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Friedrich Christian Delius

Albert Ayler oder Die Zukunft der


Schönheit
Erzählung
Über dieses Buch

«Albert Ayler oder Die Zukunft der Schönheit» ist eine Erzählung des
Büchner-Preis-Trägers Friedrich Christian Delius.

Am Abend des 1. Mai 1966 betritt ein junger Deutscher Slug’s Saloon in
New York, den legendären Club der Jazz-Avantgarde. Auf der Bühne steht
der Tenorsaxophonist Albert Ayler und spielt eine Musik, die anders ist als
alles, was sein deutscher Gast je zuvor gehört hat. Aylers
Improvisationsräusche ziehen den jungen Mann in den Sog des Free Jazz,
lösen einen hellsichtigen Assoziationstaumel aus, öffnen ihm Ohren und
Augen: Er hört darin die wütende Anklage gegen den Vietnamkrieg, denkt
an den eigenen Protest, seine Jugend im kleinstädtischen Hessen und einen
Jazzabend, der zum Zerwürfnis mit dem kranken Vater führte. Schließlich
erkennt der angehende Dichter, wie der Zersetzungskraft der Musik eine
andere, neue Schönheit und Wahrheit entspringt.

Eine autobiographische Geschichte und ein virtuoses literarisches


Tondokument, das nicht nur ein großes Jazzerlebnis festhält, sondern auch
die befreiende Kraft und den Aufbruchsgeist einer neuen Epoche, einer
neuen, unerhörten Kunst.
Über Friedrich Christian Delius

Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, in Hessen aufgewachsen,


lebt seit 1963 in Berlin. Seine Werkausgabe im Rowohlt Taschenbuch
Verlag umfasst bislang achtzehn Bände. Friedrich Christian Delius wurde
unter anderem mit dem Fontane-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und
2011 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.
Für Marcel Beyer
Das Taxi hatte länger gebraucht als erwartet bis in die abgelegene,
finstere Ecke der unteren Lower East Side an der 3. Straße, wo zwischen
den üblichen Feuerleitern der Eingang zu Slug’s Saloon nicht schwer zu
finden war. In dem Augenblick, als wir den Saal betraten, wurden die
Lichter ausgeschaltet, legten die Musiker los mit kreischenden, klagenden,
schrillen Tönen, nur die schwachen Bühnenscheinwerfer halfen uns, in dem
nicht sehr großen Kneipenraum den letzten oder vorletzten freien Tisch in
den hinteren Reihen anzusteuern, während die Ohren beschossen wurden
von Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule, als sollten wir mit dieser Folge
von Dissonanzen gleich abgeschreckt, des Saales verwiesen und wieder
zurück Richtung Exit getrieben werden –
Das musst du jetzt aushalten, das wirst du aushalten, sagte ich mir, als wir
uns gesetzt hatten, mach gute Miene, lehn dich zurück und hör einfach zu
oder hör weg, das hältst du jetzt aus. Fünf Musiker auf der schmalen Bühne,
einer mit Saxophon, einer als Trompeter, einer hinter dem Schlagzeug, ein
Bassist und ein Geiger, fünf Männer prügelten mit ihren Instrumenten auf
meine Hörnerven ein, und ich dachte nur, lehn dich zurück und hör einfach
zu oder hör weg –
Musik war das nicht, aber was sollte das sein, wenn es keine Katzenmusik
war, das erste, das naheliegende Wort, das einem Laien und einfallsarmen
Zuhörer wie mir bei den ersten Takten in den Kopf rutschte, eine böse,
vielleicht doch treffende, nicht so schnell zu bestreitende Bezeichnung für
die verstörenden Töne, für die schrille Verweigerung von Harmonien und
Melodien, für den Schock, den ich fühlte, die Schockwellen, den
Schallüberfall. Ich sah, wahrscheinlich mit fragenden und, wie ich hoffte,
nicht allzu schülerhaft hilfesuchenden Augen, auf die beiden Freunde neben
mir, die mich ermutigten mit lechzender Aufmerksamkeit und mit dem
rhythmischen Wippen der Köpfe, die Freunde hatten mich gewarnt –
Ob das noch Musik sei, ob da der Jazz aufhöre oder ganz neu anfange, ob
das richtige Musik sei, ob es richtigen Jazz überhaupt gebe und geben
dürfe, hatten die beiden Experten beim Frühstück diskutiert, der Autor C.
und der Redakteur H. Ich hatte mich an ihrem Gespräch nicht beteiligt,
hätte mich gar nicht beteiligen können, das Wort Free Jazz sagte mir wenig,
der Name Albert Ayler sagte mir nichts, das Lokal Slug’s Saloon galt
meinen Fachleuten als Geheimtipp in verrufener Gegend, und während sie
bei Rührei mit Speck sich in immer größere Begeisterung und Vorfreude auf
das Konzert geredet hatten, war meine Entscheidung längst gefallen,
mitzufahren am Abend –
Mehr von Abwechslungslust als von gezielter Neugier gelockt, nach einer
Woche New York und einigen Partys war ich erschöpft von der Wucht der
Eindrücke, der Lebendigkeit der Stadtbilder, dem permanenten Wechsel
zwischen Freundlichkeit und Härte. Diesen letzten Abend vor dem Abflug
wollte ich nicht in einem Kino oder in einer Bar vertrödeln und lieber ein
halbherziges Interesse an der Musik vortäuschen und dem Argument der
Freunde folgen: Komm mit, so schnell bist du nicht wieder in New York, so
schnell wird man Ayler nicht mehr hören können, schon gar nicht in Berlin,
aber welche Art Musik, war mir an diesem Abend egal –
Wir bestellten Bier, ich gab mir Mühe, lässig und aufmerksam auszusehen
und die Ohren einzugewöhnen, die Ohren zu öffnen und für diese Musik zu
trainieren. Wir gehörten zur weißen Minderheit, hier saß man unter
Kennern, achtzig Leute ungefähr, fast alle ließen eine Zigarette glimmen,
hier musst du den Kenner spielen und deinem Gesicht nicht anmerken
lassen, wie schwer dir das Zuhören fällt. Du hältst das aus, sagte ich mir, du
bist nur ein Anfänger, dem etwas Neues geboten wird, lehn dich zurück, du
musst heute nicht vom Dreimeterbrett springen, keine Lateinprüfung
nachholen, du stehst heute nicht auf der Bühne, du brauchst nur ruhig zu
sitzen und die Ohren aufzusperren. Sie zuzuhalten wäre normal gewesen,
wenn man sie schon nicht entlasten konnte wie am Radio mit einem Druck
auf die Austaste, doch gegen solche Reflexe wusste ich mich zu wehren:
keine Schonung bitte, wir sind schließlich in New York, da haben
Schwächlinge nichts zu suchen, da wird nicht gekniffen –
Der Mann mit dem Saxophon in der Mitte musste der berüchtigte, der unter
Kennern berühmte Ayler sein, der uns mit schreienden, stechend hohen
Tönen, mit nie gehörtem dissonantem Sound begrüßte und überfiel,
schreckte und abschreckte schon mit dem ersten Stück. Ayler bewegte sein
Saxophon, Tenor Sax, wie C. mich belehrt hatte, heftig hin und her und auf
und ab und dirigierte die Band mit dem im Licht blitzenden Instrument und
spuckte befremdliche Töne in alle Richtungen. Die ganze Band hätte ich mir
bei geschlossenen Augen als eine Gruppe von Kindern vorstellen können,
die mit Tröten, Topfdeckeln, Kochlöffeln, Rasseln, mit Mundharmonikas und
Kämmen vor dem Mund und mit einer alten, verstimmten Geige auf sich
aufmerksam machte –
Das also sollte die freieste Spielart des Improvisierens sein, frei hieß freie
Fahrt für jede Sorte Geräusch, frei unter dem Dirigat eines rebellischen
Saxophonisten. Das war das Unerhörte, das war der Jazz, den ich noch nicht
kannte, der weiter ging als John Coltrane und Miles Davis, der weiter ging
als Monk und tausend Meilen weiter als der gute alte Louis Armstrong.
