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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


44/2010 · 1. November 2010

Extremismus
Gero Neugebauer
Zur Strukturierung der politischen Realität

Matthias Mletzko
Gewalthandeln linker und rechter militanter Szenen

Ulrich Dovermann · Eren Güvercin


„Auf Fragen von Extremisten reagieren können“

Jan Schedler
„Autonome Nationalisten“

Roland Eckert
Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz

Karin Priester
Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa

Syed Mansoob Murshed · Sara Pavan · Matenia Sirseloudi


Radikalisierung von europäischen Muslimen: Zwei Ansätze
Editorial
Im Verfassungsschutzbericht 2009 heißt es: „Extremismus
und Terrorismus, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeind-
lichkeit und Gewalt sind für den demokratischen Rechtsstaat
eine stete Herausforderung. Die umfassende Bekämpfung aller
Formen des politischen Extremismus ist daher ein wesentlicher
Schwerpunkt der Innenpolitik und dient zugleich der Stärkung
des gesellschaftlichen Zusammenhalts.“ Für Maßnahmen gegen
politischen Extremismus stehen ab 2011 jährlich 25  Millionen
Euro zur Verfügung.

Was unter den Begriff des politischen Extremismus fällt, ist


politisch und wissenschaftlich umstritten. Kritiker werfen ein,
der Begriff sei analytisch unscharf und relativiere die Gefahr,
die vom Rechtsextremismus ausgeht. Unbestritten ist dagegen,
dass sich eine wehrhafte Demokratie gegen Bedrohungen des
Verfassungsstaats schützen muss. Sie ist darauf angewiesen, das
Gefährdungspotenzial demokratiefeindlicher Bestrebungen zu
erkennen. Dazu braucht es Analysekategorien und Begrifflich-
keiten, die von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getra-
gen werden.

Antidemokratische Reflexe zeigen sich vor allem in Krisen-


zeiten: Das Gefühl sozialer Ausgrenzung, zunehmende persön-
liche Unzufriedenheit und die Wahrnehmung, über keine wirk-
samen politischen Einflussmöglichkeiten zu verfügen, fordern
Abwehrreaktionen heraus, fördern gruppenbezogene Men-
schenfeindlichkeit und die Ablehnung der herrschenden Ord-
nung. Laut einer aktuellen Studie sind quer durch das politische
Spektrum offenbar fast ein Drittel der Befragten der Meinung,
dass Ausländer die Sozialsysteme ausnutzten und knapp ein
Viertel davon überzeugt, dass der „Einfluss der Juden“ zu groß
sei. Demokratiegefährdende Bestreben beschränken sich nicht
auf die „Ränder“ der Gesellschaft. Solange in einem deutschen
Landesparlament Abgeordnete in vollem geistigen Bewusstsein
ihre provozierenden Redebeiträge mit „Wir Nationalsozialisten
wollen“ garnieren, gilt es, noch mehr in das „Engagement für
Demokratie und Toleranz in Deutschland“ zu investieren.

Asiye Öztürk
Gero Neugebauer net, gegen den angegangen werden muss, weil
sonst die freiheitliche demokratische Grund-
Einfach war gestern. ordnung beseitigt werden würde.

Zur Strukturierung Kann dieser Begriff deshalb tabuisiert wer-


den – oder ist er nicht doch entbehrlich? Of-
fensichtlich ist Extremismus im politischen
der politischen Realität Kontext ein eindeutig interessengeleiteter
Begriff zur Auseinandersetzung mit diver-

in einer modernen sen politischen Phänomenen. Ist er das als so-


zialwissenschaftlicher Begriff auch? Ist poli-

Gesellschaft
tischer Extremismus als Schnittmenge aller
Extremismen die Grundlage dafür, eine Iden-
tität von sogenannten linken und rechten Ex-
Essay tremismen zu behaupten? Politisch motivier-
te Gewaltausübung gegen Sachen wie gegen
Personen kann nicht akzeptiert werden. Was

U nmittelbar nach dem Passus über Zuver-


lässigkeitsüberprüfungen von Privatpi-
loten erklären die Regierungsparteien im ak-
jedoch haben sowohl polemische bis abfällige
Äußerungen über die Verfassung als auch ge-
walttätige Auseinandersetzungen zwischen
tuellen Koalitions- Anhängern verschiedener politischer Rich-
Gero Neugebauer vertrag, sie wollten tungen mit der Gefährdung der Demokratie
Dr. rer. pol., geb. 1941; gewalttätige und ex- zu tun? Werden dadurch nicht strafrechtlich
­Politologe am Otto-Stammer- tremistische Formen zu verfolgende Taten zu politischen aufge-
Zentrum, FU Berlin, der politischen Ausei- wertet und damit das Selbstverständnis der
Ihnestraße 26, 14195 Berlin. nandersetzung nicht jeweiligen Akteure bedient?
gerosofo@zedat.fu-berlin.de hinnehmen und „Ex-
tremismen jeder Art, Extremismusbegriff
seien es Links- oder Rechtsextremismus, An-
tisemitismus oder Islamismus“, entgegentre- Extremismus geht auf „extremus“ und „ex­
ten, um die „Grundwerte der pluralen Gesell- tremitas“ zurück. Ersteres bedeutet äußerst,
schaft, insbesondere die freie Entfaltung der entferntest, aber auch der ärgste, gefährlichs-
Person, Meinungs-, Presse-, Kunst- und Wis- te; letzteres bedeutet der äußerste Punkt,
senschaftsfreiheit“ als konstitutive Werte der Rand. Eine Position gilt als umso extremer, je
freiheitlichen demokratischen Grundordnung weiter entfernt sie von einer – ideellen – Mitte
„zu schützen und zu verteidigen“. ❙1 In einem ist. In jeder Gesellschaft gibt es individuelle
Koalitionsvertrag muss Extremismus nicht er- extreme Positionen, doch als politisch extre-
klärt werden, da davon ausgegangen wird, dass mistisch gelten im politischen Kontext solche,
der Begriff im öffentlichen politischen Diskurs die sich – als politische Strömungen – an den
besetzt ist. Zur Begrifflichkeit tragen Berichte Rändern des politischen Spektrums befinden
über Polizisten, die aus Demonstrationen her- oder sich in diese Richtung bewegen. ❙3 Diese
aus mit Sprengkörpern „Marke Eigenbau“ be- Vorstellung basiert auf der Annahme, dass
worfen werden, ebenso bei wie Bilder randa- das politische Spektrum einer Gesellschaft
lierender rechtsextremistischer Demonstran- ­linear auf einer eindimensionalen Recht-
ten oder Mutmaßungen über Jugendliche is- Links-Achse abgebildet werden kann. ❙4
lamischen Glaubens, die als Anhänger einer
radikalen Richtung des Islam wie des mili-
❙1  Vgl. Wachstum. Bildung. Zusammenhalt. Der Ko-
tanten Salafismus als potenzielle islamistische alitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP, on-
Terroristen gelten. ❙2 Wenn dann ein oberstes line: www.csu.de/dateien/partei/beschluesse/091026_­
Gericht dem Verfassungsschutz bestätigt, dass koalitionsvertrag.pdf (10.10.2010), S. 99 f.
der Fraktionsvorsitzende der Partei Die Lin- ❙2  Vgl. Berliner Morgenpost vom 16. 6. 2010 und vom
ke in Thüringen Bodo Ramelow öffentlich be- 30. 8. 2010.
❙3  Vgl. Petra Brendel, Extremismus, in: Dieter Noh-
obachtet werden darf, weil es in dessen Partei
len/Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Poli-
organisierten politischen Extremismus gäbe, tikwissenschaft, München 20022, S. 222.
dann verfestigt sich der Eindruck, dass „po- ❙4  Vgl. das Extremismusmodell bei Richard Stöss,
litischer Ex­tremismus“ einen Feind bezeich- Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 20072, S. 19.

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Zwar ordnen bei Befragungen Wähler so- marktliberaler Orientierung, die allein dem
wohl sich selbst als auch die Parteien nach Markt die Regelung letztlich auch der gesell-
diesem Schema ein, ❙5 aber damit sind die Pro- schaftlichen Verhältnisse überlassen will, gilt
bleme dieses Modells nicht gelöst. Es wird der keineswegs als politisch extrem, selbst wenn in
Komplexität der Gesellschaft nicht gerecht, diesem Fall die Politik faktisch durch die Öko-
da es statisch ist und mit der Reduktion auf nomie dominiert wird. Als extremistisch gel-
„rechts“ und „links“ die Konfliktstruktur der ten explizit die Positionen im Links-Rechts-
Gesellschaft nur bedingt widerspiegelt. Poli- Spektrum, denen unterstellt wird, dass sie sich
tischer Extremismus wird nicht in der Mitte programmatisch wie auch rhetorisch gegen
der Gesellschaft, sondern als Randphänomen den „demokratischen Verfassungsstaat“ rich-
verortet und die – tatsächlich oder vermeint- ten. ❙7 Diese Auffassung wird durch das Kon-
lich – von ihm ausgehende Bedrohung für den zept der „wehrhaften“ oder „streitbaren“ De-
Kern der Verfassungsordnung zu seinem Al- mokratie legitimiert. Der Staatsrechtler Carlo
leinstellungsmerkmal gemacht. Zudem wird Schmid hatte 1946 bei den Beratungen des
nicht deutlich, nach welchen Kriterien die Parlamentarischen Rates über das Grundge-
Übergänge zwischen der jeweiligen extremen setz gefragt, ob Freiheit und Gleichheit „auch
Position und der Mitte bestimmt werden, denen eingeräumt werden (sollen), deren Stre-
wie also im rechten Spektrum die Positionen ben ausschließlich darauf geht, nach der Er-
zwischen den beiden Extremen „Mitte“ und greifung der Macht die Freiheit selbst auszu-
„rechter Rand“ verortet werden und wie sich rotten“. Seine Antwort war, dass dann, wenn
der Übergang zu radikalen und weiter zu ex- man den Mut habe zu glauben, dass die De-
tremen Positionen vollzieht. Denn die Mitte mokratie „etwas für die Würde des Menschen
wird selbst zur extremen Position, wenn auf Notwendiges sei“, auch „den Mut zur Intole-
der Achse die beiden Teilspektren links und ranz denen gegenüber aufbringen (muss), die
rechts abgetragen werden. die Demokratie gebrauchen wollen, um sie
umzubringen“. ❙8 Diese Haltung wurde von
Wer sich als Mitte definiert, erhebt zu- den Erfahrungen der Weimarer Republik, der
gleich den Anspruch, diese und damit zu- entstehenden Blockkonfrontation, der Exis-
gleich die Mehrheit zu repräsentieren. Ob tenz einer politisch aktiven kommunistischen
diese Mitte oder Mehrheit tatsächlich „gut“ Partei und Zweifeln an der Akzeptanz der von
ist, kann bezweifelt werden. Denn auch sie den Besatzungsmächten initiierten Entwick-
können zu extremen Positionen tendieren: lung zur Demokratie geprägt.
„Fühlt die Mehrheit sich gefährdet, ist sie be-
reit, alle Vernunft und Gesetzlichkeit über
Bord zu werfen, wie die Akzeptanz des Na- Verfassungswidrigkeit als Kriterium
tionalsozialismus zeigt.“ ❙6 Schließlich ist der
Nationalsozialismus aus der Mitte der deut- 1952 definierte das Bundesverfassungsgericht
schen Gesellschaft heraus groß geworden, im Verbotsurteil zur neonationalsozialisti-
und auch heute entspringt der Rechtsextre- schen Sozialistischen Reichspartei (SRP) acht
mismus zum Teil der Mitte der Gesellschaft, Prinzipien als Kern der freiheitlich-demo-
das heißt dem Ort, an welchem die sind, die kratischen Grundordnung. Diese sind Men-
durch Verunsicherung, Zukunftsangst und schenrechte, Volkssouveränität, Gewalten-
Orientierungsprobleme veranlasst sind, sich teilung, Verantwortlichkeit der Regierung,
rechtsextremistischen Deutungs- und Prob- Gesetzmäßigkeit der Verwaltung, Unab-
lemlösungsangeboten zu öffnen. hängigkeit der Gerichte, Mehrparteienprin-
zip und Chancengleichheit der Parteien ein-
Politischer Extremismus ist kein Sammel- schließlich Oppositionsfreiheit. ❙9 1956 verbot
begriff für alle extremen Positionen im po- das Bundesverfassungsgericht die Kommu-
litischen Spektrum. Eine Partei mit strikter
❙7  „Der politische Extremismus (…) zeichnet sich da-
durch aus, dass er den demokratischen Verfassungs-
❙5  Vgl. ARD-Deutschlandtrend, Februar 2008, online: staat ablehnt und beseitigen will.“ Eckhart Jesse, Ex-
www.infratest-dimap.de/uploads/media/dt0802.pdf tremismus, Bonn 2003, online: www.bpb.de/wissen/​
(20. 9. 2010). 04533837686809612704313150200958,0,0,Extremis­
❙6  Eberhard Tiefensee, Extremismus aus philosophi- mus.html (20. 9. 2010).
scher Sicht, Erfurt 2001, online: www.extremismus. ❙8  Zit. nach: R. Stöss (Anm. 4), S. 15.
com/texte/­philex.htm (20. 9. 2010). ❙9  Vgl. ebd., S. 16.

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nistische Partei Deutschlands (KPD) und desverfassungsgericht 2005 leicht fallen, zu
führte aus, dass eine Partei nicht bereits „dann bestätigen, dass die „bloße Kritik an Verfas-
verfassungswidrig ist, wenn sie diese obers- sungswerten und Verfassungsgrundsätzen
ten Prinzipien einer freiheitlichen demokra- nicht als Gefahr für die freiheitliche demo-
tischen Grundordnung nicht anerkennt, sie kratische Grundordnung einzuschätzen (ist),
ablehnt, ihnen andere entgegensetzt. Es muss wohl aber darüber hinausgehende Aktivitäten
vielmehr eine aktiv kämpferische, aggressi- zu deren Beseitigung“. ❙14 Selbst Kritik an der
ve Haltung gegenüber der bestehenden Ord- Verfassung und ihren wesentlichen Elemen-
nung hinzukommen, sie muss planvoll das ten sei ebenso erlaubt wie die „Äußerung der
Funktionieren dieser Ordnung beeinträchti- Forderung, tragende Bestandteile der freiheit-
gen, im weiteren Verlauf diese Ordnung selbst lichen demokratischen Grundordnung zu än-
beseitigen wollen“. ❙10 Das zentrale Kriterium dern“. ❙15 Politischer Extremismus ist also kein
für das Verbot der Parteien war wie in den Rechtsbegriff. Er wird im politischen Dis-
Diskussionen um ein Verbot der National- kurs als Kampfbegriff zur Charakterisierung
demokratischen Partei Deutschlands (NPD) bestimmter politischer Kräfte gebraucht. Im
die Verfassungswidrigkeit. Von rechtsextre- Kontext der Arbeit des Verfassungsschutzes
mistisch oder linksextremistisch war nicht fungiert er als Sammelbezeichnung für Be-
die Rede. strebungen, die gegen die freiheitliche demo-
kratische Grundordnung oder gegen den Be-
Bis 1973 wurde amtlich nicht von politi- stand und die Sicherheit des Bundes und der
schem Extremismus, sondern von Rechts- Länder gerichtet sind oder darauf abzielen,
beziehungsweise Linksradikalismus gere- die Amtsführung der Verfassungsorgane oder
det. Der Wechsel wurde damit begründet, ihrer Mitglieder in Bund und in den Ländern
dass der Begriff „extremistisch“ der Tatsache auf ungesetzliche Weise zu beeinträchtigen.
Rechnung trage, „dass politische Aktivitä-
ten oder Organisationen nicht schon deshalb
verfassungsfeindlich sind, weil sie eine be- Amtlicher versus wissenschaftlicher
stimmte nach allgemeinem Sprachgebrauch Extremismusbegriff
‚radikale‘, das heißt eine bis an die Wurzel
einer Fragestellung gehende Zielsetzung ha- Der amtliche Begriff ist nicht der der Sozial-
ben“. ❙11 In der Politik und in der Publizistik wissenschaften. In politikwissenschaftlichen
galt der Begriff bis in die 1980er Jahre „für Lexika bezeichnet Extremismus „politische
Ideologie und Praxis von politischen Akteu- Einstellungs- und Verhaltensmuster, die auf
ren“. Dazu zählten Parteien, Parteipolitiker der für die Operationalisierung politischer
und Publizisten, welche „die politisch-recht- Orientierungen üblichen Rechts-Links-Skala
liche Grundordnung verändern wollten“. ❙12 an den äußeren Polen (…) angesiedelt“ sind. ❙16
Es wird versucht, nach Zielen und Werten oder
Bis heute wird die Fortgeltung der Formel nach Mitteln und Normen zu unterscheiden.
der „wehrhaften Demokratie“ erklärt, ob- Dabei wird offen gelassen, ob mit diesen Po-
wohl die Demokratie in Deutschland insge- sitionen zugleich die „völlige Ablehnung“ der
samt als stabil gilt. ❙13 So konnte es dem Bun- existierenden politischen und sozialen Ord-
nung verbunden ist. ❙17 Forscher, die sich auf
❙10  Ebd., S. 17. den amtlichen Extremismusbegriff stützen,
❙11  So der damalige Bundesinnenminister Werner haben ein strikt normatives Verständnis von
Maihofer im Vorwort des Verfassungsschutzberichts der Gesellschaft und ihrer politischen Ver-
von 1974, herausgegeben vom Bundesministerium fasstheit, weshalb sie per se unterstellen, dass
des Innern (BMI), Bonn 1975.
Vertreter extremistischer Positionen die ge-
❙12  Andreas Klärner/Michael Kohlstruck, Thema
der Öffentlichkeit und Gegenstand der Forschung, gebene Ordnung beseitigen wollen. Oft wird
in: dies. (Hrsg.), Moderner Rechtsextremismus in
Deutschland, Hamburg 2006, S. 17. ❙14  Leitsätze zu dem Beschluss des Ersten Senats vom
❙13  Die Stabilität ist sowohl durch mangelnde Ange- 24. 5. 2005, Randziffer 70, online: www.bverfg.de/­
bote für demokratische Partizipation als auch durch entscheidungen/rs20050524_1bvr107201.html (20. 9.
die Zunahme von Chauvinismus, Ausländerfeind- 2010).
lichkeit und Sozialdarwinismus gefährdet. Vgl. Oli- ❙15  Ebd., Randziffer 72.
ver Decker et al., Die Mitte in der Krise. Rechtsextre- ❙16  Everhard Holtmann et al. (Hrsg.), Politiklexikon,
me Einstellungen in Deutschland 2010, Berlin 2010, München–Wien 19942, S. 165.
S. 152, S. 140. ❙17  Vgl. P. Brendel (Anm. 3).

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davon ausgegangen, dass der Wortlaut eines an „revolutionär-marxistischen“ oder anar­
Programms die politische Praxis der Partei de- chistischen Vorstellungen aus und streben „ein
terminiert. ❙18 Interesse an der Erforschung der sozialistisches bzw. kommunistisches System
unterschiedlichen Ursachen für das Entste- oder eine ‚herrschaftsfreie‘ anarchistische Ge-
hen beispielsweise rechtsextremer Einstellun- sellschaft an“. ❙21 Während der Rechtsextre-
gen sowie an den Voraussetzungen ihrer Um- mismus sich in verschiedene nationalistische
setzung in politisches Handeln ist oft kaum und anders geprägte Strömungen ausdifferen-
erkennbar. Doch weil es in den Sozialwis- ziere, organisiere sich der Linksextremismus,
senschaften um die Analyse von gesellschaftli- in dem besonders die gewaltbereiten Links-
chen und politischen Sachverhalten geht, muss extremisten auffällig seien, in unterschiedli-
ein wissenschaftlicher Arbeitsbegriff so ope- chen Aktionsfeldern: „Antirepression“, „An-
rationalisiert werden können, dass er sowohl timilitarismus“ und „Antifaschismus“. Die
zur Analyse von gesellschaftlichen und politi- „Antifaschismusarbeit“ ziele dabei vorder-
schen Phänomenen als auch zur Entwicklung gründig auf die Bekämpfung rechtsextremis-
von Strategien zur politischen Auseinander- tischer Strukturen ab, das eigentliche Ziel sei
setzung taugt. Das kann ein solch normativ es, „die freiheitliche demokratische Grund-
bestimmter Ansatz nur bedingt leisten. ordnung zu überwinden, um die dem ‚kapi-
talistischen System‘ angeblich innewohnen-
Die Wissenschaft folgt auch nicht der Gleich- den Wurzeln des Faschismus zu beseitigen“. ❙22
setzung von Rechts- und Linksextremismus Trotzdem sich Autonome (vereinzelt) um kla-
unter dem Oberbegriff des politischen Extre- re politische Positionen bemühen, sei das au-
mismus. Zum einen, weil keine Identitäten be- tonome Selbstverständnis von der Vorstellung
hauptet werden sollen und zum anderen, weil eines freien, selbstbestimmten Lebens inner-
Rechtsextremismus ein eigener und Linksex­ halb „herrschaftsfreier Räume (‚Autonomie‘)“
tremismus kein eigener Forschungsgegen- geprägt. ❙23 Als Vertreter dieser sozialen Bewe-
stand ist. Bereits die amtlichen Definitionen gung werden die „Traditionellen Anarchisten“
von Rechts- wie von Linksextremismus zeigen dem linksextremen Spektrum zugeschlagen. ❙24
beachtliche Differenzen. Rechtsextremismus
wird als „Weltbild“ definiert, das „von natio- Dass Autonome, Anarchisten und Kommu-
nalistischen und rassistischen Anschauungen nisten unter einem Begriff subsumiert werden,
geprägt (wird). Dabei herrscht die Auffassung was sowohl weder die einen noch die anderen
vor, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Nati- akzeptieren würden, ist eine der Schwierigkei-
on oder Rasse entscheide über den Wert eines ten, die Systematik der Kategorie „Linksext-
Menschen“. ❙19 Rechtsextremisten wollen ein remismus“ zu verstehen. Zudem bevorzugen
durch einen Führer angeführtes autoritäres po- Kommunisten in der Regel hierarchische und
litisches System, in dem das ethnisch homoge- nicht selten auch autoritäre Strukturen. Den
ne Volk mit dem Staat zur Volksgemeinschaft Autonomen sind sie zuwider; ihr Ziel ist Herr-
verschmilzt. Parlamentarische Kontrolle wie schaftslosigkeit. Sie bilden keine Parteistruk-
politische Opposition seien überflüssig, denn turen und sind Marxisten-Leninisten, Trotz-
der oder die Führer würden nach dem von ih- kisten und insbesondere Stalinisten äußerst
nen repräsentierten vermeintlich einheitlichen suspekt. Autonome, die sich nicht als „Gesetz-
Willen des Volkes handeln. ❙20 lose“ stilisieren, sondern in die Tradition des
Anarchismus als soziale Bewegung stellen, ❙25
Der Linksextremismus will zwar auch die be- können ihre „autonomen Räume“ nur in plura-
stehende Ordnung abschaffen, aber damit hat listischen demokratischen Systemen entfalten.
die Gemeinsamkeit der Ziele ein Ende. Links- Denn nur diese bieten die rechtlichen als auch
extremisten richten ihr politisches Handeln die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
wie Schutz der individuellen Rechte und – mit
❙18  Programme werden erst durch ihre Interpretati- einiger Wahrscheinlichkeit – gesellschaftliche
on wirksam, wenn sie zur Begründung der religiösen
oder politischen Praxis durch die entsprechenden Ak-
teure als Anleitung zum Handeln ausgelegt werden. ❙21  Ebd., S. 126.
❙19  BMI (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2009, Vor- ❙22  Ebd.
abfassung, Berlin 2010, S. 49, online: www.verfassungs- ❙23  Ebd., S. 133 f.
schutz.de/download/SHOW/vsbericht_ 2009.pdf ❙24  Vgl. ebd., S. 150.
(20. 9. 2010). ❙25  Vgl. Peter Lösche, Anarchismus, in: D. Nohlen/
❙20  Vgl. ebd. R.-O. Schultze (Anm. 3), S. 19 f.

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Toleranz. Manche gewalttätigen Aktivisten, Forschung nicht. Sie befasst sich primär mit
die als „Autonome“ zur linken Szene gezählt politikwissenschaftlichen, historischen Ansät-
werden (dank dieser Tatsache brauchen sie zen und empirischen sozialwissenschaftlichen
nicht den Nachweis zu führen, dass sie über- Methoden mit Revolutions-, Kommunismus-,
haupt links sind), sehen sich vielleicht in der Bewegungs- und Anarchismusforschung, ❙29
historischen Nachfolge anarchistischer Ge- jedoch nicht mit Linksextremismus als eige-
walttäter. Dass dieses „organisierungs- und hi- nem Forschungsgegenstand. Das Verständnis
erarchiefeindliche radikale linksextremistische von Politikwissenschaft als Demokratiewis-
Spektrum“ ❙26 politische Aktivitäten mit dem senschaft führt dazu, die Faktoren zu erfor-
Ziel des gewaltsamen Umsturzes der freiheitli- schen, die die Demokratie stärken – und bei
chen demokratischen Grundordnung entfalten der Erforschung jener, die sie schwächen, sich
könnte, erstaunt. Die der Szene zurechenbaren auf den Rechtsextremismus zu konzentrieren.
gewalttätigen Aktionen, dies haben sie mit ge-
waltbereiten und -tätigen Rechtsextremen ge- Auch hinsichtlich der Gemeinsamkeiten der
mein, sind deshalb nicht zu relativieren, könn- „Extremismen“ werden wesentliche Differen-
ten jedoch primär ein Problem der öffentlichen zen zwischen dem amtlichen und dem wis-
Sicherheit und ein strafrechtliches sein. senschaftlichen Extremismusbegriff sichtbar:
Einerseits handele es sich um gänzlich unter-
In den empirischen Sozialwissenschaf- schiedliche Phänomene, andererseits seien sie
ten gibt es eine etablierte und differenzierte in Bezug auf ihre politischen Ziele, ihre Mittel
Rechtsextremismusforschung. Rechtsextre- und ihre Organisationsstrukturen ähnlich. ❙30
mismus ist nach der Definition von Richard Wenn Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten
Stöss „kurz gesagt (…) völkische(r) Nationalis- zwischen rechts- und linksextremistischen Po-
mus“. ❙27 Nach Hans-Gerd Jaschke bezeichnet sitionen auftauchen, dann in dem Punkt, der
Rechtsextremismus „die Gesamtheit von Ein- die Rechtsprechung des Bundesverfassungsge-
stellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, richts bei beiden Parteiverboten bestimmt hat:
organisiert oder nicht, die von der rassisch oder Demokratiefeindlichkeit. Politischer Extre-
ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der mismus als System findet sich im rechtsextre-
Menschen ausgehen, nach ethnischer Homo- mistischen Führerstaat und der Ideologie des
genität der Völker verlangen und das Gleich- völkischen Nationalismus; bei Linksextremis-
heitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ten findet er sich bei den Anhängern der Dik-
ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft tatur des Proletariats als politische Form der
vor dem Individuum betonen, von der Un- Herrschaft der Arbeiterklasse. Die Protago-
terordnung des Bürgers unter die Staatsräson nisten des nationalsozialistischen Regimes wie
ausgehen und die den Wertepluralismus einer auch der stalinistischen Diktatur weichen mit
liberalen Demokratie ablehnen und Demokra- ihrer Orientierung an der Vergangenheit einer
tisierung rückgängig machen wollen“. ❙28 Dieser adäquaten Auseinandersetzung mit den Prob-
Begriff orientiert sich nicht an amtlichen Be- lemen der Gegenwart und Zukunft aus. ❙31
drohungsszenarien, summiert die unterschied-
lichen Ansätze sowie relevante, die Forschung Die unterschiedlichen Dimensionen des Be-
leitende Fragen über den Rechtsextremismus griffs sowie Zweifel an seiner Angemessenheit
und weist auf dessen unterschiedliche Dimen- tragen dazu bei, dass er infrage gestellt wird.
sionen – Einstellungen und Verhalten – sowie So wird beklagt, dass der Extremismusansatz
deren Inhalte – von Nationalismus bis Sexis- die Gewaltorientierung von nazistischen Or-
mus sowie von Protest bis zum Terror – hin. ganisationen unter dem „Zerrbild der Ausei-
nandersetzung zwischen linken und rechten
Ähnlich konzise Definitionen eines Links-
extremismus liefert die sozialwissenschaftliche ❙29  Vgl. Gero Neugebauer, Extremismus-Linksextre-
mismus-Rechtsextremismus: Einige Anmerkungen
❙26  BMI (Anm. 19), S. 149. zu Begriffen, Forschungskonzepten, Forschungsfra-
❙27  Richard Stöss, Neuere Entwicklungstendenzen des gen und Forschungsergebnissen, in: Wilfried Schu-
Rechtsextremismus in Deutschland, in: Zeitschrift barth/Richard Stöss (Hrsg.), Rechtsextremismus in
für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 21 (2010) 2, der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Bonn
S. 117. 2000, S. 24 ff.
❙28  Hans-Gerd-Jaschke, Rechtsextremismus und ❙30  Vgl. P. Brendel (Anm. 3).
Fremdenfeindlichkeit. Begriffe Positionen – Praxis- ❙31  Vgl. BMI (Hrsg.), Bedingungsfaktoren des gesell-
felder, Opladen 2001, S. 30. schaftlichen Zusammenhalts, Berlin 2009, S. 63.

