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\ WOCHE NR. 30 21.

JULI 2017 07038 € 3,50

WOCHE

REVOLUTION
IM FERNSEHEN
Netflix und Amazon machen den klassischen
Sendern Druck – Gewinner ist der Zuschauer

SPD KINDER MODE 30

WIE GABRIEL KAMPF UM DIE ABSCHIED VON 4 190703 803506

SCHULZ SCHADET KITA-PLÄTZE DER BAUMWOLLE Österreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg 3,90 €
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3

INHALT
TITEL 5 Meldungen 24 Detektive im Netz
Kommen die Hackerangriffe
6 Bild der Woche aus Russland? Oder aus China?
Analysten finden es heraus.
MEINUNG
26 König der Bürger
9 Kein Retter, kein Butler Die CSU präsentiert ihren
Schulz gibt alles, aber für ihn Bayernplan auf einem Fest
im Olympiapark.
und seine SPD fällt nichts ab.
Titelillustration Jan Bazing

9 Immer noch zu schwach? 27 Der Protest wächst


Die Parteien überbieten Italien droht, die Flüchtlinge
sich mit Versprechen, Müttern nach Norden zu schicken.
etwas Gutes zu tun.
Revolution im Fernsehen 28 Nachfolger gesucht
Neue Serien überall – die WOCHE-REPORTER In der Partei von Theresa May
Zuschauer kann es freuen. Seite 14 sind sich viele sicher: Ihre Zeit
10 Der Feind ist rot als britische Premierministerin
Die aggressive Politik Russlands neigt sich dem Ende zu.
sorgt in Osteuropa für Unruhe.
30 Der Feind eint
Amerika versucht, den
Verbündeten den Rücken zu Ungarns Ministerpräsident
stärken – mit einer Militärübung. bedient sich antisemitischer
Klischees.
TITEL
32 Russische Affäre
Wie Gabriel Schulz schadet Donald Trumps Lügengebäude
Der Außenminister auf
14 Revolution im Fernsehen
stürzt immer weiter ein.
Wahlkampftour. Seite 22 Mehr Serien, mehr Filme, mehr
Sport: Anbieter wie Netflix und 33 Die Holzhammermethode
Amazon setzen die klassischen
Fernsehsender unter Druck. Der Berliner Politiker Raed
Saleh will hoch hinaus.
18 „Das Niveau steigt“ 33 Gesagt, getan
Der Produzent Nico Hofmann Ein Grüner und Flüchtlinge,
über neue Ansprüche, die ein Linker und Neonazis.
Serie der Zukunft und die Liebe
der Deutschen zum „Tatort“. GESELLSCHAFT
Kampf um die Kita-Plätze
Trotz Rechtsanspruch gehen 21 Groß, aber unsichtbar 34 Ihr Islam ist ein anderer
viele Eltern leer aus. Seite 38
Wie sehen wir morgen fern? Die Deutsch-Türkin Seyran
Ganz anders als heute – Ates hat in Berlin eine liberale
mit Displays, die in Wände Moschee gegründet.
oder Fenster integriert sind.
36 Der fremde Körper
POLITIK
Vera Lindenberg hat einen
ungewöhnlichen Weg gefunden,
22 Der liebe Freund mit multipler Sklerose zu leben.
Fotos dpa (2), Lenzing AG

Sigmar Gabriel nutzt das


Abschied von der Baumwolle Auswärtige Amt für den 37 Spitzen der Gesellschaft
Die Mode der Zukunft besteht Wahlkampf. Auch deshalb gerät Prinz Charles und die Liebe
aus Fasern von Bäumen. Seite 60 Martin Schulz in die Defensive. vor dem Tod von Diana.

30/2017 FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE


4

INHALT
WIRTSCHAFT 53 Sieh her! 60 Wunderstoff
Verlassene Frauen stählen ihren Die Produktion von Baumwolle
38 Kampf um die Kita-Plätze Körper und posten im Netz ist begrenzt. Jeans und T-Shirts
Seit vier Jahren gibt es den Bilder ihres „Revenge Body“. werden deshalb immer häufiger
Rechtsanspruch auf einen aus den Fasern von Bäumen
54 „Ein großes Spektakel!“ hergestellt.
Betreuungsplatz. Trotzdem
gehen weiter viele Eltern leer aus. Der Comic-Klassiker „Valerian“
62 Kampf im Wattenmeer
von Jean-Claude Mézières
41 Das Phantom erobert das Kino. Die Pazifische Auster macht
sich breit. Feinschmecker mögen
Der neue Großaktionär der
56 Zeit für ein Picknick mit der Zunge schnalzen,
Deutschen Bank gibt Rätsel auf.
Im Grünen zu speisen ist die Biologen aber schlagen Alarm.
42 Dämmland in Angst perfekte Sommerbeschäftigung. 63 Gut zu wissen
Kaum eine Nation dämmt Eine Ausstellung in Frankfurt
erklärt die Geschichte dahinter. Schweinepest, Bakterien
ihre Häuser so eifrig wie wir. und Asteroiden
Doch nach dem Brand in
57 Entdeckung der Woche
London wachsen die Sorgen. SPORT
Palladio: Ein neues Buch
44 Heavy Metal wird zu Gold entdeckt den Menschen hinter 64 Das gelobte Land
Das Wacken Open Air ist eine der Architektur.
China lockt Fußballer mit
echte Geldmaschine – inklusive hohen Gehältern. Doch jetzt
WISSEN
unterirdischer Bierleitungen. stockt der Transferwahnsinn.
46 Genug geshoppt 58 Der weiße Riese Was steckt hinter der neuen
Sparsamkeit?
Concept-Stores galten als die In der Antarktis ist ein riesiger
Zukunft des Handels. Jetzt macht neuer Eisberg entstanden. 66 Das wär’s
ausgerechnet der Pionier dicht. Die Konsequenzen werden in Greser und Lenz
Bremerhaven erforscht. Impressum
47 Wochengrafik
Fastfood à la McDonald’s
reicht nicht mehr.
GELD

48 Die Suche nach dem besten Zins


Internet-Vergleichsportale
bieten viele Chancen zum Sparen.
Es gibt aber auch Tücken.
49 Frag den Mohr
Kann ich überall mit
100-Euro-Scheinen bezahlen?
FEUILLETON

50 Tanz in die Zukunft


Foto dpa, Vario Images

Im Problemviertel Duisburg-
Marxloh eröffnen sich
Schülern in Integrationsklassen
mit Strawinsky ganz neue
Perspektiven. Wacken rockt: Das Heavy-Metal-Festival ist eine Geldmaschine. Seite 44

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


MELDUNGEN DER WOCHE
IMMOBILIEN 91% Das Ansehen der Spitzenpolitiker
Teurer wohnen 84% 81% Anteil der Entscheider aus Wirtschaft,
Politik und Verwaltung, der eine
in Deutschland gute Meinung hat von...
Die Zinsen sind niedrig, die Wirt- 60%
schaft brummt – trotzdem werden die 53%
Deutschen zu keiner Nation der Häus-
lebauer und Wohnungseigentümer. 39%
34% 33%
Im Gegenteil: 54,3 Prozent der Bevöl-
kerung lebten 2016 in Mietwohnun-
gen, zeigt eine Auswertung der Prü-
fungsgesellschaft Deloitte. Das ist ein
einsamer Spitzenwert; in Frankreich,
Belgien und den Niederlanden ist die Angela Wolfgang Christian Sigmar Cem Ursula von Katrin Martin
Quote nur halb so hoch. Ein Grund Merkel Schäuble Lindner Gabriel Özdemir der Leyen Göring- Schulz
(CDU) (CDU) (FDP) (SPD) (Grüne) (CDU) Eckardt (SPD)
für die Kaufzurückhaltung dürften die (Grüne)
steigenden Wohnungspreise in Groß- Ausgewählte Politiker. Quelle: Capital-F.A.Z.-Elite-Panel, Juli 2017 / Fotos: dpa (5); Reuters (2); AFP / F.A.Z.-Grafik Brocker
städten sein. In Berlin kostete ein Qua-
dratmeter laut Deloitte im vergange- BUNDESTAGSWAHL
nen Jahr im Schnitt 3510 Euro, das wa-
ren fast zehn Prozent mehr als 2015.
Schulz fast so beliebt wie Göring-Eckardt
Selbst in München, Deutschlands teu- Zwei Monate vor der Bundestags- noch hinter den beiden Vorsitzen-
erster Stadt, stiegen die Preise noch ein- wahl haben zumindest Deutsch- den der Grünen Cem Özdemir und
mal um fast neun Prozent auf 6580 lands Führungskräfte eine klare Mei- Katrin Göring-Eckardt auf dem zehn-
Euro je Quadratmeter. jpen. nung, wen sie gerne in der Regie- ten Platz – immerhin knapp vor
rung sehen würden. Schwer beein- dem CSU-Vorsitzenden und bayeri-
druckt sind die Spitzenkräfte aus schen Ministerpräsidenten Horst See-
Wirtschaft, Politik und Verwaltung hofer. Wesentlich mehr Respekt brin-
ALLENSBACH-UMFRAGE gen die Eliten dem Außenminister
etwa von Christian Lindner. Der jun-
Große Mehrheit ge FDP-Vorsitzende, der schon mal und früheren SPD-Chef Sigmar Ga-
im Unterhemd für Anzeigen po- briel entgegen. Selbst der sozialdemo-
für Freizügigkeit siert, steht bei ihnen nun fast so kratische Justizminister Heiko Maas
Das Brexit-Votum hat gezeigt: Viele hoch im Kurs wie Bundesfinanzmi- kann punkten. Von Arbeitsministe-
Briten sehen die Arbeitnehmerfreizü- nister Wolfgang Schäuble (CDU). rin Andrea Nahles haben die meis-
gigkeit in der EU kritisch. In Deutsch- Dies geht aus dem F.A.Z.-Capital- ten Führungskräfte dagegen keine
land hingegen finden knapp drei Vier- Elite-Panel hervor, der mit 521 Füh- gute Meinung.
tel gut, dass man innerhalb der EU rungskräften am ranghöchsten be- Zwei Drittel der Befragten sind
ohne Einschränkungen arbeiten kann. setzten repräsentativen Umfrage in nicht nur davon überzeugt, dass es
Deutschland. Lindner rangiert da- die FDP wieder in den Bundestag
Finden Sie die Freizügigkeit mit im Ansehen an dritter Stelle hin- schafft, sie wünschen sich die Partei
für Arbeitnehmer gut? ter der unangefochtenen Spitzenrei- auch in der Regierung. Einen Einzug
terin Angela Merkel. der Alternative für Deutschland
Ja Um das Ansehen des SPD-Kanzler- (AfD) erwarten – oder befürchten –
72 kandidaten Martin Schulz ist es hin- fast 90 Prozent der Eliten, für wün-
gegen schlecht bestellt. Eine gute schenswert hält das nicht einmal je-
Meinung von ihm haben gerade mal der Zehnte. Im Ansehen rangiert
in Prozent 33 Prozent der vom Allensbacher In- AfD-Spitzenkandidat Alexander Gau-
stitut für Demoskopie bis Anfang land nahe der Nulllinie.
Juli befragten Führungskräfte. Beson- Unter den Teilnehmern der Umfra-
Nein ders gering ist das Zutrauen in ge sind 85 Vorstände von Unterneh-
13 15 Schulz in den Unternehmen: Nur men mit mehr als 20 000 Beschäftig-
Unentschieden
keine Angaben
rund ein Viertel der Vorstände sind ten, 24 Minister und Ministerpräsi-
von Merkels Herausforderer ange- denten und 33 Leiter von Bundes-
Rund 1300 Befragte (Bevölkerung von 16 Jahren an)
Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach F.A.Z.-Grafik swa. tan. Schulz liegt im Ansehen sogar und Landesbehörden. hig.
6

BILD DER WOCHE

Sprung
für
Mandela

m besten würdigen lasse sich

A Nelson Mandela nicht mit


Worten, sondern mit „Taten,
die diese Welt besser machen“.
Das sagte UN-Generalsekretär
Antonio Guterres am 18. Juli, je-
nem Tag, an dem der Freiheits-
kämpfer Mandela 99 Jahre alt ge-
worden wäre. Das Mädchen auf
unserem Foto hat die Welt beim
Seilspringen auf den Straßen Kap-
stadts nicht gleich zu einem besse-
ren Ort gemacht, aber gemein-
sam mit vielen Landsleuten an
Mandelas Geburtstag ein Zeichen
gesetzt – für eine Welt frei von
Rassendiskriminierung und Ar-
mut. Auch weil gegen ihren amtie-
renden Präsidenten Jacob Zuma
und dessen Familie Hunderte Er-
mittlungsverfahren wegen Kor-
ruptionsverdachts laufen, dürften
die Südafrikaner gerne die Chan-
ce genutzt haben, um ihres frühe-
ren Präsidenten zu gedenken. Für
den Kampf gegen die Apartheid
und den Einsatz für Freiheit, De-
mokratie und Gleichheit wurde
Nelson Mandela 1993 mit dem
Friedensnobelpreis ausgezeich-
net. Am 5. Dezember 2013 starb
er im Alter von 95 Jahren in Jo-
hannesburg. mtle.

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Foto Mike Hutchings/Reuters
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9

MEINUNG
MARTIN SCHULZ KITA-AUSBAU

Kein Retter, Immer noch


kein Butler zu schwach?
Von Philip Eppelsheim Von Heike Göbel

as muss man erst einmal schaffen: Im Februar war rauen und insbesondere Mütter können sich über ei-

D Martin Schulz noch der heilige Martin, der Retter


der SPD. Überall jubelten und kreischten ihm Sozial-
demokraten im Schulz-Rausch zu. Die Umfragewerte
F nen Mangel an Aufmerksamkeit im Wahlkampf
auch diesmal nicht beklagen. Wieder locken alle Par-
teien mit neuen Rechtsansprüchen, die ihnen die Verein-
schossen in ungeahnte Höhen. Schulz selbst hatte dafür barkeit von Familie und Beruf noch leichter machen sol-
noch nicht einmal etwas machen müssen, außer zu sagen: len. Der vor vier Jahren schon auf einjährige Kinder ausge-
Ich mach’s. Hinzu kamen Würselener Geschichten vom weitete (und weitgehend eingelöste) Rechtsanspruch auf
Fall und vom Aufstieg; und allerorten schallte es einem einen Betreuungsplatz werde künftig auch für Grund-
entgegen: Der kann’s! Der macht den Kanzler! schulkinder gelten, locken Union und SPD. Zugleich ver-
Und jetzt? Bei Landtagswahlen gab es seitdem nur sprechen sie, mehr Geld in die Qualität der Betreuung zu
Schlappen. Die Union und die SPD trennen in Umfragen stecken, damit die Kinder guten Gewissens abgegeben wer-
mehr als zehn Prozent. Unter Führungskräften ist Schulz den können. Und trotzdem will man die Eltern von den
mittlerweile so beliebt, Entschuldigung: unbeliebt, wie Ka- Kita-Gebühren möglichst befreien.
trin Göring-Eckardt. Selbst Sigmar Gabriel steht besser da Auch die Arbeitszeit macht die Politik weiterhin als
– und hat zudem nichts anderes zu tun, als das Auswärtige Feind der Familien und damit vor allem der Frauen aus.
Amt für Wahlkampfzwecke zu nutzen und seinem Partei- Zu den zahlreichen gesetzlichen Eltern- und Teilzeitan-
vorsitzenden damit zu schaden. Nicht einmal bei Jugendli- sprüchen dürfte sich je nach Koalition bald noch ein Rück-
chen kommt Schulz gut an. Die SPD ist also wieder da, wo kehrrecht auf Vollzeit gesellen. Womöglich belohnt der
sie auch schon viele Jahre im Vor-Schulz-Zeitalter war. Da- Staat zusätzlich die Paare, die ihre Arbeitszeiten gemein-
bei kann man Schulz nicht viel vorwerfen. Unentwegt sam reduzieren zugunsten der Kinder. Obendrein ver-
zieht er durchs Land, von der Waterkant bis zur Zugspit- spricht die Union Wiedereingliederungsberatung.
ze, redet von Gerechtigkeit und der Zukunft, präsentiert
Doch mit der Einstiegsförderung ist es nicht genug, fast
Pläne. Da heißt es dann: Schulz will mehr in Bildung inves-
alle Parteien fühlen sich auch für Aufstieg und bessere Löh-
tieren. Schulz will solidarische Flüchtlingspolitik. Schulz
ne der Frauen verantwortlich. Quoten sollen dem offen-
will eine Mindestdrehzahl für Investitionen. Doch stets
muss er sich Spott anhören. sichtlich für das eigene Fortkommen immer noch zu
Während Angela Merkel mit Linsensuppe (da weiß schwachen Geschlecht den Weg nach oben bahnen. Die
man, was man kriegt) verglichen wird oder mit Miss So- SPD will nicht ruhen, bis die Hälfte der Führungsposten
phie (The same procedure as every year), bleibt ihm in Frauenhand ist. Frauen dürfen hoffen, dass sich die
höchstens die Rolle des eifrigen Butlers: Well, I’ll do my nächste Regierung der schlechten Bezahlung in den von ih-
very best. Und das tut er ja wahrlich auch. Aber die Sozial- nen bevorzugten sozialen Berufen annimmt und ihnen
demokraten müssen sich eben der Tatsache stellen, dass je- mit Lohntransparenzgesetzen die Überwindung erspart,
der Hype nur ein Hype ist und deshalb stets schnell vor- selbst mal beim Chef nach mehr Geld zu fragen.
bei. Nur was sollen sie tun? Sie könnten sich weinerlich da- Wer die Programme liest, wähnt sich in einem Land,
mit abfinden, dass ihr Wählerpotential Grenzen hat und das Frauen immer noch grob benachteiligt und durch feh-
sie sowieso keine Chance. Außer, aus dem Nichts er- lende Paragraphen oder Kita-Plätze am Doppelglück von
scheint eine Krise, die in ihren Dimensionen mit der Kind und Karriere hindert. Das ist ärgerlich, denn das Ge-
Flüchtlingskrise vergleichbar ist. Oder Merkel macht ei- genteil ist richtig. In Deutschland haben es Mütter heute
nen Fehler, der seinesgleichen sucht. Auch Wunder hat es so komfortabel wie nie, Arbeit und Kinder zu vereinbaren.
schließlich schon gegeben. Oder Schulz kämpft weiter In kaum einem Land sind die wirtschaftlichen Bedingun-
und lässt sich weder von Umfragen noch von Angela Mer- gen für Frauen günstiger, werden sie von Unternehmen so
kel oder lieben Parteifreunden beirren. Dann ist er viel- umworben, sind ihre Freiheiten größer. Nutzen müssen
leicht nicht der leuchtende Retter, aber jedenfalls auch die Frauen ihre enormen Chancen auf dem Arbeitsmarkt
kein jammernder Butler. Allein das würde der SPD gut- aber schon selbst. Das kann ihnen kein Gesetz und keine
tun. (Siehe Seiten 5 und 22.) Frauenministerin abnehmen. (Siehe Seite 38.)

30/2017 FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE


WOCHE-REPORTER

Der Feind
ist rot
Die aggressive Politik Russlands sorgt
in Osteuropa für Unruhe. Amerika
versucht, den Verbündeten den Rücken
zu stärken – mit einer Militärübung
der besonderen Art.
Von Peter Badenhop

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Manöver mit Freunden: Ein T-55-
Panzer der rumänischen Armee
überquert die Donau auf einer
Pontonbrücke. Marineinfanteristen
setzen in Schlauchbooten über.
Fotos Reuters, Peter Badenhop

uf den ersten Blick ist die Idylle perfekt. Die Sonne Monaten beschäftigt. General Hodges ist zufrieden. „Kein

A scheint von einem stahlblauen Himmel, es weht ein


leichtes Lüftchen, in den Bäumen zwitschern die Vö-
gel, und ein Schäfer führt seine Herde in aller Ruhe
über eine grüne Wiese. Alles ist ruhig – bis die Helikopter
kommen. Mit ohrenbetäubendem Lärm fliegen sie über die
Vergleich zum letzten Jahr“, sagt er. Hodges spricht von ei-
nem Symbol für das Engagement Amerikas und der Nato
in der Schwarzmeerregion. Und der Chef der rumänischen
Landstreitkräfte, Generalmajor Marius Harabagiu, sieht
ein deutliches „Zeichen der Abschreckung gegen einen po-
Anhöhe und setzen auf dem Feld auf. Dann springen Solda- tentiellen Feind“.
ten aus den Seitentüren, schließlich kommt der General. Für Sergeant Nicholas Honeycutt und seine Männer sind
Mit schusssicherer Weste, grüner Farbe im Gesicht und diese Überlegungen reine Theorie. Für sie beginnt der nächs-
drei schwarzen Sternen auf dem Kampfhelm schwingt sich te Morgen mit Schminken. Sie sollen bei der Gefechtsübung
Generalleutnant Ben Hodges aus seinem Black Hawk und ein paar Stunden später schwerbewaffnet einen Hügel hinun-
verschwindet mit seinen Männern in einem flachen, gelb- terstürmen und als Infanteristen Hubschrauber- und Artille-
braunen, mit Stacheldraht gesicherten Bau. Vor dem Ge- rie-Einheiten unterstützen, um den Angriff eines „technolo-
bäude wehen die Fahnen der EU, Rumäniens und der gisch hochgerüsteten Feindes“ zurückzuschlagen. Seit einer
Nato, im Schatten eines ausladenden Pflaumenbaums ste- Woche haben sie dafür mit Soldaten aus Ungarn, Montene-
hen ein paar Soldaten und rauchen, an der Ecke liegt ein gro, Rumänien und der Ukraine trainiert. Jetzt stehen sie im
Hund in der Sonne. Schatten ihres Panzers und stellen „Gefechtsbereitschaft“
Der Oberkommandierende der amerikanischen Armee in her. Die Zusammenarbeit mit den Soldaten der anderen Na-
Europa ist in das Trainingscenter der rumänischen Armee tionen sei „eine interessante Erfahrung“, sagt der 28 Jahre
nach Cincu, einem verschlafenen Dorf in Siebenbürgen, ge- alte Unteroffizier aus North Carolina und spuckt seinen Kau-
kommen, um einen Teil der Großübung „Saber Guardian“ tabak aus. „Es dreht sich alles um Kommunikation, und das
zu begleiten. 5000 Soldaten aus sechs Nationen sollen auf klappt immer besser.“
dem weitläufigen Gelände in den nächsten Tagen Stärke de- Das eigentliche Gefechtsschießen mit scharfer Munition
monstrieren. Dutzende Panzer, Artilleriegeschütze, Hub- dauert später etwas mehr als eine Stunde. Honeycutt und
schrauber und Kampfjets stehen bereit. In dem Flachbau am seine neun Männer rennen durch das hohe Gras, feuern
Kaserneneingang gibt der Drei-Sterne-Mann zum Auftakt
ein Briefing für die versammelten Offiziere.
„Saber Guardian“, zu Deutsch: Säbel-Wächter, findet in
Cincu nicht zum ersten Mal statt. Seit 2013 wird das Groß-
manöver mit dem martialischen Namen jeden Sommer
gleichzeitig auf verschiedenen Truppenübungsplätzen in Un-
garn, Bulgarien und Rumänien veranstaltet. Nicht als offiziel-
le Nato-Übung, sondern als „multinational exercise“ unter
amerikanischer Führung, zu der sowohl Nato-Staaten als
auch sogenannte Partnernationen wie Georgien, Serbien
und die Ukraine eingeladen werden.
Das ist auch diesmal so, und dennoch ist alles anders:
Die aggressive russische Politik gegenüber der Ukraine hat
die Allianz zu einem Strategiewechsel veranlasst. Osteuro-
pa steht im Fokus der Militärplaner. „Saber Guardian“ ist
in diesem Jahr größer, umfangreicher und komplexer als je
zuvor. In Rumänien ist es das größte Manöver seit 20 Jah-
ren. Der Aufwand ist gigantisch: Allein 14 000 Amerikaner
nehmen an dem gut drei Wochen dauernden Manöver teil.
Insgesamt sind mehr als 25 000 Soldaten aus zwei Dutzend
Ländern beteiligt.
Dazu gehören nicht nur Gefechtsübungen und taktische
Trainingseinheiten, sondern auch Infrastrukturprojekte
wie der Ausbau des Truppenübungsplatzes in Cincu. Ame-
rikanische und britische Reservisten sind damit schon seit
12 WOCHE-REPORTER

aus ihren Sturmgewehren, während über ihnen rumänische Soldaten, die die Befehle der Generäle und Strategen letztlich
MiG-21-Kampfjets Raketen und amerikanische Apache-He- umsetzen müssen, höchstens hinter vorgehaltener Hand
likopter eine Salve nach der anderen abfeuern. Sie sichern durchblicken – und nur, wenn gerade kein Offizier in der
eine vorher bestimmte Position und beobachten, wie die Nähe ist. Nicht nur die Sprachbarriere ist mitunter schwer zu
Gegner – die aus rostigen Schiffscontainern und alten Mili- überwinden, auch kulturelle Unterschiede spielen eine Rolle.
tärfahrzeugen bestehen – aufgerieben werden. Der rumäni- „Die Rumänen rauchen den ganzen Tag, und ihre Vorgesetz-
sche Präsident Klaus Johannis und eine Tribüne voller politi- ten hängen nur am Handy“, sagt ein amerikanischer Unterof-
scher Ehrengäste verfolgen das Spektakel. fizier in einer Gefechtspause. „Ein bisschen Warschauer-
Sergeant Honeycutt und seine Männer gehören zur 3. Bri- Pakt-Flair ist hier immer noch zu spüren“, meint ein Leut-
gade der 4. Infantry Division – dem Herzstück des amerika- nant. Auf der anderen Seite sieht sich mancher rumänische
nischen Engagements in Osteuropa. Die 3500 Mann der ge- Offizier angesichts des robusten Auftretens der Amerikaner
panzerten Brigade sind die rotierenden Kräfte, die das Penta- in seinem Stolz verletzt.
gon wegen des Auftretens Russlands nach Europa geschickt Generalleutnant Hodges ist trotzdem zuversichtlich. Die
hat. Im Januar sind Honeycutt und seine Kameraden aus Mittel für das Engagement Amerikas und der Nato im Osten
Fort Carson in Colorado nach Europa verlegt worden. Zu- seien stetig erhöht worden, sagt er. Und er weist darauf hin,
nächst in die Oberpfalz, dann nach Polen und ins Baltikum, dass im Budgetvorschlag des Präsidenten trotz aller Kritik an
nun ist Rumänien an der Reihe. Im September werden sie den Nato-Alliierten zusätzlich 1,4 Milliarden Dollar in die
durch Soldaten aus Fort Riley in Kansas ersetzt. bisher mit 3,4 Milliarden Dollar ausgestattete „European Re-
Die Kräfte werden alle neun Monate ausgetauscht. Das assurance Initiative“ fließen sollen. Aus der werden viele der
soll die Zusammenarbeit der Nato-Truppen stärken. Der von Hodges vorangetriebenen Projekte wie die Truppenrota-
deutsche Zwei-Sterne-General Markus Laubenthal, der die tion und die Intensivierung von Übungen wie „Saber Guar-
1. Panzerdivison der Bundeswehr in Oldenburg komman- dian“ bezahlt. „Messt uns an unseren Taten, nicht unseren
diert und als Beobachter nach Cincu gekommen ist, sagt es Worten“, sagt der General.
so: „Wir können keine stehende Armee in Osteuropa statio- Ganz andere Gedanken macht sich ein Korporal der ru-
nieren. Aber wir können zeigen, wie schnell wir gemein- mänischen Marine, der einen Tag später mit seinen Kamera-
sam einsatzbereit sind.“ den in der Nähe des Dorfes Bordusani am Ufer der Donau
Und das geht nach Ansicht der Nato nur über „interopera- steht. Mit anderen Marineinfanteristen wird er gleich in
bility“, also die Fähigkeit der nationalen Streitkräfte, eng zu Schlauchbooten über den Fluss jagen und so zur Sicherung
kooperieren. Dass das nicht immer so einfach ist, lassen die einer riesigen Pontonbrücke beitragen. Die haben rumäni-
sche Pioniere in den vergangenen Tagen über den gut
200 Meter breiten Strom gelegt. Nein, sagt der Korporal mit
der schwarzen Tarnfarbe im Gesicht, das sei für ihn und sei-
ne Männer nichts Besonderes. „Das machen wir jeden Tag,
das ist Routine.“ Ja, die Zusammenarbeit mit den Amerika-
nern sei schon außergewöhnlich – und auch schwierig, weil
er und seine Kameraden kein Englisch sprechen. „Aber es
wird schon besser“, sagt er zu dem Oberstleutnant, der sei-
ne Worte übersetzt.
Wie das Gefechtsschießen in Cincu ist auch der Brücken-
schlag über die Donau, an dem mehr als 1500 Rumänen und
gut 100 GIs teilnehmen, ein praktischer Schritt für eine enge-
re Zusammenarbeit innerhalb der Nato – vor allem aber ist
das aufwendige Unterfangen eine Demonstration, die sich
an Moskau richtet. Offiziell trägt der Feind keinen Namen.
Aber um welchen potentiellen Angreifer es geht, ist allen klar
– nicht nur weil die feindlichen Soldaten und Fahrzeuge auf
dem großen, für die Beobachter aufgebauten Gefechtsmo-
dell knallrot sind. Auch General Hodges, der wieder im
Black Hawk einfliegt, lässt keinen Zweifel: Mit der Annexion
der Krim habe Russland die Sicherheitslage in Osteuropa ver-
ändert, sagt er. Um weitere Krisen zu verhindern und die Rus-
sen abzuschrecken, seien Großmanöver wichtig. „Wir provo-
zieren nicht, wir reagieren auf eine Bedrohung.“
Den Russen steht die Tür offen
Während die rumänischen Marineinfanteristen ihre Boote
nach der Übung wieder ans Ufer ziehen, wartet gut 75 Kilo-
meter entfernt nahe der Schwarzmeer-Hafenstadt Konstan-
za David Ward auf seinen Einsatz. Der Engländer hat schwe-
re Brandwunden im Gesicht und am Hals, sein rechter Arm
ist zerfetzt, die Hand hängt nur noch an zwei dünnen Seh-
nen am Unterarmknochen. Dass er und die anderen
Schwerstverletzten, die sich vor einem flachen Gebäude am
Rande der rumänischen Militärbasis Mihail Kogalniceanu
versammelt haben, trotzdem beste Laune haben, liegt dar-
an, dass sie Statisten sind. Mitarbeiter einer britischen Fir-
ma für Spezialeffekte haben knapp 100 Soldaten für eine Sa-
nitätsübung mit Verletzungen verziert.
Für die an der Übung teilnehmenden Ärzte und Sanitäter
sind die Verwundeten Opfer der Kämpfe an der Pontonbrü-
cke bei Bordusani und eines Raketenangriffs in der Nähe.
Untersucht und behandelt werden sie in drei nebeneinander
aufgebauten Feldlazaretten, einem rumänischen, einem
amerikanisch-britischen und einem der Balkan Medical
Task Force. Vor allem der Beitrag dieser 2010 ins Leben geru-
fenen Initiative, an der sich die sechs Balkan-Staaten Bos-
Infanteristen auf dem
rumänischen Trainingsgelände nien, Slowenien, Serbien, Montenegro, Mazedonien und Al-
in Cincu (Foto links). banien beteiligen, ist für Generalleutnant Hodges ein gutes
Ein schwerer zweimotoriger Zeichen: „Es ist ein Beispiel, wie man selbst in einer Region
Kampfhubschrauber der mit so enormen Herausforderungen, wie es der Balkan ist,
Marke Apache (oben), Vertrauen schaffen kann“, sagt er. Kurz vor seinem Abflug
Generalleutnant Ben Hodges zurück ins Europa-Hauptquartier der Army in Wiesbaden
(Mitte) und ein aus allen schlägt er dann noch einmal den Bogen zum eigentlichen
Rohren feuernder rumänischer Adressaten von „Saber Guardian“: „Auch die Russen kön-
Schützenpanzer (unten) nen jederzeit in den Kreis der verantwortungsbewussten Na-
Fotos Peter Badenhop (3), EPA
tionen zurückkehren. Die Tür steht offen – aber hindurchge-
hen müssen sie schon selbst.“ K
TITELTHEMA