Auch bei denen hatten die Zuhörer, vor Jahren, vor Jahrzehnten, nach der
ersten Empörung und Ablehnung sich gewöhnen und einhören und dem
Reflex widerstehen müssen, die Hände auf die Ohren zu drücken –
Die Probe in Slug’s Saloon wollte ich bestehen und niemanden enttäuschen,
ich wollte alles tun, um mich nicht zu blamieren vor den Freunden als
unverständiger, verschreckter Laie, vor dem schwarzen Publikum als
Weißer, vor den Amerikanern als Deutscher, und trank, den Blick
vorsätzlich lässig zur Bühne gerichtet, den nächsten Schluck des dünnen
Flaschenbiers. In den stampfenden Rhythmen hörte ich Ansätze von
schräger Marschmusik oder verrückt verdrehtem Dixieland, da flogen
tatsächlich Fetzen aus «Oh When The Saints Go Marching In» durch den
Saal –
Und warfen mich zurück in die Zeiten der Pubertät, als ich solche fröhlichen
Takte zum ersten Mal gehört hatte auf der Bühne des Internats in den
hessischen Wäldern und in kindlicher Begeisterung mitgebrummt hatte mit
dem gerade aus dem Stimmbruch erwachsenen und noch ungeübten Bass.
Sie warfen mich zurück in die Zeit, als mein Zuhörerblick immer wieder auf
die schöne, viellachende Schwarzhaarige gerichtet war, deren Blicke nie auf
mich, nur auf den Trompeter der Schulband fixiert schienen. Nach
Kinderliedern, Chorälen, Volksliedern, Orgel war der schulische Jazz eine
erste musikalische Offenbarung, ein, zwei Jahre war ich
Dixielandschwärmer gewesen, und deshalb freute ich mich im Stillen daran,
hier etwas erkannt zu haben, was ich mit meinen spärlichen Erfahrungen
verbinden konnte –
Kaum hatte ich den Witz der Anspielung auf die einmarschierenden
Heiligen erfasst und für einen schönen Jux oder für einen Wink mit unser
aller kindlichen Dixielandliebe nehmen wollen, begann das Saxophon schon
zu widersprechen und zu klagen: Da wollte jemand gehört, verstanden,
erlöst werden, da stand jemand unter Beschuss des Schlagzeugs und schoss
zurück, da steckte jemand wie von Geigensaiten eingeschnürt in der Falle
und wehrte sich, da wollte jemand aus dem Feuer gerettet werden –
Jeder Takt ein Schrei, falls es hier überhaupt noch Takte und Noten gab, in
diesen ersten Minuten hörte sich alles so an, als spielten der Drummer, der
Bassist, der Violinist, der Trompeter und Ayler einfach drauflos, als seien
die Einsätze für das Improvisieren nicht abgestimmt, als sollte die Freiheit
des freien Jazz überboten, übertrieben, überstrapaziert und bis in die Nähe
des Schmerzhaften getrieben werden. Das Saxophon ließ Töne hören, die
noch nie zuvor aus einem Saxophon herausgestoßen worden waren, so
schien es mir, der keine Ahnung hatte, der noch keinen Plattenspieler
besaß, aber umso eifriger am Radio abends und nachts den musikalischen
Sinn schärfte und nun den zahmeren John Coltrane aus dem Radio zu
vergleichen versuchte mit dem zehn Meter vor mir spielenden Albert Ayler
mit seinen schneidend hohen, explosiven, fauchenden, jubelnden, flehenden
Tönen –
Anfangs hatte ich ein paar Momente lang gedacht, das Quintett wolle mit
seinen Sirenenklängen, mit dem Lärm der Instrumente, die Sirenen und den
Lärm der Stadt New York auffangen, erweitern, steigern, kommentieren
oder bekämpfen, aber was diese Musiker hier hören ließen, war viel mehr
als nur ein Spiegel der Lower East Side oder der groben Gesichter
Manhattans und der tausend Lärmvarianten dieser Stadt. Jede Erwartung
unterlaufen, möglichst viele musikalische Gesetze angreifen, jeden
musikalischen Ernst unterwandern, das schien die Parole zu sein –
Doch dann liefen auf einer zweiten Spur in meinem Gehirn Filme an, setzten
sich Bilder in Bewegung, ruckweise oder in Zeitlupe oder im
Schnelldurchlauf, als hätte das Saxophon wie früher im Kino das Piano
einen Stummfilm zu begleiten. Das Erste, was ich hinter den Tönen sah,
waren Schüsse, und mit den Schüssen erschien der angeschossene Kennedy
in seiner Limousine in Dallas, der kippende, fallende Körper, der
erschossene Schütze, das seit zweieinhalb Jahren immer noch nicht
aufgeklärte Rätsel der Schüsse. Und einmal bei Kennedy, sah ich in dem
kleinen Saloon in der 3. Straße sogleich meinen Kennedy, den ich live wie
jetzt Ayler, nur nicht so nah, gehört hatte, als er unter freiem Himmel uns
Studenten der Freien Universität mit heller Stimme zur Demokratie
ermunterte oder, wie ich später gern sagte, zur studentischen politischen
Bewegung aufhetzte. Jeder dieser Sekundenfilme blitzte in zwei, drei
Saxophontönen auf, und ich freute mich daran, dass ich ähnlich wie bei
klassischer Musik auch bei dieser Nichtmusik meinen Assoziationen freien
Auslauf geben konnte –
Am Ende des ersten Stücks klatschte auch ich wie die Freunde, der Titel
wurde genannt: «Truth Is Marching In», wir nickten uns zu, anerkennend,
von dieser Wahrheit wollte ich mehr hören. Ich hatte verstanden, die
Heiligen mussten weichen oder abdanken oder in ihrem alten New Orleans
bleiben, jetzt marschierte die Wahrheit von New York auf uns zu. Noch
mitten im allgemeinen Beifall begann, leise und zart, das nächste Stück. Die
Geige tänzelte auf feinen Tonfäden, die das Schlagzeug aufnahm und das
Saxophon hochblies und fallen ließ, und bald drängte wieder alles zu den
Bruchstücken von Trauermärschen aus den Anfängen des Jazz, und immer
noch wusste ich nicht genau, ob das ernst gemeint war oder parodistisch
oder beides, ich merkte nur das eine: Da wurde eine Tradition angerissen,
angebellt, weggeblasen, weggeschlagen, weggezupft, weggestrichen und
gleichzeitig als Retterin begrüßt, als Gegenpol, als Kontrapunkt –
Die Wahrheit marschierte, das war fast nicht zu ertragen, die Töne
marschierten, es war unerträglich, und doch öffnete ich alle meine Sinne für
diese schräge Musik, ich brauchte Ablenkung, gründliche Ablenkung, neue
Kontrapunkte, weil ich immer noch verstört war von einigen Sätzen, die ich
am Tag zuvor von der zur Amerikanerin gewordenen Mecklenburgerin Lotte
Koehler, beste Freundin meiner Tante in Frankfurt und zugleich beste
Freundin von Hannah Arendt in New York, bei meinem Besuch in der 84.
