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Was ist Wille ?

von Tom Eichler


Version 1, Dezember 2004

© Tom Eichler 2004

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und Zeitschriften, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk,
Fernsehen oder Video, auch einzelner Textteile
Inhalt:

Teil 1: Was ist Wille?

Teil 2: Konzentration

Teil 3: Der integrale Pfad

Appendix

© Tom Eichler 2004 2


Teil 1: Was ist Wille?

© Tom Eichler 2004 3


1. Was ist Wille? Wille ist, und das sollten wir von Anfang an festhalten, in seiner Form
unmöglich, sofern er nicht aus Konzentration folgt, sei Konzentration selbst nun durch
Meditation, durch Arbeit oder ähnliches erlangt.

Da ist zuerst einmal der essentielle Unterschied zwischen Wünschen und Wollen. Der
Wunsch hat, im Gegensatz zum Willen, keine wirkliche Relevanz. Bekommt er Relevanz,
wird er zum Willen.1
Ebenso wollen wir schon festhalten, das wir mit Wille etwas vollkommen anderes
bezeichnen, als was gemeinhin damit bezeichnet wird. Wenn erwachsene Individuen sagen,
sie wollen dies oder jenes, liegt dem im Wesentlichen die gleiche psychische Disposition zu
Grunde, als wenn ein Kind sagt, es wolle etwas. Es wird jedem klar sein, dass Kinder nichts
wollen können. Sie streben danach, ihre vielschichtigen Bedürfnisse zu befriedigen.
‚Erwachsene’ verhalten sich demgegenüber nicht sonderlich distinkt. Diesen Drang, diesen
Wesensausdruck (wenn man so will) mit dem Begriff ‚Wille’ zu kennzeichnen, ist aus
diversen Gründen unangemessen. Der Wichtigste an ihnen ist, dass tatsächlich zu wollen
immer mit hoher Selbstreflexion, mit Konzentration und damit auch, wie wir sehen werden,
mit starken internen Dissoziierungsleistungen gegenüber allem Althergebrachten einhergeht.
Schon hier findet sich ein erster Unterschied zu der traditionell philosophischen Auffassung
zu Wille. Jaspers (beispielsweise) unterschied zwischen Instinkt und Triebhandlungen auf der
einen Seite und Wille auf der anderen. Erstere „sind zwar begleitet von einem Bewusstsein
des Strebens, eines Drängens zu Verwirklichung und Erfüllung [...], doch erst zum Willen
gehört das eigentliche Bewusstsein als ein Wissen des Zwecks“.2 Ebenso kennzeichnete er,
dass Wille erst mit dem ‚unterscheidenden Denken’ entsteht.
Jaspers beschreibt in seinem Ansatz nur einen Aspekt von Wille, nämlich den der psychischen
Fähigkeit oder Leistung. In dieser Hinsicht erkennt er ja richtig, das „Freiheit sein Dasein als
Wille hat. Wille ist nicht die nur vorwärts drängende Aktivität, sondern seine Freiheit ist, das
er sich zugleich selbst will“3. Doch diese Freiheit kann nur möglich sein, wenn das
Individuum die Kapazität besitzt, sich unabhängig von anderem wie auch von seinem eigenen
Bezugssystems zu verhalten, und das heißt in letzter Instanz auch: unabhängig von seinen
eigenen Werten. Gerade diese Unabhängigkeit kennzeichnet ja Freiheit.

Wille bedeutet also im Umkehrschluss, das man über die Fähigkeit verfügt, eine Umwertung
innerer Werte vornehmen zu können und sich entsprechend neuer Werte erfolgreich zu
verhalten. Man kann sich fragen: ‚Wie kann ich in letzter Instanz prüfen, ob da Wille vorliegt
und nicht eine Form determinierten Handelns?’ Und die Antwort ist darauf: nur dadurch, das
man durch erfolgreiches Verhalten zeigt, sein Wertesystem verändern zu können! Wille ist
nur in und durch Freiheit denkbar. Verhalten wir uns im Rahmen unserer gängigen
Maßgaben und Werte, verhalten wir uns erwartbar und automatisch. Wille weißt darüber
hinaus. Wille sprengt alle geistigen Grenzen.

Die wichtige Frage also ist: Kann das Individuum die grundlegenden Prozesse seines Erlebens
und Handelns verändern können? Manche Menschen sind, wie der Psychologe Dr. Eric Berne
festhält, eben ‚Gewinner’, andere ‚Verlierer’, noch andere ‚Nicht-Gewinner’4. Im Regelfall
wird weder das Kind noch der Erwachsene seine Konditionierung aufheben können. Nur die

1
Wie Githa RBK so treffend sagte: ‚Wunsch ist Wille in falscher Raumzeit’
2
Jaspers, Karl; Existenzerhellung, Heidelberg, 1973, S. 150
3
Jaspers, Karl; a.a.O.
4
Berne, Dr. Eric: Was sagen Sie, nachdem Sie <Guten Tag> gesagt haben?,, Frankfurt am Main, 1983, S. 243

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Meditation wie auch die Therapie vermag diese dem zugrunde liegenden
Verhaltensbindungen aufzubrechen.

Mit dem Wille verhält es sich ähnlich wie mit der Logik. Wie Kutschera5 schon feststellte,
nimmt ein Großteil der Menschen an, gut ausgeprägtes ‘logisches Denkvermögen’ sei ihnen
gleichsam mit in die Wiege gelegt worden, und damit eine Fähigkeit, die keiner besonderen
Aufmerksamkeit und keines Trainings bedarf. Das dem nicht so ist, wissen meist nur die, die
sich tatsächlich einmal mit den Tiefen der Logik auseinandergesetzt haben. Ähnlich wie im
Fall der Logik bezeichnet auch Wille eine Fähigkeit, die erlernt werden kann. Doch im
Vergleich zur Logik handelt es sich um eine Fähigkeit, die das Sein des ganzen Menschen
umfasst. Denn Wille, und zwar als Leistung und Fähigkeit der Psyche, weist immer auf ein
ganz originäres, ein ganz besonderes Entwicklungsstadium des Menschen, und genau das war
es, was Jaspers übersah. Wir werden später genauer auf diese Differenz von Wille als
Fähigkeit und Wille als Entwicklungsstadium eingehen.
Ein Mensch, der dieses Stadium indes für sich ausgearbeitet hat, wird nichts tun, dass nicht
seinem Willen entspricht. All das, was er tut, wird durch seinen Willen klar eingefärbt und
reguliert, von seinen kleinsten Gedanken und Emotionen hin zu all seinen Taten. Ein solcher
Mensch wird ein Mensch sein, der eine sinnorientierte Ethik zu formulieren vermag und der
nach ihr handelt. Und ein solcher Mensch wird sich vor allem dadurch kennzeichnen, das er
stets über seine Natur hinauswächst, da Wille – wie wir sehen werden - letztlich eben nur
durch diesen modus operandi genau dies bezeichnet. Wenn es so in der Natur des ethsichen
Menschen liegt, über sich hinauszuwachsen, erfüllt er damit seine Natur.
Wille ist nichts anderes als die Fähigkeit, kontinuierlich über sich selbst im Allgemeinen wie
im Besonderen hinauszuwachsen und damit als Mensch, als psychisches Wesen zu wachsen.
Ohne kontinuierliche Weiterentwicklung kein Wille. Ohne Wille keine Weiterentwicklung.

2. Wille, wie es in der deutschen Umgangsprache gebraucht wird6, kennzeichnet


normalerweise eine Form der durch den Geist regulierten physisch-motivationellen Kraft,
durch die der Mensch sich befähigt, sein Überleben zu sichern und seine darüber hinaus
existierende freie Zeit entsprechend seiner Vorstellungen zu strukturierem. Das integriert
beispielsweise auch den Willen zur macht.

Psychologie hat uns nun gezeigt, dass der Hauptteil unserer Bestrebungen auf elterlichen,
familiären und kulturellen Anweisungen und Konditionierungen der psychischen
Entwicklungsgeschichte des Menschen basiert. Zudem kopieren Kleinkinder das Verhalten
der Eltern (wie auch ihre Werte) um die Komplexität der Umwelten, denen sich das
erwachende Bewusstsein gegenübersieht, zu reduzieren7. Berne fasst die Summe dieser
Direktiven und Konditionierungen in dem Begriff Skript zusammen, dem Lebensplan, der
recht konkret determiniert, was, wo, unter welchem Umständen wie genau in dem Leben der
Kindes bis zu seinem Tod passieren wird. ‚Ein Skript ist ein fortlaufender Lebensplan, der
sich unter starkem elterlichen Einfluss in der frühen Kindheit herausgebildet hat’8. Um diesen
Lebensplan umzusetzen, eignet sich das Kind u.a. bestimmte Manöver, Rituale und Spiele an,
die die schicksalhaften Wendungen im Leben des Kindes in der Welt sicherstellen.

5
Kutschera, Franz v.: Einführung in die moderne Logik, Freiburg, 1917, S. 12
6
Eine Interpretation des Autoren !
7
sowie andererseits auszudifferenzieren !
8
Berne, Dr. Eric, a.a.O. S. 43

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Wird das Kind erwachsen, tilgt es größtenteils den Charakter der Anweisungen, so dass das
erwachsene Individuum denkt, es wähle seine Werte aktual und autonom. Das muss auch so
sein, denn das Leben wäre bedeutend schwerer, würde man sich ständig aller Anweisung und
Ereignisse (und damit Lernerfahrungen) aus seiner Vergangenheit bewusst sein müssen. Man
käme sprichwörtlich zu nichts. Insofern tilgt das Individuum natürlich auch, dass es eine
Disposition zu jenem besonderen Ding hat, das es gerade ‚will’. Die frühkindliche
Ausrichtung seines Verhaltens, seiner Wünsche und Motivationen ist ihm also nicht bewusst -
oder wird es ihm nur durch bestimmte Anstrengungen, wie beispielweise die Therapie.
Infolgedessen gibt es sich natürlich der Illusion hin, dass es das, wonach es ihn drängt, wolle.
Wenn das Individuum insofern etwas ‘will’ und etwas ‘Neues’ erreicht, so passiert im
Wesentlichen nichts anderes, als dass sich das Individuum im Rahmen des eigentlich
Erwartbaren verhält. Jede Form des Zielerreichens wird dann in gewisser Hinsicht zu einer
Farce, die sich aus der Familien und Kulturtradition ergibt. Natürlich gibt es ja auch innerhalb
des Erwartbaren Herausforderungen für das Individuum. Nur wollen wir das hier nicht mit
dem Begriff ‚Wille’ belegen.

Natürlich stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass die Menschen mit all ihren Fähigkeiten
zulassen können, dass sie in einem solch mechanischen Verhalten hängen bleiben und sich
derart der Illusion der Selbstständigkeit und Autonomie hingeben. Berne antwortet auf diese
Frage, dass ein guter Grund darin liegt, dass das Individuum seine Eltern nicht enttäuschen
mag. Ein weiterer Grund mag in der Risikominimierung im Alltagsverhalten liegen. Man
braucht, wenn überhaupt, nur selten sein Verhalten neu zu überdenken und bekommt damit
einen Zeitgewinn. Das Individuum muss sich damit nicht dem Risiko aussetzen etwas zu tun,
was im Kontext der Gesellschaft unangepasst sein könnte. Das Leben fällt also auf der Basis
dieser internen Direktiven leichter. Vor allem aber hebt sich der Mensch von seinen ‚Ahnen,
den Affen in der Entwicklung noch nicht so sehr ab, als das er es besser machen könnte. Wir
sind uns zwar in einem stärkeren Maße bewusst, als dass bei den Affen der Fall ist, aber in
Wirklichkeit nicht in ausreichendem Maße. Skripts sind nur deshalb möglich, weil die
Menschen nicht wissen, was sie sich selbst und auch anderen antun’.9

Damit wird klar, das Wille in der Praxis ganz eng an die Problematik von Freiheit und
Unfreiheit des menschlichen Verhaltens gekoppelt ist.10 Solange sich ein Individuum
skriptgebunden verhält, kann da kein Wille sein – es sei denn, dieses Handeln ist bewusst so
gewählt. Wenn Konzentration – wie wir sehen werden - darin besteht, ein Meditationsobjekt
denken zu können, ohne sich der Irritation von Störungen - die man freilich selbst produziert -
hinzugeben, kennzeichnet sich Wille vor allem dadurch, ihn unabhängig vom Skript tun zu
können. So wächst jemand, der will, im Akt des Wollens tatsächlich über das hinaus, was ihn
selbst ausmacht. Damit kann deutlich werden, warum Konzentration ein so vorzügliches wie
einzigartiges Mittel ist, Wille überhaupt zu erlernen. Konzentration lehrt uns, wie es ist, sich
gegenüber Skriptanweisungen invariant zu verhalten.

