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Religiöse Dimensionen

der Botschaft

Leitfaden des Universellen Gottesdienstes


Herausgegeben von Atum O'Kane
Neuübersetzung von Kaivan Plesken
Redaktion und Bearbeitung: Ischtar Dvorak

-1-
Vorwort
"Die Sufi-Botschaft läutet das neue Zeitalter ein, die neue Gestalt des Gottesdienstes enthält Elemente
aus allen anderen Formen der Gottesverehrung. Deshalb heißt sie auch Universeller Gottesdienst. Es ist
die Aufgabe der Sufi-Botschaft, eine Antwort auf die Bedürfnisse der Menschheit in unserer Zeit zu
geben, besonders auf der Ebene des religiösen Lebens." (Hazrat Inayat Khan)
Diese für den Studiengebrauch zusammengestellte Sammlung von Texten und Anregungen ist gedacht
als Hilfe für jeden Murid, der tiefere Einsichten in die religiöse Dimension der Sufi-Botschaft gewinnen
will, besonders aber für alle Cheragas und Cherags und für jene, die es werden möchten. Grundlage
bilden die Lehren von Hazrat Inayat Khan zum Thema Religion, wie sie vor allem in seinem Buch The
Unity of Religious Ideals (Die Einheit der religiösen Ideale) und der Textzusammenstellung Die Einheit
in der Vielfalt der Religionen gefunden werden können, sowie die Texte von Pir Vilayat Inayat Khan zu
den gleichen Themen.
Im Leitfaden des Universellen Gottesdienstes soll die Wertschätzung für die einzigartige Schönheit
jeder religiösen Tradition ebenso zum Ausdruck kommen wie die umfassende Vision jener essentiellen
Einheit, aus der alle Religionen letztlich hervorgegangen sind.
Was von den Lehrern der Menschheit aus tiefer religiöser Einstimmung verkündet worden ist, möge
auch der Leser in ähnlicher Haltung auf sich wirken lassen. Die Macht der Inspiration in all diesen Lehren
vermag unser Herz zu öffnen, unser Denken zu erleuchten und unseren Geist zu erheben. Möge der
Samen der Weisheit, der in diesen Texten lebt, auf einen fruchtbaren Acker fallen!
Atum O'Kane

*
Vorwort zur zweiten Auflage
Ich freue mich, die zweite, völlig neu übersetzte und gründlich überarbeitete Auflage des "Leitfadens
des Universellen Gottesdienstes" vorlegen zu können - jetzt mit dem Titel "Religiöse Dimensionen der
Botschaft". Das von Atum O'Kane 1984 zusammengestellte Material hat sich seit Beginn der
Cheragausbildung im Zweig "Universeller Gottesdienst" innerhalb des Sufiordens als wertvolle und
hilfreiche Grundlage für die Ausbildung von Cherags erwiesen. Neben den Ausbildungsseminaren
ermöglicht es dem einzelnen Cheragkandidaten, im Selbststudium unter Anleitung seines Mentors oder in
den regionalen Mentorengruppen gemeinsam mit anderen Kandidaten eine vertiefte Kenntnis der
wesentlichen Dimensionen der Botschaft von Hazrat Inayat Khan und der zentralen Lehren der
Weltreligionen zu erwerben.
Der besondere Wert dieses Lehrbuches liegt darin, dass es nicht nur den Verstand anspricht, sondern
gleichzeitig die Fähigkeit schult, sich auf den besonderen Geist, der die einzelnen Weltreligionen
durchzieht, einzustimmen. Dabei werden die emotionalen ebenso wie die musischen und kreativen
Potentiale des Kandidaten herausgefordert. Auch für ordinierte Cherags, die den Universellen
Gottesdienst durchführen und interreligiöse Kontakte pflegen, bietet der "Leitfaden des Universellen
Gottesdienstes" Anregungen zur ständigen Weiterbildung und Vertiefung des Verständnisses für die
Weisheit und den Reichtum, die in den verschiedenen religiösen Traditionen zu finden sind, und für die
zukunftsweisende Bedeutung der "Botschaft für unsere Zeit".
Mein herzlicher Dank geht an Kaivan Plesken für die Neuübersetzung, an Huraksh Meuthen für die
Hilfe bei der graphischen Gestaltung und an den Vorstand des Internationalen Sufiordens Deutschland für
die Finanzierung dieses Lehrbuchs.
Möge es allen, die damit arbeiten, Freude und Inspiration vermitteln.

Ischtar Marita Dvorak


(Leiterin des Zweiges "Universeller Gottesdienst" im Internationalen Sufiorden Deutschland)

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Inhalt

I. Religion Seite 4
II. Das Gottes-Ideal Seite 11
III. Der Geist der Führung Seite 18
IV. Der Meister, der Heilige und der Prophet -
die Wege der Weisen Seite 26
V. Die spirituelle Hierarchie Seite 36
VI. Das Gebet Seite 47
VII. Die Religion der Hindus Seite 55
VIII. Die Lehre Buddhas Seite 65
IX. Die Religion Zarathustras Seite 71
X. Die jüdische Religion Seite 83
XI. Die christliche Religion Seite 94
XII. Die Religion des Islam Seite 108
XIII. Sufismus und die alten Sufis Seite 121
XIV. Frauen und Religion Seite 129
XV. Die Botschaft in unserer Zeit Seite 146

Dem Einen entgegen,


der Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit,
dem einzig Seienden,
vereint mit all den erleuchteten Seelen,
die den Meister verkörpern,
den Geist der Führung.

-3-
Teil I:

Religion

-4-
Teil I: Religion

I. Erforderliche Lektüre
A. Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen'1
Religion
Die Religion des Herzens
Das Bedürfnis unserer Zeit
Die kommende Weltreligion
Die Religion des Sufi
B. Ergänzendes Lesematerial2

II. Lernziele
- zu verstehen, wie Hazrat Inayat Khan den Zweck und das Wesen der Religion sieht
- den Unterschied zwischen der Religion und einer Religion zu erkennen
- das Wesentliche an der Religion der Sufis - der Religion des Herzens - und deren Wert für die gegenwärtigen
Bedürfnisse der Menschheit zu begreifen
- fünf Gesichtspunkte zu kennen, von denen aus Religion betrachtet werden kann
- ein Verständnis zu erwerben für das Wesen Gottes und den absoluten Gott

III. Überblick über das Thema


In der Lehre Hazrat Inayat Khans über Religion liegt die Betonung darauf zu erkennen, dass es eine Religion,
eine Wahrheit und einen Gott gibt. Die verschiedenen Religionen, die sich im Laufe der Evolution der Menschheit
entwickelt haben, stellen die verschiedenen Organe des einen Körpers dar, der Religion genannt wird. Sie erhalten
ihre tiefste Bedeutung, wenn sie im Kontext ihrer zugrunde liegenden Einheit verstanden werden, die der
gemeinsamen Quelle göttlichen Geistes entspringt. Während Hazrat Inayat Khan die Einheit der religiösen Ideale
betont, hegt er zugleich große Wertschätzung für die besondere Note, die von jeder Religion angeschlagen wird,
und er tritt keineswegs für religiöse Uniformität ein.
Hazrat Inayat Khan betrachtet Religion als einen Instinkt, der sich in der gesamten Menschheit findet und in der
Qualität der Toleranz ausdrückt. Er lehrt die Religion des Herzens, worin von höchster Wichtigkeit die Erkenntnis
ist, dass man Gott im Herzen der Menschen findet. Das Innewohnen Gottes im menschlichen Herzen findet
Erfüllung, wenn wir die göttliche Vollkommenheit erwecken, die in uns liegt.
Eine Rückkehr zum essentiellen Geist von Religion - jenseits der Verschiedenheit äußerer Formen – trägt dazu
bei, die intellektuelle Dimension mit der Dimension von Hingabe und Andacht in der Religion zu versöhnen.
Religion muss in der heutigen Zeit darauf gerichtet sein, den Menschen zu helfen, ihr Leben besser zu verstehen
und diese Erkenntnis anderen weiterzugeben, so dass die Menschheit einen Zustand von Liebe, Harmonie und
Schönheit erreichen kann.

IV. Übungen
Zur Vorbereitung
Bearbeiten Sie Nr. 1. und eine weitere Übung!
1. Denken Sie über Ihre religiöse bzw. spirituelle Reise nach, und stellen Sie dann Ihre Entdeckungen nach
Form und Umfang so zusammen, wie es Ihnen angemessen erscheint.
Sie könnten sich z.B. entscheiden, Ihre Reise als Biographie aufzuschreiben oder durch ein Gedicht, durch
Musik bzw. irgendeine andere Form kreativen Ausdrucks mitzuteilen. Der Zweck dieser Übung besteht darin:

1
Zusammenstellung von Texten von Hazrat Inayat Khan, übersetzt von Huraksh Meuthen, nur teilweise identisch mit 'Die
Einheit der religiösen Ideale' ('The Unity of Religious Ideals'), Band IX des Gesamtwerks von Hazrat Inayat Khan.
2
Das ergänzende Lesematerial ist jeweils am Schluss eines Kapitels abgedruckt.
-5-
a) Ihnen erkennen zu helfen, welchen Reichtum Sie beim Eintritt in diesen Kurs schon mitbringen und aus
welchen Perspektiven Sie Religion und verwandte Themen zu betrachten gelernt haben;
b) gleich zu Beginn klarzustellen, dass dieser Studienkurs nicht nur auf die intellektuelle Ebene von Verständnis
abzielt, sondern zugleich spirituelles Wachstum fördern soll; und
c) der Person, die Ihre Arbeit lesen und sie kommentieren wird, ein tieferes Verständnis Ihres Wesens zu
ermöglichen.
2. Schreiben Sie Ihre eigene Definition von Religion nieder.
3. Wie würden Sie Religion entsprechend dem allgemeinen Sprachgebrauch definieren?
4. Was ist ein religiöser Mensch?
5. Was sind Ihrer Meinung nach die zentralen religiösen Fragen unserer Zeit?

Zum Kapitel 'Religion'


Bitte lesen Sie das Kapitel und beantworten Sie eine der folgenden Fragen:
1. Einige Menschen kommen mit dem Körper von Religion in Berührung, während andere die Seele berühren.
Was ist der Unterschied, und wie beeinflussen diese verschiedenen Perspektiven das Leben eines Menschen?
2. Bitte meditieren Sie über folgende Passage, und teilen Sie mit, wie Sie deren Bedeutung verstehen:
"Das göttliche Leben hat eine gewisse Fähigkeit, Leben zu spenden. Und es gibt dieses Leben den Kindern der
Erde als eine Lehre, und diese Lehre wird Dharma3 genannt, Religion."
3. Wie kann es eine Wahrheit geben und zugleich mehrere Religionen, die so verschieden scheinen?
4. Hazrat Inayat Khan lehrt die Einheit der religiösen Ideale und nicht religiöse Uniformität. Was ist der
Unterschied?
5. "Die Menschen denken zumeist, dass die spirituelle Botschaft etwas Konkretes und Definitives, nämlich eine
Art von Doktrin oder Prinzipien sein muss, aber das ist eine menschliche Neigung, und es gehört nicht zur
göttlichen Natur, welche unbegrenzt und das Leben selbst ist."
Was geschieht mit der spirituellen Botschaft, wenn menschliche Neigung versucht, sie zu konkret und definitiv
zu machen?
Was geschieht mit den Anhängern einer Religion, wenn der Lebensstrom die Religion verlassen hat?

Zum Kapitel 'Die Religion des Herzens'


Dieses Kapitel enthält viele der wesentlichen Lehren Hazrat Inayat Khans über Religion. Es vermittelt ein tiefes
Verständnis durch die Reinheit und Einfachheit der Worte. Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden
Übungsaufgaben:
1. "Sufismus ist die Religion des Herzens, die Religion, in der eines von höchster Wichtigkeit ist, nämlich Gott
im Herzen des Menschen zu suchen."
Beschreiben und definieren Sie 'Herz', wie Hazrat Inayat Khan den Begriff verwendet.
2. Bemühen Sie sich einen Tag lang, das Göttliche in jedem Menschen zu sehen, den Sie treffen. Teilen Sie
einige Ihrer Entdeckungen mit, und erklären Sie, was mit der Rede vom Göttlichen im Menschen gemeint ist.
3. "Wenn wir über verschiedene Religionen nachdenken, die der Menschheit bekannt sind, werden wir
herausfinden, dass jede von ihnen der Welt in irgendeiner Form die Botschaft der Liebe gebracht hat." Befassen
Sie sich mit den heiligen Schriften dreier Religionen, und zeigen Sie, wie die Botschaft der Liebe sich in diesen
Traditionen ausdrückt.
4. Hazrat Inayat Khan nennt Religion etwas 'Instinktives' im Menschen. Bitte erklären Sie das.
5. "Es ist diese Erkenntnis, dass Gott im Herzen der Menschen ist, auf welche hin alle Religionen in
unterschiedlicher Weise und Form ihre Lehre ausrichten."

3
Dharma: etabliertes Gesetz, religiöse Pflicht, Moral (auch für die Lehre Buddhas gebraucht)
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Führen Sie Passagen aus den Schriften dreier Religionen an, die das Gesagte beleuchten.
6. Erläutern Sie mit eigenen Worten und mit Beispielen die Beziehung zwischen Liebe, Opfer und Sich-selbst-
Vergessen.
7. "Religion ist das, was Barrieren der Falschheit niederreißt und Menschen zur Wahrheit führt."
Erklären Sie, wie diese Definition von Religion sich unterscheidet von einer solchen, die mit einer bestimmten
Kirche oder einem bestimmten Glauben verbunden ist.
8. Wie kann die Perspektive der Liebe uns in einer Konzeption von Gut und Böse vereinigen?
9. Wie antwortet Hazrat Inayat Khan auf die Anschuldigung, dass Religion die Menschheit Krieg gelehrt habe?
10. Was ist das Geheimnis hinter all den verschiedenen Formen von Gottesdienst und Gebet und welchem
Zweck dienen sie?
11. Erklären Sie die Beziehung zwischen Gott und Schöpfung aus der Sicht eines Menschen, der die Religion
des Herzens praktiziert. Wie beeinflusst diese Sicht unser Selbstverständnis?
12. "Was heute am meisten Not tut, ist das Erwachen der Religion des Herzens."
Meditieren Sie über eine Welt, die durch das Erwachen der Religion des Herzens transformiert wurde. Was ist
Ihre Vision davon?

Zum Kapitel 'Das Bedürfnis unserer Zeit'


Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen:
1. "Der psychologische Zustand der Menschheit ist inzwischen so, dass ein intelligenter Mensch die Religion
ablehnt."
Was hat die Entfremdung vieler intelligenter Menschen von der Religion hervorgerufen?
2. "Was in der heutigen Welt Not tut, ist eine Versöhnung zwischen dem religiösen Menschen und demjenigen,
der vor der Religion davonläuft."
Was können Sie sich als hilfreich vorstellen, um eine solche Versöhnung zu fördern?
3. Wie würden Sie den Begriff 'holistisch' zu Hazrat Inayat Khans Lehre in Beziehung setzen?
4. "Die Sufi-Bewegung ist deshalb keine Sekte, sie kann alles sein, nur keine Sekte." Erklären Sie, warum
Hazrat Inayat Khan behaupten kann, dass die Sufi-Bewegung keine Sekte sei.

Zum Kapitel 'Die kommende Weltreligion'


Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen:
1. (a) Benennen und beschreiben Sie die fünf Gesichtspunkte, von denen aus Religion betrachtet werden kann.
(b) Denken Sie nach über eine religiöse Tradition, die Sie ausgeübt haben, und wenden Sie die erwähnten fünf
Gesichtspunkte an. Notieren Sie ihre wichtigsten Entdeckungen in jedem Bereich.
2. "Wenn Sie den Gegenstand der Verehrung von Menschen - welchem Glauben, welcher Gemeinschaft sie auch
immer angehören - respektvoll betrachten wollen, so müssen Sie sich deren Augen und Herzen ausleihen."
Wie können Sie sich eines anderen Augen und Herz ausleihen?
3. Was ist der Unterschied zwischen einem, der an eine Religion glaubt, und einem, für den jeder Augenblick
seines Lebens Religion ist?
4. Sie werden in einem Radioprogramm interviewt und vom Gesprächsleiter gefragt, was Hazrat Inayat Khan
meint, wenn er von der 'Religion des Herzens' spricht. Die Zuhörerschaft setzt sich aus Leuten zusammen, die
intellektuell orientiert sind, und solchen, die eher zu Frömmigkeit neigen. Versuchen Sie in ihrer Antwort beiden
Gruppen gerecht zu werden, und bedenken Sie, dass der Prophet nicht nur die Botschaft Gottes kennen, sondern
auch wissen muss, wie er sie - dem jeweiligen Verständnis entsprechend - einer Person erklären kann.

Zum Kapitel 'Die Religion des Sufi'


Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen:

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1. "Es ist zweifellos ein großer Irrtum, zu behaupten, dass Gott eine Person ist Aber es ist ein noch größerer
Irrtum, wenn man Gott – im Glauben an ein abstraktes Göttliches – Seine Persönlichkeit absprechen würde."
Äußern Sie sich zu obiger Aussage, und - wenn möglich - geben Sie Beispiele für die Verzerrung und
Begrenzung, die jede der beiden Tendenzen mit sich bringt.
2. Was bedeutet das Folgende: "Deshalb ist der Gott eines jeden Menschen dessen eigene Konzeption."
3. Hazrat Inayat Khan spricht von Begeisterung als der "Hauptsache, die es im religiösen Leben zu erfahren
gilt." Denken Sie über Ihr Erleben von Begeisterung nach. Wie würden Sie diesen Zustand Ihres Seins
beschreiben? Welche Art von Erlebnissen erhebt Sie in einen Begeisterungszustand?
4. Warum ist es natürlich für den Menschen, Gott in einer menschlichen Art und Weise zu idealisieren?
5. In diesem Kapitel befasst Hazrat Inayat Khan sich tiefgründig mit Wahrheit. Meditieren Sie über seine Worte
und - wenn möglich - über sein Gedicht 'Wahrheit' aus dem Gayan. Wie verstehen Sie den Unterschied zwischen
Tatsachen und Wahrheit? Definieren Sie beides mit Ihren eigenen Worten.

V. Übungsreferat
Lesen Sie das ergänzende Lesematerial zum Thema Religion, meditieren Sie darüber, und nehmen Sie es in sich
auf.
Stellen Sie sich vor, Sie wurden eingeladen, in einer Hochschulklasse über das Thema 'Religion' nach dem
Verständnis der Lehre des Internationalen Sufi-Ordens zu sprechen. Der Professor hat Sie gebeten, mit einem
Vortrag über dieses Thema zu beginnen und danach Fragen der Studenten aus allen möglichen Altersgruppen,
Religionen und Milieus zu beantworten. Dieser Vortrag steht im Rahmen eines Kurses über die gegenwärtige
Ausübung von Religion in Ihrem Land.
Sie haben das im Folgenden abgedruckte Material von Hazrat Inayat Khan durchgesehen und einige wesentliche
Äußerungen gesammelt. Nach dem Studium stellen Sie bitte Ihren Vortrag für den Kurs zusammen (schriftlich oder
auf Tonträger).

Ergänzendes Lesematerial
Reinheit des Lebens ist das zentrale Thema aller Religionen, und diese Lehre wurde zu allen Zeiten der
Menschheit gegeben. Reinheit des Lebens war die zentrale Idee der Religionen, und sie unterscheiden sich nur in
der Art und Weise, wie sie diese betrachten. Es scheint, dass Reinheit des Lebens nicht nur der Religion
entsprungen, sondern auch ein Produkt der Natur des Lebens ist; man sieht sie bei allen Lebewesen in der einen
oder anderen Weise sozusagen ihre Bestimmung herausarbeiten. Reinheit ist der Prozess, durch welchen sich der
Lebensrhythmus des Geistes manifestiert. Sie wirkte über viele Zeitalter im Mineralien-, Pflanzen- und Tierreich
sowie in der menschlichen Gattung und gelangte im Durchgang durch diese Entwicklungsstufen mit all ihrer
Erfahrung dieses Weges zu der Verwirklichung, wo der Geist sich selbst in seiner Essenz rein vorfindet, in seinem
reinen und ursprünglichen Zustand. Der ganze Prozess der Schöpfung und der spirituellen Entfaltung zeigt, dass
der Geist, welcher Leben ist und im Leben das Göttliche repräsentiert, sich selbst mit unzähligen Hüllen bekleidet
hat und auf diese Weise sozusagen vom Himmel zur Erde herabgestiegen ist. Und der nächste Prozess besteht
darin, sich zu enthüllen, und diese Enthüllung mag 'das Fortschreiten zur Reinheit' genannt werden. (The Dutch or
New Papers - Religion - The Purity of Life)
Was ist Sufismus? Was für eine Religion ist das? Sie können antworten, "Sufismus ist die Religion des Herzens,
die Religion, in welcher eines von höchster Wichtigkeit ist, nämlich Gott im Herzen des Menschen zu suchen."
(Unity of Religious Ideals)
All die verschiedenen Religionen sind die verschiedenen Noten, und wenn sie komponiert werden, ergeben sie
Musik. (Unity of Religious Ideals)
Ich bezeichne als 'die' Religion jene, die man sehen kann, indem man sich über die Sekten und Differenzen,
welche die Menschen trennen, erhebt; und indem wir 'die' Religion verstehen, werden wir alle Religionen
verstehen, die man als 'eine' Religion bezeichnen kann. (Unity of Religious Ideals)
Wir brauchen heute die Religion der Toleranz. Im täglichen Leben können wir uns nicht alle auf derselben Basis
treffen, da wir so verschieden sind und so verschiedene Fähigkeiten, Entwicklungsgrade und Aufgaben haben.
Wenn wir also keine Toleranz aufbringen und nicht den Wunsch haben zu vergeben, können wir niemals Harmonie
in unsere Seele bringen, denn in dieser Welt zu leben, ist nicht einfach, und jeder Augenblick des Tages fordert

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einen Sieg. Falls irgendetwas zu lernen ist, dann diese Toleranz, und indem wir diese einfache Religion der
Toleranz einander beibringen, helfen wir der Welt. (The Sufi Message, Vol 10)
Die Frage ist nicht, welcher Religion man folgt, sondern wie man seine Religion leben soll. Wenn Religion den
Halt am inneren Leben und an tiefer Gläubigkeit verloren hat, dann ist nichts mehr übrig. (The Sufi Message, Vol
10)
Zu jeder Zeit in Vergangenheit oder Zukunft ist Religion dasjenige, was am meisten von Nöten ist. Zweifellos
hat sich die Form der Religion entsprechend der Entwicklung der Menschheit verändert, da die Form von den
Gebräuchen und Gewohnheiten des Landes und auch von der Psychologie der Anhänger der jeweiligen Religion
abhängt. Diese Veränderungen entsprangen nicht dem intellektuellen Teil des menschlichen Geistes. Es gibt noch
einen anderen Teil des menschlichen Geistes - den göttlichen Teil; und das Erwachen dieses Teils lässt eine
Fontäne aufsteigen, die Fontäne der Religion. (The Sufi Message, Vol 10)
Wir wissen nicht, in welcher Verkleidung eine Person ihre Religion bewahrt. Sie mag sich im Herzen
verstecken; vielleicht ist sie nach außen nicht sichtbar. Wenn niemand fähig wäre, seine religiösen Gefühle
auszudrücken, so wäre zweifellos überhaupt keine Kommunikation möglich, und deshalb sollten wir unsere tiefsten
religiösen Gefühle mitteilen. (The Sufi Message, Vol. 10)
Die Propheten überbrachten von Zeit zu Zeit die göttliche Botschaft. Sie benötigten so viele Jahre, sie der Welt
zu überliefern, und die Botschaft benötigte so viele Jahre, um sich zu verbreiten, nachdem diejenigen, die sie
gebracht hatten, gegangen waren. So viele Jahre benötigten die Menschen, um sie zu praktizieren und ihren Nutzen
daraus zu ziehen. Und die Botschaft brauchte nochmals viele Jahre mehr, um korrumpiert zu werden, was jedes
Mal den Niedergang einer Religion bewirkt hat. Zweifellos endete so ein Kreislauf, und ein neuer Kreislauf begann
mit demselben Prozess von neuem. (The Message Papers)
Was wir heute brauchen, ist eine Erziehung, die der Menschheit beibringt, das Wesen ihrer Religion im
täglichen Leben zu fühlen. Der Mensch kam nicht auf diese Erde, um ein Engel zu sein. Er braucht nicht den
ganzen Tag lang in der Kirche zu beten, noch braucht er in die Wildnis zu gehen. Er muss nur das Leben besser
verstehen. Er muss lernen, sich eine bestimmte Zeit am Tage frei zu halten, um über das eigene Leben und sein
Handeln nachzudenken. Er muss sich fragen, "Habe ich heute etwas Rechtschaffenes getan? Habe ich mich an
jenem Ort und in dieser Stellung würdig verhalten?" Auf diese Weise kann er sein tägliches Leben zu einem Gebet
machen. Unter Politikern, Ärzten, Rechtsanwälten und Kaufleuten wäre es möglich, dass Liebe als Kraftquelle
hinter jeder Tat, jeder Aktion steht, zusammen mit einem Sinn für Harmonie hinter all jenen Aktivitäten. (The Sufi
Message, Vol. 10)
Die Religion des Sufi ist eine, und dies muss sich für sein Gewissen als wahr erweisen, indem er mit jedem, der
mit ihm in Kontakt kommt, auf freundliche Weise umgeht – allerdings nicht soweit, dass es sich zu seinem
persönlichen Nachteil auswirkt, sondern soweit das Leben ihm erlauben kann, freundlich zu sein. (Sangathas I)
Ich möchte über die eine Frage sprechen, die sehr oft von jemand gestellt wird, der die Sufi-Botschaft noch
nicht kennt: "Ist dies eine neue Religion?" Es ist keine bestimmte Religion, die im Gegensatz zu den bestehenden
Religionen steht, es ist nur die gleiche Religion, aber in einen größeren Zusammenhang gestellt, die alle anderen
Religionen in sich aufnimmt und umfasst. (Ansprachen an die Cherags, XII)
Die Psychologie des menschlichen Wesens ist insbesondere heute so, dass jemand, der nicht eng mit Religion
verbunden ist, zunächst dazu neigt, sich gegenüber jedem Anzeichen von Religion oder Spiritualität feindselig zu
verhalten. (Ansprachen an die Cherags, XI)
Es gibt Menschen, die gegenüber Religion Vorurteile hegen, und es ist sehr schwierig, diese Vorurteile
aufzulösen. Wir müssen Geduld mit ihnen haben. Und dann gibt es andere, die meinen, sie seien darüber erhaben.
Und folglich müssen wir ihren Stolz respektieren. Aber es gibt auch einige, die - durch einen freundlichen Kontakt
und indem man sie nicht überrumpelt oder ihnen die religiöse Idee aufdrängt - nach einiger Zeit beginnen, Gefallen
daran zu finden, wenn man sie nur dazu bringt, hinzuschauen, tolerant zu sein, dabei zu bleiben und zuzuhören.
(Ansprachen an die Cherags, IV)
Unser Interesse ist es, den Studenten vergleichender Religionswissenschaft die Idee nahe zu bringen, dass die
verschiedenen Schriften von einem Geist kommen und nur von verschiedenen Lippen weitergegeben wurden.
(Ansprachen an die Cherags, I)
Die Religiösen, die Mystiker und die Philosophen aller Zeitalter liefern den Schlüssel zum Geheimnis. Das ist
es, was die Sufi-Botschaft der Menschheit zurückbringt. Christus hat es so schön gesagt: "Sei so vollkommen wie
dein Vater im Himmel." (The Dutch or New Papers - The Word that was Lost)

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Der Versuch, alle Menschen zu Anhängern eines Glaubens zu machen, wäre - wenn es überhaupt gelänge - so,
als ob alle Menschen dasselbe Gesicht hätten. Das würde eine ziemlich uninteressante Welt werden. (The Word
That was Lost)
Aus: Gayan, Vadan, Nirtan
317 Die wahre Religion ist für den Sufi der Ozean der Wahrheit, und alle verschiedenen Glaubensrichtungen
sind dessen Wogen.
320 Naturreligion ist die Religion der Schönheit.
422 Es ist nicht eine bestimmte Religion, die Spiritualität im Menschen hervorbringen kann; Spiritualität hängt
von der Einstimmung der Seele ab.
828 Wahrlich, der Mensch ist fromm, der Religion durch sein Leben in der Welt lebt.
1267 Der Mensch, der zu beweisen versucht, dass sein Glaube dem eines anderen überlegen sei, kennt den Sinn
von Religion nicht.

Aus: Aphorismen
1667 Was ist Religion? Im exoterischen Sinn des Wortes eine Form zur Verehrung Gottes, ein Gesetz für das
harmonische Zusammenleben einer Gemeinschaft. Und was bedeutet Religion im esoterischen Sinne? Sie ist eine
Treppe für die Seele, um die Ebene zu erklimmen, auf der die Wahrheit verwirklicht werden kann.
1808 Es ist die heilige Pflicht des Menschen, sich darum zu bemühen, jenes vollkommene Bewusstsein zu
erlangen, das seine wahre Religion ist.
1845 Wahrlich, Wahrheit ist alle Religion, die es gibt, und es ist Wahrheit, die erlösen wird. Auf jeder Stufe
zum endgültigen Ziel wird vom Menschen ein Opfer verlangt werden, und das Opfer wird umso größer sein, je
weiter er auf dem Pfad voranschreitet. Wenn es nichts mehr gibt - weder Geist, Körper, Gedanken, Gefühl oder
Taten -, das er zurückhält, anstatt es für andere aufzuopfern, dann beweist der Mensch seine Verwirklichung der
göttlichen Wahrheit.

Aus: Die Schale des Schenken (The Bowl of Saki)


1/20 Jeden Menschen wie einen Schrein Gottes zu behandeln, bedeutet alle Religion zu erfüllen.
2/20 Die Religion eines jeden ist die Erlangung dessen, wonach seine Seele sich sehnt. Wenn er auf dem Pfad
zu diesem Ziel ist, dann ist er religiös; wenn er von diesem Pfad abweicht, dann fehlt es ihm an Religion und
Frömmigkeit.
5/30 Jede Disharmonie in der Welt, die durch religiöse Differenzen verursacht wird, ist das Ergebnis der
menschlichen Unfähigkeit zu verstehen, dass Religion eins ist, dass Wahrheit eins ist, dass Gott eins ist. Wie kann
es da zwei Religionen geben?

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Teil II:

Das Gottes-Ideal

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Teil II: Das Gottes-Ideal

I. Erforderliche Lektüre
A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Die Suche nach dem Ideal
Alle Kapitel aus dem Teil 'Das Gottes-Ideal'
Die Auffassung der Sufis von Gott
B) Ergänzendes Lesematerial

II. Lernziele
- ein Bewusstsein für den Prozess zu entwickeln, in dem man sich Gott dadurch verständlich macht, dass man
durch kreative Imagination ein Gottes-Ideals erschafft
- sich der Rolle des Gottes-Ideals in der Entwicklung der Religionen bewusst zu werden und zu verstehen,
weshalb die spirituellen Menschheits-Lehrer in dieser Weise lehrten
- die natürliche Neigung zu verstehen, Gott mit menschlichen Eigenschaften zu idealisieren
- die Vorstellung der Sufis von Gott und ihr Bemühen um ein Gleichgewicht zwischen Idealisierung und
kritischer Untersuchung zu würdigen

III. Überblick über das Thema


Das Gottes-Ideal ist ein Prozess, durch den der Mensch sich Gott verständlich macht. Durch Gebrauch kreativer
Imagination lässt man Gott zu einer Wirklichkeit werden, die man seiner persönlichen Erkenntnis und seinem Tem-
perament entsprechend versteht und erlebt. Während Menschen spirituell reifer werden, wird ihr Gottes-Ideal
beständig neu geschaffen und verfeinert. Der Höhepunkt auf dem Pfad des Gottes-Ideals ist das Einswerden mit
Gott und die Erkenntnis "der wesentlichsten Wahrheit, dass Gott alles ist".
Die großen Lehrer der Menschheit haben mit ihrer Darstellung der verschiedenartigen Dimensionen des Gottes-
Ideals - entsprechend der spiritueller Entwicklung der Menschen und der Bedürfnisse ihrer Zeit - die Menschheit
erweckt. In der Vielzahl der Gottes-Ideale spiegelt sich Gottes Mannigfaltigkeit wider, denn jeder erschafft sich
seinen eigenen Gott, aber alle diese Ideale sind Reflexionen eines einzigen Ursprungs. Nach Ansicht der Sufis
erkennt Gott sich selbst dadurch, dass wir Ihm im Gottes-Ideal eine Gestalt geben.
"Daher ist der Zweck der ganzen Schöpfung die Erkenntnis, die Gott selbst erlangt, indem er durch diese
Manifestation Seine eigene Vollkommenheit entdeckt."

IV. Übungen
A. Übungen zum Nachdenken:
Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen.
1. Denken Sie über die verschiedenen Stufen der Entwicklung des Gottes-Ideals in Ihrem Leben nach, und
beschreiben Sie einige Ihrer daraus gewonnenen Einsichten.
- Können Sie sich an Ihre erste Vorstellung von Gott erinnern?
- Nennen Sie einige der Ideale, die Sie in Ihrem Gottes-Verständnis hochgehalten haben.
- Haben Sie eine Verbindung zwischen Ihrem Gottes-Ideal auf verschiedenen Entwicklungsstufen und den
Umständen sowie Beziehungen in Ihrem Leben während solcher Perioden bemerkt?
2. Berichten Sie von einigen der Gottes-Ideale, die Ihnen durch einflussreiche Menschen oder Gruppen in Ihrem
Leben vermittelt wurden.
3. Wie würden Sie Ihr derzeitiges Verständnis von Gott beschreiben?

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B. Praktische Übungen:
Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Übungen.
1. Besuchen Sie eine Kirche, einen Tempel oder eine Moschee und suchen Sie nach dem Gottes-Ideal, das in
Architektur, religiöser Kunst und Atmosphäre ausgedrückt wird. Erläutern Sie Ihre Entdeckungen.
2. Wählen Sie ein religiöses Musikstück aus, und meditieren Sie darüber. Welches Gottes-Ideal hat der
Komponist mit dieser Musik dargestellt? Kommentieren Sie die Absicht des Komponisten und die Art, wie sich in
diesem Stück das Gottes-Ideal ausdrückt.
3. Wählen Sie ein Bild, ein Theaterstück, ein Gedicht etc., von dem Sie annehmen, dass es ein Gottes-Ideal
ausdrückt. Studieren Sie das Werk und teilen Sie Ihre Vorstellung von dem Beitrag mit, den das Gottes-Ideal des
Künstlers zur Inspiration der Menschheit leistete.. Geben Sie Beispiele aus dem Werk, das Sie ausgewählt haben.
Vielleicht wollen Sie eines von Hazrat Inayat Khans Theaterstücken wählen, die in Vol. 12 der 'Sufi Message' zu
finden sind.
4. Fragen Sie drei Personen nach ihrem Gottes-Ideal. Achten Sie auf Zusammenhänge zwischen dem Gottes-
Ideal dieser Menschen und der Art, wie sie ihr Leben gestalten.

C. Allgemeine Übungen:
Beantworten Sie bitte zwei der folgenden Fragen.
1. Der Prophet ist der Maler, der das Gottes-Ideal in die Herzen der Menschen zeichnet. Wählen Sie einen
Propheten aus und studieren Sie das Ideal, das er der Menschheit brachte. Beschreiben Sie dieses Gottes-Ideal mit
Ihren eigenen Worten anhand dreier Texte zum selben Thema aus der vom Propheten gegebenen Schrift.
2. Nennen Sie unter Verwendung der heiligen Schriften drei Beispiele verschiedener Gottes-Ideale, die von ein
und derselben Religion gelehrt werden.
3. Welche Gottes-Ideale sehen Sie in der heutigen Welt am meisten vertreten? Wo und auf welche Weise
kommen Sie mit diesen in Kontakt?
4. Einige Menschen haben heilige Ideale, stoßen sich jedoch an Bezeichnungen wie 'Gott' oder 'Religion'.
Welche starken spirituellen Ideale in unserer heutigen Welt begeistern solche Menschen?
5. Welche Gottes-Ideale, die in den Religionen der Hindus, Buddhisten, Juden, Christen und im Islam
verkörpert sind, halten Sie für die wesentlichsten? Nennen Sie für jedes dieser Ideale einen Abschnitt aus den
Heiligen Schriften.
6. Welche Vorstellung haben Sie von dem Gottes-Ideal, das in unserer Zeit, in der sich ein Quantensprung im
Bewusstsein der Menschheit ereignet hat, sichtbar wird? Wo sehen Sie Anzeichen seiner wachsenden Präsenz?
7. Ein Freund fragt Sie: "Wie kann es in der Religion eine grundlegende Einheit geben, wenn einige Menschen
viele Götter, andere dagegen nur einen einzigen Gott anbeten; wenn eine Religion von Gott als dem König des
Universums spricht, während eine andere die Leere aller Dinge lehrt; wenn einige Religionen sagen, Gott sei
Mensch geworden, andere jedoch Gott als jenseits jeglicher Form auffassen?" Was würden Sie antworten?
8. Was ist der Unterschied zwischen der Verehrung eines Idols und der Verehrung eines Ideals?
9. Im Kapitel 'Die Suche nach dem Ideal' lehrt Hazrat Inayat Khan, dass es fünf Arten tiefer Sehnsucht in der
Menschenseele gibt. Nennen Sie diese, und legen Sie dar, wie die Religion jeweils darauf antwortet.
10. Inwiefern ist es natürlich, dass sich die Menschheit die Persönlichkeit Gottes als eine menschliche
Persönlichkeit vorgestellt hat?
11. Pir Vilayat Inayat Khan hat die Möglichkeit erwähnt, das Wort 'Wir' anstelle von 'Er' oder 'Sie' zu
verwenden, wenn wir uns auf Gott beziehen. Was für ein Verständnis wird hierdurch angeregt?
12. Wenn Sie versuchen würden, die Menschen mithilfe des Gottes-Ideals der Sonne etwas über Gott zu lehren,
welche göttlichen Aspekte oder Qualitäten könnten dabei erwähnt werden?
13. Was war - laut Hazrat Inayat Khan - die Absicht dabei, jegliche Macht und Qualität als eine Verpflichtung
darzustellen?
14. Wenn Sie heutzutage ein Prophet wären, wie würden Sie Menschen helfen, "die wesentlichste Wahrheit,
dass Gott alles ist" zu erkennen?

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15. Wie würden Sie auf die Kritik antworten, dass Menschen im Bemühen um die Entwicklung ihres Gottes-
Ideals sich selbst etwas vormachen?
16. "Die Reise des Sufi führt zu Gott. Göttliche Weisheit ist das, was er sucht; Verwirklichung der Gottes-
erkenntnis ist sein Ziel."
Was den Sufi zu seiner spirituellen Reise bewegt, unterscheidet ihn von denjenigen, die in erster Linie ihre
persönliche Entwicklung oder die Bereicherung ihrer Persönlichkeit anstreben. Formulieren Sie Ihre Gedanken
darüber, worin sich diese zwei Wege unterscheiden und was die jeweiligen Resultate sein können.
17. Welche Standpunkte vertritt der Monotheist und welche der Pantheist? Welche Möglichkeiten eines Irrtums
- siehe das Kapitel 'Zwei Sichtweisen' - sind jeweils gegeben?
18. Wie kann man in der Vorstellung, dass "alles Gott und Gott alles" ist, das erklären, was wir als 'das Böse'
und 'die menschliche Begrenztheit' bezeichnen?

D. Übungen zu wichtigen Zitaten:


Erläutern Sie mit Ihren eigenen Worten, wie Sie die folgenden Aussagen von Hazrat Inayat Khan verstehen:
1. "Es ist der Geist aller Seelen, der zu allen Zeiten als Gott personifiziert wurde."
2. "Gott, der unabhängig von dem Bild existiert, das wir uns von Ihm machen, muss zu unserem eigenen
Verständnis von uns geschaffen werden. Um Gott zu begreifen, muss sich der Mensch zuerst seinen eigenen Gott
machen."
3. "Wenn Gott ohne Persönlichkeit ist, wie könnten dann wir menschlichen Wesen, die wir doch von Ihm - aus
Seinem eigenen Sein - herstammen und das Göttliche in der Vollkommenheit unserer Seele ausdrücken können,
eine Persönlichkeit haben?"
4. "Unser ganzes Leben basiert auf Imagination und wird durch sie gestaltet. Wenn es etwas in dieser stofflichen
Welt gibt, das Bestand hat, so ist es Imagination."
5. "Das menschliche Herz ist ein Gefäß, das die Gottesidee empfängt und daraus entsprechend der eigenen
Mentalität ein Bild von Gott entwickelt."
6. "Wenn man nur sehen könnte, wie wundervoll die Weisheit in der Vielfalt der Vorstellungen vom göttlichen
Ideal gewirkt hat. Sie führt die Seelen auf allen Stufen der Evolution demselben Ziel entgegen, das zuletzt zu
spiritueller Vollendung wird."
7. "Die Sitten, Formen, Zeremonien und Dogmen, die in Tempeln, Moscheen und an Stätten der Verehrung und
des Gebetes gelehrt wurden, dienten alle dem ausdrücklichen Zweck, das Wissen aus dieser ersten Lektion, die
angibt, wie man sich Gott [durch Idealisierung] nähert, zu vermehren."
8. "Durch seine Erfahrung im Prozess von Idealisieren und Analysieren erreicht der Sufi ein inneres
Gleichgewicht. Seine Idealisierung gilt der Liebe, Harmonie und Schönheit, und seine Analyse dient der
Erleuchtung."
9. "Mit dem Wunsch zu lobpreisen ist der Mensch geboren, und er hat, so möchte ich sagen, Gott durch seinen
Lobpreis erschaffen."
10. "Der Zweck der ganzen Schöpfung ist die Erkenntnis, die Gott selbst erlangt, indem Er Seine eigene
Vollkommenheit mittels dieser Manifestation entdeckt."
11. "Die Geburt Gottes ist die Geburt der Seele."
12. "Im Aufblühen seiner Persönlichkeit bringt der Mensch die Persönlichkeit Gottes zum Ausdruck."
13. "Die Vorstellung von Gott ist für den Sufi ein Mittel, sich von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit
zu erheben."
14. "Das ganze Bestreben des Sufi ist darauf gerichtet, mit dem Gedanken an Gott sein unvollkommenes Selbst
sogar vor den eigenen Augen zu verhüllen. Und der Augenblick, in dem Gott vor ihm ist und nicht sein eigenes
Selbst, ist der Augenblick seiner vollkommenen Seligkeit."
15. "Zerschmettere dein Ideal an dem Felsen der Wahrheit."
16. "Das Gottes-Ideal ist das Mittel, durch das wir uns ausdehnen, um für die Größe Gottes in uns Raum zu
haben." (Taj Inayat)
- 14 -
E. Übungs-Referate:
Bitte wählen Sie eine dieser Aufgaben aus.
1. Wieder sind Sie eingeladen, einen Vortrag an einer höheren Lehranstalt zu halten, aber diesmal handelt es
sich um einen Kurs für Vergleichende Religionswissenschaft. Sie haben das Thema 'Gottes-Ideal' gewählt. Ihr
Vortrag sollte folgendes beinhalten: eine Erläuterung der Lehre vom Gottes-Ideal, dessen Zweck und Entwicklung
im Leben des Einzelnen und der Menschheit, und wie diese Lehre dem Menschen hilft, die wesentliche Einheit
hinter den verschiedenen Religionen zu sehen.
2. Verwenden Sie das Gebet SAUM als Lehre über das Gottes-Ideal von Hazrat Inayat Khan. Beziehen Sie
Passagen aus dem Gebet auf das, was Sie in diesem Teil des Kurses gelernt haben.
3. Machen Sie eine Kassettenaufnahme von einer Meditation, die Sie anleiten, und zwar über die Beziehung
zwischen Gott und Mensch anhand des Vergleichs von Meer und Wassertropfen. Lassen Sie einen Tag
verstreichen, und hören Sie sich dann diese Meditation an.
4. Legen Sie einen Unterrichtsplan für eine Kindergruppe vor, der das Gottes-Ideal behandelt und Gott als
Vollkommenheit im Mitgefühl darstellt.
5. Lesen Sie das Theaterstück 'Una' von Hazrat Inayat Khan aus Vol. 12 der 'Sufi Message'. Lesen Sie außerdem
seine Erläuterungen zu diesem Stück, die im 'Ergänzenden Lesematerial' zu finden sind. Teilen Sie mit, was Sie aus
diesem Theaterstück über das Gottes-Ideal gelernt haben.
6. Die Erfüllung auf dem Pfad des Gottes-Ideals führt dazu, dass ein Mensch die 'Art Gottes' in sich verkörpert.
Beschreiben Sie den Zustand eines Menschen, der die göttliche Persönlichkeit ausdrückt. Erklären Sie auch, wie Pir
Vilayat in der Meditation über das 'ideale Wesen' diese Seinsweise zu erwecken versucht.4

Ergänzendes Lesematerial
Texte von Hazrat Inayat Khan
Unsere Beziehung zu Gott wird auf fünf verschiedene Weisen verstanden: Idealisieren, Wiedererkennen,
Kommunizieren, Verwirklichen und Vervollkommnen.
Jeder, der aufrichtig und ernsthaft an Gott glaubt, erfährt dieses Stadium. Es ist das Stadium, in dem er in Demut
und Sanftheit oder voller Reue für seine Sünden und Fehler vor Gott steht oder zum Himmel blickt und um
Vergebung bittet. Ob nun das Wesen oder die Person, die er idealisiert, viel oder nur vergleichsweise größer ist als
er selbst - er versteht, dass er ein bloßer Tropfen im Verhältnis zum Ozean ist, höchst begrenzt, verglichen mit der
Grenzenlosigkeit Gottes, äußerst schwach im Verhältnis zu Gott, dem Allmächtigen. Er erkennt, dass es ein Wesen
gibt, das alle vorstellbaren Tugenden wie Güte, Gerechtigkeit, Gnade und Mitgefühl in sich trägt. Was immer seine
Religion ist, jeder erfährt dieses erste Stadium, sofern er aufrichtig an Gott glaubt.
Das ist das Ideal, das uns - sogar schon in alten Zeiten - von Kindheit an gelehrt wurde. Heutzutage lehren es
manche und manche nicht. Die Erziehung hat eine andere Richtung eingeschlagen, mit dem Ergebnis, dass die
Idealisierung Gottes aus dem Alltagsleben verschwunden ist. Im Osten dagegen wurde dieses Ideal den kleinen
Kindern beigebracht, indem man ihnen Respekt vor Vater und Mutter einflößte; die Kinder werden angehalten, auf
ihren älteren Bruder oder die ältere Schwester, auf die Freunde des Vaters und die der Mutter Rücksicht zu
nehmen. In dieser Weise wird das Kind dazu erzogen, Respekt zu haben, es wird ihm eine Art Ideal vermittelt, zu
dem es aufschauen und das es verstehen kann.
Freundlichkeit, Sinn für Respekt und Ehrerbietung unterscheiden den Menschen vom Tier. Wenn die Menschen
nicht Tiere wären, hätte der letzte Krieg unmöglich stattfinden können. Hunde kläffen sich gegenseitig an. Nicht
nur ein Prophet, sondern alle Propheten haben die Botschaft gebracht, dass die Menschen sich in dieser Hinsicht
gegenüber den Tieren als höher entwickelt erweisen und lieber nachgeben sollten, als sich gegenseitig anzubellen.
Die erste Lektion der Menschlichkeit ist die der Idealisierung gewesen. Nicht nur in der Bibel steht: "Gesegnet sind
die Demütigen, Freundlichen und Sanftmütigen", auch im Qur'an und anderen heiligen Schriften wird das gesagt.
Sogar in der alten römischen Zivilisation wurde es gelehrt. Jede Nation, die so weit gekommen ist, Verständnis für
echte Menschlichkeit zu entwickeln und danach zu handeln, hat gelernt zu verstehen, dass sich der Mensch nur
durch das Ausmaß, indem er zu idealisieren vermag, vom Tier unterscheidet. (The Dutch or New Papers, Class for
Mureeds)

4
z.B. in: Introducing Spirituality into Counseling and Therapy - Chapter 8, oder: Leaders' Manual II - Chapter 3 - The Ideal
Master
- 15 -
Manche haben gesagt, dass Gott das Gute und alles Gute ist. Wenn wir sie fragen: "Was ist das Böse?", dann
antworten sie: "Der Satan". Dann gibt es also zwei Mächte, und die Macht des Bösen ist größer. Wir sehen ja in der
Welt immer, dass das Böse stärker ist. Dann gibt uns Gott also den Zauber der Tugend, und wenn Seine Macht
beendet ist, kommt der Bann des Bösen. Diese Leute haben das Absolute in zwei Teile geteilt, sie haben eine
Spaltung vorgenommen.
Eine Frage erhebt sich: "Ist all das, was wir sehen, Gott - all die Bäume, Blumen, Felsen, Vögel und Tiere - ,
oder ist Gott dieser unendliche, unsichtbare Zustand, das Unsichtbar-Seiende, der Künstler, der alles erschafft?"
Der Gott, welcher würdig ist, bewundert, gepriesen und angebetet zu werden, ist nicht gut oder böse. Er ist nicht
nur ein Teil. Die Mystiker und Propheten sind niemals gekommen, um die Spaltung zu lehren; sie kamen, um zu
lehren, dass es ein Einziges Wesen gibt - das ganze Wesen.
Sie werden fragen: "Wenn wir erkannt haben, dass das Selbst alles ist, wen sollen wir dann lobpreisen,
bewundern, anbeten und lieben? Zu lobpreisen, anzubeten, zu bewundern und zu lieben bringt die Vorstellung
eines anderen Wesens mit sich. Wir können doch nicht uns selbst anbeten, lobpreisen und bewundern." Ich sage
darauf, dass Sie mit dem Bestreben anzubeten geboren wurden. Es gibt jemanden, den Sie bewundern, vor dem Sie
sich verneigen, den Sie um Hilfe bitten.
Wenn wir wünschen, dass jemand etwas für uns tun möge, dann verneigen wir uns vor ihm. Wenn wir sein Geld
wollen oder seine Gunst, dann verneigen wir uns vor ihm. Die Schönheit, die einen Tag lang besteht und morgen
vielleicht schon vergangen ist, verehren wir. Weshalb sollten wir dann nicht jenes Wesen lieben und anbeten, das
fähig ist, all unsere Bedürfnisse zu befriedigen und dessen Schönheit unveränderlich und allumfassend ist?
Mit dem Wunsch zu lobpreisen ist der Mensch geboren, und durch diesen Lobpreis, so möchte ich sagen, hat
der Mensch Gott erschaffen. (The Dutch or New Papers, Religion II)
Der Gläubige, welcher idealisiert, glaubt so lange an Gott, wie seine Intelligenz nicht genügend entwickelt ist.
Mit der Entwicklung der Intelligenz verblasst der idealisierende Glaube. Ebenso liebt ein Liebhaber eine Schöne,
solange ihre Fehler nicht zutage treten; bei näherem Kontakt werden jedoch die Mängel der Geliebten
offensichtlich und lassen daher die Liebe des Liebhabers verblassen. Der Gläubige, welcher erkennt, handelt jedoch
gleich einem außergewöhnlichen Liebhaber, der unabhängig von der Schönheit der Geliebten selber Schönheit aus
seinem liebenden Herzen erschafft und dadurch das Bild der Geliebten durch seine Sichtweise schön macht.
Im Allgemeinen findet man Menschen, die der Schönheit der Natur gegenüber wenig empfänglich und wenig
mitfühlend sind, die eher zur Kritik als zur Bewunderung tendieren. Im Alter entwickeln sie eine missbilligende
Neigung, und es wird für sie unerträglich, jemanden in einer Haltung größerer Begeisterung zu sehen, als sie selbst
sie haben. Diese Einstellung nimmt mit der Zeit so zu, dass sie nicht einmal glauben mögen, dass ein Wesen wie
Gott existiert.
Ein anderer Typ des Ungläubigen ist der mit Verstand und Logik Begabte, der an Ideen nur so weit glaubt, wie
die objektive Welt sie ihm zu bestätigen scheint. Mit zunehmender Intelligenz mag er zuletzt ein vollkommenes
Denken entwickeln; er mag die Veränderlichkeit der Natur erkennen sowie die Tatsache, dass die Essenz alles
Seienden ein und dieselbe ist. Er mag sogar erkennen, dass es hinter der Bühne der sichtbaren Welt ein ewiges
Leben gibt. Aber der Mangel an Idealisierung lässt ihn nicht an die Identität Gottes als Gegenstand der Anbetung
glauben.
Durch seine Erfahrung im Idealisieren ebenso wie im Analysieren erlangt der Sufi Ausgeglichenheit. Mit
seinem Analysieren stellt er sich nicht gegen die unzähligen Geschöpfe, die von Alters her an Gott geglaubt haben,
aber er nennt seine Analyse Gottes Sufismus, das Wissen um Reinheit. Weder behauptet er jemals Gott zu sein,
noch fühlt er sich als ein von Gott getrenntes Wesen. Seine Ehrfurcht gilt der Harmonie der Welt und dem
Liebenswürdigen in der Persönlichkeit, und seine Analyse hat den Zweck, die Wahrheit der Natur und die Dinge,
so wie sie sein sollten, zu erkennen. Seine Idealisierung gilt der Liebe, Harmonie und Schönheit und seine Analyse
der Erleuchtung. Er verneigt sich vor Gott, ohne Ihn als ein separates höchstes Wesen zu betrachten; die Huldigung
des Sufi gilt vielmehr dem Bewusstsein, dem nicht-manifestierten Gott im Innern, der diese vorübergehende
Manifestation, die heute existiert, aber schon morgen nicht mehr sein wird, beobachtet. Durch seine Ehrerbietung
erzieht der Sufi die Welt, indem er ihr den rechten Pfad zeigt. Zugleich reinigt er das Bewusstsein von seinen
Täuschungen. (The Dutch or New Papers, Religion IV)
Jene, die denken, Gott sei nicht außerhalb, sondern im Innern des Menschen, irren sich ebenso wie jene, die
meinen, Gott sei nicht innen, sondern außen. Um es genau auszudrücken: Gott ist sowohl innen als auch außen.
Aber am Anfang ist es äußerst notwendig, mit dem Glauben an den Gott außen zu beginnen, denn von Kindheit an
haben wir alles von außen gelernt. Alles aber, was wir von außerhalb begreifen, erfahren wir in uns selbst; gelernt

- 16 -
haben wir aber immer außen. Sogar um Gott zu sehen, müssen wir daher beginnen Gott außen zu sehen - der
Schöpfer, Richter, Wissende aller Dinge, der Verzeihende. Und wenn wir Ihn besser verstanden haben, ist der
nächste Schritt, Gott in uns zu erkennen, das macht es vollständig.
Dann finden wir Gott, den wir bisher außerhalb gesehen haben, in uns; damit wird die Anbetung vollkommen.
Wenn wir Gott nur außerhalb gefunden haben, sind wir zwar Anbetende, aber doch von Ihm getrennt, und es gibt
keine Kommunion. Das aber ist der Zweck: Kommunion. (The Dutch or New Papers, Classes for Mureeds II)
Wir müssen uns daran erinnern, dass Una, als ein Sinnbild der Seele, ein Stadium in der Entwicklung der Seele
erreicht hat, worin sie dem Gottes-Ideal beinahe von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Daher können wir sie
nicht als Sinnbild für alle Seelen nehmen, denn nicht alle Seelen sind soweit gelangt, dieses Geheimnis zu
ergründen. Die Statue sagt: "Wenn Du mich vollendest, erfüllst du den Zweck deines Lebens." Wenn sie den
Giftbecher nimmt, erfährt sie eine Einweihung - nicht als ein gewöhnliches Geschöpf, sondern als eine Jüngerin,
die versucht, sich ihr eigenes Leben zu gestalten. (The Dutch or New Papers, Question and Answers)
Die Vorstellung, dass Gott der Einzig-Seiende ist und als die Totalität existiert, ist die letzte Vorstellung, nicht
der Beginn. Am Ende des Lebens entwickelt sie sich, nicht am Anfang. Gottes Gefallen und Missfallen fühlen wir
aber, sobald wir Gott in uns erschaffen haben. Gott zu schaffen ist das gleiche, wie wenn man sich Freunde schafft
- wenn man sich einen echten Freund schafft, lebt er in einem, und dann ist es ein Leichtes, sich Freude und
Unbehagen des Freundes vorzustellen. Der gehorsame Sohn, die liebende Tochter, die freundliche Mutter usw. - all
diese haben ihre Verwandten nicht nur vor Augen, sondern auch in sich selbst. Sie verstehen, wie das Kind, der
Freund, der geliebte Mensch sich fühlt. Sie verstehen nicht von außen, sondern weil sie ein Duplikat des anderen in
sich haben, und wenn wir mit diesem Duplikat kommunizieren, verstehen wir ganz mühelos. Deshalb ist die
einzige Möglichkeit, mit Gott in Verbindung zu treten, die, dass wir Ihn in uns so vollkommen, so erhaben, so
umfassend und so schön wie möglich gestalten. Wir können nicht mit dem Einzig-Seienden in Verbindung treten -
das ist viel zu schwierig für uns. Aber durch den Gott im Innern spricht der Einzig-Seiende zu uns. Das ist die
symbolische Bedeutung der Idolatrie. Mit dem verinnerlichten Idol erschaffen wir einen Gott aus unserem eigenen
Innern und sehen Ihn mehr und mehr sich entfalten. (Ansprachen an die Cherags)

- 17 -
Teil III:

Der Geist der Führung

- 18 -
Teil III: Der Geist der Führung

I. Erforderliche Lektüre
A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit der religiösen Ideale':
Der Geist der Führung
Wie die Botschaft empfangen wird
B) Ergänzendes Lesematerial

II. Lernziele
- den Aspekt des Göttlichen Wesens, den Hazrat Inayat Khan den Geist der Führung nennt, konkreter zu
verstehen
- zu erkennen, wie der Geist der Führung sich in den prophetischen Zyklen manifestiert und im Wesen des
Rasul5 gipfelt
- sich bewusst zu werden, wie der Geist der Führung im Leben des Einzelnen wirkt
- die Beziehung von Omega-Bewusstsein6 zu der 'Programmierung' zu begreifen, welche die allgemeine
Menschheitsentwicklung antreibt

III. Überblick über das Thema


Jener Aspekt des Einzigen Wesens, der ständig durch den Zyklus von Inkarnation und Auferstehung bereichert
wird, ist der Geist der Führung, der dynamisch sich entwickelnde Geist Gottes. Der Geist der Führung ist der
fortlaufende Faden, welcher der Entwicklung der Menschheit unaufhörlich Anregung und Ordnung gegeben hat.
"Er hat immer existiert und wird immer existieren; er war nie abwesend und wird es nie sein."
Wenn die Menschheit ihn am nötigsten brauchte, manifestierte sich der Geist der Führung auf Erden im Wesen
des Propheten. Die Botschafter aller Zeiten haben das Licht empfangen, das der zentrale Strahl des Geistes der
Führung ist, damit das ganze Spektrum der Menschheit erleuchtet und zur Erfüllung seines Zweckes im
Weltmaßstab motiviert würde.
Genau wie die Erfahrung des Göttlichen Geistes von der Erfahrung jeder Seele geformt wird, so spricht der
Geist der Führung nicht nur zum Herzen des Propheten, sondern zu jeder Seele. Spirituelle Führung ist ein
Kommunikationsprozess zwischen allen Wesen, welche die spirituelle Hierarchie bilden. "Denjenigen, die Ohren
haben zu hören ", wie Christus sagte, wird die göttliche Führung durch die ganze Fülle der Namen und Formen der
Natur vermittelt.

IV. Übungen
Übungen zum Nachdenken:
Bitte eine davon ausführen.
1. Hazrat Inayat Khan vergleicht die Evolution des Göttlichen Geistes mit dem menschlichen Geist, der nach
seiner Ankunft auf Erden vervollkommnet wird. Wählen Sie zwei bedeutsame Erfahrungen aus Ihrem Leben, und
berichten Sie, wie 'die innerste Essenz' dieser Erfahrungen überlebt hat und in Ihre heutige Perspektive mit
einfließt.
2. Erläutern Sie, in welcher Weise der Geist der Führung in Ihrem Leben sichtbar wurde - in Ihrer Beziehung zu
den Eltern, durch Kinder, Freunde und als die Stimme Ihrer Lehrer.
3. Woraus besteht Ihrer Meinung nach die Intuition? Gab es Momente in Ihrem Leben, wo die Intuition Ihr
einziger Führer zu sein schien? Beschreiben Sie diese Momente und erzählen Sie, wie Sie mit der Situation
umgingen.

5
Rasul: der Gesandte Gottes
6
Der Punkt Omega ist für Pir Vilayat der Horizont der Entwicklung, der mit jedem Fortschritt weiter zurückweicht und nie
endgültig erreicht wird. Er entspricht der voll entwickelten Blüte, die aus dem Alpha des Samens (der ursprünglichen
'Programmierung') hervorgeht. Er ist "die große Apotheose - die Konvergenz aller Individuationen in einem einzigen Punkt am
Ende der Zeit" (Toward the One). Der Begriff stammt von Teilhard de Chardin. [Anmerkung des Übersetzers]
- 19 -
4. Welche Faktoren halten Sie davon ab, der Stimme der Intuition in Ihrem Leben zu vertrauen? Wie sind diese
Hindernisse Ihrer Meinung nach zu überwinden?

Übungen zu wichtigen Zitaten:


Erklären Sie mit eigenen Worten die folgenden Zitate aus 'Die Einheit der religiösen Ideale':
1. "Schlicht gesagt, der Geist des Schöpfers ist aus Seiner eigenen Schöpfung gemacht."
2. "Er (der Geist der Führung) ist die Seele von Christus und der Geist der Prophetie."
3. "Der Geist der Führung gleicht der Hefe, mit der man Brot backt."
4. "In Wirklichkeit kann man sich den Geist der Führung als eine einzige Schnur vorstellen, und all die
großen Meister der Menschheit sind wie die Perlen auf dieser Schnur."
5. "Der wahre Gabriel ist der Geist der Führung, der die Seele der Propheten ist."
6. "Was das Herz voll und ganz erkennt, das spiegelt sich auch in den Augen wider."
7. "Es ist zweifellos wahr, dass Frage und Antwort beide in der Seele zu finden sind."

Allgemeine Übungen:
Bitte bearbeiten Sie zwei davon.
1. Pir Vilayat erinnert uns oft daran, dass "durch den Schöpfungsakt etwas gewonnen wird." Bringen Sie aus
der Tiefe Ihrer Erkenntnis die folgende Zeichnung und die Zeilen aus dem Vadan (s.u.) in Verbindung mit
dem Satz: "Die Erfahrung jeder Seele wird zur Erfahrung des Göttlichen Geistes."

(aus: 'The Chrystal Chalice' von Taj Inayat)

"Lass meine Pflanze Deine Blüten tragen,


lass meine Frucht zu Deinem Saatgut reifen."
(Vadan - Ragas)

2. In der christlichen Kunst gibt es viele schöne Darstellungen des Heiligen Herzens Jesu. Nach Ihrem
Verständnis der Beziehung des Geistes der Führung zum Herzen Gottes - was macht die Göttlichkeit des Herzens
aus? Warum betrachtet man das Herz Christi und all der Propheten als heilig? Was bedeutet der folgende Satz für
Sie: "In der Tat, das Herz des Menschen ist eines der Atome, welche das Herz Gottes bilden."
3. Die Anrufung, die uns von Hazrat Inayat Khan gegeben wurde, enthält die Worte: "dem einzig Seienden,
vereint mit all den erleuchteten Seelen, die den Meister verkörpern, den Geist der Führung." Erläutern Sie, wie Sie
diesen Satz verstehen.
4. Warum kann man sagen, dass der Geist der Führung Verwirrung auflöst und die Dinge klar macht?
5. Erklären Sie, wie der Geist der Führung ständig bereichert und erneuert wird durch menschliche Freiheit,
welche die göttliche Freiheit ausdrückt im Gegensatz zu der Form des Gesetzes. Was folgt aus dieser Erkenntnis
für die immer weitergehende Entwicklung der Menschheit? ('Omega-Bewusstsein' nach Pir Vilayat)
6. Wie kann Omega-Bewusstsein mit einem Computer verglichen werden?

- 20 -
7. Der Göttliche Geist - der Omega-Punkt, wie Teilhard de Chardin ihn definiert - wird durch menschliche
Kreativität verständlich gemacht. Beschreiben Sie die Rolle der Inspiration für den Schöpfungsprozess. Wie ist
Inspiration mit dem Geist der Führung verbunden?
8. Erklären Sie Ihr Verständnis der Worte Christi: "Ich bin Alpha und Omega."
9. Ausgehend von Ihren Überlegungen zur Bedeutung des Göttlichen Geistes (des Geistes der Führung, des
Omega-Punktes), erklären Sie, wie Sie die folgenden Worte von Pir Vilayat verstehen: "Man stellt sich das Ziel
irgendwo in der unendlichen Zukunft vor und die Ursache als etwas weit Zurückliegendes in der Vergangenheit;
aber in Wirklichkeit müssen Sie sich vorstellen, dass die Ursache jetzt wirkt, weil es sich um die ewige Gegenwart
handelt, und dass das Ziel jetzt schon existiert." (Pir Vilayat Inayat Khan, Omega Consciousness, in: The Message,
August 1977)
10. Leiten Sie eine geführte Meditation über das Gebet Salat. Warum sagt Pir Vilayat: "Die Essenz der
Botschaft zeigt sich in der Erkenntnis des Geistes der Führung"? (The Message Magazine, Juni 1979)

Der Geist der Führung im Leben der Propheten:


Bitte bearbeiten Sie eine dieser Aufgaben.
1. Hazrat Inayat Khan hat geschrieben: "Mein tiefer Seufzer steigt als Schrei der Erde in die Höhe und eine
Antwort kommt von innen als eine Botschaft." (Gayan - Gamakas)
- Inwiefern ist der Prophet in seinem Wesen die Antwort auf die Not der Menschheit?
- Wählen Sie drei Propheten aus. Finden Sie für jeden davon ein Zitat aus den Schriften der Religion, die er
vertritt, das am besten seine Antwort auf die Not der Menschen seiner Zeit veranschaulicht.
2. Kann man nach Ihrem Verständnis der Rolle, die der Geist der Führung im Leben der Propheten spielt, sagen,
dass jeder Prophet eine Reinkarnation des Botschafters ist, der ihm voranging? Erklären Sie Ihre Antwort!
3. Beschreiben Sie das Verhältnis zwischen der Entfaltung des Geistes der Führung und der Entfaltung des
Rasul, indem Sie die Phasen des Mondes als Analogie nehmen. (Kapitel Der Botschafter, Gebete Salat und Rasul,
Natur-Meditationen)
4. Vom Propheten Mohammed sagt man, dass sein Wesen durch die vollkommene Unterwerfung unter die
göttliche Führung geprägt ist. In Wirklichkeit ist dies das Grundthema aller Propheten gewesen. Geben Sie aus
Ihrem Wissen über das Leben der Propheten drei Beispiele, die von der Qualität der Unterwerfung im Wesen der
Botschafter zeugen.
5. Warum spricht die Intuition, die innere Stimme, so laut zum Propheten?

Wie die Führung gegeben wird:


Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Aufgaben.
1. Hazrat Inayat Khan spricht von fünf verschiedenen Aspekten, unter denen man Führung erkennen kann.
(Message Papers)
- Definieren Sie diese Aspekte der Führung.
- Geben Sie im Gedanken an Ihr eigenes Leben Beispiele dafür, wie jeder dieser Aspekte der Führung eine
Rolle in Ihrer Entwicklung gespielt hat.
2. Hazrat Inayat Khan sagt, dass "jemand, der sich in der Ausrichtung seines Lebens auf den Geist der Führung
verlässt, recht geleitet wird". Wie entwickelt man die Fähigkeit, diese "Stimme (zu) hören, die ständig in unserem
Innern erklingt"? (Gebet Khatum)
3. Taj Inayat erklärt: "Es ist ein seltenes Wesen, das sowohl sensibel genug ist, um göttliche Führung zu
empfangen, als auch stark genug, um diese in Handlung umzusetzen, indem es den Kampf mit allen gegnerischen
Kräften im Leben aufnimmt". Das ist ganz ähnlich wie die Beschreibung, die Murshid vom Botschafter gibt, der "so
fein wie ein Seidenfaden und so stark wie ein Stahldraht" sein muss.
- Wie würden Sie es anstellen, diese einander ausbalancierenden Qualitäten in sich selbst zu entwickeln?
- Spüren Sie eine besondere Verwandtschaft mit der einen oder anderen davon? Wie drückt sich das aus?

- 21 -
Praktische Übungen:
Wählen Sie eine davon.
1. Entwickeln Sie ein Mudra7 (eine subtile angedeutete Bewegung), welches Ihr Verständnis der folgenden
Sätze aus dem Gebet Salat ausdrückt. Lassen Sie ein Foto davon machen, wie Sie das Mudra ausführen, und
untersuchen Sie, ob es Ihre Inspiration akkurat wiedergibt.
- "Dein Licht ist in allen Formen."
- "Deine Liebe in allen Wesen."
- "Du, dessen Herz unablässig emporstrebt."
- "... wie das Licht den wachsenden Mond füllt."
- "Lass den Stern des göttlichen Lichtes, der in Deinem Herzen leuchtet, sich widerspiegeln in den Herzen
derer, die Dich lieben."
2. Viele Dichter und Schriftsteller haben sich in ihren Werken auf die allgemeine Führung der Menschheit
bezogen und die Mission des Geistes der Führung intuitiv begriffen. Finden Sie drei Beispiele aus der Literatur und
schreiben Sie einen Kommentar dazu.

Übungsreferat:
Von allen zu beantworten.
Sie haben vor einer Gruppe eine Rede über den Geist der Führung gehalten, in der Sie sich auf Murshids
Feststellung konzentriert haben: "Der Geist der Führung hat immer existiert und wird immer existieren; er war nie
abwesend und wird es nie sein". Einer Ihrer Zuhörer fragt Sie: wenn durch die ganze Geschichte der Menschheit
hindurch schon immer eine Führung und Planung am Werk gewesen ist, warum sind dann Ereignisse wie der
Holocaust oder der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki passiert? "Diese Dinge erscheinen so
sinnlos", sagt er. Was ist Ihre Antwort?

Ergänzendes Lesematerial
Christus hat gesagt: "Ich bin Alpha und Omega", und man fragt sich: "Wenn er am Anfang und am Ende war,
warum war er in der Zwischenzeit abwesend?" In Wirklichkeit war er nur für diejenigen abwesend, die ihn mit
seinem Namen und seiner Form identifiziert haben. Denen, die den wahren Christus erkannten, war er niemals fern.
Der Geist der Führung hat immer existiert und wird immer existieren, er war nie abwesend und wird es nie sein,
und er ist derjenige Geist, der durch alle Namen und Formen hindurch sich um die Kinder der Erde kümmert - in
Gestalt der Mutter, des Vaters, des Freundes, des treuen Dieners, des großzügigen Herrn, in Gestalt des Lehrers
oder Ratgebers. Sie wissen nicht, in wie vielen Formen jener Geist der Führung seine Arbeit tut. Doch für
diejenigen, die Ihn nicht sehen können, ist Er abwesend. Für die, die sehen, ist Er gegenwärtig.
Dann kommt der Gedanke: "Wenn er alles durchdringt, dann sind Krishna, Buddha, Christus und Mohammed
überflüssig; wenn der Geist der Führung in allem wirkt, ist es nicht notwendig, dass er sich mit solchem Anspruch
manifestiert und sich offen proklamiert." Die Antwort auf diesen Einwand steht in der Bhagavadgita, wo Krishna
sagt: "Wenn Dharma gestört ist, dann werde ich geboren", was bedeutet, dass solche Manifestationen, die die
Menschen als den Erlöser oder als Botschafter Gottes erkennen, immer dann kommen, wenn es Not tut. Mit
anderen Worten: die Notwendigkeit lässt diesen Geist in seiner wahren Gestalt auftreten, aber zugleich ist es so,
dass bei jedem Auftreten dieses Geistes die Welt sich gegen ihn gewandt hat.
Es ist nicht das massive Holz, das zur Flöte werden kann, sondern das hohle Rohr. Es ist die vollkommene
Passivität im Herzen des Botschafters, die der Botschaft von oben Raum gibt, denn der Botschafter ist die
Rohrflöte, das Instrument. Der Unterschied zwischen seinem Leben und dem Leben des Durchschnittsmenschen
ist, dass letzterer voll vom Selbst ist. Nur die gesegnete Seele, deren Herz vom Selbst leer ist, ist vom Licht Gottes
erfüllt. (The Messenger)
Es gibt einen Zyklus für jeden Aspekt des Lebens eines Individuums und des Lebens der Welt. Jeder dieser
Zyklen weist in seiner Natur drei Aspekte auf: den Anfang, den Höhepunkt und das Ende - welche Uruj, Kemal
und Zeval genannt werden -, so wie Neumond, Vollmond und abnehmender Mond, oder Sonnenaufgang,

7 Mudra: magisch-symbolische Finger- und Handstellung in buddhistischen und hinduistischen Kulturen

- 22 -
Höchststand der Sonne und Sonnenuntergang. Diese Zyklen, Subzyklen und Unterzyklen und die drei Aspekte, die
zu ihrer Natur gehören, werden nach Art und Richtung des Lichts eingeteilt und unterschieden. Und wie dieses
Licht von Sonne, Mond und Planeten die wichtigste Rolle im individuellen wie im kollektiven Leben der Welt
spielt, so teilt auch das Licht des Geistes der Führung die Zeit in Zyklen. Jeder Zyklus darin stand unter dem
Einfluss eines bestimmten Meisters. Unter ihm arbeiteten viele Aufseher für die ganze Welt in einer universelle
Regierung, welche die Angelegenheiten lenkt, die vor allem die innere geistige Verfassung der Welt betreffen.
(Supplementary Papers - Religion)
Es hat viele große Lehrer gegeben, die auf die Erde gesandt worden sind, um Gott zu dienen und der Mensch-
heit zu helfen, und ihr Leben ist jeweils verschieden gewesen. Doch hinter ihrem Leben steht ein Plan, der für alle
ziemlich ähnlich ist. Alsder Prophet (Mohammed) anfing, die Botschaft Gottes zu empfangen - glauben Sie, das
kam nur aus einer Richtung? Das kam von überall her! Die innere Stimme war so stark, dass der Prophet ihre
Resonanz im Wind, im Rauschen der Blätter, im Fließen des Wassers, im Himmel und auf der Erde hörte. Die
ganze Atmosphäre war voll von der Resonanz der Worte, die dem Propheten aus dem Innern kamen. Es schien, als
spräche das Absolute, als spräche der Mond, als spräche die Luft, als gäbe es nichts im Raum außer dem
lebendigen Wort, das zu ihm durchkam, und er begann es zu hören. (The Message Papers)
Es wäre daher keine Übertreibung, wenn ich einen Dichter zitieren würde, der sagte: "Gott spricht zu jedem,
aber nicht jeder hört auf das Wort Gottes." Diese Taubheit des Herzens ist ein natürliches Ergebnis unseres Lebens
in der Welt. Wenn wir mithilfe der Meditation das Herz zu einer gewissen Höhe der Einstimmung anheben, dann
wird das Wort Gottes wahrnehmbar. In einer Darstellungsweise heißt es "Gott sprach zu dem Propheten." Dies ist
eine schlichte Form der Mitteilung, dass das Herz des Propheten, als es sich auf diese Höhe der Einstimmung
erhoben hatte, wo es das Wort Gottes hören kann, tatsächlich das Wort Gottes hörte. Die Idee, dass ein Engel die
Botschaft Gottes bringt, ist mehr symbolisch zu verstehen. Es ist für den Menschen leichter zu verstehen, dass ein
Engel die Botschaft bringt, als dass Gott direkt spricht. (The Message Papers)
Was wir mit der prophetischen Sendung meinen, das ist, die Programmierung zu verstehen. Es geht nicht nur
um die individuelle Programmierung von Menschen, sondern um die Programmierung der gesamten Menschheit.
Schließlich wird man also dazu berufen, der eigenen Führung zu folgen. Andere glauben vielleicht nicht daran.
Es ist wirklich eine Frage der Intuition. Je mehr man sich dem Dienen widmet und je bewusster man wird, um so
mehr wird man ausgezeichnet: man wird immer mehr von der geistigen Weltregierung ausgewählt.
Insofern Du eine Führung anvertraut bekommst, die mit der göttlichen Ordnung der Dinge im Einklang steht,
gehörst du zur spirituellen Hierarchie.
Das ist Führung. Eigentlich geht es nicht so sehr darum, das Denken der Menschen zu beeinflussen, sondern
eine Erkenntnis zu bewirken, die zu einem Fortschritt in der Entwicklung führt. Es ist die Vermittlung von
Erkenntnis. So kann man als ein Lehrer nur eines tun, nämlich die eigene Erkenntnis mitteilen, oder vielmehr die
Erkenntnis mitteilen, die durch einen hindurch kommt. Man muss sich der Erkenntnis derer öffnen, die in der
Hierarchie über einem stehen und deren Erkenntnis umfassender ist als die eigene. Es ist offensichtlich eine Frage
der Kommunikation mit Wesen, und das ist es, was wir unter Führung verstehen: dass man wirklich Inspiration und
Führung dafür erhält, wie man anderen Führung gibt.
Wenn die Menschen die Programmierung nicht verstehen, dann liegt es daran, dass sie den Punkt noch nicht
erreicht haben, wo sie diese Erkenntnis ertragen könnten.
Das Göttliche Wesen ist aus uns allen gebildet. Manchmal denke ich, wir sollten 'wir' sagen anstelle von 'Er'.
Man darf also nicht annehmen, dass man nur Anweisungen bekommt, denen man blindlings folgt. Oft geht es
darum, selber zu wünschen, was Gott wünscht. Deshalb sagt Murshid: "Lass Deinen Wunsch zu meinem Sehnen
werden."
Ich glaube, dass das, was wir für unsere freien Handlungen halten, manchmal der göttliche Akt der Freiheit ist,
nämlich der Weg, auf dem Gott seine Freiheit durch uns hindurch manifestiert - im Gegensatz zur Festschreibung
dessen, was einmal Sein Akt der Freiheit gewesen war und was zum Gesetz wurde. (Pir Vilayat, The Meaning of
Guidance, in: The Message, Februar 1978)
Die Suche nach dem Rasul ist die Suche nach Gott, mit dem Unterschied, dass Gott verborgen ist und der Rasul
manifest; Gott ist Einer, und der Rasul erscheint vielfach; Gott ist der Ursprung und der Rasul das Ziel. Er ist die
Verkörperung des Geistes der Führung, der von Zeit zu Zeit in die Welt kommt, eingehüllt in beschränktes
Bewusstsein, da er ein Produkt der Umstände und der Zeit und des Ortes ist. Er ist beschränkt soweit die Situation
das verlangt, doch in seiner Quelle bleibt er unbeschränkt. (Taj Inayat, Meditation on the Rasoul, in: Cherag's
Notebook)

- 23 -
Wir wissen, dass ein wesentlicher Aspekt der Botschaft unserer Zeit das wachsende Bewusstsein der Planung
ist, die eine Funktion des internen Systems der Führung und Regierung bildet, welche die spirituelle Hierarchie
genannt wird.
Was die Botschaft als ganzes betrifft, d.h. die Führung, die der ganzen Menschheit gegeben wird, so besteht die
Herausforderung darin zu wissen, wie man die Lehre auf der Ebene der Menschheit und nicht nur auf individueller
Ebene überbringt.
Die Arbeit der Hierarchie ist einfacher unter Menschen, die Anweisungen folgen wollen und die sensibel genug
sind, sie zu empfangen.
Es ist ein seltenes Wesen, das sowohl sensibel genug ist, um göttliche Führung zu empfangen, als auch stark
genug, um diese in Handlung umzusetzen, indem es den Kampf mit allen gegnerischen Kräften im Leben
aufnimmt.
Mit dem Fortgang der Zeit und der Entwicklung der Menschheit spielt die Planungsintervention eine immer
größere Rolle gegenüber dem Karma, das wie die Kraft ist, die uns von der Vergangenheit her anzieht. Die
Menschheit ist in Fahrt gekommen und bewegt sich immer schneller auf das Ziel zu.
So ist es der Geist der Führung, der die bedeutende Rolle spielt, mehr als der Messias, der die verwundeten
Opfer von Karma oder Gesetz aufhebt. In der Hierarchie selbst gibt es eine neue Ordnung der Dinge, und die Rolle
des Botschafters hat sich dahin gewandelt, dass er die Menschen dazu bringt, ihren Zweck im Leben zu erkennen.
(Taj Inayat, The Spiritual Hierarchy, in: The Message, June 1977, The Cherag's Notebook)
Die Schöpfung wird ständig neu improvisiert und renoviert, und wir sind ein Teil davon. So ist unsere Freiheit
der Ausdruck der göttlichen Freiheit im Gegensatz zu dem, was früher die göttliche Freiheit war und was sich in
Form von Gesetzen verfestigte. Aus der wahren Perspektive gesehen, ist es das eine und einzige Bewusstsein, das
mit diesem Instrument arbeitend sein eigenes Wesen entdeckt...
Man stellt sich das Ziel irgendwo in der unendlichen Zukunft vor, und die Ursache als etwas, das weit zurück in
der Vergangenheit liegt; aber in Wirklichkeit müssen Sie sich vorstellen, dass die Ursache jetzt wirkt, weil es sich
um die ewige Gegenwart handelt, und dass das Ziel jetzt schon existiert. (Pir Vilayat Inayat Khan, Omega
Consciousness, in: The Message, August 1977)

Zitate zum Gebet Salat:


Das zweite Gebet - Salat - ist ganz und gar die Botschaft. Es ist ein Gebet an den Einen Geist hinter all den
verschiedenen Propheten.
Alpha und Omega ist der Geist der Führung, der immer wieder in den Gestalten der verschiedenen Meister
erscheint. Das heißt nicht, dass es dieselbe Person ist; es ist etwas Kosmisches, das weit über die Person
hinausgeht.
Dieses Gebet richtet sich an den Geist der Führung, das göttliche Licht, das erscheint, um Licht auf das
Schicksal der Menschen zu werfen und ihnen damit Führung zu geben.
Satz: "In der liebenden Mutter, im gütigen Vater, im unschuldigen Kind, im hilfreichen Freund, im
inspirierenden Lehrer."
Kommentar: Er zeigt, wie die göttliche Führung durch all diese Wesen zum Vorschein kommen kann. Man darf
nicht denken, dass die göttliche Führung nur durch die Meister, Heiligen und Propheten kommt.
Satz: "Wir preisen Deine Vergangenheit, Deine Gegenwart erleuchtet tief unser Wesen, und wir suchen Deinen
Segen in der Zukunft."
Kommentar: Wir denken an all die Manifestationen des Geistes der Führung in der Vergangenheit, wir erleben
die Gegenwart des Geistes der Führung jetzt, und wir freuen uns auf ihren Segen in der Zukunft.
Satz: "Du, dessen Herz unablässig emporstrebt."
Kommentar: Wenn wir 'Du' sagen, beziehen wir uns auf das, was über die Vielfalt der Meister, Heiligen und
Propheten hinausgeht, nämlich auf den Geist der Führung. Das Herz der Propheten strebt fortwährend empor, um
Inspiration zu empfangen, und dann, wenn sie die Botschaft empfangen haben, kommst Du "auf die Erde mit einer
Botschaft wie eine Taube von oben, wenn die Religion zerfällt.
Satz: "…und sprichst das Wort, das in Deinen Mund gelegt wird."