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Jugendgruppen“ verschleiert; dass er keine sich die jeweiligen Ziele nicht grundsätzlich
Klarheit über die Relevanz verschiedener anti- ausschließen: Bei Befragungen zeigt es sich,
demokratischer Einstellungen schafft; dass er das Personen, die sich als „links“ einstufen, so-
den Blick für die reale Gefährdung der staat- zial und libertär eingestellt sind, während Per-
lichen Institutionen wie der demokratischen sonen, die sich als „rechts“ bezeichnen, zwar
Alltagskultur trübt und dass er wenig hilfreich betont autoritär disponiert sind, aber zugleich
sei für die Auseinandersetzung „mit antide- auch soziale Gerechtigkeit anstreben. Auf der
mokratischen und menschenfeindlichen Ein- politischen Achse stehen sich Libertarismus
stellungen“. ❙32 Daher spricht etliches für eine (Links) und Autoritarismus (Rechts) gegen-
Überprüfung, da die damaligen Vorausset- über, das heißt einerseits libertäre postmate-
zungen für das Konzept der „wehrhaften De- rialistische Werte (wie direkte Demokratie,
mokratie“ zwanzig Jahre nach der deutschen Ökologie, Gleichberechtigung der Geschlech-
Einheit und dem Ende der Blockkonfrontati- ter, Multikulturalität) und andererseits autori-
on nicht mehr existieren. Laut Bundesverfas- täre Werte (wie nach innen und außen starker
sungsgericht verträgt eine gefestigte Demo- Nationalstaat, Patriotismus, Sicherheit und
kratie durchaus Kritik und begreift sie nicht Ordnung). Es kann durchaus zu Wertesynthe-
als Gefährdung ihrer Existenz. Die repräsenta- sen kommen, also jemand für Verteilungsge-
tive Demokratie erweitert durch Volksabstim- rechtigkeit und zugleich für Leistungsdenken
mungen und Volksentscheide die Partizipati- sein, oder im Umweltbereich libertäre, in Fra-
onsmöglichkeiten der Bürger. Wahlenthaltung gen der inneren Sicherheit jedoch autoritäre
wird nicht als Bekenntnis gegen die demokra- Positionen vertreten. Das entspricht den kom-
tische Ordnung, sondern unter anderem als plexen Denkmustern und Wertorientierungen
Kritik an deren Leistungsfähigkeit gewertet. der Menschen in modernen Gesellschaften, die
sich geschlossenen Ideologien entziehen.

Neue politische Konfliktkonstellationen Somit wird durch die Veränderung der Kon-
fliktstruktur in der Folge des sozialen Wan-
Darüber hinaus hat der soziale Wandel zu ei- dels die Bedeutung der Begriffe „rechts“ und
ner neuen Struktur der gesellschaftlichen „links“ zur Strukturierung der politischen
Konflikte geführt. Mit der alten Industriege- Realität erheblich eingeschränkt. Empirische
sellschaft hat sich zugleich das Zeitalter der Untersuchungen haben gezeigt, dass in der
Klassenkämpfe aus der politischen Organisa- Bevölkerung sehr unterschiedliche Vorstel-
tion der Gesellschaft weitgehend verabschie- lungen über deren Bedeutung bestehen. Wer
det. Die Konfliktstruktur der nachindus­ sich als „rechts“ oder als „links“ einstuft,
triellen Gesellschaft ist nicht mehr durch den folgt bestimmten sozio-politischen Orientie-
Konflikt von Arbeit (Sozialismus) und Kapi- rungen. Sie beziehen sich auf Persönlichkeits-
tal (Kapitalismus) gekennzeichnet, sondern eigenschaften (wie Autoritarismus, Selbst-
durch gegensätzliche Wertvorstellungen oder bewusstsein), auf Wertorientierungen und
politische Ziele. Die maßgebliche politische Einstellungen zu den politischen oder sozia-
Konfliktkonstellation verläuft nicht zwischen len Verhältnissen in der Bundesrepublik. Da-
rechts und links, sondern zwischen einer so­ bei kontrastieren zwei Grundmuster: demo-
zial-libertären und einer neoliberal-autoritären kratische versus autoritäre Überzeugungen.
Politikkonzeption. Der alte Klassenkonflikt
wurde abgelöst durch einen Konflikt zwischen Demokratische Überzeugungen sind eine
verschiedenen gesellschaftlichen Grundüber- Kombination aus politischem Selbstbewusst-
zeugungen, also einen Wertekonflikt, in dem sein, freiheitlichen libertären Werten und de-
mokratischen Einstellungen. „Links“ ist je-
❙32  Als weiteres Beispiel wird auch die Behauptung ge- mand, der von der Demokratie als System
nannt, dass „Verschwörungstheorien, Utopismus und überzeugt ist und dieses mit einem libertären
Absolutheitsanspruch“ nur Merkmale des Extremis- Selbstverständnis verknüpft sowie ein Be-
mus wären, obwohl sie in allen Bereichen der Gesell- dürfnis nach politischer Partizipation hat. Bei
schaft zu finden sind. Vgl. Grit Hanneforth/Michael autoritären Überzeugungen verbinden sich
Nattke/Stefan Schönfelder, Einführung, in: Kultur-
büro Sachsen et  al. (Hrsg.), Gibt es Extremismus?
autoritäre Persönlichkeitsmerkmale, autori-
Extremismusansatz und Extremismusbegriff in der täre Werte und restriktive Demokratievor-
Auseinandersetzung mit Neonazismus und (anti-)de- stellungen. Von dieser „rechten“ Position aus
mokratischen Einstellungen, Dresden 2010, S. 7. können diejenigen anfällig für Rechtsextre-

8 APuZ 44/2010
mismus werden, die diese Überzeugungen mit Matthias Mletzko
Unzufriedenheit über wirtschaftliche, soziale
und/oder politische Verhältnisse verknüpfen.
Es dürfte traditionelle Linke, die kapitalis-
Gewalthandeln
muskritisch oder gar antikapitalistisch einge-
stellt sind und sich einen starken Staat wün-
schen, durchaus irritieren, wenn sie plötzlich
linker und rechter
feststellen müssen, dass beide Positionen auch
von Rechten eingenommen werden.
militanter Szenen
„Politischer Extremismus“ ade? P olitisch motivierte Gewalt in Deutsch-
land ist in den vergangenen 20 Jahren stark
durch das Handeln rechter und linker mili-
Angesichts dieser Komplexität ist ein Begriff tanter Szenen und de-
wie politischer Extremismus für die Wissen- ren Randbereiche ge- Matthias Mletzko
schaft unterkomplex und als Arbeitsbegriff prägt. ❙1 Relevante Trä- M. A., geb. 1950; war von 2007
ungeeignet. Es geht vielmehr darum, die wei- gergruppen finden sich bis 2009 wissenschaftlicher
teren Auswirkungen des fortschreitenden so- im „subkulturell ge- Mitarbeiter am Hannah-Arendt-
zialen Wandels auf politische Einstellungen prägten Rechtsextre- Institut für Totalitarismusfor-
und Orientierungen angemessen zu analysie- mismus“, zu dem ge- schung e. V. an der TU Dresden;
ren. Die Verwendung des Begriffs durch den genwärtig Teile der Tillichbau, Helmholtzstraße 6,
und im Umfeld des Verfassungsschutzes si- NS-affinen Szene und 01069 Dresden.
gnalisiert, dass er sich nur zögerlich den He- die Rechtsrockszene hait@mail.zih.tu-dresden.de
rausforderungen stellt, die von der inzwischen zählen, und im Mili-
erreichten Kompliziertheit politischer Struktu- eu linksautonomer Gruppen. Spätestens seit
ren, von der Komplexität politischen Denkens vergangenem Jahr wird öffentlich darüber
und von den veränderten Rahmenbedingungen gestritten, ob die rechte oder linke militan-
politischen Handelns ausgehen. Die Missbilli- te Szene die „gefährlichere“ sei. So hört man
gung eines Verfassungsgrundsatzes ist weder etwa von denjenigen, die rechte Gewalt für
ein strafrechtlicher Tatbestand noch Ausdruck ungleich bedrohlicher halten, dass es seit Be-
politischen Extremismus. Sachbeschädigun- ginn der 1990er Jahre im Gegensatz zu zahl-
gen, Gewalttätigkeiten oder Körperverletzun- reichen Todesopfern rechter Gewalt kein To-
gen durch angeblich oder tatsächlich politisch desopfer linker Gewalt mehr gegeben habe.
motivierte Akteure sind strafrechtliche Tat- Umgekehrt gab es im Zuge eines Anstiegs
bestände, die vom polizeilichen Staatsschutz linker Gewaltdelikte 2009 mediale und poli-
untersucht werden und für die im Fall einer tische Verlautbarungen, die nahelegen woll-
Verurteilung kein Tatbestandsmerkmal eines ten, es stünde nun ein neuer Linksterroris-
politischen Extremismus konstruiert wird. mus bevor. Bei näherem Hinsehen mangelt es
Daher könnte überlegt werden, ob der Begriff beiden Positionen an belastbaren Daten, denn
nicht hinfällig geworden ist. Denn letztlich soll systematische Langzeituntersuchungen poli-
der amtliche Verfassungsschutz nicht einen be- tisch motivierter Gewalt nach Tötungsdelik-
grifflich unscharfen politischen Extremismus ten und lebensbedrohlichen Tatbegehungen
bekämpfen, sondern organisierte Aktivitä- liegen bislang nicht vor.
ten, durch die die freiheitliche demokratische
Grundordnung beseitigt oder in ihrer Funkti- ❙1  Dieser Beitrag ist mit Unterstützung der For-
on beeinträchtigt werden soll. Zugleich sollte schungsstelle Terrorismus/Extremismus des Bun-
deskriminalamts (BKA) entstanden. Das BKA hat
in einem öffentlichen Diskurs ein Verständnis zudem das Forschungsprojekt „NPD-Wahlmobili-
über die Grundrechte hergestellt werden, wel- sierung und politisch motivierte Gewalt“ ermöglicht,
ches zu ihrer offensiven Auslegung führt. Da- welches durch das Hannah-Arendt-Institut für To-
durch würde es der Zivilgesellschaft leichter talitarismusforschung e. V. durchgeführt wurde und
fallen, mit Unterstützung staatlicher Instituti- einen Teil der empirischen Grundlage für den vor-
onen oder diese unterstützend gegen einzelne liegenden Beitrag bietet. Vgl. Uwe Backes/Matthias
Mletzko/Jan Stoye, NPD-Wahlmobilisierung und
extremistische Einstellungen anzugehen und politisch motivierte Gewalt, Köln 2010. Der Arti-
damit die Demokratie zu stärken. kel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wi-
der. Diese entspricht nicht notwendigerweise der des
BKA.

APuZ 44/2010 9
Kurzcharakterisierung autonome Gruppen einer trennscharfen Ab-
grenzung: „Die Autonomen“ im Sinne einer ge-
der militanten Akteure nau eingrenzbaren Gruppierung gibt es nicht.
Das Verhaltensspektrum reicht von passage-
Zunächst gilt es, die Kernszenen, aus denen he- rem, eher erlebnisorientiertem Agieren – hier-
raus Gewalttaten verübt werden, mit einigen bei gibt es Berührungspunkte mit lebensstilis-
Stichworten zu beschreiben. Im linken Feld tisch verwandten Szenen wie etwa Punks – bis
spielt die aus dem Sponti-Milieu der 1970er zum auf längere Dauer gestelltem klandestinen
Jahre hervorgegangene, seit Anfang der 1980er Handeln. Gleiches gilt für die Denkstruktu-
Jahre existierende politische Szene autonomer ren: Ein einheitliches „Weltbild“ der Autono-
Gruppen eine Schlüsselrolle. Sie hat sich als men sucht man vergebens – am ehesten greift
äußerst heterogenes und fluktuierendes, aber wohl die Selbstcharakterisierung als „Suchbe-
gleichzeitig auch als regenerierungsfähiges wegung“. Verbindendes Element ist allerdings
Phänomen erwiesen. Zu ersten Ausbrüchen der Konsens über Militanz als Mittel des po-
von Massenmilitanz kam es 1980/81, meist im litischen Konfliktaustrags. Das staatliche Ge-
Kontext von Hausbesetzungen. Ab Mitte der waltmonopol wird grundsätzlich abgelehnt.
1980er Jahre versuchten autonome Gruppen an Das Wann, Wie und Wogegen des Gewaltein-
die seinerzeit dominanten Themenfelder neu- satzes ist Gegenstand ausgedehnter Militanz-
er sozialer Bewegungen wie die Anti-Atom- debatten. Trotz Zersplitterung, Zerstrittenheit
kraft- oder Friedensbewegung anzuknüpfen. und erheblicher Orientierungsprobleme ver-
Regional­ ragten dann Ausschreitungen um mag sich offenbar das Personenpotenzial im-
die seit 1987 jährlich abgehaltenen „revolutio- mer wieder zu regenerieren und hält sich den
nären 1. Mai-Demonstrationen“ in Berlin und Schätzungen der Ämter für Verfassungsschutz
um die besetzten Häuser in der Hamburger zufolge – andere Daten gibt es nicht – seit den
Hafenstraße heraus. Anfang der 1990er Jahre 1990er Jahren auf einem Niveau von etwa
gab es im Wechselspiel mit der fremdenfeindli- 5000 bis 6000 Anhängern, mit bisherigen Hö-
chen Gewaltwelle neuen Schub im Aktionsfeld hepunkten 2000/2001 (7000) und 2009 (6600).
„Antifaschismus“. Ab Mitte der 1990er Jahre Der sozialwissenschaftliche und kriminologi-
griffen autonome Gruppen aus Anlass der Cas- sche Forschungsstand zu dem Phänomenfeld
tor-Transporte mit einer Serie von Sabotageak- autonome Szene ist äußerst dünn. Täteranaly-
tionen gegen bahntechnische Anlagen wieder sen, wie aus dem rechten Spektrum bekannt,
das Reizthema Kernenergie auf. Ab dem Jahr liegen hier ebenso wenig vor wie soziodemo-
2000 bemühte sich dieses Spektrum, an Kam- grafische Angaben zur Zusammensetzung des
pagnen gegen marktradikale Wirtschaftspoli- Milieus. ❙2 Dies ist zum einen strikter Explora-
tik und deren globale Folgen („Anti-Globali- tionsverweigerung geschuldet, zum anderen
sierungsbewegung“) anzudocken. Vorläufiger lag bisher das Hauptaugenmerk der Forschung
Höhepunkt war die militante Mobilisierung im Bereich des Rechts­extremismus.
gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm Anfang
Juni 2007. Danach rückten wieder alte Akti- Nicht minder heterogen stellt sich der Phä-
onsthemen in den Vordergrund, so etwa anti- nomenbereich des gewaltbereiten Rechtsex­
militaristisch begründete Brandanschläge, auf tremismus dar, dem verschiedene Teilspektren
den „Repressionsapparat“ zielende Gewalt- zuzurechnen sind: die im Wandel begriffe-
taten gegen Polizeikräfte und -einrichtungen ne Szene der Neonationalsozialisten und die
sowie die medial und politisch stark beachte-
te Serie von Brandanschlägen gegen „Luxus-
limousinen“ im Begründungszusammenhang ❙2  Anregungen für künftige Forschungen finden sich
bei Michael Kohlstruck, Zur aktuellen Debatte um
mit städtebaulicher Umstrukturierung (Gen-
politische Gewalt in der Metropole Berlin, Friedrich-
trifizierung). Aktionskonjunkturen und The- Ebert-Stiftung, Expertisen für Demokratie, (2010) 2.
menfelder wechseln also ständig. Konstant Zum Kenntnisstand: Armin Pfahl-Traughber, Die Au-
geblieben ist der Versuch der Radikalisierung tonomen zwischen Anarchie und Bewegung, Gewalt-
nichtmilitanter ­Teilbereichsbewegungen. fixiertheit und Lebensgefühl, in: Bundeszentrale für
politische Bildung (Hrsg.), Dossier Linksextremis-
mus, Berlin 2008; Matthias Mletzko, Merkmale poli-
Trotz eines bei öffentlichkeitswirksamen
tisch motivierter Gewalttaten bei militanten autono-
Anlässen wie Demonstrationen mehr oder we- men Gruppen, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse (Hrsg.),
niger einheitlichen äußerlichen Erscheinungs- Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 11, Baden-
bildes und Gebarens entziehen sich militante Baden 1999, S. 180–199.

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Rechtsrockszene sowie weltanschaulich und Besonderheiten des Gewalthandelns
stilistisch verwandte Hooligan- und Rocker-
milieus. Die Ursprünge der NS-affinen Sze- Im Folgenden geht es um Aussagen zu Gewalt-
ne gehen auf die 1970er Jahre zurück. Eine der taten, ❙4 soweit diese polizeilich erfasst wurden.
Schlüsselpersonen war Michael Kühnen, der Über die Güte polizeilich erhobener Daten
die Gruppe Aktionsfront Nationaler Sozia- wird spätestens seit der Einführung des 2001
listen/Nationaler Aktivisten (ANS/NA) ini- eingerichteten kriminalpolizeilichen Defini-
tiierte. In den Zeitraum von Ende der 1970er tions- und Erfassungssystems Politisch moti-
bis Anfang der 1980er Jahre fiel eine Sequenz vierte Kriminalität (PMK) trefflich gestritten.
rechtsterroristischer Aktivitäten, die Bezüge Zum einen muss klar sein, dass diese Daten zum
zum NS-affinen Spektrum aufwies. Die Kon- Zweck der Aufklärung von Straftaten und nicht
turen der sich ausdrücklich auf den histori- unter Forschungsperspektiven mit Ansprüchen
schen Nationalsozialismus beziehenden NS- zur Beschreibung und Erklärung der komple-
affinen Szene haben sich nach der massiven xen sozialen Realität gewaltsamen Handelns
fremdenfeindlichen Gewaltwelle zu Beginn gesammelt werden. Zum anderen kann dieser
der 1990er Jahre und dem danach erhöhten be- Datenbestand von seiner Anlage als Eingangs-
hördlichen und öffentlichen Druck nachhaltig statistik her – es handelt sich um Dokumente
verändert. Traditionelle Organisationen sind der polizeilichen Ersterfassung von Sachver-
einem Geflecht „autonomer Kameradschaf- halten und Tatverdächtigen – nur Hinweise auf
ten“ und lockeren Aktionsbündnissen „freier Trends und keine statistischen Exaktheiten lie-
Nationalisten“ gewichen. In den 1980er Jah- fern. Es bleiben zwangsläufig Unschärfen, zu
ren entstanden sowohl in der Bundesrepublik denen auch gehört, dass sich Zugehörigkeiten
als auch in der DDR erste Skinheadszenen, die von Tatverdächtigen zu Organisationen, Grup-
dann in den 1990er Jahren vor allem in den ost- pen und Szenen nicht immer zuverlässig quan-
deutschen Bundesländern an Zulauf gewannen. tifizieren lassen. Dennoch bleiben diese polizei-
Die subkulturelle Zugkraft lag vor allem in den lichen Daten für Gewaltanalysen aus folgenden
Möglichkeiten, mit emotional stark besetzter Gründen unverzichtbar: Die Erkenntnisse wer-
Rockmusik und extremen Provokationstech- den oft noch in unmittelbarer Nähe zum Tatge-
niken rassistische, antisemitische, NS- und ge- schehen gewonnen und seit 2001 mit einheitli-
waltverherrlichende Inhalte zu transportieren. chen Kriterien bundesweit und kontinuierlich
Ab Mitte der 1990er Jahre haben sowohl eine aufbereitet. Der grundsätzlich mögliche alter-
aktionistische Um­orientierung der National-
demokratischen Partei Deutschlands (NPD) mus- und Terrorismusforschung 2009/2010, Brühl
als auch Wandlungsprozesse in der NS-affinen 2010; Ministerium des Innern des Landes Branden-
burg (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2009, Pots-
Szene das Verhältnis zur Skinheadszene ver-
dam 2010, S. 63–131.
bessert und zu gegenseitigen Annäherungen ❙4  Zunächst wird hier aus Gründen begrifflicher Hand-
geführt. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich habbarkeit in Anlehnung an das 1989 erstellte Endgut-
dieser Prozess weiter ausdifferenziert. Zum achten der unabhängigen Regierungskommission zur
einen vermischte sich streckenweise die Neo- Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt ein enger
NS-Szene mit der Rechtsrockszene, zum an- Gewaltbegriff im Sinne der zielgerichteten, direkten
physischen Schädigung von Menschen durch Menschen
deren adaptierten beide Akteure neue jugend-
zugrunde gelegt. Es geht um absichtsvoll herbeigeführte
kulturelle und stilistische Elemente. So ist ab körperliche Beeinträchtigungen anderer Menschen. Vgl.
2003 die bislang bundesweit noch minoritä- Hans Dieter Schwind/Jürgen Baumann (Hrsg.), Ursa-
re, aber im Wachsen begriffene Strömung der chen, Prävention und Kontrolle von Gewalt, Berlin 1990,
„Autonomen Nationalisten“ (AN) in Erschei- S. 52. Die Operationalisierung von Gewaltakten erfolgt
nung getreten. Hooligans und Rocker spielen über den Katalog politisch motivierter Gewaltkrimi-
nalität, zu dem Tötungsdelikte, Körperverletzungen,
als Randszenen eine gewisse Rolle. Das von
Brand- und Sprengstoffdelikte, Landfriedensbruch,
den Verfassungsschutzämtern geschätzte Per- gefährliche Eingriffe in den Schiffs-, Luft-, Bahn- und
sonenpotenzial gewaltbereiter Rechtsextremer Straßenverkehr, Widerstandsdelikte und – quantitativ
hat sich über die 1990er Jahre hinweg fast ver- weniger relevant – Freiheitsberaubung, Raub, Erpres-
doppelt und ist seit 2000 auf dem Niveau von sung und Sexualdelikte zählen. Ergänzend wird auf
etwa 9000 Personen ­ver­blieben. ❙3 der Einstellungsebene unter Gewaltbereitschaft (in
diesem Text gleichbedeutend mit Militanz) ebenfalls
in Anlehnung an die Gewaltkommission die „Neigung
❙3  Vgl. Christian Menhorn, Die Erosion der Skin- von Personen, unter jeweils näher zu beschreibenden
head-Bewegung als eigenständiger Subkultur, in: Ar- Umständen für die Erreichung ihrer Ziele Gewalt ein-
min Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremis- zusetzen“, verstanden. Ebd., S. 46.

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native Erfassungsweg über Opferberatungs- schwerer bis tödlicher Verletzungen wurde bei
stellen ist zumindest bislang mangels bundes- derartigen proaktiv gesuchten Konfrontatio-
weiter Einheitlichkeit und Kontinuität nicht nen nicht selten in Kauf genommen. ❙6 Ausmaß
gangbar. Darüber hinaus liefert die Anlage und Intensität der massenmilitanten Episoden
die Möglichkeit einer zeit­nahen Darstellung der 1980er Jahre wurden danach nicht mehr
der Lageentwicklung mit einigen Differenzie- erreicht.
rungsmöglichkeiten wie etwa mehrdimensi-
onale Themenfeldzuordnung, Demonstrati- Allerdings gab es in den 1990er Jahren wie-
onskontext oder Angaben zu Tatverdächtigen der Aktionsschübe im Kontext militanter An-
und Opfern. Sofern bei wissenschaftlichen Un- tifa-Aktivitäten, ❙7 bei denen personenbezoge-
tersuchungen mit polizeilichen Daten deren ne Gewalt gehäuft zutage trat. Zu einer ersten
Grenzen benannt werden und Vertiefungen mit Episode kam es Anfang der Dekade in der Fol-
weiteren Zugängen erfolgen, steht gehaltvollen ge der größtenteils fremdenfeindlich motivier-
Aussagen nichts im Wege. ❙5 ten Gewaltwelle, die zu Aufschaukelungen
zwischen links-autonomen Antifa-Aktionen
und rechtsmilitanten Anti-Antifa-Aktionen
Rückblick führte und mit einigen qualitativen Besonder-
heiten sowohl auf der Ebene des Gewalthan-
Bevor auf die aktuelle Entwicklung linker und delns als auch der Diskurse einherging. Bei
rechter Gewalt eingegangen wird, erscheint ein personenbezogenen Angriffen wurden mit
kurzer Rückblick auf Verläufe und einige Cha- der eingesetzten Bewaffnung – Messerstiche,
rakteristika des Gewalthandelns der 1980er Kopftreffer mit Baseballschlägern, Eisenstan-
und 1990er Jahre angebracht. Zum Langzeit- gen oder Holzknüppeln – schwere Verletzun-
verlauf linker Gewalt lässt sich festhalten, dass gen verursacht oder in Kauf genommen. Zu
das Ausmaß des Gewalthandelns militanter den herausragenden Merkmalen dieser Akti-
autonomer Gruppen in den 1990er Jahren im onsphase zählte auch eine ausführliche szene­
Vergleich zur vorangegangenen Dekade stark interne Debatte über das Für und Wider der
zurückgegangen ist und keine eruptiven Aus- „Tötung von Faschisten“, die sich an einen
reißer mehr aufweist. Als wesentliche Muster Überfall von Berliner Linksmilitanten an-
des Gewalthandelns (links-)autonomer Grup- schloss, bei dem der Rechtsextremist Gerhard
pen haben sich schon in den 1980er Jahren Kaindl getötet wurde. ❙8 Gegen Ende der 1990er
Massenmilitanz und die sogenannte „klandes- Jahre bis ins neue Jahrzehnt hinein kam es zu
tine Aktion“ – von kon­spirativen Kleingrup- erneuten Häufungen von Gewaltdelikten im
pen begangene Anschläge gegen Institutionen, Antifa-Themenfeld. Diese Hinweise auf einige
Unternehmen und Infrastruktureinrichtun- Gewaltepisoden, die an anderer Stelle mit In-
gen – herausgebildet. Mas­sen- oder Straßen- teraktionsgeflechten kontextualisiert und ver-
militanz als gewaltsames Vorgehen größerer tieft sind, ❙9 sollen verdeutlichen, dass im Phä-
Gruppenkontingente bei Demonstrationen, nomenbereich linker Militanz seit einiger Zeit
behördlichen Maßnahmen oder ähnlichen Eskalationsbereitschaften und Neigungen zu
Anlässen richtete sich personenbezogen vor- lebensbedrohlichen Tatbegehungen existie-
wiegend gegen „Bullen“ als Repräsentanten ren  – ein Befund, der in gegenwärtigen Dis-
des Staates oder auch Rechtsextremisten und
objektbezogen meistens gegen Gebäude oder ❙6  Vgl. M. Mletzko (Anm. 2), S. 184.
andere Einrichtungen mit Symbolwert (wie ❙7  Unter militanter Antifa wird hier in Abgrenzung
Banken, Geschäfte, Behörden). An den ver- zu erwünschten zivilgesellschaftlichen Mobilisie-
schiedenen Brennpunkten wurden mit teil- rungen gegen Rechtsextremismus gewaltsames Vor-
gehen gegen rechte Personen und Einrichtungen ver-
weise beachtlichem taktischen Geschick ge-
standen, bei dem die tätliche Auseinandersetzung mit
genüber Polizeikräften alle Gewaltmittel dem politischen Gegner gesucht wird. Hierbei maßen
unterhalb der Schwelle von Schusswaffen ein- sich private Gruppen unter Umgehung des rechts-
gesetzt: Steine, Knüppel, Eisenstangen, Reiz- staatlichen Instrumentariums Bestrafungs- und Ver-
gas, Molotow-Cocktails oder von Dächern ge- geltungsbefugnisse an.
worfene Backsteine. Ab und an wurden von ❙8  Vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.),
Gewaltbereit Autonome, Köln 1994, S. 39–73.
anderen Kräften isolierte Polizeibeamte einge- ❙9  Vgl. Matthias Mletzko, Unterschiede bei Gewaltdis-
kreist, überwältigt und entwaffnet. Die Gefahr kursen und beim Gewalthandeln militanter Szenen: Das
Beispiel „Antifa“ und „Anti-Antifa“, in: Kriminalistik,
❙5  Vgl. M. Kohlstruck (Anm. 2), S. 2–6, S. 9–12. (2001) 8–9, S. 543–548, und (2001) 10, S. 639–644.

