Sie sind auf Seite 1von 6

Wie ist das Wort Al-Masih zu übersetzen?

Von Geoeg Gbäf, Dillingen a. D.

Zur Beantwortung der in der Überschrift gestellten Frage müssen wir

vom allgemeinen kirchhchen Sprachgebrauch ausgehen. In allen jenen


Fällen des religiösen Bekenntnisses und des liturgischen Ge¬

betes, wo der arabische Ausdruck sein Aequivalent im griechischen

ö XpiffToc; und im lateinischen ,, Christus" hat, mit oder ohne Verbindung


mit Jesus, ist es unvorstellbar, daß wir die arabische Fassung der glei¬
chen Formeln wiedergeben etwa mit ,,Ich glaube an Jesus, den Messias,
seinen eingeborenen Sohn" usw., oder ,, Gelobt sei Jesus, der Messias",

oder „Wir bitten dich, allmächtiger Gott, himmhscher Vater, durch un¬
sern Herrn Jesus, den Messias". Die Wiedergabe mit Christus ist das

einzig Mögliche, auch dann, wenn diese Formeln uns in denkbar ältesten,
von Christen gebrauchten arabischen Gebetstexten begegnen würden^.

Das gleiche ist aber auch der Fall bei der Übersetzung arabischer
Bibeltexte. Wohl ist im A.T. (Sept.)^ yj^iaiöc, ein Würdetitel und wird

gemeinhin im Anschluß an das hebräische Grundwort n''tra mit „Gesalb¬


ter" wiedergegeben, und auch im N.T. erscheint das Wort zum Teü (in
den Evangelien) als Berufs- oder Amtsbezeichnung im Rahmen der gött¬
hchen Heilsökonomie, wird aber auch in deutschen Übersetzungen bei¬
behalten, dies erst recht in den außerevangehschen Schriften des N.T.,

wo es, gewissermaßen verblaßt, zum Personennamen geworden ist. Als


solcher ist dann auch das stellvertretende Wort al-Masih im Arabischen
zu verstehen, also ohne besondere Hervorhebung der Messiaswürde, und
selbst in den Fällen der Berufsbezeichnung ist im Deutschen der Name

„Christus" mit Recht gang und gäbe*.


Das deutsche Wort ,, Messias" geht auf Joh. 1,41 und 4,25 zurück:

eup7]XfZ[j,£v -rov MeaciLav, oeanv [i,£-&£pti.Y]veu6[JLevov XpisTo? — olSa otl


Meffcia? EpXexai. Nun ist die FeststeUung lehrreich, daß die arabischen
Übersetzungen mit al-Masih nicht das erste Wort Meaaiau; wiedergeben,

1 Von den handschriftlichen Zeugen sind solche der Bibelübersetzungen


und theologischer Erörterungen älter als liturgische Texte.
2 I Kg. 2, 10, 35; Ps. 2,2; Is. 45,1; Dan. 9,25.
^ In Nachahmung von modemen Koranversionen übersetzt A. S. Mab-
MABDJi O. P. (Jerusalem) in seiner Ausgabe des arabischen Diatessaron
(1935) al-Maslh ständig mit „le Messie", ebenso P. LEvm, Die griechisch-
arabische Evangelien-Übersetzung Vat. Borg. ar. 95 und Ber. orient, oct. 1108
(Uppsala 1938) mit der Übersetzung von Matth, „der Messias".
120 Georg Graf

sondern das erklärende zweite Wort Xptaro?, das erste aber in Um¬

schrift beibehalten: 1 ., so die ägyptische Vulgata (in den Polyglotten

und in den Ausgaben von Thomas Ebpenius, Novum Testamentum

D.N.J.Ch., Leiden 1616, und von Paul de Lagabde, Die vier Evange¬
lien arabisch, Leipzig 1864) und die Bibelausgabe der amerikanischen
Mission in Beirut. Dagegen ist in der Bibelausgabe der Jesuiten in Beirut

das hebräische Grundwort mit ^--iL nachgebildet.


Auch in der gesamten theologischen Literatur, die mit ihren

Aufklärungs- und Verteidigungsschriften bis nahe an die Anfänge des


Islam zurückreicht, ist al-Masih einfachhin Christus. Dort, wo die mes¬

sianische Würde Jesu zur Diskussion steht, also die ErfüUung der alt¬

testamentlichen Weissagungen an Jesus, wird zuwehen, nicht immer,


der Name in seiner sprachlichen Bedeutung erklärt.^ Zeugen eines schon

feststehenden Sprachgebrauchs sind z. B. das Dokument einer populären


christlichen Polemik gegen den Islam, erhalten in Fragmenten kleinsten
Umfangs, die auf Grund paläographischer Indizien der Mitte oder der

zweiten Hälfte des 8. Jahrh. zugehören^, und die Abhandlung über die
Trinität in Sin. ar. 154,3 (9. Jahrh.)*.

