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Grundlinien

der Philosophie
des Rechts:
Politik, Moral
und Gesetz 
João Marcos Brandet
Grundlinien der Philosophie des Rechts: Politik, Moral und Gesetz

Die Rechtsphilosophie wendet Erkenntnisse und Methoden der allgemeinen Philosophie,


insbesondere der Wissenschaftstheorie, der Logik, aber auch der Sprachwissenschaft und Semiotik
auf das Recht und auf die Rechtswissenschaft an. Ein Beispiel aus neuerer Zeit ist die Anwendung
der Diskurstheorie auf die juristische Argumentation durch Jürgen Habermas und Robert Alexy.
Dabei spricht man vermehrt seit einiger Zeit auch von Rechtstheorie, deren Verhältnis zur
Rechtsphilosophie schwer abzugrenzen ist. Gegenstand der Rechtsphilosophie sind nicht die
Rechtsanwendung selbst (also die juristische Methodenlehre) oder die Untersuchung der sozialen
Praxis des Rechts. Die Rechtsgeschichte untersucht die Entwicklung des Rechts aus historischer
Sicht. Die Rechtsdogmatik beschreibt dagegen die Strukturen und Elemente des derzeit geltenden
positiven Rechts. Dabei fließen insbesondere in die Auseinandersetzungen zum Rechtsbegriff stets
auch Argumente und Überlegungen aus den anderen Gebieten und rechtswissenschaftlichen
Grundlagenfächern mit ein. Eine scharfe Trennung zur übrigen Philosophie oder zu den Rechts-
oder Sozialwissenschaften ist deshalb nicht möglich. Ein Teilgebiet sowohl der Rechtsphilosophie
als auch der Politikwissenschaft ist die Staatstheorie (auch: Staatsphilosophie, politische
Philosophie). Die Rechtsphilosophie greift weiter als die Staatsphilosophie, weil sie, insbesondere
als Rechtstheorie, das Recht selbst allgemein untersucht, nicht nur in seinem Bezug zum Staat.
Andererseits liegen jeder Rechtsphilosophie und auch jeder Rechtstheorie immer bestimmte
Grundannahmen über den Staat (also etwa die Staatsform, die Regierung oder das Verfahren der
Gesetzgebung) zugrunde, die auf den Geltungsgrund und auf die Funktion des Rechts
zurückwirken. Das Recht hat in einem totalitären Staat eine ganz andere Funktion als in einem
demokratischen Staat, und es kommt formell und materiell jeweils auf ganz andere Weise zustande.
Immanuel Kants Rechtsphilosophie, dargelegt in seinem Spätwerk Metaphysik der Sitten (1797),
unterscheidet sich von den naturrechtlichen Ansätzen der Aufklärung insoweit, als er aus der – von
ihm ebenfalls entwickelten – Sozialanthropologie keine Folgerungen für Inhalt und Geltung des
Rechts herleitet. Ebenso wie für David Hume existiert nämlich auch für Kant ein kategorialer
Unterschied zwischen „Sein und Sollen“, weshalb aus der empirisch gegebenen Natur des
Menschen (seinem Sein) keine rechtlichen oder moralischen Gebote (also kein Sollen) folgen
könnten (vgl: Humes Gesetz). Hierin liegt der Unterschied zum Naturrecht. Das Recht ist vielmehr
aus der (praktischen) Vernunft heraus zu erkennen. Empirie und Metaphysik sind in seiner
Rechtsphilosophie somit streng voneinander getrennt. Mit dem Naturrecht gemeinsam ist Kant die
Ablehnung der (politischen, physischen) Macht als Geltungsgrund für das Recht. Das Recht hat für
Kant keinen zufälligen oder – in diesem Sinne – politischen Inhalt (so aber der Rechtsrealismus).
Nicht jedes Recht sei rechtens, es müsse einen bestimmten Inhalt haben. Dieser Inhalt könne nur
erkenntnistheoretisch nach Maßgabe des kategorischen Rechtsimperativs (Otfried Höffe) bestimmt
werden. Das Recht ist ein System vernünftiger Ordnung der Freiheit oder, wie Kant sagt, „der
Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach
einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“ Die vom Recht
gewährleisteten Handlungsfreiheiten sind also wechselbezüglich: Die Freiheiten eines jeden finden
ihre Grenzen an den Freiheiten anderer. Doch hat eine vernünftige Ordnung der Freiheit außer den
von Kant bezeichneten formalen Freiheitsbegrenzungen auch materielle Komponenten, nämlich
eine angemessene Verteilung der realen Entfaltungsmöglichkeiten, insbesondere der
Bildungschancen. So soll, sagt Fichte, der selber Sohn eines Bandwirkers war, jedem die Chance
geboten werden, durch persönliche Leistung etwas zu erwerben, und es soll „nur an ihm selber
liegen, wenn einer unangenehmer lebt.“ Moralische Urteile sind Urteilssprüche des Gewissens. In
Anlehnung hieran kann man das Rechtsgefühl als vernunftgeleitetes, verallgemeinerungsfähiges
Urteil des Gewissens darüber verstehen, was recht ist.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel setzt in seiner „Rechtsphilosophie“ die Idee der Freiheit mit dem
Begriff des „objektiven Geistes“ in ganzheitlicher Weise absolut und meint die Verwirklichung des
freien Willens im Bereich des Sozialen (Grundlinien der Philosophie des Rechts). Hegels
Rechtslehre von der gegenseitigen Anerkennung als autonomes Subjekt greifen in unterschiedlicher
Weise eine Reihe von heutigen Rechtsphilosophen auf (Norbert Hoerster, Günther Jakobs, Kurt
Seelmann u. a.). Hegels Deutung des Rechts gehört zu den Traditionen des wirkungsmächtigen
Gedanken des Rechtsstaates.
