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Über das Volksgemeinschaft und Entartete Kunst

Volksgemeinschaft bezeichnete in der politischen Ideenwelt des 20. Jahrhunderts das


völkische Ideal einer weitgehend konfliktfreien, harmonischen Gesellschaft, die
Klassenschranken und Klassenkampf hinter sich gelassen hatte. Seit dem Ersten Weltkrieg
benutzten fast alle deutschen Parteien diesen Begriff. Besonders wirkungsmächtig war die
Formel von der Volksgemeinschaft in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. 1937
definierte Meyers Konversations-Lexikon Volksgemeinschaft als „Zentralbegriff des
nationalsozialistischen Denken[s]“. Der Begriff besteht aus dem Bestimmungswort Volk, dem
Grundwort Gemeinschaft und weist das Fugenelement -s- auf.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden ethnische Zugehörigkeit und Sprache zu
Kriterien der Bestimmung einer Nation. Der Nationsbegriff war stärker mit dem Begriff „Staat“
verknüpft, „Volk“ dagegen ließ sich leichter ethnisch verstehen. Der Begriff
„Volksgemeinschaft“ ersetzte zunehmend den bis dahin geläufigen der „Volksnation“.
„Volksgemeinschaft“ als Gegenbild zur modernen, von Konflikten und sozialen
Gegensätzen geprägten Gesellschaft war für verschiedene politische Gruppierungen –
besonders für konservative, aber auch liberale, nationalbolschewistische und christliche
Bewegungen – attraktiv. Durch den von Ferdinand Tönnies herausgestellten Gegensatz von
Gemeinschaft und Gesellschaft gewann der Begriff der „Volksgemeinschaft“ an Popularität.
In ihm bilden sich die von Tönnies geprägten Antinomien ab: Einheit gegen Pluralität,
Individualismus gegen Verbundenheit der Gemeinschaft, Sonderinteressen gegen
Gemeinwohl. Zunächst war der Gemeinschafts-Begriff politisch noch weitgehend
deutungsoffen; er konnte „national“, „sozialistisch“, „konservativ“ oder „völkisch“
interpretiert werden. Ein Teil dieser Volksgemeinschaften waren die gegen den Klassenkampf
gerichteten Werksgemeinschaften, die ein harmonisches Miteinander von Arbeitgebern und
Arbeitnehmern anstrebten. Sie wurden als „Gelbe“ diskreditiert (Gelb als Farbe des Verrats),
konnten sich aber dennoch bis in die Weimarer Republik organisieren. Obwohl politisch im
Liberalismus gegründet, bildeten sich unter den Werksgemeinschaften auch andere politische
Richtungen heraus, wie etwa mit der Deutschen Werkgemeinschaft (DW, ab 1921) Otto
Dickels eine völkische Gruppierung mit monopolistischem Anspruch.
Das ethnisch definierte Volk war in dieser Vorstellungswelt nicht mehr klassisches
„Staatsvolk“, für das Institutionen und Recht eines Staates charakteristisch sind, sondern
imaginierte Abstammungsgemeinschaften, gemeinschaftliches Blut und Boden waren die
gemeinsamen Merkmale. Dementsprechend wurden die Begriffe von „Staat“ und
„Staatsgebiet“ durch die von „Volk“ und „Lebensraum“ ersetzt. Dieser Lebensraum sei das
Territorium des ethnisch definierten Volkes.
Die Staatswissenschaftler Johann Plenge und Rudolf Kjellén popularisierten die
Vorstellung von einem Staat, in dem „alle mit gleichem Anteil leben“, was auf Inklusion und
Homogenität abzielte. Unterstützt wurde dieser Gedanke von so unterschiedlichen Gelehrten
wie Franz Oppenheimer, Werner Sombart, Ferdinand Tönnies, Max Scheler, Friedrich
Meinecke und Ernst Troeltsch. Die ethnische Definition des Volkes und die Vorstellung der
Homogenität entsprachen jedoch nicht der Zusammensetzung der Bevölkerung auf deutschem
Staatsgebiet. Bereits 1911 wurde die Volksgemeinschaftsidee vom Alldeutschen Verband im
Sinne von Ausgrenzung und Vertreibung Fremdsprachiger verstanden. Juden, Katholiken und
nationale Minderheiten (preußische Polen, französischsprachige Lothringer, Dänen in
Nordschleswig) sollten nicht zur Volksgemeinschaft gehören. Hierbei taten sich insbesondere
Georg von Below, Eduard Meyer, Dietrich Schäfer und Reinhold Seeberg hervor, die der 1917
gegründeten Deutschen Vaterlandspartei nahestanden.
Die Entwicklung zu einem politischen Schlüsselbegriff erfolgte im Ersten Weltkrieg
unter dem Eindruck des Augusterlebnisses von 1914. Nachdem im Reichstag sämtliche
Abgeordnete den Kriegskrediten zugestimmt hatten, entstand in Teilen der Bevölkerung ein
Hochgefühl nationaler Einheit, das Kaiser Wilhelm II. in dem Satz zusammenfasste, er kenne
keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche. Zwei Tage vorher hatte auch die Führung der
sozialdemokratischen Gewerkschaften beschlossen, für die Dauer des Krieges auf
Arbeitskämpfe zu verzichten. In den Großstädten kam es zu nationalistischen
Massendemonstrationen. Die soziale, politische und konfessionelle Spaltung des deutschen
Volkes schien sich in einem Taumel nationaler Begeisterung aufzulösen. Beeindruckt durch
das „Augusterlebnis“ entwickelten zahlreiche Journalisten, Professoren und Intellektuelle
1914/15 in Artikeln und Broschüren die Ideen von 1914, die den Krieg als Ausgangspunkt
einer neuen nationalen Einheit feierten. An diese Publikationen konnten die Nationalsozialisten
während der Weimarer Republik mit ihren Volksgemeinschaftsparolen anschließen.