1 Theodor Abü Qurra, Bischof von Harrän (ca. 820), führt in seiner Apologie
des Christentums in Cod. Brit. Mus. or. 4950, fl. 21r aus, daß im Namen
al-Masih die Doppelnatur des menschgewordenen Gottessohnes ausgedrückt
ist. Nachdem er an anderen Stellen wiederholt erklärt, daß ,,die Salbung" die
Menschwerdung sei, sagt er dort, wo er von der Gottheit Christi und der
Wesenseinheit mit dem Vater handelt: ,,Gott das Wort, der Sohn Gottes,
ist der Schöpfer und der Salbende (al-mäsih), und seine aus der heiligen Jung¬
frau Maria erwählte Menschheit ist (seil, auf Grund der hypostatischen Union)
der Erschaffende und der Gesalbte (al-mamsüh). Jesus Christus {Yasü' al-
Masih) ist salbend (mäsih) und ist gesalbt. Der Salbende ist nicht ein anderer
als dor Gesalbte, Jesus Christus, und der Gesalbte ist nicht ein anderer als
der Salbende, Jesus Christus. Vielmehr sind der Salbende und der Gesalbte
nur einer und ist eine einzige Person aus zwei Naturen" usw. Eine stereotype

Formel bei Abü Qurra ist „Unser Herr Jesus Christus" (^^| bj). Nur
einmal gebraucht er masih als Gattungswort, nämlich im Anschluß an Is. 45,1,
wenn er Cyrus einen masih, im Sinne von ,, Gesalbter" nennt und gleichzeitig
auch Saul und David im Hinblick auf die den Königen gegebene Salbung.
2 Veröffentlichungen, aus den badischen Papyrus-Sammlungen, Heft 5,
Heidelberg 1934, S. 1—22: Papyrus Schott-Reinhardt Inv. Nr. 438.
3 Hsg. von M. Dunlop Gibson in Studia Sinaitica No. VII, London 1899,
S. 74—107, wo sinngetreu al-Masih von der Herausgeberin mit "the Christ"
übersetzt ist. — Von jüngeren zur Übersetzung gelangten Texten seien zur
Vorgleichung herangezogen: Die Disputation des Abraham von Tiberias,
übersetzt von K. Vollebs, Das Religionsgespräch von Jerusalem (um 800 D),
m Zschr. für Kirchengeschichte 29 (Gotha 1908) 29—71, 197—221, übersetzt
zuerst „der Messias (Christus)", dann immer „Christus". Schriften des
koptischen Bischofs Severus ibn al-Muqaffa' (10. Jahrb.), h.sg. von P. Chäbli
in Patrologia Orientalis (PO) III, 2 und L. Leboy mit S. Gröba ut ebd. VI, 4:
Wie ist das Wort al-Masih zu übersetzen ? 121

Ganz einheitlich und eindeutig ist der Gebrauch des Wortes al-Maslh

in der historischen Literatur^, die hagiographische mitinbegriffen^ : al-


Maslh ist hier der Name einer geschichtlichen Persönlichkeit, bei deren

Nennung die Problematik der Messianität im aUgemeinen nicht berührt


wird.
Derselbe Sinn kommt zum Ausdruck in dem unter den Christen immer

und auch heute noch ungemein häufigen Personennamen 'Abd al-Masih,

der nichts anderes ist als die wörtliche Übersetzung von Xpi(TToSoüXo(;
(„Christus-Diener"^, nicht „Messias-Diener") und dessen Vorkommen
schon bei den Christen arabischer Nationalität in vorislamischer Zeit

bezeugt ist. Träger dieses Namens sind z. B. der gassanidische Dichter


'Abd al-Maslh b. BuqaUa in al-Hira im 7. Jahrh., nach dem auch ein
Kloster benannt ist*, und der Jeminide 'Abd al-Masih b. Däris, Herr der
WaUfahrtsstätte Qubba (Ka'ba) Nagrän in Nagrän^.

„Notre Seigneur Jösus Christ". Die Apologie des nestorianischen Katholikos


Timotheus I. (780—823), übersetzt von A. Mingana in Woodebrooke Studies
II, 2 (Cambridge 1928), immer „Jesus Christ". Dagegen W. Muir in The
Apology of al-Kindy (London 1911) wechselnd "our Lord the Messiah" und
"out Saviour Christ".

