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Psychologie. Hirnforschung. Medizin.

Nr. 06/2019 € 7,90 · 15,40 sFr. · www.gehirn-und-geist.de

Geknackt!
Der neuronale
Was Träume Gesichtscode

erzählen
Sie verraten viel über uns –
und helfen, das Leben zu meistern

Neue Serie
Forensische
Psychologie
Teil 1: Sind
Sexualstraftäter
therapierbar?

Blicke
Warum sie mehr sagen
als 1000 Worte
D 575 25

Therapiehunde
Vierbeiner helfen bei
psychischen Störungen
UNSERE THEMENHEFTE

Warum träumen wir? • Infografik: Alzheimer: Wo bleiben die effektiven Dissoziation: Wenn sich das Ich fremd
Besser schlafen! • Zirkadiane Rhyth- Therapien? • Lebensstil: Wie Sie dem anfühlt • Stress: Die Folgen für Haut
men: Wer hat an der Uhr gedreht? • geistigen Abbau entgegenwirken • und Herz • Therapie: Mit Neurofeed-
Luzide Träume • Medizin: Risiko Schlaf- Immunsystem: Entzündliche Ketten- back Schmerzen lindern • Ernährung:
mangel • Wachtherapie: Durchmachen reaktion im Gehirn • € 8,90 Wie der Darm die Psyche stärkt •
gegen Depression • € 8,90 2. Auflage, € 8,90

Anthrozoologie: Das Tier und wir • Organoide: Minigehirne aus dem Stressreaktion: Hirn unter Druck •
Evolution: Die wahre Herkunft der Labor • Drainage: Nächtliche Gehirn- Neurobiologie: Was passiert bei
Hauskatze • Telemetrie: Auf den Spuren wäsche • Plastizität: Das Gehirn neu Zeitdruck im Gehirn? • Burnout:
der Tiere • Artenvielfalt: Zu Tode verdrahten • Schlaf: Warum träumen Eltern am Rande des Nervenzu-
begehrt • Gesichtskontrolle im Wespen- wir? • Bewusstsein: Wie frei ist der sammenbruchs • Ratgeber: Stress,
nest • Welche Rechte haben Tiere? € 8,90 Mensch? • € 8,90 lass nach! • € 8,90

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EDITORIAL

Teile deinen Traum! I N D I E S E R AU S G A B E

I
ch finde es faszinierend, was für verrückte Geschichten mein
Gehirn nachts produziert. Und wenn ich morgens gefragt
werde, wie ich geschlafen habe, dann erzähle ich auch immer
wieder mal mit Begeisterung davon.
Mark Blagrove würde mir wohl genau dazu raten: Der Psy-
chologieprofessor von der Swansea University in Wales wirbt
dafür, die eigenen Träume mit anderen zu diskutieren. Denn das
stärke die Verbundenheit und Empathie untereinander – und
beschere einem obendrein neue Einsichten (ab S. 12).
Von Schweiß bis Weihrauch: Der Bonner
Inzwischen spricht einiges dafür, dass unsere Träume weitaus
Historiker Peter Arnold Heuser
mehr sind als zufällige Nebenprodukte des Schlafs. Sie scheinen erklärt, warum unsere Vorfahren viele Gerüche
eng mit aktuellen und früheren anders wahrnahmen als wir (S. 28).
Erlebnissen, Sorgen, Interessen und
Charakterzügen verbunden zu sein.
So sehr, dass der Psychologe Kelly
Bulkeley von knapp 1000 Träumen
einer Frau tatsächlich auf ihre Per­
sönlichkeit, Einstellungen und Ge­
fühlswelt schließen konnte.
Nicht nur unsere Träume verraten
viel über unser Innenleben, sondern
Liesa Bauer auch Blickbewegungen (ab S. 22) oder
durch Smartphones oder Smart­ Wie erkennt das Gehirn Gesichter? Die
Redakteurin
Neurowissenschaftlerin Doris Tsao
liesa.bauer@spektrum.de watches erfasste Daten (ab S. 34). Der
vom California Institute of Technology hat
Psychologe Matthew Kaplan möchte das Geheimnis gelüftet (S. 46).
mit Letzteren drohende depressive Episoden voraussehen und
damit Suizidversuche verhindern. Doch wie so oft gibt es hier
zwei Seiten der Medaille: Denn genau jene Technik, die Men­
schenleben retten könnte, birgt auch ein enormes Missbrauchs­
potenzial. Schließlich sind nicht nur Psychologen wie Kaplan,
sondern unter anderem die Werbebranche oder Versicherungs­
gesellschaften aus eigennützigen Motiven daran interessiert, die
Stimmung ihrer Kunden vorherzusagen – nicht unbedingt zu
deren Vorteil.
Ob wir nun unsere Träume teilen oder unseren digitalen
Fußabdruck: Letztlich muss sich jeder darüber im Klaren sein,
wem er diese intimen Details anvertrauen möchte – und wem Der Psychiater Francesco Cro von der
Universität Sapienza in Rom berichtet
lieber nicht.
ab S. 69 über den Fall eines jungen Mannes,
der von einem Tag auf den anderen
Interessante Einblicke in diese Forschungsbereiche wünscht unter schwerem Verfolgungswahn litt.

GEHIRN&GEIST 3 06_2019
IN DIESER AUSGABE

LINKS: UNSPLASH / ZULMAURY SAAVEDRA (UNSPLASH.COM/

MITTE: SAM COMEN FÜR NATURE; RECHTS: PAUL GÄRTNER


PHOTOS/R5V6NFL0CSC); BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST;
Psychologie Hirnforschung Medizin

Was Blicke Die Gesichts- Assistent auf


verraten spezialistin vier Pfoten
22 Die Augen gelten als Schlüs-
sel zur Seele. Tatsächlich
können sie offenbaren, ob jemand
46 Wie erkennt und verarbei­
tet das Gehirn menschliche
Gesichter? Die Arbeit der Neuro­
60 Blindenhunde kennt jeder.
Begleittiere für Menschen
mit psychischen Erkrankungen sind
lügt oder welche Absichten er hegt. wissenschaftlerin Doris Tsao hat dagegen ein recht junges Phänomen –
Von Christian Wolf maßgeblich dazu beigetragen, weshalb es mancherorts noch an
dieses Geheimnis zu lüften: Hinter der Akzeptanz für die Vierbeiner
28 Eine kurze Kultur- unserer visuellen Wahrnehmung mangelt.
geschichte des Riechens steckt ein verblüffend simpler Von Joachim Retzbach
Ist Pesthauch ansteckend? neuronaler Code.
Duften Heilige? Gerüche wurden Von Alison Abbott 69 Der rätselhafte Fall
früher anders interpretiert. Absturz in die Psychose
Von Peter Arnold Heuser 52 Serie »Neue Methoden Die synthetische Droge Mephedron
der Hirnforschung« Teil 3 kann erschreckende und lang anhal­
34 Zu 80 Prozent heiter Nervenzellen auf den tende Nebenwirkungen haben. Das
Puls gefühlt führt die Geschichte des 25­jährigen
Forscher suchen nach digitalen Bio­
markern, um depressive Episoden Proteine, die unter Einwirkung Marco vor Augen.
vorherzusagen. elektrischer Ströme aufleuchten, Von Francesco Cro
Von Matt Kaplan
geben Forschern detaillierte Ein­
blicke in die neuronale Signal­ 72 Serie »Forensische
40 Gute Frage übertragung. Ein großer Vorteil der Psychologie« Teil 1
Was wollen wir neuen Technik: Mit ihr kann man Sind Sexualtäter
wirklich? sowohl ganze Hirnregionen als therapierbar?
Oliver Schultheiss weiß, warum auch kleine Schaltkreise und Span­ In deutschen Gefängnissen und
unsere unbewussten Wünsche uns nungsänderungen innerhalb ein­ forensischen Psychiatrien gibt
oft nicht klar sind. zelner Nervenzellen untersuchen. es zahlreiche Therapieangebote für
Von Giorgia Guglielmi Sexualstraftäter. Ob sie wirken,
42 Die größten ist unter Experten allerdings um­
Experimente stritten.
Die Leiden des kleinen Von Christian Wolf
Bobo
Gewalt überträgt sich per Imitation,
fand Albert Bandura heraus.
Von Daniela Ovadia

GEHIRN&GEIST 4 06_2019
Editorial 3
Geistesblitze
u. a. mit diesen Themen: Baum­
zeichnungen entlarven Alzhei­
mer / Im Schlaf reparieren
Neurone ihr Erbgut / Wann
Worte weise wirken / Psychose­
Gefahr durch hochpotentes
Cannabis / Weißes Rauschen
hilft beim Konzentrieren 6
Leserbriefe 21
Therapie kompakt
Was uns guttut, ist kulturabhän­
gig / Wie verarbeiten Patienten
ihre Diagnose? / Psychisch
Kranke gehen nicht aggressiver
mit Waffen um 58
Bücher und mehr
u. a. mit: Stefan Klein: Die
Ökonomie des Glücks / Joel
Whitebook: Freud – Sein Leben
und Denken / Eva Illouz:
Warum Liebe endet 76
YULKAPOPKOVA / GETTY IMAGES / ISTOCK

Impressum 83
TV- & Radiotipps 86
Vorschau 89

Titelthema
STEFFEN JÄNICKE; MIT FRDL. GEN. VON
Der Wert der Träume ECKART VON HIRSCHHAUSEN

12 Wir sollten unsere Träume nicht für uns behalten, meint der
Psychologe Mark Blagrove. Denn sie zu teilen, schafft Verbunden­
heit und Empathie, ermöglicht einen anderen Blick auf Probleme und
kann uns dadurch neue Einsichten bescheren. Gleichzeitig offenbaren Hirschhausens Hirnschmalz
sie auch manches über uns selbst: Sie hängen zum Beispiel mit unseren Die Trübsal stirbt zuerst 90
Vorlieben, Interessen, aktuellen Sorgen, Ängsten und früheren Erfah­
rungen zusammen.
Von Klaus Wilhelm

Gehirn&Geist
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TITELBILD: YULKAPOPKOVA / GETTY IMAGES / ISTOCK; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

GEHIRN&GEIST 5 06_2019
GEISTESBLITZE

Zeichnung einer gesunden Person (links)


und eines Alzheimerpatienten (rechts).
MIT FRDL. GEN. VON THOMAS OSTERMANN, UNIVERSITÄT WITTEN/HERDECKE

Demenz
Baumzeichnungen können Alzheimer
im Frühstadium entlarven

E
in multidisziplinäres Team der Universitäten zwischen Gesunden und Menschen mit beginnender
Witten/Herdecke, Nürtingen­Geislingen und Alzheimererkrankung zu unterscheiden. Zu diesem
Tübingen hat einen digitalen Zeichen­Test Zweck verglichen sie die Zeichnungen von 56 Alzhei-
entwickelt, der die Früherkennung von Alzheimer­ merpatienten mit denen von 67 gesunden Teilnehmern.
demenz erleichtern soll. Die Durchführung ist einfach Und tatsächlich gab es verblüffende Unterschiede: Die
und spielerisch: Ausgerüstet mit einem elektronischen Patienten zeichneten die Bäume kleiner und weniger
Stift, zeichnen die Patienten einen Baum direkt am komplex. Außerdem nutzten sie eine geringere Anzahl
Tablet. Das Gerät erfasst automatisch die Bewegung an Farben und Strichstärken, wechselten diese seltener
des Stiftes sowie bildliche Parameter wie Proportionen und brauchten länger für ihr Kunstwerk. Robens und
oder die Anzahl an Farben. Das freie Zeichnen beruht ihre Kollegen möchten hieraus diagnostische Kriterien
auf dem Zusammenspiel kognitiver Fähigkeiten, die entwickeln, um die milden kognitiven Symptome
bei Alzheimer früh beeinträchtigt sein können. Hierzu beginnender Alzheimerdemenz erfassen zu können.
gehören etwa die visuell­räumliche Verarbeitung und Der bekannte Uhren-Zeichen-Test nach Shulman sei
Psychomotorik, so die Forscher. In einer explorativen für die Früherkennung nicht empfindlich genug, so die
Studie untersuchten die Wissenschaftler um Sibylle Forscher.
Robens, welche Merkmale sich am besten eignen, um Journal of Alzheimer’s Disease 10.3233/JAD-181029, 2019

GEHIRN&GEIST 6 06_2019
Nachtruhe
Im Schlaf reparieren Neurone ihr Erbgut

N
ervenzellen scheinen den Schlaf zu nutzen, um ist genug, um die während der Wachphase angesam-
Schäden an ihrem Genom zu reparieren. Zu melten Schäden auszubessern. Der Befund passt zu
diesem Schluss kommt eine Arbeitsgruppe um früheren Ergebnissen, die auf einen Zusammenhang
den Schlafforscher Lior Appelbaum von der Bar-Ilan- zwischen Schlaf und DNA-Reparatur hindeuten.
Universität in Ramat-Gan. Das israelische Team Die Arbeitsgruppe behauptet nicht, damit den
untersuchte, wie sich die Träger der Erbinformation, ultimativen Nutzen des Schlafs gefunden zu haben.
die Chromosomen, in einzelnen Neuronen von Studien haben gezeigt, dass dieser für so unterschied-
Zebrabärbling-Larven verhalten. Zeitrafferaufnahmen liche Aspekte wichtig ist wie die Regulierung der
der Zellen zeigen, dass sich die Chromosomen kaum Immunreaktion und die Müllabfuhr im Gehirn.
bewegen, solange eine Nervenzelle aktiv ist. Dabei Allerdings ist das Team der Ansicht, mit der Chromo-
sammeln sich allerdings DNA-Schäden an, bei denen somendynamik einen aussichtsreichen molekularen
beide Stränge der DNA-Doppelhelix an der gleichen Marker gefunden zu haben, an dem sich Schlaf selbst
Stelle brechen. Um diese potenziell gefährlichen bei den einfachsten Tieren auf zellulärer Ebene fest-
Doppelstrangbrüche zu reparieren, müssen sich die machen lässt. Womöglich, schreiben Appelbaum und
Chromosomen viel stärker bewegen können, als es sein Team, begannen die ersten Wesen mit Nerven-
während der Nervenaktivität im Wachzustand geschieht. system tatsächlich zu schlafen, damit das Erbgut ihrer
Wie Appelbaums Team zeigt, bewegen sich die Neurone die Schäden des Tages reparieren kann.
Chromosomen in der Ruhephase doppelt so stark. Das Nature Communications 10.1038/s41467-019-08806-w, 2019

Gedächtnis
Der Egozentriker in uns

A
uch wenn es niemand gern zugibt: Uns allen

AJR_IMAGES / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)


wohnt eine gewisse Selbstbezogenheit inne. So
erinnern wir uns etwa nach einer Veranstal­
tung mit fremden Menschen am ehesten an diejenigen,
mit denen wir über uns selbst gesprochen haben.
Dieser Selbstreferenz-Effekt beim Langzeitgedächtnis
ist gut untersucht. Doch findet er sich ebenfalls bereits
auf der Ebene des Arbeitsgedächtnisses, das als
Bindeglied zwischen Mensch und Umwelt dient?
Wissenschaftler aus China, Großbritannien und den
USA haben diese Vermutung nun mit Hilfe eines Expe-
riments bestätigt. Hierzu lernten 104 Studenten, drei
verschiedene Farbkreise mit den Begriffen »Ich«,
»Freund« oder »Fremder« zu assoziieren. Anschlie-
ßend erschienen eine Sekunde lang zwei der Farbkreise
auf einem Bildschirm. Nach fünf Sekunden sahen die Repräsentation im Arbeitsgedächtnis erfolgt also
Probanden einen schwarzen Kreis und sollten so offenbar automatisch, schlussfolgern die Forscher.
schnell wie möglich per Tastendruck entscheiden, ob Somit stellt sich die Frage, inwieweit sich ich-
sich dieser an der gleichen Stelle befand wie einer der zentriertes Denken überhaupt beeinflussen lässt. Da
beiden Farbkreise zuvor. das Arbeitsgedächtnis eine zentrale Rolle bei der
Die Reaktion erfolgte signifikant schneller, wenn es Handlungsplanung spielt, ist es wahrscheinlich, dass
sich bei der Position um diejenige des »Ich«-assoziier- der Effekt auch unser soziales Leben prägt. In weiteren
ten Farbkreises handelte. Dieser Selbstreferenz-Effekt Studien wollen die Forscher deshalb herausfinden, ob
trat selbst dann auf, wenn der schwarze Kreis doppelt sich durch Experimente dieser Art beispielsweise der
so häufig auf Positionen des »Freund«- und »Fremder«- Grad egozentrischen Verhaltens vorhersagen lässt.
Farbkreises erschien. Die Bevorzugung der »Ich«- Psychological Science 10.117/0956797618818483, 2019

GEHIRN&GEIST 7 06_2019
Sprache
Wann Worte weise wirken

W
er um das Warum seines Lebens weiß, kann Emotionen transportierten. Das könne daran liegen,
nahezu jedes Wie ertragen.« Solche Sätze dass diese Eigenschaften stärker vom Kontext und
regen zum Nachdenken an. Ist es das, was dem subjektiven Empfinden abhängen.
einen weisen Gedanken ausmacht? Die Antwort auf Auf die Länge des Zitats kam es nicht an, auf andere
diese Frage ergründeten vier Psychologinnen von der sprachliche Merkmale hingegen schon. Während
Southern State University in New Haven. Im Rahmen schwächere Zitate häufiger in der ersten Person (»ich«
von Universitätsveranstaltungen baten sie Psychologie- oder »wir«) formuliert waren, nutzten starke Zitate
studierende, nach weisen Zitaten zu suchen. An- vermehrt die Du-Form. Eine mögliche Erklärung: Die
schließend begutachteten Probanden die zusammen- Ansprache in der zweiten Person schaffe Distanz und
getragenen 157 Sprüche: Wie viel Weisheit steckte in damit eine gewisse Autorität. Und noch eine Beson-
ihnen, wie viel Lebenserfahrung, Rückschau, Offenheit, derheit wiesen die starken Zitate auf: Sie waren
Emotion und Humor? sprachlich komplexer. Ein simpler Spruch – »Gelegen-
Besonders weise erschienen Lesern vor allem jene heiten ziehen vorbei wie Wolken« – wurde eher für
Zitate, die auf Lebenserfahrung und Rückschau flach befunden.
schließen ließen. »Wir verbinden Weisheit häufig mit Je mehr uns ein Zitat fordert, desto tiefer werde es
dem Alter«, erläutern Melanie DeFrank und ihre verarbeitet, so die Forscherinnen. »Vielleicht zeigt sich
Kolleginnen. Vor allem im Rückblick auf die besten Qualität für uns darin, dass wir härter arbeiten müssen,
und die schrecklichsten Momente könne der Mensch um die tiefer liegende Bedeutung zu entschlüsseln.«
in seinem Leben einen Sinn erkennen. Als weniger
Journal of Language and Social Psychology 10.1177/0261927X19831743,
wichtig erwies es sich, ob die Texte Humor oder 2019

Synästhesie
Warum manche Menschen Bewegungen »hören«

M
enschen mit einer speziellen Form von scheiden mussten. Umgekehrt verhielt es sich, wenn
Synästhesie nehmen auch bei eigentlich die Forscher den auditorischen Kortex der Probanden
lautlosen Bewegungen Geräusche oder reizten: Nun schnitten diese bei Höraufgaben schlech-
Klänge wahr. Aber wie kommt es dazu? Eine mögliche ter ab, dafür verbesserte sich aber ihre optische
Antwort auf diese Frage hat ein Team um den Psycho­ Wahrnehmung.
logen Elliot Freeman von der City University of Für die Wissenschaftler passt das zu einer These, der
London gefunden. zufolge die Zentren in unserem Gehirn, die Hör- und
Die Forscher rekrutierten insgesamt 36 Probanden, Seheindrücke verarbeiten, miteinander konkurrieren.
die sich im Labor verschiedene Morsecode-Sequenzen Müssen wir uns auf eines von beiden konzentrieren,
anschauen und anhören mussten. Währenddessen wird die Aktivität des jeweils anderen Areals gedämpft.
stimulierten die Forscher bei den Teilnehmern mittels Auf Personen, die Bewegungen »hören« können,
transkranieller Wechselstromstimulation abwechselnd trifft das allerdings nicht zu, wie die Experimente
jene Bereiche des Gehirns, die für die Verarbeitung zeigen: Bei ihnen verbesserte sich nicht ein Sinnes-
von visuellen und auditorischen Signalen zuständig kanal, wenn der andere gestört wurde. Die visuellen
sind. Die Probanden aus der Kontrollgruppe, bei und auditorischen Areale scheinen bei ihnen also
denen Bewegungen nicht von Klängen begleitet nicht gegen-, sondern vielmehr miteinander zu
werden, zeigten daraufhin ein auffälliges Muster: arbeiten – und so das Wahrnehmungsphänomen zu
Wurden sie vor die Aufgabe gestellt, zu beurteilen, ob erzeugen. Wie die Forscher zudem entdeckten, waren
es sich bei zwei nacheinander gezeigten Sequenzen um die Synästhetiker grundsätzlich besser darin, die
die gleichen handelte, schnitten sie schlechter ab, wenn optischen oder akustischen Sequenzen wiederzuerken-
ihnen die Abfolgen visuell präsentiert und gleichzeitig nen. Das könnte damit zusammenhängen, dass bei
ihre visuellen Hirnareale mit Frequenzen um zehn ihnen mehr Hirnareale bei der Bewältigung der
Hertz gestört wurden. Dafür stieg jedoch ihre Leistung Aufgabe involviert waren.
bei Sequenzen, die sie akustisch voneinander unter- Journal of Cognitive Neuroscience 10.1162/jocn_a_01395, 2019

GEHIRN&GEIST 8 06_2019
GEISTESBLITZE

Neurodegenerative Erkrankungen
Der Duft von Parkinson
doch sie gab an, schon Jahre vorher eine seltsame
Veränderung seines Körpergeruchs bemerkt zu haben,
die mit dem Fortschreiten der Erkrankung immer
intensiver wurde. Bereits 2017 stellten die Wissen-
schaftler den Geruchssinn der Krankenschwester auf
die Probe und ließen sie anhand von sechs T-Shirts
von Menschen mit und ohne Parkinson erschnüffeln,
wer wirklich an der Erkrankung litt. Das Experiment
gelang – und die Forscher stellten fest, dass es offenbar
vor allem der Hauttalg war, der bei den Patienten einen
anderen Geruch annahm.
Um herauszufinden, welche Duftmarken genau
Milne auf die Spur der Krankheit gebracht hatten,
nahmen Trivedi und seine Kollegen deshalb nun
Talgproben von 43 Parkinsonpatienten und 21 gesun-
den Kontrollprobanden, deren flüchtige organische
Verbindungen sie anschließend mit Hilfe von Gaschro-
Bewegungsstörungen sind
matografie und Massenspektrometrie untersuchten.
ein typisches Symptom der
Dabei stießen sie tatsächlich auf einige wenige Verbin-
Parkinsonkrankheit.
dungen, die bei Menschen mit Parkinson in einer
MMEEMIL / GETTY IMAGES / ISTOCK
höheren Konzentration vertreten waren als bei

B
ei der Parkinsonkrankheit gehen nach und nach gesunden Teilnehmern, darunter Hippursäure, Eicosan
die Dopamin produzierenden Nervenzellen in und Octadecanal. Ob die Betroffenen bereits Medika-
der Substantia nigra im Mittelhirn zu Grunde. mente gegen ihre Erkrankung einnahmen, spielte dabei
In der Folge haben die Betroffenen nach einiger Zeit keine Rolle.
mit den typischen Bewegungsstörungen zu kämpfen. Wie die Wissenschaftler vermuten, könnte der
Da die Erkrankung oft schleichend beginnt, wird sie spezielle »Parkinson-Duft« unter anderem mit Haut-
von Ärzten nicht immer gleich erkannt; Labortests, problemen einhergehen, die häufig bei den Patienten
die Parkinson zuverlässig identifizieren, fehlen bislang. auftreten und zum Beispiel dazu führen, dass diese
Ein Team um Drupad Trivedi von der University of mehr Hauttalg produzieren als gesunde Personen.
Manchester ist der ungewöhnlichen Frage nachgegan- Möglicherweise wirken sich diese Veränderungen auch
gen, ob sich Parkinson vielleicht erschnüffeln lässt. auf das Mikrobiom der Haut aus, spekulieren die
Den Anstoß zu der Studie lieferte die Krankenschwes- Autoren. Ob sich aus den Erkenntnissen der Forscher
ter Joy Milne, die über einen extrem sensiblen tatsächlich ein Test zur Früherkennung von Parkinson
Geruchssinn verfügt. Dieser erlaubt es ihr, Düfte ableiten lässt, bleibt allerdings noch unklar. Dazu
wahrzunehmen, die den meisten Menschen verborgen werden sie ihre Ergebnisse erst in größeren Studien
bleiben. Bei Milnes Ehemann Les wurde 1986 im Alter bestätigen müssen.
von 45 Jahren die Parkinsonkrankheit diagnostiziert – ACS Central Science 10.1021/acscentsci.8b00879, 2019

Depression Dass Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer bei


vielen Menschen mit schwerer Depression nicht wirken, könnte an
der Form der Neurone liegen: Ungewöhnlich lange Fortsätze der Zellen,
die den Botenstoff Serotonin ausschütten, stören bei Betroffenen die
Kommunikation innerhalb des Netzwerks. So blockieren sie mutmaßlich
die Wirkung des Antidepressivums.
Molecular Psychiatry 10.1038/s41380-019-0377-5, 2019

GEHIRN&GEIST 9 06_2019
Cannabis
Psychose-Gefahr durch hohen THC-Gehalt

DIGIHELION / GETTY
IMAGES / ISTOCK
B
esonders hochpotente Cannabissorten sind ver­
mutlich für einen erheblichen Teil der mit der
Droge zusammenhängenden Psychosen verant­
wortlich. Das ist eine der Schlussfolgerungen aus einer
internationalen Studie, für die ein Team um Marta systematisch höher. Die Ergebnisse passen auch zu
Di Forti vom King’s College in London 2138 Probanden früheren Befunden, die auf die problematischen
an elf Orten in Europa und Brasilien untersuchte. 901 Auswirkungen hochpotenter Drogen hinwiesen.
von ihnen waren erstmalig mit einer Psychose in Be- Demnach war das Psychoserisiko bei täglichem
handlung. Die Forscher prüften, in welchem Ausmaß Konsum um den Faktor drei erhöht, durch Cannabis-
Cannabisprodukte an den Orten konsumiert werden produkte mit über zehn Prozent THC sogar um das
und mit Gehalten des psychoaktiven Inhaltsstoffs THC Fünffache. Würde man hochpotentes Cannabis gezielt
unter und über zehn Prozent erhältlich sind. Dabei aus dem Verkehr ziehen, ließen sich etwa zwölf Prozent
zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Psychosen, aller Psychosen vermeiden, berechnen die Forscher, in
täglichem Cannabiskonsum und der Verfügbarkeit von Amsterdam sogar die Hälfte. Allerdings mahnt die
Cannabisprodukten mit hohem THC-Gehalt. Arbeitsgruppe bei der Interpretation der Ergebnisse
Die Studie legt außerdem nahe, dass Cannabis zur Zurückhaltung: Die Daten über Nutzung und
tatsächlich manche Psychosen verursachen dürfte, was Potenz der Cannabisprodukte seien nicht durch
unter Forschern bislang umstritten ist. Zumindest an Messungen überprüft worden. Frühere Studien hätten
den Studienorten gibt es ein klares Muster innerhalb jedoch gezeigt, dass die meisten Cannabiskonsumenten
der Gesamtbevölkerung: Wo mehr Menschen täglich gut informiert seien, was sie einnehmen, und zuverläs-
kiffen und Drogen mit höheren THC-Gehalten nutzen, sig darüber Auskunft geben.
sind die Raten von Psychose-Neuerkrankungen Lancet Psychiatry 10.1016/S2215-0366(19)30048-3, 2019

Sinne
Haben Menschen einen Magnetsinn?

O
b Zugvögel, Bienen, Schaben oder Bakterien – Magnetfelds auf eine bestimmte Weise horizontal
zahlreiche Lebewesen können das Magnetfeld gekippt wurde.
der Erde spüren. Ob auch Menschen diese Nur ein dem Erdmagnetfeld in Stärke und Polarität
Fähigkeit besitzen – oder einmal besessen haben –, ist ähnliches Feld reizte die Neurone zur Reaktion – und
unter Experten umstritten. Neue Hinweise darauf, dass nur ein bestimmtes horizontales Abkippen in Nord-
zumindest unsere Neurone auf Magnetfelder reagieren, Süd-Richtung. Dies sei eine Folge der Anpassung an
präsentieren nun Forscher um Joseph Kirschvink vom das Leben auf der Nordhemisphäre der Erde, meinen
California Institute of Technology in Pasadena. die Forscher: Bei Probanden auf der Südhemisphäre
Die Wissenschaftler setzten 24 Männer und sollte sich das entgegengesetzte Phänomen beobachten
12 Frauen in einer abgeschirmten Versuchskammer lassen, was Versuche aber erst noch bestätigen müssen.
verschiedenen schwachen Magnetfeldänderungen aus Die Versuchspersonen waren sich ihrer magneti-
und maßen gleichzeitig die Hirnwellen der Teilnehmer schen Sensibilität nicht bewusst, wurden jedoch auch
per Elektroenzephalografie. Dabei achteten sie auf nicht dazu angehalten, auf Sinnesreize zu achten.
ereigniskorrelierte Desynchronisationen in den Sicherlich könnten die Reaktionen der Neurone im
EEG-Wellen: Solche Abweichungen deuten Neurophy- Prinzip eine Orientierung über die Nordrichtung
siologen als Hinweis darauf, dass Hirnzellen auf eine vermitteln. Unklar ist aber, ob dies für den Menschen
Veränderung reagieren. Die magnetische Stimulation im Lauf seiner Evolution eine Bedeutung hatte oder
rief tatsächlich eine regelmäßige Aktivität der Neurone hat – oder ob das Potenzial ungenutzt bleibt und
hervor: Bei einigen Probanden war ein deutlicher womöglich ein Überbleibsel aus der Entwicklungs-
Abfall der Alpha-Oszillation zwischen 8 und 13 Hertz geschichte aller Zellen ist.
zu beobachten, wenn die Ausrichtung des künstlichen eNeuro 10.1523/ENEURO.0483-18.2019, 2019

GEHIRN&GEIST 10 0 6 _ 2 0 1 9
GEISTESBLITZE

ADHS
Weißes Rauschen hilft beim Konzentrieren

M
enschen mit ADHS leiden in der Regel unter und schrieben mehr Wörter, und in einem anderen
Konzentrationsproblemen. Zur Standard­ Experiment ließen sie sich weniger leicht ablenken,
therapie zählt der Arzneistoff Methylpheni- wenn sie über Kopfhörer weißes Rauschen eingespielt
dat, doch viele Betroffene suchen nach alternativen bekamen.
oder ergänzenden Hilfen. Eine davon beschreiben In den beschriebenen Versuchen hätten die meisten
US-Pharmakologen jetzt in einem Review: so genann- Kinder zwar zugleich unter dem Einfluss eines
tes weißes Rauschen, das andere Geräusche schlucken Psychopharmakons gestanden. Doch kognitive
soll und sich bereits als Einschlafhilfe bewährt hat. Funktionen wie die Aufmerksamkeit würden vom
»Maximalen Nutzen bietet bedeutungsloser Lärm Hintergrundrauschen zusätzlich profitieren.
mit einer Lautstärke von 65 bis 80 Dezibel«, berichtet Kindern ohne Aufmerksamkeitsstörung könne das
das Team um Daniel Berlau von der Regis University Geräusch mehr schaden als nutzen, warnen Berlau
in Denver. 65 Dezibel entsprechen einem Gespräch in und seine Kollegen. Das liege daran, dass das Rauschen
Zimmerlautstärke, 80 schon eher einem lauten auf verschiedene Menschen unterschiedlich wirke:
Staubsauger oder einer Waschmaschine im Schleuder- Ein gewisses Grundrauschen sei nötig, zu viel oder zu
gang. Der Geräuschteppich erleichtere Betroffenen wenig hingegen schädlich. Einer Theorie zufolge
unter anderem das Lesen und Schreiben. So habe man mangelt es dem Gehirn bei ADHS an Dopamin und
zum Beispiel Kinder mit ADHS unter drei Bedingun- somit an einer Grundaktivierung. »Deshalb brauchen
gen arbeiten lassen: in ruhiger Umgebung, bei unver- Menschen mit ADHS mehr externen Lärm, um ihre
ständlichem Geplauder oder bei einem Rauschen von optimale kognitive Leistung zu erbringen.«
70 Dezibel. In letzterem Fall lasen die Kinder schneller Complementary Therapies in Medicine 10.1016/j.ctim.2018.11.012, 2019

LIEFERBARE »GEHIRN&GEIST«-AUSGABEN

Gehirn&Geist 5/2019: Gehirn&Geist 4/2019: Gehirn&Geist 3/2019: Gehirn&Geist 2/2019:


Glück: Warum es uns besser Berufswahl: Herausfinden, Immunsystem und Gehirn: Mindset: Die Kraft der
geht, als wir glauben • ASMR- was einem wirklich liegt • Der siebte Sinn • Wege Gedanken • Scham: Wunde
Videos: Digitale Schlummer- Antidepressiva: Machen zur Selbstdisziplin: Mühelose am Selbst • Schlaue Schleim-
hilfe • Geburt: Die Angst sie Patienten abhängig? • Strategien für den Alltag • pilze: Primitive Form der
vor der Entbindung • Falsche Wissensillusion: Wir halten Bewegungskontrolle: Das Kognition? • Alzheimer: Ver-
Fakten und die Macht der uns für schlauer, als wir Gefühl, eine Marionette zu hängnisvolle Entzündung •
Identität • € 7,90 sind • € 7,90 sein • € 7,90 € 7,90

A L L E L I E F E R BA R E N AU S G A B E N VON
» G E H I R N & G E I ST « F I N DE N SI E I M I N T E R N E T:
www.gehirn-und-geist.de/archiv
KLADYK / GETTY IMAGES / ISTOCK
TITELTHEMA

U N S E R AU TO R

Klaus Wilhelm ist Biologe und


Wissenschaftsjournalist in Berlin.
Er hält Träume für großes Regie-
Theater: ungefiltert, spielerisch, wild
und lehrreich.

GEHIRN&GEIST 12 0 6 _ 2 0 1 9
KLADYK / GETTY IMAGES / ISTOCK

TITELTHEMA

SCHLAFEN Träume verraten mehr über uns, als Wissenschaftler lange


dachten. Vor allem wenn wir sie anderen erzählen, könnten sie uns
dabei helfen, zu neuen Einsichten zu gelangen, Herausforderungen zu
meistern und unsere Emotionen zu regulieren.

Der Wert
der Träume VO N K L AU S W I L H E L M

GEHIRN&GEIST 13 0 6 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Nicht nur Schäume

1 2 3
Die Traumdeutung galt For- Möglicherweise helfen uns Seine Träume mit anderen
schern lange als unwissenschaft- Träume dabei, herausfordern- Menschen zu teilen,
lich. Doch neuen Befunden de Situationen zu trainieren, schafft Verbundenheit und
zufolge hängen Träume durchaus besser mit überschießenden Gefüh- Empathie – und kann zu neuen
von persönlichen Interessen, Erleb- len umzugehen und die Intensität Einsichten führen.
nissen, Vorlieben und Sorgen ab. von Erinnerungen abzumildern.

G
eben Sie mir 100 Träume, und ich sage ihre Gesundheit und kulturellen sowie spirituellen Inte-
Ihnen, wer Sie sind«, behauptet der ressen. »23 davon hat sie als zutreffend bestätigt«, er-
Psychologe Kelly Bulkeley. Es klingt klärt der Mann aus Oregon nicht ohne Stolz.
ein wenig nach Aufschneiderei. Aller- Seine Fallstudie stützt damit die Theorie der
dings ist ihm das Kunststück tatsäch- »waking-dreaming continuities« (auf Deutsch: Wach-
lich schon geglückt. Seit Mitte der Traum-Kontinuität), die unter anderem Michael
1980er Jahre schreibt sich eine Frau, die der Forscher Schredl vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in
Beverly nennt, täglich ihre Träume auf; inzwischen sind Mannheim aufgestellt hat. Kernpunkt: Viele Traum-
es mehr als 6000 Einträge. 940 dieser Traumnotizen aus inhalte sind bedeutungsvoll verbunden mit Interessen,
den Jahren 1986, 1996, 2006 und 2016 hat er sich vorge- Vorlieben, Sorgen und Aktivitäten im täglichen Leben.
knöpft – und damit 26 Aussagen über die Frau getrof- »Diese These gilt unter Traumforschern inzwischen als
fen: über ihr Temperament, ihre Gefühlswelt, ihre Vor- gut belegt«, erklärt Schredl. Der Psychologe entdeckte
urteile, Beziehungen, Ängste, ihre Einstellung zu Geld, etwa, dass die Träume von Menschen, die viel Musik
hören, musizieren oder singen, auch mehr Musik ent-
halten. Und wer im Alltag komponierte, träumte eher
KURZ ERKL ÄRT: von neuen Melodien.

