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Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH)

Prüfungsteil II Hörverstehen 30. Juni 2012

Nahrungsmittel essen statt wegwerfen!

Manche Supermarktmitarbeiter kommen sich vor wie in einer verkehrten Welt: Statt
Lebensmittel vor allem zu verkaufen, verbringen sie viel Zeit damit, sie wegzuwerfen. Sie
sortieren Milchprodukte schon zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus. Und
5 das Gemüse holen sie nach einem einzigen Verkaufstag aus dem Regal, auch wenn dieses
noch einwandfrei erhalten ist und gegessen werden könnte. Ein Drittel aller weltweit
produzierten Nahrungsmittel landet im Müll, in Industrieländern sogar mehr als die Hälfte.
Aber inzwischen gibt es ein wachsendes Bewusstsein für diese schockierende Tatsache.

Auch in Deutschland, wo zur Zeit in jedem Haushalt über 10 % der noch essbaren
10 Lebensmittel weggeworfen werden. Das bedeutet, dass man dort pro Jahr durchschnittlich
100 Kilogramm Essbares in den Müll wirft. Und damit liegt der Wert der weggeworfenen
Lebensmittel jährlich bei 400 € pro Haushalt. Die dadurch entstehende Müllmenge beträgt
10 bis 20 Millionen Tonnen pro Jahr. Das entspricht 500.000 Lastwagen voll. In eine Reihe
gestellt, würden diese Lkws von Berlin bis nach Peking reichen.

15 Die meisten Nahrungsmittel werden jedoch schon auf dem Weg vom Acker in den
Supermarkt aussortiert, bevor sie überhaupt unseren Esstisch erreichen: So bleibt in
Deutschland etwa die Hälfte aller Kartoffeln auf dem Acker liegen, weil sie zu groß, zu klein
oder zu ungleichmäßig sind für die strengen Normen der EU. Aber auch die
Lebensmittelhändler und Supermärkte wollen diese Kartoffeln nicht haben, denn sie haben
20 ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie eine Kartoffel oder auch anderes Obst und
Gemüse aussehen soll.

Und das hat Auswirkungen auf der ganzen Welt. So sortieren in Kamerun Mitarbeiter der
landesweit größten Bananenplantage die Bananen allein deshalb aus, weil sie den
Vorstellungen der Händler in Europa nicht entsprechen. Der Chef der Plantage klagt: „Die
25 Supermärkte und Importeure in Europa geben uns immer mehr Normen vor: die Größe und
Länge der Frucht und sogar die Anzahl der Bananen an einem Strunk." Acht Prozent der
Bananen wandern deshalb direkt nach der Ernte in Kamerun auf den Müll.

In den Großmärkten in Europa, wo die Lebensmittel an Händler weiterverkauft werden, geht


der Wahnsinn weiter: Dort gibt es täglich große Mengen an Müll, weil manches Obst und
30 Gemüse durch den Transport beschädigt ist oder nicht alles verkauft werden konnte. Dies ist
einerseits aus ökonomischen aber auch aus humanitären Gründen schlimm. Denn wir leben
in einer Zeit, in der die Lebensmittel knapper werden, weil Weltbevölkerung wächst. Dass
Lebensmittel zu Abfall werden, ist andererseits aus ökologischen Gründen schlimm, denn es
wirkt sich auch auf das Weltklima aus: Die Landwirtschaft verbraucht große Mengen an
35 Energie, Wasser, Düngemitteln, Pestiziden und Flächen und ist damit für mehr als 30 % der
weltweiten CO2-Emission verantwortlich. Wenn aber die Industrieländer ihre Verschwendung
von Nahrungsmitteln um 50 % reduzieren würden, dann hätte das nach Berechnungen von
Klimaforschern denselben Effekt auf das Weltklima, als wenn nur noch die Hälfte aller Autos
fahren würde.
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40 Für das Ausmaß dieser Verschwendung von Nahrungsmitteln auf der ganzen Welt gibt es
viele Ursachen, aber auch Lösungen. Bessere Techniken und auch eine bessere Aufklärung
der Konsumenten würden die Verschwendung reduzieren. Menschen können den
respektvollen Umgang mit Nahrungsmitteln lernen.

