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magazin für politische entscheidungen

ausgabe 03 / winter 2010


hammelsprung.nrwschool.de

politik & sport –


wenn der wettkampf
die arena wechselt

u.a. mit
volker beck
volker bouffier
dr. ralf brauksiepe
stefan keßler
armin laschet
Wir haben ein Herz
für Randsportarten.

www.waz-mediengruppe.de
2 editorial
4 grußwort
52 kein kommentar
84 alumni im interview: judith klose
86 impressum

die entscheider

6 angie mach den jogi! – oder ob politik vom fußball lernen kann
10 fairplay made in china
14 drei fragen an ... stefan keßler
16 the new game – lobbying und sport
20 doping im spitzensport: strafrecht ja oder nein?
24 the games must go on! – sport zwischen krieg und frieden
28 cricket als entspannungspolitik –
wie sport vertrauen zwischen zwei erzfeinden schaffen kann
32 die entdeckung der sportpolitik:
von der verbandlichen autonomie zum politikfeld sport

die geldgeber

36 die macht der fifa


40 die politik der deutschen fußball liga –
mittels marktregulierung auf der erfolgsspur
44 fußballvereine in finanznot – müssen jetzt die städte helfen?
48 abpfiff nach 90 minuten – doch wer bezahlt die dritte halbzeit?

das volk

53 drei fragen an ... dr. ralf brauksiepe


54 von der sprache des sports
58 interview: armin laschet
62 die ultra-szene als ort des bürgerschaftlichen engagements?
66 die gesellschaftliche verantwortung des sports –
perspektiven aus der praxis
70 die spiele der anderen
74 interview: volker beck
77 kopf oder zahl
80 politik und sport in der mediengesellschaft –
eine bestandsaufnahme

1
Editorial

Wenn die Ränge leer gefegt und die Flut- dert den Sport (S. 62). Sport meint dabei Verantwortung der internationalen Ge- Politiker medienwirksame und strategische Instrumente aus dem Sport adaptieren, Zudem bedanken wir uns für die vielen
lichter ausgeschaltet sind, wird es still. nicht nur die körperliche Anstrengung, meinschaft, trotz Jubel und Trubel auch um die Bürger mit ihren Reformen zu begeistern (S. 6)? Ob Fußballrhetorik in die- positiven Rückmeldungen, die konst-
Weit gefehlt! Denn Sport findet nicht mit Sport kann Menschen ein Weg in die die gesellschaftlichen und politischen sem Fall unmittelbar Abhilfe schaffen kann, bleibt zu bezweifeln (S. 84). ruktive Kritik und die weiterführende
nur auf dem Spielfeld statt und sein Ein- Gesellschaft geebnet werden. Sei es für Defizite der Austragungsländer zu the- Unterstützung unserer Förderer, die gro-
fluss ist nicht durch Linien und Netze Menschen mit Migrationshintergrund matisieren (S. 14). Ein offener Diskurs ist Da der HAMMELSPRUNG aus der Feder von Studierenden stammt und durch Gast- ßes Vertrauen in unser Engagement set-
begrenzt. Immer wieder zeigt sich, dass (S. 54) oder für Menschen, die sich auf- auch über die unfaire, schmutzige Seite beiträge von Lehrenden und Praktikern bereichert wird, darf der Blick in die Wis- zen. Wir möchten den Austausch gerne
die Bedeutung von Sport weit über die grund ihrer sexuellen Orientierung hin- des Sports zu führen. Sportler wollen senschaft auch in dieser Ausgabe nicht fehlen. Im Gastbeitrag nähert sich Dr. Jürgen fortführen und freuen uns auf Ihr Feed-
körperliche Anstrengung hinausgeht. ter ihrer sportlichen Leistung verstecken ganz oben auf dem Treppchen stehen. Mittag neben dem Politikfeld „Sport“ auch dem umfassenden Forschungsbereich back. Dieses können Sie wie gewohnt
Sport begeistert, verbindet, spaltet, lässt müssen – aus Angst vor Diskriminierung Für dieses Ziel wird nicht selten zu un- „Sportpolitik“ (S. 32). unter hammelsprung@nrwschool.de
hoffen und verzweifeln. Doch wo und (S. 70). Sport fördert also die Integration. erlaubten Mitteln gegriffen (S. 20). Es ist äußern. Für einen noch lebhafteren
wie wirkt der Sport über das rein Sportli- Unsere Interviewpartner Armin Laschet jedoch nicht der erfolgshungrige Sport- Die Lektüre des sportlichen HAMMELSPRUNG zeigt einmal mehr: Deutschland ist und weiterführenden Informationsaus-
che hinaus und wann wechselt der Wett- (S. 58) und Volker Beck (S. 74) zeigen in ler allein, die verantwortlichen Verbände Fußballdeutschland! In der Bundesrepublik leben geschätzte 82 Millionen Fußball- tausch erreichen Sie uns zudem über
kampf die Arena? Wie stehen politische diesem Sinne an aktuellen Beispielen, tragen eine Mitschuld. Sie müssen sich bundestrainer. Unter ihnen viele HAMMELSPRUNG-Redakteure. Dennoch kann http://facebook.com/hammelsprung
Entscheidungen damit im Zusammen- dass Sport an vielen Stellen Brücken vor allem Vorwürfen bezüglich inner- und sollte die Vielzahl an Fußballbezügen im Gesamtzusammenhang gelesen wer- und http://twitter.com/hammel-
hang? Inspiriert durch ein aufregendes bauen kann. Auch Dr. Ralf Brauksiepe verbandlicher Demokratie und Transpa- den. Viele Entwicklungen und Beispiele stehen stellvertretend sowohl für andere sprungmag.
Sportjahr 2010 mit Olympischen Win- weist im Gespräch auf die Bedeutung renz stellen (S. 36). Oft sind finanzielle Sportarten, als auch für andere gesellschaftliche Bereiche.
terspielen, Handball-EM, sowie Ho- von Sport als motivationsförderndes Gründe, insbesondere im Spitzensport, Und jetzt: Auf die Plätze, fertig, los!
ckey-, Eishockey-, Basketball- und Fuß- Element hin, insbesondere für Men- die treibende Kraft für diese Missstän- Der HAMMELSPRUNG zeichnet sich durch seinen interdisziplinären Ansatz aus.
ball-WM befasst sich die dritte Ausgabe schen mit Behinderung, die durch den de. Denn die Rolle des Geldes im Sport In offenen Diskussionen quer zu Jahrgangsgrenzen und Hochschulhierarchien wird Wir wünschen Ihnen eine interessante
des ­HAMMELSPRUNG „Politik & Sport Sport seltene Anerkennung erfahren (S. wird immer bedeutender. Um finanziell dieses Magazin-Projekt jedes Mal neu belebt. Wissenschaftlich orientierte Beiträge Lektüre.
– wenn der Wettkampf die Arena wech- 53). Analog hierzu setzt sich Ian Mengel, zu überleben, sind daher viele Fußball- werden auch in der 3. Ausgabe bewusst mit journalistischen Formaten vermischt
selt“ mit diesen Fragen. einer unserer Gastautoren, mit seinem vereine auf die Unterstützung der Poli- und um Beiträge aus der Praxis bereichert. Dieses Potpourri aus Formen und Sti- Die Redaktion
Charakterisiert durch seinen Facet- Verein PLAY!YA in Berlin für den sozi- tik angewiesen (S. 44). Ein finanzielles len verspricht Abwechslung und eine diversifizierte Auseinandersetzung mit einer
tenreichtum, finden wir Sport in allen alen Mehrwert des Sports ein und liefert Spannungsfeld zwischen Sport und Po- scheinbar simplen Thematik.
Bereichen: Gesellschaft, Politik, Wirt- einen Einblick in die Praxis (S. 66). litik entsteht auch bei der Frage, wer die Benjamin Brinkmann von der Fachhochschule Düsseldorf hat in der Gestaltung des
schaft und somit selbstverständlich Kosten für die Sicherheit, insbesondere HAMMELSPRUNG nun den Hattrick geschafft, er vollendet seine gestalterische Tri-
auch täglich in den Medien. Deshalb be- Sportliche Großereignisse begeistern die bei Fußballspielen, tragen muss (S. 48). logie auf exzellente Weise. Fabian Nawrath, Student an der Fachhochschule Aachen,
schränkt sich der HAMMELSPRUNG als Massen und verhelfen nicht selten zur Und auch wer im Fußball an der Spitze und Rebecca Haupt, selbstständige Grafikdesignerin und Fotografin, haben mit ihren
Magazin für politische Entscheidungen Entspannung bei internationalen Kon- mitmischen möchte, braucht eine Stra- fotografischen Arbeiten ihre Sicht der Dinge deutlich gemacht und diese Ausgabe zu-
in dieser Ausgabe eben nicht ausschließ- flikten (S. 28). Sie offenbaren jedoch auch tegie, die nur mit viel Geld realisierbar sätzlich bereichert.
lich auf den Bereich der Politik, sondern eine Schattenseite. Wenn Sport für poli- zu sein scheint (S. 40). Ebenfalls erfährt
wagt gelegentlich einen Blick über den tische Zwecke instrumentalisiert wird, klassische Lobbyarbeit im Bereich Sport Unser ganz besonderer Dank gilt in dieser Ausgabe dem Hessischen Ministerpräsi-
Tellerrand hinaus, denn: Erst das Zu- kann dies verheerende Folgen haben (S. großen Zulauf. Sie soll Abhängigkeiten denten Volker Bouffier für sein Grußwort.
sammenspiel von Politik, Wirtschaft 24). Und gerade abseits der großen Stadi- mindern und Interessen deutlich formu-
und Gesellschaft übt auf den Sport mal en, wo internationale Fernsehteams nur lieren (S. 16). Unser Gastautor Dr. Jörg-
bewusst, mal unbewusst starken Ein- selten zu sehen sind, zeigt sich, dass die Uwe Nieland setzt sich in diesem Sinne
fluss aus und verlagert den Wettkampf Rechte und Bedürfnisse derjenigen, die mit der Interessengemeinschaft „Sport
in neue Arenen. nicht am Spektakel teilhaben können, ig- – Wirtschaft – Medien“ auseinander und
noriert werden. Die Olympischen Spiele fragt nach dem Ausmaß der Medialisie-
Im Grußwort zu dieser Ausgabe betont 2008 in China (S. 10) und die Fußball- rung und Entertainisierung des Sports
der Hessische Ministerpräsident Volker WM 2010 in Südafrika (S. 77) sind dafür (S. 80). Von den hohen Einschaltquoten Der HAMMELSPRUNG
Bouffier, dass Sport von Menschen für die jüngsten und prominentesten Bei- eines Bundeligaspiels kann die Politik ist ein überparteiliches und unkommerzielles politi-
sches Magazin, von Studierenden der NRW School of
Menschen gemacht wird (S. 4). Insbe- spiele. So betont auch Stefan Keßler von nur träumen. Fragt sich also, was die Governance an der Universität Duisburg-Essen ge-
sondere das Ehrenamt belebt und för- Amnesty International im Interview die Politik vom Sport lernen kann? Können gründet und im Dezember 2009 erstmalig erschienen.

3
Grußwort

von Volker Bouffier

Was in unserer Gesellschaft hat eine solche Bindewirkung wie der Sport? Die Bedeu- treiben möchten. Breitensport und Spitzensport sind keine Gegensätze, sondern sie
tung des Sports für die Gesellschaft kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. ergänzen sich. Ohne Breite keine Spitze und ohne Spitze keine Breite.
Deutlich wird der Stellenwert nicht nur im Blick auf die Zahlen, sondern auch im
Blick auf das tägliche Leben in den Vereinen. Zahlen zeigen den quantitativen Rang An dieser Stelle gilt es, eine Lanze für das Ehrenamt zu brechen. Der Sport lebt vom
des Sports: die Mitglieder der vielen 10.000 Vereine zählen nach Millionen. Das Le- ehrenamtlichen Engagement, von der Bereitschaft, unentgeltlich für einen Verein zu
ben im Verein zeigt den qualitativen Rang des Sports: hier treffen sich alle Altersklas- arbeiten und dafür zu sorgen, dass andere Sport treiben können. Eine Politik für den
sen aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Sport, wie sie die Hessische Landesregierung versteht, baut auf die ehrenamtlichen
Helferinnen und Helfer in den Vereinen. Die Ehrenamtlichen sind es, die dafür sor-
Aber die Bedeutung des Sports endet nicht bei den Vereinen und ihren aktiven Mit- gen, dass die staatlichen Fördermittel und die Beiträge von Sponsoren sinnvoll ein-
gliedern, sie reicht sehr viel weiter. Sportliche Wettbewerbe üben auf viele Menschen gesetzt werden. Dafür zu sorgen, dass ein Verein seinen Mitgliedern die Möglichkeit
eine große Faszination aus. Beispielhaft deutlich wird dies an jedem Bundesliga-Wo- bietet, Sport treiben zu können, bedeutet viel Arbeit: Organisatorischer Aufwand
chenende. von der Kassenführung bis zur Mitgliederversammlung und zur ordentlichen Akten-
führung, aber vor allem auch emotionaler Aufwand. Neue Mitglieder sollen gewon-
Der Sport hat eine große, die Gesellschaft zusammenfassende Kraft. Die Bindewir- nen werden, die bisherigen Mitglieder sollen betreut werden, die Angebote des Ver-
kung zum Beispiel der Kirchen, Parteien und Gewerkschaften lässt mehr und mehr eins sollen immer wieder durchdacht und neuen Entwicklungen angepasst werden.
nach. Das ist zu bedauern – aber wir müssen es zunächst einmal sachlich feststellen. Besonders wichtig ist dabei die Arbeit für Kinder und Jugendliche. Indem Kindern
Übrigens: Auch die Medien haben die Bindewirkung, die sie früher hatten, heute erklärt wird, wie man eine bestimmte Sportart ausübt, wird ihnen noch viel mehr
nur in geringerem Maße. Weil der Sport so eine große Wirkung entfaltet, ist er auch vermittelt als die sportliche Kompetenz. Ihre gesamte persönliche Entwicklung wird
unverzichtbar, wenn es darum geht, die Integration zu fördern. Für Menschen mit damit gefördert. Alles das kostet viel Zeit und Leistungskraft, wer dies aufbringt, ver-
Migrationshintergrund kann die sportliche Betätigung in einem Verein auch ein gu- dient Anerkennung und Respekt.
ter Zugang zu unserer Gesellschaft sein. Der örtliche Verein zeigt es ebenso, wie die
Fußballnationalmannschaft: der Sport trägt die Integration. Wie jetzt deutlich geworden ist, hat das Thema „Sport und Politik“ viele Facetten.
Wenn die Politik den Sport unterstützt, dann unterstützt sie gleichzeitig andere
Wenn die Politik das Ziel hat, die Menschen einer Gesellschaft zusammenzufüh- wichtige Bereiche. So werden Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen geför-
ren, dann muss sie dem Sport und dessen Förderung also besondere Aufmerksam- dert, der Zusammenhalt der Gesellschaft wird gestärkt und der Vereinzelung wird
keit widmen. In Hessen und vielen anderen Ländern Deutschlands geschieht das. In entgegengewirkt. Sportpolitik ist damit zum Beispiel auch Sozialpolitik und Ge-
Hessen hat der Sport sogar Verfassungsrang. „Der Sport genießt den Schutz und die sundheitspolitik. Wer in der Politik Verantwortung trägt, an welcher Stelle auch im-
Pflege des Staates, Gemeinden und Gemeindeverbände“, heißt es in Artikel 62a der mer, muss die Tatsache im Blick behalten, dass die Bereiche ineinander greifen und
Hessischen Landesverfassung. Dabei muss man wissen, dass unsere Verfassung nur dass Veränderungen in dem einen Bereich Auswirkungen auf die anderen Bereiche
in einer Volksabstimmung geändert werden kann. Mit der Einführung dieses Satzes haben. Im vernetzten System einer modernen Gesellschaft führen viele Fäden zum
in die Verfassung haben sich also die Bürgerinnen und Bürger Hessens ausdrücklich Knotenpunkt des Sports.
zum Sport bekannt.

Dafür hatten sie gute Gründe: Im Sport geht es darum, Werte und Tugenden zu ver-
mitteln. Fairness, Loyalität, Bescheidenheit, Kameradschaft, Einsatz, Mut, Diszip-
lin, Ausdauer, Verantwortung, Teamgeist, Mitmenschlichkeit, Toleranz, Respekt,
Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit – es gibt fast nichts, was man im Sport nicht lernen
kann. Dabei gilt es festzuhalten, dass es nicht nur die großen Ereignisse sind, die die
Menschen zusammenführen, nicht nur die Bundesliga-Wochenenden, nicht nur die
Weltmeisterschaften, nicht nur die großen Sportereignisse, in welcher Sportart auch
immer. Für die Gemeinschaft sorgen auch die vielen ganz normalen Vereine, die den
Menschen die Chance geben, selbst Sport zu treiben. Beides ist wichtig: der Spit-
zensport, der die Zuschauer begeistert und der für viele Amateure jeden Alters das Volker Bouffier
Vorbild ist, und der Amateursport, der diejenigen zusammenbringt, die selbst Sport Hessischer Ministerpräsident

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Noch eine halbe Stunde, dann hat das Warten ein Ende. Der nervöse Blick geht
immer wieder zur Uhr, die Zeiger scheinen zu schleichen. Alles ist vorbereitet.
Freunde sind da, gekühlte Getränke stehen bereit und der richtige Sender läuft
auch schon. Angespannte Aufregung macht sich breit. Erste Diskussionen über
Aufstellung, Strategie und Taktik werden laut. Und irgendwann ist es dann end-
lich soweit: Die Pressekonferenz von Angela Merkel und Philipp Rösler über die
neue Gesundheitsreform beginnt! Spannung pur!

von Janina Latzke

Falscher Film? Leider ja. Niemand lädt Medialer Hattrick?


seine Freunde zu sich ein, um live das
Aktuellste über die anstehende Gesund- Aber was müsste die Politik tun, um
heitsreform zu hören. Oder die Bundes- ähnliche Begeisterungsstürme auszu-
tagsdebatte über die neue Afghanistan- lösen wie die wöchentliche Bundesliga
Strategie zu verfolgen. Denn Politik ist oder sogar die großen Turniere? Kann
langweilig. Politiker sind undurchschau- die Politik hier etwas vom Fußball ler-
bar. In einer Umfrage der Nürnberger nen? Der erste Gedanke, wenn es um
Gesellschaft für Konsumforschung ran- die Spannung in der Politik geht, führt
gieren sie auf dem letzten Platz, wenn zumeist über die Medien. Politik würde
es um Vertrauen und Beliebtheit geht. demnach als „Zweikampf“ inszeniert,
Dagegen verkörpert Joachim Löw nach als „Revier-Derby“ zwischen den Par-
einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage ein teien mit spannendem Finale – am bes-
Deutschland, wie es sich 82 Prozent der ten mit Elfmeter-Krimi. Da gibt es harte
Deutschen wünschen – wobei nicht Fouls von Rechtsaußen und schnelle
genauer darauf eingegangen wird, was Konter der gegnerischen Mannschaft.
das genau beinhaltet. Dementspre- Merkel schafft mit ihrem gekonnten
chend ist das Interesse am Sport, ins- Kurzpassspiel mal wieder den Hattrick –
besondere an Großereignissen, unge- drei Gesetze in nur einem halben Monat,
brochen. Die Aufstellung der eigenen das gab es zuletzt vor zwei Jahren in der
Fußball-­Nationalmannschaft kann je- zweiten Liga bei Rüttgers gegen Kraft!
des Kind mitschreien, bei den Namen Und jede Woche zeigt ein Blick auf die
der Kabinett-Nationalmannschaft gerät aktuelle Parteitabelle, wer sich denn in
man schnell ins Stottern: Ilse wer? Ach der letzten Woche wie und mit wem ge-
Schröder kenn ich natürlich, ich dachte schlagen und wer gewonnen hat. Politik
aber immer, der wäre schon in Rente. als Sportshow? So einfach ist es nicht.
Kein Wunder also, dass die Politik bei Der Showanteil in der Politik wird zwar
so viel Popularität eifersüchtig auf den gefühlt größer, spannender macht er die
Sport ist – und kaum eine Gelegenheit Politik aber nicht. Hinter dem dargestell-
auslässt sich in seinem Glanz zu sonnen: ten Zweikampf stehen komplexe Partei-
Begeisterter Tribünenjubel, herzliche apparate mit unterschiedlichen internen
Glückwünsche oder auch der (Fußball-) Strömungen. Warum tatsächlich diese
Sportjargon. Mit einer „gelben Karte“ oder jene Entscheidung getroffen wurde

angie mach den jogi! –


werden Politiker seit eh und je verwarnt. – also der spannende Teil – bleibt dabei
häufig im Dunkeln. Politik ist zudem ein

oder ob politik vom fußball Janina Latzke


hat an der RWTH Aachen Politik sowie Sprach- und
Kommunikationswissenschaft studiert und ist seit
Oktober 2009 Masterstudentin an der NRW School

lernen kann
of Governance. Praktische Erfahrungen sammelte
sie unter anderem im Bundestag, beim DAAD, bei
einer Kommunikationsagentur und im Presse- und
Wahlkampfteam der Grünen NRW.

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zäher Prozess, der sich nicht so plakativ darstellen lässt, wie die Bundesligatabelle. Teamkollegen mit entzogenem Vertrau- gen. Unpopuläre Entscheidungen müs-
Ergebnisse sind nicht so eindeutig wie im Sport, es gibt nicht immer klare Sieger und en bestraft. Beim nächsten Mal bekommt sen getroffen werden, auch wenn es sich
Verlierer. Der Versuch, die Politik durch die Übernahme von medialen Gesetzmäßig- er oder sie nicht den Ball. Gegenseitige um den besten Stürmer der Saison han-
keiten und Showelementen für den Bürger spannender zu machen, ist in der Vergan- Schuldzuweisungen sind in der Regel delt. Es gilt, zu überzeugen und zu zei-
genheit häufiger gescheitert, als dass er erfolgreich war. Die mäßigen Einschaltquo- unproduktiv – geschlossen auftreten gen, dass der eingeschlagene Weg Sinn
ten beim TV-Duell zur letzten NRW-Landtagswahl sind ein Beispiel hierfür. heißt die Devise. macht. War die Entscheidung richtig, ist
der Respekt danach umso größer. Denn
Interne Angelegenheiten Dabei läuft es natürlich nicht immer zu viel Zaudern, zu viel Hin und Her,
gut in der Mannschaft. Manchmal wer- machen den Trainer einer Mannschaft
Wenn die Politik aber weitaus schlechter zu vermarkten ist als der Sport, kann die den Spiele verloren, so manches Gesetz unglaubwürdig. Dabei spielt Kommu-
Politik sich dann überhaupt mehr als nur eine „verbale“ Scheibe vom Sport abschnei- bleibt im Netz der Bürokratie kleben, bis nikation eine Rolle, sowohl die inter-
den? Gibt es Schnittstellen, die nicht direkt die Außendarstellung betreffen? Nein, es völlig verformt wieder ausgespuckt ne Kabinenbesprechung, als auch die
mag mancher sagen, Sport und Politik sind völlig unterschiedliche Dinge, auch wenn wird. Dabei ist gerade nach Rückschlä- Statements in der Öffentlichkeit. Leere
man sich das interne System und Entscheidungsmanagement ansieht. Im Sport hat gen Ausdauer gefragt. Wichtig ist, dass Versprechungen, ausgelatschte Phrasen
der Trainer quasi diktatorische Vollmachten. Er kann aufstellen, wen er will, er kann es klare Ziele gibt und eine passende und lustlose Interviews motivieren und
die Taktik vorgeben, die ihm vorschwebt. Wenn ein Sportler seine Leistung nicht Strategie. Was wollen wir erreichen? begeistern niemanden. Das Gegenmit-
bringt, kommt er auf die Bank. Basta. In Demokratien und gerade in Deutschland Was ist uns am wichtigsten? Und wie tel sind persönliche, klare und auch in-
heißen unsere Spieler mit Vornamen oft Veto und sehen es gar nicht ein, sich von kann das Ziel erreicht werden? Müdes spirierende Worte – im Sport wie in der
der Politik auf irgendeine Bank setzen zu lassen. Reformen, die ihnen nicht gefallen, Gekicke hier, Mittelfeldgeplänkel da, Politik.
werden mit allen Kräften blockiert. In zähen Verhandlungen und mit vielen Kompro- führen zu keinem Tor. Wenn die Strate-
missen werden die meisten dann zu Reförmchen, damit überhaupt etwas passiert. gie partout nicht zum Ziel führt, sollte Klar, der Sportplatz ist nicht das Poli-
Nein, Sport hat mit Politik rein gar nichts zu tun. außerdem nicht das Ziel, sondern viel- tikparkett. Politik ist nicht nur ergeb-
Oder doch? Schließlich geht es hier wie dort um eine Mannschaft, die zusammen- leicht die Strategie geändert werden. Ein nisorientiert, die Koordination um ein
gestellt werden muss, in der jeder sein Spezialgebiet und eine bestimmte Funktion Gesetz, das nicht verabschiedet wird, Vielfaches schwieriger und das tägliche
hat. Es gibt Ziele, die von der Gesellschaft erwartet werden, manchmal kann der muss nicht direkt schlecht sein, nur hat Organisieren von Mehrheiten nicht zu
Trainer aber auch selbst Ziele festlegen. Um diese zu erreichen, muss die Mannschaft man vielleicht nicht die überzeugenden vergleichen mit den Traineranweisun-
zusammenarbeiten und braucht zudem eine kluge Strategie. Aber wie könnten diese Argumente vorgetragen oder nicht mit gen für ein kommendes Spiel. Wirklich
Weisheiten aus dem Sport/Politik-Einmaleins konkret im Politik- und Regierungs- den richtigen Leuten gesprochen. Ein viel lernen kann die Politik darum nicht
management aussehen? Gesetz, das keine Wirkung zeigt, macht vom Fußball. Aber eine kluge Aufstel-
das Ziel nicht unerreichbar, nur muss lung, ein klares, realistisches Ziel und
Team – Ziel – Idee das Ziel möglicherweise auf einem an- eine innovative Strategie können hier
deren Weg, mit einer anderen Taktik, wie da erhöhte Aufmerksamkeit auf sich
Fußball und Politik sind Mannschaftssportarten. Wie der Trainer stellt auch der Re- von einem anderen Ansatzpunkt aus vi- ziehen – und das ist im Sport selbstver-
gierungschef sich sein Team zusammen. Dabei bleibt eine Mannschaft ohne jeglichen siert werden. Hier ist Mut zu neuen Ide- ständlicher als in der Politik. Denn auch
Esprit blass und wenig begeisternd. Jedes Mitglied deckt ein bestimmtes Feld auf en gefragt. Denn kaum ein Spiel wurde Politik kann zum spannenden Schlagab-
dem Platz ab und ist mit der jeweiligen Position beziehungsweise dem Thema ver- je durch Zaghaftigkeit gewonnen. Die tausch werden, zum Ort leidenschaftli-
bunden. Dabei hat jedes Mitglied bestimmte Freiheiten, wie es seine Rolle ausfüllen Komplexität von Problemen erfordert chen Engagements und kreativer Ideen,
möchte, welche Akzente er oder sie setzen kann. Die Person hängt damit eng mit der kreative Lösungen. Auf dem Platz geht über die es sich lohnt zu fachsimpeln.
Wahrnehmung seines Arbeitsbereiches zusammen. Die Entscheidung über die Aus- es um den Kampf um die besseren Kon- Und Politik hat etwas, was der Sport
wahl der Mannschaft hat damit viel Einfluss auf die Politik und ihre Perzeption – eine zepte. Eine Mannschaft darf sich dabei nicht hat: Politische Entscheidungen be-
kluge Zusammenstellung ist die Grundlage für den Erfolg. auch nicht zu sehr beirren lassen. Kritik treffen früher oder später jeden. Darum
Eine Mannschaft funktioniert nicht ohne Teamarbeit und Fairplay. Auch das beste sollte ernst genommen werden, aber das stellt schon mal die Getränke kalt – die
Team – Grüße an Frankreichs WM-Fußballer – bleibt erfolglos, wenn das interne eigene Handeln darf nicht nur von der nächste Pressekonferenz kommt be-
Gleichgewicht nicht stimmt. Alleingänge scheitern in der Regel und werden von den Stimmung außerhalb des Teams abhän- stimmt.

9
fairplay
Die Griechen erfanden nicht nur die
Demokratie, sondern auch die „Olym-
pische Idee“. Zwei Ideale, die seither
untrennbar mit den Olympischen

made in china
Spielen verbunden sind. Doch im Jahr
2008 wurde beides auf eine harte
Probe gestellt.

von Anna von Spiczak

Es ist der 8. August 2008. Die Olympischen Sommerspiele beginnen mit einer beein-
druckenden und störungsfreien Eröffnungsshow. Nicht selbstverständlich, denn ge-
rade die letzten Monate waren geprägt durch weltweite Boykottaufrufe und zuneh-
mend brutale Proteste von Menschenrechtlern, Tibetern und deren Sympathisanten.
Dass die Olympischen Spiele ausgerechnet in dem von Menschenrechtsverletzungen
gekennzeichneten China stattfinden, ist für viele Akteure nicht nur unbegreiflich,
sondern auch eine einmalige Gelegenheit, auf die aktuelle Situation in der Volksre-
publik aufmerksam zu machen. Vor allem die seit Jahrhunderten andauernde Un-
terdrückung der Tibeter gerät in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Das
traditionsreiche Sportereignis fungiert als Bühne für eine politische Grundsatzdebat-
te über Menschenrechte und Demokratie. Es stellt sich die Frage: Welche politische
Dimension hat der Sport?

Der gefährliche Riese

Ein Leben in der heutigen Konsumgesellschaft ist ohne die Exporte aus China kaum
mehr denkbar. Experten sind sich einig, dass schon in wenigen Jahren wirtschaft-
lich starke Nationen wie Japan und die USA hinter China zurückbleiben. Momentan
scheint es, als könnte nichts den Aufstieg des „Drachens“ aufhalten, vor allem nicht
seine Kritiker.
Weltweit ist das Problem der Menschenrechte in China bekannt. In der Volksrepublik
gilt jedoch der Grundsatz, dass alle von der offiziellen Politik abweichenden Meinun-
gen nicht geduldet und alle Bestrebungen, die die Machthabenden als Gefährdung
der bestehenden Ordnung ansehen, konsequent unterdrückt werden. Dies endet
nicht selten damit, dass Oppositionelle oder Angehörige religiöser Gemeinschaf-
ten als Opfer unfairer Gerichtsprozesse ins Gefängnis gesperrt werden. China als
Rechtsstaat zu bezeichnen wäre undenkbar. Man denke gerade nur an die Verleihung
des diesjährigen Friedensnobelpreises an den chinesischen Dessidenten Liu Xiaobo,
die für die Führung in Peking einer „schallenden Ohrfeige“ gleichkommt. Nicht nur
in der Unterdrückung der Meinungsfreiheit, sondern auch in der Beschneidung der
allgemeinen Rechte eines Einzelnen zugunsten der Gesamtgesellschaft, zeigt ein
Charakteristikum kommunistischer Systeme.
Die Todesstrafe ist ein weiteres Instrument, das aus menschenrechtlichen und ethi-
schen Gründen zu hinterfragen ist. Sie wird in der Volksrepublik nicht nur bei Ge-
waltverbrechen verhängt, wie in den Vereinigten Staaten, sondern auch bei vielen

Anna von Spiczak


ist Masterstudentin an der NRW School of Gover-
nance, Mitarbeiterin des Instituts und Autorin des Bu-
ches „Imageumbrüche und politischer Wandel in der
deutschen Atompolitik: Von der ungetrübten Euphorie
zur Altlast“. Sie beschäftigt sich überwiegend mit
umwelt- und energiepolitischen Themen im Bereich
der Politikfeldanalyse.