Revolution im
Fernsehen
Mehr Serien, mehr Filme, mehr Sport: Anbieter wie
Netflix und Amazon setzen die klassischen Fernsehsender
unter Druck. Doch auch dort tut sich jetzt einiges.
Die Zuschauer kann es freuen.
Von Michael Hanfeld und Ursula Scheer

er Mann hat den bösen Blick. Er ist das Böse. Das Böse, für zu bezahlen. Also wandert „Twin Peaks“ von Showtime

D das mit der Atombombe in die Welt kam. Es fährt in


Menschen und sorgt für grenzenloses Unheil. Auch
den sanften FBI-Ermittler Dale Cooper hat es erwischt, am
in Amerika zum Abosender Sky nach Deutschland, der ein
ganzes Bündel von Serien- und Spielfilmkanälen anbietet
und selbstverständlich auch Fußball im Programm hat.
Ende der Serie „Twin Peaks“, mit der David Lynch und Mark Denn auf diesen Feldern wird die Schlacht um die Zukunft
Frost vor mehr als 25 Jahren das Fernsehen revolutionierten. des Fernsehens geschlagen: Serien, Filme, Sport.
Sie drehten eine Serie, die zugleich Seifenoper, Thriller und
mysteriöse Science-Fiction war. Und an deren Erfolg zu- Eine tektonische Verschiebung ist im Gange
nächst niemand glaubte. Obwohl die beiden Serienmacher Die technische Frage nach dem Fernsehen von morgen ist
Lynch und Frost gegen sämtliche Gesetze des Fernsehens ver- längst beantwortet. Es ist da, wo es läuft, über Kabel, Satellit
stießen und nicht einmal den Mord an der jungen Laura Pal- und Internet, auf dem Fernseher, Computer, Tablet und
mer, der den kleinen Ort Twin Peaks erschüttert, aufklären Smartphone, linear in den klassischen Programmen und auf
wollten, ließ sich der Sender ABC auf das Vorhaben ein und Abruf bei den Streamingdiensten und in Mediatheken. Was
setzte einen Meilenstein der Fernsehgeschichte. zählt, ist, das Programm zu haben, das die anderen nicht ha-
Was und wer immer heute an seltsamen Zeitgenossen Seri- ben, und da ist im Augenblick eine tektonische Verschie-
en und Filme im Fernsehen bevölkert, welche Tricks, Un- bung im Gange, die seit Jahren beschworen wurde, von der
oder Übersinnlichkeiten die Handlung auch spicken: Mit die Vertreter der klassischen Sender sagten, es werde noch
Twin Peaks nahm es 1990 seinen Anfang. Nun findet es seine ewig dauern, bis sie komme. Dabei ist sie längst da – ange-
Fortsetzung, so wie es Laura Palmer, die nach ihrem Tod schoben von der Konkurrenz aus dem Netz, vor allem von
dem von Kyle MacLachlan gespielten FBI-Agenten erscheint, Netflix und Amazon, aber auch von anderen. Youtube ist da-
vorhersagte: In einem Vierteljahrhundert sähen sie sich wie- bei, sich von der Videoplattform von jedermann für jeder-
der. Allerdings wurde die dritte Staffel der Serie nicht mehr mann zum Fernsehsender zu wandeln. Facebook streamt
von einem großen Network, sondern von einem Bezahlsen- schon live und will nach Mark Zuckerbergs Willen bald mit
der namens Showtime produziert, der sich auf hochkarätige eigenen Inhalten auf Sendung gehen.
Illustration Mart Klein und Miriam Migliazzi

Serien spezialisiert hat und diese weltweit weiterverkauft: die Auf den ersten Blick scheint bei den deutschen Sen-
Geheimdienstserie „Homeland“, die Geschichte des Sexual- dern noch alles beim Alten. Die durchschnittliche Sehdau-
forschers William Masters in „Masters of Sex“ oder das Wall- er der Zuschauer liegt Erhebungen der Gesellschaft für
Street-Drama „Billions“ zum Beispiel. Konsumforschung (GfK) und der Arbeitsgemeinschaft
Solche Stücke sind teuer. Schon die Pilotfolge einer Serie Fernsehforschung (AGF) zufolge seit Jahren bei mehr als
kann mit bis zu vier Millionen Dollar zu Buche schlagen. 220 Minuten am Tag. Mit einem Marktanteil von etwa 13
Und sie sind nicht dafür gedacht, das ganz große Publikum Prozent liegt das ZDF vor der ARD mit rund elf Prozent,
zu gewinnen, sondern ein überschaubares, das bereit ist, da- gefolgt von RTL, Sat 1, Vox, Pro Sieben und den anderen.
Was da alles läuft: „Twin Peaks“
auf Sky, der Ludwigshafener
„Tatort“ im Ersten, „Hindafing“
im BR-Fernsehen, „Game of
Thrones“ bei Sky, „Um Himmels
Willen“ in der ARD, „Legion“
bei Sky (von links nach rechts)

Die werberelevante jüngere Zielgruppe der 14 bis 49 Jahre selnden Inkarnationen mit allerlei Monstern herumschlägt,
alten Zuschauer schaltet allerdings vor allem RTL und Pro eine Frau gemacht. 2018 übernimmt Jodie Whittaker die Rol-
Sieben ein. Auch das Programm steckt voller vertrauter Ri- le von Peter Capaldi.
tuale. Bei ARD und ZDF gehören dazu die „Tagesschau“ Mit der klaren Verteilung von Gut und Böse ist es ohnehin
und die „heute“-Sendungen, der Reigen politischer Talk- vorbei, spätestens seit „Breaking Bad“. Dass Hauptfiguren
shows, Fußball, der „Tatort“ als Quotengarant (selbst Wie- sterben wie die Fliegen, nehmen die Fans von „Games of
derholungen erzielen Zuschauerrekorde) sowie unzählige Thrones“, dessen siebte und wohl letzte Staffel gerade auf Sky
Fernsehkrimis. Für zartere Seelen gibt es Familienfilme gestartet ist, wie selbstverständlich hin. Und in „Legion“, der
und „Rosamunde Pilcher“. Die Dritten sorgen für Heimat- Serie, die aktuell die Avantgarde des Fernsehens bildet, löst
gefühl, Arte und 3sat fürs Kulturelle. Bei den Privaten lau- sich die Persönlichkeit des Helden in multiple Figuren auf.
fen das „Dschungelcamp“ und „Wer wird Millionär?“. Alle Im Kopf von David Haller hausen Dämonen von Verstorbe-
paar Wochen werben die Sender auf Plakatwänden für nen, einer hat es darauf abgesehen, ihn zu zerstören. In die-
ihre neuesten „Event-Filme“: Mehrteiler, die meist in die sem Existenzkampf verdampft – wie einst bei „Twin Peaks“ –
deutsche Historie eintauchen. Bei den Privaten geht der alles, was den Sehgewohnheiten der Zuschauer entspricht.
Trend Richtung Mittelalter, es darf auch trashiger zuge- Die Macher ziehen den Figuren und dem Zuschauer den Bo-
hen, nach Art der „Wanderhure“. Die Öffentlich-Rechtli- den unter den Füßen weg. Die Story basiert auf einem Co-
chen setzen auf mehr Niveau und erklären jüngere Ge- mic der X-Men-Reihe, galt als unverfilmbar und beweist
schichte – wie in „Charité“. jetzt, was Fernsehen kann. Produziert hat das ein Nischensen-
Die Bemühungen, aus alten Programm-Schablonen aus- der namens FX, es läuft in Deutschland bei Sky auf dem Ka-
zubrechen, sind dennoch unübersehbar. Frauen sind zwar, nal Fox und eignet sich perfekt zum Binge-Watching, mit
so das Ergebnis einer von Maria Furtwängler initiierten Stu- dem die Pay-Kanäle, Netflix, Maxdome und Amazon für
die der Universität Rostock, in Shows, Talkrunden und Fil- sich werben: Gucken bis zum Umfallen.
men zahlenmäßig immer noch unterrepräsentiert. Doch Eine Untersuchung der Hochschule Fresenius will gerade
kaum ein fiktionaler Fernsehfilm kommt noch ohne eine herausgefunden haben, dass jüngere Zuschauer zum klassi-
starke Heldin aus. Auf die Emanzipation der Frau folgt auf schen Fernsehen zurückkehren, weil sie es zu anstrengend
dem Schirm die Emanzipation von traditionellen Rollenvor- finden, ihr Programm selbst zusammenzustellen. Der Zu-
stellungen. Anfang der Achtziger hieß es im ZDF „Ich heirate schnitt des Angebots und die Daten von GfK und AGF spre-
eine Familie“ und galt das Thema Scheidung als Skandalon. chen eine andere Sprache. Die jüngere Zielgruppe schaut
Heute führt die ARD in „Neu in unserer Familie“ Wechsel- demnach immer weniger linear fern. Der Anteil der zeitver-
spiele zwischen Verheirateten und Unverheirateten in einer setzten Nutzung per Stream stieg bei ihr zwischen 2012 und
offenen Beziehung ein. Gleichgeschlechtliche Liebe ist zur 2016 von gut fünf auf mehr als 13 Prozent. Eine Studie der
Hauptsendezeit bei ARD und ZDF zwar nicht der Standard, Unternehmensberatung AT Kearney, die den globalen Fern-
aber mehr als nur „tolerierte“ Normalität. Auch in dieser sehmarkt untersuchte, kommt zu der Einsicht: Die Umwäl-
Hinsicht machen es die Amerikaner vor, mit Serien wie „The zung vollzieht sich in Deutschland zwar langsamer als in an-
Transparent“ von Amazon, in der ein Familienvater als Frau deren Ländern, aber die Verschiebung zu on demand ist
leben will, oder gerade „Gypsy“ von Netflix, der Geschichte nicht aufzuhalten.
einer Therapeutin, die in der Midlife-Crisis ihre sexuelle Ori- Netflix hat die Zahl seiner Abonnenten in den vergange-
entierung wechselt. Die BBC hat derweil mit britischem Un- nen fünf Jahren nach eigenen Angaben mehr als verdop-
derstatement aus „Doctor Who“, dem phantastischen Zeitrei- pelt, auf 104 Millionen weltweit. In Deutschland haben
senden, der sich in der gleichnamigen Serie seit 1963 in wech- sich inzwischen rund fünf Millionen Nutzer bei dem
Dienst angemeldet, doppelt so viele konnte Amazon Prime rund einer Milliarde Euro, verzeichnete dabei aber einen Ver-
für sein Video- und Audioangebot gewinnen. Sky gibt die lust von rund elf Millionen Euro.
Zahl von knapp fünf Millionen Abos an, und die Mediathe- Einen Löwenanteil der Investitionen ins Programm ver-
ken von ARD und ZDF kommen auf jeweils mehr als zehn schlingt der Fußball. Sky gibt für die Bundesliga die Rekord-
Millionen Nutzer pro Jahr – Tendenz steigend. In der linea- summe von 876 Millionen Euro pro Saison aus, der ARD soll
ren Ausstrahlung dagegen verlieren die großen Sender an die Kurzberichterstattung 134 Millionen Euro im Jahr wert
Reichweite. Das gewandelte Sehverhalten hat dazu geführt, sein. Die Rechte an der Champions League hat das ZDF gera-
dass die Sender nicht mehr nur auf die Einschaltquote de verloren, sie sollen mit mehr als 50 Millionen Euro pro
schauen, sondern die Zugriffe in der Mediathek im Laufe Jahr zu Buche geschlagen haben. Nun liegen sie beim Abosen-
von einer bis drei Wochen dazuzählen. Damit verändert der Sky und dem Streamingdienst Dazn, die dafür mehrere
sich eine Grundwährung des Fernsehmarkts, an der sich hundert Millionen Euro eingesetzt haben. Für Spiele der Fuß-
die Werbepreise orientieren. ball-Nationalmannschaft werden im Einzelfall vier bis fünf
Millionen Euro aufgerufen, sie verteilen sich auf ARD, ZDF
Aus Sendern werden Plattformen und RTL. Der Sportetat der Öffentlich-Rechtlichen beläuft
Weil das so ist, haben die Sender längst damit begonnen, sich sich in Welt- und Europameisterschaftsjahren auf mehr als
in Plattformen zu verwandeln, das gilt für Free-TV wie für eine halbe Milliarde Euro. Auch um Olympia 2018 bieten
Pay-TV, für private Sender wie für öffentlich-rechtliche. Des- ARD und ZDF wieder mit.
halb kämpfen ARD und ZDF gerade auch mit aller Lobbyis- Investiert wird aber auch ins fiktionale Programm. Für
ten-Macht, die ihnen zur Verfügung steht, in Verhandlungen die Produzenten belebt die internationale Konkurrenz das
mit den Bundesländern und im EU-Parlament darum, dass Geschäft, und sie führt zu neuen Konstellationen. Sky pro-
für sie die letzten Grenzen im Internet fallen. Noch können duziert mit der ARD die Serie „Babylon Berlin“, bei der
sie die Online-Senderechte an Produktionen nicht europa- Tom Tykwer Regie führt. Das Budget ist für hiesige Verhält-
weit erwerben. Könnten sie es, gingen die Produzenten, was nisse rekordverdächtig: 40 Millionen Euro. Amazon ist mit
den internationalen Weiterverkauf von Rechten angeht, leer RTL Koproduzent der Serie „Deutschland 83“ und hat bei
aus und hätten die Sender im Netz freie Bahn. Sie würden zu Matthias Schweighöfer die zweite Staffel von „You Are Wan-
gebührenfinanzierten Multimediaplattformen, die auf You- ted“ in Auftrag gegeben. Sky hat gemeldet, dass die erste
Fotos Sky (2), SWR, BR, ARD/dpa, Fox, TNT Serie, Netflix (2), GES, WDR, SAT.1

tube und Facebook ihre Sendungen weltweit ausstrahlen Staffel der Serie „4 Blocks“, die von einem kriminellen arabi-
können. Das öffentlich-rechtliche Online-Projekt „funk“, schen Familienclan in Berlin handelt, auf TNT-Serie mehr
das pro Jahr 45 Millionen Euro kostet, macht den Anfang als 1,5 Millionen Zuschauer erreichte, was für einen solchen
mit Videos und Beiträgen, die nur noch fürs Netz und gar Spartenkanal einen Rekord darstellt. Auch hier geht die
nicht mehr fürs klassische Programm gedacht sind. zweite Staffel in Produktion.
Die Summen, um die es auf dem Markt geht, sind beacht- So ist vieles im Fernsehen in Bewegung, zum Nutzen der
lich. Rund acht Milliarden Euro nehmen ARD, ZDF und Produzenten und der Zuschauer. Doch hat das auch seinen
Deutschlandradio pro Jahr aus dem Rundfunkbeitrag ein. Preis – Abogebühren von rund acht bis zwölf Euro pro Mo-
Die deutsche RTL-Sendergruppe hat 2016 einen Umsatz von nat bei Netflix, mindestens doppelt soviel bei Sky oder über
2,2 Milliarden Euro und einen Gewinn vor Steuern und Ab- 100 Euro für ein Jahresabo von Amazon Prime. Der von al-
gaben von 705 Millionen Euro gemacht. Pro Sieben Sat 1 len zu entrichtende Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro mo-
kam auf einen Umsatz von knapp 3,8 Milliarden und einen natlich ist ohnehin gesetzt, und die öffentlich-rechtlichen
Gewinn vor Steuern von 513 Millionen Euro. Sky Deutsch- Sender sagen, dass er spätestens zum 1. Januar deutlich stei-
land machte im ersten Halbjahr 2016 einen Umsatz von gen muss – auf mehr als 19 Euro. K

Wollen gesehen werden:


Serien wie „4 Blocks“ von TNT-
Serie und „The Crown“
von Netflix, Fußball, „Tote
Mädchen lügen nicht“
bei Netflix, Polit-Talkrunden
wie „Maischberger“ im
Ersten und „Die Ketzerbraut“
auf Sat 1 (von links nach rechts)
18 TITELTHEMA

-
Er weiß, wie man ein Millionenpublikum
erreicht: Der Produzent Nico Hofmann über
neue Ansprüche, die Serie der Zukunft
und die Liebe der Deutschen zum „Tatort“.

Herr Hofmann, als einer der wichtigsten deutschen Fernseh- mit dem wir 2006 im ZDF mehr als zwölf Millionen Zuschau-
produzenten und Geschäftsführer der Ufa Fiction schauen er erreicht haben, heute nicht mehr machen wie damals.
Sie schon von Berufs wegen sehr viel fern. Wo läuft für Sie das
beste Programm? Was wollen die Zuschauer heute?
Das kann ich Ihnen sehr gut beantworten: Das beste Pro- Sie wollen das Einzigartige, Überraschende. Sie steigen aus,
gramm läuft für mich nicht mehr nur bei einem Sender. Ich wenn ihnen Schabloniertes geboten wird, und beobachten
genau: Wie tiefgründig ist der Stoff, wie ausdifferenziert
picke mir aus vielen Angeboten heraus, was mich interessiert,
sind die Figuren, welche Genremuster werden gebrochen?
und gestalte mein eigenes Portfolio, auch unabhängig von
Das haben sie bei internationalen Serien gelernt, das über-
Sendezeiten. Ich habe stundenlang auf Phoenix die Live-
trägt sich auf deutsche Produktionen. Ich finde das förder-
Übertragung des Wahlsiegs von Emmanuel Macron verfolgt
lich. Das Niveau steigt.
und schaue Serien auf Amazon und Netflix. Ich nutze die Me-
diatheken der Öffentlich-Rechtlichen massiv. Es gibt kein Weshalb ist immer noch der „Tatort“ der deutsche Quotenga-
gängiges Muster mehr. Programmgestaltung ist heute hoch- rant schlechthin?
gradig individualisiert. Weil er im Grunde die einzige Form im Fernsehen ist, die
Die Streamingdienste verändern unser Nutzungsverhalten. sich in den letzten Jahrzehnten immer neu definiert. Die
Wie ändern sich die Sehgewohnheiten und Erwartungen an Reihe probiert angstfrei alles aus, was geht, und enttäuscht
Fernsehfilme und Serien? die Zuschauer selten.
Die Sehgewohnheiten haben sich massiv verändert. Ich beob- Ich habe das Gefühl, die deutsche Fernsehrevolution lässt auf
achte das sogar an meiner 85 Jahre alten Mutter. Sie schaut sich warten. Es laufen sehr viele Fernsehfilme, die betulich
deutsches Fernsehen, aber eben auch Netflix – und kann mir oder volkspädagogisch wirken. Warum sind die Sender nicht
detailliert auseinanderlegen, warum sie „The Crown“ interes- mutiger?
sant findet und anderes nicht. Was audiovisuelle, fiktionale Lineares Fernsehen unterscheidet sich fundamental von
Inhalte angeht, ist das Bildungsniveau der Zuschauer enorm Plattform-Fernsehen, also dem Streaming. Wenn Sie auf ei-
gestiegen. Das verändert den Geschmack, und das schafft an- nen Dienstagabend im Ersten gehen, wie wir mit der Minise-
dere Erwartungshaltungen. rie „Charité“, haben Sie für diesen Sendeplatz ganz klare Kon-
figurationen, welche Zuschauer Sie ansprechen müssen und
Was funktioniert nicht mehr? wie. Wir haben Sönke Wortmann als Regisseur verpflichtet,
Früher sagte man: Wenn man die und die Zutaten hat – be- weil seine Inszenierung eine gewisse Wärme verspricht.
kannte Schauspieler, schöne Kulissen, eine gewisse Soapig- „Charité“ war das erklärte Gegenangebot zu Steven Soder-
keit in der Aufmachung –, hat man sieben Millionen Zu- berghs schonungsloser Krankenhausserie „The Knick“, die
schauer. Das ist vorbei. Ich würde aber auch anspruchsvolle- er parallel zu unserer produziert hat. Man kann sagen, dass
re historische Fernsehfilme wie den Zweiteiler „Dresden“, „Charité“ sehr klassisches Programm ist. Aber wir haben es

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Hierzulande ein Flop, im Ausland ein Hit: die Spionageserie „Deutschland 83“ Foto RTL

gemacht, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, Kundenbindung, da wird für eine breite Zuschauerschaft
und das ist mit deutlich über sechs Millionen Zuschauern Vielfältiges gekauft und produziert. Netflix steht und fällt
auch gelungen. Wenn Sie dagegen etwas wie die Fortsetzung mit seinem Programm und hat einen anderen, radikaleren
von „Deutschland 83“ produzieren, in Zusammenarbeit mit Anspruch. Die Privaten geraten unter Druck, weil werbere-
Amazon, spielen ganz andere Überlegungen eine Rolle. Da levante junge Zuschauer Richtung Streaming abwandern
geht es um „edginess“, eine gewisse Überreiztheit, um Radi- und eingekaufter amerikanischer Content nicht mehr so
kalität, darum, Grenzen auszutesten. Das ist klassisches Platt- gut funktioniert. Dass der Pro-Sieben-Sat.1-Vorstand Con-
form-Fernsehen. rad Albert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszei-
tung Rundfunkbeitrag für seine Sendergruppe forderte,
Auf RTL ist die deutsch-deutsche Spionageserie „Deutschland nachdem seine Mannschaft den hauseigenen Nachrichten-
83“ gnadenlos gefloppt. sender verkauft hat und das Geld seit Jahren immer mehr
Aber international ist sie die erfolgreichste deutsche Serie in branchenfremde Start-ups investiert, ist schon abenteu-
überhaupt. Wir haben den Internationalen Emmy gewon- erlich. Ich denke, die Privaten werden in der deutschen Fik-
nen und sie an fast vierzig TV-Sender und Videoplattfor- tion wieder mehr auf eigenen Content setzen müssen. RTL
men verkauft, unter anderem nach Großbritannien und nimmt die Herausforderung sehr ernst.
Amerika. Insgesamt war „Deutschland 83“ in über 110 Län-
dern zu sehen. HBO-Serien laufen bei uns im Bezahlfernsehen bei Sky, das
auch eigene Serien produziert. Wie sieht es bei den Öffent-
Teilt sich der Markt? Konventionelles, konsensfähiges Pro- lich-Rechtlichen aus?
gramm für die linear ausstrahlenden Sender daheim, Avant- Da sehe ich einen enormen Innovationswillen, um sich in
garde für kleinere Zuschauergruppen weltweit bei den Strea- diesem hybriden Plattformmarkt zu behaupten. Die Ameri-
mingdiensten? kaner dominieren und produzieren zu ganz anderen Preisen
So einfach ist es nicht, der Markt fragmentiert sich viel wei- als wir. Deutschland dagegen ist das einzige Land weltweit,
ter. Denken Sie an die ganzen Nischenkanäle, die es gibt, das noch den sogenannten Film der Woche pflegt, den klassi-
für Romantik, für Glücksspiel, für Krimis, die sich auch hal- schen Neunzigminüter. Den haben die Amerikaner vor zwan-
ten. Amazon nutzt sein Streamingangebot ebenfalls zur zig Jahren beerdigt und setzen seitdem auf Serien. Deshalb
20 TITELTHEMA

sind sie uns im seriellen Erzählen voraus. Bei den Öffent- tiert und energiegeladen, und alles wird wochenlang en
lich-Rechtlichen geht es mit Blick auf die Zukunft nicht détail durchdekliniert. Wenn ich mit Heike Hempel, der
nur um Mediatheken, es geht um neue Sendeplätze für Se- stellvertretenden Programmdirektorin im ZDF, arbeite,
rien und andere Finanzierungsmodelle für innovative ist das ebenfalls sehr durchdacht. Der Unterschied ist, dass
Produktionen. sie seit dreißig Jahren im TV-Geschäft ist und mir mit ei-
nem einzigen Teamkollegen im Entwicklungsgespräch ge-
Zum Beispiel? genübersitzt. Wir selbst stellen uns mit der Ufa inzwi-
Oliver Berben, einer der Chefs der Constantin-Film, wird schen sehr bewusst auf den veränderten Markt ein. Top-
seine Serie „Das Parfum“ mit ZDFneo produzieren, dem Drehbuchautoren treten bei uns als Mitproduzenten und
Spartenkanal, nicht dem Hauptsender. Die Serie „Babylon Showrunner auf, wir wissen, dass wir den besten Kreati-
Berlin“ von Tom Tykwer ist eine Kooperation des Bezahl- ven Mitverantwortung übertragen müssen, wenn wir sie
senders Sky mit der ARD und Jan Mojtos Beta Film. Im- binden wollen.
mer mehr Geld kommt aus dem Weltvertrieb.
Sie haben Ihre großen Erfolge – „Unsere Mütter, unsere Vä-
Die Filmförderungen Berlin und Nordrhein-Westfalen haben ter“, „Der Turm“, „Die Flucht“, „Dresden“ – für ARD und
tüchtig Geld zugeschossen, die Geschäftsführerin der Film- ZDF produziert. Wo sehen Sie die Stärken der Öffentlich-
und Medienstiftung NRW nannte „Babylon Berlin“ eine „na- Rechtlichen?
tionale Aufgabe“. Ist das nicht überzogen? Ohne einen funktionierenden öffentlich-rechtlichen Rund-
Andere europäische Länder schützen ihren Fernsehmarkt funk könnten wir unsere Marktstärke nicht halten und dem
viel stärker vor der Konkurrenz aus Amerika als wir. In Zuschauer auch nicht eine solche Vielfalt und Qualität bie-
Frankreich und Italien werden heimische Produktionen ten. Und er ist und bleibt eine einzigartige Talentschmiede:
auf schon fast surreale Weise subventioniert, Netflix muss- Keiner, der im deutschen Fernsehen oder Film Rang und Na-
te sich in Frankreich einer Quote für europäische Produk- men hat, der nicht maßgeblich von den Öffentlich-Rechtli-
tionen beugen. chen unterstützt und geprägt wurde. K
Das Gespräch führte Ursula Scheer.
Die Quote soll europaweit kommen, und die Streamingdiens-
te beginnen, europäisch zu produzieren. Serien wie „You are
Wanted“ von Matthias Schweighöfer bei Amazon, „Mar-
seille“ mit Gérard Depardieu und die kommende deutsche Se- Nico Hofmann,
rie „Dark“ bei Netflix zum Beispiel.
Bisher kann man deutsche Produktionen für Streaming- gelernter Journalist
plattformen an einer Hand abzählen. Ich bin sehr für eine und Regisseur, ist
Quote. Wenn wir keine europäische Medienidee entwickeln, Vorsitzender der
wird es in zehn Jahren dem hiesigen Fernsehmarkt – der Geschäftsführung der
deutsche ist ein Milliardenmarkt – gehen wie dem Kino, das Ufa Fiction. 1998
von Amerika dominiert wird. Daran bin ich dezidiert nicht gründete er in Berlin
interessiert, schon aus kultureller Überzeugung. Wir können die Produktionsfirma
unsere eigenen Geschichten selbst besser erzählen. Und des- Teamworx. Er produ-
Foto UFA

halb ärgert es mich, wenn amerikanische Produzenten mit zierte Fernsehfilme


Fördermitteln der Kulturstaatsministerin in Babelsberg dre- und Mehrteiler wie
hen und immer nur das deutsche Kino gehypt wird. Dabei „Dresden“, „Mogadischu“, „Der Turm“, „Unse-
treibt mittlerweile das Fernsehen die Kreativen. Außerdem re Mütter, unsere Väter“ oder „Deutschland
spreche ich mich ganz klar für das Territorialprinzip aus und 83“. Hofmann, Jahrgang 1959, lehrt an der
den damit verbundenen lokalen Schutz aller Urheberrechte. Film-Akademie Baden-Württemberg und ist In-
Sollte das aufgegeben werden, wären viele deutsche und euro- tendant der Nibelungen-Festspiele in Worms.
päische Filme und Serien zukünftig nicht mehr möglich, da 1999 rief er mit Bernd Eichinger den Nach-
Lizenzverkäufe ins Ausland für Produzenten unverzichtbarer wuchspreis First Steps ins Leben. Von Septem-
Bestandteil der Finanzierung sind. ber an wird er als alleiniger Vorstandschef die
Leitung der Ufa übernehmen, deren Führung
Aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist doch finanziell er sich bisher mit Wolf Bauer teilt. Zum Portfo-
bestens ausgestattet. Liegt der Reiz der Streamingdienste in lio der Ufa gehören neben aufwendigen Serien
der großen künstlerische Freiheit? und Fernsehfilmen auch Kinoproduktionen
Das ist ein Mythos. Wenn Sie als Produzent zu einem ame- („Ich bin dann mal weg“), Serien für den Vor-
rikanischen Streamingdienst gehen, dann sitzen Ihnen abend („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“), Shows
zehn Leute gegenüber, die alle noch keine 35 Jahre alt („Deutschland sucht den Superstar“) und
sind, die meisten weniger als zwei Jahre im Unternehmen Online-Serien („Der Wedding kommt“).
und mehr als die Hälfte aus dem Marketing, der Werbung
und dem Vertrieb kommend. Die Leute sind klug, talen-

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


as Smartphone mag andere Geräte aus der Konsum- Der Hersteller hat nur ein wenig geschwindelt: Die Elek-

D elektronik obsolet gemacht haben, den MP3-Player tronik lässt sich in einem millimeterdünnen Gehäuse nicht
etwa und in vielen Situationen auch die Digitalkame- unterbringen. Sie steckt getrennt vom Bildschirm in einer
ra. Mit dem TV-Gerät ist ihm dieses Kunststück aber nicht voluminösen Soundbar unterhalb des Geräts. Hier wird
gelungen. Noch immer boomt der Absatz. Allein in der Ton zum Bild erzeugt. Hier findet sich auch die Steuer-
Deutschland werden alljährlich mehrere Millionen Geräte elektronik für das Display, genauso wie Antennen-, Au-
verkauft. In der Spitze waren es in jüngster Vergangenheit dio-, Video- und Netzwerkanschlüsse. Ein dünnes Flach-
bis zu zehn Millionen Stück. bandkabel verbindet die bei-
Die Geräte werden immer den Einheiten. Das alles zeige

Groß, aber
schärfer (einzelne Pixel sind die Richtung der TV-Evolu-
kaum mehr zu erkennen), im- tion, sagen Branchenfachleute:
mer größer (Displaydiagonalen Der Flachschirm verschmelze
von weniger als einem Meter mit der Wand.
sind heute hoffnungslos von
gestern) und auch immer billi-
ger. Vernetzt und voller Tech-
nik sind sie ohnehin.
unsichtbar Oder wahlweise auch mit
dem Fenster. Darauf setzt der
Anbieter Drutex, nach eige-
nem Bekunden „ein europa-
Warum sollten die Konsu- weit führender Hersteller von
menten sich auch vom TV-Ge- Wie sehen wir morgen fern? Vertikalfenstern“. Das polni-
rät abwenden? Fernseher kön- Ganz anders als heute – sche Unternehmen war bis
nen heute leicht als gigantische mit Displays, die in Wände oder dato nicht als Hightech-Kon-
Smartphones durchgehen. Al- zern bekannt. Kürzlich sorgte
les, was sich mit dem Handy Fenster integriert sind. es jedoch mit der Ankündi-
machen lässt, erledigen auch Von Thiemo Heeg gung einer „Weltneuheit“ für
sie, grundsätzlich betrachtet. Aufmerksamkeit: „Revolutio-
Und auch ihre ursprüngliche näres interaktives Fenster löst
Funktion erfüllen die Geräte Tablet und Fernseher ab“, hieß
immer besser: das Darstellen es in einer Pressemitteilung.
schöner Bewegtbilder. In der Das Produkt namens „Smart
Branche nennt man in diesem Window“ bestehe aus einem
Zusammenhang gerne das interaktiven Fenster sowie ei-
Stichwort „Formfaktor“. Soll ner Steuereinheit, die über
heißen: Heute haben die unter- eine Reihe von Schnittstellen
schiedlichsten Bildschirmgrö- für die Kontrolle und Interakti-
ßen ihre Daseinsberechti- on mit dem Nutzer verantwort-
gung, vom Vier-Zoll-Han- lich sei. Der Flüssigkristallbild-
dydisplay bis zum 75-Zoll- schirm selbst sei in einer Dop-
Fernsehbildschirm. pelverglasung eingeschlossen.
Fernseher gibt es also auch An das Fenster könne ein
morgen noch. Wahrscheinlich USB-Stick oder eine externe
aber etwas andere als heute. Die Festplatte angeschlossen wer-
Tendenz geht in Richtung grö- den. Wie seriös diese Ankündi-
ßer und versteckter. Zu den Vor- gung ist, zumal derzeit nur
reitern gehören dabei Anbieter eine Konzeptversion vorliegen
wie der Elektronikkonzern LG. soll? Fakt ist, dass andere Un-
Auf der Konsumelektronikmes- ternehmen an ähnlichen Pro-
se CES in Las Vegas präsentier- Passt der durch die Tür? Fernseher von LG Foto EPA
jekten arbeiten. Und zumin-
ten die Koreaner im Januar ihre dest zweifeln die Fachleute
W7-Serie. Man habe „alles Überflüssige entfernt, bis nur kaum mehr an dem Trend: dass Fernseher künftig zwar
noch die Schönheit des Bildschirms selbst übrig geblieben noch da sind, aber nicht mehr zu sehen.
ist“, bedichtete die Marketingabteilung die Geräte, die etwas Andere Trends dagegen sind schon Geschichte. Beispiel
von der üblichen Optik abweichen, wie sie gegenwärtig in 3D. Der Hype um das Thema ist abgeflaut. Was im Kino
der TV-Abteilung der Elektronikmärkte zu finden ist. Ein funktioniert, läuft zu Hause nicht. Immer mehr Anbieter
W7-Modell wird direkt und ohne eine Lücke an der Wand entziehen der Technologie ihre Sympathie. Kaum noch je-
angebracht, mit Hilfe magnetischer Klammern. Der Bild- mand in der Branche rechnet damit, dass in diesem Jahr –
schirm ist gerade noch 2,57 Millimeter dick – dünner als je- geschweige denn später – neue Fernsehgeräte mit 3D-Funk-
des dünne Smartphone. Tester beschreiben ihn als „flexibel tionalität auf den Markt kommen. Der Zuschauer hat ein-
wie eine große Scheibe aus Plexiglas“. fach keine Lust auf die dafür notwendige Brille. K
POLITIK

Der liebe
Freund
Sigmar Gabriel nutzt das Auswärtige
Amt für den Wahlkampf. Auch deshalb
gerät Martin Schulz in die Defensive.
Von Majid Sattar

in Problem wollte die SPD eigentlich behoben haben.

