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Musikant, Schamane oder Befehlshaber?

Burchard Brentjes

A. A. Čarikov publizierte 19811 eine alttürkische Schießen ungeeignet, da der Metallbeschlag das
Grabfigur als Darstellung eines Musikanten. Die Spannen des Bogens nicht zuließ. Spielen auf der
recht grob gearbeitete Statue hält in der rechten Sehne war möglich, aber was sollte das in diesem
Hand einen kleinen Bogen und berührt mit der Zusammenhang für einen Zweck haben?
linken die Bogensehne (Abb. 1). Ein Steg ist ange- Verläßt man die Ebene des bescheidenen
deutet, den Čarikov als „Resonanzleiter“ deutet. Bestandes an Realien und fragt nach der Rolle des
Da die Verwendung des Bogens als „Ur“-Chordo- Bogens bei den Reitervölkern der Steppen, so
phon in Asien, Ozeanien, Afrika und Teilen Süd- stößt man auf eine mehrfache Verwendung dieses
amerikas weit verbreitet war, ist die Interpretation Geräts in ihrer Tradition. Von großer Bedeutung
im allgemeinen aufgenommen worden. Solche war der Bogen im Ritual sibirischer Schamanen,
Grabfiguren wurden von 8.–12. Jh. im Steppen- die auch in der Region von Džambul, in der diese
raum von der Mongolei bis an die Donau an bzw. Figur aufgestellt worden war, tätig gewesen sind.
auf Gräbern aufgestellt. Diese Statue ist bei Als Schamanen bezeichnet man „Spezialisten“ für
Džambul in Kasachstan gefunden worden. Ihre die Wahrsagekunst, Bekämpfung von Krankheiten
Ausstattung mit einem Bogen ist eine Ausnahme. und Abwendung von Unheil, also urtümliche
In der Regel tragen diese Bildwerke Gefäße und Heil- und Wahrsagepriester. Sie lassen sich welt-
manchmal zusätzlich Säbel oder Dolche.2 Sie weit in nicht oder kaum strukturierten Gesell-
scheinen mehrere Bedeutungen gehabt zu haben, schaften nachweisen, in denen sie die „Multifunk-
zum einen galten sie als baba — Vater, Ahnherr —, tionäre“ der geistigen Kultur und Tradition
d. h. als Aufenthaltsort der Seele des Toten, die darstellen. Über die Rolle und Geschichte des
dort für Opfer, Hilfeersuchen und andere Angele- Schamanentums gibt es eine umfangreiche und in
genheiten erreichbar waren, zum anderen als bal- vielen Aussagen widersprüchliche Literatur. Im
bal, als Ort der Seele eines von dem Verstorbenen Banne des weitverbreiteten Vorurteils, daß nur
Erschlagenen, die nun auf ewig dem Sieger zu die- „Schriftkulturen“ imstande seien, geistige Leistun-
nen hatten. Beide Ausdeutungen wären denkbar gen und Systeme hervorzubringen, halten einige
wie auch eine dritte, die im Bogen ein Herrschafts- Autoren das Ideengut des Schamanismus für
symbol sieht. „Zivilisationsschutt“ und das Schamanentum für
Der Bogen ist seit dem Jungpaläolithikum — eine sekundäre Erscheinung der letzten Jahrtau-
ca. 12000 Jahre vor heute — belegt und wurde bis sende. Es ist nicht zu bezweifeln, daß manches
in unser Jahrhundert als Fernwaffe im Kampf, bei Zierstück und manche Ansichten neuzeitlicher
der Jagd und nunmehr im Sport eingesetzt. Unter Schamanen aus den „Hochkulturen“ stammen,
den alten Nomadenföderationen genoß er hohe doch das Verlangen nach einer Erklärung und
