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Suhrkamp

Katja Petrowskaja

© Susanne Schleyer

Geboren 1970 in Kiew, studierte Katja Petrowskaja Literaturwissenschaften in Tartu (Estland)


und promovierte 1998 in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin. 2014 erschien ihr preisgekröntes
DebütVielleicht Esther.

Preise
Premio Strega Europeo 2015 2015

Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen 2015

Ernst-Toller-Preis 2015

»aspekte«-Literaturpreis 2014

Preis der Leipziger Buchmesse (Nominierung) 2014

Ingeborg-Bachmann-Preis 2013

Stipendium des Künstlerhauses Ahrenshoop 2013

Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung 2010

ACTR-Forschungsstipendium 1994-1995

Zuletzt erschienen
© 2015 Suhrkamp Verlag AG, Alle Rechte vorbehalten Seite 1
PRESSESTIMMEN
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zu
»VIELLEICHT ESTHER«
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Hieß sie wirklich Esther, die Großmutter des Vaters, die 1941 im besetzten Kiew allein in der
Wohnung der geflohenen Familie zurückblieb? Die jiddischen Worte, die sie vertrauensvoll
an die deutschen Soldaten auf der Straße richtete – wer hat sie gehört? Und als die Soldaten
die Babuschka erschossen, »mit nachlässiger Routine« – wer hat am Fenster gestanden und
zugeschaut?

Die unabgeschlossene Familiengeschichte, die Katja Petrowskaja in kurzen Kapiteln erzählt,


hätte ein tragischer Epochenroman werden können: der Student Judas Stern, ein Großonkel,
verübte 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau. Sterns Bruder, ein
Revolutionär aus Odessa, gab sich den Untergrundnamen Petrowski. Ein Urgroßvater
gründete in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder.

Wenn aber schon der Name nicht mehr gewiß ist, was kann man dann überhaupt wissen?

Statt ihren gewaltigen Stoff episch auszubreiten, schreibt die Autorin von ihren Reisen
zu den Schauplätzen, reflektiert über ein zersplittertes, traumatisiertes Jahrhundert
und rückt Figuren ins Bild, deren Gesichter nicht mehr erkennbar sind. Ungläubigkeit,
Skrupel und ein Sinn für Komik wirken in jedem Satz dieses eindringlichen Buches.

Zitat

»Der eigentliche Held meines Buches ist die deutsche Sprache, die ich erst als Erwachsene zu
lernen begonnen habe. Durch den Sprachwechsel entkomme ich der Identität, die mir die
russische Sprache zuschreibt. Auf Deutsch bin ich nicht mehr von vornherein im Recht, hier
spreche ich weder in der Rolle des Siegers noch des Opfers (wozu mich meine osteuropäisch-
jüdische Geschichte ohnehin zwingt). Es entsteht eine Art Stereo-Effekt. Historisch
freigesprochen, kann ich mich der Frage zuwenden, wo wir heute als Menschen stehen –
unabhängig davon, wer unser Großvater war.«
16 Literatur der Freitag | Nr. 10 | 6. März 2014

Arztbesuch
nicht nötig
Ranking Und wieder sind fünf Romane für den Preis der
Leipziger Buchmesse nominiert. Unser Autor hat sie gelesen.
Seine Favoriten: Katja Petrowskaja und Saša Stanišić

