Sie sind auf Seite 1von 3

See discussions, stats, and author profiles for this publication at: https://www.researchgate.

net/publication/276102960

Ommo Grupe und seine Vision des Sports

Article  in  Sportwissenschaft · June 2015


DOI: 10.1007/s12662-015-0365-0

CITATIONS READS

0 56

1 author:

Michael Krüger
University of Münster
155 PUBLICATIONS   207 CITATIONS   

SEE PROFILE

Some of the authors of this publication are also working on these related projects:

History of Sports Medicine in Germany View project

All content following this page was uploaded by Michael Krüger on 15 January 2016.

The user has requested enhancement of the downloaded file.


Nachruf

Sportwiss 2015 · 45:55–56 Michael Krüger


DOI 10.1007/s12662-015-0365-0 Institut für Sportwissenschaft, Universität Münster, Münster, Deutschland
Online publiziert: 14. April 2015
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015

Ommo Grupe und seine


Vision des Sports

Für einen besseren Sport war der Titel ei­ tanden von Ommo Grupe umzusetzen, Sportwissenschaft international verbrei­
nes umfangreichen Sammelbandes, den was sie in Tübingen gelernt hatten. tete. Am eindrucksvollsten geschah dies
Hartmut Gaber und Ulrich Göhner aus Den Begriff „Schüler“ wollte Ommo anlässlich des Olympischen Kongresses
Anlass des 60. Geburtstages von Ommo Grupe übrigens nicht benutzen. Er ver­ 1972 in München. 1998 verlieh ihm das
Grupe im Jahr 1990 herausgaben. Ich hat­ trete keine „Schule“, hat er stets versi­ Internationale Olympische Komitee sei­
te die Ehre, sowohl als Autor an diesem chert. Deshalb habe er auch keine „Schü­ nen Ethikpreis. Ethik und Moral im Sport
Band mitzuwirken als ihn auch redaktio­ ler“, sondern Studenten, Mitarbeiter, As­ standen im Mittelpunkt seines Denkens
nell zu verantworten. Mit dem Band und sistenten und Kollegen (und viel zu we­ und Handelns. Das gemeinsam mit dem
seinem Titel sollte ausgedrückt werden, nige „-innen“, wie er vor allem später im­ Theologen Dietmar Mieth in Zusammen­
dass und welche Visionen Ommo Grupe mer bedauerte) unterschiedlichen Alters, arbeit mit den beiden großen christlichen
von der Zukunft eines humanen Sports aus unterschiedlichen Fächern und Dis­ Kirchen in Deutschland herausgegebene
und einer pädagogisch fundierten Sport­ ziplinen und mit ganz unterschiedlichen Lexikon der Ethik im Sport (Schorndorf
wissenschaft hatte. Charakteren, die voneinander lernen kön­ 1997) ist Ausdruck dieses Bemühens um
Grupe stand damals auf dem Höhe­ nen, wenn sie wollen, und das gemeinsa­ einen fairen und humanen Sport.
punkt seines beruflichen Wirkens. Seine me Ziel haben – so glaubte und hoffte er –, Was ist aus dieser Vision geworden?
Vision eines „besseren Sports“ schien al­ an der Vision eines „besseren Sports“ Wer Grupe in den letzten Jahren erlebt
les in allem möglich zu sein. Die Saat sei­ zu arbeiten. Viele von ihnen, aber längst und begleitet hat, auch seinen letzten öf­
nes unermüdlichen Engagements für den nicht alle, kamen 1990 in dem genannten fentlichen Auftritt anlässlich der Verlei­
Sport, für die wissenschaftliche Beglei­ Sammelband zu Wort. hung des Wissenschaftspreises des DOSB
tung und Erforschung des Sports, für ei­ Ommo Grupe hat als erster ordent­ 2011 in Tübingen, wo er vom damaligen
nen humanen Sport, für „mündige Athle­ licher Professor und Lehrstuhlinhaber DOSB- und heutigen IOC-Präsiden­
ten“, Fair Play und einen anspruchsvollen für „Theorie der Leibeserziehung“ in der ten Bach besonders geehrt wurde, konn­
Schul- und Vereinssport, der in Politik, Bundesrepublik Deutschland die mo­ te sehen, dass er selbst an der Nachhaltig­
Öffentlichkeit, Kultur und Wissenschaft derne Sportpädagogik und Sportwissen­ keit seines Wirkens für den Sport zwei­
gebührende Anerkennung findet, schien schaft auf der Grundlage der Philosophi­ felte. Zu Grupes großem Bedauern hat­
aufzugehen. Dank Grupe galt das Sportin­ schen Anthropologie begründet. Er hat te der DOSB die Carl-Diem-Plakette des
stitut in Tübingen als Zentrum und Mek­ es über viele Jahre geschafft, die verschie­ DSB abgeschafft und zum Wissenschafts­
ka der deutschen Sportpädagogik und densten wissenschaftlichen Gebiete zu ei­ preis des DOSB umbenannt. Für Grupe
Sportwissenschaft. In Tübingen wurde die ner Sportwissenschaft zusammenzufüh­ bedeutete das mehr als nur eine Namens­
Zeitschrift Sportwissenschaft herausgege­ ren und dieses Fach an den Universitä­ änderung. Er wertete dies als eine Abkehr
ben, damals eine weltweit verbreitete und ten und in der akademischen Kultur ins­ von den Traditionen des Sports in West­
anerkannte Fachzeitschrift für alle Gebie­ gesamt hoffähig zu machen. Er versuchte, deutschland nach 1945, die auch er selbst
te der Sportwissenschaft(en). Viele aus­ Sport und Sportwissenschaft mit anderen mit gestaltet hatte.
ländische Kollegen kamen nach Tübingen, gesellschaftlichen und kulturellen Berei­ Zu Ommo Grupes Ernüchterung ha­
um bei Ommo Grupe moderne Sportpä­ chen und Institutionen zu vernetzen, mit ben viele Entwicklungen in Sport und
dagogik zu studieren. Von Tübingen gab Kirchen und Gewerkschaften, Bildungs­ Sportwissenschaft beigetragen. An die­
es direkte Verbindungen nach Frankfurt einrichtungen, politischen Parteien und ser Stelle können nicht alle genannt wer­
zum DSB und NOK für Deutschland, Jugendorganisationen. Theorie und Pra­ den. Seine größte Enttäuschung war die
nach Bonn zum Bundesinstitut für Sport­ xis des Sports gehörten für ihn zusam­ Einsicht, dass Doping den Sport insge­
wissenschaft und ins Bundesinnenminis­ men. Er war zeit seines Lebens ein begeis­ samt und schon seit Langem weitaus stär­
terium, nach Köln zur Deutschen Sport­ terter Sportler und spielte bis zum Schluss ker heimgesucht hat, als er sich das selbst
hochschule und natürlich zu den meisten mit seinen Tübinger Freunden und Kol­ vorstellen konnte oder wollte. Der Pro­
deutschen Hochschulinstituten für Sport legen regelmäßig Tennis. Eine besonde­ zess der allmählichen, aber unaufhaltsa­
und Sportwissenschaften. Dort versuch­ re Leistung besteht darin, dass er sein pä­ men Zerstörung seiner Vision durch Do­
ten ehemalige Doktoranden und Habili­ dagogisches Modell des Sports und der ping begann bereits in den 1970er Jahren,