Die Idee des Skripts ist im Übrigen als solches nicht unbedingt neu. Die dahinter stehende
Idee, dass wir durch unser Leben Regeln generieren, die zur Grundlage unseres Fortschreitens
und unseres weiteren Verhaltens werden, finden wir in den unterschiedlichsten
psychologischen und religiösen Ansätzen. Im NLP11 nennt man es die Landkarte oder das
Modell von Welt. Timothy Leary beispielsweise bezeichnete es als Realitätstunnel. Die

9
Berne, Dr. Eric, a.a.O. S. 287
10
Außerdem impliziert Freiheit immer Unfreiheit. Deshalb braucht man einen anderen Freiheitsbegriff, wie z.B.
den von von Foerster: Handle stets so, dass weitere Handlungsmöglichkeiten geschaffen werden.
11
NLP = Neurolinguistisches Programmieren, siehe z.B. Bandler & Grinder, Struktur der Magie 1+2

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Hindus nennen es seit Urzeiten Karma.12 Wir sollten an diesem Punkt einfach begreifen, dass
wir, als Kinder, ganz basale Entscheidungen darüber getroffen haben, wie wir unser Leben
gestalten wollen, und dass wir, mit diesen Entscheidungen, einen ganz originären
Realitätstunnel, ein ganz spezielles Karma generiert haben, das definiert, wie und das wir uns
in den bestimmten Situationen, in denen wir uns befinden, auf ebenso bestimmte Weise
verhalten. Die Tatsache, dass wir unsere Welt so wahrnehmen wie wir es tun, zeigt, dass wir
sie als Kinder Schritt für Schritt aufgebaut haben, auch wenn uns die meisten Entscheidungen
nicht mehr transparent sind.13 All die Anstrengungen der Yogis basieren darauf, dieses Karma
zu unterbrechen, gleichsam aus ihm heraus zu springen und als neues Wesen zu emergieren.
Logischerweise wird damit natürlich neues Karma erzeugt, neue Geschichte, neue Werte,
neue Einprägungen im Chitta, dem Gedankenstoff. Thelemiten nutzen Wille, um ihrem
Karma neue Richtungen zu geben.

3. Aus all dem wird klar werden, das Wille in letzter Instanz immer auf sich selbst zeigt, und
zwar auf sich in der Zukunft. Es kann sich bei Wille immer nur um die Selbsttranszendenz des
Indiviuums handeln. Wenn wir beginnen, uns zu transzendieren, kann das nur bedeuten, dass
wir uns dabei konsequentermaßen so verhalten sollten, dass wir uns auch zukünftig
transzendieren können. Weiterentwicklung hat kein Ende. Warum sollten wir also jetzt,
rhethorisch gefragt, Wille anwenden, wenn wir es zukünftig nicht auch vorhaben? Alle
zukünftigen Einwände können durch Wille transzendiert werden. Entweder entscheidet man
sich dazu, Wille auszuüben und damit – wieder rhetorisch – für Freiheit, oder man entscheidet
sich dagegen.

Natürlich macht das alles in langer Hinsicht nur Sinn, wenn wir Wille vom Lokalen ins
Nichtlokalen überführen. Wir möge Wille lernen, wir mögen Wille leben. Doch die
Transzendierung des Willen kann nur das Nonlokale integrieren, und dort erscheint Wille als
wahrer Wille. Wir werden später darauf eingehen.

Ein wollender Mensch wird sich immer so verhalten, dass er auch zukünftig Wille ausüben
kann - das er sich auch zukünftig übertreffen kann – und genau das wird er tun. Wenn wir also
von Wille sprechen, bedeuten wir eine Form von invariant halten können von Ziel und
Verhalten, einer Form also, die in letzter Instanz immer wieder auf Wille und damit sich
selbst zeigt.

In Bezug auf anderes ist Wille die Fähigkeit, unabhängig von Skript, Karma (oder welchen
Begriff man auch immer dafür einsetzt) zu handeln. In Bezug auf sich selbst aber ist Wille
immer Wille, und das heißt: Kontinuität von Wille. Daher kann sein Ziel in selbstreferentieller
Weise immer nur er selbst sein, wenn das durch ihn transponierte Verhalten im Wandel des
Karma sich auch immer verändern wird.14 Ohne aber auf einen Zukunftshorizont seiner selbst
zu zeigen und damit auf ein Ziel, ist Wille undenkbar. Das heißt: Wir definieren Wille als
Einheit von invariantem Ziel und Verhalten15, wobei Verhalten ganz im Lumann`schen16

12
Ich will damit nicht sagen, das ‚Karma’, ‚Landkarte’ und ‚Realitätstunnel’ Punkt für Punkt dasselbe meinen,
sondern in diesem einen angeführten Punkte Übereinstimmungen aufweisen. Bei Karma handelt es sich
beispielsweise um eine Erwartungsstruktur, generiert auf der Basis des Sinns, welchen das Individuum mit
seinen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten be-greifen kann. So ist Karma ein Begriff, der mit den
Sinnkonstitutionsfähigkeiten des Individuums wächst. Der Bedeutungshorizont von Karma wird umso größer
(komplexer, holistischer), je weiter das Selbst entwickelt ist.
13
Vergleiche die Schriften Jean Piagets
14
Natürlich wird dies Driften im Karma auch wieder rückwirkend darauf Einfluss nehmen, wie effektiv Wille
selbst geformt werden kann
15
Löffler, Ralf; Formwelt, 1992, Schnega

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Sinne als Einheit von Handeln und Erleben17 verstanden werden soll. Psyche kennt in Bezug
auf Verhalten im Allgemeinen nur diese beiden Weisen.

Aus anderer Perspektive ist Wille - wie Konzentration - natürlich Bewusstseinstrom. Wille
kennzeichnet sich durch die Einheit eines Fokus auf ein Ziel in der Zukunft und einem
aktualen Verhalten (das in der Summe - aus einer Beobachterperspektive heraus - als ein
kontinuierlicher Strom erscheint) die auf dieses Ziel hinführen.

Ganz praktisch betrachtet heißt Wille also nicht zwangsläufig, etwas anderes oder neues zu
tun. ‚Neuigkeit’ ist immer relativ und kann auch Skriptanweisung sein. Es heißt, etwas zu tun,
was über das hinausgeht, was man normalerweise gewohnt ist zu tun und zu erreichen.

4. Wir müssen hier nun ganz klar Wille als Fähigkeit von Wille als Entwicklungsstufe
abgrenzen. Das eine kennzeichnet das aktuelle Verhalten des Systems Psyche, das andere ein
mögliches Organisationsprinzip18 derselben. ‚Möglich’ deshalb, weil dieses
Organisationsprinzip oder auch Entwicklungsstadium in potentia in jedem Individuum
angelegt ist. Um zu dem Entwicklungsstadium zu kommen, bedarf es der Fähigkeit.

Auch hier ist es nützlich, auf die Sinndimensionierung von Wille zu achten. Erlangt ein
Indiviudum tatsächlich diese Entwicklungsstufe, lässt sich reflexiv ziemlich einfach
konstatieren, dass da schon immer Wille war. Paradoxerweise kann Wille immer nur durch
sich selbst gewollt sein. Im Gegenzug gilt dasselbe. Jemand der diese Stufe nie erlangt, hat
nie Wille gezeigt. Wille als Fähigkeit zeigt auf Wille als Entwicklungsstadium. Wille zeigt
damit immer auf sich selbst, Wille ist immer Kontinuum. Der Unterschied zwischen dem
Studenten, der Wille erlernt und dem Adepten19, der Wille erlangt hat, ist lediglich einer der
Bewusstheit. Ein Student wird stets versuchen, jegliches Verhalten unter die Perspektive
Wille zu stellen. Der Adept tut dies automatisch – er kann gar nicht anders: Sein Wille formt
die Welt. Wir werden später genauer auf diesen Punkt eingehen.

Es kann nicht schaden, nochmals zu erwähnen, dass Wille letztlich nur durch erfolgreiches
reprogrammieren der eigenen Psyche möglich ist, und das heißt, Rekonditionierung der Werte
dessen, was das Kind in uns – und was wir - für wichtig halten. Wille ist sicher so etwas wie
eine Kraft, doch ihm liegt auch das kompetente Management – die Metaprogrammierung als
emergentes Organisationsprinzip - der eigenen Psyche zugrunde.

Was tust Du, wenn Du mit etwas konfrontiert bist, das Deiner eigentlichen Konditionierung
widerspricht? Was tust Du, wenn Dein Ziel beispielsweise darin lag, 3 Stunden bewegungslos
zu meditieren, und nach zwei Stunden fängt nicht nur ganz profunder Schmerz sondern auch
Unlust an in Dir zu erwachen? Brichst Du die Meditation ab? Weichst Du, oder erreichst Du
Dein Ziel und bleibst bewegungslos sitzen?

16
Löffler, Ralf; Formwelt, 1992, Schnega , siehe auch: Luhmann, Niklas; Soziale Systeme, Frankfurt a.M.
1987, S.124
17
Handeln: rechne die Sinnselektion eines Phänomens Dir selbst zu; Erleben: rechne die Sinnselektion eines
Phänomen andern zu (nach R. Löfflers ‚Formwelt)
18
Vergleiche das Psychomodell von R. Löffler und G. Peyn, den Metaprogrammierer.
19
Die Differenz Student/Adept bezieht sich auf das Gradsystem des Ordens von Thelema. Der Student lernt
Wille, der Adept übt ihn aus.

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A posteriori zeigt gerade die Überwindung von Schmerz und Unlust das erste Aufkeimen von
Wille20. Daher zeigt jede Rechtfertigung, die man für sein Versagen aufstellt, nichts anderes,
als dass das Ziel ursprünglich nie gewollt wurde. Solange jemand Lust auf etwas hat, und
seine vorgeblichen Ziele erreicht, gibt es kein eindeutiges Kriterium dafür, ob Wille oder
irgendeine elterliche Direktive den Ausschlag für den Erfolg gab. Dieser Unterscheid mag
zwar in diesem Fall in Bezug auf das Endresultat nicht sonderlich signifikant sein, doch in
Bezug auf Zukunft ist er es schon. Denn es geht ja darum, auch zukünftig Wille zu zeigen.

5. Um pragmatisch zu werden: Wille heißt, sich ein Ziel zu wählen, eine Vorstellung, und
diese Vorstellung so groß und mit soviel Intensität wie nur möglich zu gestalten, das dieses
Ziel als Leitperspektive für Verhalten dienen kann21. Insofern steht am Anfang jedes Willens
die Fähigkeit, seine Psyche zu richtig auszurichten. In der Bewusstheit, das jeder Wille auch
sein Ende – seinen Erfolg – in sich trägt, wird durch die Leitperspektive des Ziels automatisch
das Ziel erreicht werden. Auf die wechselseitige Abhängigkeit von Ziel und Verhalten werden
wir gesondert noch im 2. Kapitel eingehen.

Wichtig ist aber schon hier: das Ziel generiert für die Psyche Sinn, der durch Verhalten an
Inhalt gewinnt. Wir brauchen nichts anderes zu tun, als uns Ziele zu wählen, und zu wissen,
das wir sie erreichen. Denn wille definiert sich durch Erfolg. Im Liber Al vel Legis heißt es:
‚Success is thy Proof’22, und nichts ist wahrer. Wille ist in dieser Hinsicht eine
selbsterfüllende Prophezeiung; sofern der Erfolg sich einstellt, war da die ganze Zeit Wille.
Bleibt er aus, ist er nie dagewesen.

6. Viele Psychologen beklagen den Mangel an Authentizität oder Kongruenz des Menschen
in dieser Gesellschaft. Doch was Indiviuden fehlt ist weder Authentizität noch Kongruenz,
sondern Wille. Authentizität kommt dann, wenn gewusst ist, was gewollt wird, und das mit
seinem ganzen Wesen. Solange diese Sinndimension fehlt, kann Psyche kein eindeutiges
Verhalten zeigen. Und genau deshalb ist die auf diesem Prinzip aufbauende Logotherapie von
Frankl23 auch so erfolgreich. Sie ist ein erster Schritt, wie man lernen kann, sich zu
reprogrammieren. Es ist keine leichte Aufgabe, dieses Entwicklungsstadium zu entwicklen,
denn genau genommen steht dieser Aufgabe nichts geringeres gegenüber als die ‚menschliche
Natur’ selbst, unsere Gewohnheiten, unser Skript, unsere Gefühle und Emotionen und unser
schwacher Verstand.