S C H L A F S TA D I E N Erlebnisse des vorherigen Tages


Jeder Schlafzyklus lässt sich in verschiedene Stadien 2017 hat ein Team um Raphael Vallat von der Université
unterteilen: die REM-Phase und drei verschiedene de Lyon 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sieben
Non-REM-Phasen (N1, N2 und N3). Ein Zyklus Tag lang nach dem Aufwachen befragt. Im Schnitt erin-
dauert 70 bis 110 Minuten und wiederholt sich bei nerten sich die Versuchspersonen in dieser Zeit an sechs
einem gesunden Erwachsenen pro Nacht etwa Träume. Über 83 Prozent der Träume hingen tatsächlich
vier- bis siebenmal. mit persönlichen Erfahrungen zusammen. 40 Prozent
dieser autobiografischen Erlebnisse ereigneten sich am
REM-PHASE Tag zuvor, 26 Prozent vor maximal vier Wochen, 16 Pro-
(kurz für englisch: rapid eye movement) zent vor höchstens einem Jahr und 18 Prozent vor mehr
Dieses traumreiche Schlafstadium ist durch schnelle als einem Jahr. Die Probanden bewerteten die Mehrheit
Augenbewegungen gekennzeichnet, während der in ihren Träumen auftauchenden realen Ereignisse
die restliche Muskulatur gehemmt ist. Der durch- als wichtig für ihr Leben. Das galt jedoch nicht für Er-
schnittliche Anteil pro Nacht liegt bei einer fahrungen, die sie erst am Tag zuvor gemacht hatten.
gesunden 30-jährigen Person bei 20 bis 25 Prozent. Wie schon Sigmund Freud (1856–1939) feststellte, schei-
nen Eindrücke des vergangenen Tages, die im Traum
ELEKTROENZEPHALO GRAFIE vorkommen, eher alltäglich und trivial zu sein. Dagegen
(EEG) erwiesen sich die ältesten im Schlaf verarbeiteten Erin-
eine neurowissenschaftliche Methode, mit der man nerungen als emotional intensiver, wichtiger – und ne-
durch auf die Kopfhaut angebrachte Elektroden die gativer. Auch aktuelle Sorgen wurden in 23 Prozent der
elektrische Aktivität der Hirnrinde misst. Träume aufgegriffen. Zum Beispiel träumte ein junger
Student, der Angst hatte, sein Studium nicht zu schaffen,
T R AU M D E U T U N G er säße mit seinen Professoren in einer Straßenbahn
Dem österreichischen Arzt Sigmund Freud (1856 – und warte darauf, endlich seine Noten zu erfahren.
1939) zufolge enthüllen Träume verdrängte gegen- Nach einer Fallstudie der Neurowissenschaftlerin
wärtige und aus der Kindheit stammende Wünsche. Isabelle Arnulf von der Sorbonne Université in Paris
Ihre Deutung hielt er deswegen für den Königsweg sind Träume gelegentlich auch antizipatorisch: In je-
zum Unbewussten. dem zehnten Traum fantasierte ein Mann, der beruflich

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Der Psychologe Mark Blagrove ist davon überzeugt, Dreht sich alles nur um Sex?
dass es uns hilft, anderen von unseren Träume zu Die meisten Träume haben (doch) mit Sex zu tun,
erzählen. Er organisiert Veranstaltungen, in denen davon ist der Neurowissenschaftler Patrick McNamara
Menschen im Rahmen des Projekts »Dreams ID« von der Boston University überzeugt. Selbst wenn
ihre Träume diskutieren. Die Illustratorin Julia Lock- ihre Inhalte nicht explizit erotisch sind, dienen sie oft
heart setzt jeden Bericht künstlerisch um. der Erfüllung sexueller Wünsche im Sinne der
darwinschen Evolutionstheorie, so seine These. Der
Wissenschaftler stützt sich auf diverse empirische
bedingt viel unterwegs war, von den Orten, die er dem- Befunde: Männer träumen zum Beispiel häufiger von
nächst besuchen würde. aggressiven Auseinandersetzungen mit anderen
Solche Befunde reihen sich ein in eine ganze Schar Männern, mit denen sie evolutionär betrachtet ja um
von Erkenntnissen, welche die psychologische Traum- die Weitergabe der eigenen Gene konkurrieren. Frauen
forschung in jüngster Zeit fasziniert und zu neuen The- träumen eher von einem verbalen Schlagabtausch
sen verleitet haben. Zum Beispiel: Träume dienen dem mit anderen Frauen. Zudem steigt die Konzentration
menschlichen Sozialleben und sind deshalb oft so von Sexualhormonen während des REM-Schlafs bei
schräg, weil sie damit einen etwas anderen Zugang beiden Geschlechtern an. In dieser Schlafphase, die für
schaffen zu emotionalen Problemen, Aufgaben und das Träumen ganz entscheidend ist, sind auch solche
Verhaltensmustern, die den Menschen beschäftigen. Hirnregionen ungewöhnlich aktiv, die mit Genuss
Viele Jahre lang widmete sich die medizinisch orien- und Sex zu tun haben. Und wenn Forscher den REM-
tierte Schlafforschung in erster Linie dem Schlaf als ei- Schlaf bei heranwachsenden Nagern unterdrückten,
nem neurophysiologischen Prozess. Die Bedeutung der wurden die Tiere später impotent. Für McNamara ist
Träume rückten in den Hintergrund. Sie galten als eine daher klar: Unsere Träume sind für die biologisch-
Art Epiphänomen des Schlafs. Der Psychologe Rubin evolutionäre Fitness genauso wichtig wie unser Wach-
Naiman von der University of Arizona in Tucson ver- leben.

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gleicht diese Ansicht über Träume mit Sternen: »Sie Kopf, die ihre Hirnaktivität registrierten, im Schlaflabor.
tauchen nachts auf und scheinen hell, sind aber viel zu Immer wieder wurden sie geweckt und sollten berich-
weit entfernt, um relevant für unser Leben zu sein.« ten, ob und falls ja, was sie gerade geträumt hatten.
Naiman gehört zu den wenigen psychologisch orien- Dann verglichen die Forscher die Traumhandlungen
tierten Traumforschern, die Träumen als eigenständiges mit den Tagebuchinhalten. Zum Beispiel, ob jemand
Phänomen auffassen (siehe auch »Warum träumen wir? fast eine Treppe hinuntergestürzt war und dann von
Zwei gängige Theorien«, S. 18). Für ihn ist und bleibt die- Stufen träumte. Oder ob jemand eigentlich für eine Prü-
ser ungewöhnliche Zustand eine subjektive Erfahrung fung lernen sollte, es aber nicht getan hatte – und im
mit persönlichem Wert für die psychische und körper- Schlaf vor einem Verfolger wegrennen musste.
liche Gesundheit. Er und seine Kollegen versuchen, in Besonders häufig und lebhaft träumen Menschen
den nächtlichen Gedankenreisen Muster zu entdecken. während des REM-Schlafs (siehe »Kurz erklärt«, S. 14),
Der Psychologe Mark Blagrove und sein Team von doch auch in anderen Schlafphasen treten Träume auf.
der britischen Swansea University nutzen neurowissen- Der REM-Schlaf ist unter anderem durch elektrische
schaftliche Methoden wie die Elektroenzephalografie Hirnwellen im Frequenzbereich von vier bis siebenein-
(EEG), um sich den großen Fragen zu nähern: Haben halb Hertz gekennzeichnet. »Diese Thetawellen wurden
Träume eine Funktion? Oder sind sie nur ein Neben- intensiver, wenn eine Person von emotionalen Alltags-
produkt des Schlafs? 20 Probanden führten zehn Tage erlebnissen träumte«, fasst Blagrove das erste Ergebnis
lang ein detailliertes Tagebuch über ihren Alltag und der Studie zusammen. Das zweite lautet: Je emotionaler
ihre Sorgen, Ängste und Erlebnisse. Anschließend über- ein reales Ereignis war, desto eher tauchte es im Traum
nachteten sie mit einer Haube aus Elektroden auf dem auf – im Unterschied zu belanglosem Alltagskram. Wo-

Jeden Traum malt die Künstlerin Julia Lockheart auf Seiten aus Sigmund Freuds Buch
»Die Traumdeutung«. Eine Teilnehmerin des Projekts »Dreams ID« träumte davon, ihren Körper
im Schlaf zu verlassen, um ihre verstorbene Mutter bei einem Abenteuer zu begleiten.

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möglich helfen uns Träume daher dabei, aufwühlende
Erlebnisse zu verarbeiten.
Ereignisse, die länger als eine Woche zurücklagen,
beeinflussten in Blagroves Studie Zahl und Stärke der
Thetawellen nicht mehr. »Die im EEG sichtbaren Theta-
wellen spiegeln offenbar wider, dass die Psyche aktuelle,
reale und emotional geprägte Gedächtnisinhalte wälzt«,
interpretiert der Forscher. Eine Arbeitsgruppe der Uni-
versité de Montréal in Kanada registrierte zudem eine
erhöhte Thetawellen-Aktivität bei Menschen, die häufig
von Albträumen geplagt werden: »Vermutlich ein Aus-
druck dessen, dass diese Leute sich über Gebühr mit
emotionalen Erfahrungen beschäftigen.«
Blagrove kommt auch eine Studie von Francesca Si-
clari und ihren Kollegen in den Sinn. Die Hirnforscher
hatten Probanden mehrmals in der Nacht geweckt und
nach ihren Träumen gefragt. Dabei entdeckten sie in
der hinteren Großhirnrinde eine veränderte Aktivität,
sobald die Leute zu träumen anfingen. Dadurch konn-
ten sie vorhersagen, ob ein Proband nach dem Wecken
von einem Traum erzählen würde oder nicht.

Ein Training sozialer Situationen


»Im Schlaf verarbeitet das Gehirn alle möglichen Infor-
mationen, um sie im Gedächtnis zu speichern«, erklärt
Blagrove. Manchmal werde dafür das Träumen aktiviert.
Vor allem dann, wenn für den Verarbeitungsprozess
»alle verfügbaren Emotionen und alle verfügbaren Er-
innerungen« nötig sind, wie der Forscher es ausdrückt.
Er sieht eine wichtige Funktion der Träume darin, sozia-
le Situationen zu üben. »Sehr wahrscheinlich müssen
wir bei der Verarbeitung solcher Themen auf Gedächt- Lockhearts Umsetzung eines Traums, in dem die Prota-
nisinhalte zugreifen, an die wir im wachen Zustand nur gonistin einen Wagen vom Rücksitz aus steuerte, Motor-
mit großer Mühe herankommen.« rad fuhr und als Ballerina anmutig Pirouetten drehte.
Kürzlich hat Michael Schredl eine Methode entwi-
ckelt, um Menschen zu motivieren, über ihre Träume
nachzudenken. Denn wie Blagrove ist er davon über- ganz ähnliches Verfahren des US-Psychiaters Montague
zeugt: »Wir können aus unseren Träumen lernen, weil Ullman.
Träume Erlebnisse sind, die wir als wirklich wahrneh- »Beide Methoden haben die Teilnehmer zu wichti-
men.« Sie gehörten »zur Gesamtpsyche einer Person«. gen Einsichten geführt«, sagt Blagrove. Die Probanden
Die Technik beruht darauf, Träume zu teilen: Eine gaben etwa an, jetzt eher zu begreifen, wie vergangene
Person schreibt einen Traum auf; andere lesen den Be- Erfahrungen ihr aktuelles Leben beeinflussen, oder dass
richt. Im nächsten Schritt stellen die Gruppenmitglie- sie ihre Träume nun nutzten, um ihre Alltagssituation
der Fragen über den Alltag und reale Begebenheiten, zu verbessern. Zudem hätten sie bedeutende Verbin-
die womöglich mit dem Traum zusammenhängen. dungen zwischen Traum und Wirklichkeit erkannt. So
Dann erzählt die Person von den Erlebnissen und Ge- träumte ein junger Student, er liefe in der Stadt seiner
fühlen im Traum, die sie am meisten aufgewühlt, be- Kindheit eine Marmortreppe herunter. Unten ange-
rührt und geschmerzt haben. Und denkt darüber nach, kommen, befand er sich in der neuen Heimat. Die Trep-
wie Erlebnisse und Empfindungen im Traum mit Ereig- pe erinnerte ihn an die des Ferienhauses, in dem er mit
nissen und Gefühlen im wirklichen Leben zusammen- seiner Familie den letzten gemeinsamen Urlaub vor
hängen – und ob sie es lieber hätte, wenn sich die auf- dem Umzug verbracht hatte. Er erkannte, dass die Sehn-
wühlenden Trauminhalte ändern würden. sucht nach der Familie größer war, als er gedacht hatte.
Diese Methode hat Blagroves Team kürzlich getestet. Als besonders hilfreich empfanden die Studienteil-
Dazu trafen sich einmal wöchentlich zwei Gruppen mit nehmer zudem die Arbeit in der Gruppe. Sie gaben an,
je zehn Personen zur gemeinsamen Traumarbeit. Die dadurch Zusammenhänge erkannt zu haben, auf die sie
einen nutzten die Schredl-Technik, die anderen ein allein nicht gekommen wären.

GEHIRN&GEIST 17 0 6 _ 2 0 1 9
ge betont: Damit sei keinesfalls belegt, »dass das Teilen
M E H R W I S S E N AU F von Träumen die hohen Empathiewerte verursacht«.
»SPEKTRUM.DE« Auch Schredl hat Menschen gebeten, ihre Träume zu
Was bewirkt Schlafmangel im Gehirn? verraten: Ein Drittel hatte in der Woche zuvor einen
Und können wir im Schlaf lernen? Traum erzählt, zwei Drittel im zurückliegenden Monat.
Das Gehirn&Geist-Dossier »Schlafen Also »recht häufig«, wie er trocken anmerkt. Der Schlaf-
und Träumen« geht den Geheimnis- forscher schreibt sich seine eigenen Träume seit 1984 auf,
sen unserer Nachtruhe auf den Grund:
inzwischen sind es rund 14 600. »Es geht dabei nicht um
www.spektrum.de/shop Traumdeutung im Sinne der klassischen Psychoanalyse«,
erklärt er. Sondern darum, bestimmte Muster und Zu-
sammenhänge zu erkennen. Dafür gibt er seine Träume
Diesen Teameffekt erlebt Blagrove auch immer wie- in eine Datenbank ein und schaut etwa, ob er im Schlaf
der, wenn er im Rahmen seines Projekts »Dreams ID« eher positive, negative, ungewöhnliche oder alltägliche
mit anderen über deren Träume redet. Jeden davon Gerüche wahrnimmt und in seine Träume integriert.
setzt die Künstlerin Julia Lockheart in ein Bild um. Die
Aktion ist inzwischen so beliebt, dass an verschiedenen Träume liefern nützliche Denkanstöße
Orten – wie im Freud-Haus in London – Veranstaltun- Nach seinen Vorstellungen ist beispielsweise das Grund-
gen stattfinden, in denen Menschen vor Publikum ei- muster eines Verfolgungstraums klar: Man fürchtet sich
nen Traum erzählen und darüber diskutieren. Solche vor irgendetwas und läuft weg  – ein Sinnbild für Ver-
Berichte hätten bei ihm immer ein Gefühl von Verbun- meidungsverhalten im Alltag. Egal, ob man vor einem
denheit mit dem Erzählenden ausgelöst, sagt Blagrove. blauen Monster flüchtet, einem Hurrikan oder einem
Seitdem hat der Psychologe begonnen, seine neueste zähnefletschenden Dobermann. »Dann sollte man auf
Theorie zu überprüfen: dass wir auch deshalb träumen, ein Vermeidungsverhalten im aktuellen Leben schau-
um anderen davon zu erzählen. Zwar vergessen wir die en«, sagt der Psychologe.
meisten der nächtlichen Hirngespinste rasch wieder, Der Traum spielt allerdings auf kreative Art mit un-
die wirklich wichtigen bleiben uns aber im Sinn. Wenn seren Erfahrungen. Was uns tagsüber emotional um-
man sie teilt  – und das tut man gewöhnlich mit dem treibt, intensiviert er und baut die Dinge »in einen grö-
Partner, der Familie oder Freunden  –, »können sich ßeren Kontext ein«, wie Schredl es ausdrückt. Er ver-
die Beteiligten emotional näherkommen«, vermutet bindet aktuell aufwühlende Erlebnisse mit früheren,
Blagrove. Denn Träume seien Ereignisse aus dem tiefs- kramt in der ganzen Kiste unseres Gedächtnisses und
ten Inneren; persönlicher gehe es kaum. »Sie zu erzäh- fügt die Funde zu gleichermaßen abstrusen wie meta-
len, schafft Empathie bei den Zuhörern.« phorischen Filmen zusammen. Mark Blagrove stimmt
In einer noch nicht veröffentlichten Studie wollte das dieser Ansicht inzwischen zu, nachdem er jahrelang
Team um Blagrove von 160 Versuchspersonen wissen, skeptisch auf die Bedeutung von Träumen geblickt hat.
wie oft sie die Träume anderer Menschen erfahren. Je Manchmal führen Träume sogar zu neuen Einsich-
häufiger das der Fall war, desto höher war auch ihre Fä- ten. Psychologen der University of Tasmania zeigten
higkeit, sich in andere einzufühlen. Doch der Psycholo- manchen Probanden ein Video der Terroranschläge am

Warum träumen wir? Zwei gängige Theorien


Im Schlaf laufen wichtige neurobiologische Prozesse entwickeltes mentales Trainingsprogramm. Ihm
für das Gedächtnis ab, durch die zum Beispiel neu zufolge bereiten wir uns darin auf potenziell gefährli-
gelernte Informationen gespeichert und mit vorheri- che Situationen und Herausforderungen vor. Wir üben
gem Wissen verknüpft werden. Wissenschaftler sind im Schlaf also, vor Feinden wegzurennen, uns zu
sich jedoch uneins, ob Träume für diese so genannte verteidigen oder mit peinlichen Situationen oder
Konsolidierung von Gedächtnisinhalten notwendig sozialer Ablehnung umzugehen. Denn der Ausschluss
sind oder nur als Nebenprodukt entstehen, wenn aus der Gruppe bedeutete für unsere Vorfahren den
unser Gedächtnis die Eindrücke des Tages Revue sicheren Tod. Für Revonsuos Ansicht spricht, dass
passieren lässt. Laut Allan Hobson von der Harvard zwei Drittel aller Träume von jungen Erwachsenen
University entstehen Träume lediglich dadurch, dass bedrohliche Elemente enthalten und in ihnen doppelt
das Gehirn versucht, die vom Hirnstamm generierten so viele negative wie positive Emotionen vorkommen.
zusammenhanglosen nächtlichen Erregungen zu Möglicherweise helfen sie uns daher dabei, Herausfor-
interpretieren. derungen zu meistern, besser mit überschießenden
Der finnische Neurowissenschaftler Antti Revonsuo Gefühlen umzugehen und die Intensität von Erinne-
hält Träume hingegen für ein im Lauf der Evolution rungen abzumildern.

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TITELTHEMA / TR ÄUME

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Der diesem Bild zu Grunde liegende Traum spielte in einem Virtual-Reality-Labor. Die
Hauptperson flog in der virtuellen Realität über das Gebäude und über die Küste und Klippen
in der Nähe. Zwei Forscher am Boden nannten als Ziel, das Projekt solle Freude bereiten.

11. September 2001, anderen einen Mitschnitt einer Vor- diese Denkanstöße können für das persönliche Wachs-
lesung. Wer das Anschlagsvideo gesehen hatte, träumte tum extrem nützlich sein.«
nicht nur öfter davon, sondern entwickelte auch weit- »Träumen ist gesund«, bringt sein Kollege Rubin
reichendere Einsichten dazu. Blagrove hat das Phäno- Naiman seine Sicht der Dinge auf den Punkt. Sowohl
men selbst schon erlebt: »Wir hatten es eilig, weil wir für die Psyche als auch den Körper. Der US-amerikani-
ein Harry-Potter-Stück im Theater nicht verpassen sche Psychologe erkennt eine »stille Epidemie«. Weil
wollten.« Aber die Kinder trödelten. Daraufhin wurde viele Menschen zu wenig schlafen, verbringen sie zu
der Forscher »ein wenig wütend«, wie er sagt, und las wenig Zeit in der REM-Phase. Aber gerade in den etwa
seinem Nachwuchs die Leviten. In der folgenden Nacht zwei Stunden REM-Schlaf laufen nach allem Wissen die
träumte er: »Ich habe etwas getwittert, und der Tweet wirklich spannenden Vorstellungen im nächtlichen
endete mit Worten in Großbuchstaben. Ich habe also Kino. Vor allem am Morgen, weil die REM-Schlaf-Pha-
gebrüllt.« Woraufhin ihm im Traum jemand zurücktwit- sen sich zu dieser Tageszeit häufen.
terte: Verwende keine großen Buchstaben in Tweets. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinsti-
»Ich weiß ganz genau, dass ich meine Kinder in sol- tuts Yougov von 2016 schlafen nur 24 Prozent der Deut-
chen Situationen nicht anblaffen sollte, aber erst der schen unter der Woche so lang, bis sie von selbst aufwa-
Traum hat mir zu wahrer Einsicht verholfen«, erzählt chen. Alle anderen werden wider Willen aus dem Schlaf
der Psychologe. Seitdem reagiere er wesentlich ruhiger. und wohl meist auch aus der Träumerei gerissen. Ein
Träume sagen einem »nur selten etwas bahnbrechend weiterer REM-Schlaf-Killer ist Alkohol. »Bier, Wein
Neues, doch sie ermöglichen einem, Dinge aus einem und sonstige Spirituosen hemmen diese Schlafphase
anderen Blickwinkel zu betrachten«, meint er. »Und ganz spezifisch«, erklärt Naiman. Zumal man in der

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TITELTHEMA / TR ÄUME

Mehr als 83 % an Mensch und Tier. Ausreichend REM-Schlaf könnte


die Widerstandsfähigkeit von Menschen stärken. So
der Träume hängen deuten Studien darauf hin, dass er vor Posttraumati-
schen Belastungsstörungen schützen kann. Neurowis-
mit persönlichen Erfahrungen senschaftler der Rutgers University erfassten zum Bei-
zusammen. spiel eine Woche lang den Schlaf von 17 Probanden, die
zu Hause nächtigten. Danach wurden die Teilnehmer

40 % konditioniert: Sie betrachteten Fotos von Zimmern, die


in unterschiedlichen Farben beleuchtet waren. Bei eini-
dieser autobiografischen gen Varianten erhielten sie einen leichten Elektroschock.
So lernten sie, bestimmte Räume zu fürchten. Proban-
Erlebnisse ereigneten sich am den mit längerem und besserem REM-Schlaf entwickel-
Tag zuvor, ten beim Anblick »gefährlicher« Zimmer jedoch weni-
ger Angst. Zudem zeigen Menschen, die nach einem
26 % schrecklichen Erlebnis keine Posttraumatische Belas-
tungsstörung entwickeln, mehr Thetawellen in vorde-
vor maximal vier Wochen, ren Hirnregionen während des REM-Schlafs als jene
mit der psychischen Erkrankung. Womöglich weist die
16 % Hirnaktivität auf eine günstige emotionale Verarbei-
tung von traumatischen Gedächtnisinhalten hin.
vor höchstens einem Jahr und
18 % Wer teilt, gewinnt
Andere Studien brachten einen mangelnden oder
vor mehr als einem Jahr. schlechten REM-Schlaf mit erhöhter Schmerzempfind-
lichkeit, einer Schwächung des Immunsystems, der An-
fälligkeit für Entzündungen, mit Gedächtnisproblemen
Auch aktuelle Sorgen werden in und Depressionen in Verbindung. Allerdings steht der

23 % Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs noch


aus. Doch Naiman und seinen Mitstreitern geht es um
der Träume aufgegriffen mehr: Sie werben darum, den naturwissenschaftlichen
Ansatz der Erforschung des REM-Schlafs mit psycholo-
gischen Untersuchungen zu Träumen und ihrer Bedeu-
Nacht dadurch öfter als üblich aufwacht. Außerdem tung zu verbinden. Damit möchten sie dem Traum sei-
gibt es Hinweise darauf, dass Marihuana den REM- nen Wert zurückgeben, den er in weiten Teilen der
Schlaf ebenfalls stört. Dazu kommen Schlafstörungen westlichen Gesellschaft verloren hat.
wie das Schlafapnoe-Syndrom, bei dem es zu gefähr- »Wir würden gut daran tun, den Traum wieder ins
lichen nächtlichen Atemaussetzern kommt, die den Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückzubringen«, sagt
REM-Schlaf genauso beeinträchtigen. Kurzum: Es der Psychologe, »denn Träumen gehört zu unserer men-
spricht einiges dafür, dass weite Teile der Bevölkerung talen Grundausstattung.« Entsprechend organisiert er
ein REM-Schlaf-Defizit haben. in den USA Traum-Zirkel, in denen sich Menschen in
Ob die Gesundheit darunter leidet, weiß bis dato nie- Kirchen, Vereinen, Gemeindezentren oder Hotels tref-
mand. Angesichts der sich abzeichnenden Funktionen fen und ihre Träume diskutieren. Naiman empfiehlt das
von Träumen »erscheint das wahrscheinlich«, meint auch in Deutschland: »Diese Zirkel sind wunderbar:
Naiman und belegt das mit diversen Untersuchungen Man kann sehen, wie die Leute innerlich wachsen.« H

QUELLEN

Bulkeley, K.: The meaningful continuities between dreaming and waking:


results of a blind analysis of a woman’s 30-year dream journal. Dreaming 28, 2018
Eichenlaub, J.-B. et al.: Incorporation of recent waking-life experiences in dreams correlates with frontal
theta activity in REM sleep. Social Cognitive and Affective Neuroscience 13, 2018
Naiman, R.: Dreamless: the silent epidemic of REM sleep loss. Annals of the New York Academy of Sciences 1406, 2017
Vallat, R. et al.: Characteristics of the memory sources of dreams: a new version of the content-matching paradigm
to take mundane and remote memories into account. PloS One 12, 2017
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637182

GEHIRN&GEIST 20 0 6 _ 2 0 1 9
LESERBRIEFE

SCHREIBEN
Mehr als drei belegte Leserbriefe
SIE UNS!

Therapieverfahren
sind willkommen! Schicken Sie uns Ihren
In unserem Dossier »Psychotherapie« berichtete Kommentar unter der Angabe, auf welches
Corinna Hartmann, welche Ausbildungswege Heft und welchen Artikel Sie sich beziehen,
in den Psychotherapeutenberuf führen (»Wie wird einfach per E-Mail an: gug-leserbriefe@spektrum.de
man Psychotherapeut?«, »Gehirn&Geist«-Dossier Oder kommentieren Sie im Internet auf spektrum.de
4/2018, S. 14). direkt unter dem zugehörigen Artikel. Die individuelle
Webadresse finden Sie im Heft jeweils auf der letzten
Alexandra Elflein, Karlsruhe: Die Aussage »Nur drei Artikelseite abgedruckt. Kürzungen innerhalb der
Leserbriefe werden nicht kenntlich gemacht. Leserbriefe
Verfahren – die analytische Psychotherapie, die
werden in unserer gedruckten und digitalen Heftausgabe
tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die veröffentlicht und können so möglicherweise auch
Verhaltenstherapie – gelten derzeit als ausreichend anderweitig im Internet auffindbar werden.
wissenschaftlich belegt und werden als Richtlinien- Folgen Sie uns auch auf Facebook und Twitter und
verfahren von den gesetzlichen Krankenkassen diskutieren Sie mit:
erstattet« ist so natürlich falsch. Es sind zwei getrenn- facebook.com/gehirnundgeist
te Themen, ob ein Therapieverfahren vom Wissen-
twitter.com/gundg
schaftlichen Beirat Psychotherapie anerkannt ist und/
oder von den gesetzlichen Krankenkassen in
Deutschland bezahlt wird. Die systemische Familien-
therapie ist beispielsweise schon seit 2008 wissen- Jann Schlimme, Berlin: Vielen Dank für den Artikel.
schaftlich anerkannt, das heißt, ihre Wirkung ist Es ist gut und wichtig, dass Sie auf diese Schwierig-
durch Studien belegt, aber bezahlt wird sie von den keiten aufmerksam machen! Ich biete seit vielen
Krankenkassen immer noch nicht. Jahren eine begleitete Reduktion von Psychopharma-
ka in meiner kassenärztlichen Praxis in Berlin an. Ich
Antwort der Redaktion: Die Aussage bezog sich auf kenne die beschriebenen Phänomene der Reduktions-
den Gemeinsamen Bundesausschuss, der bisher nur und Absetzprobleme bei Antidepressiva von vielen
diese psychotherapeutischen Verfahren als wirksam meiner Patientinnen und Patienten. Viele Menschen
anerkannt hat, und nicht auf die Einschätzung des kommen extra zu mir, um sich bei der Reduktion
Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie. Leider ist beraten zu lassen.
die Stelle aber tatsächlich etwas unklar formuliert. Ich vermisse allerdings einen wichtigen Punkt im
Artikel: Hier in Deutschland haben wir die Möglich-
keit, über entsprechende Rezepte individuell für den
Individuelle Kapseln für den Patienten Patienten Kapseln mit genau dosierten Wirkstoffmen-
Selbst wenn Antidepressiva ausgeschlichen gen durch die Apotheken anfertigen zu lassen. Die
werden, kann es zu Absetzsymptomen kommen, gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in Deutsch-
schrieb Janosch Deeg (»Die dunkle Seite land die Kosten dafür. Auf diese Weise gelingt es fast
der Stimmungsaufheller«, Heft 4/2019, S. 64). immer, die Antidepressiva individuell langsam genug
auszuschleichen.
Das Vorgehen entspricht also im Prinzip dem, was
Zuletzt erschienen: im Artikel mit den Tapering Strips dargestellt
wird – nur individueller abgestimmt zwischen dem
Betreffenden und seinem Arzt. Der behandelnde Arzt
muss nur das Rezept entsprechend ausstellen. Leider
ist diese so einfache Möglichkeit viel zu wenig
bekannt.

Erratum
Im Artikel »Gemachte Welt« (Heft 2/2019, S. 26) der
Philosophin und Journalistin Luisa Maria Schulz
Gehirn&Geist 03/2019 Gehirn&Geist 04/2019 Gehirn&Geist 05/2019 haben wir ein Grundprinzip des Konstruktivismus
fälschlicherweise als Autopoesie bezeichnet. Es muss
Nachbestellungen unter: gehirn-und-geist.de/archiv natürlich Autopoiese heißen. Wir bitten den Fehler
oder telefonisch: 06221 9126-743 zu entschuldigen.

GEHIRN&GEIST 21 0 6 _ 2 0 1 9
UNSPLASH / CLOUDYPIXEL (UNSPLASH.COM/PHOTOS/_TNKR2GU3KW)

U N S E R AU TO R

Christian Wolf ist promovierter Philosoph und


Wissenschaftsjournalist in Berlin.

GEHIRN&GEIST 22 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE

AUGENBEWEGUNGEN Lügt die mich gerade an?


Welche Absichten verfolgt der da – was ist das für ein Typ?
Die Antworten versuchen Psychologen inzwischen auch
an den Blicken ihrer Probanden abzulesen.

Was Blicke
UNSPLASH / CLOUDYPIXEL (UNSPLASH.COM/PHOTOS/_TNKR2GU3KW)

verraten VON CHRISTIAN WOLF

GEHIRN&GEIST 23 0 6 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Mehr als 1000 Worte

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Die Augen gelten als Schlüssel Eye-Tracking-Untersuchungen Sogar die Persönlichkeit lässt
zur Seele eines Menschen. Und weisen zudem darauf hin, dass sich anhand von Blickbewe-
tatsächlich erweisen sie sich in wir unsere Aufmerksamkeit gungen abschätzen. Mit Hilfe
mancher Hinsicht als verräterisch. bei potenziellen Partnern auf einer Software ließen sich vor
Beim Lügen etwa sind sie relativ andere Körperteile richten als bei Kurzem auf diese Weise vier der
unbeweglich. Menschen, die wir als mögliche fünf zentralen Eigenschaften einer
Freunde erachten. Person vorhersagen.

D
ie Augen sind die Fenster zur Seele«, Atmung verlangsamt, aktiviert das sympathische Ner-
heißt es oft. Oder: »Ich kann es in dei- vensystem den Organismus und erhöht Aufmerksam-
nen Augen sehen.« Menschen sind vi- keit und Anspannung. In diesem Zusammenhang kann
suell orientierte Wesen, die sich mehr Letzteres die Pupillen erweitern. Und bekanntlich sind
auf das Sehen als auf andere Sinne Menschen, die gerade flunkern, stärker angespannt.
verlassen. Und um das Verhalten an- Schließlich müssen sie ja fürchten, dass ihr Schwindel
derer zu interpretieren, schauen wir ihnen gern in die auffliegt.
Augen. Dort glauben wir beispielsweise Begierde zu er- Ein Thema, bei dem uns die Wahrheit meist beson-
kennen, Zorn oder Freude. Nicht nur ein Bild, auch ein ders interessiert, ist die Liebe. Will jemand nur unver-
Blick sagt manchmal mehr als 1000 Worte. bindlichen Sex, oder hat er sich verliebt? Soulsängerin
Zumal Worte trügerisch sein können. Die Augen Betty Everett sang einst »If you want to know if he loves
hingegen scheinen nicht zu lügen. Forscher haben eini- you so, it’s in his kiss«. Doch auch die Augen scheinen
ge Merkmale gefunden, die typischerweise auftreten, viel zu verraten. Wohin Ihr Date blickt, kann darauf
wenn jemand flunkert. Im Allgemeinen gehen wir da- hinweisen, ob die Zeichen eher auf Lust oder Liebe
von aus, dass Menschen, die gerade nicht ehrlich sind, stehen. Das berichteten die Psychologin Stephanie Ca-
uns aus Scham, Schuld oder Angst nicht in die Augen cioppo von der University of Chicago und ihre Kollegen
schauen können. Jeffrey Walczyk, Psychologe an der 2014. Zunächst zeigten sie den Versuchsteilnehmern
Louisiana Tech University in Ruston, glaubt dagegen: auf einem Computerbildschirm heterosexuelle Pärchen,
Wenn Menschen lügen, bleiben ihre Augen relativ un- die einander anschauten oder miteinander interagier-
beweglich. Er erklärt das mit dem kognitiven Aufwand – ten. Anschließend präsentierten sie ihnen Fotos von
Lügen ist gedanklich herausfordernder, als die Wahrheit attraktiven Personen des jeweils anderen Geschlechts.
zu sagen. Denn um überzeugend zu sein, muss man In beiden Fällen sollten die Probanden so schnell wie
eine Geschichte erfinden, die zu dem passt, was das möglich angeben, welche Gefühle die Bilder in ihnen
Gegenüber weiß, ohne sich dabei zu widersprechen. Je auslösten. Männer wie Frauen neigten öfter und länger
stärker die Augenbewegungen, desto mehr visuellen dazu, auf das Gesicht zu schauen, wenn die Bilder ro-
Input erhält eine Person allerdings – und das kann ab- mantische Regungen hervorriefen. Lösten sie jedoch
lenken. Flunkert man gerade, macht es also Sinn, den sexuelles Interesse aus, richtete sich der Blick vermehrt
Blick zu fixieren, um sich ganz auf sein inneres Lügen- auf den Rest des Körpers.
gebäude zu konzentrieren.
Seine Hypothese testeten Walczyk und sein Team Was hat der andere im Sinn?
in einer 2012 veröffentlichten Studie. Dafür zeigten sie Entsprechend unterscheiden sich Blicke je nachdem,
Studierenden Videos von echten Verbrechen. Anschlie- ob jemand eine Freundschaft oder eine Liebesbezie-
ßend wurden die Probanden als Augenzeugen befragt. hung im Sinn hat. Das offenbarte eine 2017 veröffent-
Ein Teil von ihnen erhielt dabei die Anweisung, aufrich- lichte Studie von Psychologen um Omri Gillath von
tig zu antworten; die anderen sollten lügen. Wer falsche der University of Kansas in Lawrence. Zwar blickten he-
Hinweise streuen musste, war nicht nur langsamer mit terosexuelle Männer bei Bildern von Frauen generell
seinen Antworten. Er zeigte auch wie erwartet weniger mehr auf die Brust, Taille und Hüfte, während hetero-
Augenbewegungen. sexuelle Frauen ihre Aufmerksamkeit im Allgemeinen
Die Augen erweisen sich aber auch noch in anderer häufiger auf die Brust und das Gesicht der Männer rich-
Hinsicht als verräterisch. So sind die Pupillen verschie- teten. Doch beide Geschlechter sahen Menschen, die
denen Untersuchungen zufolge beim Lügen stärker ge- sie als mögliche Partner erwogen, tendenziell länger ins
weitet. Hier kommt das autonome Nervensystem ins Gesicht und auf die Brust; potenziellen neuen Freunden
Spiel, das aus zwei Gegenspielern besteht: Während der dagegen eher auf die Beine oder Füße (siehe »Wohin
parasympathische Teil entspannt und Herzschlag sowie schauen Frauen, wohin Männer?«, rechts). Die Wissen-

GEHIRN&GEIST 24 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / BLICKE

Wohin schauen Frauen, wohin Männer?