11
anderen, weniger schwer wiegenden als die Olympischen Spiele im national- 2008. Als Inspektoren des IOC ihren Ab- Wirtschaftsnationen hat sich letztlich zu
Delikten. Die Zahl der Vollstreckungen sozialistischen Deutschland ausgetra- schlussbericht über Peking verfassten, einem Boykott durchringen können und
wird offiziell auf 8.000 pro Jahr bezif- gen wurden, etablierte sich eine breite wurde betont, dass nur die organisatori- wurden damit ihrer politischen Verant-
fert, Experten gehen jedoch von einer Öffentlichkeit, die zum Boykott aufrief, sche Fähigkeit der Ausrichtung beurteilt wortung nicht gerecht.
deutlich höheren Dunkelziffer aus. Die weil sie Zweifel an der Einhaltung der wurde und politische Fragen keine Be-
Exportnation ist somit Spitzenreiter Olympischen Charta hatte. Die Olym- rücksichtigung fanden. Die Menschen- Was bleibt nach 2008?
hinsichtlich staatlich durchgeführter pische Erziehung nach Baron Pierre de rechtsprobleme in China wurden einer-
Hinrichtungen. Coubertin, dem Begründer der neuzeit- seits als Argument für die Austragung Bis heute, zwei Jahre nach dem Event,
In Tibet wird vornehmlich das Men- lichen Olympischen Spiele (1896), grün- der Olympischen Spiele verwendet, weil hat sich die Menschenrechtssituation in
schenrecht der Religionsfreiheit verletzt. det sich auf Idealen, die weder mit dem man sich eine Verbesserung der Lage China nicht ansatzweise verbessert. Dies
Immer stärker setzen sich chinesische Deutschland des Jahres 1936 noch mit erhoffte. Eine weitverbreitete Meinung gilt vor allem für die Situation der Tibe-
Behörden hier für effektivere Sicher- China 2008 vereinbar sind. Es geht hier- war, dass die politische Situation nur ter. Immer noch ist das Regime in China
heitsmaßnahmen ein, um Unabhängig- bei um die Vorstellung einer harmoni- dann verbessert werden könnte, wenn geprägt durch Unterdrückung, mangeln-
keitsdemonstrationen abzuwehren und schen Ausbildung des ganzen Menschen man sich für China entscheidet und es de Rechtstaatlichkeit und eine hohe Zahl
religiöse Aktivitäten einzugrenzen. und die Idee der menschlichen Vervoll- nicht länger isoliert. Andererseits wur- an Tötungsdelikten durch staatliche Or-
Die politische Führung ist intensiv da- kommnung über das Streben nach ei- den diese Probleme auch als Argument gane. Es zeigt sich also, dass ein Boykot-
rum bemüht, Informationen über die ner guten Leistung. Dominiert wird der gegen eine Vergabe der Spiele an Peking taufruf zwar das Interesse der Medien
Situation des Landes nicht nach außen „Olympismus“ sowohl durch die frei- verwendet, da ein gewisser Standard an garantiert, politisch aber nichts bewir-
dringen zu lassen. Es ist offensichtlich, willige Bindung an ethische Grundsätze Menschenrechten bereits vor den Festi- ken kann, sofern er nicht realisiert wird.
dass Peking den Konflikt eher durch im sportlichen Handeln wie Fairplay und vitäten gegeben sein müsste. Festzustellen ist, dass die Olympische
Geheimhaltung als durch eine Neuge- Chancengleichheit, als auch durch den Jede Veranstaltung mit großer öffentli- Idee keinen nachhaltigen Effekt auf das
staltung der Tibet- beziehungsweise Friedensgedanken und die Völkerver- cher Aufmerksamkeit kann politisch in- autoritäre Regime in China und seinen
Menschenrechtspolitik lösen möchte. ständigung, die von den Menschen Re- strumentalisiert werden. Dies gilt umso selbstgerechten Politikstil gehabt hat.
Eine wichtige Rolle bei der Unterdrü- spekt und Toleranz im Umgang mitein- mehr, je höher die Außenwirkung oder Dabei standen diese Olympischen Spiele
ckung des Informationsflusses spielt die ander fordert. Darüber hinaus dominiert aber der mit dem Ereignis verbundene wie lange nicht mehr im Fokus der po-
Verweigerung, internationalen Men- der Glaube an die Förderung emanzipa- politische Anspruch ist. Dessen waren litischen Öffentlichkeit, denn das Me-
schenrechtsorganisationen die Einreise torischer Entwicklungen im und durch sich die internationalen politischen Ak- dienecho der Protestbewegungen war
in die Volksrepublik China zu gestatten. den Sport. In diesen Punkten erhebt die teure bewusst. weltweit enorm. Es ist daher umso ent-
Akteure der internationalen Staaten- olympische Bewegung einen politischen Auch wenn das IOC eine politische Be- täuschender zu sehen, dass der interna-
gemeinschaft kennen die Zustände in Anspruch, an dem auch in schwierigen wertung des Auswahlverfahrens offiziell tionale Druck auf China, die Tibet-Frage
China und dennoch wird wenig dagegen Situationen festzuhalten ist. ablehnte, wurde später die Verknüpfung zu lösen und die Menschenrechtslage zu
unternommen. Mit den Olympischen Als Berlin den Zuschlag für die Aus- des Sports mit der politischen Diskussi- verbessern, nach den Spielen so plötz-
Spielen 2008 sollte aber alles anders wer- tragung der Sportfestspiele bekommt, on deutlich, nämlich als schon vor dem lich nachgelassen hat. Da das chinesische
den. harmoniert die Politik der Weimarer Start des Events die Proteste und die Regime sich in der Vergangenheit weder
Republik mit der Olympischen Charta. Boykottaufrufe auch von Seiten der poli- diskussions- noch kompromissbereit ge-
Die Olympische Idee Als jedoch 1933 Hitler die Macht ergreift, tischen Akteure unüberhörbar laut wur- zeigt hat, wird diese ebenso unangeneh-
ist der Zuschlag erteilt und der Bruch der den. Diese nutzten die öffentliche Wir- me wie wichtige Thematik international
Die Olympischen Spielen sind nicht ir- Olympischen Idee damit vorgegeben. kung der Olympischen Spiele, um für nicht weiter diskutiert. Die Zustände
gendein Sportevent – vielmehr leben Eine Entwicklung, die das IOC – das In- die eigenen politischen Vorstellungen werden – so scheint es – aus Bequemlich-
sie von einer eigenen Philosophie. Die ternationale Olympische Komitee – vor- zu werben. Somit haben auch die westli- keit und insbesondere wohl auch wegen
Kritik war daher aufgrund des Austra- her nicht absehen konnte. chen Länder, die zunächst einen Boykott wirtschaftlicher Interessen ignoriert.
gungsortes entsprechend groß. Und das Die Metropole Peking hingegen erhielt erwogen hatten, die olympische Büh- Die ethischen Grundsätze scheinen sich
nicht zum ersten Mal – die Geschichte im Jahr 2001 den Zuschlag für die Aus- ne für ihre politischen Zwecke genutzt. in Anbetracht der Wirtschaftsmacht des
scheint sich zu wiederholen. Auch 1936, tragung der olympischen Sommerspiele Doch keine der westlich orientierten Landes wohl zu relativieren.

13
drei fragen an ...
stefan
keßler * 
Herr Keßler, die Menschenrechts- ausgefordert wurde. Der Arbeit von Am- kommunistische Regime Ihrer Arbeit auch im zehnten Jahr seit ihrem Beginn
verletzungen in China sind seit nesty International hat diese Diskussion gegenüber? fortgesetzt.
Jahrzehnten international bekannt. Nutzen gebracht, weil die menschen- Eine Verbesserung der Menschenrechts-
Warum wurde dennoch die Situati- rechtlichen Anliegen zur VR China vor- Die chinesischen Behörden haben ihre lage ist also keineswegs eingetreten und
on in China, gerade im Vorfeld der getragen und bekannt gemacht werden Beschneidung der Rechte auf freie Mei- die Arbeit von Menschenrechtsorga-
Olympischen Spiele 2008 in Pe- konnten. Spannend und fruchtbar war nungsäußerung, Versammlungs- und nisationen wie Amnesty International
king, derart kritisch diskutiert und auch, dass die Verbindung von Sport Vereinigungsfreiheit weiter intensiviert, bleibt in China schwierig. Die Opfer von
inwiefern hatte dies Einfluss auf die und Menschenrechten augenfällig wur- was zum Teil auf die Brisanz einer Rei- Menschenrechtsverletzungen sind somit
Arbeit von Amnesty International? de, sodass auch Menschen, die sich eher he bedeutender Jubiläen zurückzufüh- weiterhin dringend auf die solidarische
für Sport als für Menschenrechtspolitik ren war, darunter der 60. Jahrestag der Unterstützung der Weltöffentlichkeit
Die Olympischen Spiele lenken in ei- interessieren, bereit waren, sich für die Gründung der Volksrepublik China am und den Protest – auch aus den Reihen
nem besonderen Maße die Aufmerk- Opfer von Menschenrechtsverletzungen 1. Oktober 2009. Menschenrechtsvertei- des Sports(!) – angewiesen.
samkeit auf die Situation im jeweiligen zu engagieren. diger wurden inhaftiert, strafrechtlich
Gastland. Da die olympische Idee auch verfolgt, unter Hausarrest gestellt oder
die Förderung des friedlichen Zusam- Warum wurde, Ihrer Meinung nach, fielen dem „Verschwindenlassen“ zum
menlebens der Menschen enthält, ist es die internationale Diskussion um die Opfer. Die allumfassenden Kontrollen
unabdingbar, dass in diesem Kontext Menschenrechtssituation in China des Internets und der Medien hatten
auch die Menschenrechtslage kritisch nach dem Abschluss der Olympi- weiterhin Bestand. Auch 2009 kam es
beleuchtet wird. Hinzu kommt bei der schen Spiele so schnell beendet? zu Massenverhaftungen in der Autono-
VR China, dass gerade im Vorfeld der men Uigurischen Region Xinjiang. Eine
Olympischen Spiele landesweit ein Das gilt für die mediale Öffentlich- Untersuchung der Menschenrechtslage
Anstieg der Repressionen sowie strik- keit, nicht aber für die Arbeit von Men- in tibetischen Siedlungsgebieten durch
tere Kontrollmaßnahmen gegenüber schenrechtsorganisationen. Mit dem unabhängige Beobachter wurde unter-
Menschenrechtsverteidigerinnen und Abschluss der Olympischen Spiele bunden. Die Behörden unterwarfen den
–verteidigern, Angehörigen von Reli- schwenkte der „Scheinwerfer“ der Me- Handlungsspielraum der Religionsaus-
gionsgemeinschaften, Rechtsanwälten dien auf andere Teile der Welt und da- übung nach wie vor einer rigiden Kon-
und Journalisten festzustellen waren. mit stand auch die Menschenrechtslage trolle, was bedeutete, dass katholische
Im Anschluss an Proteste und Unru- in China nicht mehr im Mittelpunkt der und protestantische Gemeindemitglie-
hen, die im März 2008 in Lhasa (Tibet) Aufmerksamkeit. Im politischen Rah- der, die ihren Glauben außerhalb des
begannen, nahmen die Behörden mehr men, bei der Lobbyarbeit ging und geht staatlich sanktionierten Rahmens prak-
als 1.000 Personen fest, von denen Hun- die Diskussion aber weiter. tizierten, drangsaliert, inhaftiert und in
derte zum Jahresende weiterhin in Ge- manchen Fällen auch zu Gefängnisstra-
wahrsam oder „verschwunden“ waren. Wie beurteilen Sie die heutige Men- fen verurteilt wurden. Das drakonische
Eine Reihe gewaltsamer Zwischenfälle schenrechtssituation in China? Hat und systematische Vorgehen gegen die
mit angeblich terroristischem Hinter- sie sich gebessert und wie steht das spirituelle Bewegung Falun Gong wurde
grund wurde benutzt, um massiv gegen
die uigurische Bevölkerung in der Au-
tonomen Uigurischen Region Xinjiang
vorzugehen. Folter und andere Formen
der Misshandlung waren weit verbreitet.
Diese Realität stand in einem so kras-
sen Gegensatz, sowohl zur olympischen
* Stefan Keßler
Idee wie zur offiziellen Propaganda, dass ist ehrenamtlicher Vorstandssprecher von Amnesty
eine kritische Diskussion geradezu her- International Deutschland.

15
the new game –
Lobbying ist in einer pluralistischen
Gesellschaft alltäglich, da es un-
zählige Interessengruppen gibt. Ob
Dackelzüchterverein, Rüstungsindus-

lobbying und sport


trie oder die großen Sportligen – alle
wollen ihre Interessen durchsetzen.
Aber warum kann Lobbying, vor allem
im Sport, überhaupt erfolgreich sein?

von Niels Hauke

Deutschland folgt seit Jahrzehnten einer ganz bestimmten Tradition: Jeden Samstag-
nachmittag versammeln sich Millionen von Menschen vor den Fernsehgeräten und
Radios, um die aktuellen Spiele der Fußball-Bundesliga zu verfolgen und mitzufie-
bern. Um diese Tradition zu kennen muss man nicht einmal selbst ein großer Fuß-
ballfan sein, denn es scheint sich dabei um ein allgemeingültiges Gesetz zu handeln.
Eines ist dabei ganz offensichtlich: Fußball wird von vielen Menschen – vielleicht so-
gar zu Recht – als faszinierender, spannender und bewegender als Politik empfunden.
Dabei gibt es eine viel engere Verbindung zwischen Sport und Politik, als manch einer
glauben mag. Gemeint ist die versuchte Einflussnahme von Sportvereinen und -ver-
bänden auf die Politik, auch bekannt als Lobbyismus. Genauso wie andere Verbände,
versuchen auch Interessengruppen aus der Welt des Sports Einfluss auf die Politik zu
nehmen, um ihre Interessen besser umsetzen zu können. Aber wie funktioniert so
etwas eigentlich? Und: Stimmt das Bild vom Lobbyisten, der mit einem prall gefüll-
ten Geldkoffer ahnungslose Politiker im Hinterzimmer für seine „Machenschaften“
gewinnen will?
Ganz so einfach ist es wie immer nicht. In Deutschland gibt es knapp 2.200 in das
Lobbyregister des Deutschen Bundestages eingetragene Interessengruppen. Bei Lob-
bying handelt es sich in der Regel jedoch nicht um die genannte illegitime Einfluss-
nahme in Hinterzimmern, sondern um die Vertretung von Interessen bestimmter
gesellschaftlicher Gruppen. Genau genommen kommt es zwischen dem politischen
Entscheidungsträger und dem Interessenvertreter zu einem rationalen Tausch-
geschäft. Gegenstand eines solchen Tausches sind Informationen zu bestimmten
Sachthemen einerseits und der Möglichkeit der Einflussnahme andererseits.

Tausche Sportschuhe gegen Anzug

Interessengruppen verfügen nicht nur über Informationen zu Auswirkungen poli-


tischer Maßnahmen (d.h. Expertise zu ganz bestimmten Sachthemen, die sonst nur
wenigen oder niemandem zu Verfügung steht und somit knapp ist), sie sind auch in
die Implementation solcher Maßnahmen eingebunden. Oft können sie die Einflüs-
se und Auswirkungen politischer Maßnahmen besser beurteilen, als die politischen
Entscheider selbst. Wen wundert das auch? Lobbyisten sind schließlich Experten auf
ihrem jeweiligen Gebiet. Die politischen Entscheidungsträger wiederum sind daran
interessiert, die Fachinformationen der Interessengruppen zu nutzen, um unbeab-
sichtigte Effekte zu vermeiden. Der Plan muss schließlich aufgehen, die getroffene

Niels Hauke
studierte an der Universität Osnabrück Social
Sciences und ist seit 2009 Student des Masterstudi-
engangs Politikmanagement an der NRW School of
Governance. Praktische Erfahrungen sammelte er bei
Praktika im Deutschen Bundestag und im Wissen-
schaftsministerium des Landes NRW.

17
politische Entscheidung soll von der Bevölkerung akzeptiert werden. Das Interesse jeweiligen Profiligen – Deutsche Fußball Erinnern wir uns nun an die einführen- Empfänger ausgegangen werden. Für un-
der politischen Entscheidungsträger resultiert aus der Tatsache, dass die Komplexität Liga (DFL), Basketball Bundesliga (BBL), de Klassifikation von Lobbyismus als ser Beispiel bedeutet dies konkret, dass
bestimmter Sachverhalte oft über den Sachverstand von Verwaltungsbürokratien hi- Deutsche Eishockey Liga (DEL), und die rationales Tauschgeschäft, bei dem die es ganz offensichtlich für den Entschei-
nausgeht und daher Beratung sowie Formulierungshilfe von Experten aus den jewei- Handball Bundesliga (HBL) – einen eige- Tauschpartner das Ziel verfolgen, ihren dungsträger nicht nur sehr interessante
ligen Interessengruppen vonnöten ist. Umgekehrt ist der Interessenvertreter daran nen Lobbyverband gegründet. Vor allem eigenen Nutzen zu maximieren. Der Ressourcen gegeben haben muss, die
interessiert, die Entscheidungsträger, also etwa die Bundesregierung, das Parlament, das Werbeverbot für Alkoholika würde Einfluss, der vom Interessenvertreter dazu geführt haben, dass ein Werbever-
die Ministerialbürokratie oder die Referenten der Arbeitsgemeinschaften, in einem dem Profisport eine wichtige Einnahme- auf den Entscheidungsträger ausgeübt bot für Alkoholika nicht zustande ge-
möglichst frühen Stadium in seinem Sinne zu beeinflussen. Beeinflussung bedeutet, quelle von rund 300 Millionen Euro pro wird hat die Funktion, eine politische kommen ist. Auch muss von einer engen
dass der Lobbyist zum Beispiel einen Gesetzesentwurf verändert oder sogar einen ei- Jahr entziehen. Sport und Alkohol – auf Entscheidung mitzusteuern. Im Falle und vertrauensvollen Zusammenarbeit
genen Entwurf einreicht, der seine Interessen berücksichtigt. Der Job des Lobbyisten den ersten Blick eine feindliche Verbin- des oben genannten Beispiels handelt zwischen diesem Entscheidungsträger
hat somit Ähnlichkeit mit dem eines Zauberkünstlers: Er muss seine Tricks anwen- dung, auf den zweiten Blick anschei- es sich darum, die Entscheidung für ein und dem Lobbyisten ausgegangen wer-
den ohne dass es jemand bemerkt, er muss am besten überall gleichzeitig sein können nend eine innige Liebe, denn beim Geld Werbeverbot von Alkoholika zu kippen. den, was sicher nicht nur für den Bereich
und über alle Handlungen der Beteiligten informiert sein. Interessenvertreter benö- scheint auch der Jugendschutz an seine Allerdings darf dabei nicht von einem des Sports gilt.
tigen Informationen über alle Vorgänge, die im Vorfeld des politischen Entschei- Grenzen zu stoßen. mechanischen Bild von Lobbying aus-
dungsprozesses stehen, da sie mit Hilfe dieser Informationen ihre Vorstellungen von gegangen werden. Der politische Erfolg
Politikinhalten realisieren können. Sie kommen aus den verschiedensten Bereichen Lobbyist und Politiker – hängt nämlich nicht nur von der Menge
der Gesellschaft – vom Tabakliebhaber über den Taubenzüchter bis hin zum Sport- große Gefühle und der Art an Ressourcen ab, die ein
manager. Aus dem Verständnis des Lobbyisten und des Politikers ergibt sich, dass Lobbyist anzubieten hat. Der Mythos
für das Zustandekommen von Tauschprozessen ein gegenseitiges Interesse an einem Interessant am Lobbying im Bereich des prall gefüllten Geldkoffers bleibt in
Austausch von Ressourcen unabdingbar ist. Müssen sich demnach ein Sportmanager Sport sind vor allem das Ausmaß und diesem Falle also ein Mythos – abgese-
für Politik und ein Politiker für Sport interessieren? die Medienwirksamkeit. Zwischen Sport hen natürlich von Korruption und Beste-
und Politik besteht eine enge Verbin- chung im Sport, was jedoch ein anderes
Wenn es darum geht, Lobbying im Bereich des Sports zu betreiben, ja. Im Sportaus- dung, mit der die Politik meistens me- Thema wäre. Selbst mit den raffiniertes-
schuss des Deutschen Bundestages wird Lobbying so offen betrieben wie in keinem dienwirksam punkten kann. Besonders ten Taktiken und Strategien in petto wird
anderen Bereich des Parlaments. Darüber hinaus ist der Sportausschuss der einzige deutlich wird dieser Zusammenhang am der Lobbyist immer noch kein geplantes
Ausschuss seiner Art, der stets öffentlich tagt. Immerhin: Im Gegensatz zu manch Verhältnis der Kanzlerin Angela Merkel Alkoholverbot verhindern können, da
anderer Lobby lassen sich die Vorteile des Sports, wie etwa Förderung der eigenen und der Fußballnationalmannschaft: sich der politische Entscheidungsträ-
Gesundheit, Pflege der sozialen Kontakte oder auch das Entstehen von Teamgeist, Die Kanzlerin bei den Sportlern in der ger nicht so einfach instrumentalisieren
nicht von der Hand weisen. Sportlobbyisten haben so gesehen einen deutlichen Vor- Umkleidekabine, die Kanzlerin hände- oder manipulieren lässt. Ein Griff in die
teil gegenüber Tabak- oder Waffenlobbyisten. Nichtsdestotrotz gibt es auch in der schüttelnd mit Jogi Löw, die Kanzlerin Trickkiste allein ist eben nur die halbe
Welt des Sports sehr heterogene Interessen. Dabei kann es sich etwa um Interessen jubelnd auf der Ehrentribüne bei Länder- Miete für ein Tauschgeschäft. Ganz we-
von Gruppen handeln, die die Ausübung ihrer Sportart sicherstellen wollen, zum spielen der deutschen Elf. Dies alles sind sentlich für erfolgreiches Lobbying ist
Beispiel wenn Umweltbestimmungen das Ausüben von Sportarten einschränken. Bilder, die wir kennen und die auf uns etwas ziemlich Banales: Die persönliche
Dies kann etwa im Kanu- oder Rudersport der Fall sein. Ganz anders, aber ebenso re- positiv wirken, ohne dass wir in der Re- und oft über Jahre gewachsene vertrau-
alistisch, stellt sich die Lage dar, wenn nach einem Amoklauf über eine Verschärfung gel dabei an Lobbyismus denken. Diese ensvolle Beziehung zwischen Lobbyist
der Waffengesetze nachgedacht wird. Dann laufen die Schützenverbände Sturm, da Bilder und noch viele weitere Beispiele und Entscheidungsträger. Denn eines
sie ihre Sportart gefährdet sehen. Trotzdem geht es hierbei nicht nur um eine Sicher- zeigen jedoch, dass das gegenseitige In- steht fest: Jegliches Signal, welches der
stellung der Ausübung einer Sportart: Da man für die Ausübung des Schießsports teresse von Sport und Politik weitrei- Interessenvertreter direkt oder indirekt
naturgemäß eine Waffe benötigt, haben im Falle einer geplanten Verschärfung der chend ist. Die öffentliche Darstellung der an seine Adressaten aussendet, würde
Waffengesetze auch die Hersteller von (Sport-) Waffen ein Interesse daran, solche jubelnden Angela Merkel ist sogar auch ohne Folgen bleiben, wenn nicht auch
Gesetzesänderungen zu verhindern, womit wir auch schon bei den kommerziellen ein Stück weit politisches Interesse und die Bereitschaft bestünde, diese Signale
Interessen in der Welt des Lobbyings im Sportbereich sind. Um bei Themen wie durch die Sportverbände verwirklichter zu empfangen. Daher muss in solch ei-
der Regulierung von Sportwetten oder dem Verbot von Alkoholwerbung im Sport Lobbyismus. nem Zusammenhang immer auch von
Einfluss nehmen zu können, haben die vier größten deutschen Sportverbände der einer Interaktivität zwischen Sender und

19
doping im spitzensport:
In regelmäßigen Abständen werden Spitzensportler des Dopings überführt. Da-
bei sind so gut wie alle Sportarten betroffen. Um Doping besser zu bekämpfen,
mehren sich seit Jahren die Stimmen, die Dopingsünder als Straftäter verurtei-
len wollen. Deutschland sieht aber keinen Handlungsbedarf und überlässt die

strafrecht ja oder nein?


Bestrafung nach wie vor den Verbänden. Muss der Staat umdenken?

von Frederic Hüttenhoff

Wenn Sportler des Dopings überführt Die Schwierigkeit der deutschen


werden, wundert man sich oft über de- Verbandsautonomie
ren Erklärungen. Eines der bekanntesten
Beispiele ist Dieter Baumann, der 1999 In Deutschland wehrt man sich nach wie
überhöhte Nandrolon-Werte in seinem vor erfolgreich gegen die strafrechtliche
Körper auf seine Zahnpasta zurückführ- Dopingverfolgung, vor allem weil Sport-
te. Angeblich hätten ihm unbekannte Funktionäre die bestehende Verbands­
Täter das verbotene Dopingmittel in die autonomie durch den Staat bedroht
Tube gefüllt. Er wurde für 2 Jahre vom ­sehen. Das Problem ist die Verflechtung
Leichtathletik-Weltverband IAAF ge- von Politik und Sport. Viele deutsche
sperrt. Ähnlich erging es Jan Ullrich, der Politiker sind oftmals Schirmherren bei
2002 positiv auf Amphetamine getestet sportlichen Veranstaltungen oder ver-
wurde und anschließend behauptete, bandspolitisch im Sport tätig. Gleichzei-
dass ihm ein Unbekannter in der Dis- tig sitzen sie aber in Bundes- oder Land-
co zwei Amphetamin-Pillen angeboten tagen im Innen- oder Sportausschuss.
haben soll. Er konnte angeblich nicht Italien zeigt, welche Probleme damit
schnell genug ablehnen. Auch er wur- verbunden sind. Obwohl hier Haftstra-
de gesperrt. Sportler, die in Deutsch- fen von bis zu drei Jahren möglich sind,
land betrügen, werden zwar von ihren wurde bisher noch kein Sportler wegen
Verbänden bestraft, aber strafrechtlich Dopings strafrechtlich verurteilt. Ein In-
nicht verfolgt. Anders sieht es in Spani- teressenkonflikt ist also auch hier nicht
en, Frankreich und Italien aus. In diesen vollständig auszuräumen. 2007 erließ
Ländern gilt Doping als Straftat und wird die Bundesregierung ein Anti-Doping-
vom Staat mit hoheitlichen Maßnahmen Gesetz, das zwar den Besitz und Ver-
verfolgt. So können in Italien Doping- trieb von Doping-Mitteln verbietet, aber
vergehen von Sportlern mit Haftstrafen nicht die Einnahme. Das heißt, dass nur
von bis zu drei Jahren geahndet werden. Personen bestraft werden können, die
Die Frage, ob Dopingbekämpfung bei Handel mit Dopingmitteln betreiben.
nichtstaatlichen Veranstaltungen eine Ein Sportler würde demnach nur verur-
Staatsaufgabe sein sollte, ist in Deutsch- teilt werden, wenn er größere Mengen
land dagegen stark umstritten. an Doping-Mitteln besitzt. Die CDU be-
gründete diesen Schritt damit, dass das
Strafrecht nicht dazu da sei, Sponsoren,
Zuschauer oder sportliche Konkurrenz
vor moralischer Enttäuschung zu be-

Frederic Hüttenhoff
studiert den Masterstudiengang Politikmanagement
an der NRW School of Governance. Zuvor absolvierte
er den B.A. in Sozial-, Medien- und Kommunikations-
wissenschaften an der HHU Düsseldorf. Zurzeit ist er
als wiss. Hilfskraft am Institut für Arbeit und Qualifi-
kation der Universität Duisburg-Essen tätig. Weitere
praktische Erfahrungen sammelte er in den Bereichen
der Unternehmenskommunikation und Public Affairs.