E Als Ende Januar die Personalrochade im Willy-


Brandt-Haus bekanntwurde, streute jener kleine Zir-
kel von Eingeweihten – aber auch jene, die zumindest
den Eindruck erwecken wollten, sie seien ebenfalls Träger
von Herrschaftswissen gewesen – eine Botschaft: Dass Partei-
vorsitz und Kanzlerkandidatur diesmal in eine Hand gelegt
würden, sei stets klar gewesen. Sigmar Gabriel muss jeden-
falls klar gewesen sein, noch einmal würde es ihm die SPD-
Führung nicht gestatten, jemand anderen ins Rennen gegen
Angela Merkel zu schicken, selbst aber Chef bleiben zu kön-
nen. So kam es im Januar zu einem Gespräch mit Martin
Schulz, in dem diesem nicht nur das Kandidatenamt, son-
dern auch der Vorsitz angetragen wurde.
Wer allerdings glaubte, damit stelle sich nicht mehr das
Problem, dass dem Herausforderer der Kanzlerin im Wahl-
kampf nicht genügend Raum gelassen werde, der kannte Ga-
briel schlecht. Seine Begründung für den eigenen Verzicht
übrigens, er selbst könne nicht antreten gegen Merkel, weil Martin Schulz und Sigmar Gabriel: Der Dualismus prägt den Wahlkampf
er als Vizekanzler zu sehr mit der großen Koalition identifi-
ziert werde, klingt im Lichte seines Parallelwahlkampfs frei- kandidaten und die Kampagne stellen.“ Am Ende holte die
lich unfreiwillig komisch. Gabriels Frontalangriffe auf die SPD das zweitschlechteste Ergebnis bei einer Bundestags-
Kanzlerin lassen Schulz zuweilen aussehen wie einen Judoka wahl: Steinbrück ging, Gabriel aber wurde Vizekanzler.
mit weißem Gürtel. Doch der Reihe nach. Auch im Wahlkampf von 2009, der zum bisher schlech-
Zweimal hat die SPD die Erfahrung gemacht, dass die testen Ergebnis führte, gab es Reibereien zwischen dem da-
Trennung der Kanzlerkandidatur vom Parteivorsitz keine maligen Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier und
gute Idee ist. Offensichtlich war es 2013, als es zwischen Ga- Franz Müntefering, der nach dem Sturz Kurt Becks wieder
briel und Peer Steinbrück zu einem heftigen Konflikt kam, in Vorsitzender geworden war. Anders als 2013 verstand man
dessen Verlauf Letzterer sich mit den Worten zitieren ließ: es aber, diese besser vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
„Nur eine Bündelung aller Kräfte ermöglicht es der SPD, die Diesmal sollte es gar nicht erst so weit kommen. Thomas
Bundesregierung und Frau Merkel abzulösen. Ich erwarte Oppermann, der SPD-Fraktionsvorsitzende, wies Gabriel
deshalb, dass sich alle – auch der Parteivorsitzende – in den schon im Januar eine dienende Rolle zu. Allerdings musste
nächsten 100 Tagen konstruktiv und loyal hinter den Spitzen- er diese Beschreibung seither mehrfach wiederholen, gleich-

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


rungsamt die Wucht fehlt, um seine Botschaften zu trans-
portieren. Es macht halt einen Unterschied, ob der Außen-
minister und Vizekanzler die Ziele des Nato-Gipfels von
Cardiff uminterpretiert oder ein Kandidat mit Umfragewer-
ten im niedrigen 20-Prozent-Bereich zu Statements ins Wil-
ly-Brandt-Haus lädt, in denen er darüber redet, was die Bun-
desregierung jetzt tun müsse beziehungsweise was er als
Kanzler tun würde.
Immer wieder trat man an Gabriel heran: Er müsse Schulz
nun aber wirklich mehr Raum geben. Vormittags stoße die
Bitte auf Verständnis, nachmittags sei sie aber wieder verges-
sen, heißt es im SPD-Teil der Bundesregierung. Auch am
Werderschen Markt muss man nicht mehr lange suchen, um
Diplomaten zu finden, die es als Zumutung empfinden, wie
Gabriel, der binnen kurzer Zeit im Ranking der beliebtesten
Politiker ins vordere Feld aufgestiegen ist, das Auswärtige
Amt als Wahlkampfplattform missbraucht.
Die Führungsstärke des Parteivorsitzenden wird vermisst
Schulz befindet sich in einem Dilemma. Einerseits versucht
er, die mediale Durchschlagskraft Gabriels zu nutzen, etwa
vor dem G-20-Gipfel, als beide zu einer Pressekonferenz lu-
den, um ihren – gegen Merkel gerichteten – Vorstoß für
eine Eingliederung des internationalen Formats ins UN-
System vorzutragen. Andererseits ist auch ihm zu Ohren ge-
kommen, dass die Führungsstärke des Parteivorsitzenden
vermisst wird.
Um wieder in die Offensive zu kommen, stellte der Kanz-
lerkandidat seinen Zukunftsplan vor. Im Zentrum stand ein
„Chancenkonto“, ein Guthaben für jeden Bürger zugunsten
von Weiterbildung und Existenzgründung. Klang nett. War
aber leider nur ein Luftballon und kein durchgerechnetes
Konzept. Die Idee geht auf Vorschläge von Bundesarbeitsmi-
nisterin Andrea Nahles zurück; in Rede standen dabei ein
Startguthaben von 5000 Euro, das allen in Deutschland le-
benden erwachsenen Erwerbsfähigen zustehen solle. Lang-
f. Foto dpa
fristig könnte das Guthaben auf bis zu 20 000 Euro anwach-
sen. Einen Tag nachdem Schulz den Vorstoß machte, musste
sam als Aufforderung. Gabriel versteht seine Rolle nämlich Heil die Zahlen des Arbeitsministeriums kommentieren:
ein wenig anders. „Das sind Beispiele, man kann das auch anders gestalten.“ So
So ist es einerlei, ob Schulz oder Gabriel den SPD-Vorsitz müsse etwa gegengerechnet werden, was die Chancenkonten
innehat – ein Dualismus prägt auch diesen SPD-Wahl- für andere Bemühungen etwa der Bundesanstalt für Arbeit
kampf: hier der Kandidat, dort der Vizekanzler. Beide Pole im Bereich der Weiterbildung bedeuten würden. Bei der Fi-
pflegen ein ambivalentes Verhältnis, dessen Kern durchaus nanzierung gebe es „unterschiedliche Stellschrauben“.
so etwas wie eine Freundschaft ist. Diese wird aber seit Mo- Einen Tag lang schien Schulz mit seinem Zukunftsplan
naten arg strapaziert. Schulz spürte früh, dass man zwar mit aus dem Schatten seines Vorgängers getreten zu sein. Dann
100 Prozent an die Spitze der Partei gewählt werden kann – geriet er abermals in die Defensive. Im Auswärtigen Amt
und diese dennoch nicht zu steuern vermag. Gabriel wieder- sorgt derweil Gabriels Terminplanung für den Sommer für
um machte von Beginn an klar, dass er als Außenminister Gerede: viel Wahlkampf, wenig Außenpolitik. Sein mutmaß-
Kernthemen des Wahlkampfs selbst besetzen wollte: Euro- liches Kalkül: Um zu bleiben, was er ist, glaubt er, zeigen zu
pa, Nato, Türkei. Schulz spürte bald, dass ihm ohne Regie- müssen, dass er Schlimmeres verhindert habe. K
ür Donald Trump könnte es irgendein Dickerchen gewe-

F sen sein. Als im September 2016 der damalige Präsident-


schaftsbewerber gefragt wurde, wer hinter den Hacker-
angriffen auf die Demokratische Partei stehen könnte, sagte
Trump in Richtung seiner Herausforderin Hillary Clinton:
„Ich glaube nicht, dass jemand weiß, dass es Russland war.
Detektive
Sie sagt immer: Russland, Russland, Russland. Vielleicht ist
das so. Es könnte Russland gewesen. Es könnte auch China
gewesen sein. Es könnten viele Leute gewesen sein. Es könnte
jemand gewesen sein, der auf seinem Bett sitzt und 200 Kilo-
gramm wiegt.“ Für Trump war es ein bequemes Argument.
im Netz
Kommen die Hackerangriffe aus Russland?
Solange niemand triftige Beweise vorlegt, dass eine fremde
Macht die Wahl zu seinen Gunsten beeinflussen wollte, kann Oder aus China? Oder war es nur ein
er den Vorwurf als wilde Spekulation abtun. einsamer Nerd? Analysten wie Adrian Nish
Ganz so groß, wie Trump damals meinte, ist die Ahnungs-
losigkeit von Cyberfachleuten aber nicht. Mit der Jagd auf finden es heraus.
Hacker sind nicht nur Geheimdienste beschäftigt, es hat sich
darum eine ganze Industrie gebildet. Wer auf seinem Privat-
Von Justus Bender
computer ein Antivirusprogramm installiert hat, finanziert
damit nicht nur den Schutz vor gewöhnlichen Cyberkrimi-
nellen. Jene großen Sicherheitskonzerne haben auch Abtei-
lungen, die sich mit der Analyse von staatlich beauftragten
Hackergruppen beschäftigen, bei denen es sich aller Wahr-
scheinlichkeit nach nicht um Einzelpersonen handelt, die ger-
ne viel essen und zu Hause auf ihrem Bett sitzen. Die Frage
ist nur: Woher wissen die Analysten das?

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Arbeiten bis zur Erschöpfung:
Hacker und Fahnder liefern sich
ein Wettrennen. Foto Plainpicture

Am Beispiel der Operation Wolkenhüpfer kann das er- Schadprogramme, das bedeutet, sie haben eine eigene Pro-
klärt werden. Mit diesem Namen bezeichnet der Analyst grammierabteilung“, sagt Nish.
Adrian Nish von der Sicherheitsfirma BAE Systems eine An- Um sich zu refinanzieren, verkaufen Kriminelle ihre
griffsmethode, bei der Firmendaten gestohlen werden, die Beute auf den Marktplätzen des sogenannten Darknets.
sich in sogenannten Clouds, also dezentralen Speicherplät- Das ist ein verschlüsselter, anonymer Teil des Internets,
zen im Internet befinden. Der Gruppe, die hinter diesen An- wenn man so will die dunkle Straßenecke des digitalen
griffen steht, haben sie nur eine Nummer gegeben, sie nen- Raums. Doch die Beute der Gruppe APT10 wurde noch
nen sie APT10, das steht für „Advanced Persistent Threat nie im Darknet zum Verkauf angeboten. Die Gier nach
10“, also die hochentwickelte, andauernde Bedrohung Num- Geld, wie sie Kriminelle üblicherweise antreibt, kann also
mer zehn. Die Suche nach dem Kreis möglicher Täter lässt nicht ihre Motivation sein.
sich in drei Schritte unterteilen – wobei der Ausgangspunkt Am Ende versuchen die Analysten in Wahrscheinlichkei-
tatsächlich dem Kenntnisstand von Trump entspricht. ten zu denken. Es muss nicht die chinesische Regierung hin-
Als Erstes müssen Analysten wie Nish beweisen, dass eine ter Cyberangriffen stecken. Es könnten auch Chilenen sein,
Gruppe überhaupt für mehrere Hackerangriffe verantwort- die sich als kongolesische Hacker tarnen, die so tun, als seien
lich ist. Bei APT10 ist das möglich, man muss nur das Verhal- sie Mitarbeiter in einem Bürokomplex des chinesischen Ge-
ten der Angriffsprogramme beobachten. Sie verbinden sich heimdienstes. Alles ist immer denkbar, die Frage lautet, ob es
mit sogenannten Kommandoservern, mit Computern also, auch wahrscheinlich ist. Wer hätte die finanziellen Resour-
die ihnen Befehle für das weitere Vorgehen mitteilen. Es ist, cen und den Willen, über viele Jahre wichtige Firmen welt-
als würde man einem Einbrecher zuhören, wie er mit seinem weit auszurauben und seine Beute danach nicht zu verkau-
Auftraggeber telefoniert. Rufen alle Einbrecher in einer Stadt fen? Es sei „hochgradig wahrscheinlich, dass APT10 ein in
den gleichen Auftraggeber an, weiß man: Es gibt ein krimi- China ansässiger Bedrohungsakteur ist, mit einem Fokus auf
nelles Kartell. Die Kommandoserver von APT10 haben zum Spionage und weitreichende Informationsgewinnung“,
Beispiel Internetadressen wie 162.248.242.115 oder heißt es in einem Bericht von BAE Systems zum Thema.
61.97.241.239. Man kennt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr
als diese Nummern – und dass alle Angriffe, die von dort be- Auf der Liste standen 1800 Ziele
fohlen werden, zu einer Gruppe gehören. Ähnlich gingen Analysten vor, um Donald Trumps These
Als Zweites kann geschaut werden, wo die Hacker sich be- von einem 200 Kilogramm schweren Hacker zu widerlegen,
finden. Alles im Leben passiert zu einer bestimmten Uhr- der auf seinem Bett sitzt. Als die Demokratische Partei in den
zeit. Nish, der Analyst, hat die Uhrzeiten von allen Angrif- Vereinigten Staaten angegriffen wurde, fanden sich Internet-
fen, die er APT10 zuordnet, gesammelt und in eine Grafik links in den betrügerischen E-Mails der Gruppe. Auf diese
übertragen. Und siehe da: Fast alles spielte sich in einem Links sollten die Opfer klicken, um auf gefälschte Anmelde-
Zeitfenster ab, das den üblichen Bürozeiten in der Zeitzone seiten zu gelangen und dort ihre Passwörter zu verraten. Die
UTC+8 entspricht, auch bekannt als China Standard Time. Links führten nicht nur zu der falschen Anmeldeseite, sie teil-
Die meisten Aktivitäten fanden zwischen acht Uhr morgens ten auch den Namen des Opfers mit. Nun geschah der Clou:
und 19 Uhr abends statt. Sogar eine in China übliche Mit- Ein Internetlink, in dem der Name und andere Daten zum
tagspause schienen die Mitarbeiter zu machen. Sie dauerte Opfer vorkämen, wäre sehr lang und verdächtig gewesen.
meistens von zwölf Uhr mittags bis 14 Uhr. „Es sind eher Also verkürzten ihn die Täter, indem sie die öffentlich zu-
Leute, die zwischen 9 und 19 Uhr arbeiten, von montags bis gängliche Seite bit.ly benutzten. Dort hat jeder Nutzer ein öf-
freitags, als Hobbyhacker, die das am Wochenende tun“, fentlich einsehbares Profil. Die Analysten des Hackerangriffs
sagt Nish. „Und wenn Sie sich die Ziele der Gruppe anschau- mussten also nichts weiter tun, als auf bit.ly zu schauen, wer
en, sehen sie strategische Branchen, Ingenieurfirmen, Regie- die Opfer der Hackergruppe waren.
rungsstellen, in Europa und Japan.“ Dass die Täter chinesi- Es war, als würde ein Einbrecher verhaftet werden, der
sche Regierungsmitarbeiter seien, bezeichnet Nish deshalb eine komplette Adressliste seiner bisherigen Opfer bei sich
als „führende Hypothese“ – aber er könne sich nie zu „ein- trug. Auf der Liste standen 1800 Ziele, die als strategische
hundert Prozent“ sicher sein. Gegner Russlands bekannt sind: Dissidenten, Regierungsver-
Als Drittes kann über die Motivation spekuliert werden. treter, Diplomaten und Militärs aus den Vereinigten Staaten
Analysten wie Nish sehen, welchen Aufwand die Gruppe und Europa, der Pressesprecher des ukrainischen Premiermi-
APT10 betreibt. Als Techniker wissen sie, wie viele Arbeits- nisters, politische und militärische Offizielle in der Ukraine,
stunden aufgewendet werden müssen, um ein Netzwerk aus Georgien sowie Anführer syrischer Rebellen. Dass es einem
Hunderten Servern zu schaffen. Um Informationen zu An- 200 Kilogramm schweren Mann von seinem Bett aus ge-
griffszielen zu sammeln. „Diese Leute haben eine riesige In- lingt, ein solches Werk zu vollbringen, ist schwer vorstellbar.
frastruktur, Hunderte von Knotenpunkten, die betreut wer- Er müsste, auf sich gestellt, die Fähigkeiten eines staatlichen
den müssen. Und sie programmieren zum Teil ihre eigenen Geheimdienstes besitzen. K
26 POLITIK

Parteitage sind schon längst nicht mehr das angemesse-

König der ne Format für Seehofer, der sich in einer „Koalition mit
den Bürgern“ wähnt, wie er es formuliert. Für einen Bür-
gerkönig kann es nur ein Bürgerfest sein, ohne Parteitagsde-

Bürger
batten, warum es eines monatelangen Streits mit der Kanz-
lerin bedurfte, bevor Seehofer sie zur Heilsbringerin der
Union ausrief.
Auf Parteitagen könnten auch lästige Fragen laut werden,
Die CSU präsentiert ihren Bayernplan warum Seehofer vor zwei wichtigen Wahlen – der Bundes-
tagswahl im Herbst und der Landtagswahl im nächsten Jahr
auf einem Fest im Olympiapark. – der CSU einen wetterfesten grünen Anstrich verpasst. Die
So entgeht die Parteiführung lästigen Ausweisung eines dritten Nationalparks in Bayern wurde for-
Fragen ihres Fußvolks. ciert und zwei mögliche Standorte ins Auge gefasst – in der
Rhön und in den Donauauen zwischen Neuburg an der Do-
Von Albert Schäffer nau und Ingolstadt. Und Seehofer hat unversehens auch ent-
deckt, dass eine akkubetriebene Straßenbahn quer durch
den Englischen Garten in München eine großartige Sache
wäre – ein Lieblingsprojekt der Grünen.
ie CSU ist unberechenbar – nicht nur an ihrer Spitze, Lange kann es nicht mehr dauern, bis Seehofer verkün-

D sondern auch an der Basis. Zu ihren Parteitagen kom-


men nicht nur Mandatsträger, die durch Verweis auf
Listenaufstellungen diszipliniert werden können. „Einfa-
den wird, er befinde sich nicht nur in einer Koalition mit
den Bürgern, sondern auch mit der Natur. Selbst für Grü-
ne, die wie ihr Fraktionsvorsitzender im Bundestag Toni
che“ Delegierte, wie die Spezies ohne Funktionärssterne Hofreiter unter einer bislang therapieresistenten CSU-Al-
auf den Schulterklappen herablassend genannt wird, müs- lergie leiden, dürfte es schwer werden, sich nach der Bun-
sen kein Blatt vor den Mund nehmen. destagswahl gegen schwarz-grüne oder schwarz-grün-gel-
Der „Bayernplan“, in dem die CSU aufgeschrieben hat, be Koalitionsoptionen zu stemmen. Schließlich lässt Seeho-
was Angela Merkel nicht im gemeinsamen Wahlprogramm fer auch prüfen, ob ein dritter Nationalpark in der Rhön
der Union sehen wollte – eine jährliche Obergrenze von nicht länderübergreifend mit dem schwarz-grün regierten
200 000 bei der Flüchtlingsaufnahme, bundesweite Volks- Hessen verwirklicht werden kann.
entscheide und die Ausweitung der Mütterrente –, wird auf Zur Not könnte Seehofer noch eine akkubetriebene Stra-
einem „Bürgerfest“ im Münchner Olympiapark präsen- ßenbahn zum Münchner Flughafen ins Gespräch bringen
tiert. Vor vier Jahren war der CSU die Verabschiedung eines – als ökologische Variante des gescheiterten Transrapids sei-
Bayernplans noch einen Parteitag in der Kleinen Olympia- nes Vorvorgängers Edmund Stoiber. Der Schluss, dass See-
halle wert, samt einer Rede ihres Vorsitzenden Horst Seeho- hofer auf dem Weg ist, seine ganz eigene Form einer Präsi-
fer. Damals war es ein doppeltes Wahljahr mit Bundestags- dialdemokratie zu entwickeln, liegt nicht ganz fern – mit
und Landtagswahlen, und der Bayernplan zielte auf die einsamen Entscheidungen in der Staatskanzlei und vielen
Mehrheit im Maximilianeum. Jetzt ist der Bayernplan bun- bunten Bürgerfesten. K
despolitisch eingefärbt und soll nicht in Parteitagsreden,
sondern auf dem Bürgerfest an Aktionsständen für die Besu-
cher „anschaulich und erlebbar“ werden.
Erwartungen, dass Seehofer und der bayerische Innenmi-
nister Joachim Herrmann die Obergrenze bei der Flücht-
lingsaufnahme als Tableau vivant nachstellen werden, dürf-
ten allerdings enttäuscht werden. Auch Hoffnungen, dass
CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer in der Rolle eines
fußballspielenden ministrierenden Senegalesen, für den
das „Asylrecht nicht gemacht“ sei, die Notwendigkeit einer
Obergrenze anschaulich werden lässt, könnten sich nicht
erfüllen – genauso wenig wie ein lebendes Bild „Kanzlerin
stehend neben Bayernfürsten“.
Mit dem Bürgerfest werden Parteitagskalamitäten wie
2015 vermieden, als Seehofer während einer flüchtlingspoli-
tischen Standpauke Merkel im engen Wortsinne stehen ließ.
Gewährleistet wird aber sein, dass Unmut im CSU-Fußvolk,
warum sich keine harte Festlegung im Bayernplan findet,
dass die CSU ohne eine Obergrenze nach der Bundestags-
wahl keine Koalition eingehen werde, sich nicht auf dem Fo-
rum eines Parteitags Bahn brechen kann. Seehofer hat einen Plan. Foto dpa

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Der Protest wächst
Italien droht damit, die Flüchtlinge nach Norden zu schicken. Das zeigt
vor allem eines: Es ist Wahlkampf. Von Jörg Bremer

talien läuft Sturm bei der Wohnraum mehr abgeben. Der

I EU. Sollte Europa die Mittel-


meer-Route zwischen Liby-
en und Italien nicht schließen,
Protest schlägt zunehmend in
Verweigerung um. Zudem
schwappt der Protest nach Sü-
könnte Rom 200 000 humanitä- den über; mit der Ausnahme
re Pässe ausstellen, um Migran- von Siziliens Hauptstadt Paler-
ten die Weiterreise nach Nor- mo. Dort wurde im ersten
den zu ermöglichen. Das war Wahlgang Leoluca Orlando wie-
die leere Drohung eines Vizemi- dergewählt, der für die „Charta
nisters; aber sie zeigt, dass Ita- von Palermo 2015“ steht, die
lien aufbegehrt. Bei den jüngs- grenzenlose „Freizügigkeit für
ten Kommunalwahlen konnten alle Flüchtlinge“ fordert. Aber
rechte Populisten mit fremden- in Messina und Catania sieht
feindlichen Parolen erstmals das ganz anders aus.
Stimmen gewinnen. Die sozial- Guido Moltedo sieht mithin
demokratische Regierungspar- ganz Italien vor einer kulturel-
tei des früheren Ministerpräsi- len Auseinandersetzung. Bis
denten Matteo Renzi bangt um 2015 habe das Land die Mi-
Rückhalt. Tatsächlich musste granten nur an Land geholt
Italien nach UN-Angaben 2016 und nach Norden weiterge-
etwa 171 000 Migranten unter- 90 000 Migranten kamen bis Juli an Land. Foto dpa
schickt, sagt der Politologe aus
bringen. Dieses Jahr kamen bis Venedig. Seither hält sich Ita-
Anfang Juli schon etwa 90 000 Migranten an Land. Das lien an die EU-Regeln, nimmt nicht nur in den Hot Spots
wäre eigentlich kein Problem. Aber bisher hat das Land we- die Personalien auf, sondern setzt auch das Asylverfahren
nig Übung mit Integration. in Italien durch. Wenn die Migranten so aber bis zum Ab-
Die Migranten steigen alle im Bürgerkriegsland Libyen schluss ihres Verfahrens viele Monate in Italien blieben
in die Boote und sind in der Regel Afrikaner aus der Sub- und womöglich später kein Asyl erhielten und gleichwohl
sahara; zudem nimmt die Zahl von Afghanen zu. Italien geduldet würden, müsse viel mehr für ihre Integration ge-
verteilt die Migranten nach einem erst 2016 erneuerten tan werden. „Bisher war Arbeit mit Flüchtlingen Not-
Schlüssel, bei dem auf eintausend Bürger eigentlich nur 2,5 stand; jetzt wird sie Alltag“, sagt Moltedo. „Und Integrati-
Migranten kommen dürfen: Zum Beispiel werden der be- on muss Italien noch lernen.“ Längst gebe es zum Beispiel
völkerungsreichsten Region Lombardei 26 499 Migranten in anderen EU-Ländern das „ius soli“, nach dem im Land
zugerechnet, der Region Latium mit der Hauptstadt Rom geborene Kinder von Einwanderern die Staatsbürgerschaft
16 655 und Sizilien 16 163. Aber dieser Schlüssel ist über- erhalten, wenn sie fünf Jahre dort leben und lernen sowie
holt. Schon liegt die Zuteilung in großen Städten bei 3,5 je die Eltern eine Aufenthaltsgenehmigung haben. „So ein
tausend Bürger; und in dem lombardischen Ort Besnate normales Gesetz führt im Parlament von Rom zu Aufruhr
mit seinen 5500 Einwohnern muss der Bürgermeister nicht und wird von dieser Regierung wohl nicht mehr einge-
mit 15, sondern mit 32 Fremden fertig werden und droht führt werden können.“
darum mit Hungerstreik. Stattdessen wird mit Flüchtlingen Wahlkampf gemacht.
Eigentlich sollten die Migranten schnell aus den Auffang- Dabei biete sich das Versagen der EU-Staaten bei der Auf-
lagern in möglichst kleine Gruppen verteilt werden. In Süd- nahme von Migranten aus Italien als Hintergrund an, sagt
italien, wo die Menschen traditionell offener gegenüber Moltedo. „Anti-EU-Stimmen hat es immer schon gege-
Fremden sind und die Gemeinden längst schon das Ge- ben.“ Freilich stehe Italien in der Gefahr, sich lächerlich zu
schäft mit Migranten kennen, geschieht das leidlich gut. Da machen. Im Verhältnis zu anderen EU-Staaten, ganz zu
werden leerstehende Häuser abgegeben, für den Tourismus schweigen von Deutschland, sollte für 60 Millionen Italie-
unergiebige Hotels genutzt; denn jeder Migrant bringt 30 ner die Integration von gut 300 000 Migranten kein Pro-
Euro pro Tag. Im Norden aber gibt es mehr Wohlstand, blem sein; es sei denn, es ist wieder Wahlkampf – jetzt für
kaum Leerstände, Fremde gelten weniger als Bonus, son- die nationalen Wahlen Ende dieses Jahres oder Anfang
dern mehr als Last. Dort wollen die Kommunen keinen 2018, sagt Moltedo. K
28 POLITIK

Nachfolger
gesucht
In der Partei von Theresa May sind sich
viele sicher: Ihre Zeit als britische
Premierministerin neigt sich dem Ende zu.
Fraglich ist nur, wer sie ablöst.
Von Jochen Buchsteiner

ürzlich gestand Theresa May, in der Wahlnacht „eine re alten Politiker auf der Liste, als das Amt vor einem Jahr ge-