12 APuZ 44/2010
kursen mitunter in Vergessenheit zu geraten anstellen. ❙10 In diesem Zeitraum hat es keine
scheint. Bislang ist allerdings offen, inwieweit mit den 1990er Jahren vergleichbaren drama-
diese radikalisierten Handlungsstränge das tischen Ausschläge rechter Gewalt mehr gege-
Gesamtbild linker Gewaltdelikte prägen. ben. Gleiches trifft für die Entwicklung linker
Gewalt zu. ❙11 Allerdings waren ab 2005 wie-
Zum Langzeitverlauf rechter Gewalt lässt der deutliche Anstiege zu verzeichnen. In den
sich festhalten: In den 1960er bis zu den 1980er Jahren von 2005 bis 2009 lag das linke Auf-
Jahren blieb – trotz einer Reihe gravierender kommen über dem rechten. Beide Verläufe be-
rechtsterroristischer Aktionen Ende der 1970er wegen sich aber in einem relativ engen Kor-
bis Anfang der 1980er Jahre – rechte Gewalt ridor und weichen im deutlichen Unterschied
eher im Schatten links motivierter Gewaltphä- zu den 1980er und frühen 1990er Jahren nicht
nomene (Rote Armee Fraktion, Revolutionäre mehr signifikant voneinander ab. Die gemein-
Zelle, „Spontis“, militante Autonome). Umso samen Anstiege von 2005 bis 2006 deuten auf
mehr ragt die in der Geschichte der Bundesre- Interaktionseffekte zwischen rechter und lin-
publik bisher einzigartige, überwiegend frem- ker Gewalt hin. Der scharfe Anstieg links
denfeindlich motivierte Gewalteruption von 2009 ist vor allem beträchtlichen Zunahmen
1991 bis 1993 heraus, die sich vor dem Hinter-
grund gravierender Transformationsprobleme ❙10  „Der Politisch motivierten Kriminalität werden
und unverarbeiteter Einwanderungsströme Straftaten zugeordnet, wenn in Würdigung der Um-
entwickelte. Nach deren Abflachen bewegte stände der Tat und/oder der Einstellung des Täters
sich das Aufkommen in einem bedenklich ho- Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie den demokra-
hen Korridor mit gelegentlichen kräftigen An- tischen Willensbildungsprozess beeinflussen sollen,
der Erreichung oder Verhinderung politischer Zie-
stiegen wie etwa im Jahr 2000. In den 1990er
le dienen oder sich gegen die Realisierung politischer
Jahren blieb Fremdenfeindlichkeit das domi- Entscheidungen richten, (…) gegen eine Person gerich-
nante Themenfeld rechter Gewalt. Die gegen tet sind, wegen ihrer politischen Einstellung, Natio-
den politischen Gegner gerichtete Gewalt ver- nalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Reli-
blieb dagegen auf niedrigem Niveau. gion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres
äußeren Erscheinungsbildes, ihrer Behinderung, ihrer
sexuellen Orientierung oder ihres gesellschaftlichen
Die rechte Gewalt der 1990er Jahre weist auch
Status und die Tathandlung damit im Kausalzusam-
qualitative Besonderheiten auf. Zum einen war menhang steht, bzw. sich in diesem Zusammenhang
das Handeln eher durch Spontaneität und Ex- gegen eine Institution/Sache oder ein Objekt richtet“.
pressivität gekennzeichnet. Zum anderen wa- Vgl. Bundeskriminalamt, Informationen zum polizei-
ren im Vergleich zum linken Phänomenbereich lichen Definitionssystem Politisch motivierte Krimi-
sehr viel höhere Anteile an Körperverletzungs- nalität (PMK), Meckenheim 2007, S. 5.
❙11  Im PMK-System werden Straf-/Gewalttaten dem
delikten und vor allem drastisch höhere Anteile
Phänomenbereich „links“ zugeordnet, „wenn in Wür-
an Tötungsdelikten zu finden. Ein beträchtli- digung der Umstände der Tat und/oder der Einstel-
cher Teil der Gewaltwelle von 1991 bis 1993 wa- lung des Täters Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass
ren Brandanschläge mit Personenbezug. Diese sie nach verständiger Betrachtung (z. B. nach Art der
Mittelwahl hat eine eliminatorische Kompo- Themenfelder) einer ‚linken‘ Orientierung zuzurech-
nente und spielt zumindest unausgesprochen nen sind, ohne dass die Tat bereits die Außerkraftset-
zung oder Abschaffung eines Elementes der freiheit-
an Traditionen nationalsozialistischer Feindbe-
lich demokratischen Grundordnung (Extremismus)
kämpfung an, die immer auch die Möglichkeit zum Ziel haben muss. Insbesondere sind Taten dazu-
der physischen Vernichtung einbezogen hat. zurechnen, wenn Bezüge zu Anarchismus oder Kom-
Dazu kommt eine ganze Reihe von Exzessta- munismus (einschließlich Marxismus) ganz oder teil-
ten, bei denen Opfer mehrere lebensbedrohli- weise ursächlich für die Tatbegehung waren. Diese
che Tat­einwirkungen hintereinander, teilweise politisch motivierten Straftaten sind als linksextre-
mistisch zu qualifizieren.“ Dem Phänomenbereich
auch über längere Dauer erleiden mussten. Es
„rechts“ werden Straf-/Gewalttaten zugeordnet, wenn
wird zu zeigen sein, ob sich bei dieser Hand- sie „einer ‚rechten‘ Orientierung zuzurechnen sind,
lungsschiene Kontinuitäten feststellen lassen. ohne dass die Tat bereits die Außerkraftsetzung oder
Abschaffung eines Elementes der freiheitlich demo-
kratischen Grundordnung (Extremismus) zum Ziel
Gewalthandeln in den 2000er Jahren haben muss. Insbesondere sind Taten dazuzurechnen,
wenn Bezüge zu völkischem Nationalismus, Rassis-
mus, Sozialdarwinismus oder Nationalsozialismus
Seit dem Beginn des neuen polizeilichen Er- ganz oder teilweise ursächlich für die Tatbegehung
fassungssystems PMK lassen sich aufgrund waren. Diese politisch motivierten Straftaten sind als
einheitlicher Kriterien Langzeitbetrach­tungen rechtsextremistisch zu qualifizieren.“ Vgl. ebd., S. 8 f.

APuZ 44/2010 13
von Köperverletzungs- und Widerstandsde- als rechts: Kontext linker Gewalthandlungen
likten, aber auch Brandanschlägen ohne Per- sind sehr oft Demonstrationsereignisse. Eine
sonenbezug geschuldet. Auswertung dieser Rechtsnormzuordnungen
hinsichtlich der Intensität personenbezogener
Als Indikator für die Zielrichtung des Ge- Gewalt müsste an anderer Stelle erfolgen. Er-
walthandelns lassen sich die Themenfeldnen- forderlich wäre auch eine dementsprechende
nungen der PMK-Erfassung heranziehen. Analyse der Brand- und Sprengstoffdelikte.
Durchgängig dominiert haben die unter den
Oberbegriffen „Konfrontation/Politische Ein- Ebenso unterscheidet sich das Aufkommen
stellung“, „Innen- und Sicherheitspolitik“ und an Tötungsdelikten: In absoluten Zahlen gab
„Hasskriminalität“ subsumierten Zielrichtun- es seit 2001 links 17 Fälle – 16 versuchte und
gen. Im linken Phänomenbereich lag 2001 bis ein vollendetes Delikt, rechts dagegen 47 Fäl-
2008 die stark durch das Vorgehen gegen rech- le – 44 versuchte und drei vollendete Delikte.
te und sonstige politische Gegner geprägte Der traditionell von rechten Tätern präferier-
Konfrontationsgewalt an der Spitze und wur- te personenbezogene Einsatz von Brandmit-
de 2009 zum ersten Mal durch das Themenfeld teln hat auch im linken Lager wieder zuge-
„Innen- und Sicherheitspolitik“ abgelöst, wo- nommen. Die linken Tötungsdelikte wurden
bei die Ausschreitungen um die beiden Ham- etwa jeweils zur Hälfte gegen die Polizei und
burger Schanzenviertelfeste mitursächlich für rechte Gegner, einmal gegen sonstige Gegner
den starken Anstieg waren. Im rechten Phäno- und einmal gegen die Bundeswehr verübt. Die
menbereich stand bis 2004 der schon seit den rechten Tötungsdelikte wurden zu über zwei
1990er Jahren herausragende Themenbereich Dritteln im Handlungsfeld der Hasskrimina-
der überwiegend fremdenfeindlich geprägten lität und dort mit mehrheitlich fremdenfeind-
Hassgewalt oben. Zweitstärkstes Aufkommen lichem Hintergrund begangen. Das restliche
war die Konfrontationsgewalt, die allerdings Drittel waren Konfrontationsgewalttaten ge-
2004 nachzog und dann ab 2005 an der Spit- gen links, sonstige Gegner und in einem Fall
ze stand. Festhalten lässt sich, dass die gegen- gegen die Polizei. Weitergehende Aussagen er-
seitig ausgeübte Konfrontationsgewalt in den schließen sich nur über vertiefende Aktenana-
vergangenen Jahren insofern an Bedeutung ge- lyse mit Einzelfallbetrachtungen.
wonnen hat, als sich beide Lager mit diesbezüg-
lichen Handlungsschwerpunkten deutlich an-
genähert haben. ❙12 Ob der Prioritätenwechsel Tatschwerebetrachtungen
des Jahres 2009 im linken Bereich einen Trend
anzeigt, wird weiter zu beobachten sein. Die Zahl der in der polizeilichen Ersterfassung
enthaltenen Tötungsdelikte ist ebenso wie die
Eine erste Betrachtung nach Tatspezifik niedrige Zahl schwerer Körperverletzungsde-
verweist bereits auf deutliche rechts/links- likte aber nur ein kleiner Ausschnitt der Re-
Unterschiede hinsichtlich personenbezogener alität intensiven Gewalthandelns. Die bloße
Gewaltanwendung: Die Anteile von Körper- Rechtsnormzuordnung nach gefährlicher und
verletzungsdelikten am Gesamtaufkommen einfacher Körperverletzung bietet keine weite-
der Gewaltdelikte liegen von 2001 bis 2009 ren Einblicke in Handlungsqualitäten. Insbe-
rechts (immer über 80 %) deutlich höher, näm- sondere Zu- oder Abnahmen von Brutalitäten
lich etwa doppelt so hoch wie im linken Be- – ein wichtiger Hinweis für Radikalisierungs-
reich (meistens über 40 %). ❙13 Lediglich 2006 und Deradikalisierungsprozesse – entziehen
und 2009 stieg der Anteil links auf etwa 50 %, sich so der Darstellung. Daher wurden im Rah-
dagegen gab es Tiefpunkte 2003 mit unter 40 % men einer rechts/links-vergleichenden Tatana-
und 2001 mit unter 30 %. 2009 gab es erstmals lyse der Länder Sachsen und Nordrhein-West-
mehr linksmotivierte (849) als rechtsmotivier- falen Polizeidaten der Jahre von 2003 bis 2006
te Körperverletzungsdelikte (800). Die Antei- unter diesem Blickwinkel betrachtet. ❙14 Aus
le der Landfriedensbruchs- und Widerstands- dem umfangreichen Fallmaterial der Untersu-
delikte sind links durchgängig deutlich höher
❙14  Vgl. U. Backes et al. (Anm. 1), S. 75–80, S. 89–93.
❙12  Vgl. U. Backes et al. (Anm. 1), S. 190–200. Als Datenbasis standen die polizeilichen Ersterfas-
❙13  Vgl. ders., Rechts- und linksextreme Gewalt in sungsdokumente (Kriminaltaktische Anfragen in Fäl-
Deutschland – vergleichende Betrachtungen, in: Po- len politisch motivierter Kriminalität (KTA-PMK))
litische Studien, (2007) 1, S. 39. mit Sachverhaltsvolltexten zu Verfügung.

14 APuZ 44/2010
chung – 874 Fälle rechts, 661 Fälle links – wur- beider Länder waren Kopfschläge mit Gegen-
den herausragend brutale Tatbegehungsweisen stand (1), Tritte auf am Boden liegende Per-
gesammelt und aus rechtsmedizinischer Sicht son (1), Wurf mit Stein oder Flasche (1–2) und
nach Einwirkungsintensität auf das Opfer in Kopftritte mit „normalen“ Schuhen (1).
vier Schwerekategorien gewichtet:
Die linke Gewalt hatte deutlich ande-
1. Einwirkungen, die mit hoher Wahrschein- re Schwerpunkte: In beiden Ländern lag die
lichkeit akut lebensbedrohlich sein oder Stufe 1–2 an der Spitze – in Sachsen mit 43 %,
bleibende Schäden hinterlassen können. in NRW mit 24 %. Der Anteil akut lebensbe-
drohlicher Einwirkungen (1) machte in Sach-
2. Einwirkungen, die seltener lebensbedroh- sen etwas über 2 %, in NRW etwas über 6 %
lich oder dauerhaft schädigend sind, aber aus. Die bevorzugte Handlungsweise war der
dennoch starke Schmerzen, stationäre Be- Stein-/Flaschenwurf (1–2) aus der Distanz.
handlungsbedürftigkeit oder längere Ar- Diese Präferenz spiegelt typische Ambiva-
beitsunfähigkeit bedingen können, even- lenzen linksmilitanten Gebarens wider: Ei-
tuell auch Funktionsausfälle wie nach nerseits gilt die Prämisse der Legitimität von
Sehnendurchtrennungen. Gewalt, andererseits gibt es Tendenzen zur
3. Einwirkungen, die kaum lebensbedroh- Gewaltdosierung. ❙15
lich, aber dennoch schmerzhaft sein, aber
ohne stationäre Krankenhausbehandlung Diese Ergebnisse können nun mit einer
therapiert werden können wie großflächi- bundesweiten Stichprobe aus den Jahren von
ge Blutergüsse, größere Schürfwunden 2006 bis 2009 verglichen werden. Aus dem
oder nicht allzu stark blutende Wunden. Gesamtaufkommen rechter und linker Ge-
walt wurden alle schweren und gefährlichen
4. Bagatellverletzungen, die ambulant oder Körperverletzungsdelikte herausgezogen – in
in Selbsthilfe behandelt werden können der Erwartung, dass diese Auswahl hinsicht-
und keine Folgeschäden hinterlassen. lich der Auswertung von Gewaltintensitäten
ertragreicher als der Bereich einfacher Kör-
Um allseits bekannten situativen Unwäg- perverletzungen sein würde. Dies ergab rechts
barkeiten der Gewalthandlung Rechnung zu 1975 und links 1253 Fälle. Da diese Fallzahl (n)
tragen, wurden noch Zwischenstufen einge- mit dem zur Verfügung stehenden Zeitfens-
führt. So gilt beispielsweise für die häufig an- ter und Kräfteansatz nicht zu bearbeiten war,
zutreffende Vorgehensweise Stein-/Flaschen- wurde mit einfacher Zufallsstichprobe ein
wurf zunächst grundsätzlich, dass der Werfer Drittel der Fälle gezogen. Damit lag die Fall-
von Schottersteinen oder Flaschen das Risiko zahl rechts bei n=658 und links bei n=417. ❙16
von Kopftreffern und damit lebensbedrohli- Im rechten Handlungsfeld zeigten sich 16,9 %
cher Verletzungen in Kauf nimmt. Insofern akut lebensbedrohliche (1) und 16,9 % mit ge-
ist die Einstufung in den Schweregrad 1 ge- wisser Wahrscheinlichkeit lebensbedrohli-
rechtfertigt. Dennoch bestehen hinsichtlich che Tateinwirkungen (1–2), zusammen also
Täterdisposition und Trefferwahrscheinlich- 33,8 % – ein Drittel des Aufkommens rechter
keit offensichtliche Unterschiede zu dem An- gefährlicher Körperverletzungsdelikte. Lei-
greifer, der im direkten Angesicht des Op- der blieb eine nicht unbeträchtliche Restmen-
fers auf den Kopf tritt oder mit Gegenstand ge (r) von Fällen, die aufgrund von Sachver-
schlägt. Dies soll durch die Einstufung 1–2 haltsschilderungen wie „schlagen“, „treten“,
verdeutlicht werden. „zusammenschlagen“ oder ähnliches ohne
zusätzliche Angaben – getroffene Körperre-
Mit diesem Verfahren konnten einige gion, Tatmittel – keine weiteren Tatschwere-
rechts/links-Unterschiede herausgestellt wer- differenzierungen ermöglichte.
den: Die Anteile rechter Gewalttaten mit
hochwahrscheinlich akut lebensbedrohlichen Betrachtet man die Gewalttaten nach der
Einwirkungen (1) beliefen sich in Sachsen Präferenz bestimmter Handlungsweisen, so
auf 21 %, in NRW auf 11,2 %. Mit gewisser
Wahrscheinlichkeit lebensbedrohliche Ein-
❙15  Vgl. ebd., S. 169–173.
wirkungen (1–2) lagen in Sachsen bei 18,5 % ❙16  Erhebungsbasis waren anonymisierte Datensätze
und in NRW bei 15,3 %. Herausragend bru- der BKA-Datei „Lagebild/Auswertung politisch mo-
tale Vorgehensweisen rechter Gewalttäter tivierter Straftaten (LAPOS)“ mit Kurzsachverhalten.

APuZ 44/2010 15
zeigt das rechte Aufkommen wie auch schon liegend weiter getreten. Der Anteil solcher
bei den Erhebungen in Sachsen und NRW Taten lag rechts bei 13 %, links bei knapp
ein deutliches Übergewicht des direkten An- 5 %.
griffs auf die Person aus nächster Nähe. Da-
bei liegt die akut lebensbedrohliche Tatvari-
ante Kopfschlag mit Gegenstand (1) an erster Fazit
Stelle, gefolgt von Faustschlag auf Kopf ohne
weitere Angabe (2–3), Tritten auf am Boden Die Betrachtungen verweisen zuvorderst auf
Liegende (1–2) und Stein- und Flaschenwür- einen bedenklich hohen Anteil lebensbe-
fen (1–2). Bei den akut lebensbedrohlichen drohlicher rechtsextremer Gewalt, bei der es
Tatbegehungen (1, n=111) lag das Themenfeld oft lediglich situativen Zufälligkeiten überlas-
Fremdenfeindlichkeit knapp vor der Kon- sen bleibt, ob das Opfer zu Tode kommt oder
frontation gegen links und sonstige politi- nicht. Diese Charakteristik hat sich seit den
sche Gegner, bei den bedingt lebensbedroh- 1990er Jahren offenbar nicht verändert. Seit
lichen Varianten (1–2, n=111) verhielt es sich 2001 verteilen sich diese schweren Gewaltde-
umgekehrt. likte etwa zu gleichen Teilen auf die gegen Mi-
granten und Randgruppen gerichtete Hassge-
Der rechts/links-Vergleich zeigt ähnliche walt und die Konfrontation gegen linke und
Konturen wie die vorangegangene Unter- sonstige Gegner. Bei der linken Gewalt ist
suchung: Der sich hauptsächlich aus Stein-/ die akute Dimension der Lebensbedrohlich-
Flaschenwürfen speisende Schweregrad 1–2 keit zwar geringer ausgeprägt, sie ist aber an-
steht mit 33,6 % an erster Stelle, akut lebens- zutreffen. Auch im linken Phänomenbereich
bedrohliche Handlungsweisen (1) stehen an scheint es Kontinuitäten von Tötungsbereit-
vierter Stelle. Allerdings liegt dieser Anteil schaften zu geben: kaum überraschend am
mit knapp 10 % deutlich höher als die zu- häufigsten im eskalationsträchtigen Feld der
vor ermittelten niedrigen Werte für Sachsen Konfrontation gegen rechts. Darüber hinaus
(2 %) und NRW (6 %). Die Differenz dürfte ist die Polizei am zweithäufigsten betroffen,
sich dadurch erklären, dass bei der bundes- dies insbesondere wieder in jüngerer Zeit.
weiten Auswertung Zentren der Linksmili- Auch die Tatsache, dass das Jahr 2009 die seit
tanz – vor allem Berlin und Hamburg – ein- der PMK-Erfassung höchste Zahl linker ver-
geflossen sind. suchter Tötungsdelikte aufweist – sechs von
sieben gegen die Polizei gerichtet – lässt auf-
Der rechts/links-Vergleich präferierter horchen. Zwei der Sachverhalte betrafen die
Handlungsweisen zeigt die bereits bekann- unter Linksmilitanten bevorzugte Hand-
ten Unterschiede: Beim linken Gewalthan- lungsweise des Stein-/Flaschenwurfs  – ein
deln steht zunächst der Stein-/Flaschenwurf Hinweis darauf, dass sich mancherorts ge-
im Vordergrund. Das für den rechten Phä- pflegte Bagatellisierungen dieses Verhaltens
nomenbereich typische face to face-Gewalt- verbieten sollten.
handeln ist zwar auch anzutreffen, prägt aber
nicht das Bild. Die Mehrheit der mit akut le- Insbesondere wenn politisch motivier-
bensbedrohlichen Einwirkungen (1, n=41) te Gewalt mit Leib und Leben bedrohender
vorgetragenen Gewalttaten fand sich im Feld Intensität vorgetragen wird, besteht Grund
der Konfrontation gegen rechts, wobei in zu öffentlicher Besorgnis. Daher wäre ein
fünf Fällen Polizeibeamte betroffen waren. auf Dauer gestelltes solides Monitoring von
Die bedingt lebensbedrohlichen Akte (1–2, Tötungsdelikten und lebensbedrohlichen
n=140) fanden mehrheitlich im Themenfeld Handlungsweisen äußerst wünschenswert.
der Konfrontation gegen rechts statt, der Die Erkenntnisse könnten dann mit Ver-
zweitgrößte Anteil lag in der Thematik Si- laufsanalysen – Gibt es Veränderungen der
cherheitsbehörden. In 74 Fällen war die Po- Brutalitäten? – und Betrachtungen von he-
lizei Angriffsziel. Ein weiterer Unterschied rausragenden Handlungsmustern und Ge-
findet sich bei der Häufigkeit von Mehrfach- waltsequenzen – Wo dominieren Initial-, wo
begehungen, womit gemeint sein soll, dass Reaktionstaten? Wo bilden sich besonders
zwei oder mehrere schwere Tateinwirkungen gewaltträchtige Konstellationen heran? – ver-
hintereinander erfolgen. Ein klassisches Bei- tieft werden.
spiel hierfür: Das Opfer wird mit Kopfschlä-
gen zu Boden gebracht und dann am Boden

16 APuZ 44/2010
Ulrich Dovermann · Eren Güvercin mit Themen gibt, welche große Teile der Ge-
sellschaft verstärkt beschäftigen? So, wie wir
„Auf Fragen von vom Rechtsextremismus in der Mitte der Ge-
sellschaft sprechen, müssen wir uns fragen,

Extremisten reagie- ob es auch Tendenzen gibt, die andeuten, dass


sich in der Mitte der Gesellschaft auch Links-

ren können.“ Eren


extremismus ausbreitet: Gibt es Themen rund
um Revolution, Sozialismus, klassenlose Ge-
sellschaft und weltweite Gerechtigkeit, die
Güvercin im Gespräch jetzt zu großer Aktualität aufwachsen, und
die geeignet sind, die politische Kultur insge-

mit Ulrich Dovermann samt zu beeinflussen?

Auch das Terrorismus-Schema müsste auf-


gelöst werden: Ein Islamist ist nicht primär
Eren Güvercin: Extremismus gilt als Gefähr- jemand, der eine Bombe wirft, sondern je-
dung der öffentlichen Sicherheit. In den ver- mand, der den Koran in die Mitte seines Le-
gangenen Jahren rückten der Linksex­tremismus bens stellt und ihn zum Leitfaden seines
und der Islamismus in Alltags macht. Es gibt tolerante wie auch in-
Ulrich Dovermann den Vordergrund. Wie tolerante Islamisten. Ich muss als Nichtmos-
Leiter des Fachbereichs „Extre- hoch ist die Gefahr, die lem und als Mitglied dieses Gemeinwesens
mismus“ der Bundeszentrale von diesen Strömungen einem Islamisten durchaus die Frage stellen
für politische Bildung; ausgeht, und welche dürfen, ob er in Konflikt mit meiner Lebens-
Adenauerallee 86, 53111 Bonn. Anknüpfungspunkte führung kommen kann, und wenn ja, wie
dovermann@bpb.de für die politische Bil- wir diesen Konflikt lösen wollen. Religion
dungsarbeit gibt es? ist auf Dauer zu einem politischen Thema in
Eren Güvercin Deutschland geworden, und dann sollen wir
M. A., geb. 1980; arbeitet als Ulrich Dovermann: uns diesem Thema auch stellen.
freier Journalist unter anderemEine realistische Ein-
für „Deutschlandfunk“, „Der schätzung ihres Ge- Viele Stimmen kritisieren die Neuordnung
Freitag“, „Neue Zürcher Zei-
fährdungspotenzials der Extremismusprogramme und sprechen
tung“ und „Qantara.de“. liegt in der Zuständig- von einer „Extremismusverwirrung“. Wer-
http://erenguevercin.keit der entsprechen- den linke und antifaschistische Initiativen,
wordpress.com den Dienststellen wie gegen Nazis beispielsweise, durch diese Neu-
des Verfassungsschut- ordnung kriminalisiert?
zes, der Polizei, des Staatsschutzes und der
Ministerien des Inneren. Selbst wenn das Ge- Dovermann: In der Tat gibt es viele Pro-
fährdungspotenzial linksextremistischer und gramme gegen Extremismus. Für Außenste-
islamistischer Gruppierungen in Deutsch- hende kann das verwirrend sein. Man muss
land heute nicht wesentlich höher ist als vor allerdings trotz der Neuordnung der Pro-
einigen Jahren, erleben wir dennoch eine er- gramme unterstreichen, dass Rechtsextre-
höhte Wahrnehmungsdichte in dem Sinne, mismus nach wie vor den Schwerpunkt der
dass stärker auf diese Probleme hingewiesen politischen Bildungsarbeit bildet. Die Mittel
und darüber berichtet wird. wurden in ihrer Gesamtheit nicht gekürzt.
Der Linksextremismus wurde als zusätzli-
Aber für die politische Bildung ist die Fra- cher Schwerpunkt hinzugefügt, und es wur-
ge der Staatsgefährdung gar nicht die ent- de bislang in der Tat nicht genau definiert,
scheidende – sie gehört in den Bereich der Si- was darunter zu verstehen ist. Ist eine De-
cherheitsapparate. Für die politische Bildung monstration vor einem Weltwirtschaftsgipfel
ist entscheidend, welche Inhalte im Extremis- automatisch „links“? Ist die Blockade eines
mus eigentlich diskutiert und inwieweit diese Castor-Transports „links“? Ist die Auseinan-
in der Gesellschaft wahrgenommen und rezi-
piert werden. Die Ausgangsfrage, die wir an Die Meinung des Interviewten gibt nicht notwendi-
die politische Bildung und die Gesellschaft gerweise die Meinung der Bundeszentrale für politi-
richten müssen, ist die, ob es tiefgreifende sche Bildung wieder. Das Gespräch fand am 14. Ok-
Veränderungen mit Blick auf den Umgang tober 2010 in Bonn statt.

APuZ 44/2010 17
dersetzung um einen Baum „links“? Oder gibt eine „Rasse“, ein Volk begrenzen. Sie wollen
es nicht andere Typologien von Extremismus, Geschichte darauf zuschneiden, dass völki-
die sich jenseits der rechts-links-Diskussion sche Identitäten entstehen. Linksextremisten
entfalten? Die Vermutung wäre, dass es der haben die Exklusionen dieser Welt als Unge-
politischen Kultur nicht zuträglich ist, wenn rechtigkeit vor Augen und versuchen, sie auf-
alle Formen von Protest, die nicht eindeutig zubrechen. Sie führen einen Kampf mit der
rechtsextremistisch oder islamistisch moti- Macht, die manchen Menschen Privilegien
viert sind, unter dem Begriff „links“ zusam- zugesteht und anderen nicht.
menfasst werden. Doch muss man mit Blick
auf die offzielle Sprachregelung auch dazu sa- Die größte Gemeinsamkeit ist, dass Ex­
gen, dass sie die Begriffe Links- und Rechts- tremisten generell behaupten, in einer Not-
extremismus sparsam nutzt. Sie hat ein Gene- wehrsituation zu sein. Sie haben ein Bild
ralwort eingeführt, der heißt „Extremismus“, von der Welt vor Augen, das sie in tiefe Ver-
und wir müssen uns fragen, ob dieses Wort zweiflung stürzt. Die so wahrgenomme-
zweckmäßig ist. nen Zustände bedrängen diese Menschen so
sehr, dass sie glauben, sich wehren zu müs-
Bei Demonstrationen ist immer öfter die sen. Das ist ihre Legitimation für Gewalt.
Rede vom „schwarzen Block“. Sind Autono- Wir müssen in der politischen Bildung viel
me automatisch linksextrem? mehr als bisher auf diese Notwehrfrage ein-
gehen und die Bedrängung von Menschen
Dovermann: Gewiss nicht, wenn man be- wahrnehmen, die glauben, dass Politik ihre
denkt, dass es innerhalb der Autonomenszene Probleme nicht löst und ihre Zukunftswün-
beispielsweise auch autonome Nationalisten sche nicht erfüllt. Weitere Berührungspunk-
gibt, die dem rechtsextremen Lager zuzuord- te gibt es auch mit Blick auf die Strategien
nen sind. Diese werden seit mindestens zwei und A­ ktionsformen.
Jahren als Problemgruppe wahrgenommen,
und sie sind mit Delikten in der Statistik der Das Bundesamt für Verfassungsschutz geht
„Politisch motivierten Kriminalität“ (PMK) in seinem Bericht für das Jahr 2008 von rund
aufgetaucht. Das Interessante an den schwar- 31 000 Personen mit Linksextremismuspoten-
zen Blocks ist ihre Sogwirkung: Die Strate- zial aus, im Vergleich zu etwa 35 000 Perso-
gien, die Symbole und die Verhaltensweisen nen mit Islamismus- und 31 000 Personen mit
einer ursprünglich linken Form des Protests Rechtsextremismuspotenzial. Wie deuten Sie
ist offensichtlich für andere Protestgruppen diese Zahlen?
so attraktiv, dass sie sich in die schwarzen
Blocks hineinbegeben, die gleichen Protest- Dovermann: Man muss mit diesen Zahlen
formen verwenden und vielleicht sogar über sehr sorgfältig umgehen. Sie stellen weniger
die Gleichheit der Protestform auch zu einer das gesellschaftliche Gefährdungspotenzi-
Gleichheit der Protestinhalte kommen. Das al in seiner Gesamtheit dar, als das, was po-
ist nicht als ideologische Nähe zu verstehen. lizeiliche Meldestellen an die entsprechen-
Antiamerikanisch beispielsweise können so- den Gremien weitergeben. Diese Zahlen sind
wohl Linksextreme als auch Rechtsextreme mit hohen Dunkelziffern belastet, da viele
sein. Ihre Motive mögen verschieden sein, aber Taten und Ereignisse aus den unterschied-
in der Ausdrucksform bleibt der Inhalt sehr lichsten Gründen bei der Polizei erst gar
ähnlich. Diese können als Gemeinsamkeiten nicht registriert werden, beispielsweise weil
und Berührungspunkte bezeichnet werden sie die Betroffenen aus Angst nicht zur An-
oder aber auch als Unübersichtlichkeit. zeige bringen. Die handelnden Personen in
den Sicherheitsapparaten stellen die Statis-
Wo liegen sonst noch Gemeinsamkeiten tiken zwar sehr behutsam zusammen, den-
und Unterschiede von Links- und Rechts­ noch lässt sich das Problem des Extremismus
extremismus? in der Gesellschaft mit Formen und Formeln
der Statistik nicht eindeutig beschreiben. Die
Dovermann: Der große Unterschied be- Zahlen lassen kaum Rückschlüsse auf die tat-
steht darin, dass Rechtsextremisten exklu- sächliche Verbreitung extremen Gedanken-
siv und Linksextremisten inklusiv denken guts zu. Hierfür benötigen wir die Ergebnis-
und handeln. Rechtsextremisten wollen Po- se der Forschung, die sich auf die Verbreitung
litik, Rechte und Lebensmöglichkeiten auf rechtsextremen Gedankenguts und auch ent-