- 24 -
Kommentar: Die Worte, die er (der Prophet) benutzt, sind Worte, die ihm in den Mund gelegt worden sind. Er
empfing Inspiration "wie das Licht den wachsenden Mond füllt". Der Mond ist schon immer der Inbegriff des
Propheten gewesen.
(Pir Vilayat Inayat Khan, Commentaries on the Prayers, The Message, Juni 1979)

Zitate aus 'Natur-Meditationen':


Lass mein Herz Dein Licht widerspiegeln,
wie der Mond die Sonne widerspiegelt.
Lass meine Seele zu Dir schreiten,
wie der zunehmende Mond zu seiner Fülle fortschreitet.
Lass mich Deine göttliche Botschaft empfangen,
wie die Sterne Licht empfangen von Deinem verborgenen Antlitz.
Ich sehe Deinen Geist, oh Rasul,
unter dem Schleier meines spirituellen Führers.

- 25 -
Teil IV:

Der Meister, der Heilige


und der Prophet
- Die Wege der Weisen -

- 26 -
Teil IV: Der Meister, der Heilige und der Prophet
- Die Wege der Weisen -

I. Erforderliche Lektüre
A. Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Wie ein Weiser lebt
Der Meister, der Heilige und der Prophet
Der Prophet
Das Wesen der prophetischen Seele
Die Einstimmung des Propheten
Der Anspruch des Propheten
B. Ergänzendes Lesematerial

II. Lernziele
- die Unterschiede zwischen dem Meister, dem Heiligen und dem Propheten hinsichtlich Weg und Charakter zu
verstehen
- die Unterschiede in der Art zu erkennen, wie der Meister und der Heilige mit der Willenskraft arbeiten und wie
dies ihre Antwort auf das Leben formt
- den Propheten zu verstehen als jemanden, der den Meister und den Heiligen in sich vereint und beide
harmonisiert
- den Vorgang zu verstehen, durch den der Prophet die göttliche Botschaft empfängt, sowie seine Fähigkeit, sie
jedem in der ihm gemäßen Sprache zu vermitteln

III. Überblick über das Thema


"Es gibt drei Wege zum spirituellen Ziel, die sich am Ende treffen und zusammenfinden. Ein Weg ist der des
Meisters, ein anderer kommt von einem ziemlich anderen Ansatz her und ist der Weg des Heiligen, und der mittlere
Weg zwischen beiden ist der des Propheten."
Hazrat Inayat Khan sieht in den Meistern eine enorme Kraft und Bereitschaft, den Elementen des Lebens zu
begegnen und sie nach der eigenen Vision zu formen. Die spirituelle Hierarchie besteht aus den Meistern, die
denen, die reinen Herzens sind, und der Welt Schutz anbieten. "Die Arbeit der Meister besteht darin, jegliche
Katastrophen abzuwenden, die durch die Disharmonie im Wesen von Individuum und Kollektiv verursacht
werden." Voller Hoffnung zu sein inmitten des Lebenskampfes, ist die Einstellung eines solchen Wesens.
Der Heilige ist ein Wesen voller Liebe, er ist jemand, der durch Selbstaufopferung verwandelt wurde. Die
ständige Übung des Heiligen ist die Hingabe an Gottes Willen. Man findet den Höhepunkt dieses Weges in der
Entwicklung einer Person, die zum 'Grundton des ganzen Universums' geworden ist, denn der Heilige ist in
vollkommener Harmonie mit dem Willen Gottes. "Die Unglücklichen zu trösten, die im Leben Verlassenen unter
die Fittiche von Gnade und Mitgefühl zu nehmen, die Seelen, die ihm begegnen, zu segnen, das ist der Weg des
Heiligen."
"Der Weg des Propheten ist ausgeglichener, denn im Leben des Propheten besteht ein Gleichgewicht zwischen
diesen beiden Eigenschaften - der Macht, Dinge zu erreichen, und der Geduld, sich dem Willen Gottes zu ergeben."
Das innere Wesen des Propheten sehnt sich nach Einsamkeit, während seine Arbeit es erfordert, dass er intensiv in
der Welt steht und dem Urteil aller, denen er begegnet, unterworfen ist. Seine Mission ist es, der Menschheit die
göttliche Antwort auf den individuellen und kollektiven Herzensschrei zu übermitteln. Für Hazrat Inayat Khan ist
der Prophet die Erfüllung der göttlichen Absicht. Die göttliche Vollkommenheit ist im Wesen des Propheten
manifestiert.
"Der Prophet: seine Worte sind das Gesetz, seine Botschaft ist die Weisheit und sein Wesen jener Friede, nach
dem sich jede Seele sehnt."

- 27 -
IV. Übungen
Die Meister:
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1) Wie entwickelt der Meister die Qualität der Meisterschaft? Welche Teile seines Wesens übt und entwickelt
er, um Meisterschaft zu fördern? Welche Qualitäten helfen, Meisterschaft zu verwirklichen?
2) Wie benutzt der Meister den Weg der zielbewussten Anstrengung als Prozess, der zur tiefsten spirituellen
Realisation führt? Was gewinnt der Meister in sich selbst durch den Kampf und die Leistung auf dem Weg des
Engagements?
3) Wie würden Sie die Einstellung des Meisters zum Leben beschreiben?
4) "Die Arbeit des Meisters besteht darin, das Individuum und die Welt zu schützen. Seine Arbeit ist es, jedes
Unglück fernzuhalten, das durch die Disharmonie im Wesen von Individuum und Kollektiv entstehen könnte." Wie
bewältigt der Meister die oben erwähnte Aufgabe, z.B. Unglück, das durch die Disharmonie der Welt entsteht, zu
verhindern?
5) Es ist die Aufgabe des Meisters, dem Schwachen, der gerecht ist, dort zu helfen, wo er einem mächtigen
Feind gegenübersteht. Welche Organisationen, Menschen und Berufe sehen Sie in unserer Welt, die für das gleiche
Ziel wie die Meister arbeiten?
6) Warum haben die großen Meister in ihrem Leben Askese geübt? Was haben sie daraus gewonnen? Und
warum haben sie gegen die asketische Tendenz gekämpft?
7) "Indem er sich selber meistert, aktiviert der Meister ein kosmisches Gesetz von Aktion und Reaktion, das ihm
eine Kraft verleiht, welche die göttliche Kreativität in Gang setzt." (Pir Vilayat) Wie fördern und aktivieren die
großen Meister die göttliche Kreativität in den Menschen und in der kosmischen Ordnung?
8) Hazrat Inayat Khan bezieht den Charakter des Heiligen auf die Eigenschaften des Wassers. Können Sie auch
Parallelen zum Charakter des Meisters in irgendeinem Aspekt der Natur sehen? Wenn ja, notieren Sie Ihre
Entdeckungen.

Die Heiligen:
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1) Warum ist das Opfer eine wesentliche Qualität derer auf dem Pfad des Heiligen? Was opfert der Heilige für
andere? Was befähigt den Heiligen, für andere ein Opfer zu bringen?
2) Der Heilige "wird zum Grundton des ganzen Universums. Alles harmonisiert mit ihm, die rechtschaffenen
Seelen, die verderbten Seelen, die Engel und die Teufel, sie alle kommen in Harmonie. Der Heilige kommt in
Harmonie mit jedem Objekt, mit jedem Element." Was gibt es im Wesen des Heiligen, das ihm ermöglicht, mit dem
ganzen Universum zu harmonisieren, einschließlich der Rechtschaffenen und der Verderbten? Wie wird die
Eigenschaft der Harmonie im Heiligen entwickelt?
3) "Die heilige Seele nimmt alle Beleidigungen an, wie man etwas als Reinigungsvorgang aufnehmen würde."
Lassen Sie sich über diese Behauptung aus. Inwiefern benutzt der Heilige eine Beleidigung als einen
Reinigungsprozess?
4) "In der Entsagung findet diese Seele (des Heiligen) ihre Freiheit." Was ist der Zusammenhang von
Entsagung und Freiheit? Wie unterscheiden sich Entsagung und Freiheit des Heiligen von Flucht und Vermeidung?
Liegt ein größerer Gewinn im Verzicht des Heiligen? Wenn ja - was gewinnt dann Ihrer Meinung nach der Heilige
dadurch?
5) "Die Aufgabe des Heiligen ist es, die Unglücklichen zu trösten, diejenigen unter die Fittiche der Gnade und
des Mitgefühls zu nehmen, die im Leben allein gelassen sind, die Seelen zu segnen, die seinen Weg kreuzen."
Welche Organisationen, Menschen und Berufe spiegeln in unserer heutigen Welt die Arbeit und Einstimmung auf
dem Weg des Heiligen wider?
6a) Vergleichen Sie den Pfad des Heiligen, der sich durch Ergebung auf den göttlichen Willen einstimmt, mit
dem Pfad des Meisters, der den göttlichen Willen durch Macht, Kontrolle, Leistung und Optimismus in Kraft setzt.

- 28 -
6b) "Entsagung ist die Eigenschaft des Heiligen, und Hoffnung ist die Eigenschaft des Meisters, aber in allen
erleuchteten Seelen gibt es einen Ausgleich." Wie sieht Hazrat Inayat Khan den Ausgleich dieser beiden
Eigenschaften bei den erleuchteten Seelen?
6c) Hazrat Inayat Khan sagt, dass sich der Weg des Meisters und der Weg des Heiligen, obwohl sie recht
verschieden sind, doch beide schließlich am selben Ort treffen. Was, meinen Sie, ist die letzte Erfüllung, die beide
erreichen?
7) Pir Vilayat lehrt: "Man kann nicht dem Pfad des Meisters folgen, ohne vorher auf dem Pfad des Heiligen
begonnen zu haben, was sich letztlich als die größte Meisterschaft erweist." Inwiefern ist der Weg des Heiligen
einer von großer Meisterschaft? Wie können die Eigenschaften des Meisters und Heiligen benutzt werden, um
Groll, Intoleranz und Bitterkeit zu überwinden?
8) Hazrat Inayat Khan gebrauchte das Gleichnis vom Wasser, um die Natur des Heiligen darzustellen. Erklären
Sie, inwiefern es eine Ähnlichkeit zwischen dem Weg des Heiligen und den Qualitäten des Wassers gibt. Welche
anderen Aspekte der Natur spiegeln Ihrer Meinung nach Heiligkeit wider?

Die Propheten:
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1) In dem Kapitel "Der Prophet" definiert Hazrat Inayat Khan ein solches Wesen als jemanden, der "eine
Antwort auf den Aufschrei der Menschheit, der Einzelnen und der Gesamtheit ist." Wie hört der Prophet den Schrei
der Menschheit? Inwiefern ist der Prophet die Antwort auf den Schrei? In welcher Weise vermittelt er die Antwort
auf das Rufen von Individuum und Kollektiv?
2) "Der Prophet, könnte man sagen, lauscht den Worten Gottes in der Sprache Gottes, und er interpretiert diese
Worte in menschlicher Sprache. Er spricht zu jedem Menschen in dessen Sprache, er tauscht sich mit jedem
Menschen auf dessen Niveau aus." Was ist die Sprache Gottes? Wie hört der Prophet die Worte Gottes? Wie
übersetzt der Prophet das Wort Gottes in die Sprache jedes Einzelnen?
3) "Die Hauptaufgabe des Propheten besteht darin, Gottes Namen zu verherrlichen, die Menschheit aus der
Erdenschwere zu erheben, die Türen des menschlichen Herzens für die göttliche Schönheit zu öffnen, die überall in
Erscheinung tritt, und die Seelen zu erleuchten, die seit Jahren in der Dunkelheit herumtappen. Der Prophet bringt
die Botschaft seiner Zeit, eine Reform für die besondere Epoche, in die er hineingeboren ist."
Nachdem Sie über die obige Feststellung meditiert haben, formulieren Sie bitte Ihre Vorstellung davon, wie der
Prophet folgendes fördert:
- den Namen Gottes zu glorifizieren
- die Menschheit aus der Erdenschwere zu erheben
- die Türen des Herzens für die göttliche Schönheit zu öffnen
- Seelen, die in Dunkelheit leben, zu erleuchten
- die Botschaft der Zeitepoche zu verkünden
4) "Wenn das Herz wie ein Ohr wird, dann beginnt es, die Stimme, die von innen kommt, zu hören." Wie kann
man sein Herz zum Ohr machen, sodass es die innere Stimme hören kann?
5) "Diejenigen, die einen Nutzen aus Leben und Botschaft derer gezogen haben, welche die göttliche Botschaft
überbringen, sind nicht notwendigerweise die Nachfolger ihrer Botschaft, sondern Nachahmer ihres Lebens." Was
ist der Unterschied zwischen dem Nachfolger und einem, der den Lehrer nachahmt?
6) "Die Seele eines Propheten repräsentiert sowohl das Menschliche als auch das Göttliche." Meditieren Sie
darüber, und notieren Sie, wie Sie diese Worte verstehen.
7) Wie wird 'die Art Gottes' in der Seele des Propheten gespiegelt?
8) Warum ist das Symbol des Kreuzes ein angemessener Ausdruck für den Zustand der Propheten, während sie
auf der Erde weilen?
9) "Er hat das Problem zu lösen, in der Menge zu leben, aber er darf es nicht intellektuell lösen, wie jedermann
es lösen möchte, sondern spirituell, indem er das Instrument dafür, das Herz, in richtiger Einstimmung auf das
Unendliche ausgerichtet hält, so dass er die Antwort auf alle Fragen erhalten kann, die sich in jedem Moment des
Tages erheben."
- 29 -
a) Was ist der Unterschied zwischen einer intellektuellen und einer spirituellen Antwort auf das Problem des
Lebens?
b) Warum ist es schwierig, das Herz in richtiger Einstimmung auf das Unendliche zu halten, während man in
der Menge lebt?
c) Wie würden Sie den Prozess beschreiben, durch den der Prophet die Antwort auf die Fragen erhält, die sich in
jedem Moment des Tages erheben?
10) "Das Gemüt dessen, der die Frage stellt, schlägt auf der inneren Ebene die göttliche Glocke an, die das
Herz des Propheten ist, und Gott, der die Glocke hört, antwortet. Der Prophet braucht deshalb über die Frage, die
ihm gestellt wird, nicht nachzudenken. Automatisch zieht die Frage die Antwort aus ihm hervor. Diese Regel gilt
nicht nur für das Individuum, sondern auch für das Kollektiv."
Meditieren Sie darüber und wählen Sie einen Propheten aus, zu dem Sie eine große Verwandtschaft verspüren.
Versenken Sie sich in sein Bewusstsein und sein Wesen, so gut Sie können. Stellen Sie dem Herzen dieses
Propheten, zu dem Sie nun geworden sind, eine persönliche Frage oder eine Frage, von der Sie meinen, dass sie die
Menschheit betrifft. Welche Antwort stellt sich ein? Teilen Sie etwas von dieser Erfahrung mit.
11) Was ist der Unterschied zwischen den Avataren8 der Hindus und den Propheten der Religionen, die der
Tradition von Beni Israel9 entstammen? Warum ehrt der Internationale Sufi-Orden beide Linien des Prophetentums
- sowohl die Hindulinie wie auch die von Beni Israel? Was möchte der Sufi-Orden durch sein Beispiel, alle
Propheten der großen Religionen zu würdigen, in der Menschheit erwecken?
12) Warum sieht Hazrat Inayat Khan den Weg des Propheten als Ausgleich zwischen den Wegen des Meisters
und des Heiligen? Was sind die verschiedenen Tendenzen, die der Prophet im eigenen Wesen ausgleichen muss?
13) "Er (der Prophet) handelt auf seinem Wege zur Erfüllung seiner Lebensmission als ein Warner, als ein
Heiler, als ein Reformer, als ein Anwalt, als ein Lehrer, als ein Priester, als ein Prediger." Geben Sie ein Beispiel
für jede der oben erwähnten Funktionen eines Propheten. Sie können dabei Ihre Beispiele aus dem Leben vieler
Propheten nehmen oder alle auf einen Propheten beziehen.
14) "Nicht alles, was der Prophet der Welt zu geben hat, kann in Worten niedergelegt werden; aber alles was
nicht in Worten gegeben werden kann, wird ohne Worte gegeben." Hazrat Inayat Khan lehrt, dass der Prophet der
Erde den lebendigen Gott bringt. Wie übermittelt der Prophet der Menschheit die lebendige Gegenwart Gottes auf
Wegen, die viel umfassender und tiefer als Worte sind?
15) Welche Einsicht vermittelt Hazrat Inayat Khan, um zwischen dem falschen und dem echten Propheten zu
unterscheiden? (Anmerkung: Pir Vilayat betont, dass das wahre Zeugnis der spirituellen Einstimmung einer Person
eher die Atmosphäre des Wesens als seine Worte oder Handlungen sind.)
16) "Mehr als bei jedem anderen menschlichen Wesen liegt die große Leistung des Propheten darin, die
Heiligkeit des Göttlichen mit der menschlichen Note zu verbinden." (Pir Vilayat Inayat Khan) Wählen Sie einen
oder mehrere Propheten aus, und geben Sie drei Beispiele aus deren Leben, welche die Verbindung des Göttlichen
mit dem Menschlichen veranschaulichen.
17) Wie wird die Persönlichkeit von jemandem verwandelt, der zum Propheten wird? Warum wird Buddha der
Tathagata10 genannt, anstatt Gautama oder Siddharta? Was ist der Unterschied, wenn von Jesus Christus und von
Jesus die Rede ist?
18) Warum ist der Mond ein Symbol für die innere Verfassung eines Propheten? In welcher Weise hat der
Prophet den weiblichen Aspekt in sich?
19) Was muss der Prophet in Betracht ziehen, wenn er die göttliche Botschaft der Menschheit übergibt, damit
diese von den Menschen seiner Zeit aufgenommen werden kann?
20) Wie wirken das Herz des Propheten und das göttliche Licht zusammen, um der Menschheit während ihrer
spirituellen Evolution das Gesetz zu übermitteln?
21) Warum betrachtet der Sufi "alle Propheten und Weisen nicht als Individuen, sondern als Verkörperungen
von Gottes reinem Bewusstsein oder als Manifestationen der göttlichen Weisheit"?

8
Avatar: Inkarnation einer Gottheit
9
Beni Israel: Die 'Söhne Israels', d. h. die Angehörigen der jüdischen und christlichen Religion sowie des Islam.
10
Tathagata: Der 'so' Gewordene; der genau dem rechten Pfad folgt; der dem selben Weg folgt wie der, welcher ihm
voranging.
- 30 -
22) Was ist die Absicht der prophetischen Mission?
23) "Genau, wie das eigene Unterbewusstsein uns bei vorheriger Warnung zu einer bestimmten Zeit aufwecken
würde, so ist das Bewusstsein Gottes die Instanz, Seine Manifestation aufzuwecken, indem es sich durch
verschiedene Namen und Formen projiziert, um Gottes Wunsch zu erfüllen, dass man Ihn kennen möge. All diese
Begründer von Weisheit sind die Offenbarung einer einzigen Ursache: Haqq."11
Meditieren Sie über dieses Zitat. Wenn wir von Gott sprechen, vom Geist der Führung, wie er sich durch die
Kette der Meister, Heiligen und Propheten und in der Schöpfung ausdrückt, beziehen wir uns da auf ein einziges
Bewusstsein? Wie erweckt Gott Seine Manifestation in der Absicht, dass man Ihn kennt? Warum, glauben Sie,
möchte Gott gekannt werden, und von wem?
24) Warum muss der Prophet über Kunstfertigkeit verfügen, um die Wahrheit unter die Menschen zu bringen?

Zusammenfassende Übungen:
Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Aufgaben.
"Eine dem Osten entlehnte Übung besteht darin, sich vorzustellen, vor einer idealen Person zu sitzen - das Bild
des Guru im eigenen Tagtraum, der so utopisch wie möglich ist - und sich allmählich mit ihr zu identifizieren, bis
man realisiert, dass man sich diese Person nicht hätte vorstellen können, wenn ihre Eigenschaften nicht schon in
der eigenen Seele vorhanden gewesen wären." (Pir Vilayat Inayat Khan: Physics and the Alchemy of
Consciousness)
1) Dies ist die Beschreibung einer von Pir Vilayat gelehrten Meditation zur kreativen Imagination, die 'Das
ideale Wesen' genannt wird. Der Schwerpunkt dieser spirituellen Übung liegt darin, der eigenen Seele zu erlauben,
aus sich heraus eine klare Projektion eines idealen Wesens zu kreieren, das der Kreativität der Seele entspringt und
nicht einer historischen Person entspricht.
Wählen Sie einen der drei Archetypen, die in diesem Abschnitt behandelt werden, den Meister, den Heiligen
oder den Propheten, und wenden Sie die Technik der kreativen Imagination an. Was ist Ihre Vision des idealen
Wesens, das einen der drei Wege repräsentiert? Berücksichtigen Sie dabei die folgenden Aspekte: die Atmosphäre,
die Qualität des Lichtes, Haltung oder Gang, Gesichtsausdruck, Blick, Stimme und die Landschaft oder die
Gegend, in der das ideale Wesen angetroffen wurde. Wenn Sie möchten, könnten Sie Ihre Eindrücke in einem
gemalten Bild festhalten oder einen anderen künstlerischen Ausdruck finden.
2) Reflektieren Sie über die Entwicklung Ihrer Persönlichkeit infolge der Ereignisse und Beziehungen, die Ihr
Leben geformt haben. In welchen Bereichen hat das Leben versucht, die Eigenschaften des Meisters, Heiligen oder
Propheten in Ihnen hervorzubringen? Welcher der drei Wege ist Ihrem Gefühl nach am ehesten in Harmonie mit
Ihrem Temperament und Ihrer Haltung dem Leben gegenüber?
3) Wählen Sie einen Propheten, und beziehen Sie Ereignisse aus seinem Leben auf die Aspekte des Meisters
und des Heiligen. Erklären Sie, wie Sie diese Geschehnisse als Beispiele beider Wege erleben, die ja im Propheten
verbunden sind.
4) Für diejenigen, die gerne mit Bewegung arbeiten - bitte versuchen Sie, Gangarten für den Meister, den
Heiligen und den Propheten zu entwickeln, die deren essentielle Einstimmung wiedergeben. Halten Sie das
Wesentliche Ihrer Erfahrung in Worten, Zeichnungen oder Fotos fest.
5) Wenn Sie Sinn für Musik haben, wählen Sie bitte drei Musikwerke aus, die die Einstimmung der drei
Archetypen ausdrücken.
6) Wählen Sie drei Gemälde oder Zeichnungen aus der darstellenden Kunst, die Ihrem Gefühl nach die
Qualitäten des Meisters, Heiligen und Propheten eingefangen haben. Z. B. könnten Sie in den Augen eines Wesens
auf einem der Bilder das göttliche Erbarmen nacherleben, welches das Kennzeichen des Heiligen ist.

Ergänzendes Lesematerial:
Die Meister
Große Meister, wo auch immer sie gelebt haben mögen, mussten auf irgendeine Art und Weise das Leben eines
Asketen erfahren, ob es nun offensichtlich war oder nicht, im Äußeren oder im Inneren. Für einen Abschnitt in
ihrem Leben oder für dessen ganze Dauer, für kürzere oder längere Zeit hatten sie alle diese Lebenserfahrung. Und

11
Haqq: Die absolute Wahrheit, Gott.
- 31 -
doch waren sie geboren, um diese asketische Neigung zu bekämpfen und gegen ihren Wunsch in der Welt zu sein.
Immer gab es einen Kampf der Weisen und Mystiker gegen ihre asketische Rückzugstendenz, damit sie in der Welt
bleiben und der Welt dienen konnten. Aber zugleich war es das Schicksal mancher von ihnen, dass sie der Welt
nicht die bestmögliche Führung geben und dienen konnten, ohne Asketen zu sein. In diesem Falle war es
notwendig für sie, so zu sein. (The Message Papers)
Nur Geduld gibt der Seele königliche Qualität. Was war das Geheimnis der Meister, die Großes erreicht, die
viele inspiriert und die vielen Seelen geholfen haben? Ihr Geheimnis war Geduld. (The Sufi Message, Vol. 3)
Es gibt Meister, die sich mit jedem Aus- und Einatmen ihrer spirituellen Erkenntnis bewusst sind. Mit jedem
Atemzug stellt sich das Bewusstsein der Ebene ihrer Verwirklichung ein. (The Sufi Message, Vol. 4)
Woher bezogen die Meister der Menschheit, diejenigen, die imstande waren, Großes in der Welt zu leisten,
ihren Willen? Es war ihr eigener Wille, der durch den Zusammenbruch der Grenzen ausgedehnt wurde, die der
Gedanke an das eigene Selbst schafft. Dies soll nicht bedeuten, dass der Gedanke an sich selbst vollkommen
aufgegeben werden soll, dass man niemals an sich denken darf, niemals an sein Mittag- und Abendessen denken
sollte. Es gibt das eigene Selbst, man muss das bedenken. Aber um sich auszudehnen, um den Willen wachsen zu
lassen, ist es zugleich so: je mehr man sich vergisst, desto mehr wird einem geholfen. (The Sufi Message, Vol. 8)
Indem er sich selber meistert, aktiviert der Meister ein kosmisches Gesetz von Aktion und Reaktion, das ihm
eine Kraft verleiht, welche die göttliche Kreativität in Gang setzt. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message in Our
Time)
Dies genau ist die Anwendung des Sufiweges von Fana, Auslöschung, ausgeglichen durch Baqa, eine
Wiederinstandsetzung durch das göttliche Handeln im eigenen Wesen ohne Einmischung des individuellen
Willens. Hier liegt das Geheimnis der Macht des wirklichen spirituellen Meisters, der anderen helfen kann, ihr
Gefühl von Begrenzung und Hilflosigkeit zu überwinden. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message in Our Time)
Widerstand gegen alles, was seine Schwäche stärkt, was an seine Schwäche appelliert, die Neigung zu
Beharrlichkeit, Mut und Kühnheit, Stärke und Beständigkeit, alle diese Qualitäten offenbaren sich im Meister. Dies
ist der Unterschied zwischen dem Meister und dem Heiligen: der eine ist aktiv, der andere ist passiv, der eine
beharrt, der andere gibt nach. Aber gleichzeitig schreiten beide voran, nur ihre Wege sind verschieden. Der eine
Weg ist positiv, der andere Weg ist negativ. Einer ist der Weg der Macht, der andere der Sanftheit. Dennoch haben
beide ihre Aufgabe im Plan der Natur zu erfüllen.
Auf dem Weg des Meisters wird der Wille meist in Bezug auf äußere Dinge benutzt. Auf dem Weg des Heiligen
wird der Wille benutzt, um das eigene Selbst zu beherrschen, mit anderen Worten, er wird für eine Zeitlang gegen
das eigene Ich benutzt. Der Heilige hat zugunsten von Kaza12 verzichtet, während der Meister Qadr13 wertschätzt.
Um aber Gottes Willen zu erkennen ist es gut, zunächst seinen eigenen Willen in die Hand zu nehmen und ihn in
dem Wissen zu benutzen, dass er für einen großen Zweck im Leben gegeben wurde. (The Sufi Message, Vol. 6)
Der Sadhu und der Heilige repräsentieren diese beiden Temperamente. Der Sadhu kontrolliert und meistert die
Dinge, der Heilige hat sich dem Schicksal ergeben und ist mit allen Situationen unter allen Umständen zufrieden.
Er wählt ein Leben des Rückzugs und des Verzichts. Wenn Sie mich fragen, welcher der beiden besser sei, würde
ich sagen, dass es hier kein Besser oder Schlechter gibt. Wenn Sie Ihrem Temperament gemäß arbeiten, so ist dies
die natürliche Arbeit für Sie, wenn Sie aber gegen Ihre Natur arbeiten, so ist das, als ob Sie gegen einen Felsen
schlagen würden, und da gibt es keine Hoffnung auf Fortschritt. Wenn Sie aber tun, was zu Ihnen passt, und im
Sinne Ihrer Natur handeln, dann wird es immer Fortschritte geben. Das Temperament ist keine Tugend, die man zur
Schau stellt, noch ist sie etwas, was man zu überwinden hätte, indem man gegen die eigene Natur handelt. Der
Weise erkennt diese beiden Temperamente und gebraucht sie entsprechend, lässt ihnen die Zügel locker und
widmet ihnen mit den Augen des Sehers Aufmerksamkeit. Er studiert sie, wie sie im Leben der Menschen
funktionieren. (The Sufi Message, Vol. 12)

Die Heiligen
Das Temperament des Heiligen ist negativ, vollkommen hingegeben an den Willen Gottes. Der Heilige hat
Geduld gelernt, Vertrauen, Ausdauer, Toleranz. Er hat das Kreuz getragen, er wurde tausendmal im Leben ge-
kreuzigt. Er weiß, was Liebe bedeutet. Er hat einen Weg der Hingabe gewählt, er führt ein Leben des Dienstes, er
hat sich selber ausgelöscht, er hat seine Persönlichkeit zerstört. Er hat den Felsen, aus dem er gemacht war, in
Wasser aufgelöst. Sein Weg ist nicht der des Hammers, sondern der des Wassers. Der Hammer bricht den Felsen,

12
Kaza oder Qaza: Der göttliche Wille.
13
Qadr: Der menschliche Wille
- 32 -
aber das Wasser umfließt den Felsen und findet so seinen Weg. Deshalb gibt die heilige Person denen, die mit ihr
in Kontakt kommen, Frieden, Harmonie und Trost. Solch eine Person heilt und erhebt diejenigen, die im Dunkeln
herumtappen und die Tiefen der Erde berühren. Der Heilige hat die Liebe entwickelt, die man in einer Mutter oder
in einem Vater sieht, und er hat diese Liebe für jeden Menschen und jede Seele. Es ist nicht nur eine Fabel, dass die
Bäume, Pflanzen und Felsen zu den Heiligen sprechen. Es ist wahr. Hat ein Mensch solch ein
Einfühlungsvermögen entwickelt, kann er sich in Fels, Pflanze und Baum einfühlen; alles in der Natur eröffnet sich
ihm. Durch dieses Einssein kann er mit jeder Lebensform kommunizieren, was immer sie ist. Daher ist es nicht
notwendig, dass er die Welt verlässt. Gleich ob er in den Wäldern oder inmitten der weltlichen Aus-
einandersetzungen lebt, die Seele des Menschen kann sich immer zu den größten Höhen emporschwingen, wenn er
nur wünscht, sie zu erreichen. (The Sufi Message, Vol. 6)
Wenn ein Mensch ebenso froh darüber ist, dass ein anderer ein gutes Mahl zu sich nimmt oder schöne Kleider
trägt, wie wenn er selbst es täte, dann hat er sich über das Menschsein erhoben. Dies sind die Heiligen und Weisen,
und die Zukunft liegt in ihren Händen, denn sie sind gleichermaßen glücklich im Gewinn wie im Verlust. (The Sufi
Message, Vol. 5)
Wenn jene Liebe geschaffen wurde, die Wind und Sturm standhält und fest bleibt im Aufstieg wie im Fall, dann
verändert sich die Sprache des Menschen; die Welt kann das nicht verstehen. Wenn Liebe den Herrn der Liebe
erreicht hat, so ist sie wie das Wasser des Meeres, das sich als Dampf erhoben hat und Wolken über der Erde bildet,
um dann als Regen niederzufallen. Unvorstellbar ist das ständige Strömen aus solch einem Herzen. Nicht nur
menschliche Wesen, sondern auch Vögel und wilde Tiere müssen seinen Einfluss, seine Wirkung spüren. Es ist
eine Liebe, die nicht in Worte gefasst werden kann, eine Liebe, die ausstrahlt, die ihre Wärme durch die
Atmosphäre bezeugt, die sie schafft. Die ergebene Seele des Mahatma14 mag jemandem schwach erscheinen, der
sie nicht versteht, denn er akzeptiert Lob und Tadel gleichermaßen, und er heißt alles, was ihm gegeben wird,
gleichermaßen willkommen, Gunst oder Ungunst, Freude oder Schmerz. Alles, was kommt, nimmt er ergeben hin.
(The Sufi Message, Vol. 8)
Ergebenheit ist eine Eigenschaft der Seele des Heiligen. Sie ist bitter im Geschmack, aber süß im Ergebnis. Was
auch immer eines Menschen Macht und Position im Leben sein mag, er hat doch immer mit einem noch stärkeren
Willen zu rechnen, in welcher Form dies auch sein mag. In Wahrheit ist das der göttliche Wille. Widersetzt man
sich dem göttlichen Willen, kann man daran zerbrechen, ergibt man aber sich dem göttlichen Willen, erschließt
man sich einen Weg. Denn Hingabe hat die Natur des Wassers: versperrt ihm irgendetwas den Weg, nimmt es
einen anderen Lauf und fließt dennoch weiter, es geht seinen Weg, um endlich den Ozean zu finden. So tun es die
Heiligen, die den Weg der Hingabe beschreiten, aber dennoch ihren eigenen Willen bewahren. Dieser Wille hat die
Macht, sich zu behaupten. Eine Person, die von Natur aus zur Entsagung neigt, kann am Ende sich selbst trösten
und andere glücklich machen. (The Sufi Message, Vol. 8)
Die Heiligen und Weisen verbreiten ihren Frieden nicht nur dort, wo sie sich gerade aufhalten, sondern
übertragen ihn auch auf die Nachbarschaft, in der sie wohnen. Die Stadt oder das Land, in dem sie leben, hat
Frieden entsprechend der Macht der Schwingungen, die sie aus ihrer Seele entsenden. (The Sufi Message, Vol. 2)
Man kann nicht den Weg des Meisters beschreiten, ohne vorher den Weg des Heiligen gegangen zu sein, der
sich letztlich als die größte Meisterschaft erweist, denn um einen Feind zu lieben, muss man sich selbst bemeistert
und all den Groll, die Intoleranz und Bitterkeit überwunden haben. SEIEN SIE FREI. (Pir Vilayat Inayat Khan,
Toward the One)
Liebe entfaltet sich in ihrer Fülle im Mitgefühl der Mutter. Die Mutter der Welt hält alle leidenden Wesen in
ihrem Herzen. Rahim bedeutet, das Leid mit denen, die leiden, zu teilen. Rahman bedeutet, sich zu freuen, wenn
ein anderer glücklich ist, selbst wenn dies auf eigene Kosten geschieht. Dies ist das Gegenteil von Eifersucht oder
Gier. Es ist Freude daran, ein Kanal göttlicher Fülle zu sein. Wenn man Rahman sagt, freut man sich an der Freude,
die andere haben, wenn sie die göttlichen Eigenschaften manifestieren. Wenn man Rahim sagt, leidet man in
Solidarität mit denen, die die Last des Karmas zu tragen haben, und möchte es gerne selbst tragen. Denken Sie an
diejenigen Personen, die es Ihnen schwer machen, sie zu lieben, aufgrund ihres starken Egos oder unangenehmen
Verhalten Ihnen gegenüber. Denken Sie mit einer Liebe an diese Menschen, die vervollkommnet wird durch
Anteilnahme an deren Leid und deren Freude. Dies ist der Weg des Heiligen. (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward the
One)
Wenn Du den Weg des Heiligen beschreiten möchtest, lerne zu vergeben. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Dann ist da die Frage von Hoffnung und Schicksalsergebenheit. Ergebung ist die Eigenschaft des Heiligen und
Hoffnung ist die Eigenschaft der Meister, aber in allen erleuchteten Seelen gibt es einen Ausgleich. Die richtige

14
Mahatma: wörtlich 'große Seele'.
- 33 -
Ergebung gilt der Vergangenheit. Wir sollten uns mit allem abfinden, was wir erlitten haben, mit allem Schmerz,
durch den wir gegangen sind, mit allem, was falsch gelaufen ist, mit allem, was wir verloren haben; aber wir sollten
diese Ergebenheit nicht auf die Gegenwart beziehen, denn die Gegenwart sollte mit Optimismus gelebt werden.
Durch Hoffnung ist man manchmal in der Lage, sein Leben zu ändern, während man durch Ergebenheit den
Umständen erlaubt, im weiteren Leben anzuhalten. (The Sufi Message, Vol. 11)

Die Propheten
Ziel des prophetischen Auftrags war es, die Welt allmählich und entsprechend ihrer geistigen Evolution in
göttlicher Weisheit zu unterrichten und diese dem Menschen seinem Verständnis gemäß in Formen zu vermitteln,
die den unterschiedlichen Ländern und Epochen angepasst waren. (The Sufi Message, Vol. 5)
"Das Ideal der Menschheit - den Zustand der Prophetenschaft - erreicht der Mensch, wenn er zum Tempel wird,
in dem Gott seine göttliche Perfektion erfährt," sagt Hazrat Inayat Khan. (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward the
One)
Die Aufgabe des Propheten ist es, den himmlischen Ton anzustimmen, den göttlichen Standpunkt zu
präsentieren. Es ist seine Aufgabe, den Standpunkt der Meister, Heiligen und Propheten, die die Welt regieren, den
Menschen verständlich zu machen, die sich unmöglich vorstellen können, wie alle Wesen und Situationen aus
olympischen Höhen erscheinen. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message in our Time)
Die größte Leistung des Propheten ist seine Fähigkeit, mehr als jeder andere Mensch die Heiligkeit des
Göttlichen mit der menschlichen Note zu verbinden. Weil sie tatsächlich über ihre eigene Persönlichkeit
hinauswachsen (wie faszinierend diese auch immer ihren Anhängern erscheinen mag) und auf diese Weise
unpersönlich werden, verkörpern die Propheten ein einzelnes Wesen mit vielen Aspekten (wenn man das Wort
'Wesen' benutzen kann, um die rettende Gnade der Menschheit, die Murshid den Geist der Führung genannt hat, zu
bezeichnen). Aus diesem Grunde nannten die Nachfolger des Buddha ihn den 'Thatagata', also denjenigen 'der so
geworden ist', und niemals 'Gautama' oder 'Siddharta'. Traditionsgemäß sollten die Christen von 'Christus' oder
'Jesus Christus' sprechen, nicht bloß von 'Jesus', und die Muslime reden vom 'Propheten Mohammed'. Es gab eine
Zeit, in der die Juden niemals 'Moses' sagten, sondern 'der Gesegnete'. Dies ist die Bedeutung des Avatar, den man
als die Fortführung der unpersönlichen Wirklichkeit ansieht, welche verschiedene Namen und Formen annehmen
kann. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message in Our Time)
Berühmte Dichter aller Zeiten waren immer vom Mond angezogen; sie schrieben nicht so viele Gedichte über
die Sonne, denn sie schätzten mehr den weiblichen Aspekt der Schöpfung. Aus dem gleichen Grund war die
Mondsichel das Symbol des Propheten, denn wäre er nicht für Gott so empfänglich, wie der zunehmende Mond es
für die Sonne ist, wäre nicht Erleuchtung über ihn gekommen. Dank seiner Offenheit gegenüber Gottes Stimme
empfängt der Prophet in seinem Geist die Botschaft, die er dann der Menschheit übermittelt. (The Sufi Message,
Vol. 10)
Jeder Prophet musste in der Sprache der Zeit reden, in der er lebte, gemäß dem Entwicklungsniveau dieser Zeit.
Ein weiterer Aspekt ist, dass die Sitten eines jeden Landes sich von denen anderer Länder unterscheiden;
Gewohnheiten und Lebensstil sind unterschiedlich. Wenn der Botschafter in einem bestimmten Land geboren
wurde und seine Botschaft in einem bestimmten Land zu verbreiten hat, muss er sicherlich die Art und Weise
berücksichtigen, in der die Bewohner dieses Landes das Leben betrachten. Aber die Botschaft kommt von Gott.
(Religious Gatheka, Nr. 46)
Eine weitere Aufgabe des Propheten besteht darin, dass er für alle Menschen alles bedeutet und für jeden
einzelnen eine besondere Botschaft hat. Es gibt keine Weltbotschaft, und es kann keine Weltbotschaft geben. Wohl
eine Weltbotschaft im Geiste, aber nicht in derManifestation. Als manifestierte Offenbarung für jedes Individuum,
für jede Sekte, Nation und Rasse gibt es eine besondere Botschaft. Obwohl die Angehörigen jeder Sekte sich den
Propheten zu eigen gemacht haben, ist dies doch genau so absurd, als wollte man den Himmel auf das eigene Land
begrenzen. (Religious Gatheka, Nr. 46)
Es gibt noch einen weiteren Aspekt, und das ist das Gesetz, welches die Propheten von Zeit zu Zeit gebracht
haben. Und was ist dieses Gesetz? Es kommt als die Deutung des verborgenen Gesetzes, das der Prophet sehen
konnte, aber ein durch einen Propheten gegebenes Gesetz ist ebenso auf die Zeit, in der er lebte, auf die Menschen
dieser Epoche in ihrer besonderen Entwicklung bezogen. (The Sufi Message, Vol. 6)
Wenn also die Propheten und Seher aller Zeiten der Menschheit eine bestimmte Botschaft und ein bestimmtes
Gesetz gegeben haben, dann war das nur die Gabe eines Tropfens aus dem Ozean, den sie in ihr Herz
aufgenommen hatten. (The Sufi Message, Vol. 1)

- 34 -
Die großen Propheten und Lehrer, die der Menschheit Religion gebracht haben, die sie mit einem höheren Ideal
inspiriert haben, die sie zu spiritueller Entwicklung angeleitet haben, sie waren Seelen, die Offenbarungen hatten.
Und was sie der Welt gaben, das war ihre Interpretation dieser Offenbarungen, die der Musik des Lebens
entsprangen. (The Sufi Message, Vol. 6)
Was in dem außergewöhnlichen Leben der Propheten geschieht, ist dies, dass sie sich über all die Ebenen
erheben, die den Menschen von den Engelssphären trennen, so dass sie den Himmel der Engel berühren können.
Und aufgeladen mit dem ewig leuchtenden Feuer der Inspiration aus den Engelssphären, wo sie mit den Engeln in
Berührung kommen, steigen sie auf die irdische Ebene herab. Dann werden ihre Worte zu flammenden Zungen,
wie es in den alten Schriften heißt.
Ihre Seelen waren niemals auf irgendeine Art von der Welt der Engel getrennt, und es ist dieser Strom, der ihre
Seelen mit den Engelsseelen verband, der sie immer in Verbindung bleiben ließ mit Himmel und Erde zugleich.
Aus diesem Grunde ist die Seele des Propheten ein verbindendes Glied zwischen Himmel und Erde. Sie ist ein
Medium, durch das Gottes Stimme empfangen werden kann. (The Sufi Message, Vol. 1)
Die Erklärung, was der Prophet ist, ist die, dass der Prophet Künstler ist. Wie der Künstler das Bild der Natur
zeichnet und ihre Schönheit dem Menschen in einer Art vor Augen bringt, die er ertragen und bewundern kann, so
ist es die Arbeit des Propheten, dem Menschen die nackte Wahrheit, die er nicht ertragen kann, in einer Form vor
Augen zu führen, die der Mensch ertragen und bewundern kann. Ob der Mensch das versteht oder nicht, ist eine
andere Frage. (Religious Gathekas)
Inspiration beginnt in der Dichtung und findet ihren Höhepunkt im Prophetentum. Man kann sich den Dichter
als eine Seele vorstellen, die sozusagen vom Grabe auferstanden ist und nun anmutige Bewegungen zu machen
beginnt. Wenn aber die gleiche Seele beginnt, sich in alle Richtungen zu bewegen und zu tanzen und Himmel und
Erde mit ihrem Tanz zu berühren, wobei sie all die Schönheit, die sie sieht, ausdrückt, dann ist das Prophetentum.
(The Sufi Message, Vol. 10)
Manchmal erkennen wir diese prophetische Tendenz bei Eltern. Welchen Weg sie selbst auch immer hatten
gehen müssen, sie möchten ihr Kind für den besten, für einen höheren Weg vorbereiten. Manchmal erkennen wir
dies bei einem Freund. Welche unerwünschten Erfahrungen er selbst auch immer gemacht haben mag, er möchte
seinen Freund davor bewahren. Nur die Auserwählten, die gesegneten Seelen haben diese Neigung. Man findet das
nicht bei allen Eltern noch bei allen Freunden. Es ist der größte Segen, solche Eltern, solche Freunde zu haben.
(The Sufi Message, Vol. 8)
Die Persönlichkeit des Propheten ist das göttliche Netz, mit dem Gott die Seelen einfängt, die in der Welt
umherirren. (Gayan, Vadan, Nirtan)

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Teil V:

Die Spirituelle Hierarchie

- 36 -
Teil V: Die Spirituelle Hierarchie

I. Erforderliche Lektüre
A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Die geistige Hierarchie
Sieben Stufen der geistigen Hierarchie
B) Ergänzendes Lesematerial
C) Pir Vilayats Propheten-Meditationen15

II. Lernziele
- das Prinzip der Hierarchie als ein wesentliches Element in der Ordnung der Schöpfung zu erkennen
- zu erkennen, dass es eine spirituelle Regierung der Welt gibt, die dafür verantwortlich ist, der Menschheit
Führung und Schutz zu gewähren
- die Verantwortlichkeiten und Qualifikationen der verschiedenen Grade der Spirituellen Hierarchie zu
verstehen
- einige der großen Wesen der Spirituellen Hierarchie zu entdecken, die in uns als ein Teil unserer geistigen
Erbschaft enthalten sind
- die Rolle der Menschen zu erkennen, die die Führung der Spirituellen Hierarchie hier auf Erden umsetzen.

III. Überblick über das Thema


Wenn man die Ordnung des Sonnensystems studiert, wird es offensichtlich, dass jeder Aspekt seinen Teil zum
gesamten Gefüge beizutragen hat. Hazrat Inayat Khan vergleicht diese Ordnung mit der Hierarchie der Wesen,
welche die spirituelle Regierung der Welt formen. In der ganzen Schöpfung begegnet man dem Prinzip der
Hierarchie.
Es gibt verschiedene Ränge unter den Angehörigen der Spirituellen Hierarchie, die auf der Erde inkarniert sind.
Sie geben göttliche Führung weiter, sie bieten der Welt Schutz, sie ziehen Individuen und die Gesamtheit hin zur
Harmonie mit dem göttlichen Willen, und sie verbinden die Menschheit mit den Angehörigen der geistigen
Hierarchie, die jenseits der menschlichen Form sind. Die spirituelle Hierarchie muss mittels solcher Menschen
arbeiten, die sich selbst ganz als Instrument für die Transformation der Erde zur Verfügung stellen.
"Haben Sie den Mut, sich dem höchsten Zweck zu widmen, für die Entwicklung der Menschheit zu arbeiten,
indem Sie das Bewusstsein der Wesen anheben und der geistigen Regierung der Welt dienen?" - Pir Vilayat Inayat
Khan
Anmerkung: Zu einem späteren Punkt in diesem Kurs wird ein Abschnitt dem Thema 'Frauen und Religion'
gewidmet. Es werden einige Frauen, die die Menschheit inspiriert und geführt haben, betrachtet. Dieses Material
ergänzt den vorliegenden Teil.

IV. Übungen
Zu den Kapiteln 'Die geistige Hierarchie' & 'Sieben Stufen der geistigen Hierarchie'
Bitte beantworten Sie, nachdem Sie die beiden Kapitel gelesen haben, eine der folgenden Fragen.
1. Hazrat Inayat Khan gibt einige Erläuterungen zum Prinzip der Hierarchie, wie es in der Schöpfung verkörpert
ist. Nennen Sie drei Beispiele, die das Vorhandensein von Hierarchie im Universum demonstrieren.
2. "Wenn man die Existenz des Menschen von der Seele bis zu seinem Körper betrachtet, so ist das ein
vollständiges Königsreich, das alle nötigen Beamten und Diener einsetzt und so das eigene Wesen zu einem
Königreich macht."

15
In: Handbuch für Murids, Bd. 1 - Anrufung der geistigen Hierarchie, und: Erwachen - Eine Sufi-Erfahrung, Kapitel 3.
- 37 -
Äußern Sie sich zu diesem Zitat, und erklären Sie, wie Sie das Königreich des menschlichen Wesens sehen.
Welche Teile sind die Amtsträger und welche die Diener? Welches ist die Ordnung oder Hierarchie dieses Reiches,
und wie wird die Kommunikation von einem Bereich zum anderen übermittelt?
3. Pir Vilayat hat erläutert, dass die Balance und Integration von Hierarchie und Demokratie eines der zentralen
Themen unserer Zeit ist. Eine neue Ära der menschlichen Entwicklung entfaltet sich, und an diesem Thema wird in
vielen Bereichen des Lebens gearbeitet. Was ist Ihre Vision davon, wie diese beiden spirituellen Dimensionen in
der neuen Ära integriert werden können? Lesen Sie hierzu von 'H. Inayat Khan 'The Birth of the New Era', Vol. 8
4. "Die Seele, die zu der Ebene aufsteigt, wo Menschsein endet und Gottheit beginnt, erfährt die Einweihungen
der Spirituellen Hierarchie. Aber die Seele, die sich zu dieser Ebene erhoben hat, ist weder Mensch noch Gott. Sie
ist nicht Gott, weil sie begrenzt ist; und sie ist nicht Mensch, weil sie gottbewusst ist."
Teilen Sie Ihre Einsichten zu den folgenden Fragen mit, die helfen sollen, die Bedeutung des Zitats genauer zu
erfassen:
- Was ist in einem solchen Wesen das Göttliche, und was ist das Menschliche?
- In welcher wechselseitigen Beziehung stehen diese beiden Dimensionen innerhalb einer Person?
- Warum beschreibt Hazrat Inayat Khan den gottbewussten Menschen als die Erfüllung der göttlichen Absicht
und als jemanden, in dem Gott zur Realität gemacht wurde?
- Was bedeutet 'gottbewusst'?

Übungen zum ergänzenden Lesematerial:


Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1. "Als die Großen kamen, brachten sie der Welt neues Leben, sie gaben es dem Organismus des Universums,
damit dieser reibungslos funktionieren kann." Was ist dieses neue Leben und wie wird es der Welt gegeben?
2. Hazrat Inayat Khan erwähnt drei Dimensionen, welche die unterschiedlichen Ränge der heiligen Wesen
innerhalb der geistigen Regierung der Welt festlegen. Nennen Sie diese Dimensionen.
3. Wenn alle Überbringer der Botschaft die essentiell gleiche Botschaft bringen, warum müssen sie dann eine
kontinuierliche Kette bilden?
4. Warum wird der Warner, der Meister, der Botschafter von heute nicht den Anspruch erheben, ein Prophet
oder Avatar zu sein?
5. Was ist der Unterschied zwischen den beiden Seelentypen, die zur geistigen Hierarchie gehören?
6. Was ist der Unterschied zwischen einem Propheten und einer besessenen Person?
7. Wie kann man, dem Beispiel der Großen folgend, die der Welt Schönheit gebracht haben, mit Schönheit
arbeiten, um zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse zu unterscheiden?
8. "Hierarchie ist der Weg des Sufi, aber die Gleichheit aller Menschen ist seine Wahrheit." Erklären Sie dieses
Zitat von Hazrat Inayat Khan mit Ihren eigenen Worten!
9. Pir Vilayat lehrt, dass "der ewige Prototyp des Menschen in seiner vollkommen gewordenen Gestalt" seit
Beginn der Zeit von den Meistern, Heiligen und Propheten dargestellt wurde. Was bedeutet dies Ihrer Meinung
nach?
10. Wie definiert Taj Inayat innere Schönheit, und wie ist deren Beziehung zur göttlichen Gegenwart?
11. Wie wird der Rang eines Wesens in der Hierarchie der Lichtwesen festgelegt?
12. Warum sollte die geistige Hierarchie unser Gemüt und unsere Augen benutzen müssen, um ihre Arbeit
auszuführen? Wieso brauchen sie uns, um auf der Erde zu regieren?

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Die Invokation der Propheten (Pir Vilayat Inayat Khan)
Bitte bearbeiten Sie zwei der Übungen.
"Was wir nun tun wollen, ist einzutreten in die spezielle Art der Schwingung verschiedener Meister, von denen
jeder einen völlig unterschiedlichen Aspekt des Einen und Einzigen Wesens repräsentiert, und dies mit einer
Perfektion, die man selten unter menschlichen Wesen findet." - Pir Vilayat Inayat Khan
1.a) Wenn Pir Vilayat von Shiva, dem Patron der Rishis, als von jemandem spricht, der die menschliche Natur
überwunden hat - was, glauben Sie, meint er damit?
b) Wie würden Sie den Zustand von Samadhi in Ihren eigenen Worten beschreiben?
c) Was können wir durch Eintritt in das Bewusstsein Shivas und der Rishis gewinnen, das auf unser Leben in
der modernen Welt anwendbar wäre?
2.a) "Buddha hat Mitgefühl (compassion) mit allen, die leiden, und doch kein Mitleid(pity)." Erläutern Sie Ihr
Verständnis von Mitgefühl und Mitleid und den Unterschied zwischen beiden!
b) "Das Licht, das ihn umgibt, ist der Ausdruck außerordentlicher Klarheit des Bewusstseins, daher wirft er sein
Licht, wo immer er geht, auf alle Dinge." Stellen Sie sich vor, dass Buddha Sie in seinem Bewusstsein hält und sein
Licht auf Sie wirft. Wie fühlt sich das an? Welche Wirkung hat sein Licht auf Ihr Wesen?
c) "Er ist völlig erwacht, und seine Aufgabe ist es, diejenigen, die mit ihm in Kontakt kommen, durch die
Klarheit seiner Einsicht zu erwecken." Was bedeutet es, erwacht zu sein? Erwacht aus welchem Zustand und zu
welchem?
3.a) "Zarathustra hat eine Atmosphäre des Sieges um sich, weil er die Streitkräfte des Lichtes repräsentiert."
Was, denken Sie, meint Pir Vilayat mit den Streitkräften des Lichtes?
b) "Parzival ist wie Zarathustra, insofern beide zur Ritterschaft des Planeten gehören." Was zeichnet jemanden
als Ritter des Lichtes aus? In welchen Individuen oder Organisation von heute sehen Sie das Werk der Ritterschaft
fortgesetzt?
c) "...um ein Instrument für die Verwandlung der Welt zu werden." Welche Bedeutung haben diese Worte
Zarathustras für Sie?
4.a) "Sie haben Zutritt zum Bewusstsein von Christus, wann immer Sie sich der göttlichen Vollkommenheit in
sich selbst bewusst sind, die Ihrer eigenen Begrenzung unterworfen war." Geben Sie ein Beispiel aus Ihrem
eigenen Leben, das diese Einsicht in das Bewusstsein von Christus veranschaulicht.
b) "Die Essenz taucht aus dem vergänglichen Teil Ihres Wesens auf und wird für immer verewigt." Pir Vilayat
Inayat Khan beschreibt die Botschaft von Christus, Auferstehung und ewiges Leben, mit den zitierten Worten.
Geben Sie ein Beispiel, das diese Bedeutung von Auferstehung veranschaulicht!
c) "Jedes Mal wenn Sie in einem leidenden Wesen das Wesen Gottes erkennen können, treten Sie ein in das
Bewusstsein von Christus, der am Leben der Menschen teilnimmt." Wie kann man Gott, den wir als allmächtig und
gewaltig kennen, im Leiden oder in der Gestalt eines Bettlers begegnen?
5.a) "Mohammeds Macht stammte aus seiner völligen Hingabe an den göttlichen Willen und der Kraft, mit der
er die, die ihm folgten, zur Hingabe inspirierte." Wie unterwirft man seinen Willen dem göttlichen Willen, und
weshalb sollte diese Unterwerfung einem Menschen Macht einflößen?
b) "Die Botschaft, die er brachte, war ein weiterer Schritt zur Erkenntnis, wie wichtig es ist, recht zu leben und
niemals den göttlichen Willen aus dem Blick zu verlieren." Geben Sie drei Möglichkeiten an, wie man Ihrer
Meinung nach in der heutigen Zeit "recht leben" kann. Wie kann man den göttlichen Willen im Blick behalten?

In sich selbst die Qualitäten der Meister, Heiligen und Propheten entdecken (Pir Vilayat Inayat Khan)
Bitte machen Sie zwei der folgenden Übungen.
1. "Sie werden sich Ihrer Erbschaft vom ganzen Universum, nicht nur von Ihren Eltern bewusst. Auf einer
bestimmten Ebene erben wir von Christus, Buddha, Abraham, Elias, den Erzengeln, von der göttlichen Erbschaft.
Wir können das Universum außerhalb unserer selbst finden, und wir können es latent innerhalb von uns finden. Da
Sie Qualitäten von allen Wesen im Universum erben, einschließlich der Meister, Heiligen und Propheten, können
Sie diese innerhalb Ihrer selbst finden."

- 39 -
Ihre Erbschaft wird realisiert, wenn Sie sich ihrer bewusst sind und die Erbschaft in das Gefüge Ihres Wesens
und Lebens integrieren. Welche Meister, Heiligen und Propheten haben Sie als Ihre Erbschaft beansprucht und in
Ihr Wesen integriert? Nennen Sie diejenigen, die in Ihnen am meisten gegenwärtig sind, und teilen Sie mit, wie sie
Ihr Leben beeinflussen.
2. "Es gibt kein Wesen, mit dem wir nicht in Kontakt treten können. Auf einer gewissen Ebene sind wir in
Kontakt mit allen Wesen, weil wir ihre Erbschaft in uns tragen."
Pir Vilayat Inayat Khan lehrt, dass die Möglichkeit, mit Meistern, Heiligen und Propheten in Kontakt zu treten,
in unserer Fähigkeit liegt, in ihre Stimmung einzutreten. Wir müssen in der Lage sein, unsere Einstimmung zu
verändern und sie auf die Frequenz eines höheren Wesens anzuheben. Die eigene Stimmung kann beschrieben
werden als die besondere Musik des eigenen Wesens, die sich im Bewusstseinsniveau, der Qualität der Emotionen
und der Art von Energie, die wir verkörpern, manifestiert.
a) Wählen Sie einen Meister, Heiligen oder Propheten, und beschreiben Sie seine Stimmung einschließlich der
Elemente Bewusstsein, Emotion und Energie.
b) Beschreiben Sie mit Ihren eigenen Worten den Prozess, wie man eintritt in das Wesen dieses Meisters,
Heiligen oder Propheten.
3. In diesem Teil werden drei Wesen als Beispiele der göttlichen Macht vorgestellt: Abraham, Melchisedek und
Hazrat Babajan. Beschreiben Sie das Bild, das Taj Inayat und Pir Vilayat von diesen Wesen geben.
a) Beschreiben Sie den besonderen Stil göttlicher Macht, wie er in Abraham, Melchisedek und Hazrat Babajan
verkörpert ist.
b) Nennen Sie drei Probleme, entweder aus dem Leben einer Person oder einer Weltkrise, und erklären Sie,
wem Sie nachstreben würden, während Sie dem Problem gegenüberstehen. Ruft die Situation nach der Art von
Macht, wie sie durch Abraham, durch Melchisedek oder durch Hazrat Babajan repräsentiert wird?
c) Mit welchem dieser drei Wesen stehen Sie am ehesten in Einklang?
4. "Sie können in das Bewusstsein von Buddha eintreten, dessen wichtigste Botschaft es war, klar zu sehen, wie
man sich selbst bindet und betrügt in Leid und Unwissenheit."
a) Versuchen Sie, in die Stimmung von Buddha zu gelangen, und werfen Sie das Licht seines Bewusstseins auf
den augenblicklichen Zustand der Welt. Aus der Perspektive des Erleuchteten gesehen - welche Täuschungen und
Anhaftungen erkennen Sie, die zu großem Leid führen?
b) "Es ist die Natur Ihrer Seele, die immer frei sein möchte, anstatt konditioniert zu sein durch die Umstände
und niedergedrückt durch die Tyrannei des Egos. Im Bewusstsein von Buddha fühlen Sie sich vollkommen frei,
selbst dann, wenn die Umstände beengend sind. Sein Weg ist der Weg der Freiheit." Vergleichen Sie die Freiheit,
die man im Wesen Buddhas erfährt, mit dem heutigen Gebrauch des Wortes, insbesondere damit, wie das Wort in
Reklame und einigen psychologischen Trends verwendet wird.
5. "Ein anderes Problem ist es, 'niedrig gestimmt zu sein', was wir mit 'kemal' bezeichnen.16 Nichts interessiert
Sie; Sie sind verwirrt und nicht positiv motiviert. Treten Sie also ein in das Bewusstsein eines Wesens im Zustand
der Ekstase." (Dies ist eine sehr typische Einstimmung der Sufis.)
a) Pir Vilayat spricht häufig von der niedrigen Gefühlsstimmung17 unserer Zeit und davon, wie wir das
Universum auf eine einzige Dimension eingeebnet haben. Er spricht von dem großen Leid in der Seele der
Menschen, weil es in unseren Gesellschaften keine Ausdrucksformen für die höheren Emotionen des Menschen
wie Ekstase, Heiligkeit und Verherrlichung gibt. Was verursacht nach Ihrer Meinung heutzutage diese 'niedrige
Stimmung', und was sind Ihre Vorschläge zur Schaffung von Ausdrucksmöglichkeiten für unsere höheren
Emotionen?
b) "Murshid (Hazrat Inayat Khan) sagte, dass das kostbarste Juwel, das man jemandem anbieten kann, Ekstase
ist." Nennen Sie drei Methoden, die Sie aus Erfahrung kennen oder sich als Möglichkeit vorstellen können, um
Ekstase von einer Person auf eine andere zu übertragen.
6. "Sie können das, was Sie von der Jungfrau Maria geerbt haben, nur wieder entdecken, indem Sie sich rein
machen."

16
Kemal: eigentlich der Punkt des labilen Gleichgewichts zwischen Jemal (Yin) und Jelal (Yang), der vollkommenen
Ausgleich darstellt; hier im engeren Sinne von Labilität und Unentschiedenheit.
17
'low-key' emotion
- 40 -
a) Wie kann man sich selbst läutern, und wie würden Sie Ihre Erbschaft von der Jungfrau Maria beschreiben?
b) Inmitten einer Lebenssituation, welche die Elemente von heftiger Unruhe, Ungestüm, Vulgarität, Täuschung
oder Manipulation enthält, umgeben Sie sich mit einer Zone der Stille und atmen Sie den Atem des Heiligen
Geistes. Rufen Sie die Gegenwart der Jungfrau Maria an, fühlen Sie den Frieden ihrer Seele; reinigen Sie sich in
ihrem Geiste an der Quelle der Wasser des Lebens; lösen Sie Ihr Herz in ihrem reinen Herzen auf. Teilen Sie einige
Ihrer Erfahrungen und Gefühle während dieses Prozesses mit. Was geschah mit Ihrem Wesen? Wie erfuhren Sie
die Veränderung der anfänglich beunruhigenden Situation?
c) Man findet eine große Kraft in der Reinheit und in dem Frieden der Jungfrau Maria. Wir tendieren
normalerweise dazu, Macht mit Wesen wie Moses oder Abraham zu assoziieren, aber in der Seele von Maria ist
eine weibliche Macht des Geistes. Wie würden Sie diese spezielle Art der Macht beschreiben, und wie könnte sie
im Leben verwendet werden?
7. "Die einzige Weise, dieses Licht herunterzubringen, besteht in dem Bewusstsein, dass nicht wir es sind, die
andere zum Leuchten bringen, sondern dass das Licht selbst es ist, das durch uns hindurch kommt, das von uns
repräsentiert und fokalisiert wird. Sie sollten ganz bewusst Licht übermitteln. Der Austausch mit Wesen ist eine
solch kostbare Gelegenheit, und wir versäumen es, sie voll auszuschöpfen."
a) Pir Vilayat konzentriert sich in seinen Lehren darauf, Spiritualität in das Gefüge des täglichen Lebens
einzubringen. Eine Übung, die er empfiehlt, besteht darin, sich darauf zu konzentrieren, jemandem Licht zu
übermitteln, während man sich mit ihm unterhält. Versuchen Sie diese Übung mit mehreren Menschen, und seien
Sie sich dessen bewusst, was durch alle beteiligten Wesen hindurch scheint. Achten Sie besonders auf die Qualität
des Lichtes im Gesicht und im Ausdruck der Person, auf den Fluss der Unterhaltung und die emotionale Dimension
des Austauschs. Beobachten Sie, wie Sie sich fühlen, nachdem der Austausch beendet ist. Beschreiben Sie Ihre
Beobachtungen bei dieser Übung.
b) Pir Vilayat erwähnt, dass all die göttlichen Qualitäten in jedem Meister, Heiligen oder Propheten gefunden
werden können. Treten Sie ein in die Stimmung von zwei dieser großen Wesen, die Sie inspirieren, und
beschreiben Sie die Qualität des Lichtes, die Sie in jedem finden.

Kreative Übungen
Bitte bearbeiten Sie eine dieser Aufgaben.
Das Erleben eines Meisters, Heiligen oder Propheten, so wie sie während ihres Lebens auf der Erde waren, ist
eine wertvolle Übung, die die Entfaltung Ihres Wesens stark beeinflussen kann. Jedoch lädt Pir Vilayat uns immer
wieder dazu ein, ihnen in ihrem Wesen so zu begegnen, wie sie heute sind, und dadurch ihr Wachstum und ihren
ganzen Reichtum zu erfahren. Die folgenden Übungen sind ein Versuch, eine Erfahrung mit einigen Mitgliedern
der geistigen Hierarchie hervorzurufen, so wie sie heute sind, und zu spüren, wie sie den gegenwärtigen Zustand
der Menschheit sehen.
1. Pir Vilayat hat über den großen Einfluss der Jungfrau Maria in der Arbeit der geistigen Hierarchie
gesprochen. Viele Menschen sehen in ihr ein Symbol von Weiblichkeit, das heute keine Bedeutung mehr hat. Man
muss in der Lage sein, in ihr wahres Wesen einzutreten, jenseits ihrer vielen Ausdeutungen und der Zeit, in der sie
lebte. Rufen Sie die Essenz Marias an, und entdecken Sie, welche Führung sie den Frauen von heute anbietet. Bitte
teilen Sie Ihre Erfahrungen aus dieser Übung mit.
2. Treten Sie ein in das Wesen und das Bewusstsein des Heiligen Franziskus von Assisi, und spüren Sie sein
Gewahrsein vom Zustand der Bäume, Blumen und Tiere der Erde. Werden Sie selbst durch die Praxis kreativer
Imagination zum heiligen Franz, wie er im Namen der Blumen, Bäume und Tiere der Welt eine Ansprache an die
Vereinten Nationen richtet. Nennen Sie einige Dinge, die er sagen würde.
3. Pir Vilayat Inayat Khan äußerte, dass Christus, wenn er heute auf der Erde weilte, möglicherweise in El
Salvador zu finden wäre. Warum, glauben Sie, wählte Pir Vilayat diesen speziellen Ort auf der Welt als einen Platz,
wo man Christus entdecken könnte? Warum würde Christus dorthin gezogen werden, und welche Arbeit würde er
tun? Wie würden die unterschiedlichen Beteiligten in dieser Situation auf seine Anwesenheit reagieren?
4. "Elias, der das Gewissen des Menschen verkörpert, hat eine Art von Macht, die aus der Wüste aufsteigt und
die Könige vor ihren Illusionen warnt." Wenn Elias vor den Führern der heutigen Welt erscheinen würde und als
das Gewissen der Menschheit spräche, welche Anliegen würde er vorbringen? Welche Organisationen und
Individuen führen Ihrem Gefühl nach die Arbeit von Elias in der heutigen Zeit fort?

- 41 -
5. Pir Vilayat Inayat Khan beschrieb einst den Himmel als den Treffpunkt von großen Wesen. Beschreiben Sie,
indem Sie die Übung der kreativen Imagination anwenden, das Treffen von zwei großen Wesen wie Buddha und
Christus. Wie begrüßen sie einander? Wie antworten Sie auf den Gruß des anderen? Was geschieht in ihrem
Blickwechsel?
6. "Melchisedek repräsentierte eine Macht jenseits der Macht eines Königs, nämlich die Priesterschaft aller
Religionen des Einen Gottes. Er ist ein Meister des Friedens. Vielleicht können Sie seine sehr hohe Energie als
Träger des Heiligen Geistes, der Salbung, der Hostie und der Sakramente spüren."
In der geistigen Hierarchie ist Melchisedek für die Priesterschaft und deren Aufgaben verantwortlich. Der
Universelle Gottesdienst und die Cherags sind mit seinem Wesen verbunden. Treten Sie durch kreative Imagination
in das Bewusstsein von Melchisedek ein, wie er zu einer Versammlung von Vertretern all der Religionen des Einen
Gottes spricht. Er spricht zu den Anwesenden über das Bedürfnis unserer Zeit, Heiligkeit in die Welt zu bringen.
Auf welche Weise können wir den Menschen dabei helfen, den Wert der Heiligkeit zu erkennen? Wie können wir
unser Leben, unser Wesen und den Planeten empfänglich machen für die göttliche Heiligkeit?
7. Wählen Sie einen Meister, Heiligen oder Propheten aus, zu dem Sie eine tiefe Verbindung haben.
Visualisieren Sie ihn durch kreative Imagination, und zwar heute auf der Erde. Wo wäre er, und wie würde er seine
geistige Arbeit ausführen? Sie sind gebeten, sich solch ein Wesen in der heutigen Welt vorzustellen und es nicht
auf die Vergangenheit zu begrenzen.

