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JAKOB BLEYER GEMEINSCHAFT e.V. Nr.

2/2019

2019: Edmund-Steinacker-Gedenkjahr
JBG gedenkt einer großen ungarndeutschen Persönlichkeit

Aus dem Inhalt:


Eher ein Deutscher in Ungarn als ungarndeutsch zu sein… - Meinungsartikel von Georg Sawa
Google Maps, Facebook: Ungarndeutsche Ortsnamen sucht man vergebens auf Online-Landkarten
Das Gefühl Teil der Gemeinschaft zu sein - GJU feiert 30-jähriges Jubiläum
Was jeder Ungarndeutsche über den „bösen”Volksbund wissen sollte
„Jawohl, meine Herren! Wir wollen ein neues deutsches Blatt sein stehen bei den Gebeinen eines solchen Mannes, der genauso
für das Volk, für diejenigen, mehr Hunderttausende, die sich als wert wäre, Namensgeber unserer Organisation zu sein wie der
Ungarn und loyale Staatsbürger fühlen, aber gleichzeitig sind sie Batschkaer Jakob Bleyer.
darauf stolz, dass sie deutsche Bürger sind, wessen Väter für
dieses Land bluteten und arbeiteten.”
Nicht zufällig haben wir den heutigen Tag und das jetzige Jahr für
-Edmund Steinacker
die Gedenkveranstaltung ausgewählt. Vor genau 90 Jahren, am
19. März 1929, verstarb Edmund Steinacker in der neben uns
Leitartikel s liegenden Klosterstadt Klosterneuburg. Aber bevor wir seinen
Lebenslauf mit seinem Tode abschließen, lasst uns erzählen, wie
der ungarländische Archetyp des Bürgers lebte und wirkte und
warum er unseren Dank verdient.
Die Jakob Bleyer Gemeinschaft
erklärt das Jahr 2019 zum Auch sein Geburtsjahr gibt Grund für die jetzige Erinnerungs-
Edmund-Steinacker-Gedenkjahr feier: Im Jahre 1839 kam Edmund Steinacker in der ostunga-
rischen Cívis-Stadt Debrezin zur Welt. Er stammte aus einer
wahrlich europäischen Familie: Die väterliche Familie verortete
Vor 180 Jahren geboren seine Wurzeln im Quedlinburger Gebiet, also in Altsachsenland,
und vor 90 Jahren verstorben in der Pfalz der ersten sächsischen Könige, wo der Vater Ot-
tos des Großen als Stammvater der sächsischen Dynastie die
Grundsteine des frühdeutschen Staates im Rahmen des Heili-
Von Stefan Pleyer
gen Römischen Reiches Deutscher Nation legte. Diese Symbolik
erschien gewiss in der Familie Steinacker. Edmund Steinackers
Edmund Steinacker, die vorbildliche ungarndeutsche Persön- Mutter, Aurelia Westher, stammte aus der Zips, noch genauer
lichkeit hat sein ganzes Leben zum Wohle des ungarländischen aus Käsmark. Nicht nur die Familiengeschichte weist auf die Zu-
Deutschtums geopfert. Unter anderem war er der erste und größ- gehörigkeit der Steinackers zur Schicht der Bürger hin: Gustav
te Verfechter einer gemeinsamen deutschen Identität im Karpa- Steinacker war als evangelischer Theologe und Lehrer tätig. Er
tenbecken - von Deutschwestungarn bis nach Siebenbürgen, übte seinen Beruf im Debreziner Mädelgymnasium aus und in
von der Zips bis in die Batschka. Sein Name geriet zu Unrecht dieser Position galt er als ein angesehener Cívis unter den De-
in Vergessenheit, dies will die Jakob Bleyer Gemeinschaft än- brezinern. Später kamen die konfessionellen Unterschiede her-
dern und im Jahre 2019 seine vielfältige Tätigkeit der ungarn- vor, infolge deren die Familie 1842 ins Zipserland, nach Gölnitz,
deutschen und der breiteren Öffentlichkeit vorstellen. Während weiterziehen musste. Aus persönlichen Gründen waren sie da-
des ganzen Jahres werden neue Projekte und Programme in nach erneut gezwungen, ihr Zuhause zu verlegen, diesmal nach
dem Themenbereich „Edmund Steinacker und seine Ära” or- Triest, wo der Vater Verwandtschaft hatte.
ganisiert, der Höhepunkt werden das für den Herbst geplante
Sonntagsblatt-Magazin und das nach Edmund Steinacker be- Mittendrin in diesem kosmopolitischen Milieu wurde die Identität
nannte Stipendium sein. Als erster Schritt hat die Jakob Bleyer des jungen Edmund geformt: Einerseits war er häufig mit ver-
Gemeinschaft eine Kranzniederlegung am Grabe Steinackers in schiedenen Menschen und verschiedenen Kulturen konfrontiert,
Klosterneuburg, Niederösterreich, veranstaltet, wo Vorstandsmit- was ihm neue Perspektiven eröffnete: Er eignete sich einen si-
glied Stefan Pleyer Steinacker im Rahmen einer würdigen Rede cheren Auftritt im Ausland an, andererseits wurde in Debrezin,
gedachte. Gölnitz und Triest sein deutsches Bekenntnis geformt und ge-
festigt. In den 1850er Jahren lebten die Steinackers im schwä-
bischen Stuttgart, wo Edmund Ingenieurwissenschaft studierte.
Neben der Universität wurde sein Studentenleben durch Kon-
takte zur Studentenverbindung Corps Teutonia zu Stuttgart be-
reichert.

Nach dem Studium leistete Steinacker, wie Goethes Wilhelm


Meister, Wanderjahre in Europa, nämlich in Frankreich und Eng-
land. Er blieb dem ungarischen Vaterlande treu. Diese Liebe
erbte Steinacker von seinem Vater, der ebenfalls ein großer Be-
fürworter des Hungarus-Bewusstseins war. In Ungarn und Kroa-
tien setzte er zuerst die technischen Erfahrungen in klingende
Münze um. Der Wind der Veränderung des politischen Status
Quo 1867 in Ungarn erreichte auch ihn: In der Debatte zwischen
den politischen Frontlinien spielte auch die Nationalitätenfrage
Die Vertreter der JBG am Grabe Steinackers eine markante Rolle. Steinacker erkannte diese Unzulänglichkei-
ten im noch im Aufbau befindlichen Staatssystem und nahm die
Im Weiteren finden Sie die Gedenkrede: Probleme des Ungarndeutschtums im Spiegel des Nationalitä-
tengesetzes 1868 unter die Lupe. Sein Sprachrohr war zuerst die
Geehrte Anwesende der Jakob Bleyer Gemeinschaft, liebe Pressburger Zeitung, wo er die ersten Diagnosen in der Artikel-
Landsleute, reihe „Das Bürgertum im politischen Leben Ungarns” aufstellte
- grundsätzlich unter dem Aspekt der bürgerlichen Klasse, in der
in der ungarndeutschen Erinnerungsgeschichte, wenn wir sie auch der frisch gebackene Publizist heimisch war.
überhaupt so nennen dürfen, bringt der heutige Tag etwas Neu-
es: Das wird nicht nur das Leben unseres Vereins, sondern auch Im Jahre 1875 ging er in die Politik, um sich für Verbesserungen
das des gesamten Ungarndeutschtums beeinflussen – ich will im Leben des Ungarndeutschtums einzusetzen. In diesem Jahr
um Gottes willen nicht zu pathetisch werden, aber unseres Wis- wurde er Abgeordneter des ungarischen Landtags, er vertrat
sens nach haben sich zum ersten Male ungarländische deutsche dennoch nicht das deutsche Volk in Ungarn, sondern im Komi-
Landsleute hier im unterennsischen Klosterneuburg beim Gra- tat Szeben/Hermannstadt, nachdem die sächsische Universitas
be Edmund Steinackers versammelt, um vor Ort in Körper und 1876 im Rahmen der Verwaltungsreform abgeschafft worden
Geist einer großen und bisher leider für die breitere Öffentlichkeit war. Natürlich vertrat er weniger die Belange der Sebener, son-
vergessenen historischen Persönlichkeit Respekt zu zollen. Wir dern vielmehr die Interessen des deutschen Bürgertums. 1880
2 SoNNTAGSBLATT
bestimmte Steinacker das politische Credo der Deutschen für die
kommenden Jahrzehnte in dem von ihm gegründeten Budapes-
ter Tagblatt: „Jawohl, meine Herren! Wir wollen ein neues deut-
Aktuelles s
sches Blatt sein für das Volk, für diejenigen, mehr Hunderttau-
sende, die sich als Ungarn und loyale Staatsbürger fühlen, aber
gleichzeitig sind sie darauf stolz, dass sie deutsche Bürger sind, Olivia Schubert, Vorsitzende
deren Väter für dieses Land bluteten und arbeiteten.” Auch die der LdU dankt ab
heutige Geschichtswissenschaft beurteilt die Rolle Steinackers
präzise: Er war der erste ethnopolitische ideologische Denker, 30. April 2019, LdU-Pressedienst
der die verschiedenen deutschen Volksgruppen von den Hean-
zen über die Donauschwaben bis zu den Siebenbürger Sachsen
in ein Lager führen wollte, um ihnen zuerst ein weit verbreitetes
Zusammengehörigkeitsgefühl zu geben und danach eine politi-
sche Organisation, später möglicherweise eine konkrete Vertre-
tung zu erkämpfen.

Diese Stimmen des deutschungarischen Rienzi, unseres ersten


Volkstribuns, klangen hingegen in den Ohren der ungarischen
politischen Elite feindlich: Deutschtum und seine Interessen zu
betonen war den höheren Ohren zu „madjarenfeindlich” und ver-
räterisch, obwohl Steinacker mehrmals dem ungarischen Vater-
lande Treue schwor, auch in seinen in Württemberg verbrachten
Jahren. Seine Siebenbürger sächsischen Landsleute waren ge-
zwungen, sein Mandat zu widerrufen.

Wie der Nietzsche’sche Zarathustra, kam der deutschungarische LdU-Sitzung (Foto: Zentrum.hu)
Feuerbringer zu früh zu seinem Volke. Er zog sich aus der Poli-
tik zurück, ließ sich in Wien nieder und später hier, in Kloster- „Meine Genesung nach meinem schweren Unfall Ende Januar
neuburg. Er blieb aber nicht tatenlos, diese Erfahrungen gaben dauert länger als erwartet, darum trete ich im Interesse der Lan-
seiner Tätigkeit sogar neuen Schwung. Schnell nahm er Bezie- desselbstverwaltung und meiner Gesundheit als Vorsitzende der
LdU ab dem 1. Mai zurück; meine Mitgliedschaft in der Vollver-
hung zum Alldeutschen Verband auf und begann eine Organisa- sammlung möchte ich beibehalten“, teilte Olivia Schubert bei der
tion im Banat und in der Batschka aufzubauen. Resultat dieser Vollversammlungssitzung der LdU am 27. April in Budapest mit.
Erfahrungen waren die Ungarländische Deutsche Volkspartei Über die Nachfolge wird zu einem späteren Zeitpunkt entschie-
1906 und eine Zeitung, der Deutschungarische Volksfreund. den.
Wahrlich, von Anfang an konzentrierte sich Steinacker bei der
politischen Zielsetzung nur auf das Bürgertum, da nach seiner Trotz der Tiefe, die der Tod des vorgängigen Vorsitzenden Otto
Überzeugung diese gesellschaftliche Schicht das Nationalgefühl Heinek verursachte, sei das Wirtschaftsjahr 2018 der LdU plan-
am besten entwickeln kann. Die Partei erlebte ein relativ schnel- gemäß, ohne Liquiditätsprobleme, mit der Verwirklichung neuer
Investitionen, sowie mit der Einführung eines neuen Stipendien-
les Wachstum, landesweit konnte die Partei Kandidaten nomi- programms für Nationalitätenkindergärtnerinnen erfolgreich ver-
nieren, jedoch konnte sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs laufen – berichtete die Wirtschaftsleiterin. Das höchste Gremium
nicht erfolgreich sein. Auch im Kreise des europäischen Gesamt- der Ungarndeutschen entschied zudem auch über die Vergabe
auslandsdeutschtums erfüllte er die Rolle des Fackelträgers – so des Direktorposten der Institution Ungarndeutsches Kultur- und
verließ uns vor 90 Jahren, am 19. März 1929, der Klosterneu- Informationszentrum und Bibliothek: Die Stelle wird auch weiter-
burger Eremit auf ewig. hin die bisherige Leiterin, Monika Ambach bekleiden.

Manche heben den Misserfolg im Lebenswerk Edmund Stein- Auch über die Fortsetzung der Renovierung und der Erweite-
rung des Valeria-Koch-Bildungszentrums in Fünfkirchen wurde
ackers hervor. Wir müssen es zugeben, ja, er konnte viele Vor- Beschluss gefasst. Im Bereich Bildungswesen hat man über die
stellungen nicht verwirklichen, aber er war der erste Fackelträger, Möglichkeit der Aufstellung des eigenständigen Ungarndeut-
der erste Volkstribun, der den Wecker im Kopf des deutschen schen Pädagogischen Instituts sowie auch über die Erweiterung
Bürgertums einstellte. Zu Jakob Bleyer pflegte er eine für die Zu- des 2018 gestarteten neuen Stipendienprogramms für Nationali-
kunft mehr als konstruktive Freundschaft. Steinacker gab Bleyer tätenpädagogen eine prinzipielle Entscheidung getroffen.
die Stafette weiter und die Vision Steinackers wurde mit Verän-
derungen, durch Bleyer in Gießform gegossen. Im Rahmen der Vollversammlungssitzung präsentierte die zu-
ständige Arbeitsgruppe die Auswahl der von dem Budget der Ot-
to-Heinek-Nachwuchsförderung finanzierten Projekte. Der Fond
wurde 2018 nach dem Tod des Vorsitzenden ins Leben gerufen.

Unsere Zukunft wird auf


Der Fond finanziert Projekte zur Förderung ungarndeutscher
Jugendlicher. Vorgesehen sind unter anderem ein Otto-Hei-
nek-Preis an junge ungarndeutsche Wissenschaftler sowie eine
Deutsch geschrieben! zweijährlich zu veranstaltende Nachwuchskonferenz, an der Stu-
dierende zum Thema ihrer Diplom- oder Magisterarbeit referie-
ren.

Der Sommer sei ausgebucht, im Herbst gebe es aber noch freie


Plätze in den nagelneuen, komfortablen Holzhäusern im Iglau-
WERDEN SIE MITGLIED DER JAKOB BLEYER er Park. Eine Meldung über die Erneuerung des Jugendlagers
GEMEINSCHAFT FÜR EINE PROSPERIERENDE in Waschludt wie auch ein Bericht des ungarndeutschen Parla-
UNGARNDEUTSCHE ZUKUNFT! mentsabgeordneten Emmerich Ritter standen auf der Tagesord-
nung. Auch der Jugendausschuss der LdU lieferte seinen Be-
richt über die erfolgreiche Jugendkonferenz 2019 in Wesprim,
UNSER SCHICKSAL LIEGT IN UNSEREN an der die Teilnehmenden eine Kommunikationsstrategie erstellt
HÄNDEN! haben, um möglichst viele Jugendliche dazu zu motivieren, sich
an den bevorstehenden Nationalitätenselbstverwaltungswahlen
als Kandidaten zu beteiligen.
SoNNTAGSBLATT 3
Ibolya Hock-Englender ist neue bevor, auf die sie sich besonders konzentrieren muss – verdeut-
lichte Ibolya Hock-Englender: Vor allem die Vorbereitung auf die
Vorsitzende der Landesselbstverwal- Nationalitätenwahlen im Herbst, die Zusammenstellung der Ko-
tung der Ungarndeutschen mitatslisten und der Landesliste, die Vorbereitung der Berichte
und Pläne bezüglich der LdU-Strategie sowie die ungehinderte
Aufrechterhaltung und Ausbreitung des Stipendienprogramms
30. Mai 2019, LdU-Pressedienst für Nationalitätenpädagogen in Zusammenarbeit mit dem Parla-
mentsvertreter.

Die Ungarndeutschen und die


Europäische Union
Von Patrik Schwarcz-Kiefer

Am 1. Mai feierte das Land den 15. Jahrestag des Beitritts


Ungarns in die Europäische Union, und am 26. Mai wählten
Ibolya Hock-Englender, die neue Vorsitzende der LdU die europäischen Staatsbürger ein neues Parlament für Euro-
pa. Was hat die europäische Integration uns, Ungarndeutschen
Bei der Sitzung der Vollversammlung der Landesselbstverwal- gebracht? Schauen wir uns es genauer an!

 Jede Münze hat
tung am 25. Mai in Budapest hat das höchste Gremium der bekanntlich zwei Seiten, das gilt auch für die Rolle der Europäi-
Ungarndeutschen eine neue Vorsitzende gewählt. Nach der schen Union im Leben der europäischen Völker wie auch im Le-
Abdankung der vorherigen LdU-Chefin, Olivia Schubert, zum 1. ben der Deutschen in Ungarn. Lassen wir uns mit der positiven
Mai – die ihren Posten aus gesundheitlichen Gründen aufgeben Seite beginnen.
musste –, übernahm die Leitung provisorisch ihre Stellvertrete-
rin, Eva Waldmann-Baudentisztl. Die Vollversammlung wählte 1. Einfacher reisen in die so genannten Mutterländer
nun Ibolya Hock-Englender zur neuen Vorsitzenden.
Mit Ungarns Beitritt wurde es möglich, dass der Staat Ungarn
Ibolya Hock-Englender ist die für Bildungsangelegenheiten ver- und seine Bevölkerung engere Kontakte zu den anderen euro-
antwortliche Beirätin der Landesselbstverwaltung der Ungarn- päischen Völkern knüpft. Nicht nur auf politischer Ebene wurden
deutschen. Seit 1994 ist sie Mitarbeiterin des Valeria-Koch-Bil- die Beziehungen vertieft, sondern auch im alltäglichen Leben
der Ungarndeutschen; man kann ohne Weiteres nach Österreich
dungszentrums in Fünfkirchen, seit 2010 bekleidet sie den
oder nach Deutschland fahren, um da Zeit zu verbringen. Und
Posten der Direktorin, und ist auch als Nationalitätenexpertin
dies ist so einfach wie noch nie.
und Lehrbuchautorin tätig. Seit langer Zeit ist sie Mitglied der
Vollversammlung der Landesselbstverwaltung und ist eine im
2. Deutschsprachiges Studium
Bereich der Nationalitätenbildung – die einen beträchtlichen Teil
der Tätigkeit der LdU ausmacht – überaus erfahrene Expertin.
Die ungarndeutschen Studenten, die das künftige Rückgrat der
Über ihren eigenen Fachbereich hinaus hat sie einen globalen
deutschen Intelligenz bilden werden, haben die Möglichkeit in
Überblick über die gesamte Tätigkeit der Selbstverwaltung, da
Deutschland oder in Österreich ihr ganzes Studium oder auch
sie mit dem 2018 verstorbenen Vorsitzenden, Otto Heinek, eng
nur ein Semester davon (im Rahmen von Erasmus Plus) zu ab-
zusammengearbeitet hat. Die aktive Mitgestalterin des ungarn- solvieren. Da kann man die Sprache noch besser erlernen und
deutschen öffentlichen Lebens ist als neue Leiterin der Garant so kann man nach der Heimkehr die Sprache auf einem höhe-
für die Kontinuität. ren Niveau benutzen. Man lernt die Mutterländer besser kennen,
seine Beziehung zu diesen wird enger. Und nicht zuletzt: Diese
„In der vergangenen Zeit sind uns mehrere erschütternde Ereig- Abschlüsse sind in Ungarn sehr attraktiv.
nisse widerfahren, und bis zu den Wahlen bleibt uns nur wenig
Zeit. Es ist für unsere ungarndeutsche Gemeinschaft enorm 3. Engere wirtschaftliche Beziehungen zu Deutschland
wichtig, dass auch weiterhin eine Stetigkeit, eine gewisse Sicher-
heit da ist. Durch diesen neuen Posten nehmen meine Aufgaben Ungarns Mitgliedschaft ist ein Garant für die guten und tiefen
und auch meine Verantwortung deutlich zu, darum war es keine wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ungarn und Deutsch-
leichte Entscheidung, dieses Amt zu übernehmen“, so die frisch land. Natürlich kann (und soll) man die internationalen deutschen
gewählte Vorsitzende. „Im Oktober wählt die künftige Vollver- Konzerne aus vielerlei Hinsicht kritisieren, was aber feststeht, ist,
sammlung einen neuen Vorsitzenden aus ihren eigenen Reihen. dass ohne diese Firmen Ungarn, und dadurch auch die Ungarn-
Aber auch bis dorthin ist es für mich besonders wichtig, dass die deutschen, ärmer wären. Und nicht zu vergessen: Jeder hat
Arbeit an der von mir geleiteten Bildungseinrichtung reibungslos einen Verwandten, der bei einem deutschen Unternehmen arbei-
läuft, und ich bin froh, ein starkes und unterstützendes Kollektiv tet, oft in leitender Position ;)
hinter mir zu haben. Die Vollversammlung muss ebenfalls nach
wie vor als starkes Team zusammenarbeiten, denn nur so kön- 3.+1 Frieden
nen wir erfolgreich im öffentlichen Leben Ungarns auch weiterhin
präsent sein. An dieser Stelle möchte ich der stellvertretenden Zum Glück herrscht seit der Gründung der EU (mit einer Ausnah-
Vorsitzenden, Frau Eva Waldmann-Baudentisztl, dafür danken, me) Frieden in Europa. Diejenigen, die das Grauen des Zweiten
dass sie nach dem Unfall unserer Vorsitzenden die Aufgaben Weltkriegs und seine Folgen erlebt haben, wissen genau, was
übernommen hat und für unsere Gemeinschaft da war.” Krieg bedeutet und für das Ungarndeutschtum bedeutete. Die
EU kann weiterhin garantieren, dass nie wieder solche Grausam-
Schon in den kommenden Monaten stünden wichtige Aufgaben keiten geschehen wie früher.
4 SoNNTAGSBLATT
Und jetzt kommt die schwarze Suppe (schön aus dem Ungari- und ähnliche Fragen tauchen regelmäßig auf. Es wäre sehr inte-
schen spiegelübersetzt), die bittere Seite. ressant, eine Maßeinheit dafür zu entwickeln, dies scheint aber
unrealistisch zu sein. Wozu man aber greifen kann, sind die Sta-
1. Bisher nie da gewesene Auswanderungswelle tistiken, die aber nur als Ausgangspunkt dienen können.

Obwohl aus der Europäischen Union so viel Geld nach Ungarn Laut dem Mikrozensus 2016 leben etwa 20% der Angehörigen
geflossen ist wie im Rahmen des Marshallplans in das in Trüm- der deutschen Nationalität in der ungarischen Hauptstadt Buda-
mern liegende Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, konnte pest. 2001 lag dieser Anteil erst bei 11,32%, 2011 bei 15,56%.
das Land davon in den vergangenen 15 Jahren aus verschiede- Obwohl wir wissen, dass diese Zahlen wegen der falschen Fra-
nen Gründen nicht viel profitieren. Wie auch im Sonntagsblatt gestellung nicht genau sind (in einigen Fällen stehen sie ganz
berichtet wurde, ist die Branau ein großer Verlierer dieses Pro- fern von der Realität), von Tendenzen können wir dennoch spre-
zesses. Wegen der schlimmen wirtschaftlichen Situation oder chen. Innerhalb von 15 Jahren wurde Budapest zum Zentrum
nach einer anderen Interpretation aus Abenteuerlust sind viele der Ungarndeutschen - statistisch gesehen zumindest. Die Bra-
Ungarndeutsche nach Österreich und Deutschland gegangen nau, wo 2001 noch 23% der deutschen Bevölkerung des Landes
oder zumindest macht ihr Leben das wöchentliche oder monat- lebten (damit belegte die Branau damals den ersten Platz unter
liche Pendeln aus. Natürlich ist dies für das private Leben der den Komitaten), steht nun auf dem zweiten Platz; dort leben nur
Betroffenen von Vorteil (mehr Einkommen pro Monat). Aber für noch etwa 15% der Deutschen. Auf den dritten Platz kommt das
unsere gesamte Volksgruppe ist es eine sehr negative Entwick- Komitat Pesth mit 13,35%.
lung.
Die weiteren Komitate der typischen ungarndeutschen Sied-
2. Ein echtes Feindbild lungsgebiete stecken in einer Abwärtsspirale, außer Raab-Wie-
selburg-Ödenburg (dazu eine Erklärung in einem späteren Arti-
Obwohl ich damit nicht einverstanden bin, dass man ständig ge- kel). Das Beispiel der Tolnau ist am bittersten. 2001 gehörte die
gen “BRÜSSEL” kämpft (ohne in Anspruch zu nehmen, dass wir Tolnau zu den wichtigsten Komitaten aus ungarndeutscher Sicht,
Teil dieses “BRÜSSELS” sind) kann man das Thema nicht über- jeder 10. Deutsche lebte dort. Dank der veränderten Methodik ist
springen oder unkommentiert lassen. Viele unserer Landsleute die Zahl der Angehörigen der deutschen Nationalität in den “an-
rufen Brüssel “STOP!” zu, da sie mit der vermeintlichen oder deren” Komitaten überdurchschnittlich gestiegen, während der
wahren Leistung der EU nicht zufrieden sind. Anteil in der Tolnau um 4% gesunken ist, dies bedeutet, dass die
neue Methodik eine geringere Steigerung für die Tolnau bedeu-
3. Keine Behandlung von Minderheitenthemen auf EU-Ebene tete als auf Landesebene. Dem Mikrozensus nach ist die Situa-
tion noch schlimmer geworden; nur 4,4% der gesamtdeutschen
Nicht aus Versehen unterstützt die JBG als erste Zivilorganisa- Bevölkerung leben dort. Mit Zahlen ausgedrückt: 2001: 6660,
tion des Landes die Initiative “Minority SafePack”. Die Rechte 2011: 11983, 2016: 7870; fast die gleiche Zahl wie 2001! Dies
der autochthonen Minderheiten werden auf europäischer Ebene kann nichts anders bedeuten, als dass das Tolnauer Schwaben-
nicht berücksichtigt, obwohl ein europäisches Minimum wün- tum jedes Jahr weniger wird; dies gilt für alle traditionell deutsch
schenswert wäre. Ein wichtiger Punkt der Initiative war, dass die bewohnten Komitate außer der Branau. Dieser Prozess wurde
von Minderheiten bewohnten Regionen auch wirtschaftlich mehr auch im ersten Artikel dargestellt, aber man muss es nochmal
unterstützt werden, um die Fähigkeit der jeweiligen Region zu betonen: (Auch) Statistisch gesehen befindet sich das ungarlän-
fördern, ihre Bevölkerung zu halten. Am besten wäre es, wenn dische Deutschtum in einer Talfahrt.
es einen EU-Kommissar nur für die autochthonen Minderheiten
gäbe.

Beide Seiten der Liste könnten noch erweitert werden, das Ziel
war nicht, dass man damit eine vollständige Meinung über die
EU vermittelt bekommt. Ganz im Gegenteil: Am 26. Mai wurde „Innenansichten Ungarns“: Vortrag
womöglich entschieden, in was für einem Europa wir und unsere
Kinder und Enkelkinder leben werden. Was sicher ist, dass ohne von Georg Habsburg-Lothringen im
Zusammenarbeit und Kooperation die europäischen Länder auf Kulturzentrum „Haus der Heimat“
der Weltbühne nicht überleben werden.

Pressedienst des Verbandes der deutschen altösterreichischen


Landsmannschaften in Österreich (VLÖ), 09. 05. 2019

Auf prominenten Besuch konnten sich die VLÖ-Vorstandsmit-


glieder, Funktionäre und weitere Gäste am Montagabend, den
Mikrozenzus 2016: Fast ein Fünftel 6. Mai 2019, freuen, denn niemand Geringerer als Georg von
Habsburg-Lothringen war in das Kulturzentrum „Haus der Hei-
der Deutschen in Ungarn lebt in der mat“ gekommen.
Hauptstadt
VLÖ-Präsident Dipl.-Ing. Rudolf Reimann und VLÖ-Generalse-
kretär Ing. Norbert Kapeller freuten sich dabei, nebst weiteren
Von Patrik Schwarcz-Kiefer
Ehrengästen die Stv. Kabinettschefin Mag. Dr. Claudia Holzer
vom Bundesministerium für öffentlichen Dienst und Sport sowie
Um die im Artikel verwendeten Begriffe richtig verstehen zu kön- Gesandten a.D. Dr. Hans-Martin Windisch-Graetz begrüßen zu
nen, empfehlen wir unseren ersten Artikel über den Mikrozensus dürfen.
zu lesen (Sonntagsblatt 1/2019).
Georg von Habsburg-Lothringen, der seit knapp 30 Jahren in
Die geographische Verteilung der deutschen Bevölkerung in Un- Ungarn lebt, gab in seinem knapp 40-minütigen Vortrag mit dem
garn ist seit langem Gegenstand interregionaler Diskussionen. Titel „Innenansichten Ungarns“ einen sehr detaillierten Einblick
Welche Region ist “stärker”, wo leben die “besseren” Schwaben (Fortsetzung auf Seite 6)
SoNNTAGSBLATT 5
in die politischen Geschehnisse des österreichischen Nachbar-
landes und ging im Speziellen auf die Geschehnisse in den Jah- In der vom Gottlober Dorel T. Usvad organisierten Kartofi-
ren 1956 und 1989 ein, welche „die Politik bis zum heutigen Tag lie-Ausstellung Temeswar wurden aus dem reichen Schatz sei-
bestimmen“, so Habsburg, der im Speziellen auch auf den Weg ner Sammlungen alte Ansichten der Stadt in Ansichtskarten zur
Ungarns in die Europäische Union fokussierte. Schau gestellt.