Verehrung und diente mit Goldblech beschlagen Beeinflussung des Weltgeschehens besteht seit der
beispielsweise den Hunnen als Amts- oder Macht- Entwicklung menschlicher Denkfähigkeit, und
symbol, wie aus den Funden von Jakuszowce und diese war spätestens mit dem Erscheinen des homo
vielleicht aus denen von Pescüszög3 hervorgeht. sapiens vor über 40 000 Jahren gegeben. Dies muß
Die Mongolen verwandten ihn ebenfalls als Rang- die Herausbildung einer Welterklärung zur Folge
zeichen. So übersandte der Großkhan Mangu gehabt haben, und nicht nur die paläolithischen
Ludwig dem Heiligen einen schweren Bogen mit Höhlen Südwesteuropas legen Zeugnis von hoch-
zwei silbernen Pfeilen als Zeichen seiner Investitur
mit einem mongolischen Rang.4 Bereits der assyri- 1 Čarikov 1981.
sche König Assurnasirpal II. hält auf Darstellun- 2 Scher 1966.
gen ritueller Szenen einen Bogen und zwei Pfeile. 3 Harmatta 1951.
Die erwähnten hunnischen Bögen waren zum 4 Jankuhn 1954, 139–142.
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entwickelten Formen der Ästhetik, Vorstellungs- Museum in St. Petersburg brachte.7 Er gab dazu
kraft und Denkfähigkeit der Menschen jener Zeit folgende Beschreibung ab: „Small bow for the act
ab. Zu ihren Trägern wurden jene „Schamanen“, of divination performed by the shaman, aspen
deren letzte und wahrscheinlich nicht bedeutend- branch with acacia string; when divining the sha-
ste Phase wir zur Zeit noch beobachten können. man holds it in his right hand, grasping the middle
Die Schamanen agierten im Rahmen einer of the string with his thumb and forefinger so as to
urtümlichen Weltanschauung, die vom sichtbaren balance the two ends of the bow; guessing (i.e.
Erscheinungsbild der Welt ausging und sie in drei enumerating the probabilities) what they want to
horizontale Ebenen gliederte — die Menschenwelt know, he is waiting; following his words, the bow
auf der Erdoberfläche und die obere Welt in der must move on the string as on an axis; this is a
für einen „normalen“ Menschen unerreichbaren result of the invisible power of the spirit whom
Sphäre über ihm. Der zweite Grundzug dieser the shaman is questioning; different shamans find
Weltanschauung war die in der Erkenntnis eigener out the affirmative or negative answer in different
Begrenztheit wurzelnde Auffassung von der Exi- ways (either from the immobility of the bow or
stenz zahlreicher Geistwesen, die dem Menschen the extent of its swinging).“
nutzen oder schaden können, indem sie ihm Krank- Der beschriebene Bogen stammt aus der Regi-
heit, Hunger und Tod bringen oder ihm helfen, on von Kos im Altai. Das Photo eines wahrsagen-
wenn man es versteht, sie anzusprechen, gegen den Schamanen befindet sich unter der Signatur
diese Übel zu gewinnen oder sie zu vertreiben. 4721–25 gleichfalls im oben erwähnten Museum.
Diese Fähigkeit fehlt dem „normalen“ Menschen, Diószegi führt aus derselben Sammlung Belege für
der seine Hoffnung auf Rettung mit außerge- die Schor und Kumandiner an (Abb. 3). Im Süd-
wöhnlichen Menschen, den Schamanen, verbindet, altai nutzen die Kischi den Dölgö, „a small bow
denen man diese Macht zutraut. Zum Schamanen substituting the shaman drum during the act of