Beide Geschlechter blicken einer Studie zufolge potenziellen Partnern besonders lang ins Gesicht
und auf die Brust, möglichen neuen Freunden hingegen eher auf die Beine und Füße. Männer
(oben) richten ihre Aufmerksamkeit dabei allgemein häufiger auf die Brust, Taille und Hüfte des
Gegenübers, Frauen (unten) auf die Brust und das Gesicht. Dabei betrachten Singles vor allem
Bilder von potenziellen künftigen Partnern genauer als Menschen, die in einer Beziehung leben.
Archives of Sexual Behavior 46, 10.1007/s10508-017-1022-5, 2017

Männer
mittlere
Fixationsdauer
auf die Körperregion
in Sekunden
1,0

0,8
GILLATH, O. ET AL.: EYE MOVEMENTS WHEN LOOKING AT POTENTIAL FRIENDS AND ROMANTIC PARTNERS. ARCHIVES OF SEXUAL BEHAVIOR 46, 2017, FIG. 3; ABDRUCK GENEHMIGT VON SPRINGER / CCC

0,5

0,2

0,0
potenzielle platonische Freundin potenzielle Partnerin
Frauen

potenzieller platonischer Freund potenzieller Partner

GEHIRN&GEIST 25 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / BLICKE

Die Augen ungeduldiger Maß an Geduld, das ein Teilnehmer aufbrachte. Wessen
Augen schneller hin und her flitzten, schien auch unge-
Menschen bewegen duldiger zu sein. Er war weniger bereit, nach einem feh-
sich häufig schneller lerhaften Durchgang länger zu warten, um beim nächs-
ten Mal alles richtig zu machen.
Wenn Psychologen die Persönlichkeit eines Men-
schen dingfest machen möchten, ist das eine ziemlich
schaftler vermuten, dass der Kopf dem Betrachter Auf- mathematische Angelegenheit. Sie vermessen sie meist
schlüsse darüber gibt, ob der andere über gute Gene ver- anhand von fünf Eigenschaften, den so genannten »Big
fügt. Schließlich gehen Evolutionspsychologen davon Five«: Extraversion, Verträglichkeit, Offenheit für neue
aus, dass Menschen sich auf Gesichtsmerkmale wie Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus
Symmetrie verlassen, um das genetische Potenzial von (emotionale Labilität). Die individuelle Ausprägung auf
möglichen Geschlechtspartnern abzuschätzen. diesen Skalen beschreibt, wie wir sind.
Blicke gewähren sogar Einblicke in die Persönlich- Der Psychologe John Rauthmann, heute an der Uni-
keit von Menschen. Denn wir sind ja bekanntlich ganz versität zu Lübeck, und seine Kollegen wollten in Erfah-
unterschiedlich gestrickt. Für die einen ist das Glas eher rung bringen, ob die Augen wirklich das Fenster zur
halb voll, für die anderen halb leer. Die einen sind die Seele sind und etwas über die Charaktereigenschaften
Ruhe in Person, die anderen getrieben. Ein Team um von Menschen preisgeben. Dafür präsentierten sie Pro-
Reza Shadmehr von der Johns Hopkins University banden abstrakte geometrische Animationen. »Die Idee
School of Medicine in Baltimore wollte verstehen, war- dahinter war, sich einmal ganz basale Kennwerte anzu-
um manche Personen bereit sind zu warten  – etwa schauen«, erklärt Rauthmann. Das Ergebnis: »Wir ha-
wenn sie beim Bäcker eine lange Schlange vor sich ha- ben mehr Aktivität in den Blickbewegungen bei extra-
ben  –, während andere ungeduldig weggehen. Unter- vertierten Menschen gefunden«, erzählt er. »Das passt
scheiden sich diese Menschen auch in anderen Merk- gut dazu, dass extravertierte Menschen lebendiger und
malen, etwa wie schnell sie sprechen oder gehen und wie aktiver sind – auch was ihre Motorik angeht.«
sehr sie Zeit wertschätzen? Die Neurowissenschaftler
knöpften sich als Gegenstand ihrer Untersuchung die Vorhersage von Persönlichkeitseigenschaften
wahrscheinlich schnellsten Bewegungen unseres Kör- Versuchspersonen mit hohen Werten in Neurotizismus
pers vor: Sakkaden. Das sind blitzschnelle Blicksprünge ließen ihren Blick dagegen länger auf bestimmten As-
unserer Augen zwischen verschiedenen Fixationspunk- pekten der Objekte verweilen. Das scheint ebenfalls
ten. Sie spielen sich im Bereich von Millisekunden ab. treffend. Denn Menschen mit dieser Persönlichkeitsei-
Für ihre Studie sollten Freiwillige ihren Blick auf genschaft grübeln mehr und neigen zu Ängsten und
Punkte richten, die entweder links oder rechts auf einem Nervosität. Ihre Veranlagung könnte dazu führen, dass
Monitor auftauchten. Eine Kamera registrierte während- sie Gesehenes länger verarbeiten, um festzustellen, ob
dessen die Okulomotorik. Die Augen der Probanden sie gerade etwas Negatives wahrnehmen.
flitzten ganz unterschiedlich schnell hin und her. Jeder Neben Extraversion und Neurotizismus konnten die
zeigte dabei ein für ihn typisches Muster, selbst wenn er Wissenschaftler allerdings nur noch bei Offenheit für
mehrmals zu unterschiedlichen Zeiten und an unter- neue Erfahrungen einen Zusammenhang mit den Au-
schiedlichen Tagen getestet wurde. Doch hängt die genbewegungen feststellen, aber nicht bei den anderen
Schnelligkeit der Augenbewegungen damit zusammen, zwei »Big Five«. Der Lübecker Psychologe dämpft die
wie geduldig oder impulsiv die Probanden waren? Erwartungen: »Bei der Frage, was Blickbewegungen
Um diese Frage zu beantworten, mussten die Ver- über die Persönlichkeit aussagen, stehen wir in der For-
suchspersonen ihre Aufmerksamkeit wieder auf die schung insgesamt noch ziemlich am Anfang.«
Mitte des Bildschirms richten. Je nachdem, welche Zumal solche Laborstudien relativ weit weg vom All-
Form der Fixationspunkt dort einnahm, sollten sie ent- tag vieler Menschen sind. »Man müsste Probanden mit
weder nach links oder rechts schauen. Reagierten sie portablen Geräten in reale Situationen bringen«, findet
falsch, erklang ein Ton. Nach einer Weile erhielten sie Rauthmann daher. Aber das bringe nicht nur viele Stör-
einen Hinweis: Jeder, der der Instruktion auf dem Bild- variablen mit sich, sondern auch eine Masse an Daten,
schirm sofort Folge leistete, würde in einem Viertel der die sich ohne Algorithmen kaum bewältigen ließe.
Fälle falschliegen. Denn immer wieder erklang nach ei- Wissenschaftler um Andreas Bulling vom Max-
ner kurzen Verzögerung ein weiterer Ton. Dann sollten Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken haben
sie ihren Blick auf der Mitte ruhen lassen. Wer würde diesen Schritt 2018 dennoch getan. Auch ihrer Meinung
die nötige Geduld an den Tag legen, um erfolgreicher nach sind die bisherigen Experimente zu weit weg vom
abzuschneiden – und wer nicht? realen Leben: Schließlich macht es Untersuchungen zu-
Tatsächlich offenbarte sich ein Zusammenhang zwi- folge einen großen Unterschied, ob Menschen auf eine
schen der Schnelligkeit der Augenbewegungen und dem natürliche Szenerie blicken oder auf einen Monitor. Sie

GEHIRN&GEIST 26 0 6 _ 2 0 1 9
Petra Salfer
Heilpraktikerin für
Psychotherapie
setzten 42 Studierenden daher tragbare Eye-Tracking- Praxis in Mühldorf am Inn
Geräte auf, mit denen diese zehn Minuten lang auf dem
Campusgelände umherstreiften und etwas in einem La- www.petra-salfer.de
den kauften. Das Gerät registrierte währenddessen die
Augenbewegungen der Probanden, wie oft sie blinzelten
und wie weit ihre Pupillen geöffnet waren. Nachdem
die Teilnehmer ins Labor zurückgekommen waren, füll-
ten sie Fragebogen zu ihrer Persönlichkeit aus.
Bulling und seine Kollegen nutzten einen selbstler-
nenden Algorithmus, der aus den Augenbewegungen
letztlich die Charaktereigenschaften vorhersagen sollte.
Ich bin
Die Wahrscheinlichkeit auf einen Zufallstreffer lag je-
weils bei 33 Prozent, da die einzelnen Persönlichkeits-
dimensionen entweder als niedrig, mittel oder hoch
eingestuft wurden. Insgesamt gelang es der Software,
Mitglied
anhand der Blickbewegungen vier der fünf »Big Five«
überzufällig gut vorherzusagen. Bei der Extraversion
erreichte sie immerhin eine Trefferquote von 48 Pro-
zent. Lediglich bei Offenheit für neue Erfahrungen lag
der Wert unter dem Zufallsniveau.
im VFP weil
Allerdings können die Forscher nicht sagen, welche
Blickbewegungen für die einzelnen Charakterzüge spre-
chen. »Es ist leider nicht so, dass sich das so einfach an
einzelnen Blickbewegungen festmachen lässt«, sagt An-
... ich die interessanten
dreas Bulling. Die Vorhersage beruhe immer auf einer Newsletter des Verbandes
Gruppe von Merkmalen.
Überhaupt steht die Forschung auch hier noch am
Anfang. Das Team um Bulling räumt ein, dass sein Al-
schätze
gorithmus außerhalb des Labors noch nicht praktisch
einsetzbar ist. Menschliches Verhalten ist extrem kom-
plex. Sicherlich hat die Persönlichkeit gewisse Auswir- ... ich das Mitgliedermagazin
kungen auf das Blickverhalten. Doch es spielen vermut-
lich auch andere Bedingungen eine Rolle, die mit der „Freie Psychotherapie” mit
jeweiligen Situation zu tun haben  – etwa in welcher
Stimmung oder wie ausgeruht man gerade ist. H Genuss lese

... ich mich in meiner Arbeit


QUELLEN gestärkt und unterstützt
Gillath, O. et al.: Eye movements when looking
at potential friends and romantic partners. fühle
Archives of Sexual Behavior 46, 2017
Hoppe, S. et al.: Eye movements during everyday
behavior predict personality traits.
Frontiers in Human Neuroscience 12, 2018
Rauthmann, J. F. et al.: Eyes as windows to
Informationen über den VFP erhalten Sie hier:
the soul: gazing behavior is related to Verband Freier Psychotherapeuten,
personality. Journal of Research in Personality
46, 2012 Heilpraktiker für Psychotherapie
Walczyk, J. J. et al.: Lie detection by inducing cognitive
load: eye movements and other cues to the false und Psychologischer Berater e.V.
answers of »witnesses« to crimes. Criminal Justice and
Behavior 39, 2012
Lister Str. 7, 30163 Hannover
Weitere Quellen im Internet: Telefon 05 11 / 3 88 64 24
www.spektrum.de/artikel/1637184
www.vfp.de
info@vfp.de VFP
PSYCHOLO GIE

WAHRNEHMUNG Verwesungsgestank verbreitet die Pest, Körpergeruch


kennzeichnet die Arbeiterschicht, und Weihrauch bringt uns näher zu
Gott – wie Menschen Gerüche bewerten, verrät viel über ihre Epoche.

Eine kurze
Kulturgeschichte
des Riechens VON PETER ARNOLD HEUSER

S
elbst wenn nichts mehr bleibt von der Ver- dendokumente die Chance, in vergangene Epochen »hi-
gangenheit nach dem Tod derer, die wir neinzuschnuppern«.
kannten, und nach dem Verschwinden der Allerdings vermitteln solche Quellen nur eine Ah-
Dinge, die uns umgaben, so schweben doch nung davon, wie das Beschriebene auf unsere Nase wir-
Geruch und Geschmack so lebendig und so ken würde. Denn anders als bei Angaben zu Farbe oder
flüchtig, so unverwechselbar und treu wie Form gibt es bei Gerüchen nur sehr vage »Standards«,
Seelen noch lange durch das, woran wir uns erinnern.« und es ist unklar, ob diese über geografische Räume
Ein französisches Gebäck, an einem Wintertag in Lin- und Epochen konstant blieben. Was uns heutzutage
denblütentee getunkt, hatte in Marcel Proust Kindheits- stinkt, haben Angehörige einer früheren Kultur viel-
erinnerungen wachgerufen und bereicherte so 1913 sei- leicht kaum zur Kenntnis genommen oder sogar als
ne »Suche nach der verlorenen Zeit«. »Der Duft verbin- Wohlgeruch empfunden. Auch Archäologie und Natur-
det auf sehr sinnliche Art und Weise Vergangenes mit wissenschaft geben hier keine Gewissheit: Selbst wenn
dem Jetzt«, erklärt die französische Philosophin Annick Chemiker Rückstände in antiken Salbengefäßen analy-
Le Guérer. Der Geruchssinn ist ein Sinn der Erinnerung. sieren und den Inhalt rekonstruieren, wird er nur einen
Historikern bieten seine literarischen Erwähnungen Hauch jenes längst vergangenen Parfüms in unsere Ge-
ebenso wie damit befasste gelehrte Werke und Behör- genwart tragen.
Doch soll man das Kind nicht mit dem Bade aus-
schütten. Schriftquellen zum Thema bereichern den-
noch die Geschichtsforschung, denn Menschen verse-
hen Gerüche stets mit Bedeutung und Kontext. Dieser
U N S E R AU TO R Mechanismus ist ein Nebeneffekt unserer natürlichen
Peter Arnold Heuser ist Historiker und
Evolution: Ein Raubtier zu wittern, konnte Leben retten,
erforscht die Geschichte der Frühen und Sexuallockstoffe förderten die Arterhaltung. Der-
Neuzeit an der Rheinischen Friedrich- artige Wahrnehmungen sind unbewusst und teilweise
Wilhelms-Universität Bonn. biologisch vorgeprägt. Andere Deutungen lernen wir

GEHIRN&GEIST 28 0 6 _ 2 0 1 9
AKG IMAGES (PAUL FÜRST NACH J. COLUMBINA: KUPFERSTICH, 1656)

Die Ärzte des Mittelalters wussten noch nichts von Bakterien und ihren Übertragungswegen. Damals
hatte man ein anderes Modell für Ansteckung: Auslöser etwa der Pest sei demnach vor allem
Verwesungsgeruch. Schutz versprach man sich folglich von einer Maske voll wohlriechender Kräuter.

GEHIRN&GEIST 29 0 6 _ 2 0 1 9
durch Erfahrungen – wie etwa die Assoziation einer in
Tee getauchten Madeleine mit unbeschwerten Ferien
auf dem Land. Und wieder andere vermittelt die Kultur,
man denke nur an die Assoziation von Weihrauch mit
einer Aura des Religiösen. Alle drei Kategorien der
Wahrnehmung können bis in unser Sozialverhalten hi-
neinreichen: Wer jemanden »nicht riechen kann«, darf
sich in einer weit zurückreichenden Tradition sehen,
die sich beispielsweise im lateinischen Begriffspaar
»odor« und »odium« (Geruch und Ekel, Abneigung,

AKG IMAGES
Hass) widerspiegelt.
Nicht allein in der Antike galten Körpergerüche als
ein gesellschaftliches Unterscheidungsmerkmal. Dem-
nach rochen Wohlhabende besser als Arme, Stadtbe- Im 19. Jahrhundert grenzte sich die gut situierte
wohner besser als Bauern und umgekehrt Sklaven Bürgerschaft durch verstärkte Hygiene von der Arbei-
schlechter als Freie. Mitunter lag dem vermutlich ein terklasse ab: Körpergeruch galt als unschicklich.
wahrer Kern zu Grunde. So überließen gut situierte
Griechen und Römer schweißtreibende Arbeiten ihren
Sklaven und Lakaien, zudem konnten sie sich teure
Duftessenzen leisten. Gerade die angeblich verschiede-
nen Eigengerüche der Geschlechter zeigen aber deut-
lich, wie stark gesellschaftliche Hierarchien und Vorur-
teile diesen Sinn prägten. Der französische Historiker
Alain Corbin dokumentierte für die Metropole Paris im
19.  Jahrhundert die Abscheu sozial Höhergestellter ge-
genüber den »Gerüchen des Elends«, und auch heutzu-
tage sind soziale Gerüche weltweit ein Forschungsge-
biet der Kulturanthropologie.
In vergangenen Kulturen waren sie allerdings ein
weit wichtigeres Element des Alltags. So galten aromati-
sche Düfte von der Antike bis in die Neuzeit als wirksa-
mes Mittel gegen Krankheiten. Beispielsweise empfahl
der römische Arzt Caelius Aurelianus im 3. Jahrhundert
AKG IMAGES

eine Mischung aus Rosenöl, Essig und einem Drüsense-


kret des Bibers gegen Epilepsie. Beim Besuch von Pest-
kranken banden sich Ärzte im Spätmittelalter und in
der Frühneuzeit Päckchen mit wohlduftenden Essen- riierte der britische Naturforscher Stephen Hales (1677–
zen, Aromata, vor die Nase, um einer Ansteckung vor- 1761) diesen Gedanken dahingehend, dass Luft in Lebe-
zubeugen. Vom Bakterium Yersinia pestis und seiner wesen eindringe und über ihre Zusammensetzung de-
Übertragung durch den Rattenfloh wussten sie noch ren Gesundheit beeinflusse – bis hin zum Zerfall des
nichts. Körpers.
Der Arzt und Alchemist Johann Joachim Becher Eine geschichtliche Konstante der Geruchswahrneh-
(1635–1682) formulierte sogar eine umfassende Fäulnis- mung ist die spirituelle Deutung von Düften. Viele Reli-
theorie: Alles Übelriechende zeige Zersetzung an und gionen verbanden und verbinden Wohlgerüche mit ei-
führe seinerseits zu Krankheit und Tod. Bald darauf va- ner Sphäre des Göttlichen oder Heiligen. Insbesondere

Auf einen Blick: Was duftet, schadet nicht

1 2 3
Der Mensch versieht Gerüche Bereits seit der Antike galten Im 18. Jahrhundert warnten
von jeher mit Kontext und insbesondere Verwesungs- Chemiker vor »schädlicher
Bedeutung. Das macht die und Fäulnisgestank als Aus- Luftzusammensetzung«. Dem
Duftwahrnehmung zu einem löser von Krankheit; Aromen trugen Behörden und Stadtplaner,
spannenden Forschungsgebiet für wie das des Weihrauchs umgekehrt aber auch Parfümproduzenten
Historiker. als Heilsbringer. Rechnung.

GEHIRN&GEIST 30 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / WAHRNEHMUNG

das Harz des Weihrauchbaums erfreute sich bereits in Empfindungen hervorrufen, vom individuell verschie-
vielen alten Zivilisationen großer Wertschätzung. Es denen Erleben ganz abgesehen.
wurde im Kult verbrannt, so dass der Duft als Rauch – Karriere machte dieser sperrige Wahrnehmungska-
lateinisch »per fumum« – zu den Überirdischen aufstei- nal dennoch. Hygieneärzte wie der Pariser Jean-Noël
gen konnte, denen man umgekehrt durch das Einatmen Hallé (1754–1822) schätzten ihn als den »Sinn der Selbst-
näherkam. Christen assoziierten mit diesem Duft gar erhaltung« und betonten seine Wächterfunktion. Lange
das himmlische Paradies, das dem Gläubigen winke. bevor Louis Pasteur (1822–1895) Mikroben als Krank-
heitserreger identifizierte, galten verschmutztes Wasser
Heilige stinken nicht und gemäß den Theorien von Becher und Hales auch
»Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unver- die so genannten Miasmen – also giftige Ausdünstun-
weslich«, hatte der Apostel Paulus im 1. Brief an die Ko- gen etwa des Bodens – als Hauptursachen von Krank-
rinther über diesen Sehnsuchtsort geschrieben. Dem- heit. Unverkennbar durch deren üble Gerüche.
nach gehörte der Gestank nach Tod und Fäulnis zwangs- Die Vorstellung von den Miasmen, die antike Ideen
läufig zur Gegenwelt des Paradieses, zur Sphäre des fortführte, ließ Naturforscher ab dem 17. Jahrhundert
Unheilvollen und Dämonischen, kurz: zur Hölle. Wel- die stoffliche Zusammensetzung der Luft und ihrer Pro-
che Irritationen diese Zuschreibung auslösen konnte, zesse eingehender untersuchen. Schon Becher hatte
beschrieb der russische Schriftsteller Fjodor Dostojews- Verbrennungsvorgänge durch das Entweichen eines un-
ki (1821–1881) in seinem Roman »Die Brüder Karama- sichtbaren Stoffs, des Phlogistons, zu erklären versucht.
sow«. Als die Leiche eines als heilig geltenden Mönchs Selbst aus heutiger Sicht ist ein solches Postulat keines-
nicht wie von seinen Anhängern erwartet einen ätheri- wegs unwissenschaftlich zu nennen, denn Fortschritt
schen Duft verströmt, sondern schlicht zu stinken be- bedarf der Annahmen, die es zu verifizieren oder aber
ginnt, entsteht eine peinliche Situation. Annick Le Gué- zu falsifizieren gilt, um der Wahrheit näherzukommen.
rer zufolge wenden sich die Betenden dabei nicht nur So soll beispielsweise eine »dunkle Materie« Galaxien
von dem toten Körper, sondern sogar vom Heiligen durch ihre Gravitation zusammenhalten – nachweisen
selbst ab, da sein tatsächlicher Geruch so gar nicht zu ließ sie sich bislang allerdings nicht. Möglicherweise er-
dem erwarteten »Geruch der Heiligkeit« passen will. geht es dieser Theorie eines Tages so wie einst dem
Ungeachtet solcher medizinischen und religiösen Phlogiston: Der Franzose Antoine Laurent de Lavoisier
Zuschreibungen galt das Riechen den Philosophen der (1743–1794) erkannte, dass es des Stoffs gar nicht bedür-
europäischen Neuzeit meist wenig, da es sich mit niede- fe. Vielmehr gehe jede Verbrennung mit einer Sauer-
ren, tierischen Instinkten verbinde. Als sich Immanuel stoffaufnahme einher, weshalb der Naturforscher im
Kant (1724–1804) in seiner »Kritik der reinen Vernunft« Umkehrschluss jegliche Atmung als Verbrennungsvor-
mit der Wahrnehmung und den ästhetischen Urteilen gang deutete.
befasste, ignorierte er den Geruchssinn, den er in der
Hierarchie der Sinne weit unten einstufte. Von ihm ver-
sprach er sich keinerlei rationalen Erkenntnisgewinn. Um potenzielle Dissidenten besser verfolgen zu können,
Für Alexander von Humboldt (1769–1859) war der bunkerte der Staatssicherheitsdienst der DDR solche
Geruchssinn sogar Träger von Begierde und Triebhaf- Geruchsproben in Einweckgläsern.
tigkeit. Sigmund Freud (1856–1939) sah dies ähnlich
und hielt den Umstand, dass wir Menschen Gerüche
meist weit schlechter wahrnehmen als Tiere, für eine
zwingende Folge der soziokulturellen Entwicklung. Es
gab aber auch Gegenstimmen: Der Aufklärer Jean-
Jacques Rousseau (1712–1778) sprach vom »Sinn der
Vorstellungskraft und der Wollust«. Im 19. Jahrhundert
wurde das Riechen dann zu einem Sinn der Intimität er-
hoben.
Zahlreiche Naturforscher gingen ihm auf den Grund.
So entwarf der schwedische Forscher Carl von Linné
(1707–1778) für die Klassifizierung von Pflanzen auch
eine Systematik der Gerüche und beschrieb sie mit Be-
griffen wie balsamisch, gewürzhaft, betäubend oder
ekelhaft. Alle derartigen Versuche spiegeln das Welt-
und Wissenschaftsverständnis ihrer Schöpfer. Bis heute
ist es nicht gelungen, solche Bewertungen zu verall-
gemeinern. Schließlich kann ein und derselbe Stoff in
verschiedenen Konzentrationen ganz unterschiedliche APPALOOSA (COMMONS.WIKIMEDIA.ORG/WIKI/FILE:GDR_STASI_DUFTPROBEN.JPG) / CC BY-SA 3.0
(CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE) (AUSSCHNITT)

GEHIRN&GEIST 31 0 6 _ 2 0 1 9
Der niederländische Botaniker Jan Ingenhousz
(1730–1799) entdeckte 1779 die Fotosynthese der Pflan-
zen und ihre Bedeutung für den Gasaustausch in der
Atmosphäre. Die Luft, so erkannte man damals, war ein
Gemisch aus Gasen, von denen nur manche riechbar
waren. Somit wertete die »pneumatische Chemie« den
Geruchssinn auf, da er den zu jener Zeit verfügbaren
Apparaten zur Luftanalyse weit überlegen war.
Die Miasmentheorie sowie die pneumatische Che-
mie ließen die durch Industrialisierung und Urbanisie-
rung schnell wachsenden europäischen Metropolen in

RICHLEGG / GETTY IMAGES / ISTOCK


einem beunruhigenden Licht erscheinen. Die immer
dichtere Bebauung beeinträchtigte den Luftaustausch,
wodurch sich Miasmen aufzustauen drohten. Es galt
folglich, den urbanen Raum zu »desodorieren«.
In Paris etwa veranlassten wissenschaftliche Gesell-
schaften wie die Société royale de médecine sowie die
Académie royale des sciences in den 1780er Jahren Ge-
ruchsmessungen in mutmaßlich gefährdeten Bereichen. Auf tierische Nasen ist Verlass: Auch im Hightech-
Dabei kamen nicht technische Apparate, sondern ge- Zeitalter ist die Hilfe von Spürhunden etwa bei der
schulte Nasen zum Einsatz, etwa die des erwähnten Terrorabwehr unerlässlich.
Hallé, quasi ein menschlicher Detektor. Spezialbehör-
den wurden gegründet, 1794 ein Lehrstuhl für öffent-
liche Hygiene eingerichtet, auf den zunächst Hallé be- begann man, Flüsse durch gemauerte Quais zu kanali-
rufen wurde. Im 19. Jahrhundert bildeten Ingenieure, sieren und Sümpfe im Umland trockenzulegen. Zudem
Chemiker und Ärzte in allen französischen Großstäd- wurde alles Tote aus dem urbanen Raum verbannt: Be-
ten Gesundheitsräte, die sich vor allem der Sanierung stattungen im Kirchenraum hat man verboten, die
und Desinfektion von Senkgruben privater und öffent- Friedhöfe an den Stadtrand verlagert. Dort war auch der
licher Gebäude widmeten. Platz für Abdeckereien, Schlachthöfe und andere
Geruchsmindernde oder -neutralisierende Mittel geruchsintensive Gewerbe.
wurden entwickelt, überdies Ventilatoren bei der Kloa- Die Ansammlung vieler Menschen und Tiere auf en-
kenentleerung und zur Gebäudebelüftung eingesetzt. gem Raum verderbe allerdings wegen der »sozialen
Parallel organisierten die Behörden eine Müllabfuhr, Ausdünstungen« ohnehin die Luft. Dem versuchten die
die Fäkalien in Sammelbecken oder Gruben außerhalb Stadtplaner und Architekten Rechnung zu tragen; die
der Städte brachte. In dieser Zeit entstanden außerdem Umgestaltung von Paris durch Baron Haussmann etwa
eine erste regelmäßige Straßenreinigung und die verband die Gedanken der Zirkulation, Ventilation und
Schwemmkanalisation. Hygiene mit Anforderungen, welche die obrigkeitliche
Dadurch wurde letztlich auch der Ausscheidungs- Kontrolle einer Metropole stellte, etwa der Sicherung
prozess individualisiert. Statt öffentlicher Latrinen kam
der Stadt im Fall von Aufständen. Infolgedessen wur-
1775 in London das »water closet« (WC) auf, dessen den Schiffe sowie öffentliche Bauten wie Kasernen,
Rohrleitungen Gestank abschotteten. In Paris verhin- Krankenhäuser und Gefängnisse zu Experimentierfel-
derten Utilitaristen eine rasche Verbreitung dieser Hy-dern der Luftreinigung.
gienemaßnahme. Diese Bewegung strebte nach einer Der britische Kapitän und Entdecker James Cook
Maximierung des Allgemeinwohls – und verlangte (1728–1779) etwa machte sein Schiff »Endeavour« zu ei-
dazu, mit den Fäkalien die Felder zu düngen, statt sie ner – wie Alain Corbin es formuliert hat – »hygieni-
fortzuschwemmen. schen Hochburg im Kleinformat« und wachte ununter-
brochen über die Sauberkeit an Bord. Hängematten
Hygiene als kommunale Aufgabe und Bündel der Besatzung mussten regelmäßig an Deck
War der Ausbau einer Kanalisation eine sinnvolle, da gebracht werden, um angestaute Miasmen an die Luft
Ansteckungen vorbeugende Strategie, bewerten wir abzugeben. Der Frachtraum wurde luftdicht von den
heutzutage eine andere kritisch: Aus Furcht vor Aus- Bereichen der Mannschaft abgetrennt, das sich im Kiel-
dünstungen des potenziell verseuchten Bodens strebte raum sammelnde Wasser wurde auch deshalb regelmä-
man danach, alle Risse und Spalten zu schließen – eine ßig abgepumpt, damit sich Fäulnis und Moder nicht
umfassende Versiegelung des Bodens war das Ziel. In entwickeln konnten.
Städten wurden Plätze, Straßen und Abflussrinnen ge- Die Theorien für eine gesunde städtische Lebenswelt
pflastert sowie Bürgersteige angelegt. Darüber hinaus ließen sich auf den menschlichen Körper anwenden.

GEHIRN&GEIST 32 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / WAHRNEHMUNG

Dessen Geruch hänge, so die Theorie, von einer Fülle Gesundheitspolizei streng kontrolliert. Städteplaner
von Faktoren ab wie Alter und Geschlecht, Tempera- versuchten, die entstehenden Arbeiterviertel hygienisch
ment und Beruf, der Zusammensetzung der Körpersäf- in den Griff zu bekommen sowie Luft und Licht selbst
te und dem Zustand der Organe. Eine zentrale Aufgabe in eng bebaute Quartiere zu bringen. Dieses Ansinnen
des Arztes war es, vom Geruch seines Patienten eine Di- kollidierte allerdings vielfach mit den Dynamiken der
agnose abzuleiten. Industrialisierung, die die Arbeiter in den schnell wach-
Aromastoffe gerieten allerdings in Verruf, als Che- senden Wirtschaftszentren in unzumutbare Wohnsitua-
miker in den 1750er Jahren bewiesen, dass sie die Luft- tionen zwang.
zusammensetzung kaum verändern. Duftträger bilden Ethnische und rassische Zuschreibungen kamen hin-
trotz unserer intensiven Wahrnehmung nur einen win- zu. Das Klischee vom »Gestank des Juden« war schon
zigen Anteil an der Gasmischung. Der Historiker Cor- seit Jahrhunderten in Europa überliefert worden. Es re-
bin sieht in dieser Erkenntnis einen Grund für jenen sultierte aus der Nichtzugehörigkeit zum Christentum
Wandel der Parfümmoden in der Metropole Paris im beziehungsweise aus der Zugehörigkeit des Juden zum
Übergang von der frühen Neuzeit zur Moderne, also Volk der Christusmörder, was sie in die Nähe von Teufel
etwa zwischen 1750 und 1850: Hier hätten Ärzte in der und Hölle und damit dem Gestank der Verwesung
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Furcht vor Fäul- rückte. Mehr und mehr wurde das Klischee vom »stin-
nisgerüchen, die immer noch als Krankheitsursachen kenden Juden« im 20. Jahrhundert zum Element anti-
par excellence galten, auf die schweren Tierdüfte wie semitischer und schließlich nationalsozialistischer Pro-
Moschus, Ambra oder Zibet ausgedehnt. Tierparfüms paganda.
wurden folglich als »fäkalisch« und gesundheitsgefähr-
dend eingestuft. Eine Alternative boten leichtere Par- Schweine erschnüffeln Trüffeln,
füms. Diese sollten nicht nur die »Verderbtheit« der Hunde Drogen und Sprengstoff
Luft kurieren oder den eigenen Körpergeruch des Trä- Alain Corbin fasste in seine Kulturgeschichte des Ge-
gers unterstreichen, sondern diesen regelrecht ersetzen. ruchs die beschriebenen Entwicklungen im Übergang
Insbesondere Blütendüfte galten daher fortan als natür- von der frühen Neuzeit zur Moderne als einen Prozess
lich und angenehm. der Desodorierung sowie der anschließenden Reodo-
Die Hygienepolitik der städtischen Gesundheitsräte, rierung zusammen. Bestimmte Gerüche sollten aus der
die beispielsweise die räumliche Trennung von Latrinen Lebenswelt verbannt und neue, gewünschte eingeführt
und Brunnen, von Trink- und Abwasser vorsah, be- werden. Corbin sah darin eine tief greifende anthropo-
wirkte außerdem eine veränderte Haltung gegenüber logische Veränderung.
dem Wasser. Es galt nun nicht länger nur als potenzielle Tatsächlich überlassen wir das Riechen, wenn es dar-
Gesundheitsgefahr, sondern wurde zur Reinigung ein- auf ankommt, eher tierischen Nasen: Trainierte Schwei-
gesetzt. Eine Kultur des Waschens wider den Eigenge- ne gehen auf die Jagd nach kostbaren Trüffeln, ausgebil-
ruch löste die Sitte des Puderns und Parfümierens bei dete Hunde suchen an Flughäfen nach Drogen oder
Hofe ab. Von dort verbreitete sich das neue Ideal der Sprengstoff. Der Staatssicherheitsdienst der DDR ging
Körperhygiene in der gesellschaftlichen Oberschicht. so weit, Geruchsproben potenzieller Dissidenten zu
Natürlichkeit avancierte dagegen erst viel später zum konservieren, um gegebenenfalls Spürhunde auf sie an-
Trend. setzen zu können. Doch so sehr der Geruchssinn des
Vor allem in Mitteleuropa spaltete diese Entwicklung Menschen in unserer Welt der vielfältigen optischen
seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Gesellschaft wie Eindrücke und Geräusche auch an Bedeutung verloren
einst in der Antike: Einer »geruchsarmen« Oberschicht haben mag – wem der Duft eines frischen Gebäcks in
stand das angeblich animalisch riechende Volk gegen- die Nase steigt, dem läuft das Wasser im Mund zusam-
über. Arme und ihre Wohnstätten wurden von einer men, und Erinnerungen werden wach. H

QUELLEN

Corbin, A.: Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs. Wagenbach, 1984
Heuser, P. A.: Geruch. In: Jaeger, F. (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit 4. J. B. Metzler, 2006
Heuser, P. A.: Der Geruch als Gegenstand historischen Lernens. Beispiele vom 16. Jahrhundert
bis zur Gegenwart. In: Kuhn, B., Windus, A. (Hg.): Geschichte für Augen, Ohren und Nasen.
Sinnliche Wahrnehmungen in der Geschichte. Röhrig Universitätsverlag, 2016
Vigarello, G.: Wasser und Seife, Puder und Parfüm. Geschichte der Körperhygiene seit dem Mittelalter.
Campus, 1988
Dieser Beitrag im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637192

GEHIRN&GEIST 33 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE

STIMMUNGSPROGNOSE Wissenschaftler entwickeln Armbänder


und Apps, um Gemütslagen vorherzusagen.
Die Technik birgt enormes Potenzial, aber auch Gefahren.

Zu 80 Prozent
heiter VO N M AT T K A P L A N

D
en Winter 1994 verbrachte Tim in ei- viele Risikofaktoren für Suizid – etwa starken Alkohol-
ner Londoner Psychiatrie. Der gut 20- konsum, Depression und männliches Geschlecht –, aber
Jährige wirkte glücklich und energisch, keine zuverlässigen Anzeichen.
litt jedoch unter einer bipolaren affek- Trotzdem ist Nock optimistisch. Seit Januar 2016 un-
tiven Störung (die durch depressive tersucht er mit so genannten Wearables, also tragbaren
und manische Episoden gekennzeich- Sensoren, und einer App fürs Smartphone das Verhal-
net ist) und hatte erst kurz zuvor einen Suizidversuch ten von suizidgefährdeten Patienten am Massachusetts
unternommen. Während des Klinikaufenthalts lernte er General Hospital in Boston. Eine ähnliche Studie führt
den Psychologiestudenten Matt kennen; die beiden ver- er seit 2018 in einer benachbarten Kinderklinik durch.
standen sich auf Anhieb prächtig. Kurz vor seiner Ent- Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, doch bis-
lassung überraschte er Matt mit einem Porträt seines lang, sagt Nock, scheint die Technologie recht genau be-
Freundes, das er gemalt hatte. Matt war tief berührt. reits einen Tag im Voraus anzukündigen, wann ein Teil-
Doch nachdem er in die USA zurückgekehrt war, muss- nehmer von Selbsttötungsgedanken berichten wird.
te er erfahren, dass Tim sich umgebracht hatte. Nocks Studie ist ein Versuch, das aufstrebende Feld
Matthew Nock erforscht inzwischen die Psychologie der Stimmungsprognose für therapeutische Zwecke zu
der Selbstschädigung an der Harvard University in nutzen. Dahinter steckt die Idee, dass es durch kontinu-
Cambridge. Obwohl mehr als zwei Jahrzehnte vergan- ierliche Datenaufzeichnung möglich sein wird, nicht
gen sind, hängt das von Tim gemalte Porträt immer nur Anzeichen einer psychischen Störung zu erkennen,
noch in seinem Büro. Es erinnert ihn ständig daran, wie sondern sogar vorherzusagen, wann die Stimmung
wichtig es ist, endlich Möglichkeiten zu entwickeln, um kippt. Dafür arbeitet Nock mit Rosalind Picard vom
Suizidversuche vorherzusagen. Denn bisher kennt man Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cam-
bridge zusammen. Die Elektroingenieurin und Infor-
matikerin hat das Verhalten von hunderten Studieren-
den mit Smartphones und Handgelenksensoren erfasst
und konnte so nach eigenen Aussagen aufkommende
depressive Episoden einen Tag vor den ersten Sympto-
U N S E R AU TO R men erkennen.
TRISTAN HORNER

Matt Kaplan ist Wissenschaftsjournalist Solche Berichte haben ein starkes wirtschaftliches
und Autor. Er lebt in Hertfordshire in Interesse geweckt. Mindstrong Health, ein Start-up-
Großbritannien. Unternehmen in Palo Alto in Kalifornien, registriert

GEHIRN&GEIST 34 0 6 _ 2 0 1 9
SDOMINICK / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)

Mit Hilfe digitaler Daten möchten Forscher


frühzeitig erkennen, wann Menschen in eine
depressive Phase abzugleiten drohen.

GEHIRN&GEIST 35 0 6 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: So fühlst du dich morgen

1 2 3
Wissenschaftler und Unterneh- Dafür erfassen sie das Verhal- Noch sind viele Fragen offen.
men sind auf der Suche nach ten von Menschen über Smart- So ist etwa unklar, wie zuver-
digitalen Biomarkern, mit deren phones oder Smartwatches. lässig die Ergebnisse sind, wie
Hilfe Anzeichen psychischer Anhand der Daten möchten sie man sie kommunizieren sollte und
Störungen früh bemerkbar werden. künftige Stimmungen vorhersagen wie man einen Missbrauch der
und drohende depressive Episoden Technik verhindern kann.
oder Suizidversuche erkennen.

beispielsweise das Smartphone-Nutzungsverhalten von Aktivität sowie soziale Interaktionen erfasst. Seit 2013
Menschen, um Veränderungen in kognitiven Funktio- haben die beiden und ein Team der Harvard Medical
nen, etwa im Denken und Fühlen, zu erkennen. Der School 300 Studierende 30 Tage lang mit einer Art
Arzt und Informatiker Paul Dagum, der die Firma ge- Smartwatch ausgestattet, die Körpertemperatur, Aktivi-
gründet hat, versichert, anhand der Daten könne man tät, Hautleitfähigkeit sowie Lichtmenge erfasst. Eine auf
eine nahende depressive Episode vorhersagen. Auch an- dem Smartphone der Teilnehmenden installierte Soft-
dere Unternehmen versuchen, mit digitalen Daten Sym- ware registriert zudem Anrufe, Mails, Textnachrichten,
ptome einer psychischen Störung zu erkennen, unter den Standort und die am Gerät verbrachte Zeit. Zwei-
ihnen die Firma Verily Life Sciences, ein Unternehmen mal täglich beantworten die Versuchspersonen auch
der Google-Muttergesellschaft Alphabet. Fragen zu ihrem Studium und zu Freizeitaktivitäten.
Doch es ist nach wie vor unklar, wie zuverlässig sol- Zudem beschreiben sie ihre Schlafqualität, Stimmung,
che Stimmungsprognosen sind. Es sind erst wenige Stu- Gesundheit, ihren Stresslevel, ihre sozialen Interaktio-
dien veröffentlicht, und diese haben bislang nur eine nen, Prüfungsergebnisse und die Menge an konsumier-
mittelmäßige Genauigkeit erreicht. Picard ist dennoch ten koffeinhaltigen und alkoholischen Getränken.
zuversichtlich. Sie litt zu Beginn ihrer Karriere selbst
an einer Depression und möchte das niemals wieder Vorhersagen, wann die Stimmung kippt
erleben: »Ich bin mir sicher, dass ich das Rückfallrisiko 2017 hatten die Wissenschaftler den Algorithmus ihren
deutlich reduzieren kann, indem ich mein Verhalten Angaben zufolge so trainiert, dass er anhand der Daten
mit meinem Smartphone erfasse.« die Zufriedenheit, Gelassenheit und Gesundheit der
Andererseits sorgen sie und andere Forscher sich Studierenden ziemlich präzise einen Tag im Voraus pro-
wegen möglicher Schattenseiten ihrer Erfindung. Bisher phezeien konnte. Um eine Vorhersagegenauigkeit von
habe man wenig darüber nachgedacht, wie man die etwa 80 Prozent zu erreichen, musste das Programm
Nutzer am besten über ein bevorstehendes emotionales ein Individuum vorher sieben Tage lang beobachten.
Tief informiert. Es ist auch unklar, ob solche Warnun- Allerdings deuten die Befunde darauf hin, dass es der
gen Schaden anrichten können. Einige Wissenschaftler Technik nur gelingt, starke Veränderungen im Wohl-
befürchten etwa, dass Unternehmen die Technologie befinden zuverlässig vorherzusagen, nicht aber leichte
nutzen könnten, um die künftige psychische Gesund- Stimmungsschwankungen. Manche erfassten Signale
heit ihrer Mitarbeiter zu ermitteln. »Der (potenzielle) sind auch nicht im Detail verstanden. So vermögen so-
Missbrauch dieser Technologie ist es, der mich nachts ziale Kontakte beispielsweise den empfundenen Stress
wachhält«, sagt Paul Dagum. zu ändern, was sich in der Hautleitfähigkeit widerspie-
Picard kam über Umwege zu ihrem Forschungs- geln kann. Doch es ist ungewiss, ob starke Tagesschwan-
gebiet. Vor mehr als zehn Jahren wies sie nach, dass es kungen des Parameters ein gutes oder ein schlechtes
möglich ist, mit Armbändern, die die Hautleitfähigkeit Zeichen sind.
erfassen, Krampfanfälle zu erkennen – mitunter schon Die Stimmung einer Person auf Grund solcher Sig-
Minuten vor einer Attacke. 2013 gründete sie das Unter- nale zu deuten, sei eine große Leistung, erklärt der In-
nehmen Empatica, das solche Sensoren vertreibt. Es formatiker Louis-Philippe Morency von der Carnegie
verkauft unter anderem eine von der US-amerikani- Mellon University in Pittsburgh. Er geht davon aus, dass
schen Behörde für Lebens- und Arzneimittel zugelasse- künstliche Intelligenzen bei der Beurteilung der psychi-
ne Smartwatch, die Anfallsanzeichen registriert und im schen Gesundheit helfen können. Was ihre Fähigkeit
Notfall Alarm schlägt. betrifft, Gefühle vorherzusagen, ist er weniger optimis-
Picard und ihre damalige Doktorandin Akane Sano tisch. »Die Stimmung von morgen ähnelt oft der von
sahen jedoch noch ein viel größeres Potenzial der Tech- heute. Wir brauchen daher mehr Forschung, um beide
nik. Sie hielten es für möglich, die psychische Gesund- Gemütslagen klar voneinander zu trennen. Es ist mög-
heit und das Wohlbefinden von Menschen vorherzusa- lich, dass aktuelle Verfahren vor allem den Übertra-
gen, indem man deren Stresslevel, Schlaf, körperliche gungseffekt von Emotionen auf den nächsten Tag vor-

GEHIRN&GEIST 36 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / STIMMUNGSPRO GNOSE

hersagen«, sagt er. Picard sieht das anders: »Die Zuver- Suizid ist kein Ausweg
lässigkeit der Vorhersage wird mit der Menge an Daten
stetig wachsen.« Sie stellt ihre Algorithmen anderen Leiden Sie unter Suizidgedanken? Bitte holen Sie
kostenfrei zur Verfügung, damit diese ihre Ergebnisse sich unbedingt Hilfe. Sie können sich zum Beispiel
replizieren können. Ihrem Hausarzt oder der Telefonseelsorge anver-
Nock und Picard haben inzwischen 192 suizidgefähr­ trauen. Diese berät Sie rund um die Uhr und kos-
dete Personen mit Sensoren ausgestattet und regelmä­ tenfrei unter der Nummer 0800 111 0 11 sowie per
ßig deren Stimmung erfasst. Momentan lernt der Algo­ E-Mail und im Chat. Weitere Informationen unter:
rithmus nicht von den Daten eines einzelnen, sondern www.telefonseelsorge.de
von allen Teilnehmern. Nock sagt, er habe Anzeichen
entdeckt, die spätere Selbsttötungsgedanken mit einer
Genauigkeit von 75 Prozent vorhersagen. Wichtige Hin­ Welche Signale das Unternehmen für die Prognose
weise sind unter anderem eine ungewöhnlich hohe verwendet, verrät er nicht, da die Firma die Ergebnisse
Aktivität am Abend (die möglicherweise auf Unruhe bei einem wissenschaftlichen Journal eingereicht hat.
hindeutet) verbunden mit starken Schwankungen der Mindstrong Health möchte die App langfristig in das
Hautleitfähigkeit und einer erhöhten Herzfrequenz. digitale psychiatrische Pflegesystem einbetten. Der US-
Weitere Einzelheiten will Nock nicht nennen, weil die Bundesstaat Kalifornien war von den bisherigen Daten
Befunde erst noch publiziert werden. so überzeugt, dass er der Firma zehn Millionen Dollar
Firmen sind in der Regel weniger bereit als Akade­ aus einem staatlichen Gesundheitsfonds gewährte.
miker, ihre Ergebnisse öffentlich zu diskutieren. Im »Werden all die Daten, die wir sammeln, letztlich
März 2018 verkündete das damals erst 16 Monate alte einen klinischen Nutzen haben? Wir wissen es noch
Unternehmen Mindstrong Health, »digitale Biomarker« nicht«, sagt der Psychiater Thomas Insel, ein Mitgrün-
entdeckt zu haben, also ein typisches Nutzungsverhal- der von Mindstrong Health, der zuvor nach 13 Jahren
ten, das mit den Ergebnissen neuropsychologischer als Leiter des US-amerikanischen National Institute of
Tests korreliert. Nach eigenen Angaben hat es bereits Mental Health die Abteilung für psychische Gesundheit
fünf klinische Studien abgeschlossen, die jedoch nicht bei Verily Life Sciences ins Leben gerufen hat.
öffentlich zugänglich sind. Und im Februar 2018 kün- Picard steht Insels Ansatz bei Mindstrong Health
digte es eine Partnerschaft mit dem in Tokio ansässigen skeptisch gegenüber. »Ich glaube, er hat ein Unterneh-
Unternehmen Takeda Pharmaceuticals an, um die Ent- men auf einer Idee gegründet, von der noch unklar ist,
wicklung digitaler Biomarker für Krankheiten wie Schi- ob sie funktioniert«, sagt sie. Weder sie noch Nock
zophrenie und behandlungsresistente Depressionen vo- haben ihr zufolge vor, die Methode zur Stimmungsvor-
ranzutreiben. Auch die Firma Verily Life Sciences hat hersage zur vermarkten. (Allerdings hat die Forscherin
zum Ziel, Posttraumatische Belastungsstörungen durch neben Empatica auch die Firma Affectiva mitgegründet,
Smartphones und -watches zu erkennen. die Technologien zur Analyse von Mimik und Gesang
»Wenn wir zahlreiche Biomarker sechs oder sieben verkauft.) Insel hält dagegen, die Software müsse unter
Tage lang betrachten, können wir depressive Episoden realen Bedingungen getestet werden. »Wir rennen nicht,
bis zu einer Woche vor dem Ausbruch vorhersagen«, bevor wir gehen können. Kalifornien bezahlt uns dafür,
berichtet Mindstrong-Health-Gründer Paul Dagum. dass wir lernen, wie man geht«, sagt er. Er betont, Picard

Die Ingenieurin
LAIF / THE NEW NORK TIMES / REDUX / CHARLY MAHONEY

Rosalind Picard setzt


auf tragbare Sensoren,
um anhand der erfass-
ten Daten psychische
Störungen frühzeitig zu
erkennen. Die Arm-
banduhr an ihrem
rechten Handgelenk
misst ihre Hautleit-
fähigkeit.

