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Pressemitteilung des Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung vom

25.07.2008:

Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung:
Finger weg vom Fingerabdruck!
Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung lehnt das schwarz-rote
Vorhaben ab, Personalausweisinhaber künftig biometrisch und
elektronisch erfassen zu lassen. Die Aktivisten rufen zum Boykott der
freiwilligen Überwachungsfunktionen auf.

Angriff auf Anonymität im Internet

Erklärtes Ziel des geplanten elektronischen Personalausweises ist es


laut Innenministerium, "die nicht-anonyme [...] elektronische
Kommunikation zum Normalfall" zu machen.[1] "Automaten und
Internetangebote könnten wir zunehmend nur noch nutzen, wenn wir mit
der Chipkarte unsere Identität offenbaren", kritisiert Florian Altherr
vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung. "Es ist eine absurde
Vorstellung, im Supermarkt oder am Briefkasten seinen Ausweis
vorzeigen zu müssen. Mit dem elektronischen Personalausweis soll eben
dies im virtuellen Leben Realität werden." Der Arbeitskreis rät allen
Bürgern daher, die Aufnahme der "Authentisierungs- und
Signaturfunktionen" in ihren Ausweis abzulehnen, um die Verbreitung
eines elektronischen Kennkartenzwangs zu verhindern. Stattdessen
empfiehlt der Arbeitskreis, Zwangsregistrierungen bei kostenlosen
Internetdiensten durch Angabe von Fantasienamen und -daten
auszuhebeln.

Elektronische Auslesbarkeit

Nach den schwarz-roten Plänen sollen Personalausweise zudem


elektronisch auslesbar werden, um die Daten - einschließlich des Fotos
- abziehen, mit verschiedensten Datensammlungen abgleichen und in
Datenbanken diverser Sicherheitsbehörden einspeichern zu können. Die
weitere Verwendung der Daten ist nicht kontrollierbar. "Wir fordern
Union und SPD auf, dieses europaweit einmalige Vorhaben aufzugeben",
erklärt Uwe Schulze vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung. "Der
Gipfel des Unfugs ist die freiwillige Aufnahme von Fingerabdrücken,
die gerade Straftäter ja gar nicht treffen wird. Die zunächst
freiwillige Abnahme soll nur den Weg für eine baldige Zwangsabnahme
ebnen." Der Arbeitskreis empfiehlt allen Bürgern, der Abnahme des
eigenen Fingerabdrucks zu widersprechen, weil er sonst im In- und
Ausland aus dem Ausweischip elektronisch ausgelesen und unkontrolliert
und ohne Zustimmung des Betroffenen gespeichert und weitergegeben
werden kann.

Überwachungs- und Industriesubventionierungsmaßnahme


Der zur Rechtfertigung der Pläne genannte Gebrauch fremder Ausweise
zur Identitätstäuschung kommt in der Praxis so selten vor, dass das
Risiko des Einzelnen nicht einmal 0,01% beträgt. Alle bekannten Fälle
von Ausweismissbrauch konnten schon anhand des Fotos oder sonst
äußerlich bemerkt werden. Oftmals handelte es sich um Bagatellfälle,
nie um ernsthafte Straftaten wie Terrorismus. "Für elektronische
Ausweise sollen wir hunderttausende von Euro an Biometrieunternehmen
zahlen, während wirklich wirksame Kriminalpräventionsprojekte und auch
tausende von Stellen bei der Polizei seit Jahren gestrichen werden",
kritisiert Patrick Breyer vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung.
"SPD und Union betreiben in Wahrheit keine Sicherheitspolitik, sondern
eine verkappte Überwachungs- und Industriesubventionierungspolitik."