befähigten einen Menschen Abweichungen vom shamanizing“.8 Der Bogen dient ihnen vor allem
Normalen, seien es eine hohe Intelligenz oder zur Herbeirufung der Hilfsgeister. Seine Verbin-
physische Störungen. In der Regel wurde — und dung mit der Trommel dürfte keine neue Erschei-
wird — schamanisches Wissen von Generation zu nung sein, so daß man in der anfangs genannten
Generation innerhalb von Familien weitergege- Grabfigur aus Džambul vielleicht einen Schama-
ben. Es enthielt neben „reiner“ Ideologie konkrete nen sehen darf. Angesichts des Gebrauchs des
Kenntnisse um einfache Methoden der Heilkunde Bogens in Kombination mit der Trommel und
und dergleichen mehr. dem rhythmischen Sprechgesang durch den Scha-
Die Hauptwirkung eines Schamanen war manen wäre die Bezeichnung als „Musikant“ nicht
jedoch die Beschwörung von Geistwesen, bzw. die falsch, wenn auch unvollständig. Die bereits
Verfolgung oder den Besuch von Geistern in den erwähnte Verwendung goldener, als Waffe un-
anderen Welten, was selbstverständlich nicht in brauchbarer Bögen bei den Hunnen belegt die
der Realität geschah, sondern seine „Seele“ verließ Wertschätzung dieser Schamanenbögen auch in
in Trance den Körper und erreichte in anderer früherer Zeit.
Gestalt befreundete oder feindliche Geister. Der Die Aufgaben des Schamanen wurden im
Schamane bedurfte, um Wirkung zu erzielen, ihm Laufe der Weiterentwicklung der Gesellschaft auf-
verbundener „Hilfs“-Geister, die er bei einem geteilt. Neben ihm bildeten sich in größeren, sozi-
gegebenen Anlaß herbeirufen mußte, wofür die al gegliederten Gesellschaften Stammesführer und
menschliche Stimme allein nicht ausreichte. Des- verschiedene Priesterspezialisten heraus, die zum
halb benutzte er eine Trommel oder auch Rassel Teil Funktionen und Geräte der Schamanen über-
zur Erzeugung rhythmischer Folgen verbunden nahmen. Der Bogen wurde bei Reitervölkern zu
mit einem Sprechgesang, um sich in Ekstase zu einem Herrschaftssymbol, jedoch blieben dem
versetzen, wobei er mitunter auch Rauschmittel zu Herrscher auch rituelle, ja magische Funktionen.
Hilfe nahm, oder er schlug die Sehne seines So war der iranische Kavi, der Stammesführer zur
Bogens an, um seine Hilfsgeister herbeizurufen. Zeit Zarathustras, zugleich Heerführer wie Wahr-
Neben seiner Verwendung als Begleitinstru- sagepriester. In den Gathas (44,2), den ältesten ira-
ment zum Sprechgesang diente der Bogen zum nischen religiösen Texten, warnte Zarathustra vor
Voraussagen der Zukunft, so bei den Burjaten,5 „den Dingen, die der Kavi im Hanfdampf brüllt“.
indem die Sehne angeschlagen wurde oder durch Eine Passage in Herodots Bericht über die Sky-
ein Fixieren entlang der Bogensehne ins Feuer. Bei then seiner Zeit (5. Jh. v. Chr.) beschreibt ein Ritu-
den türkischen Tuba im Altai (Abb. 2) setzte man
spezielle kleine Bögen zum Wahrsagen ein. Nach
5 Diószegi 1978.
A. N. Gluchov6 besaßen Schamanen besonders 6 Diószegi ebenda 144–145.
angefertigte kleine Bögen, von denen der Gelehrte 7 Inv. Nr. 43332–127.
ein Exemplar in das Staatliche Ethnographische 8 Diószegi 1978, 146.
Musikant, Schamane oder Befehlshaber? 13

