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PolitischeÖkonomie Rubin

Isaak Hjitsch
Geschichte und Kritik

Studien zur Marxschen Werttheorie

Mit einer Einleitung


von Annette Neusüss-Fögen

Europäische Verlagsanstalt
Nach der (unveröffentlichten) amerikanischen Übersetzung der dritten
von »Ocerki po teorii stoimosti Marksa«, Moskau
russischen Auflage Inhalt
und Leningrad 1928 (1. Auflage 1924) übertragen von Annette
Neusüss-Fögen. Die hier vorliegende Fassung ist um die ersten
Kapitel der Originalausgabe gekürzt, in denen Rubin die Grundzüge
der Arbeitswerttheorie und die objektiven Voraussetzungen des
Warenfetischismus entwickelt.

Einleitung 7

Der Wert als Regulator der Produktion 3

Die Gleichheit der Warenproduzenten und die


Gleichheit der Waren 39

Die Gleichheit der Waren und die Gleichheit der Arbeit 50

Wertsubstanz und Wertform 64

Gesellschaftliche Arbeit 83

Abstrakte Arbeit 91

Qualifizierte Arbeit 124

Gesellschaftlich notwendige Arbeit 138

Wert und gesellschaftliches Bedürfnis 152


1 Wert und Nachfrage 152
2 Wert und proportionale Arbeitsverteilung 165
3. Wert und Produktionsvolumen 178
4- Die Angebots-Nachfrage-Funktion 185

Wert und Produktionspreis


195
1 Kapital Verteilung und Kapitalgleichgewicht 197
2. Kapitalverteilung und Arbeitsverteilung 203
3- Produktionspreis 209
Deutsche Ausgabe: 4- Arbeitswert und Produktionspreis 227
© J 973 by Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main
5 Historische Grundlagen der Arbeitswerttheorie
Druck: Tübinger Chronik, Tübingen .
23
ISBN 3 434 30141 o (kt) •
3 434 30142 9 (Ln) Produktive Arbeit
Printed in Germany 237
_E,irucn.«**ö

von Wirtschaft und Gesellschaft, für die


Per Zusammenhang
klassische politische
Ökonomie noch eine Selbstverständlichkeit
auch des theoretischen Vorgehens, gehört heute weitgehend der
For-
Vergangenheit an. In sogenannten »interdisziplinären«
schungsveranstaltungen bemüht man sich - und sei es im ver-

abgeschirmter »Scheinwer-
zerrten Lichtstrahl gegeneinander
fer« -, das wieder zusammenzufügen, was fachwissenschaft-
liche Autonomieansprüche auf der
Suche nach eindeutigen Ab-
1
grenzungskriterien gegenüber dem Nachbarn zerrissen haben.
Die Marxsche politische Ökonomie verweigert sich der eindeuti-
gen Zurechnung zu einer der inzwischen gegeneinander verselb-
ständigten Spezialwissenschaften: Die Einheit von ökonomischer
und soziologischer Theorie ist, wie Rubin in den ersten Sätzen
seiner Studien formuliert, dadurch gewährleistet, daß beide »bei
der Arbeit als dem Grundelement menschlicher Gesellschaft an-
setzen, bei dem Element, dessen Entwicklung die gesamte gesell-
schaftliche Entwicklung in letzter Instanz bestimmt«. Rubins
Rekurs auf die Arbeit, auf »die erste Voraussetzung aller mensch-
lichen Existenz« 2
, versteht sich demnach zugleich als Rekurs auf

i Die Sezierarbeit, die, Dahrendorf zufolge, die vereinzelten Sozialwis-


sensdiaften am »wirklichen Menschen« verrichten, muß, sofern dieser nicht
ȟberhaupt eine schemenhafte Gestalt im Hintergrund wissenschaftlichen
Bemühens bleiben« soll, dieses Verlangen nach einer ex-post-Synthese der
wahnbildartigen »homines« aus der Glasmenagerie der Einzelwissenschaf-
ten nach sich ziehen. Vgl. Ralf Dahrendorf, Homo Sociologicus, Opladen,
12
1973.
2 »Wir müssen bei den voraussetzungslosen Deutschen damit anfangen, daß
wir die erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz, also auch aller
Geschichte konstatieren, nämlich die Voraussetzung, daß die Menschen
imstande sein müssen zu leben, um >Geschichte machen< zu können. Zum
Leben aber gehört vor allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung
und noch einiges andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeu-
gung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des
materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine
'

die Marxsche Theorie ge-


die Prämissen und den Sinn der politischen Ökonomie. Deren Einheit sieht Rubin durch Angriffe auf
konträren Ansätzen ausge-
Fragestellung ist, Rubin zufolge, prinzipiell auf die gesellschaft- fährdet, die, obwohl von geradezu
erscheinen: ihr Resultat
lichen Formen gerichtet, die der Arbeitsprozeß auf einem gege- hend, auf seltsame Weise komplementär
benen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte annimmt. In- ist in'beiden Fällen
die Erblindung gegenüber dem soziologischen
den einzelnen Katego-
sofern diese die »technisch-materielle« Grundlage der gesell- Gehalt der Marxschen Theorie. Diesen in
schaftlichen Produktionsverhältnisse darstellen, gehen sie als Ökonomie aufzuweisen, ist Rubins grund-
rien der politischen
»Voraussetzungen« in die politische Ökonomie ein - sätzliche Intention. Sie formuliert sich gleichsam
im Zweifron-
als Vor-
aussetzung, nicht jedoch als Gegenstand: »Die politische Ökono- in der Attacke auf zweierlei »Immunisierungsstrate-
tenkampf,
Zeiten - jene
mie analysiert nicht den technisch-materiellen Aspekt des kapi- gien«, durch die - und zwar nicht nur zu Rubins
talistischen Produktionsprozesses, sondern seine Bornierung gegenüber dem gesellschaftlichen Gehalt der politi-
gesellschaft-
liche Form, d. h. die Totalität der Produktionsverhältnisse, wel- schen Ökonomie zu erreichen ist. Präsentiert sich die eine zu-
che die ökonomische Struktur des Kapitalismus ausmachen.« nächst als (u.U. »wohlwollende«) Korrektur der
Marxschen
Theorie in Form ihrer »Erweiterung« (durch neue Kategorien

wie durch Bruchstücke älterer Philosophien), so besteht die an-


dere umgekehrt in der direkten Reduktion des Gehalts der
Marxschen Verwen-
Begriffe, in ihrer ausschließlich technischen
Rubins Studien präsentieren sich zunächst als Lehrbuch, wenn dung. Als konträr erscheinen diese Strategien nur in ihrem An-
die Ab-
Handwörterbuch der politischen Ökonomie. Deren
nicht bloß als satz; der Effekt ist hingegen in beiden Fällen derselbe:
Grundkategorien - die »abstrakte«, die »qualifizierte«, die »ge- biendung der gesellschaftlichen und damit zugleich der (von Ru-
revo-
notwendige« Arbeit usw. - werden in einzelnen,
sellschaftlich bin allerdings an keiner Stelle angesprochenen) politischen,
kaum systematisch verknüpften Kapiteln unter Heranziehung lutionären Dimension der Marxschen Kategorien.
der wesentlichen Zitate aus den Manischen Werken gleichsam
daß
»abgehandelt«. Auch der häufige Rückgriff auf die zeitgenös- 1. Die gewissermaßen verfeinerte Methode besteht darin,
läßt, sie jedoch
sischeMarx-Diskussion ändert wenig an diesem »akademischen« man die soziologische Theorie als solche gelten
Erscheinungsbild, geht es in der Auseinandersetzung mit abwei- von der ökonomischen sondert, um sie so - unter dem Titel
chenden Meinungen (vor allem russischer und deutscher Autoren) mehr oder minder erbaulichen literarischen Abschweifung -
einer
Dies
doch zunächst nur um begriffliche Richtigstellung, um Defini- in den Bereich weltanschaulicher Beliebigkeit zu verweisen.
tionsfragen. zu dem Bemühen, Versatzstücke zu erfin-
führt nun gelegentlich
den, welche den Bezug von ökonomischer und
Dennoch verficht Rubin eine eigene soziologischer
Position. Sie erschließt sich
aus seinem eingangs formulierten
methodologischen Ansatz Theorie, den man selbst erst einmal zerrissen hat, nun doch wie-
(in einem hier nicht
ebenso wie aus der Kritik jener Umdeutungen, die an den Marx- der aufzubauen - ein Verfahren, das Rubin
Einfüh-
schen Kategorien in der vor- und nachrevolutionären Epoche abgedruckten Kapitel) exemplarisch an Peter Struves
Rußlands vorgenommen wurden. Der Rekurs auf die Arbeit als rung »interökonomischer« und sonstiger, in
Heimproduktion er-
»interökonomi-
die Grundkategorie der Marxschen politischen Ökonomie sollte, zeugter Kategorien aufweist. Aber auch durch
wie bereits erwähnt, die These von der prinzipiellen Einheit von sche« Kategorien läßt sich kein zwingender
Zusammenhang her-

ökonomischer und soziologischer Theorie erhärten. Eben diese stellen, und somit tritt zu diesem Verfahren
die (von Rubin un-
Eklektizismus,
erwähnt gelassene) Tendenz zum philosophischen
Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, Struves Anleh-
wenn nicht zum Sektierertum. Dies ließe sich an
täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am
Leben zu
nung an den Neukantianismus (Struve war sich mit dem
erhalten« (Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3. S. 28). Auf
deut-
den
ersten Seiten des Kapital definiert Marx die Arbeit dann »eine von Revisionismus u. a. audi darin einig,
als
schen und österreichischen
allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen«, be-
als »ewige Naturnotwendigkeit« {Das Kapital, Band I, MEW
23, S. $7).
daß die ökonomische Theorie des Marxismus sich mit jeder

9
liebigen Philosophie paaren ließe) ebenso nachweisen wie an die Symptomatik der Argumentation, welche die von Rubin zi-
Bogdanovs Wendung zum radikalen Empirismus Machs und an tierten idealistischen
Interpretationen und Korrekturen der
Bulgakovs Bekehrung zu den Gottsuchern (daß Rubin die letzt- die Zweiteilung
Marxschen Theorie mit den heutigen verbindet,
genannten Autoren in völlig anderem Zusammenhang kritisiert, (bzw. philosophische) Theo-
in ökonomische und
gesellschaftliche
daß im Detail nachweist, anstatt die hier be- von materialer Analyse und
er ihnen Fehler
rie, die sich - als Unterscheidung
schriebene Tendenz auch nur zu erwähnen, wirft wiederum Licht erkenntnistheoretischer Grundlegung - in die heutige Marx-
auf den Charakter seines Buchs, das sich als innerakademische Rezeption verlängert und von der aus - hier wie dort - auf
Auseinandersetzung präsentiert). die Notwendigkeit der Ergänzung (in Form »interökonomi-
Die Darstellung dieser »idealistischen« Verfälschungen, gegen die und sonstiger Kategorien) geschlossen
scher«, »interaktioneller«
(numerisch) der Hauptteil der Rubinschen Kritik richtet, man Habermas weniger interpre-
wird. Wellmer, dem da
sich sich, er
griff u. a. deshalb über das vorliegende Buch hinaus,
weil die tiert alsreproduziert, hier wohl anvertrauen darf, bemerkt, daß
Eingriffe in dieMarxsche Theorie, auf denen diese Verfälschun- dieser »denn auch (unterscheidet) zwischen der Ebene materialer
gen basieren, nicht nur (etwa in der revisionistischen Wendung Analysen, auf der einen Begriff gesellschaftlicher Praxis
Marx
der Sozialdemokratie) historische Bedeutsamkeit erhalten haben,
in Anspruch nimmt, der Arbeit und Interaktion
umfaßt, und der
geschichtsphilosophischer Konstruktion, auf der Marx
sondern weil sie umgekehrt auch eine gewisse historische Inva- die
Ebene
der Logik
Selbsterzeugung der menschlichen Gattung allein von
rianz aufweisen: sie korrespondieren mit einer besonderen Form
4
der Kritik an der Marxschen Theorie, die sich auch heute der Tätigkeit her begreift«.
ihrer gegenständlich-produzierenden
Popularität erfreut. Diese Form idealistischer Verfälschung und zwischen der For-
Um dieses »eigentümliche Mißverhältnis
Verzerrung ließe sich grundsätzlich als »Ergänzungsstrategie« schungspraxis und dem eingeschränkten philosophischen Selbst-
beschreiben. »Idealistisch«
ist sie, indem sie, im Unbehagen an 5
verständnis dieser Forschung« zu beseitigen, füllt
man die ent-
einem der Marxschen Theorie unterstellten »Objektivismus«
deckte Leerstelle durch Theoriebruchstücke, die - ihrer eigenen
oder gar »heimlichen Positivismus«, auf einen Bereich mensch- Herkunft nach höchst heterogen - ihren Ort jenseits der »Logik
licher Freiheit - oder, um im
Jargon zu bleiben, »emanzipato- gegenständlich-produzierender Tätigkeit« besitzen oder doch
rischer Praxis« - pocht, der durch die erkenntnistheoretische
nur schwach mit ihr vermittelt sind. 6 Hat man die Marxsche
Grundlegung des Marxismus unausgeschöpft wenn muß sie - samt ihrem
bleibe,
nicht Theorie erst einmal gründlich zerpflückt, so
blockiert werde. Dieser Vorstellung entsprechen nachgerade
die
»Ergänzungen«, die begrifflichen »Erweiterungen« - in Form
die in letzter Zeit
geklärt gelten (allein die Unzahl von Publikationen,
von Kategorien wie »kommunikatives Handeln«, »symbolisch diese Unsicherheit hin).
zu diesem Problem erschienen sind, deutet auf
Neuer-
vermittelte Interaktion«, »institutioneller Rahmen« usw. -, um Doch ist zu fragen, ob - abgesehen von einigen terminologischen
werbungen -
im Ansatz dieser Art von Kritik tatsächlich viel mehr ent-
die etwa Habermas die »kritische Gesellschaftstheorie« berei- Determinis-
halten alte, von idealistisdien Vorbehalten genährte
ist als der
chern möchte. bei ihm »die
musvorwurf, wenn etwa Wellmer Marx darin angreift, daß
Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, die erwähnten theo- »Produktion und die Veränderung ihres [der Menschen
- A. N.] gesell-
schaftlichen Bewußtseins in letzter Instanz als Derivate bzw. Funktionen
retischen Ansätze im einzelnen zu kritisieren, welche - und dar- »Ernditung des
ihrer naturverändernden Arbeit erscheinen« und so die
in besteht ihr Tenor - die marxistische Analyse historischer Notwendig-
als materielle Reiches der Freiheit ... in das gleiche Kontinuum
die »Vorgeschichte* der
retten möchten, ihre erkenntnistheoretische, keit zurückversetzt (wird), in dem sich für Marx
philosophische Wellmer, Kntisüe Gesell-
menschlichen Gattung bewegt hatte« (Albrecht
Grundlage jedoch für verengt halten. 3 In Frage steht vielmehr schaflstheorie und Positivismus, Frankfurt 1969. S. 73 " nd 7$)-
4 Wellmer, a.a.O., S. 69.
5 Jürgen
Habermas, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt 1968. S. 59-
Ebensowenig soll hier etwa die Habermassche Problemstellung in toto als philosophische Hermeneu-
3
6 Im Falle von Habermas durch Rückgriff auf die
irrelevant zurückgewiesen werden. Das Verhältnis von Basis und Über-
tik, die Rollen-, die Handlungstheorie,
den Funktionalismus, den Pragma-
bau, das hier im Mittelpunkt steht und das die von Habermas beeinfluß-
tismus (sind doch die »methodologischen Hinweise«
auf den »transzenden-
ten Autoren gerne im Sinne einer positiveren Bewertung des sogenannten
talen Zusammenhang von Arbeitsprozessen« »erst im Pragmatismus .
. .

Bildungsprozesses umdefinieren, kann sicherlich nicht als ein für allemal


ausgearbeitet worden«) usw.

IT
»kritischen Anspruch«, auf den man sich, insofern auch er eine Der Rückgriff auf westliche Traditionen der Philosophie, den der
sich in Rußland an
die Identifikation lohnende »Tradition« darstellt, allerdings »legale Marxist« Struve vollzog und der
- ex post wiederum nur Marx-Rezeption
breiter Front ereignete, mußte nicht
stets besinnt garniert werden. die
Wir den erwähnten Eklektizismus, der die »idea-
treffen hier auf Implikatio-
trüben, sondern auch die gesellschaftlich-politischen
listischen« Verzerrungen, mit denen Rubin sich als einer von
nen dieser Theorie an den Rand schieben, wenn nicht pervertie-
zwei Fronten gegen die Marxsche Theorie auseinanderzusetzen ren: Der Magen der politischen Ökonomie ist nicht so groß, als
hatte, gewöhnlich Die Einheit von ökonomischer, so-
begleitet. daß sie jene Brocken aus älteren Philosophien ohne Alteration
ziologischer und philosophischer Theorie - im Nachweis die
dieser absorbieren könnte; die Intention der Marxschen Theorie,
Einheit besteht Rubins Ansatz - wird hier durch eine der Marx- »eine wesentliche neue Philosophie sein (will), in ihrer
Substanz
schen Theorie geradezu konträre, äußerliche Zweiteilung verschieden von der Haupttradition der abendländischen Philo-
rück-
gängig gemacht 7 und, im Falle des von Rubin diskutierten sophie« 10
, muß innerhalb solcher Ansätze ebenso mißverstan-
Struve, durch eine selbstgebastelte Synthese mit neukantiani- den werden wie ihre einzelnen Kategorien, insbesondere der
schen Elementen substituiert. »Hauptstreitpunkt« war
»der öko- Sinn des Begriffs von »Kritik«; die politischen
Implikationen lie-
nomische Materialismus . . ., der den einzigen und letzten Grund gen auf der Hand - mit der Ablösung der gesellsdiaftlichen Di-
jeder politischen, sozialen und kulturellen Entwicklung im Wan- mension von der ökonomischen muß schließlich auch die gesell-
schaftliche und politische Praxis jenen Charakter von
del der wirtschaftlichen Voraussetzungen sieht«. 8 Beliebig-
Die »Schwä-
chen der philosophischen Grundlagen des Marxismus«
sahen die keit erhalten, der bereits die Auswahl jener - der Marxschen
Repräsentanten seiner idealistischen Korrektur in einem hier Theorie heterogenen - Theoriebestandteile kennzeichnet.
vorgeblich zu eng bemessenen menschlichen Freiheitsspielraum
gelegen »und gingen eben deshalb auf Kant zurück,
oder, besser 2. Die Einheit von ökonomischer und soziologischer Theorie
gesagt, sie machten sich den Neukantianismus zu eigen, der da- kann jedoch auch mittels einer anderen »Strategie« zerrissen
mals in Deutschland vorherrschte«. 9
werden, die sich von ihrem Ansatz her - darauf wurde bereits
hingewiesen - als konträr ausnimmt. Geht die idealistische Er-
7 Die Zweiteilung von Natur- und Sozialwissenschaften, von der Habermas
als von einem im Erkenntnisinteresse wie
gänzungsmethode davon aus, daß bestimmte Bereiche mensch-
(damit) in der Methodologie
begründeten Unterschied ausgeht, bildet geradezu die lichen Daseins einem allumfassenden Determinismus
zum Opfer
Basis seiner Kritik
an Marx, der dieser Differenz nicht ausreichend gedacht
habe. Wenn in gefallen seien, so ist der mechanistischen Version gerade umge-
der »dialektischen Gesellschaftstheorie« »anstelle
kehrt der philosophische - und damit schließlich auch der
des hypothetisch-dedukti- so-
ven Zusammenhangs von Sätzen [der die Naturwissenschaften
charakteri-
siere - A. N.] ... die hermeneutische ziologische - Gehalt der Marxschen Theorie ein
Ärgernis; mit-
Explikation von Sinn« treten soll,
so mag sich von dieser methodologischen Festlegung Vermeidungsstrate-
der Sozialwissen- tels einer radikalen Reduktions- oder auch
schaften aus tatsächlich ein »latent positivistisches
Sclbstmißverständnis«
der Marxschen Theorie (Wellmer) herleiten lassen.
Doch wird man einem gie etabliert sie eben jenen »Determinismus«, den die ideali-
solchen Schluß nur dann Plausibilität abgewinnen können,
wenn man über- stische Interpretation dem Marxschen Werk selbst anlastet.
dies gewillt ist, die Transformationen, denen
etwa der Begriff der »Dia-
lektik« bei Habermas ausgesetzt ist, mitzuvollziehen Während der erste hier dargestellte Angriff auf die Marxsche
(vgl. Habermas,
Analytische Wissenscbaflstheorie und Dialektik, u. a.
abgedr. in: Logik Theorie und die in ihr involvierte Einheit von ökonomischer und
der Sozialwissenscbaflen, hg. v. E. Topitsch, Köln/Berlin auf-
197 1, S. 291 ff.). soziologischer Analyse in Form eines theoretischen Ansatzes
8 Gustav A. Wetter, Der dialektische Materialismus. Seine
Geschichte und inadäquaten Prämissen beruhend, im-
sein System in der Sowjetunion, Wien tritt, der, wenn auch auf
3i 95 6, S. 95. Die Parallele zwi-
schen dem von Wetter charakterisierten Ansatz manent nachvollziehbar bleibt, erschließt sich die umgekehrte
des russischen »Kritizis-
mus« und dem der hier zitierten zeitgenössischen Autoren sollte
späte-
stens an dieser Stelle evident sein: Wellmer wirft Marx
eine »verkürzte«
Sicht darin vor, daß er »die »Dialektik der Sittlichkeit
auf jene der Pro- zwar gerade in dem »Dualismus von Natur- und Geisteswissenschaften«,
duktion« zurückführe, während Habermas gegen ihn einwendet, seine
den er etablierte - auch für Habermas erhebliche
Attraktivität (vgl.
er redu-
ziere »den Vorgang der Reflexion auf die Ebene instrumentalen Tübingen 1967).
Han- Schrift Zur Logik der Sozialwissenschaften,
delns«. sowjetischen Marxismus, Neu-
10 Herbert Marcuse, Die Gesellschaftslehre des
9 Wetter, a.a.O., S. 94. Nicht zufällig besitzt der Neukantianismus - und wied 2 i9Ö9, S. 30.

12 3
Strategie weit eher aus der politischen
und wirtschaftlichen Pra- Positivisten Comte außerordentlich ähnlich — sich nach »oben«
xis, die im nächsten Abschnitt kurz
umrissen werden soll. Sie verlängern ließ, so daß schließlich auch die geistigen und seeli-
nimmt, mit anderen Worten, keine
wirkliche Kritik und damit schen Phänomene als der »Rückführung« werte einzufangen wa-
auch im eigentlichen Sinne keine
»Revision« der Marxschen ren. Es versteht sich von selbst, daß ein solcher Reduktionismus,
Theorie vor, sondern schafft gleichsam
geräuschlos von sich aus der die mechanistische Version des Materialismus kennzeichnet
das Vakuum, wenn nicht das
Verbot jeder soziologischen und (und in Form von »Abbild«- oder »Widerspiegelungstheorien«
Philosophischen Reflexion. Bemühten sich
die »idealistischen« noch heute sein Auskommen findet), nicht ohne Einfluß auf die
Interpreten darum, deren Eigenständigkeit
gegenüber der öko- Rezeption des dialektischen Materialismus bleiben, daß also, po-
nomischen Analyse nachzuweisen, so läßt
umgekehrt der Mecha- sitiv gewendet, der vulgäre Materialismus zum Vulgärmarxismus
nismus beide Dimensionen zu einer einzigen
zusammenschmel- gedeihen konnte. Seine pure Existenz in Form einer maßgeb-
zen, um so das Problem ihres Verhältnisses ein für
allemal zu lichenLehrmeinung und eigenständigen Schule barg die Gefahr
eliminieren. An die Stelle eines Begriffs von
»Reflexion«
und der in sich,den dialektischen in einen mechanischen Materialismus
ihr vom Idealismus vindizierten
Autonomie gegenüber der Öko- zurückzubiegen, überspitzt formuliert: das Verhältnis des Über-
nomie tritt hier die Mechanik des »Reflexes«,
wenn nicht platte baus zur Basis, des Bewußtseins zum Sein nach dem Muster der
Identität. Nicht mit Kant oder
dem Neukantianismus wird hier bedingten Reflexe eines Pavlovschen Hundes zu interpretieren.
die Einheit von ökonomischer
und gesellschaftstheoretischer Re- »Würden die Menschen«, so lautet Rubins Antwort, »als Bienen
flexion und damit schließlich
die Dialektik von Theorie und
Pra- oder Ameisen geboren, mit bestimmten Arbeitsinstinkten, die ihr
xis zerschlagen, sondern mittels des vormarxschen,
»mechani- Arbeitspotential von vornherein auf eine bestimmte Tätigkeit
schen« Materialismus.
beschränkten, so wäre die Arbeitsteilung eine biologische, und
Im Rückgriff auf diese Tradition zumindest
gibt sich schließlich nicht eine gesellschaftliche Tatsache« (S. 98). Die mechanistische
auch der vulgäre Materialismus - diesen
Titel darf man dem Schule unternahm, spätestens in der nadirevolutionären Periode,
russischen Mechanismus vorbehaltlos zuerkennen - einen theo- nicht mehr nur die Rückführung des Organischen aufs Anorga-
retischen Anstrich. Rubin argumentiert, wie bereits angedeutet, nische, auf die Mechanik, sondern schuf zugleich den Boden für
außerhalb des politischen Kontextes.
Anscheinend hat ihn weni- eine Reduktion der Marxschen Begriffe auf einen, wie Rubin ihn
ger die Tatsache irritiert, daß diese
Richtung des Materialismus nennt, »naturalistischen« Gehalt — für eine Reduktion, die
die Ideologie der bolschewistischen
Partei für einige Zeit wesent- nicht nur das gesellschaftliche, sondern auch das historische Be-
lich bestimmte, als vielmehr
die Verbreitung, die sie im
wissen- wußtsein verkümmern ließ, die Dimension also, welche, Rubin
schaftlichen Bereich fand, ihre
Weiterentwicklung zu einer »me- zufolge, den Marxschen, »historischen« Materialismus überhaupt
chanistischen Schule«, die sich um
das Jahr ! 9 2 S etablierte und kennzeichnet, und damit die — von Rubin allerdings unerwähnt
deren Einfluß auf die Marx-Rezeption
sich zur gleichen Zeit gel- -
gelassene Konsequenz der technizistischen Verwer-
politische
tend machen mußte.
tung seiner Kategorien vorbereitete. Die Gestalt, die der Sowjet-
Der Mechanizismus, der sich - ebenso wie
der oben dargestellte marxismus inzwischen angenommen hat, läßt sich zweifellos nur
»Kritizismus« - auf eine Tradition berufen
konnte, die in die auf dem Hintergrund der realen ökonomischen, politischen wie
vorrevolutionäre Epoche Rußlands
zurückreicht, trat zunächst vor allem außenpolitischen Veränderungen erörtern. Insofern
mit der Behauptung auf den Plan, »daß alle
Erscheinungen hö- jedoch, als gerade hier, wie Marcuse zu zeigen versucht, »die
herer Ordnung auf Erscheinungen
niedrigerer Ordnung zurück- Ideologie ... zu einem entscheidenden Bestandteil der Wirklich-
geführt werden könnten: das organische
Leben auf chemische keit« wird 12
ist diese geistesgeschichtliche Wurzel, die Rubin in
,
die chemischen auf physikalische, und
diese schließlich auf me-
Form einer mehr impliziten als expliziten Attacke auf den histo-
chanische Prozesse« "; eine Hierarchie,
die - übrigens der des rischen und soziologischen Gehalt der Marxschen Theorie ent-

ii Wetter, a.a.O., S. i^
xx Marcuse, a.a.O., S. 31.

14
1$
gegentrat, keineswegs
irrelevant. »Der Sowjetmarxismus
hat keineswegs eindeutig festgelegt.
den Charakter einer Entscheidungen liefern sollte,
>Verhaltenswissenschaft< angenommen Die
meisten seiner theoretischen Der revolutionäre Prozeß selber hatte kurzfristig Differenzen in
Äußerungen haben eine pragma-
den Hintergrund treten nach seinem Abschluß im
lassen, die
tische, instrumentalistische
Absicht.« "
Nur von dieser geschichtlichen oder Streit verschiedener Schulen und Positionen erneut und um eini-
geistesgeschichtlichen Kon- ges virulenter aufbrechen mußten. Die Flut von Veröffentlichun-
stellation aus werden die von Rubin geführten
Auseinanderset-
zungen verständlich, gen, der sich auch Rubins 1924 erstmalig publizierte Studien
die, wie etwa die in den Kapiteln über »ab-
strakte« und noch einreihen 14 *, spiegelt nicht nur theoretisch divergierende
»qualifizierte« Arbeit aufgenommenen Diskussio-
nen über »physiologische« Ansätze, sondern letztlich die Unklarheit der historischen Situa-
Fehlinterpretationen, über »Energie-
theonen« der Arbeit usw., vomStand tion. Die Spontaneität des revolutionären Prozesses war der po-
der heutigen Marx-Diskus-
sion aus eher ins litisch-theoretischen Auseinandersetzung über Prämissen und
Kuriositätenkabinett einzureihen wären.
Sie Richtung des neuen Systems gewichen, und eben hieraus erklärt
dehnen nicht nur die Explikation
der Kategorien, sondern müs-
sen ermüdend wirken, sofern sich, »warum in Sowjetrußland merkwürdigerweise wirtschaft-
man sich nicht entschließt, den
Standpunkt zu verlassen, unter dem liche und politische Diskussionen so häufig zu Diskussionen über
Rubin selber seine Studien
präsentiert, den einer Darstellung allgemein philosophische Fragen führten«. 15
der Marxschen Werttheorie
und der immanenten Kritik abweichender Wir hatten im letzten Abschnitt bereits betont, daß sich Rubins
Interpretationen. Ru-
bins penible Auseinandersetzung mit Argumentation (insbesondere dort, wo sie sonderbar anmutet)
dem »mechanisch-naturali-
stischen Standpunkt« erfolgte unter Bedingungen, nur auf diesem Hintergrund verstehen läßt. Die beiden von ihm
unter denen
tatsächlich »die Mehrzahl der bekämpften Richtungen wurden pointierter, als dies bei Rubin
Autoren den Begriff der abstrak-
ten Arbeit simplifizierte« selbst geschieht, einander gegenübergestellt, u. a. unter dem In-
(S. 95 ), darunter etwa physiologische
oder gar in Energiequanten teresse, Strukturen von Marx-Rezeptionen aufzuweisen, die,
meßbare Arbeit verstand, um so
»den gesellschaftlichen Aspekt des nach wie vor praktiziert, trotz ihres zunächst gegensätzlichen
Arbeitsprozesses, d.h. gerade
den Aspekt der den unmittelbaren Ansatzes zum Abkapselung gegen-
gleichen Resultat führen: zur
Gegenstand der politischen
Ökonomie darstellt«, an die Seite zu über dem und damit dem revolu-
historischen, gesellschaftlichen
drängen (S. 94 ). Der Re-
greß auf diese historische Situation tionären Gehalt der Marxschen Theorie. Gegen beide richtet sich
mag darüber hinaus einem
eigenständigen Forschungsinteresse Rubins Ansatz, der von der Theorie des Warenfetischismus aus-
entsprechen: Rubins Studien
können zu einer Rekonstruktion geht, welche »die Basis des gesamten ökonomischen Systems von
des Geflechts differierender
theoretischer Positionen beitragen, Marx, und insbesondere seiner Werttheorie« darstelle. Die Ver-
die schließlich Eingang in die
sowjetmarxistische Ideologie fanden dinglichung menschlicher Beziehungen, der Produktionsverhält-
oder aber - und das war
u.a. das Sohicksa des nisse, sei gerade nicht akzidentelles Merkmal der Warenproduk-
1 Rubinschen Ansatzes - im historischen
I rozeß gleichsam liegengelassen tion, wie die »idealistischen« Marx-Interpreten unterstellen
wurden.
müssen, wenn sie im Abschnitt über den Warenfetischismus
nichts als eine »interessante literarisch-kulturtheoretische Ab-
II
schweifung von Marx« erblicken, sondern folge mit Notwendig-
In der Tat war in den
zwanziger Jahren das theoretische
Selbst- im Laufe der Entwicklung der Sowjetgesellschaft jedoch vergrößerten
verstandnis, das der mit der
Oktoberrevolution entstandenen historischen Legitimationsmangel der Oktoberrevolution« herleitet (vgl.
»neuen« Gesellschaft nicht nur Oskar Negt. »Marxismus als Legitimationswissenschaft. Zur Genese der sta-
die Legitimation", sondern
mdnzuletzt auch linistischen Philosophie«, Einleitung zu: A. Deborin/N. Bucharin. Kontro-
die Grundlage für ökonomische und
politische versen über dialektischen und mechanistischen Materialismus, Frankfurt
1969, S. 14).
13 Marcuse, a.a.O., S. 32. 14" 1930, unmittelbar bevor die politische Szenerie sich soweit verdunkelte,
14 Diese Funktion der Sowjetideologie steht daß auch Rubin
bei Negt im VorderrmnH kaltgestellt wurde, erhielten sie ihre vierte und letzte
wenn er deren Wandlungen vor allem aus einem
ZJZStSA Auflage.
15 Wetter, a.a.O., S. 147.
16
17
keit aus ihrer inneren Struktur.
Wenn aber die Produktionsver-
haltnisse, die aus der historischen
Struktur selber, der immense Anteil der Landwirtschaft an der
Gestalt der durch Planlosig-
Gesamtproduktion und damit die außerordentliche Verbreitung
keit,durch Anarchie sich auszeichnenden
Warenproduktion re-
der kleinen Warenproduktion wie schließlich die den bäuerlichen
den Gegenstand der politischen Ökonomie
sultieren,
ausmachen, und kleingewerblichen Produktionsverhältnissen entsprechende
so muß deren Sinn auch dann sich
verkehren, wenn ihre Katego- und »kleinbürgerliche« Mentalität schie-
»kleinpatriarchalische«
rien einfach operationalisiert,
als Instrumente zur Bewältigung
einer nur noch ökonomisch nen das wesentliche Erfordernis einer »proletarischen« Revolu-
definierten Realität verwandt und
damit ihres primär gesellschaftlichen tion in einem kapitalistisch unterentwickelten Lande in Frage zu
Inhalts beraubt werden.
Eben dies mußte geschehen, wenn »die stellen: die Solidarität der Bauern, ihr Bündnis mit den Arbei-
grundlegenden Katego- 19 »Die Bauern«, so unterstrich Lenin in
rien der politischen Ökonomie, tern (die sog. smycka).
wie Ware,Markt, Kapital und
Lohnarbeit, von den Bolschewik! selbst seiner Begründung zur Einführung der NEP, »bilden den über-
auch für die Analyse der
Strukturen der Übergangsgesellschaft
großen Teil der gesamten Bevölkerung und der gesamten Wirt-
angewandt wurden, ohne schaft, und deshalb muß auf dem Boden dieses freien Handels
daß ihr
Funktionswandel unter den Bedingungen
des gesell- der Kapitalismus unausbleiblich wachsen.«
20 Denn »die Ent-
schaftlichen Eigentums an
Produktionsmitteln im einzelnen un-
wicklung des Kleinbetriebs ist eine kleinbürgerliche Entwicklung,
tersucht worden wäre«.« Die
offizielle Wiedereinführung der
ist eine kapitalistische Entwicklung, sobald Austausch vorhanden
Marktbeziehungen, die mit der Neuen
ökonomischen Politik ist. Das ist eine unbestreitbare Wahrheit, eine Binsenwahrheit
(NEP) verbunden war, ist nicht ausschließlich
aus dem Zwang
zu verstehen, den eine unterentwickelte der politischen Ökonomie, die zudem durch die alltägliche Er-
Ökonomie mit zurück- fahrung und Beobachtung selbst des Spießers bestätigt wird.« 21
gebliebenen Produktivkräften, einer
weithin ungeschulten Büro-
kratie usw. einer gesamtwirtschaftlichen Dieser Konsequenz suchte man durch den Übergang zum Staats-
Planung entgegensetzte, vom bürgerlichen darin unter-
die in der »kriegskommunistischen« kapitalismus zu entgehen, der sich
Phase ansatzweise bereits
unternommen worden war scheide, daß selbst bei Verpachtung von Fabriken usw. an Pri-
«
ergab sich zugleich aus der Re-
j sie
signation gegenüber der Verbreitung vatkapitalisten, selbst bei radikaler Entfaltung des Eigeninter-
eines Bewußtseins, das von
den politischen Zielen der Oktoberrevolution esses »der Eigentümer der Unternehmung die ganze Zeit lang die
nicht nur weit ent-
iernt war sondern ihnen direkt Arbeiterklasse bleibt« (Bucharin). Die Überflutung der Gesamt-
, zuwiderlief.« Die ökonomische
wirtschaft durch die anarchische Warenproduktion war offenbar
16 Renate Schmucker, Historische
Anmerkungen zu nur dann zu verhindern, wenn man dieser eine zentral gelenkte,
Friedrich Pollock: Die
VerSH<he
^ d£T *"**"* 'W-W, vom proletarischen Staat kontrollierte Großindustrie entgegen-
STs"'vi** Frankfun
17 i e te P anWimd,aftliAen Vmudie der S ™J"-ion
fq 8 Tr
1918-21
i ;o.
'

folgten weniger einem vorgefaßten theoretischen


den Jahren k den Anbau und die Viehhaltung einschränkten« (Pollock, a.a.O., S. 59).
Konzept als Neben blutigen Bauernaufständen, neben heftigsten Reaktionen auf den
tUCl,e WiC
dotld t "
It"!
611
'
$iC ** 3US der -ßenpolitLen 1 tua Mangel an lebenswichtigen Gütern standen demnach auch einfache Boy-
diese Maßnahmen geeignet, die Illusion eines direkten kottmaßnahmen gegen die Forderung nach unbezahlter Mehrarbeit. Dies
Übergangs zum führte zu einem »katastrophalen Rückgang des Getreideanbaus«, der
Kommunismus zu erwecken, eine Illusion,
die Lenin, trotz wechselnd
Stellungnahmen, kaum Je völlig geteilt »schließlich für den Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik den Ausschlag
hat. Die NEP bedeutete eine

l^l^r^ ^™*
Ü
1 100
ber8 n8 red, ?< Lenin
end-
>Wir dÜrfe " n!dlt auf
*— -rfS. 19
gab«
Daß
(S. 117).
absolut das Proletariat in dieser Situation zur kleinen Warenproduk-
uTdTf?
PoKtik f
g K Cn dCr AuSsAüsse
A r* * Die Neue ökonomische
>

für Politisch-kulturelle Aufklä-


tion überging, bezeugt ein von Lenin zitiertes Beispiel: unter den Bedin-
funP t2j I? - gungen einer wegen Rohstoffmangels usw. weithin stillgelegten Großindu-
92 ' 3 A>ts^ählte
Band Jt
R?nH r
VI, Frankfurt IT
1971, S. n*)),
'V ' Werke in sechs Bänden,
' strie verlegten sich große Teile der Arbeiterschaft darauf, aus dem Mate-

18 »Es ist bekannt, daß die Bauern« rial dieser Fabriken Feuerzeuge usw. anzufertigen, um diese gegen Le-
für die - von Preobrazenskij um
i 9 z6
im »Gesetz der ursprünglichen bensmittel bei den Bauern einzutauschen.
sozialistischen Akkumulation« verschärft
20 Lenin, a.a.O., S. 374. Der Anteil der Landbevölkerung an der Gesamt-
ZT A 7
Land T
zu g.un
teg ' e LcninS die den nicht-äquivalenten
'

tc " ^er Industrialisierung als


Tausch zwischen
Übergangslösung
population betrug 1920 etwa 85°/°! (Zu einer genaueren Zahlenübersicht
vorth »wenig v
vorsah, f
Verständnis hatten und daß sie auf vgl. etwa Karl-Heinz Ruffmann, Sowjetrußland. Struktur und Entfaltung
die Beschlagnahmun- 2 i9Ö9, S.
gen von Getreide, Kartoffeln, Flcisd, einer Weltmacht, München 10$.
usw. damit antworteten! daß sie
21 Lenin, »Über die Naturalsteuer«, a.a.O., S. 249.

_ 19
nicht erst mit der ein Jahrzehnt später von Stalin durchgeführ-
setzte und ihrer Entwicklung grundsätzlich nur in dem Maße
ten radikalen Kollektivierungspolitik) notwendig ȟber den
Raum gab, wie sie der Industrialisierung, die weiterhin die ein-
deutige Priorität beanspruchte, förderlich war. Köpfen« der Bevölkerung vollziehen und einen neuen Ent-
Die Frage ist ob die mit der Einführung der NEP de-
allerdings, fremdungs- und Verdinglichungsprozeß einleiten.
finierte »Obergangsgesellschaft« den Fehler vermied (oder aber Die von Lenin angebahnte Zentralisierung war im übrigen weit
mehr als eine aus den Prinzipien der Planwirtschaft folgende
in anderer Form reproduzierte), den Lenin für die Niederlage
des kriegskommunistischen Systems verantwortlich gemacht ökonomische Notwendigkeit, war doch »die >Unreife< der rück-
ständigen Bedingungen«, die sie rechtfertigte, ebenfalls mehr als
hatte: daß sich nämlich die Wirtschaftspolitik »oben als losgelöst
von unten erwies«. 22 Mit anderen Worten: Mußte die Politik ein ökonomisches Problem. Vielmehr stand auch die ökonomische

dieser Übergangsgesellschaft nicht in einer neuen, verschärften Zentralisierung in unmittelbarem Zusammenhang mit der Le-
Trennung von Staat und ninschen Parteitheorie, derzufolge »das wahre Interesse und das
Gesellschaft resultieren, wenn sich
einerseits mit der Wiederzulassung der Marktbeziehungen die wahre Bewußtsein des Proletariats bei einer von der Mehrheit
Masse des Proletariats unterschiedenen Gruppe beherbergt wurden«. 24
aller Gesellschaftsmitglieder nun auch (im Gegensatz zu
den verbreiteten Schleichhandelspraktiken des Kriegskommunis- Die »Unreife« war mithin zugleich eine politische, die des prole-

mus) »offiziell« an den gewohnten, von feudalen Fesseln aller- tarischen Klassenbewußtseins selbst. Wenn aber, so lautet Mar-
dings endgültig befreiten privat wirtschaftlichen cuses Argumentation, Lenins Theorie der Avantgarde »auf eine
Grundsätzen
orientierte, während man auf der anderen Konzeption des Proletariats hin(deutete), die weit über eine
Seite einer Über-
nahme des Staats durch die neu auflebende Bourgeoisie nur bloße Neuformulierung des klassischen Marxschen Begriffs hin-
durch Zentralisierung der politischen und ökonomischen Macht, ausging«, so nehmen »sein Kampf gegen den >ökonomismus<

durch Institutionalisierung von Planungskommissionen, durch und die Lehre von der spontanen Massenaktion, sein Ausspruch,
forciertes Wachstum der staatlich kontrollierten Großindustrie daß das Klassenbewußtsein dem Proletariat >von außen< beige-
usw. begegnen konnte? Der proletarische Anspruch der Revolu- bracht werden müsse, ... die spätere tatsächliche Umwandlung

dann aufrechterhalten, wenn man in


tion ließ sich offenbar nur des Proletariats vom Subjekt zum Objekt des revolutionären

der Praxis die Marxsche Theorie über Bord warf, derzufolge Prozesses vorweg«. 25

sich die Trennung von Staat und Gesellschaft auch in der Phase Die Differenz, die zwischen der ursprünglichen Theorie des Mar-
des Übergangs ausschließen sollte, die den Staat - als »Diktatur xismus und der sich ausbildenden sowjetmarxistischen Ideologie
des Proletariats« - noch benötigte. 23
Die Zentralisierung des
Zügen tatsächlich als die von
besteht, läßt sich in wesentlichen

Staatsapparats mußte sich bereits unter diesen Bedingungen (und Rubin bekämpfte Abbiendung des soziologischen Gehalts be-
wie die Instrumentalisie-
schreiben. Diese Differenz ist ebenso
22 Lenin, »Die Neue ökonomische Politik . . .«, a.a.O., S. 373. rung der Kategorien und die Hinwendung zum »positivistischen
23 »Ungeachtet wie lange die erste Phase dauern würde und ungeachtet
wieviel Unterdrückung sie mit sich brächte, diese Unterdrückung hätten
Mechanismus der Reduktion von Bewußtsein auf gesellschaft-
sich die unmittelbaren Produzenten« selbst auferlegt, das sich als Staat liches Sein« 26 auf dem Hintergrund einer historischen Situation
konstituierende Proletariat. Welcher Zwang auch angewandt werden
. . .
zu erklären, in der die Diskrepanz zwischen den mit der prole-
müßte, er würde durch die Gezwungenen selbst angewandt. Es gäbe keine
staatlichen Zwangsorgane getrennt von den Arbeitern und über ihnen; tarischen Revolution gesetzten gesellschaftlichen Zielen und der
denn sie sind der sozialistische Staat« (Marcuse, a.a.O., S. 40 f.). Diese gesellschaftlichen Basis, von der aus diese Ziele zu verwirklichen
Vorstellung vom »Übergang« (ein Begriff, den Marx in der Kritik des
Gothaer Programms explizit einführte) war allerdings an die - objektiven
waren, weitgehend unaufgeklärt blieb. Ohne der Diskrepanz
wie subjektiven - Bedingungen geknüpft, unter denen die Revolution
selbst stattfinden sollte, Bedingungen, die Marx und Engels bereits in der
Produktivkraft, einen hohen Grad ihrer Entwicklung voraussetzt« (MEW
3, S. 34). Es bedarf kaum der Erläuterung, daß diese
Bedingungen zum
Deutschen Ideologie formuliert hatten: Daß die Entfremdung »eine un-
erträgliche« Macht werde, d. h. eine Macht, gegen die man revolutioniert,
Zeitpunkt der Oktoberrevolution nicht erfüllt waren.
dazu gehört, daß sie die Masse der Menschheit als durchaus >eigentums- 24 Marcuse, a.a.O., S. 49.
los< erzeugt hat und zugleich im Widerspruch zu einer vorhandnen Welt
25 A.a.O., S. 48 (Hervorh. v. mir).
26 Negt, a.a.O., S. ij.
des Reichtums und der Bildung, was beides eine große Steigerung der

21
20
vollRechnung zu tragen, die zwischen einer Revolution in einem
die Gesamtgesellschaß, einen neuen Entfremdungs- und Ver-
unterentwickelten, noch wesentlich agrarischen
Land und der dinglichungszusammenhang treten lassen. Denn »Verstaatli-
von Marx konzipierten Revolution bestehen muß,
die umge- chung, die Abschaffung des Privateigentums an den Produk-
kehrt ein hohes Niveau der Produktivität
und damit des verfüg- tionsmitteln, bedeutet an sich noch keinen wesentlichen Unter-
baren gesellschaftlichen Reichtums unterstellt,
begründete man schied, solange die Produktion über die Köpfe der Bevölkerung
»die politische Identität der Oktoberrevolution
im Begriff einer hinweg und kontrolliert wird. Ohne die Initiative
zentralisiert
im Marxschen Sinne proletarischen, d. h.
von primär agrarrevo- und Kontrolle >von unten< durch die »unmittelbaren Produzen-
lutionären Umwälzungen einigermaßen
klar unterschiedenen ten< ist Verstaatlichung bloß ein technisch-politisches Mittel, die
Revolution«." Der kritische Gehalt der Marxschen
Kategorien Arbeitsproduktivität zu erhöhen, die Entwicklung der Produk-
(die anzuwenden man gleichwohl
nicht zögerte) konnte um so tivkräfte zu beschleunigen und sie von oben zu kontrollieren
leichter abgestreift bzw. ins
Hinterland der (überwundenen) ka- (zentrale Planung) - mehr ein Wechsel in der Herrschaftsweise,
pitalistischen Ökonomie verbannt werden, als der »Grundwider- eine Modernisierung der Herrschaft, als eine Voraussetzung, sie
spruch: der Zwiespalt zwischen dem
mit der Oktoberrevolution abzuschaffen«. 30
gesetzten Emanzipationsanspruch und
der resignativen Realisie-
rung einer Konzeption des »Sozialismus
in einem Landes philo-
sophisch bewußt zu keiner Zeit reflektiert« 28
, sondern im Ge- III
daran festgehalten wurde, die Oktoberrevolution
genteil
habe
»eine »Übereinstimmung' zwischen den
Produktionsverhältnis- Selbst wenn der gesamtwirtschaftliche Plan, den man bereits un-
sen und dem »Charakter der Produktivkräfte«
hergestellt, die ter der NEP ansteuerte, die Voraussetzungen dafür schafft, daß
den Konflikt zwischen dem Individuum
und der Gesellschaft, - wie Preobrazenskij es formuliert - »die Formen der Be-
zwischen dem besonderen und dem allgemeinen
Interesse besei- dingtheit, die Formen der Kausalität« sich von den »Naturge-
tigt«.» Auf
der Basis dieser Selbstinterpretation der 31
sowjeti- setzen« der Warenproduktion wesentlich unterscheiden , blei-
schen Gesellschaft geriet nicht nur
die Fortexistenz des gesell- ben auch die neuen »Bewegungsgesetze«, der gesamtgesellschaft-
schaftlichen Zwangs aus dem Blick,
den - trotz Unterordnung liche Zusammenhang dem »unmittelbaren Produzenten« solange
der Marktökonomie unter die staatliche
Kontrolle - die Waren- entfremdet, wie »die Produktion über die Köpfe der Bevölke-
produktion auch noch im »Wzven-sozialistischen
Wirtschafts- rung hinweg zentralisiert und kontrolliert wird«. Auf diesem
system« ausübte; auch »neu produzierte
Gewaltverhältnisse« Hintergrund kann Rubins Ansatz bei den Phänomenen der Ver-
(Negt) konnten ihre Verschleierung,
wenn nicht ihre Legitima- dinglichung, beim Warenfetischismus verständlich werden. Zwar
tion von jenem »proletarischen Selbstverständnis«
herleiten, das lassen sich die Kategorien der politischenÖkonomie, die er in
die neue Gesellschaft in Anspruch nahm.
Lenins Diagnose der einzelnen Kapiteln expliziert, auf eine »Mixed Economy«, wie
»Unreife« sowohl der Produktionsbedingungen
wie des Klassen- die NEP sie im Nebeneinander von Markt und Plan darstellt,
bewußtseins traf zweifellos einen historischen
Sachverhalt; unter nicht unmodifiziert übertragen: Das Chaos, das die private Wa-
diesen Bedingungen (die seiner
politischen Theorie, der Theorie renproduktion charakterisiert und - Rubin zufolge - die we-
der Partei als der »Avantgarde« des
Proletariats zugrundelagen) sentliche Grundlage des Warenfetischismus bildet, war hier durch
mußte jedoch gerade die Realisierung
der Grunderfordernisse die Existenz von Kontrollorganen, durch die Verstaatlichung
einer proletarischen Revolution
(Zentralisierung, Verstaatli- einzelner Sektoren usw. zumindest partiell eingedämmt. Den-
chung, forcierte Industrialisierung)
an die Stelle des Ziels einer noch insistiert Rubin auf der Berechtigung der politischenÖko-
solchen Revolution: der Kontrolle der
Produktionsmittel durch nomie, obwohl diese sich, wie er einleitend betont, »auf eine um-

27 A.a.O., S. 14.
grenzte sozio-ökonomische Form (bezieht), nämlich auf die
28 Ebd.
30 Marcuse, a.a.O., S. 89 f.
29 Marcuse, a.a.O., S. 93.
31 Eugen A. Preobrazenskij, Die Neue Ökonomik, Berlin 1971, S. 66.