Es gibt viele Modelle über die Stadien der geistigen Evolution, denen man das
Entwicklungsstadium Wille querlegen kann.24 Kurz anschneiden möchte ich hier zwei von
ihnen, nämlich ‚Spiral Dynamics’ von Don Beck und das ‚Schaltungsmodell’ von Gitta Peyn
und Ralf Löffler. Im Schaltungsmodell der Psyche, gewissermaßen einer Landkarte der
Psyche, finden wir dieses Entwicklungsstadium in der 5. und 6. Schaltung, also ‚Ekstase’ und
‚Metaprogrammierer’. Bei Don Beck wäre es entsprechned das gelbe Mem.

Beide Modelle gehen von einer potentiellen Kontinuität der geistigen Entwicklung aus, das
heißt, ein Ende nach oben hin ist nicht beobachtbar. Das ist wichtig zu erwähnen, denn in

20
Deshalb Asana!
21
Die ganzen NLP-Tricks helfen ganz ausgezeichnet, diese Ziel-Vorstellungen passend zu konstruieren.
22
Aivass & Crowley; Liber Al vel Legis, Lüchow, 1997
23
Frankl, Viktor, Logotherapie
24
Wilber hat in seinem Werk ‚Integral Psychology’ eine ganze Liste von Entwicklungsmodellen
zusammengetragen und einander zugeordnet.

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unserer postmodernen Eitelkeit wähnen wir uns manchmal in dem Glauben, wir seien
tatsächlich die Krone der Schöpfung, und geistige Entwicklungssprünge seien etwas, das der
Vergangenheit angehört. Wie Ken Wilber betont, haben wir uns erfolgreich von der
Biospähre abgekoppelt und einen eigenen gesonderten Bereich – die Noospähre – generiert,
deren Eigenschaften neue Bedingungen und eine besondere Eigendynamik der geistigen
Entwicklung zur Verfügung stellen. Wir befinden uns also erst in der Halbzeit der Evolution,
und das heißt konkret:

Es gibt Formen geistigen Verhaltens25, die weit über das hinausgehen, was du als normal
gewohnt bist, anzunehmen.

Wille ist eines dieser Entwicklungsstadien. Es macht natürlich Sinn, Wille, beziehungsweise
Entwicklung von Wille, nochmals in unterschiedliche Stadien zu unterteilen, die man
beispielsweise den oben erwähnten Modellen querlegen kann. Man kann z.B festhalten, dass
es drei basale Entwicklungsphasen von Wille gibt. Erstens ‚Erlernen von Wille’, zweitens
‚Leben von Wille’, drittens ‚Transzendieren von Wille’. Die zweite Phase kennzeichnet das
eigentliche kognitive Organsiationsprinzip Wille. Nun kann man der Differenzierung halber
weitere Unterkategorien beobachten, und es ist sinnvoll, das anhand der Fähigkeiten zu tun,
die ein Individuum auf der jeweiligen Stufe hat. Das natürlich zu dem Zweck, das jeder
schnell sehen kann, wie weit seine eigene Willensentwicklung fortgeschritten ist. Das sähe
dann – kurz skizziert, den es handelt sich bis dato nur um einen kurzen Entwurf, der auf eine
Ausarbeitung noch wartet – folgendermaßen aus:

A. Student - Erlernen von Wille

1. Körperbewusstein, Die Fähigkeit, Indifferenz über körperliche-sensorische


Informationen zu erlangen: kaltes duschen, Fasten, Nachtwachen, Asana,
diszipliniertes Handeln, Tapas (Bewusstheits-) Übung und Kontrolle über den
Körper
2. Die Fähigkeit, über automatische und idiosynkratische Gefühlsregungen
hinauszuwachsen, ebenso in Bezug auf Emotionen und Stimmungen
3. Die Fähigkeit, sein Modell von Welt selbstreferentiell umzubauen zu erweitern,
Fähigeit zur Intelligenzsteigerung,
4. Fähigkeit, unterschiedliche soziale Rollen und Persönlichkeiten auszuformen

B. Adept - Leben von Wille (‚Mein Wille geschehe’)


1. Selbstreferentielles Handeln, Ekstase, Erkenntnis des höheren Selbstes, erstmalige
Realsierung des eigenen Willens und der eigenen Autopoiese etc
2. Ausdifferenzierung des vorherigen Stadiums. Wille durchdringt alles, erschafft
alles
3. Generieren eines vollständigen Modells der Welt

C. Erleuchteter - Transzendierung von Wille (‚Dein Wille geschehe’)


1. Der Sprung in den Abyss und das Heraustreten aus demselben, Erleuchtung
Äquivalanz von wahren Willen und Willen des Universums, nonlokaler Wille

25
Erinnere: Verhalten = Einheit von Erleben und Handeln

© Tom Eichler 2004 10


Wesentlich bei all diesen Überlegungen ist das Kennzeichen ‚Emergenz’, das die Übergängen
dieser Stadien kennzeichnet. Jede Stufe transzendiert die Vorhergehende und führt das
System auf höhrerer Systemebene fort. Das bedeutet immer: andere Elemtente des Systems,
also ‚aktive Reproduktion einer anderen Komplexität’26. Und ich möchte ich vor allem
kennzeichnen, das der Übergang vom Studenten zum Adepten nur durch Konzentration
möglich, da der Student nur über eine Form der Konzentration Wille erlernen kann. Daher
wird deutlich, das Wille nicht nur originäres Entwicklungsstadium ist, sondern als solches
maßgebliches Elemtent zur Generierung höherer Entwicklungsstadien ist. Denn
Konzentration ist nichts anderes als auf sich selbst angewandter (selbstreferentieller) Wille.

26
Löffler, Ralf, Formwelt, Schnega 1992

© Tom Eichler 2004 11


Teil 2: Konzentration

© Tom Eichler 2004 12


1. Konzentriert sein zu können ist in erster Hinsicht eine kognitive Fähigkeit, die in der
Meditation geschult werden kann27. Meditation der Form: Man nimmt eine bestimmte und für
die Dauer der Meditation invariante Körperhaltung ein28 und verharrt in ihr bewegungslos, um
so die Fähigkeit zu Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes, vorher wohldefiniertes Ding zu
lenken, ohne sich dabei durch körperliche Bewegungen zu stören29. Dieses Ding, auf das man
seine Aufmerksamkeit lenken kann, ist das Meditationsobjekt (Mo), und dies kann z.B. ein
schwarzer Punkt sein.
Man kann dann üben, dieses Mo konstant in seinem Geist immer schärfer zu erzeugen sowie
sich von allem anderen, was aktual gedacht wird zu lösen, um so von Aufmerksamkeit, dem
Produkt des Aufmerksam-sein-könnens, zu Konzentration – einer qualitativ hochwertigeren
oder reineren Art von Aufmerksamkeit – zu kommen.

Um diese Art und Weise der Meditation von anderen Methoden oder Auffassungen zur
Meditation abzugrenzen, will ich erwähnen, dass die Meditation, d.h. die hier vorrausgesetzte
Technik des körperlich unbewegten, rein geistigen Trainings, durchaus mehrere Stunden am
Tag in Anspruch nehmen kann...und auch sollte, will man erfolgreich sein.

Aus einer meditativen – d.h. in der Meditation stattfindenden – Verfeinerung der Fähigkeit
zur Aufmerksamkeit kann also Konzentration folgen. Anders herum betrachtet kann so auch
deutlich werden, weshalb Konzentration primär erst mal ein meditatives Phänomen
bezeichnet. Der modus operandi der hier dargestellten Meditation ist nämlich der, dass wir
versuchen, unsere Aufmerksamkeit auf (den Prozess) unsere(r) Aufmerksamkeit zu lenken,
um so zur Konzentration zu kommen – während andererseits unsere Aufmerksamkeit im
Alltag meist auf etwas ganz anderes als sich selbst gerichtet ist. Konzentration liegt, und
dies ist natürlich erst mal eine Behauptung, die jeder überprüfen mag, insofern außerhalb der
Erfahrungswirklichkeit unseres normalen Alltags.

‘Konzentriert sein zu können’ kann also erlernt werden, indem wir in der Meditation üben,
lange genug aufmerksam zu sein, ohne dass unser aufmerksam-sein auf das Mo durch
Abweichungen von dem Mo getrübt wird. Wobei Abweichung all die Störungen und
Unterbrechungen meint, die per Setzung nicht Teil des Mo´s sind. An einem bestimmten
Punkt kann Konzentration folgen. Was nun ‚lange genug’ meint oder durch was sich dieser
‚bestimmte Punkt’ kennzeichnet, und was überhaupt ‘Aufmerksamkeit’ und ‘Erkennen’
bedeutet, werden wir noch erörtern.

Erwähnenswert ist aber schon hier, dass es ein meditatives Phänomen gibt, den traditionell so
genannten Pratyhara-Effekt, an dem all unsere sensorischen ‚Inputs’, sei es das Wahrnehmen
des durchs Fenster dringenden Lichtscheins, des Kribbelns der Fliege auf der Haut, des
Dröhnens des Lastwagens vor dem Haus oder auch des gelegentliches Zappelns und
Ausschlagen des Körpers, einfach aufhören. Tiefste Schwärze und Stille und körperliche
Unempfindlichkeit senkt sich auf den Meditierenden hinab und der Körper selbst scheint in
einer bemerkenswert unempfindlichen Starre zu verharren. Dieser Effekt ist ein Zeichen
dafür, das sich die Fähigkeit des Meditierenden, das Mo aufmerksam zu betrachten, immer
mehr zur Einpunktigkeit, des ausschließlichen ‚dies und nichts anderes’ entwickelt und
Konzentration damit bald erreicht ist. Der Meditierende befreit sich dort von der Gewohnheit,

27
Das hier zu beschreibende Phänomen entbehrt jeder Konnotion des Begriffs ‘Konzentration’, wie wir ihn
manchmal im Alltag verwenden. Was wir im Alltag häufig mit ‘Konzentration’ bezeichnen, wird hier in diesem
Artikel mit den ersten Stufen von ‘Aufmerksamkeit’ gleichgesetzt.
28
Zum Beispiel das Vajrasana.
29
Dies ist vor allem eine Beschreibung des Sachverhaltes für den Studenten.

© Tom Eichler 2004 13


körperlich-sensorische ‚Inputs’ zu verarbeiten, und kann nun die freigewordenen Ressourcen
geistigen Erlebens dem Mo zuwenden.

Gelingt es ihm zudem, die internen, rein geistigen Abweichungen vom Mo zu eliminieren,
d.h. Gedanken und Vorstellungen, die nicht zum Mo gehören – wie z.B. die Vorstellungen
von Zeitlichkeit, den Gedanken über die Sinnhaftigkeit der aktualen Handlungen oder auch
die in diesem Kontext manchmal weitaus enervierenden Vorstellungen von z.B.
Essen/TV/Ohrwürmer/Gesichter/Stimmen etc. – so dass im Geist tatsächlich nichts verbleibt
außer dem Mo, so wird sich sein Erleben vom Mo wie auch vom Aufmerksam-sein selbst auf
bestimmte Art verändern. Das Mo wird eine neuartige Qualität erlangen. Dort ist
Konzentration.

Dies ist natürlich noch eine recht ungenaue Beschreibung der Konzentration, aber wir
beginnen ja erst. Was wir aber schon festhalten können ist, dass ein Unterschied zwischen
Aufmerksamkeit und Konzentration darin besteht, dass der Meditierende im ersten Fall, der
Aufmerksamkeit, noch Störungen und insofern Abweichungen vom Mo erzeugt – und
insofern noch lernen muss zu erkennen, wie genau er dass tut, (um es schließlich nicht mehr
tun zu müssen) – während er bei Konzentration befähigt ist, das Mo und eben nur das Mo zu
erkennen.

Tatsächlich konzentriert zu sein, wird dann von einem bestimmten kognitiven Phänomen –
das dem Alltagsbewusstsein vollkommen fremd ist – begleitet sein, das aber, während es der
Meditierende erfährt, kein Abweichen vom Mo, sondern das Konzentriert-sein selbst
kennzeichnet. Ich erwähne dies auch deshalb, weil dieses Phänomen eben ein Signal für den
Meditierenden ist, das er sich selbst nicht betrogen hat und tatsächlich Konzentration
ausformt.

2. Quantitativ betrachtet liegt ‘Aufmerksamkeit’ genau dann vor, wenn der Meditierende
mindestens 10 Sekunden das Mo konstant im Geiste halten kann, ohne es zu verlieren.
Erfahrungsgemäß werden die ersten Anzeichen von Konzentration nach mindestens einer
Stunde kontinuierlicher Aufmerksamkeit eintreten. Ich beabsichtige Konzentration als ein aus
der Fähigkeit zur Aufmerksamkeit hervorgehendes, also emergentes Phänomen zu
beschreiben. Außerdem ist es wichtig noch mal festzuhalten: Entwicklung von Konzentration
und Wille gehen Hand in Hand. Wer fähig ist, entgegen seiner Gewohnheit, assoziativ zu
denken und seinen Geist sprunghaft hin und her hüpfen zu lassen, einen Gegenstand ruhig und
konstant über einen längeren Zeitraum zu denken, hat auch die Fähigkeit, im Alltag entgegen
seiner Gewohnheiten und Konditionierungen zu handeln. Gerade das war ja ein wesentliches
Merkmal von Wille. Und wer begreift, was geschieht, wenn man konzentriert ist, wird es
leichter haben, Wille im Alltag umzusetzen.