Nach dem verlorenen Krieg wurde das völkische Denken in Deutschland tragender
Konsens und bestimmend für die nach Armin Mohler so benannte Konservative Revolution,
bestehend aus völkischer Bewegung, Jungkonservativen, Nationalrevolutionären,
Landvolkbewegung und Jugendbewegung (Bündischen). Deutsche definieren sich angesichts
ihrer ursprünglichen staatlichen Zersplitterung anders als beispielsweise Frankreich oder
Großbritannien in der Regel nicht als Staatsnation und tendierten daher auch leichter zu einer
Ethnisierung des Volksbegriffes. In der romantisch geprägten Jugendbewegung des
Wandervogels und besonders des Jungdeutschen Ordens wurde die Volksgemeinschaft
aufbauend auf kleine überschaubare Räume (Nachbarschaftshilfe) als Ideal der künftigen
Gesellschaft propagiert. Gegen die vermeintlich anonyme, von ökonomischen
Nutzenüberlegungen, egoistischem Individualismus und Parteienstreit (das Parlament galt als
Schwatzbude) bestimmte „Gesellschaft“, sollte eine wahre demokratische Gemeinschaft des
Volks verwirklicht werden. Mohler: „Nehmen wir beispielsweise das Individuum. In der
‘Konservativen Revolution’ verliert es seinen unbedingten Wert und wird zum Teil eines
Ganzen – zu einem Teil allerdings, der seine besondere Würde dadurch erhält, dass er Teil eben
dieses Ganzen ist.“ Nach Kellershohn gehört „der Primat des Ganzen, des Volkes, der
Volksgemeinschaft“ zu den „Grundprinzipien des völkischen Denkens und bildet sicherlich
nicht eine Grenze zwischen dem, was Mohler unter Konservativer Revolution versteht, und der
NS-Ideologie.“
Die nationalsozialistische Lehre definierte die Volksgemeinschaft als „die auf
blutmäßiger Verbundenheit, auf gemeinsamem Schicksal und auf gemeinsamem politischen
Glauben beruhende Lebensgemeinschaft eines Volkes, der Klassen- und Standesgegensätze
wesensfremd sind. Die Volksgemeinschaft ist Ausgang und Ziel der Weltanschauung und
Staatsordnung des Nationalsozialismus.“ Dabei war die Zugehörigkeit zur arischen Rasse zwar
eine notwendige Bedingung für die Zugehörigkeit zur (deutschen) Volksgemeinschaft, aber sie
war nicht hinreichend. Die Volksgemeinschaft war eine Gesinnungsgemeinschaft, die das
Bekenntnis zur Weltanschauung des Nationalsozialismus erforderte. „Volksgemeinschaft“ im
Nationalsozialismus versprach soziale Gemeinschaft, Überwindung der Klassengesellschaft,
politische Einheit und nationalen Wiederaufstieg. Große Teile der deutschen Bevölkerung
teilten diese sozialen Ziele und ließen sich durch diese Ziele mobilisieren. Außerdem wirkte
der Begriff Volksgemeinschaft auch ausgrenzend: Wer im Sinne der nationalsozialistischen
Ideologie kein Volksgenosse war, konnte auch nicht an der Volksgemeinschaft teilhaben.
Somit war die Teilhabe an der Volksgemeinschaft ausschließlich den im Sinne der Ideologie
als Arier definierten Deutschen möglich. Die Vorstellung von einer Volksgemeinschaft war
Motor für die Wahlkampferfolge der NSDAP vor 1933; nach 1933 setzte sie erhebliche soziale
Schubkräfte frei, die die Ausbreitung der nationalsozialistischen Organisationswelt
vorantrieben. Diese Ausbreitung war auch ein Ergebnis der flexiblen Anschlussfähigkeit des
Begriffs für unterschiedliche Milieus und persönliche Interessen, so dass „Volksgemeinschaft“
im Alltag der Gesellschaft ganz unterschiedlich verwendet wurde, wie Dietmar von Reeken
und Malte Thießen bemerken: „Die soziale Wirksamkeit dieser Utopie setzte ihre
Vieldeutigkeit voraus. […] Je nach Interesse und Situation ließ sich der Begriff nationalistisch,
antisemitisch oder militaristisch auslegen. Er entsprach Blut-und-Boden- oder
Gleichheitsvorstellungen ebenso wie dem Leistungsgedanken, er stand für Kameradschaft und
Gemeinschaft (vs. Gesellschaft) oder Kultur (vs. Zivilisation) – und gelegentlich auch für alles
zusammen.“ Auch deshalb war diese Volksgemeinschaft eine Zentralmetapher für die sozialen
Seiten des Dritten Reiches und eine der schlagkräftigsten propagandistischen Formeln der
nationalsozialistischen Massenbewegung. Insbesondere bei der jüngeren Generation trug der
Begriff und sein Anspruch auf eine Modernisierung der staatlichen Einrichtungen zur
Legitimation des NS-Regimes bei. Mit dem Begriff der „Volksgemeinschaft“ wurde ein Ideal
sozialer Geborgenheit, politischer Gerechtigkeit und nationaler Erneuerung der deutschen
Gesellschaft propagiert. Wer allerdings nicht zur deutschen „Volksgemeinschaft“ gehörte oder
gehören wollte, wurde ausgegrenzt, zum Feind erklärt oder sogar vernichtet. Merkmale dieser
Ordnungsvorstellungen waren:
Integrationsvorstellungen
• Bekenntnis zur völkischen „Glaubens- und Kampfgemeinschaft“: „Erst wenn der ideale
Drang nach Unabhängigkeit in den Formen militärischer Machtmittel die
kampfesmäßige Organisation erhält, kann der drängende Wunsch eines Volkes in
herrliche Wirklichkeit umgesetzt werden.“ (Adolf Hitler, Mein Kampf) Die ideologisch
maßgebliche Tageszeitung hieß Völkischer Beobachter.