Gustav Radbruchs „Rechtsphilosophie“ (von 1932) steht Modell für das Fach Rechtsphilosophie, so
wie es im Rahmen der deutschen Rechtswissenschaft innerhalb eines demokratischen
Verfassungssystems gelehrt wird. Radbruchs Rechtsphilosophie entstammt zunächst einmal dem
Neukantianismus, der davon ausgeht, dass eine kategoriale Kluft zwischen Sein und Sollen besteht.
Werte können demzufolge nicht erkannt werden, man kann sich zu ihnen nur bekennen. Aber
Radbruch vertritt darüber hinaus einen Methodentrialismus. Zu den empirischen Wissenschaften
von der Natur und den idealistischen Wertlehren träten die Kulturwissenschaften hinzu, zu denen
auch das Recht gehöre. Rechtsphilosophie sei eine Form der Kulturphilosophie. Die Idee des Rechts
bildet für Radbruch die Gerechtigkeit. Diese umfasse die Gleichheit, die Zweckmäßigkeit und die
Rechtssicherheit. Die berühmte Radbruchsche Formel lautet: „Der Konflikt zwischen Gerechtigkeit
und Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, dass das positive Recht auch dann den Vorrang hat,
wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmäßig ist. Es sei denn, dass der Widerspruch zur
Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht hat, dass das Gesetz als „unrichtiges Recht“ der
Gerechtigkeit zu weichen hat.“ Gesprochen wird auch vom „ethischen Minimum“ des Rechts.
Der Rechtspositivismus ist die positivistische Auseinandersetzung mit dem Recht. Nach dieser
Auffassung werden als Recht nur die positiv gesetzten Normen als Gegenstand betrachtet, nicht
hingegen metaphysisch begründetes Sollen. Es gibt kein Recht außerhalb des von staatlichen (oder
anderen) Organen gesetzten Rechts. Rechtsnormen entstehen somit in einem bestimmten Verfahren.
Der Rechtspositivismus ist somit dem Naturrecht diametral entgegengesetzt, wobei dies nicht
zwangsläufig ein „tertium non datur“ bedeuten muss. Bekannte Vertreter des Rechtspositivismus
sind Jeremy Bentham, John Austin, H.L.A. Hart („The Concept of Law“, „Der Begriff des Rechts“),
Joseph Raz, Norbert Hoerster und Hans Kelsen („Reine Rechtslehre“). Nach Hart gibt es zwei Arten
von Rechtsnormen: primäre, die das eigentliche materielle Recht enthalten, und sekundäre, in denen
geregelt ist, wie primäre Normen gesetzt werden sollen. Primäre Normen sind nur insoweit gültige
Normen, als sie in Übereinstimmung mit den sekundären Normen gesetzt worden sind. Hierdurch
entsteht das Problem des Geltungsgrunds der sekundären Normen. Es kommt zu einem Regress der
rechtfertigenden Normen. Hans Kelsen löst die Frage des letzten Geltungsgrunds mit der
sogenannten Grundnorm. Der Rechtspositivismus ist gerade in neuerer Zeit nicht unerheblicher
Kritik ausgesetzt gewesen. Er ist vor allem im angelsächsischen Raum vorherrschend. Nachdem
schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Gustav Radbruch, ein Neukantianer, den Positivismus für
die Verbrechen der Nationalsozialisten verantwortlich gemacht hatte (Radbruchsche Formel;
hiergegen: H. L. A. Hart, Positivism and the Separation of Law and Morals, 71 Harvard Law
Review 593 [1958]), ging auch das Grundgesetz nicht von einem rein positivistischen Rechtsbegriff
aus (Absage an den Gesetzespositivismus). Rechtsprechung und Verwaltung sind demgemäß in Art.
20 Abs. 3 GG „an Gesetz und Recht“ gebunden, nicht nur an das Gesetz. Seit den 1970er Jahren
haben sich vor allem in Amerika Ronald Dworkin („Taking Rights Seriously“, dt.: „Bürgerrechte
ernst genommen“) und in Deutschland Robert Alexy („Begriff und Geltung des Rechts“) gegen rein
(gesetzes-)positivistische Ansätze gewandt und die Auffassung vertreten, es gebe neben „rules“
auch „rights“, auf die sich der Bürger gegenüber dem Staat berufen könne, auch zur Begründung
eines Widerstands gegen das staatliche Recht. Teilweise argumentiert dies jedoch an den Aussagen
des Rechtspositivismus vorbei, da die meisten positivistischen Theorien lediglich einen
erkenntnistheoretischen Anspruch erheben, nicht aber die Frage nach dem „richtigen Recht“
beantworten wollen.