Straße gehört hatte. Sätze eines von Frau Koehler gefertigten Horoskops,
ausgerechnet aus dieser Ecke deutscher Aufklärung der Upper West Side,
waren mir, der Horoskope für Quatsch hielt, mitten im aufgeklärten 20.
Jahrhundert zugeflogen und kündigten mir obendrein eine gute Zukunft, ja
eine fast unerträglich erfreuliche und glückliche Zukunft an. So peinlich
war mir das, dass ich mit niemandem darüber sprach, so beängstigend
verheißungsvoll, dass ich darüber nur übel abstürzen konnte wie Schillers
Polykrates und die Horoskopsätze rasch vergessen wollte, sobald sie wieder
auftauchten, und jetzt wegzudrängen suchte, indem ich möglichst viel
Musiklärm auf mich einschlagen ließ –
Was die Band spielte, verstieß gegen harmonische Gewohnheiten, das
Saxophon, die Trompete und der Bass peitschten wie Schlagwerkzeuge ihre
Töne in den Raum, die Violine zog sie auf Stahlseile, Becken und Trommeln
riefen zum Aufstand gegen jede Gewissheit und Erwartung und billige
Horoskophoffnung sowieso. Dieser freie Jazz schien sogar die gewohnte
Rhythmik, jeden Takt und Herztakt in Frage zu stellen, immer wieder
wurden die Tempi gewechselt, als ginge es allein um eine möglichst dichte
Folge wilder Vibrationen, um immer neue Variationen eines einzigen
Schreis –
So hörte ich hin, allmählich eingewöhnt und ein wenig erleichtert: Das war
doch keine völlig verrückte Musik, ich war nicht bei einem Jazzabend einer
psychiatrischen Anstalt gelandet, diese Musik nahm die Musik auseinander
und setzte sie neu zusammen zu einer Art Zirkusmusik, als schritten
Blechbläser aus New Orleans mit Pausbacken oder mit breitem Grinsen
durch den Kneipensaal. Das Saxophon zog die andern mit, trieb sie an, riss
die lockeren Harmonien wieder auseinander, riss alles wieder ein, zerfetzte
die New-Orleans-Idylle, verspottete die Tafelmusik der Schwarzen, ohne die
Schwarzen zu verspotten –
Improvisieren, frei und doch an versteckte Regeln gebunden, ich kannte das
vom Schreiben, auch da lernte man, dass ein Gedicht nicht zu steuern und
zu planen ist, nach der ersten Zeile entschied es selbst, wie es weiterging,
wohin es zielte, was es mitteilen oder gerade nicht mitteilen oder nur
anspielen wollte, Einfälle pendelten zwischen Zufällen und bildlicher Logik,
Wörter jagten durch die Kopffilter, und man wusste selber nicht, welche in
welchen Zehntelsekunden aufgefangen wurden und in einer Zeile landeten,
und in dieser Sorte Musik, kapierte ich plötzlich, passiert mit den Tönen
etwas ganz Ähnliches –
Alles war ungewiss, naheliegende Antworten wurden verweigert, alle
Instrumente wurden nun lauter und stürmischer, lärmten los, jaulten,
quäkten und protestierten, es waren Tierlaute, Tiere in Panik, ganze Herden
wurden zum Schlachthof getrieben, so hörte sich das an, Schweine, Schafe,
Kühe, Herden todgeweihter, sterbender Tiere, vom Schlagzeug getrieben
und geprügelt, und das Saxophon selbst wurde zu einer lebendigen Kreatur,
die sich wehrte gegen das Messer, gegen den Schuss bis zum letzten
Moment –
Langsam, mit einer für Europäer vielleicht verzeihlichen Verspätung, wurde
mir klar, dass die Musiker bei ihrem Spiel wohl kaum an die Schlachthöfe
von Chicago dachten, sondern eher an die in Vietnam, an die zwischen
Dschungel und Reisfeldern, zwischen Nässe und Hitze und Gaswolken sich
ausdehnenden Schlachtfelder und Schlachtwälder, unendlich weit entfernt
und fast irreal und mit schreienden Menschen und kaum sichtbaren echten
Feinden und Schurken bestückt –
So schnellte der Gedanke wieder hoch, der in diesen amerikanischen Tagen
ständig präsent war, dass wir uns mitten in einem kriegführenden Land,
mitten in einem Krieg befanden, nah einem riesigen Schlachtfeld mit
Hunderttausenden Toten, von denen jeden Abend auf den Fernsehschirmen
einige, wenige, in kurzen Ausschnitten und gerafften Bildern gezeigt
wurden neben explodierenden Geschossen, Hubschraubereinsätzen,
Verwundeten, Stahlhelmen, Generalsmützen. Alle Leute hier, die auf der
Bühne und die auf den Zuhörerstühlen, sahen das täglich, und sie waren
nicht nur als Zuschauer beteiligt wie wir drei Berliner, alle in Slug’s Saloon
waren verurteilt zu Wehrpflicht, Wehrbereitschaft, Kriegsgehorsam oder
zum Steuerzahlen für diesen Krieg –
Die Jüngeren konnten jederzeit eingezogen und in eine Uniform gesteckt
werden, die Älteren Väter oder Mütter von achtzehnjährigen Kindersoldaten
sein. Wahrscheinlich saßen auch in diesem Saloon wie in anderen New
Yorker Saloons und Billigrestaurants Überlebende aus den
Dschungelhöllen, auf den ersten Blick mehr oder weniger unverletzt
gebliebene Veteranen, denen der tägliche Body Count getöteter
Vietnamesen das Gewissen beschwerte und die sich sträubten, auf die
abschüssige Bahn der Depressionen, des Alkohols, der Drogenleiden
geschoben zu werden –
Das Schlachtfeld erstreckte sich von Slug’s Saloon bis in die Weiten der
asiatischen Wälder, und diese Musiker sagten auf deutlichste Weise nein,
sie sagten nein zu allem Gewohnten und Normierten, sie sagten nein zu
diesem Krieg, den alle verfluchten oder für idiotisch hielten bis auf ein paar
Politiker und Militärs und die Hälfte der schlecht informierten oder
denkfaulen Bevölkerung. Auch wir hatten nein gesagt in Berlin, waren vor
das Amerikahaus gezogen drei Monate zuvor und hatten unbeholfen
protestiert, auf einmal war diese Musik durch und durch verständlich –