Da ich hier daher eine höhere Auflösung des Themas erreichen will, gehe ich so vor, folgende
Begriffe der Reihe nach zu erläutern:

Einheit – Erkennen – Aufmerksamkeit – Konzentration

Ich werde die vier Begriffe erklären und zu zeigen versuchen, wie das eine, prozessual
betrachtet, aus dem anderen hervorgeht, bzw. hervorgehen kann. Es handelt sich um jeweils
emergente Ordnungen kognitiven Verhaltens, die auseinander hervorgehen können, aber eben
nicht müssen.

© Tom Eichler 2004 14


Was in Praxis bei Konzentration geschieht, ist simplerweise nichts anderes, als dass das
Meditationsobjekt für eine Zeit insofern kontinuierlich erkannt wird, als dass die
Beschreibung von der Einheit des Mo´s und Erzeugen der Einheit des Mo´s zusammenfallen.
Allein dadurch wird die die Konzentration kennzeichnende, höhere Tiefenschärfe des Mo´s
erzeugt.

3. Wie und in welcher Form können wir überhaupt etwas erkennen? Diese Frage ist deshalb
wichtig, weil, wie gesagt, diese Fähigkeit zu Erkennen eine wesentliche Bedingung dessen ist,
aufmerksam und damit letztlich auch konzentriert sein zu können. Ich will dabei hier nicht
den Anspruch stellen, eine auch nur annähernd vollständige Abhandlung über die
Erkenntnisprozesse der Menschen anzufertigen, sondern nur einen kleinen Ausschnitt dessen
betrachten, eben jenen, der mir zur Erörterung des Phänomens Konzentration notwendig
erscheint.

Kennzeichnet sich Konzentration hauptsächlich in Einpunktigkeit, in Zentrierung auf etwas,


nämlich dem ausschließlichem „dies und nichts anderem“ des Mo, so muss dass, was erkannt
wird, in unserem Falle also das Mo, Eines sein, ein Ganzes und eine Einheit. Allgemein
können wir noch sagen, dass alles, was wir erkennen können, stets als Einheit erkennen.

• Einheit = Zähle (als) Eines 30

Der Begriff ‘Einheit’ bezeichnet eine Form, die sich, als Ganzes oder eben als Eines gezählt,
von einem Hintergrund abhebt. Einheit und Hintergrund sind somit ein sich ergänzendes
Begriffspaar, das einen sich ergänzenden Sachverhalt bezeichnet. Der Hintergrund umfasst all
das, was nicht zur Einheit zählt. Der Hintergrund ist stets unspezifisch, die Einheit spezifisch.

Es muss berücksichtigt werden, dass diese Differenz von Einheit und Hintergrund natürlich
eine kognitive Differenz ist und damit nicht in einer ‚Außenwelt’ liegt. Aufgrund solcher
Differenzierungsleistungen des Beobachters konstituieren wir unsere Welt, und ohne die
Schemata, die diese Differenzierungen bedingen, ständen wir unseren Umwelten wie dem
Chaos gegenüber, nämlich gar nicht.

Ein Hintergrund kann aber zu einer Einheit werden, wenn wir unseren geistigen Fokus auf ihn
legen, wenn wir ihn als eine Einheit erzeugen.

Alles, was von dem Menschen als Beobachter gegenwärtig erkannt werden kann, wird in
Form einer Einheit erkannt. Alles, was wir dabei als Einheit erzeugen können, stellt für uns
eine Einheit dar. ‘Einheit’ ist nichts als ein rein kognitives Schema, mit dem wir als
zusammenhängend gesetzte Elemente vereinen, in die Form einer Einheit bringen oder eben
als „Eines“ zählen können. 31

4. Wesentlich für den Begriff des ‘Erkennens’ soll sein, dass ein Erkennen genau dann
vorliegt, wenn die beobachtete Einheit auf sich selbst, d.h. ihre Elemente, in Bezug gesetzt
wird, nicht aber in Bezug auf ihren Hintergrund (geschieht Letzteres, wollen wir hier einfach
von ‘wahrnehmen’ reden). Oder, mit anderen Worten: Erkennen liegt dann vor, wenn der
Beobachter die Bestandteile einer Einheit bezeichnet und unterscheidet.

30
Löffler, Ralf; Formwelt, Schnega 1992
31
Zur weiteren Klärung der Begriffe siehe Luhmann und Peyn/Löffler an den angegebenen Orten

© Tom Eichler 2004 15


Setzten wir also Einheit in Relation zu einem Hintergrund, so betrachten wir die Beziehungen
dieser Einheit zum Hintergrund. (Die Kaffetasse {Einheit} steht am vorderen Rand des
Tisches {Tisch ist Teil des Hintergrundes}). Wir nehmen wahr.32

Setzten wir hingegen die Einheit in Relation zu sich selber, dann betrachten wir u.a. ihre
Elemente. (Die Tasse ist zylinderförmig, mit Henkel und blau.) Wir erkennen.

Beobachtung ist immer selektiv. Ob wir nun die Tasse oder den Tisch als Einheit betrachten,
dessen Bestandteil u.a. die Tasse ist, und was genau Hintergrund sein soll, ist kontingent und
liegt vollkommen in der Entscheidungsfähigkeit des Beobachters.

Etwas als Einheit erkennen zu können, heißt also ihre Elemente zu kennen. Elemente einer
Einheit zuzuweisen heißt, sie zu erkennen. 33

5. Erkennen ist ein Produkt und Resultat aus zwei unterschiedlichen Prozessen, durch die wir
Einheiten erzeugen können. Wir können eine Einheit erstens zerlegen, dekomponieren, und
wir können aus mehreren Einheiten zweitens eine (neue) Einheit komponieren.

Komponieren wir eine Einheit, fügen wir Elemente, die wir vorher als Einheiten gedacht
hatten, zusammen.

Dekomponieren wir, so teilen wir eine Einheit in mehrere Elemente, von denen jedes
zukünftig als Einheit gedacht werden kann. Wichtig dabei ist, dass wir augenblicklich immer
nur eine Einheit erzeugen, immer nur etwas Bestimmtes erkennen können, entweder als eine
Menge von (noch) nicht weiter spezifizierten Elementen oder zu einer Menge von (noch)
nicht weiter spezifizierten Beziehungen zu einem Hintergrund - der sich selbst durch all das
kennzeichnet, was eben nicht zur Einheit gehört.

6. Aus dem kontinuierlichen Erkennen einer Einheit folgt Aufmerksamkeit.


Aufmerksamkeit, als ein Produkt und ein Phänomen bestimmter Handlung der Psyche,
erzeugen wir dann, wenn wir zeitlich nachfolgend erkennen. Mit anderen Worten: indem wir
den Sinn generieren, dass das aktual Erkannte auf die eine oder andere Weise zum
Vorhergehenden zusammengehören soll, formen wir Aufmerksamkeit.

(Auch hier will ich mich mit dem wichtigen Hinweis begnügen, dass hier ein Zusammenhang
zu Psyche und Bewusstsein wichtig und evident ist, aber aus Gründen des Umfanges des
Themas hier nicht angefügt werden kann. Das Bewusstsein generiert den Sinn ebenso, wie sie
ein ‘Erkennen’ produziert. Die Zeitdimension, d.h. hier: die Relation von vorher/nachher, ist
ebenso psychische Dimension. Aber im Gegensatz zu ‘Sinn’, ‘Erkennen’ etc. werde ich hier
die Begriffe von Psyche und Bewusstsein nicht weiter auffüllen.34)

32
Es ist übrigens vorteilhaft, herauszufinden, inwieweit diese Beschreibungen auf die
Wahrnehmung/Erkenntnisfähigkeit des Lesers anwendbar sind
33
Hier offenbart sich übrigens die eigentliche Tragweite des oben geschilderten Problems. Will ich Erkennen im
Rahmen der Konzentration beschreiben, so beobachte ich andere Beziehungen und daher andere Elemente, als
wolle ich erkennen im Kontext von Kommunikation beschreiben.
34
Eine ‚Landkarte’ der Psyche bietet das ‚Psychomodell’ von Gitta Peyn und Ralf Löffler, in ‚Sexmagick’,
1997, Lüchow, Seite 35

© Tom Eichler 2004 16


Meditieren wir, so sind wir genau dann aufmerksam, wenn es uns gelingt, mindestens 10
Sekunden lang das Mo als eine Einheit so zu erzeugen, ohne dass es seinen ‘Status’ als
hauptsächliches Objekt dessen, was wir beobachten, verliert. Wir erzeugen es, mit anderen
Worten, kontinuierlich. Sicher, es mag sich während dieser Minute etwas verändern und nicht
die ganze Zeit seine scharfen Konturen oder wohldefinierten Eigenschaften behalten; oder,
auf der anderen Seite, es fällt uns, während wir das Mo formen, etwas anderes ein, so dass wir
das Mo auf die eine oder andere Weise mit diesem anderen verbinden (siehe
(De)komposition)

Aber solange das Mo, für 1 Minute konstant, gleich oder zumindest ähnlich bleibt, reden wir
davon, aufmerksam zu sein. Erst, wenn wir das Mo nicht mehr – irgendwie geartet – als
Einheit erzeugen, wenn wir gegenwärtig etwas anderes erkennen, dass nichts mehr mit dem
Mo gemein hat, so haben wir das Aufmerksamsein auf das Mo unterbrochen.

7. Wir sind also meditativ aufmerksam genau dann, wenn wir das Mo kontinuierlich
erzeugen, d.h. im Sinne eines Bezugsrahmens einer vorher/nachher-Relation. Da Erkennen in
diesem Fall also sequentiell abläuft35, benötigen wir einen Bezugsrahmen, durch den wir eine
Kontinuität zwischen dem, was wir erkennen, herstellen und somit eine Sequenz bilden
können. Das also das, was wir erkennen, noch ähnlich dem ist, was wir eben erkannt haben.
Tatsächlich ist dies das wesentliche Merkmal der meditativen Aufmerksamkeit.

Daraus folgt, dass wir erst dann Aufmerksamkeit konstituieren, wenn wir die Fähigkeit, etwas
zu erkennen, darauf anwenden, dass wir etwas Bestimmtes erkennen – und uns im gleichen
Zuge befähigen zu bestimmen, dass wir etwas bestimmtes als Gleiches oder Ähnliches als
Nächstes erkennen wollen.

Wir wenden also Erkennen auf Erkennen an, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir
verwenden die Fähigkeit zu erkennen als Einheit, die die explizite Funktion hat, kognitive
Prozesse zu strukturieren. Diese Erkenntnis-Einheit, die andere Kognitionen organisiert, ist
insofern höher organisiert als diese Kognitionen.

Nochmal: Aufmerksam sind wir immer nur an und unter Zuhilfenahme eines Bezugsrahmens
(oder genauer: einer Sinndimension) mittels derer wir eine Einheit aus Aktualität und
Virtualität, aus Gegenwart und Zukunft erzeugen. Sinn (als eine Einheit) verweisst immer auf
das Zukünftige des gegenwärtig Erkannten, und in unserem Fall wäre das eben das Mo, dass
wir zukünftig auf bestimmte Art erkennen wollen. Wir erkennen jetzt das Mo und wir wissen,
wie es zukünftig beschaffen sein soll. Diese Vorstellung vom Zukünftigen mag insofern auch
Bestandteile enthalten, die praktisch noch gar nicht umgesetzt sind, wie z.B. 10 Minuten das
Mo auf reine und ungestörte Weise denken zu können, während man tatsächlich erst bei 5
Minuten plus Störungen angekommen ist. In diesem Kontext wirkt dann der Zukunftsaspekt
des Aufmerksams-seins als Leitperspektive, das Mo im nächsten Schritt auf bestimmte Art zu
erzeugen.

M.a.W.: Wir sind genau dann aufmerksam, wenn wir (bewusst) sinnhaft erkennen.

35
Es dreht sich hierbei vor allem um den Umgang mit dem Meditationsobjekt und um Aufmerksamkeit. Eine
vorher/nachher-Relationierung macht wenig Sinn in Bezug auf andere Formen des Erkennens, wie z.B Intuition,
holistischem Denken und Musterekennung.

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Das heißt natürlich auch (ein neuerer Verweis), dass diese Sinnhaftigkeit ein Bewusstsein
impliziert, das diesen Sinn setzt.

