, so wird verständlich, wes­ hiesige Mannschaft, Tscherno­ den schwere Kämpfe bevor: Im
Igors atemberaubende Vor­ halb Dynamo Kiew und die morez, die Oberliga verlassen, Februar geht es um den Euro­ ,*
stöße sicherten oft den Erfolg. Nationalmannschaft der UdSSR doch darf man nicht außer acht
papokal im Spiel gegen Steaua
;
Allerdings könnte kein auch während der Spielzeit 1986 so lassen, daß dieser Fußballklub ;
(Bukarest), den Pokalinhaber,
viel Lob verdient haben.
noch so herausragender Stür­
Ich will in keiner Weise den
immer durch originelle Meister
danach folgen die nächste :
mer all sein Können richtig geglänzt hat, deren Art zu
präsentieren, wenn er 1 nicht- persönlichen Beitrag Igor Bela­ Runde des Europapokals und i
spielen sogar in der National­
nows zu den Erfolgen seines Auswahlspiele für die
sofort von seinen Partnern ver­ mannschaft unverkennbar war
Klubs und der Nationalelf EM'88 mit der sowjetischen
standen würde. An den Kombi­ (ein Beispiel — der bekannte Nationalelf.
nationen, die von Oleg Blochin schmälern und ihm die Rolle Leon.d Burjak, der ebenfalls
A. TSCHAIKOWSKI

,ncrhrift*
A 103782. GSP.
Telefon: Moskau 209-07-67
229-88-72, K-6. Puschkinskaja pl.

Verlag der Zeitung "Trud" * Erscheint in russischer, deutscher, englischer, französische


italienischer, polnischer und tschechischer Sprache * Gedruckt in der Druckerei "
:
!
i
mälden Moskauer und
Gäste Moskaus konnten Zheng Xiuqian:
„Stadt am
unlängst im Staatlichen
Minjiang"
Lackarbeiien sind eine Museum für orientalische
wahre Augenweide. Der Kunst auf einer Ausstel-
Blick durchdringt qleich-
lung „Die moderne chine-
sam die undurchsichtige Wang Zhensuo:
Oberfläche und erfreut sische Lackmalerei" etwa
„Bergdorf"
sich am zarten Spie! der 100 solche in den letzten
Licht-Schatten-Effekte und Jahren entstandene Arbei-
an den zarten Farben. In
fen bewundern. Sie ver-
China sind Lackarbeiien
seit 2000 Jahren v. u. Z. binden die traditionelle
bekannt. Der Lack wurde Technik mit modernen
aus dem zähen, giftigen Mitteln und einem moder-
Harz des Qishubaums ge-
nen Stil. Die Chemie hat
wonnen. Ehe er die kunst-
vollen Vasen, Wandschir- den Künstlern eme rei­
me, Becher, Kästchen oder chere Farbskala bescherl
Möbel bildet, durchläuft und hat synthetische Lack-
er eine langwierige kom-
arlen entwickelt, die den
plizierte Bearbeitung. Er
natürlichen in nichts nach­
wird grundiert, getrocknel
stehen. Holz, Aluminium,
und poliert. Zu besonde-
Eierschale, Goldstaub,
rer Blüte gelangte diese
Perlmutter, Ferrate — es
Kunst unter der Ming-Dy-
gibt kaum einen Stoff, der
nastie (14.—-17. Jh). Schmt-
mit der Gabe des Qishu-
zereien, feinste Malereien
baums nicht harmonierte.
und Einlegearbeiten ver­
wandelten das dickflüssige Fotos: W. Panow
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Montagearbeiter
Lajos Tabak (Ungarn)

INTERNATIONALER WETTBEWERB

5? MENSCH, MENSCHLICHKEIT, MENSCHHEIT «

HEMEUKOM S3WKE
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