22
23
Wirtschaftsweise der kapitalistischen
kürzungen der Marxschen Erkenntnistheorie dadurch, daß
Warenproduktion.. Indem sie
er sie gegen eine gänzlich andere
Wissenschaft abgrenzt, gegen Marxismus den Bo-
die »Sozialtechnologie«, die, nach
einem technokratischen Mißverständnis des
einer Formulierung Preobra-
den bereiteten, das sich (als theoretische Grundlage
gleichsam)
zenskijs, den Platz der politischen
Ökonomie erst dann einneh- der oben skizzierten historischen Tendenz
einfügt, die ihrerseits
men kann, wenn »es keine Verdinglichung der
menschlichen Be- Zeit bewußt reflektierten« Wi-
auf den »philosophisch zu keiner
ziehungen mehr gibt«, wenn »zusammen mit der
Abschaffung derspruch zwischen den Zielen einer proletarischen
Revolution
der Ware auch der Warenfetischismus
verschwindet« « verweist Basis zurückweist: Die von Lenin
er auf die Relevanz, welche die
und ihrer gesellschaftlichen
Kategorien der politischen Öko- und subjektiven Bedin-
konstatierte »Unreife« der objektiven
nomie insbesondere in ihrer soziologischen Dimension für die gungen der Praxis als Verselbständigung der Partei
schlug sich in
Ubergangsgesellschaft stets noch besitzen.
Wenn er daher auf das (sowie des zur Planung erforderten bürokratischen Apparats)
Marxsche Werk in seiner ursprünglichen Fassung
rekurriert, um gegenüber den Produzenten nieder, theoretisch machte sie sich in
es gegen Verzerrungen zu verteidigen,
die - wie immer ihre Aus-
der Behauptung einer im Prinzip unilateralen Abhängigkeit
des
gangsposition lautet - eben diesen
soziologischen Gehalt elimi- Bewußtseins von einem vorgeordneten gesellschaftlichen Sein
nieren, so impliziert sein
theoretischer Ansatz zugleich die Kritik Anerkennung der Natur-
geltend, in letzter Instanz also in der
an den historisch
,

wirksamen Verkürzungen der Marxschen Theo-


gesetzlichkeit auch der postrevolutionären Entwicklung.
rie in der Ideologie des Sowjetmarxismus.
Diese besondere Gestalt der dem Postulat der »Parteilichkeit«
Ursprung dieser
Verkürzungen waren, folgt man der Interpreta-
des Denkens explizit unterworfenen Philosophie führt Korsch
tion Karl Korschs, die philosophischen
Ausführungen Lenins die auf Lenins eigene Stellungnahme zu den miteinander konkurrie-
den Bruch mit der Dialektik ankündigten.
Phase der Sowjetunion (in der allerdings,
Bereits in der frühen
renden idealistischen und vulgärmaterialistischen Verzerrungen
der Marxschen Theorie zurück. Danach mache es die »Verände-
so Korsch, kurzfristig
auch die »materiellen Wurzeln«
gegeben waren, die eine solche
Tendenz erklären) entfernte sich demnach rung der gesamten geistesgeschichtlichen Lage« erforderlich, »im
die sowjetmarxistische dialektischen Materialismus nicht mehr die Dialektik gegenüber
Ideologie von der Marxschen Theorie:
im Rückgriff auf einen dem vulgären, vordialektischen und heute zum Teil auch schon
eher naturwissenschaftlich gefärbten
Materialismus, in der trotz und antidialektisch eingestellten Materia-
aller »dialektischen« Vorbehalte
bewußt undialektisch
nicht mehr aufzuhaltenden lismus der bürgerlichen Wissenschaft, sondern vielmehr den Ma-
Aussöhnung mit dem positiven Geist. »Natürlich ist nun ein sol- terialismus gegenüber den vordringenden idealistischen Tenden-
cher Materialismus, der von der metaphysischen Vorstellung
zen der bürgerlichen Philosophie hervorzukehren«. Auch wenn
34
eines absolut gegebenen Seins
ausgeht, trotz aller formellen Be-
die extrem »reduktionistischen« Tendenzen der Leninschen Phi-
teuerungen in Wirklichkeit auch nicht
mehr eine allseitig dialek-
losophie keinen ausreichenden Anlaß bieten, seine Position mit
oder gar materialistisch-dialektische
tische
Auffassung. Indem einer strikt vulgärmaterialistischen zu identifizieren, so wurde
Lenin und die Seinen die Dialektik
einseitig in das Objekt, die Parteinahme sowie durch den in der
dieser durch eine derartige
Natur und die Geschichte verlegen, und die Erkenntnis als eine Kampf gegen einen »menschewisieren-
Folgezeit intensivierten
bloße passive Widerspiegelung
und Abbildung dieses objektiven Marx-
Seins in dem subjektiven Bewußtsein
den Idealismus« gleichwohl eine Brücke zur offiziellen
bezeichnen, zerstören sie Interpretation gebaut.
tatsächlich jedes dialektische
Verhältnis zwischen dem Sein und Angesichts dieser Interdependenz der politischen und erkenntnis-
dem Bewußtsein, und in einer notwendigen
Konsequenz hiervon theoretischen Dimensionen tritt die praktische Bedeutung zutage,
dann auch das dialektische Verhältnis zwischen
der Theorie und die in jener Zeit der Kampf um die »offizielle« Marx-Interpre-
der Praxi *.« « Historische Wirksamkeit erhielten
solche Ver- tation besaß. Nur vor diesem Hintergrund läßt sich der Stellen-
wert der Rubinschen Studien einschätzen, seine fast hilflos, schü-
32 Preobrazenskij, a.a.O., S. 70.
33 Karl Korsdi, Marxismus und Philosophie, Frankfurt
a. M./Wien *r 9 €6,
34 A.a.O., S. 59.

24
2S
lerhaft anmutende Abgrenzung gegenüber dem Vulgärökonomen
»mechanisch-na- würde bedeuten, daß die Analyse der der
tura istischen Standpunkt«
und seinen Trivialitäten. Der Ein- denen Marx die >Brutalität< ihrer Methode zur Last
gliche,
druck, der sich bei einer historisch
unreflektierten Lektüre der
legte.«
Rubinschen Studien fast zwangsläufig Unter-
ergibt: daß hier mit Ka- Denselben Zwecken dient schließlich auch Rubins analoge
nonen, d. h. mit Zitaten aus dem
scheidung zwischen den »quantitativen« und den
Marxschen Kapital, auf Spat- »qualitativen«
zen geschossen wird, mag der
theoretischen Relevanz der be- Aspekten der ökonomischen Kategorien (eine Unterscheidung,
kämpften Absurditäten angemessen
sein, der praktischen hinge-
die sich unmittelbar gegen die
medianizistische Behauptung der
gen ist er inadäquat. Obwohl
Rubin sich an keiner Stelle auf die generellen Rückführbarkeit von Qualität auf Quantität
richten
Industnalisierungsdebatte seiner Zeit, ja von
überhaupt auf keinerlei dürfte) sowie seine Insistenz auf den Marxschen Begriffen
wirtschaftspolitische Auseinandersetzungen
bezieht, ist sein Werk »Form« und »Funktion«. Der Wert ist nicht nur unter dem
bis in die einzelnen von ihm eingeführten -
Begriffe bestimmt Aspekt seiner - an technische Veränderungen gebundenen
durch
den Kampf gegen eine nicht nur
theoretisch sondern auch »Größe« zu betrachten, sondern als »Ausdruck der gesellschaft-
praktisch sich durchsetzende
Tendenz zur kategorialen Einen- lichen Vro&uküonsverhältnisse zwischen
Menschen« zu begrei-
gung der Diskussion auf instrumenteile
Fragestellungen. fen, als »Formbestimmtheit«, die das Arbeitsprodukt lediglich
Dies gilt insbesondere für seine -
bis zur Redundanz wieder- erhält: der
in bestimmten, historischen Gesellschaftsformationen
holte - Unterscheidung zwischen
den »technisch-materiellen, Arbeitsprozeß »erscheint« hier, »stellt sich dar« als Wertbil-
und den »gesellschaftlichen«Dimensionen der ökonomischen Er- dungsprozeß. Dieser »Oberfläche der Erscheinungen« und damit
scheinungen. »Der letzte Zweck von Wissenschaft besteht darin dem Verdinglichungszusammenhang der warenproduzierenden
die kapitalistische Wirtschaft
Ganzes zu begreifen, als ein
als ein
Gesellschaft bleiben die Vulgärökonomen verhaftet, indem sie
spezifisches System von Produktivkräften und
die Differenz zwischen den technisch-materiellen und
Produktionsver- den gesell-
Doch muß die Wissenschaft, um sich
haltnissen.
überhaupt die
diesem letzten schaftlichen Seiten eines Phänomens wie schließlich
Zweck zu nähern, auf dem Wege der verleugnen, der
Abstraktion zunächst zwei Diskrepanz zwischen Wesen und Erscheinung
verschiedene Aspekte der
kapitalistischen Wirtschaft voneinan- einen soziologischen Inhalt gab.
Marx
der trennen: den technischen
vom sozio-ökonomischen, den tech- Marxens ökonomisdie Analyse ist aber nicht nur, wie Rubin im-
nisch-materiellen Produktionsprozeß von seinen gesellschaftli-
mer wieder betont, zugleich die der Produktionsverhältnisse
chen Formen, die materiellen
Produktivkräfte von den gesell- zwischen Menschen, die sich hinter den Dingen und ihrem Aus-
schaftlichen Produktionsverhältnissen.«
Die politische Ökonomie tausch verbergen, sie ist zugleich Klassenanalyse, die Partei er-
kann jenen ersten Aspekt, die jeweilige
Gestalt der Produktiv- bestimmte historische Praxis. 85 Diese revolutio-
greift für eine
kräfte, voraussetzen, um sich
zentral mit dem zweiten zu be- näre Dimension der Marxschen Theorie wird von Rubin auch da
schäftigen, den Produktionsverhältnissen,
die sich - als »ver- nicht beim Namen genannt, wo sich ihr Verschwinden - in der
dmghchte« - in den einzelnen
ökonomischen Kategorien nieder- von ihm noch registrierten historischen Erblindung gegenüber
schlagen, ja sie erhält ihren
Gegenstand erst aus eben dieser Ver- dem soziologischen Gehalt der politischen Ökonomie - vor sei-
dinghchung menschlicher Beziehungen.
Insofern diese aus einer nen eigenen Augen vollzieht. Die Kritik, die er daran knüpft
bestimmten ökonomischen Struktur,
aus der privaten Warenpro- und von der aus sein Werk seinen Stellenwert erhält, bleibt in-
duktion resultiert, ist sie eine soziologische
und historische Wis-
senschaft An eben dieser
spezifischen Bestimmung gehen die
3j »Marx* Theorie der Gesellschaft, die Kritik der politischen Ökonomie, ent-
»Vulgarokonomen« - und hiermit meint Rubin Kapitalismus.
stets die Reprä- hält als solche bereits eine allgemeine Klassentheorie des
sentanten des vulgären Materialismus
und Mechanizismus - vor- Das gesamte Werk von Marx und Engels, nicht nur jede einzelne histo-
bei, indem sie die rischkonkrete Klassenanalyse, ist durch das Problem von Klassenantago-
»Voraussetzungen« der politischen Ökonomie
nismus und Klassenkampf bestimmt und zielt, gleich dem historischen
die technisdie Entwicklung, zu ihrem Umwälzung der kapitalistischen Klas-
Gegenstand machen. »Diese Interesse des Proletariats, auf die
technische Voraussetzung zum sengesellschaft« (Michael Mauke, Die Klassentheorie von Marx und En-
zentralen Thema zu machen,
gels, Frankfurt 1970, S. 8).

26
V
folgedessen letztlich eine akademische, die an
praktischer Rele-
vanz die von seinen Gegnern verübten Entstellungen daß der Kapitalismus sich von der einfachen Warenproduktion
der Man-
schen Theorie unterbieten dürfte. im Grunde lediglich durch die erhöhte Komplexität des Systems
Zwar unterscheidet, die »Steuerungsmechanismen«, die »Regulatoren«
ist die Arbeitswertlehre, der Gegenstand seiner Studien,
der Arbeitsverteilung, denen nicht zuletzt Rubin
selbst erheb-
prinzipiell auch ohne die Analyse des Kapitalverhältnisses dar-
liche Aufmerksamkeit widmet, komplizierter sind, wie denn
zustellen. Doch läßt sich die Frage aufwerfen, ob hier die Form
der Darstellung nicht am Sinn der Wertlehre auch das »Schema (!) der einfachen Warenproduktion« nur um
vorbeigeht, ob, mit
anderen Worten, der Gehalt der Marxschen Theorie, einige »Zwischenglieder« (Produktionspreis und Kapitalvertei-
den Rubin muß, man zur Analyse des Konkre-
in der von seinen Gegnern vollzogenen lung) erweitert werden will
Interpretation vermißt, Warum schließ-
von ihm selbst in seiner Tragweite überhaupt erkannt ten, der kapitalistischen Wirtschaft vorstoßen.
wurde. Zu
Recht bemerkt Rubin, daß »erst Marx ... lich überhaupt der Markt, dessen Regulationsfunktionen von
eine soziologische Marxsche
Rubin so detailliert beschrieben werden (während die
Denkweise in die politische Ökonomie ein(führte)«; das Warum Krisentheorie kaum Erwähnung findet), durch den Plan ersetzt
dieser Neuerung, der Begriff des »Soziologischen«
selbst ist für man begründet diese Prä-
werden soll, bleibt unklar, es sei denn,
Rubin allerdings letzten Endes allein dadurch
bestimmt, daß ausschließlich wie Rubin mit dem
»sämtliche Grundbegriffe der politischen ferenz ebenso emphatisch und
Ökonomie (Wert, Geld,
Kapital, Profit, Rente, Lohn usw.) dinglichen Interesse an der Beseitigung verdinglichter Verhältnisse zwischen
Charakter« tragen'
und die politische Menschen (denn sämtliche Äußerungen Rubins zu den Vorteilen
Ökonomie die Aufgabe hat zu zeigen, »daß
einer sozialistischen Wirtschaft lassen sich darauf reduzieren,
sich hinter jedem einzelnen von ihnen ein bestimmtes
gesell-
schaftliches Produktionsverhältnis verbirgt«. daß hier »die Rolle eines jeden Mitglieds der Gesellschaft im
Produktionsprozeß, d. h. seine Beziehung zu anderen Mitglie-
Der Ansatz beim Warenfetischismus, bei der »Verdinglichung«
(oder auch der »Entfremdung«) als der eigentlich dern, . . . bewußt definiert« wird).
»soziologi- moralisch-humanitären Posi-
Eher in der Nachbarschaft einer
schen« Dimension der Marxschen Theorie -
ein Ansatz, der
heute vor allem von Repräsentanten des tion als in unmittelbarer Nähe einer politisch-revolutionären
jugoslawischen Sozia-
lismus wie Petrovic" vertreten wird - kann Einstellung liegt Rubins »kritischer« Standpunkt, der sich vor
sich, da diese Phä-
nomene Tat in den allgemeinen Strukturen der Waren-
in der
Abschluß der NEP noch öffentlich artikulieren konnte, im Rah-
men von Diskussionen, an denen neben Universitätsprofessoren
produktion angelegt sind, eine Analyse der spezifisch
kapitali-
stischen Formen der Warenproduktion auch Mitglieder der wirtschaftspolitischen Ausschüsse teilnah-
und damit schließlich die
Klassentheorie selbst ersparen. Das Verhältnis von
men. Warum »Stalin and the Communist Party deeided to make
Kapital und scholars scapegoats for his >dizzy with
Arbeit wird, sofern Rubin überhaupt these mild and innoeuous
davon spricht, zumeist mehr vor dem
success< policy« 36 läßt sich auch in Rubins Fall
auch nur unter dem Gesichtspunkt der Werttheorie ,

(daß zwi-
schen Warenbesitzern, infolgedessen auch Hintergrund seiner politischen Biographie begreifen denn als
zwischen Kapitalist
Antwort auf seine theoretischen Schriften, deren akademisches
und Lohnarbeiter, Äquivalententausch stattfinde usw.) behan- Erscheinungsbild seine politische Position kaum transparent
delt, kaum jedoch unter dem der Mehrwerttheorie - der Begriff
macht, obgleich selbstverständlich auch sein wissenschaftliches
»Ausbeutung« fehlt in Rubins Studien. Nur die beiden letzten
Kapitel beziehen Werk auf den Index gesetzt wurde. Isaak I. Rubin, seit früher
sich - in den von Rubin explizierten
Begrif-
fen des »Produktionspreises« Jugend Mitglied der menschewistischen Partei, war kurz nach der
und der »produktiven Arbeit« -
Veröffentlichung seiner Studien einem Intellektuellenzirkel bei-
auf die kapitalistische Gesellschaft. Während der Begriff
der getreten, in dem sich Ökonomen wie Groman, Suchanov, Baza-
produktiven Arbeit im wesentlichen philologisch,
anhand von
Marx-Zitaten erörtert wird, ohne daß der hier
unmittelbar
naheliegende Übergang zur Klassentheorie 36 »Purged Planners«, Rezension von Naum Jasny, Soviet Economists of
vollzogen würde, the Twenties, Cambridge (GB) 1972, in: Times Literary Supplement,
hinterläßt das Kapitel über den Produktionspreis 16. 7. 1972. (Die folgenden Informationen über die Person Rubins stützen
den Eindruck,'
sich vorwiegend auf Jasnys Buch.)
28
29
rov, Ginzburg etc., neben Universitätsprofessoren also auch Mit-
glieder der von Menschewisten allemal stark durchsetzten
Der Wert als Regulator der Produktion
staat-
lichenPlanungskommission (Gosplan), um eine Neuorganisie-
rung des Menschewismus bemühten. Mit der
Formulierung eines
Programms beauftragte die um 1926 gegründete Gruppe,
die
später auch Verbindungen zu den Neo-Narodniki,
insbesondere
zu deren Hauptrepräsentanten Kondratieff,
aufnahm, den zu
dieser Zeit außerordentlich bedeutenden
Marx-Kenner Rubin,
der als Professor für marxistische
Ökonomie an der Universität
Moskau lehrte." Wie alle anderen Mitglieder und
Sympathisan-
ten wurde er 1930 festgenommen. Im Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes des Kapital teilte
Menschewisten-Prozeß,
der ein Jahr später mit der Anklage Kugelmann Marx die Meinung vieler Leser mit, er habe den
wegen wirtschaftlicher Sa-
botage und Verschwörung mit menschewistischen
Emigranten Wertbegriff nicht begründet. Im oben zitierten Brief vom 11.
Juli antwortet Marx recht verärgert auf diesen Einwand: »Daß
eröffnet wurde, verurteilte man ihn zu fünf Jahren Gefängnis.
Damals war Rubin 45 Jahre alt; es ist nicht
bekannt, ob er spä- jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein
ter aus der Haft entlassen oder aber wie andere Angeklagte Wochen die Arbeit einstellte, weiß
de- Jahr, sondern für ein paar
portiert oder erschossen worden ist. jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiednen Bedürf-
nismassen entsprechenden Massen von Produkten verschiedne
Erlangen/Frankfurt, Januar 1973 und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamt-
Annette Neusüss-Fögen arbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der
gesellschaftlichen Arbeit inbestimmten Proportionen durchaus
nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion
aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann,
ist self-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgeho-
ben werden. Was sich in historisch verschiednen Zuständen än-
dern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen.

Und Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der


die
Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zu-
sammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch
der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der
Tauschwert dieser Produkte.« 1
An dieser Stelle erwähnte Marx eine der entscheidenden Grund-
lagen seiner Werttheorie. In der Warenproduktion trägt oder
reguliert niemand bewußt die Entsprechung zwischen der Ver-
teilung gesellschaftlicher Arbeit auf die verschiedenen Industrie-
zweige und dem gegebenen Stand der Produktivkräfte. Da die
einzelnen Warenproduzenten in der Produktionsleitung autonom
sind, ist die exakte Wiederholung und Reproduktion eines schon

eingespielten gesellschaftlichen Produktionsprozesses völlig aus-


37 Von der Bedeutung die Rubin während dieser Periode zukam, zeugen
u. a. die Auflageziffern (37000 Exemplare) seiner Studien (O&rki
po
teorn stoimosti Marksa) ; sie zählten zur Pflichtlektüre der Studenten. 1 »Marx an Ludwig Kugclmann«, am 11. Juli 1868, MEW Bd. 32, S. $52 f.

30 31
geschlossen. Unmöglich ist weiterhin die proportionale Ausdeh- kein Mangel dieser Form, sondern macht sie umgekehrt zur adä-
nung des Prozesses. Da die Handlungen der einzelnen Waren- quaten Form einer Produktionsweise, worin sich die Regel nur
produzenten weder konstant noch untereinander verknüpft sind, alsblindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durch-
lassen sich tägliche Abweichungen in Richtung einer übermäßigen setzen kann« {Das Kapital, I, [MEW 23], S. 117, im folgenden
Ausdehnung oder Einengung nicht vermeiden. Bei einer Tendenz zitiert als K., . . .).

zu ununterbrochener Fortentwicklung einer jeden Abweichung Eine bestimmte Höhe der durch das Wertgesetz regulierten Markt-
wäre eine Fortsetzung der Produktion undenkbar; die auf Ar- preise setzt eine bestimmte Verteilung der gesellschaftlichen Ar-
beitsteilung basierende Gesamtwirtschaft bräche zusammen. In beit auf die einzelnen Produktionszweige voraus und modifiziert
Wirklichkeit ruft jedoch eine jede Abweichung der Produktion - diese Verteilung in einer bestimmten Richtung. An einer Stelle
sei es nach oben oder nach unten - Kräfte hervor, die ihr in der spricht Marx vom »Barometerwechsel der Marktpreise« (K., I,
eingeschlagenen Richtung ein Ende setzen und Bewegungen in S. 3 77). Dies bedarf der Ergänzung. Die Fluktuationen der Markt-
umgekehrter Richtung veranlassen. Eine übermäßige Expansion preise stellen in der Tat ein Barometer dar, einen Indikator des
der Produktion führt zu einer Preissenkung auf dem Markt. Dar- Prozesses der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit, der auf der
aufhin wird die Produktion auf ein sogar unter dem erforder- Grundfläche der Gesamtwirtschaft abläuft. Es handelt sich jedoch
lichenStand liegendes Niveau eingeschränkt. Die fortgesetzte um ein sehr ungewöhnliches Barometer: um ein Barometer, das
Produktionseinschränkung beendet den Preisfall. Das Wirtschafts- das Wetter nicht nur anzeigt, sondern korrigiert. Wenn eine
leben einem ständig bewegten Ozean vergleichbar. Zu keinem
ist Wetterlage an die Stelle der anderen tritt, so bedarf es dazu kei-
Augenblick ist es möglich, den Gleichgewichtszustand in der Ver- ner Barometerangabe. Aber eine Phase der Verteilung gesell-
teilung der Arbeit auf die verschiedenen Produktionszweige zu schaftlicher Arbeit tritt an die Stelle einer anderen nur auf Grund
beobachten. Ohne eine solche theoretische Annahme eines Gleich- und unter dem Druck der Fluktuationen der Marktpreise. Wenn
gewichtszustands sind jedoch Art und Richtung der unausgesetz- die Bewegung der Marktpreise zwei Phasen der gesamtwirt-
ten Bewegung nicht zu erklären. schaftlichen Arbeitsverteilung miteinander verknüpft, so ist es
Der Gleichgewichtszustand zwischen zwei Produktionszweigen richtig, eine enge innere Beziehung zwischen der Arbeit der Wirt-
entspricht dem Austausch der Produkte auf der Grundlage ihrer schaftssubjekte und dem Wert zu unterstellen. Die Erklärung für
Werte. Anders formuliert: dieser Gleichgewichtszustand ent- diese Beziehungen werden wir im gesellschaftlichen Produktions-
spricht der Durchschnittshöhe der Preise. Diese Durchschnitts- prozeß - in der menschlichen Arbeit also - aufsuchen und nicht
höhe ist Annahme. Die Durchschnittspreise ent-
eine theoretische in Phänomenen, die jenseits der Produktionssphäre liegen oder
sprechen nicht der tatsächlichen Bewegung konkreter Marktpreise, nicht durch dauerhafte funktionale Beziehungen mit ihr zusam-
sondern erklären sie. Diese abstrakt-theoretische Formel für die menhängen. So werden wir die Erklärung z. B. nicht von den
Preisbewegung ist in Wirklichkeit das »Wertgesetz«. Von hier subjektiven Bewertungen von Individuen erhoffen oder von den
aus wird einsichtig, daß jeder Einwand gegen die Werttheorie, mathematischen Wechselbeziehungen der Preise und Gütermen-
der sich darauf stützt, daß die konkreten Marktpreise mit den gen, wenn diese Bezüge als gegeben vorausgesetzt und vom Pro-
theoretischen »Werten« nicht zusammenfallen, ein einziges Miß- duktionsprozeß isoliert betrachtet werden. Die mit dem Wert
verständnis darstellt. Eine volle Übereinstimmung zwischen zusammenhängenden Phänomene sind nur in ihrem engen Be-
Marktpreis und Wert würde die Beseitigung des einzigen Regu- zug zur Arbeit der Gesamtgesellschaft zu begreifen. Die Erklä-
lators bedeuten, der die verschiedenen Produktionszweige
der rung für den Wert muß in der gesellschaftlichen Arbeit gesucht
Gesamtwirtschaft daran hindert, sich in entgegengesetzte Rich- werden. Dies ist unsere primäre und allgemeine Folgerung.

tungen zu bewegen. Dies würde zu einem Zusammenbruch der Die Funktion des Werts als Regulator der Verteilung gesell-
Wirtschaft führen. »Die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz schaftlicher Arbeit wurde von Marx nicht nur in seinem Brief an
zwischen Preis und Wertgröße, oder der Abweichung des Preises Kugelmann, sondern auch in verschiedenen Abschnitten des Ka-
von der Wertgröße, liegt also in der Preisform selbst. Es ist dies Die reifste Formulierung dieser Gedanken findet
pital dargelegt.

32 33
der Gesamtwirtschaft zusammen. Deren
sichwohl im 4. Unterabschnitt des 12. Kapitels (»Teilung der beitsteilung zur Einheit
eng miteinander zusammen und beein-
Arbeit und Manufaktur«) im ersten Band das Kapital: »Statt einzelne Teile hängen
daß in der Manufaktur das eherne Gesetz der Verhältniszahl sich gegenseitig.
Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft
flussen
und der autonomen wirtschaftli-
oder Proportionalität bestimmte Arbeitermassen unter bestimmte ferund des Privateigentums
individueller Warenproduzenten in eine Reihe
Funktionen subsumiert, treiben Zufall und Willkür ihr buntes chen Tätigkeit
Wirtschaftseinheiten zersplittert. Diese
Spiel in der Verteilung derWarenproduzenten und ihrer Pro- einzelner, unabhängiger
duktionsmittel unter die verschiednen gesellschaftlichen Arbeits- Warengesellschaft »wird Gesellschaft durch
in sich zersplitterte
Zwar suchen sich die verschiednen Produktionssphären der der einzige gesellschaftliche Prozeß ist,
zweige. den Tauschprozeß,
beständig ins Gleichgewicht zu setzen, indem einerseits jeder Wa- Gesellschaft ökonomisch kennt«. 2 Der Warenprodu-
den diese
Er handelt nach Maßgabe seines eige-
renproduzent einen Gebrauchswert produzieren, also ein beson- zent ist formal autonom.
Urteils, das durch sein Eigeninteresse - wie
er
dres gesellschaftliches Bedürfnis befriedigen muß, der Umfang nen, einseitigen
- geleitet wird. Durch den Tauschprozeß bezieht er
dieser Bedürfnisse aber quantitativ verschieden ist und ein innres es versteht
seinen Geschäftspartner (Käufer oder Verkäufer)
Band die verschiednen Bedürfnismassen zu einem naturwüchsi- sich jedoch auf
gen System verkettet; indem andrerseits das Wertgesetz der Wa- indirekt auf den gesamten Markt, d.h. auf die
und durch ihn
Verkäufer, und zwar unter Kon-
ren bestimmt, wieviel die Gesellschaft von ihrer ganzen dispo- Gesamtheit der Käufer und
Marktpreise tendenziell auf das-
niblen Arbeitszeit auf die Produktion jeder besondren Warenart kurrenzbedingungen, die die
reduzieren. Die Produktionsbeziehungen zwischen
verausgaben kann. Aber diese beständige Tendenz der verschied- selbe Niveau
derselben Branche werden durch
nen Produktionssphären, sich ins Gleichgewicht zu setzen, betä- einzelnen Warenproduzenten
durch den Wert des Arbeitsprodukts. Der-
tigt sich nur als Reaktion gegen die beständige Aufhebung die- den Tausch erzeugt,
stellen sich auch zwischen den verschiedenen
ses Gleichgewichts. Die bei der Teilung der Arbeit im Innern artige Beziehungen
Orten eines Landes und
der Werkstatt a priori und planmäßig befolgte Regel wirkt bei Produktionszweigen, den verschiedenen
der Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft nur a poste- Ländern her. Diese Beziehungen implizieren
den verschiedenen
stumme, im Barometerwechsel der Marktpreise
riori als innre, nicht nur, daß
Warenproduzenten untereinander austauschen,
zwischen ihnen gesellschaftliche Verhält-
wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten sondern auch, daß sich
überwältigende Naturnotwendigkeit« (K., I, S. 376 f.). Da sie im Tausch durch Arbeitsprodukte mitein-
nisse bilden.
Denselben Gedanken formuliert Marx im beziehen sie sich auch in ihren Produk-
dritten Band: Die ander verbunden sind,
aufeinander; denn der direkte
»Verteilung dieser gesellschaftlichen Arbeit und die wechselsei- tionsprozessen, in ihrer Arbeit
Marktbedingungen in
tige Ergänzung, der Stoffwechsel ihrer Produkte, die Unterord- Produktionsprozeß muß die erwarteten
den Tausch und den Waren-
nung unter und Einschiebung in das gesellschaftliche Triebwerk Rechnung stellen. Vermittelt durch
Warenproduzenten auf die der
(ist) dem zufälligen, sich wechselseitig aufhebenden Treiben der wert wirkt die Arbeit einiger
bestimmte Modifikationen. Diese
einzelnen kapitalistischen Produzenten überlassen . . . Nur als anderen ein und veranlaßt
selbst ein. Die einzelnen Teile
inneres Gesetz, den einzelnen Agenten gegenüber als blindes wirken umgekehrt auf die Arbeit
passen sich gegenseitig an. Doch ist diese
Naturgesetz, wirkt hier das Gesetz des Werts und setzt das ge- der Gesamtwirtschaft
ein Teil auf den anderen über
sellschaftliche Gleichgewicht der Produktion inmitten ihrer zu- Anpassung nur möglich, wenn
fälligen Fluktuationen durch« (K., III, S. 887). Bewegungder Preise auf dem Markt Einfluß nimmt, über
die
durch das »Wertgesetz« bestimmt ist. Mit
Ohne eine proportionale Verteilung der Arbeit auf die verschie- eine Bewegung, die
einzig durch den »Wert« der Waren führt die
denen Wirtschaftszweige ist also die Warenproduktion nicht anderen Worten:
Produzenten zu der Produk-
möglich. Diese proportionale Verteilung der Arbeit läßt sich je- Arbeit einzelner, unabhängiger
die man als Gesamtwirtschaft
bezeichnet, zu
doch nur realisieren, wenn die tiefen inneren Widersprüche an tionsgemeinschaft,
der Basis der Warengesellschaft selbst überwunden werden. Auf
der einen Seite schließt sich die Warengesellschaft durch die Ar- 2 Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital, S. 27.

35
34
der wechselseitigen Verbindung und Beeinflussung
der Arbeit
sen Formen versteckten Inhalt entdeckt. Sie hat niemals auch
der einzelnen Gesellschaftsmitglieder. Der Wert
ist der Trans-
nur die Frage gestellt, warum dieser Inhalt jene Form annimmt,
missionsriemen, der die Veränderung im Arbeitsprozeß
von ei- warum sich also die Arbeit im Wert und das Maß der Arbeit
nem Teil der Gesellschaft zum
anderen weiterleitet und aus die-
durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsprodukts dar-
ser Gesellschaft ein funktionierendes Ganzes
macht. stellt?« (K., I, S. 94 f.; Hervorh. v. I. R.).
Indem er von der
Damit stehen wir vor folgendem Dilemma: in einer warenpro-
menschlichen Arbeit ausging, zeigte Marx, daß in einer waren-
duzierenden Gesellschaft, in der die Arbeit der Individuen
nicht produzierenden Gesellschaft diese Arbeit zwangsläufig zu der
reguliert und nicht einer direkten wechselseitigen Angleichung
Wertform der Arbeitsprodukte führt.
unterworfen wird, ist der Zusammenhang zwischen der Pro- Kritiker der Marxschen Werttheorie wenden sich insbesondere
duktionstätigkeit individueller Warenproduzenten entweder gegen die »privilegierte« Position, die der Arbeit innerhalb die-
durch den Tauschprozeß zu realisieren oder
überhaupt nicht. ser Theorie zuwächst. Sie zitieren eine lange Liste von Faktoren
Am Bestehen von Wechselbeziehungen zwischen
den einzelnen und Bedingungen, die mit der Veränderung der Warenpreise
Teilen der Gesamtwirtschaft ist jedoch nicht zu zweifeln. Das
auf dem Markt variieren. Sie stellen die Grundlage in Frage,
bedeutet, daßErklärung dafür in der Bewegung der Waren-
die
von der aus die Arbeit aus dieser Liste herausgehoben und in
werte zu suchen ist. Hinter dieser Bewegung der Werte
müssen eine eigene Kategorie verwiesen wird. Darauf müssen wir ent-
wir die Wechselbeziehungen zwischen der Arbeit
von Indivi- gegnen, daß die Werttheorie sich nicht mit der Arbeit als einem
duen aufdecken. Damit bestätigen wir den Zusammenhang
zwi- technischen Produktionsfaktor beschäftigt, sondern mit der Ar-
schen den mit dem Wert verbundenen
Phänomenen und der beitstätigkeit der Menschen als der Grundlage des gesellschaft-
menschlichen Arbeit.Wir erhärten den allgemeinen Zusammen-
lichen Lebens und mit den gesellschaftlichen Formen, in denen
hang zwischen »Wert« und »Arbeit«. Hiermit ist unser Produk-
Aus- diese Arbeit ausgeführt wird. Ohne die Analyse der
gangspunkt nicht der Wert sondern die Arbeit. Es wäre
verfehlt tions-und Arbeitsverhältnisse der Gesellschaft gibt es keine po-
zu unterstellen, Marx habe bei den mit dem Wert
zusammen- Ökonomie. Diese Analyse beweist, daß sich innerhalb
litische
hängenden Phänomenen in ihrem gegenständlichen Ausdruck
der Warenproduktion die Produktions- und Arbeitsbeziehungen
angesetzt und sei bei ihrer Analyse zu dem Schluß gelangt, daß zwischen Warenproduzenten nur in gegenständlicher Form aus-
die gemeinsame Eigenschaft der ausgetauschten und bewerteten
drücken können, in der Wertform der Arbeitsprodukte.
Gegenstände nur in der Arbeit liegen könne. Der
Marxsche Man mag einwenden, daß unsere Darstellung der Kausalbezie-
Gedankengang verläuft genau umgekehrt. In der Warenproduk-
hung zwischen Wert und Arbeit (einer Kausalbeziehung, die sich
tion kann die Arbeit individueller
Warenproduzenten - die un- mit Notwendigkeit aus der Struktur der Warenproduktion selbst
mittelbar die Form
der Privatarbeh hat - nur durch den »Wert
ergibt) zu allgemein sei und von den Kritikern der Marxschen
der Arbeitsprodukte den Charakter gesellschaftlicher
Arbeit an- Werttheorie zweifellos in Frage gestellt werde. Weiter unten
nehmen, d. h. dem Prozeß gegenseitiger Verbindung und Koor- werden wir sehen, daß unsere Formulierung der Arbeitswert-
dination unterworfen werden. Die Arbeit kann
sich als gesell- theorie, die im Augenblick höchst allgemein bleibt, sich später
schaftliches Phänomen nur im »Wert« ausdrücken. Das Spezi- konkretisieren wird. Doch werden durch diese allgemeine For-
der Marxschen Werttheorie liegt darin, daß
fische
sie nicht auf mulierung des Wertproblems eine ganze Gruppe von Theorien
den Eigenschaften des Werts basiert, d. h. auf den
Vorgängen von vornherein ausgeschlossen und eine lange Reihe von Ansät-
der Gleichsetzung und Bewertung von Dingen, sondern
auf den zen zum Scheitern verurteilt. Konkret bedeutet dies, daß Theo-
Eigenschaften der Arbeit in der Warenproduktion, d.
h. auf der rien, die die Determinanten des Werts und seiner Veränderun-
Analyse der Arbeitsstruktur und der Produktionsverhältnisse.
gen in Erscheinungen suchen, die nicht unmittelbar mit der
Marx auf dieses Spezifikum seiner Theorie hin, wenn
selbst wies
menschlichen Arbeit, mitdem Produktionsprozeß zusammen-
er sagte: »Die politische Ökonomie hat nun
zwar, wenn auch hängen, von vornherein ausfallen (so z.B. die österreichische
unvollkommen, Wert und Wertgröße analysiert und den in die- Schule, die unter Absehung vom Produktionsprozeß und den

36
37
gesellschaftlichen Formen, in denen er abläuft, bei
den subjek-
tiven Bewertungen einzelner Individuen ansetzt). Die Gleichheit der Warenproduzenten
Wie scharf-
sinnig auch immer eine Erklärung durch eine solche
Theorie sein und die Gleichheit der "Waren
mag, wie erfolgreich auch immer sie bestimmte Phänomene
der
Preisänderung aufdeckte: sie krankt an dem Grundirrtum,
der
all ihre Spezialerfolge im vorhinein
garantiert: sie erklärt we-
der den Produktionsmechanismus der gegenwärtigen
Gesellschaft
noch die Bedingungen seiner normalen Funktionsweise und
Ent-
wicklung. Indem sie den Wert, den Transmissionsriemen,
aus
dem Produktionsmechanismus der Warenproduktion heraus-
reißt, begibt sich diese Theorie jeder Möglichkeit, die Struktur
Die kapitalistische Warengesellschaft kann ebensowenig wie jede
und das Triebwerk dieses Mechanismus zu begreifen. Die Be- andere auf Arbeitsteilung basierende Gesellschaft ohne eine pro-
ziehung zwischen Wert und Arbeit müssen wir nicht
nur be- portionale Verteilung der Arbeit auf die einzelnen Produktions-
stimmen, um die mit dem »Wert« zusammenhängenden
Erschei- zweige bestehen. Diese Verteilung der Arbeit läßt sich nur durch
nungen zu verstehen, sondern um das Phänomen »Arbeit«
in die Verbindung und wechselseitige Beeinflussung der individuel-
der gegenwärtigen Gesellschaft zu erfassen, d. h. die
Möglichkeit len Arbeiten erreichen. Fehlt eine gesellschaftliche Lenkung der
der Einheit des Produktionsprozesses in einer Gesellschaft,
die Warenproduktion, so kann dieser Zusammenhang der produk-
aus individuellen Warenproduzenten besteht.
tiven Tätigkeiten nur durch den Tauschprozeß auf dem Markt,
durch den Warenwert, realisiert werden. Die Analyse des Tausch-
Formen und seines Zusam-
prozesses, seiner gesellschaftlichen
menhangs mit der Produktion der Warengesellschaft ist im we-
3
sentlichen der Gegenstand der Marxschen Wertlehre.
Im ersten Kapitel des Kapital setzte Marx die soziologischen
Prämissen der Werttheorie (die wir oben darlegten) schweigend
voraus und begann unmittelbar mit der Analyse des Tausch-
akts, in dem sich die Gleichheit der ausgetauschten Waren aus-
drückt. Für die Mehrheit der Marxkritiker blieben diese sozio-
logischen Prämissen ein Buch mit sieben Siegeln. Sie begreifen
nicht, daß die Marxsche Werttheorie aus der Analyse der sozio-

ökonomischen Verhältnisse folgt, die die Warenproduktion aus-


zeichnen. Für sie beruht diese Theorie auf nichts anderem als
einem »rein logischen Beweis, einer dialektischen Deduktion aus
dem Wesen des Tausches heraus« 4.

3 Nach Simmel setzt die wirtschaftswissenschaftliche Forschung nicht bei aus-


tauschbaren Dingen an, sondern bei der sozio-ökonomischen Funktion des
Tausches: >Der Tausch ist ein soziologisches Gebilde sui gencris. eine origi-
näre Form und Funktion des interindividuellen Lebens, die sich keineswegs
aus jener qualitativen und quantitativen Beschaffenheit der Dinge, die man
Brauchbarkeit und Seltenheit bezeichnet, als logische Konsequenz er-
als
gibt« (Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Leipzig 1907, S. 59).
4 Eugen von Böhm-Bawerk, »Zum Abschluß des Marxschen Systems«, in:
Festgaben für Karl Knies, Berlin 1896, S. 151.

39
Wir daß Marx in Wirklichkeit nicht den Tauschakt als
wissen,
Der Hinweis erübrigt sich, daß die Einwände Böhm-Bawerks
solchen, isoliert von einer bestimmten ökonomischen Struktur
ihr Ziel verfehlen. Marx hat niemals die These verfochten, daß
der Gesellschaft, analysierte. Er untersuchte
die Produktionsver- der Tausch sich unter Bedingungen eines »genauen Gleichgewichts«
hältnisse einer bestimmten Gesellschaft,
nämlich der kapitalisti- vollziehe; wiederholt betonte er, daß die qualitative »Ungleich-
schen Warengesellschaft, und die Rolle des Tausches innerhalb
heit« der Waren sich aus der Arbeitsteilung zwangsläufig ergibt
dieser Gesellschaft. Wenn
überhaupt jemand eine Werttheorie und zugleich eine notwendige Veranlassung für den Tausch dar-
formulierte, die auf dem Tauschakt als solchem
basiert, abstra- stellt. Böhm-Bawerk bezog sich auf den Austausch von Waren
hiert von jedem bestimmten
sozio-ökonomischen Kontext, so ist als Gebrauchswerten und Bewertungen der
auf die subjektiven
es Böhm-Bawerk und nicht Marx.
Nützlichkeit von Waren, auf das also, was den Tausch bei den
Obwohl Böhm-Bawerk sich irrt, wenn er unterstellt, Marx habe Individuen, die an ihm teilhaben, initiiert. Dabei betonte er mit
die Gleichheit der ausgetauschten Güter
aus einer rein logischen vollem Recht die Tatsache der »Ungleichheit«. Marx interes-
Analyse des Tauschaktes abgeleitet, so ist seine
Auffassung doch sierte sich jedoch für den Tauschakt als objektiven gesellschaft-
zutreffend, daß Marx in seiner Analyse
des Tauschakts in der lichen Tatbestand, dessen Wesensmerkmale er durch seine Insi-
Warenproduktion besonderen Nachdruck auf die Gleichheit zum Vorschein brachte. Gleichwohl hatte
stenz auf der Gleichheit
legte. »Nehmen wir . . . zwei Waren, z. B. Weizen und Eisen. er keinen wie immer gearteten phantastischen Zustand eines
Welches immer ihr Austauschverhältnis, es ist stets darstellbar »genauen Gleichgewichts« im Auge. 6
in einer Gleichung, worin ein gegebenes Quantum Weizen ir- Die Kritiker der Marxschen Werttheorie erblicken deren Schwer-
gendeinem Quantum Eisen gleichgesetzt wird,
z. B. i Quarter punkt gewöhnlich in der Bestimmung der quantitativen Gleich-
Weizen = a Ztr. Eisen. Was besagt diese Gleichung?
Daß ein heit der zur Warenproduktion notwendigen und im Tauschakt
Gemeinsames von derselben Größe in zwei verschiednen einander gleichgesetzten Arbeitsaufwendungen. Aber Marx ver-
Dingen
existiert, in i Quarter Weizen und
ebenfalls in a Ztr. Eisen wies immer wieder auf die andere, die gleichsam qualitative
Beide sind also gleich einem Dritten, das an
und für sich weder Seite seiner Werttheorie, die der oben erwähnten quantitativen
das eine noch das andere Jedes der beiden, soweit es Tausch- interessierte sich nicht für die qualita-
ist. Seite gegenübersteht. Er
wert, muß also auf dies Dritte reduzierbar sein«
(K., I, S. 51). tiven Eigenschaften der Waren als Gebrauchswerte, sondern für
Diesen Abschnitt betrachten die Kritiker von Marx Bestimmungen des Tauschakts als einer sozio-
das Zen- als die qualitativen
trum und die einzige
Grundlage seiner Werttheorie, und gegen ökonomischen Erscheinung. Allein auf der Grundlage dieser qua-
ihn richtet sich der Hauptteil ihrer Attacken.
»Ich möchte ein- litativen und ihrem Wesen nach soziologischen Bestimmungen
schaltungsweise bemerken«, sagt Böhm-Bawerk,
»daß mir schon läßt sich der quantitative Aspekt des Tauschakts begreifen. Na-
die erste Voraussetzung, wonach im
Austausch zweier Dinge sich hezu alle Kritiker der Marxschen Werttheorie kranken an der
eine >Gleichheit< derselben manifestieren
soll, sehr unmodern - totalen Unkenntnis dieser Seite der Marxschen Theorie. Ihre
woran allerdings am Ende nicht viel liegen würde
-, aber auch Ansichten sind ebenso einseitig wie die entgegengesetzte Auf-
sehr unrealistisch oder, um es gut deutsch zu sagen, unrichtig fassung, die behauptet, daß das Phänomen des Werts, wie Marx
gedacht zu sein scheint. Wound genaues Gleichge-
Gleichheit es behandelte, keinerlei Verbindung zu den Tauschrelationen,
widn herrscht, pflegt ja keineVeränderung der bisherigen Ruhe- d. h. zur quantitativen Seite des Werts aufweise.
7

lage einzutreten. Wenn daher im Falle des Tausches die Sache


damit endet, daß die Waren ihren Besitzer wechseln, so
ist das 6 »Der Verkehrsakt selbst und der dabei zustande gekommene Preis wirkt . .

viel eher ein Zeichen dafür, daß irgend eine Ungleichheit


oder auf das Verhalten aller später Kauflustigen und aller, die später Waren
ein Übergewicht im Spiele war, durch anbieten wollen, und zwar wirkt er nicht als Ungleichung, sondern als
dessen Ausschlag die Ver-
Gleichung, als Äquivalenz.« (Zwiedineck, »Über den Subjektivismus in der
änderung erzwungen wurde.« 5
Preislehre«, Archiv für Sozialwissenschafl und Sozialpolitik, 1914, 38. Jg.,
5.M f.).
7 Vgl. z. B. F. Petry, Der soziale Gehalt der Marxschen Werttheorie, Jena
5 Böhm-Bawerk, ebd.
1916, S. 27 f.

40
41
Volksvorurteils besitzt.
Sehen wir von der Frage der quantitativen Gleichheit der aus- Gleichheit bereits die Festigkeit eines
möglich in einer Gesellschaft, worin die Waren-
getauschten Waren ab, so richtet sich unser Augenmerk darauf, Das ist aber erst
daß die Kontakte zwischen einzelnen, privaten Wirtschaftsein- form die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das

Verhältnis der Menschen zueinander als


Warenbesitzer das herr-
heiten in einer warenproduzierenden Gesellschaft sich in der
ist« (K.,I,S. 7 4). Die Gleich-
8
Form von Kauf und Verkauf vollziehen, in der Form der Gleich- schende gesellschaftliche Verhältnis

setzung von Werten, die von einzelnen Wirtschaftseinheiten im heit der autonomen und unabhängigen Warenproduzenten ist

ausgetauschten Güter. Dies ist


Tauschakt veräußert und erworben werden. Der Tauschakt ist die Basis für die Gleichheit der
ein Akt der Gleichsetzung. In dieser Gleichsetzung der ausge- das Grundmerkmal der warenproduzierenden Gesellschaft, ihrer
tauschtenWaren spiegelt sich die gesellschaftliche Grundstruktur »Zellenstruktur«, um es so auszudrücken. Die Werttheorie un-
Prozeß der Herausbildung der als Gesamtwirtschaft
der Warenproduktion: die Gleichheit der Warenproduzenten. tersucht den
Wir meinen hiermit nicht ihre Gleichheit im Sinne des Besitzes bezeichneten Produktionseinheit aus isolierten,
man könnte sa-
Nicht ohne Grund schriebMarx im
gleicher materieller Produktionsmittel, sondern ihre Gleichheit gen: unabhängigen Zellen.
als autonome, voneinander unabhängige Warenproduzenten. Vorwort zur ersten Auflage des ersten Bandes des Kapital, daß
Keiner unter ihnen vermag auf einen anderen direkt und ein- »für die bürgerliche Gesellschaft ... die
Warenform des Arbeits-
seitig, ohne eine formale Vereinbarung, einzuwirken. Anders produkts oder die Wertform der Waren die ökonomische Zel-
Diese Zellenstruktur der Warengesellschaft
stellt
ausgedrückt: ein Produzent kann - als unabhängiges Wirtschafts- lenform« ist.

subjekt - auf einen anderen auf dem Wege vertraglicher Ab- als solche die Gesamtheit gleicher, formal voneinander unab-

machungen Einfluß nehmen. Das Fehlen außerökonomischen hängiger, privater Wirtschaftseinheiten dar.
weist Marx nach-
Zwangs, die Organisation der individuellen Arbeit nicht nach In dem zitierten Abschnitt über Aristoteles
daß in der Sklavengesellschaft der Wert-
den Grundsätzen des öffentlichen sondern auf der Grundlage drücklich darauf hin,
Wertform selbst« ableitbar gewesen sei,
des Privatrechts und des sogenannten freien Vertrags sind die begriff nicht »aus der
ausgetausch-
charakteristischen Züge der Wirtschaftsstruktur der gegenwärti- d. h. aus dem materiellen Ausdruck der Gleichheit
Geheimnis des Werts läßt sich nur aus den Be-
gen Gesellschaft. Innerhalb dieses Rahmens ist die Grundform ter Waren. Das
Es ist kaum
von Produktionsverhältnissen zwischen privaten Wirtschafts- sonderheiten der Warenproduktion erschließen.
einheiten die Form des Tausches, d. h. die Gleichsetzung von verwunderlich, daß diejenigen Kritiker, die am soziologischen
zu einer
ausgetauschten Werten. Die Gleichheit der Waren im Tausch ist Charakter der Marxschen Werttheorie vorbeigingen,
gelangten. Diet-
der materielle Ausdruck des grundlegenden Produktionsverhält- sinnlosen Interpretation des zitierten Abschnitts
nisses der gegenwärtigen Gesellschaft: des Verhältnisses zwischen zel zufolge ließ Marx sich vom ethischen Axiom der Gleichheit

Warenproduzenten leiten. Dieses »ethische Fundament (ist) einmal bloßgelegt: in


als gleichen, autonomen und unabhängigen
wo Marx den Mangel der aristotelischen
Wirtschaftssubjekten. der Stelle nämlich,
Der folgende Abschnitt aus dem Kapital ist nach unserer Mei- Werttheorie daraus erklärt, daß >die griechische Gesellschaft . .

nung für ein Verständnis der dargestellten Marxschen Gedan- die Ungleichheit der Menschen und ihrer Arbeitskräfte zur Na-
8 Dietzel begreift nicht, daß Marx es nicht mit
kengänge richtungweisend: »Daß aber in der Form der Waren- turbasis hatte<« .

von Gleichheit zu tun hat, sondern mit


werte alle Arbeiten als gleiche menschliche Arbeit und daher als einem ethischen Postulat
gleichgeltend ausgedrückt sind, konnte Aristoteles nicht aus der
interessiert
Wertform selbst herauslesen, weil die griechische Gesellschaft auf 8 Es versteht sieb von selbst, daß wir an dieser Stelle nicht daran
sind zu entscheiden, ob Marx Aristoteles
adäquat interpretierte oder nicht,
der Sklavenarbeit beruhte, daher die Ungleichheit der Menschen »wissenschaftlichen Subjekti-
bzw. ob seine Interpretation den Typus eines
und ihre Arbeitskräfte zur Naturbasis hatte. Das Geheimnis des vismus« darstellt, wie V. Zelcznov - unserer
Meinung nach ohne zurei-
Ekonomiceskoe mtro-
Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Ar- chende Begründung - behauptete (vgl. V. Zeleznov,
grekov [Die ökonomische Weltanschauung der alten
vozzrenie dvernich
beiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind,
Griechen], Moskau 1919. S. 244)- . .
kann nur Leipzig 189$, ä-273-
entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen 9 Heinrich Dietzel, Theoretische Socialökonomik,

43
42
der Grundmerkmale der Wa-
der Gleichheit von Warenproduzenten als einer gesellschaftlichen tung sowie eine Generalisierung
kapitalistischen Wirt-
Grundtatsache der Warenproduktion. Wir wiederholen: nicht renproduktion im allgemeinen und der
Werttheorie und ihre Prämisse einer
mit einer Gleichheit im Sinne einer gleichen Verteilung mate- schaft im besonderen. Die
Warenproduzenten vermitteln uns die Ana-
rieller Güter, sondern im Sinne von Unabhängigkeit und Auto- Gesellschaft gleicher
kapitalistischen Wirtschaft, nämlich des
nomie unter Wirtschaftssubjekten als Produktionsleitern. lyse einer Seite der
grundlegenden Produktionsverhältnisses, das
autonome Waren-
Wenn Dietzel aus der Tatsache der Gesellschaft von gleichen
dieses Verhält-
Warenproduzenten ein ethisches Postulat macht, so erblickt Croce produzenten zusammenschließt. Grundlegend ist
Gesamtwirtschaft (den Gegenstand der
im Grundsatz der Gleichheit einen theoretisch konzipierten Ge- nis insofern, als es die
politischen Ökonomie) als unbestreitbares, wenn auch flexibles,
sellschaftstypus, den Marx auf der Grundlage theoretischer Über-
Ganzes hervorbringt. Marx brachte den logischen Charakter
legungen und zum Zwecke der Kontrastierung und des Ver-
seiner Werttheorie mit folgendem Satz klar zum Ausdruck: »Wir
gleichs mit der auf Ungleichheit beruhenden kapitalistischen
der Menschen au-
Gesellschaft ersonnen habe. Das Ziel dieses Vergleichs sei die kennen bisher kein ökonomisches Verhältnis
Verhältnis, worin sie fremdes
Erklärung der spezifischen Merkmale der kapitalistischen Ge- ßer dem von Warenbesitzern, ein
sellschaft. Die Gleichheit der Warenproduzenten ist hier nicht Arbeitsprodukt nur aneignen, indem sie eignes entfremden«
nicht eine Be-
ein ethisches Ideal sondern ein theoretisch konzipierter Maß- (K., I, S. 123). Die Werttheorie vermittelt uns
imaginären Gesell-
stab, an dem wir die kapitalistische Gesellschaft messen. Croce schreibung von Phänomenen in irgendeiner
darstellt; sie liefert
beruft sich auf den Abschnitt, in dem Marx sagt, daß sich das das Gegenteil der kapitalistischen
schaft, die
der kapitalistischen Ge-
Wesen des Werts nur in einer Gesellschaft entziffern lasse, in uns eine Generalisierung eines Aspekts
der der Glaube an die Gleichheit der Menschen mit der Macht sellschaft.
Produk-
eines Volksvorurteils ausgestattet ist.
10
Er glaubt, daß Marx, In der kapitalistischen Gesellschaft sind schließlich die
verschiedener sozialer
um den Wert in einer kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen, tionsverhältnisse zwischen Angehörigen
Gruppierungen nicht auf ihre Beziehungen als unabhängige Wa-
als Typus, als theoretischen Maßstab einen anderen (konkreten)
Gleichwohl vollziehen sich die Ver-
Wert heranzog, nämlich denjenigen, den die Güter besäßen, die renproduzenten beschränkt.
sozialer Grup-
in einer Gesellschaft, die von den Mängeln der kapitalistischen hältnisse zwischen den Mitgliedern verschiedener
pierungen in der kapitalistischen Gesellschaft in der Form und
befreit und in der die Arbeitskraft keine Ware wäre, durch Ar-
als gleiche
beit reproduziert werden könnten. Hieraus Croce den leitet auf der Grundlage ihrer wechselseitigen Beziehungen
folgenden Schluß über die logische Beschaffenheit der Marxschen und autonome Warenproduzenten. Kapitalist und Arbeiter sind
durch Produktionsverhältnisse aufeinander bezogen.
Das Kapi-
Werttheorie ab: »Der Marxsche Arbeitswert stellt nicht nur eine
der materielle Ausdruck dieses Verhältnisses.
Aber sie
logische Generalisierung dar, sondern auch eine als typisch kon- tal ist
miteinander
zipierte und postulierte Tatsache, d. h. mehr als nur eine logi- beziehen sich aufeinander und schließen Verträge
11 als formal gleiche Warenproduzenten.
Die Kategorie des Werts
sche Kategorie.«
oder genauer:
Dietzel verkehrt die Gesellschaft von gleichen Warenproduzen- dient als Ausdruck dieses Produktionsverhältnisses
das sie miteinander
ten in ein ethisches Postulat, während Croce sie zu einem kon- dieses Aspekts des Produktionsverhältnisses,

kret »ausgedachten« Bild macht, das der kapitalistischen Gesell- verbindet. Auch industrielle Kapitalisten und Grundeigentümer,
Industrielle und Finanzkapitalisten gehen ihre
Abmachungen
schaft gegenübersteht und ihre Besonderheiten klarer zum Vor-
Diesem Aspekt der Pro-
als gleiche, autonome Warenbesitzer
ein.
schein bringt. In Wirklichkeit jedoch ist diese Gesellschaft von
zwischen verschiedenen sozialen Gruppen
gleichen Warenproduzenten nichts anderes als eine Herausarbei- duktionsverhältnisse
verleiht die Werttheorie Ausdruck. Damit ist eine der Beson-
derheiten der politischen Ökonomie als Wissenschaft bezeichnet.
io Bcnedetto Croce, Materialismo storico ed economia marxista, Bari '1946;
zitiert nach der engl. Übers.: Historical Materialism and die Economics of politischen Ökonomie bauen auf der Ka-
Die Grundbegriffe der
Karl Marx, London 1966, S. 60 f.
und auf den ersten Blick erscheinen sie
tegorie des Werts auf,
11 Ebd., S. 56.