^ Annalen des Patriarchen Eutychius, übersetzt von E. Pococke in


Patrologia Qraeca (Migne) III, 907—1156: immer „Christus". Patriarchen¬
geschichte des Severus b. al-Muqaffa' (erster Teil), hsg. von B. Evetts in PO
I, 2 u. 4; V, 1: "The Lord Christ", Forts, von Y. 'Abd ai-Masih, A. S. -4tiya
und O. H. E. BuRMESTER (Kairo 1943—8): ebenso. Maris Ämri et Slibae
De patriarchis Nestorianorum commentaria, Versio latina von H. Gismondi
(Romae 1897—9): ,, Jesus Christus".
2 Rbnä Basset, der Herausgeber des Synaxars der Kopten in PO I, 3;
III, 3; XI, 5; XVI, 2; XVII, 3 gebraucht stets die Übersetzung „le Messie",
dagegen I. Forget in seiner Ausgabe des nämlichen Synaxars in Corpus
Scriptorum Christianorum Orientalium, Script, ar., Ser. III, t. 18 u. 19 (Versio)
sinngemäß nur „Jesus Christus", ebenso früher schon F. Wüstenfeld,
Synaxarium, d. i. Heiligen-Kalender der Coptischen Christen, Gotha 1879.
' Vgl. Th. Nöldeke, Oeschichte der Perser und Araber zur Zeit der Sassa¬
niden, Leyden 1879, S. 254 A. 2.
* Nach Louis Cheikho S. J., Le Christianisme et la litt&rature chretienne
en Arabie avant VIslam, 3 Teile, Beyrouth 1912, 1919, 1923, S. 84f., 242, 445.
Derselbe, Les poetes arabes chrdtiens apres l'Islam, 3 Teile, ebd. 1924—26,
S. 14—20.

^ Siehe L. Cheikho, Le Christianisme, S. 242, 440 f. — Andere Träger des


Namens 'Abd al-Masih siehe ebd. S. 84, 116, 139, 422, 474; eine Zusammen¬
stellung S. 242. — Vgl. Jos. Horovitz, Koreanische Untersuchungen, Berlin
u. Leipzig 1926, S. 130.
In diesem Zusammenhang sei auch auf die (ebenfalls von Horovitz an¬
gezogene) südarabische Inschrift hingewiesen, welche das Trinitätsgeheimnis
in dieser Formulierung enthält: „Durch die Kraft und Hilfe und Barm¬
herzigkeit des Rahmän (Beiname Gottes) und seines (Sohnes ?) m s h (wohl
nicht anders zu lesen als Masih, Christus) und des Heüigen Geistes" ; s. Corpus
122 Georg Graf

Geradezu zwingend ergibt sich die Interpretation von al-Masih aus


dem Gebrauch der Nisba masihi; man spricht vom christlichen Glau¬

ben ll oU."^!). von der christlichen Religion (^^^ä^I J Jl), und

0^»--il sind die Christen, 'Cx Ii die Christenheit, das Christentum;


die Messiasfrage scheidet völlig aus.
Der Ursprung der Namensform al-Masih kann kein anderer sein als
dieser: Die christhchen Araber, die in kirchlicher, z. Tl. (in den nörd¬

lichen Zonen der Halbinsel) auch in politischer Verbindung mit den be¬
nachbarten Syrern standen, bildeten sich die arabisierte Form al-Maslh
aus dem syrischen M'Sihä (JLu*aso), das allgemein als Personenname

empfunden wurde'. Die Beifügung des Artikels im Arabischen kann kein


Hindernis für diese Erklärung sein^, denn er ist der notwendige Ersatz
für die Determination (ä) des sjrrischen Wortes m^Sihä, und dieses ist
viel mehr die wörtliche Übersetzung des griechischen ö Xpiazöc, als des
hebräischen n''t£*a.

Muhammed übernahm das Wort in der Form und in der Bedeutung,


wie er es bei den Christen hörte, als nichts anderes denn als Name einer
historischen Persönhchkeit, eines „Gesandten Gottes" neben anderen

Gesandten und Propheten. Ihm war bei seinem ohnehin sehr mangel¬
haften, ja falschen Verständnis christlicher Lehren das Problem der

Inscriptionum. Semiticarum IV, n. 541, und C. Conti Rossini, Chrestomathia


Arabica Meridionalis epigraphica, Romae 1931, S. 72f. (mir in danken-
wertester Weise nachgewiesen von Herrn Prof. Dr. A. Spitaler).