Ergänzendes Lesematerial
Die Spirituelle Hierarchie
Propheten und große Mystiker kamen von Zeit zu Zeit in die Welt, so wie der Arzt kommt, um dem Patienten,
dessen Gesundheit gestört ist, zu helfen. Und wenn die Großen kamen, brachten sie neues Leben in die Welt, das
dem Organismus des Universums gegeben wurde, um ihm zu helfen, reibungslos zu funktionieren. (The Sufi
Message, Vol. 8)
Wenn die Planeten, welche die Sonne reflektieren, Macht über die äußeren Angelegenheiten der Menschheit
haben, um wie viel größer muss die Macht eines Gottbewussten sein; ist er doch die Reflektion des göttlichen
Lichtes, von dem die Sonne nur ein Schatten ist. Dies sind die Awatads18, die von den Hindus Avatare genannt
werden. Sie sind nicht, wie die irdischen Könige, nur für die Dauer ihres Lebens auf Erden an der Macht, sondern
sie bleiben ermächtigt, auch nachdem sie die irdische Ebene verlassen haben. Der Wissende sieht daher in den
Meistern der Menschheit nicht nur die Überbringer der göttlichen Botschaft, sondern auch die geistigen Herrscher,
die das Universum während ihrer Zyklen steuern. (The Sufi Message, Vol. 1)
Das Attribut des Selbstopfers in seiner höheren Entwicklungsstufe erkennt man unter den Meistern der
Menschheit, die als Amtsträger der allumfassenden Regierung handeln und die der Welt als Botschafter, Avatare
oder Gottheiten bekannt sind. Unter ihnen findet man heilige Wesen unterschiedlicher Rangordnung, die von den
Sufis als Wali19, Ghous20, Qutub21, Nabi und Rasul anerkannt werden. Sie unterscheiden sich voneinander durch
den Umfang ihres Wirkens in der unsichtbaren Welt, durch den Raum, den sie im universalen Bewusstsein
einnehmen, und auch hinsichtlich der Größe des Kreises der Menschheit, der ihrer Führung unterstellt ist. Nabi ist
der Führer einer Gemeinschaft, Rasul hat eine Botschaft für die gesamte Menschheit, und jeder von ihnen hat einen
bestimmten Zeitzyklus für seine Botschaft. Der Mystiker sieht daher in den Meistern der Menschheit nicht nur die
Überbringer der göttlichen Botschaft, sondern er sieht sie als die geistigen Herrscher und Steuerer des Universums
während ihrer Zyklen. (Dutch or New Papers, Religion IV –Belief and Faith)
Der Mensch trennt und Gott vereinigt die Menschheit. Dem Menschen macht es Vergnügen zu denken und zu
fühlen: "Ich bin verschieden von dir", "du bist verschieden von mir" durch Nationalität, Rasse, Glaube oder
Religion. Die Tiere tun das. Aber wenn sich der Mensch weiterentwickelt, ist sein vorrangiges Bestreben zu ver-
einigen, eins zu werden. Kam Jesus Christus, um eine exklusive Gemeinschaft zu gründen, die christlich genannt
wird, oder kam Buddha, um einen Glauben zu gründen, der Buddhismus genannt wird? Oder war es Mohammeds
Ideal, eine Gemeinschaft zu formen, die mohammedanisch genannt wird? Ganz im Gegenteil, der Prophet
ermahnte seine Schüler, nicht seinen Namen mit der Botschaft zu verbinden, sondern sie 'Islam', die Botschaft des
Friedens zu nennen. Nicht einer der Meister kam mit dem Gedanken, eine exklusive Gemeinschaft zu formen oder

18
Awatad oder Autad: Heilige, die als Stützen des Glaubens betrachtet werden.
19
Wali: Herrscher, Meister, Freund (auch als Wazifa) - Grad in der spirituellen Hierarchie
20
Ghous oder Ghauth: Grad in der spirituellen Hierarchie
21
besser: Qutb - die Achse der Welt (symbolisiert durch den Polarstern) - Grad in der spirituellen Hierarchie
- 42 -
um eine bestimmte Religion zu stiften. Sie kamen mit der gleichen Botschaft von ein und demselben Gott. Ob die
Botschaft nun in Sanskrit, Zend-Avestisch oder Arabisch vermittelt wurde - sie hatte ein und dieselbe Bedeutung.
Die Unterschiede zwischen den Religionen sind äußerlich; die innere Bedeutung von allen ist eine. (Religious
Gathekas, Nr. 17)
All die Lehrer, die zuvor kamen, gaben die Lehre für die Gemeinschaft oder für Gruppen von Menschen, für die
sie geboren waren, und sie verkündeten das Kommen des nächsten Lehrers, da sie die Möglichkeit und
Notwendigkeit der Fortführung der Botschaft bis zu ihrer Erfüllung vorhersahen. Dass die Botschafter
nacheinander kamen, bedeutete nicht, dass sie unterschiedliche Botschaften geben, sondern dass sie die
Verfälschungen, die der Botschaft der Vergangenheit durch deren Anhänger zugefügt worden waren, korrigieren
sollten. Außerdem sollten sie Grundprinzipien wiederbeleben, um der Evolution der jeweiligen Zeit zu dienen, und
dieselbe Wahrheit dem menschlichen Geist in Erinnerung rufen, die von den früheren Meistern gelehrt, aber
inzwischen vergessen worden war. Es war nicht ihre persönliche Botschaft, sondern die göttliche Botschaft. Sie
waren verpflichtet, die Irrtümer, die durch die Fehldeutung der Religionen entstanden waren, zu korrigieren und
dadurch dieselbe Wahrheit zu erneuern, die durch frühere Meister gegeben und im Laufe der Zeit ihrem wahren
Charakter entfremdet worden war. (The Sufi Message, Vol. 1)
Es gab eine Zeit, da die Welt nicht fähig war zu sehen. Die Menschheit hatte nicht genügend Einsicht, um die
Botschaft zu erkennen; das ist der Grund, warum der Anspruch des Prophetentums erhoben werden musste. Aber
heute kann die Welt früher oder später erkennen, was richtig und was falsch ist. Der Warner, der Meister, der
Botschafter von heute wird keinen Anspruch erheben, er wird nur arbeiten. Er wird es seinem Werk selbst
überlassen zu beweisen, ob es wahr oder falsch ist. Diejenigen, die das Leben mystisch betrachten, sind sich
bewusst, dass sie nicht nur mit den Lehrern dieser oder jener Tradition der Vergangenheit eins sind, sondern dass in
jeder Seele ein Funken dieses Lehrers ist. Keine Seele ist ohne das Licht dieses geistigen Lehrers. Aus diesem
Grunde haben sie Hochachtung und Respekt nicht nur vor der geistigen Hierarchie, sondern auch vor dem Funken
dieses Lichtes, das jede Seele zu einem Teil der geistigen Hierarchie gemacht hat. Daher betrachten sie jedes
menschliche Wesen in der Welt mit Respekt und Ehrerbietung. Die ganze Vision des Lebens, die gesamte
Manifestation, wird ein einziger Beweis für die Erhabenheit Gottes. (The Sufi Message, Vol. 7)
Es gibt zwei Arten von Seelen, die zu der geistigen Hierarchie gehören – der Gott-Mensch und der Menschen-
Gott. Der erste ist Gott, der im Menschen verhüllt ist, und der letztere ist der Mensch, der durch Gott verhüllt wird.
Eigentlich ist dies der Unterschied zwischen den beiden biblischen Begriffen 'Sohn Gottes' und 'Menschensohn'.
Denn in dem einen Fall ist es ein Abstieg Gottes vom Himmel zur Erde, und in dem anderen Fall handelt es sich
um einen Aufstieg des Menschen von der Erde zum Himmel. Beim ersteren kommt Gott in einer Zeit der Not
direkt in der Gestalt eines Menschen zur Erde. Dort zeigt die Seele von Kindheit an Göttlichkeit, die sich ohne
Zweifel im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Im zweiten Fall erhebt sich der Mensch hin zur göttlichen
Vollkommenheit, von der er sehr stark angezogen wird, und er zieht andere Menschen an, um auch sie zu erheben;
er ist der Führer. Er kann ein Guru, ein Lehrer, ein Meister oder sogar ein Prophet sein. Aber der Gott-Mensch, der
in Indien 'Ishwara Awatara', die Inkarnation Gottes oder die Gottheit, genannt wird, beginnt als Heiler der Seelen
und erreicht seinen Höhepunkt als Erlöser. Ob er als König, als Bettler, als Prediger, als Wanderer, als Priester, als
Lehrer, als Poet oder als Warner erscheint, er beginnt sein Leben als ein Nabi, selbst in kleinem Maßstab, und
dieses kulminiert im Rasul, dessen Einfluss sich über die ganze Welt verbreitet. (The Message Papers)
Im Osten wird man selten Menschen finden, die den geistigen Weg ohne die Führung eines Lehrers gehen, denn
es ist eine akzeptierte Tatsache, dass zumindest die ersten drei Schritte mit der Hilfe von jemandem, der ein
menschliches Leben auf Erden führt, gegangen werden müssen. Wir finden in den Traditionen, dass all die
Propheten, Meister, Heiligen und Weisen, wie groß sie auch waren, jemanden hatten, der sie einweihte. Im Leben
von Jesus Christus liest man, dass er von Johannes dem Täufer getauft wurde. Und im Leben all der anderen
Propheten und Seher gab es immer jemanden - wie einfach, bescheiden oder menschlich auch immer, und oft in
keiner Weise an Größe vergleichbar mit jenen Propheten -, der diese ersten drei Schritte mit ihnen ging.
Tatsächlich aber ist die Mutter die erste Einweiherin all der Propheten und Lehrer der Welt. Kein Prophet, kein
Lehrer oder Heiliger wurde je geboren, wie groß er auch war, der zuerst alleine ging ohne die Hilfe der Mutter; sie
musste ihm zeigen, wie man läuft. (The Sufi Message, Vol. 10)
Gott nimmt sich nicht einen bestimmten Körper und besetzt ihn, um der Welt eine Botschaft zu geben. Diese
zwei Dinge sind sehr verschieden; die Besessenheit einer Person ist etwas ganz anderes als die Botschaft des
Propheten. Das muss ganz klar verstanden werden. (The Message Papers)
Der Mystiker versteht, dass erleuchtete Seelen, führende Seelen auch heute auf der Erde sind. Sie waren nicht
nur in der Vergangenheit, sondern sie sind auch jetzt hier anwesend. Gäbe es sie nicht auf Erden, wie könnte die
Erleuchtung fortgesetzt werden? Die Gegenwart zählt, nicht die Vergangenheit. Was heute Gegenwart ist, wird

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morgen Vergangenheit sein, deshalb versäumt der Mystiker nicht die Gelegenheit, den erleuchteten Geist in der
Gegenwart ebenso wie in der Vergangenheit zu erkennen. (The Sufi Message, Vol. 7)
All die großen Seelen, die von Zeit zu Zeit in die Welt kamen, um die Menschheit zu einer tieferen Wahrheit zu
erwecken, was brachten sie? Sie brachten Schönheit. Es handelt sich nicht um das, was sie lehrten, sondern um das,
was sie selbst waren. Und derjenige, der in seinem Leben in jeder kleinen Sache, die er tut, immer dem Gesetz der
Schönheit folgt, wird immer Erfolg haben, und er wird immer zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und
Böse unterscheiden können. (The Sufi Message, Vol. 6)
Hierarchie ist des Sufi Weg, aber Gleichheit aller Menschen ist seine Wahrheit. (Vadan)
Somit wird das ewige Urbild des Menschen in seiner vollkommen gewordenen Gestalt, welche die göttlichen
Attribute offenbart, seit dem Beginn der Zeit von den Meistern, Heiligen und Propheten zum Ausdruck gebracht,
die einer dem anderen folgten. Diese bilden entsprechend der Sufi-Tradition die Rangordnungen der geistigen
Regierung der Welt. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message in our Time)
Solch ein Meister wird üblicherweise denjenigen, der ihn um Rat bittet, letztlich mit der Hierarchie verbinden,
und dies aufgrund des gleichen Vertrages, den er feierlich auf sich genommen hat und der die karmische
Verantwortlichkeit für das Wachstum des Schülers einschließt, die er natürlich nicht allein auf seine Schultern
nimmt, sondern mit der Hierarchie in dem Maße teilt, wie er sich wegen der Führung des Schülers an diese wendet.
(Pir Vilayat Inayat Khan, Toward The One)
Wie die Planeten befinden wir uns im Gleichgewicht zwischen der Zentrifugalkraft aufgrund des Gewichts
unserer dichten Stofflichkeit und der Zentripetalkraft unserer Affinität zum Licht, das unsere Intelligenz erleuchtet.
Die Balance zwischen beiden bestimmt unseren Platz, unseren Rang in der Hierarchie der Lichtwesen. Jedes
Lichtwesen ist mit jedem anderen Lichtwesen verwandt, insofern jedes Lichtwesen sein Sein und folglich sein
Licht von dem Wesen bezieht, das sich in der Hierarchie über ihm befindet, und daher ist es durch eine ganze Kette
von Vermittlern verknüpft mit der Quelle allen Lichts: Nur al-Anwar. (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward The One)
Die Entfaltung der Wesen auf der Erde wird beständig von solchen Wesen überwacht, die hierarchisch über uns
stehen. Damit ist die Absicht verbunden, Fallgruben vorherzusehen und uns vor diesen zu warnen, uns
anzuspornen, unsere Begrenzungen zu überwinden, uns Einsicht in den Sinn unseres Lebens zu geben und uns zu
inspirieren, den nächsten Schritt zu tun.
Die Hierarchie leidet beständig unter den Begrenzungen ihrer unteren Angehörigen, und sie bemüht sich ständig
darum, diese zu einem besseren Bindeglied zwischen der hierarchischen Spitze und den Menschen auf der Erde zu
machen. Dies schließt die Kunst der Kommunikation mit ein. Abgesehen von Kommunikationsproblemen wird die
Führung dadurch erschwert, dass die Hierarchie den Menschen nicht befiehlt, Dinge zu tun; stattdessen inspiriert
sie uns.
Es gibt verschiedene Methoden, die von den Angehörigen der Hierarchie verwendet werden - je nach ihrem
Temperament, das von nachsichtig zu streng und von aktiv zu rezeptiv variiert -, jedoch respektieren sie immer
gegenseitig ihre verschiedenen Sichtweisen.
Die Beziehung der Hierarchie als Körperschaft zu den Wesen auf dem Planeten entwickelt sich ständig, was die
Transformation innerhalb des göttlichen Wesens widerspiegelt. In der Hierarchie selbst gibt es eine neue Ordnung
der Dinge, und die Rolle des Botschafters hat sich dahingehend geändert, dass er den Menschen ihren Zweck im
Leben bewusst macht. Die Menschen erlangen mehr und mehr Freiheit und müssen deshalb nicht Zuflucht nehmen
zu einem Vermittler, wie sie es taten, als Jesus Christus so viel von ihrem Karma auf sich nahm. Die Menschen
erwachen zur Verantwortung, ihr Karma zu bestimmen, es nicht nur abzuarbeiten, und das ist der Grund, warum
die Betonung im New Age auf der Freiheit liegt - der Botschaft der spirituellen Freiheit." (Taj Inayat, Die
spirituelle Hierarchie, in: The Message Magazine 6/77 & Cherag's Notebook)

Fragen und Antworten22


Frage: Sind wir gewöhnlichen Menschen anmaßend, wenn wir Murshid anrufen?
Pir Vilayat: Nein. Wenn Sie sich nur vorstellen könnten, wie die Meister sich danach sehnen, dass die
Menschen fähig sind zu hören, was sie zu sagen versuchen. Es ist ihre einzige Möglichkeit zu lenken. Stellen Sie
sich einen König vor, der in seinem Palast isoliert ist und dem niemand zuhört. Wie kann er sein Land regieren? Er
ist abhängig davon, dass Sie mit ihm in Kontakt treten. Er versucht, mit Ihnen in Kontakt zu treten, aber wenn Sie

22
East Coast Retreat 1979 mit Taj Inayat und Pir Vilayat Inayat Khan
- 44 -
nicht zuhören, dann kann er nicht kommunizieren. Es ist unglaublich, wie besorgt die Meister selbst wegen der
kleinsten Details sind. Sie fühlen sich nicht belästigt, wenn Sie sie wegen kleiner Dinge fragen, aber sehr oft geben
sie es Ihnen zurück und sagen: "Du musst das selbst lösen" Die Meister müssen unseren Verstand benutzen, um uns
zu erreichen, und so begrenzen wir ihre Gedanken durch unseren Verstand. Intuition besteht darin, dem Verstand
nicht zu erlauben, sich dem in den Weg zu stellen, was gerade durchkommt. Unglücklicherweise setzen wir
unseren Verstand dabei ein, und so begrenzen wir die Botschaft ständig durch das, was wir verstehen. Um die
Zustände auf dem Planeten zu erfassen, gebrauchen sie außerdem unsere Augen. In der Regel können sie die
Atmosphäre fühlen, aber für eine Situation wie die nukleare Katastrophe von Three Mile Island müssen sie unsere
Augen benutzen. Da wir ihre Sicht durch unsere Augen begrenzen und sie dann Entscheidungen treffen müssen, die
auf der Schärfe unserer Sicht beruhen, wird ihre Antwort immer einen etwas allgemeinen Charakter haben. Sie
werden über die beteiligten Prinzipien sprechen, aber wir werden es auf der Erde umsetzen müssen. Weiterhin
müssen sie unsere Freiheit in Betracht ziehen, und deshalb sagen sie nicht einfach, was wir tun sollen. Aber wenn
es eine Notsituation ist, dann müssen sie es.
Frage: Könnten Sie etwas über weibliche Meister und Heilige sagen, die mit verschiedenen Attributen wie
Macht usw. in Verbindung gebracht werden?
Taj: In einer Frau ist das Attribut der Macht anders, als man normalerweise denken würde. Zur Begegnung mit
dieser Macht würde ich das Wesen von Hazrat Babajan vorschlagen, die ein weiblicher Derwisch ist. Ihre Macht ist
eine kompromisslose Hingabe an die göttliche Gegenwart. Ihre Gegenwart gibt mir das gleiche Gefühl, wie den
Dhikr zu machen. Tatsächlich ist sie der Dhikr.
Pir Vilayat: Sie sagt: "Wenn du den Mut hast, mir nahe zu kommen, tue es, aber es kann sein, dass du
verbrennst. Du musst ein sehr aufrichtiges Herz haben, denn ich werde Dir einen heftigen Schlag versetzen, wenn
es irgendeine Unwahrhaftigkeit in deinem Herzen gibt. Ich weiß, dass du unwiderstehlich angezogen bist von
meinem Bewusstsein, aber du musst wissen, dass es auf dein eigenes Risiko geschieht. Wenn du wirklich du selbst
sein willst, musst du den Mut haben, zerstört zu werden, denn ich werde immer all jene Aspekte von dir zerstören,
die du nicht bist. Wenn du dir etwas wünschst, dann wirf eine Münze in den Wunschbrunnen, aber wisse, dass du
selbst niemals die Ernte dieses Wunsches wirst einbringen können; was du wünschst, darf nicht für dich selbst
sein." Sie ist also sehr streng, sehr machtvoll und sehr paradox. Sie hat eine raue, heisere Stimme, ihr Gesicht ist
vom Alter zerfurcht, und sie ist völlig kompromisslos. Tatsächlich ist sie die Stimme deines Gewissens.
Taj: Es gibt eine andere Frau, die tief verschleiert ist, das heißt, sie tritt aus dem stillen inneren Leben nicht
genügend hervor, um erkannt zu werden. Man muss in jene Welt eintreten, um mit ihr in Kontakt zu kommen. Auf
der Erde war sie Bibi Hafiz Jamil, die Tochter von Moinuddin Chishti. Sie ist fortwährend in einem Zustand des
Gebets. Und wie die anderen weiblichen Meister und Heiligen auch, ist sie tief eingestimmt auf den Aspekt der
göttlichen Gegenwart, die das Wesen Gottes ist. Deshalb kommen das Gebet und die Qualität der Heiligkeit in ihr
sehr stark durch, weil sie so bewegt ist von der unglaublichen Bedeutung dessen, dass Gott sich selbst an die
Geschöpfe verschenkt hat, und was dies zur Folge hat. Mit diesem Geschenk wird uns die göttliche Gegenwart
zuteil, und in Antwort auf den Akt des Schenkens können wir die Heiligkeit unseres Wesens spüren, und dann
möchte man der Wächter dieser göttlichen Gegenwart sein. Natürlicherweise wird so der Aspekt des Gebets sehr
wichtig, und Bibi Hafiz Jamil verkörpert die reine Essenz des Gebets.
Eine andere Frau, die wir erwähnen sollten, ist die heilige Teresa von Avila, eine Nonne, die zur Zeit des
heiligen Johannes vom Kreuz in Spanien lebte. Sie war zugleich eine sehr tiefe Mystikerin und ein sehr praktischer
Mensch. Sie schrieb nur deshalb, weil ihr Beichtvater und ihr Vorsteher sie baten, ihre Erfahrungen nieder-
zuschreiben, um den Nonnen unter ihrer Obhut zu helfen. Sie war schockiert über den Zustand, zu dem das
mönchische Leben in einigen Fällen herabgesunken war, und sie wollte, dass ihre Nonnen zur Absolutheit von
Gebet und Armut zurückfänden, so dass all ihre Aktivität und Energie in ein Leben des Gebets gehen würden. In
sehr hohem Alter reiste sie in einem Maultierkarren und besuchte die Mönchs- und Nonnen-Klöster in dem
Bemühen, die Mönche und Nonnen zu einem wahrhaftigeren Leben zu bewegen. Die Absicht hinter ihrer Arbeit
war, die Erkenntnis, die dem Mystiker anvertraut ist, und ihre Erfahrungen in der Kommunion mit Gott den
Nonnen, mit denen sie arbeitete, zu übermitteln. Es war diese einzigartige Verbindung einer tiefen mystischen
Offenbarung, die aus der intensiven Liebe zu Gott erwächst, zusammen mit äußerster Einfachheit und Achtsamkeit
im Behandeln der Details eines Lebens im Gebet, was ihre Schriften zu einer beständigen Quelle der Inspiration für
Menschen aller Zeiten macht, die sich aufrichtig für ein Leben im Gebet entschieden haben. Während die Tiefe
ihrer Seele sich in das Mysterium Gottes versenkt hat, ist sie ständig dabei, ihren Mitschwestern zu helfen, das
Leben des Geistes zu leben. Obgleich sie solche tiefen Offenbarungen mitteilt, erhebt sie in keiner Weise den
Anspruch, besonders zu sein, was ihr die liebende Zuneigung ihrer Leser einträgt.
Frage: Könnten Sie über die innere Schönheit sprechen?

- 45 -
Taj: Schönheit ist das natürliche Ergebnis der Kommunion mit Gott. Man muss sich nicht darauf konzentrieren,
weil es automatisch durch diese Kommunion geschieht. Alle Heiligen, die diese besondere nahe Verbindung mit
der göttlichen Gegenwart haben, sind ganz von Schönheit umgeben.
Frage: Könnten Sie etwas über Fatima, die Tochter des Propheten sagen?
Taj: Vom Standpunkt der Frau aus gesehen, ist die Beziehung zum Vater anders als jede andere Beziehung, die
sie haben kann, ob zum Bruder, Ehemann oder zum Sohn. Der Vater repräsentiert das Ideal, zu dem die Tochter
hinstrebt, das sie aber, da sie eine Frau ist, nie völlig manifestieren kann. Dennoch sind sich beide sehr ähnlich. So
ist die Tochter der Spiegel des Propheten in seinen weiblichen Qualitäten, die sich nicht notwendigerweise
manifestieren, nicht einmal in seinem eigenen Wesen.
Pir Vilayat: Es gibt einen Ausspruch über Fatima, dass sie all das wusste, wovon der Prophet sprach, aber es
nicht ausdrücken konnte. Sie war es.

Hazrat Inayat Khan über das Neue Zeitalter23


Die Rassen in der kommenden Epoche werden sich mit jedem Tage mehr vermischen und sich schließlich zu
einer weltweiten Rasse hin entwickeln. Die Nationen werden einen demokratischen Geist entfalten und alles
besiegen, was sie gegeneinander erbittert. Es wird Allianzen von Nationen geben, bis es zu einer Weltallianz der
Nationen kommt, so dass keine Nation mehr von einer anderen unterdrückt werden kann und alle in Harmonie und
Freiheit für den allgemeinen Frieden arbeiten werden.
Die Wissenschaft wird die Geheimnisse des unsichtbaren Lebens erforschen, und die Kunst wird der Natur auf
Schritt und Tritt folgen. Menschen aller Klassen wird man überall zu sehen bekommen. Das Kastensystem wird
verschwinden, und Gemeinschaften werden ihre Exklusivität verlieren. Die verschiedenen Gruppen werden sich
miteinander verbinden, und ihre jeweiligen Anhänger werden einander gegenüber tolerant sein. Die Angehörigen
der einen Religion werden fähig sein zu beten, indem sie die Gebete einer anderen Religion darbringen, bis die
essentielle Wahrheit zur Religion der ganzen Welt wird und die Verschiedenheit der Religionen nicht mehr
existiert.
Die Erziehung wird im Studium des menschlichen Lebens gipfeln, und das Lernen wird sich auf dieser Basis
entwickeln. Der Handel wird in stärkerem Ausmaß global werden und auf der Basis eines gemeinsamen Gewinns
geordnet werden. Arbeit und Kapital werden Seite an Seite stehen auf einer gleichberechtigten Grundlage.
Titel werden wenig Bedeutung besitzen. Zeichen der Ehre werden auffällig werden. Fanatische Überzeugungen
und Glaubenseifer werden veralten. Rituale und Zeremonien werden ein Spiel sein. Frauen werden mit jedem Tage
in allen Aspekten des Lebens freier werden, und verheiratete Frauen wird man bei ihrem eigenen Namen nennen.
Keine Art von Arbeit wird als minderwertig betrachtet werden. Keine Position im Leben wird erniedrigend sein.
Jeder wird sich um seine eigenen Dinge kümmern, und alle werden ohne förmliches Vorstellen miteinander
sprechen. Ehemann und Ehefrau werden wie Gefährten sein – unabhängig und ungebunden. Die Kinder werden
ihrer eigenen Veranlagung folgen. Diener und Herr werden diese Rollen nur während der Arbeitsstunden
einnehmen, und das Gefühl unter den Menschen, mehr oder weniger wert zu sein, wird verschwinden.
Die Medizin wird chirurgische Eingriffe unnötig machen, und Heilung wird den Platz der Medizin einnehmen.
Neue Lebensweisen werden sich etablieren, wobei das Leben im Hotel gegenüber dem häuslichen Leben
vorherrschen wird. Groll gegen Verwandte, Klagen über Bedienstete, Kritik an Nachbarn – all dies wird aufhören,
und die Welt wird weiterhin in allen Aspekten des Lebens besser werden - bis hin zum Tag des Qayamat24, wenn
alles nichtige Reden ein Ende haben und überall der Ruf zu hören sein wird: "Friede, Friede, Friede!"

23
aus: Hazrat Inayat Khan, The Birth of the New Era, Vol. 8
24
Qayamat: der jüngste Tag, die Auferstehung.
- 46 -
Teil VI:

Das Gebet

- 47 -
Teil VI: Das Gebet
I. Erforderliche Lektüre
A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Das Gebet
Stufen des Betens
B) Ergänzendes Lesematerial
C) Von Hazrat Inayat Khan gegebene Gebete

II. Lernziele
- zu entdecken, wie man durch Gebet eine Beziehung zu Gott entwickelt
- zu erkennen, dass Gott unsere Gebete durch uns Menschen erhört
- die vielen Aspekte des Gebetes als einen Prozess zu entdecken, mittels dessen man vom Zustand der Dualität
zum Eins-Sein mit Gott fortschreitet
- die Einstimmung im Gebet und dessen Ausführung durch Musik zu vertiefen

III. Überblick über das Thema


In der Lehre Hazrat Inayat Khans werden viele Aspekte des Gebets dargestellt. Die Spannweite reicht von den
einführenden Stufen des Aufbaus einer Verständigung mit Gott bis zur Kommunion in der Gegenwart Gottes. Das
Gebet stillt das natürliche Bedürfnis der Seele, sich Gott zu nähern.
Das Gebet des Sufis schließt alle Formen des Gebets ein, denn das lebendige Gebet ist die aufrichtige Hingabe
im Herzen. Die andächtige Einstellung im Leben findet ihren vollkommenen Ausdruck, wenn "ein Mensch mit
jedem Teil von Geist und Körper seine Gefühle, seine Gedanken und seine Bestrebungen ausdrückt - dann entfaltet
sie ihre volle Wirkung."
Unsere Gebetserfahrung ändert sich ständig und entwickelt sich gemäß unserer Gotteserkenntnis. Hazrat Inayat
Khan gibt einer erwachenden Menschheit eine Vision des Gebets. "Der Segen, den man durch das Gebet
empfangen kann, wird tausendfach größer, wenn er von Menschen empfangen wird, die sich im gleichen Gedanken
vereinigt haben und gemeinsam beten."

IV. Übungen:
Zum Kapitel 'Das Gebet'
Bitte beantworten Sie Frage 1 und eine weitere Frage Ihrer Wahl
1a) Nennen und beschreiben Sie die fünf Aspekte des Gebets, die Hazrat Inayat Khan gegeben hat.
b) Überdenken Sie eine Erfahrung Ihres Lebens, die zwei der fünf Aspekte ausdrückt. Teilen Sie Ihre in jedem
dieser Bereiche gewonnenen Einsichten und Erfahrungen mit. c) Wählen Sie eine Schrift aus den verschiedenen
Religionen, die einen der fünf Gebetsaspekte zum Ausdruck bringt.
2. Da Gott alles kennt, was im Menschen ist, seine Sorgen, seine Schwierigkeiten, seine Gefühle und Fehler -
welche Notwendigkeit besteht da noch, sie im Gebet auszudrücken?
3. "Unsere Seele wird gesegnet mit dem Glanz von Gottes Herrlichkeit, wann immer wir Ihn preisen." Denken
Sie über Ihr Leben nach. Welche Situationen oder Zustände lassen den Wunsch aufkommen, Gott zu lobpreisen?
4. Wählen Sie drei Gebete aus Hinduismus, Buddhismus, der Religion Zarathustras, Judentum, Christentum
oder Islam, und beschreiben Sie, wie der Mensch in jedem dieser Gebete mit Gott kommuniziert.
5. In den Schriften wird gesagt: "Wir haben den Menschen nach Unserem eigenen Bilde erschaffen." Erläutern
Sie dies bitte.
6. Meditieren Sie über das folgende Zitat. Wie verstehen Sie seine Bedeutung? "Wenn Gott bereits weiß, was
wir wollen, was gut für uns ist, was wir brauchen, warum sollten wir Ihn dann darum bitten? Er weiß es doch
schon. Hierzu würde ich vor allem die Worte Christi zitieren: 'Klopfe an, und es wird dir aufgetan; bitte, und es
wird dir gegeben.' Mit anderen Worten: Gott kennt deine Nöte, Er weiß was du willst, doch dein Bedürfnis wird

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erst dann klar, wenn es nicht vom Verstand oder Körper allein ausgedrückt wird, sondern von deinem ganzen
Wesen - das ist das Geheimnis."
7. "In Wirklichkeit ist Gott in dir, und da Er in dir ist, bist du Gottes Instrument. Durch dich erfährt Gott die
äußere Welt, und du bist das beste Instrument, um dich Gott mitzuteilen. Deshalb macht dein Denken, Handeln und
Sprechen das Gebet vollständig." Wählen Sie ein Gebet aus, das Ihnen sehr viel bedeutet. Erfahren Sie das Gebet
mit dieser Einstellung und teilen Sie dann mit, wie Sie dieses Zitat verstehen. Vielleicht möchten Sie Ihr eigenes
Gebet, ein Lied, ein Gedicht oder einen Tanz machen, wenn Ihnen das mehr entspricht.

Zum Kapitel 'Stufen des Gebets'


Bitte lesen Sie das Kapitel und beantworten Sie zwei dieser Fragen.
1. Beschreiben Sie drei verschiedene Menschentypen, die die Gewohnheit haben zu beten.
2. Hazrat Inayat Khan beschreibt jedes Wort eines Gebets als ein lebendiges Wort. Wie wird es zu einem
lebendigen Wort?
3. Was ist der Unterschied zwischen einer dankbaren und einer missmutigen Einstellung, und wie beeinflussen
diese das Leben eines Menschen?
4. Erklären Sie, inwiefern das Gebet, in dem wir Gottes Unermesslichkeit in der Erhabenheit der Natur
verehren, ein Gebet an einen lebendigen Gott im Himmel und auf Erden ist.
5. Auf welcher Stufe des Gebets wird man zu einem gottbewussten Menschen? Beschreiben Sie diese Stufe.
6. "Es gibt keinen, den ich aufsuchen werde in meiner Armut, Sorge und Bedürftigkeit, außer Gott allein."
Meditieren Sie über dieses Zitat. Wie verstehen Sie dessen Bedeutung?
7. "Ohne jeden Zweifel sollten wir unser Haupt beugen vor der Schönheit und Weisheit des Schöpfers, vor der
Kunst des Schöpfers und Seiner Geschicklichkeit in den Blumen, Pflanzen und Blättern, in der Konstruktion des
Menschen, dessen Geburt und in allen anderen Dingen des Lebens." Wie helfen Schönheit und Natur dem
Menschen, Gott zu entdecken? Warum fühlt der Mensch das Bedürfnis, sich vor der Schönheit und Weisheit des
Schöpfers zu verneigen? Wie hilft diese Einstellung dem Menschen zu beten?
8. "Was auch immer sich der Seele eines Menschen aufprägt, damit wird die Seele ausgestattet. Wenn der Teufel
seinen Eindruck auf des Menschen Seele hinterlässt, dann wird der Mensch zum Teufel; wenn Gott die Seele des
Menschen beeindruckt, so wird er sich in Gott verwandeln!" Wie verstehen Sie dieses Zitat, und welchen Bezug hat
es zum Gebet?

Übungen zum ergänzenden Lesematerial:


Lesen Sie das ergänzende Lesematerial, und bearbeiten Sie die Übungen 5 und 7 sowie eine weitere nach Ihrer
Wahl.
1. Hazrat Inayat Khan gibt viele Anregungen, wie eine andächtige Haltung im Leben erreicht werden kann.
Wählen Sie einen Gedanken oder eine Idee, und integrieren Sie dies für einen Tag in Ihr Leben. Bitte teilen Sie Ihre
Entdeckungen mit.
2. "Der Ursprung aller Religion ist Liebe und Schönheit. Gäbe es keine Liebe oder Schönheit, dann hätte
Religion nie existiert, denn Schönheit ist der Anfang von Verehrung und Gebet. Der Anfang des Gebets und der
erste Schritt zur Anbetung ist die Bewunderung."
a) Denken Sie darüber nach, was Sie anfänglich zum Gebet hingezogen hat.
b) Wählen Sie zwei der folgenden Religionen: die hinduistische, buddhistische, jüdische, christliche Religion
oder den Islam. Wie drücken diese Ihrem Gefühl nach die Qualität der Schönheit aus?
3. "Die Gebetsform eines Sufis ist jede nur mögliche Form des Betens, und in jeder Form fühlt er die gehobene
Stimmung, die es als das Wichtigste im religiösen Leben zu erfahren gilt." Meditieren Sie über dieses Zitat, und
teilen Sie Ihre Entdeckungen mit.
4. Hazrat Inayat Khan spricht über die Notwendigkeit des Gebets. Warum, glauben Sie, ist Gebet notwendig?
5. Lesen Sie das ergänzende Lesematerial, meditieren Sie darüber und nehmen Sie es in sich auf.
a) Was sind die grundlegenden oder Schlüsselgedanken? Beschreiben Sie diese mit eigenen Worten.
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b) Wählen Sie einen davon. Wie kann er in Ihr Leben integriert werden?
6. Was kann man tun, um einen Weg zum Gespräch mit Gott zu finden?
7. Wählen Sie eines der Gebete Saum, Salat oder Khatum aus, und erleben Sie es im Lichte der Kommentare,
die Hazrat Inayat Khan und Pir Vilayat Inayat Khan anbieten. Fügen Sie Beispiele aus dem Gebet an, welche die
Einsichten veranschaulichen, die beide Lehrer übermittelt haben.

Ergänzendes Lesematerial
Die Notwendigkeit des Gebets ist zu allen Zeiten von allen Religionen gelehrt worden, und ihren jeweiligen
Anhängern sind verschiedene Formen des Gebets gegeben worden. Die Menschen haben unterschiedliche
Meinungen hinsichtlich des Gebets. Einige sagen, Gott kenne doch ihre Bedürfnisse - warum sollten sie da beten?
Andere fragen sich, ob es richtig sei zu beten, da Gott am besten wisse, was gut für sie ist. Andere sagen, dass
Lobpreisung das einzige angemessene Gebet sei, während manche sogar behaupten, selbst Gott zu sein, so dass für
sie keine Notwendigkeit zum Gebet bestehe. Zu den Letztgenannten mag gesagt werden, dass all die Meister und
Heiligen nicht nur die Notwendigkeit des Gebets gelehrt haben, sondern dass ihr eigenes Leben von fortwährendem
Gebet geprägt war. (The Sufi Message, Vol. 5)
Die Form hat keine Bedeutung, wichtig ist unser Gefühl. Wenn unser Gefühl richtig ist, dann werden wir immer
unsere aufrichtige Verehrung ausdrücken, egal ob wir in der Kirche oder auf dem Marktplatz sind, in der reinen
Natur oder zuhause. Deshalb schließt die Gebetsform eines Sufis alle Formen ein, und er fühlt in jeder Form die
gehobene Stimmung, die es im religiösen Leben als das Wichtigste zu erfahren gilt. (Religious Gatheka, Nr. 66)
Das Gebet wird lebendig, wenn es aus lebendigem Herzen dargebracht wird; das Gebet eines toten Herzens hat
keine Bedeutung und ist tot. (Unity of Religious Ideals)
Religion, Gebet oder Meditation sind alles Methoden, durch welche die Freude, die dem Menschen innewohnt,
die seine göttliche Erbschaft ist, an die Oberfläche gebracht werden kann. (Gatha II, Nr. 9)
Vollkommenheit ist das Verlangen jeder Seele: es gibt ein fortwährendes Sehnen danach, Vollkommenheit in
jeder Form zu erreichen. Was sind die Mängel und Nöte im Leben? Es sind alles Begrenzungen und
Unvollkommenheiten; doch Vollkommenheit zu ersehnen ist das Geburtsrecht einer jeden Seele. Ein Mensch ist
nicht zu tadeln, wenn er zu Gott betet, ihm das zu geben, was er seinem Gefühl nach gerade braucht. Sein Bitten
beeinflusst die Umstände in seinem Leben, es ist sozusagen kreativ. Und wenn dieses Bitten in Form eines Gebetes
ausgedrückt wird, dann ist dies die beste und nobelste Art des Bittens, denn dann bittet der Mensch niemanden
außer Gott um etwas. (The Sufi Message, Vol. 9)
Wenn man die Natur studiert, findet man, dass die Natur sich nicht hervorbringen kann, ohne ihre Religion
auszudrücken. Der Ursprung aller Religion ist Liebe und Schönheit. Gäbe es keine Liebe oder Schönheit, dann
hätte Religion nie existiert, denn Schönheit ist der Anfang von Verehrung und Gebet. Der Anfang des Betens und
der erste Schritt der Anbetung ist Bewunderung. (The Sufi Message, Vol. 3)
Jetzt taucht die Frage auf, wie man diese andächtige Haltung im Leben erlangt. Für jene, deren Gebet im
Lobpreisen besteht, gilt als erstes, dass sie - wenn ihr ganzes Leben eine andächtige Haltung annehmen soll - dieses
Lob und diese Dankbarkeit bis in die kleinsten Einzelheiten des Lebens hinein bringen und dankbar sein müssen
auch für die kleinste Freundlichkeit, die ihnen von irgend jemand erwiesen wurde. Der Mensch bleibt im Leben
leicht hinter diesem Ideal zurück; er ist so steif, er versäumt so viele Gelegenheiten, Dank zu sagen. Manchmal ist
es wegen seines Reichtums, während er zu anderen Zeiten geblendet ist von seiner Macht; er glaubt wegen seines
Geldes oder seines Einflusses einen Anspruch zu haben auf alles, was für ihn getan wird. Wenn der Mensch eine
Haltung des Lobens und Dankens für alle Dinge des Lebens aufrecht zu halten vermag, dann kann sein Leben
tatsächlich als andächtig bezeichnet werden. Jene, die eine Hoffnung ausdrücken, wenn sie beten, können ihr
tägliches Bemühen in Gebet verwandeln - unter der Voraussetzung, dass sie diese Hoffnung in all ihrem Trachten
im Leben aufrecht erhalten, indem sie ihr Vertrauen in Gott setzen, und dass sie all ihre Wunschziele, wenn sie
diese erreicht haben, als etwas betrachten, das aus ein und derselben Quelle stammt. (The Sufi Message, Vol. 5)
Ist eine Person, die sich täglich für viele Stunden Gott mitteilt, Ihm näher als jemand, der hauptsächlich mit
irdischen Dingen beschäftigt ist? Man muss seine Pflichten erfüllen, sich an seine Religion halten und dennoch
einen Weg finden, sich Gott im täglichen Leben mitzuteilen. Wenn die Sufi-Botschaft der Welt etwas zu bringen
hat, dann ist es dies. Die Meditationen und Konzentrationsübungen, die Menschen gegeben werden, die auf dem
spirituellen Pfad vorankommen möchten, sind nicht als das einzige Mittel der Kommunikation mit Gott gedacht.
Sie sind ein Weg, den man beschreiten kann, um zu lernen, wie man sich Gott mitteilen sollte. Jeder Augenblick
des Lebens sollte diesem Zweck gewidmet sein.
- 50 -
Es gibt viele Tugenden, doch nur eine Haupttugend. Jeder Augenblick, der außerhalb der Gegenwart Gottes
verbracht wird, ist Sünde, und jeder Moment in Seiner Gegenwart ist Tugend. Nachdem der Sufi diese Art, sich
mitzuteilen, gelernt hat, besteht sein einziges Ziel darin, einen Zustand zu erreichen, in dem jeder Augenblick
seines Lebens in Kommunion mit Gott verbracht und sein gesamtes Handeln so vollführt wird, als stünde Gott vor
ihm. Ist dies für jedermann möglich? Es ist für uns vorgesehen, dass wir so sind. Denken Sie nur an eine Person,
die liebt: wenn sie isst oder trinkt, was immer sie tut, das Bild des Geliebten ist gegenwärtig. Und genauso ist es,
wenn die Gottesliebe erreicht wird, dann ist es natürlich, an Gott zu denken bei allem, was wir tun. (The Sufi
Message, Vol. 9)
Sa'di sagt: "Gebet ist die Ausdehnung des begrenzten Wesens ins Unbegrenzte, die Annäherung der Seele an
Gott." Hazrat Ali, der Vornehmste unter den Sufis der Vergangenheit, sagt: "Das Selbst zu kennen, heißt Gott zu
kennen." Er verbrachte einen großen Teil seines Tages und die meisten seiner Nächte im Gebet. Das Gebet des Sufi
ist seine Reise zum ewigen Ziel, seiner Gotteserkenntnis. (The Sufi Message, Vol. 5)

Aussprüche von Hazrat Inayat Khan zum Gebet


Meine Lippen halten das Gebet in sich wie die Rosenknospe den Duft in ihrem Herzen hält.
O erhabene Natur, schwanger mit göttlichem Geist, du sprichst das Gebet, das von meinem Herzen aufsteigt.
Gebet ist ein tief empfundenes Bedürfnis der Seele.
Wäre die Seele erwacht, das zu fühlen, was die Vögel fühlen, wenn sie im Wald zur Morgendämmerung singen,
dann wüsste der Mensch, dass ihr Gebet noch erhebender ist als sein eigenes, weil es natürlicher ist.
Wahrlich ein tief empfundenes Bedürfnis ist in sich selbst ein Gebet.
Durch die Macht des Gebetes öffnet der Mensch das Tor zum Herzen, in dem Gott, der Allesvergebende, der
Allbarmherzige wohnt.
Je tiefer deine Gebete in deinem eigenen Bewusstsein widerhallen, desto hörbarer werden sie für Gott.
Im Gebet bringt wiederholtes Danksagen unsere eigene Stimme zu unserer Seele, und diese Stimme erschallt
vor dem Gott, der im Innern wohnt.
Unsere Seele wird gesegnet mit dem Glanz von Gottes Herrlichkeit, wann immer wir Ihn preisen.

Über die von Hazrat Inayat Khan gegebenen Gebete


SAUM ist unser Mittel, eine Kommunikation mit Gott in Seiner erhabensten Form aufzubauen; es schließt
beides ein, den transzendenten und den immanenten Aspekt. SALAT bedeutet, eine Kommunikation mit Gott zu
schaffen, der sich als der Geist der Führung manifestiert in Gestalt der Meister, Heiligen und Propheten. Mit
anderen Worten, Gott ist verkörpert in jenen, die die spirituelle Regierung der Welt bilden. KHATUM repräsentiert
Gott, der über die Transzendenz hinaus seiend wurde. Die transzendente Wirklichkeit wurde durch die Schöpfung
zu einem Wesen. Dies sind die drei Stationen. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message Magazine 5)
SAUM lässt uns] die Geburt der Botschaft erkennen, SALAT macht uns die Kontinuität, das Leben der
Botschaft bewusst. KHATUM vergegenwärtigt die Erfüllung der Botschaft. (Ansprachen an die Cherags 38)
Jeder Name, den du im Gebet SALAT nennst, ist ein Blütenblatt, das zusammen mit den anderen die Blume
ausmacht. SALAT bildet die Verkörperung der Erleuchteten Seelen; es ist die Verkörperung, die man 'Christus'
nennen kann und mit einem anderen Begriff 'Rasul' oder auch 'Bodhisattva'. Und das dritte Gebet, KHATUM, ist
eine Antwort auf das Bedürfnis der heutigen Zeit, die getrennten Sektionen der Menschheit in der Erkenntnis der
Wahrheit zusammenzubringen, was das Hauptziel der Sufibotschaft ist." (Ansprachen an die Cherags 5)
Die Gebete stammen aus: Gayan – Gayatri

Musikübungen (CD Musik zum Gebet)


Einleitender Kommentar
"Musik ist die Sprache der Seele; für zwei Menschen verschiedener Nationen oder Rassen gibt es kein besseres
Mittel, miteinander in Einklang zu kommen, als die Musik. Denn Musik vereinigt nicht nur die Menschen
untereinander, sondern eint den Menschen mit Gott." (Hazrat Inayat Khan)

- 51 -
Meditieren Sie in den folgenden Übungen zu den ausgewählten Musikstücken. Treten Sie ein in das
Bewusstsein eines Wesens, das eine Pilgerreise zu Gott macht. Jedes Stück ist in Resonanz mit einer göttlichen
Emotion, wie z. B. Verherrlichung, Heiligkeit oder Friede, wodurch eine Atmosphäre geschaffen wird, durch die
der Zuhörer in eine neue Erfahrung von Gebet eintritt.
Zweck dieser Übungen ist es, empfänglich zu werden für den Bewusstseinszustand, den die Musik ausdrückt.
Jedes Stück bietet Gelegenheit, sich eine neue Welt des Gebets zu erschließen. Doch um dies zu tun, muss man sein
Selbst zurücklassen, sich ganz tief und mit seinem ganzen Wesen in die Musik hineinbegeben. Musik wirkt als
Katalysator, der die uns innewohnenden Qualitäten erweckt und das Herz öffnet. Zu jeder Übung gibt es ein Zitat,
auf das meditiert werden soll, um zu helfen, ein tieferes Verständnis für die Musik zu gewinnen.
Musik ist frei und fügt sich im Grunde in keine Form. Hier wird eine Orientierung gegeben, die dem Zuhörer
helfen soll zu empfinden, was die Musik im Kontext dieses Themas ausdrückt. Jedes Stück ist jedoch dynamisch,
nicht statisch oder in irgendeiner Weise festgelegt auf eine besondere Art, es zu erfahren. Die Wirklichkeit ist
fortwährend im Fluss und wird kontinuierlich neu geboren, so dass man immer wieder einen neuen Eindruck
gewinnt. Ebenso ist es mit der Musik. Während wir wachsen und uns entfalten, ändert sich auch unser Verständnis
der Musik.
Wenn Sie während dieser Übungen eine besondere Einsicht haben, die hier nicht aufgeführt ist, dann fühlen Sie
sich bitte frei, sie mitzuteilen. Vielleicht möchten Sie Ihre Musikerfahrung auch in Bewegung umsetzen und die
Einstimmung in Ihren Körper bringen.
Die im Folgenden erwähnten Musikstücke sind solche, die Pir Vilayat Inayat Khan und Taj Inayat Khan in
Meditationen häufig gebraucht haben. Andere Stücke sind aufgelistet in The Crystal Chalice von Taj Inayat.

CD Musik zum Gebet


1. Faure Requiem - Sanctus
2. William Byrd - Kyrie
3. Monteverdi - Gloria
4. Allegri - Miserere aus dem Abendgebet
5. Bulgarian Monks - Selected Chants

Allgemeine Anweisungen
Hören Sie sich jedes dieser Musikstücke an, und arbeiten Sie mit der dafür vorgesehenen Übung. Lesen Sie das
ganze zur Übung präsentierte Material, bevor Sie die entsprechende Musik anhören.

I. Faure Requiem - Sanctus


Die Einstimmung: Drückt tiefe, bedeutungsvolle Momente im Leben des Suchenden aus, wenn er zu einem
Leben des Gebets zu erwachen beginnt. Ein Gefühl, erhoben zu sein; die Schönheit der Seele, die sich mit all ihrer
Sehnsucht nach den himmlischen Sphären erhebt.
Zitat: "Was ist wirkliches Gebet? Gott zu lobpreisen. Und die Bedeutung von Lobpreisen? Wertschätzen,
würdigen und so das Herz mehr und mehr öffnen für die göttliche Schönheit, die in der Manifestation sichtbar ist.
Man kann nie zu dankbar sein. Freude und Glück liegen in der Würdigung bestimmter Zustände und Dinge. Gebet
übt die Seele darin, die Güte Gottes immer mehr zu schätzen." (Einheit der religiösen Ideale)
Anweisungen: Diese Musik entspricht dem ersten Aspekt des Gebets, der darin besteht, "Gott zu danken für die
zahllosen Segnungen, die uns in jedem Augenblick des Tages und der Nacht zuteil werden." Lesen Sie das oben
angeführte Material als eine Vorbereitung zum Anhören dieses Musikstücks. Dann meditieren Sie über diese
Musik.
Wählen und erarbeiten Sie eine der folgenden Übungen.
1. Wie führt das Gefühl der Dankbarkeit den Menschen zum Gebet?
2. Denken Sie über Momente Ihres Lebens nach, die Sie durch Dankbarkeit in einen Zustand des Gebets
versetzt haben.

- 52 -
II. William Byrd - Kyrie
Die Einstimmung: Drückt göttliche Reinheit aus. Der Zustand des unbefleckten Herzens.
Zitat: "Ein höherer Aspekt der inneren Erhebung ist die moralische Erhebung - wenn es uns leid tut, etwas
Unerfreuliches gesagt oder getan zu haben; wenn wir jemanden um Vergebung baten und ihm Demut zeigten, den
wir rücksichtslos behandelt hatten. Wir haben dann unseren Stolz gedemütigt. Oder wenn wir eine tiefe
Dankbarkeit empfinden für jemanden, der etwas für uns getan hat; wenn wir Liebe gefühlt haben, Sympathie oder
Hingabe, die ohne Ende und so groß scheint, dass unser Herz sie nicht beherbergen kann; wenn wir so viel Mitleid
mit jemandem empfunden haben, dass wir uns selbst vergessen haben; wenn wir tiefes Glück darin empfunden
haben, jemandem in Not einen bescheidenen Dienst zu erweisen; wenn wir ein Gebet gesagt haben, das aus der
Tiefe unseres Herzens gekommen ist; wenn wir unsere eigene Begrenztheit und Kleinheit erkannt haben im
Vergleich zur Größe Gottes." (The Crystal Chalice)
Anweisungen: Diese Musik entspricht dem zweiten und dritten Aspekt des Gebets: unsere Unzulänglichkeiten
vor der unbegrenzten Vollkommenheit des Göttlichen Wesens darzulegen und um Seine Vergebung zu bitten; Gott
unsere Schwierigkeiten und unseren Kummer mitzuteilen und Ihn um das zu bitten, was man braucht und wünscht.
Meditieren Sie über das Musikstück im Lichte des obigen Zitats.
Wählen Sie eine der folgenden Übungen.
1. Wie wird die Handlung des Vergebens zu einer Brücke zum Gebet? Wie hilft eine solche Handlung dem
Menschen, näher zu Gott zu gelangen?
2. Wie schafft man eine Beziehung zu Gott durch das Gebet, indem man Gott seine Schwierigkeiten und
Kümmernisse mitteilt und Ihn um das bittet, was man braucht?

III. Monteverdi - Gloria: Vesper für die Heilige Jungfrau


Die Einstimmung: Drückt das menschliche Gebet aus, das sich zu Gott erhebt. Erreicht die Höhe des
menschlichen Gebets und verschmilzt dann mit dem Göttlichen. Hier begegnen wir Wesen, die ins Gebet
versunken sind und, zu immer weiteren Reichen emporstrebend, in eine Welt des Gebets eintreten. Unser ganzes
Wesen wird zur Seele des Gebets.
Zitat: "Es gibt einige Menschen, die den Zustand erreicht haben, in dem sie jenseits allen irdischen und
himmlischen Verlangens sind, dennoch fahren sie fort zu beten, weil das Gebet sie in ihrer Begrenztheit noch näher
zu Gott bringt und sie sich ausdehnen vom Zustand des Begrenztseins zum Zustand des unbegrenzten Wesens. Dies
ist die höchste Bedeutung des Gebets." (The Sufi Message, Vol. 5)
Anweisungen: Diese Musik entspricht dem vierten Aspekt des Gebets, der "wie der Ruf des Liebenden nach
dem Geliebten ist." Meditieren Sie zu der Musik und auf die oben beschriebene Stimmung. Denken Sie darüber
nach, wie die Einheit von Liebendem und Geliebtem uns in die Sphären der Verherrlichung erhebt.

IV. Allegri - Miserere aus dem Abendgebet (Vesper)


Die Einstimmung: Die Ebene der Seele jenseits der Schöpfung, der unbefleckte Zustand.
Zitat: "Es gibt eine andere Art des Gebets, die noch bedeutsamer ist. Es ist der Weg, dem Philosophen und
Mystiker folgen. Der Fortschritt auf diesem spirituellen Pfad verläuft stufenweise. Man kann diesen Weg nicht
gehen, ohne zuerst die anderen Arten des Gebets praktiziert zu haben. Es ist der Weg der Anrufung der Natur
Gottes, der Wahrheit Seines Wesens. Durch dieses Gebet versucht der Mystiker, sich Gott zu nähern, mit Gott eins
zu werden und seine falsche Persönlichkeit zu vergessen; in anderen Worten, seine falsche Identität zu negieren
und die Identität mit Gott an deren Stelle zu setzen. Dieses Gebet ist ein Wunder. Es kann einen Wassertropfen in
ein Meer verwandeln; es ist dieses Gebet, das dem Unvollkommenen Vollkommenheit bringt." (Sufi Message, Vol.
9)
Anweisungen: Die Musik von Allegri entspricht dem fünften Aspekt des Gebets, "Gott zu kennen und dadurch
näher zu Gott zu gelangen, was die wirkliche Bedeutung des Ausdrucks 'Eins-Sein'25 ist, der vollkommene Einheit
bedeutet."

25
'at-one-ment' im Unterschied zu 'atonement' (Sühne).
- 53 -
Meditieren Sie zu der Musik und reflektieren Sie über das obige Zitat. Wie verstehen Sie insbesondere die
Aussage: "Dieses Gebet ist ein Wunder. Es kann einen Tropfen in ein Meer verwandeln; es ist dieses Gebet, das
dem Unvollkommenen Vollkommenheit bringt."

V. Bulgarian Monks - Selected Chants (Bulgarische Mönche – Ausgewählte Gesänge)


Die Einstimmung: Drückt die Verkörperung des Göttlichen Wesens aus, die Heiligkeit Gottes in der
Manifestation. Das Hervortreten der Göttlichkeit im menschlichen Wesen.
Zitat: "Dann gibt es Personen, die über Imaginationskraft verfügen, die gestärkt sind im Glauben. Sie beten
nicht nur zu Gott, sondern sie beten vor Gott, in der Gegenwart Gottes. Sobald die Imagination dem Menschen
geholfen hat, Gott gegenwärtig zu setzen, ist Gott in seinem eigenen Herzen erwacht. Dann wird sein Wort – ehe er
es äußert - von Gott gehört; wenn er in einem Raum betet, ist er nicht allein, sondern er ist dort mit Gott. Dann ist
Gott für ihn nicht im höchsten Himmel, sondern neben ihm, vor ihm, in ihm; dann ist der Himmel für ihn auf Erden,
und die Erde ist der Himmel. Für ihn ist niemand so lebendig wie Gott, so verständlich wie Gott, und die Namen
und Formen vor ihm sind alle in Gott verborgen. Dann ist jedes Wort des Gebets, das er äußert, ein lebendiges
Wort. Es bringt nicht nur ihm selbst Segen, sondern auch all denen in seiner Nähe." (Unity of Religious Ideals)
Anweisungen: Meditieren Sie zu der Musik und benutzen Sie das Zitat, um den Sinngehalt dieser Musik zu
erfassen. Bei dieser Auswahl liegt die Konzentration auf dem Gebet als Instrument, um Gott in der Manifestation
und besonders im menschlichen Wesen zu begegnen.
Wie können Sie diesen Aspekt des Gebets tiefer in Ihr Leben einbringen?

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Teil VII:

Die Religion der Hindus

- 55 -
Teil VII: Die Religion der Hindus
I. Erforderliche Lektüre
A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit der religiösen Ideale':
Rama
Krishna
Die symbolische Darstellung religiöser Ideen (bes.:Die Symbolik des Gottesdienstes der Brahmanen;
Krishnas Flöte)
B) Ergänzendes Lesematerial

II. Lernziele
- die umfassende Bandbreite der Hindutradition mit ihrem vielfältigen Ausdruck für Gottesideal und
Gottesdienst zu würdigen, der unter den Hindus eine Atmosphäre religiöser Toleranz geschaffen hat
- Hazrat Inayat Khans Auffassungen zu den Themen Maya1, Karma2, Reinkarnation und Mukti3 - den
wichtigsten Lehren dieser religiösen Tradition - zu studieren
- ein Gefühl für die Wissenschaft des Atems im mystischen Gedankengut des Hinduismus zu bekommen
- ein Bewusstsein vom Archetyp des Rishi4 und dessen Ansicht über die Natur der Wirklichkeit (Prakriti5 und
Purusha6) zu wecken

III. Überblick über das Thema


Hazrat Inayat Khan bewundert zutiefst die in der Hindureligion enthaltene Fülle. "Es ist wunderbar zu sehen, zu
welcher Art Religion die Hindus sich hingezogen gefühlt haben. Es ist eine Religion, die man Kindern nahebringen
kann, und Kinder können sich dafür begeistern; eine Religion, die man solche Seelen lehren könnte, die vor
zehntausend Jahren lebten, und auch diese könnten sich daran erfreuen. Die Spannweite dieser Religion ist so
umfassend, dass sie Menschen in jedem Stadium der Evolution erreichen kann." (The Message Papers)
In dieser Tradition trifft man auf Yogis und Rishis, die einem geistigen Pfad von Entsagung, Enthaltsamkeit und
Meisterschaft folgen, um aus der Prakriti zu erwachen in das ewige, unveränderliche Purusha. Diese Religion
umschließt aber zugleich einen reichen Ausdruck religiöser Hingabe in vielen Formen der sakralen Kunst und
verschafft denen, die zu dieser Ausrichtung tendieren, ein Leben voller heiliger Rituale.
"Da gibt es Philosophie, Drama, Ethik, Kunst, Musik und Schönheit. Dieser Religion fehlt es an nichts, was gut
und schön, wertvoll und kostbar ist. Es gibt Kunst, Literatur, Philosophie, Weisheit, Spiel, gedankliche Analyse und
Meditation - einfach alles." (The Message Papers)

IV. Übungen
Bitte arbeiten Sie mit drei der folgenden Übungen.
"Es gibt einen Geist inmitten der Dinge dieser Welt, und doch steht er über den Dingen dieser Welt." (Maitri
Upanishad)
"Ich suche Zuflucht bei Gott, der Eins ist in der Stille der Ewigkeit, reines Strahlen von Schönheit und
Vollkommenheit, in dem wir unseren Frieden finden." (Svetasvatara Upanishad)
1. Aus Hazrat Inayat Khans Sicht erblicken die Hindus viele Götter in einem Gott, und dieser eine Gott wird
erkannt in all seinen unzähligen Formen.
Wählen Sie eine der folgenden Aufgaben:
a) Wie vermitteln Sie diese Einsicht denjenigen, die die Hindus der Götzenanbetung beschuldigen?

1
Maya: Kosmische Illusion, die den Einen als Vielfalt erscheinen lässt.
2
Karma: Handlung, Resultat vergangener Taten.
3
Mukti: Befreiung
4
Rishi: Der Weise.
5
Prakriti: Geschaffene Natur und Materie im Gegensatz zum Geist.
6
Purusha: Der geistige Zeuge, das höchste Wesen, das kreative Prinzip.
- 56 -
b) Warum ist diese Lehre so bedeutungsvoll für den Universellen Gottesdienst?
c) Beziehen Sie das Gesagte auf die Attribute/Namen des Einen Gottes in der Sicht des Islam.
2. "Wo alles eins geworden ist, wer kann da Wissen haben über den Wissenden?" (Brihad-Aranyaka Upanishad)
a) Beziehen Sie das obige Zitat auf den Absatz über Mukti im ergänzenden Lesematerial. Wer ist derWissende?
Was ist der Unterschied im Erleben dieses Bewusstseinszustands zwischen einem Mystiker und einem
gewöhnlichen Menschen?
b) Inwiefern erscheint die Welt in diesem Bewusstseinszustand als Maya?
3. Meditieren Sie über folgendes:
"Der Hinduismus empfiehlt, sich von allen Konditionierungen zu befreien - mit der Konsequenz, dass die
Persönlichkeit und das Selbstbild sich auflösen. Man hört auf, Zustände zu schaffen, die einen binden." (Pir Vilayat
Inayat Khan, Toward the One)
"Unterscheide zwischen dem, was der Veränderung und Auflösung in physischer, mentaler und emotionaler
Hinsicht unterliegt (Prakriti), und dem, was jenseits von Substanz, Form oder Qualität unveränderlich bleibt
(Purusha)." (Toward the One)
a) Inwiefern führt die Desintegration von Persönlichkeit und Selbstbild zur Freiheit von Konditionierung?
b) Die Entdeckung dieser beiden Dimensionen des Lebens, Prakriti und Purusha, ist eine der größten Beiträge
dieser Tradition. In dem alchimistischen Retreatprozess, wie ihn Pir Vilayat Inayat Khan lehrt, identifiziert man in
einem gewissen Stadium die veränderlichen und ewigen Aspekte seines Lebens. Wie würden Sie die Prakriti- und
Purusha-Elemente ihres eigenen Wesens beschreiben?
4. "Samsara7, die Seelenwanderung, spielt sich im eigenen Geiste ab. Darum sollte man seinen Geist rein
halten, denn was ein Mensch denkt, das wird aus ihm. Dies ist das Mysterium des Ewigen." (Maitri Upanishad)
In der Feier der Kosmischen Messe beschrieb Pir Vilayat Inayat Khan verschiedene heilige Rituale, um zu
veranschaulichen, dass Läuterung ein Hauptbestandteil der großen Religionen ist. Hazrat Inayat Khan sagt dazu:
"Die Läuterung von Körper und Geist sind notwendig, ehe man den ersten Schritt hin zum Gottes-Ideal nimmt."
(Gatha II)
a) Wie verändert die Läuterung den Wesenszustand des Einzelnen?
b) Was wird im Geiste geläutert?
c) Wie bereitet die Läuterung einen darauf vor, sich dem Gottes-Ideal zu nähern?
5. Shiva und Parvati repräsentieren das Gleichgewicht von schöpferischer und empfänglicher Energie, die man
überall im Leben vorfindet. Gleichgewicht und Rhythmus sind Grundpfeiler der Hindulehren. Wie sehen Sie in
unserer heutigen westlichen Gesellschaft den Gleichgewichtszustand zwischen diesen beiden Dimensionen? Haben
Sie den Eindruck, dass der Westen etwas gewinnen kann aus diesen östlichen Einsichten in die Natur der
Harmonisierung des Lebens?
6. "Aus metaphysischer Sicht gibt es verschiedene Rhythmen, die den Zustand des Menschen beschreiben; im
Vedanta nennt man sie Sattva, Rajas und Tamas. Sattva ist ein harmonischer Rhythmus, Rajas ist ein Rhythmus,
der nicht vollkommen in Harmonie mit der Natur steht, und Tamas ist ein Rhythmus, der von Natur aus chaotisch
und destruktiv ist. Jeder Impuls, der einen Menschen überkommt, wenn er in diesem chaotischen Rhythmus ist,
zieht zerstörerische Ergebnisse nach sich. Impulse in einem Menschen, wenn er sich im Rhythmus Rajas befindet,
führen zu verschiedenen Resultaten. Aber der Impuls, der ihn überkommt, wenn er sich im Rhythmus von Sattva
befindet, ist inspiriert und in Harmonie mit dem Rhythmus des Universums." (A Sufi Message of Spiritual Liberty,
Vol. 14)
Studieren Sie den Gang verschiedener Menschen, denn unsere Bewegungen spiegeln den Rhythmus und
Zustand unseres Wesens. Beschreiben Sie die Gangarten, die jeweils einen der oben genannten Rhythmen
repräsentieren.
7. "Lass den, der Gott liebt, Entsagung erlangen." (Mundaka Upanishad)
Verzicht ist für viele in der Hindutradition - vor allem für den Rishi oder Yogi - ein wichtiger Abschnitt auf dem
spirituellen Pfad.

7
Samsara: Die Kette der Existenzen (Reinkarnationen).
- 57 -
a) Was gewinnt der spirituell Suchende durch Verzicht? Welchen Gefahren könnte man begegnen, wenn diese
Übung nicht im Gleichgewicht gehalten wird?
b) Bringen Sie die Übung der Entsagung mit folgendem in Verbindung:
"Gleichmut und Unabhängigkeit sind die zwei Flügel, welche die Seele zum Fliegen befähigen." (Gayan)
8. "Meisterschaft kommt durch die Entwicklung der Seele, und das Zeichen der Meisterschaft besteht darin,
alles zu überwinden, was einen abstößt. Das ganze System der Hatha Yogis baut darauf auf, sich mit dem vertraut
zu machen, wogegen ihre Natur sich auflehnt." (The Sufi Message, Vol. 4)
"Darum wird Shiva in der Hindu-Mythologie immer mit einer Schlange um seinen Hals dargestellt; jeden Tag
lässt er sich beißen, um sich gegen das Schlechte in der Schöpfung zu immunisieren." (The Message in our Time)
a) Wenn Sie diese spirituelle Übung, das zu beherrschen, wogegen man sich auflehnt, Menschen im Westen
nahe bringen sollten, in welchen Bereichen würden Sie es am nötigsten oder passendsten finden?
b) Was gewinnen die Yogis dadurch, dass sie Toleranz gegenüber dem entwickeln, was ihren Widerwillen
erregt?
9. "In seiner Sehnsucht nach göttlicher Weisheit lasst ihn mit Ehrfurcht zu einem Lehrer gehen, in welchem die
geheiligten Worte leben und dessen Seele Frieden in Brahman8 gefunden hat." (Mundaka Upanishad)
Die Hindureligion beruht auf der Entwicklung menschlicher Wesen hin zu hoch verwirklichten Seelen. Die
heiligen Schriften und die Literatur sind voll mit Berichten und Beispielen für spirituelle Transformation durch die
Beziehung zwischen Guru (Lehrer) und Chela (Schüler).
Die Qualitäten von Glaube an und Vertrauen in den spirituellen Lehrer sind für den Schüler wesentlich, doch
besteht die Gefahr, dass ein naiver Mensch von einem unaufrichtigen Guru manipuliert wird. Wie kann man ein
Gleichgewicht schaffen zwischen einerseits Glaube und Vertrauen in einer so einzigartigen Beziehung und
andererseits Unterscheidungsvermögen und Beachtung des eigenen Gewissens?
10. "Die Bedeutung des Wortes Karma ist Tat. Es ist ziemlich offensichtlich, dass man das erntet, was man sät;
die Gegenwart ist das Echo der Vergangenheit, und die Zukunft ist der Reflex der Gegenwart." (The Sufi Message
Vol.8)
Wenden Sie dieses Bild vom Karmagesetz auf den gegenwärtigen Zustand der Welt an. Wo sehen Sie das Echo
der Vergangenheit in der Gegenwart und die Zukunft gespiegelt im Jetzt?
11. Hazrat Inayat Khan spricht von der Vorherbestimmung als einem Plan, der im voraus gemacht wurde.
Weiterhin spricht er von Karma als dem Prozess, durch den das Bild gemacht wird, und Meisterschaft als der
Vervollständigung des Bildes. Meditieren Sie darüber, und illustrieren Sie diese Sichtweise mit Beispielen.
12. "Um das Geheimnis des Lebens zu kennen, muss man das Gesetz der Schöpfung verstehen, das Gesetz der
Erhaltung und das Gesetz der Zerstörung." (Gatha III)
Die Dreieinigkeit von Erschaffen (Brahma), Erhalten (Vishnu) und Zerstören (Shiva) spiegelt die Weisheit der
hinduistischen Einsicht in die Natur des Lebens wider. Warum ist ein essentielles Element des Lebens die
Zerstörung dessen, was so sachkundig hergestellt und geduldig erhalten wurde? Welche Bedeutung beinhaltet
dieses Paradoxon mit seiner Vereinigung augenscheinlicher Gegensätze?
13. In der Bhagavad Gita verkündet Krishna "Wenn Dharma gestört ist, dann werde ich geboren."
In dieser Feststellung sieht Hazrat Inayat Khan die Verkörperung der Einheit, die in den verschiedenen
Religionen und Propheten enthalten ist. Erklären Sie, wie er diese Worte versteht!
14. Hazrat Inayat Khan fühlte, dass Krishna eine besondere Rolle in der Hindu-Religion zu spielen hat, um sie
davor zu bewahren, auf das Dunkle und Ernste beschränkt zu sein. Gehen Sie näher darauf ein.
15. "Die Traditionen dieser Welt sind größtenteils auf Visionen aufgebaut. Die Vision von Valmiki9 brachte
Rama, den großen König und Propheten der Hindus, hervor. Salomon, Jamshyd10, Joseph, sogar Abraham, der
Vater der Religionen, waren wegen Ihrer Visionen als Propheten gekannt und geschätzt. Die Grundlage für das
Leben Jesu Christi war die Vision der Jungfrau Maria; der Beginn der Prophetenschaft Mohammeds war die
Vision von Amina, seiner Mutter." (The Message in Our Time)
Erklären Sie, wie die visionäre Begabung von Valmiki ihn befähigen konnte, Rama hervorzubringen.
8
Brahman: Die Seele des Universums, das absolute Selbst i. U. zum individuellen Selbst (Atman).
9
Valmiki: Der Dichter der Sanskrit-Version des Ramayana.
10
Jamshyd: Legendärer König von Persien.
- 58 -
16. "Zeremonie ist ein konkreter Ausdruck von Gedanken, und sie war für die Massen besser geeignet als eine
Religion des Denkens allein." (The Unity of Religious Ideals)
Gehen Sie näher auf das Zitat ein, indem Sie eine Erklärung mit eigenen Worten finden. Inwiefern ist ein
geheiligtes Ritual ein konkreter Ausdruck von Gedanken, und warum sollte es für die Massen besser geeignet sein?

Übungen zum Thema Atem


"Es ist das Bewusstsein des Lebens, das zum Hauch des Lebens wird und dem Körper Leben verleiht. Der
Hauch des Lebens ist das Bewusstsein des Lebens, und das Bewusstsein des Lebens ist der Hauch des Lebens."
(Kushitaka Upanishad)
Die fundamentale Bedeutsamkeit, die in der Hindureligion auf die 'Wissenschaft vom Atem' gelegt wird, ist in
den verschiedenen Formen des Yoga, wie Hatha, Mantra und Kundalini, offensichtlich. Das folgende sind
Kommentare Hazrat Inayat Khans zu diesem Thema:
"Die Hindus nennen es Prana, was Leben bedeutet, aber sie versinnbildlichen es symbolisch als einen Vogel,
der im Sanskrit Garuda11 genannt wird, auf ihm ritt Narayana12, die Gottheit." (Gatha I)
"Mahadeva13, der Herr der Yogis, hat gesagt, dass es nichts auf der Erdoberfläche gibt, was nicht von den
Meistern des Atems vollbracht werden kann." (Githa II)
"Mystizismus ist begründet auf der Wissenschaft des Atems. Es gibt keinen Mystiker, sei es Buddhist, Vedantiker
oder Sufi, der von einem anderen Prozess als dem Atem Gebrauch macht. Atem ist die erste Lektion und auch die
letzte." (Gatha I)
"Kurz gesagt, es gibt Fähigkeiten im Menschen, die wegen der Künstlichkeit seines Lebens verschlossen sind,
und so lebt der Mensch ein unvollständiges Leben. Um ein erfülltes Leben zu leben, haben sich die Weisen aller
Religionen des Atems bedient und Atome und Zentren erweckt, die Instrumente für diese Fähigkeiten sind." (Gatha
I)
"Der Atem ist ein Kanal, durch den dem innersten Leben jedweder Ausdruck verliehen werden kann. Der Atem
ist ein elektrischer Strom, der zwischen dem immerwährenden Leben und der sterblichen Form fließt." (Gatha I)
"Rhythmus ist die Hauptsache, auf die man beim Atem zu achten hat, denn es ist der Atemrhythmus, von dem
das Wirken des ganzen Mechanismus abhängt." (Gatha I)
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen:
1. Welche Antwort würden Sie jemandem geben, der Sie danach fragt, warum der Atem im spirituellen Leben
der Hindus und in anderen mystischen Traditionen so bedeutsam ist?
2. Warum können die Weisen, die sich der Wissenschaft des Atems bewusst sind, den Zustand der Einstimmung
einer Person erkennen, indem sie auf deren Atem achten?
3. Wie kann der Atem die Atmosphäre beeinflussen, in der man sich aufhält?
4. Stellen Sie sich vor, die Menschheit würde in die Wissenschaft des Atems eingeweiht. Welche Ergebnisse
können Sie sich ausmalen?

Zusammenfassende Übungen
Bitte beantworten Sie drei der folgenden Fragen:
1. Pir Vilayat beschreibt unsere Zeit häufig als eine, in der die Welt sich zusammenschweißt. Ein Beispiel dafür
ist die gegenseitige Befruchtung der Weltreligionen. Heutzutage sind viele Menschen im Westen durch Elemente
der Hindutradition tief berührt, die inzwischen als Teil unseres Lebens akzeptiert werden. Welche Beiträge hat
nach Ihrer Meinung die Hindutradition gebracht, um das spirituelle Leben des Westens zu bereichern?
2. Beim Studium einer Religion muss man darauf achten, dass man sie nicht als etwas betrachtet, das in ferner
Vergangenheit erstarrt ist, denn sie lebt in uns weiter fort. Welche großen Wesen der Hindureligion haben den
Geist der Menschheit unseres Jahrhunderts tief berührt, und wie haben sie zur Menschheitsentwicklung
beigetragen? Gehen Sie auf mindestens zwei inspirierende Wesen ein!
11
Garuda: Der König der Vögel, der Vishnu als Reittier dient.
12
Narayana: Vishnu, der vor Beginn der Schöpfung im Wasser schläft.
13
Mahadeva: 'Der große Gott' – Name für Shiva.
- 59 -
3. "Die, welche in Reinheit und Glauben in der Einsamkeit der Wälder leben, die Weisheit und Frieden haben
und nicht nach irdischen Besitztümern verlangen, diese durchschreiten in strahlender Reinheit die Pforten der
Sonne zur höchsten Heimstatt, wo der Geist in Ewigkeit lebt." (Mundaka Upanishad)
Gemäß den Lehren des Internationalen Sufi-Ordens leben die Archetypen aller großen Menschheitslehrer als
Teil unserer spirituellen Erbschaft in uns. Shiva ist der Patron der Rishis, und seinen Archetypus finden wir
eingeprägt in das Potential unseres Wesens in unserem kollektiven Unbewussten.
Wie würden Sie den Archetyp des Rishi beschreiben oder schildern? Wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit diesem
Teil Ihrer spirituellen Erbschaft in Verbindung stehen, und von welcher Perspektive aus betrachten Sie dann das
Leben? In welchen Bereichen Ihres Lebens kann es für Sie äußerst hilfreich sein, den Rishi in Ihrem Wesen zu
verwirklichen?
4. "Nachdem die Seher die höchste Stufe erreicht haben, finden sie Freude an der Weisheit, ihre Seelen haben
Erfüllung gefunden, ihre Leidenschaften sind vergangen, sie haben Frieden. Von Hingabe erfüllt, haben sie den
Geist in allem gefunden und gehen ein ins All." (Mundaka Upanishad)
Wenn wir im Universellen Gottesdienst die Danksagung für die heiligen Schriften der Hindus vollziehen,
drücken wir unsere Ehrfurcht, Huldigung und Dankbarkeit für das Licht der göttlichen Weisheit aus. Alle
göttlichen Qualitäten sind in jeder Religion enthalten, und doch ist Weisheit eine zentrale Strömung in dieser
Tradition.
a) Was ist Weisheit, und wie erlangen die Seher der Hindus sie?
b) Warum, glauben Sie, hat man diese göttliche Qualität im Universellen Gottesdienst als Hauptthema der
hinduistischen Religion herausgestellt?
5. "Vernunft wird von der ewig sich wandelnden Welt gelernt, aber Weisheit entspringt der Essenz des Lebens."
(Complete Sayings)
Beziehen Sie das Zitat auf die Hindulehren über Prakriti und Purusha.

Sakrale Musik
6. "Mahadeva fand, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit eine besondere Wirkung auf Körper und Geist des
Menschen ausgeübt wird und daher ein zu dieser bestimmten Zeit passender Rhythmus psychologisch und mystisch
empfohlen werden muss, um die Seele emporzuheben. Und aus diesem Grund wurde eine psychologische
Musikwissenschaft von Mahadeva geschaffen, eine Wissenschaft, die man Raga nannte, was Emotion bedeutet."
(The Message in Our Time - Hinweis: das Kapitel The Musician of the Soul im genannten Buch enthält viele
Kostbarkeiten zum Thema 'Sakrale Musik'.)
Sakrale Musik ist seit jeher eine der Schlüsselpraktiken der Hindureligion, um das eigene Wesen einzustimmen,
zu reinigen und zu transformieren. Die Vina wurde von Shiva erfunden, damit die Musik der Sphären gespielt
werden konnte und man die Höhen und Tiefen der Welt der Schwingung erfuhr. Die Künste von heiligen Mantras,
heiliger Musik und heiligem Tanz bauen alle auf der Wissenschaft des Atems auf.
a) Bitte hören Sie sich eine Auswahl von heiliger Musik aus der Hindutradition an (z.B. aus: Musik für den
Universellen Gottesdienst, 4 CDs). Beim Anhören der Musik achten Sie bitte darauf, welche Wirkung sie auf Ihre
Einstimmung hat, und beschreiben Sie einige Ihrer Entdeckungen.
b) Die heilige Musik einer religiösen Tradition vermittelt deren Geist frei von den Konzepten der Theologie.
Wie würden Sie den Geist der Hindutradition beschreiben, der in ihrer Musik zum Ausdruck kommt?
7. "Gott ist Klang und Stille. Sein Name ist OM." (Maitri Upanishad)
"Die ersten Früchte der Yoga-Praxis sind: Gesundheit, wenig Exkremente und ein klarer Gesichtsausdruck,
Behändigkeit des Körpers, angenehmer Geruch und Wohlklang der Stimme, sowie die Abwesenheit von Gier."
(Svetasvatara Upanishad)
"Die Stimme weist nicht nur auf den Charakter eines Menschen hin, sondern ist ein Ausdruck seines Geistes."
(Hazrat Inayat Khan)
Lauschen Sie aus der Tiefe Ihres Wesens den Stimmen derer, denen Sie begegnen. Halten Sie die Entdeckungen
fest, die Sie über die Qualität von Leben, Charakter und Geist machen, die in der Stimme zum Ausdruck kommt.
Die geistigen Lehrer der Hindutradition gebrauchen Stimme und Atem als Werkzeuge zur Einsicht. Studieren Sie
auch Ihre eigene Stimme und Ihren Atem in verschiedenen Situationen und Beziehungen. Bitte notieren Sie einige
Ihrer Beobachtungen!
- 60 -
8. Studieren Sie in Büchern über Indien oder durch eigenes Erleben die Architektur und Atmosphäre der
Tempel. Wie wird das Gottes-Ideal dem Anbeter durch die verschiedenen Formen und Symbole in den Tempeln
eingeprägt? Welche Unterschiede und Ähnlichkeiten sehen Sie zwischen einem Hindu-Tempel und dem Ort der
Andacht, den Sie in Ihrem Leben am häufigsten aufgesucht haben?
9. Für diejenigen, die mit den heiligen Tänzen der Hindutradition vertraut sind:
a) Formulieren Sie Ihre Einsicht über die Beziehung zwischen der Wissenschaft des Atems und der Form dieses
Tanzes,
b) oder wählen ein Mudra von einer Statue oder einem Tänzer, und beschreiben Sie Ihr Gefühl zu dem, was in
dieser essentiellen Einheit von Form und Geist zum Ausdruck kommt.
10. Im Zusammenfügen einer Collage können Sie Ihre Gefühle zur Hindureligion ausdrücken und durch dieses
Medium bewusste und unbewusste Bilder zusammenbringen, die das Leben dieser Tradition heraufbeschwören.
Gestaltungsfreudige Seelen mögen sich an dieser Übung versuchen.