45
44
logische Varianten des Wertbegriffs.
sogar als logische Emanation des Wertbegriffs. Die erste Berüh- sehen Systems erscheinen als
rung mit dem theoretischen System von Marx mag dazu ver- Wert, der als allgemeines Äquivalent dient.
Das Geld ist ein
schafft. Der Lohn ist der
leiten, es in Übereinstimmung mit der Auffassung von Böhm- Das Kapital ein Wert, der Mehrwert
Profit, Zins, Rente sind Teile des Mehr-
Bawerk als eine logisch-deduktive Ableitung abstrakter Kate- Wert der Arbeitskraft.
Auf den ersten Blick scheint dieses logische Hervorgehen
gorien und deren immanente, rein logische Entfaltung nach werts.
aus dem Wertbegriff unver-
Hegelscher Methode zu interpretieren. Mittels rein logischer der ökonomischen Grundbegriffe
Kunstgriffe wird hiernach der Wert in Geld verwandelt, das ständlich. Erklärbar wird es jedoch
dadurch, daß die Produk-
die sich in den
Geld in Kapital, das
Kapital in vermehrtes Kapital (d.h. in tionsverhältnisse der kapitalistischen Gesellschaß,
Begriffen (Kapital, Lohn, Profit, Zins, Rente usw.)
Kapital plus Mehrwert), der Mehrwert in Unternehmerprofit, erwähnten
ausdrücken, in der Form von Verhältnissen zwischen unabhän-
Zins, Rente, usw. Böhm-Bawerk, der die gesamte Werttheorie
Verhältnissen, denen
von Marx bemerkt, daß die weiter ausge-
isoliert betrachtet, gigen Warenproduzenten auftreten, von
führten Teile des Marxschen Systems ein wohlgeordnetes Gan- der Wertbegriff Ausdruck verleiht.
Das Kapital ist eine Variante
zwischen dem Kapi-
zes darstellen, das sich aus einem verfehlten Ansatz konsistent des Werts, weil das Produktionsverhältnis
Form eines Verhältnisses zwi-
ableite. »In diesem Mittellauf des Marxschen Systemes fließt der talisten und den Arbeitern die

Strom schen gleichen Warenproduzenten, d. h.


autonomen Wirtschafts-
Entwicklungen und Verknüpfungen mit
seiner logischen
Begriffssystem erwächst
einer wirklich imponierenden Geschlossenheit und inneren Kon- subjekten, annimmt. Das ökonomische
Produktionsverhältnisse. In der logischen
sequenz. . . . Diese mittleren Partien des Systemes werden, so aus dem System der
Wissenschaft drückt sich
falsch der Ausgangspunkt desselben sein mag, durch ihre außer- Struktur der politischen Ökonomie als
der kapitalistischen Gesellschaft aus.«
ordentliche innere Folgerichtigkeit den Ruhm ihres Verfassers die Sozialstruktur
Die Arbeitswertlehre gibt eine allgemeine Formulierung des herr-
als einerDenkkraft ersten Ranges für immer feststellen.« 12 Diese
das
Sätze bedeuten, da sie von Böhm-Bawerk stammen, einem Den- schenden Produktionsverhältnisses der Warengesellschaft,
Warenproduzenten
ker, der für die logische Entfaltungvon Begriffen sehr emp- ein Produktionsverhältnis zwischen gleichen
fänglich großes Lob. In Wirklichkeit jedoch liegt die Stärke
ist,
den Grund-
der Marxschen Theorie weniger in ihrer inneren logisdien Ge- 13 F. Oppenheimer erblickt den methodologischen Sündenfall und
der sozialen Gleich-
fehler von Marx darin, daß er auf der »Voraussetzung
schlossenheit als vielmehr darin,
daß sie durch und durch mit die die Grundlage der
heit der Teilnehmer des Tauschaktes« aufbaute,
der kapitalistischen Ge-
einem reichen und komplexen sozio-ökonomischen Gehalt ge- Wertlehre und den Ausgangspunkt der Analyse
darstellt. Zustimmend zitiert er
sellschaft mit ihren Klassendifferenzen
sättigt ist, der der Realität entnommen und durch die Kraft die folgende Äußerung von Tugan-Baranowsky:
»Setzen wir aber die
wir von der
abstrakten Denkens erhellt wird. Im Marxschen Werk verwan- Teilnehmer des Tauschaktes als sozial gleich, so abstrah.eren
Gesellschaft, worin der Tauschakt sich vollzieht«
delt sich ein einzelner Begriff in einen inneren Struktur der
anderen nicht durch den Oppen-
(Franz Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit, Jena 1916, S. 176).
Zwang immanent logischer Ableitungen, sondern durch das Ein- heimer wirft Marx vor, er habe in seiner Werttheorie die
Klassendifteren-

treten einer ganzen Reihe sozio-ökonomischer Begleitumstände. zen der kapitalistischen Gesellschaft übersehen.
den umgekehrten
Eine gewaltige geschichtliche Revolution (die Marx im Kapital Liefmann macht der ökonomischen Theorie von Marx
bestimmter Klassen von
Vorwurf: daß sie nämlich »das Vorhandensein
über die ursprüngliche kapitalistische Akkumulation beschrieb) vornherein annimmt« (Robert Liefmann, Grundsätze der
Volkswirtschafts-

war zur Verwandlung des Geldes in Kapital erforderlich. lehre, Stuttgart/Berlin 1920, S. 34)- Liefmann hat im wesentlichen recht:

die ökonomische Theorie von Marx setzt in


der Tat die Klassendifferenzen
An dieser Stelle interessieren wir uns jedoch nicht für diese Seite der kapitalistischen Gesellschaft von vornherein voraus.
Da aber die Klas-
des Problems. Ein Begriff erwächst aus dem anderen nur bei senverhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft die Form von Verhalt-
den
nissen zwischen unabhängigen Warenproduzenten annehmen, bildet
Eintritt bestimmter sozio-ökonomischer Bedingungen. Tatsäch- Gleichheit der Teil-
Ausgangspunkt der Analyse der Wert, der die soziale
der Marxschen Theorie jeder spätere Begriff das
lich trägt in
nehmer des Tauschaktes voraussetzt. Die Marxsche
Werttheorie über-
detaillierte
Zeichen des früheren. Sämtliche Grundbegriffe des ökonomi- windet die Einseitigkeit von Oppenheimer und Liefmann. Eine
findet sich in un-
Kritik der Ansichten von Oppenheimer und Liefmann
serem Buch: Sovremennye ekonomisty na Zapade (Westliche
Ökonomen
12 Böhm-Bawerk, a.a.O., S. 173. der Gegenwart), 1927.

46 47
ist. Das erklärt die Lebensfähigkeit dieser
Theorie, die im stür- nomene von Profit und Rente, LR.) überhaupt Begriffe ver-
mischen Verlauf der sich wechselseitig ersetzenden ökonomischen
wandte, die ihren Ort allein im ersten« (d. h. im Bereich des
Ideen und durch alle Attacken hindurch, denen sie - stets in
Arbeitswerts, I. R.) haben. »Wenn die Entsprechung von Arbeit
neuem Gewand und neuer Formulierung - ausgesetzt war, im und Wert allein in der vereinfachten Gesellschaft des ersten Be-
Vordergrund der ökonomischen Wissenschaft stand. Auf diese warum sollte man dann auf der Übertra-
reichs hergestellt ist,
Eigenschaft der Arbeitswerttheorie wies Marx in seinem Brief gung der Erscheinungen des zweiten in Begriffe des ersten in-
an Kugelmann vom n. Juli 1868 hin: »Allerdings beweist... sistieren?« 16 Ähnlich lautende Kritiken beruhen auf einem ein-
die Geschichte der Theorie, daß die Auffassung des Wertverhält- seitigen Verständnis der Arbeitswertlehre als einer Erklärung
nisses stets dieselbe war, klarer oder unklarer, mit Illusionen ausschließlich quantitativer Tauschverhältnisse in einer einfachen
verbrämter oder wissenschaftlich bestimmter.« " Auch Hilferding
Warenproduktion, auf einer totalen Vernachlässigung des qua-
erwähnte die Lebensfähigkeit dieser Theorie: »Die ökonomische
litativen Aspekts der Werttheorie. Wenn sich auch das Gesetz
Theorie nun - in dem Umfang, in dem sie Marx in den Theo-
der quantitativen Tauschverhältnisse im kapitalistischen Tausch
rien betrachtet - ist die Erklärung der kapitalistischen Gesell- modifiziert, so bleibt doch die qualitative Seite des Tausches in
schaft, deren Grundtatsache selbst die Warenproduktion ist. beiden Wirtschaften dieselbe. Einzig die Analyse der qualitativen
Diese bei aller kolossalen und stürmischen Entwicklung gleich-
Seite ermöglicht es, die quantitativen Proportionen anzugehen
bleibende Grundorganisation des Wirtschaftslebens erklärt uns,
und zu begreifen. »Die Enteignung des einen Teiles der Gesell-
daß auch die ökonomische Theorie diese Entwicklung darin wi-
schaft und der Monopolbesitz der Produktionsmittel des anderen
derspiegelt, daß sie die schon früh entdeckten Grundgesetze
bei- Teiles modifiziert naturgemäß den Austausch, da nur in ihm diese
behält und diese nur immer weiter ausgestaltet, ohne sie je ganz
Ungleichheit der Gesellschaftsmitglieder in Erscheinung treten
aufzugeben. Der realen Entwicklung des Kapitalismus entspricht
kann. Da aber der Tauschakt eine Gleichheitsbeziehung ist, er-
so die logische Entwicklung der Theorie. Von der ersten Wer-
For- scheint die Ungleichheit jetzt als Gleichheit nicht mehr des
mulierung des Wertgesetzes bei Petty und Franklin bis zu den .« 17 Hilferding hätte sei-
tes, sondern des Produktionspreises . .

subtilsten Ausführungen des zweiten und dritten Bandes des nen Gedanken erweitern und in die Begriffe der Produktions-
Kapital ergibtsich so eine logisch ablaufende Entwicklung.« 15
verhältnisse übersetzen sollen.
Diese Kontinuität in der historischen Entwicklung der Wert-
Die Werttheorie, die die Gleichheit der ausgetauschten Waren
theorie erklärt ihren zentralen logischen Stellenwert in der öko-
zu ihrem Ausgangspunkt macht, ist zur Erklärung der kapitali-
nomischen Wissenschaft. Dieser logische Stellenwert läßt sich nur
stischen Gesellschaft mitsamt ihrer Ungleichheit unentbehrlich,
anhand der besonderen Rolle verstehen, die das grundlegende
da die Produktionsverhältnisse zwischen Kapitalisten und Ar-
Verhältnis zwischen einzelnen Warenproduzenten als gleichen
beitern die Form von Verhältnissen zwischen formal gleichen,
und autonomen Wirtschaftssubjekten im System der Produk-
unabhängigen Warenproduzenten annehmen. Alle Versuche, die
tionsverhältnisse einer kapitalistischen Gesellschaft spielt.
Werttheorie von der Theorie der kapitalistischen Wirtschaft los-
Damit wird deutlich, wie abwegig die Versuche sind, die Ar-
zulösen, sind falsch, gleichgültig, ob sie den Geltungsbereich der
beitswerttheorie zur Erklärung der kapitalistischen Gesellschaft
Werttheorie auf eine imaginäre Gesellschaft (Croce) oder auf
für gänzlich unanwendbar zu halten und sie entweder auf eine
eine einfache warenproduzierende Gesellschaft begrenzen, oder
imaginäre, oder auf eine einfache warenproduzierende Gesell-
ob sie gar den Arbeitswert in eine rein logische Kategorie trans-
schaft, die der kapitalistischen vorangeht, einzuengen.
Croce formieren (Tugan-Baranowsky) oder schließlich interökonomi-
fragt,»warum Marx in der Analyse der wirtschaftlichen Er- den Wert von gesell-
sche Kategorien scharf abtrennen, d. h.
scheinungen des zweiten oder des dritten Bereichs (d. h. der Phä-
schaftlichen Kategorien, wie dem Kapital, scheiden (Struve).

14 A.a.O., S. 553.
15 Hilferding, >Aus der Vorgeschichte der Marxschen Ökonomie«, in: Die 16 Croce, a.a.O., S. 134.
Neue Zeit, 1911, 2. Band, S. 623. 17 Hilferding, Das Finanzkapital, S. 29 f.

48 49
Die Gleichheit der Waren Schaftsmitglieder verteilen. Daher tritt die Arbeit eines jeden
konkrete Arbeit mit all ihren konkre-
und die Gleichheit der Arbeit Individuums direkt als

ten materiellen Eigenschaften in die Gesamtwirtschaft ein. Die


Arbeit eines jeden Individuums ist gesellschaftliche Arbeit, ge-
rade weil sie sich von der Arbeit anderer Mitglieder des Ge-
meinwesens unterscheidet und eine materielle Ergänzung ihrer
Arbeit darstellt. Arbeit in ihrer konkreten Gestalt ist unmittel-
bar gesellschaftliche Arbeit. Damit ist sie zugleich verteilte Ar-
beit. Die gesellschaftliche Organisation der Arbeit besteht in der
Verteilung der Arbeit auf die verschiedenen Mitglieder des Ge-
Die Gleichheit der Warenproduzenten autonome Wirtschafts-
als
meinwesens. Umgekehrt beruht die Arbeitsteilung auf der Ent-
subjekte drückt sich in der Form des Tausches aus: der Tausch scheidung irgendeines gesellschaftlichen Organs. Die Arbeit ist
ist seinem Wesen nach Tausch von Äquivalenten, Gleichsetzung
zugleich gesellschaftlich und verteilt; d.h. in ihrer technisch-
ausgetauschter Waren. Die Rolle des Tausches in der Volkswirt-
materiellen, konkreten oder nützlichen Gestalt besitzt sie diese
schaft beschränkt sich nicht auf seine gesellschaftliche Form.
beiden Eigenschaften.
Innerhalb der Warenproduktion bildet der Tausch eine der Wenn
Ist diese Arbeit auch eine gesellschaftlich gleichgesetzte?
unerläßlichen Komponenten des Reproduktionsprozesses. Er er-
wir Gesellschaftsorganisationen beiseite lassen, die auf einer
möglicht eine adäquate Verteilung der Arbeit und die Fort-
extremen Ungleichheit der Geschlechter und der einzelnen
setzung der Produktion. In seiner Form spiegelt der Tausch die
Gruppen beruhten, und ein großes Gemeinwesen mit Arbeits-
Gesellschaftsstruktur der Warenwirtschaft. Seinem Inhalt nach
teilung in Betracht ziehen (z. B. eine große Familiengemeinschaft
ist er eine der Phasen des Arbeitsprozesses, des Reproduktions-
- zadruga - von Südslawen), so können wir beobachten, daß
prozesses. Formal verweist der Tauschakt auf eine Gleichsetzung
der Prozeß der Gleichsetzung in solch einem Gemeinwesen statt-
von Waren. Unter dem Gesichtspunkt des Produktionsprozesses
finden mußte - oder zumindest konnte. Ein solcher Prozeß wird
ist er eng mit der Gleichsetzung von Arbeit
verknüpft. in einem großen sozialistischen Gemeinwesen sogar noch erfor-
Wie sich im Wert die Gleichheit aller Arbeitsprodukte manife- die Gleichsetzung der verschiedenen Ar-
derlicher sein. Ohne
stiert,so drückt sich in der Arbeit (der Substanz des Werts) die Individuen kann das Organ des
beitsformen verschiedener
Gleichheit der Arbeit in allen Formen und aller Individuen aus.
sozialistischen Gemeinwesens nicht entscheiden, ob es nutzbrin-
Die Arbeit Aber worin besteht die Gleichheit
eine »gleiche«.
gender ist, auf die Produktion bestimmter Güter einen Tag
ist

dieser Arbeit? Um eine Antwort auf diese Frage zu


finden, qualifizierter Arbeit oder aber zwei Tage einfacher Arbeit zu
müssen wir zwischen drei Typen gleicher Arbeit unterscheiden:
verwenden, einen Monat der Arbeit der Person A oder zwei
i. physiologisch gleiche Arbeit, B. In einer geplanten Wirtschaft
Monate der Arbeit der Person
2. gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit, unterscheidet sich ein solcher Prozeß der Gleichsetzung von
3. abstrakte Arbeit.
Arbeit jedoch grundlegend von der Gleichsetzung, die in einer
Die erste Form von Arbeit wollen wir nicht untersuchen (vgl. warenproduzierenden Gesellschaft stattfindet. Stellen wir uns
S.91 ff.); wir müssen daher den Unterschied zwischen der zweiten irgendein sozialistisches Gemeinwesen vor, unter dessen Mit-
und der dritten Form der Arbeit klären. gliedern Arbeitsteilung besteht. Ein bestimmtes gesellschaftliches
In einer geplanten Wirtschaft sind die Verhältnisse zwischen Organ setzt die Arbeiten der verschiedenen Individuen einander
Menschen relativ einfach und durchsichtig. Die Arbeit nimmt gleich,denn ohne diese Gleichsetzung läßt sich ein mehr oder
eine unmittelbar gesellschaftliche Form an, d. h. es gibt eine be- weniger umfangreicher gesellschaftlicher Plan nicht verwirkli-
stimmte gesellschaftliche Organisation und bestimmte gesell- chen. In einem solchen Gemeinwesen ist jedoch der Prozeß der
schaftliche Organe, die die Arbeit auf die verschiedenen Gesell- Gleichsetzung von Arbeit sekundär; er ergänzt den Prozeß der

50 51
Vergesellschaftung und Verteilung der Arbeit. Arbeit ist zu- Wirtschaft einfügt, ist der Austausch der Produkte der betref-
nächst vergesellschaftete und verteilte Arbeit. Darin können fenden Arbeit gegen alle anderen Produkte.
wir auch - als ein abgeleitetes und zusätzliches Merkmal - die
Wenn wir eine warenproduzierende Gesellschaft mit einem so-
Eigenschaft der Arbeit als gesellschaftlich gleichgesetzte ein- zialistischen Gemeinwesen vergleichen, scheinen also die beiden
schließen. Das Grundmerkmal der Arbeit besteht darin, daß sie - als gesellschaftliche und als gesell-
Eigenschaften der Arbeit
gesellschaftlich und verteilt ist; ihre Eigenschaft als gesellschaft- schaftlich gleichgesetzte - den Platz getauscht zu haben. In dem
lich gleichgesetzte tritt ergänzend hinzu. sozialistischen Gemeinwesen war die Eigenschaft der Arbeit als
Untersuchen wir nun die Wandlungen, die in der Organisation gleiche oder gleichgesetzte das Ergebnis des Produktionsprozes-
der Arbeit unseres Gemeinwesens stattfänden, wenn wir uns ses, der Produktionsentscheidung eines gesellschaftlichen Organs,
dieses nicht als organisiertes Ganzes, sondern als Verein isolier- das die Arbeit vergesellschaftete und verteilte. In der Waren-
ter Wirtschaftseinheiten von privaten Warenproduzenten, d. h. produktion wird Arbeit zu gesellschaftlicher Arbeit einzig in
als warenproduzierende Gesellschaft, vorstellen. dem Sinne, daß sie allen anderen Formen der Arbeit gleich
Die gesellschaftlichen Eigenschaften der Arbeit, denen wir in wird, daß sie gesellschaftlich gleichgesetzt wird. Gesellschaftliche
einem organisierten Gemeinwesen nachgingen, lassen sich auch oder gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit in der spezifischen
in einer warenproduzierenden Gesellschaft finden. Auch hier Form, die sie in der Warenproduktion besitzt, kann als ab-
können wir gesellschaftliche Arbeit sehen, verteilte Arbeit
und strakte Arbeit bezeichnet werden.
gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit.Aber all diese Prozesse der Wir können einige Zitate aus dem Marxschen Werk anführen,
Vergesellschaftung, Gleichsetzung und Verteilung von Arbeit die das Gesagte belegen.
vollziehen sich in gänzlich anderer Form. Das Zusammenwir- Zur Kritik der
Die treffendste Stelle findet sich in der Schrift
ken dieser Eigenschaften stellt sich völlig anders dar. Vor allem Ökonomie, Marx daß die Arbeit »gesell-
Politischen in der sagt,
gibt es in einer warenproduzierenden Gesellschaft keine direkte abstrakten
schaftlich« dadurch wird, »daß sie die Form ... der
gesellschaftliche Organisation der Arbeit. Die Arbeit ist nicht Allgemeinheit annimmt«, d. h. dadurch, daß sie mit allen an-
unmittelbar gesellschaftlich. wird {Zur Kritik der Politischen
deren Waren gleichgesetzt
In einer warenproduzierenden Gesellschaft wird die Arbeit eines »Abstrakte und in dieser Form gesellschaft-
Ökonomie, S. 27).

liche Arbeit« - mit diesen Worten charakterisiert Marx häufig


einzelnen Individuums, eines einzelnen, privaten Warenprodu-
zenten nicht unmittelbar durch die Gesellschaft gesteuert. Die
die gesellschaftliche Form der Arbeit in einer warenproduzie-
Arbeit als solche, in ihrer konkreten Form, tritt noch nidn un- renden Gesellschaft. Wir können auch den bekannten Satz aus
mittelbar in die Gesamtwirtschaft ein. In einer warenproduzie-
dem Kapital anführen, daß »der spezifisch gesellschaftliche Cha-
renden Gesellschaft wird Arbeit zu gesellschaftlicher Arbeit erst, rakter der voneinander unabhängigen Privatarbeiten in ihrer
wenn sie die Form gesellschaftlich gleichgesetzter Arbeit an- Gleichheit als menschliche Arbeit besteht« (K., I, S. 88).
nimmt: die Arbeit eines jeden Warenproduzenten wird zu ge- In einer warenproduzierenden Gesellschaft verlagert sich der
sellschaftlicher Arbeit einzig dadurch, daß sein Produkt mit den
Schwerpunkt der Gesellsdiaftlichkeit der Arbeit somit auf ihre
Produkten aller übrigen Warenproduzenten gleidigesetzt wird.
Eigenschaft als gleiche, durch die Gleichsetzung der Arbeitspro-
So wird die Arbeit des betreffenden Individuums mit der ande-
dukte gleich gewordene Arbeit. Der Begriff der Gleichheit der
rer Gesellschaftsmitglieder und mit anderen Formen von Arbeit Arbeit spielt eine so zentrale Rolle in der Marxschen Wert-
gleichgesetzt. In einerwarenproduzierenden Gesellschaft gibt es theorie, gerade weil in der Warenproduktion Arbeit nur dann
darüber hinaus nichts, was den gesellschaftlichen Charakter der Eigenschaft der
zu gesellschaftlicher Arbeit wird, wenn sie die
Arbeit festlegen könnte. Es gibt hier keinen im vorhinein ent-
Gleichheit besitzt.
worfenen Plan für die Vergesellschaftung und Verteilung der In einer warenproduzierenden Gesellschaft haben die Eigen-
Arbeit. Das einzige Anzeichen dafür, daß sich die Arbeit irgend-
schaften der Arbeit als gesellschaftliche wie als verteilte ihren
eines Individuums in den gesellschaftlichen Zusammenhang der
Ursprung in der Gleichheit der Arbeit. Die Verteilung der Ar-

52 53
ihrer Gleichsetzung (ihrer Bewertung) nicht
Warenproduktion nicht bewußt, in Überein- Dinge im Prozeß
beit erfolgt in der
nach in direkter Proportion
zu der in ihrer Produktion verausgabten
stimmung mit zuvor geäußerten Bedürfnissen, sondern den Zielen der Sozialpolitik geleitete
Verteilung Arbeit bewerten. Eine von
dem Prinzip des gleichen Produktionsvorteils. Die die Dinge, die die kulturellen Bedürf-
vollzieht Gesellschaft kann z.B.
der Arbeit auf die verschiedenen Produktionszweige befriedigen, bewußt niedriger
durch den Aufwand nisse der breiten Volksmassen
sich dergestalt, daß die Warenproduzenten
veranschlagen und die Luxusgüter höher. Aber selbst wenn die
gleicher Arbeitsmengen gleiche Wertsummen in allen Produk-
in exakter Proportion zu
sozialistische Gesellschaft die Dinge
tionszweigen erlangen. die Entscheidung
der auf sie verwandten Arbeit bewertet, wird
Wir sehen, daß die primäre Eigenschaft der abstrakten Arbeit der Entscheidung über
spezifischen über die Gleichsetzung der Dinge von
(d.h. gesellschaftlich gleichgesetzter Arbeit in der sein.
besitzt) darin besteht, die Gleichsetzung von Arbeit getrennt
Form, die sie in der Warenproduktion Hier gibt es keine unabhän-
Ihre zweite Anders in einer Warengcsellschaft.
daß sie gesellschaftlich nur wird, wenn sie gleich ist.
gige gesellschaftliche Entscheidung
über die Gleichsetzung der
Eigenschaft ist darin gelegen, daß sich die Gleichsetzung
von
verschiedenen Arbeitsformen
Arbeit. Die Gleichsetzung der
Arbeit durch die Gleichsetzung von Dingen vollzieht. die Gleichsetzung von
der Gleich- vollzieht sich in der Form und durch
In einer sozialistischen Gesellschaft sind der Prozeß Gleichsetzung der Dinge in
von Din- Dingen, von Arbeitsprodukten. Die
setzung von Arbeit und der Prozeß der Gleichsetzung
unterschie- der Form von Werten auf dem
Markt beeinflußt die gesell-
gen (Arbeitsprodukten) möglich, aber voneinander
die Verteilung
und die Arbeitstätigkeit der Produ-
schaftliche Arbeitsteilung
den. Wenn der Plan für die Produktion und für
so vollzieht zenten. Die Gleichsetzung und Verteilung der Waren auf dem
der verschiedenen Arbeitsformen aufgestellt wird,
mit dem Prozeß der Gleichsetzung und
Verteilung
eine bestimmte Gleichsetzung der Markt sind
die sozialistische Gesellschaft
in der gesellschaftlidienProduktion eng verknüpft.
verschiedenen Arbeitsformen und setzt damit Dinge (Arbeits- von Arbeit
betonte häufig, daß in einer warenproduzierenden Ge-
produkte) unter dem Gesichtspunkt ihres gesellschaftlichen Nut- Marx
sellschaft die gesellschaftliche
Gleichsetzung von Arbeit nur in
zens einander gleich. »Allerdings wird auch dann [im Sozialis-
Form, durch die Gleichsetzung von Waren
realisiert
mus, I. R.] die Gesellschaft wissen müssen,
wieviel Arbeit jeder sachlicher
Arbeitsprodukte nicht
Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. Sie wird wird: »Die Menschen beziehen also ihre
bloß sachliche
Produktions- aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als
den Produktionsplan einzurichten haben nach den gelten. Umgekehrt. In-
gehören. Die Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit
mitteln, wozu besonders auch die Arbeitskräfte
Austausch
Nutzeffekte der verschiedenen Gebrauchsgegenstände,
abgewo- dem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im
Arbeiten
Herstellung nö- als Wertegleichsetzen, setzen sie ihre verschiedenen
gen untereinander und gegenüber den zu ihrer nicht,
18
einander menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das
tigen Arbeitsmengen,werden den Plan schließlich bestimmen.« als
Gleichsetzung
die Verteilung tun es« (K., I, S. 88). Die gesellschaftliche
Wenn der Produktionsprozeß beendet ist, wenn aber sie
sich
von Arbeit kein selbständiger Prozeß; sie vollzieht
auf die einzelnen Gesellschafts-
ist
der produzierten Gegenstände daß
Dingen. Das bedeutet,
so eine gewisse Gleichsetzung der allein durch die Gleichsetzung von
mitglieder stattfindet, ist
sie gesellschaftliche Gleichheit
der Arbeit sich nur durch die
Dinge zum Zwecke ihrer Verteilung, die bewußte Bewertung
austauschen im Ver-
dieser Gegenstände durch die Gesellschaft, wahrscheinlich
uner- Dinge hindurch realisiert. »Daß sich Waren
Arbeit, heißt, daß sie gleich
muß die sozialistische Gesellschaft
die hältnis der in ihnen enthaltenen
läßlich. 1 " Offensichtlich
soweit sie dasselbe Quantum Arbeit dar-
sind, dasselbe sind,
den Mehrwert, III, S. 124). »Die Gleich-
stellen« (Theorien über
Umwälzung der Wis'ensdaft die sachliche Form der
18 Friedrich Engels, Herrn Eugen Dübrings heit der menschlichen Arbeiten erhält
Bücherei des Marxismus-Leninismus,
Band 3, LMHW 20J,
(Anti-Dühring), Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte« (K., I,
gleichen
Berlin i960, S. 386. „ . der ver-
»gesellschaftliche Charakter der Gleichheit
,
Wirtschaft vor Augen, S. 86). Der
19 Wir haben hier die erste Phase einer sozialistischen
in der die Gesellschaft noch die Verteilung der
Produkte auf ihre einzelnen
schiedenartigen Arbeiten« spiegelt sich »in
der Form des ge-
Mitglieder steuern wird.

55
meinsamen Wertcharakters dieser materiell verschiedenen Dinge, sondern in der Art und Weise, in der in der Warenproduktion
der Arbeitsprodukte« (K., I, S. 88). Arbeit gleichgesetzt und verteilt wird. Wiederum kommen wir
Es gibt keine unsinnigere Interpretation dieser Sätze zu dem Schluß, daß Marx die Eigenschaften des »Werts« ent-
als die, die
hüllte, indem er die »Arbeit« in einer warenproduzierenden
darin die Behauptung sieht, daß sich in der Gleichheit der
Dinge
als Werte nichts anderes als die Gesellschaft analysierte.
physiologische Gleichheit der
verschiedenen Formen menschlicher Arbeit ausdrücke (vgl. Hieraus daß Marx den Tauschakt nur insoweit unter-
erhellt,
das
Kapitel über die abstrakte Arbeit). Diese mechanisch-materiali- suchte, als er eine spezifische Rolle im
Reproduktionsprozeß

Auffassung spielt und mit ihm eng zusammenhängt. Marx analysiert den
stische ist Marx fremd. Er spricht vom gesellschaft-
lichen Charakter der Gleichheit verschiedener Arbeitstypen, »Wert« der Waren in seinem Zusammenhang mit der »Arbeit«,
und Verteilung von Arbeit in der Pro-
vom gesellschaftlichen Prozeß der Gleichsetzung von Arbeit, mit der Gleichsetzung
Marxsche Werttheorie untersucht nicht jeden Aus-
der für jede auf extensiver Arbeitsteilung basierende duktion. Die
Wirtschaft
unerläßlich ist. In der Warenproduktion läßt sich dieser
Prozeß tausch von Dingen, sondern nur denjenigen, der 1. in einer
einzig durch die Gleichsetzung der Arbeitsprodukte Warengesellschaft, 2. zwischen autonomen Warenproduzenten
als Werte
realisieren.Diese »Vergegenständlichung« des gesellschaftlichen und der 3. mit dem Reproduktionsprozeß in einer
stattfindet,

Gleichsetzungsprozesses in der Form einer Gleichsetzung bestimmten Weise zusammenhängt und somit eine seiner not-
von dem
Dingen bedeutet nicht die materielle Vergegenständlichung der wendigen Phasen darstellt. Die Verbindung zwischen
Arbeit zu einem Produktionsfaktor, d. h. ihre materielle Tauschprozeß und dem Prozeß der Verteilung von Arbeit in
Akku- Ana-
theoretischen
mulation in Dingen (Arbeitsprodukten). der Produktion führt uns (zum Zwecke der
lyse) dazu, uns auf den Wert der Arbeitsprodukte
zu konzen-
»Die Arbeit jedes Individuums, soweit sie sich in
Tauschwerten
Gütern, die einen
darstellt, besitzt diesen gesellschaftlichen trieren (im Gegensatz zu den natürlichen
Charakter der Gleich-
damit auf reproduzierbare
heit, und sie stellt sich nur im Tauschwert Preis haben können), und allein
dar, soweit sie auf
Stellt der Austausch natürlicher Güter (z.B.
von
die Arbeit aller andern Individuen als gleiche bezogen Produkte.
ist« {Zur
eine normale Erscheinung der Warenpro-
Kritik der Politischen Ökonomie, S.25). Mit
diesen Worten
Grund und Boden)
brachte Marx den Zusammenhang und die wechselseitige duktion dar, die mit dem Produktionsprozeß in Verbindung
Beein-
politischen Ökono-
flussung des Prozesses der Gleichsetzung von Arbeit steht, so müssen wir ihn in den Bereich der
und der
Gleichsetzung von Waren als Werten in der Warenproduktion mie einschließen. Er muß jedoch getrennt von dem mit den Wert
klar auf den Begriff. Dies erklärt die spezifische von Arbeitsprodukten zusammenhängenden Phänomenen un-
Rolle des
Tauschprozesses im Mechanismus der Warenproduktion: tersucht werden. Wie immer der Bodenpreis den
stark auch
durch von
ihn werden die Arbeitsprodukte als Werte einander Produktionsprozeß beeinflußt: dieser Zusammenhang wird
gleichge-
der funktionalen Beziehung zwischen dem
setzt. Der Prozeß der Gleichsetzung
Wert der Arbeits-
und Verteilung von Arbeit
in der
hängt eng mit der Gleichsetzung von Werten zusammen. produkte und dem Prozeß der Verteilung von Arbeit
Ver- Bodenpreis
änderungen in der Wertgröße von Waren hängen von der gesellschaftlichen Produktion verschieden sein.
Der
auf
Güter bildet
sie verausgabten gesellschaftlich notwendigen
Arbeit ab, nicht und, allgemein, der Preis nichtreproduzierbarer
sondern liegt an den
etwa deshalb, weil die Gleichsetzung von Dingen ohne die keine Ausnahme der Arbeitswerttheorie,
Gleichheit der auf sie verausgabten Arbeit nicht möglich Grenzen dieser Theorie, an den von ihr selbst - als einer sozio-
wäre die
(nach Böhm-Bawerk ist dies die Begründung, auf die Marx logischen Theorie - gezogenen Grenzen, innerhalb derer
seine
Theorie aufbaut), sondern weil sich in einer warenproduzieren- Gesetze untersucht werden, die die Veränderungen des Werts
den Gesellschaft die gesellschaftliche Gleichsetzung der Arbeit und seine Funktion im Produktionsprozeß der Warengesellschaft
einzig in Form einer Gleichsetzung
von Waren vollzieht. Der bestimmen.
Schlüssel zur Werttheorie Marx von Dingen, son-
analysiert somit nicht jeden Austausch
im Tauschakt als solchem, in
ist nicht
Gleichsetzung von Waren, durch die sich die ge-
der materiellen Gleichsetzung der Waren als Werte zu suchen, dern nur die

56 57
seilschaftliche Gleichsetzung von Arbeit in der Warenproduk- gesellschaftlichen Produktionsprozeß
der Warenproduzenten im
tion vollzieht. Wir untersuchen den Warenwert als Äußerungs- in der Ar-
erzeugen somit verschiedene Gleichgewichtsgesetze
form der »gesellschaftlichen Gleichheit der Arbeit«. Die Kate- warenproduzierenden Gesell-
beitsverteilung. In einer einfachen
gorie der »gesellschaftlichen Gleichheit der Arbeit« muß mit der Produktionsvorteil für die in ver-
schaft stellt sich der gleiche
des Gleichgewichts zwischen den individuellen Formen der Ar- Warenproduzenten
schiedenen Produktionszweigen beschäftigten
beit in Verbindung gebracht werden. Die »Gleichheit der Ar- - Übereinstimmung mit der zur
durch den Warentausch her in
beit« entspricht einem bestimmten Zustand der Verteilung von S. Frank
Produktion dieser Waren notwendigen Arbeitsmenge.
Arbeit in der Produktion, d. h. einem theoretisch konzipierten mißtrauisch. Nach Frank setzt
ist dieser Behauptung
gegenüber
Gleichgewichtszustand, in dem die Verschiebung von Arbeit Einkommen in verschiedenen Wirt-
»die Tendenz zu gleichen
von einem Produktionszweig zum anderen aufhört. Solche Ver- den Ausgaben
schaftszweigen ... voraus, daß der Produktpreis
schiebungen von Arbeit werden selbstverständlich immer statt- so daß ein bestimmter Ein-
des Produzenten proportional ist,
finden und sind unerläßlich bei einer andauernden Störung der Produktions-
kommensbetrag aus einem bestimmten Betrag von
Proportionalität in der Arbeitsverteilung, wie sie durch die Proportionalität erfordert jedoch
ausgaben resultiert. Diese
Anarchie der Wirtschaft hervorgerufen wird. Diese Verschiebun- Produzenten verausgabten
keine Gleichheit zwischen der vom
gen der Arbeit dienen jedoch gerade der Beseitigung der Stö- die er im Aus-
gesellschaftlichen Arbeit und den Arbeitsmengen,
rungen, der Abweichungen vom durchschnittlichen, theoretisch 21
tausch für seine Produktion erhält.«
konzipierten Gleichgewicht zwischen den einzelnen Produk- für den
Frank fragt jedoch nicht, worin die Produktionsausgabe
tionszweigen. Der Gleichgewichtszustand ist (theoretisch) dann der auf die
einfachen Warenproduzenten besteht, wenn
nicht in
erreicht, wenn
Motive verschwinden, die die Warenprodu- Warenprodu-
Produktion verwandten Arbeit. Dem
die einfachen
zenten bewegen, vom
einen Produktionszweig zum anderen Unterschiede in den Produktionsbedm-
zenten stellen sich die
überzugehen, wenn gleiche Produktionsvorteile in den verschie- als unterschied-
gungen zweier verschiedener Produktionszweige
denen Produktionszweigen gegeben sind. In diesem Zustand von Arbeit dar. In einer ein-
liche Bedingungen für den Einsatz
eines gesellschaftlichen Produktionsgleichgewichts werden die Gesellschaft führt der Austausch
fachen warenproduzierenden
Arbeitsprodukte zwischen den verschiedenen Produktionszwei- einem Produktionszweig - z.B. der
von 10 Arbeitsstunden in
gen zu ihrem Wert ausgetauscht, die verschiedenen Arbeitstypen Arbeitsstunden in
Schuhindustrie - gegen das Produkt von 8
sind gesellschaftlich gleich.
einem anderen Produktionszweig
- z.B. der Tuchproduktion -
Unter qualitativem Aspekt stellen sich die Gesetze dieses Gleich- daß der Schun-
mit Notwendigkeit (unter der Voraussetzung,
gewichts für die einfache Warenproduktion anders dar als für
die kapitalistische. Dieser Unterschied läßt sich daraus erklären,
spruch zu Hilferdings Interpretation
der Marxschen Theorie zu sehen
noch die Beziehungen zwischen
daß sichdas objektive Gleichgewicht in der Verteilung gesell- Hilferding übersieht weder den Wettbewerb den
1

ist »beherrscht durch


schaftlicher Arbeit aus der Konkurrenz ergibt, aus der Verschie- Angebot und Nachfrage; aber diese Beziehung Marx-
Marx-Kntik« in
Produktionspreis« (Hilferding, »Böhm-Bawerks
bung von Arbeit vom einen Produktionszweig zum anderen, 1. Band, Wien 1904.
S. 59).
Studien, hrsg. v. M. Adler und R. Hilferdmg,
Handeln
ng begreift, daß das wirkliche
,id>
einer Verschiebung, die durch die subjektiven Motive von Wa- H ilferd ™™f**«
aber er betont: »Aus den Mo-
renproduzenten vermittelt ist. 20 Die verschiedenen Funktionen Motive von Wirtschaftssubjekten vollzieht
die selbst aber durch d 1C Natur
tiven der handelnden Wirtschaftsobjekte,
determiniert werden laßt s.ch nie mehr
der wirtschaftlichen Beziehungen
Bedin-
als die Tendenz zur Herstellung
der Gleichheit der okonom.schen
20 Auf diesen Punkt bezieht sich die folgende Anmerkung von Bortkiewicz: Tendenz ,s de
ableiten« {Das Finanzkapital, S. 247- Fußn.). Diese
das Wertgesetz (hängt) in der Luft . ., wenn nicht angenommen wird, gungen
». der Phänomene der kapi-
Voraussetzung, von der man bei der Erklärung
. .
.

daß die für den Austausch produzierenden Arbeiter bestrebt sind, mit der hat. nicht jedod» ihre vollstän-
talistischen Warenproduktion auszugehen
geringsten Anstrengung einen möglichst großen Erfolg zu erzielen und zu- Zusammenhang der wirtsdiaft-
dige Erklärung. Aus dem »funktionellen
gleich sich in der Lage befinden, ihre Beschäftigung zu wechseln« (Bortkie- Produktions-
wiez, »Wertrechnung und Preisredinung im Marxschen System«, Archiv iichenHandlungen« ist »die Motivation der kapitalistischen
für S. 226, Fußn.).
aeenten zu verstehen« (ebd.,
Sozialwissenschafi und Sozialpolitik, 1906, XXIII, S. 39). Aber Bortkic-* znacenie (Die Marxsche Werttheone
21 S Frank, Teorija cennosti Marksa i eje
wiez macht den Fehler, in dieser Feststellung einen grundlegenden Wider-
und ihre Bedeutung), 1900, S. 137 $•

59

-
Produzent und der Tuchproduzent gleichermaßen qualifiziert und verführerisch diese auf der »Energie« auf-
Wie originell
auch sein mag,
sind) zu verschiedenen Produktionsvorteilen in den beiden bauende Interpretation der Arbeitswerttheorie
dennoch unbefriedigend: erstens
Zweigen und zu einem Wechsel von Arbeit aus der Schuh- in aus folgenden Gründen ist sie
Fehlen eines Mehrprodukts voraus, eine
die Tuchproduktion. Nimmt man eine vollständige Beweglich- setzt sie das gänzliche
für die Analyse der Warenproduktion über-
keit der Arbeit in der Warenproduktion an, so erzeugt jeder Voraussetzung, die
mehr oder weniger signifikante Unterschied in den Produk- ist und der Realität nicht
entspricht. Akzeptiert man
flüssig
zweitens eine solche Prämisse, so wird man das
tionsvorteilen eine Tendenz zur Verschiebung von Arbeit vom Gesetz des
Produkten zu ihren Arbeitskosten als für alle
weniger vorteilhaften Produktionszweig zum günstigeren. Diese Austauschs von
Wirtschaftsein-
Tendenz hält an, bis der ungünstigere Produktionszweig un- Fälle von Beziehungen zwischen verschiedenen
mittelbar der Drohung heiten gültig ansehen müssen, selbst wenn die
Grundlagen der
des ökonomischen Zusammenbruchs
gegenübersteht und sich die Foitsetzung der Produktion ange- Warenproduktion fehlen. Man erhält eine auf sämtliche histori-
sichts der ungünstigen Bedingungen für den Verkauf seiner scheEpochen anwendbare und von den Besonderheiten der
Produkte auf dem Markt als unmöglich erweist. Warenproduktion absehende Formel. Drittens setzt Bogdanovs
Wenn wir von diesen Überlegungen ausgehen, so können wir Argument voraus, daß die betreffende Wirtschaftseinheit (über
mit der von A. Bogdanov vollzogenen Interpretation der Wert- den Tausch) eine bestimmte Menge von Produkten erhalten
theorie nicht übereinstimmen. »In einer muß, die zur Fortsetzung der Produktion notwendig ist, d. h.
homogenen Gesellschaft
mit Arbeitsteilung muß jede Wirtschaftseinheit im Austausch für Produktmenge im physikalischen Sinn im Auge und
er hat die
ihre Güter eine Produktmenge (zu ihrem eigenen Verbrauch) nicht die Wertsumme. Bogdanov beschreibt die absolute Grenze,
erhalten, die ihren eigenen Produkten wertgleich jenseits derer der Austausch von Gegenständen
zwischen einer
ist, wenn das
und anderen Wirtschaftseinhei-
Wirtschaftsgeschehen auf dem Niveau der vorangegangenen bestimmten Wirtschaftseinheit
Möglichkeit zur
Periode gehalten werden soll.« »Erhalten einzelne Wirtschafts- ten auf jene zerstörerisch wirkt und ihr die
einheiten weniger als dies, so bedeutet dies den Beginn ihrer Fortsetzung der Produktion entzieht. Bei der Analyse der
Schwächung und Zusammenbruchs, und sie werden un-
ihres Warenproduktion spielen die entscheidende Rolle jedoch der
fähig, ihre frühere gesellschaftliche relative Preisvorteil für die Warenproduzenten in
den verschie-
Funktion zu erfüllen.« 22
Arbeit
Ein Austausch von Produkten, der der auf ihre Produktion denen Produktionszweigen und die Verschiebung der
verausgabten Arbeit nicht proportional weniger vorteilhaften zu den günstigeren Zweigen.
ist, bedeutet, daß ein- von den
Unter den Bedingungen der einfachen Warenproduktion
zelne Wirtschaftseinheiten setzt
von der Gesellschaft weniger Ar-
beits-Energie erhalten als sie selbst zur Verfügung stellen. Dies die Gleichheit des Produktionsvorteilsden verschiedenen
in

führt zu ihrem Zusammenbruch und zum Abbruch der Produk- Produktionszweigen einen Warenaustausch voraus, der den auf
tion. Das bedeutet, daß der normale Verlauf der Produktion die Herstellung dieser Waren verwandten
Arbeitsmengen pro-
nur dann möglich ist, wenn der Produktaustausch den Arbeits- portional ist.

aufwänden proportional ist. 23 In der kapitalistischen Gesellschaft, in der der Warenproduzent


drückt sich
nicht seine Arbeit, sondern sein Kapital verausgabt,
einer anderen Formel
22 Kratkij kitrs ekonomiceskoj nauki (Kurze Einführung in die Wirtschafts- dasselbe Prinzip des gleichen Vorteils in
wissenschaft)^ 1920, S. 63. Dieselbe Argumentation findet sich in seinem
aus: gleicher Profit für gleiches Kapital. Die Profitrate reguliert
Kurs politiceskoj ekonomii (Einführung in die politische Ökonomie), Produktions-
2. Band, 4. Teil, S. 22—24. die Verteilung des Kapitals auf die verschiedenen
23 Solche Argumente lassen sich in rudimentärer Form auch im Werk von Kapitalverteilung steuert ihrerseits die Ver-
zweige, und diese
N. Ziber finden. »Ein Tausch, der nicht auf gleichen Arbeitsmengen beruhte,
teilung der Arbeit auf diese Produktionszweige. Die
Preisbe-
würde zur Zerstörung einiger ökonomischer Kräfte durch andere führen.
Dieser Zustand könnte in keinem Fall über eine längere Periode hinweg wegung auf dem Markt ist an die Verteilung der Arbeit und
den
andauern. Jedoch eignet sich einzig eine lange Periode zu wissenschaftlicher
dadurch an die Verteilung des Kapitals geknüpft. Durch
Analyse.« (N. Ziber, Teorija cennosti i kapitala Rikardo [Ricardos Wert- Viele
Produktionspreis ist sie an den Arbeitswert gebunden.
und Kapitaltheorie J, 1871, S. 88).

60 61
Kritiker des Marxismus neigten dazu, hierin den Bankrott der Bedingungen der einfachen
Warenproduktion und in der kapi-
Marxschen Werttheorie zu sehen. 24
Sie übersahen, daß die talistischen Gesellschaft.
241
Das Gleichgewicht und die Verteilung
Theorie nicht nur den quantitativen, sondern vor allem auch die Grundlage des Werts und seiner Verände-
der Arbeit sind
den qualitativen (gesellschaftlichen) Aspekt der mit dem Wert rungen sowohl in der einfachen Warenproduktion als auch in
zusammenhängenden Phänomene Verdinglichung Wirtschaft. Das ist die Bedeutung der Marx-
untersucht. der kapitalistischen
«werts.
oder Fetischisierung der Arbeitsverhältnisse; Produktionsver- schen Theorie des » Arbeits
hältnisse, ausgedrückt im Wert von Produkten; Kapiteln handelte es sich um den Mechanis-
die Gleichheit In den letzten drei
der Warenproduzenten als Wirtschaftssubjekte; die Rolle des und Wert aufeinander bezieht. Im ersten Ka-
mus, der Arbeit
Wert zunächst in seiner Funktion als Regulator
Werts in der Verteilung der Arbeit auf die verschiedenen Pro- pitel wurde der
duktionszweige - diese ganze Reihe von Erscheinungen, die von gesellschaftlicher Arbeit betrachtet; im zweiten
der Verteilung
den Marxkritikern nicht ausreichend untersucht und die von der Ausdruck Produk-
gesellschaftlicher
Kapitel stellte er sich als
und im dritten Kapitel als Ausdruck ab-
Marxschen Werttheorie erhellt wird, betrifft gleichermaßen eine tionsverhältnisse dar
einfache warenproduzierende Gesellschaft wie eine kapitalisti- strakter Arbeit. Nunmehr können wir uns einer detaillierteren
sche Wirtschaft. Aber auch der quantitative Aspekt des Werts Analyse des Wertbegriffs zuwenden.
interessierte Marx, sofern er nämlich mit der Funktion des
Werts als eines Regulators der Arbeitsverteilung zusammen-
hängt. Die quantitativen Verhältnisse, in denen Dinge sich
gegeneinander austauschen, sind Ausdruck des Gesetzes der pro-
portionalen Verteilung gesellschaftlicher Arbeit. Der Arbeits-
wert und der Produktionspreis sind verschiedene Äußerungs-
formen desselben Gesetzes der Arbeitsverteilung — unter den

24 So sagt z. B. Hanisch: »Was ist aber der Arbeitswert nach dieser Erklärung
[im dritten Band des Kapital, I. R.]? Ein willkürlich konstruierter Begriff
und nicht mehr der Tauschwert der ökonomischen Wirklichkeit, nicht mehr
die reale Tatsache, von der man ausging und die man erklären wollte«
(Hanisch, Die Marxsche Mehrwerttheorie, 1915. S. 22). Hanischs Bemer-
kungen sind typisch für eine ganze Sparte der Marxismuskritik, die durch
die Veröffentlichung des dritten Bandes des Kapital provoziert wurde.
Die scharfsinnigeren Kritiker legen dem angeblichen »Widerspruch« zwi-
schen dem ersten und dem dritten Band des Kapital keinerlei Bedeutung
bei oder halten ihn zumindest nicht für wesentlich (vgl. J. Schumpeter,
»Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte«, in: Grundriß der Sozial-
ökonomik, I, 1914, S.82; und F. Oppenheimer. Wert und Kapitalprofit,
Jena 1916, S. 172 f.). Sie kritisieren heftig die Grundprämissen der Marx-
schen Werttheorie. Auf der anderen Seite anerkennen jene Kritiker, die
auf den Widersprüchen zwischen der Marxschen Werttheorie und seiner
Theorie des Produktionspreises bestehen, daß die Logik der Werttheorie
nicht zu bezweifeln ist. »Zwar ist auch formal gegen ihre [der Werttheo-
rie, d. Übers.] Ableitung mancherlei einzuwenden und tatsächlich ein-
gewendet worden, doch ist offenbar wenig gewonnen, wenn man . . . den
Beweis zu erbringen versucht, daß in diesem oder jenem Detail ein Fehler
stecken müsse« (Heimann, »Methodologisches zu den Problemen des Wer-
tes«, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 1913, XXXVII,
S. 775). Selbst Dietzelgibt zu. »daß Marx von der Wertlehre aus nicht
widerlegt werden kann.« Er erblickt die Achillesferse des Marxschen Sy-
stems in der Krisentheorie (Dietzel, Vom Lehrwert der Wertlehre, Leip-
zig 1921, S. 31). 24" S. u. das Kapitel »Wert und Produktionspreis«.

