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16/7/2019 "Eichmann war nicht banal" - WELT

DIE WELT

"Eichmann war nicht banal"


Veröffentlicht am 28.08.1999 | Lesedauer: 5 Minuten

WELT-Gespräch mit dem Nestor der Holocaust-Forschung Raul Hilberg

B erlin/Burlington - Der in Wien geborene Amerikaner Raul Hilberg hat die Holocaust-
Forschung entscheidend geprägt. Sein Buch "Die Vernichtung der europäischen Juden"
ist ein Standardwerk, ein Schwarzbuch des Grauens. Hilberg griff gerne zu ungewöhnlichen
Methoden, wenn es darum ging, seinen Studenten etwas über den Holocaust beizubringen.
So bestand eine Aufgabe darin, sich vorzustellen, Untergebener von Adolf Eichmann zu sein
und einen Bericht über Judentransporte schreiben zu müssen. Mit Raul Hilberg sprach Ralf
Eibl.

DIE WELT: Wenn Sie die Dokumentation der Aufzeichnungen in der WELT lesen: Welches
Täterbild von Eichmann entwickeln Sie?

Raul Hilberg: Der Mensch Eichmann ist, wie jeder andere auch, nicht so einfach, wie er
immer dargestellt wurde. Das war keine banale Persönlichkeit, sondern ein SS-Mann, der
andere Leute und seine Umgebung genau studierte und eindringlich erfasste.

DIE WELT: Was ist beim Fall Eichmann noch ungeklärt?

Hilberg: Eichmann hatte in großen Teilen des Großdeutschen Reiches mit dem Abtransport
der Juden zu tun. Da besteht die immer Möglichkeit, dass wir etwas Neues herausfinden. Sei
es aus einem Dokument oder in seinen Jerusalemer Aufzeichnungen. Die wichtigste Frage
bleibt: Wann hatte Eichmann zuerst davon gehört, dass Hitler die physische Vernichtung der
Juden befahl. Wann war das? Er erinnert sich einfach nicht an das Datum. Ich wäre ein Leser
der ganzen 1200 Seiten langen, in Jerusalem noch unter Verschluss gehaltenen Eichmann-
Memoiren.

DIE WELT: Ihr Bild von Eichmann unterscheidet sich von dem Hannah Arendts . . .

Hilberg: Aber schon sehr. Denn sie hat die halbe Welt mit der sogenannten "Banalität (des
Bösen", Anm. d. Red.) irregeführt. Weder die Handlung war banal, noch der Mensch Adolf

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Eichmann. Hegel hat bereits davor gewarnt, dass man welthistorische Figuren aus der Sicht
eines Kammerdieners beobachtet. Der Kammerdiener sieht nur den Menschen, wie er sich
kleidet und isst. Er merkt nicht, welche welthistorische Bedeutung ein Mann haben kann.
Dass hat die Philosophin Hannah Arendt bei Eichmann übersehen.

DIE WELT: Es fällt schwer, das Verhalten von NS-Tätern zu verstehen. Wie funktionierte
Eichmann?

Hilberg: Gerade das möchte ich in den Eichmann-Memoiren entdecken. Eichmann - das war
kein blinder Gehorsam . Ein absoluter Gehorsam vielleicht, aber kein blinder. Eichmann hat
nicht jeden Befehl befolgt, wie er immer behauptet. Er war 1944 gewissermaßen so eifrig, dass
er Juden noch deportierte, als er es gar nicht mehr musste.

DIE WELT: Eichmann hatte also Entscheidungspielraum?

Hilberg: Auf jeden Fall: wenn es um einzelne Fälle ging. Das hatte er direkte
Entscheidungskraft. Ein sehr frommer Christ und seine jüdische Frau wollten sich retten.
Doch Eichmann sagte, das sei schwierig und hat diesen Fall dann nicht befördert. Das
Ehepaar begang Selbstmord. Eichmann hatte den Spielraum mit einem einzelnen zu machen,
was er wollte. Er hatte die Möglichkeit über einen Abtransport zu einem bestimmten Datum
zu entscheiden. Sicher, er hatte nicht die Macht, über das Schicksal der Juden als solches zu
bestimmen. Diesbezüglich stand er in Jerusalem nur als Repräsentant einer ganzen
Bürokratie vor Gericht. Das muss man auch unterstreichen

DIE WELT: Trotzdem ist er eine zentrale Täterfigur?

Hilberg: Eichmann war zentral. Nicht wegen dem Rang, sondern wegen seiner Position als
Judenreferent im Reichssicherheitshauptamt. Es gab dutzende von Judenreferenten: im
Finanz- und Außenministerium und so weiter. Aber er war eben im
Reichssicherheitshauptamt. Die Judenreferenten der Reichsbahn wurden vollkommen
übersehen, obwohl sie in ihrer Durschlagskraft fast genauso wichtig waren wie Eichmann.

DIE WELT: Wurden diese Judenreferenten vor Gericht gestellt?

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Hilberg: Überhaupt nicht. Überhaupt nicht einmal erwähnt. Da gab es - es gibt so viele
Beispiele - einen Mann bei der Reichsbahndirektion Oppeln, zuständig für den Betrieb nach
Ausschwitz. Später war er im Vorstand der Bundesbahn. Was Eichmann über die anderen
Täter sagt, ist vollkommen richtig. Er war nicht allein. Er war abhängig von der Reichsbahn,
abhängig von anderen Bürokratien.

DIE WELT: Eichmann war also auch exemplarischer Sündenbock für andere, die nie vor
Gericht gestellt wurden . . .

Hilberg: Es waren viele andere. Selbst das Eichmann-Referat war eine kleine Organisation.
Eichmann war Eichmann plus Günther, plus Suhr und plus andere Mitarbeiter

DIE WELT: Was soll aus dem Memoiren in Jerusalem werden?

Hilberg: Ich befürworte eine Veröffentlichung. Eichmann gilt als Symbol. Ein Symbol soll
nicht ein Symbol bleiben. Es muss ausgefüllt werden. Da muss man die Gesichtszüge sehen.
Da muss man die Gedankengänge verfolgen können. Das möchte ich.

DIE WELT: Welche Dokumente aus der NS-Zeit würden Sie gerne noch finden?

Hilberg: Wir haben noch große Lücken. Die Eisenbahnen bleiben eine Lücke, die
Organisation Todt ist ziemlich wichtig. Über viele kleine Betriebe wissen wir nichts. Als ich
Ausschwitz zum zweiten Mal studierte, fand ich heraus, dass beim Aufbau von Ausschwitz
200 Firmen beteiligt waren. Dann dachte ich: Himmelswillen, das wußten wir nicht. Es sind
diese Dinge, die noch erforscht werden müssen. Erst muss man fragen was passiert ist, dann
kann man fragen wer davon wusste. Es gibt noch Arbeit für 50 Jahre.

DIE WELT: Welche?

Hilberg: Vor allem auf lokaler Ebene: Was passierte in einem Ghetto, was machte eine
Polizeieinheit, was machten man mit den jüdischen Wohnungen in einer russische Stadt, was
machte man mit den Gräber? Das kommt jetzt erst in den Strom der Forschung.

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