K Träne verdrückt“ zu haben. Die galt wohl nicht nur


dem enttäuschenden Ergebnis für ihre Partei, sondern
auch der eigenen Zukunft. Bis zum Wahltag, jedenfalls bis
schaffen wurde. Ehrgeizig war er immer gewesen, aber im
Jahr 2005 schien seine Karriere zu Ende gewesen zu sein. Da
verlor er den Kampf um die Parteiführung überraschend ge-
zu ihrem ziemlich schief gelaufenen Wahlkampf, wurde die gen den damals unbekannten, deutlich jüngeren David Ca-
britische Premierministerin mit Margaret Thatcher vergli- meron. Seither hatte sich Davis eher am Rand der Fraktion
chen, der „Iron Lady“. Seitdem sie ohne Not die absolute bewegt, wo er sich als unorthodoxer Kopf präsentierte und
Mehrheit verspielt hat, wird sie selbst in der eigenen Partei oftmals gegen die eigene Führung stimmte. Er profilierte
als „dead in the water“ bezeichnet oder als „walking dead“. sich als einsamer Rufer für Datenschutz und Privatsphäre,
Die Frage lautet nicht mehr, ob sie abgelöst wird, sondern schloss sich den Rebellen gegen die Homoehe an – und warb
wann – und von wem. für den Austritt aus der EU.
Dass sie sich überhaupt in die Sommerpause retten May reaktivierte den Hinterbänkler, weil sie einen Brexi-
konnte, liegt überwiegend daran, dass kein „geborener“ teer auf dem Schlüsselposten brauchte und eine Persönlich-
Nachfolger zur Verfügung steht. Viele Konservative fürch- keit, die Boris Johnson in Schach halten konnte. Tatsächlich
ten sich vor einem internen Machtkampf, der sich über Mo- gelang es Davis, das Brexit-Dossier vollständig an sich zu zie-
nate hinstrecken und inmitten der Brexit-Verhandlungen hen und den Außenminister zu marginalisieren. Davis ver-
Partei und Regierung lähmen würde. Ein neuer – von der hielt sich dabei diplomatisch und zählt seither zu den eher be-
Partei installierter – Premierminister würde zudem den sonnenen, konzilianteren Brexiteers.
Ruf nach Neuwahlen laut werden lassen, die wiederum zu
einem Machtwechsel führen könnten. Jeremy Corbyn, der Auch Außenminister Johnson ist noch im Spiel
Vorsitzende der Labour Party, hat seiner Partei ein gutes Er- Dies und seine unbestrittene Expertise in der Ausstiegsfrage
gebnis beschert und gilt inzwischen als ernstzunehmender haben ihn nun zum Favoriten für die Nachfolge heranreifen
Herausforderer. lassen. Sein für britische Verhältnisse hohes Politikeralter
Noch halten sich die Tories an die Sprachregelung, dass sie könnte gerade jüngeren Tories die Wahl für ihn erleichtern.
als stärkste Partei aus den Wahlen hervorgegangen sind und Für Davis spricht auch, dass Corbyn in ihm keinen einfa-
May mithin ein Mandat für die ganze Legislaturperiode hat. chen Gegner hätte. Davis’ bescheidener sozialer Hinter-
Aber in privaten Gesprächen glaubt niemand, dass die Regie- grund und seine Distanz zu den elitären Tory-„Toffs“ würde
rungschefin länger als bis zum Ende der Brexit-Verhandlun- dem Labour-Chef eine wichtige Angriffsfläche rauben.
gen im März 2019 im Amt sein wird. Eine wachsende Zahl Die Angst vor Corbyn ist allerdings der Grund dafür, dass
von Tory-Abgeordneten ist überzeugt, dass sie deutlich frü- auch Außenminister Johnson noch nicht aus dem Spiel ist.
her, um den Parteitag Anfang Oktober herum, wird gehen Der frühere Superstar der Konservativen, der zweimal in der
müssen. Der Zeitpunkt entscheidet auch über die Nachfolge- „roten Hauptstadt“ Bürgermeister werden konnte, verlor
kandidaten, die in Frage kommen. mit seinem Einsatz für den Brexit viele Sympathien und gilt
Sollte May schon in diesem Herbst in den Rücktritt ge- seither als spaltende Figur. Aber er ist, wie sein früherer Ar-
drängt werden, sehen viele David Davis in der besten Positi- beitgeber – das Intellektuellenmagazin „The Spectator“ – ge-
on. Der Brexit-Minister ist die politische Überraschung der rade in Erinnerung rief, noch immer der mitreißendste Wahl-
vergangenen zwölf Monate. Kaum jemand hatte den 68 Jah- kämpfer und der beste Kommunikator der Tories. Die Frage

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


10 Downing Street:
Noch wohnt hier
Theresa May. Aber
auch andere
sind interessiert.
Foto AFP

reine Lehre wohl nicht mehr durchset-


zen lässt. Hammond ist Pragmatiker,
steht in vielen Fragen dem rechten Flü-
gel der Partei nah und hat dank seiner
administrativen Fähigkeiten und seiner
Seriosität das Zeug zum Kompromiss-
kandidaten.
Das trifft in ähnlicher Weise auf Am-
ber Rudd zu, die Innenministerin.
Auch sie steht eher in der Mitte der Par-
tei, obwohl sie im Referendumswahl-
kampf leidenschaftlich für den Ver-
bleib in der EU gestritten hatte. Neben
ihr halten sich noch drei weitere Frau-
en im Gespräch: Priti Patel, die im Bre-
xit-Lager stehende Entwicklungshilfe-
ministerin, Ruth Davidson, die Anfüh-
rerin der schottischen Tories, und An-
drea Leadsom, die angeblich damit
droht, in jedem Fall zu kandidieren
und so einen internen Wettbewerb un-
ausweichlich machen würde. Eher als
Außenseiter gelten die Minister Sajid Ja-
vid und Michael Gove.
Neue Perspektiven würden sich eröff-
lautet gleichwohl: Braucht Britannien in Zeiten komplizier- nen, sollte May länger durchhalten und erst nach dem Brexit
ter Verhandlungen über die Zukunft des Landes einen Volks- das Amt verlassen. Zwanzig Monate sind in der britischen Po-
tribun an der Spitze? litik eine lange Zeit, die von den Nachwuchstalenten der Kon-
Die politische Dynamik seit den Wahlen hat einen dritten servativen genutzt werden könnten, um auf die vorderen
Politiker ermutigt, der seiner Blässe wegen bisher eher als Bänke vorzudringen. Schon oft nahmen Parteien mit unver-
Mann für die zweite Reihe gegolten hat: Philip Hammond. brauchten Köpfen einen Aufschwung – Labour mit Tony
Der Schatzkanzler, der zuvor schon die Ressorts Verteidi- Blair, die Tories mit David Cameron –, und manche erhoffen
gung und Äußeres geleitet hatte, ist eine so unauffällige Er- sich einen solchen Effekt von jungen Staatssekretären wie
scheinung, dass er sich den spöttischen Beinamen „Box Of- Rory Stewart (Äußeres) oder Dominic Raab (Justiz). Wie Bri-
fice“ erwarb. Gegen ihn spricht, dass er als Remainer auf das tannien im Jahr 2019 aussieht, ist allerdings so unvorherseh-
Misstrauen der Brexiteers stößt. Andererseits ist in den ver- bar, dass dann auch Kandidaten in Frage kommen könnten,
gangenen Wochen auch diesen klargeworden, dass sich die an die zurzeit noch niemand denkt. K
30 POLITIK

s war ein Treffen zweier Gleich- offenen Brief an Orbán gebeten, die

E gesinnter, daran haben weder


Benjamin Netanjahu noch Vik-
tor Orbán einen Zweifel gelas-
sen. Der israelische und der ungari-
sche Ministerpräsident klopften einan-
Plakate baldmöglichst abzuhängen.
Denn sie seien zwar nicht offen antise-
mitisch, könnten aber antisemiti-
schen Hass anheizen. Das war eine bri-
sante Äußerung vor dem ersten Be-
der im übertragenen Sinn auf die such eines israelischen Ministerpräsi-
Schulter, als sie kürzlich gemeinsam denten im demokratisch regierten Un-
in Budapest auftraten. „Patriotische garn. Netanjahu ließ sich davon aber

Der
Regierungen werden auch in Zukunft nicht beirren und pfiff im Gegenteil
erfolgreich sein“, sagte Orbán, an sei- seinen Botschafter in Budapest zu-
nen Gast gerichtet, aber natürlich rück, der in das gleiche Horn gesto-
auch sich selbst einschließend. Ähn- ßen hatte. Der Grund: Für Netanjahu
lich antwortete Netanjahu. Besonders sind Soros und die von ihm unter-

Feind
lobte der Besucher Orbán für seinen stützten Organisationen, die seine Po-
Einsatz gegen Antisemitismus, genau- litik besonders im Westjordanland kri-
er, für den „wiederholten Einsatz für tisieren, ebenso ein rotes Tuch wie für
Israel in internationalen Gremien“, Orbán. Antisemitismus sei zu be-
durch welchen sich Ungarn in die kämpfen, aber Kritik an Soros sei legi-

eint
„vorderste Front“ im Kampf gegen An- tim, ließ Netanjahu verlauten. Offen-
tizionismus begebe. bar gab es ein stillschweigendes Arran-
Dabei hatte die Regierung in Buda- gement zur beiderseitigen Gesichts-
pest gerade erst den Vorwurf auf sich wahrung: Die anstoßerregenden Pla-
gezogen, antisemitische Gefühle im kate wurden rasch vor Netanjahus An-
Land zu schüren. Grund war eine Pla- kunft in Budapest entfernt.
Ungarns Ministerpräsident katkampagne, die einen scheinbar hä- Dass Orbán sich sehenden Auges
bedient sich übelster misch grinsenden alten Mann zeigte, den Vorwurf zugezogen hat, antisemi-
antisemitischer Klischees. verbunden mit der Aufschrift „Lassen tische Gefühle anzuheizen, ist auf den
wir nicht zu, dass Soros als Letzter ersten Blick erstaunlich. Denn mehr
Dennoch bekommt lacht“. George Soros ist ein amerikani- als alle ungarischen Regierungschefs
er Lob aus Israel. scher Finanzinvestor, 1930 als Kind ei- zuvor hat er klare Zeichen gegen Anti-
ner jüdischen Familie in Budapest ge- semitismus und Geschichtsvergessen-
Von Stephan Löwenstein boren, der mit einem Teil seines Ver- heit gesetzt. Dazu gehörten Aussagen
mögens Nichtregierungsorganisatio- zur Mitverantwortung Ungarns an
nen (NGOs) und Bildungseinrichtun- der Deportation und Ermordung
gen wie die Budapester „Central Euro- mehr als einer halben Million ungari-
pean University“ unterstützt. Das Pla- scher Juden. Auch an der Seite Netan-
kat und dazugehörende Spots in Funk jahus schlug er sich an die Brust: Dass
und Fernsehen bezogen sich darauf, Ungarn mit den deutschen Nationalso-
dass sich einige der von Soros bezu- zialisten kollaboriert habe, statt die jü-
schussten NGOs für die Rechte oder dischen Mitbürger zu schützen, sei
die Versorgung von Flüchtlingen enga- eine „Sünde“ gewesen.
gieren. Die national-konservative Re-
gierung Orbán bezichtigt Soros, auf Immer wieder geht es um Soros
diese Weise gezielt Migranten nach Eu- Doch in Bezug auf Soros kennt Orbán
ropa holen zu wollen. kaum Hemmungen. Er streitet nicht
Wie das Soros-Plakat zeigt, ist es nur über konkrete Handlungen oder
längst nicht mehr ein Streit über eine Vorschläge des Finanzinvestors und
Sache. Soros wird durch Orbán und Geldgebers, sondern zielt auf die Per-
seine Gefolgsleute persönlich als Geg- son. Und wo Orbán es bei Andeutun-
ner aufgebaut. Der Vorsitzende des gen belässt, wird das Bild durch die
Dachverbands der jüdischen Gemein- von seiner Regierung und seiner Partei
den in Ungarn (Mazsihisz), András Fidesz beherrschten Medien ausge-
Heiszler, wies darauf hin, dass der malt: Das Bild eines Kapitalisten, den
Name Soros in Ungarn anders klinge nicht Menschen, sondern nur Geld in-
als in Israel, in Ungarn stehe er symbo- teressieren, der keine Heimat hat und
lisch für den „jüdischen Kapitalisten“. gerade deshalb darauf aus ist, Natio-
Aus diesem Grund hatte er in einem nen und Nationalstaaten zu unterwan-

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Aktivisten entfernen ein Plakat, auf dem George Soros zu sehen ist. Foto AP

dern, indem fremde Völker importiert den Frieden und die Zukunft Europas hingegen dem Interesse der jüdischen
werden; der reiche Strippenzieher, der gefährdet. Migration ist für Soros ein Gemeinschaften in Europa. Das ist ein
im Hintergrund agiert und die gefügi- gutes Geschäft . . . Soros ist deshalb so Punkt, an dem sich Orbán wieder mit
gen Politiker auf der Bühne nach sei- schlecht auf das Land Ungarn und Netanjahu trifft. Er wiegt für ihn offen-
nem Willen hampeln lässt. Auch wenn auch auf mich persönlich zu sprechen, bar schwerer als die Anti-Soros-Plakate
das Wort „Jude“ nicht vorkommt, ist da wir seinem großen Plan und Ge- mit all ihren Konnotationen. Für das
das eines der übelsten klassischen anti- schäft im Wege stehen.“ ungarische Publikum hielt das Regie-
semitischen Klischees. In derselben Rede ging Orbán auch rungsblatt „Magyár Idök“ seine Bot-
Eine Rede im Juni gibt Beispiele in darauf ein, dass „unsere Gegner die an- schaft bereit. Unter dem Titel „Wan-
Fülle für solche Andeutungen Orbáns. tisemitische Karte ausgespielt haben“. dernde Juden“ wurden im Leitartikel
Da sagte der Ministerpräsident über Den Vorwurf wies er zurück. „Für uns Leute wie András Heiszler angegriffen,
die angebliche Hilfsbereitschaft des Fi- zählt das Gewicht der Argumente und die sich herausnahmen, den Minister-
nanzmagnaten: „Die guten Absichten nicht die Abstammung dessen, der die präsidenten zu kritisieren. Das seien
lassen sich ohnehin in Frage stellen, da Argumente besitzt.“ Seine Regierung „unsere wandernden Juden, die keine
Soros in der Finanzbranche im Be- habe „null Toleranz gegenüber dem An- Ruhe finden“.
reich Spekulationen tätig ist, wo man tisemitismus“ und stelle vielmehr „un- Das wirkt so, als solle eine „Lücke“
lediglich über Millionen von Men- sere jüdischen Mitbürger“ unter ihren gefüllt werden, die sich auftut, seit die
schen hinwegschreitend und durch die Schutz. Dann drehte Orbán den Spieß ursprünglich noch viel weiter „rechts“
Benachteiligung dieser Menschen zu um: Diejenigen, die den Vorwurf erhö- stehende Partei Jobbik versucht, in die
Geld kommen kann . . . Die Realität ben, importierten in Wirklichkeit „mit politische Mitte auszugreifen und spe-
sieht nämlich so aus, dass György So- den Migranten den Antisemitismus in ziell ihr antisemitisches Image abzu-
ros ein ein ausgedehntes Mafia-Netz- zehntausendfachen Kontingenten nach streifen. Im kommenden Jahr wird
werk betreibender Spekulant ist, der Europa“. Seine Migrantenpolitik diene auch in Ungarn wieder gewählt. K
32 POLITIK

S
eit einer Woche stürzen immer mehr Teile eines Lügen- Generalstaatsanwalt habe Aras Agalarov, dem Familienober-
gebäudes ein, das die Trump-Mannschaft ein Jahr lang haupt, das Material zur Unterstützung Trumps angeboten.
aufrechterhalten hatte. Zuerst wurde klar, dass es – an- Dass Kaveladze teilgenommen hat, ist auch deshalb bemer-
ders als von allen Mitarbeitern der Kampagne stets behaup- kenswert, weil Aras Agalarov die ganze Geschichte seiner Un-
tet – Kontakte des engsten Berater- und Familienkreises des terstützung für Trump im Moskauer Radio als „ausgedacht“
heutigen Präsidenten der Vereinigten Staaten nach Moskau abgetan hatte.
gab. Donald Trump junior hatte die Absicht, die Unterstüt- Dabei wäre Schützenhilfe für Trump von Agalarov gut
zung einer feindlichen Macht anzunehmen, um die Wahl zu nachvollziehbar. Die beiden sind seit spätestens 2012 Ge-
gewinnen. Seitdem kommen sukzessive neue Informatio- schäftspartner. Damals trafen sie sich in Las Vegas anlässlich
nen über das Treffen und die der Miss-Universe-Wahl, an
Verbindung der Trumps nach der Trump die Rechte hielt. Im

Russische
Moskau ans Licht. darauffolgenden Jahr wurde
Der Sohn des Präsidenten der Schönheitswettbewerb von
hatte auf Druck der „New York Agalarov in Moskau ausgerich-
Times“ E-Mails veröffentlicht, tet. 14 Millionen Dollar soll er
die belegen, dass ihm im Juni
2016 von einem alten Familien-
freund, Rob Goldstone, „belas-
tendes Material“ über Hillary
Affäre dafür gezahlt haben. Die bei-
den wollten eigentlich auch ei-
nen Trump Tower neben den
Agalarov Tower in Moskau set-
Clinton angeboten worden zen. Das Projekt liegt derzeit
war. Das Angebot selbst sei Donald Trumps Lügengebäude auf Eis. Die Verbindungen sei-
„Teil der Unterstützung Russ- stürzt immer weiter ein. Jetzt lässt en jedoch weiterhin ausgezeich-
lands und seiner Regierung“ er Anwälte für sich sprechen. net, erzählte Agalarovs Sohn
für Donald Trump, schrieb Emin – ein russischer Popstar –
Goldstone. „Wenn es das ist, Von Moritz Eichhorn noch im März in einem Inter-
was du sagst, finde ich es toll“, view. Man stünde mit Trump
antwortete Trumps Erstgebore- weiterhin in Kontakt. Der ver-
ner. Das Treffen habe am 9. gesse seine Freunde nicht.
Juni stattgefunden, gab Donald Sowohl Trump als auch sein
junior zu. Donald Trump lobte Sohn setzen mittlerweile aber
seinen Sohn daraufhin für des- weniger auf Freunde als auf
sen „Transparenz“. Anwälte. Sie haben private
Doch wirklich transparent Strafrechtsspezialisten enga-
verhielt sich Donald Trump ju- giert. Denn mit dem schrittwei-
nior immer noch nicht. Denn sen Kollaps des Lügengebäudes
bei der Begegnung waren nicht mussten Trump und seine Mit-
nur er, sein Schwager Jared arbeiter auch ihre Verteidi-
Kushner und der damalige gungslinie immer wieder neu
Wahlkampfchef Paul Manafort ziehen. Erst behaupteten sie, es
mit der russischen „Regierungs- habe gar keinen Draht nach
anwältin“ Natalja Wesselniz- Moskau gegeben. Das Gegenteil
kaia zusammengekommen. Es war der Fall. Das sei aber nicht
gab noch mindestens drei weite- strafbar gewesen, hieß es dann.
re Gäste – vom Dolmetscher ab- Jetzt reden immer häufiger die
gesehen. Das hatte Trumps Anwälte der Trumps für ihre
Sohn verschwiegen. Mandanten. Im Weißen Haus
Zuerst stellte sich heraus, selbst wurde der frühere Bun-
dass Rinat Achmetschin, ein Miss-Wahl: Emin Agalarov und Donald Trump Foto AP
desstaatsanwalt Ty Cobb ange-
ehemaliger KGB-Agent, der heu- heuert. Er ist ab jetzt für die
te als Lobbyist für russische und andere ehemalige Sowjetre- „rechtlichen und medialen Reaktionen“ zu den Ermittlun-
publiken in Washington arbeitet, auch teilgenommen hatte. gen in der Russland-Affäre zuständig. Alle dahingehenden
Goldstone selbst war ebenfalls zugegen. Zuletzt wurde klar, Fragen will die Regierung nur noch über ihn laufen lassen.
dass noch ein weiterer Mann mit am Tisch saß: ein Vertreter Jetzt, da die Gesundheitsreform des Präsidenten an den
des aserbaidschanisch-russischen Agalarov-Clans, Ike Kave- republikanischen Senatoren gescheitert ist, wird die öffentli-
ladze. Seine Anwesenheit bestärkt bei vielen amerikanischen che Aufmerksamkeit weiterhin der Russland-Affäre gelten.
Beobachtern nochmals den Verdacht, dass eine Verbindung Dass Trump die Senatoren nicht überzeugen konnte, doch
zwischen Trump und dem Kreml über die Agalarovs lief. für den Gesetzentwurf zu stimmen, könnte auch mit seiner
Schon in den E-Mails hatte Goldstone erklärt, der russische Schwächung in puncto Russland zu tun haben. K

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


PORTRÄT GESAGT
Die Holzhammermethode „Mir völlig unbekannte
Gewalt und Übergriffe
Der Berliner Politiker Raed Saleh will hoch hinaus – und
versucht es mit der Leitkultur. Von Mona Jaeger bei einem an sich
friedlichen Fest.“

E
inige Begriffe sollte ein Sozialde- beeindruckende Geschichte Salehs: So kommentierte Tübingens Ober-
mokrat, wenn er noch etwas in sei- Er wurde 1977 im Westjordanland ge- bürgermeister Boris Palmer (Grü-
ner Partei werden will, eigentlich boren. Seit Vater ging nach Deutsch- ne) die Randale und die sexuellen
nicht benutzen. Zum Beispiel Ober- land, zunächst nach Stuttgart, dann Übergriffe am Rande eines Stadtfes-
grenze. Oder Leitkultur. Mit dem hat- nach Berlin-Spandau. Saleh war im tes in Schorndorf. Palmer sagte wei-
ten in der Vergangenheit vor allem Kon- Vorschulalter, als er nachkam. Er ter: „Und wieder sehr junge Asylbe-
servative argumentiert und im Vorder- machte Abitur, begann ein Medizin- werber mittendrin. Das wird zu-
grund gestanden. Raed Saleh, der SPD- studium. Sein Geld verdiente er als lei- nehmend kritisch, vor allem, weil
Fraktionsvorsitzende im Berliner Abge- tender Angestellter bei einem Fast- es immer noch als Rassismus ge-
ordnetenhaus, weiß, wie Begriffsmarke- Food-Unternehmen, dann gründete brandmarkt wird, wenn man das
ting funktioniert. Deswegen stellte er er eine eigene Firma. Seine Sprache Problem beschreibt und angepass-
sich am Montag vor die Dresdner Frau- hat noch immer einen besonderen te Lösungen einfordert.“ Es sei al-
enkirche, dort, wo am gleichen Wo- Singsang. Saleh kann viele Geschich- lerhöchste Zeit, nüchtern die Pro-
chentag Pegida langmarschiert, und ten vom Unterschätztsein erzählen. bleme zu lösen – auch im Interesse
stellte sein Buch vor – zum Thema Leit- Und wie er in der SPD, in die er der „vielen friedlichen und geset-
kultur. Eigenwerbung mit der Holz- schon als Schüler eintrat, eine Hei- zestreuen Flüchtlinge“.
hammermethode. mat und eine Chance zum Aufstieg
Saleh hat sich noch nie sonderlich fand. Solche Erzählungen (Stichwort:
bemüht, seine Ambitionen zu verste- Würselen) sind im Moment ja ziem-
cken. Mit gerade einmal 37 Jahren lich en vogue.
fand er den Zeitpunkt gekommen, Re- Saleh sagt, er sei ein „deutscher Sozi-
gierender Bürgermeister von Berlin aldemokrat arabischer Herkunft und
zu werden. Bei dem SPD-Mitglieder- muslimischen Glaubens und Berliner
entscheid um die Nachfolge Klaus durch und durch“. Er könnte also wo-

Foto Imago
Wowereits im Oktober 2014 landete möglich einiges zu den Themen Inte-
er jedoch nur auf dem dritten und da- gration und Leitkultur sagen, immer-
mit letzten Platz. Spätestens seit die- hin beschäftigt er sich damit schon seit
ser Zeit kennen aber viele Bürger die längerem in seiner politischen Arbeit. GETAN
Sein Buch bringt aber keine neuen Er-
kenntnisse – der Leser erfährt aller- Allerhöchste Zeit wird es auch,
dings, dass für Saleh zur deutschen sich zu überlegen, wie man Neona-
Leitkultur Johann Sebastian Bach und zi-Veranstaltungen wie die in The-
Tom Astor gehören. mar künftig verhindern will. Dort
Viel interessanter ist, welche Politik hatten sich 6000 Rechtsextreme
Saleh praktisch betreibt. Im Januar zum Neonazi-Festival „Rock gegen
hielt der SPD-Fraktionsvorsitzende Überfremdung“ getroffen. Zuvor
im Abgeordnetenhaus eine Rede, in waren mehrere Verbotsanträge ge-
der er für eine strengere Sicherheits- scheitert. Thüringens Ministerprä-
und Integrationspolitik warb. Er stahl sident Bodo Ramelow (Linkspar-
dem Regierenden Bürgermeister Mi- tei) will nun überprüfen lassen, ob
chael Müller die Show. Schon früher man das Versammlungsrecht än-
hatte er nicht weniger als die „Neuer- dern kann. Es gehe ihm „um die
findung der Sozialdemokratie“ gefor- Abgrenzung der Versammlungs-
dert. So etwas sagt man, wenn man freiheit zu kommerziellen Veran-
über das Rote Rathaus hinaus wahrge- staltungen wie Rechtsrock-Konzer-
nommen werden will. Die SPD sucht ten, die unter dem Deckmantel
bekanntlich immer wieder nach Politi- des Grundgesetzes Geld für ihr
kern, die bundespolitisch hoch hin- Klientel eintreiben, und das auf
Raed Saleh Foto dpa aus wollen. K Steuerzahlerkosten.“
GESELLSCHAFT

Bei ihr beten Männer und Frauen gemeinsam: Seyran Ates im Gebetsraum der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit Foto Jens Gyarmaty

Ihr Islam ist


ein anderer
Die Deutsch-Türkin Seyran Ates hat in Berlin
eine liberale Moschee gegründet. Sie erhält
Morddrohungen und braucht Personenschutz.
Begegnung mit einer Unbeugsamen.
Von Karen Krüger

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


eyran Ates kann nicht anders. Sobald ihr ein Missstand auch in Mekka, der heiligsten Stätte des Islams, üblich

S auffällt, kreisen ihre Gedanken um zwei Fragen: Was


wirkt? Was hilft wirklich? Und wenn Seyran Ates dann
weiß, wie am besten vorzugehen ist, was gesagt, getan, ge-
ist“, sagt Seyran Ates.
Der Hauptraum ihrer Moschee ist 50 Quadratmeter
groß, mit einem strahlend weißen Teppich ausgelegt, licht-
schrieben werden muss, damit die Verhältnisse sich ändern, durchflutet und liegt in einem der oberen Stockwerke ei-
ist eines garantiert: Es wird scharfe Debatten geben und lau- ner alten evangelischen Backsteinkirche in Berlin-Moabit.
ten gesellschaftlichem Widerhall. Für wie viel Aggressionen und sogar Hass das Gotteshaus
Seyran Ates, Jahrgang 1963, geboren in Istanbul und sorgt, merkt man, wenn man Seyran Ates besuchen will.
wohnhaft in Berlin, ist Anwältin, Feministin, Autorin, Um zu ihr zu gelangen, muss man an fünf bewaffneten Per-
Menschenrechtsaktivistin und Verfassungspatriotin. sonenschützern vorbei, die sie rund um die Uhr begleiten.
2003 benannte sie in ihrer Autobiographie „Große Reise Seit Eröffnung der Moschee hat sie mehr als 100 Morddro-
ins Feuer: Die Geschichte einer deutschen Türkin“ in ei- hungen erhalten: „Du stirbst bald“, „Lasst sie ausbluten“,
ner Offenheit, die man damals noch nicht kannte, schwer- „Schlagt den Kopf dieser Frau gegen die Wand“ sind nur ei-
wiegendste Probleme in der Migranten-Community. In nige der Nachrichten, die ihr vor allem über die sozialen
„Der Multikulti-Irrtum“ (2008) rechnete sie mit der deut- Medien und vor allem auf Türkisch geschickt werden. Eine
schen Einwanderungspolitik ab; in ihrer Streitschrift besonders bedrohliche Dimension hätten die Nachrichten
„Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ (2009) klag- erreicht, nachdem die türkische Regierung die Falschmel-
te sie die Geschlechterapartheid in muslimischen Gesell- dung in Umlauf brachte, Seyran Ates sei eine Anhängerin
schaften an; in „Wahlheimat: Warum ich Deutschland lie- Fethullah Gülens, des islamistischen Predigers, der für den
ben möchte“ (2013) appellierte sie an Migranten, sich Putschversuch 2016 in der Türkei verantwortlich sein soll.
Deutschland als Heimat zu gönnen, und an die deutsche Staatspräsident Erdogan soll bei der Bundesregierung dar-
Politik, sich endlich zum Einwanderungsland zu beken- auf gedrungen haben, die Moschee schließen zu lassen.
nen. Nun liegt ihr neues Buch vor, und wieder birgt es ge- Die ägyptische Fatwa-Behörde bezeichnete das Gotteshaus
sellschaftlichen Sprengstoff. Es heißt „Selam, Frau Ima- als „Angriff auf den Islam“.
min“ und erzählt, warum und wie diese mutige Frau gera-
de eine neue Moschee gegründet hat. Als praktizierende Weitermachen ohne Angst
Muslimin war Seyran Ates der Öffentlichkeit bis dahin Seyran Ates erzählt das alles mit ruhiger, fester Stimme.
kaum bekannt. „Ich bin ja nicht allein, wir sind eine Gruppe, und das gibt
Spricht man sie darauf an, lächelt sie und sagt: „In Berlin mir Kraft“, sagt sie. Wie ernst die Drohungen zu nehmen
gab es einfach keine Moschee, in der ich mich wohl gefühlt sind, weiß sie aber aus Erfahrung. Sie musste ihren Beruf
hätte. Ich war schon immer gläubig, hatte aber gelernt, als Rechtsanwältin mehrfach über Jahre hinweg ruhen las-
dass Religion nichts ist, das man vor sich hertragen sollte. sen, weil sie wegen ihres Engagements um ihr Leben fürch-
Religion, sagten meine Eltern immer, ist eine Sache zwi- tete. 1984, mit 21 Jahren, wurde sie bei einem Attentat le-
schen dir und Gott.“ Ausschlaggebend für ihre Kehrtwen- bensgefährlich verletzt. Der Täter, ein türkischer Nationa-
de sei die von Wolfgang Schäuble initiierte Islamkonferenz list, war in das Beratungszentrum für muslimische Frauen
gewesen. Ates gehörte ihr in den Jahren 2006 bis 2008 an. eingedrungen, in dem sie damals in Berlin arbeitete. Eine
Sie erlebte, dass nicht organisierten, liberalen Muslimin- der Kugeln traf Seyran Ates in den Hals. Ihre Klientin, eine
nen wie ihr die Chance auf Einflussnahme aus der Hand ge- 40 Jahre alte Frau, starb. „Eigentlich hätte ich verbluten
nommen wurde. Die großen deutschen, sehr konservati- müssen“, sagt Seyran Ates. Sie hatte ein Nahtoderlebnis. Sie
ven Islamverbände rissen die Deutungshoheit über die Reli- habe ein Zwiegespräch mit ihrem Gott, „dem barmherzi-
gion an sich. Seyran Ates beschloss, sich mit Gleichgesinn- gen Gott der Muslime“ geführt. „Er gab mir die Chance,
ten zusammenzutun. Die Idee für die liberale Ibn-Rushd- weiterzuleben.“
Goethe-Moschee wurde geboren. Weitermachen mit ihrer Moschee will Seyran Ates auf je-
Das Besondere an ihr ist: Weibliche Imame und homo- den Fall. Und sie möchte ihre Ausbildung zur Imamin fort-
sexuelle Gläubige sind ausdrücklich erwünscht. Gepre- setzen, die sie begonnen hat. Sie weiß, dass ihr Gotteshaus
digt wird auf Deutsch, und jeder ist willkommen: ob mit für viele Muslime eine Hoffnung darstellt. Die Hoffnung
oder ohne Kopftuch, ob Alevit, Schiit oder Sunnit. Frau- auf einen Islam des einundzwanzigsten Jahrhunderts, vor
en müssen sich während des Gebets nicht hinter einem dem man keine Angst haben muss und für den man sich
Vorhang verstecken oder einen anderen Raum aufsu- nicht schämen braucht. Denn auch das ist etwas, das die
chen. Männer und Frauen beten gemeinsam. „So, wie es Menschen ihr auf Türkisch schreiben: Bitte, gebt nicht auf.
zur Zeit des Propheten üblich war, und so, wie es heute Haltet durch! K
36 GESELLSCHAFT

as Gefühl, nicht gesund zu sein,

D war schon immer da. Als Kind


schlafen ihr die Beine ein, wenn
sie für ein Foto länger als ein paar Se-
kunden stillhalten soll. Seit dem drei-
zehnten Lebensjahr plagen sie heftige
Migräneattacken, dazu kommen wider-
wärtige Geruchsempfindungen: Alles
riecht nach Eiter und Exkrementen. Sie
hört Stimmen, hat Gemütsschwankun-
gen. Ihr Körper macht Dinge, die sie
nicht will und nicht versteht. Um diese
Ohnmacht zu kompensieren, wird sie
frech. Die Eltern schicken sie zum Psy-
chologen. Ihr Wesen sei „selbstzerstöre-
risch“, sagt der. Ohne zu ahnen, wie