21
wahren. Zudem würde es sich streng ge- Doping wird die Wahrnehmung von dann auch seine Mannschaft, sein Verein oder sogar der Verband deutliche Vorteile.
nommen um eine Art Selbstschädigung Sport verzerrt, denn mit Sport werden Demnach werden sowohl das Prinzip des fairen als auch des finanziellen Wettbe-
handeln, die man rechtlich nicht verur- generell bestimmte Wertvorstellungen, werbs zu oft mit Doping verletzt. Auch deshalb wären rechtliche Regelungen sinn-
teilen kann. Tatsächlich ist diese Ansicht etwa die der Fairness, des sportlichen voll, damit es zu einer Bestrafung von Doping kommt. Dabei muss aber auch immer
aber nicht weitreichend genug. Wettkampfs und der einwandfreien Mo- eine Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Wissenschaftliche Untersuchungen wie-
In Bezug auf dopende Sportler könnte ral verbunden. Diese Wertvorstellun- sen bereits vielfach darauf hin, dass die Bestrafung von Doping nicht mehr als den
man sagen, dass die Strafen der jewei- gen werden im Spitzensport an die Zu- Tatbestand der Täuschung oder des Betrugs aufweisen darf.
ligen Verbände, also Startsperren, Ab- schauer vor Ort und oftmals auch über
erkennung von Titeln und Preisgeldern die Massenmedien an die allgemeinen Fairness konsequent schützen! Aber nicht um jeden Preis
die Karriere bedrohen oder mitunter Sportinteressierten weltweit weiterge-
beenden. Das wäre vermutlich für den geben. Der Sportler genießt durch sei- Der Profisport als gesellschaftliches Ereignis wird durch Fairness definiert. Wenn
Sportler bereits Strafe genug. Dies setzt ne Leistung ein hohes Ansehen und hat diese durch Doping unterwandert wird, hat das wirtschaftliche und gesellschaftliche
aber voraus, dass die Verbände diese damit eine große Vorbildfunktion inne. Folgen für den Sport. Als bestes Beispiel dient hier der Radrennsport, der in Deutsch-
Strafen auch konsequent umsetzen. Oft- Daher rückt auch die Lebensweise eines land durch Dopingaffären mit einem starken Imageverlust zu kämpfen hat. Die
mals scheint das nicht der Fall zu sein. erfolgreichen Sportlers in die Mitte der Nutzung von Doping ist Betrug am Sport, an den Konkurrenten, an den Zuschau-
Sportler und Verband verfolgen häufig Gesellschaft und wird oftmals imitiert. ern und an den Sponsoren. Um den effektiven Schutz davor zu gewährleisten, wäre
die gleichen Interessen. Darüber hin- Diese Vorbildfunktion kann auch zu das Strafrecht zwar ein geeignetes Mittel. Letztlich bleibt aber die Frage bestehen,
aus ist ein Verband abhängig von seinen einem besseren gesellschaftlichen Mit- ob die Einführung des Strafrechts in Dopingfällen wirklich die einzige Möglichkeit
Sportlern, insbesondere von sehr erfolg- einander führen. Man erinnere sich nur einer effektiveren Dopingbekämpfung ist. Denn streng genommen bekämpft man
reichen, die Aufmerksamkeit und Spon- an die Fußballweltmeisterschaft 2006 damit nicht die Ursachen, sondern nur die Auswirkungen. Außerdem würde eine
sorengelder generieren. Daher befinden in Deutschland, bei der die Medien eine strafrechtliche Verfolgung andere erhebliche Probleme mit sich bringen. Der Fall um
sich Verbände in einer Zwickmühle. Ei- neue Form des nationalen Bewusstseins Claudia Pechstein ist ein Negativbeispiel. Die deutsche Eisschnellläuferin wurde auf-
nerseits müssen sie glaubhaft versichern, ausmachten. grund erhöhter Blutwerte und damit lediglich wegen des Dopingverdachts für alle
dass eine aktive Anti-Doping-Politik Wenn ein Spitzensportler aber dopt, internationalen und nationalen Wettkämpfe gesperrt. Ihr konnte bisher kein direktes
betrieben wird, andererseits aber droht vermittelt er falsche Wertvorstellungen Dopingvergehen nachgewiesen werden. In diesem Fall wäre eine strafrechtliche Ver-
dadurch der Verlust von Sponsoren und und darf niemals ein Vorbild für andere folgung nur schwer einzuleiten. Schließlich gab es nicht den endgültigen Dopingbe-
Werbegeldern, die man gerne halten sein. Sonst würde der Eindruck vermit- weis, auch wenn Ärzte bestätigt haben, dass die Blutwerte nicht auf natürliche Weise
möchte. Hier wäre der staatliche Eingriff telt, dass manipuliert werden muss, um zustande kommen konnten. Sollte es in Deutschland wirklich eine strafrechtliche
ein mögliches Mittel, um die Dopingbe- seine Ziele erreichen zu können. Folglich Verfolgung für Doping-Sünder geben, so müsste die Schuld des Sportlers eindeutig
kämpfung frei von anderen Interessen könnten mit einer strafrechtlichen Do- geklärt sein. Italien und andere Länder Europas zeigen, dass dies nur schwer umsetz-
konsequent und in einheitlicher Weise pingverfolgung die Wertvorstellungen bar ist. Die deutsche Politik steht somit weiterhin in der Pflicht, verstärkt über die
durchführen zu können. Den Sportlern des Sports eine rechtliche Verankerung physischen und psychischen Gefahren des Dopings aufzuklären. Gelänge eine er-
würden mit einer Strafverfolgung wegen erhalten. folgreiche Prävention, würden strafrechtliche Maßnahmen gar nicht erst nötig sein.
Dopings Grenzen gesetzt, die von den Nicht zuletzt sind die wirtschaftlichen Auf lange Sicht, scheint dies allerdings utopisch.
Sportverbänden in dieser Klarheit und Auswirkungen des Dopings zu nennen.
Härte nie definiert werden könnten. Profisport bewegt viel Geld und die Ein-
nahme von Doping kann deshalb durch-
Was muss geschützt werden? aus als Wettbewerbsverzerrung angese-
hen werden. Der Sportler kann sich so
Allgemein gilt, dass der Leistungssport unrechtmäßig an Preisgeldern und damit
bzw. Spitzensport in Deutschland und verbundenen Sponsorengeldern berei-
weltweit ein Rechtsgut ist, das Allge- chern, die eigentlich rechtmäßig einem
meininteressen bedient und deshalb mit fairen Mitteln agierenden Sportler
auch geschützt werden muss. Durch zustehen würden. Damit schafft sich

23
Sportliche Ereignisse sind nicht selten Austragungsort für politische Dispute.
Als gesellschaftliche Großereignisse und multikulturelle Highlights genießen
sie ein erhebliches Maß an öffentlichem Interesse und emotionalem Zuspruch.
Viele Akteure nutzen diese Plattform, um Aufmerksamkeit für politische Zwecke
zu erhaschen oder um politisches Handeln zu legitimieren. Sportliche Ereignis-
se sind aber auch – mit gleicher Begründung – Austragungsort für politische
Friedensbewegungen. Eine Gegenüberstellung

von Alice Berger

Krieg

5. September 1972. Es ist der elfte Olympia-Tag in München. Acht palästinensische


Terroristen dringen um vier Uhr morgens in das israelische Mannschaftsquartier ein.
Zwei israelische Sportler werden unmittelbar erschossen, neun weitere Athleten als
Geiseln festgenommen. Die Forderung für ihr Überleben: die Freilassung von 200
Palästinensern aus israelischen Gefängnissen. Die Situation artet aus. Die deutschen
Einsatzkräfte sind vollkommen überfordert. Später wird ihnen vom israelischen
Geheimdienst Mossad „ausgesprochener Dilettantismus“ vorgeworfen und auch
Bundeskanzler Willy Brandt bezeichnet die Ereignisse als „erschütterndes Doku-
ment deutscher Unfähigkeit“. Nach 24 Stunden Unterbrechung werden die Spiele
fortgesetzt. Die Begründung des IOC-Präsidenten Avery Brundage lautet: „Wir wol-
len den Terroristen nicht auch noch erlauben, die Spiele zu ermorden. The Games
must go on!“. Die Olympischen Sommerspiele 1972 wurden zum Nebenschauplatz
des israelisch-palästinensischen Konflikts und der olympische Grundgedanke einer
friedlichen kulturellen Begegnung durch verstärkte Sicherheitsvorkehrungen in den
Folgejahren im Keim erstickt.
26. Juni 1969. Es ist das zweite Halbfinalspiel der Nord- und Zentralamerikagruppe
in der Qualifikation für die Fußball-WM 1970 in Mexiko. Es spielt El Salvador gegen
Honduras. Die Stimmung ist angespannt, Fans pfeifen sich gegenseitig aus. In der
Verlängerung fällt das 3:2 für El Salvador. Honduras ist ausgeschieden. Im Austra-
gungsland El Salvador finden dramatische und unkontrollierte Ausschreitungen mit
Todesopfern beider Seiten statt. Das Fußballspiel ist jedoch nur der Tropfen auf den
heißen Stein eines schon lange schwelenden Konflikts zwischen den beiden Staaten.
Die Regierung von El Salvador nimmt die Ausschreitungen im Rahmen des Fußball-
spiels als Vorwand, um nach Honduras einzudringen. Die militärische Intervention
wird damit begründet, dass die in Honduras lebenden salvadorianischen Landsleute
vor gewaltsamen Übergriffen geschützt werden müssen. Damit wird das sportliche
Ereignis Auslöser des Fußball-Krieges im Grenzgebiet von El Salvador und Hondu-
ras, auch als 100-Stunden Krieg bekannt, der ca. 3.000 Tote forderte und jahrelange
Bemühungen um eine zentralamerikanische ökonomische Union erschütterte.

the games must go on! –


Diese beiden Ereignisse sind dramatische Negativbeispiele der Systemzusammen-
hänge von Sport und Politik. In beiden Fällen werden sportliche Ereignisse als Aus-

sport zwischen Alice Berger


gehört dem Abschlussjahrgang 2010 des Master-
Studiengangs Politikmanagement der NRW School
of Governance an. Vor dem Master absolvierte sie

krieg und frieden


Praktika beim Forum for Active Philanthropy GmbH,
der Welthungerhilfe e.V. sowie beim German Institute
of Global Area Studies. Ihr besonderes Interesse gilt
der Europapolitik sowie der nachhaltigen Entwicklung.

25
tragungsort politischer Dispute miss- Athleten. Aber auch die Olympischen dann ein stetig anwachsender Chorge- aus weißen Spielern zusammengesetz- es in einem Artikel für Le Monde dip-
braucht. Damit können die berühmten Spiele 1936 in Nazi-Deutschland, die sang. Eineinhalb Stunden später siegen te Mannschaft auf seine Seite gezogen lomatique am Beispiel Fußball auf den
Worte George Orwells aus dem Jahre häufig als „Mutter“ der politischen In- die Springboks. Mandela überreicht den und ihnen die neue Nationalhymne Punkt: „Niemals wird ein Fußballspiel
1945 nicht mehr nur ausschließlich in strumentalisierung von Sport bezeich- Pokal und wieder ertönt der Gesang: (ehemals ein Lied der schwarzen Pro- zwischen zwei Staaten, die eigentlich
Bezug auf sportliche Darbietungen, son- net werden. Wo große Hoffnungen und „Nelson, Nelson!“ – lauter als zuvor, das testbewegung) gelehrt. Das zeigt, dass im Frieden leben, einen Konflikt auslö-
dern vielmehr in Bezug auf die Kopplung Emotionen aber auch öffentliches Inte- Stadion singt. Den ganzen Abend feiern Sport die Zusammengehörigkeit von sen, und niemals wird es Staaten Frieden
der Systeme Sport und Politik verstan- resse im Spiel sind, ist eine politische alle Südafrikaner zusammen den Sieg Gemeinschaften fördert und eine Ver- bringen, die Streit suchen. Fußball kann
den werden: „Serious sport has nothing Instrumentalisierung vorhersehbar. Die ihrer Rugby-Mannschaft. Mandela ist an bindung herstellen kann, wo die Politik aber ein Vorzeichen sein für den Wandel
to do with fair play. It is bound up with Frage ist, in welche Richtung diese ge- diesem Abend gelungen, wovon er sein mit den gewohnten Maßnahmen der zum Besseren oder Schlechteren“.
hatred, jealousy, boastfulness, disregard lenkt wird. Leben lang geträumt hat: Eine friedliche Friedensförderung und -sicherung an
of all rules and sadistic pleasure in wit- Zusammenführung der beiden Bevölke- ihre Grenzen stößt. Nicht nur auf gro- In diesem Sinne bleibt nur zu sagen:
nessing violence. In other words: it is war Frieden rungsgruppen. Einige Jahre später wird ßer politischer Bühne, sondern auch auf The games must go on!
minus the shooting.“ Diese Worte zeich- er John Carlin von dem Sportmagazin der Mikroebene kann Sport friedenspo-
nen ein düsteres Bild; letztlich liegt aber 24. Juni 1995. Johannesburg, Südafri- Sports Illustrated berichten, dass dieser litischen Zwecken dienen. In Konflikt-
ein Funke Wahrheit in ihnen. ka. Es ist das Finale der Rugby-Welt- Moment im Ellis Park Stadium einer der und Postkonfliktsituationen können
Dementsprechend werden sportliche meisterschaft. Es spielt Südafrika gegen angespanntesten seines Lebens gewesen sportliche Aktivitäten ein friedliches,
Ereignisse nicht selten mit nationa- Neuseeland. Die Spieler laufen auf und ist: „Honestly, I have never been so ten- konstruktives Miteinander der Parteien
listischen Sentiments aufgeladen. So stellen sich für die Nationalhymne in se […] I felt like fainting.“ Worte eines fördern und Spannungen untereinan-
auch im Falle des Fußball-Krieges zwi- Reih und Glied. Die Zuschauerränge Mannes, der beinahe zum Tode verur- der abbauen. Nicht zuletzt existieren aus
schen Honduras und El Salvador. Die sind gefüllt; unter südafrikanischen Fans teilt wurde und 27 Jahre im Gefängnis diesem Grund bereits viele Initiativen
WM-Qualifikationsspiele waren nicht sind 95% weiße Landsleute, die meis- von Robben Island verbringen musste. und Projekte (wie Generations for Peace
die Ursache für die darauffolgenden ten gekleidet in dem grünen Trikot der Dies ist nur ein Beispiel positiver Sys- oder PeacePlayers International), die in
kriegerischen Auseinandersetzungen; südafrikanischen Nationalmannschaft, temzusammenhänge von Politik und Konflikt- und Kriegsgebieten vor allem
der Fußball trug aber dazu bei, dass die der Springboks. Für die schwarze Be- Sport. Auch hier wurde ein sportliches die junge Generation durch sportliche
chauvinistischen Emotionen überkoch- völkerung ist das Trikot und natürlich Ereignis politisch genutzt; jedoch stand Aktivitäten und Ereignisse zusammen-
ten und die militärischen Interventionen Rugby an sich ein schwerwiegendes dieses im Dienste des Friedens, der Iden- bringen und über Gemeinsamkeiten und
durch den folglich stärkeren Zuspruch Symbol der jahrelangen Unterdrückung tifikation mit der eigenen Vergangenheit Frieden aufklären.
der jeweiligen Bevölkerung erhöhte Le- der Apartheid. Das Land ist noch im- und der Integration. Nelson Mandela Orwell versus Mandela. Fußballkrieg
gitimation fanden. mer geprägt von großen Spannungen; sagte einst, Sport habe die Macht, die versus Rugby-Märchen. Krieg versus
In einem ähnlichen Maße wurden die rechtsradikaler Terrorismus gegen die Welt zu ändern, zu inspirieren und Völ- Frieden. Es scheint, als wäre der Zusam-
olympischen Spiele 1972 für kriegeri- neu etablierte Demokratie bleibt eine ker zu verbinden. Und er handelte da- menhang von Sport und Politik in das
sche Zwecke instrumentalisiert. Die unberechenbare Gefahrengröße. Nel- nach: Denn obgleich Rugby zur Zeit der Paradigma von schwarz und weiß einzu-
Olympiade gilt als eines der bedeutends- son Mandela, seit einem Jahr erster de- Weltmeisterschaft 1995 ein Symbol der ordnen. Tatsache ist jedoch, dass solche
ten gesellschaftlichen sowie kulturel- mokratisch gewählter farbiger Präsident Rassentrennung und des Apartheid-Re- Grenzen, wie die Beispiele hier offenba-
len Ereignisse und ist – entgegen ihres des Landes, betritt das Spielfeld. Er trägt gimes in Südafrika darstellte, erkannte er ren, nur selten so klar gezogen werden
Selbstanspruchs – schon seit ihrem Ur- eben jenes grüne Trikot, welches von darin das friedenbringende, vereinende können. Es bleibt aber festzuhalten, dass
sprung in der Antike kaum von Politik seinen weißen Skeptikern verehrt und Potenzial. Im Sinne der Kompromiss- sportliche Ereignisse und Aktivitäten
zu trennen. Indem die Spiele eine welt- von seinen farbigen Anhängern verach- lösung, die in der Friedensforschung als durch politische Zweckverfolgung in
weit öffentliche Plattform für propagan- tet wird. Für einen Moment ist es absolut bedeutendes Element der Friedenskon- ihren kulturellen Zielen gefördert oder
distische Aktionen bieten, werden sie still im Stadion. Man kann die Anspan- solidierung angesehen wird, hat Mande- beeinträchtigt werden; alleine und aus
dementsprechend nicht ausschließlich nung fast greifen. Es scheint, als wären la zunächst seine farbigen Regierungs- sich heraus führen sie allerdings nicht zu
für sportliche Aktivitäten genutzt. Das die Menschen in Unglauben über das angehörigen überzeugt, die Springboks Krieg und Frieden. Der Leiter des Insti-
zeigen unter anderem Ereignisse wie der Gesehene erstarrt. Auf einmal erklingen als Nationalmannschaft anzuerkennen; tuts für internationale und strategische
terroristische Übergriff auf israelische Rufe: „Nelson, Nelson!“. Erst vereinzelt, gleichermaßen hat er die überwiegend Studien (IISS), Pascal Boniface, brachte

27
cricket als entspannungs-
Sport kann als vertrauensbildende
Maßnahme bei interstaatlichen Kon-
flikten erfolgreich sein. Das Beispiel
der Cricket-Diplomatie zwischen

politik – wie sport


Indien und Pakistan im Jahr 2004 zeigt
dies auf erstaunliche Weise.

von Maximilian Hösl

vertrauen zwischen zwei


erzfeinden schaffen kann Wer den Film Forrest Gump ansieht, erlebt mehrere Dekaden Zeitgeschichte gerafft
in 136 Minuten, verpackt im Leben eines Menschen. Eines der vielen Abenteuer des
Protagonisten, ist das tägliche Tischtennis Training bei der US Armee und die damit
verbundene Reise zu einem Turnier nach China. Es scheint ein wenig absurd, befin-
den sich China und die USA doch im Kalten Krieg. Tatsächlich wird dabei aber auf die
sogenannte Ping-Pong Diplomatie angespielt. Während der Tischtennis-Weltmeis-
terschaft 1971 in Japan wurde das amerikanische Team nach China eingeladen. Die
diplomatischen Beziehungen zwischen China und den USA entspannten sich da-
durch zusehends, denn wo zuvor Eiszeit herrschte folgte Tauwetter: Spitzenpolitiker
beider Länder trafen sich zu Gesprächen. Es handelt sich also nicht um eine Fiktion
aus der Feder eines Drehbuchautoren, sondern um ein historisches Faktum und ein
Beispiel dafür, dass Sport zur Entspannung in der internationalen Politik beitragen
kann. In Anlehnung an diese durch Sport induzierte Entspannungspolitik, wurde
die Cricket-Tour der indischen Nationalmannschaft in Pakistan 2004 als Cricket-Di-
plomatie bezeichnet. Erstmals seit 1989 verabredeten sich die beiden Länder zu einer
Serie von Cricket-Spielen, der soganannten „Friendship-Serie“, die in verschiedenen
pakistanischen Großstädten ausgetragen wurden.

Cricket in Indien und Pakistan

Auf der Website des Magazins für Fußballkultur „11 Freunde“ wird Cricket den ‚has-
senswertesten‘ Sportarten zugeordnet. Die Unverständlichkeit der Regeln und die
vermeintliche Langeweile wird angeprangert. In Pakistan und Indien hingegen spielt
der hierzulande omnipräsente Fußball so gut wie keine Rolle und Cricket geht über
alles. „Ich bin nicht nur ein Cricket-Fan. Ich bin mehr als das!“ So beschreibt Rishav,
ein 22-jähriger Student aus Kalkutta, sein Verhältins zum Cricket. Für ihn sei diese
Sportart ein Teil seines Lebens, ohne den er nicht leben könne und für die meisten
Inder sei es fast wie eine Religion. Ein derart emotionales Verhältnis verbinden vie-
le Inder mit Cricket. Für sie ist es essentiell, dass ihre Nationalmannschaft gewinnt.
Dies gilt besonders, wenn Indien auf Pakistan trifft, denn dann schaukeln sich Lei-
denschaft und Emotionen auf beiden Seiten auf ein erstaunliches Niveau hoch. Es
wird, so Rishav, „fast zu einer Angelegenheit auf Leben und Tod“. Grund für dieses
Phänomen ist wohl, dass die Begegnungen der beiden Mannschaften immer wieder
ideologisch aufgeladen werden. Dabei schwingt jedesmal eine politische Dimension
mit.
Maximilian Hösl
studiert den Masterstudiengang Politikmanagement
der NRW School of Governance. An der Universität
Regensburg absolvierte er den B.A. Politik- und Medi-
enwissenschaft. Er absolvierte ein Auslandssemester
an der American University in Washington D.C. und
konnte u.a. bei der NGO Transparency International
Deutschland e.V. und der Landesgeschäftsstelle
der Partei Bündnis’90/Die Grünen in Düsseldorf
Praxiserfahrung sammeln. Schwerpunkte seiner
bisherigen Studien waren politische Kommunikation
und Konfliktforschung.

29
Das Verhältnis der beiden Staaten ist geprägt durch eine schwierige Vergangenheit. wurden auch über die Medien bis nach Normalisierung der diplomatischen Be-
Der bis heute andauernde Territorialkonflikt um die Region Kashmir, vier Kriege, die Indien getragen. Tausende von Indern ziehungen gesehen werden, die schon
Rivalität um die nukleare Vorherrschaft in den 1990ern und die Angst Indiens vor kamen als pakistanische Botschafter vor Beginn der sportlichen Begegnun-
Infiltration durch Extremisten, haben ihre Spuren hinterlassen. zurück in ihr Heimatland. Der indische gen 2004 eingesetzt hatten. Der Sport
Über Dekaden hinweg haben gegenseitiges Misstrauen und nationalistische Propa- Schriftsteller Amit Verma schreibt in ei- hat wohl eher eine günstige Atmosphäre
ganda auf Pakistaner und Inder eingewirkt und so die Menschen der jeweils anderen nem Artikel für den Wisden Asia Cricket: für Verhandlungen erzeugt, als zu einem
Nationalität dehumanisiert. Auch deshalb sind Cricket-Begegnungen zwischen den „The more we see of our opponents, the endgültigen diplomatischen Durch-
beiden Ländern von besonderer Intensität. Im Vorfeld der Cricket-Tournee in Pakis- more we are exposed to their human- bruch geführt.
tan 2004 wurde aufgeregt über das Für und Wider der sportlichen Veranstaltungen ness, and the less the mythic differen- Das Beispiel Cricket-Diplomatie zeigt je-
debattiert. Bedenken um die Sicherheit des Teams und um die Folgen eines eventuel- ces seem.“ Der zwischenmenschliche doch, dass Sport zur Versöhnung zweier
len terroristischen Anschlags für die diplomatischen Beziehungen wurden genauso Kontakt gibt dem früheren Feind sein Völker und zur Entspannung von diplo-
diskutiert, wie die Chancen für den Friedensprozess. Es hat sich allerdings gezeigt, menschliches Gesicht wieder – eine Re- matischen Beziehungen beitragen kann.
dass die Bevölkerungen beider Länder ihren politischen Führern scheinbar schon ei- humanisierung tritt ein. Als vertrauensbildende Maßnahme war
nen Schritt voraus waren. Beide Cricket-Teams haben mit der sie ein Erfolg. Wann aber Sport eine sol-
Tournee 2004 als Schlichter im Streit che Funktion einnehmen kann, bleibt im
Friede, Freude, Cricket zwischen beiden Staaten fungiert und Dunkeln, denn die Geschichte indisch-
das jeweilige Bild vom Feind in Ansät- pakistanischer Cricket-Begegnungen hat
Die Tournee durch Pakistan ging durch verschiedene Großstädte und begann in zen harmonisiert: „Sie begannen zu be- oft genug gezeigt, dass es eben auch zu
Karachi. Fünf Spiele waren angesetzt, zwei davon gewann die pakistanische Mann- greifen, dass die pakistanischen Leute aktiven Feindseligkeiten kommen kann.
schaft, die übrigen drei die indische. Eingedenk des bereits beschriebenen schwie- nicht schlecht oder feindselig waren. Es Dies ging von verbalen Beschimpfun-
rigen Verhältnisses der beiden Länder sowie der Intensität der Emotionen, die mit sind die Politiker beider Länder, die all gen, über gewalttätige Unruhen in Sta-
dem Spiel verbunden sind, läge nun die Vermutung nahe, dass der Unterlegene in diese Arten von Bitterkeit zwischen den dien bis hin zu kommunalen Ausschrei-
einer spontanen Eruption von Wut und Enttäuschung indische Flaggen verbrennen Menschen schufen“, so Rishavs Urteil tungen zwischen Hindus und Moslems,
und den Erzfeind lautstark beschimpfen würde. Doch weit gefehlt, das Gegenteil über die Auswirkung der Cricket-Tour. wie etwa in der Hauptstadt des indischen
war der Fall. Die gesamte Tour verlief friedlich. Nach der ersten Begegnung erhoben Über die Erfolge für die Völkerverstän- Bundesstaats Gujarat 2003. Vor allem
sich die Stadionbesucher sogar zu Standing Ovations für die Leistung beider Teams. digung hinaus boten die sportlichen können Cricket-Spiele auch das Ziel von
Nicht nur, dass die indische Mannschaft an jedem Austragungsort herzlich empfan- Veranstaltungen Gelegenheitsfenster für Terrorattacken sein, wie der Anschlag
gen wurde, auch die Besucher der Spiele standen sich alles andere als feindselig ge- informelle Begegnungen zwischen Poli- auf die Sri-Lankische Mannschaft in Pa-
genüber. Vereinzelt waren sogar Fahnen zu sehen, die aus den zusammengenähten tikern beider Nationen. Auf solchen in- kistan 2009 bewiesen hat. Es scheint als
Flaggen der beiden Nationen bestanden. Es herrschte eine Atmosphäre von Freund- formellen, lockeren Treffen lastet auf den müssten besondere Umstände und ein
lichkeit und Gastfreundschaft, die sich auch darin ausdrückte, dass viele unter den Konfliktparteien nicht der Druck und die guter Wille bei beiden Konfliktparteien
tausenden indischen Besuchern aufgrund ihrer Nationalität Rabatte in Restaurants Erwartungshaltung offizieller, internati- nötig sein, damit Entspannungspolitik
und Geschäften bekamen. Zudem war das indische Team vom damaligen Premier- onaler Gipfel. Die Cricket-Diplomatie via Sport gelingen kann.
minister Vajpayee mit den Worten nach Pakistan verabschiedet worden, sie sollen fand ihren Höhepunkt im Jahr 2005, als
nicht nur die Spiele gewinnen, sondern auch die Herzen der Menschen. Das indische sich die pakistanische Cricket-Mann-
Team zeigte in Pakistan letztendlich auch nicht nur ihr sportliches Können, vielmehr schaft auf einer Indien-Tournee befand.
initiierten sie eine Kampagne zur Bekämpfung der gegenseitigen Feindseligkeit. Pakistans Präsident Musharraf traf den
indischen Premierminister Singh im
Ein „run“ entfernt von der Konfliktbeilegung? Rahmen einer Begegnung ihrer beiden
Nationalmannschaften. Es war das erste
Bei allen Differenzen, die beide Länder teilen: Die Völker verbindet die Leidenschaft Zusammentreffen auf indischem Boden
für Cricket. Arme und Reiche, Muslime und Hindus – sie alle bilden mit ihrer Begeis- seit vier Jahren.
terung für Cricket den Erfolg dieser Sportart. Die positive Atmosphäre, die sportliche Die Cricket-Tourneen können als Teil
Fairness und all die kleinen und größeren Gesten der Gastfreundschaft in Pakistan der Bemühungen der beiden Länder zur

31
Nur wenige Bereiche des öffentlichen Interesses unterlagen in den vergangenen Jahren einem derart weitreichenden
Wandel wie der Sport. Aus der einstmals „schönsten Nebensache der Welt“, die weitgehend im Rahmen privater, autono-
mer Verbandsregulierung gesteuert wurde, ist heute ein gesamtgesellschaftliches Ereignis geworden, das in die unter-
schiedlichsten Bereiche hineinwirkt und den unterschiedlichsten Einflüssen – von Politik, Medien und Kultur bis hin zur
Wirtschaft − unterliegt. Vor allem die enorme Aufmerksamkeit, die der Fußball erzielt, hat dazu geführt, dass sich mitt-
lerweile ein eigenes Politikfeld „Sport“ herausgebildet hat, auf dessen Terrain eine immer größere Anzahl von Akteuren
zunehmend vielschichtigere Interessen verfolgt. Ein Gastbeitrag

die entdeckung der


von Dr. Jürgen Mittag

sportpolitik: von der ten Interessen auf die Ausgestaltung des


Sports und seiner Rahmenbedingungen

verbandlichen autonomie
kommt. Wo etwa im Fußball jahrelang
der DFB weitgehend autonom sportbe-
zogene Entscheidungen traf, tummeln
sich heute die Deutsche Fußball Liga

zum politikfeld sport


und Profi-Klubs, Spielerberater und Ver-
wertungsagenturen sowie Gerichte und
– in zunehmendem Maße – staatliche
Akteure. Der Sport bleibt dabei längst
nicht mehr nur auf nationale Strukturen
begrenzt, sondern entfaltet auch seine
transnationale Dimension. In Europa hat
Definitorische Annäherungen die Berücksichtigung des Sports im EU-
Vertragswerk von Lissabon, aber auch die
Mit dem Begriff „Sport“ ist eine beträchtliche Bandbreite an Ausprägungen und An- wachsende sportpolitische Intervention
gebotsformen bewegungsbezogener Aktivität angesprochen. Ausgehend von den im Zuge der Binnenmarktrechtsetzung
Aktivitäten des Europarats, der bereits im Jahre 1954 den Sport als integralen Be- – für die breite Öffentlichkeit wohl am
standteil eines europäischen Kulturabkommens betrachtete, subsumiert die Europä- deutlichsten sichtbar geworden im so ge-
ische Kommission unter Sport „jegliche Form körperlicher Ertüchtigung, die inner- nannten Bosman-Urteil – dazu geführt,
halb oder außerhalb von Vereinen betrieben wird, um die körperliche und seelische dass insbesondere der Profisport nicht
Verfassung zu verbessern, zwischenmenschliche Beziehungen zu entwickeln oder länger mehr eine gewissermaßen extra-
ergebnisorientierte Wettkämpfe auf allen Ebenen zu bestreiten.“ Diese eher am Brei- konstitutionelle Sonderrolle mit eigenen
ten-, denn am Spitzensport orientierte Definition ist hilfreich, vernachlässigt aber Regulierungsmechanismen beanspru-
den Bereich des vom Zuschauer wahrgenommenen Spitzensports in den Medien chen kann. So hat unlängst die Europä-
oder Stadien. ische Kommission mit ihrem Weißbuch
Sport eine Zusammenschau der bishe-
Sport im Wandel rigen sportpolitischen Aktivitäten der
Europäischen Union vorgenommen und
Sowohl der aktiv betriebene Bewegungssport, als auch der passiv rezipierte Zuschau- zugleich einen vorsichtigen Ausblick auf
ersport haben an Bedeutung gewonnen. Infolge der medialen und ökonomischen eine künftige Positionierung zwischen
Aufwertung zahlreicher Individual- und Mannschaftssportarten – namentlich der der Autonomie des Sports und dem Ge-
europäischen „Leitsportart“ Fußball –, aber auch aufgrund der wachsenden gesund- meinschaftsrecht gewagt. Exemplarisch
heitlichen Bedeutung von Bewegung, hat Sport längst den Raum eines beschau- für die gegenwärtig noch dominierende
lichen Freizeitvergnügens verlassen. Sport ist ein globales Massenphänomen, das zurückhaltende Ausbalancierung der
nicht nur während der Fußball-Weltmeisterschaften die Bevölkerung in einen fröh-
lich-rauschhaften Erregungszustand versetzt, sondern auch im Alltagsleben einen
festen Platz mit beträchtlichem Mobilisierungspotenzial einnimmt. Der Sport regt Dr. Jürgen Mittag
zur Kommunikation an, er dient der Identitätsstiftung, fördert die Integration und studierte Politikwissenschaft, Mittlere und Neuere Ge-
schichte und Germanistik in Köln, Bonn und Oxford.
schafft Arbeitsplätze – er fungiert sogar als Instrument der Friedens- und Entwick- Seit 2003 ist er Geschäftsführer des Instituts für so-
lungspolitik. Zugleich stellt der Sport aber auch einen milliardenschweren Wirt- ziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum und
schaftsfaktor dar, dessen Wachstumspotenzial nahezu unbegrenzt scheint. blickt auf verschiedene Forschungsaufenthalte und
Gastprofessuren, u.a. in Florenz (European University
Die fortschreitende Verflechtung des Sports mit anderen gesellschaftlichen Bereichen Institute), Brüssel (TEPSA), Paris (Sciences Po) und
hat dazu geführt, dass es zu einem immer stärkeren Einwirken der unterschiedlichs- Istanbul (Bosphorus University) zurück.