63
62
hung oder Proportion, in der Produkte sich gegeneinander aus-
Wertsubstanz und Wertform
tauschen, findet sich in beiden Werken. Danach jedoch divergie-
ren die beiden Texte. Wenn Marx in der Kritik unmerklich
vom Tauschwert zum Wert überging, so scheint er im Kapital
gerade umgekehrt an einem bestimmten Punkt stehenzubleiben,
als erwarte er die Einwände seiner Gegner.
Nach jener Fest-
stellung, die sich in beiden Werken findet, betont Marx: »Der
Tauschwert scheint daher etwas Zufälliges und rein Relatives,
ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert (valeur in-
trinseque) also eine contradictio in adjecto. Betrachten wir die
Um zu begreifen, was unter der Kategorie des »Werts« eines Sache näher« (K., I, S. 50 f.).

Produkts - im Gegensatz zum Begriff des Tauschwerts - im Marx im Auge, dem an dem
hatte hier ersichtlich einen Gegner
Marxschen Werk zu verstehen ist, müssen wir zunächst unter- Nachweis gelegen war, daß außer dem relativen Tauschwert
suchen, wie Marx zu dieser Kategorie gelangte. Es ist hinläng- nichts existiert, daß der Wertbegriff in der politischen Ökono-
lich bekannt, daß der Wert eines Produkts, z. B. eines Quarters mie durchaus überflüssig ist. Auf welchen seiner Gegner spielt
Weizen, sich auf dem Markt nur in der Form eines bestimmten, Marx an?
konkreten Produkts ausdrücken läßt, das im Austausch gegen Es war [Samuel] Bailey, der den Wertbegriff in der politischen
das erstere erworben wird, z. B. in der Form von 20 Pfund Ökonomie für gänzlich unnötig hielt, der die Meinung vertrat,
Schuhwichse, 2 Arschinen Seide, VaUnze Gold usw. Der »Wert« daß man sich auf die Beobachtung und Analyse einzelner Pro-
eines Produkts kann also nur in seinem »Tauschwert« erschei- portionen, in denen sich verschiedene Güter austauschen, zu be-
nen oder, genauer, in seinen verschiedenen Tauschwerten. War- schränken habe. Bailey, der mit seiner Oberflächlichkeit mehr
um beschränkte Marx seine Analyse aber nicht auf den Tausch- Erfolg hatte als mit seiner geistreichen Ricardo-Kritik, ver-
wert des Produkts und speziell auf die quantitativen Aus- suchte, die Grundlagen der Arbeitswerttheorie zu unterhöhlen.
tauschproportionen zweier Produkte? Warum hielt er es für Er vertrat die Ansicht, daß es falsch sei, vom Wert eines Ti-

notwendig, parallel zum Begriff des Tauschwerts und von ihm sches zu sprechen. Man könne lediglich daß der Tisch
feststellen,

unterschieden den Begriff des Werts zu bilden? das eine Mal gegen drei Stühle getauscht werde, dann wiederum
In seiner Schrift 7.ur Kritik der Politischen Ökonomie vollzog gegen zwei Pfund Kaffee usw.; die Wertgröße sei etwas durch-
Marx noch keine scharfe Unterscheidung zwischen Tauschwert aus Relatives und weclosle von Augenblick zu Augenblick. Dar-
und Wert. Hier begann er seine Analyse mit dem Gebrauchs- aus leitete Bailey Schlüsse ab, die darauf hinausliefen, den
wert, wandte sich dann dem Tauschwert zu und ging von dort Wertbegriff als eine Kategorie, die sich vom relativen Wert
direkt zum Wert über (den er noch als »Tauschwert« bezeich- irgendeines Produkts während irgendeines Tauschakts unter-
nete). Dieser Übergang im Marxschen Werk ist fließend und zu negieren. Stellen wir uns den folgenden Fall vor:
scheidet,
kaum bemerkbar, als handele es sich um eine Selbstverständ- der Wert eines Tisches kommt dem von drei Stühlen gleich. Ein
lichkeit. Jahr später tauscht man den Tisch gegen sechs Stühle. Wir
Im Kapital allerdings vollzieht Marx diesen Übergang ganz glauben uns berechtigt zu sagen, daß der Wert des Tisches der-
anders, und ein Vergleich der ersten beiden Seiten der Kritik selbe geblieben ist, selbst wenn sein Tauschwert sich geändert
und des Kapital ist überaus aufschlußreich. hat. Nur der Wert der Stühle ist auf die Hälfte ihres früheren
Die ersten beiden Seiten der beiden Werke stimmen völlig mit- Werts gefallen. Bailey hält diese Aussage für sinnlos. Da sich

einander überein. In beiden beginnt die Darstellung mit dem die Tauschrelation zwischen Tisch und Stühlen geändert hat,
Gebrauchswert und geht dann zum Tauschwert über. Die Fest- hat sich auch das Verhältnis der Stühle zu dem Tisch geändert,
stellung, der Tauschwert sei die Form der quantitativen Bezie- und darin allein besteht der Wert des Tisches.

64 65

m
Kri-
Um Baileys Theorie zu widerlegen, hielt Marx es für notwendig, Marxens Hauptargument. Hiergegen richten sich fast alle
Marxschen Theorie. Leider behauptet jedes gegen
(im Kapital) die Auffassung abzuleiten, daß der Tauschwert tiken der
Wert-
nicht zu begreifen ist, wenn er nicht auf einen gemeinsamen Marx gerichtete Werk, daß Marx die Notwendigkeit des
belegen ver-
Faktor, nämlich den Wert, reduziert wird. Der erste Abschnitt begriffs mit rein abstrakten Argumentationen zu

des ersten Kapitels des Kapital will den Gedanken begründen, suchte.
Völlig übersehen wurde dabei allerdings folgendes: Der Absatz,
daß vom Tauschwert zum Wert zurückzugehen ist und vom
dem Marx sich mit der Gleichheit von Weizen und Eisen
Wert zu der beiden gemeinsamen Basis: der Arbeit. Der zweite in
beschäftigt, lediglich eine Deduktion aus dem vorangehen-
Abschnitt stellt eine Ergänzung zum ersten dar, da hier der Be- ist

griff der Arbeit detaillierter analysiert wird. Man kann sagen, den Absatz; dieser lautet:
sich mit
daß Marx von den Unterschieden, die sich auf der Ebene des »Eine gewisse Ware, ein Quarter Weizen z. B. tauscht
z Gold usw., kurz
Tauschwerts ausdrücken, zu dem allen Tauschwerten zugrunde- x Stiefelwichse oder mit y Seide oder mit
Proportionen. Man-
liegenden gemeinsamen Faktor überging, nämlich zum Wert mit andern Waren in den verschiedensten
einzigen.
(und, letzten Endes, zur Arbeit). An dieser Stelle demonstriert nigfache Tauschwerte also hat der Weizen statt eines
Stiefelwichse, ebenso y Seide, ebenso z Gold usw.
Marx die Unzulänglichkeit der Baileyschen Auffassung, nach Aber da x
müssen x Stie-
der es möglich ist, Ebene des Tauschwerts
die Analyse auf die der Tauschwert von einem Quarter Weizen ist,
durch einander ersetzbare oder
zu beschränken. Im dritten Abschnitt schlägt Marx den umge- felwichse, y Seide, z Gold usw.
daher erstens:
kehrten Weg ein und erläutert, wie der Wert irgendeines Pro- einander gleich große Tauschwerte sein. Es folgt
Tauschwerte derselben Ware drücken ein Gleiches
dukts sich in seinen verschiedenen Tauschwerten ausdrückt. Die gültigen
Der Tauschwert kann überhaupt nur die
Hatte ihn seine Analyse zuvor zum gemeinsamen Faktor ge- aus. Zweitens aber:
Ausdrucksweise, die >Erscheinungsform< eines von ihm
unter-
führt, so geht er nun von diesem zu den Unterschieden über.
Auffassung zurückwies, er- scheidbaren Gehalts sein« (K., I, S. 51).
Während er zunächst die Baileysche
gänzt er nun die Theorie von Ricardo, die den Übergang vom Wie aus diesem Absatz hervorgeht, untersucht Marx nicht den
individuellen Fall der Gleichsetzung einer Ware mit der
ande-
Wert zum Tauschwert nicht erklärte. Um Baileys Theorie abzu-
lehnen, mußte Marx die Theorie von Ricardo weiterführen. ren.Den Ausgangspunkt der Überlegung bildet eine bekannte
Tatsache in der Warenproduktion: daß sämtliche Waren
mitein-
Tatsächlich wurde Baileys Versuch nachzuweisen, daß es außer
ander gleichgesetzt werden können, daß eine bestimmte Ware
dem Tauschwert keinen Wert gebe, durch die Einseitigkeit Ri-
wer-
cardos entscheidend erleichtert. Es ist Ricardo nicht gelungen zu mit einer Unendlichkeit von anderen Waren gleichgesetzt
Ausgangspunkt der Marx-
zeigen, wie sich der Wert in einer bestimmten Wertform aus- den kann. Mit anderen Worten: den
schen Überlegung bildet die konkrete Struktur der
Warenpro-
drückt. Marx hatte somit zwei Aufgaben: i. mußte er zeigen,
Logik des Vergleichs zweier Waren.
daß hinter dem Tauschwert der Wert aufzudecken ist; 2. mußte duktion und nicht die reine
er beweisen, daß die Analyse des Werts notwendig zu seinen Marx geht somit von der mannigfachen Gleichsetzung aller
verschiedenen Äußerungsformen führt, zum Tauschwert. Waren untereinander aus oder davon, daß jede Ware mit vielen
Auf welche Weise vollzog Marx den Übergang vom Tauschwert anderen Waren gleichgesetzt werden kann. Diese Voraussetzung
reicht jedoch nicht aus für all die Schlußfolgerungen,
zu
zum Wert? allein
denen Marx gelangte. Diesen liegt vielmehr noch eine still-
Kritiker und Kommentatoren von Marx glauben gewöhnlich,
schweigende Annahme zugrunde, die Marx an verschiedenen
daß sein zentrales Argument in seinem berühmten Vergleich
von Weizen und Eisen bestehe (vgl. K., I, S. 51). Wenn Weizen anderen Stellen explizierte.
Eine weitere Prämisse besteht in folgendem: Wir nehmen
an,
und Eisen einander gleichgesetzt werden, so lautet die Argu-
jede an-
mentation, so muß ein Gemeinsames in der Größe dieser daß der Austausch von einem Quarter Weizen gegen
dere Ware einer bestimmten Regelmäßigkeit
unterworfen ist.
beiden Dinge stecken. Sie müssen einem Dritten gleich sein,
in diesen Tauschakten verdankt sich ihrer Ab-
und dies genau ist ihr Wert. Gewöhnlich hält man dies für Das Regelmäßige

67
hängigkeit vom
Produktionsprozeß. Wir verwerfen die Annah- Wenn wir die verbreitetste und weithin geteilte Ansicht nehmen,
me, daß der Quarter Weizen gegen eine willkürliche Menge so müssen wir leider behaupten, daß der Wert gewöhnlich als
Eisen, Kaffee usw. auszutauschen sei, wir können nicht damit die zur Produktion bestimmter Waren notwendige Arbeit be-
übereinstimmen, daß die Tauschrelationen jederzeit neu, wäh- trachtet wird. Als den Tauschwert irgendwelcher Waren sieht
rend des Tauschakts werden und somit rein
selbst, festgelegt man dagegen ein anderes Produkt an, gegen das sich die erste

akzidentell sind. Wir bestehen im Gegenteil darauf, daß sämt- Ware Wird
austauscht. irgendein Tisch in drei Arbeitsstunden
liche Möglichkeiten des Austauschs irgendeiner Ware gegen jede hergestellt und gegen drei Stühle ausgetauscht, so sagt man ge-
andere bestimmten Regelmäßigkeiten unterliegen, die auf dem wöhnlich, daß der Wert des Tisches, der drei Arbeitsstunden
Produktionsprozeß beruhen. In diesem Fall stellt sich das gleich ist, sich in einem anderen Produkt ausdrückt, das sich von
Marxsche Argument folgendermaßen dar: dem Tisch selbst unterscheidet, nämlich in drei Stühlen. Diese
Marx sagt: Nehmen wir nicht den zufälligen Tausch zweier machen den Tauschwert des Tisches aus.

Waren, Eisen und Weizen, sondern den Tausch in der Form, Diese gängige Definition läßt unklar, ob der Wert durch die
in der er in der Warenproduktion tatsächlich stattfindet. Dann Arbeit bestimmt ist oder ob der Wert die Arbeit selbst ist. Vom
werden wir sehen, daß jeder Gegenstand mit jedem anderen Standpunkt der Marxschen Theorie aus ist es offensichtlich rich-
gleichgesetzt werden kann. Mit anderen Worten: wir stoßen tig zu sagen, daß der Tauschwert durch die
Arbeit bestimmt ist.
auf eine Unendlichkeit von Tauschrelationen des betreffenden Dann aber müssen wir fragen: Was ist der durch die Arbeit be-
Produkts zu allen anderen Produkten. Diese Tauschrelationen stimmte Wert? Und auf diese Frage finden wir in den üblichen
sind jedoch nicht zufällig; sie besitzen eine Regelmäßigkeit, de- Erklärungen keine adäquate Antwort.
ren Ursachen im Produktionsprozeß gelegen sind. So kommen Aus diesem Grund kommt der Leser häufig auf den Gedanken,
wir zu dem Schluß, daß sich der Wert des Quarters Weizen der Wert des Produkts sei nichts anderes als die zu seiner Her-
das eine Mal Pfund Kaffee ausdrückt, das andere Mal in
in zwei stellung notwendige Arbeit. Er erhält den falschen Eindruck
drei Stühlen usw., unabhängig davon, daß der Wert eines von einer totalen Identität von Arbeit und Wert.
Quarters Weizen in all diesen Fällen derselbe geblieben ist. Eine solche Vorstellung ist in der anti-marxistischen Literatur

Nähmen wir an, daß in jeder der unendlich vielen Tauschrela- weit verbreitet. Man kann behaupten, daß eine große Zahl der
tionen der Quarter Weizen einen anderen Wert besitzt (und darin geäußerten Mißverständnisse und Fehlinterpretationen auf
hierauf kann Baileys Behauptung reduziert werden), so müßten dem falschen Eindruck beruhen, daß - Marx zufolge - Arbeit
wir ein totales Chaos in der Preisbildung zugestehen, in dem gleich Wert sei.

großartigen Phänomen des Produktentauschs, durch den sich die Dieser falsche Eindruck erwächst häufig aus der Unfähigkeit, die
umfassende Wechselbeziehung aller Arbeitsformen vollzieht. Terminologie und die Bedeutung des Marxschen Werks zu er-
Die obige Überlegung führte Marx zu dem Schluß, daß er ne- fassen. So wird z.B. die bekannte Äußerung von Marx, der Wert
ben der Analyse des Tauschwerts und unabhängig von ihr den sei »geronnene« oder »kristallisierte« Arbeit, gewöhnlich so in-

Wert zu analysieren habe, wenn sich auch der Produktwert not- terpretiert, daß Arbeit Wert sei.
25 Eine solche Vorstellung, die
wendig im Tauschwert manifestiert. »Der Fortgang der Unter- in der kritisch gegen Marx gerichteten Literatur überaus ver-

suchung wird uns zurückführen zum Tauschwert als der not- breitet ist, ist selbstverständlich völlig falsch. Arbeit darf nicht
wendigen Ausdrucksweise oder Erscheinungsform des Werts, mit Wert identifiziert werden. Die Arbeit ist lediglich die Wert-
welcher zunächst jedoch unabhängig von dieser Form zu be- substanz, und um zum Wert in der vollen Wortbedeutung zu
trachten ist« (K., I, S. 53). Demgemäß analysierte Marx im gelangen, muß die Arbeit als die Wertsubstanz in ihrer unlös-
ersten und im zweiten Abschnitt des ersten Kapitels den Wert-
begriff, um dann zum Tauschwert überzugehen. Diese Unter-
2$ Im folgenden werden einige Sätze ausgelassen, die, weil sie sich einzig auf
scheidung zwischen Wert und Tauschwert führt uns zu der
die Probleme der russischen Marx-Obersetzung beziehen, für den deutschen
Frage: Was ist der Wert im Gegensatz zum Tauschwert? Leser ohne Interesse sind (Anm. d. Übers.).

68
baren Verbindung mit der gesellschaftlichen »Wertform« be- lieh die Arbeit. Hier folgt Marx dem Weg, den die Klassiker
trachtet werden. der Ökonomie, besonders Ricardo, vorgezeichnet hatten,
dem
Marx analysiert den Wert in den Begriffen der Wertform, der Bailey zu folgen sich weigerte. Da sich jedoch Ricardo auf die

Wertsubstanz und der Wertgröße. »Das entscheidend Wichtige Reduktion der Form (des Werts) auf die Substanz (die Arbeit)

aber war, den inneren nothwendigen Zusammenhang zwischen beschränkt hatte, will Marx andererseits zeigen, warum diese

Werthf orm, Werthsubstanz und Werthgröße zu entdecken« (Das Substanz eine bestimmte gesellschaftliche Form erhält. Marx
Kapital,!, Hamburg 1867, S. 34). Die Verbindung zwischen schreitet nicht nur von der Form zur Substanz, sondern
auch

diesen drei Aspekten blieb dem Analytiker verborgen, weil Marx von der Substanz zur Form. Er macht die »Wertform« zum
sie getrennt untersuchte. In der ersten deutschen Ausgabe des Gegenstand seiner Untersuchung, nämlich den Wert als die ge-
Kapital betonte Marx mehrfach, daß das Thema die Untersu- sellschaftliche Form des Arbeitsprodukts - die Form, die die
chung verschiedener Aspekte ein und desselben Gegenstands sei: klassischen Ökonomen unbefragt voraussetzten, deren Erklärung
des Werts.»Wir kennen jetzt die Substanz des Werths. Es ist sich für sie mithin erübrigte.
Wir kennen sein Größenmaß. Es ist die Arbeitszeit.
die Arbeit. Marx wirft Bailey vor, daß er seine Analyse auf den quantita-
Seine Form, die den Werth eben zum Tausch-Werth. stempelt, tiven Aspekt des Tauschwerts beschränke und den Wert igno-
bleibt zu analysieren« (ebd.,Hervorh. im Original). »Da
S. 6; riere; gleichzeitig stellt er fest, daß auf der anderen Seite die
bisher nur noch Werthsubstanz und Werthgröße bestimmt, wen- klassische Schule die»Wertform« übersah, wenn sie auch den
den wir uns jetzt zur Analyse der Werth form« (ebd., S. 13). In Wert selbst (nämlich die Wertsubstanz und ihre Abhängigkeit
der zweiten Ausgabe des ersten Bandes des Kapital wurden diese von der Arbeit) der Analyse unterzog. »Die politische Ökono-
Sätze gestrichen, aber das erste Kapitel wurde in Abschnitte mit mie hat nun zwar, wenn auch unvollkommen, Wert und Wert-
jeweils eigenen Überschriften unterteilt. Der Titel des ersten Ab- größe analysiert und den in diesen Formen versteckten Inhalt
schnitts lautet: »Wertsubstanz, Wertgröße«; die des dritten: entdeckt. Sie hat niemals auch nur die Frage gestellt, warum
»Die Wertform oder der Tauschwert«. Was den zweiten Ab- dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit
schnitt betrifft, der vom Doppelcharakter der Arbeit handelt, im Wert und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der
Ergänzung zum ersten Abschnitt dar,
so stellt er lediglich eine Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt« (K. I, S. 94 f.; Her-
zur Theorie der Wertsubstanz.
d. h. vorh. v. I. R.). Die Klassiker entdeckten die Arbeit hinter dem
Wenn wir den quantitativen Aspekt - oder die Wertgröße - Wert; Marx zeigte, daß die Arbeitsbeziehungen zwischen Men-
hier beiseite lassenund uns auf den qualitativen Aspekt be- schen und die gesellschaftliche Arbeit in der Warenproduktion
schränken, so können wir sagen, daß der Wert unter den Be- mit Notwendigkeit die sachliche Form des Werts der Arbeits-
griffen der »Wertsubstanz« und der »Wertform« zu betrachten produkte annehmen. Die Klassiker verwiesen auf die Substanz
ist.
26 Verpflichtet man sich, den Wert unter den beiden in ihm des Werts, auf die bei der Herstellung des Produkts verausgabte
eingeschlossenen Faktoren zu analysieren, so bedeutet das,- daß Arbeit. Marx untersuchte vor allem die »Wertform«, d. h. den
man der Analyse an die genetische (dialektische)
sich bei Me- Wert den sachlichen Ausdruck der Arbeitsbeziehungen zwi-
als
thode zu halten hat. Diese Methode umfaßt Analyse wie Syn- schen Menschen und der gesellschaftlichen (abstrakten) Ar-
these. Auf der einen Seite geht Marx von der Analyse des Werts beit. 27

als der endgültigen Form des Arbeitsprodukts aus und enthüllt


27 Wir lassen die kontroverse Frage beiseite, ob Marx die Klassiker
richtig
auf analytischem Wege die Substanz, die diese Form birgt, näm- interpretierte. Wir vermuten, daß Marx in bezug auf Ricardo recht
hatte,

wenn er sagte, daß dieser die Höhe und z. T. die Substanz des Werts un-
26 Hier und im folgenden bedeutet »Wertform« nicht die verschiedenen For- tersuchte, während er die Wertform übersah (vgl. Theorien
über den Mehr-
men, die der Wert im Laufe seiner Entwicklung angenommen hat (z. B. die wert, Band II, S.25ff.; Band III, S. 128). Zum Zwecke einer genaueren
zufällige, die entfaltete und die allgemeine Wertform), sondern den Wert Analyse s. unseren Artikel: »Basic Characteristics of Marx's Theory of
selbst,der als die gesellschaftliche Form des Arbeitsprodukts betrachtet Value and its Difference from Ricardo's Theory«, aufgenommen in: Ro-
wird. Anders ausgedrückt: wir haben hier nicht die verschiedenen »Wert- zenberg, Teorija stoimosti u Rikardo i Marksa (Die Werttheorie im Werk
formen« im Auge, sondern den »Wert als Form«. von Ricardo und Marx), Moskau 1924.

7° 71
In der Marxschen Werttheorie spielt die
»Wertform« eine ent- besondere historisch-gesellschaftliche Produktionsform analysiert,
scheidende Rolle. Gleichwohl haben ihr die »Wertform« einen
Kritiker (Hilfer- die kapitalistische Warenproduktion, stellt die
ding ausgenommen) wenig Aufmerksamkeit geschenkt. 28 den
In ver- der Grundsteine der Marxschen Werttheorie dar. Wie aus
schiedenen Abschnitten erwähnt Marx beiläufig
die »Wertform«. oben zitierten Sätzen hervorgeht, ist die »Wertform« mit der
Der dritte Abschnitt des ersten Kapitels
Kapital trägt den
des »Warenform« eng verkoppelt, d. h. mit dem Grundmerkmal der
Titel: »Die Wertform oder der Tauschwert«. Aber Marx
ver- gegenwärtigen Wirtschaft: daß die Arbeitsprodukte von auto-
weilt nicht bei der Erklärung der Wertform,
sondern geht rasch nomen, privaten Produzenten hergestellt werden. Eine Arbeits-
zu ihren verschiedenen Modifikationen über, zu
den einzelnen beziehung zwischen Produzenten stellt sich nur auf dem Wege
»Wertformen«: der zufälligen, der entfalteten, der »Waren«-Form
allgemeinen des Warentauschs her. Innerhalb einer solchen
Wertform und der Geldform. Diese verschiedenen Produktion irgendeines Pro-
»Wertfor- der Wirtschaft drückt sich die zur
men«, die in jede populäre Darstellung der Marxschen Theorie dukts notwendige gesellschaftliche Arbeit nicht unmittelbar in
aufgenommen sind, überschatten die
»Wertform« als solche. Eine Arbeitseinheiten aus, sondern mittelbar, in der »Wertform«, in
detailliertere Darstellung der »Wertform« liefert
der oben er- Form anderer Produkte, die gegen das betreffende Gut ausge-
wähnte Absatz: »Es ist einer der Grundmängel der klassischen
tauscht werden. Das Arbeitsprodukt verwandelt sich in eine
politischen Ökonomie, daß es ihr nie gelang,
aus der Analyse Ware; hat Gebrauchswert und erhält die gesellschaftliche
es
der Ware und spezieller des Warenwerts die
Form des Werts, »Wertform«, d. h. die Form einer den Dingen anhaftenden Ei-
die ihn eben zum Tauschwert macht, herausfinden. Gerade in genschaft, die als zu ihnen selbst gehörig erscheint. Eben diese
ihren besten Repräsentanten, wie A. Smith und
Ricardo, behan- »verdinglichte« Arbeit (und nicht gesellschaftliche Arbeit als sol-
delt sie die Wertform als etwas ganz
Gleichgültiges oder der che) stellt der Wert dar. Dies haben wir im Auge, wenn wir
Natur der Ware selbst Äußerliches. Der Grund ist nicht
allein, sagen, daß der Wert die gesellschaftliche »Wertform« bereits in
daß die Analyse der Wertgröße ihre Aufmerksamkeit
ganz ab- sich schließe.
sorbiert. Er liegt tiefer. Die Wertform
des Arbeitsprodukts ist Was ist aber jene »Wertform«, die - unterschieden vom Tausch-
die abstrakteste, aber auch allgemeinste
Form
der bürgerlichen wert - im Wertbegriff eingeschlossen ist?
Produktionsweise, die hierdurch als eine besondere
Ich will nur eine der klarsten Definitionen der Wertform
Art gesell- in der
schaftlicher Produktion und damit zugleich historisch charakte- Form
ersten Ausgabe des Kapital anführen: »Gesellschaftliche
risiert man sie daher für die ewige Naturform
wird. Versieht
der Ware und Werthform oder Form der Austauschbarkeit sind
gesellschaftlicher Produktion, so übersieht man Hervorh.
notwendig auch also eins und dasselbe« (Das Kapital,!, 1867, S. 28;
das Spezifische der Wertform, als der Form
Warenform, weiter ent- im Original). Wie wir sehen, wird die Wertform als eine
wickelt der Geldform, Kapitalform usw.«
(K., I, S. 95; Fußn.; der Austauschbarkeit bezeichnet, oder als eine gesellschaftliche
Hervorh. v. I. R.).
Form des Arbeitsprodukts, die darauf beruht, daß dieses gegen
Die »Wertform* ist also die allgemeinste Form
der Warenpro- jede andere Ware austauschbar ist, wenn diese Austauschbarkeit
duktion; sie charakterisiert die gesellschaftliche
Form, die der durch die Menge der zur Herstellung des betreffenden Produkts
Produktionsprozeß in einem bestimmten Stadium der
histori- notwendigen Arbeit bestimmt ist. Auf diese Weise haben wir
schen Entwicklung annimmt. Da die politische
Ökonomie eine beim Übergang vom Tauschwert zum Wert von der gesellschaft-
lichen Form des Arbeitsprodukts nicht abstrahiert. Wir haben
28 S.Bulgakov machte in seinen frühen und interessanten
Bedeutung der Wertform für das Verständnis
Artikeln auf die lediglich von dem konkreten Produkt abstrahiert, in dem sich
der Marxschen Theorie auf-
merksam. (»Cto takoe trudovaja cennost'« [Was der Wert der Ware ausdrückt, haben aber immer noch die ge-
ist der Arbeitswert], in:
Sbormki pravovedemja i ob'scestvennych znanü [Aufsätze
zur Jurispru- sellschaftliche Form des Arbeitsprodukts im Auge, die in ihm
denz und zur Gesellschaftswissenschaft], 1896, Band
VI, S. 234; und »O
nekotorych osnovnych ponjatijach politic'eskoj ekonomii«
gelegene Möglichkeit, sich in einem bestimmten Verhältnis ge-
[Über einige
Grundbegriffe der Politischen Ökonomie], in: NaucnoeObozrenie gen jedes andere Produkt auszutauschen.
[Wissen-
schaftliche Rundschau], 1898, Nr. 2, S. 337). Unsere Schlußfolgerung läßt sich folgendermaßen formulieren:

72 73
gesellschaft-
Marx analysiert die»Wertform« getrennt vom Tauschwert. Um daß wir darin jene Eigenschaften aufnehmen, die die
die gesellschaftliche Form des Arbeitsprodukts in den Wert- Organisation der Arbeit in der Warenproduktion
kenn-
liche
des »Inhalts« des
begriff einzubeziehen, müßten wir sie in zwei Formen unter- zeichnen? Fällt der Begriff der Arbeit als
wertschaffenden Arbeit
teilen: Wertform und Tauschwert. Unter der ersten verstehen Werts mit dem Begriff der »abstrakten«,
wir die gesellschaftliche Form des Produkts, die sich noch nicht zusammen? Auf den ersten Blick mag man im Marxschen Werk
in bestimmten Dingen konkretisiert hat, sondern eine abstrakte Belege für beide Bedeutungen von
»Wertsubstanz« finden. Es
Eigenschaft von Waren darstellt. Um in den Wertbegriff die der Begriff der Arbeit
lassen sich Argumente dafür finden, daß
Formbestimmungen des Arbeitsprodukts auf-
gesellschaftlichen gegenüber dem der
Wertsubstanz abstrakten Arbeit verkürzt
als
zunehmen und damit die Unzulässigkeit der Identifizierung des Eigenschaften umfaßt, die der
ist, d. h. nicht die gesellschaftlichen
Wertbegriffs mit dem Arbeitsbegriff aufzuzeigen - eine Identi- Arbeit in der Warenproduktion anhaften.
fizierung,zu der populäre Marx-Darstellungen häufig tendie- Welche Argumente finden sich für diese Auffassung?
ren -, haben wir nachzuweisen, daß der Wert nicht nur unter Wenn Marx vom Inhalt des Werts sprach, bezog er sich häufig
annehmen mag,
dem Aspekt der Wertsubstanz (der Arbeit) untersucht werden auf etwas, das die gesellschaftliche Wertform
muß, sondern auch unter dem der »Wertform«. Um die Wert- eine andere gesellschaftliche Form erhalten kann.
was aber ebenso
form in den Wertbegriff selbst aufzunehmen, müssen wir ihn wird etwas verstanden, das unter verschiedenen
Unter »Inhalt«
vom Tauschwert trennen, wie auch Marx es tat. Wir haben mit- gesellschaftlichen Formen auftreten kann. Der Begriff der gesell-
hin die gesellschaftliche Form des Produkts in zwei Teile auf- schaftlich gleichgesetzten Arbeit läßt genau diese Möglichkeit zu,
einer Arbeit, die be-
gebrochen: in die gesellschaftliche Form, die noch keine kon- nicht aber der der abstrakten Arbeit (d. h.
krete Gestalt erhalten hat (die »Wertform«), und in die Form, bestimmte gesellschaftliche Form besitzt). In der Form
reits eine
Arbeit mag sowohl die in der
die bereits eine konkrete und selbständige Gestalt besitzt (der der gesellschaftlich gleichgesetzten
Tauschwert). Warenproduktion, wie etwa auch die in einer sozialistischen
ausgedrückt:
Nachdem wir die Wertform untersucht haben, müssen wir Wirtschaft organisierte Arbeit auftreten. Anders
uns nun nach dem gesellschaftliche Gleichsetzung
Inhalt oder der Substanz des Werts fragen. gegebenenfalls begreifen wir die
zu küm-
Alle Marxisten stimmen darin überein, daß die Arbeit der In- von Arbeit abstrakt, ohne uns um die Modifikationen
Form im Inhalt (d. h. in
halt des Werts ist. Das Problem besteht jedoch darin, um welche mern, die in ihrer einen oder anderen
Art von Arbeit es dabei geht. Es ist uns bekannt, daß die ver- der Arbeit) hervorgerufen werden.
Wertsubstanz
schiedenartigsten Formen sich hinter dem Wort »Arbeit« ver- Läßt sich ein in diesem Sinn gefaßter Begriff von
bejahen Wir er-
bergen können. Welche Art von Arbeit macht genau den Inhalt im Marxschen Werk finden? Wir können dies
des Werts aus? innern uns z.B. daran, daß, in den Worten von Marx, der
die auf
Nachdem wir zwischen gesellschaftlich gleichgesetzter Arbeit im »Tauschwert eine bestimmte gesellschaftliche Manier ist,

S. 97). Die
ein Ding verwandte Arbeit auszudrücken«
allgemeinen, die in verschiedenen (K., I,
Formen gesellschaftlicher Ar-
Inhalt betrach-
beitsteilung bestehen kann, und abstrakter Arbeit, die allein in Arbeit wird hier offensichtlich als der abstrakte
der Warenproduktion vorkommt, unterschieden haben, stellt der diese oder jene gesellschaftliche Form
tet,
annehmen kann.
sichuns die folgende Frage: Versteht Marx unter dem Inhalt Wenn Marx in seinem bekannten Brief an Kugelmann vom
oder der Substanz des Werts gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit 11. Juli 1868 sagt, daß sich die gesellschaftliche Arbeitsteilung
so betrach-
im allgemeinen (d. h. gesellschaftliche Arbeit im allgemeinen) oder in der Warenproduktion in der Wertform ausdrückt,
Arbeit als den
vielmehr abstrakt-allgemeine Arbeit? Mit anderen Worten: Er- tet er hier ebenfalls die gesellschaftlich verteilte
fassen wir, wenn wir von der Arbeit als der Wertsubstanz spre- Inhalt, der diese oder jene gesellschaftliche
Form annehmen kann.
chen, mit dem Begriff der Arbeit all jene Qualitäten, die der Im zweiten Absatz des Abschnittes über den Warenfetischismus
Begriff der abstrakten Arbeit beinhaltet, oder begreifen wir dann sagt Marx direkt, daß der »Inhalt der
Wertbestimmungen« nicht
Arbeit im Sinn von gesellschaftlich gleichgesetzter Arbeit, Warenproduktion zu finden ist, sondern ebenso in
ohne allein in der

74
der patriarchalischen Familie oder auf dem feudalen Wert-
Gut. Auch die Arbeit als Wertsubstanz nicht von der Arbeit als
hier wird, wie wir sehen, die Arbeit als
der Inhalt betrachtet, quelle.
der verschiedene gesellschaftliche Formen annehmen
kann. Wir sind zu der paradoxen Position gelangt, daß Marx mit-
Allerdings lassen sich im Marxschen Werk
auch Argumente für unter die gesellschaftliche (oder die gesellschaftlich gleichgesetzte)
den entgegengesetzten Standpunkt finden, nach
dem die ab- Arbeit, und manchmal die abstrakte Arbeit als Wertsubstanz
strakte Arbeit als die Wertsubstanz anzusehen
ist. Zunächst ein- begreift.
mal treffen wir im Marxschen Werk auf Äußerungen,
die dies Wie läßt sich dieser Widerspruch auflösen? Er verschwindet,
direkt behaupten, z. B. die folgende: »Sie
[die Waren, I. R.] be-
wenn wir uns darauf besinnen, daß die dialektische Methode
ziehn sich . auf die abstrakte menschliche
die beiden oben behandelten analytischen Methoden
.
. Arbeit als ihre ge- umfaßt:
meinsame gesellschaftliche Substanz* (Das Kapital, I. vom
1867, S. 28; diejenige, die von der Form zum Inhalt, und diejenige, die
Hervorh. v. I. R.). Diese Feststellung scheint keinen
Zweifel dar- Inhalt zur Form fortschreitet. Gehen wir vom Wert als einer
an zu lassen, daß die abstrakte Arbeit nicht nur den Wert schafft, bestimmten, bereits vorhandenen gesellschaftlichen Form aus und
sondern zugleich die Substanz und der Inhalt daß diese
des Werts ist.' fragen uns nach dem Inhalt dieser Form, so wird klar,
Zum gleichen Schluß gelangen wir auf der Grundlage erkennt- gesellschaftliche Arbeit
Form allgemein lediglich ausdrückt, daß
nistheoretischer Überlegungen. Gesellschaftlich
gleichgesetzte Ar- verausgabt wird. Der Wert stellt sich uns als eine Form dar, die
beit nimmt in der Warenproduktion die Form
abstrakter Arbeit der gesellschaftlichen Gleichsetzung von Arbeit Ausdruck ver-
an, und allein aus dieser abstrakten Arbeit folgt
die Notwen- leiht, einer Tatsache, die nicht nur in der Warenproduktion ihren
digkeit des Werts als der gesellschaftlichen Form des Arbeits- Ort hat, sondern auch in anderen Wirtschaftsformen auftreten
produkts. Daraus ergibt sich, daß in unserem Schema
der Begriff kann. Gehen wir analytisch so vor, daß wir bei fertigen For-
der abstrakten Arbeit dem des Werts unmittelbar
vorausgeht. men ansetzen und dann nach ihrem Inhalt fragen, so treffen wir
Es ließe sich behaupten, daß dieser Begriff der
auf gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit als die Substanz
abstrakten Ar- des
beit als Grundlage,
als Inhalt und Substanz des Werts zu be-
Werts. Zu einem anderen Schluß gelangen wir jedoch, wenn wir
trachten Man
darf nicht vergessen, daß Marx in der Frage
ist.
nicht von der fertigen Form ausgehen sondern vom
Inhalt (d. h.
des Verhältnisses von Inhalt und Form den (d.h. der
Hegeischen Stand- der Arbeit), aus dem die Form notwendig hervorgeht
punkt vertrat und nicht den Kantischen. Kant betrachtete die Form)
Wert). Um von der Arbeit (der Substanz) zum Wert (der
Form als etwas dem Inhalt Äußerliches, als etwas dem Inhalt überzugehen, müssen wir in den Arbeitsbegriff die gesellschaft-
von außen Anhaftendes. Vom Standpunkt der Hegeischen Warenproduktion
Phi- liche Form aufnehmen, die der Arbeit in der
losophie aus kann die Form dem Inhalt selbst Arbeit
nicht äußerlich an-
anhaftet: nunmehr müssen wir die abstrakt-allgemeine
haften. Vielmehr wird mit der Entfaltung
des Inhalts selbst die Widerspruch in der
als Wertsubstanz begreifen. Der scheinbare
Form erzeugt, die schon in ihm verborgen lag. Die Form wächst Bestimmung der Wertsubstanz, auf den wir im Marxschen Werk
notwendig aus dem Inhalt selbst hervor. Dies ist ein Grundsatz treffen, läßt sich möglicherweise genau aus der Differenz der
der Erkenntnistheorie von Hegel und Marx,
eine Vorausset- beiden Methoden erklären.
zung, die der Kantischen Erkenntnistheorie
widerspricht. Von
Da wir Form und Substanz des Werts getrennt untersucht ha-
diesem Standpunkt aus erwächst die Wertform
mit Notwendig- betrachten.
ben, müssen wir jetzt die Beziehung zwischen ihnen
keit aus der Wertsubstanz. Aus diesem
Grund haben wir die Welche Beziehung besteht zwischen Arbeit und Wert? Die all-
abstrakte Arbeit - in der ganzen Mannigfaltigkeit
gemeine Antwort auf diese Frage lautet: Der Wert ist die
ihrer für die ad-
Warenproduktion charakteristischen gesellschaftlichen Bestim- Wertsubstanz (d. h. der
äquate und exakte Äußerungsform der
mungen - Substanz des Werts zu begreifen. Und schließ-
als die
wir zu dem
Arbeit). Um diesen Gedanken zu erläutern, kehren
lich gelangen wir, wenn wir die abstrakte Arbeit als
die Wert- drei Stühle
früheren Beispiel zurück: der Tisch tauscht sich gegen
substanz definieren, zu einer bedeutenden
Vereinfachung des
aus. Wir behaupten, daß dieser Tauschprozeß einer bestimmten
gesamten Marxschen Schemas. In diesem Fall unterscheidet
sich Regelmäßigkeit unterworfen ist und von der Entwicklung und

76
77
den Veränderungen in der Produktivität der Arbeit abhängt. tativen Aspekt (Arbeit als Wertsubstanz), sondern auch von
Aber der Tauschwert ist die gesellschaftlich Form des Arbeits- ihrer quantitativen Seite her (Arbeitsmenge). Ebenso untersucht
produkts, die die Veränderungen in der Form oder
Arbeit nicht nur zum Marx den Wert sowohl unter qualitativem (als als
Ausdruck bringt, sondern auch verdeckt.
Sie verbirgt sie aus Wertform) wie quantitativem Aspekt (Wertgröße). Unter qua-
dem einfachen Grund, daß der Tauschwert ein litativem Aspekt bezeichnen die Beziehungen zwischen »Sub-
Wertverhältnis
zweier Waren - des Tisches und der
Stühle - voraussetzt. Ver- stanz« und »Wertform« Beziehungen zwischen gesellschaftlich
änderungen in der Tauschrelation zwischen und ihrer »verdinglichten« Gestalt, d. h. dem
diesen beiden Ge- abstrakter Arbeit
genständen sagen also nichts darüber aus, An dieser Stelle berührt die Marxsche Werttheorie un-
ob die zur Herstel- Wert.
lung des Tisches oder die zur Produktion
der Stühle verausgabte mittelbar seine Theorie des Warenfetischismus. Unter quan-
Arbeitsmengesich geändert hat. Tauscht man
nach einer gewis- titativem Aspekt haben wir es mit dem Verhältnis der Menge
sen Zeit den Tisch gegen sechs Stühle,
so hat sich der Tauschwert abstrakter, gesellschaftlich notwendiger Arbeit zur Höhe des
des Tisches geändert. Der Wert des
Tisches selbst mag sich hin- Produktwerts zu tun, deren Änderung die Grundlage für die
gegen nicht im geringsten geändert haben.
Um
in reiner Form regelmäßige Fluktuation der Marktpreise darstellt. Die Wert-
zu studieren, wie die Veränderung der
gesellschaftlichen Form größe wechselt gemäß der Menge abstrakter, gesellschaftlich not-
des Produkts von der Menge der bei
seiner Herstellung veraus- wendiger Arbeit; wegen des Doppelcharakters der Arbeit jedoch
gabten Arbeit abhängt, mußte Marx die betreffende Menge abstrakter, gesell-
Erscheinung ergeben sich die Änderungen in der
in zwei Teile teilen, er mußte sie
aufspalten: die Ursachen, die notwendiger Arbeit aus Änderungen in der Menge
schaftlich
den »absoluten« Wert des Tisches bestimmen,
und diejenigen, konkreter Arbeit, d. h. aus der Entwicklung des technisch-mate-
die für den »absoluten« Wert der Stühle
verantwortlich sind,' riellen Produktionsprozesses, insbesondere der Arbeitsprodukti-
sind getrennt zu untersuchen; ein und basiert mithin auf einem groß-
derselbe Tauschakt (die vität. Das gesamte Wertsystem
Tatsache nämlich, daß der Tisch sich nunmehr und
gegen sechs -statt artigen System spontaner gesellschaftlicher Aufrechnung
gegen drei - Stühle austauscht) geht auf
Ursachen zurück, die Vergleichung der Produkte verschiedenartiger Arbeit, die von
entweder auf die Produktion des Tisches oder
auf die der Stühle verschiedenen Individuen als Teil der abstrakten gesellschaftli-
einwirken. Um die Wirkung dieser Kausalketten einzeln zu be- chen Gesamtarbeit verrichtet wird. Dieses System ist auf der
handeln, mußte Marx Veränderungen im Tauschwert des
die Oberfläche der Erscheinungen nicht sichtbar. Das System der ab-
Tisches in zwei Teile aufspalten und
annehmen, daß diese Ver- strakten gesellschaftlichen Gesamtarbeit wird seinerseits durch
änderungen durch Ursachen herbeigeführt wurden, Gang
die ausschließ- die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte in ge-
lich mit dem Tisch
zusammenhängen, d.h. mit der Produktivi- setzt, die der ausschlaggebende Faktor in der gesellschaftlichen
tät der zur Herstellung des Tisches
notwendigen Arbeit. Anders Entwicklung überhaupt sind. Insofern ist die Marxsche Wert-
ausgedrückt: er mußte davon ausgehen,
daß die Stühle wie auch theorie mit der Theorie des historischen Materialismus ver-
sämtliche anderen Waren, gegen die
unser Tisch ausgetauscht knüpft.
werden könnte, ihren früheren Wert beibehalten.
Nur unter die- Die Marxsche Theorie enthält eine großartige Synthese der
ser Voraussetzungder Wert eine Form, welche die Arbeit in
ist
Wertsubstanz und Wertform einerseits, des qualitativen und
ihren qualitativen wie in ihren
quantitativen Aspekten voll- quantitativen Aspekts des Werts andererseits. Marx betont in
kommen exakt und adäquat zum Ausdruck bringt. einem Abschnitt, daß Petty zweierlei Wertdefinitionen mitein-
Bisher haben wir die Beziehung zwischen Form der
Wertsubstanz und ander verwechselt: den »Wert als die gesellschaftlichen
Wertform unter qualitativem Aspekt erörtert. Wir
haben die- Arbeit« und die »Wertgröße, die durch die gleiche Arbeitszeit
selbe Beziehung jetzt von ihrer quantitativen Seite her zu be- bestimmt ist und wobei die Arbeit als Quelle des Werts« (Theo-
trachten. Deshalb gehen wir von der Substanz und der den Mehrwert, I [MEW26. 1], S. 337). Die Größe von
Form rien über
zum dritten Aspekt des Werts über: zur Wertgröße.
Marx Marx eben darin, daß er eine Synthese dieser beiden Wert-
liegt
be-
trachtet die gesellschaftliche Arbeit nicht
nur unter ihrem quali- definitionen vollzog: »Wert als der sachliche Ausdruck der Pro-

78
79
duktionsverhältnisse« und »Wert als eine durch Arbeitsmenge nachlässigten den qualitativen Aspekt der Arbeitund des Werts,
oder Arbeitszeit bestimmte Größe« beide Definitionen sind im
; das entscheidende Merkmal der Warenproduktion. Gerade die
Marxschen Werk auf das engste verknüpft. Den quantitativen Analyse der Wertform verleiht dem Wertbegriff sein spezifisch
Aspekt des Wertbegriffs, auf dessen Analyse sich die klassischen soziologisches Gepräge. Diese Wertform schließt die beiden Pole

Ökonomen vorwiegend konzentrieren, untersucht Marx auf der zusammen: die Entwicklung der Arbeitsproduktivität und die
Grundlage des qualitativen. Gerade die Theorie der Wertform Marktphänomene. Ohne die Wertform fallen diese Pole aus-
oder des »Werts als der Form gesellschaftlicher Arbeit« reprä- einander, und jeder verwandelt sich in eine einseitige Theorie:
sentiert, wenn man sie der klassischen Theorie gegenüberstellt, von der technischen Seite aus, die von der gesellschaftlichen Form
den charakteristischen Teil der Marxschen Werttheorie. Bei des materiellen Produktionsprozesses unabhängig ist, gelangen
bürgerlichen Wissenschaftlern findet sich häufig die Vorstellung, wir zu den Arbeitsaufwendungen (Arbeitswert als logische Ka-
daß das Spezifikum des Marxschen Werks im Vergleich zu den tegorie); andererseits werden wir zu den relativen Änderungen

Klassikern darin bestehe, daß Marx die Arbeit als die »Quelle« der Marktpreise geführt, zu einer Preistheorie, die die Preis-
oder die »Substanz« des Werts gesehen habe. Wie aus den Marx- fluktuationen unabhängig vom Arbeitsprozeß und losgelöst von
Zitaten, die wir angeführt haben, hervorgeht, haben auch Öko- der Basis der Volkswirtschaft, der Entwicklung der Produktiv-
nomen, die sich vornehmlich für die quantitative Seite des Werts kräfte, zu erklären sucht.

interessierten, in der Arbeit die Wertquelle erkannt. Dies trifft Indem Marx zeigte, daß es ohne Wertform keinen Wert gibt,

insbesondere auch für Smith und Ricardo zu. Man würde legte er zugleich präzise dar, daß diese gesellschaftlicheForm
sich
jedoch vergebens nach einer Theorie des »Werts als der ohne die Arbeitssubstanz, die sie erfüllt, leer bleibt. Während
Form
der gesellschaftlichen Arbeit« bei ihnen umsehen. er auf die Vernachlässigung der Wertform seitens der Klassiker

Vor Marx richtete sich die Aufmerksamkeit der klassischen Öko- hinweist, warnt er uns vor der umgekehrten Gefahr einer Über-

nomen und ihrer Epigonen entweder auf die Wertsubstanz, und schätzung der gesellschaftlichen Wertform auf Kosten ihrer Ar-
zwar vor allem auf deren quantitative Seite (Arbeitsmenge), beitssubstanz. Es »entsprang daher ein restauriertes Merkantil-

oder auf den relativen Tauschwert, d. h. auf die quantitativen system (Ganilh usw.), welches im Wert nur die gesellschaftliche
Tauschrelationen. Die beiden Pole der Werttheorie wurden der Form sieht oder vielmehr nur ihren substanzlosen Schein« (K.,
I, S. 95; Fußn.). An anderer Stelle sagt Marx über
Analyse unterworfen: die Entwicklung der Arbeitsproduktivi- denselben

tät und der Technik als innere Ursache der Wertänderungen und Ganilh: »Ganilh hat ganz recht gegen Ricardo und die mei-
die relativenÄnderungen der Warenwerte auf dem Markt. Aber sten Ökonomen, wenn den travail sans
er sagt, sie betrachten

die direkte Verbindung fehlte: die »Wertform«, d.h. der Wert l'echange, obgleich ihr System, wie das ganze bürgerliche Sy-

als eine Form, die durch die Verdinglichung von Produktions- stem, auf dem Tauschwert ruht« (Theorien über den Mehrwert,
verhältnissen und die Verwandlung gesellschaftlicher Arbeit in I [MEW 26. 1], S. 175). Ganilh hat recht, wenn er die Bedeu-

eine Eigenschaft der Arbeitsprodukte charakterisiert ist. Daraus tung des Tausches unterstreicht und damit die bestimmte gesell-
erklären sich die Vorwürfe, die Marx gegen seine Vorläufer er- schaftliche Form der menschlichen Arbeit, die sich in der »Wert-

hebt und die auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein schei- form« ausdrückt. Aber er übertreibt die Bedeutung des Tau-
nen. Er wirft Bailey vor, daß er zwar die Tauschproportionen, sches auf Kosten des Produktions- und Arbeitsprozesses: »Ganilh

d. h. den Tauschwert, untersuche, den Wert dabei aber übersehe. bildet sich mit ein, daß die Wertgröße selbst
den Merkantilisten
Die Unzulänglichkeit der Klassiker dagegen sieht er darin, daß das Produkt des Austauschs während es doch nur die Form
ist,

sie den Wert und die Wertgröße erforschten, die Substanz des des Werts ist oder die Form der Ware, die das Produkt durch
Werts und nicht die Wertform. Die Vorläufer von Marx inter- den Austausch erhält« (ebd., S. 176). Die Wertform wird durch
essierten sich, wie gesagt, für die 'Wertsubstanz vornehmlich un- die Substanz, die Arbeit, ergänzt; die Wertgröße hängt von der

ter quantitativem Aspekt (Arbeit und Umfang der Arbeit) und Menge abstrakter Arbeit ab. Die Arbeit, in ihrem gesellschaft-
ebenso für den quantitativen Aspekt des Tauschwerts. Sie ver- lichen oder abstrakten Aspekt eng mit dem Wertsystem ver-
knüpft, hängt ihrerseits in ihrem technisch-materiellen, konkre-
Gesellschaftliche Arbeit
ten Aspekt mit dem System der materiellen Produktion eng
zusammen.
Aus der Analyse des Werts unter dem Aspekt seiner Substanz
der Arbeit) und seiner gesellschaftlichen Form ergeben sich
(d. h.
für uns die folgenden Vorteile: wir brechen unverzüglich mit
der verbreiteten Identifizierung von Wert und Arbeit und be-
stimmen damit die Beziehung zwischen dem Wertbegriff und
dem Arbeitsbegriff richtiger. Wir definieren auch die Beziehung
zwischen Wert und Tauschwert genauer. Wenn früher der Wert
einfach als Arbeit ohne irgendeine soziale Kennzeichnung be- Wir sind zu gelangt, daß sich in der Warenproduk-
dem Schluß
trachtet wurde, so wurde er auf der einen Seite mit Arbeit tion die Gleichsetzung von Arbeit durch die Gleichsetzung der
gleichgesetzt, auf deranderen Seite war er vom Tauschwert Arbeitsprodukte vollzieht. Die gesellschaftliche Gleichsetzung der
durch einen Abgrund getrennt. Der Wertbegriff der Ökonomen Arbeit geschieht hier nicht durch individuelle Akte. Deshalb ist
verdoppelte häufig nur den Arbeitsbegriff. Von einem solchen das Problem falsch gestellt, wenn man vermutet, daß irgendje-
Wertbegriff aus fanden sie keinen Weg zur Kategorie des Tausch- mand die verschiedenen Formen von Arbeit im vorhinein gleich-
werts. Wenn wir nun den Wert unter den Begriffen von Sub- setzte, indem er sie mittels irgendwelcher Maßeinheiten mitein-
stanz und Form erörtern, so beziehen wir ihn auf die vorgän- ander vergliche, nach denen die Arbeitsprodukte proportional,
gige Kategorie: die abstrakte Arbeit (und, letzten Endes, auf nach den bereits gemessenen und gleichgesetzten Arbeitsmengen,
den materiellen Produktionsprozeß), die Substanz. Auf der an- die in ihnen enthalten sind, getauscht würden. Die Ökonomen,
deren Seite haben wir bereits den Wert durch die Wertform mit die von dieser Auffassung, die den anarchischen, planlosen Cha-
der auf ihn folgenden Kategorie verbunden, dem Tauschwert. rakter der kapitalistischen Warenproduktion ignoriert, ausgin-
Haben wir einmal festgestellt, daß der Wert im
nicht Arbeit gen, glaubten häufig, daß die Aufgabe der ökonomischen Theo-
allgemeinen darstellt, sondern Arbeit, die die »Form der Aus- rie darin bestehe, einen ^/ertmaßstab zu finden, der die prak-
tauschbarkeit« eines Produkts annimmt, so müssen wir tatsäch- tische Möglichkeit eröffnet, die Menge verschiedener Produkte
lich vom Wert direkt zum Tauschwert übergehen. Auf diese
im Tauschakt auf dem Markt zu vergleichen und zu messen. Die
Weise wird der Wertbegriff weder vom Begriff der Arbeit auf Arbeitswerttheorie schien die Arbeit als eben diesen praktischen
der einen, noch von dem des Tauschwerts auf der anderen Seite Wertmaßstab nahezulegen. Daher zielte ihre Kritik auf den
losgelöst.
Nachweis, daß die Arbeit nicht als angemessener Wertmaßstab
fungieren könne, da genau festgelegte Arbeitseinheiten fehlten, in
denen die zahlreichen, in Intensität, Qualifikation, Gesundheits-
gefährdung usw. sich unterscheidenden Arbeitsformen zu messen
seien.