GEHIRN&GEIST 37 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / STIMMUNGSPRO GNOSE

nicht als Rivalen zu betrachten: »Wir stehen vor einer Je nach Person scheinen zudem unterschiedliche
schwierigen Aufgabe, die noch niemand gelöst hat. Ich Maßnahmen die Stimmung zu heben. In einem Experi-
gehe davon aus, dass es uns alle braucht, um zusammen ment entdeckte Picard, dass manche Teilnehmer, die
den Wert dieser Technologie aufzuzeigen.« Er würde es vor dem Schlafengehen Gespräche mit Freunden führ-
daher begrüßen, wenn mehr Arbeitsgruppen digitale ten, am nächsten Tag besser gelaunt waren, während
Biomarker suchten. sich bei anderen der gegenteilige Effekt zeigte. Die Psy-
chologin Barbara Fredrickson von der University of
Lässt sich ein Stimmungstief verhindern? North Carolina at Chapel Hill befürchtet hingegen,
Die entscheidende Frage ist für Picard, ob sich Befind- die Vorhersage einer Stimmung könne die tatsächliche
lichkeitsprognosen in Zukunft dazu nutzen lassen, ei- Gefühlslage beeinflussen: »Wahrscheinlich schenken
nen drohenden Stimmungseinbruch abzuwenden. Ei- Menschen negativen Stimmungsprognosen viel Auf-
nen ersten Versuch wagen momentan Nock und sein merksamkeit. Und das könnte eine gefährliche Abwärts-
Kollege Evan Kleiman. Sie aktivieren bei 150 Patientin- spirale in Gang setzen.« Auch Justin Baker, wissen-
nen und Patienten immer dann Aufgaben auf dem schaftlicher Direktor des McLean Institute for Techno-
Smartphone, wenn die Armsensoren bestimmte Muster logy in Psychiatry in Belmont, sieht die Schwierigkeit
erkennen, die für aufkommende Suizidgedanken spre- darin, herauszufinden, wie man einer Person einen Rat-
chen. Die Übungen sollen den Teilnehmern helfen, die schlag präsentiert, ohne dass er ignoriert wird oder alles
Perspektive zu wechseln und Dinge, die sie negativ se- noch verschlimmert.
hen, neu zu bewerten. Noch ist aber unklar, wie die For- Picard bereitet dagegen Sorge, dass die Technik miss-
scher mit den erfassten Daten umgehen sollen. »Ange- braucht werden kann. Sie hält neue Vorschriften für
nommen wir entdecken, dass sich jemand unserer Pro- wichtig, um beispielsweise zu verhindern, dass Firmen
gnose nach mit hoher Wahrscheinlichkeit umbringen ihre Werbung gezielt an Nutzer mit guter oder schlech-
wird: Was tun wir dann? Schicken wir einen Kranken- ter Laune ausspielen oder Versicherungsgesellschaften
wagen? Kontaktieren wir den behandelnden Arzt? Ma- ihre Preise je nach psychischer Gesundheitsprognose
chen wir nichts?«, fragt sich Nock. Die ethischen As- des Kunden festlegen. »Ein paar Akteure, die diese Tech-
pekte der Erfindung seien sehr herausfordernd. Den- nologie missbrauchen, könnten den Nutzen für Men-
noch hört er von vielen Patienten, die das Alarmsystem schen mit schweren psychischen Erkrankungen zunich-
hilfreich finden und gern verwenden würden. temachen«, sagt auch Insel. Mindstrong Health arbeitet
Der Informatiker Louis-Philippe Morency glaubt daher seit Kurzem mit einem Team aus Bioethikern von
nicht, dass Computer bereits in der Lage sind, eigen- der Stanford University in Kalifornien zusammen.
ständig Gesundheitsratschläge zu geben. Er bringt einer Trotz Bedenken und offener Fragen hat die digitale
Software bei, von der Mimik und Sprache einer Person Stimmungsprognose für Picard ein immenses Potenzial.
auf deren Gemütszustand zu schließen. Zurzeit arbeitet Sie glaubt, dass die Erfindung die allgemeine Gesundheit
er eng mit Kliniken zusammen, um seine Technik in der Bevölkerung verbessern kann. Das käme auch der
Psychiatrien zu etablieren. Ziel ist es, dass das Programm Wirtschaft zugute, denn Depressionen und andere psy-
die Interaktion zwischen Arzt und Patient analysiert chische Störungen sind eine der häufigsten Ursachen für
und dadurch erkennt, ob psychische Störungen vorlie- krankheitsbedingte Fehltage. »Wenn wir die vielen klei-
gen. Das Ergebnis können Mediziner dann mit ihrer nen Schritte verstanden haben, die uns in eine Depres-
eigenen, unabhängig davon gestellten Diagnose verglei- sion führen, können wir viel verändern.« H
chen. Die Risiken, die von einem Computer ausgehen,
der anhand der erfassten Daten über die psychische Ver-
fassung Ratschläge erteilt, seien beträchtlich, sagt Mo-
© Nature Publishing Group
rency. »Wir brauchen mehr Forschung, um die langfris- www.nature.com
tigen Auswirkungen solcher Verfahren zu verstehen.« Nature 563, S. 20–22, 1. November 2018

QUELLEN

Dagum, P.: Digital biomarkers of cognitive function. npj Digital Medicine 1, 2018
Sano, A. et al.: Recognizing academic performance, sleep quality, stress level, and mental health using
personality traits, wearable sensors and mobile phones.
IEEE 12th International Conference on Wearable and Implantable Body Sensor Networks (BSN), 2015
Taylor, S. et al.: Personalized multitask learning for predicting tomorrow’s mood, stress, and health.
IEEE Transactions on Affective Computing 99, 2017
Der Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637194

GEHIRN&GEIST 38 0 6 _ 2 0 1 9
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GEHIRN&GEIST 40 0 6 _ 2 0 1 9
U N S E R E X P E R T E K E N N T D I E A N T W O R T.

Oliver Schultheiss ist Professor für Allgemeine Psychologie an der Friedrich­Alexander­


Universität Erlangen­Nürnberg. Dort beschäftigt er sich vor allem mit den Grundlagen
der menschlichen Motivation.

W
enn mich jemand fragt »Was willst du im Le- Eine schlechte Passung zwischen dem, was uns emo-
ben?«, nenne ich typischerweise jene Ziele, tional befriedigt, und dem, was wir für wichtig oder er-
die ich gerade verfolge. Beruflich einen Er­ strebenswert halten, bleibt nicht ohne Folgen. So zeigen
folg erringen, in der Beziehung mehr Zeit füreinander Menschen im Schnitt ein höheres Wohlbefinden, wenn
finden, im Sportverein den Vorsitz übernehmen oder sie Ziele verfolgen, die zu ihren impliziten Motiven pas-
einfach einen gefassten Plan in die Tat umsetzen! Man­ sen. Erreicht man dagegen etwas, was einem in Wahr-
che Menschen führen dagegen übergeordnete Werte an: heit nicht so viel bedeutet, fühlt sich der Erfolg eher
etwas leisten, geselliger sein, sich durchsetzen … schal an.
Solche Ziele und Werte entsprechen meist den An­ Allerdings ist die Diskrepanz zwischen unbewussten
forderungen unserer Zeit sowie unserer Gesellschaft – Motiven und bewussten Zielen kein Schicksal. Viel-
und insofern häufig eher dem, was wir sollen, als dem, mehr lässt es sich mit einfachen Tricks durchaus ver-
was wir wollen. Diesen feinen Unterschied nehmen wir meiden, in die falsche Richtung zu steuern: So hilft es
zwar häufig kaum wahr, doch wie die Forschung belegt, beispielsweise, vor einer Entscheidung auf eine mentale
ist er für die persönliche Lebenszufriedenheit zentral. Zeitreise zu gehen und sich das Erreichen des Ziels
Was also wollen wir wirklich? Seit gut 60 Jahren möglichst lebhaft und realistisch vorzustellen. Das Ge­
nutzen Motivationspsychologen indirekte Verfahren, fühl, das sich bei dieser Imagination einstellt, gibt einem
um das zu beantworten. Bei solchen Tests soll der Pro­ eine Ahnung davon, ob das Vorhaben zu den eigenen
band fantasievolle Geschichten zu Bildern verfassen, impliziten Motiven passt oder nicht.
die Menschen in Alltagssituationen zeigen – zum Bei­ Aus der Motivationsforschung lässt sich daher vor
spiel zwei Männer an einem Schreibtisch, der eine ste­ allem ein Ratschlag ableiten: Bevor Sie ein bestimmtes
hend, der andere sitzend. Anschließend bestimmen Ziel im Leben ansteuern, nehmen Sie sich die Zeit, sich
unabhängige Beurteiler, wie oft etwa das Thema Leis­ das Erreichen desselben ungestört auszumalen. Imagi­
tung oder sozialer Anschluss in den Erzählungen vor­ nieren Sie möglichst genau, wie Sie ans Ziel Ihrer Träu­
kommt. me gelangen, achten Sie dabei auf Ihre Gefühle – und
Forscher gehen davon aus, dass die Art, wie Ver­ treffen Sie Ihre Entscheidung erst danach! H
suchspersonen solche mehrdeutigen Szenen interpre­
tieren, etwas über deren Wünsche verrät. Verblüffen­
derweise sagen die Ergebnisse dieser Tests auch eine
Menge darüber aus, wie man körperlich – gemessen am
Blutdruck oder an der Hormonausschüttung – auf for­ L I T E R AT U RT I P P
dernde Situationen im Job oder im Privatleben reagiert. Wilson, T. D.: Gestatten, mein Name ist Ich! Pendo, 2007
Doch obwohl indirekte, narrative Verfahren unsere Der US-Psychologe Timothy Wilson ergründet das »kluge
Motive gut widerspiegeln, zeigen die Resultate meist Unbewusste«.
keinen nennenswerten statistischen Zusammenhang QUELLEN
mit den Zielen und Werteorientierungen, die sich Men­
Grund, A. et al.: Know your preferences:
schen bewusst zuordnen. Deshalb spricht man bei den self­regulation as need­congruent goal selection.
indirekt gemessenen Bedürfnissen auch von implizi­ Review of General Psychology 159, 2018
ten – unbewussten – Motiven. Das kann konkret etwa
Köllner, M., Schultheiss, O. C.: Meta­analytic evidence of
bedeuten, dass eine Person sich selbst für leistungs­ low convergence between implicit and explicit measures
motiviert hält, obwohl dies auf unbewusster Ebene gar of the needs for achievement, affiliation, and power.
nicht nachweisbar ist. Das Verblüffende: Die Chance, Frontiers in Psychology 5, 2014
mit der eigenen Selbsteinschätzung richtigzuliegen, ist Schultheiss, O. C., Brunstein, J. C.: Goal imagery: bridging
ungefähr die gleiche, wie bei einem Münzwurf Kopf the gap between implicit motives and explicit goals.
statt Zahl zu erwischen. Journal of Personality 67, 1999

GEHIRN&GEIST 41 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE

DRAFTER123 / GETTY
IMAGES / ISTOCK
DIE GRÖSSTEN EXPERIMENTE

MODELLLERNEN Mit Hilfe einer Clownspuppe zeigte


Albert Bandura, dass erwachsene Vorbilder die Gewaltneigung
von Kindern beeinflussen.

Die Leiden des


kleinen Bobo
V O N D A N I E L A O VA D I A

A
lkohol und Glücksspiel prägten das Le­ seinen Stundenplan zu füllen. Nach und nach wandte
ben der einfachen Wanderarbeiter in er sich dann den Grundlagen des Lernens zu.
Yukon im Nordwesten Kanadas. Hier Nach dem Bachelor-Abschluss 1949 erhielt der »pol-
jobbte Anfang der 1940er Jahre ein nische Junge«, wie sich Bandura selbstironisch nannte,
junger Mann namens Albert Bandura, ein Stipendium der University of Iowa, eines Zentrums
um sein Studiengeld aufzubessern. In der psychologischen Forschung. Er promovierte bei Ar-
diesem Milieu verkrachter Existenzen entdeckte er, wie thur Benton (1909–2006), der als Mitbegründer der
er Jahre später in seiner Autobiografie schrieb, sein In- modernen Neuropsychologie gilt. Bei ihm erlernte er
teresse am menschlichen Verhalten. So begann die Kar- das experimentelle Handwerk, nach dem jede Hypothe-
riere eines der meistzitierten Psychologen der Welt. se in kontrollierten Laborversuchen überprüft werden
Bandura kam 1925 als jüngstes von sechs Kindern muss. 1953 trat Bandura mit noch nicht einmal 30 Jah-
ukrainisch-polnischer Einwanderer in dem 400-Seelen- ren Bentons Nachfolge an der renommierten Stanford
Dorf Mundane nahe Edmonton (Kanada) zur Welt. Er University in Palo Alto (Kalifornien) an.
wuchs in ärmlichen, heute würde man sagen »bildungs- Banduras Name ist heute eng verknüpft mit der
fernen« Verhältnissen auf dem Land auf. Doch bereits einflussreichen sozial-kognitiven Lerntheorie, auch
früh begann er sich für wissenschaftliche Fragen zu in- »Modelllernen« genannt. Laut ihr fußt ein Großteil
teressieren und schrieb sich nach der Highschool an der unseres erworbenen Wissens und Verhaltens auf der
University of British Columbia in Vancouver ein. Dort Beobachtung anderer. In seinem Buch über Aggression
belegte er zunächst eher wahllos Psychologiekurse, um im Jugendalter von 1959 postulierte Bandura, dass Vor-
bilder mitentscheidend dafür sind, ob Kinder und Ju-
gendliche gewalttätig werden oder nicht. Damit wider-
sprach er der damals vorherrschenden Auffassung der
Behavioristen um Burrhus F. Skinner (1904–1990). Ih-
U N S E R E AU TO R I N nen zufolge gründet menschliches Verhalten auf Reiz-
Daniela Ovadia ist Neuroethikerin Reaktions-Schemata, die per Belohnung und Strafe er-
und Wissenschaftsjournalistin in Pavia worben werden. Bandura maß der sozialen Umwelt da-
(Italien). gegen viel mehr Bedeutung bei. Nach seiner Auffassung

GEHIRN&GEIST 42 0 6 _ 2 0 1 9
Der Kanadier Albert Bandura (* 1925) gilt als einer
der meistzitierten lebenden Psychologen. Bekannt
wurde er vor allem durch seine Studien zum Imita-
GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT

tionslernen von Kindern Anfang der 1960er Jahre.


In seinem berühmten »Bobo-Experiment« beobach-
teten Drei- bis Sechsjährige eine erwachsene Person,
die eine Spielzeugpuppe verbal und physisch atta-
ckierte. Insbesondere Jungen traten und schlugen
danach selbst vermehrt Bobo, den Clown.
GEHIRN&GEIST / MARTIN BURKHARDT

GEHIRN&GEIST 43 0 6 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Da schau her!

1 2 3
Ein wichtiger Lernmechanismus Auf solche Beobachtungen Damit wir per Imitation lernen,
ist die Imitation. Bereits Klein- gründet Albert Banduras bedarf es vermittelnder Fakto-
kinder orientieren sich am sozial-kognitive Lerntheorie. ren: So müssen die jeweiligen
Verhalten von Erwachsenen – und Sie widerspricht dem behavioris- »Vorbilder« relevant erscheinen
agieren zum Beispiel aggressiver, tischen Lernmodell, das allein auf und alternative Handlungsoptionen
wenn »Große« dies vormachen. Belohnung und Strafe basiert. außer Acht bleiben.

leiten uns häufig nicht durch Konditionierung entstan- fanden, darunter ein Hammer und eine Spielzeugpisto-
dene Lust- oder Unlustgefühle, sondern Erfahrungen, le. Die Forscher beobachteten die Kleinen durch einen
an denen wir oft gar nicht direkt beteiligt sind. Einwegspiegel und protokollierten ihr Verhalten alle
In den US­amerikanischen Spielzeugläden erfreute fünf Sekunden. Auf diese Weise sammelten sie exakt
sich damals eine Puppe namens Bobo großer Beliebt­ 240 Momentaufnahmen pro Kind. Banduras Team be-
heit. Dieser etwa anderthalb Meter hohe, aufblasbare urteilte jede danach, ob das Kind physisch oder verbal
Plastikballon, auf dessen Vorderseite das Gesicht eines gewalttätig war und ob es sich um ein imitiertes oder
Clowns gedruckt war, sollte in Banduras berühmtestem nicht imitiertes Verhalten handelte.
Experiment die Hauptrolle spielen. 1961 rekrutierte der Wie vermutet, verhielten sich Kinder mit einem ge-
Forscher hierfür 72 Kinder zwischen drei und sechs Jah- walttätigen Vorbild selbst vermehrt aggressiv. Außer-
ren, je zur Hälfte Jungen und Mädchen. Zunächst beob- dem imitierten sie eher das Rollenmodell des eigenen
achtete er die Kleinen in ihrem Alltag im Kindergarten Geschlechts. So wurden Jungen mit einem männlichen
der Stanford University und beurteilte unter anderem Vorbild mit durchschnittlich 132 aggressiven Akten fast
ihre Neigung zu aggressivem Verhalten, sei es verbaler doppelt so häufig gewalttätig wie jene, die eine Frau
oder körperlicher Art. beim Schlagen beobachtet hatten; hier zählte man im
Mittel 75 Attacken. Die Mädchen kamen durchschnitt-
Beschimpfen, schubsen, treten lich auf 65 (weibliches Vorbild) beziehungsweise 54 Ag-
Je 24 Kinder (12 Mädchen und 12 Jungen) wies der For- gressionen (männliches Vorbild). Insgesamt neigten
scher dann einer von drei Testsituationen zu: Jedes Jungen dabei eher zu physischer, Mädchen zu verbaler
Kind wurde zunächst in einen Raum voll bunten Spiel- Gewalt. Jungen waren zudem grundsätzlich aggressiver,
zeugs und Bastelsachen geführt. Im ersten Szenario be- selbst wenn der Erwachsene keinen Anlass dazu gab;
trat kurz darauf ein Erwachsener den Raum und be- das offenbarte die beachtliche Zahl von 72 Gewaltakten
gann vor den Augen des Kindes die Clownspuppe zu in der Kontrollgruppe – gegenüber 37 bei den Mädchen.
misshandeln. Die Person drückte Bobo zu Boden, setz- Offenbar erhöhte ein weibliches aggressives Vorbild die
te sich auf sie und sagte Dinge wie »Jetzt kriegst du was Gewaltneigung der Jungen also kaum. Auch die Spiel-
auf die Nase!«. Dann schlug und trat sie auf Bobo ein, zeugpistole übte auf die kleinen »Cowboys« weit größe-
warf sie in die Luft und machte sich über sie lustig. In ren Reiz aus, während die Mädchen sich mehr mit Pup-
der zweiten Gruppe sah das Kind der Person dabei zu, pen oder einem Teeservice beschäftigten.
wie sie friedlich mit verschiedenen Gegenständen han- Banduras Ergebnisse werden oft als Beleg dafür an-
tierte, ohne Bobo eines Blickes zu würdigen. In der geführt, dass Vorbilder in Computerspielen oder Fil-
Kontrollgruppe schließlich geschah gar nichts Besonde- men die Aggressionen von Kindern und Jugendlichen
res, der Erwachsene saß nur als stille Aufsicht mit im fördern. Die empirischen Befunde hierzu sind jedoch
Raum. Die Rollen des »Vorbilds« übernahm mal eine uneinheitlich (siehe »Vorbild Mediengewalt?«, rechts).
Frau, mal ein Mann, so dass je die Hälfte der Jungen So wirkt sich die medial vorgeführte Gewalt meist nur
und Mädchen einen Erwachsenen des eigenen oder des dann auf das alltägliche Verhalten aus, wenn weitere
anderen Geschlechts beobachteten. ungünstige Bedingungen wie familiäre Probleme oder
Nach zehn Minuten in Gesellschaft des Vorbilds eine verminderte Impulshemmung hinzukommen.
wurde das Kind in einen weiteren Raum mit Spielzeug
geführt. Wenig später erklärte man ihm dort: »Das sind
unsere schönsten Spielsachen, und wir haben beschlos-
sen, sie für andere Kinder aufzuheben. Du darfst dafür
im Nebenzimmer spielen.« Dieses Frusterlebnis sollte
Laut der sozial-kognitiven
alle Kinder auf den dann folgenden Hauptteil des Expe- Lerntheorie fußt ein Großteil
riments vorbereiten.
Nun verbrachten sie 20 Minuten in einem Zimmer,
unseres Verhaltens auf
in dem sich eine Bobo-Puppe sowie andere Objekte be- der Beobachtung anderer

GEHIRN&GEIST 44 0 6 _ 2 0 1 9
PSYCHOLO GIE / MODELLLERNEN

Vorbild Mediengewalt?
Ob und wann Gewalt in den Medien Kinder und provozieren. Ein Zeichen von moralischer »Verro­
Jugendliche aggressiv macht, wird seit Langem hung« ist das nicht unbedingt.
erforscht. Laut den meisten Psychologen ist ein In jedem Fall sollten Eltern darauf achten, dass
einfacher Kausalzusammenhang dabei eher unwahr- Filme, Videos und Computerspiele, die Gewalt
scheinlich. Vielmehr hängt es von einer Reihe zeigen, dem Alter der Kinder und Jugendlichen
»moderierender Variablen« ab, wie sehr die beobach- angemessen sind. Insbesondere verherrlichende oder
tete Aggression auf das Verhalten durchschlägt. an ein »cooles« Image geknüpfte Gewaltdarstellungen
Sprich: Die Einbettung und die Art der Medien- gilt es zu meiden. Ratsam ist auch, das Gesehene
nutzung sind entscheidend. gemeinsam zu besprechen. Unter dem Strich hat
Wie die Psychologen Claude Messner und Malte Mediengewalt einen schwächeren Einfluss auf Heran­
Friese in einem Überblicksartikel zum Thema erklä­ wachsende als familiäre Vorbilder: Je häufiger Kinder
ren, imitieren Kinder und Jugendliche mediale Ge­ in ihrem Umfeld verbale oder physische Aggressio­
walt oft nur kurzfristig. Damit es zu Langzeiteffekten nen erleben, desto eher nehmen sie dieses Muster in
kommt, muss die Aggressionsschwelle durch weitere ihr eigenes Verhalten auf. Am besten leben Eltern
Faktoren herabgesetzt sein. Dies ist etwa dann der also selbst vor, dass man Konflikte anders als durch
Fall, wenn mit der Gewalt persönliche oder häusliche Schreien und Schlagen lösen kann.
Probleme kompensiert werden. Auch wer seine
Impulse schlecht kontrollieren kann, ist eher in
Messner, C., Friese, M.: Gewalthaltige Medien und
Gefahr, Aggressionen auszuleben. Allerdings gehört aggressives Verhalten. In: Schneider, S.,
es zur normalen Entwicklung von Teenagern, die Margraf, J. (Hg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie 3,
Grenzen des sozial Erwünschten auszutesten und zu Springer, 2. Auflage 2019

Später wiederholte Bandura sein Experiment, wobei pe: Alle teilnehmenden Kinder stammten aus weißen
er zusätzlich Lob oder Tadel für das erwachsene Rollen- Familien und hatten eher wohlhabende, gebildete El-
vorbild einführte. Kinder ahmten aggressive Erwach- tern, die an der Stanford University studierten. Der eth-
sene deutlich seltener nach, wenn diejenigen anschlie- nische Hintergrund war also viel zu homogen, um ge-
ßend vom Versuchsleiter ermahnt wurden. Positive An- nerelle Aussagen zuzulassen.
erkennung spielte für die Imitation hingegen keine so Vor allem kognitive Neurowissenschaftler betonen
große Rolle, weder bei gewalttätigem noch bei friedli- inzwischen, dass bei unter Siebenjährigen das Frontal­
chem Verhalten. Dies deutet darauf hin, dass Lernen hirn noch nicht weit genug entwickelt sei, um klar zwi­
nicht immer durch Verstärkung funktioniert, wie es das schen Fantasie und Wirklichkeit, Spiel und Ernst unter­
behavioristische Paradigma des Konditionierens postu- scheiden zu können. So haben die Kinder das Verhalten
liert. Zumindest bei dem Verbot, andere zu schlagen gegenüber der Puppe möglicherweise auch einfach als
und zu beschimpfen, zeigen Sanktionen häufig größere lustiges Herumalbern aufgefasst. Inwiefern die Vorbil­
Wirkung, als wenn man Friedfertigkeit lobt. der ihre Neigung zu gewalttätigem Handeln längerfris­
Das Experiment mit der Bobo-Puppe gilt bis heute tig prägten, blieb fraglich. Bandura hat in seiner Studie
als ein Klassiker der Psychologie. Doch an der Studie weder den Erziehungsstil der Eltern noch das familiäre
wurde auch viel Kritik geübt. Einige Experten wiesen Umfeld oder genetische Einflüsse berücksichtigt. Aus
darauf hin, dass das Experiment weniger über die Wur- heutiger Sicht stellt das soziale Imitieren nur einen
zeln der Aggressivität selbst verrate als vielmehr über Lernmechanismus unter vielen dar. Nachfolgende Sozi-
die Motive von Kindern, Erwachsene nachzuahmen. al- und Medienpsychologen verdanken Banduras Lehr-
Die Gewalt der Kleinen lasse sich auch als Versuch in- buchstudie letztlich also keinen schlagenden Beweis für
terpretieren, von Erwachsenen anerkannt zu werden. die Macht der Vorbilder, wohl aber viele Anregungen
Andere störten sich an der kleinen, selektiven Testgrup- für die weitere Forschung. H

QUELLEN

Bandura, A.: Adolescent aggression. Ronald Press, 1959


Bandura, A. et al.: Transmission of aggression through imitation of aggressive models.
Journal of Abnormal and Social Psychology 63, 1961
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637196

GEHIRN&GEIST 45 0 6 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG

PORTRÄT Die Neurowissenschaftlerin Doris Tsao hat entschlüsselt,


wie das Gehirn Gesichter erkennt. Nun will sie das
nächste große Geheimnis unserer Wahrnehmung lüften.

Die Gesichts­
spezialistin VON ALISON ABB OT T

D
oris Tsaos Karriere nahm ihren An- sagt sie, um die Frage zu beantworten, die sie eigentlich
fang mit dem Entschlüsseln von Ge- umtreibt: Wie erschafft das Gehirn ein vollständiges,
sichtern – doch im September 2018 kohärentes Modell von der Welt um uns herum?
musste die Wissenschaftlerin selbst Tsao kam schon früh mit Wissenschaft in Berührung.
ein paar Wochen lang versuchen, ih- Ihre Mutter arbeitete als Programmiererin, ihr Vater er-
ren Gesichtsausdruck zu kontrollie- forschte das so genannte maschinelle Sehen. Die Fami-
ren. Sie war gerade mit einem Stipendium der US-ame- lie wanderte aus Changzhou in China in die Vereinigten
rikanischen MacArthur Foundation ausgezeichnet wor- Staaten ein, als Tsao gerade einmal vier Jahre war, »um
den, eine Ehre, die mit mehr als einer halben Million ein besseres Leben mit mehr Möglichkeiten führen zu
US-Dollar verbunden ist, über die der Empfänger nach können«, wie sie erklärt. »Mein Vater ist wahrscheinlich
Belieben verfügen kann. Aber Tsao durfte kein Ster- der Hauptgrund, warum ich mich mit dem Sehvermö-
benswörtchen darüber verraten und sich nichts anmer- gen beschäftige, auch wenn ich oft versuche, das zu
ken lassen, selbst als die Stiftung eine Filmcrew in ihr leugnen.« Als sie in der Highschool war, diskutierte sie
Labor am California Institute of Technology (Caltech) mit ihm über mathematische Theorien zu der Frage,
in Pasadena schickte. wie das Gehirn verschiedene optische Eindrücke verar-
2017 hat Tsao herausgefunden, wie das Gehirn Ge- beitet. »Er hat dazu beigetragen, die Idee in meinem
sichter anhand einer Vielzahl winziger Unterschiede in Kopf zu verankern, dass unsere Fähigkeit zu sehen eine
Formen, Abständen zwischen Merkmalen, Farbtönen umfassende Erklärung benötigt.«
und Texturen erkennt. Doch sie will nicht bloß als die Nach ihrem Studium in Mathematik und Biologie
Forscherin in Erinnerung bleiben, die den »Gesichts- am Caltech schloss sie sich 1996 dem Team der Neuro-
code« geknackt hat. Er sei nur ein Mittel zum Zweck, wissenschaftlerin Margaret Livingstone an, die Tsao be-
reits während ihrer Doktorarbeit an der Harvard Medi-
cal School in Boston, Massachusetts, betreut hatte. Dort
untersuchte sie zunächst, wie die Tiefenwahrnehmung
im Gehirn entsteht. Livingstones Labor arbeitet mit
Makaken, deren Gehirn und Sehsystem ähnlich aufge-
U N S E R E AU TO R I N baut ist wie das des Menschen. Optische Reize gelangen
Alison Abbott ist Redakteurin der von der Netzhaut der Tiere in den visuellen Kortex, des-
Fachzeitschrift »Nature« im Regionalbüro sen verschiedene Schichten die eingehenden Signale als
München. Erstes verarbeiten. Zunächst entsprechen diese kaum

GEHIRN&GEIST 46 0 6 _ 2 0 1 9
SAM COMEN FÜR NATURE

Wie verarbeitet das Gehirn Gesichter?


Der Antwort auf diese Frage hat sich die
Neurowissenschaftlerin Doris Tsao ge-
nähert, indem sie Affen hunderte Bilder
von menschlichen Gesichtern zeigte.

GEHIRN&GEIST 47 0 4 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Der Gesichtserkennung auf der Spur

1 2 3
Wie unser Gehirn Gesichter Tsao konzentrierte sich bei Diese Erkenntnisse will die
identifiziert, war Forschern ihrer Arbeit vor allem auf Forscherin nun nutzen,
lange ein Rätsel – bis die Neuro- den IT-Kortex. Dieser verfügt um ein noch viel grundlegen-
wissenschaftlerin Doris Tsao 2017 über sechs Bereiche, die auf die deres Geheimnis unserer Wahr-
den neuronalen »Gesichtscode« Gesichtserkennung spezialisiert nehmung zu lüften: Wie entsteht
gemeinsam mit ihren Mitarbeitern sind. Die Neurone darin reagieren überhaupt ein stimmiges Bild der
endlich knackte. auf verschieden komplexe visuelle Welt in unserem Kopf?
Informationen.

mehr als hellen oder dunklen Pixeln, doch innerhalb ren Studien identifiziert hatte. Im Lauf der folgenden
von 100 Millisekunden wandern sie durch ein ganzes acht Jahre machten Freiwald, Tsao und ihre Mitarbeiter
Netzwerk von Hirnarealen, das schließlich eine bewusst einige wichtige Entdeckungen. Sie präsentierten ihren
wahrnehmbare 3-D-Landschaft erzeugt, in der sich Makaken Bild für Bild, während sie gleichzeitig jene
zahlreiche Objekte befinden und bewegen. Zellen kartierten, die beim Anblick eines Menschen-
Im Rahmen ihrer Doktorarbeit konzentrierte sich oder eines Affengesichts aktiv wurden. So gelang es ih-
Tsao vor allem auf die äußersten Schichten des visuellen nen, sechs Bereiche auf jeder Seite des Gehirns zu iden-
Kortex, bei denen die Informationen von der Netzhaut tifizieren, die über den IT-Kortex verteilt sind und auf
zuerst ankommen. Sie lernte, wie man winzige Elektro- Gesichtserkennung spezialisiert zu sein scheinen. Sti-
den – empfindlich genug, um das Feuern einzelner Neu- mulierten die Forscher eine dieser Regionen, leuchteten
rone zu erfassen – in diesen Bereich des Affenhirns ein- auch die anderen im fMRT auf – wie in einem Netzwerk.
führt. Um tiefer in die Sehrinde vorzudringen, ent-
schied sie sich jedoch bald dazu, die Bildgebung mit in Zeig mir deine Hirnaktivität, und ich sag dir,
ihr Repertoire aufzunehmen. Mit der funktionellen Ma- was du siehst!
gnetresonanztomografie (fMRT) lässt sich die Aktivität Die einzelnen Bereiche arbeiten dabei eher spezialisiert,
des Gehirns umfassender darstellen, und das kann wie- wie Freiwald und Tsao herausfanden. Indem sie ihren
derum dabei helfen, die präziseren Einzelzellaufnahmen Versuchstieren Cartoon-Gesichter mit unterschiedli-
besser zu planen. Damals untersuchten nur wenige Ar- chen Merkmalen wie Haaren oder einer Nase zeigten,
beitsgruppen die Hirnaktivität von Tieren mit solchen konnten sie bestimmen, welche Neurone genau auf wel-
Methoden, aber Wim Vanduffel, ein Pionier auf dem che Gesichtszüge reagierten. Je extremer ein Merkmal
Gebiet der fMRT bei Affen an der Katholischen Univer- ausgeprägt war, desto intensiver feuerte die betreffende
sität Löwen in Belgien, half Tsao dabei, die nötige Infra- Zelle – ein Prinzip, das sich später als grundlegend für
struktur für diese Arbeit auch in Boston aufzubauen. die Gesichtserkennung im Gehirn herausstellen sollte.
Während sie sich näher mit der Technik befasste, Eine Nervenzelle, die auf den Abstand zwischen zwei
stieß Tsao auf eine überraschende Entdeckung der Neu- Augen reagiert, könnte also zum Beispiel weniger feu-
rowissenschaftlerin Nancy Kanwisher vom Massachu- ern, wenn diese in einem Gesicht eher nah beieinander-
setts Institute of Technology. Kanwisher war es im Rah- liegen – und schnell hintereinander bei einer größeren
men ihrer fMRT-Studien gelungen, einen kleinen Be- Distanz. Als die Forscher Affen mit realen Gesichtern
reich im menschlichen Gehirn ausfindig zu machen, konfrontierten, die zu unterschiedlichen Seiten blickten,
der immer dann aktiv wurde, wenn eine Person ein Bild beobachteten sie, dass Zellen in Bereichen des IT-Kor-
von einem Gesicht betrachtete. Bei Abbildungen von tex, die sich besonders nah am visuellen Kortex befin-
Gegenständen wie einem Haus oder einem Löffel blieb den, auf bestimmte Ausrichtungen aller Gesichter zu re-
das Areal hingegen stumm. Sollte das gleiche System agieren scheinen, während jene in den tiefer gelegenen
bei Affen existieren, überlegte Tsao, dann könnte sie Regionen vor allem beim Anblick einiger weniger indi-
ihre empfindlichen Elektroden vielleicht nutzen, um vidueller Gesichter aktiv werden, ganz gleich, wie es um
die beteiligten Neurone genauer zu untersuchen und deren Orientierung bestellt ist. Tsao und ihr Postdoc
herauszufinden, wie die Zellen arbeiten! Stephen Le Chang konnten vorhersagen, wie einzelne
Gemeinsam mit Winrich Freiwald, der damals Post- Nervenzellen auf Basis der verschiedenen Dimensionen
doc in der Arbeitsgruppe von Kanwisher war, begann eines Gesichts feuern würden – und aus den Aktivitäts-
die Forscherin deshalb eine Reihe von Experimenten, mustern dieser Zellen sogar ganze Gesichter rekonstru-
bei denen sie Techniken, die die Aktivität einzelner ieren (siehe »Ein simpler Code«, rechts).
Neurone erfassen, mit fMRT kombinierte. Ihr Ziel: die Die Arbeit der Wissenschaftler deutete auf einen
genauere Erkundung des inferioren temporalen (IT) Mechanismus hin, nach dem individuelle Zellen im
Kortex, jener Hirnregion, die Kanwisher damals in ih- Kortex immer komplexere visuelle Informationen inter-

GEHIRN&GEIST 48 0 6 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG / GESICHT SERKENNUNG

Ein simpler Code


Um zu erforschen, wie das Gehirn von Affen Gesichter verarbeitet, zeichneten Doris Tsao und
Steven Le Chang die Aktivität von Nervenzellen in verschiedenen Bereichen des inferioren
temporalen (IT) Kortex auf, während die Tiere hunderte Bilder von menschlichen Gesichtern
betrachteten. Der IT-Kortex ist an der visuellen Verarbeitung von Objekten beteiligt.