Hintergrund:

Der noch heute bestehende Zwang, dass jeder Bürger einen Ausweis
besitzen muss, ist 1938 von der Regierung Adolf Hitler eingeführt
worden, um die Bevölkerung besser kontrollieren und jüdische Mitbürger
einfacher verfolgen zu können.[2] Anders als etwa in Großbritannien
wurde der deutsche Ausweiszwang nach dem zweiten Weltkrieg nicht
wieder aufgehoben. Bis heute werden zudem Personalausweis- und
Passregister über die gesamte Bevölkerung geführt. Im vergangenen Jahr
haben CDU/CSU und SPD einen deutschlandweiten elektronischen Zugriff
auf die Register eingeführt. Seither sind Gesichtsbilder der gesamten
Bevölkerung für die Polizei elektronisch abrufbar. Seit Mai 2008 ist
eine Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsspeicherung von Passdaten
und -bildern anhängig.[3] Gegen den Zwang zur Abgabe von
Fingerabdrücken für Reisepässe liegt dem Bundesverfassungsgericht
ebenfalls eine Verfassungsbeschwerde vor.[4] Der Arbeitskreis
Vorratsdatenspeicherung fordert, den Ausgang dieser Verfahren
abzuwarten, bevor die Erfassung der Bevölkerung in Ausweisen noch
weiter ausgeweitet wird.

Über uns:
Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung ist ein Zusammenschluss von
Bürgerrechtlern, Datenschützern und Internet-Nutzern, der die Arbeit
gegen die Vollprotokollierung der Telekommunikation koordiniert. Er
ist politisch unabhängig und überparteilich.

Fußnoten:
1.
http://www.bmi.bund.de/nn_163950/Internet/Content/Common/Anlagen/Themen/Moderne__
Verwaltung/DatenundFakten/E-
Government__zwei__null,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/E-
Government_zwei_null.pdf>
2. http://de.wikipedia.org/wiki/Kennkarte>
3. http://www.daten-speicherung.de/index.php/sammlung-von-passdaten-und-passbildern-in-
karlsruhe-auf-dem-pruefstand/>
4. http://www.zeit.de/2008/06/Verfassungsbeschwerde?page=all>
Spekulationen um Backdoor in Skype
Im Skype-System könnte Berichten zufolge eine Backdoor eingebaut sein,
die das Abhören der Verbindungen ermöglicht. Das Unternehmen
dementierte das nicht ausdrücklich. Ranghohe Beamte des
österreichischen Innenministeriums hatten am 25. Juni bei einem
Treffen zum Thema Lawful Interception für IP-basierte Dienste mit
Vertretern von Internetprovidern (ISP) und der Regulierungsbehörde des
Landes mitgeteilt, dass das Abhören von Skype für sie kein Problem
mehr darstelle.

Mehrere Teilnehmer des Treffens haben dies gegenüber heise online


bestätigt. Auf die konkrete Nachfrage von heise online, ob es eine
Backdoor in Skype und den einzelnen Clients gebe, mit der der Zugriff
auf ein System möglich sei oder ob es einen speziellen Schlüssel zum
Entschlüsseln des Datenstroms gebe, wollte das Unternehmen keine
ausführliche Antwort geben. Die Antwort der schwierig zu
kontaktierenden Pressesprecher der eBay-Tochter war knapp gehalten:
"Skype kommentiert keine Medienspekulationen. Skype hat derzeit keinen
weiteren Kommentar." Gerüchte gibt es auch über eine spezielle
Abhöreinrichtung, die Skype interessierten Staaten zum Kauf anbieten
soll.

Seit Langem wird darüber spekuliert, ob Skype irgendeine Backdoor


enthält. Da der Hersteller das proprietäre Skype-Protokoll und die
genaue Funktionsweise des Clients nicht offengelegt hat, bleibt die
Frage, was Skype sonst noch so alles kann und welche Risiken der
Einsatz etwa im Unternehmensfeld birgt.

Vergangene Woche hatte der ORF unter Berufung auf Protokolle des
Treffens berichtet, dass die österreichische Polizei in der Lage sei,
Skype-Verbindungen abzuhören. Der Sprecher des Innenministeriums,
Oberst Rudolf Gollia, wollte damals dazu gegenüber heise online nicht
Stellung nehmen. Er äußerte sich allerdings allgemein zu dem Treffen.
Seine Darstellung stößt bei Teilnehmern auf Widerspruch.