Freilich nicht unerwähnt ließ Habsburg dabei auch die innen- Univ.-Prof. Dr. Nelu Bradean-Ebinger von der Corvinus-Universi-
politischen Gegebenheiten in Ungarn (Stichworte: Medienpolitik, tät Budapest sprach zum Thema „Quo vadis, Banater deutsche
Verfassungsänderung, „Flat Tax“) seit dem Regierungswechsel Mundarten?“ Der Referent ging auf die Geschichte des Banats
durch Ministerpräsident Viktor Orbán im Jahr 2010 und thema- nach den Türkenkriegen ein, umriss die Ansiedlung des Banats
im 18. Jh. durch Kolonisten aus dem Hl. Römischen Reich Deut-
tisierte darüber hinaus ebenfalls die Geschehnisse im Zuge der
scher Nation und erläuterte die daraus entstandenen Banater
Flüchtlingskrise 2015.
Ortsmundarten.
„Es ist momentan notwendig, dass Ungarn Erfolg dabei hat, mit Literarisch wurde es im Anschluss, als Remo Neusatz das Buch
seiner Politik zu versuchen, die vier Visegrád-Staaten – Polen, des Klausenburger Universitätsprofessors George Achim Das
Tschechien, Ungarn und die Slowakei – zusammenzubringen Wachssieb. Erzählungen aus der Geschichte eines siebenbür-
und eine Art gemeinschaftliche Politik zu entwickeln, wie man die gischen Gebietes („Sita de ceară. Istorii din istoria unui ţinut
Europäische Union reformieren kann“, warf Habsburg abschlie- transilvan“,colecţia Locurile Memoriei [Sammlung Orte der Er-
ßend einen Blick auf die kommenden Europawahlen. innerung], Cluj-Napoca: Editura Şcoala Ardeleană 2017, 498
Seiten, mit zahlreichen Farbbildern versehen) präsentierte. Das
Buch enthält Erzählungen aus der Geschichte eines nordsieben-
bürgischen Gebietes, nämlich jenes um die Region Sathmar. Die
Schriftstellerin und bildende Künstlerin Ilse Hehn/Ulm, Vizepräsi-
dentin des Internationalen Exil-P.E.N. Sektion deutschsprachige
Länder, las unter dem Motto „Raum zwischen den Buchstaben
- verheimlichte Heimat“ aus ihren Werken Gedichte und Kurz-
Wien: BANAT-Abend mit prosa.

Bild-Ausstellung über Temeswar Zum Thema des Abends passend las Josef Szarvas ein Ba-
nat-Gedicht von Hans Dama. In seiner Buchpräsentation ging
Von Harald Diehl Hans Dama auf das Werk von „Nicolae Ivan: Die Geschichte
zweier Jahrhunderte lyrischen Theaters in Temeswar, hg. von
Smaranda Vultur im Verlag Nepsis, Timişoara/Temeswar 2017“
Mit internationaler Beteiligung aus Deutschland, Österreich, Un- (Istoria a două secole de teatru liric la Timişoara. Ediţie îngrijită
garn und Rumänien ging am 22. Mai im Bezirksmuseum Wien-Jo- de Smaranda Vultur. Editura Nepsis Timişoara, 2017“) ein, in
sefstadt die Veranstaltung mit dem Titel Banat-Abend mit einer dem der Autor das Theater- und Musikleben seiner Heimatstadt
Ausstellung über Temeswar über die Bühne. Die vom Verein der akribisch beleuchtete. Anschließend setzte ein Überraschungs-
Banater Schwaben Österreichs und dem Rumänischen Kultur- moment ein: Die aus Temeswar stammende – seit 25 Jahren
verein Unirea in Wien - in Kooperation mit der Österreichisch-Ru- – Wiener Staatsoper-Solistin, Simina Ivan, Tochter des Autors,
mänischen Gesellschaft Wien - mit Unterstützung durch den Be- sang zu Ehren ihrer Eltern die Arie „O mio bambino caro“ aus
zirk Josefstadt getragene Veranstaltung bot ein vielseitiges und Puccinis „Gianni Schicchi“.
abwechslungsreiches Programm. Die Veranstaltung wurde vom
Bezirksrat Michael Hemza, dem Vorsitzenden der Kulturkommis-
sion Wien-Josefstadt, eröffnet. In seiner Begrüßung wurde dar-
auf hingewiesen, dass es nun schon zur Tradition geworden sei,
im Bezirksmuseum Wien-Josefstadt wiederholt BANAT-ABEN-
DE über die Bühne gehen zu lassen.

Es folgten Begrüßungen in deutscher Sprache durch Mag. Mar-


cel Lukas Vosicky, Generalsekretär der Österreichisch-Rumä- Das Gefühl Teil der
nischen Gesellschaft, der auf die Ausstellung im Bezirkshaus Gemeinschaft zu sein
Wien-Josefstadt „Temeswar-Josefstadt“ hinwies. Wien-Josef-
stadt, Temeswar-Josefstadt und Budapest-Josefstadt sind seit
Jahren in einer Kooperation, so dass zur Thematik „Josefstadt“ GJU feiert 30-jähriges Jubiläum
hin und wieder Veranstaltungen organisiert werden.
Gastbeitrag von Sara Egri (GJU-Mitglied)
Es folgten Begrüßungsworte von Dr. Hans Dama, Obmann des
Vereins der Banater Schwaben Österreichs, und in rumänischer
Sprache von Mag. Mihai Achim, Präsident des Rumänischen Der 18. Mai war ein besonderer Tag in der Geschichte der Ge-
Kulturvereins Unirea in Wien, der die Geschichte des Vereins meinschaft Junger Ungarndeutscher (GJU). Das war ein Tag, der
UNIREA darstellte, der als Nachfolger der „România Juna“ im allen, die Mitglieder des Vereins waren oder sind, von herausra-
19. Jahrhundert gilt, in dem Mihai Eminescu und Ioan Slavici be- gender Bedeutung war, denn man feierte das dreißigjährige Ju-
deutende Funktionen innehatten. biläum. Es wurde natürlich in Fünfkirchen veranstaltet, weil das
als ein symbolischer Ort gilt: 1989 wurde die GJU in dieser Stadt
Die Moderation besorgte Univ.-Doz. Dr. Andrea Kolbus, Ob- gegründet. Zahlreiche früher aktive Mitglieder kamen zur Feier,
mann-Stellvertreterin des Vereins Banater Schwaben Öster- die Freundeskreise konnten sich auch vorstellen. Es war eine
reichs.
Begegnung von Vergangenheit und Zukunft, von Alt und Jung.
Die musikalischen Beiträge – Arien aus Opern, Vertonungen von
Gedichten nach Eminescu (Sara pe deal/Abends am Hang) und
Die GJU gilt als Symbol der ungarndeutschen Jugend, weil die
Octavian Goga (De ce m-aţi dus de lângă voi / Warum habt ihr
Freundeskreise den Zusammenhalt repräsentieren, den der Ver-
mich weggebracht) sowie Violinvorträge besorgte der Bass Liviu
Burz, begleitet am Klavier von Andris Roth. ein vertreten möchte. Seit 30 Jahren arbeiten die Multiplikatoren
und die Mitglieder daran, die deutschsprachige Kultur, Traditio-
6 SoNNTAGSBLATT
nen und die gesunde Identität zu übermitteln, diese mit den Ju- waren, um das Programm des Jubiläums bunter zu machen.
gendlichen gemeinsam zu pflegen und all dies an die kommen-
den Generationen zu vererben. Die GJU organisierte zahlreiche Aber das Fest war noch nicht zu Ende. Alle gingen in die Sport-
einheimische Programme und nahm an verschiedenen interna- halle, um weiter zu feiern. Für den Abend war ein Schwabenball
tionalen Veranstaltungen teil. Das Angebot wird den Interessen geplant, der von der „Sankt Martin Deutschen Nationalitäten-
angepasst, das beliebteste ist der traditionelle Vorsilvesterball, tanzgruppe“ eröffnet wurde. Die Gruppe wurde 1973 gegründet,
der jedes Jahr am 29. Dezember veranstaltet wird. Der Verein heute arbeitet sie eng mit der „Lohr Kapelle“ zusammen. Die
stellt sich Woche für Woche in der Neuen Zeitung vor, häufig Tänzer erschienen zahlreich und erbrachten eine wunderschöne
Leistung. Die Tänze „Kirmes“ und „Sankt Martiner Ball“ waren
ist auch in „Unser Bildschirm“ darüber zu hören. Die Organisa-
unglaublich schön choreographiert und getanzt. Dadurch war die
tion pflegt Kontakte zu anderen einheimischen Organisationen,
Stimmung schon garantiert: Der Ball konnte anfangen.
ist aber auch international präsent, da sie seit 1991 Mitglied der
europaweiten Schirmorganisation Jugend Europäischer Volks-
gruppen (JEV) ist. Die deutsche Sprache wird ständig benutzt,
die Traditionen, Bräuche und Dialekte werden weitergegeben.
Die Erfolge sind auch heute spürbar, ihr Ausdruck war die Jubilä-
umsfeier, die einen sehr bunten Ablauf hatte.

Ball anlässlich des 30. Jubiläums der GJU

Die gute Laune wurde von zwei Kapellen besorgt: von der „Lohr
Kapelle“ aus der Tschepele-Insel und von der „Diamant Kapelle“
aus der Branau. Um 21 Uhr ging es los, die beiden Gruppen
wechselten sich ab. Die „Lohr Kapelle“ besteht zurzeit aus 13
Am Jubliäum teilnehmende GJUler Mitgliedern. Dank der Möglichkeit der großen Anzahl der Instru-
mente umfasst ihr Repertoire neben der ungarndeutschen Volks-
Um 14:00 waren schon einige Teilnehmer anwesend, die Freun- musik auch die Tanzmusik, die klassische Musik, die Unterhal-
deskreise machten ihren Stand fertig, alles war bereit, um das tungsmusik, die Schlager-Songs, die Film- und Konzertmusik , ja
Fest beginnen zu können. Dank des guten Wetters konnte das sogar die Discomusik. Das ist von herausragender Bedeutung,
Kulturprogramm im Hof abgehalten werden. Die Multiplikatoren da die Kapelle ihr Programm den Erwartungen des Publikums
der GJU sorgten dafür, dass alles einfach abläuft, sie präsentier- anpassen kann, was diesmal auch verwirklicht wurde. Die „Dia-
ten sich auch mit einem eigenen Stand. Bis zur Eröffnung des of- mant Kapelle“ hat auch ein buntes Angebot an Musik: Zum Re-
fiziellen Programmes spielte die „Lustig auf! Kapelle“. Sie wurde pertoire gehören sowohl Schrammelmusik, ungarndeutsche und
2018 gegründet, mit dem Ziel, die Musikkultur der Ungarndeut- schwäbische Stücke, Oberkrainer, ungarische und kroatische
schen zu pflegen. Die Zusammenstellung der gespielten Lieder Volksmusik sowie populäre Songs als auch Evergreens in meh-
passte auch gut zur Gelegenheit. Die jungen Musikanten mach- reren Sprachen. Sie garantierten das Erlebnis ebenfalls, man
ten gute Stimmung und brachten viele Zuschauer zum Tanzen. konnte nicht sitzen bleiben.

Nach der Eröffnung des Programmes von Bettina Emmert und Der Ball endete spät in der Nacht. Zusammenfassend ist zu sa-
Martin Surman-Majeczki, den Vizepräsidenten der GJU, trat die gen, dass sowohl das Kulturprogramm am Nachmittag als auch
erste Kulturgruppe auf die Bühne: die Juniorentanzgruppe des der Ball am Abend sehr festlich abliefen, es war ein wunderbares
Volkstanzvereins „Kränzlein“ aus Bonnhard. In den vier Alters- Erlebnis, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
gruppen wirken rund 80 Kinder und Jugendliche mit. Sie haben
nicht nur ungarndeutsche, sondern auch ungarische Tänze im
Repertoire und trugen diesmal ungarndeutsche Choreographien
vor.

Zwischen den Programmpunkten war etwas Zeit gegeben, um


sich mit den Freundeskreisen bekanntzumachen, ihren Stand
zu besuchen und sich mit den Mitgliedern des Vereins zu unter-
halten. Durch die Festrede von Blanka Jordán, Präsidentin der 5 Jahre am Werkeln
GJU, wurden alle herzlich begrüßt; der Auftakt zum Feiern war
gegeben. Werischwarer Heimatwerk feiert fünften Geburtstag

Der Nachmittag ging mit dem Auftritt der Ungarndeutschen Ein Gastbeitrag von Walter Manhertz,
Tanzgruppe Pußtawam weiter. Die Tänzer trugen verschiedene Mitglied des Heimatwerks
Choreographien vor, nicht nur Polka, sondern auch Walzer. Der
Verein blickt auf eine lange Geschichte zurück: Er wurde vor 46 Am 26. Mai feierte das Werischwarer Heimatwerk sein fünfjähri-
Jahren gegründet, jetzt hat er ca. 40 aktive Mitglieder. Seit 2017 ges Bestehen im ausverkauften Haus der Künste in Werischwar.
sind sie ein Freundeskreis der GJU, deshalb war es von heraus- Um die Hintergründe dieses großen Zuspruchs seitens der Be-
ragender Bedeutung, dass sie unter den Auftretenden zu begrü- völkerung zu erfahren, lesen Sie sorgfältig die nächsten Zeilen!
ßen waren. Die Schnellpolka gefiel dem Publikum am besten,
der Applaus war nicht zu stoppen. Das Kulturprogramm been-
dete der Volkstanzverein „Heimat“ aus Trautsondorf. Er brachte Das Werischwarer Heimatwerk wurde 2014 von ehemaligen Mit-
mehrere bekannte Tänze auf die Bühne, bei denen die Zuschau- gliedern der Werischwarer Tanzgruppe gegründet, um eine Ge-
er auch sangen. Die Tänzer fühlten sich augenscheinlich auch meinschaft mit einem bahnbrechend innovativen Grundkonzept
sehr wohl. Es war eine ganz große Ehre, dass sie so viel gereist aufzubauen. Das Jubiläumsprogramm wurde auf vielen der da-
(Fortsetzung auf Seite 8)
SoNNTAGSBLATT 7
mals festgelegten Standbeine der Gruppe aufgebaut: Volkstanz, „Wir werden nicht aufgeben“
gemeinsam mit authentischen ungarndeutschen Volksliedern
und Musikstücken vorgetragen, ein Mundartstück in Werischwa- Erstkommunion in deutscher Volkstracht –
rer Mundart und die Trachtenschau, die einen Überblick über die im Gespräch mit Initiatorin Ibolya Englender-Hock
Werischwarer Tracht bot. Wie es auch die bunten Programm-
punkte zeigen, repräsentiert der Verein eine Gesamtheit der Kul- Von Richard Guth
tur der Werischwarer Deutschen. Die klare Intention ist nicht nur
das Bewahren, sondern das Erleben dieser Kultur und das der
ungarndeutschen Identität in der heutigen Zeit und zwar zu allen Mitte Mai ging ein Beitrag der ehemaligen GJU-Vorsitzenden
Jahreszeiten. Im Alltag der Mitglieder ist dieses Vorhaben natür- Tekla Matoricz durch die lokale und die ungarndeutsche Presse-
lich nur begrenzt umsetzbar, nicht so wie zu bestimmten Jahres- landschaft: Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg haben
zeiten oder an religiösen Feiertagen. Erstkommunionkinder in Fünfkirchen in schwäbischer Volkstracht
ihre Aufnahme in die Kirche gefeiert. Die Mädchen sind allesamt
Schülerinnen der Valeria-Koch-Grundschule in Fünfkirchen. Wir
haben mit der Initiatorin des besonderen Projekts, Ibolya Eng-
lender-Hock, Schulleiterin des Valeria-Koch-Schulzentrums und
neugewählte Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Un-
garndeutschen, gesprochen.

„An der Feier und deren Vorbereitung war der ganze vierte Jahr-
gang beteiligt, auch Schülerinnen der einsprachigen Klasse. Ich
habe die Eltern angesprochen und wer wollte, konnte sich an
dem Vorhaben beteiligen. Um ehrlich zu sein, habe ich es et-
was gesteuert, damit es nicht zu viele sind, weil wir es mit der
Arbeit nicht geschafft hätten. Diese 11 Mädchen waren so ziem-
lich unsere Grenze, wir selber konnten nämlich den Umfang des
Ganzen gar nicht ermessen. Beim Weitermachen in den kom-
Ein Programm des Werischwarer Heimatwerks menden Jahren müssen wir das „Team“ erweitern, anderswie
geht es nicht“, erklärt die Initiatorin, die sich bei ihrer Arbeit auf
Bei diesen Aktivitäten - und leider nicht nur bei den Deutschen in die Unterstützung von „Experten“ stützen konnte: „Jetzt haben
Ungarn - ist eine der größten Herausforderungen der Gebrauch wir noch jene Großmütter, Großtanten, vielleicht Urgroßmütter
der deutschen Sprache. Obwohl viele Sprachkenntnisse - gege- unter uns, die vom Nähen, Waschen, Stärken manches verste-
benenfalls auch im Dialekt - in der Familie erworben haben, gibt hen, außerdem sind alte Kleidungsstücke aufzufinden, die als
es keine Muttersprachler in der Gruppe. Infolgedessen ist es kein Muster dienen können. So haben bei dem Vorhaben uns meine
Wunder, dass sich die Mitglieder untereinander - abgesehen Schwiegermutter - jedoch nur durch Ratschläge, weil sie leider
von wenigen Ausnahmen - auf Ungarisch unterhalten. Dennoch nicht mehr gut sieht und ihr Handgeschick ist auch nicht mehr
gibt sich der Verein viel Mühe um die Sprache den Mitgliedern das Alte -, Anna Engländer, meine Schwägerin, Klara Gerner,
näherzubringen wie zum Beispiel die Regie von kleinen Thea- eine Näherin in Fünfkirchen, Nóra Farkas, und Theresia Krebs
terstücken in der Mundart oder ganz konkret das Einstudieren aus Boschok, die die Halstücher angefertigt hat, geholfen“. Da-
und die Verwendung von Wörtern im örtlichen Dialekt. In diesen bei war es nach Angaben der Schulleiterin nicht einfach, an die
fünf Jahren war die Entwicklung in dieser Hinsicht bemerkens- Kleider heranzukommen: „Trachtstücke von früher für Kinder
wert, was in der Zukunft durch die vielversprechende Einstellung kann man keine mehr auffinden, da sie weiterverarbeitet worden
und Ansprechbarkeit der Kinder der jüngsten Altersgruppe des sind, so mussten wir sie nachmachen. Alles, was die Schülerin-
Vereins - die überwiegend die deutschsprachigen Klassen der nen anhatten, ist neu und kann - beziehungsweise soll - in den
Nationalitätengrundschule in Werischwar besuchen - noch ganz kommenden Jahren immer wieder verwendet werden. Es war
bestimmt gesteigert wird. ein Riesenvorhaben und eine fast übermenschliche Arbeit - 36
Unterröcke waschen, stärken, bügeln, feuchten, in Falten legen,
Neben der Pflege der Traditionen und der Kultur unternimmt die Schürzen nähen, ebenfalls in Falten legen usw. -, das größte
Gruppe zumindest genauso viel Anstrengungen bei der Bildung Problem waren die Kränze, weil bei denen das Besorgen des
einer Gemeinschaft mit bodenständigen Werten, die heutzutage Grundmaterials schon fast unmöglich ist.“
in der Gesellschaft alles andere als selbstverständlich betrachtet
werden kann. Durch die vielen Treffen, Proben, Auftritte und ge- Auch pädagogische Ziele insbesondere sprachlicher Natur spiel-
meinsamen Freizeitaktivitäten hat sich im Rahmen des Vereins ten eine Rolle: „Während wir die Mädchen angekleidet haben,
eine zusammenhaltende Gemeinschaft und eine Atmosphäre haben sie die Benennungen der einzelnen Kleidungsstücke er-
etabliert, in der Kinder und Jugendliche ihre Zeit konstruktiv und lernt, wir haben sie im Chor gesprochen (ihr Lieblingswort war
vernünftig verbringen können. Den Fakt, dass die Tätigkeit des „Schmiesel“), unsere Sprache sonst war gemischt, wenn die
Heimatwerkes auch auf diesem Feld bereits seinen Fußabdruck Eltern Anweisungen erhielten, ging es auf Ungarisch, wenn die
hinterlassen hat, belegt nichts anderes besser als die seit der Kinder, dann auf Deutsch. Was mich wirklich gefreut hat, dass die
Gründung von 15 auf 75 angestiegene Mitgliederanzahl. Wenn Schülerinnen auch auf Deutsch reagieren, es ist für sie mittler-
wir die Zahlen näher betrachten, sind zwei Drittel der Mitglieder weile selbstverständlich.“ Die Erstkommunionfeier steht in einem
unter 18 und sogar alle unter 30 - ein unwiderlegbarer Indikator größeren Kontext und ist nach Auffassung der Schulleiterin inte-
dafür, dass hier viel Wert auf den Nachwuchs und seine För- graler Bestandteil der Erziehung der ungarndeutschen Kinder:
derung gelegt wird. Denn was wäre wichtiger als Nachwuchs- „Solche Anlässe sind die besten Gelegenheiten zur Identitätsbil-
förderung? dung und Spracherziehung gleichzeitig, weil alles erlebt werden
kann, die emotionale und kognitive Bindung ist viel stärker. Sie
Das Werischwarer Heimatwerk befindet sich am Anfang seiner konnten sie auch erfahren, dass wir mit meiner Schwiegermutter
Laufbahn, aber der Weg ist klar definiert: Förderung der Kultur und Schwägerin Mundart sprechen, also es ist nicht etwas, was
und der Identität durch den Aufbau einer zusammenhaltenden sie nur im Unterricht hören. Unter den Kindern waren manche,
Gemeinschaft. Ich wünsche meinem Verein viel Erfolg in der bei denen in der Familie die Traditionen noch leben, aber eher
Hoffnung auf eine nachhaltige ungarndeutsche Zukunft. nur in Spuren. Gerade die Erstkommunion ist ein Ereignis, das
ohne „äußere“ Hilfe, wie jetzt durch die Schule, nicht mehr ge-
8 SoNNTAGSBLATT
staltet werden kann. Im Valeria-Koch-Bildungszentrum nehmen Also, ja, wir sind geblieben und bleiben; was einer Trotzreaktion
wir uns viel diesbezüglich vor: Auch das Christkindlspiel wird re- gleichkommt. Weil, warum auch? Der Verpflichtung willen, es
gelmäßig in Tracht in der Pius-Kirche von unseren Gymnasias- den Ahnen nachzumachen, die vertrieben wurden, dann aber
ten aufgeführt oder die Johannes-Passion, mit der wir bereits in über Zonengrenzen und der Todesgefahr zum Trotz in eine Hei-
27 Gemeinden zu Gast waren. Wir denken, dass wir Bräuche mat, die sie nie verraten haben, die aber sie aus jedem Hab und
erleben lassen müssen, weil das die Familien den Kindern nicht Gut geplündert, schuldig erklärt und ausgestoßen hat, zurück-
mehr bieten können. So haben wir jährlich – auch auf Klassen- kehrten?! Jedenfalls ist es nicht die Angst, es zu wagen, von hier
ebene – mehrere Projekte in deutschen Dörfern - meistens in wegzugehen: Man braucht nämlich dazu mehr Mut, hier zu blei-
Dörfern, aus denen die Großeltern der Schüler stammen oder ben. „Es ist schon schön in Deutschland…”, sagen ab und zu
noch dort leben -, wobei die Kinder kochen und backen lernen, unsere Kinder – nicht ohne etwas Fernweh in der Stimme. „Sol-
die Bauernarbeiten kennen lernen, sogar mitmachen, Original- len wir gehen?”, stellen wir mit meiner Frau dann die Frage, aber
trachten, Tänze, Lieder usw. erleben und erlernen. Bräuche im schließlich äußern auch sie den Wunsch, zu bleiben. Wer weiß,
Unterricht aus Volkskundebüchern erlernen kann eine Basis vielleicht uns zuliebe! Wenn sie sich erwachsen dazu entschei-
sein, aber ohne Erleben ist es ein „totes Material“.“ den, eine andere Heimat zu wählen, werden wir nicht in ihrem
Wege stehen. Obwohl wir nicht ungebildet, nicht visionslos und
Ein Projekt bedarf nicht nur des Engagements von Helfern, son- nicht ohne Ideen sind, haben wir etwas, was die Ära in Ungarn
dern auch der Unterstützung der Eltern und anderer Akteure: heute kaum duldet: Wir haben feste, entschlossene Meinungen
„Die Eltern waren begeistert, die Kinder noch mehr. Nicht zuletzt und wollen keine faulen Kompromisse eingehen.
auch deshalb, weil sie kurz davor im Volkskundeunterricht über
die Erstkommunion gelernt haben und auf Fotos all dem begeg- Ich muss auf meine Großeltern und Eltern zurückgreifen: Sie ha-
net sind, was sie später erleben durften. Viele Großeltern haben ben ihr elementares Ich ebenfalls beibehalten. Wenn es heißt,
mich nach der Messe angesprochen und haben sich sogar im „man durfte ja nicht Deutsch reden…” - …anno dazumal… – und
Namen von Urgroßmüttern bedankt, die dem Gottesdienst nicht dass man darum nicht mehr deutsch sprechen könne in der Fa-
beiwohnen konnten.“ Etwas schwieriger gestaltete sich die Zu- milie (?!). Ach so: Und deshalb spricht man so und so viele Jahre
sammenarbeit mit den Kirchenvertretern, obwohl der Pfarrer, nach der Wende noch immer nicht die Sprache seiner Ahnen?!
der am Koch-Schulzentrum Religionsunterricht gibt, „den emo- Faule Ausreden einer bereitwillig assimilierten Volksgruppe, die
tionalen Teil unseres Anliegens verstanden“ hätte: „Wir haben in Bewunderung der Mehrheitsnation in die Knie gegangen ist.
nicht rechtzeitig mit der Organisation eines deutschsprachigen Meine Familie ist nicht nur an der Heimat, sondern auch an der
Gottesdienstes angefangen, sondern lediglich am Tag vorher ge- eigenen Sprache, an der Kultur und an der Religion hängen ge-
fragt, ob Fürbitten auf Deutsch gelesen werden könnten und das blieben, auch wenn dadurch meinen Eltern höhere schulischen
wurde uns abgelehnt, mit der Begründung, dass bei der Erst- Fortschritte, lukrative Stellen, Auslandsstipendien etc. verwehrt
kommunion auch Schüler anderer Schulen dabei sind. Nächstes blieben. Nun, durch dieses Erbe bleiben auch wir „karriere“los.
Jahr versuchen wir, uns auch hier durchzusetzen. Grundsätzlich Wenn es sein soll: gerne! Eine Genugtuung sind Momente im Le-
haben wir leider nach wie vor Schwierigkeiten mit den deutsch- ben, wie zum Beispiel, als meine Tochter noch im Kindergarten
sprachigen Messen. In diesem Jahr haben wir in der Franzis- mit selbstverständlichem Bewusstsein mitgeteilt hat: „Ich bin ein
kanerkirche jeden dritten Samstag im Monat den deutschspra- deutsches Kindergartenkind” oder wenn mich meine Kinder in
chigen Gottesdienst, jedoch an der Stelle beziehungsweise zum jedweder Öffentlichkeit deutsch ansprechen und untereinander
Zeitpunkt einer früher ungarischsprachigen Messe, so haben auch nur ihre Muttersprache gebrauchen trotz jeder Schwierig-
wir oft das Problem, dass sich die Gläubigen, die kein Deutsch keit - wenn zum Beispiel einem die Kinder in einer deutschen
können, beschweren. Wir spüren die Unterstützung seitens der Nationalitätenschule abgewiesen werden, weil sie nicht gut ge-
Kirche immer noch sehr vage. Aufgeben werden wir aber nicht.“ nug ungarisch sprechen oder wenn sie es auf dem Schulhof er-
dulden müssen, als „deutsche Zigeuner“ beschimpft zu werden.
Auch wenn man schief angeschaut und böse angeknurrt wird,
weil man doch in Ungarn lebt und hier gefälligst die Landesspra-
Merkwürdigkeiten s che sprechen soll (die ja in Ungarn mit einem Charakter der Aus-
schließlichkeit einzig als Muttersprache fungieren kann)!

Nun, meiner Meinung nach hat sich das sogenannte Ungarn-


Eher ein Deutscher in Ungarn als deutschtum schon jeher äußerst billig verkauft. Wie ich es emp-
finde, ist bis auf den heutigen Tag nur ein klägliches Überbleibsel
ungarndeutsch zu sein… einer Nostalgie geblieben – bar jeglichen Kampfgeistes, wenigs-
tens den noch aufzufindenden Rest einer ehemals blühenden
Von Georg Sawa
Kultur stolz emporzuheben und zu bewahren. Es gibt die schwa-
che Ausrede, dass nicht nur die Sprache allein Träger der Kultur
sei. Nur kann ich es mir nicht anhören, wie die Mitglieder ungarn-
Am Ostermontag geschah es. Ein alter Bekannter hielt vor dem
deutscher Kulturgruppen von der Bühne gehen und alles nur
Haus, er hat mich auf dem Hof erblickt. Gebräunt, für sein Alter
noch in ungarischer Sprache vor sich geht. Unglaubwürdig! Oder
fit und schwungvoll, lächelnd kam er auf mich zu. „Und?” fragte
gibt es irgendwo ungarndeutsche Schulen, wo Kinder in den
er fast etwas spöttisch. „Noch immer in Ungarn?” „Ja…”, ant-
Pausen unter sich deutsch sprechen?! Was aber noch wichtig
wortete ich – wohl etwas verlegen – in Erinnerung an unser letz-
ist: Das Dasein als Ungarndeutsche sollte nicht ein Zeitkapselge-
tes Gespräch zu Weihnachten. „In Deiner ganzen Straße sind
fühl sein, wo man alten, heute bereits längst überholten Lebens-
nur noch alte Leute; hie und da ein paar „Unbeholfene”. Und ihr,
weisen nachtrauert und diese bühnenfähig nachmacht. Auch das
die bis zu euren Schulkindern alle deutsch sprecht in der Fa-
Dasein einer Volksgruppe muss zeitgemäß erlebbar sein. Hier
milie, hockt hier…” - er machte dabei eine nicht zu übersehen
und heute. Ohne die Kenntnis der Sprache ein hoffnungsloses
verächtliche Geste Richtung unseres klapprigen Pkws, den Hof
Unterfangen. Was nützt da ein Schuldeutsch, das in der Seele
und das Haus mit inbegriffen, die bereits schönere Tage erlebt
nie Fuß fasst?! Was nützt alles, wenn die Ungarndeutschen sich
haben. „Bleibt ihr?!”, fragte er noch mit einem etwas zynischen
mit Mühe zu den entschlossensten Hungaristen küren wollen…
Lächeln im Mundwinkel, während er sich in sein frisch poliertes
Meiner Meinung nach haben wir bei der Enteignung teuer genug
Auto schwang und nur noch kurz zurückwinkte, während er aufs
unser Bleiberecht mit allen Merkmalen eines deutschen Daseins
Gaspedal tippte, um Richtung Westen davonzustauben.
in Ungarn bezahlt. Wir haben unsere Heimat nicht nur für ein
weißes Ross erkauft!
SoNNTAGSBLATT 9
Mehr Sprache hinter die Schilder Liedern, Aufschriften, im schulischen Fremdsprachenunterricht
und hat keine praktische Funktion, weder in der Öffentlichkeit
Die große Ethnoshow und worauf es eigentlich ankäme noch (mittlerweile) in den Familien. Wenn ein Selbstverwaltungs-
obmann der deutschen Minderheit auf einer Jubiläumsveranstal-
Von Richard Guth tung des deutschen Chores schmunzelnd ins Ungarische wech-
selt, was vom Publikum mit Wohlwollen aufgenommen wird und
wenn Absolventen von zweisprachigen Gymnasien der Nationa-
lität (und als Hoffnungsträger der deutschen Nationalität in der
Öffentlichkeit vorgestellte Jugendliche) einander auf Ungarisch
interviewen, dann wissen wir, dass hier etwas falsch läuft. Wo
bleibt denn die Vorbildfunktion dieser Elitenleute? Man kann sich
wirklich nicht mehr hinter irgendwelcher historischer Entwicklung
verstecken, nein, es kommt ganz auf uns an, wie und ob wir der
Sprache eine Funktion geben. Das Recht haben wir spätestens
seit 1993 dazu.