al „im Hanfdampf“, auch wenn es vulgär materia- v. Chr. den Iran und Mesopotamien eroberte. Sie
listisch als „Ursauna“ interpretiert wird: „Von die- brachte viel Nomadisches bis an den Euphrat.
sem Hanf nun nehmen die Skythen die Körner Daher kann man die von ihnen als bedeutungs-
und kriechen unter ihre Filzzelte und werfen die schwer geschätzte Szene mit dem Thronenden, der
Hanfkörner auf glühende Steine, und wenn die einen Bogen hält, durchaus mit einer ähnlichen
Körner darauf fallen, so rauchen sie und verbreiten Szene auf einer skythischen Silbervase aus dem
einen solchen Dampf, daß kein hellenisches Chastyj Kurgan bei Voronesh vergleichen
Dampfbad darüber kommt. Die Skythen aber heu- (Abb. 7). Sie bildet einen älteren Skythen in der
len vor Freude über den Dampf“ (IV 75). gleichen Haltung, sitzend und den Bogen vor sich
In einem der berühmten Gräber skythischer haltend, ab und wird von Jankuhn u. a. als Investi-
„Fürsten“ im Altai (4.–3. Jh. v. Chr.) fand sich ein tur gedeutet, bei der der ältere Mann einem ihm
komplettes „Besteck“ für ein Rausch-Ritual: die gegenüber sitzenden jüngeren Mann einen Bogen
Stäbe eines Zeltes, zwei Kessel mit Steinen und überreichen würde.13 Dieser läßt jedoch mit keiner
angebrannten Hanfsamen sowie eine Flasche mit Bewegung erkennen, daß er den Bogen erfassen
einem Vorrat an Hanfsamen.9 Der in diesem Grab wollte. Hier vollzieht sich ein Ritual, wahrschein-
im Tal von Pazyryk Bestattete war offenbar einer lich eine Wahrsagung oder ein Orakel, und der
jener Kavis, die „im Hanfdampf brüllten“, d. h. Ältere ist ein „Schamane“. Daß die Skythen Scha-
wahrsagten. G. Widengren deutete den Begriff manen hatten, ist durch Herodot genügend belegt
„Kavi“ als „den von Gott Inspirierten“.10 Aus den (IV 67–69).
Kavi wurde bei Reichsgründungen der Gottkönig, Archäologische Funde erlauben das Alter des
wie z. B. bei den Parthern und bei ihnen wurde der Schamanismus noch weit höher anzusetzen. In
Bogen zum Herrschaftssymbol. So berichtete der diesem Zusammenhang sind allerdings einige all-
römische Historiker Dio Cassius (XLIX 24,4), der gemeine Voraussetzungen zu erwähnen. Ein
parthische Großkönig Phraates IV. habe im Jahre archäologischer Befund enthält stets nur die ausge-
38/37 v. Chr. die Boten des Marcus Antonius emp- grabenen Reste eines in den Boden geratenen
fangen, auf dem Thron sitzend und den Bogen in Komplexes, und wir sind weit davon entfernt, den
der Hand haltend. Gesamtablauf der Geschichte vorschriftlicher
Die Königsprägungen der Parther11 haben häu- Epochen rekonstruieren zu können. Die Material-
fig im Revers entweder den Ahnherrn der Dyna- basis ist sehr schmal, und die geistige Kultur der
stie Arsakes in Nomadentracht auf dem Thron vorschriftlichen Zeit kann nur annähernd aus den
bzw. dem Omphalos, dem „Weltennabel“, dem mit ihr verbundenen Realien erschlossen werden.
Ende der Weltachse, sitzend (Abb. 4 A 2–3; B 2–3), Der homo sapiens ist seit Jahrzehntausenden zu
oder den jeweiligen Herrscher. Beide halten den großen Denkleistungen in der Lage. Ohne die
Bogen in der ausgestreckten Hand vor sich. So zei- Schrift ist er auf die mündliche Tradition von
gen den Arsakes auf dem Omphalos Prägungen Generation zu Generation angewiesen, die außer
der Könige Mithridates II. (Abb. 4 A 1), Ar- vom Schamanen vom „Sänger“ weitergetragen
taban II., Sinatruces (Abb. 4 B 1), Phraates III., wird, der bei den sibirischen Nomaden die Volks-
Mithridates II., Orodes I und Tiriates II. Den tradition in gereimter Prosa bis in die Neuzeit
thronenden Arsakes bieten Drachmen nach Mit- erhielt. Zu einem solcherart überlieferten Epen-
hridates I u. a. bei Phraates IV. und Orodes II. kreis können hunderttausende Verse gehören. Sie
Münzen der Könige Phraates IV., Tiridates II. und werden noch heute im Sprechgesang vorgetragen,
Gotarzes stellen die Siegesgöttin vor den thronen- und ihre Fixierung im Reim erlaubt ihre Tradition
den König mit dem vorgehaltenem Bogen (Abb. 5). relativ getreu weiterzugeben. So sind z. B. die ira-
Sie greift nicht nach dem Bogen, sondern reicht nischen Gathas, jener älteste Kern des Zoroastris-
dem Herrscher den Siegeskranz. Das Halten des mus, gereimt in einem altostiranischen Dialekt
Bogens war also kein Überreichen der Waffe, son- erhalten, obwohl diese Sprache längst verschollen
dern die Darstellung eines wichtigen Aspekts der ist. Auch die Veden Indiens werden seit Jahrtau-
Herrschaft. Dafür spricht auch, daß auf Prägungen senden im Singsang der Traditionsträger lebendig
der Könige Orodes I., Phraates IV., Phraataces und erhalten. Werden die zumeist wenigen Träger der
Orodes II. die Viktoria an die Stelle des Bogens Tradition ausgerottet, beispielsweise durch die
tritt (Abb. 6), d. h. dem Bogen kam geradezu gött- Adepten einer expansiven neuen Religion, dann
licher Wert zu, und daß die Sasaniden den Köcher verschwinden diese Traditionen mit ihnen.
der von ihnen gestürzten parthischen Dynastie
weiterhin benutzen.12 Dem Königsornat kam bis
9 Rudenko 1953 Taf. XXIV.
in die Neuzeit rituelle Bedeutung zu.
10 Widengren 1965, 27.
Die parthische Dynastie ging auf eine Häupt- 11 De Morgan 1923 Abb. 143.
lingsfamilie skythischer Herkunft zurück, die an 12 Jankuhn 1954, 142.
der Spitze einer Nomadenföderation im 2. Jh. 13 Jankuhn ebenda 142–143.
14 Burchard Brentjes