1 Siehe auch Karl Ahrens, Christliches im Qoran, in ZDMO 84 (1930) 24:


„masih ,, Christus" ist sicher christlicher Herkunft, aus syr. m'sihä, da es nur
in Beziehung auf Jesus gebraucht wird, was Entlehnung von Juden aus¬
schließt". — Mir ist keine einzige deutsche oder lateinische Übersetzung einer
biblischen, liturgischen, theologischen oder historischen Schrift syrischer
Sprache bekannt, in der m'Slhä mit ,, Messias" wiedergegeben wäre.
2 A. J. Wensinck in Enzyklopädie des Isläm III (1936) 451 b : „Auf Grund
der Stelle Sure 3,40 könnte man vermuten, daß al-Masih hier als Eigenname
aufgefaßt sei. Dem widerspricht jedoch die Tatsache, daß der Artikel bei
nichtarabischen Eigennamen im Koran nicht vorkommt". — Freilich nicht
im Koran, aber im Namensschatz der arabischen Christen findet sich der
Name Al-'Äzar (z. B. im Synaxar der Kopten wenigstens sechsmal, und
anderswo), wobei die erste Silbe als Artikel empfunden und betrachtet wurde,
wenn er auch nur durch ein Mißverständnis des Namens Lazarus entstanden
ist und wenn auch daneben die korrektere Form La'äzar in Gebrauch ist.
Die Wertung von al als Artikel kommt deutlich zum Ausdruck in den
separaten Nisba-Bildungen i jjlc = Xat^äptov in den Evangelien des Cod.

Tischend. 2 (jetzt in Leningrad) und jlc „Lazarist" (neben jU) ; siehe u. a.


I. Kbackovskiy, Les manuscrits arahes de la collection de Origoire IV.
(russisch), Leningrad 1924, S. 14 Nr. 25. Ähnlich ist es mit dem Namen
Al-Iskandar und Iskandar (aus Alexander).
Wie ist das Wort al-Masili zu übersetzen ? 123

Messianität, d. Ii. der Lehre von einem als ,, Gesalbten" betitelten Er¬

löser und der Erfüllung der auf ihn bezüglichen Weissagungen völhg
fremd und unbekannt. Von allen neun Koranstellen, in denen al-Masih
mit oder ohne Verbindung mit 'Isä vorkommt', nimmt keine einzige

Bezug auf die Messiaswürde Jesu ; in keiner khngt der Gedanke an den
erwarteten und gekommenen Erlöser an^. Muhammed lehnt (in Sure

5,16 u. 71) wohl den Anspruch der Christen ab, daß al-Masih Gott und
Gottessohn ist; aber zur Messiasfrage nimmt er nicht Stellung, weil er
sie nicht kennt.

Die für die Übersetzung der Christus-Stellen im Koran geltenden

Gesichtspunkte finden ihre Anwendung auf die spätere islamische


Literatur, die sich mit al-Masih und seiner Lehre beschäftigt, sei es die
historische, wie bei al-Maqrizi^, oder die polemische, antichristhche, wie

bei 'All b. Sahl at-Tabari (855)*, al-Qäsim al-Hasani (gest. 860)^ und Abü
'Isä Muhammad al-Warräq (gest. 909)®. Es gibt keinen überzeugenden
Grund dafür, in der literarischen Auseinandersetzung zwischen Christen¬
tum und Islam hinsichtlich der Namengebung einen Unterschied zu

machen, also in der Übersetzung theologischer, näherhin christologischer


Werke arabisch schreibender Christen von ,, Christus" zu reden und in

der Wiedergabe von mushmischen Polemiken von ,, Messias". Es handelt


sich in beiden Fällen immer um die gleiche Persönlichkeit mit dem
Namen Jesus Christus.