Ausgehend vom Rechtspositivismus und von der analytischen Philosophie hat sich in neuerer Zeit
eine eigenständige, interdisziplinäre Rechtstheorie entwickelt, die so vielfältig ist, dass sie nicht auf
einen gemeinsamen Nenner gebracht werden kann. Gemeinsam ist allen rechtstheoretischen
Ansätzen, dass sie das Recht grundsätzlich als eigenständiges System von Normen, die in einer
bestimmten Weise gesetzt worden sind, und von den gesellschaftlichen Gegebenheiten gelöst, also
abstrakt diskutieren und untersuchen. Auch die Diskurstheorie und die Systemtheorie des Rechts
zählen deshalb hierzu (s. u.). Ausgangspunkt ist die Beschäftigung mit Normen und deren
Auslegung mit den Mitteln der Sprachphilosophie und der Semantik bzw. der Semiotik. Damit wird
ein Zugang zum Recht über die Erkenntnistheorie und über die formale Logik eröffnet. Hans-
Joachim Koch und Helmut Rüßmann haben in ihrer „Juristischen Begründungslehre“
rechtstheoretische Ansätze für die juristische Methodenlehre erschlossen. Während die
Rechtsphilosophie vor allem auch die Frage nach der Gerechtigkeit stellt, geht es der Rechtstheorie
nicht um Fragen der inhaltlichen Richtigkeit von Recht. Diese könne man (nach Ansicht des
juristischen Positivismus) nicht erkennen. Wissenschaftlich erforschbar seien nur die logische
Struktur von Rechtsbegriffen und Rechtssätzen und deren axiomatische Ableitbarkeit und
systematische Ordnung. Zu nennen sind Jürgen Rödig, Eike von Savigny, Norbert Hoerster und
Robert Alexy. Hieraus ist auch die Gesetzgebungslehre entstanden. Damit ist das Fach aber nicht
ein für alle Mal festgelegt. Es ist vielmehr für neue Entwicklungen offen und kann beispielsweise
auch Ansätze aus den Naturwissenschaften oder der Medizin, sofern sie für das Recht von
Bedeutung sind, aufgreifen.
Die Diskurstheorie des Rechts ist ein neuerer Ansatz, der auf der allgemeinen Diskurstheorie
aufbaut, die von Jürgen Habermas in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ entwickelt
und in „Faktizität und Geltung“ speziell mit Blick auf das Recht weiter ausgebaut wurde. Kernstück
der Diskurstheorie ist die sogenannte „ideale Sprechsituation“, in der alle Beteiligten ausschließlich
sachlich orientiert und gleichberechtigt miteinander kommunizieren, um auf diese Weise zu einem
gemeinsamen, von allen getragenen Ergebnis zu gelangen, das für alle gleichermaßen „gilt“, weil es
in einem bestimmten Verfahren – dem Diskurs – erarbeitet worden ist, bei dem keiner benachteiligt
wurde und in dem nur sachliche Argumente zählten. Der Geltungsgrund des Rechts liegt demnach
im Konsens der Beteiligten aufgrund eines Diskurses. Die Diskurstheorie ist eine Theorie von der
Geltung sozialer Normen, die speziell für moderne, pluralistische Gesellschaften entworfen wurde,
in der es keine für alle Fälle verbindlichen materiellen Leitbilder mehr gibt, sondern alle
Betroffenen jeweils von Fall zu Fall diskutieren müssen, welche Lösung gelten soll. Dieser Ansatz
ist auf das Recht nicht ohne weiteres übertragbar. Das justizielle Verfahren ist ebenso wenig wie ein
außergerichtlicher Streit, der durch eine einvernehmliche Einigung, einen sogenannten „Vergleich“
zwischen den Beteiligten also, beigelegt wird, eine „ideale Sprechsituation“ im Sinne der
Diskurstheorie. Für die Gesetzgebung bestehen wiederum andere Probleme. Robert Alexy schränkt
die Anforderungen an den juristischen Diskurs in seiner „Theorie der juristischen Argumentation“
deshalb dahingehend ein, dass eine juristische Entscheidung jedenfalls sachlich zutreffend
begründet sein müsse. Aber auch er fordert zumindest die Anlage nicht nur der Gesetzgebung,
sondern auch einer richterlichen Entscheidung als – pluralistischen – Diskurs.
Die ökonomische Theorie des Rechts ist – auch in den USA – beachtlicher Kritik ausgesetzt. Ihr
wird entgegengehalten, sie übersehe, dass Menschen auch nach nicht-ökonomischen
Rationalitätskalkülen handeln. Sie blende wichtige Gesichtspunkte aus, indem sie sich auf
ökonomische Aspekte als allein sinnvolle oder empfehlenswerte Handlungsmotivation beschränke.