Unterschiede in der Form


Spezielle Zellen in Regionen am oberen Ende des
IT-Kortex reagieren auf bestimmten Formeigenschaf-
ten wie beispielsweise den Abstand zwischen den
Augen oder die Breite des Mundes. Die Neurone
feuern eher bei Gesichtern, die dieselbe Orientierung
haben.

Unterschiede in der Erscheinung


Zellen in Bereichen, die tiefer im IT-Kortex liegen,
reagieren auf Merkmale wie den Hautton oder die
Gesichtstextur. Die Ausrichtung des Gesichts spielt
dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Die Neurone feuern verschieden intensiv, je nachdem, wie stark ein Merkmal ausgeprägt ist. Anhand der
Aktivität von lediglich 205 Nervenzellen konnten die Wissenschaftler vorhersagen, wie das Gesicht
aussah, das ihre Versuchstiere gerade betrachteten. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass die Prinzipien
der Gesichtserkennung auch dem Erkennen von anderen Objekten im IT-Kortex zu Grunde liegen.

MIT FRDL. GEN. VON STEVEN LE CHANG AND DORIS TSAO


Makakenhirn

Neurone reagieren
hauptsächlich auf Form-
unterschiede.

IT-Kortex
Neurone reagieren haupt- tatsächlich betrachtetes aus der Hirnaktivität
sächlich auf Unterschiede Gesicht vorhergesagtes Gesicht
im Erscheinungsbild.

pretieren, bis in den am tiefsten gelegenen Regionen jeder möglichen Repräsentation einer Person aktiv zu
einzelne Neurone schließlich für bestimmte Personen werden. So feuerte ein Neuron, das sich beim Anblick
codieren. Das leuchtete intuitiv ein: Immerhin hatte eines Fotos der Schauspielerin Jennifer Aniston regte,
Rodrigo Quian Quiroga im Jahr 2015 die berühmten etwa auch, wenn die Versuchspersonen ihren Namen in
»Jennifer-Aniston-Zellen« identifiziert. Mit Hilfe von geschriebener Form präsentiert bekamen oder wenn
Menschen, denen Elektroden ins Gehirn implantiert der Titel eines Films auf dem Bildschirm erschien, in
worden waren, stieß er damals auf Signale einzelner dem sie mitgespielt hatte. Diese »Konzeptzellen« befan-
Neurone, die auf Bilder von bekannten oder berühmten den sich im Hippocampus, einer Region, die noch et-
Menschen reagierten. Die Zellen schienen dabei bei was tiefer im Gehirn liegt als der IT-Kortex.

GEHIRN&GEIST 49 0 6 _ 2 0 1 9
Tsao traf Quian Quiroga, der inzwischen an der Uni- Die Chancen stehen gut, dass sich dasselbe einfache
versity of Leicester in Großbritannien arbeitet, 2015 bei Prinzip auf die Arbeitsweise des gesamten IT-Kortex
einem kleinen Meeting in Ascona in der Schweiz, auf übertragen lässt. Mittlerweile haben Forscher andere
dem sie die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentierte. Beim Netzwerke entdeckt, die auf Dinge wie Körper, Szenen
Abendessen fragte er sie, wie ihre Gesichtszellen mit sei- oder farbige Objekte reagieren. Der Großteil des IT-
nen Konzeptzellen zusammenhingen. »Sie sind wahr- Kortex ist allerdings noch unbekanntes Terrain. Auf ei-
scheinlich ihre Vorläufer«, antwortete Tsao. Doch die nem Treffen von Neurowissenschaftlern im Sommer
Aussage nagte die ganze Nacht über an ihr. Eines hatte 2018 in Berlin hat Tsao einige Ergebnisse ihrer aktuellen
sie schon immer gestört: Die Neurone, die sich tief im Arbeit vorgestellt. Zusammen mit ihrem Mitarbeiter
Inneren des IT-Kortex befanden, reagierten nämlich oft Pinglei Bao stimulierte sie Zellen im »Niemandsland«
auf zahlreiche unterschiedliche Gesichter – die sich des IT-Kortex, während sie das Gehirn von Affen scann-
nicht einmal besonders ähnlich sahen. te. Zwei Bereiche leuchteten auf und deuteten auf ein
Während sie die Nacht über wach lag, ging sie noch anderes Netzwerk hin – aber dieses Mal hatte sie keine
einmal die mathematische Analyse durch, die sie und Ahnung, wozu es gut sein würde.
Chang mit ihren Daten durchgeführt hatten. Dann
machte es »klick«! Millionen Male hatte sie bereits die Ein Netzwerk für viele Objekte
Gleichungen geprüft, die die Feuerraten der Neurone Um der Sache näherzukommen, untersuchte sie die
abhängig von der Merkmalsstärke beschrieben. Aber Neurone mit Hilfe von Elektroden, während die Tiere
nun erkannte sie, dass es sich mit ihnen im Grunde Bilder von 50 unterschiedlichen Objekten, darunter
ähnlich verhielt wie mit einer mathematischen Opera- Tiere, Fahrzeuge, Gemüsesorten und Häuser, aus je-
tion, die eine bestimmte Art von Projektion beschreibt. weils 24 verschiedenen Blickwinkeln betrachteten. Die
Mittels Projektion lässt sich zum Beispiel erklären, wie Aktivitätsmuster der Zellen deuteten nicht darauf hin,
die Sonne für zwei unterschiedliche Objekte den glei- dass das Netzwerk für das Erkennen von spezifischen
chen Schatten werfen kann, abhängig davon, wie diese Objekten zuständig war. Stattdessen schienen die Zellen
positioniert sind. Wenn auch ihre Gesichtszellen kom- auf allgemeine Eigenschaften von verschiedenen Din-
binierte Dimensionen aus einer Art multidimensiona- gen zu reagieren und beispielsweise zu registrieren, ob
lem »Gesichtsraum« projizieren würden, »würde das etwas spitz zuläuft wie ein Kamerastativ oder gedrun-
erklären, warum so viele verschiedene Gesichter einer gen ist wie ein USB-Stick, lebendig wie eine Katze oder
Gesichtszelle dieselbe Antwort entlocken können«, sagt unbelebt wie ein Haus.
Tsao. Der IT-Kortex sucht überhaupt nicht nach einer Die Art und Weise, wie dieses Netzwerk Informatio-
bestimmten Person; das muss an einem Punkt passie- nen verarbeitet, weist dabei bemerkenswerte Parallelen
ren, der noch tiefer im Gehirn liegt. zur Funktionsweise von Tsaos Gesichtsnetzwerk auf.
Beim Frühstück erzählte sie Quian Quiroga von ih- Eine Zelle, die zum Beispiel die Lebendigkeit von Ob-
rer Idee und stellte fest, dass er sich bereits dasselbe ge- jekten verarbeitet, würde langsam feuern, wenn wir
dacht hatte. Also trafen sie eine Abmachung: Sie wette- eine Waschmaschine betrachten, jedoch schnell, wenn
te mit ihm um eine Flasche teuren Wein, dass sie sich eine Katze vorbeiläuft. Neurone in den äußeren Berei-
irrte, »denn wenn ich Recht behielte, wäre ich auch chen reagieren auf ähnliche Kategorien von Objekten
ohne Wein glücklich«, erzählt Tsao. Gemeinsam mit mit ähnlicher Ausrichtung, während jene in den tiefer
Chang führte sie weitere Experimente durch, die sie gelegenen Regionen des IT-Kortex eher auf einige spe-
zwar die besagte Flasche Wein kosteten, aber 2017 in ei- zifische Objekte ansprechen, ganz gleich aus welchem
ner Veröffentlichung über den Gesichtserkennungs- Winkel man sie betrachtet. Tsao und Bao konnten das
code mündeten, der eigentlich verblüffend simpel war. Aussehen eines Objekts korrekt bestimmen, indem sie
sich die Aktivitätsmuster von nur etwa 400 einzelnen
Nervenzellen anschauten. »Wir gehen davon aus, dass
Eine Vase oder zwei jegliche Objekterkennung im IT-Kortex nach einem
Gesichter? Bei dieser ähnlichen Prinzip abläuft«, so Tsao.
optischen Illusion Nun will die Neurowissenschaftlerin sich der großen
wechselt das Gehirn Frage widmen, wie das Gehirn unsere gesamte Umwelt
PETERHERMESFURIAN / GETTY IMAGES / ISTOCK

immer wieder zwi- erfasst und nicht bloß ein paar Objekte. Doch dafür
schen den beiden muss man nicht nur wissen, wie visuelle Informationen
unterschiedlichen und die Signale, die aus anderen Sinneskanälen in unser
Wahrnehmungen hin Gehirn einströmen, verarbeitet werden, sondern auch,
und her. wie höherrangiges Wissen durch Erfahrungen unsere
Wahrnehmung beeinflusst. Anders gesagt: Woher wis-
sen wir, dass ein verschwommener Fleck auf einem See
vermutlich eine Ente ist?

GEHIRN&GEIST 50 0 6 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG / GESICHT SERKENNUNG

Doris Tsao ist überzeugt: Das Gehirn besteht nicht


bloß aus einer Reihe passiver Siebe, die Gesichter oder
Enten aus unserer Umwelt herausfischen. »Es ist eine
Art Halluzinationsmaschine: Sie erzeugt eine Version
der Realität, die auf unserem aktuell besten inneren Mo-
dell von der Welt basiert.« Ihre Ideen fußen auf dem
bayesschen Interferenzkonzept – nur indem das Gehirn
Wahrnehmung mit höherem Wissen kombiniert, könne
es zum bestmöglichen Verständnis der Realität gelangen.
Einen möglichen Mechanismus dahinter beschreibt
eine bereits seit Langem diskutierte Theorie namens

SAM COMEN FÜR NATURE


»predictive processing«, die inzwischen das Interesse
vieler Neurowissenschaftler geweckt hat. Dem »predic-
tive processing« zufolge arbeitet das Gehirn, indem es
voraussagt, wie sich seine unmittelbare Umgebung Mil-
lisekunde um Millisekunde verändern wird, und diese
Vorhersagen mit den Informationen abgleicht, die es Um den Gesichtscode zu knacken, nutzte Doris Tsao
über die verschiedenen Sinneskanäle erhält. Jede Dis- eine Kombination aus verschiedenen Bildgebungs-
krepanz, jeden »Vorhersagefehler« nutzt es dazu, um methoden, darunter fMRT.
sein Modell von der Welt zu aktualisieren.
Tsao will herausfinden, wie die Halluzinationsma-
schinerie des Gehirns verdrahtet ist. Bislang ist sie sich die Frage zu stellen, was sich genau ändert, wenn die
unsicher, wie sich dieses Ziel erreichen lässt. Deshalb Wahrnehmung sich plötzlich verschiebt«.
probiert sie verschiedene Methoden aus und zeichnet Der Ansatz, dieser Frage bei nichtmenschlichen Pri-
Nervensignale aus immer tiefer im Gehirn befindlichen maten nachzugehen, »hat eine Menge Potenzial«, sagt
Regionen auf. Eine ihrer Methoden bezieht optische Il- Georg Keller vom Friedrich Miescher Institute for Bio-
lusionen mit ein, wie etwa das berühmte Bild, auf dem medical Research in Basel, der »predictive processing«
manche Menschen zunächst eine Vase erkennen, ande- im visuellen Kortex von Mäusen untersucht. Die Nager
re hingegen zwei Gesichter (links). Beim Betrachten hätten jedoch nur ein begrenztes inneres Modell ihrer
wechselt das Gehirn automatisch alle paar Sekunden Umwelt, und es sei nicht klar, ob sich die Ergebnisse tat-
zwischen den Wahrnehmungen hin und her. Indem sie sächlich von der Maus auf den Menschen übertragen
die Aktivität einzelner Neurone registriert, während Af- lassen. Und nichtinvasive Techniken wie fMRT und
fen das Bild ansehen, will Tsao entschlüsseln, wo und EEG, mit denen man »predictive processing« direkt bei
wie dieses Umschalten im Gehirn vonstattengeht. Versuchspersonen untersuchen kann, kratzten letztlich
Bei anderen Versuchen zeigt sie ihren Affen das Bild nur an der Oberfläche. »Wir werden niemals so nah an
eines vertrauten Gesichts und wandelt dieses langsam den Mechanismus beim Menschen herankommen, wie
in ein anderes bekanntes Antlitz um. Das Primatenhirn Doris es kann«, glaubt der Neurowissenschaftler.
wird dabei versuchen, die Gesichter als bekannt zu klas- Tsao dringt währenddessen im Rahmen ihrer Versu-
sifizieren und an einem ganz bestimmten Punkt die che immer tiefer in das Gehirn vor. Nun muss sie ihre
Wahrnehmung umschalten. »Vor zehn Jahren hätte nie- Aufregung nicht mehr vor anderen verbergen: Sie ist in
mand gewusst, wo man mit der Erforschung solcher ihrem Gesicht gut zu erkennen. H
Phänomene überhaupt beginnen soll. Wir hatten keine
Ahnung, wo Gesichter – oder Vasen – im Gehirn verar-
beitet werden«, so Tsao. Doch jetzt sind sowohl der Ort © Nature Publishing Group
als auch der neuronale Code, mit dem das Gehirn Ob- www.nature.com
jekte erkennt, bekannt, »und wir können beginnen, uns Nature 564, S. 176–179, 11. Dezember 2018

QUELLEN

Chang, L., Tsao, D. Y.: The code for facial identity in the primate brain. Cell 169, 2017
Freiwald, W. A., Tsao, D. Y.: Functional compartmentalization and viewpoint generalization
within the macaque face-processing system. Science 330, 2010
Quian Quiroga, R. et al.: Invariant visual representation by single neurons in the human brain.
Nature 435, 2005
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637198

GEHIRN&GEIST 51 0 6 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG

BILDGEBUNG Neurone senden und empfangen ständig elektrische


Signale. Forscher können ihnen dabei zusehen:
mit Molekülen, die bei Spannungsänderungen Licht abgeben.

Nervenzellen auf
den Puls gefühlt VON GIORGIA GUGLIELMI

D
er Biophysiker Adam Cohen war gera- kehrte, erfuhr er, dass alle Aufnahmen des Experiments
de in San Francisco, als ihn die lang einen seltsamen Verlauf zeigten. Zuerst blinkten die
ersehnte Nachricht per Telefon er- mit dem Protein markierten Neurone artig, während
reichte: Fast 5000 Kilometer entfernt, elektrische Impulse durch sie strömten. Plötzlich ver­
in Cambridge, Massachusetts, feierten wandelten sich die Zellen aber in helle Flecken. »Nach
seine Mitarbeiter einen Durchbruch. der Hälfte jeder Aufnahme spielte das Signal verrückt«,
Nach Monaten voller Fehlschläge hatten sie endlich ein berichtet er.
fluoreszierendes Protein gefunden, mit dessen Hilfe sie Um der Sache auf den Grund zu gehen, war Cohen
live beobachten konnten, wie Signale zwischen Nerven­ bei einem der nächsten Experimente dabei. »Als sie mit
zellen übertragen wurden. der Aufnahme begannen, saßen sie da und hielten den
Ganz rund lief die Sache noch nicht. Als Cohen wie­ Atem an«, erzählt er. Doch sobald das Blitzgewitter an­
der in sein Labor an der Harvard University zurück­ fing, »tanzten sie und liefen durch den Raum«. In ihrer
Überschwänglichkeit hatten seine Mitarbeiter das Licht
einer Schreibtischlampe offenbar direkt auf das Mikro­
Die Gehirn&Geist-Serie skop gerichtet. »Wir haben sozusagen unsere Begeiste­
»Neue Methoden der Hirnforschung« rung aufgenommen«, sagt Daniel Hochbaum, damals
Doktorand in Cohens Gruppe. Die Forscher mäßigten
im Überblick: in der Folge ihren Jubel, und ein Jahr später, 2012, veröf­
Das Handwerkszeug von Neurowissenschaftlern hat sich in fentlichten sie ihre Studie – eine der ersten, die zeigte,
den letzten Jahrzehnten drastisch gewandelt. In einer dass ein in die Zellmembran von Neuronen eingebautes
6­teiligen Serie stellen wir die innovativsten Methoden vor. fluoreszierendes Protein elektrische Impulse in Echtzeit
abbilden kann.
Teil 1: Per Tollwut ins Gehirn (Gehirn&Geist 4/2019) Die schätzungsweise knapp 100 Milliarden Neurone
Teil 2: Ein Strichcode für Neurone (Gehirn&Geist 5/2019) im menschlichen Gehirn empfangen und senden stän­
Teil 3: Nervenzellen auf den Puls gefühlt (dieses Heft) dig Informationen über astförmige Fortsätze, so ge­
Teil 4: Superstarke Hirnscanner (Gehirn&Geist 7/2019) nannte Dendriten und Axone. Chemische oder elektri­
Teil 5: Erhellender Blick zwischen die Hirnzellen sche Signale lösen in den Dendriten kleine Spannungs­
(Gehirn&Geist 8/2019) änderungen an der Zellmembran aus, die dann zum
Teil 6: Tiermodelle in den Neurowissenschaften – an der Zellkörper gelangen. Wenn die Summe der Spannungs­
Realität vorbei? (Gehirn&Geist 9/2019) änderungen einen bestimmten Schwellenwert erreicht,

GEHIRN&GEIST 52 0 6 _ 2 0 1 9
KTSIMAGE / GETTY IMAGES / ISTOCK

GEHIRN&GEIST
53 0 6 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Leuchtende Spannungsmessung

1 2 3
Hirnzellen kommunizieren, Diese Moleküle reagieren Die Methode hat ihre Tücken:
indem sie blitzschnell elektri­ empfindlich auf Spannungs­ Fingerspitzengefühl und
sche Signale miteinander austau­ änderungen: Sobald Strom speziell ausgestattete Mikros­
schen. Um ihnen dabei zuzusehen, an der Nervenzellmembran fließt, kope sind für viele Anwendungen
haben Forscher leuchtende Proteine, geben sie ein Lichtsignal ab, das essenziell. Das erschwert den
so genannte GEVIs, entwickelt. mittels Fluoreszenzmikroskop breiten Einsatz der Technik noch.
messbar ist.

erzeugt das Neuron einen größeren elektrischen Im- nung direkt erfassen konnten, entwickelten Wissen­
puls – ein Aktionspotenzial, das sich daraufhin mit ei- schaftler in den 1970er Jahren. Anfangs verteilten sie
ner Geschwindigkeit von bis zu 150 Meter pro Sekunde diese Farbstoffe großflächig im Gehirn. Damit markier­
entlang des Axons ausbreitet. Der lange Nervenzellfort­ ten sie alle möglichen Hirnzellen, darunter auch nicht­
satz führt zu den Dendriten einer weiteren Nervenzelle. neuronale. Das machte es schwierig, die Aktivität ein­
Getrennt werden die beiden Neurone an dieser Stelle zelner Neurone oder einer bestimmten Art von Zellen
lediglich vom synaptischen Spalt, den chemische oder zu analysieren.
elektrische Signale überwinden können. So breitet sich Daraufhin entstand in den 1980er Jahren die auch
die Aktivierung von einer Zelle auf die nächste aus. heute noch verbreitete Kalzium­Bildgebung. Sie nutzt
Diese Prozesse erzeugen die gesamte Fülle unserer Moleküle, die ihr Farbspektrum ändern, wenn sie sich
Gedanken, Emotionen, Aktionen und Reaktionen. Die an Kalziumionen binden. Neurone enthalten im Ruhe­
Möglichkeiten, Spannungsänderungen in Neuronen zu zustand sehr wenig davon, doch bei einem Aktionspo­
beobachten, sind aber extrem begrenzt. Hauchdünne tenzial dringen diese Ionen in das Innere des angereg­
Miniaturelektroden, die erstmals in den 1940er Jahren ten Neurons ein. Hier heften sie sich an die erwähnten
entwickelt wurden, können zwar in das Gehirn einge­ Moleküle und erzeugen damit ein messbares Lichtsig­
führt werden, um dort die Membranspannung in oder nal. Die Technik erfasst die Membranspannung also in­
um einzelne Neurone zu messen. Mit diesem Ansatz direkt, und auch nur dann, wenn ein Aktionspotenzial
überwachen Forscher jedoch bloß eine oder maximal Kalziumionenkanäle in der Membran der Nervenzelle
ein paar Nervenzellen auf einmal – und das auch nur öffnet. Subtilere Spannungsänderungen oder elektri­
für eine begrenzte Zeit, da die Elektroden die Zellen sche Signale, die Aktionspotenziale hemmen, misst sie
schädigen. Es ist etwa so, als wolle man die Sinfonien nicht.
Mozarts verstehen, indem man ein oder zwei Orches­
termusikern ein paar Sekunden lang zuhört. Innovation durch fluoreszierende Proteine
Bündel von Mikroelektroden können die elektrische In den 1990er Jahren begannen Wissenschaftler schließ­
Aktivität von bis zu 200 Zellen auf einmal erfassen. Da lich erstmals, fluoreszierende Proteine für die Span­
diese Elektroden jedoch nicht im Inneren von Neuro­ nungsmessung zu nutzen. Der Vorteil: Die Moleküle
nen platziert werden, erkennen sie nur Aktionspoten­ konnten gentechnisch verändert und gezielt in eine
ziale. Die kleinen Spannungsänderungen, die konti­ oder mehrere Neuronensorten eingebracht werden. Der
nuierlich im Inneren des Neurons stattfinden, bleiben erste solche »genetically encoded voltage indicator«,
unsichtbar. Sie sind aber in gewisser Weise der Schlüssel kurz GEVI, wurde 1997 vorgestellt; seither haben Wis­
zur Gehirnfunktion: Sie tragen nämlich wesentlich senschaftler mehr als zwei Dutzend weitere entwickelt.
dazu bei, ob ein Neuron feuern wird oder nicht. Einige davon bestehen aus einem spannungsempfindli­
In den 1960er Jahren kam die Idee auf, elektrische chen Protein, das an ein fluoreszierendes Molekül ge­
Ströme in Form von Licht sichtbar zu machen. Erste koppelt ist (siehe »Wie GEVIs funktionieren«, rechts).
Farbsensoren, die Veränderungen der Membranspan­ Wenn in der Nähe solcher Moleküle die elektrische
Spannung schwankt, verändert sich die dreidimensio­
nale Struktur des Proteins. Das verschiebt das Fluores­
zenzspektrum des Moleküls, an das es gekoppelt ist. In
der Folge leuchtet dieses in einer bestimmten Farbe auf.
U N S E R E AU TO R I N Opsine bilden eine weitere Klasse von Spannungsindi­
Giorgia Guglielmi ist promovierte
katoren. Sie basieren auf fluoreszierenden Proteinen,
Molekularbiologin und Wissen­ die unter anderem von einigen Mikrobenarten produ­
ELISE CHEN

schaftsjournalistin in Cambridge, ziert werden. Als Reaktion auf Licht lösen sie eine Span­
Massachusetts. nungsänderung an deren Plasmamembran aus. Die

GEHIRN&GEIST 54 0 6 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG / BILD GEBUNG

Spannungsempfindliche
Wie GEVIs
Fusionsproteine funktionieren
spannungs- Eine elektrische Spannungsänderung
empfindlicher entlang der Membran modifiziert die Wissenschaftler haben
Plasmamembran Molekülteil Molekülstruktur. Dadurch leuchtet das verschiedene Arten von
angehängte fluoreszierende Protein
weniger hell.
genetisch codierten
Spannungsindikatoren
(GEVIs) entwickelt.
Eine Hauptkategorie
(oben) nutzt den mem-
brangebundenen Teil
eines spannungsemp-
findlichen Proteins,
zum Beispiel des Natri-
fluoreszierender umkanals. Dieses Frag-
Molekülteil ment wird mit einem
oder mehreren fluores-
zierenden Proteinen
gekoppelt. Die zweite
Opsinbasierte Spannungsindikatoren Kategorie von GEVIs
Auf Grund einer Spannungsänderung nutzt ein Opsinprotein,
an der Membran nimmt Retinal, der
NATURE; GUGLIELMI, G.: THE BRAIN’S RAUCOUS SYMPHONY. NATURE 561, 2018

lichtempfindliche Teil des Proteins, ein etwa mikrobielles


Proton auf. Das verändert die Fluoreszenz Rhodopsin. Das mem-
des Moleküls. brangebundene Molekül
Opsinprotein
verändert seine Fluo-
reszenz direkt, sobald
elektrische Ströme
fließen.

Proton

Proteine können aber auch dazu gebracht werden, um- elektrische Aktivität derselben Zellen mehrmals, mit
gekehrt zu arbeiten: Dann wechseln sie Farbe, sobald Abständen von bis zu einer Woche, zu erfassen. Edward
sich die Spannung an der Membran ändert. Boyden, Neurowissenschaftler am Massachusetts Insti­
Mit GEVIs lässt sich nicht nur das Aktionspotenzial tute of Technology in Cambridge, sieht ein großes Po­
eines Neurons verfolgen. Die kleinen Veränderungen tenzial der Technik. Mit den GEVIs könne man endlich
der Membranspannung, die nicht ausreichen, um ein mehr über die Verbindung zwischen Struktur und
solches auszulösen, machen die Moleküle ebenfalls Funktion des Gehirns erfahren, hofft er.
sichtbar. Das klappt sowohl in einer Kulturschale als
auch im Gehirn lebender Tiere. Diese kleinen Strom- Ins Neuron hineinzoomen
fluktuationen spiegeln wider, ob ein Neuron Nach­ Die Moleküle haben einen weiteren Vorteil: Anders als
richten von benachbarten Zellen erhält, erläutert Adam Elektroden können sie elektrische Signale an einem be­
Cohen: »Mit der Methode können wir in Echtzeit be­ liebigen Punkt eines Neurons messen – zum Beispiel
obachten, wie Signale in Neuronen im Gehirn leben­ ausschließlich in den Dendriten oder im Axon. Elektro­
der Organismen eintreffen – das war vorher so nicht den detektieren die Spannung hingegen vor allem am
möglich.« Nervenzellkörper. So können Forscher nicht nur klei­
Cohens Team entwickelte in den vergangenen Jahren nere Änderungen als zuvor beobachten, sondern auch,
mehrere GEVIs. Die Forscher verbesserten auch Mikro­ wie sich diese innerhalb einer einzelnen Zelle verteilen
skopietechniken, damit sie Änderungen der Membran­ (siehe »Bis ins kleinste Detail«, S. 56).
spannung von so vielen Neuronen wie möglich gleich­ Die Methode ermöglicht es Wissenschaftlern zudem,
zeitig registrieren können. Ihnen gelang es sogar, die elektrische Signale zu sehen, die das neuronale Zünden

GEHIRN&GEIST 55 0 6 _ 2 0 1 9
Bis ins kleinste Detail
GEVIs haben sich bei der Bildgebung in verschiedenen Größenordnungen bewährt.
Forscher verwenden sie auf der Ebene von Geweben, um die Aktivität vieler Neurone auf
einmal zu untersuchen ➊. In kleinen Schaltkreisen beobachten sie mit ihrer Hilfe die Aktivität
der beteiligten Nervenzellen ➋. Und innerhalb eines Neurons können die Proteine abbilden,
wie ein Signal durch die Zelle schießt ➌. Andere Methoden, wie Elektroden und die Kalzium-
Bildgebung, lassen sich nicht so vielseitig auf unterschiedlichen Ebenen einsetzen.

NATURE; GUGLIELMI, G.: A NEW WAY TO CAPTURE THE BRAIN’S ELECTRICAL SYMPHONY. NATURE 10.1038/D41586-018-06694-6, 2018
➊ Den Überblick behalten: ➋ Schaltkreise verstehen: ➌ In die Zelle schauen:
eine wellenartige Fluoreszenz- elektrische Reaktionen einer die Ausbreitung eines
änderung in einem kleinen Hand voll vernetzter Neurone in Aktionspotenzials innerhalb
Abschnitt des somatosensorischen Taufliegenhirnen, während die eines einzelnen Neurons
Kortex einer Maus Zellen Informationen untereinan-
der austauschen

hemmen, anstatt es auszulösen. Solche Signale lassen änderungen in mindestens 50 Neuronen gleichzeitig im
sich mit Ansätzen wie der Kalzium-Bildgebung nicht Gehirn einer lebenden Maus zu messen.
erfassen. Deshalb ist bisher unklar, wie sie die Hirnakti- Die Arbeit mit GEVIs ist allerdings technisch nicht
vität beeinflussen, bedauert Rosa Cossart, Neurobiolo­ einfach. Helen Yang erzählt, wie sie als Doktorandin an
gin im südfranzösischen Marseille. Cossart verwendet der kalifornischen Stanford University zu GEVIs griff,
seit Jahren Elektroden und Kalzium­Imaging, doch um Neurone im visuellen System von Taufliegen zu un­
jetzt will sie auch mit GEVIs arbeiten. Sie hofft, dass die tersuchen. Aber als sie während ihres ersten Experi­
Sensoren es ihr ermöglichen werden, die Spannungs­ ments durch das Mikroskop blickte, sah sie keine Ver­

GEHIRN&GEIST 56 0 6 _ 2 0 1 9
HIRNFORSCHUNG / BILD GEBUNG

änderung in der Fluoreszenz der Zellen. Nicht einmal, M E H R W I S S E N AU F


wenn sie ein helles Licht in die Augen der Fliegen rich­ »SPEKTRUM.DE«
tete, rührte sich etwas. Erst als sie die Daten analysierte, Wie kleinste Details sichtbar
wurde ihr klar, dass die visuellen Reize nur ein sehr klei­ werden, lesen Sie in unserem
nes und kurzes Signal erzeugten. »Ich war ziemlich auf­ digitalen Spektrum
Kompakt »Mikroskopie«:
geregt, aber meine Laborkollegen waren es nicht«, er­
zählt sie. »Das Signal war ziemlich unscheinbar und www.spektrum.de/shop
verrauscht.«
Yang spielte mit den Mikroskopeinstellungen. Sie
steigerte die Laserleistung und beschleunigte die Bild­
gebung, so weit sie konnte. »Ich habe die Aufnahmen tonenmikroskopie. Mit Hilfe von längerwelligem, ener­
im Grunde genommen so schnell gemacht, wie es unser gieärmerem Licht kann sie undurchsichtiges Gewebe
Mikroskop erlaubte«, sagt sie. Die Reaktion passiert bis zu ein Millimeter tief durchleuchten. Zweiphoto­
nämlich so rapide, dass die Änderung der Fluoreszenz nenmikroskope erfassen Bilder allerdings zu langsam,
nur für einen Bruchteil einer Sekunde nachweisbar ist. um einen Großteil des schnellen Informationsaus­
»Wenn man während der Zeit, in der die Zelle antwor­ tauschs im Gehirn zu verfolgen.
tet, bloß ein Bild aufnehmen kann, sieht die Reaktion Sobald die technischen Hürden überwunden sind,
natürlich gar nicht groß aus.« könnten GEVIs aber zur Standardmethode für die Mes­
sung der Gehirnaktivität werden. »In den nächsten ein
Spezielle Mikroskope nötig oder zwei Jahren werden wir viele Studien sehen, die
Schließlich gelang es Yang, mittels GEVIs zu untersu­ Spannungssensoren angewendet haben«, sagt Thomas
chen, wie die Neurone der Fliegen visuelle Signale ver­ Clandinin, Neurobiologe an der Stanford University.
arbeiten. Doch die Herausforderungen, die sie dafür Einige seiner Kollegen meinen, dass die Technik sogar
überwinden musste, sind typisch für die Methode. Sie Elektroden ersetzen könnte, wenn es darum geht, wie
haben bisher eine breite Anwendung der Technik ver­ Neurone Informationen verarbeiten und weiterleiten.
hindert. Die Arbeit mit GEVIs erfordert nämlich auch Daniel Hochbaum, der mittlerweile als Postdoc an
hoch entwickelte, oft speziell ausgestattete Mikroskop­ der Harvard Medical School in Boston forscht, ist eben­
Plattformen, sagt Cohen. »Diese Art von Bildgebung falls optimistisch. GEVIs würden langfristig ein unver­
kann man nicht einfach mit jedem beliebigen Fluores­ zichtbares Instrument werden, um zu beobachten, wie
zenzmikroskop machen.« verschiedene Teile eines Neurons auf elektrische Sig­
Parallel zur Entwicklung neuer Sensoren arbeiten die nale reagieren, glaubt er. Er will mit ihrer Hilfe untersu­
Wissenschaftler deshalb an verbesserten Bildgebungs­ chen, wie Spannungsänderungen die Verknüpfungen
verfahren, um die schnellen elektrischen Signale im zwischen Neuronen verändern – ein Schlüsselprozess
Gehirn präziser zu erfassen. Die meisten der verfügba­ beim Lernen. Aus seinen frühen Erfahrungen in Co­
ren Techniken funktionieren nur dann gut, wenn Zellen hens Labor hat er mindestens eine wichtige Lektion ge­
in einer Petrischale oder auf der Oberfläche des Ge­ lernt: Mit dem Feiern beginnt man am besten erst,
hirns beobachtet werden sollen. Für tiefere Einblicke nachdem das Experiment zu Ende ist. H
müssen Forscher auf invasivere Methoden zurückgrei­
fen: Sie können zum Beispiel einen Teil des oberflächli­
chen Hirngewebes entfernen, um an darunterliegende
Schichten zu kommen. Oder sie schieben winzige opti­ © Nature Publishing Group
sche Geräte, so genannte Mikroendoskope, direkt ins www.nature.com
Gehirn. Eine nichtinvasive Alternative ist die Zweipho­ Nature 561, S. 300–302, 20. September 2018

QUELLEN

Gong, Y. et al.: High-speed recording of neural spikes in awake mice


and flies with a fluorescent voltage sensor. Science 350, 2015
Kralj, J. M. et al.: Optical recording of action potentials in mammalian neurons using a microbial rhodopsin.
Nature Methods 9, 2012
Piatkevich, K. D. et al.: A robotic multidimensional directed evolution approach applied to fluorescent
voltage reporters. Nature Chemical Biology 14, 2018
Siegel, M. S., Isacoff, E. Y.: A genetically encoded optical probe of membrane voltage.
Neuron 19, 1997
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637200

GEHIRN&GEIST 57 0 6 _ 2 0 1 9
THERAPIE KOMPAKT

PIXDELUXE / GETTY IMAGES / ISTOCK


Verhaltensmedizin
Was uns guttut, ist kulturabhängig

W
er häufig positive Gefühle erlebt, bleibt flossen in die Analyse ein, etwa der Cholesterinspiegel
körperlich und psychisch gesünder. Nicht oder ein Biomarker für Entzündungen.
zuletzt deshalb sprechen Therapeuten mit Für Teilnehmer aus den USA galt: Wer häufiger
ihren Patienten oft darüber, wie diese sich in ihrer aktiven Unternehmungen nachging, litt weniger unter
Freizeit etwas Gutes tun können. Allerdings gibt es Krankheiten, Schmerzen und Schlafproblemen. In
ganz verschiedene Arten von Unternehmungen, die Japan dagegen waren jene Probanden bei besserer
wir als angenehm erleben: Manche Menschen bevorzu- Gesundheit, die sich regelmäßig ruhigen Freizeitbe­
gen eher spannende und stimulierende Erlebnisse, schäftigungen widmeten. In der amerikanischen
andere dagegen geruhsame Tätigkeiten. Stichprobe waren zudem jene Teilnehmer körperlich
Ein internationales Team von Psychologinnen wollte fitter, die mehr »aufregende« positive Emotionen
nun wissen, welche Freizeitaktivitäten langfristig besser erlebten wie beispielsweise Enthusiasmus.
für das Wohlbefinden sind – und ob das auch von der Dass positive Gefühle im Allgemeinen mit besserer
Kultur abhängt, in der man lebt. Denn im individualis- Gesundheit einhergehen, war schon bekannt – in der
tisch geprägten Westen gilt es vielen Menschen als er- westlich geprägten Psychologie habe man darunter
strebenswert, etwas Aufregendes zu unternehmen, zum aber meist nur Emotionen mit einem erhöhten
Beispiel auf eine Party zu gehen, einen Freizeitpark zu Erregungsniveau verstanden, schreiben Clobert und
besuchen oder Sport zu treiben. In kollektivistischen ihre Kolleginnen. Die Analyse zeige jedoch, dass der
Kulturen wie Japan schätzt man dagegen traditionell Zusammenhang zwischen angenehmen Aktivitäten
eher beschauliche Aktivitäten, etwa zu meditieren, ein und körperlicher Gesundheit kulturabhängig sei.
Bad zu nehmen oder die Natur zu genießen. Einen ähnlichen kulturellen Unterschied ergaben
Die Forscherinnen um Magali Clobert, die mittler- bereits Studien zu negativen Gefühlen: Wer diese
weile an der belgischen Université Catholique de häufiger erlebt, leidet grundsätzlich stärker unter
Louvain arbeitet, analysierten die Daten zweier natio- Erkrankungen, Schmerzen und Müdigkeit. Dieser
naler Studien aus den USA und Japan. Die Versuchs- Zusammenhang ist in individualistischen Gesellschaf-
personen sollten darin unter anderem angeben, wie oft ten wie in den USA jedoch deutlich stärker ausgeprägt
sie bestimmte Gefühle erleben, welche Aktivitäten sie als in kollektivistischen, asiatischen Kulturen, die
häufig ausführen und wie stark sie unter körperlichen negative Emotionen offenbar nicht so stark vermeiden.
Einschränkungen leiden. Auch biologische Messwerte Emotion 10.1037/emo0000531, 2019

GEHIRN&GEIST 58 0 6 _ 2 0 1 9
Autor dieser Rubrik: Joachim Retzbach

Medizinische Aufklärung
Wie verarbeiten Patienten ihre Diagnose?