33
unterschiedlichen Interessen ist hier die Der Forschungsbereich In Anlehnung an grundlegende Zugänge der Politikwissenschaft erscheint es hilf-
Entscheidung, keine eindeutige Präfe- „Sportpolitik“ reich, auch für den Bereich der Sportpolitik zwischen den drei analytischen Di-
renz zwischen der Einzel- und der Zent- mensionen polity (Institutionen- oder Normengefüge), politics (Politikgestaltung,
ralvermarktung bei der Vergabe von Me- Seitens der Wissenschaft ist den politi- Willensbildungs- und Durchsetzungsprozesse) sowie policies (Politikfelder) zu dif-
dienrechten vorzunehmen. schen Veränderungen im Sport bislang ferenzieren. Der Sport stellt dabei insofern eine Besonderheit dar, als dass er einer-
nur begrenzte Aufmerksamkeit beige- seits ein eigenes Politikfeld bildet und andererseits, aufgrund seiner Entscheidungs-
Das Politikfeld „Sport“ messen worden. Zwar finden sich in strukturen, selbst ein politisches System mit je eigenen analytischen Dimensionen
verstärktem Maße wissenschaftlichen darstellt. Während die Handlungsfelder der Sportpolitik (policies), also etwa Do-
Vor dem Hintergrund immer häufigerer Standards entsprechende Forschungsar- ping, Vermarktung oder Gesundheit, sowohl die Politik als auch das Verbandswesen
sportbezogener Interventionen auf allen beiten, die einzelne Ereignisse, Sportar- mit ähnlichen Herausforderungen konfrontieren, offenbart sich in den Dimensionen
politischen Ebenen hat sich in den ver- ten oder Vereine untersuchen. Eine sys- polity und politics ein stärker dualistisches System. Die Instrumente und Mechanis-
gangenen Jahren zunehmend deutlicher tematische Vermessung des Politikfelds men sportpolitischer Aktivität seitens der staatlichen Akteure unterscheiden sich
die Herausbildung eines eigenen Poli- Sports ist bislang jedoch namentlich sei- deutlich von denjenigen der verbandlichen und weiterer privater Akteure. Das Rin-
tikfelds „Sport“ herauskristallisiert. Si- tens der deutschen Politikwissenschaft gen um Interessen und Entscheidungen stellt hingegen die gemeinsame Schnittmen-
cherlich ist zu konstatieren, dass auch in noch nicht vorgenommen worden, wäh- ge dar. In diesem Sinne bleibt es auf absehbare Zeit spannend, wissenschaftlich zu
den vergangenen Jahrhunderten bereits rend etwa im angelsächsischen Raum untersuchen, ob die Analysen zum Politikfeld Sport eher einen konsensorientierten
zahlreiche sportbezogene Entscheidun- dieser Forschungszweig bereits einge- „Doppelpass“ zwischen Sport und Politik ausmachen oder ob die weitere Ausgestal-
gen deutliche politische Implikationen hender bearbeitet wurde. Dies doku- tung dieses Bereichs eher konfliktgeladene und antagonistische Auseinandersetzun-
hatten. Und es ist auch nicht zu vernach- mentieren neben zahlreichen Einzelstu- gen oder gar – um im Bild zu bleiben – ein „Foulspiel“ zwischen den Akteuren zur
lässigen, dass der Sport seit jeher erhebli- dien unter anderem auch akademische Folge haben wird.
ches Potenzial zur Instrumentalisierung Journals wie die inzwischen im zehnten
bot: Von „Hitlers Olympioniken“ bis Jahrgang erscheinende Zeitschrift „Soc-
zum Wahlkampfeinsatz des Fußballs cer and Society“.
bei Bundestagswahlen können hier
zahlreiche Beispiele angeführt werden. Aufgabe künftiger Forschung muss es
Aber erst mit der Ökonomisierung und vor diesem Hintergrund sein, sowohl
Medialisierung des Sports in den beiden in theoretisch-konzeptioneller als auch
letzten Dekaden – und der damit ein- in empirisch-analytischer Hinsicht eine
hergehenden Mobilisierung und Inter- verstärkte Annäherung an den The-
essendifferenzierung – zeichnet sich die menbereich Sport vorzunehmen. Sport
Entstehung eines eigenen Politikfelds sollte dabei weder länger als Bereich ver-
ab. Sport stellt damit nicht länger mehr bandlicher Selbstregulierung noch als
nur ein Tätigkeitssystem dar, das primär ein Nebenschauplatz staatlicher Politik
durch sportbezogene Regeln (Wettbe- verstanden werden. Gerade mit Blick
werbsregeln) gestaltet wird, sondern auf den letztgenannten Bereich stellen
durch die Verflechtung mit anderen Po- sowohl die Untersuchung der finanziel-
litikfeldern, Interessen und Akteuren len und ideellen Förderungsinstrumente
auch zunehmend ein Konfliktfeld, in staatlicher Akteure als auch die Analyse
dem es um die Durchsetzung von Inte- der Vorgaben und Ausgestaltung gesetz-
ressen sowie die Herstellung von (ver- licher Rahmenbedingungen zentrale
bindlichen) Entscheidungen geht. Forschungsaufgaben dar.

35
Jeder Fußballinteressierte auf der Welt
kennt die FIFA und ihren Präsidenten
Joseph Blatter. Aber kaum jemand
kennt die Strukturen des Verbandes
und die Macht, die die FIFA auf Regie-
rungen und Gesellschaften ausüben
kann. Eine kritische Auseinanderset-
zung

von Frederic Hüttenhoff

Der Fußball-Weltverband FIFA zählt zu


den mitglieder- und finanzstärksten Ver-
bänden der Welt. Bekannt geworden als
„Fédération Internationale de Football
Association“ ist die FIFA jene Organi-
sation, die Frauen- wie Männerfußball-
wettbewerbe plant und kontrolliert.
Während sie durch ihre Entscheidun-
gen zu den Austragungsländern einer
Weltmeisterschaft direkt sowie indirekt
die sozialpolitische und wirtschaftliche
Situation eines Landes beeinflusst, ver-
bittet sie sich jegliche Einmischung der
Politik in Verbandsangelegenheiten – sei
es bei der FIFA selbst oder bei den nati-
onalen Fußballverbänden. Jüngstes Bei-
spiel war die Entscheidung der franzö-
sischen Regierung, den Präsidenten des
französischen Fußballverbandes abzu-
setzen sowie Trainer und Spieler vor die
Nationalversammlung zu berufen. Sie
waren bei der WM in Südafrika bereits
in der Gruppenphase ausgeschieden
und hatten zusätzlich in aller Öffent-
lichkeit einen großen Streit ausgetragen.
Daraufhin drohte die FIFA der französi-
schen Regierung, sich nicht weiter in die
Angelegenheiten des Sports einzumi-
schen und behielt sich als Sanktion den
Ausschluss aus der FIFA vor. Frankreich
lenkte daraufhin ein und überließ die
Regelung des Problems dem nationalen

die macht der fifa


Fußballverband. Dieses Beispiel ist nur
eines von vielen, das zeigt, dass die FIFA
nicht nur die Macht über den Fußball be-
sitzt, sondern teilweise auch über die Po-
litik. Doch woher rührt ihre Macht und
wie setzt die FIFA diese ein?

Die Anfänge und Organisation


der FIFA

Gegründet wurde die FIFA am 23. Mai


1904 in Paris. Der Grund dafür war, dass

37
die bis dahin existierenden 20 Fußball- Vizepräsidenten, 16 einfache Mitglieder dung der neuen Bundesrepublik war und schaften indirekt über die Chance eines Landes auf gesellschaftlichen und wirtschaft-
verbände an internationalen Spielen sowie der Generalsekretär an, der als eine mancher Wissenschaftler sieht darin so- lichen Aufschwung mitentscheiden.
interessiert waren. Einheitliche Re- Art Geschäftsführer agiert. Die Mandats- gar den Start des deutschen Wirtschafts-
geln, klare Zuständigkeiten und eine dauer der Mitglieder beträgt vier Jahre. wunders. Bevor Konrad Adenauer im Nicht alles was glänzt ist Gold
gemeinsame Organisation waren das Das Exekutivkomitee legt die Termine, September 1955 zu den abschließenden
erklärte Ziel. 1932 zog die FIFA von Paris Spielorte und Formate der FIFA-Wett- Verhandlungen über die Rückkehr der Schon seit den 1970ern sieht sich die FIFA immer wieder Korruptionsvorwürfen
nach Zürich und hat seitdem dort ih- bewerbe fest und ist für die Ernennung letzten deutschen Kriegsgefangenen ausgesetzt, die nie ganz ausgeräumt werden konnten. Um denen entgegenzuwirken
ren Hauptsitz. Zurzeit sind in der FIFA sowie Abberufung des Generalsekretärs nach Moskau reiste, trug im August die gründete die FIFA 2005 eine eigene Ethik-Kommission, die gegen Betrug, Beste-
208 Mitglieder organisiert, wobei jeder zuständig. Außerdem gibt es noch 35 deutsche Nationalmannschaft in Mos- chung und Manipulation innerhalb der Organisation ermitteln soll. Pikanterweise
Mitgliedsverband zusätzlich Mitglied ständige Ausschüsse, die sich mit der kau gegen die Sowjetunion ein Freund- dürfen aber keine Fälle untersucht werden, die vor 2006 stattgefunden haben. Durch
in einem der sechs Kontinentalverbän- Organisation von Turnieren und der all- schaftspiel aus. Nach einer 2:1 Führung diese Kommission wurde bis jetzt noch kein FIFA-Funktionär verurteilt. Letztlich
de in Europa, Asien, Lateinamerika, gemeinen Entwicklung des Fußballs be- für die Deutschen drehten die Russen ist Betrug innerhalb der FIFA nur schwer aufzudecken. Des Weiteren wird ihr oft
Nord- und Mittelamerika, Afrika oder fassen. Dazu gehören beispielsweise der noch das Spiel um und gewannen mit vorgeworfen, dass sie mit Verbänden kooperiert, denen vielfach Diktatoren oder au-
Ozeanien sein muss. Dabei werden die Dopingkontrollausschuss oder die Kom- 3:2. Ob die Niederlage von der deutschen toritäre Regime vorstehen. So etwa Argentinien, wo noch in den 1970er Jahren eine
nationalen Verbände finanziell und lo- mission für Klubfußball. Die von den Nationalmannschaft mit Absicht errun- Militärdiktatur an der Macht war und trotzdem die Weltmeisterschaft 1978 ausge-
gistisch von der FIFA unterstützt. Wofür Ausschüssen getroffenen Entscheidun- gen wurde, um die um die sowjetische tragen wurde. Auch die Zusammenarbeit mit internationalen Unternehmen wird
das Geld verwendet wird, bleibt jedoch gen werden vom Exekutivkomitee ratifi- Führung vor dem entscheidenden Tref- teilweise kritisch gesehen, weil sie aufgrund dieser Zusammenarbeit in Länder ex-
den Verbänden überlassen. Die FIFA ziert. Die FIFA weist, wie man sieht, in fen mit dem deutschen Kanzler milder portieren können, zu denen sie vorher keinen Zugang hatten und so einheimische
selbst besitzt mittlerweile ein beträcht- ihrem Aufbau durchaus Ähnlichkeiten zu stimmen, bleibt Gesprächsstoff für Produzenten vom Markt verdrängen. Zuletzt war diese Praktik bei der WM in Süd-
liches Budget. Betrugen die Einnahmen zu politischen Organisationen auf. wilde Spekulationen afrika zu sehen. Einheimische Händler, die Fußball-Artikel oder Snacks und Geträn-
durch Fernsehrechte 1998 bei der WM ke in Stadionnähe verkaufen wollten, wurden rigoros verdrängt. Die einheimischen
in Frankreich noch 147 Millionen Euro, Direkter und Indirekter Einfluss auf Der Einfluss der von der FIFA getroffe- Fans sollten in den offiziellen Geschäften der FIFA ihre Artikel kaufen. Allerdings
waren es bei der WM in Deutschland Regierungen und Gesellschaften nen Entscheidungen nimmt für weniger konnten sich viele in der Bevölkerung die Preise der offiziellen WM-Läden nicht leis-
2006 bereits 1,1 Milliarden Euro. Eben- entwickelte Länder noch größere Aus- ten. Kritisiert wird an der FIFA auch die Monopolstellung im Weltfußball. Während
falls steigen seit den 1970er Jahren die Gerade diese Strukturen begründen maße an als für politisch und finanziell andere Sportarten, etwa Boxen, oft über mehrere Weltverbände verfügen, gibt es im
Einnahmen aus Sponsorengeldern. das Handeln der FIFA, ohne dass sie gefestigte Nationen. So kann mit einer Fußball nur die FIFA. Auch sonst gibt es keine externen Kontrollgremien, die die Ma-
den Einfluss von Regierungen fürchten Entscheidung für die Austragung einer chenschaften des Verbandes kontrollieren und das Handeln transparenter machen.
Die FIFA verfügt über Statuten, nach de- muss. Im Gegenteil: Die Mitgliedschaft WM in einem strukturell schwachen
nen sie handelt und die sie selbst als Ver- in der FIFA erbringt wichtige politische Land durchaus politischer und sozialer Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Entscheidungen der FIFA indirekte und
fassung bezeichnet. Sie beinhalten die und gesellschaftliche Vorteile. Durch die Druck ausgeübt werden. Aktuell hat sich direkte Konsequenzen für das politische und gesellschaftliche System der Mitglie-
Grundregeln für den Weltfußball und Teilnahme an von der FIFA organisier- in Südafrika gezeigt, dass auf den ersten dernationen haben. Sie bildet den Rahmen, in dem Völkerverständigung und Iden-
damit die Regeln für unzählige Wettbe- ten Turnieren oder Freundschaftsspielen Blick vor allem die Probleme des Landes titätsbildung innerhalb eines Landes viel leichter durchführbar zu sein scheinen,
werbs-, Transfer- und Dopingbestim- kann die Völkerverständigung und Iden- stark in den Vordergrund gerückt wur- als wenn dies durch die Politik geschieht. Dabei darf aber nicht vergessen werden,
mungen. Innerhalb der FIFA bilden der titätsbildung, das so genannte „Nation- den und viele Notleidende und Helfer dass die FIFA auch als eine Art Wirtschaftsunternehmen mit stetig steigenden Ein-
Kongress und das Exekutivkomitee die Building“, innerhalb von weniger ent- zu Wort kamen, die sonst keine Lobby nahmen agiert und neben dem Moralischen auch immer das Geschäftliche in jede
beiden wichtigsten Gremien. Der Kon- wickelten Ländern, etwa in Afrika oder in der Politik haben. Inwieweit dabei Entscheidung fließt. Um der Kritik angemessen zu begegnen, müsste sich die FIFA
gress entscheidet über die Statuten, er- von ‚politisch geschwächten‘ Nationen, aber wirklich eine Veränderung erzielt transparenter präsentieren und ihr Handeln kritischer beäugen lassen. Ein guter An-
stellt einen jährlichen Bericht, entschei- stark gefördert werden. Das Auftreten werden kann ist fraglich. Mehr als die fang wäre zum Beispiel die hauseigene Ethik-Kommission dezentral zu organisieren
det über Neuaufnahmen und wählt den der deutschen Fußballnationalmann- Hoffnung, dass sich durch sportliche und auch Betrugsfälle vor 2006 untersuchen zu lassen. Solange jedoch der Fussball
FIFA-Präsidenten. Alle Länder sind in schaft hat beispielsweise vielfach politi- Großereignisse auch gesellschaftliche rund ist und ins Eckige geschossen wird, ist abzusehen, dass die FIFA eine Organi-
ihm vertreten und bei Wahlen verfügt sche und gesellschaftliche Auswirkun- Veränderungen vollziehen, bleibt auch sation mit weitreichenden Einflussmöglichkeiten bleibt, deren Autonomie wohl bis
jeder Verband über eine Stimme. Der gen nach sich gezogen. So sagen nicht in Südafrika nicht. Die FIFA jedenfalls auf Weiteres gesichert ist.
Präsident steht an der Spitze des Exeku- wenige, dass der Gewinn der Weltmeis- kann als alleiniges Auswahlgremium für
tivkomitees. Ihm gehören weiterhin acht terschaft von 1954 die eigentliche Grün- den Austragungsort der Weltmeister-

39
die politik der deutschen
von Frank Rosenbrock

fußball liga – mittels


marktregulierung auf der
erfolgsspur Ursachenforschung: Bundesligateams – zuhause top, in Europa ein Flop

Die Leistungsdichte in der Fußball-Bundesliga ist im europäischen Vergleich über-


aus hoch. Kein Spiel ist im Vorfeld entschieden. Jede Mannschaft hat eine realistische
Siegchance. Auch der Branchenprimus FC Bayern München ist keinesfalls unschlag-
bar, wie die aktuelle Saison erneut eindrucksvoll bestätigt. Entsprechend begeistert,
äußern sich regelmäßig Beobachter des deutschen Profifußballs und adeln die Bun-
desliga als spannendste Liga Europas. Selbst die englische Zeitschrift „The Guardian“
titelte kürzlich „How the Bundesliga puts the Premier League to shame“, und ver-
wies unter anderem auf die hohe Qualität aller deutschen Profivereine. In England,
Spanien und Italien sind die Profiligen von einer solchen Ausgeglichenheit weit ent-
fernt. Nur selten setzen sich dort die kleinen Vereine gegen die großen Mannschaften
durch. Das Gefälle ist schlichtweg zu groß.

Die Begeisterung über die Leistungsdichte in der Bundesliga wird jedoch nicht von
allen geteilt. Kritiker merken an, dass die Homogenität im deutschen Profifußball auf
Kosten der Wettbewerbsfähigkeit der großen deutschen Vereine im europäischen
Vergleich geht. Die zuletzt erzielten Resultate in der höchsten europäischen Spiel-
klasse – der Champions League – bestätigen, dass die deutschen Top-Mannschaften
den Anschluss an die europäische Spitze verloren haben. Mittlerweile ist es neun

föderalismus in der
Jahre her, dass mit dem FC Bayern München ein deutsches Team den Wettbewerb
der besten Mannschaften Europas gewinnen konnte. Und nach dem Finaleinzug von
Leverkusen im Jahr 2002 ist es mit Ausnahme der letzten Spielzeit keiner deutschen
Mannschaft mehr gelungen, in ein Halbfinale der Champions League vorzudringen.

klimapolitik:
Den Kampf um die begehrteste Fußballkrone Europas haben die großen Mannschaf-
ten aus England, Spanien und Italien stets unter sich ausgetragen. Der Grund des
Leistungsgefälles zwischen deutschen und anderen europäischen Großvereinen ist
das enorme finanzielle Ungleichgewicht. Den deutschen Top-Vereinen stehen im

eine vernachlässigte
Vergleich zu den großen Vereinen aus England, Italien und Spanien deutlich weniger
Gelder zur Verfügung. Entsprechend können sie im Rennen um die besten Spieler
der Welt nicht mithalten. Die Ursache wirtschaftlicher Unterschiede wird in der Po-
litik der DFL gesehen, die mittels marktregulierender Instrumente bestimmte Geld-

dimension
quellen für die deutschen Vereine verschlossen hält. Diese Instrumente sind zum
einen die sogenannte 50+1 Regel und zum anderen die Zentralvermarktung der TV-
Rechte durch die DFL. Um in der Champions League wieder wettbewerbsfähig zu

Frank Rosenbrock
ist Masterstudent an der NRW School of Governance
und Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Dr. Dr. Karl-
Rudolf Korte. Er absolvierte ein Auslandssemester an
der Rutgers University in New Jersey und Praktika im
Bereich des Journalismus und bei der SPD im Land-
tag Nordrhein-Westfalens. Im Laufe seines Studiums
hat er sich zunehmend auf Fragen zur politischen
Kultur und zur politischen Partizipation spezialisiert.

41
sein, fordern daher nicht wenige, diese Profimannschaften übernehmen. Die sportlichen Interessen der Vereine sollen wei- kommt keine Langeweile auf, deswegen kann die Bundesliga auch mit so exzellenten glichenheit in der Bundesliga bleibt er-
Regelungen abzuschaffen. terhin Vorrang vor einzelwirtschaftlichen Interessen haben. In den anderen führen- Zuschauerzahlen aufwarten.“ Diese Entwicklung des gesamten deutschen Profifuß- halten und die Erfolge in der Champions
Dass die nationale Marktregulierungs- den europäischen Ligen existiert eine entsprechende Regel nicht. Dort, insbesondere balls wirkt sich auch positiv auf die großen Vereine in Deutschland aus, die die mo- League werden Jahr für Jahr zunehmen.
politik der DFL die internationale Wett- in England, haben in den letzten Jahren zunehmend externe Geldgeber die Kontrolle netäre Lücke zu den großen Klubs der anderen Ligen wieder verringern, wenn auch So könnte die Schlagzeile 2020 lau-
bewerbsfähigkeit der großen deutschen in den Vereinen übernommen. Bekannteste Beispiele sind Chelsea London und Man- noch nicht schließen können. Ein Blick auf die Rangliste der umsatzstärksten Vereine ten: Bundesligavereine dominieren die
Mannschaften in den vergangenen Jah- chester City. Beide Vereine haben mit Hilfe ihrer Investoren viele hundert Millionen Europas verdeutlicht diesen Trend. Zwar sind dort unter den „Top 10“ die großen Champions League!
ren beeinträchtigt hat, ist unstrittig. Euro in neue Spieler investiert. Vereine aus England, Spanien und Italien und damit die Vereine, die die Champions
Doch rechtfertigt es die Abschaffung League in den letzten Jahren dominierten, zu finden. Einzig der FC Bayern München
dieser Regelungen? Anders gefragt: Ist Die zweite Regelung, die Zentralvermarktung der TV-Rechte durch die DFL, bezieht taucht regelmäßig unter den ersten 10 dieser Rangliste auf. Jedoch zeichnet sich eine
auch in Zukunft davon auszugehen, dass sich auf das Recht der DFL, die TV-Rechte an den Profiligen des deutschen Fußballs Entwicklung ab, wonach die deutschen Vereine kontinuierlich aufholen. In der Spiel-
die Regulierung des nationalen Mark- selbst zu vermarkten und die daraus erzielten Einnahmen an die Bundesliga-Vereine zeit 2008/09 waren erstmals fünf deutsche Vereine unter den 20 umsatzstärksten
tes finanzielle Ungleichheiten zwischen weiterzugeben. Die Verteilung der Gelder erfolgt nach einem bestimmten Vertei- Vereinen Europas vertreten.
deutschen und europäischen Top-Teams lungsschlüssel. Dieser Schlüssel sieht im Wesentlichen eine Verteilung der Erlöse
produziert und damit auf Erfolge in der im Verhältnis von 79:21 zwischen 1. und 2. Bundesliga sowie eine leistungsabhän- Break-Even-Rule: Marktregulierung auf europäischer Ebene
Champions League zu verzichten ist? gige Komponente vor, welche die Endplatzierungen der vergangenen drei Spielzei-
Dies ist keineswegs der Fall! Vielmehr ten berücksichtigt. Zweck der Zentralvermarktung ist es, eine Einzelvermarktung Die enorme wirtschaftliche Ungleichheit, die zwischen den Vereinen besteht, ist je-
sind Entwicklungen zu erkennen, die der Vereine zu verhindern, da dies zu einer ökonomischen Spreizung zwischen den doch durch die Umsatzzahlen allein nicht hinreichend zu erklären. Vielmehr ist zu
eindeutig auf eine wirtschaftliche An- Vereinen innerhalb der Profiligen führen würde. Mannschaften mit großem Fanpo- berücksichtigen, dass die 50+1 Regel im englischen, spanischen und italienischen
gleichung deutscher und europäischer tenzial würden bei der Einzelvermarktung deutlich mehr Geld generieren als Ver- Fußball nicht existiert und dadurch Investoren und andere Geldgeber regelmäßig
Spitzen-Vereine hindeuten. Und diese eine mit wenigen Anhängern. Die Beispiele Spanien und Italien zeigen, in welche Geld in die Vereine „pumpen“. Die Bundesliga-Vereine, die aufgrund der 50+1 Regel
Entwicklungen geschehen nicht trotz Richtung die Entwicklung gehen könnte. Dort erhalten wenige Vereine den Großteil für Investoren unattraktiv sind, sind dadurch wirtschaftlich abgehängt. Sie können
der 50+1 Regel und der Zentralvermark- der TV-Gelder. Kleinere Vereine, denen es nicht gelingt Verträge mit TV-Sendern ab- die horrenden Ablösesummen und Gehälter, die durch Geldgeber auf dem Markt
tung der TV-Rechte, sondern gerade we- zuschließen, gehen nahezu leer aus. Die Folge ist ein enormes Leistungsgefälle zwi- entstehen, nicht bezahlen und sind im Rennen um die besten Spieler meist gar nicht
gen dieser Regelungen. schen den Teams. mehr vertreten. Die Außerkraftsetzung des Wettbewerbs nach gleichen Spielregeln,
die solche Investitionen darstellen, hat jedoch die UEFA zum Handeln veranlasst. Ab
Die Eckpfeiler: 50+1 Regel und Die Bundesliga auf dem Vormarsch der Spielzeit 2012/13 wird die sogenannte Break-Even-Rule in Kraft treten, wonach
Zentralvermarktung ein Verein nicht mehr ausgeben darf als er erwirtschaftet. Bei einem Verstoß gegen
Vergleicht man die Umsatzzahlen der Fußball-Bundesliga mit den höchsten Spiel- die Regel droht der Ausschluss aus dem europäischen Wettbewerb.
Die 50+1 Regel und die Zentralvermark- klassen der anderen großen europäischen Ligen, entsteht ein interessantes Ranking.
tung der TV-Rechte durch die DFL bil- Hierbei rangiert die Bundesliga mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro (Stand: Die Break-Even-Rule bedeutet die Wiederherstellung des Wettbewerbs unter glei-
den das Fundament, welches die Leis- Saison 2008/09) auf Platz 2 hinter der englischen Premier League (2,3 Mrd.) und da- chen Bedingungen, denn sie führt dazu, dass die Umsatzstärke eines Vereins die ein-
tungsdichte in den deutschen Profiligen mit vor den Ligen aus Spanien (1,50 Mrd.) und Italien (1,49 Mrd.). Bemerkenswert zige Größe ist, nach der sich seine Finanzkraft bemisst. Horrenden Ablösesummen
garantiert. Unter der 50+1 Regel ist eine sind insbesondere die Umsatzsteigerungen der Ligen. Hier liegt die Bundesliga mit und Gehältern werden damit deutliche Grenzen gesetzt. In Zukunft wird es darauf
in den Statuten der Deutschen Fußball- 10 Prozent Zuwachs zum Vorjahr deutlich vor den Ligen aus England, Spanien und ankommen, mit dem erwirtschafteten Geld eine kluge Transferpolitik zu betreiben.
Liga verankerte Regelung zu verstehen, Italien. Zurückzuführen ist diese Entwicklung vor allem auf die hohen Zuschau- Für die deutschen Vereine ist dies ein relativer Vorteil, da sich für sie nichts verändert.
die den „fairen Wettbewerb zwischen erzahlen in den deutschen Stadien und die sich daraus ergebenden ökonomischen Zudem sind sie wirtschaftlich vergleichsweise gut aufgestellt. Auch der im europäi-
den Bundesligavereinen ermöglichen“ Folgeeffekte, wie zum Beispiel steigende Werbeeinnahmen. Während die anderen schen Raum zu erwartende Rückgang der Spielergehälter wird sich zum Vorteil für
soll. Danach erhält ein Verein nur die Li- Ligen ihre Zuschauerzahlen kaum steigern konnten, ist in der Bundesliga in den letz- die deutschen Vereine auswirken. Das Kriterium „Gehaltshöhe“ verliert bei der Ver-
zenz, wenn „50 Prozent zuzüglich min- ten Jahren ein regelrechter Boom entstanden. Mittlerweile verzeichnet das Oberhaus einswahl der Spieler relativ an Gewicht, während andere Faktoren relativ an Bedeu-
destens eines weiteren Stimmenanteils des deutschen Fußballs einen Zuschauerschnitt von weit über 40.000 Besuchern pro tung gewinnen. Hier hat die ausgeglichene Bundesliga mit den modernen, zumeist
in der Versammlung der Anteilseigner“ Spiel. Einen Wert, den andere Ligen nicht ansatzweise erreichen. Für den Ex-Trainer voll besetzten Stadien einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Die Politik der
der „Mutterverein“ innehat. Mit dieser des Hamburger SV, Martin Jol, ist diese Entwicklung leicht erklärbar: „Die Bundes- DFL hat sich ausgezahlt. Anstatt sich der Kurzatmigkeit hinzugeben hat man Ruhe
Regelung wird verhindert, dass finanz- liga ist in der Breite viel besser besetzt als beispielsweise die Premier League in Eng- bewahrt und die Nachhaltigkeit der Regulierungsinstrumente nicht aus den Augen
starke Investoren die Kontrolle über die land. Jedes Spiel ist hier ein Abenteuer, man kann nie vorhersehen, was passiert. Es verloren. Die Früchte dieser Politik werden schon bald zu ernten sein. Die Ausge-

43
fußballvereine
Ein durch Missmanagement in den Führungsetagen finanziell angeschlagener Fußballverein der ersten, zweiten oder
dritten Bundesliga wendet sich, um eine drohende Insolvenz abzuwenden, an seine Stadt. Von ihr erhofft er sich Kredite,
Bürgschaften oder direkte finanzielle Hilfen. So ist es bereits in Gelsenkirchen, Kaiserslautern, Aachen, Bielefeld und
vielen anderen Städten in Deutschland geschehen. Die Vereine sind häufig durch überdimensionierte Stadionneu oder

in finanznot –
-umbauten in finanzielle Schwierigkeiten geraten und sehen dann in der finanziellen Hilfe durch ihre jeweiligen Städte
den einzigen Ausweg, um noch eine Lizenz für ihre Liga zu erhalten und einem Zwangsabstieg in die unteren Amateurli-
gen zu entgehen.

müssen jetzt die


von Jonas Brandhorst

städte helfen? Aachen, Gelsenkirchen, Kaiserslautern...keine Einzelfälle

Alemannia Aachen, ein Fußballverein aus der zweiten Liga, geriet durch seinen Sta-
dionneubau in große finanzielle Schwierigkeiten und stand kurz vor der Insolvenz.
Diese konnte letztendlich nur durch eine Bürgschaft der selbst mit 60 Millionen Euro
hoch verschuldeten Stadt verhindert werden. Der Aachener Stadtrat stimmte ein-
stimmig mit zwei Enthaltungen für die Ausfallbürgschaft in Höhe von 3 Millionen
Euro für 2010 und 2,5 Millionen Euro für 2011. Ein weiteres Beispiel ist Gelsenkir-
chen. Der Fußballverein FC Schalke 04 war durch die hohen Ausgaben für sein neues
Stadion, die Schalke Arena, und den hohen Spieleretat in eine erhebliche finanzielle
Schieflage geraten. In seiner Not wandte sich das Management des Fußballvereins
an die selbst hoch defizitäre Stadt Gelsenkirchen mit 358 Millionen Euro Schulden
auf dem eigenen Konto. Da die Stadt den Fußballverein aus rechtlichen Gründen
nicht direkt finanziell unterstützen konnte, sprangen die örtlichen Stadtwerke ein
und kauften für 20,5 Millionen Euro Anteile an der Arena auf Schalke. Noch drama-
tischer waren die Umstände in Kaiserslautern. Dort konnte der hoch verschuldete
Fußballverein 1.FC Kaiserslautern 2003 nur durch den Verkauf des vereinseigenen
Fritz-Walter-Stadions für 56 Millionen Euro an eine eigens gegründete städtische
Stadiongesellschaft gerettet werden. In Bielefeld aber auch in Essen entschied der
Stadtrat hingegen gegen finanzielle Hilfen für die Fußballvereine Arminia Bielefeld
und Rot-Weiß Essen. Den Lokalpolitikern der beiden Städte war es offensichtlich zu
riskant, ihren defizitären Fußballvereinen Darlehen zu gewähren.