Und ich spürte, was wahrscheinlich auch meine Freunde spürten und was
wir wegen des herrlichen Lärms der Musik nicht ansprechen konnten: Wir
sitzen unter lauter Soldaten, möglichen Soldaten, gewesenen Soldaten oder
Soldateneltern oder künftigen Soldateneltern, Ayler und seine vier Begleiter
mischen sich ein in diesen fernen Krieg. Ich hörte in der Geige das Pfeifen
der Bomben, im Schlagzeug die Maschinengewehre, das Feuer der
Artillerie, und das Saxophon wehrte sich mit allem, was das Blech, was die
Tasten des Instruments, was die Fingerfertigkeit, die Lippenkraft und der
Atem seines Spielers hergaben, das Stück wollte kein Ende nehmen, wie der
Krieg kein Ende nahm von Monat zu Monat und immer schwerer zu
ertragen war –
Ich saß unter Soldaten, entspannten, begeisterten, musikalischen Soldaten,
als Zivilisten getarnten Soldaten, und ich, der hilflose kleine Antisoldat, war
noch vom deutschen Krieg, von vielen vaterlosen Freunden, von
Soldatenlehrern und Soldatenonkeln, vor allem aber von meinem
Soldatengroßvater und meinem Soldatenvater, der seinen Soldatentod erst
fünfzehn Jahre nach Kriegsende erlitten hatte, so geprägt, dass ich in jedem
Soldaten immer schon den toten Soldaten sah. Soldaten sehn sich alle
gleich, lebendig und als Leich, hatte Wolf Biermann gedichtet, und mir war
diese Zuspitzung völlig gerechtfertigt erschienen, auch wenn die
Erinnerung an amerikanische Soldaten ganz andere Eindrücke festgehalten
hatte von lockeren Siegern, die uns Dorfkindern das Himmelreich mit
Kaugummi, Jeepfahrten und Pornobildchen erschlossen und als zuverlässige
und gleichzeitig lässige Wächter an den Grenzen in Hessen und Berlin
standen –
Ayler und seine Band hatten mich zu den Soldaten entführt, zu den lauten,
den leisen Kriegen, zu den Katastrophen, nun geleiteten sie mich zurück in
die Gegenwart dieses halbdunklen Raums, sie boten beinah harmonische
Klänge an, Choralzitate, die nach wenigen Takten in falsche Harmonien
kippten. Auf dem doppelten Boden dieser Musik waren keine frommen
Gesänge möglich, wahrscheinlich wieder eine Parodie, und es passte, dass
Ayler nach den letzten Takten kurz und trocken den Titel «Our Prayer»
nannte –
Ich konzentrierte mich, als der Beifall verebbt war und das dritte Stück
begann, ich wollte beim Hören nicht an alte Zeiten denken, ich war mitten
in einer neuen Zeit, ich hörte die Saxophonklagen einer neuen Musik, das
Radikalste, was ich je gehört hatte, es vibrierte in allen Sinnen, in allen
Gehirnzellen. Die Eruptionen der Töne lösten auch meine Verkrustungen, so
kam es mir vor, da brach etwas auf aus tieferen Schichten, da fing etwas zu
beben an in mir und machte Platz für freiere Phantasien –
Die vulkanische Gewalt der Musik, ich hatte sie ähnlich erfahren im Alter
von vierzehn Jahren, als die volkslied-und choralgewohnten Ohren den
Dixieland-Jazz entdeckten, im Alter von fünfzehn Jahren die Dixieland-Ohren
Beethovens Klaviersonaten, mit sechzehn die Offenbarung des modernen
Jazz, bei Mangelsdorff und Doldinger live, mit siebzehn nachmittags Elvis
Presley und abends das Weihnachtsoratorium, begleitet von den Tränen der
Mutter, mit neunzehn die Wucht der Orgel im menschenleeren Pantheon in
Rom, und an den zu Hause verbrachten Abenden als Primaner im
Hessischen Rundfunk und als Student im SFB 3 erst die Symphoniekonzerte
und vor Mitternacht die großen amerikanischen Jazzer –
Von allem war an diesem New Yorker Abend etwas dabei, ein gnadenloser
Vielklang, manches kam mir bekannt vor, das meiste aber neu und
abschreckend beim ersten Hören, alles floss auf dieser kleinen Bühne
zusammen und wurde durcheinandergewirbelt in der schrillen Mischung
der Stile und Formen. Du hältst das aus, freu dich, morgen um diese Zeit,
dachte ich, sitzt du im Flugzeug über dem Atlantik, also nimm jetzt auf, so
viel du kannst, nimm jetzt mit, so viel du kannst, alles, was du hier hörst
und siehst –
Das Taumeln in der dritten Nummer, das Schwanken und Schunkeln und
Suchen, Rufen und Seufzen, da hörte ich eingesperrte Viecher im Zoo,
panische Vogelstimmen, bissige Möwen, meckernde Enten, Urwaldtöne, bis
im Marschrhythmus siegesgewisse Truppen näher rückten und immer
schneller wurden, Blaskapellen und Feiertagsstimmung mit Ausrufern,
Sprechern, Rednern im Hintergrund, gebrochen, abgebrochen, und weiter,
das Tenorsaxophon im Kampf gegen alle, gegen den Wohlklang, gegen den
Kompromiss, es zog nach und nach das Schlagzeug auf seine Seite, zu zweit
gegen den Rest der Welt, ich zählte einen Siebenertakt und wusste nicht, ob
ich richtiglag –
Denn ich konnte gar nicht Takte zählen außer den drei oder vier
einfachsten, ich konnte weder Quinten erkennen noch Dur oder Moll, ich
war ein musikalischer Nichtswisser, hatte zwei Jahre auf der Posaune
gespielt, aber ohne richtigen Unterricht, die ganze Terminologie der
Musikmenschen hatte ich nie gelernt oder nie behalten, Grundlagen und
Harmonielehre null bis nichts. Ich war nur ein tumber Zuhörer mit
unterentwickeltem Gehör, der sich gern von den verschiedensten
Musikarten durchschütteln ließ, mal von dieser, mal von jener, eine nach
der andern, und der sich überfordert fühlte, wenn wie hier alles
durcheinanderging –
Es genügte mir, dass ich die Synkopen bemerkte, die Stolpertakte, die
kleinen Arhythmien im Wettkampf der Rhythmen, und deshalb meinte ich
sie zu verstehen, diese Musiker, Geräuschemacher und Gefühlsartisten.