Ich beobachte die Bemühungen der slowakeimadjarischen Initia-


tive „Für eine zweisprachige Südslowakei”, die für zweisprachige
Schilder im Bahn- und Straßenverkehr kämpft. Sie konnten in
den letzten Jahren bedeutende Erfolge erzielen, was auch unse-
Der Kindergarten von Oberzemming
ren Verein veranlasst hat, die „Schilderfrage” im Bahnverkehr zu
stellen (siehe dazu unseren aktuellen Beitrag in „JBG-Nachrich-
Neulich war ich wieder auf Reisen: im Slowenischen Raabge-
ten”!). Wir sind also nicht gegen Schilder, bitte nicht falsch verste-
biet im Länderdreieck Ungarn-Slowenien-Österreich (siehe hier-
hen! Aber wir wollen mehr Sprache hinter den Schildern haben,
zu meine Reisenotizen). Was mir sofort ins Auge fiel, waren die
ganz am Beispiel der Slowakeimadjaren, deren Sprache eine
vielen zweisprachigen Schilder in Oberzemming / Gornji Senik,
klar definierte Funktion in der Öffentlichkeit hat, die es stets zu
der „Hauptstadt” der ungarländischen Slowenen. Aber genauso
verteidigen gilt, die aber existiert - und nicht nur auf dem Papier.
akkurat stehen, hier sogar dreisprachig, Schilder in der Nach-
bargemeinde Unterzemming, die einst ein deutsches Dorf war.
Positiv stimmen einen die Worte der slowenischen Jugendlichen
Die Schilder sind meist nichtkommerziell, aber selbst auch an
in Oberzemming, mit den ich sprechen durfte, die dieses Defizit
Geschäften finden sich hin und wieder slowenische oder deut-
im Kreise ihrer ungarnslowenischen Landsleute erkennen und
sche Aufschriften. Und was in Ungarn wahrscheinlich einmalig ist
betonen, dass es ohne Sprache keine Zukunft gibt. Aber bitte
- ein grün-weißer Wegweiser des staatlichen Straßenbetreibers
eine Sprache, die wächst und gedeiht und nicht auf Schildern
Magyar Közút Kht. in zwei Sprachen: auf Ungarisch und Slowe-
prangt und einem eine falsche Realität vormacht!
nisch.

Auf der slowenischen Seite empfängt mich ein etwas anderes


Bild: Die Dichte an zweisprachigen „statischen” Schildern ist et-
was geringer, dafür, so die Aussagen meiner Gesprächspartner
und meine eigenen Erfahrungen, ist die Sprache der madjari-
schen Minderheit viel präsenter. Jeder, den wir auf unserer Fahrt Wenn ein deutscher Chor
angesprochen haben, sprach, auf unterschiedlichem Niveau,
Ungarisch – dies galt natürlich für Orte, wo Madjaren in größe-
auf Ungarisch Jubiläum feiert
rer Zahl leben. Eine Dame Anfang 60 erzählte mir am Bukov-
Von Richard Guth
nica-See, der zum Gemeindegebiet von Dobronack/Dobrovnik
gehört, dass sie zweisprachig seien. Mit ihrer Enkelin, die sie
begleitete, sprach sie dabei stets ungarisch. Ein Blick auf die In- Bilder und Video der Freude und Ausgelassenheit – ein deutscher
ternetseite der Gemeinde zeigt, dass Zweisprachigkeit hier eine Nationalitätenchor feiert Jubiläum. Ein Anlass, den sie zu Recht
praktische Funktion besitzt. So stößt man auch am Seeufer auf feiern. Stutzig macht mich nur ein Tableau mit den Sängerinnen
Schritt und Tritt auf Schilder, stets zweisprachig, die die Besucher und Sängern. Dass sie ungarische Vornamen tragen, daran sind
informieren. Sie sind aber keine Informationsschilder, die man im wir gewohnt. Aber dass der Name des Chores nur auf Ungarisch
Rahmen eines EU-Projekts vor Jahren aufgestellt hat, sondern aufgeführt ist, wirft doch Fragen auf. Diese habe ich auch prompt
oft Zettel, die dort scheinbar vor kurzem angebracht wurden - als geäußert (mit dem Hinweis, dass ja bei einem deutschen Chor
Zeichen eines lebendigen Sprachgebrauchs. wenigstens alles zweisprachig sein sollte) – und prompt unter-
schiedliche Antworten bekommen. Manche bedankten sich für
Ganz anders auf der ungarischen Seite: Die Internetseite der den Hinweis, den sie beherzigen wollten, andere verwiesen auf
Gemeinde Oberzemming ist einsprachig ungarisch. Auch im Dorf die zweisprachige Internetseite des Chores. Zweisprachig sind in
selbst finden sich neben den bereits erwähnten Schildern, die der Tat die Menüpunkte, die Inhalte dahinter aber eher einspra-
vor Jahren angebracht wurden, nichts weiter, was tagesaktuell chig ungarisch. Immerhin, denn die meisten deutschen Kultur-
aussieht. Meine Gesprächspartner bestätigen die Defizite in der gruppen haben einsprachige (sprich ungarischsprachige) Inter-
funktionalen Bestimmung der slowenischen Sprache in der Öf- netseiten. Ein weiteres Chormitglied wies darauf hin, dass man
den offiziellen Namen des Chores auf diesem Tableau aufgeführt
fentlichkeit.
habe und dieser sei ja auf Ungarisch. Dem habe ich in meinem
Antwortkommentar den deutschen Namen des Chores hinzuge-
Es wäre äußerst ungerecht, die Lage der Slowenen als einzigartig
fügt, den das besagte Chormitglied als etwas erkennt, was auf der
darzustellen. Nein, das Beispiel der Slowenen ist symptomatisch Chorfahne stehe - aber anscheinend ohne praktischen Nutzen.
und betrifft alle Minderheiten in Ungarn, so auch uns Deutsche.
Die Sprache der Minderheit hat nur noch – es war eigentlich in Dass die deutsche Sprache im Leben des Chores (bis auf die
den letzten 150 Jahren in Trianon-Ungarn nie anders – eine, wie deutschen Lieder, die sie neben ungarischen und lateinischen
soll man sagen, folkoristisch-koloristische Funktion, erscheint in Lieder singen) kaum eine Rolle spielt, beweist die Videoaufnah-
10 SoNNTAGSBLATT
me vom Jubiläum, die man im Internet hochgeladen hat. Kon- Die Praxis der europäischen auslandsdeutschen Volksgruppen
feriert wird die Feierstunde von einem leitenden Chormitglied zeigen ein positives Gesamtbild: In Südtirol, Elsaß-Lothringen,
ausschließlich auf Ungarisch. Die einzige Person, die in diesem im deutschsprachigen Teil Belgiens und im ehemaligen Deutsch-
Mitschnitt die deutsche Sprache benutzt, ist der Vorsitzende der böhmen (also dort, wo es auch heute deutsche Bevölkerung gibt)
örtlichen deutschen Selbstverwaltung, aber auch er wechselt wurden die Namen der Siedlungen auf Google Maps übersetzt
nach drei Sätzen ins Ungarische, was von Gelächtern (der Er- und auf der Karte eingetragen, in Nordschleswig nur die größe-
leichterung oder der Gewohnheit) begleitet wird. Im deutschen ren Städte. Bei uns in Ungarn ist dieses Vorgehen auch nicht
Teil sendet die Moderatorin deutliche Signale hinaus, als ver- unbekannt und manche Minderheiten nutzen das: Schalten wir
stünde sie Deutsch. Warum verwendet sie Deutsch nicht? Weil die ungarische Karte bei Google auf Kroatisch um - es scheint
das irgendwie nicht mehr erforderlich sei, da ja alle des Ungari- so, als gehöre die ganze Branau zu Kroatien - die kleinsten Dör-
schen mächtig sind und es vor sechzig Jahren verpönt war, in fer tragen stolz die kroatischen Namen online (auch landesweit
der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen?! Weil man die Sprache merken wir die Spuren der emsigen kroatischen Online-Namens-
nicht mehr von zu Hause aus spricht und daran auch die Schu- geber, Andzabeg-Érd, Kestel-Keszthely, Dundus-Gyöngyös,
le einen maßgeblichen Anteil hatte? Hat man aber schon mal usw.). Jedoch wenn wir im Menü die Sprache Deutsch wählen,
von Vorbildfunktion gehört, gerade für die kommenden Gene- findet man in Ungarn nur ein paar deutsche Ortsbezeichnungen
rationen? Gäbe es nicht die Möglichkeit diese Ahnensprache wie Ödenburg, Gran, Jahrmarkt, aber keine weiteren deutschen
nachträglich zu lernen und zur Übung mit anderen zusammen Ortsnamen.
zu sprechen? Was macht dann das „Deutschsein” dieses Cho-
res aus? Dass sie auch ein paar deutsche Lieder singen oder Bereits stellten viele Internetnutzer die Frage an Google oder
deutscher Abstammung sind?! Ich fürchte, das ist zu wenig. formulierten diese in Foren, wie man dieses Problem beheben
könnte. Anscheinend folgt die Firma Google bei der deutschen
Da kommen mir die Worte der slowakeimadjarischen Forsche-
Namensgebung keinen klaren Grundsätzen, was auf die Karten
rin Dr. Zsuzsanna Lampl-Mészáros, mit der wir in der letzten
soll und was nicht. Auf jeden Fall stehen wir einer Aufgabe ge-
Ausgabe des Sonntagsblattes ein Interview geführt haben (SB
genüber, Google darüber zu informieren und von der Notwendig-
01-2019), in den Sinn: Ohne Sprachgebrauch keine Identität.
keit der Veränderung zu überzeugen, da wenn diese Funktion
der ungarndeutschen Ortsnamen auch für das Volk von Face-
book und Instagram erreichbar wäre, bedeute dieses winzige
Plus noch einen weiteren Kompass im Alltag und nicht nur im
topographischen Sinne.

Google Maps, Facebook:


Ungarndeutsche Ortsnamen sucht
man vergebens auf Online-Landkarten
Zeitgeschehen-Geschichte s
Von Stefan Pleyer Jubiläumsjahr
für Schambecks berühmten Sohn
Wenn die Südtiroler sich unterwegs oder zu Hause im Netz Josef Gungl
mit Hilfe der italienischen Google-Maps-Landkarte orientieren
möchten, können sie die dortigen Ortsnamen in ihrer deutschen
- vor 210 Jahren geboren – vor 130 Jahren gestorben
Version lesen - die Deutschbelgier, die Deutschböhmen, die El-
sass-Lothringer genauso. Auch in Ungarn zeigen die Bildschirme Von Georg Krix
der Handys, Computer und Tablets ganze Gebiete, wo elektro-
nisch Minderheitensprachen verwendet wurden: Z.B. die ganze Ein Komponist, der - wie es auch heute noch ist - bei Bega-
Branau und noch weitere Landesteile verfügen über zahllose bung und etwas Glück und Erfolg gerne in die Metropolen zog.
kroatische Ortsnamen. Dahingegen abgesehen von Ödenburg
und der Totiser Kolonie gar keine ungarndeutschen… Josef Gungl (geb. am 1. Dezember 1809 in Schambeck/Zsám-
bék, gest. am 31. Januar 1889 in Weimar) zählte dazu.
Stellen wir etwas sofort am Anfang klar: Es ist im Leben einer
Nationalität äußerst wichtig, wenn ein zusätzliches Ortsschild in Sein Dorflehrer unterwies ihn als erster in Musik. Später, als er
der Namensvariante einer Minderheit am Ortseingang installiert Lehrergehilfe im Heimatbereich war, unterrichtete ihn der Re-
wird - so merkt man sofort, dass es hier, in der Ortschaft, eine genschori Saemann in Ofen (Buda). 1828 rückte er nach Pest
Bevölkerungsgruppe gibt, die das jeweilige Dorf anderswie nennt ein, 1835 ging er als Obrist zum 4. Artellerie-Regiment nach
als die Mehrheit und das ist Teil ihrer Identität. In unserer komple- Graz, wo er nach dem Abschied des Kapellmeisters dessen
xen, bunten Welt erscheinen jedoch auch andere Dimensionen Posten antreten durfte. Dort führte er die Orchestermusik (mit
dieser Frage. Für die heutigen jüngeren Menschen ist es eben-
Saiteninstrumenten) für öffentliche Vergnügungen ein. Gungl
falls wichtig, dass sie diese Identitätselemente, in unserem Falle
wurde der „Gratzer Strauß“ genannt. 1836 schrieb er seine erste
die deutschen Namen der ungarischen Dörfer und Städte, auch
Komposition, den „Ungarischen Marsch“. Insgesamt schuf er 436
auf modernen Online-Plattformen benutzen könnten.
Werke (Märsche, konzertante Walzer, Polks und andere Tänze).
Seine Werke wurden in aller Welt verlegt: in Russland, England,
Im Jahre 2019 studieren nur noch wenige gedruckte Landkarten,
die Mehrheit plant die Dienstreisen, Urlaube vor dem Compu- Italien, Amerika und Australien. Beim Militär blieb Gungl bis zum
ter mithilfe von Google Maps oder anderen Applikationen, also April 1843.
Anwendungen. Die X-Y-Generationen leben ein sehr aktives Le-
ben beispielsweise auf Facebook oder Instagram, wobei sie den Mit einer daraufhin gegründeten Kapelle aus 16 steirischen Mu-
Hochgeschätzten darüber informieren wollen, wie und wo sie sikern unternahm er eine Tournee durch Oberösterreich, nach
ihre Tage verbracht haben und die Jugendlichen fügen dabei zu München, Augsburg, Nürnberg und Frankfurt am Main. Im Herbst
Ereignissen Orte. Im Kreise von Minderheitenangehörigen sind desselben Jahres stellte er in Berlin eine 36 Mann starke Kapelle
ähnliche Tendenzen zu beobachten. (Fortsetzung auf Seite 12)
SoNNTAGSBLATT 11
auf, mit welcher er bis 1848 auftrat. Zwischendurch führte ihn Schicksale auf der Adria im Ersten
eine Konzertreise nach Wien, Pest und einige deutsche Städte.
Am 15. Oktober 1848 begab er sich mit 30 Musikern nach Ame-
Weltkrieg
rika, wo er in New York, Boston, Philadelphia, Baltimore usw.
Konzerte gab. Von Hans Dama

Dass Befehle anstandslos auszuführen sind und bei gegentei-


Bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Taylor war Gungl ligem Verhalten in Kriegszeiten der/die Befehlsverweigerer we-
seitens der Regierung mit der musikalischen Umrahmung be- gen Wehrkraftzersetzung oder Landesverrat im Schnellverfahren
traut. von einem Militärgericht sogar kurzerhand abgeurteilt und zum
Tode befördert werden konnte/n, ist eine bekannte Tatsache, die
Ende August 1849 aus der Neuen Welt zurückgekehrt, gastierte bedauerlicherweise vielen Menschen in den verschiedensten
er in St. Petersburg und Pawlowsk. In Wien, wohin er 1856 ging, Armeen das Leben gekostet hat. Schon die kleinste Unachtsam-
keit, eine unachtsamer Weise geäußerte Bemerkung oder ein
war es ihm nicht gelungen, sich gegen Johann Strauß durch-
harmloser Verdacht brachte schon so manchen Unschuldigen
zusetzen, so dass er vorübergehend wieder Militärkapellmeister vors Kriegsgericht, was auch mit dem Verhalten des befehlenden
(in Brünn) wurde. In München gründete Gungl 1864 wiederum Kommandanten in Zusammenhang gebracht werden konnte.
eine Kapelle, mit welcher er Berlin, Kopenhagen, Stockholm,
Amsterdam und die Schweiz bereiste. 1872 übersiedelte er von Nicht anders drohte es im Ersten Weltkrieg vielen Soldaten der k.
München nach Berlin, wo er im Konzerthaus auftrat. Von hier u. k. Armee und ihren Kameraden zu ergehen, die im März des
erfolgten Abstecher nach Breslau und Warschau. In London di- letzten Kriegsjahres 1918 in der k. u. k. Armee im Bereich der
rigierte er ein 100 Mann starkes Orchester. Die nächsten Sta- oberen Adria ihren Kriegsdienst leisteten, nachdem sie in den
tionen waren Schwerin, wiederum München und 1880 abermals letzten Jahren an verschiedenen Schauplätzen des Krieges im
Einsatz gewesen waren. In einem Hafen in der Bucht von Kotor
für vier Wochen London. 1881 dirigierte er ein Orchester bei den − damals Cattaro – (in Montenegro) wurden Teile ihrer Einheit
Opernbällen in Paris. Danach trat er noch in Bremen, Köln und eingeschifft und warteten auf weitere Befehle. Man wusste, dass
Weimar auf. Bei einem Manne von der Kompetenz eines Josef der Krieg nicht mehr lange währen kann. Die Männer saßen in
Gungl dürften die Engagements infolge seines Bekanntheits- Gedanken versunken unter Deck und dachten an ihre Familien in
grades relativ problemlos zustande gekommen sein, wenn auch der fernen Heimat, ob sie diese je einmal wiedersehen werden?
Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass auch er den Lebenskampf
kannte. Es ist naheliegend anzunehmen, dass der Meister bei Die Ausdünstungen der Soldaten wie die miese Luft im geschlos-
seinen Konzerten in erster Linie seine Eigenschöpfungen ins senen Raum versetzten die von den vielen Kriegsereignissen
gezeichneten, ausgemergelten Männer in dösende Zustände.
Programm nahm. Dennoch - er hatte in sein Repertoire auch
Niemand wusste, wohin sie gebracht werden sollten, wie lange
Symphonien und andere Werke der gehobenen Musikkultur, z. die Reise unter Tag wohl dauern wird. Jeder war in seine Ge-
B. von Haydn, Beethoven, Mozart und Mendelssohn einbezo- danken versunken, wenn er es noch schaffte, halbwach zu ver-
gen. Wie der Gungl-Forscher Alfred Dreher nachweisen konnte, harren. Kriegsmüde waren ja schon alle und man sehnte das
gab der schon längst international populär gewordene Kapell- Kriegsende herbei; doch darüber zu sprechen, traute sich ver-
meister z. B. in Hamburg im Jahre 1878 gemeinsam mit Eduard ständlicherweise keiner…
Strauß öffentliche Konzerte. Übrigens: Die Kurkapelle in Bad
Reichenhall wurde 1868 von Josef Gungl gegründet; er übergab Aus ihrer Lethargie gerissen wurden die Männer erst als es durch
das Deck ertönte: Gefreite Peter Erler* und Alois Müller* zum
sie dann seinem Schwiegersohn, Gustav Paepke (1853-1933),
Oberleutnant… Die Genannten erhoben sich schwerfällig, richte-
der auch kompositorisch war. Gungls Töchter Virginie, Katharina, ten ihre Montur zurecht und trotteten in Richtung „nach oben“…
Maria, Cajetana und Martha waren ebenfalls musikalisch begabt
und wurden entsprechend ausgebildet. Oberleutnant Danker*, ein hochgewachsener schlanker Mann
um die Dreißig, erwartete die beiden mit ernster Miene, was
Die Beliebtheit Josef Gungls bis zu seinem Tode am 1. Februar nichts Gutes zu bedeuten hatte, denn der stets aufgelockert-hei-
1889 in Weimar fand in München insofern einen besonderen Hö- tere Offizier wollte seine Leute auch in den schweren Kriegszei-
hepunkt, als bereits 1864, da er in die Stadt kam, eine Kapelle ten bei der Stange halten, was ihm durch Milde, Gutmütigkeit
mit der Bezeichnung „Dilettantenverein Wilde Gungl“ gegrün- und seinen gesunden Humor bislang mitunter auch gelungen
war. Doch dieser ernste Gesichtsausdruck wird wohl nichts An-
det wurde, welche später in „Münchner Orchesterverein Wilde
genehmes verheißen: Was bedeutet schon „Angenehmes“ im 4.
Gungl“ umbenannt wurde und heute noch besteht! Jahr des verheerenden Weltkrieges…?

In einer Schrift über seine Heimatgemeinde heißt es bei Franz Als die beiden zum Rapport Befohlenen der ernsten Miene des
Jelinek hierzu wörtlich: „Gungl selbst behielt gute Beziehungen Vorgesetzten gewahr wurden, ahnten sie bereits, dass nun nichts
zu dieser Kapelle, sie überdauerte sogar seinen Daueraufenthalt Gutes auf sie zukommen werde…
in München. Er bezeichnete sie jedoch mit dem Namen ,Kapelle
á la Gungl‘.. „Leute, ich habe vom AOK (Armeeoberkommando) einen Befehl
erhalten, euch beide auf eine Sondermission zu entsenden: Ihr
werdet in zirka einer halben Stunden von Booten an Land, d. h.
Der Initiator dieser Neugründung war der Jurist Ernst Rutz, der auf eine kleine unbewohnte Insel gebracht. Munition und Ver-
von dieser seiner Idee so „fanatisch begeistert“ war, „dass man pflegung sind vorbereitet: ein MG, eure Gewehre und je einen
ihn auch den Wilden Gungl nannte“; das erfahren wir aus der M 1898 Rast und Gasser-Revolver sowie ausreichend Munition
Festschrift des Vereins vom Jahre 1970. Rutz war übrigens in für alle Waffen. Zusätzlich einige Handgranaten. Eure Mission
den ersten zehn Jahren auch der Dirigent der neuen Kapelle. ist die Beobachtung jeglicher Bewegungen im Wasser, auf dem
gegenüberliegenden Festland und in der Luft. Feldstecher und
Der Verein konnte bereits im Jahre 1875 Prof. Franz Strauß, den Fernrohr gehören ebenfalls zu eurer Ausrüstung…
Vater von Richard Strauß, als Berufsdirigenten gewinnen.
Nach zwei Tagen kommt ein aus Triest auslaufendes Dampfschiff
und wird euch um die Mittagszeit an Bord holen/nehmen. Erken-
(Quelle: Berichte aus Robert Rohr: Unser klingendes Erbe) nungszeichen des Schiffes: wiederholte drei kurze Signaltöne!
Mit der weißen (unauffälligen) Fahne in eurer Ausrüstung erwi-
dert ihr das Zeichen. Kein Feuer nachts, zumindest kein sicht-
bares! Richtet Euch so ein, dass ihr euch den Tee, Kaffee und
warmes Essen in einem geschützten Bereich zubereiten könnt!
12 SoNNTAGSBLATT
Gefreiter Peter Erler, du übernimmst das Kommando! Äußerste Insel ausgesetzt worden waren? Was war mit ihren Kameraden
Vorsicht ist geboten! Habt ihr mich verstanden?“ auf dem Schiff? Konnten sie gerettet werden oder wurden sie
Opfer des Luftangriffes??? Hatte Meister Zufall sie auf der Insel
Sprachlos starrten die beiden Soldaten ihren Offizier an, wollten gerettet oder sollten auch sie von irgendwelchen Angriffen dahin-
wohl etwas entgegnen, doch Befehl ist eben Befehl, da gibt es gerafft werden?
keine Widerrede, das wussten beide allzu gut…
So schnell wie die beiden Flugstaffeln aufgetaucht waren, so
„Ich wünsche euch viel Erfolg!“ war das kurze Befehlsende… rasch waren sie wieder verschwunden… Übrig geblieben: die
endlose Rauchwolke am südlichen Horizont – dort, wo vormals
Was kann schon ein Mini - Duo ausrichten bzw. bewirken? Doch das Motorschiff sich südwärts bewegte… Trotz Erschöpfung und
der Auftrag war klarund geheim. Da war kein Heldenmut gefragt, primitiver in aller Eile eingerichteten Schlafstätte konnten die bei-
sondern List und Defensiveinsatz…Zum Nachdenken war für die den Insulaner keinen Schlaf finden. Das tagsüber Erlebte fuhr
beiden Soldaten keine Zeit geblieben: Sie mussten ihre persön- ihnen unentwegt durch Mark und Bein und belastete ihre Seelen:
lichen Sachen packen und zum Abstieg in die Boote bereit sein… Sie waren außerstande, das Geschehen zu realisieren. Gab es
Das Meer war ruhig in jenen Märztagen, so dass die kurze Über- überlebende Kameraden? Konnten sich welche retten?
fahrtstrecke zur Insel kein Problem darstellen sollte. Zwei Boote
brachten die beiden Sonderbeauftragten samt Ausrüstung und Als die beiden nach zwei Tagen tatsächlich wieder abgeholt wor-
Gepäck rasch zur Insel. Die Fracht wurde in aller Eile entladen, den waren, erstatteten sie Bericht über das Geschehen.
denn die Boote mussten schleunigst zum Dampfer zurück…, der
seine Fahrt rasch fortzusetzen hatte. Und was sollten sie hernach erfahren?

Die kleine Insel war vom Schiff aus überschaubar: flach, leicht Es war das MS „LINZ“ – die „österreichische Titanic“ -, der Damp-
bewaldet, sanfte Ufer und keine Spur von menschlichen Behau- fer des Österreichischen Lloyd, der am 19. März 1918 vor Al-
sungen oder Gebäuden… Offensichtlich ein Stück gefahrenlose banien mit 2700 Menschen an Bord gesunken ist, die alle ums
Erde… Leben gekommen sind???

