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44 welt-blicke Peru / bolivien

Öffentliche Wasser-
stelle in La Paz Ende
2016. Damals waren
die Wasserspeicher der
­bolivianischen Stadt
praktisch leer.
bloomberg via getty images

Mal zu wenig,
mal zu viel Wasser
Von Hildegard Willer

In den Städten Lima und La


Paz in Peru und Bolivien
hängt die Wasserversorgung
vom Niederschlag ab – und
E nde 2016 und Anfang 2017 saßen die Menschen
in Lima und in La Paz buchstäblich auf dem
Trockenen. Obwohl zwischen den beiden Orten
1700 Kilometer und 4000 Meter Höhenunterschied
liegen, machten beiden Hauptstädten die Regenfäl-
net. Das hatte es in La Paz seit Jahrzehnten nicht ge-
geben. Betroffen waren vor allem die Bewohner im
wohlhabenden Süden der Stadt. Die größere Zwil-
lingsstadt El Alto dagegen versorgte sich mit Wasser
aus einem anderen Speichersee, der noch Wasser
der wird zunehmend unbere- le zu schaffen: In La Paz regnete es zu wenig, in den hatte. Die Menschen in La Paz gingen auf die Straße
chenbar. Doch die Probleme Bergen von Lima zu viel. Beides wirkte sich verhee- und protestierten gegen Präsident Evo Morales. Der
rend aus auf die Stadtbewohner. Und beide Fälle ha- gab dem Klimawandel die Schuld. Wie ein Erdbeben
erklären sich nicht einfach ben mit der Erderwärmung wenig zu tun. sei die Trockenheit unerwartet über sie gekommen,
durch den Klimawandel. „Drei bis vier Tage lang kam kein Wasser aus sagte Morales am 23. November 2016, als er den Not-
der Leitung, und wenn es kam, wussten wir nicht fallplan vorstellte.
wann. Und es kam nur eine braune Brühe“, erzählt Dass sich die Erde erwärmt, leugnet niemand
Moira Zuazo. Die bolivianische Politikwissenschaft- in La Paz. Die Stadt ist von mit Schnee und Eis be-
lerin lebte in La Paz, als der Stadt das Wasser aus- deckten 5000 und 6000 Meter hohen Bergen um-
ging. Ende November 2016 waren die Speicherbe- geben. Doch die weißen Gipfel werden weniger. Das
cken leer; seit zwei Monaten hatte es nicht gereg- sichtbarste Zeichen für den Klimawandel ist das

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Speicherseen leer waren, macht das Gletscherwasser


noch höchstens zwei Prozent aus.“
Die Antwort auf die Frage nach den Ursachen der
Wasserkrise in La Paz von 2016 ist einfach und sie ist
wie der Klimawandel menschengemacht. „Die Bevöl-
kerung der Städte La Paz und El Alto hat sich in den
vergangenen zwanzig Jahren verdoppelt, aber die
Stadt hat keine neuen Speicherseen gebaut“, erklärt
Dirk Hoffmann. Der Gebirgsforscher hat lange in Bo-
livien gelebt und betreibt bis heute den Klimablog
www.cambioclimatico-bolivia.org.
Gletscher sind wichtig für die Regulation des
Wasserhaushalts, vor allem in den Trockenzeiten
und zum Erhalt der Feuchtwiesen in den Hochan-
den. Für die Wasserversorgung der Städte dagegen
ist ausschlaggebend, ob, wann und wie viel Regen
fällt. Hoffmann ist der Ansicht, man könne bereits
ein Muster erkennen, dass die Regenzeit in den An-
den später einsetzt, die Regenfälle unregelmäßiger
und heftiger sind, das Volumen der Regenfälle insge-
samt aber gleich bleibt. „Das bedeutet, es gibt mehr
Starkregen und dadurch auch mehr Erosion und
Erdrutsche“, sagt Hoffmann.
Der Glaziologe Alvaro Soruco sieht das anders.
Soruco hält sich streng an die vorhandenen Mess-
daten – und die sind in den Anden äußerst dürftig.
Selbst die Aussage, dass Extremwetterphänomene
zunehmen, sei durch Daten nicht belegt, sondern
einzig subjektives Empfinden. Einig sind die beiden
Forscher darin, dass Planungsmangel bei den Was-
serwerken hauptsächlich für die Wasserkrise verant-
wortlich war.