Allmählich wirkten sie vertraut, die Klagen, die Schreie des Saxophons und
der Trompete, die leisen, harten Geigenstriche, allmählich gewöhnte ich
mich daran, auf den unverschämten und kaum hörbaren oder zu laut
trötenden Tönen Phantasien zu errichten, Gefühle jeder Sorte
hochzukatapultieren –
Takte eines Triumphs schienen das, eines kurzen Triumphs, der bald
kläglich zusammenbrach, bis die Geige wieder die Führung übernahm, alles
wurde hochgedreht, gesteigert, geschleudert, hin-und weggetrommelt. Wie
eine ängstliche Herde scharten sich die Instrumente umeinander, um sich
gegen Feinde zu schützen, zitternd zwar, aber abwehrbereit, so stellte sich
wieder eine neue runde Ordnung her, ein Rondo, ein Abgesang –
In der Pause sprachen die Freunde ihre Begeisterung aus, H. meinte, dass
der Trompeter der Bruder von Ayler sein müsse, die anderen Spieler
kannten sie nicht mit Namen, umso mehr überboten sie sich im Lob der so
verrückten wie genialen Aylerbrüder. Da konnte ich nur zustimmen und
versuchte, auch etwas Kompetenz mit einem eigenen Urteil vorzutäuschen,
indem ich den Violinisten und seine zarten metallischen Töne als besonders
raffiniert bezeichnete, und erst beim Aussprechen dieses Prädikats merkte
ich, wie banal es war, wie bieder und blöde, und fiel wieder in meine Rolle
als Schweiger zurück. Wir bestellten ein zweites Bier, ich musterte das
Publikum, schwarze und heitere Gesichter, und hörte den Freunden zu, die
nun mit den Namen anderer Größen des Jazz jonglierten. Ich war zufrieden,
entspannt, hellwach, stolz auf mich, den ersten Teil dieses wilden Abends
überstanden und stellenweise sogar goutiert zu haben –
Die Gedanken sprangen am Trompeter entlang zu meinem Vater zurück,
wenn der dich hier sähe, der seit über fünf Jahren begrabene Vater, oder
die Mutter, die Chorsängerin, von absoluter Verständnislosigkeit gegenüber
Jazz sowieso und den Höllenritten des Free Jazz erst recht, und ich sah
meinen Vater mit seinem aggressivsten Gesicht wieder das Kissen werfen
gegen mich, weil ich in seinen Augen ein Sünder, Mädchenschänder und
Lügner geworden war wegen eines Jazztrompeters in der Nacht des Tages,
an dem ich meinen siebzehnten Geburtstag mit einer Party in unserer
Wohnung gefeiert hatte. Um 23 Uhr war Schluss gewesen wie verabredet,
nun galt es, die Mädchen zu ihren Haustüren durch die Kleinstadt Korbach
zu begleiten bis halb zwölf und spätestens um Mitternacht wieder zu Hause
zu sein wie versprochen. Wir braven Jungens hatten die Mädchen
auftragsgemäß abgeliefert, keine hatte ich geküsst, keine war in mich
verliebt und ich nur wieder in die Falsche, die Schönste, die fest zu ihrem
Freund stand, der auch mein Freund war, und dann hatte einer gesagt, jetzt
trinken wir noch ein Bier –
Ich hatte gezögert, mein Versprechen zog mich zurück, aber du hast doch
Geburtstag, komm mit, sagte der Freund, dessen Freundin ich gerne gehabt
hätte, und wir landeten in einem Gasthaus, in dem gerade Jazz gespielt
wurde an diesem Samstagabend. Schnell erkannte ich den Trompeter, es
war der Trompeter aus der Jazzband der Internatsschule, die ich zwei Jahre
zuvor besucht hatte, der einstige Rivale, der mit einer von mir vergeblich
angebeteten schönen Schwarzhaarigen verbandelt war. Ich hörte ihm zu,
ich freute mich, ihn zu sehen, den strahlenden Siegertyp, gegen den ich nie
eine Chance hatte, den Star an der Trompete und am Handball. Er kam an
unseren Tisch, meine Korbacher Freunde staunten, dass er sich zu uns, zu
mir herabließ. Eine schöne Überraschung für uns beide, wir redeten eine
Weile miteinander, er hatte inzwischen das Abitur und tingelte an den
Wochenenden mit seiner Band durch Nordhessen. Ich hörte ihm gern zu,
mit immer schlechterem Gewissen, weil es immer später wurde und ich
längst zu Hause hätte sein müssen, und dann spielten sie wieder so
mitreißend, Bebop und Blues, gute Laune produzierend mit Bass,
Schlagzeug, Klarinette, Trompete. Und als meine Freunde sagten, ich hätte
grade Geburtstag gefeiert, fragte der Trompeter, was ich hören wolle, und
mir fiel nichts Besseres ein als «Oh When The Saints Go Marching In», und
sie spielten das für mich, es war herrlich –
Wir waren aufgestanden, H. und C. rauchten, und während ich vorgab,
ihren Gesprächen über eine bestimmte Schlagzeugtechnik von Gene Krupa
zu lauschen, war der Erinnerungsblitz schon bei der Szene, als ich an jenem
Geburtstag vor sechs Jahren, eben in die Wohnung geschlichen, beinah zwei
Stunden zu spät, vom wachgebliebenen Vater heranbefohlen, sein Fragen,
Schimpfen, Donnerwettern zu hören bekam, im Hintergrund die Mutter mit
aufgelöstem Haar im weißen Nachthemd entsetzt auf ihren ungehorsamen
Erstgeborenen starrend. Solchen Ungehorsam waren sie nicht gewohnt, ich
noch weniger, geschockt vom Vater, der unterstellte, wir hätten uns mit den
Mädchen herumgetrieben, die Versprechen nicht gehalten und so fort. Als
ich ansetzte zu erklären, dass die Mädchen pünktlich zurückgebracht
worden seien und ich nur einen alten Freund aus der alten Schule getroffen
hätte, der da Jazz gespielt habe, wurde er noch wütender, schimpfte mich
Lügner, erhob sich aus seiner Schräglage im Bett, richtete sich auf und griff
zu seinem Kopfkissen, riss es hoch mit seinem rechten Arm und schleuderte
es mit einem Fluch in meine Richtung –
Dies Bild war geblieben: der erhobene Arm mit dem Kissen, hilflos, fast
lächerlich. Das Kissen war seine letzte Waffe, der hochgereckte Arm hatte
etwas von Laokoon, der sich gegen die Schlangen wehrt. Der Segensarm
des Priesters, des Pfarrers mit einem weißen, eher schlaffen Kopfkissen in
der Luft gegen die Sünden der Welt. Da war er schon schwer krank
gewesen, was ich noch nicht wusste, zehn Monate bevor die zerfallende
Leber ihn elend sterben ließ. Das letzte markante Bild von ihm, das Bild des
wütenden Kopfkissenwerfers, so traurig wie komisch, denn ich hatte nun
wirklich nichts mit den Sünden der Welt zu schaffen –
Das Bild war geblieben und der Nachhall des Schocks, dass der Mann, der
sonst nie oder höchst selten in Wut geriet und als guter Christ und
aufmerksamer Menschenfreund nie fluchte, der bekannt war für seine
lockere Freundlichkeit und beliebt gerade bei den Jugendlichen, weil er sie
ernst nahm, nicht grob erzieherisch behandelte, sie sogar sexuell aufklärte,