dytelefonat „mit ph“ ins „echolose Irgend-


■ Jan Drees
wo“ verlegt, der war noch nie Kunde deut-

W
scher Netzanbieter und wird sich zur Strafe
ie eingezwängt zwischen von der Schriftstellerkollegin Katja Pet-
aktuelle Debatten kom- rowskaja an die Wand spielen lassen müs-
men einem diese Roma- sen. Die letztjährige Ingeborg-Bachmann-
ne vor. Man kann sie Preisträgerin bewegt sich in ähnlich ambi-
nicht lesen, ohne an Ma- tioniertem Raum wie Mosebach. Sogar
xim Biller zu denken, der die Gegenwartsli- Ariadne kommt bei ihr motivisch eingebet-
teratur soeben in der Zeit einen todkranken tet vor. Doch ihr Roman Vielleicht Esther ist
Patienten nannte, der „aufgehört hat, zum ein bildungssattes, sprachartistisches Ge-
Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es genstück.
ihm gut geht“. „Ich hatte gedacht, man braucht nur von
Nach Differentialanalyse der fünf Short- diesen paar Menschen zu erzählen, die zu-
list-Bücher für den Preis der Leipziger fälligerweise meine Verwandten waren, und
Buchmesse drängt sich der Verdacht auf, schon hat man das ganze zwanzigste Jahr-
Biller habe Phantomschmerzen diagnosti- hundert in der Tasche“, schreibt die Erzähle-
ziert. Bereits Fabian Hischmanns agiles De- rin, die wie Katja Petrowskaja in Kiew auf-
büt Am Ende schmeißen wir mit Gold gewachsen ist, auch ebenso heißt und sich
schickt seinen Protagonisten Max Flieger, recherchierend durch den „Baumüll der Ge-
Ende Zwanzig und gelangweilt vom Lehrer- schichte“ bewegt, ihrer jüdischen Identität
beruf nach Süddeutschland, Kreta und New nachspürend – um sie zu sortieren.
York, auf einer sich immer mehr beschleu-
nigenden Reise, weg von der Jugend in eine
ungewisse Zukunft. Hier kränkelt nichts. Es
ist eine Suche nach jenen bereits 1984 be-
schriebenen Bright Lights, Big City Jay McI-
nerneys, die seinen Sound vorgeben.
Die Autorin Katja
Dennoch nörgelt die Kritik, der Roman Petrowskaja
sei Tierfilmliteratur oder Mittelstufenlek-
türe eines gelangweilten Creative-Writing-
hat einen grandios
Absolventen. Fabian Hischmanns Buch verdichteten
wird bereits vor Finalbeginn disqualifiziert.
Aus dem Umfeld des Autors hört man, ihn
Roman
schmerzten die unerwarteten Frontalan- geschrieben
griffe. Das müssen sie nicht. Auch Christian
Krachts Faserland wurde ehedem in jener
FAZ verrissen, die sich Jahre zuvor über
„Idyllen in der Wüste und das Versagen vor
der Metropole“ beklagte. Doch als ein Held Selbst im Berliner Frieden des 21. Jahr-
im ICE nach Zürich fuhr, bekam keiner den hunderts bleiben die „wars“, die Kriege im