18 APuZ 44/2010
sprechender Handlungspotenziale konzen- bringen, wie einen Migranten oder Homo-
triert, wie die Studien von Oliver Decker und sexuellen anzugreifen. Man muss hinter die
Elmar Brähler. Auch bei den Untersuchun- Gewalt schauen und sehen, dass Rechtsextre-
gen von Wilhelm Heitmeyer, Richard Stöss misten ihre Gewalt gegen die „Schwachen“
und anderen sehen wir, dass antisemitische, richten, Linksextremisten aber gegen das, was
rassistische, exkludierende und menschen- sie als Machtsymbole wahrnehmen. Dazu ge-
feindliche Einstellungen und Handlungs- hören Polizeibeamte oder auch „Luxuslimou-
muster in unserer Republik sehr viel weiter sinen“, die Reichtum und Kapitalismus – in
verbreitet sind, als es eine Kriminalstatistik ihrer Logik Unterdrückung und Ausbeutung
abbilden kann. der Schwächeren – symbolisiert. Das ist kei-
ne moralische Wertung, sondern eine für den
Vergleichbares lässt sich von „Links“ nicht Diskurs wichtige analytische Unterscheidung
sagen, aber nicht deshalb, weil es hier kein zwischen dem, wogegen sich die Gewalt rich-
extremistisches Gedankengut gäbe, sondern tet und wodurch sich der jeweilige Extremis-
weil die Gegenstände der linken Debatten mus bedroht fühlt: Die einen behaupten, sie
eher gesamtgesellschaftliche Fragen aufgrei- richten sich gegen die Macht, die Gerechtig-
fen wie die Gerechtigkeitsfrage, Umwelt- keit verhindere, und die anderen behaupten,
und Klimaschutz oder die Gefahren, die vom sie richten sich dagegen, dass Migranten un-
„Kapital“ ausgehen. Das sind Themen, die in ser Sozialsystem ausbeuten würden.
der Gesellschaft breit diskutiert werden und
daher kaum Rückschluss über linksextreme Die Grenze zwischen „linken“ Debatten
Haltungen erkennen lassen. Zu Extremis- und dem Linksextremismus liegt eher da, wo
ten werden die Protagonisten dieser Debat- politisch handelnde Menschen in kleinen, in-
ten weniger über die Themen als über die Art transparenten Zirkeln Konzepte und Gesell-
und Weise, wie sie versuchen, die Themen in schaftsentwürfe entwickeln, ohne sie auch
den politischen Diskurs einzubringen. nur ansatzweise mit anderen Teilen der Be-
völkerung diskutiert zu haben oder disku-
Heißt das, wenn sie Gewalt anwenden, um tieren zu wollen. Da, wo politische Gruppen
ihre Ideen zu verwirklichen? wie „Sektenführer“ behaupten, ihr Gesell-
schaftsentwurf sei die einzig legitime Wahr-
Dovermann: Gewalt ist eine schwierige Ka- heit und die Gesellschaft müsse dahin geführt
tegorie, um eine Grenze zum Extremismus und umerzogen werden, notfalls mit Gewalt,
zu ziehen. Sie eignet sich dafür, eine Gren- fängt für mich Extremismus an. Mit anderen
ze zur Kriminalität zu ziehen, aber nicht al- Worten: Wenn die Bereitschaft zum Diskurs
les, was kriminell ist, ist politisch. Und nicht mit der Gesellschaft unterbrochen und er-
alles, was politisch ist, ist kriminell. Die Ge- setzt wird durch eine Behauptung von Wahr-
walt ist sicherlich ein Indikator, den man ein- heit, die nicht mehr diskutierbar ist und sich
rechnen muss. Übrigens auch die Androhung damit gesellschaftlichen Aushandlungspro-
von Gewalt und nicht nur die Ausübung: Ein zessen, die konstitutiv sind für die freiheitli-
schwarzer Block hat – auch wenn keine un- che demokratische Ordnung, entzieht.
mittelbare Gewalt angewendet wird – eine ge-
walttätige Wirkung. Das gleiche gilt für eine Ist die Ablehnung der Wirtschaftsordnung
Nazi-Demonstration. Daher unterscheiden und des „Kapitalismus“ ein Indiz für die Ab-
die Sicherheitsbehörden aus guten Gründen lehnung der freiheitlichen demokratischen
zwischen politisch motivierter Kriminalität Grund­ordnung?
und Extremismus. In den unterschiedlichen
Kapiteln der jeweiligen Berichte wird diese Dovermann: Die Wirtschaftsordnung der
Unterscheidung dadurch deutlich gemacht, Bundesrepublik Deutschland ist nicht Ge-
dass auf der einen Seite die Parteien, ihre me- genstand der Kriterien, die das Bundesver-
diale Vernetzung und Parolen wie etwa Äu- fassungsgericht im Jahr 1952 als kennzeich-
ßerungen von Spitzenfunktionären stehen, nend für die freiheitliche demokratische
und auf der anderen Seite die unmittelbare Grundordnung benannt hat. Diese acht Kri-
Gewaltanwendung von Extremisten. terien sind die Menschenrechte, die Volks-
souveränität, die Gewaltenteilung, die
Dabei ist es ebenso verwerflich, Polizei- Verantwortlichkeit der Regierung, die Ge-
beamte mit einer Brandflasche in Gefahr zu setzmäßigkeit der Verwaltung, die Unabhän-

APuZ 44/2010 19
gigkeit der Gerichte, das Mehrparteienprin- Jan Schedler
zip und die Chancengleichheit der Parteien
einschließlich der Oppositionsfreiheit. Das
Grundgesetz bietet in den Artikeln 14 und
„Autonome
15 ausdrücklich die Möglichkeit der Verge-
sellschaftung und Verstaatlichung. Dagegen
ist der absolut freie Verkehr von Geld und
­Nationalisten“
Waren – wenn man Kapitalismus so urlibe-
ralistisch verstehen will – nicht Gegenstand
unserer Verfassung, die an vielen Stellen Ein-
schränkungen des Eigentumsrechts und des
D as Bild neonazistischer Demonstrationen
hat sich in den vergangenen acht Jahren
gewandelt. Auf den ersten Blick erinnert we-
„Kapitalismus“ vorsieht. Deshalb wäre auch nig an das in der Ver-
die Behauptung, dass jeder, der sich kritisch gangenheit für dieses Jan Schedler
zum Kapitalismus äußert, linksextremistisch Spektrum stilbilden- Dipl.-Soz. Wiss., geb. 1977;
sei, nicht mehrheitsfähig. de Auftreten. Schwarz Wissenschaftlicher Mitarbeiter
vermummt drängen an der Fakultät für Sozialwis-
Heruntergebrochen auf Einzelfragen be- sich Jugendliche hinter senschaft der Ruhr-Universität
wegt sich beispielsweise die Forderung nach bunten Transparenten, Bochum, Universitätsstraße 150,
Verstaatlichung der Banken – unabhängig anstelle von Fraktur- 44801 Bochum.
von der Frage ihrer Zweckmäßigkeit  – in schrift und Runen tre- jan.schedler@rub.de
der Tat im Grenzbereich zwischen extre- ten zeitgemäße Gestal-
mistischen und noch tragfähigen Ansichten. tungsformen mit bekannten Comicfiguren.
Aber Personen, die eine Verstaatlichung Verwendete Slogans wie „Capitalism kills“
des Bankenwesens fordern, sind eine Her- oder „Gegen Krieg und Kapitalismus“ werden
ausforderung, auf welche die Gesellschaft in der Regel eher mit der politischen Linken
auch auf diskursiver Ebene reagieren muss. assoziiert. „Autonome Nationalisten“ (AN)
Nichtkonforme Positionen müssen zwar da- nennen sich diese jugendlichen Neonazis, die
mit rechnen, dass sie infrage gestellt wer- sich nicht nur mit ihrer Selbstbezeichnung,
den und unter Rechtfertigungsdruck gera- sondern vor allem in ihren stilistischen und
ten, dennoch müssten alle das Recht haben, ästhetischen Praxen wie ihren Aktionsformen
eine solche Herausforderung für die Ge- an den linken Autonomen orientieren. ❙1 AN
sellschaft zu sein, solange sie nicht mit Ge- sind eine Subform der sogenannten „Freien
walt drohen. Die Gruppen, die alternative Kameradschaften“ oder auch „Freien Natio-
Wege jenseits des politisch-fachlichen Main- nalisten“. Diese entstanden Mitte der 1990er
streams diskutieren wollen, sollten das tun Jahre in Reaktion auf die Verbote zahlreicher
können, aber öffentlich und nicht in klan- extrem rechter Organisationen. Während sich
destinen Sekten. Umgekehrt muss auch der ein Teil der Neonazis in der Nationaldemo-
politisch-fachliche Mainstream in der Lage kratischen Partei Deutschlands (NPD) sam-
sein, im Umgang mit diesen Gruppen sach- melte, wandten sich viele von den traditionel-
lich zu argumentieren. Grundsätzlich geht len Strukturen der bislang vor allem in Par-
es bei den geistigen Auseinandersetzungen teien und parteiähnlichen Vereinigungen or-
darum, sich den Themen zu stellen, welche ganisierten Szene ab. Stattdessen organisierte
Extremisten jeglicher Couleur an und in die man sich in kleinen, lose strukturierten Grup-
Gesellschaft herantragen, und auf die ge- pen auf lokaler Ebene, den Kameradschaften.
sellschaftlichen Herausforderungen bessere Diese unabhängigen Gruppen vernetzen sich
„Lösungen“ und Antworten zu finden. Das häufig regional in Aktionsbüros oder Aktions-
ist nicht immer einfach, da sich Extremisten bündnissen. Angelehnt an die Organisations-
dadurch auszeichnen, dass sie einfache Lö- struktur der radikalen Linken zielen sie darauf
sungen propagieren. Die Gesellschaft muss ab, für staatliche Repression weniger angreif-
lernen, auf die Fragen und Argumente der bar zu sein. Trotz einer regional unterschied-
Extremisten reagieren zu können. Das ist lich stark ausgeprägten Zusammenarbeit mit
das zentrale Motiv, weswegen ich versuche der NPD bestehen die mehr als 120 Kamerad-
Extremismus und politische Bildung zusam- schaften auf ihrer Eigenständigkeit.
menzubringen.
❙1  Vgl. Jan Schedler/Alexander Häusler (Hrsg.), „Au-
tonome Nationalisten“, Wiesbaden (i. E.).

20 APuZ 44/2010
Die neuen Strukturen eröffneten der Sze- durch ihre gestiegenen Aktivitäten erhalten
ne Möglichkeiten, neue Personenkreise für hätten, wird als wesentlicher Faktor für den
den Neonationalsozialismus zu gewinnen – erneuten Anstieg des neonazistischen Perso-
speziell Jugendliche, die von den für Partei- nenpotenzials gewertet. Den AN selbst sei-
en typischen Regularien eher abgeschreckt en davon mehr als zehn Prozent zuzurech-
werden. Zeitgleich entwickelte sich eine ins- nen, womit sich die Anhängerschaft dieser
besondere in den ostdeutschen Bundeslän- Strömung innerhalb von nur vier Jahren zu-
dern stark ausgeprägte extrem rechte Jugend- mindest verdreifacht hätte. ❙3 Eigenen Analy-
kultur, welche sich ausdifferenzierte und sich sen zufolge dürfte die tatsächliche Zahl noch
heute auch der Codes anderer Jugendkultu- deutlich höher liegen. In fast allen Bundeslän-
ren als jener der Skinheads bedient. dern existieren gegenwärtig neonazistische
Strukturen, die den AN zuzurechnen sind,
allerdings handelt es sich zum Teil um verein-
Genese der „Autonomen Nationalisten“ zelte Kleingruppen. Regionale Schwerpunk-
te liegen vor allem in Nordrhein-Westfalen,
Hatte sich das zuvor recht überschaubare op- Südwestdeutschland und im Großraum Ber-
tische Erscheinungsbild durch diese Entwick- lin. Während es sich lange Zeit um ein Phäno-
lung bereits diversifiziert, so waren es im Jahr men der westlichen Bundesländer handelte,
2002 Neonazis aus dem Berliner Kamerad- so haben sich inzwischen auch in den ost-
schaftsspektrum, die sich nicht nur in ihrem deutschen Ländern entsprechende Gruppen
Äußeren verstärkt an der radikalen Linken ori- gebildet. Nachahmung findet das Phänomen
entierten, sondern auch mit der provokativen inzwischen auch im europäischen Ausland.
Selbstbezeichnung als „Autonome Nationa-
listen“ Bezug nahmen auf die Autonomen und
deren militantes Selbstverständnis. Einerseits Selbstverständnis
frustriert von den eingefahrenen Ausdrucks-
formen der neonazistischen Szene und deren Das Selbstverständnis der „Autonomen Na-
kultureller Limitierung, andererseits fasziniert tionalisten“ ist gekennzeichnet durch eine
von der jugendkulturell wesentlich zeitgemä- spezifische Kombination von rebellischer At-
ßeren Ästhetik, aber auch den Aktionsformen titüde und revolutionärem Pathos. Leitlinien
der linksradikalen Szene vor Ort, begannen wie „Revolutionär – statt Reaktionär“ ❙4 oder
Neonazis, vor allem aus dem Umfeld der Ka- „Während andere noch reden, handeln wir.
meradschaft Tor, sich Stilelemente des poli- Autonom“ ❙5 zeugen sowohl von der Abgren-
tischen Gegners anzueignen. Hierin liegt das zung gegenüber dem tradierten Auftreten der
eigentliche Novum, war doch der Vorbildcha- extremen Rechten als auch der Selbststilisie-
rakter der Autonomen hinsichtlich ihrer Orga- rung als revolutionäre Elite. Es sind vor al-
nisationsstrukturen und ihrer Aktionsformen lem jüngere Neonazis, die den eingefahrenen
bereits Mitte der 1990er Jahre von führenden Mustern der eigenen Szene entsagen und sich
Köpfen der neonazistischen Szene diskutiert in individueller Selbstdarstellung wie kol-
worden. In expliziter Ablehnung der von ihnen lektiver Außendarstellung im Kontext poli-
als reformistisch verachteten NPD griffen zu- tischer Veranstaltungen radikal am Zeitgeist
nächst jüngere Neonazis aus Nordrhein-West- ausrichten. Sie verstehen sich selbst als Trend-
falen den neuen Ansatz auf und bezeichneten setter in der extremen Rechten, als szenein-
sich ebenfalls als „Autonome Nationalisten“. terne Avantgarde, als neu und innovativ. „Wir
waren was Neues, wir waren was Junges, wir
Nur die wenigsten Gruppen der AN lassen waren viel revolutionärer als die Anderen“,
sich schon durch ihre Eigenbezeichnung die- erklärt ein ehemaliger AN rückblickend. ❙6
sem Flügel des Neonazismus zurechnen. Ent- „Veraltete Parolen, angelehnt an vergangene
sprechend schwierig gestaltet sich eine zuver-
lässige Einschätzung des Personenpotenzials. ❙3  Vgl. BMI (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2006,
Das Bundesministerium des Innern schätzt Berlin 2007, S. 60.
die Gesamtzahl organisierter Neonazis auf ❙4  AN Wolfenbüttel/Salzgitter, o. J., online: www.an-
wfsz.info/politischetheorie/anwfsz.pdf (10. 7. 2010).
5000, ❙2 insbesondere der Zulauf, den die AN
❙5  AN Südthüringen, o. J., online: www.netzwerk-­
th.de/­~ansued/ (28. 11. 2008).
❙2  Vgl. Bundesministerium des Innern (BMI) (Hrsg.), ❙6  Interview im Rahmen eines eigenen Forschungs-
Verfassungsschutzbericht 2009, Berlin 2010, S. 62. projekts.

APuZ 44/2010 21
Parteiprogramme oder verstaubte Bücher“ Die im Mittelpunkt stehende Adaption von
entsprächen einfach nicht dem ­Zeitgeist. ❙7 Ausdrucksformen der Linken korrespon-
diert dabei nicht mit einer ideologischen Fle-
Stattdessen bedient man sich gezielt einer xibilisierung. Zwar bedienen sich die AN mit
Enteignung und Adaption von Symbolik und Transparentaufschriften wie „Kapitalismus
Aktionsformen der radikalen Linken. Die abschaffen“ oder „Freiheit für alle – aus dem
Nutzung der Selbstbezeichnung als Autonome System ausbrechen“ semantischer Anleihen
geht einher mit einem Prozess des Kopierens beim politischen Gegner. Tatsächlich ver-
und des extrem rechten Rekodierens von Aus- suchen sie, Deutungskämpfe um politische
drucksformen der linksradikalen Autonomen. Themenfelder zu führen, die traditionell von
In der politischen Praxis findet diese Selbstin- der Linken besetzt sind. Kern ihrer Agitation
szenierung ihren Ausdruck beispielsweise in sind mit völkischem Antikapitalismus und
Transparenten, die an Stelle von Runen und Antisemitismus zentrale Ideologieelemente
Frakturschrift Slogans setzen wie „Ya basta! des Nationalsozialismus, welche die AN mit
Es reicht!“. Galten Gegenwart und Zeitgeist in Blick auf gegenwärtige Feindbilder und Res-
der neonazistischen Szene zuvor als dekadent, sentiments zu aktualisieren suchen, um sich
individualistisch und eine Orientierung an auf diese Weise neue Zielgruppen zu erschlie-
eben diesen als absoluter Gegensatz zur ange- ßen. Inhaltlich handelt es sich nicht um eine
strebten Volksgemeinschaft nach historischem Modernisierung, sondern um eine Aktuali-
NS-Vorbild, so brachen die AN mit dieser Tra- sierung von – im Kern unveränderten – ideo-
dition kultureller Limitierung und erklärten, logischen Deutungsangeboten. Außerdem
ihnen sei zur Erreichung der eigenen politi- verfolgen die AN mit den gewandelten Dar-
schen Ziele jedes Mittel recht. Während NPD stellungsformen eine Strategie der Dekontex-
und klassische Kameradschaften sich als wah- tualisierung, indem sie in der Vermittlung ih-
re Vertreter eines imaginierten Volkswillens rer politischen Ziele gezielt versuchen, diese
verstehen, sich als diejenigen sehen, die den von ihren historischen und ideologischen Zu-
Unmut einer schweigenden Mehrheit verkör- sammenhängen zu ­entkoppeln.
perten und auf die Straße trügen, sind die Ak-
tivitäten der AN häufig von einem antibürger-
lichen und provokativen Habitus geprägt. Adaption der Ästhetik
Die Modernisierung extrem rechter Agitation
Ideologie durch die AN ist daher vor allem eine stilis-
tische und ästhetische Neuerung. Durch die
Allen ästhetischen und semantischen Anlei- AN erfuhr die kulturelle Limitierung eine
hen aus der radikalen Linken zum Trotz ist Entgrenzung: „Es gab damals (…) gewisse
diese Abgrenzung nicht ideologischer Natur, Zwänge. (…) Als Nazi hat man sich so und so
wie „Autonome Nationalisten“ angesichts zu kleiden, man hat das und das zu essen, man
andauernder Kritik aus den eigenen Reihen hat die und die Musik zu hören. Und, das war
nicht müde werden zu betonen. Es handele bei diesem AN-Konzept halt eben nicht so.
sich lediglich um eine Aktionsform, die sich Man konnte sich anziehen, wie man wollte,
in den vergangenen Jahren entwickelt habe, man konnte essen was man will, man konn-
nicht jedoch um eine eigene Weltanschauung: te Musik hören, was man möchte und muss-
„Der Autonome Nationalismus bezeichnet te nur diese Ideologie propagieren. (…) Also
eine Agitationsform, welche sich die letzten man konnte leben wie man will, man konn-
Jahre innerhalb der nationalen Bewegung te alternativ, cool, locker irgendwie leben und
entwickelt hat. Eine eigene Weltanschauung gleichzeitig Nazi sein“, erklärt ein ehemali-
o. Ä. ist mit AN nicht gemeint.“ ❙8 ger Neonazi. ❙9 Die durch die AN gesteigerte
Verbreitung zeitgemäßer Bekleidungsformen
❙7  AN Gladbeck, o. J., online: www.ag-ruhr-mit- aus der links-alternativen Jugendkultur dürf-
te.info/​A ktionsgruppe%20Ruhr-Mitte/index.html te daher bedingt sein durch den Wunsch der
(10. 1. 2008). Einzelnen nach mehr Individualität. Gleich-
❙8  Bundesweit genutztes Positionspapier der AN, o. J.,
zeitig ist dies eine Folge der gestiegenen Po-
online: www.logr.org/fnmitte/?page_id=37 (14. 4. 2010),
http://bayerischeruntermain.wordpress.com/ueber-
uns/der-autonome-nationalismus-eine-agitations- ❙9  Interview im Rahmen eines eigenen Forschungs-
form/ (13. 9. 2010). projekts.

22 APuZ 44/2010
pularität der Musikrichtung des sogenannten aus ihrem ursprünglichen politischen Kontext
National-Socialist Hardcore (NSHC), der gerissen beziehungsweise auf einzelne Aspek-
sich am für die linke Szene stilbildenden Life- te reduziert, um diese in neonazistischem Zu-
style der Hardcore-/Punk-Szene ausrichtet. sammenhang nutzbar zu machen und neu zu
Der von den AN adap­tierte Style – Cargo- besetzen. Gezielt versucht man auf diese Wei-
hosen, Kapuzenpullover und Button-besetz- se insbesondere junge Menschen für die rech-
te Basecaps – ist inzwischen in der neonazis- te Szene zu interessieren, die sich unabhängig
tischen Szene weit verbreitet. Ungeachtet der von den politischen Inhalten durch Ästhe-
jugendkulturellen Motive erklären die AN tik und Codes der Linken angezogen fühlen:
diese Praxis zur politischen Strategie. Gezielt „Diese ‚Autonomen‘ kopieren den Stil und die
versucht man sich abzugrenzen vom gängi- Aufmachung der linken Strukturen und von
gen Medienbild und bemüht sich, den Ein- linken bisher agitierten Jugendkulturen, dabei
druck zu vermitteln, Äußerlichkeiten spiel- werden die bekannten Symbole und Outfits
ten für eine Partizipation überhaupt keine mit unseren Inhalten besetzt und in unserem
Rolle: „Wir sind keine gewalttätigen arbeits- Sinne interpretiert. (…) Mittels dieses Auftre-
losen Schläger mit Glatze und Stiefeln, wie es tens besteht die Möglichkeit sozusagen uner-
in den Medien berichtet wird.“ ❙10 Es sei un- kannt, da dem bekannten Bild des ‚Faschisten‘
wichtig, welche Musik man höre oder welche entgegen laufend, in die bisher von gegneri-
Kleidung man trage; was zähle, sei der per- schen Lagern beherrschten Gebiete vorzudrin-
sönliche Einsatz für die gemeinsame Sache. ❙11 gen, politisch und kulturell. Graffitis sprühen,
unangepasst und ‚hip‘ sein können nicht nur
Auch in ihrer Zeichensprache und Sym- die Antifatzkes, sondern auch wir, damit errei-
bolik orientieren sich die AN an moderner chen wir ein Klientel welches uns bis dato ver-
Popkultur wie auch dem politischen Gegner. schlossen geblieben ist.“ ❙13 Aussteiger betonen
Während die Versuche, das Bild des national- jedoch, das dies nur bedingt Wirkung zeige;
sozialistischen Soldaten in die Gegenwart zu so seien es zumeist ohnehin rechts eingestellte
übertragen, in der Vergangenheit häufig altba- Jugend­liche, die den Weg zu den AN finden.
cken wirkten, wollen die AN die Jugendlichen
dort abholen, wo sie stehen: „Das heißt, dass
wir uns dafür einsetzen alle relevanten Teile Aktionsformen
der Jugend und der Gesellschaft zu unterwan-
dern und für unsere Zwecke zu instrumenta- Die AN propagieren eine strikt antiparla-
lisieren. (…) Ultrakonservatives Gerede kön- mentarische Politik: „Wir glauben nicht da-
nen wir nicht mehr hören.“ ❙12 Zwar wenden ran, dass Wahlen etwas verändern können
sich auch die AN in ihren Verlautbarungen ra- und geben uns nicht der Illusion hin, auf de-
dikal gegen den Zeitgeist, andererseits erfährt mokratischem Wege Veränderungen zu er-
dieser in ihren Selbstinszenierungen eine ge- reichen. Die neue Revolution muss auf der
radezu euphorische Huldigung. Es sind fun- Straße stattfinden“, erklärt beispielsweise
damentale Widersprüche wie dieser, die kenn- die „Aktionsgruppe Rheinland“. ❙14 Entspre-
zeichnend sind für das Phänomen AN, die chend sind die AN sehr aktionistisch ausge-
nach Aussagen ehemaliger Neonazis von den richtet. Ihre politische Praxis ist geprägt von
Akteuren allerdings ausgeblendet werden. einer großen Zahl kleinerer Aktionen, die
sich auch von wenigen Personen durchfüh-
Die häufig bis ins Detail gehende Über- ren lassen. Orientiert an der politischen Lin-
nahme der Symbolik der linken Autonomen ken zählen neben Spontandemonstrationen,
zeigt, dass es sich nicht um reine Anpassung Störungen missliebiger Veranstaltungen oder
an den Zeitgeist handelt. Anfänglich vor al- Gegendemonstrationen auch sogenannte Di-
lem als Provokation gedacht, werden Symbo- rekte Aktionen wie symbolische Hausbeset-
liken und Insignien des politischen Gegners zungen zum Aktionsrepertoire.

❙10  AN Sauerland, o. J., online: http://logr.org/ansauer­ ❙13  Axel W. Reitz, o. T., online: http://freies-forum.net/
land/jugend-zu-uns/ (3. 2. 2010). board/thread.php?threadid=1044 (21. 5. 2004) (diese
❙11  Vgl. Aktionsgruppe Rheinland, o. J., online: www. Webseite ist seit 2005 nicht mehr online), ebenfalls on-
ag-rheinland.info/bereich/werdeaktiv (3. 2. 2010). line: www.netz-gegen-nazis.de/­artikel/das-label-auto-
❙12  Vgl. AN Wuppertal/Mettmann, o. J., online: www. nome-nationalisten (13. 9. 2010).
ab-west.net/anwm.html (21. 5. 2006). ❙14  Aktionsgruppe Rheinland (Anm. 11).

APuZ 44/2010 23
Ihre Aktivitäten sind von der für die AN sche Seinskategorie. ❙15 Die Anwendung von
typische Widersprüchlichkeit gekennzeich- Gewalt gilt daher zumindest in weiten Tei-
net. Einerseits dienen sie vor allem dem Ziel, len des neonazistischen Spektrums als legi-
in Konkurrenz zum politischen Gegner den tim. Während sich NPD und viele Kamerad-
öffentlichen Raum zu besetzen oder sich ge- schaften um ein möglichst gesetzeskonformes
genüber der Staatsmacht zu behaupten. Die Verhalten bemühen, um politische Inhalte an
Erfolge eigener Aktionen werden dement- breite Bevölkerungsschichten zu vermitteln
sprechend häufig an Existenz und Dynamik und unter diesen Sympathisanten zu gewin-
der Reaktionen seitens der radikalen Linken nen, sind den AN solche Bestrebungen fremd.
oder der Polizei gemessen. Im Mittelpunkt Die provokativ zur Schau getragene Gewalt-
stehen zumeist nicht politische Inhalte und bereitschaft und das aggressive Auftreten sind
deren Vermittlung, sondern die Selbstin- zentrale Elemente ihres politischen Selbstver-
szenierung als dynamisch, rebellisch und ständnisses. Ihre ostentative Gewaltbereit-
militant. Andererseits versucht man man- schaft äußert sich nicht nur in rebellischen
cherorts, sich auf lokaler Ebene bürgerlich Parolen wie „Autonom, militant, nationaler
zu geben und realpolitisch zu agieren, was Widerstand“, sondern findet ihren Ausdruck
dazu führt, dass beispielsweise mit den eige- auch in martialischen Darstellungsformen.
nen Graffitiparolen geprahlt und gleichzeitig Gewalt ist jedoch nicht nur ein Mittel zum
saubere und ordentliche Innenstädte gefor- Zweck, sondern ein konstitutives Element der
dert werden. spezifischen extrem rechten Erlebniswelt der
AN: Durch ihren kulturellen Habitus wird
Insbesondere der Charakter vieler extrem Gewalt auf einer symbolischen und einer fak-
rechter Demonstrationen hat sich durch die tischen Ebene ästhetisiert und legitimiert. ❙16
AN verändert: Schwarz gekleidet, mit Son-
nenbrillen, Handschuhen und anderen Ac-
cessoires erscheinen die Neonazis zwar Neuer Stil
noch stärker uniformiert, als dies in der
Vergangenheit der Fall war, aber mit einem Die unterschiedlichen Spektren der extre-
ordentlichen, disziplinierten Aufzug haben men Rechten lassen sich unter anderem durch
ihre schwarzen Blöcke nur wenig gemein. die Akzentsetzungen in der Stil- und Sym-
Gerade die von der Linken adaptierte Ak- bolpolitik differenzieren. Die „Autonomen
tionsform des Schwarzens Blocks prägt das Nationalisten“ und die für sie konstitutive
Selbstverständnis der AN ebenso wie ihre „Stilbastelei“ sind daher nicht nur Ausdruck
Außenwahrnehmung durch die Öffentlich- einer Suchbewegung, sondern ebenso von
keit. Durch die generell hohe Anzahl neo- ­Distinktions­kämpfen.
nazistischer Demonstrationen hatten diese
zuvor zumeist wenig spektakulären Ver- Durch das zeitweilige anything goes post-
anstaltungen gerade für jugendliche Neo- moderner Beliebigkeit der AN eröffnete sich
nazis an Attraktivität verloren. Bei ihnen im deutschen Neonazismus ein Experimen-
haben häufig subjektive Erfolgsergebnisse tierfeld, aus dem sich in Abgrenzung von dem
Vorrang vor der Vermittlung politischer In- bisherigen Auftreten der eigenen Szene, in
halte. Durch das rebellische Auftreten der Orientierung am Zeitgeist und nicht zuletzt
„Autonomen Nationalisten“ und die offen- in der Auseinandersetzung mit dem politi-
siv propagierten Auseinandersetzungen mit schen Gegner ein neuer Stil ausgebildet hat.
der Polizei und den Gegendemonstranten Dieser kann verstanden werden als ein eigen-
haben die Demonstrationen jedoch einen ständiges Sinnkonzept, zu dem Kleidung,
Erlebnischarakter erhalten, der das Mobi- Symbolik und Habitus ebenso zählen wie die
lisierungspotenzial unter jungen Neonazis spezifische Art und Weise, in der kulturelle
vergrößert.
❙15  Vgl. Fabian Virchow, Gegen den Zivilismus. In-
ternationale Beziehungen und Militär in den politi-
Gewalt schen Konzeptionen der extremen Rechten, Ham-
burg 2006, S. 72 ff.
❙16  Vgl. Arbeitsstelle Rechtsextremismus bei Mitei-
Die extreme Rechte betrachtet Kampf be- nander e. V. (Hrsg.), Die „Autonomen Nationalisten“
ziehungsweise Krieg ihrer sozialdarwinis- als Erscheinungsform des Rechtsextremismus, Hin-
tischen Ideologie entsprechend als ontologi- tergrundpapier, (2008) 1, Magdeburg–Halle/S. 2008.