Der fremde Körper


richtig diese Diagnose auch und vor al-
lem unter physiologischen Gesichts-
punkten ist.
Vera Lindenberg, 1965 in Bad Kreuz-
nach an der Nahe geboren, hat MS, 200 000 Menschen in Deutschland leiden unter Multipler
Multiple Sklerose. Damit ist sie einer
von geschätzt mehr als 200 000 Men- Sklerose. Vera Lindenberg hat einen ungewöhnlichen Weg
schen in Deutschland. Die Krankheit gefunden, mit dieser Krankheit zu leben.
ist tückisch, ihr Verlauf nicht vorherseh-
bar. Nicht für jeden MS-Erkrankten be- Von Simon Strauß
deutet die Diagnose ein Leben im Roll-
stuhl, im Gegenteil, gerade zu Beginn
können die Entzündungsherde im Ge-
hirn und Rückenmark wieder abhei-
len. Krankheitsbedingte schwere Behin-
derungen sind sehr selten.
Nichts deutet bei Vera Lindenberg
darauf hin, dass sie einmal ein solcher
Fall werden könnte. Sie ist ein Mädchen
mit viel Energie: In der Schule choreo-
graphiert sie eigene Tanzstücke. „Mond-
süchtig“ heißt eines davon, das die Ge-
schichte eines einsamen Menschen er-
zählt, der mit ungelenken Schritten
nach seinem Platz in der Welt sucht.
Vera entwickelt dafür eine eigene Kör-
persprache der Benommenheit. Das
Stück wird ein großer Erfolg. Sie will
zum Theater – jenem Ort der zwanglo- Immer weitere Einschränkungen: Szenen aus dem Film von Vera Lindenberg
sen Freiheit, wo man sein kann, was
man nicht ist oder nicht sein darf.
Mit neunzehn zieht sie nach West-
Berlin. An der Schaubühne am Lehni-
ner Platz lernt sie bald den texanischen
Theatermacher Robert Wilson kennen,
der sie 1986 als Bühnenbildassistentin
für seine Produktion „Death, Destruc-
tion & Detroit“ engagiert. Vera Linden-
berg baut Modelle und bekommt sogar
einen Gastauftritt „on stage“: Auf ei-
nem Stuhl sitzend, denn beim Gehen
überfällt sie manchmal wie aus dem

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Nichts Schwindel. Sie arbeitet für die
Kunst, aber ihr Körper arbeitet gegen
alles: Meditation, progressive Muskel-
entspannung, Vitamin-D-Lichtthera-
Spitzen der
sie: Die Schultern schmerzen immer pie, aber die Krankheit ist nicht aufzu- Gesellschaft
mehr, und plötzlich sind ihre Fußsoh- halten. Bei der Beerdigung ihrer Mut-
len pechschwarz. Erst im Rückblick ter sitzt sie im Rollstuhl. Hoffnung auf
wird sie das als weiteres Vorzeichen ein- Heilung gibt es nicht.
ordnen, als Raynaud-Syndrom, bei Auch eine neue, in der Fachwelt um-
dem Körperextremitäten aufgrund ei- strittene Behandlungsmethode des ita-
ner Fehlregulation im Nervensystem lienischen Gefäßchirugen Paolo Zam-
durch Verengungen der Arterien vom boni bringt keinen Nutzen. Also entwi-

Foto dpa
Blutfluss abgeschnitten werden. ckelt Vera Lindenberg eine eigene The-
Zu den Schmerzen und dem Taub- rapie jenseits von Krankengymnastik
heitsgefühl kommen Sichtausfälle: Es und Tabletten: Sie macht einen Film Manche Dinge klappen erst
ist, als ob sich ein Schatten von außen über ihr Leben, ihr Leiden, ihren im zweiten Anlauf. Camilla
in ihr Sehfeld schiebt. Aber sie macht Kampf. Mit alten Familienfotos und ak- (unser Foto) kann ein Lied
weiter. Mit Wilson arbeitet sie in Mai- tuellen Videoaufnahmen erzählt sie re- davon singen, weshalb sie
land, München und Tokio. Für Klaus trospektiv davon, wie die als unheilbar mit ihren 70 Jahren nicht
Michael Grüber entwirft sie das Büh- eingestufte Krankheit langsam von ihr nur das Geburtstagskind,
nenbild für seine „Parsifal“-Inszenie- Besitz ergriffen hat. Ohne Weinerlich- sondern auch unser Kraftwe-
rung. Der Schmerz in Gesicht und keit zeigt „Itchi – Mein Weg“, der inzwi- sen der Woche ist. Mit 23
Körper nimmt zu, quält sie bis zur to- schen zu mehreren Online-Filmfesti- Jahren lernte sie Prinz
talen Erschöpfung. Sie bäumt sich vals eingeladen ist, die Lebensleistung Charles bei einem Polospiel
auf, macht Hunderte Sit-ups am Tag, einer Frau, die darin besteht, sich nicht kennen. Über den Sexappeal
um das Blut durch den Körper zu unterkriegen zu lassen. Robert Wilson britischer Polokleidung
pumpen. Noch will sie die Diagnose erinnert sich darin an die Zusammenar- kann man streiten, Camilla
nicht haben. An ihrer Seite ist da schon beit mit der selbstbewussten Frau und war hingerissen, die Bezie-
der Mann ihres Lebens, ein Lichtdesig- erklärt die Begegnung mit ihr kurzer- hung mit Charles hielt zwei
ner. 1995 kommt schließlich die Diagno- hand zum Wesensimpuls seiner künst- Jahre. Aber obwohl beide
se. Der Hausarzt hat Formulierungs- lerischen Arbeit: „Learn by walking viel füreinander empfanden,
schwierigkeiten, also legt Lindenberg and falling down!“ heirateten sie andere Part-
ihm selbst die zwei Buchstaben in den ner. In Kontakt blieben sie
Mund: „MS“, Multiple Sklerose. trotzdem. Wie weit der ging,
Heulend rast sie mit dem Auto um Der Schmerz in Gesicht darüber spekulierte die briti-
die Berliner Siegessäule, brüllt: „War- sche Boulevardpresse nur zu
um ist es nicht Krebs oder etwas garan- und Körper nimmt zu, gern, bis der berühmte Tele-
tiert Tödliches?“ Ein erster Neurologe quält die junge Frau bis fonmitschnitt, in dem
will die Diagnose nicht glauben: MS- Charles ihr Intimes zuflüster-
Kranke sind doch träge, aber sie sei ja zur totalen Erschöpfung. te, alle Zweifel ausräumte.
voller Energie, sie könne kein MS ha- Aber sie gibt nicht auf. Von der Geliebten zur akzep-
ben. Hat sie aber. Auch wenn sie es tierten zweiten Ehefrau auf-
nicht wahrhaben will und sich in zusteigen, das schien nach
noch mehr Arbeit stürzt. Filmausstat- „Was vermisst du am meisten?“, Dianas Tod ein unmögliches
tungen, Lichtassistenzen, Bühnenbild- wird Lindenberg im Film einmal ge- Unterfangen. Im Super-
übertragungen. 1998 arbeitet sie ein fragt. Nach langem Schweigen antwor- markt wurde Camilla mit
letztes Mal mit Robert Wilson. Die tet sie: „Das kann ich nicht aufzählen, Brötchen beworfen, so groß
Krankheit zeigt sich überdeutlich: Lin- was ich alles verloren habe.“ Aber am war die Verachtung. Sie hei-
denberg erblindet auf dem linken meisten habe sie Angst davor, „weg zu ratete Charles trotzdem.
Auge, verliert den Appetit, bekommt müssen“. Weg von dieser Welt, ihrem Wie eng das Paar immer
Depressionen. 2001, nach dem Be- Mann, den Blicken aus dem Fenster noch miteinander ist, zeigte
such einer Klinik für chinesische Me- hinaus aufs Grün. Und dann sieht man sich unlängst in Kanada. Als
dizin, gibt es einen Hoffnungsschim- sie in einem Auto sitzen, auf ihrem Spe- Inuit dort traditionelle Rö-
mer. Aber bald kommt alles zurück, zialsitz, bei einer Spazierfahrt durch chelgesänge anstimmten,
die Empfindungsstörungen, die läh- den Berliner Sommer. Und aus ihren konnten sich beide nach in-
menden Schmerzen. 2003, mit 38 Jah- Augen strahlt das Licht, all die Kraft, nigem Blick auf den ande-
Videostills Vera Lindenberg

ren, geht sie völlig erschöpft in Rente. die noch in ihr steckt und heraus will. ren das Kichern kaum ver-
Wenige Jahre später kann Linden- Die Kunst hat sie stark gemacht, diese kneifen. Nach zwölf Jahren
berg kaum noch laufen, die spastischen Vera Lindenberg, stark genug für ein Le- Ehe muss das wohl Liebe
Anfälle werden schlimmer. Sie versucht ben in Schwäche. K sein. Maria Wiesner
WIRTSCHAFT
erleben einen solchen Ansturm und können nicht den gan-

Kampf um die zen Tag E-Mails beantworten, sondern sollen sich um die
Kinder kümmern“, sagt er.
Dabei sehen die Zahlen auf den ersten Blick gut aus:
Zum 1. März 2016 besuchten 719 600 Kinder im Alter un-

Kita-Plätze
Seit vier Jahren gibt es einen Anspruch auf
ter drei Jahren eine staatlich geförderte Kindertagesstätte,
eine Tagesmutter oder einen Tagesvater. Innerhalb von
zehn Jahren hat sich das Angebot damit um mehr als
400 000 Plätze erhöht. Doch wegen stärkerer Einwande-
rung und höheren Geburtenzahlen ist besonders in gefrag-
ten Großstädten der Bedarf größer als das Angebot. „Hier
einen Betreuungsplatz. Doch so sehr die gab es in den vergangenen Jahren einen hohen Zuzug, ins-
Zahl der Krippen auch wächst: Viele Eltern besondere von Familien, die eine hohe Erwerbsneigung
gehen in diesem Sommer leer aus – haben“, sagt Axel Plünnecke, der den Bereich Bildung, Zu-
wanderung und Innovation am arbeitgebernahen Institut
und schalten einen Anwalt ein. der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln leitet. „Ein höhe-
Von Jan Hauser rer Anteil der Mütter möchte wieder schneller zurück in
den Arbeitsmarkt.“ Viele Eltern suchen sich lieber eine
Kita am Wohnort, so dass oft nur große Unternehmen ei-
nen Betriebskindergarten betreiben. Nur zwei Prozent
der Unternehmen geben an, sich um Kinderbetreuung
rei Monate nach der Geburt von Julian beginnt Familie mit Betriebskindergarten, Betriebskinderkrippe oder Be-

D Röhl, einen Betreuungsplatz zu suchen. Die jungen El-


tern schreiben zwölf Kitas in ihrem Umkreis in Berlin-
Mitte an – und erhalten nur Absagen. Inzwischen ist ihr
legplätzen zu kümmern.
300 000 Plätze fehlen
Sohn ein halbes Jahr alt. Die Zeit wird knapp, denn der Junge Jedes dritte Kind unter drei Jahren besucht eine der
soll in die Kita gehen, sobald er ein oder eineinhalb Jahre alt 55 000 Kindertageseinrichtungen. In Westdeutschland ist
ist. Das ist Vater Christian Röhl extrem wichtig: „Wir wollen, die Quote mit 28 Prozent geringer als in den ostdeut-
dass der Junge Sozialkontakte hat“, sagt er. Einen Platz gefun- schen Bundesländern, wo sie bei 52 Prozent liegt. Kinder
den haben sie aber noch immer nicht. im ersten Lebensjahr sind nur selten in Kinderbetreuung.
Dabei hatte die Politik das ganz anders versprochen. Im zweiten Lebensjahr steigt der Anteil an, und im drit-
Seit August 2013 gibt es den Rechtsanspruch auf einen ten Lebensjahr besucht die Mehrheit der Kinder eine Ta-
Kita-Platz. Jedes Kind, so steht es schwarz auf weiß, soll geseinrichtung. Nach einer repräsentativen Umfrage im
vom ersten Geburtstag an wochentags in eine Krippe ge- Auftrag des Bundesfamilienministeriums wünschen sich
hen können, sofern die Eltern das wollen. Seither bauen 46 Prozent der Eltern vor dem dritten Geburtstag des Kin-
Städte und Gemeinden neue Kinderkrippen, stellen Päd- des eine Betreuung. Daraus hat das IW Köln berechnet,
agogen ein und kommen dennoch nicht mit den Betreu- dass fast 300 000 Kita-Plätze in Deutschland fehlen – vor
ungswünschen der Eltern mit. Denn der Bedarf steigt an allem im Westen.
vielen Stellen schneller als gedacht, der Bau neuer Kitas Am Freitagnachmittag eilt Melanie Wyssen-Voß um
dauert lange, und Personal ist knapp. Die Lage ist äußerst 15 Uhr aus dem Büro in München. Sie holt ihre beiden Söh-
angespannt – und das, obwohl die Bundesregierung von ne ab, um 16 Uhr endet deren Betreuung. Der Ältere wird
2008 bis 2020 mehr als 12 Milliarden Euro für den Ausbau fünf Jahre alt, der Jüngere ist zwei. Schon vor der Geburt stan-
ausgibt. „Es ist eine unglückliche Situation, dass man das den beide auf Wartelisten von einem halben Dutzend Ein-
Recht auf den Platz eingeführt hat, aber die Plätze nicht richtungen. Doch die Familie fand keinen Platz. „Es gibt un-
mitgewachsen sind“, sagt Christian Röhl. Den Mitarbei- glaublich viele Leute, die sich auf unheimlich wenige Plätze
tern in der Kita will er aber keinen Vorwurf machen: „Die bewerben“, sagt Wyssen-Voß. Im Vertrauen sagte ihr ein
Krippenleiter: Wenn er überhaupt noch einen Platz frei hat,
wird dieser an ein Mädchen gehen.
Sieht aus wie Picknick, ist aber eine Die Familie schwenkte um auf private Einrichtungen, in
Demo: Eltern fordern vor dem denen sie mehr als 1000 Euro für ein Kind im Monat zahlt.
Leipziger Rathaus mehr Kitas. Foto dpa Warum sie nicht auf einen Betreuungsplatz geklagt hat?
40 WIRTSCHAFT

„Das war mir am Ende zu viel Aufwand mit viel zu wenig Diesen Sommer dreht sich das Kita-Karussell wieder. Die
Aussicht auf Erfolg“, sagt die Mutter. Nach fast einem Jahr in Sechsjährigen kommen in die Schule; deren Plätze in den
der privaten Betreuung wechselte ihr älterer Sohn in die Kita Kindergärten besetzen Kinder, die bis dahin in der Krippe
einer Elterninitiative, die von der Stadt München gefördert waren. Dort werden entsprechend Plätze frei. Wer außerhalb
wird. Der Jüngere ging zuerst in die private Einrichtung und dieser Wechselzeit einen Betreuungsplatz sucht, der kann
konnte nach etwa einem halben Jahr in die Elterninitiative nur darauf hoffen, dass ein Kind in eine andere Stadt zieht –
wechseln. Hier zahlt die Mutter im Monat 450 Euro für den oder eine neue Kita aufmacht.
Jüngeren und 250 Euro für den Älteren für die Betreuung So wie in Leipzig. Dort standen im Mai etwa 450 Eltern
von 8 bis 16 Uhr. Gern hätte sie längere Öffnungszeiten. „Es vor der neuen Kindertagesstätte „Tillj“ Schlange, um von
gibt immer Situationen, die ich mit einer Nanny überbrü- August an einen von 45 Plätzen für Krippenkinder oder ei-
cken muss“, sagt Wyssen-Voß. nen von 120 Plätzen für Kindergartenkinder zu ergattern.
Die Stadt München kommt auf 21 000 Plätze für Kin- Die Polizei rückte an, um für Ordnung zu sorgen. In Leip-
der unter drei Jahren. Seit dem Jahr 2000 hat sich die zig fehlen etwa 1100 Plätze, wie die Stadt mitteilt. Kürzlich
Zahl damit verfünffacht. Die Betreuungsquote im Alter demonstrierten Hunderte Eltern. Was ihnen bleibt, ist der
von einem bis drei Jahren liegt bei 64 Prozent. Doch das juristische Weg: Allein in der Großstadt hat es mittlerweile
reicht offenbar immer noch nicht. „Mir ist unklar, war- fast 1300 Klagen gegeben.
um Eltern, die Vollzeit arbeiten, nicht bevorzugt wer-
den“, sagt Wyssen-Voß. Aus ihrer Sicht sollte das Vergabe- In der Schulzeit wird die Sache nicht besser
verfahren transparenter werden und die Stadt auch priva- Die Kanzleien haben gut zu tun: Der Kölner Rechtsanwalt
te Einrichtungen unterstützen. Die Frage der Kinderbe- Christoph Krosch etwa hat schon 400 Kita-Platz-Klagen im
treuung geht weiter. „Der Große kommt nächstes Jahr in Raum Köln und Düsseldorf eingereicht. Die Rechtslage sei so
die Schule. Ich stehe schon auf Wartelisten für Hortplät- klar, dass am Ende immer ein Erfolg für seine Mandanten ste-
ze und Mittagsbetreuung.“ he: Entweder findet die Stadt doch noch einen Platz, oder sie
zahlt den Verdienstausfall oder die Zusatzkosten für eine pri-
vate Betreuung. Für die Kommune kann das teuer werden.
Die Lücken der Kinderbetreuung Während Eltern mit einem hohen Einkommen etwa 600
Fehlende Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren Deutschland Euro für einen Krippenplatz zahlen, kostet die Vollzeitbetreu-
13,3% ung in einigen privaten Kitas doppelt so viel. Die Zusatzkos-
14,6% ten dürften allerdings immer noch geringer als ein Verdienst-
ausfall sein, den die Stadt ungern übernimmt. In diesem Som-
Schleswig-
7,3% Holstein mer kommt der Anwalt auf 50 Klagen. „In den vergangenen
20,2% Mecklenburg- vier Jahren hat sich nicht viel getan“, so Krosch.
Vorpommern 293486
10341 Andreas Winheller hat den Kita-Ausbau in den vergange-
3,1%
4084 nen zehn Jahren aus nächster Nähe erlebt. Vor neun Jahren
Hamburg
1238 wurde der Mainzer Elternvertreter in der Kita seiner Töch-
Bremen 15,2% Brandenburg ter, mittlerweile ist er Vorsitzender des Landeselternaus-
3763 6,1% 11,9% schusses in Rheinland-Pfalz. „Wir haben Plätze geschaffen
16,2% 5,7% Berlin
um jeden Preis.“ Dennoch reicht es nicht. „Wir sind weit
3687 davon entfernt, dass Eltern sich verschiedene Kitas anschau-
31101 3039 en und die passende Einrichtung aussuchen können.“ Die
Niedersachsen Sachsen- 13129 Nachfrage steigt auch, weil in dem Bundesland die Kinder-
Anhalt betreuung vom zweiten Lebensjahr an kostenfrei ist. Win-
77459 5,6% heller beobachtet, wie die Kommunen in den Bedarfsplä-
Nordrhein- Hessen 6,9% Sachsen nen immer höhere Ziele setzen. Mainz erwartet, dass bald
Westfalen 13,7% Thüringen 6164 die Hälfte der Einjährigen und etwa 90 Prozent der Zweijäh-
16,0%
Rheinland- 3793 rigen einen Betreuungsplatz brauchen. „Die Leute im Ju-
Pfalz Ost gendamt sagen, das reicht noch nicht“, sagt er. In ländli-
11,8% 23049 7,3% chen Regionen sieht er, dass Eltern häufig einen Platz fin-
Bayern
den, jedoch selten einen Ganztagsplatz. Teilweise fahren
16704 dreijährige Kinder schon mit dem Linienbus durch die Re-
Saarland Baden- 14,9% 31050 gion, um in die Kita zu kommen.
2640 Württemberg
13,8%
Noch schwerer fällt es vielen, eine Betreuungsmöglich-
West keit für Schulkinder zu finden. „Das ist ein riesiges Betreu-
14,8% ungsproblem“, sagt Winheller. Die Stadt Mainz will Hort-
52131
möglichkeiten erhalten, doch in anderen Regionen machen
41165
Städte aus einem Hort schon mal eine Kindertagesstätte,
wie er berichtet. Denn einen Rechtsanspruch auf einen
262436 Quellen: Destatis; BMSFJ; IW Köln F.A.Z.-Grafik Niebel Hortplatz haben Eltern (noch) nicht. K

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Wem gehört die Deutsche Bank? Der Investor aus China hat sehr hohe Schulden. Foto Marc-Steffen Unger

Das Phantom
Der chinesische Konzern HNA ist größter Aktionär der Deutschen Bank. Doch viel mehr
ist über ihn nicht bekannt – zum Leidwesen der EZB. Von Hendrik Ankenbrand

s war Ende Juni, da stockte in den Frankfurter Dop- chuan, ebenfalls in aller Offenheit gedroht, Chinas Regie-

E peltürmen der Deutschen Bank manchem Mitarbei-


ter der Atem, als er die Zeitung aufschlug. Es gebe er-
hebliche Zweifel an der Solidität von HNA, war dort zu le-
rung toleriere keine „hohe Verschuldung, geringe Kapital-
ausstattung und ausfallende Kredite“.
Inzwischen haben die Zweifel an HNA auch die Aufseher
sen – an jenem chinesischen Mischkonzern also, der zuvor in Frankfurt erreicht. Angemeldet wurden sie allerdings
seine Anteile an der Deutschen Bank auf 9,9 Prozent aufge- nicht etwa im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, sondern
stockt hatte und nun als größter Aktionär im Aufsichtsrat zwei Kilometer östlich im gläsernen Hauptquartier der Eu-
die Geschäfte von Deutschlands wichtigstem Kreditinsti- ropäischen Zentralbank (EZB). Dort prüfen die Beamten
tut mitbestimmt. nun, ob sie HNA neben dem zweiten Großaktionär der
Doch geäußert haben diese Zweifel nicht etwa deutsche Bank, der qatarischen Herrscherfamilie, über ein sogenann-
Aktionärsschützer, sondern die Zentralregierung der Volks- tes Inhaberkontrollverfahren näher unter die Lupe nehmen.
republik China. Die dortige Bankenaufsicht hatte die gro- Sollten bei dieser Prüfung Zweifel an der Verlässlichkeit der
ßen Staatsbanken angewiesen offenzulegen, wie viel Kredite Investoren bleiben, könnte ihnen der Entzug oder die Ein-
sie an vier große chinesische Privatkonzerne ausgeliehen schränkung der Stimmrechte drohen.
hatten. Einer dieser Konzerne war dem Vernehmen nach Die Prüfung dürfte nicht einfach werden: Die Struktur
HNA – der Großaktionär der Deutschen Bank. des Konzerns ist stark verschachtelt, die Eigentümerverhält-
Das Unternehmen hat Anfang der neunziger Jahre auf nisse sind unklar. Seit Monaten behauptet der nach Amerika
der Tropeninsel Hainan als kleine Fluglinie begonnen und geflohene Milliardär Guo Wengui, die Familie von Wang Qi-
sich bis heute zum aggressivsten Auslandsinvestor der zweit- shan, seines Zeichens die Nummer drei in der Machtrangfol-
größten Volkswirtschaft der Welt aufgeschwungen. Woher ge der Volksrepublik, halte Anteile an HNA. Dass diese – un-
der Konzern das Geld dafür nimmt, interessierte in Deutsch- belegte – Behauptung in China auf ein großes Echo gestoßen
land bis dato wenig. Selbst die Bundesregierung schien ist, zeigt vor allem, wie intransparent HNA ist.
schlicht froh, dass sich ein Investor gefunden hatte, der dem Fest steht: Der Konzern ist hochverschuldet. Ende Mai hat-
von hohen Kosten für Rechtsstreitigkeiten geplagten Frank- te er Kredite von rund 100 Milliarden Dollar ausstehen,
furter Geldhaus unter die Arme griff. knapp 90 Milliarden davon bei chinesischen Staatsbanken.
Die chinesische Regierung zeigte sich weniger vertrauens- Die Höhe der Schulden ist nach heutigem Umrechnungs-
voll. Es stelle sich die Frage, so die Bankenaufsicht, ob ein kurs größer als die Summe der Erlöse im vergangenen Jahr.
„systemisches Risiko von einigen großen Unternehmen“ Dass HNA seine Beteiligung an der Deutschen Bank zum gro-
ausgehe. Gemeint war unter anderem HNA. Zuvor hatte ßen Teil mit Fremdkapital und Derivaten der UBS finanziert
der Gouverneur der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiao- hat, sorgt für weiteres Stirnrunzeln. K
42 WIRTSCHAFT

chtzig Tote. Mindestens. Auch

A mehr als einen Monat nach dem


verheerenden Hochhausbrand
im Londoner Stadtteil Kensington ist
die Zahl der Opfer noch immer nicht
gewiss. Klar ist nur: Viele hätten nicht
sterben müssen, wenn der Brand-
schutz an dem Gebäude besser gewe-
sen wäre. Wenn es mehr Fluchtwege ge-
geben hätte, druckbelüftete Treppen-
häuser und Brandmelder, die direkt
bei der Feuerwehr Alarm schlagen.
Und eine Dämmung, die den Brand
bremst, statt ihn, allem Anschein
nach, noch zu beschleunigen.
In Deutschland ist es verboten, Häu-
ser ab einer Höhe von 22 Metern mit
brennbarem Material zu dämmen. Nur
darunter ist dies erlaubt, dort, wo die
Drehleitern der Feuerwehren gerade
noch hinkommen. Aber reicht das wirk-
lich? Die Bilder aus London haben
auch in Deutschland eine neuerliche
Debatte ausgelöst, über Brandschutz
an Fassaden und über das Dämmen
überhaupt. Eigentümer und Mieter dürften nicht die Ver-
suchskaninchen der Baustoffindustrie sein, polterte zum Bei-
spiel Kai Warnecke, Präsident des Hauseigentümerverban-
des Haus & Grund, da hatten sich die letzten Rauchschwa-
den in London noch nicht verzogen. Der Einsatz von Polysty-
Dämmland
in Angst
rol zur Dämmung von Gebäudefassaden, fordert Warnecke,
sei sofort auszusetzen. Im Zweifel müssten bereits montierte
Polystyroldämmungen auf Kosten der Industrie entfernt
und durch nichtbrennbare Stoffe ersetzt werden.
Derart plump äußern sich bislang nur wenige, Skepsis,
Angst und Kritik aber gibt es allenthalben, schließlich geht Kaum eine Nation dämmt ihre Häuser so
es um viel: um die Sicherheit zu Hause. Im Wuppertaler eifrig wie wir. Doch nach dem Brand
Stadtteil Oberbarmen ließen die Behörden aus Sorge um in London wächst die Sorge. Denn auch
den Brandschutz in einer Hauruck-Aktion ein elfstöckiges
Hochhaus räumen. Hessens Architekten fordern von der hierzulande gibt es Gefahren.
Landesregierung ein generelles Verbot von Styropordäm-
mungen bei Gebäuden ab einer Höhe von sieben Metern.
Von Bernd Freytag

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Ein Fall für den Sondermüll?
Fachleute streiten, wie gefährlich
Dämmplatten sind. Foto Visum

Und auch die Feuerwehren melden sich zu Wort – mal wie- Verunsicherung der Dämmer beigetragen. Im vergangenen
der. Sie hatten erst am 12. Juni – zwei Tage vor dem Un- Herbst stapelten sich plötzlich alte Styropordämmungen
glück – in einem dringenden Appell einen schärferen vor Müllverbrennungsanlagen. Die Betreiber verweigerten
Brandschutz für Polystyrol-gedämmte Fassaden gefordert. schlicht die Annahme. Der Bundesrat hatte zuvor alte Däm-
Der Deutsche Feuerwehrverband und die Leiter der Be- mungen mit dem mittlerweile fast überall verbotenen
rufsfeuerwehren plädieren für einen Brandriegel aus nicht- Brandschutzmittel HBCD als gefährlichen Müll eingestuft
brennbarem Material in jedem Stockwerk und nicht mehr – und damit die Mehrzahl aller bis 2014 produzierten Sty-
nur in jedem zweiten. Zudem sollen Gefahrenquellen wie ropordämmungen in Deutschland. Mittlerweile hat der
etwa Mülltonnen „eingehaust“ werden, damit ein etwaiger Bundesrat das Brennverbot wieder gekippt. Für Vertrauen
Brand nicht auf die Fassade überspringen kann. Ist das sorgt dieses Hickhack nicht.
nicht möglich, soll das gesamte Erdgeschoss mit nicht Doch die Akzeptanz von erdölbasiertem Styropor ist we-
brennbaren Dämmmaterialien verkleidet werden. sentlich für den Erfolg der Energiewende. Die billigen Däm-
Warum dieser Forderungskatalog? Ganz einfach: Brände mungen sind an den meisten Fassaden verbaut. Eine weite-
von Wärmedämmverbundsystemen, in denen Polystyrol- re Einschränkung oder ein Verbot würde das Bauen erheb-
schaum verarbeitet ist, stellen die Feuerwehr vor enorme lich verteuern und die Klimaschutzziele der Bundesregie-
Herausforderungen. „Die rasante Brandausbreitungsge- rung in Gefahr bringen. Zugleich wächst auch innerhalb
schwindigkeit und die enorme Rauchintensität dieser Syste- der Politik der Widerstand gegen die Vorgaben der energeti-
me unterscheiden sich deutlich von anderen Fassadenbrän- schen Sanierung. Die neue Regierungskoalition aus CDU
den“, heißt es. und FDP in Nordrhein-Westfalen will mit Verweis auf stei-
Für die Förderer der energetischen Gebäudesanierung gende Baukosten und wachsende Wohnungsnot im Bun-
und die Dämmbranche kommt die Diskussion zur Unzeit. desrat darauf dringen, die Energieeinsparverordnung ganz
Den Deutschen ist ohnehin die Lust am Dämmen vergan- auszusetzen. Auch die Mittelstandsvereinigung der Union
gen. Die Hersteller von Dämmmaterialien stehen unter hat sich schon für eine Lockerung ausgesprochen.
Druck: Obwohl die Bauwirtschaft brummt, ist der Markt
für Wärmedämmverbundsysteme in Deutschland 2016
zum fünften Mal in Folge zurückgegangen. Die Zurückhal- Schon fordern die ersten Politiker,
tung hat ideologische Gründe, vor allem aber geht es ums
Geld. Die Energiepreise sind gefallen, und die Finanzie- die Energieeinsparverordnung zu
rungsanreize der staatlichen Förderbank KfW verpuffen in kippen – zur Freude der Bauherren.
Zeiten, in denen Baugeld auch in jeder Bank oder Sparkas-
se billig zu haben ist.
Lobbyverbände und Hersteller wie der Schwarzwälder Die Dämmbefürworter gehen derweil in die Offensive. Be-
Dämmspezialist Sto sagen, besonders die privaten Bauher- tont sachlich und in einer ungewöhnlichen Allianz aus Unter-
ren seien verunsichert. Das liege auch an der Berichterstat- nehmensverbänden und Umweltschutzorganisationen mach-
tung der Medien, kritisierte Sto-Vorstandssprecher Rainer ten sie sich eine Woche nach dem Brand in London für das
Hüttenberger Mitte Juni auf der Hauptversammlung des Dämmen stark – und skizzierten Möglichkeiten, wie sich die
Unternehmens. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Her- Sicherheit erhöhen ließe, bis hin zu Alternativen für den um-
steller haben teils Einsparversprechen gegeben, die sie strittenen Dämmstoff Polystyrol. Im Bestreben um Einigkeit
nicht halten konnten. Ob „Dämmen lohnt sich“, wie eine stellten sogar die Hersteller von Styropordämmungen und
aktuelle Kampagne von Herstellern suggeriert, auch für ei- die der konkurrierenden Mineralwolle ihre Gegensätze hin-
nen Vollwärmeschutz um alte Häuser gilt, bedarf erst einer tenan. Es gelte, alle Kräfte zu bündeln, um eine „Dämonisie-
genauen Rechnung. Und auch die Politik hat ihren Teil zur rung der Dämmung zu verhindern“. K
44 WIRTSCHAFT