FOTO: SAS H A A ND R U SY K
Paradigmenwechsel mit. Wort WARSzawa-Express, archiviert. „Wir
Ähnliches gilt für Hischmanns Debüt, sind mit 20 Millionen Kriegstoten aufge-
das auf lässige Weise Diskurspogo tanzt wachsen, dann stellte sich heraus, es waren
und sogar die ihm vorgeworfene „Erfah- viel mehr. Durch Zahlen sind wir verwöhnt
rungsarmut“ literarisch diskutiert, wenn und verdorben, von der Vorstellung der Ge-
Max Flieger allein auf dem Hochstand im walt vergewaltigt, wenn man diese Zahlen
Wald sitzt und denkt: „Schwer zu sagen, versteht, akzeptiert man auch die Gewalt.“ Wiederlegt die Mär vom langweiligen Gegenwartsroman: Katja Petrowskaja
was ich tun würde, hätte ich ein Gewehr“, Dieser grandios verdichtete Roman
als trauere er Rolf Dieter Brinkmanns Furor
hinterher: „Wenn dieses Buch ein Maschi-
kämpft gegen dieses Zahlen-Verstehen und
Akzeptieren an. Er beweist, dass sich Erin-
kens. Leo hat sich Zeit gelassen für seine
Familiengeschichte über den Nazigroßva-
Killed by Death mit dem flotten Kommen-
tar: „R.I.P. Schutzstaffel boy.“ Es soll eine
So lässig wie
nengewehr wäre, würde ich Sie jetzt über nerungen an das Kinderspiel „Die Unsrigen ter Friedrich, Werder Bremen und Goethes weitere „Familiengeschichte von elementa- Saša Stanišić
den Haufen schießen!“ Muss Max, den
feuilletonistischen Erwartungen entspre-
gegen Faschisten“, die nationalsozialisti-
schen Massaker von Babij Jar (auf deutsch:
Farbenlehre, während Katja Petrowskaja
nach dem Bachmannpreis eiligst ihr Buch
rer Kraft, die die Verheerungen und Brüche
des 20. Jahrhunderts spiegelt“ (Klappen-
schreibt nur,
chend, Amok laufen, um jedem Verdacht Babi Jar) und Großmutters süße Rosinen- beendete, noch im Januar daran schrieb. text) sein. Ja, souverän, durchaus. Aber das wer sich seiner
zu entfliehen, er sei nur ein verweichlichtes
Bürgerkind? Ist sein Thema und damit der
würste nicht in einer Sprache erzählen las-
sen, dass Katja Petrowskaja die Ergebnisse
sind heute doch nahezu alle Debütanten
irgendwie.
Könnerschaft
Souverän, durchaus sicher ist
ganze Roman zu klein? ihrer tatsächlich stattgefundenen Famili- Weshalb neben Katja Petrowskaja nur
enrecherchen nicht wie einen Abzählreim Ihr Vielleicht Esther zeigt, wie jemand halt- Saša Stanišić ernsthaft im Rennen für den
Mosebachs Schwächen nach-er-zählen kann: „Ich begab mich ins los hastet, nach Worten sucht, um seine Leipziger Preis bleibt. Vor dem Fest auszu-
Deutsche, als würde der Kampf gegen die Sprache ringt, Leos Flut und Boden sitzt zeichnen wäre ein schöner Twist, nachdem
Dass ein großer Stoff nicht automatisch Stummheit weitergehen, denn Deutsch, derweil im Sessel und erzählt mit ironi- Biller gleichzeitig Stanišić’ Debüt Wie der
gute Literatur macht, beweist hingegen der nemeckij, ist im Russischen die Sprache der scher Distanz von Täterschaft. Hier steht Soldat das Grammofon repariert gefeiert, hiesigen Krüger, Ulrich Ramelow, die Frau
Büchner-Preisträger Martin Mosebach mit Stummen, die Deutschen sind für uns die die Narration parat. Noch die schlimmsten und den neuen Roman der Mutlosigkeit abhanden gekommen, und er an ihrer statt
seinem 448-Seiter Das Blutbuchenfest. Ein Stummen, nemoj nemec, der Deutsche Erlebnisse lassen sich gemächlich in den bezichtigt hat: Weil er in der Uckermark eine andere bekommen, die er gleichwol
eindrucksloses Buch. Darin porträtiert ein kann doch gar nicht sprechen.“ Fluss persönlicher Ich-Findung integrieren. spielt. Uckermark ist Merkelland und nicht wolte behalten.“
Kunsthistoriker „mit allerdings immerhin Wie läppisch klingt dem entgegenge- Bei der Suche nach Vergangenem erfährt Botho-Strauß-Enklave. Aber es ist keines- Vor dem Fest ist ein grandioses Buch, das
‚Cum laude‘-Promotion“ die High Society setzt „The Making of a Nazienkel“, wie ei- ein junger Historiker, warum der rassenfa- falls der Ort, an dem sich, so Biller, ein changiert zwischen Heinrich Wittenwilers
Frankfurts Anfang der Neunziger, während nes von 13 Kapiteln des anämischen De- natische Opa Butterkuchen ausgelobt hat Weltstar wie Saša Stanišić um den Speichel- Bauernschwank Der Ring, Grimmelshau-
der Balkan in den Krieg taumelt. büts Flut und Boden heißt. 1972 ist der für jeden Enkel, der über 1,80 Meter wächst. leckerpreis für besonders gelungene Integ- sens Simplicissimus Teutsch, den Lyrics