weil es sonst keiner tat. Der Schock, dass dieser Vater, aus welchen
Gründen auch immer, seinen schuldlosen oder nur der Unpünktlichkeit
schuldigen Sohn wie einen Schwerstsünder abkanzelte –
Das Bild und der Schock waren geblieben, nicht aber die Worte, die ich wie
einen Fluch, mit dem Kissenwurf in meine Richtung geschickt, empfunden
hatte. Vielleicht war es kein Fluch, sondern eine harte Formulierung, mit
der er mich traf, ein schmerzhafter Tritt ins Erwachsenenleben. Immer
wieder hatte ich mich zu erinnern versucht, welche Worte er mir in seiner
Wut über mein Zuspätkommen und in seiner Verzweiflung über seine
zerfallende Leber entgegengeschleudert haben könnte, nie wieder sind sie
mir eingefallen, vielleicht mussten sie vergessen werden, weil sie mich so
tief verletzt hatten. Nur der zischende Ton seiner Worte ist im Ohr
geblieben, und beim Schreiben dieser Erinnerung habe ich zuweilen
gedacht: Vielleicht könnte ich mich mit der Behauptung interessant
machen, nur deshalb ein Schriftsteller geworden zu sein, weil diese
Leerstelle aus der Nacht meines siebzehnten Geburtstags immer wieder mit
Worten gefüllt werden musste, weil ich mein ganzes Leben lang auf der
Suche nach den passenden Worten bin –
Diese kleine Geschichte konnte ich den Freunden nicht erzählen, schon gar
nicht im Pausenlärm des Slug’s Saloon, außerdem hatte ich sie selbst noch
lange nicht richtig verstanden. Ich wusste nur, es gab da eine sonderbare
Spur in meinem Leben, die mit Trompetern zu tun hatte, der Trompeter
neben meiner ersten Liebe, die bald danach den Schreibtrieb weckte, der
Trompeter vor meinem letzten Krach mit dem Vater, der Trompeter neben
dem Saxophonisten an diesem Abend, der mich in meine eigene
Vergangenheit hinabzog, was mich ganz verlegen und hilflos machte, da mir
für mikroskopische Innensichten die Sprache fehlte. Wenn es um Trompeter
ging, hatte ich nur eines zu erzählen, die Begegnung mit dem Trompeter
Louis Armstrong in Hamburg, als wir mit der Schulklasse den Flughafen
besichtigten und uns der gerade gelandete weltberühmte Trompeter mit
seinen Leuten über den Weg lief. Manchmal schwindelte ich noch hinzu,
ganz laut «Satchmo!» in seine Richtung gerufen zu haben, was er mit einem
wohlwollenden Nicken belohnt habe, eine Ermunterung, selber Trompeter
zu werden, was mir nicht gelungen sei, weil im Posaunenchor die Trompete
nicht frei war und ich deshalb unglücklich an der Posaune scheitern musste

Einen Posaunisten könnte Ayler noch brauchen, dachte ich, als die fünf
Musiker nach der langen Pause wieder loslegten, und stellte mir vor, wie
lange ich als Dilettant in dieser Band mithalten könnte als sechster Mann,
auch hier würde ich scheitern, das waren Profis, die bis an die Grenzen
ihrer Instrumente gingen und uns damit schockten, und keine Nichtskönner
wie ich, ein dummer Gedanke, weg damit. Neue und unerwartete Töne
flogen heran als Schreie, als Bisse, und vermischten sich mit Motiven aus
den vorigen Stücken. Schmerz, Kuss, Orgasmus und Wegstoß und Jux in
einem –
Wegstoß, der hilflose, lächerliche Kissenwurf des Vaters war eine Art Stoß
gewesen, mit dem er mich in die Erwachsenheit fortgestoßen hatte, er hatte
mir geholfen, von ihm Abstand zu nehmen, noch mehr Abstand. Wegstoß
und Schmerz, bei dieser prügelnden Musik in den Ohren musste ich
zugeben, dass der Vater mich nicht geprügelt hatte, aus dem Alter des
Prügelns und Geprügeltwerdens waren wir längst heraus. Er hatte mir,
zehn Monate vor seinem Tod, nicht körperlich weh getan, aber er hatte den
Schmerz in die Seele gebrannt: beschimpft und verflucht zu sein für etwas,
was ich nicht getan hatte und so gern getan hätte, endlich dem Körper eines
Mädchens, einer angebeteten Schönen näher zu kommen. Beschimpft und
verflucht zu sein für etwas, was ich nur schüchtern erträumte, worauf ich
nicht mal eine realistische Aussicht hatte, denn auf die leichter zu
habenden, weniger schönen oder unschönen Sechzehn-und
Siebzehnjährigen wollte ich mich gar nicht erst einlassen –
Dass der Vater den viel zu braven Sohn als Schwerenöter, den
unbeholfenen Jungen als Casanova, das ehrliche Kerlchen als Lügner
verkannt hatte, blieb schmerzhaft und komisch zugleich und wirkte auch
gut fünf Jahre nach seinem Tod noch weiter und ließ mein Vaterbild nicht
zur Ruhe kommen. Der Fluch gegen die unerfüllten Wünsche, gegen mich,
gegen den, der ich nicht war, vielleicht war es der Fluch mit dem
vergessenen Wortlaut, der mich bald nach diesem Zwischenfall antworten,
vielleicht sogar Revanche nehmen ließ mit einem mir rätselhaften und
längst verdrängten und verbrannten Gedicht. Nun tauchte es im New
Yorker Tohuwabohu aus wilder Musik und wilden Rückwärtsgedanken
wieder auf, allerdings nur mit einer Zeile, die Schlagzeug und Saxophon
und Trompete durch den Kopf trieben und scheppern ließen –
Der Siebzehnjährige hatte ein Gedicht geschrieben und frech und
angeberisch mit dem Titel versehen «ich habe mit dem tod gesprochen»,
inzwischen wusste er, dass der Vater eine Sache an der Leber zu kurieren
hatte, der ging nur noch teilweise seinen Pflichten nach, bald lag er krank
zu Hause. Aber sein Tod wurde nicht erwartet und nicht besprochen,
jedenfalls nicht vor dem Sohn, der sich hinsetzte und das Gedicht schrieb,
bevor der Vater für die letzten Wochen auszog in das Krankenhaus vor dem
Umzug auf den Friedhof. Von diesem Gedicht war mir auch jetzt in Slug’s
Saloon, zwischen dem von einem fernen, asiatischen Krieg berührten
Publikum und den nach Frieden schreienden Musikern, nur die eine Zeile,
nur die Titelzeile präsent, fest ins Gedächtnis geprägt, alles andere war
versunken, kein Wort, nichts von Bildern, Metaphern, lyrischen
Überlegungen übrig, nur diese wahrscheinlich von Rilke inspirierte
Großsprecherei: ich habe mit dem tod gesprochen –
Monate vor dem Tod des Vaters, so war es mir später oft durch den Kopf
gegangen, musste ich den Tod geahnt und mich auf ihn eingestellt haben,
obwohl zu Hause davon nicht die Rede war und die Besserung, die
Hoffnung, der angereiste Spezialist aus Kassel und Gottes Hand
abwechselnd bemüht wurden. Erst nach dem starren Blick auf den Sarg in
der Kirche, auf das Erdloch auf dem Friedhof, nach dem Weinen und
Beerdigen hatte ich das Unheimliche meiner eigenen Zeilen bemerkt –