Ergänzendes Lesematerial
Nach Auffassung der Hindus hat jede Person ihr eigenes Konzept von Gott und ist somit frei, sich ihren eigenen
Gott zu wählen. Die Vorstellung von vielen Göttern und Göttinnen kommt aus demselben Glauben. Jeder ließ den
anderen in Ruhe, um seinen eigenen Gott zu verehren. Ohne Zweifel wurden die Hindus wegen dieser ihrer
Eigentümlichkeit verfolgt und kritisiert, und einige von ihnen waren überzeugt, dass es sich nicht so verhält. Doch
gleichzeitig ist genau das die Gottesanschauung der Hindus. Aus diesem Grunde haben all die Hindus der
unterschiedlichsten Glaubensrichtungen dieselbe Religion mit unterschiedlichen Göttern, denn jeder lässt dem
anderen seinen Gott.
Und nun kommen wir zu der Ansicht der Hindus über den Propheten. Sie glaubten an den Propheten, jeder
wählte sich aus den Männern der Geschichte seinen Propheten, und man zwang dem anderen nicht seinen Glauben
an seinen Propheten auf. Darum gibt es einige, die sich Vishnu-Bhaktis, Verehrer Vishnus, nennen, andere heißen
Shiva-Bhaktis, sie sind die Verehrer Shivas, andere heißen Krishna-Bhaktis, sie sind die Anhänger Krishnas, und
wiederum andere nennen sich Rama-Bhaktis, sie sind die Anhänger von Rama. Aber glauben Sie, dass die
Anhänger Ramas die Anhänger von Krishna als Heiden oder Götzenanbeter ansehen? Sie denken: "Sein Prophet ist
Rama, mein Prophet ist Shiva." So kommt er nicht dazu anzunehmen, dass der Prophet des anderen Bhakti weniger
wert sei als sein eigener. Er respektiert des andern Ideal, betrachtet es ohne Vorurteil, ohne Kritik, er lässt ihm
einfach sein eigenes Ideal und hat zugleich Respekt davor. Niemals schauen die Anhänger der verschiedenen
Propheten auf die anderen herab als die Anhänger eines Propheten, der weniger wert ist oder geringer als der
andere, und gleichzeitig erheben sie ihren Propheten, wer immer er auch sei, so hoch, dass nichts größer sein
könnte, dass nichts anderes, kein anderer Prophet größer ist. Und doch betrachten sie einen anderen nicht mit
Geringschätzung oder mit dem Gedanken, dass er weniger zu schätzen wäre.
Und nun zum Gottesdienst. Sie haben verschiedene Arten der Gottesverehrung, und sie lassen jedem einzelnen
seine Art der Verehrung, und doch nennen sie alle verschiedenen Arten der Verehrung 'Gottesdienst'. Sie
empfinden dasselbe dabei; für eines anderen Verehrung haben sie dieselbe Hochachtung. Unter den Hindus gibt es
niemals Streitigkeiten über die unterschiedlichen Formen der Gottesverehrung. Es gibt Gottesdienste, wo der Hindu
Krishnas Statue in eine kleine Wiege legt, und die Frauen schaukeln diese Wiege, und die Männer stehen in tiefer
Verehrung dabei. Man könnte denken: die Rasse der Hindus, so alt, so gedankenvoll, so philosophisch, solch
meditative Menschen, mit uralten Wissenschaften - befinden sie sich auf solch einem niedrigen Niveau, dass sie
vor der Krishna-Puppe stehen, die in der Wiege hin- und her schwingt, Männer wie Frauen in Andacht und
Verehrung? Aus ihrer Toleranz und Achtung heraus respektieren sie jede Form, die von einer Gemeinschaft
angenommen wurde, und sie ziehen Nutzen aus dieser Form, indem sie diese im richtigen Sinne gebrauchen. Es ist
wunderbar, die große Toleranz mit anzusehen, die ein Hinduverehrer für verschiedene Auffassungen von Religion
hat. Dazu kommt, dass es für den Hindu nicht nur Gottesverehrung ist; eine bestimmte Form der Verehrung ist das
einzige Gebet für ihn. So verrichtet er Gebete von morgens bis abends.
Und nun zu den Ansichten der Hindus über Meditation. Ohne Zweifel ist Meditation ihre höchste Religion, und
jeder, der durch die Ausübung von Religion einen Punkt erreicht hat, an dem er meditieren sollte, meditiert, aber er
behält doch zugleich die äußere Form bei. Er denkt niemals: "Ich bin zu weit fortgeschritten, um mich mit den
gewöhnlichen Formen abzugeben." Diese Einfachheit ist es, die ihm hilft, sich zu entwickeln und die höchste
Verwirklichung zu erreichen. (Ansprachen an die Sirajs und Cherags Nr. 34)
Meditation mag uns in eine Erfahrung führen, wo wir in jenem gefürchteten Übergang über die Schwelle des
Todes erwachen, der erlebt wird, wenn wir noch in der Lage sind, zurückzukehren und davon zu erzählen; und
- 61 -
diese Erfahrung scheint aus einer systematischen und methodischen Befreiung aus all den Bindungen,
Verstrickungen und Illusionen hervorzugehen, welche die Inkarnation charakterisieren. Um dies zu erreichen,
empfehlen die östlichen Wege - besonders die hinduistischen und buddhistischen -, sich von aller Konditionierung
zu befreien, mit der Konsequenz des Auseinanderfallens der Persönlichkeit und des Selbstbilds. (Pir Vilayat,
Toward the One)
Der Mensch denkt und Gott lenkt. Die Hinduphilosophen haben diese beiden großen Kräfte, wovon die eine die
Intention ist und die andere die Macht der Zerstörung, mit den Namen Brahma, der Schöpfer und Shiva, der
Zerstörer benannt. Und der wunderbarste Teil in dieser Beziehung zwischen Schöpfung und Zerstörung ist dies,
dass Shiva in einem Moment zerstört, was Brahma in tausend Jahren erschafft. Da Gott allmächtig ist, erblicken die
Weisen die Hand Gottes in der größeren Macht, die sich entweder in einem Individuum oder einer bestimmten
Bedingung oder Situation manifestiert, und anstatt zu sehr gegen die Schwierigkeiten des Lebens anzukämpfen und
anstatt über Verluste zu jammern, die man sowieso nicht ändern kann, überlassen sie sich dem Willen Gottes.
(Gatha III)
Dies ist der Zustand, in welchem dem Bewusstsein nichts anderes bewusst ist außer seiner eigenen Existenz. In
den Schriften der Hindus nennt man diesen Bewusstseinszustand Mukti, Freiheit. Es ist ein sehr hoher Zustand. Im
Islam nennt man ihn Najat, Befreiung. Die Mystiker erfahren diesen Zustand bewusst, der gewöhnliche Mensch
erlebt ihn im Tiefschlaf, wenn er nicht weiß, wo er ist und was er ist. (Supplementary Papers - Philosophy)
Es ist schöpferisch und man findet darin das Geheimnis spiritueller Befreiung. Brahmanen, Vedantisten und
Buddhisten, welche die Karma-Idee für die oberste Doktrin halten, wachsen über die Idee von Karma hinaus,
sobald sie die Zielvorstellung berühren, die durch Spiritualität erreicht werden soll und die sie Mukti oder Nirvana
nennen. Denn es ist eine Vorbedingung, dass ein Mensch sich über diese Vorstellung von Karma erhebt. Anders
wird er Nirvana nicht erreichen.(Gathekas, No. 14)
Die religiöse Begründung für Reinkarnation ist folgende: Da nicht jede Seele würdig ist, direkt mit Gott zu
verschmelzen, so wird gesagt, reinkarniert sie zahllose Male, um vollkommen zu werden, bis die letzte
Bestimmung erreicht ist, und dies, weil sie gezwungen ist, alle Missetaten zu bezahlen, bevor sie die Gegenwart
Gottes erreicht. Die Antwort auf diese Vorstellung ist die: Wenn selbst der Mensch mit seinem begrenzten
Gerechtigkeitssinn niemals jemanden bestraft, ohne ihm zu sagen, wofür er bestraft wird, wie könnte dann Gott, der
Barmherzige und Gerechte, eine Seele zur Strafe auf Erden inkarnieren lassen, ohne ihr ihre Fehler bewusst zu
machen? (The Sufi Message Vol. 8)
In Indien wird man nicht viel Gerede über Reinkarnation finden; die Menschen dort werden mehr über Karma
reden. Die Yogis, die zu den Hauptvertretern der Reinkarnations-Idee gehören, glauben nicht für einen Moment,
dass Reinkarnation für sie bestimmt ist. Fragt man einen Yogi, wird er sagen: "Nein, ich strebe nach Mukti,
Erlösung." (The Sufi Message Vol. 8)
Der Grund, warum die Doktrin der Reinkarnation den Hindus und Buddhisten vermittelt wurde, muss der
gewesen sein, dass die Menschen in Indien damals intellektuell sehr entwickelt waren - in Philosophie, in
Wissenschaft, in Logik, in materiellen Phänomenen - und mehr an das Gesetz als an die Liebe glaubten. (The Sufi
Message, Vol. 5)
Die Vorstellung der Hinduphilosophie ist die, dass das Leben in der Welt eine Illusion ist und darum jede
Erfahrung im Leben und Kenntnis dieses Lebens auch Illusion ist. Das Sanskrit-Wort für diese Illusion ist Maya,
man nennt es auch Mithea, wovon das Wort Mythos abstammt. (The Sufi Message Vol. 9)
Im Vedanta heißt es: Die Welt ist Maya. Maya bedeutet etwas Unwirkliches, und den erleuchteten Seelen wird
die Welt ganz unwirklich, sobald sie anfangen, das Wirkliche zu erkennen, und wenn sie die Welt mit dieser
Wirklichkeit vergleichen, erscheint sie sogar noch unwirklicher. (The Sufi Message Vol. 8)
Was Einstein über Relativität sagt, ist das selbe, was sehr viel früher die Hindus Maya genannt haben, Illusion:
Illusion hervorgerufen durch Relativität. (The Sufi Message Vol. 8)
Es ist falsch anzunehmen, dass schlimmere Dinge auf uns warten, weil das Schicksal unser Karma bewahrt hat
und beabsichtigt, dass wir leiden müssen, dass wir für unser Karma zahlen müssen. Denn wer sich seines Karmas
bewusst ist, wird hohe Zinsen zahlen müssen; je bewusster er sich dessen ist, desto höher sind die Zinsen, die er
wird zahlen müssen. (The Sufi Message Vol. 8)
Die Bedeutung des Bades im Ganges ist die, gereinigt zu werden, ehe man irgendeine Anstrengung macht, den
spirituellen Pfad zu betreten. Die Läuterung des Körpers wie des Geistes sind gleichermaßen notwendig, bevor man
den ersten Schritt hin zum Gottes-Ideal macht. Man darf sich der Gottheit nicht nähern vor solch einer Reinigung;
dies betrifft die äußere ebenso wie die innere Reinigung, denn allein dann, wenn ein Mensch rein ist, wird er es
leicht finden, in die ersehnte Gegenwart zu gelangen. (Gatha II, 10)
- 62 -
Nach den Vorstellungen der Hindus gibt es anscheinend vier Ziele, zu denen der Mensch sich generell
hingezogen fühlt mit dem Gefühl, das dies sein Weg ist: Dharm, Ardh, Karm, Moksha.
1. Dharm, Pflicht. Manchmal gibt ein Mensch sein ganzes Leben und alles, was er hat, einem Menschen hin,
den er liebt: einem Bruder, einer Schwester, Mutter, Vater, Sohn oder Tochter, einem Propheten, Lehrer,
jemandem, der ihn inspiriert, jemandem, dem er sich verpflichtet fühlt. Für die Nation gibt er im Krieg sein Leben;
das betrachtet er als seine Tugend. Derselbe Weg mag für den einen ein richtiger, wünschenswerter, guter und
tugendhafter Pfad sein, für den andern ist der gleiche Pfad falsch. Aber hat irgendeiner das Recht, den Pfad eines
anderen falsch zu nennen? Wie weit auch immer ein Mensch entwickelt sein mag - hat er das Recht, den Pfad eines
anderen zu verurteilen? Er kann kein Recht dazu haben, denn jeder hat im Leben sein eigenes Rätsel zu lösen.
2. Ardh, Erde. All das, was die Erde bietet - Wohlstand, Besitztümer, Rang oder Macht, alles was die Welt
geben kann - jemand arbeitet dafür und bemüht sich darum. Er denkt: "Dies ist der weise Weg, der praktische
Weg." Und wenn wir es von der anderen Seite her betrachten, kamen die größten Wohltaten von denen, die auf
diese Weise gearbeitet und die Früchte dann der Menschheit gegeben haben. Wie kann man das verurteilen und
sagen, das sei nicht der richtige Weg? Vielleicht empfindet sogar die große Masse der Menschheit diesen Weg,
durch welchen einer zu solch einem Rang oder Reichtum aufgestiegen ist, dass er über viele gebieten kann, nicht
als falsch.
3. Karm, der Weg des Glücks, der Annehmlichkeiten, des Vergnügens. Ein Mensch, der nach Glück, Vergnügen
und Annehmlichkeiten strebt, denkt sehr oft an die anderen, denn solch einer versteht oftmals die Bedürfnisse der
anderen. Einer, der im Wald auf Steinen schläft, weiß nicht, was die Welt will, aber der, welcher nach Glück
trachtet, kann sein Glück mit anderen teilen. Ein Mensch, der sich selbst quält, vermag kein Glück mit anderen zu
teilen, eben weil er sich selbst quält. Wenn wir es von diesem Standpunkt aus betrachten können, wird für alles
Toleranz und Vergebung in uns erwachsen.
4. Moksha, Befreiung. Das, zu dem alle religiösen und frommen Menschen vordringen, ist Moksha. Sie streben
nach irgendeiner Belohnung, irgendeinem Glück in einem zukünftigen Leben. Sie denken: "Wenn das Leben in
dieser Welt entmutigend ist, wenn unsere Ergebenheit, unser Dienst hier keinen Nutzen hat, wird es im Jenseits
eine Belohnung geben." Zu welchem Glauben, zu welcher Religion sie auch immer gehören - solange sie auf ihrem
Pfad bleiben, werden sie ohne Zweifel etwas erreichen, vielleicht mehr als der Mensch, der schon morgen eine
Belohnung erwartet. Denken Sie an die Geduld, die diese Menschen haben, und die guten Taten, die sie tun. Und
während ein Mensch, der Gutes tut und eine Belohnung im Diesseits erwartet, den guten Pfad verlassen mag, wird
im Gegensatz dazu der, welcher eine Belohnung im Jenseits erwartet, auf seinem Pfad bleiben. (Supplementary
Papers - Philosophy)
Hali, ein Hindu-Dichter, sagt: "Oh Augen voller Verlangen, Gott zu schauen, blickt nach innen, der Gott, den
ihr überall verehrt, ist im Innern." Das bedeutet, dass die Augen nach innen gerichtet sein sollten, um Gott in uns
selbst zu schauen. Des Menschen Streben sollte dahin gehen, Gott zu erkennen und, indem er Ihn erkennt, frei zu
sein, sein Leben zu verwirklichen, unabhängig und unsterblich, frei von Tod und Zerfall, frei von Schwierigkeiten,
Sorgen und Nöten der Welt. (Supplementary Papers - Philosophy)
Ekstase ist das Rauschmittel, das die eintönige Existenz ihrer Langeweile enthebt, das Ego zu seiner
Quintessenz, zu reinem Geist transfiguriert und Menschen stimuliert, vibrieren und ins Leben hinein tanzen lässt,
so wie Shiva den kosmischen Tanz der sich drehenden Planeten tanzt, nachdem er äonenlang unbeweglich auf der
Spitze des Berges Kailash saß. Es ist reine Sehnsucht - des Menschen Bestreben, über sich selbst hinauszureichen,
nicht nur der Unermesslichkeit des Raumes gegenüber zu stehen oder der Endlosigkeit der Zeit oder der
Unendlichkeit der Zahlenreihe oder der Unbegrenztheit der Möglichkeiten, sondern auch der Unfassbarkeit sich
ausweitender und nie endender Dimensionen von Verstehen und allumfassender Liebe. Es steigert sich, indem man
sich selbst übertrifft, fortwährend seine eigenen Rekorde schlägt, seinen Horizont überschreitet, durch des Lebens
Prüfungen zerrissen und dann wiederhergestellt wird, die Pforten des Todes durchschreitet und dann wieder
aufersteht, den geheimen Quell der Existenz berührt und das kleine Selbst im großen Selbst aufgehen lässt. (Pir
Vilayat Inayat Khan, The Message in our Time)
Der Geist inneren Aufruhrs zeigt sich als Intoleranz, Rivalität, Eifersucht, Dominanz, Irritierbarkeit und
Bevormundung; all solche Qualitäten deuten auf inneren Aufruhr in der menschlichen Natur hin. Wenn wir das
Leben derer studieren, die der Menschheit gedient haben, sehen wir, dass dies das Erste war, das sie überwinden
mussten. Wenn es über Krishna heißt, dass er eine Schlacht gegen Kansa, das Monster schlug, so war dieses
Ungeheuer nicht außerhalb von Krishna, sondern in ihm; dieses Monster war jener Geist inneren Aufruhrs. Krishna
musste es bekämpfen, und erst nachdem er diesen Geist inneren Aufruhrs besiegt hatte, wurde Krishna zum
Botschafter der Liebe. (Social Gathekas, Nr. 24)
Shri Krishna sagt in der Bhagavad Gita: "Wenn Dharma gestört ist, dann werde ich geboren." Das bedeutet, dass
eine Manifestation, welche die Menschen als Retter oder Botschafter erkennen, immer dann kommt, wenn die
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Notwendigkeit dazu erwächst. Mit anderen Worten, es ist Notwendigkeit, es ist das Bedürfnis der Welt, was den
Geist dazu veranlasst, in seiner wahren Gestalt aufzusteigen. Und doch: wann immer der Geist Gottes sich in seiner
wahren Gestalt erhoben hat, ist die Welt gegen ihn gewesen. (The Sufi Message, Vol. 9)
Der Sufismus ist keine Religion, denn er lehrt keine Doktrin oder Prinzipien, sondern er ist eine Sichtweise. Die
alten Vedantisten haben diese Sichtweise angenommen, indem sie das heilige Wort Tat svam asi lehrten: "So wie
DU bist, so bin ich." Wenn das Sichtvermögen sich verfeinert, werden aus dieser Perspektive für den Seher selbst
feste Objekte durchsichtig werden und zu ihm sprechen; und was man Psychometrie nennt oder dergleichen
Phänomene, das wird wie ein Spiel für den Seher. Das ganze Leben beginnt sich vor ihm aufzutun wie ein offenes
Buch. (Gatha I,2)

- 64 -
Teil VIII:

Die Lehre Buddhas

- 65 -
Teil VIII: Die Lehre Buddhas
I. Erforderliche Lektüre
A) Das folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Buddha
B) Ergänzendes Lesematerial
C) Pir Vilayat Inayat Khan über Buddhismus und Sufismus14

II. Lernziele
- das Wesen des 'subtilen Denkens' im Unterschied zum alltäglichen Denken zu erkennen
- den Zusammenhang zwischen Selbst-Erkenntnis und Freiheit der Seele zu entdecken
- die tiefe Bedeutung von Mitgefühl zu erfassen, wie sie in der Lehre Buddhas zum Ausdruck kommt
- sich zu vergegenwärtigen, inwiefern spirituelle Demokratie im Keim das Heilmittel für das Leiden der
heutigen Menschheit enthält

III. Überblick über das Thema


"Die Essenz der Einsicht ist das Wissen um Gott." (Nirtan - Boulas)
Künstlerische Darstellungen des Wesens von Buddha geben uns ein Ideal, das "Ausgeglichenheit, Gemütsruhe,
Frieden, das Sich-Versenken nach Innen, Reinheit des Charakters, Schönheit der Persönlichkeit, Freundlichkeit,
Zartheit, eine ruhevolle Geisteshaltung und vollkommene Weisheit" ausdrückt. Diese Qualitäten geben uns einen
Schlüssel zum inneren Wesen Buddhas, des Tathagata: "Derjenige, der so geworden ist."
Die Botschaft, die der Prophet Buddha der Welt brachte, spricht heute ebenso deutlich zu uns, wie vor
Hunderten von Jahren. Die Seelen der Menschen sehnen sich so sehr nach Erlösung vom Leiden, das der Preis
dafür ist, dass Gott Mensch wurde. Der Buddhismus eröffnet einen Weg, auf dem jede Seele, erleuchtet vom Licht
der göttlichen Intelligenz, Schritt für Schritt zur Freiheit erwachen kann.

IV. Übungen
A. Das Wesen des Denkens:
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1. In Toward the One schreibt Pir Vilayat Inayat Khan, dass "das Leben als Kaleidoskop erscheint, in dem
Gestaltung und Auflösung unaufhörlich wechseln, ein Strom, in dem, wie Buddha sagt, 'das einzig Beständige die
Sehnsucht ist'."
Wie hat sich die Erfahrung der Sehnsucht auf Ihre eigene spirituelle Entwicklung ausgewirkt? Haben Sie einen
oder mehrere Wege entdeckt, auf die Sehnsucht Ihrer Seele zu antworten? Was haben Sie entdeckt, das dieser
Sehnsucht Antwort gibt?
2. "Was die Seele wirklich sucht, ist ein anderes Wissen. Die Seele kann nicht zufrieden sein, bevor sie nicht
dieses Wissen gefunden hat, aber dieses Wissen kommt nicht durch das Erlernen von Namen und Formen. Im
Gegenteil, es stellt sich ein durch Ver-Lernen". (The Alchemy of Happiness)
Was, meinen Sie, hat Hazrat Inayat Khan mit "Ver-Lernen" gemeint? Wie geht man diesen Prozess an?
3. Die Botschaft von Buddha wurde einem Volk gebracht, das "keinen Schritt tat, ohne dass es dafür einen
vernünftigen Grund und eine logische Erklärung gab". (The Sufi Message, Vol. 12 - Confessions) Seine Mission
war, diesen Menschen "ein Verständnis jenseits dessen zu geben, was religiöse Hingabe lehren kann". (The Sufi
Message, Vol. 6 - Alchemy of Happiness) Das geschieht, indem man das Denken, das nötig ist, um die
Verwicklungen des äußeren Lebens zu entwirren, auf die Entdeckung der Geheimnisse des inneren Lebens lenkt.
Doch diese zwei Aspekte des Denkens erweisen sich als sehr verschieden voneinander: keiner von beiden lässt sich
auf den Bereich des anderen anwenden.

14
Ein Vergleich zwischen Buddhismus und Sufismus (Keeping in Touch 127 & 128) und Curriculum des Sufi-Ordens -
Lektionen 21-25
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Mit diesem Verständnis äußern Sie sich bitte zur Bedeutung folgender Sätze aus dem Gayan, Vadan, Nirtan von
Hazrat Inayat Khan:
- "Es ist natürlich, dass himmlische Vernunft nicht mit irdischer Vernunft übereinstimmt." (1085)
- "Denken ist wie eine Leiter; mit dieser Leiter kann man aufsteigen, und von dieser Leiter kann man
herunterfallen." (1086)
- "Vernunft gehört sowohl zur Erde als auch zum Himmel. Ihre Tiefe ist himmlisch, ihre Oberfläche irdisch, und
was die Kluft zwischen Himmel und Erde in Gestalt von Vernunft füllt, ist das Bindeglied, das sie vereint. Darum
kann vernünftiges Denken außerordentlich verwirrend, aber auch höchst erleuchtend sein." (1297)
4. Hazrat Inayat Khan sagt, dass Buddha "schließlich herausfand, dass die Analyse des Lebens, eine gründliche
Analyse, das Denken von aller Dunkelheit befreit und sein eigenes ursprüngliches Licht in ihm hervorruft." (Die
Einheit der religiösen Ideale)
Was ist die Quelle dieses Lichts? Warum heißt es 'ursprünglich'? Was meint Pir Vilayat Inayat Khan, wenn er
schreibt: "Reinigung geschieht, wenn es nichts außer kühlem Licht gibt"? (Toward the One)
5. Formulieren Sie Ihr tiefstes Verständnis von diesem Zitat: "Vernunft in ihrer Essenz ist die Tiefe der
Intelligenz. Die Intelligenz weiß - nicht weil sie gelernt hat; sie weiß, weil sie weiß." (Die Einheit der religiösen
Ideale)
6. Warum bezeichnet Hazrat Inayat Khan Vernunft als 'höchste Intelligenz'?
7. Äußern Sie sich in einer kurzen Geschichte über die folgenden Zeichnungen, die den Prozess von Buddh oder
subtilem Denken beschreiben, angewandt auf "das Bewusstwerden dessen, was man war, bevor man in den
Werdeprozess eingebunden wurde".

B. Selbst-Erkenntnis und Freiheit:


Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1. Eine der Voraussetzungen, die Pir Vilayat als grundlegend für das Verstehen des Buddhismus bezeichnet, ist
"ein sehr starkes Bewusstsein dessen, dass Leiden aus Unwissenheit entsteht." Hazrat Inayat Khan bezeichnet diese
Unwissenheit als die "Wurzel allen Unglücks und allen Leids." (The Sufi Message, Vol. 10) Was heißt in diesem
Zusammenhang Unwissenheit? Was wird nicht gewusst?
2. Schildern Sie eine Begebenheit aus Ihrem Leben, in der Sie zurückschauend erkennen, dass Ihr Leiden das
Resultat Ihrer Anhaftung an eine bestimmte Sichtweise war.
3. Hazrat Inayat Khan schrieb: "Um zu sein, muss man durch ein Stadium hindurchgehen, in dem man nichts
ist". (Die Einheit der religiösen Ideale) In diesem Stadium der Vernichtung, das die Buddhisten Nirwana nennen,
erwacht man aus seiner begrenzten Perspektive zum Bewusstsein seines wahren Selbst. Warum sagt Hazrat Inayat
Khan, dass Nirwana die wahre Selbstverleugnung ist? Worauf bezieht sich der Terminus 'Selbstverleugnung', wie
er ihn gebraucht? Was gibt man auf?

- 67 -
4. Selbst-Erkenntnis wird charakterisiert als ultimatives Heilmittel. (Message Papers) Beschreiben Sie bitte, wie
die Erkenntnis des wahren Selbst, die weit außerhalb des Lebens stattzufinden scheint, das Heilmittel für das
qualvolle Leiden sein kann, das man mitten im Leben stehend so stark empfindet.
5. Im Samadhi-Zustand berührte Buddha jene Essenz der Intelligenz, die unbegrenzt ist: "jenseits der Trennung
von Existenz und Nicht-Existenz". "Dies", so rief er aus, "ist das Ende der Vorbestimmung!" Beschreiben Sie, wie
Sie diesen Ausspruch verstehen! Wie würde sich Ihrer Meinung nach dieses Gefühl äußerster Freiheit auf die
menschliche Kreativität auswirken, wenn die Menschheit den Sinn der Botschaft Buddhas verstünde?

C. Mitgefühl:
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1. Als Kind wurde Buddha von seinen Eltern im Palast festgehalten, um ihn vor dem Anblick der irdischen
Sterblichkeit und des Leidens zu bewahren. Wie wirkte sich der göttliche Plan im Leben Buddhas während dieser
Zeit der Einsamkeit aus? (Message Papers)
2. Manches von der Erfahrung Buddhas in der Begegnung mit Begrenzung - Tod, Krankheit, Alter und
menschliches Elend - wird an einem gewissen Punkt von jedem Kind erlebt. Notieren Sie, wie Sie auf die erste
Begegnung eines Kindes mit Tod und Leiden reagieren würden.
3. Hazrat Inayat Khan sagt, wenn er über Buddha und Selbst-Erkenntnis spricht: "Gib dem Armen Geld, und er
wird noch ärmer." (Message Papers) Was, glauben Sie, wollte er damit sagen? Was wäre der Unterschied - im
Umgang mit den Armen - zwischen einem Menschen voller Mitgefühl und einem, der die Armen bemitleidet?
4. Es scheint ein Paradox: "Selbst, wenn alle verschiedenen Arten von Leid und deren Ursachen beseitigt wären,
würde der Mensch immer noch nicht vom Leid befreit sein." (Die Einheit der religiösen Ideale) Wenn Sie ein
Sozialpolitiker wären, der das soziale Wohlfahrtssystem neu organisieren sollte, wie würden Sie es aus dem
Verständnis dieser Lehre heraus umgestalten, um den Bedürfnissen der Armen, der Benachteiligten und der
Bedürftigen zu entsprechen?
5. Reflektieren Sie über die Stelle aus den ergänzenden Texten, die mit dem Satz beginnt: "Das erste, woran ich
ohne Zögern glaubte, war die Existenz der Seele."
Hazrat Inayat Khan schrieb: "Das zentrale Thema der Lehre Buddhas ist ahimsa parmo dharmaha:
Gewaltfreiheit ist die Essenz der Religion." (Message Papers) Versuchen Sie mit Worten aus der oben erwähnten
Zusatzlektüre darzustellen, warum die verwirklichte Seele natürlicherweise die Religion der Gewaltlosigkeit
gegenüber jeder Kreatur annehmen würde.

D. Spirituelle Demokratie:
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen.
1. "Derjenige Mensch verdient am meisten Verehrung, in dessen Herz sich die Essenz der Vernunft, Buddhi, wie
ein Springquell erhoben hat. Aus diesem Wissen erkennt er die Möglichkeit jeder Seele, die Glückseligkeit zu
erlangen." (Die Einheit der religiösen Ideale) Wie lässt es sich, hiervon ausgehend, begründen, dass jede Seele die
Hoffnung in sich trägt, eines Tages Buddha zu werden?
2. Wie kann man die Botschaft Buddhas als eine Antwort auf das Brahmanentum verstehen?
3. Was, glauben Sie, könnte der Zusammenhang sein zwischen dem zunehmenden Interesse am Studium des
Buddhismus und dem Aufblühen der Bürgerrechtsbewegung in den USA der 60er Jahre?
4. Buddhismus ist nach Hazrat Inayat Khan "in seinem Kern höchst demokratisch. Buddha zeigte jedem
Menschen, dass der Schlüssel in ihm selbst liegt, dass das Geheimnis in ihm selbst ist, dass er den Weg im Innern
finden kann, wenn er nur danach sucht." (Message Papers)
Wie würden Sie diese Lehre im Umgang mit Süchtigen, Prostituierten, Kriminellen oder anderen anwenden, die
an tiefster Verzweiflung und Selbsterniedrigung leiden?
5. Warum hat Buddha nicht beansprucht, die Gottheit zu sein? (Message Papers)

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Kreative Übungen:
Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Übungen.
1. Meditieren Sie über eine künstlerische Darstellung Buddhas, die Ihnen (in Form einer Statue oder einer
Abbildung) zur Verfügung steht Versenken Sie sich in das Bewusstsein Buddhas, und schreiben Sie einen Brief,
wie er ihn heute den Menschen der Erde schicken könnte.
2. Praktizieren Sie eine Woche lang jeden Tag den Gang Buddhas, (siehe Ergänzendes Lesematerial).
Beschreiben Sie die Wirkung (a) auf Ihr Wesen während der Übung und (b) auf Ihre Bewusstheit im täglichen
Leben.
3. Praktizieren Sie die buddhistischen Kontemplationen, die Pir Vilayat als Meditationsthema gegeben hat
(Ergänzendes Lesematerial). Drücken Sie Ihre Erfahrungen mit jedem dieser 'Gedanken' - Liebe, Barmherzigkeit,
Freude und Friede - in einem Mudra, einer Bewegung, einer Zeichnung oder einem Klang aus.
4. Schauen Sie sich in einem Buch Zeichnungen der Haltung und der Mudras von Buddha an, wählen Sie drei
aus, und sitzen Sie täglich für eine Weile in einer dieser drei Haltungen. Schildern Sie, was Sie in diesen Übungen
erleben. Welche Qualitäten Buddhas haben Sie dabei in sich selbst entdeckt? Denken Sie daran: "Die
unterschiedlichen Haltungen, in denen die Verehrungswürdigen stehen oder sitzen, die Art wie Buddha seine
Hände hält - all das drückt für den Wissenden eine Lehre aus, die mit der Kultur des Geistes verbunden ist." (Sufi
Message, Vol. 10 - Art: Yesterday, Today and Tomorrow)

Ergänzendes Lesematerial
Es war Gottes Plan, der durch den Geist von Buddhas Vater wirkte, und Buddha diese Einsamkeit verordnete.
Der Grund für diese Art Läuterung, die sich über lange Zeit erstreckte - von seiner frühen Kindheit bis ins
Erwachsenenalter -, war der, dass der Geist, der dabei war, das Mittel zur Befreiung der Seele zu finden, diese
Ruhe, Einsamkeit und Stille brauchte, um sein erhabenes Herz reifen zu lassen. Man könnte meinen, dass es
grausam ist, wenn die Eltern an so etwas überhaupt denken, doch es erwies sich als außerordentlich gütig von
Seiten der Eltern. Es war so, weil es so zu sein bestimmt war. (Message Papers)
Buddha erhob nicht den Anspruch, die Gottheit zu sein. Sein Anspruch war, dass er den Schlüssel zum
Mysterium des Lebens gefunden hatte, dass er den Weg zur Vollkommenheit gefunden hatte, dass er das Heilmittel
für die Krankheit der Seele gefunden hatte. Das nahm er für sich in Anspruch. (Message Papers)
Jeder Moment in Buddhas Leben war dem Ziel gewidmet, das Heilmittel zu finden, um der Menschheit
Erleichterung zu verschaffen, wie auch immer das geschehen könnte. Auf dieser Suche nach Trost stieß er auf das
Mysterium, dasselbe Mysterium, das alle großen Seher und Propheten gefunden haben, und dieses Mysterium war
die Realisation des Selbst. Das und nichts anderes war das Heilmittel für alle Leiden. Gib dem Armen Geld, und er
wird nur noch ärmer. (Message Papers)
Der Buddhismus hat die Menschheit das Mitgefühl mit dem Leben in all seinen Formen gelehrt. Das zentrale
Thema der Lehre Buddhas war ahimsa parmo dharmaha. Das war Buddhas Losung, und es bedeutet:
Gewaltlosigkeit ist die Essenz von Religion. Der erste Schritt zu dieser Gewaltlosigkeit besteht darin, harmlos für
denjenigen zu werden, der uns am nächsten steht, für den Menschen. Aller Schmerz kommt daher, dass wir den
Schmerz eines andern nicht beachten. Das ist zwangsläufig. Eine schöne Lehre über dieses Prinzip bestünde darin,
jeden Moment unseres Lebens auf unser Gewissen zu hören und zu erkennen, dass wir durch einen Gedanken oder
ein Wort, durch einen Blick oder ein Stirnrunzeln, durch den Ton unserer Stimme, durch unsere Atmosphäre, durch
Gedanken oder Gefühle jemanden verletzen könnten. (Message Papers)

Um zu sein, muss man durch ein Stadium des Nichtseins gehen. Der Sufi nennt das Fana, wenn man denkt: "Ich
bin nicht das, was ich immer gedacht habe zu sein." Das ist die wahre Selbstverleugnung, welche die Hindus
Layam nennen und die Buddhisten Vernichtung. Es ist die Vernichtung des falschen Selbst, die das wahre Selbst
sich erheben lässt. Sobald das geschehen ist, gelangt der Mensch näher und näher zu Gott, bis er seinem göttlichen
Ideal, mit dem er in jedem Augenblick seines Lebens in Verbindung treten kann, von Angesicht zu Angesicht
gegenüber steht. (Die Einheit der religiösen Ideale)
Nur Realisation [verwirklichende Erkenntnis] des Selbst kann dem Menschen völlige Unabhängigkeit geben. Es
wäre keine Übertreibung zu sagen, dass das Herz des Menschen durch Realisation des Selbst größer als das
Universum wird. (The Sufi Message, Vol. 11 - Mysticism in Life)
- 69 -
Illusion ist das Äußere der Dinge; Realität ist die Tiefe der Dinge. Der Körper ist die Illusion, die Seele ist die
Realität. Die Blume ist die Illusion, der Duft ist die Realität. Der Duft ist der Geist der Blume; er überdauert.
(Aphorismen)
Zuerst glaubte ich bedenkenlos an die Existenz der Seele, und dann wollte ich das Geheimnis ihrer Natur
ergründen. Ich strebte beharrlich danach, die Seele zu finden, und fand schließlich heraus, dass ich selbst das war,
was sie verhüllte. Ich erkannte, dass das in mir, was glaubte, und das in mir, was wissen wollte, was in mir auf der
Suche beharrte, was entdeckte, und das, was schließlich gefunden wurde, nichts anderes als meine Seele war. Ich
dankte der Dunkelheit, die mich zum Licht brachte, und ich würdigte den Schleier, der für mich die Vision
vorbereitete, in der ich mich selbst widergespiegelt sah - die Vision, die im Spiegel meiner Seele entstand. Seither
habe ich alle Seelen als meine Seele angesehen und meine Seele als die Seele aller erkannt. Und welche
Verblüffung war es, als ich mir bewusst wurde, dass allein ich existierte, wenn überhaupt jemand existierte; dass
ich bin, was immer und wer immer existiert; und dass ich sein werde, wer auch immer in Zukunft sein wird. Und
mein Glück und meine Freude nahmen kein Ende. Wahrlich, ich bin der Same und ich bin die Wurzel und ich bin
die Frucht dieses Lebensbaums. (The Sufi Message, Vol. 5 - The Phenomenon of the Soul)
Was Buddha mit Unwissenheit meint, ist natürlich, dass jemand in einer bestimmten Sichtweise gefangen ist.
Was Buddha tut, ist, unsere Unwissenheit zu demaskieren, und deshalb ist Freiheit nicht so sehr ein Freisein von
der physischen Welt, sondern die Freiheit vom Gefangensein in ihr. Ich meine damit, es geht nicht darum, das
Bewusstsein von der physischen Welt auszublenden, sondern fähig zu sein, all das zu betrachten, ohne darin
gefangen zu sein. Man könnte sagen, dass es beim Buddhismus darum geht, die Dinge völlig unpersönlich, objektiv
zu betrachten und die Tricks zu entlarven, in die wir alle gewöhnlich verstrickt sind. (Pir Vilayat Inayat Khan,
Samadhi With Open Eyes, in: Leaders' Manual 2)
Eines Tages fragte jemand Buddha: "Was ist Unwissenheit? So oft hast du darüber gesprochen. Kannst Du es
veranschaulichen, es erklären?" Buddha antwortete: "Es gab einmal einen Mann, der klammerte sich an den Ast
eines Baumes in einer sehr dunklen Nacht. Die ganze Nacht hing er an diesem Zweig, und am Morgen sah er, dass
der Boden nur einen Fußbreit unter seinen Füßen war. Und all seine Furcht und Besorgnis und Qual, die er die
ganze Nacht über erlebt hatte, verschwand mit dem Anbruch des Morgens." (The Sufi Message, Vol. 11,
Philosophy)

Buddhistische Meditation
von Pir Vilayat Inayat Khan
Versuchen wir, in das Bewusstsein Buddhas einzutreten. Ich bin sicher, dass der Archetyp von Buddha
irgendwo in Ihrem Wesen präsent ist. Ich sehe ihn schreiten, umgeben von einer Zone der Stille. Ich sehe ihn
erleuchtet, voller Licht, strahlend, ein Wesen aus Licht. Ich sehe ihn, wie er sich aller Wesen, die leiden, erbarmt.
Buddha dehnt das Bewusstsein über das Ego hinaus aus, und infolge dessen beginnt er Universen jenseits des
Universums zu erfahren, in das wir eingeschlossen sind - Ketten von Wesen, verbunden durch karmische Ursachen
und Folgen. Er zeigt uns den Weg der Freiheit, die zum Erwachen, zur Erleuchtung führt.
Wir wollen gemeinsam eine buddhistische Meditation praktizieren:
Mit dem Gedanken der Liebe möchte ich die Welt betrachten. Möge diese Liebe sich ausbreiten in alle vier
Himmelsrichtungen. Und dann lass mich das ganze Universum bis an seine Grenzen umschließen mit dem
Gedanken der Liebe, die über die Maßen größer wird.
Mit dem Gedanken des Erbarmens möchte ich die Welt betrachten. Möge dieses Erbarmen sich ausbreiten in
alle vier Himmelsrichtungen. Und dann lass mich das ganze Universum bis an seine Grenzen umschließen mit dem
Gedanken des Erbarmens, das über die Maßen größer wird.
Mit dem Gedanken der Freude möchte ich die Welt betrachten. Möge diese Freude sich ausbreiten in alle vier
Himmelsrichtungen. Und dann lass mich das ganze Universum bis an seine Grenzen umschließen mit dem
Gedanken der Freude, die über die Maßen größer wird.
Mit dem Gedanken des Friedens möchte ich die Welt betrachten. Möge dieser Friede sich ausbreiten in alle vier
Himmelsrichtungen. Und dann lass mich das ganze Universum bis an seine Grenzen umschließen mit dem
Gedanken des Friedens, der über die Maßen größer wird.
(Buddhistische Meditation, in: Leaders' Manual 2)

- 70 -
Teil IX:

Die Religion Zarathustras

- 71 -
Teil IX: Die Religion Zarathustras

I. Erforderliche Lektüre
A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit der religiösen Ideale':
Zarathustra
Die symbolische Darstellung religiöser Ideen
Das Symbol der Sonne
B) Ergänzendes Lesematerial
C) Meditationen über Zarathustra von Pir Vilayat15
D) Die Musik der Religion Zarathustras
E) Zamyat Gramann (Hrsg.), Die Religion Zarathustras (CD-ROM)

II. Lernziele
- die Lehre von der Heiligkeit allen Lebens in der Religion Zarathustras und deren Bedeutung in unserer Zeit zu
verstehen
- zu erkennen, wie die Gläubigen der Religion Zarathustras Gott in der Natur und durch die Natur begegnen
- das Bewusstsein für Licht und Lichtwesen zu begreifen, das die Religion Zarathustras durchdringt
- die vorwärts drängende Kraft hinter der Religion Zarathustras zu erkennen, die ein Engagement für die
Umwandlung der Erde in den Himmel ist; mit diesem Ziel wird die Menschheit zum Mitschöpfer des Göttlichen,
indem sie der Weiterentwicklung der kosmischen Ordnung und des Universellen Geistes dient

III. Überblick über das Thema


"Die von Zarathustra gelehrte Form der Anbetung war die, Gott zu verehren, indem man der Natur seine
Huldigung erweist. Denn die Natur bringt der Seele das Endlose und Unbegrenzte Wesen nahe, das verborgen
hinter allem steht."
Die Religion Zarathustras bietet ihren Anhängern einen lebendigen Gott, da der Anbetende danach trachtet, sich
mit dem Ursprung zu verbinden, der sich in all den Wundern der Schöpfung manifestiert. "Ein Mensch kann zehn
Jahre lang mit geschlossenen Augen meditieren und doch nicht zu jener Seligkeit gelangen, die ein anderer offenen
Auges aus der Kommunikation mit der Natur empfangen wird, aus der Erkenntnis Gottes in ihr und aus der
Identifizierung seines Herrn mit der Gesamtheit aller Dinge."
Die Religion Zarathustras überbringt eine spirituelle Botschaft, die in unserer Zeit so sehr gebraucht wird - die
Ökologie -, und bietet uns Führung an, um unsere Verbundenheit mit der Natur erneut zu bekräftigen. "Es erfordert
ein heiliges Vertrauen zwischen Mensch und Natur, sein Versprechen, sie zu respektieren und seine Beziehung zu
ihr zu heiligen im Namen Gottes." (Pir Vilayat Inayat Khan)
"Nachdem man alle Naturwesen in ihrer Seele anstatt in ihrem Körper angerufen hat, kommuniziert man
wirklich mit ihnen, sodass man etwas von ihrem Licht erlebt und sein eigenes Licht in einer wahren Kommunion
von Licht entzündet." Für Pir Vilayat ist Licht der große Schatz, der in den Lehren der Magier gefunden werden
kann. Von der Entdeckung eines Netzwerks aus Licht hinter der physischen Erscheinung des Universums bis hin
zur Interaktion von Wesen auf der Engelsebene ist die Religion Zarathustras eine Symphonie aus Licht. Die
praktische Anwendung dieses Themas findet man in dem Archetyp des Ritters, dessen Mission es ist, die Erde
umzuwandeln durch reine Gedanken, reine Worte und reine Taten.
"Möge ich ein Instrument werden für die Auferstehung der Welt." (Zend Avesta)

IV. Übungen
Übungen zur Einstimmung:
Bitte bearbeiten Sie die vier folgenden Abschnitte, die uns auf den Geist der Religion Zarathustras einstimmen.
Beachten sie, dass einige Teile keine schriftliche Antwort erfordern.

15
in: Handbuch für Murids Bd. I - Anrufung der geistigen Hierarchie; und: Erwachen – Eine Sufi-Erfahrung, Kapitel 3
- 72 -
1. Sprechgesang eines Priesters der Zarathustra-Religion (CD): Bitte meditieren Sie über den Propheten
Zarathustra, während Sie diesen Chants zuhören. Denken Sie über folgendes Zitat nach, das eine weitere
Orientierung bezüglich des Propheten gibt.
"Er ist ein sehr machtvoller kosmischer Archetyp des Menschen, begleitet von Armeen von Engeln, die einen
unbarmherzigen Kampf gegen das Böse führen im Wissen um die globale Sinnhaftigkeit des Lebens auf dem
Planeten und überall im Universum, wo ein großer Kampf stattfindet. Er hat eine Atmosphäre von Sieg um sich,
weil er die Kräfte des Lichtes verkörpert." (Pir Vilayat Inayat Khan, Ergänzendes Lesematerial)
2. Rufen Sie aus der Tiefe einer andachtsvollen Einstimmung die Hierarchie der Religion Zarathustras an,
indem Sie auf die verschiedenen göttlichen Aspekte und Qualitäten meditieren, die sie verkörpern:
Ahura Mazda, der Allerhöchste Gott;
Spenta Mainyu, der heilige Geist;
Vohu Manah, der Erstgeborene, Prototyp der Menschheit;
Asha, die Macht der Wahrheit gegen die Lüge;
Chsathra Vairya, der Michael der Religion Zarathustras, Erzengel des Sieges über das Böse;
Spenta Armaiti, der weibliche Erzengel der Weisheit der Erde;
Amertat, der Erzengel der Auferstehung;
Haurvartat, der Erzengel der Wiederherstellung aller Dinge in ihrer ursprünglichen Herrlichkeit;
Ushi Darena, der weibliche Erzengel der Morgendämmerung, der den verstorbenen Seelen hilft;
Daena, der Archetyp aller Seelen;
Ardvisura, der Erzengel vom Wasser des Lebens.
"Jetzt wiederholt man das in der Vor-Ewigkeit abgegebene Versprechen, zu dienen im Kampf auf der Erde
zwischen den Kräften des Lichts und der Dunkelheit, und man gelobt, niemals eine Lüge zu sagen, und man bietet
an, sich in den Dienst des Lichthimmels zu stellen, indem man teilnimmt an der Umwandlung der Erde in den
Himmel. Darauf empfängt man das erzengelhafte Licht des Königs der Könige - Xvarnah - durch das
Kronenzentrum. Es ist das Erwachen göttlichen Bewusstseins am Horizont unseres Wesens." (Pir Vilayat Inayat
Khan, The Message Magazine, Vol. 2, #11, Household Practices)
3. Die Anbeter des Lichtes "betrachten die Sonne und erkennen, welche Freude sie bringt. Was steht hinter ihr?
Woher kommt sie? Denkt an ihren Ursprung und an ihr Ziel und wie ihr euch darauf zu bewegt. Die Leute dachten
dann, dass es sich um Sonnenanbetung handele, aber so war es nicht; es war die Verehrung des Lichtes, das die
Quelle und das Ziel von allem ist." (Hazrat Inayat Khan, Ergänzendes Lesematerial)
Nachdem Sie über dieses Zitat meditiert haben, bearbeiten Sie bitte eine der folgenden Aufgaben:
a) Für die Gläubigen der Religion Zarathustras ist die Natur die heiligste Schrift. In der Natur begegnen sie Gott
und entdecken die göttlichen Gesetze, welche Ordnung in die Schöpfung hineinbringen. Denken Sie über die vielen
Manifestationen des göttlichen Lichtes nach, und versuchen Sie die zahlreichen Aspekte Gottes zu erfassen, die
dadurch zum Ausdruck gebracht werden. Geben Sie drei Beispiele.
b) "Erinnern Sie sich an den Aufenthalt auf den Lichtebenen und daran, wie Sie selbst ein Lichtwesen waren."
(Pir Vilayat) In Übereinstimmung mit der Ausrichtung der Zarathustra-Tradition ermutigt uns Pir Vilayat
beständig, zu unserer Erbschaft von göttlichem Licht zu erwachen, indem wir entdecken, dass wir ein Lichtwesen
sind. Stellen Sie sich vor, dass Sie nichts als Licht sind, oder dass Ihr Körper ein Tempel ist, der ein Gefäß für das
Licht Ihrer Seele erschafft. Bitte beschreiben Sie in einem Gedicht, einer Zeichnung oder einer anderen
Ausdrucksform Ihre Erfahrung mit Ihrem Lichtwesen.
c) Die Sonne ist ein Brennpunkt im Gottesdienst der Religion Zarathustras, da sie das Bewusstsein der
Menschheit in eine Einstimmung auf Licht zieht. Wir alle tragen die Erbschaft der Sonne in uns, weil sie die Quelle
des Lebens und der Erfüllung auf der Erde ist. Meditieren Sie auf die Sonne und ihre verschiedenen Facetten. Dann
durchforschen Sie Ihr Leben und Ihr Wesen. Wie ist Ihre Erbschaft von der Sonne in Ihr Leben eingebaut?
4. Auferstehung: Der Erzengel Amertat.
"'Möge ich ein Instrument werden für die Auferstehung der Welt.' Was ich erfahren habe von den Blumen, dem
Wasser, den Bergen, der Wüste, den Tieren oder den Mineralien, lebt in meiner Erinnerung weiter. Daher waren
sie zuerst als physische Wesen vorhanden und existierten dann in mir weiter, in meiner Seele. Folglich sind sie in
mir wieder auferstanden. Und wenn Bewusstsein aus Licht gemacht ist, dann leben sie in meinem Bewusstsein,
verklärt zu Licht." (Pir Vilayat)
Bitte wählen Sie eine der folgenden Aufgaben:

- 73 -
a) Wenn Sie im Sterben lägen und danach trachten würden, die Essenz Ihrer Erfahrung von der Erde zu
sammeln, welche Erinnerung an die irdische Existenz würde auferstanden in Ihrer Seele weiterleben? Geben Sie
Ihre Vision der Auferstehung durch ein Ausdrucksmittel wieder, das Ihnen am angemessensten erscheint.
b) Blicken Sie zurück auf ein Erlebnis in Ihrem Leben, das einen tieferen Eindruck auf sie gemacht hat.
Beobachten Sie, wie die besonderen Einzelheiten der Situation im Laufe der Zeit verblasst sind und nur die Essenz
der Erfahrung zurückgelassen haben. Welche Einsicht oder neue Erkenntnis haben Sie durch diese spezielle
Situation erhalten, die auf andere Ereignisse in Ihrem Leben übertragen werden kann? Was ist die allgemeine
Bedeutung, die aus dieser besonderen Situation auferstehen kann, und wie hat sie Ihre Ansicht vom Leben geformt?

Natur-Übungen:
Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Aufgaben.
1. "Die Art des Gottesdienstes, die Zarathustra lehrte, war es, Gott anzubeten, indem man der Natur seine
Huldigung erweist." Wie kann Ihrer Erfahrung nach ein menschliches Wesen durch die Natur Gott entdecken und
mit ihm kommunizieren?
2. "Diejenigen, die ihren Lobpreis in Poesie und Versen zum Ausdruck gebracht haben, werden als große
Dichter angesehen. Alle diese beeindrucken das Herz des Menschen, weil sie Gott gesehen haben. Sie haben Ihn in
der Natur gesehen, auf der Erde." (Ergänzendes Lesematerial) Meditieren Sie über dieses Zitat, und geben Sie dem
Ausdruck, was es Ihnen bedeutet, indem Sie ein Gedicht verfassen oder etwas aus den Schriften der Religion
Zarathustras dazu auswählen.
3. "Entfalte Dein Geheimnis durch die Natur und enthülle Dein Mysterium durch mein Herz." (Nature
Meditations) Meditieren Sie über diesen Satz still auf dem Atem: die erste Zeile einatmen, die zweite ausatmen.
Setzen Sie dieses Naturgebet fort, bis Sie andere Naturgebete in sich entdecken. Teilen Sie Ihre Entdeckungen mit!
4. Wie kann das Bedürfnis des Menschen nach Einssein mit der Natur erfüllt werden?
5. Die folgenden Wendungen stammen aus den "Nature Meditations" von Hazrat Inayat Khan. Sie wurden
gegeben, um sie still mit dem Atem zu wiederholen. Dies wird angezeigt durch Großbuchstaben für die Einatmung,
Klammern, wo die Atmung angehalten wird, und kleine Buchstaben für die Ausatmung. Wählen Sie zwei der
folgenden Sätze für die Konzentration und üben Sie die stille Meditation auf den Atem dreimal am Tag. Wie
beeinflusst die Konzentration auf diesen Satz Aspekte Ihres Lebens, innerlich oder äußerlich?
a) Licht:
DU ÄNDERST DEINEN ORT,
aber nicht dich selbst, o Licht.
b)Natur:
ENTFALTE DEIN GEHEIMNIS DURCH DIE NATUR,
und enthülle dein Mysterium durch mein Herz.
LASS MEIN GEMÜT SÜßE FRÜCHTE UND WOHLRIECHENDE BLUMEN TRAGEN,
so wie dieser Baum gepflanzt ist auf dem Boden Deines Geistes.
c) Blumen:
WER SCHUF DIESE BLUMEN SO SCHÖN,
(gab ihnen Farbe und gab ihnen Duft?)
Du bist es, mein Herr.
d) Feuer:
LASS DIE FLAMME, DIE SICH IN MEINEM HERZEN ERHEBT,
meinen Weg erleuchten.
e) Sonne:
LASS DIE SONNE DEINES GÖTTLICHEN GEISTES AUS MEINEM HERZEN AUFSTEIGEN,
auf dass der Morgen hervorbricht aus dem Tanz des Lebens.
f) Erde:
ICH NEIGE MICH ZUR MUTTER ERDE
voller Entzücken über den Vater im Himmel.
- 74 -
Licht-Übungen:
Bitte führen Sie zwei der folgenden Aufgaben durch.
1. Wählen Sie eines der folgenden Zitate von Pir Vilayat, und meditieren Sie über den Einblick, den es in die
Natur des Lichts bietet. Fertigen Sie eine Zeichnung an, die Ihr Verständnis des Zitats vermittelt.
"Stellen Sie sich das Universum als ein Netzwerk von Licht vor."
"Sehen Sie die Gesamtheit des physischen Universums als die Kristallisation einer Symphonie von Licht."
2. Praktizieren Sie die Meditation auf Licht von Pir Vilayat, die im Ergänzenden Lesematerial enthalten ist.
Stimmen Sie sich auf das Bewusstsein Zarathustras ein, der ganz in Licht eingetaucht ist. Wählen Sie ein Problem
oder eine schwierige Lebenssituation aus. Bringen Sie das Licht in diese Schwierigkeit. Wie wirkt sich unser
Gewahrsein von Licht auf unsere Probleme aus?
3. "Wenn das Licht der Sonne an Glanz zunimmt,
wenn die Helligkeit der Sonne an Wärme zunimmt,
dann erheben sich die himmlischen Kräfte.
Und wenn die Sonne aufgeht,
dann wird die Erde,
die von den Ahuras erschaffen wurde,
rein...
All die heiligen Geschöpfe,
die Geschöpfe des guten Geistes,
werden makellos."
(Zend Avesta, Khorshed Yast II, IV)
In der Herrlichkeit des Sonnenaufgangs begegnet man dem Licht, wie es in unser Wesen eintritt. Die Seele ist in
Ekstase, hingerissen von der Entdeckung ihres Ebenbildes im Licht, und auf diese Weise entdeckt sie ihre eigene
Lichtnatur wieder. Beschreiben Sie eine Erfahrung wie z. B. einen Sonnenaufgang, die in Ihnen eine Begegnung
mit der Welt des Lichtes ausgelöst hat.
4. Wählen Sie aus dem Ergänzenden Lesematerial ein Zitat über Licht. Behalten Sie während des Tages dieses
Zitat im Bewusstsein, und notieren Sie seine Wirkung auf Sie und Ihre Wahrnehmung der Welt. Beschreiben Sie
einige Ergebnisse dieser Übung.
5. Menschen in der Tradition Zarathustras wissen von den Lichtwesen, den Engeln und Erzengeln. Man muss
fähig sein, über die begrenzten Bilder hinauszugelangen, die uns die volkstümlichen Darstellungen von diesen
Welten vermitteln, und mit der Tiefe ihrer Wirklichkeit kommunizieren. Wie findet Kommunikation zwischen
einem Menschen und den Engeln statt? Wie nehmen Sie diese Wesen aus Licht wahr?
6. "Unsere Seelen selbst sind Engel. Jede Seele kommt durch die Engelshimmel hindurch; mit anderen Worten,
jede Seele ist ein Engel, bevor sie die irdische Ebene berührt." (Ergänzendes Lesematerial)
Die Nachfolger Zarathustras erkannten engelhafte Qualitäten in allem Leben. In Einklang mit dieser Tradition
hat Pir Vilayat von dem Bedürfnis der Menschen gesprochen, ihre Engelserbschaft zu bewahren. Finden Sie ein
Bild von jemandem, in dem Sie engelhafte Eigenschaften erkennen. Geben Sie eine kurze schriftliche
Beschreibung davon, was Sie in diesem Menschen sehen.
7. In der Religion Zarathustras gibt es eine ganze Hierarchie von Engeln und Erzengeln. Wie verstehen Sie
deren Zweck in dieser Tradition?
8. Meditieren Sie auf die Erzengel der Tradition Zarathustras. Welche Qualitäten werden in Ihnen wachgerufen,
und wie trägt das Einströmen dieser Qualitäten zur Erneuerung der Welt bei?
9. Wie verwandelt die Begegnung mit dem engelhaften Ebenbild unser Wesen?
10. Beschreiben Sie die Beziehung des Erzengels Daena zur menschlichen Seele.

V. Weitere Übungen:
Bitte bearbeiten Sie zwei der folgenden Aufgaben.
1. "O Du kosmische Ordnung!
Und Du universeller Geist (unbegrenzte Intelligenz)!
Ich bete Dich an und Ahura Mazda,
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durch den der schöpferische Geist in uns bewirkt,
dass das unvergängliche Königreich sich fortentwickelt."
"Und Du, o Mazda!
O großer Schöpfer!
Komm zu mir, mit Deinem schöpferischen Geiste!"
(Zend Avesta, Gathas 2, Yasna XXVIII, IV & VII)
Die obige Auswahl aus den Schriften veranschaulicht die Lehren in der Religion Zarathustras, die den
Menschen als Mit-Schöpfer Gottes betrachten. Denken Sie über Ihre eigene Erfahrung nach, und berichten Sie ein
Ereignis, an dem Sie das Wirken des göttlichen Geistes in sich selbst erkennen können, wie er Kreativität und ein
tieferes Verständnis in Ihnen freisetzt.
2. Die Nachfolger Zarathustras stellen eine sehr praktische Methode vor, wie jeder Mensch für die Verklärung
der Erde und die Erfüllung der heiligen kosmischen Ordnung arbeiten kann. Durch den reinen Gedanken, das reine
Wort und die reine Tat kann man Licht in die Welt bringen.
Beantworten Sie eine der folgenden Fragen:
a) Wie würden Sie diese Einsicht in einem religionsvergleichenden Kurs anwenden? Welche Beispiele oder
Vorfälle aus der Geschichte würden Sie anbieten, um die Wahrheit dieser Lehre zu veranschaulichen?
b) Wie würden Sie diese göttliche Einsicht anwenden, wenn Sie ein Berater oder Psychologe wären, der mit
Menschen arbeitet, die das Gefühl haben, dass sie keine Kontrolle über ihr Leben und keinen Einfluss auf die Welt
besitzen? Es gibt heute viele Menschen, die sich als hilflose Opfer fühlen, ohne Macht, um die Richtung, in der
sich die Welt entwickelt, positiv zu verändern. Diese Lehre gibt Hoffnung, dass das Individuum das Ganze
beeinflussen kann.
3. "Reinheit ist für den Menschen das höchste Gut - neben dem Leben." (Zend Avesta, Vendidad 4, Fargad X)
"Reinheit des Lebens ist das zentrale Thema aller Religionen, die der Menschheit in allen Zeitaltern
nahegebracht wurden. Reinheit des Lebens ist die Hauptidee gewesen, und die Religionen unterscheiden sich nur
in der Art der Betrachtung dieses Themas. Es scheint, dass die Reinheit des Lebens nicht nur aus der Religion
entsprungen, sondern das Ergebnis der Natur des Lebens ist; man erkennt, wie sie in allen lebenden Geschöpfen in
der einen oder anderen Form ihre Essenz herausarbeitet. Reinheit ist ein Prozess, durch den sich der
Lebensrhythmus des Geistes manifestiert." (Supplementary Papers, Religion - Purity of Life)
"Es gibt indes einen Maßstab innerer Reinheit, dessen Prinzip dieses ist: alles, was durch Rede oder Handlung
Furcht einflößt, Verwirrung erzeugt oder zur Irreführung neigt, löscht diesen kleinen Funken im Herzen aus, den
Funken der Wahrheit, der nur dann leuchtet, wenn das Leben natürlich und rein ist." (The Sufi Message Vol. 6,
The Alchemy of Happiness - Purity of Life)
Im Universellen Gottesdienst wird das göttliche Attribut der Reinheit besonders mit der Religion Zarathustras
verbunden. Hazrat Inayat Khan glaubt, dass der natürliche Zustand des menschlichen Wesens durch Reinheit
bestimmt ist und der Sinn einer spirituellen Schulung darin besteht, einem Menschen seinen natürlichen
Seinszustand zu Bewusstsein zu bringen. Wenn Sie mit Kindern arbeiten würden, wie würden Sie Ihnen helfen,
ihre Reinheit zu erkennen und das Prinzip der Reinheit auf die Situationen und Entscheidungen, die im Leben auf
sie zukommen, anzuwenden?
4. Pir Vilayat erkennt, dass die Religion Zarathustras eine besondere Bedeutung in unserer Zeit hat, da sie den
Ton der Ökologie anschlägt. Die Angehörigen der Religion Zarathustras und anderer Natur-Religionen machen die
Erfahrung, dass die Schöpfung aus Wesen und nicht aus Dingen besteht. Die zitierten Schriftstellen sind einige von
vielen, die veranschaulichen, wie die Angehörigen der Religion Zarathustras an einer Welt teilhaben, die von
Leben erfüllt ist durch die Kommunion von Wesen, im Unterschied zu einer Welt, die aus isolierten unbelebten
Dingen zusammengesetzt ist. Pir Vilayat führt diese Erkenntnis auf die Kosmologie der Zarathustra-Tradition
zurück, in der das Universum aus kleineren Wesen besteht, die in größeren Wesen enthalten sind. Die Erzengel der
Erde wohnen in den Erzengeln der Sonne, und die Flüsse und Seen sind die physische Verkörperung von
Ardvisura, dem Erzengel der Wasser des Lebens.
Zarathustras "Mission war es, den Schleier zwischen der irdischen Ebene und den himmlischen Ebenen aus
unterschiedlich entfalteten Abstufungen des Lichtes aufzulösen. Wie auch in Dantes Vision der himmlischen
Sphären bestehen diese Dimensionen des Lichtes aus unendlichen Hierarchien von Engeln und Erzengeln, die den
Lobpreis des Göttlichen singen und ausstrahlen. Laut Zarathustras Lehren überwindet das Licht Täuschung, Lüge,
Zweideutigkeit und Manipulation - all jene Dinge, die im Finstern lauern. Viel von diesem Dunklen existiert, weil
wir blind für den Glanz sind, der uns umgibt, und in einem Universum leben, das abgeflacht ist und entleert von all
seiner Fülle. Wir sehen nicht, dass es auch in der Materie lebendige Wesenheiten gibt, wie Zarathustra lehrte.
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Wasser zum Beispiel ist nicht nur H2O, das aus dem Hahn quillt - es ist der Körper eines spirituellen Wesens, des
Erzengels Ardvisura Anahita. Diese Sicht vermittelt uns Bewusstheit und Respekt vor der Reinheit des Wassers und
schließt aus, dass wir nur unserer Gier folgen und die Flüsse, Bäche, Seen und Meere des Planeten beschmutzen.
Nach der Lehre Zarathustras ist die Erde selbst der Körper oder die Kristallisierung des Erzengels Zamyat. Und so
dehnen wir den Lobpreis und Respekt für Zamyat auf die Heiligkeit der Tiere aus und auf den spirituellen
Entwicklungsstand aller Lebewesen. Durch die Einstimmung auf den Propheten Zarathustra treten wir in Resonanz
mit dem einen wahren Wesen, das hinter der Erscheinung all der Myriaden wunderbarer Formen der materiellen
Wirklichkeit verborgen ist." (Pir Vilayat, Erwachen – Kapitel 3)

Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen:


a) Welche Einflüsse sehen Sie heute in der Welt als Ergebnis dessen, dass wir den Sinn für die
Geschwisterlichkeit allen Lebens verloren haben? Wenn die Menschheit zu der Erkenntnis der Natur-Religionen
erwachen würde, dass das Leben aus Wesen und nicht aus Dingen besteht, welche Veränderungen würden Sie dann
sehen?
b) Wie würden Sie Ihren Kindern ein Gefühl für die Heiligkeit allen Lebens beibringen?
c) Durch die Natur können auch diejenigen mit dem spirituellen Grund des Lebens in Berührung kommen, die
eine Abneigung gegen traditionelle religiöse Formen oder gegen das Wort 'Gott' haben. Wie würden Sie für
Menschen dieser Denkweise eine Unterrichtsstunde über das Thema des einen Geistes, der in allem Leben
enthalten ist, leiten? Welche Bezeichnung würden Sie für diesen Unterricht wählen?
d) Entwerfen Sie ein Plakat, das eine Vorstellung von der Lebendigkeit der gesamten Schöpfung vermittelt.
5. Arbeiten Sie einen Artikel im Umfang von einer Seite über die Religion Zarathustras aus, der für den
Religionsteil einer Lokalzeitung geschrieben sein oder denjenigen gegeben werden könnte, die dem Universellen
Gottesdienst beiwohnen und um mehr Informationen über diese Religion gebeten haben.
6. "Das Bedürfnis des Menschen nach Einheit mit der Natur wird nicht einfach dadurch erfüllt, dass man in der
Natur wandert oder zeltet, sondern indem man in das Bewusstsein der Bäume und Blumen des Planeten und das
der Atome eindringt und erfährt, wie es wäre, diese Blume oder dieser Baum zu sein, und indem man in den Geist
des Windes oder einer Landschaft oder einer musikalischen Note gelangt: tatsächlich bedeutet es, auf einen völlig
anderen Brennpunkt des Bewusstseins umzuschalten, sich in eine verklärte Welt einzustimmen, die, wie die Sufis
sagen, 'durchscheint durch das, was erscheint'." (Pir Vilayat, Ergänzendes Lesematerial)
Folgen Sie der Führung, die Pir Vilayat Inayat Khan uns gibt, und versuchen Sie in das Bewusstsein irgendeines
Wesens in der Natur einzutreten, indem Sie die Meditationsübung der Kontemplation verwenden. Was fühlen Sie,
und was nehmen Sie wahr aus dem Innern dieser Lebensform heraus? Was erfährt der Baum, die Blume, die
Pflanze etc.? Die zweite Stufe besteht darin zu entdecken, wie diese Dimension der Schöpfung Sie wahrnimmt.
Halten Sie Ihre Entdeckungen durch Schreiben, Zeichnen, Photographie, Musik oder irgendeine andere Form fest,
die Ihr Einssein mit der Natur durch Kontemplation am besten einfängt.
7. Nach Pir Vilayat Inayat Khan hat der Archetyp des Ritters seinen Ursprung in der Tradition Zarathustras.
Beschreiben Sie diesen Archetyp in einer Zeichnung oder schriftlichen Form, und beantworten Sie folgendes: In
welchen Bereichen Ihres Lebens erkennen Sie den Ritter in selbst sich wieder?
8. Der spirituelle Ritter kniet vor Gott als König und gelobt, die kosmische Ordnung aufrechtzuerhalten durch
die Lebensaufgabe, die seiner Seele anvertraut wurde. Was ist Ihr heiliger Auftrag im Leben und der Schwur der
Intelligenz, der Sie dazu verpflichtet, dem Licht bei der Transformation der Welt zu dienen?
9. Pir Vilayat beschreibt die Religion Zarathustras und die Lehren des Internationalen Sufi-Ordens als
zielorientiert. Erklären Sie, was dies bedeutet.

V. Ergänzendes Lesematerial
Die Religion Zarathustras ist eine Religion der Reinheit, der Reinheit durch Affirmationen, und es ist eine
Religion, die zeigt, wie man zuerst einen Gott für sich selbst erschafft als ersten Schritt auf dem Weg Gottes. Die
heilige Schrift Zarathustras sagt stets: "Diese schönen Blumen, woher kamen sie? Bist Du es nicht, Gott, der sie
schuf? Die süßen Früchte, woher sind sie gekommen? Sind sie nicht von Dir geschaffen worden? Dieses fließende
Wasser, woher entspringt es? Entspringt es nicht derselben Quelle? Wohin bewegt es sich? Es fließt zu Dir."

- 77 -
Zarathustra lehrt, jede Lebensäußerung, die durch die Pflanze, durch das Wasser, durch die Sonne, durch den
Wind zum Vorschein kommt, alles, was man in der Natur betrachtet und bewundert, all diese Wunder in
Verbindung mit Gott zu betrachten, und auf diese Weise kann man Gott lebendig werden lassen. Die gesamte
heilige Schrift Zarathustras hängt damit zusammen. Wenn man durch die Affirmationen Zarathustras geht, so
bedeutet das, dass man sich wünscht, Gott lebendig werden zu lassen, Seine Manifestation mit offenen Augen zu
sehen und durch die Natur mit Gott selbst in Verbindung zu treten; es ist etwas Wunderbares.
Wenn der Gläubige dieser Religion sich täglich so viele Male vor dem Wasser, der Sonne, dem Wind, oder -
wenn er sich nicht in der Natur aufhält - vor dem Feuer erhebt und die heiligen Worte Zarathustras spricht, dann
versucht er seine Seele in Ekstase zu versetzen, seinem Gott näher zu kommen und den Gott, der nur in der
Vorstellung besteht, zu einem lebendigen Gott werden zu lassen, indem er den Geist Gottes mit allem, was auf der
Erde lebt und sich bewegt, verbindet und identifiziert. Das ist eine wundervolle Meditation. Jemand könnte zehn
Jahre lang mit geschlossenen Augen meditieren, ohne zu jener Seligkeit zu gelangen, die ein anderer mit offenen
Augen aus der Kommunikation mit der Natur, dem Wiedererkennen Gottes in ihr und der Identifizierung seines
Herrn mit allen Dingen empfängt. (The Message Papers)
Die prophetische Botschaft, die dem persischen Volk durch Zarathustra gegeben wurde, war poetisch vom
Anfang bis zum Ende. Es ist höchst interessant zu sehen, dass Zarathustra in seinen Schriften und durch sein ganzes
Leben zeigte, wie ein Poet sich von der Erde zum Himmel erhebt. Das zeigt uns, wie Zarathustra mit der Natur und
ihrer Schönheit in Verbindung trat und wie er mit jedem Schritt, den er tat, tiefer und tiefer den Grund des Lebens
berührte. Zarathustra formte seine Religion, indem er die Schönheit in der Natur pries und indem er die Quelle
seiner Kunst, welche die Schöpfung selbst ist, in dem Künstler fand, der hinter allem steht.
Welche Formen der Anbetung lehrte er? Er lehrte dieselbe Anbetung, mit der er seine Poesie begann und mit
der er sie beendete. Er sagte zu seinen Schülern: "Steht vor dem Meer, betrachtet seine Unermesslichkeit, verneigt
Euch vor ihm, vor seiner Quelle und vor seinem Ziel." Er sagte ihnen: "Seht die Sonne an, und erkennt, welche
Freude sie bringt. Was befindet sich hinter ihr? Woher kommt sie? Denkt an ihren Ursprung und ihr Ziel und wie
ihr darauf zugeht." Daraufhin dachten die Menschen, es handele sich um Sonnenanbetung, aber so war es nicht; es
war die Anbetung des Lichtes, das der Ursprung und das Ziel von allem ist. (The Sufi Message, Vol. 10: Sufi
Poetry)
Die ganze Religion Zarathustras handelt von der Interaktion der Wesen auf der Engelsebene. In ihr liegt der
Ursprung dessen, was Eschatologie genannt wird: nicht nur die Hoffnung auf den Messias, sondern auch die
Hoffnung auf die Auferstehung. Und diese ist nicht bloß ein sehr unwahrscheinliches Wunder, durch das der
Körper plötzlich in einen ätherischen oder Licht-Körper umgewandelt würde. Nein, der Standpunkt dieser Religion
ist sehr klar. Er besagt, dass Sie fortwährend das Universum in Ihrer Seele verwandeln, indem Sie ein Bild davon in
Ihrem Innern formen, so wie wir uns alle ein Bild vom Leben machen. Wir alle haben unsere Vorstellungen von
der Welt durch die Eindrücke, die wir empfangen.
Wir lassen die physische Ebene wieder auferstehen, nicht nur auf mentalem Niveau, sondern auch auf einer
höheren Stufe, welche die Lichtebene ist, und dann auf der Ebene der Archetypen. Nach und nach ziehen wir die
Quintessenz aus der Essenz dessen, was wir erfahren haben. Aus diesem Grund heißt es in einer der wunderbarsten
Gathas des Zend Avesta: "Möge ich zu einem Instrument werden für die Auferstehung der Welt. (Pir Vilayat Inayat
Khan, Message Magazine 5)
Lassen Sie uns nun in das Bewusstsein von Zarathustra eintreten. Er war ein Magier, ein Hierophant wie die
drei Weisen, die Christus besuchten. Betrachten Sie ihn als jemanden wie Athenagoras, den griechisch-orthodoxen
Erzbischof. Er ist ein sehr machtvoller kosmischer Archetyp des Menschen, begleitet von Armeen von Engeln, die
ein unermüdliches Gefecht gegen das Böse führen, im Bewusstsein der globalen Sinnhaftigkeit des Lebens auf dem
Planeten und überall im Universum, wo eine große Schlacht stattfindet. Er hat eine Aura des Sieges um sich, weil
er die Kräfte des Lichtes repräsentiert. Zarathustra gleicht Parzival, insofern beide zur Ritterschaft des Planeten
gehören. Er sieht, dass es darum geht, die Erde zu läutern und die Würde der Verkörperungen all der Erzengel zu
achten: den Körper des Erzengels des Wassers, den Körper des Erzengels der Erde, die Atmosphäre um den
Planeten, die der Körper des Erzengels der Luft ist, die Pflanzen - den Körper des Erzengels der Pflanzen -, die
Tiere - die Zellen im Körper des Erzengels der Tiere; überall sind Wesen. In der heutigen Zeit führt er eine
Schlacht gegen die Vergewaltigung des Planeten durch physische, akustische und mentale Umweltverschmutzung,
um dem Universum seine ursprüngliche Würde wiederzugeben. Dies sind seine eigenen Worte: "ein Instrument
werden für die Transformation der Welt". Man muss ein Bewusstsein haben für die Umwandlung von Materie in
Geist in seinem eigenen Fleisch und Blut. (Pir Vilayat Inayat Khan in: Handbuch für Murids, Bd. I - Anrufung der
geistigen Hierarchie)
Die Religion Zarathustras ist Kommunion. Nicht nur auf der Ebene des Lichtes, sondern Kommunion auf der
Ebene der Seele. (Pir Vilayat Inayat Khan, Universal Worship Notebook)
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Vielleicht wissen Sie, dass einer der größten Sufis, Shahabuddin Surawardhi, sich selbst als Nachfolger in der
Tradition der alten Magier oder der Tradition Zarathustras bezeichnete. Er beschreibt eine Vision, die sehr der
Vision ähnelt, die von den Magiern beschrieben wurde. Über die Magier der Zarathustra-Tradition ist sehr wenig
bekannt, weil die Bibliothek von Persepolis, die die wunderbarsten Manuskripte enthielt, im dritten Jahrhundert
von den Truppen Alexanders zerstört wurde. Alexander wurde dafür beschuldigt, aber offensichtlich bedeutete es
die größte Verzweiflung in seinem Leben, als er davon erfuhr, dass all dies von seinen eigenen Truppen zerstört
worden war. Später kamen die muslimischen Truppen, und eine große Anzahl von Menschen trat zum Islam über,
aber einige entkamen und wurden die so genannten Parsen. Einigen Nachkommen der Magier gelang es, im
Untergrund zu bleiben, und gegenwärtig haben sie sich in Orten wie Yezd in Persien niedergelassen. Aber die
Tradition erlitt einen schrecklichen Schlag, als sie in den Untergrund gehen musste, und dann lebte sie in Gestalt
des Sufismus wieder auf. Das ist wirklich der Ursprung des Sufismus. (Pir Vilayat Inayat Khan, Kassette
'Symphony of Light')
Diejenigen, die die Natur durch ihre Kunst gepriesen haben, appellieren direkt an das menschliche Herz.
Diejenigen, die die Natur in ihrer Musik preisen, werden Künstler in der Musik, und diejenigen, die ihren Lobpreis
in Dichtung und Versen ausgedrückt haben, werden als große Dichter angesehen. All diese wirken auf das Herz des
Menschen, weil sie Gott gesehen haben. Sie haben Ihn in der Natur gesehen, auf der Erde. Sie haben die Erde in
den Himmel verwandelt. Das ist der nächste Schritt, der höhere Schritt.
Zarathustra hat gesagt: "Betrachtet die Sonne, wenn Ihr betet, den Mond, wenn Ihr betet, das Feuer, wenn Ihr
betet." Man nannte sie deshalb Sonnenanbeter, Feueranbeter, während diese Anbetung die ganze Zeit lediglich ein
Weg war, die menschliche Aufmerksamkeit auf all die Zeugnisse Gottes zu lenken, die Sein Wesen zum Ausdruck
bringen. Wer nirgendwo eine Spur von Gott sehen kann, der kann ihn erkennen, indem er all diese schönen Dinge
betrachtet und ihr harmonisches Wirken beobachtet. (Die Einheit der religiösen ideale)
Man weiß sehr wenig über die Religion Zarathustras, aber das, was bekannt ist, begeistert einen und lässt das
Herz jubeln, weil es einer Vision vom Universum entspringt, die nicht eingeebnet oder abgeflacht ist wie diejenige,
die wir in unserer modernen Weltsicht hegen. Wir beginnen in diesem 'New Age' zu erkennen, dass das magische
Wort 'Ökologie' lautet. Ökologie bezieht die lebendige Natur all derjenigen Dinge mit ein, die wir für gewöhnlich
auf ihren physischen Aspekt reduziert haben, wie zum Beispiel die Erde, das Wasser, die Luft und so weiter. Es
handelt sich darum, alles als ein lebendiges Wesen zu erfahren. (Pir Vilayat Inayat Khan, Kassette 'Symphony of
Light')
Der Wald, die Wüste, Hügel und Täler, Berge und Flüsse, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, die
mondbeschienene Nacht und die leuchtenden Sterne stehen vor dem Mystiker wie Buchstaben, Schriftzeichen,
Figuren - vom Schöpfer gemacht, um sie zu lesen, wenn man dazu fähig ist. Der Mystiker erkennt die ganze
Manifestation als ein geschriebenes Buch; er versucht, ihre Schriftzeichen zu lesen und hat Freude an dem, was sie
ihm enthüllen. Für den Mystiker ist es nicht einfach das Zunehmen und Abnehmen des Mondes, es hat eine andere
Bedeutung für ihn; es ist nicht nur das Auf- und Untergehen der Sonne, es verrät ihm etwas anderes; es ist nicht nur
der Stand der Sterne, sondern ihre Bewegung und ihr Einfluss teilen dem Herzen des Mystikers etwas mit. Die
Berge, die so still dastehen, die geduldigen Bäume, die auf eine lange Geschichte zurückblicken, die öde Wüste,
der dichte Wald - sie haben nicht nur eine beruhigende Wirkung auf den Mystiker, sondern sie sagen ihm etwas.
Das Rauschen der Blätter erreicht seine Ohren als ein Flüstern, das Murmeln des Windes trifft auf seine Ohren als
Musik, und der Klang der kleinen Bäche, die im Wald dahin fließen und ihren Weg zwischen Felsen und Kieseln
finden, ist eine Symphonie für die Ohren des Mystikers. Keine Musik kann großartiger und höher und besser sein
als diese. Das Krachen des Donners, das Seufzen des Windes, das Wehen der Morgenbrise, all dies vermittelt ihm
eine bestimmte Bedeutung, die dahinter verborgen ist; und für einen Mystiker formt all dies ein Bild des Lebens,
kein totes, sondern ein lebendiges Bild, das seinem Herzen in jedem Augenblick beständig ein neues Geheimnis,
ein neues Mysterium enthüllt. (Sufi Message, Vol. 11: Mysticism in Life - Nature)
Es gibt keine Heilige Schrift, die erhabener ist als die Natur, denn die Natur ist das Leben selbst. (Bowl of Saki,
10-5)
Offensichtlich wird das Bedürfnis des Menschen nach Einheit mit der Natur nicht einfach dadurch erfüllt, dass
man in der Natur wandert oder zeltet, sondern indem man eindringt in das Bewusstsein der Bäume und Blumen,
des Planeten und der Atome, indem man erfährt, wie es wäre, diese Blume oder dieser Baum zu sein, und in den
Geist des Windes oder einer Landschaft oder einer musikalischen Note eintritt. Man stellt sich dabei tatsächlich auf
einen völlig anderen Brennpunkt des Bewusstseins um, stimmt sich in eine gänzlich andere Dimension des Lebens
ein und stellt eine Verbundenheit mit der Natur wieder her, der so oft Gewalt angetan wurde. Es erfordert ein
heiliges Vertrauen zwischen dem Menschen und der Natur, sein Versprechen, sie zu respektieren und seine
Beziehung zu ihr im Namen Gottes zu heiligen. (Nature Meditations)