8. Was die Sinnselektion der Aufmerksamkeit betrifft, können wir eine weitere
Unterscheidung, nämlich zwischen selbstreferentieller und fremdreferentieller
Aufmerksamkeit, treffen. Fremdreferentiell aufmerksam sind wir immer dann, wenn wir die
Selektionen des Nächsten anderen oder anderem überlassen. Es ist relativ leicht, passiv
aufmerksam zu sein; wir lernen es schon in der Schule, dass ein Lehrer Lehrstoff vermittelt,
ohne - u.a. aufgrund von Zeitdruck - auf ein integratives Verstehen, d.h. Begreifen des
Schülers hinwirken zu können.

Selbstreferentiell aufmerksam sind wir immer dann, wenn wir für die Selektion des Nächsten
selbst Sorge tragen. Ich spreche hier in diesem Paper hauptsächlich über diese Form der
Aufmerksamkeit. Jemand, der autodidaktisch etwas neues lernt, mag diese Form des
Aufmerksam-seins kennen, oder jemand, der eigenmotiviert bestimmte Dinge tut oder denkt.
Generell verfügen viel weniger Menschen über die Fähigkeit, aktiv aufmerksam zu sein, als
passiv.

Erfahrungsgemäß wird kaum ein Mensch ohne entsprechendes Training in der Lage sein,
auch nur für 10 Sekunden ein und dasselbe Objekt zu denken, ohne kurzeitig an etwas völlig
anderes zu denken.

9. Während wir aufmerksam sind, nutzen wir also eine bestimmte Leitperspektive, Sinn,
durch welche wir uns befähigen, Unterschiede zu machen und dadurch neue Einheiten zu
erzeugen. Wir können wissen: „Angesichts dessen, wie ich das Mo eigentlich erfahren will,
ist es unangemessen, jetzt auch ans Abendbrot zu denken“ – und dann das Mo genauer
erzeugen. In diesem Sinn ist es diese wechselseitige Bezugnahme von leitperspektivischem
Denken und tatsächlichem Erkennen, durch welche wir erkennen können, was wir erkennen
und durch welche wir determinieren können, was wir als Nächstes erkennen wollen.

Wir müssen uns bei alle dem natürlich nicht zwangsläufig bewusst werden (die Erkenntnis
formen) dass wir aufmerksam sind, um eben aufmerksam zu sein. Dies ist sozusagen ein
‚Bewusstheits-Bonus’, und diese Art des Aufmerksam-Seins auf Aufmerksamkeit nennen wir
Achtsamkeit (Das ist insofern nicht ganz unwichtig, weil wir schon achtsam damit umgehen
sollten, welchem Sinn wir als Nächstes folgen). Es reicht, Erkennen und Bezugsrahmen in
Bezug zueinander zu setzten, um aufmerksam zu werden, denn dies sind die Bestandteile der
Aufmerksamkeit.

So eine Leitperspektive oder Bezugsrahmen (als Element von Bewusstsein; ich verwende die
Begriffe hier weitestgehend äquivalent) ist eine dem konkreten Erkennen übergeordnete
Ordnung, die wiederum unsere Erkenntnisprozesse – wie genau wir etwas (de)komponieren –
reglementiert und determiniert. Auf der anderen Seite vermag man ja bekanntermaßen durch
bestimmte Erkenntnisse wiederum Perspektiven zu verändern. Letztere sind eben die
Erkenntnisse, die im Alltag meist neuartig und für Weiterentwicklung so relevant sind. Wir
beschäftigen uns angestrengt mit einer Angelegenheit und führen uns so in eine Situation,
plötzlich neue Bezüge, eine neue Erkenntnis zu generieren, die es mit sich bringt, die
Leitperspektive, die diese Erkenntnis überhaupt bedingte, zu ändern. Man mag sogar durch
bestimmte Erkenntnisse seine gesamte Perspektive zum Leben verändern. Aber wie auch

© Tom Eichler 2004 18


immer, das Wechselspiel zwischen Leitperspektive und Erkenntnis ist notwendig, um von
Aufmerksamkeit zu sprechen.

Noch ein Beispiel: Ein „unaufmerksames Kind“ kann im Schulunterricht eines sein, das den
Erläuterungen des Lehrers nicht folgen will, weil es sie nicht als Einheit, der es einen
bestimmtem Sinn zurechnen kann, repräsentiert. Es ist natürlich auch möglich, das der Lehrer
keine assoziativen Verknüpfungen anbietet. Es mag sich gerade mit etwas anderem
beschäftigen und erfährt die Erklärungen des Lehrers, wenn überhaupt, als
zusammenhangloses Gerede, oder als Hintergrundrauschen. Erst wenn es sich die Mühe
macht, die Leitperspektive zu formen, dass die einzelnen Sätze des Lehrers mit konkreter
Bedeutung versehen werden könnten – d.h. das etwas Bestimmtes erkannt werden kann – und
dem folgend den Lauten, Wörtern und Sätzen Bedeutung versieht und schließlich den Sinn
oder das Thema der Stunde erkennt, wird es aufmerksam und kann das, was es im einzelnen
generiert hat, unter der Differenz „Verstehen/Nichtverstehen“ beurteilen. Kann es das auch
sprachlich ausdrücken, gilt es nicht nur als ein aufmerksames, sondern – in jedem Fall – als
aufgewecktes Kind.

In Bezug auf Meditation heißt dies, dass wir von Aufmerksamkeit dann sprechen können,
wenn wir unter einer bestimmten Leitperspektive das Mo dann tatsächlich mindestens zwei
mal erkennen können, ohne das das Erkennen von etwas anderem unterbrochen wurde, ohne
das eine „Unterbrechung“ vorlag. Praktisch ist es erforderlich, min. 10 Sekunden
kontinuierlich Erkenntnis des Mo´s zu haben, um von Aufmerksamkeit Stufe 1 (von 3) zu
sprechen. Dies aus Gründen der Überprüfbarkeit. Ein Ziel der Meditation ist es natürlich zu
lernen, dieses Erkennen des Mo´s zeitlich so auszudehnen, dass gar keine Unterbrechung
mehr auftritt. Und das heißt, wir sind dann bestenfalls imstande, zeitlich unbestimmt die
Einheit des Mo´s zu denken.

10. Obwohl alles, was erkannt wird, als Einheit erkannt wird, gehört es zu den schwierigeren
Übungen der Meditation, das Mo als eine reine Einheit zu erkennen, d.h. als Einheit, die
durch bestimmte Bestandteile, die eben nur zum Mo gehören sollen, definiert, geformt und
erkannt wurde. Mit andern Worten: Der Anfänger in der Meditation wird größtenteils neben
dem Mo auch Dinge denken, die per Definition nicht zum Mo gehören; sofern er natürlich
überhaupt in der Lage ist, aufmerksam zu sein. Kurz: Wenn das Mo ein schwarzer Punkt sein
soll, soll es eben nur dies sein. Der Anfänger wird noch lernen müssen, seine Psyche zu
beruhigen und die Mannigfaltigkeit der alltäglichen Dinge, die ihn beschäftigen,
auszugrenzen - indem er das Mo verfeinert.

Nehmen wir einmal an, er entschließt sich zu versuchen, auf ein weißes Kreuz aufmerksam zu
sein, dessen Balken gleich lang sind und deren Dicke ein Drittel der Länge beträgt. Er wird es
anfangs vielleicht so erkennen können, doch dann wird sich das Mo verändern in Farbe oder
Form, schließlich wird er vielleicht an sein Mittagessen denken. In diesem Moment muss er
achtsam genug sein erkennen zu können, ob neben der Vorstellung des Mittagessens das Mo
noch präsent im Geiste ist oder nicht. Wenn nicht, so hat er seine Aufmerksamkeit auf das
Kreuz verloren.

Es mag jetzt natürlich interessant erscheinen zu untersuchen, wie es kommen kann, dass
dieser Strebende, wenn er noch aufmerksam ist, gleichzeitig an das Kreuz und an das
Mittagessen denken kann. Aber simplerweise wird dies dadurch möglich, dass er für diesen
Moment Kreuz und Mittagessen als eine Einheit denkt. Er muss also, sofern er weiter auf das
Mo aufmerksam sein will, diese Einheit präzisieren, oder mit anderen Worten, die (vorher

© Tom Eichler 2004 19


definierten) Bestandteile des Mo´s fokusieren, indem er alles Nicht-Dazugehörige ausgrenzt.
Er ist, so oder so, gezwungen, kognitiv Anschlussoperationen durchzuführen, und es liegt in
seinem Ermessen, ob das, was er für sein Mo hält, oder eben die Vorstellung vom Mittagessen
als Ausgangspunkt dieser Anschlussoperationen dienen. D.h. er muss eine Entscheidung
treffen, die dies ermöglicht, etwas oder das andere, dass nicht dazugehört, auszugrenzen. Und
dies tut er mit Bezug auf die Leitperspektive, die er mit dem, was er faktisch erkennt,
vergleicht. Solange also andere Erkenntnisse in das Mo eindringen, ohne dass das Mo aus
dem Fokus verschwindet, reden wir von Aufmerksamkeit.

Wie kommt es dann, dass es uns anfangs (als Meditationsanfänger) so unmöglich erscheint,
30 Minuten auf das Mo aufmerksam zu sein, wenn wir uns doch dafür entschieden haben,
eben dies als Leitperspektive einzusetzten? Leitperspektiven determinieren, wie wir sahen,
erkennen und Erkenntnisse mögen Leitperspektiven verändern.

Meistens ist es aber diesbezüglich so, dass unsere Leitperspektive, das Mo für 30 Minuten
halten zu wollen, tatsächlich nicht ganz funktional ist. Wir mögen z.B. zwar das Mo für eine
gewisse Zeit halten wollen, aber wir wollen auch rechtzeitig mit der Meditation fertig werden,
um zum Beispiel XYZ zu tun. Wir binden unsere Aufmerksamkeit damit an etwas anderes als
an sich selbst. Wir haben also noch keine Prioritäten gesetzt36. Wir mögen uns dessen in
Praxis anfangs nicht unbedingt bewusst sein. Aber dann ist XYZ plötzlich Teil des Mo´s. Wie
gesagt, wenn wir nicht aufpassen, denken wir nur noch an XYZ, vor allem, wenn es uns
plötzlich wichtiger ist als das Mo. Aus anderer Perspektive liegt ein Grund für diese
Schwäche einfach darin, dass das Individuum noch keinen Willen ausgeformt hat. Nur diurch
stetes Training wird es darüber hinauswachsen.

Um meditative Aufmerksamkeit zu erlernen, müssen wir also zuerst lernen uns zu


entscheiden, einer bestimmten und wohldefinierten Leitperspektive oberste Priorität
einzuräumen, und zwar als ein Wert, der nicht unterminiert werden kann. Dies ist die Basis
von Wille, nämlich sich ein invariantes Ziel und Verhalten zu wählen. Wir müssen lernen
während der Meditation achtsam genug zu sein, um anderweitigen Leitperspektiven nicht zu
folgen. Dazu müssen wir sie erst mal erkennen! Wird schließlich und tatsächlich erkannt, dass
in der Meditation nichts wichtiger als das Mo ist, entsteht ein Begreifen über die
Sinnhaftigkeit des Ganzen, so ist Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum generiert.
Wir erkennen dann etwas, das unser Umgehen, unsere Leitperspektive zu der Meditation
selbst verändert. Dies wird, auf der anderen Seite, nur möglich, wenn wir uns schrittweise
darüber bewusst werden, dass wir andere Leitperspektiven – die noch Teil eines kognitiven
Hintergrundes sind – erzeugen und ihnen folgen, die wir aber immer weiter ausgrenzen
können.

11. Kommen wir schließlich zur Konzentration. Wir sind in der Meditation genau dann
konzentriert, wenn wir das Mo kontinuierlich denken können, ohne etwas anderes dabei zu
denken, das heißt wenn wir über einen Zeitraum ausschließlich die konkreten Bestandteile des
Mo´s aktualisieren.

Konzentration heißt demnach: Nachdem wir mindestens eine Stunde aufmerksam waren, sind
wir frei von sämtlichen Störungen. Das Mo als Einheit vollkommen sauber zu erkennen heißt,
es vollkommen sauber zu erzeugen. Dies ist der quantitative Aspekt von Konzentration. Aus

36
Was Prioritäten angeht: Die Meditation ist heilig!

© Tom Eichler 2004 20


ihm folgt der qualitative Aspekt, denn durch diese stete Form kognitiven operierens wird eine
emergente Ordnung kognitiven operierens erzeugt, die simple Aufmerksamkeit transzendiert.