Die Politik entscheidet

Die einzelnen Beispiele zeigen, wie stark die Politik und hier vor allem die Kommu-
nalpolitik mit dem Sport verflochten ist und welche Auswirkungen politische Ent-
scheidungen auf den Sport haben können. Aber wie ist nun die hoch umstrittene
Entscheidung für finanzielle Hilfen der Städte zu bewerten? Die Frage, ob man einen
Fußballverein vor der Insolvenz retten sollte oder nicht, ist nicht einfach zu beant-
worten und sicherlich auch einzelfallspezifisch zu bestimmen. So gibt es viele Ar-
gumente dafür, aber auch dagegen. Sicher ist hingegen, dass sich die Hilfe der Städte
nicht generell, wie häufig in den Medien geschehen, verteufeln lässt. Anstatt Hilfen
von vorneherein zuzustimmen oder abzulehnen und sich zu stark am Stimmungs-
klima in der Bevölkerung oder den Medien zu orientieren, sollten die Politiker eine

Jonas Brandhorst
studiert seit Oktober 2009 den Masterstudiengang
Politikmanagement an der NRW School of Gover-
nance der Universität Duisburg-Essen. Zuvor studierte
er den Bachelorstudiengang Social Science an der
Universität Osnabrück. Praxiserfahrung sammelte er
durch Praktika bei TNS Infratest, der Staatskanzlei
NRW und der Europäischen Kommission.

45
nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung vornehmen. Sie müssen das Risiko finanziel- ren finanzielle Hilfen nur unter weiteren daran, dass der Verein nicht Insolvenz
ler Hilfen abwägen und sich vor allem die folgende Frage stellen: Was ist schlimmer, bestimmten Vorraussetzungen sinnvoll. anmelden musste. So hatten viele von ih-
die Insolvenz mit allen auch jetzt schon erkennbaren Kosten für die Stadt oder die Es müsste zum einen gewährleistet sein, nen, darunter Schüco oder Gerry Weber,
Finanzhilfe für den Verein? Außerdem gilt es dem enormen Druck der Fans und Ver- dass die Stadt im Gegenzug für finanziel- den Verein bereits vor der Krise finanzi-
einsfunktionäre auf der einen Seite und den Gegnern von finanziellen Hilfen auf der le Hilfe Führungsposten im Verein um- ell als Sponsoren unterstützt. Eine Insol-
anderen Seite stand zu halten. besetzen und den Aufsichtsrat mit ihren venz hätte für sie nicht nur den Verlust
eigenen Leuten besetzen kann. Nur so eines wichtigen Imageträgers, sondern
Welche Folgen sind also bei einer Insolvenz kann die Stadt eine Kontrolle über den auch finanzielle Einbußen, zum Beispiel
für die Stadt und ihre Bürger zu erwarten? Verein erlangen und garantieren, dass durch das Ausfallen von gewährten Kre-
die Steuergelder sinnvoll investiert wer- diten an den Verein, bedeutet.
Erstens muss man bedenken, dass bei der Insolvenz eines Fußballvereins, einherge- den. Zum anderen muss sichergestellt
hend mit einem Abstieg in die unteren Amateurligen, die überdimensionierten Sta- sein, dass es sich bei dem Verein um kein Wie auch immer sich der jeweilige Stadt-
dien der Vereine leer stehen würden. Dies hätte zur Folge, dass die Städte für den Un- „Fass ohne Boden“ handelt. Sollte näm- rat bei dieser Frage entscheiden sollte,
terhalt und die Verkehrssicherung aufkommen müssten. Zweitens handelt es sich bei lich die Gefahr bestehen, dass der Verein so muss doch bei all dem weiterhin be-
den Fußballvereinen um mittelständische Unternehmen. Bei einer Insolvenz wären nach einem Jahr wieder um Geld bei der rücksichtigt werden, dass der Spielraum
direkte und indirekte Arbeitsplatzverluste und somit erhebliche Steuerausfälle die Stadt anfragt, wäre eine Investition hoch der meisten Städte, ihrem Fußballverein
Folge. Nicht nur die Angestellten des Vereins, sondern auch etwa die in der Nähe der riskant. Die Risiken müssen also klar finanziell unter die Arme zu greifen, oh-
Stadien liegenden Restaurants, Bars und Hotels leben größtenteils von den tausen- abwägbar sein. Nur so kann sicherge- nehin sehr begrenzt ist. Denn viele Kom-
den Fußballfans, die am Wochenende zu den Spielen kommen. Hinzu kommen die stellt werden, dass das investierte Geld munen verfügen über einen Nothaushalt
zahlreichen Dienstleister eines Fußballvereins. Angefangen bei den Werbeagentu- in Form von Krediten oder Bürgschaf- und müssen unplanmäßige Ausgaben
ren bis hin zu den Handwerkern, deren wichtigster Auftraggeber bei einer Insolvenz ten nicht verloren geht und die Chance erst von der jeweiligen Bezirksregierung
wegfallen würde. Drittens haben viele Fans in die Vereine investiert. In Bielefeld etwa besteht, bei einer positiven Entwicklung genehmigen lassen. Sollte sich eine Stadt
mit der Aktion „Bau auf Blau“, wo Fans die Möglichkeit hatten, Teile am Stadion zu des Vereins eventuell sogar Gewinn zu mit Nothaushalt also dazu entschließen,
erwerben. Und auch in Dortmund konnten die Fans Aktien des Vereins kaufen. In machen. Zudem muss vorher intensiv ihren Fußballverein finanziell zu un-
beiden Fällen würde der ‚Lehman-Brothers-Effekt‘ eintreten, die Papiere wären von geprüft werden, ob nicht andere Inves- terstützen, so kann diese Entscheidung
einem auf den anderen Tag bei einer Insolvenz wertlos. Dies würde viele Kleinanleger toren – vorzugsweise aus der Wirtschaft immer noch von dem/der Regierungs-
treffen. Viertens würde ein wichtiger oder häufig sogar, wie etwa in Gelsenkirchen, – einspringen können. Eine städtische präsidenten/in der jeweiligen Bezirksre-
der wichtigste Imagefaktor einer Stadt wegfallen. Ein Fußballverein der ersten oder Beteiligung kann und darf immer nur die gierung widerrufen werden. Manchmal
zweiten Bundesliga ist als so genannter weicher Standortfaktor enorm wichtig für die allerletzte Notlösung sein. ist der Fußball eben nicht nur einfach die
Attraktivität der Städte und auch für den Zusammenhalt in der Bevölkerung. Denn es schönste Nebensache der Welt, sondern
gibt kaum eine Freizeitbeschäftigung, welche der Student, Bauarbeiter, Manager, Ar- In Bielefeld haben die Mitglieder des auch die problematischste, die viele und
beitslose usw. so stark teilen, wie die Unterstützung des heimischen Fußballvereins Stadtrates somit letztendlich die richtige große Probleme für eine Stadt und ihre
am Wochenende in den Stadien. Der heimische Fußballverein verbindet also Men- Entscheidung getroffen, ihren Fußball- Bürger mit sich bringen kann. Nur sehr
schen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen und ist zudem häufig verein nicht finanziell mit einem Millio- selten haben Lokalpolitiker dabei so ge-
das Gesprächsthema Nummer eins in vielen Städten – sogar noch vor dem Wetter. nenbetrag zu unterstützen. Denn erst als wichtige und schwere Entscheidungen
Fünftens haben die Vereine in der Regel noch ausstehende Schulden in zum Teil er- klar war, dass die Stadt kein Geld bzw. im Stadtrat zu treffen, wie die über die
heblicher Höhe bei den Städten, den örtlichen Sparkassen oder auch dem jeweiligen kaum Geld für den maroden Fußballver- Rettung des heimischen Fußballvereins.
Bundesland. Bei einer Insolvenz würden alle Gläubiger einen Großteil ihres Geldes ein Arminia Bielefeld bereitstellen wür-
unwiderruflich verlieren. de, sah sich die regionale Wirtschaft in
der Pflicht und legte die geforderte Sum-
Welche Vorraussetzungen sollten für Finanzhilfen erfüllt sein? me von einigen Millionen Euro in we-
nigen Tagen auf den Tisch. Nicht ohne
Aber selbst wenn diese Faktoren in hohem Maße auf den jeweiligen Einzelfall zu- Grund, denn die regionalen Unterneh-
treffen sollten und einen großen Verlust für die Stadt erahnen lassen würden, wä- men hatten selbst ein großes Interesse

47
12:30 Uhr – Einfahrt in den Bahnhof. Endlich raus aus dem Zug. Empfang von einer Hundertschaft. Sie begleitet die Mas-
se Richtung Stadion. Je näher das Stadion kommt, desto größer ist das Polizeiaufgebot. Die Stimmung ist angespannt.
Schließlich gilt es die Schmach aus dem Heimspiel in der Hinrunde wettzumachen. 16:47 Uhr – Tor! Leider für die an-
deren. 10 Minuten später das 2:0. Der Frust ist groß im Fanblock. Die Stimmung schaukelt sich hoch. Feuerwerkskörper
fliegen Richtung Rasen. Ordner versuchen ihr Bestes und doch gibt es Rangeleien. Die Polizei marschiert in den Block.
Dieses Mal eine andere Hundertschaft. Die Situation ist schnell aufgelöst, es gibt einige Festnahmen. Die Stimmung ist
weiter angespannt. Die Fans der anderen tun das Ihrige für die hitzige Atmosphäre.

von Alexander Gutmann

Viele Akteure, zwei Meinungen te. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP)
schließt sich dem Deutschen Fußball-
787 Spiele, 9.174 freiheitsentziehende Bund (DFB) und der Deutschen Fuß-
Maßnahmen, 6.030 eingeleitete Straf- ball Liga (DFL), in der die Profiklubs or-
verfahren, 1.525.941 Arbeitsstunden der ganisiert sind, an und positioniert sich
Polizeieinheiten der Länder und der gegen eine Beteiligung der Vereine. Die
Bundespolizei zur unmittelbaren Ein- Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG)
satzbewältigung – Tendenz steigend. Das hingegen tritt unter ihrem Vorsitzen-
sind die Ergebnisse des aktuellsten „Jah- den Rainer Wendt, der sich als einer der
resbericht Fußball Saison 2008/09“, Wortführer in der Debatte etabliert hat,
in dem die Zentrale Informationsstelle massiv für eine Beteiligung der Vereine
Sporteinsätze (ZIS) jährlich Einsatzsta- ein. Dabei beruft sie sich unter anderem
tistiken zu den Wettbewerbsspielen der auf die berechnete Höhe der Kosten.
36 Profiklubs der ersten beiden Fuß- Das Ministerium für Inneres und Kom-
ballbundesligen und den Länderspielen munales in Nordrhein-Westfalen, wo
führt. Dabei beschränkt sich die Arbeit auch die ZIS angesiedelt ist, distanziert
für die Sicherheit im deutschen Fußball sich von einer solchen Kostenumlegung.
nicht nur auf Polizeieinsätze im direk- Zu differenziert und komplex seien die
ten Stadionumfeld eines Spiels. So wer- Strukturen, um valide Kosten berechnen
den beispielsweise im Rahmen mancher und umlegen zu können: Was ist Regel-,
Spiele zusätzlich auch Bahnhöfe und was Sonderdienst? Wie sind eingesetzte
Autobahnraststätten von der Polizei be- Ressourcen wie Fahrzeuge zu bewerten?
wacht. Bundesweit sind mehr als hun- Dies sind nur zwei von vielen Fragen, die
dert sogenannte „szenekundige Beamte“ sich beim Versuch einer Kostenberech-
(SKB) zur Gewaltprävention aktiv. Ver- nung stellen.
fahrens- und Verwaltungskosten fallen
selbstverständlich zu guter Letzt auch an. 50 Millionen Euro Gebühr
Dieses Kostenpaket wird aus Steuern
finanziert. Es gibt keine direkte Kosten- „Wenn sie ihren Spielern Millionen-
beteiligung der Fußballvereine – eine Gagen zahlen können, können sie auch
Situation, die in den vergangenen Jahren einen Teil der Polizeikosten tragen.“
immer wieder zu heftigen Diskussio- Diese Aussage des Hamburger CDU-Po-
nen zwischen den beteiligten Akteuren litikers Karl-Heinz Warnholz verdeut-

abpfiff nach 90 minuten –


geführt hat. „Die Polizei“ steht dabei licht die Grundposition der Befürworter
keineswegs geschlossen auf einer Sei- einer Kostenbeteiligung der Bundesliga-

doch wer bezahlt Alexander Gutmann


ist Chefredakteur des hammelsprung und studiert
seit Oktober 2009 den Masterstudiengang Politikma-
nagement an der NRW School of Governance. Praxi-

die dritte halbzeit?


serfahrung sammelte er unter anderem im Deutschen
Bundestag, bei einer Kommunikationsberatung und
einem DAX-Konzern. Seine Schwerpunkte liegen im
Bereich der politischen Kommunikation.

49
Klubs. Vereine, die hohe Millionenumsätze machen und teilweise an der Börse no- Ein Argument Wendts, es gebe kein Grundrecht auf Fußball, kann nicht standhalten,
tiert sind, sind eben keine gemeinnützigen Vereine mehr, sondern reine Wirtschafts- da es nicht den Kern trifft. Es geht nicht um ein Grundrecht auf Fußball, sondern um
unternehmen. Demnach müssten sie auch, ähnlich wie Transportunternehmen, für das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Hierfür liegt das Gewaltmono-
die Inanspruchnahme polizeilicher Dienste zusätzlich zur Kasse gebeten werden. Si- pol beim Staat. Deshalb ist jeglichen Kommerzialisierungstendenzen in der Gewähr-
cherheit müsse also Teil der Betriebskosten sein. Die DPolG fordert eine Gebühr, für leistung von Sicherheit kritisch zu begegnen.
die nicht die einzelnen Vereine aufkommen sollen, sondern die DFL. 100 Millionen
Euro kosteten die Einsätze pro Jahr, deshalb sei eine Pauschalgebühr von jährlich 50 Der Fußball bietet aufgrund der Menge und der Größe der Einzelveranstaltungen
Millionen Euro „ein echter Freundschaftspreis“, so Rainer Wendt. eine im Vergleich zu anderen Veranstaltungen überproportional große Bühne für
Der Appell geht an die Politik, denn mit einer freiwilligen Abgabe der DFL ist nicht Gewalt. Der wirtschaftliche Nutzen des Fußballs, auch als Einnahmequelle für den
zu rechnen. Neue Gesetze müssten also her. Laut Rainer Wendt würden diese Geset- Staat, ist im Vergleich zu anderen Veranstaltungen aber ebenfalls überproportional
ze nur blockiert, weil die Politiker ihre Plätze auf den Ehrentribünen nicht riskieren groß. Daher darf es nicht in erster Linie um die Finanzierung der Folgen gehen, son-
wollten. dern vielmehr um eine konsequente Auseinandersetzung mit den Ursachen. Hierfür
ist eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Fußball, Polizei und Politik unerläss-
Keine Auftragspolizei lich. Ein gutes Beispiel ist das Land Sachsen: durch eine verstärkte Unterstützung von
Fanprojekten zur Prävention seitens des DFB und des Staates konnte die Gewalt in
Szenenwechsel. Vertreter von DFB und DFL beanspruchen das gleiche Recht auf po- den vergangen Jahren deutlich gemindert werden. Dieser Schulterschluss kann und
lizeiliche Unterstützung wie andere Veranstalter auch. Dabei wird von einer stark muss noch in weitere Bereiche vordringen. So fordert Rainer Wendt ein Mitsprache-
normativen Seite argumentiert. Die Polizei hat den Auftrag für Sicherheit und Ord- recht der Polizei bei den Spielansetzungen – eine Forderung, der unbedingt nachge-
nung zu sorgen. Es wird immer wieder auf die Gefahr hingewiesen, dass die Einrich- gangen werden sollte. Die Vermeidung von sogenannten Risikospielen am Abend
tung eines Gebührenmodells die öffentliche Sicherheit von rein wirtschaftlichen In- sowie von Spieltagen, an denen wie in diesem Jahr gleich fünf brisante Derbys in den
teressen abhängig mache. „Wenn Sicherheit in Deutschland davon abhängt, ob man ersten beiden Ligen an einem Wochenende stattfinden, gehören eben auch zur Ge-
sie bezahlen kann, dann wäre dies mehr als fatal“, konstatierte DFB-Generalsekretär waltprävention. Darüber hinaus muss über härtere Strafen, insbesondere für Wie-
Wolfgang Niersbach im Zuge der Debatte vor der Saison 2008/09. Die GdP fügt hin- derholungstäter, diskutiert werden. Auch Abschreckung ist Prävention.
zu, dass sich ein Großteil der Einsätze außerhalb der Stadien abspiele und somit erst Das Ziel in der Debatte über Gewalt im Fußball muss also sein, eine Situation zu
recht nicht im Aufgabenbereich privater Akteure zu verorten sei. schaffen, die erst gar keinen Anlass für eine ausufernde Finanzierung der Folgen bie-
Aber auch mit wirtschaftlichen Argumenten wird versucht sich gegen eine Kostenbe- tet, nämlich eine Verbesserung im Kern des Problems: eine Verminderung der Ge-
teiligung zu rechtfertigen. Denn die erwähnten Umsätze erzeugen wiederum Steu- walt im Voraus.
ern im hohen dreistelligen Millionenbereich, die die Vereine jährlich an den Staat
entrichten. Eine indirekte Kostenbeteiligung ist dadurch also gegeben. Ebenfalls 17:26 Uhr – Das Spiel ist verloren. Frust überall. Aus dem Block in die Arme der Poli-
wird argumentiert, dass die Klubs darüber hinaus jährlich mehrere Millionen Euro in zei. Eskorte zum Bahnhof. Auf dem Weg das hiesige Kneipenviertel. Es ist weitestge-
die Ordnungsdienste der Stadien investieren. Auch die wirtschaftliche Relevanz des hend abgeriegelt. Die Polizei versucht eine Mischung der Fangruppen zu verhindern.
Fußballs, zum Beispiel in puncto Arbeitsplatzsicherung, wird hervorgehoben. Am Bahnhof ist die Truppe nicht mehr komplett. Es gab wohl wieder Festnahmen.
Als Ergebnis will man von Seiten des DFB und der DFL die Debatte von der Finan- Oder einige sind doch ins Vergnügungsviertel gelangt. Das wird eine lange Nacht.
zierung der Folgen auf deren Ursachen lenken. Die Gewalttäter nutzten den Fußball Auch für die Polizei. Wer bezahlt das eigentlich alles?
nur als Bühne. Es ginge vielmehr um die Gewalt an sich. Daher müsse hier der Hebel
angesetzt werden.

Ursachen- oder Folgenbekämpfung?

In einem Punkt sind sich beide Seiten offensichtlich einig. Eine Gebühr nach gelten-
dem Recht ist nicht umzusetzen. Dafür wären politische Entscheidungen für neue
Gesetze von Nöten. Aber ist dieses aus normativer wie aus wirtschaftlicher Sicht um-
strittene Unterfangen unumgänglich? Gibt es keine Möglichkeit das Problem anstelle
dessen Folgen effektiv anzugehen?

51
drei fragen an ...
Zusammengestellt von

Alexander Gutmann,
Isabelle Sonnenfeld und

dr. ralf
Anna von Spiczak

brauksiepe *
kein kommentar
Herr Dr. Brauksiepe, Sie sind gerade des Gefühl vermittelt. Zudem fördert er über Landes-Behindertensportverbände
von einer Auslandsreise zur INAS- die Begegnung von Menschen mit und dem Deutschen Behindertensportver-
FID Weltmeisterschaft nach Südaf- ohne Behinderung und leistet damit ei- band (DBS) angehören. Das BMAS un-
rika zurückgekehrt. Dort haben Sie nen wichtigen gesellschaftlichen Integ- terstützt aus Haushaltsmitteln den DBS.
die Deutsche Fußballnationalmann- rationsbeitrag. Das Bundesinnenministerium stellt für
schaft der Menschen mit intellek- Spitzen- und Leistungssport von Men-
„Franz Beckenbauer kann alles – der könnte sogar in Bayern ein PDS-Mandat ge- tueller Beeinträchtigung besucht. Der Behindertensport steht in schen mit Behinderung darüber hinaus
winnen!“ Welche Stimmung haben Sie dort Deutschland immer noch hinten an. im Jahr 2010 rund 1,1 Millionen Euro zur
Günther Jauch, dt. Moderator erlebt? Welchen Stellenwert misst die Bun- Verfügung.
desregierung dem Behindertensport
„Der Sport dient der Völkerversöhnung, indem er den Völkern ständig neue Zank- Ich bin mit vielen positiven Eindrücken zu und welche konkreten Förder-
äpfel zuwirft, an denen sie ihren Nationalismus abreagieren können.“ aus Südafrika zurückgekehrt. Die Stim- maßnahmen gibt es?
Sigmund Graff, dt. Schriftsteller mung, die ich dort bei Sportlern und
Betreuern der Mannschaften erlebt habe, Die Bundesregierung begrüßt alle Ak-
„Ich gehöre zu dem Typ Mensch, der schon im Sport die gesamte Unterrichtsstunde war überaus positiv. Es war sehr faszi- tivitäten, die dazu beitragen, Sport-
auf dem Dreimeterbrett gestanden hat und erst in der 45. Minute gesprungen ist.“ nierend zu beobachten, wie diese jungen möglichkeiten für Menschen mit Be-
Angela Merkel, Bundeskanzlerin Menschen trotz ihrer Beeinträchtigung hinderung weiter auszubauen und zu
ihrer Leidenschaft Fußball nachgegan- verbessern. Der Behindertensport wird
„Ich gehe davon aus, dass überall mit unerlaubten Mitteln gearbeitet wird. Ich wür- gen sind und in einem fairen Wettstreit ja – Gott sei dank – auch immer popu-
de nicht mal für Schachspieler die Hand ins Feuer legen.“ mit anderen Mannschaften aus allen Tei- lärer. Das gilt für den Breitensport und
Helmut Pabst, dt. Dopingfahnder len der Erde um den Sieg gerungen ha- selbstverständlich auch für den Spitzen-
ben. Zudem ist für mich immer wieder sport von Menschen mit Behinderung.
Sport stärkt Arme, Rumpf und Beine,/ Kürzt die öde Zeit,/ Und er schützt uns verblüffend, welch großen Beitrag der Hier sind wir viel weiter als vor zehn
durch Vereine,/ Vor der Einsamkeit.“ Sport und gerade auch der Behinderten- oder fünfzehn Jahren. Wer erinnert sich
Joachim Ringelnatz, dt. Schriftsteller sport zur Völkerverständigung leistet. nicht zum Beispiel an die bewegenden
Momente der Siege einer Verena Bentele
„Im Begriff Profisport fehlt ein t.“ Der Sport lehrt wichtige gesell- bei den Winter-Paralympics?
Dieter Rudolf Knoell, dt. Journalist schaftliche Werte wie Teamgeist, Die Zuständigkeit des Bundesministe-
Toleranz, Akzeptanz, Hilfsbereit- rium für Arbeit und Soziales (BMAS)
„Mir geht es wie der SPD. Ich habe auch Probleme mit meinem linken Flügel.“ schaft und Fairness. Welche Bedeu- liegt in der Koordination des Behinder-
Georg Hackl, dreimaliger Rodel-Olympiasieger zu seiner Nervenentzündung im tung hat der Sport zur Integration tensports, soweit er als medizinische
linken Arm von Menschen mit Behinderung in Rehabilitationsmaßnahme angesehen
unsere Gesellschaft? werden kann.
„Für mich war es das erste Mal im Kanzleramt, und es war interessant zu sehen, wie Der Rehabilitationssport wird durchge-
eine Regierung so haust.“ In der Bundesrepublik Deutschland führt durch Sportgemeinschaften, die
Simon Rolfes, dt. Fußballspieler leben rund 8,4 Millionen Menschen
mit Behinderung, rund 6,7 Millionen
Menschen davon schwerbehindert. Der
Sport kann entscheidend dazu beitragen,
ihre Lebensqualität zu verbessern. Er er-
hält und steigert die Leistungsfähigkeit,
stärkt das Selbstvertrauen und Selbstbe-
* Dr. Ralf Brauksiepe (MdB)
wusstsein. Er ist eine wirkungsvolle Le- ist seit 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im
benshilfe, die zudem ein lebensbejahen- Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

53
von der sprache
Im Sport finden Menschen verschiedenster Abstammung, Religion oder
Kulturkreise zueinander. Der Sport ist ihre gemeinsame Sprache, denn für
den Jubelschrei beim Siegestor braucht man keine Worte. Wie wichtig Sport
für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist, darf nicht

des sports
unterschätzt werden.

von Karina Hohl

Da war es wieder. Die WM 2010 in Südafrika bescherte uns nach vier Jahren des War-
tens endlich wieder ein Sommermärchen. Deutschlandflaggen, Public Viewing und
der Klang der Vuvuzela machte die Weltmeisterschaft am Kap der Guten Hoffnung
zu einem unvergesslichen Erlebnis. Jogis Jungs kickten sich mal wieder in die Herzen
aller Deutschen, egal ob fußballaffin oder fußballverdrossen. Die deutsche Elf schloss
mit einem verdienten dritten Platz ein hervorragendes Turnier ab. Die Fußballnatio-
nalmannschaft zeichnete sich in diesem Turnier jedoch nicht nur durch spielerische
Vielfalt aus. Auch die Zusammensetzung des deutschen Kaders war sehr vielfältig.
Elf der dreiundzwanzig Spieler im Kader haben einen Migrationshintergrund, das
entspricht einer kompletten Mannschaft. Özil, Khedira, Podolski und Co. repräsen-
tieren auf dem Platz, wie es in unserem Land aussieht.

Deutschland ist bunt!

Nicht nur die deutsche Nationalmannschaft, sondern auch unser Land lebt von die-
ser Vielfalt. Derzeit leben 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in der
Bundesrepublik Deutschland. Viele von ihnen kamen als Gastarbeiter in den 1970er
Jahren hierher, holten ihre Familien nach und starteten ein neues Leben. Andere er-
reichten Deutschland als Aussiedler und Spätaussiedler. Wieder andere bekamen in
Deutschland aus humanitären Gründen Zuflucht gewährt. Die Menschen mit Mi-
grationshintergrund machen unser Land bunter und sind elementarer Bestandteil
unserer Gesellschaft. Damit unsere Gesellschaft auch elementarer Bestandteil ihres
Lebens wird, müssen sie in unsere Gesellschaft integriert sein. Die erfolgreiche Integ-
ration unserer ausländischen Mitmenschen ist allzeit ein beliebtes und viel diskutier-
tes Thema in den Medien. Leider geht die mediale Diskussion oftmals vollkommen
an der Realität vorbei und kann daher auch keine erfolgreichen Antworten auf die,
wie es so schön heißt, „Integrationsfrage“ liefern. Um über Integration zu diskutie-
ren muss zunächst klar sein, was Integration überhaupt bedeutet und was sie leisten
soll.

Integration ist ein vielfältiges Wort. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und
bedeutet „wiederherstellen“. Integration meint die Herstellung eines Ganzen und
widerspricht der Vorstellung von Segregation. Das Wort inkludiert den Schritt des
Aufeinander-Zugehens und kann daher auch vom Begriff des Anpassens abgegrenzt
werden. Nicht nur der Begriff der Integration hat etwas vielseitiges, auch Integrati-

Karina Hohl
studierte an der Heinrich-Heine Universität Düssel-
dorf Sozialwissenschaften und ist seit 2009 Studentin
an der NRW School of Governance. Praktische
Erfahrungen sammelte sie unter anderem im Landtag
sowie in der Landeszentrale für Politische Bildung
NRW. Während ihres Studiums hat sie sich auf Migra-
tions- und Integrationspolitik spezialisiert.