Figuren tauchen bei Mosebach als Typen Autor Per Leo geboren. Geschichte, Philo- Und „wenn sie gegessen haben, setzt sich ration bewerben sollte. von „The Streets“ und Moritz von Uslars
oder Prinzipien, nie als Menschen auf. Das sophie und Russische Philologie hat er der Vater an den Schreibtisch, raucht einen Vor dem Fest kartografiert ein Dorf, in rüdem Deutschboden. So lässig schreibt
gilt für den großmäuligen Russen Ware- studiert. 2009 wurde er promoviert mit Zigarillo und erledigt die Post, wodurch dem es einen Glöckner gibt, den „Genossen nur, wer um seine Könnerschaft weiß und
schnikow, die bosnische Putzfrau Ivana einer Arbeit über Ludwig Klages und die eine behagliche Stimmung entsteht“. Ir- Oberstleutnant“, und eine alte Frau mit ih- nichts auf Maxim Billers Regelpoetik gibt.
und den Mad Man Rotzloff, der sich für Tradition des charakterologischen Den- gendwann endet Motörheads Songtext zu rer Staffelei, die nachts am aquarellierten Diese Literatur lebt. Zum Arzt geht heuer
kein Klischee zu schade ist: „Werbeleute Kunsthandwerk sitzt und Fencheltee mit nur, wer der German Angst verfallen ist.
pflegten in Frankfurt damals einen osten- Rum trinkt: „Der Neonazi schläft, so heißt
tativ luxuriösen Konsum-Stil: Champag- das Bild. Die Fürstenfelder würden ohnehin Am Ende schmeißen wir mit Gold Fabian
ner-und-alte-Bordeaux-Saufen, dicke Zigar- Preis der Leipziger Buchmesse wissen, dass da ein Neonazi schläft, weil Hischmann Berlin Verlag 2014, 256 S., 18,99 €
ren, teure alte Sportwagen, das gehörte das ist der Rico. Wir haben 1 1/2 Nazis: den Flut und Boden Per Leo Klett-Cotta 2014,
ganz einfach zum Erkennungszeichen.“ Anerkennung Der renom- siebenköpfige Brigade aus Lewitscharoff (2009 für Rico eben und seine Freundin Luise. Luise 348 S., 21,95 €
Wo Hischmann über die Hip-Hop-Grup- mierte Preis der Leipziger Kritikern und Fachleuten – Apostoloff), Ulrich Blumen- ist ein Halbnazi, weil sie den ganzen Scheiß
Buchmesse steht mit Beginn ihre Entscheidungen be- bach (2010 für die Überset- Das Blutbuchenfest Martin Mosebach
pe Massive Töne und Langneses Mini Milk nur Rico zuliebe macht.“
eben dieser Messe wieder kannt. Der Preis zielt nicht zung von Unendlicher Spaß), Hanser 2014, 448 S., 24,90 €
schreibt, setzt Mosebach mit abgespreiz- In Fürstenberg, Fürstenfelde, Fürsten-
an. Dabei handelt es sich auf bereits erfolgreiche Wolfgang Herrndorf (2012
tem kleinen Finger Tintoretto oder Ariadne walde, Fürstenwerder und Prenzlau hat Vielleicht Esther Katja Petrowskaja
eigentlich um drei Preise. Bücher, sondern auf für Sand). Letztes Jahr be- Suhrkamp 2014, 286 S., 19,95 €
ein und verrenkt sich mit Sätzen der Art: Stanišić für dieses unfassbar komische
Ausgezeichnet wird seit 2005 Neuerscheinungen ab. kamen einen Preis: Helmut
„Das kleine Telephon steckte ihr im Hosen- Buch recherchiert, in „Heimatmuseen, Vor dem Fest Saša Stanišić Luchterhand 2014,
ein Literatur-Triptychon Böttiger mit seinem Sach-
gürtel. Ein Knopfdruck, und das Übermuts- aus den Lagern „Belletristik“, Zu den Preisträgern gehören buch Die Gruppe 47. Als die
Heimatstuben und Heimatvereinen“. Pas- 320 S., 19,99 €
dudeln verstummte. Statt dessen in raum- „Sachbuch und Essayistik“ Terézia Mora (2005 für Alle deutsche Literatur Geschichte sagen in schönstem Goethedeutsch und
loser Ferne, aus echolosem, fensterlosem und „Übersetzung“ – dotiert Tage), Ilija Trojanow (2006 schrieb, David Wagner für Fabeln von der Fähe, die den nächsten Ei-
Jan Drees, geb 1979, ist Rezensent und schreibt
Irgendwo die schlechtgelaunte Stimme ih- sind die Kategorien mit für Der Weltensammler), sein Buch Leben und Eva erklau im Hühnerstall plant, wechseln mit den Blog LesenMitLinks.de. Er arbeitet an
res Mannes.“ jeweils 15.000 €. Am ersten Clemens Meyer (2008 für Die Hesse für ihre Ezra-Pound- schnoddrigen Allerweltsdialogen und per- einer Dissertation über „Systeme als Struktur-
Die Rechercheschwächen des Romans Messetag gibt die Jury – eine Nacht, die Lichter), Sibylle Übersetzung. TOT fekt imitiertem Barock: „Im Jahr 1589, zu merkmal im Prosawerk von Hartmut Lange“
wurden längst erkannt und wer ein Han- Annenfeste, hat sichs zugetragen, daß dem
ALLGEMEINE PRESSESTIMMEN
zum
INGEBORG BACHMANN-PREIS 2013
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