Denn das Gedicht, obwohl es gewiss so emotional und epigonal schäumte
wie die anderen aus jener Zeit, hatte mehr gewusst als sein Autor. Es war,
bei aller pubertären Aufgeblasenheit, weitsichtiger, mehrschichtiger, klüger
gewesen als er, der siebzehnjährige Naseweis. Es hatte mehr von seinem
Autor gewusst als der von sich. Der Tod des Vaters hatte diesen Text in ein
Gedicht verwandelt. Damals war der Siebzehnjährige erschrocken, weil er
noch nicht begreifen konnte, dass er über ein geheimnisvolles
Instrumentarium verfügte, das mehr Kräfte und Wissen freisetzte, als er
investiert zu haben glaubte. Der Schreck auf dem Schulweg, das süße
Entsetzen, ein Dichter zu sein –
Ich gebe zu, ich gefiel mir in solchen von der Musik stimulierten
Erinnerungen, ich spiegelte mich gern darin, selbst an solchen exotischen
Orten wie diesem Jazz Saloon im tiefsten Manhattan, weil ich immer noch
staunte, immer noch nicht zu fassen vermochte, dass einige wenige aus
meiner Phantasie gewachsene Zeilen, einige wenige Gedichte mich in die
Gruppe der berühmten Schriftsteller und nun sogar über den Atlantik und
bis in dieses Free-Jazz-Konzert katapultiert hatten. Die Takte, die schrägen,
schrillen Töne wirkten auf mich wie kleine Stromstöße, die Bilder,
Gedanken, Erinnerungen freisetzten, gerade noch erträgliche,
abwechslungsreiche Stromstöße. Ein kurzer Gedankensprung folgte zum
elektrischen Stuhl, wir saßen im Land der elektrischen Stühle, und ich
dachte an einen schlichten, einen sehr milden elektrischen Stuhl, der nicht
zum Tod, sondern ins Leben, in den Lärm führt, vielleicht zu einem kurzen
elektrischen Feuer zur Warnung oder Abschreckung –
«Ghosts» sollte das Stück heißen, und mir fiel, ohne dass ich danach
gesucht hätte, ein besserer Titel ein, vielleicht «How To Survive The
Electric Chair», aber auch damit war die Einbildungskraft nicht zufrieden,
das war zu ironisch für diese rebellische Musik, das war zu flott, die
Phantasie flutschte weiter mit den anregenden Stromstößen, sprang vom
elektrischen Stuhl zu einem offenen Feuer –
Die Musik, so schien es mir jetzt, kam aus dem Feuer oder war wie ein
Feuer, ein Flammenwerfer, mehrere Flammenwerfer, aus jedem Instrument
züngelten die Flammen, da brannte es, vielleicht noch kein Scheiterhaufen,
aber ein Feuer, diese ganze Musik des freien Jazz ein Feuer, sogar
Feuerwehrautos hupten dazwischen wild herum. Die hellen, schnellen
Rhythmen des Saxophons flackerten, loderten auf, vom Schlagzeug
angefacht, vom silbrigen, elektrischen Strahl der Geige ein wenig gelöscht
und zurückgedrängt, eh die Blechinstrumente wieder mit neuem Meckern
und Klagen sich mitten ins Feuer stellten –
Ayler und seine Leute kamen nicht los von ihren Ghosts, ihren
Feuergeistern, das Finale wurde immer wieder hinausgezögert vom
bollernden Schlagzeug und verlangsamt von der zirpenden Violine. Die
Grenzen, alle Spieler suchten die Grenzen, das Stück war eine einzige
Rebellion gegen Grenzen, und mir zuckten lauter Imperative durchs Hirn:
Hab keine Angst vor den Grenzen, geh nah ran an die Grenzen, verschiebe
die Grenzen, wie weit, wie tief, wie hoch können die Tonfolgen getrieben
werden, such deine Grenzen –
Die weiten Klangräume wurden noch weiter aufgestoßen, die fünf Musiker
mit ihren peitschenden Instrumenten drängten an die tonalen Barrieren und
übersprangen sie, der Jazz als eine eigene Galaxie, die sich immer weiter
ausdehnte. In diese Klangräume passte alles hinein, das Vergangene und
das Künftige, in diesen Klangräumen war jeder Gedanke, jede Erinnerung
willkommen, hier passte alles, die rauen Geräusche, die rauen
Widersprüche, es gab keine Harmonien in der Welt, es gab nur die
Gegensätze –
Es ging auf das Ende zu, Aylers Geisterstück und Flammenstück, immer
wieder drehte eines der Instrumente auf, schüttelte alles ab und teilte noch
ein paar Schläge aus, lieferte die Wehklage gleich mit und parodierte sie. Es
war doch alles ein Spiel, ein Spaß, und erst nach einer halben Stunde
ungefähr fanden die Spieler den Schlussakkord, der Rundfunkredakteur H.
sah auf die Uhr und meinte später, es seien gute dreiundzwanzig Minuten
gewesen –
Schnell waren die Musiker beim nächsten Stück, «Initiation», rief Ayler in
den Saal, was ich nicht verstand und weshalb ich C. fragen musste, und
dann legte er los und ließ gleich der Geige den Vortritt, zirpendes, zartes
Balancieren, ein Tanzen, und mit dem Titel «Initiation» und dem
Tanzrhythmus der Geige rutschten meine Gedanken zurück in die
Tanzstunde, von der Tanzstunde zu Adolf Eichmann, von Eichmann zu
seinem Stellvertreter Krumey, von Krumey zu seiner Tochter, mit der ich in
der Tanzstunde Foxtrott geübt hatte, als in unserm Städtchen noch niemand
wusste, dass der ehrbare Drogist, Sportvereinsmensch und
Kreistagsabgeordnete der Stellvertreter Eichmanns in Budapest gewesen
war. Die Amis haben es gut, dachte ich, sie können munter drauflosspielen
und tanzen, spielen und tanzen, mit wem sie wollen, sie haben keine Nazis,
kein Mensch in New York hat wie ich beim Korbacher Eichmann Zahnpasta
gekauft und mit seiner Tochter auf dem Parkett die Takte gezählt –
Weg, weg, weg mit solchem Störfeuer mitten im Konzert, nahm ich mir vor
und schaffte es, an etwas anderes, Schönes zu denken, nach oben, in die
Zukunft, ich ließ mich auf die zarte, zirpende Geige ein und war bei den
schmeichelnden, zirpenden Sätzen, die Frau Koehler mir am Tag zuvor mit
auf den Weg gegeben hatte. Zuvor hatte sie brieflich die Minute und die
Stunde meiner Geburt erfragt, die ich erst von meiner Mutter erfragen
musste, und dann hatte sie, ein halbernstes Hobby, wie sie bei meinem
Besuch sagte, die Sterne gedeutet und aufgeschrieben: So viel Phantasie
und Einfallsreichtum, so viel ästhetisches Gefühl und dazu ein klarer
Verstand – peinlich positiv war mir das, nicht zu ertragen für einen
Dreiundzwanzigjährigen –
Aber da stand noch mehr, da stand der Satz: Und ich bin sicher, dass sich
alle diese Gaben werden entfalten können, denn Glück, das heißt die
unbewusst richtige Einstellung, die Glückszustände ermöglicht, ist auch
noch da (nämlich Jupiter im Trigon zur Venus!). Das hatte ich nun auf dem
Buckel, in New York hatte mir die zur Amerikanerin gewordene
Mecklenburgerin ausgerechnet Jupiter und Venus aufgeladen. Jupiter!