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Die beste Art, die Gestalt der Engelskörper zu beschreiben, besteht darin zu sagen, dass sie wie ätherisch
miteinander verwobene Maschen aus Licht sind und zugleich Hochfrequenz-Wellen von reiner Schwingung. Ihr
Leben ist eines der Erleuchtung und des Lobgesangs; sie sind dem universellen immerwährenden Klang, dem
universellen ewigen Licht, also Gott, viel näher, als wir es sind. Sie haben leuchtende Körper, ebenso fest und
greifbar wie das Licht, das man sieht. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message in Our Time)
Engel besuchen uns im Traum oder in einer Vision zu Besuch; Engel werden angezogen von Festlichkeiten,
vom Liebesakt, von Katastrophen, Meditation, vom Augenblick des Todes oder jedem Hilferuf. Erzengel
erschienen der Jungfrau Maria, Abraham, Zacharias und Mohammed; die Seraphim kamen zu Jesaja; Hesekiel sah
die Bewohner aller sieben Ebenen, und Elias erhielt Rat vom Engel des Herrn. Krishna und Vishnu wurden von
Narada besucht; die Suras und Devas begrüßten Buddha; Christus erklärte: "Glaubst du nicht, ich könnte zu
meinem Vater beten, und Er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen von Engeln schicken?"
Der Grund für die Unzulänglichkeit jeglicher Beschreibung eines Engels ist der, dass die physische Wirklichkeit
auf etwas projiziert wird, was wir für ein Objekt halten, während die Wirklichkeit auf der Engelsebene subjektiv
ist. Swedenborg sagte: "Es ist der Engel des Herrn, der sich selbst durch dich sieht." Wenn du dich selbst durch
seine Augen siehst, wirst du daher auf irgendeine Weise an seiner Vision von sich selbst teilhaben. Ibn 'Arabi, der
große Sufi-Metaphysiker sagt: "Ich sehe Ihn durch Seine Augen, und Er sieht mich durch meine Augen." Die
Wirklichkeit in ihrem kontinuierlichen oder periodisch wiederkehrenden Entstehen - im Gegensatz zu ihrem relativ
erstarrten Zustand in der physischen Materie - verliert natürlicherweise an Deutlichkeit: Die Ränder verblassen wie
bei einem leuchtenden Feuer im Vergleich zur glühenden Kohle; es gibt keinen klaren Umriss. (Pir Vilayat Inayat
Khan, The Message in Our Time)
Die Augenblicke, in denen wir die gefühlsmäßige Verfassung der Engel erleben, ragen unauslöschlich hervor in
unserem Leben, denn in diesen Momenten nehmen wir teil an der himmlischen Herrlichkeit auf einer kosmischen
Stufenleiter. Unsere Herzen hüpfen beim leisesten Echo der Lobgesänge in den himmlischen Sphären, die in unser
Exil eindringen, als wären unsere Emotionen innerlich aufgewühlt von einem unerklärlichen Gefühl der Ekstase.
In solchen Momenten funktioniert man selbst exakt so wie die Engel; da sie nicht durch unsere Art der
Wahrnehmung begrenzt sind, die auf einer Polarisierung von Subjekt und Objekt beruht, nehmen sie nicht wie wir
in Begriffen von Form wahr, sondern stimmen sich ein auf die Schwingungen aller Geschöpfe und allen Lebens.
Wie hält man seinen Kurs auf diesen Ebenen? Einfach, indem man sich auf die entscheidende Frequenz einstimmt.
(Pir Vilayat Inayat Khan, The Message in Our Time)
Was wir für die Erde halten, ist der Körper des Erzengels der Erde, und was wir für Wasser halten, ist der
Körper des Erzengels des Wassers. Die Planeten sind die Körper der Erzengel dieser Planeten, und es gibt eine
große hierarchische Ordnung, innerhalb derer die Erde ihr Leben von der Sonne erhält. Ich meine das nicht
physisch, ich spreche vom Bewusstsein des Planeten Erde. Das Bewusstsein, das in der Menschheit Früchte trägt,
ist der Ausdruck genau dieses Bewusstseins des Erzengels der Sonne, genannt Huraksh, das sich in Form des
Sonnenlichts materialisieren kann, aber auch jenseits davon besteht - reines Bewusstsein. Und wir sind
gewissermaßen Zellen dieses Körpers, aber unsere Seelen sind auch ein Teil seiner Seele.
Es ist eine wirkliche Ritterschaft des Lichts, und die Nachfolger Zarathustras sind die ersten Ritter. Sie
gründeten die erste Ritterschaft in der Geschichte der Welt und nannten sie 'Espabad' - die Ritterschaft des Lichts.
Lichtwesen dürfen keine Form von Druck, besonders keine physischen Waffen anwenden - nichts als Licht, nur
Licht als Waffe. Aber Licht kann eine außerordentlich gefährliche Waffe sein, nicht nur indem man die Situation
von Menschen, die im Dunkeln herumtappen, dadurch erhellt, dass man sie konfrontiert und alles ans Licht bringt;
sondern auch auf die andere Art, die noch intensiver ist - wie der Laser-Strahl, der mit seiner Energie alle
Unreinheiten verbrennt. Daher ist der Kampf mit dem Licht nicht nur defensiv, er ist in Wahrheit äußerst aktiv und
sehr stark.
Es ist die Macht der Wahrheit. Und aus diesem Grunde rufen die Nachfolger Zarathustras jeden Morgen Asha
an, den Erzengel der Wahrheit, der auch der Erzengel des Feuers ist, weil Feuer alle Unreinheiten radikal zerstört;
es gibt keinen Kompromiss mit Feuer. Sie rufen Asha jeden Morgen an und geloben, dass sie niemals lügen
werden. Sie waren die erfolgreichsten Geschäftsleute in Indien, da sie die einzigen Menschen sind, auf die man sich
völlig verlassen kann. Sie geloben, niemals zu lügen. Derartige Macht hat das Licht. (Pir Vilayat Inayat Khan,
Light and Archangels)
Dies ist die erste Übung in der Zarathustra-Tradition: nachdem man alle Naturwesen (eher in ihrer Seele als in
ihrem Körper) angerufen hat, kommuniziert man wirklich mit ihnen, sodass man etwas von ihrem Licht erfährt, das
eigene Licht in einer wahren Kommunion von Licht entzündet und die 'Licht-Batterie' seines eigenen Wesens durch
die Kommunikation mit diesen Lichtwesen neu auflädt. Kommunion mit Licht ist die Lehre der Magier, von denen
Zarathustra einer der größten Propheten war, aber viele Magier vertraten diese Tradition der Mazdäer schon lange
vor ihm und auch nach ihm. Man wird sich dessen bewusst, dass ein Teil des eigenen Wesens buchstäblich Teil der
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Sonne, ein Bruchteil der Sonne ist, aber sie meinen damit nicht die physische Sonne. Sie könnten auch die
Gesamtheit des physischen Universums als die Kristallisation einer Symphonie aus Licht betrachten. Das ist nicht
bloß die Betrachtungsweise eines Dichters, sondern in der Religion Zarathustras soll man sich an den Aufenthalt
seiner Seele auf den Lichtebenen erinnern, daran, dass man selbst ein Lichtwesen war. Natürlich bleibt man auch
weiterhin dieses Lichtwesen, nachdem ein Körper dem hinzugefügt wurde, was man vorher war. Man erinnert sich
sogar daran, dass man im Anbeginn der Zeit entzündet wurde, so wie ein Licht entzündet werden kann.
Sie könnten sich das Universum als ein Netzwerk von Licht vorstellen. Die Sterne sind dann die Verdichtung
dieses Netzwerks zu Materie. Das ist der Körper der Glorie, und unsere Aura ist Teil dieses Netzwerks von Licht.
Aber die Krone dieses Körpers, dieses Königs, ist unser Bewusstsein. Und während es so scheint, dass unser
Bewusstsein sich vom Bewusstsein des absoluten Seins durch die ganze Hierarchie der Erzengel hindurch herleitet,
erhebt es sich am anderen Ende der Skala ebenfalls, aus der Verklärung unseres Lichtkörpers, der Aura. Dies ist
Teil der Auferstehung. Es ist wahr, dass unser Bewusstsein, obwohl es herabsteigt, auch aufsteigt aus unserer
Erfahrung heraus. Es wird geboren durch den Kontakt zwischen reinem Bewusstsein in seinem Ursprung, welches
leuchtende Intelligenz ist, und der Kristallisation von Intelligenz, die wir Materie nennen. (Pir Vilayat Inayat Khan,
Kassette "Symphony of Light")
"Siehe die Engel Gottes kommen den Wanderern entgegen, die mit Integrität und Standhaftigkeit an die Pforte
der himmlischen Hallen aus Licht klopfen, und sie locken sie hin zum Orient des Lichts." Mit diesen Worten
konkretisiert Shahabuddin Suhrawardi, der Sufi-Apostel der Metaphysik des Lichts, nicht nur seine
Erleuchtungserfahrung, sondern auch das Streben zahlloser Eingeweihter oder Suchender nach dem lichtvollen
Bewusstsein, das ihre Seele strahlen lässt, um erweckt zu werden.
Er entwirft eine monumentale Kosmologie der himmlischen Sphären, in der er die Dialektik der Griechen mit
unmittelbarer persönlicher Erfahrung verschiedener Arten von Licht verbindet, die er beschreibt und auf einer
Stufenleiter zueinander in Beziehung setzt, so dass sie eine Hierarchie von strahlenden Wesen bildet. Das gesamte
Universum wird betrachtet als zusammengesetzt aus Myriaden von Seelen oder Intelligenzen, welche die
Hierarchien der Erzengel (Karubin, d.h. Cherubine) und Engel, der Lichtwesen, bilden. Unsere Seelen, die Seelen
der Menschen, haben ihren Platz in den Hierarchien und sind Lichtwesen. Jedes Lichtwesen ist verbunden mit den
anderen Lichtwesen auf die Weise, dass jedes Lichtwesen sein Sein und folglich sein Licht von dem Wesen erhält,
das hierarchisch über ihm steht, und es ist daher durch eine ganze Kette von Vermittlern angeschlossen an die
Quelle allen Lichts, das Xvarnah (oder Korra) in der Tradition Zarathustras, die Krone strahlender Herrlichkeit des
göttlichen Königs, der eine ungeheuer weite Sicht auf das kosmische Drama hinter der Schöpfung eröffnet. Wenn
wir als Menschen geboren wurden, dann deshalb, weil unsere Seelen es gewählt hatten, diese Herausforderung
anzunehmen.
Die wahre Natur des menschlichen Wesens ist durchdrungen von einem heroischen Rittertum in kosmischem
Ausmaß, siegreich und ruhmvoll. Uns wurde anvertraut, Qahr Zohur (die Souveränität der Epiphanie des Lichts) zu
schützen - unter dem Kommando der ursprünglichen Erzengel, der Urbilder des menschlichen Wesens. Surawardhi
gibt einen Überblick über die Rangfolge innerhalb dieser mächtigen Bataillone der himmlischen Sphären. (Pir
Vilayat Inayat Khan, Sufi Masters)
Es gibt Zeiten, da die Menschen, mit denen Sie zu tun haben, sehr dunkel sind und Ihnen die ganze Bedeutung
von Licht bewusst wird. In Ihrer Meditation oder Ihrem Retreat entdecken Sie, dass Sie ein Wesen von Licht sind.
Sie sollten daran denken, während Sie mit einem anderen Menschen ein Gespräch führen. Sie sollten sich einfach
dessen bewusst sein, dass Sie Licht übermitteln. Mit anderen Wesen in Verbindung zu treten, ist eine so kostbare
Gelegenheit, und wir nutzen diese Möglichkeit nicht vollständig. Einige Meister der Vergangenheit und der
Gegenwart sind Verkörperungen von Licht. Ich denke an Zarathustra und an Parzival mit der Lanze aus Licht. Ich
finde es in diesem speziellen Fall einfacher, sich in das Bewusstsein eines Erzengels zu versetzen als in das eines
Meisters. Es ist die Frage der Entdeckung Ihrer Erbschaft aus der Welt des Lichts. Die Lichtwesen sind die Eltern
Ihrer Seele. Sie sehen plötzlich, dass es Ihre wahre Identität ist, ein Lichtwesen zu sein, und dass Sie sich selbst
Elemente der verschiedenen Sphären hinzugefügt haben, durch die Sie hindurch gekommen sind, bis Sie auf der
physischen Ebene einen Körper hinzu gewählt haben, der aus der Substanz dieses Planeten geschaffen ist. Sie
können sich selbst als ein Lichtwesen betrachten, das Licht auf alle Dinge und alle Wesen werfen kann und
außerdem mit dem Licht aller Wesen in einer Kommunion von Licht kommuniziert. Es ist wichtig, die
außergewöhnliche Freude, die das Licht auslöst, zu erfassen. Es gibt keine Traurigkeit des Lichts; es funkelt, tanzt
und lacht.
Denken Sie jetzt an Ihre Probleme oder an Ihre Beziehung zu Ereignissen und Menschen, während Sie sich
weiterhin dessen bewusst bleiben, ein Wesen aus Licht zu sein, das Licht auf die Situation und die Menschen
ausstrahlt, die in diese Situation verwickelt sind. Beleuchten Sie Ihren eigenen Geist, werfen Sie Licht auf Ihre
eigene Persönlichkeit, sodass sie erhellt wird und alle Unreinheiten verbrannt und zum Verglühen gebracht werden,

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umgewandelt wie in einem Bad von Licht. Sie können damit beginnen, dass Sie sich in das Bewusstsein des
Erzengels der Sonne unseres Sonnensystems versetzen, von wo wir nicht nur das Licht empfangen, das die Erde
erhellt, sondern auch das gesamte Leben auf diesem Planeten. Alle Energie auf diesem Planeten stammt von der
Sonne. Unsere Körper sind aus der Sonne erschaffen. Die Sonne ist nicht nur ein flammender Körper aus Gasen
oder was auch immer da brennt, sondern sie ist auch der Körper eines Wesens, ein Erzengel oder ein strahlendes
Wesen, das die Sufis Prinz Huraksh nennen. Sie müssen zuerst Ihre solare Erbschaft entdecken und dann über die
Sonne und sogar über den Erzengel des Sonnensystems hinausreichen, höher hinauf in die Sonne der Sonne des
Sonnensystems, was die Sonne der Galaxie ist, und dann auch darüber hinaus, bis man in das hineingelangt, was
die Nachfolger Zarathustras Xvarnah und die Sufis Nur al-Anwar nennen, das Licht der Lichter.
Sehen wir uns jetzt unsere Probleme an. Stellen Sie sich vor, was wir alles vergessen haben, während wir mit
unseren kleinlichen Problemen beschäftigt waren; wir haben all dies vergessen! Genau dies aber ist es, was
wirklich Sinn macht. Wir verschwenden unsere Zeit, indem wir uns über unbedeutende Fragen Sorgen machen.
Würden wir hingegen einfach Licht ausstrahlen, dann würden unsere Umstände und Lebensbedingungen keine
Rolle mehr spielen. Der einzige Weg, dieses Licht herunter zu bringen, ist der, uns bewusst zu sein, dass nicht wir
es sind, die jemanden erhellen können, sondern dass all das durch das Licht bewirkt wird, das durch uns hindurch
kommt, das wir repräsentieren und in einem Brennpunkt konzentrieren. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message
Magazine 5)

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Teil X:

Die jüdische Religion

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Teil X: Die jüdische Religion

I. Erforderliche Lektüre
A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Abraham
Moses
Das Gesetz
Die symbolische Darstellung religiöser Ideen (Die Geschichte von Lots Frau; Jakob ringt mit dem
Engel)
B) Ergänzendes Lesematerial
C) Musik für den Universellen Gottesdienst (jüdische Religion)

II. Lernziele
- die Ausrichtung der jüdischen Religion zu erspüren und zu erkennen, inwiefern sie die im Hinduismus und
Buddhismus vorgefundene Grundrichtung kontrastiert und ergänzt
- den Schwerpunkt der jüdischen Religion zu erkennen, der sich auf eine tiefe Beziehung zwischen Gott, dem
Unbegrenzten Wesen, und Seinem Volk konzentriert
- in Berührung zu kommen mit der göttlichen Emotion, die von dieser Tradition herrührt und der extremen
Leidenserfahrung der Juden in ihrer Begegnung mit der Begrenzung göttlicher Vollkommenheit auf Erden
entstammt
- die Rolle der Propheten der Religion Beni Israels für die Erfüllung des göttlichen Willens zu würdigen
- ein Gespür für den Zweck, die Größe und Bedeutung des göttlichen Gesetzes zu bekommen, welches das
Fundament dieses Glaubens darstellt

III. Überblick über das Thema


Wie Pir Vilayat Inayat Khan es sieht, ist die jüdische Religion auf das Ziel ausgerichtet, "Gott zu einer
Wirklichkeit zu machen". Diese Ausrichtung offenbart sich in der Betonung, die auf die Beziehung zwischen dem
göttlichen Wesen und Seinem Volk gelegt wird, das durch Anerkennung des göttlichen Gesetzes in Harmonie lebt.
Die Propheten lassen frische Geisteskraft und Offenbarung in die Religion und die Gemeinde einfließen. Sie sind
die Medien der fortwährenden Übermittlung des göttlichen Willens an die Glaubensangehörigen.
"Es gibt unzählige Propheten, die alle von einer unglaublichen Kraft erfüllt sind und Führung geben - zunächst
für die gesamte Gemeinschaft des jüdischen Volkes und dann über diese Gemeinschaft hinaus für die gesamte
Menschheit. Sie vermitteln eine besondere Gefühlsqualität, eine sehr mystische Verbindung von Leid und Freude."
(Pir Vilayat Inayat Khan)
Die jüdische Religion ist nicht auf die Sehnsucht nach Befreiung hin ausgerichtet, welche die zentrale Strömung
im Hinduismus und Buddhismus darstellt. Die Juden streben danach, Gott inmitten der menschlichen
Lebensbedingungen, in allen Facetten des Lebens zu begegnen.
"Anscheinend wurde das jüdische Volk auserwählt, das äußerste Ausmaß dessen zu erfahren, was wir als die
Begrenzung göttlicher Vollkommenheit auf Erden bezeichnen - Extreme des Leidens und der Verfolgung, das Leben
in Konzentrationslagern -, und es immer noch zu schaffen, so überschwänglich in seiner Freude zu sein. Das ist
göttliche Führung, die direkt auf die Menschheit einwirkt; dieser Prozess findet nicht da oben auf dem Gipfel des
Kailash-Berges oder in der sehr abgehobenen Einstimmung Buddhas statt." (Pir Vilayat Inayat Khan)
Der Leitgedanke der jüdischen Religion ist die Botschaft vom gestaltlosen Gott, dem allumfassenden Wesen,
das in der Sh'ma Yisrael verkündet und durch die Reihe der Propheten bestätigt wird. "Aus der semitischen Rasse
ging Abraham hervor, der Vater der Religionen, der das Ideal des gestaltlosen Gottes lehrte, welches nach und nach
von den Propheten, die ihm folgten, genauer erklärt wurde." (Sufi Message, Vol. 5)

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IV. Übungen
Die Propheten von Beni Israel
Bitte beantworten Sie vier der folgenden Fragen.
1. Was ist der Hauptunterschied zwischen den Propheten der Hindutradition und denen der jüdischen Religion?

Abraham
2. In der Forderung Gottes, Abraham solle seinen Sohn opfern, trifft man auf eine tiefe Dimension religiösen
Lebens, die den Nicht-Gläubigen als ein großes Rätsel oder sogar als ein Akt der Grausamkeit erscheint. Was ist
die symbolische Bedeutung von Abrahams Opfer, und wie könnten Sie dies einem Menschen erklären, der
misstrauisch gegenüber Religion ist?
3. Bis zu Abrahams Zeit hatten die Menschen, denen er die Lehre brachte, Gott auf eine bestimmte Weise
verehrt. Was war Abrahams große Mission in der spirituellen Evolution der Menschheit?
4. Abraham wird 'der Freund Gottes' genannt. Das ist eine andere Art von Beziehung als die des Verehrenden
oder des Dieners, und sie repräsentiert einen Rang in der spirituellen Entwicklung. Was zeichnet denjenigen aus,
der zum Freund Gottes erwählt wurde?
5. Einer der Stützpfeiler, auf den die Einheit der jüdischen, der christlichen und der islamischen Religion
gegründet werden könnte, ist der Anspruch, dass Abraham der Vater dieser drei großen Traditionen ist. Warum
sieht man ihn so, und wie kann diese Anschauung helfen, ein Gefühl der Eintracht zwischen diesen Teilen der
Menschheit zu erreichen?
6. Welche göttlichen Qualitäten erfahren Sie in Ihrem tiefsten Innern, wenn Sie auf Abraham meditieren? In
welchen Lebenssituationen kann es hilfreich sein, sich auf Abraham einzustimmen?

Moses
7. Pir Vilayat erwähnt den Gegensatz zwischen Moses und dem Pharao, um verschiedene Arten der Macht zu
illustrieren. Erklären Sie den Unterschied, und geben Sie für beide Arten Beispiele.
8. Wie interpretiert Hazrat Inayat Khan die Worte "Auge um Auge, Zahn um Zahn"?
9. In der Bibel heißt es, dass Gott zu Abraham sprach: "Kein Mensch soll Mich sehen und leben." Warum? Was
bedeuten diese Worte?
10. Hazrat Inayat Khan sieht die Botschaft, die Moses brachte, als diejenige, die für die damalige Zeit besonders
nötig war, und auch als Fortführung der Botschaft Abrahams. Erläutern Sie dies!
11. Wodurch war der Meister Moses befähigt, der Menschheit "das Gesetz, das zum Fundament der zukünftigen
Rasse werden sollte", zu bringen?
12. Was ist die mystische Bedeutung der Besteigung des Berges Sinai?

Melchisedek
13. In der Meditation mit dem Titel "In sich selbst die Qualitäten der Meister, Heiligen und Propheten
erkennen" unterscheidet Pir Vilayat Inayat Khan das Wesen von Abraham und Melchisedek. Welche
unterschiedlichen Qualitäten verbinden Sie mit jedem dieser Wesen? Vergleichen Sie die Archetypen des
Patriarchen und des Hohepriesters, die von ihnen jeweils repräsentiert werden.
14. Pir Vilayat erfährt Melchisedek als den Hohepriester der Religionen des Einen Gottes. Worin besteht das
göttliche Werk der Priesterschaft? Welche für die Menschheit wesentlichen Aufgaben erfüllt die Priesterschaft?
Wie drückt sich in Ihrem eigenen Leben das priesterliche Element aus?
15. Rabbi Zalman Schachter-Shalomi16 hat Melchisedek als jemanden beschrieben, der auf halbem Wege
zwischen Himmel und Erde steht. Ununterbrochen reichen seine Arme herunter, um die Gebete der Menschheit zu
sammeln und sie zu Gott emporzuheben. Meditieren Sie über diese Visualisierung, treten Sie ein in das Wesen
Melchisedeks und entdecken Sie die emotionale Qualität, die er verkörpert. (Sie mögen es als förderlich empfinden,
16
Rabbi Zalman Schachter-Shalomi ist Professor für jüdische Mystik an der Temple University. Er ist Rabbiner und der
spirituelle Leiter der B'nai Or Religious Fellowship. Pir Vilayat und Reb Schachter haben eine tiefe spirituelle Verbindung.
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die entsprechende Haltung und Bewegung anzunehmen.). Beschreiben Sie in Poesie, Musik, Kunst oder einem
anderen Medium, das Ihnen angemessen ist, die Emotion, die Sie dabei erfahren.

Elias
16. Rabbi Zalman Schachter-Shalomi sieht Elias als einen Propheten der Transformation. Pir Vilayat beschreibt
ihn als jemanden, der an der Quelle des Lebens weilt und das Gewissen der Menschheit erweckt. Lesen Sie die
Bibelstellen nach, in denen Elias vorkommt, und beschreiben Sie seine Atmosphäre und seine Wirkung auf die
Menschen. Wie würde sich Ihr Leben und Ihr Wesen ändern, wenn Sie ihm begegneten?

Hesekiel
17. Wie verhält sich Ihrer Ansicht nach jemand, der wie Hesekiel die Begabung zu einer großen Vision hat, in
den drei wesentlichen Dimensionen, die Pir Vilayat beim Menschen unterscheidet? Was geschieht mit
Bewusstsein, Emotion und Energie solcher Wesen, wenn sie in eine Vision eintreten?

Jakob
18. Für Pir Vilayat ist der Engel, dem Jakob begegnet, sein höheres Selbst, das er nicht als solches erkennt. Wie
erfahren Sie in Ihrem Leben das Ringen dieser verschiedenen Pole Ihres Wesens? Wie würden Sie den Engel, der
Ihr höheres Selbst ist, beschreiben?

Josef
19. Josef manifestierte göttliche Schönheit, als dies die meist geschätzte Qualität für Menschen seiner Zeit war.
Schauen Sie sich noch einmal die Passagen in der Bibel an, die Josefs Geschichte erzählen, und achten Sie darauf,
wie die Menschen auf die Schönheit reagieren, die er ausstrahlt. Notieren Sie Ihre Definition dieser Qualität. Wie
erkennen Sie Schönheit, und wie reagieren Sie darauf? Wie definieren wir in unserer Gesellschaft Schönheit?

Daniel
20. Lesen Sie in der ergänzenden Lektüre Hazrat Inayat Khans Kommentar zu der Episode von Daniel und der
Löwengrube. Worin besteht die Beziehung zwischen wahrem Frieden und Macht? Wie können Sie die
Einstimmung Daniels in die Löwengruben Ihres eigenen Lebens hineinbringen?

Salomon
21. Welche Bedeutung findet Hazrat Inayat Khan in den Worten Salomons "Es gibt nichts Neues unter der
Sonne"? Bedeutet das etwa, dass es im Leben kein Wachstum und keinen Fortschritt gibt?
22. Wie in der Bibel beschrieben, wurde Salomon angeboten, mit irgendeinem Wunsch oder Verlangen vor Gott
zu treten, und zugesagt, dass ihm die Erfüllung gewährt würde. Er bittet um ein verstehendes Herz, und Gott ist so
gerührt über diesen Wunsch, dass Salomon eine Fülle großer Segnungen zusätzlich zuteil wurde. Was ist ein
verstehendes Herz? Inwiefern veranschaulicht die Geschichte der zwei Frauen, die behaupten, die Mutter desselben
lebenden Kindes zu sein, eine Weisheit in Salomons Wesen, die von Herzensqualitäten bestimmt ist?

Wesentliche Elemente des Judentums:


Bitte bearbeiten Sie zwei der folgenden Übungen.
1. Pir Vilayat sieht den Akzent, den die jüdische Religion setzt, darin, "Gott zu einer Realität zu machen". Das
stammt aus dem Wert, der dem menschlichem Erleben und Ausdruck beigemessen wird im Gegensatz zu der
Orientierung auf Befreiung jenseits des Lebens, die man in den Religionen der Hindus und Buddhisten findet.
Geben Sie Beispiele aus den jüdischen Schriften, Ritualen und Gebräuchen etc. für diese Tendenz.
2. Die jüdischen Schriften sprechen davon, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde. Die
Kabbalisten finden dies im Namen Gottes widergespiegelt, denn die hebräischen Buchstaben ähneln menschlichen
Formen. Was ist Ihre Interpretation?
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3. "Anscheinend wurde das jüdische Volk auserwählt, das äußerste Ausmaß dessen zu erfahren, was wir als die
Begrenzung göttlicher Vollkommenheit auf Erden bezeichnen - Extreme des Leidens und der Verfolgung, das Leben
in Konzentrationslagern -, und es immer noch zu schaffen, so überschwänglich in seiner Freude zu sein. Das ist
göttliche Führung, die direkt auf die Menschheit einwirkt; dieser Prozess findet nicht da oben auf dem Gipfel des
Kailash-Berges oder in der sehr abgehobenen Einstimmung Buddhas statt." (Pir Vilayat Inayat Khan)
Dieses Zitat bringt uns zu einer der zentralen Fragen, mit der wir uns im Leben befassen müssen: Warum gibt es
Leid? Die Erfahrungen der Juden lassen uns hinter dem extremen Schmerz, den sie erduldet haben, nach einem
höheren Sinn suchen. Welche Einsichten finden Sie, wenn Sie sich mit diesem schwierigen Thema befassen?
4. Das Glaubensbekenntnis der jüdischen Religion können wir im Sh'ma Yisrael finden. Schauen Sie sich das
Gebet an, wie es im Ergänzenden Lesematerial aufgeführt ist, und übersetzen Sie es in Ihre eigenen Worte, ohne
dabei die Essenz zu verlieren.
5. "Die ganze Hindu-Philosophie basiert auf der Lehre vom Karma; aber die Moral der Religion von Beni
Israel basiert auch auf Karma; der einzige Unterschied besteht darin, dass im einen Fall die Philosophie und im
anderen die Moral auf Karma begründet ist." (Ergänzendes Lesematerial)
Meditieren Sie über das Zitat, und notieren Sie dann, wie Sie es verstehen. Verweise auf die Schriften der
verschiedenen Religionen können die fundamentale Einheit hinsichtlich dieses Themas aufzeigen helfen und
gleichzeitig die unterschiedliche Weise offenbaren, wie die Lehre vom Karma zum Ausdruck kommt.

Erlebnisorientierte Übungen:
Beim Studium der verschiedenen Religionen, die in diesem Kurs vorgestellt werden, möchten wir mit den
lebendigen Elementen dieser Traditionen in Berührung kommen. Die folgenden Übungen bieten die Gelegenheit,
an der jüdischen Religion, wie sie gelebt wird, teilzunehmen.
Bitte machen Sie eine der folgenden Übungen.
1. Verbringen Sie den Sabbat in einer jüdischen Familie. Nehmen Sie am Shabbot teil, und beobachten Sie,
fühlen Sie sich ein in die Atmosphäre und die emotionale Stimmung. Berichten Sie Höhepunkte ihrer Erfahrung im
Bereich des Handelns, des Gefühls, der Erkenntnis und des Seins. Was offenbarte sich Ihnen während des Shabbots
auf diesen Ebenen?
2. Besuchen Sie Gottesdienste in einer reformierten, einer konservativen und einer orthodoxen Synagoge.
Welche Unterschiede und Ähnlichkeiten stellen Sie fest? Können Sie die Stimmung, einen Klang oder Duft von
jedem dieser Schauplätze wiedergeben?
3. Interviewen Sie einen Freund, der dem jüdischen Glauben angehört, und bitten Sie ihn, sein Verständnis
dieser Religion mitzuteilen. Hier sind einige Vorschläge für Fragen:
a. Was sind die Bilder, Symbole, Worte und Erinnerungen, die für ihn die Essenz dieser Tradition
repräsentieren?
b. Was sind die zentralen Glaubensansichten seiner Religion?
c. Was für ein Mensch ist der Jude, der den Geist seiner Religion verwirklicht hat?
d. Wie kann die jüdische Religion der Menschheit in dieser verwirrenden und komplexen Zeit helfen?
e. Wie stellt er sich seine Religion in der Zukunft vor?

Zusammenfassende Übungen
Bitte bearbeiten Sie eine davon.
1. Für den frommen Juden bietet beinahe jede Situation des Lebens die Gelegenheit, einen Segen zu empfangen.
Durch Sprechen gewisser Gebete wird eine weltliche Handlung mit Heiligkeit durchtränkt. Der Kalender der Juden
rankt sich um heilige Tage und Feiern, die dem Gläubigen spirituelle Reinigung, Erneuerung und Neu-
Verpflichtung bringen. Vergleichen Sie das Leben eines Menschen, der in einer Welt sakraler Handlungen lebt, die
zu geheiligen Zeiten stattfinden, mit dem verweltlichten Leben der meisten Menschen heute.
2. Der 23. Psalm Davids stellt den Geist der Beziehung zwischen Gott und dem wahren Juden dar. Seine Bilder
spiegeln die Erfahrung Davids und seiner Welt wider, obwohl sie gleichzeitig von universeller Bedeutung sind.
Übersetzen Sie den 23. Psalm in eine Sprache, welche die Bilderwelt unseres eigenen Lebens und unserer Zeit

- 87 -
wiedergibt. Um dies zu tun, müssen Sie die intime Verbindung mit Gott zu erleben suchen, die Davids
wunderschöne Ausdrucksweise hervorbrachte.
3. Pir Vilayat Inayat Khan wurde von Rabbi Zalman Schachter-Shalomi gefragt, welchen besonderen Beitrag
die jüdische Religion für unsere Zeit leisten könne. Pir Vilayat entgegnete, dass für ihn das Judentum den Willen
Gottes verkörpere, wie er den Menschen durch die Kette der Propheten übermittelt worden sei. Was ist Ihre
Vorstellung davon, wie in unserer Zeit die Übermittlung des göttlichen Willens an die Menschheit geschehen kann?
4. In der traditionellen Form des Universellen Gottesdienstes wird die Kerze für die jüdische Religion nach den
Kerzen für den Hinduismus, Buddhismus und die Religion Zarathustras angezündet. Die jüdische Religion führt
einen ganz anderen Ton ein als die vorangegangenen Religionen, und sie bereichert die Musik des Gottesdienstes
sehr. Wie würden Sie die Emotion der jüdischen Religion beschreiben?
5. In einer Schulung zum Thema 'Judentum' äußerte Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, dass diese Religion in
den Menschen die Fähigkeit zu wecken sucht, Gott wahrhaft zu preisen. Er setzte dies in Kontrast zur Orientierung
auf Befreiung, die man in der hinduistischen und buddhistischen Religion findet. Diese Äußerungen stimmen mit
Pir Vilayat überein, der die verschiedenen Religionen hinsichtlich ihrer Zielvorstellungen und ihres Gottesbildes
miteinander verglichen hat. Beschreiben Sie mit Ihren eigenen Worten die Einsichten, die diese beiden Männer zu
dem Thema vermittelt haben.
6. Wenn wir im Universellen Gottesdienst die heilige Schrift der jüdischen Religion würdigen, drücken wir
unsere Dankbarkeit für das Licht des göttlichen Gesetzes17 aus. Wie reagieren Sie auf das Wort 'Gesetz', und wie
setzen Sie es in Beziehung zu folgenden Zitaten?
"Menschen haben in ihrer Empörung über den Missbrauch von Religion oftmals die Religion überhaupt
verworfen, und dadurch haben sie ihr Wissen von der göttlichen Quelle des Gesetzes verloren, das die
Angelegenheiten der Welt regiert."
"Man könnte sagen, dass der Mangel an Ordnung und Frieden in der heutigen Welt durch das Fehlen eines
Gesetzes verursacht wird, das von Gott kommen muss - aus der göttlichen Quelle."
"Das Gesetz Gottes ist endlos, so grenzenlos wie Gott selbst, und sobald der Blick des Suchers durch den
Schleier dringt, der vor ihm hängt und seinem Auge das wahre Gesetz des Lebens verbirgt, manifestiert sich das
Mysterium des Ganzen vor ihm, und Glück und Friede werden sein Eigentum, denn sie sind das Geburtsrecht jeder
Seele." (Die Einheit der religiösen Ideale)
"Wenn Sie die Kerze für das Judentum anzünden und an das Gesetz denken, dann denken Sie bitte nicht so an
das Gesetz, wie Rechtsanwälte und Gesetzgeber es tun, denn das ist nicht mehr als eine nützliche Konvention -
etwas Ähnliches wie Verkehrsregeln zur Begrenzung der Gefahr von Zusammenstößen. Das Gesetz, die Thora, ed
Din, ist wie das Gravitationsgesetz: eine elementare Liebesanziehung, die Menschen in diesem Uni-Versum
erleben, wenn sie zueinander in Beziehung treten. Es ist dasselbe Gesetz, das Gottes 'Es werde Licht' in das
unausweichliche 'Und es ward Licht' verwandelt.
Es ist nichts, was man definieren kann, obwohl es zu Segen und Glück führt, wenn man es befolgt. Und doch
enthielten alle Gesetzesvorschriften, obgleich sie von Menschen definiert sind, die Absicht, dem großen Gesetz zu
gehorchen. Wenn Sie beim Lesen unserer Schriften zu den Gesetzen kommen und dabei das Bedürfnis verspüren,
zu den interessanteren prophetischen Stellen weiterzublättern, sollten Sie dieser Gewohnheit jedenfalls nicht immer
nachgeben. Sie würden etwas versäumen, was dieses Gesetz der Welt zu sagen hat.
In dem heiligen Mosaik der Inspiration, das der Universelle Gottesdienst feiert, findet sich eine holistische
Vision, welche die besondere Färbung jeder Religion braucht, um stark und bedeutsam zu bleiben. Die Fragen, die
unsere Tradition18 aufwirft, und das Bewusstsein, das aus dieser Tradition erwächst, hält die Welt am Leben und
zusammen."
(Reb Zalman Schachter-Shalomi, Under The Wings, Vol. I)
7. Welche göttliche Emotion wird durch die sakrale jüdische Musik übermittelt? Bitte drücken Sie Ihre Antwort
auf eine der folgenden Weisen aus:
a. Zeichnen Sie das Bild eines Menschen, der in diesem Gefühl versunken ist, oder finden Sie ein Gemälde oder
ein Photo von jemandem in diesem Zustand.

17
Anstelle des ursprünglich von Hazrat Inayat Khan gegebenen Begriffs 'Gesetz' wird oft alternativ der Begriff 'Bund' benutzt.
18
Berücksichtigen Sie in Ihrer Lektüre nicht nur die hebräische Bibel, sondern auch Material aus dem Talmud und aus Quellen
der Chassidim!
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b. Geben Sie eine Passage aus den jüdischen Schriften oder eine chassidische Geschichte wieder, die diese
Emotion übermittelt.
8. Gibt es gemeinsame Qualitäten, die man bei allen Propheten der jüdischen Tradition finden kann? Warum
zeigte sich in jedem von ihnen ein bestimmtes göttliches Attribut in einem hohen Maß an Vollkommenheit?
Welcher der Propheten berührt am tiefsten Ihre Seele, und warum?
9. Rabbi Zalman Schachter-Shalomi sprach über die Ausrichtung seiner Religion und kommentierte: "Unser
Gott ist nicht der Gott der Leere." Betrachten Sie die jüdischen Schriften, und machen Sie eine Aufstellung über die
verschiedenen Arten, in denen Gott angesprochen wird. Beschreiben Sie aufgrund Ihrer Arbeit das Gottesideal, das
Sie in dieser Tradition am meisten betont gefunden haben.
10. In der jüdischen Religion nimmt das Heim einen Platz ein, der im Leben des Gläubigen mit dem der
Synagoge gleichwertig ist. Wenn Sie nicht aus der jüdischen Tradition kommen, reflektieren Sie bitte über die
Religion, in der Sie selbst aufgewachsen sind, und prüfen Sie, ob das Gesagte auch auf diese zutrifft. Was wird -
Ihrem Empfinden nach - durch die starke Betonung des eigenen Heims als spirituelles Zentrum zum Ausdruck
gebracht?

Ergänzendes Lesematerial
Der Glaube an einen einzigen Gott ist die Leben spendende Kraft, die dem Strom zugrunde liegt, der durch die
Traditionen von Judentum, Christentum und Islam hindurchfließt. (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward the One)
Ein Teil unserer selbst sehnt sich nach Befreiung, während ein anderer Teil einen Hang zur Realität hat. Hazrat
Inayat Khan sagt: "Mache Gott zur Wirklichkeit." Dies bedeutet, ein Empfinden für sich selbst als Tempel der
Epiphanie19 zu entwickeln, als Ort, an dem Gott auf der Erde Erfüllung erfährt. Sie müssen nicht vor dem Leben
davonlaufen, wenn Sie das Gefühl haben, eine Mission erfüllen zu müssen. Die Ausrichtung auf das Leben findet
man besonders in Meditationen, die im Klima jüdischer, christlicher und muslimischer Religionen entstehen.
Genau hier ist das Bestreben deutlich, Gott zu einer Wirklichkeit zu machen. (Pir Vilayat Inayat Khan, The
Message Magazine Vol. 2/10)
Es gibt eine ungezählte Reihe von Propheten, alle erfüllt von einer unglaublichen Kraft, die Führung
vermittelten, zunächst für die Gemeinschaft des jüdischen Volkes und dann über diese Gemeinschaft hinaus, und so
in die gesamte Menschheit hineinwirkten. Sie bringen eine besondere Gefühlsqualität, eine sehr mystische
Verbindung von Leid und Freude. Die Juden wurden anscheinend auserwählt, bis an die äußersten Grenzen dessen
vorzudringen, was wir als die Begrenzung göttlicher Vollkommenheit auf Erden bezeichnen - extremes Leiden und
Verfolgung, wie in den Konzentrationslagern -, und es immer noch zu bewerkstelligen, so überschwänglich in ihrer
Freude zu sein. Das ist so, wie wenn göttliche Führung direkt in die Menschheit hineinwirkt; das passiert nicht
hoch oben auf der Spitze des Berges Kailash oder in der sehr reservierten Einstimmung Buddhas. (Pir Vilayat
Inayat Khan, The Message Magazine 5/9)
Auf die Lehre vom Karma wird in der Hindu-Theologie ein viel größeres Gewicht gelegt als in den Religionen
Beni Israels. Unter 'Hindu-Theologie' verstehe ich nicht nur die vedantische oder brahmanische, sondern auch die
buddhistische. Unter 'Religion Beni Israels' verstehe ich nicht nur die jüdische, sondern auch die christliche und
muslimische Religion. Die gesamte Hindu-Philosophie beruht theoretisch auf der Karma-Lehre, und die Moral von
Beni Israel basiert ebenfalls auf Karma. Der einzige Unterschied liegt darin, dass im einen Fall die Philosophie auf
Karma beruht und im anderen die Moral. (Hazrat Inayat Khan, Gatheka 14)
Es war für die Menschen in Indien einfacher, die Idee zu begreifen, dass ein Prophet eine Inkarnation Gottes ist,
als zu akzeptieren, dass er wie jeder andere ist. Unter den Menschen Beni Israels wurde die lange Reihe der
Propheten nicht als Inkarnationen bezeichnet; sie wurden nur die Gottesfürchtigen genannt oder diejenigen, die mit
Gott in Verbindung standen. Abraham wurde Habib Allah genannt, der Freund Gottes. Moses wurde als Kalam
Allah bekannt, als einer, der mit Gott spricht. Jesus nannte man Ruh Allah, den Geist Gottes. Mohammed wurde
Rasul Allah genannt, der Botschafter Gottes. (Die Einheit der religiösen Ideale)
Als man Reichtum schätzte, wurde die Botschaft durch König Salomon überbracht; als Schönheit verehrt
wurde, übermittelte Josef, der Schönste von allen, die Botschaft; als man Musik als himmlisch ansah, gab David
seine Botschaft in Liedform; als man Wunder sehen wollte, brachte Moses seine Botschaft; als Aufopferung hoch
geschätzt wurde, gab Abraham seine Botschaft. (The Sufi Message, Vol. 1)

19
Epiphanie: das In-Erscheinung-Treten Gottes
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König Salomon offenbarte von seinem Thron aus die Wahrheit, als seine einfachen Untertanen ihn als Gott
verehrten, und Abraham predigte, als Hingabe vergöttert wurde, und er war sogar willens, seinen eigenen Sohn
dem göttlichen Willen zu opfern. Als die Welt für die Lieblichkeit der Musik erwacht war, besang David dieselbe
Wahrheit mit seiner unübertrefflich wohlklingenden Stimme, und als die Schönheit mit ihrer verzaubernden Macht
regierte, erschien Josef in all seiner Jugend und seinem Liebreiz. Moses kam, als die Menschen begierig auf
Wunder waren. (The Sufi Message, Vol. 12)
Manchmal war Macht nötig, um die Menschen aufzurütteln, und dann war der Prophet ein König wie Salomon.
Manchmal fand Schönheit den meisten Anklang, und so kam Josef, dessen Erscheinung und Gesicht so schön
waren, dass alle Herzen vor seiner Anziehungskraft dahin schmolzen. Es ist immer die Absicht der göttlichen
Macht gewesen, den Propheten zu senden, den die Zeit brauchte. Als ein Bedürfnis nach einem
verehrungswürdigen Leben bestand, gab es Jakob, dessen Leben so ehrwürdig war, dass ein jeder sich vor ihm
verbeugte. Als Musik am meisten bewundert wurde, kam David, der mit einer wunderschönen Stimme begnadet
war und Harfe spielte, und er gab seine Botschaft in Liedern. Auf diese Weise kam jeder Prophet in der
Aufmachung, die das Zeitalter verstehen konnte. (The Sufi Message, Vol. 14)
Es gibt eine Sünde - wenn denn jemals Sünde existiert hat - und sie wird in der Geschichte Adams zum
Ausdruck gebracht. Diese Sünde wird zu dem Zeitpunkt offenbar, an dem der Säugling beginnt, in die Kindheit
einzutreten: Wenn die Seele, die das Königtum der Kindheit erfährt und 'ich' zu fühlen beginnt, 'ich bin getrennt
von den anderen' - das ist die Verbannung aus dem Paradies. Sobald die Seele beginnt 'ich' zu sagen, wird sie aus
dem Himmel verbannt, denn aller Segen ist an jenen Zustand gebunden, den die Seele erfuhr, bevor sie den
Anspruch erhob, 'ich' zu sein, ein eigenständiges Wesen, getrennt von den anderen. (The Sufi Message, Vol. 12)
Es ist nicht wahr, dass Adam aus dem Paradies vertrieben wurde. Er hat ihm nur den Rücken zugewandt; und so
wurde er ein vom Himmel Verbannter. (Complete Sayings)
Die Geschichte von Adams Verbannung aus dem Paradies zeigt, dass es im Leben eines Menschen eine
bestimmte Zeit gibt, zu der er sich im Garten Eden befindet. Und nach dieser Zeit wird er von dort verbannt und
erfährt nicht mehr diese Freude, dieses Glück und diese Freiheit, die die Seele einmal besaß. Es gibt keine Seele
dieser Welt, die das Paradies nicht schon einmal erlebt hat, und dieses Paradies ist das Säuglingsalter. (The Sufi
Message, Vol. 3)
Die Deutung von Adams und Evas Vertreibung aus dem Paradies ist der Fall der Menschheit aus dem Zustand
der Unschuld in den Zustand der Jugend. (The Sufi Message, Vol. 5)
Aus der semitischen Rasse ging Abraham hervor, der Vater der Religionen, der das Ideal des gestaltlosen Gottes
lehrte, das allmählich von den verschiedenen nach ihm kommenden Propheten genauer erklärt wurde. Dieses Ideal
wurde offen durch Moses verkündet. (The Sufi Message, Vol. 5)
Abraham wird von den Gläubigen als der Vater von drei großen Religionen angesehen: von Christentum,
Judentum und Islam.
Das Alte Testament steht als Rückgrat hinter dem Neuen Testament. Der Qur'an ist die Interpretation der
Hebräischen Religion, und die Hebräische Religion führte die Botschaft fort, die zuerst von Abraham überbracht
wurde. Und deshalb existiert in diesen drei Religionen der Einfluss dieses großen Meisters, von dem der Welt so
wenig bekannt ist. Seine Einweihung fand in der alten Schule Ägyptens statt; und als er nach seiner Einweihung
aus Ägypten zurückkehrte, spürte er intuitiv, wo seine Botschaft ihren Höhepunkt erreichen und eine weltweite
Botschaft werden sollte.
Abrahams große Mission bestand darin, die Religion des Aberglaubens und der Vielgötterei zu beseitigen. Es
war Abrahams Mission, aus dem Geist der Menschen die Vorstellung irgendeines Gottes20 zu entfernen und in
ihrem Geiste die Idee des Unendlichen Wesens einzuführen. Abraham war der große Prophet und zugleich ein
Lehrer der Geheimwissenschaften, ein großer Initiator und Mystiker. Es gibt vieles, was man in der Religion
Abrahams über Mystik lernen kann. (The Message Papers)
Wenn wir opfern würden, was wir uns am meisten wünschen, gewännen wir eine enorme Freiheit. Und genau
das ist es, was das Leben von uns verlangt, das größte Geschenk von allen, immer das, was uns am meisten
bedeutet, oder uns selbst oder unser Allerinnerstes, unser eigenes Herz. Wenn man weiß, wie lange Abraham auf
einen Sohn gewartet hatte und auf welche wundervolle Weise er ihn bekam: welcher Überwindung bedurfte es, ihn
zu opfern. Es war das Annehmen des Unannehmbaren, was von ihm verlangt wurde. So werden wir geprüft. Ein
jeder von uns hat seinen Ismael und Isaak, um klarzumachen, ob der Schatz unseres Herzens irdischer oder
himmlischer Natur ist. (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward the One)

20
oder: eines Sonnengottes? Im Original zweideutig: "the idea of (sun God) some God".
- 90 -
Die Botschaft von Moses war von größter Bedeutung, besonders zu der Zeit, als sie überbracht wurde. Die
Menschen waren weit von Frieden und Ordnung entfernt. Es gab Geiz, es gab Habgier, es herrschte Falschheit, es
herrschte große Treulosigkeit; einer tötete den anderen, einfach so in einem kleinen Streit. Was zu jener Zeit
dringend benötigt wurde, war nicht nur eine Form der Gottesverehrung oder eine Botschaft der Weisheit - was am
allerdringlichsten benötigt wurde, war das göttliche Gesetz. Und es war eine äußerst schwierige Angelegenheit, die
Menschen dazu zu bewegen, sich an das Gesetz zu halten. Wenn es nicht die Botschaft des Propheten gewesen
wäre, wäre es nicht einfach gewesen, dieses Gesetz zu verbreiten. Davon abgesehen hat das Gesetz von Moses
durch all die verschiedenen Zivilisationen hindurch deren Hintergrund gebildet. Ihre Gesetze wurden auf dem
Gesetz Mose errichtet, der Standard der Rechtschaffenheit wurde auf der Botschaft aufgebaut, die Moses brachte.
(The Message Papers)
Wenn wir die Botschaft von Moses betrachten, so finden wir, dass keine Nation je in der Lage sein wird, das
göttliche Gesetz, das Moses gebracht hat, zu verbessern. Und wann immer man irgendeinen Versuch macht, es zu
verbessern, wird es einen Fehler geben. Warum? Weil es das natürliche Gesetz ist, kein von Menschen gemachtes
Gesetz, es ist ein von Gott gemachtes Gesetz. Die verschiedenen Zivilisationen haben zu verschiedenen Zeiten
Gesetze aufgestellt. Aber Gesetze, die auf was gründeten? Auf der Basis von Moses. Sie mögen es vergessen, sie
mögen es abstreiten, aber dennoch bleibt es das zentrale Thema.
Die Mission des Meisters bestand darin, die korrupte Welt zu veranlassen, sich an das Gesetz der Harmonie zu
halten. Es gab eine von Moses gegebene mystische Lehre, die sehr wenigen bekannt war und die den Rhythmus des
Universums aufzeigte. Und aus dem Rhythmus des Universums stammen das Gesetz und die Wissenschaft der
Zahlen. Nun können Sie also eine Verbindung herstellen zwischen der göttlichen Inspiration einerseits und der
tiefen Einsicht in das verborgene Gesetz andererseits, die den Meister dazu brachte, der Welt das Gesetz zu geben,
das vonnöten war, das Gesetz, das der Grundstein der zukünftigen Rasse werden sollte. (The Message Papers)
Es gibt eine Sure im Qur'an, die besagt: Mutu kubla anta mutu, was bedeutet: "Stirb vor dem Tod." Ein Dichter
sagt: "Nur derjenige erreicht den Frieden des Herrn, der sich selbst verliert." Gott sagte zu Moses: "Kein Mensch
soll Mich sehen und leben." Um Gott zu sehen, müssen wir nicht mehr vorhanden sein.
Was bedeutet all dies? Es bedeutet, wenn wir unser Wesen mit offenen Augen betrachten, dann erkennen wir,
dass es zwei Aspekte gibt, die zu unserem Wesen gehören: der falsche und der wahre. Das falsche Leben gehört zu
diesem Körper und Geist, der nur existiert, solange das Leben darin ist. Wenn dieses Leben fehlt, kann der Körper
nicht weiter bestehen. Wir machen den Fehler, das wahre Leben für das falsche und das falsche für das wahre zu
halten. (The Sufi Message, Vol. 7)
Viele glauben, spirituelle Erkenntnis könne nur durch große Anstrengung erreicht werden. Nein, Mühe ist für
materiellen Erfolg notwendig, aber für spirituelle Errungenschaften benötigt man eine suchende Seele wie die von
Moses. Dass Moses zu Boden fällt, kann als das Kreuz interpretiert werden, welches besagt: 'Ich bin nicht; DU
bist.' Um zu sein, muss man durch ein Stadium des Nicht-Seins hindurchgehen. (Die Einheit der religiösen Ideale)
Wenn wir auf Moses zu sprechen kommen, so hören wir von den Mitteilungen, die Moses auf dem Berge Sinai
von Gott erhielt. Dies lehrt uns, dass der Berg Sinai den höchsten Punkt darstellt, den das Bewusstsein erreichen
kann. Und durch das Bewusstsein, welches den höchsten Punkt berührt, empfängt man die Botschaft Gottes. Den
Berg Sinai hinaufzuklettern bedeutet, die Höhe zu erklimmen, welche die Entfernung zwischen dem
Unvollkommenen und dem Vollkommenen überbrückt. Unvollkommenheit liegt am Fuße des Lebensberges, und
Vollkommenheit liegt an seiner Spitze. Für denjenigen, der diesen Berg erklimmen kann und die Spitze erreicht, ist
es leicht, mit Gott zu sprechen. Es bedeutet nur, dass das Herz, das diese Ebene des Absoluten Seins erreichen kann
und immer noch über individuelles Bewusstsein verfügt, in der Lage sein wird, sich von dort mitzuteilen. Es gibt
eine Lehre von Moses, die der Welt als Talmud bekannt ist, und eine andere Lehre, die man als Kabbala kennt,
wovon nur die Mystiker wissen. Die mystischen Lehren Mose wurden über Jahrhunderte an die Mystiker
weitergegeben, und sie nannten sie Ilme Zafar, die Wissenschaft von Zafar. (The Message Papers)
Es ist alles an die Erkenntnis der eigenen kosmischen Dimension gebunden, anstatt dass man sich mit dem
persönlichen Gefühl von Begrenzung identifiziert. Aber diese Erkenntnis wird verzerrt und verraten, wenn man
weiterhin an seinem Ego festhält und die persönliche Macht mit der göttlichen Macht gleichsetzt. Dies ist es, was
die Muslime dem Pharaoh vorwarfen, indem sie seine Einstellung der des Moses gegenüberstellten. (Pir Vilayat
Inayat Khan, The Message in Our Time)
Moses hörte auf dem Berg Sinai einen göttlichen Befehl in den Worten Musake! - 'Höre Moses!' oder 'Bedenke
dies, Moses!' -, und die Offenbarung, die ihm auf diese Weise zuteil wurde, bestand aus Ton und Rhythmus. Er gab
ihr denselben Namen - Musake. Worte wie music oder Musik stammen von jenem Wort her. (The Sufi Message,
Vol. 2)

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Jene Menschen, die Gott wegen seiner Schönheit verherrlichen, sollten die Schönheit Gottes in all seinen
Geschöpfen erkennen. Es hat keinen Zweck, Gott für seine Schönheit zu preisen und dann seine Schöpfung zu
kritisieren und Fehler in ihr zu entdecken. Damit das eigene Leben wie ein Gebet sei, muss man immer das Gute im
Menschen sehen. Sogar der schlechteste Mensch hat eine gute Seite, und diese sollte gesucht werden und nicht
seine schlechten Seiten. Wir können sogar vom größten Sünder Tugend lernen, wenn wir ihn als Lehrer betrachten.
Der Überlieferung nach bat Moses den Satan, ihm das Geheimnis des Lebens zu verraten. Diejenigen, die Gott in
der Größe Seiner Macht verherrlichen, müssen Größe auch in Seiner Schöpfung erkennen können. (The Sufi
Message, Vol. 5)
Je nach der Art und dem Grad der Einweihung können Wesen auf verschiedenen Ebenen angesprochen werden
oder betroffen sein. Wenn Einweihung eher mit Dienen in Verbindung gebracht wird als mit der persönlichen
Entwicklung, stellt sie eine Ordination dar, und sie schreitet von der Schirmherrschaft des Elias zu der von
Melchisedek fort. Wenn sie die Lehre der Mysterien mit einbezieht, führt sie in das Reich des Henoch oder des
Hermes. (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward the One)
Es lassen sich viele Beispiele dafür finden, dass der Namenswechsel einen vollständigen Wandel im Leben
eines Menschen hervorbrachte. In der Bibel lesen wir, dass Jakobs Segen der Name Israel, Kämpfer mit Gott, war,
den ihm der Engel gab. (The Sufi Message, Vol. 2)
Wenn in der Geschichte Daniels erzählt wird, dass er in die Löwengrube ging und alle Löwen dazu brachte,
zahm zu seinen Füßen zu liegen, dann repräsentiert dies die spirituelle Macht. Es zeigt, über welche Macht ein
Mensch verfügt. Wenn er davon jedoch nichts weiß, sich ihrer nicht bewusst ist, sie nicht zu entwickeln trachtet,
dann schließt er sich selbst von diesem großen Privileg und dieser Glückseligkeit aus, die Gott uns geschenkt hat,
und mit seinen eingeschränkten Kräften arbeitet er dann in der Welt für Geld. Am Ende bleibt ihm weder Geld
noch hat er jemals Macht gekannt. Macht hängt in großem Maße vom Bewusstseinszustand und der Einstellung des
Geistes ab. Ein schlechtes Gewissen kann Löwen in Hasen verwandeln. (The Sufi Message, Vol. 4)
War es Daniels Suggestionskraft, die die Löwen besänftigte? Wenn es Suggestionskraft war, dann sollen die
Hypnotiseure von heute zu den Löwen gehen und diese Erfahrung einmal ausprobieren! Nein, es war sein innerer
Friede. Die Wirkung dieses Friedens hat einen so gewaltigen Einfluss auf jegliche Leidenschaft, dass sie sogar
Löwen besänftigt und in Schlaf versetzt. (The Sufi Message, Vol. 10)
Es waren die Ruhe und der Friede in Daniels Herzen, die auf die Löwen ausstrahlten und sie so still machten,
wie er selbst es war. Sein eigener Friede wurde zu ihrem Frieden; sie wurden friedlich. Man könnte fragen, ob die
Löwen in diesem Zustand blieben, nachdem Daniel die Löwengrube verlassen hatte. Man kann das bezweifeln,
obwohl dies nicht bedeutet, dass nicht doch etwas bei ihnen zurückblieb; die Neigung der Löwen bestand jedoch
weiterhin, und sobald Daniel aus der Löwengrube heraus war, erwachten die Löwen wieder zu ihrer Löwennatur.
(The Sufi Message, Vol. 4)
Die von Salomon benutzten Worte "unter der Sonne" gelten sowohl für den Tag als auch die Nacht. Die
wirkliche Sonne ist die Intelligenz, und im Lichte dieser Sonne reflektieren all die Spiegel, welche die
menschlichen Herzen sind, all das, was sich in ihnen darbietet, ohne irgendeine Anstrengung auf Seiten des
Menschen. (The Sufi Message, Vol. 4)
Dann gibt es noch eine großartigere und tiefer greifende Erfahrung, wenn nämlich ein Mensch sich in der
Wildnis befindet, bei den Felsen in der Wüste, wo es keinerlei Geräusch gibt, nicht einmal von Vögeln oder wilden
Tieren, wo absolute Stille herrscht. Haben im Osten nicht alle Propheten, angefangen bei Abraham, Moses, David
und in der Zeit Christi und Mohammeds, alle Propheten des Alten und des Neuen Testaments und des Qur'an ihre
Inspiration aus derselben Quelle empfangen? Die Geschichte von Moses auf dem Berge Sinai, des Propheten von
Nazareth in der Wildnis, des Propheten Mohammed auf dem Ghar-e Hira - haben sie nicht alle aus dem stillen
Leben getrunken? Obwohl Gott in allem Geschehen ist, in allen Formen und Namen, ist es doch Sein anderer
Aspekt - unerschütterlich, fest, ewig, allgenügend und mächtig, allwissend, ungeteilt und unteilbar -, aus welchem
die Inspiration als vollkommene Eingebung hervorging, so dass die Welt sie als das Heilige Wort aufnehmen
konnte, in jedem Zeitalter und zu allen Zeiten. (The Sufi Message, Vol. 7)
Die Gebete, die in der Vergangenheit unter den Hindus, dem Volke Beni Israels, in der christlichen Kirche,
unter den Menschen des Islam verbreitet worden sind, wurden genau zu dieser besonderen Zeit gegeben, für die sie
als Schlüssel zu Gesundheit, Inspiration und Glück bestimmt waren. (Addresses to Cherags)
Das hebräische Wort für Frieden ist salem (wie in Jerusalem). Der Friede, und in jeder Hinsicht Frieden zu
erlangen, ist das Ziel der Welt. (The Sufi Message, Vol. 1)
Jehova war ursprünglich Yahuva. Ya legt das Wort 'oh' nahe und HU steht für Gott, während das A die
Manifestierung darstellt. HU ist der Ursprung des Klangs, aber wenn der Klang zuerst auf der äußerlichen Ebene

- 92 -
Gestalt annimmt, wird er zu A. Deshalb wird alif oder alpha als der erste Ausdruck von Hu angesehen, als das
ursprüngliche Wort. Die Worte Eloi, Elohim und Halleluja, die wir in der Bibel finden, sind mit dem Wort Allahu
verwandt. (The Sufi Message, Vol. 2)
Sie haben tatsächlich einen gewissen Einfluss darauf, diese gewaltige Maschinerie, die das Universum darstellt,
zu kontrollieren. Wenn Sie bedenken, dass jede Ihrer Handlungen auf das gesamte Universum einwirkt, ist das
wirklich furchterregend. Es gibt einen sehr schönen Spruch im Hechaloth der Juden. Er lautet: "Ein kleines Gebet,
von jemandem auf Erden gesprochen, könnte die Engel in Ekstase versetzen." Es ist wie ein kleiner Funke von
einem Zündholz, der einen ganzen Wald in Brand zu versetzen vermag. Sie kennen einfach die Beziehung
zwischen Ihrer Freiheit und dieser ganzen Maschinerie nicht. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message Magazine
5/1)
Wir lesen im Alten Testament, dass die Himmel nach der Erde erschaffen wurden; der wirkliche Ort, an dem die
himmlischen Sphären erschaffen werden, befindet sich im Innern des Menschen. Das menschliche Gemüt ist
geschaffen aus all dem, was man lernt, erlebt, liebt und woran man sich erinnert. Dies ist der Grund, weshalb der
Mensch das ist, was den Inhalt seines Denkens und Fühlens bildet. (The Sufi Message, Vol. 1)

SH'MA YISRAEL
Höre, o Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist Eins!
Gesegnet ist sein glorreiches Königreich auf immer und ewig.
Und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben,
mit deinem ganzen Herzen und
mit deiner ganzen Seele und
mit deiner ganzen Kraft.
Und diese Worte, die ich dir an diesem Tage gebiete,
sollen in dein Herz eingemeißelt sein.
Und du sollst sie getreu deine Kinder lehren.
Und sprich davon, wenn du in deinem Hause sitzt und
wenn du auf dem Wege gehst und
wenn du dich hinlegest und
wenn du dich erhebst.
Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden.
Sie sollen wie Stirnbänder zwischen deinen Augen sein.
Und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses schreiben
und auf deine Tore.

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Teil XI:

Die christliche Religion

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Teil XI: Die christliche Religion

I. Liste der erforderlichen Lektüre


A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Jesus
Die symbolische Darstellung religiöser Ideen (alle Kapitel über die christliche Religion)
B) Ergänzendes Lesematerial

II. Lernziele
- empfänglich zu werden für die göttliche Emotion und für Qualitäten, die im Christentum am stärksten betont
werden
- Verständnis zu gewinnen für Hazrat Inayat Khans Lehren über die Göttlichkeit von Jesus Christus und über
das Wesen des Christus-Geistes
- sich der vielschichtigen Bedeutungen von Kreuzigung und Wiederauferstehung bewusst zu werden, die die
Eckpfeiler der christlichen Religion sind
- den Unterschied zu erkennen zwischen der Ekstase von Befreiung und der von Verherrlichung; zwischen dem
Kausal-Gesetz des Karma und dem Leben, das auf ein Ziel gerichtet ist; zwischen Samadhi und der Entdeckung
Gottes als Archetyp unseres Wesens; zwischen Desinkarnation21 und Inkarnation

III. Überblick über das Thema


"Die besondere Einstimmung, die Christus in die Welt brachte, ist die von misericordia22, von Teilnahme am
emotionalen Drama des Universums anstelle der Loslösung davon. Dies bedeutet ein aktives Arbeiten an der
Umwandlung oder Verklärung von Leid in Freude." (Pir Vilayat Inayat Khan)
"Das Christentum lädt uns ein, an der kosmischen Kreuzigung und Wiederauferstehung teilzunehmen, das
Wesen Gottes in uns zu tragen und es vor Entweihung zu schützen. Die Betonung liegt auf der Ekstase der
Verherrlichung, der Begegnung mit der Heiligkeit der göttlichen Gegenwart und der Erfahrung des Herzens
Gottes. In gewisser Weise kann man den Menschen als verkleinertes Abbild Gottes bezeichnen, und es ist die
Entwicklung des Menschseins, die in Göttlichkeit kulminiert; so ist Christus das Beispiel für die höchste Form des
Menschseins."
"Die Göttlichkeit Christi bedeutet die Göttlichkeit des Menschen. Göttlichkeit selbst ist das Ideal" (Hazrat
Inayat Khan)
Für Hazrat Inayat Khan sind die Worte Christi, "Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist",
ein Aufruf an die gesamte Menschheit, ihre göttliche Erbschaft zu beanspruchen. Der Weg, den das Christentum
anbietet, ist der Weg der Heiligung - heilig gemacht zu werden durch Vereinigung mit dem Vater, wie es in Jesus
Christus beispielhaft geschah: "Was ist Christentum? Wahre Weisheit, Christus-Geist. Was war der Christus-
Geist? Jener Geist, der immer die Menschheit vereint hat und der sie immer vereinigen wird. Wenn es überhaupt
Christentum gibt, so ist Christentum dies: sich über die Unterschiede und Differenzen zu erheben, welche die
Menschheit trennen – die Menschheit, die sich zu einer einzigen Bruderschaft in der Vaterschaft Gottes vereinigen
sollte." (Religious Gathekas Nr. 47)

IV. Übungen
Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen:
1. Wie interpretiert Hazrat Inayat Khan die Worte Christi: "Ich bin Alpha und Omega"?
2. Wie lautet Murshids Definition des Christus-Geistes?
3. "Man könnte fragen: wenn Gott bereits all-genügend ist, warum sollte Er dann noch den Christus-Geist
erschaffen haben?" Beantworten Sie diese Frage.

21
Desinkarnation (Ausdruck von Pir Vilayat): Lösung von der Körperlichkeit
22
Misericordia (lat.): Erbarmen
- 95 -
4. "Christus identifizierte sich mit dem Geist der Führung anstelle der Persönlichkeit, die als Jesus bekannt
war. Aber die Leute haben diese göttliche Weisheit, diesen Geist der Führung, auf die Persönlichkeit begrenzt, die
als Jesus kam. Und sie vergaßen, dass er selbst gesagt hatte: "Ich bin Alpha und Omega", was bedeutet: all die
Propheten und Seher. Es war in Wirklichkeit eine Proklamation jener Identität, in der Jesus lebte, und nicht jener,
in der das Volk ihn sah." Beschreiben Sie, wie Sie dieses Zitat verstehen.
5. Wie lautet die Antwort von Hazrat Inayat Khan auf die strittige Frage der Göttlichkeit Christi? Erläutern Sie
seine Stellungnahme mit Ihren eigenen Worten.
6. Viele Christen erfahren in Christus die Kraft, Sünde zu vergeben. Angehörigen verschiedener anderer
Religionen erscheint dieser Anspruch als unberechtigte Aneignung einer Macht, die nur dem gestaltlosen absoluten
Gott vorbehalten ist. Hazrat Inayat Khan bietet uns eine wunderbare Lehre an über die tiefere Bedeutung, die in
dieser Streitfrage enthalten ist. Erklären Sie seine Antwort im Blick auf jemanden, der Schwierigkeiten hat, diesen
Teil des Christentums anzunehmen.
7. Warum ist das Symbol des Kreuzes repräsentativ für einen Zustand, der von allen großen Weisen erfahren
wird?
8. Im Universellen Gottesdienst wird die christliche Religion mit dem göttlichen Selbstopfer in Verbindung
gebracht. Inwiefern repräsentiert das Opfer Christi das ständige Opfer, das Gott bringt, damit die Schöpfung leben
kann? Was lehrt uns das Beispiel Christi hinsichtlich dieser Grundtatsache in unserem eigenen Leben?
9. In den verschiedenen spirituellen Traditionen hört man viel über das Ego. Was ist die Essenz von Christi
Lehren zu diesem Thema, wie man sie in den Seligpreisungen findet?
10. "Es genügt nicht, nur mit dem Intellekt zu wissen, dass Leben ewig ist oder dass das ganze Leben eine
Einheit ist, obwohl dies den ersten Schritt in Richtung Vollkommenheit bildet. Die wirkliche Erkenntnis dieser
Dinge steigt als Erfahrung aus der Persönlichkeit der gottbewussten Seele auf wie eine Duftessenz in ihrem
Denken, Reden und Handeln, und sie bekundet sich in der Welt wie Weihrauch, den man auf Feuer streut." (Die
Einheit der religiösen Ideale)
"Das zentrale Thema der Lehre Jesu Christi ist die Entwicklung, die zur Realisierung von Unsterblichkeit
führt." (Complete Sayings)
Berichten Sie von einem Ereignis im Leben Jesu Christi, das Ihnen verdeutlicht, wie er eine solche Entwicklung
zur Realisierung von Unsterblichkeit fördert.

Kyrie Eleison [zum Beitrag von Pir Vilayat Inayat Khan im Ergänzenden Lesematerial]
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen:
1. "Kyrie Eleison, Christe Eleison" als Übung der christlichen Einsiedler ruft die Heiligkeit der göttlichen
Gegenwart herbei. "Wenn man sich Gott als bloßes Prinzip vorstellt, gibt es keine Möglichkeit, die göttliche
Gegenwart zu erfahren, das Kostbarste, das einem menschlichen Wesen geschehen kann." Wenn jemand Sie in
dem Bemühen, der göttlichen Gegenwart teilhaftig zu werden, um Hilfe bitten würde, welche Führung würden Sie
ihm dazu anbieten?
2. "Der Mönch ist selbst eine Kathedrale. Die großen Kathedralen wurden mit viel Liebe und Kunstfertigkeit
erbaut, aber dieses Wesen ist in sich ein Monument geworden." Was bewirkt Ihrem Gefühl nach die Verwandlung
eines Menschen zu solcher Größe, dass er eine lebendige Kathedrale werden kann, in der Gottes heilige Gegenwart
wohnt?
3. "Sie wissen, dass es Augenblicke gibt, in denen man sich plötzlich der himmlischen Glorie und darüber
hinaus der heiligen Atmosphäre göttlicher Gegenwart bewusst wird. Dies ist nicht nur eine bis in die Zellen des
Körpers eingeschriebene Erinnerung, sondern auch ein Zustand, dessen sich ein Teil unseres Wesens immer
bewusst ist." Wenn Sie als Cherag einen Universellen Gottesdienst über die Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes
vorbereiten würden, auf welche Weise würden Sie versuchen, in den Anwesenden das Gewahrwerden dieser
göttlichen Dimensionen wieder zu beleben?
4. "Wenn man in Samadhi geht, neigt man leicht dazu, das Bewusstsein zu überfordern und auszulöschen.
Überdies fehlt dann die wichtigste Dimension der Ekstase: die Ekstase der Befreiung ist da, aber nicht die Ekstase
der Verherrlichung." Beschreiben Sie den Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Ekstase. Dies kann auch
in einer Zeichnung, einem Gedicht oder in Musik ausgedrückt werden.
5. "Damit Verherrlichung stattfindet, muss immer noch ein Bewusstsein der Person und außerdem das
Bewusstsein Gottes da sein. Man verschenkt sich selbst; es ist ein Gespräch, eine Kontaktstelle zwischen Gott und
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Mensch. Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum in der christlichen Religion diejenigen, die für die Reinheit der
Religion verantwortlich sind, sehr darum besorgt sind, dass man nicht das Gefühl der Individualität verliert. Man
wird sich einer völlig anderen Dimension zwischen Gott und Mensch bewusst - nicht bloß, dass ich ein Teil des
Ganzen bin, sondern vielmehr, dass Gott der Archetyp meines Wesens ist."
a) Warum muss das Bewusstsein der eigenen Person und das von Gott vorhanden sein, damit es zur
Verherrlichung kommen kann? Worin unterscheidet sich diese Art des Bewusstseins von Samadhi?
b) Was ist der Unterschied zwischen der Erfahrung der eigenen Person als Teil der Ganzheit Gottes und der
Erkenntnis Gottes als Archetyp des eigenen Wesens?
6. Pir Vilayat spricht von der Demut als christlicher Eigenschaft. Was bringt diese Eigenschaft im Christentum
und seinen Anhängern hervor?
7. Läuterung führt "zu einem Gespür für die höchste Heiligkeit und Würde des Lebens selbst, der menschlichen
Person und der Tiere, Pflanzen und Planeten." Wie die Kirchenväter sagen, lässt man sich durch den Heiligen
Geist beseelen.
a) Wie würden Sie den Heiligen Geist und seine schöpferische Wirkung auf alle Wesen und ihr Leben
beschreiben?
b) Der Christ ist ebenso wie der Sufi empfänglich für das göttliche Wirken. Was bedeutet das?
8. Die Hesychasten (Wüstenväter) "wollten einfach nur dem Beispiel Jesu folgen, und die einzige Möglichkeit,
dies zu erreichen, war, sich in das Bewusstsein Christi zu versetzen. Natürlich war es das, was das Gefühl von
Heiligkeit hervorrief. Stellen Sie sich vor, was Ihnen geschehen würde, wenn Sie in das Bewusstsein Christi
einträten!" Folgen Sie bitte Pir Vilayat Inayat Khans Anregung und stellen Sie sich vor, was mit Ihnen geschehen
würde, wenn Sie sich in das Bewusstsein Christi versetzten. Teilen Sie etwas von Ihrer Erfahrung in der
angemessensten und kreativsten Weise mit.
9. "Das Kyrie muss sehr langsam gesprochen werden. Man kniet, wenn man es sagt. Im Yoga sitzen Sie
natürlich, weil Sie das sich selbst beherrschende Zentrum sind. Beim Gebet jedoch knien Sie wie im Islam, wenn
man den Dhikr sagt, weil nicht Sie das Zentrum sind: Gott ist der Mittelpunkt, und Sie knien vor diesem Zentrum.
Dies gibt Ihnen eine völlig andere Art von emotionaler Einstimmung." Sitzen Sie in der traditionellen Yoga-
Stellung, und beachten Sie die daraus entstehende emotionale Einstimmung. Danach wiederholen Sie im Knien die
Übung "Kyrie Eleison, Christe Eleison". Vergleichen Sie die emotionale Einstimmung während der jeweiligen
Übung.
10. Am Ende dieses Kapitels finden Sie eine Abbildung des Heiligen Tuchs von Turin. Meditieren Sie bitte über
dieses Bild, und beschreiben Sie die Dimensionen von Christus, die sich Ihnen über das Schweißtuch enthüllen.

Christliche Übungen
Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen!
1. Erklären Sie bitte Pir Vilayat Inayat Khans Feststellung, dass die christliche Religion die am wenigsten
bekannte aller Religionen ist.
2. Pir Vilayat Inayat Khan spricht davon, dass die Dreieinigkeit (Trinität) das größte Geheimnis des Lebens zum
Ausdruck bringt: Vielfalt in der Einheit und Einheit in der Vielfältigkeit. Erläutern Sie diese mysteriöse Wahrheit
mit Ihren eigenen Worten. Finden Sie ein Beispiel, um die Bedeutung der Trinität zu beleuchten.
3. Traditionellerweise wird die Trinität als Gott, der Vater, Christus, der Sohn und der Heilige Geist dargestellt.
Pir Vilayat beschreibt Christus als göttliche Vollkommenheit, als Vollkommenheit der göttlichen Qualitäten. Vom
Heiligen Geist spricht er als reinem Geist, als Energie an ihrer Quelle.
Halten Sie die Konzentration auf die drei Aspekte der Trinität - Vater, Sohn und Heiliger Geist – aufrecht.
Lassen Sie eine Zeichnung für jede Dimension der Trinität entstehen. Damit diese Übung gelingt, muss man
zulassen, dass dieser Ausdruck von selbst entsteht und man ihm nicht eine bereits vorhandene Vorstellung
überstülpt. Kümmern Sie sich nicht um traditionelle künstlerische Maßstäbe, sondern versuchen Sie Ihr ureigenes
Verständnis dieser mystischen Wahrheit zu entdecken.
4. In dem dynamischen Mandala des Nikolaus von Flüe konzentriert man sich auf den Kosmischen Christus als
'Bild Gottes im Herzen des Menschen'. Auf welche Weise erfahren Sie selbst das Antlitz Gottes im menschlichen
Herzen?

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5. Die Mandala-Meditation konzentriert sich auf die Beziehung des Kosmischen Christus zu Jesus. Wie würden
Sie diese Beziehung beschreiben?
6. Pir Vilayat spricht davon, dass wir ständig gekreuzigt werden. Die Sufis beschreiben dies als 'Sterben vor
dem Tod'. In welcher Weise erfahren wir selbst Kreuzigung, und inwiefern sterben wir vor dem Tod?
7. Pir Vilayat gibt folgende Einsicht in die Bedeutung der Wiederauferstehung: "Alles was ich geworden bin,
wird den Tod überleben." - "Man zieht die Essenz heraus, und die unwesentlichen Aspekte fallen weg."
Was ist die Essenz von Jesus Christus, die in uns lebt? Was ist in Ihnen entstanden, was nach dem Tod
weiterleben wird?
8. "Das Ergebnis von all dem ist, dass man das Wesen Gottes in sich trägt und es vor Entweihung schützt – man
ist geweiht und heilig geworden."
Pir Vilayat Inayat Khan vergleicht die obige Erfahrung mit dem Sakrament der Heiligen Kommunion. Es gibt
Zeiten im Leben, in denen wir uns geweiht und geheiligt fühlen, wenn wir z.B. das Heilige Abendmahl empfangen
haben. Was ist es, das bei Ihnen diese spirituelle Einstimmung fördert oder hervorlockt?

Wesentliche Elemente des Christentums:


Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen!
1. Pir Vilayat Inayat Khan hat die Beziehungen zwischen den verschiedenen Hauptreligionen mithilfe der
Unterscheidung von transzendenter und immanenter Dimension beschrieben. Die christliche Religion betont die
Bedeutung der göttlichen Immanenz, indem man Gott in der Person von Jesus Christus erfährt, und schafft damit
einen Ausgleich zur Konzentration auf den transzendenten Gottes, worin die Hauptorientierung des Judentums
besteht. Welche Orientierung würden Sie unter Anwendung dieser Perspektive für die Religionen der Hindus, des
Buddhismus, von Zarathustra und des Islam finden? Beide Elemente finden sich in jeder Religion, aber eines davon
ist jeweils stärker betont.
2. "Der Hauptgedanke der Sufi-Schulung ist immer gewesen, die Vollkommenheit zu erreichen, die Jesus
Christus in der Bibel lehrte: 'Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist'." (Gatheka 5, Sufism)
"Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist": Die Sufibotschaft und ihr Auftrag besteht darin,
diese Wahrheit der Welt zu Bewusstsein zu bringen: dass der Mensch tief in sich selbst hinabtauchen, dass er die
Tiefen berühren kann, wo er mit dem gesamten Leben und mit allen Seelen verbunden ist, und dass er aus dieser
Quelle Harmonie, Schönheit, Anmut und Kraft gewinnen kann." (The Sufi Message, Vol. 10)
Hazrat Inayat Khan findet diese Worte von Christus höchst inspirierend, und er nimmt darauf ständig Bezug.
Die Herausforderung besteht darin, die göttliche Vollkommenheit mitten in die Begrenzungen des Lebens
hineinzubringen. Setzen Sie diese Lehre in Beziehung zum folgenden Zitat, und nennen Sie ein Beispiel, welches
das Gesagte erhellt. "Man kann den Menschen helfen zu erkennen, dass die Situationen auf Erden niemals
vollkommen sein werden - in der Tat sind sie manchmal verheerend -, und dass sie die Dinge trotzdem auf schöne
Weise handhaben können. So können wir den Himmel auf die Erde bringen: indem wir mit hässlichen
Angelegenheiten in Schönheit verfahren." (Pir Vilayat Inayat Khan, Introducing Spirituality into Counseling and
Therapy)
3. Während eines Meditations-Camps im Jahre 1982 gab Pir Vilayat Inayat Khan einen Einblick in das, was
seinem Gefühl nach die wahre Bedeutung des Christentums ist: "Gott ist der Same, der in der Existenz zur Pflanze
wird, jedoch als Same wieder aufersteht." Beschreiben Sie, wie Sie diese Äußerung verstehen.
4. Pir Vilayat hat die Ansicht zum Ausdruck gebracht, dass das Christentum in der Vergangenheit seinen
Schwerpunkt auf die Kreuzigung legte, obwohl die wesentliche Botschaft Christi in der Auferstehung liegt. In dem
Bild, das ihm die Essenz dieser Tradition am stärksten vermittelte, tanzt Christus auf dem Kreuz. Meditieren Sie
über dieses Bild, und notieren Sie, was es in Ihnen bewirkt.
5. "Einige sind dagegen, dass man Christus göttlich nennt; wenn aber Göttlichkeit nicht im Menschen gesucht
wird, wo sollen wir Gott dann suchen?" (The Sufi Message, Vol. 10) "Wer sich seines irdischen Ursprungs
bewusst ist, ist ein irdischer Mensch; wer sich seines himmlischen Ursprungs bewusst ist, ist der Sohn Gottes."
(The Sufi Message, Vol. 9)
Für Hazrat Inayat Khan konnte Christus mit Recht Sohn Gottes genannt werden, denn er erkannte und
verwirklichte seine göttliche Erbschaft.
a. Wenn Sie über Ihr Wesen nachdenken, woran erkennen Sie da Ihre göttliche Erbschaft?

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b. Der Unterschied zwischen Christus und den meisten Menschen besteht darin, dass Christus sich seines
"himmlischen Ursprungs" bewusst war und sich damit identifizierte. Wie erwacht man zur göttlichen Erbschaft und
verlagert seine ursprüngliche Identifikation vom irdischen zum himmlischen Ursprung?
6. In der Bibel wird Christus nach der Ursache der Blindheit eines Menschen gefragt. Er antwortete: "Weder hat
dieser Mann gesündigt noch seine Eltern, sondern das Wirken Gottes sollte in ihm offenkundig werden."
a. Vergleichen Sie diese Antwort Christi mit der Art und Weise, in der man dieselbe Situation aus der Sicht des
Karma-Gesetzes betrachten würde.
b. Die Einsicht Christi in das Wesen der Blindheit dieses Mannes ist ein Beispiel dafür, dass das Leben zweck-
orientiert anstatt in einer Kette von vergangenen Ursachen verwurzelt ist. Die Lehren Christi und die des
Internationalen Sufiordens stimmen in diesem Bereich überein. Wie beeinflusst der Unterschied zwischen Ursache
und Zweck die Haltung, mit der man dem Leben begegnet, und die Bedeutung, die man ihm beimisst?
7. Pir Vilayat gab folgende poetische Definition von Christus. Er fügte dem Gedicht von Prentice Mulford eine
letzte Zeile hinzu:
Die unmögliche Möglichkeit,
Unendlichkeit in einem endlichen Fakt,
Ewigkeit in einem zeitlichen Akt,
Vollkommenheit in einer begrenzten Form.
Erläutern Sie, inwiefern dies auf Christus zutrifft.
8. "In gewisser Weise kann man den Menschen als verkleinertes Abbild Gottes bezeichnen, und die Entwicklung
des Menschseins kulminiert in Göttlichkeit; daher ist Christus das Beispiel für den Gipfel des Menschseins." -
"Einige religiöse Autoritäten haben versucht, Christi Göttlichkeit anzuerkennen, aber die Göttlichkeit der
Menschheit zu ignorieren." Was geht verloren, wenn man versucht, Göttlichkeit auf Jesus Christus allein zu
beschränken?
9. Pir Vilayat Inayat Khan hat die Liebe Christi als ein tiefes "Sich-Einlassen auf unser Leiden" dargestellt.
Christus stellt sich dadurch mitten hinein in die Bedingungen unseres Menschseins. Vergleichen Sie die Liebe
Christi mit dem Mitleid von Buddha. Beschreiben Sie die Einstimmungen dieser beiden großen Lehrer der
Menschheit und die Atmosphäre der beiden Religionen, die ihren Namen tragen.
10. "In der Nachfolge seiner mächtigen Vorgänger, der Rishis, zeigt Buddha den Weg der Desinkarnation; er
löst damit systematisch die Knoten auf, die uns durch die Individualisation unseres Bewusstseins in begrenzende
Umstände hineingezogen haben, die Leiden bedeuten." (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward the One) "Christus
dagegen gibt uns ein vollendetes Beispiel für Inkarnation, indem er die Werke des Vatersbetont, die das Königreich
des Himmels hier auf Erden möglich machen." (Pir Vilayat Inayat Khan, Toward the One)
Pir Vilayat betrachtet die Lehren von Christus und Buddha als einander ergänzend. Erklären Sie die Beziehung
beider aus der Perspektive von Inkarnation und Desinkarnation, Wiederauferstehung und Rückkehr zum Ursprung,
sowie deren Auffassung vom Leiden.
11. Welche grundlegenden Elemente hat das Christentum mit der Religion Zarathustras und dem Judentum
gemeinsam?