T
herapeuten und Psychiater teilen ihren Patienten dazu nutzen, andere zu beeinflussen oder sich Vorteile
in der Regel deren offizielle Diagnose mit. Wie zu verschaffen.
wirkt dieses »Label« auf die Betroffenen? Dieser Wer welchen Verarbeitungsstil zeigt, lässt sich mit
Frage ist der Psychologe Thomas Schnell von der Hilfe eines Fragebogens messen, den der Psychologe an
Medical School Hamburg nachgegangen. 252 weiteren Patienten erprobte. Dabei kam unter
Auf der Grundlage von Interviews mit 80 Patienten anderem heraus, dass rund neun Prozent der Befragten
teilte Schnell den Umgang mit einer Diagnose in drei ihre Diagnose lediglich während einer Visite mitgeteilt
»funktionale« und drei »dysfunktionale« Varianten der bekamen und weitere neun Prozent diese erst aus dem
Verarbeitung ein. Funktional ist es demnach etwa, Arztbrief erfuhren. Nur die Hälfte derer, die in einem
wenn die Diagnose zu größerem Verständnis und persönlichen Gespräch aufgeklärt wurden, empfand
besserer Akzeptanz der eigenen Erkrankung führt oder die Atmosphäre als angenehm und gab an, eine
wenn sie die Hoffnung auf eine erfolgreiche Behand- Erklärung für die Diagnose erhalten zu haben. Die
lung beflügelt. Als dysfunktional dagegen bezeichnet es Aufklärung verlaufe also zwar in vielen Fällen gut,
Schnell, wenn sich Patienten zu stark mit ihrer Diagno- doch insgesamt sei bei der Kommunikation von
se identifizieren, sie deswegen Scham und Minderwer- Diagnosen noch »Luft nach oben«, konstatiert Schnell.
tigkeitsgefühle entwickeln oder sie ihre Erkrankung Psychotherapeutenjournal 1/2019

Gewalt
Psychisch Kranke gehen nicht aggressiver mit Waffen um

W
as führt dazu, dass Menschen Schusswaffen ein Gewehr oder eine Pistole heranzukommen.
bei sich tragen und andere damit gefährden? Psychische Probleme wie Angststörungen, Depression,
Laut einer neuen Studie eines Forscherduos eine Posttraumatische Belastungsstörung oder auch
aus den USA ist der wichtigste Faktor dafür die bloße Stress erhöhten das Risiko nicht. Lediglich zu einer
Verfügbarkeit von Pistolen und Gewehren – psychische feindseligen Persönlichkeit fand sich noch ein Zusam-
Erkrankungen scheinen dagegen keine Rolle zu spielen. menhang: Wer generell dazu neigte, sich leicht über
Yu Lu und Jeff Temple von der University of Texas andere Menschen zu ärgern, ihnen zu misstrauen und
nutzten die Daten von 663 Teilnehmern, die für eine sie als Gegner zu betrachten, wurde ebenfalls häufiger
Längsschnittstudie Fragen zu ihrem Umgang mit zum Gefährder.
Waffen und über ihre Psyche beantwortet hatten. Die Bedrohung mit einer Schusswaffe sei noch keine
Männliche Probanden gaben dreimal so oft wie körperliche Gewalt, aber eine direkte Vorstufe davon,
weibliche Versuchspersonen zu, schon einmal andere schreiben die Forscher. Ein erschwerter Zugang zu
mit einer Schusswaffe bedroht zu haben. Als größten Waffen sei die sinnvollste Maßnahme, um ihren
Risikofaktor identifizierten die Wissenschaftler Missbrauch zu begrenzen. Zusätzlich könnten psycho-
allerdings den leichten Zugang zu Waffen: Die Wahr- logische Trainings, die Wut und Feindseligkeit
scheinlichkeit für solche Drohgebärden stieg auf das verringern, helfen, das Problem einzudämmen.
18-Fache, wenn die Teilnehmer angaben, bei Bedarf an Preventive Medicine 10.1016/j.ypmed.2019.01.008, 2019

Hörverlust Bereits eine leichte Schwerhörigkeit verdoppelt


das Risiko für Senioren, an einer Depression zu erkranken.
Ist die Beeinträchtigung stark ausgeprägt, vervierfacht es sich.
JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery 10.1001/jamaoto.2018.3270, 2019

GEHIRN&GEIST 59 0 6 _ 2 0 1 9
PAUL GÄRTNER
MEDIZIN

BEGLEITTIERE Hunde können


Menschen mit Behinderungen im
Alltag unterstützen. Zunehmend
werden sie auch als Hilfe für psy-
chisch oder neurologisch Erkrankte
ausgebildet.

Assistent
auf vier
Pfoten
VON JOACHIM RETZBACH

GEHIRN&GEIST 60 0 6 _ 2 0 1 9
PAUL GÄRTNER

Assistenzhunde-Trainerin
Daniela Karius (links) leitet die
Ausbildung von Jenny und
ihrem Retriever-Rüden Ben an.

GEHIRN&GEIST 61 0 6 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Selbstständiger dank Hund

1 2 3
Assistenzhunde für psychische Die Forschung bescheinigt den Unklar ist zudem, wie genau
Erkrankungen werden immer Begleittieren eine gute Wirk­ ein Assistenzhund die psychi­
beliebter. Insbesondere in den samkeit. Vor allem ihr Einsatz sche Erkrankung seines Hal­
USA hat die Zahl therapeutisch für traumatisierte Soldaten wurde ters positiv beeinflusst. Auch fehlen
eingesetzter Tiere in den letzten untersucht. Es fehlt aber noch an rechtliche Regelungen zur Ausbil­
Jahren drastisch zugenommen. großen und qualitativ hochwerti­ dung und Zertifizierung der Tiere.
gen Studien.

A
ls Jenny und Ben sich zum ersten Mal situationen unterstützen zu können. Ben hält zum Bei­
trafen, war Ben zehn Wochen alt. Kurz spiel draußen andere Menschen auf Distanz zu seiner
zuvor hatte der flauschige braune Wel- Halterin. Er geht voran, wenn sie um eine Ecke oder
pe einige Tests über sich ergehen las- durch eine Tür laufen. Wenn sich jemand ihnen nähert,
sen. Darin musste er unter Beweis stel- gibt er ihr ein Zeichen. Das vermittelt ihr Sicherheit.
len, dass er nicht zu ängstlich auf frem- Wenn Jenny einen Flashback oder eine Panikattacke
de Menschen reagiert, nicht leicht aggressiv wird und hat, kommt Ben sofort zu ihr und schleckt ihr über das
insgesamt ein verspielter, lernwilliger und sensibler Gesicht. Oft hilft ihr das dabei, sich zu beruhigen. In
Hund ist. Die 19-jährige Jenny kam in Begleitung ihrer Zukunft soll er sogar diese Zustände schon herannahen
Eltern. »Ben und ich haben uns sofort gut verstanden«, spüren und seine Halterin vorwarnen. Zudem soll er
sagt die junge Frau. lernen, nachts das Licht anzuschalten, wenn Jenny Alb­
Das ausgeglichene Wesen des Hundes ist in diesem träume hat, und ihre Medikamente zu bringen, die da­
Fall besonders wichtig. Denn der Flat Coated Retriever für in einem eigens genähten Beutel liegen.
ist nicht irgendein Haustier: Er wird zum Assistenz-
hund ausgebildet. Seine Halterin Jenny leidet unter Erst wenige wissenschaftliche Studien
einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Fremden Die meisten Menschen, die einen Assistenzhund ihr
gegenüber ist sie sehr zurückhaltend, zu viel Nähe zu Eigen nennen, berichten enorm positiv darüber. Doch
ihnen bereitet ihr Unbehagen. Bevor Ben zu ihr kam, es gibt erst wenige wissenschaftliche Studien zu diesem
hat sie nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht Ansatz. Am häufigsten wird, vor allem in den USA, da­
mehr verlassen und sich nicht allein in die Stadt getraut. ran geforscht, wie die so genannten »service dogs« auf
Mit dem Retriever an ihrer Seite geht das wieder. traumatisierte Armee­Veteranen wirken. In einer 2018
Assistenzhunde gibt es eigentlich schon lange: Ihre erschienenen Studie etwa untersuchten Forscher um
bekanntesten Vertreter sind die Blindenhunde, die min- Kerri Rodriguez von der Purdue University Soldaten
destens seit dem 18. Jahrhundert verbürgt sind. Sie er­ mit PTBS. Manche von ihnen hatten über eine Hilfs­
lebten die erste Blütezeit nach dem Ersten Weltkrieg organisation einen Assistenzhund erhalten, andere war­
als Führhunde für Kriegsversehrte. Begleithunde für teten noch auf ein Tier. Wer mit dem Hund zusammen­
Rollstuhlfahrer sind ebenfalls verbreitet; sie öffnen etwa lebte, zeigte im Durchschnitt geringere Symptome der
Türen oder bringen Gegenstände. Seit einigen Jahren al­ psychischen Erkrankung, schlief besser, war weniger
lerdings hat sich das Spektrum an tierischen Helfern ängstlich und trank geringere Mengen Alkohol. Ein
enorm verbreitert. Assistenzhunde gibt es mittlerweile Forschungsteam der University of Central Florida kam
auch für Menschen, die wie Jenny an einer Posttrauma­ 2019 in einer ganz ähnlichen Studie zu demselben
tischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, für Menschen Ergebnis: Bei Soldaten, die einen PTBS­Assistenzhund
mit kognitiven Beeinträchtigungen, Autismus, Essstö­ hatten, verminderten sich Ängstlichkeit, Nervosität
rungen oder Depression. und Unsicherheit im Vergleich zu ihren Kameraden auf
Gemein ist diesen Assistenten, dass sie eine spezielle der Warteliste deutlich.
Ausbildung genossen haben, um ihre Halter in Problem­ »Die bisherigen Erkenntnisse sind sehr viel verspre­
chend, allerdings steckt die Forschung zu Assistenzhun­
den insgesamt noch in den Kinderschuhen«, sagt Karin
Hediger von der Universität Basel. Die Psychologin er­
U N S E R AU TO R forscht die therapeutische Wirkung von Tieren auf den
Menschen. Hediger weist beispielsweise darauf hin, dass
Joachim Retzbach ist promovierter
Psychologe und Wissenschaftsjournalist.
oft nur wenige Personen untersucht würden. Außerdem
Er arbeitet als Forschungsredakteur hatten die Probanden in der Kontrollgruppe – wenn es
für das Portal »Wissenschaftskommuni­ eine gab – meist nicht nur keinen Assistenzhund, son­
kation.de« und als freier Autor. dern gar keinen Hund. So bleibe unklar, ob wirklich die

GEHIRN&GEIST 62 0 6 _ 2 0 1 9
MEDIZIN / BEGLEIT TIERE

PAUL GÄRTNER

Gruppenbild für die Besucher: Karius und ihr Mann züchten selbst die Retriever, von denen manche schließlich
zu Assistenzhunden ausgebildet werden. Dazu beobachten sie von Beginn an den Charakter jedes Tiers.

Ausbildung zum Assistenztier für die heilsamen Effekte sity zehn empirische Studien, die sich mit dem Phäno­
verantwortlich ist oder ob nicht vielleicht jeder vierbei- men befasst hatten. Diese kamen überwiegend zu dem
nige Gefährte traumatisierten Seelen Halt geben kann. Schluss, dass mit der Aufnahme eines Autismushundes
Auf Letzteres deuten zumindest die Aussagen einiger die Lebensqualität der ganzen Familie steigt, in erster
PTBS­Patienten hin, die einen Hund zum Assistenz­ Linie weil der Hund die Sicherheit des Kindes erhöht.
hund ausbildeten. Demnach stieg ihre Lebensqualität Zudem fördern die Tiere offenbar die Kommunikation,
schon mit dem Anschaffen des Welpen beträchtlich – das Sozialverhalten und die körperliche Entwicklung
die speziellen Hilfeleistungen, die der Hund nach Ab- der Betroffenen. Die methodische Qualität der Studien
schluss der Ausbildung beherrschte, schätzten sie aber bewerteten die Forscher jedoch durchweg als zu niedrig,
ebenfalls sehr. Studien, in denen der tatsächliche Effekt um bereits gesicherte Schlüsse zu ziehen.
der Hundeausbildung rigoroser kontrolliert wird, lau-
fen Hediger zufolge derzeit, sind jedoch noch nicht ab- Nicht alles braucht einen Nachweis
geschlossen. Allerdings, gibt Karin Hediger zu bedenken, brauche es
Vergleichbar ist die Situation beim so genannten nicht für jeden Effekt einen hieb­ und stichfesten wis­
Autismusbegleithund. Er wird für Kinder ausgebildet, senschaftlichen Nachweis. »Dass ein Blindenführhund
die von Autismus-Spektrum-Störungen betroffen sind. eine unmittelbare positive Funktion hat, ist offensicht­
Der Hund lernt beispielsweise, das Kind bei Wutanfäl- lich, dazu braucht es keine Wirkungsstudien«, sagt sie.
len oder »Meltdowns« zu beruhigen, er kann es am Ähnlich verhalte es sich mit den konkreten Hilfeleistun­
Weglaufen hindern und sucht nach ihm, wenn es ver- gen eines Autismus­ oder PTBS­Assistenzhundes, etwa
schwunden ist. Auch die sozialen Fähigkeiten soll der im Notfall ein verloren gegangenes Kind aufzuspüren
Umgang mit dem Tier verbessern. In einer Übersichts- oder Medikamente zu bringen. Schwieriger werde es
arbeit aus dem Jahr 2017 fanden Esther Sprod und Mi­ erst bei der Frage, ob die Tiere auch langfristig die psy­
chael Norwood von der australischen Griffith Univer­ chischen Symptome reduzieren, unter denen die Betrof­

GEHIRN&GEIST 63 0 6 _ 2 0 1 9
PAUL GÄRTNER
Eine Assistenzleistung, die speziell bei psychischen und neurologischen Erkrankungen wichtig ist:
Medikamente bringen. Das lernt Ben hier mit einem eigens dafür genähten Beutel.

fenen leiden. Um das zu beantworten, brauche es in der Bei der Suche nach den Gründen sammelten Beetz
Tat noch mehr und ausgefeiltere Studien. und ihre Kollegen unter anderem Statements der Vetera­
Dass Tiere generell eine positive Wirkung auf die nen ein. »Der Hund hat mich so akzeptiert, wie ich bin.
menschliche Psyche haben können, legt schon die um- Ich musste mich nicht verstellen«, sagte ein Teilnehmer.
fangreiche Literatur zu tiergestützten Interventionen Ein weiterer meinte: »Er gibt mir eine gewisse Lebens­
nahe. Denn viel verbreiteter als Assistenzhunde sind so freude wieder, die ich lange nicht mehr verspürt habe.«
genannte Therapietiere, die nicht bei den Patienten zu Manche Probanden, so erzählt Beetz, konnten vor der
Hause leben, sondern nur bei – meist wöchentlichen – Behandlung gar keinen Körperkontakt mehr zulassen,
Behandlungen mit den Betroffenen in Kontakt kom- nicht einmal zu ihren eigenen Kindern. Überraschen­
men (siehe »Tiere als Therapeuten«, rechts). derweise lernten sie durch das Streicheln des Hundes,
»Tiere verbessern in vielen Situationen unsere Stim- wieder mit anderen Lebewesen auf Tuchfühlung zu ge­
mung, sie mildern Stress oder Ängste und können uns hen. »Die Hemmschwelle für die Kontaktaufnahme ist
motivieren«, erklärt die Psychologin Andrea Beetz, die bei einem Hund einfach geringer«, sagt Beetz. »Dem
an der Internationalen Hochschule Bad Honnef und an Tier müssen Sie nichts erklären.« Das erlebten viele Be­
der Universität Rostock arbeitet. In verschiedenen Studi- troffene als befreiend. Der Sanitätsdienst der Bundes­
en haben sie und ihre Kollegen beispielsweise demonst- wehr plant auf Grund von Studien wie dieser, künftig
rieren können, dass schon die Anwesenheit eines freund- eigene Diensthunde für die Behandlung von traumati­
lichen Hundes, aber mehr noch der persönliche Kon- sierten Soldaten auszubilden.
takt zu ihm die Leseleistung von Schulkindern steigert.
Insbesondere auf Kinder, die nicht gut lesen können, Ist die Liebe zum Tier angeboren?
scheint der Hund eine beruhigende Wirkung zu haben. Wer etwas tiefer nach den Ursachen für die spezielle
Vor Kurzem hat Beetz in Kooperation mit der Bun- Wirkung von Tieren auf die Psyche gräbt, landet früher
deswehr untersucht, wie eine Intervention mit Hunden oder später bei der »Biophilie­Hypothese« des Sozio­
auf traumatisierte Patienten wirkt. Die Betroffenen wa- biologen Edward Wilson. Sie erklärt, warum Tiere so
ren auch hier Soldaten, die nach Kampfeinsätzen nicht faszinierend und interessant für die meisten von uns
mehr in ihr normales Leben zurückfanden. Zusätzlich sind  – obwohl der moderne Mensch sein Leben auch
zu einer regulären Psychotherapie durften manche von ohne Kontakt zu anderen Spezies verbringen könnte.
ihnen in vier wöchentlichen Sitzungen jeweils drei Experimente deuten jedoch darauf hin, dass schon Ba­
Stunden lang mit einem Therapie­Begleithund inter­ bys stärker auf Lebendiges in ihrer Umgebung achten
agieren. Nach jedem Kontakt mit dem Vierbeiner bes­ als auf Dinge. Biologen vermuten, dass es im Lauf der
serte sich ihre Gefühlslage deutlich, sie waren fröhlicher Evolution stets vorteilhaft war, Lebewesen größere Auf­
und gegenüber anderen Menschen aufgeschlossener, merksamkeit zu schenken, vor allem Tieren. Schließlich
was sich an einer engeren Beziehung zum Hundeführer konnten sie uns gefährlich werden, dienten uns aber
zeigte. auch als Nahrung oder zeigten Gefahren in der Umge­

GEHIRN&GEIST 64 0 6 _ 2 0 1 9
MEDIZIN / BEGLEIT TIERE

PAUL GÄRTNER
bung an. Später kam ihre Bedeutung als Haus- oder Kuschelhormon genannt. Es wird bei jeder Art von  –
Nutztiere hinzu. erwünschtem  – Körperkontakt ausgeschüttet. »Aus
Andrea Beetz erinnert zudem daran, dass sozial Tier versuchen wissen wir, dass Oxytozin eine ganze
lebende Tiere untereinander persönliche Bindungen Reihe positiver Effekte hat«, so Beetz. »Es reduziert
aufbauen, die in grundlegenden Mechanismen zwi­ Angst, Stress und depressive Symptome, fördert Ver-
schenmenschlichen Beziehungen ähneln. »Wir teilen trauen und positive Beziehungen, zumindest innerhalb
mit anderen sozialen Säugetieren viele neuronale Struk­ der eigenen sozialen Gruppe.« Da sich all diese Effekte
turen, von denen wir wissen, dass sie für Bindungs­ und bei tiergestützten Interventionen zeigen, bei denen un-
Fürsorgeverhalten wichtig sind«, erklärt die Psycholo­ ter anderem ein Anstieg des Oxytozinspiegels gemessen
gin. Menschen seien ebenso wie Hunde in der Lage, wurde, liegt die Vermutung zumindest nahe, dass das
ihre jeweiligen Verhaltensmuster aufeinander anzuwen­ Bindungshormon einen wichtigen Anteil an dieser Wir-
den, woraus für beide Seiten eine echte soziale Bezie­ kung hat. »Jede Form von angenehmem Körperkontakt
hung entstünde. bringt positive Effekte. Und den gibt es in einer norma-
Eine wichtige Rolle bei dieser Bindung spielt das len Psychotherapie natürlich nicht, anders als im Um-
Hormon Oxytozin, in populären Beschreibungen auch gang mit einem Tier«, sagt Beetz.

Tiere als Therapeuten


Verschiedene Typen von Hunden helfen Menschen Veränderungen bei ihren Besitzern wahrzunehmen
mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigun­ und Alarm zu schlagen. So erkennen sie frühzeitig
gen: Assistenzhunde leben bei den Betroffenen und zum Beispiel epileptische Anfälle, Unterzuckerung
werden je nach Störungsbild für verschiedene Tätig- bei Diabetes, einige auch Herzinfarkte oder Schlag-
keiten ausgebildet. Sie leisten sowohl emotionalen als anfälle. Die Trefferquote selbst von gut trainierten
auch ganz praktischen Beistand, indem sie etwa ihre Warnhunden kann allerdings recht unterschiedlich
Halter bei Panikattacken beruhigen oder Rollstuhl- ausfallen, wie Übersichtsarbeiten zeigen.
fahrern beim Anziehen helfen. Die meisten von ihnen Unter Therapiehunden schließlich versteht man
beherrschen mindestens vier »Assistenzleistungen«, Vierbeiner, die bei so genannten tiergestützten
oft sind es mehr. Ihre Ausbildung dauert rund 18 Interventionen zum Einsatz kommen. Dabei erfolgt
Monate und kann zwischen einigen tausend und der Kontakt mit den Tieren nur vorübergehend im
zirka 20 000 Euro kosten. Da die Krankenkassen in Rahmen eines Sozialprogramms oder einer Be-
Deutschland die Kosten nicht übernehmen, sind viele handlung. Beim Treffen mit einem Therapeuten, im
Betroffene auf Spenden oder eine Unterstützung Pflegeheim oder in der Schule kommen unter ande-
durch Vereine und Hilfsfonds angewiesen. rem Hunde, Katzen, Ziegen oder Pferde zum Einsatz.
Eine besondere Form sind so genannte Warn- oder Die Tiere gehören nicht den Betroffenen, sondern
Anfallshunde, etwa für Menschen mit Diabetes oder den Therapeuten oder freiwilligen Helfern. Ein
Epilepsie. Unter vielen Welpen werden jene Tiere ausgeglichenes und kontaktfreudiges Wesen ist für
ausgewählt, die in der Lage sind, kleinste körperliche diese Aufgabe unverzichtbar.

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PAUL GÄRTNER

Assistenzhunde müssen lernen, in welchen Situationen sie vorangehen dürfen und wann sie ihrem
Halter den Rücken freihalten sollen.

Aber Tiere entspannen uns nicht nur, sie können uns »Gerade ein Assistenzhund für posttraumatische
auch aktivieren. Kinder mit starkem Übergewicht bewe- Störungen braucht viel Feingefühl, er muss einen Men­
gen sich beispielsweise mehr, wenn in ihrer Therapie- schen ›lesen‹ können«, sagt Daniela Karius. Sie ist die
gruppe mit einem Hund gearbeitet wird. Das ergab 2016 Trainerin, die Bens Ausbildung anleitet. Im badischen
eine Studie von Forschern um Katrin Röttger und Rai­ Gaggenau, 20 Kilometer südwestlich von Karlsruhe, be­
ner Wohlfarth, an der Beetz beteiligt war. Die Vierbeiner treibt sie mit ihrem Mann Jens eine Retriever­Zucht,
schaffen es demnach, manche Menschen zu beruhigen aus der Ben stammt. Einmal pro Woche besucht sie Jen­
und andere auf Trab zu bringen. So verhelfen sie uns ny und übt mit ihr, Ben für seine besonderen Aufgaben
häufig zu einem optimalen Aktivierungsniveau, in dem abzurichten. Karius gehört – wie demnächst auch ihr
wir weder zu träge noch gestresst sind. Mann – zum Deutschen Assistenzhunde­Zentrum, ei­
nem Zusammenschluss von Trainern in verschiedenen
Familienmitglied und Vertrauter Regionen Deutschlands. »Bei den Hunden aus unserer
Darüber hinaus unterstützen Therapiehunde den Gene­ eigenen Zucht können wir vom ersten Tag an beobach­
sungsprozess, indem sie eine Brücke zum Patienten ten, in welche Richtung sich ihr Charakter entwickelt«,
schlagen und ihn zur Mitarbeit in der Therapie motivie­ sagt Karius. Personen, die bereits einen Hund haben,
ren. Diese soziale Komponente spielt sicher auch bei können unter Umständen jedoch ebenfalls von ihr
Assistenzhunden eine wichtige Rolle. Dafür sprechen darin angeleitet werden, wie sie ihren Liebling zum
etwa Studien, die schon in den 1990er Jahren mit Roll­ Assistenzhund ausbilden – falls das Tier maximal zwei
stuhlfahrern und Sehbehinderten unternommen wur­ Jahre alt ist und sich charakterlich dazu eignet.
den. Viele Betroffenen berichteten von einer sehr engen Aber nicht nur der Hund muss der Aufgabe gewach­
und liebevollen Beziehung zu ihrem Assistenzhund; sie sen sein. Der Halter in spe wird von Karius genauso un­
sahen das Tier als Familienmitglied und Vertrauten. ter die Lupe genommen. Die Interessenten müssen En­

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MEDIZIN / BEGLEIT TIERE

gagement zeigen, denn bei der Ausbildung ihrer Tiere M E H R W I S S E N AU F


werden sie zwar unterstützt, den Löwenanteil des Trai- »SPEKTRUM.DE«
nings übernehmen sie jedoch selbst. Deshalb dürfen sie Mehr über die besondere Beziehung
zum Beispiel keine Angst vor Hunden haben, und sie zwischen dem Menschen und seinem
müssen psychisch stabil genug sein, um sich langfristig treuesten Begleiter lesen Sie in unserem
digitalen Spektrum Kompakt »Hunde«:
gut um das Tier kümmern zu können.
»Wir wissen aus wissenschaftlicher Sicht noch wenig www.spektrum.de/shop
darüber, welche Bedingungen es braucht, um auch den
Assistenzhunden eine gute Lebensqualität und Gesund­
heit zu ermöglichen«, sagt Karin Hediger. Denn per­
manent im Einsatz zu sein, könne bei einem Hund Die »emotional support animals« würden aktuell in
Stress auslösen. »Sicher wollen alle Betroffenen und den Vereinigten Staaten heiß diskutiert, meint Karin
Trainer das Beste für die Tiere, aber zu dem Thema ist Hediger. Denn die Tiere genießen einige Sonderrechte,
noch mehr Forschung nötig«, so die Psychologin. Auf die sonst echten Assistenztieren vorbehalten sind: Sie
jeden Fall brauche das Team aus Mensch und Hund dürfen zum Beispiel auf Flügen in der Kabine mitreisen,
eine kontinuierliche Unterstützung – das geht mit zu­ und sie dürfen in Wohnungen gehalten werden, selbst
sätzlichen Kosten einher, neben dem ohnehin nicht wenn der Vermieter Haustiere eigentlich untersagt. Vor
günstigen Preis für die Anschaffung und die Ausbil­ allem, dass die Tiere kein formales Training erhalten
dung des Tiers. haben, sieht Hediger kritisch. »Es kommt häufiger zu
»Im Moment hat man manchmal den Eindruck, dass Zwischenfällen, etwa dass Menschen im Flugzeug von
so viele einen Assistenzhund wollen, weil die Tiere ge­ einem Support­Hund gebissen werden.« Deshalb sei es
radezu als Wundermittel gegen psychische Leiden ange­ wichtig, diese Tiere in der Diskussion nicht mit Assis­
priesen werden«, sagt Hediger. Genaue Zahlen gibt es tenzhunden gleichzusetzen.
nicht, doch Bens Trainerin, Daniela Karius, bemerkt auf
jeden Fall wachsendes Interesse: Sie bildet derzeit elf Verwirrung um die Rechtslage in Deutschland
Hunde aus – und hat Anfragen für mindestens doppelt In Deutschland ist die Rechtslage nicht eindeutig. Aus­
so viele auf dem Schreibtisch. Mittlerweile melden sich gebildeten Assistenztieren wird häufig noch der Zugang
schon Leute aus einem Umkreis von 300 Kilometern, zu Supermärkten, Veranstaltungsräumen oder Arztpra­
die sich verzweifelt einen Assistenzhund wünschen. xen verwehrt. Zwar stellte das Bundesministerium für
Der Trend zum Therapietier kommt – wie so oft im Ernährung und Landwirtschaft in einer Stellungnahme
Bereich psychischer Gesundheit – aus den USA. Allein von 2014 klar, dass »Blindenführhunden und anderen
in Kalifornien hat sich die Zahl der Tiere, die seelische Assistenzhunden« grundsätzlich der Eintritt in Lebens­
Unterstützung leisten, laut einer Studie der University mittelgeschäfte zu gewähren ist. Das Behinderten­
of California in Davis zwischen 2002 und 2012 verzehn­ gleichstellungsgesetz fordert zudem, dass der Zugang
facht. Dabei verzeichnen allerdings nicht nur Therapie­ zu öffentlichen Gebäude barrierefrei sein muss. Seit
und Assistenzhunde einen rasanten Zuwachs, sondern 2016 schließt das den Einsatz »behinderungsbedingt
auch »emotional support animals«, also Tiere zur emo­ notwendiger Hilfsmittel« ein – dazu zählen laut Geset­
tionalen Unterstützung. Im Gegensatz zu Assistenz­ zesbegründung auch Blinden­ und Assistenzhunde.
hunden müssen sie keine Ausbildung durchlaufen. Es Das Problem ist aber: Nur für die Zertifizierung von
reicht, dass die Patienten eine psychische Störung ha­ Blindenhunden gibt es tatsächlich verbindliche Rege­
ben und ihr Therapeut bescheinigt, dass das Tier wich­ lungen. Bei allen anderen Assistenzhunden kann jeder
tig für ihre seelische Stabilität oder den Behandlungs­ Verein und jedes Ausbildungszentrum eigene Trai­
erfolg ist. Die genaue Art des Begleiters ist dabei nicht ningsinhalte und Tests festlegen. Ein einheitlicher Aus­
festgelegt: Neben Hunden und Katzen wurden Medien­ weis für die Tiere von offizieller Stelle fehlt ebenfalls.
berichten zufolge bereits Schildkröten, Eichhörnchen, Im Jahr 2017 appellierte der Bundesrat an die Bundes­
Enten und sogar ein Alligator als emotionale Unterstüt­ regierung, die Behandlung der verschiedenen Assistenz­
zer registriert. hunde zu vereinheitlichen und sie  – wie bislang nur
Blindenhunde – als medizinische »Hilfsmittel« anzuer­
kennen. Dann fiele ihre Ausbildung in den Leistungska­
talog der Krankenkassen, und sie dürften ihren Besit­
zern nahezu überallhin folgen. Eine entsprechend weit
Häufig wird ausgebildeten reichende Regelung gibt es seit 2015 in Österreich.
Assistenztieren noch der Jenny stößt noch häufig auf Probleme, wenn sie Ben
mitnehmen möchte – zum Beispiel in Arztpraxen und
Zugang zu Supermärkten Supermärkten. Doch sie macht auch positive Erfahrun­
oder Arztpraxen verwehrt gen: Mittlerweile hat sie eine Ausbildung zur Kranken­

GEHIRN&GEIST 67 0 6 _ 2 0 1 9
MEDIZIN / BEGLEIT TIERE

PAUL GÄRTNER
Neben den Hilfeleistungen, die auf ein bestimmtes Krankheitsbild zugeschnitten sind, müssen Assistenz-
hunde natürlich grundlegende Verhaltensweisen lernen – etwa, wie man eine Straße überquert.

pflegerin begonnen, und Ben darf bei ihr im Schwes- kann«, sagt Andrea Beetz. Davon ist auch Hundetraine-
ternwohnheim leben, wo die Haltung normaler Haus- rin Karius überzeugt. Im günstigsten Fall hilft das Tier
tiere untersagt ist. »Ohne den Hund hätte ich mich dabei, in der regulären Psychotherapie etwas schneller –
nicht getraut, allein zu wohnen«, sagt sie. »Aber ich oder überhaupt erstmals – Erfolge zu erzielen.
wollte auch nicht immer von anderen Leuten abhängig Jenny jedenfalls ist sich sicher, dass Ben nicht nur im
sein.« Wenn seine Ausbildung abgeschlossen sein wird, Alltag tatkräftige Unterstützung leistet, sondern dass sie
darf Ben sogar tagsüber mit in die Klinik. seinetwegen schon jetzt spürbare Fortschritte gemacht
Ihre Psychotherapie setzt Jenny trotzdem fort. Ihr hat. Ihre Schlafprobleme haben sich drastisch reduziert,
Therapeut hätte mit dem Begriff Assistenzhund zuerst seit Ben mit im Zimmer liegt und über sie wacht. Frü­
gar nichts anfangen können, erinnert sie sich. Nachdem her schlief sie oft nächtelang gar nicht, selbst Medika­
er sich informiert hatte, unterstützte er die Maßnahme mente halfen irgendwann nicht mehr. Nun hat sie sogar
jedoch vorbehaltlos. »Es ist wichtig zu wissen, dass ein schon einige Nächte durchgeschlafen. Es waren die ers­
Assistenzhund eine Therapie auf keinen Fall ersetzen ten seit Jahren. H

QUELLEN

Beetz, A. et al. (Hg.): Tiergestützte Interventionen. Handbuch für die Aus­ und Weiterbildung. Reinhardt, 2018
Rodriguez, K. E. et al.: The effect of a service dog on salivary cortisol awakening response in a military population with
posttraumatic stress disorder (PTSD). Psychoneuroendocrinology 98, 2018
Sprod, E., Norwood, M. F.: What effect does participating in an assistance dog program have on the quality of life of children with
autism spectrum disorders and their caregivers? A systematic review of current literature. Journal of Social Inclusion 8, 2017
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637202

GEHIRN&GEIST 68 0 6 _ 2 0 1 9
MEDIZIN

D E R R Ä T S E L H A F T E FA L L

STIMULANZIEN Verfolgungswahn muss nicht unbedingt ein Symptom


von Schizophrenie sein. Auch die Partydroge Mephedron kann
psychotische Episoden auslösen, wie der Fall eines jungen Mannes zeigt.

Absturz in
die Psychose
VON FRANCESCO CRO

VCHAL / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)

GEHIRN&GEIST 69 0 6 _ 2 0 1 9
in den Blättern des Kathstrauchs (Catha edulis) enthal-
ten, die seit Jahrhunderten in Ländern im Nordosten
UNSER EXPERTE Afrikas und auf der Arabischen Halbinsel gekaut wer-
Francesco Cro arbeitet als Psychiater am den. Zwar kennt man auch dort verschiedenste Ne-
Zentrum für psychische Gesundheit in benwirkungen, die aber selten psychiatrischer Art sind.
Viterbo und lehrt an der Medizinischen Deren Ausmaß ließ sich nicht mit Marcos Zustand ver-
Fakultät der Universität Sapienza in Rom. gleichen. Konnte Mephedron dennoch dafür verant-
wortlich sein?
Der Konsum von Kathblättern macht euphorisch,
reduziert Hunger sowie Müdigkeit und mindert das

A
ls der 25-jährige Marco* das Hospital Schmerzempfinden. Da die psychoaktiven Stoffe aus
del Henares in Madrid aufsuchte, war er dem Blatt relativ langsam aufgenommen werden, errei-
körperlich und psychisch am Ende. Seit chen sie im Blut keine Spitzenwerte. Mephedron, ein
Wochen litt er unter Grauen erregenden Pulver, das geschluckt, inhaliert oder auch gespritzt
Wahnvorstellungen. Zuletzt hatte er wird, hat zwar im Prinzip dieselben Wirkungen wie das
sich 24 Stunden lang mit einem Messer Kauen von Kathblättern. Insbesondere bei intravenöser
in der Hand in seinem Zimmer verbarrikadiert, im fes- Injektion treten die Effekte allerdings weit schneller und
ten Glauben, draußen vor der Tür stünde ein Mann, der intensiver ein.
ihm nachstelle. In seiner Verzweiflung hatte er sogar Schon die vergangenen acht Jahre hatte Marco ein
versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. intensives Nachtleben mit sexuellen Ausschweifungen
Marco schien nicht nur extrem ängstlich. Es gelang gepflegt und dabei regelmäßig Kokain und Alkohol so-
ihm auch nicht, stillzusitzen, weil er unter taktilen Hal- wie gelegentlich andere Drogen konsumiert, darunter
luzinationen litt – er beschrieb ein Gefühl, »als würden Ketamin, Ecstasy, Methamphetamin, das Beruhigungs-
Insekten unter der Haut entlangkrabbeln«. Außerdem mittel GHB (Liquid Ecstasy) und so genannte Poppers,
war er davon überzeugt, dass man ihn mit Hilfe seines die euphorisierend wirken. Mit 18 Jahren wurde Marco
Smartphones ausspioniere – darauf würden Lichter hin- positiv auf HIV getestet, mit 20 auf Hepatitis-C. Letzte-
weisen, die am Handy aufleuchteten. Zweimal im letz- re hatte gut auf eine antivirale Therapie angesprochen,
ten Monat hatte er sich bereits an die Polizei gewandt, aber in den letzten drei Monaten hatte er sich offenbar
weil ihn angeblich jemand überwachte. wieder neu infiziert. In dieser Zeit hatte sich Marco häu-
Bei Verfolgungswahn und Halluzinationen denken fig mit einigen Männern zu »Partys« verabredet. Diese
viele vielleicht zunächst an eine Schizophrenie. Bei

MOLEKUUL.BE / STOCK.ADOBE.COM
Marco allerdings hatten die Ärzte eine andere Vermu-
tung. Denn der junge Mann hatte sich schon einmal in
dem Krankenhaus, das für ein spezielles Angebot bei
Suchtproblemen bekannt ist, vorgestellt. Da hatte er er-
klärt, von Drogen loskommen zu wollen. Die zuständi-
ge Psychiaterin Helen Dolengevich-Segal hatte ihm vor-
geschlagen, sich stationär aufnehmen zu lassen; davon
wollte er jedoch nichts wissen. Also gab sie ihm einen
kurzfristigen Termin, zu dem er aber nicht erschien. In
den Wochen danach hatte die Ärztin mehrmals erfolg-
los versucht, Marco telefonisch zu erreichen.
Jetzt räumte Marco ein, dass er sich seit etwa vier
Monaten bei Partys Mephedron spritzte, eine aufput-
schende Droge, die sich in Europa seit rund zehn Jahren KURZ ERKL ÄRT: MEPHEDRON
besonders in der Nachtklubszene verbreitet. Mephe-
dron (siehe »Kurz erklärt«, rechts) ist das beliebteste Mephedron wird als Pulver, in Form von
unter den so genannten synthetischen Cathinonen. Bis Kristallen, als Kapseln oder als Tabletten verkauft.
2010 konnte jedermann die Droge in Europa unter der Es ähnelt in seiner Struktur dem psychoaktiven
Bezeichnung »Badesalz« oder »Pflanzendünger« über Cathinon aus dem Kathstrauch. Beide gehören
das Internet beziehen. Ihre Beliebtheit verdankt sie den zur Substanzgruppe der Amphetamine, die
niedrigen Kosten und der hohen Reinheit. Häufig wird aufputschend, appetitzügelnd und euphorisierend
Mephedron bei »Chemsex-Partys« konsumiert, deren wirken. In der Szene kennt man Mephedron
Teilnehmer ungehemmten Sexualverkehr suchen. auch unter den Namen Bubbles, M-CAT, Meow
Natürlicherweise ist psychoaktives Cathinon (zusam- (ausgesprochen: Miau), MMC Hammer, Mephe,
men mit anderen Substanzen der Amphetamingruppe) Meph oder Magic.