D ass Wasser ein politisch überaus sensibles The-


ma ist, wissen die Bolivianer besonders gut. Im
Jahr 2000 kam es in der Stadt Cochabamba zu
heftigen Demonstrationen gegen die geplante Priva-
tisierung der städtischen Wasserversorgung. Der als
„Wasserkrieg“ in die bolivianische Geschichte einge-
gangene Aufstand war unter anderem ein politisches
Sprungbrett für den damaligen Kokabauern-Anfüh-
rer Evo Morales. 2005 wurde er Präsident, zwei Jah-
re später entzog er dem französischen Unternehmen
Suez die Konzession für das Trinkwasser von La Paz
Tagelanger Regen sorgt im März Schrumpfen der Gletscher, die La Paz umgeben. und El Alto und unterstellte die Wasserversorgung
2017 in Peru für schwere Über- „Zwischen 1963 und 2006 ist die Gletscherfläche um der beiden Städte der Nationalregierung.
schwemmungen, hier in der Stadt La Paz um die Hälfte geschrumpft“, sagt der Gletsch- Es sei ja schön und recht, dass Wasser als Grund-
Huarmey. Das beeinträchtigt auch erforscher Alvaro Soruco von der staatlichen San- recht in der bolivianischen Verfassung stehe, meint
die Wasserversorgung in der 300 Andres-Universität in La Paz. Und seitdem, schätzt Dirk Hoffmann. Doch dass jedem kostenloses Trink-
Kilometer entfernten Hauptstadt er, ist noch mal die Hälfte der Gletscher verschwun- wasser zustehe, sei eine Kampfparole geworden. „Da-
Lima. den. Auf dem Chacaltaya, einst als weltweit höchst- mit verhindert man die Frage, was es kostet, Wasser
chris bouroncle/afp/getty images gelegene Skistation Boliviens ganzer Stolz, hat sich von den Anden heranzuführen und aufzubereiten
schon seit Jahren niemand mehr die Bretter unter oder defekte Rohre zu sanieren und neue Stauseen
die Füße geschnallt. zu bauen“, meint er. Da der Trinkwasserpreis poli-
Dennoch haben all jene Unrecht, die behaupten, tisch so sensibel ist, vermeidet es jede Regierung, die
der Klimawandel beziehungsweise die Gletscher- Wassertarife zu erhöhen.
schmelze sei schuld an der Trockenheit in La Paz. Da das subventionierte Wasser billig ist, sind die
„Zwischen 16 und 21 Prozent des Wassers für La Paz Bewohner nicht angehalten, sparsam damit umzu-
ist Gletscherwasser“, sagt Soruco. In einer Studie ba- gehen. Ein Teufelskreis, den man nur mit einer groß
sierend auf den vorhandenen Klimadaten von 1963 angelegten Informationskampagne für einen effizi-
bis 2006 hat er zusammen mit Fachkollegen die- enteren Umgang mit Wasser angehen könnte. Aber
se Zahl errechnet. „Aber im Süden der Stadt, wo die auf dieser Ebene passiere nichts, sagt Pablo Solón