24 APuZ 44/2010
und politische Inhalte aufgenommen, inter- Leider sei die Agitations- und Aktionsform
pretiert und ausgedrückt werden. ❙17 der AN von manchen Neonazis als neue ideo-
logische Ausrichtung, von anderen als vom
Die „Stilbastelei“ der AN ist dabei nicht so Aussehen bestimmte Subkultur missverstan-
ungewöhnlich, wie sie vielleicht auf den ersten den worden. Es fehle teilweise völlig die theo-
Blick anmutet. Die Genese neuer kultureller retische Fundierung, stattdessen dominierten
Stile basiert grundsätzlich auf einer differen- Lifestyle und blinder Aktionismus. ❙20
zierenden Selektion aus der Matrix des Beste-
henden: Stile werden nicht aus dem Nichts ge- War die Aufregung nach der Erklärung
schaffen, sondern durch Transformation und der NPD noch groß gewesen, so hat man –
Umgruppierung des Bestehenden in ein Mus- auch unter Einfluss des medienwirksamen
ter, durch welches mit ihm eine neue Bedeu- Ausstiegs mehrerer „Autonomer Nationalis-
tung verbunden wird. ❙18 Dieser Prozess einer ten“ aus der neonazistischen Szene – offen-
Übersetzung des Gegebenen in einen neu- bar erkannt, dass sich postmoderne Beliebig-
en Kontext und seine Adaption, den die AN keit und hedonistische Selbstverwirklichung
vollzogen haben, kann als Bricolage (Baste- nur schwerlich mit dem Beharren auf einer
lei) bezeichnet werden. ❙19 Allerdings handelt nationalsozialistischen Identität des Einzel-
es sich hier im Ursprung primär nicht um ein nen und dem gemeinsamen Streben nach ei-
strategisches Vorgehen, sondern um eine Fol- nem völkischen Autoritätsstaat vereinbaren
ge jugendkultureller Dynamiken, die in Ab- lassen. Anstatt allein möglichst anziehend
grenzung vom Status quo der Neonaziszene auf Jugendliche zu wirken, sei eine Rückbe-
auf die Schaffung eines identitätsstiftenden sinnung auf völkische Werte und Traditio-
eigenen Stils abzielten. Erst später erkannte nen notwendig. ❙21 Jugendliche die nicht bereit
man die Möglichkeiten, auf diese Weise neue seien, die theoretischen Grundsätze des Na-
Mitstreiter zu gewinnen. tionalsozialismus zu verinnerlichen, dürften
nicht aus Gründen der Quantität die Reihen
füllen. Offenbar hat hier ein rollback einge-
Rollback setzt, erklärt man doch, es gelte sich dem „wi-
dernatürlichen Zeitgeist“ zu widersetzen. ❙22
Die Adaption linker Symbolik durch die AN
und insbesondere ihr militantes Auftreten ha- Tatsächlich lässt sich auch in der politi-
ben von Beginn an zu Konflikten sowohl mit schen Praxis ein Wandel ausmachen: Für eine
der NPD als auch mit Teilen des Kamerad- Demonstration in Recklinghausen im Jahr
schaftsspektrums geführt. Als sich die NPD 2009 verbaten sich die organisierenden AN
im Jahr 2007 im Sinne einer taktischen Zivili- aus NRW englischsprachige Parolen und for-
sierung von dem Gebaren der AN distanzierte, derten ein „ordentliches“ Erscheinungsbild,
solidarisierte sich der Großteil der Kamerad- schließlich repräsentiere man immer noch
schaften mit diesen, woraufhin die Partei – in ein Volk, samt Kultur und Identität und kei-
vielen Regionen angewiesen auf die Unter- ne neuzeitlichen Subkulturen. ❙23 Mit in Frak-
stützung aus diesem Spektrum – zurückru- turschrift gehaltenen Transparenten, zahllo-
dern musste. In der Folgezeit hat die von den sen schwarz-weiß-roten Fahnen und Fahnen
AN geprägte Ästhetik weit über deren Spek- mit gekreuztem Hammer und Schwert – un-
trum hinaus Verbreitung gefunden. Gleichzei- ter anderem Symbol des „national-revolutio-
tig entwickelte sich unter den AN ab 2008 eine nären“ Flügels der NSDAP – legte man auch
intensive Diskussion über die eigene Praxis, in optisch ein Erscheinungsbild an den Tag, das
der deutlich selbstkritische Töne laut wurden: traditioneller wirkte als so manche ande-

❙17  Vgl. Daniel Schlüter, Riot im Kopf. Inhaltliche ❙20  Vgl. Freie Nationalisten Gladbeck, o. J., online:
Perspektiven des „Autonomen Nationalismus“, in: http://forum.widerstand.info/showthread.php?t=19
Jürgen Peters/Christoph Schulze (Hrsg.), „Autono- (3. 2. 2010).
me Nationalisten“. Die Modernisierung neofaschisti- ❙21  Vgl. ebd., online: http://fng.1st-amendment.info/
scher Jugendkultur, Münster 2009, S. 22. aktuelles/oktober%2008/mittelpunkt.htm (3. 2. 2010).
❙18  Vgl. John Clarke, Jugendkultur als Widerstand. ❙22  Ebd., online: http://freie-nationalisten-gla.net/
Milieus, Rituale, Provokationen, Frankfurt/M. 1979, aktuelles/mai%2009/familie.htm (13. 9. 2010).
S. 138. ❙23  Vgl. Tomas Sager, Neonazi-Demo in Reckling-
❙19  Vgl. Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, hausen, online: www.bnr.de/content/neonazi-demo-
Frankfurt/M. 1973, S. 29 f. in-Recklinghausen (3. 2. 2010).

APuZ 44/2010 25
re Demonstration aus dem Kameradschafts- Roland Eckert
spektrum oder der NPD.
Kulturelle Homoge-
Kurzum
nität und aggressive
Intoleranz. Eine Kritik
Die „Autonomen Nationalisten“ sind eine äs-
thetisch-stilistische und strategisch-aktionis-
tische Neuerung im deutschen Neonazismus,
die dessen Auftreten insgesamt modernisiert
hat. Durch eine Adaption ikonografischer
der Neuen Rechten
Formen der linksradikalen Autonomen, der
Entwendung von Codes und Handlungsritu-
alen und deren extrem rechter Rekodierung ist
es gelungen, das jugendkulturelle Identitätsan-
A ls Antithese zur Neuen Linken wurde ab
1969 die Neue Rechte von dem französi-
schen „Rechtsintellektuellen“ Alain de Benoist
gebot der extremen Rechten zu erweitern und begründet. Seine zahl-
insbesondere bei Demonstrationen einen neu- reichen Schriften sind Roland Eckert
artigen Erlebnischarakter zu gewährleisten. auch in Deutschland Dr. phil., geb. 1937; Prof. em.
aufgegriffen worden. ❙1 für Allgemeine Soziologie,
Es findet seitens der AN keine Abkehr von Die Idee einer Neuen Fachbereich IV – Soziologie,
zentralen NS-Ideologieelementen statt, son- Rechten findet heute Universität Trier, 54286 Trier.
dern man beschränkt sich darauf, diese mit vor allem im Umkreis eckert@uni-trier.de
Blick auf gegenwärtige Feindbilder und Res- der Wochenzeitung
sentiments zu aktualisieren, um sich neue Ziel- „Junge Freiheit“, der Monatsschrift „Sezessi-
gruppen zu erschließen. Gleichzeitig bedienen on“, der Schriftenreihe „Antaios“, des „Insti-
sie sich des rebellischen Habitus linker Jugend- tuts für Staatspolitik“ und des Onlinemaga-
kultur als Projektionsfläche für ihre politischen zins „Blaue Narzisse“ Niederschlag, wobei der
Ziele. Extremismustheoretische Gleichsetzun- Begriff „Neue Rechte“ selbst kontrovers ist. ❙2
gen der AN mit linksradikalen autonomen Sze- Die Begriffspolitik läuft darauf hinaus, sowohl
nen sind daher unhaltbar, blenden sie doch in den Begriff „konservativ“ als auch den Begriff
ihrer Oberflächlichkeit nicht nur deren grund- „rechts“ zu besetzen und sich „vor jeder Ablen-
legende ideologische Verschiedenheit, sondern kung ins ‚Liberalkonservative‘, ‚Freiheitlich-
auch die Widersprüchlichkeit zwischen offen Konservative‘, ‚Kulturkonservative‘, ‚Wertkon-
zur Schau getragener postmoderner Lebens- servative‘“ ❙3 zu bewahren. „Was spricht eigent-
stilpluralisierung und proklamierter völkischer lich dagegen, sich ‚rechts‘ zu nennen, da wo das
Vergemeinschaftung der AN aus. Rechte, das Richtige gedacht, gewollt, getan
wird?“ ❙4 1994 verließen nach einem Streit über
Während einerseits bestimmte Stilelemen- den „Leuchterreport“ Armin Mohler, Andre-
te der AN wie Kleidung oder Transparent- as Molau und Götz Meidinger die „Junge Frei-
gestaltung gegenwärtig in der gesamten neo- heit“. Seither grenzen diese und das Institut für
nazistischen Szene Anwendung finden, kann Staatspolitik sich gegen den Nationalsozialis-
andererseits in Teilen eine Rückbesinnung auf mus und seine Traditionswahrer, gegen Anti-
tradierte Ausdrucksformen festgestellt wer- semiten und Geschichtsrevisionisten ab und
den. Che-Guevara-T-Shirts etwa finden sich orientieren sich am konservativen Widerstand
kaum noch, auch manche Webseiten bedienen gegen Hitler, wie er für sie durch Claus Schenk
sich wieder eher ästhetischer Elemente aus dem Graf von Stauffenberg repräsentiert wird. ❙5
NS als jener der Popkultur. Insgesamt ist da-
her wieder eine stärkere Verzahnung des neo- ❙1  Vgl. Armin Mohler, Vorwort, in: Alain de Benoist,
nazistischen Spektrums zu beobachten. ❙24 Die Kulturrevolution von rechts, Krefeld 1985, S. 9–12.
AN sind nur noch begrenzt als eigener Flügel ❙2  Vgl. Institut für Staatspolitik (Hrsg.), Die „Neue
wahrnehmbar. Vielmehr sind sie ein Moder- Rechte“. Sinn und Grenze eines Begriffs, Albersroda
nisierungsfaktor im Neonazismus, durch den 2003.
❙3  Karlheinz Weißmann, Der konservative Katechis-
sich der etablierte Szenestil verändert hat.
mus, in: Sezession, (2009) 29, S. 36.
❙4  Ebd.
❙24  Vgl. BMI (Anm. 2), S. 64. ❙5  Vgl. Götz Kubitschek, 20 Jahre Junge Freiheit, Al-
bersroda 2006, S. 194–206.

26 APuZ 44/2010
Vertreter der Neuen Rechten sind rechtsra- nach Konrad Lorenz überlagert, ❙11 der, so Lo-
dikal, weil die universelle Geltung der Men- renz, in der Gegenwart durch ein „Erlahmen
schenrechte infrage gestellt wird, sie sind aber der Abwehrbereitschaft“ ❙12 geschwächt sei.
nicht notwendig rechtsextrem im Sinne eines Götz Kubitschek vermutet in dieser Traditi-
Angriffs auf die Verfassungsordnung, wenn on, dass die heutige „weiche, pathologische
man das Verfassungsgerichtsurteil vom 25. Mai Form der Toleranz tatsächlich ein wichtiger
2005, das der ehemalige Bundesanwalt Alexan- Indikator für einen an das Ende seiner Kraft
der von Stahl zugunsten der „Jungen Freiheit“ gelangten Lebensentwurf, hier also: den eu-
erkämpft hat, zu Grunde legt. ❙6 Die Übernahme ropäischen“ ❙13 sei. Weil Völker „Wesenheiten
der politischen Philosophie Carl Schmitts be- mit eigener Persönlichkeit“ seien, „die sich
gründet aber Zweifel daran, ob die Menschen- im Lauf der Geschichte geprägt“ ❙14 haben und
würde jenseits ethnischer Grenzen von ihnen so zum Träger des „Politischen“, also des Staates
gewahrt wird, wie es dem Grundgesetz entsprä- bestimmt seien, müssten diese sich vor Über-
che. ❙7 Indem sie die „positiven“ Seiten der deut- fremdung schützen.
schen Geschichte wie des Preußentums betonen
und die Verbrechen anderer Völker thematisie-
ren, ❙8 wollen sie Deutschland von der „Vergan- Gibt es eine „völkische“ Kultur?
genheitsbewältigung“ befreien und zu einer
„selbstbewussten Nation“ machen. Historisch gesehen kommen – so ist hier ein-
zuwenden – Vorstellungen getrennter Kultu-
ren schon immer zu spät. Nicht nur die „Stäm-
Ethnopluralismus – was ist das? me“, aus denen das Heilige Römische Reich
Deutscher Nation gebildet wurde, sondern
Im Zentrum der Gedankenwelt der Neuen auch die „Kultur“ in Deutschland stand von
Rechten steht das „Recht auf kulturelle Diffe- Anfang an in engem Austausch mit den Tradi-
renz“ von unterschiedlichen Ethnien und Na- tionen anderer Länder. Die Mythisierung ei-
tionen auf möglichst getrennten Territorien. nes „deutschen Wesens“ ist nicht Ergebnis ei-
Das demokratische Subjekt werde nicht von ner 2000-jährigen Geschichte von Arminius
Individuen, sondern vom „Volk“ beziehungs- bis Bismarck, sondern Teil einer Grenzziehung
weise von ethnischen und religiösen Gemein- zu Beginn des 19. Jahrhunderts, entstanden in
schaften konstituiert. Weil die Ideen von dem doppelten Kampf der Nationalbewegung
Alain de Benoist nicht unmittelbar durch na- gegen die französische Fremdherrschaft einer-
tionalsozialistische Verbrechen diskreditiert seits und die unzähligen Fürstentümer ande-
sind, eignen sie sich eher zur Legitimation ei- rerseits, die nach dem Sieg über Napoleon die
ner Politik der kulturellen Homogenität, die Souveränität wieder für sich beanspruchten.
gegen Einwanderung, „Vermassung“, ❙9 „Ame- Sie war also Ausdruck spezifischer Konflikt-
rikanisierung“ ❙10 und insbesondere gegen den lagen. Kultur aber hat sich auch damals kaum
Liberalismus und „Individualismus“ in der an tatsächlichen oder ersehnten Staatsgrenzen
Menschenrechtstradition gerichtet ist. Diese aufhalten lassen. Aktualisiert wird der völki-
ethnopluralistische Kulturtheorie wird durch sche Kulturbegriff heute als Reaktion auf die
das Freund-Feind-Theorem von Carl Schmitt Wanderung der Arbeitssuchenden und das ex-
und die Annahme eines „Aggressionstriebes“ ponentielle Anwachsen der Verfügbarkeit von
Informationen rund um den Globus.
❙6  Vgl. Roland Eckert, Extremismus und kein Ende:
zur Dynamik von Radikalisierung, in: R. Egg (Hrsg.),
Extremistische Kriminalität. Kriminologische Zent- Recht auf Differenz
ralstelle, Wiesbaden 2006, S. 107–126.
❙7  Vgl. Wolfgang Gessenharter, Der Schmittismus
der „Jungen Freiheit“ und seine Unvereinbarkeit In dieser Situation verkündet die Neue Rech-
mit dem Grundgesetz, in: Stephan Braun/Ute Vogt te, Kosmos, Natur und Mensch seien auf „Ver-
(Hrsg.), Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, Wies-
baden 2007, S. 77–94. ❙11  Vgl. Karlheinz Weißmann, Krieg – nur eine Erfin-
❙8  Vgl. Alexander Ruoff, Verbiegen, Verdrängen, Be- dung?, in: Sezession, (2003) 1.
schweigen, Münster 2001. ❙12  Vgl. Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivi-
❙9  Alain de Benoist, Aufstand der Kulturen. Europä- lisierten Menschheit, München 1974.
isches Manifest für das 21. Jahrhundert, Berlin 2003, ❙13  Götz Kubitschek, Die 9. Todsünde der zivilisier-
S. 13. ten Menschheit, in: Sezession, (2009) 28, S. 26.
❙10  Ebd., S. 128. ❙14  A. d. Benoist (Anm. 9), S. 42.

APuZ 44/2010 27
schiedenheit“ ❙15 ausgerichtet. Darum sollten gezwungen werden. Diese Konsequenz des
sich auch Völker und Kulturgemeinschaften Ethnopluralismus ist kein Gedankenspiel.
voneinander unterscheiden. Verschieden zu Auch heute noch verbietet eine amerikanische
sein, sei ein Schutzrecht für traditionelle Ge- Sekte ihren jungen Leuten, zur höheren Schule
sellschaften und ein Abwehrrecht für Völker, zu gehen und begründet diesen Verstoß gegen
die von Migration betroffen sind. Menschen- die Schulpflicht mit dem (im Sinne der ameri-
rechte dagegen werden (in der Tradition Carl kanischen Verfassung) „höherwertigen“ Gut
Schmitts) vor allem als „Neutralisierung des der Religionsfreiheit, das sie für sich in An-
Politischen durch die Moral“, ❙16 als „ideolo- spruch nimmt. Ein Drittel der Jugendlichen
gische Verkleidung der Globalisierung“ und verlassen später das Reservat und sind in den
„Fortsetzung des kolonialen Syndroms“ großen Städten ohne Berufschancen  – Op-
­gewertet. ❙17 fer ihrer Gemeinschaft. ❙18 Auch „Ehrenmor-
de“ sind Ausdruck eines verwandtschaftlich
Wenig kontrovers ist dabei das Recht, „ver- beanspruchten Eigenrechts, demgegenüber
schieden“ zu sein, das jedem Menschen, jeder das geltende Recht die individuellen Selbst-
Gemeinschaft, jeder Kultur zuzugestehen ist. bestimmungsinteressen der jungen Frauen zu
Wir alle leben in Familien, haben eine Heimat, verteidigen hat. Ein familiäres Sonder- oder
eine Sprache und sind durch sie mit einer grö- gar Standrecht kann nicht durch die Achtung
ßeren Gemeinschaft und deren Geschichte un- kultureller Differenz gedeckt sein.
löslich verknüpft. Die konkrete, persönliche
und verwandtschaftliche Loyalität, die daraus Es ist daher nicht das Recht auf Differenz an
erwächst, steht aber keineswegs im Gegensatz sich, das im Widerspruch zu den Menschen-
zu den Menschenrechten. Denn diese schlie- rechten steht. Wir können unter dem Dach
ßen durchaus das Recht ein, von anderen ver- des Grundgesetzes durchaus Gemeinschaften
schieden zu sein. Sie werden daher auch von gründen, die sich in ihrer Lebensform, ihrer
Minoritäten in Anspruch genommen, in denen religiösen Orientierung, ihrer inneren Ord-
der Individualismus kaum eine Rolle spielt. nung voneinander unterscheiden und interne
Die Anerkennung möglicher Differenz ist ein Hierarchien ausbilden. Menschen können in
Element von Rechtsstaat und Demokratie und solchen Gemeinschaften ihre Anerkennung
hat auch eine herausragende Bedeutung für die und Heimat finden, ja: ihre „Wurzeln“ schla-
Formen, in denen Konflikte ausgetragen wer- gen. Das Lob der „Bindungen“ im konserva-
den. Versuche, ethnische, kulturelle oder reli- tiven Denken ist durchaus berechtigt. Nur ei-
giöse Homogenität durch die Unterdrückung nes muss gewährleistet sein: dass Menschen
von Religion, durch Sprachverbote und bü- sich aus freien Stücken diesen Gemeinschaf-
rokratische Schikanen zu erzwingen, führen ten anschließen, in „Zucht“ nehmen lassen
langfristig in Bürgerkrieg oder Terrorismus, und aus ihnen auch wieder ausscheiden kön-
wie sich in Spanien, der Türkei, in Sri Lanka nen. Die Wahrung dieses Selbstbestimmungs-
und anderen Staaten gezeigt hat. rechts ist der Sinn der Schutzrechte im Grund-
gesetz und der Menschenrechtserklärung der
Vereinten Nationen. Diese richten sich nicht
Pflicht zur Differenz? gegen Gemeinschaften und schon gar nicht,
wie in der Tradition Carl Schmitts behauptet
Problematisch wird dieses „Recht auf Un- wird, grundsätzlich gegen den Staat, sondern
gleichheit“ erst dadurch, dass es dem Prinzip versorgen diesen mit Akzeptanz und Legiti-
nach nicht für Individuen, sondern für „Ge- mität. Das Recht auf Differenz muss aber von
meinschaften“ gelten soll. Das Recht auf kul- Individuen ausgeübt werden, die es dann in
turelle Differenz ist nämlich nicht mehr ge- ihre Gemeinschaft einbringen können. Kol-
währleistet, wenn aus ihm eine „Pflicht“ zur lektive haben sich über die Zustimmung der
Differenz abgeleitet wird und Menschen da- Individuen zu legitimieren und nicht umge-
durch zur Assimilation an eine Gemeinschaft kehrt. Insofern können „autonome Gemein-
schaften“ ❙19 zwar aufgebaut werden, aber kei-
ne individuellen Staatsbürgerrechte ablösen.
❙15  Ebd., S. 128.
❙16  Ebd., S. 27.
❙17  Alain de Benoist, Kritik der Menschenrechte. Wa- ❙18  Vgl. Russell Hardin, One for All. The logic of group
rum Universalismus und Globalisierung die Freiheit conflict, Princeton–New Jersey 1995, S. 196, S. 202.
bedrohen, Berlin 2004, S. 10, S. 74. ❙19  A. d. Benoist (Anm. 9), S. 68.

28 APuZ 44/2010
Verurteilt zum Kampf der Kulturen? zur „Gleich-Gültigkeit“ im doppelten Sinn des
Wortes kommt, ist daher nicht generell zu pro-
De Benoist sieht die Ursache der Vernichtung gnostizieren, sondern hängt von Geltungsan-
von Differenz nicht im missionarischen Eifer sprüchen, Strategien, Aushandlungsprozessen
und dem Machtstreben religiöser und politi- und Machtverhältnissen ab. Konflikttreiber
scher Kollektive, sondern im modernen Indi- können aktiv werden und Ideologien propagie-
vidualismus und dem Kult der Gleichheit, den ren, die sich wechselseitig die Schuld zuweisen
die Französische Revolution begründet habe. und sich in ihrer Feindschaft bestätigen (wie
Konsequent werden dabei Überlegungen zur heute Islamismus und Islamophobie).
Struktur moderner Gesellschaften ausgeblen-
det. Man glaubt, die gesellschaftliche Entwick- Einwanderung ist konfliktreich, bevor
lung durch „rechtes“ Denken neu und anders Fremdheit sich in Vertrautheit und Konkur-
laufen lassen zu können. Es zeigt sich der glei- renz in Kooperation verwandelt hat. Nie-
che Voluntarismus, den man vor 40  Jahren mand ist gerne in seiner Lebensform in der
manchen Anführern der Neuen Linken vor- Minderheit. Wenn es beispielsweise um die
werfen musste, die zum Sprung aus dem „Reich Erziehung der Kinder geht, hoffen wir alle auf
der Notwendigkeit“ in das „Reich der Freiheit“ kulturelle Übereinstimmung und Unterstüt-
abhoben und schließlich in den Kadern von le- zung durch die Nachbarn und die Eltern der
ninistischen und maoistischen Parteien, wenn Schulkameraden. ❙21 Alle empirischen Unter-
nicht gar als Terroristen auf den Boden kamen. suchungen zeigen indes, dass Menschen umso
weniger Ablehnung und Fremdenfurcht äu-
Tatsächlich hat die heutige Welt sich auf- ßern, je mehr Zuwanderer sie persönlich ken-
grund technischer Innovationen in Bild, Ton nen. Die Informationen, die man von Mensch
und Schrift umfassend vernetzt und die ural- zu Mensch erhält, sind offenbar viel positi-
te Trennung der Traditionen durch den geo- ver, als die, die wir aus den Medien erhalten,
graphischen Raum minimiert. Zusammen mit in denen es zumeist um spektakuläre Kon-
den Wanderungsbewegungen stellt dies un- flikte und Verbrechen geht. Keineswegs muss
weigerlich Kulturkontakt und Mischung her. es, wie Vertreter der Neuen Rechten glauben,
Samuel Huntington meinte, dass dies zum zum Bürgerkrieg zwischen Einheimischen
Clash of Civilisations führen müsse, weil alle und Zuwanderern kommen, in dem Deutsch-
Menschen das tiefe Bedürfnis hätten, sich von land mit „Schuldkomplex“ und „universalis-
anderen zu unterscheiden und daher auf „Blut tischem Humanitarismus“ sich abschaffe. ❙22
und Überzeugung, Glaube und Familie“ zu-
rückgreifen würden, wenn sie mit Fremden
konfrontiert sind. ❙20 Seine These, dass die Allerweltskultur und Kreativität –
Großkonflikte der Zukunft vor allem Kon- können sie nebeneinander bestehen?
flikte von Kulturen seien, bringt zentrale Po-
sitionen der Ethnopluralisten zum Ausdruck. De Benoist beklagt die zunehmende An-
gleichung der Städte, der Verkehrswege und
Nach allem, was wir wissen, ist der Kampf der Lebensformen als Herrschaft des immer
der Kulturen jedoch nur eine mögliche Reak- Gleichen, eine „weltweite Gleichschaltung“. ❙23
tion auf die Begegnung der Menschen in einer Sein Ethnopluralismus trifft sich hier mit
globalisierten Welt. Viele Menschen pendeln der Kulturkritik von Herbert Marcuse und
unbekümmert zwischen zwei oder mehreren der linken Diagnose eines amerikanischen
Welten, z. B. einer als „neutral“ wahrgenom- „­Kulturimperialismus“. De Benoist verkennt
menen beruflichen und öffentlichen Sphäre ei- dabei, dass die globale Kultur keineswegs uni-
nerseits und einer durch spezifische religiöse form ist: Im Generationsgang, in den Sezessi-
Rituale bestimmten Familien- und Feiertags- onen der Künstler, in der Reaktion auf neue
welt andererseits, in der sie sich auf ihre innere technische Möglichkeiten in der Musik oder
„Heimat“ besinnen. Ob es zwischen Menschen
unterschiedlicher Herkünfte zu friedlicher Ko-
existenz, zur Konkurrenz, zum Kampf oder ❙21  Vgl. Roland Eckert, Wiederkehr des „Volksgeis-
tes“? Ethnizität, Konflikt und politische Bewälti-
gung, Opladen 1998.
❙20  Vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civili- ❙22  Vgl. Thorsten Hinz, Zurüstung zum Bürgerkrieg,
zations. Remaking of World Order, New York 1996, Schnellroda 2009, S. 43 ff.
S. 126. ❙23  A. d. Benoist (Anm. 9), S. 8.