Es sei eine empfindliche Verkürzung in der Sache, den Inhalt des Rechts und die Legitimität seiner
Geltung allein auf den Aspekt der wirtschaftlichen Effizienz zurückführen zu wollen. Aspekte, die
in diesem Modell nicht abzubilden seien, seien etwa das Rechtsgefühl (von dem Ernst Blochs
Rechtsphilosophie ausgeht) oder der Wunsch nach einem Zuwachs an (politischer, wirtschaftlicher,
zwischenmenschlicher) Macht durch die Gestaltung von Rechtsbeziehungen oder durch das Führen
von Verfahren. Einem religiös geprägten Menschen dagegen komme es nicht auf die Maximierung
seines ökonomischen Nutzens, sondern der Gottgefälligkeit seines Handelns an. Vertreter der
ökonomischen Analyse des Rechts entgegnen, dass Zweck-Mittel-Kalküle in anderen
Gesellschaftsbereichen dem ökonomischen ähnelten. Die Kritiker bestreiten, dass sich diese
Kalküle wie das ökonomische mathematisch abbilden ließen, weil ihnen ein dem Geld
vergleichbares abzählbares Medium fehle. Offen bleibe auch, wessen „Nutzen“ jeweils als Maßstab
dienen solle und in welcher Weise er zu messen wäre.
Die Rechtssoziologie gehört zu den rechtswissenschaftlichen Grundlagenfächern und untersucht die
Wechselwirkungen zwischen der Rechtsordnung und der sozialen Wirklichkeit. Sie befasst sich
einerseits mit dem Einfluss der gesellschaftlichen Gegebenheiten auf das Rechtssystem,
andererseits mit dem Einfluss rechtlicher und anderer Normen auf die gesellschaftliche
Wirklichkeit. Im Unterschied zur Rechtswissenschaft versteht sich die Rechtssoziologie als eine
empirische Wissenschaft und setzt zur Überprüfung ihrer theoretischen Thesen die Methoden der
empirischen Sozialforschung ein. Hinsichtlich ihres Untersuchungsgegenstandes nimmt sie neben
der Rechtsordnung auch die Existenz weiterer sozialer Ordnungsgefüge zur Kenntnis. Wesentliche
Forschungsprobleme erwachsen aus der Unterscheidung zwischen sozialen und rechtlichen Normen
und der faktischen Zweistämmigkeit der Entstehung der Rechtsordnung, die offenbar nur teilweise
auf soziale Normen zurückzuführen ist. Im Gegensatz zur dogmatisch ausgerichteten
Rechtswissenschaft versteht die Rechtssoziologie Recht als ein Phänomen der gesellschaftlichen
Wirklichkeit, das durch soziale Verhaltensmuster und Zusammenhänge konstruiert wird, bestehende
Macht- und Herrschaftsverhältnisse stabilisiert oder verändert. Die Sozialwissenschaften fanden in
den 1970er Jahren an verschiedenen Orten Einzug in das rechtswissenschaftliche Studium, auch
weil die politische Steuerung der Gesellschaft durch das Recht thematisiert wurde. Einige
Universitäten erprobten eine sozialwissenschaftliche Juristenausbildung, die sich allerdings gegen
das klassische Modell des dogmatisch ausgebildeten Juristen nicht durchzusetzen vermochte. Die
institutionelle Anbindung der Rechtssoziologie als (vermeintliche) Grenzwissenschaft war also und
ist weiterhin wenig gewährleistet. Die Rechtssoziologie ist an den deutschen Hochschulen
traditionell in den rechtswissenschaftlichen und nicht in den sozialwissenschaftlichen
Fachbereichen verankert. Das Spannungsfeld von Recht und Gesellschaft hat in der anglo-
amerikanischen akademischen Diskussion einen vergleichsweise größeren Stellenwert (Law and
Society-Bewegung). Seit 1989 existiert das International Institute for the Sociology of Law. Die
Rechtstatsachenforschung untersucht beispielsweise die Entscheidungsprozesse in den juristischen
Institutionen wie Gerichten oder Parlamenten, die Willensbildung in den juristischen
Berufsorganisationen, z. B. den Rechtsanwaltskammern oder dem Deutschen Anwaltverein, die
universitäre Rechtswissenschaft einschließlich des Literaturwesens und im weiteren Sinn die
Abläufe in der juristischen Gesellschaft als Gemeinschaft aller tätigen Juristen und juristischen
Mitarbeiter. Die klassische Rechtssoziologie bewegt sich zwischen zwei Paradigmen: der
„soziologischen Jurisprudenz“ und der disziplinär soziologischen Analyse, der „Soziologie des
Rechts“. Für die soziologische Jurisprudenz steht noch heute vor allem der Name Eugen Ehrlich.
Sie ist der Versuch, über die Kenntnis der Zusammenhänge von Recht und Gesellschaft zu einem
besseren Recht zu gelangen. Die Soziologie des Rechts hingegen versteht sich als ein Unterfall der
allgemeinen Soziologie, die „Recht“ als gesellschaftliches Phänomen beschreiben und verstehen
will. Heute geht die Forschung zu den Wechselwirkungen zwischen Recht und Gesellschaft über
klassisch soziologische Ansätze hinaus. „Rechtssoziologie“ wird von vielen im Sinn der
angloamerikanischen Law and Society-Forschung bzw. der socio-legal studies verstanden als ein
disziplinär nicht gebundenes (transdisziplinäres) Projekt, welches das gesamte Spektrum
gesellschaftlicher Rechtsforschung umfasst. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass disziplinäre
Forschungsansätze, die Recht als ein soziales Phänomen begreifen bzw. den Zusammenhang
zwischen Recht und Gesellschaft untersuchen, notwendig kontingent sind, sich gerade in ihrem
Pluralismus gegenseitig befruchten und nicht selten zu einer Änderung oder Erweiterung des
„eigenen“ fachlichen Blickfeldes beitragen. Forschungen zu Rechtswirklichkeit in diesem Sinn
(socio-legal research) umfassen neben den klassisch-soziologisch und empirischen Zugängen unter
anderem die Rechtsanthropologie, Rechtsethnologie, Kulturwissenschaften, gender studies,
Ökonomie, Politikwissenschaft, Sozialgeschichte und -psychologie und die
Verwaltungswissenschaften. Zwischen Rechtssoziologie und Rechtstheorie bzw. Rechtsphilosophie
besteht eine enge Beziehung.