1 Sure 3,44 (ed. Flügel 40); 4,156, 170 (169), 171 (170); 5,16 (19), 71 (76),
74 (79); 9,29 (30), 30 (31).
" Die Deutung auf „Messias" gebrauchen m. W. folgende Koranüber¬
setzer: Max Henning (Reclam-Ausgabe 1901), Luigi Bonelli, II Corano
(Milano 1929), Richard Bell, The Qur'än (Edinburgh 1937—9), Renü
Blach4;re, Le Coran (Paris 1947 —50); dazu die Verfasser von Abhandlungen :
E. Frick, Die Christologie des Islams (Stuttgart 1921), Übersetzmig des
Werkes 3'/te Moslem Christ von Samuel M. Zwemer (London und Edin¬
burgh 1912), A. J. Wensinck in Enzyklopädie des Islam III (1936) 451,
Josef Henninger S. V. S., Spuren christlicher Glaubenswahrheiten im Koran
(Schöneck/Beckenried 1951), S. 33f.
3 F. WtjSTENFELD, Mocrizi's Geschichte der Gopten (Göttingen 1845) spricht
immer vom „Messias" im Gegensatz zu seiner späteren Übersetzung des
Synaxars; siehe oben S. 121 A. 2.
* A. Mingana, The Book of Beligion and Em/pire by 'Ali Tabari translated
(Manchester 1922) übersetzt al-Masih mit „the Christ".
' Ignazio Di Matteo, Confutazione contro i cristiani dallo Zaydita al-
Qäsim b. Ibrähim, in Rivista degli Studi Orientali 9 (1922) 301—365, übersetzt
„II Messia".
^ Armand Abel, Abü 'Isä Muhammad b. Harun. Le livre pour la Refutation
des trois sectes chretiennes. Texte arabe traduit (Bruxelles 1949, Polykopie),
übersetzt „Le Messie".
Ein hunnisches Wort

Meinem Leiirer Hans Heinricii Scliaeder in Dankbarkeit

Von Omeljan Pritsak, Hamburg

§ 1. In dem um 551 verfaßten Werke ,,De origine aetibusque Getarum"


des Goten Jordanes findet sich — im Zusammenhang mit der Dar¬
stellung der gotisch-hunnischen Beziehungen nach dem Tode Attilas

eine Stelle, wo der hunnische Name für den Fluß Dniepr angeführt
worden ist: „Ergo, ut ad gentem, unde agimus, revertamur, id est Ostro-
gotharum, qui in Pannonia sub rege Valamir eiusque germani Thiudimer
et Videmir morabantur, quamvis divisa loca, consilia tamen unita ....
contigit ergo, ut Attilae fili contra Gothos quasi desertores dominationis
suae, velut fugacia mancipia requirentes, venirent ignarisque aliis fra-
tribus super Valamer solum inruerent. quos tamen ille quamvis cum
paucis excepit diuque fatigatis ita prostravit, ut vix pars ahqua hostium
remaneret, quae in fuga versa eas partes Scythiae peteret, quas Danabri
amnis fluenta praetermeant, quam lingua sua Hunni Var appellant."^

Das ganze Kapitel LII, aus dem diese Stelle entnommen ist, geht — in
diesem Punkt stimmen alle Forscher überein — ^ wie auch einige andere
Kapitel dieses Werkes, auf die uns verlorengegangene ,,'IaTopia Bu(^av-
TiaxT) xai xa xkt' 'ATTTjXav "des Peiskos (f nach 472) zurück. Priskos
wehte u. a. im Jahre 448 als Gesandter des oströmischen Kaisers Theo¬

dosios II. (408—50) am Hofe Attilas (434—53), und die geretteten Frag¬
mente seines Werkes beweisen, daß er ein äußerst intelhgenter, scharf¬
sinniger und feiner Beobachter gewesen ist, so daß man das größte Ver¬
trauen gegenüber seinen Nachrichten haben kann. Diese Tatsache ist
für uns von besonderer Bedeutung: Wir dürfen es also als eine sichere

' lordanis Romana et Oetica, hrsgb. v. Theodor Mommsen, in: Monumenta


Germanie Historico, Auctorum antiquissimarum tomi V pars prior, Berlin 1882,
127. Dieses himnische Wort hat bereits Heinrich Julius Klaproth
(1783—1835) richtig erkannt (Tableaux historiques de VAsie. .., Paris 1826,
245). Allerdings verband er es mit dem „Lesghi-Avar" Wort für den Fluß
or ~ hör ~ uor. Der Aufsatz von Bärnat MunkAcsi, A Dnjeper folyonah
huszu „ Var" neve, in Ethnographia, Budapest 1897, blieb mir unzugänglich.
" Gyula Moravcsik, Byzantinoturcioa (= Byz Tur), Bd. I, Budapest
1942, 300; Josep Markwart (Marquart), Osteuropäische und ostasiatische
Streifzüge, Leipzig 1903 ( = Streif züge), 33; ders., Über das Volkstum der
Korruinen, Berlin 1914 (= Komanen), 75; Mychajlo HruSevSkyj, Istorija
Ukrajiny-Busy ( = Geschichte der Ukraine-Bus), Bd. I, 3. Ausg., Kiew 1913
(= IstUkr), 157.