Erst jetzt, als die beiden Soldaten allein auf dem Eiland zurück- Während der Kriegsjahre wurde das Passagierschiff auch zur
gelassen, wurde ihnen bewusst, was diese Lage eigentlich für Beförderung von Truppentransporten eingesetzt und erlitt auf
sie zu bedeuten hatte: von der Welt abgenabelt, auf fremdem diese Weise seinen Untergang.
unbekannten Gebiet schutzlos allen Gefahren ausgeliefert…
Erläuterungen: *Namen wurden geändert
Die bange Frage des Überlebens war ja im Krieg und die ist in
jedem Krieg allgegenwärtig. Ob man aber verlassen und allein
oder in der Nähe der Mannschaftskollegen sein Leben aus-
haucht, ist grundsätzlich egal − scheinbar; doch mutterseelen-
allein und unbeachtet aus dieser Welt zu scheiden, ließ Sonder-
gefühle hochsteigen… Eine Parallele mit Robinson Crusoe kann
nur im weitesten Vergleich konstruiert werden… Sich derartigen Was jeder Ungarndeutsche über
Gedanken hinzugeben – dafür war hier und jetzt weder Zeit den „bösen” Volksbund wissen sollte
noch Veranlassung… Rasch wurden die Kisten aus dem Blick
geräumt, hinten in Ufernähe befindliche Bäume, wo alles richtig
getarnt war. Inzwischen waren auch die Boote wieder zum Schiff
Vor 81 Jahren Volksbund der Deut-
gelangt und wurden hinauf gehievt, sodass die Fahrt wieder fort- schen in Ungarn (VDU)
gesetzt werden konnte… gegründet
Die beiden neuen „Inselbewohner“ winkten den auf dem Schiff Von Georg Krix
Verbliebenen zu. Langsam entfernte sich der Dampfer. Doch
den Beiden bemächtigten sich nun sonderbare Gefühle. Wel- Nach Jakob Beyers Tod 1933 gab`s in dem von ihm gegründe-
ches Schicksal wird sie nun ereilen? Werden sie von hier jemals ten Ungarländischen Deutschen Volksbildungsverein (UDV) ver-
abgeholt? Wird der verfluchte Krieg bald ein Ende nehmen und schiedene Probleme, so aus privater wie auch politischer Sicht.
es ihnen gegönnt sein, ihre Lieben wie ihre Heimat wiederzu- 1935 kam es zu einem Vereinsbruch, es entstand neben dem
sehen…? Bei einem Überfall auf die Insel wäre das hier wohl
UDV die VOLKSDEUTSCHE KAMERADSCHAFT (VK). Wie Ja-
ihr Ende. Was könnten sie schon trotz MG, Handgranaten usw.
kob Bleyer bis zu seinem Lebensende erfolglos gegen den mad-
gegen eine mögliche Übermacht ausrichten? Bange Momen-
te nisteten sich in ihren Seelen ein… Und die traurigen Blicke jarischen Nationalismus anfocht und für Rechte des ungarländi-
nach dem sich langsam entfernenden, immer kleiner werdenden schen Deutschtums kämpfte, so waren auch der Volksdeutschen
Schiff… Kameradschaft vorerst keine Erfolge beschieden. Erst die welt-
politische Geschichte erbrachte eine Änderung der ungarischen
Die Wehmütigen konnten ihre Blicke nicht vom Schicksalsschiff Minderheitenpolitik.
loseisen, indessen die schwermütigen Gedanken ihren Gemüts-
zustand bedrängten…

Der herannahende Spätnachmittag mahnte zur Eile, sich ein


Lager für die Nacht einzurichten… doch – was war da plötzlich
GEFÄLLT IHNEN DAS
zu vernehmen: Motorenlärm… am Horizont tauchten Flugzeuge
auf – italienische Jagdflugzeuge: Schlimmes, ja Katastrophales
war zu befürchten… Die Jagdpiloten des italienischen Corpo
SoNNTAGSBLATT s ?
Aeronautico Militare steuerten direkt auf das Motorschiff der k.
u. k. Marine zu, das verschwindend klein am südlichen Horizont
kaum noch wahrnehmbar war. Alles ging blitzschnell: Das Jagd-
geschwader erreichte das Schiff und feuerte von allen Seiten.
Eine zweite Flugzeugstaffel – diesmal Bomber – folgte den Jagd-
flugzeugen und schleuderte ihre explosive Last auf das Motor-
IHRE SPENDE IST DIE
schiff, das in Rauch gehüllt und von Rauch verhüllt vom kleinen
Eiland nur mehr als schwarze Wolke auf der Meeresoberfläche
JA-ANTWORT!
auszumachen war… Wirre Gedanken durchzuckten die beiden
Inselsoldaten… War es Fügung des Schicksals, dass sie auf der (Fortsetzung auf Seite 14)
SoNNTAGSBLATT 13
Wie bekannt, zu jener Zeit strebte Ungarn sehr nach Freund- Blasmusikkapellen ein öffentliches Konzert. Am Nachmittag mar-
schaft mit dem Deutschen Reich, da nur mit dessen Hilfe eine schierten die Teilnehmer jeweils in Gefolgschaft ihrer Ortstafel
Revision des Trianoner Schandvertrags zu erhoffen war. Darü- im strömenden Regen auf und paradierten an der kleinen Tribü-
ber schreibt Gerhard Seewann in seinem großartigen Werk „Ge- ne, auf der sich die Volksbundführung präsentierte, vorbei. Nach
schichte der Deutschen in Ungarn”: „Nach dem ersten Revisions- dem Aufmarsch sangen die Versammelten die ungarische Natio-
erfolg durch den Ersten Wiener Schiedsspruch vom 2. November nalhymne. Studenten trugen zusätzlich zu den Volksbundfahnen
1938 (Wiedereinverleibung der südlichen Gebiete der Slowakei – (in roter Farbe und in der Mitte ein weißer Kreis mit einem gold-
d.h. Felvidék) begriff schließlich auch die ungarische Regierung, farbenen Sonnenrad) noch zwei ungarische Nationalflaggen.
dass sie ihren Dank dafür auf dem Gebiet der Minderheitenpolitik
abzustatten hatte und legalisierte die Volksdeutsche Kamerad- Aufbau des VDU
schaft = VK in ihrer neuen Organisationsform des Volksbundes
der Deutschen in Ungam (VDU).” Von Anfang an verfolgte der Volksbund das Ziel, die Organisation
aller Deutschen in Ungarn zu sein, die sich die politische, ge-
Zur Gründung des Volksbundes schreibt Seewann: „Die sellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Emanzipation dieser
Gründungsveranstaltung des Volksbundes fand am 26. Novem- Minderheit im ungarischen Umfeld zum Ziel setzte. Schon die
ber 1938 in Budapest unter ziemlich improvisatorischen Begleit- Versammlungen zur Gründung einzelner Ortsgruppen sollten
umständen statt. Die Organisatoren hatten lediglich zwei Tage durch ihren Massencharakter diesen Anspruch deutlich machen.
für die Vorbereitung zur Verfügung. Dennoch kamen aus über So nahmen beispielsweise an der Gründung der Volksbund-Orts-
150 Gemeinden etwa tausend Teilnehmer. Nachdem die ungari- gruppe in Pecsvárad am 10. November 1940 über 1 000 Men-
sche und ungarndeutsche Hymne („Seid gegrüßt ihr deutschen schen teil, von denen allerdings nur an die 300 tatsächlich aus
Brüder!“) verklungen waren, hielt Dr. Franz Basch seine Fest- Pécsvárad stammten. Für die Gründungsversammlung des we-
ansprache: „Volksgruppen müssen ihr Volkstum allein schützen. sentlich kleineren Ortes Majs wurden 800 Teilnehmer aufgebo-
Sie müssen sich für ihren Volkstumsschutz eigene völkische ten. Großangelegte Massenveranstaltungen wie der Schwaben-
Bollwerke schaffen“ – und beteuerte, genau diese Rolle wolle ball in Fünfkirchen am 15. Februar 1939 mit 3 000 Teilnehmern
der Volksbund übernehmen. Deshalb versprach er „nicht einmal oder die regional ausgerichtete Volksbundversammlung am 11.
mit unseren Widersachem zu rechten oder gar zu hadern, denn August 1940 in Hidas mit gleichfalls 3 000 Teilnehmern sollten
der Volksbund soll die Heimstätte aller Deutschen in Ungam wer- demonstrieren, welche Massenbasis der Volksbund binnen kür-
den“. – „Dabei bestimmen wir keine Altersgrenzen und kein Ge- zester Zeit für sich erobert hatte. Es gab Orte, deren Bevölkerung
schlecht, keine Konfession und keine standes-, keine Stammes- bis zu 90 Prozent dem Volksbund angehörte wie in Mágocs oder
und Klassenunterschiede“ - berichtete der Deutsche Volksbote Görcsönydoboka oder zu 70 Prozent wie in Szederkény und
im Dezember 1938. Somberek. Ins Gewicht fiel hier die gegenüber dem Ungarlän-
dischen Deutschen Volksbildungsverein Bleyers (UDV) wesent-
Die Gründungsveranstaltung wurde mit dem „ungarischen Cre- lich günstigere Regelung, dass laut Statut, das der Innenminister
do, dem Bekenntnis zur „Auferstehung Großungams“, (d.h. zu am 13. April 1939 genehmigte, die männliche Bevölkerung ab 18
seiner Revision = Hiszek egy Istenben…) und der akklamatori- und die weibliche Bevölkerung ab 15 Jahren als Mitglied aufge-
schen Wahl von Franz Basch zum Vorsitzenden beendet. nommen werden konnte (bei dem UDV war die Altersgrenze ab
24 in Geltung), was die Mobilisierung der leicht zu begeisternden
Die Botschaft der Festansprachen war deutlich: Der Volksbund Jugend wesentlich erleichterte. So betrug das Durchschnittsalter
ist die Sammelstelle der deutschen Minderheit Ungarns und der neu gegründeten Volksgruppen beispielsweise in Majs 22,7
seine Gründung erfolgt im Einvernehmen mit der Budapester Jahre, in fünf anderen Gemeinden der Baranya (Versend, Na-
Regierung. Die neue Organisation war keine Kampfansage an gynyárád, Nyomja, Máriakéménd und Palotabozsok) 37,5 Jah-
Andersdenkende innerhalb der Volksgruppe. Vielmehr sollte sie re. Die 1941 gegründete Deutsche Jugend unter Führung von
nach der Mention ihrer Gründer alle Deutschen in Ungarn unter Matthias Huber nahm mit Zustimmung der Eltern als „außeror-
einem Dach versammeln. Sie sollte integrieren und nicht pola- dentliche Mitglieder“ auch Jugendliche unter 18 Jahren in ihre
risieren. Deshalb war auch kein parteipolitisches Engagement Organisation auf, die am 28,/29 Juni 1941 in Mágocs ihre erste
vorgesehen. landesweite Großveranstaltung abhielt. Ende 1939 zählte der
Volksbund bereits über 25 000 Mitglieder. (Auszug aus G. See-
Erstes öffentliches Auftreten des Volksbundes war die Groß- wanns „Geschichte…”)
kundgebung, nämlich der „Fahnenaufzug von Cikó“ im Komitat
Tolna am 30. Apríl 1939. Wie viele Teilnehmer unter der weißen (Fortsetzung folgt)
Sonnenradfahne aufmarschierten, ist schwer festzustellen, da
die zeitgenössischen Berichte sehr unterschiedliche Angaben
machten. Die Volksbundpresse schrieb von über 30 000 Schwa-
ben, nach dem Bericht des deutschen Gesandten waren es nicht
mehr als 20 000. Die meisten Teilnehmer kamen aus den Dörfern
Südost-Transdanubiens. Der Fahnenaufzug wurde mehrere Wo-
chen lang von den Cikóer Volksbundanhängern sorgfältig vorbe- Die Geschichte fuhr einem entgegen
reitet. Auf der Ochsenwiese, dem Übungsgelände der örtlichen (Szembejött a történelem)
Leventemannschaft, errichtete die Jugend aus weiß angestriche-
nen Holzklötzen ein riesiges Sonnenrad. Am Morgen trafen die
Vor zwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer
auf Fahrrädern und mit dem Zug anreisenden Teilnehmer ein.
Um 10 Uhr erschien die Volksbundführung. Alle Teilnehmer wur- Von Zoltán Tefner
den auf dem Hauptplatz der Gemeinde mit ,,Heil-Rufen“ und dem
„deutschen Gruß“ empfangen, wobei aus historischen Fotogra- Erschienen am 17. November 2009 in der Tageszeitung „Ma-
fien klar ersichtlich ist, dass nicht jedem bekannt war, wie dieser gyar Nemzet”. Aus dem Ungarischen von Richard Guth.
auszusehen hatte. Die Mädchen trugen ihre schwäbische Fest-
tracht, die Ordnung wurde von uniform gekleideten Burschen Die einzige Farbe – zum großen Kummer von Honecker und
aufrechterhalten: weißes Hemd, schwarze Krawatte, schwarze seinen Getreuen – brachten die Westsendungen. In der abend-
Hose in Stiefeln, rote Armbinde mit der Aufschrift „V.D.U“… Es lichen Dunkelheit richteten sich die Antennen auf den Balkonen
folgten Begrüßung und Ansprachen. Danach versammelten sich der Plattenbausiedlungen auf den Westen und diese bewusst-
die Teilnehmer in der Kirche. Nach der Heiligen Messe gaben seinsgespaltene Gesellschaft beobachtete im Fernsehen, über
14 SoNNTAGSBLATT
diesen riesigen Gucker, gespannt, wie eine bessere Welt drüben sche Praxis in den 40 Jahren seines Bestehens dem soziologi-
glänzte. schen und psychosozialen Zustand der DDR-Gesellschaft und
den Bedürfnissen und Erwartungen der Gesellschaft? Kann es
Der Stipendiat der Lajos-Kossuth-Universität, Csaba F., hat im lediglich als eine Art „Abbildung” betrachtet werden, was nach
Frühling 1973 im Studentenclub der Uni Jena Sabine kennen ge- der Pseudowissenschaft bedeutet, dass jede Gesellschaft unter
lernt. Das Mädchen war zu damaliger Zeit bereits seit zwei Jah- der Willkürherrschaft eines solchen politischen Systems leidet,
ren bei der berüchtigten Stasi, dem Geheimdienst für Innen- und das ihr gebührt? Die politischen Wurzeln der DDR reichen min-
Außenabwehr, beschäftigt - verdeckt. (Csaba F. ist eine reale destens bis Bismarck zurück, aber dass sie zustande kam, dafür
Person, seine Geschichte auch, der Name aber ist ein Pseud- liefern die Zustände nach 1945 eine Erklärung: Die Sowjets ha-
onym, da dessen Träger auch heute – 2009, R. G.- noch lebt.). ben mit dem Sieg über Deutschland reichlich „übergewonnen”.
Sabine absolvierte offiziell ein Philosophiestudium, im Geheimen Die rote Sowjetunion, die früher von ganz Europa gefürchtet und
aber diejenigen internen Kurse, die die Stasi hielt, um die jungen, verachtet wurde, stand nun in der Mitte Europas. Die DDR, eines
sehr intelligenten und auch für die Erledigung sensibler Aufträge der seltsamsten Staatsgebilde der modernen europäischen Ge-
geeigneten Kader auszubilden. Ihr Kennenlernen war nicht dem schichte, ist ein typisches Produkt des Kalten Krieges. Die So-
Zufall geschuldet. Sabine hatte einen Auftrag. Das ausgedehnte wjetunion betrachtete den Status quo, der auf der Potsdamer
Beziehungsgeflecht von Csaba F. erachtete die Stasi als solches, Konferenz beschlossen wurde, nicht als endgültig, verkündete
über das die Überwachung der ungarischen Stipendiaten in Jena offen eine Politik der Expansion bis zum Atlantik und sogar noch
am effektivsten realisiert werden könnte. 1973 war es der 1968 weiter hinaus. Der Wunsch nach russischer Herrschaft über dem
in die Wege geleitete „Neuer Wirtschaftsmechanismus“ genann- Kontinent hat eine seit Zarin Katharina der Großen währende
te Reformversuch, weswegen für die DDR-Parteiführung nicht Tradition. 1945 wurde Deutschland in vier Besatzungszonen ge-
nur die Budapester Regierung suspekt wurde, sondern auch die teilt und die östliche sowjetische nannte man SBZ, ebenso die
ungarischen Studenten, die die Stasi als zersetzende Kräfte zu anderen im Westen Britische, Amerikanische und Französische
erkennen meinte und das nicht ohne Grund. Zone. Die Potsdamer Bestimmungen betrachteten das besetzte
Deutschland – um menschliche Katastrophen abzuwenden – als
Csaba F. galt auch als eine solche „zersetzende Kraft“, da er einheitlichen Wirtschaftsraum. Quelle des Übels war, dass man
es nie versäumte, seine Lieblingstheorie offen zu propagieren: die Potsdamer Bestimmungen nicht umgesetzt hat. Ab 1946
Die DDR sei eigentlich ein „Flohzirkus”, ein unbedeutender Pi- stockte die Zusammenarbeit zwischen den Besatzungszonen,
ckel, ein Versuch, der ganz geschwind auf dem Misthaufen der es entstanden große Versorgungsprobleme. Parallel dazu be-
Geschichte landen würde. Heute wissen wir, dass er nicht ganz gann eine Rivalität zwischen Ost und West, die Bipolarität des
falsch lag. Damals aber in der effektivsten Phase der Bresch- aufgeteilten Europas verfestigte sich. Der eigentliche große
new-Doktrin, als an die Ewigkeit des Kommunismus nur wenige Bruch wurde durch die Währungsreform im Jahre 1948 besie-
nicht glaubten, galten diese renitenten Bekundungen als Kapital- gelt, deren Ziel es war, in der Westzone die Wirtschaft in Gang
verbrechen. zu bringen, und der darauf folgenden Berliner Blockade, als die
Sowjets West-Berlin, das die Westwährung annahm, militärisch
Die Überwachungsaktion kam anfangs gut voran, später geriet umzingelten, und die Versorgung der Stadt ein gutes Jahr über
sie aus den Fugen. Es kam etwas in die Quere, was die Sta- die Luftbrücke erfolgte. Die Westalliierten leisteten eine logis-
si-Chefs nicht erwartet hatten. Sabine und Csaba F. hatten sich tische Wunderleistung, die ihresgleichen sucht: Die 195.000
ineinander verliebt. Sabine verbrachte den Sommer 1973 in De- Frachtflüge schafften 1,5 Tonnen Lebensmittel in das umzingelte
brezin und im Wohnheimzimmer im Großwald, wo sie übersom- West-Berlin, aber auch Kohle, Öl und Baumaterial gelangten auf
mert hatten, kam ernsthaft eine Übersiedlung nach Ungarn zur dem Luftweg in die Stadt.
Sprache. Die Stasi war im Zugzwang. Nicht nur deswegen, weil
ein verliebter Geheimagent kein Geheimagent mehr ist, sondern Während dessen begannen beide Zonen (West- und Ostzone)
auch, weil man mit Sabine konkrete Pläne hatte. Das Mädchen sich staatsrechtlich und verwaltungstechnisch zu trennen. Am
war wegen seines attraktiven Aussehens, seiner Empathiefä- 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Trizone im Westen
higkeiten und nicht zuletzt der überdurchschnittlichen Fähigkeit, Deutschlands, die nun den Namen Bundesrepublik Deutschland
Kontakte herzustellen, für die Erledigung komplizierterer und trug, verkündet. Im August wurden die ersten Bundestagswahlen
gefährlicherer Aufgaben vorgesehen, also für Einsätze in West- abgehalten. Parallel dazu rief im Mai auf der östlichen Seite der
europa. Ein Geheimdienst wäre kein Geheimdienst, wenn er für 2. Deutsche Volksrat die Provisorische Volkskammer ins Leben,
unerwartete Situationen keinen Plan B hätte. Die Beziehung wur- die später als Parlament der Ostzone arbeitete. Zu dieser Zeit
de per Befehl gestoppt. Sabine musste einen „Trennungsbrief” entstand auch die Verfassung der DDR und mit dem Akt der An-
kreieren. nahme am 7. Oktober 1949 entstand auch die DDR. Staatsprä-
sident wurde ein Mann der Sowjets, der ehemalige Emigrant in
„Lieber Csaba, (…) ich kann jetzt nicht zu Dir fahren. Ich habe Moskau, Wilhelm Pieck, Ministerpräsident wurde Otto Grotewohl.
viel zu tun. Ich helfe Heidi, sie geht ins Krankenhaus und erwar- Das neue Staatsgebilde musste sich gleich zu Beginn großen
tet in 10 Tagen ihr Baby. Ihre Wohnung ist wundervoll, sie haben Schwierigkeiten stellen - allen voran der rasanten wirtschaft-
diese ansprechend eingerichtet: schmucke Möbelstücke, Kühl- lichen Entwicklung des Westteils und der darauf basierenden
schrank, automatische Waschmaschine, alles, was das Herz be- Lebensniveauexplosion, die man das „deutsche Wirtschafts-
gehrt. Csaba, es ist so gut wie unmöglich, hier wegzukommen. wunder” nennt. Die DDR war nicht imstande, die vom westlichen
Es ist traurig, aber wahr. Und Du darfst nicht hierherkommen. Wunder generierte Krise zu bewältigen: Massen verließen die
Du weißt es genau, was diese beiden Sachen für uns bedeuten. Ostzone und die Regierung sah sich genötigt, die Fluchtwege
Schrecklich! Küsschen, Sabine. Schreib mir!” abzusperren. Die Ostdeutschen wurden zu Geiseln ihres eige-
nen Landes und seiner Regierung. Die Junikrise des Jahres
„Das Leben des Anderen“ - diesen Titel trägt ein Film, der vor 1953 in Berlin vermochte die DDR-Führung noch mit Hilfe sowje-
kurzem in Budapest mit großem Erfolg aufgeführt wurde und der tischer Tanks zu beherrschen, aber danach entwickelte sich auch
die Probleme der Grenzen der Allmacht des Staates behandelt. die Geschichte der DDR zur Behandlung kleinerer und größerer
Das Drehbuch des Regisseurs Florian Henckel von Donners- Krisen wie in den anderen Ländern des sowjetischen Lagers,
marck entstand auf Grundlage der Methoden der Stasi und der bei den Polen oder in Ungarn. Die Sowjets konnten sich diese
in der DDR unbefriedigenden Lage der Menschenrechte, einer Leichtsinnigkeit nicht leisten. In der DDR musste eine Friedhofs-
der obigen entsprechenden realen Lebenslage. Aber was war ruhe herrschen.
denn dieser komische Einparteienstaat, der so hart in den Alltag
der Menschen eingegriffen hat? Inwiefern entsprach die politi-
(Fortsetzung auf Seite 16)
SoNNTAGSBLATT 15
Es stellt sich die Frage, warum. Die Antwort ist einfach: aus mi- Das berühmte Gedicht Hermann Hesses von dem deutschen
litärischen Gründen. Ungarn und das seit 1955 neutrale Öster- Kriegsheimkehrer voller Selbstzweifel, den „die Scham zu Bo-
reich waren lediglich eine geostrategische Zone, die man sogar den drückt”, war eine kaum zitierte, an den Rand gedrückte Perle
noch verlassen könnte (1956 stellte man in Moskau derartige der deutschen Lyrik: „Aber wir hoffen. Und in der Brust lebt uns
Überlegungen ernsthaft an), wohingegen die deutsche und pol- glühende Ahnung von den Wundern der Liebe.” Die DDR sahen
nische Tiefebene schon immer als europäischer Aufmarschplatz tatsächlich auch schon viele andere Zeitgenossen als einen gro-
russischer Streitkräfte diente. Das militärische Denken, einst rus- ßen Militärübungsplatz an, der von einer lieblosen und zynischen
sisch nun sowjetisch, konnte nie mit diesem Stereotypen bre- politischen Elite regiert wird und wo die menschlichen Initiativen
chen, aber auch aus logischen Gründen konnte man das auch unterdrückt sind und eine graue Elite versucht die ganze Gesell-
nicht einfach negieren. Summa summarum: Das vor 60 Jahren schaft ins Einheitsgrau zu drängen.
geschaffene Land wurde zum bipolaren Gleichgewicht des euro-
päischen Kontinents. Das in George Orwells Roman „1984” Beschriebene konnte -
zum Glück – noch keine Diktatur vollständig umsetzen. Es ist
Orwell‘scher Alptraum aber nicht auszuschließen, dass unter bestimmten Gesichts-
punkten gerade die DDR die Stufe erreicht hat, die dem Orwell‘-
Die sogenannte GSTD, also die Gruppe der sowjetischen Be- schen Alptraum am nächsten stand. Wer übte die Macht aus?
satzungsarmee in Deutschland bestand am Ende des Krieges Orwell spricht von grauen Männchen, von käferähnlichen Men-
aus 1,5 Millionen Soldaten. Diese Streitkraft wurde bis 1947 schen, deren Gesicht unergründlich ist, die schnell an Gewicht
auf 350.000 reduziert, dann wieder auf 600.000 erhöht, danach zunehmen und oft in unterschiedlichen Ministerien vorkommen.
wieder auf 380.000 reduziert, welche Zahl bis 1994 im Großen „Es sieht so aus, als würde dieser Menschenschlag unter der
bestanden hat, bis zum vollständigen Abzug der sowjetischen Parteiherrschaft am besten gedeihen”, schreibt Orwell. Auf den
Streitkräfte. Im März 1954 wurden sie in GSSD umbenannt, was Seiten von „1984” werden Tausende Menschen getötet, nach Or-
ein Signal war, denn hier fehlte das Wort „Besatzer”. Auf die wells Phantasiebild werden sie „verdampft”. Wen verdampft man
DDR-Gesellschaft wirkte die Namensänderung trotzdem nicht denn nicht? „Parson, die schnatternde Gestalt ohne Augen wird
beruhigend, denn das Waffenarsenal entwickelte sich schlag- man nie verdampfen. Die kleinen, käferähnlichen Menschen, die
artig, die ständige uniformierte Militärpräsenz der Sowjets auf sich so schnell im Gängelabyrinth der Ministerien bewegen, wird
den Straßen führte zu offenen Konflikten mit der Zivilbevölke- man nie verdampfen.” Wilhelm Pieck, der erste Staatspräsident
rung. Während man in Ungarn bemüht war, die Truppen von der der DDR, hat in den dunklen Jahren der Moskauer Verbannung
Zivilbevölkerung zu isolieren, die Kasernen am Dorf- und Stadt- die Säuberungen überstanden, sein Nachfolger Walter Ulbricht
rand zu platzieren, „lebten” die 220.000 Familienmitglieder, unter ebenso. In der ersten Führungsriege der DDR – bis auf Willi
ihnen 90.000 Kinder, in der DDR praktisch „unterm Volk”. Die Stoph – gehörte jeder zu diesem grauen Menschenschlag, der
Bevölkerung musste wegen des Verhaltens der betrunken ran- sich versteckt hielt und unter allen Umständen am Leben bleibt,
dalierenden sowjetischen Offiziere vieles ertragen. was dann bis zum Sturz im Jahre 1989 aufgrund der Kontrase-
1981 standen in 276 Ortschaften sowjetische Kasernen, es gab lektion zum bestimmenden Trend bei der Auswahl der Führungs-
47 Flugplätze und 116 Übungsplätze, es waren 4200 moderne kader wurde - bis hinunter zu den Kreissekretären oder weiter
Panzer, 3600 Geschütze, 690 Flugzeuge, 95.000 Transportfahr- hinunter. Die doktrinären marxistischen Parteifunktionäre waren
zeuge und 670.000 Tonnen Munition stationiert. Laut Militärex- aufgrund ihrer Borniertheit, Engstirnigkeit und ihres Servilismus
perten reichte Letzteres aus, um die westeuropäischen Länder selbst im sozialistischen Lager legendär. Die Gedankenpolizei,
dreimal zu verwüsten. Und was das Gefährlichste war: 180 ver- ein von Orwell erfundenes Phantasieorgan, das auch in die Köp-
schiedene Raketensysteme, natürlich mit nuklearen Sprengköp- fe der Menschen hineinblicken kann, wurde in Gestalt der Stasi
fen. Die Unterhaltung eines derart riesigen Arsenals bedurfte in den Jahren der Diktatur quasi verwirklicht. Der Fall von Sa-
auch militärisch großer Fachkenntnis, aber in erster Linie poli- bine und Csaba F. ist eine harmlose Romanze im Vergleich zu
tisch war dessen Inbetriebhalten kein Kinderspiel. Auf der poli- den Übergriffen auf die Staatsbürger: Nötigung von Familienmit-
tischen Elite der DDR lastete die ganze Zeit ein enormer Druck gliedern innerhalb der Familie zu spionieren, Vergiftung von zu
und größtenteils erklärt das den vom allen abweichenden, aber aktiven evangelisch-lutherischen Geistlichen durch Depressiva,
dennoch abstoßenden Charakter (Anm.: des DDR-Systems). Nötigung von überführten Frauen zu sexuellen Diensten, Folter...
Denn in der Sowjetunion war die „Behandlung” der Massen kein Diese weniger offene, aber im Tiefsten brutale Form der kom-
Problem, nachdem die despotischen und brutalen Methoden des munistischen Herrschaft erwies sich – obwohl dies keinesfalls
Zarenregimes sowohl das Stalin‘sche als auch das Breschnew- den Wünschen der Bürger entsprach – als die beste, DDR-spe-
sche Lenkungsmodell wie selbstverständlich übernommen hat zifische Methode. Sie beruhte auf drei festen Säulen. Die erste
und sogar weiterentwickelte. In der DDR kam dieser harsche Ton war die Anwesenheit der Sowjetarmee, die zweite die omniprä-
nicht an, man musste feinere, raffiniertere Techniken ausdenken. sente Überwachungsgedankenpolizei und die dritte der generell
Das politische System der DDR wirkte deswegen so abstoßend kleinbürgerliche Charakter der deutschen Gesellschaft. Die dritte
auf seine Bürger und das Ausland, weil fast alles, was in den scheint ein wenig aus dem Rahmen zu fallen, aber aufgrund der
vierzig Jahren passierte, diametral zu den humanistischen Tradi- tieferen Prozesse in der Gesellschaft sollte man sie dazuzählen:
tionen stand, die die deutsche Kultur mit Europa verband. Es ist die fragwürdige Jahrhunderttradition der deutschen Sozialpolitik.
wahr, dass in den dunklen Jahren des Nationalsozialismus diese
humanistischen Normen eine Pause eingelegt haben, aber da- Blue-Collar-Partner
nach hat die Welt dennoch das, was auf deutschem Boden nach
1949 passierte, mit den alten deutschen Traditionen verglichen. Letztere fing bei Bismarck an. Der Kanzler mit ultrakonservati-
Und in dieser Beziehung hat die DDR total versagt. vem Denken – um das Zepter der Initiative aus der Hand der Lin-
ken zu reißen – hat selber das System staatlicher Fürsorge er-
Genau das wurde nicht umgesetzt, was der junge Goethe in sei- richtet. Diese Tradition wurde auch vom Naziregime gepflegt. Für
nem Drama „Torquato Tasso” verkündet, dass wir unsere ange- die „Arier” baute man Arbeiterwohnungen mit Badezimmern, die
borenen aggressiven Triebe ablegen müssen; der humanistische Arbeitslosigkeit verschwand, man hat mit ökonomischen Mitteln
Mensch kann nur so für Ordnung und Disziplin sorgen, wenn er einen relativen Warenreichtum erreicht, dutzende Kindergärten
sich selbst bezwingt. Der Partei- und Staatsapparat der DDR und Krippen machten in den Außenbezirken Berlins ihre Toren
hat den europäischen Macciavellismus mit der aus der Sowjet- auf. Das Naziregime konnte größtenteils diesen Maßnahmen
union übernommenen stalinistischen Brutalität vermischt. Weder seine anfängliche Popularität in der zweiten Hälfte der Dreißiger-
das eine noch das andere hatte etwas mit Goethe zu tun, auch jahre verdanken. Nach dem Krieg fing man in beiden Staaten
nicht mit den anderen: mit Hermann Hesse oder Thomas Mann. an, eine umfassende Sozialpolitik umzusetzen. Die BRD, die die