* Name von der Redaktion geändert GEHIRN&GEIST 70 0 6 _ 2 0 1 9


MEDIZIN / STIMUL ANZIEN

Auf einen Blick: Riskante Partydroge

1 2 3
Mephedron ist ein synthetisches Konsumenten müssen mit di- Lebensbedrohliche Situationen
Aufputschmittel, das sich in versen gesundheitlichen können entstehen, wenn durch
Mitteleuropa seit etwa 2008 in Folgen rechnen. Zu den mögli- den Konsum von Mephedron
der Klubszene verbreitet. Die chen psychiatrischen Symptomen das Herz-Kreislauf-System oder der
Erkenntnisse zu den Effekten und zählen Verfolgungswahn, akusti- Serotoninstoffwechsel vollkommen
Nebenwirkungen sind noch sche und visuelle Halluzinationen entgleisen.
lückenhaft. sowie suizidales Verhalten.

dauerten drei bis vier Tage, an denen er sich täglich gro- gen. Dies befördert einen in kurzen Abständen wieder-
ße Mengen Mephedron injizierte, nämlich insgesamt holten Konsum, vor allem, wenn die Droge intravenös
etwa drei oder vier Gramm, aufgeteilt auf je 100 bis 200 injiziert wird. Außerdem erhöht Mephedron den Nor-
Milligramm in etwa stündlichem Abstand. adrenalinspiegel, was die Pupillenerweiterung, innere
Dolengevich-Segal und ihre Kollegen waren betrof- Unruhe, Herzrasen und Bluthochdruck erklären kann.
fen von dem erbärmlichen Zustand des jungen Mannes. Kath-Konsumenten im Jemen kennen Nebenwirkun-
Sie führten eine Reihe klinischer Untersuchungen gen eher in milderer Form. Dort kam die Pflanze der
durch: Elektrokardiogramm (EKG), Elektroenzephalo- Überlieferung zufolge zwischen dem 14.  und 15. Jahr-
gramm (EEG), Blut- und Urintests. Mit Ausnahme der hundert aus der äthiopischen Stadt Harar und ersetzte
positiven Befunde bezüglich HIV und Hepatitis-C fan- später Kaffee als wichtigstes nationales Exportprodukt.
den sie jedoch keine besonderen Veränderungen oder Das Kauen von Kathblättern ist im Jemen Teil eines so-
Mangelerscheinungen. Eine Urinuntersuchung bestä- zialen Rituals, an dem sich fast 90 Prozent der erwach-
tigte, dass Marco in letzter Zeit als Droge ausschließlich senen Männer und die Hälfte der Frauen beteiligen. Am
Mephedron konsumiert hatte. Nachmittag findet man sich zusammen und kaut Kath,
um die Hitze, den Hunger und die Müdigkeit besser zu
Gefährlicher als Ecstasy? ertragen. Auch ist es Brauch, bei gemeinschaftlichen
Das synthetische Cathinon kann Herz, Nieren, Mus- Entscheidungen ein Kathblatt zu kauen, weil es zu
keln und Nervensystem schädigen. Was das ganze Aus- lebhaften Diskussionen anregt. Gelegentlich wird von
maß der Nebenwirkungen und Langzeitfolgen dieser psychotischen Störungen, Stimmungsschwankungen,
relativ neuen Substanz betrifft, mangelt es noch an si- Abmagerung, Schlaflosigkeit, Entzugssymptomen und
cheren Erkenntnissen. Möglicherweise hat Mephedron kognitiver Verlangsamung berichtet.
ein starkes Potenzial, zwanghaften Konsum und Ab- Der Konsum von Mephedron im Westen scheint da-
hängigkeit zu erzeugen. Forscher der Universitat Autò- gegen mit großen Risiken verbunden zu sein, darunter
noma de Barcelona verabreichten zwölf gesunden laut Fallberichten auch Verfolgungswahn, akustische
Probanden Ecstasy und Mephedron im Vergleich, in und visuelle Halluzinationen sowie suizidales Verhalten.
Dosierungen, die eine ähnlich stimulierende und eu- Die Schwere von Marcos Zustand war vermutlich auf
phorisierende Wirkung hervorriefen: Bei Mephedron seine ungehemmte intravenöse Injektion der Substanz
traten die Effekte schneller ein und hielten kürzer an. zurückzuführen. Es ging ihm so schlecht, dass ihm die
Wie Ecstasy und Amphetamin erhöht das synthetische Ärzte gleichzeitig drei verschiedene Medikamente ga-
Cathinon die Konzentration der Neurotransmitter Se- ben: eines, das antipsychotisch wirkt, ein erregungs-
rotonin und Dopamin um ein Vielfaches, indem es dämpfendes Antiepileptikum und ein angstlösendes
deren Freisetzung in den synaptischen Spalt steigert Mittel. Es dauerte noch vier Wochen, bis die Symptome
und die Wiederaufnahme in die Neurone hemmt. Aller- verschwunden waren und Marco aus dem Krankenhaus
dings sinken die Spiegel genauso schnell, wie sie anstei- entlassen werden konnte. H

QUELLEN

Dolengevich-Segal, H. et al.: Severe psychosis, drug dependence, and hepatitis C


related to slamming mephedrone. Case Reports in Psychiatry 2016, 2016
Hohmann, N. et al.: Wirkungen und Risiken neuartiger psychoaktiver Substanzen. Deutsches Ärzteblatt International 111, 2014
Papaseit, E. et al.: Human pharmacology of mephedrone in comparison with MDMA.
Neuropsychopharmacology 41, 2016
Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637204

GEHIRN&GEIST 71 0 6 _ 2 0 1 9
MEDIZIN

FORENSIK Sozial- und psychotherapeutische Maßnahmen sollen


das Risiko mindern, dass Sexualverbrecher nach der Haft rückfällig
werden. Ob sie wirken, ist jedoch äußerst umstritten.

Sind Sexualtäter
therapierbar? VON CHRISTIAN WOLF

A
m Nachmittag des 7. April 2009 wollte werden psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter
die Gefängnispsychologin Susanne zusätzlich von Ärzten und Pflegenden betreut. Dazu
Preusker gerade nach Hause gehen, als kommt ein wachsendes Angebot ambulanter Nachsor-
einer der Häftlinge, verurteilt wegen ge für die Zeit der Wiedereingliederung nach der Haft.
Mordes und Vergewaltigung, vor ih- Derzeit weiß allerdings niemand genau, wie viele
rem Büro stand. Er drückte ihr ein Sexualstraftäter an den einzelnen Maßnahmen teilneh-
Messer an den Hals, verbarrikadierte den Raum und men. Verlässliche und repräsentative Zahlen gibt es
vergewaltigte sie mehrfach. Die Polizei umstellte das nicht, so die Zentralstelle in Wiesbaden; die Versorgung
Gefängnis, doch es dauerte sieben Stunden, bis der Tä- und Finanzierung wird von den Bundesländern gere-
ter aufgab. Susanne Preusker kannte den Mann gut; sie gelt und ist entsprechend heterogen. Die Kriminologi-
leitete damals die sozialtherapeutische Abteilung des sche Zentralstelle kann lediglich Zahlen aus einzelnen
Hochsicherheitsgefängnisses in Straubing und hat ihn Erhebungen zitieren: Beispielsweise waren zum 31. März
dort selbst vier Jahre lang behandelt. 2016 in Deutschland mehr als 2000 Gefangene in 71 so-
Seit Jahrzehnten setzt das deutsche Rechtssystem auf zialtherapeutischen Anstalten untergebracht. Und nach
sozialtherapeutische Maßnahmen, um Sexualstraftäter einer anderen bundesweiten Umfrage unter Nachsorge-
nach der Haft wieder in die Gesellschaft zu integrieren. einrichtungen befanden sich 2016 knapp 2000 Perso-
Sie finden stationär in zwei Arten von Institutionen nen in ambulanter Behandlung; weitere 876 wurden
statt: Im Gefängnis, dem »Strafvollzug«, arbeiten Psy- neu aufgenommen. Bei all diesen Zahlen handelt es sich
chologen, Pädagogen und Sozialarbeiter in Einzel- oder aber nicht speziell um Sexualverbrecher, sondern ganz
Gruppentherapie mit den Tätern. Und: In den forensi- allgemein um Straftäter.
schen Psychiatrien, dem so genannten Maßregelvollzug, Und auch bei einer ungleich wichtigeren Frage
herrscht Unsicherheit: Keiner weiß, ob die Maßnahmen
etwas bringen; seit Jahrzehnten ist ihr Erfolg umstritten.
Kürzlich goss eine systematische Übersichtsarbeit neues
Öl ins Feuer. Herausgegeben hat sie das Nationale Zen-
trum für Kriminalprävention (NZK), ein wissenschaft-
U N S E R AU TO R licher Fachdienst für Kriminalpolitik und Kriminalprä-
Christian Wolf ist promovierter Philosoph vention, der Befunde zur Wirksamkeit von kriminal-
und arbeitet als Wissenschaftsjournalist in präventiven Maßnahmen für Politik und Praxis
Berlin. aufbereitet. Die Autorin Chana Lischewski hat 18 Eva-

GEHIRN&GEIST 72 0 6 _ 2 0 1 9
DPA / ARMIN WEIGEL

Im April 2009 nahm ein Häftling der JVA Straubing, eines bayerischen Hochsicherheitsgefängnisses, seine
Therapeutin als Geisel. Fälle wie dieser lassen an der Therapierbarkeit von Sexualstraftätern zweifeln.

luationsstudien zu stationären Maßnahmen ausgewer- Straftat. Betrachtete man lediglich erneute Sexualstraf-
tet, bei denen man die Zahl der Rückfälle verfolgt hatte. taten, waren es in beiden Gruppen knapp sieben Prozent.
Zu Recht weist die Psychologin darin auf die mangel- Es fanden sich also kaum nennenswerte Unterschiede.
hafte Qualität der Studien hin. Denn die alles entschei- Entsprechend nüchtern fällt das Fazit des Berichts des
dende Frage lautet, wie viele der Personen rückfällig Nationalen Zentrums für Kriminalprävention aus: Es
geworden wären, wenn sie nicht an der Maßnahme teil- gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass die stationäre Be-
genommen hätten. Zu diesem Zweck muss man die handlung weiteren Sexualstraftaten vorbeugen kann.
Rückfallraten der Behandelten mit Personen verglei- Was ist von der Übersichtsarbeit selbst zu halten? Für
chen, die ihnen möglichst ähnlich sind, die aber nicht den emeritierten Kriminologen Friedrich Lösel, Mit-
an dieser oder einer anderen Maßnahme teilgenommen glied des NZK und ehemaliger Direktor am Institut für
haben. Um sicherzustellen, dass die Gruppen unabhän- Kriminologie der University of Cambridge, kommt die
gig davon in ihrem Rückfallrisiko vergleichbar sind, Studie ein wenig zu früh. Das Ergebnis, »dass wir nicht
müssen die Teilnehmer zudem per Zufall in Versuchs- wissen, ob die stationäre Behandlung von Sexualstraf-
und Kontrollgruppe aufgeteilt werden. tätern wirkt«, sei politisch brisant. Und es bestehe die
Doch meist konnten die berücksichtigten Studien Gefahr, dass sich manche Medien zu undifferenzierten
nicht mit einer adäquaten Kontrollgruppe aufwarten. Schlagzeilen hinreißen ließen.
Zum Maßregelvollzug in forensischen Psychiatrien gab
es gar keine belastbaren Befunde. Für sozialtherapeuti-
sche Maßnahmen im Strafvollzug lagen zwei brauch-
bare Studien vor, und bei beiden zeigte sich kein signi- Die neue Gehirn&Geist-Serie
fikanter Effekt. »Forensische Psychologie« im Überblick:
Beispielsweise verglich eine Untersuchung 141 sozial­ Teil 1: Sind Sexualtäter therapierbar? (dieses Heft)
therapeutisch behandelte und 155 unbehandelte Sexual­ Teil 2: Profiler für extremistische Gesinnung (Gehirn&Geist
straftäter: Demnach begingen 42 Prozent der Teilneh- 7/2019)
mer der Therapiegruppe und 46 Prozent derjenigen der Teil 3: Interview mit dem Gerichtsgutachter Hans-Ludwig
Vergleichsgruppe nach ihrer Entlassung wieder eine Kröber (Gehirn&Geist 8/2019)

GEHIRN&GEIST 73 0 6 _ 2 0 1 9
Auf einen Blick: Mangel an Beweisen

1 2 3
In deutschen Gefängnissen und Den vorliegenden Studien Das Nationale Zentrum für
forensischen Psychiatrien gibt fehlt es meist an adäquaten Kriminalprävention fand keine
es zahlreiche stationäre Thera- Kontrollgruppen, und oft belastbaren Zahlen zur Wirk-
pieangebote für Sexualstraftäter. evaluieren Forscher Programme, samkeit solcher Verfahren in der
Doch es mangelt an verlässlichen an deren Entwicklung sie selbst forensischen Psychiatrie, lediglich
Befunden dazu, ob die Maßnah- beteiligt waren. für den Strafvollzug im Gefängnis –
men überhaupt wirken. dort aber ohne Hinweis auf Erfolg.

»Dabei gründet die NZK-Studie ihre Aussage, wie In der Tat fielen mehrere Metaanalysen deutlich op-
sie selbst feststellt, zumeist auf methodisch schwache timistischer aus, eine davon von Friedrich Lösel ge-
Studien«, so Lösel. Sie berücksichtige vor allem ältere meinsam mit dem Psychologen Martin Schmucker von
Untersuchungen, zu deren Zeit beispielsweise die So- der Universität Erlangen-Nürnberg aus dem Jahr 2015.
zialtherapie nicht speziell auf Sexualstraftäter ausge- Die beiden kamen zu dem Ergebnis, dass psychosoziale
richtet gewesen sei. Damals habe man versucht, die Tä- Behandlungen, meist eine kognitive Verhaltenstherapie,
ter breiter zu stabilisieren, ihnen lebenspraktische Fer- Rückfälle um mehr als 26 Prozent verringerten. Wurden
tigkeiten zu vermitteln, ohne jedoch die spezifischen von den unbehandelten Sexualstraftätern im Durch-
Probleme von Sexualstraftätern zu adressieren. »Dem- schnitt knapp 14 Prozent rückfällig, waren es bei den
entsprechend gab es positive Effekte bei der allgemei- therapierten rund 10 Prozent. Der Unterschied sei nicht
nen Rückfälligkeit, wie die NZK-Studie zeigt, aber nicht nur statistisch signifikant, sondern ebenfalls klinisch re-
bei der sexuellen Rückfälligkeit.« Der Kriminologe ver- levant, wie Lösel und Schmucker in einem Aufsatz von
weist auf einige größere Untersuchungen, die derzeit in 2017 betonen.
Deutschland laufen und in ein paar Jahren ein fundier-
teres Bild liefern dürften. Forscher mit Interessenkonflikten
Deutlich zufriedener mit der NZK-Studie zeigt sich Auch Rainer Banse weist darauf hin, dass viele der den
der Sozial- und Rechtspsychologe Rainer Banse von der Metaanalysen zu Grunde liegenden Studien metho-
Universität Bonn: »Sie wirft ein realistischeres Licht auf disch schwach seien. »Und je besser die Studien, desto
die Studienlage als etwa einige Übersichtsartikel der kleiner sind die Effekte.« Außerdem fielen von den be-
letzten Jahre.« Diese hätten oft ein zu positives Bild ge- rücksichtigten Untersuchungen oft jene positiv aus, in
zeichnet, sagt Banse. denen Forscher ihre eigenen Programme evaluierten:
»ein klarer Fall von Interessenkonflikt«.
Eine große Studie des britischen Justizministeriums
zum nationalen Sex Offender Treatment Programme
kam sogar zu dem Ergebnis, dass die behandelten
Sexualstraftäter im Mittel öfter rückfällig würden als
andere. Aus ethischen Gründen gab es jedoch keine ad-
äquate Kontrollgruppe; das Ergebnis ist entsprechend
wenig aussagekräftig.
»Insgesamt gibt es kaum belastbare Evidenz für die
Wirksamkeit von Behandlungsprogrammen für Sexual-
straftäter«, so Banses Fazit. Methodisch stärkere Studien,
die eindeutige Ergebnisse liefern, seien also dringend
nötig. »In Deutschland scheint es allerdings nicht ge-
wünscht zu sein, die Sexualstraftäterprogramme ernst-
haft zu evaluieren«, sagt Banse. »Die beteiligten Thera-
peuten haben Sorge, dass ihre Therapie nicht wirkt, und
die Politiker fürchten, dass sie Programme finanzieren,
die nicht wirken.«
PICTURE ALLIANCE

Die fehlende Evaluation betrifft nicht nur die statio-


näre, sondern ebenso die ambulante Rückfallprävention
von Sexualstraftätern. Der Psychologe Benjamin Pniew-
ski kam 2018 in einer Übersichtsarbeit für das Nationale
Gefängnistherapeutin Susanne Preusker (1959–2018) Zentrum für Kriminalprävention zu dem Schluss: An-
fiel einem rückfälligen Sexualstraftäter zum Opfer. gesichts der Tatsache, dass vorbeugende Maßnahmen

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MEDIZIN / FORENSIK

bereits seit Jahrzehnten praktiziert würden, sei »der Brauchen Sie Hilfe?
Mangel an empirischen Daten zur Wirksamkeit alar-
mierend«. Wenn Sie verzweifelt sind oder Ihnen Ihre Situation
Auch Friedrich Lösel glaubt, dass die verfügbaren ausweglos erscheint, wenden Sie sich bitte an
internationalen Studien wenig taugen, deutet die vorlie- Menschen, die in solchen Situationen helfen können:
genden Ergebnisse jedoch ein wenig anders. So seien Allgemeinärzte, Psychotherapeuten oder Psychiater.
die betrachteten Rückfallzeiträume oft viel länger als bei Ansprechpartner finden Sie auch in Notfall-
anderen Interventionen wie etwa in der Depressions- ambulanzen von Kliniken oder bei der anonymen
behandlung. »Dadurch sind die Effekte, soweit sie vor- und kostenlosen Telefonseelsorge unter der
liegen, kleiner.« Außerdem reiche es nicht, sich allein Nummer 0800 111 0 111 sowie im Internet unter:
anzuschauen, ob es zu einem Rückfall kommt oder www.telefonseelsorge.de
nicht. »Es wäre nämlich schon ein Erfolg, wenn Sexual-
straftäter weniger gravierend oder später rückfällig wer-
den, wie das einige neuere internationale Studien zei- fen kann. In der ambulanten Therapie kann man hinge-
gen.« Schließlich nehme Kriminalität im Alter ab, und gen im relevanten kritischen Umfeld arbeiten. Sofern
vielleicht würden manche dann einfach deshalb nicht sich der Befund bestätigt, gibt das etwas Anlass zur
noch einmal rückfällig. Hoffnung: In Deutschland werden vermehrt Stellen für
Zudem hätten Forscher den einen oder anderen Hin- die ambulante Nachsorge eingerichtet.
weis darauf gefunden, was besser und was schlechter Überhaupt kann man die Situation ein wenig posi-
wirke. In den erwähnten internationalen Metaanalysen tiver deuten. In manchen Medien heißt es zwar gerne
erwiesen sich die verbreiteten kognitiv-verhaltensthera- reißerisch, Sexualstraftäter seien sehr gefährlich und
peutischen Programme im Durchschnitt als am effek- müssten für immer weggesperrt werden. Und es gibt
tivsten: Sie zielen darauf ab, Einstellungen zu verändern tatsächlich Einzelne, die eine Serie von Sexualdelikten
sowie Selbstkontrolle, soziale Fertigkeiten und den Um- begangen haben. »Diese Menschen muss man gut im
gang mit Stress zu verbessern. Auch scheint die Einzel- Auge behalten«, sagt Rainer Banse. »Aber der Großteil
therapie erfolgversprechender zu sein als Gruppenpro- der Sexualstraftäter wird auch ohne Behandlung nicht
gramme. Lösel vermutet den Grund unter anderem da- rückfällig.«
rin, »dass man in der Gruppe weniger dazu bereit ist, Insgesamt liegen die offiziellen Rückfallraten bei Se-
über seine sexuellen Fantasien zu sprechen und an indi- xualdelikten heute niedriger als früher. »Mit etwas über
viduellen Problemen zu arbeiten«. zehn Prozent sind sie heute auch bei Unbehandelten so
niedrig, dass man kaum signifikante Effekte der Be-
»Im Vollzug gibt es keinen Realitätstest« handlung findet«, so Friedrich Lösel.
Die ambulante Therapie nach dem Vollzug zeigt dabei Bei jenem Täter, der Susanne Preusker in seiner Ge-
etwas größere Effekte als die Behandlung im Gefängnis. walt hatte, war eine mehrjährige Therapie allerdings er-
»Natürlich kann man beide Kontexte nicht direkt ver- folglos geblieben. 2011 schrieb die ehemalige Gefängnis-
gleichen, weil die Probanden unterschiedlich gefährlich psychologin in der Zeitschrift »Focus«, sie habe schon
sind«, sagt Friedrich Lösel. Es gehe aber jeweils um Un- vor ihrem »persönlichen und beruflichen Waterloo« ei-
terschiede gegenüber den Unbehandelten im gleichen nige gefährliche Straftäter für nicht therapierbar gehal-
Kontext. In den internationalen Metaanalysen deutet ten – nicht erreichbar für die »herkömmlichen und
sich an, dass Therapien in geschlossenen Einrichtungen heute bekannten psycho- und sozialtherapeutischen
allein keinen signifikanten Effekt haben. »Das ist nicht Methoden«. Doch das wolle kaum jemand hören, am al-
unplausibel«, erläutert Lösel. Denn: »Im Vollzug gibt es lerwenigsten Richter.
keinen Realitätstest.« Solange ein Pädokrimineller in Susanne Preusker war viele Jahre in Behandlung, um
Haft ist, kommt er gar nicht erst in Versuchung, weil er zu bewältigen, was ein rückfälliger Täter ihr angetan
nicht an einem Kindergarten oder Spielplatz vorbeilau- hatte. Im Februar 2018 nahm sie sich das Leben. H

QUELLEN

Lischewski, C.: Wirksamkeit der stationären Behandlung von Sexualstraftätern in Deutschland.


Berichte des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention, 2018
Oberlader, V. et al.: Methodische Herausforderungen in der Evaluation von Straftäterbehandlungsprogrammen.
In: Walsh, M. et al. (Hg.): Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland. Springer VS, 2018
Pniewski, B.: Effekte von ambulanter Behandlung zur Prävention von Sexualdelikten.
Berichte des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention, 2018
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1637206

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BÜCHER UND MEHR

EVGENYATAMANENKO / GETTY IMAGES / ISTOCK


Wohlbefinden statt Wohlstand
Der Bestsellerautor Stefan Klein hält Glück für den wichtigsten Wirtschaftsfaktor

U
nsere Gesellschaft braucht neue Ziele. So man differenzieren, denn während Ersteres als
bringt es Stefan Klein, international bekann- Konstrukt aus Erinnerung und Verstand bei den
ter Wissenschaftsautor und ehemaliger meisten Menschen sehr konstant bleibt, kann Letzteres
Redakteur des »Spiegel«, auf den Punkt. Ungewöhn- nicht dauerhaft sein. Jeglicher Erfolg und Zugewinn,
lich ist diese Forderung nicht. Ungewöhnlich ist aber auch ein dauerhafter, wird das Glücksgefühl eines
das ökonomische Ziel, das sich die Gesellschaft laut Menschen nur kurzfristig erhöhen. Dazu kommt, dass
Klein zukünftig setzen sollte: das Streben nach man sich an Glück gewöhnt wie an eine Droge;
Glück – Wohlbefinden statt Wohlstand. letztlich entsteht das positive Gefühl in beiden Fällen
Glück und Wohlbefinden sind keine Begriffe, die durch die Ausschüttung von Dopamin, die bestimmte
man allgemein mit Ökonomie in Zusammenhang Verhaltensweisen verstärkt. So kommt es dazu, dass
bringt. Dabei besteht hier kein Widerspruch, wie ein Verhalten, das uns einst glücklich gemacht hat, es
Klein überzeugend darlegt. Die zweite Hälfte des mit der Zeit nicht mehr tut – es sei denn, es wird
20. Jahrhunderts war in Europa und insbesondere in durch immer neue Anreize gesteigert. Sozialpsycho­
Deutschland geprägt vom Wirtschaftswunder, das logen sprechen von einer hedonistischen Tretmühle,
vielen Menschen Wohlstand brachte. In dieser Zeit da man dem Glücksgewinn hinterherlaufen muss.
entwickelte sich das Bruttoinlandsprodukt als Wie kann aber nun die Politik von diesen Erkennt­
Messgröße für die Stärke einer Wirtschaft zur nissen profitieren? Welchen Unterschied macht es,
»mächtigsten Zahl der Menschheitsgeschichte«, wie wenn sie das Wohlbefinden der Bürger zur Maxime
es der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies nennt. erhebt? Zuerst macht Klein deutlich, dass auch eine
Dass aber Wohlstand gleichbedeutend ist mit Ökonomie des Glücks wirtschaftliche Kenngrößen wie
Wohlbefinden, bezeichnet Klein als eine der größten das Bruttoinlandsprodukt und den Unternehmensge­
Illusionen des 20. Jahrhunderts. winn ernst nimmt. Doch das langfristige Ziel sei, das
Den Grund dafür sieht er in der menschlichen Wohlbefinden der Bürger zu steigern. Dazu benötigen
Natur. So unterscheidet er zuerst zwischen den Menschen nicht mehr Geld, sondern mehr Selbstbe­
Begriffen »Glück haben« und »glücklich sein«, die stimmung und Sinn in ihrem Leben und Tun. Wohl­
erstaunlich wenig miteinander gemeinsam haben. stand wird somit ein Mittel zum Zweck, um die Basis
Auch zwischen »Zufriedenheit« und »Glück« muss dafür zu schaffen, dass Menschen überhaupt glücklich

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werden können. Denn – auch das hat die Forschung
gezeigt – eine gewisse wirtschaftliche Grundlage,
ein bestimmtes Einkommen, eine Absicherung braucht HHHHH
der Mensch, damit Existenzsorgen nicht das Denken Ben Barres
bestimmen. Darüber hinaus macht mehr Geld
allerdings nur kurzfristig glücklich (und das auch in THE AUTOBIOGRAPHY
abnehmendem Maß, je mehr schon vorhanden ist). OF A TRANSGENDER
Die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, SCIENTIST
etwa den Beruf zu wählen oder wo und wie viel man MIT Press, 2018, 160 S., € 18,79
arbeitet, sowie das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, Englischsprachige Original­
erhöhen das Wohlbefinden dagegen dauerhaft. Zusam­ publikation
menarbeit und Fairness sind weitere Grundpfeiler des
Glücks, und so führt das Streben nach Wohlbefinden
die Menschen – wie Klein es formuliert – aus ihrer Eine einzigartige Perspektive
Vereinzelung hinaus. Einblicke in Leben und Werk des transsexuellen
Dadurch wird das Streben nach Glück schließlich Neurowissenschaftlers Ben Barres
wirtschaftlich profitabel. Einerseits sind glückliche

B
Menschen leistungsbereiter, andererseits übernehmen en Barres, geboren 1954 als Barbara Barres, lebte
sie bereitwilliger Aufgaben, die das Zusammenleben mehr als 40 Jahre in der ihm biologisch zugewie­
in einer Gesellschaft erleichtern und den Staat (finan­ senen Rolle: als Frau. Er fühlte sich nie wohl in
ziell) entlasten. Daher sollte dieser eine regelmäßige seiner Haut und litt schon in der Jugend unter seiner
Bestandsaufnahme durchführen: Wie groß ist das Geschlechtsdysphorie. Dass auch andere Ähnliches
Wohlbefinden seiner Bürger, und wodurch wird es empfinden, lernte er erst in den 1990er Jahren durch
beeinflusst? Während manche Länder wie Großbritan­ einen Zeitungsartikel über den Transgender­Aktivisten
nien, Frankreich, Australien und der Himalaya­Staat Jamison Green. Die Entscheidung, fortan als Ben
Bhutan hier bereits sehr weit sind, hängt Deutschland durchs Leben zu gehen, fiel ihm nicht leicht – er hatte
noch hinterher. Zu Recht fordert der Autor deshalb: sich zu diesem Zeitpunkt als Barbara schon eine
»Es ist Zeit, dass sich Deutschland dem Wohlbefinden wissenschaftliche Karriere aufgebaut und fürchtete
seiner Bürger mit Ernsthaftigkeit widmet.« negative Konsequenzen. Doch er erfuhr Unterstützung
Kleins Essay ist Teil eines multidisziplinären von der Familie, Freunden und Kollegen.
Diskurses zum Thema »Ökonomien der Zukunft« und Seine Erfahrung prägte zweifellos Bens Blick auf die
mit 76 reinen Textseiten schnell zu lesen. Die Kürze Ungleichberechtigung von Frauen in der Wissenschaft.
schadet dem Buch aber nicht. Es sollte Pflichtlektüre Als Barbara habe er sich nie benachteiligt gefühlt,
für alle Politiker und Entscheidungsträger werden, schreibt er, doch als Ben sah er die vielen Ungerechtig­
denen die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutsch­ keiten, denen Forscherinnen ausgesetzt sind. Nancy
land und das Wohlbefinden seiner Bürger gleicher­ Hopkins, Biologieprofessorin am MIT und eine
maßen wichtig sind. langjährige Vertraute von Barres, schreibt im Vorwort
Larissa Tetsch ist promovierte Molekularbiologin
ein wenig mehr über Bens Aktivismus, der im Buch
und Wissenschaftsautorin bei München. insgesamt zu kurz kommt.
Ben widmet unterdessen seiner Forschung ein
eigenes Kapitel. Darin beschriebt er detailliert, welche
Erkenntnisse sein Team und er im Bereich der Gliafor­

TIPP
DES MONATS
schung gewonnen haben. Lange hielt man diese Zellen,
die einen Großteil der Hirnmasse ausmachen, lediglich
für »Nervenkitt«. Bens Labor lieferte jedoch Belege, dass
die Zellen in vielen physiologischen und pathologischen
Prozessen eine Rolle spielen. Leider verläuft Ben sich
HHHHH bei seinen Ausführungen im Fachjargon. Der Abschnitt
setzt zudem einiges an Wissen über neurobiologische
Stefan Klein
Vorgänge voraus. Deshalb wird er nur Experten ohne
DIE ÖKONOMIE Fragezeichen zurücklassen. Schade, denn Bens Arbeit
DES GLÜCKS hat die Forschung zu Gliazellen angekurbelt.
Nicolai Publishing & Intelligence, Insgesamt wirkt das Buch wie eine Kollage aus
2018, 88 S., € 20,– Kapiteln, die nicht richtig zusammenpassen wollen. Es

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beginnt als sehr persönliche Reise, die in eine wissen­
schaftliche Abhandlung mündet, um dann noch einen
Sprung zum Aktivismus zu wagen. Vielleicht ist das HHHHH
auch den Umständen geschuldet, unter denen Ben Asmus Finzen
seine Autobiografie schrieb: Er verfasste sie in den
Monaten, nachdem im März 2016 bei ihm Bauchspei­ NORMALITÄT
cheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde. In vielen Die ungezähmte Kategorie in
Passagen wirkt der Text roh – wie hastig abgetippt und Psychiatrie und Gesellschaft
später kaum überarbeitet. Auch ein roter Faden fehlt. Psychiatrie, 2018, 144 S., € 20,–
Bens Stärke und seine Überzeugungen scheinen
dennoch immer wieder durch. Er wird nicht müde, sei­
ne Wertschätzung für die jungen Wissenschaftler und Ganz normal verrückt
Wissenschaftlerinnen, die er im Lauf seiner Karriere Ein Psychiater rät zu Gelassenheit und
betreut hat, zu betonen. Ben hatte keine Kinder; über Toleranz gegenüber psychischen Störungen
seine Arbeitsgruppe spricht er wie über eine Familie.

P
Mehr als alles andere wollte er seinen Schützlingen hilippe Pinel, ein französischer Arzt und
zum Erfolg verhelfen und dazu beitragen, den For­ Psychiater, stellte Ende des 18. Jahrhunderts als
schungsbetrieb zu einem besseren Ort zu machen. In junger Hochschullehrer ein weit verzweigtes
vielerlei Hinsicht hat er das auch getan. System mit 700 Krankheitsdiagnosen auf. Sein Vorbild
Ben Barres starb 2017 im Alter von 63 Jahren. war der schwedische Botaniker Carl Linné, der die
Michaela Maya­Mrschtik ist promovierte Molekularbiologin und
Pflanzenwelt akribisch geordnet hatte. Als Pinel jedoch
Redakteurin bei »Gehirn&Geist«. 1794 die Leitung des Pariser Nervenkrankenhauses

Reisetermine des Verlags


Spektrum der Wissenschaft

EVENTS

REISE ZU ISLANDS FASZINIERENDER GEOLOGIE


FÜR SPEKTRUM-LESER
Island ist eine absolute Ausnahmeerscheinung unter den Ländern der Welt: atembe-
raubende Schönheit, große und beeindruckende Wasserfälle, dampfende Geysire,
Eis und Feuer auf engem Raum, unendliche Weite. Farben, die man nur auf fremden
Planeten vermuten würde. Island ist aber auch geologisch so gut wie einzigartig.
Für Sie als Spektrum-Leser haben wir gemeinsam mit dem Veranstalter Mol Reisen
zwei besondere Geologie-Reiseerlebnisse ausgewählt, die Sie zu Vorzugskondi-
tionen buchen können.
Mit dem Code »Spektrum« bei Buchung einer der Reisen erhalten Sie für sich und
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maximal eine mitreisende Person einen Rabatt von fünf Prozent auf den Reisepreis
(Zusatzleistungen ausgeschlossen):
https://mol-reisen.de/lernen-und-verstehen-island/

Infos und Buchung:

Spektrum.de/live

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BÜCHER UND MEHR

Salpêtrière übernahm, reduzierte er sein System auf vielmehr zu einer »Zersplitterung der psychiatrischen
sieben Diagnosen. Diagnostik« und einer »Vermehrung der Unübersicht­
Diese Anekdote erzählt Asmus Finzen in seinem lichkeit« geführt. Er vertritt daher die Ansicht, dass
Buch »Normalität«, in dem er sehr eloquent die Patienten mit einer kleineren Zahl von Diagnosen
»Kolonisierung des Normalen durch Diagnostik und besser gedient wäre.
Klassifikation« anprangert. Denn leider ist es bei den Darüber hinaus rät der Mediziner in seinem Buch
sieben Diagnosen von Pinel nicht geblieben. Eines der zu mehr Gelassenheit: Selbst schwere psychische
wichtigsten aktuellen psychiatrischen Klassifikations- Störungen wie zum Beispiel die Schizophrenie sind in
systeme, das DSM-5 der Amerikanischen Psychiatri­ gewisser Weise »normal« – so wie andere schwere
schen Gesellschaft, verzeichnet 374 Krankheiten und Krankheiten, etwa Krebs oder Schlaganfall, auch.
Störungen. Wenn jemand körperlich krank sei, so Finzen, »würde
Kein Wunder also, dass kaum noch ein Patient die niemand auf die Idee kommen, zu behaupten, der sei
psychiatrische Klinik mit weniger als drei Diagnosen nicht normal«. Anders bei psychisch erkrankten
verlässt. Häufigkeitsangaben in den Medien sind sogar Menschen, die schnell als unberechenbar und gefähr­
so übertrieben, dass Finzens Kollege Klaus Dörner bei lich gelten, gefördert durch Schlagzeilen wie »Mord im
einer Auswertung von Medienberichten zu dem Wald: Irrer ersticht Joggerin«.
Ergebnis kam, jeder Deutsche müsse unter zwei bis Asmus Finzen ist es ein Anliegen, gegen die Stigma­
drei psychischen Störungen leiden. Ja, sind wir denn tisierung von psychischen Störungen anzukämpfen
alle verrückt geworden? und falscher Panik Aufklärung entgegenzusetzen. Der
Finzen bemängelt, die »wundersame Vermehrung erfahrene Psychiater, Professor für Sozialpsychiatrie
an Diagnosen« habe nicht zu einem besseren Verständ­ und ehemalige Klinikleiter hat ein gut lesbares
nis psychischer Störungen beigetragen, sondern Werk – eine Mischung aus Streitschrift und Ratgeber –

Reisetermine des Verlags


Spektrum der Wissenschaft

EVENTS

DREI BESONDERE REISEZIELE


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drei besondere Reiseerlebnisse ausgewählt, die Sie zu Vorzugskonditionen
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oder lassen Sie sich bei einer Fotoreise durch Costa Rica die Vielfalt des
grünen Landes zeigen.
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Reisepreis (Zusatzleistungen ausgeschlossen):
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Infos und Buchung:

Spektrum.de/live

GEHIRN&GEIST 79 0 65 _ 2 0 1 9
verfasst, das man psychisch erkrankten Menschen und die durchaus mit Freuds Verständnis der menschli­
ihren Angehörigen nur empfehlen kann. Denn man chen Psyche und den von ihm entwickelten Konzep­
erfährt genau, welche Krankheitsbilder es gibt, wie ten zusammenhängen, erörtert der Autor ausführlich.
psychiatrische Untersuchungen ablaufen und dass Die zweite Frage, die im Fokus steht, ist die nach
ohne Vertrauen zwischen Patient und Arzt leicht dem Verhältnis der Psychoanalyse zur Rationalität.
Fehler passieren. Whitebook betrachtet den Vorwurf der Unwissen­
Ein Minuspunkt ist, dass man sich bei der Lektüre schaftlichkeit näher, mit dem die Psychoanalyse
manchmal in die 1970er Jahre zurückversetzt fühlt, in immer wieder zu kämpfen hat. Dabei stellt er die
denen der inzwischen 79­jährige Psychiater seine freudsche Wahrheitssuche in den Tiefen der irratio­
wichtigsten wissenschaftlichen Impulse erhielt. Zwar nalen menschlichen Seele in eine Reihe mit der dialek­
berücksichtigt er neue Daten, aber kaum neuere tischen Arbeit Georg Wilhelm Friedrich Hegels
Theorien. 100 Jahre zuvor. In diesem Zusammenhang bezeichnet
Und anders als der Titel erwarten lässt, betrachtet er er Freud als Vertreter der »dunklen Aufklärung«.
die Kategorie »Normalität« nicht tiefer gehend Diese Variante der Aufklärung, die zunächst parallel
analytisch. Vielleicht liegt das an einer Tatsache, die zu der bekannten geistigen Strömung des 18. Jahrhun­
der Autor selbst eingesteht: »Psychiater sind allenfalls derts wuchs, antwortete auf die Vorwürfe der Gegen­
Experten für das Unnormale, das Pathologische, das aufklärung, die der irrationalen Seite des Lebens zu
Kranke. Vom Normalen haben sie von ihrer Profession ihrem theoretischen Recht verhelfen wollte, indem sie
her keine Ahnung.« Irrationales akzeptierte und in ihre Theorie integrierte.
Judith Rauch ist Diplombiologin und Wissenschaftsjournalistin. Auch Wie sich diese Prämisse auf Sigmund Freud übertra­
zu ihrer Familie gehören ganz normale Verrückte. gen lässt, scheint augenfällig, denn seine Theorie fasst
das Unbewusste, das nicht nach rationalen Gesichts­
punkten strukturiert ist, als einen der zentralen
Treiber menschlichen Verhaltens auf.
Die größte Stärke der Biografie ist, dass sie Freuds
Leben anhand zweier neuer, interessanter Thesen
HHHHH über die Psychoanalyse aufarbeitet. Dabei verwendet
Joel Whitebook der Autor eine verständliche Sprache und verzichtet
FREUD: SEIN LEBEN weitestgehend auf undurchsichtige Fachbegriffe.
UND DENKEN Vorkenntnisse sind zwar von Vorteil, aber nicht
unbedingt nötig.
Aus dem Englischen von Elisabeth Einziger Wermutstropfen sind die seltenen,
Vorspohl
Klett­Cotta, 2018, 559 S., € 32,– polemisierenden Ausführungen zur Philosophie der
Postmoderne, die undifferenziert als »hypomanische
Feier des ›Endes der Vernunft‹ und des ›Endes des
Die verlorene Mutter Subjekts‹« verunglimpft wird. Solch eine Verallgemei­
und die verlorene Vernunft nerung, die in Ausnahmefällen durchaus zutreffen
Eine philosophische Sicht auf das Leben mag, kann allerdings die Lektüre des großartigen
Sigmund Freuds Werks kaum trüben. Es ist jedem zu empfehlen, der
sich dafür interessiert, wie ein Mann vor gar nicht

W
ie schreibt man eine Biografie über eine allzu langer Zeit eine ganze Wissenschaft begründet
Person, über die bereits alles gesagt zu sein und im Zuge dessen einen paradigmatischen Wandel
scheint? Dieser Mammutaufgabe stellt sich der gesamten Geisteswissenschaft angestoßen hat.
der Psychoanalytiker und Philosoph Joel Whitebook, Maxime Pasker ist Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er lebt in
der bereits mit seinen früheren Werken von sich reden Obersulm.
machte, die unter anderem die kritische Theorie und
die Psychoanalyse vereinten.
In seinem Buch hat Whitebook einen neuen Ansatz
verfolgt. Statt chronologisch die Lebensdaten Freuds Spektrum der Wissenschaft und Springer Science+Business
aneinanderzureihen, steht zunächst eine Leerstelle im Media gehören beide zur Verlagsgruppe Springer Nature.
Vordergrund: Freuds Mutter. Wer Freuds Theorie Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Auswahl der bespro­
chenen Bücher oder die Inhalte der Rezensionen. Wir
kennt, wird sich wundern, dass die Beziehung zu behandeln Titel aus dem Springer­Verlag mit demselben
seiner eigenen Mutter eine scheinbar untergeordnete Anspruch und nach denselben Kriterien wie Titel aus
Rolle spielt. Die verschiedenen Gründe für diese Lücke, anderen Verlagen.