In Bezug auf die Sänger der Epen etc. fehlen in bekannten kleinasiatischen Wandmalereien aus
der Archäologie die Nachweise völlig, da ihre aus Çatal Hüyük aus dem 6. Jahrtausend v. Chr.
Holz und Leder gefertigten Instrument nur selten schließen („shrine A III,1“),19 die bisher vorwie-
bewahrt bleiben, wie z. B. in den Gräbern von gend als Jagdkulthandlungen gedeutet werden.
Pazyryk.14 Besonderheiten der Trachten mag es Aber weder die dargestellten Stiere noch die Hir-
gegeben haben, sie sind aber kaum bekannt. sche werden erlegt oder beschossen. Man „turnt“
Anders ist die Situation bezüglich der Schamanen. um sie herum und tanzt zur Musik, ausgeübt mit
Sie besetzen ihre Tracht mit unterschiedlichen zumindest einer Rahmentrommel und Bögen,
Zierstücken, die zumeist mit ihrer Tätigkeit in denn die Mehrheit der Tänzer trägt zwar Bögen,
Beziehung stehen, so mit Abbildern ihrer Hilfsgei- aber keine Pfeile. Stattdessen halten mehrere
ster u. a. m. In den Metallzeiten dienten die aus Gestalten in der anderen Hand einen gebogenen
Eisen, Bronze oder Kupfer gearbeiteten Trachten- Gegenstand, der nicht als Geschoß dienen konnte,
teile auch zur Verstärkung des Rhythmus durch wohl aber zum Anschlagen der Sehne. Einer der
Rasseln beim oft sprunghaften Tanz (Abb. 8). In Tänzer trägt zwei Bögen. Die „kopflosen“ Figu-
verschiedenen Regionen Sibiriens sind in den Grä- ren mit weißem und rotem Farbanstrich in der
bern der letzten viertausend Jahre derartige Mittelreihe verstärken den Eindruck einer Kult-
Besatzstücke entdeckt worden,15 während die ver- handlung (Abb. 10). Vielleicht sind Ahnengeister
mutlich häufigeren Holzschnitzereien mit Aus- gemeint. Die ausschließliche Bestattung aller
nahme von den Funden aus Pazyryk vergangen Toten einer Familie zusammen an einem Ort hebt
sind, soweit sie nicht in Sammlungen und Museen den Kultcharakter hervor. Die große Zahl der
gelandet sind. Nicht zu erwarten sind Schama- Tänzer und die Anwesenheit der großen Tiere
nentrommeln (Abb. 9) und Bögen, da sie aus Holz schließt aus, daß diese belebte Szene im Inneren
und Leder hergestellt wurden. Jedoch kennen wir des relative kleinen Tempelraumes vor sich ging.
einige ältere Gräber, in denen Stein- oder Elfen- Auch scheint es unwahrscheinlich, daß ein solches
beinfiguren von der Tracht oder als Schmuck Treiben lautlos vonstatten ging. Wahrscheinlich
lagen, die annehmen lassen, daß die Beigesetzten sind zu Trommel und Bögen Gesänge erklungen.
Schamanen gewesen sind. So gibt es z. B. das über Für die Annahme einer musikalischen Beglei-
5000 Jahre alte Grab bei Novorijn uul in der Mon- tung kultischer Szenen auch noch in späteren
golei16 und das noch 2000 Jahre ältere Grab von kleinasiatischen Kulturen spricht ein von V. Haas
Mal’ta,17 das auch als Schamanengrab angesehen entschlüsselter hethitischer Text. In ihm wird von
wird. Gesichert ist diese Annahme in Bezug auf einem ‚Arzt‘ berichtet, daß er sich mit Wein und
das mongolische Grab und wahrscheinlich hin- Musik in Trance versetzte, nachdem er die Anwe-
sichtlich des Grabes an der Lena. senden aufgefordert hatte, danach aufmerksam zu
Welche Schlußfolgerungen erlaubt das Darge- verfolgen, wenn „der Gott“ aus ihm spräche.20
legte für die Geschichte der Musik, wenn man den Dieser Hethiter handelte als Schamane; sein Ziel
Sprechgesang zum Trommelschall und Bogen- war die Heilung des Kranken, der Weg Trance
klang als Urformen von Musik anerkennt? Falls durch einen Rauschtrank und Musik, und Wahrsa-
der Schamanismus bereits eiszeitlich in irgendeiner gen als Werkzeug eines Gottes im Trancezustand
— wahrscheinlich mannigfaltiger — Form ausge- wie sein Zeitgenosse, der „Kavi, der im Hanf-
bildet war, mögen auch schon vor 12 000 Jahren dampf brüllt“, und seine sibirischen Zunftgenos-
rhythmische Gesänge zum Trommelschlag erklun- sen bei ihrer Beschwörung von Geistern, die die
gen sein. Die geistigen Fähigkeiten dazu besaß der Heilung des Patienten bewirken sollte.
Mensch jener Zeiten schon seit langem (s. o.).
Bei derartigen Gesängen dürfte es sich nicht
nur um Monologe gehandelt haben. I. M. Susłov 14 Rudenko 1953 Taf. LXXXVI.
berichtete aus seiner Arbeit bei den Ewenki- 15 Kosarev 1974 Abb. 44 u. a.
16 Novgorodova 1980, 60 Taf. 31–35.
Tungusen an der Tunguska, daß er 1927 bei einer
17 Chard 1974 Abb. 1–7.
Séance anwesend war, auf der die Anwesenden in 18 Susłov 1983, 82.
das Lied des Schamanen einfielen und mitsangen.18 19 Mellaart 1967 Taf. 61–63.
Auf derartige Kollektivgesänge lassen auch die 20 Mündliche Mitteilung von Volker Haas.
Musikant, Schamane oder Befehlshaber? 15