55
on selber kann sehr vielseitig sein. Eine tegrationsbotschafter und zeigen jenen irrelevant, ob über das eigene Können, das der Nationalmannschaft oder doch über
Möglichkeit zur Integration bietet der Menschen mit Migrationshintergrund, ganz alltägliche Angelegenheiten diskutiert wird. Sport ist Smalltalk, der Verein ist
Sport. dass man es in diesem Land schaffen Kommunikationsnetzwerk. Das Vereinsleben bietet den besten Ort, um interkultu-
kann – ganz vorne dabei sein. Das ist die rell voneinander lernen zu können. Integration verläuft hier wörtlich: man bewegt
Auf die Plätze, fertig, Integration! Message, die vor allem bei jugendlichen sich aufeinander zu.
Migranten in unserem Land ankommt. Die letzte Ebene ist die alltagspolitische Integration. Ein Sportverein besteht aus
Sport ist mehr als das bloße Stürmen auf Darum ist bei allen Integrationsplänen Strukturen, die sicherlich Ähnlichkeiten zu politischen Strukturen aufweisen. Der
den Ball oder das disziplinierte Streben und Integrationsprogrammen, wie zum Vereinsvorsitzende wird demokratisch gewählt, über Veränderungen im Club wird
nach Rekorden. Hinter Sport stehen im- Beispiel dem ‚Nationalen Integrations- heiß diskutiert. Der Verein lebt vom ehrenamtlichen Engagement seiner Mitglieder,
mer Menschen, die ihn mit Leidenschaft plan der Bundesregierung‘ oder dem genau wie die Politik vom Engagement der Bürgerinnen und Bürger lebt. Der Sport-
und vor allem Spaß betreiben. Sport ‚Aktionsplan Integration‘, der Sport ein verein fungiert als Schule der Demokratie. Es gibt feste Strukturen und Regeln, an die
lebt von Menschen, ganz egal welche wichtiges Element. sich alle Mitglieder halten. Die Vermittlung dieses demokratischen Gedankens hilft
Hautfarbe sie haben. Im Sport kommt es entscheidend bei der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Ihnen
nicht darauf an, welcher Ethnie man ent- Integration in vollen Zügen wird durch den Sport und den Sportverein nahegelegt, wie das Verhalten in unserer
stammt, welche Religion man hat oder Gesellschaftsstruktur aussieht. Es gibt idealerweise gleiche Regeln für alle, niemand
welchem Kulturkreis man angehört. Im Sport wirkt als Integrationsmotor. Die- wird bevormundet oder benachteiligt. Nur die eigene Leistung entscheidet darüber,
Sport kommt es darauf an, dass Men- se Funktion spricht ihm jedenfalls der ob man erfolgreich ist oder nicht. Diese ideale Vorstellung von Demokratie und Ge-
schen, oftmals im Team, eine gute Leis- ‚Nationale Integrationsplan der Bun- sellschaft zeigt den Migranten, wie das Leben in der Bundesrepublik funktionieren
tung vollbringen und damit dem Sport desregierung‘ aus dem Jahr 2007 zu. sollte. Was in der kleinen Welt des Sportvereins meist leicht funktioniert – Fairness,
ein Gesicht geben. Das ist die Sprache Die Idee, Integration von Menschen mit Chancengleichheit und Partizipation – ist in der politischen Realität für Migranten
des Sportes – die Verbindung möglichst Migrationshintergrund durch ihre Ein- oft ein hartes Business. Deshalb bietet der Sport Migranten ein Einfallstor, um den
vieler Menschen. Sport bietet daher ei- bindung im Sport anzutreiben, wird hier Weg in eine chancengleiche Gesellschaft zu beginnen.
nen breiten unpolitischen und neutralen detailliert aufgegriffen. Die Integration
Boden, um verschiedenste Menschen vollzieht sich folglich auf drei Ebenen: Alle auf den Platz!
mit derselben Idee und demselben Ziel in Auf der ersten Ebene ist die soziale Kom-
Kontakt miteinander zu bringen. Sport ponente von Bedeutung. Die soziale In- Das Beispiel der Integration durch den Sport zeigt, dass Integration nicht einseitig ab-
verbindet unterschiedliche Menschen tegration umfasst die Kontaktaufnahme laufen kann, sondern ein Prozess des aufeinander Zugehens ist. Dies gelingt im Sport
miteinander, die ohne Worte gemein- zwischen den Sportlern. Die Bekannt- relativ leicht. Hier ist jeder auf die gute Leistung der anderen angewiesen. Man spielt
sam etwas schaffen können. Sport führt schaften, die im Fußball-Klub oder im Team, es kommt nicht nur auf die gute Leistung der Migranten an, sondern auch
unterschiedliche Menschen zusammen, Schwimmverein um die Ecke geknüpft auf den Erfolg der deutschen Spieler. Daher bietet der Sport ein hervorragendes Feld,
sie werden zu einem Team, sie werden werden, sind das Einstiegstor der Integ- um Integration lebendig und vor allem zweiseitig zu gestalten.
zu einem Ganzen, sie werden integriert. ration. Diese sozialen Bindungen durch Ein Appell an politische Entscheidungsträger soll daher sein, dass Integration auf den
Sport trägt daher in einem besonde- den Sport etabliert, finden ihre Entfal- Sportplätzen Deutschlands weiter ausgebaut wird. Vor allem im Sport kann der beid-
ren Maße dazu bei, dass Menschen sich tung jedoch meistens darüber hinaus, seitige integrative Prozess stattfinden. Integration durch Sport enthält weitreichende
freundschaftlich und fair begegnen. Die zum Beispiel bei Mannschaftsfahrten Potenziale, die auch im Hinblick auf gesundheitspolitische Aspekte nicht länger ver-
Tatsache, dass Integration durch Sport oder Vereinstagen. schwendet werden können. Deutschland muss auf den Sportplatz, das fördert nicht
erfolgreich gelingen kann, wird durch Auf der nächsten Ebene vollzieht sich nur die Integration, sondern auch die Gesundheit. Daher sind nicht nur deutsche und
einige Testimonials gestärkt: Özil kickt die kulturelle Integration. Sport – auch ausländische Kinder und Jugendliche, sondern auch freiwillige und ehrenamtliche
für Deutschland, die Klitschkos sind ein als Kulturgut betrachtet – dient demnach Trainer und Betreuer dazu aufgerufen, sich im Sportverein zu engagieren. Denn das
Duo, mit dem die Deutschen besonders als Ort, an dem Kulturtechniken vermit- Sportwesen in unserem Land lebt ebenso wie der Staat an sich durch die Mitarbeit
gerne angeben und auch die Leichtath- telt werden können, ob dies direkt auf aller, ob deutsch, türkisch, russisch oder polnisch, ob Christ, Moslem oder Hindu, ob
letin Anna Dogonadze hat einen Mi- dem Sportplatz geschieht oder später im sportlich oder unsportlich.
grationshintergrund. Diese und noch Vereinshaus. Kommunikation findet in
viele andere Sportler fungieren als In- diesem Umfeld immer statt, dabei ist es

57
Armin Laschet über die Integrations-
leistung des Sports, die deutsche Na-
tionalmannschaft und die nordrhein-
westfälische Integrationspolitik.

die Fragen stellten


Karina Hohl und Anna von Spiczak

„mesut özil ist beispiel


für eine gelungene wählten Sie dieses Beispiel des Fußballs zur Illustration? Welche besonde-
re Integrationsleistung können der Sport und das Vereinswesen leisten?

integration“ Es gibt viele Sachen, die man mit Fußball und Sport verbinden kann. Das Erste ist die
Veränderung der Gesellschaft, vor allem bei jungen Leuten. 38 Prozent der Kinder un-
ter 7 Jahren in Nordrhein-Westfalen haben eine Zuwanderungsgeschichte. Dies prägt
auch die Sportvereine. Die Vereine müssen also schon im eigenen Interesse Integra-
tion antreiben, damit sie überhaupt noch Kinder und Jugendliche haben, die sich in
ihren Vereinen engagieren. Deshalb gibt es viele Projekte des DFB, aber auch des Lan-
Welche Bedeutung hat Ihrer Mei- dessportbundes, die die Öffnung der Vereine begleiten und unterstützen. Die Sport-
nung nach der Sport allgemein für vereine sind hier schon sehr, sehr weit.
die Gesellschaft? Das Zweite ist die Gelegenheit für den einzelnen Jugendlichen: Es zählt nur, ob er gut
spielt oder nicht und das ist in diesem Zitat drin. Es ist völlig egal, wo er herkommt
Sport ist sehr wichtig, weil er gerade in oder welche Religion er hat oder welchem Kulturkreis er entstammt. Wer in der Fuß-
der Jugendarbeit ermöglicht, dass junge ballmannschaft gut ist, ist mit dabei. Das ist ein Stück auch Anerkennung, man sieht
Leute eine ganze Menge für ihr Leben man ist angenommen. In der Integration ist sehr vieles auch Psychologie, wenn man
lernen. Mir war gerade als Jugendminis- das Gefühl hat, man ist angenommen in dem Land, in dem man lebt, ist das auch eine
ter immer wichtig zu sagen: Es gibt auch riesige Hilfe.
außerschulische Lernorte. Lernen ist Das Dritte ist dann der absolute Spitzensport, zum Beispiel die Fußballnationalmann-
nicht nur Schule. Lernen ist auch Jugend- schaft. Da ist Mesut Özil natürlich ein gutes Beispiel. Er wirkt bei den Jugendlichen,
arbeit, Verbandsarbeit und eben auch En- denn für einen zehnjährigen Jungen gibt es nichts Größeres als in der Nationalmann-
gagement im Sport. Jugendliche lernen schaft zu spielen. Er zeigt jedem „Du kannst das schaffen. Du kannst in diesem Land,
dort, dass man im Team vieles schafft, wenn Du dich anstrengst, sogar unter den Elfen sein.“ Das Beispiel Özil und die jet-
dass man verlässlich sein muss, dass zige Zusammensetzung der Nationalmannschaft zeigen, dass Deutschland anders
man regelmäßig zum Training kommt, aussieht als die Helden von Bern 1954. Da gibt es einen Khedira, einen Özil, einen
dass die Leistung des Einzelnen zählt Podolski und einen Klose, die sind auch nicht in Deutschland geboren. Aber die sind
und nicht die Herkunft. Es gibt sehr vie- typisch für unser Land und das nimmt auch viele der Ängste weg. Özil ist natürlich
les was Sport leistet. Insofern ist es gut, einer der Ersten, der sich für Deutschland entschieden hat. Er hatte Angebote beider
dass Sport gefördert wird, sowohl in der Länder, konnte sich entscheiden und hat gesagt „ich bin hier geboren, ich spiele für
Jugendarbeit als auch bei Erwachsenen, Deutschland.“
aber der Schwerpunkt ist die Jugendar-
beit. Der Nationale Integrationsplan der Bundesregierung ist durch drei Ebenen
gegliedert: Die Soziale Integration, die kulturelle Integration und die all-
Dürfen wir Sie aus einer Ihrer Reden tagspolitische Integration. Warum eignet sich der Sport besonders gut, um
zitieren? Sie sagten einmal: „Wich- diese Komponenten zu verbinden?
tig ist auf’m Platz! Das ist nicht
nur eine alte Fußballweisheit, das Das liegt natürlich ein wenig an der Vielfalt des Sports, weil er nur funktioniert, wenn
gilt auch für die Frage der Integra- all diese Kompetenzen mit berücksichtigt werden. Man braucht soziale Kompetenz
tion. Es ist ja kein Zufall, dass die genauso wie kulturelle Kompetenz. Und im Alltag muss es auch klappen. Alle drei
Bundesligamannschaften eigene Komponenten sind mit dem Sport am besten vereinbar.
Deutschkurse für ihre Spieler an-
bieten. Sondern eine gemeinsame
Sprache ist notwendig, damit das
Zusammenspiel klappt.“ Warum

59
Welche Maßnahmen werden er- frastruktur. Das Problem der Vereine jährigen eingeführt, damit sie, wenn sie in die Schule kommen, schon die Sprache
griffen um gegenseitiges Interesse liegt weniger an mangelnden Plätzen. sprechen. Wenn Kinder in die Schule kommen und den Lehrer nicht verstehen, holen
füreinander als auch für den Sport Das Problem liegt daran Übungsleiter zu sie das bis zur vierten Klasse nicht mehr auf und ihr weiterer Weg ist vorgezeichnet.
zu wecken? gewinnen, die sich ehrenamtlich enga- Deswegen muss man ganz früh beginnen. Verpflichtende Sprachtests und Förderung
gieren. Das ist ein viel größeres Problem schon im Kindergarten – das hat das KIBIZ ermöglicht. Außerdem muss es in der
Es erfordert zunächst von dem Verein, als das reine Infrastrukturproblem. Aber Schule mehr Ganztagsangebote geben. „Ganztag“ bedeutet allerdings nicht nur Schu-
dass er sich öffnet. Das ist nicht selbst- dennoch braucht gerade auch der Sport le, sondern Ganztag umfasst auch Jugendarbeit und Sport. Die Grundidee soll sein,
verständlich, denn die Vereine haben un- finanzielle Unterstützung. Es gibt üb- dass für jedes Kind, unabhängig von seiner Herkunft, Aufstieg möglich ist und der
terschiedliche Traditionen. Zum Beispiel rigens inzwischen viele Stiftungen, die geht nur durch Bildung. Das ist das Wichtigste: Integration durch Bildung.
war damals die DJK (Deutsche Jugend- sich gerade im Bereich Sport und Integra-
kraft) als Verein für katholische Jungen tion sehr engagieren. Wie würden Sie den aktuellen Stand der nordrhein-westfälischen Integrati-
gegründet worden. Die haben sich heute onspolitik beschreiben? Sind wir auf einem guten Weg?
natürlich längst geöffnet. So haben sie Die schwarz-gelbe Landesregierung
auch Projekte mit Nicht-Christen. Das hat das Programm „Integration Als wir begonnen haben war dies das erste Ministerium dieser Art, man hatte kei-
Interesse und die Bereitschaft mitzuma- durch Sport“ der nordrhein-westfäli- ne Vorläufer. Zwei Dinge sind gelungen: Zum einen ist Integration eine echte Quer-
chen wird so geweckt. Es gibt allerdings schen Sportjugend unterstützt. Wie schnittsaufgabe, jeder Minister muss mithelfen. Der Arbeits- und Sozialminister
auch die Tendenz, dass zum Beispiel tür- sehen Sie die potentiellen Chancen wenn es um Arbeitsplätze geht, der Schulminister wenn es um Bildung geht und der
kische Vereine nur türkische Jugendliche der Fortsetzung der Förderung Bauminister wenn es um Städtebau geht. Jeder muss da seinen Anteil leisten.
aufnehmen. Das treibt natürlich ausein- durch die neue Landesregierung? Zum anderen gibt es auch einen psychologischen Hintergrund. Die Menschen müs-
ander. Türken da, Spanier da, aber nicht sen erkennen, dass unsere Gesellschaft multikulturell ist. Dieses Bewusstsein hat
in einem Verein zusammen. Ich würde Das ist im Moment noch schwer zu eine gewisse Zeit gebraucht und war am Anfang etwas umstritten. Heute ist dieses
mir wünschen, dass sich die Vereine für schätzen. Das Programm war Teil des Bewusstsein Allgemeinkonsens. Heute kann man locker sagen „Deutschland ist ein
alle öffnen. Innenministeriums. Jetzt ist Sport im Einwanderungsland“. Mittlerweile sind wir de facto sogar ein Auswanderungsland.
neuen Familienministerium angesiedelt Es gehen inzwischen mehr Menschen weg als kommen, wir haben kein quantitatives
Um das Konzept umzusetzen, und nicht mehr beim Innenminister. Zuwanderungsproblem mehr wie wir das vor 20 Jahren noch hatten. Deswegen ist die
bedarf es verschiedener Ressour- Man wird sehen wie man die finanziel- Bilanz, dass eine ganze Menge an Bewegungen in Deutschland angestoßen worden
cen, insbesondere der nötigen len Mittel einsetzt, denn die sind nicht ist. Vieles, was wir im Integrationsplan gemacht haben, war Bestandteil des Nationa-
Infrastruktur in Form von Sportstät- unbegrenzt. Ich würde mir wünschen, len Integrationsplans. Heute ist dies ein parteiübergreifender Konsens.
ten, Hallenbädern, Turnhallen etc. dass das Programm weitergeht. Es ist Man darf jetzt nicht nachlassen und man muss den Schwung halten. Meine Sorge ist
Allerdings wird leider immer mehr aber schwer abzusehen. Ich sehe keinen eher die Unterordnung des Integrationsministeriums ins Arbeitsministerium. Ich
an diesen notwendigen Gegebenhei- Grund, weshalb das Programm abbre- hoffe, dass das Thema Integration trotzdem an Bedeutung behält.
ten gespart. Wird damit auch an der chen sollte. Wenn das Programm aus-
Integration gespart? läuft, dann muss man auch den Willen Vielen Dank für das Gespräch, Herr Laschet!
haben das fortzusetzen.
Das Eine ist: Ich bin nicht sicher, ob da
wirklich gespart wird. Schwimmbäder Welche Wege kann die Integration
können viele Kommunen teilweise nicht in der Gesellschaft noch nehmen,
mehr stemmen, das stimmt. Aber Sport- wenn nicht über den Sport und das
stätten selbst waren im Konjunkturpro- Vereinswesen?
gramm ein ganz wichtiger Teil. Viele
Kommunen haben die Mittel genutzt, Integration gelingt als Erstes durch Bil-
um Sportstätten in einen besseren Zu- dung. Das ist das Wichtigste, noch wich-
stand zu bringen. tiger als der Sport. Wir haben deshalb
Das Zweite ist: Wir haben eine gute In- verpflichtende Sprachtests für alle Vier-

61
die ultra-szene als ort
Bürgerschaftliches Engagement und Ultra-Szene – für viele Leserinnen und Le-
ser wird der Titel dieses Beitrags für Stirnrunzeln sorgen: Ultras, sind das nicht
diese Fußballchaoten, diese stoppelhaarigen und politisch rechts orientierten
Typen, die Veranstaltungen aufmischen und durch Gewalttätigkeiten auffallen?

des bürgerschaftlichen
Wie passt deren Verhalten mit „bürgerschaftlichem Engagement“ zusammen?
Ein Gastbeitrag

von Pina Nell

engagements?
Der vorliegende Artikel soll einen direk-
ten Einblick in das Engagement zweier
deutscher Ultra-Gruppierungen geben
und das breite Spektrum aufzeichnen,
in dem diese Ultra-Gruppen aktiv sind.
Dabei werden ganz bewusst nur die Ak-
tivitäten betrachtet, die bürgerschaftli-
chen Charakter annehmen, und bisher
kaum im Fokus von wissenschaftlichen
Untersuchungen oder medialer Bericht-
erstattung standen. Die Konzentration
auf diese Aspekte der Fankultur soll die
Ultra-Szene dabei weder verherrlichen
noch gewaltbereites Handeln von Ultras
verleugnen. Es soll den Leserinnen und
Lesern die Möglichkeit geben, sich ein
differenziert(er)es Bild von der Szene zu
machen.

Was sind Ultras?

Als Ultras werden in wissenschaftlichen


Publikationen bestimmte, kritische Fuß-
ballfans bezeichnet, deren Kritik sich
vorwiegend gegen die konkrete Verein-
spolitik, die fortlaufende Kommerzia-
lisierung des Fußballs und den Bedeu-
tungsverlust der im Stadion anwesenden
Zuschauer richtet. Ultras sehen in diesen
Entwicklungen eine Gefährdung der
jugendlichen Fankultur. Sie kämpfen
daher unter anderem für den Erhalt der
traditionellen Fankultur und gegen rei-
ne Sitzplatzstadien. Im Stadion machen
Ultra-Gruppierungen durch aufwendige

Pina Nell
hat sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit dem
Themenkomplex „Ultras“ auseinandergesetzt. Seit
Oktober 2009 studiert sie im Master Soziologie an
der Uni Duisburg-Essen und interessiert sich u.a. für
Jugendkulturen, freiwilliges Engagement und europä-
ische Sozialpolitik.

63
Choreographien und Spruchbänder, eigene Medien (z.B. Fanzines oder andere Infor- Wie sieht ihr Engagement konkret beizutragen. Die StadionbesucherInnen sollen dazu angeregt werden, sich mit den
mationsmedien), lautstarke Anfeuerung und einen einheitlichen Kleidungsstil auf aus? (globalen) gesellschaftlichen Problemen auch außerhalb der Stadien selbstständig zu
sich aufmerksam. beschäftigen. Im Rahmen dieser Veranstaltungen werden zielgruppenspezifisch ver-
Die Wurzeln der deutschen Ultras liegen in Italien, wo sich die Szene in den späten In den Interviews mit ausgewählten schiedene Informationsmöglichkeiten angeboten: neben Informationstafeln, Cho-
sechziger Jahren im Zusammenhang mit politisch linksgerichteten Studierenden- Ultra-Gruppen haben sich folgende En- reographien und AnsprechpartnerInnen im Stadion, gehören auch Filmabende, Dis-
protesten und der Entwicklung einer neuen Arbeiterbewegung (1969) bildete. Die gagementbereiche herauskristallisiert: kussionsrunden oder Partys außerhalb des Stadions zum Repertoire.
jugendlichen Fußballfans begannen die italienischen Stadien dazu zu nutzen, mit Das stadion- und fußballbezogene En- Außerdem engagieren sich Ultras auf lokaler, stadtbezogener Ebene: Sie richten zum
politischen Botschaften gegen die wahrgenommene soziale Ungerechtigkeit im ei- gagement umfasst auf der einen Seite Beispiel Konzerte aus um lokalen KünstlerInnen eine Bühne zu geben. Die Einnah-
genen Land aufmerksam zu machen. Im Zuge der Weltmeisterschaft 1990 in Italien, unter anderem den direkten Support der men werden lokalen sozialen Einrichtungen oder Projekten gespendet (u.a. Kinder-
schwappte die Bewegung nach Deutschland über, sodass zwischen 1997 und 2001 Mannschaft im Stadion und die Herstel- hospizen und Flüchtlingshilfsorganisationen).
die meisten deutschen Ultra-Gruppierungen entstanden. Mittlerweile gibt es Ultra- lung der dafür nötigen Materialien (Dop- Bei der Umsetzung verschiedener Aktionen kooperieren die Ultra-Gruppierungen
Gruppierungen in den meisten Fußballstadien der 1. und 2. Bundesliga. Junge, deut- pelhalter, Fahnen, Transparente etc.), auch mit Personen und Organisationen, die nicht unbedingt fußballaffin sind: Bei-
sche Männer, die in der gesellschaftlichen Mittelschicht anzusiedeln sind, bilden den Aufklärungsarbeit im Stadion über die spielsweise laden sie, in Kooperation mit Hilfsorganisationen, Flüchtlinge ins Stadion
Mitgliederkreis der deutschen Ultra-Szene. Frauen sind in der Minderheit. Die junge, Ultra-Philosophie (z.B. durch eigene In- ein. Hierdurch wird nicht nur den Flüchtlingen eine Abwechslung zu ihrem Alltag in
gut organisierte Fanfraktion ist basisdemokratisch ausgerichtet und zeichnet sich in formationsstände im Stadion), die Orga- Flüchtlingsheimen geboten – auch die (jüngeren) Ultra-Mitglieder erhalten die Chan-
der Regel durch eine straffe Organisationsstruktur und klar festgelegte Verantwort- nisation von Aktivitäten (Fußballspiele, ce, andere Lebensverhältnisse und Existenzbedingungen (die sie sonst nur aus den
lichkeiten aus. Grillfeste etc.) mit Personen außerhalb Medien kennen) kennen zu lernen. Auch die Teilnahme an und die Mit-Organisation
Die Kultur der Ultras wird in wissenschaftlichen Publikationen unter anderem als und innerhalb der Ultra-Szene und die von Demonstrationen fällt ins Engagementgebiet einzelner Ultra-Gruppen: Hierbei
eine Zuneigungs-, Demonstrations- und Provokationskultur bezeichnet, wobei sie Herausgabe von eigenen Medien (Fan- reicht der Anlass der Demos von fußballspezifischen Themen (z.B. bundesweite De-
sich hierbei nicht nur auf den Fußball bezieht: Ultras lässt sich eine Identität attestie- zines). Dieses Engagement wird von ei- mos gegen Spieltagverlegungen), über stadtpolitische Themen (z.B. Gegendemos zu
ren, die alle Lebensbereiche prägt. In der Literatur wird diesbezüglich von einer auf nigen Ultras selbst als „fanpolitisch“ be- Naziaufmärschen) bis hin zu gesamtgesellschaftlich und politisch relevanten Themen
Aufmerksamkeit, Einfluss und Spaß ausgerichteten Lebensphilosophie gesprochen. zeichnet, das besonders dann politischen (z.B. Teilnahme an Gedenkdemos zur Befreiung vom Faschismus). Internationales,
Sie stehen im ständigen Wettbewerb mit anderen Ultra-Gruppen um die lautstärkere Charakter annimmt, wenn es um die politisches Engagement hat ebenfalls bei einigen Ultras einen hohen Stellenwert: Als
und kreativere Unterstützung der Mannschaft. Dabei betonen sie ihre Unabhängig- kritische Haltung zur Vereinspolitik und Mitglied in internationalen Netzwerken (z.B. Alerta-Network) oder Teilnehmer an
keit von der Vereinsführung. zur Kommerzialisierung des Fußballs internationalen Fußballturnieren (z.B. der „mondiali antirazzisti“) beziehen sie po-
Klein und Meuser bezeichnen die Sinnwelt der Ultras als „politische Gemeinschaft“, geht. Die Schaffung einer fanfreundli- litisch Stellung und können sich mit Gleichgesinnten weltweit austauschen. Der Er-
da sie „ihre gesamte Lebensführung nach Maßgabe der Regeln der Ultra-Fangemeinde cheren Fußballatmosphäre wird generell fahrungsaustausch auf globaler Ebene führt zur Planung neuer Projekte, die später auf
organisieren und das Ultra-Sein als identitätspolitisches Statement verstehen“. zum Ziel erklärt. lokaler Ebene verwirklicht werden.
In der deutschen Ultra-Szene dominiert nach Meinung einiger WissenschaftlerInnen Auf der anderen Seite gehören zu diesem
eine antirassistische Grundhaltung, wobei der Großteil der Szene einen unpolitischen Engagementbereich aber auch Aktionen Handeln sie tatsächlich bürgerschaftlich?
Habitus propagiert und politisch motivierte Aktionen aus dem Stadion heraushalten im Stadion, die gesamtgesellschaftlich
möchte. Politisch agiert die Szene zum Beispiel durch teilweise sogar bundesweit ge- relevante Probleme thematisieren: Durch Im Gespräch mit VertreterInnen der Ultra-Gruppierungen wird schnell klar, dass sich
plante Aktionen wie Sitzstreiks, Busblockaden oder Fan-Demonstrationen, um auf die Mit-Organisation der FARE-Woche ihr Engagement bewusst nicht nur auf das Fußballstadion und fußballspezifische
ihre Anliegen aufmerksam zu machen und aktiv in die Vereins- und Fußballpolitik („Football Against Racism in Europe“) Themen beschränkt, sondern weit darüber hinausgeht. Spaß und politischer Gestal-
einzugreifen. Von den Vereinen wird die öffentlichkeitsorientierte Subkultur als un- oder die Ausrichtung von so genannten tungs- und Veränderungswille liegen in dieser Szene zum Teil sehr nahe beieinander.
kalkulierbarer Faktor angesehen, der einerseits durch farbenfrohe Inszenierungen Actiondays zu Themen wie Rassismus, Dennoch wäre es nicht angemessen, die Ultra-Szene pauschal als Ort des bürger-
(Choreographien, Spruchbänder etc.) für einen positiven Imagefaktor sorgt, aber an- Homophobie oder Sexismus werden schaftlichen Engagements zu bezeichnen, da sich, wie bereits erwähnt, die einzelnen
dererseits durch die propagierte Unabhängigkeit und die kritische und distanzierte national oder international geplante Ak- Gruppen sehr stark unterscheiden und auch das Engagement innerhalb einzelner
Haltung zur Vereinspolitik unkontrollierbar ist. tionen auf die Ebene des lokalen Stadion- Gruppierungen nur zum Teil bürgerschaftlichen Charakter annimmt. Es kann jedoch
Trotz der in der Literatur recht eindeutig erscheinenden Beschreibung des Phänomens publikums heruntergebrochen. Obwohl festgehalten werden, dass es sich bei Ultras keineswegs ausschließlich um fußballfi-
„Ultras“ erscheint es wenig sinnvoll, von der Ultra-Szene oder den Ultras im Allge- die Ultra-Gruppen die Themen fußball- xierte, gewaltorientierte junge Menschen handelt. Die Ultra-Szene lebt auch von po-
meinen zu sprechen. Die einzelnen Gruppen dieser speziellen Fankultur zeigen ein bezogen vermitteln, geht es ihnen im- litisch aktiven Personen, deren Engagement in der Gesellschaft mit dem Engagement
insgesamt eher heterogenes Bild, wie im Folgenden auch im Hinblick auf die unter- mer auch darum, zu einer Verbesserung traditioneller, gesellschaftlich „anerkannter“ Gruppen und Milieus durchaus zu ver-
schiedlichen Engagement-Formen deutlich wird. der gesamtgesellschaftlichen Situation gleichen ist.

65
Der (nie wirklich) unschuldige Amateursport des 19. und 20. Jahrhunderts ist
Vergangenheit. An die Stelle von honorigen Funktionären sind flexible Mana-
ger getreten, die ebenso gerne über Business-Pläne wie über die Finessen
ihres Sports philosophieren. Sport ist allgegenwärtig und hat weltweit großen
gesellschaftlichen Einfluss gewonnen. Doch vor allem im Profisport ist diese
Entwicklung einseitig an ökonomisches Wachstum und Leistungsoptimierung
gekoppelt. Mehr Einfluss erfordert jedoch mehr Verantwortung. Der Berliner Ver-
ein PLAY!YA arbeitet in verschiedenen Projekten daran, den „sozialen Mehrwert“
des Sports zu erhöhen. Ein Gastbeitrag aus der Praxis

von Ian Mengel

Enorme Medienpräsenz, Millionen Ar-


beitsplätze, stetig steigende Absätze
von Sportprodukten – Belege für die
wachsende ökonomische Bedeutung
des Sports gibt es ausreichend. Trotz der
weltweiten Wirtschafts- und Finanzkri-
se stieg die Zahl der Sponsoringverträge
im Jahr 2009 um 15 Prozent gegenüber
2008. Die globalen Sportausgaben sollen
laut einer Studie von Pricewaterhouse-
Coopers von 114 Milliarden US-Dollar
in 2009 auf 133 Milliarden US-Dollar in
2013 steigen – eine jährliche Wachstums-
rate von 3,8 Prozent. Der Zugewinn an
wirtschaftlicher Macht zeigt sich auf
allen Ebenen in selbstbewusstem Han-
deln: Verbände bestimmen politische
Entscheidungen mit, Vereine sind Wirt-
schaftsunternehmen und internationale
Sportveranstaltungen globale Massene-

die gesellschaftliche ver-


vents geworden – und einfache Sportler
Superhelden, in deren Glanz sich auch
Politiker gerne sonnen.
Verständnis für und Auseinanderset-

antwortung des sports –


zung mit gesellschaftlich relevanten
Fragen sind in der Sportwelt jedoch
schwach ausgeprägt. Die andere Seite
der Medaille – Phänomene wie Korrup-

perspektiven aus
tion und Vetternwirtschaft, Doping und
Wettmanipulationen oder der Verstoß
gegen grundlegende Menschenrech-
te – wird ungern gezeigt, die Ursachen

der praxis
werden kaum sichtbar. Denn weiterhin
wirkt das Bild vom zweckfreien Sport,
der schwierige Fragen vorzugsweise „in
der Familie“ (FIFA-Präsident Sepp Blat-
ter) klärt.