Die Einheit der wechselseitigen Bezugnahme von Kognition und Leitperspektive (Sinn) – die
ja als Regulativ zugunsten einer Ausdifferenzierung und eines schärferen Mo´s diente –
respektive emergentem Erkennen (Bezugsrahmen) wird zugunsten eines deutlicheren Mo´s
aufgelöst, denn sie stellt eine Störung (weil Differenzierung) dar, die just eliminiert wurde.
Bei Konzentration stellt sich dem Erkennenden überhaupt nicht mehr die Frage, ob das Mo
jetzt anders ist als eben, denn es existiert nichts anderes als das Mo. Ein Referenzkriterium
und eine Leitperspektive wie Sinn, welches Aufmerksamkeit erst ermöglichte, wird
überflüssig. Alle Ressourcen des Bewusstseins fließen in das Mo, das Erkennen des Mo´s
geschieht auf emergenter Ordnung. Daher empfindet der Meditierende das Mo auch als
fließend, was das qualitative Merkmal der Konzentration ist.

In der Sprache der Komplexitätstheorie37 ausgedrückt organisieren sich die


Erkenntnisprozesse beim Zustandekommen der Konzentration auf einer höheren Ebene. Ein
solcher Emergenzsprung in eine höhere Organisationsebene bringt eine Flut von Innovationen
für den Meditierenden und seine Erkenntnisfähigkeiten mit sich. Der konzentrierte
Meditierende vermag nun gänzlich neue Informationen auf neue Art zu erzeugen –
Informationen, die auf einem höheren Organisationsprinzipien generiert werden. Um aber ,
und das ist in praktischer Hinsicht sehr bedeutsam, einen solchen Emergenzsprung überhaupt
zulassen zu können, ist es sehr wichtig, sich in der Meditation in bezug auf sein Mo gehen
lassen zu können, ohne durch diesen Akt der Aufgabe der Kontrolle im fast paradoxen Sinne
die Fähikeit zu Regulierung des Mo´s abzugeben und Unterbrechungen und Störungen
zuzulassen. Durch die Fähikeit, loszulassen, sollte das Mo im Gegenteil schärfer werden und
neue Qualität bekommen. Denn genau genommen kennzeichnet dieses Lösen der Bindung an
Kontrolle den Emergenzsprung zu Konzentration eigentlich erst aus

Nochmal, mit andern Worten: Wir haben also ein Meditationsobjekt, und der Strebende wird
versuchen, dieses Mo immer klarer zu erzeugen. Da ist einerseits das Mo (als Einheit) auf der
anderen Seite der rein kognitive Akt, dass Mo als Einheit zu erzeugen. Dies ist die
wesentliche Differenz, die der Meditierende, wenn er zur Konzentration strebt, auflösen muss.
Denn solange diese Differenz und Zweiseitigkeit von Mo und Prozess des Erzeugens des
Mo´s besteht, wird der Strebende Störungen erfahren, denn diese Differenz ist Ursache der
Störungen. Diese Differenz ist insofern paradox. Sie ist einerseits Bedingung der Möglichkeit
der Störung, wie andererseits die Bedingung der Möglichkeit zur Konzentration selbst.
Tatsächliche Konzentration wird erfahren als die Auflösung und Integration dieser
Zweiseitigkeit auf höherer Erkenntnisebene. Denn wie kommt Konzentration de facto
zustande? Immer wieder grenzen wir die Störungen vom Mo aus. Tun wir dies lange und
effizient genug, kommen wir an den Grund der Störung, nämlich das Mo von etwas
unterscheiden zu müssen, und damit überhaupt zu einem Konzept vom Mo zu kommen.

Auf Konzentration, als ein meditatives Ereignis, kann Bewusstheit folgen, ebenso als ein
meditativen Ereignis. Doch wie Konzentration wird auch Bewusstheit ganz einfach seine
Effekte im Alltag zeigen und im Alltag beobachtbar sein. Meditation ist wie ein Fokus des
Alltags. Die Qualität und Quantität der Störungen und Unterbrechungen, die jemand
produziert, wenn er auf sein Meditationsobjekt meditiert, werden dieselben ein, die er hat,
wenn er irgendeiner weltlichen Tätigkeit nachkommt. Andererseits wird jemand, der sich
konzentrieren kann, ganz anders denken, sprechen und handeln, als jemand, der nicht über

37
Ich werde im nächsten Kapiten nochmal gesondert hierauf eingehen

© Tom Eichler 2004 21


diese Fähigkeit verfügt. Er wird zielbewusster und zielorientierter auftreten. Nun heißt
Bewusstheit aber vor allem auch: Bewusstheit (Aktualisierung einer Vorstellung) über die
Elemente (Gedanken und Vorstellungen) von Psyche38. Und obschon Bewusstheit als
Fähigkeit und Leistung mit der Konzentration wächst, ist Bewusstheit ebenso wie auch
Konzentration ein emergentes Organisationsprinzip zu Wahrnehmung. Und diese Bewusstheit
ist notwendig, um zu einer vollen Manifestation von Wille zu kommen. Denn wenn die
Elemente der Psyche weder gekannt noch organisiert werden können, können sie auch nicht
vollständig auf eine Zukunft hin ausgerichtet werden.

Die Psyche ist ein autopoietisches System und das heißt, das es nicht nur das sie ein
dynamisches System ist, das sich – in gewisser Hinsicht – in der Zeit bewegt, sondern auch,
das sie die Regeln ihres Vorwärtsprozessierens selbst festlegt. Sie macht, sie erschafft sich im
besten Wortsinn selber. Doch gerade weil dies so ist, gerade weil wir uns selbstregulierend in
der Zeit bewegen, ist es geradezu ein ethisches Erfordernis, selbst zu bestimmen, auf welche
Weise wir selbst voranschreiten wollen.

38
Siehe Gitta Peyn und Ralf Löffler, ‚Das Schaltungsmodell’, a.a.O.

© Tom Eichler 2004 22


Teil 3: Der integrale Pfad

© Tom Eichler 2004 23


1. Die Komplexitätstheorie39, ich hatte sie schon erwähnt, bietet einen guten Ansatz, mit dem
man beschreiben kann, wie man von Aufmerksamkeit zu Konzentration und von
Konzentration zu Wille kommen kann. Die Komplexitätstheorie widmet sich der Erforschung
komplexer Systeme. Das können biologische, psychische, wirtschaftliche, mathematische
oder was auch immer für Systeme sein. Wesentlich ist, es handelt sich bei ‚Systemen’ um
eine Menge von relationierten Elementen, die, je nach ihrer internen Komplexität,
unterschiedlich operieren können.40

Die Komplexititätstheorie besagt nun, das solche Systeme wie ‚Inseln im Chaos’ anzusehen
sind. Die Komplexität ihrer internen Strukturveränderungen legt nahe, wie erfolgreich sie das
sie umgebende Chaos in systemrelevante Informationen umwandeln können. Die Theorie
beschreibt insofern vier Verhaltensmodi für Systeme: Statisch, dynamisch, komplex und
chaotisch. Ein chaotischer Verhaltensmodus ist einer, bei dem das System keine stabilen
Regeln für Verhalten ausformen kann (Chaostheorie). Statische Systeme verfügen nur über
einen Satz invarianter Regeln, haben also die geringste Systemkomplexität. Dynamische
Systeme können eingeschränkt zwischen einem Satz von Regeln wechseln. Nur komplexe
Systeme können ihre Regeln stets den Erfordernissen der Umwelten anpassen, regulieren und
damit verändern

Im Zuge dieser steten Veränderung differenziert sich das System Schritt für Schritt aus. Dies
wird es so lange tun, bis die Systemkomplexität so hoch ist, es zu einer ‚Katastrophe’ kommt,
die die Organisationsebene des Systems auf eine emergente Ebene hebt. Nur komplexe
Systeme sind daher auf Sicht überlebensfähig. Das heißt, der Begriff der ‚Katastrophe’ ist
nicht zwangsläufig ein negativer Begriff. Die Artenexplosion im Kambium ist so eine
Katastrophe, die daher geschah, weil sich die Biosphäre zunehmend diversifizierte und alle
denkbaren Einzeller alle möglichen Nischen besetzten. Es musste etwas passieren, sollte die
Evolution weitergehen. Also entstanden die ersten Mehrzeller, und damit die Artenexplosion.
Probleme und Katastrophen sind Ursache für Leben.

Wollen wir also beschreiben, wie wir von Aufmerksamkeit zu Konzentration kommen, so
müssen wir den Emergenzsprung in der Organisation kognitiven Erlebens beschreiben. Mit
Konzentration formen wir einen vollkommen neuen, emergenten Verhaltensbereich aus.
Ebenso ist der Übergang von Konzentration zu Wille – oder genauer, von Wille als Fähigkeit
zu Wille als Entwicklungsstadium, eine systemrelevante ‚Katastrophe’ und mündet in ein
emergentes Organisationsprinzip für Psyche.

Um Konzentration und Wille zu erlernen, müssen wir und selbst immer dahingehend
überprüfen, ob wir selbst diesen komplexen Verhaltenszustand praktizieren. Denn halten wir
an unseren internen Verhaltensregeln fest, werden wir offenkundig nicht neues erlangen
können. Nur der komplexe Verhaltensmodus wird Emergenzsprünge in der Organisierung
unserer Psyche ermöglichen. Konzentration und Wille anzuwenden heißt dementsprechend,
den komplexen Systemzustand in die Tat umzusetzten, und das wiederum bedeutet in
konkreter Hinsicht: Widerstände zu integrieren, die Regeln seines Verhaltens stets zu
überdenken, offen und flexible genug zu sein Widerstände wie interne Abläufe beobachten zu
können41 und sein gesamtes Verhalten auf ein Ziel auszurichten.

39
siehe z.B.: Kaufmann, Stuart, Der Öltropfen im Wasser, München 1996
40
Löffler, Ralf; Formwelt, Schnega 1992
41
Man muß sich in der Meditationsübung durchaus gehen lassen können, um später die Gedanken regulieren zu
können.

© Tom Eichler 2004 24


Das geht nur, wenn man, z.B durch einen internen Emergenzsprung den Übergang von
lokalen zum nonlokalen Denken findet und Wille als begreift, dass mehr ist als nur das ‚in der
Welt handeln’. Welt muss insofern Bestandteil des Willens sein, genau so - wie auf anderer
Ebene – dynamisches operieren ein Kennzeichen autopoietischer Systeme ist. Wille selbst
wird dann zum Medium, als Gesamtheit der beobachteten Dynamiken der In- und Umwelt
der Psyche.

2. Der Mensch unserer Zeit führt – mit etwas Abstand betrachtet – ein relativ zerstreutes
Leben, seine Aufmerksamkeit gilt vielen Dingen. Er hat viele Talente und Ambitionen, viele
Möglichkeiten, seine Zeit zu strukturieren, viele Bekannte, Themen, Meinungen und
gesellschaftliche Rollen. Das Angebot an Zeitstrukturierungsmöglichkeiten von Seiten der
Gesellschaft ist andererseits auch immens.

Viele Menschen driften von einem Moment zum Nächsten, ohne sich je gefragt zu haben, wie
sie überhaupt auf den Weg gekommen sind, ohne die Fähigkeit sich zu hinterfragen und ohne
zu sehen, dass ihr ganzes Leben kontingent, also auch anders möglich ist. Andere fragen sich,
haben aber nicht die Einsicht und die Tiefenschärfe, um abzubilden, welche subtilen
Entscheidungen – also die, die das Leben bestimmen - sie im einzelnen getroffen haben. Das
es aufgrund dieser geistigen Vielheit zu Selbstfindungs- und Sinnkrisen kommt, liegt auf der
Hand. Denn Sinn konstituiert sich ja gerade durch die Einheit kognitiven Erlebens der
Aktualität und Virtualität, und wo findet das Individuum diese Einheit heute?

Doch diese Einheit kognitiven Erlebens und Handelns, die alle Ereignisse des eigenen Lebens
umschließen kann, liegt nah bei der Hand, und in dem Entwicklungsstadium Wille finden wir
eine solche Einheit. Wie Konzentration aus Aufmerksamkeit hervorgehen kann, so wird das
Entwicklungsstadium Wille aus dem kontinuierlichen Anwenden von Wille hervorgehen, bis
das Leben eine einzige Sinndimension bildet. Wie wir schon erwähnt haben, zeigt diese
Sinndimension immer nur auf weiteren Wille, und – sogar über das hinaus - auf seine
Negation...doch soweit sind wir noch nicht. In diesem Teil wollen wir uns hauptsächlich mit
dem Entwicklungsstadium Wille beschäftigen.