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von der gleichnamigen Umweltstiftung in La Paz: Stadt das Wasser aus. Auch im reichen Stadtteil Mi-
„Die Regierung setzt allein auf den Bau neuer Stau- raflores waren bald alle Mineralwasserflaschen auf-
seen; ich sehe keine Bemühungen, die Bevölkerung gekauft; nur wer im Haus einen großen Wassertank
im Umgang mit Wasser zu schulen.“ hatte, kam ohne Notration über die Runden.
Während es in La Paz im Winter 2016/2017 zu Tagelang kam kein Wasser aus den Hähnen.
wenig geregnet hat, hat die peruanische Hauptstadt Denn die von den Erdrutschen mitgeschwemm-
Lima im März 2017 die Auswirkungen von zu viel Re- te Erde sowie Äste und Steine verstopften den Zu-
gen abbekommen. Lima liegt in einer Wüste am Pa- gang zur Aufbereitungsanlage La Atarjea. Die städ-
zifik und erlebt sonst höchstens mal einen Niesel- tischen Wasserwerke Sedapal mussten den Zufluss
regen. In Lima muss jeder Baum und jeder Rasen schließen, um nicht die ganze Anlage zu gefährden.
künstlich bewässert werden. Das Trinkwasser für Erst nach mehreren Tagen, nachdem die Regenfälle
die Zehn-Millionen-Stadt wird in einem aufwendi- nachgelassen hatten, funktionierte die Wasserver-
gen System von Stauseen in den nahen Hochanden sorgung wieder.
gespeichert und in die Wüstenstadt Lima hinunter- „In Lima haben wir einen sehr prekären Was-
geleitet. servorrat“, sagt Sedapal-Direktor Guillermo Maisch.
Während im chilenischen Santiago für jeden Ein-
wohner durchschnittlich 125 Kubikmeter Wasser ge-
In der Wüstenstadt Lima konsumiert hortet werden, sind es in Lima gerade mal 33 Kubik-
man durchschnittlich 270 Liter Wasser pro Tag – meter. Dem Ingenieur Maisch schwebt eine tech-
nische Lösung vor: „Wir werden ein weiteres Stau-
deutlich mehr als in europäischen Städten. see-System in den Anden mit einem weiteren
Transatlantik-Tunnel bauen.“ Über den Tunnel soll
Wasser, das sonst Richtung Atlantik abfließen würde,
Die Gletschermasse in den peruanischen Zen- zur regenarmen Pazifikseite geleitet werden. 2023
tralanden – also das Gletschergebiet auf der Höhe soll das neue System fertig sein. Lima wächst jedes
der Hauptstadt Lima – ist schon seit Jahren ge- Jahr um 130.000 Menschen, die Stauseen sind aber
schrumpft. Der Geograf Fabian Drenkhan von der bisher nicht mitgewachsen. Um die wachsende Be-
Universität Zürich schätzt den Beitrag der verbliebe- völkerung auf mehrere nahe Küstenstädte zu ver-
nen Gletscher zum Trinkwasservorrat von Lima auf teilen, wie Maisch außerdem vorschlägt, bräuchte
sehr gering, auf jeden Fall weniger als zehn Prozent. es ein funktionierendes Nahverkehrssystem. Ein sol-
Ebenso wie in La Paz ist nicht die Gletscherschmelze, ches hat Lima aber nicht.
sondern der Niederschlag ausschlaggebend dafür, Und doch ist der Regenmangel nicht das einzige
ob Lima Wasser hat oder nicht. Lima lebt vor allem große Risiko für die Wasserversorgung von Lima und
in der Trockenzeit von den großen Speicherseen An- La Paz. Mindestens genauso gefährdet ist die Quali-
tacoto und Marcapomacocha. Der Gletscherwasser- tät des Wassers. „In den Wassereinzugsgebieten von
anteil war vermutlich bereits höher oder wird sehr La Paz verseuchen informelle Goldgräber das Grund-
bald niedriger sein – aber genaue Studien dazu gibt wasser“, sagt der Gletscherforscher Alvaro Soruco.
es für Lima nicht. Auch im peruanischen Lima ist das Wasser, das
Dass es im März 2017 in den Anden bei Lima be- von den Anden herunterfließt, mit Rückständen aus
sonders heftig regnete, lag an einem periodischen dem Bergbau verschmutzt. Erst vor Kurzem warnte
Klimaphänomen, dem „Küsten-Niño“. Der Regen die staatliche Sedapal vor der Errichtung einer neu-
führte in Lima zu mehreren Problemen, da es auf en Mine im Wassereinzugsgebiet. Die Schwermetal-
den Straßen und den Häusern kein Abflusssystem le herauszufiltern ist aufwendig und teuer – die Rei-
für Regenfälle gibt, wie Fernando Neyra, ein Exper- nigung zahlen nicht etwa die verursachenden Berg-
te für Katastrophenschutz, erläutert. Besonders be- werke, sondern die staatliche Sedapal. Da der Was-
troffen waren die Armenviertel an den sonst jahre- serpreis wie in Bolivien stark subventioniert ist,
lang trockenen Flussbetten. Ihre Häuser wurden von bekommen die Bürger davon wenig mit.
Schlammlawinen mitgerissen, es gab Tote und Ver- Viele haben keine Ahnung davon, auf welch
letzte. Auch hier war das Ausmaß der Katastrophe abenteuerlichen Wegen ihr Wasser in Lima an-
menschengemacht: „Die zuständigen Kommunen kommt. Sie verbrauchen nur zu viel davon. In der
wissen, dass man in den trockenen Flussbetten kei- Wüstenstadt Lima konsumiert ein Bewohner durch-
ne Häuser bauen darf. Aber eine einmal entstandene schnittlich 270 Liter pro Tag, deutlich mehr als in eu-
wilde Siedlung zu räumen, gibt politisch nur Minus- ropäischen Städten – in Berlin liegt der tägliche Was-
punkte. Kein Bürgermeister wagt sich da ran“, sagt serverbrauch pro Kopf durchschnittlich bei 115 Liter.
Neyra. Dazu komme Korruption bei den Distriktäm- In La Paz sind es 200 Liter, in El Alto bisher 50 Liter,
tern, wo man Baugenehmigungen unter der Hand Tendenz steigend. Solange waghalsige Ingenieure in
kaufen könne. den höchsten Andengipfeln Stauseen und Tunnel
Paradox ist: Während die Schlammlawinen aus bauen und Politiker Angst haben, die Wasserpreise
den Anden mehrere Armenviertel an den Osthän- anzuheben, solange wird es zu keinem Umdenken
Hildegard Willer gen der Stadt mitrissen und die Flüsse Rimac, Chil- in der Bevölkerung kommen. Ganz egal, ob auch der
ist freie Journalistin und lon und Lurin Unmengen von braunem Wasser in letzte Gletscher schmilzt oder sich die Erde weiter er-
lebt in Lima (Peru). den Pazifik spülten, ging den Menschen im Rest der wärmt.

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