• Propagandistische Ausklammerung aller Unterschiede in Stand, Vermögen, Bildung
und Wissen (dem allerdings später von Joseph Goebbels widersprochen wurde)
• Führer- und Gefolgschaftsprinzip
• Quasi-religiöse Gemeinschaft mit Ritualen durch Massenaufmärsche und Fackelzüge,
Nachtkundgebungen mit „Lichtdomen“, Sakralisierung von Swastika und SS-Rune
(Schutzstaffel), propagandistisch aufgezogene Straßensammlungen für das
Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, der Eintopfsonntag, Ritualformeln (z. B. bei
Gefallenen-Anzeigen: „In stolzer Trauer“).
• Konsequente nationalsozialistische Erziehung (siehe auch: Nationalpolitische
Erziehungsanstalt, Erziehung im Nationalsozialismus)
• Ehrung der Mutter, zum Beispiel durch Mutterkreuz
• Die Unterorganisation Kraft durch Freude (KdF) erlaubte der Regierung, Macht auf die
Freizeitgestaltung der Deutschen auszuüben. Ebenso ermöglichten die Gliederungen
der Hitler-Jugend (Jungvolk, eigentliche Hitlerjugend, Jungmädel, Bund Deutscher
Mädel und das BDM-Werk „Glaube und Schönheit“) dem nationalsozialistischen
Regime Einflussnahme auf das Denken und Handeln der Kinder und Jugendlichen.
Rassistische und antisemitische Exklusion
• Der völkische Staat: „Wir haben schärfstens zu unterscheiden zwischen dem Staat als
einem Gefäß und der Rasse als dem Inhalt […]. Das Deutsche Reich soll als Staat alle
Deutschen umschließen mit der Aufgabe, aus diesem Volke die wertvollen Bestände
an rassischen Urelementen nicht nur zu sammeln und zu erhalten, sondern langsam und
sicher zur beherrschenden Stellung emporzuführen.“
• Durch die Deutsche Arbeitsfront wurden Arbeitnehmer stärker in diese
„Volksgemeinschaft“ eingebunden und Nicht-Anpassungswillige kurzerhand als
„Volksschädlinge“ in Erziehungslager deportiert.
• „Arisierung“, die Enteignung der jüdischen Bevölkerung.
• Germanisierung und „Verteidigung“ des „Deutschtums“ und der Volksdeutschen durch
Eroberungskrieg.
• Rechtfertigung des Verbots von Gewerkschaften, der Verfolgung und Deportation von
Homosexuellen, Kommunisten und Sozialisten, der Zwangssterilisation Behinderter,
der Rassenhygiene durch Vernichtung, des Antiziganismus und zum Verüben des
Holocaust.
Kontroversen über den Realitätsgehalt der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“
Kontrovers wird in der Forschung die Frage diskutiert, ob die „Volksgemeinschaft“ der
Nationalsozialisten in erster Linie eine Propagandaparole war oder ob und inwieweit sie auch
die soziale Realität der „arischen“ deutschen Gesellschaft geprägt hat. Frank Bajohr und
Michael Wildt vertreten die Ansicht, man dürfe die Formel von der Volksgemeinschaft nicht
so verstehen, als seien „soziale Differenzen oder Eigentums- und Besitzverhältnisse im NS-
Deutschland eingeebnet worden“. Vielmehr sei die Volksgemeinschaft in erster Linie eine
„Verheißung“ geblieben. Im krassen Gegensatz dazu behauptet Götz Aly, das NS-Regime habe
für ein „in Deutschland bis dahin nicht gekanntes Maß an Gleichheit und sozialer
Aufwärtsmobilisierung“ gesorgt. Zurückhaltender argumentiert Michael Grüttner, der in
seinem Beitrag für den Gebhardt, davon ausgeht, „dass zumindest in Teilbereichen der
deutschen Gesellschaft“ tatsächlich ernsthafte Versuche unternommen wurden, das
Volksgemeinschaftskonzept in die Praxis umzusetzen. Vor allem im Reichsarbeitsdienst, in
der Hitlerjugend und im Militär habe es „signifikante Egalisierungsprozesse“ gegeben.
Nach 1945: Folgen der Volksgemeinschaft und Erinnerung
Nach Kriegsende war „Volksgemeinschaft“ zwar als Leitbegriff in politischen
Programmen diskreditiert. Allenfalls die Deutsche Reichspartei (DRP) und die Sozialistische
Reichspartei (SRP) warben in den 1950er und 1960er Jahren mit der Volksgemeinschaft als
Wahlziel. Trotzdem finden sich auch jenseits des rechtsradikalen Spektrums in vielen
politischen Debatten offensichtliche Bezüge oder sogar explizite Erwähnungen der
„Volksgemeinschaft“. Der Zeithistoriker Malte Thießen schreibt, dass in Debatten im
Deutschen Bundestag um Entschädigungen, um NS-Kriegsverbrecher oder Emigranten
„völkische“ Grenzen gezogen wurden, an denen die Nachwirkungen der Volksgemeinschaft
deutlich werden. Noch deutlichere Hinweise findet man laut Malte Thießen in Interviews mit
Zeitzeugen: Hier werde die „Volksgemeinschaft“ so oft gebraucht, weil sie „als Kontrastfolie
zur heutigen Zeit [dient], in der es nach Ansicht der Zeitzeugen keinen Zusammenhalt, keine
Kameradschaft oder gegenseitige Hilfe mehr gibt“. Noch schwerere Folgen habe die
„Volksgemeinschaft“ demnach bei Erinnerungen von ehemals Verfolgten. Interviews mit als
Juden, Kommunisten oder politisch Verfolgten oder mit Widerstandskämpfern zeigen nach
Auffassung Thießens, dass die Grenzen der „Volksgemeinschaft“ auch nach 1945 empfunden
wurden. Die ehemals Verfolgten fühlten sich z. T. bis heute als Ausgeschlossene bzw. als
„Gemeinschaftsfremde“ und beziehen sich daher auf die „Volksgemeinschaft“.