16 SoNNTAGSBLATT
Marshall-Hilfe in Anspruch nahm, mehr, die DDR, der Stalin nicht floh aus dem Land, wer nur konnte. Die Berliner Mauer, die seit
gestattete, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen, eher weniger. 1961 stand, hat das Volk zerstört. Im Frühling 1990 begannen
Trotzdem war die ostdeutsche Sozialpolitik immer noch viel bes- zwischen den Besatzungsmächten und den beiden deutschen
ser als sonst wo im sozialistischen Lager. 40 Jahre lang kostete Staaten die so genannten 4+2-Verhandlungen, am 31. August
ein Bier 1,05 Mark, die Semmel 5 Pfennige. Die jungen Leute, unterzeichnete man den Wiedervereinigungsvertrag, am 3. Ok-
die heirateten, bekamen so gut wie sofort eine Wohnung zuge- tober kam zum letzten Mal das DDR-Parlament zusammen, um
wiesen sowie spottbillige Fahrkarten und die grundlegenden Gü- dann bei den Klängen der DDR-Hymne die Flagge einzuziehen.
ter in Hülle und Fülle - genau berechnet nach Notwendigkeit. Sa- Um Mitternacht wurde die Einheit vollzogen.
bine – die sich im Sommer 1973 in Ungarn gründlich umschaute
– wies in ihrem Brief auf einen recht sensiblen Punkt ihrer Bezie- Der Fahrgast der Čajka (Tschaika)
hung hin: Hier gäbe es alles, in Ungarn nur noch kleine staatliche
Geschenke und die auch nicht für jedermann, die Gesellschaft Csaba F. traf die Trennung 1973 wie ein Schock. Es dauerte
dort teile sich in Arm und Reich auf. Ihre Entscheidung, wozu sie anderthalb Jahre, bis er sich dank der psychiatrischen und me-
im Übrigen von ihren Vorgesetzten gezwungen wurde, hat dieser dikamentösen Behandlung wieder als vollwertiger Kämpfer der
Umstand ebenfalls erleichtert. Germanistik widmen konnte. Misserfolg hin oder her, blieb er mit
der DDR tausendfach verbunden. Anfang Oktober 1989, auf Bit-
Die militärischen Interessen der Sowjetunion benötigten, dass ten seines damaligen Arbeitgebers in Százhalombatta, beteiligte
die Gesellschaft so wenig wie möglich bahnbrechenden struktu- er sich als Dolmetscher an der Vierzig-Jahr-Feier in Schwedt.
rellen Veränderungen ausgesetzt wird. Den geeigneten Partner Das brandenburgische Städtchen war dreißig Jahre lang Part-
dafür meinten sie in der Person der Kleinbürger beziehungswei- nerstadt von Százhalombatta. Csaba F. sah nie zuvor ein „freu(n)
se in deren Synonym, der Blue-Collar-Arbeiterschaft, gefunden dloseres” Freundschaftstreffen. Auf den Empfängen und manch-
zu haben, die - auch wenn nicht so sehr wie ihr BRD-Counter- mal auch vor dem Plenum gab es eine Flut von Vorwürfen: ab-
part - sich materiell weiterentwickeln wollte, aber hinsichtlich Le- weichlerisches, revisionistisches, wortbrechendes Ungarn, Ver-
bensstil und Attitüden nicht zur Mittelschicht werden wollte, also räter Miklós Németh, Gleisner Horn und Pozsgay. Während das
eine problemlose Mammutschicht, die leicht zu handhaben war Paneuropapicknick bei Ödenburg bereits stattgefunden hat, die
und die politisch einfach in die Bedeutungslosigkeit geführt wer- Botschaften voll mit Flüchtlingen waren, feierte die Führung der
den konnte. In Moskau wusste man wohl, dass die Kleinbürger, Brandenburger Industriestadt, die um das Kraftwerk herum er-
die das Rückgrat der Gesellschaft bildeten, sich mit Wenigem baut worden war, gegen ihre eigenen Bürger mit dem gleichen
begnügen. Wenn die Staatsführung sie darum bittet, als graue Zynismus wie in der gesamten DDR. Auf dem Rückweg am 6.
Mäuse ihr Leben zu fristen, dann machen sie das bereitwillig, um Oktober fand er den größten Flughafen der DDR, den Flughafen
nur das zu bekommen, was zu ihrer bescheidenen Lebensfüh- Schönefeld, im Belagerungszustand vor. Die riesige Wartehalle
rung und zu ihrem zunehmenden Wohlstand im kleinen Rahmen war voll mit Flüchtlingen. Decken, Matratzen und Schlafsäcke la-
notwendig ist. gen überall auf dem Boden, die Toiletten funktionierten gerade
noch so und das Büffet war nicht imstande, die beinahe 5000
Zum Erfolg der Manipulation trug noch ein wichtiger Umstand Menschen zu versorgen. Familien mit mehreren Kindern - jede
bei: Die ostdeutsche Gesellschaft wurde – vergessen wir nicht: Familie lebte schon seit Tagen auf je einer Decke und wartete
Der Sozialismus entstand auf preußischem Boden! – durch die auf einen Flugschein oder eine Bordkarte. Von Zeit zu Zeit tra-
Jahrhunderte alte Tradition des Obrigkeitsglaubens und der fen Verwandte aus der Stadt mit Brot und Salami ein und die
Ausführung von Befehlen in Schranken gehalten. Mit Hilfe des kleinen Gruppen fielen dann begierig über das Essen her und
Zuckerbrotes entwickelte sich die Gesellschaft der DDR in vier- auch die „Bewohner” der Nachbarsdecken kriegten ein Stück ab.
zig Jahren zu einer gehorsamen Massengesellschaft, in der aus In der zusammengerotteten Menge, vom Zwang der Flucht ge-
der Abschottung das fast unerträgliche Einheitsgrau des Alltags trieben, spielten sich dramatische Konflikte ab. Beim Check-In
erwuchs. Die einzige Farbe – zu großem Kummer von Hone- gab es Störungen. Man wollte in einer der Familien ein Kleinkind
cker und seiner Getreuen – brachten die Westsendungen. In der hineinschmuggeln. Es hatte keinen Flugschein. Dem Onkel, der
abendlichen Dunkelheit richteten sich die Antennen auf den Bal- mit dem leeren Brotkorb dastand, wäre die angenehme Aufga-
konen der Plattenbausiedlungen auf den Westen, und diese be- be zugekommen, das Kind in die Stadt zurückzubringen. Csaba
wusstseinsgespaltene Gesellschaft beobachtete im Fernsehen F. fasste den Entschluss, sein eigenes Ticket auf das Kind um-
- über diesen riesigen Gucker - gespannt, wie eine bessere Welt schreiben zu lassen. „Irgendwie werde ich schon heimkommen”,
drüben glänzte. Die Probleme – wie in Ungarn – begannen von dachte er. Das Geschäft wäre beinahe zustande gekommen, als
1981 an peu á peu in erster Linie wegen der bayerischen Ban- zwei Männer in Lederjacke und eine Frau erschienen. Er wurde
kenkredite. Bis 1989 hat sich die Wirtschaftskrise vertieft, was höflich aufgefordert, ihnen auf den Parkplatz gleich neben dem
zum zügigen Zusammenbruch der DDR führte. Gebäude zu folgen. In der Halle gab es nicht einmal mehr Licht,
es herrschte Dämmerzustand. Csaba F. konnte sein Auge nicht
Am 7. Oktober wurde zu Ehren des 40. Jahrestages der Grün- von der hübschen Frau in Lederjacke, die sich im Hintergrund
dung der DDR noch eine großangelegte Feier veranstaltet. Die aufhielt, nehmen. Ihre Körperbewegung, ihre Figur, ihre Haar-
SED unter der Leitung von Erich Honecker widerstand noch lan- farbe, und als sie anfing zu sprechen, ihre Stimme… Das lange
ge der Perestroika, der Reformpolitik unter Gorbatschow. Der gehegte Wunschbild erwachte in ihm - das der zufälligen Begeg-
Gnadenschuss kam direkt von Gorbatschow. Auf der Großkund- nung. Was würde er nicht alles dafür geben, wenn die Frau in
gebung am 7. Oktober sagte er – angeblich spontan – den zur der Lederjacke Sabine wäre. Denn in 16 Jahren verändert sich
Legende gewordenen Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft so viel. Aber draußen auf dem Parkplatz im Tageslicht stellte sich
das Leben.” heraus, dass die Frau nicht Sabine war, nur eine ähnliche Frau -
genauer gesagt – die gleiche. Er verspürte ein unwiderstehliches
Der Zerfall beschleunigte sich. Am 18. Oktober war Honecker po- Verlangen danach, in Ermangelung von Sabine dieser Frau zu
litisch bereits tot und die neue Führungsfigur Egon Krenz konnte erzählen, was aus ihm wurde. Unter dem Zwang welchen Irrge-
auch nichts mehr der aufbrechenden Volksbewegung entgegen- dankens er sich dafür entschied, sich der Sekte dieser käferähn-
setzen. Es stellte sich heraus, dass die Stabilität der Gesellschaft lichen, kurzbeinigen Gestalten mit unergründlichen Gesichtern
nur solange Bestand hat, als die Sozialpolitik der Führung sie anzuschließen. Er hätte gesagt, wie zweifelhaft die Selbstauf-
unterstützt. Die Nachkommen der bis in die 1960er im Starr- opferung für einen deformierten Staatsgedanken ist. „Für das
zustand befundenen DDR-Generation sind erwachsen gewor- sozialistische Vaterland?” Jetzt, in der Apokalypse der Auflösung
den und wollten eine neue Welt. Massenproteste von Millionen hätte es die Frau sogar noch verstanden. Er hatte aber keine
brachten die Sache in den größeren Städten weiter voran: Es Möglichkeit dafür. Nach einigen Sekunden Bedenkzeit ging er
(Fortsetzung auf Seite 18)
SoNNTAGSBLATT 17
wortlos in das Gebäude zurück. Einer der Männer in Lederja- vergessen, dass in diesem Gebiet selbst vor der Gründung des
cke hat den Widersinn der Situation wohl verstanden und sagte: Bistums Jassy keine ungarischen Messen gelesen wurden. Un-
„Der Genosse hat sich vorhin sehr parteiunwürdig verhalten. Ich garische Lieder und Gebete durften auch damals sein, aber die
bitte Sie, gehen Sie nicht mehr in die Halle zurück, wir bringen Sprache der Liturgie war Latein. Wenn wir das als Bezugspunkt
Sie über die VIP-Passagierbrücke zum Flugzeug.” Es gab noch nehmen, dann können wir diese neue Möglichkeit als eine Ver-
zwei Stunden bis zum Abflug. Unter dem Einfluss des Erlebten änderung betrachten, die es vermag im Leben der tschangomad-
sowie des Nichtstuns fing er an, sich entlang des Flughafen- jarischen Menschen ein neues Kapitel zu eröffnen.
zauns in Richtung des hohen eisernen Tores der Frachtpforte
zu bewegen. Als er dort ankam, ging das Tor plötzlich auf. Über Was war bislang die Hürde im Weg der ungarischen Messe?
dem Beton, der sich in Oktoberdunst hüllte, erschien plötzlich die
Sonne. Auf dem Beton näherte sich eine Wagenkolonne, dreißig Man hat bisher die Erfahrung gemacht, dass sich die meisten
Tschaika, Mercedes und elegante, schwarze Wolga, deren Dach Menschen ihrer kleinen Welt zugewandt haben. Niemand hatte
in der Sonne glänzte. Nachdem die Kolonne das Tor verließ, ver- den Mut, den Status quo zu ändern.
langsamte sich die Kolonne und blieb für eine halbe Minute ste-
hen – man musste abwarten, bis die Motorradstaffel, die auf dem Könnte mit der Entspannung auch der geplante Besuch von
Parkplatz wartete, aufgeschlossen hatte. In Armlänge entfernt, in Papst Franziskus in Jassy zu tun haben?
einem der Tschaika, auf dem Rücksitz hatte ein eleganter, glatz-
köpfiger Mann das Fenster heruntergelassen, und winkte freund- Ja, meiner Ansicht nach hatte auch der Papastbesuch einen
lich den auf dem Parkplatz stehenden Menschen zu. Es war Gor- gewissen Einfluss auf die Entscheidung, aber auch die Vorge-
batschow. Csaba F. wurde erst einige Wochen später - nach den schichte war nicht minder bedeutungsvoll. Es ist allgemein be-
weltpolitisch bedeutenden Ereignissen - bewusst, dass ihm an kannt, dass der Bischof von Jassy, Petru Gherghel – auf Grund-
diesem nebligen Nachmittag in Berlin etwas widerfuhr, was ein lage einer Vereinbarung mit Kardinal Péter Erdő – seit zehn
Otto Normalverbraucher nur einmal im Leben erfahren kann: Die Jahren Priester nach Ungarn schickt, die ihre Priesterausbildung
Geschichte fuhr ihm entgegen. hier absolvieren und auch in der Seelsorge eingesetzt werden.
Es scheint, als würde diese Initiative nun Früchte tragen.

Mikrokosmos Ost- und Mitteleuropa s Was bedeutet für die tschangomadjarische Gemeinschaft
die katholische Identität und deren Erleben in der ungari-
Deutsche Volksgruppen schen Sprache?

Leider ist es nicht einfach, das dortige Milieu zu beschreiben.


Die ungarische Sprache und (madjarische) Kultur bestimmt den
Jenseits der Euphorie – ein tschango- Alltag der dort Lebenden. Für sie ist es nicht nur ein kulturelles
madjarischer Priester anlässlich der Kolorit – die Tschangos empfinden es so, als wären sie Teil der
madjarischen Traditionen. Es geht nicht nur darum, dass sie die
ungarischen Messe in Bakau/ Bacău Eigenarten und Werte am Leben erhalten wollen, sondern dass
über die Chancen des Fortbestands diese integraler Bestandteil ihres Alltags sind. Die Volkstracht
der Gemeinschaft tragen sie nicht nur an Festen und ihre Tänze tanzen sie nicht
dann, wenn sie auf einem Festival auftreten. Heutzutage werden
Erschienen am 28. Januar 2019 auf dem katholischen Portal sie von mehreren Ortspfarrern dazu ermuntert, dass sie auch auf
magyarkurir.hu. Aufgezeichnet von Béla Baranyai. Die gedruc- Dorffesten ihre Volkstracht anziehen. Die Besucher sehen viel-
kte Version ist am 3. Februar in der katholischen Zeitschrift „Új leicht nur die Oberfläche, aber die Identität der dort Ansässigen
Ember” erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmi- ist tief verwurzelt. Die Tschangos mögen übrigens das Skansen-
gung des Herausgebers und Chefredakteurs von „Magyar Kurír” dasein nicht, wenn sie gebeten werden, sich so zu kleiden oder
und „Új Ember”, István Kuzmányi. zu sprechen, wie es Außenstehende von ihnen erwarten.

Deutsche Übersetzung: Richard Guth György Jakubinyi, der Erzbischof von Karlsburg/Alba Iulia,
hat in einem „Erdélyi Napló”-Interview* aus dem Jahre 2015
József Tampu-Ababei, tschangomadjarischer Priester des Erz- auf eine Frage hin gesagt, dass er den Romanisierungs-
bistums Gran-Budapest, Leiter der Erzpfarre Unbeflecktes Herz prozess der Tschangos für unumkehrbar hält. Sind in der
Mariä Budapest-Pestszentlőrinc. Wenn Pfarrer Tampu-Ababei zu gegenwärtigen historischen Situation, jenseits der Euphorie
seinen Geschwistern, dem Grab seiner Eltern fährt, dann führt der gestrigen Heiligen Messe, der ungarische Sprachunter-
sein Weg in sein Heimatdorf, Luizi-Călugăra (ung. Lujzikalagor). richt und die ungarischsprachigen Messen in der Tat nur
Wir haben ihn nach der ersten ungarischen Messe in Bakau be- noch gestenhaft und vermögen es lediglich diesen Prozess
fragt. zu verlangsamen?

In der Geschichte des 1884 gegründeten Bistums Jassy/Iași Es ist unbestritten, dass sich der Assimilierungsprozess be-
kommt es zum ersten Mal vor, dass auf dem Gebiet der Di- schleunigt hat und womöglich unumkehrbar ist. Es ist schwer zu
özese regelmäßig – gegenwärtig einmal im Monat – ungari- sagen, wann er begonnen hat. Die Möglichkeit ungarische Mes-
sche Messen gelesen werden. Die erste solche Messe fand sen zu lesen kann den Assimilierungsprozess natürlich bremsen.
Die vollständige Romanisierung setzt voraus, dass alle Tschan-
am Sonntag, dem 27. Januar in Bakau statt. Hat durch die-
gos ihre Identität aufgeben, aber solange es noch eine Handvoll
se Entscheidung die Angelegenheit der Tschangos – in der
von ihnen gibt, für die die Wurzeln wichtig sind, dann bleibt die
Moldau leben verstreut etwa 20.-30.000 Tschangomadjaren –
madjarische Kultur auch erhalten. Solange dort solche Menschen
ihren Tiefpunkt überwunden oder geht es hier eher um eine
leben, für die sie wichtig ist, können wir nicht von vollständiger
symbolische anstelle einer wirklichen und zufriedenstellen-
Assimilation sprechen. Die Bewahrung der Identität kann man
den Lösung?
von außen unterstützen, aber auch die Einheimischen sollten in
ihrer eigenen Kultur überleben.
Ich halte es für eine große und wertvolle Veränderung. Es ist
schwer zu sagen, was wir als Tiefpunkt betrachten. Eher kön-
Wie haben die Tschangos die Nachricht vom Papstbesuch
nen wir von dem Beginn von etwas sprechen. Wir dürfen nicht
aufgenommen?
18 SoNNTAGSBLATT
Sie haben diese auch mit Freude aufgenommen und bereiten se sprachen sie wohl die Mundart, aber die ungarische Literatur-
sich mit viel Liebe und Begeisterung auf den Besuch vor. Es gibt sprache verstanden sie nicht. Für sie war die Sprache der Kirche
welche, die nach Jassy, und welche, die nach Schomlenberg/ das Rumänische. Gegenwärtig würden im Erzbistum in 22 Orten
Șumuleu Ciuc/Csíksomlyó fahren werden, aber unabhängig da- für 10.000 Menschen rumänische Messen gelesen. Nach Jaku-
von sind sie voller Erwartung. binyi, der der Ansicht ist, dass die Assimilierung der Tschangos
_______________________________________ nicht aufzuhalten sei, sei der Tschango in erster Linie ein Bürger
römisch-katholischen Glaubens, aber ohne Nationalbewusst-
Hintergrund: sein. Die ersten spirituellen Erlebnisse, die Erstkommunion, die
Auf einen Beschluss des Dechanats- und Diözesanrats des Bis- Firmung und die Sonntagsmessen würden sich in ihnen allesamt
tums Jassy hin hat Bischof Petru Gherghel genehmigt, dass ab auf Rumänisch verfestigen.
Januar 2019 am letzten Sonntag jeden Monats ab 13:00 in der
St. Nikolaus-Kirche von Bakau eine römisch-katholische Messe
in ungarischer Sprache gelesen wird. Die Messen werden von
den Pfarrern Felix Măriuț (Faraoani) und Andrei Varga (Valea
Seacă) zelebriert.

Quelle: http://www.magyarkurir.hu/hirek/az-eufori- Reisenotizen (7)


an-tul-egy-csango-pap-bakoi-magyar-szentmise-utan-kozos- Unterwart
seg-megmaradasanak-eselyeirol?fbclid=IwAR1mFQOLJzWxf-
v66GGzobC-FLpMboANoeI6XGLZfGz9wwqiNPWupi0doq38 Von Richard Guth

_______________________________________

* Das Interview mit Erzbischof Jakubinyi aus dem Jahre 2015


(Der Fall des Heiligen Stuhls mit Siebenbürgen / A Szentszék
esete Erdéllyel, Magyar Kurír, 9. Februar 2015) enthält wichti-
ge Informationen und bemerkenswerte Aussagen. Der Geistli-
che berichtet im Interview von einem Fall, bei dem ein Priester
der Diözese Karlsburg in die Moldau gefahren sei um dort eine
ungarische Messe zu halten. Aber da er die katholische Kirche
geschlossen vorgefunden hätte, wich er wohl auf die Kneipe
aus. Die Mehrheit der Tschangos habe diese Aktion mit Arg-
wohn beobachtet und man habe diesen Priester mit Hilfe des
Dorfpriesters und des -polizisten verjagt. Jakubinyi berichtete
weiter von einer Aktion von 25 Diözesanpriestern tschangomad-
jarischer Herkunft, die sich an das Bistum von Jassy gewandt Das Gemeindeamt von Oberwart mit zweisprachigen Aufschriften
haben, um die ungarische Messe in den tschangomadjarischen
Dörfern einzuführen. Der Bischof habe diese Forderungen mit „Unterwart wird immer ungarischer”, so die Antwort der aus Un-
der Begründung zurückgewiesen, dass sie nicht Angehörige des garn stammenden Wirtin auf meine Frage hin, wie madjarisch
Bistums Jassy, sondern lediglich dort geboren seien. Als der Ver- denn das Dorf Unterwart/Alsóőr im Bezirk Oberwart noch ist und
band der Tschangomadjaren darum bat, habe er die Antwort er- verabschiedet sich gleich wieder, denn die Arbeit wartet.
halten, dass die Gläubigen keine derartigen Wünsche geäußert
hätten. Jakubinyi führt dies unter anderem darauf zurück, dass Worauf hier die Wirtin anspielt, ist ein Prozess, der seit Jahren
sich die Priester in der Moldau nicht trauten, sich für die unga- andauert: Immer mehr Ungarn (vornehmlich Madjaren) siedeln
rische Messe auszusprechen. Der Erzbischof wagt auch einen sich im Hauptort der Burgenlandmadjaren (oder wie es offiziell
Blick in die Vergangenheit, was wichtig für das Verständnis der heißt: Burgenlandungarn) an, auf der Suche nach einem besse-
Problematik ist: 1946/47 sah sich die kommunisitische Führung ren Leben. „Von den gut 890 Bewohnern (laut Bundesanstalt Sta-
veranlasst (nicht zuletzt wegen der ungeklärten Zugehörigkeit tistik Österreich hatte der Ort am 1. Januar 2018 971 Einwohner,
von Nordsiebenbürgen), den Seklern und den Tschangos ent- davon 271 vorwiegend Deutschsprachige in Eisenzicken, R. G.)
gegenzukommen. Generalsekretär Gheorghe Gheorghiu-Dej gehören nur noch etwa die Hälfte der ungarischen Volksgruppe
schickte 150 madjarische Lehrkräfte in die Moldau. Im gleichen an. Alle anderen sind erst in den letzten Jahren zugezogen, so
Atemzug schrieb er den Bischof von Jassy, Anton Durcovici, an, eine rumänische Familie mit 12 Kindern, tüchtige Leute”, erzählt
mit der Bitte ungarische Messen einzuführen. Daraufhin hat der ein 82-jähriger pensionierter Versicherungskaufmann, dessen
Bischof am nächsten Montag im größten tschangomadjarischen alteingesessene Familie früher eine Ziegelei besaß. Auch ein
Dorf, in Faraoani (ung. Forrófalva), zwei Urnen aufstellen und anderer älterer Herr bestätigt, dass die Madjaren mit oder ohne
die Gemeindemitglieder (die vorher wohl bearbeitet wurden) ab- Ungarn die Mehrheit der Bevölkerung ausmachten. Der 88-Jäh-
stimmen lassen. Nur vier Menschen stimmten für die ungarische rige, dem ich vor der Pfarrkirche begegnete, berichtete auch
Messe in der 5000 Seelen starken Gemeinschaft. Der Bischof davon, dass der ungarische/madjarische Charakter des Dorfes
schickte dieses Ergebnis nach Bukarest und so blieb es bei der markanter wäre als vor 1990. „Selbst solche bekennen sich zum
rumänischen Seelsorge. Auch der ungarische Schulunterricht Madjarentum, die es früher eher verschwiegen haben”, sagte er
blieb nicht lange erhalten, nach Jakubinyis Worten dank der im perfekten Ungarisch. Er selbst habe stets Wert darauf gelegt,
Agitation der rumänischen Priester: Sie wiesen in ihrer Predigt mit seiner Frau ausschließlich ungarisch zu sprechen. Er beob-
darauf hin, dass, während die rumänischen Lehrer der Messe achtet, dass im Vergleich zu früher mehr Ungarisch gesprochen
beiwohnen würden, würden die ungarischen dieser fernbleiben. würde, was sicherlich auf den Zuzug von Ungarn zurückzuführen
So erschienen diese in den Augen der tiefgläubigen Tschangos ist. Einer von ihnen ist ein Mittfünfziger aus Ostungarn, der mit
als Atheisten. Auch andere Beispiele für die fortgeschrittene As- seiner Familie im Cateringlieferbereich tätig ist. „Von den Älteren
similierung der Tschangos brachte der Erzbischof: In den 60er, sprechen alle Ungarisch, was für mich eine große Erleichterung
70er Jahren siedelten sich 4000 Tschangos in der Bergbaustadt ist. Selbst im Gemeindehaus komme ich mit Ungarisch durch”,
Wolkersdorf/Vulcan an. Damals diente im Ort ein Sekler Pfar- so der Ungar.
rer namens István Sántha, der die Tschangos herzlich aufnahm.
Diese Menschen forderten jedoch rumänische Messen. Zu Hau-
(Fortsetzung auf Seite 20)
SoNNTAGSBLATT 19
Was die Sprachkenntnisse der Jüngeren anbelangt, äußert er partner mit Respekt spricht, nicht weniger respektvoll spricht er
Zweifel, wenngleich Kindergarten und Schule auch nach Aus- von Ireneus Galambos, der 25 Jahre lang Pfarrer in Unterwart
sagen meiner Gesprächspartner zweisprachig sind. „Gut Drei- war und genauso dem Orden der Benediktiner angehört wie
viertel der Kinder in Kindergarten und Schule sind Kinder von der jetzige Pfarrer Adalbert Gáspár. Der Friedhof, meine letzte
Neuzugezogenen. Unser Problem ist, dass wir zu wenige Kinder Station, zeugt auch vom Gebrauch der ungarischen Sprache in
haben. Früher war das anders, die Bauernfamilien hatten zehn- Unterwart: Die Mehrheit der Grabmäler sind auf Ungarisch, mit
zwölf Kinder, von denen ja zwar einige im Kindesalter verstor- einer gewissen Tendenz zum Deutschen.
ben sind, aber die Familien waren so viel größer als heute”, so
der ehemalige Versicherungskaufmann. „Das größte Problem ist
das Fehlen von Arbeitsplätzen. Aus der Umgebung von Ober-
wart pendeln jeden Tag mit Bus und Bahn 3800 Menschen nach
Wien. Es gibt zwar auch immerhin 460 Arbeitsplätze in den
hiesigen Industrie- und vor allem Dienstleistungsunternehmen,
aber nicht alle sind Vollzeitstellen. Die meisten Betriebe sind im Reisenotizen (8)
Gemeindegebiet Unterwart angesiedelt, was der Gemeinde Ein-
nahmen bringt”, so der 82-Jährige. Sein Werdegang zeigt auch
Gornji Senik - Unterzemming
die Strukturschwäche des Ortes, denn er selbst arbeitete jahr- Von Richard Guth
zehntelang im Wiener Süden. „Nur wenige haben das Glück, vor
Ort eine einträgliche Anstellung zu finden”, ergänzte er. Abwan- Es ist nicht mein erster Besuch im Slowenischen Raabgebiet,
derung sei dabei ein historisches Phänomen in dieser Region: wie man das auf Ungarisch „Vendvidék” genannte Gebiet im
Er berichtet davon, dass lange die gräfliche Familie Erdődy der Dreiländereck im Südwesten Ungarns auf Deutsch nennt. Die
größte Arbeitgeber des Ortes war – die Familie besaß nach An- Ureinwohner, die ungarländischen Slowenen, nennen dieses
gaben des 82-Jährigen 11 Meierhöfe in der Umgebung; seine Gebiet im Übrigen Slovensko Porabje. Ihre Zahl schätzt man in
Großeltern hätten noch beim Grafen gearbeitet. Das geringe An- diesem Gebiet auf etwa 3000 und sie stellen trotz Bevölkerungs-
gebot an Arbeitsmöglichkeiten führte auch zur Auswanderung bewegungen wie Zu- und Abwanderung sicherlich immer noch
nach Amerika, 87.000 Menschen insgesamt verließen nach sei- die Mehrheit der Bevölkerung.
nen Angaben das Burgenland. „Ich habe mehr Verwandte in den
USA als hier”, schmunzelt er. Eine Landschaft empfängt den Besucher, die eher an Öster-
reich und Slowenien erinnert als an Ungarn – und in der Tat,
Und in der Tat begegne ich auf Schritt und Tritt Menschen über das Slowenische Raabgebiet zählt man zum Voralpenland. Auch
50-60 Jahre, die meisten sind aber wohl im Rentenalter – was die Siedlungsstruktur mit kleinen Kerndörfern und zerstreuten
natürlich kein repräsentatives Ergebnis ist, sondern ein flüchtiger Bauernhöfen mit großen Grundstücken verstärken diesen Ein-
Eindruck. Nach Angaben meines 88-jährigen Gesprächspartners druck. Wenn der Besucher von Slowenien aus das Slowenische
bemühe sich die Bürgermeisterin Klara Liszt, selber ehemalige Raabgebiet ansteuert, dann fällt auf, was sich im Übrigen auch
Schulleiterin in Wien, Stellung und den zweisprachigen Charak- statistisch belegen lässt: Das Raabgebiet auf der slowenischen
ter der Bildungseinrichtungen zu stärken. Im Dorf trifft man auf Seite ist wohlhabender als auf der ungarischen Seite. Dies mag
Schritt und Tritt auf ungarischsprachige Inschriften und Informa- sicherlich auch historische Gründe haben, war das Grenzgebiet
tionen: So sind das Ortsschild, die Aufschriften auf öffentlichen besonders ungarischerseits streng bewacht – also ganz schön
Gebäuden, die Straßenschilder sowie viele Aushänge an den abgelegen, was beispielsweise in der DDR zum Sterben ganzer
Bildungseinrichtungen, dem Ungarischen Medien- und Informa- Landstriche in der so genannten Todeszone bedeutete.
tionszentrum und der Kirche zweisprachig. Offizielle Bekannt-
machungen sowie kommerzielle Aufschriften und Informationen
sind hingegen fast ausschließlich auf Deutsch verfügbar, was
dem Gebrauch der ungarischen Sprache doch Grenzen setzt.