Je nach Gesellschaftsordnung und politischer Auffassung überschneiden sich Recht, Moral und Sitte
unterschiedlich stark. Recht kann moralischen Bewertungen entspringen. So ist beispielsweise
Bigamie in Deutschland verboten § 1306 BGB und strafbar. Es gibt allerdings auch moralisch
neutrale Rechtssätze, zum Beispiel das Links- oder Rechtsfahrgebot im Straßenverkehr. Recht und
Moral decken sich also häufig, jedoch nicht immer. Recht bezieht sich vornehmlich auf das äußere
Verhalten des Menschen, während sich die Moral an die Gesinnung des Menschen wendet. Das
Recht unterscheidet sich von der Moral auch durch die Art, wie es Geltung fordert und in einem
normierten Verfahren durch von der Gemeinschaft autorisierte Organe (Justiz, Sicherheitsbehörden)
zwangsweise durchgesetzt wird. Moralisches Verhalten kann durch staatliche Organe nur
erzwungen werden, soweit es durch das Recht gefordert wird. Eine Sitte wie eine Kleiderordnung
kann rechtlich verbindlich sein, muss es aber nicht. So sind Richter und Rechtsanwälte häufig
gesetzlich verpflichtet, eine Robe zu tragen. Frauen aus Ländern des islamischen Rechtskreises sind
in ihrer Heimat gesetzlich verpflichtet, ein Kopftuch zu tragen, müssen aber in Europa bisweilen
aus den gleichen Gründen darauf verzichten.
Zu den normativen Politikbegriffen lassen sich die Konzepte rechte Ordnung, Frieden, Freiheit und
Demokratie zählen und insbesondere auch alle emanzipatorischen Politikdefinitionen. Dabei geht es
nicht um die reine Beschreibung politischer Phänomene, sondern es wird ein wertender Soll- oder
Zielwert als Hauptkategorie eingesetzt. Das Konzept Freiheit kann zum Beispiel als ein
Gegenbegriff zum Konzept Macht oder Herrschaft verstanden werden. Meist werden harmonische
Gemeinwohlvorstellungen angeboten, die sich nur schwer mit den heutigen pluralistischen
Gesellschaftsbedingungen vereinbaren lassen. Ein spezielles Problem der Kategorie ‚Frieden‘ ist,
dass sie nicht bloß die Abwesenheit von Gewalt, sondern auch den Abbau von Ungleichheiten
meinen kann. Die rein deskriptiven, also beschreibenden, Politikvorstellungen lehnen Sollwerte als
Wesen der Politik ab. Zu ihnen zählen die in der Einleitung gegebene Politikdefinition, diejenige
von Lehmbruch und die von David Easton ("authoritative allocation of values"; Systemtheorie
David Eastons). Ebenso wie die regierungszentrierten, Macht betonenden Politikbegriffe stehen
diese in Gefahr, den Status quo zu stabilisieren und den gerade Herrschenden zu nutzen.
Konfliktorientierte Politikbegriffe gehen von der Existenz von Konflikten als unabänderlichen und
notwendigen Erscheinungen des politisch-sozialen Lebens aus. Diese Konflikte müssten durch die
politischen Prozesse geregelt werden. Die Voraussetzung für die Verwendung der Kategorie
Konflikt ist, dass eine hinreichend flexible und stabile Gesellschaftsstruktur vorhanden ist, die die
friedliche Konfliktaustragung zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen mit ihren
divergierenden Interessen ermöglicht. Zu den konfliktorientierten Politikbegriffen gehören neben
dem deskriptiven systemtheoretischen Politikverständnis auch die Konflikttheorien von Ralf
Dahrendorf und Lewis Coser, die Konflikte als die Triebkräfte jedes sozialen Wandels begreifen.
Auch der marxistische Politikbegriff fußt auf Konflikt als Grundkategorie, nämlich dem Kampf der
Klassen und ihrer Parteien um die Durchsetzung ihrer primär sozialökonomisch bedingten
Interessen. Im Gegensatz dazu ist bei konsensbezogenen Politikbegriffen das gesellschaftliche
Gemeinwohl nur durch Konsens herstellbar. Zu diesen Politikbegriffen zählt neben dem klassischen
emanzipatorischen Politikverständnis Jean-Jacques Rousseaus auch der Politikbegriff von Thomas
Meyer.