Erlebnisorientierte Übungen:
Wählen Sie bitte eine davon aus.
1. Besuchen Sie Gottesdienste, die von den verschiedenen christlichen Konfessionen angeboten werden. Sie
sollten vielleicht solche auswählen, die einen starken Kontrast in der jeweiligen Auslegung des Christentums
aufweisen (z.B. Russisch-Orthodoxe, Methodisten, Baptisten oder Quäker). Notieren Sie Ihre Eindrücke von der
Atmosphäre und dem geistigen Schwerpunkt der jeweiligen Gottesdienste. Was ist der Einheit bildende Faden, aus
dem der Wandteppich der christlichen Religion gewebt ist?
2. Christus ist Jahrhunderte lang in der Bildenden Kunst dargestellt worden. Man kann diese Darstellungen als
Versuche der Künstler betrachten, ihre Erkenntnis dessen zu gestalten, wie Göttlichkeit im Menschsein vollendet
zum Ausdruck gebracht wurde. Betrachten Sie solche künstlerischen Interpretationen von Christus, und wählen Sie
diejenige davon aus, die am stärksten Ihre eigene Sicht des Göttlichen in einem menschlichen Wesen wiedergibt.
Notieren Sie Ihre Gedanken aus dieser Übung.

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3. Die Sufis arbeiten mit der Übung kreativer Imagination, die oft die göttliche Emotion in der Visualisierung
einer Landschaft ausdrückt. Wählen Sie Fotos aus oder malen Sie selbst Bilder, welche die folgenden
Einstimmungen wiedergeben. (Pir Vilayat findet diese in der Hohen Messe von Bach vorzüglich vermittelt.)
a) "Zunächst steht das Klagen, Weinen und die Verzweiflung der Menschen für die Seele und das Herz der
Jungfrau Maria, aber auch anderer wie Maria Magdalena und vieler Jünger, die diese schreckliche Tragödie
miterlebten."
b) "Wäre man selbst Zeuge dieser Kreuzigung gewesen - ich nehme an, dass die Menschen, die dort waren und
beobachteten, wie Christus gekreuzigt wurde, dachten, dass dies wirklich eine Kreuzigung war – und hätte Augen
gehabt zu sehen, den Jubel in den Himmeln zu sehen, dann hätte man klar erkannt, dass es eine Krönung war." (Pir
Vilayat Inayat Khan, Landscapes and Visualisations, Leader's Manual)
4. "Kristall, was bist Du? - Ich bin der Schatten vom Herzen Christi. Welche Qualität besitzt Du? - Ich bin ohne
Selbst, so dass der, welcher mich betrachtet, sein Herz in mir reflektiert sieht." (Nirtan, Tanas)
"Das Herz des Meisters (Christus), das vollständig das göttliche Herz widerspiegelte, trug auf natürliche Weise
das Kennzeichen der Göttlichkeit." (The Sufi Message, Vol. 9)
"Dies ist die Tat Christi am Kreuz: ein Geschöpf der Welt zu werden, den Zustand des göttlichen Geliebten auf
sich zu nehmen, dessen Hände und Füße festgenagelt sind und der sich selbst aus Liebe denen zum Geschenk gab,
die ihn verraten. Das Herz Gottes geht durch solche Todesqualen, nachdem er sich genau denjenigen Menschen
ausliefert hat, die ihn durch Todesqualen gehen lassen." (Taj Inayat, Practices of the Broken Heart, Leader's
Manual II)
Meditieren Sie über obige Ausführungen, und fertigen Sie danach eine Zeichnung oder ein Bild vom heiligen
Herzen Christi an.
5. "Eine Dornenkrone auf seinem Haupt, ein Dornenbeet unter seinen Füßen und stechende Dornen, wo immer
seine helfende Hand ruht; und dennoch mit unerschütterlichem Glauben und ungebrochener Hoffnung; mit
geschlossenen Augen, doch mit offenem Herzen; sein Haupt im Himmel und seine Füße auf Erden; so wandelt er
leicht dahin mit all seinem Vertrauen in Ihn, der ihn gesandt hat." (Hazrat Inayat Khan, The Walk of Christ, The
Message, Vol.3/4)
Treten Sie ein in das Wesen von Christus durch die Meditation über seinen Gang, wie er von Hazrat Inayat
Khan geschildert wurde. Beschreiben Sie die dabei auftauchende göttliche Emotion. Wenn Christus heute auf
Erden wandeln würde, wo würden Sie erwarten ihn zu finden? Welches sind die Dornen, die ihn in der heutigen
Gesellschaft verletzen würden?
6. Mutter Theresa begegnet Christus in den Armen, den Leidenden, den Hilflosen und Sterbenden. Erforschen
Sie bei Ihren Begegnungen die Gesichter solcher Menschen. Beschreiben Sie, wie Sie das Gesicht Christi in ihren
Gesichtern und Seine Gegenwart mitten unter ihnen entdecken.

Ergänzendes Lesematerial
Was ist Christentum? Wahre Weisheit, Christus-Geist. Was war der Christus-Geist? Jener Geist, der immer die
Menschheit vereint hat und der sie immer vereinen wird. Wenn es überhaupt Christentum gibt, so ist Christentum
dies: sich über die Unterschiede und Differenzen zu erheben, welche die Menschheit trennen – die Menschheit, die
sich zu einer einzigen Bruderschaft in der Vaterschaft Gottes vereinigen sollte. (Religious Gathekas, Nr. 47)
Die Aktion und Reaktion von Seele und Körper bewirken, was wir Geist [mind] nennen. Ebenso ist es die
Aktion und Reaktion von Gott und Seiner Schöpfung, die den Geist der Führung hervorgebracht haben, und dieser
Geist ist die Seele Christi. (The Sufi Message, Vol. 9)
Wenn Jesus Christus mit den Worten zitiert wird: "Ich bin Alpha und Omega, Anfang und Ende", so ist damit
nicht gemeint, dass der Name oder die sichtbare Person von Jesus Christus das Alpha und Omega ist, sondern der
innere Meister, welcher Geist ist. (The Sufi Message, Vol. 1)
Die besondere Einstimmung, die Christus in die Welt brachte, ist die von misericordia, von Teilnahme am
emotionalen Drama des Universums anstelle der Loslösung davon. Dies bedeutet ein aktives Arbeiten an der
Umwandlung oder Verklärung von Leid in Freude. Die Freude stammt natürlich aus der Freiheit vom eigenen
Selbst. (Pir Vilayat Inayat Khan, The Message Magazine 5/12)
Als Jesus auf die Erde kam, sagte er nicht etwa: "Ich habe euch eine neue Religion gebracht, von der weder ihr
noch eure Vorfahren bisher gehört haben." Er sagte, er sei nicht gekommen, ein neues Gesetz zu verkünden,

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sondern das Gesetz zu erfüllen - mit anderen Worten: "Ich bin gekommen, euch weiterhin das zu geben, was ihr
zuvor bereits empfangen, aber nicht verstanden habt." (The Sufi Message, Vol. 9)
Die Seele, welche die Wahrheit realisierte, noch bevor sie behauptete, Alpha und Omega zu sein, ist Christus.
(The Sufi Message, Vol. 9)
Wenn die Menschen Christus göttlich nannten, so war das ebenfalls richtig. Das Herz des Meisters, das
vollständig das göttliche Herz widerspiegelte, trug auf natürliche Weise das Kennzeichen der Göttlichkeit. (The
Sufi Message, Vol. 9)
Die Seele Christi ist das Licht des Universums. (Complete Sayings)
Die Seele Christi ist das Leben des Universums. (Complete Sayings)
In gewisser Weise kann man den Menschen als verkleinertes Abbild Gottes bezeichnen, und es ist die
Entwicklung des Menschseins, die in Göttlichkeit kulminiert; daher ist Christus das Beispiel für die höchste Form
des Menschseins. (The Sufi Message, Vol. 9)
Die Göttlichkeit Christi bedeutet Göttlichkeit des Menschen; Göttlichkeit selbst ist das Ideal. (The Sufi
Message, Vol. 9)
Einige religiöse Autoritäten haben versucht, die Göttlichkeit Christi anzuerkennen und zugleich die Göttlichkeit
des Menschseins zu ignorieren. (The Sufi Message, Vol. 9)
Bei allen Argumenten für oder gegen die Göttlichkeit Christi kann kein aufrichtiger Gottgläubiger leugnen, dass
Gott sich in der Persönlichkeit des Meisters spiegelte. (Complete Sayings)
Dies ist das Geheimnis der Botschaft Jesu Christi: vom Anfang bis zum Ende das ewige Leben zu suchen. Das
ewige Lebens ist nicht länger ein Mysterium, sobald ein Mensch vom Tode gekostet hat; dann ist er ewig. (Gatha
III)
Das zentrale Thema der Lehre von Jesus Christus ist die Entwicklung hin zur Realisation der Unsterblichkeit.
(Complete Sayings)
Die Sufi-Botschaft unterstützt das Verlangen der Einzelnen ebenso wie der Völker, jenen Frieden
herbeizuführen, nach dem sich jede Seele sehnt, den Christus gelehrt hat und der die Natur Gottes ist. (Religious
Gathekas, Nr. 46)
Der wichtigste Auftrag des Sufismus besteht darin, den Boden umzugraben, unter dem das Licht der Seele
verschüttet liegt. Das entspricht der Lehre Christi, der gesagt hat, dass niemand sein Licht unter einem Scheffel ver-
stecken und dass man sein eigenes Licht hochhalten soll. (The Sufi Message, Vol. 9)
Die Botschaft Christi ist Einfachheit, Aufrichtigkeit, Sanftmut und Unschuld. Diese Eigenschaften zeugen mehr
als alles andere von der Reinheit des Herzens. (Religious Gathekas, Nr. 13)
Freunde, Christi Wort lautet, dass Gott Liebe ist; und wenn Gott Liebe ist, dann können wir - jeder von uns -
Gott in uns beweisen, indem wir in unserem Leben Gott zum Ausdruck bringen. Die wahre Kirche ist weder in der
Moschee noch in der Synagoge zu finden, sondern im Herzen des Menschen, wo Gott weilt und das die Wohnung
Christi ist. (Religious Gathekas, Nr. 31)
Wenn man sagt, dass der Mensch in Sünde geboren wird, dass der Mensch auf Erden und Gott im Himmel sei,
dann trennt man den Menschen von Gott; und dies beseitigt die Möglichkeit der Vervollkommnung, von der
Christus gesagt hat: "Seid daher vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." (The Sufi Message,
Vol. 9)
Ein paar Worte zum Thema der Aussage von Christus: "Widersteht nicht dem Bösen". Oft ist man über diesen
Ausspruch verwundert, und er wird nicht immer richtig gedeutet. Um ihn zu interpretieren, muss man als erstes
erklären, was 'das Böse' bedeutet. Gibt es irgendeine bestimmte Handlung oder besondere Sache, die man als böse
aufzeigen kann? Ohne Zweifel ist der Mensch immer geneigt, ein gewisses Tun für böse zu erklären, aber es gibt
nichts, was im Sinne eines festgelegten Prinzips böse sein kann. Was ist es also dann? Es ist etwas, dem Harmonie
mangelt, es ist etwas, dem Schönheit fehlt, es ist etwas, in dem man Liebe vermisst, vor allem aber ist es etwas, das
sich nicht in die Bedingungen des Lebens einfügt. Was auf die Möglichkeiten abgestimmt ist, die das Leben bietet,
kann kein Übel sein. Es ist das Kennzeichen des Bösen, dass es nirgendwo hineinpasst. Warum heißt es:
"Widersteht nicht dem Bösen"? Weil Widerstand dem Bösen Leben gibt, Nicht-Widerstand lässt es ausbrennen.
(Supplementary Papers - Classes for Mureeds)
Das Gottes-Ideal soll Gott in der Seele erwecken, damit Er sich Seiner Königswürde bewusst wird. Dies wird
uns in dem Gebet Christi nahe gelegt, wo es heißt: "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe." (Sufi M., Vol. 9)

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Egal zu welcher Zeit in der Weltgeschichte die Botschaft kam - eines ist gewiss: dass sie immer das Herz des
Menschen durchdrungen und ihre Prägung und ihren Einfluss hinterlassen hat, der sich vervielfältigte und
ausbreitete und dadurch als Botschaft Gottes erwies. Und es gibt kein besseres Beispiel für diese Wahrheit als das
Erscheinen von Jesus Christus… (The Sufi Message, Vol. 9)
Das Sakrament, von dem gesagt wird, dass es ein Symbol für das Fleisch und Blut Christi sei, zeigt, in seiner
wahren Bedeutung verstanden, dass diejenigen, die dem Fleisch und dem Blut des Meisters großen Wert
beimessen, im Irrtum sind; Brot und Wein stehen für das wahre Wesen des Meisters. Brot bedeutet die Nahrung der
Seele; die Nahrung der Seele ist die Erkenntnis Gottes. Der Wein, das Blut Christi, ist die Liebe, die uns vor
Seligkeit trunken macht. In der Bibel lesen wir, dass Christus seinen Jüngern aufgetragen hat, sein Fleisch zu essen
und sein Blut zu trinken. Dies bedeutet nicht, dass sie das Fleisch seines Körpers essen und das Blut in seinen
Adern trinken sollen, sondern Jesus sagt damit: Ich lebe im Sein Gottes. Nehmt dieses zu euch als Nahrung für euer
subtileres Sein, und trinkt dieses als Anregung für euer geistiges Wesen. (The Sufi Message, Vol. 9)
Was Christi Anhänger dazu bewegt, ihn zu lieben, ist nicht das, was er lehrte. Sie disputieren darüber
vergeblich. Was er selbst war, das ist es, was von ihnen geliebt und bewundert wird. (Complete Sayings)
Die Menschheit hat immer mit Dankbarkeit anerkannt, dass Jesus Christus sich sein ganzes Leben hindurch bis
zur letzten Stunde in allen Prüfungen bewährt hat; mit anderen Worten: dass er sein Leben hingab, um der
Menschheit Leben zu schenken und dies auch weiterhin zu tun. (Religious Gathekas, Nr. 45)
Die Idee des Opfers hat in jeder Religion immer in der einen oder anderen Form existiert. Besitztümer zu
opfern, ist aber nur der erste Schritt; der nächste ist das Selbstopfer, welches das innere Kennzeichen der Religion
von Jesus Christus war. (The Sufi Message, Vol. 9)
Der Glaube, dass Christus sein Leben dahin gab, um die Welt zu retten, erklärt die wahre Bedeutung von Opfer:
kein Mensch in dieser Welt wird, während er auf sein Ziel zugeht, der Prüfung entkommen, die das Leben ihm
auferlegt. Und diese Prüfung bedeutet Opfer. (The Sufi Message, Vol. 9)
Die Frage der Kreuzigung Christi kann, abgesehen von ihrem historischen Aspekt, so erklärt werden: dass das
Leben des Weisen eine ständige Kreuzigung bedeutet. (The Sufi Message, Vol. 9)
Der Anspruch, den Christus zu verkörpern, erschien den Menschen zu hoch für Jesus; darum wurde er von der
intoleranten Welt gekreuzigt. (The Sufi Message, Vol. 9)
Hielten diejenigen, die bei der Kreuzigung anwesend waren, den Meister wirklich für schuldig? Nein - jeder von
Ihnen war mehr oder weniger von der Wahrheit seiner Botschaft beeindruckt, doch immer hin- und her gerissen
durch Konvention und Sitte, gebunden durch Gesetze, festgehalten durch die religiösen Autoritäten, die an der
Macht waren. (The Sufi Message, Vol. 9)
Natürlich musste es den auf den Planeten losgelassenen Kräften des kosmischen Karma gelingen, Christus als
Sündenbock oder Opferlamm für diese Erfahrung zu brandmarken: körperlich in die Hände der römischen Soldaten
ausgeliefert, aber souverän; an Händen und Füßen festgenagelt, der Körper verletzt, doch die Seele voll Jubel. (Pir
Vilayat, The Message in Our Time)
Christus zeigte erhabenen Gleichmut, als er von den Römern beleidigt und gequält wurde, aber er brachte auch
an den Tempeltoren - mit der Peitsche in der Hand - berechtigte Entrüstung zum Ausdruck. (Pir Vilayat, The
Message in Our Time)
Sie erinnern sich an die Worte Jesu, als er sagte: "Warum hast Du mich verlassen?" Ich weiß, dass diese Worte
unterschiedlich interpretiert wurden und dass er damit einen Psalm Davids zitierte; aber was bedeuten seine Worte?
Es ist die höchste Prüfung, die höchste Einweihung, dass man dann, wenn man die göttliche Gegenwart am
dringendsten nötig hat, sie nicht fühlen kann. Genau in dem Augenblick, wenn man alles geopfert hat und es
notwendig wird, die göttliche Gegenwart zu spüren - selbst wenn man sie bis dahin immer gespürt hat, genau in
dem Moment, wo man sie am meisten braucht, ist sie nicht da. Al-Hallaj spürte, dass er leben musste, um das zu
sagen, was Jesus nicht - außer zu den Engeln - sagen konnte, weil seine Auferstehung so rasch stattfand. Und das
war: "Dass Du mich verlassen hast, ist ein Beweis Deiner Liebe", weil nämlich Gott diejenigen am meisten prüft,
die Er am meisten liebt. Dies ist die höchste Antwort auf die Leiden dieser Welt. Jeder Leidende fragt: "Warum
muss ich leiden?" Und die Antwort ist, dass Gott diejenigen am meisten prüft, die Er am meisten liebt. (The
Message Magazine 5/12)
Denken Sie an das Leben des großen Meisters Jesus Christus, der die Seele aller Religion war - man sieht, dass
es darin von Anfang bis Ende nur Liebe und Vergebung gab. (Religious Gathekas, Nr. 44)

- 102 -
Der Geist Christi
von Hazrat Inayat Khan23
Der Glaube an Christus wirkt in der Kirche, das Buch von Christus liegt beim Klerus, der Geist Christi lebt in
der erleuchteten Seele. Der Geist Christi kann in Christi eigenen Worten gefunden werden, wenn er sagte: "Ich bin
Alpha und Omega", ich bin Anfang und Ende. Damit meinte er: "Ich war, bevor Jesus geboren wurde, und ich
werde sein, wenn Jesus gegangen ist."
"Ich bin Christus" bedeutet: "Ich bin jetzt, und ich werde sein bis zum Ende." Hierdurch identifiziert sich der
Meister mit jenem Licht, von dem wir im Vedanta lesen und welches Tausende von Jahren vor Christus existierte,
das Göttliche Licht, das von den Sufis als Geist der Führung erkannt und das auch im Qur'an erwähnt wird. Dieses
Licht Christi wird in der Erzählung von Aladdin aus 'Tausend und Eine Nacht' durch eine Lampe symbolisiert. Und
es ist dasselbe Licht, von dem die Hindu-Legende spricht, wenn sie sagt, dass eine Kobra mit einem Licht in ihrem
Kopf existiert; wenn sie nach Nahrung sucht, nimmt sie jenes Licht in ihren Rachen und mit Hilfe dieser
Beleuchtung kann sie sich durch den Wald bewegen. Es ist das Lebenslicht aller Menschen und aller Wesen, ob
sichtbar oder unsichtbar. In Wirklichkeit ist es die Essenz von Licht.
Wo kann man dieses Licht finden? Es kann in der Sonne und in der höheren Intelligenz gefunden werden; aber
dieses Lichtphänomen äußert sich in den verschiedensten Formen. Selbst der Funke, der aus dem Herzen eines
Steines sprüht, wenn man ihn anschlägt, verkörpert dasselbe Licht. Auch das Leuchten, das sich im Blühen der
Pflanzen manifestiert, im Reifen der Früchte, im Licht, das wir in einer mondhellen Nacht und im Auf- und
Untergehen der Sonne erleben – all das ist ein und dasselbe Licht, das sich vom Unsichtbaren zum Sichtbaren hin
manifestiert; es existiert jedoch im Unsichtbaren in einem viel größeren Ausmaß, als wir mit unseren Augen sehen
können.
Man könnte fragen: wenn Gott allgenügend ist - warum sollte Er dann auch noch den Christus-Geist erschaffen
haben? Eine kleine Geschichte wird dies erklären: Ein Bauer wollte zu einem Ort gehen, der in großer Entfernung
von seinem Hof lag. Und er dachte daran, wie man in dunklen Nächten bei Unwetter, Wind und Nebel oft seinen
Weg verliert. Daher baute er sich eine Laterne, dass sie ihm leuchte, falls es dunkle Nacht würde, und ihn so auf
seinem Pfad führe. Sie war seine Schöpfung; er baute die Laterne für sich selbst, um von ihr geführt zu werden.
Diese Schöpfung ist nichts anderes als die Manifestation Gottes, und der Mensch ist der Höhepunkt dieser
Manifestation. Gott schuf den Menschen nicht so, wie der Schreiner einen Stuhl fertigt, denn der Schreiner
verwendet ja Holz, etwas von ihm selbst Verschiedenes, um den Stuhl zu bauen. Gott aber schuf den Menschen aus
Sich Selbst heraus; mit anderen Worten, Gott manifestierte sich als Mensch, und in seiner Manifestation ist der
Eine zu Vielen, die Einheit zur Vielfalt und zu einem Rätsel geworden. So ist für den Menschen das Leben auf
Erden zunächst ein Rätsel: er weiß nicht, wohin er gehen und wohin er nicht gehen, er weiß nicht, was er tun und
was er nicht tun soll. Von Anfang bis Ende ist er verwirrt in der Entscheidung, was richtig und was falsch ist. Je
weiser ein Mensch wird, desto mehr Schwierigkeiten treten auf. Das zeigt, dass es auf seinem Lebensweg Unwetter
und Winde, Dunstschleier und Nebel geben wird, die seine Augen zwar nicht sehen, die aber seine Seele erlebt.
Und um ihm diese Schwierigkeiten zu erleichtern, wird ihm eine Laterne gegeben, die Gottes eigener Geist ist und
die Er für Seine Schöpfung gemacht hat, damit der Mensch diese Laterne ergreife, um auf seinem Weg geführt zu
werden.
Nicht nur Menschen haben diese Laterne, auch Tiere und Vögel besitzen sie. In Herden von Tieren gibt es stets
eines, das die anderen führt. In jeder Vogelschar gibt es einen, der führt und erkennt, woher der Wind weht. Wer
führt, der weiß, welcher Weg einzuschlagen ist, und die anderen Vögel folgen ihm. In Indien wird eine wunderbare
Geschichte von frei in den Wäldern lebenden Elefanten erzählt. Man sagt, dass es in jeder Elefantenherde einen
gibt, der als Führer anerkannt ist. Er nimmt einen Ast von einem Baum in seinen Rüssel und geht voran; er prüft
ständig den Boden, damit diejenigen, die ihm folgen, nicht in eine Grube fallen. Er achtet auch wachsam auf jedes
Geräusch von Gewehr oder Pfeil und spürt jede atmosphärische Veränderung, die für die Elefanten gefährlich
werden könnte. Aber manchmal gibt es auch einen Elefanten, der sich nicht führen lassen will. Er läuft von der
Herde weg und verirrt sich, und um ihn zu fangen, graben die Menschen Fallgruben in den Boden, damit dieser
verlorene Elefant hineinfällt, wenn er sich ihnen nähert. Zwei oder drei Tage später kommen sie dann und nehmen
ihn gefangen.
Das ist ein schönes Bild davon, wie der Christus-Geist wirkt. Wenn man dies versteht, kann man diejenigen
nicht tadeln, die sagen: "Christus ist unser Retter" oder "Christus ist unser Gott." Vielleicht erkennen sie nicht, was
der Geist Gottes, wie wir ihn verstehen, eigentlich bedeutet, aber es ist nichts Falsches daran, außer dass sie selbst
nicht wissen, was sie sagen. Wenn man in Christus Göttlichkeit erkennt, so ist daran nichts falsch. Wenn

23
The Sufi Message, Vol. 9
- 103 -
Göttlichkeit sich nicht im Menschen manifestiert, wo sollte sie dann zu finden sein? Ist Göttlichkeit allein im
Himmel zu finden? Und andererseits, wenn jemand Christus einen Menschen nennt, so erhebt er das Maß des
Menschseins zu größter Höhe, und auch darin liegt Wahrheit. Nur verstehen eben beide nicht, was der andere
meint, und jeder behauptet, dass der andere sich irre; und all dies entsteht, weil sie nicht glauben, dass derjenige,
der oft Christus der Heiland genannt wird, in Wirklichkeit der Erlöser-Geist ist. Bei Elefanten ist jener Erlöser-
Geist derjenige, der die Herde führt; eine liebende Mutter, ein gütiger Vater, ein unschuldiges Kind, ein hilfreicher
Freund und ein inspirierender Lehrer – sie alle repräsentieren mehr oder weniger jenen Erlöser-Geist. Wenn einer
das Leben eines Menschen rettet, indem er für ihn ins Wasser springt, vollbringt er keine so große Tat wie
derjenige, der eine im Dunkeln tappende Seele erlöst.
Aber, könnte man sagen, wie steht es dann um die gesamte Welt, um die ganze Menschheit? Alle Seelen sind
mit einander verbunden, und es gibt keine Seele, die nicht bewusst oder unbewusst dem Einfluss des gesamten
Kosmos unterworfen ist. Jede Zelle hat früher oder später eine Auswirkung auf den gesamten Körper. Wenn man
dies also richtig betrachtet, ist es keine Übertreibung, wenn man eine befreite Seele als Erlöser der Welt bezeichnet;
aber wenn man dies nur als Glaubenssatz annimmt, weiß man nicht, was es wirklich bedeutet.
Die befreite Seele wirkt von Natur aus wie der lebendige Blutstropfen. Wissenschaftler haben entdeckt, dass
Bluttransfusionen neues Leben geben können. Eine Seele, die sich zu großer Erleuchtung erhoben hat, kann die
ganze Menschheit inspirieren und beleben, so wie ein einziger mächtiger Mann eine ganze Nation beeinflussen
kann. Er wird dann 'der Mann des Tages' genannt, und er wird vielleicht einen solchen Einfluss haben, dass er die
Menschen in Himmelshöhen erhebt. Wenn ein materiell orientierter Mensch dies für eine ganze Nation bewirken
kann, warum sollte dann ein spiritueller Mensch nicht solchen Einfluss auf die ganze Welt haben? Ob wir dies
anerkennen oder nicht, spielt keine Rolle, doch gibt es Seelen in der Welt, die einen größeren Einfluss ausüben als
der so genannte 'Mann des Tages', über den so viel in den Zeitungen geschrieben wird.
Wenn Christus bereits existierte, bevor er als Christus bekannt wurde, was war er da? Und wenn Christus sein
wird, nachdem er als Christus bekannt wurde, was wird er dann sein? Wir sind als menschliche Wesen viel zu
begrenzt, um dies entscheiden zu können; es zu versuchen, wäre nichts als Torheit. Aber haben wir nicht
andererseits, bereits vor Jesus, Wesen gekannt, die die Menschheit inspirierten? Gab es nicht Propheten wie Moses,
Abraham und Zarathustra, inspirierende Wesen wie Krishna und Buddha, deren Einfluss in der ganzen Welt zu
spüren war? Was waren Sie? Wenn die Wahrheit einzig ist, wenn nur eine Weisheit existiert, wenn menschliche
Persönlichkeit eins ist, wenn Gott der Eine ist - was sind sie dann, wenn nicht der selbe Geist? Die sie sahen, haben
sie Buddha oder Krishna genannt; aber sie waren alle ein und derselbe - dieselbe Leuchte, dasselbe Licht, obgleich
in verschiedenen Lampenschalen.
Nachdem sie fortgegangen sind, kommt das Licht in einer anderen Form wieder, um die Menschheit zu
erleuchten. Wirkt dieses Licht nicht auch in unserem täglichen Leben? In unserem tiefsten Kummer, in unserer
größten Verwirrung kommt plötzlich ein Freund, ein Verwandter oder ein Lehrer und sagt uns etwas, von dem er
selbst nicht weiß, dass es die Botschaft der Weisheit ist. Und manchmal kommt dies in einer so seltsamen Weise,
vielleicht in Form einer Veränderung. Wir verstehen nicht, woher sie kommt, sodass wir es nicht einmal glauben
können. Doch immer kommt die innere Führung genau in dem Augenblick, wenn wir sie dringend brauchen. Sie
kommt vielleicht von einem unschuldigen Kind – als das Wort, das eine Botschaft Gottes ist. Denn das Licht ist
verborgen. Diejenigen, die sagen, sie hätten nach Jesus Christus das Licht nicht wieder neu entzündet gesehen,
begrenzen Christus. Diejenigen sehen Christus wirklich, die den Christus-Geist in all den verschiedenen
Lampenschalen erkennen, die das Licht verkörpern.
Christus identifizierte sich mit dem Geist der Führung anstatt mit der Person, die als Jesus bekannt war. Die
Menschen haben jedoch jene göttliche Weisheit, jenen Geist der Führung auf die Person begrenzt, die als Jesus zur
Welt kam. Und sie haben vergessen, dass er selbst sagte: "Ich bin Alpha und Omega", was sich auf all die
Propheten und Seher bezog, die vor Jesus gekommen waren, ob Abraham, Zarathustra, Buddha oder Krishna. Er
hat sich mit ihnen identifiziert. Das ist der Grund, warum er sagte, er sei nicht gekommen, um ein neues Gesetz zu
geben, sondern um das Gesetz zu erfüllen, womit er zugleich andeutete, dass die Führung auch weiterhin kommen
wird. Es war wirklich eine Proklamation jener Identität, in der Jesus lebte, und nicht der Persönlichkeit, als die das
Volk ihn sah.
Jesus sagte auch zu einigen: "Ich werde kommen" und zu anderen: "Der Menschensohn wird kommen." Es war
eine Antwort, die für zwei verschiedene Mentalitäten bestimmt war. Zu den Seelen, die seine Identität erkennen
konnten, sagte er: "Ich werde kommen", und zu denjenigen, die seine wahre Identität nicht erkennen konnten, sagte
er: "Ein anderer wird kommen; wann immer die Weisheit verloren geht, wird Christus kommen." Die wahre
Bedeutung des Gesagten ist: "Ich werde in einer anderen Gestalt kommen, die nichts desto weniger mich selbst
darstellt." Es ist nur für diejenigen ein Rätsel in Worten, die sich selbst verwirren wollen. Für die, welche aus der
Verwirrung herauskommen wollen, ist es leicht und einfach. Aber die menschliche Natur findet Gefallen an
Kompliziertheit und zieht es vor, die Wahrheit so schwierig wie möglich zu formulieren.

- 104 -
Kyrie Eleison
von Pir Vilayat Inayat Khan24
Es scheint, als habe man die Heiligkeit aus der Meditation ausgeklammert, obwohl sie mit der Erfahrung der
göttlichen Gegenwart verbunden ist. Wenn man sich Gott als bloßes Prinzip denkt, so gibt es keine Möglichkeit zur
Erfahrung der göttlichen Gegenwart, die das Kostbarste ist, was einem menschlichen Wesen geschehen kann. Um
die tiefen Dinge zum Ausdruck zu bringen, die wir in unserem täglichen Leben nie ausdrücken, hilft es am meisten,
in das Bewusstsein eines Meisters, Heiligen oder Propheten einzutreten. Aber was bedeutet es, in das Bewusstsein
eines Meisters einzutreten? Sie können in das Bewusstsein eines Kristalls, eines Hundes oder irgendeiner Person
gelangen, und so können Sie schließlich auch in das Bewusstsein eines Meisters, Rishi, Derwisch oder Einsiedlers
eintreten.
Um in das Bewusstsein eines Einsiedlers einzutreten, beginnen Sie damit, sich ein solches Wesen bildlich
vorzustellen. Ich hatte das große Privileg, einigen ganz wunderbaren Einsiedlern am Berg Athos in Griechenland
zu begegnen. Es gibt natürlich Tausende von wundervollen Mönchen in den Klöstern. Aber wenn Sie von den
Klöstern weg und in die Natur hinausgehen, wo es keine Straßen oder Zivilisation gibt, mögen Sie vielleicht das
Glück haben, irgendwo auf eine kleine Hütte zu stoßen, in der ein Mönch haust, der ein Einsiedler geworden ist.
Um mit dem Mönch zu reden, müssten Sie Russisch, Bulgarisch oder Griechisch sprechen, obwohl die meisten von
ihnen sowieso nicht reden würden. Wenn Sie einen solchen Mönch finden, wird er im Gebet sein. Egal zu welcher
Tageszeit Sie kommen, er wird immer beten. Der Mönch selbst ist eine Kathedrale. Die großen Kathedralen
wurden mit viel Liebe und Können erbaut, aber dieser Mönch ist selbst zu einem Monument geworden.
Wenn Sie sich fragen sollten, wonach Sie sich im Leben am meisten sehnen, so würden Sie sich, wie ich glaube,
wünschen, in einen Zustand kosmischer Ekstase getragen zu werden. Ich erinnere mich, dass ich einmal einer
russisch-orthodoxen Liturgie beiwohnte, die in einem katholischen Kloster zelebriert wurde. Es war eine kosmische
Erfahrung, durch die jeder absolut über sich selbst hinausgetragen wurde, ein Lobgesang der Glorie, der die
Kosmische Messe im Himmel widerspiegelte. Ich kann verstehen, warum manche Menschen sich von dem
übertrieben formellen, zeremoniellen Aspekt der Religion abgewandt haben, aber dadurch haben sie das Kind mit
dem Bade ausgeschüttet. Sie wissen, es gibt Augenblicke, da man sich plötzlich des himmlischen Glanzes und
darüber hinaus der heiligen Atmosphäre in der Gegenwart Gottes bewusst wird. Dies ist nicht nur eine Erinnerung,
die tief in die Zellen unseres Körpers eingeschrieben ist, sondern auch ein Zustand, dessen ein Teil unseres Wesens
sich ständig bewusst ist. Der größte Teil unseres Bewusstseins ist mit unserer kleinen Umwelt beschäftigt, mit
unseren Gedanken, Aktivitäten, Freuden und Schmerzen; das Einzige jedoch, was dem Leben Sinn gibt, ist das
Bewusstsein des Heiligen. Man kann keinen Sinn in sein Leben bringen, wenn man versucht, es über den Kopf zu
verstehen. Wenn man in Samadhi geht, neigt man dazu, das Bewusstsein zu überfordern und es auszulöschen.
Überdies fehlt dann die wichtigste Dimension von Ekstase: es gibt wohl die Ekstase der Befreiung, aber nicht die
Ekstase der Verherrlichung. Damit Verherrlichung stattfindet, muss es noch ein Bewusstsein der Person und
außerdem das Bewusstsein Gottes geben.
Man verschenkt sich selbst; es ist ein Gespräch, eine Kontaktaufnahme zwischen Gott und Mensch.
Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum in der christlichen Religion diejenigen, die für die Reinheit der Religion
verantwortlich sind, sehr darum besorgt sind, dass man nicht das Gefühl der Individualität verliert. Man wird sich
einer völlig anderen Dimension zwischen Gott und Mensch bewusst - nicht bloß, dass ich ein Teil des Ganzen bin,
sondern vielmehr, dass Gott der Archetyp meines Wesens ist. Dies ist eine ganz andere Art, sich auf die göttliche
Wirklichkeit zu beziehen. Es geht nicht nur darum, dass ich ein Teil des Universums, des göttlichen Bewusstseins,
der göttlichen Persönlichkeit bin, sondern dass es in der Totalität etwas gibt, was über die Summe der Teile
hinausgeht. Das ist die Bedeutung von Transzendenz. Diese Entdeckung lässt Sie Demut empfinden, die eine
christliche Qualität ist, und gibt Ihnen ein Gefühl der Verherrlichung. Wie Sie wissen, ist es diese Emotion der
Verherrlichung, die als Impuls hinter den großen Messen wirkt, den größten Musikwerken, die je komponiert
wurden. Es ist eine anerkannte Tatsache, dass man diesen Zustand nicht durch eigenes Bemühen erreichen kann,
sondern dass man die Übernahme der Kontrolle durch Gottes Wirken zulassen muss. Es gibt ein Gewahrwerden
des Wesens Gottes, das jenseits all unserer Möglichkeiten liegt, es zu begreifen. Deshalb muss es vollkommene
Hingabe an dieses Wirken geben, aber mit Bewusstsein, nicht unbewusst.
Stellen Sie sich vor, dass Sie zu einer glorreichen Feier in den Himmeln eingeladen wurden und sich darauf
vorbereiten. Zuerst würden Sie sich wünschen, ein Bad zu nehmen, sich zu waschen und frische Kleider
anzuziehen. Sie hätten auch den Wunsch, sich innerlich zu reinigen. Es wäre Ihnen danach zumute, die Schuhe
auszuziehen, als gingen Sie über frisch gefallenen Schnee und wollten ihn nicht mit Ihren Schuhen beschmutzen.
Aber was immer Sie auch tun in dem Versuch sich zu reinigen, Sie würden doch bald merken, dass Sie dies nicht

24
Aus einer Meditation, die Pir Vilayat auf dem Nevada City Camp in Kalifornien im Juni 1979 leitete
- 105 -
alles selbst tun können. Es ist zu viel, denn in jedem von uns gibt es Gefühle von Triumph und Verrat, das Gefühl,
seinem Ideal gemäß gelebt zu haben, und das Gefühl, versagt zu haben. Dieses Bewusstsein könnte zu
Schuldgefühlen entarten; aber es könnte sich auch in einem Verlangen manifestieren, dem göttlichen Wesen die
Möglichkeit zu geben, die Verwandlung herbeizuführen. Die Natur verwandelt sich ständig. Es gibt immer einen
Prozess der Transformation, aber wir selbst stehen dabei im Wege. So bitten wir um diese Transformation und
geben uns ihr hin, was auch immer der Preis dafür sei. Es handelt sich nicht darum, dass man sich verbessern oder
entwickeln will, sondern dass man die göttliche Natur und Harmonie wirken lässt, was immer sie vorhat, um uns zu
verwandeln, selbst wenn dies ein Zurechtstutzen anstatt ein Bereichern bedeutet. Um das Wachstum einer Pflanze
zu fördern, muss man sie beschneiden. Aber Sie können dies nicht selbst tun; Sie wüssten nicht, was Sie stutzen
sollten.
Etwas abzutrennen, wie etwa einen Finger, das ist sehr schmerzhaft. Sie müssen sich voll und ganz dem
göttlichen Eingriff zur Verfügung stellen. Natürlich findet diese Operation auf Ihrer höchsten Wesensebene statt,
doch selbst der Körper wird durch diesen Prozess geheiligt. Alle Ebenen sind mit eingeschlossen. Sie erlangen
dann ein Gespür für die pure Heiligkeit und Würde des Lebens - die des Menschen ebenso wie die der Tiere,
Pflanzen und Planeten. Wie die Kirchenväter sagen: "Man lässt sich durch den Heiligen Geist neu beleben."
Die Hesychasten waren Einsiedler, die die organisierte Kirche verließen, weil es dort zuviel Gezänk über
Dogmen gab. Sie gingen einfach in die Wüste. Manche saßen oben auf den Felsen, einige blieben mitten in der
Wüste. Sie hatten keine besonderen Meditationstechniken, wie wir sie im Yoga finden, noch war es ihre Absicht,
sich in Selbstbeherrschung zu versuchen oder spektakuläre Dinge zu tun, wie z.B. auf einem Bein zu stehen. Sie
wollten einfach nur dem Beispiel Jesu folgen. Die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, war die, selbst in das
Bewusstsein Christi zu gelangen. Das war es natürlich, was das Gefühl von Heiligkeit vermittelte. (Stellen Sie sich
vor, was mit Ihnen selbst geschieht, wenn Sie in das Bewusstsein Christi eintreten!) Zuerst fühlten sich die
Hesychasten jedoch zu unrein, um in Christi Bewusstsein eintreten zu können, daher begannen sie mit dem ersten
Schritt in der Messe, dem Kyrie Eleison. Sie fanden es anmaßend zu denken, man könne weiter gehen. Nur im
Gebet konnten sie ausdrücken, wessen sie bedurften. Aber sie merkten, dass man während des Gebets dazu neigt,
sich in Worten zu verlieren; Gebet gibt dem Verstand die Gelegenheit, alle möglichen Gedanken zu entwickeln. So
beschlossen sie, ihre Worte zu reduzieren, bis schließlich alles, was sie sagten, nur dies war: Kyrie Eleison, Christe
Eleison (Herr erbarme Dich, Christus erbarme Dich).
Um Kyrie Eleison zu sagen, versuchen Sie, in das Bewusstsein von jemandem einzutreten, der auf das Gefühl
von Heiligkeit eingestimmt ist, so als ob sie in eine Kirche eintreten, in der eine sehr heilige Atmosphäre herrscht.
Das Kyrie muss sehr langsam gesprochen werden. Wenn Sie es sagen, knien Sie dabei. Beim Yoga sitzen Sie
natürlich, weil Sie das Zentrum sind und sich selbst beherrschen. Aber beim Gebet - wie im Islam und wenn man
den Dhikr spricht - knien Sie, weil man hier nicht mehr selbst das Zentrum ist; Gott ist das Zentrum, und Sie knien
vor diesem Zentrum. Das gibt Ihnen eine völlig andere Art der emotionalen Einstimmung.
Ein anderer Grund zu knien war, dass sie Gott baten sie zu reinigen (lassen Sie uns das Wort 'reinigen'
verwenden anstatt 'vergeben'), und sie lieferten sich dem göttlichen Wirken aus. Darum senkt man den Kopf, wenn
man Kyrie Eleison sagt. Wenn man den Kopf beugt, geschieht etwas mit unserem Wesen. Diese Erfahrung findet
man in allen Religionen. All die buddhistischen Mönche, die Sufis, Muslime, Orthodoxen und Katholiken senken
ihren Kopf. Dies bedeutet Unterwerfung des eigenen Willens unter den göttlichen Willen, ein Eingeständnis der
Unfähigkeit, diesen Zustand aus eigener Kraft zu erreichen. Das berührt uns in der Tiefe unseres Wesens. Sie
wissen, dass man im Leben durch Aktivitäten an die Oberfläche gezogen wird. In einem Retreat jedoch findet man
seine Tiefe. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man den Zustand des Eingestimmtseins erreicht und die
Umgebung völlig ausgeschaltet hat. Dann kommt man in Berührung mit der göttlichen Gegenwart jenseits der
göttlichen Manifestation. Äußerlich erfährt man die Manifestation, innerlich aber erlebt man die göttliche
Gegenwart.
Denken Sie daran, dass Kyrie 'Gott' und Eleison 'Erbarme Dich' bedeutet. Betonen Sie Eleison. Wenn Ihr Kopf
hoch kommt - das ist der Augenblick des Kontakts mit der göttlichen Gegenwart. Wenn Sie sich niederbeugen,
neigen Sie sich vor dem Thron, und wenn Sie Ihren Kopf aufrichten, werden Sie sich des Wesens auf dem Thron
bewusst. Sie müssen sich ganz in das Gebet einlassen und dürfen seiner Kraft keinen Widerstand entgegensetzen.
Das Kyrie muss eine ganze Weile wiederholt werden, bevor man völlig zu seiner Einstimmung gefunden hat.
Vielleicht haben Sie Abbildungen des Heiligen Grabtuchs von Turin gesehen und konnten Christi Wesen
jenseits der Form erfassen: die offenen Augen jenseits der geschlossenen Augen. Das Gesicht, das durch die
schrecklichen Schläge entstellt wurde, ist plötzlich wieder belebt, und diese ungeheuerliche Macht und Ekstase
offenbart sich Ihnen, wie aus einer anderen Welt kommend. Wenn Sie diese Erfahrung noch nicht gemacht haben,
werden Sie es vielleicht erleben, wenn Sie bereit sind, das Wesen Christi zu finden. Jeder von uns hat seine
besondere Aufnahmefähigkeit für diese Größe, die jenseits allen Fassungsvermögens liegt.

- 106 -
Der nächste Teil des Gebetes ist Christe Eleison, und hier muss man eine mehr persönliche Verbindung finden.
Anstatt Gott um Vergebung oder Gnade zu bitten, erbittet man sie von Christus; man stellt dadurch eine Beziehung
mit dem Wesen Christi her. Das ist die beste Möglichkeit etwas zu erleben, was Sie verwandelt, wirklich ein großes
Wesen zu erleben. An diesem Punkt senken Sie Ihren Kopf nicht soweit nach unten. Es kommt nun darauf an, in
eine sehr tiefe Einstimmung zu gelangen; die Bewegung ist nicht so wichtig wie die Einstimmung. Sie können
diese Übung in Ihrem Herzen und in Ihrer Seele ständig tun. Sie wissen, dass die Ordensbrüder des Heiligen
Franziskus von Assisi und die Schwestern der Heiligen Clara sich an den mondhellen Abenden zu treffen pflegten,
um die Ekstase dieser Kommunion mit der göttlichen Gegenwart zu teilen.
Nun sind Sie an der Schwelle der Hohen Messe, die in den Himmeln gefeiert wird. Jetzt wird sich alles ohne
Ihre eigene Anstrengung entfalten müssen, je nachdem, wie Sie auf diesen großen Augenblick des Durchbruchs
vorbereitet sind, wenn der Vorhang sich öffnet und man plötzlich die Herrlichkeit der Himmel erfährt - das Gloria
der Messe. Wir alle tragen in uns eine Erinnerung an die Kosmische Messe. Es ist keine unbewusste Erinnerung,
sondern vielmehr eine irgendwo gespeicherte überbewusste Erinnerung. Ich könnte Ihnen von den Prozessionen,
den Huldigungen, von den Herolden, den Engeln der Freude, von der Musik, dem Licht, dem Ruhm, den
andachtsvollen Engeln und Erzengeln berichten, aber Sie müssen dies alles selbst herausfinden. Es ist eine Frage
der Einstimmung. Buddha sagte, wenn man auf das Bewusstsein der Engel eingestimmt ist, wird man ihrer gewahr
und kann mit ihnen in Verbindung treten. Dies ist etwas, was Sie in sich selbst finden müssen. Es handelt sich nicht
darum, sich nach innen zu wenden und in sich selbst Frieden zu finden, sondern sich nach oben auszurichten und
über sich selbst hinaus gehoben zu werden. Dann kommt die Erinnerung zurück. In Wahrheit ist es Ihr wahres
Wesen, das Sie jetzt entdecken. Sie wurden in einem Akt der Verherrlichung geboren, und wenn Sie Ihr wahres
Wesen gefunden haben, können Sie plötzlich verwandelt werden. Sie können das aber nicht erreichen, wenn Sie
mit jenem Teil Ihres Wesens arbeiten, der auf den Planeten ausgerichtet ist. Sie müssen Ihren Ursprung, Ihre
wirkliche Heimat finden: die Kosmische Messe.
All dies ist nicht von anderer Art als die physische Welt; es ist das, was hinter der physischen Welt liegt und
sich ständig durch die physische Welt hindurch ausdrückt - wenn man nur das Wunder dieser Welt entdecken
könnte, anstatt auf das, was wir normalerweise von ihr erfahren, eingeschränkt zu sein. Ein Kristall z.B. ist ein
Ausdruck von Glorie, ein Gebet, das zu versteinerter Emotion geworden ist. Dann gibt es die lebendigen Zellen –
Schönheit, die ins Bewusstsein durchbricht. Das Naturell der Himmel kommt in den Blumen zum Ausdruck. Es ist
alles eine einzige Wirklichkeit, aber es verlangt eine gewisse emotionale Einstimmung, um dies zu erkennen. Nur
wenn man von einem Gefühl des Staunens überwältigt ist, kann man all dies wirklich sehen.

- 107 -
Teil XII:

Die Religion des Islam

108 -
Teil XII: Die Religion des Islam

I. Liste der erforderlichen Lektüre


A) Folgende Kapitel aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Religionen':
Mohammed
Die symbolische Darstellung religiöser Ideen (Shaqq-i Sadr / Miraj)
B) Ergänzendes Lesematerial

II. Weitere empfohlene Lektüre


Lesen Sie bitte
A) folgende Suren aus dem Qur'an, die im Kontext zu nachfolgenden Übungen stehen:
001 Al-Fāteha (Die Eröffnung)
112 Al-Ikhlās (Die Einheit)
052 At-Tūr (Der Berg)
003 Al-΄Imrān (Das Haus Imran)
024 An-Nūr (Das Licht)
045 Al-Dschāthiyah (Das Knien)
053 An-Nadschm (Der Stern)
014 Ibrāhim (Abraham)
018 Al-Kahf (Die Höhle) - Verse 52 bis 82
010 Yunūs (Jonas)
073 Al-Muzzammil (Der Verhüllte)
075 Al-Qiyāmah (Die Auferstehung)
019 Maryam (Maria)
012 Yūsuf (Joseph)
086 At-Tāriq (Der Nachtstern)
097 Al-Qadr (Die Nacht des Schicksals)
094 Al-Inscherāh (Die Aufschließung)
093 Ad-Duhā (Der lichte Tag)
055 Ar-Rahmān (Der Erbarmer)
B) nicht aufgeführte Suren aus dem Qur'an
C) den Hadith des Propheten

III. Lernziele
- die göttliche Emotion zu erfahren, die aus der Tradition des Islam und der Persönlichkeit des Propheten
Mohammed entspringt, der Millionen von Menschen inspirierte
- die Schleier der unbewussten Vorurteile, Missverständnisse und Unkenntnis zu durchdringen, die es vielen in
der westlichen Welt erschweren, den Islam zu verstehen
- Verständnis zu gewinnen für die besondere Betonung, die auf die spirituelle Demokratie in dieser Tradition
und auf die Bedeutung der Menschlichkeit ihres Propheten gelegt wird
- mit dem heiligen Qur'an vertraut zu werden und von Hazrat Inayat Khan ausgewählte Aspekte des Qur'an
sowie Geschichten, die mit Mohammed verbunden werden, aus seiner Sicht zu verstehen
- die Bedeutung der Ausrichtung des Islams auf die göttliche Einheit und auf einen formlosen Gott zu erkennen
- die unterschiedliche Schwerpunktsetzung im Islam und Christentum zu verstehen und zu erkennen, wie beide
einander ergänzen und ausgleichen können

IV. Überblick über das Thema


Dem Bedürfnis der Zeit entsprechend, brachte der Prophet Mohammed die Botschaft des Islam, die den
Leitgedanken geistiger Demokratie aufweist. Jeder Mensch ist vor Gott gleich, ungeachtet seiner äußeren Position
im Leben. Dieses Ideal zeigt sich sehr schön, wenn die Muslime beten und alle in einer Reihe sitzen. Mohammed

109 -
betont dieses Gleichheitsideal, indem er von sich als Diener Gottes und nicht als göttlichem Avatar spricht. Der
Mensch ist "tolerant genug geworden, um an die göttliche Botschaft zu glauben, die von jemandem wie er selbst
gegeben wurde, der Geburt, Tod, Freude, Trauer und allen natürlichen Wechselfällen des Lebens unterworfen ist."
(The Sufi Message, Vol. 1)
Für Hazrat Inayat Khan ist die wesentliche Note, die der Islam in der Sinfonie der Religionen spielt, die Qualität
der göttlichen Einheit. Der Prophet verkündete "La ilaha illa 'llah" (Nichts existiert außer Gott). "Gott macht das
ganze Sein aus, einzeln, individuell und kollektiv, und jede Seele trägt die Quelle der göttlichen Botschaft in sich
selber." (The Sufi Message, Vol. 1)
Diese Note der Einheit drückt sich in der Betonung aus, die auf eine Bruderschaft gelegt wurde, die unter den
Mitgliedern des Islam aufgebaut werden sollte. "Mohammed baute nicht nur eine Nation mit seiner geistigen
Botschaft, sondern auch eine Schule, in der Liebe, Zusammenarbeit, Gleichheit und Demokratie gelernt werden
konnten, die Wahrheit nämlich, dass vom Angewiesensein der Menschen aufeinander das Glück der Menschheit
abhängt". (The Sufi Message, Vol. 7)
In der Entwicklung des Gottesideals präsentiert die Religion des Islam das Thema des formlosen Gottes. "In
jeder Epoche gab es Menschen, die die Idee des formlosen Gottes hochhielten. Diese Idee wurde Islam genannt,
wörtlich 'Friede'. Sie wurde vollständig verwirklicht in der Zeit Mohammeds, als er eine Nation schuf, die zum
Wächter einer Religion wurde, deren höchster Sinn diese Idee war. Es ist schwierig für den Menschen, Gott
verständlich zu machen, ohne Ihm eine Form zu verleihen. Es ist ein höherer Schritt in der Gotteserkenntnis, Ihn
jenseits der Grenzen von Form verständlich zu machen. Daher wurde Gott im Islam durch Seine Attribute
erkennbar gemacht. Man stellte Ihn sich vor als Schöpfer, als Vater, Mutter, Erhalter, Richter, Vergebender, als
Quelle und Ziel dieser ganzen Manifestation, als den Einen, der immer bei Seinen Geschöpfen ist, innerhalb und
außerhalb von ihnen, der die Linie des menschlichen Schicksals zieht und vor dem der Mensch erscheinen muss,
um Rechenschaft abzulegen. Das ist der Gott des Islam." (The Sufi Message, Vol. 9)

V. Übungen zum Qur'an


Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Aufgaben:
1. "Es gibt einen Ausspruch des Propheten, dass jede Person gläubig geboren ist und erst auf Erden ungläubig
wird. Unglaube stammt aus einem Mangel an Intelligenz und einem Mangel an Liebe. Der Mensch hat Glauben in
dem Maße, in dem er diese beiden Aspekte aufweist. Ein wohlwollender Mensch neigt dazu zu glauben, was jemand
sagt, und dem anderen zu vertrauen. Ein Mensch ohne Wohlwollen neigt zu Unglauben und Misstrauen. Um zu
vertrauen, muss Sympathie vorhanden sein." (The Sufi Message, Vol. 9)
Wählen Sie drei von den zur Lektüre empfohlenen Suren, die auf Ungläubige Bezug nehmen. Deuten Sie die
entsprechenden Abschnitte unter Verwendung der Erläuterung über Ungläubige, wie sie im Zitat von Hazrat Inayat
Khan gegeben wurde. Vergleichen Sie das mit der andersartigen Definition eines Ungläubigen als jemand, der die
strengen Praktiken der orthodoxen Muslime nicht genau befolgt. Was zeigt Ihnen diese Übung?
2. "Von Anfang bis Ende verweist der Qur'an auf die Natur und zeigt, wie in der morgens aufgehenden Sonne,
im am Abend erscheinenden Mond und in der ganzen Natur Gott ist." (The Sufi Message, Vol. 9)
Mit dieser Bemerkung von Hazrat Inayat Khan im Kopf lesen Sie bitte Sure 55 (Ar-Rahman), und beschreiben
Sie, wie dadurch deren Bedeutung erhellt wird.
3. Welche göttliche Emotion verströmen Ihrer Erfahrung nach die Suren 93 (Ad-Duha) und 94 (Al-Inschirah)?
Lesen Sie diese Suren, und meditieren Sie darüber, bis sie in Ihnen lebendig werden.
4. Machen Sie das gleiche mit Sure 86 (At-Tariq). Stellen Sie diese Sure dem 23. Psalm gegenüber und
vergleichen Sie beide.
5. Sure 53 (An-Najm) erklärt, dass "keine Seele die Last einer anderen tragen und jeder Mensch nach seinen
eigenen Anstrengungen beurteilt werden soll; seine Mühen werden genau geprüft und sie werden ihm gerecht
vergolten werden; alle Dinge werden am Ende zu Allah zurückkehren."
Beschreiben Sie mit Ihren eigenen Worten, was dies für einen Anhänger des Propheten bedeuten muss.

VI. Übungen zu Sprüchen und Erzählungen


Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Aufgaben:
1. Wählen Sie einen der Sprüche und Erzählungen von Hazrat Inayat Khan aus dem Ergänzenden Lesematerial,
und beantworten Sie folgendes:
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a) Welche göttliche Emotion wird geweckt?
b) Welche Bedeutung hat der Spruch oder die Erzählung für Ihr Leben?
c) Ziehen Sie eine Parallele zu einer Erzählung oder einem Spruch aus einer der anderen religiösen
Überlieferungen, die als Teil dieses Kurses studiert werden.
2. Hazrat Inayat Khan hat erklärt: "Der beste Weg, einer prophetischen Botschaft zu folgen, ein Weg, der nur
wenigen bekannt war, ist der, die Sichtweise des Propheten zu übernehmen, denn die Botschaft einer Person kann
nur ganz verstanden werden, wenn man sie aus dem Blickwinkel dieser Person erfasst. (The Sufi Message, Vol. 9)
Wenn Sie einen Universellen Gottesdienst über Frieden leiten wollten - was in diesen Sprüchen und
Geschichten würden Ihnen helfen, die Auffassung des Propheten Mohammed zum Thema zu übermitteln?
3. Wählen Sie die Erzählung, die Sie am tiefsten berührt hat, und berichten Sie, wie diese Geschichte oder das
durch sie geweckte Gefühl für die Lebenssituation von jemandem wichtig sein könnte, der zum Universellen
Gottesdienst kommt.
4. Was bedeutet der Ausspruch des Propheten: "Ich bin das Wissen; Ali ist die Tür"?

VII. Übungen, die sich auf den Propheten Mohammed beziehen


Bitte bearbeiten Sie eine der folgenden Aufgaben:
1. Beschreiben Sie mit eigenen Worten das hauptsächliche Werk des Propheten Mohammed (siehe in Die
Einheit der religiösen Ideale die Kapitel: Der Prophet; Mohammed).
2. Der Prophet Mohammed ist verbunden mit den Symbolen von Stern und Halbmond.
a) Bringen Sie die symbolische Bedeutung von Stern und Halbmond mit den verschiedenen Aspekten seines
Wesens in Verbindung.
b) Welches sind die Anteile von Stern und Halbmond in Ihnen selbst, und wie zeigen Sie sich in Ihrem eigenen
Leben?
3. Was sagt Ihnen das Öffnen der Brust von Prophet Mohammed? Inwiefern ist es bedeutungsvoll in
Verbindung mit Ihrer eigenen Entwicklung?
4. Man stellt sich den Propheten oft als Krieger vor. Stellen Sie das Leben des Propheten Mohammed als
Krieger dem von Rama oder irgendeinem anderen Prophetenkrieger der Hindutradition gegenüber, und vergleichen
Sie beides. Was sagt Ihnen diese Übung über das Leben eines Propheten?
5. Formulieren Sie mit Ihren eigenen Worten, wie der Islam und das Beispiel des Propheten Mohammed zur
Wertschätzung der göttlichen Einheit führen, die im Universellen Gottesdienst als charakteristische Qualität dieser
Religion hervorgehoben wird.

VIII. Kreative Übungen


Bitte wählen Sie eine der folgenden Aufgaben:
1. Was würden Sie antworten, wenn Sie jemand fragte, womit der Prophet Mohammed sich wohl befassen
würde, wenn er heute lebte?
2. Falls der Prophet Mohammed Ihnen vorher unbekannt war, wie haben Sie ihn durch die Sprüche und
Erzählungen in der Ergänzenden Lektüre kennen gelernt? Schildern Sie Ihre Eindrücke dieser neuen Gestalt in
Ihrem Leben in Form eines Briefes an einen Freund.
3. Wenn der Prophet Mohammed Kenntnis von den Propheten der Hindus und Buddhisten gehabt hätte, wie
wäre wohl seine Haltung diesen gegenüber gewesen - entsprechend Ihrer Sicht über seine Haltung gegenüber den
ihm bekannten Überlieferungen?
4. Ihnen wurde die Aufgabe zugewiesen, über ein Treffen der Arabischen Liga zu berichten, bei dem das Thema
der Friedensbemühungen gegenüber Israel diskutiert wird. Der Prophet Mohammed ist dabei anwesend und nimmt
an der Besprechung teil. Schreiben Sie eine Reportage über seine Rolle, die Atmosphäre und das Ergebnis seiner
Beteiligung.
5. Der Prophet Mohammed ist der Veranstalter einer Konferenz bei den Vereinten Nationen über Hunger und
Armut in der Welt. Teilen Sie Ihre Eindrücke von seiner Person und den von ihm geäußerten Ansichten mit.
111 -
IX. Erlebnisorientierte Übungen
Bitte wählen Sie eine der folgenden Aufgaben:
1. Nehmen Sie teil an Gebeten in einer Moschee oder in einer Studentengruppe an einer Universität in Ihrer
Gegend. Das jum'ah-Gebet am Freitag wäre am besten geeignet, sofern möglich. Teilen Sie Ihre Eindrücke von der
Atmosphäre der Gebete und der Reaktion der anderen Anwesenden Ihnen und Ihrem Interesse am Islam gegenüber
mit.
2. Lernen Sie die beiden Suren aus dem Zusatzmaterial (die Fatiha Nr. 1 und Al-Ikhlas Nr. 112) mithilfe der
arabischen Transliteration auswendig. Eingestimmt auf die Bedeutung, die Sie einer Übersetzung entnehmen,
wiederholen Sie diese Suren eine Woche lang in Ihren täglichen Meditationen. Teilen Sie Ihre Eindrücke und
Erfahrungen mit diesen Gebeten mit.
3. Treten Sie in das Bewusstsein des Propheten Mohammed ein, indem Sie seine Sichtweise annehmen und
seinen Gang mitten in Ihrem täglichen Leben gehen. Teilen Sie Ihre Erfahrung und Eindrücke mit.
4. Lauschen Sie heiliger Musik aus dem Islam. Wie würden Sie den Geist des Islam, wie er hierin zum
Ausdruck kommt, beschreiben? Was fühlt Ihr Herz, während Sie zuhören?

X. Übungen zu Islam und Christentum


Bitte wählen Sie eine der folgenden Aufgaben:
1. Wie unterscheiden sich die Verse 54 bis 64 der Sure 3 (al-Imran) vom Evangelium in der Art, wie das Leben
Jesu behandelt wird?
2. Wenn Sie einen Universellen Gottesdienst mit einer vorwiegend christlichen Gruppe leiten würden, die zum
ersten Mal daran teilnimmt, würden Sie die Sure al-Ikhlas als Schrift-Text für den Islam wählen? Was sind Ihre
Gründe?
3. Wenn Sie einen Universellen Gottesdienst mit einer vorwiegend muslimischen Gruppe leiten würden, die
zum ersten Mal daran teilnimmt, würden Sie Korinther I, Kap. 1, Vers 10 als christliche Schrift wählen? Was sind
Ihre Gründe?
4. Pir Vilayat hat oft gesagt: "In Christus wird das Sein Gottes mehr und mehr menschlich, und im Wesen von
Mohammed und im Islam allgemein kommen Gottes Wille, die Ausrichtung, die Absicht immer stärker zum
Ausdruck." Aus Ihrer Erfahrung mit der christlichen Tradition, deren Schriften und dem in diesem Abschnitt
gelesenen Material erläutern Sie bitte, welches Licht Pir Vilayats Bemerkung auf Ihr Verständnis der beiden
Traditionen wirft.
5. Pir Vilayat zitiert Jelaluddin Rumi, der sagt: "Demjenigen, der in der göttlichen Immanenz verloren ist,
offenbare ich meine Transzendenz, und demjenigen, der in der göttlichen Transzendenz verloren ist, offenbare ich
meine Immanenz". Pir Vilayat erklärt weiter, dass Mohammed die Menschen mahnte, ihre Vorstellung von Gott
nicht auf ihr Bild von Jesus Christus zu reduzieren. Welcher Einfluss ging vom Propheten Mohammed aus, der
diesen Weg nahm, und wie wirkt sich das auf Ihre Erfahrung mit dem Islam aus?
6. Pir Vilayat erklärt, dass Juden und Muslime die Behauptung des Christentums, dass Christus der Sohn Gottes
sei, nicht anerkennen.
a) Wenn Sie versuchen würden, die christliche Auffassung von Christus einem Muslim zu erklären, wie würden
Sie das tun - vorausgesetzt, der Muslim wäre empfänglich dafür und würde nicht Anstoß nehmen?
b) Wenn Sie nicht wüssten, ob der Muslim für Ihre Erklärung der christlichen Ansicht über Christus
empfänglich ist: wäre es dann weise, eine Erklärung anzubieten, wenn der Muslim darum bittet? Teilen Sie Ihre
Gründe mit!

XI. Übungen zum Textverständnis


Bitte wählen Sie zwei der folgenden Aufgaben:
1. Was sind die vier Pflichten der Gläubigen, die im Islam gelehrt werden?
a) Beschreiben Sie mit eigenen Worten, was diese im Kontext des Islam besagen und welche innere Bedeutung
sie haben.

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b) Können Sie eine entsprechende Pflicht oder Praxis beschreiben, die Sie in Ihrem eigenen Leben befolgen?
2. Was beabsichtigte Mohammed mit seiner Lehre gegen die Anbetung von Idolen? (Siehe: The Sufi Message,
Vol. 9, Idolatry)
3. Pir Vilayat erklärte: "Die islamische und die jüdische Religion sind im Wesen die gleiche Religion des Einen
Gottes."
a) Was meint er mit 'Religion des Einen Gottes'?
b) Beschreiben Sie mit eigenen Worten, wie Sie diese Idee der wesentlichen Einheit an der Wurzel von Islam
und Judentum einer muslimischen oder einer jüdischen Gruppe darstellen würden, vorausgesetzt in beiden Fällen,
dass diese für diese Idee empfänglich sind.

Ergänzendes Lesematerial
A. Wesentliche Zitate von Hazrat Inayat Khan über sein Verständnis der Religion des Islam
Das Wort Islam kommt von Salam, was Frieden bedeutet, und der Irrtum, den die Anhänger aller Religionen
machten, besteht darin, das Mittel mit dem Namen des Ziels zu benennen. Islam oder Friede, ist das Ziel jeder
Seele... (The Sufi Message, Vol. 5)
Das zentrale Thema der Botschaft des Propheten Mohammed ist Einheit. (The Message Papers)
Als Demokratie nötig war, brachte Mohammed seine Botschaft als Diener Gottes, als einer von allen und wie
alle; dies beendete die Notwendigkeit weiterer Propheten infolge der demokratischen Natur seiner Proklamation
und Botschaft. Er verkündete La ilaha illa 'llah (nichts existiert außer Gott). Gott macht alles Sein aus, einzeln,
individuell und kollektiv, und jede Seele hat die Quelle der göttlichen Botschaft in sich selber. Das ist der Grund,
warum kein Bedürfnis mehr besteht für Vermittlung, für eine dritte Person als Retter zwischen dem Menschen und
Gott. Der Mensch hat sich genügend entwickelt, um die Idee zu begreifen, dass Gott alles und dass alles Gott ist,
und er wurde tolerant genug, um an die göttliche Botschaft zu glauben, wenn sie überbracht wurde von einem wie
er selbst, der Geburt, Tod, Freude, Trauer und all den natürlichen Wechselfällen des Lebens unterworfen ist. (The
Sufi Message, Vol. 1)
Und dann formte Mohammed nicht nur eine Nation mithilfe seiner spirituellen Botschaft, sondern auch eine
Schule, in der man Liebe, Zusammenarbeit, Gleichheit und Demokratie lernen konnte: die Wahrheit nämlich, dass
vom Angewiesensein der Menschen auf einander das Glück der Menschheit abhängt. Deshalb steht geschrieben:
"Jeder Muslim ist dem anderen Muslim ein Bruder." Wenn ein König und ein Premierminister Gebete sprechen,
kann ein armer Mann neben ihnen stehen und gemeinsam mit ihnen beten. (The Sufi Message, Vol. 7)
Das Geheimnis Gottes ist verborgen im Wissen von der Einheit. Der Mensch denkt: "Was kann mir Einheit
geben? Kann sie mir Glück bringen? Was bietet sie mir?" Er kann die Antwort durch nähere Beobachtung und
Studium des Lebens erhalten. Sieh doch, welch eine Atmosphäre die Harmonie von zehn Leuten schaffen kann; die
Kraft der Liebe und der Einfluss, den zehn Personen schaffen, sind viel größer als das, was einer erzeugt. (The Sufi
Message, Vol. 9)
Einheit ist unmöglich ohne Liebe, denn Liebe allein eint. Jeder Ausdruck von Liebe kündigt die Schaffung von
Einheit als ihr Ziel an, und keine zwei Dinge können sich vereinen, ohne dass eines von beiden zu Nichts wird.
Niemand kennt das Geheimnis des Lebens außer dem Liebenden. Es ist die Natur der Liebe, sich hinzugeben; es
gibt niemanden auf der Welt, der nicht in irgendeiner Weise Hingabe übt. (The Sufi Message, Vol. 5)
In jeder Epoche gab es Menschen, die die Idee des formlosen Gottes hochhielten. Diese Idee wurde Islam
genannt, wörtlich 'Friede'. Sie verwirklichte sich vollständig in der Zeit Mohammeds, als er eine Nationschuf, die
zum Wächter einer Religion wurde, deren höchster Sinn diese Idee war. Es ist schwierig für den Menschen, Gott
verständlich zu machen, ohne Ihm eine Form zu verleihen. Es ist ein höherer Schritt in der Gotteserkenntnis, Ihn
jenseits der Grenzen von Form verständlich zu machen. Daher wurde Gott im Islam durch Seine Attribute
erkennbar gemacht. Man stellte Ihn sich vor als Schöpfer, Vater, Mutter, Erhalter, Richter, Vergebender, als Quelle
und Ziel dieser ganzen Manifestation, als den Einen, Der immer bei Seinen Geschöpfen ist, innerhalb und
außerhalb von ihnen, Der die Linie des menschlichen Schicksals zieht und vor Dem der Mensch erscheinen muss,
um Rechenschaft abzulegen. Das ist der Gott des Islam. (The Sufi Message, Vol. 9)
Was finden wir in den verschiedenen Kriegen, die der Prophet von Arabien während seines Lebens bestehen
musste? Von Anfang bis Ende gab es Kriege. Er wurde als Waise geboren, denn sein Vater lebte nicht mehr, und
seine Mutter starb nach seiner Geburt. Es gab keine Hilfsquellen, weder Geld noch Einfluss, als die Botschaft

113 -
gegeben wurde. Später erhob sich die ganze Gemeinde gegen ihn; sogar seine Verwandten waren gegen ihn. Was
stand ihm bei? Es war sein Glaube. Sein Ruf an sein Volk war, zu glauben. (The Sufi Message, Vol. 7)
Die Macht des Charakters ist wie die Macht einer Armee. Bei Mohammed war eine Armee von Engeln. Er hielt
stand, während Tausende von Menschen davonliefen. Wenn ein Feind in die Nähe des großen Kalifen kam, um ihn
zu enthaupten, wurde der Feind von Furcht ergriffen. Diese Furcht war das Ergebnis der Herrschermacht des
Propheten. (Sufi Message, Vol. 7)
Das wahre Schwert Mohammeds war der Zauber seiner Persönlichkeit. (Complete Sayings, Nr. 342)

B. Gedanken von Hazrat Inayat Khan über Inhalte aus dem Qur'an, Hadith und anderen Schriften
Der Qur'an sagt, dass kein einziges Atom sich unabhängig von der Hand Gottes bewege. Das heißt, es findet
keine Aktivität irgendwelcher Art statt, weder hier noch im Sternenraum, ohne den Impuls aus dem Innern, aus
jener Tiefe des Lebens, wo alles Denken und die Wirkungen jeder Aktivität sich vereinen. (The Sufi Message, Vol.
7)
Es heißt im Qur'an: "Von Gott kommen wir alle her, und zu Ihm müssen wir wieder zurückkehren." Das heißt, es
gibt einen Geist, den Geist aller Dinge, die Essenz des Lebens, von wo wir kommen und wohin es uns zieht. (The
Sufi Message, Vol. 6)
Im Qur'an steht: "Wir sagten 'Sei' und es wurde." Dies ist der Schlüssel zur Welt der Phänomene. (The Sufi
Message, Vol. 2)
Im Hadith heißt es: "Ich habe dein Licht gemacht, und mit deinem Licht erschaffe ich das Universum". Mit
anderen Worten, der alldurchdringende Geist sagt zu dem zentralisierten Aspekt Seiner selbst: "Ich machte dich
zuerst, und aus dir machte ich das Universum". Darin liegt der Schlüssel zur ganzen Schöpfung. (The Sufi
Message, Vol. 14)
Im Qur'an wird berichtet, dass Gott sagte: "Wir haben unser Vertrauen den Himmeln und der Erde und den
Bergen angeboten, und sie wagten nicht, es anzunehmen, aber der Mensch nahm Unser Vertrauen an." Dieses
Vertrauen ist unsere Verantwortung, nicht nur für die, die um uns sind, denen wir im täglichen Leben begegnen,
oder für die Arbeit, in der wir uns engagieren, oder das Interesse, das wir am Leben haben, sondern unsere
Verantwortung gegenüber der ganzen Schöpfung – für das, was wir zu dieser Schöpfung beitragen. Wir sind
verantwortlich dafür, dass es etwas Gutes ist, was bessere und harmonischere Bedingungen im Himmel, in der
Welt, auf Erden hervorbringt. Wenn wir das alles tun, kennen wir unsere Verantwortung. Wenn wir die
Verantwortung nicht wahrnehmen, kennen wir noch nicht den Zweck unseres Hier-Seins auf Erden. (The Sufi
Message, Vol. 2)
Es gibt eine sehr interessante auf dem Qur'an basierende Erzählung in den arabischen Schriften. Es heißt dort,
Gott machte Iblis zum Obersten der Engel, und dann sagte er ihm, er möge Lehm bringen, um daraus ein Bild zu
formen. Die Engel brachten auf Weisung von Iblis den Lehm und formten ein Bild. Danach hauchte Gott seinen
Atem in das Bild und forderte die Engel auf, sich davor zu verneigen. Alle anderen Engel verneigten sich, doch
Iblis sagte: "Herr, Du hast mich zum Anführer aller Engel gemacht, und ich brachte diesen Lehm auf Deinen
Befehl und formte mit eigenen Händen dieses Bild, vor dem zu verneigen Du mir befiehlst." Da erhob sich das
Missfallen Gottes und fiel auf seinen Nacken als das Zeichen des Ausgestoßenen. Diese Geschichte hilft uns zu
verstehen, was Jesus Christus meinte, als er sagte: "Gesegnet seien die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde
erben." Was Iblis verleugnete, war die Spiegelung Gottes im Menschen. In jedem Menschen gibt es einen Funken
jener Neigung von Iblis, der Neigung, die wir als Egoismus kennen. (The Sufi Message, Vol. 1)
Es bewegt den Sufi, wenn er im Qur'an liest, wie das vollkommene Wesen die unvollkommenen Seelen, die
Kinder Adams, fragte: "Bin Ich nicht euer Herr?" Diese, ihrer Unvollkommenheit bewusst, sagten bescheiden:
"Doch, wir bezeugen dies." Hingabe ist ein Fluch, wenn man durch Kälte und Hilflosigkeit zur Unterwerfung
gezwungen wird, aber das gleiche wird zur größten Freude, wenn es in Liebe und aller Bereitwilligkeit getan wird.
(The Sufi Message, Vol. 5)
Im Qur'an wird gesagt, dass Allah den Menschen zum Kalifen, zum Haupt der Schöpfung machte wegen dieser
einen Gabe: der Sprache. (The Sufi Message, Vol. 8)
Es heißt im Qur'an, dass der Mensch zum Haupt der Schöpfung gemacht wurde. Dies bedeutet, dass alle
Kreaturen um ihn herum, groß oder klein, von seinem Magnetismus angezogen werden. Sie alle werden zu ihm
hingezogen, sie alle schauen zu ihm auf, denn er ist der Vertreter des Göttlichen, und unbewusst wissen sie es und
unterwerfen sich ihm. (The Sufi Message, Vol. 4)

114 -
Die Leute wundern sich oft, warum manche Seelen in so schlechte Verhältnisse hineingeboren werden und
andere nicht. Es gibt einen Spruch im Qur'an, den sogar Weise manchmal missdeutet haben: "Die Schöpfung kam
aus der Dunkelheit." Die Seele kommt nicht immer mit offenen Augen auf die Erde. Sie kommt im allgemeinen
mit geschlossenen Augen, wie es sich bei einem Neugeborenen zeigt, das nicht sofort die Augen öffnet. Aber um
einen Zustand mit dem anderen vergleichen zu können, müssen einem diese Zustände vertraut sein, und diese Zeit
kommt nach der Geburt. Wenn man dieser Frage tiefer nachginge, käme man zu einer sehr bedeutenden Einsicht in
das Geheimnis des Lebens und besonders in das Geheimnis des günstigen oder ungünstigen Schicksals. Dann
würde man erkennen, dass es nicht immer die Bestimmung der Seele war, wenn sie so begrenzt ist, dass sie nicht
aus bestimmten Bedingungen heraus kommt, sondern dass jede Seele für sich selber gewisse Umstände schafft -
sogar dann noch, wenn sie bereits auf die Erde gekommen ist. Viele leben im Elend, in schlechten Verhältnissen,
weil sie es nicht besser wissen. Hätten sie es besser gewusst, hätten sie es schaffen können, ihre Lage zu
verbessern. (The Sufi Message, Vol. 6)
Der Qur'an sagt: "Gott ist das Licht der Himmel und der Erde", und wenn irgendein Funken von Gott im
Menschen gefunden werden kann, dann ist es seine Intelligenz. Sobald dieses göttliche Licht, das im Menschen
verborgen ist, erst einmal entzündet wird und sich zu einer Flamme erhebt, erleuchtet es ganz natürlich seinen Pfad
zur Vollkommenheit. (The Sufi Message, Vol. 7)
Im Qur'an heißt es: "Der mit der Schreibfeder lehrte, brachte dem Menschen das bei, was dieser nicht wusste".
Und was bedeutet das? Das bedeutet, dass für den Menschen, der das innere Leben lebt, alles, was er sieht, zu
einem Schriftzeichen wird und diese ganze sichtbare Welt zu einem Buch. (The Sufi Message. Vol.1)
Es gibt zwei Klassen von Menschen in der Welt: die Zuschauer des Lebens und diejenigen, die es studieren. Die
erste Klasse kann verglichen werden mit Leuten, die ins Theater gehen und eine Komödie oder Tragödie ansehen
und durch sie zum Lachen oder Weinen bewegt werden. Die andere kann man vergleichen mit denen, die in einem
Flugzeug aufsteigen und mit einem Blick die ganze Stadt sehen, während sie bis dahin lediglich eine Straße
übersehen konnten. Diejenigen, die das Leben studieren, verstehen den Grund der Komödie und Tragödie, während
die Zuschauer des Lebens nur einen vorübergehenden Eindruck davon erhalten. Dazu sagt der Qur'an: "Wir haben
von dir deinen Schleier entfernt, damit dein Blick scharf werde." Wenn dies geschieht, wird der Beobachter des
Lebens zu dem, der es studiert. (The Sufi Message, Vol. 5)
Wenn wir uns umschauen, können wir nicht umhin festzustellen, dass jedermann etwas zum Klagen hat: Mangel
an Reichtum, Mangel an Komfort, Mangel an Freundlichkeit seitens seiner Umgebung oder seiner Verwandten.
Überall gibt es Kummer, Enttäuschungen dieser oder jener Art. Im Qur'an wird das ausgedrückt durch den Spruch:
"Gott allein ist reich; jeder andere ist arm." Die Menschen mögen in Palästen oder Hütten leben, sie mögen sich an
Reichtum und Ruhm erfreuen, an Geld oder guten Positionen - was immer sie besitzen mögen, sie sind trotz all
dieser Besitztümer arm. (The Sufi Message, Vol. 12)
Im Qur'an heißt es: "Alles, was Wir auf Erden und im Himmel erschaffen haben, steht zu deiner Verfügung",
was bedeutet, es nicht zu fürchten, zu hassen oder ihm zu entsagen, sondern es zu gebrauchen. Es ist leicht für den
Armen, Reichtum und den Reichen zu verspotten; sobald aber der arme Mensch Reichtum besitzt, ergibt sich die
Frage, ob er ihn behält oder wegwirft. (The Sufi Message, Vol. 12)
Ein Vers im Qur'an sagt: "Erhebe dich in der Mitte der Nacht, und sprich mit deinem Herrn. Ertrage geduldig,
was andere Menschen sagen". Die ist nicht nur ein Befehl, in der Nacht aufzustehen und zu beten, sondern es meint
auch, dass wir durch nächtliches Aufstehen das Ego vernichten, denn das Ego verlangt seine Ruhe und
Bequemlichkeit, und wenn man ihm diese verweigert, wird es vernichtet. Die Mystiker fasten aus eben diesem
Grund. (The Sufi Message, Vol. 5)
Der Tod ist die große Prüfung, zu welcher der eine vorbereitet, der andere unvorbereitet geht, mit Zuversicht der
eine, mit Furcht der andere. Wie sehr auch jemand vorgeben mag, im Leben spirituell oder tugendhaft zu sein,
angesichts des Todes wird er geprüft, und jede Vorspiegelung ist dahin. Es wird im Qur'an gesagt: "Dann, wenn die
vernichtende Katastrophe kommt, an diesem Tag wird der Mensch sich erinnern, wonach er gestrebt hat." (The
Sufi Message, Vol. 5)
Es gibt eine Sure im Qur'an, die sagt: Mutu kubla anta mutu. Das heißt: "Stirb, bevor du stirbst." Ein Dichter
sagt: "Nur der erlangt den Frieden Gottes, der sich selber verliert." (The Sufi Message, Vol. 7)
Wie der Qur'an sagt, werden am Tage des Gerichts deine Hände und Füße Zeugnis ablegen von deinem Tun.
Aber jeder Augenblick des Tages ist ein Tag des Gerichts. Wir müssen nicht bis zum Tag des Gerichts warten, um
dieses Phänomen zu sehen. Wir sehen es, wir erleben es ständig, und doch schenken wir ihm nicht genügend
Aufmerksamkeit. (The Sufi Message, Vol. 5)