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BÜCHER UND MEHR

Die beiden Bücher richten sich an Grundschulkin­


HHHHH der im Alter von sechs bis zwölf Jahren, die an einer
sozialen Phobie beziehungsweise unter ADHS leiden,
Joan Schaaf, Wiebke Andersen,
Meera Roth, Marie­Luise Salzmann sowie an deren Eltern, Angehörige und Therapeuten.
Sie entstammen zwei Seminarveranstaltungen an der
IN GEDANKEN EIN FUCHS Philipps­Universität Marburg, in deren Rahmen
Ein Buch für sozial ängstliche Kin­ zunächst Studierende des Instituts für Bildende Kunst
der, die selbst kleine Füchse sind die Entwürfe für die Kinderbücher erarbeiteten.
Hogrefe, 2018, 80 S., € 24,95 Anschließend bearbeiteten und ergänzten Psycholo­
giestudenten die Texte.
Während die Leser im ersten Teil Leas beziehungs­
weise Ennos Geschichte erfahren, folgen im zweiten
HHHHH
Teil Mitmachübungen, die den betroffenen Kindern
Frederike Zais, Charlotte Michalak, helfen sollen, ihre Symptome besser zu verstehen und
Maren Rumpf, Maylien Schulte zu bewältigen. Dabei spinnen die Autoren die zuvor
ZAPPEL-ZIRKUS ZACHARIAS benutzten Metaphern weiter, indem sie ihre kleinen
Ein Buch für zappelige Zirkuskin­ Leser zum Beispiel dazu auffordern, ihre eigenen
der mit ADHS, ihre Zirkusfamilien, Angstfische zu benennen, oder auf die Jagd nach
Freunde und Zirkusdompteure Erdnüssen für die Zirkustiere schicken. Am Schluss
Hogrefe, 2018, 72 S., € 24,95 folgen weiterführende Informationen für Erwachsene,
die unter anderem die Kontaktdaten von Beratungs­
stellen enthalten und den Angehörigen die Suche
Wenn Lea zum Fuchs wird nach professioneller Hilfe für ihr Kind erleichtern
sollen.
Hilfe für Kinder mit sozialen Ängsten und Leider passt in beiden Werken die anspruchsvolle
ADHS – sofern Erwachsene mitziehen zweite Buchhälfte nicht wirklich zur ersten. Das
fällt vor allem bei »In Gedanken ein Fuchs« auf:

O
b Ängste, trübe Gedanken oder Konzentra- Während Leas Geschichte mit wenigen Worten und
tionsschwierigkeiten – nicht nur Erwachsene vielen Bildern aufwartet, sollen die Kinder im
haben Sorgen: Manchmal liegt schon den zweiten Teil plötzlich ein eigenes Angsttagebuch
Kleinsten etwas schwer auf dem Herzen. Kindern den führen und das abstrakte Konzept einer Angst­
Umgang mit manchen solcher Probleme zu erleich- kurve verstehen. »Zappel­Zirkus Zacharias« ist
tern, ist das Anliegen der psychologischen Kinder- insgesamt etwas komplexer und in sich stimmiger
bücher »In Gedanken ein Fuchs« und »Zappel-Zirkus aufgebaut, doch auch hier zieht das Niveau in der
Zacharias«. zweiten Hälfte deutlich an, wenn plötzlich von
In »In Gedanken ein Fuchs« begleiten die Leser Begriffen wie »vorwiegend hyperaktiv­impulsiver
Lea, die mit einem mulmigen Gefühl in ihren ersten Subtyp« die Rede ist – nicht gerade eine kindgerechte
Schultag startet. Als die anderen Kinder sie zum Sprache.
Spielen auffordern, wird sie von ihrer Angst, bei Während sich ältere Kinder von den simplen
anderen anzuecken, übermannt und verwandelt sich Geschichten und dem Bilderbuchcharakter der
in einen Fuchs, der einfach davonläuft. Im Wald trifft beiden Werke womöglich schnell gelangweilt fühlen,
sie auf ihren imaginären Freund, den Kängubär Pocci, steigen jüngere bei den Übungen unter Umständen
der sich mit ihr auf die Reise zu ihrem Gedankenfluss aus. Um die Bücher richtig zu nutzen, braucht es
macht. Dort schwimmen ihre »Angstfische«, die es in deshalb in jedem Fall einen Erwachsenen, der die
gute Gedanken umzuwandeln gilt. Kinder behutsam beim Lesen begleitet oder ihnen
»Zappel­Zirkus Zacharias« handelt von dem vorliest und bei den Übungen hilft. Vor allem
zappeligen Zirkuselefanten Enno, dessen schwierigs­ »Zappel­Zirkus Zacharias« enthält viele Vorschläge,
tes Kunststück es ist, die Flamingodame Rosella die es Eltern, Lehrern und Therapeuten erleichtern,
behutsam durch die Manege zu tragen. Im Lauf der auf Grundlage der Bücher mit betroffenen Kindern
Geschichte erfährt Enno auch, warum das so ist: zu arbeiten – sei es durch »Signalkarten« mit Tier­
Offenbar wohnt der Zappelfloh Zacharias in seinem motiven oder durch ausformulierte »Zirkusregeln«,
Ohr, der es ihm so schwer macht, sich still zu verhal­ an die sich alle halten sollen.
ten. Gut, dass Dompteur Daniel weiß, wie man den Daniela Zeibig ist Redakteurin bei »Gehirn&Geist« und
Floh zähmt! »Spektrum.de«.

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BÜCHER UND MEHR

Bestseller HHHHH
Die aktuellen Spitzentitel aus den Bereichen William Davies
Psychologie, Hirnforschung und Gesellschaft NERVÖSE ZEITEN
Wie Emotionen Argumente
ablösen
1 ANDREAS MICHALSEN
Mit Ernährung heilen
Insel, 2019, 368 S., € 24,95
Aus dem Englischen von
Enrico Heinemann und Ursel Schäfer
Piper, 2019, 384 S., € 24,–

2 ANNE FLECK
Ran an das Fett
Wunderlich, 2019, 432 S., € 24,99
Das Potenzial des Populismus
Über den Siegeszug der Gefühle in politischen
Debatten

3 JOHANNES KRAUSE, THOMAS TRAPPE

D
Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über ie AfD in Deutschland, der Rassemblement
uns und unsere Vorfahren National in Frankreich und ein US­amerikani­
Propyläen, 2019, 283 S., € 22,– scher Präsident, der es mit der Wahrheit nicht
genau nimmt. Wir leben in »nervösen Zeiten«, beschei­
nigt uns der Wirtschaftswissenschaftler von der
4 JOE NAVARRO
Menschen lesen. Ein FBI-Agent erklärt,
wie man Körpersprache entschlüsselt
University of London. In seinem Buch erklärt er, wie es
zum Wandel von einer vernunftbasierten zu einer
MVG, 2010, 272 S., € 16,95 gefühlsgeladenen Politik kommen konnte – und
warum das nicht unbedingt schlecht sein muss.
Sein Buch gliedert sich in zwei Teile: »Der Nieder­
5 YAEL ADLER
Darüber spricht man nicht: Dr. med. Yael Adler
erklärt fast alles, was uns peinlich ist
gang der Vernunft« und »Der Siegeszug der Gefühle«.
Zunächst skizziert der Autor den unruhigen politischen
Droemer, 2018, 368 S., € 16,99 Zustand, der sich in populistischen Strömungen,
Troll­Fabriken (die gegen alles und jeden hetzen) und
Terroranschlägen offenbart – und dadurch wiederum
6 DOMINIK NISCHWITZ
In aller Munde: Unsere Zähne und ihre
Bedeutung für die Gesundheit des gesamten
befeuert wird. Um die Ursachen ausfindig zu machen,
vergleicht er die aktuelle Lage mit der westlichen Welt
Körpers des 17. Jahrhunderts. Berühmte Philosophen wie
Mosaik, 2019, 288 S., € 16,– Thomas Hobbes und René Descartes legten damals die
Grundlage für das Vernunftideal und unseren heutigen
Staat. Davies scheut sich dabei nicht, die Schattenseiten
7 ESTHER PEREL
Die Macht der Affäre. Warum wir betrügen und
was wir daraus lernen können
der wissenschaftlichen Revolution aufzuzeigen, die
beispielsweise auch die Überwachung der Bevölkerung
HarperCollins, 2019, 384 S., € 22,– durch technische Errungenschaften vorantrieb.
Das zunehmende Misstrauen gegenüber der
NOVA MEIERHENRICH Wissenschaft erklärt sich Davies dadurch, dass Statisti­
8 Wenn Liebe nicht reicht: Wie die Depression
mir den Vater stahl
ken oftmals nicht die »gelebte Realität« widerspiegeln.
Ein Beispiel: Wenn sich das Bruttoinlandsprodukt pro
Edel, 2018, 240 S., € 17,95 Kopf in den letzten 30 Jahren bei 40 Prozent der
Bevölkerung verdoppelt hat, man aber nicht zu diesen
URSULA OTT Gewinnern gehört, spürt man nichts vom Wirtschafts­
9 Das Haus meiner Eltern hat viele Räume:
Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren
wachstum. Dadurch verlieren Zahlen und Fakten für
einen an Glaubwürdigkeit, meint Davies. Der Argwohn
btb, 2019, 192 S., € 18,– gegenüber der Wirtschafts­, Wissenschafts­ und
Politikelite wird weiter genährt durch das Gefühl, nicht
MARSHALL B. ROSENBERG vom Fortschritt zu profitieren – oder gar von ihm
10 Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des
Lebens
bedroht zu sein. Mitunter macht der schlechte
Gesundheitszustand der Benachteiligten sie für die
Junfermann, 2016, 222 S., € 24,– Botschaft der Populisten empfänglich, die ihnen
bessere Zeiten versprechen, glaubt der Autor. Darauf
Nach Verkaufszahlen von media control
gelistet (Zeitraum: 7. 3.–3. 4. 2019)

GEHIRN&GEIST 82 0 6 _ 2 0 1 9
Gehirn&Geist
weist etwa eine Analyse des »Economist« hin: »Hätten Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A.
(verantwortlich)
in Pennsylvania acht Prozent mehr regelmäßig Sport Artdirector: Karsten Kramarczik
Redaktionsleitung: Dr. Hartwig Hanser
getrieben und in Wisconsin fünf Prozent weniger Redaktion: Dipl.-Psych. Steve Ayan (stv. Redaktionsleitung, Ressortleitung
große Mengen Alkohol getrunken, hätte es Hillary Psychologie), Dipl.-Psych. Liesa Bauer, Dr. Katja Gaschler (Koordination
Sonderhefte), Dr. Anna von Hopffgarten (Ressortleitung Hirnforschung),
Clinton ins Weiße Haus geschafft«, schrieb das Dr. Michaela Maya­Mrschtik (Ressortleitung Medizin), B. A. Wiss.­Journ.
Magazin nach der Präsidentschaftswahl 2016. Doch Daniela Zeibig
Freie Mitarbeit: Dr. Joachim Retzbach
Davies sieht den Populismus nicht nur als Bedrohung, Assistentin des Chefredakteurs, Redaktionsassistenz: Lena Baunacke
sondern als Symptom übergangener Gefühle, die nun Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Katharina Werle
Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
aus dem Verborgenen in die Öffentlichkeit gelangen. Layout: Karsten Kramarczik, Oliver Gabriel, Anke Heinzelmann,
Diese ernst zu nehmen und deren Ursachen zu Claus Schäfer, Natalie Schäfer

verstehen, birgt für ihn auch das Potenzial, Missver­ Wissenschaftlicher Beirat: Prof. Dr. Angela D. Friederici, Max­Planck­
Institut für Kognitions­ und Neurowissenschaften, Leipzig; Prof. Dr. Jürgen
hältnisse in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Margraf, Arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie,
aufzudecken und ein neues Vertrauen herzustellen. Ruhr­Universität Bochum; Prof. Dr. Michael Pauen, Institut für
Philosophie der Humboldt­Universität zu Berlin; Prof. Dr. Frank Rösler,
Viele prägnante Zitate und anschauliche Beispiele Institut für Psychologie, Universität Hamburg; Prof. Dr. Gerhard Roth,
zeichnen das Buch aus. Über 200 Einzelnachweise Institut für Hirnforschung, Universität Bremen; Prof. Dr. Henning Scheich,
Leibniz­Institut für Neurobiologie, Magdeburg; Prof. Dr. Wolf Singer,
untermauern die wohldurchdachte Argumentation Max­Planck­Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main; Prof. Dr.
und sorgen für eine hohe Informationsdichte. William Elsbeth Stern, Institut für Lehr­ und Lernforschung, ETH Zürich

Davies gelingt es, ein vielschichtiges Bild der aktuellen Übersetzung: Maxime Pasker
Herstellung: Natalie Schäfer
politischen Entwicklung zu zeichnen, indem er zudem Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel.: 06221 9126­741,
Erkenntnisse aus Geschichte, Ökonomie, Philosophie E­Mail: service@spektrum.de
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und Psychologie berücksichtigt. Manchmal verliert er Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
sich dabei allerdings in seiner Argumentation. Unge­ Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Tel.: 06221 9126­712,
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wöhnlich und bereichernd an seinem Werk ist vor 15–17, 69121 Heidelberg, Tel.: 06221 9126­600, Fax: 06221 9126­751,
allem die positive Sicht auf den Populismus, in dem er Amtsgericht Mannheim, HRB 338114

auch eine Chance für die Demokratie sieht. Wer also Geschäftsleitung: Markus Bossle
über die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung besorgt Leser- und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser, Ilona Keith,
Tel.: 06221 9126­743, E­Mail: service@spektrum.de
ist, wird nach der Lektüre weniger ratloser und ruhiger Vertrieb und Abonnementsverwaltung: Spektrum der Wissenschaft
Verlagsgesellschaft mbH, c/o ZENIT Pressevertrieb GmbH,
sein – versprochen! Postfach 81 06 80, 70523 Stuttgart, Tel.: 0711 7252­192, Fax: 0711 7252­366,
Jonas M. Lange ist Neurowissenschaftler und lebt in Heidelberg. E­Mail: spektrum@zenit­presse.de, Vertretungsberechtigter: Uwe Bronn

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Inland (12 Ausgaben): € 85,20, Jahresabonnement Ausland: € 93,60,
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Die Mitglieder der DGPPN, des VBio, der GNP, der DGNC, der GfG,
der DGPs, der DPG, des DPTV, des BDP, der GkeV, der DGPT, der DGSL,
der DGKJP, der Turm der Sinne gGmbH, der NOS (Neurofeedback Orga­
nisation Schweiz) sowie von Mensa in Deutschland erhalten die Zeitschrift
HHHHH »Gehirn&Geist« zum gesonderten Mitgliedsbezugspreis.

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Suhrkamp, 2018, 447 S., € 25,–
Gesamtherstellung: Vogel Druck und Medienservice GmbH, Höchberg

Die Liebe auf dem Seziertisch Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei der
Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche Nutzung des
Werks, insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche
Soziologin Eva Illouz ergründet schonungslos, Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung, ist ohne die vorherige
schriftliche Einwilligung der Spektrum der Wissenschaft Verlags­
was echter Liebe im Weg steht gesellschaft mbH unzulässig. Jegliche unautorisierte Nutzung des Werks
ohne die Quellenangabe in der nachstehenden Form berechtigt den Verlag

D
zum Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Bei jeder
ie israelische Kultursoziologin Eva Illouz autorisierten (oder gesetzlich gestatteten) Nutzung des Werks ist die
seziert unsere Gesellschaft unter dem Mikros­ folgende Quellenangabe an branchenüblicher Stelle vorzunehmen:
© 2019 (Autor), Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
kop und liefert so eine beschämende Sicht auf Heidelberg. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher
unser Zusammenleben. Ihre Thesen treffen das übernimmt die Redaktion keine Haftung; sie behält sich vor, Leserbriefe zu
kürzen.
moderne Selbstverständnis eines autonomen und
freien Menschen. Schonungslos zeigt sie die Konse­
quenzen dieser Freiheit auf: Die sexuelle Revolution ISSN 1618­8519

GEHIRN&GEIST 83 0 6 _ 2 0 1 9
OBS / HERTIE-STIFTUNG

der 1970er Jahre habe die Liebe zwar von ihren alten
Fesseln befreit, erklärt Illouz, der Kapitalismus lege sie HHHHH
jedoch in neue. Liebe verkomme immer mehr zu einer Kostenfreie App der Neurowissenschaftlichen Gesell-
austauschbaren Ware, diagnostiziert die Autorin. Im schaft e. V. und der Gemeinnützigen Hertie Stiftung
heute vorherrschenden »skopischen Kapitalismus«, der LERN:NEURO
aus dem Spektakel und der Zurschaustellung von
Lerne mit Paul alles übers Gehirn und
Körpern einen Mehrwert erzielt, sei die Außendarstel­ trainiere für deine Klassenarbeit
lung die zentrale Bewertungskategorie – der »Look«
https://www.lernapp.info
eine Form von Eigeninvestition, schreibt sie. Der
Körper (insbesondere der weibliche) gelte als Produkt
der Selbstdarstellung – als »sexuelles Kapital« –, das es
auszuschöpfen gilt, sofern man erfolgreich sein will.
Nervensystem to go
Dabei vergisst Illouz nicht die Rolle der Frau, die Eine neue App macht Schüler fit für die nächste
dieses Spiel größtenteils mitspielt oder den Prozess gar Bioarbeit
ankurbelt, etwa auf Social­Media­Plattformen.

I
Was braucht es stattdessen für echte, tiefe Liebe, die ntuitives, spannendes und motivierendes Lernen« –
Menschen glücklich macht? Für Illouz, Professorin für das verspricht die kostenfreie App »lern:neuro«.
Soziologie und Anthropologie an der Hebräischen Pädagogen und Hirnforscher haben dieses digitale
Universität in Jerusalem, sind es Anerkennung und Lernangebot mitentwickelt und sich dabei an den
Vertrauen. Hinderlich sei dagegen, wenn Menschen Bildungsplänen der Bundesländer orientiert. Herausge­
Konflikte und unangenehme Gefühle vermeiden, um kommen ist ein spielerisches Online­Tool für Schüler
ihren Selbstwert und ihre Autonomie zu wahren. der Sekundarstufe I und II.
Zudem seien die Regeln für ein sexuelles Verhältnis Ein lässiger Avatar namens Paul nimmt den User
heute einfach, während die für eine emotionale in Empfang: »Nächste Bioarbeit? Wir pauken dich
Beziehung immer undurchsichtiger würden. Die durch!« Je nach Bedarf können die Schüler aus den
Entscheidung für oder gegen eine Person auf einer Bereichen Nervensystem, Gehirn, Sinnesorgane und
Dating­Plattform erfolgt binär nach überwiegend Sucht einen individuellen »Lerntrack« erstellen. Die
visuellen Kriterien. Komplexer wird es, wenn daraus Themen werden so lange wiederholt, bis alle Fragen
eine Beziehung erwachsen soll. Hier stehen sich dazu richtig beantwortet sind. Wer sich fit genug
konträre Ziele (Autonomie und Bindung) gegenüber – fühlt, kann sein Wissen in einer Abschlussprüfung
die Folge sieht Illouz in fragmentarischen Beziehungen testen.
ohne Vertrauen und Verantwortung. Tatsächlich schafft es die App, die zum Teil kom­
Wiederholt berichtet die Soziologin Episoden aus plexen Inhalte auf das Wesentliche zu reduzieren und
den unzähligen Interviews, die sie zum Thema Liebe mit einfachen Worten verständlich zu vermitteln.
geführt hat. Seit 20 Jahren forscht sie daran und hat Zusätzlich lockern Abbildungen und Zusammen­
schon mehrere Bücher über den neuen Umgang mit fassungen die Texte auf. Hilfreich sind auch die
Liebe und Sexualität veröffentlicht. Menschen trennen hochwertigen Filmsequenzen sowie ein ausführliches
sich heute häufig wegen Nebensächlichkeiten oder Glossar von »dasGehirn.info«.
ohne Erklärung, wie es beim »Ghosting« der Fall ist: Doch leider sind Ablauf und Navigation wenig
Man verschwindet einfach wortlos von der Bildfläche – intuitiv. Wichtige Infos zu den Spielregeln finden sich
was das Selbstwertgefühl des anderen oft nachhaltig erst in den FAQs, was gerade zu Beginn frustrierend
schädigt und es ihm schwer macht, sich vertrauensvoll sein kann. Einige Funktionen, wie das Quiz, lassen sich
auf eine neue Beziehung einzulassen. zudem nicht zuverlässig öffnen. Inhaltliche Schwächen
Ein umfangreiches Quellenverzeichnis ermöglicht gibt es beim Thema neuronale Erregungsleitung. Dort
es dem Leser, die Lektüre zu vertiefen. Indem die Auto­ finden sich Unstimmigkeiten zwischen Abbildung und
rin ihre zentralen Fragen immer wieder klar formuliert, Text und begriffliche Unschärfen bei der Erklärung des
ist es leicht, am Ball zu bleiben. Ihre Thesen ordnet sie Aktionspotenzials. Schade ist auch, dass sich die
mühelos in die Ansätze großer Denker wie Theodor W. Versionen für Sekundarstufe I und II trotz gegenteiliger
Adorno, Pierre Bourdieu und Sigmund Freud ein. Das Ankündigung nicht voneinander unterscheiden.
Werk eignet sich für alle, die sich nicht scheuen, durch Bleibt zu hoffen, dass es sich hierbei um Kinder­
Reflexion mehr über sich, die Liebe und unseren krankheiten handelt und die App noch optimiert
gesellschaftlichen Umgang mit ihr zu erfahren – auch wird. Dann hat sie das Potenzial, wirklich »intuitiv,
wenn es mitunter schmerzt. spannend und motivierend« zu sein.
Elisabeth Stachura ist promovierte Soziologin und lebt seit Langem in Anna Lorenzen ist promovierte Neurowissenschaftlerin und arbeitet in
einer vertrauensvollen Beziehung. der Redaktion von »Gehirn&Geist«.

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TIPP
DES MONATS
ZDF / MARTIN MISCHI, VINCENT LEPREUX

Die Revolution der Roboter


Donnerstag, 9. Mai
Themenabend, 3sat, Dokumentation, 20.15 Uhr und scobel: »Bewusstsein für Roboter«, Diskussion um 21 Uhr

Roboter arbeiten schon heute als Köche, Polizisten oder Dirigenten, intelligente Programme ersetzen Kunden­
berater bei Versicherungen und Banken (oben im Bild der selbstlernende Avatar »Amelia«): Schätzungen
zufolge sollen künstliche Intelligenzen bis zum Jahr 2025 weltweit an rund 250 Millionen Arbeitsplätzen die
Tätigkeit von Menschen übernehmen. Die Filmemacher der Dokumentation »Die Revolution der Roboter«
provozieren mit der Frage, ob unsere Gesellschaft auf diesen Umbruch vorbereitet ist. Ob KIs irgendwann
womöglich sogar Bewusstsein besitzen, diskutiert Gert Scobel mit seinen Gästen in der anschließenden
Sendung. Denn einige Forscher gehen davon aus, dass es schon bald gelingen wird, die Bedingungen für ein
»Minimalbewusstsein« zu identifizieren. Wäre das geschafft, könne man anschließend versuchen, alle notwen-
digen Strukturen in künstliche Systeme zu implementieren. Solche KIs hätten dann ein eigenes Bewusstsein –
und wären vielleicht sogar leidensfähig.

TV Mittwoch, 8. Mai
Kinder im Netz:
etwaige Rechtsverletzun­
gen übernehmen müssen.
zentrum untersucht,
welche Rolle das so
Sonntag, 5. Mai Gefahren und Chancen genannte Kuschelhormon
Sei ein Mann! der digitalen Welt Samstag, 11. Mai Oxytozin im menschli­
Dokumentation, GEO Dokumentation, 3sat, Wie wichtig sind chen Körper spielt.
Television, 18.45 Uhr 21.05 Uhr Berührungen?
Während Mädchen von Games, Youtube und Xenius, Wissenschafts­ Sonntag, 12. Mai
ihrem Umfeld eher dabei Instagram sind im Alltag magazin, arte, 7.20 Uhr Wie kommen die
unterstützt werden, über von Kindern und Jugend- Körperkontakt ist ein Blütendüfte ins Gehirn?
ihre Gefühle zu sprechen, lichen fest etabliert. Nur Grundbedürfnis, so Tele­Akademie, Vortrag,
lernen Jungen oft, diese Eltern wünschen sich notwendig wie Essen und 3sat, 6.45 Uhr
zu verbergen. Die manchmal zurück ins Trinken. Der Neuro­ Düfte wecken Erinnerun­
Sendung zeigt gängige analoge Zeitalter – wissenschaftler Valéry gen – auch bei Bienen!
Männerbilder und Wege, zumal sie womöglich die Grinevich vom Deut­ Wie kann deren ver­
um sie zu verändern. Verantwortung für schen Krebsforschungs­ gleichsweise einfaches

GEHIRN&GEIST 86 0 6 _ 2 0 1 9
Gehirn Millionen flüch- Herdecke hat jedoch Mittwoch, 15. Mai Donnerstag, 16. Mai
tige Substanzen riechen, Ratschläge, wie man Wertvolle Handschrift: Plötzlich alles anders –
speichern und wiederer- verhindern kann, dass Warum sie im Alltag Schlaganfall
kennen? Auf welche Stress zu psychischen und bedroht ist Reportage, MDR,
Weise Gerüche neuronal körperlichen Problemen Xenius, Wissenmagazin, 17 Uhr
»codiert« werden, er- führt. arte, 16.45 Uhr Jedes Jahr erleiden in
forscht der Neurobiologe Verkümmert das Schrei- Deutschland etwa 200 000
Giovanni Galizia an der Dienstag, 14. Mai ben mit der Hand als Menschen einen Schlag-
Universität Konstanz. Erasmus für alle? Kulturtechnik? Bildungs- anfall. Wird er schnell dia-
Dokumentation, arte, forscher beklagen, gnostiziert und behandelt,
Montag, 13. Mai 21.45 Uhr Schüler hätten damit können Ärzte bleibende
Stress Die Sendung begleitet zunehmend Probleme. Schäden oft verhindern.
rundum gesund, Ratgeber, junge Menschen, die Und in Zeiten von Laptop
SWR, 20.15 Uhr erstmals an dem europäi- und Smartphone scheinen ADHS – ein Leben lang
Laut der WHO wird schen Austauschpro- Füller oder Stift tatsäch- Film, 3sat, 20.15 Uhr
Stress bereits 2020 gramm »Erasmus« lich kaum mehr gebraucht Früher dachte man, ADHS
weltweit zu den häufigsten teilnehmen. Wie beein- zu werden. Der Neuro- beträfe nur Kinder und
Krankheitsursachen flussen die Erlebnisse im biologe Christian Kell von Jugendliche. Aber auch
gehören. Völlig vermeiden Ausland ihre Vorstellun- der Goethe-Universität Erwachsene können unter
lässt er sich nicht. gen von Europa, ihr Frankfurt untersucht, wie der Aufmerksamkeitsdefi-
Der Gesundheitsforscher Selbstverständnis und das Schreiben von Hand zit-Hyperaktivitätsstörung
Tobias Esch von der ihre Werte? Was heißt es, die Gehirnentwicklung leiden – bloß wird sie bei
Universität Witten/ »europäisch« zu denken? fördert. ihnen selten erkannt.

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GEHIRN&GEIST 870 5 _ 2 0 1 9
87
T V- & R ADIOTIPPS

Trügerische Diagnosen ckelt hat. Aber warum ist Ein Film, der das Psycho- Langzeitstudien besser
scobel, Diskussion, 3sat, eigentlich der »groß- business im Woody- abschnitten als Psycho-
21 Uhr hirnige« Neandertaler Allen-Stil beleuchtet. therapien. Kritiker
Aus dem gigantischen ausgestorben? Die Mode- warnen jedoch vor den
Datenfundus des Inter- ratorin Alice Roberts Sonntag, 2. Juni Nebenwirkungen. Ist das
nets ziehen Patienten trifft den Genetiker Die digitale Diktatur »Neurofeedback«, mit
mitunter ein gefährliches Svante Pääbo vom Teleakademie, Vortrag, dem Betroffene lernen,
Halbwissen. Andererseits: Leipziger Max-Planck- SWR, 7.30 Uhr ihre Gehirnströme gezielt
Ärzte sind sich häufig Institut für evolutionäre Im Schnitt schauen wir zu kontrollieren, eine
auch nicht sicher. Gert Anthropologie, der das alle elf Minuten aufs Alternative?
Scobel diskutiert mit Genmaterial der beiden Handy, und weltweit
seinen Gästen über Spezies verglichen hat. lassen bereits rund Mittwoch, 15. Mai
fragwürdige Diagnosen 50 Millionen Amazons Ökologisch handeln:
und über Krankheitsbil- Dienstag, 21. Mai »Alexa« in ihrer Woh- Wie aus Worten Taten
der, die erst in dem Wahlkampf nung mithören. Der werden
Moment als solche der Wutbürger Mensch ist in Rekordzeit SWR2 Wissen, 8.30 Uhr
beschrieben wurden, als Dokumenation, arte, zum »Homo digitalis« Allem Umweltbewusst-
die Pharmaindustrie ein 20.15 Uhr geworden. Wie können sein zum Trotz fahren die
Medikament dagegen Kurz vor den Europa- wir verantwortungsvoll Deutschen große Autos
anbieten konnte. wahlen positionieren sich mit der Digitalisierung und kaufen Unmengen
die AfD, der »Rassemble- umgehen? Ein Vortrag von Elektrogeräten. Psy-
Freitag, 17. Mai ment National« um des Münchner Naturphi- chologen haben herausge-
Stalking: Die Marine Le Pen und die losophen Harald Lesch. funden, dass Aufklärung
unterschätzte Gefahr Gelbwesten gegen ein allein nicht reicht. Neue
Reportage, ZDFinfo, transnationales Europa. Kampagnen versuchen
9.15 Uhr Die Filmemacher fahren Radio Ökoprodukte zu Status-
Experten schätzen, dass ins sächsische Chemnitz symbolen zu machen.
bis zu 800 000 Menschen und ins südfranzösische Dienstag, 7. Mai
in Deutschland verfolgt Carpentras, wo Menschen Emotionale Gewalt: Donnerstag, 16. Mai
und belästigt, das heißt ihrer Unzufriedenheit Wenn Liebe Wut. Vom schwierigen
»gestalkt« werden. Längst Luft machen. Sozialwis- zerstörerisch wird Umgang mit einer
nicht alle Opfer erstatten senschaftler analysieren Sprechstunde, Deutsch­ starken Emotion
Anzeige. Einer der Grün- die Lage: Wird der landfunk, 10.10 Uhr Zeitfragen, Feature,
de: Meist ist das Ver- Umgang mit Populismus Fragen beantwortet der Deutschlandfunk Kultur,
fahren aussichtslos, weil zur Schicksalsfrage Internist und Psycho- 19.30 Uhr
Beweise fehlen. Dabei Europas? therapeut Wolfgang Wut ist wie kaum eine
soll Stalking ähnlich Schwachula von der andere Emotion negativ
traumatisch wirken wie Mittwoch, 22. Mai LVR-Klinik Langenfeld. besetzt. Doch problema-
ein Flugzeugabsturz. Wie Therapie und Praxis Hörertelefon: tischer wird es, wenn
können sich Betroffene Spielfilm (2002), MDR, 00800 44644464, sie zu stark und zu lange
wirkungsvoll wehren? 12.35 Uhr E-Mail: sprechstunde@ unterdrückt wird.
Für den Gesprächs- deutschlandfunk.de
Der Urmensch in uns: therapeuten Roland läuft Kurzfristige Programm­
Die Entwicklung des eigentlich alles bestens, Mittwoch, 8. Mai änderungen der Sender
Gehirns bis ihn seine Partnerin Neues vom Zappel- sind möglich. Zum
Dokumentation, Phoenix, verlassen will – was ihn in philipp: Wirksamere Zeitpunkt der Druck­
21.45 Uhr eine schwere Lebenskrise Therapien bei ADHS legung lagen uns keine
Um das menschliche stürzt. Da führt ihn der SWR2 Wissen, 8.30 Uhr späteren Sendetermine
Denken und Handeln zu Zufall mit der schönen Die aktuellen Leitlinien vor. Diese können Sie ab
verstehen, muss man sich Regine zusammen, die zur Behandlung von dem 7. 6. 2019 kostenlos
ansehen, wie sich das jedoch, wie er herausfin- schwerer ADHS setzen abrufen unter: www.
Gehirn von Homo sapiens det, mit einem seiner den Fokus auf Medika- spektrum.de/magazin/
in der Evolution entwi- Klienten verheiratet ist. mente, weil diese in gehirn­und­geist/

GEHIRN&GEIST 88 0 6 _ 2 0 1 9
VORSCHAU

Heft 7/2019 erscheint am 7. Juni

Lernen im
Schlaf
Bis vor Kurzem galt noch
die Lehrmeinung, einem
schlafenden Menschen
könne man nichts gezielt
beibringen. Aber jetzt ist
Forschern dieses Kunst-
stück gelungen!

Körper oder
ENGINKORKMAZ / GETTY IMAGES / ISTOCK (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)

Psyche?
Die Unterscheidung
zwischen körperlichen
und psychischen Erkran-
kungen ist in unseren
Köpfen wie auch im
Gesundheitssystem fest
verankert. Doch Experten
stellen diesen Dualismus
zunehmend in Frage:
Allzu oft sorgt er dafür,
dass Patienten keine
befriedigende Erklärung
Die Kunst der Selbstüberhöhung für ihre Beschwerden
erhalten. Ein Umdenken
»Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!« Was der Volks- im Medizinbetrieb ist
mund so schön auf den Punkt bringt, bestätigen inzwischen auch Psychologen: dringend nötig.
Ein moderates Maß an Selbstüberhöhung und unrealistischem Optimismus ist
kein Defekt, sondern gesund und hilfreich. Denn die rosarote Brille lässt uns
über eigene Mankos hinwegblicken, gewinnender auftreten und Krisen besser
meistern. Ist es Zeit für eine wissenschaftlich fundierte Ehrenrettung des Egos?

Im Foto-Rausch
UNSPLASH / CAMILA CORDEIRO (UNSPLASH.COM/PHOTOS/LZEAYNWM4RO)

Nie wurde so viel fotografiert wie heute:


Mehr als 40 000-mal pro Sekunde drü- Newsletter
cken Menschen weltweit auf den Aus- Lassen Sie sich jeden
löser, sagen Schätzungen. Wie verändert Monat über Themen
uns das? Verlieren wir dadurch die und Autoren des neuen
Fähigkeit, den Augenblick zu genießen? Hefts informieren! Wir
Oder schätzen wir ihn gar noch mehr – halten Sie gern per E-Mail
und nachhaltiger? Forscher ergründen auf dem Laufenden –
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GEHIRN&GEIST 89 0 6 _ 2 0 1 9
HIRSCHHAUSENS HIRNSCHMALZ
STEFFEN JÄNICKE; MIT FRDL. GEN. VON ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Psychotest:
re, …
Wenn ich vom Klimawandel hö
A) halte ich das für Unsinn.
B) halte ich mir die Ohren zu.
C) halte ich inne.
dagegen hilft.
D) halte ich einen Vortrag, was

Die Trübsal stirbt zuerst


D R . E C K A RT VO N H I R S C H HAU S E N die Selbstwirksamkeit. Kleine Erfolge zu erzielen und
andere damit anzustecken, ist schließlich sogar für Uto­
ist Arzt, Moderator und Bühnenkünstler – und gründet gerade
»Doctors for future«. pisten realistisch. Radwege in der Stadt sind machbar,
wenn auch noch kein globaler Durchbruch. Doch selbst
den gibt es: Dass der FCKW­Ausstoß weltweit gedros­

W er jammert, der ist nie allein. Das ist ein Dilemma


von Selbsthilfegruppen, in denen bisweilen eine
Spirale nach unten entsteht: Den Pokal bekommt dann
selt wurde und das Ozonloch schrumpft, sollte uns an­
spornen. Das können wir ebenso mit Kohlendioxid,
Stickoxiden und Rinderpupsen schaffen.
der, dem es am schlechtesten geht. Wenn man eigent- Forscher um Dominic McAfee beschreiben, wie Op­
lich ganz gut drauf ist, traut man sich das gar nicht zu timismus von der Lethargie zum Engagement führt. Da
sagen, denn man will ja dazugehören. Und es ist immer bekanntlich die Dosis das Gift macht, kann zu viel Op­
leichter, die eigene Stimmung runterzuziehen als die timismus in pure Fantasy abdriften. Wobei das Einhorn
der anderen Teilnehmer rauf. eine der wenigen Arten ist, deren Aussterben mir per­
Wie Sie vielleicht schon mitbekommen haben, treibt sönlich nicht so viel ausmachen würde – vor allem in
mich das Thema Nachhaltigkeit nachhaltig um. Wobei ihrem natürlichen Habitat: Ramschläden.
das Wort schon nach Selbsthilfegruppe und Beschwer­ Besser ist: die Zielgruppe kennen, die Bedrohung be­
nis klingt. Denn bevor es nachhaltig wird, bekommt nennen und eine Erfolgsgeschichte erzählen inklusive
man einiges vorgehalten. Ich hatte kürzlich die Ehre, die eines Wegs, der zum Nachahmen anregt. So weckt man
Initiative »Scientists for future« auf der Bundespresse­ Aufbruchstimmung.
konferenz vorstellen zu dürfen. Eine Teilnehmerin, Martin Seligman, ein Wegbereiter der positiven Psy­
Maja Göpel vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ chologie, beschreibt Optimismus als ein Mittel, selbst
regierung Globale Umweltveränderungen, schickte mir gesteckte Ziele zu erreichen. Am besten verbunden mit
danach eine Studie, die ich heute loben möchte. Sie trifft gesunder Selbsteinschätzung und Gruppendynamik.
das Dilemma der Klimakrise ziemlich gut: Wo sind die Positive Emotionen fördern meist konstruktive Ent­
Erfolgsgeschichten? Schließlich ist nicht nur Trübsal­ scheidungen. Nein, ich sage nichts über die Bundes­
blasen ansteckend, sondern auch Optimismus! regierung und ihr »Klimakabinett« … wer weiß, ob es
Optimisten sind Menschen, die Sudukos mit Kugel­ beides bei Erscheinen dieses Hefts noch gibt. Und ich
schreiber lösen. Selbst im Netz gibt es Optimisten. Zum weiß noch nicht einmal, ob das jetzt optimistisch ge­
Beispiel die Macher der Website »perspective­daily.de«, dacht ist oder nicht. H
die Auswege statt Probleme aufzeigen. Denn Kommu­
nikationsforscher wissen: Mit Horrormeldungen be­
kommt man zwar viele Klicks, aber keinen Hintern
hoch. Angst lähmt. Und führt eher zu Abwehr oder er­ QUELLE
lernter Hilflosigkeit, wenn scheinbar eh nichts hilft. Das McAfee, D. et al.: Everyone loves a success story: optimism
alte Prinzip »think globally, act locally« fördert dagegen inspires conservation engagement. BioScience 69, 2019

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