Unterschiedliche normative Vorstellungen (wie etwas sein sollte) über den Inhalt, also Aufgaben
und Ziele, von Politik, führen aufgrund begrenzter Mittel (Ressourcenknappheit) dazu, dass nicht
alle Wünsche befriedigt werden können. Es kommt zu Interessenkonflikten innerhalb der
unterschiedlichsten Politikbereiche, wie Sicherheitspolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik und
viele weiteren. Diese Konflikte müssen im Sinne der Stabilität des politischen Systems durch
Kompromisse und folgende allgemeinverbindliche Entscheidungen vermittelt werden. Policy steht
also für die inhaltliche Dimension der Politik. Bezüglich der Politik einer Partei oder Regierung
umfasst der Begriff, was diese zu tun beabsichtigt bzw. auch tut. Dazu gehören neben den von einer
Regierung vergebenen und bewilligten materiellen Gütern auch immaterielle Aspekte. Da aber die
allermeisten Maßnahmen der Politik eine materiell-ökonomische Seite besitzen, können die
öffentlichen Haushalte oder die eingebrachten Haushaltsentwürfe einen Eindruck geben welche
policy ein Land bzw. eine Regierung umsetzt. Wenn im Alltag von „guter“ und „schlechter Politik“
gesprochen wird, dann ist damit in der Regel die policy der Regierung gemeint. Insofern als die
Bevölkerung damit beurteilt, was bei einer bestimmten Politik für wen dabei herauskommt, ist dies
die Sicht der von politischen Entscheidungen Betroffenen. Die Beurteilungskriterien sind dabei in
den pluralistischen Gesellschaften allerdings in der Regel sehr verschieden, abhängig von den
jeweiligen Wert- und Gerechtigkeitsvorstellungen, abhängig davon, mit welchen gesellschaftlichen
Gebilden (einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe oder Klasse, der Nation oder einem über die
Landesgrenzen hinausreichenden gesellschaftlichen Kollektiv) sich identifiziert wird. Da es in der
policy stets um gesellschaftliche Inhalte, Werte und Interessen geht, geht es nie nur um die Antwort
auf die Frage nach der besten Politik. Vielmehr stehen auch die am politischen
Entscheidungsprozessen Beteiligten und die Konsequenzen der Entscheidung für den Einzelnen im
Fokus der Analyse. Folglich ist ebenfalls die Frage nach den Begünstigten und den Belasteten
relevant.
Die ablaufenden politischen Willensbildungs- und Interessenvermittlungsprozesse prägen die
möglichen Ergebnisse der policy maßgeblich. Besonders Macht und ihre Durchsetzung im Rahmen
der formellen und informellen Regeln bestimmen diese politics-Prozesse (Regierungskunst im
weitesten Sinne) zusätzlich. In liberal-demokratischen Systemen (moderne Demokratie, mit
Rechtsstaat und Marktwirtschaft) wird die Akzeptanz der Kompromissbildung dadurch erhöht, dass
frühzeitig neben den Parteien auch gesellschaftliche Interessengruppen (Lobbyverbände wie
Gewerkschaften und Unternehmensverbände) und Einzelpersonen in den Prozess der
Entscheidungsfindung eingebunden werden. Bei der Entwicklung und Beeinflussung der policy
zeigt sich die Politik von ihrer konflikthaften Seite, dem Kampf um Macht und Einfluss der
verschiedenen Gruppen und Personen. Damit inhaltliche Handlungsprogramme umgesetzt werden
können, bedarf es neben der Erringung, dem Erhalt und dem Ausbau von Machtpositionen, auch der
geschickten Auswahl des politischen Führungspersonals, der Formulierung der Wünsche und
Interessen der gesellschaftlichen Gruppen, der Abstimmung mit anderen Forderungen und
Interessen um so ein umfassendes Handlungsprogramm anbieten zu können und wählbar zu sein.