3. Wer nur lange genug daran arbeitet, Wille zu erlernen, wird sich ein Karma ausbauen, was
ihn Dank seiner Eigendynamik früher oder später dahin bringen wird, das emergente
Organisationsprinzip Wille zu erfahren. Dieses Organisationsprinzip besteht immer in der
sinnhaften Einheit allen Erlebens und Handelns. Natürlich wird es auch dann immer wieder
zu Augenblicken kommen, wo Sinn neu generiert werden muss, doch das liegt in der
Eigenschaft von Sinn: Er kann nur aktual generiert werden.

Als solches, als sinnhafte Einheit allen Handeln und Erlebens erscheint Wille als integraler
Pfad, der immer wieder auf Selbsttranszendenz zeigt. Denn egal auf welcher Ebene wir uns
bewegen: Wille zeigt sich immer in Selbsttranszendenz. Als integraler Pfad ist Wille der
vollständige Ausdruck der Zielorientiertheit der Psyche des Menschen. All das, was er tut, tut
er auf ein Ziel hin. Je weiter er sich ausdifferenziert, umso schneller wird er zu seinem Ziel
kommen und umso holistischer wird sein Wille sein. Das heißt, umso holistischer und damit
fließernder der Wille ist, umso mehr Bestandteile der Psyche sind in den Prozess des Willens
involviert.

Wille ist, wie Konzentration, Bewusstseinsstrom. Die Summe aller Erfahrungen fließen aktual
in ihn ein. Daher ist Wille am Anfang stets schwach, am Ende stets stark, denn am Ende hat
Psyche Bewusstheit über sich selbst erlangt. Wille ist der integrale Pfad, der, ausgehend von

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sich selbst, sich selbst erschließt. Ohne Bewusstheit ist Wille undenkbar. Doch jedes
Unterfangen, Wille zu trainieren, wird die Eigenbewusstheit steigern, und damit auch die
Fähigkeit zu Wille.

In dieser Form kennzeichnet der integrale Pfad auf der einen Seite die innerste
Übereinstimmung mit den Ereignissen und Zielen des eigenen Lebens. Nichts ist zufällig. Der
integrale Pfad ist nicht nur Form. Er ist formvollendeter Inhalt. Ziele und Ereignisse stimmen
überein. Stimmt das Individuum indes nicht mit den Zielen überein, sind Spiele die Folge
neben anderen Formen sozialen struggles. Auf der anderen Seite aber kennzeichnet der
integrale Pfad vor allem auch das Aufgeben der innersten Übereinstimmung und die
Erkenntnis, das Übereinstimmung etwas ist, das von oben generiert und sich deshalb
innerhalb des Lokalen nicht finden lässt. Ein integraler Denker hat keine Meinung, er kennt
nur flussartige Orientierungen und integrierende Perspektiven und Funktionalitäten. Die
Übereinstimmung wird – wenn überhaupt – über Kontingenzbewältigungsformeln generiert.
Für den integralen Denker ist das aber eher Mittel als Zweck.

Es gibt, wie schon erwähnt, drei große Stufen der Entwicklung von Wille. Erstens das
Erlernen von Wille, zweitens das Leben von Wille und drittens das Transzendieren von Wille,
und wir benennen diese Differenzierung mit Student, Adept und Erleuchteter (Githa). Und
während im erstens Stadium noch der Grundstein für Bewusstheit gelegt wird, ist die
Ausdifferenzierung desselben notwendig, um Wille leben und später transzendieren zu
können.

Bewusstheit, folgt (in der Meditation) Konzentration und ist selbst wieder eine emergente
Ordnung der Wahrnehmung. Ohne Bewusstheit kann nicht erfahren werden, worin der eigene
wahre Wille und das eigene Schicksal besteht. Daher ist die Meditation unerlässlich für
jemanden, der Wille erlernen will. Wie es so schön heißt: in der Meditation reduziert man sich
auf das wesentliche, und das ist nicht ‚Ich-selbst’. Es ist Hadit, das göttliche Prinzip, das
gedankliche Vorwärtsprozessieren, durch die die psychische Systemidentität erst geschaffen
wird. Und genau darin reflektiert sich die Idee der Konzentration auf ein Meditationsobjekt.

4. Wille in Aktion ist ein integraler Pfad in die Zukunft. Als solcher gebiert er sich neu und
weist in die Unendlichkeit. Und als integraler Pfad integriert Wille nicht nur alles Verhalten
der 1. Wirklichkeit, sondern auch der 2. Wirklichkeit. Der Adept kann in verschiedenen
Wirklichkeiten operieren und z.B. seine Träume als Indikatoren nehmen, was passieren wird
oder über welche noch unbewussten psychischen Prozesse noch Bewusstheit generiert werden
kann/soll.

Spätestens der Adept realisiert, dass er tatsächlich der Schöpfer seiner Welt ist, mehr noch,
dass Schöpfer und Welt dasselbe sind. Er setzt den Konstruktivismus42 in die Tat um. Genau
genommen existiert für ihn die materielle Wirklichkeit nicht als solche ausschließlich,
sondern nur als eine von mehreren möglichen kognitiven Konzepten. Ihm erscheint die
materielle Wirklichkeit als diskontinuierlich, und das heißt, er kann die materielle
Wirklichkeit als Einheit aktualisieren, muss es aber nicht. Für ihn bleibt insofern immer
unbeantwortbar, was mit den Dingen und Ereignissen der materiellen Welt geschieht, an die
er gerade nicht denkt. Als Schöpfer ist er selbst immer in sich verankert und kann nichts sehen
außer das, was er wahrnimmt und wahrnehmen will.

42
Siehe z.B.: S. Schmidt, Einführung in den radikalen Konstruktivismus, Suhrkamp, 1987

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Aus dieser Perspektive wird Wille ein Instrument, mit dem sich der Strebende in der Zeit
bewegt. Natürlich ist er sich dessen bewusst, dass Zeit, wie Raum, ein Beobachterkonstrukt
ist. Das einzige Wirkliche, das einzig Stabile ist aber sein Wille und nicht die Welt. Nur durch
sein Wille wirkt er. Die Welten sind wie Medien, in denen er sich durch seinen Willen zum
Ausdruck bringt.

Und mehr noch: Aus Perspektive der Systemebene Wille ist der Adept nichts anderes als
Wille. Jedes Voranschreiten in Zeit und Raum ist Wille. Der Student unterscheidet noch
zwischen Wünschen und Wille, er nähert sich Willen an, erfährt Wille hier und da. Für den
Adepten ist dies alles obsolet. Alles, was er tut, ist Wille. Er kann nicht nicht wollen.

5. In diesem Kontext hat der Adept die Einheit der Sinndimension seines Willens erfahren.
Die Magicker nannten und nennen dies stets die ‚Kenntnis und Konversation mit seinem
heiligen Schutzengel’. Das Konzept vom ‚Heiligen Schutzengel’ ist auf Anhieb nicht leicht zu
begreifen. Er ist die Bewusstheit über die eigene, psychsiche Autopoiese. Er ist stets der
Magicker in der Zukunft, sein wahrer Wille, sein höheres Selbst, dessen Inkarnation er ist.
Vor allem aber trägt er seine eigene Negation in sich. Denn das Ziel aller Erleuchtung kann
nur darin bestehen, sich loszusagen von allen Konzepten, in den geistigen Abyss zu springen,
und letztlich in etwas Höherem aufzugehen.

Springen wir in diesen geistigen Abyss, so sagen wir uns los von allen Konzepten. Von ‚oben’
und ‚unten’, von ‚rechts’ und ‚links’. Von all dem was wahr und gut, und all dem was falsch
und schlecht ist. Im Abyss geben wir uns selbst und unserer Gewohnheit, Welt auf eine
bestimmte Weise wahrzunehmen, auf. Kennzeichnet sich noch in dem ersten Kontakt mit
seinem Heiligen Schutzengel die erste Bewusstheit über den eigenen wahren Willen, so nach
dem Abyss, dem Moment, woder Adept erleuchtet, kein eigener wahrer Wille mehr. Die
Bewusstheit wird umfassend. Der Wille wird selbst zum Schicksal. Sagt der Adept noch:
‚Mein Wille geschehe’, so konstatiert der Erleuchtete: ‚Dein Wille geschehe’ und gibt sich
vollkommen dem Transzendenten, den Göttern, den Evolutionsprinzipien des Universums
hin. Sein Wille wird der Wille der Götter.

Doch der heilige Schutzengel, als eigenständige Entität, stellt sicher, das der Student, der das
erste mal mit ihm in Kontakt tritt, wie auch der Adept, der die Einheit mit ihm erfuhr, auf
seinem Weg bleibt: der Heilige Schutzengel ist der Beschützer des integralen Pfades. Alles,
was passiert, kann und wird in dieser psychischen Dimension Sinn machen. Der Student wie
Adept arbeiten daran, alles zunehmend der Sinndimension Wille zu unterstellen. Erkennt der
Strebende dies, so wird ihm auch gewahr, das alles was ihn vorher drohte, aus der Bahn zu
werfen, nun ein Hinweis seines Schutzengels ist, seinen Pfad zu korrigieren und zu wachsen.

Wie Popper schon festhielt, ist ‚alles Leben Problemlösen’. Der Mensch, als psychisches
Lebewesen, braucht Probleme. Ohne die hätte er sprichwörtlich nichts zu tun. Probleme und
die sie kennzeichnende Instabilität sind die Rückseite und Ergänzung der eigenen Autopoiese.
Ohne Probleme kein Vorankommen, ohne Probleme kein Wachstum, keine
Weiterentwicklung. Und diese Probleme sind Möglichkeiten, über sich selbst
hinauszuwachsen. Und der Heilioge Schutzengel wird immer dafür sorgen, dass dies immer
hin zu None, hin zu den Göttern geschieht.

6. Was hier nun folgt ist eine Beschreibung und Unterscheidung der Entwicklungsstadien
Student und Adept, mit einer weiteren Differenzierung des Adepten in Adept Minor, Adept
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Major und Adept Exempt, entsprechend der im Kapitel 2 vorgeschlagenen Differenzierung
des Entwicklungsstadiums Wille.

Im Unterschied zur Psyche des Studenten kennzeichnet sich die Psyche des Adepten durch
bewusstheit über ihre strukturelle Integrität. Er ist sich zu jedem Zeitpunkt bewusst darüber,
was er tut und wozu er dies tut. Sein Verhalten steht ganz unter dem Gesetz des Willens und
der Liebe. Der Student mag noch seine Schrullen haben. Er kämpft noch um die Herrschaft
über seine Gefühle, seine Emotionen, seine Leidenschaften, seine Stimmungen, seine
Verhaltensweisen. Er mag partiell Verhaltensweisen zeigen, die nicht in Übereinstimmung
mit seinem wahren Willen sind. (Tatsächlich kennt der Student seinen wahren Willen noch
nicht, also den Willen, der aus der Erkenntnis der strukturellen Integrität der Psyche gleich
einem Phönix aus der Asche entsteht.) Daher erscheint es einem Beobachter oft so – und
dieser Beobachter wird im zunehmendem Maße der sich entwickelnde Student selbst sein -
dass er Verhaltensweisen zeigt, denen er sich selbst gegenüber unfähig sieht, sie zu
regulieren. Das mag ein Habitus sein, den er sich von seinen Eltern abgeschaut hat, eine
bestimmte Mimik oder Gestik, das mag die Unfähigkeit sein, bestimmte Gewohnheiten
aufzugeben, wie das Rauchen, das mag das periodisch auftretende Ausdrücken von
Negativemotionen oder Stimmungen sein, oder das regelmäßige exerzieren bestimmter
transaktionsanalytischer Spiele. All dies ‚geschieht’ dem Studenten, und es wirkt fast so, als
hätte für diesen Zeitraum eine andere Person das Steuer über seine Psyche übernommen.
Tatsächlich aber ist er sich schlicht und ergreifend nicht bewusst darüber, was er wie genau
tut, weshalb er es auch an der Fähigkeit missen lässt, sich in solchen Situationen selbst zu
regulieren.

Der Adept ist sich stets bewusst darüber, was er wie tut. Er hat eine interne (psychische)
Organisationsebene generiert, von der aus er sein Verhalten zielgerichtet steuern kann, er
handelt stets als Einheit. In jeder seiner Verhaltensweisen kommt die strukturelle Identität
seiner Psyche zum Ausdruck, er handelt damit stets wahrhaftig und authentisch. Mit
struktureller Identität ist daher die bewusste Realisation, die Bewusstheit der Einheit der
Psyche gemeint, die nur in und durch Willen und Liebe unter Willen ihren Ausdruck finden
kann.