Die soeben erwähnten Ökonomen konnten sich von einer irrigen


Vorstellung nicht befreien, die sich in der politischen Ökonomie
angesiedelt hatte und die der Werttheorie eine Aufgabe zuschrieb,

die ihr fremd war: die Einführung eines praktischen Wertmaß-


stabs.Die Werttheorie hat in Wirklichkeit eine völlig andere
Aufgabe, eine theoretische und keine praktische. Wir haben es
nicht nötig, einen praktischen Wertmaßstab zu finden, der die
Gleichsetzung der Arbeitsprodukte auf dem Markt möglich
macht. Diese Gleichsetzung findet tatsächlich jederzeit im Prozeß - Ana-
Änderungen in der Arbeitsproduktivität abhängen, die
des Markttausches statt. In diesem Prozeß entwickelt sich spon- Vorgänge unter qualitativen und quantitativen
lyse dieser realen
tan ein Wertmaßstab, nämlich das Geld, das für diese Gleich- Marx Erforschung der Substanz
Gesichtspunkten bezeichnet als
setzung unerläßlich ist. Der Markttausch benötigt keinerlei von immanenten Maßes des Werts. »Immanentes Maß« be-
und des
den Ökonomen erdachte Maßstäbe. Die Aufgabe der Werttheo-
deutet hier nicht die Menge, die als Maßeinheit benutzt wird,
rie ist eine völlig andere: sie
hat den Prozeß der Gleichsetzung
sondern »eine Quantität, die mit einer Daseinsweise oder Quali-
von Waren theoretisch zu erfassen und zu erklären, wie er sich 30 Wenn Marx feststellt, daß die Arbeit
tät zusammenhängt« .

regelmäßig - in enger Verbindung mit der Gleichsetzung und


ein immanentes Maß des Werts darstelle, so ist dies einzig in
Verteilung gesellschaftlicher Arbeit im Produktionsprozeß - auf dem Sinne zu verstehen, daß die quantitativen Änderungen der
dem Markt vollzieht; d. h. sie soll eine kausale Beziehung zwi- zur Herstellung des Produkts notwendigen Arbeit quantitative
schen diesen beiden Prozessen sowie die Gesetze ihrer Verände-
Änderungen im Wert des Produkts nach sich ziehen. Marx über-
rung entdecken. Die kausale Analyse der tatsächlich sich voll-
trug damit den Begriff des »immanenten Maßes«, wie viele an-
ziehenden Prozesse der Gleichsetzung verschiedener Waren und
dere Begriffe, von der Philosophie auf die politische Ökonomie.
und verschiedener Arbeitsformen - und nicht das Herausfinden
Dies kann nicht als vollständig gelungen gelten, da der Leser bei
praktischer Maßstäbe für den Vergleich zwischen ihnen - ist die den Gedanken kommt, daß dieser
oberflächlicher Lektüre auf
Aufgabe der Werttheorie. Maß der Gleichsetzung bezieht als auf
Begriff sich eher auf ein
Die folgenreiche Verwechslung des Wertmaßstabs mit dem Ge- Änderungen tatsächlicher Ge-
die kausale Analyse quantitativer
setz der Wertänderungen im Werk von Smith fügte der po-
schehnisse. Diese unglückliche Terminologie - verbunden mit der
litischen Ökonomie großen Schaden zu; sie ist auch heute noch
falschen Interpretation der Marxschen Überlegungen auf den er-
spürbar. Das große Verdienst von Ricardo besteht darin, daß er - hat Marxisten dazu verleitet, der
sten Seiten des Kapital selbst
das Problem, einen praktischen Wertmaßstab zu finden, beiseite
Werttheorie ein Problem zu unterschieben, das ihr fremd ist,
schob und die Werttheorie auf die streng wissenschaftliche Basis
nämlich das der Auffindung eines praktischen Wertmaßstabes.
kausaler Analyse der Änderungen von Marktpreisen stellte, die
Die Gleichsetzung von Arbeit in der Warenproduktion vollzieht
von Änderungen in der Arbeitsproduktivität abhängen. 29 In irgendwelcher im vorhinein festgelegter Maß-
sich nicht mittels
dieser Richtung ist Marx ihm gefolgt, der die Vorstellung von einheiten, sondern durch die Gleichsetzung von Waren im Tausch.
der Arbeit als einem »unveränderlichen Maßstab des Werts«
Infolge des Tauschprozesses sind Produkt und Arbeit des Wa-
scharf kritisierte. »Das Problem nach einem unveränderlichen renproduzenten wesentlichen Änderungen unterworfen. Der Ver-
Maßstab des Werts< war in der Tat also nur ein falscher Aus- kauf von Röcken kann weder in der natürlichen Beschaffenheit
druck für das Aufsuchen des Begriffs, der Natur des Werts
des Rocks selbst, noch in der Arbeit des Schneiders, noch in der
selbst« {Theorien über den Mehrwert, III [MEW26.
3], S. 132). Gesamtheit der bereits beendeten konkreten Arbeitsprozesse ir-
»Baileys Schrift hat insofern ein Verdienst, als er die Verwechs-
gendwelche Änderungen hervorrufen. Aber der Verkauf des
lung der >measure of value<, wie sie sich im Geld darstellt, als
Produkts ändert seine Wertform, seine gesellschaftliche Funktion
eine Ware neben andren Waren, mit dem immanenten Maß und
oder Form. Er beeinflußt indirekt die Arbeit der Warenprodu-
Substanz des Werts durch seine Einwendungen aufhellt« {ebd.,
zenten. Der Verkauf bringt ihre Arbeit in einen bestimmten Zu-
S. 135). Die Werttheorie sucht nicht nach einem »äußrem
Maß« sammenhang mit der Arbeit anderer Warenproduzenten mit
des Werts, dem »äußre(n) measure of value«, sondern nach der
»Ursache des Werts«, der »cause of value«, der »Genesis und
immanente(n) Natur des Werts« {ebd., S. 155, S. 162 f.). Die 30 O.Bauer, »Istorija Kapitak« (Die Geschichte des Kapital), in: Sbornik
kausale Analyse der Änderungen des Warenwerts, die von den Osnovnye problemy politiceskoj ekonomii (Sammelband über Probleme
der politischen Ökonomie), 1922, S. 47. Dies ist die bekannte Hegeische
Definition des Maßes. Vgl. Kuno Fischer, Geschichte der neuern Philoso-
29 Vgl. I.Rubin, Istorija ekonomiceskoj mysli (Geschichte des ökonomischen
phie, Band 8, Heidelberg 1901, S.490, und G.F.Hegel, Sämtliche Werke,
Denkens), 2. Aufl. 1928, Kap. XXII und XXVIII.
Band 3, i.Buch, Leipzig 1923, S. 340.

84 85
demselben Beruf, d.h. er ändert die gesellschaftliche Funktion terisieren. 31 Es handelt sich hierbei nicht um vier verschiedene Pro-
der Arbeit. Die Änderungen, in denen sich die Abhängigkeit des zesse, in denen die Arbeit sich verwandelt, wie manche Autoren
Arbeitsprodukts vom Tauschprozeß zeigt, lassen sich folgender- es darstellen; vielmehr haben wir es mit verschiedenen Aspekten
maßen charakterisieren: i.das Produkt erlangt die Fähigkeit, ein und desselben Prozesses der Gleichsetzung von Arbeit zu tun,
gegen jedes andere Produkt gesellschaftlicher Arbeit ausgetauscht der sich durch die Gleichsetzung der Arbeitsprodukte als Werte
zu werden, d. h. es erweist sich als gesellschaftliches Produkt; 2. vollzieht. Wenn Waren als Werte gleichgesetzt werden, so lösen
das Produkt erlangt diesen gesellschaftlichen Charakter in der sich in diesem umfassenden Vorgang die Eigenschaften der Ar-
Form, daß es mit einem bestimmten Produkt (Gold) gleichge- beit als private, konkrete, qualifizierte und individuelle auf. All
setzt wird, das die Eigenschaft besitzt, gegen alle
anderen Pro- diese Aspekte sind so eng miteinander verknüpft, daß Marx in
dukte austauschbar zu sein; 3. die wechselseitige Gleichsetzung der Kritik zur Politischen Ökonomie noch keine ausreichend
aller Produkte, die sich durch ihren Vergleich mit Gold (Geld) klare Unterscheidung zwischen ihnen vollzog und die Grenzen
vollzieht, schließt auch die Gleichsetzung der verschiedenen Ar- zwischen der abstrakten, der einfachen und der gesellschaftlich
beitsformen ein, die. sich in ihren verschiedenen Qualifikationsgra- notwendigen Arbeit verwischte (Zur Kritik der Politischen Öko-
den, d. h. in der Ausbildungsdauer, unterscheiden, und 4. die nomie, S. 23—25). Im Kapital dagegen entfaltet Marx diese Defi-
Gleichsetzung von Produkten einer bestimmten Sorte und Qua- nition mit einer solchen Klarheit daß der Leser die
und Strenge,
lität, die unter verschiedenen technischen Bedingungen hergestellt enge Beziehung, die zwischen ihnen als Ausdrudesformen ver-
wurden, d. h. unter Verausgabung verschiedener großer indi- schiedener Aspekte der Gleichsetzung von Arbeit im Prozeß
vidueller Arbeitsmengen. ihrer Verteilung besteht, bewußt erfassen muß. Dieser Prozeß
Die aufgezählten Änderungen, denen das Produkt durch den setzt voraus: i.die wechselseitige Verknüpfung sämtlicher Ar-
Tauschprozeß unterliegt, sind von analogen Änderungen in der beitsprozesse (gesellschaftliche Arbeit); 2. die Gleichsetzung der
Arbeit des Warenproduzenten begleitet: i.die Arbeit des ein- individuellen Produktions- oder Arbeitssphären (abstrakte Ar-
zelnen privaten Warenproduzenten zeigt sich als gesellscbaßliche von Arbeitsformen unterschiedlicher
beit); 3. die Gleichsetzung
Arbeit; 2. die bestimmte konkrete Form der Arbeit wird mit al- und 4. die Gleichsetzung der in
Qualifikation (einfache Arbeit)
len anderen konkreten Formen von Arbeit gleichgesetzt. Diese einzelnen Unternehmungen innerhalb einer bestimmten Produk-
mannigfache Gleichsetzung von Arbeit schließt außerdem ein: tionssphäre verwandten Arbeit (gesellschaftlich notwendige Ar-
3. die Gleichsetzung verschiedener Arbeitsformen, die sich hin- beit).
sichtlich ihrer Qualifikation unterscheiden, und 4. die Gleichset- Unter den (oben erwähnten) vier Bestimmungen der wertschaf-
zung der verschiedenen großen individuellen Arbeitsaufwendun- fenden Arbeit ist der Begriff der abstrakten Arbeit zentral. Dies
gen, die zur Herstellung von Exemplaren eines bestimmten Typs erklärt sich daraus, daß in einer warenproduzierenden Gesell-
und einer bestimmten Qualität von Produkten erbracht werden. schaft, wie wir unten zeigen werden, die Arbeit ihre Qualität
Durch den Tauschprozeß erlangt somit die private Arbeit in als gesellschaftlidie Arbeit nur in der Form abstrakter Arbeit er-
Form der gesellschaftlichen Arbeit, die konkrete Arbeit in Form langt. Ferner ist die Reduktion qualifizierter Arbeit auf einfache
der abstrakten Arbeit eine zusätzliche Bestimmung; komplizierte lediglich Teil eines umfassenderen Prozesses, in dem konkrete
Arbeit wird auf einfache, individuelle Arbeit auf gesellschaftlich Arbeit in abstrakte verwandelt wird. Schließlich ist die Ver-
notwendige reduziert. Mit anderen Worten: die Arbeit des Wa-
renproduzenten, die im Produktionsprozeß unmittelbar die Form
31 In der Warenproduktion, d.h. in einer Produktion, die von Anfang an auf
privater, konkreter, qualifizierter (d. h. durch einen bestimmten den Tausch zugeschnitten ist, erlangt die Arbeit die oben erwähnten Eigen-
schaften bereits im direkten Produktionsprozeß, wenn auch nur als »la-
Qualifikationsgrad, der mitunter gleich Null sein mag, sich aus-
tente« oder »potentielle«, die sich im Tauschprozeß noch realisieren müssen.
zeichnender) und individueller Arbeit besitzt, erlangt im Tausch- Die Arbeit hat mithin einen doppelten Charakter: sie erscheint unmittelbar
prozeß gesellschaftliche Eigenschaften, die sie als gesellschaftliche, als private, konkrete, qualifizierte und individuelle, gleichzeitig aber als
potentiell gesellschaftliche, abstrakte, einfache und gesellschaftlich notwen-
abstrakte, einfache und gesellschaftlich notwendige Arbeit charak- dige Arbeit (vgl. das folgende Kapitel).

87
Wandlung individueller Arbeit in gesellschaftlich
notwendige nur Schneiders ist, so kann man sagen, daß der Verkauf des Rocks -
die quantitative Seite desselben
Prozesses der Transformation -
oder sein Tausch gegen Gold die Privatarbeit des Schneiders
konkreter Arbeit in abstrakte. Eben
deshalb ist die Kategorie mit einer anderen Form von Privatarbeit gleichsetzt, nämlich'
der abstrakten Arbeit ein zentraler
Begriff in der Marxschen mit der Arbeit des Goldproduzenten. Wie kann eine Privatar-
Werttheorie.
beit dadurch, daß sie mit einer anderen Privaturbeit gleichgesetzt
Wie wir häufig betont haben, kennzeichnet
sich die Warenpro- wird, zu gesellschaftlicher Arbeit werden? Dies ist nur möglich,
duktion durch die formale
Unabhängigkeit der einzelnen Wa- wenn die Privatarbeit des Goldproduzenten
mit allen bereits
renproduzenten einerseits, durch die
tatsächlichen Wechselbezie- anderen konkreten Arbeitsformen gleichgesetzt ist, d. h. wenn
hungen zwischen ihren Arbeiten
andererseits. Auf welche Weise sein Produkt, das Gold, direkt gegen jedes andere Produkt aus-
aber ist die private Arbeit eines
einzelnen Warenproduzenten in tauschbar ist und infolgedessen die Rolle eines allgemeinen Äqui-
den Mechanismus der gesellschaftlichen Arbeit eingespannt
und valents - oder des Geldes - spielt. Die Arbeit des Schneiders
rur sein Funktionieren verantwortlich?
Wie wird private Arbeit wird also dadurch, daß man sie mit der Arbeit des Goldprodu-
zu gesellschaftlicher Arbeit, und
wie verwandelt sich die Gesamt- zenten gleichsetzt, auch mit allen konkreten Arbeitsformen gleich-
heit voneinzelnen, zerstreuten, privaten
Wirtschaftseinheiten in gesetzt und verknüpft. Indem man sie den übrigen Arbeitsformen
eine relativ einheitliche
Gesamtwirtschaft, die sich durch die re- als eine ihnen gleiche Form zuordnet, wird aus der konkreten Ar-
gelmaßig sich wiederholenden Massenerscheinungen
auszeichnet, beit des Schneiders allgemeine oder abstrakte Arbeit. Dadurch, daß
die die politische Ökonomie untersucht? Dies ist das Grundpro-
blem
sie mit den anderen Arbeiten in dem umgreifenden System der ge-
der politischen Ökonomie, das
Problem der bloßen Exi- sellschaftlichen Gesamtarbeit verknüpft ist, wird die private Ar-
stenzmoghchkeiten und -bedingungen
der kapitalistischen Wa- beit des Schneiders zu gesellschaftlicher Arbeit. Die umfassende
renproduktion.
Gleichsetzung aller konkreten Arbeitsformen (durch das Geld)
In einer Gesellschaft mit geplanter
Wirtschaft wird die Arbeit und ihre Verwandlung in abstrakte Arbeit schafft unter ihnen
1111 "15 in ihrer
konkreten Form direkt
T^nT.^
schäftlichen Institution organisiert
von einer ge- zugleich einen gesellschaftlichen Zusammenhang, der private in
und gelenkt. Sie erscheint gesellschaftliche Arbeit verwandelt. Im Tauschwert erscheint »die
als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit,
als gesellschaftliche Arbeitszeit des einzelnen Individuums unmittelbar als allge-
Arbeit. In emer warenproduzierenden Gesellschaft
erscheint die meine Arbeitszeit und dieser allgemeine Charakter der verein-
Arbeit eines autonomen Warenproduzenten,
die sich auf private zelten Arbeit als gesellschaftlicher Charakter derselben« (Zur
Eigentumsrechte gründet, ursprünglich
als Privatarbeit. »Es wird Kritik der Politischen Ökonomie, S. 25; Hervorh. im Original). 32
nicht ausgegangen von der Arbeit der Individuen
als gemein- Nur als »allgemeine Größe« wird die Arbeit zur »gesellschaft-
schaftlicher, sondern umgekehrt
von besondern Arbeiten von Pri lichen Größe« (Ebd.). Marx sprach häufig von der »allgemeinen
vatmdividuen, Arbeiten, die sich erst
im Austauschprozeß durch und in dieser Form gesellschaftlichen Arbeit«. Im ersten Kapitel des
UnP
ngHchen Charakter *> ak allgemeine
H l! Ärl
sellschaftliche L f f
Arbeit beweisen. Die allgemein
ge- Kapital zählte er drei Eigenschaften der Äquivalentform des Wer-
gesellschaftliche tes auf: 1. der Gebrauchswert wird zu einer Form, in der sich der
Arbeit ist daher nicht fertige
Voraussetzung, sondern werdendes Wert ausdrückt; 2. die konkrete Arbeit wird zu einer Erschei-
Resultat« {Zur Kritik der Politischen
Ökonomie, S. 41). Die Ar- nungsform der abstrakten Arbeit und 3. die Privatarbeit erhält
beit desWarenproduzenten erweist sich als gesellschaftliche
nicht die Form unmittelbar gesellschaftlicher Arbeit (K.,I,S.7 1 ff .). Marx
m Form der im Produktionsprozeß
verausgabten konkreten Ar- setzt mit seiner Analyse bei Erscheinungen an, die auf der Ober-
beit; gesellschaftlich ist sie nur insofern,
als sie durch den Tausch- fläche des Marktgeschehens handgreiflich ablaufen: er beginnt
prozeß mit allen anderen Formen
von Arbeit gleichgesetzt wer- mit dem Gegensatz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert.
den muß.
Die Erklärung für diesen Gegensatz sucht er im Gegensatz von
Wie kann sich aber die Gesellschaftlichkeit
der Arbeit im Tausch
ausdrucken? Wenn ein Rock das Produkt der
Privatarbeit
32 In der Kritik der Politischen Ökonomie bezeichnete Marx die abstrakte
eines Arbeit als »allgemeine« Arbeit.

89
konkreter und abstrakter Arbeit. Im Fortgang seiner Analyse Abstrakte Arbeit
der gesellschaftlichen Organisationsformen der Arbeit wendet er
sich dem Hauptproblem seiner ökonomischen Theorie zu, dem
Gegensatz von privater und gesellschaftlicher Arbeit. In der
Warenproduktion Verwandlung von privater in gesell-
fällt die

schaftliche Arbeit mit der Verwandlung konkreter Arbeit in ab-


strakte zusammen. Die gesellschaftliche Verbindung der Arbeits-
tätigkeit einzelner Warenproduzenten ergibt sich einzig durch
Gleichsetzung aller konkreten Formen von Arbeit, und diese
Gleichsetzung vollzieht sich als Gleichsetzung aller Arbeitspro-
gehört zu den zentralen Tei-
dukte als Wert. Umgekehrt bilden die Gleichsetzung der ver- Die Theorie der abstrakten Arbeit
Marx zufolge »schafft« die ab-
schiedenen Arbeitsformen und die Abstraktion von ihren kon- len der Marxschen Werttheorie.
entscheidendes Gewicht aut
kreten Merkmalen die einzige gesellschaftliche Verbindung, die strakte Arbeit den Wert. Er legte
die Gesamtheit von privaten Wirtschaftseinheiten zu einer ein- die Differenz zwischen konkreter
und abstrakter Arbeit. »Diese
enthaltenen Arbeit ist
heitlichen Gesamtwirtschaft macht. Daraus erklärt sich die be- zwieschlächtige Natur der in der Ware
worden. Da dieser Punkt
sondere Bedeutung, die Marx dem Begriff der abstrakten Arbeit zuerst von mir kritisch nachgewiesen
Verständnis der politischen
um dendassich
in seiner Theorie beimaß. der Springpunkt ist,

Ökonomie dreht, soll er hier näher beleuchtet werden« (K., I, ,

des Kapital
S 56). Nach der Veröffentlichung des ersten Bandes
Engels: »Das Beste an meinem Buch ist 1. (dar-
schrieb Marx an
Ersten Ka-
auf beruht alles Verständnis der facts) der gleich im
Doppelcharakter der Arbeit, je nachdem
pitel hervorgehobene
2. die Be-
Gebrauchswert oder Tauschwert ausdrückt;
sie sich in
von seinen besondren for-
handlung des Mehrwerts unabhängig
33
men als Profit, Zins, Grundrente etc.«.

Angesichts der großen Bedeutung, die


Marx der Theorie der
sich fragen, warum ihr
in
abstrakten Arbeit belegte, muß man
Interesse geschenkt wurde.
der marxistischen Literatur so wenig
diese Frage stillschweigend hinweg.
Einige Autoren gehen über
Arbeit in »abstrakt
A Bogdanov z.B. verwandelt die abstrakte
Problem von
- einfache Arbeit« und beschränkt sich auf das
einfacher und komplizierter Arbeit,
während er das Thema der
läßt. 3 * Auch viele Kri-
konkreten und abstrakten Arbeit beiseite
tiker des Marxismus ziehen es vor,
von einfacher statt von ab-
Diehl. 3 * In populären
strakter Arbeit zu spredien, so z.B. Karl

August 1867, MEW, Band 31, Ber-


33 Brief von Mars an Engels vom 24. in:

ekonomn (Einführung in die politische


34 a! ToldLo^'Kurs politiccskoj
Ökonomie), Band. Teil 4, S. 18.

W
2.
Ricardos
Ricardos
Sozialwissenschaftliche Erläuterungen zu David
35 Karl Diehl,
Le.pz lg
Besteuerung, Band I,
Grundgesetzen der Volkswirtschaft und
S. 102-104.

91

I
Darstellungen der Marxschen Werttheorie umschreiben die Au- eine ideelle Kategorie, die sich letztlich auf mechanische Arbeit
toren in eigenen Worten die Definitionen der »zwieschlächtigen reduzieren läßt« (Struves Vorwort zur russischen Ausgabe des

Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit« im zweiten Ab- ersten Bandes des Kapital, 1906, S. 28). Struve zufolge ist die

schnitt des ersten Kapitels des Kapital. Kautsky schreibt: »Auf abstrakte Arbeit für Marx ein physiologischer Begriff; daher ist

der einen Seite erscheint uns die Arbeit als produktive Ausgabe der durch die abstrakte Arbeit geschaffene Wert etwas Gegen-
menschlicher Arbeitskraft überhaupt; auf der anderen Seite als ständliches. Diese Interpretation wird von anderen Marx-Kriti-

bestimmte menschliche Tätigkeit zur Erreichung eines besonde- kern geteilt. Gerlach stellt fest, daß nach Marx »der Wert, das
ren Zweckes. Die erstere Seite der Arbeit bildet das Gemein- allen Waren Gemeinsame, die Bedingung ihrer Austauschbar-
>Materiatur abstrakt menschlicher Arbein«, ist. 87 Ger-
same jeder produktiven Tätigkeit des Menschen. Die zweite Seite keit, . . .

ist bei den verschiedenen produktiven Tätigkeiten verschieden.« 80 lach richtet seine Kritik gegen diesen Punkt der Marxschen Wert-
Diese allgemein anerkannte Definition läßt sich auf die folgende, theorie: »Es ist aber überhaupt ein vergebliches Bemühen . .

sehr simple Feststellung reduzieren: Konkrete Arbeit ist die Ver- menschliche Arbeit physiologisch auf ein Einfaches zurückzufüh-
ausgabung menschlicher Energie in einer bestimmten Form ren. ... Da nun menschliche Arbeit jederzeit von Bewußtsein
(Schneidern, Weben usw.). Abstrakte Arbeit ist die Verausga- begleitet und durch dasselbe bedingt ist, so muß man auch dar-

bung menschlicher Energie als solcher, unabhängig von ihren be- auf Verzicht leisten, sie in Muskel- und Nervenbewegungen auf-
stimmten Formen. Definiert man in dieser Weise den Begriff der lösen zu wollen, da hierbei ein Rest übrig bleiben würde, an
abstrakten Arbeit, so wird sie zu einer physiologischen Katego- den eine solche Analyse nicht heranreicht« (ebd., S. 49 f.). »So
rie, bar aller gesellschaftlichen und historischen Elemente. Der haben wir gesehen, daß die bisherigen Versuche, abstrakt
Begriff der abstrakten Arbeit trifft dann auf alle historischen menschliche Arbeit, ein Gleiches in der menschlichen Arbeit,
Epochen zu, unabhängig von der jeweiligen gesellschaftlichen welches diese spezifisch auszeichnet, in der Erfahrung aufzuwei-
Produktionsform. sen, nicht gelungen sind; daß aber die Zurückführung der Ar-
Wenn sogar Marxisten die abstrakte Arbeit gewöhnlich als Ver- beit auf Nerven- und Muskelverbrauch unmöglich ist« (ebd.,

ausgabung physiologischer Energie definieren, so brauchen wir S. 50). Gerlachs Feststellung, daß Arbeit sich nicht auf die Ver-
uns nicht zu wundern, daß dieser Begriff in der anti-marxisti- ausgabung physiologischer Energie reduzieren lasse, da sie im-
schen Literatur weit verbreitet ist. So heißt es z. B. bei P. Struve: mer ein Element von Bewußtsein enthalte, kann mit dem Be-
»Von den Physiokraten und ihren englischen Nachfolgern hat griff der »abstrakten Arbeit«, wie Marx ihn auf der Grundlage

Marx den mechanisch-naturalistischen Standpunktübernommen, seiner Analyse der Eigenarten der Warenproduktion prägte,
der in seiner Theorie von der Arbeit als der Substanz des Werts schlechterdings nicht in Zusammenhang gebracht werden. Den-

so kraß ins Auge fällt. Diese Theorie ist die Krönung aller ob- noch scheinen diese Argumente von Gerlach so überzeugend,
jektiven Wertlehren. Sie vergegenständlicht den Wert unmittel- daß Kritiker der Marxschen Werttheorie sie häufig wiederhol-
bar, indem sie ihn in die ökonomische Substanz wirtschaftlicher ten. 88 Eine noch eindeutigere Version der naturalistischen Inter-
Güter verwandelt, analog der physikalischen Materie, die die pretation der abstrakten Arbeit finden wir im Werk von L.
Substanz physikalischer Körperist. Diese ökonomische Substanz von Buch: Arbeit in abstrakter Form wird betrachtet »als Pro-
etwas Gegenständliches, denn die wertschaffende Arbeit wird
ist zeß der Verwandlung der potentiellen Energie in mechanische
von Marx in einem rein physikalischen Sinn als abstrakte Ver- Arbeit« 8B . Hier richtet sich das Augenmerk nicht so sehr auf die
ausgabung von Nerven- und Muskelenergie aufgefaßt, unab- Menge der verausgabten physiologischen Energie, sondern eher
hängig von dem konkreten, zweckgebundenen Inhalt dieser Ver-
ausgabung, der sich durch unendliche Mannigfaltigkeit auszeich- 37 Otto Gerlach, Über die Bedingungen wirtschaftlicher Thätigkeit, Jena 1890,
net. Marxens abstrakte Arbeit ist ein physiologischer Begriff, S. 18.
38 Z.B. Diehl, a.a.O., S. 104.
39 Leo von Buch, Über die Elemente der politischen Ökonomie, I. Theil:
In-
36 K. Kautsky, Karl Marx' ökonomische Lehren, 22. Aufl., Stuttgart 1922,
S.19. tensität der Arbeit, Wert und Preis der Waren, Leipzig 1896, S. 63.

92 93
auf die Menge der vereinnahmten mechanischen Arbeit. Die Warenproduktion annimmt; hier vollzieht sie sich nicht direkt
theoretische Grundlage der Fragestellung ist jedoch eine rein im Produktionsprozeß, sondern durch den Tausch. Der Begriff
naturalistische, die den gesellschaftlichen Aspekt des Arbeitspro- der abstrakten Arbeit drückt die spezifische historische Form der
zesses, d. h. gerade den Aspekt, der den unmittelbaren Gegen- Gleichsetzung von Arbeit aus. Er ist nicht nur ein gesellschaft-
stand der politischen Ökonomie darstellt, gänzlich vernach- licher, sondern auch ein historischer Begriff.
lässigt. Wir sehen, daß die Mehrzahl der Autoren den Begriff der ab-
Nur wenige Autoren begreifen, daß die Kennzeichen abstrakter strakten Arbeit simplifizierte: sie verstanden darunter physiolo-
Arbeit keineswegs mit einer physiologischen Gleichheit verschie- daß sie sich nicht bemühten,
gische Arbeit. Dies beruht darauf,
denartiger Arbeitsaufwendungen zusammenfallen. »Die All- der Marxschen Theorie der abstrakten Arbeit in ihrem Gesamt-
gemeinheit der Arbeit ist nicht ein naturwissenschaftlicher Gat- umfang zu folgen. Um dahin zu gelangen, hätten sie sich auf
tungsbegriff, der nur den allgemeinen physiologischen Inhalt in eine eingehende Analyse des Marxschen Textes im Abschnitt
sich aufnimmt, sondern die Privatarbeiten stellen sich dar als über den Warenfetischismus einlassen müssen, und besonders auf
abstrakt-allgemeine und damit als gesellschaftliche, als Ausfluß die Kritik der Politischen Ökonomie, in der Marx diese Theorie
der Betätigung des Rechtssubjektes.« 40 Allgemein jedoch läuft am vollständigsten entfaltete. Stattdessen zogen es diese Autoren
der Ansatz von Petry, für den die Marxsche Werttheorie nicht vor, sich mit der wörtlichen Wiedergabe einiger Sätze zu be-
das Wertgesetz, sondern eine »Wertbetrachtung« darstellt, nicht gnügen, die Marx der abstrakten Arbeit im zweiten Abschnitt
auf die Erklärung eines »realen Vorgangs im Objekt« hinaus, des ersten Kapitels des Kapital widmete.
sondern auf eine »subjektive Erkenntnisbedingung« (ebd., S. 50). In dem erwähnten Abschnitt des Kapital scheint Marx tatsäch-
Damit fehlt Petry jede Möglichkeit, das Problem der abstrakten lich eineGrundlage für eben diese physiologische Interpretation
Arbeit adäquat zu formulieren. 41 der abstrakten Arbeit zu legen. »Sieht man ab von der Bestimmt-
Ein anderer Versuch, den gesellschaftlichen Aspekt in den Begriff heit der produktiven Tätigkeit und daher vom nützlichen Cha-
der abstrakten Arbeit aufzunehmen, findet sich im Werk von A. rakter der Arbeit, so bleibt das an ihr, daß sie eine Verausga-
Nezdanov (Cerevanin). Nezdanov zufolge drückt sich im Be- bung menschlicher Arbeitskraft ist. Schneiderei und Weberei, ob-
griff der abstrakten Arbeit nicht eine physiologische Gleichheit gleich qualitativ verschiedne produktive Tätigkeiten, sind beide
von Arbeitsaufwendungen aus, sondern ein gesellschaftlicher Pro- produktive Verausgabung von menschlichem Hirn, Nerv, Hand
zeß der Gleichsetzung verschiedener Arbeitsformen in der Pro- usw., und in diesem Sinn beide menschliche Arbeit« (K., I, S. 58 f.).
duktion. Dies ist »ein bedeutsamer und unerläßlicher gesellschaft- In seiner Schlußfolgerung hebt Marx diesenGedanken noch
licher Prozeß, den jede bewußte sozio-ökonomische Organisation schärfer hervor: »Alle Arbeit ist einerseits Verausgabung mensch-
durchführt . . . Dieser soziale Prozeß, der die Reduktion ver- licher Arbeitskraft im physiologischen Sinn und in dieser Eigen-
schiedener Arbeitsformen auf abstrakte Arbeit bezeichnet, voll- schaft gleicher menschlicher oder abstrakt menschlicher Arbeit
zieht sich in der Warengesellschaft unbewußt.« 42
Indem A. Nez- bildet sie den Warenwert. Alle Arbeit ist andrerseits Verausga-
danov die abstrakte Arbeit als Äußerungsform des Prozesses der bung menschlicher Arbeitskraft in besondrer zweckbestimmter
Gleichsetzung von Arbeit in jeder Wirtschaft ansieht, übersieht Form, und in dieser Eigenschaft konkreter nützlicher Arbeit
er die besondere Form, die die Gleichsetzung der Arbeit in der produziert sie Gebrauchswerte« (K.,
I, S. 61). Befürworter wie

40 F. Petry, Der soziale Gehalt der Marxseben Werttheorie, Jena 1916, S. 23 f.


Gegner von Marx finden den zitierten Abschnitten Unter-
in
41 Eine ausgezeichnete Analyse und Kritik von Petrys Buch findet sich in ei- stützung für ihre physiologische Deutung der abstrakten Arbeit.
nem Artikel von R. Hilferding in Grünbergs Archiv für die Geschichte des
Jene wiederholen diese Definition, ohne sie kritisch zu analysie-
Sozialismus und der Arbeiterbewegung, 1919, S. 439-448. Vgl. auch unsere
Darstellung: Sovremennye ekonomisty na Zapade (Westliche Ökonomen ren; diese bringen eine ganze Reihe von Einwänden dagegen
der Gegenwart), 1927. und benutzen sie als Ausgangspunkt für die Ablehnung der Ar-
42 >Tcorija cennosti i pribyli Marksa pered sudom FetiSista« (Die Marxsche
Theorie des Werts und des Profits im Urteil von Fetischisten), Naucnoe
beitswerttheorie. Weder die einen noch die anderen bemerken,
Obozrcnie (Wissenschaftliche Rundschau), 1898, Nr. 8, S. 1393). daß die (oben dargestellte) simplifizierte Auffassung der abstrak-

95
ten Arbeit - die auf den ersten Blick auf einer wortgetreuen In-
Wie wir häufig angemerkt haben, sah Marx seine Auf-
Werts.
terpretation der Marxschen Sätze beruht - mit der Marxschen den Wert auf analytischem Wege auf abstrakte
gabe nicht darin,
Werttheorie in ihrer vollen Reichweite oder mit einer Reihe ein-
Arbeit zu reduzieren, sondern darin, den Wert dialektisch aus
zelner Abschnitte im Kapital keineswegs in Einklang zu bringen
der abstrakten Arbeit abzuleiten. Dies ist nur möglich, sofern
ist.
unter abstrakter Arbeit nichts anderes als Arbeit im physiologi-
Marx wurde müde zu wiederholen, daß der Wert ein gesell-
nie
schen Sinn verstanden wird. Es ist daher kein Zufall, daß die
schaftliches Phänomen ist, daß die Wertgegenständlichkeit »rein
Autoren, die eine physiologische Deutung der abstrakten Arbeit
gesellschaftlich ist« (K., I, S. 6z) und kein Atom Naturstoff in
durchgängig vornehmen, zu Schlußfolgerungen genötigt sind,
sie eingeht. Daraus folgt, daß die abstrakte Arbeit, die den Wert die der Marxschen Theorie drastisch widersprechen; d.h. sie ge-
schafft, als gesellschaftliche Kategorie zu begreifen ist, in der je- dem daß die abstrakte Arbeit aus sich heraus
langen zu Schluß,
des stoffliche Element fehlt. Nur
von beidem ist möglich:
eins
den Wert nicht erzeugt. 43 Will man Marxens bekannte Aussage
wenn die abstrakte Arbeit eine Verausgabung menschlicher Ener- aufrechterhalten, daß die abstrakte Arbeit den Wert schafft und
gie in physiologischer Form darstellt, so trägt auch der Wert im Wert darstellt, so muß man den physiologischen Begriff
sich
einen verdinglichten, gegenständlichen Charakter. Oder aber der
der abstrakten Arbeit verwerfen. Dies bedeutet jedoch nicht,
Wert ist ein soziales Phänomen, und dann hat man auch die ab- daß wir leugnen, was offensichtlich ist: daß in jeder gesellschaft-
strakte Arbeit als gesellschaftliche Erscheinung zu verstehen, die lichen Form der Wirtschaft die menschliche Arbeit an die Ver-
mit einer bestimmten gesellschaftlichen Form der Produktion in ausgabung physiologischer Energie gebunden ist. Physiologische
Zusammenhang steht. Begreift man die abstrakte Arbeit in ei- Arbeit ist die Voraussetzung der abstrakten Arbeit in dem
nem physiologischen Sinne, so ist es unmöglich, sie mit der histo- Sinn, daß man von abstrakter Arbeit nur da sprechen kann, wo
rischen Bestimmung des Werts, den sie erzeugt, in Einklang zu Menschen physiologische Energie verausgaben. Diese Verausga-
bringen. Die physiologische Verausgabung von Energie als sol- bung physiologischer Energie bleibt aber gerade eine Voraus-
cher bleibt dieselbe in allen Epochen, und diese Energie — so
setzung unserer Analyse und ist nicht ihr Gegenstand.
ließe sich dann behaupten — erzeugte in allen Epochen Wert. Wir
In jeder gesellschaftlichen Form der Wirtschaft ist die menschliche
gelangen zur krudesten Interpretation der Wertlehre, die im
Arbeit zugleich technisch-materielle und physiologische Arbeit.
krassen Gegensatz zur Marxschen Theorie steht.
Die erste Eigenschaft besitzt die Arbeit nur in dem Maße, wie
Nur ein einziger Weg kann aus diesen Schwierigkeiten heraus- sie einem eindeutigen technischen Plan unterworfen und auf die
führen: da der Wertbegriff im Marxschen Werk einen histori- Produktion von Gütern ausgerichtet ist, die zur Befriedigung
schen und gesellschaftlichen Charakter trägt (darin besteht gerade menschlicher Bedürfnisse nötig sind; die zweite Eigenschaft be-
das Verdienst von Marx und das Spezifische seiner Theorie), sitzt die Arbeit nur insoweit, als sie eine Verausgabung physio-
müssen wir den Begriff der abstrakten Arbeit, die den Wert er- logischer Energie im menschlichen Organismus ge-
darstellt, die
zeugt, auf derselben Grundlage aufbauen. Wenn wir nicht bei
speichert ist und regelmäßig erneuert werden muß. Erzeugte
den vorläufigen Definitionen verweilen, die Marx auf den ersten
die Arbeit keine nützlichen Produkte oder ginge sie nicht mit
Seiten seinesWerks vollzog, und uns bemühen, die Weiterent- der Verausgabung der Energie des menschlichen Organismus ein-
wicklung seines Gedankens nachzuvollziehen, so werden wir im ganze Bild des wirtschaftlichen Lebens der
her, so sähe das
Marxschen Werk auf eine hinreichende Anzahl von Elementen als wir es kennen. Mithin ist die
Menschheit völlig anders aus,
einer soziologischen Theorie der abstrakten Arbeit treffen. Or-
Arbeit, wenn man sie von der jeweiligen gesellschaftlichen
Um die Marxsche Theorie der abstrakten Arbeit adäquat zu ganisation der Wirtschaft losgelöst betrachtet, eine technisch-ma-
erfassen, dürfen wir in keinem Augenblick vergessen, daß Marx terielle sowohl wie eine biologische Voraussetzung jeder wirt-
zwischen der Kategorie der abstrakten Arbeit und dem Wert-
begriff eine unlösbare Verbindung herstellte. Abstrakte Arbeit 43 Vgl. »Otvct kritikam« (Antwort auf die Kritiker), in: I.I.Rubin,, Ocerki

»schafft« Wert; sie ist der »Inhalt« oder die »Substanz« des po teorii stoimosti Marksa (Studien zur Marxschen Werttheorie), Moskau
1928.

96
schaftlichen Tätigkeit. Diese Voraussetzung ökonomischer Ana- dige Voraussetzung für die gesellschaftliche Gleichsetzung und
lyse darf jedoch nicht in ihren Gegenstand verkehren. Die
sich Verteilung von Arbeit im allgemeinen. Nur auf der Basis der
Verausgabung physiologischer Energie ist nicht als solche schon physiologischen Gleichheit und Homogenität menschlicher Ar-
abstrakte, wertschaffende Arbeit. beit, d. h. der Vielfalt und Flexibilität menschlicher Arbeit, ist

Bisher haben wir die physiologische Version der abstrakten Ar- der Übergang von einer Tätigkeit zur anderen möglich. Die
Form studiert. Deren Anhänger vertreten
beit in ihrer krudesten Entstehung des gesellschaftlichen Systems der Arbeitsteilung, ins-
daß der Produktwert durch abstrakte Arbeit als
die Ansicht, besondere des Systems der Warenproduktion, ist nur auf dieser
Verausgabung einer bestimmten Menge physiologischer Energie Grundlage denkbar. Wenn wir also von abstrakter Arbeit spre-
geschaffen wird. Es gibt jedoch auch verfeinerte Fassungen dieser chen, so setzen wir eine gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit vor-
physiologischen Interpretation, die etwa folgendermaßen lauten: aus, und die gesellschaftliche Gleichsetzung der Arbeit setzt ihrer-
die Gleichheit der Produkte als Werte ergibt sich aus der Gleich- seits die physiologische Homogenität der Arbeit voraus, ohne
heit aller Formen menschlicher Arbeit als Verausgabungen phy- die gesellschaftliche Arbeitsteilung als sozialer Prozeß überhaupt
siologischer Energie. Hier betrachtet man die Arbeit nicht mehr nicht durchführbar wäre.

einfach als Verausgabung eines bestimmten Quantums physiolo- Die physiologische Homogenität menschlicher Arbeit ist eine

gischer Energie; der Gesichtspunkt ist vielmehr ihre physiolo- biologische Voraussetzung, nicht jedoch die Ursache der Ent-
gische Homogenität mit allen anderen Arbeitsformen. Im mensch- wicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. (Diese Vorausset-
lichen Organismus wird hier nicht nur die Quelle physiologischer zung ist umgekehrt Resultat des langwierigen Prozesses der
Energie im allgemeinen gesehen, sondern auch die Quelle, aus Menschheitsentwicklung, insbesondere der Entwicklung von Ar-
der sich Arbeit in gleich welcher konkreten Form speist. Der Be- beitsinstrumenten sowie einzelner Körperteile: der Hand und
griff der physiologischen Arbeit im allgemeinen hat sich in den des Gehirns.) Der Grad der Entwicklung sowie die Formen der
der physiologisch gleichen oder homogenen Arbeit verwandelt. gesellschaftlichen Arbeitsteilung sind durch rein gesellschaftliche
Diese physiologisch homogene Arbeit ist jedoch nicht der Gegen- Ursachen determiniert, die ihrerseits das Ausmaß bestimmen, in

stand ökonomischer Forschung, sondern ihre Voraussetzung. dem sie die Vielfalt der Arbeitsleistungen, die der menschliche

Wenn Arbeit, als Verausgabung physiologischer Energie, eine Organismus potentiell auszuführen in der Lage ist, sich tatsäch-

biologische Grundbedingung jeder menschlichen Wirtschaftsform lich in der Vielfalt der Arbeitsleistungen von Menschen als Ge-
ist, so stellt die physiologische Homogenität der Arbeit in Wirk- sellschaftsmitgliedern niederschlägt. In einem strikt durchgehal-

lichkeit eine biologische Voraussetzung dar, auf der jede gesell- tenen Kastensystem kann sich die physiologische Homogenität
schaftliche Arbeitsteilung aufbaut. Die physikalische Homogeni- der Arbeit nicht in bedeutendem Umfang äußern. In einer klei-
tät menschlicher Arbeit ist eine unerläßliche Voraussetzung da- nen, auf Arbeitsteilung beruhenden Gemeinschaft manifestiert
für, daß Menschen von der einen Arbeitsform zur anderen über- sich die physiologische Homogenität der Arbeit innerhalb eines

wechseln, was wiederum den sozialen Prozeß der Umverteilung kleinen Personenkreises; der allgemein-menschliche Charakter
gesellschaftlicher Arbeit möglich macht. Würden Menschen als der Arbeit kann nicht zum Ausdruck gelangen. Einzig auf der
Bienen oder Ameisen geboren, mit bestimmten Arbeitsinstinkten, Grundlage der Warenproduktion, charakterisiert durch fortge-
die ihr Arbeitspotential von vornherein auf eine bestimmte Tä- schrittene Entwicklung des Tausches, durch massenweise Umstel-
tigkeitsart beschränkten, so wäre die Arbeitsteilung eine biolo- lung von Individuen von einer Tätigkeit auf die andere und
gische, und nicht eine gesellschaftliche Tatsache. Wenn es jedoch durch Gleichgültigkeit der Individuen gegenüber der konkreten
erforderlich ist, daß die gesellschaftliche Arbeit sowohl in der Form der Arbeit, ist es homogenen Charakter aller
möglich, den
einen wie in der anderen Produktionssphäre durchgeführt wer- Arbeitsvorrichtungen als Formen menschlicher Arbeit im allgeT
den kann, so muß jedermann in der Lage sein, von der einen meinen zu entwickeln. Die physiologische Homogenität mensch-
Arbeitsform zur anderen überzugehen. licher Arbeit war eine notwendige Voraussetzung für die gesell-

Die physiologische Gleichheit der Arbeit ist mithin eine notwen- schaftliche Arbeitsteilung, aber erst auf einer bestimmten Stufe

98
der gesellschaftlichen Entwicklung und in einer bestimmten ge- einem sozialistischen Gemeinwesen. Abstrakte Arbeit fällt nicht
sellschaftlichenForm der Wirtschaft trägt die Arbeit der Einzel- nur keineswegs mit physiologisch gleicher Arbeit zusammen, sie
nen den Charakter einer Äußerungsform allgemein-menschlicher darf auch auf keinen Fall mit gesellschaftlich gleichgesetzter Ar-
Arbeit. Es wäre kaum übertrieben zu sagen, daß vielleicht sogar beit identifiziert werden (vgl. oben, S. joff.). Alle ab-
der Begriff des Menschen im allgemeinen und der allgemein- strakte Arbeit ist gesellschaftliche und gesellschaftlich gleichge-
menschlichen Arbeit auf der Grundlage der Warenproduktion setzte Arbeit, aber nicht jede gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit
hervortrat. Eben hierum ging Marx, wenn er darauf hinwies,
es ist als abstrakte Arbeit anzusehen. Damit gesellschaftlich gleich-
daß sich der allgemein-menschliche Charakter der Arbeit in der gesetzte Arbeit die spezifische Form der für die Warenproduk-
abstrakten Arbeit ausdrücke. tion charakteristischen abstrakten Arbeit annimmt, müssen zwei
Wir sind zu dem
Schluß gelangt, daß physiologische Arbeit im Bedingungen erfüllt sein, die Marx genau aufwies: notwendig
allgemeinen oder physiologisch gleiche Arbeit nicht aus sich daß die Gleichheit verschiedener, individueller Arten von
her- ist 1.,
aus schon abstrakte Arbeit ist, selbst wenn sie ihre Vorausset- Arbeit den »spezifisch gesellschaftliche(n) Charakter der vonein-
zung darstellt. Die gleiche Arbeit, die sich in der Wertgleichheit ander unabhängigen Privatarbeit« (K., I, S. 88) zum Ausdruck
ausdrückt, ist als gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit anzusehen. bringt, d. h., daß die Arbeit zu gesellschaftlicher Arbeit nur als
Da der Wert des Produkts eine gesellschaftliche und nicht eine gleiche Arbeit wird, und 2., daß diese Gleichsetzung von Arbeit
natürliche Funktion die Arbeit, die diesen
ist, ist Wert erzeugt, in sachlicher Form sich vollzieht, d. h. »die Form des Wertcha-
keine physiologische, sondern eine »gesellschaftliche
Substanz«. rakters der Arbeitsprodukte annimmt« (ebd.).* 5 Fehlen diese
Marx faßte diesen Gedanken in seinem Werk Lohn, Preis und Voraussetzungen, so die Arbeit physiologisch gleich. Sie
ist kann
Profit kurz und bündig zusammen: »Da die Tauschwerte der auch gesellschaftlich gleichgesetzt sein, nicht jedoch ist sie ab-
Waren nur Funktionen dieser Dinge sind und
gesellschafiliche strakt-allgemeine Arbeit.
gar nichts zu tun haben mit ihren natürlichen
Qualitäten, so Wenn manche Autoren abstrakte Arbeit mit physiologisch glei-
fragt es sich zunächst: Was ist die gemeinsame gesellschafiliche cher Arbeit verwechseln, so begehen andre einen ebenso unzuläs-
Substanz aller Waren? Es ist die Arbeit. Um eine Ware zu pro- sigen - wenn auch weniger primitiven - Fehler: sie verwechseln
duzieren, muß eine bestimmte Menge Arbeit auf sie verwendet abstrakte Arbeit mit gesellschaftlich gleichgesetzter Arbeit. Ihre
oder in ihr aufgearbeitet werden. Dabei sage ich nicht
bloß Ar- Überlegung läßt sich auf folgendes reduzieren: Das Organ einer
beit, sondern gesellschafiliche Arbeit.« 4 *
Und insofern diese Ar- sozialistischen Gemeinschaft setzt, wie wir gesehen haben, die
beit gleich ist, haben wir es mit gesellschaftlich
gleicher - oder verschiedenartige Arbeit verschiedener Individuen zum Zweck
gesellschaftlich gleichgesetzter - Arbeit zu tun. der Berechnung und Verteilung von Arbeit gleich, d. h. es redu-
Wir dürfen uns daher nicht auf das beschränken,
was die Arbeit ziert alle Arbeit auf eine allgemeine Einheit, die notwendig ab-
als gleiche charakterisiert,
sondern müssen zwischen drei Typen strakt ist. Die Arbeit nimmt mithin abstrakten Charakter an. 46
gleicher Arbeit unterscheiden, auf die wir
im dritten Kapitel Wenn diese Autoren auf ihrem Recht bestehen, gesellschaftlich
hingewiesen haben:
gleichgesetzte Arbeit als »abstrakte« zu bezeichnen, so können
i. physiologisch gleiche Arbeit,
2. gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit, 45 »Was nur für diese besondre Produktionsform, die Warenproduktion, gül-
3. abstrakte oder abstrakt-allgemeine Arbeit, d. h. tig ist,daß nämlich der spezifisch gesellschaftliche Charakter der vonein-
gesellschaft-
lich gleichgesetzte Arbeit in der spezifischen
ander unabhängigen Privatarbeiten in ihrer Gleichheit als menschliche Ar-
Form, die sie in beit besteht und die Form des Wertcharakters der Arbeitsprodukte an-
einer warenproduzierenden Gesellschaft annimmt. nimmt . . .« (K., I, S. 88).

Obwohl die abstrakte Arbeit ein Spezifikum der Warenproduk- 46 Ein ungefähr auf diese These hinauslaufender Standpunkt findet sich in
dem Artikel von I. Daskovski, »Abstraktnyi trud i ekonomiceskie kate-
tion ist, findet sich gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit z.
B. in gorii Marksa« (Abstrakte Arbeit und die ökonomischen Kategorien von
Marx), Pod znamenem marksizma (Unter dem Banner des Marxismus),
44 K. Marx, Lohn, Preis und Profit, Berlin 1969 (Kleine Bücherei des Marxis- 1926, Nr. 6. DaSkovski verwechselt zudem abstrakte Arbeit mit physiolo-
mus-Leninismus), [MEW 16], S. 30. gischer Arbeit. (Vgl. Rubin, »Otvet kritikam«, a.a.O.).