Nachwirkungen zeigt die „Volksgemeinschaft“ insbesondere noch in der politischen Kultur
der NPD. Diese wirbt mit Parolen wie „Volksgemeinschaft statt Kapitalismus“ um
Wählerstimmen und instrumentalisiert scheinbar „schöne“ Werte der NS-Zeit für ihre Zwecke.
Im NPD-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 17. Januar 2017 war die
Auseinandersetzung mit dem „von ihr vertretenen Konzept ethnischer Definition der
‚Volksgemeinschaft‘“ ein zentraler Aspekt bei der Feststellung verfassungswidriger Ziele der
Partei. Die AfD Sachsen-Anhalt verwendete den Begriff „Volksgemeinschaft“ in einem
Beitrag auf der Facebook-Seite des Landesverbands.
Entartete Kunst
„Entartete Kunst“ war während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland der
offiziell propagierte Begriff für mit rassentheoretischen Begründungen diffamierte Moderne
Kunst. Der Begriff Entartung wurde Ende des 19. Jahrhunderts von der Medizin auf die Kunst
übertragen. Als „Entartete Kunst“ galten im NS-Regime alle Kunstwerke und kulturellen
Strömungen, die mit der Kunstauffassung und dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten,
der sogenannten Deutschen Kunst, nicht in Einklang zu bringen waren: Expressionismus,
Dadaismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus, Kubismus oder Fauvismus. Darüber hinaus
wurden alle Werke von Künstlern mit jüdischem Hintergrund als entartet bewertet.
Das Wort „Entartung“ stammt ursprünglich aus dem Mittelhochdeutschen, wo es die
Bedeutung „aus der Art schlagen“ hatte. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff erstmals im
abwertenden Zusammenhang benutzt, als der Romantiker Friedrich Schlegel in Bezug auf die
Dichtung der Spätantike von „entarteter Kunst“ schrieb. Der französische Diplomat und
Schriftsteller Joseph Arthur Comte de Gobineau verwendete 1853 den Begriff in seinem Essai
sur l’inégalité des races humaines erstmals in rassisch abwertendem Sinn, jedoch ohne
antisemitische oder deutschnationale Konnotationen. Karl Ludwig Schemann, der Gobineaus
Werk ins Deutsche übersetzte und zwischen 1898 und 1901 veröffentlichte, war Mitglied des
Alldeutschen Verbandes. Richard Wagner veröffentlichte 1850 den Artikel Das Judenthum in
der Musik, in dem er den Einfluss des Judentums in der Musik anprangerte und die
Emanzipation von den Juden forderte. Wagner veröffentlichte weitere theoretische Schriften,
in denen er sich auch mit anderen Kunstgattungen befasste und die zum Teil kontrovers
aufgenommen wurden. 1892/93 publizierte der jüdische Kulturkritiker Max Nordau sein Werk
Entartung, in dem er nachzuweisen versuchte, dass die Entartung der Kunst auf die Entartung
der Künstler zurückgeführt werden kann. Seine Thesen wurden später von den
Nationalsozialisten aufgegriffen, von Hitler zum Teil sogar fast wortwörtlich übernommen.
Auch Kaiser Wilhelm II. äußerte sich in seiner berüchtigten Rinnsteinrede anlässlich der
Eröffnung der Siegesallee am 18. Dezember 1901 abfällig über modernistische
Kunstströmungen.
„Entartete Kunst“: Ecce Homo von Lovis Corinth, 1925
Hafenkneipe von Joachim Ringelnatz, 1933

Diffamierung aller Formen moderner Kunst


Die Nationalsozialisten entwickelten ein gesondertes Kunstideal einer Deutschen Kunst
und verfolgten dem entgegenstehende Kunst, die auch als „Verfallskunst“ und „artfremd“
bezeichnet wurde, weil sie von Pessimismus und Pazifismus geprägt sei. Künstler, deren Werke
nicht den nationalsozialistischen Idealen entsprachen, die Kommunisten oder Juden waren,
wurden verfolgt. Die Nationalsozialisten belegten sie mit Berufs- und Malverboten, ließen ihre
Kunstwerke aus Museen und öffentlichen Sammlungen entfernen, konfiszierten „Entartete
Kunst“, zwangen Künstler zur Emigration oder ermordeten sie. Es gab drei konsequente
Diffamierungs-Maßnahmen der NS-Kulturpolitik: Bücherverbrennung im Mai 1933 in Berlin
und 21 weiteren Städten sowie nach dem Anschluss Österreichs 1938 auch dort, Verfolgung
der Maler und ihrer „entarteten Kunst“ und Verfolgung der „entarteten Musik“ an den
Reichsmusiktagen 1938 in Düsseldorf. Mit der Einführung des Gesetzes zur Wiederherstellung
des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, mit dessen Hilfe jüdische, kommunistische und
weitere unerwünschte Künstler aus öffentlichen Ämtern gewaltsam entfernt wurden, sowie der
Bücherverbrennung 1933 am 10. Mai 1933 mit dem Höhepunkt auf dem Berliner Opernplatz,
wurde bereits in den ersten Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten
deutlich, dass die Vielfalt des Kunstschaffens der Weimarer Republik unwiderruflich zu Ende
war. Der Vernichtungsangriff auf die Moderne und ihre Protagonisten betraf alle Sparten der
Kultur wie Literatur, Filmkunst, Theater, Architektur oder Musik. Moderne Musik wie der
Swing oder der Jazz wurde auf der am 24. Mai 1938 eröffneten Ausstellung „Entartete Musik“
ebenso rücksichtslos diffamiert wie der „Musikbolschewismus“ von international bekannten
Komponisten wie Hanns Eisler, Paul Hindemith oder Arnold Schönberg, von denen die
meisten überdies auch jüdischer Herkunft waren. In der Folge erschien ab 1940 das berüchtigte
Lexikon der Juden in der Musik.