Venus! Ich konnte nichts damit anfangen, ich wollte mich darauf nicht
einlassen, die Wahrsagerei vom Glück war mir unheimlich, ich musste das
alles vergessen für die nächsten Jahre (und ich vergaß es für mehr als
dreißig Jahre), ich hielt nichts von Horoskopen und fühlte mich doch
geschmeichelt, die Sätze sollten versenkt werden in den Höhen und Tiefen
der Musik, und sie wurden versenkt –
Das Saxophon trat sehr zurückgenommen mit leisen kurzen Stimmstößen
zum Duett mit der Violine an, entfaltete nach kleinen Melodiehopsern
allmählich die Macht seiner Schönheit, Klugheit und Trauer, während ich
mir einbildete, dass ich keinen Initiationsritus mehr brauchte, dass ich
bereits eingeführt sei an diesem langen, verstörenden Abend. Ich hatte
meine Vergangenheit verbannt, vom Kissenwurf des Vaters mich längst
erholt, die Phase der Vergangenheit, entschied ich, sei abgeschlossen. Ich
hatte Platz gemacht für das Neue, das Neue sollte es leichter haben, kein
Blick zurück, bitte. Ayler und seine Männer hatten mich eingebürgert in die
Vereinigten Staaten der Poesie und der Bomben, der Freiheit und der
Todesschüsse, der Ekstase, des Anpackens, des Vorwärtsschauens und der
Geschwindigkeiten –
Kein Blick zurück, sagte ich mir, höre genau hin, höre, wie die Instrumente,
nachdem sie die Klischees zerbrochen haben und vom Schlagzeug gehauen,
geprügelt und angestachelt wurden, den Triumph, ihren Triumphmarsch
feiern –
Ein Marsch gegen alles, was nice war oder fine oder good oder well,
optimistic, positive, gegen jede Konversation und Konvention, das sollte
auch mein Programm sein, das wollten alle meine Freunde, wir zogen mit in
Albert Aylers Marsch, kein Grund, sich einschüchtern zu lassen von diesem
ungewohnten freien, unverschämten und frechen Jazz. Alles ein Schrei, ein
Chor verschiedener Schreie, die Wut der Schwarzen brach hier durch, das
war Auflehnung gegen die tägliche Diskriminierung, gegen den laufenden
Krieg, alles war Widerstand, Rebellion und doch ein großer Spaß. Grenzen
wurden weggepustet mit den scheinbar vorschriftswidrig gespielten
Instrumenten, weggeschlagen, niedergetreten, es war die Botschaft wilder
Freiheit –
Je mehr ich das, was ich hörte, in dieser Weise deutete, desto mehr gefiel es
mir, wie mein Trommelfell vibrierte von den piksenden, stechenden
Tonfolgen, vom Blöken und Krähen, vom Grunzen und Quieken und Stöhnen
des Saxophons und von den witzigen melodischen Einschüben. Die Musik
sprengte (wie jede Kunst, aber das ahnte ich damals nur auf naive Weise)
die Gewohnheiten und Erwartungen und zeigte, wie schön oder wie
schrägschön die durch die Luft fliegenden Trümmer, Splitter, Scherben
funkeln und klingen konnten –
Was Ayler und seine Leute da machten, das war das Zerfetzen von Klischees
und Erwartungen, das war Zersetzung im besten, im produktiven Sinn, das
war Zerstörung und Neubeginn, Abriss und Aufbau, Abgesang und
Freudentanz. Erst das kräftige Nein und dann das tief geatmete Ja, erst
nach dem Abriss konnte die Zukunft beginnen, die Zukunft der Schönheit.
Das war vergleichbar mit dem, was ich mir für die Literatur vorgenommen
und auf meine Fahne geschrieben hätte, wenn ich nicht eine Abneigung
gegen Fahnen gehabt hätte: zersetzen –
Ein schönes Wort, zersetzen, das in jener Phase meines Lebens mein
Lieblingswort war, nicht nur, weil es bei den Nazis als das negativste
Diktum über Kunst und Denkkunst gegolten hatte, nicht nur aus Gründen
der Wiedergutmachung an diesem guten Wort, sondern weil es angenehm
provozierend klang und mir auch deshalb für die literarischen Bemühungen
eines Anfang Zwanzigjährigen ausreichend programmatisch schien, der auf
seinem Schreibtisch die Reden des amtierenden Bundeskanzlers und seiner
christdemokratischen Wirtschaftskumpane genüsslich sezierte –
Mit dem Gedanken an das Zersetzen im Kopf war das Schnellfeuer der
Instrumente leicht zu ertragen, mit dem teils spielerisch, teils ironisch, teils
ernsthaft gefassten Projekt: alles oder möglichst viel von allem zerlegen, in
Einzelteile zerlegen und zuerst im Zusammenhang, dann ohne
Zusammenhang betrachten, prüfen und danach mit passendem
Handwerkszeug neu zusammensetzen. Diesen Prozess galt es möglichst
lange hinauszuzögern, hatte ich in einem Vortrag verkündet, und genau das
oder etwas sehr Ähnliches fand nun hier vor knapp hundert Free-Jazz-
Anhängern in Slug’s Saloon in der 3. Straße im unteren Manhattan statt –
Sinn und Ziel waren nicht selbstverständlich, schnelle, naheliegende
Antworten wurden verweigert, Humor, Respekt und Geduld erwartet, das
Neuzusammensetzen der Töne und Tonfetzen nicht nach Wunsch und
Erwartung bedient, bis selbst ein hergelaufener europäischer Zuhörer wie
ich, überrascht, ernüchtert und die eigene Neigung zu musikalischer
Bequemlichkeit und gefälligen Melodien vergessend, mit der Absage an den
nächstbesten Wohlklang den Arbeitsprozess der Musiker, ihre Suche nach
den Nichtklischees, ein wenig besser zu verstehen meinte. Genau so hoffte
ich die Leser dadurch zu gewinnen, dass ich ihnen versprach, sie sollten
weniger betrogen, sie sollten ernüchtert und nicht erhoben, sie sollten
durch die Formen der Satire, Groteske, Ironie, Parodie, Polemik erheitert
werden, auf gute altmodische Art durch das Wort gefordert, aufgeklärt,
unterhalten –
Der Saxophonist führte vor, was es hieß, mit dem Zerfetzen und Zersetzen
ernst zu machen, er war ein Kollege, ein ästhetischer Gefährte. Ich wusste,
dass meine Vorliebe für das programmatische, rehabilitierte Wort zersetzen
nicht so originell war, wie ich mir anfangs eingebildet hatte, hier, neben den
von der Musik gebannten Freunden sitzend, wuchs mir im freien Jazz ein
Verbündeter zu, ein Zersetzungskünstler, ein schwarzhäutiger, mir gestern
noch unbekannter Tenorsaxophonist –
Sie war nicht zu verstehen, das verstand ich nun, diese anfangs so hässlich
wirkende, dann so triumphierend zersetzende, schließlich so volksnahe
Musik aus Zirkus, Marsch und Polka, und wünschte sie trotzdem immer
noch zu entschlüsseln und ihre Wirkung auf mich zu ergründen. Keine
Frage, ich hörte die Schreie nach Frieden darin und hörte die Angriffe auf
meine dumme Empfindung der Hässlichkeit. Nur wenn ich mir erlaubt
hätte, pathetisch zu denken, hätte ich die Schönheit darin gehört und die
Sehnsucht nach Schönheit, die Kraft zum Schöneren, Besseren,
Vernünftigeren, die Sucht nach Liebe dahinter, ein Versprechen, eine
Zukunft, die Zukunft der Schönheit –
So hörte ich ihn spielend Abschied nehmen, den Mann, der seine Wunden
und Narben zeigte (und vier Jahre später sein Saxophon in den Fernseher
warf, mit der Fähre zur Freiheitsstatue fuhr, auf halbem Weg ins Wasser
sprang und nach zwanzig Tagen aus dem East River geborgen wurde), er
spielte, noch einmal zärtlich die Glut seines Instruments anfachend, der
schreiende, lachende Friedenssucher und Zirkusdirektor. Trompete, Geige,
Schlagzeug und Bass zogen sich zurück, wurden leiser und leiser, als
verneigten sie sich vor der Majestät Saxophon, das langsam, souverän und
sanft zum Finale glitt –
Ein Finale ohne Fazit, und ich begriff auch beim kräftigen, lang
durchgehaltenen Klatschen der Hände fast nichts von dem Gewinn dieses
Abends und ahnte erst nach Jahren oder Jahrzehnten, welchen Ritus der
Initiation ich an diesem 1. Mai 1966 in Slug’s Saloon in der 3. Straße
absolviert hatte –
Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2017


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