APuZ 44/2010 29
dem Internet bilden sich immer wieder be- ler Differenz, sondern will auch hierarchische
sondere und kreative Ausdrucksformen her- Beziehungen zwischen den Menschen rehabi-
aus. Im Widerstreit verschiedener Traditionen litieren. De Benoist weist insbesondere auf das
errichten Jugendliche ihre eigene und drit- Phänomen der aristokratischen Moral hin, die
te Welt. Hybride Identitäten („Wir sind nicht eine ungeschriebene Moral „gegen sich selbst“
Türken, nicht Deutsche, sondern Kreuzber- sei und „Ausdruck einer privilegierten, direk-
ger!“) entstehen, werden irgendwann „nor- ten Beziehung zwischen einem selbst und et-
malisiert“ und gelten schließlich vielleicht was Höherem, zwischen dem, der lebt und
einmal als deutsches Erbe, wie weiland die dem, was seinem Leben Sinn gibt“. ❙26
französischen Märchen bei den Gebrüdern
Grimm. Nicht mehr über voneinander abge- Auch hier sei unbestritten, dass Gemein-
grenzte Orte, sondern über unterschiedliche schaften ein gemeinsames Ethos entwickeln
Szenen, Themen und Stile differenziert sich können, das sie zur Erbringung besonderer
Kultur in Zeiten der Globalisierung. ❙24 Leistungen befähigt. Religiöse, kulturelle, wis-
senschaftliche, politische und schließlich auch
Man fragt sich, warum dies von den „Rech- militärische Organisationen leben von der Aus-
ten“ nicht gesehen wird. Vielleicht ist es die bildung eines Ethos, das mit ihren Aufgaben
Allgegenwart eines Quotenfernsehens mit mi- eng verschränkt ist. Die gesellschaftliche Ord-
nimalen Qualitätsansprüchen, die gleichsam nung insgesamt braucht jedoch eine verläss-
„aristokratische“ Abwehrreaktionen auslöst. liche Konfliktregelung durch Gesetzesrecht,
Vielleicht ist es die Ablehnung von „Formlo- weil das Ethos, das in den einzelnen Grup-
sigkeit“ (wie in der Kleidung, von Stillosigkeit pen gilt, dem anderer Gruppen widersprechen
wie beim Essen, von exhibitionistischer oder kann. Warum sollte aber ein gruppenspezi-
voyeuristischer Erotik), die bei ihnen als „De- fisches Ethos und die Vorstellung, dafür be-
kadenz“ ästhetische Vorbehalte, ja: Ekel auslöst stimmt zu sein, durch das Prinzip rechtlicher
und auf Zuchtlosigkeit im Gefolge der 68er-Be- und politischer Gleichheit der Individuen aus-
wegung zurückgeführt wird. Nicht von unge- geschlossen sein? Gerade die inhaltliche Offen-
fähr hat die Wiederentdeckung der Disziplin heit des Gleichheitsprinzips eröffnet Raum für
durch Bernhard Bueb ❙25 bei ihnen ein radika- faktische und veränderbare Ungleichheit (nicht
lisierendes Echo ausgelöst. Dabei ist es nie- allerdings für wesensmäßige „Ungleichwertig-
mandem verwehrt, „stilvolle“ Erziehungs- keit“). Der Wunsch, besser als Andere zu sein
und Lebensgemeinschaften aufzubauen, wie es oder als etwas Besonderes anerkannt zu wer-
die konservative Kulturkritik am Anfang des den, ist eine starke Motivation der Lebensfüh-
20. Jahrhunderts (z.B. um Stefan George) auch rung. Die Vision einer Aristokratie nimmt sol-
ohne Chauvinismus geschafft hat. Sie haben che Impulse in sich auf, würde sie aber wieder
sich aber eben nicht als räumlich, ethnisch oder entwerten, wenn immer schon feststünde, wer
religiös vorgegebene Gemeinschaften etabliert, zu den „Besseren“ gehört, wenn Ungleichheit
sondern als „Bünde“ von wahl- und wesensver- also in Ungleichwertigkeit erstarren würde.
wandten Geistern – und zwar über Orte, Natio- Demgegenüber käme es darauf an, zum Bei-
nen und Konfessionen hinweg. Wahl-Nachbar- spiel in Schulen und Jugendgruppen möglichst
schaft ist heute die Grundlage von Differenz. viele Gelegenheiten zu schaffen, in denen junge
Als evolutionäres Prinzip hat die „kosmische Menschen sich in spezifischen Zusammenhän-
Diversität“ mit ihr eine neue Basis gefunden. gen auszeichnen könnten – gegenüber anderen,
die ihrerseits bei anderen Gelegenheiten einen
Vorsprung anstreben können. ❙27
Eine neue Aristokratie?
Die Ablehnung angenommener Gleichheits- Politik des Ausnahmezustands
forderungen beschränkt sich im Denken der
Neuen Rechten nicht auf die Frage kulturel- Die Neue Rechte stellt nicht nur Differenz-
forderungen an die Kulturen, ohne zu beden-
❙24  Vgl. Roland Eckert et al., „Ich will halt anders sein
wie die anderen“ – Abgrenzung, Gewalt und Kreati- ❙26  A. d. Benoist (Anm. 1), S. 88.
vität bei Gruppen Jugendlicher, Opladen 2000. ❙27  Vgl. Benjamin R. Barber, An aristocracy of every-
❙25  Vgl. Bernhard Bueb, Lob der Disziplin – eine one – the politics of education and the future of Ame-
Streitschrift, Berlin 2007. rica, New York et al. 1994.

30 APuZ 44/2010
ken, dass damit interner Zwang impliziert ben die Warlords auf dem Balkan, in Afrika
sein kann, sondern bringt die Differenz in ei- und Südasien die Ethnisierung einer Bevöl-
nen gefährlichen Zusammenhang. Sie gräbt kerung vorangetrieben, die sich anfangs nicht
Carl Schmitt wieder aus, demzufolge das notwendig in ethnischen Kategorien verstand
Wesen des Politischen in der Unterscheidung und in der großen Mehrheit auch keine Hass-
zwischen Freund und Feind liegt. ❙28 gefühle gegeneinander hegte.

Bereits hier ist Einspruch zu erheben. Die


Reduktion der politischen Prozesse auf Freund Lob der Intoleranz
oder Feind ist nicht das Wesen des Politischen,
sondern ist Folge der Eskalation von Konflik- Es kommt in der neurechten Ideenwelt noch
ten, wie sie die Entstehungszeit der Theorie schlimmer. Dass Kriege Männer brauchen  –
Schmitts ab 1927 bestimmte. Politik als Prozess und verbrauchen –, wissen wir. Dass Männer
kann nicht von einem Ausnahmezustand her Kriege brauchen (um sich ganz als Männer zu
konstruiert werden, sondern ist immer auch fühlen), verkennt die männliche Zurichtung,
Kompromiss und Verhandlung, um eben die- die in Zeiten des Krieges erfolgt. „Schlagt
sen zu vermeiden – das darf nicht im existenzi- euch, werdet Männer!“ – dieser Ruf gellt den
alistischen Pathos der Entscheidung beiseitege- älteren von uns noch aus Kinderzeiten in den
schoben werden. Nicht Krieg, sondern Frieden Ohren. All dies wird nun wieder einmal an-
ist für die meisten Menschen das Ziel von Poli- thropologisch begründet – mit dem „Aggres-
tik. Staaten haben sich von jeher dadurch legi- sionstrieb“ von Konrad Lorenz. ❙30
timiert, dass sie friedliche Konfliktregulierung
in rechtlichen Verfahren ermöglicht haben. Ob Gewaltdispositionen für einen Krieg
Der Ausbau internationaler Institutionen kann genutzt werden, darüber entscheidet letzt-
weiterhelfen, damit Frieden auch zwischen den lich die Form der Konfliktregulierung in und
Nationen organisierbar wird. zwischen Gesellschaften, die sich dann auch
in deren „Kulturen“ sedimentiert. Ob wir
De Benoist dagegen schreibt: „Der politi- Gewaltbereitschaft fürchten oder aber als
sche Akt par excellence ist die Bezeichnung Kampfesmut preisen und der Erziehung zu-
des Feindes. Die Deutschen von heute drohen grunde legen, ist nicht von der „Natur“ vor-
allein schon beim Aussprechen dieses Satzes herbestimmt. Es liegt an uns beziehungs-
in Ohnmacht zu fallen. Denn um den Feind weise an Frieden und Unfrieden in einer
zu bezeichnen, müsste man eine Zielvorstel- Gesellschaft.
lung haben, und um zu einer solchen Zielvor-
stellung zu gelangen, müsste man auch wissen, Genau diese Zivilisierung ist der Neuen
was man sein will.“ ❙29 Es geht also darum, einen Rechten ein Dorn im Auge. Nicht die un-
Feind zu haben oder haben zu können. Wenn regulierte Aggression, sondern das „Erlah-
der Satz nicht leichtfertig formuliert ist, er- men der Abwehrbereitschaft“ ist für sie der
scheint der Krieg hier nicht mehr nur als Vater, „Ernstfall an sich“. ❙31 Uns Deutschen feh-
sondern Ziel aller Dinge. Muss der Wahnsinn le die Kraft, das eigene Volk vor den Verrot-
des 20.  Jahrhunderts wieder heraufbeschwo- tungsszenarien der modernen, liberalen Mas-
ren werden? In den jüngsten Balkankriegen sengesellschaft zu bewahren. ❙32 Die heutige
wurde klar, was das angebliche Recht auf Dif- Form der Toleranz sei „die neunte Todsünde
ferenz im „Ausnahmezustand“ noch wert ist. der zivilisierten Menschheit“. ❙33 „Das Gebot
Da wurden Menschen mit mehreren Zugehö- der Stunde ist also die Intoleranz, oder bes-
rigkeiten oder einem „fremdstämmigen“ Part- ser: das Lehren und das Erlernen der Intole-
ner gezwungen, sich für eine Ethnie und gegen ranz dort, wo das eigene in seiner Substanz
eine andere zu entscheiden. Sie mussten bei ei- bedroht ist. (…) Ganz Europa steht dem Mas-
ner Seite unterkriechen, um nicht von beiden
erst beargwöhnt, dann bekämpft und schließ- ❙30  Vgl. Karlheinz Weißmann, Krieg – nur eine Erfin-
lich getötet zu werden. Über Todesangst ha- dung?, in: Sezession, (2003) 1.
❙31  Vgl. K. Lorenz (Anm.  12); Henryk M. Broder,
Kritik der reinen Toleranz, Berlin 2008.
❙28  Vgl. Erich Vad, Freund oder Feind. Zur Aktualität ❙32  Vgl. Götz Kubitschek, Wir und die anderen – 12
Carl Schmitts, in: Sezession, (2003)1, S. 20–25; Alain Punkte zur Überfremdung, in: Sezession, (2009) 33,
de Benoist, Carl Schmitt und der Krieg, Berlin 2007. S. 50.
❙29  A. d. Benoist (Anm. 1), S. 104. ❙33  Ebd., S. 26 f.

APuZ 44/2010 31
senzustrom muslimischer Migranten in einer Gemeinschaften erleben und leisten (religiös
fatalen Mischung aus Selbstzweifel (gestei- gesprochen: die Nächstenliebe), auf Völker
gert: Selbsthass) und islamischer ‚Hyper- als „imaginierte Gemeinschaften“ ❙36 übertra-
Identität‘ hilflos gegenüber. Deren Durch- gen, nicht aber auf die Menschheit insgesamt.
setzungsaggressivität stößt auf mangelnde Damit verspricht es eine „eindeutige“ und
Verteidigungsbereitschaft (…). An die Stel- von klein auf „vorgegebene“ kollektive Iden-
le des deutschen kulturellen Standards und tität und kann (wie andere Sinngebungen mit
Bildungsanspruchs tritt nichts Besseres, son- einem unversöhnlichen Gegensatz zwischen
dern eine uns fremde Clan- und Sippenver- Weiß und Schwarz, Gut und Böse), die Un-
bandskultur, die ohne das typisch deutsche sicherheiten des Lebenslaufs kompensieren,
und weit entwickelte Leistungsethos nimmt, diesmal durch ein „Geburtsrecht“.
was der Sozialstaat bietet.“ ❙34
Von Anbeginn an ist der Mensch sicher-
Dass der Missbrauch von Sozialleistungen lich ein Lebewesen, das immer wieder den
bei Migranten höher sei als bei Einheimi- Wunsch oder die Pflicht verspürt, sich selbst
schen, ist unwahrscheinlich. Für Kubitschek zu überschreiten und für ein größeres Ganzes
dürfte das allerdings nicht entscheidend sein, da zu sein. Die Gemeinschaften, denen diese
denn er ist der Meinung, dass ethnische Deut- Solidarität zu Teil wird, werden ganz un-
sche bevorzugt werden müssten. Es geht ihm terschiedlich definiert (davon war schon im
also letztlich um eine Offensive gegen musli- Gleichnis des Samariters die Rede): Es kann
mische Einwanderer. Sie sind der Feind, der das eigene Volk, die Religionsgemeinschaft,
„bezeichnet“ werden muss. die Klasse, die Nation oder die Weltgemein-
schaft sein. Für gedachte Gemeinschaften ar-
Konflikte zwischen Cliquen, die sich über beiten wir, bringen wir Opfer, von ihnen her
ethnische Zugehörigkeit definieren, sind in verstehen wir uns. Die weltgeschichtliche
manchen Stadtvierteln und Schulen ein Pro- Entwicklung, insbesondere die Reduzierung
blem. Gerade deshalb brauchen wir Kon­ von Raum und Zeit durch neue Technik, hat
fliktschlichter und keine Konflikttreiber. dazu geführt, dass neben Verwandtschaft,
Konflikt­eskalation ist ein sich über Gewalt­ Nachbarschaft und Glaubensgemeinschaft in
erfahrung selbst verstärkender Prozess der Neuzeit die Nation und heute mehr und
und formt eine Weltsicht, die Carl Schmitt mehr die Menschheit insgesamt auf einen ge-
(aber nicht nur er, sondern auch Wladimir fährdeten Erdball getreten ist. Der Schritt zu
­Iljitsch Lenin, Osama bin Laden und Geor- einem Weltbürgertum, das diesen heutigen
ge W. Bush) für die eigentliche hielt. „Feind- Gegebenheiten entspricht und sie zu gestal-
schaftsverweigerung“ ist dagegen eine strate- ten versucht, ist daher alternativlos. Die dazu
gische Option, um zu verhindern, dass sich notwendigen weltbürgerlichen Orientierun-
die Fronten verhärten, bis schließlich der gen schließen die Loyalität zu ethnischen
Waffengang unausweichlich wird. Trium- und religiösen Gemeinschaften nicht aus, re-
phierend glaubt de Benoist am Ausnahme- lativieren sie allerdings: Wir gehören weiter-
zustand nach dem 11. September 2001 bereits hin Verwandtschaften, Völkern, Nationen,
die Substanzlosigkeit der Menschen­rechts­ Klassen und Glaubensgemeinschaften an.
tradi­tion der Vereinigten Staaten gegenüber Diese sind aber nicht mehr das „letzte“ Wort.
der von Schmitt geforderten uneingeschränk- Das zu revidieren, scheint das Ziel der Neuen
ten Handlungsfähigkeit des Staates im „per- Rechten zu sein.
manenten Ausnahmezustand“ illustrieren zu
müssen. ❙35
Lehren des 20. Jahrhunderts
Wissen, wohin man gehört! Das Selbstbewusstsein der Deutschen wer-
de durch „Schuldkult“, „Schuldlust“ und
Im Denken der Neuen Rechten wird letzten „Schuldstolz“ gebrochen, so Stimmen der
Endes die Solidarität, die wir in freundschaft-
lichen, familiären oder nachbarschaftlichen
❙36  Vgl. Benedict Anderson, Imagined communities –
❙34  G. Kubitschek (Anm. 13), S. 50. reflections on the origin and spread of nationalism,
❙35  Vgl. A. d. Benoist (Anm. 28). London et al. 2006.

32 APuZ 44/2010
Neuen Rechten. ❙37 Traumata wird man aber Karin Priester
nicht los, indem man sie ignoriert oder ba-
gatellisiert. Wollen wir die Verbrechen des
20. Jahrhunderts – vom Todesmarsch der Ar-
Fließende Grenzen
menier über die deutschen Konzentrations-
lager, die Killing Fields von Kambodscha bis
zum Genozid in Ruanda – irgendwann ein-
zwischen Rechts-
mal hinter uns lassen, müssen wir sie im Ge-
dächtnis bewahren. Das Recht und die Wür-
extremismus und
de des Trauerns gilt selbstverständlich für
alle Opfer – auch die deutschen. Es geht da- Rechtspopulismus
in Europa?
bei nicht um „Kollektivschuld“ oder „Mei-
ne Ehre heißt Reue“, wie die Neurechten das
Gedenken ironisieren. Es geht um die Be-
wahrung eines Wissens, das wir nicht nur den
Opfern der Vergangenheit, sondern vor allem
den möglichen Opfern der Zukunft schulden.
Jede aufrechnende Relativierung von Völker-
D er französische Populismus- und Rechts­
extremismusforscher ­Pierre-André Ta-
guieff hat in den 1980er Jahren für den bis
mord gefährdet dieses Wissen und führt ge- ­dahin als rechtsex-
rade nicht zu einer selbstbewussten Nation. trem geltenden  fran­ Karin Priester
Weil Völkermord aber in Zukunft durchaus zösischen Front Nati- Dr. phil., geb. 1941; Prof. em.
wieder geschehen kann, sollte auch keine Sin- onal (FN) die Bezeich- für Soziologie an der Universität
gularisierung betrieben werden (auch nicht, nung „nationalpopu- Münster, Institut für Soziologie,
wie häufig, als Antithese zur ­Relativierung). listisch“ eingeführt, Scharnhorststraße 121,
ohne dass dieser einen 48151 Münster.
Aktive Erinnerung zeigt uns, was wir uns substanziellen Rich- priestek@uni-muenster.de
sonst nicht vorstellen können: dass Menschen tungswechsel vorge­
guten – nein, „heroischen“ Gewissens zu allen nommen hatte. Der FN ergriff rasch die-
Tötungshandlungen fähig sind, wenn es ihnen ses Unbedenklichkeitsattest, das seine Nähe
zur Selbstbehauptung des Kollektivs notwen- zum Vichy-Regime und die Leugnung des
dig erscheint, dem sie sich im Innersten zu- Holocaust durch prominente Mitglieder aus-
rechnen. Dies gilt auch für Massenvernichtung blendete und bezeichnet sich seit den 1990er
in den Kriegen. Es ist also nicht das „sogenann- Jahren selbst als „populistisch und stolz da-
te Böse“, es ist nicht „der“ Aggressionstrieb in rauf“. ❙1 Diese Kontaminierung von Rechts-
uns, der sich hier Bahn bricht. Eichmann war extremismus (RE) und -populismus bedeutet
kein Triebtäter. Es ist viel schlimmer: Es ist einerseits eine Verharmlosung und Banalisie-
die Selbstgerechtigkeit einer Moral, die sich rung des RE. Andererseits verweist sie auf ei-
auf ein imaginiertes und dann verabsolutiertes nen Modernisierungsschub im RE seit den
Kollektiv bezieht (durch welchen Glauben dies 1980er Jahren, bei dem der FN eine Vorreiter-
auch immer jeweils definiert sein mag), die alle rolle vor allem für die British National Party
anderen moralischen Impulse und Bedenken (BNP) und den Vlaams Belang (VB) gespielt
ausschaltet und Massen massenmorden lässt. hat. Das neue Erfolgsrezept, mit dem man die
Dieses Wissen ist aber vielleicht das wich- Stigmatisierung als rechtsextreme Randpartei
tigste Vermächtnis des 20.  Jahrhunderts, sei- abzustreifen gedachte, beruhte auf ethno-na-
ner Weltkriege und Völkermorde. Wir haben tionalistischer Fremdenfeindlichkeit und der
es weiterzugeben. Die Forderung nach völki- Vermischung von Anti-System- mit Anti-Es-
scher Homogenität, die Reduktion von Poli- tablishment-Rhetorik. „Die extreme Rech-
tik auf Freund und Feind und die Rehabilitati- te konnte auf diese Weise politischen Protest
on der Intoleranz würde dagegen Deutschland schüren und zugleich verhindern, als antide-
letztlich auf einen neuen Nibelungenzug vor- mokratisch stigmatisiert zu werden.“ ❙2
bereiten – wohin auch immer.
❙1  Nonna Mayer, Votes populaires, votes populistes,
❙37  Vgl. Institut für Staatspolitik (Hrsg.), „Meine in: Hermès, (2005) 42, S. 161.
Ehre heißt Reue“. Der Schuldstolz der Deutschen, ❙2  Matthew J. Goodwin, The Extreme Right in Bri-
Albersroda 2007. tain: Still an „Ugly Duckling“ but for How Long?, in:
The Political Quarterly, 78 (2007) 2, S. 244.

APuZ 44/2010 33
Auch die Einführung des Begriffs Eth- und Nationalrevolutionäre. ❙5 Diese sind
nopluralismus wirkte modernisierend. Er zwar eine Minderheit im RE, aber europa-
zielt nicht mehr wie der Kolonialrassismus weit unter verschiedenen Bezeichnungen
auf die Unterwerfung fremder Ethnien, son- (Strasserismus, Solidarismus, Dritte Positi-
dern auf deren Ausschluss aus Europa. Der on) vernetzt. RE hat ein janusköpfiges Ver-
biologische Rassismus gilt als überholt und hältnis zu Gewalt und Legalität. Sympto-
wird durch die These von der unhintergeh- matisch ist hier die Nationaldemokratische
baren Differenz von Ethnien ersetzt, die in Partei Deutschlands (NPD), die sich mit
einer globalen Apartheid separiert bleiben ihrem Vier-Säulen-Modell ❙6 als Partei und
sollen. zugleich als Bewegung unter Einschluss
gewaltbereiter Kameradschaften versteht.
Wirtschaftspolitisch reicht das Spektrum
Zur Terminologie von einer völkisch-sozialen, „raumorien-
tierten“ Marktwirtschaft (NPD) bis zu ei-
Michael Kohlstruck unterscheidet zwischen ner berufsständischen Ordnung in einem
Anti-System- und Anti-Establishment-Par- Lehens­t rägersystem. Der Staat als Lehns-
teien. Rechtsextreme Parteien sind Anti-Sys- herr ist Eigentümer des Produktivkapitals
temparteien, populistische dagegen „nur“ und vergibt es als Lehen an privatkapita-
Anti-Establishment-Parteien, die sich als listisch agierende Besitzer. Diese Position
Gegenstimme zu einer als Oligarchie be- wird in nationalrevolutionären Kreisen fa-
zeichneten politischen Elite verstehen. „Ge- vorisiert und hat ihre Wurzeln im italieni-
genstimmen setzen keine eigenständige welt- schen Korporativismus, im britischen Dis-
anschauliche Konzeption (…) voraus, sie tributismus und im französisch-belgischen
kanalisieren lediglich ein verbreitetes Unbe- Solidarismus. Statt eines Überblicks über
hagen.“ ❙3 Dies ist allerdings nur eine analy- rechtsextreme Parteien und Bewegungen ❙7
tische Trennung, da rechtsextreme Parteien in Europa werde ich im Folgenden drei
sich auch einer Anti-Establishment-Rhetorik Schwerpunkte behandeln, die aktuelle Ten-
bedienen. ❙4 denzen des Rechtsex­t remismus in Europa
wider­spiegeln:
Der Unterschied zwischen RE und
Rechtspopulismus liegt vor allem auf ideolo- • die soziale Unterschichtung des RE seit den
gischem Gebiet: RE vertritt eine holistische 1990er Jahren,
Ideologie, in deren Zentrum die ethnisch-
• die Transnationalisierungskonzepte der ex-
kulturell homogene Volksgemeinschaft
tremen Rechten,
steht. Daraus folgt eine antipluralistische,
antiliberale Staats- und Gesellschaftskon- • ihre zunehmende Vernetzung auf Parteien-
zeption, die unterhalb dieser Ebene Spiel- und Bewegungsebene.
raum für verschiedene Richtungen lässt, für
völkische nationalsozialistische Traditiona-
listen, Deutschnationale beziehungsweise ❙5  Der nationalrevolutionäre Publizist Jürgen Schwab
unterscheidet im deutschen RE neuerdings auch
die „klassische“ Rechte in anderen Ländern
die Rechtspopulisten als „Realo“-Flügel. Vgl. Jür-
gen Schwab, Die Fraktionen im Nationalen Wider-
❙3  Michael Kohlstruck, Rechtspopulismus und stand, Artikel vom 10. 3. 2010, online: www.freies-
Rechtsextremismus. Graduelle oder qualitative Un- netz-sued.net/?p=2878 (11. 7. 2010)
terschiede?, in: Richard Faber/Frank Unger (Hrsg.), ❙6  Die Strategie der NPD beruht seit 1995 auf vier
Populismus in Geschichte und Gegenwart, Würz- Säulen: dem Kampf um die Köpfe, um die Parlamen-
burg 2008, S. 224. In der angelsächsischen Literatur te, um die Straße. Mit der vierten Säule, dem Kampf
haben sich die Bezeichnungen Radical Right oder Po- um den organisierten politischen Willen, ist die Ver-
pulist Radical Right für den Rechtspopulismus unter einheitlichung des rechtsextremen Lagers gemeint.
Einschluss des FN durchgesetzt, was der in Deutsch- Vgl. Bundesministerium des Innern (BMI) (Hrsg.),
land üblichen Unterscheidung zwischen Rechtsradi- Verfassungsschutzbericht 2009. Vorabfassung, Berlin
kalismus als (noch) verfassungskonform und Rechts- 2009, S. 76.
extremismus als verfassungswidrig entspricht. Vgl. ❙7  Vgl. hierzu Carsten Hübner, Rechtsextreme Netz-
Cas Mudde, Populist Radical Right Parties in Euro- werke und Parteien in Europa. Eine Bestandsauf-
pe, Cambridge/UK 2007. nahme vor der Europawahl 2009, o. O. 2008, online:
❙4  Exemplarisch die Rede Jean-Marie Le Pens in Val- w w w.gabi-zimmer.de/uploads/media/Rechtsex-
my 2006, online: www.frontnational.com/doc_inter- treme_Netzwerke_und_Parteien_in_Europa_-_​
ventions_detail.php?id_inter=43 (8. 1. 2010). C._H%​C3%BCbner_DEZ:_08_.pdf (13. 6. 2010).

34 APuZ 44/2010
Soziale Frage und „nationale Präferenz“ tergrund. Im Politbüro und im Zentralkomi-
tee des FN sind zwei schwarze Franzosen und
Seit den 1960er Jahren, mit Verspätung in Itali- ein arabischstämmiger vertreten.
en und Frankreich, profitiert der RE vom class
dealignment, der Entkoppelung von sozialer Großbritannien: Hier findet die BNP die
Lage und Wählerverhalten, und dringt auch in meisten Anhänger in deindustrialisierten In-
ehemals linke Wählerschichten ein. Zu Beginn dustriegebieten und in „weißen“, von multi-
der 1990er Jahre gesellten sich im Zuge von Glo- ethnischen Vierteln umgebenen Enklaven.
balisierung, Deregulierung und Neoliberalis- Oft handelt es sich um enttäuschte ehemali-
mus zum „tüchtigen und fleißigen“ Mittelstand ge Labour-Wähler. ❙11 Schlüsselthemen sind
als ursprünglicher Basis des RE die „kleinen hier, wie auch in der FPÖ, die ebenfalls star-
Leute“ und die „soziale Frage“ wurde akut. ❙8 ken Zulauf aus der Unterschicht hat, Asyl
und Immigration. Strategisch proklamieren
Deutschland: Im NPD-Aktionsprogramm Rechtspopulisten und Rechtsextreme da-
heißt es: „Globalisierung bedeutet Arbeits- her gleichermaßen die „nationale Präferenz“.
losigkeit, Lohndumping, Sozialabbau, Na- Diese Ethnisierung der sozialen Frage zeigt
turzerstörung und Krankheit.“ ❙9 Als Synthese sich in Slogans wie: „Eigen volk eerst“ (VB),
von unternehmerischer Freiheit und sozialer „Les Français d’abord!“ (FN), „Sozial geht
Verpflichtung tritt die NPD für den Sozial- nur national“ (NPD), „British workers first!“
staat in der ethnisch homogenen Volksgemein- (BNP), „Willst du eine (Sozial-)Wohnung ha-
schaft ein. „Wer den Sozialstaat will, muss sich ben, musst du nur ein Kopftuch tragen“ (Frei-
zur Volksgemeinschaft bekennen.“ ❙10 heitliche Partei Österreichs, FPÖ).

Frankreich: Für den FN spricht die Wahlfor- In Italien sind weniger rechtsextreme
scherin Nonna Mayer vom „Arbeiter­k las­sen­ Kleinstparteien ❙12 von Bedeutung als der Ein-
lepenismus“ (ouvriéro-lepenisme), zeigt aber, tritt der postfaschistischen Alleanza Naziona-
dass die Präsidentschaftswahlen von 2002 dem le (AN) und der Lega Nord in das bürgerliche
FN zwar Stimmengewinne bei Arbeitern im Lager. Silvio Berlusconis im Jahr 2008 gegrün-
privaten Sektor, zugleich aber auch bei mittel- dete Sammlungspartei Popolo della Libertà
ständischen Unternehmern, vor allem aber bei unter Einschluss der AN und der neofaschis-
Bauern, hier um mehr als das Doppelte, ge- tischen Azione Sociale unter Führung der Du-
bracht haben. Als schicht- und klassenüber- ce-Enkelin Alessandra Mussolini bedeutet ei-
greifende Partei mobilisiert der FN sozial he- nen weiteren Rechtsruck. Vor allem die Lega
terogene, aber unterdurchschnittlich gebildete Nord konnte nach einer Phase des elektoralen
Wähler mit dem Leitthema der Immigration. Niedergangs vom Unmut vieler norditalieni-
Nachdem der FN 1997 mit 14,95 Prozent zur scher Arbeiter profitieren. Enttäuscht von der
drittstärksten Partei aufgestiegen war, erlitt seit 2007 bestehenden Mitte-Linkspartei Par-
er bei den Parlamentswahlen von 2007 einen tito Democratico, wenden sie sich nicht rechts-
Rückgang auf nur noch 4,5 Prozent und ero- extremen Parteien wie der Forza Nuova ❙13 zu,
diert zunehmend durch Abspaltungen. Die sondern dem Rechtspopulismus als Anwalt
strategische Ausrichtung auf eine reine Anti- des „kleinen Mannes“. Gerade in dieser Grup-
Immigrations-Partei stößt an ihre Grenzen.
Daher spricht Le Pen inzwischen auch Men- ❙11  Vgl. Nigel Copsey, British Fascism. The British Na-
schen mit Migrationshintergrund als potenti- tional Party in the Quest for Legitimacy, Houndsmills–
elle FN-Wähler an: In einer Rede in Valmy am New York 2004; Roger Eatwell/Matthew J. Goodwin
20. September 2006 sprach er nicht mehr nur (eds.), The New Extremism in 21st Century Britain,
London 2010; Thomas Grumke/Andreas Klärner,
„autochthone“ Franzosen (français de souche)
Rechtsextremismus, die soziale Frage und Globalisie-
an, sondern auch solche mit Migrationshin- rungskritik. Eine vergleichende Studie zu Deutschland
und Großbritannien seit 1990, Berlin 2006.
❙8  Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), Neue Ent- ❙12  Vgl. Karin Priester, Rechts von Berlusconi. Itali-
wicklungen des Rechtsextremismus. Internationali- ens Faschisten, Hooligans und radikale Katholiken,
sierung und Entdeckung der sozialen Frage, Berlin in: Blätter für deutsche und internationale Politik,
2006. (2008) 6, S. 91–102.
❙9  NPD-Aktionsprogramm für ein besseres Deutsch- ❙13  Forza Nuova ist seit 2004, neben der NPD und
land, hrsg. vom NPD-Parteivorstand, Berlin o. J. weiteren rechtsextremen Kleinparteien, in der Eu-
(2008), S. 16. ropäischen Nationalen Front (ENF) zusammenge-
❙10  Ebd., S. 14. schlossen. Vgl. C. Hübner (Anm. 7), S. 37 ff.