1930–1936
Der vom NS-Volksbildungsminister Thüringens Wilhelm Frick bewirkte Erlass „Wider
die Negerkultur für deutsches Volkstum“ (5. April 1930), der sich gegen die moderne Kunst
richtete, war der Ausgangspunkt des Angriffes auf als „undeutsch“ definierte Einflüsse in der
Kunst. Dies führte im Oktober 1930 zur Überstreichung von Oskar Schlemmers
Wandgestaltung der Weimarer Werkstattgebäude. Weiter betrieb Frick die Auflösung der
Weimarer Bauhausschule und entließ die Lehrerschaft. Er berief Paul Schultze-Naumburg,
einen führenden Vertreter einer rechtskonservativen Bau- und Kulturideologie, zum Direktor
der neugegründeten Vereinigten Kunstlehranstalten Weimar. Unter dessen Leitung wurden im
Weimarer Schlossmuseum Werke von Ernst Barlach, Charles Crodel, Otto Dix, Erich Heckel,
Oskar Kokoschka, Franz Marc, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und anderen entfernt. Zwar
wurde Minister Frick am 1. April 1931 das Vertrauen des Thüringischen Landtages entzogen,
doch die Landtagswahlen vom 31. Juli 1932 brachten der NS-Fraktion die absolute Mehrheit
und öffneten den Zugriff von Weimar auf Berlin, was konsequenterweise dazu führte, dass
exemplarisch die gerade zum Goethejahr 1932 mit Wandmalereien von Charles Crodel
erneuerten Kuranlagen von Bad Lauchstädt im Sommer 1933 teils verbrannt, teils überstrichen
wurden, während in Berlin ein erbitterter Richtungskampf geführt wurde, den Alfred
Rosenberg im Winter 1934/1935 für sich entschied und nach den Olympischen Spielen in
Berlin 1936 umsetzte. Der Künstler Emil Bartoschek malte übertrieben naturalistische Bilder,
die über eine Galerie in der Berliner Friedrichstraße zahlreiche Käufer fanden, um von seiner
abstrakten Malerei abzulenken, die einem kleinen Kreis vorbehalten blieb. Georg Meistermann
berichtete, dass schon Anfang 1933, nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten,
Breker und Radziwill auf den Fluren der Kunstakademie Düsseldorf Grafiken des
Expressionismus einträchtig verurteilten, die dort in herabsetzender Ansicht in einer kleinen
Schau von „Entarteter Kunst“ ausgestellt worden waren.
1936–1945
Auftakt der neuerlichen Verfolgungswelle war die Schließung der Neuen Abteilung der
Nationalgalerie Berlin im Kronprinzenpalais am 30. Oktober 1936 und der Erlass vom 30. Juni
1937, der den neuen Reichskunstkammerpräsidenten Adolf Ziegler ermächtigte, „die im
deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst
seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung
auszuwählen und sicherzustellen“. 1936 erging ein totales Verbot jeglicher Kunst der Moderne.
Hunderte Kunstwerke, vor allem aus dem Bereich der Malerei, wurden aus den Museen
entfernt und entweder für die Ausstellung „Entartete Kunst“ konfisziert, ins Ausland verkauft
oder zerstört. Maler, Schriftsteller und Komponisten erhielten – soweit sie nicht ins Ausland
emigriert waren – Arbeits- und Ausstellungsverbot. Das bereits seit 1933 bestehende
Ankaufsverbot für nichtarische und moderne Kunstwerke wurde verschärft. Die schrittweise
Entrechtung der jüdischen Bevölkerung hatte zur Folge, dass auch zahlreiche Kunstwerke aus
deren Privatbesitz in die Hand des Staates fielen und, sofern sie als „entartet“ galten, vernichtet
oder ins Ausland verkauft wurden.
Gedenktafel in der Köpenicker Straße in Berlin vor einem ehemaligen Depot für „Entartete Kunst“

Bekannte verfemte Künstler


Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gaben diese in
aggressiver Weise mit polizeilich erzwungenen Ausstellungsschließungen und verbalen wie
tätlichen Angriffen auf Künstler und kulturelle Vereine die Linie vor, die sie hinsichtlich der
Kulturpolitik in den Folgejahren durchzusetzen gedachten. Als Reaktion darauf flohen viele
Künstler in die Nachbarstaaten Deutschlands. Weitere Fluchtwellen wurden durch die
Nürnberger Gesetze 1935 ausgelöst, sowie durch die Diffamierung als „Entartete“ Kunst und
die Novemberpogrome 1938. Beispielsweise flohen 64 Hamburger Künstler in 23
unterschiedliche Länder. Als „entartet“ galten unter anderem die Werke von Ernst Barlach,
Willi Baumeister, Max Beckmann, Karl Caspar, Maria Caspar-Filser, Marc Chagall, Giorgio
de Chirico, Lovis Corinth, Otto Dix, Max Ernst, Otto Freundlich, Paul Gauguin, Wilhelm
Geyer, Otto Griebel, George Grosz, Werner Heuser, Karl Hofer, Karl Hubbuch, Hans Jürgen
Kallmann, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Käthe
Kollwitz, Wilhelm Lehmbruck, Elfriede Lohse-Wächtler, Gerhard Marcks, Ludwig Meidner,
Paula Modersohn-Becker, Piet Mondrian, Rudolf Möller, Otto Pankok, Max Pechstein, Pablo
Picasso, Christian Rohlfs, Oskar Schlemmer, Karl Schmidt-Rottluff und Werner Scholz.
Die Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1937
Die Ausstellung „Entartete Kunst“ wurde am 19. Juli 1937 in München in den
Hofgarten-Arkaden eröffnet und zeigte 650 konfiszierte Kunstwerke aus 32 deutschen Museen.