IOO
IOI
wir ihnen dies zubilligen: jeder Autor hat das Recht, einem Phä- ten bestimmte Arbeit. Abstrakte Arbeit enthält die Definition

nomen einen selbstgewählten Begriff beizulegen, obgleich eine der gesellschaftlichen Formen der Organisation menschlicher Ar-
derart willkürliche Terminologie gefährlich sein kann und er- beit. Hierbei handelt es sich nicht um eine Definition von Arbeit

hebliches Durcheinander in der Wissenschaft anrichtet. Unser nach ihren allgemeinen und besonderen Merkmalen, sondern um
Argument bezieht sich jedoch nicht auf den Begriff, den man der die Analyse der Arbeit unter zwei Gesichtspunkten: dem tech-

gesellschaftlich gleichgesetzten Arbeit beilegt, sondern auf etwas nisch-materiellen und dem gesellschaftlichen. Der Begriff der

anderes. Wir stellen die Frage: verstehen wir darunter die »ab- abstrakten Arbeit drückt die Besonderheiten der gesellschaftlichen

strakte Arbeit«, die - nach der Marxschen Theorie - den Wert Organisation der Abeit in einer Gesellschaft mit kapitalistischer
schafft und sich im Wert darstellt? Wiederum müssen wir darauf Warenproduktion aus. 47
hinweisen, daß Marx nicht nur den Wert analytisch auf Arbeit Um zu einer adäquaten Interpretation des Gegensatzes von
reduzieren, sondern auch den Wert analytisch aus der Arbeit ab- konkreter und abstrakter Arbeit zu gelangen, hat man bei der

leiten wollte. Und von hier aus ist ersichtlich, daß weder physio- von Marx getroffenen Unterscheidung zwischen privater und
logisch gleiche noch gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit als solche gesellschaftlicher Arbeit anzusetzen, mit der wir uns oben be-

Wert schaffen. Die abstrakte Arbeit, von der Marx sprach, ist
schäftigt haben.

nicht nur gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit, sondern gesell- Arbeit ist gesellschaftliche Arbeit, wenn sie als Teil der Gesamt-

schaftlich gleichgesetzte Arbeit in einer spezifischen Form, die für masse homogener gesellschaftlicher Arbeit oder, wie Marx häufig
eine warenproduzierende Gesellschaft charakteristisch ist. Der sagte, in ihrem »Verhältnis zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit«
Begriff der abstrakten Arbeit im Marxschen System mit den
ist gesehen wird. In einem großen sozialistischen Gemeinwesen ist

Grundmerkmalen der Warenproduktion unlösbar verknüpft. die Arbeit der Mitglieder in ihrer konkreten Form (z. B. die Ar-
Um dies nachzuweisen, müssen wir Marxens Ansichten über den beit des Schusters) direkt in den umfassenden Arbeitsmechanis-
Charakter der abstrakten Arbeit detaillierter darlegen. mus der Gesellschaft eingeschlossen und wird mit einer bestimm-
Marx beginnt seine Analyse mit den Waren, bei denen er zwei ten Zahl gesellschaftlicher Arbeitseinheiten gleichgesetzt (wenn
Seiten unterscheidet: die technisch-materielle und die gesellschaft- wir uns auf die Frühphase der sozialistischen Wirtschaft bezie-
liche (d. h. Gebrauchswert und Wert). Eine ähnliche Unterschei- hen, in der die Arbeit der Individuen noch von der Gesellschaft

dung vollzieht Marx bei der in den Waren verkörperten Arbeit. bewertet wird; zum Zwecke einer eingehenderen Analyse dieses

Konkrete und abstrakte Arbeit sind zwei Seiten (die technisch- Punktes vgl. das Ende dieses Kapitels). Arbeit in ihrer konkre-
materielle und die gesellschaftliche) ein und derselben Arbeit, die ten Form ist in diesem Fall unmittelbar gesellschaftliche Arbeit.

sich in den Waren verkörpert. Die gesellschaftliche Seite dieser Anders ist dies in einer warenproduzierenden Gesellschaft, in
Arbeit, die den Wert schafft und sich im Wert ausdrückt, ist die der die konkrete Arbeit des Produzenten nicht unmittelbar ge-

abstrakte Arbeit. sellschaftliche, sondern private Arbeit ist, d. h. Arbeit eines pri-
vaten Warenproduzenten, eines Privatbesitzers von Produk-
Wir beginnen mit der Marxschen Definition der konkreten Ar-
beit. »Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit,
tionsmitteln und eines autonomen Leiters wirtschaftlicher Betäti-

von gung. Diese private Arbeit kann zu gesellschaftlicher Arbeit ein-


ist die Arbeit daher eine allen Gesellschaftsformen unab-
zig durch ihre Gleichsetzung mit allen anderen Arbeitsformen
hängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwen-
um werden, durch die Gleichsetzung ihrer Produkte (s. o., S. 50 ff.).
digkeit, den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also
das menschliche Leben zu vermitteln« (K., I, S. 57; Hervorh. v.
Mit anderen Worten konkrete Arbeit wird
: nicht deshalb gesell-

I. R.). Zwischen abstrakter und konkreter Arbeit besteht offen-


47 »Man sieht: der früher aus der Analyse der Ware gewonnene Unterschied
sichtlich ein Gegensatz. Abstrakte Arbeit ist an eine bestimmte zwischen der Arbeit, soweit sie Gebrauchswert, und derselben Arbeit, so-
»Gesellschaftsform« geknüpft und drückt bestimmte Beziehun- weit sie Wert schafft, hat sich jetzt als Unterscheidung der verschiednen
Seiten des Produktionsprozesses dargestellt« (K., I, S. 211), d.h. der tech-
gen des Menschen zum Menschen im Produktionsprozeß aus. nischen und der gesellschaftlichen Seite des Produktionsprozesses. Vgl.
Konkrete Arbeit ist die durch ihre techniscfj-materielle Qualitä- Petry, Der soziale Gehalt der Marxschen Werttheorie, Jena 1916, S. 22.

I02 103
schaftlich, weil sie die Form konkreter, konkrete Gebrauchs- Gleichsetzung dem Tausch voraus, so muß sie sich im tatsächli-
werte - z. B. Schuhe - produzierender Arbeit hat, sondern chen Tauschprozeß gleichwohl noch realisieren.
einzig dann, wenn die Schuhe als Werte mit einer bestimm- Die beschriebene Funktion der Arbeit ist charakteristisch gerade
ten Geldsumme (und durch das Geld mit allen anderen Produk- für eine warenproduzierende Gesellschaft; sie tritt besonders deut-
ten als Werten) gleichgesetzt werden. Die in den Schuhen verge- lich hervor, wenn man die Warengesellschaft mit anderen Wirt-
genständlichte Arbeit wird so mit allen anderen Arbeitsformen schaftsformen vergleicht. »Oder nehmen wir die Naturaldienste
gleichgesetzt; sie streift daher ihre bestimmte, konkrete Form ab und Naturallieferungen des Mittelalters. Die bestimmten Arbei-
und wird zu unpersönlicher Arbeit, zu einem Partikel der Ge- ten der einzelnen in ihrer Naturalform, die Besonderheit, nicht
samtmasse homogener gesellschaftlicher Arbeit. die Allgemeinheit 48 der Arbeit bildet hier das gesellschaftliche
Wie die konkreten Arbeitsprodukte (z. B. Schuhe) ihren Wert- Band. Oder nehmen wir endlich die gemeinschaftliche Arbeit in
charakter nur dann erweisen, wenn das Produkt seine konkrete ihrer naturwüchsigen Form, wie wir sie an der Schwelle der
Form abwirft und mit einer bestimmten Summe abstrakter Geld- Geschichte aller Kulturvölker finden. Hier ist der gesellschaft-
einheiten gleichgesetzt wird, so zeigt entsprechend die im Pro- liche Charakter der Arbeit offenbar nicht dadurch vermittelt,
dukt enthaltene private und konkrete Arbeit ihren Charakter daß Form der Allgemein-
die Arbeit des einzelnen die abstrakte
als gesellschaftliche Arbeit nur dann, wenn sie ihre konkrete heit, oder sein Produkt die Form eines allgemeinen Äquivalents
Form abstreift und in einer bestimmten Proportion mit allen annimmt. Es ist das der Produktion vorausgesetzte Gemeinwe-
anderen Arbeitsformen, d.h. mit einer bestimmten Menge un- sen, das die Arbeit des einzelnen hindert, Privatarbeit, und sein
persönlicher, homogener, abstrakter Arbeit, »Arbeit überhaupt«, Produkt, Privatprodukt zu sein, die einzelne Arbeit vielmehr
gleichgesetzt wird. Die Verwandlung privater in gesellschaftliche unmittelbar als Funktion eines Gliedes des Gesellschaftsorganis-
Arbeit kann nur durch die Verwandlung konkreter in abstrakte mus erscheinen läßt. Die Arbeit, die sich im Tauschwert darstellt,
Arbeit geschehen. Wenn konkrete Arbeit in abstrakte verwan- ist vorausgesetzt als Arbeit des vereinzelten einzelnen. Gesell-
delt wird, so zeigt dies auf der anderen Seite bereits an, daß sie schaftlich wird sie dadurch, daß sie die Form ihres unmittelbaren
in die Masse homogener gesellschaftlicher Arbeit eingeschlossen, Gegenteils, die Form der abstrakten Allgemeinheit annimmt«
d.h. in gesellschaftliche Arbeit umgesetzt ist. Abstrakte Arbeit (Zur Kritik der Politischen Ökonomie, S. 26 f.; Hervorh. v.
stellt die Vielfalt gesellschaftlicher oder gesellschaftlich gleich- I. R.). Denselben Gedanken wiederholt Marx im Kapital. Von

gesetzter Arbeit im allgemeinen dar. Sie ist gesellschaftliche oder der mittelalterlichen Gesellschaft sagt er: »Die Naturalform
gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit in der spezifischen Form, in der Arbeit, ihre Besonderheit, und nicht, wie auf Grundlage der
der sie in der Warenproduktion auftritt. Abstrakte Arbeit ist Warenproduktion, ihre Allgemeinheit, ist hier ihre unmittelbar
nicht nur gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit, d. h.
von konkre- gesellschaftliche Form« (K., I, S. 91). Ebenso sind in der land-
ten Eigenschaften losgelöste, unpersönliche und homogene Arbeit; wirtschaftlichen Produktion der patriarchalischen Bauernfamilie
sie ist Arbeit, die erst als unpersönliche und homogene zu
gesell- »die verschiednen Arbeiten, welche diese Produkte erzeugen,
schaftlicher Arbeit wird. Der Begriff der abstrakten Arbeit setzt Ackerbau, Viehzucht, Spinnen, Weben, Schneiderei usw in
voraus, daß der Prozeß der Entpersönlichung oder Gleichsetzung ihrer Naturalform gesellschaftliche Funktionen« {ebd., S. 92).
von Arbeit ein einheitlicher Prozeß ist, durch den Arbeit »ver- Im Gegensatz zu einer patriarchalischen Familie oder zu einem
gesellschaftet« wird, d. h. sich der Gesamtmasse gesellschaftlicher feudalen Gut, wo die Arbeit in ihrer konkreten Form unmittel-
Arbeit einfügt. Diese Gleichsetzung von Arbeit mag - allerdings bar gesellschaftlichen Charakter trug, realisiert sich also in der
nur im Geiste und in der Antizipation - im unmittelbaren Pro- Warengesellschaft die einzige soziale Verbindung zwischen un-
duktionsprozeß stattfinden, vor dem Tauschakt. Tatsächlich je- abhängigen, privaten Wirtschaftseinheiten durch einen vielseiti-

doch vollzieht durch den Tauschakt, durch die (wenn


sie sich gen Tausch und die Gleichsetzung der Produkte höchst unter-
auch geistige und antizipierte) Gleichsetzung des Produkts der
48 Wie wir bereits erwähnt haben, bezeichnete Marx in der Kritik der Poli-
betreffenden Arbeit mit einer bestimmten Geldsumme. Geht diese
tischen Ökonomie die abstrakte Arbeit als »allgemeine« Arbeit.

104 105
schiedlicher konkreter Arbeitsformen, d.h. durch Abstraktion
Charakters der abstrakten Arbeit führte dazu, daß man den
von ihren konkreten Eigenschaften, durch die Verwandlung kon- Sinn dieser Kategorie in die Berechnung von - physiologisch in-
kreter in abstrakte Arbeit. Die Verausgabung menschlicher Ener-
terpretierten - Arbeitsaufwendungen verlegte, d. h. ihr die rein
gie, in einem physiologischen Sinne, ist als solche
noch nicht ab- negative Bestimmung der Abstraktion von den spezifischen, kon-
strakte, wertschaffende Arbeit, obwohl sie ihre Voraussetzung kreten Arbeitsformen beilegte.
darstellt. Abstrakte Arbeit ist gekennzeichnet durch die Abstrak-
Die abstrakte Arbeit entsteht und entwickelt sich in dem Maße,
tion von den konkreten Formen der Arbeit, durch das gesell-
wie der Tausch zur gesellschaftlichen Form des Produktionspro-
schaftliche Grundverhältnis zwischen isolierten Warenproduzen-
zesses wird und diesen somit in Warenproduktion verwandelt.
ten. Der Begriff der abstrakten Arbeit setzt eine
bestimmte ge- Ohne den Tausch als gesellschaftliche Produktionsform kann es
sellschaftliche
Organisationsform der Arbeit in einer warenpro-
keine abstrakte Arbeit geben. In dem Umfang also, in dem der
duzierenden Gesellschaft voraus: die einzelnen Warenproduzenten
Markt und die Sphäre des Tausches sich ausgebreitet haben, in
sind nicht unmittelbar im Produktionsprozeß miteinander ver- dem die einzelnen Wirtschaftseinheiten in den Tausch hineinge-
bunden, sofern dieser die Gesamtheit der konkreten Arbeitstä-
zogen werden, in dem diese Einheiten in eine umfassende Volks-
tigkeiten darstellt; diese Verbindung stellt sich durch
den Tausch wirtschaft und später in eine Vollwirtschaft integriert werden,
her, d.h. durch die Abstraktion von jenen konkreten
Eigen- verstärken sich die charakteristischen Eigenschaften der Arbeit,
schaften. Die abstrakte Arbeit ist keine physiologische, sondern
die wir als »abstrakte« bezeichnet haben. So schrieb Marx: »Es
eine gesellschaftliche und historische Kategorie. Von der konkre- ist aber nur der foreign trade, die Entwicklung des Marktes zum
ten Arbeit unterscheidet sie sich nicht nur durch ihre negative Be-
Weltmarkt, die das Geld zum Weltgeld und die abstrakte Arbeit
stimmungen (Abstraktion von den konkreten Arbeitsformen),
zur gesellschaftlichen Arbeit entwickelt. Der abstrakte Reichtum,
sondern auch durch ihre positive Eigenschaft (Gleichsetzung aller
Geld - hence die abstrakte Arbeit entwickelt sich in dem Maße,
Arbeitsformen in einem vielseitigen Tausch der Arbeitsprodukte).
worin die konkrete Arbeit zu einer den Weltmarkt umfassenden
»So ist die im Warenwert vergegenständlichte Arbeit nicht nur Totalität verschiedner Arbeitsweisen entwickelt« {Theorien über
negativ dargestellt als Arbeit, worin von allen konkreten For-
den Mehrwert, III [MEW 26. 3], S. 250; Hervorh. i. Original).
men und nützlichen Eigenschaften der wirklichen Arbeiten ab-
Ist der Tausch durch nationale Grenzen beschränkt, so besitzt
strahiert wird. Ihre eigne positive Natur tritt ausdrücklich
her- die abstrakte Arbeit noch nicht ihre entwickeltste Form. Der ab-
vor. Sie Reduktion aller wirklichen Arbeiten auf den ih-
ist die
strakte Charakter der Arbeit tritt rein zum Vorschein, wenn der
nen gemeinsamen Charakter menschlicher Arbeit, auf die Ver-
internationale Handel Länder miteinander verknüpft und
alle
ausgabung menschlicher Arbeitskraft« (K., I, S. 81). An anderen
zusammenschließt, wenn das Produkt nationaler Arbeit seine
Stellen betontMarx, daß diese Reduktion konkreter Arbeits-
spezifischen, konkreten Eigenarten verliert, weil es auf den Welt-
formen auf abstrakte Arbeit endgültig im Tauschprozeß statt-
markt gebracht und mit den Arbeitsprodukten der unterschied-
findet.Im unmittelbaren Produktionsprozeß hat diese Reduktion
lichsten nationalen Industrien gleichgesetzt wird. Diese Kate-
dagegen antizipatorischen oder ideellen Charakter, da die Pro-
gorie von abstrakter Arbeit steht dem Begriff der Arbeitsauf-
duktion für den Tausch bestimmt ist (siehe unten). In der Marx-
wendungen in einem physiologischen Sinn, der weder die quali-
schen Werttheorie ist die Verwandlung konkreter in abstrakte
tativen Bestimmungen der Arbeit noch deren gesellschaftliche
Arbeit nicht ein theoretischer Abstraktionsakt zum Zwecke der
Organisationsformen berücksichtigt, in der Tat fern.
Auffindung einer allgemeinen Maßeinheit. Diese Umwandlung
In der auf dem Tausch beruhenden Produktion ist der Produ-
ist ein realer gesellschaftlicher
Vorgang. Die Kategorie der ab- zent nicht am Gebrauchswert, sondern ausschließlich am Wert
strakten Arbeit der theoretische Ausdruck dieses gesellschaft-
ist
des von ihm hergestellten Produkts interessiert. Die Produkte
lichen Vorgangs, d. h. der gesellschaftlichen Gleichsetzung
ver- interessieren ihn nicht als Ergebnisse konkreter, sondern als Re-
schiedener Arbeitsformen, und nicht ihrer physiologischen Gleich-
sultat abstrakter Arbeit, d. h. sie interessieren ihn insoweit, als sie
heit. Die Vernachlässigung dieses positiven, gesellschaftlichen die ihnen immanente nützliche Form abstreifen, sich in Geld und

106
107
durch dieses in eine unendliche Reihe verschiedener Gebrauchs-
»innerhalb dieser Welt [der Waren, d. Übers.] (bildet) der all-
werte verwandeln können. Wenn - unter dem Gesichtspunkt
des
Werts - irgendeine Betätigung für einen Produzenten weniger gemein menschliche Charakter der Arbeit ihren spezifisch gesell-
schaftlichen Charakter« (K., I, S. 8 1 Hervorh. v. I. R.), und nur
;
lohnend ist als eine andere, so wechselt ervon der einen konkre-
ten Tätigkeit zur anderen über, dieser von den konkreten Eigenschaften abstrahierte gesellschaft-
wenn wir voraussetzen, daß in
der Warenproduktion die vollständige Mobilität liche Charakter der Arbeit verleiht ihr den Charakter abstrak-
der Arbeit ge-
ter, wertschaffender Arbeit. Im Wert erscheint der »allgemeine
ist. Der Tausch erzeugt die Gleichgültigkeit
währleistet
des Pro-
duzenten gegenüber seiner konkreten Arbeit (in Charakter individueller Arbeit« Cha-
als ihr »gesellschaßlicher
Form einer - Gedanken wiederholt Marx fortwährend in der
diesen
Tendenz freilich, die durch gegenwirkende Einflüsse unterbro- rakter«

chen und abgeschwächt wird). »Die Gleichgültigkeit Kritik der Politischen Ökonomie.
gegen die
bestimmte Arbeit entspricht einer Gesellschaftsform, Insofern der Wert dialektisch aus der Arbeit abzuleiten ist, ha-
worin die
Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre ben wir unter Arbeit also die in der bestimmten gesellschaftli-
über-
gehen und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, chen Form einer warenproduzierenden Gesellschaft organisierte
daher
gleichgültig ist. Die Arbeit ist hier nicht nur in
Arbeit zu verstehen. Wenn wir von physiologisch gleicher oder
der Kategorie,
selbst von gesellschaftlich gleichgesetzter Arbeit im allgemeinen
sondern in der Wirklichkeit als Mittel zum Schaffen des
Reich-
tums überhaupt geworden und hat aufgehört, als sprechen, so ist dies keine wertschaffende Arbeit. Zu einem an-
Bestimmung
mit den Individuen in einer Besonderheit verwachsen deren, weniger konkreten Begriff von Arbeit kann man nur
zu sein.
Ein solcher Zustand ist am entwickeltsten in der gelangen, wenn man die Aufgabe darauf beschränkt, auf rein
modernsten
Daseinsform der bürgerlichen Gesellschaften - den analytischem Wege den Wert auf die Arbeit zu reduzieren. Wenn
Vereinigten
Staaten. Hier also wird die Abstraktion der wir vom Wert als einer vorhandenen, fertigen gesellschaftlichen
Kategorie >Arbeit<,
>Arbeit überhaupt, Arbeit sans phrase, der Form des Arbeitsprodukts ausgehen (was keiner besonderen Er-
Ausgangspunkt der
modernen Ökonomie, erst praktisch wahr. klärung bedarf) und fragen, auf welche Arbeit dieser Wert zu
Dies . . . Beispiel der
reduzieren ist, so antworten wir kurzerhand: auf gleiche Arbeit.
Arbeit zeigt schlagend, wie selbst die abstraktesten
Kategorien,
trotz ihrer Gültigkeit - eben wegen ihrer Anders ausgedrückt: wenn der Wert sich dialektisch nur aus der
Abstraktion - für alle
Epochen, doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion abstrakten Arbeit ableiten läßt, so kann sich die analytische Re-
selbst
ebensosehr das Produkt historischer Verhältnisse duktion des Werts auf Arbeit auf die Definition der Arbeit als
sind und ihre 50
gesellschaftlich gleichgesetzte im allgemeinen ja selbst als phy-
Vollgültigkeit nur für und innerhalb dieser Verhältnisse ,

besit-
zen.«« siologisch gleiche beschränken. Möglicherweise ist gerade dies die
Wi r h a ben diesen langen Auszug aus dem Marxschen
Werk zitiert, weil aus ihm
Erklärung dafür, daß Marx im zweiten Abschnitt des ersten
die Unmöglichkeit einer physiologi-
schenBestimmung von »abstrakter Arbeit« oder »Arbeit Kapitels des ersten Bandes des Kapital den Wert analytisch auf
über-
haupt« klar hervorgeht. »Arbeit überhaupt« Arbeit reduzierte und den Charakter der Arbeit als physiolo-
besteht auf den
ersten Blick in allen Gesellschaftsformen; gisch gleiche hervorhob, ohne sich länger bei der gesellschaftli-
in Wirklichkeit jedoch
ist sie Produkt der historischen
chen Organisation der Arbeit in der Warenproduktion aufzu-
Bedingungen einer warenprodu-
zierenden Gesellschaft und »besitzt ihre halten. 51 Wo immer dagegen Marx den Wert dialektisch aus der
Vollgültigkeit« nur in
dieser Wirtschaftsform. Realisiert sich
abstrakte Arbeit durch den jo S. S. 64ff. die Zitate, in denen Marx gesellschaftlich gleichgesetzte Arbeit
Tausch und durch die Gleichsetzung der Produkte alsWertsubstanz anerkannte.
höchst ver-
schiedenartiger Arbeitsformen, so wird sie zu einem Ji In der ersten deutschen Ausgabe des Kapital faßte Marx den Unterschied
gesellschaft-
zwischen konkreter und abstrakter Arbeit folgendermaßen zusammen:
lichen Verhältnis zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft: »Aus dem Bisherigen folgt, daß in der Waare zwar nicht zwei verschie-
dene Sorten Arbeit stecken, wohl aber dieselbe Arbeit verschieden und
49 K. Marx. »Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie« in: Zur Kritik selbst entgegengesetzt bestimmt ist, je nachdem sie auf den Gebrauchs-
der Politischen Ökonomie, S.261L; vgl. auch
Rubin, »Otvet kritikam«, wert der Waare als ihr Produkt oder auf den Waaren- Wert h als ihren
a.a.O. bloss gegenständlichen Ausdruck bezogen wird« (Kapital, I, 1867, S. 13;
Hervorh. im Original). Der Wert ist nicht das Produkt der Arbeit, son-

108
109
abstrakten Arbeit abzuleiten sucht, unterstreicht er die
gesell- sultiert (Zur Kritik der Politischen Ökonomie, S. 53-55). Frank-
schaftlicheForm der Arbeit in der Warenproduktion als das
lins Hauptirrtum lag daß er nicht bedachte, daß die
also darin,
Kennzeichen abstrakter Arbeit.
abstrakte Arbeit aus der Entfremdung individueller Arbeit ent-
Nachdem wir das gesellschaftliche Wesen der abstrakten Arbeit
steht.
und ihr Verhältnis zum Tauschprozeß geklärt haben, müssen wir
Wir brauchen uns in diesem Fall nicht auf einen isolierten Satz
nunmehr auf einige kritische Bemerkungen 52 eingehen, die sich
aus dem Marxschen Werk zu stützen. In späteren Ausgaben des
gegen unsere Auffassung von abstrakter Arbeit richteten.
Einige Kapital betonte Marx immer eindringlicher den Gedanken, daß
Kritiker behaupten, daß unsere Auffassung zu der
Schlußfolge- in einer warenproduzierenden Gesellschaft nur der Tausch die
rung verleiten könnte, daß abstrakte Arbeit ihren
Ursprung konkrete Arbeit in abstrakte verwandelt.
allein im Tauschakt hat, woraus folge, daß
auch der Wert nur
Wir können den bekannten Abschnitt heranziehen, den wir oben
im Tausch entsteht. Vom Marxschen Standpunkt aus jedoch müsse
zitiert haben: »Die Menschen beziehen also ihre Arbeitsprodukte
der Wert - und damit auch die abstrakte Arbeit - bereitsim nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß
Produktionsprozeß existieren. Dies grenzt an die sehr ernste und sachlicheHüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umge-
schwerwiegende Frage nach dem Verhältnis zwischen Produktion
kehrt. Indem
sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im
und Tausch. Wie ist dieses Problem zu lösen? Einerseits müssen
Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen
Wert und abstrakte Arbeit bereits im Tauschprozeß vorhanden
Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich« (K., I, S. 88).
sein; auf der anderen Seite behauptet Marx an mehreren
Stel- In der ersten Ausgabe des Kapital wurde in diesem Abschnitt
len, daß abstrakte Arbeit den Tauschprozeß zur Voraussetzung
genau das Gegenteil ausgesagt. Im ursprünglichen Marxschen Werk
hat.
lautet er: »Die Menschen (beziehn) ihre Produkte auf einander
Wir können verschiedene Beispiele anführen. Marx zufolge hat
als Werthe ., sofern diese Sachen für bloß sachliche Hüllen
. .

Franklin Arbeit als abstrakte begriffen, ohne jedoch zu


sehen, gleichartig menschlicher Arbeit gelten«, usw. (Kapital, I, 1867,
daß es sich um abstrakt-allgemeine, gesellschaftliche Arbeit han-
delt, die aus
S. 38; Hervorh. im Original). Damit man ihm nicht die Auffas-
der totalen Entfremdung individueller Arbeit re-
sung unterstelle, die Gleichsetzung der menschlichen Arbeiten als
abstrakte bewußter und geplanter Prozeß, änderte Marx
sei ein
dern ein gegenständlicher, fetischisierter Ausdruck der in der zweiten Auflage vollkommen den Inhalt seines Satzes
menschlichen Ar-
beitstätigkeit. In der zweiten Ausgabe hat Marx
diese zusammenfassende
Formulierung, die den gesellschaftlichen Charakter gesellschaftlicher und betonte, daß sich die Gleichsetzung der Arbeit als abstrakte
Arbeit
unterstreicht,
leider durch den bekannten Schlußsatz
des zweiten Ab- Arbeit einzig durch den Austausch der Arbeitsprodukte voll-
schnitts des ersten Kapitels ersetzt, der zahlreichen
Kritikern eine Grund- zieht. Dies stellt eine bedeutsame Differenz zwischen der ersten
lage dafür bot, abstrakte Arbeit in einem
physiologischen Sinn aufzufas-
sen: »Alle Arbeit ist . . Verausgabung menschlicher und der zweiten Ausgabe dar.
.
Arbeitskraft im phy-
siologischen Sinn« (K., I, S. 6x). Anscheinend
war Marx sich selbst der Wie wir erwähnten, blieb Marx jedoch nicht bei der zweiten
Ungenauigkeit seiner vorläufigen Kennzeichnung
der abstrakten Arbeit Auflage des ersten Bandes des Kapital stehen. Er korrigierte
bewußt, wie sie in der zweiten Ausgabe des Kapital
vorliegt. Schlagenden
Beweis dafür erbringt die Tatsache, daß Marx in der
französischen Ausgabe
den späteren Text noch für die französische Ausgabe von 1875.
des ersten Bandes des Kapital (von
1875) eine Ergänzung dieser Charak- Dort schrieb er, daß Änderungen eingeführt habe,
er diejenigen
terisierung für notwendig auf Seite 18 finden sich hier beide Defi-
hielt:
nitionen nebeneinander; zunächst wiederholt die er in die zweite deutsche Auflage nicht habe aufnehmen
er die oben zitierte Definition
aus der ersten Ausgabe des Kapital, der
dann die aus der zweiten folgt. können. Daher schrieb Marx der französischen Ausgabe des Ka-
Man darf nicht vergessen, daß Marx in der französischen Ausgabe
Kapital seine Darstellung durchgängig vereinfachte
des pital einen selbständigen, dem des deutschen Originals gleich-
und an einzelnen Stel-
len verkürzte. An diesem speziellen Punkt
hielt er es jedoch
rangigen wissenschaftlichen Wert zu.
für notwen-
dig, die Kennze.chnung der abstrakten Arbeit zu ergänzen In der zweiten Auflage des Kapital findet sich der bekannte
und zu kom-
plizieren, was, so darfman vermuten, darauf hinweist, daß er die Un-
zulänglichkeit der in der zweiten Ausgabe Satz: »Die Gleichheit toto coelo verschiedner Arbeiten kann nur
vollzogenen Definition der
abstrakten Arbeit erkannt hatte. in einer Abstraktion von ihrer wirklichen Ungleichheit bestehn,
52 Vgl. Rubin, »Otvet kritikam«, a.a.O.
m der Reduktion auf den gemeinsamen Charakter, den sie als

HO
in
Verausgabung menschlicher Arbeitskraft,
abstrakt menschlicher Form der Warenproduktion annimmt, d. h. einer auf dem Tausch
Arbeit, besitzen« (K.,I S.
5 87 f.). In der französischen Ausgabe beruhenden Produktion, ist die abstrakte Arbeit die
ersetzte Marx den Punkt am Ende dieses Satzes durch Form der
ein Kom- Arbeit und der Wert die Form
ma und der Arbeitsprodukte.
fuhr fort: »Und diese Reduktion
wird nur durch den Der Tausch ist demnach vor allem
Tausch hervorgebracht, der die eine Form des Produktions-
Produkte verschiedenartiger Ar- prozesses oder eine
beit auf die Ebene der Form Da der Tausch
gesellschaftlicher Arbeit.
Gleichheit stellt«
(Französische Ausgabe tatsächlich die dominante Form des Produktionsprozesses ist,
des Kapital, 1875, S.
2). Dieser Zusatz ist entscheidend, da
er prägt er die Phase direkter Produktion. Anders
deutlich macht, wie fern ausgedrückt: da
Marx einer physiologischen Interpreta- ein Mensch produziert, nachdem er den
tion der abstrakten Arbeit Tauschakt eingegangen
stand. Wie können wir diese
Äuße- ist und bevor den nächsten Tauschakt eingeht, nimmt der un-
er
rungen von Marx, von denen sich zahlreiche andere anführen
mittelbare Produktionsprozeß bestimmte
ließen, mit seiner gesellschaftliche Eigen-
Grundüberzeugung, daß der Wert in der Pro-
schaften an, die der Organisation der auf
duktion geschaffen wird, in Einklang dem Tausch beruhen-
bringen? den Warenproduktion entsprechen. Auch wenn sich der
Die beiden Ansätze lassen sich Waren-
unschwer vereinbaren. produzent noch in seinem Betrieb aufhält und in einem
Das Problem liegt darin, daß bei der bestimm-
Erörterung des Verhält- ten Augenblick nicht mit anderen Gesellschaftsmitgliedern
nisses von Tausch und Produktion in
zwei Begriffe von Tausch nicht eine Tauschbeziehung eintritt, empfindet
zureichend voneinander unterschieden er doch bereits den
werden. Wir müssen den Druck all jener Personen, die als seine Käufer, Konkurrenten,
Tausch als gesellschaftliche Form des
Reproduktionsprozesses Käufer bei seinen Konkurrenten etc. auf den Markt
vom Tausch als einer besonderen Phase dieses treten, d.h.
Reproduktions- den Druck sämtlicher Gesellschaftsmitglieder. Diese öko-
letztlich
prozesses, die die Phase der
direkten Produktion ablöst, tren- nomischen Verflechtungen, diese Produktionsverhältnisse,
nen. die sich
direkt im Tausch üben ihren Einfluß auch dann noch
realisieren,
Auf den ersten Blick erscheint der Tausch
als isolierte Phase des aus, wenn die bestimmten, konkreten Tauschvorgänge
Reproduktionsprozesses. Wir können feststellen, beendet
daß zunächst sind. Diese Akte verleihen dem Individuum wie dem Produkt
der unmittelbare Produktionsprozeß
abläuft, dem dann das Sta- seiner Arbeit ein festumrissenes gesellschaftliches
dium des Tausches folgt. In diesem Fall Gepräge. Be-
ist der Tausch von der reits im eigentlichen, unmittelbaren
Produktion getrennt und steht ihr Produktionsprozeß tritt der
gegenüber. Der Tausch ist je- Produzent
doch nicht einfach eine isolierte Phase
als Warenproduzent auf, seine Arbeit trägt den Cha-
des Reproduktionsprozes- rakter abstrakter Arbeit
ses
und sein Produkt den des Werts.
er verleiht dem gesamten Reproduktionsprozeß
;
sein spezi- An dieser Stelle ist es allerdings notwendig, vor folgenden Fehl-
fisches Gepräge. Er
ist eine besondere
gesellschaftliche Form des schlüssen zu warnen: Viele Autoren glauben,
gesellschaftlichen Produktionsprozesses. daß, wenn der un-
Die »auf dem Privat- mittelbare Produktionsprozeß bereits bestimmte
tausch beruhende Produktion« - mit diesen Worten kennzeich- gesellschaftliche
Qualitäten aufweist, die Arbeitsprodukte und die
nete Marx
häufig die Warenproduktion.
Unter diesem Gesichts-
Arbeit in der
Phase direkter Produktion Punkt für Punkt
punkt sind die »exchanges of durch dieselben
products as commodities a . . .
Eigenschaften charakterisiert seien, die ihnen in der
certam mode of social labour or Phase des
social production« (Theorien
Tausches anhaften. Eine solche Annahme geht fehl,
über den Mehrwert, III, S. iz denn die enge
7). Wenn wir daran denken, daß wechselseitige Verknüpfung beider Phasen (der
der Tausch eine gesellschaftliche Produktion und
Form des Produktionsprozesses des Tausches) impliziert gleichwohl nicht,
ist, eine Form, die den Verlauf des Produktionsprozesses daß sie miteinander
selbst identisch seien. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen
prägt, werden viele der den beiden Pha-
Marxschen Äußerungen völlig klar sen, aber es ist auch
Wenn Marx an einem gewissen Unterschied zwischen
beständig wiederholt, daß abstrakte
Arbeit nur das ihnen festzuhalten. Mit anderen Worten: Wir
Ergebnis des Tausches ist, so will er sehen, daß mit
damit sagen, daß sie aus dem
einer bestimmten gesellschaftlichen dem der Tausch zur herrschenden Form ge-
Augenblick, in
Form des Produktionspro- sellschaftlicher
zesses resultiert. Nur insoweit,
Arbeit wird und die Menschen speziell für den
als der Produktionsprozeß
die Tausch produzieren, die Werteigenschaft des Arbeitsprodukts
in

112
"3
der Phase direkter Produktion in
Rechnung gestellt wird. Diese sondern umgekehrt von be-
Individuen als gemeinschaftlicher,
Werteigenschaft des Arbeitsprodukts bezeichnet
jedoch noch nicht sondern Arbeiten von Privatindividuen, Arbeiten, die sich erst
den Charakter, den es annimmt, wenn
es tatsächlich gegen Geld
getauscht wird, wenn, in Marxschen
im Austauschprozeß durch Aufhebung ihres ursprünglichen Cha-
Begriffen, sein »ideeller« rakters, als allgemeine gesellschaftliche Arbeit beweisen. Die all-
Wert sich in
einen »»reellen« verwandelt und die
gesellschaft- gemein gesellschaftliche Arbeit ist daher nicht fertige Vorausset-
liche Geldform an die
Stelle der gesellschaftlichen Warenform
zung, sondern werdendes Resultat« (Zur Kritik der politischen
tritt.
Ökonomie, S. 41). An anderer Stelle schreibt Marx: »Die Waren
Dasselbe gilt für die Arbeit. Wir wissen, daß die Warenprodu- treten sich jetzt als Doppelexistenzen gegenüber, wirklich als
zenten während des unmittelbaren
Produktionsprozesses die Gebrauchswerte, ideell als Tauschwerte. Die Doppelform der
Markt- und Nachfragebedingungen bei ihren
Produktionsent- Arbeit, die in ihnen enthalten ist, stellen sie jetzt füreinander
scheidungen berücksichtigen. Sie produzieren
überhaupt nur, um dar, indem die besondere reale Arbeit als ihr Gebrauchswert
ihr Produkt in Geld, und damit
ihre private und konkrete Ar-
wirklich da ist, während die allgemeine abstrakte Arbeitszeit in
beit in gesellschaftliche und abstrakte zu verwandeln. Die Pri-
ihrem Preise ein vorgestelltes Dasein erhält« (ebd., S. 66 f.).
vatarbeit ist jedoch nur vorläufig, präsumtiv in den
Arbeits- Marx vertritt die Ansicht, daß die Unterschiede zwischen Ware
mechanismus der Gesamtgesellschaft eingeschlossen:
sie unterliegt und Geld sich nicht deshalb auflösen, weil sich jede Ware in
noch einer harten Bewährung im Tauschprozeß,
aus dem sich für Geld verwandeln muß; ein jedes ist das in »wirklicher« Gestalt,
den einzelnen Warenproduzenten positive
oder negative Re- was das andere »ideell« ist, und »ideell« das, was das erste
sultate ergeben können. Die Arbeit der Warenproduzenten ist
»wirklich« ist. All diese Äußerungen weisen darauf hin, daß
in der Produktionsphase daher
unmittelbar private und kon-
das Problem nicht in einem allzu buchstäblichen Sinn zu neh-
krete Arbeit; gesellschaftliche Arbeit
ist sie nur mittelbar oder
latent, wie Marx es ausdrückte.
men ist. Wir dürfen nicht glauben, daß, wenn die Warenprodu-
zenten im unmittelbaren Produktionsprozeß durch Produktions-
Bei der Lektüre des Marxschen Werks und insbesondere der Ab- verhältnissedirekt miteinander zusammenhängen, auch ihre
schnitte, in
denen beschrieben wird, wie der Tausch auf
den Wert Produkte und ihre Arbeit bereits unmittelbar gesellschaftlichen
und die abstrakte Arbeit einwirkt, haben
wir uns demnach stets Charakter tragen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Arbeit
zu fragen, was Marx an der betreffenden
Stelle im Sinn hat: der Warenproduzenten ist unmittelbar private und konkrete
den Tausch als Form des Produktionsprozesses
selbst oder den Arbeit; sie erhält jedoch eine zusätzliche »ideelle« oder »latente«
Tausch als separates, der Produktionsphase
gegenüberstehendes gesellschaftliche Eigenschaft in Form der abstrakt-allgemeinen
Stadium. Wo er sich mitdem Tausch als Form des Produktions-
prozesses beschäftigt,
und gesellschaftlichen Arbeit. Marx spottete stets über die Uto-
bringt Marx klar zum Ausdruck, daß
ohne pisten, die vom Verschwinden des Geldes träumten und an das
Tausch weder abstrakte Arbeit noch Wert
existieren. Die Arbeit Dogma
erhalt ihren abstrakten Charakter
glaubten, daß die in der Ware »enthaltene Sonderarbeit
nur in dem Maße, wie der des Privatindividuums unmittelbar gesellschaftliche Arbeit ist«
Tausch sich entwickelt. Wo er vom Tausch
als einer separaten, (Zur Kritik der Politischen Ökonomie, S. 86).
der Produktion gegenüberstehenden
Phase spricht, betont er, daß Wir haben nunmehr
die Arbeit und das Arbeitsprodukt
die folgende Frage zu beantworten: Kann
auch vor dem Tauschprozeß
die abstrakte Arbeit, die wir als rein »gesellschaftliche Substanz«
bestimmte gesellschaftliche Eigenschaften
besitzen, die sich jedoch betrachten, eine quantitative Bestimmung, d. h. eine bestimmte
im Tauschprozeß noch realisieren müssen.
Im unmittelbaren Pro- Größe haben? Vom Standpunkt der Marxschen Theorie her hat
duktionsprozeß ist die Arbeit noch nicht
abstrakte Arbeit im die abstrakte Arbeit offensichtlich eine bestimmte Größe, und
vollen Sinn des Worts; sie muß zu
abstrakter Arbeit noch wer- gerade deshalb nimmt das Arbeitsprodukt nicht nur die gesell-
den. Dies läßt sich durch zahlreiche
Äußerungen in den Marx- schaftliche Wertform an, sondern hat einen Wert von einer be-
schen Werken Wir können zwei Abschnitte aus der Kri-
belegen.
tik anführen: »Es wird nicht ausgegangen von
stimmten Größe. Um die Möglichkeit der quantitativen Bestim-
der Arbeit der mung abstrakter Arbeit zu erfassen, müssen wir erneut auf den

114
"5
Vergleich der abstrakten Arbeit mit der in einer sozialistischen ten Arbeit auf diese Weise soziologisch faßt. Die physiologische
Gemeinschaft vorfindbaren gesellschaftlich gleichgesetzten Arbeit Auffassung der abstrakten Arbeit könnte leicht zu einem natu-
zurückgreifen. Wir nehmen an, daß die Organe der sozialisti- ralistischen Wertbegriff verleiten, zu einer Interpretation, die im
schen Gemeinschaft die verschiedenartigen Arbeiten verschiede- diametralen Gegensatz zur Marxschen Theorie steht. Marx zu-
ner Individuen einander gleichsetzen. So wird z. B. ein Tag ein- folge zeichnen sich beide, abstrakte Arbeit und Wert, dadurch
facher Arbeit als eine Einheit festgesetzt, ein Tag qualifizierter aus, daß sie gesellschaftlicher Natur sind und rein gesellschaft-
Arbeit als drei Einheiten; ein Arbeitstag des gelernten
Arbeiters liche Größen darstellen. Abstrakte Arbeit meint die »gesell-
A wird mit zwei Arbeitstagen des ungelernten Arbeiters B gleich- schaftliche Bestimmtheit der Arbeit« und der Wert die gesell-

gesetzt usw. Auf der Grundlage dieser allgemeinen Prinzipien schaftliche Eigenschaft des Arbeitsprodukts. Der Wert wird nur
wissen die gesellschaftlichen Verrechnungsinstitutionen,
daß der durch abstrakte Arbeit, die bestimmte Produktionsverhältnisse
Arbeiter A im gesellschaftlichen Produktionsprozeß zwanzig, zwischen Menschen voraussetzt, und nicht durch Arbeit im tech-
der
Arbeiter B zehn Arbeitseinheiten aufgewandt hat. Bedeutet nisch-materiellen oder physiologischen Sinn erzeugt. 53 Die Be-
dies,
daß Atatsächlich doppelt so lange gearbeitet hat wie B? Keines- ziehung zwischen abstrakter Arbeit und Wert darf nicht als Ver-
wegs. Schon gar nicht dürfen wir dieser Berechnung entnehmen, hältnisvon Ursache und Wirkung im physikalischen Sinn ver-
daß A doppelt so viel physiologische Energie aufgebracht hat wie standen werden. Der Wert ist gegenständlicher Ausdruck gesell-
B. Unter dem Gesichtspunkt der tatsächlichen Zeitdauer ihrer schaftlicher Arbeit, von Arbeit in der spezifischen Form, die ihr

Arbeit ist es möglich, daß A


und B genauso lange arbeiteten. Un- in der Warenproduktion eigen ist: von abstrakter Arbeit. Dies
ter demGesichtspunkt des im Arbeitsprozeß verausgabten phy- bedeutet, daß der Wert »geronnene Arbeit« darstellt, »eine
siologischen Energiequantums ist es denkbar, daß A weniger
Ener- bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit«, Kristall
gie benötigte als B. Gleichwohl ist das Quantum »gesellschaftlicher der »gesellschaftlichen Substanz« der Arbeit (K., I, S. 52). Wegen
A
Arbeit«, das den Beitrag von
menge, die B
darstellt, größer als die Arbeits-
hinzufügt. Diese Arbeit stellt eine rein »gesellschaft- 153 Deshalb hat Stolzmann unrecht, wenn er schreibt: »Wenn alle andern wirt-
schaftlichen Dinge Wert und Wesen aus ihrer gesellschaftlichen Funktion<
liche Substanz« dar. Die Einheiten dieser Arbeit sind erhalten, so ist es nicht einzusehen, weshalb dies nicht auch mit der Arbeit
Einheiten
einer homogenen Masse gesellschaftlicher Arbeit, die von genau ebenso sein solle, weshalb nicht auch sie ihren Charakter in ihrer
gesell- gesellschaftlichen Funktion zu finden habe, d.h. in der Funktion, die ihr
schaftlichen Institutionen berechnet und gleichgesetzt innerhalb der zu erklärenden Wirtschaftsordnung von heute zufällt« (Stolz-
werden.Diese
gesellschaftliche Arbeit
hat zugleich eine genau bestimmte Größe, mann, Der Zweck in der Volkswirtschaft, Berlin 1909, S. J33). Die wert-
schaffende Arbeit wurde von Marx in Wirklichkeit nicht als technischer
aber - das darf nicht vergessen werden - diese Größe
trägt rein Produktionsfaktor betrachtet, sondern unter dem Gesichtspunkt ihrer ge-
gesellschaftlichen Charakter. Die zwanzig Arbeitseinheiten, die sellschaftlichen Organisationsformen. Die gesellschaftliche Form der Arbeit

As Beitrag existiert nach Marx nicht im luftleeren Raum, sondern ist mit dem ma-
sind, stellen weder eine Zahl von Arbeitsstunden
teriellen Produktionsprozeß eng verknüpft. Die Behauptung, für Marx
dar noch einen Gesamtbetrag tatsächlich verausgabter
physiolo- stelle »die Arbeit einfach einen technischen Produktionsfaktor« dar (S.
gischer Energie, sondern eine Anzahl gesellschaftlicher Arbeits- Prokopovi2, Kritike Marksa [Ein Beitrag zur Marx-Kritik], 1901, S. 16),
ist nur auf der Grundlage einer totalen Fehlinterpretation der gesellschaft-
einheiten, d. h. eine gesellschaftliche Größe.
Abstrakte Arbeit ist lichen Form der Arbeit im Marxschen System möglich. Das Gleiche trifft
eine gesellschaftliche Größe eben dieses Typs.
In der planlosen zu, wenn man den »grundsätzlichen Fehler« von Marx darin sieht, daß er
Warenproduktion spielt sie die Rolle, nicht gefragt habe, warum - als Produktionsfaktor - »verschiedene Arbei-
die die gesellschaftlich
ten verschieden geschätzt werden« (G. Cassel, »Grundriß einer elementaren
gleichgesetzte Arbeit in einer bewußt geplanten sozialistischen Preislehre«, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 1899, Jg. $5,
Wirtschaft spielt. Daher erwähnt Marx immer wieder, daß die S. 447). Selbst Marshall erblickt den Fehler von Marx darin, daß er die
abstrakte Arbeit eine »gesellschaftliche Substanz« »Qualität der Arbeit« vernachlässigt habe (Marshall, Principles of Econo-
darstellt und mics, 1910, S. $03). Die Frage ist, ob man sich für die gesellschaftliche oder
ihre Quantität eine »gesellschaftliche Größe«.
für die technischen Eigenschaften der Arbeit interessiert. Marx interessierte
Marxens zentrale Feststellung, daß die abstrakte Arbeit den Formen oder die gesellschaftliche Eigenart der
sich für die gesellschaftlichen
Arbeit in der Warenproduktion, für eine Form, die sich in der Abstraktion
Wert »schafft« oder ihren Ausdruck in der Wertform findet,
von den technischen Eigenschaften der verschiedenen Arbeitsformen aus-
läßt sich nur dann verstehen, wenn man den Begriff drückt.
der abstrak-

Il6 "7
dieser Äußerungen wurde Marx häufig angegriffen; man
warf nicht zu der Aussage berechtigt, daß im Tauschprozeß gleiche,
ihm eine »naturalistische« Konstruktion
der Werttheorie vor. manchmal jedoch auch sehr ungleiche Arbeitsmengen gesellschaft-
Zu einem adäquaten Verständnis dieser Bemerkung ist es al-
lich gleichgesetzt werden (so z. B., wenn Produkte hochqualifizier-
lerdings nötig, sie mit der Marxschen
Theorie des Warenfetischis- ter Arbeit gegen Produkte unqualifizierter Arbeit oder - in ei-
mus und der »Verdinglichung« gesellschaftlicher Verhältnisse zu ner kapitalistischen Wirtschaft - Produkte zu ihren Produktions-
vergleichen. Die erste
Prämisse lautet, daß die gesellschaftlichen preisen ausgetauscht werden). Wir müßten zugeben, daß die
Produktionsverhältnisse sich in sachlicher Form
ausdrücken. Dar- gesellschaftliche Gleichsetzung von Arbeit im Tauschprozeß sich
aus folgt, daß sich die gesellschaftliche
(d.h. die abstrakte) Ar- isoliert und unabhängig von den quantitaven Aspekten voll-
beit in der Wertform ausdrückt.
Der Wert ist mithin »verding- zieht, die die Arbeit im unmittelbaren Produktionsprozeß cha-
hchte«, »vergegenständlichte« Arbeit
und zugleich Ausdruck der rakterisieren (z. B. Dauer, Intensität, Ausbildungszeit für einen
Produktionsverhältnisse zwischen Menschen.
Diese beiden Defi- bestimmten Qualifikationsgrad usw.); die gesellschaftliche Gleich-
nitionen des Werts widersprechen einander,
wenn es sich um setzung würde mithin jeglicher Regelmäßigkeit entbehren, sie
physiologische Arbeit handelt; spricht man
dagegen von gesell- wäre einzig durch die Anarchie des Marktes bestimmt.
schaftlicher Arbeit, so ergänzen sie sich vollkommen. Abstrakte Es läßt sich leicht zeigen, daß die oben entfaltete Theorie der
Arbeit und Wert sind gesellschaftlicher
und nicht technisch-ma- abstrakten Arbeit mit der eben geschilderten Fehlinterpretation
terieller oder physiologischer
Natur. Der Wert ist eine gesell- nichts gemein hat. Wir können abermals auf das Beispiel des so-
schaftlicheEigenschaft (oder eine gesellschaftliche
Form) eines zialistischen Gemeinwesens zurückgreifen. Die Organe des so-
Arbeitprodukts, so wie die abstrakte Arbeit
eine »gesellschaft- zialistischen Gemeinwesens erkannten dem Arbeiter A ein Recht
liche Substanz« darstellt, die
diesem Wert zugrunde liegt. Gleich-
wohl hat die abstrakte Arbeit - ebenso wie der
auf zwanzig, dem Arbeiter B ein Recht auf zehn Stunden gesell-
Wert, den sie er- schaftlicher Arbeit zu. Diese Berechnungen würden die Institutio-
zeugt - nicht nur eine qualitative, sondern
auch eine quantitative nen des sozialistischenGemeinwesens anhand jener Merkmale
Seite. Wie die von den Institutionen eines sozialistischen Gemein- vornehmen, die die Arbeit im technisch-materiellen Produktions-
wesens berechnete gesellschaftliche Arbeit hat
auch sie eine be- prozeß kennzeichnen (z. B. ihrer Dauer, ihrer Intensität, der
stimmte Größe.
Um das Problem der quantitativen
produzierten Gütermenge usw.). Wenn die Organe des sozia-
Bestimmung der abstrakten listischenGemeinwesens das von den Arbeitern verausgabte
Arbeit endgültig zu klären, müssen wir
auf ein möglicherweise physiologische Energiequantum als einzig relevantes Kriterium
auftretendes Mißverständnis eingehen.
Wenn die abstrakte Ar- zur Bestimmung des quantitativen Anteils eines jeden Arbeiters
beit aus der gesellschaftlichen
Gleichsetzung von Arbeit durch die
Gleichsetzung der Arbeitsprodukte
benutzen (wir setzen voraus, dieses Quantum sei durch psycho-
resultiert, so mag auf den logisch-physiologische Untersuchungen zu bestimmen), so hätten
ersten Blick die Tatsache der
Gleichheit (oder Ungleichheit) im wir die Grundlagen für die gesellschaftliche Gleichsetzung von
Tauschprozeß als einziges Kriterium für die
Gleichheit oder Un- Arbeit in jenen Eigenschaften zu suchen, die sie in ihrem physio-
gleichheit zweierArbeitsaufwendungen erscheinen. Von diesem
logischen, und nicht in ihrem technisch-materiellen Aspekt cha-
Standpunkt aus könnten wir von der
Gleichheit oder Ungleich-
würde jedoch am Problem nichts ändern. In
rakterisieren. Dies
heit zweier Arbeitsaufwendungen
nicht vor dem Augenblick ih- beiden Fällen könnten wir sagen, daß der Akt der gesellschaft-
rer Gleichsetzung durch den
Tauschprozeß sprechen. Auf der lichen Gleichsetzung zweier Arbeitsaufwendungen sich auf der
anderen Seite müßten wir diese Arbeitsaufwendungen, wenn sie Grundlage von Kriterien vollzieht, die ihm selbst äußerlich sind.
im Tauschprozeß gleichgesetzt werden,
als gleich betrachten, Daraus, daß man die gesellschaftliche Gleichheit zweier Arbeits-
selbstwenn sie im unmittelbaren Produktionsprozeß
(z. B. im aufwendungen an ihrer physiologischen Gleichheit festmacht,
Hinblick auf die Anzahl der Arbeitsstunden)
nicht gleich gewe- folgt jedoch keineswegs, daß jene mit dieser identisch sei. Selbst
sen wären.
wenn wir annehmen, daß ein bestimmter numerischer Ausdruck
Eine solche Annahme führt zu Fehlschlüssen. Wir wären danach von zwei Mengen gesellschaftlicher Arbeit (zwanzig Stunden
118
119

H
und zehn Stunden gesellschaftlicher Arbeit) mir dem
numerischen mung der Arbeit nach der Arbeitszeit Marxens
Au druck Z we,er physiologischer ist für soziologi-
Energiequellen (zwanzig Ein-
sche Denkweise charakteristisch. Wollten wir die quantitative
^»Physiologischer Energie) exak/über-
IZLZ
emstimmt, so besteht
K gleichwohl noch ein entscheidender
Bestimmung der Arbeit psychologisch oder physiologisch in ei-
Un- nem Laboratorium vornehmen, so hätten wir einen bestimmten

sJ ^
terschied

sellschafthchen ™f.
zwischen
Sab
Gle.chse.zung

t*
dem Wesen gesellschaftlicher

DeUt,iAer
von Arbeit und
™d
Fäilen,^n denendi «
Arbeit und
^"logischer Energie, zwischen der ge-