Dies erfordert die ständige Berücksichtigung anderer Menschen (Wähler, Parteikollegen etc.) deren
mögliche Reaktionen bei der Erstellung und Durchführung der policy von vornherein mit
einkalkuliert, antizipiert, werden muss. Gerade in demokratischen Systemen geht es also auch
immer um das Sammeln von Zustimmung und Einwilligung zu den Handlungsprogrammen. Für die
Politiker selbst ist aber daher auch der Aspekt des Kampfes um Entscheidungsbefugnis, welches
mehr umfasst als die Erlangung der staatlichen Machtpositionen, entscheidend. Denn im Gegensatz
zu typischen Verwaltungsbeamten, deren Kompetenzbereich klar über das Amt geregelt ist, muss
sich der Politiker diesen Bereich erst erarbeiten und dann behaupten. Daher ist es für ihn zu wenig,
nur die rein sachlichen Gesichtspunkte bei seiner Entscheidungsfindung zu berücksichtigen. Die
Aspekte des Machterwerbs und des Machterhalts sind gerade in demokratischen, eben responsiven,
Systemen besonders wichtig, insofern ist gerade die Demokratie eine hochpolitische
Regierungsform. Politics spielt aber auch in autoritären Systemen eine Rolle, in denen die Führer
weniger Rücksicht auf die Bevölkerung nehmen müssen. Solange die Handelnden unter einem
gewissen Zwang zur Rücksichtnahme auf andere Akteure stehen und versuchen müssen,
Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen, mit welchen Mitteln auch immer, kann von politics
gesprochen werden. Auf welche Art die Zustimmung geschaffen wird (Interessenberücksichtigung,
Kompromiss, Überzeugung, Zwang etc.) kann dann durchaus für eine Beurteilung von Politik als
„gut“ oder „schlecht“ dienen. „Unter einem ‚klugen und geschickten Politiker’ verstehen wir
offensichtlich nicht einfach einen ‚guten Fachmann‘, der viel von der Sache versteht – wenn er auch
das tut, umso besser –, sondern eine Person, die die Fähigkeit hat, Menschen dazu zu bringen,
bestimmten Handlungsprogrammen zuzustimmen und Folge zu leisten.“
Dabei kann zwischen policy und politics nicht immer streng getrennt werden. Es gibt nicht erst ein
inhaltliches Programm und dann das Bemühen um Zustimmung zu diesem. Die politische
Gruppenbildung (Interessenkoalitionen) findet in Wechselwirkung mit der Programmentwicklung
statt. So wird eine die Regierungsmacht anstrebende politische Partei, die gewisse gesellschaftliche
Reformen beabsichtigt (oder verhindern möchte), in der Regel auch weitere Programmpunkte
vertreten, die ihr zwar weniger wichtig sind, aber für die Chance auf Gewinn der
Regierungsmehrheit als notwendig erachtet werden. Dies ist von der „Regierungskunst“ nicht zu
trennen. Die gedankliche Unterscheidung von policy und politics rechtfertigt sich dadurch, dass es
uns erlaubt, „Ordnung in unser Nachdenken über das Politische zu bringen.“
Die Verfassung, die geltende Rechtsordnung und Traditionen bestimmen die in einem politischen
System vorhandenen Institutionen wie zum Beispiel Parlamente und Schulen. Dadurch wird die Art
und Weise der politischen Willensbildung geprägt und der Handlungsspielraum der anderen
Dimensionen beeinflusst. Politik im Sinne von policy und politics vollzieht sich stets innerhalb
dieses Handlungsrahmens. Dieser ist nicht unveränderbar, aber doch so stabil, dass er nicht beliebig
und jederzeit zur Disposition steht. In (modernen) Staaten drückt sich dieser zunächst einmal durch
die Verfassung aus, welche hier allgemein als grundlegende Organisationsform, die das Verhältnis
der Staatsorgane untereinander regelt, verstanden wird, und nicht die schon inhaltlich bestimmte
Vorstellung des „Verfassungsstaats“ meint, welcher schon mit konkreten Ordnungsvorstellungen
wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Garantie von Freiheits- und Bürgerrechten verbunden
ist. Ferner geht die polity als Organisationsform auch über den Inhalt der geschriebenen Verfassung
im engeren Sinn hinaus und umfasst auch weitere grundlegende Gesetze wie beispielsweise in der
Bundesrepublik Deutschland das Bundeswahlgesetz oder die Bestimmungen, die das Verhältnis von
Parlament und Regierung, Regierung und Verwaltung, Bund und Ländern regeln. Zur polity
gehören auch die Grenzen, die dem politischen Handeln gesetzt sind (beispielsweise durch die
Bürgerrechte, die Bürgerdefinition oder die Staatsgrenzen). Eine solche staatliche „Verfassung“
beruht also auch auf einer Einheit (Volk oder Bürgerbevölkerung), die durch diese „verfasst“ wird.
Somit gehört zur polity auch der Aspekt der Abgrenzung. Neben die offiziellen, geschriebenen
Regelwerke (Verfassung, Gesetze) tritt auch die jeweilige Politische Kultur eines Landes, man
sprach auch schon von einer „doppelten politischen Verfassung“. So kann die geschriebene
Verfassung eine parlamentarische Demokratie vorsehen, aber das Desinteresse der Bevölkerung
oder der Missbrauch durch die Regierenden die tatsächliche Verfasstheit des Staates als autoritär
begründen. Gerade die nach 1945 versuchte, allzu einfache Übertragung von westlichen
Verfassungsvorstellungen auf Länder der Dritten Welt, hat dies durch ihr teilweises grandioses
Scheitern gezeigt. Rechtliche Regelungen und politische Institutionen allein, egal wie ausgeklügelt
das politische Institutionensystem auch sein mag, genügen nicht zur Stabilisierung eines politischen
Systems und zur Erklärung der tatsächlichen Funktionsweise. Gesellschaftliche Normen und Sitten,
zum Beispiel den politischen Gegner nicht unter die Gürtellinie zu schlagen, sind meist wichtiger
für das Fortbestehen guter politischer Umgangsformen und damit für die Stabilität des politischen
Systems, als die Möglichkeiten gegen politische Verleumdungen gerichtlich, also im Rahmen der
geschriebenen Verfassung, vorgehen zu können. Zur politischen Kultur einer Gesellschaft gehören
die typischen politischen Orientierungs- und Verhaltensmuster der Menschen.
Es ist eine der Grundfragen der Rechtsphilosophie, in welchem Verhältnis Recht und Moral
zueinander stehen. In vielerlei Hinsicht stimmen Moral und Recht (z. B. das Tötungsverbot)
überein. Die Frage, wie es z. B. um moralisch verwerfliche Gesetze steht, wurde seit der Antike und
in der jüngeren Geschichte besonders intensiv in der deutschen Nachkriegszeit diskutiert.