Sportwissenschaft 2 · 2015  | 55
Nachruf

nach den Olympischen Spielen von Mon­ Menschen im Sport als großes Vorbild in
treal. Damals glaubte er noch, dem mo­ Erinnerung bleiben.
ralischen Verfall des Sports entgegenwir­
ken zu können. Die Grundsatzerklärung
Korrespondenzadresse
für den Spitzensport von 1977 war Aus­
druck dieser Hoffnung. Mit dem Tod Bir­ Prof. Dr. M. Krüger
git Dressels 1987, dann den Enthüllungen Institut für Sportwissenschaft
des DDR-Dopings, der Dopingaffäre Bau­ Universität Münster
Horstmarer Landweg 62b
mann direkt vor der Haustür in Tübingen
48149 Münster
und schließlich den Dopingskandalen in michael.krueger@uni-muenster.de
und um Freiburg wurde dieser Glaube
nachhaltig erschüttert. Die in Teilen exzes­
sive Kommerzialisierung und Professio­
nalisierung des Sports beschleunigte sei­
ner Auffassung nach die moralische Kri­
se des Leistungs- und Spitzensports. Der
Sport verlor seine Sinnmitte. Er entfern­
te sich von seinem ethisch-moralischen
Kern.
Ein anderer, aber damit zusammen­
hängender Punkt hat mit der Entwick­
lung der Sportwissenschaft zu tun. Sie
sollte und musste seiner Auffassung nach
„kritisch“ sein, dem realen Sport auf die
Finger sehen, ihm nahestehen und doch
auf Distanz zu ihm gehen, auf jeden Fall
mehr sein als affirmative, technologische
Forschung für den Spitzensport. Den Be­
deutungsverlust der Sportpädagogik, wie
er sie verstand, nahm er mit wachsender
Resignation zur Kenntnis. Zu einer kri­
tischen und geisteswissenschaftlich fun­
dierten Sportpädagogik und Sportwissen­
schaft gehörte seiner Auffassung nach ein
differenziertes Wissen um die Geschich­
te der Leibeserziehung und des Sports.
Ohne systematische sporthistorische For­
schung gibt es das nicht. Sie ist jedoch in
der deutschen Sportwissenschaft nach der
deutschen Wiedervereinigung Schritt für
Schritt marginalisiert worden. Von außen
wird das Fach inzwischen nicht mehr als
geisteswissenschaftliche Disziplin wahr­
genommen, sondern als „anwendungs­
orientierte Wissenschaft“ bzw. techni­
sches Fach, wie der Historiker Wolfram
Pyta schon vor Jahren in einem Beitrag
für die Zeitschrift Geschichte in Wissen­
schaft und Unterricht (GWU 61, 2010, H
7/8, S. 388) bemerkte.
Selbst wenn sich seine Vision eines
besseren Sports und einer geisteswis­
senschaftlich orientierten Pädagogik des
Sports nicht erfüllt hat, wird Ommo Gru­
pe durch sein Leben und Wirken für die

56 |  Sportwissenschaft 2 · 2015

View publication stats