Sie wanderte reichsweit auch an andere Häuser und wurde Schulklassen und Parteinahen
Verbänden "vorgeführt". Über zwei Millionen Besucher sahen sie. Das ist deutlich ein
Vielfaches als die zeitgleich stattfindende Große Deutsche Kunstausstellung im Haus der
Deutschen Kunst, die von 420.000 Menschen besucht wurde. Das (propagierte) Interesse an
der verspotteten Kunst war also viel größer als das an der offiziell gefeierten. Die Ausstellung
wurde von Joseph Goebbels initiiert und von Adolf Ziegler, dem Präsidenten der
Reichskammer der bildenden Künste, geleitet. Gleichzeitig setzte mit der Beschlagnahme von
insgesamt rund 16.000 modernen Kunstwerken, die zum Teil ins Ausland verkauft oder zerstört
wurden, die „Säuberung“ der deutschen Kunstsammlungen ein, wobei anscheinend aus
Museen im Besitz jüdischer Sammler z. T. auch ältere Kunstwerke betroffen waren.
Handzettel zur Ausstellung 1937 in München
Die Ausstellung ging als Wanderausstellung durch die Großstädte des Reichs. Nach
Berlin wurde sie, nach dem am 13. März 1938 verkündeten Anschluss Österreichs an das
Deutsche Reich, vom 7. Mai bis 18. Juni im Wiener Künstlerhaus, vom 4. bis zum 25. August
im Salzburger Festspielhaus und in Hamburg vom 11. November bis 31. Dezember 1938
gezeigt. Von Februar 1938 bis April 1941 wurde sie in folgenden (bisher bekannten) Städten
gezeigt: Berlin, Leipzig, Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt am Main, Wien, Salzburg, Stettin
und Halle. Die Ausstellung „Entartete Kunst“ setzte die Exponate mit Zeichnungen von geistig
Behinderten gleich und kombinierte sie mit Fotos verkrüppelter Menschen, die bei den
Besuchern Abscheu und Beklemmungen erregen sollten. So sollte der Kunstbegriff der
avantgardistischen Moderne ad absurdum geführt und moderne Kunst als „entartet“ und als
Verfallserscheinung verstanden werden. Diese Präsentation „kranker“, „jüdisch-
bolschewistischer“ Kunst diente auch zur Legitimierung der Verfolgung „rassisch
Minderwertiger“ und „politischer Gegner“.

… und 1938 in Berlin

Beschlagnahme von Kunstwerken


Hitler ordnete am 24. Juli 1937 an, dass alle Museen und öffentlichen Ausstellungen
Werke herausgeben mussten, die Ausdruck des „Kulturverfalls“ waren. Im Juli 1937
beschlagnahmte die Reichskammer der Bildenden Künste z. B. aus der Hamburger Kunsthalle
72 Gemälde, 296 Aquarelle, Pastelle und Handzeichnungen, 926 Radierungen, Holzschnitte
und Lithografien sowie acht Skulpturen. Einige Werke aus dieser Beschlagnahmewelle wurden
in die oben dargestellte Wanderausstellung „Entartete Kunst“ aufgenommen. In weiteren
Beschlagnahmeaktionen ab August 1937 wurden insgesamt etwa 20.000 Kunstwerke von 1400
Künstlern aus über 100 Museen entfernt. Darunter befanden sich auch Leihgaben aus
Privatbesitz, wie zum Beispiel 13 Gemälde aus der Sammlung von Sophie Lissitzky-Küppers,
die im Provinzialmuseum Hannover konfisziert wurden.
Verwertung „Entarteter Kunst“
Die beschlagnahmten Werke kamen in Depots in Berlin (z. B. in den Viktoria-Speicher,
Köpenicker Straße) und in das Schloss Schönhausen. Die Enteignung der Museen wurde durch
das Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst nachträglich am 31. Mai 1938
legitimiert. Göring schlug einen devisenbringenden Verkauf der Kunstwerke im Ausland vor,
Hitler tauschte einige gegen alte Meister. Im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin-Kreuzberg
wurden am 20. März 1939 nach offizieller Verlautbarung 1004 Gemälde und 3825 Grafiken
verbrannt, manche sollen beiseitegeschafft worden sein. 125 Werke waren für eine
Versteigerung in der Schweiz vorgesehen. Eine von Göring und anderen eingesetzte
Kommission zur Verwertung der Produkte entarteter Kunst schätzte die Mindestgebote und
wählte schließlich das Auktionshaus Theodor Fischer in Luzern für die Auktion aus. Diese
Auktion fand am 30. Juni 1939 statt und fand großes Interesse in der ganzen Welt. Allerdings
waren die Ergebnisse für die Werke der verfemten Künstler ziemlich niedrig, denn es war
bekannt geworden, dass Nazideutschland mit dem Verkauf seinen Devisenstatus verbessern
wollte. Viele, aber nicht alle Werke wurden verkauft. Weitere Verkäufe von enteigneten
Werken im Auftrag des Reiches wurden größtenteils durch die vier Kunsthändler Bernhard A.
Böhmer, Karl Buchholz, Hildebrand Gurlitt, Ferdinand Möller sowie in geringerem Rahmen
durch Paul Graupe, Karl Haberstock, Hansjoachim Quantmeyer und anderen getätigt. Das
Sammler-Ehepaar Sophie und Emanuel Fohn erwarb Werke sogenannter entarteter Kunst oder
tauschte solche gegen Arbeiten von Künstlern aus dem 18. und 19. Jahrhundert. So entstand
bereits während der NS-Zeit die Sammlung Sophie und Emanuel Fohn, die 1964 durch
Schenkung in den Besitz der Bayrische Staatsgemäldesammlung überging. Ein Bestand an
nicht verkauften Kunstwerken wurden am 20. März 1939 von der Berliner Feuerwehr in einer
als Übung bezeichneten Aktion verbrannt. Dabei wurden fünftausend Gemälde, Plastiken,
Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken vernichtet.