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pe ist aber auch eine hohe Wahlenthaltung Transnationalisierungskonzepte
festzustellen. ❙14
der extremen Rechten
Ungarn: In Ostmitteleuropa ist der ungari-
sche RE am dynamischsten. Die 2002 gegrün- Auch ultranationalistische Parteien ­haben
dete rechtsextreme Partei Jobbik (Bewegung immer schon internationale Kooperation
für ein besseres Ungarn) profitiert nicht nur von gesucht. Erinnert sei nur an den Antikom-
den durch Liberalisierung, Privatisierung und internpakt zwischen Berlin und Tokio, und
Sozialkürzungen ausgelösten sozialen Verwer- später auch Rom, an die Versuche, den italie-
fungen, sondern hält auch das Trauma der Ge- nischen Faschismus als paneuropäisches Ent-
bietsverluste Ungarns nach dem Ersten Welt- wicklungsmodell zu universalisieren, an die
krieg wach. Bei den Parlamentswahlen im April international zusammengesetzte Waffen-SS
2010 stieg sie mit 16,7 Prozent zur drittstärks- als Vorkämpferin für ein vereintes Großeu-
ten Partei auf. Sie rekrutiert ihre Anhänger un- ropa, an den in den 1940er Jahren von dem
ter Facharbeitern und Studenten sowie in öko- britischen Faschistenführer Sir Oswald Mos-
nomisch benachteiligten Provinzen. Mit ihrem ley propagierten Eurofaschismus oder an
paramilitärischen Arm, der Neuen Ungarischen das von der italienischen neofaschistischen
Garde, schürt sie virulenten Antisemitismus Movimento Sociale Italiano (MSI) initiier-
und Antiziganismus. Das Ziel der Wiederher- te, bereits 1951 in Schweden gegründete pan-
stellung Großungarns in den Grenzen von 1915 europäische Netzwerk „Europäische Sozi-
teilt sie mit dem Sieger der Parlamentswahlen, ale Bewegung“. Perspektivisch stehen sich
dem nationalkonservativen Viktor Orbán, mit im RE drei Richtungen gegenüber: die na-
dessen Partei Fidesz sie bereits seit längerem auf tionalstaatliche, die neoimperiale und die
kommunaler Ebene ­zusammenarbeitet. ❙15 ­regionalistische.

Der ostmitteleuropäische RE unterscheidet Für ein „Europa der Nationen“ tritt vor al-
sich vom westlichen in mehrfacher Hinsicht: lem der FN ein. 2006 erklärte Le Pen: „Sar-
kozy ist der Lakai des Atlantismus und des
• in dem vor allem von der ungarischen, ru- Empire, während ich die kleinen, souveränen
mänischen und polnischen extremen Rech- Nationen verteidige.“ ❙17
ten forcierten Irredentismus vor dem Hin-
tergrund der späten Nationalstaatsbildung Dagegen tritt das neoimperiale „Nation
dieser Länder; Europa“-Konzept für einen europäischen
Großraum mit der Achse Paris-Berlin-Mos-
• in der größeren Akzeptanz des RE in der
kau ein. Karl Richter, Leiter des parlamen-
Intelligenz, insbesondere bei Studenten;
tarischen Beratungsdienstes der NPD-
• in der fehlenden Abgrenzung der bürger- Landtagsfraktion in Sachsen und seit 2009
lichen Parteien von nationalistischen und stellvertretender Bundesvorsitzender der
minderheitsfeindlichen Tendenzen. Die ex- NPD, forderte 1992: „Die Zeit ist reif für
treme Rechte „orientiert sich in Mittel- und eine grundlegende Umorientierung der eu-
Osteuropa ideologisch mehr an der Vergan- ropäischen Völker – weg vom raumfremden,
genheit als ihr westliches Gegenüber“. ❙16 überstaatlichen Weltpolizisten, hin zu ei-
ner neuen kontinentalen Großraumordnung,
❙14  Vgl. Rado Fonda, Analisi del voto dei lavoratori di- die europäischen Interessen endlich Vorrang
pendenti, 2008, online: www.postpoll.it/bimestrale/​ einräumt und Europa wieder in den Rang ei-
scenari/analisi_del_voto_dei_lavoratori_dipendenti. ner souverän handelnden Größe erhebt.“ ❙18
html (15. 6. 2010).
Neoimperiale Ziele verfolgt auch die russi-
❙15  Vgl. András Bozóki, Consolidation or Second Re-
volution? The Politics of the New Right in Hungary, sche Partei Evrazija unter Alexander Du-
in: Slovak Foreign Policy Affairs, (2005) 1, S. 17–28; gin, der den Eurasismus als Alternative zum
Melani Barlai/Florian Hartleb, Ungarischer Popu-
lismus und Rechtsextremismus. Ein Plädoyer für die
Einzelfallforschung, in: Südosteuropa Mitteilungen, ❙17  Le Pen (Anm. 4).
(2008) 4, S. 34–51. ❙18  Zit. nach: Samuel Salzborn/Heribert Schiedel,
❙16  Michael Minkenberg, Rechtsradikalismus in Mit- „Nation Europa“. Ethnoföderale Konzepte und kon-
tel- und Osteuropa nach 1989, in: Thomas Grumke/ tinentale Vernetzung der extremen Rechten, in: Blät-
Bernd Wagner (Hrsg.), Handbuch Rechtsradikalis- ter für deutsche und internationale Politik, (2003) 10,
mus, Opladen 2002, S. 72. S. 1211.

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Atlantismus proklamiert. ❙19 Ebenso wie der schungsdefizite hinsichtlich seiner Vernet-
rechtsextreme Wladimir Schirinowski von zung außerhalb von Parteien. ❙22 Der Belgier
der „Liberal-Demokratischen Partei“ verfügt Robert Steuckers, Chefideologe und Kader-
Dugin über enge Kontakte zum politischen ausbilder des VB und Schüler des ehemali-
Establishment. Die Eurasien-Idee stößt auch gen SS-Mitglieds Jean Thiriart, eines Vor-
im deutschen RE auf Interesse. ❙20 kämpfers für das „vierte Reich Europa“,
ist der geistige Kopf des paneuropäischen
Ab 2000 rückte Jörg Haider mit dem drit- Netzwerks Synergies Européennes (Syner-
ten, dem regionalistischen Modell, in den gon) mit Sektionen in zahlreichen europä-
Vordergrund, dessen FPÖ, wie auch die Lega ischen Ländern. Synergon ist nationalrevo-
Nord, für ein föderal strukturiertes Europa lutionär und bioregionalistisch ausgerichtet
der Ethnoregionen plädiert. Dieses Kon- und organisiert europaweit Seminare, Ta-
zept setzt auf die regionale, kulturelle und gungen und Kolloquien, bei denen auch der
sprachliche Segmentierung nach Zugehörig- Chefideologe der Lega Nord, Gianfranco
keit zu Volksgruppen oder Landsmannschaf- Miglio, auftrat. In Deutschland tagte Syn-
ten, blieb aber in seiner Reichweite begrenzt. ergon im Collegium Humanum in Vlotho,
Haiders Nachfolger Heinz-Christian Strache das 2008 verboten wurde. Unter dem Deck-
vertritt wieder das Modell souveräner, gegen mantel von Anthroposophie und Lebens-
die EU gerichteter Nationen. schutz hatte es ein Schulungszentrum für
Nazi-Skins und ein internationales Zen-
Seit dem Einzug rechtsextremer Abgeord- trum der Holocaust-Leugner mit Horst
neter in das europäische Parlament Mitte der Mahler (NPD) als Referenten beherbergt.
1980er Jahre gibt es auch hier Bestrebungen Als Neonazi-Forum, das selbst in der NPD
zu transnationaler Zusammenarbeit. Im Ok- auf Vorbehalte stößt, hat sich seit 2002 der
tober 2005 trat die Euronat ❙21 als Vereinigung Internet-Weblog Altermedia etabliert. Das
nationalistischer Parteien die Nachfolge der Portal wird in den USA gehostet und hat in
kurzlebigen Fraktion „Identität, Tradition, Europa nationale Sektionen. Es präsentiert
Souveränität“ an, an der auch die FPÖ betei- sich als World Wide News for People of Eu-
ligt war. Sie war von dem als Holocaustleug- ropean Descent und huldigt der Suprematie
ner verurteilten Franzosen Bruno Gollnisch, der weißen Rasse.
dem Vizepräsidenten des FN, geleitet wor-
den. Die jüngste Initiative wurde 2009 in Bu- Auf die rechtsextreme Bewegungssze-
dapest mit der „Allianz der europäischen na- ne außerhalb der Parteien, die groupuscular
tionalen Bewegungen“ gestartet, angeführt right (Roger Griffin), kann hier nur kurso-
vom FN und der ungarischen Jobbik. Ihr Ziel risch eingegangen werden. International ver-
ist die Anerkennung als Europartei. netzt sind Gruppen wie Blood & Honour
und ihr bewaffneter Arm Combat 18 so-
wie die Musikszene von Rechtsrock, Natio-
Vernetzungen des Rechtsextremismus nal Socialist Black Metal (NSBM) bis Dark
Wave. ❙23 Für den rechtsextremen Nachwuchs
Während der europäische RE auf Parteien­ sind freie, stark fluktuierende Zusammen-
ebene gut untersucht ist, bestehen For- schlüsse (Kameradschaften oder Autono-
me Nationalisten) häufig attraktiver als eine
Parteimitgliedschaft. Auch hier hat ein stra-
❙19  Vgl. Andreas Umland, Intellektueller Rechtsex­ tegisches Umdenken stattgefunden, weg von
tremismus im postsowjetischen Russland, in: Berli- klaren Befehlshierarchien, hin zu einer nicht-
ner Debatte Initial, (2006) 17, S. 33–43.
❙20  Vgl. den im rechtsextremen Regin-Verlag erschie-
nenen Sammelband „Vision Eurasien. Jenseits von
Nationalismus und Internationalismus“, Reihe „Jun- ❙22  Vgl. Jens Rydgren, The Sociology of the Radical
ges Forum“, Nr. 8, o. J. (2007), in dem u. a. die Schaf- Right, in: Annual Review of Sociology, (2007) 33,
fung eines eurasischen Wirtschaftsraums thematisiert S. 257.
wird. Auch die belgische Euro-Rus tritt als interna- ❙23  Bei dem Treffen der internationalen Neonazisze-
tional vernetzter geopolitischer Think Tank für ein ne, dem „Fest der Völker“ in Thüringen, traten 2005
Europa von Gibraltar bis Wladiwostok ein. auch zahlreiche Blood & Honour-Mitglieder auf.
❙21  Mitglieder sind der FN, die BNP, die MSI/FT Dieses Rock-Festival ist mit der Europäischen Natio-
(Italien), Nationaldemokraterna (Schweden) und De- nalen Front (ENF) vernetzt, die Redner aus zahlrei-
mocracia Nacional (Spanien). chen europäischen Ländern beisteuerte.

APuZ 44/2010 37
hierarchischen, polyzentrischen leaderless tatur der political correctness“, ❙25 gegen den
­resistance. Sozialstaat und den „Gleichheitskult“. Seit
2007 sucht der Herausgeber von „eigentüm-
2005 formulierte der Neonazi-Aktivist lich frei“, André Lichtschlag, der ein Bündnis
Christian Worch in Anlehnung an die US- radikal libertärer und nationalkonservativer
amerikanische Militärdoktrin: „Kommuni- Kräfte anstrebt, auch die Nähe zum RE. Ne-
kation und Vernetzung traten an die Stelle ben dem NPD-Vorsitzenden Udo Voigt und
früherer organisatorischer Strukturen und dem Nationalanarchisten Peter Töpfer kam
erweisen sich sogar als funktionsfähiger. (…) Angelika Willig, bis 2009 Chefredakteurin
Die Revolution findet von unten nach oben von „Hier & Jetzt“, der Theoriezeitschrift
statt.“ ❙24 Wer sich mental noch in Zeiten von der sächsischen NPD-Jugendorganisation
Wehrsportgruppen befinde, gleiche einer Ka- Junge Nationaldemokraten und Vordenkerin
vallerietruppe, die gegen Panzer antritt. Auch eines grundsätzlichen Systemwechsels, zu
die NPD vertritt eine „völkische Graswurzel- Wort. Als ideologisches Bindeglied zwischen
revolution“ (NPD-Theoretiker Jürgen Gan- Libertarismus und RE fungiert der Sozi-
sel) und bemüht sich um ihre alltagskulturelle aldarwinismus als Ideologie der naturgewoll-
Verankerung auf kommunaler Ebene. ten Überlegenheit der Starken gegenüber den
Schwachen, der Elite gegenüber der Masse.
Libertarier, Rechtspopulisten,
Rechtsextreme: fließende Grenzen Perspektiven des Rechtsextremismus
RE spricht unterdurchschnittlich formal ge- RE ist in Westeuropa auf Parteienebene mar-
bildete Schichten an, mit denen sich das Bür- ginalisiert. Ein Ausbruch aus dieser Lage
gertum nicht gemein macht. Anti-Establish- kann derzeit nur über eine Annäherung an
ment-Protest artikuliert sich hier als Kampf den Rechtspopulismus erfolgen. 2006 schrieb
für einen staatsfreien Kapitalismus. In den der Nationalrevolutionär Jürgen Schwab, bis
USA formiert sich dieser minimalstaatli- 2004 NPD-Mitglied, auf Altermedia: „Seit
che Libertarismus in der Tea Party, die auch geraumer Zeit ist in mir die Überzeugung ge-
rechtsextreme Splittergruppen wie Milizen, reift, dass ein Teil der Völkischen strukturell
Patriot-Gruppen oder weiße Suprematisten pro-westlich ist.“ ❙26 Schwab berührte damit
anzieht. „einen der zentralen ideologischen Streit-
punkte, an dem sich die Geister in der eu-
In Deutschland findet er ein Forum in der ropäischen extremen Rechten entzweien“. ❙27
Zeitschrift „eigentümlich frei“, die sich als Die Freund-Feind-Debatte kreist um die so-
„Marktplatz für Liberalismus, Anarchis- genannte „Israel-Connection“ eines Teils der
mus und Kapitalismus“ versteht. Ihre ideo- europäischen Rechten. ❙28 Bislang vertritt der
logischen Leitfiguren sind Murray Rothbard
und die Philosophin Ayn Rand, die Eigen- ❙25  Was der Weblog Altermedia für den RE ist, ist der
nutz und Egoismus moralphilosophisch als Politically Incorrect-Blog (www.pi-news.net) für den
Rechtspopulismus im Umfeld der PRO-Bewegun-
Tugenden legitimiert. Ziel ist die staatlich
gen. Mit rund 35 000 Zugriffen täglich ist er einer der
ungehinderte Nutzenmaximierung neuer meist besuchten deutschsprachigen rechten Blogs.
„Leistungsträger“ in Finanz-, Marketing-, Hauptthemen sind das „Gutmenschentum“ und die
Management- und Akademikerkreisen oder „Islamisierung“ Europas.
im PR- und IT-Bereich. Das Grundübel se- ❙26  Jürgen Schwab, Das „weiße Europa“ als Vorhut
hen sie im „Sozialdemokratismus“, von dem der USA, Beitrag vom 7. 8. 2006, online: http://de.­
altermedia.info/general/6565_6565.html (16. 6. 2010).
auch die CDU unter dem Vorsitz von An-
❙27  Bernard Schmid, Für Israel, gegen Araber? Für Ara-
gela Merkel befallen sei. Libertarier sind ge- ber, gegen Juden?, 2009, online: www.uni-­kassel.de/
gen die von den Grünen geschürte „öko-alar- fb5/frieden/regionen/Israel/rechte.html (19. 2. 2010).
mistische Klimaangst“, gegen Feminismus ❙28  Vgl. Rigolf Hennig, Welchen Weg geht die NPD?,
und „Genderterror“, gegen die „gutmensch- in: Volk in Bewegung, April 2009 oder die Debat-
lich“ auftretenden Kirchen, gegen die „Dik- te um die 2004 gegründete „Kontinent Europa Stif-
tung“ des Schweden Patrik Brinkmann, dem die
Völkischen Philosemitismus vorwerfen. Das DVU-
❙24  Christian Worch, Gedanken über freien und auto- Mitglied Brinkmann strebt eine Annäherung des
nomen Nationalismus, Beitrag vom 26. 1. 2005, online: RE an die PRO-Bewegungen an und versteht sich als
http://stoerti.atspace.com/260105.html (8. 6. 2008). proisraelisch.

38 APuZ 44/2010
RE einen gegen die USA, den „Hauptträger Matenia Sirseloudi · Syed Mansoob Murshed ·
des weltweiten Imperialismus“, ❙29 gerichteten
„Befreiungsnationalismus“. Dies könnte sich,
Sara Pavan

Radikalisierung
so Schwab, ändern, wenn der RE sich im Na-
men des „weißen Europa“ als Vorhut der USA
instrumentalisieren und für den Kampf gegen
den neuen Feind, den Islamismus, einspannen
lasse. Noch sind die USA und Israel der Erz-
feind des RE. Aber, ausgehend von den weit-
von europäischen
aus erfolgreicheren Rechtspopulisten mit dem
Niederländer Pim Fortuyn als Vorreiter, tritt
zunehmend der Islamismus an dessen Stelle.
Muslimen: Zwei
Der RE steht damit vor einem Dilemma.
Schließt er sich diesem Feindbild an, um
Erklärungsansätze
über die Islamophobie neue Protestwähler zu
mobilisieren, gibt er seine Identität als anti-
Matenia Sirseloudi
westliches Bollwerk des „nationalen Wider-
stands“ auf und nähert sich dem prowestli-
chen Rechtspopulismus an. Eine Gefahr geht Radikalisierungspro-
in Westeuropa nicht vom RE per se aus, son-
dern von seiner Ligatur mit dem Rechtspo-
pulismus. Dabei zeigt sich, dass der liberale
zesse in der Diaspora
Impetus eines Pim Fortuyn (Abwehr der „Is-
lamisierung“ im Namen des aufgeklärten, to-
leranten Westens) bei der FPÖ einer christ-
lichen „Abendlandrhetorik“ gewichen ist, ❙30
S pätestens seit sich europaweit potenziel-
le terroristische Attentäter aus der zwei-
ten und dritten Migrantengeneration musli-
die eine Brücke zum Klerikalfaschismus ❙31 mischen Glaubens und
schlagen könnte. Der „Kampf der Kultu- jungen Konvertiten re- Matenia Sirseloudi
ren“ wird unterschiedlich akzentuiert, und krutieren, stellt sich die M. A., geb. 1971; Leiterin des
vieles ist noch im Fluss. Aber nach dem eth- Frage nach einem mög- Projekts „Terrorismus und Ra-
nopluralistischen Modernisierungsschub der lichen Zusammenhang dikalisierung – Indikatoren für
1980er Jahre versuchen Teile des RE, über die zwischen der Religion externe Einflussfaktoren“ und
Umpolung des Feindbildes eine neue, dies- dieser Menschen und Wissenschaftliche Mitarbeiterin
mal antiislamistische „Moder­n isie­r ungs­ den daraus in europä- im Institut für Friedensfor-
welle“ ­einzuleiten. ischen Gesellschaften schung und Sicherheitspolitik,
entstehenden Radika- Beim Schlump 83,
lisierungspotenzialen. 20144 Hamburg.
❙29  NPD-Hochschulbund, 14 Thesen zum Befrei- Denn mit dem Auf- sirseloudi@ifsh.de
ungsnationalismus, o. J. online: http://logr.org/freies​ kommen jihadistisch-
nordhausen/2009/12/18/14-thesen-zum-befreiungs-
motivierter terroristischer Gewalt ist das Ri-
nationalismus/ (21. 6. 2010).
❙30  Vgl. die FPÖ-Slogans „Abendland in Christen- siko von Anschlägen mit hohen Opferzah-
hand“, „Daham statt Islam“, „Pummerin (eine Glo- len und gravierenden Sachschäden stark ge-
cke des Wiener Stephansdoms, K. P.) statt Muezzin“ stiegen. Außerweltlich orientierte Attentäter
und die 2010 gegründete Christlich-Freiheitliche nehmen scheinbar weder auf ihre weltlichen
Plattform als Vorfeldorganisation der FPÖ. Bezugsgruppen noch auf sich selbst Rücksicht
❙31  Das Sammelbecken der reaktionärsten, antimo-
– je verheerender der Anschlag, desto größer
dernistischsten und antisemitischsten Kräfte im eu-
ropäischen RE ist die ENF (Anm. 13), die sich auf den die vermeintliche Huldigung an den Gott, in
rumänischen Faschistenführer Cornelin Zelea Crod- dessen Namen der Anschlag verübt wird. An-
reanu und die spanische Falange beruft. Ihre ideolo- gesichts dieser Folgen von terroristischen An-
gische Grundlage ist der katholische Integralismus. schlägen hat sich der Kampf gegen den Terro-
Mit Ausnahme der NPD kommen diese militanten, rismus immer stärker ins Vorfeld der eigentli-
zu Esoterik neigenden „Taliban des RE“ aus katho-
lisch geprägten Ländern (Italien, Frankreich, Polen,
chen terroristischen Tat verlagert und richtet
Rumänien, Spanien). sich verstärkt auch gegen islamistische Strö-
mungen, die terroristischer Gewalt als Recht-
fertigungsgrundlage dienen.

APuZ 44/2010 39
Islamischer Aktivismus (Islamismus) Afrika, in Südostasien und zunehmend auch
in Europa. In beiden Fällen ist die Übernah-
Mit „Islamismus“ wird gemeinhin die aktive me politischer Macht normalerweise ebenso
Werbung für islamische Glaubenssätze, Vor- wenig das Ziel wie die Organisation in Par-
schriften, Gesetze oder Politikprogramme teien. Der vorrangige Zweck dieser Bewe-
bezeichnet. Er wird meist mit islamischem gungen ist die Stärkung der muslimischen
Aktivismus oder radikalem Islam gleichge- Identität, des islamischen Glaubens und der
setzt. Die folgende Typologisierung islamis- moralischen Ordnung des Islam gegen die
tischer Bewegungen und Organisationen Kräfte des Unglaubens. Die Missionierung
entspricht der Definition der International erfolgt entweder durch Predigen (al-Da’wa)
Crisis Group (ICG). ❙1 zur Stärkung und Revitalisierung des Glau-
bens (al-Iman) und der moralischen Ordnung
Als politischer Islam werden islamisch ge- oder durch den Zusammenhalt der Glaubens-
prägte politische Bewegungen kategorisiert, gemeinschaft (al-Umma).
wie sie von den ägyptischen Muslimbrüdern
und ihren Ablegern in Algerien, Jordanien, Die dritte Variante, der jihadistische Isla-
Kuwait, Palästina, Sudan und Syrien reprä- mismus, steht für den islamischen bewaffne-
sentiert werden oder von nationalen Bewe- ten Kampf (al-Jihad), ❙3 der von Gewalt pro-
gungen wie der türkischen Gerechtigkeits- pagierenden und anwendenden Aktivisten
und Entwicklungspartei (Adalet ve Kalkınma getragen wird. Diese wähnen sich in der mi-
Partisi, AKP) sowie der Gerechtigkeits- und litärischen Verteidigung des Dar al-Islam
Entwicklungspartei (Parti pour la Justice at (der Region, die historisch der muslimischen
le Développement, PJD) in Marokko. Ihr Ziel Herrschaft unterworfen war) und der Umma
ist es, politische Macht auf nationaler Ebene gegen ungläubige Feinde. Zwei Glaubens-
zu erlangen. Diese Bewegungen akzeptieren stränge können dabei unterschieden werden:
im Allgemeinen den Nationalstaat, operieren Die sogenannte jihadistische Salafiyya (al-
innerhalb seines konstitutionellen Rahmens, Salafiyya al-jihadiyya), ❙4 zusammengesetzt
meiden Gewalt, ❙2 verfolgen eine eher refor- aus Gläubigen salafistischer Ausrichtung, die
mistische religiöse Vision und berufen sich sich radikalisiert und den nichtgewalttäti-
auf universalistische demokratische Normen. gen Aktivismus der Da’wa und den Weg des
Politisches Handeln genießt Vorrang vor re- politischen Islam verlassen haben, um sich
ligiöser Missionierung oder der Anwendung dem bewaffneten Jihad zu verschreiben. Der
gewaltsamer Mittel. Die religiös-politische zweite Glaubensstrang sind die sogenann-
Bewegung organisiert sich meist in Parteien. ten Qutb-Anhänger (al-Qutbiyyin). Das sind
Aktivisten, die vom radikalen Gedankengut
Als missionarischen Islamismus bezeich- des Muslimbruders Sayyid Qutb (1906–1966)
net man die islamische Mission zur Bekeh- beeinflusst sind. Sie führten ihren Jihad zu-
rung (al-Da’wa), die vornehmlich in zwei nächst gegen den „nahen Feind“, das heißt
Varianten existiert: der stark strukturierten, gegen lokale Regime, die als sündig (kufr)
aus Indien kommenden Tablighi-Bewegung verunglimpft werden, darunter insbesonde-
und der sehr diffusen Salafiyya, die ihren re Ägypten. Später wurde der Kampf auf den
Ursprung in Saudi Arabien hat und nun glo- globalen Jihad und gegen „den fernen Feind“,
bal aktiv ist, mit Präsenz im subsaharischen das heißt gegen Israel und den „Westen“, ins-
besondere die Vereinigten Staaten von Ame-
❙1  Vgl. ICG, Understanding Islamism, Kairo–Brüs- rika, ausgeweitet. In den vergangenen zwei
sel 2004, S.  3 f.; Guido Steinberg, Der Islamismus Jahrzehnten haben sich diese beiden jihadis-
im Niedergang?, in: Bundesministerium des Innern
tischen Strömungen gegenseitig beeinflusst.
(Hrsg.), Islamismus, Berlin 2004; Quintan Wiktoro-
wicz (ed.), Islamic Activism, Bloomington–Indiana- Osama bin Ladens Al-Qaida-Netzwerk zum
polis 2003.
❙2  Als Ausnahme ist der – auch bewaffnete – Wider- ❙3  Etymologisch bedeutet der Begriff die Bemü-
stand zu sehen, zu dem im Falle fremder Besatzung hung, ein bestimmtes Objekt zu erreichen. Darunter
gegriffen wird. Der Übergang zum bewaffneten Ji- wird auch eine individuelle Bemühung um den Glau-
had wird dann fließend. Der Archetyp einer solchen ben oder zum moralischen Handeln (großer Jihad)
Bewegung ist die palästinensische Hamas. Vgl. Ma- ­verstanden.
tenia Sirseloudi, Assessment of the link between ex- ❙4  Vgl. Thomas Hegghammer, Jihadi Salafis or Revo-
ternal conflicts and violent radicalisation processes, lutionaries? On Religion and Politics in the Study of
Brüssel 2006, S. 3 f. militant Islamism, London 2009.