Im Vergleich zu Ungarn scheint die Möglichkeit des Gebrauchs


der ungarischen Sprache im religiösen Leben viel größer zu
sein. Jeden Sonntag findet eine Messe auf Ungarisch statt, die
Sprache der Werkstagsmessen bestimme derjenige, für dessen
Angehörige die Messen gelesen werden, so mein 88-jähriger
Gesprächspartner. Viele der Aushänge sind zweisprachig, der
Pfarrer ein Siebenbürger Madjare, von dem mein Gesprächs-

WIR Bedanken UNS bei Allen unseren Lebensmittelgeschäft in Oberzemming

LANDSLEUTEn IN UNGARN, Die DAS 1 % Gornji Senik, zu Deutsch Oberzemming, gilt gemeinhin als
Zentrum der ungarländischen Slowenen. So wird das Dorf von
IHRER STEUER UNSEREM VEREIN zweisprachigen Schildern gesäumt, man hört hier und da ein
slowenisches oder - wie es hier heißt - wendisches Wort. Der
ZUKOMMEN Ließen. Ort verfügt über eine zweisprachige Grundschule, aber wie unter
meinen Gesprächspartnern eine junge Frau Anfang 30 erzählt,
die Jugendlichen würden sich auch in dieser Hochburg der Slo-
wenen vornehmlich der ungarischen Sprache bedienen. Eine
junge Dame Anfang 20, die auch in der slowenischen Jugend-
arbeit aktiv ist, liefert eine mögliche Erklärung dafür: Bis vor fünf
jakob bleyer Jahren sei diese Schule nur dem Namen nach zweisprachig ge-
GEMEINSCHAFT e.V. wesen, in der Wahrheit habe man fünf Slowenischstunden pro
Woche gehabt, Fachunterricht hingegen nur auf Ungarisch er-
teilt. Im Kindergarten habe man hingegen stets Wert auf das Mo-
20 SoNNTAGSBLATT
dell „eine Erzieherin - eine Sprache” gelegt. Ein anderer junger wiederum die Katholische Kirche Vorschub. Nach langen Jahren
Herr ergänzt später in Unterzemming, dass in Oberzemming die des Dienstes von slowenischsprachigen Geistlichen (erstaunli-
Über-50-Jährigen durchweg das Wendische im Alltag benutzten cherweise findet man aber so gut wie keine slowenischsprachi-
– somit scheinen sie im Vergleich zu uns Ungarndeutschen einen gen Grabmäler im Friedhof) haben die wendischen Dörfer der
„Vorsprung” von einer Generation zu haben, jetzt abgesehen von Umgebung seit 2010 einen madjarischen Pfarrer, der des Slo-
möglichen regionalen Unterschieden bei uns Deutschen. wenischen, so mein Eindruck, ein wenig mächtig ist, dennoch
ungarische beziehungsweise – wie er bestätigt – zweisprachige
Beide jungen Damen weisen auch auf ein anderes Phänomen Messen lese - aber doch eher ungarische und schmunzelt da-
hin, was Auswirkungen auf den Gebrauch des Wendischen hat: bei, was bei mir ein seltsames Gefühl hinterlässt. Was das in
den Zuzug von Menschen, meist Madjaren, aus anderen Orten, der Praxis bedeutet, das bestätigen ältere Damen, die vor der
viele von ihnen aus der Hauptstadt. Diese Entwicklung habe ich Kirche auf den Messbeginn warten: slowenische Liturgie mit
auch andernorts wahrnehmen können: neulich im burgenländi- ungarischer Predigt. Alle drei Wochen würde ein slowenischer
schen Unterwart (siehe Reisenotizen (7) in dieser Ausgabe) oder Geistlicher aus Slowenien eine Messe auf Wendisch lesen. Die
in Ödenburg vor zwei Jahren. Von dieser Zuwanderung oft auch Unterzemminger haben es dabei noch schlechter – deutsche
aus anderen Teilen des Landes ist auch der Nachbarort Unter- Messen? Fehlanzeige - und das einen Kilometer vom nächsten
zemming betroffen, einst eine Gemeinde mit deutscher Bevölke- österreichischen Dorf entfernt!
rung. „Es gibt kaum noch Alteingesessene, oft fühle ich mich hier
fremd”, berichtet ein Mittsiebziger deutscher Nationalität. Dieses

s
Gefühl des Verlustes hat dabei auch historische Gründe: Nach
dem Zweiten Weltkrieg wurden sechs-sieben Großfamilien ver- Sonntagsblatt und Wirtschaft
trieben, der größere Aderlass erfolgte nach Erinnerungen meiner
Gesprächspartner 1956, infolge dessen sich viele Slowenen, un-
weit der österreichischen Grenze, niederließen, so dass sie heu- Mit ungarndeutschen
te etwa ein Fünftel der Bevölkerung der einst deutschen Gemein-
de stellen. Sprachlich wären sie bis auf ein-zwei Familien aber
Ortsnamen zum Erfolg
weitgehend assimiliert, dies gelte auch für viele der alteingeses-
senen Deutschen, von denen es – so der Eindruck des älteren Wudigesser Firma Zaunsystem GmbH deckt das
Herrn – nicht mehr viele gäbe. Vor allem an jungen Menschen deutschsprachige Ausland mit „ungarndeutschen” Zäu-
fehle es - in einer nie wirklich bevölkerungsreichen Gegend. Die nen ein
verbliebenen deutschen Schulkinder besuchen entweder die slo-
wenisch-ungarisch zweisprachige Oberzemminger Grundschule Von Richard Guth
oder eine Einrichtung im nahe gelegenen St. Gotthard. Einer
meiner Gesprächspartner in der Dorfkneipe betont hingegen, Jeine, Wudersch, Schaumar, Werischwar, Maan und Edeck
dass 80-90 % der Dorfbewohner in Unterzemming in der Lage – Ortsnamen, die den meisten Sonntagsblatt-Lesern geläufig
wären, mit einem Österreicher zu kommunizieren, was sicherlich sind. Ortsnamen, die womöglich auch in immer mehr schweizeri-
mit der Häufigkeit der Arbeitsaufnahme im Nachbarland zu tun schen, österreichischen und deutschen Haushalten Gegenstand
hat. Dennoch sind in Unterzemming alle öffentlichen Aufschrif- von Familiengesprächen sind. „Als wir durch die Ortschaften der
ten dreisprachig, Straßennamen inbegriffen. Selbst die Deut- Umgebung fuhren und die deutschen Ortsnamen lasen, kam uns
sche Nationalitätenselbstverwaltung empfängt ihre Besucher mit die Idee, dass wir unsere Zaunmodelle nach diesen benennen
einem dreisprachigen Schild. Ein etwas anderes Bild wie in den könnten”, erzählt Stevan Kraljevic, Geschäftsführer der Zaunsys-
von Madjaren bewohnten Ortschaften auf der slowenischen Sei- tem Kft. (GmbH) in Wudigess / Budakeszi.
te, wo man seltener auf zweisprachige Schilder stößt. Trotzdem,
so der Eindruck zweier junger Gesprächspartner, seien aktive Das Familienunternehmen wurde 1988 als Eisenhandelsfirma
Ungarischkenntnisse im Kreise der slowenienmadjarischen Ju- vom Schwiegervater des Geschäftsführers gegründet – heute
gendlichen viel verbreiteter als aktive Slowenischkenntnisse im hat das Familienunternehmen mehrere Standbeine: Neben der
Kreise ungarnslowenischer Jugendlicher. Herstellung von Metallprodukten, die unter anderem an die be-
rühmte Metallfirma ISD Dunaferr AG geliefert werden, stellt es für
die Endkunden im deutschsprachigen Ausland Zaunsysteme her.
Dabei sei Qualität oberstes Gebot, so Kraljevic, und demonstriert
dies an einem Arbeitsprozess, der in der Produktionshalle gerade
stattfindet: Das Ebnen einer Metallstange, was eine doppelte Be-
arbeitungszeit wie bei herkömmlichen Methoden bedeuten wür-
de, dafür aber für Qualität sorge. Die einzelnen Teile des Zaunes
werden von eigenen Mitarbeitern zusammengeschweißt, dabei
bemühe man sich, die Stellen, an den die Schweißer arbeiteten,
unsichtbar zu machen. Das Verzinken überlässt man nach Wor-

Folgen Sie dem


Der Schild der örtlichen deutschen Selbstverwaltung
Sonntagsblatt und der
Aber auch das Slowenische spiele zunehmend eine Rolle, so
ein junger Mann Ende 20, der in Marburg/Maribor Bachelor stu-
JBG auch auf Facebook:
diert hat und in einer Mischehe aufgewachsen ist. Er nennt als
Beispiel die Ansiedlung zweier slowenischer Firmen im Indust-
riegebiet von Sankt Gotthard. Meine Gesprächspartner aus der
Unterzemminger Kneipe meinen, dass fast alle Oberzemminger facebook.com/sonntagsblatt.hu
aus den Generationen unter 50 in der Lage wären, mit den Slo- facebook.com/jbg.hu
wenen von drüben zu kommunizieren – aber eben würden sie
das Slowenische im Alltag nicht mehr als Muttersprache ver-
wenden. Diesem Prozess des Muttersprachenverlusts leistet
SoNNTAGSBLATT 21
ten des Geschäftsführers aber Subunternehmen, die sich darauf
spezialisiert haben. Ansichten - Einsichten s
Dabei sei es immer schwieriger, genügend Personal zu finden.
Dies gilt nicht nur für die Subunternehmen, wo die Jüngsten zur
Mittfünfziger-Generation gehörten, sondern auch für das eigene Europa – quo vadis?
Unternehmen: Die GmbH sucht händeringend nach deutsch-
sprachigen Bürokräften, ungarischsprachigen Fach- und Hilfs-
Wirtschaft und Politik
kräften, Schlosser zu finden sei dabei so gut wie hoffnungslos, aus sozialethischer Sicht
so der 36-jährige gebürtige Montenegriner, der seit 19 Jahren
in Ungarn lebt. Das liege nach Eindruck des Geschäftsführers
weniger am Geld, denn man zahle mittlerweile europäische Sectio Theologica der Bayerischen Beneditkinerakademie
16. 4. 2018, Wien
Durchschnittslöhne, vielmehr daran, dass in den Berufsschulen
zu wenig ausgebildet würde. Früher hat man nach Erinnerun- von Prof. Dr. Ingeborg Gabriel
gen von Kraljevic Berufspraktika angeboten, aber seit geraumer
Zeit komme keiner, obwohl die Zaunherstellung keine Schwerst-,
sondern vielmehr eine kreative Arbeit darstelle. Ein weiteres Pro- Herzlichen Dank für die Einladung. Das Thema, das mir die Ka-
blem sei, dass große Firmen aus der Metallbranche wie Audi und tholische Akademie gestellt hat, ist sehr umfassend und ich hoffe
Mercedes den mittelständischen Firmen die Fachkräfte entzie- sehr, dass sie keine vollständige Antwort erwarten.
hen würden.
Dennoch: Gerade angesichts der rasanten Umbrüche, die wir
Dies hätte Konsequenzen für Umsatz und Wachstumsmöglich- heute erleben und die uns teils orientierungslos zurücklassen,
keiten: „Wir könnten ohne Weiteres die Produktion verdoppeln, erscheint es sinnvoll, wenigstens den Versuch zu unternehmen,
wenn wir genügend Nachwuchs hätten. So müssen wir viele Auf- unterschiedliche politische und wirtschaftliche Entwicklungen zu-
träge ablehnen. Aber wir sind auf der anderen Seite ein Nischen- sammen zu denken und sie einer sozialethischen Bewertung zu
produkt, Masse könnte auf Kosten der Qualität gehen.” Die Firma unterziehen. Diese schließt für Christinnen und Christen immer
auch eine theologische Grundperspektive ein. Methodisch folge
erwirtschaftet 300 – 400.000 Euro (100 – 130 Millionen Forint)
ich damit den Spuren von Gaudium et spes, das die humanwis-
Umsatz im Jahr und beschäftigt 8-10 Mitarbeiter. Mit den Sub- senschaftliche Ebene (skizziert im ersten noch immer lesenswer-
unternehmen sichert Zaunsystem nach Worten des Geschäfts- ten Teil GS 4-11) mit der ethischen und theologischen Dimension
führers 25 – 30 Menschen teilweise den Lebensunterhalt. verschränkt mit dem Ziel, die Zeichen der Zeit in einer bestimm-
ten Epoche zu deuten, das heißt sie auf ihre humanen Potentiale
Die Zahl der Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz hin abzuklopfen, was ja immer schon eine theologische Dimen-
beläuft sich mittleweile auf über 1200, dabei gäbe es große re- sion einschließt, da Gott - um es ganz simpel zu sagen – das
gionale Unterschiede. Der stärkste Markt ist der österreichische, Gute für die Welt und Menschen in jeder Zeit und an jedem Ort
gefolgt von der schweizerischen, der kleinste ist der deutsche. will und wirkt. Ein Mehr an Humanität entspricht damit allemal
Hier gäbe es ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: „Unter den 1200 dem göttlichen Willen.
Kunden seit 2011, als das Auslandsgeschäft aufgemacht wur-
de, gab es lediglich fünf nord- und ostdeutsche.” Dieser Teil des „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf
gebracht.“ – reimte Heinrich Heine Mitte des 19. Jhdts. Dieser
deutschen Markts würde nach Eindruck von Kraljevic von pol-
Reim ließe sich heute auf Europa übertragen (damit ist im Fol-
nischen Firmen dominiert, die aber qualitativ nicht so hochwer- genden vor allem die EU gemeint). Vielfältige, sich verdichtende
tige Produkte anbieten würden. Auch die deutsche Konkurrenz Krisensymptome stellen die Europäische Union mit ihren Insti-
schlafe nicht, punkten könnte man da preislich: Die Preise der tutionen aber darüber hinaus die Strukturen und Menschen des
deutschen Firmen lägen um 50 - 60 % über die von Zaunsys- Kontinents vor eine Vielzahl neuer Herausforderungen. Diese
tem, die der schweizerischen noch deutlich drüber. Das bewe- sind in unterschiedlichen Regionen und Nationen verschieden
ge die Firmen dazu, mit der ungarischen Firma aus Wudigess und auch unterschiedlich intensiv ausgeprägt. Das Auseinander-
zu kooperieren, so der Mittdreißiger. Das bedeutet je nach Land driften der nördlichen und südlichen Staaten nach der Finanz-
eine unterschiedliche Vorgehensweise: In Österreich setze man krise von 2008, die immer offenkundiger werdenden politischen
auf eigene Konsultation, Bemessung und Montage, auch dank Risse zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil der EU,
der geografischen Nähe Österreichs zum Produktionsstandort also den alten und den 2004 (respektive 2007) der EU beigetre-
in der Nähe der Westautobahn M1. In der Schweiz arbeite man tenen zuvor meist kommunistischen Mitgliedsländern, sowie die
mit Partnerfirmen zusammen, die die Montage übernehmen wür- zunehmende Attraktivität nationalistischer Parteien mit europa-
feindlicher Ausrichtung, die eine Schwächung ja Zerschlagung
den. Dies liege daran, dass die Schweizer den eigenen Leuten
der EU anstreben, wie auch die sich rasch wandelnden geo-
eher vertrauen würden. Im Falle Deutschlands würden die Zaun- politischen Konstellationen können einem tatsächlich den Schlaf
elemente entweder örtliche Handwerker zusammenbauen oder rauben. Dies gilt nicht nur für politische Verantwortungsträger,
die Kunden selbst: „In Deutschland hat jeder Hilti-Geräte in der sondern für alle Bürger und Bürgerinnen, die ja in Demokratien
Garage stehen”, schmunzelt Stevan Kraljevic. Kooperation hin Mitverantwortung tragen und – darauf komme ich am Ende zu-
und her, der Kunde erfahre so oder so viel Aufmerksamkeit: „Der rück – stellt auch Christen vor die Frage nach ihrem möglichen
Kunde bekommt zuerst Referenzadressen, die sich nicht weiter Beitrag. Denn: Die politischen, wirtschaftlichen wie kulturellen
als 10-15 Kilometer befinden, in Deutschland mit einem dichten Folgen einer Desintegration der EU wären zweifellos katastro-
Autobahnnetz 30 Fahrminuten. Vor der Bestellung bekommt der phal und sind im Detail gar nicht vorstellbar.
Kunde auch eine aufwendige Dokumentation mit Schaubildern.
Bei der Herstellung spielen dann Norm und Design eine gleich Das durchgängig düstere Bild sollte jedoch durch einen Blick an
große Bedeutung”, erklärt der Geschäftsführer. die Peripherien Europas ergänzt werden. Denn dort befinden
sich jene Staaten, die sich weiterhin mit allen ihnen zur Verfü-
gung stehenden Mitteln um den Beitritt zur EU bemühen, in der
Nach dem Besuch bei der Firma fällt mir etwas ins Auge: Die Hoffnung dadurch ihre Konflikte entschärfen, den Frieden zu si-
akkurat aufgereihten Zäune, die vor der Fertigungshalle zum Ab- chern und am Wohlstand teilhaben zu können. Jeder der einmal
transport bereit stehen, und damit auch ein Stück unseres Erbes, in Albanien, in Mazedonien oder gar Moldawien, aber auch in
auch wenn in etwas ungewöhnlicher Konstellation. Serbien und der Ukraine war, kann davon berichten. Auch auf
den großen Demonstrationen gegen Korruption in den letzten
Jahren in Rumänien und Bulgarien sah man überwiegend EU
Flaggen. Ihre Teilnehmer hofften auf die Durchsetzung euro-

22 SoNNTAGSBLATT
päischer Standards. Dies alles sowie die Europabegeisterung Restriktionen befreite entfesselte, grenzenlose globale Markt
in Nordirland angesichts des drohenden Brexit zeigt, dass die die ultimative Verwirklichung wirtschaftlicher Freiheit darstellt,
ursprünglichen Motive und Ideale der EU überall dort relevant die immer und überall zu mehr Wohlstand führt. Staatliche Ein-
sind, wo sie noch nicht verwirklicht oder gefährdet sind. Diese griffe jeglicher Art sind hier kontraproduktiv und wirken sich not-
Prozesse europäischer Integration sind jedoch nicht, wie wir lan- wendig wirtschaftlich nachteilig aus. Die dahinter stehende Vor-
ge etwas geschichtsvergessen geglaubt haben, unumkehrbar. stellung eines ökonomischen Gleichgewichtsdenkens geht von
Friede und Wohlstand sind keine Selbstverständlichkeit, sondern der mechanistischen Vorstellung aus, dass sich Markt-Gleichge-
stellen in der Geschichte eher die Ausnahme dar. Daran gilt es wichte jedenfalls langfristig von selbst einstellen. John Meynard
sich heute zu erinnern, um das Erreichte wertzuschätzen und die Keynes, der große britische Ökonom der Nachkriegszeit, hat
Probleme mit Entschiedenheit anzugehen. dies mit britisch-pragmatischem Humor einmal so kommentiert:
„but in the long run we are all dead.“ Und weiter: . „Economists
Wieso – so frägt man sich jedoch – treffen die Krisen die Idee set themselves too easy, too useless a task if in tempestuous
eines vereinten Europas so hart, wo doch - trotz aller Defizite - seasons they can only tell us that when the storm is long past
die letzten 60-70 Jahre zweifellos eine Erfolgsgeschichte waren? the ocean is flat again.“ Seine eigene ökonomische Theorie,
Denn: Jeder Blick zurück in das 19. Jhdt. und die erste Hälfte die den Staat als Stimulator der Wirtschaft in die Pflicht nimmt,
des 20. Jhdt. Lehrt uns, dass Europa nie reicher und friedlicher basiert auf den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise der 1930er
war als heute. Jahre. Diesem antietatistischen Gleichgewichtsdenken eignet so
ein anarchistischer Zug. Es wird heute vor allem von der neuen
Ich möchte den folgenden Überlegungen die These zugrunde Rechten in den USA und (wenn auch hier weniger radikal) in Eu-
legen, dass es sich primär um geistige und ethische Orientie- ropa vertreten und findet durchaus auch im katholischen Raum
rungskrisen mit einer wirtschaftlichen, politischen und kulturel- seine Fürsprecher. Der Globalismus mit seiner radikalen Skepsis
len Dimension handelt und erst in zweiter Linie um institutionelle gegenüber wirtschaftspolitischer Steuerung führte verbunden mit
Probleme. Also, die Blickrichtung einmal umdrehen! Ich möchte der Globalisierung zu unterschiedlichen Krisen (Nahrungsmittel-
die Frage Europa quo vadis? dabei entlang klassischer Prinzi- krisen, Energiekrisen). Als am dramatischsten erwiesen sich die
pien der katholischen Sozialethik – Solidarität und Gemeinwohl Finanzkrisen, die sich nach der Deregulierung der globalen Fi-
und, so sei hinzugefügt, Versöhnung -thematisieren. Max Weber nanzmärkte 1991 multiplizierten, vor allem jene von 2008, deren
hat einmal geschrieben, dass die Geschichte von Interessen und Folgen bis heute spürbar sind. Die damals notwendigen „Ban-
Ideen bestimmt ist. Ich gehe also davon aus, dass wir es heute kenrettungen“ ließen die Staatsschulden in vielen europäischen
vor allem mit einem Defizit an wirksamen und praktizierten hu- Ländern stark ansteigen. Noch schwerer wiegt, dass das Mene-
manen und geistigen Ideen zu tun haben. tekel einer weiteren Finanzsystemkrise nach Ansicht praktisch
Ein zweiter die folgenden Überlegungen leitender, stärker struk- aller Experten bisher in keiner Weise gebannt werden konnte.
tureller Gedanke stammt von dem 2009 verstorbenen liberalen
Soziologen und Sozialphilosophen Ralf Dahrendorf. Er hat das Globalisierung und Globalismus führten zudem zu Reichtums-
Verhältnis von liberaler Wirtschaftsordnung und liberaler politi- konzentrationen, die jenen vor dem Ersten Weltkrieg vergleich-
scher Ordnung treffend als Quadratur des Kreises charakteri- bar sind. Für wirtschaftliche Großakteure, Unternehmen wie Ban-
siert. Während nämlich die national verankerte demokratische ken, erweist sich der Wegfall nationaler Verankerungen insofern
Politik auf dem Grundsatz der Gleichheit basiere (one man one als vorteilhaft, als sie sich so staatlichen Regulierungen und ihrer
vote), sei die liberale Wirtschaftsordnung tendenziell anti-egali- Steuerpflicht teilweise oder zur Gänze entziehen können. Der
tär. Die Globalisierung hat diese im System grundgelegte Span- Wettbewerb unter Staaten führt zudem zu einem bottom down
nung nochmals radikal verschärft. Sie konnte durch Politik und race hinsichtlich von Gewinn- und Unternehmenssteuern und er-
Interessenverbände nämlich nur solange halbwegs ausgegli- möglicht die nicht marktkonforme Aushandlung von Steuervor-
chen werden, als Staat und Wirtschaft über weite Strecken noch teilen und Subventionen. Ein schon skurriles Beispiel dafür ist,
deckungsgleich waren. dass der Großkonzern Apple Irland, dem Land in der EU mit den
niedrigsten Gewinnsteuern und damals noch einer der höchs-
Wirtschaft in Europa: Krise der Solidarität und des Gemein- ten Staatsverschuldungen aufgrund des Bailouts einer Bank,
wohlgedankens Steuern von Milliarden Euro nachzahlen sollte. Irland lehnte dies
ab, um seinen Standortvorteil für Großunternehmen nicht zu ge-
Die soziale - später öko-soziale - Marktwirtschaft war ein Kind fährden und sollte dazu von der zuständigen EU-Kommission
der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Sie ermöglichte in allen Ländern gezwungen werden. Diese Vermögens¬konzentrationen sind
Europas ein in der Geschichte einmaliges Maß an sozialem Aus- aus sozialen, aber auch aus wirtschafts- und demokratiepoliti-
gleich, nicht zuletzt durch die Bereitstellung einer Vielzahl öffent- schen Gründen besorgniserregend. Konzerne können aufgrund
licher Güter und trug so zu einer gerechteren Verteilung der er- ihrer schieren Finanzmacht die Entstehung von Gesetzen durch
wirtschafteten Vermögen bei gleichzeitiger starker Erhöhung der Lobbying ebenso wie deren Auslegung zu ihren Gunsten beein-
Produktivität bei. Dieser so genannte rheinische Kapitalismus flussen und die öffentliche Meinungsfreiheit einschränken. Dafür
verlor angesichts der Globalisierung teilweise seine institutionel- zwei Beispiele: Eine mir bekannte Handelsrichterin antwortete
le Grundlage. „Die Stürme der Globalisierung haben“ – wie der auf meine Frage, warum Prozesse gegen Großunternehmen und
deutsche Politikwissenschaftler Hauke Brunkhorst formuliert - Banken so lange dauern, dass die Zahl der Richter in keinem
„die wichtigsten Funktionssysteme und Wertsphären der Gesell- Verhältnis zur Zahl der, überdies um vieles besser bezahlten
schaft aus ihren nationalstaatlichen Verankerungen gerissen“. Rechtsanwälte, Steuerprüfer, Wirtschaftstreuhänder usw. stehe,
Die der Globalisierung zugrunde liegenden technischen Erfin- die von Seiten der Großunternehmen den Prozess begleiten.
dungen revolutionierten in nur 30 Jahren alle Lebensbereiche. Massive finanzielle Ressourcen verschaffen so wirtschaftlichen
Die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Rahmenbedin- Großakteuren Vorteile, ohne dass Korruption im Spiel ist, die die
gungen änderten sich seit den 1980er Jahren radikal. Dies gilt Rechtserstellung- und -durchsetzung darüber hinaus gefährdet.
vor allem für die Wirtschaft. Durch die Möglichkeit globaler Kom- Sie (Anm.: die finanziellen Ressourcen) können zudem einge-
munikation in Echtzeit wurde ein globaler Markt überhaupt erst setzt werden, um die öffentliche Meinung in eine genehme Rich-
geschaffen und die Entstehung globaler Wertschöpfungsketten tung zu lenken und Kritik zu unterbinden. So sagte, um auch hier
ermöglicht. Ein Ende der Entwicklung sowie ihre langfristigen ein Beispiel zu nennen, vor einigen Jahren ein Universitätsdo-
Folgen für Europa sind noch nicht absehbar. Eindeutig ist jedoch, zent für Wirtschaftswissenschaften in einer Radiosendung etwas
dass neben Produktivitätsgewinnen aufgrund globalen Wettbe- flapsig, dass die Hypo-Alpe-Adria ihre mitteleuropäischen (Kon-
werbs auch massive Ungleichgewichte entstanden sind. zern)-Töchter wohl schwer an den Mann bringen werde, was den
Die technisch induzierte Globalisierung war überdies von einer Schaden mutmaßlich erhöhe. Wiewohl sich diese Aussage als
ideellen Komponente begleitet, die der deutsche Soziologe Ul- durchaus fundiert erwies, erhielt er noch am selben Tag ein Fax
rich Beck als Globalismus bezeichnet hat. Diese Unterscheidung der Rechtsanwälte dieser damals vom österreichischen Staat mit
ist insofern sinnvoll als der Globalismus anders als die Globalisie- Milliarden gestützten Bank mit einer Klagedrohung und der Auf-
rung durch politische Entscheidungen und eine situationsgemä- forderung 10 000 Euro zu zahlen. Er setzte sich mit einem Artikel
ße Anwendung der libertär-wirtschaftlichen Ideologie grundsätz- in einer Tageszeitung zur Wehr, worauf, wie ich erfuhr, die Ange-
lich beeinflussbar ist. Ihr Grundgedanke ist, dass der von allen (Fortsetzung auf Seite 24)