Heavy Metal
wird zu Gold
Das Wacken Open Air ist eine echte
Geldmaschine. Und auch sonst sind
Metal-Fans gute Kunden – mit
erstaunlich bürgerlichen Vorlieben.
Von Sebastian Balzter

H
eavy Metal, das ist für Ahnungslose bloß ohrenbetäu- Veranstalter sieben Kilometer Rohrleitungen unter der
bendes Geschrammel, wildes Gebrüll, martialisches Ackerkrume verlegen lassen. Das sei nachhaltiger, heißt es,
Gehabe. Für Alex Kunkel ist dieser spezielle Musikstil als Tausende Fässer über das Gelände zu karren. Und wohl
ein Glücksfall. Kunkel ist CDU-Mitglied, das macht die Sa- auch lukrativer.
che noch ungewöhnlicher. Aber Kunkel ist vor allem Bür- Die Investition lässt erahnen, wie einträglich das Drum-
germeister von Wacken, und das erklärt Eingeweihten herum dieses Spektakels ist, weit über die Einnahmen aus
schon alles. Denn nach Wacken, ein zwischen den Wäl- dem Verkauf der Eintrittskarten hinaus. Die Schnapsidee
dern, Hügeln und Seen von Schleswig-Holstein gelegenes von damals ist zu einer Geldmaschine geworden. Das passt
Bauerndorf, pilgern jeden Sommer in Scharen Heavy-Me- zum Trend in der Musikbranche, für die Live-Konzerte und
tal-Fans aus ganz Europa. Das „Wacken Open Air“ ist ihre Festivals immer wichtiger werden. Damit wird heute mehr
unheilige Messe. Und für eine knappe Woche, dieses Jahr Geld umgesetzt als mit allen Tonträgern zusammen. Die
vom 2. bis zum 5. August, haben die 1800 Einwohner von Heavy-Metal-Fans, die so oft als Rauhbeine und Krawallos
Wacken 75 000 Gäste. missverstanden werden, sind längst als kaufkräftige Ziel-
So viele Eintrittskarten hat der Veranstalter ICS abge- gruppe identifiziert. Einen wahrnehmbaren Preisabschlag
setzt, zum zwölften Mal in Folge ist das Festival ausver- zu den etwa gleich großen, aber musikalisch etwas sanfteren
kauft. 220 Euro kostet ein Ticket, macht 16,5 Millionen Rock-Festivals am Nürburgring („Rock am Ring“), im däni-
Euro Einnahmen. Ein riesiges Geschäft also. Vor allem für schen Roskilde und im niedersächsischen Scheeßel („Hurri-
den Veranstalter und seinen Geschäftsführer, den Hobby- cane“) gibt es jedenfalls nicht, überall sind zwischen 200
Bassisten Thomas Jensen, der 1989 zusammen mit einem und 300 Euro fällig.
befreundeten DJ in einer Kneipe auf die Idee kam, in einer
Kiesgrube am Dorfrand eine Bühne und viele Lautspre- Mit freundlicher Unterstützung der Telekom
cher aufzustellen und eine Handvoll Bands zum ersten Als Hauptsponsoren treten in Wacken die Telekom, die
Live-Musik-Wochenende einzuladen. 12 Mark kostete da- Brauerei Beck’s und der Brausehersteller Monster Energy
mals der Eintritt, zur zwanzigsten Auflage im Jahr 2010 wa- auf; der brave öffentlich-rechtliche Kulturkanal „3Sat“
ren es schon 120 Euro. Und jetzt noch einmal einen Hun- übernimmt die mediale Verbreitung. Klar, dass es Souve-
derter mehr. Dafür werden dieses Jahr aber auch rund 150 nirs und Fanartikel für jeden Geschmack gibt. Da wird es
Bands auftreten, von Berühmtheiten wie Status Quo und schnell ziemlich bürgerlich: Das Logo des Festivals prangt
Alice Cooper bis zu Hoffnungsträgern mit gewöhnungsbe- auf Fußmatten und Hundeleinen, auf Gummienten und
dürftigen Namen wie „Victim of Madness“, „Fit for an Au- Wärmflaschen, auf Plätzchenformen für den Backofen und
topsy“ oder kurz und bündig „Hämatom“. Acht Bühnen einem Männerparfüm für 34,90 Euro – der Reklame zufol-
gilt es zu bespielen, das Festivalgelände, sonst als Kuhwei- ge mit „einem Hauch von Zimt und Nelken“. Nur weil das
de und Acker genutzt, ist 250 Hektar groß, das entspricht Festival am frühen Sonntagmorgen vorbei ist (der letzte
rund 350 Fußballfeldern – genug Platz für die Zelte, Wohn- Auftritt ist im Programm für 2.55 Uhr angesetzt), muss der
wagen und Campingbusse der Besucher, für 1000 Toilet- hartgesottene Schwermetaller danach nicht ein ganzes Jahr
ten und 450 Duschen, für Bars und Kneipen. Ein Novum auf das nächste vom Veranstalter ICS organisierte Wacken-
in diesem Jahr: Das Bier soll unterirdisch zu den Zapfhäh- Erlebnis warten. Schon im April wird ein Skigebiet in den
nen gepumpt werden, für rund eine Million Euro hat der Kärntner Alpen zum „Full Metal Mountain“ umgewidmet,

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Lass krachen, Alter: In Wacken trifft sich die Heavy-Metal-Szene. Foto Pep Bonet/Noor/Laif

mit Live-Konzerten auf der Tal-, Mittel- und Bergstation. Ohne das Festival wäre Wacken ein Dorf wie jedes andere.
Kurz danach sticht ein Kreuzfahrtschiff des Reiseveranstal- Aber umgekehrt gilt auch: Ohne dieses Dorf wäre das Festi-
ters TUI im Mittelmeer zur fünftägigen „Full Metal Crui- val eins wie jedes andere. Deshalb legen beide Seiten Wert
se“ von Mallorca nach Marseille und Valencia in See, mit darauf, gut miteinander auszukommen. Seit eine Dorfbe-
Metal-Karaoke und drei Konzertbühnen für die mitfahren- wohnerin über den Lärm klagte, wird direkt vor ihrer Haus-
den Bands. Im Preis (ab 1299 Euro für die Doppel-Innenka- tür der Geräuschpegel gemessen – sobald 70 Dezibel über-
bine) sind alle an Bord konsumierten Getränke inbegrif- schritten werden, muss der Veranstalter 1000 Euro zahlen.
fen, ab 18 Uhr ausdrücklich auch Spirituosen. Die 2000 Dazu ist es bisher aber noch nie gekommen. ICS lässt nicht
Plätze waren vielleicht auch deshalb schon wenige Minu- nur jeden Dorfbewohner gratis aufs Festivalgelände. Das Un-
ten nach dem Verkaufsstart vergeben. ternehmen spendiert dem örtlichen Fußballverein Trikots,
Und was hat nun Alex Kunkel, der seit 17 Jahren amtie- sponsert das Sommerfest im Kindergarten und stellt dem
rende CDU-Bürgermeister von Wacken, mit alldem zu tun? Freibad Sonnenschirme und Strandkörbe hin. Fünfstellig sei
Ganz einfach: Am Festival verdient das ganze Dorf mit. Von die Summe, die da jedes Jahr für den guten Zweck zusam-
den rund zwanzig Landwirten, die ihre Flächen verpachten, menkomme, sagt der Bürgermeister.
bis zum Einzelhändler, der einen längst aufgegebenen La- Deshalb wird der Geschäftsbericht der Heavy-Metal-Ver-
den im Dorfkern für eine Woche als Verkaufsstelle für Kon- markter aus Wacken auch in der Gemeindeverwaltung auf-
servendosen, Toastbrot und Bier revitalisiert. Im Freibad merksam gelesen. Die Gagen der auftretenden Bands seien
steigt der Eintrittspreis vorübergehend um 50 Cent auf 3 in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, steht dort
Euro, trotzdem kommen an guten Tagen bis zu 3000 Heavy- unter der Überschrift „Chancen und Risiken“. Auch der
Metal-Freunde zum Baden hierher – bei durchschnittlich Wettbewerb der Musikfestivals untereinander habe sich ver-
30 000 Badegästen im ganzen Jahr eine stolze Quote. Außer- schärft. Wie lange die Spirale der Eintrittspreise sich noch
dem ist ICS, die Betreiberfirma, mit 50 Festangestellten und weiter nach oben drehen lässt, ist deshalb die große Frage.
3500 Zeitarbeitern einer der größten Arbeitgeber in der Ge- Dieses Jahr ist das „Wacken Open Air“ zwar wieder ausver-
gend. Bürgermeister Kunkel will da nicht ins Detail gehen. kauft, zum 12. Mal in Folge. Aber es gab schon Jahre, da wa-
„Aber zu den fünf größten Gewerbesteuerzahlern in der Ge- ren die 75 000 Karten binnen zwölf Stunden verkauft. Dies-
meinde gehört die Firma natürlich.“ mal hat es zehn Monate gedauert. K
46 WIRTSCHAFT

s war im Jahr 2013, da ließen die Macherinnen des Pa- Auswahl schwerer Magazine und Parfüms, auf dass der

E riser Concept-Stores Colette ein T-Shirt mit der Auf- Kunde sich dann auch noch zur teuren Mode hinreißen
schrift „Ain’t Laurent without Yves“ bedrucken. Ohne lässt. Je besser das Unterhaltungsprogramm, desto geringer
Yves kein Laurent. Der Slogan war eine Antwort auf den die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde zu Hause bleibt
Designer Hedi Slimane, damals neuer Kreativ-Direktor bei und im Internet shoppt.
Yves Saint Laurent, der das Haus sogleich in Saint Laurent Doch Entertainment reicht offenbar nicht, um die Kun-
umbenannt hatte. Das T-Shirt bildete ab, was viele Mode- den zum Kaufen zu animieren. Der Online-Anteil am ge-
leute dachten. Es war nur ein samten Einzelhandelsumsatz
bisschen frech. Hedi Slimane wird weiter wachsen. Laut ei-

Genug
kündigte trotzdem die Zusam- ner Studie der Wirtschaftsprü-
menarbeit mit Colette. fer von KPMG und dem Bun-
Colette ist nicht irgendeine desverband des Deutschen Tex-
Boutique, sie ist das Vorbild für tileinzelhandels aus dem Jahr
eine ganze Generation von Lä-
den, die sogenannten Concept-
Stores. Mode, Kunst und Musik
unter einem Dach, iPhone-Ka-
geshoppt 2015 betrug der Online-Anteil
in der Mode damals 21 Pro-
zent. Im Jahr 2025 soll er bei 36
Prozent liegen.
bel gepaart mit Kleidungsstü- Die Zahl zeigt aber auch,
cken für zehntausend Euro. Mode, Kunst und Musik vereint: dass durchaus noch viel Geld in
Und im Keller eine Bar mit 73 Concept-Stores galten als die Zukunft Fußgängerzonen-Läden ausge-
verschiedenen Sorten Mineral- des Einzelhandels. Jetzt schließt geben wird. Auch dieser Tage
wasser. „Auch die rein Neugieri- ist dort viel los, nicht zuletzt
gen möchte ich gut empfan- ausgerechnet der Pionier aus Paris. dank der Großfamilien aus den
gen“, sagte Colette-Gründerin Von Jennifer Wiebking Vereinigten Arabischen Emira-
Sarah Andelman im Jahr 2011. ten, die für die Sommermonate
Doch damit ist es bald vor- nach München, Düsseldorf
bei: Am 20. Dezember dieses oder Frankfurt kommen. Nur
Jahres wird der Laden schließen gehen sie kaum in die kleinen,
müssen. Die offizielle Begrün- inhabergeführten Läden, die
dung: Die Mutter von Andel- sich anders als die Luxusmar-
man, Colette Roussaux, wün- ken keine Verkäufer mit arabi-
sche mehr Zeit für sich. „Und schen Sprachkenntnissen leis-
Colette kann nicht ohne Colette ten können.
existieren“, teilte Andelman Viele der Concept-Stores,
jetzt über ihren Instagram-Ac- die jetzt aufgeben, liegen in
count mit. Dabei spielte die den denselben Straßen wie die
Tochter die entschieden wichti- großen Luxusmarken: das Pool
gere Rolle in dem Gespann. Sie an der Münchner Maximilian-
war Chefeinkäuferin und Ge- straße, das Quartier 206 an der
sicht des Ladens. Die Mutter Berliner Friedrichstraße, Co-
kümmerte sich um die Finan- lette an der Pariser Rue Saint-
zen und die Präsentation. Honoré. Hier haben unabhän-
Das Ende von Colette zeigt: gige Inhaber mit vielen kleine-
Einen Laden zu führen, selbst ren Marken kaum eine Chan-
mit einem starken Konzept wie ce. Anders sieht es in den Hin-
Colette, ist längst eine hochkom- terhöfen aus: Die Miete für das
plizierte und riskante Angele- Der letzte Sommer von Colette Foto Reuters
Voo in Berlin-Kreuzberg zum
genheit geworden. Auch andere Beispiel wird kaum so hoch
Concept-Stores geben auf. In München schließt das Pool; sein, dass die Bomberjacken und Notizbücher sie nicht wie-
der Laden im gleichnamigen Quartier 206 in Berlin ist seit der einspielen können. Und auch Andreas Murkudis kann
Anfang des Jahres Geschichte. Auch die Zukunft der riesigen sich in der ehemaligen Druckerei des Berliner „Tagesspie-
Berliner Concept-Store-Mall Bikini ist ungewiss. Selbst das gels“ ausbreiten – so wie die Macher des Merci, dem ande-
10 Corso Como in Mailand geriet jüngst in finanzielle Schief- ren großen Concept-Store in Paris am Boulevard Beaumar-
lage und kann nur weitermachen, weil sich mit den Grün- chais im Marais. Die großen Marken sind an diesen Lagen
dern des Modelabels Twinset zwei Investoren fanden. nicht interessiert, also werden sie dort auch kaum gegen
Dabei galt lange als die goldene Regel im Modehandel: die unabhängigen Händler vorgehen. Der neue Mieter in
Wer überleben will, muss seine Kunden überraschen, viel- den ehemaligen Colette-Räumen heißt dagegen aller Wahr-
leicht mit einer Café-Bar neben dem Jeansregal, mit einer scheinlichkeit nach: Saint Laurent. K

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


WOCHENGRAFIK

Schnell, aber Fast Ca su al


heißt der aktuelle
PLUS MINUS
Ernährungstrend; + Für hungrige

schmackhaft E
also frische Zutaten,
schnell zubereitet
und aufgetischt –
Kunden steigt die
Auswahl dank neuer
E Geschäftsmodelle.
Der ganz große Heißhunger auf Fastfood so wie Die neuen
scheint gestillt. Die Kunden haben Appetit etwa bei - Lieferdienste wie
der Kette Deliveroo gelten nicht
auf mehr. Das verändert das Geschäft. Vapiano. als gute Arbeitgeber.

E
Die großen Burger-Ketten haben zu kämpfen Sie sind noch immer Marktführer ...
Welt-Umsatz Deutschland-Umsatz in der Systemgastronomie,
in Milliarden Dollar 2016 in Millionen Euro
ld's Burg
McDona King er
McDonald's 3135
Burger King 900
2012 LSG Lufthansa 802
2,0 Tank&Rast 622
2016 Nordsee 293
2012 24,6 201
6 Yum Brands 285
27,6 1,1
Subway 230
Ikea Deutschland 221
Edeka Zentrale 212
Aral (BP Europa) 210
Vapiano 194

... doch die Lieferdienste holen auf


Umsatzprognose von Restaurant-Lieferdiensten
in Europa, in Milliarden Euro1) 3,26
2,77
2,26
1,75
1,28
2017 2018 2019 2020 2021
1) Nur Lieferdienste mit eigenem Lieferdienst. Quellen: F.A.Z.-Archiv; Food Service; Freepik.com; Statista Digital Market Outlook; Unternehmen/F.A.Z.-Grafik Walter
E

„Wir wollen
die Zahl der UNTERM
Restaurants bis
2020 nahezu
STRICH
verdoppeln.“ E MILLIARDEN E E . Frisch Zubereitetes
ist gesünder als
Lutz Scharpe, Euro war Delivery sind der neue Trend. klassisches Fastfood.
Hero (Foodora, Verfeinert mit
Finanzvorstand
der deutschen
Gastronomiekette
pizza.de) zum delikaten Zutaten, . Deliveroo und Co.
Börsengang Ende Juni könnten sie den müssen erst noch
Foto Vapiano

Vapiano
wert – fast halb so vielen Burger-Läden beweisen, dauerhaft
viel wie die Lufthansa. Konkurrenz machen. profitabel zu sein.
GELD

Die Suche
nach dem
besten Zins
Internet-Vergleichsportale bieten
viele Chancen zum Sparen.
Es gibt aber auch einige Tücken.
Von Christian Siedenbiedel
Illustrationen Bengt Fosshag

in Bauherr ging früher, wenn er kann sich über Internetportale wie In- tigsten Stromtarif mit empfehlenswer-

E ein Darlehen vereinbaren wollte,


vielleicht zuerst zur Sparkasse,
dann zur Volksbank und möglicher-
terhyp, Check 24, Verivox, Biallo oder
auch FHM-Finanzberatung einen fast
flächendeckenden Überblick über die
ten Konditionen wechselt (kurze Lauf-
zeit, kurze Kündigungsfrist, mit Preis-
garantie, ohne Vorauskasse, ohne Paket-
weise noch zur privaten Bank im Ort, Bauzinsen in Deutschland verschaffen. tarife) kann nach Angaben des Inter-
um Angebote einzuholen. Die Mühe Allein Check 24 bietet mittlerweile net-Vergleichsportals Verivox mehr als
einer kleinen Rundreise war es den Konditionen für Baugeld von sage und 400 Euro im Jahr sparen. Nicht auf al-
meisten wert, um wenigstens rudi- schreibe 450 Instituten. len Gebieten ist das Sparpotential aller-
mentär über Alternativen zu Es ist eine der bahnbrechenden Leis- dings so hoch – und auch die Ver-
den Zinsen der Haus- tungen des Internets, dass solche Ver- gleichsportale haben so ihre Tücken.
bank informiert zu sein. gleiche sehr viel einfacher und günsti- Einen gewissen Schatten haben juris-
Das hat sich radikal ver- ger geworden sind. Egal, ob es der tische Auseinandersetzungen gewor-
ändert. Wer heute eine Strom- oder Gaspreis ist, die Zinsen fen. Dabei ging es vor allem um die An-
Baufinanzierung plant, fürs Tagesgeld, der beste Telefonanbie- mutung – die Frage, wie die Portale im
ter, der billigste Flug oder die günstigs-
te Kfz-Versicherung: Die Vergleichs-
portale ersetzen heute in vielen Fällen
Vermittler, Vertreter oder Bankberater
– und haben so manchen Verbraucher
überhaupt erst auf die Idee gebracht,
dass es sich in diesen Angelegenheiten
lohnen könnte, die Konditionen meh-
rerer Anbieter zu vergleichen: eine
Form der ökonomischen Emanzipati-
on des Verbrauchers gleichsam durch
technischen Fortschritt.
Das Vergleichen und Wechseln kann
sich sehr lohnen, zum Beispiel beim
Strom: Eine Familie, die aus der soge-
nannten Grundversorgung zum güns-
Internet auftreten. Der Bundesver-
band Deutscher Versicherungskaufleu-
FRAG DEN MOHR
te, eine Lobby der Versicherungsmak-
ler, war in München gegen Check 24 Kann ich überall mit
vor Gericht gezogen und hatte er-
reicht, dass das Portal klarer über seine 100-Euro-Scheinen
Rolle als Versicherungsmakler infor- bezahlen?
mieren muss. Das zeigt: Die Portale
wollen Geld mit ihren Angeboten ver-
dienen, sie sind keine altruistischen In- Nein. Prinzipiell ist

Illustration Kat Menschik


stitutionen des Verbraucherschutzes. zwar jeder gehalten,
Das muss aber nicht schlimm sein – Zahlungen mit Euro-
wenn die Rolle offen zu erkennen ist Banknoten als Erfül-
und vor allem nicht zu unzulässi- lung einer Verbind-
gen Verzerrungen der Vergleichs- lichkeit zu akzeptieren. Doch
ergebnisse führt. überlagert wird dies vom Recht
Man kann allerdings auch, frei auf Vertragsfreiheit. Demnach
nach Helmut Schelsky, fragen, ob können alle an einem Rechtsge-
der Dauer-Vergleich institutionali- schäft Beteiligten die Bedingun-
sierbar ist: Gibt es natürliche Grenzen gen frei festlegen: auch diejenigen
des Vergleichens auch auf diesen sehr der Bezahlung. Auch der Kauf
transparenten Märkten im Internet, es zumindest manchmal eine gute Stra- von Kaugummi am Kiosk ist ein
von denen an sich der Aufwand für den tegie, über das Internetportal das bil- Rechtsgeschäft, und wenn der La-
Verbraucher nicht mehr lohnt? Beim ligste Hotel zu suchen. Aber dieses denbesitzer einen 100-Euro-
Tagesgeld beispielsweise liegen die Zin- dann noch einmal anzurufen und zu Schein nicht akzeptiert, verstößt
sen der Anbieter derzeit zwischen 0 fragen, ob man das Zimmer nicht güns- er damit nicht gegen geltendes
und 1,1 Prozent. Für einen Anlagebe- tiger bekommt oder für den gleichen Währungsrecht, wie der Deutsche
trag von 5000 Euro geht es also um 55 Preis ein besseres. Auch bei der Baufi- Einzelhandelsverband betont. Das
Euro im Jahr, die man im Idealfall nanzierung machen viele Verbraucher gilt nicht nur bei großen Schei-
beim Wechsel vom schlechtesten zum es so, dass sie die Portale zwar zum nen, sondern auch bei Kleingeld.
besten Anbieter einstreichen kann. Al- Preisvergleich nutzen. Anschließend Hierzu gibt es sogar extra eine
lerdings werden diese 1,1 Prozent nur vereinbaren sie aber noch ein Gespräch EG-Verordnung, die in allen Län-
für 4 Monate für Neukunden garan- in der Bank – weil es eben doch nicht dern der europäischen Währungs-
tiert. Man muss danach also weiter so leicht ist, dabei als Nichtexperte an union gilt. Demnach ist kein Ein-
wechseln, will man den Betrag am Jah- alles zu denken. K zelhandelsunternehmen verpflich-
resende wirklich in der Tasche haben, tet, mehr als 50 Münzen bei einer
und dann womöglich noch mal wie- einzelnen Zahlung anzunehmen.
der. Irgendwann kommt da für je- Manche Länder haben auch die 1-
den eine Grenze des lohnenden Auf- und 2- Cent-Münzen abgeschafft
wands – es sei denn, das Wechseln und akzeptieren die kleinen Mün-
selbst bereitet jemandem als Freizeit- zen nicht. Ein entsprechendes Pro-
beschäftigung große Freude. jekt in Kleve gegen das Kleingeld
Bei anderen Vergleichsportalen, hatte indes keinen Erfolg. Die Ein-
etwa für Hotels, ergibt sich bisweilen zelhändler sind auch frei zu be-
eine andere Schwierigkeit. Nicht im- stimmen, ob sie EC- oder Kredit-
mer sind die billigsten Angebote in ei- kartenzahlungen annehmen. Da
nem Vergleichsportal günstiger als An- der Kunde jedoch König sein soll,
gebote, an die man ohne das Portal werden seine Zahlungswünsche
käme. Auch das liegt in der Natur der meist akzeptiert.
Sache; die Portale wollen an der Ver- Daniel Mohr ist Redakteur für Finanzen und freut
mittlung auch verdienen. Deshalb ist sich über Ihre Fragen unter fragdenmohr@faz.de
FEUILLETON

Tanz in die Zukunft


Im Problemviertel Duisburg-Marxloh eröffnet das
Klavierfestival Ruhr Schülern in Integrationsklassen mit
Strawinsky neue Perspektiven. Von Kerstin Holm
ora und Sehare sind stolz auf ihr Duisburg-Marxloh, ger brachten passable Deutschkenntnisse mit, erinnert sich

N wo sie aufgewachsen sind und zur Schule gehen. Dem


Ruf, den sich der Stadtteil als Brennpunkt von Armuts-
einwanderung und Klanherrschaft erworben hat, wollen die
Hagge, der seit zwanzig Jahren an der Grundschule in der
Sandstraße unterrichtet. Einzelne Kinder mit sprachlichen
Defiziten bekamen spezielle Förderkurse. Seither wurden
beiden Schülerinnen etwas entgegensetzen. Marxloh sei im Lehrerstellen abgebaut, während zugleich die Probleme
positiven Sinn multikulturell, findet Sehare, die siebzehn wuchsen, insbesondere durch Zuwanderer aus Südosteuro-
Jahre alte Tochter kosovoalbanischer Eltern. Türken, Al- pa. Unter ihnen sind Sinti und Roma, die zum Teil Analpha-
baner, Deutsche, alle gehörten dazu. Ihre Freundin Nora, beten sind und deren Kinder keinen Kindergarten besuchen
die einer irakischen Großfamilie entstammt, stimmt zu: – auch mangels Plätzen. Sprachförderkurse gibt es heute
In Marxloh stellten Türken die Mehrheit, doch keiner nur noch für ausländische Kinder, die neu in Deutschland
werde ausgegrenzt. sind, nicht aber mehr für solche, die aus anderen Landestei-
Dass manche Neuzuzügler Balkone oder Hinterhöfe als len kommen. Schon ziehen mittelständische türkische Fami-
Müllhalden nutzen, wollen sie nicht leugnen. Doch auf ei- lien aus Marxloh weg.
nem Rundgang durch den Stadtteil zeigen Nora und Sehare
dessen schöne Seiten: prächtige Brautmodengeschäfte, die Auch Singen ist Lernen
jedes Wochenende Heiratswillige von weither anziehen, den Doch der Einsatz der Lehrer, die nicht nur Kinder, sondern
Pollmann-Platz, wo man dreimal wöchentlich auf einem Ba- auch Eltern integrieren wollen, wird nur größer. Für jenen
sar nach Klamotten und Schmuck stöbern kann, die katholi- rumänischen Vater, von dessen sieben Kindern jedes in ei-
sche Kirche und, unweit davon, die große Moschee. Frauen nem anderen Land zur Welt kam, sei es schon eine Lernleis-
müssen dort oben auf der Empore beten und sich dazu in tung, zu erkennen, dass es für das Fortkommen dieser Kin-
ein langes Gewand hüllen. Sie besuchten die Moschee sel- der nicht gut ist, dass er morgens nicht aufstehe und abends
ten, geben Nora und Sehare zu. lange aufbleibe, sagt Hagge. Die Bedeutung des Musikunter-
Die beiden jungen Frauen, die in T-Shirt und Leggings richts in den ersten Schuljahren könne man vor einem sol-
durch ihr Viertel spazieren, sind freilich Vorzeigegesichter chen Hintergrund gar nicht hoch genug einschätzen. Denn
von Marxloh. Beide besuchen das Gymnasium, sie haben durch das Intervallsingen in Tonsilben und das Darstellen
Deutsch als Leistungsfach belegt und finden die Lyrik des und Memorieren von Rhythmen würden die Raum- und
Expressionismus, die sie gerade durchnehmen, toll. Ihr Leh- Zeitwahrnehmung strukturiert und so die körperlich-emo-
rer am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium stecke sie mit sei- tionale Voraussetzungen für das Lernen überhaupt geschaf-
ner Begeisterung an. Nora, die im kommenden Jahr Abitur fen. Wenn er seine Grundschüler hüpfen, singen, Silben arti-
macht, will studieren – als einzige von acht Geschwistern –, kulieren lasse, dann helfe ihnen das auch, sprachlich oder in
und zwar Pharmazie. Sie wird dann zu den weniger als Zahlen zu denken, versichert Hagge. Die neurophysiologi-
zwanzig Prozent Marxloher Schulabgängern gehören, die sche Forschung bestätigt das.
den höheren Bildungsweg einschlagen. Der Duisburger An der Grundschule Sandstraße, wo die meisten Kinder
Durchschnitt liegt bei etwa vierzig Prozent, in bürgerlichen einen Migrationshintergrund haben, werden seit diesem
Wohngegenden bei sechzig. Sehare plant eine Ausbildung Frühjahr jahrgangsgemischte Klassen unterrichtet. Das
als Kauffrau. heißt, Schüler im Alter von sechs bis zehn Jahren mit ganz
Heute tanzen sie und ihre Freundin bei Proben für eine unterschiedlichem Wissens- und Entwicklungsstand ler-
Schüleraufführung von Igor Strawinskys „Frühlingsopfer“, nen gemeinsam. Frau Dannenberg, die eine fünfundzwan-
die im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr in der Duisbur- zigköpfige Klasse leitet, lässt die Schüler berichten, was sie
ger Gebläsehalle präsentiert wird. Das Elly-Heuss-Knapp- neulich beim Besuch auf einem Bauernhof gesehen haben.
Gymnasium ist eine von fünf Marxloher Schulen, mit de- Hände fliegen hoch. „Einen Esel“, ruft ein Mädchen, „eine
nen das Festival regelmäßig Musik- und Tanzproduktionen Kuh“ sagt ein Junge. Wer weiß, wie beim Esel Vater, Mutter
erarbeitet. Das strategische Engagement der Festival-Stif- und Kind heißen, fragt Frau Dannenberg. Sie muss nach-
tung begann vor zehn Jahren, in einer angespannten Zeit, helfen: Hengst, Stute, Fohlen. Es folgen Schreibübungen
die der Musikpädagoge Klaus Hagge, ein Mann der ersten zum Thema Esel und Kuh, dazu wählen die Kinder einen
Stunde, rückblickend dennoch als „golden“ bezeichnet. einfachen oder anspruchsvolleren Aufgabenzettel. Zwei
Marxloh war türkisch geprägt, doch die meisten Schulanfän- afrikanisch aussehende Mädchen schreiben fast fehlerfrei,

Wo fliegt hier der „Feuervogel“?