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Im Qur'an steht geschrieben: "Er ist es, der dich auf der Erde vermehrt hat, und zu Ihm wirst du versammelt
werden." Dies verneint eine Rückkehr zur Erde. Doch wird in dieser Sure von einem anderen Leben gesprochen:
"Jede Seele muss vom Tod kosten, und du wirst erst am Auferstehungstag den ganzen Lohn erhalten." Hier wird
von der Auferstehung gesprochen, vom neuen Leben der Seele ohne den physischen Körper, und es wird
unmissverständlich gesagt, dass diese Existenz so klar und so deutlich sein wird, wie es unser Leben auf Erden ist.
(The Sufi Message, Vol. 5)

C. Aussprüche und Geschichten von und über Mohammed von Hazrat Inayat Khan
Mohammed sagte zu seinen Leuten, die so viele Götter anbeteten: "Es gibt keinen Gott außer dem einen Gott."
Sie fragten: "Wo ist Er? Ist Er hier in unseren Tempeln? Ist Er in der Ka'aba?" Er sagte: "Nein, Sein Tempel ist im
Herzen der Menschen." - "Wie weit entfernt ist Er?" – "Er ist dir näher, als du dir selber bist." – "Worin können wir
Ihn finden?" – "In allen Dingen und allen Wesen." – "Was ist Sein Zeichen?" – "Er ist jenseits aller Zeichen, und
doch sind alle Zeichen Seine. Er kann nicht auf ein Zentrum oder eine Form oder einen Namen beschränkt werden,
denn alle Namen sind Seine Namen, alle Formen Seine Formen, alle im Himmel oder auf Erden sind Seine Wesen,
und es gibt nur den Einen." (The Sufi Message, Vol. 7)
Mohammed sagte: "Jede Seele hat ihre eigene Religion", und das bedeutet, dass jede Seele eine bestimmte
Richtung gewählt hat, ein Ziel, das sie während des Lebens erreichen möchte. Dieses Ziel ist ein bestimmtes Ideal,
das von der Entwicklung der betreffenden Seele abhängt. (The Sufi Message, Vol. 7)
Der Prophet wurde einst gefragt: "Was ist die Seele?" Er antwortete mit einem Wort: Amr-e-Allah, eine Tat
Gottes. (The Sufi Message, Vol. 5)
"Gott ist schön und Er liebt Schönheit", wie es im Hadith heißt. Die ganze Schöpfung wurde gemacht, damit die
Schönheit im Innern des Schöpfers sich in seiner Schöpfung bekunden könne, damit sie bezeugt werden könne. Die
gleiche Absicht wirkt im ganzen Kreislauf. Gottes Auge sieht die himmlische Schönheit durch die Gottergebenen
auf ihrem Weg zum ewigen Ziel. "Keine Seele weiß, was für sie bestimmt ist, welche Freude ihre Augen erfrischen
wird als ein Lohn für das, was sie getan hat", sagt der Qur'an. (The Sufi Message, Vol. 5)
Es wird erzählt, dass Gott zum Propheten sagte: "Oh Mohammed, wenn Wir dich nicht geschaffen hätten, hätten
Wir das ganze Universum nicht geschaffen." Was bedeutet das wirklich? Es bedeutet, dass die himmlische
Schönheit, die Schönheit des ganzen Seins - geliebt, erkannt, verherrlicht vom göttlichen Liebenden und in
vollkommener Zufriedenheit - von innen heraus sagt: "Gut getan, du hast Mich vollkommen geliebt. Wenn es nicht
deinetwegen wäre, oh Bewunderer meines ganzen Seins, hätte ich nicht dieses Universum geschaffen, in dem
meine Geschöpfe nur einen Teil meines Seins an der Oberfläche lieben und bewundern, meine ganze Schönheit
jedoch vor ihrem Blick verhüllt ist." Mit anderen Worten sagt der göttliche Geliebte: "Ich habe keinen Bewunderer,
obwohl ich angebetet werde. Einige bewundern meine Armspangen und andere meine Ohrringe, manche
bewundern meine Halskette und manche meine Fußkettchen, aber ich würde dem meine Hand reichen in dem
Wissen, dass ich mich für ihn geschmückt habe, der mein Wesen im vollen Ausmaß verehr und verherrlicht. Darin
liegt meine Befriedigung." (The Sufi Message, Vol. 5)
Während seiner Versunkenheit in Gott sagte Mohammed: "Ich habe bereits vor dieser Schöpfung existiert, und
ich werde noch da sein, nachdem sie wieder in den Ursprung zurückgekehrt ist." In den heiligen Überlieferungen
wird gesagt: "Wir haben dich geschaffen aus Unserem Licht, und aus deinem Licht haben Wir das Universum
geschaffen." Dies wird nicht von der äußeren Person gesagt, die unter dem Namen Mohammeds bekannt ist. Es
bezieht sich auf den Geist, der durch all die gesegneten Zungen sprach und doch ohne Form, Name, Geburt und
Tod blieb. (The Sufi Message, Vol. 1)
Hazrat Ali sagt: "Das Geheimnis Gottes kann in Seiner Natur studiert werden." Jeder Wanderer entzündet in der
Regel seine Fackel beim Nahen der Nacht. So auch dieser himmlische Reisende. Wenn Er sieht, wie die Dunkelheit
in den unteren Sphären auf Seinem Weg Ihn übermannt, entzündet Er eine Fackel. Das Licht dieser Fackel, die im
Qur'an Nur-e-Mohammadi genannt wird, hat ihn zur Oberfläche geführt, und aufgrund dieses Lichtes konnte er
klare Unterscheidungen treffen und seinen Rückweg finden. Für das Auge des Wissenden ist dieses Nur, dieses
Licht, der wirkliche Mohammed. Es ist dieses Licht, das durch all die Meister der Menschheit hindurch strahlt und
als das Licht der Führung bekannt ist. (Sufi Message, Vol. 1)
Einige werden mit der Gabe der Inspiration geboren, bei anderen erscheint sie, nachdem sie sich
weiterentwickelt haben. Je höher die spirituelle Entwicklung ist, umso größer ist die Aufnahmefähigkeit für
Inspiration, und doch ist die Gabe der Inspiration nicht konstant. Ein Ausspruch Mohammeds erklärt:

116 -
"Eingebungen werden zu gewissen Zeiten verhüllt und zu anderen enthüllt; sie treten nach dem Willen von
Allah auf, dem einzigen Kenner des Unbekannten." (The Sufi Message, Vol. 5)
Unter den Aussprüchen Mohammeds findet man: "Es hängt von nichts anderem ab als von der Gnade Allahs,
wen Er in Seiner Güte erwählt." Dennoch besteht Hoffnung auf Erfolg: "Wer immer einen Schritt auf die Gunst
Allahs zugeht, dem wird die Göttliche Gnade zehn Schritte entgegen gehen, um ihn zu empfangen." (The Sufi
Message, Vol. 5)
Der Weise tritt durch das Studium der Natur in ihrer Vielfalt in die Einheit ein und erkennt die Persönlichkeit
Gottes, indem er seine eigene opfert. "Wer sich selbst kennt, kennt Allah" (Spruch von Mohammed), "Das Reich
Gottes ist in dir" (Bibel), "Selbsterkenntnis ist die wahre Weisheit" (Vedanta). (The Sufi Message, Vol. 5)
Der Prophet nennt Reichtum, der verdaut werden kann, Halal, und den Reichtum, der unverdaulich ist, nennt er
Haram. Verdaulich oder unverdaulich ist nicht die besondere Art von Reichtum, sondern die Haltung, mit welcher
der Mensch ihn erworben hat. Es macht einen großen Unterschied, ob man ihn ehrlich oder unehrlich, auf
ehrenhafte oder unehrenhafte Weise, gewaltsam oder durch Arbeit erwirbt. (The Sufi Message, Vol. 12)
Als der Mann sagte: "Ich vertraue auf Gott", sagte der Prophet: "Ja, aber zuerst binde dein Kamel an den Baum.
Mach es nicht so, dass du dein Kamel frei herumlaufen lässt und dann auf Gott vertraust." Dies war ein praktischer
Ratschlag des Propheten. (The Sufi Message, Vol. 6)
Als jemand vom Propheten hörte, dass alle Dinge und Wesen zu einem bestimmten Zweck erschaffen wurden,
sagte er: "Oh Prophet, ich kann nicht verstehen, warum Moskitos erschaffen wurden!" Der Prophet antwortete: "Sie
wurden erschaffen, damit du in der Nacht schnell aufstehen und dein Gebet verrichten kannst." (The Sufi Message,
Vol. 6)
Mohammed brachte einem Schüler eine Übung bei, durch die er Ekstase erlebte. Nach einigen Tagen kam er
und brachte dem Propheten Früchte und Blumen, dankte ihm sehr und sagte: "Die Lektion, die du mich lehrtest,
war für mich von großem Wert; sie hat mir eine solche Freude bereitet. Meine Gebete, die früher nur wenige
Minuten dauerten, dauern nun den ganzen Tag." Mohammed sagte: "Ich bin froh, dass dir die Lektion gefiel, aber
bitte, von heute an beende diese Übung." (The Sufi Message, Vol. 8)
Jemand kam zum Propheten Mohammed und sagte: "Prophet, ich neige so sehr zum Spirituellen, und ich würde
so gerne deiner Botschaft folgen, zu dir kommen und in deiner Anwesenheit meditieren. Aber ich bin noch jung,
und meine Eltern brauchen mich zuhause. Was soll ich tun?" Der Prophet sagte: "Bleibe vorläufig zuhause, denn
deinen Eltern gebührt eine gewisse Rücksicht." (The Sufi Message, Vol. 3)
Jemand kam zum Propheten Mohammed und fragte ihn: "Prophet, du sagtest, man schulde seiner Mutter sehr
viel. Wenn ich meiner Mutter alles geben würde, was ich verdient habe, würde das diese Schuld begleichen?" Der
Prophet sagte: "Nein, keineswegs. Und wenn du ihr dein ganzes Leben dienen würdest, könntest du nicht vergelten,
was sie an einem einzigen Tag für dich getan hat. Sie zog dich auf mit dem ständigen Gedanken, dass du
weiterleben würdest, auch wenn sie bereits verschieden sei. Sie hat dir nicht nur ihre Fürsorge, ihr Herz und ihre
Liebe gegeben, sondern auch ihr Leben. Dass du nach ihr leben wirst, war ihr immer bewusst. Und woran denkst
du? Wenn du ein lieber und guter Mensch bist, wirst du denken: »Solange meine arme Mutter lebt, werde ich für
sie sorgen, bis zum Ende; eines Tages wird sie sterben, und dann werde ich frei sein«. Das ist ein anderes Denken
als das ihre." (The Sufi Message, Vol. 6)
Mohammed sagt: "Der Himmel liegt der Mutter zu Füßen." Von ihrer Treue und Geduld hängt die Eintracht des
Heims ab, das die Keimzelle des Staates ist. (The Sufi Message, Vol. 3)
Der Heilige Prophet wurde einst von einer älteren Frau gebeten, mit ihrem Sohn zu sprechen, der seinen ganzen
Tageslohn für Datteln ausgab und sie ohne Geld ließ. Der Prophet versprach, das nach Ablauf von fünf Wochen zu
tun. Zum festgesetzten Tag wurde der Knabe vor den Propheten gebracht, der zu ihm sehr freundlich sprach und
sagte: "Du bist so ein vernünftiger Bursche, du solltest dich erinnern, dass deine Mutter viel Leid ertragen musste
um deinetwillen, ihren ganzen Lohn opferte, um dich aufzuziehen; und nun ist sie so alt, und du bist in der Lage,
sie zu unterstützen, und da verschleuderst du dein Geld für Datteln. Ist das gerecht oder richtig? Ich hoffe bei der
Güte und Gnade Allahs, dass du diese Gewohnheit aufgibst." Der Knabe lauschte sehr aufmerksam und zog Nutzen
aus dem Gehörten. Da wunderten sich die Schüler des Propheten und fragten, warum er denn diesen Tadel um 35
Tage verschoben habe. Der Heilige Prophet erklärte es folgendermaßen: "Ich selber liebe Datteln und fand, dass ich
kein Recht hätte, dem Burschen zu raten, darauf zu verzichten, solange ich nicht selber fünf Wochen lang auf ihren
Genuss verzichtet hatte." Ein Heiler der Psyche sollte keinen Moment versuchen, einen anderen von Schwächen zu
heilen, von denen er selber abhängig ist. (The Sufi Message, Vol. 4)
117 -
Es gibt eine Überlieferung im Islam, wonach Musik, Tanz und alle Vergnügungen und sorglosen
Beschäftigungen streng verboten sind. Bei einer Gelegenheit, es war an einem Feiertag, rief der Prophet seine Frau
Aisha, um einem Tanz zuzuschauen und der Musik einiger Straßenmusikanten zu lauschen. In der Zwischenzeit
geschah es, dass sein großer Kalif vorbeikam und schockiert war zu sehen, dass der Prophet, der selber solche
Dinge verboten hatte, Musik vor seinem Haus gestattete. Als er die Musik der Straßenspieler mit dem Hinweis
unterbrach, dass es das Haus des Propheten sei, verlangte Mohammed, dass sie weiterspielen sollten, und sagte, es
sei ein Feiertag, und es gäbe kein Herz, das nicht von der Bewegung des Rhythmus berührt werde. (The Sufi
Message, Vol. 2)
Wir lesen ferner in der Lebensbeschreibung des Propheten von einem Negersklaven, den der Enkel des
Propheten bei seinem Namen rief. Der Prophet sagte: "Das ist kein gutes Benehmen, nenne ihn Onkel, er ist älter
als du." Er lehrte seine Anhänger, dass im Hause Gottes kein Unterschied zwischen König und Diener sei; der Ort
des Gebetes sollte nicht nur für reiche Leute da sein. Alle können miteinander beten, Schulter an Schulter, der
Sultan und der Bettler kommen zusammen, um zu beten. Das ist Demokratie. (The Sufi Message, Vol. 7)
Es geschah einmal, als die Armee der Feinde des Propheten siegreich war, dass einer unter ihnen den Propheten
allein zu fassen bekam. Er kniete auf seiner Brust und wollte ihn töten. Aber bevor er dies tat, sagte er: "Oh
Prophet, dein ganzes Leben lang lehrtest du den Namen Gottes, nun sage mir, wo dein Gott ist. Wohin ist er
gegangen?" Und der Prophet rief den Namen Gottes an, den er Tag und Nacht rief, und sobald der Name ihm in
den Sinn kam, strömte die Kraft der ganzen Welt in den Propheten. Mit einem Schwung stieß er den Mannweg,
nahm sein Schwert in die Hand und sagte: "Wer wird dich nun retten, da du wieder in meiner Hand bist?" Da
antwortete dieser: "Du, Mohammed." Und Mohammed sagte: "Oh du kleingläubiger Mensch, du hast die Lektion
immer noch nicht gelernt. Jetzt hast du gerade gesehen, dass mein Glaube an Ihn mich gerettet hat. Er hat mich
gerettet. Wenn du den göttlichen Namen anrufst, wird Er auch dich retten. Bitte Ihn!" (The Sufi Message, Vol. 7)
Einst als der Prophet Mohammed und seine Gefolgschaft verbannt waren, wurden sie von seinen Feinden in der
Wüste verfolgt. Sie standen hinter einem Felsen, als sie plötzlich das Galoppieren vieler Pferde hörten. "Oh
Prophet", sagte einer der Schüler, "sie verfolgen uns. Ihrer sind viele, eine ganze Armee ist hinter uns her." – "Ach
was, sie ziehen anderswo hin", sagte der Prophet, "sie werden in eine andere Richtung gehen". – "Aber was sollen
wir tun, wenn sie hier herkommen?", fragte der Schüler. "Es sind ihrer so viele, und wir sind nur zwei." – "Sind wir
nur zwei?", sagte der Prophet, "Nein, drei: du, ich und Gott". (The Sufi Message, Vol. 6)
Die Kraft des Gedankens kann auf eine Menschenmenge einwirken, wie die folgende Geschichte über
Mohammed zeigt. In einer der großen Schlachten, die der Prophet zu führen hatte, wurde die ganze Armee
geschlagen, und es verblieben nur zehn oder fünfzehn Freunde an der Seite des Propheten; alle anderen rannten
davon oder waren tot oder verwundet. Da wendete sich der Prophet seinen Leuten zu und sah, dass sie alle
verzweifelt und niedergeschlagen waren. So sagte er: "Schaut, vor uns ist eine Armee, und hier sind wir, fünfzehn
Männer. Ihr seht keine Hoffnung; so müsst ihr euch zurückziehen. Aber ich werde hier bleiben, ob ich nun
siegreich zurückkehre oder mein Leben auf dem Schlachtfeld verliere. Nun geht. Viele von euch sind bereits
gegangen, so geht ihr nun auch." Sie sagten: "Nein, Prophet, wenn dein Leben hier auf dem Schlachtfeld enden
soll, werden wir unser Leben zuerst verlieren. Was ist unser Leben schon! Wir werden unser Leben mit dir
zusammen verlieren, Prophet. Wir fürchten diesen Feind nicht." Da warf der Prophet das Schwert fort, das er in der
Hand hielt, bückte sich nieder, nahm einige Kieselsteine von der Erde auf und warf sie nach der Armee. Und die
Armee begann wegzulaufen, Meilen über Meilen. Sie wussten nicht, was hinter ihnen her war. Es waren lediglich
ein paar Kieselsteine, aber was sie sahen, das waren große Geschosse, und so flüchteten sie. (The Sufi Message,
Vol. 4)
Keiner der Schüler des Propheten - der wirklichen Schüler – hielt sein Leben selbst für ein zu großes Opfer,
wenn ein solches verlangt wurde. Die Geschichte von Ali ist wohl bekannt: Eine Verschwörung wurde aufgedeckt,
wonach in einer bestimmten Nacht Feinde den Propheten töten wollten, und Ali erfuhr das. Er sagte dem Propheten
nichts davon, drängte ihn aber, das Heim zu verlassen. Er selber blieb, denn er wusste, wenn er auch wegginge,
würden die Mörder ihm folgen und herausfinden, wo der Prophet sich aufhielt. Er schlief im Bett des Propheten an
dessen Stelle, so dass die Mörder ihn vorfänden; dabei hatte er jedoch nicht die Absicht, sein Leben zu verlieren,
wenn es ihm nur gelänge, sie in die Flucht zu schlagen. Die Folge war, dass der Überfall misslang und die Feinde
weder den Propheten noch Ali anrühren konnten. Dies ist nur ein Beispiel, aber es gibt tausende von Fällen, die
zeigen, dass die Freundschaft, die zwischen Lehrer und Schüler in Gott und der Wahrheit errichtet ist, für immer
besteht und dass nichts in der Welt sie brechen kann. (The Sufi Message, Vol. 10)
"Keine Furcht bleibt zurück im Herzen der spirituellen Menschen", sagte Ali. Denn Furcht ist wie die
Dunkelheit, und die Erleuchtung ist das Licht. Wenn die Erleuchtung kommt, schwindet die Dunkelheit. (The Sufi
Message, Vol. 7)
118 -
Es gibt eine Geschichte über Mohammed, wonach ein Mann zu ihm kam, der ihn immer verleumdet und sich als
erbitterter und hinterhältiger Feind gezeigt hatte. Seine Schüler, auf Rache hoffend, waren enttäuscht und entrüstet,
als sie sahen, dass Mohammed seinen verachtenswerten Feind mit Höflichkeit, sogar mit Respekt behandelte und
auf dessen Ersuchen einging. "Habt ihr nicht das Grau in seinem Bart gesehen?", fragte Mohammed, nachdem der
Mann gegangen war. "Der Mann ist alt, und zumindest sein Alter verlangte Höflichkeit von mir." Vergebung und
jene Nachsicht, die eine Wertschätzung der Freiheit und Würde des Menschen ist, vernichten alles Hässliche,
verbrennen alles Unwürdige und lassen nur Schönheit zurück. (The Sufi Message, Vol. 3)
Einer Geschichte über den Propheten Mohammed zufolge lebte in seiner Nachbarschaft ein Mann, der sehr
gegen den Propheten eingestellt war und schlecht über ihn redete. Dieser Mann sah, dass die Leute, zu denen er
sprach, dem Propheten glaubten, während niemand ihm glaubte. Es vergingen Jahre, und viele glaubten und gaben
ihr Leben für die Botschaft des Propheten. Da geschah es, dass viele Menschen von weit her kamen, tausende und
abertausende aus verschiedenen Ländern, um den Propheten zu besuchen. Derselbe Mann lebte immer noch in der
Nachbarschaft, aber er hatte niemals seine Meinung geändert. Und eines Tages fragte jemand den Propheten: "Wie
kommt es, dass dieser Mann, der den Tag kannte, an dem niemand dir zuhörte, niemand dir folgte, der aber heute
sieht, dass tausende von Menschen, die hier herkommen, ihren Nutzen daraus ziehen und erfüllt sind von Wonne,
Freude und Segen, immer noch fortfährt, dich zu kritisieren und dir Widerstand zu leisten?" Der Prophet
entgegnete: "Sein Herz wurde zu einer Quelle der Finsternis; er bringt aus sich selber die Wolken hervor, die ihn
umgeben; er kann nicht sehen." Und er bedauerte ihn. Die Wahrnehmung von Licht zeigt das Dünner-Werden des
Schleiers an, der das Herz bedeckt, und je dünner der Schleier wird, umso größer ist die Kraft des inneren Lichtes.
(The Sufi Message, Vol. 10)
Denke an den Propheten Mohammed, dessen meistgeliebte Tochter vor seinen Augen von einem Araber verletzt
wurde, und als dieser Araber sagte: "Ich tat es nicht mit Absicht. Kannst du mir vergeben?", da verzieh ihm der
Prophet augenblicklich. Als er ein Eroberer und Richter geworden war und seine Feinde, die ihn schlecht behandelt
und aus dem Land vertrieben hatten, reihenweise vor ihn gebracht wurden und ihn fragten: "Was wirst du mit uns
tun?", da sagte der Prophet: "Ihr seid meine Brüder; Gott wird euch vergeben." (The Sufi Message, Vol. 8)
Eine Geschichte berichtet, dass der Prophet sehr krank war; er hatte schon seit vielen Jahren gelitten. Diese
Prüfung machte seine Einsicht klarer, aber sein Leiden war so groß, dass seine Freunde es nicht mehr ertragen
konnten. So musste er seine Zuflucht bei Gott im Wald suchen, um ihnen den Anblick seiner Schmerzen zu
ersparen. Da er eine scharfe Sicht hatte und die Ohren seines Herzens offen waren, hörte er eine Stimme aus den
Bäumen: "Ich bin das Heilmittel für deine Krankheit." Der Prophet fragte: "Ist die Zeit meiner Heilung
gekommen?" Die Stimme entgegnete: "Nein." Da antwortete er: "Warum sollte ich dich dann nehmen?" Ein wenig
später machte er die gleiche Erfahrung. Wieder hörte er die Stimme. Aber als er fragte, ob die Zeit seiner Genesung
gekommen sei, war diesmal die Antwort: "Ja." Trotzdem fragte der Prophet wieder: "Warum sollte ich dich
nehmen?" Denn er konnte sich immer noch nicht der Heilung ergeben.
Jede Stunde, jeder Augenblick im Leben hat sein Gericht, wie der Prophet sagte: "Man wird Rechenschaft
ablegen müssen für jedes Korn, das man isst." Darüber besteht kein Zweifel. Aber der Tag des Jüngsten Gerichts
wurde in den Schriften besonders erwähnt als ein Geschehen, das im Jenseits stattfindet, weil die Seele im Jenseits
von einer ihrer Hüllen befreit wird. Daher bekundet sich das Gericht, das jede Seele hier auf Erden erlebt - ohne es
zu verstehen, ohne sich dessen bewusst zu werden -, dem Blick der Seele deutlicher, nachdem sie diese Erde
verlassen hat. (The Sufi Message, Vol. 1)
In einem Ausspruch des Propheten Mohammed heißt es, dass am Tage des Gerichts im Jenseits ein Wesen in
Gestalt einer Hexe erscheinen werde, und der Mensch werde erschrecken beim Anblick dieser Hexe und
aufschreien: "Oh Herr, welch schrecklicher Anblick ist das! Wer ist das?" Und er werde die Antwort von den
Engeln erhalten: "Das ist die gleiche Welt, die Welt, die dich während deines Lebens angezogen hat, die du verehrt,
angebetet und als höchst wertvoll geschätzt hast und die alles war, was du begehrtest. Es ist dieselbe Welt, die du
nun vor dir siehst." (The Sufi Message, Vol. 8)
Einst sagte der Prophet: "Die Hölle ist für die Bösen und nach dem Himmel streben die Narren." (The Sufi
Message, Vol. 5)
"Der Tod ist eine Brücke, die den Freund mit dem Freund vereint." (The Sufi Message, Vol. 5)

119 -
D. Häusliche Übungen
Früher gab Pir Vilayat Übungen für die ganze Woche, wobei jeder Tag einer anderen Religion gewidmet war. In
Übereinstimmung mit dem religiösen Brauch wurde für den Islam der Freitag gewählt. Es folgen die empfohlenen
Übungen:
Zuerst spricht eine Person 'Adhan, den Ruf zum Gebet:
Allāhu Akbar (4mal)
Ash-hadu an lā ilāha illā 'llāh (2mal)
Ash-hadu anna Muhammadan Rasulullāh (2mal)
Hayya 'alas salah (2mal)
Hayya 'alal falah (2mal)
Allāhu Akbar (2mal)
lā ilāha illā 'llāh (1mal)
Nun stehen die Teilnehmer Schulter an Schulter, aber nicht zu eng, in einer Reihe. Gesammelt und aufmerksam,
die Hände hinter den Ohren, wiederholen sie für sich Allāhu Akbar, dann werden die Hände vorne gefaltet. Eine
Person steht vor den anderen und spricht die Sure al-Fāteha, dann die Sure al-Ikhlās:
Al- Fāteha
Bismillāhir-Raĥmānir-Rahīm.
Al-ĥamdulillāhi Rab-bil-'ālamīn.
Ar-Raĥmānir-Rahīm.
Māliki yaumid-dīn.
'Īyyāka na'budu wa 'iyyāka nasta'īn.
Ihdinās-sirātal-mustaquīm.
Sirātal-ladhīna 'an'amta 'alayhim.
Ghayril-maghdūbi 'alayhim wa lād-dāllīn.
Āmīn.
Al-Ikhlās
Bismillāhir-Raĥmānir-Rahīm.
Qul huwa Allāhu 'Aĥad
Allāhu -sSamad
Lam yalid wa lam yūlad
Wa lam yakun lahū kufūwan 'Aĥad

Dann verneigt man sich und sagt Allāhu Akbar, die Hände auf den Knien, und wiederholt dreimal
Subhāna Rabbi yal 'Azīm. Sich erhebend sagt man:
Samī' Allāhu liman ĥamīdah
Rab-banā wa lakal ĥamd.
Dann wirft man sich nieder, während man Allāhu Akbar sagt, die Stirn auf dem Boden, und spricht dreimal
Subhāna Rabbi yal A'lā. Mit dem Ruf Allāhu Akbar erhebt man sich in die kniende Position und pausiert kurz.
Mit einem weiteren Allāhu Akbar wird die Niederwerfung wiederholt, dann steht man auf, und die Gebete von
al-Fāteha an werden wiederholt.
Nach dem zweiten rak'a (Gebetszyklus) verbleibt man auf den Knien und spricht:
Allāhu-mma Salli ala Saiydina Muhammad
Wa 'ala ali Saiydina Muhammad
Wa Barik wa Sallim.
Dann dreht man den Kopf nach rechts, spricht As-salāmu 'alaykum wa rahmātu Allāhi und wiederholt es,
während man den Kopf nach links dreht. Eine weitere Wiederholung der ganzen Prozedur kann vollständig im
Knien geschehen.
Danach wiederholt man Lā ilāha illā 'llāh oder ein persönliches Wazifa - still an den Fingern abgezählt.
Nun singt man den Gesang des Propheten:
Ya Nabī salāmu'alayka,
Ya Rasūl salāmu'alayka.
Ya Habīb salāmu'alayka,
Salāmat salāmu'alayka.
120 -
Teil XIII:

Sufismus
und die alten Sufis

121 -
Teil XIII: Sufismus und die alten Sufis

I. Liste der erforderlichen Lektüre


A) Aus 'Die Einheit in der Vielfalt der Relgionen':
Die Auffassung der Sufis von Gott
B) Aus 'Die Einheit der religiösen Ideale':
Der Geist des Sufismus
Das Ideal des Sufi
C) Pir Vilayat Inayat Khan, 'In Search of the Hidden Treasure, A Conference of Sufis'
D) Ergänzendes Lesematerial
E) Pir Vilayat Inayat Khan über Buddhismus und Sufismus1

II. Lernziele
- eine klarere Vorstellung von der Rolle des Sufismus beim Übergang zwischen den Religionen der
Vergangenheit und der Botschaft in unserer Zeit zu bekommen
- etwas von der Essenz der Erkenntnis von vier der alten Sufis zu entdecken
- den hohen Rang der Menschheit in der Hierarchie der Schöpfung besser zu verstehen
- ein Verständnis von Kreativität aus göttlicher und menschlicher Sicht zu gewinnen
- zu lernen, die scheinbar unvereinbaren Positionen von Buddhismus und Sufismus in Einklang zu bringen

III. Überblick über das Thema


Laut Pir Vilayat Inayat Khan "widersetzt sich der Sufismus immer jeder Art von Erklärung oder Definition",
doch der Duft, der von der Ekstase derer herüberweht, die von "der transformierenden Magie der Liebe" berührt
wurden, verwebt die Fäden der religiösen Traditionen, die ihm vorangingen, und bricht im äußersten Akt der
Glorifizierung hervor: Gott im Menschen, der Mensch in Gott.
Keine Religion, keine Sekte ohne Unterscheidungen oder Trennung - so dient der Sufismus als Leuchtfeuer auf
dem Weg zur Vollkommenheit. Der Sufismus stimmt das Instrument des menschlichen Bewusstseins auf seinen
höchsten Ton und schafft damit die einzigartige Beziehung zwischen Intelligenz und Materie, Transzendenz und
Immanenz, Göttlichkeit und Menschlichkeit. Wie paradox, dass diejenigen, deren Sehnsucht nach dem ewigen
Prinzip zum Tod ihres Seins im Leben führt, verklärt wieder zum Vorschein kommen, um die zielgerichtete Natur
der Schöpfung zu erhellen!
Durch die gesamte Geschichte hindurch gaben sich die Sufis nie mit der menschlichen Begrenztheit zufrieden.
Sie drängen unaufhörlich voran zu weiteren Dimensionen der Erkenntnis und göttlicher Erfahrung, verloren im
Einssein oder versunken in die Schönheiten der Manifestation. Die Lehren von Hazrat Inayat Khan vollenden die
Vision der alten Sufis und zeigen den Weg zum Erwachen des kollektiven Bewusstseins der Einheit, welches die
Grundlage religiöser Erfahrung in unserer Zeit ist.

IV. Übungen
Kapitel: Die Auffassung der Sufis von Gott
Bitte wählen Sie zwei der folgenden Aufgaben:
1. Hazrat Inayat Khan behauptet, dass "für den Sufi Gott und Mensch nicht zwei sind; der Sufi betrachtet Gott
nicht als getrennt von sich selbst." In welchem Sinn kann man sagen, dass Gott nicht getrennt vom eigenen Selbst
ist? Was unterscheidet diese Aussage von einer Blasphemie?
2. Wie würde sich Ihr Leben verändern, wenn Sie sich ständig Ihrer wahren Beziehung zum Sein Gottes
bewusst wären?

1
Ein Vergleich zwischen Buddhismus und Sufismus (Keeping in Touch 127 & 128) und Curriculum des Sufi-Ordens - Lektion
21
122 -
3. "In den Augen des Sufi", sagt Hazrat Inayat Khan, "gibt es keine Gestalt, die nicht die Gestalt Gottes ist." Und
dennoch scheinen wir ständig mit den unangenehmsten Beispielen von Grobheit, Hässlichkeit und Verzerrung
konfrontiert zu sein. Erklären Sie die Perspektive, aus welcher der Sufi sieht, und wie sie ihm ermöglicht, die
zitierte Aussage zu machen.
4. Bitte erläutern Sie Ihr tiefstes Verständnis der Begriffe 'Tod' und 'Leben' im Kontext der folgenden Aussage:
"Was sterben wird, ist das unvollkommene Selbst, das die Vollkommenheit verhüllt; was leben wird, ist das
vollkommene Selbst." Inwiefern kann man sagen, dass der Sufi der Anweisung im Qur'an folgt: "Stirb, bevor du
stirbst"?

Übungen zum ergänzenden Lesematerial


Bitte beantworten Sie drei der folgenden Fragen.
1. Warum bezeichnet Hazrat Inayat Khan den Sufismus als die "reine Essenz aller Religionen und
Philosophien"?
2. Wenn alle Menschen am Ende das gleiche Niveau von Verständnis und Verwirklichung erreichen wie der
Sufi, welchen Vorteil hat es dann für den Sufi, einem spirituellen Weg zu folgen?
3. Hazrat Inayat Khan nennt den Sufismus "das Studium des Selbst". Wodurch wird es davor bewahrt, ein sehr
schmalspuriges Studium zu sein?
4., Wie erklären Sie sich die Aussage von Hazrat Inayat Khan, dass "es - abgesehen von der äußeren
Erscheinung - keinen inneren Unterschied zwischen Sufi und Yogi gibt"?
5. Erfährt man laut Hazrat Inayat Khan durch das Erleben der mystischen Einheit auf spiritueller Ebene
vollkommene Freude? Warum oder warum nicht?
6. Wie würden Sie es anfangen, "ein möglichst vollkommener Ausdruck der göttlichen Harmonie" zu werden?
Wie definieren Sie in diesem Zusammenhang göttliche Harmonie?
7. Warum sagt Pir Vilayat Inayat Khan, dass der Mensch im Sufismus weder Subjekt noch Objekt ist?
8. Was ist aus der Sicht des Sufismus die Erfüllung des Schöpfungszwecks?
9. Was für eine Antwort gibt der Sufismus denjenigen, die nationales oder persönliches Leid überwinden
müssen?

Übungen für Fortgeschrittene


Diese können anstelle einiger oder all der obigen "Übungen zum ergänzenden Lesematerial" durchgeführt
werden.
1. Erläutern Sie mit eigenen Worten die Beziehung zwischen Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis.
2. Die shahada - das Glaubensbekenntnis des Islam - ist zum Teil in der Formulierung La ilaha illa 'llah
zusammengefasst: Es existiert kein Gott (keine Realität) außer Gott (der höchsten Realität). Die Sufis benutzen eine
ähnliche Formulierung: La ilaha illa 'llah Hu, die sich auf subtile Weise davon unterscheidet. Inwiefern
vervollständigt für Sie die Hinzufügung des Wortes Hu das Glaubensbekenntnis, und wieso ist das Hu die höchste
Folgerung, die aus der shahada gezogen werden kann?
3. Erörtern Sie die Beziehung zwischen dem Sufigebrauch des heiligen Wortes Hu und dem Ausspruch aus dem
Heiligen Qur'an, der sich darauf bezieht, dass Allah "dir näher ist als die Halsschlagader".

123 -
Die alten Sufis (siehe ergänzendes Lesematerial)
Bitte beantworten Sie pro Teil je eine Frage.

A. Abu Yazid Bistami


1. Die Essenz der Suche und der Erfahrung von Abu Yazid Bistami ist das Verschmelzen der Vorstellung vom
individuellen 'Ich' mit der göttlichen Einheit, die sein Grund ist. Drücken Sie in einer Zeichnung, einem Mandala
oder Symbol aus, wie Sie die Sehnsucht nach solcher Verschmelzung empfinden.
2. Zu welchen Zeiten in Ihrem Leben haben Sie sich nach dem Zustand gesehnt, "dass die Schöpfung vom
Adepten und der Adept von der Schöpfung getrennt ist"?
3. Wie würden Sie den Unterschied beschreiben zwischen dem Samadhi-Zustand in der Hindu-Tradition und
der Erfahrung der mystischen Vereinigung, wie sie Abu Yazid Bistami so klar in seinen Schriften schildert?

B. Ibn Mansur al-Hallaj


1. Erläutern Sie Ihre Interpretation der folgenden Aussagen, die al-Hallaj zugeschrieben werden:
a) "Dem demutsvollen Bittsteller genügt es, wenn Gott allein Seine Einheit verkündet." (Pir Vilayat, Towards the
One)
b) "Meinen Reichtum der Fülle hinzuzufügen, wäre Heuchelei." (Pir Vilayat, Towards the One)
c) "Wenn die Wahrheit ein menschliches Herz überwältigt hat, so befreit sie es von allem, was nicht die
Wahrheit ist. Wenn Gott ein Wesen liebt, so tötet Er alles, was nicht Er selbst ist." (Pir Vilayat, Towards the One)
2. Warum behauptet Pir Vilayat Inayat Khan, dass Ana'l Haqq ("Ich bin die Wahrheit"), die in Ekstase
geäußerten Worte, die zum Strafverfahren gegen al-Hallaj und seiner Verurteilung wegen Häresie führten, "die
natürliche und zwangsläufige Folge der islamischen shahada sind"? Aus welcher Perspektive bezieht diese
Aussage ihre Gültigkeit?
3. Noch in den Todesqualen körperlicher Verstümmelung und Kreuzigung erlangte al-Hallaj die Fülle der
Erkenntnis - die Essenz seiner Erfahrung von der "Vergeistigung der Materie".
a) Was war al-Hallajs Antwort auf seine anfängliche Verzweiflung angesichts des äußersten Ausmaßes
physischer Vernichtung?
b) Inwiefern kann man sagen, dass das Auseinanderfallen des Körpers das Versprechen der Auferstehung in sich
trägt? Was ist es, das überlebt?
c) Inwiefern verleiht diese Erkenntnis von al-Hallaj dem Bewusstsein von uns selbst als menschliche Wesen die
höchste Würde?

C. Muhyiddin Ibn al 'Arabi


1. Beschreiben Sie nach Ihrem Verständnis der Worte von Ibn al 'Arabi (im Ergänzenden Lesematerial),
inwiefern man behaupten kann, dass der Mensch in jedem Augenblick am Akt der Schöpfung beteiligt ist.
2. Identifizieren Sie die Qualitäten in Ihrem Sein, die Sie als greifbaren Ausdruck der göttlichen Natur, die keine
Form hat, empfinden. Welche dieser Qualitäten tritt Ihrem Gefühl nach mit dem geringsten Maß an Widerstand und
Verzerrung hervor? Versuchen Sie einen Tag lang diese Qualität so vollkommen wie möglich zu manifestieren.
Schreiben Sie am Ende dieses Tages Ihre Gedanken zu dieser Erfahrung auf.
3. Wie könnte die Vorstellung von sich selbst als "Tempel, in dem die Epiphanie des göttlichen Wesens
stattfindet," für solche Menschen therapeutisch nutzbar gemacht werden, die das Gefühl für den Sinn in ihrem
Leben verloren haben?

D. Jelaluddin Rumi
1. Die Mystik von Rumi ist eine Mystik der Liebe: brennend, ekstatisch, vernichtend - "die am stärksten
transformierende Sache, die es gibt." In welcher Weise hat menschliche Liebe Ihr Leben verändert? Inwiefern kann
Liebe, menschliche und göttliche, als kreativstes aller Attribute bezeichnet werden?
124 -
2. Man bekommt eine Ahnung von Rumis Wesen, indem man in den Zustand der Ekstase eintritt, in dem Gott
sich selbst in Seiner Essenz und zugleich in der Schönheit der Manifestation erfährt.
a) Beschreiben Sie eine eigene Erfahrung, in der Ihre Seele in Ekstase geriet. Wie reagierten Sie auf die
Intensität der Emotion, die Ihre Erfahrung begleitete?
b) Entdecken Sie Ihre Seele als Ausdruck von Gottes Ekstase! Welche Qualitäten in Ihrem Wesen empfinden
Sie als Gottes Antwort auf die Intensität Seines Gefühls bei der Kontemplation Ihrer Seele in der Vorewigkeit?
3. Bitte äußern Sie sich zu jedem der folgenden Worte von Jelaluddin Rumi (wie Pir Vilayat sie zitiert) mit
einem kurzen Kommentar.
a) "Wenn du dich in der göttlichen Transzendenz verlierst, enthüllt Gott dir Seine Immanenz. Und wenn du dich
in Seiner Immanenz verlierst, enthüllt Er dir Seine Transzendenz." (Leader's Manual)
b) "Das Geheimnis aller Wahrheit ist verborgen im Himmel und auf Erden." (Sufi Masters)
c) "Ich habe die Dualität abgelegt. Ich habe gesehen, dass die zwei Welten eine sind." (Toward the One)
d) "Der Geliebte ist alles in allem, der Liebende verhüllt Ihn nur. Der Geliebte ist alles, was es gibt; der
Liebende ist ein totes Ding."

Buddhismus und Sufismus


Bitte bearbeiten Sie Frage 7 und außerdem eine weitere Frage.
(Beziehen Sie sich beim Bearbeiten dieses Teils auf Pir Vilayat Inayat Khans Ausführungen über Buddhismus
und Sufismus.)
1. Was ist - nach Pir Vilayat Inayat Khan - der Unterschied zwischen Buddhismus und Sufismus?
2. In welcher Weise kann die göttliche Intelligenz hinter der Form als 'Programmierung' betrachtet werden, die
hinter dem Universum stattfindet? Was ist die Manifestation dieser Programmierung?
3. In welchem Sinne kann man sagen, dass Buddha und Abu Yazid Bistami beide den Weg der Befreiung
eingeschlagen haben?
4. Inwiefern führt Buddhismus zur Entdeckung dessen, "was durchscheint durch das, was erscheint"?
5. Wie verstehen Sie das folgende Zitat: "Gott wird in allem Lebendigen zum Objekt und zum Subjekt seiner
Selbsterkenntnis"?
6. Inwiefern führen Buddhismus und Sufismus beide zu der Erkenntnis, "dass ich der göttliche Blick bin"?
7. Beschreiben Sie, inwiefern die Erfahrung des Erwachens der Schlüssel zur Übereinstimmung von
Buddhismus und Sufismus ist.
a) Aus welcher Perspektive erwacht die Seele in der buddhistischen Tradition? Zu welcher Erkenntnis führt
dieses Erwachen?
b) Woraus erwacht Gott selbst?
c) Wie trägt das Erwachen des Menschen dazu bei, den Sinn des Lebens zu erfüllen?

Ergänzendes Lesematerial
Die Vorstellung, dass der Sufismus aus dem Islam oder irgendeiner anderen Religion entstanden ist, ist nicht
unbedingt wahr; doch kann er zu Recht der Geist des Islam sowie die reine Essenz aller Religionen und
Philosophien genannt werden. (The Sufi Message, Vol. 5)
Ein Sufi vollendet die göttliche Reise und erreicht den höchsten Grad von Baqa (Sein in Gott) während dieses
Lebens, aber Menschen aller Glaubensrichtungen gelangen am Ende zur selben Stufe von Erkenntnis und
Verwirklichung, wie sie der Sufismus repräsentiert. (The Sufi Message, Vol. 5)
Der Sufismus hat nie einen ersten Vertreter oder einen historischen Ursprung gehabt. Er existierte von Anfang
an, da der Mensch immer das Licht besessen hat, das seine zweite Natur ist, und Licht kann man in seinem höheren
Aspekt auch 'das Wissen von Gott' nennen, 'die göttliche Weisheit' und in der Tat 'Sufismus'. Sufismus ist immer
praktiziert worden, und seine Übermittler sind Herzensmenschen gewesen. (The Sufi Message, Vol. 8)

125 -
Alles in der Welt wird auf irgendeine Weise von anderen Dingen beeinflusst, also kann man nicht sagen, dass
der Sufismus in Persien geboren wurde und davor nicht existierte. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass Sufis in
der Zeit von Mohammed und sogar schon früher existierten. Daher nahm der Sufismus im Laufe der Zeit den
Einfluss vieler Religionen in sich auf und beeinflusste seinerseits viele andere Religionen. (The Sufi Mess., Vol. 8)
In sehr alten Zeiten wurde die Safa gegründet, die Bruderschaft der Reinheit. Ihre Lehre hieß: "Kenne Dich
selbst, und du wirst Gott kennen." Diese Studenten des Selbst waren Sufis, denn Sufismus ist das Studium des
Selbst. (The Sufi Message, Vol. 8)
Sufis und Yogis können einander respektieren, denn der einzige Unterschied zwischen dem Yogi und dem Sufi
besteht darin, dass der Yogi seinen Schwerpunkt auf die Spiritualität und der Sufi mehr auf das Menschsein legt.
Der Yogi denkt, dass es besser ist, Gott zu sein; der Sufi denkt, dass es besser ist, Mensch zu sein, da immer die
Gefahr besteht zu fallen, wenn man ausschließlich spirituell ist. Aber es gibt keine innere Differenz zwischen dem
Sufi und dem Yogi. (The Sufi Message, Vol. 8)
Freude liegt in der Vereinigung, also weder in der spirituellen noch in der materiellen Sphäre allein, sondern in
beiden zusammen. Die Freude liegt nicht in der Spiritualität allein, sondern in der Verbindung des Spirituellen mit
dem Materiellen. (The Sufi Message, Vol. 8)
Wenn Sie den Sufismus tiefer ergründen wollen, denken Sie immer an Folgendes, denn das ist wirklich die
Richtschnur zum Verständnis des Sufismus: die Basis des Sufismus ist La ilaha illa 'llah Hu, was dasselbe ist wie
Sh'ma Yisrael Adonai Eloheinu, Adonai Echad. Echad ist im Arabischen Ahad, das gleiche Wort, was 'Eins'
bedeutet. Eine der Suren des Qur'an lautet: Bismillah Er-Rahman Er-Rahim Qudul Allah O Ahad - Gott ist einzig.
Und dies ist auch das Credo des modernen Physikers: alles ist eine einzige ununterbrochene Realität. (Leaders
Manual)
Der Sufismus - als eine religiöse Philosophie von Liebe, Harmonie und Schönheit - zielt darauf ab, die Seele des
Menschen weit werden zu lassen, bis die Erkenntnis der Schönheit aller Schöpfung ihn dazu befähigt, zu einem
möglichst perfekten Ausdruck der göttlichen Harmonie zu werden. (The Sufi Message, Vol. 5)
Der Rishi strebt danach, über sein eigenes Bewusstsein hinauszureichen, wogegen der Sufi sein Bewusstsein
zerschmettern lässt durch die Begegnung mit der göttlichen Gegenwart. Mit anderen Worten, der Sufi verhält sich
passiv gegenüber dem auf ihn gerichteten göttlichen Handeln. (Leaders Manual)
Wenn Sie Sufismus studieren, werden Sie bemerken, dass ein Sufi zu keiner Zeit jemals von seiner Erkenntnis
Gottes spricht. Es handelt sich um Gottes Erkenntnis von Sich selbst vermittelt durch den Menschen. Immer ist
Gott das Subjekt, immer. Der Mensch ist nicht einmal das Objekt. Der Mensch ist das Medium, durch welches das
göttliche Verstehen zustande kommt. Also ist der Mensch weder Subjekt noch Objekt. (Leaders Manual)

Die folgenden Zitate sind dem Büchlein Ein Meditationsthema für jeden Tag, zusammengestellt von Pir Vilayat
Inayat Khan, entnommen.
Gott betrachtet Seine Schöpfung durch den Menschen. (26. Mai)
Gott selbst manifestiert sich in der Schöpfung. Im Leiden leidet Er selbst. Er selbst ist in Seiner Schöpfung
verwirrt, doch eines Tages erkennt Er selbst Seine Vollkommenheit. Nur Gott existiert, niemand sonst. (3. Juni)
Der Zweck der ganzen Schöpfung ist die Erkenntnis, die Gott selbst gewinnt, indem Er seine eigene
Vollkommenheit durch die Manifestation entdeckt. (4. Juni)
Es kann nicht zwei Wesen geben: Gott und das eigene Selbst. Man selbst, wie man das Selbst kennt, ist ein
begrenzter Teil des Seins: wie ein Tropfen im Ozean, der keine eigenständige Existenz hat. Er ist nur ein
vorübergehender Zustand. Indem man sich selbst in den Hintergrund stellt, vernichtet man sich nicht, sondern man
findet das Selbst - ein Selbst, das vollkommen ist. (9. Juni)

Abu Yazid Bistami


(Alle Zitate aus Sufi Masters von Pir Vilayat Inayat Khan)
Schmücke mich mit Deiner Einheit (wo alle Eigenschaften als Beschreibungen der einzigen Essenz betrachtet
werden), und umschließe mich mit Deiner Ichheit (wo das individuelle Bewusstsein in das göttliche Bewusstsein
integriert ist), und erhebe mich in Deine Identität (wo die Vorstellung der Vielfalt von Wesen der Vision eines
einzigen Wesens weicht), so dass Deine Geschöpfe, wenn sie mich erblicken, sagen können: "Wir haben Dich
gesehen, und Du bist es." Ich aber (Abu Yazid) werde überhaupt nicht da sein.
126 -
Ich erreichte die Schwelle des Nicht-Seins und schwebte darin zehn Jahre lang. Ich gelangte von Verneinung zu
Verneinung durch Verneinung. Dann erreichte ich die Gefilde der Entsagung, die Schwelle zur Einheit, und
schwebte darin kraft der Verneinung in äußerster Armut, bis ich in meinem Verzicht der Entsagung entsagte und
mir sogar noch meine Armut genommen war durch die bloße Verneinung der Verneinung und die Entsagung der
Entsagung. Dann erlangte ich Vereinigung in der Loslösung des Adepten von der Schöpfung.
Denn Einssein kann nur erreicht werden, wenn unsere geschaffene Natur für immer und total ausgelöscht und
vernichtet ist.
Und Er blickte mich mit dem Auge der Macht an, vernichtete mich durch Sein Wesen und manifestierte Sich in
mir in Seiner Essenz. Und Er sprach zu mir: "Oh du", und ich sagte zu Ihm: "Oh Ich".
Der Unterschied zwischen Samadhi und Unio Mystica scheint in der Alternative zu liegen zwischen einerseits
dem Ausdehnen der Ich-Vorstellung, bis sie unpersönlich geworden ist und mit kosmischem Bewusstsein
zusammenfällt, und andererseits dem Aufgehen in einem transzendentalen Bewusstsein durch Vernichtung
jeglicher Vorstellung vom Selbst.

Ibn Mansur al-Hallaj


Der gefährliche und fatale Ausruf von al-Hallaj - Ana'l Haqq (Ich bin die Wahrheit) - ist die natürliche und
zwangsläufige Folge der islamischen shahada: die Affirmation der göttlichen Einheit - dass also, wenn nur Gott
allein existiert, alle Dinge und speziell der Mensch notwendigerweise in Gott existieren müssen. Deshalb sind sie in
ihrer Essenz Gott oder Wahrheit. (Toward the One)
Für al-Hallaj besteht alles Streben des Mystikers darin, dass der Teil von ihm, der Gott ist, seine Einheit mit
Gott erklären soll. Die Illusion des persönlichen Selbst erhebt sich zum Hindernis für Gottes Offenbarung Seiner
Einheit, sogar noch in der Vereinigung. "Oh Herr, entferne durch Dich selbst mein 'Ich bin es', das mich quält",
stöhnt er, sich nach mystischer Einheit sehnend und erbost über die Hartnäckigkeit des Gefühls 'Ich bin es'.
(Toward the One)
Genau genommen bedeutet das Ana'1 Haqq: Was in mir 'Ich' sagt, ist aus der Substanz des Unerschaffenen
geschaffen, welche die Sufis al-Haqq, die Wahrheit nennen, im Gegensatz zum Erschaffenen, Khalq. (Sufi
Masters)
Wenn Du mich am Anfang wolltest und meine Essenz brauchtest, um Dir als Symbol zu dienen - wie ist es da
möglich, dass ich nun dem Tod ausgeliefert werde, hingerichtet, gekreuzigt, verbrannt, meine Asche in Wind und
Wasser verstreut? (al-Hallaj, zitiert in Sufi Masters)
Und das ist der ganze Sinn dessen, was wir in der Meditation tun: wir sollten Gott bis in unser Fleisch hinein zur
Realität machen, und diese Realität wird den Tod des Fleisches überleben. Das scheint der Zweck des Ganzen zu
sein. Die Ankläger von al-Hallaj versuchten zu verhindern, dass dies geschah. Und dann sagte al-Hallaj: "Mein
Körper, im Winde verstreut." Danach gab es einen Moment des Innehaltens. Und dann sagte er: "Wie Weihrauch
als Versprechen meiner Auferstehung!" Und dann sagte er alles, denn er sah, dass die Auflösung des Körpers die
Verkündigung der Auferstehung in sich barg. Er ging durch die äußerste Prüfung, um Tod und Auferstehung zu
erfahren. (Leaders Manual)

Muhyiddin Ibn al 'Arabi


Gott ist zugleich Derjenige, Der sich manifestiert, und der, durch den und in dem Er sich manifestiert. (Sufi
Masters)
Es ist Er, Der mich denkt, und Er erkennt Sich selbst durch mich und in mir. (Sufi Masters)
Das Göttliche Prinzip benötigt eine Form, in der Es sowohl existieren als auch sich verkörpern kann, und wir
sind diese Form. Folglich, sagt Ibn al 'Arabi, verleihen wir Ihm insofern eine Art des Seins, als wir Seine Natur
verkörpern. (Sufi Masters)
Je mehr wir den Qualitäten der göttlichen Essenz, die in uns und durch uns nach Existenz und Verkörperung
streben, Ausdruck verleihen, desto mehr fühlen wir uns erfüllt und zweckdienlich. Auf diese Weise nehmen wir
unsere Verantwortung wahr als Garanten Seiner Souveränität; wenn nämlich Seine Oberherrschaft auf der Ordnung
des Universums beruht, kann sie nur durch diejenigen in Kraft gesetzt werden, die damit betraut wurden. Folglich
sind wir es, die seine Souveränität sichern, indem wir sie anerkennen. (Sufi Masters)

127 -
Er sehnt sich danach, dass jeder Teil von Ihm Ihn kenne. Er wird dann mehr und mehr verwirklicht, wenn wir in
der Lage sind, Seine Qualitäten zu verkörpern. In einem gewissen Stadium scheint es das Ziel des Sufi zu sein, zum
Tempel zu werden, in dem die Epiphanie des göttlichen Wesens stattfindet. (Pir Vilayat Inayat Khan, The
Metaphysics of Ecstasy)
Mache Gott zur Wirklichkeit, und Gott wird dich zur Wahrheit machen. (Hazrat Inayat Khan)

Jelaluddin Rumi
Du hast dieses 'Ich' und 'Wir' ersonnen, um das Spiel der Verehrung mit Dir selbst zu spielen, damit alle 'Ichs'
und 'Dus' eine einzige Seele werden und zuletzt im Geliebten untergehen können. (Toward the One)

Mein Ort ist das Ortlose, mein Pfad ist das Pfadlose.
Es ist weder Körper noch Seele, denn ich gehöre zur Seele des Geliebten.
Ich habe die Dualität abgetan. Ich habe gesehen, dass die zwei Welten eine sind.
Eine suche ich, Eine kenne ich, Eine sehe ich, Eine rufe ich.
Er ist der Erste, Er ist der Letzte, Er ist das Außen, Er ist das Innen.
Ich kenne keinen anderen als 'Ya Hu' und 'Ya Man Hu'.

Ich wünsche mir ein Herz, von Trennung zerrissen,


dass ich ganz und gar die Qual des Sehnens verkünden kann
eines jeden, weit von seinem wahrhaft Geliebten, der sich erinnert
an die Freude der Vereinigung.
Ich suche den Freund, der das Zeichen kennt,
einen, der seine Seele mit meiner verschmelzen lässt.
Das Feuer der Liebe setzt das Schilf in Flammen.
Es ist die Woge der Liebe.
Es ist der wahre Gefährte eines jeden, der getrennt ist
von einem wahren Freund und Geliebten.
Das Lied hat die Schleier zerrissen, die unser Herz umhüllen,
es erzählt die Geschichte des blutbespritzten Weges.
(Beide Zitate aus: Toward the One)
Wenn du dich in der göttlichen Transzendenz verlierst, offenbart Gott dir Seine Immanenz. Und wenn du dich
in Seiner Immanenz verlierst, offenbart Er dir seine Transzendenz. (Jelaluddin Rumi, zitiert von Pir Vilayat Khan,
Leaders' Manual)

Komm, komm, wer du auch bist.


Wanderer, Betender, in den Abschied Verliebter -
es macht keinen Unterschied.
Unsere Karawane heißt nicht Verzweiflung.
Komm, auch wenn du deinen Schwur
schon tausendmal gebrochen hast.
Komm, und noch einmal: komm, komm!
(Mevlana Jelaluddin Rumi)

128 -
Teil XIV:

Frauen und Religion

129 -
Teil XIV: Frauen und Religion

I. Liste der erforderlichen Lektüre


A) Ergänzendes Lesematerial
B) Suria Less: Einstimmung auf göttliche Frauen
C) Vorgeschlagenes Hintergrundmaterial:
1. Taj Inayat: The Crystal Chalice
2. Hazrat Inayat Khan: Das Theaterstück "Una"2

II. Lernziele
- verschiedene Gestalten zu erkennen, in denen die Frau das Gottesideal verkörpert hat
- die Rolle der Frau als ursprüngliche Lehrerin für die Religion des Herzens in allen Zeitaltern zu erkennen
- die Bedeutung des weiblichen Gottesaspekts für ein spirituelles Erwachen in unserer Zeit zu verstehen
- sich einzustimmen auf Frauen, die der weiblichen Seite Gottes in einer Vielzahl von Rollen reichen Ausdruck
gegeben haben und die spirituelle Erbschaft der Menschheit außerordentlich bereichern, indem sie die weibliche
Dimension der spirituellen Hierarchie repräsentieren
- ein Verständnis zu vermitteln für Hazrat Inayat Khans Vision der männlichen und weiblichen Seite Gottes und
deren Zusammenspiel, das die Grundlage der Schöpfung bildet

III. Überblick über das Thema


Es besteht heute ein großes Bedürfnis, sich des weiblichen Prinzips bewusst zu werden, und es ist klar
ersichtlich, dass dieses Erwachen für die weibliche Seite Gottes und für den Beitrag von Frauen in den Religionen
die Menschheit zu ihrem nächsten Entwicklungsschritt führen wird. Hazrat Inayat Khan sagt:
"Ich sehe es so klar wie Tageslicht, dass die Stunde kommt, da die Frau die Menschheit zu einer höheren
Evolution führen wird." (East and West)
Dies ist eine neue Rolle für die Frauen - im Vordergrund zu stehen -, und doch ist es nichts Neues. Es sollte
völlig klar sein, dass Frauen immer die Lehrerinnen der Religion des Herzens gewesen sind. Vom Augenblick der
Empfängnis an und durch die Phasen von Geburt und Erziehung hindurch hat die Frau stets eine gewichtige Rolle
in der Entwicklung des Gottesideals für die Menschheit gespielt.
Angesichts dessen kann man verstehen, dass die spirituelle Verantwortung der Frau sehr groß ist. Es bleibt eine
wahre Herausforderung für sie, in die vorderste Reihe zu treten und dabei ihre inneren empfänglichen Qualitäten,
ihre angeborene Feinheit und vor allem ihre feminine Einstimmung zu bewahren, da es genau diese Qualitäten in
ihr sind, nach denen die Welt in ihrem Hunger und ihrer Bedürftigkeit ruft. Nur indem sie diese Qualitäten in sich
selbst wertschätzt, wird die Frau die Menschheit insgesamt dazu bringen, sie zu schätzen und in sich aufzunehmen.
Den weiblichen Aspekt in dieser Zeit zu betonen, bedeutet nicht, ihn als überlegen zu betrachten (obwohl das
darin enthaltene Wissen einzigartig ist), sondern das Gleichgewicht herzustellen, das erforderlich ist, um die
Menschheit zu ihrer höchsten Vision der Vollkommenheit zu führen.
Für die Entwicklung unseres Verständnisses für das Männliche und Weibliche ist es wichtig zu sehen, dass in
der Wechselwirkung beider sich das ganze Leben entfaltet. Das ist der Grund, warum in der Vergangenheit die
Götter immer mit ihren Gefährtinnen zusammen verehrt wurden. Es war die Einsicht, dass es ohne diese beiden
Pole - die in Wirklichkeit eins waren - keine Schöpfung geben würde. Verständlicherweise konnte daher die
Religion sich nur durch das Zusammenwirken beider Pole entwickeln, obgleich das Weibliche dabei weitgehend
still blieb. Es wurde eher gefühlt als gehört, was der heiligen Natur seines Wissens entspricht sowie der Tatsache,
dass es mit dem mystischen Herzen der Religion verwandt ist.

2
in: The Sufi Message, Vol. 12
130 -
"Die wahre Natur der Frau, und daher ihre Macht, kommt aus der Tiefe und ist nicht sogleich sichtbar. Oft ist
sie unfähig, diese Tiefe auszudrücken, ohne Verrat an ihrer Essenz zu begehen, denn Worte und Gedanken - die
Ausdrucksformen des Geistes selbst – verfälschen häufig die Äußerung durch ihre Oberflächlichkeit und
Beschränktheit." (Taj Inayat, The Crystal Chalice)
Je ausgeglichener die Menschen dadurch werden, dass sie das weibliche Prinzip auf subtilen Ebenen in sich
aufnehmen, desto näher kommen wir der Erweckung der Menschheit zur Göttlichkeit alles Seienden. Diese
Einsicht hilft uns zu erkennen, weshalb dies ein höchst aktuelles Thema ist, das im Studium der Religion
ausführlich behandelt werden muss.

Besinnungsübungen
Bitte beantworten Sie eine dieser Fragen.
1. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal die weibliche Natur Gottes bewusst? Welchen Ausdrucksformen der
weiblichen Seite des Göttlichen sind Sie bei der Entwicklung des Gottesideals in Ihrem Leben begegnet?
2. Erinnern Sie sich, wie Sie in Verbindung zu bestimmten Phasen Ihrer Entwicklung Gott primär als weiblich
bzw. als männlich erfahren haben.
3. Wie wird die weibliche Seite des Göttlichen in Ihrer jetzigen Lebensphase von Ihnen wahrgenommen und
einbezogen?

Die Göttliche Mutter


Bitte beantworten Sie eine dieser Fragen.
1. Was sind die Kennzeichen der Mutter als Gottesideal? Wer ist die Göttliche Mutter, und in welcher
Beziehung stehen wir zu Ihr im Vergleich zu Gott als Vater?
2. Können Sie sich an Ihre erste Wahrnehmung der göttlichen Mutter erinnern? Geschah es durch Ihre eigene
Mutter, eine andere Frauenfigur in Ihrem Leben oder durch eine religiöse Gestalt wie Maria?
3. Hazrat Inayat Khan sagt: "Ein Kind erbt mehr Eigenschaften von seiner Mutter als vom Vater. Deshalb ist die
Mutter in höherem Maße verantwortlich für seine Vorzüge und Mängel. Wenn sie Wissen besitzt, kann sie die Seele
ihres Kindes schon vor dessen Geburt durch die Macht ihrer Konzentration schulen und so die Zukunft ihres
Kindes nach ihrem eigenen Willen formen." Diese Aussage zeigt, dass Mutterschaft eine sehr große Verantwortung
und zugleich eine Chance bedeutet, denn die Mutter hat tatsächlich den stärksten Einfluss auf die Entwicklung des
Gottesideals in der Menschheit. Bitte kommentieren Sie dies.
4. Stimmen Sie sich auf die Göttliche Mutter ein. Bereiten Sie eine Ansprache vor, gerichtet an die Vereinten
Nationen über den heutigen Zustand der Menschheit und das, was gebraucht wird, um die Probleme zu lösen,
denen wir heute gegenüberstehen. Arbeiten Sie diejenigen Inhalte heraus, die vielleicht eher typisch weiblich sind,
da sie in den Erfahrungen einer Frau auf natürliche Weise vorkommen. Sprechen Sie aus dem Herzen. Sprechen Sie
als Mutter für Ihre eigenen Kinder und für diejenigen, die kommen werden. Sie können Ihre Ansprache auch auf
Kassette aufnehmen.

Die Verschleierte - die Hohepriesterin


Bitte beantworten Sie eine dieser Fragen.
1. Hören Sie sich das Miserere aus der Abend-Andacht für die Karwoche von Allegri an. Pir Vilayat hat gesagt,
dass diese Musik die Stimmung der 6. Ebene vermittelt, die ganz entfernt und heilig ist - die Heimstätte des Gebets,
tiefe Verherrlichung, Stille und Frieden. Die Verschleierte (die Hohepriesterin) verkörpert diesen seltenen Zustand.
Beschreiben Sie, wie die Musik Sie in die Einstimmung auf das Wesen der Hohepriesterin bringt. Was ruft sie in
Ihnen hervor?
2. Die Hohepriesterin verkörpert die visionäre Qualität, die zu Erkenntnis und Offenbarung führt. Vision ist
höchst schöpferisch. Wahre Vision löst die Energie aus, durch die sie sich verwirklicht und zur Offenbarung wird.
Dergestalt begann die Offenbarung der Botschaft durch Christus mit der Vision, die Maria hatte. Ihre Erkenntnis
eröffnete die Möglichkeit zu deren Erfüllung. Bitte kommentieren Sie dies.

131 -
3. Was verstehen Sie unter der verschleierten Qualität der Weiblichkeit? Empfinden Sie diesen Aspekt als
grundlegend?

Die Herrscherin
Bitte beantworten Sie eine dieser Fragen.
1. "Die Herrscherin andererseits ist der Teil unseres Wesens, der sich ausdrückt, handelt und gibt." (Taj Inayat)
Es sind viele Beispiele von Frauen bekannt, die durch ihre Handlungen einer tiefen Spiritualität Ausdruck verliehen
haben - sowohl innerhalb als auch außerhalb des formalen religiösen Rahmens. Führen Sie zwei Beispiele von
Frauen an, die sie tief verehren wegen des Ausdrucks, den sie ihrem spirituellen Leben gegeben haben.
2. Das Folgende ist eine Konzentration, die Taj Inayat (in: The Crystal Chalice) vorschlägt, um die Qualitäten
der Herrscherin zu entwickeln. Hören Sie sich den Kanon in D von Pachelbel an, und versuchen Sie während
dessen "das Öffnen des Herzens zu spüren, indem Sie Ihr Herzzentrum als eine Rose erfahren, die langsam aufgeht
und ihren Duft verströmt." Beschreiben Sie das, was Sie über die Herrscherin entdeckt haben.

Rollen und Beziehungen


Bitte beantworten Sie eine dieser Fragen.
1. Die Frau fungiert in Beziehungen als Mutter, Schwester, Ehefrau, Freundin, Hüterin, Lehrerin, Ratgeberin
usw. - und als ein Ideal. Wie hat sie in diesen Rollen der Religiosität in verschiedenen Traditionen durch die
Zeitalter hindurch gedient?
2. Es gibt viele Beispiele einander spirituell ergänzender Paare in den verschiedenen Religionen: Rama und Sita,
Buddha und Yasodhara, Abraham und Sarah, Moses und Miriam, Mohammed und Fatima, der Hl. Franziskus und
die Hl. Klara. Sie veranschaulichen die archetypischen Beziehungen von Mann und Frau, Bruder und Schwester,
Mutter und Sohn, Vater und Tochter sowie spiritueller Partnerschaft. Wählen Sie zwei der oben genannten Paare,
und erörtern Sie deren Bedeutung für Sie.
3. Hazrat Inayat Khan schreibt: "Aufrichtiges Werben3 ist allein schon Religion." Untersuchen Sie die
Entwicklungsmöglichkeiten einer menschlichen Beziehung als lebendige Religion.

Übungen zur Meditation von Suria Less


Bitte beantworten Sie eine dieser Fragen.
1. Wählen Sie eine der dort angerufenen Frauen, und sprechen Sie in der Einstimmung auf sie zu den heutigen
Frauen über ihre Rolle für das Erwachen der Menschheit. Stellen Sie sich vor, worin ihre Botschaft heute bestünde.
2. Wählen Sie mindestens zwei der dort angerufenen Frauen, und entwickeln Sie einen Dialog zwischen ihnen
über die Rolle der Frauen für die Förderung eines spirituellen Erwachens in unserer Zeit.
3. Die erwähnten Frauen decken ein breites Spektrum von Rollen und Temperamenten ab, in denen die
weibliche Seite des Göttlichen Ausdruck gefunden hat. Die Entwicklung geht in vielen Teilen der Welt heute
dahin, die traditionellen Formen zu lockern, innerhalb deren es Frauen erlaubt war, ihre Spiritualität auszudrücken.
Dies könnte zu einem noch weiteren Spielraum für die weibliche Seite des Göttlichen führen. Können Sie in der
ganzen Vielfalt von Rollen, Temperamenten und Ausdrucksformen ein wesentliches oder Einheit bildendes
Element finden? Wie würden Sie es beschreiben?

3
um das Liebesobjekt
132 -
Die weibliche Seite Gottes und die religiösen Traditionen
Bitte beantworten Sie eine der folgenden Fragen.
1. Radha: In der hinduistischen Tradition heißt es, dass Krishna die höchste Gottheit repräsentiert und Radha,
seine Gefährtin, eine Allegorie für die menschliche Seele ist. Es gibt eine Geschichte über die beiden. Radha sagte:
"Ich bin eifersüchtig auf die Flöte, weil deine Lippen immer auf ihr sind. Wann werden deine Lippen immer auf
meinen ruhen?" Krishna antwortete: "Die Flöte ist hohl. Sie ist leer, damit ich die Musik durch sie hindurch spielen
kann. Ich kann sie füllen mit der Musik meines Wesens." Kommentieren Sie, wie diese Geschichte das weibliche
Prinzip schildert, das zur Verwirklichung des Gottesideals führt.
2. Quan Yin: Es war einmal eine schöne Tochter eines chinesischen Kaisers, die große Vollkommenheit
erreicht hatte. Die Götter sahen auf die Erde herab und sagten, als sie ihren Entwicklungszustand erkannten: "Wir
wollen sie zu uns heraufholen." Sie fingen an, sie von der Erde hochzuheben, und sie ging bereitwillig mit, bis sie
den Schrei eines kleinen Babys hörte. Da weigerte sie sich, weiter in die höchste Glückseligkeit einzugehen, bevor
nicht alle Wesen vor ihr dort angelangt waren. Daher ist sie bekannt als Quan Yin, 'die jeden Ton hört', und sie
bleibt bis zum Ende der Zeiten Mittlerin zwischen Himmel und Erde. Kommentieren Sie diese Geschichte: wie
beschreibt sie das empfängliche Herz?
3. Daena: In der Tradition Zarathustras wird der Archetyp der menschlichen Seele als weiblich beschrieben und
ist verkörpert im Erzengel Daena, die auch als 'die himmlische Magd' bekannt ist. Im Zend Avesta fragt Zarathustra
Ahura Mazda:
"O Du Heiligster,
wenn einer der Gläubigen
dieses Leben verlässt,
wo soll seine Seele wohnen?"
Und Ahura Mazda antwortet:
"Es scheint der Seele des Gläubigen,
als ob er durch seine Nasenlöcher
den süß-duftenden Wind einatme;
und er denkt:
'Von wo bläst dieser Wind,
der Wind mit dem süßestem Duft,
den ich je eingeatmet habe?'
Und es scheint ihm, als ob
sein eigenes Gewissen
sich ihm in diesem Wind nähere.
Und Sie, die sein eigenes Gewissen ist,
antwortet ihm:
'O du Jüngling
von guten Gedanken, guten Worten und guten Taten,
ich bin dein eigenes Gewissen.' "

In einer anderen Version heißt es:


"Der Verstorbene fragt die wunderschöne Erscheinung: 'Wer bist du denn, deren Schönheit alle andere
Schönheit überstrahlt, die je in der irdischen Welt geschaut wurde?'
Sie antwortet: 'Ich bin deine eigene Daena. Ich wurde immer geliebt, aber du hast dieses Geliebtwerden noch
vermehrt. Ich war schön. Aber du hast mich noch schöner gemacht.'
Und indem sie ihren Anbeter umarmt, führt sie ihn zum Haus des Himmlischen Gesangs."
Äußern Sie sich darüber, wie die Entwicklung des Menschen in Beziehung zur Schönheit steht. Hazrat Inayat
Khan sagt: "In der Schönheit liegt das Geheimnis des Göttlichen."
4. Nach der jüdischen Tradition ist der Sabbat eine Braut, und sie wird angerufen, indem jüdische Frauen die
Kerzen entzünden. Weshalb ist die Beschreibung des Sabbat als Braut angemessen?
5. Schekinah: Die Schekinah wird definiert als die weibliche Manifestation Gottes in der Menschheit, als die
göttliche Wohnstatt und die Braut des Herrn. Im Zohar wird sie "der Weg des Lebensbaums" genannt. Falls Ihnen
die Lehren der Kabbala vertraut sind, führen Sie das weiter aus!
6. Maria: "Meine Seele erhebt den Herrn." In diesen Worten, die Maria, die Mutter Christi, sprach, liegt eine
tiefe Erkenntnis. Was bedeuten diese Worte für Sie?
133 -
7. Die Sufis des Ostens ehren Maria als diejenige, welche den Pfad zu Allah zeigt. Fariduddin Attar schrieb:
"Oh Menschen, die erste Person, die ihren Fuß in jene Gruppe von Menschen setzen wird (d.h. jene, die ins
Paradies eingehen werden), wird Maria sein, Friede sei mit ihr." Was bedeutet das für Sie?
8. Fatima: Es wird berichtet, dass Fatima, die Tochter des Propheten Mohammed, sagte: "All das, was der
Prophet wusste und war, bin ich, doch kann ich es nicht sagen." Taj Inayat schreibt in ihrer Einleitung zu The
Crystal Chalice: "Die wahre Natur der Frau, und daher ihre Macht, kommt aus der Tiefe und ist nicht sogleich
sichtbar. Oft ist sie unfähig, diese Tiefe auszudrücken, ohne Verrat an ihrer Essenz zu begehen, denn Worte und
Gedanken - die Ausdrucksformen des Geistes selbst – verfälschen häufig die Äußerung durch ihre
Oberflächlichkeit und Beschränktheit." Weiter schreibt sie: "Dieses Verständnis der höheren Dimensionen der
Weiblichkeit kann nur aus der Tiefe kommuniziert werden, von Herz zu Herz - sehr oft in der Stille oder in einem
Seufzen." Und nochmals: "Unaussprechlich ist das Wissen des verwundeten und auferstandenen Herzens, des
Herzens, das zum lebendigen Heiligen Gral, zum kristallenen Kelch geworden ist."
Kontemplieren Sie über die Bedeutung des Gesagten. Welche Relevanz hat es für die Frau von heute? Wenn die
Menschheit sich dafür entscheidet, dieses Wissen wertzuschätzen - welche Qualitäten werden verlangt sein, um es
aufzunehmen?
9. Rabia al-Adawiyya: Rabia al-Adawiyya, die große Sufi-Heilige, war insofern außergewöhnlich, als sie
keinen lebenden Sheikh (Lehrer) hatte. Margaret Smith schreibt über sie: "Für Rabia war Gott hauptsächlich der
Freund und der Geliebte, die Freude und das Sehnen ihrer Seele; mit ihm lebte sie in engster Intimität, sich immer
Seiner Gegenwart und Seiner nie versagenden Hilfe bewusst; sie fühlte, dass sie in Ihm lebte und sich bewegte und
ihr Dasein hatte." In ihr war kein Raum für einen irdischen Geliebten. Sie war auch bekannt als eine "zweite
unbefleckte Maria". Obwohl Rabia vor allem eine Asketin war, kann ihr Beispiel für uns heute von großem Wert
sein. Was finden Sie an ihrem Vorbild hilfreich und inspirierend?
10. Margaret Smith kommentiert: "Es war die Entwicklung der Mystik innerhalb des Islam, die den Frauen die
großartige Gelegenheit verschaffte, den Rang einer Heiligen zu erreichen." Wie kommt es, dass der innere Pfad die
Frauen bereitwilliger anerkannte, als die äußere Form der Religion es tat?
11. All diese Geschichten und Zitate reflektieren die Haltung der verschiedenen religiösen Traditionen
gegenüber der weiblichen Seite Gottes und ebenso das Ideal der Frau, wie es aus dem kulturellen Umfeld aufsteigt,
in dem diese Religionen jeweils geformt wurden. Wählen Sie eine Tradition, die Sie gut kennen, und äußern Sie
sich darüber, wie die Einstellung gegenüber der Frau sich widerspiegelt in der Art, wie der weibliche Aspekt des
Göttlichen in dieser Tradition integriert ist, in der Idealisierung der Frau sowie in der Kultur selbst. Inwieweit
kommt der reine Archetyp zum Ausdruck, und inwieweit wurde er entstellt, missbraucht oder zurückgedrängt?
12. Verfolgen Sie die Entwicklung des Bildes oder Verständnisses der weiblichen Seite Gottes durch die
verschiedenen religiösen Traditionen hindurch bis zur Gegenwart. Worin besteht der neue oder vielleicht
umfassendere Ausdruck der weiblichen Seite Gottes in unserer Zeit? Welche Auswirkungen hat dies in der
Evolution der Menschheit?

Weitere Übungen
Bitte wählen Sie eine dieser Aufgaben.
1. Veranstalten Sie ein Interview mit einer Frau, in der Sie eine tiefe Spiritualität spüren, und bitten Sie diese
Frau mitzuteilen, wie sie an das Thema des Gottesideals herangeht und/oder wie ihre weibliche Natur in ihrem
religiösen Leben Ausdruck findet.
2. "Die Suche der Frau nach ihrer Seele können wir betrachten als den Beginn des Erwachens der Erde aus
ihrem Schlaf." (Taj Inayat, The Crystal Chalice) Stellen Sie dieses Zitat in einen größeren Zusammenhang, und
bereiten Sie eine Rede zu diesem Thema vor, oder schreiben Sie ein Gedicht.
3. Ziehen Sie sich einen Tag lang in die Natur zurück, und teilen Sie etwas von Ihrer Entdeckung des
Weiblichen in der Natur mit. Beobachten Sie das Wechselspiel der Kräfte von Empfänglichkeit und Kreativität im
Gedanken daran, dass die Erde für gewöhnlich als weiblich beschrieben wird. Teilen Sie Gedanken darüber mit,
wie Sie die Erde erlebt haben.
4. Wählen Sie ein Kunstwerk, welches das Gottesideal in weiblicher Art oder Gestalt darstellt. Welche
Qualitäten sind besonders betont? Warum hat der Künstler diesen Ausdruck des Gottesideals gewählt? Berichten
Sie, wie Sie dieses Werk und die Vision des Künstlers, die dahinter steht, erlebt haben.

134 -
5. Vielleicht möchten Sie Betrachtungen und Kommentare über die Beziehung zwischen Musik und dem
Weiblichen abgeben. Kontemplieren Sie Saraswati, die Hindugöttin der Musik, von der gesagt wird, sie sei in
Klang gekleidet, ihr Atem sei Klang, und treibend auf dem Meer von Klang singe sie das Lied der Schöpfung.
Arbeiten Sie stimmlich mit Klang, indem Sie psalmodieren, chanten oder singen. Berichten Sie aus Ihrer Erfahrung
mit dem Klang.
6. "Es ist notwendig, dass die prophetische Seele so hoch aufsteigt, dass sie die Stimme Gottes vernehmen kann,
zugleich jedoch muss sie sich so tief beugen, dass sie jedes leise Flüstern menschlicher Wesen hören kann." (Hazrat
Inayat Khan)
"Die Mutter der Welt ist die Seele des Propheten." (Taj Inayat)
In diesen Zitaten wird die Seele des Propheten als weiblich vorgestellt. Wie findet diese Qualität in Leben und
Werk des Propheten Ausdruck?
7. Erklären Sie mit eigenen Worten Ihr Verständnis der folgenden Zitate:
a) "Im Mann haben Wir unser Bild entworfen; in der Frau haben Wir es vollendet."
b) "Die Frau ist eine Stufe zu Gottes heiligem Altar."
c) "Es gibt drei Arten von Jungfrauen. Eine, die man normalerweise als Jungfrau betrachtet, hat niemals
Vereinigung mit einem Mann erlebt; eine andere ist die Jungfrau im Herzen, deren Liebe sich auf einen Geliebten
allein konzentriert; die Dritte ist die Jungfrau in der Seele, die den Mann als Gott betrachtet. Sie allein kann ein
göttliches Kind gebären."
d) "Ich sehe es so klar wie Tageslicht, dass die Stunde kommt, da die Frau die Menschheit zu einer höheren
Evolution führen wird."
e) "Wenn eine Frau in sich selbst die Verschleierte entdeckt, dann erscheint die Verschleierte als die Mutter der
Welt. Wenn ein Mann sich der Verschleierten bewusst wird, dann erscheint sie als die Geliebte. Eine Frau wird zu
ihrer Verkörperung, und ein Mann wird zu ihrem Beschützer."