„Nach dem Abschlußbericht, den Goebbels Hitler am 4. Juli 1939 gab, sollen die meisten
Kunstwerke vernichtet oder magaziniert, ein Teil von 300 Gemälden und Plastiken sowie 3000
Graphiken ins Ausland verkauft worden sein.“
Bildnis des Dr. Gachet von Vincent van Gogh, gelangte in die Privatsammlung von Hermann Göring

Endgültige Verluste für die Museen


Viele deutsche Museen hatten zwischen den Weltkriegen durch Ankauf und
Schenkungen bedeutende Sammlungen Moderner Kunst erworben. Durch die
Beschlagnahmen im Rahmen der Propaganda-Aktion „Entartete Kunst“ im Sommer 1937
wurde den Museen ein großer Teil ihres Bestandes entschädigungslos entzogen. So beklagte
etwa der frühere Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Hentzen, den großen
künstlerischen wie materiellen Verlust: „Der Ausbau [der Sammlung] geht nur langsam
vorwärts, immer langsamer, je mehr unseren unzulänglichen Mitteln die Kunstmarkt-Preise
davonlaufen, und es ist heute schon zu befürchten, daß manche schwere Lücke nicht mehr
geschlossen werden kann. […] Die Erklärung für diese Mängel und Lücken ist die gleiche, die
alle deutschen Museen geben müssen. Der Grundstock der zeitgenössischen Sammlung, den
Gustav Pauli von 1914 bis 1933 sorgsam wägend aufgebaut hatte, ist 1937 durch
Beschlagnahme und Verkauf vernichtet worden – in einem Ausmaße, daß in dieser Auswahl
nur fünf Erwerbungen aus seiner Zeit auftauchen. […] Alles, was Pauli an Werken jüngerer
Zeitgenossen erworben hatte, Hauptwerke von Munch, Nolde, Kirchner, Schmidt-Rottluff,
Heckel, Kokoschka, Franz Marc, ja sogar ein Frühwerk der blauen Periode von Picasso, fiel
dem Bildersturm zum Opfer und befindet sich heute in Museen und Privatsammlungen des
Auslands. Der Verlust wird nie wieder ganz wettzumachen sein.“
Vergessene verfemte Künstler
Viele der als entartet diffamierten Maler werden heute zu den „vergessenen Künstlern“
bzw. zur Verschollenen Generation gezählt, weil sie selber in Armut starben, zur Selbsttötung
getrieben oder ermordet wurden und ihre Werke als „entartet“ konfisziert und größtenteils
vernichtet wurden. Selbst denen, die überlebten, gelang es nach dem Zweiten Weltkrieg
oftmals nicht mehr, wieder Anerkennung zu erlangen, weil sie sich in ihrem Stil zwar
weiterentwickelt hatten, sich aber nicht mit den neuen Kunstrichtungen identifizieren wollten.
Zu den „vergessenen Künstlern“ gehören u. a. Jankel Adler, Walter Gramatté, Curt
Grosspietsch, Maximilian Jahns, Rudolf Jahns, Richard Haizmann, Ludwig Haller-Rechtern,
Fritz Heinsheimer, Werner Hofmann, Johannes Molzahn, Gerta Overbeck-Schenk, Curt
Querner, Carl Rabus, Anita Rée, Grete Schick, Fritz Schulze, Kurt Scheele, Erich Schmid,
Georg Alfred Stockburger, Fritz Stuckenberg, Franz Wilhelm Seiwert, Kasia von Szadurska,
Oscar Zügel und Werner Scholz.
Der Kunstsammler Gerhard Schneider erwarb seit Mitte der 1980er Jahre den Nachlass
des 1942 gestorbenen Malers Valentin Nagel sowie realistisch-expressive Arbeiten anderer
Künstler, die verfemt in Vergessenheit geraten waren und macht sie der Öffentlichkeit bekannt.
Das 2015 gegründete, von der Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und dem
Exil-Pen (P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland) initiierte Zentrum für
verfolgte Künste in Solingen, widmet sich der Aufarbeitung der vergessenen Künstler. Zu
ihnen gehören neben bildenden Künstlern auch Schriftsteller, Musiker, Komponisten,
Schauspieler, Tänzer usw. Das Zentrum für verfolgte Künste zeigt in zwei Dauerausstellungen
die vergessenen Künstler aus den Bereichen Malerei und Literatur und ergänzt in
Wechselausstellungen das Thema.
Forschungsprojekt
Die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ wurde im Frühjahr 2003, initiiert und
hauptsächlich finanziert von der Ferdinand-Möller-Stiftung, am Kunsthistorischen Institut der
Freien Universität Berlin ins Leben gerufen. Die Leitung obliegt Klaus Krüger, Professor am
Kunsthistorischen Institut der FU Berlin. Koordinatorin ist Meike Hoffmann unter Mitarbeit
von Andreas Hüneke. Seit 2016 wird die Forschungsstelle von der Beauftragten der
Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters gefördert. Im April 2004 entstand
ein gleichnamiges Schwesternprojekt am Kunsthistorischen Seminar der Universität Hamburg.
Im Fokus der Forschungen stehen die Methoden nationalsozialistischer Kunstpolitik,
insbesondere Vorgeschichte, Ereignisse sowie Auswirkungen der Beschlagnahme moderner
Kunstwerke in deutschen Museen 1937. Eingebunden darin sind Recherchen zu den
Femeausstellungen moderner Kunst seit 1933 und zu der Propagandaschau „Entartete Kunst“
mit ihren zahlreichen Stationen zwischen 1937 und 1941. Darüber hinaus werden das Schicksal
der betroffenen Künstler, die Strategien der Museumsleiter und die Rolle der Kunsthändler
dabei erforscht. Wichtiges Ziel ist die Erstellung eines Gesamtverzeichnisses aller
beschlagnahmten Werke der „Entarteten Kunst“. Eine Schriftenreihe gibt den Forschungsstand
wider. Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts liegt auf der universitären Lehre zur
Provenienzforschung. Hinzu kommt die praktische Anleitung zum Umgang mit Primärquellen
und zur Auswertung von Archivmaterial sowie die Kooperation mit Berliner Museen und
Institutionen, die sich mit nationalsozialistischer Raubkunst und Restitution beschäftigen.