Eine gute Methode, um die Abfallmenge zu verringern ist die folgende: Die Händler könnten
45 die noch essbaren Lebensmittel verschenken, statt sie wegzuwerfen. Teilweise passiert das
auch schon. Denn in Deutschland sammeln 880 so genannte “Tafeln“ Lebensmittel, die
sonst im Müll landen würden. Diese noch essbaren Lebensmittel werden dann kostenlos
oder für einen geringen Preis an Menschen verteilt, die in einer schlechten finanziellen
Situation leben und somit als sozial schwach gelten. Allerdings sortieren auch die
50 Mitarbeiter der “Tafeln“ noch einmal aus und werfen einen Teil der Lebensmittel weg, denn
sie legen großen Wert darauf, dass die Lebensmittel genauso perfekt aussehen wie im
normalen Supermarkt. Es ist wichtig, dass sich die sozial schwachen Menschen, die sowieso
schon benachteiligt sind in unserer Gesellschaft, nicht noch einmal benachteiligt fühlen.

Das Beispiel der “Tafeln“ macht zwar Mut. Aber es reicht nicht. Deshalb fordert die
55 Welternährungsorganisation FAO, die weltweite Verschwendung von noch essbaren
Lebensmitteln in den nächsten 15 Jahren um die Hälfte zu reduzieren. Dabei sind die Gründe
dafür, dass derzeit so viele Lebensmittel weggeworfen und verschwendet werden, laut FAO
sehr unterschiedlich: Während in Entwicklungsländern Lebensmittel weggeworfen werden,
weil sie schlecht gelagert und auch schlecht verarbeitet werden, werfen dagegen in den
60 Industrieländern die Händler und Konsumenten Lebensmittel weg, weil sie einfach nicht
mehr schön aussehen und nicht mehr frisch genug erscheinen.

Auf dem langen Weg vom Acker bis zum Konsumenten können vor allem in
Entwicklungsländern die Verluste von Nahrungsmitteln direkt nach der Ernte verringert
werden, indem ihre Lagerung verbessert wird. Deshalb haben Ingenieure der FAO in 16
65 Entwicklungsländern mehr als 45.000 Silos aufgestellt, sodass die Nahrungsmittel nun
sicher gelagert werden können. Wegen dieser Silos war es außerdem möglich, die Verluste
nach der Ernte drastisch zu reduzieren. Die Landwirte in diesen Entwicklungsländern
profitieren von dieser neuen Möglichkeit, ihre Nahrungsmittel nach der Ernte besser und
länger lagern zu können. Denn nun haben sie sowohl weniger Verluste als auch ein höheres
70 Einkommen. Außerdem wurden weitere Arbeitsplätze geschaffen. Man hat etwa 1500
Menschen dafür ausgebildet, solche Silos für die Landwirtschaft zu produzieren und auch zu
warten.

Aber nicht nur in den Entwicklungsländern fehlt oft das Wissen über eine angemessene und
richtige Lagerung von Lebensmitteln sondern auch in den Industrieländern. Dort wissen die
75 Konsumenten oft nicht, dass man zum Beispiel Äpfel nicht in der Nähe von anderen
Obstsorten lagern sollte. Denn Äpfel verströmen das Gas Ethylen, sodass andere Früchte
schneller reif werden, nicht mehr so lange essbar bleiben und schließlich weggeworfen
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werden. Aber – wie schon erwähnt – Menschen können den respektvollen Umgang mit
Nahrungsmitteln lernen. (916 Wörter)

80 (Quelle: http://www.wiwo.de/technologie/ernaehrung-die-grosse-verschwendung/5155236.html