40 APuZ 44/2010
Beispiel repräsentiert eine Synthese aus jihad- Glaubensgemeinschaft darstellen, ❙5 beziehen
salafitischen und qutbistischen Elementen. sich Al-Qaidas Neuerungen auf die äußere
Reichweite des Jihad. Traditionell ist Jihad
Hervorzuheben ist, dass die politischen als „Heiliger Krieg“ an ein bestimmtes Ter-
Strömungen (wie die Muslimbruderschaft ritorium gebunden, doch bin Ladens „Fatwa
oder die türkische AKP) die am wenigsten gegen Juden und Kreuzfahrer“ aus dem Jahr
radikalen Gruppierungen darstellen. Sie ge- 2001 entterritorialisierte ihn und weitete ihn
hen am weitesten in der Anerkennung demo- auf die ganze Welt aus. Aus dem ursprünglich
kratischer Normen und Prinzipien, die bisher auf Afghanistan konzentrierten Jihad entwi-
als unislamisch gemieden wurden. Außerdem ckelte sich so das neue Narrativ des entterri-
wird hier eine modernistische Haltung zum torialisierten globalen Jihadismus. ❙6
islamischen Recht eingenommen. Rein re-
ligiöse und missionarische Islamisten dage-
gen tendieren eher dazu, sich bei Konflikten Warum trifft dieses Denken
sehr schnell zu radikalisieren. Da ihnen jegli- in Europa auf fruchtbaren Boden?
che Erfahrung im politischen System und die
Neigung zur politischen Teilhabe fehlt bezie- Im islamistischen Narrativ finden gerade
hungsweise verleidet wurde, entschließen sie Muslime und junge Konvertiten in der Di-
sich auch eher für den bewaffneten Jihad. aspora Anknüpfungspunkte für kollektive
Identitätszuschreibungen. Das Mitgefühl mit
Glaubensbrüdern etwa in Bosnien, Palästina
Entstehungsgeschichte des Jihadismus oder Tschetschenien vermischt sich mit eige-
nen Demütigungs- und Opfererfahrungen,
Der Jihadismus, die vom klassischen Jihad die „dem Westen“ angelastet werden; der junge
abzugrenzende Ideologie militanter Islamis- „Beur“ maghrebinischer Herkunft in Frank-
ten, speist sich aus unterschiedlichen Denk- reich oder der „Paki“ in Großbritannien iden-
schulen und baut auf einer fragmentierten tifiziert sich mit dem palästinensischen „Che-
Wissensgrundlage auf. Der Rückgriff auf den bab“, der – wie in den elektronischen Medien
Jihad als bewaffnete Verteidigung der isla- gezeigt  – von der israelischen Armee „gede-
mischen Glaubensgemeinde war bereits ein mütigt“ wird. ❙7 Islam wird so als Gegenmodell
wichtiges Charakteristikum des Widerstan- zum Westen stilisiert und bietet eine alterna-
des gegen die koloniale Eroberung. Seit dem tive – reaktive – Identität, die manchmal dem
Ende der kolonialen Ära lebte die Idee vom militanten Jihad näher steht als der westlich-
Jihad in einem komplexen Prozess, der sich liberalen Kultur des Residenzlandes. ❙8 Beson-
aus vier Strängen speist, wieder auf: ders problematisch wird diese Konstellation

1. Aufkommen einer doktrinären jihadisti- ❙5  Qutbs Gedanken befürworten den militanten Wi-
schen Tendenz in Ägypten in den 1970er derstand gegen die eigenen Herrscher, weswegen der
und 1980er Jahren basierend auf dem ra- sich auf sie beziehende Islamismus von diesen mit
dikalen Denken von Sayyid Qutb, massiver Repression bekämpft wurde. In Algerien
führte dies zu einem Bürgerkrieg, in anderen Ländern
2. Mobilisierung jihadistischer Energien in zur Entstehung von Untergrundstrukturen und dem
der muslimischen Welt für den Krieg ge- Ausweichen militanter Islamisten in den internationa-
gen die sowjetische militärische Präsenz in len Raum, insbesondere nach Europa. Vgl. Ray Takey/
Nikolas Gvosdev, Radical Islam: The death of an ideo-
Afghanistan und das prosowjetische Re- logy?, in: Middle East Policy, 11 (2004) 4, S. 86–95.
gime in Kabul (1979–1989), ❙6  Vgl. Juan Jose Escobar Stemmann, Middle East
Salafism’s Influence and the Radicalization of Mus-
3. langwierige, aber erfolglose Aufstände ge-
lim Communities in Europe, in: MERIA, 10 (2006)
gen vermeintlich un-islamische Regime, 3, S. 1–14; Ghaffar Hussain, A brief history of Isla-
insbesondere in Algerien (seit 1991) und mism, London 2010.
Ägypten (bis 1997), ❙7  Vgl. Farhad Khosrokhavar, Quand Al-Qaida par-
le. Témoignages derrière les barreaux, Paris 2006.
4. der von Al-Qaida in den späten 1990er Jah- ❙8  Vgl. Matenia Sirseloudi, Zwischen Assimilation
ren ausgerufene Jihad gegen den Westen. und Abgrenzung. Die Bedeutung der Religion für
die Identität der türkischen Diasporagemeinschaft in
Deutschland, in: Bernd Oberdorfer/Peter Waldmann
Während Qutbs Schriften eine Auswei- (Hrsg.), Die Ambivalenz des Religiösen, Freiburg
tung des Jihad-Konzeptes nach innen in die 2008, S. 289–314.

APuZ 44/2010 41
dann, wenn sich das Residenzland und der Im jugendlichen Eifer ist es nicht unty-
Referenzort der kollektiven Identität (wie die pisch, sich für Ideale und gegen vermeintli-
globale Umma) in einem bewaffneten Kon- ches Unrecht in der Welt zu engagieren. Den
flikt gegenüberstehen. Im Namen einer höhe- gesamten, mehrstufigen Radikalisierungs-
ren Sache, der Verteidigung der vom Westen prozess bis hin zur Bereitschaft zu töten (und
bedrohten Glaubensbrüder und -schwestern, zu sterben) durchlaufen aber nur sehr weni-
können sich junge Muslime (auch konvertier- ge. ❙12 Dieser führt bei jihadistisch motivier-
te) für empfundene Kränkungen rächen. Im ten Gewalttätern von der Identifikation mit
Jihadismus finden sie Rechtfertigung sowohl der globalen Umma und mit Muslimen welt-
den Westen im Allgemeinen als auch – im Fal- weit, die sich in Bedrängnis fühlen, über die
le des sogenannten homegrown terrorism – das Reduktion der eigenen Identität auf die mus-
Residenzland in concreto zu bekämpfen. limische Religionszugehörigkeit und die ab-
solute Abgrenzung von der Gesellschaft, dem
An der Vielfalt der Herkunftshintergrün- weiteren sozialen Umfeld und der eigenen Fa-
de und der Persönlichkeitsmuster radikaler Ji- milie bis hin zur Hinwendung zum militan-
hadisten wird auch das große integrative Po- ten „Heiligen Krieg“ als Mittel zur Durch-
tenzial des engeren Jihad-Narrativs deutlich. ❙9 setzung der eigenen ideologischen Ziele – im
Dies ist zunächst auf seinen religiösen Gehalt äußersten Fall durch Verlust des eigenen Le-
zurückzuführen. Religion vermag Menschen bens. Dabei kristallisieren sich im Wesentli-
jenseits von ethnischer, nationaler und sozia- chen drei diesen Radikalisierungsprozess de-
ler Zugehörigkeit zu einen. Jihadisten nutzen terminierende Faktoren heraus:
allgemeine religiöse Frames ❙10 wie (oft aus dem
Kontext gerissene) Koranpassagen, theologi- 1. die Ausprägung der islamistischen Bewe-
sche Abhandlungen oder Appelle an die musli- gung und konflikthafte Entwicklungen
mische Solidarität mit den unter „dem Westen“ am Referenzort kollektiver Identität (im
leidenden Glaubensbrüdern (wie in Afghanis- Heimatland, in bestimmten Zielgebieten
tan), um ihre Ziele einer breiteren Öffentlich- oder in der globalen Umma), ❙13
keit akzeptabel zu machen. ❙11 Der Kampf gegen
2. die Situation im Land des gegenwärtigen
den Westen wird dabei zur individuellen religi-
Aufenthalts (wie die Migrationssituation,
ösen Pflicht eines jeden Muslim deklariert und
fehlende Integration, Diskriminierung und
Gruppierungen im Umfeld von Al-Qaida ge-
die Rolle der Religion in der Diaspora), ❙14
ben taktische Ratschläge, wie dieser Jihad zu
führen ist. In dieser Geschichtsinterpretation 3. eine psychologisch-individuelle Vulnera-
passt alles in ein kohärentes Bild: die Kreuz- bilität, sei es eine persönliche Krisensitu-
züge, Kolonialismus, die Gründung des israeli- ation, die Individuen empfänglich macht
schen Staates, Kriege in Palästina, Afghanistan, für radikales Gedankengut, sei es die Ein-
Irak, Somalia, Sudan, Bosnien und Tschetsche- bindung über Primärkontakte in radikale
nien. In den Augen der Jihadisten repräsentie- Netzwerke. ❙15
ren diese Kriege einen imperialistischen Feld-
zug der Ungläubigen gegen die muslimische
❙12  Neben Eric Breininger sind weitere Beispiele der
Welt. In diesem Kontext erscheint der Kampf
im bayerischen Ansbach aufgewachsene Deutsch-
im Namen des Islam als globale Defensive und Türke Cüneyt Ciftci oder die als Mitglieder der „Sau-
revolutionäre Bewegung gegen den Westen. erlandgruppe“ bekannt gewordenen Deutsch-Türken
Attila Selek und Adem Yılmaz sowie die beiden Kon-
❙9  Eindrückliche Beispiele sind die Autobiografie des vertiten Daniel Schneider und Fritz Gelowicz.
wohl in Pakistan bei einem Angriff umgekommenen ❙13  Externe Einflussfaktoren, die in Konflikten au-
Deutschen Eric Breininger, die einige Tage nach sei- ßerhalb Deutschlands zu suchen sind, sind bislang
nem Tod im Internet im Umlauf war, oder das recht jedoch nicht ausreichend erforscht und thematisiert
professionelle, auf eine an westliche Hochglanzma- worden. Risikoeinschätzungen aus der Praxis, wie
gazine gewöhnte Leserschaft zugeschnittene eng- zum Beispiel die des Präsidenten des Bundeskrimi-
lischsprachige Jihad-Magazin Inspire. Vgl. Die Welt nalamts Jörg Ziercke, beziehen dagegen regelmäßig
vom 15. 10. 2010. externe Risikofaktoren wie das deutsche Afghanis-
❙10  Vgl. Anja Dalgaard-Nielsen, Studying violent ra- tan-Engagement in ihre Risikomatrix ein, ohne aber
dicalization in Europe, Kopenhagen 2008. detaillierte Wirkungsabläufe nachzuzeichnen.
❙11  Vgl. Thomas Hegghammer, Al-Qaida statements ❙14  Vgl. Olivier Roy, Globalized Islam, New York
2003–2004, Norwegian Defence Research Estab- 2004.
lishment 2005; Gilles Kepel/Jean-Piere Milelli (eds.), ❙15  Vgl. Saskia Lützinger, Die Sicht der Anderen,
Al-Qaida. Texte des Terrors, München–Zürich 2006. Köln 2010.

42 APuZ 44/2010
Obwohl in den vergangenen Jahren immer Syed Mansoob Murshed · Sara Pavan
öfter von Selbstradikalisierung die Rede ist,
und der erste Impuls hin zur Rekrutierung
in terroristische Netzwerke von den Rekru-
Identität und
ten selbst ausgeht, gibt es doch Strukturen,
wie sogenannte gatekeeper (oftmals ehemali-
ge Kämpfer), radikale Prediger und Propagan-
Radikalisierung
da im Internet, die als Pull-Faktoren anfällige
Personen in Richtung gewaltsamer Radikali-
sierung führen können. Erst wenn beides zu-
I n der vergangenen Dekade hat in den west-
europäischen Staaten die Besorgnis über
das Phänomen des „hausgemachten Terro-
sammenkommt, oft in einer sogenannten ko- rismus“ (home-grown
gnitiven Öffnung, ❙16 besteht die Gefahr, dass terrorism) zugenom- Syed Mansoob Murshed
sich das radikalisierte Individuum auf den Pfad men. Einzelne radi- Ph. D., geb. 1958; Professor
hin zum terroristischen Anschlag begibt. kale Muslime, zum für Economics of Conflict and
Teil in Europa gebo- Peace am International Institute
Je stärker sich junge Muslime in Deutschland ren und aufgewach- of Social Studies (ISS) an der
mit der globalen Umma statt mit dem Her- sen, waren an terro- Erasmus-Universität Rotterdam,
kunftsland ihrer Eltern oder mit Deutschland ristischen Gewaltak- Kortenaerkade 12, 2518 AX,
identifizieren, desto offener werden sie für is- ten beteiligt, wie den Den Haag/NL.
lamistische Strömungen aller Art. Da selbst Bomben a n sch lägen murshed@iss.nl
Jihadisten ihre Botschaften in allgemeingülti- auf Vorortzüge in Ma-
ge religiöse Frames einbetten, scheint für das drid im März 2004, Sara Pavan
Gutheißen von Gewalt kein grundlegender der Ermordung Theo M. Sc., geb. 1980; Universität
Bruch mit der Religion notwendig zu sein. van Goghs in Ams- Amsterdam/NL.
Derzeit findet an den Rändern der islami- terdam im November sara_pavan@yahoo.com
schen Welt und in der europäischen Diaspora 2004 und den Bom-
eine Expansion der Salafiyya-Bewegung statt. benanschlägen in London im Juli 2005. Diese
Diese lässt sich schwer trennen von ihrer ge- Ereignisse leisten der Verfestigung von The-
waltbereiten Abspaltung, der jiha­distischen orien einer kulturellen Konfrontation zwi-
Salafiyya (al-Salafiyya al-jihadiyya), die ge- schen „dem Westen“ und „dem Islam“ Vor-
rade auf die Fantasie junger und zunehmend schub und befördern Debatten über die „In-
mobiler, wenn nicht völlig deterritorialisier- tegrationsfähigkeit“ muslimischer Gemein-
ter Teile der jungen muslimischen Bevölke- schaften in Europa. Obwohl es eine Vielzahl
rung große Faszination ausübt. an Arbeiten darüber gibt, wie es zur Radika-
lisierung von Menschen kommt, wird oft an-
Internationale Konflikte, in denen west- genommen, diese vollziehe sich in einem so-
liche Streitkräfte muslimischen Kämpfern zioökonomischen und politischen Vakuum.
gegenüberstehen, produzieren Bilder und Vor allem kulturalistische Hypothesen ma-
Mythen für eine selbst-perpetuierende Recht- chen die Radikalisierung – und den Terroris-
fertigung des Jihad. In einer globalisierten mus – als spezifisches Charakteristikum der
Medienwelt wird die so erzeugte Anschluss- islamischen Praxis aus. ❙1 Außer acht gelassen
fähigkeit des Jihadismus mehr als alles andere wird dabei, dass Weltreligionen wie der Islam
zur Radikalisierung von Menschen weltweit nicht monolithisch sind. Noch gravierender
beitragen, die Glauben und Halt in einem ra- ist, dass Identität nur eindimensional gesehen
dikalen Narrativ suchen – seien diese in Eu- und die Vielfalt der Identitäten, die Individu-
ropa oder sonst wo auf der Welt. en haben können, ignoriert wird. ❙2 So ist es
keineswegs ungewöhnlich, dass sich jemand
❙16  Das Konzept der „kognitiven Öffnung“ kann so- gleichzeitig als Muslim und Europäer ver-
wohl für ein traumatisierendes biographisches Ereignis
stehen, als auch dieses intendiert herbeiführen durch
Diskussionen und „Aufklärung“ über den vermeint- Übersetzung aus dem Englischen von Georg Danck-
lichen Kampf der Ungläubigen gegen den Islam. Die- werts, Krefeld.
ser Prozess ist notwendig, weil durch ihn bestehende ❙1  Vgl. Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen.
Glaubens- und Wertesysteme infrage gestellt und In- Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.  Jahrhun-
dividuen für alternative Sichtweisen und Perspektiven dert, München–Wien 1996.
empfänglicher gemacht werden. Vgl. Quintan Wikto- ❙2  Vgl. Amartya Sen, Violence, Identity and Poverty,
rowicz, Radical Islam rising, Lanham–Boulder 2005. in: Journal of Peace Research, 45 (2008) 1, S. 5–15.

APuZ 44/2010 43
steht und Demokratie, Pluralität und Men- europäischen Ländern ist es weniger poli-
schenrechte respektiert. tisch inkorrekt, sich offen abfällig über Mus-
lime und den Islam zu äußern. So haben auch
Eine alternative Erklärung für die Verbitte- nach Untersuchungen des Pew Research Cen-
rung vieler Muslime kann im Zusammenspiel ter unter Nichtmuslimen negative Äußerun-
von sozioökonomischer Benachteiligung und gen über Muslime in den vergangenen Jahren
kultureller Kränkung liegen. Den Aspekt der merklich zugenommen: In Spanien äußerten
sozioökonomischen Benachteiligung führte sich 52 Prozent, in Deutschland 50 Prozent,
bereits Ted Gurr in seiner klassischen Arbeit in Frankreich 38 Prozent, in Großbritannien
über die relative Deprivation als Ursprung von 23 Prozent der Befragten negativ über Musli-
Rebellion an. ❙3 Relative Deprivation bezeich- me. ❙6 In Deutschland beispielsweise erwarte-
net in diesem Fall „diejenigen Formen wahr- ten im Jahr 2007 58 Prozent der Befragten ei-
genommener Benachteiligung, (…) die entwe- nen kommenden Konflikt mit den Muslimen
der aus dem Vergleich der Situation mit der (eine Zunahme um das Doppelte seit 2004),
anderer Personen oder aus dem Vergleich der 46 Prozent äußerten Sorge vor einem unmit-
Situation der eigenen Gruppe mit der einer an- telbar bevorstehenden terroristischen Akt
deren Gruppe resultiert“. ❙4 Denn die Position, und 42 Prozent glaubten, unter der muslimi-
welche die Gruppe in der gesellschaftlichen schen Bevölkerung könnten sich Terroristen
Hierarchie einnimmt, ist mit entscheidend für verstecken. ❙7
ihr kollektives Selbstwertgefühl. Die wahrge-
nommene strukturelle Diskriminierung und Wie transformieren sich diese Arten der
Ungleichheit einer Gruppe im Vergleich zu kollektiven Kränkungen zu individuellen
einer anderen führt bei einigen Gruppenmit- Kränkungen, und umgekehrt: warum werden
gliedern dazu, die Ungleichheit öffentlich an- individuelle Nachteile (anderer Gruppenmit-
prangern und bekämpfen zu wollen. glieder) als kollektive Nachteile wahrgenom-
men? ❙8 Es beginnt damit, dass Individuen
Selbstvergewisserung nicht nur aus dem Kon-
Anatomie der Radikalisierung sum oder der Identifikation mit einer Sache
ziehen können, sondern auch aus ihrem Ver-
Vor diesem Hintergrund dokumentierte halten, das mit ihrer Identitätswahrnehmung
Frances Stewart die systematische und struk- und dem Verhalten gleichgesinnter Mitglie-
turelle Benachteiligung muslimischer Grup- der ihrer Gruppe korrespondiert. Dazu zäh-
pen in allen westeuropäischen Staaten: Sie len gemeinsame Rituale, Werte, Überzeu-
reiche von Diskriminierung auf dem Arbeits- gungen und Symbole wie die gemeinsame
markt und im Vergleich zur Mehrheitsgesell- Verrichtung des Gebets. Und nicht nur aus
schaft niedrigerem Einkommen bis zu Un- eigenen Handlungen bezieht der Einzelne
terrepräsentierung im öffentlichen Leben. diese Selbstvergewisserung, sondern auch
Muslimische Bürgerinnen und Bürger sei- aus ähnlichen Handlungsweisen von Gleich-
en in allen europäischen Staaten im Durch- gesinnten, die zu seiner Gruppe und vor al-
schnitt ärmer, stärker von Arbeitslosigkeit lem zu seinem Selbstbild gehören, auch dies
betroffen und unterproportional im öffent- in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen
lichen Leben vertreten, zusätzlich zu dem Stellung dieser ­Gruppe. ❙9 Hinzu kommen
schlechten Image, das mit ihrer kulturellen
Identität assoziiert wird. ❙5 Denn in einigen ❙6  Dieselbe Umfrage zeigte auch ein zunehmendes
muslimisches Identitätsbewusstsein unter den Mus-
limen in Europa. Vgl. Unfavorable Views of Jews
❙3  Vgl. Ted Robert Gurr, Why Men Rebel, Princeton and Muslims on the Increase in Europe, Septem-
1970. ber 2008, online: http://pewglobal.org/reports/dis-
❙4  Carina Wolf et al. zit. nach: Gudrun Hentges/Gerd play.php?ReportID=262 (3. 10. 2010).
Wiegel, Arbeitswelt, soziale Frage und Rechtspopu- ❙7  Vgl. ICG, Islam and Identity in Germany, März
lismus in Deutschland, in: Christoph Butterwegge/ 2007, online: www.crisisgroup.org/~/media/Files/
dies. (Hrsg.), Rechtspopulismus, Arbeitswelt und europe/181_islam_in_germany.ashx (7. 10. 2010).
Armut. Befunde aus Deutschland, Österreich und ❙8  Vgl. Syed Mansoob Murshed/Sara Pavan, Identity
der Schweiz, Opladen 2008, S. 152. and Islamic Radicalization in Western Europe, MI-
❙5  Vgl. Frances Stewart, Global Aspects and Implica- CROCON Research Working Paper, Nr. 16, 2009.
tions of Horizontal Inequalities: Inequalities Experi- ❙9  Vgl. George Akerlof/Rachel E. Kranton, Econo-
enced by Muslims Worldwide, Centre for Research on mics and Identity, in: Quarterly Journal of Econo-
Inequality, Working Paper, Nr. 60, November 2008. mics, 3 (2000) 115, S. 715–753.

44 APuZ 44/2010
ökonomische Faktoren (wie eben Benach- attentat rational sein, wenn das ausführende
teiligungen der jeweiligen Gruppe), die das Individuum eine Alles-oder-Nichts-Entschei-
Selbstbild ebenso beeinflussen wie externe dung zwischen Solidarität und individueller
(beispielsweise die Außenpolitik westlicher Selbstbestimmtheit gefällt hat.
Staaten gegenüber der muslimischen Welt).

Man könnte argumentieren, dass fehlende Zusammenspiel zwischen


gesellschaftliche Anerkennung der primären „Angst“ und „Hass“
Identitätskomponenten (wie religiöser oder
kultureller Identität) Individuen dazu bewegt, Auch die Existenz virulenter islamfeindlicher
sich derer zugunsten angesehenerer Kompo- Botschaften erzieht nicht nur zur „Angst“,
nenten zu „entledigen“. Solche Reaktionen sondern erzeugt auch „Hass“ auf der Gegen-
wären allerdings entweder unaufrichtig oder seite. Denn nicht anders als benachteiligte
würden eher auf strategischen Überlegungen Muslime, die von Konfliktmaklern indoktri-
basieren. Hinzu kommt, dass viele Individu- niert und zu Aktionsgruppen zusammenge-
en durch andere Gruppenmitglieder von nicht fasst werden, einen tiefen Hass gegen den Wes-
gruppenkonformen Verhaltensweisen abge- ten empfinden mögen, versuchen bestimmte
halten werden (Stichwort soziale Kontrolle). Politiker und politische Parteien im Westen,
Oft zeigt sich, dass die Gemeinschaft, sobald sich persönlichen Erfolg und Wählerstimmen
ein Gruppenmitglied aufgrund eines „unange- dadurch zu sichern, dass sie „Angst“ schüren,
messenen“ Verhaltens eines anderen Gruppen- indem sie Gefahren predigen, die vom Islam
mitglieds Nachteile erleidet, dafür sogt, dass insgesamt und von muslimischen Migranten
das „fehlgeleitete“ Mitglied in den „Schoß“ im Besonderen ausgehen. Mit „Angst“ ist hier
der Gruppe zurückfindet. Dies gilt verstärkt das Unbehagen der Mehrheitsgesellschaften
in armen, aber kulturell homogenen Gemein- gemeint, welches sowohl Ursache als auch Fol-
schaften, die in hohem Maße von Arbeitslo- ge von hetzerischen Botschaften in den öffent-
sigkeit betroffen sind und in beengten Wohn- lichen und politischen Diskursen ist. „Hass“
verhältnissen in isolierten „Gettos“ mit engem meint die Verhaltensweisen und Handlungen
verwandtschaftlichem Zusammenhalt leben. muslimischer Migranten, die von gewaltlosen
In diesen sozialen Räumen spielt die Grup- Handlungen bis hin zu Terrorismus reichen
penzugehörigkeit eine besondere Rolle, da die ­können. So führte im Jahr 2001 zum Beispiel
Gruppe als Schutzraum vor wahrgenommener die Dänische Volkspartei (Dansk Folkeparti)
Diskriminierung im öffentlichen Raum gilt. ihren Wahlkampf mit einem Plakat, das eine
junge blonde Frau mit dem Kommentar zeig-
Andererseits können auch Konflikttreiber te: „Wenn sie in den Ruhestand geht, werden
(wie Demagogen oder Hassprediger) sich die- wir eine mehrheitlich muslimische Nation
ses kooperativen Verhaltens bestimmter Ge- sein.“ Die Partei konnte die Zahl ihrer Wäh-
meinschaften bedienen, um kollektives Han- lerstimmen um 70 Prozent verbessern. Im Au-
deln zu erreichen: Durch den Verweis auf gust 2007 versprach der Landeshauptmann
kollektive Kränkungen werden die Gruppeni- von Kärnten Jörg Haider, den Bau von Mo-
dentität und das Zusammengehörigkeitsgefühl scheen und Minaretten in seinem Bundesland
gleichgesinnter Individuen gestärkt und die verbieten zu lassen; im September 2008 kam
Mitglieder mobilisiert. Für radikal-islamisti- der österreichische Rechtspopulist bei den
sche Aktivisten spielt die innere Motivation, Nationalratswahlen auf 28 Prozent der Wäh-
gegen die wahrgenommene Ungleichheit und lerstimmen. Die Anziehungskraft antimusli-
Diskriminierung anderer Gruppenmitglieder mischer politischer Parteien nimmt zu.
vorgehen zu wollen, eine wesentliche Rolle,
weshalb Täter extremer Gewaltakte nicht im- Der Erfolg solcher Parteien hängt von min-
mer ungebildet und arm sind: Es ist nicht un- destens zwei Faktoren ab: dem Bedürfnis von
bedingt persönliche Armut, die zur Mitglied- Teilen der Mehrheitsgesellschaft nach Sün-
schaft in einer radikalen Gruppe führt, es kann denböcken und ihren persönlichen Erfah-
auch die (subjektiv) wahrgenommene (ökono- rungen mit diesen Minderheitengruppen. Vor
mische und kulturelle) Benachteiligung sein, allem Personen, deren Arbeitsplätze schutz-
welche die Gruppe insgesamt erfährt. Aus der los den Kräften der Globalisierung oder aus
Warte extremistischer Gewalttäter können anderen Gründen ökonomischen Unsicher-
daher Gewalthandlungen wie ein Selbstmord- heiten ausgeliefert sind, sind besonders an-

APuZ 44/2010 45
fällig dafür, die Suche nach der „Wahrheit“ „Angst“ und „Hass“ erklären, welches das
zugunsten von hetzerischen Botschaften auf- Aufkommen von islamischem Fundamen-
zugeben. Sobald der öffentliche Druck zu- talismus in Westeuropa begünstigt. Hier
nimmt, sehen sich auch staatliche und poli- wird die Verantwortung politischer Eliten
tische Akteure mit eher assimilatorischen deutlich, wenn es darum geht, übertriebe-
Standpunkten zur muslimischen Einwan- ner Ängstlichkeit vor dem Islam entgegen-
derung zum Handeln gezwungen. Dies ge- zutreten. Auch werden integrationspolitische
schieht oft in Form von legislativen Maßnah- Strategien, die auf „moderate Muslime“ aus-
men (Erschwerung des Familiennachzugs) gerichtet sind, kaum geeignet sein, Radika-
oder in Gestalt einer integrationistischen lisierung zu beschränken, geschweige denn
Nationalisierungspolitik, die etwa die „kul- Terrorismus zu bekämpfen, solange für die
turelle Befähigung“ von Muslimen überprü- Zielgruppen nicht gleichzeitig gleiche wirt-
fen lässt (Loyalitätstests als Nachweis einer schaftliche, politische und gesellschaftliche
demokratischen Grundhaltung). Chancen gewährleistet sind. Dies wiederum
bedeutet, dass die für Muslime nach wie vor
geltenden horizontalen (im Sinne kultureller)
Schlussfolgerungen und vertikalen (im Sinne sozialer) Ungleich-
heiten beseitigt werden müssen.
Eine politisierte kollektive Identität kann
das konfliktträchtige Zusammenspiel von

Die sicherheits-
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46 APuZ 44/2010
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Dr. Asiye Öztürk
(verantwortlich für diese Ausgabe)
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Gesundheitliche Trends in Ost- und Westdeutschland stellen keine Meinungsäußerung
der Herausgeberin dar; sie dienen
der Unterrichtung und Urteilsbildung.
Detlef Briesen
Was ist „gesunde Ernährung“? ISSN 0479-611 X
Extremismus APuZ 44/2010

Gero Neugebauer
3–9 Zur Strukturierung der politischen Realität
Extremismus ist ein interessengeleiteter Begriff. Durch die Veränderung der
Konfliktstruktur in der Folge des sozialen Wandels ist die Bedeutung der Begriffe
„rechts“ und „links“ zur Strukturierung der politischen Realität eingeschränkt.

Matthias Mletzko
9–16 Gewalthandeln linker und rechter militanter Szenen
Es wird Leib und Leben bedrohende Gewalt rechter und linker militanter Szenen
verglichen. Rechte Gewalt lässt deutlich öfter Tötungsbereitschaften erkennen.
Im linken Phänomenbereich sind solche aber auch vorhanden.

Ulrich Dovermann · Eren Güvercin


17–20 „Auf Fragen von Extremisten reagieren können“

Aus Sicht der politischen Bildung ist entscheidend, welche Inhalte im Extremis-
mus diskutiert und wie sie von der Gesellschaft rezipiert werden. Trotz Neuord-
nung der Extremismusprogramme bleibt Rechtsextremismus der Schwerpunkt.

Jan Schedler
20–26 „Autonome Nationalisten“

Die „Autonomen Nationalisten“ sind eine ästhetisch-stilistische und strategisch-
aktionistische Neuerung im deutschen Neonazismus. Durch die Adaption linker
Codes und Inszenierungsformen hat er sein Auftreten modernisiert.

Roland Eckert
26–33 Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz

Im Zentrum der Gedankenwelt der Neuen Rechten steht das „Recht auf kulturelle
Differenz“. Ihre Forderung nach völkischer Homogenität und die Rehabilitation
der Intoleranz ignorieren das wichtigste Vermächtnis des 20. Jahrhunderts.

Karin Priester
33–39 Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa

Der Unterschied zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus liegt vor
allem auf ideologischem Gebiet. Aktuelle Tendenzen spiegeln die soziale Unter-
schichtung, Transnationalisierung und Vernetzung wider.

Matenia Sirseloudi · Syed Mansoob Murshed · Sara Pavan


39–46 Radikalisierung von europäischen Muslimen: Zwei Ansätze

In Europa nimmt die Sorge vor dem home-grown terrorism zu. Die Radikalisie-
rung vollzieht sich nicht in einem sozioökonomischen und politischen Vakuum.
Auch internationale Konflikte dienen zur Rechtfertigung des Jihad.