Ergänzendes Lesematerial
Viele Schulen berücksichtigen nicht immer die weibliche Natur der Suchenden oder den modernen kulturellen
Kontext, in dem sie tätig ist. Es ist auch schwierig, erleuchtete Frauen zu finden, die Ehefrau, Mutter oder
Karrierefrau sind. Bis vor kurzem kamen die meisten spirituellen Modelle für Frauen aus dem christlichen oder
buddhistischen Klosterleben oder aus dem zölibatären Entsagungsleben der Hindus. Heute jedoch, wo der Westen
aufhört, sich für spirituelle Werte dem Osten zuzuwenden und den Wert der Spiritualität im alltäglichen Leben
erkennt, suchen Frauen auch nach Modellen, die mitten in der Welt leben und zugleich ein spirituelles Ideal
aufrechterhalten.
In diesem Zeitalter der Uniformität wird das Geheimnis, das die Weiblichkeit für Jahrhunderte umhüllt hat, zur
Schau gestellt und analysiert. Die Frauen selbst entfernen die Schleier in ihrem Wunsch, sich sichtbar zu machen -
ohne den Schutz und die Begrenzungen, welche die Gebräuche und Einstellungen der Vergangenheit bereitstellten.
Doch der verschleierte Aspekt der Weiblichkeit, der jetzt so bereitwillig fallen gelassen wird, mag sich als ein
fundamentaler Aspekt des Frauseins herausstellen. Historisch betrachtet ist der Mangel an äußerer Macht und
Aktivität der Frau die Ursache ihrer Ausbeutung gewesen, andererseits jedoch hat gerade dieser Mangel es ihr
ermöglicht, leer zu sein vom Selbst und die Höhen der spirituellen Erfahrung zu erreichen. Die wahre Natur der
Frau - und daher ihre ganz eigene Macht – kommt aus der Tiefe und ist nicht sogleich sichtbar. Oft ist sie unfähig,
diese Tiefe auszudrücken, ohne Verrat an ihrer Essenz zu begehen, denn Worte und Gedanken - die
Ausdrucksformen des Geistes selbst – verfälschen häufig die Äußerung durch ihre Oberflächlichkeit und
Beschränktheit.
Viele Frauen erheben heute Einspruch gegen diese Art der Interpretation von Weiblichkeit und streben danach,
den männlichen Werten nachzueifern, welche die Grundlage der westlichen technologischen Welt gewesen sind.
Weil ihnen geachtete Modelle fehlen, mangelt Frauen das Vertrauen in ihre angeborene weibliche Natur. In
Verbindung mit ihrer hoch entwickelten Fähigkeit, zeitgenössische Trends zu spiegeln, hat dies zu dem traurigen
spirituellen Zustand der heutigen Frauen beigetragen. Doch die Fehler der Vergangenheit sind oft das Sprungbrett

135 -
zu höherer Erkenntnis. Einige Frauen, die keine Erfüllung in offener Machtausübung finden oder zumindest spüren,
dass diese Macht einen zu hohen Preis fordert, beginnen zu sehen, dass wirkliche Erfüllung darin liegt, ihre wahre
Natur zu entdecken und zum Ausdruck zu bringen.
Diese Entdeckung enthält weitere Dimensionen: wenn wir glauben, dass das Universum ein ganzheitlicher
Organismus ist, dann ist das, was auf einer Ebene passiert, bedeutsam auf allen Ebenen. Die Suche der Frau nach
ihrer Seele können wir betrachten als den Beginn des Erwachens der Erde aus ihrem Schlaf. Der persische
mystische Dichter Jelaluddin Rumi drückt die Idee des Erwachens sehr schön aus:
Ich starb als Mineral und wurde zur Pflanze,
ich starb als Pflanze und erhob mich zum Tier,
ich starb als Tier und wurde zum Menschen.
Warum sollte ich mich fürchten?
Wann wurde ich jemals weniger durch Sterben?
Einmal noch werde ich sterben, als Mensch,
um aufzuschweben mit seligen Engeln;
aber selbst als Engel muss ich weiter schreiten:
Alles außer Gott vergeht.
Der große Sufimeister Hazrat Inayat Khan beschreibt die gegenwärtige Phase der Evolution des Planeten als
"das Erwachen des Bewusstseins der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen." Die Frau ist dazu aufgerufen,
eine große Rolle in diesem Prozess des Erwachens zu spielen. Indem sie ihre Weiblichkeit akzeptiert, kann sie das
Denken des Planeten dahin leiten, Empfänglichkeit wertzuschätzen. Nur durch eine empfängliche Einstimmung auf
die innere Führung kann die nächste Stufe der planetarischen Entwicklung erreicht werden.
Die Frau zeigt diesen Zustand reiner Empfangsbereitschaft, symbolisiert durch den Mond, der kein eigenes
Licht produziert, sondern im reflektierten Licht erstrahlt. In den großen Mysterien geht die Sonne, die Symbol ist
für das Licht Gottes (das Christus-Bewusstsein), im rein gewordenen Herzen auf. Die Erde befindet sich
gegenwärtig in tiefer spiritueller Transformation. Wenn wir die Kunst des Mondes lernen, werden wir den Planeten
auf das Aufgehen der Sonne vorbereiten. Bewusste Einheit mit der göttlichen Vollkommenheit, die als Realität sich
kollektiv und individuell zu zeigen beginnt, wird das verkündete Neue Zeitalter möglich machen
Die Herausforderung für die Frau des Neuen Zeitalters besteht darin, ihre wahre Natur inmitten einer Welt zu
finden, die ihren Wert verneint. Mit der Macht des Mitgefühls wird sie durch ihre Intuition und Einsicht Wesen zu
einer höheren Verwirklichung heranziehen. Die Frau hat die Wahl: sie kann fortfahren, ihre angeborene
Attraktivität (die vom Planer in die Gene der menschlichen Rasse einprogrammiert wurde, um sicherzustellen, dass
die Rasse fortbesteht) als Mittel im Dienste ihrer Eitelkeit und ihres individuellen Egos zu benutzen, oder sie kann
den Zauber ihrer Reinheit und ihres Mitgefühls gebrauchen, um alle Wesen zur Erkenntnis spiritueller Werte zu
bewegen. Letzteres ist die Kunst bewussten Frauseins, die allein die Menschheit retten kann, weil die Frau zum
Instrument der Verklärung des Planeten wird. Welche Alternative wird sie wählen? Wie kann sie zu dem werden,
was sie zu werden wünscht?
Dieses Verständnis der höheren Dimensionen der Weiblichkeit kann nur aus der Tiefe kommuniziert werden,
von Herz zu Herz - sehr oft in der Stille oder in einem Seufzen. Nur wenige Männer würden es je verstehen. Ich
möchte nicht den Eindruck erwecken, dass dieses Wissen anderem überlegen ist, doch es ist einmalig. Die Art
seiner Übermittlung entspricht seiner heiligen Natur und ist daher heutzutage auf dem spirituellen Marktplatz nicht
gerade im Überfluss vertreten. Unaussprechlich ist das Wissen des verwundeten und auferstandenen Herzens, des
Herzens, das zum lebendigen Heiligen Gral, zum kristallenen Kelch geworden ist. (alle Zitate: Taj Inayat, The
Crystal Chalice)
In meiner lebenslangen Arbeit im Westen fand ich, dass es dort keine Schüler gibt; es gibt nur Lehrer. Die Frau,
die ihrer Natur nach empfänglich ist, zeigt eine Neigung, Schülerin zu sein, doch das gilt nicht für jede Frau. Und
Männer im Westen, die den Geist der Schülers zu verwirklichen suchen, versagen irgendwie von Zeit zu Zeit in
dieser Rolle. Unter einigen meiner männlichen Mitarbeiter sah ich eine gewisse Verachtung in der geistigen
Haltung den weiblichen Mitarbeitern gegenüber, da der Mann immer schon der Meinung war, die Frau sei
entweder überflüssig oder zu empfindlich, zu fromm und unintelligent, und sie hielten zum Zwecke der
Zusammenarbeit immer nach einem Mann Ausschau. Doch wie qualifiziert auch immer die Männer sich in der
Arbeit gezeigt haben - der wertvolle Dienst, den Frauen der Sache erwiesen, ist unvergleichlich größer gewesen.
Die Art, wie einige von ihnen unaufhörlich mit aufrichtiger Hingabe und gefestigtem Glauben gearbeitet haben,
war ein Wunder für mich. Ohne einige der Frauen als Mitarbeiterinnen wäre die Sufi-Bewegung niemals aufgebaut

136 -
worden. Wie leicht vergisst der Mann, welche Stellung der Frau in allen Lebensbereichen zukommt. Es ist sein
Selbst, das seine Augen verschleiert und ihn daran hindert, die Bedeutung der Mitarbeit der Frauen an jeglichem
Werk zu sehen.
Die Frau neigt von Natur aus zur Spiritualität - im Osten wie im Westen. Doch besonders im Westen, wo das
Leben der Männer meistens von Geschäft und Politik in Anspruch genommen wird, ist es die Frau, die sich für
Religion interessiert, auch für Philosophie und alle Werke, die Gott und die Menschheit betreffen. Der Geist der
westlichen Frau, mit dem sie ihren Kampf das ganze Leben hindurch führt, ist wirklich großartig. Es gibt keine
Arbeits- oder Studienrichtung, die die Frau im Westen nicht verfolgt und ebenso gut wie ein Mann ausführt. Sogar
in sozialen und politischen Aktivitäten, aber ganz besonders im Bereich der Religion und spiritueller Ideen
übertrifft sie tatsächlich den Mann. Die Wohltätigkeitsorganisationen, die in verschiedenen Teilen des Westens
existieren, sind meistens getragen von Frauen, und ich sehe es so klar wie Tageslicht, dass die Stunde kommt, da
die Frau die Menschheit zu einer höheren Evolution führen wird. (Hazrat Inayat Khan: East and West,
autobiographischer Essay)
Durch das liebende Herz der Frau manifestiert sich Deine göttliche Gnade. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Ich erkenne Deine göttliche Gnade in der Zärtlichkeit des Herzens der Frau. (Nature Meditations)
In der Tugend der Frau erkenne ich Deine göttliche Reinheit. (Nature Meditations)
Die Frau ist eine Stufe zu Gottes heiligem Altar. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Die Frau ist Frau - ganz gleich, ob im Osten oder im Westen. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Nähere dich der Frau sanft, damit du ihre zarten Gefühle nicht verletzt. (Gayan, Vadan, Nirtan)

Die weibliche und die männliche Seite des Göttlichen


Das einzige Wesen ist durch alle Ebenen der Existenz hindurch in zwei Aspekten manifestiert, männlich und
weiblich, welche die positiven und negativen Kräfte der Natur verkörpern. Auf der Ebene des Bewusstseins gibt es
zwei Aspekte: Wahdat, Bewusstsein, und Ahadiat, ewiges Bewusstsein, und dem entsprechend zeigen Geist und
Materie oder Tag und Nacht auf niederen Ebenen ebenfalls den dualen Aspekt an. Im Mineral- und Pflanzenreich
ist die Geschlechtlichkeit noch in einem Zustand der Evolution, doch die höchste Verkörperung von Männlich und
Weiblich bilden Mann und Frau. (The Sufi Message, Vol. 5)
Das Negative verleiht, indem es den notwendigen Ausgleich zum vollständigen Wesen des Positiven liefert, der
Aktivität Schönheit. Andererseits gibt das Positive dem Negativen Stärke. Aufgrund seines Selbstausdrucks könnte
man sogar sagen, dass das Positive das Negative erschafft. Das ist es, was symbolisch ausgedrückt wird, wenn es
heißt, dass Eva aus der Rippe Adams geschaffen wurde, d.h. das Negative ist geschaffen aus dem Positiven und
tatsächlich Teil des Positiven. Das Negative ist daher abgeleitet vom Positiven und wird durch es gestärkt, und es
kehrt wieder zum Positiven zurück, während das Positive in der Tat vom Negativen seinen positiven Charakter
bezieht. Die Existenz eines jeden von ihnen hängt daher völlig vom anderen ab; und jeder Zweck eines Pols, selbst
der höchste Zweck, wird erreicht durch das Zusammenwirken beider Pole. (The Sufi Message, Vol. 3)
Der Mond gleicht die Macht der Sonne aus. Wenn der Mond nicht wäre, würde die Sonne in Flammen aufgehen
und das ganze Universum in Brand stecken. Ohne den Mond würden die Welten in Stücke zerbrechen und der
Kosmos würde zersplittern. (The Sufi Message, Vol. 3)
Es gibt eine Verwandtschaft zwischen dem Positiven und dem Negativen, die bewirkt, dass das eine sich zum
anderen und zur Einheit hingezogen fühlt. Das führt zu einer neuen Auffassung von Schönheit. Die Vereinigung
des Männlichen und des Weiblichen sollte innerhalb dieser Verbindung beiden die Gelegenheit bieten, den vollsten
Ausdruck zu erreichen, dessen sie fähig sind; und keines von beiden sollte darin ein Hindernis vorfinden, das seine
oder ihre höchste Entwicklung verhindert. Jede Seele sucht nach Vervollständigung - eine Suche, die allzu oft in
der Zerstörung der Schönheit endet, da der Mensch, getäuscht und umgarnt vom Leben an der Oberfläche, verlernt,
in sein Selbst zu schauen und zu entdecken, was die Natur dieses 'Ichs' ist, das so verzweifelt nach Befriedigung
verlangt. (The Sufi Message, Vol. 3)
Manchmal sehen wir eine vollkommene menschliche Gestalt oder Persönlichkeit, und dann scheint es, als
würden wir in einem einzigen Individuum etwas von den Eigenschaften beider Geschlechter erblicken. Ein Mann,
der gut aussehend genannt wird, verkörpert immer irgend ein Merkmal der Verfeinerung, die dem Weiblichen
eigen ist, und die schöne Persönlichkeit eines Mannes weist eine Spur von der Sanftheit der weiblichen Natur auf.
Auch die Charakterschönheit einer Frau kann nicht vollkommen sein ohne etwas von jener Würde, die männlich
ist. (The Sufi Message, Vol. 3)
137 -
Aufrichtige Werbung in der Liebe ist für sich schon eine Religion. Sicher kann keine Religion mehr lehren, als
es die Liebe kann. Wenn die Geliebte so sehr zum Mittelpunkt des Lebens wird, dass der Liebende seine
Selbstsucht verliert im Gedanken an sie; wenn er so von ihrer Schönheit beeindruckt ist, dass keine andere
Schönheit, egal wie groß, ihn in seiner Treue zu ihr wanken lässt; wenn er ihr zuliebe sanft und rücksichtsvoll wird,
wenn er ihr anvertraut, was er keinen anderen auf der Welt wissen lassen möchte; wenn seine Wünsche sich der
Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit in allen Dingen zuwenden, weil seine Liebe wahrhaftig und ernsthaft ist - gibt
es dann in seinem Leben nicht etwas, das großartiger ist als die Religion, die bloß gelehrt wird? Hat er nicht selbst
eine unmittelbare Inspiration vom hohen Himmel erhalten? Ein Liebender, der auf diese Weise inspiriert ist, freut
sich mit derselben Hoffnung auf sein zukünftiges Leben mit der Geliebten, wie die Frommen sich auf das Leben im
Jenseits freuen. Das Zusammenkommen von zwei solchen Liebenden ist nichts Geringeres als eine göttliche
Kommunion, da Gott, der die Liebe ist und in den Herzen der Liebenden schlief, jetzt in ihnen erwacht ist. (The
Sufi Message, Vol. 3)
Im Mann haben Wir Unser Bild entworfen, in der Frau haben Wir es vollendet. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Im Mann haben Wir Unsere gütige Natur gezeigt, in der Frau haben Wir Unsere göttliche Kunst ausgedrückt.
(Gayan, Vadan, Nirtan)
Die Frau, vom Schicksal dazu bestimmt, dem Manne überlegen zu sein, sinkt in dessen Achtung, wenn sie
versucht, es ihm gleich zu tun. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Der Hindu betet Krishna an der Seite seiner Gefährtin an und bewundert vor allem das Ideal von Fürsorge und
Rücksichtnahme, von dem wir gesprochen haben. Der Anhänger des Islam weist darauf hin, dass jede Frau nach
der Heirat ihren eigenen Namen beibehält, was zeigt, dass sie sowohl im Hause als auch draußen als
verantwortliches Individuum dasteht. Er wird auch nicht vergessen, dass der Prophet immer das Ideal der
Weiblichkeit hochhielt, seine Anhänger in der Beeidigung ihrer Treue zu ihm schwören ließ, nie schlecht über
Frauen zu sprechen, und die Frauen selbst bat, in ihrer Kleidung und Haltung Würde zu zeigen. Er, der die
Degeneration seines Volkes so sehr spürte, wandte sich in seiner Reformkampagne als erstes gegen die
Erniedrigung, der die Frauen durch männliche Brutalität ausgesetzt waren. Und der Anhänger des Islam denkt auch
an die lange Reihe der Frauen, die wegen ihrer ungewöhnlichen Talente sicherlich Opfer des Aberglaubens
geworden und als 'Hexen' oder 'Dienerinnen des Teufels' getötet worden wären, wenn sie zur selben Zeit in
christlichen Ländern gelebt hätten, die jedoch in den Annalen der Geschichte des Islam wie Sterne aufstrahlen
wegen ihrer intellektuellen Errungenschaften oder ihrer spirituellen Verwirklichung. Jedes Land verteidigt sein
eigenes Ideal der Frau als das höchste, und zu jedem Land gehören seine besonderen Formen der Tyrannei, die
nichts anderes sind als verschiedene Aspekte derselben blinden Tendenzen der Menschheit. (The Sufi Message,
Vol. 3)
Ohne die Frau ist das Leben des Mannes unvollkommen, ganz gleich, ob man sein soziales oder sein politisches
Leben betrachtet, und das ist nicht weniger wahr, wenn man sein religiöses und sein spirituelles Leben betrachtet.
Ohne die Sympathie von Christus für Maria Magdalena und seine enge Freundschaft mit Martha und ihrer
Schwester Maria wäre das schöne Bild vom Leben des Meisters unvollkommen. Bei den Propheten der semitischen
Völker gab es, seit Abraham durch alle Zeiten hindurch, immer eine Frau, die den Lauf ihres heiligen Lebens
vervollständigte, und die großen Hindu-Lehrer von Brahma bis Krishna werden zusammen mit ihren Gefährtinnen
verherrlicht. (The Sufi Message, Vol. 3)
Wegen ihrer feinen Natur ist die Frau ein Geheimnis in sich selbst. Weise, die den Fehler machten, der Frau
geringe spirituelle Bedeutung zuzumessen, vergaßen dabei, dass sie selbst ein Produkt der Frau waren. (The Sufi
Message, Vol. 5)

Die spirituelle Rolle der Mutterschaft


Der Brahmane sagt: "Der erste Guru ist die Mutter, der zweite Guru ist der Vater, und der dritte Guru ist der
Lehrer." (The Sufi Message, Vol. 3)
Mohammed sagt: "Der Himmel liegt zu Füßen der Mutter." Von ihrer Beständigkeit und ihrer Geduld hängt die
Einigkeit des Hauses ab, das die Keimzelle des Staates ist. (The Sufi Message, Vol. 3)
Während das Kleinkind von seiner eigenen Mutter gestillt wird, bildet sich bei ihm die Herzensqualität, und von
dieser Qualität hängt das Fühlen des Kindes sein ganzes Leben lang ab. (The Sufi Message, Vol. 3)
Die göttliche Gnade spiegelt sich im Herzen der Mutter. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Das göttliche Mitgefühl strahlt in seiner Fülle durch das Herz der Mutter. (Gayan, Vadan, Nirtan)

138 -
Die Arme der Mutter nehmen mich auf, wenn ich auf die Erde komme; die Arme des Vaters heben mich empor
im Moment meines Abschieds. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Liebe, das sind die Arme der göttlichen Mutter; wenn diese Arme ausgebreitet sind, fällt jede Seele in sie
hinein. (Gayan, Vadan, Nirtan)
Es gibt drei Arten von Jungfrauen: eine, gewöhnlich als Jungfrau angesehen, die keinen Mann gekannt hat; die
zweite, die Jungfrau im Herzen, die nur einen Geliebten hat; und eine dritte, die Jungfrau in der Seele - sie allein
kann das göttliche Kind gebären. (The Sufi Message, Vol. 5)

Die Mutter der Welt


von Taj Inayat4
Wegen der unermesslichen Weite der Mutter der Welt kann man sie nur als Archetyp erfahren, obwohl sie eine
Realität ist: der ewige weibliche Aspekt Gottes, verborgen und zerbrechlich und dennoch höchst machtvoll. Sie ist
ein einzelnes Wesen, und sie ist viele Wesen; sie ist die Tiefe aller Wesen; sie ist der Schleier Gottes. Man kann sie
nur kennen lernen, wenn man in den Ozean der Stille eintaucht.
Um den weiblichen Aspekt Gottes zu verstehen, müssen wir in einen rein passiven Zustand gelangen. Dann
kann es geschehen, dass wir die Gegenwart der Mutter der Welt spüren. Die Mutter der Welt ist die Seele des
Propheten. Immer verborgen, gebiert sie die Seelen der Kinder des Neuen Zeitalters, besonders jene, die auf dem
Planeten Erde geboren werden sollen.
Wir müssen darauf achten, den Frauen des New Age nicht auf die Füße zu treten, indem wir erklären, dass Gott
männlich sei, denn das kann vom Geist oder selbst von der Seele nicht verstanden werden. Im Ursprung ist das
Weibliche im Männlichen enthalten, doch schließlich geht das Männliche aus dem Weiblichen hervor. Das
Weibliche verkörpert, und das Männliche wird zu etwas Körperlichem.
Die Mutter der Welt ist immer verschleiert. Aus diesem Grunde ist sie unbekannt und wurde bis vor kurzem nie
besonders hervorgehoben. Indem man sie hervorhebt, versucht man sie aus ihrer Abgeschiedenheit
herauszubringen, aber sie möchte nicht aus dieser Abgeschiedenheit hervorgeholt werden, weil sie versunken ist in
Liebe zu Gott. Wenige nur erkennen, dass man Gott nicht erreichen kann außer durch sie, weil sie so transparent
geworden ist, dass sie unsichtbar scheint. Sie widerspiegelt die Gottesliebe, die nur eine Frau verstehen kann (oder
der Botschafter, der auch passiv geworden ist gegenüber Gott). Dass sie unsichtbar ist, unterstreicht ihr Nichtsein:
sie existiert nur in ihrem Herrn; Anschauliches gibt den Anschein von Sein und stärkt das Ego des Schauenden.
Das Herz der Mutter der Welt, das vom Heiligen Gral symbolisiert wird, ist das Liebesreservoir für das
Universum. Sie verwandelt Liebe in Mitgefühl und Mitgefühl in Liebe. Sie transformiert die Traurigkeit
menschlichen Leidens, aus dem Gott geboren wird, in die Freude, Ihn auf Erden auferstehen zu lassen. Indem man
zur Essenz der Essenz der Essenz wird, endet man als Nichts: absorbiert in dem einen Bewusstsein Gottes.
Warum wollen die Menschen der Mutter der Welt einen Platz zuweisen, wenn sie keinen Platz will; ihr eine
Persönlichkeit geben, wenn sie keine Persönlichkeit haben möchte; sie abbilden, wenn sie nicht abgebildet werden
will; und sie zum Objekt der Betrachtung machen, wenn sie nicht gesehen werden will? Das Ego möchte sich in ein
ewiges Prinzip und in ein Bild von sich selbst hineinprojiziert sehen. Doch die Mutter der Welt ist kein Bild, denn
sie ist zu wirklich, um ein Bild zu sein. Sie zerbricht jedes Bild, das ihr aufgedrängt wird, weil sie sich mit ihrem
Herrn und Meister identifizieren will. Sie könnte es nicht ertragen, ein anderes als Sein Bild zu haben oder
irgendein Prinzip zu verkörpern, das die Menschen ihr gern zuschreiben würden. Für sie gibt es nur Einssein, und
Einssein kann man nicht finden, indem man gegen ihren Willen Werbung für sie macht.

Die Verschleierte
von Taj Inayat5
Es gibt kosmische Wesen, die so verborgen sind, dass es nicht möglich ist, sie zu erreichen, es sei denn, dass
man in einen sehr tiefen empfänglichen Zustand kommt und sich auf etwas weit jenseits der geschaffenen Welten
einstimmt. Sie weilen in den Sphären von Gebet und Verherrlichung, versunken in eine fortwährende Schwingung
der Stille und des Friedens. Solch ein Wesen ist sie, die nur als die Verschleierte bekannt ist.
Sie ist eine Verkörperung von allem, was kostbar ist, von allem Wertvollen und allem, das heilig ist; sie ist das
Ideal. Um ein Ideal wertzuschätzen, muss man dafür sterben, und man muss ihm sein ganzes Leben widmen.

4
aus: The Crystal Chalice
5
ebd.
139 -
Niemand kann es intellektuell erfassen - das geht nur durch Erfahrung. Wenn das Ideal zur Realität wird, ist es die
Verschleierte in deinem Herzen. Vorher mag es ein Gedanke gewesen sein, aber noch keine Realität. Du magst
nach ihm streben, es verraten, an ihm zweifeln, von ihm abweichen, doch wenn du in deinem Ideal einmal der
Prüfung bis zum Tode ausgesetzt wurdest, in der dein Selbst stirbt, damit dein Ideal leben kann, dann wird es zur
Realität, und du lebst aus dieser Realität. Du wirst zu einer bloßen Hülle über dieser Realität.
"Dein Licht hat die dunklen Kammern meines Geistes erhellt; Deine Liebe wurzelt in der Tiefe meines Herzens;
Deine eigenen Augen sind das Licht meiner Seele; Deine Kraft wirkt hinter meinem Handeln; in Deinem Frieden
allein kommt mein Leben zur Ruhe; Dein Wille steht hinter jedem Impuls in mir; Deine Stimme ist hörbar in den
Worten, die ich spreche; Dein eigenes Bild ist mein Antlitz. Mein Körper ist nur eine Hülle über Deiner Seele;
mein Leben ist Dein Atem selbst, mein Geliebter, und mein Ich ist Dein eigenes Sein." (Hazrat Inayat Khan, Gayan
Vadan Nirtan 525)
Die Verschleierte ist heller als zehntausend Sonnen, und doch bedeckt sie sich, wenn sie kontempliert wird, mit
zehntausend Schleiern und wird so blass wie der Mond, um dich vor ihrem Glanz zu schützen. Sie ist so
zerbrechlich, dass ein Lufthauch sie in die Winde zerstreuen könnte. Ihre Stärke liegt in ihrem Geist, der
unerschrocken ist. Passiv ist sie nur dem Willen Gottes gegenüber.
Wenn eine Frau die Verschleierte in sich selbst entdeckt, dann erscheint die Verschleierte als die Mutter der
Welt. Wenn ein Mann sich der Verschleierten bewusst wird, dann erscheint sie als die Geliebte. Eine Frau wird zu
ihrer Verkörperung, und ein Mann wird zu ihrem Beschützer.

Die Verschleierte spricht


von Pir Vilayat Inayat Khan6
Meine Stimme muss tausend Schleier durchdringen, bevor sie das Herz des Menschen erreicht. Diese Schleier
entstanden nicht nur aus der Verachtung des primitiven Mannes für die Weiblichkeit, sondern auch durch das
Unverständnis von höher entwickelten Männern gegenüber der besonderen Qualität der Weiblichkeit sowie durch
die Frauen selbst, die ihren Glauben an die verschleierten Werte der Weiblichkeit immer mehr verloren haben –
abgelenkt, wie sie sind, von den eher sichtbaren Werten.
Die inneren Schleier wurden von mir zum Schutz geschaffen, denn ich muss verletzlich sein, um die göttliche
Stimme vernehmen zu können. Ich bin in der Tiefe meines Herrn und Meisters. Er wird zu meiner Stimme, wenn
Er aus der Tiefe Seines Wesens spricht. Er schöpft aus meiner Seele, wenn ich in Kommunion mit Gott bin.
Ich verzichte auf Konkurrieren und Argumentieren als Waffen, weil so etwas nur die Oberfläche der Wesen
erreicht und keine bleibende Prägung hinterlässt. Es gibt besondere Augenblicke, wenn ich mich mitteilen muss
ohne Vermittlung meines Herrn und Meisters. Ein Gespräch von Herz zu Herz muss direkt sein. Die Stimme des
Herzens ist tränenreich, denn das Herz ist die zerbrochene Schale, die das Neue gebiert. Perlen sind die Tränen, die
dem Schmerz der Auster entstammen.
Wenn ich spreche, bewege ich die Herzen aller Wesen und führe sie zu sich selbst in die Tiefe, die sie lange
vermieden hatten. Ich bin die Geopferte, die Leben spendet, ich bin das heilige Sakrament des Rasul (Propheten),
die Quintessenz seiner innersten Substanz, dargeboten und mitgeteilt, und doch für immer geheimnisvoll, gekostet,
doch nie gekannt.

Einstimmung auf göttliche Frauengestalten


von Suria Less7
Wir werden uns gemeinsam einstimmen auf weibliche Meister, Heilige und Propheten aller Zeiten. Die
Einstimmung ist vielleicht bei den meisten dieser Frauen die einzige Möglichkeit einer Annäherung an ihr Wesen,
da es nur sehr wenige historische Zeugnisse darüber gibt, was sie gesagt oder getan haben. Was bedeutet es, in die
Einstimmung mit einem Wesen zu gelangen? Die beste Metapher oder das beste Beispiel ist wahrscheinlich die
Musik. Wenn zwei Instrumente im Raum sind, die auf die gleiche Tonlage eingestimmt sind, dann klingt, wenn das
eine erklingt, auch das zweite in Resonanz mit. Es geht also darum, wirklich mitzuschwingen oder sich selbst in

6
aus: Taj Inayat (Hrsg.), The Crystal Chalice
7
Die zugrundeliegende Kassette und der englische Originaltext waren mir nicht zugänglich. Ich habe mich deshalb darauf
beschränkt, die alte Übersetzung sprachlich zu glätten und einige problematische Stellen – wie ich hoffe – plausibler zu
formulieren. (Anm. des Übersetzers)
140 -
einen sehr feinen Resonanzzustand zu bringen, um mit der Tiefe dieser Wesen in Berührung zu kommen - mit
anderen Worten, in Resonanz mit ihrem sehr feinen Schwingungszustand -, und dann kann eine Kommunikation
oder eine Kommunion stattfinden zwischen uns und ihrem Wesen. Zuerst also versuchen wir zu ihnen hin zu
gelangen, und wir können den Gedanken zu Hilfe nehmen, dass es kein Wesen gibt, das wir nicht erreichen
können, wenn wir es wünschen.
Der zweite Schritt besteht darin, dass wir uns wirklich erlauben, ganz von der Einstimmung dieser Wesen
absorbiert zu werden, so dass die Aktivität ihres Bewusstseins oder die Gestimmtheit ihres Wesens auf uns
einzuwirken oder in unserem Wesen widerzuklingen beginnt.
Ich habe das Gefühl, dass diese Frauen jetzt für uns bedeutungsvoll sind wegen des sehr feinen
Resonanzzustands ihres Wesens. Mit anderen Worten: ihr Wesen bringt den ewigen Archetyp hervor, der sich zwar
wandelt, aber nur langsam. Daher erfahren wir eine Essenz, die auch heute noch sehr bedeutungsvoll für uns ist,
und wir fühlen, dass sie ihren historischen Aspekt völlig transzendiert, um uns mit der dahinterliegenden Intention
und Emotion in Resonanz zu bringen, die als die des Universums aufsteigt.
Es ist vergleichbar mit der Musik von Bach, die eine so hohe Ebene des göttlichen Denkens berührt hat - der
göttlichen Intention, der Emotion und der Verherrlichung, aus der sich alles Leben entfaltet. Sie hat für uns die
Qualität der Ewigkeit und rührt uns an in ihrer tiefen Bedeutung. So ist es auch mit diesen Wesen.
Die erste weibliche Gestalt, auf die wir uns einstimmen, ist Sita. Sie ist die Verkörperung des weiblichen Ideals
in der hinduistischen Tradition. Ihr Name wird selten ohne den Namen Ramas, ihres göttlichen Gefährten, genannt.
Sita verkörpert Schönheit, und wir sehen, dass Schönheit die hervorragende Qualität der Seele ist. Mit anderen
Worten, unser äußeres Handeln - oder wir können sogar tiefer gehen - die ganze Manifestation ist geleitet von
einem inneren Sinn für Schönheit. Die Souveränität der Seele drückt sich in Schönheit aus.
Man könnte sagen, dass Rama und Sita darin eins waren oder sind, dass die Schönheit, die sich als Sita
manifestierte, das leitende Ideal war, das in Ramas Herzen thronte, und dass die Stärke als Sitas Ideal in Ramas
Wesen verkörpert war, so dass er nicht vorstellbar ist ohne sie oder sie nicht ohne ihn; und doch ist jeder
vollkommen in sich selbst.
Wenn wir uns also auf Sita einstimmen, finden wir die Schönheit, die die Entfaltung unseres Wesens, unserer
Persönlichkeit und unserer Handlungen im Leben leiten kann. Sie hilft uns, die göttliche Absicht zu erfassen und
unsere eigenen Handlungen mit Schönheit auszuführen oder mit einer inneren Empfänglichkeit für Schönheit, die
die Souveränität der Seele im Leben bestätigt.
Für die buddhistische Tradition stimmen wir uns ein auf das Wesen von Quan Yin, der weiblichen
Verkörperung des Buddha, auf die Bodhisattva des Mitgefühls. Quan Yin bedeutet 'sie, die hört oder zuhört', und
über Quan Yin erzählt die Legende, dass sie einst Tochter des chinesischen Kaisers war, und die Götter vom
Himmel sahen herunter und sagten sich: "Wir wollen eine Seele finden, die große Vollkommenheit erreicht hat,
und sie zu uns holen." Sie sahen sich um und entdeckten die Tochter des chinesischen Kaisers und fingen an, sie zu
sich hochzuheben. Als Quan Yin aber das Weinen eines ganz kleinen Babys hörte, weigerte sie sich, weiter in die
Heimstatt der Glückseligkeit einzugehen, bevor nicht alle Seelen dort eingekehrt seien. So finden wir in Quan Yin
das hörende Herz, das Herz der Prophetin, die sich so tief niederbeugen muss, um auch das sanfteste Flüstern des
menschlichen Herzens zu hören, und die zugleich ihr Haupt so hoch erheben muss, um die göttliche Absicht zu
vernehmen. Quan Yin ist die Verkörperung dieses Herzens, des Herzens des Propheten.
Wir sehen, dass wahres Mitgefühl aus dieser Einstimmung auf die göttliche Absicht entsteht und zugleich
darauf, den Schrei der Menschheit zu hören. Es ist also eine Art der Losgelöstheit, die nicht gefühllos ist. Es ist
eher so: je größer ein derartiges Losgelöstsein ist, desto größer ist auch das Mitgefühl, das hindurchfließen kann.
Erinnert euch, dass Mitgefühl eine Regung der Großherzigkeit, der Größe des göttlichen Wesens ist.
Das Herz der Quan Yin ist daher wie eine Glocke oder ein Gong. Die buddhistische Glocke, die in einer sehr
subtilen Frequenz schwingt, ertönt und erreicht das Herz Gottes, wenn sie vom Schrei der Menschheit berührt wird.
In der Tradition Zarathustras finden wir das Weibliche im Wesen von Ardvisura verkörpert, die der Erzengel
der Wasser des Lebens ist. Mit anderen Worten, sie verkörpert den heiligen Geist, den Quellbrunnen des Lebens.
Sie ist die göttliche Gefährtin Zarathustras - oder wir könnten sagen, dass sie das Ideal verkörpert, das in seinem
Herzen thront, und das ihn durch sein Lebenswerk und sein Prophetentum hindurch geleitet hat. Sie ist ein sehr
bedeutungsvolles Symbol für unsere Zeit, da sie dem Wasserträger des Aquarius sehr nahe kommt. Ihr Wesen
verkörpert die Botschaft in unserer Zeit, die uns anleitet, die kreative Entfaltung unserer inneren Möglichkeiten
durch Erfüllung im Leben zu suchen, denn die Wasser stehen für den Reichtum der göttlichen Qualitäten.
Die Wirkung des Wesens von Ardvisura besteht darin, die Kanäle des Lebens in uns erfahrbar zu machen, damit
unsere innere Einstimmung in einer schönen Welt mit schönen Menschen zum Fließen kommt. Ardvisura bringt
141 -
uns in Kontakt mit inneren Prozessen, mit dem, was in unserem Wesen Verwandlung auslöst und fördert, so dass
wir ein Gefühl von der Bedeutsamkeit unserer inneren Entfaltung bekommen. Wir erleben, dass es dabei
tatsächlich um die Einmaligkeit geht, in der das göttliche Sein in jedem Wesen sichtbar wird.. Das Verständnis
dieses Prozesses oder davon, wie die göttlichen Qualitäten sich entfalten und sich gegenseitig auslösen, das Gefühl
für die DNS unserer Psyche, gibt uns den Schlüssel zu unserer Transformation. So verkörpert oder katalysiert
Ardvisura in uns diesen kreativen Fluss, der das Leben zu einer beständigen Offenbarung für all den Reichtum und
die Fülle, die in uns liegen, werden lässt.
Durch sie finden wir das Licht, den Ton und den Duft des Innern, einen Nektar, der sich in Blumen, Flüssen und
Bergen manifestiert, in den Geschöpfen, Insekten, Vögeln und Pflanzen, und der verkörpert ist in unserem Wesen
und in der Schönheit unserer Persönlichkeit - und doch ist sie dieser unbefleckte Zustand, dieser ewig-reinigende
Fluss, der uns in jedem Moment ermöglicht, in unserer Ganzheit neu geboren zu werden. Sie verkörpert den
heiligen Geist.
Die Weiblichkeit der jüdischen Tradition finden wir besonders verkörpert im Wesen von Sarah. Die Männer
und Frauen, von denen das Alte Testament spricht, sind für uns bedeutungsvoll in all ihrer Menschlichkeit, die sie
zum Göttlichen hinzugefügt haben.
Sarah stimmt uns ein auf die Entfaltung der Menschheit innerhalb der kosmischen Kreisläufe und der
Jahreszeiten, auf die Evolution der Menschheit. Die Einstimmung auf ihr Wesen bringt uns in Kontakt mit den
tiefen kosmischen Rhythmen, die die Entfaltung des Lebens und der Menschheit im Universum bestimmen. Sie ist
eine Frau, die die praktische Weisheit der Erde verkörpert. Nahezu karg wie die Wüste, brach sie in hohem Alter in
Blüten aus, gebar Isaak, den Sohn Abrahams, und verhalf so Nationen zur Geburt.
Es ist etwas an Sarah, das uns in Kontakt bringt mit der Bedeutsamkeit von Zeit und dem Finden des richtigen
Zeitpunkts für die Entfaltung unseres Wesens; etwas in ihr lässt uns den Wert der Erneuerung erfahren. Sie bringt
uns in Kontakt mit dem Prozess, in dem sich unser Wesen ständig neu gestaltet. Die Natur zieht sich im Winter
zurück und bricht wieder hervor im Frühling. So treten wir zeitweilig zurück, wie es scheint, um wieder neu
hervorzutreten. Sarah verkörpert all das, und sie fördert die Entfaltung unseres Lebens und die Weiterentwicklung
der Menschheit als Ein Wesen. So verkörpert sie auch die göttliche Absicht, die ihren Weg nimmt durch alle
Zeitalter hindurch, "die Ewigkeit in einer begrenzten Handlung, das Unendliche in einem zeitlichen Akt".
Wir kommen jetzt zu Maria, zur Mutter Christi, der Mutter Gottes. Was bedeuten diese Worte wirklich? Hazrat
Inayat Khan schreibt: "Es gibt drei Arten von Jungfrauen: eine, gewöhnlich als Jungfrau angesehen, die keinen
Mann gekannt hat; die zweite, die Jungfrau im Herzen, die nur einen Geliebten hat; und eine dritte, die Jungfrau in
der Seele - sie allein kann das göttliche Kind gebären."
Maria ist die Reinheit, durch die Gott als menschliches Wesen geboren werden kann. Besser gesagt, es ist die
Verwirklichung Marias, die den Raum zur Verfügung stellte, durch den und in dem Christus auf Erden geboren
werden konnte. Durch Marias Akt der Verherrlichung konnte die Liebe im Herzen der Menschheit geboren werden.
Maria macht sich selbst zunichte, so dass das ganze Universum in ihr als Wesen aufsteigen kann. Dadurch, dass
sie Gott als Mensch verwirklicht, hilft sie uns, unsere göttliche Erbschaft zu erkennen. Die Muslime sagen, dass
Maria den Pfad zu Gott verkörpert, den Weg einer jeden Seele, und dass diese Seele zum Spiegel wird, zu einem
reinen Spiegel, in dem das Licht Gottes verstärkt wird. Und so sind auch die Worte zu verstehen: "Meine Seele
erhebet den Herrn". Sie bedeuten, dass etwas erreicht wird durch die Manifestation, durch die Existenz, und dass
Gott durch unser Wesen sich selbst erkennt, liebt und entdeckt. Deshalb wird auch von ihr gesagt: "Ihr Ruhm liegt
in ihrem Nichtssein."
Maria verkörpert also die verschleierte Qualität der Weiblichkeit. Sie sagt: "Schaut nicht auf mich, sondern seht
auf den, den ich verherrliche." Und ihre Reinheit kommt nicht aus irgendeinem Bedürfnis nach Reinheit, sondern
sie ist ein natürliches Resultat ihrer Verherrlichung des Einen, der in ihrem Herzen thront. Dadurch vermochte sie
es, das Wesen des Christus in die Welt zu bringen. Als eine Verkörperung der Verherrlichung und der Liebe zur
Welt, fand die Liebe Gottes durch sie eine Wohnstätte. Ihr empfängliches Herz ist für uns von tiefer Bedeutung,
und es ist ein Lichtsignal in unserer Zeit, damit die Menschheit zu ihrer wahren Erbschaft zurückkehrt: der
Erweckung der Menschheit zu der ihr innewohnenden Göttlichkeit.
Leider ist Maria zeitweise sehr von uns entfernt worden durch die Art, in der sie dargestellt wurde, so dass wir
an ihrer wahren Botschaft vorbeigehen. Sie ist das Herz der Mutter, das alle Wesen umfängt. Kein Wesen ist zu
gering oder zu unbedeutend für dieses Herz. Und zugleich stellt sie diese sehr feine Einstimmung und
Aufnahmefähigkeit dar, die der unbefleckte Zustand ist. Die Heilige. Bernadotte fragte sie einmal nach ihrem
Namen, als sie ihr in einer Vision erschien, und sie antwortete: "Ich bin die unbefleckte Empfängnis."

142 -
Und weil sie diesen unbefleckten Zustand verkörpert, entfernt sie jetzt die Schleier, um so leuchtend zu werden
wie zehntausend Sonnen, und sie erwacht in uns als unser Bewusstsein. Sie ist also der lebende Christus in uns, und
die beiden sind in Wahrheit Eins.
Wir kommen jetzt zum Wesen von Fatima, der Tochter des Propheten Mohammed. Fatima ist auch als Zahira
bekannt, die strahlende Manifestation, der Ruhm Gottes, der im Universum, in der Manifestation erscheint - die
Königin des Glanzes. Fatima sagte einmal: "Alles, was der Prophet ist und gesprochen hat, bin ich, aber ich kann es
nicht sagen."
Und auch hier sehen wir es wieder: sie verkörpert das unaussprechliche Wissen des gebrochenen und
geheiligten Herzens, das Sakrament, das Wissen, das nur in Stille übermittelt werden kann oder in einem Seufzer,
das sich auf eine Weise selbst verrät, wenn es versucht, sich auszudrücken, und das sich doch ausdrücken muss, um
die Absicht Gottes zu erfüllen. Fatima ist die göttliche Partnerin des Wesens von Mohammed, und als solche
verkörpert sie die Großartigkeit Gottes, die nicht nur darin liegt, das Universum zu manifestieren, sondern sich als
Menschheit Existenz zu verschaffen, sich zu verwirklichen. Auch sie ist das Herz des Propheten, das sich in der
Schönheit der Persönlichkeit manifestiert - gerade so, wie Inayat Khan über Mohammed sagte: "Die Seele
Mohammeds war der Zauber seiner Persönlichkeit."
Fatima zieht uns durch die Glorie ihres Wesens, das Khanun Jamil wa'l Ikram, das Königliche, zur göttlichen
Absicht hin. Es ist das Königliche, das aus der inneren Vertiefung in das Ideal resultiert, aus der Souveränität, die
sich im Universum als Ruhm, als Glorie offenbart.
Eine sehr bekannte Frau unter den Sufis ist Rabia al-Adawiyya. Sie war oder ist im Islam bekannt als zweite
unbefleckte Maria. Ihr Wesen ist insofern einzigartig in der Geschichte des Sufismus, als sie keinen Sheikh oder
Lehrer hatte. Sie fand ihren Weg zu Gott in ihrer eigenen weiblichen Identität, d. h. sie entdeckte durch ihre
empfängliche Natur Gott als ihren einzig Geliebten.
Ihre Beziehung zu Gott war von tiefer Intimität, die sie nach außen in einer großen geistigen Schärfe
manifestieren konnte. Rabia bringt uns in Kontakt mit dieser inneren Sehnsucht, dem Brennen für den einen und
einzig Geliebten, das uns auf den Pfad zu unserem Ideal zieht.
Es gibt einen kompromisslosen Aspekt in ihrem Wesen, der uns in unserer Hoffnung, in unserer Absicht
bestärkt - eine Ausrichtung, allein für das spirituelle Ziel zu leben. Sie bringt uns in Kontakt mit dem Aspekt des
heiligen Geistes, der alle verkrümmten und verkümmerten Formen zerstört und einen Durchbruch neuen Lebens
ermöglicht. Es ist eine Art Unerbittlichkeit des Geistes und doch eine tiefe innere Zärtlichkeit für das Ideal in der
Seele.
Rabia hilft der Frau unserer Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen und nicht nach äußeren Hinweisen und Zeichen
zu suchen, sondern die Stimme der Führung in Innern zu entdecken, die unabhängig ist und die Menschheit als
Ganzes zu einer höheren Entwicklungsstufe führen kann. Wir fühlen das, wenn wir die Empfänglichkeit schätzen,
die in Rabia verkörpert ist, und wir fühlen, dass es unsere Empfänglichkeit ist, die uns leiten kann in dem, was wir
im äußeren Leben, in unserem Handeln verwirklichen.
Rabia sagte: "Ich werde ein Feuer im Himmel entfachen und Wasser auf die Feuer der Hölle gießen, so dass
diese beiden Schleier entfernt werden und die Seele, die die Gegenwart des göttlichen Geliebten ersehnt, in Seine
Nähe kommen kann, ohne die Hölle zu fürchten oder den Himmel zu erhoffen, sondern allein mit dem Wunsch
nach der göttlichen Gegenwart, nach der göttlichen Nähe." Sie führt uns zur Intimität und zu einer lebendigen
Beziehung mit Gott.
Eine weitere bedeutende Frau im Sufismus ist Hazrat i-Babajan. Sie ist wahrhaftig die Verlängerung des
göttlichen Blicks im Leben. Ihre Augen sind so, dass man sich inständig wünscht, ihr vor Augen zu treten; sie sind
entflammt im Licht der Wahrheit. Sie durchdringen die tiefsten Tiefen unserer Seele. Aber wenn wir noch etwas zu
verbergen haben, dann kann ihr Blick uns versengen.
Und doch entdecken wir hinter der Macht dieses weiblichen Derwisch, hinter der Erscheinung dieses enorm
mächtigen und kompromisslosen Wesens in ihrem tiefsten Herzen die Braut Gottes – ganz zart, ganz versunken,
ganz sublim. Andererseits ist sie so unpersönlich, dass sie es zulässt, die Augen der Wahrheit zu sein, das Schwert
der Wahrheit. Ihr Blick ist wie ein Laserstrahl. Man kann mit einem Laserstrahl eine sehr feine Operation im
Gehirn durchführen und etwas herausschneiden, ohne das umgebende Gewebe zu verletzen. Ihr Blick ist ein
solches Schwert der Wahrheit, das die Schatten entfernen kann. Es kommt eine Zeit im Leben, wenn man sich
danach sehnt, die eigene Nichtigkeit zu spüren, dann sucht man die Augen von Hazrat i-Babajan. Oder die
Sehnsucht nach Aufrichtigkeit und Wahrheit wird so überwältigend, wenn alles 'du sollst' und 'du musst' versagt
und die Seele im Lichte der Wahrheit wiedergeboren wird und so ihre Erbschaft der Souveränität und der
Göttlichkeit wiedererlangt. "O Hazrat i-Babajan, wasche meine Seele in Deinem Blick."
143 -
Wir müssen auch bedenken, dass dieser Blick nicht nur reinigend ist, sondern auch kreativ, und dass sie die
Fähigkeit hat, diesen Blick auch in uns zu erwecken, so dass durch unser Sehen das, was noch unentwickelt
schlummert, zur Entfaltung gelangen kann und Erfüllung erreicht. Durch unsere Vorstellung von der
Vollkommenheit, die in allem liegt, fördern wir die Entfaltung der Wesen, indem wir die Seele sehen. Mit anderen
Worten, so wie wir ein Wesen sehen, so erschaffen wir es oder haben teil an der Erschaffung dieses Wesens durch
unsere Sichtweise. Durch unseren Blick können wir latent Schlummerndes im Herzen der Wesen entfalten. Unser
Blick ist daher die Erweiterung des göttlichen Blicks, der im Leben handelt und Entwicklungsprozesse auslöst, so
dass das ganze Leben zur beständigen Offenbarung wird.
Ein ganz wunderbares Wesen aus der neueren Zeit ist die heilige Teresa von Avila. Ich weiß nicht, ob ihr euch
wirklich einstimmen könnt auf ihren wunderbaren Sinn für Humor. Bei der heiligen Teresa müssen wir das. Hazrat
Inayat Khan sagte, dass der Sinn für Humor wirklich ein sehr hoher spiritueller Zustand ist. Die heilige Teresa hat
Humor und praktische Lebensweisheit, beides ein sehr hohes Zeichen der spirituellen Entfaltung.
Die heilige Teresa war eine große Reformerin in der Kirche. Wenn sie Leute meditieren sah, mit geschlossenen
Augen und dem bisschen Zartheit, das sie in ihren Herzen fühlen mochten, dann fand sie das eher erheiternd. Sie
sagte auf Spanisch: "die Menschen denken, das sei 'arrobamiento' (was Verzückung bedeutet), doch ich nenne es
'abobamiento' (was Verdummung bedeutet)." Was sie damit meinte, ist, dass Liebe zur Handlung werden muss.
Und sie pflegte ihren Schwestern zu sagen: "Betet nur zu Gott für das Wohl der Menschheit, und alles andere wird
euch gegeben werden." Sie sagte auch: "Unser Teil ist es, im Tätigsein zu lieben, alles andere genügt nicht.
Schwestern, vollbringt Handlungen der Liebe."
Ihre Botschaft ist sicher von großer Bedeutung für uns in der heutigen Zeit. Und die Einstimmung auf ihr Wesen
hilft uns, unsere Taten zu Liebe zu machen, indem wir uns von der persönlichen Emotion befreien. Denn es ist das
Unpersönliche, das uns einen wahren Sinn für Humor gibt. Humor ist wie ein Licht, es ist eine Qualität des Lichtes,
und sie erleuchtet die Herzen der Menschheit. Es ist sicher wahr, dass der Abgrund der Dummheit, in den wir ohne
einen Sinn für Humor fallen können, bodenlos ist. Mit ihrem inneren Sinn für Ganzheit leitet uns Teresa in unserem
Handeln an, in liebevollem Handeln, in licht- und freudevollem Tätigsein im Leben.
Eine Frau aus neuerer Zeit, die uns sehr tief berührt, weil sie die Situation des modernen Menschen mit uns
geteilt hat, ist Noor-un-Nisa Inayat Khan, die Tochter von Hazrat Inayat Khan. Noor-un-Nisa Inayat Khan hielt
für den britischen Geheimdienst die Rundfunkverbindung der Alliierten Mächte in Frankreich während des 2.
Weltkrieges aufrecht. Ihr Dienst half mit, das Kriegsgeschehen zu wenden. Sie handelte mit großem Mut, trotz
ihrer ziemlichen Schüchternheit und der Empfindsamkeit ihres Wesens. Ihr Handeln ist tatsächlich ein großer Akt
der Überwindung, der uns Mut gibt.
Noor-un-Nisa ist eines der Wesen, die man 'Lamm Gottes' nennen könnte - die Geopferte, die zum Zeichen des
Leidens der Menschheit wird. Sie leiht dem Zustand der Menschheit ihre Stimme. Sie bringt uns in Berührung mit
unaussprechlichem Leid. Und durch ihr Leiden erweckt sie unser Bewusstsein, unser Gewissen. Sie beschleunigt
unsere Herzen und macht sie empfindsam - brennend empfindsam - für den Schrei der Menschheit, welcher der
erste Schrei ist, dem wir begegnen müssen - der Schrei des Leidens der Menschheit.
Ihre Gegenwart unter uns ist außerordentlich kraftvoll und lebendig. Doch wir würden ihr kaum einen Dienst
erweisen, wenn wir uns nur auf ihr extremes Leiden konzentrierten. Es ist sehr wichtig für uns, dass wir in
Einstimmung kommen mit dem, was sie jetzt ist. Sie ist das Licht, wie ihr Name sagt, das Licht der Weiblichkeit,
Noor-un-Nisa. Sie hat wahrhaft aus Liebe zur Menschheit den Schleier entfernt. Sie verkörpert das erwachende
Gewissen der Menschheit.
Die Reinheit des Kristalls ist zum funkelnden Diamanten geworden, so dass wir in ihr erneut die Verherrlichung
des göttlichen Wesens als Offenbarung erfahren - im Erwachen des Gewissens der Menschheit.
Ihren Willen zur Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen kann man fast als unerschütterlich
bezeichnen. Sie definiert für uns Weiblichkeit neu - in dem Sinne, dass Frauen sich einmischen in alle Ereignisse
des Lebens und eine Einstimmung bringen können, die alle Aspekte des Lebens transformiert durch die
Erleuchtung, das Erwecken von Bewusstsein und Gewissen.
Sie erinnert an die Worte von Hazrat Inayat Khan: "Wenn man die wahre Gerechtigkeit Gottes kennen würde,
dann hätte man ganz großen Mut."
Das Wesen von Noor-un-Nisa ist außergewöhnlich aktiv in der heutigen Welt. Und ich würde sagen, ihr Wesen
hat solche Bemühungen wie die von Amnesty International inspiriert - von innen heraus.
Sie bringt uns die Antwort auf den ersten Ruf, dem wir antworten müssen, den Ruf des Leidens der Menschheit.
Und sie bringt uns die Transformation des Leidens in Freude, ein Verständnis von Bedeutsamkeit und Absicht. Wir
können also sagen, dass sie das Licht Gottes verstärkt, das in der Erweckung der Menschheit erwacht.
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Die letzte Frau, der wir gemeinsam begegnen wollen, ist eine Frau, die unter uns lebt in der heutigen Welt:
Mutter Theresa von Kalkutta. Sie ist das Herz, das inmitten von uns allen schlägt und uns und unser Gewissen
erweckt.
Mutter Theresa erinnert uns daran, dass wir keine äußere Ermächtigung, Erlaubnis oder sonstige Krücke
benötigen - wir müssen nur anfangen, in Liebe zu handeln. Auf dieses Handeln in Liebe stimmt sie uns ein durch
ihr eigenes Tun und ihre Bewusstheit. Sie sagte: Wenn wir nicht das Bewusstsein hätten, dass in jedem Wesen
Christus ist, dann wären wir nur eine weitere von vielen Organisationen." Doch es ist dieses Bewusstsein - bezogen
auf jedes Wesen, das sie oder ihre Schwestern auflesen und pflegen -, was die Seele würdigt und ihr den Raum
verschafft, ihre Göttlichkeit zu erkennen. Mutter Theresa sagte: "Wir sind nicht interessiert an Zahlen, wir sind
interessiert am Einzelnen; es muss von Person zu Person geschehen." Das ist wahrlich die Botschaft unserer Zeit.
Sie sagte: "Weil für mich jeder Mensch Christus ist, deshalb ist im gegebenen Moment jede Person für mich die
einzige in der Welt."
Durch ihre Bewusstheit wird unser Gefühl für Beziehungen verfeinert und auf die Ebene der Göttlichkeit
erhoben. Sie hebt unser Gefühl für Verantwortung auf die Ebene der Göttlichkeit. Durch sie verstehen wir zutiefst
die Bedeutung der Verantwortlichkeit für den Zustand aller Wesen: dass wir nicht anderen die Verantwortung oder
Schuld zuschieben, sondern selbst Verantwortung tragen.
Sie ermächtigt uns dazu, auf bescheidene Weise zu beginnen. Sie sagt: "Sie möchten gerne anfangen, Sie
möchten helfen? Lächeln Sie, lächeln Sie im Umgang mit Ihrer Familie, lächeln Sie Ihren Nachbarn zu." Ein
Lächeln ist ein innerer Zustand der Empfänglichkeit für die göttliche Absicht. Es gestattet dem Licht, sich in
unserem Wesen zu verbreiten. Ein Lächeln macht es möglich, dass unsere innere Einstimmung sich in liebendem
Handeln manifestiert.
Mutter Theresa ist wahrhaft das lebendige Herz, das sich unter uns bewegt und uns zu unserem eigenen
mitfühlenden und empfänglichen Herzen erweckt, das den Zustand der Menschheit transformieren und eine
wunderbare Welt mit schönen Menschen schaffen kann, weil es die Souveränität der Seele bestätigt und so die
Göttlichkeit der Menschheit.

145 -
Teil XV:

Die Botschaft in unserer Zeit

146 -
Teil XV: Die Botschaft in unserer Zeit

I. Liste der erforderlichen Lektüre


1. Aus "Die Einheit in der Vielfalt der Religionen: Der Universelle Gottesdienst
2. Ergänzendes Lesematerial:
a) Hazrat Inayat Khan, Was der Universelle Gottesdienst bedeutet
b) Pir Vilayat Inayat Khan, Der große Auftrag

II. Lernziele
- grundlegende Dimensionen der Botschaft in unserer Zeit wahrzunehmen
- die Vision und Aufgabe des Universellen Gottesdienstes zu erkennen
- die Bedeutung zu schätzen, die diese Lehren der menschlichen Persönlichkeit, Erfahrung und Kreativität
beimessen

III. Überblick über das Thema


Wenn die Religion in der Welt degeneriert, stößt das Herz der Menschheit einen Schrei aus, und Gott reagiert
mit einer neuen Entsendung der Botschaft. Die Botschaft ist ein und dieselbe in ihrer grundlegenden Weisheit, und
doch bietet sie Antworten auf die besonderen Bedürfnisse der jeweiligen Zeit. Jetzt befinden wir uns wieder in
einer dieser Phasen, in denen ein Quantensprung in der Evolution der Menschheit stattfindet, wenn die Botschaft
einen neuen Impuls für alle Bereiche menschlicher Bemühungen anbietet.
Die Botschaft in unserer Zeit betont spirituelle Freiheit, denn die Menschheit ist reifer geworden und daher
bereit, größere Dimensionen von Freiheit anzunehmen. Doch diese individuelle Freiheit findet erst ihre Erfüllung,
wenn sie mit der göttlichen Absicht in Harmonie gebracht wird, die versucht, das Ganze auf die Verwirklichung
des göttlichen Ziels hin zu lenken.
In den vorherigen Themen, die in diesem Kurs vorgestellt wurden, sind die Fäden der Botschaft in unserer Zeit
gesponnen worden. Nun wollen wir die einzelnen Stränge zusammenbringen und den ganzen daraus geknüpften
Teppich betrachten. Der Leitgedanke unserer Zeit ist die Erkenntnis, dass Gott nicht mehr dort oben ist, sondern in
uns weilt.
"Religiöse Demokratie bedeutet, dass niemand je denken sollte, er selbst sei bloß menschlich, ein anderer
jedoch göttlich, und dass Gott im Himmel wohne, unerreichbar, unerkennbar und seiner Seele fern. Er muss
erkennen, dass Göttlichkeit in seiner Seele liegt, dass Gott in ihm ist, dass er mit Gott verbunden ist und Gott mit
ihm, dass seine Seele sich ausdehnen kann, weil er nicht verschieden ist von Gott, und Gott nicht von ihm." (The
Sufi Message, Vol. 9)

IV: Aufgaben zur Bearbeitung


Bitte beantworten Sie zwei der folgenden Fragen:
1. Pir Vilayat Inayat Khan spricht davon, dass die Menschen früherer Zeiten ursachenorientiert waren,
wohingegen die Strömung unserer Zeit zweckgerichtet ist. Sie blickten in die Vergangenheit, während die heutigen
Menschen in die Zukunft schauen. Lassen Sie sich über diese Lehre in Ihren eigenen Worten aus, und geben Sie ein
Beispiel!
2. "Eine neue Vision, eine neue Hoffnung, ein Quantensprung, ein neuer Schritt vorwärts." Diese Ausdrücke
werden von Pir Vilayat Inayat Khan verwendet, um die Botschaft in unserer Zeit zu beschreiben. Was gehört Ihrem
Gefühl nach zu den wichtigen Dimensionen dieser Neugeburt des Geistes?
3. In den Lehren des Internationalen Sufiordens wird die menschliche Kreativität sehr betont. Welche
Beziehung haben wir, aus der Sicht dieser Lehre, zu Gott in unserer Kreativität?
4. "Sich vorwärts bewegen bedeutet nicht, seine Wurzeln zu verleugnen. Nein es bedeutet, sie in die Zukunft
auszustrecken." Wie kann man diese Aussage auf die Entwicklung von Religion und Persönlichkeit anwenden?

147 -
5. "Die Botschaft ist ein kollektives Erwachen. Es geschieht in der Vernetzung, die sich zwischen uns vollzieht.
Mit der Zeit wird die Meditation zu etwas, das im Kollektiv stattfindet." Wie unterscheidet sich das kollektive
Erwachen, das jetzt stattfindet, vom Erwachen in der Vergangenheit?
6. Hazrat Inayat Khan sieht einen großen Wert und einen tiefen Sinn in der menschlichen Erfahrung und
Persönlichkeit. Was ist der Quell dieser Bedeutsamkeit, und wie unterscheidet sich diese Sicht von der
hinduistischen und buddhistischen Tradition?
7. "Während wir vorangehen, müssen wir all die verschiedenen Sichtungen von Neuland, zu denen die
Menschheit in den letzten Jahrzehnten gelangt ist, in unser Denken aufnehmen." Ein Paradigmenwechsel findet
statt, eine Veränderung der Betrachtungsweise, die mit dem Hologramm verbunden ist. Inwiefern ist die holistische
Anschauung der Realität ein Fortschritt im menschlichen Denken, und wie sieht sie die Beziehung einer Person
zum Universum? Welchen Einfluss hat dieser Durchbruch auf die Religion?
8. Hazrat Inayat Khan verweist auf die "Botschaft der spirituellen Freiheit", und Pir Vilayat Inayat Khan
kommentiert: "Wir leben in einer Zeit der Freiheit." Welche Anzeichen sehen Sie dafür, dass unsere Zeit in der
Religion und anderen Lebensbereichen ein großes Gewicht auf Freiheit legt? Wie kann man diese individuelle
Freiheit in Bezug bringen zum Bedürfnis nach Harmonie im Leben insgesamt?

Bitte bearbeiten Sie die folgenden Aufgaben:


Sie wurden gebeten, einen Artikel über den Universellen Gottesdienst für den religiösen Teil Ihrer Lokalzeitung
zu schreiben. Sie entscheiden über Länge, Stil und Schwerpunkt.
Vielleicht möchten Sie die Methode ausprobieren, die Pir Vilayat Inayat Khan beim Schreiben von The Message
in Our Time benutzt hat. Dieser Destillationsprozess hilft Ihnen, die wesentlichen Punkte zu sammeln, auf denen
Sie den Artikel aufbauen können, und Zitate zu finden, die eine Schlüsselstellung einnehmen.
a. Lesen Sie die zwei Artikel aus dem Ergänzenden Lesematerial, und unterstreichen Sie die wichtigsten
Absätze in Rot!
b. Sehen Sie die rot markierten Absätze durch, und kennzeichnen Sie die bedeutendsten Teile davon in Blau.
c. Wiederholen Sie das Ganze ein drittes Mal, und kennzeichnen Sie die Hauptzitate der blau markierten
Abschnitte in einer anderen Farbe (Pir Vilayat benutzte gerne violett).
Wenn Sie eher zur graphischen Gestaltung neigen, entwerfen Sie ein Poster für den Universellen Gottesdienst
mit den wichtigsten Zitaten aus den drei Artikeln. Wir streben Inspiration an, also denken Sie nicht, Sie müssten
ein großer Künstler sein, um solch ein Projekt zu versuchen. Der Geist ist das, was zählt!

Bitte bearbeiten Sie zwei der folgenden Fragen.


Sie haben mit einem Mann korrespondiert, der im Gefängnis sitzt und den Sie im letzten Jahr mehrmals besucht
haben. Kürzlich fragte er Sie, ob Sie bereit seien, in das Gefängnis zu kommen, um eine Veranstaltung über die
Lehren des Internationalen Sufiordens zu leiten und einen Universellen Gottesdienst zu halten. Sie haben Erfahrung
in diesen Dingen und spüren, dass diese Anfrage ernst gemeint ist. Der letzte Schritt im Genehmigungsverfahren ist
Ihr Auftreten vor dem Komitee der Anstaltsgeistlichen, das aus Vertretern der verschiedenen religiösen Gruppen
zusammengesetzt ist, die im Gefängnis aktiv sind. Diese Vertreter stellen die ganze Skala religiöser Anschauungen
dar. Sie sind eingeladen, eine Einführung in die spirituelle Richtung zu geben, die Sie repräsentieren. Die
Religionsvertreter stellen Ihnen folgende Fragen:
Bitte beantworten Sie zwei davon.
1. "Sie gebrauchten das Wort 'die Botschaft'. Was meinen Sie damit genau, ich habe es nicht ganz verstanden."
2. "Welche Beziehung besteht zwischen dem Internationalen Sufiorden und der Botschaft?"
3. "Sind Sie sicher, dass das, was Sie 'die Botschaft' nennen, nicht nur eine Mixtur aus dem ist, was Religionen
in der Vergangenheit gesagt haben?"
4. "Ich verstehe nicht, was Sie mit dem 'Erwachen des Bewusstseins der Menschheit zur Göttlichkeit des
Menschen' meinen. Wollen Sie damit etwa behaupten, dass Gott und Mensch dasselbe sind?"

148 -
5. "Ich halte den Universellen Gottesdienst für eine gute Idee, aber es klingt so, als würden Sie sagen, dass all
die Propheten und Religionen gleichwertig seien. Ich halte meine eigene Religion immer noch für die beste,
unterstütze aber die Idee des Zusammenkommens in einem gemeinsamen Gottesdienst. Gibt es für jemanden wie
mich Platz im Universellen Gottesdienst?"
6. "Meine Religion lehrt, dass man verdammt ist, es sei denn, man wird gerettet, indem man sich einzig unserem
Gott verschreibt. So wie ich das sehe, führen alle anderen Religionen - auch die Ihre - weg von der Erlösung. Ich
bin hier, um Seelen zu retten, und ich habe Bedenken, dass Sie versuchen könnten, Menschen vom rechten Weg
abzubringen."
7. "Ich dachte immer, die Sufis wären Muslime. Sie scheinen etwas anderes zu behaupten. Muss man Muslim
sein, um in Ihrer Gruppe mitmachen zu dürfen?"
8. "Ich habe noch nie zuvor etwas vom Sufiorden gehört. Woher sollen wir wissen, dass Sie nicht bloß eine
dieser neuen Sekten sind, von denen man ständig in den Zeitungen liest?"

Kreative Übungen
Bitte bearbeiten Sie A und B.
Ein Thema, das in vielen Kapiteln dieses Kurses aufgegriffen wurde, ist die göttliche Erbschaft, die jeder
Mensch in sich trägt. Das ist besonders wichtig und schwierig für diejenigen, die glauben, dass zwischen Gott und
Menschheit ein großer Abgrund liege. Einige sind durch ihr Gefühl von Begrenztheit und Unzulänglichkeit so
geblendet, dass es ihnen geradezu blasphemisch erscheint, die göttliche Gegenwart in sich selbst sehen zu wollen.
A) Wie würden Sie solch einer Gruppe oder Person helfen, die Göttlichkeit in sich zu erkennen? Sie können
eine Übung mit irgendeiner künstlerischen Ausdrucksweise entwerfen oder Veranschaulichungen aus der Natur
bringen. Der Weg ist offen, und es ist Ihre Entscheidung.
B) Wie können Sie in Bezug auf Ihr eigenes Leben und Sein dem Göttlichen im Menschen zum Erwachen
verhelfen?

Was der Universelle Gottesdienst bedeutet


von Hazrat Inayat Khan8
Der Gottesdienst der "Kirche für alle" ist ein Universeller Gottesdienst. In diesem Gottesdienst gibt es einen
christlichen, einen muslimischen, buddhistischen, hinduistischen Gottesdienst - alle sind enthalten. Darum wird am
Altar der Segen Christi demjenigen gegeben, der um den Segen Christi ersucht; wer um Moses' Segen bittet, wird
den Segen von Moses erhalten; wer um den Segen Buddhas bittet, dem wird der Segen Buddhas gegeben.
Aber diejenigen, die den Segen all dieser großen Wesen suchen, die zu verschiedenen Zeiten kamen, die sind
von allen gesegnet. Daher ist dieser Gottesdienst die Erfüllung des Wunsches Christi, und deshalb ist dies der
Gottesdienst, den Moses gehalten hätte, wenn er gekonnt hätte, und dies ist der Gottesdienst, den Mohammed
beabsichtigt hatte, denn der Islam war für alle Religionen in der Welt gedacht. Kein großer Lehrer kam je auf die
Erde mit dem Gedanken, die Menschen in verschiedene Sekten und Gemeinschaften zu trennen.
Deshalb ist unsere Sufi-Bewegung damit beschäftigt, Gott und der Menschheit in dieser Richtung unseren
Dienst zu erweisen, ohne jede Absicht, eine geschlossene Gemeinschaft zu bilden, sondern um in diesem
Gottesdienst die Menschen all der verschiedenen Religionen zu vereinen. Diese Bewegung steckt noch in den
Kinderschuhen, sie beginnt gerade erst ihre Arbeit, aber ihr Höhepunkt wird eine Weltbewegung sein. Sie ist die
Weltbotschaft, und sie ist die Religion, welche die Religion der ganzen Menschheit sein wird, eine Religion, die
niemandes Geist von seiner eigenen Religion ablenkt, sondern ihn eher stärkt und erhellt, und die Verständnis und
Liebe für die eigene Religion fördern kann. Es ist eine Religion, die Toleranz gegenüber dem Glauben anderer
lehrt, eine Religion, die das Herz des Menschen für Worte der Weisheit öffnet, egal aus welcher Richtung sie
kommen.
Der Universelle Gottesdienst, die "Kirche für alle", ist nicht nur eine Kirche, sondern eine Schule, in der wir die
Lektion der Toleranz lernen können, in der wir lernen, allen Lehrern zuzuhören und alle heiligen Schriften zu
respektieren. Diese Lektion lehrt uns, dass wir unsere Religion nicht aufzugeben brauchen und gleichzeitig alle
Religionen akzeptieren können, um den Wert der Heiligkeit zu erhöhen, die in allen Religionen vorhanden ist.

8
Religious Gatheka Nr. 37
149 -
Der große Auftrag
von Pir Vilayat Inayat Khan9
Es gibt Augenblicke, in denen wir richtig erschüttert und von Ehrfurcht und Hochachtung erfüllt sein können.
Das sind die Augenblicke, in denen wir erkennen, dass nicht unser Selbst wirklich wichtig ist, sondern das, wofür
wir einstehen. Nicht nur unsere Körper werden vergehen; wenn wir nur das schnelle Fortschreiten der Zeit
erkennen könnten, so würde uns klar, dass die Menschen in ein paar Jahren schon über ihre Erinnerung an uns
sprechen werden. Andere Menschen werden kommen. Also war Gautama nicht wichtig, und Jesus war nicht
wichtig, und Mohammed oder Hazrat Inayat Khan war nicht wichtig. Wichtig ist das, was nicht dem Wandel der
Zeit unterliegt, nicht das, was nur in einem bestimmten Augenblick durchkommt, sondern der Aspekt, der den
Wandel der Zeit überdauert. Es ist Buddha, der ewig leben wird, und der kosmische Christus, der ewig leben wird,
und für uns ist es Pir-o-Murshid jenseits von Inayat Khan, der ewig leben wird.
Uns wurde das Heiligste anvertraut, was je einem menschlichen Wesen anvertraut werden kann. Abgesehen von
all den wirklich wertvollen Dingen, die uns anvertraut wurden – Menschen, die wir lieben, oder Menschen, die uns
ihre Herzen geöffnet haben, oder Menschen, für deren Training wir die Verantwortung tragen – über all das hinaus
wurde uns etwas sehr Wertvolles anvertraut – tatsächlich das Allerwertvollste in der Welt. Wenn wir hieran
denken, dann erscheinen all unsere kleinen Launen - ob wir dies oder jenes tun wollen - so unwichtig. Wir geben
Dinge, die wir gerne tun möchten, bereitwillig für solche Dinge auf, bei denen wir spüren, dass wir aufgerufen
sind, für sie Verantwortung zu tragen. Das ist der große Moment im Leben, wenn man aufgerufen wird, etwas zu
tun, was weit über die eigene Persönlichkeit hinausgeht, und erkennt, dass man sogar seine eigene Persönlichkeit
überwinden kann. Es gibt nichts, was man nicht tun könnte, um diese Aufgabe zu erfüllen. Dann passiert einem
etwas ganz Außerordentliches – man wird unpersönlich. Dies ist der Moment, in dem man zum Instrument der
Botschaft wird. Man ist nur ein leeres Gefäß, aber zugleich ist man sich bewusst, dass in diesem Gefäß die Kraft
Gottes zum Ausdruck kommt. Man wird zum Instrument der göttlichen Führung.
Aber das ist nicht immer jedem Menschen ersichtlich. Andernfalls wären die Propheten, Meister und Heiligen
nicht auf so viel Opposition in ihrem Leben gestoßen. Sie waren immer mit einer Gegnerschaft konfrontiert, denn
nicht jeder kann sehen. Es ist richtig, dass das, was wir zu geben haben, so unglaublich ist, dass man versteht, wenn
die Menschen es nicht glauben; es ist einfach zu großartig, um es glauben zu können. In unserem eigenen
Persönlichkeits-Bewusstsein können wir auch keinen Weg finden, es zu beschreiben. Es kommt nur zum Ausdruck,
wenn wir so vollständig über uns hinauswachsen, dass wir zur kosmischen Dimension unseres eigenen Wesens
werden: wir werden zu Alpha und Omega. Man muss Prophet sein, um die Botschaft zu verbreiten. Dann sind Sie
nicht mehr Gautama und nicht mehr Jesus; das ist die kosmische Dimension.
Murshid sagt, dass der Rasul "die Erfüllung des göttlichen Wollens" ist, aber es ist nicht sein Körper, der die
Erfüllung ist. Es ist nicht einmal das, was durch ihn hindurch kommt, denn schließlich ist alles, was zum
Ausdruckgebracht wird, vergänglich. Was zählt ist die Tatsache, dass ein ewiger Akt sich in einem Moment der
Zeit materialisieren kann und über diesen Moment hinaus verewigt wird. Es ist die Tatsache, dass etwas bleibt, von
Dauer ist. In ein paar Jahren werden wir fort gegangen sein, aufgestiegen in andere Sphären, aber das, was wir
getan haben, die Spuren, die wir zurückgelassen haben, das wird fortdauern. Das ist der wichtige Punkt. Viele von
uns werden vergessen sein; zumindest werden unsere Persönlichkeiten vergessen sein, und das ist gut so, denn sie
sind nicht so wichtig. Aber was wir getan haben, um die Botschaft in unserer Zeit zu verwirklichen, wird immer
erhalten bleiben. Das ist es, wozu wir aufgerufen sind. Wir sind aufgefordert, über unsere persönlichen Eigenheiten
hinauszuwachsen, unsere Neigungen und Abneigungen und all diese unbedeutenden Dinge, die wir gerne machen
würden, zu überwinden, um dieser außerordentlich großen Sache willen, die heutzutage so viele Mitarbeiter braucht
und uns auffordert, unseren Beitrag zu leisten..
Murshid sagte, die Botschaft beginnt erst, sich zu verbreiten, sobald sie zehntausend Mitarbeiter hat. Damit sind
Menschen gemeint, die wirklich entschieden und zielstrebig beschließen, sich für diese Sache einzusetzen. Sicher
gibt es viele interessante Dinge zu tun. Denken Sie nicht auch, dass ich in meinem Leben auf eine Menge
interessanter Dinge verzichte? So vieles ist interessant. Aber wenn man zu einer Aufgabe berufen ist, dann muss
man sich selbst meistern und all seine Kräfte aktivieren, um diese Mission zu erfüllen. Wenn wir vollständig auf
dieses Ziel ausgerichtet sind, dann wird die Aufgabe wunderbar.
Denken Sie daran, dass es eine gegenseitige Verstärkung gibt. Je mehr Sie sich der Sache widmen, desto mehr
werden Sie dafür herangezogen. Es ist nett zu denken: "Ja, dies ist gut, und das ist auch gut, also machen wir ein
bisschen hiervon und ein bisschen davon." Aber was wir zu geben haben, ist so groß, dass wir es uns nicht leisten

9
Dieser Artikel ist einer Predigt entnommen, die Pir Vilayat in einem Universellen Gottesdienst gehalten hat.
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können, zu viel Zeit zu vertrödeln. Unser Auftrag ist groß, er ist weit, er umfasst alles, und er hat eine Richtung.
Diese Richtung zu sehen ist viel wichtiger als alles andere. Das ist der nächste Schritt, der am Horizont sichtbar
wird, dorthin gehen wir. Die Propheten und Lehrer waren immer Pioniere, sie waren immer Menschen, die den
nächsten Schritt sehen. Dorthin gehen wir.
Die Botschaft ist eine Antwort auf den Schrei der Menschheit. Murshid hat irgendwo gesagt: "Ich höre einen
tiefen Schrei im Bauch der Erde, und die Botschaft kommt wie Regen auf trockenes Land. Sie kommt als Antwort.
Mein ganzes Sein fühlt sich aufgewühlt von der Größe des Aufrufs und der Erhabenheit der Antwort." Das Beste,
was wir tun können, ist, uns auf diese große Aufgabe vorzubereiten. Hilfe wird gebraucht. Es gibt eine Regel: um
etwas Großartiges zu präsentieren, braucht man etwas Großartiges als Mittel, um es zu präsentieren. Als Bach die
Musik der Passacaglia spielen wollte, brauchte er eine Orgel, etwas Großartiges. Die Musik konnte nicht mithilfe
einer Geige ausgedrückt werden; es musste eine Orgel sein. Oder die Hohe Messe: es musste ein Chor und eine
Orgel und ein Orchester sein. Und so ist der Universelle Gottesdienst ein großartiger Rahmen, um etwas
Großartiges zu präsentieren. Es ist an uns, dass wir ihn auf eine Weise zelebrieren, die in Einklang steht mit der
Würde des Anliegens, das wir vertreten. Sonst ist es, als hätten Sie ein schönes Bild und einen kitschigen Rahmen;
sie brauchen einen Rahmen, der zum Bild passt.
Also vereinen wir alle unsere Kräfte und arbeiten gemeinsam an dem großen Auftrag für die Menschheit in
unserer Zeit. Gott segne Sie.

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