SoNNTAGSBLATT 23
legenheit von der Bank nicht weiter verfolgt wurde. Seine unbe- hätte. Das Fehlen einer vergemeinschafteten Wirtschafts- und
strittene fachliche Kompetenz war hier sicher hilfreich, doch das Sozialpolitik machte die Staaten anfällig für wirtschaftliche Dyna-
Beispiel zeigt, wie leicht hier Einschränkungen der Meinungsfrei- mik, die in den jetzigen Zustand divergenter Entwicklungen füh-
heit durch Einschüchterung umzusetzen sind. ren. Die heute allgemein als voreilig eingestufte Einführung des
Euro als Gemeinschaftswährung wurde unter diesen Bedingun-
Trotz dieser Nebenwirkungen dominiert die verführerisch einfa- gen zu einem gewagten Experiment mit weiterhin ungewissem
che wirtschaftliche Gleichgewichtslogik sich selbst regulierender Ausgang. Die Annahme, dass hier wie in anderen Fällen die
Märkte (ursprünglich Ausfluss eines optimistischen deistischen europäische Politik nachziehen und der Euro zur Triebkraft einer
Vorsehungsglauben, der bei Adam Smith noch durch die un- vertieften politischen Integration Europas werden würde, hat sich
sichtbare Hand, nun des Marktes, repräsentiert wird) weiterhin jedenfalls angesichts der sich globalisierungsbedingt verstär-
im akademischen Bereich wie auch in der Öffentlichkeit, wiewohl kenden zentrifugalen Kräfte, vor allem im Finanzbereich, nicht
hochrangige Wirtschaftswissenschafter die Mainstream-Ökono- bewahrheitet. Die Griechenlandkrise mit ihren dramatischen so-
mik öffentlichkeitswirksam als ideologisch entlarven (so promi- zialen Folgen war und ist die tragische Folge. Sie vergiftet das
nent Joseph Stiglitz und Jeffrey Sachs). Die Mainstream -Öko- politische innereuropäische Klima bis heute. Vor allem sie kehrt
nomik herrscht auch an manchen katholischen Universitäten vor, die ursprünglichen Parameter um. Bei einer Tagung von Iustitia
nicht zuletzt weil da sich dafür leicht finanzkräftige Sponsoren in Rom im Jahre 2013 zum Thema Gemeinwohl beschwerte sich
finden lassen. Zu dem wirtschaftstheoretischen Defiziten kom- ein Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank wie damals en
men beachtliche praktische Schwierigkeiten: Kooperationsab- vogue über die unverantwortlichen Griechen. Auf meine Frage
kommen zwischen den 196 Staaten weltweit mit jeweils höchst nach dem Vortrag, ob es stimme, dass ca. 90% der europäi-
unterschiedlichen Interessen auf den Weg zu bringen, um Steu- schen Finanzhilfen an deutsche und französische Banken zu-
eroasen auszutrocknen, den Klimawandel zu bekämpfen u. Ä. rück geflossen seien, meinte er etwas verlegen: Ja, sie haben
m. sowie die Überwachung der Einhaltung der Verträge sind bei- recht. Die Komplexität dieses Vorgangs mit zwischengeschal-
nahe unmöglich geworden. Doch gerade hier böte eine koordi- teten Hedgefonds kann hier nicht nachgezeichnet werden und
nierte Zusammenarbeit innerhalb der EU gewisse Chancen, die wird, was zusätzlich beunruhigt, selbst von Finanzexperten und
bisher jedoch meist wegen möglicher Wettbewerbsnachteile (so Bankmanager nur teils durchschaut. Was sich jedoch hier wie in
im Falle der bereits beschlossenen Finanz-transaktionssteuer) anderen Fällen zeigt, ist, dass die wirtschaftliche Integration als
verhindert wurden. vorrangiges Instrument zur politischen Integration Europas seit
2008 vielfach zu einem Faktor der Desintegration geworden ist
Doch die Folgen dieser ideologischen und wirtschaftspolitischen und den Zerfall der EU durch die Entstehung nationalistischer
Einseitigkeiten sind gravierend: Wachsende Staatsverschuldung Politk befördert.
aufgrund des Ausfalls der Steuereinnahmen von Großunter-
nehmen, sinkende Gewinnsteuern aufgrund des Standortwett- Doch: Die Wirtschaftspolitik in allen Ländern Europas basiert
bewerbs, aber auch gar nicht marktkonforme Subventionen für auf politischen Entscheidungen, die – vor allem wenn innerhalb
Konzerne, um Arbeitsplätze zu sichern und im Land zu halten der EU koordiniert – trotz der Globalisierung bis zu einem ge-
sowie bail-outs jener Bankinstitute, die zu groß sind, um sie fal- wissen Grad steuerbar sind. Es wäre daher möglich, die Idee
len zu lassen (too big to fail), Externalisierung von sozialen und innereuropäischer Solidarität sechzig Jahre nach Gründung der
ökologischen Kosten u. Ä. m., um nur die wichtigsten Kollate- Europäischen Union angesichts der neuen geopolitischen und
ralschäden zu nennen. Ausgabenreduktionen im Infrastruktur-, geowirtschaftlichen Gegebenheiten neu zu denken. Wie könnten
Sozial- und Bildungsbereich oder weitere Schulden nicht nur des – so die Frage – neue kreative Ideen aussehen, die jenen der
Staates, sondern auch der Länder und Kommunen sind die Fol- Vordenker der europäischen Ordnung entsprechen? Was käme
ge, wobei beides zu Lasten der Zukunft unserer Gesellschaften heute der genialen Idee eines Jean Monnet gleich, der bereits
geht. „Lauter kleine Griechenländer“ titelte eine deutsche Tages- in der Zwischenkriegszeit den Plan für eine europäische Nach-
zeitung vor einiger Zeit mit Blick auf die deutschen Kommunen. kriegsordnung entworfen hat? Diese sah eine Vergemeinschaf-
Dass die Vernachlässigung des öffentlichen Raums vor allem in tung der wichtigsten Kriegsmaterialien, Kohle und Stahl vor, um
ländlichen Regionen zudem gravierende politische Folgen hat, so weitere Kriege zu verhindern. Dies war die Grundlage des
zeigt sich darin, dass sich hier die meisten rechten Protestwäh- Schuman-Plans von 1950, der bereits sechs Jahre (!) nach dem
ler finden. Zusammenfassend: Die wirtschaftliche Globalisierung Ende des Zweiten Weltkriegs zur Gründung der Montanunion als
hat manchen Akteuren in den letzten Jahrzehnten riesige Gewin- Nukleus einer neuen europäischen Friedensordnung führte. Wie
ne gebracht und generell zu Produktivitätszuwächsen geführt. müssten weitsichtige Pläne heute aussehen, um unter den um
Doch zugleich wurden und werden die negativen langfristigen vieles besseren ökonomischen und politischen Bedingungen der
Dynamiken unterschätzt. Hier wäre es notwendig gegenzusteu- Gegenwart, z. B. durch eine europäische Sozialordnung sich auf-
ern, was jedoch aufgrund der Schwächung der nationalen Politik bauende Konflikte zu entschärfen, gemeinsam gegen die Aus-
auch größerer Länder sich als schwierig erweist und zudem wirt- wüchse des globalen Kapitalismus vorzugehen durch EU-Re-
schaftstheoretisch unter Generalverdacht gestellt wurde. geln gegen Steuerevasion, Eindämmung der Finanzspekulation
durch die Wiederbelebung des Planes einer Finanztransaktions-
In Europa kam hinzu, dass die Globalisierung ebenso wie der steuer, die Bereitstellung öffentlicher Güter vor allem im ländli-
sie ergänzende Globalismus in etwa zeitgleich mit dem Fall der chen Raum, eine Drosselung des Energieverbrauchs durch eine
Berliner Mauer einsetzte. Sie fällt also mit dem Ende der politi- stärkere Besteuerung, um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und
schen wie ideologischen Nachkriegsbipolarität zusammen. Die last but not least eine europaweit koordinierte Flüchtlingspolitik.
Politik in Europa und in der EU war in den Jahren danach we- Dies gilt immer mit dem Blick auf die Folgen für sozial Schwäche-
sentlich damit beschäftigt, die Folgen des annus mirabilis 1989 re, Arbeitslose, kinderreiche Familien und Pensionisten, also auf
zu bewältigen. Jemand verglich die Lage einmal mit jener von eine „Option für die Armen“, wobei die unterschiedlichen Bedin-
zwei Kindern, die an einem Strick ziehen: wenn einer loslässt, gungen zu berücksichtigen sind. Der oben zitierte Jeffrey Sachs
gerät auch der Andere ins Taumeln. Die EU hat diese Heraus- hat von einem therapeutischen Zugang für einzelne Länder ge-
forderung durch die Integration von 12 (13 mit Kroatien) Ländern sprochen. Für eine derartige weitsichtige innereuropäische Soli-
nach der Implosion kommunistischer Regime in Ost- und Mittel- daritätspolitik gibt es gegenwärtig leider kaum Anzeichen, außer
europa überraschend gut bewältigt. Aber diese Integration band in den Reden des französischen Präsidenten Macron. Doch sei-
jene Kräfte, die notwendig gewesen wären, um die zeitgleichen ne Vorschläge harren bisher der europaweiten Diskussion. Es
Folgen der Globalisierung aufzufangen und ihr ein menschliches fehlt über weite Strecken die ideelle und moralische Vision, sowie
und europäisches Gesicht zu geben. der politische Wille, diese durchzusetzen, ja Begriffe wie Solidari-
tät werden (auch im katholischen Milieu) abgewertet aus Angst,
Dazu hätte es eines Mehr an symmetrischer wie asymmetrischer dass der eigene Wohlstand irgendwie geschmälert werden könn-
Solidarität bedurft. Dies hätte bedeutet, dass die wirtschaftlich te. Hier ist daran zu erinnern, dass nach christlichem Verständnis
schwächeren Länder und hier vor allem die schwächsten Teile Eigentum und Vermögen dem Menschen immer nur anvertraut
ihrer Bevölkerungen unterstützt worden wären und sich zugleich sind, um seine materiellen Grundbedürfnisse zu decken. Sie be-
Europa solidarisch als gemeinsamer politischer Raum angesichts gründen kein absolutes Recht. In diesem Sinne spricht Gaudium
der riesigen neuen globalen Herausforderungen neu positioniert et spes (69) ganz im Sinne der Tradition der gesamten Sozialver-
24 SoNNTAGSBLATT
kündigung von einer „universalen Bestimmung der Erdengüter“. und bei Bedarf – welcher stets entsteht – dem lieben Delinquen-
Eine Reflexion darüber, was diese Sozialpflichtigkeit des Eigen- ten – den Masseur inbegriffen, während er einen bearbeitet - ei-
tums in einer Zeit großen materiellen Wohlstands in Europa im nige äußerst nützliche Wörter auf Serbisch beizubringen. Es ist
Konkreten bedeutet, wäre höchst an der Zeit. Solidarität als so- nicht übertrieben zu behaupten, dass es ein erhebendes Gefühl
zialethisches Leitbild für die europäische Politik ist sowohl aus ist, neue Menschen kennen zu lernen und ich mag es besonders,
humanen, wie auch aus politischen Gründen heute mehr denn wenn bei einem Ereignis mehrere Fremde zugegen sind.
je gefordert.
Ach so, ich habe es fast vergessen: Ich bin Radojka Filakovity,
Einer der Flurschäden der ökonomistischen Ära, die sei hier nur mein Vorname kommt vom slawischen „Radost”, was „Freude”
kurz angesprochen, besteht in der Aushöhlung der Idee der Ge- bedeutet. Mein Kosename lautet „Radi“ – fast wie „Fradi“ (nach
meinwohlverantwortung. Die liberalistische Vorstellung, dass das dem Budapester Fußballclub Ferencváros (Franzstadt), R. G.),
Gemeinwohl die Summe der Einzelwohle sei, ist einer grundle-
aber wenn wir schon dabei sind, höre ich auch auf den Namen
genden Kritik zu unterziehen. Partei- und Individualinteressen
„Dorka“, weil - wenn jemand durch ein Wunder nicht einmal fä-
haben ihren Ort, aber sie können nicht als oberstes Ziel von Poli-
hig ist - sich „Radi“ einzuprägen, dann nennt er mich meistens
tik verstanden werden. Diese hat sich vielmehr am allgemeinen
Wohl als dem Wohl aller der ihr anvertrauten Personengruppe „Dorka“. Also, ich bin mütterlicherseits Madjarin, väterlicherseits
als Zielwert zu orientieren. Es schadet der Dignität von Politik Serbin.
und entspricht auch nicht ihren realen Gegebenheiten wie jenen
menschlicher Wirklichkeit überhaupt, das gesamte Handeln als Meine Vorfahren kamen nach dem Ende der osmanischen Herr-
von (bestenfalls langfristigen) Eigeninteressen geleitet zu be- schaft ins heutige Ungarn und ließen sich in dessen südlichem
greifen. Menschen handeln aus unterschiedlichen Motiven und Teil nieder. Die serbische Kultur und ihre Traditionen haben mei-
vielfach auch, wenn auch nicht ausschließlich, um der Anderen ne Vorfahren über Religion und Muttersprache bewahrt.
willen, für die sie Verantwortung tragen. Verantwortungsträger in
Leitungsfunktionen sind dazu nicht zuletzt rechtlich verpflichtet. Ich könnte länger darüber schreiben, wie sie fern des Mutter-
Diese Wiederentdeckung des Gemeinwohls als Zentralbegriff landes die schicksalsträchtigen Jahrhunderte der Geschichte
der politischen Ethik fordert heute zugleich zu einer Klarstellung überstanden und darüber, wie sie sich in ihrer neuen Heimat in-
heraus, wie sich das nationalstaatliche, europäische und inter- tegrierten. Ich könnte über die Traditionen, die Religion und über
nationale Gemeinwohl in den jeweiligen Sachbereichen und an- die Sprache selbst erzählen, aber ich möchte lieber über mich
stehenden Fragen zueinander verhalten. Dass zwischen diesen selbst und meine Familie erzählen: Darüber, was es bedeutet,
drei Ebenen starke Verflechtungen bestehen, ist offenkundig. Die in eine biethnische Ehe hineingeboren zu werden, in einer zwei-
Frage ist, wie sich dies jeweils auswirkt. So ist in der Klimafra- sprachigen Familie aufzuwachsen, wie man es schafft neben der
ge die internationale Ebene leitend, wiewohl auch hier die EU doppelten Identität sich selbst zu erkennen – Spoiler: es ist gar
viel bewirken kann und jeder Staat seinen Beitrag leisten muss, nicht so einfach – und was es bedeutet zu einer ethnischen Min-
in anderen Bereichen könnten die Schwerpunkte anders liegen. derheit zu gehören in einem immer intoleranteren Umfeld.
Hier käme die wesentliche Frage der Subsidiarität ins Spiel. Das
alles kann hier nicht ausgeführt werden. Zu warnen ist jedoch Fragen, die du nie an einen Menschen mit doppelter Identität
vor einer Entgegensetzung von nationalem und europäischem stellen sollst
Gemeinwohl, wie dies heute vielfach geschieht. Wohin dies führt
und welche Schwierigkeiten sich daraus im Einzelnen ergeben,
Fangen wir ganz vorne an. Ich stamme aus einer zweisprachigen
zeigen dieser Tage die Brexit-Verhandlungen, die hier – so ist zu
Familie: Mit der mütterlichen Linie kommuniziere ich im Alltag auf
hoffen – eine abschreckende Wirkung entfalten.
Ungarisch, mit der serbischen auf Serbisch. Da es meine Mutter-
sprache ist, denke, schreibe, träume und liebe ich auf Ungarisch
– selbst Serbisch spreche ich mit ungarischem Akzent. Ungarn
ist meine Heimat, aber hinsichtlich Religion und Traditionen bin
ich serbisch. Für die Serben im Mutterland bin ich zu ungarisch/
madjarisch, für die Madjaren/Ungarn bin ich zu serbisch. Das er-
schwerte meine Selbstbestimmung enorm.
Ich bin, wer ich bin, ich muss nicht wählen
- Leben mit der doppelten Identität Wenn du dich ethnisch von der Mehrheit unterscheidest,
dann musst du stets deine Herkunft erklären – und oft auch
(Vagyok, aki vagyok, nem kell választanom – Kettős iden- rechtfertigen.
titással az élet) Bis zum heutigen Tage enden die oberflächlichsten Gespräche
blitzschnell bei einer der für mich intimsten Fragen: Bist du jetzt
Madjarin oder Serbin? Als was fühle ich mich eher? Warum eher
Erschienen am 14. März 2019 im Online-Magazin WMN. Ver-
als das Eine und nicht als das Andere? Wenn ich Kinder habe,
öffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin Radojka
wozu will ich sie erziehen: „Mache” ich aus ihnen „Serben”? Letz-
Filakovity; deutsche Übersetzung: Richard Guth
teres fiel übrigens bei einem Vorstellungsgespräch, ich denke,
ich muss nicht näher erläutern, warum das für mich in mehrfa-
Ich will nicht drum herumreden, mit doppelter Identität aufzu-
cher Hinsicht peinlich war.
wachsen ist ein schizophrener Zustand: ein bisschen so, ein
bisschen so, aber so richtig keins von beiden. Du gehörst zu die-
Darüber hinaus, dass ich diese Befragungen manchmal als aus-
sem, aber auch zu jenem, aber so richtig nirgendwohin dazu. In
gesprochen unangenehm empfand, war es mir lange Zeit nicht
diesem komischen Zwischenzustand gibt es nichts Schwierige-
klar, welche Antworten ich auf diese Frage geben soll, denn das
res – und Spannenderes –, als dich selbst zu finden und zu er-
„ein wenig beides” befriedigte in den seltensten Fällen meine
kennen: Unabhängig davon, dass die Mehrheit es braucht, deine
Gesprächspartner. Sie hatten eine klare, eindeutige Reaktion
Zugehörigkeit und auf diese Weise dich selbst durch das Dran-
erwartet, eine Bekenntnis zugunsten der einen oder der ande-
hängen eines Etiketts zu bestimmen, darfst du auf keinen Fall
ren Seite, was ich nicht selten so erlebt habe, dass ich wegen
dasselbe tun. Ein Beitrag von Radojka Filakovity.
meinem Serbentum mein Madjarentum verleugnen soll und um-
gekehrt. Es kam vor, dass ich mich ins endlose Argumentieren
Eine stinknormale Vorstellung dauert bei mir 15-20 Minuten. So
verwickelte, und es kam vor, dass ich auf den ausgeflippesten
viel Zeit nimmt in etwa in Anspruch, meinen Namen zweimal zu
Parties spontane Geschichtsstunden hielt. Es dauerte lange, bis
buchstabieren, auf Wunsch dessen Herkunft und Bedeutung zu
ich meine eigenen Antworten auf diese keinesfalls diskreten Fra-
erklären, zwecks besseren Einprägens kleine Floskeln zu produ- gen gefunden hatte, aber als es passiert war, berührten sie mich
zieren, einen historischen Ausblick über meine Wurzeln zu bieten nie wieder. (Fortsetzung auf Seite 26)
SoNNTAGSBLATT 25
Warum kommt der Nikolaus (Väterchen Frost) nicht zur glei- spürte, weil ich eine andere ethnische Zugehörigkeit habe.
chen Zeit zu uns wie bei den „normalen Kindern?”
Aber auch auf das nächste Mal musste man nicht lange war-
In Ungarn leben seit Jahrhunderten Serben. In dieser Zeit konn- ten: Die Situation war natürlich eine andere, aber verursachte
ten wir unsere Kultur, Sprache und unsere nationale Zugehörig- ähnliche Bauchschmerzen, als einige Jahre später die nationa-
keit über die Religion und die damit verbundenen Traditionen listischen Gedanken immer mehr an Bedeutung gewannen und
bewahren – es ist kein Wunder also, dass diese bis heute eine auch das - wie die Flüchtlingskrise der letzten Jahre - den Frem-
wichtige Rolle in unserem Leben spielen. Deshalb war es, als denhass verstärkte. Es ist nicht allzu lange her, als einer meiner
meine Eltern die Hochzeit planten, gar keine Frage, dass meine Bekannten von einer Demo auf dem Kossuth-Platz postete - mit
madjarische Mutter katholischen Glaubens zur serbischen Or- der Botschaft, dass er sich wünsche, dass sein Kind in einem
thodoxie konvertiert – so pflegen wir in der Familie die Bräuche, madjarischen Land aufwachse.
die zu dieser Religion gehören. Das hat zur Folge, dass wir die
Feste gemäß des Julianischen Kalenders mit einer kleinen Ver- Hat er nur eine Sekunde lang darüber nachgedacht, welches
schiebung feiern. Gewicht diese Worte haben? Wie ausgrenzend und hasserfüllt
es ist und was er damit seinem Kind vermittelt?
Wenn etwas, dann war es das, was bei mir anfangs für viel Ver-
wirrung sorgte. Ungarn war nie rein madjarisch, zahlreiche, hier lebende Natio-
nalitäten haben sein Schicksal beeinflusst und seine Kultur be-
Als ich mein Selbstbewusstsein erlangte, protestierte ich, dass reichert, unter anderem auch die Serben, die vor der osmani-
der Nikolaus (Väterchen Frost) nicht zur gleichen Zeit zu uns schen Besatzung damals hierher flohen. Zählen sie mittlerweile
kommt wie bei den anderen, „normalen” Kindern. Ich meinte, das auch als Fremde? Als Einwanderer, Migranten? Während mich
Leben sei ungerecht, weil ich im Vergleich zu meinen Freunden dies unheimlich verärgert, verspüre ich auch ein hohes Maß
noch Tage auf meine Geschenke warten musste. an Mitleid: Es kann furchtbar sein, unter Hass und in Angst vor
einem imaginären Feind zu leben. Und es kann furchtbar sein,
Anfangs war es meine felsenfeste Überzeugung, dass es sich das unseren Kindern weiterzugeben, anstelle sie zu Akzeptanz,
um ein Missverständnis handelt – vielleicht hat sich Väterchen Offenheit und Empathie zu erziehen. Ich habe dann vor dem
Frost bei der Hausnummer vertan -, so habe ich unerschrocken Computer geschworen, dass ich nie wieder Angst verspüren will
meine eigenen Versuche gestartet: Ich habe meine Stiefel am 5. wegen meiner Herkunft.
Dezember ebenfalls ins Fenster gestellt – man sagte selbst im
Fernsehen durch, dass man es zu dieser Zeit tun sollte – und ge- Meine Wurzeln, meine Geschichte
wartet, dass ein Wunder passiert. So erging es auch meinen El-
tern: Sie flehten inbrünstig, auf ein himmlisches Wunder hoffend, Lange Zeit fiel es mir schwer, mich selbst zu definieren, aber
dass ich endlich mit dem Weinen aufhöre, aber trotzdem sind sie heute bin ich dankbar für meine doppelte Identität, meinen für die
nicht schwach geworden. Mehrheit ungewöhnlich klingenden Namen und meine Traditio-
nen. Ich habe gelernt, mich selbst zu vertreten und ich habe mei-
Mittlerweile schätze ich ihre Konsequenz, unter anderem so ha- ne Ängste loslassen können, bezüglich dessen, was passiert,
ben sie mir vermittelt, wie wichtig die Traditionen sind, die unse- wenn mich andere nicht verstehen. Ich habe akzeptiert, dass ich
re Familie pflegt, und so halfen sie mir dabei – auch wenn es immer ein wenig aus der Reihe tanze, aber eben aus dem Grun-
mir lange nicht bewusst wurde – zu definieren, wozu ich gehöre. de bin ich diejenige, die ich bin. Weil ich weiß - wohlwissend,
Schlussendlich konnte man mich wie jedes Kind, das offen für dass es sehr klischeehaft klingt -, dass die zwei Sprachen, die
Antworten ist, mit bloßen Argumenten überzeugen: Nachdem zwei Kulturen einen bereichern: Sie machen einen offener, tole-
man mir erklärt hat, dass Väterchen Frost, Jesulein und Osterha- ranter – es braucht aber Zeit, bis man das erkennt und schätzen
se meiner madjarischen Großeltern zur gleichen Zeit wie bei den lernt und nicht die Lasten sieht, die mit der Verschiedenartigkeit
„normalen” Kindern kommen und meine Schwester und ich so dahergehen.
eigentlich jedes Fest gleich zweimal feiern, habe ich aufgehört,
Anstalten zu machen. Eine Zeit lang, sicher ist sicher, habe ich Ich weiß es heute, dass der Kirchgang, der einen als Kind un-
meine Stiefel am 5. Dezember ins Fenster gestellt. heimlich langweilt, die Nationalitätenrezitationswettbewerbe,
die zweisprachigen Schulen dem Zweck gedient haben, meine
Muss ich Angst haben, dass ich eine andere ethnische Zu- Wurzeln besser kennen zu lernen und mich mit ihnen enger ver-
gehörigkeit habe? bunden zu fühlen. Das bedeutet aber nicht, dass ich deswegen
weniger eine Madjarin wäre.
Ich war zehn, als die NATO damit begann, Serbien zu bomba-
dieren. Mein Heimatdorf Сантово/Santovo/Hercegszántó liegt Mein Serbentum bestimmt mich genauso wie mein Madjarentum,
an der Grenze, ich kann mich gut an den scharfen Ton des Luft- aber dank meiner Nationalität, der ich angehöre, habe ich einen
alarms erinnern und daran, wie wir abends im Bett meiner Eltern Halt, einen Orientierungspunkt, ein Schutznetz in der Welt be-
liegend hörten, wie die Flugzeuge über uns herfliegen. Lediglich kommen, was einem - geben wir es zu - gelegen kommt. Zum
zwei Kilometer weiter, auf der anderen Seite der Grenze wurden Glück habe ich einen Mann gefunden, der all das versteht und
Heime dem Erdboden gleichgemacht. Menschliche Existenzen akzeptiert, was damit zusammenhängt – von der Traditionspfle-
gingen verloren oder veränderten sich unumkehrbar, unter ihnen ge bis hin zur zahlenmäßig großen, lauten und sehr lebensfro-
auch die unserer dort lebenden Verwandten. Ich hatte Angst, hen Verwandtschaft –, und für den es selbstverständlich ist, dass
dass einer der Piloten sich bei den Koordinaten vertut und auch wir unsere Kinder ebenso zu Serben wie zu Madjaren erziehen
wir sterben müssen, dort, im Bett meiner Eltern, das bis zu dem werden.
Zeitpunkt die sicherste Unterschlupf für uns war.
Heute ist die Antwort auf die Fragen nach meiner Identität ein-
Daneben gab es sehr viele Fragen, die mich beschäftigten: Ich deutig: Ich bin ungarländische Serbin. Ein wenig dies, ein wenig
habe nicht verstanden, warum man an solchen Menschen Rache das. Punkt! Wenn jemand deswegen nicht weiß, wie er mich ein-
üben muss, die für nichts verantwortlich waren. Deren Schuld es ordnen und mit welchem Etikett versehen soll, dann ist das seine
lediglich war, dass sie dort lebten, wo sie lebten und solche sind, Geschichte, nicht meine. Ich kenne meine und bin außerordent-
wie sie sind. „Teilweise sind wir auch Serben, müssen wir jetzt lich stolz auf sie.
auch Angst haben?” - ich war noch zu klein um zu verstehen,
welche Interessen die Politik beeinflussen. In diesem Monat, am Quelle:
24., jährt es sich zum 20. Mal, dass die Offensive „Mercifull An- https://wmn.hu/wmn-life/50419-vagyok-aki-vagyok-nem-kell-va-
gel” (Barmherziger Engel) startete, die 78 Tage dauerte. Deren lasztanom---kettos-identitassal-az-elet?fbclid=IwAR32X-
Spuren trägt das Land immer noch und ich werde diesen Zeit- 2h1OoNhkM4vNSZi0GovhNDEU9XGP1J21x59YFiXURirR60-
abschnitt auch nie vergessen, als ich zum ersten Mal Angst ver- rIAoooc

26 SoNNTAGSBLATT
Entscheidung getroffen, dass das in Wien ansässige Haus der
JBG-Nachrichten s Heimat in den kommenden Jahrzehnten in ein Vertreibungsmu-
seum umgewandelt wird.

Zusammenfassend kann man davon berichten, dass die JBG


eine lehrreiche Teilnahme am Schulvereinstag hinter sich hat, an
Weiter auf dem Weg zu dieser Stelle möchten wir uns für die langjährige Unterstützung
zweisprachigen Bahnhofsschildern der ÖLM bedanken.

Von Patrik Schwarcz-Kiefer

NIn der letzten Nummer hat die Jakob Bleyer Gemeinschaft da-
rüber berichtet, dass unser Verein in Kooperation mit der örtli-
chen der Deutschen Selbstverwaltung von Werischwar/Pilisvö- 4. SB-Lesertreffen in Paaja abgehalten
rösvár an der Aufstellung zweisprachiger Bahnhofsschilder am
Gebäude des Werischwarer Bahnhofs arbeitet. Die Ungarischen
Staatsbahnen (MÁV) haben uns den Ansichtsplan und die ge- Von Stefan Pleyer
naue Parameter zugeschickt, und jetzt wartet die Stadt Werisch-
war auf Preisangebote für das Anbringen des Schildes. Über das Tragen deutscher Vornamen, ihre Aufführung auf Ur-
kunden und bestehende Rechtslücken dachten die Teilnehmer
Mit einem solchen Schritt können wir die Existenz unserer Min- des zum 4. Male veranstalteten Sonntagsblatt-Lesertreffens,
derheit betonen – daher ist das Aufstellen von Bahnhofsschildern
diesmal im Nationalitätenzentrum in Paaja, gemeinsam nach,
in einer einzigen Gemeinde nur der erste Schritt. Deshalb haben
teilweise in Batschkaer Mundart. Das gut besuchte Treffen wur-
wir die Entscheidung getroffen, dass wir nach der Aufstellung des
de durch eine Kooperation zwischen den Paajaer Deutschen
Schildes in Werischwar eine landesweite Initiative starten, damit
und der Jakob Bleyer Gemeinschaft in der Haupstadt der Nord-
überall, wo eine zahlenmäßig starke deutsche Minderheit lebt,
batschka realisiert. Konklusion: mit Uraltgespenstern der Ver-
solche zweisprachige Bahnhofsschilder erscheinen. Darüber hi-
naus sind wir offen für eine Zusammenarbeit mit Vertretern der gangenheit und dem jetzigen „ungarndeutschen” Namensver-
anderen ungarländischen Minderheiten. zeichnis abrechnen!