Literatur
Fritz Kaiser (Hrsg.): Entartete „Kunst“. Ausstellungsführer. Zusammengestellt von der
Reichspropagandaleitung der NSDAP, Amtsleitung Kultur. Verlag für Kultur- und
Wirtschaftswerbung, Berlin 1937. 32, Seiten, 56 Abbildungen; wahrscheinlich erst ab 1938 in
Berlin als Ausstellungsführer eingesetzt.
Jürgen Claus (Katalog, Text, Dokumentation): „Entartete Kunst.“ Bildersturm vor 25 Jahren.
Ausstellungskatalog Haus der Kunst München, 25. Oktober – 16. Dezember 1962.
Entartete Kunst. Ausstellungsführer, München-Berlin 1937. Reprint des Originals von 1937.
König, Köln ISBN 3-88375-086-7. (Teildruck der Ausgabe Stationen der Moderne. Kataloge
epochaler Kunstausstellungen in Deutschland 1910–1962, ISBN 3-88375-082-4)
Weiterer Reprint der Originalbroschüre: 1969 im Verlag Y. Fongi, München, mit getrennt
beigefügten Zitaten von NS-Ideologen zur Kunst, von NS-Zeitschriften der 1960er Jahre und
von Personen, die im Streit um die Münchener Kunstakademie 1969 eine Rolle spielten
(Hermann Kaspar, F. J. Strauß, u. a.).
Wien 1938. Katalog zur 110. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien
vom 11. März – 30. Juni 1988. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1988, ISBN 3-215-07022-
7.
Norbert Berghof (Red.): Kunst in der Verfolgung: Entartete Kunst (Ausstellung) 1937 in
München. 18 Beispiele. Neckar, Villingen 1998. Begleitheft: Lebensdaten und Selbstzeugnisse
(der Künstler). ebd. 1998.
Sabine Brantl: Haus der Kunst München. Ein Ort und seine Geschichte im
Nationalsozialismus. Allitera, München 2007, ISBN 3-86520-242-X.
Hildegard Brenner: Die Kunstpolitik des Nationalsozialismus. Rowohlts deutsche
Enzyklopädie 167/168. Rowohlt, Reinbek 1963.
Christine Fischer-Defoy, Kaspar Nürnberg (Hrsg.): Gute Geschäfte – Kunsthandel in Berlin
1933–1944. Aktives Museum Faschismus und Widerstand, Berlin 2011, ISBN 978-3-00-
034061-1 (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Centrum Judaicum (10. April – 31. Juli
2011) und im Landesarchiv Berlin (20. Oktober 2011 – 27. Januar 2012)).
Uwe Fleckner (Hrsg.): Angriff auf die Avantgarde. Kunst und Kunstpolitik im
Nationalsozialismus. Akademie, Berlin 2007, ISBN 3-05-004062-9.
Boris Thorsten Grell: „Entartete Kunst“. Rechtsprobleme der Erfassung und des späteren
Schicksals der sogenannten entarteten Kunst. Dissertation an der Universität Zürich, 1999.
Berthold Hinz: Die Malerei im deutschen Faschismus. Kunst und Konterrevolution. Heyne,
München 1984, ISBN 3-453-01906-7.
Dina Kashapova: Kunst, Diskurs und Nationalsozialismus. Semantische und pragmatische
Studien. Reihe Germanistische Linguistik, 266. Niemeyer, Tübingen 2006, ISBN 3-484-
31266-1.
Georg Kreis et al.: „Entartete“ Kunst für Basel. Die Herausforderung von 1939. Wiese, Basel
1990, ISBN 3-909158-31-5. (Die 21 Ankäufe aus Deutschland und wie es dazu kam.)
Hans-Peter Lühr: Die Ausstellung „Entartete Kunst“ und der Beginn der NS-Barbarei in
Dresden. Geschichtsverein, Dresden 2004, ISBN 3-910055-70-2.
Beate Marks-Hanssen: Innere Emigration? Verfemte Künstlerinnen und Künstler in der Zeit
des Nationalsozialismus. dissertation.de, Berlin 2006, ISBN 3-86624-169-0.
Brigitte Pedde: Willi Baumeister 1889–1955. Schöpfer aus dem Unbekannten. epubli, Berlin
2013. ISBN 978-3-8442-6815-7 (Open-Access-Ausgabe)
Franz Roh: Entartete Kunst. Kunstbarbarei im Dritten Reich. Fackelträger, Hannover 1962;
enthält auch die sonst schwer erhältliche originale NS-Broschüre zur Ausstellung „Entartete
Kunst“, für München u. a. Orte, genannt „Ausstellungsführer“ (Cover) bzw. „Führer durch die
Ausstellung“ (Titel) als Nachdruck.
Christian Saehrendt: „Die Brücke“ zwischen Staatskunst und Verfemung. Expressionistische
Kunst als Politikum in der Weimarer Republik, im „Dritten Reich“ und im Kalten Krieg.
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(Hrsg.): Pallas Athene. Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Band 13).
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Zit. nach Malte Thießen: Schöne Zeiten? Erinnerungen an die „Volksgemeinschaft“ nach 1945,
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Malte Thießen: Erinnerungen an die „Volksgemeinschaft“. Integration und Exklusion im
kommunalen und kommunikativen Gedächtnis, in: Detlef Schmiechen-Ackermann (Hg.):
„Volksgemeinschaft“: Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im
„Dritten Reich“?, Schöningh, Paderborn 2012, S. 319–334.
Günter Platzdasch: Walter Benjamin und das NPD-Urteil. 17. Januar 2017, abgerufen am 23.
Januar 2017.
Neurechter Kurs: Die AfD und die „Volksgemeinschaft“, tagesschau.de, 29. Dezember 2015.