"<=* »
ihrer physioL
Betrag der verausgabten physiologischen Energie
heit zu wählen. Wenn wir jedoch die Verteilung der
lichen Gesamtarbeit auf die Individuen
zweige betrachten - eine Verteilung, die
und
als Arbeitsein-
gesellschaft-
die Produktions-
de gesellschaftlich
d,= M l
Gleichsetzung nicht nur durch
sich in einem sozialisti-
ein einzelnes schen Gemeinwesen bewußt, in der Warenproduktion dagegen
Kriterium, sondern durch

n IhrenT "u
ihren Phvsmlogischen
'

«t d, e gesellschafthch gleiche
!
^
eine ganze Reihe von

'" ^
Aspekten kennzeichnen. In diesem
Arbeit von der physiologisch
Fall
"^-teriellen oder
Merkmalen spontan vollzieht
als
— , so erscheinen verschiedene .<4r&ei£smengen
verschiedene Arbeitszeitmengen.
häufig die Arbeitszeit an die Stelle der Arbeit
Marx setzt infolgedessen
und untersucht
chen Arbeit n,cht nur glei- die Arbeitszeit als die im Produkt vergegenständlichte Substanz
qualitativ unterschieden,
sondern die (Zur Kritik der Politischen Ökonomie, S. 22, S. 24).
quantitative Bestimmtheit der
ersteren läßt sich nur als
der gesellschafthdien Ergebnis Marx benutzt die Arbeitszeit oder »die extensive Größe der
Gleichsetzung von Arbeit
verstehen. K Maß Da-
Tr Arbdr
Form dt?
1
!™
° hne eme
pT,
des Produktionsprozesses,
r^™ Bestim
A " S,ySe
™^n g-ellschaftli-
der geschäftlichen
Arbeit«
neben
als grundlegendes
stellt er

d. h. »ein bestimmtes
der Arbeit (K., I,

die Intensität der Arbeit, »ihre intensive Größe«,


Arbeitsquantum«, das »in bestimmter Zeit
S. 542).

i„ dem die gesellschaftliche verausgabt wird«,


Gleichsetzung von Arbeit als zusätzliches und sekundäres Kriterium
stattfindet, nicht begreifen
(ebd.). Eine Stunde intensiver Arbeit und anderthalb Stunden
*? n dSa *-' -'t «oßen wir in
en 1
!!? ,
der Warenproduk- durchschnittlich intensiver Arbeit gelten z. B. als einander gleich.
rion ,
au"'ih?e et ,t
<

T-r'
6 i engen abstrakKr
Arbeit ™** Mit anderen Worten: die intensivere Arbeit und die längere Ar-
-eme GVhf
eine Gleichheit, , •?' „
J
det
d.e s.ch allein im Prozeß
,

^
elkAaft "Aen Gesamtarbeit
beit werden als gleich betrachtet. Man übersetzt die Intensität in
der gesellschaftlichen
GIe,chsetzun g von Arbeit Arbeitszeit-Einheiten oder berechnet die intensive Größe als ex-
durch die Gleichsetzung der
Arbrits- Reduktion der Arbeitsintensität auf Arbeitszeit
oro1t
produktion
8e
e lk
T halKn al5 fet daß siA
,
d,e gesellsebaflUehe
lh e G
°
Tf "d
Gleichheit zweier Arbeitsauf-
" «* -
tensive. Diese
beweist deutlich, daß Marx die Merkmale, die die Arbeit unter
physiologischem Gesichtspunkt charakterisieren, sehr weitgehend
wand r
Tauschprozeß \
,:
heit a ' S
!r*Dies hindert
herstellt.
***"** Arb «> durÄden
uns allerding nicht eine
den gesellschaftlichen
schaftlichen
Bestimmungen unterordnete, die im gesell-
Prozeß der Verteilung von Arbeit eine entscheidende
Reihe^quant,fiz.erbarer

eiten und" f"


IrtHor T
m tene,kn
;
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"
^
Merkmale zu ermitteln, Je
°^n **
6uirbeU
Aspekten au -
***•»»»* der * b »™>«cn
r^"^
Rolle spielen.
Die - im Vergleich zur Arbeitszeit - untergeordnete Rolle der
Arbeitsintensität zeigt sich noch deutlicher in den späteren Aus-
dem
einwhkln
einwirken. n
De '
T
Uttabbä "8i
Wichtigsten dieser Kriterien
8 7* ihm ursächlich
sind: i. die Dauer
"» führungen von Marx. Die Arbeitsintensität wird nach Marx nur
dann bei der Bestimmung eines Quantums abstrakter Arbeit in
des Arbeitsaufwands oder
die Länge der
Arbeitszeit; z dfe In- Rechnung gestellt, wenn die betreffenden Arbeitsaufwendungen
tens.tat der Arb,t;
pro Ze,temheit
3. die QuaUfikation der

hergestellte /VocfaWge. wir


Arbeit
wol en
l
*+£
und 4 vom Durchschnitt mehr oder weniger abweichen. Stiege jedoch

Kriterien kurz analysieren. »die Intensität der Arbeit in allen Industriezweigen gleichzeitig
und gleichmäßig, so würde der neue höhere Intensitätsgrad zum
Nad, Marx tritt die Zä^e der vom
Arbeiter verausgabten Ar- gewöhnlichen gesellschaftlichen Normalgrad und hörte damit
bens^t als zentrale Determinante
in die quantitative 54
mung der Arbeit ein. Diese Methode Bestfm- auf, als extensive Größe zu zählen« (K., I, S. 548). Mit ande-
der quantitativen Bestim-
54 Demselben Gedanken verlieh Marx in den Theorien über den Mehrwert,
120
121
ren Worten: wenn in irgendeinem Land heute wie vor fünfzig
oder mit besseren Produktionsmitteln arbeitet, wird zwei Ar-
Jahren eine Million Arbeitstage (von je acht Stunden)
tagtäg- beitstagen eines weniger qualifizierten Arbeiters, der mit kärg-
lich auf die Produktion verwandt werden,
so bleibt die pro Tag
lichen Produktionsmitteln arbeitet, gleichgesetzt, auch wenn im
erzeugte Wertsumme auch dann unverändert,
wenn sich die ersten Fall die verausgabte Menge an physiologischer Energie
durchschnittliche Arbeitsintensität während des halben Jahrhun-
sehr viel geringer wäre als im zweiten. Hier ist die entscheidende
derts z. B. auf das Anderthalbfache
erhöht, das Quantum der Determinante, die in die quantitative Bestimmung der abstrak-
verausgabten physiologischen Energie also steigt.
Diese Argu-
ten und gesellschaftlich notwendigen Arbeit eintritt, keineswegs
mentation von Marx beweist, daß physiologische und
abstrakte ein Quantum verausgabter physiologischer Energie. Auch in die-
Arbeit nicht miteinander verwechselt werden
dürfen; Quan- das
sem Fall reduziert Marx die Arbeit eines durch seine Qualifika-
tum physiologischer Energie ist nicht als das qualitative
Grund- tion oder durch bessere Produktionsmittel sich auszeichnenden
merkmal zu betrachten, das den Betrag abstrakter Arbeit
und Arbeiters auf gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, d. h. er setzt
die Größe des geschaffenen Werts bestimmt.
Marx betrachtet die die Arbeit mit einem bestimmten Quantum an Arbeitszeit gleich.
Arbeitszeit als das Maß der Arbeit; die Intensität der Arbeit
Wir sehen, daß die abstrakte Arbeit unter quantitativem Aspekt
nur eine ergänzende und untergeordnete Rolle.
spielt
durch eine Reihe von Eigenschaften kausal bestimmt ist, welche
Dem Problem der qualifizierten Arbeit wollen wir das nächste
die Arbeit in ihren technisch-materiellen und physiologischen
Kapitel widmen. An dieser Stelle möchten wir nur
hervorheben,
Aspekten im unmittelbaren Produktionsprozeß charakterisie-
daß Marx, in Übereinstimmung mit seiner allgemeinen
Ansicht ren, vor dem Tauschprozeß und unabhängig von ihm. Wenn
von der Arbeitszeit als dem Wertmaß, einen Tag qualifizierter
aber zwei bestimmte Arbeitsaufwendungen - unabhängig vom
Arbeit auf eine bestimmte Anzahl von Tagen
einfacher Arbeit
Tauschprozeß - im Hinblick auf Dauer, Intensität, Qualifika-
reduzierte, d. h. wiederum auf Arbeitszeit.
tionsgrad und technische Produktivität differieren, so vollzieht
Bisher haben wir die Gleichsetzung der in
verschiedenen Pro- sich ihre gesellschaftliche Gleichsetzung in der Warenproduktion
duktionszweigen aufgewandten Arbeitsmengen untersucht.
Wenn einzig durch den Tausch. Gesellschaftlich gleichgesetzte und ab-
wir die verschiedenen Arbeitsaufwendungen
innerhalb dessel- strakte Arbeit unterscheiden sich qualitativ und quantitativ von
ben Produktionszweiges in Betracht ziehen (genauer:
die Auf- der Arbeit, die man unter dem Gesichtspunkt ihrer technisch-
wendungen zur Produktion von Gütern gleicher Art und
Qua- materiellen oder physiologischen Eigenarten untersucht.
lität), so ist ihre Gleichsetzung dem
folgenden Grundsatz unter-
worfen: zwei Arbeitsaufwendungen werden als gleich
betrachtet,
wenn sie gleiche Mengen eines bestimmten Produkts erzeugen,
auch wenn sie sich im Hinblick auf die Länge der Arbeitszeit,
die Intensität usw. de facto sehr voneinander
unterscheiden kön-
nen. Der Arbeitstag eines Arbeiters, der höher qualifiziert
ist

III, S.302, präziseren Ausdruck:


»Wäre diese Intensifikation der Arbeit
allgemein, so müßte der Wert der Ware
entsprechend der geringren Ar-
be.tszeit, die sie kostet, fallen.«
Werden im Zuge einer allgemeinen Erhö-
hung der Arbeitsintensität auf irgendein Produkt 12,
anstatt, wie früher,
15 Stunden verausgabt, so fällt nach der Ansicht von Marx der
Wert des
Produkts (da dieser durch die Arbeitszeit und die
Zahl der benötigten
Stunden bestimmt ist). Der Betrag der auf die Produkte
verwandten physio-
logischen Ener gl e hat sich nicht geändert (d.
h. in 12 Stunden wird nun-
mehr ebenso viel Energie verbraucht wie früher
in ij Stunden). Die Advo-
katen einer physiologischen Interpretation des
Arbeitswerts müßten also
von ihrem Standpunkt aus den Wert des Produkts als
unverändert be-
trachten.

122
123
Qualifizierte Arbeit
Zunächst wollen wir qualifizierte und einfache Arbeit definie-
ren. Einfache Arbeit ist »Verausgabung einfacher Arbeitskraft,
die im Durchschnitt jeder gewöhnliche Mensch, ohne besondere
Entwicklung, in seinem leiblichen Organismus besitzt« (K., I,

S. 59; Hervorh. v. I. R.). Im Gegensatz zur einfachen Arbeit wol-


len wir als qualifizierte Arbeit diejenige Arbeit bezeichnen, die
eine spezielle Ausbildung erfordert, d. h. »die nicht ohne län-
gere fachliche Ausbildung oder ohne größere allgemeine Vorbil-
dung, als sie die Arbeitenden im gesellschaftlichen Durchschnitt
Im Tauschp r o 2 eß werden haben, geleistet werden kann«. 55 Man darf nicht glauben, daß
Produkte verschiedener konkreter
die
Arbeitsformen einander gleichgesetzt, die einfache Durchschnittsarbeit bei verschiedenen Völkern die
und damit auch die Ar-
beit Bleiben die übrigen gleiche Größe und sich im Laufe der historischen Ent-
besitze
Bedingungen gleich, so spielen die Un-
terschiede in den konkreten wicklung nicht ändere. Die einfache Durchschnittsarbeit trägt in
Arbeitsformen in der Warenpro-
duktion keine Rolle - das Produkt verschiedenen Ländern und verschiedenen Kulturepochen ver-
einer Arbeitsstunde des
Schusters wird mit dem Produkt schiedenen Charakter; für jede bestimmte Gesellschaft stellt sie
einer Arbeitsstunde des Schnei-
ders gleichgesetzt. Aber die jedoch zu einem gegebenen Moment ihrer Entwicklung eine be-
verschiedenen Arbeitsformen sind an
ungleiche Bedingungen geknüpft; stimmte Größe dar (K., I, S. 59). Die Arbeit, die der durch-
sie unterscheiden sich in
ihrer schnittliche russische Arbeiter gegenwärtig auszuführen in der
Intensität der Gesundheitsgefährdung,
der Ausbildungsdauer
usw. Der Tauschprozeß eliminiert Lage ist, wäre in Rußland vor hundert Jahren als Arbeit be-
die Unterschiede in den Ar-
beitsformen; zugleich bringt er trachtet worden, die - im Hinblick auf ihre Kompliziertheit -
die unterschiedlichen Bedingun-
gen zum Verschwinden und verkehrt über dem Durchschnitt liegt.
qualitative Differenzen in
quantitative Aufgrund dieser Der Unterschied zwischen qualifizierter und einfacher Arbeit
verschiedenen Bedingungen tauscht
sich das Produkt eines manifestiert sich 1. im erhöhten Wert der Produkte, die durch
Arbeitstags des Schusters z.B. gegen
das qualifizierte Arbeit hergestellt werden, und 2. im erhöhten Wert
I rodukt von zwei
Arbeitstagen eines unqualifizierten
Bauarbei- der qualifizierten Arbeitskraß, d. h. im höheren Lohn des quali-
ters oder Baggerers oder
gegen das Produkt eines halben
Ar- fizierten Lohnarbeiters. Einerseits hat das Produkt eines Arbeits-
beitstages eines Juweliers. Auf dem Markt werden Güter, zu tages des Juweliers einen doppelt so hohen Wert wie das Pro-
deren Produktion ungleiche Zeit
benötigt wurde, als Werte
dukt eines Arbeitstages des Schusters. Auf der anderen Seite
Auf den ersten Blick widerspricht dies
gleichgesetzt.
der Grund- erhält der Juwelenarbeiter vom Juwelier-Unternehmer einen
pramisse der Marxschen Theorie,
nach der der Wert eines Ar-
beitsprodukts der auf seine Produktion höheren Lohn als der Schuster von seinem Unternehmer. Das
verwandten Arbeitszeit Phänomen
erste der Warenproduktion als solcher eigen und
fösenTäß?
1St
'
Wlr mÜSS6n S£hen Wi£
'
Sldl di£Ser Widers P r ^ ist

kennzeichnet die Verhältnisse zwischen Menschen als Waren-


Die wichtigsten unter den oben produzenten. Das zweite Phänomen ist nur der kapitalistischen
erwähnten verschiedenartigen
Arbeitsbedingungen sind die Intensität
Wirtschaft eigen und kennzeichnet die Verhältnisse zwischen Ka-
der betreffenden Arbeits-
form sowie die Ausbildungsdauer und pitalisten und Lohnarbeitern. Da wir es in der Werttheorie, die
Vorbereitung, die die be- die Besonderheiten der Warenproduktion als solcher untersucht,
treffende Arbeitsform oder der
betreffende Beruf erfordern. Die nur mit dem Warenwert und nicht mit dem Wert der Arbeits-
Frage der Intensität der Arbeit
stellt kein spezielles theoreti- kraft zu tun haben, werden wir in diesem Kapitel nur den Wert
schesProblem dar; wir werden sie
beiläufig erörtern. Dagegen der durch qualifizierte Arbeit produzierten Güter in Betracht
wird sich unsere Aufmerksamkeit
hauptsächlich auf die Frage
der qualifizierten Arbeit richten. Otto Bauer, »Qualifizierte Arbeit und Kapitalismus«, in: Die Neue Zeit,
SS
Stuttgart 1906, Bd. I, Nr. 20, S. 647.

124
l2 S
«sät "*•• "• -™ * i- «-™ «*«— 1
qualifizierte Arbeit eine größereProduktmenge produziere. 56
F. Oppenheimer behauptet, daß Marx, der die »erworbene« Qua-
lifikation, die Resultat längerer Ausbildung ist, betonte, die
»angeborene« Qualifikation übersehen habe. Unseres Erachtens
schloß Oppenheimer jedoch in diese »angeborene« Qualifikation
die individuelle Fertigkeit einzelner Produzenten ein, die im
Zusammenhang der gesellschaftlich notwendigen, und nicht -
wie Oppenheimer es tat — im Zusammenhang der qualifizierten
Arbeit zu erörtern ist.
57

Andere Autoren haben versucht, qualifizierte Arbeit auf inten-


zu reduzieren. Die Intensität oder der Anspan-
sivere Arbeit
nungsgrad der Arbeit bestimmt sich durch das pro Zeiteinheit

P3S3§ÜS verausgabte Arbeitsquantum. Wir können nicht nur individuelle


Differenzen in der Arbeitsintensität zwischen zwei Produzenten
mit demselben Beruf beobachten, sondern ebenso eine unter-

r-tt £»£2^™
die Schuster im Durchschnitt schiedliche durchschnittliche Arbeitsintensität in zwei verschiede-
ein Paar Schuhe
nen Berufen 431 ff.; S. $47; S. 583 f.). Güter, die durch
2 käs sä-
(K., I, S.

gleichermaßen lange, aber unterschiedlich intensive Arbeit pro-


duziert wurden, haben verschiedenen Wert, da die Menge ab-
strakter Arbeit nicht nur von der Länge der verausgabten Ar-
beitszeit abhängt, sondern auch von der Intensität der Arbeit.

£££^§2=23- (Vgl. das Ende des letzten Kapitels).


Wie erwähnt, haben verschieden Autoren versucht, das Problem
der qualifizierten Arbeit dadurch zu lösen, daß sie die qualifi-
zierte Arbeit als Arbeit höherer Intensität oder Angespanntheit

bestehen, 1«,^^ ^ I^™" *™- S


betrachteten.
dann in
»Es ergibt
höherem Grade wertbildend
sich hieraus, daß kompliziertere nur
als einfache Arbeit sein
gen be.essen,
und
ben.
gleiche sonstig

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Ar beitsmitte
kann, wenn sie auch intensiver als diese ist«, sagt

Diese höhere Intensität qualifizierter Arbeit drückt sich zunächst


in einer größeren Verausgabung geistiger Energie aus, in einem
Liebknecht. 88

hin in die T^o/ie


der « ff »^
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si »höheren Grad von Aufmerksamkeit, geistiger Spannung, Ver-


ohne
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brauch von Gehirn<« (ebd.). Angenommen, der Schuster ver-

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b™ ti tl 7^^ ^
bleme. We,t r8ßere P™- S j6 Louis B.Boudin, The Theoretical System of Karl Marx in the Light of
We ™ ™
Dabei handelt
Recent Criticism, Chicago 1907.
Prodnhten, die " 7" ™ «"«n Z Pradu
57 Franz Oppenheimer, Wert und Kapitalprofit, Jena '1922, S. 63 und S. 65 f.
in «nrfhfa,. D fo7
Bern en ? Eine eingehende Kritik der Ansichten Oppenheimers findet sich in unserem
deren Produkte ntt t ^IT'a
g
"'
™*"f*°°«°
$8
Werk Sovremennye ekonomisty na Zapade (Westliche Ökonomen der Ge-
genwart), 1927.
Wilhelm Liebknecht, Zur Geschichte der Werttheorie in England, Jena,
S. 102. Der Autor dieses Buches ist der Sohn von Wilhelm Liebknecht und
der Bruder von Karl Liebknecht. Eine eingehende Kritik der Ansichten
Liebknechts findet sich in unserer Einleitung zur russischen Ausgabe von
Liebknechts Geschichte der Werttheorie in England.
126
127
braucht A
Einheit geistiger Energie auf
eine Einheit Muskelar,
beit der Juwelier dagegen Wir halten Bogdanovs Argumentation für unannehmbar, vor
i* Einheiten. In diesem Beispiel
werden m
einer Arbeitsstunde des Schusters allem im Hinblick auf ihre Methodologie.
Im Grunde leitet Bog-
i V« Energieeinheiten
(der Muskeln sowohl wie
des Gehirns) verausgabt, in einer
danov den höheren Wert des Produkts qualifizierter Arbeit aus
Ar-
beitsstunde des Juweliers dagegen dem höheren Wert der qualifizierten Arbeitskraft ab. Er klärt
aV« Energieeinheiten, d.h. die
Arbeit des Juweliers erzeugt den Warenwert aus dem Wert der Arbeitskraft. Die Marxsche
den doppelten Wert. Liebknecht
selbst ist sich bewußt, daß Analyse verlief jedoch umgekehrt. In der Werttheorie, in der
eine solche Annahme
»hypothetischen
Charakter« trägt (ebd., S. erden Wert der durch qualifizierte Arbeit produzierten Waren
103). Unseres Erachtens entbehrt
sie
nicht nur des Fundaments,
sondern wird auch von den Fakten
erklärt, analysiert Marx die Verhältnisse zwischen Menschen
Lugen gestraft Wir beschäftigen als Warenproduzenten oder die einfache warenproduzierende
uns mit Formen qualifizierter
Arbeit, die aufgrund längerer Gesellschaft; in diesem Stadium existieren für Marx weder der
Ausbildung höherwertige Waren
erzeugen. Im Hinblick auf ihre Wert der Arbeitskraft im allgemeinen noch der der qualifizierten
Intensität dagegen unterscheiden
sie sich nicht von weniger Arbeit im besonderen (K., I, S. 59; Fußn.). 61 Im Marxschen Werk
qualifizierten Arbeitsformen.Wir
haben Wert der Waren durch die abstrakte Arbeit bestimmt, die
der
zu erklaren, warum die qualifizierte ist
Arbeit - unabhängig vom
Grade ihrer Intensität - ein höherwertiges an Größe darstellt und keinen Wert be-
sich eine gesellschaftliche
Produkt erzeugt 5.
Wir stehen vor folgendem Problem: sitzt. In Bogdanovs Werk hat jedoch die Arbeit - oder die Ar-
Warum erzeugt die Veraus-
gabung gleicher Arbeitszeit in beitszeit, die den Wert bestimmt - selbst wiederum Wert. Der
zwei Berufen mit unterschied-
en
dauer)
durchschnittlichen
Waren
Qualifikationsgraden (Ausbildungs-
von verschiedenem Wert? In
Wert der Waren bestimmt sich durch die in ihnen vergegen-
ständlichte Arbeitszeit, und der Wert dieser Arbeitszeit bestimmt
der marxistischen
sich durch den Wert der für die Subsistenz des Arbeiters notwen-
£ "^
te tUr
VersAiedene Ansätze zur Lösung
p hT
Problems finden. Der eine rf
ist im Werk
"
A.Bogdanovs formuliert.
dieses digen Lebensmittel. 62 Wir geraten also in einen circulus vitiosus,
Bogdanov bemerkt, daß eine qualifizierte dem A. Bogdanov sich mittels eines Arguments zu entwinden
Arbeitskraft »normal
nur unter der Bedingung sucht, das unseres Erachtens nicht überzeugt. 63
funktionieren kann, daß die
bedeut-
sameren und mannigfaltigen Abgesehen von diesen methodologischen Schwächen gibt Bogda-
Bedürfnisse des Arbeiters selbst
be- nov lediglich die absolute Untergrenze an, unter die der Wert der
friedigt werden d. h. unter
der Bedingung, daß er eine
größere
Menge verschiedener Produkte konsumier, Die komplizierte Ar-
Produkte qualifizierter Arbeit nicht fallen kann. Der Wert muß

C S? A^ ^T n gTÖßeren *****
und kostet
^ *««»
die
unter allen Umständen zur Erhaltung der qualifizierten Arbeits-
kraft auf ihrem vorherigen
cwff
Grund liefert T n e
ff T
AnteiI ihrer Arbek
diese Arbeitskraft der
-

Gesellschaft eine komplizier-


zu einer Entqualifizierung
Niveau
(d. h.
ausreichen, so
zum Sinken
daß sie nicht

auf einen niedrige-


ren Qualifikationsgrad) gezwungen ist. Abgesehen von der ab-
V u^
1

t
adlt6<> lebendigC Arbeit - 6 ° We ™ der quali-
fi, !

\ L -T
a T Konsum §ü ^ soluten Untergrenze spielt jedoch, wie wir betont haben, der

™ ^Ä
verbraucht und, infolgedessen

St? 7™«™*°*H
EnergIe ie fünfmaI so groß
relative Vorteil der verschiedenen Arbeitsformen in der Waren-

fntineTsVT
'/
fachen Arbeiter, so wird
eine Arbeitsstunde des

in einer St unde einfacher


Arbeit produzierte.
qualifizierten
^ *** S
°
*
««* ™ ^ produktion eine große Rolle. 64 Nehmen wir an, der Wert des
Produkts eines bestimmten Typs qualifizierter Arbeit reiche
vollständig aus, um die qualifizierte Arbeitskraft des Produzen-
ten zu erhalten; er sei jedoch zu gering, als daß er die Arbeit in

n« C19«, S. 38) Dieser Betriff soÄ "i m£""+


fTTH** be2eidl - 61 Es gibt einen Abschnitt, in dem Marx von seiner üblichen Methode abweicht
ist von Marx V e rwa fdte
nicht der
auf höherer Potenz« (S
dte Im
rn ™™ -
O?
° 7 P ra*1
n S inal s
denn "
Marx von »Arbeit
und dazu
Wert der
tendiert, den Wert des Produkts qualifizierter Arbeit aus
qualifizierten Arbeitskraft abzuleiten. Vgl. Theorien über
dem
den
Mehrwert, 164 f.
III, S.
62 Vgl. F. Engels, Anti-Dühring, S.
Wr 4 S 23 j. 63 a.a.O., S. 20.
ginal. ' - ' - I9> Hervorhebungen im Ori-
64 Vgl. unsere ähnlich lautenden Einwände gegen A. Bogdanov im Kapitel
»Die Gleichheit der Waren und die Gleichheit der Arbeit«.
128
129
dem betreffenden Beruf relativ vorteilhafter gestalten könnte als merksamkeit richtete sich vor allem auf die Tatsache, daß das
die Arbeit in anderen Berufen, die eine kürzere Ausbildungsdauer
Produkt qualifizierter Arbeit nicht nur das Ergebnis der Arbeit
erfordern. Unter diesen Bedingungen wird Arbeit aus dem be-
ist, die direkt auf seine Produktion verwandt wird, sondern daß
treffenden Beruf abgezogen werden; dies wird so lange anhalten,
darin ebenso jene Arbeit eingeht, die zur Ausbildung des Arbei-
bis der Wert des Produkts der betreffenden Tätigkeit sich so weit
ters in dem betreffenden Beruf erforderlich ist. Auch diese Arbeit
erhöht hat, daß die Produktionsbedingungen relativ gleichartig
ist Bestandteil des Produktwerts, den sie entsprechend erhöht.
sind und sich ein Gleichgewichtszustand zwischen den verschie-
»Die Gesellschaft zahlt dann in dem, was sie für das Produkt der
denen Arbeitsformen einstellt. Wenn wir das Problem der qua-
qualifizierten Arbeit geben muß, ein Äquivalent für den Wert,
lifizierten Arbeit analysieren, so dürfen
wir nicht vom Gleich- den die einfachen Arbeiten erzeugt hätten, wenn sie direkt von
gewicht zwischen Konsumtion und Produktivität der betreffen- 66
der Gesellschaft konsumiert worden wären« , statt in die Aus-
den Arbeitsform ausgehen, sondern haben beim Gleichgewicht
bildung einer qualifizierten Arbeitskraft einzugehen. Diese Ar-
zwischen den verschiedenen Arbeitsformen anzusetzen. Damit
beitsprozesse setzen sich aus der Arbeit des Handwerkermeisters
nähern wir uns dem Grundansatz der Marxschen Werttheorie:
und des Lehrers sowie aus der des Lernenden selbst während sei-
der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit auf die verschiedenen
ner Ausbildungsperiode zusammen. Wenn O. Bauer die Frage
Zweige der Gesamtwirtschaft.
untersucht, ob die Arbeit des Lehrers in den Wert des Produkts
In früheren Kapiteln entwickelten wir den Gedanken, daß der qualifizierter Arbeit eingeht, so hat er vollkommen recht, wenn
Tausch von Produkten verschiedener Arbeitsformen zu ihren er bei seinen Überlegungen von den Bedingungen ausgeht, unter
Werten dem Gleichgewichtszustand zwischen zwei bestimmten denen sich ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Pro-
Produktionszweigen entspricht. Diese generelle Aussage läßt sich duktionszweigen Er gelangt zu folgenden Schlüssen:
herstellt.
vollständig auf Fälle übertragen, in denen Produkte zweier Ar-
»Neben dem Wert, der durch die unmittelbar im Produktions-
beitsformen mit unterschiedlichem Qualifikationsgrad getauscht
prozeß geleistete Arbeit geschaffen und dem Wert, der von den
werden. Der Wert des Produkts qualifizierter Arbeit muß den
Ausbildern auf die qualifizierte Arbeitskraft übertragen wird, ist
des Produkts einfacher (oder, allgemein, weniger qualifizierter)
also auch der vom Schüler selbst im Ausbildungsprozeß erzeugte
Arbeit um die Wertmenge übersteigen, die für die ungleichen Wert ein Bestimmungsgrund des Wertes des von dem qualifizier-
Produktionsbedingungen entschädigt und ein Gleichgewicht zwi- ten Arbeiter auf der Stufe der einfachen Warenproduktion er-
schen diesen Arbeitsformen herstellt. Das Produkt einer Arbeits-
zeugten Produktes.« 67
stunde des Juweliers tauscht sich auf dem Markt gegen das Pro-
Die auf die Ausbildung der Produzenten in einem bestimmten
dukt zweier Arbeitsstunden des Schusters, weil sich durch eben
Beruf verwandte Arbeit geht somit in den Wert des Produkts
diese Tauschproportion das Gleichgewicht in der
Arbeits Vertei- qualifizierter Arbeit ein. In Berufen, die sich durch höhere Qua-
lung zwischen diesen beiden Produktionszweigen herstellt und
lifikation und größere Kompliziertheit der Arbeit auszeichnen,
die Verschiebung von Arbeit vom einen Zweig zum anderen
auf- vollzieht sich die Ausbildung jedoch gewöhnlich durch Selektion
hört. Das Problem der qualifizierten Arbeit reduziert sich auf die der fähigsten Schüler aus einer größeren Anzahl. Von drei Per-
Analyse der Bedingungen, unter denen sich ein Gleichgewicht
sonen, die den Ingenieursberuf erlernen, gelangt vielleicht einer
zwischen mehreren, im Hinblick auf die Qualifikation sich unter-
zum Examen und erreicht das Ziel. Daher sind der Arbeitsauf-
scheidenden Arbeitsformen herstellt. Dieses Problem
ist noch wand dreier Studenten und der entsprechende, höhere Arbeits-
nicht gelöst, aber es ist richtig gestellt. Unsere Frage
ist noch nicht aufwand des Lehrers zur Ausbildung eines einzigen Ingenieurs
beantwortet, aber wir haben bereits die Methode, den Weg vor- vonnöten. Mithin werden die Studenten, von denen nur ein Drit-
gezeichnet, der uns zu unserem Ziel führen wird.
Viele Marxisten haben diesen Weg eingeschlagen. 65 Ihre Auf- Poznjakov, Kvalificirovannyi trud i teorija cennosti Marksa (Qualifizierte
Arbeit und die Werttheorie von Marx), 2. Auflage.
6$ R. Hilferding, Böhm-Bawerks Marx-Kritik, Wien 1904; H. Deutsch, Qua- 66 Hilferding, a.a.O., S.zoi.
lifizierte Arbeit und Kapitalismus, Wien
1904; Otto Bauer, a.a.O.;
V.N. 67 Bauer, a.a.O., S. 650.

130
131
teldie Chance hat, das Ziel zu erreichen, nur dann in ausrei- Wie wir sehen, ist die Reduktion qualifizierter auf einfache Ar-
chendem Maß einem bestimmten Beruf zugeleitet, wenn der Wert beit eins der Resultate des objektiven gesellschaftlichen Prozesses
der Produkte, die in diesem Beruf erzeugt werden, die unver- der Gleichsetzung verschiedener Arbeitsformen, der sich in der
meidlichen (und in gewissem Maße verschwendeten) Arbeits- kapitalistischen Gesellschaft durch die Gleichsetzung von Waren
leistungen kompensieren kann. Unter sonst gleichen Bedingungen auf dem Markt vollzieht. Wir brauchen den Fehler von Adam
wird der Durchschnittswert des Produkts einer Arbeitsstunde in Smith nicht zu wiederholen, der »die objektive Gleichung, die
Berufen, in denen die Ausbildung Arbeitsaufwendungen von Sei- der Gesellschaftsprozeß gewaltsam zwischen den ungleichen Ar-
ten zahlreicher Bewerber erfordert, höher sein als der Durch- beiten vollzieht, für die subjektive Gleichberechtigung der indi-
schnittswert einer Arbeitsstunde in Berufen, in denen solche viduellen Arbeiten« versieht (Zur Kritik der Politischen Öko-
Schwierigkeiten nicht bestehen. 68 Dieser Umstand erhöht den nomie, S. 58). Das Produkt einer Arbeitsstunde des Juweliers
Wert des Produkts hochqualifizierter Arbeit. 69 tauscht sich nicht deshalb gegen das Produkt zweier Arbeits-
stunden des Schusters, weil der Juwelier seine Arbeit subjektiv
für doppelt so wertvoll hält wie die des Schusters. Im Gegenteil:
68 Diese Auffassung, die sich bereits bei Adam Smith findet, wurde insbeson-
die subjektiven, bewußten Bewertungen der Produzenten wer-
dere von L. Ljubimov unterstrichen {Kurs politiceskoj ekonomii [Einfüh-
rung in die politische Ökonomie], 1923, S. 72-78). Leider verwechselte L. den durch den objektiven Prozeß der Gleichsetzung verschiedener
Ljubimov die Frage, was den Durchschnittswert der Produkte einer hoch- Waren bestimmt und über diese durch die Gleichsetzung der ver-
qualifizierten Tätigkeit, z. B. der Ingenieure, Künstler usw., bestimmt, mit
schiedenen Arbeitsformen auf dem Markt. Der Juwelier wird
der Frage nach den Determinanten des individuellen Preises irgendeines
nichtreproduzierbaren Gegenstands (eines Gemäldes von Raffael). Wenn schließlich durch seine zuvor aufgestellte Rechnung motiviert,
es sich um reproduzierbare Massenprodukte handelt (die Arbeit eines In-
daß das Produkt seiner Arbeit doppelt so viel wert sein wird
genieurs kann z.B. als Arbeit betrachtet werden, die - mit geringen Aus-
nahmen - homogene und reproduzierbare Produkte erzeugt), so können wie das Produkt der Schusterarbeit. Und er kann die künftigen
wir den Wert einer Produkteinheit dadurch ermitteln, daß wir den Wert Geschehnisse auf dem Markt nur deshalb bewußt antizipieren,
der gesamten Produktion eines bestimmten Berufszweiges durch die Zahl
weil sein Bewußtsein die frühere Erfahrung festhält und ver-
der in diesem Beruf erzeugten homogenen Produkte dividieren. Dies ist
jedoch im Hinblick auf individuelle, nicht-reproduzierbare Gegenstände allgemeinert. Dieser Vorgang verhält sich analog zu dem, was
nicht möglich. Die Tatsache, daß der Preis eines Gemäldes von Raffael den Marx in seiner Erklärung der höheren Profitrate beschrieb, die
verschwendeten Arbeitsaufwand einiger tausend erfolgloser Maler kom-
pensiert, oder daß der Preis eines Gemäldes von Salvador Rosa den ver-
in denjenigen Zweigen der kapitalistischen Wirtschaft realisiert
schwendeten Arbeitsaufwand von Hunderten erfolgloser Maler ausgleicht, wird, die mit besonderen Risiken, Schwierigkeiten usw. verbun-
läßt sich keineswegs daraus ableiten, daß der Durchschnitts-wert des Pro- den sind. »Nachdem sich die Durchschnittspreise und ihnen ent-
dukts einer Arbeitsstunde eines Malers dem Wert des Produkts von fünf
Stunden einfacher Arbeit gleich sei (daß zu jeder Arbeitsstunde des Malers sprechende Marktpreise für eine Zeitlang befestigt haben, tritt

eine Arbeitsstunde, die auf seine Ausbildung fällt, und drei Arbeits- es in das Bewußtsein der einzelnen Kapitalisten, daß in dieser
stunden, die auf die Ausbildung von drei erfolglosen Malern verwandt
Ausgleichung bestimmte Unterschiede ausgeglichen werden, so
wurden, hinzugezählt würden). L. Ljubimov hat vollkommen recht, wenn
er den Wert des Produkts hochqualifizierter Arbeit unter das Wertgesetz daß sie dieselben gleich in ihrer wechselseitigen Berechnung ein-
subsumiert. Aber in bezug auf den individuellen Preis nicht-reproduzier- schließen« (K., III, S. 219; Hervorh. i. Original). Ebenso stellt
barer Gegenstände kann er die Tatsache des Monopols nicht leugnen. P.
Maslov begeht den umgekehrten Fehler: er schreibt auch dem Durchschnitts-
der Juwelier seine hohe Qualifikation vor dem Tauschakt in

wert der Produkte hochqualifizierter Arbeit monopolistischen Charakter Rechnung. Die höheren Qualifikationen »werden ... in Rechnung
zu (vgl. sein Werk Kapitalizm [Kapitalismus], 1941, S. 191 f.). Marx gebracht als Kompensationsgründe« (ebd.). Diese Rechnung ist
hatte nicht die Absicht, den Preis nicht-reproduzierbarer Gegenstände unter
das Wertgesetz zu subsumieren, und zwar aus einem einfachen Grund:
jedoch nur Resultat des gesellschaftlichen Tauschprozesses, der
das
Wertgesetz hat gerade die Gesetze der produktiven Tätigkeit zu erklären. aufeinanderprallenden Handlungen einer großen Zahl von Wa-
In seiner Werttheorie behandelt Marx nicht den Wert von Produkten, die
renproduzenten. Wenn wir die Arbeit eines unqualifizierten Ar-
»nicht durch Arbeit reproduziert werden können, wie Altertümer, Kunst-
werke bestimmter Meister etc.« (K., III, S. 646). beiters (z.B. das Ausheben eines Grabens) als einfache Arbeit
69 In der kapitalistischen Gesellschaft wird der Zins auf die Ausbildungs-
kosten gelegentlich hinzugezählt; in einigen Fällen werden sie als inve- S. 142. Was hier stattfindet, ist jedoch nicht die Erzeugung neuen Werts,
stiertes Kapital betrachtet. Vgl. Maslov, a.a.O., S. 191, und Bauer,
a.a.O., sondern die Umverteilung früher geschaffenen Werts.

132 133
und eine Stunde seiner Arbeit als Einheit nehmen, so wäre eine machen und darin die wundeste Stelle der Marxschen Theorie er-
Stunde der Juweliersarbeit, sagen wir, vier Einheiten gleich, und blicken. Die Einwände dieser Kritik lassen sich auf zwei Grund-
zwar nicht etwa deshalb, weil der Juwelier seine Arbeit bewertet thesen reduzieren: 1. wie auch immer Marxisten die Ursachen
und ihr einen Wert von vier Einheiten zuschreibt, sondern weil des hohen Werts der Produkte qualifizierter Arbeit erklären, es
seine Arbeit auf dem Markt mit vier Einheiten einfacher Arbeit bleibt eine Tatsache, daß Produkte ungleicher Arbeitsmengen als
gleichgesetzt wird. Die Reduktion komplizierter auf einfache Äquivalente getauscht werden, was der Arbeitswerttheorie wi-
Arbeit ist ein realer Vorgang, der sich durch den Tauschprozeß derspricht; 2. die Marxisten sind außerstande, ein Kriterium
vollzieht und sich letzten Endes auf die Gleich'Setzung verschie- oder einen Maßstab beizubringen, mittels dessen wir im vorhin-
dener Arbeitsformen im Prozeß der Verteilung gesellschaftlicher ein eine Einheit qualifizierter Arbeit - z. B. eine Arbeitsstunde
Arbeit, und nicht auf die verschiedenen Bewertungen verschie- des Juweliers - mit einer bestimmten Anzahl von Einheiten ein-
dener Arbeitsformen oder auf die Definition verschiedener Ar- facher Arbeit gleichsetzen könnten.
beitswerte 70 zurückführen läßt. Da sich in der Warenproduktion Der erste Einwand beruht auf der irrigen Auffassung, daß die
die Gleichsetzung der verschiedenen Arbeitsformen durch die Arbeitswerttheorie die Gleichheit der Waren ausschließlich von
Gleichsetzung der Arbeitsprodukte als Werte vollzieht, kann der physiologischen Gleichheit des zu ihrer Produktion erforder-
auch die Reduktion qualifizierter auf einfache Arbeit nur durch lichen Arbeitseinsatzes abhängig mache. Wenn man von einer
die Gleichsetzung der Arbeitsprodukte erfolgen. »Eine Ware solchen Interpretation der Arbeitswerttheorie ausgeht, so läßt
mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr Wert setzt sich nicht bezweifeln, daß eine Arbeitsstunde des Juweliers und
dem Produkt
sie einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst vier Arbeitsstunden des Schusters unter physiologischem Ge-
nur ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar« (K., I, S. sichtspunkt ungleiche Arbeitsmengen darstellen. Jeder Versuch,
59).
»Der Wert der verschiedenartigsten Waren drückt sich überall in eine Stunde qualifizierter Arbeit als physiologisch verdichtete Ar-
Geld aus, d. h. in einem bestimmten Quantum Gold oder Silber. beit darzustellen, die im Hinblick auf die verausgabte Energie
Eben deshalb werden die in diesen Werten sich darstellenden ver- mehreren Stunden einfacher Arbeit gleich sei, scheint hoffnungs-
schiedenen Arbeitsformen in verschiedenen Proportionen auf be- los und methodologisch falsch. Qualifizierte Arbeit ist in der Tat
stimmte Mengen ein und derselben Form einfacher Arbeit redu- verdichtete, vervielfachte Arbeit, »Arbeit auf höherer Potenz«,
ziert,d.h. auf die Arbeit, die Gold und Silber erzeugt.« 71 Die aber sie ist nicht physiologisch, sondern gesellschaftlich verdichtet.
Annahme, die Reduktion qualifizierter auf einfache Arbeit müsse Die Arbeitswerttheorie behauptet nicht die physiologische Gleich-
im vorhinein stattfinden und dem Tausch vorangehen, um die heit sondern die gesellschaflliche Gleichsetzung von Arbeit, die
Gleichsetzung des Arbeitsprodukts zu ermöglichen, verfehlt die sich ihrerseits freilich auf der Grundlage der technisch-materiel-
Grundlagen der Marxschen Werttheorie. len und physiologischen Bestimmungen der Arbeit vollzieht (vgl.
Wir sehen, daß wir zur Erklärung des hohen Werts der Produkte das Ende des vorigen Kapitels). Die Produkte werden auf dem
qualifizierter Arbeit die Arbeitswerttheorie nicht zu verwerfen Markt nicht als gleiche, sondern als gleichgesetzte Arbeitsmengen
brauchen; erforderlich ist vielmehr nur ein klares Verständnis getauscht. Unsere Aufgabe ist es, die Gesetze zu analysieren,
des Grundgedankens dieser Theorie, die das Gesetz des Gleich- denen die gesellschaftliche Gleichsetzung verschiedener Arbeits-
gewichts und der Verteilung gesellschaftlicher Arbeit in der kapi- formen im Prozeß der gesellschaftlichen Verteilung der Arbeit
Warenproduktion analysiert. Von hier aus können
talistischen folgt. Wenn diese Gesetze die Gründe für die Gleichsetzung einer
wir die Argumente jener Marx-Kritiker 72 beurteilen, die das Arbeitsstunde des Juweliers mit vier Arbeitsstunden eines un-
Problem d er qualifizierten Arbeit zum Hauptziel ihrer Attacken qualifizierten Arbeiters erklären, so ist unser Problem - unab-
70 Wie von Oppenheimer und anderen behauptet wird. Vgl. Oppenheimer,
hängig von der physiologischen Gleichheit oder Ungleichheit die-
Wert und Kapitalprofit, i^ii, S. 69 f.
l
ser gesellschaftlich gleichgesetzten Arbeitsmengen - gelöst.
71 Rubin zitiert die von V. Bazarov und J. Stepanov übersetzte russische ökonomi-
Der zweite Einwand der Marx-Kritiker schreibt der
Ausgabe des ersten Bandes des Kapital, 1923, S. 170, Anm. d. Obers.
72 Vgl. Böhm-Bawerk, a.a.O. schen Theorie eine Aufgabe zu, die ihr keineswegs zufällt: die

134
Auffindung eines Wertmaßstabs, der den Vergleich verschieden-
In diesem wie im vorigen Kapitel gingen wir von einem Gleich-
artiger Arbeit in der Praxis ermöglichen würde. Die Werttheorie
gewichtszustand zwischen den verschiedenen Zweigen der gesell-
analysiert oder erstellt jedoch nicht einen praktischen Gleichset-
schaftlichen Produktion und den verschiedenen Arbeitsformen
zungsmaßstab, sondern sucht nach einer kausalen Erklärung des Warenproduktion jedoch, wie wir
aus. Die kapitalistische stellt
objektiven Prozesses der Gleichsetzung verschiedener Arbeits- dem das Gleichgewicht fortwährend
wissen, ein System dar, in
formen, wie er tatsächlich in einer Gesellschaft mit kapitalistischer erscheint nur in Form einer Ten-
gestört wird. Das Gleichgewicht
Warenproduktion stattfindet. 78
In der kapitalistischen Gesell- denz, die durch entgegenwirkende Faktoren unterbrochen und
schaft vollzieht sich dieser Prozeß spontan; er ist nicht geplant.
gebremst wird. Was die qualifizierte Arbeit betrifft, so ist die
Die Gleichsetzung der verschiedenen Arbeitsformen findet nicht
Tendenz zur Herstellung des Gleichgewichts zwischen verschie-
direkt statt, sondern ergibt sich aus der Gleichsetzung der Ar- dem
denen Arbeitsformen in dem Umfang geschwächt, in eine
beitsprodukte auf dem Markt, aus den aufeinanderprallenden lange Qualifikationsperiode oder hohe Ausbildungskosten der
Handlungen zahlreicher Warenproduzenten. Unter diesen Be- Überleitung von Arbeit von dem betreffenden Beruf, dem sie
dingungen »der Rechenmeister, der die Höhe der Preise allein
ist
dienen, in andere, einfachere Berufe großen Widerstand entgegen-
ausrechnen kann, ... die Gesellschaft, und die Methode, der
sie setzen. Wenn wir ein theoretisches Modell an die lebendige Wirk-
sich dabei bedient, ... die Konkurrenz« 74
Jene Marx-Kritiker, müssen wir den Verzögerungseffekt die-
.
lichkeit herantragen, so
die der einfachen Arbeit die Rolle eines praktischen
Maßstabs ser Widerstände in stellen. Die Zulassungsschwierig-
Rechnung
und einer Einheit zur Gleichsetzung von Arbeit zuschreiben, set- keiten, die höhere Berufe bieten, verleihen ihnen gewissermaßen
zen in Wirklichkeit eine geplante Wirtschaft an die Stelle
der Monopolcharakter. Auf der anderen Seite besteht Zugang zu
kapitalistischen Gesellschaft. In einer geplanten Wirtschaft
wer- »wenigen niedrigen und daher beständig überfüllten und unter-
den verschiedene Formen von Arbeit unmittelbar miteinander
bezahlten Arbeitszweigen« (K., I, S. 464). Häufig schleudern die
gleichgesetzt, ohne Markttausch oder Konkurrenz,
ohne daß Zulassungsschwierigkeiten in höherqualifizierten Berufen und die
Dinge als Werte auf dem Markt gleichgesetzt werden.
Selektion, die bei dieser Zulassung stattfindet, zahlreiche erfolg-
Wenn wir uns von dieser Verwechslung theoretischer und prak-
lose Bewerber in niedrigere Beschäftigungen und erhöhen damit
tischer Gesichtspunkte distanzieren und durchgängig 75 Darüber hinaus ver-
an einem das in diesen herrschende Überangebot.
theoretischen Standpunkt festhalten, sehen wir, daß die organisatorische Kom-
Wert- stärkt die sich erhöhende technische und
theorie die Ursache des hohen Werts hochqualifizierter die Nachfrage
Arbeit plexität des kapitalistischen Produktionsprozesses
sowie die Änderungen dieser Werte begründet und zureichend
nach neuen Formen qualifizierter Arbeitskraft und läßt damit die
erklärt. Verkürzt sich die Ausbildungsdauer oder, allgemein, die
Bezahlung dieser Arbeitskraft wie den Preis ihrer Produkte dis-
zum Erlernen eines bestimmten Berufs erforderliche Arbeit,
so proportional steigen. Dabei handelt es sich sozusagen um eine
fällt der Wert der in diesem Beruf erzeugten Produkte. Daraus
er- Prämie für die zum Erwerb von Qualifikationen aufgebrachte
klärt sich eine ganze Reihevon Ereignissen im Wirtschaftsleben. Zeit (die kürzer oder länger sein mag). Diese Prämie entspringt
Der Wert des Arbeitsprodukts wie auch der Wert der Arbeits-
einem dynamischen Prozeß, in dem sich die Arbeitsqualifikatio-
kraft von kaufmännischen Angestellten fielen
so z.B. entschei- nen ändern. Aber ebenso, wie die Abweichungen der Marktpreise
dend seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dies läßt sich
von den Werten das Wertgesetz nicht widerlegen, sondern seine
darauf zurückführen, daß »die Vorbildung, Handels- und
Sprach- Durchsetzung erst ermöglichen, führt die »Qualifikationsprä-
kenntnisse usw. mit dem Fortschritt der Wissenschaft
und Volks- mie«, die das Fehlen eines Gleichgewichts zwischen verschiedenen
bildung immer rascher, leichter, allgemeiner, wohlfeiler
reprodu- Arbeitsformen anzeigt, umgekehrt zur Erhöhung der qualifizier-
ziert werden« (K., III, S. 3 1 1). in Richtung
ten Arbeit und zur Verteilung der Produktivkräfte
auf ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht.
73 S. o. das Kapitel über die gesellschaftliche Arbeit.
74 Rudolf Hilferding, a.a.O., S.22.
75 Maslov, Kapitalizm (Kapitalismus), S. 192.

r3 6
137
Gesellschaftlich notwendige Arbeit Änderungen in der Arbeitskraft, in »Geschick und Intensität der

Arbeit«.
Im ersten Stadium seiner Analyse ging Marx davon aus, daß alle
Exemplare einer bestimmten Produktart unter gleichen, nor-
malen, durchschnittlichen Bedingungen produziert worden seien.
Die auf jedes Exemplar verwandte individuelle Arbeit fällt hier

quantitativ mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeit zusam-


men und der individuelle Wert mit dem gesellschaftlichen oder
Markt- Wert. Der Unterschied zwischen individueller und ge-
sellschaftlich notwendiger Arbeit, zwischen individuellem und
In früheren Kapiteln haben wir uns hauptsächlich auf die Ana-
gesellschaftlichem (Markt-)Wert wird an dieser Stelle noch nicht
lyse des qualitativen Aspekts der wertschaffenden Arbeit
kon- Rechnung gestellt. Marx spridit daher in diesen Abschnitten
in
zentriert; wir können uns nunmehr einer eingehenderen Analyse
von »Wert« und nicht von »Marktwert« (dieser wird im ersten
des quantitativen Aspekts zuwenden.
Band des Kapital nicht erwähnt).
Wenn Marx behauptet, daß Änderungen in der Größe des Wa- In späteren Stadien seiner Untersuchung nahm Marx an, daß die
renwerts von Änderungen in der Arbeitsmenge abhängen, die bei
verschiedenen Exemplare irgendeiner Warenart unter verschie-
der Produktion dieser Waren verausgabt wird, so hatte er be-
denen technischen Bedingungen produziert werden. An dieser
kanntlich nicht die individuelle, von irgendeinem Produzenten
Stelle werden individueller Wert und gesellschaftlicher (Markt-)
auf die Erzeugung einer bestimmten Ware faktisch verwandte
Wert einander gegenübergestellt. Anders ausgedrückt: der Begriff
Arbeit im Auge, sondern die Arbeitsmenge, die bei einem be-
des Werts wird weiterentwickelt und genauer als gesellschaft-
stimmten Stand der Entwicklung der Produktivkräfte zur Her-
licher oder Markt- Wert definiert. Analog dazu steht die gesell-
stellung des betreffenden Produkts durchschnittlich notwendig schaftlich notwendige Arbeitszeit der individuellen Arbeitszeit
ist. »Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, er-
gegenüber, die in den einzelnen Unternehmungen desselben Pro-
heischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen
Darin drückt Kenn-
duktionszweigs verschieden groß ist. sich ein
gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem ge- zeichen der Warenproduktion aus, in der sich nämlich für alle
sellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität
Waren Art und Qualität, die auf dem Markt
einer bestimmten
der Arbeit darzustellen. Nach der Einführung des Dampfweb-
getauscht werden, derselbe Preis durchsetzt, und zwar unabhän-
stuhls in England z. B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als
gig sowohl von den individuellen technischen Bedingungen, unter
vorher, um ein gegebenesQuantum Garn in Gewebe zu verwan- denen diese Waren produziert werden, wie von der Menge in-
deln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung
dividueller Arbeit, die in verschiedenen Unternehmungen auf
in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt
ihre Produktion verwandt wird. Eine auf der Produktion von
seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch
eine Waren beruhende Gesellschaft reguliert die Arbeitstätigkeit der
halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf
die Menschen den Wert der Arbeitspro-
nicht direkt, sondern durch
Hälfte seines frühern Werts« (K., I,S. 53).
dukte, durch Waren. Der Markt nimmt von den individuellen
Die Größe der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ist durch
Besonderheiten und Abweichungen in der Arbeit individueller
den Stand der Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt, unter
Warenproduzenten in individuellen Wirtschaftseinheiten keine
der man die Gesamtheit der materiellen und menschlichen Pro- Notiz. »Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnitts-
duktionsfaktoren im weitesten Sinn versteht. Die gesellschaftlich
exemplar ihrer Art« (K., I, S. 54). Jede einzelne Ware wird nicht
notwendige Arbeitszeit variiert nicht nur mit den Änderungen
zu ihrem individuellen, sondern zum gesellschaftlichen Durch-
in den »Produktionsbedingungen«, d. h. in den technisch-mate-
schnittswert verkauft, den Marx im dritten Band des Kapital
riellen und organisatorischen Faktoren, sondern auch mit den
als Marktwert bezeichnet.