Nennenswert sind hierbei insbesondere die Radbruchsche Formel zum Verhältnis von Recht und
Ungerechtigkeit, die Gehorsamsverweigerung und die Frage, ob Deserteure amnestiert werden
sollten.
Gesetz im materiellen Sinn (auch: materielles Gesetz) ist jede generell-abstrakte Regelung mit
Außenwirkung (Rechtsnorm). Das ist jede Maßnahme eines Trägers öffentlicher Gewalt, die darauf
gerichtet ist, in einer unbestimmten Vielzahl von Einzelfällen bestimmte Rechtsfolgen
herbeizuführen, die sich nicht ausschließlich innerhalb dieses Trägers öffentlicher Gewalt
auswirken und in diesem Sinne sogenannte Außenwirkung entfalten. Gesetz im materiellen Sinne
ist daher beispielsweise die 16. Verordnung zur Durchführung des Bundes-
Immissionsschutzgesetzes (BImSchG), die kommunale Abwassergebührensatzung oder die
ordnungsbehördliche Verordnung über die Benutzung öffentlicher Straßen. Kein Gesetz im
materiellen Sinne ist dagegen eine Verwaltungsvorschrift, da sich ihre Rechtswirkungen auf den
Innenbereich des erlassenden Trägers öffentlicher Gewalt beschränken. Ebenso wenig Gesetz im
materiellen Sinne ist die Baugenehmigung, da sie Rechtsfolgen nicht für eine unbestimmte Vielzahl
von Einzelfällen, sondern allein für einen einzigen ganz bestimmten Lebenssachverhalt (nämlich
ein individuelles Bauvorhaben) entfaltet. Auch die DIN-Norm ist kein Gesetz. Weder ist das
Deutsche Institut für Normung ein Träger öffentlicher Gewalt noch ist die DIN-Norm darauf
gerichtet, aus sich heraus Rechtsfolgen irgendwelcher Art herbeizuführen.
Gesetz im formellen Sinn (auch: formelles Gesetz, Parlamentsgesetz) ist jede Maßnahme, die in
einem Verfahren zustande gekommen ist, das von Verfassungs wegen für den Erlass von Gesetzen
vorgesehen ist, von den in der Verfassung dazu bestimmten Organen erlassen worden ist und die in
der Verfassung für Gesetze bestimmte Form hat. Gesetz im formellen Sinn ist daher regelmäßig nur
diejenige Maßnahme, die vom Parlament in einem Gesetzgebungsverfahren beschlossen und im
Gesetzblatt bekannt gemacht worden ist. Beispiele: Das Bürgerliche Gesetzbuch ist daher ein
formelles Gesetz, nicht aber die 16. Verordnung zur Durchführung des Bundes-
Immissionsschutzgesetzes.
Die beiden Begriffe sind nicht deckungsgleich. Das Gesetz im formellen Sinn kann, aber muss nicht
zwingend auch ein Gesetz im materiellen Sinn sein. So dürfte beispielsweise das
Magnetschwebebahnbedarfsgesetz, das ausschließlich die Feststellung enthielt, dass Bedarf für eine
Magnetschwebebahnverbindung von Hamburg nach Berlin bestehe, kaum als materielles Gesetz
anzusehen sein, weil es nicht eine unbestimmte Vielzahl von Einzelfällen, sondern einen ganz
individuellen Lebenssachverhalt betraf. Umgekehrt ist nicht jedes Gesetz im materiellen Sinn auch
ein Gesetz im formellen Sinn. Letzteres gilt für Verordnungen und Satzungen seitens der
öffentlichen Verwaltung.
Die Gesetzgebungsverfahren in Demokratien unterscheiden sich nur gering. Meist wird in den
zuständigen Parlamenten oder Abgeordnetenhäusern ein Gesetzesantrag eingebracht
(Gesetzesinitiative), welcher von parteiübergreifenden Fachgremien ausgearbeitet und anschließend
zur Abstimmung vorgelegt wird. Damit ein Gesetz rechtswirksam ist, muss ein festgelegter
Verfahrensweg eingehalten werden. Die Gesetzgebung ist der Legislative vorbehalten. Sie kann die
Exekutive ermächtigen, untergesetzliche Normen – Rechtsverordnungen und Satzungen – zu
erlassen. Je nach Ausformung der Demokratie sind plebiszitäre Elemente („Volksgesetzgebung“)
denkbar.
Literatur
Giorgio Agamben: Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und
Regierung. Homo sacer, Teil 2, Band 2, aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. Suhrkamp
Verlag, Berlin 2010, ISBN 3-518-12520-6.
Mathias Albert: Zur Politik der Weltgesellschaft. Verlag Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2002,
ISBN 3-934730-49-3.
Ulrich von Alemann / Erhard Forndran: Methodik der Politikwissenschaft. Eine Einführung in
Arbeitstechnik und Forschungspraxis. Verlag Kohlhammer. Stuttgart, Berlin und Köln 1995.
Dieter Fuchs/ Edeltraud Roller (Hrsg.): Lexikon Politik – Hundert Grundbegriffe. Reclam, Stuttgart
2007, ISBN 978-3-15-010628-0.
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