Nach Wudersch, Fünfkirchen und Budapest besuchte die Re-


daktionsgruppe des Sonntagsblattes im März die Batschka und
brachten auch eine aktuelle Thematik mit: Für die nächste Sta-
tion des SB-Lesertreffens wurde die Haupstadt der Nordbatsch-
ka, Paaja, ausgewählt (wie wir von den Einheimischen erfuhren,
Jakob Bleyer Gemeinschaft am Schul- seien weder Baje noch Frankenstadt richtig, stattdessen sollen
die Landsleute die Variante „Paaja” benutzen, wie es unter den
vereinstag in Wien hiesigen Deutschen seit jeher geläufig ist), und hatte „das Tra-
gen deutscher Vornamen in der ungarndeutschen Gemeinschaft
– Tendenzen, Hindernisse und Lösungen” zum Schwerpunkt.
Die Vertreter aller deutschen Volksgruppen aus dem ehemaligen
Territorium von Österreich-Ungarn versammelten sich für einen Die mit Sonntagsblatt-Logos und einem Bleyerbild dekorierte
Tag in Wien, um die Lage der örtlichen deutschen Minderheiten Veranstaltung hat eine große Zuhörerschaft angezogen, zumal
und des deutschen Sprachunterrichts zu diskutieren. Die Jakob die Paajaer Organisatoren das Lesertreffen der Jakob Bleyer
Bleyer Gemeinschaft war auch vertreten, durch den Ehrenvor- Gemeinschaft mit dem regelmäßig zusammengerufenen Stamm-
sitzenden Georg Krix und die Vorstandsmitglieder Nelu Brade- tisch verbanden. Die Fragestellung erwies sich als provokant
an-Ebinger und Patrik Schwarcz-Kiefer. genug für die Paajaer: Warum lebt die überwiegende Mehrheit
des Ungarndeutschtums mit ihrem gesetzlich verbrieften Recht
So wie alle Teilnehmer hat auch die JBG über die Ereignisse des
nicht, die eigenen madjarischen Vornamen gegen deutsche ein-
vergangenen Jahres berichtet, im Mittelpunkt der Präsentation
zutauschen oder den Neugeborenen gleich solche zu geben?
stand das Programm des Edmund-Steinacker-Gedenkjahres.
Was soll der Grund sein?
Wie bereits angekündigt, beschäftigt sich die Mitgliedschaft der
JBG mit der Ära von Steinacker um das Leben dieser großen
Abwechselnd in Hochdeutsch und in Mundart erläuterten die
Persönlichkeit der breiteren Öffentlichkeit vorstellen zu können.
Batschkaer ihre Meinung. In vielen Fällen wirkten die negativen
Erfahrungen aus der Geschichte auf die freie Namenswahl in
Neben vielen guten Nachrichten wie zum Beispiel die Entwick- den ungarndeutschen Familien aus: Viele von den Anwesenden
lung des Deutschunterrichts in Schlesien oder die Bewahrung teilten ihre persönlichen Geschichten mit, dass sie heute zwar
des deutschen Erbes in Galizien mussten sich die Teilnehmer madjarische Namen tragen würden, aus dem Grunde, weil es für
auch viel Negatives anhören. Alle deutschen Volksgruppen der sie in der Zeit des Kommunismus verboten und undurchsetzbar
Region leiden unter Lehrkräftemangel, und dies scheint alleine gewesen sei, die deutsche Identität auch in dieser Form zu erle-
mit Geld nicht lösbar zu sein. Es gab Konsens darüber, dass ben – trotzdem benutzten die Familienangehörigen die deutsche
ohne die Unterstützung der Mutterländer (Deutschland und Variante des Vornamen, aber streng nur in den vier Wänden des
Österreich) durch Humankapital das Minderheitenschulsystem Elternhauses: Diese negativen Erlebnisse hätten bei den spä-
nicht nachhaltig wird. Leider schaut es so aus, dass die Abwan- teren Generationen ebenfalls nachgewirkt, und so gerieten die
derung und die Assimilation in den nächsten Jahrzehnten zum alten namensgeberischen Traditionen in Vergessenheit.
Verschwinden der deutschen Gemeinschaften, vor allem in Kroa-
tien, führen würden. Andere Diskussionsteilnehmer hoben den geringen Quellenwert
des von der LdU 2015 herausgegebenen Verzeichnisses der un-
Die Situation der Landsmannschaften der Vertriebenen in Öster- garndeutschen Vornamen hervor. Zwar besteht seit Jahren die
reich spiegelt auch eine traurige Tatsache wider: Die Erlebnis- Möglichkeit für die Ungarndeutschen, nur deutsche Namen zu
generation der Vertreibung stirbt langsam aus, womit auch die tragen oder die madjarischen zu ergänzen, aber dazu möchte
Aktivität der Landsmannschaften zurückgeht. Deshalb wurde die man nach eigenem Bekunden eine glaubwürdige, fachlich so-
(Fortsetzung auf Seite 28)
SoNNTAGSBLATT 27
lide Sammlung finden, welche die ungarndeutschen Vornamen wenn wir ehrlich sein wollen, so müssen wir eben eingestehen,
enthält. Im offiziellen Band finden wir aber spanische, englische dass unsere gegenwärtige (ungarndeutsche) Lage mehr als ka-
Namen wie Pedro, Jennifer beziehungsweise sind wir ange- tastrophal bezeichnet werden kann. „Ohne Sprache kein Volk”
sichts der im damaligen Altungarn traditionslosen germanischen heißt es und sogar auch der obenerwähnte Runänienmadjare
Namen (Thor, Björn, usw.) ein wenig verwundert. Ferner ist es vermisst eben die Sprache bei uns. Also?
gesetzlich noch nicht klar geregelt, wann genau wir die deutsche
Version neben der ungarischen benutzen dürfen und wann nicht So glaubwürdig auch die vorhin erwähnte Argumentation der Un-
(z.B. im Falle einer Bankkontoeröffnung). garndeutschen klingt, man kann sie trotzdem nicht akzeptieren.
Sie ist oberflächlich, voreingenommen - einfach unwahr! Was
Als Showelement wurde auch ein „Nationalitätenpersonalaus- ich als Begründung dieser meiner Meinung/Aussage anführe, ist
weis” vorgestellt, wie die Vornamen bei den Ungarndeutschen nicht aus Büchern entnommen, ist nicht dem Gerede „böser Zun-
in einer Urkunde massenhaft aussehen würden. Die Teilnehmer gen” zuzuschreiben, diese Begründung ist mein persönliches Er-
waren darüber im Klaren: Man muss auch da eine konstruktive lebnis, ist das allgegenwärtige Alltagsgeschehen im Leben unse-
Diskussion führen, danach die Gründe erkennen, diese beseiti- rer Volksgruppe.
gen und letzendlich unsere Nationalitätenrechte nutzen.
Wir konnten nicht, wir durften nicht Deutsch reden? Wieso? Es
Auch an dieser Stelle bedankt sich die Jakob Bleyer Gemein-
gab dazu kein Gesetz, keine Verordnung, keinerlei Verbot von
schaft und die Redaktionsgruppe des SB für die aktive Teilnahme
ungarischer Seite. Freilich, die deutsche Sprache war nicht sa-
und Mithilfe der Paajaer.
lonfähig, war nicht vorteilhaft, war nicht erwünscht – was man-
che dummen Menschen uns auch fühlen ließen, uns mit einem
„beszéljen magyarul” (reden’s ungarisch!) zurechtwiesen/ab-
Leserbriefe s fertigten, was auch manch hochnäsiger Lehrer oder Priester
in der Schule und von der Kanzel herab von sich gab - doch
all das kann man nicht als behördliches Verbot bezeichnen. Ja,
und wer nicht Ungarisch konnte? Wie z.B. meine Mutter? Mei-
ne Mutter hat jederzeit auch in Ämtern deutsch vorgesprochen,
Reaktion auf: und wenn sie dann „ermahnt” wurde, so gab sie zurück: „Na, Ihr
Verkehrte Welt: Banater Madjare trifft kent jo a deitsch, wenn Ihr welle tät” – und nichts ist passiert!
Doch unseren Menschen fehlte in den meisten Fällen der Mut
auf ungarländische Schwaben und das Selbstvertrauen und sie fügten sich eben. Sie fügten
von Richard Guth sich so sehr, dass sie selber auch anfingen ungarisch zu reden
(wenn auch schlecht), weil „die Kinder sollen ungarisch können
(erschienen im Sonntagsblatt, 1/2019) und keine verhassten Deutschen mehr sein“. So kam es, dass
junge Mütter nur noch Kinder mit ungarischer Muttersprache zur
Richtig! Einer von DRÜBEN muss nach Ungarn kommen um zu Welt brachten, was sich eben bis heute in die dritte-vierte Gene-
verraten, wie es mit den Ungarndeutschen steht bzw. dass die ration vererbt hat. Der Erfolg: Die Ungarndeutschen haben alle
Ungarndeutschen – trotz aller Prahlerei in den Medien – keine (ausgenommen die noch aus der Kriegszeit übriggebliebenen al-
eigene Sprache mehr haben, d. h. dass sie nicht mehr ihre (ur- ten Knorren) eine ungarische Muttersprache. Muttersprache! Ein
sprüngliche) deutsche Muttersprache sprechen, eventuell auch Thema, das dringendst und bis auf höchster Ebene besprochen
gar nicht sprechen wollen. Dazu führt dieser aus dem rumäni- und geklärt werden müsste. Der Begriff Muttersprache muss neu
schen Banat kommende Madjare auch Beispiele an. Beispiele, definiert werden.
die von den Ungarndeutschen nicht widerlegt werden können.
Auch stellt dieser ’Rumänienmadjare’ noch fest, dass es in (dem Denn, wir haben – trotz allem – auch heute wieder viele junge
aus madjarischer Sicht minderheitenfeindlichen) Rumänien so Menschen, die gut deutsch sprechen, denen die deutsche Spra-
etwas nicht gab und auch nicht gibt, denn z.B. in einem dortigen che lieb ist und dennoch Ungarisch als Muttersprache angeben,
ungarischen Gymnasium wird von allen Schülern ausschließlich weil sie „amtlich” diese ja von der Mutter geerbt haben! Ist also
Ungarisch gesprochen. die Muttersprache das Ungarische, so sollte es kein Wunder
sein, dass die Ungarndeutschen heute (leider) beinah nur mehr
Sehr gut, dass uns der Autor des Artikels, Herr Richard Guth, die- ungarisch reden, in der Familie, am Arbeitsplatz, in Gesellschaft
ses uns betreffende „Geheimnis” anvertraut; es ist wahrschein- - ja, sogar auch in der „Deutschen Selbstverwaltung”, im „Deut-
lich auch als Kritik am ungarischen Schulsystem sowie auch am schen Verein, Gesangchor, Tanzgruppe u. a”. Auch in der „Deut-
Verhalten der Ungarndeutschen hinsichtlich Sprachgebrauch schen Schule” sogar (ausgenommen die Deutsch-Stunden)!
gedacht - doch eben nur gedacht, leider nicht offen und laut aus- Eine Erscheinung, die heute in Ungarn von niemandem, d. h.
gesprochen. von ungarischer Seite gewünscht/ gefordert wird. Also nicht vom
Staat (wobei dieser diese Situation gerne akzeptiert, sogar ‚un-
Denn, ist etwas gut oder ist etwas falsch, so gibt es dafür immer bemerkt‘ fördert) und nicht im Sinne der (mangelhaften) Nationa-
auch eine (oder mehrere) Ursache/n. Und diese müssen laut und litätenpolitik!
verständlich beschrieben und ausgesprochen werden, wenn da-
gegen etwas unternommen werden soll. Nun, die Lage des Un- Der Staat gibt von Jahr zu Jahr den Nationalitäten mehr Geld zur
garndeutschtums kann/muss als ’falsch/schlimm’ eingestuft wer- Wahrung, Pflege und Weitergabe ihrer Sprache, ihrer Kultur und
den, insbesondere betreffend Muttersprache/Sprachgebrauch. ihrer Traditionen. Na und? Was erbringt das ’mehr Geld’? Mit
Also ergibt sich die Frage: Warum? Was ist/sind die Ursache/n? Scham muss ich feststellen: Das Geld ermöglicht noch mehr Sin-
gen, mehr Tanzen, mehr Musizieren, mehr Reisen, mehr Freund-
Die Antwort darauf ist (nicht nur von Laien!) allgemein: „Nach schaft zu pflegen und… und leider aber nicht mehr deutsche
dem Krieg durften wir nicht und konnten wir jahrzehntelang nicht Sprache, deutsche Geschichte, deutsches Wissen und deut-
deutsch sprechen…” sches Selbst- und Volksbewusstsein. Das ’mehr Geld’ als Erfolg
und Stolz unseres deutschen Abgeordneten im ungarischen Par-
Und dies ist dann noch etwas wissenschaftlich unterstützt: „Als lament ermöglicht immerhin auch mehr „deutsche Schulen”, d. h.
dann endlich ein gutes (?) Minderheitengesetz geschaffen wur- mehr örtliche Kindergärten und Schulen in Trägerschaft der deut-
de, dann gab‘s dazu keine Durchführungsverordnung…” schen örtlichen oder Landesselbstverwaltung. Schulen und Un-
terricht! Wieder ein Thema, das dringendst geprüft und geregelt
Ergo: Der Krieg mit seinen Folgen (Enteignung, Verschleppung, werden sollte. Eine Schule, die heute in ’Trägerschaft der Deut-
Vertreibung, Sprachverbot), dann der sozialistische Internationa- schen Selbstverwaltung’ verwaltet wird, ist immer noch diesel-
lismus und somit natürlich auch der ungarische Staat sind schuld be, die sie vor der Übernahme war. Zugegeben, die Entlohnung
am Verschwinden/Ableben des Ungarndeutschtums. Denn, der Lehrkräfte erfolgt jetzt über die deutsche Selbstverwaltung
28 SoNNTAGSBLATT
(als zuständiger Träger), die nun auch über mehr Mitsprache-
recht verfügt. Aber der Schultyp, der Lehrplan, der Lehrkörper,
Die herbe Enttäuschung – Reaktion auf
die Zusammensetzung der Schüler - der Geist des Unterrichts eine traurige Ankündigung
ist derselbe geblieben. Wo liegt also das Problem? Das Problem
heißt: die „Deutsche Schule” erzieht keine deutschen Menschen! Was kommmt nach der Bühnenkultur?, SB 1/2019
Möglich, dass (einige) Kinder sich die deutsche Sprache mehr
oder weniger aneignen, aber ein deutscher Stolz, ein deutsches Es geht um eine - mit Recht - berühmte Musikgruppe, die letzt-
Bewusstsein bleibt weiterhin Mangelware. Wie auch sonst? Ein lich mitgeteilt hatte, in der Zukunft musikalisch anders zu sein.
(kleiner oder großer) Teil der Schüler sind keine Schwabenkin- Selbstverständlich, ein jeder Musiker hat das Recht zu entschei-
der, wahrscheinlich auch nicht deutschstämmig (deutsche Wur- den, ob er weiter authentische schwäbische Weisen spielt oder
zeln), ein (kleiner oder großer) Teil des Lehrkörpers besteht aus nicht, aber nach meiner Meinung hätte die Art der Veröffentli-
nichtdeutschen Pädagogen, die Umgangssprache im Lehrerzim- chung auch anders geschehen sollen, damit wir, die sie sehr
mer (?) ist demnach also Ungarisch, Umgangssprache zwischen gern gehört und sich an Veranstaltungen dank ihrer Musik auf
Pädagogen und Schülern (in der Pause, Freizeitbeschäftigung)
dem höchsten Niveau amüsiert haben, durch diese Nachricht
beinah nur Ungarisch, die Mitglieder der Verwaltung (Träger)
nicht so tief frustriert werden. Ich denke, es ist kein echter Grund,
sprechen (sehr oft) selber kein Deutsch, u. a. kann das „mehr
Geld” also zu besseren Umständen verhelfen, ändert jedoch dass die Texte immer weniger Leute verstehen! Man hört die
nichts am Geist. „moderne Musik”, ob Rap, Rock usw., überall englisch gesungen.
Verstehen die Hörer die alles überflutende englische Sprache so
Wenn trotz dieser meiner negativen Lageschilderung die Zustän- gut?
digen (Menschen, Medien) der deutschen Volksgruppe mit ge-
schwellter Brust von Erfolg und Fortschritt reden und schreiben, Es werden die Tanz- und Musiktreffen oft kritisiert oder abgewer-
dann wird an erster Stelle gerne die Statistik der Volkszählung tet, aber unsere deutsche Gemeinschaft hat meist nur bei diesen
von 2011 erwähnt. 186 000 Deutsche gibt es in Ungarn! Dem Ereignissen die Möglichkeit miteinander deutsch zu reden. Wo
wird auch gerne von ungarischer Seite zugestimmt. Denn dies sonst? In Büros, am Rathaus, in der Kirche? Man wird sofort blöd
kann doch gut als Aushängeschild, als Bestätigung der muster- geschaut - bist du krank, willst du Aufsehen erregen? Sogar die
haften ungarischen Minderheitenpolitik hingestellt werden. Nur deutschstämmigen und teilweise noch deutsch sprechenden Ka-
wo und wie sind diese 186 000 (davon ungarische Staatbürger meraden halten mich für verrückt, wenn ich probiere unter uns
174 553)? Bei der Volkszählung sollten folgende Fragen beant- (während der deutsche Lieder singenden Gesangschorproben)
wortet werden: Volkszugehörigkeit (Nationalität), Muttersprache,
nur deutsch zu reden.
kulturelle Bindung zum Deutschtum, Sprachgebrauch in Familie
und Gesellschaft. Wenn man nun die gemachten Angaben auf
diese Fragen (ganz oder teilweise) addiert, erhält man eine schö- Deswegen bewerte ich diese Selbstaufgabe ein bisschen als
ne hohe Zahl. Zu bemerken ist dazu, dass man die Möglichkeit Verrat. Ich möchte meine lieben Freunde, die ich hochschätze
hatte sich zu zwei Nationalitäten und auch Muttersprachen zu (ich hatte die große Ehre schon gehabt, auf der Bühne mit ihnen
bekennen. Die meisten der Ungarndeutschen bekannten sich zu zusammen zu spielen), nicht beleidigen. Sie hätten eine ande-
Ungarisch und Deutsch bzw. zu Deutsch und Ungarisch. Es er- re, viel feinere Lösung auch gehabt, statt in den Sarg so offen
gibt sich die Frage, welche von den zweien an erster Stelle stand. noch einen Nagel einzuschlagen. Oder war das ein verzweifelter
Jedenfalls ergibt sich dadurch, statistisch gezählt, ein komisches Schrei, Ungarndeutsche wachet auf, sonst ist alles verloren!? Ich
Endergebnis bei der Zahl der Einwohnerschaft vieler Ortschaf- hoffe, die geliebte Kapelle wird die schwäbischen und ungarn-
ten. Z. B. hat die Gemeinde X 1200 Einwohner, doch laut Sta- deutschen Lieder, Musik in der Zukunft trotzdem deutsch vor-
tistik sind es 1800, also 150% (!), eben weil 50% der Einwohner führen. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg!
sich zu zwei Nationalitäten bekannt haben. Dann ist auch noch
zu bedenken, dass jene Personen, die sich zur deutschen Mut-
tersprache bekannten, sehr wahrscheinlich auch deutsche Na- Stefan Varga, Gahling
tionalität und möglicherweise auch deutschen Sprachgebrauch
angaben. Nun, solche Daten zu addieren, kann nur ein falsches
Bild abgeben. Zwischenzeitlich hat man deshalb auch die Zahl
der Ungarndeutschen von 186 000 auf 103 000 (?) reduziert,
was jedoch kaum publiziert wird. Zu bemerken ist noch, dass von
den 38000 Deutsche-Muttersprache-Bekennern 12 000 nicht un-
garische Staatsbürger, also sog. Bio-Ungarndeutsche sind. Ein Bp.- Besucher kommentiert die
Zusammengefasst: Der Madjare aus Rumänien, der sich so ne- Till - Brenner – Berichte im SB Nr.
gativ, aber wahrheitsgetreu über die Ungarndeutschen äußerte, 4/2018, S. 29-30
kennt wahrscheinlich weder die ungarische offizielle Nationali-
tätenpolitik noch die Volkszählungs-Statistik, aber er hat die un-
garndeutsche Wirklichkeit kennen gelernt. Es war gewiss kein Zufall, dass die brisanten Inhalte der oben
bezeichneten Berichte am Ende des Sonntagsblattes Nr. 4/2018
Wir müssen daraus endlich verstehen und erkennen (wollen): meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Bevor ich aber die vor-
Die Lage des Ungarndeutschtums ist katastrophal, wir sind - gelegten Meinungen kommentiere, möchte ich der SB-Direktion
volklich gesehen – am Verschwinden. Nur Erinnerungen und die
Kompliment und Anerkennung aussprechen, dass sie -- im Sinne
Bühne sind Merkmale unseres Schein-Daseins.
der Fairness und des Anstands -- zwei überragenden Geistern
im gleichen Blatt die Gelegenheit bot, ihre großteils sich wider-
Es bleibt noch die Schuldfrage: Wer ist schuld an diesem Zustand.
Meine Antwort: Hauptsächlich wir selber, unsere Schwäche und sprechenden Ansichten zu gesellschaftspolitischen Themen im
dazu die von uns gewählten Vertreter/Führer der Volksgruppe! Spannungsfeld der (Landes-)Parteien und der Rechte nationa-
Weil sie zum ‚Führen‘ untauglich sind, weil sie keine Kämpfer ler Minderheiten zu präsentieren. Von den zwei -- miteinander
für ihr Volk sind, weil sie vom Staat uns zugestandene Rechte die Klingen wetzenden -- Helden ist der „Angreifer“ mein guter
nicht wahrnehmen und durchführen können (wollen?) und weil Freund, Johann Till, und der „Parierende“, ein mir unbekann-
sie (am Beispiel der Madjaren in den benachbarten Ländern) für ter Wissenschaftler der Germanistik, Koloman Brenner.
uns zustehende Rechte und Möglichkeiten nicht auftreten und
kämpfen vermögen! Beide Herren deuteten direkt und indirekt Themen an, die ich
einer „tieferen“ Behandlung für würdig erachte. Um aber den
Georg Krix, Wudersch (Fortsetzung auf Seite 30)
SoNNTAGSBLATT 29
Rahmen der Leserbriefe nicht zu sprengen, halte ich es für an- Ja, lieber Hans, könnte es nicht sein, dass Du mit Deinem „AN-
gebracht, meine Stellungnahmen über mehrere Kurzkommenta- GEKOMMEN“ nicht doch ein wenig „hochgestapelt“ hast? Nun,
re zu verteilen. Auf jeden Fall sollte die Frage der Attraktivität ich will mich nicht als Richter aufspielen, aber mir als dem Na-
der beiden ungarischen rechtskonservativen Parteien bei den in turwissenschaftler fällt auf, dass es der Sache undienlich war,
Ungarn lebenden (von der Vertreibung verschonten) „Restdeut- unserem Landsmann, dem namhaften Germanisten Brenner mit
schen“ von der Wertung der in Vergangenheit und Gegenwart Injurien zu begegnen (die der Getroffene ohnehin – zu seinem
gebotenen Freiheiten im Sprachgebrauch getrennt werden. Das Vorteil -- geschickt zu parieren verstand). Wie gekonnt und
letztere „steinige Feld“ werde ich im nächsten Leserbrief zu be- sachlich präzise Du einen Sachverhalt darzustellen in der Lage
arbeiten versuchen. Bleiben wir bei den Parteien! Ich selbst bin bist, hast Du doch in Deinem „Visszaszököttek“ glänzend bewie-
in keinem Land Mitglied einer politischen Partei. Ob ich mir trotz- sen.
dem anmaßen darf, die Rolle des „ehrlichen Maklers“ zu beset- Wiss. Dir. Andreas Puhl, Bad Liebenzell
zen, mag der Leser entscheiden.

s
Der für die Ödenburger Donauschwaben (angeblich) überra-
schende Eintritt Brenners in die JOBBIK war Anlass für Till, sei- Aufruf
nen Beitrag „Angekommen„ ins SB zu setzen. Seine Verwunde-
rung kann ich sogar verstehen; auch ich (der Vertriebene), der
in des Lebens Frühlingstagen dieses schöne Land noch seine
Heimat nennen durfte, war nicht wenig überrascht, als ich „en
JBG-Studienfahrt
passant“ - im 21. Jahrhundert – erfuhr, dass Donauschwaben nach Siebenbürgen
aus meinem Bekannten- und Verwandtenkreis entweder in der 03. - 07. Oktober 2019
Fidesz oder in der Jobbik ihre „politische Heimat“ gefunden hat-
ten.
„Auf den Spuren von Honterus”
Wenn ich mit meinem Freund Till gelegentlich Verständigungs-
schwierigkeiten hatte, konnten wir diese fast stets ausräumen;
auch hier (in seinem Bericht) hege ich den Verdacht, dass jeder Die Jakob Bleyer Gemeinschaft möchte die Reihe erfolgreicher
von uns das Wort „Überraschung“ im anderen -- wenn nicht gar Studienfahrten zu den deutschen Minderheitengemeinschaften
im konträren -- Sinne verstanden wissen wollte! in den Nachbarländern auch in diesem Jahr fortsetzen. Nach
der Vojvodina-Fahrt im vergangenen Jahr führt unser Weg dies-
Ich würde mich, z. B., wundern, wenn mein Freund Till den der- mal in den siebenbürgischen Königsboden bzw. ins Burzenland.
zeitigen ungarischen Staatslenker Orbán deshalb als einen ver-
nünftigen Staatsmann einstufte, weil er: -- (zusammen mit USA, Geplantes Programm:
Australien, Brasilien, Israel und anderen) den „UN - Migration-
pakt nicht unterschrieben oder -- die Organisation eines Dol-
lar-Milliardärs aus dem Land gejagt hat. 1.Tag: Anreise, Vortrag/thematische Einführung
2.Tag: Stradtrundgang in Hermannstadt, Treffen mit Vertretern
Trotz Tills Klagen über (angeblich längst versprengte) Grüpp- der Siebenbürger Sachsen, Besuch in Heltau und Neppendorf
chen, die -- in Erinnerung an „Trianon“ -- Transparente wie ein 3.Tag: Rundfahrt auf dem Königsboden (Birthälm-Malm-
„historisches Mantra“ (Till-Sprech), das Signum „Reconquista krog-Schässburg-Deutsch-Weißkirch)
Hungaria“ (Puhl-Sprech) vor sich hertragen, scheint mein Freund
Hans -- wenn ich ihn diesmal richtig verstünde -- auf Jobbiks Kraft 4.Tag: Besuch in Kronstadt, Treffen mit Vertretern der evangeli-
-- in einer Koalition mit Fidesz zu setzen!? Brenner nährt -- eher schen Honterusgemeinde, Gedenken am Honterus-Denkmal
unbewusst -- die Till‘schen Hoffnungen mit den Versen: „Die Or- 5.Tag: Heimfahrt über Temeswar
bán-Partei Fidesz und Jobbik haben auf der politischen Palette
die Plätze getauscht und das nicht vorgestern“. Das verstehe, Voraussichtliche Teilnahmegebühren (Busfahrt und Unterkunft):
wer will. Brenner meint wohl das Wählerverhalten zu Gunsten 35.000 Ft
der Jobbik. Mit keinem Wort leugnet er allerdings die geistige
Verwandtschaft beider Parteien. Damit habe ich persönlich Anmeldung über info@jbg.hu
keine Probleme!
Jugendliche und JBG-Vereinsmitglieder werden bei der Anmel-
Ich werde erst die Streitaxt schwingen, wenn die in meiner frühen
dung bevorzugt berücksichtigt, bei Jugendlichen und jungen
Jugendzeit losgelassene Krake der Sprachbehinderung für - ca.
Erwachsenen im Studium oder in Ausbildung ist auch das
200 Jahre in Ungarn lebende - Deutsche wieder drohen sollte.
Den gleichen festen Willen dürfen wir getrost bei unseren zwei Gewähren eines Zuschusses möglich.
deutschen Helden annehmen. Es kann aber auch nicht scha-
den, wenn sich zwei tapfere Deutsche gegenseitig anspornen. Spenden für das Sonntagsblatt
In diesem Sinne interpretiere ich die Schlusssätze des ersten
Abschnitts seines Beitrags: „So versäumt Brenner auch nicht im Spenden aus Ungarn
Interview darauf hinzuweisen, dass er es als Intellektueller für
seine Pflicht erachte, der Diktatur des Einparteiensystems ent-
vom 19.11.2018 bis 01.02.2019
gegenzutreten.“ Der Leser staunt, der Interpret des „Theaters“
wundert sich. Till wünscht sich – so scheint es -- eine starke Job-
bik, der er zutraut, „Orbáns autoritäre Alleinherrschaft“ -- rechts Deutsche
überholend -- zu brechen. Also setzt Till auf die „klaren Worte“ Ratzpeter/Újpetre 10.000,- Ft
Selbstverwaltung
des „eloquenten geistigen Überfliegers und frisch-gewählten
Jobbik-Politikers Brenner“ seine Hoffnungen (auf die Befreiung Bardos, Katharina Deutschbohl/Bóly 1.000,- Ft
von Orbáns Joch)!? Brenner, Koloman Dr. Hanselbek/Érd 10.000,- Ft

Tills Wunsch und Aufforderung an Brenner, nun endlich loszu- Bauer, Egon Gran/Esztergom 5.000,- Ft
schlagen, ist in seinem Schlusssatz unverkennbar: „Wir werden Bauer, Bence Ofenpest/Budapest 4.444,- Ft
aufmerksam verfolgen, wie weit Koloman Brenner seinen Worten
Czirjak, Josef Dr. Fünfkirchen/Pécs 10.000,- Ft
Taten folgen lassen wird (bzw. kann)“. Da werde ich an einen
- von meinen englischen Freunden häufig gebrauchten – Satz Erdei, Franz Moor/Mór 10.000,- Ft
erinnert: „He wants the cake and eat it“. Besser verstanden wird Erdősi, Andreas Ofenpest/Budapest 2.000,- Ft
wohl der deutsche Spruch: „Er will den Teufel mit dem Beelzebub
austreiben“. Hambuch, Gerda Ofenpest/Budapest 30.000,- Ft

30 SoNNTAGSBLATT
Sándor-Hönigmayer, BEITRITTSERKLÄRUNG
Ragendorf/Rajka 3.000,- Ft
Elisabeth
Koch, Heinrich Dr. Bonnhard/Bonyhád 4.000,- Ft Unterzeichnete/r erkläre mich mit den Zielsetzungen der
Jakob Bleyer Gemeinschaft einverstanden und beantrage
Werischwar/
Manhertz, Matthias 5.000,- Ft somit meine Aufnahme in die Mitgliedschaft des Landesve-
Pilisvörösvár
reins.
Manherz-Klinger, Werischwar/
5.000,- Ft
Maria Pilisvörösvár
Meinen Mitgliedsbeitrag werde ich gerne in Form einer
Pencz, Kornel Dr. Baaja/Baja 5.000,- Ft Spende entrichten. Ich nehme zur Kenntnis, daß mir das
Werischwar/ Sonntagsblatt frei zugeschickt wird, zu dessen inhaltlicher
Peregi, Martin 1.500,- Ft
Pilisvörösvár Gestaltung und Verbreitung ich meine Mithilfe zusage.
Pócsik, Viktor Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft
Preusser, Tibor Dr. Ofenpest/Budapest 2.000,- Ft Datum:......................................................................................
Richter, Otto Balatonfüred 3.000,- Ft Unterschrift (leserlich):.............................................................
Name:.......................................................................................
Seereiner, Tibor Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft
Adresse:...................................................................................
Streb, Rosalia Fünfkirchen/Pécs 3.000,- Ft .................................................................................................
Szettele, Philipp Dr. Baaja/Baja 2.000,- Ft Tel.:..........................................................................................
Tápai, Ildikó Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft E-Post (E-mail) Adresse:..........................................................
Geburtsort u. Datum:................................................................
Tefner, Zoltán Dr. Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft
Abstammungsgebiet/Herkunfsort:............................................
Werner, Gabriel Fünfkirchen/Pécs 5.000,- Ft Beruf (auch früherer):...............................................................
Frau Wittendorfer/
Badesek/Bátaszék 10.000,- Ft
Wittendorfer Antalné Allen Mitgliedern wird das Sonntagsblatt ab sofort und lau-
fend zugeschickt.
Weitere Spenden
Mitgliedsbeitrag (Sonntagsblatt inbegriffen) ist Ihre SPENDE.
Fordinal, Theresia Welzheim/D 10,- EUR
Senz, Ingomar Dr. Deggendorf/D 50,- EUR
Sonnevend, Adam BESTELLUNG
Rostock/D 50,- EUR
Dr.
Suevia Pannonica Heidelberg/D 200,- EUR Ich bitte um Zusendung des Sonntagsblattes an:
Weifert, Mathias Dr Miltenberg/Main/D 5,- EUR
Name:..........................................................................
Anschrift:......................................................................
.....................................................................................
Herzlichen Dank allen lieben Spendern,
Ich erkläre mich bereit, die Kosten des Sonntagsblattes mit
die das Sonntagsblatt am Leben erhalten! einer Spende zu begleichen.

Datum:.........................................................................
Unterschrift:..................................................................
Gefördert durch NEMZ-KUL-19-1040

Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V.


H-2040 Budaörs, Budapesti út 45.

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Herausgeber des Mitteilungsblattes: Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V. Begünstigter: Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V.
Postanschrift der Redaktion: H–2040 Budaörs, Budapesti út. 45 Bank: UniCredit Bank Hungaria Rt., Budapest
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SoNNTAGSBLATT 31