LITERATUR

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Drevnie Izvajanija Altaja (Novosibirsk). Die Religionen Irans (Stuttgart).
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Çatal Hüyük (London).
16 Burchard Brentjes

Abb. 1 Grabstatue mit Bogen – Musikant, Schamane


oder Offizier? Totenfigur aus dem Gebiet von
Džambul, 12. Jh. (nach Čarikov 1981 Abb. 2).

Abb. 2 Wahrsagender Schamane der Tuba-Türken Abb. 3 Wahrsagender Schamane der Celkanen
(nach Diószegi 1978 Fig. 23). (nach Diószegi 1978 Fig. 24).
Musikant, Schamane oder Befehlshaber? 17

a. 1 2 3

b. 1 2 3

Abb. 4 Obvers- und Reversbilder parthischer Münzen (nach de Morgan 1923 Fig. 143) a. Mithridates II; b. Sinatruces.

a b

Abb. 5 Die Siegesgöttin vor den thronen- Abb. 6 a. Der thronende König mit der Siegesgöttin an Stelle des
den König mit dem vorgehaltenem Bogen. Bogens; b. Der thronende König mit dem vorgehaltenem Bogen.
18 Burchard Brentjes

Abb. 7 Silbervase aus einem der Castye Kurgane bei Voronesh (Nachzeichnung B. Brentjes nach Grakov 1971, 149).

Abb. 8 Rasselfiguren von Schamanen, Tradition der Kulay Kultur Westsibiriens, Eisenzeit (nach Kosarev 1974
Abb. 44). 1 Bokcar, 2–7,9–12 Berg Kulayka, 3,13–16 Krivoschever Hortfund.
Musikant, Schamane oder Befehlshaber? 19

Abb. 9 Schamanentrommel mit mythischem Weltbild,


Teleuten im Altai (nach Akishev 1984 Taf. IV 3).

Abb. 10 Tanz zur Musik mit Trommel und Bogen. Ausschnitt aus der Wandmalerei
aus dem Tempel A III, 1 in Çatal Hüyük.