Tanzunterricht in einer Marxloher
Grundschule Fotos Urusla Kaufmann
52 FEUILLETON

Keiner wird ausgeschlossen, jeder darf seinen Raum erobern.

die Jungen, die aus Syrien, Südosteuropa und der Türkei


stammen, tun sich schwerer. Eine Handvoll Förderkinder
übt, Spielzeugtiere zu identifizieren.
An der Schule sind dreißig Nationalitäten vertreten. Kon-
flikte sind an der Tagesordnung. Deswegen gibt es die Streit-
schlichter-AG, speziell trainierte Schüler, die in den Pausen
zu zweit über den Schulhof wandern. In einem Pavillon ver-
mittelt das Duo zwischen mehreren Jungen. Alle sitzen dis-
zipliniert am Tisch, die Aufsicht führende Lehrerin hält sich
im Hintergrund. Mit eskalierender Gewalt hat man im Stadt-
teil leidvolle Erfahrungen gemacht. Im April wurde in
Marxloh ein Jugendlicher, der zwischen zwei Klans vermit- „Voll cool“: Rhythmusgefühl überwindet Sprachbarrieren.
teln wollte, von einem Erwachsenen erstochen.
Im Musikunterricht an der Sandstraße werden in diesem Die Pädagogen und ihre Mitstreiter vom Klavierfestival ha-
Jahr Werke von Strawinsky durchgenommen, zu denen die ben hohe musikalische Ansprüche. In der Aula spielen die
Kinder tanzen und aus denen sie eigene Musik entwickeln. Pianisten Fabian Müller und Lorenzo Soulès Strawinskys
Nach Melodie- und Rhythmusübungen lässt Hagge auf Fassung für zwei Klaviere. Die Choreographie von Erika
Orff-Instrumenten Klänge spielen, die von den unregelmäßi- Pico und Bianca Pulungan steht in bester Pina-Bausch-Tra-
gen Metren in Strawinskys „Feuervogel“ inspiriert sind. Ein dition. Die Grundschüler marschieren im Viereck um die
rumänischer Junge spielt die Bongo-Trommel virtuos und sich zusammenballenden Oberschülerinnen, die dann mit
improvisiert gegenläufige Variationen. Sprüngen, Dehnungen, Stürzen den Raum erobern. Hier
In der Herbert Grillo-Gesamtschule leitet die Tänzerin kommen die Förderschüler ins Spiel. Die Gymnasiastinnen
Petra Jebavy einen freiwilligen Workshop für Fünftklässler. dirigieren ihre Körperhaltung, lassen sich aber auch selbst
Zum „Höllentanz“ aus Strawinskys „Feuervogel“, der aus von ihnen dirigieren. Durch die gemeinsamen Auftritte hat
dem Laptop ertönt, vollführen neun Mädchen und ein Junge sich schon so manche Marxloher Abiturientin für ein Son-
synchrone Drehungen und Sprünge, bis sie zu Boden sinken derpädagogikstudium entschieden.
und wie im Zauberbann erstarren. Besonders konzentriert Doch die Szene, bei der zwei Tänzerinnen ein riesiges
tanzt ein Mädchen, dessen Familie in einen anderen Stadtteil Tuch über alle schwingen, in das später Nora für ihren
umziehen musste, weil das Haus, in dem sie wohnte, zwangs- Tanz eingewickelt wird, klappt nicht. Mal läuft dieses, mal
geräumt wurde. Obwohl sie jetzt eine längere Strecke mit jenes Kind zu langsam und verhakt sich im Stoff. Es sei
dem Bus fahren muss, steht sie lange vor Stundenbeginn vor schon eine Plage mit ihrer Klasse, sagt Nora lachend zu ih-
der Schule. Zur Aufführung in der Gebläsehalle kamen auch rem Sport- und Beratungslehrer René Ochodlo und emp-
dank Einladungskarten mit Piktogrammen sowie einem Bus- fiehlt ihm scherzhaft eine Antifaltencreme. Doch Ochodlo
service viele Eltern und Geschwister, die, wie eine Schülerin lobt seine Schüler. Die Integration funktioniere, versichert
sagt, das „voll cool“ fanden. er, es gebe Freunde unterschiedlicher Nationalität und Reli-
Auch im Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium bereitet sich die gion, die freilich politische Themen meiden müssten. Für
Tanzklasse von Nora und Sehare auf ihren Auftritt in der Ge- manche sei die Schule eine Bildungsoase, wo sie länger blie-
bläsehalle vor, ein Inklusionsprojekt, bei der sie Strawinskys ben, statt nach Hause zu gehen. Gefragt, was er seinen Ab-
„Frühlingsopfer“ mit Grundschülern und Schülern der iturientinnen wünsche, gesteht der Lehrer gleichwohl: dass
Buchholzer Waldschule für geistig Behinderte aufführen. sie herauskämen aus Marxloh. K

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Sieh her!
Wie nehmen Frauen, die verlassen wurden, Rache? Indem sie ihren Körper stählen
und Bilder ihres „Revenge Body“ im Netz posten. Von Melanie Mühl

er Revenge Body genügt sich selbst. Durchtrainiert Soll der Kummer lieber leise am Herzen nagen, bis es

D und von Orangenhaut befreit, präsentieren ihn von


der Liebe enttäuschte und von Männern verletzte Frau-
en in sozialen Netzwerken, um dem Verflossenen zu zeigen,
bricht, während man Chips futternd und Netflix guckend auf
dem Sofa liegt? Das Weinen und Sehnen im Stillen, das Schrei-
ben von Briefen, die niemals abgeschickt werden, das beharrli-
was ihm in Zukunft alles durch die Lappen geht: Sieh her! che Festhalten an der Illusion, das alles mag romantisch sein.
Sieh dies! Und das! Und erst mein gebräunter Waschbrett- Doch dort, wo der Revenge Body millionenfach geliked wird,
bauch! Eine Liebe, die erkaltet, schnürt einem Herz und Keh- wo Menschen per Tinder andere Menschen konsumieren, ist
le zu – doch der Gang ins Fitnessstudio bleibt davon offen- ohnehin kein Platz mehr für Romantik. Verschworenheit ist
bar unberührt. Die einst moppelige Khloé Kardashian, wie bedauerlicherweise nur noch etwas für die Ewiggestrigen.
der gesamte Kardashian-Clan mit einem glücklichen Ver- Niemand hat den Niedergang der Romantik so treffend be-
marktungshändchen gesegnet, hat aus der Trennungsbewäl- schrieben wie die israelische Soziologin Eva Illouz. Die Liebe
tigung durch Körperoptimierung eine Reality-Show ge- ist ein Geschäft. Eva Illouz schreibt, die Verbindung von Lie-
macht, und auf der Foto-Plattform Instagram präsentieren be und postmoderner Konsumkultur habe sich tief in die See-
zahllose Verlassene ihre definierten Körper, in denen sehr len der gebildetsten und kreativsten Gesellschaftsteile einge-
viel schweißtreibende Arbeit steckt. Auf dem Weg zur Perfek- prägt und übe eine Macht aus, die sich nicht leicht im
tion empfiehlt Khloé Kardashian einen persönlichen Trai- Schnellverfahren abschaffen ließe. Der moderne Rachekör-
ner, der Humor hat und keinen militärischen Ton pflegt. An- per ist der physische Beweis. Er liebt sich selbst am meisten
sonsten: abwechslungsreiches Fitnesstraining, ein Springseil und giert nach neuen Abenteuern. Er stellt sich ins größt-
im Handgepäck, ein Schrittzähler am Armgelenk, gesundes mögliche Schaufenster und will angeklickt, bewundert und
Essen, blablabla. Khloé Kardashian ist nicht das einzige begehrt werden. Er unterwirft sich nicht dem Mann, son-
Sternchen mit einem Rachekörper, auch Bella Hadid postete dern dem Markt. Unglück sieht anders aus. K
auf Instagram ein Bild von ihrem „Killer Revenge Body“, wie
ein Modemagazin schrieb.
Der weibliche Rachekörper ist nicht neu: „Er liebt eine an-
dere Frau, es kann nicht anders sein“, – überzeugt, Wronskis
Liebe zu ihr sei endgültig erloschen, sinnt Leo Tolstois gede-
mütigte Romanheldin Anna Karenina auf Rache. Sie will
Wronski den größtmöglichen seelischen Schmerz zufügen.
Will ihn bestrafen und sich von allen Menschen und von
sich selbst befreien. Leichten Schrittes steigt Anna die Stu-
fen zum Gleisbett hinab. Den Kopf zwischen die Schultern
gezogen, lässt sie sich vor den einrollenden Zug fallen. Der
Tod ist ihre Rache. Der blutige Körper Wronskis ewiger
Schmerz. Dabei hat er Anna aufrichtig geliebt, aber das ist
eine andere Geschichte.
Khloé Kardashian und ihre Anhängerinnen sinnen auf
Selbstoptimierung, nicht auf Selbstzerstörung. Ihnen
reicht kein neuer Haarschnitt, die komplette Oberfläche
bedarf der Renovierung. Bei dieser um Aufmerksamkeit
buhlenden Zurschaustellung der eigenen, meist kaum be-
kleideten Oberfläche dürften jeder Feministin die Haare
zu Berge stehen. Von vornherein scheint es sich zu verbie-
ten, in dieser Libidoverlagerung auch nur ein Fünkchen
Vernunft erkennen zu wollen. Eine Kommentatorin
schrieb: „Das ist dumme, ärgerliche, sexistische Kack-
scheiße und führt im schlimmsten Fall dazu, dass man
sich in einer ohnehin schon bescheidenen Situation noch
unglücklicher fühlt.“ Das ist Blödsinn und verkennt die
Zeit, in der wir leben. Zeigt sich: das Model Bella Hadid Foto ddp Images
„Ein großes
Monsieur Mézières, 1967 erschien in der französischen Comic-
Zeitschrift „Pilote“ der erste Teil Ihrer Science-Fiction-Serie
„Valerian“. Darin geht es um einen durch Raum und Zeit rei-
senden Superagenten des 28. Jahrhunderts und seine Partnerin
Laureline. Nun kommt Band sechs, „Valerian – Die Stadt der

Spektakel!“
tausend Planeten“, ins Kino, verfilmt von Luc Besson. Haben
Sie insgeheim immer davon geträumt?
O nein! Wirklich nicht. Als Pierre Christin und ich damals in
Salt Lake City auf seiner Couch saßen und uns Valerian aus-
gedacht haben, da hätten wir niemals gedacht, dass uns diese
George Lucas klaute bei ihm Ideen Figur über Jahrzehnte hinweg begleiten würde. Für uns war
für „Star Wars“, Luc Besson das absolut unvorstellbar. Vom Kino brauchen wir also gar
nicht erst zu sprechen, das lag alles sehr weit entfernt für uns.
durfte nun seinen Comic-Klassiker Umso mehr freuen wir uns natürlich heute.
„Valerian“ verfilmen.
Ein Gespräch mit dem Zeichner Hat Ihnen der Film denn gefallen?
Jean-Claude Mézières. Es wäre jetzt natürlich unpassend, wenn ich nein sagen wür-
de, aber ja, er hat mir tatsächlich sehr gefallen. Und das war
keine sichere Sache, immerhin habe ich die ganze Bildspra-
che erfunden, es hätte gut sein können, dass ich den Film has-
se. Aber Besson hat wirklich verstanden, was diese Welt aus-
macht, die ich da seit fünfzig Jahren zeichne. Er hat ein gro-
ßes Spektakel daraus gemacht!

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Bildersturm: die Agenten Valerian
(Dane DeHaan) und Laureline
(Cara Delevingne) Foto Universumfilm

Andere Filmemacher haben sich einfach bei Ihrer phantasti- Für die Verfilmung von Valerian haben Sie und Pierre Chris-
schen Bildwelt bedient. Als der erste „Star Wars“ herauskam, tin, der die Texte der Serie schreibt, dem Regisseur Luc Besson
waren Sie etwas irritiert, richtig? freie Hand gelassen. Viele Fans sind über die Abweichungen der
Nein, beim ersten dachte ich noch: „Toll, das ist genau die Adaptation enttäuscht. Können Sie das nachvollziehen?
Welt, die ich schaffen wollte!“ Bei den nächsten fiel mir dann Ja, sie sind empört darüber, dass Laureline nicht rothaarig
auf, dass viele Elemente direkt aus unseren Alben übernom- ist, und finden diese Schauspielerin überhaupt eine schlech-
men sind. Schauen Sie sich mal die Figur „Watto“ an, die te Wahl.
sieht genauso aus wie meine Shingouz. Der goldene Bikini
von Prinzessin Leia erinnert verdächtig an den von Laureli- Cara Delevingne heißt sie.
ne. Solcher Beispiele gibt es viele, googeln Sie es mal. Richtig. Ich finde sie sehr gut, für mich ist sie Laureline –
voll und ganz. Haben Sie den Trailer gesehen, wo sie sagt:
Ist es in der Science-Fiction nicht mehr oder weniger akzeptiert, „Das habe ich ihm beigebracht“? Das ist doch toll!
dass man sich Inspirationen bei Vorgängern sucht?
Natürlich gibt es einen Topf an Ideen, in den man greifen Laureline ist im ersten Heft nur eine Nebendarstellerin, Vale-
kann. Das Zeitreisen haben ja auch nicht wir erfunden. rian trifft sie im Mittelalter und nimmt sie mit in die Zu-
Aber es ist schon etwas blöd, wenn man Bilder eins zu eins kunft. Im Laufe der Alben wird sie immer bedeutender. Ist sie
übernimmt. Der Spaß an der Science-Fiction ist doch gera- der wahre Held der Geschichten?
de, dass man die Freiheit hat, alles zu erfinden, alles neu zu Na ja, anfangs wussten wir, ehrlich gesagt, gar nicht, ob sie
schaffen und sich an nichts Existierendem orientieren bleibt. Das kam, weil die Leser von Pilote sie natürlich gleich
muss. Hätte Lucas mich mal angerufen, ich hätte ihm et- so geliebt haben, dass wir sie behalten mussten. Sie ist ja auch
was gezeichnet. wirklich tough: Bei ihrem ersten Auftritt rettet sie diesem
Trottel Valerian erst mal das Leben.
Hat er aber nicht?
Nein, leider. Er hat auch bis heute nicht auf den Brief geant- War das damals nicht ungewöhnlich, rettete da nicht noch
wortet, den ich ihm damals geschrieben habe. Dabei habe der Mann die Frau?
ich es dann auch belassen, mit einem Mann wie George Lu- Ha! Ja, das stimmt. Aber wissen Sie, wir waren schon sehr
cas legt man sich lieber nicht an. von den feministischen Bewegungen in den Vereinigten
Staaten geprägt und achtundsechzig stand ja quasi schon
Ist die Verfilmung von Valerian für Sie dann eine kleine Re- vor der Tür.
vanche?
Ach, nein, das ist jetzt lange her. Ich bin einfach froh, dass Könnte man Valerian als feministischen Comic bezeichnen?
Valerian ein neues Publikum gewinnt. Ich meine: Er spielt Hmm, wenn Sie so wollen, ja. Zumindest ist die Rolle der
jetzt in China! Dort kennt sicher niemand meine Comics. Laureline keine ganz klassische. Sie erzieht Valerian, sie ist
einfach wesentlich klüger als er, Valerian ist schon ein rech-
Luc Besson kennt Sie seit seiner Jugend und war schon immer ter Idiot.
Fan ihrer Zeichnungen. Ende der neunziger Jahre engagierte er
Sie für die Arbeit an „Das fünfte Element“. Wie darf man sich Besson hat sich jetzt auf eine Folge konzentriert, es liegen
Ihre Rolle bei diesem Projekt vorstellen? noch 21 weitere vor. Meinen Sie, es könnte ein paar Fortset-
Ganz einfach: Wir waren mehrere Zeichner, darunter mein zungen geben?
Freund Moebius, mit dem ich bereits auf der Schule war, Ich weiß, dass Besson Lust dazu hätte, und wie Sie schon sa-
die engagiert wurden, um ein Bild der Zukunft zu kreieren. gen, Material gibt es ja genug. Allerdings wird das wohl vom
Besson sammelte jeden Abend unsere Ideen ein und sagte Erfolg dieses Filmes abhängen. Valerians Zukunft auf der gro-
dann: „Das nehmen wir!“, „Das nicht!“, „Das wirst du auf ßen Leinwand liegt jetzt in den Händen der Zuschauer.
der Leinwand sehen!“ Das Gespräch führte Annabelle Hirsch.

Was haben wir von Ihnen in diesem Film gesehen?


Die fliegenden Taxis. Erinnern Sie sich? Ich habe damals ge- Jean-Claude Mézières, geboren 1938
rade an dem Valerian-Band „Der Zirkel der Macht“ ge- in Paris, zeichnet seit 1968 den Comic
zeichnet, in dem ja so ein Taxi vorkommt, deshalb malte „Valerian“. In der deutschen Fassung
Foto Dargaud

ich das dauernd. Besson hat die Idee gefallen, und so kam (Carlsen) heißt die weibliche Hauptfigur
mein Flug-Taxi in den Film. Veronique statt Laureline.
56 FEUILLETON

ommer, das heißt Nudelsalat, Wassermelone und die Ukraine, um am Rande des Schlachtfelds bei Schildkrö-

S Weißwein aus Plastikbechern. Das heißt, entspannt tensuppe aus der Dose dem Voyeurismus zu frönen.
auf einer Decke im Gras liegen und essen. Sommer ist Der aus dem Französischen stammende Begriff Pique-
Picknickzeit. Ob vor den Toren der Stadt, in einem Park nique wurde erstmals 1649 nachgewiesen. Piquer bedeutet
oder am Flussufer: Überall breiten Menschen Decken aus, „aufpicken“, nique „eine Kleinigkeit“. Ursprünglich meinte
und es duftet nach Gebratenem. Das Picknick ist tief in un- man damit, dass sich jeder Gast bei der Einladung in einen
serer Alltagskultur verankert – und scheint ein banales The- Salon an den Kosten zu beteiligen habe. Erst zu Beginn des
ma zu sein. Was gibt es über neunzehnten Jahrhunderts wan-
das Picknick schon Kulturhisto- derte das Picknick ins Freie.

Zeit für ein


risches zu sagen? In Japan wird das Picknick
Jede Menge. Davon können während der Kirschblüte be-
sich Museumsbesucher in reits in Gedichten aus dem ach-
Frankfurt überzeugen. Charlot- ten Jahrhundert beschrieben.
te Trümpler, die Kuratorin der
Ausstellung „Picknick-Zeit“, ver-
liert sich nicht in der Alltäglich-
keit ihres Gegenstands. „Pick-
Picknick Von seiner gesellschaftlichen
Relevanz zeugen lackierte und
vergoldete Picknicksets aus
dem neunzehnten Jahrhundert
nick-Zeit“ ist nicht nur die erste ebenso wie moderne Kunst-
große Ausstellung überhaupt, Im Grünen zu speisen ist die stoffboxen. Der Fotograf Arko
die sich dem Thema widmet; es perfekte Sommerbeschäftigung. Eine Datto porträtiert im indischen
ist auch der erste Versuch, eine Ausstellung in Frankfurt erklärt die Bundesstaat Westbengalen die
umfassende Kulturgeschichte winterlichen Gelage mit Speis,
des Picknicks zu erzählen. Die Geschichte hinter diesem Vergnügen. Trank und Musik, zu dem die
Schau streift durch die Jahrhun- Von Dinah Riese Menschen mit Reisebussen an-
derte und Kontinente, nutzt Fo- reisen. In der Türkei hat das
tos genauso wie Malerei und festliche Mahl an besonderen
Film, Scherenschnitt und Pick- Orten im Freien eine Geschich-
nick-Utensilien. te, die bis weit ins Osmanische
Als Schweizerin sei sie dem Reich zurückreicht und von
Picknick von Kindertagen an der hierzulande die mit erhebli-
verbunden gewesen, sagt Char- chem Aufwand betriebenen
lotte Trümpler. „Ich erinnere Grillnachmittage türkischstäm-
mich, wie wir Würste und miger Familien zeugen. Der
Käse die Berge hinaufgetragen Wäldchestag, Frankfurts „Na-
haben. Das war schön, aber tionalfeiertag“, ist inzwischen
auch anstrengend.“ Ein „Kul- eine kommerzielle Kirmes im
turschock“ sei es gewesen, als Stadtwald. Doch schon vor
sie zum ersten Mal die „Hen- mehr als hundert Jahren ver-
ley Royal Regatta“ in England sammelten sich Frankfurter je-
besucht habe. Bei dieser Ruder- des Standes am Dienstag nach
veranstaltung, die seit 1839 Pfingsten zu diesem Volksfest,
jährlich auf der Themse statt- um im Freien zu singen, zu tan-
findet, ist das Picknick ebenso zen und zu essen.
fester Bestandteil wie die Re- Die Ausstellung sprengt die
gatta selbst. Es gibt Champa- physischen Grenzen des Muse-
gner und Hummersalat, ser- ums. Es scheint, als habe Char-
viert von behandschuhten Be- Wo ist der Nudelsalat? Foto Julia Autz
lotte Trümpler sie gleich auf
diensteten. sämtliche Grünflächen der
In kaum einem Land ist das Picknick so stark rituali- Stadt ausgeweitet. Durch die Fenster des Museums blickt
siert und institutionalisiert wie in England. „Picknick- man in den Metzlerpark und die dort picknickenden Men-
Zeit“ zeigt Fotografien des 90. Geburtstags der Queen, zu schen. Hebt man den Blick vom Ruderboot der Frankfur-
dem die Königin 10 000 Gäste zu einem Picknick – wozu ter Rudergesellschaft Germania, die 2014 die Henley Royal
sonst? – entlang der Prachtstraße vor dem Buckingham Pa- Regatta gewann, sieht man auf den Main. In dieser Mi-
lace lud. Gegessen wurde aus einem eigens vom Waren- schung aus Vertrautheit und Neuem, aus augenscheinlich
haus Marks & Spencer zusammengestellten Picknickkorb Banalem und kulturhistorisch Spannendem liegt der Reiz
für umgerechnet etwa 190 Euro. Einer dieser Körbe steht dieser besonderen Ausstellung. K
nun im Frankfurter Museum. Im Krimkrieg (1853 bis Die Ausstellung „Picknick-Zeit“ ist bis zum 17. September im Museum
1856) reisten gar Touristen der britischen High Society in Angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen; der Katalog kostet 29 Euro.

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


ENTDECKUNG DER WOCHE
s ist wirklich etwas Göttliches in tektenbiographie, sondern eher so et-

E seinen Anlagen“, schwärmt der


schwer beeindruckte Italien-Rei-
sende Goethe 1786 in seinem Tage-
was wie der gedruckte Zettelkasten ei-
ner Sammelwütigen, die nicht genug
herausfinden und zusammentragen
buch und kriegt sich auch später kann über diesen Palladio.
kaum ein vor Bewunderung für die Denn wer denkt, über einen wie
Werke eines Mannes, der damals ihn müsste längst alles gesagt und ge-
schon fast 200 Jahre tot war, der aber schrieben sein, der irrt. Von biographi-
einfach nie aufgehört hat, modern zu schen und beruflichen Eckdaten abge-
wirken, bis heute: Andrea Palladio. sehen, ist der Architekt eher ein Unbe-
Dass der 1508 in Padua geborene kannter. So macht sich Ulrike Eich-
Sohn eines Müllers, der eigentlich An- horn auf den Weg und fragt: Welchen
drea di Pietro della Gondola hieß, Weg durch Padua ging der vierzehn-
Weltkulturerbestätten im Akkord jährige Steinmetzlehrling jeden Tag
schuf – allein zwei Dutzend seiner Vil- zur Werkstatt seines Meister Cavazzo?
Welche anderen wichtigen Steinmetze
len im Veneto und fast genauso viele
gab es damals in der Gegend? Wie
Gebäude in Vicenza stehen auf der
lernte Andrea in Vicenza seine spätere
Unesco-Liste –, daneben Kirchen,
Frau kennen, die als Angestellte eines
Brücken, Theaterbauten, Grabdenk- adeligen Hauses die Türen zu zukünf-
mäler, Portale und nebenbei noch ei- tigen Auftraggebern öffnete? War er
nes der einflussreichsten architektur- ein freundlicher Mann? Wie war das
theoretischen Traktate überhaupt; wohl, als die vier oder fünf Kinder
dass seine Art, Antikes neu zu inter- da waren und er immerzu reiste, zu
pretieren, mit Säulen, Bögen und antiken Stätten und von Baustelle zu
Symmetrien spielend, ohne für Baustelle? Wer waren Palladios Freun-
Macht sich auch bestens als Gondelkulisse:
Durchblicke gleich Fassaden zu ver- Palladios Villa Foscari in Mira Foto Laif de? Förderer? Konkurrenten? Vorbil-
beulen, zum internationalen Export- der? Wie sah sein Netzwerk aus? Was
schlager avancierte, der Washington war eigentlich damals los in Rom
erst zu dem macht, was es heute ist –
geschenkt. Das Entscheidende ist,
dass Palladio Menschen immer wie-
Von wegen und Venedig, wo Palladio rasch Fuß
fasste? Und woran starben seine bei-

der in Begeisterung versetzt.


Eine dieser Begeisterten ist Ulrike
tote Mauern den ältesten Söhne?
Getragen wird diese Spurensuche,
die Werk und Leben mäandernd mit-
Eichhorn. Die Berliner Architektin, Palladio, das war doch der einander verschränkt und sich des-
Kunstvermittlerin und Autorin verlegt halb besser abschnittsweise schmö-
mit den Villen? Richtig, aber kernd liest als stringent von Anfang
seit 2014 in ihrem kleinen Verlag Editi-
on Eichhorn von ihr selbst verfasste Ulrike Eichhorn entdeckt bis Ende, von einer ungeheueren Fül-
Bücher rund um Baukunst und Bau- in ihrem Buch den Menschen le (gemeinfreier) Bilder: Grundrisse,
meister. Andrea Palladio hat es ihr Fassaden, alte und neue Stadtansich-
hinter der Architektur. ten, Fotos von Dokumenten, Por-
schon vor langem angetan. Seit Jahren
fährt sie auf seinen Spuren durch Ita- Von Ursula Scheer träts, Karten. Hinzu kommt ein liebe-
lien, eine regelrechte „Sucht“ habe volles Layout, das gekonnt mit Typo-
sich daraus entwickelt, alle Orte zu be- graphie spielt und für Abwechslung
suchen, die mit ihm in Verbindung sorgt. Vielfarbige Seiten und ein bun-
Name erinnert an Bücher der venezia- ter Schnitt erleichtern die Orientie-
stehen. Das schreibt sie im Vorwort nischen Renaissance-Druckerei Ma-
zu der Trilogie fürs Reisegepäck, die rung. Band 2 soll den Leser im Okto-
nutius, die als Vorläufer des moder- ber zu „Palladio in Rom“ mitneh-
sie aus dieser positiven Besessenheit nen Taschenbuchs gelten und zeigen, men, Band 3 mit „Palladios Werk-
heraus entwickelt hat. was Ulrike Eichhorn will: den ganzen schau“ das Projekt im Dezember ab-
Drei Paperback-Bände, 300 bis 500 Palladio in die Tasche stecken für un- schließen. Viel mehr Enthusiasmus
Seiten stark, jeweils durch einen kräfti- terwegs. Und der nun vorliegende ers- für einen Architekten passt kaum zwi-
gen Gummizug vor dem Zerfleddern te Band „Palladios Leben im Veneto“ schen sechs Buchdeckel. K
geschützt und nur gerade so groß, zeigt, wie das gelingen kann.
Ulrike Eichhorn: „Palladio-Aldinen. Vol. 1:
dass sie gut in der Hand liegen, sollen Das Buch ist weder eine gelehrte his- Das Leben Palladios im Veneto“. Edition Eichhorn,
die „Palladio-Aldinen“ umfassen. Der torische Abhandlung noch eine Archi- Berlin 2017. 488 S., brosch, 36 Euro.
Abbruch der Beziehung:
Das erste Bild des
neuen Eisberg-Giganten
Bild Niklas Neckel/AWI/
ESA/Sentinel1A/B

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


WISSEN

Der weiße
in Form von optischen und von Radardaten. Satellitenbil-
der, die in Bremerhaven jeden Tag mit Spannung verfolgt
und ausgewertet werden.
„Der Eisberg hat sich ungefähr zwei Kilometer weit be-
wegt, seit er gekalbt ist“, sagt Angelika Humbert über die
jüngste Reise von A68. Ihr Kollege, der Klimaforscher Tho-

Riese
In der Antarktis ist ein gigantischer
mas Rackow, hat Modelle entwickelt, wo sie enden könn-
te. Das ist abhängig davon, ob der Riesenbrocken als gan-
zer Eisberg erhalten bleibt oder in kleinere Stücke zerfällt.
„Im ersten Fall stehen die Chancen gut, dass er zunächst
für etwa ein Jahr entlang der Antarktischen Halbinsel
durch das Weddellmeer treiben wird“, glaubt Rackow. Spä-
neuer Eisberg entstanden. Die ter dürfte er Kurs Richtung Nordosten nehmen. „Das
Konsequenzen für die Erde erforschen heißt, er würde in etwa Südgeorgien oder die Süd-Sand-
wichinseln ansteuern und hier verstärkt schmelzen.“ Des-
Wissenschaftler in Bremerhaven. halb wird das Gebiet in Fachkreisen auch „Friedhof der
Eisberge“ genannt.
Von Thiemo Heeg Bereits jetzt hat der aktuelle König der Eisberge einen Za-
cken verloren, haben die AWI-Forscher beobachtet. Am obe-
ren linken Eck seien zwei kleinere bis mittelgroße Stücke
herausgebrochen. Ein bisschen nehmen Glaziologen dieses
is vor kurzem wäre das eine schöne Frage für Quiz- Geschehen persönlich. So hat in Bremerhaven die Forsche-

B sendungen vom Schlage „Wer wird Millionär?“ ge-


wesen: Was machen eigentlich Glaziologen? Inzwi-
schen weiß es jeder: Sie erforschen die Eisformatio-
nen auf dem Planeten Erde. Seit dem Abbruch eines gigan-
tischen Eisbergs in der Antarktis steht die Wissenschafts-
rin Daniela Jansen die Entstehung des neuen Eisberg-Gigan-
ten monatelang verfolgt – das sei schon „ihr Baby“, heißt es
am AWI. Und Meeresforscher wie Haru Matsumoto von
der Ozean- und Atmosphärenbehörde in Amerika messen
die Töne, die Eisberge von sich geben. Es seien „definitiv tie-
disziplin im Mittelpunkt des Interesses. Nie zuvor musste rische Laute“, sagt er.
Angelika Humbert, die Leiterin der Sektion Glaziologie
am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, so vie- Ein 4770 Meter dicker Eispanzer
le Interviews geben wie in diesen Tagen. Jenseits des spielerischen Aspekts geht es Glaziologen um das
Im Fall von A68, so wird der Koloss wohl heißen, faszi- große Ganze. Sie hoffen auf Antworten auf die Frage, ob und
nieren schon die Dimensionen. Rund 175 Kilometer lang welche Konsequenzen das weit entfernt ablaufende Naturdra-
und bis zu 50 Kilometer breit ist der Eisblock, der eine Bil- ma für die gesamte Erde hat. Eines zumindest ist sofort klar:
lion Tonnen schwer sein dürfte und der jetzt frei im Wed- A68 hat keinen direkten Einfluss auf die Höhe des Meeres-
dellmeer am Rand des Südkontinents schwimmt. Aus der spiegels. „Das Schmelzen von Schelfeisen und Eisbergen än-
Nähe gesehen hat den neuen Eisberg noch niemand, auch dert nichts, da sie bereits im Wasser schwimmen“, sagt Ange-
AWI-Wissenschaftler nicht, obwohl sie regelmäßig Expe- lika Humbert. Dafür kommt das Gesamtsystem in Bewe-
ditionen in die Antarktis unternehmen. Denn vor Ort gung. Schelfeis wirkt wie eine Blockade. Ist es weg, münden
herrschen gegenwärtig die unwirtlichsten Lebensbedin- die dahinterliegenden Gletscher direkt ins Meer. Sie können
gungen, die der Planet Erde zu bieten hat. Mitten im euro- viel schneller abfließen als vorher.
päischen Sommer sorgt die Polarnacht im Süden dafür, Wie schnell das künftig abläuft und welche Massenverlus-
dass es den ganzen Tag dunkel-dämmrig ist und natür- te von Eisströmen und Gletschern in der Antarktis zu erwar-
lich eiskalt. ten sind, das gehört zu den wichtigsten Fragen der Eisfor-
Die letzten Fotoaufnahmen des sich über Monate an- scher am Alfred-Wegener-Institut. Eines freilich ist bereits
bahnenden Eisdramas stammen vom November 2016. Da- klar: Im Eiskontinent schlummert das gigantische Potential,
mals überflogen Wissenschaftler der Weltraumagentur die Erde komplett zu verändern. Denn der antarktische Eis-
Nasa mit einer speziell ausgerüsteten DC-8 den damaligen schild ist bis zu 4770 Meter dick, dort sind fast zwei Drittel
Riss im Larsen-C-Schelfeisgebiet, der schließlich Mitte der irdischen Süßwasserreserven gespeichert. Würden diese
Juli zum Abbruch führte. Derzeit sind die Wissenschaftler Gletscher abschmelzen, stiege der globale Meeresspiegel um
auf die Informationen angewiesen, die Satelliten liefern, 58 Meter. K
aturliebhaber schätzen Baumwolle. Jedoch scheint sie

N ihre besten Zeiten hinter sich zu haben. Denn ihre Pro-


duktion kann im großen Stil wegen der Konkurrenz
der Anbauflächen mit Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen
nicht mehr allzu sehr erhöht werden. Ferner begrenzen die
engen klimatischen Voraussetzungen, in der die alte Kultur-
Wunderstoff
Die Produktion von Baumwolle ist
pflanze wächst, ihre Ausbreitung. begrenzt. Jeans und T-Shirts werden
Sie ist frostempfindlich, benötigt im Reifestadium viel
Wärme und sehr viel Feuchtigkeit. Für die Produktion von deshalb immer häufiger aus den
nur einem Kilogramm weiterverarbeitbarer Baumwolle Fasern von Bäumen gemacht.
braucht man Tausende Liter Wasser. Wirklich ökologisch ist
das nicht. Von der erwarteten Angebotsknappheit an diesem Von Michaela Seiser
Rohstoff dürften vor allem sogenannte Zellulosefasern profi-
tieren. Fasern, die Zukunft haben.
In der Natur ist Zellulose so etwas wie ein Universalbau-
stoff. Er ist chemisch gesehen ein polymerisierter Zucker. Als
Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände ist er die am häu-
figsten vorkommende organische Verbindung überhaupt.
Nadel- und Laubbäume bestehen etwa zur Hälfte aus Zellulo-
se. Jedes Jahr werden durch Pflanzen etwa 10 Billionen Ton-
nen Zellulose synthetisiert. Doch nicht nur die Natur produ-
ziert Zellulose, sondern auch der Mensch.