Mehr Einfluss, mehr Verantwortung

Der steigende gesellschaftliche, wirt-


schaftliche, politische und auch sym-
bolische Einfluss des Sports provoziert
Fragen nach Legitimation, Transparenz

67
oder Wertigkeit. Der Verein PLAY!YA standsaufnahme dazu vorgenommen. auf aufbauen, einen Ball in die Mitte zu werfen und gute Wünsche hinterher zu senden. Wenn es um Bildungschancen, Jugend-
greift diese Fragen auf und sucht nach Diese Erkenntnisse bilden die Grund- arbeitslosigkeit oder Gewalt geht, sind pädagogische Begleitung, übergreifende Zusammenarbeit und wirkliche Perspektiven
Antworten: Was ist der eigentliche Sinn lage für eine Konferenz- und Publika- gefragt. In Berlin koordiniert PLAY!YA die Straßenfußballplattform STRASSE!KICKT. Sie bringt Berliner Jugendeinrichtungen,
und Zweck des Sports? Wie kann Sport tionsreihe, die mittel- und langfristig soziale Projekte, Einzelpersonen sowie Politik und Wirtschaft zusammen, um das auf Sport basierende soziale Engagement in der
menschliche Entwicklung, kulturelle eine lebhafte Diskussion und konkrete Hauptstadt öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Rund um die jährliche Sport- und Kulturveranstaltung STRASSE!KICKT
Vielfalt und soziale Teilhabe fördern? Handlungsempfehlungen im und für Open bietet sich hier die Gelegenheit, Informationen und Wissen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Die letzte Ausgabe
Dabei geht es sowohl um ein besse- den Sport hervorbringen soll. In eine im Juli 2010 auf dem Alexanderplatz stellte – in Kooperation mit den Berliner Handwerksinnungen – das Thema Ausbildung in
res Verständnis der Akteure und ihrer ähnliche Richtung arbeitet die AG Leit- den Mittelpunkt.
Handlungen als auch um die praktische bild Sport der Berliner Senatsverwaltung Ebenfalls in Berlin koordiniert PLAY!YA das Projekt LitCam – Fußball trifft Kultur, eine Initiative der Frankfurter Buchmesse
Umsetzung sinnvoller Ideen in Form für Inneres und Sport, in der PLAY!YA in Kooperation mit der S.Fischer Stiftung. An zwei Neuköllner Grundschulen erhalten Jugendliche, mehrheitlich mit „Migrati-
von Sport-, Bildungs- oder Gesund- engagiert ist. Die Arbeitsgruppe hat ein onshintergrund“, neben einem anspruchsvollen Fußballtraining zusätzliche Lese- und Sprachförderung, um bestehende Defizi-
heitsprojekten. Die Gegen- beziehungs- Leitbild für die Sportentwicklung in der te auszugleichen. Kulturangebote und Aktivitäten mit Eltern sollen außerdem dazu beitragen, einer mentalen und physischen
weise Mitspieler – Politiker, Beamte, Hauptstadt erstellt, das alle Bereiche „Ghettoisierung“ entgegenzuwirken. Zentraler Bestandteil dieser praktischen Arbeit, mit der PLAY!YA auch Partnerprojekte in
Wirtschaftsvertreter, Medien usw. – vom Individualsport bis hin zum Profi- Kenia und Nigeria unterstützt, ist eine angemessene methodische Begleitung. Sie nutzt die positiven Aspekte des Sports für die
sind in diesem Panorama ebenso von sport einbezieht. Unter Beteiligung zahl- Beschäftigung mit sozialen Fragen. PLAY!YA bietet zum Beispiel Workshops zu Themen wie „Konflikt- und Gewaltprävention“
Bedeutung. Ziel dieser Arbeit ist es, den reicher gesellschaftlicher Gruppen und oder „Globales Lernen“ an. Die Herausforderungen sind in jedem Kontext unterschiedlich, von besonderer Bedeutung ist jedoch
„sozialen Mehrwert“ des Sports zu stei- Organisationen soll dieses Leitbild nun wie im Sport die Rückbindung an Werte und Regeln. Sie funktionieren wie Lernbrücken, die Jugendlichen die Bedeutung von
gern. Gesellschaftlich relevante Fragen, in politische Maßnahmen umgesetzt Lernbereitschaft, Eigenverantwortung, Dialogfähigkeit und sozialem Miteinander vor Augen führen können. Auch die große
die von Verantwortlichen wie Freunden werden. Ein spezielles Problem wird im Welt des Sports braucht mehr dieser Lernbrücken, damit sich der wachsende Einfluss nicht einseitig zu Gunsten weniger, son-
des Sports aus Mangel an Interesse oder Projekt Global Player untersucht: der dern zum Wohle vieler Menschen auswirkt. Die Chancen und Ressourcen sind vorhanden, die Verantwortlichen und viele Sport-
kritischer Distanz selten diskutiert wer- Handel mit jugendlichen Fußballern begeisterte sind sich dessen nur noch nicht bewusst.
den, sollen Eingang finden in Diskurse aus Afrika und Lateinamerika. Der Pro-
und Handeln der Akteure: Inwieweit fifußball missbraucht systematisch die
nimmt der Sport Einfluss auf politische Hoffnungen von Millionen auf sozialen
Entscheidungen? Welche Werte ver- Aufstieg. Menschen werden zur Ware
mitteln die Sportstars bei öffentlichen und zum Spekulationsobjekt, gar von ei-
Auftritten? Wie kann sich die Sportwelt nem „modernen Sklavenhandel“ ist die
sinnvoll sozial engagieren? Rede. Das Projekt sammelt Informatio-
Die Antworten liegen nicht auf der Stra- nen dazu und baut eine Datenbank sowie
ße, aber sowohl die dem Sport eigenen Beratungsangebote für Betroffene auf.
Werte als auch Erkenntnisse aus ande-
ren Bereichen bieten Anhaltspunkte. Sozial bewegen,
Das Projekt SportWerte sammelt die- Chancen wahrnehmen
se Erfahrungen – etwa aus dem Fairen
Handel, aus dem Bereich Unterneh- Problemen stehen aber auch Chancen
mensverantwortung / Corporate Social gegenüber, denn die Attraktivität des
Responsibility oder aus Transparenzini- Sports ist gerade bei jungen Menschen
tiativen – um sie auf die Gegebenheiten ungebrochen. Diese Startbedingun-
des Sports zu übertragen. Der Experten- gen machen Hoffnung, dass der Sport
workshop „Sport und gesellschaftliche tatsächlich sozial bewegen kann. Ent-
Verantwortung“ im Juni 2010 – ausge- scheidend dafür ist eine sorgfältige Aus-
richtet von der Ruhr-Universität Bo- einandersetzung mit den vorliegenden
Ian Mengel
chum, der Deutschen Sporthochschule Problemen und Möglichkeiten. Nachhal- ist Mit-Initiator des Vereins
Köln und PLAY!YA – hat eine erste Be- tige Arbeit in der Praxis kann nicht dar- PLAY!YA in Berlin.

69
Sie sind Goldmedaillen-Gewinner bei Olympischen Spielen, Sieger bei großen
Turnieren, feiern jahrelang Erfolge und sind dennoch unglücklich. Für ihre Leis-
tung werden sie gefeiert, doch die Person, die sich hinter dem Erfolg verbirgt,
kennen nur die wenigsten. Homosexualität im Sport ist auch in unserer aufge-
klärten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts noch ein schwieriges Thema. Interna-
tionale Sportfestivals können hier als Katalysator für Akzeptanz und Toleranz
sorgen. Doch müssen auch Politik und Medien Einsatz zeigen, um der Tabuisie-
rung endlich einen Riegel vorzusetzen. Ein Beitrag

die spiele der anderen von Isabelle Sonnenfeld

Das Sportfest ohne getrennte Kabinen

Es sind Tränen der Freude, Tränen der Freiheit. Rahya und Maalik, zwei Sportler aus
Nigeria – sie 100m-Läuferin, er Weitspringer – liegen sich in den Armen und sind
ergriffen von der Szenerie. Im Kölner Rheinenergie Stadion bejubeln die zwei nigeri-
anischen Sportler sich und die anderen rund 10.000 Sportler aus 70 Ländern bei der
Eröffnungsfeier der 13. Gay Games. “Be part of it!“ – diesem Motto sind Rahya und
Maalik gefolgt und nach Köln gereist, um an den Gay Games teilzunehmen. Selbst-
verständlich ist ihre Teilnahme nicht, denn in ihrer Heimat Nigeria kann ihnen die
Todesstrafe durch Steinigung drohen. Homosexualität ist in dem afrikanischen Land
gesellschaftlich tabuisiert, Schwule und Lesben werden geächtet. Um nach ihrer
Rückkehr nicht strafrechtlich verfolgt zu werden, starten sie bei den Gay Games un-
ter falschen Namen.
Mit der Teilnahme am größten internationalen schwul-lesbischen Sportfest betreten
Rahya und Maalik eine neue Welt. Eine Welt, in der ihre sexuelle Orientierung keine
Rolle spielt. Hier werden sie akzeptiert – so wie sie sind. Ihnen wird Respekt und
Zuspruch für ihre sportliche Leistung entgegen gebracht. Als Rahya beim 100-m-
Lauf die Goldmedaille gewinnt, hat sie wieder Tränen in den Augen. Nicht, weil sie
gewonnen hat, sondern weil ihr so viele Menschen zujubeln. Genau hier zeigt sich
die Essenz der Gay Games. Schwule und lesbische Sportler dürfen eine Woche lang
ihr sportliches Können unter Beweis stellen und dabei zu ihrer Sexualität stehen. Sie
werden nicht danach bewertet, ob sie schwul, lesbisch oder bisexuell sind. Es zählt
allein der Erfolg im Wettkampf.
Die Gay Games sind richtungsweisend, sie schlagen Brücken. Seit über einem Vier-
teljahrhundert sorgen sie für einen kulturellen, sozialen und politischen Austausch
innerhalb der schwul-lesbischen Community, aber vor allem auch darüber hinaus.
„Viele Menschen müssen wegen ihrer Sexualität in Angst leben. Und so lange das so
ist, müssen wir für mehr Freiheit und Toleranz kämpfen. Wir fragen nicht nach Pri-
vilegien, wir fragen nach Respekt“, sagte Guido Westerwelle im Rahmen der Eröff-
nungsfeier. Sportliche Großereignisse wie die Gay Games, die zum ersten Mal 1982 in
San Francisco stattgefunden haben, können der Katalysator für Akzeptanz, Toleranz
und Emanzipation sein. Sport begeistert und verbindet, er reißt imaginäre Mauern in
den Köpfen nieder.

Isabelle Sonnenfeld
ist Chefredakteurin des hammelsprung und
gehört zum Abschlussjahrgang 2010 des Masters
Politikmanagement der NRW School of Governance.
Ihre Schwerpunkte im Studium liegen im Bereich
Politische Kommunikation, Neue Medien und
Nachhaltigkeit. Ihre Abschlussarbeit schreibt sie über
den Wandel politischer Kommunikation am Beispiel
Twitter.

71
It’s a men’s world ling – sie gehören zu den schillerndsten Krimiserien – Homosexualität ist in der Gesellschaft angekommen. Nur im alles ver-
Prominenten, die mit Partnerin oder bindenden, über die Grenzen vereinigenden, niemals diskriminierenden (Spitzen-)
Die Fußball-WM in Südafrika ist vorbei. Sie haben sich in den Armen gelegen, ge- Partner über den roten Teppich flanieren. Sport sind Schwule und Lesben nur vereinzelt zu finden. Nach jahrelanger Auseinan-
meinsam den 3. Platz bejubelt – und keinem kam das komisch vor. Jogi’s Jungs gel- In den Medien wird kein böses oder dersetzung mit dem Thema fragt man sich dennoch: warum gerade im Sport?
ten als Aushängeschild für ein modernes, offenes und multikulturelles Deutschland. kritisches Wort über diese gleichge-
Spieler mit Migrationshintergrund werden zum Superstar gekürt, sie werden für den schlechtlichen Beziehungen verloren. Ein Marathon, kein Sprint
Erfolg in der deutschen Integrationspolitik instrumentalisiert. Von Diskriminierung Im Scheinwerferlicht scheinen Vorur-
also keine Spur. Doch dass Homosexualität auch im Profi-Fußball eine Rolle spielt, teile dahin zu schmelzen. Schwule oder Der organisierte Sport, das zeigen die wenigen Beispiele von Spitzensportlern, die
scheint an dieser Stelle niemanden zu interessieren. Deutschland braucht zwar kei- lesbische Prominente werden akzep- sich geoutet haben, muss sich noch intensiver mit dem Thema Homophobie beschäf-
nen Vorzeige-Schwulen mit Stollenschuhen in der Nationalelf. Aber wenn Integra- tiert und zumeist noch für ihre Offen- tigen. Es wird daher wohl noch ein paar Jahre dauern, bis der erste Bundesliga-Profi
tion hinsichtlich der Herkunft gefördert wird, dann sollte Integration hinsichtlich heit bewundert. Warum also kann ein in den Medien bekennt: „Ich bin schwul, und das ist gut so“. Wenn Rahya und Maa-
der sexuellen Orientierung nicht die rote Karte gezeigt werden. Fußball – das ist schwuler Außenminister Hand in Hand lik es trotz Androhung der Todesstrafe im Heimatland wagen, an den 13. Gay Games
Männlichkeit, Kraft, Härte; das ist Bier, Bratwurst und Homophobie. Schwule Bal- mit seinem Lebensgefährten über den teilzunehmen – auch wenn sie unter falschem Namen und im Schutze des Outreach-
letttänzer oder Eiskunstläufer, keine Frage - die gibt es. Schwule Fußballspieler, die roten Teppich laufen, während ein Profi- Programmes an den Start gingen, stellt sich die Frage, wann der deutsche Profi-Sport
sucht man besonders im Profi-Fußball vergeblich. Wenn, dann wird Homosexualität Fußballer seinen langjährigen Freund an mit Offenheit statt mit Diskriminierung punktet. Der selbstverständliche Umgang
mit übertriebener Härte kaschiert, denn viele Fußballer rechnen mit einem Karriere- diesem Abend zuhause lassen muss, aus mit Homosexualität im Sport kann nur erreicht werden, wenn die „Problematik“
knick, wenn sie sich outen. Das „Gefangenen-Dilemma“ scheint im Fußball von der Angst vor einer Medienschelte und dem überhaupt thematisiert wird. Das kann bei der nächsten Vereinsversammlung des SV
Kreisliga bis zur Bundesliga Anwendung zu finden. Homosexuelle Spieler werden oft prophezeiten Karriereaus? In Medien Quakenbrück sein oder bei einer Aktuellen Stunde im Bundestag. Und auch die Gay
nur diskriminiert, wenn sie sich outen, aber sie outen sich nicht aus Angst vor Diskri- und Politik – ja. Im Sport – nein. Games können hier nur als Katalysator fungieren. Diese Breitensportfestivals sind
minierung. Fußball ist zwar nicht die letzte Bastion der Homophobie, aber eine, die Und doch gibt es sie - die prominenten wichtig – keine Frage. Doch ein Ende der Stigmatisierung ist erst dann erreicht, wenn
verdammt schwer zu knacken ist. Fußball ist ein Reservat für überkommene Männ- schwulen, lesbischen und bisexuellen diese Spiele politisch und gesellschaftlich nicht mehr notwendig sind und sie ein
lichkeitsvorstellungen und daher absolut fortschrittsresistent. Spitzensportler: Martina Navratilova sportliches Ereignis wie jedes andere darstellen.
Der DFB-Präsident Theo Zwanziger weiß um die Defizite seiner Sportart. Er ver- (Tennis), Greg Louganis (Turmspringer), Das Outing im Sport sollte also nicht mehr als Fahndung ablaufen, sondern als
sucht einen Paradigmenwechsel im Fußball anzuleiern und bricht das Schweigen Amelie Mauresmo (Tennis), Brendan Chance begriffen werden, Homosexualität in allen gesellschaftlichen Bereichen zu
über das Thema. Eine Broschüre „Gegen Diskriminierung von Homosexuellen im Burke (Eishockey), Ryan Miller (Snow- verankern. Selbstverständlich zählen wir auch Politiker oder Prominente zu unseren
Fußball“ veröffentlicht der Verband mittlerweile. Um homosexuellen Spielerinnen board) Mark Tewksbury (Schwimmen) Vorbildern, doch die Spitzensportler, die uns mit ihrer sportlichen Höchstleistung
und Spielern zu helfen, engagiert sich der DFB seit vielen Jahren stärker im Kampf sind nur einige wenige, die in der Öffent- begeistern und staunen lassen – sie sind es, die wir anfeuern und bejubeln, sie sind es
gegen Homophobie, Rassismus und Diskriminierung. Der große Erfolg blieb bis jetzt lichkeit auftreten. Homosexualität gibt die uns wochenlang an den Fernseher fesseln und mit denen wir mitfiebern. Und bei
aus. Und doch hat das Engagement erste Früchte des Erfolgs getragen. Der Amateur- es in jeder Disziplin und auf jeder Ebene all dem Jubel über sportliche Erfolge sollte also die sexuelle Orientierung des einen
bereich macht es vor. Hier stehen immer mehr Spielerinnen und Spieler zu ihrer Ho- des sportlichen Erfolgs, vom Amateur- oder anderen Sportlers keine Rolle spielen. Denn Leistung definiert sich nicht über
mosexualität. Auch wenn es nur Einzelfälle sind, geben sie Hoffnung, dass der Kampf bis zum Spitzensport, und doch fällt die sexuelle Orientierung, sondern über Können, Talent und Ehrgeiz.
gegen Homophobie im Männersport Fußball endlich zu mehr Akzeptanz führt. auf, dass gerade in Einzeldisziplinen die
Akzeptanz von Homosexualität eher
Der rote Teppich kennt kein Tabu verbreitet ist, als im Mannschaftssport.
Hinzu kommt, dass sich die meisten
Abseits des Sportplatzes und der Tartanbahn, dort wo der rote Teppich den Boden Sportler erst am Ende ihrer Karriere öf-
schmückt und die hellen Scheinwerfer für Glamour sorgen, scheint das Tabuthe- fentlich zu ihrer sexuellen Orientierung
ma Homosexualität nur im Nebensatz eine Rolle zu spielen. Hier tummelt sich das bekennen.
Who-is-Who der deutschen Prominenz. Und auch wenn der deutsche Außenminis- Die gesellschaftliche Akzeptanz in
ter Guido Westerwelle erst am Vortag seinem Lebensgefährten Michael Mronz das Deutschland ist gestiegen, jedoch mit
Ja-Wort gegeben hat, scheinen sich die meisten Prominenten eher für die Preisver- Schönheitsfehlern. Es hat sich gesamtge-
leihung zu interessieren als für das Liebesleben des Vizekanzlers. Guido Westerwelle sellschaftlich einiges getan. Ob auf dem
reiht sich ein in die Gruppe von Prominenten aus Politik und Fernsehen, die öffent- roten Teppich, auf dem politischen Par-
lich zu ihrer Homosexualität stehen. Anne Will, Klaus Wowereit oder Hape Kerke- kett oder zur Prime-Time in Soaps und

73
Im Gespräch mit Volker Beck (MdB)
über die Tabuisierung von Homosexu-
alität im Sport, die Gay Games 2010 in
Köln und der Anspruch an politische
Akteure, Sportfunktionäre und Medien
offener mit diesem Thema umzuge-
hen.

ein tabu im sport –


die Fragen stellte
Isabelle Sonnenfeld

immer noch? werden. Der Deutsche Fußball Bund


hat unter seinem Präsidenten Zwanziger
offen aufgenommen worden. Das hat
alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer
sehr viel hinzugelernt. Heute wird in der äußerst überrascht und begeistert. Die
Fußballfachwelt ganz offen darüber ge- Weltoffenheit und Toleranz dieser Stadt
redet, dass es selbstverständlich schwule ist ein Vorbild – weltweit. Internationale
Herr Beck, warum wird über Homo- zeigt. Hier bleibt es wichtig, Aufklärung Fußballer in der 1. Bundesliga gibt, die Sportveranstaltungen dürfen nieman-
sexualität im Sport in den Massen- zu betreiben und auch durch offensives sich eben nur noch nicht trauen, sich den diskriminieren, sei es aufgrund der
medien und in der Politik so wenig Selbstbewusstsein Vorbild zu sein für zu outen. Nicht das „ob“ sondern das Hautfarbe, des Geschlechts, der Religion
gesprochen? junge Menschen. Ein schwuler Außen- „wann“ wird debattiert. Ekelhaft, dass oder eben wegen der Sexualität. Hier hat
minister hätte hier eine große Chance – Ballacks Manager damit aber Stimmung Köln Maßstäbe gesetzt.
Für viele Funktionäre ist das Thema Aus- aber ich glaube, ein offen schwuler Fuß- zu machen versucht! Die Gay Games haben die Diskrimi-
grenzung und Diskriminierung im Sport ballspieler in der Nationalmannschaft Die lokalen Medien in Köln haben die nierung der teilnehmenden Sportle-
nicht präsent genug. Beim Sport geht es würde noch mehr bewirken. Gay Games sehr umfassend begleitet. rinnen und Sportler umfassend the-
ja scheinbar nur um den Spaß am Spiel, Dabei kommt ihnen eine Schlüsselposi- matisiert. Nicht überall können Lesben
in dem angeblich nur die Leistung zählt. Kann ein Breitensportfest mit Teil- tion zu. Je positiver und je umfassender und Schwule so offen zu ihrer sexuel-
Man „muss sich ganz aufs Spiel konzen- nehmern aus mehr als 70 Ländern die Medien über lesbische und schwule len Identität stehen, wie zum Beispiel
trieren“, da stören dann solche angeb- dazu beitragen, dass Spitzen- Sportler berichten, desto schneller er- in Köln. Einige Teilnehmerinnen und
lichen Nebenfragen. Dabei ist die Frage sportler offener zu ihrer sexuellen höht sich deren Akzeptanz. Teilnehmer konnten während der Eröff-
eigentlich zentral: Wie schafft der Sport Orientierung stehen? Welche Rolle nungszeremonie nicht öffentlich für ihr
es, dass sich alle gemeinsam wohl fühlen spielen die Medien in dieser Hin- Inwieweit können die Gay Games Heimatland auftreten – aus Angst vor
und niemand ausgegrenzt wird? Es liegt sicht? 2010 in Köln als Vorbild für internati- Verfolgung. Da wurde auch den Schwu-
doch im ureigenen Interesse der Vereine, onale Sportveranstaltungen dienen? len und Lesben im Publikum deutlich,
dass alle Menschen mit ihren Talenten Durch die Gay Games wird öffentlich- Kann eine Veranstaltung wie diese dass die Akzeptanz weltweit noch eher
gefördert werden – egal welche Hautfar- keitswirksam das Vorurteil entkräftet, den Diskurs über Diskriminierung die Ausnahme als eine Selbstverständ-
be oder eben sexuelle Identität sie haben. dass sich Sport und Homosexualität und Verfolgungen von Homosexuel- lichkeit ist. Die Organisatoren der Gay
widersprechen und dass es keine guten len, die in vielen Ländern dieser Welt Games haben für Teilnehmer aus Län-
Wie würden Sie den Grad der Akzep- lesbischen oder schwulen Spitzensport- noch kein Ende gefunden haben, dern, in denen Lesben und Schwule ver-
tanz von Homosexuellen seitens der ler gibt. Solche Veranstaltungen wirken positiv beeinflussen, indem auch folgt oder diskriminiert werden, speziell
Gesellschaft und der Politik im Jahr sich also positiv auf die Akzeptanz von offener über die Thematik gespro- ein „Outreach“-Programm initiiert, um
2010 in Deutschland einschätzen? Schwulen und Lesben im Breitensport chen wird? gerade diesen Sportlern die Teilnahme
Welche Rolle spielt Guido Wester- aus. Erst wenn es in der Gesellschaft und zu ermöglichen. Generell aber würde ich
welle als Außenminister in dieser in den Sportvereinen akzeptiert wird, Die Gay Games in Köln sind ein abso- mir wünschen, dass dieses Thema nicht
Debatte? dass lesbische und schwule Athletinnen lutes Vorbild für internationale Sport- nur während der Gay Games diskutiert
und Athleten selbstverständlich Teil der veranstaltungen. Sie sind von den Köl- wird und kurz danach wieder in Verges-
Unsere Gesellschaft ist in den letzten 12 Teams sind, werden sich auch mehr und nerinnen und Kölnern sehr positiv und senheit gerät – gerade auch innerhalb der
Jahren toleranter geworden – zumindest mehr Spitzensportler zu einem Outing
die Mitte der Gesellschaft. An den Rän- durchringen können. Derzeit tun sie das
dern wächst dagegen offenbar wieder die eher nach Beendigung ihrer Karriere. Volker Beck (MdB)
Bereitschaft zur Gewalt, wie uns leider Vielleicht können sich bald schon mehr ist erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bun-
destagsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
fast täglich Berichte von homophoben Sportler während ihrer Laufbahn dazu Mitglied im Parteirat der Grünen und menschenrechts-
Übergriffen aus allen Großstädten zei- durchringen. politischer Sprecher der Fraktion. Für die Stärkung der
gen. Der Hass auf Schwule und Lesben Aber der Diskurs über Homosexualität Bürgerrechte, die Verteidigung des Rechtsstaates, die
rechtliche Gleichstellung und gegen die Diskriminie-
ist immer noch da, auch wenn er sich im Sport muss von den Sportverbän- rung gesellschaftlicher Minderheiten setzt er sich seit
nicht mehr so häufig in Talksendungen den aufgenommen und weitergeführt vielen Jahren vehement ein.

75
Die Fußballweltmeisterschaft in Südaf-
rika ist vorüber. Das Land hat ein Fest
der Freude gefeiert und die Weltöf-
fentlichkeit überrascht. Die sozialen
Probleme hingegen bestehen fort.
War die WM wirklich der große Erfolg,
wie ihn die südafrikanische Regierung
versprochen hat?

von Christian Weber

kopf oder zahl


schwul-lesbischen Community. man die Sportpolitik im Bereich des als nur „Mama, Papa, Kind“. Die Poli-
International müssen wir uns mehr für Fußballs ändern? zei sollte sensibler werden, wenn es um
die Menschenrechte von Schwulen und Gewalt gegen Schwule und Lesben geht.
Lesben einsetzen. Dort sehe ich aber auch Beim Fußball treffen „echte Kerle“ aufei- Und natürlich muss die Politik vorange-
unseren Außenminister in der Pflicht, nander, die miteinander weinen und ju- hen, indem wir endlich die volle rechtli-
sich für die universellen Menschenreche beln können. Es ist eben eine der letzten che Gleichstellung herstellen – inklusive
konsequenter einzusetzen und verfolgte Bastionen von echter Männlichkeit. Eine der Anerkennung von Regenbogenfami-
Menschenrechtsverteidiger in Deutsch- Rolle spielt sicher auch, dass es sich um lien etwa durch das Adoptionsrecht. Beginn des Spiels. Der Schiedsrichter steht mit den Spielführern beider Mannschaf-
land aufzunehmen. einen Mannschaftssport handelt – inklu- ten im Mittelkreis. Kopf oder Zahl – sie entscheiden, auf welches Tor die Mannschaf-
sive gemeinsames Wohnen in Trainings- Herr Beck, vielen Dank für das Ge- ten spielen. Eine Richtungsentscheidung. Südafrika stand vor einer ähnlichen, aber
Kritische Stimmen behaupteten lagern und gemeinsamen Kabinengän- spräch. weitaus wichtigeren Richtungsentscheidung. Globale Anerkennung oder Kampf
im Vorfeld der Gay Games 2010, gen. Viele offen schwule oder lesbische gegen Armut und Arbeitslosigkeit? Die Mächtigen im Land entschieden sich globa-
dass dieses Breitensportfest eher SportlerInnen kommen ja eher aus den le Anerkennung und die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 2010. Das Me-
eine Gegen-Olympiade sei, die Individualsportarten, wie Tennis oder gaevent wurde als größte Chance für das Land gepriesen. Kopf oder Zahl.
die Akzeptanzlücke innerhalb der Mountainbiking. Der DFB ist ja an sich Rückblick. In aller Welt freut man sich auf die WM. In Deutschland werden leucht-
Gesellschaft nicht schließt, sondern auf einem guten Weg, wenn er Homo- ende Fahnen, Trikots und bunte Plastiktröten zum Verkaufsschlager. Die Freude ist
die eigene Ausgrenzung dieser phobie im Fußball anspricht. Er sollte jedoch nicht ungetrübt. Sicherheitsbedenken werden lauter. Die Kriminalitätsrate in
Spitzensportler von der Gesellschaft klar machen, dass es Unterstützung gibt Südafrika zählt zu den höchsten der Welt. Statistisch betrachtet geschieht alle halbe
fördert? für Sportler die sich outen wollen. Und Stunde ein Mord, alle zwei Minuten eine schwere Körperverletzung. Insbesondere
ich würde mir wünschen, dass es mehr in den Townships, den südafrikanischen Armenvierteln, ist Gewalt an der Tagesord-
Die Gay Games sind keine Gegenver- Aufklärungsseminare für Trainer gerade nung. Es liegt ein gewisses Unbehagen in der Luft. Afrika, die Dritte Welt, Fußball-
anstaltung sondern ein zusätzliches im Breitensport gibt. Die wirkliche Dis- weltmeisterschaft – war dies die richtige Entscheidung? Ungewissheit. Kopf oder
Kultur- und Sportevent, dass integrativ kriminierung findet leider in den unte- Zahl.
wirkt. Eben weil sie niemanden ausgren- ren Ligen und bei den Jugendlichen statt.
zen. Lesben und Schwule haben hier Sei- Da müssen die Verantwortlichen sensi- Zuma: „Der soziale Nutzen ist unbezahlbar.“
te an Seite mit Heterosexuellen um Me- bel sein und nicht weghören, wenn der
daillen gekämpft. Das Vorurteil stimmt Mitspieler mal wieder als „schwule Sau“ Südafrika hat es geschafft. Die ganze Welt hat auf den gebeutelten Kontinent ge-
also nicht, dass lesbisch-schwule Veran- beschimpft wird. schaut. Dem Land wurde applaudiert, die Berichterstattung war fast durchweg po-
staltungen Heteros ausgrenzen würden. sitiv. Die Weltmeisterschaft: ein Erfolg! Nach Ansicht von Staatspräsident Zuma
Übrigens haben sehr viele heterosexu- Die letzte Frage bezieht sich auf ist der soziale Nutzen unbezahlbar. Die Bilder, die bislang das Land am südlichsten
elle Kölner nicht nur die Sport- und die den Gestaltungsraum der Politik. Zipfel Afrikas beherrscht haben, sind verschwunden. Von Morden und hungernden
Kulturveranstaltungen als Zuschauer Was muss und kann die Politik mehr Menschen ist während der Weltmeisterschaft nichts zu lesen. Jubelnde, tanzende
besucht. Sehr viele haben die Games als tun, damit Homosexuelle in der Menschen, Vuvuzelas in allen Farben, ein fröhliches Fußballfest, Schwarz und Weiß
„Volunteers“ aktiv unterstützt, gerade Gesellschaft noch stärker akzeptiert vereint, das sind die Eindrücke, die die öffentliche Berichterstattung im Laufe der
auch von Studenten der Kölner Sport- werden? Fußball-WM geprägt haben. Südafrika erscheint wie neu geboren. Die Fußballwelt-
hochschule. Das Vorurteil, dass solche
Veranstaltungen die Ausgrenzung för- Wir brauchen einen Aktionsplan gegen
dern, ist also unhaltbar. Homo- und Transphobie. Die Aufklä- Christian Weber
rung über Homosexualität muss aus dem studiert nach einem Studium der Verwaltungswissen-
schaften den Master Politikmanagement an der NRW
Wie wir gehört haben ist Homosexu- Biologieunterricht in den ganz normalen School of Governance. Praktische Erfahrungen konnte
alität im Breitensport kein absolutes Schulalltag integriert werden. Schulbü- der diplomierte Verwaltungswirt u.a. in der Abteilung
Tabuthema mehr, warum stellt aber cher sollten ein modernes Familienbild Regierungsplanung der Staatskanzlei NRW sowie in
den Bereichen Internationale Arbeits- und Sozialpolitik
der Fußball in der gesamten Debat- transportieren, dass eben mehr umfasst und Öffentlichkeitsarbeit im Bundesministerium für
te eine Ausnahme dar? Wie kann Arbeit und Soziales in Berlin sammeln.