Entgegen der Darstellung des Innenministeriums hätten an dem Treffen


nicht nur Techniker, sondern auch Juristen, Regulierungsexperten und
Mitarbeiter der Regulierungsbehörde teilgenommen. Auch die Vertreter
des Ministeriums seien nicht irgendwelche Techniker, sondern ranghohe
Beamte in leitender Funktion gewesen. Diese hätten von den anwesenden
ISP-Vertretern eine "österreichische Branchenlösung" für den Zugriff
auf den Datenverkehr gefordert. Die Provider sollen das
Innenministerium in ihren Netzzentralen Network Bridges und
Linux-Rechner installieren lassen. Über diese Geräte würde der
Datenverkehr kopiert, gefiltert und über eine verschlüsselte
Verbindung an das Innenministerium weitergeleitet. Um die Filterung zu
erleichtern, sollten die ISP-überwachten Kunden nur noch fixe
IP-Adressen zuteilen.

Sollten sich die ISP diesen Forderungen widersetzen, würde zu einem


späteren Zeitpunkt die Überwachungsverordnung dergestalt novelliert,
dass der ETSI-Abhörstandard ES 201 671 Version 3.1.1. vorgeschrieben
werde. Dies wäre dann juristisch verpflichtend und sei wesentlich
aufwendiger und teurer zu implementieren. Dass die Verordnung nicht
unmittelbar angepasst wird, wurde damit begründet, dass es momentan
keine politische Unterstützung dafür gebe, weil derzeit keine
Terroranschläge verübt würden. Die Beamten hätten allerdings auch
erkennen lassen, dass ihnen bewusst ist, dass sie mit ihren
Überwachungsvorhaben nur eher unbedarfte Gesetzesbrecher erwischen
können. Professionell organisierte Verbrecher würden auf
Verschlüsselungen setzen, die nicht leicht zu knacken seien.

Außerdem wurde kolportiert, dass sich zwei große Provider dem Druck
inzwischen gebeugt hätten. In ihren Anlagen wären bereits die vom
Innenministerium geforderten Network Bridges installiert worden. Dies
wird von beiden Unternehmen in Abrede getellt. UPC/Inode könne
"definitiv ausschließen", dass eine Network Bridge in ihrem Netzwerk
installiert sei. Es bestünden auch keine dahingehenden Pläne.
Überwachungen würden nur in Einzelfällen und nur auf richterlichen
Befehl durchgeführt.

"Die Behörden haben keinen Zugriff und bekommen keinen Zugriff", hieß
es seitens Mobilkom Austria. Das gelte auch für die
Festnetz-Schwestergesellschaft Telekom Austria. Die Mobilkom gab
gegenüber heise online an, in einem einzelnen Fall auf richterliche
Anordnung den gesamten Datenverkehr eines Kunden über mehrere Tage
gespeichert und auf Datenträgern der Polizei übergeben zu haben. Das
Innenministerium wolle nun in solchen Fällen den zeitverzögernden
Datenträgeraustausch durch Live-Übermittlung der Daten über eine
verschlüsselte Standleitung ersetzen. Allerdings solle weiterhin der
Provider für das "Herausschälen" des zu überwachenden Datenstroms aus
dem gesamten Datenverkehr verantwortlich bleiben.

Überhaupt gebe es im Netz der Mobilkom aus Redundanzgründen keinen


zentralen Punkt, an dem der gesamte Traffic abgegriffen werden könne.
Die geldsparende Idee, überwachten Kunden fixe IP-Adressen zuzuteilen,
werde aufgrund der Veröffentlichung des Vorhabens voraussichtlich
nicht umgesetzt werden können. Stattdessen seien teurere Lösungen
erforderlich, wobei noch unklar sei, wer die dafür anfallenden Kosten
tragen werde. (Daniel AJ Sokolov) / (dab/c't)

URL: http://www.heise.de/newsticker/Spekulationen-um-Backdoor-in-
Skype--/meldung/113281