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


Zellulose ist der wichtigste
Bestandteil pflanzlicher Zellwände.
Daraus lassen sich Fasern
gewinnen, die zu Garnen werden.
Fotos Markus Renner/Electric Arts/Lenzing AG

Seit der französische Fabrikant Anselme Payen 1838 bei lieren und zu steuern. Am unteren Ende der Maschine kann
seinen Untersuchungen der Zusammensetzung von Holz man die Spinnmasse einfach entnehmen und dann zu Fa-
durch Salpetersäure und Natronlauge einen Stoff isolierte, sern weiterverarbeiten. Das war der Durchbruch zur indus-
den er kurz darauf Celluloid nannte, ist man diesem Wun- triellen NMMO-Faserproduktion.
derwerk der Natur auf der Spur. 1870 stellte die Hyatt Manu- Heute verkauft Lenzing sein Produkt unter dem Namen
facturing Company mit Cellulose das erste Thermoplast Tencel. Die Firma ist damit zu einem der großen Player auf
her, das Zelluloid. Ein halbes Jahrhundert später wird der dem Markt holzbasierter Zellulosefasern aufgestiegen. In
deutsche Nobelpreisträger Hermann Staudinger seine Struk- den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat sich die Pro-
tur ermitteln. 1992 wurde Zellulose in Japan zum ersten duktion dieser Faser auf 100 000 Tonnen im Jahr mehr als
Mal chemisch synthetisiert. verdreifacht. Der umweltfreundlichere Herstellungsprozess,
Der weltgrößte Erzeuger von holzbasierten Zellulosefa- die Qualität der Fasern und nicht zuletzt die mit ökologi-
sern ist heute die Lenzing AG. Sie stellt im wahrsten Sinne schen Schlagworten arbeitende Werbung sorgen dafür, dass
des Wortes „Baum-Wolle“ her. Neben Viskose und Modal selbst Endverbraucher nach den Produkten der Österreicher
punktet sie mit Lyocell, einer industriell hergestellten Zellulo- suchen und fragen – vor allem in China.
se-Spezialfaser. Dafür wird in der Fabrik im oberösterrei- Auf Chinesisch bedeutet Tencel so viel wie ,,Seide des Him-
chischen Hausruckviertel das Holz von Buchen erst ganz mels“ – ein Name, der wohl wesentlich dazu beigetragen hat,
klein geschnitten und dann gekocht. In einem raffinierten dass das österreichische Material in China bekannt wurde. Es
Prozess wird aus ihm reiner Zellstoff gewonnen. Durch ein ist eine erschwingliche Alternative zur Naturseide und eine
Lösungsmittelverfahren werden aus dem Zellstoff schließ- pflegeleichte Variante der klassischen Baumwolle. Die Er-
lich die begehrten Fasern hergestellt. Diese lassen sich zu Be- kenntnis, dass sich das Lyocell-Gewebe aufgrund seiner Be-
kleidung, zu Teppichen und allerlei Hygieneartikeln verarbei- schaffenheit auch bestens für die Herstellung etwa von Teppi-
ten. Aus der Lyocell-Faser werden unter anderem chen eignet, ist noch wenig verbreitet. Tencel ist dar-
Jeans- und Blusenstoffe, Sport-Funktionstexti- über hinaus von Natur aus antistatisch und
lien, Arbeitsbekleidung, Unterwäsche und Bett- nicht staubanfällig. Diesen Vorzug können we-
artikel sowie Vliesstoff für Hygiene- und Kos- der andere Natur-, noch Synthetik-Fasern
metikartikel produziert. ohne weiteres bieten. Darüber hinaus kön-
Begonnen wurde mit dieser Technik in nen Mikroorganismen auf Tencel nicht
den siebziger Jahren. Damals suchte die wachsen wie auf anderen Materialien.
Zellulosefaserindustrie nach neuen Verfah- Staubmilben nisten sich damit nicht ganz
ren. Am erfolgreichsten waren die For- so schnell ein wie gewöhnlich.
scher des niederländischen Akzo-Kon- Auch in Bezug auf den Bedarf an Res-
zerns. Dessen Tochtergesellschaft war nach sourcen spricht einiges für die Faser. Lebens-
mehrjährigen Forschungsarbeiten imstande, zyklus-Analysen zeigen, dass herkömmliche
Zellstoff in dem organischen Lösungsmittel Baumwolle im Vergleich zu Tencel immer noch
N-Methylmorpholin-Oxid (NMMO) zu lösen. Aus das Fünfunddreißigfache an Wasser braucht. Zwar
dieser Lösung ließen sich die gewünschten Fasern herstel- ist die Zellulose-Faser eine Synthetik-Faser, wenngleich der
len. Akzo nannte sie Lyocell, patentierte sich das Verfahren, Rohstoff, das Holz, natürlich ist. Es werden also Chemikalien
stellte die Weiterentwicklung aber später ein. eingesetzt. Doch kommen auch bei der klassischen Verarbei-
Auch Lenzing suchte damals nach neuen Wegen. Dabei tung von Naturfasern wie Baumwolle sehr viele Chemikalien
stießen die Mitarbeiter auf das NMMO-Lösungsmittel-Ver- zum Einsatz. Sie gehen darüber hinaus, etwa in Form von
fahren der niederländischen Kollegen. Ende der achtziger Pestiziden, in den Boden.
Jahre wurde das Knowhow von Akzo lizensiert. Technisch Für Tencel werden vor allem drei Bestandteile eingesetzt:
schwierig war es, den Zellstoff in der organischen Lösung zu Zellulose, Wasser und ein Lösungsmittel, welches bei Raum-
einer spinnfähigen Masse aufzulösen, ohne dass es zu den ge- temperatur fest ist, sich also nicht verflüchtigt. Dieses Lö-
fürchteten unkontrollierten Reaktionen kommt. Im großen sungsmittel wird zu 99,8 Prozent in den Kreislauf zurückge-
Maßstab hatte das noch niemand geschafft. führt. Die übrigen 0,2 Prozent verbleiben nicht auf der Faser,
Lenzing ging ans Werk und setzte auf eine spezielle Rühr- sondern werden herausgewaschen und in der eigenen Kläran-
maschine. Mit ihr wird der Lösung unter kontrollierten Be- lage abgebaut. Verarbeitet werden von Lenzing alle Neben-
dingungen Wasser entzogen. So gelang es, während der Her- produkte des Fasergewinnungsprozesses. Sie enden dann als
stellung die Temperatur der Spinnmasse effizient zu kontrol- Essig oder auch als Kaugummi. K
62 WISSEN

Kampf im Wattenmeer
Die Pazifische Auster macht sich in hiesigen Gefilden breit. Feinschmecker mögen mit
der Zunge schnalzen, Biologen aber schlagen Alarm. Von Diemut Klärner

uf Sylt sitzen Gourmets an den Fall sind die Pazifischen Aus-

A der Quelle: Im nahen Watten-


meer gedeihen Austern. Aller-
dings keine europäischen. Heutzu-
tern, die sich an Norwegens Küste
breitmachen, nicht aus Schweden
oder Dänemark zugewandert. Ob
tage wird in Europa fast überall die sich ihr Vormarsch bremsen lässt,
Pazifische Auster (Crassostrea gi- bleibt fraglich.
gas) kultiviert und serviert. Die Je Saison kann eine Pazifische
Austernbänke der heimischen Spe- Auster 100 Millionen Eier produ-
zies (Ostrea edulis) waren schon zieren. So reiche Nachkommen-
im 19. Jahrhundert derart ausge- schaft erlaubt eine rasche Evoluti-
plündert, dass die Suche nach Alter- on durch natürliche Auslese. Von
nativen begann. Der Erfolg ließ auf Frankreich und dem Südwesten
sich warten. Und das, obwohl das Großbritanniens bis zu den Ostfrie-
Wattenmeer der Nordsee frucht- sischen Inseln spiegelt der Wild-
bar ist. Denn für Schalentiere, die wuchs zwar noch die genetische
winzige Nahrungspartikel aus dem Ausstattung seiner pazifischen Vor-
Wasser filtern, gibt es reichlich fahren wider. Die nördliche Popu-
Plankton. Dennoch klappte die lation von Irland bis Skandinavien
Aquakultur erst, als es niederländi- kommt dagegen schon eigenartig
sche Züchter 1964 mit der Pazifi- einförmig daher. Anscheinend ha-
schen Auster probierten. Aus der ben sich hier nur wenige Varianten
importierten Brut wuchsen stattli- durchgesetzt.
che Exemplare heran. Wie sich eine Invasion Pazifi-
Dieses Happy End hat nur einen scher Austern auswirkt, zeigt sich
Haken: In ihrer neuen Heimat be- am Wattenmeer der Nordsee: Zum
gannen sich die exotischen Austern Pazifische Auster Foto Picture-Alliance
Ärger der Muschelfischer plazieren
bald unkontrolliert zu vermehren. sich die Austern hier so gern auf
Millionenfach besiedelten sie die freie Natur. Damit hatte nie- Miesmuscheln, dass sie diese mitunter überwuchern. Anders
mand gerechnet. Denn das Klima an der Nordsee gilt als zu als in Aquakulturen, wo viel Arbeit in die Aufzucht gesteckt
rauh, um eine nennenswerte Reproduktion zu erlauben. In wird, verwachsen die Pazifischen Austern nicht nur fest mit
den warmen Sommern von 1975 und 1976 funktionierte es ihrem Untergrund, sondern auch miteinander. Einzelne Tie-
aber doch. Die Pazifischen Austern produzierten massenhaft re müssten in der Ernte geradezu voneinander losgebrochen
Nachwuchs. Und seither gibt es immer häufiger solch pro- werden. Das aber lohnt sich nicht. Denn dieses Los- und Ab-
duktive Sommer. brechen macht sie unförmig und scharfkantig. In diesem Zu-
Im Wattenmeer bei Sylt startete die Aquakultur mit Pazifi- stand aber sind sie wenig wert. Wer will sich schon blutige
schen Austern im Jahr 1986. Fünf Jahre später wurden dort Finger oder Füße beim Austernessen oder beim Spaziergang
Sprösslinge entdeckt, die ohne menschliche Obhut prächtig im Watt holen?
gediehen. Mittlerweile ist die Pazifische Auster sogar an Nor- Aus der Sicht der Biologen ist es gravierender, wie die Pazi-
wegens Küste heimisch. Dass der Wildwuchs dort ein hausge- fische Auster das Wattenmeer quasi umgestaltet. Wo sie
machtes Problem ist, haben nun Forscher um Marc Anglès wächst, siedelt sich gern eine Braunalge aus ihrer ursprüngli-
d’Auriac und Eli Rinde vom Norwegian Institute of Water Re- chen Heimat an. Strandkrabben, die sich auf den Austern-
search in Oslo herausgefunden. bänken tummeln, stammen ebenfalls aus dem Pazifik. Ein
Mit molekulargenetischen Analysen studierten sie die Be- neues Zuhause finden dort aber auch eingewanderte Arten
ziehungen zwischen unterschiedlichen Austernbänken. Nor- anderer Herkunft, etwa die Amerikanische Pantoffelschne-
wegische Austern, so stellte sich heraus, entstammten entwe- cke und eine Seepocke aus Australien. Das läuft auf eine Art
der lokalen Aquakulturen, oder sie kamen per Schiff. Wo- der Globalisierung hinaus. Ein im wirtschaftlichen Kontext
möglich saßen sie als blinde Passagiere unter der Wasserli- bekannter Trend ist so auch bei Flora und Fauna zu beobach-
nie oder schwammen als Larven im Ballastwasser, das für ten: Einige besonders erfolgreiche Arten dominieren den
Stabilität sorgt, wenn ein Schiff zu wenig geladen hat. Auf je- Rest – auf Kosten der Vielfalt. K

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


GUT ZU WISSEN
TIERSEUCHE SPEICHERTECHNIK
Deutschland droht Afrikanische Schweinepest Film im Erbgut von
Die Afrikanische Schweinepest (ASP) Bakterien gespeichert
rückt näher an Deutschland heran. Die Natur als Vorbild für die Technik.
Nach dem Auftreten der Seuche bei Das Auge steht Pate für viele optische
Wildschweinen in Tschechien hat das Geräte, das Gehirn für Computer.
Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) sei- Nun haben Forscher digitale Daten in
ne Risikoeinschätzung für die Ein- lebenden Zellen gespeichert. Ein
schleppung der Seuche nach Deutsch- Team um Seth Shipman und George
land hochgestuft. Die Experten nen- Church von der Harvard Medical
nen das Risiko nicht mehr gering, School verpackten in der DNA von
sondern mäßig. Als größte Gefahr Bakterien die Daten eines Schwarz-
für die Einschleppung gilt weiterhin weißfotos und einer historischen
der Mensch, der über Schweinepro- Wildschweine in Tegel in Berlin Foto dpa Filmsequenz. Das Verfahren könne
dukte den Erreger verbreiten könne. man auch für medizinische Zwecke
Das infektiöse Afrikanische Schweine- fung der Tierseuche bisher gelungen, nutzen, erklärten sie. Ziel sei es, Zel-
pest-Virus zirkuliert mittlerweile sagte FLI-Präsident Thomas Metten- len die eigenen Entwicklungsprozesse
unter Wild- und Hausschweinen in leiter. Gegen die Afrikanische im Erbgut aufzeichnen zu lassen. Die
den baltischen Staaten sowie in der Schweinepest existiert bislang kein Forscher nutzten für ihr Experiment
Ukraine, Polen und Russland. Seit Impfstoff. Auch sei eine Bekämpfung die molekulare Gen-Schere Crispr.
Ende Juni wurden 25 Wildschweine der Seuche durch intensive Bejagung Damit schleusten sie Pixel-Informa-
in Osttschechien gefunden, die an bislang erfolglos geblieben. Für tionen in das Erbgut von Escheri-
der Krankheit starben. In keinem der den Menschen ist die Afrikanische chia-coli-Bakterien ein. Dabei wur-
Länder sei eine erfolgreiche Bekämp- Schweinepest ungefährlich. den die Pixel der Bilder in Form von
Sequenzen der vier DNA-Bausteine
kodiert und an bestimmten Stellen
ASTRONOMIE PERSONALPOLITIK der DNA untergebracht. Später konn-
te das Team durch Sequenzierung des
Schlammige Mehr Wissenschaftler Erbgut-Codes die Pixel rekonstruie-
Asteroiden an Hochschulen ren. Die so aufbereitete Kopie ent-
sprach dem Original mit einer Genau-
Die meisten Asteroiden in unserem Die Zahl hauptamtlicher Wissen- igkeit von 90 Prozent. DNA-Erb-
Sonnensystem sind aus einer Art kos- schaftler an deutschen Hochschulen moleküle gelten bislang als das beste
mischer Matschkugel entstanden. steigt. Wie das Statistische Bundesamt Speichermaterial. Mit einer Handvoll
Das berichten Forscher nach Simulati- mitteilte, waren im vergangenen Jahr Erbgut lassen sich theoretisch sämt-
onsrechnungen im Fachblatt „Science 242 200 Menschen an Hochschulen liche digitale Daten der Welt spei-
Advances“. Bislang war man davon und Hochschulkliniken beschäftigt. chern, die es heute schon gibt. Und
ausgegangen, dass junge Asteroiden Gegenüber 2015 sei das ein Anstieg das ist viel: An nur einem Tag werden
rasch versteinerten. Philip Bland von um 1,2 Prozent gewesen. Die Zahl der digitale Daten von 2,5 Exabytes pro-
der Curtin University of Technology nebenberuflich Beschäftigten sei um duziert – mehr als in den Büchern
im australischen Perth und Bryan Tra- 2,4 Prozent auf 142 600 Menschen ge- aller Bibliotheken der Welt steht.
vis vom Planetary Science Institute sunken. Einen Anstieg um 0,7 Prozent
im amerikanischen Tucson untersuch- gab es beim Frauenanteil unter den
ten die Entstehung kohlenstoffhalti- rund 46 700 Professoren. Damit sind
ger Asteroiden. Die machen rund 23 Prozent der Professoren weiblich.
drei Viertel aller Asteroiden unseres Wesentlich höher ist der Frauenanteil
Sonnensystems aus. Die Asteroiden bei wissenschaftlichen Mitarbeitern.
setzen sich vor allem aus kosmischem Er beträgt 42 Prozent. Die Mehrheit
Staub, aus Eis und aus Silikatkügel- stellten Frauen beim nichtwissen-
chen zusammen. Wenn diese Materia- schaftlichen Personal in Verwaltun-
lien zusammenkommen, formen sie gen, Bibliotheken, Pflege- und techni-
entgegen den bisherigen Annahmen schen Diensten. Unter den 304 500
der Forschung kein Gestein, sondern Nichtwissenschaftlern betrug der
einen Schlamm. Frauenanteil 70 Prozent. Das ins Erbgut eingeschleuste Bild Foto dpa
SPORT

Das gelobte
Land
China lockt Fußballer mit unfassbaren
Gehältern. Doch jetzt stockt der
Transferwahnsinn. Was steckt hinter
der neuen Sparsamkeit?
Von Michael Radunski

ls Pierre-Emerick Aubameyang vor wenigen Tagen im

A südchinesischen Guangzhou das Spielfeld betritt, bre-


chen die Fans in lauten Jubel aus. Zehntausende im Sta-
dion kreischen, recken Bilder ihres Idols in die Luft und ru-
fen immer wieder: „Au-ba!, Au-ba!“ Sie können ihr Glück
kaum fassen, endlich ist er da. Allerdings wird der Dortmun-
der Stürmer nach 90 Minuten wieder abreisen – und nicht,
wie von vielen gehofft, die ganze Saison in China kicken.
Rund 80 Millionen Euro Ablöse und ein Nettogehalt von 120
Millionen Euro (für einen Vertrag bis 2021) standen im
Raum. Doch als nun in China das Transferfenster schloss,
war der Wechsel zu Tianjin Quanjian geplatzt.
Bei vielen Topstars wurde über einen Wechsel nach China
spekuliert, doch nun steht fest: Weder Aubameyang noch
Wayne Rooney und auch nicht Cristiano Ronaldo gehen in
diesem Sommer nach China. Nicht einmal der Transfer von
Kevin Kampl (Bayer Leverkusen) kam zustande. Der chinesi-
sche Transferwahnsinn stockt.
Bis zum Ablauf der Wechselfrist gaben die Vereine der chi-
nesischen Super League gerade einmal 28,5 Millionen Euro
aus. Im vergangenen Winter beliefen sich die Transferausga- Immer eine Reise wert: Wachstumsmarkt China mit 500 Millionen Fans
ben noch auf aberwitzige 402,5 Millionen Euro, im Som-
mer davor waren es immerhin 139,5 Millionen. Grund für anjin plötzlich 280 Millionen Euro gekostet: 80 Millionen
die unerwartete Sparsamkeit ist allerdings nicht ein Umden- Euro Ablöse, 80 Millionen Euro Nachwuchsabgabe und 120
ken der chinesischen Vereine, die Ursache liegt vielmehr Millionen Euro Gehalt.
beim chinesischen Fußballverband CFA. „Um irrationale Beträgt die Ablöse für einen ausländischen Spieler dage-
Ausgaben für Spieler einzudämmen“, hatte der Verband im gen weniger als 45 Millionen Yuan (rund 5,9 Millionen
Mai kurzerhand neue Regeln erlassen: Jeder Verein, der Euro) oder für chinesische Spieler weniger als 20 Millionen
mehr Geld für Spieler ausgibt, als er einnimmt, muss einen Yuan (2,6 Millionen Euro), fließt das Geld aus dem Fonds
Betrag in Höhe der Ablösesumme in einen Fonds zur Ent- wieder zurück an den jeweiligen Klub, muss aber dennoch in
wicklung des chinesischen Fußballs zahlen. Mit dieser die vereinseigene Jugendarbeit gesteckt werden. „Diese Regel
„Strafabgabe“ soll der heimische Nachwuchs gefördert wer- hat den chinesischen Transfermarkt vollkommen ausge-
den. Durch die Strafabgabe hätte ein Aubameyang-Deal Ti- bremst“, sagt Liu Jingjie, Fußballexperte beim staatlichen

FRANKFURTER ALLGEMEINE WOCHE 30/2017


ben die Chinesen angeblich eine bindende Kaufoption in
Höhe von 29 Millionen Euro. Einen ähnlichen Deal strebte
auch Beijing Guoan mit Kevin Kampl an. Über die Ablöse-
summe hatte man sich schon geeinigt, doch der Wechsel
scheiterte an ebenjenen kreativen Zahlungsmodalitäten.
Was die Transferflut außerdem bremst: In jedem Kader
dürfen lediglich vier nichtasiatische Spieler stehen, von de-
nen nur drei gleichzeitig eingesetzt werden dürfen. Zudem
muss für jeden ausländischen Kicker ein chinesischer
U-23-Spieler mit auf dem Platz stehen. Die klare Botschaft
hinter den neuen Regeln: Schluss mit dem Millionen-Wahn-
sinn ausländischer Spieler! China soll seine eigenen Nach-
wuchsfußballer fördern.
50 Prozent Werbeumsatz in China
Dennoch bleibt für viele Bundesligaklubs China das gelobte
Land. Die beiden Topklubs Bayern München und Borussia
Dortmund wie auch der FC Schalke 04 reisen in diesem Som-
mer ins Reich der Mitte. Das bedeutet: viele Flugstunden,
große Hitze, hoher Terminstress – aber eben auch die Aus-
sicht, auf dem weltweit größten Fußball-Wachstumsmarkt
weitere Geldquellen zu erschließen. Die Münchner reisen
schon zum fünften Mal nach China. Mit Erfolg: Mehr als 136
Millionen Follower soll der FC Bayern in den sozialen Netz-
werken Chinas haben. Im vereinseigenen Merchandising
liegt der Anteil des internationalen Umsatzes schon jetzt bei
nahezu 50 Prozent. „Man kann es sich nicht leisten, von der
Globalisierung zu sprechen, aber nicht dorthin zu reisen“,
sagt Bayern-Präsident Uli Hoeneß.
Für den Konkurrenten aus Dortmund ist es der dritte
Asien-Trip, und auch Joachim Watzke verteidigt die strapa-
ziöse PR-Reise. „Ich bin der Meinung, dass man grundsätz-
lich eine solche Reise im Sommer machen sollte“, hatte der
BVB-Geschäftsführer angekündigt. „Zum einen aus kom-
merziellem Interesse, zum anderen, um abseits des norma-
len Trainingslagers neue Eindrücke zu gewinnen. Das
schweißt die Mannschaft zusammen, stärkt den Zusam-
menhalt und erweitert den Horizont.“ Schalkes neuer
Foto Imago
Coach Domenico Tedesco hat vor allem den sportlichen
Nutzen im Blick und sieht den China-Trip skeptischer,
Fernsehsender CCTV. Denn schließlich wolle kein Verein schließlich würden „gewisse Reisestrapazen“ auf ihn und
eine doppelte Ablösesumme zahlen. „Doch die Vereine wer- seine Mannschaft warten.
den schnell Wege finden, diese Regeln zu umgehen“, prophe- Doch nicht nur die einzelnen Klubs, auch die Bundesliga
zeit Liu. „Entweder sie suchen vertragslose Spieler wie bei- als Ganzes profitiert von der Präsenz in China. Immer mehr
spielsweise Zlatan Ibrahimovic, oder sie schließen Leihge- asiatische Fußballfans interessieren sich für die deutsche Top-
schäfte ab.“ Einige vereinbaren gleich eine langfristige Leihe, liga. Der aktuellen „Red Card 2017“-Studie zufolge schnei-
in der Hoffnung, dass der Verband seine Abgaberegel bald det die Bundesliga bei den rund 500 Millionen chinesischen
wieder zurücknehmen wird. So geschehen im Fall des Köl- Fußball-Fans in den Digital-Medien gar am besten ab und
ner Stürmers Anthony Modeste: Der 29-jährige Franzose verdrängt die englische Premier League sowie Spaniens La
wurde von Tianjin Quanjian für zwei Jahre ausgeliehen, die Liga auf die Plätze. China ist auch ohne Transferwahnsinn
Gebühr soll sechs Millionen Euro betragen. Für die Zeit ha- für viele Klubs weiterhin das gelobte Land. K
66

D
er Verbraucher, dieses unbelehr- Ihren Vorschlag sehen sie als eine

DAS
bare Wesen, er kann es einfach Form von höherer Gewalt – der Ver-
nicht lassen. Ungeachtet aller braucher hätte ja die Nährwerttabellen
ärztlichen Warnungen und des offen- auf den Produkten studieren und sein
sichtlichen Übergewichts auf der Welt, Verhalten ändern können. Aber nein,
schaufelt er weiter unbeirrt Chips, er hat es nicht getan, also muss jetzt die

WÄR’S
Cola und Fertigpizzen in sich hinein. Ermahnung auf dem Kassenzettel her,
Doch womöglich nicht mehr lange, um endlich das Einkaufsverhalten zu
denn jetzt gibt es einen weiteren wohl- „revolutionieren“, wie es heißt. Dazu
meinenden Versuch, die Menschheit gehört auch, dass intelligente Super-
von der Sinnhaftigkeit gesunder Ernäh- marktkassen renitenten Grünzeug-Ver-
rung zu überzeugen: das Ampelsystem weigerern gesündere Produkte empfeh-
auf dem Kassenbon. Von Julia Löhr len. Und, falls auch das nicht zieht, der
In Zukunft soll nicht nur auf jedem Kundschaft diese mit Rabattcoupons
Produkt genauestens vermerkt sein, schmackhaft machen.
wie viel Salz, Fett und Zucker in ihm Das Schöne an dem mahnenden
stecken. Nein, das Sündenregister soll Und in dem beim abendlichen Pub-Be- Kassenzettel ist, dass man diese Idee
auch am Ende des Kassenzettels noch such als Schwächling gilt, wer schon wunderbar weiterspinnen kann: War-
einmal aufgelistet werden, fein säuber- nach dem zweiten Pint aussteigt. um nicht auch munteres Kalorienzäh-
lich nach Kategorien addiert und Auf die Forscher trifft das bestimmt len auf der Restaurant-Rechnung?
nach dem allseits bekannten Ampel- nicht zu; man kann sich gut vorstel- Oder eine Ermahnung auf der Ein-
system benotet. len, wie sie abends mit handgeschnitz- trittskarte fürs Freibad – Schwimmen
Der Vorschlag kommt von der Uni- ten Karotten- und Gurken-Sticks ist gut für die Gesundheit, der Verzehr
versität in Birmingham, was nicht ei- samt Magerquark-Dip auf dem heimi- von Speiseeis nicht? Und bitte den Kör-
ner gewissen Ironie entbehrt, liegt die- schen Sofa sitzen und die imaginäre per nach jedem Schwimmgang wieder
se Bildungsstätte doch in einem Land, Galerie ihrer Kassenzettel bewundern, schön mit Sonnencreme bedecken.
in dem das Grundnahrungsmittel aus auf denen es vor grünen Smileys nur Der Nanny-Staat, so viel steht fest, ist
frittiertem Fisch mit Fritten besteht. so wimmelt. noch lange nicht am Ende.

GRESER UND LENZ IMPRESSUM


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