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meisterschaft hat das Image des Landes bei den Zuschauern an den Bildschirmen der Stole brachte es auf den Punkt: „Es ist gehend stabil. Geht die Schere zwischen Arm und Reich jedoch weiter auseinander,
Welt verändert. In vielen Köpfen ist ein neues Bild von Afrika, jenseits von Armut, eine Tragödie, wie viel Arbeitszeit, Geld, birgt dies Risiken für das gesamte Land. Soziale Unruhen schrecken ausländische
Hunger und Gewalt, entstanden. Fähigkeiten und Energie in ein Projekt Firmen ab. Sozialer Friede als Standortfaktor ist bedeutsamer als ein geschminktes
Das Problem ist, die breite Bevölkerung spürt hiervon wenig. Die Kluft zwischen versenkt werden, das kaum mehr als eine Südafrika, das vier Wochen lang im Licht der Weltöffentlichkeit steht. Die Korrup-
Arm und Reich ist in kaum einem anderen Land so spürbar wie in Südafrika. Etwa einmonatige Fernsehshow ist.“ Verant- tionsvorwürfe, mit denen es die südafrikanische Regierung nur kurze Zeit nach der
die Hälfte der rund 50 Millionen Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Ein wortung sieht wirklich anders aus. WM in die Schlagzeilen geschafft hat, sind diesem Anliegen eher abträglich. Gerät
vierwöchiger Freudentaumel namens Fußballweltmeisterschaft löst leider nicht die Abseits vom ganzen Fußballjubel, benö- das Land aus dem Gleichgewicht, dürfte die milliardenschwere Imagekampagne
Probleme – Hunger, Arbeitslosigkeit, HIV-Erkrankungen – all das gibt es weiterhin. tigt Südafrika Reformen. Insbesondere „Fußballweltmeisterschaft“ schnell verpufft sein.
auf dem Gebiet der Arbeitsmarkt- und
Ein Freudenfest – um jeden Preis Sozialpolitik besteht dringender Hand- The Match must go on
lungsbedarf. Damit das Land auch lang-
Das Land hat noch immer mit den Folgeschäden der Apartheid zu kämpfen. Wegen fristig wirtschaftlich aufsteigen kann, Beim Fußball motiviert der Spielführer die Mannschaft und hält sie zusammen. Ein
der systematischen Diskriminierung der farbigen Bevölkerung wurde Südafrika muss die Arbeitslosigkeit nachhaltig Team kann nur erfolgreich vom Platz gehen, wenn alle Spieler gemeinsam agieren.
lange Zeit von der internationalen Staatengemeinschaft geächtet. Dieses Bild lastet bekämpft werden. Es werden vor allem Jeder Einzelne ist wichtig, springt ein Mannschaftsmitglied aus der Reihe, geht oft
der jungen Republik noch immer an. Die Mächtigen rund um Staatspräsident Jacob qualifizierte Arbeitnehmer benötigt. Die das gesamte Spiel verloren. Der Spielführer muss sich dessen bewusst sein, er gibt
Zuma sahen in der WM eine Chance, den Ruf des gespaltenen Landes endgültig ab- Förderung im Bildungssektor scheint die Richtung vor. Dem Spielführer Südafrikas, der Regierung, fällt eine schwierige
zulegen. Südafrika, die Regierung, sollte in neuem Glanz erstrahlen. Statt seine ge- hier selbstverständlich. Doch bislang Aufgabe zu. Die richtige Richtung zu finden, gehört bislang nicht zu ihren Stärken.
ballte Energie in die Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit zu stecken, sollte gibt es nicht einmal eine funktionierende Die Spiele der WM sind lange abgepfiffen. Südafrika ist schnell wieder aus der Welt-
die Weltmeisterschaft das lang ersehnte Heil bringen. Die Fußballweltmeisterschaft öffentliche Arbeitsvermittlung. Private öffentlichkeit verschwunden. Der Glanz der Weltmeisterschaft ist verflogen. Das
– sie musste in Südafrika stattfinden. Ein Freudenfest um jeden Preis. Die Richtungs- Leiharbeitsfirmen fungieren wie moder- Leben hat sich für die Menschen in Südafrika kaum verändert. Der oft beschworene
entscheidung, sie stand fest. Kopf oder Zahl. Kopf. ne Sklavenhändler, sie beuten Arbeiter Trickle-Down-Effekt ist ausgeblieben. Doch das Spiel für Südafrika – es geht weiter.
„It’s Africa’s turn!“, mit diesem Leitspruch haben die Südafrikaner sich um die aus und zerstören die Tariflandschaft. Hoffentlich stürmt die Mannschaft diesmal auf das richtige Tor. Bislang zeichnet sich
Ausrichtung des Turniers beworben. Eines hat Südafrika geschafft, es hat der Welt Arbeitsrechte und Arbeitsschutz sind ein eher düsteres Bild ab. War dies die richtige Entscheidung? Kopf oder Zahl. Zahl.
bewiesen: Afrika gehört zur (sportlichen) Weltengemeinschaft dazu. Das Land hat diesem Sektor weitestgehend fremd, Be- Zahlen dürfen nicht immer die Ärmsten.
Milliarden in des Megaevent investiert und dabei Hunger und Armut in den media- rufsbildung ist ein Fremdwort. Die südafrikanische Bevölkerung liegt zurück. Die Regierung hat ein Tor geschos-
len Hintergrund gedrängt. Eine Arbeitslosenquote von 27 Prozent, wobei die tatsäch- Südafrika braucht also eine Wirtschafts- sen, leider ins falsche Netz. Die Gewinner dieses ungerechten Spiels heißen Blatter
liche Quote wohl sehr viel höher liegt, wird nicht thematisiert. Vielmehr wird die politik mit Weitsicht. Der Aufschwung und Zuma, Verlierer gibt es Unzählige, sie haben keine Namen und geraten schnell
Schaffung von 50.000 neuen Arbeitsplätzen im Rahmen der WM gepriesen, obwohl darf nicht weiter auf dem Rücken der in Vergessenheit. Vorsicht ist geboten, eine Mannschaft besteht nur als Team. Eine
diese nur temporär angelegt sind. Auch die Lebenssituation der farbigen Bevölkerung Ärmsten ausgetragen werden. Von einer Spaltung bedeutet das Aus. Noch besteht Hoffnung, the Match must go on und das
in den Townships soll in den Medien möglichst wenig Beachtung finden. aktiven Arbeitsmarktpolitik müssen vor Land geht in die Verlängerung.
allem die unteren Bevölkerungsschich-
Verantwortung sieht anders aus ten profitieren. Immerhin investiert das
Land bereits 20 Prozent seiner Staatsaus-
Ein solches Sportereignis mag zwar die Bevölkerung für den Augenblick zusammen gaben in Bildung. Gezielte Qualifizie-
wachsen lassen – vergrößert sich die Kluft zwischen Arm und Reich hingegen weiter, rungsmaßnahmen für die größtenteils
dient dies dem sozialen Frieden nicht. Südafrika gilt als das Vorzeigeland auf dem ungebildeten Bewohner der Townships
afrikanischen Kontinent, es trägt Verantwortung. Der Begriff Verantwortung enthält und die Verankerung menschenwürdi-
etwas Nachhaltiges. Trotz immenser Arbeitslosigkeit herrscht in dem aufstrebenden ger Arbeitsrechte müssen folgen. Eine
Land ein Fachkräftemangel. Auch dies ist eine Spätfolge der Apartheid. Die farbige Verbesserung der Arbeitsbedingungen
Bevölkerung wurden lange Zeit vom Bildungssystem ausgeschlossen, und immer und die Bekämpfung der Arbeitslosig-
noch gilt ein Großteil dieser Bevölkerungsgruppe als ungebildet. Dies wiederum keit bringen auch Vorteile für die so
führt zu Perspektivlosigkeit und schlägt sich, medial oft thematisiert, in Kriminalität wichtigen Investoren. Südafrika kann
nieder. Anstatt das Land zu reformieren, wurden zehn riesige Stadien gebaut, von den Aufstieg schaffen. Das Land ist reich
denen keiner weiß, was nach der WM mit ihnen passieren soll. Der Publizist Sam an Bodenschätzen und politisch weitest-

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Das Wechselverhältnis von Politik und Sport ist neuen Herausforderungen
ausgesetzt. Diese Herausforderungen ergeben sich, da die Wahrnehmung des
Sports immer weniger auf dem Weg der direkten (Primär-)Erfahrung, sondern
vielmehr medienvermittelt erfolgt. Dabei ist die Produktion des medienvermit-
telten Sports das Ergebnis von miteinander konkurrierenden oder sich verstär-
kenden Logiken, Interessenlagen und Systembezügen. Im Ergebnis lassen sich
Differenzierungen innerhalb der Medien und ein zunehmender Einfluss von
außermedialen Akteuren beobachten. Ein Gastbeitrag

von Dr. Jörg-Uwe Nieland

(Sport-)Politik, die den Anspruch hat, Sport (seit 1909). Diese beiden Beispiele
die Sportentwicklung zu fördern und zeigen auch, dass sportliche Großereig-
zu regulieren – etwa im Bereich des nisse zur Verbreitung und vor allem der
Dopings oder bei Sportwetten – ist Popularisierung von Medien dienten.
konfrontiert mit der Doppelnatur des So wurden zu Beginn der 1920er Jahre
Sports: seinen gesellschaftlichen und Sportveranstaltungen im Radio über-
zivilisatorischen Funktionen einerseits tragen; die erste Sportrundfunksendung
und seine ökonomische Verwertbarkeit war eine Live-Berichterstattung des
andererseits. Hier verschieben sich au- Schwergewichts-Boxkampfes von Jack
genblicklich die Gewichte; die Kommer- Dempsey gegen George Carpenter 1921
zialisierung des Sports gewinnt an Fahrt. in Pittsburg. Inzwischen ist der Fußball
Inzwischen werden gigantische Ein- in Europa die dominierende Sportart
nahmen durch Fernsehrechte generiert, der Hörfunkberichterstattung. Auch das
dabei trägt die Kommerzialisierung des Fernsehen nutzte den Sport als Katalysa-
Sports und speziell des Fußballs globale tor auf dem Weg zum Massenmedium.
Züge. Und weil Sport Garant ist für hohe Der Siegeszug des Fernsehens nach dem
Einschaltquoten und Zuschauerbindung 2. Weltkrieg deutete sich schon 1948
hat sich in den letzten Jahrzehnten eine mit der Live-Berichterstattung von den
Interessengemeinschaft „Sport – Wirt- Olympischen Spielen in London an. In
schaft – Medien“ herausgebildet. den letzten Jahren sind neue Strategien
der Präsentation und der Vermarktung
Mediensport – ein Rückblick des Sports im Internet zu beobachten.
Zusammenfassend kann für alle Medien
Die Etablierung eines eigenen „Medien- festgehalten werden, dass der ökono-
sportkomplexes“ und das Entstehen mische Wettbewerb der zentrale Faktor
einer eigenen Medien(sport-)realität und Motor geworden ist. Dabei profitie-
haben eine lange Tradition. Bereits zu ren sowohl der Sport von der Medien-
Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die präsenz – indem die Medien durch Über-
Allianz zwischen Sport und Medien ge- tragungsrechte Einnahmen generieren,
formt; besonders prominent sind die zum Teil die Finanzierung von Sportlern
Gründung der Tour de France im Jahr sicherstellen sowie für Öffentlichkeit
1903 durch die Sportzeitung L’Auto (aus und Popularisierung sorgen – als auch
der nach dem 2. Weltkrieg die L‘Équipe die Medien von der Sportberichterstat-

politik und sport in der


hervorging) oder die Veranstaltung des tung. Der Nutzen für die Medien liegt
Giro d‘Italia durch die Gazzetto dello nicht nur in den meist niedrigen Pro-

mediengesellschaft –
Dr. Jörg-Uwe Nieland
ist wiss. Mitarbeiter an der Deutschen Sporthochschu-
le Köln, Institut für Kommunikations- und Medienfor-
schung sowie Projektmitarbeiter an der Universität
Duisburg-Essen am Institut für Politikwissenschaft
und der „Forschungsgruppe Regieren“. Schwerpunkte

eine bestandsaufnahme
in Lehre und Forschung: Politischer Kommunikation
und Regierungstätigkeit, Extremismusforschung,
Medienpolitik und Medienentwicklung, Sportkommuni-
kation und Sportpolitik sowie Populärkultur.

81
duktionskosten, sondern gerade in den fer Kommunikationswissenschaftlern und schließlich auch den Medien enor- Sportpublizistik und Sportpolitik
hohen Reichweiten (bzw. Auflagen), die Gerhard Vowe und Maro Dohle von ei- me Summen in die Kassen gespült. Die
sich mit dem Sport und sportlichen Gro- ner Medialisierungstreppe gesprochen vorletzte Stufe bilden medialisierte Re- Angesichts der Medialisierung des
ßereignissen erzielen lassen, den hohen werden. Diese Treppe hat acht Stufen. geln, also etwa neue Zeitvorgaben beim Sports ist von der Politikwissenschaft,
Imagewerten für die Journalisten und Auf der ersten Stufe sind es die medi- Basketball oder neue Zählweisen beim der Kommunikationswissenschaft und
die Medien sowie einer hohen redakti- alisierten Instrumente, die zur Verbes- Volleyball und Tischtennis, wodurch auch der Sportwissenschaft zu bestim-
onellen Anschlussfähigkeit des Sports. serung der medialen Verwertbarkeit die Spiele schneller und damit für den men und zu reflektieren in welchem
Dabei sind mehr Medien und mehr An- eingeführt wurden. Zu denken ist etwa Zuschauer (und die Medienschaffenden) Maß der Medieneinfluss steigt und wel-
gebote auf dem Markt verfügbar und es an den „Telestar“, einen Fußball, der bei kalkulierbarer wurden. Abschließend che Sportarten wie betroffen sind. Die
kommt zu einer Ausdifferenzierung der der WM 1970 zum Einsatz kam, damit sind die medialisierten Varianten zu er- (Sport-)Politik muss diskutieren, ob
Geschäftsmodelle. Der Sport ist in der die Fernsehzuschauer das Spiel besser wähnen, also neue Wettkämpfe, wie bei- und wie sie die Verbände und vor allem
Mediengesellschaft angekommen. verfolgen konnten. Im nächsten Schritt spielsweise die so genannten Jagdrennen die Rechte der Spieler stärkt. Diese Fra-
erlangen veränderte Rhythmen, also bei Biathlon oder Beachvolleyball, die ge wird umso dringender je mehr die
Sport in der Mediengesellschaft die Anpassung der Zeitstrukturen von mehr Spannung für den Zuschauer ver- Entertainisierung und die Skandalisie-
Sportereignissen an die Medienlogik, sprechen. rung des Sports in den Massenmedien
Zu fragen ist an dieser Stelle nach den Bedeutung. Die Spieltage der Bundesliga Die Medialisierung des Sports hat aber stattfinden. Die eingangs erwähnten ge-
Dimensionen der Mediengesellschaft. sind inzwischen über das Wochenende auch Grenzen. Zum einen die Behar- sellschaftlichen Funktionen drohen im
Festzustellen ist eine quantitative und verteilt – die englische Premier League rungskräfte in Verbänden und Verei- Zuge dieser Tendenzen an Gewicht zu
qualitative Ausbreitung der Medien. hat Spiele am Samstagmittag, damit die- nen sowie einer Gruppe von Fans, die verlieren. Insbesondere die Dopingbe-
Dies zeigt sich in der Herausbildung se auf dem asiatischen Markt zu attrak- den Sport bzw. eine Sportart in ihrem richterstattung führt nicht nur zu einer
neuer Medienformen wie Zielgruppen- tiven Sendezeiten ausgestrahlt werden ursprünglichen Charakter belassen Desillusionierung des Publikums, son-
zeitschriften, Spartenkanälen, Netzme- können. Auch die anderen Sportarten möchten, zum zweiten die Bindung der dern auch zur Distanzierung politischer
dien, die sich neben den herkömmlichen passen ihre Rhythmen an. Unübersehbar Medienberichterstattung an Kosten- und wirtschaftlicher Ressourcengeber.
Massenmedien etablieren. Unüberseh- ist die dritte Stufe der Medialisierung, Nutzen-Kalküle, denn der hohe finan- Wenn sich der Sport und mit ihm die
bar ist desweiteren die Zunahme der die medialisierten Arenen, also die An- zielle Einsatz, den Medienunternehmen Medien und das Publikum in der „Do-
Vermittlungsleistung und -geschwin- passung der Örtlichkeiten für die medi- auf dem Markt der Übertragungsrechte pingfalle“ verfangen, dann steht letztlich
digkeit von Information durch Medien ale Berichterstattung. Moderne Arenen leisten, muss zumindest in Teilen refi- die staatliche Förderung des Sports als
– aktuell ist etwa an HDTV zu denken. haben „fliegende Kameras“, mixed zones nanziert werden und zum dritten darf bislang eine selbstverständliche Aufgabe
Von großer Tragweite ist die immer stär- für Interviews und vieles mehr. Auf der die Berichterstattung die Handlungs- der öffentlichen Hand im Rahmen der
kere und engmaschigere Durchdringung nächsten Stufe kommt es zum mediali- logik des Sport – nämlich die Unvor- Daseinsvorsorge auf dem Spiel.
aller gesellschaftlichen Bereiche durch sierten Erleben durch die zunehmende hersehbarkeit von Sieg und Niederlage
die Medien; dieser Prozess wird von der Dynamisierung und Emotionalisierung im Wettkampf nicht unterlaufen. Zu-
Kommunikations- und Medienwissen- der Berichterstattung. An das mediali- sammenfassend kann gesagt werden, Literaturnachweis:
schaft als Medialisierung bezeichnet. sierte Erleben schließen sich die media- dass der Prozess der Medialisierung Dohle, Marco / Vowe, Gerhard (2006): Der Sport auf
Schließlich erlangen die Medien hohe lisierten Akteure an. Dies bedeutet, dass des Sports ambivalent ist. Er bietet die der „Mediatisierungstreppe“? Ein Modell zur Analyse
gesellschaftliche Aufmerksamkeit und sich die Berichterstattung auf Einzel- Chance der Ausdifferenzierung, der Er- medienbedingter Veränderungen des Sports. In:
merz – Zeitschrift für Medienpädagogik, 50. Jg. Nr.
Anerkennung. Ein zentraler Effekt ist die ne konzentriert, auf Sport-Prominenz. höhung der Vielfalt und auch der Betei- 6/2006, S. 18-28.
Ausweitung und Stärkung der Orientie- Sportlerinnen und Sportler sind dabei ligung neuer Akteure sowie den Zugang
rungsfunktion der Medien: Medienin- nicht nur Vorbilder, sondern auch Wer- zu neuen Ressourcen; birgt aber auch das Bette, Karl-Heinrich / Schimank, Uwe (2006): Die
Dopingfalle. Soziologische Betrachtungen. Bielefeld.
halte bilden immer mehr Handlungsbe- beikonen. Angekommen sind wir bei der Risiko der Entwurzelung. Vor diesem
reiche der Menschen ab. nächsten Stufe, den medialisierten Res- Hintergrund ist die Politik gefordert. Schierl, Thomas (2007): Handbuch Medien,
Werden die beschriebenen Tendenzen sourcen, denn die Ökonomisierung und Kommunikation und Sport. Schorndorf.
auf das Verhältnis von Sport und Medien der Einzug neuer Finanzierungsmodelle Mittag, Jürgen / Nieland, Jörg-Uwe (2007): Das Spiel
bezogen, dann kann mit den Düsseldor- hat den Sportlern, Vereinen, Verbänden mit dem Fußball. Essen.

83
Judith Klose, Absolventin der NRW
School of Governance, im Gespräch
über ihre berufliche Tätigkeit nach
dem Master-Studium und die Rele-
vanz des Sports in der politischen
Praxis.

die Fragen stellte

„fußballrhetorik
Alexander von Freeden

zieht immer“ ternationalen Themen aus dem anderen


Masterprogramm besucht. Ich bin also
gibt es für beide Annahmen einige An-
haltspunkte.
kampf ständig eingesetzt. Da steht der
politische Gegner im Abseits, der Ball
eher gegen zu stark verschulte Studien- wird ins Rollen gebracht, Anschlussto-
pläne. Welche Rolle kann Sport im politi- re werden geschossen und Wahlabende
schen Tagesgeschäft spielen? gehen in die Verlängerung. Und natür-
Judith, du bist mittlerweile Inter- Welche Inhalte deines Studiums Sport und Politik – das ist das lich: Nach dem Wahlkampf ist vor dem
nationale Sekretärin der Jusos, der kommen dir bei deiner Arbeit zugu- Thema der aktuellen Ausgabe des Ein gemeinsames Fußballspiel nach Fei- Wahlkampf!
Jugendorganisation der SPD. Wie te? HAMMELSPRUNG. Was haben erabend bewirkt mehr als zehn politische
bist du denn dazu gekommen? diese Sphären miteinander zu tun? Abendveranstaltungen. Generell lassen Judith, vielen Dank für das
Das Masterstudium in Duisburg hat Wann wird der Sport politisch? sich bei unpolitischen Unternehmungen Gespräch.
Ich habe noch vor meinem Abschluss mich zum Beispiel für die informel- viel besser Kontakte knüpfen und Alli-
in Duisburg sechs Monate lang eine len Prozesse sensibilisiert, die wirklich Einen Aspekt konnten wir erst vor kur- anzen schmieden als bei rein politischen
Stelle in der internationalen Abteilung eine kaum zu unterschätzende Rolle im zer Zeit beobachten. Sportliche Großer- Veranstaltungen. Der Sport wird hier zur
im Willy-Brandt-Haus gehabt und für politischen Tagesgeschäft spielen. Ne- eignisse haben immer auch eine hohe Netzwerkplattform und kann gemein-
den Europawahlkampf 2009 gearbeitet. ben dem Wissen über den Ablauf von symbolpolitische Bedeutung. Wenn same Erlebnisse schaffen, an die man
Unmittelbar danach bin ich zu den Ju- politischen Prozessen helfen mir heute hochrangige Regierungsmitglieder bei sich noch nach Jahren zurück erinnert.
sos gewechselt und habe auch noch die vor allem die praktischen Übungen wie der Fußballweltmeisterschaft im Sta- Gleichzeitig kann Sport auch als Ritual
Kampagne zum Bundestagswahlkampf etwa das Medientraining. Vor allem aber dion sitzen, sind sie natürlich auch auf zwischen Kollegen fungieren. Montags
mitgemacht. Abschließend musste ich habe ich gelernt, wie man Small Talk bei schöne Presse- und Fernsehbilder aus, die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga
mir eine kurze Auszeit nehmen, schließ- Abendveranstaltungen hält [grinst]. mit denen sich Gewinnermentalität und kommentieren zu können, das gehört
lich stand meine Masterarbeit noch an. Volksnähe suggerieren lassen. Ob Angela manchmal einfach dazu.
Aber seit März 2010 bin ich wieder bei Bist du zufrieden mit deinem Merkel das mit ihrem Jubelbild gelungen
den Jusos, erst im Bereich Veranstal- Master-Studium? Wo siehst du noch ist, das während der WM immer wieder Von sportlicher Fairness ist der poli-
tungsplanung, und jetzt halt als Interna- Entwicklungspotential für den Studi- gezeigt wurde, sei mal dahingestellt. tische Schlagabtausch zum Teil weit
tionale Sekretärin. engang Politikmanagement? Aber auch sie konnte sich sicherlich mit entfernt. Warum suchen Politiker
eigenen Statements nach den Spielen trotzdem häufig den Vergleich mit
Was sind deine Aufgaben in dieser Der Studiengang zeichnet sich durch und über Bilder mit der Nationalmann- dem Sport?
Position? einen hohen Praxisbezug aus. Das war schaft profilieren. Darüber hinaus versu-
nicht nur der Grund für mich, nach chen so auch ganze Staaten, sich über die In der Politik geht es häufig darum, kom-
Ich koordiniere die Jugendarbeit auf eu- Duisburg zu gehen, sondern hat sich Austragung von Sport-Events in Szene plexe Sachverhalte möglichst einfach
ropäischer bzw. internationaler Ebene: als gute Vorbereitung für das Berufsle- zu setzen. China und Südafrika sind da darzustellen. Da ist bildhafte Sprache
etwa beim Austausch mit unseren Part- ben erwiesen. Tja, was ließe sich noch nur die jüngsten Beispiele. gefragt und Sportvergleiche bieten sich
nern überall auf der Welt oder bei der verbessern? Obwohl der Zusammen- Dann wird ja gerne auch immer wieder an, weil sich darunter jeder etwas vor-
Organisation von internationalen Ju- halt zwischen den Studierenden begrü- behauptet, dass im Schatten einer Fuß- stellen kann. Vor allem Fußballrhetorik
gendbegegnungen. Gleichzeitig bin ich ßenswert ist, könnte vielleicht unterei- ballweltmeisterschaft leichter unbe- zieht immer und wird gerade im Wahl-
aber auch in viele der Kampagnen einge- nander noch weitaus mehr kontrovers queme Gesetze verabschiedet werden
Judith Klose
bunden, die hier im Bundesbüro der Ju- diskutiert werden. Etwa mit dem Ziel, können. Das müsste man doch mal em- ist Absolventin des Master-Studiengangs Politikma-
sos geplant und koordiniert werden. die eigene Kritikfähigkeit zu schulen. pirisch untersuchen. Genauso wie die nagement an der NRW School of Governance. Zuvor
Außerdem würde ich – was die einzel- These, dass die kostenlose Abgabe von studierte sie European Studies in Osnabrück und
Florenz. Während ihres Studiums absolvierte sie Prak-
nen Lehrveranstaltungen angeht – eine VIP-Lounge-Tickets an die Parteien mit tika beim ZDF Morgenmagazin und im Bundesminis-
größere Wahlfreiheit befürworten, da- der Zahl ihrer Bundestagsmandate zu- terium für Wirtschaft und Arbeit sowie ein einjähriges
mit die Studierenden stärker persönliche sammenhängt – das wäre doch mal ein Volontariat bei einer Public-Affairs-Agentur. Nach
verschiedenen Stationen im Willy-Brandt-Haus in
Schwerpunkte setzen können. Beispiels- interessantes Thema für eine Masterar- Berlin ist sie seit Oktober 2010 die Internationale
weise hätte ich gerne auch Kurse zu in- beit. Zumindest aus meiner Perspektive Sekretärin der Jusos.

85
HAMMELSPRUNG Magazin für politische Entscheidungen.
Ausgabe 03 / Winter 2010. ISSN 2190-8656. Kostenlose Abgabe.

Der HAMMELSPRUNG ist eine Kooperation von Studierenden der NRW School of Governance (Universität Duisburg-Essen), des
Fachbereich Design der Fachhochschule Düsseldorf und der Fachhochschule Aachen.

chefredaktion Alexander Gutmann und Isabelle Sonnenfeld (V.i.S.d.P.)

redaktion Alice Berger, Jonas Brandhorst, Alexander Gutmann, Niels Hauke, Karina Hohl, Maximilian Hösl, Frederic Hüttenhoff, Janina Latzke,
Frank Rosenbrock, Isabelle Sonnenfeld, Anna von Spiczak, Alexander von Freeden und Christian Weber (Alle Studierende im Master-
Studiengang Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung).

gastautoren Ian Mengel, Dr. Jürgen Mittag, Pina Nell und Dr. Jörg-Uwe Nieland.
Die Redaktion sucht für jede Ausgabe interessierte Gastautoren!

danksagung Herzlichen Dank an Marvin Bender, Petra Bölling, Prof. Dr. Dr. Karl-Rudolf Korte, Nico Grasselt, Markus Hoffmann, Herrn Hümbs,
Judith Klose, Ian Mengel, Marion Steinkamp, Anita Weber, Simon Wiegand und Stefan Zowislo für ihre Unterstützung.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei ihren Interviewpartnern Volker Beck, Dr. Ralf Brauksiepe, Stefan Keßler und Armin Laschet.
Unser ganz besonderer Dank gilt zudem dem Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier für sein Grußwort in dieser Ausgabe.

bildnachweise Alle großformatigen Fotos in diesem Magazin: Fabian Nawrath (S. 6, 16, 20, 24, 40, 48, 62, 66) und Rebecca Haupt (S. 10, 28, 36, 44,
54, 70, 80). Alle weiteren: Die jeweiligen Autoren und Gesprächspartner.

gestaltung Benjamin Brinkmann (Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Design) (www.benjaminbrinkmann.com)

fotos Fabian Nawrath (Fachhochschule Aachen) (www.fabian-nawrath.de)


Rebecca Haupt (www.rebs-design.de)

schrift Akzidenz-Grotesk, DTL Documenta ST

druck Orange Office, Düsseldorf

papier IGEPA, Resaoffset, 100 g, 250 g

auflage 650 Exemplare.


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