Diese strukturelle Identität ist, mit anderen Worten, die Realisation der Autopoiese der
Psyche. Autopoiese ist ein Begriff aus der Theorie des Konstruktivismus von Nervensystems
und der Psyche, der soviel wie ‚selbst machen’ bedeutet. Mystisch ausgedrückt erfährt der
Adept in seinem ersten Atemzug damit Hadit und die Kenntnis und Konversation mit seinem
Heiligen Schutzengel: Womit nichts anderes gemeint ist als einerseits die Realisation und
Erkenntnis der unendlichen Selbstbezüglichkeit der Psyche sowie andererseits die Erkenntnis
der eigenen Inkarnation. Diese Inkarnation aufzulösen, ist der weitere Weg des Adepten.

7. Damit einhergehend erfährt der Adept vollendete Selbstgenügsamkeit und Freude, die
wärt. Er hat seinen Willen, und wie ein Zugreisender braucht er selbst scheinbar nichts zu tun,
um weiter voranzukommen. Sein wahrer Wille führt ihn. Dies ist in der Tat eine ganz
außerordentliche Phase, denn sie ist der Ausdruck erster wahrhafter Liebe und
Gottesergebenheit im Leben des Strebenden.

Der Adept weiß, dass jedes Ereignis in seinem Leben zur rechten Zeit geschieht, denn es ist
sein Wille, der diese Dinge erzeugt. Der Adept lebt daher stets in einer Aktualität, die
vollständig auf die Zukunft ausgerichtet ist. Er hat die Dämonen seiner Vergangenheit
überwunden, seine Furcht vor Ängsten, seine Angst vor Zwängen, seine zwanghaften

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Verhaltensweisen selbst, seine neurotischen Verhaltensweisen. Der Adept hat keine
persönlichen Probleme mehr, unter denen er leidet oder verzagt. Er ist tatsächlich glücklich
und geistig wie daher auch körperlich gesund.

8. Jetzt, wo der Adept seinen Willen erkannt hat, lernt er, seinen Willen zunehmend ins
Handeln zu übertragen und strebt danach, um es mystisch auszudrücken, die Sephirah
Geburah am Baum des Lebens zu verwirklichen. Als Adept strebt er natürlich zur
Erleuchtung und driftet nun fast automatisch Richtung Abyss. Sozial aber ist er verantwortlich
für die Reinerhaltung der Lehre, die durch die Adepten und die Githas auf ihn zukommen.
Daher muss er mit Strenge und selektiv durchgreifen, um dies zu gewährleisten, denn er ist
der Wachhund der thelemitischen Gesellschaft. Verständnis mag und muss der Adept
gegenüber denen haben, die mit ihren Schrullen noch um die Adeptschaft kämpfen, dennoch
muss er sein Wort in dem Sinne des Gesetzes sprechen. Er ist die Inkarnation von Nuit, Hadit
und Ra-Hoor-Khuit43, ihr Prophet, und als solcher muss er auftreten. Er spricht die Wahrheit
und sein Mund flammt immer.

Da der Adept all seine persönlichen Probleme vollständig hinter sich gelassen hat, wird er
erstmals fähig, andere zu lieben und über seinen Realitätstunnel hinaus andere zu beobachten,
denn er ist frei von positiver oder negativer Neigung. Er beginnt zu sehen, was dem anderen
de facto auf seinem eigenen Weg zu Gott helfen wird. Seine Intuitionen sind gesteuert von
seinem höheren Selbst und finden ihre Rechtfertigung in dem Erfolg des Studenten oder
Anwärters.

Der Adept führt eine Liebesbeziehung, die ihn stets daran erinnert, zum Wohle von anderen
zu arbeiten und sein Modell der Welt immer und immer wieder zu überwinden. Dies ist von
immenser Wichtigkeit für die letzte Prüfung des Adepten, den Sprung in den kognitiven
Abyss.

9. Der Adept ist eines mit seinem höheren Selbst, welches lediglich eine andere Beschreibung
seines wahren Willens ist. Daher ist die letzte Autorität, die er zur Entscheidung seiner
Angelegenheiten aufsuchen muss, er selbst. Er regelt von nun an alleine – d.h. lediglich unter
Zuhilfenahme und Kommunikation des Teils von ihm, der oberhalb des Abyss wandelt -
seinen Weg über den Abyss. Es gibt keinen Meister außer ihm selbst.

Er erlangt insofern z.B. die Fähigkeit, bei Mentorenkontakten, mit denen er channelt, auf
klare Informationen zu kommen, die deckungsgleich mit den Ergebnissen anderer erfahrener
Adepten oder Githas sind. Wo er als Adept-Anwärter noch die Führung eines Adepten
brauchte, um Informationen des Channels eng zu führen, vermag er dies nun selber zu tun. Er
lernt, dass sein Verhalten Maßstab für andere werden muss.

Insofern erlangt er die Fähigkeit, Modelle aufzustellen, die funktional genug sind, anderen
wie sich selbst in ihrem Streben voran zu bringen.

Die Probleme, derer sich ein Adept bei der Verwirklichung von Wille und Liebe
gegenübersehen kann, sind ganz mannigfaltiger Natur. Eines von ihnen ist, dass er die
Bewusstheit über seine strukturelle Identität wahren will, während gleichermaßen Kräfte an

43
siehe Aivass & Crowley, das ‚Liebr al vel Legis’

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ihm ziehen, die ihn zu zerreißen scheinen. Einerseits beobachtet er mit bislang ungeahnter
Klarheit sein Ziel die Erleuchtung, und die Fähigkeit, mit Mentoren, seinem HS und den
Githas zu sprechen, drängt ihn zunehmend gen Abyss. Andererseits ist er mit ständigem
Anpassungsdruck an diejenigen konfrontiert, die von ihm lernen wollen, da es sein Wille ist,
zu lehren. Er wird den Schülern ein Stück entgegenkommen müssen. Nur durch
Wahrhaftigkeit und Meditation wird er dieses Problem lösen können.

All dies, damit der Adept beginnt, seine Welt vollständig gemäß seiner Vorstellungen und
seines Willens auszuformen. Hat er sein Modell der Welt ausgeformt, ist es an ihm, den
entscheidenden Schritt und letzte Prüfung zu tun und das Modell vollends von sich
abzuwerfen, um wie eine Raupe, die ihren Kokon verlässt, in den Abyss zu springen.

10. Nach langem selbstbezüglichem Streben erlangt der Adept Minor endlich Erkenntnis über
seine Inkarnation. Er stellt den Kontakt zu seinem tiefen Selbst, zu seinem Heiligen
Schutzengel her. Nach diesem einleitenden Ereignis bereitet es ihm keinerlei Schwierigkeiten
mehr, mit Ihm zu kommunizieren. Der Kontakt zu dem Schutzengel ist etabliert, der
strebende jene neue emergente psychische Organisationsebene erlangt, die ihn zum Adepten
macht. Wie schon erwähnt, geht damit eine tiefe Zufriedenheit mit der Welt einher – mit der
In-und Umwelt der Psyche - wie auch der tiefen Gewissheit, alles erreichen zu können, was
auf seinem Weg liegen wird.

Doch mit dieser Zufriedenheit, dieser Gewissheit, ja durch seine ganze Erlangung, kommt
auch eine neue, fast unerwartete Verantwortung auf ihn hinzu, die alles in seiner Welt wieder
verändert. Hat er sich vorher nur mit sich selbst beschäftigt und kam erfolgreich zu einem
Ende, kommt nun die soziale Verantwortung auf ihn zu. Er erkennt, das er in dieser Welt
nichts anderes tun kann, als Wille zu formen. Er erkennt seine Verantwortung für alle unter
ihm. Sicher muss er Liebe lernen, doch nicht nur um ihretwillen, sondern vor allem auch um
seinetwillen. Der Adept Minor weiß besser als alle anderen, das Liebe vor allem eine
Systemleistung ist und mehr mit ihm selbst als mit anderen zu tun hat. Denn Liebe ist Selbst-
Transzendenz am Anderen.

Daher erkennt er ziemlich schnell, das ihn die neuen sozialen Aufgaben ihn lediglich dazu
drängen, seine eigene Inkarnation auszuformen. Sein Ziel ist es natürlich, seine Schüler
weiterzubringen. Doch er bringt vor allem sich selbst dadurch weiter. Nun, da er die
Übereinstimmung mit seiner Existenz und seinem Heiligen Schutzengel erlangte, muss er
voranschreiten. Nur durch Fortschritt wächst und lebt man. Stagnation ist der Tod. Und so
beginnt er, seine Inkarnation auszudifferenzieren, und das bedeutet: Nun da er den Garten
Eden erobert hat, muss er ihn auch zum Blühen bringen.

11. Der Wille des Adeptus Major beginnt, alles zu durchdringen. Sein Wille formt die Welt,
sein Genius formt die Welt. Der Adept Minor beginnt, zum Adept Major aufzusteigen. Seine
Fähigkeiten werden feiner, sein Genius formt ihn und die Welt durch seinen Willen. Er wird
tagtäglich freier, strahlt wie eine Sonne tagtäglich mehr. Seine Macht wie seine Kompetenz
wächst, wie auch seine Einsicht.

Er weiß, dass er nichts anderes tun kann, als Wille zu zeigen, doch viel zu oft fehlen ihm noch
die Fähigkeiten, es effizient zu tun. Daher erlebt der Adept eine Phase außerordentlichen

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Rajas44. Er strampelt sich ab, er kämpft, doch von Tag zu Tag wird er ruhiger werden, da er
zunehmend Strategien ausformt, seinen Willen in Aller Ruhe und Macht in seiner Welt zu
manifestieren.

Von Tag zu Tag wird seine Person komplexer. Von Tag zu Tag wird er
verantwortungsbewusster und effizienter. Und hat er es erlangt, die treibende Kraft in der
Welt zu sein, formt er den Rajas, ohne selbst unruhig zu sein, so hat er den Grad des Adeptus
Major erlangt.

12. All dies dient dazu, seine Welt entsprechend seines Genius auszuformen. Diese
Entwicklung kulminiert in der Erschaffung eines Modells der Welt, das eine direkte
Kodifizierung seiner direkten sinnlichen Wahrnehmung ist. Er muss seine Welt so ausformen
und in einem Modell der Welt engführen, damit er die Fähigkeit erlangt, es auf einen Schlag
auch wieder ablegen zu können: Bei dem Sprung in den Abyss.

Oft schon wurde von diesem Magnum Opus geschrieben, den die Adepten dieser Welt
anfertigen mussten, um sich zu überwinden. Es ist immer ein Modell äußerster Tiefenschärfe,
ebenso einzigartig in der Weltgeschichte wie sublim in seiner Form. Oft auch wurde so ein
Magnum Opus geschaffen, ohne das die Erzeuger notwendigerweise Adepten waren. Doch
besaßen sie jene Kraft und Einsicht, aus sich heraus etwas vollkommen neuartiges und
einzigartiges und schönes zu kreieren, das den wahren kulturellen Schatz unserer Gesellschaft
ausmacht.

13. Im Liber Al vel Legis heißt es: ‚For pure will, unassuaged of purpose, deliverd from the
Lus of result, is every way perfekt.’ Sind wir soweit, Wille zu leben und haben dieses
Entwicklungstadium erklommen, leben wir eine Ethik des Willens. Alles ist auf Wille
ausgerichtet, und mit Wille auf Selbsttranszendenz und daher Liebe. Mit dieser Ethik einher
geht das stete Ausformen von Indifferenz und Nicht-Bindung, denn wir können in letzter
Instanz nur unseren Willen leben, wenn wir die Banden an uns selbst gelöst haben. Jedes
Problem des Strebenden kann unter dieser Perspektive betrachtet werden. Bist du gebunden?
Bist du idiosynkratisch? Hinderst du dich selbst in deinem Willen?

Die Ethik des Willens gebietet: Entwickel dich weiter, übertriff dich! Praktisch wirst du dann
auf dem integralen Pfad wandeln, auf das du dich stets weiter ausdifferenzierst und in diesem
Voranschreiten immer mehr Nicht-Bindung erlangst und zur Freiheit kommst. Du willst, doch
Gott erschafft. Und erste Nicht-Bindung erlangst du, wenn du realsierst, das in Bezug auf die
Ereignisse deines Lebens automatische Stimmungsschwankungen vollkommen unnötig sind.
Lebe ein konzentriertes leben! Du willst, doch Gott erschafft. Warum solltest Du froh über
etwas sein, sein, wenn es doch Gott ist, der alles erschafft und der den Weg bereitet, durch
den du zur Vollendung kommen wirst? Und warum traurig, wenn doch aufgrund deines
Willens alles gut enden wird?

44
Rajas, eines der drei Gunas. Steht für Aktivität, Motivation, Hektik, Streß etc. Gegensatz ist Tamas, Trägheit.
Beide Gunas können umgewandelt werden in Sattvas, der Ruhe und Ausgeglicheheit.

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Appendix

Do what Thou willt shall be the whole of the Law

Love ist the Law, Love under Will

© Tom Eichler 2004 32