138
139
Alle Unternehmungen desselben Produktionszweigs lassen sich werde. Wie wir betont haben, arbeiten die verschiedenen Unter-
nach dem Grad ihrer technischen Entwicklung in eine Skala ein- nehmungen mit unterschiedlicher Technik. Der Marktwert ist
reihen, die mit den produktivsten beginnt und bei den rückstän- eine Größe, die sich aus dem Kampf zahlreicher
Verkäufer um
digsten endet.Wie sehr sich die individuellen Produktwerte der den Markt ergibt, aus einem Kampf zwischen Warenproduzen-
einzelnen Unternehmungen oder Unternehmensgruppen (zum ten, die unter verschiedenen technischen Bedingungen produzie-
Zwecke der Vereinfachung wollen wir Marx in der Unterschei- ren und Waren mit unterschiedlichen individuellen Werten auf
dung zwischen drei Unternehmenstypen mit hoher, durchschnitt-
:
den Markt liefern. Wie wir bereits im fünften Kapitel hervorge-
licher und niedriger Produktivität, folgen) auch unterscheiden hoben haben, vollzieht sich die Verwandlung individueller in
mögen, ihre Produkte werden auf dem Markt zum selben Preis gesellschaftlich notwendige Arbeit durch denselben Tauschprozeß,
verkauft, der in letzter Instanz (durch Abweichung und Aus- der privateund konkrete Arbeit in gesellschaftliche und abstrakte
schaltung) durch den Durchschnitts- oder Marktwert bestimmt Arbeit verwandelt: »Die verschiednen individuellen Werte (müs-
wird: »Waren, deren individueller Wert unter dem Marktwert sen) zu einem gesellschaftlichen Wert, dem oben dargestellten
steht, (realisieren) einen Extramehrwert oder Surplusprofit, Marktwert, ausgeglichen sein, und dazu ist eine Konkurrenz un-
während die, deren individueller Wert über dem Marktwert terden Produzenten derselben Art Waren erfordert, ebenso wie
steht, einen Teil des in ihnen enthaltenen Mehrwerts nicht das Vorhandensein eines Markts, auf dem sie gemeinsam ihre
realisieren können« (K., III, S. 188). Dieser Unterschied zwi- Waren ausbieten« (K., III, S. 190). Der Marktwert ist eine Re-
schenMarktwert und individuellem Wert, aus dem sich in Un- sultante des Marktkampfes zwischen verschiedenen Produzenten
ternehmungen mit unterschiedlicher Arbeitsproduktivität un- innerhalb eines bestimmten Produktionszweigs (wir setzen hier
terschiedliche Produktionsvorteile ergeben, ist der primäre Motor normale Marktbedingungen voraus, d. h. Gleichgewicht zwischen
des technischen Fortschritts in der kapitalistischen Gesellschaft. Angebot und Nachfrage sowie zwischen den betreffenden Pro-
Jedes kapitalistische Unternehmen strebt danach, die neuesten duktionszweigen und anderen Branchen; hierüber s. u.). Entspre-
technischen Verbesserungen einzuführen, um den individuellen chend ist die gesellschaftlich notwendige Arbeit, die den Markt-
Produktwert im Vergleich zum durchschnittlichen Marktwert zu wert bestimmt, eine Resultante aus verschiedenen Graden der
senken und nach Möglichkeit einen Surplusprofit zu erzielen. Arbeitsproduktivität in verschiedenen Unternehmungen. Die ge-
Unternehmungen mit rückständiger Technologie versuchen, den sellschaftlich notwendige Arbeit bestimmt den Warenwert nur in
individuellen Wert ihrer Produkte wenn möglich auf die Höhe dem Umfang, in dem der Markt sämtliche Produzenten des be-
des Marktwerts zu senken; sonst werden sie durch die Konkur- treffenden Produktionszweigs zusammenschließt und sie densel-
renz der produktiveren Unternehmungen bedroht und stehen ben Tauschbedingungen aussetzt. In dem Maße, wie der Markt
dem ökonomischen Zusammenbruch gegenüber. Der Sieg der sichausgedehnt und die einzelnen Warenproduzenten seinen
Großproduktion über die Kleinproduktion, der technische Fort- Kräften unterworfen hat, ist der Marktpreis für alle Waren einer
schritt sowie die Konzentration der Produktion in größeren und bestimmten Sorte und Qualität Damit wird auch die
einheitlich.
technisch perfekteren Unternehmungen gehen darauf zurück, daß gesellschaftlich notwendige Arbeit bedeutsam. Der Marktwert
die Waren auf dem Markt zum durchschnittlichen Marktwert, wird durch die Konkurrenz zwischen den Produzenten innerhalb
unabhängig vom individuellen Wert, verkauft werden. desselben Produktionszweigs festgelegt. In einer entwickelten
Wenn wir einen bestimmten Stand der Entwicklung der Pro- kapitalistischen Gesellschaft besteht jedoch auch Konkurrenz un-
duktivkräfte in einem bestimmten Produktionszweig vorausset- ter den in verschiedenen Produktionszweigen angelegten Kapi-
zen (der Produktionszweig ist als Gesamtheit von Unternehmun- talen. Der Wechsel der Kapitale vom einen Zweig zum anderen,
gen mit sehr unterschiedlichen Produktivitätsgraden definiert), d. h. die »Konkurrenz der Kapitale in den verschiedenen Sphä-
so ist der Marktwert eine bestimmte Größe. Es wäre jedoch ver- ren .. .bringt erst hervor den Produktionspreis, der die Profit-
fehlt anzunehmen, daß er im voraus gegeben oder festgelegt raten zwischen den verschiednen Sphären egalisiert« (ebd.). Der
wäre, daß er auf der Basis einer bestimmten Technik errechnet Marktwert nimmt die Form des Produktionspreises an.

140 141
Wenn sich der Marktwert nur als Resultat des gesellschaftlichen den unter optimalen Bedingungen produzierten Waren, so »regelt
Prozesses der Konkurrenz zwischen Unternehmungen mit ver- die unter den schlechteren Bedingungen produzierte Masse den
schiedenen Produktivitätsgraden durchsetzt, so müssen wir fra- Marktwert oder den gesellschaftlichen Wert« (K., III, S. 192), der
gen, welche Gruppe von Unternehmungen diesen Marktwert sich also den individuellen Werten jener Waren nähert (wenn
bestimmt. Mit anderen Worten: welche Größe stellt die durch- er auch nur in einigen Fällen - z. B. in der Landwirtschaft - ein-
schnittliche gesellschaftlich notwendige Arbeit dar, die den Markt- deutig mit ihnen zusammenfällt). Wenn schließlich die unter den
wert bestimmt? »Der Marktwert wird einerseits zu betrachten besten Bedingungen produzierten Waren den Markt beherrschen,
sein als der Durchschnittswert der in einer Sphäre produzierten so werden sie einen entscheidenden Einfluß auf den Marktwert
Waren, andrerseits als der individuelle Wert der Waren, die ausüben. Mit anderen Worten: die gesellschaßlicb notwendige
unter den durchschnittlichen Bedingungen der Sphäre produziert Arbeit mag sich sowohl der Arbeit mit durchschnittlicher Produk-
werden und die die große Masse der Produkte derselben bilden« tivität(was in der Mehrzahl der Fälle geschieht), wie auch der
(K., III, S. 187 f.). Wenn wir vereinfachend annehmen, daß bei Arbeit mit höherer oder niedrigerer Produktivität annähern.
der Gesamtheit der Waren eines bestimmten Produktionszweigs Um zur Durchschnittsarbeit eines bestimmten Produktionszweigs
der Marktwert mit dem individuellen Wert zusammenfällt (wenn zu werden (nicht im Sinne durchschnittlicher, sondern der ver-
er auch vom individuellen Wert einzelner Exemplare abweicht), breitetsten Produktivität), muß die Arbeit mit höherer (oder
so wird der Marktwert der Waren der Summe aller individuellen niedrigerer) Produktivität lediglich die größte Warenmenge auf
Warenwerte in dem betreffenden Zweig, dividiert durch die An- den Markt liefern. 76
zahl der Waren, gleich sein. Schreiten wir in unserer Unter-

suchung müssen wir jedoch davon ausgehen, daß, bezogen


fort, so
76 K. Diehl behauptet daß Marx nur die in Unternehmungen mit
fälschlich,
auf den gesamten Produktionszweig, die Summe der Markt- durchschnittlicher Produktivität aufgewandte Arbeit als gesellschaftlich
werte von der Summe der individuellen Werte abweichen kann notwendige Arbeit betrachte. Wenn jedoch in dem betreffenden Produk-
tionszweig die Masse der unter schlechtesten Bedingungen erzeugten Pro-
(was z. B. in der Landwirtschaft stattfindet). Die Übereinstim-
dukte überwiegt, so wird der Marktwert durch die Arbeit mit geringerer
mung dieser beiden Summen gilt einzig für die Gesamtheit aller Produktivität bestimmt sein. >Hier ist also wegen einer bestimmten Ge-
Produktionszweige oder für die Ge&z;w£wirtschaft. In diesem Fall staltung der Zufuhr nicht die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, son-
dern eine darüber hinausgehende Größe maßgebend« (K. Diehl, Über das
wird der Marktwert mit der Summe aller individuellen Werte, Verhältnis von Wert und Preis im ökonomischen System von Marx, Jena
dividiert durch dieAnzahl von Waren eines bestimmten Typs, 1898, S. 24). Eine solche Auffassung könnte nur dann zutreffen, wenn An-
gebot und Nachfrage divergieren und damit die Preise von den Marktwer-
nicht mehr genau übereinstimmen. Hier ist die quantitative Be-
ten abweichen: in solchen Fällen sei nicht die gesellschaftlich notwendige
stimmung der Marktwerte folgenden Gesetzen unterworfen: Arbeit entscheidend, sondern eine Größe, die diese entweder über- oder
Nach der Auffassung von Marx nähert sich der Marktwert unter unterschreitet. Diehl begreift jedoch, daß sich die Marxsche Argumentation
nicht auf Fälle bezieht, in denen die Preise von den Werten abweichen
normalen Bedingungen dem individuellen Wert der überwiegen-
(darüber s. u.), sondern gerade auf solche Fälle, in denen >die Gesamtmasse
den Masse der Produkte eines bestimmten Produktionszweigs. der Produkte dem gesellschaftlichen Bedürfnis entspricht« (ebd.), in denen
also zwischen dem betreffenden Produktionszweig und anderen Produk-
Wenn ein Großteil der Waren in Unternehmungen mit durch-
tionszweigen Gleichgewicht besteht. Tritt dieses jedoch dann auf, wenn der
schnittlicher Arbeitsproduktivität und nur ein unerheblicher Teil Marktwert durch Arbeit geringerer Produktivität bestimmt wird, so wird
unter schlechtesten Bedingungen produziert wird, so wird der genau diese Arbeit als gesellschaftlich notwendige betrachtet.

Marktwert durch Unternehmungen mit Wenn Diehl lediglich Arbeit durchschnittlicher Produktivität als gesell-
durchschnittlicher Pro-
schaftlichnotwendig betrachtet, so tendieren andere Autoren dahin, nur
duktivität bestimmt werden, d. h. der Marktwert nähert sich Arbeit höherer Produktivität, die unter den besten technisdien Bedingun-
dem individuellen Wert der Produkte, die in diesem Unterneh- gen eingesetzt wird, als gesellschaftlich notwendig anzusehen. ». . der .

wirkliche Tauschwert aller Produkte hängt ab von der bei der technisch
menstyp erzeugt werden. Dies ist der häufigste Fall. Nehmen
ausgebildeten Produktionsmethode notwendigen Arbeitszeit, von der ge-
wir an, »daß der unter den schlechtem Bedingungen produzierte sellschaftlich notwendigem Arbeitszeit.« (W. Liebknecht, Zur Geschichte
Massenteil eine relativ bedeutende Größe der Werttheorie in England, Jena 1902, S. 94). Wie aus dem Text zu er-
bilde, sowohl gegen die
sehen ist, stimmt auch diese Vorstellung mit der Marxschen Theorie nicht
mittlere Masse wie gegen das andere Extrem«, d. h. gegenüber überein.

142 M3
Nach der Argumentation von Marx, die wir dargestellt haben, Erhöhung über, noch durch Senkung unter ihn, ist erfordert, daß
geht er von einem normalen Produktionsverlauf aus, von der
der Druck, den die verschiednen Verkäufer aufeinander ausüben,
Übereinstimmung zwischen Angebot und effektiver Nachfrage, groß genug ist, um die Masse Waren auf den Markt zu werfen,
d. h. von solchen Fällen, in denen die Käufer die gesamte Menge
die das gesellschaftliche Bedürfnis erheischt, d. h. die Quantität,
an Waren eines bestimmten Typs zu ihren normalen Markt- wofür die Gesellschaft fähig ist, den Marktwert zu zahlen« (K.,
werten kaufen. Wie wir gesehen haben, wird der Marktwert III, S. 190). Die Übereinstimmung der Preise mit den Markt-
durch Arbeit hoher, durchschnittlicher oder geringer Produktivi- werten entspricht dem Gleichgewichtszustand zwischen den ver-
tät bestimmt; all diese Arbeitsformen könnnen gesellschaftlich schiedenen Produktionszweigen. Die unterschiedliche Bestim-
notwendige Arbeit nach der technischen Struktur
darstellen, je mung des Marktwerts durch Arbeit hoher, mittlerer oder geringer
einesbestimmten Produktionszweigs und den Wechselbeziehun- Produktivität wird klar, wenn wir die Rolle der Marktwerte im
gen zwischen Unternehmungen mit verschiedenen Produktivi- Mechanismus der Verteilung und des Gleichgewichts der Arbeit
tätsgraden innerhalb dieses Produktionszweigs. Aber all diese betrachten. Wenn Unternehmungen mit hoher Produktivität, ge-
verschiedenen Fälle, in denen sich die Bestimmung der Markt- nauer: die unter optimalen Bedingungen produzierten Güter-
werte bei normalem Angebot und normaler Nachfrage vollzieht, massen, vorherrschen, so kann der Marktwert nicht durch den
sind von den Fällen einer Divergenz zwischen Angebot und Wert einer unter durchschnittlichen oder schlechten Bedingungen
Nachfrage zu sondern, in denen der Marktpreis den Marktwert durchgeführten Produktion geregelt werden, denn dies würde
entweder übersteigt (Übernachfrage) oder unterschreitet (Über- einen Zuwachs der Surplusprofite inUnternehmungen mit höhe-
angebot). »Es wird hier abgesehn von Überführung des Marktes, rer Produktivität und eine bedeutsame Produktionsausweitung
wo immer der unter den besten Bedingungen produzierte Teil in diesen Unternehmungen mit sich bringen. Wenn diese Unter-
den Marktpreis regelt; aber hier haben wir es nicht mit dem nehmensgruppe eine beherrschende Stellung einnimmt, so würde
Marktpreis zu tun, soweit er verschieden von dem Marktwert, eine solche Produktionsausweitung dazu führen, daß auf dem
sondern mit den verschiednen Bestimmungen des Marktwerts Markt die Nachfrage überschritten wird und die Preise sich auf
selbst« (K., III, S. 192 f.). Wie lassen sich Änderungen des Markt- dem Wertniveau in Unternehmungen mit hoher Produktivität
werts erklären, die vom numerischen Übergewicht der einen oder einpendeln. Eine ähnliche Überlegung läßt sich in Fällen anstel-
anderen Unternehmensgruppe (hoher, durchschnittlicher oder len, in denen eine andere Gruppe von Unternehmungen, nämlich
niedriger Produktivität) abhängen? von solchen mit mittlerer oder niedriger Produktivität, vor-
Die Antwort auf diese Frage bietet der Mechanismus der Arbeits- herrscht. Die verschiedenen Fälle der Regulierung der Markt-
verteilungund des Gleichgewichts zwischen den verschiedenen werte (oder, was dasselbe ist, der Festlegung gesellschaftlich not-
Zweigen der gesellschaftlichen Produktion. Der Marktwert ent- wendiger Arbeit) lassen sich aus den verschiedenen Bedingungen
spricht dem theoretisch definierten Gleichgewichtszustand zwi- erklären, unter denen sich ein Gleichgewicht zwischen dem be-
schen den verschiedenen Produktionszweigen. Werden die Produktionszweig und anderen Zweigen
Wa- treffenden herstellt.
ren zu ihren Marktwerten verkauft, so bleibt der Gleichgewichts- Dieses Gleichgewicht hängt davon ab, welche der Unternehmun-
zustand erhalten, d. h. dieProduktion eines bestimmten Zweigs gen mit verschiedenen Produktivitätsgraden eine beherrschende
steigt oder sinkt nicht auf Kosten anderer Zweige. Stellung einnehmen, in letzter Instanz also vom Stand der Ent-
Gleichgewicht
zwischen verschiedenen Produktionszweigen, Entsprechung zwi- wicklung der Produktivkräfte.
schen gesellschaftlicher Produktion und Bedürf- Die
gesellschaftlichen gesellschaftlich notwendige Arbeit, die den Marktwert der
nissen, Übereinstimmung zwischen Marktpreisen und Marktwer- Waren innerhalb eines bestimmten Produktionszweigs bestimmt,
ten - all diese Faktoren sind eng miteinander verknüpft. »Damit kann somit Arbeit von hoher, mittlerer oder niedriger Produk-
der Marktpreis identischer Waren, die aber jede unter
Umstän- tivität sein. Welche Arbeit gesellschaftlich notwendig ist, hängt
den von verschiedner individueller Färbung produziert sind, vom Stand der Entwicklung der Produktivkräfte in dem be-
dem Marktwert entspreche, nicht von ihm abweiche, weder durch treffenden Produktionszweig ab und vor allem davon, welche

144
MS
der Unternehmungen mit verschiedenen Produktivitätsgraden veau des Marktwerts vereinbar, wenn sich nämlich die Preise
quantitativ überwiegen (wie wir bereits oben erwähnten, handelt den Arbeitsaufwendungen in Unternehmungen mit durchschnitt-
es sich dabei nicht um die Zahl der Unternehmungen, sondern licheroder geringer Produktivität angleichen.
um die in ihnen produzierte Warenmasse. 77 Diese Bestimmun- Schließlich sind auch Fälle denkbar, in denen sich das gesamt-

gen sind indes noch nicht erschöpfend. wirtschaftliche Gleichgewicht unter Bedingungen herstellt, in de-

Wir nehmen an, daß in zwei Produktionszweigen die Unterneh- nen der Marktwert nicht durch die individuellen Arbeitsaufwen-
mungen mit verschiedenen Produktivitätsgraden quantitativ völ- dungen innerhalb einer bestimmten Unternehmensgruppe (z. B.
lig gleich verteilt sind. Unternehmungen mit durchschnittlicher mit hoher Produktivität) determiniert wird, sondern durch den
Produktivität machen, sagen wir, 40 °/o aus, Unternehmungen Durchschnittsbetrag der Arbeitsaufwendungen in der betreffen-

mit höherer und niedrigerer Produktivität jeweils 30 °/o. Es besteht den Gruppe sowie derjenigen in der nächsten. Dies mag häufig
jedoch die folgende wesentliche Differenz zwischen den beiden vorkommen, wenn in dem betreffenden Produktionszweig die
Produktionszweigen: Im Zweig ist in den besser ausgerü-
ersten Unternehmungen nicht, wie wir unterstellt haben, in drei, son-
steten Unternehmungen und umfangreiche Auswei-
eine schnelle dern in zwei Produktivitätsklassen unterteilt sind, in eine mit
tung der Produktion möglich (z. B. wegen besonderer Vorteile in hoher und eine mit niedriger Produktivität. Unter dem »Durch-
der Konzentration der Produktion; wegen der Möglichkeit, die schnittswert« versteht man hier offensichtlich nicht das arithme-

nötigen Maschinen von auswärts zu erhalten oder schnell im ei- tische Mittel: er kann den Aufwendungen der Gruppe mit höhe-
genen Haus zu produzieren; wegen des Überflusses an Rohma- rer oder niedrigerer Produktivität näherstehen, je nach den Be-
terial, der Verfügbarkeit von zu Fabrikproduktion geeigneter dingungen, unter denen sich ein Gleichgewicht zwischen dem
Arbeitskraft usw.). In dem anderen Zweig kann sich die Groß- betreffenden Produktionszweig und den übrigen herstellt. L.
produktion nur langsamer und in geringerem Umfang ausdehnen. Boudin treibt daher die Simplifizierung des Problems zu weit,
Es läßt sich im voraus sagen, daß (unter der Voraussetzung frei- wenn er sagt, daß im Falle der Einführung technischer Verbes-
lich, daß die übrigen Bedingungen gleich sind) in dem ersten serungen und neuer Produktionsmethoden »der Wert der produ-
Zweig der Marktwert dazu tendieren wird, sich auf einem tiefe- zierten Waren . . . sich nicht nach dem durchschnittlichen Arbeits-

ren Niveau einzupendeln als im zweiten, d. h. im ersten Zweig aufwand bemessen wird, sondern entweder nach dem der alten

wird der Marktwert sich enger an die Arbeitsaufwendungen in oder nach dem der neuen Produktionsmethode.« 78
Unternehmungen mit höherer Produktivität anlehnen. Im zwei- Die verschiedenen Fälle der Bestimmung des Marktwerts (d. h.
ten Zweig dagegen mag der Marktwert steigen. Stiege der Markt- der Bestimmung gesellschaftlich notwendiger Arbeit) erklären
wert im ersten Zweig ebenso hoch wie im zweiten, so hätte dies sich mithin aus den unterschiedlichen Bedingungen, unter denen

eine schnelle und umfangreiche Produktionsausweitung in Unter- sich ein Gleichgewicht zwischen Zweig und
dem betreffenden

nehmungen mit höherer Produktivität zur Folge, ein Überange- anderen Zweigen der Gesamtwirtschaft was vom Stand
herstellt,

bot auf dem Markt, eine Gleichgewichtsstörung zwischen Ange- der Entwicklung der Produktivkräfte abhängt. Die Erhöhung
bot und Nachfrage sowie einen Preisabfall. Soll das Gleichgewicht der Proditktivkraß der Arbeit in einem bestimmten Produk-
zwischen dem ersten Produktionszweig und anderen Produk- tionszweig ändert sowohl die Bedingungen, unter denen sich ein
tionszweigen fortbestehen, so muß sich im ersten Zweig der Markt- Gleichgewicht zwischen diesem Zweig und anderen Zweigen her-
wert den Aufwendungen in Unternehmungen mit höherer Pro- stellt, wie auch die Größe der gesellschafilich notwendigen Ar-
duktivität annähern. Im Fall des zweiten Produktionszweigs ist beit und den Marktwert. Die Arbeitszeit »wechselt . . . mit je-
das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht mit einem höheren Ni- dem Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit« (K., I, S. 54).

»Allgemein: Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto klei-


ner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit,
yj »Es wird namentlich von dem numerischen Verhältnis oder dem propor-
tionellen Größenverhältnis der Klassen [von Unternehmungen mit unter-
schiedlicher Produktivität, d. Übers.] abhängen, welche den Durchschnitts- 78 Louis B. Boudin, The Theoretical System of Karl Marx, Chicago 1907,

wert definitiv settled« {Theorien über den Mehrwert, II, S. 202). S. 70.

146 147
desto kleiner die in ihm kristallisierte Arbeitsmasse, desto klei- den Fälle zu sondern sind, in denen die Preise von den Markt-
ner sein Wert. Umgekehrt, je kleiner die Produktivkraft der werten abweichen. Wenn sich der Marktwert unter Normalbe-
Arbeit, desto größer die zur Herstellung eines Artikels notwen- dingungen nach den Durchschnittswerten richtet, so wird im
dige Arbeitszeit, desto größer sein Wert« (ebd., S. 55). In der Falle einer Übernachfrage der Marktpreis vom Marktwert nach
Marxschen Theorie hängt der Begriff der gesellschaftlich not- oben abweichen und sich den Kosten von Unternehmungen mit
wendigen Arbeit eng mit dem Begriff der Produktivkraft der geringer Produktivität annähern. Das Umgekehrte wird sich
Arbeit zusammen. In einer warenproduzierenden Gesellschaft im Falle eines Überangebots ereignen. Ist das Quantum der
findet die Entwicklung der Produktivkräfte ihren ökonomischen Produkte auf dem Markt »kleiner oder größer als die Nach-
Ausdruck den Änderungen der gesellschaftlich notwendigen
in frage dafür, so finden Abweichungen des Marktpreises vom
Arbeit und in den dadurch bestimmten Änderungen des Markt- Marktwert statt« (K., III, S. 195). Marx unterschied strikt zwi-
werts einzelner Waren. Die Bewegungen der Werte auf dem schen den Fällen, in denen sich der Marktwert z. B. durch die
Markt spiegeln den Entwicklungsprozeß der Arbeitsproduktivi- Kosten in Unternehmungen mit hoher Produktivität bestimmt,
tät. Eine treffende Formulierung dieses Gedankens findet sich in weil in diesen die größte Warenmasse hergestellt wird, und den
Sombarts bekanntem Artikel über den dritten Band des Kapital. Fällen, in denen sich der Marktwert normalerweise nach dem
»Der Wert der Waren ist die spezifisch historische Form, in der Durchschnittswert richtet, in denen jedoch wegen eines Über-
sich die in letzter Instanz alle wirtschaftlichen Vorgänge beherr- angebots der Marktpreis über dem Marktwert liegt[? d. U.] und
schende gesellschaftliche Produktivität der Arbeit bestimmend durch die Kosten in Unternehmungen mit hoher Produktivität
durchsetzt.« 79 Sombart ging allerdings fälschlich davon aus, daß bestimmt wird (vgl. K., III, S. 192 und S. 194 f.). Der erste

die Theorie der gesellschaftlich notwendigen Arbeit den gesam- Fall, in dem Arbeitsaufwendungen
die Güter entsprechend den
ten Inhalt der Marxschen Werttheorie darstelle. Die Theorie der in Unternehmungen mit hoher Produktivität verkauft werden,
gesellschaftlich notwendigen Arbeit umfaßt lediglich den quanti- bezeichnet eine normale Marktlage; es besteht Gleichgewicht
tativen, nicht jedoch den qualitativen Aspekt des Werts. »Daß zwischen dem betreffenden Produktionszweig und anderen
das Quantum der in einer Ware enthaltenen Arbeit das zu ihrer Zweigen. Im zweiten Fall wird der Verkauf der Waren zu den-
Produktion notwendige Quantum ist - die Ar-
gesellschaftlich selben Kosten durch ein abnormes Überangebot auf dem Markt
beitszeit also notwendige Arbeitszeit — ist eine Bestimmung, die
, verursacht und bedingt unvermeidlich eine Einengung der Pro-
nur die Wertgröße betrifft« (Theorien über den Mehrwert, III, duktion in dem betreffenden Zweig, daß das
d. h. er zeigt an,
S. 133). Sombart beschränkte sich auf den Aspekt der Marxschen Gleichgewicht zwischen den einzelnen Zweigen fehlt. Im ersten
Theorie, der die Abhängigkeit der Änderungen in der Wertgröße Fall werden die Waren zu ihren Marktwerten verkauft. Im
von der Bewegung des materiellen Produktionsprozesses darlegt; zweiten Fall weicht der Warenpreis von den durch die gesell-
vom originellsten Teil der Marxschen Theorie, der Theorie der schaftlich notwendige Arbeit bestimmten Marktwerten ab.
»Wertform«, nahm er keine Notiz. 80 In diesem Zusammenhang läßt sich der Fehler jener Marx-In-
Weiter oben haben wir betont, daß die verschiedenen Fälle der terpreten klar erkennen, die behaupten, daß selbst in Fällen
Bestimmung des Marktwerts, die wir untersucht haben, von den von Überangebot (oder Warenknappheit) auf dem Markt der
aus einem Überangebot oder einer Übernachfrage sich ergeben- Verkauf der Waren durch die auf ihre Produktion verwandte
gesellschaftlich notwendige Arbeit bestimmt sei. Unter gesell-

79 Werner Sombart, »Zur Kritik des


ökonomischen Systems von Karl Marx«, schaftlich notwendiger Arbeit verstehen sie nicht nur die Ar-
in: Braun's Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, 1894, Band VII, beit, die zur Herstellung eines einzelnen Exemplars einer be-
S. $77.
80 Auf diese grundlegende Verkürzung der Sombartschen Interpretation ver-
stimmten Ware bei einem bestimmten Stand der Entwicklung
wies S. Bulgakov in seinem Artikel »Cto takoe trudovaja cennost« (Was der Produktivkräfte erforderlich ist, sondern den Gesamtbetrag
ist der Arbeitswert), Sborniki pravovedenija i obscestvennycb znanii (Auf-
an Arbeit, den die Gesellschaft als ganze auf die Produktion
sätze zur Jurisprudenz und zur Gesellschaftswissenschaft), 1896, Band VI,
S.238. einer bestimmten Warenart verwenden kann. Wenn die Gesell-
schaft - bei einem bestimmten Stand der Entwicklung der Pro- bedingungen, d. h. um Änderungen in der notwendigen Ar-
duktivkräfte - eine Million Arbeitstage auf die Produktion von beitszeit {Theorien über den Mehrwert, I, S. 204).Im zweiten
Schuhen verwenden kann (und damit eine Million Paar Schuhe Fall wurde in diesem Zweig ein zu großes Quantum an gesell-

herstellt), tatsächlich aber i 250000 Tage aufbringt, so reprä- schaftlicher Arbeit verausgabt, ein Quantum, das das für die
sentieren die 1 250 000 Paar Schuhe lediglich eine Million Tage Gesamtmasse erforderliche übersteigt, obwohl jeder Produktteil
gesellschaftlich notwendiger Arbeit und ein einzelnes Paar Schu- nur die gesellschaftlich notwendige Arbeit kostet (wir nehmen
he 0,8 Arbeitstage. Ein Paar Schuhe würde dann nicht für 10 hierbei an, daß die übrigen Produktionsbedingungen konstant

Rubel verkauft (wenn wir annehmen, daß die Arbeit an einem bleiben) {ebd.).

Tag einen Wert von 10 Rubel erzeugt), sondern für 8 Rubel. Die Autoren, die für eine Erweiterung des Begriffs der gesell-
Können wir behaupten, daß das Quantum an gesellschaftlich schaftlich notwendigen Arbeit eintreten, begehen folgende

notwendiger Arbeit, das in einem Paar Schuhe enthalten ist, grundsätzliche methodologische Fehler:

sich aufgrund der Überproduktion änderte, selbst wenn die 1. Sie verwechseln eine normale Marktlage mit einer abnormen,
Technik der Schuhproduktion sich keineswegs änderte? Oder das Gesetz des Gleichgewichts zwischen verschiedenen Produk-
sollten wir nicht besser sagen: obwohl das Quantum an gesell- tionszweigen mit - nur temporär möglichen - Fällen eines
schaftlich notwendiger Arbeit, das zur Erzeugung eines Paars Zusammenbruchs des Gleichgewichts.
Schuhe erforderlich ist, sich nicht änderte, werden die Schuhe 2. Dadurch verzerren sie den Begriff der gesellschafilich not-

aufgrund des Überangebots zu einem Marktpreis verkauft, der wendigen Arbeit, der von einem Gleichgewicht zwischen dem
unter dem durch die gesellschaftlich notwendige Arbeit be- in Frage stehenden Produktionszweig und anderen Zweigen

stimmten Marktwert liegt? Die Antwort der oben erwähnten ausgeht.

Marx-Interpreten geht in die erste Richtung, womit sie einen 3. Sie übersehenden Mechanismus der Abweichung der Markt-
»ökonomischen« Begriff von notwendiger Arbeit zugrundele- preise von den Werten und betrachten den Verkauf von Gütern
gen, d. h. sie behaupten, daß die gesellschaftlich notwendige zu gleich welchem Preis bei noch so abnormen Marktbedingun-
Arbeit nicht nur im Hinblick auf Änderungen in der Produk- gen fälschlicherweise als einen Verkauf zum jeweiligen Wert.
tivkraft der Arbeit, sondern auch in bezug auf Änderungen im Sie verwechseln Preis und Wert.

Gleichgewicht zwischen gesellschaftlichem Angebot und gesell- 4. Sie durchbrechen die enge Verbindung zwischen dem Begriff

Nachfrage variiert. Indem wir die gesellschaftlich


schaftlicher der gesellschaftlich notwendigen Arbeit und dem Begriff der
notwendige Arbeit als abhängig von der Produktivkraft der Produktivkraft der Arbeit; danach kann die gesellschaftlich not-
Arbeit definierten, haben wir die Frage im zweiten Sinne be- wendige Arbeit variieren, ohne daß die Produktivkraft der Ar-
antwortet. Einmal kann aufgrund technischer Verbesserungen beit sich ändert.

die zur Herstellung eines Paars Schuhe notwendige Zeit von Zu einer eingehenden Analyse der »ökonomischen« Version der

10 auf 8 Stunden fallen, was eine Reduktion der gesellschaft- gesellschaftlich notwendigen Arbeit werden wir im nächsten
lich notwendigen Arbeit, eine Wertminderung, einen allgemei- Kapitel gelangen.

nen Preisfall bei Schuhen als dauerhafte, normale Erscheinung

bedeutet. Oder aber — und das ist etwas gänzlich anderes —


ein Paar Schuhe wird aufgrund des Überangebots an Schuhen
für 8 Rubel verkauft, obwohl, wie zuvor, 10 Stunden zur Her-
stellung von Schuhen erforderlich sind. In diesem Fall handelt
es sich um eine abnorme Marktlage, die zu einem Rückgang in
der Schuhproduktion führt; die Preise fallen temporär und
werden dazu tendieren, zum früheren Niveau zurückzukehren.
Im ersten Fall geht es um eine Änderung in den Produktions-

150
Wert und gesellschaftliches Bedürfnis Bei »Zufuhr und Nachfrage ist die Zufuhr gleich der Summe
der Verkäufer oder Produzenten einer bestimmten Warenart,
und die Nachfrage gleich der Summe der Käufer oder Konsu-
menten (individueller oder produktiver) derselben Warenart«
(K., HI, S. 203). Beschäftigen wir uns zunächst mit der Nach-
frage. Wir müssen sie genauer definieren: die Nachfrage ist
gleich der Summe der Käufer mal der durchschnittlichen Wa-
renmenge, die jeder von ihnen erwirbt, d. h. die Nachfrage ist
gleich der Summe der Waren, für die sich auf dem Markt Käu-
fer finden lassen. Auf den ersten Blick scheint sich der Umfang
I.Wert und Nachfrage der Nachfrage als ein genau bestimmtes Quantum darzustellen,

das vom Umfang des gesellschaftlichen Bedürfnisses nach einem


Vertreter des sogenannten ökonomischen Begriffs von jedoch nicht der Fall. Die
gesell- bestimmten Produkt abhängt. Das ist
notwendiger Arbeit behaupten, eine Ware könne nur
schaftlich
»quantitative Bestimmtheit dieses Bedürfnisses ist durchaus ela-
unter der Bedingung zu ihrem Wert verkauft werden, daß die Wären die Le-
stisch und schwankend. Seine Fixität ist Schein.
Gesamtmenge der produzierten Waren bestimmten Typs
eines bensmittel wohlfeiler oder der Geldlohn höher, so würden die
dem Umfang des gesellschaftlichen Bedürfnisses nach diesen Gü-
Arbeiter mehr davon kaufen, und es würde sich größres >ge-
tern entspricht oder, was dasselbe ist, daß die Menge der in sellschaftliches Bedürfnis< für diese Warensorten zeigen« (K.,
dem betreffenden Industriezweig tatsächlich verausgabten Ar-
III, S. 198; Hervorh. v. I. R.). Wie wir sehen, bestimmt sich die
beitmit der Arbeitsmenge übereinstimmt, die die Gesellschaft dem betreffenden gegen-
Höhe der Nachfrage nicht allein nach
auf die Produktion des betreffenden Warentyps verwenden
wärtigen Bedürfnis, sondern auch nach der Größe des Einkom-
kann, wenn man einen bestimmten Grad der Entwicklung der mens oder der Zahlungsfähigkeit der Käufer und nach den Wa-
Produktivkräfte voraussetzt. Diese letztere Arbeitsmenge hängt
renpreise». Die Nachfrage einer bäuerlichen Bevölkerung nach
jedoch offensichtlich vom Umfang des gesellschaftlichen Bedürf-
Baumwolle kann sich vergrößern 1 aufgrund eines gewachse-
.

nach den betreffenden Produkten - oder vom Umfang der


nisses
nen Bedürfnisses der bäuerlichen Bevölkerung nach Baumwolle
Nachfrage nach ihnen - ab. Das bedeutet, daß der Warenwert
statt nach dem in Heimarbeit hergestellten Leinen (wir lassen
nicht nur durch die Produktivität der Arbeit bestimmt ist (die
die Frage nach den ökonomischen oder gesellschaftlichen Ursa-
das unter gegebenen, durchschnittlichen technischen Bedingun-
chen dieses Bedürfniswandels beiseite); 2. aufgrund einer Ein-
gen zur Warenproduktion notwendige Arbeitsquantum aus-
kommens- oder Kaufkraftsteigerung bei den Bauern; 3. auf-
drückt), sondern auch durch den Umfang der gesellscbafilichen
grund eines Sinkens des Baumwollpreises. Setzt man eine be-
Bedürfnisse oder der Nachfrage. Gegner dieser Auffassung wen-
stimmte Bedürfnisstruktur sowie eine bestimmte Kaufkraft
den ein, daß Änderungen in der Nachfrage, die nicht von Än-
(d. h. eine bestimmte Einkommensverteilung in der Gesellschaft)
derungen in der Arbeitsproduktivität und in der Produktions-
als gegeben voraus, so variiert die Nachfrage nach einer be-
technik begleitet sind, lediglich temporäre Abweichungen der
stimmten Ware mit den Änderungen ihres Preises, da nämlich
Marktpreise von den Marktwerten hervorrufen, aber keine
die Nachfrage »sich in umgekehrter Richtung zum Preise be-
langfristigen und dauerhaften Änderungen in den Durchschnitts-
preisen; d. h. sie verursachen keine Änderungen im Wert selbst. nomischen« Version der gesellschaftlich notwendigen Arbeit in folgenden
Um dieses Problem zu begreifen, ist es nötig, die Wirkungsweise Büchern: T. Grigorovichi, Die Wertlehre bei Marx und Lassalle, Wien
1910; Karl Dichl, Sozialwissenschaßlicbe Erläuterungen zu David Ricardos
des Mechanismus von Angebot und Nachfrage (oder der Kon-
Grundgesetzen der Volkswirtschaft und Besteuerung, Bd. I, Leipzig 1921;
kurrenz) zu untersuchen. 81 vgl. auch die Diskussion in der Zeitschrift Pod znamenem marksizma (Un-
ter dem Banner des Marxismus), 1922-23, insbesondere die Artikel von
81 Der Leser findet die Geschichte der sogenannten »technischen« oder »öko- M. Dvolaitski, A. Mendelson, V. Motylev.

IJ* 153
wegt, zunimmt, wenn dieser fällt, und umgekehrt« (K., III, Wie wir gesehen haben, sind in der kapitalistischen Gesellschaft
S. 200).»Ausdehnung oder Einschränkung des Markts (hängt) gesellschaftliche Bedürfnis im allgemeinen, noch das
weder das
vom Preis der einzelnen Ware ab und (steht) in umgekehr-
. . .
mit Kaufkraft ausgestattete gesellschaftliche Bedürfnis, noch die
tem Verhältnis zum Steigen oder Fallen dieses Preises« (ebd.,
entsprechende Nachfrage eine fixe, genau bestimmte Größe. Die
S. 118). Der Einfluß der bezeichneten Verbilligung der Waren Gut hängt von
Höhe der Nachfrage nach einem bestimmten
auf die Ausdehnung des Konsums solcher Waren wird stärker
einem bestimmten Preis ab. Wenn wir sagen, daß sich die Nach-
sein, wenn diese Verbilligung nicht vorübergehend, sondern
frage nach Tuch in einem bestimmten Land während eines
dauerhaft ist, d. h. wenn sie von einem Steigen der Arbeitspro- Jahres auf 240 000 Arschinen beläuft, so müssen wir zumindest
duktivität in der betreffenden Branche und von einer Wert- hinzufügen: »bei einem bestimmten Preis« von, sagen wir,
minderung des Produkts herrührt (K., III, S. 670).
2 Rubeln 75 Kopeken pro
Arschin. Die Nachfrage läßt sich in
Die Höhe der Nachfrage nach einer bestimmten Ware ändert
einem Schema darstellen, welches die Relation zwischen ver-
sich, wenn sich der Preis der Ware ändert. Die Nachfrage ist
schiedenen Nachfragemengen und verschiedenen Preisen auf-
eine Größe, die nur dann determiniert ist, wenn ein Warenpreis
zeigt. Untersuchen wir das folgende Nachfrageschema für
gegeben ist. Die Abhängigkeit der Höhe der Nachfrage von Tuch 82 :

Preisänderungen ist bei verschiedenen Waren unterschiedlich.


Die Nachfrage nach lebenswichtigen Gütern - z. B. nach Brot, Tabelle 1
Salz usw. - zeichnet sich durch geringe Elastizität aus, d. h. die
Preise Nachfrage
Änderungen in der konsumierten Menge dieser Waren - und
(in Rubeln pro Arschin) (in Arschinen)
damit in der Nachfrage nach diesen Waren - sind weniger ein-
schneidend als die entsprechenden Preisänderungen. Fällt der
Rbl. Kop.
Brotpreis auf die Hälfte, so steigt der Brotverbrauch nicht aufs 7 30 000
Doppelte, sondern in geringerem Ausmaß. Das heißt nicht, daß 6 50 000
die Verbilligung des Brots die Nachfrage nach Brot nicht stei- 5 75 000
gen läßt. Der direkte Konsum an Brot erhöht sich in einem 3 50 100 000
gewissen Umfang. Ferner kann »ein Teil des Getreides ... als 3 25 120 000
Branntwein oder Bier verzehrt werden. Und der steigende 3 150 000
Konsum dieser beiden Artikel ist keineswegs in enge 2 75 240 000
Grenzen
gebunden« (K., III, S. 670). Schließlich »kann Vermehrung und 2 5° 300 000
Verwohlfeilerung der Produktion von Weizen die Folge haben, 2 350 000
daß statt Roggen oder Hafer Weizen Hauptnahrungsmittel der 1 450 000
Volksmasse wird« (ebd.), wodurch sich die Nachfrage nach Wei-
zen erhöht. Selbst lebenswichtige Güter sind also dem allge- Dieses Schema läßt sich nach oben oder nach unten verlängern:
meinen Gesetz unterworfen, nach dem die Nachfrage nach einer nach oben bis zu dem Punkt, an dem die Waren eine geringe
bestimmten Ware in umgekehrter Richtung zur Änderung ihres Käuferzahl aus den reichen Klassen der Gesellschaft finden wer-
Preises steigt oder fällt. Die Abhängigkeit der Nachfrage vom den; nach unten bis zu dem Punkt, an dem das Bedürfnis der
Preis wird vollends einsichtig, wenn wir uns vergegenwärtigen, Bevölkerungsmehrheit nach Tuch so weitgehend befriedigt ist,

daß die Kaufkraft der Volksmasse - insbesondere die der Lohn- daß eine weitere Verbilligung des Tuchs keine weitere Ausdeh-
arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft - begrenzt ist. Nur nung der Nachfrage nach sich ziehen wird. Zwischen diesen
in dem Maße, wie gewisse Waren
werden, fügen sie sich
billiger
in die Konsumgewohnheiten der Mehrheit der Bevölkerung 82 Die absoluten Zahlen und die Wachstumsrate der Nachfrage sind völlig

ein und werden Gegenstand von Massennachfrage. willkürlich gewählt.


83 John Stuart Mill, Grundsätze der politischen Ökonomie, Jena 1924, S. 663.

154 155
Ausweitung der Tuchproduktion verursachen würde. Von
Kom- einer
beiden Extremen gibt es eine unendliche Zahl möglicher
binationen von Nachfragehöhe und Preishöhe. Welche dieser Anzahl möglicher Kombinationen von Nachfrage
unendlichen
möglichen Kombinationen ist nun die reale? Betrachten wir und Preis kann somit nur eine einzige auf Dauer existieren, die-

allein die Nachfrage, so können wir nicht wissen, ob die Nach- jenige nämlich, bei der der Marktwert dem Preis gleich ist, eine

fragehöhe von 30 000 Arschinen bei 7 Rubeln pro Arschin sich Kombination also, die in der Tabelle 1 den siebten Platz von
oben einnimmt: 2 Rubel 75 Kopeken - 240 000 Arschinen.
Diese
mit größerer Wahrscheinlichkeit durchsetzen wird als eine Nach-
fragehöhe von 450 000 Arschinen bei 1 Rubel pro Arschin, oder Kombination setzt sich offenlichtlich nicht exakt durch, sondern
ob eine Kombination, die zwischen diesen beiden Extremen den Gleichgewichtszustand dar, die Durchschnittshöhe, um
stellt
tatsächliche Nach-
liegt, wahrscheinlicher ist. Das tatsächliche Nachfragevolumen die die tatsächlichen Marktpreise und das
ist durch die Höhe der Arbeitsproduktivität bestimmt, die sich fragevolumen oszillieren werden. Der Marktwert von 2 Rubeln
im Wert eines Arschins Tuch ausdrückt. 75 Kopeken bestimmt die Höhe der effektiven Nachfrage,
Wenden wir uns den Bedingungen zu, unter denen das Tuch 240000 Arschinen, und das Angebot (d.h. das Produktions-
Eine
Nehmen wir an, daß
produziert wird. sämtliche Tuchfabriken volumen) wird sich von diesem Betrag anziehen lassen.
das Tuch unter denselben technischen Bedingungen produzieren. Produktionsausdehnung Höhe von, sagen wir, 300 000
bis zur
Tuchproduktion so hoch, Arschinen wird, wie aus der Tabelle hervorgeht, ein Absinken
Die Arbeitsproduktivität in der sei

daß 2V4 Arbeitsstunden (die Kosten von Rohmaterialien, Ma- der Preise unter den Marktwert - auf etwa 2 Rubel 50 Kope-
Tuch - zur Folge haben, was für die Produzenten ungünstig ist
schinen usw. eingeschlossen) zur Herstellung eines Arschins ken
erforderlich sind. Wenn wir davon ausgehen, daß eine Arbeits- und sie zu einer Produktionseinschränkung zwingt. Das Umge-
kehrte wird stattfinden, wenn die Produktion auf
weniger als
stunde einen Wert von einem Rubel erzeugt, so erhalten wir
eingeschränkt wird. Normalerweise wird sich
einen Marktwert von 2 Rubeln 75 Kopeken für einen Arschin. 240 000 Arschinen
In einer kapitalistischen Wirtschaft entspricht der Durchschnitts- die Produktion oder das Angebot auf 240000 Arschinen be-
wert des Tuchs nicht dem Arbeitswert sondern dem Produk- laufen. Sämtliche Kombinationen unseres Schemas, außer einer
einzigen, können also nur temporär bestehen; sie sind
Ausdruck
tionspreis. In diesem Fall unterstellen wir, daß der Produk-
einer abnormen Marktlage und einer Abweichung
des Markt-
tionspreis 2 Rubel 75 Kopeken beträgt. Im weiteren Verlauf
möglichen Kombinatio-
unserer Darstellung werden wir den Marktwert generell, ent- preises vom Marktwert. Von sämtlichen

weder dem Arbeitswert oder dem Produktionspreis, gleich- nen stellt nur die eine, die dem Marktwert entspricht - nämlich
2 Rubel 75 Kopeken bei 240000 Arschinen - einen
Gleichge-
setzen. Ein Marktwert von 2 Rubeln 75 Kopeken ist das Mi-
nimum, unter das der Preis des Tuchs auf die Dauer nicht ab- wichtszustand dar. Der Marktwert von 2 Rubeln 75 Kopeken
Normalpreis bezeichnet wer-
sinken kann, da eine solche Preissenkung eine Einschränkung kann als Gleichgewichtspreis oder
von 240 000 Arschinen als Gleich-
der Tuchproduktion und einen Kapitaltransfer in andere Bran- den, die Produktionsmenge
chen verursachen würde. Wir unterstellen außerdem, daß der gewichtsmenge 84 , die zugleich die normale Nachfrage und das
Wert eines Arschins Rubel 75 Kopeken beträgt, unab-
Tuch 2 normale Angebot darstellt.

hängig davon, ob eine geringere oder eine größere Menge Tuch Unter der unendlichen Anzahl instabiler Nachfragekombinatio-
produziert wird; mit anderen Worten: daß eine Ausdehnung nen haben wir nur eine einzige stabile Gleichgewichtskombina-
tion entdeckt, die aus dem Gleich gewichtspr eis (Wert)
und der
der Tuchproduktion die auf die Herstellung eines Arschins Tuch
ihm entsprechenden Gleichgewichtsmenge besteht. Die Stabilität
verwandte Arbeitsmenge oder verausgabten Produktionskosten
nicht verändert. In diesem Fall ist der Marktwert von 2 Rubeln price) und »Gleichgc-
»Gleichgewichtspreis« (equilibrium
84 Die Begriffe
75 Kopeken, »dieses Minimum, mit dem die Produzenten zu- wichtsmenge« (equilibrium amount) wurden von Marshall,
Pnnciples of
wird hier nicht
frieden sein werden, auch das Maximum« 83 über das der Preis
,
Economics, 1910, S. 345, verwandt. Das Adjektiv »normal«
Sinne einer Durch-
im Sinne eines »Sein-sollenden« gebraucht, sondern im
auf die Dauer nicht steigen kann, da eine solche Preissteigerung und eine Regel-
schnittshöhe, die dem Gleichgewichtszustand entspricht
einen Kapitaltransfer von Seiten anderer Branchen und eine mäßigkeit in der Preisbewegung zum Ausdruck bringt.

156 157
dieser Kombination läßt sich aus der Stabilität des Produk- ten: der Wert (oder der Normalpreis) bestimmt die normale
tionspreises - oder
des Werts - ableiten, nicht aus der Stabilität Nachfrage und das normale Angebot. Abweichungen der tat-
der Gleichgewichtsmenge. Der Mechanismus der kapitalistischen sächlichen Nachfrage oder des tatsächlichen Angebots bestimmen

Ökonomie erklärt nicht, warum das Nachfragevolumen zu ei- die Marktpreise »oder vielmehr die Abweichungen der Markt-
nem Betrag von 240 000 Arschinen tendiert, unabhängig von preise vom Marktwert«, Abweichungen, die ihrerseits eine Be-

allen Oszillationen nach oben und nach unten. Er erklärt jedoch wegung in Richtung auf ein Gleichgewicht herbeiführen. Durch
sehr wohl, daß die Marktpreise trotz aller Fluktuationen zum die normale Nachfrage und das normale Angebot reguliert der

Wert (oder Produktionspreis) von 2 Rubeln 75 Kopeken ten- Wert den Preis. Die Phase des Gleichgewichts zwischen Angebot
dieren müssen. Damit tendiert auch das Nachfragevolumen zu und Nachfrage bezeichnen wir als das Stadium, in dem die
240 000 Arschinen. Der Stand der Technologie bestimmt den Wert Waren zu ihren Werten verkauft werden. Und da der Verkauf
des Produkts, und der Wert bestimmt seinerseits das normale der Waren zu ihren Werten dem Gleichgewichtszustand zwi-
Nachfragevolumen und die entsprechende normale Angebots- schen verschiedenen Produktionszweigen entspricht, gelangen
menge, wenn wir eine bestimmte Höhe der Bedürfnisse und des wir zu dem Schluß: Gleichgewicht zwischen Nachfrage und An-
Einkommens bei der Bevölkerung voraussetzen. Die Abweichung gebot ist dort gegeben, wo ein Gleichgewicht zwischen den ver-
des tatsächlichen vom normalen Angebot (d. h. Überproduktion schiedenen Produktionszweigen besteht. Wir würden einen me-

oder Unterproduktion) führt zu einer Abweichung des Markt- thodologischen Fehler begehen, wollten wir bei der ökonomi-

preises vom Wert. Diese Preisabweichung erzeugt ihrerseits eine schen Analyse vom Gleichgewicht zwischen Nachfrage und An-

Tendenz zur Änderung des tatsächlichen Angebots in Richtung gebot ausgehen. Das Gleichgewicht in der Verteilung gesellschaft-
auf ein normales Angebot. Wenn dieses ganze System von licher Arbeit auf die verschiedenen Produktionszweige bleibt
Fluktuationen oder dieser Mechanismus von Nachfrage und — wie in unseren früheren Darlegungen - der Ansatzpunkt.
Angebot um konstante Größen - die Werte - kreist, die durch Obwohl die Ansicht von Marx über Nachfrage und Angebot,
die Produktionstechnik bestimmt sind, so erzeugen Änderungen die er im 10. Kapitel des dritten Bandes des Kapital (und an
dieser Werte, die sich aus der Entwicklung der Produktivkräfte anderen Stellen) darlegte, fragmentarisch formuliert sind, lassen
ergeben, entsprechende Änderungen im gesamten Mechanismus sich in seinem Werk durchaus Hinweise darauf finden, daß er

von Angebot und Nachfrage. Der Marktmechanismus erhält den Mechanismus von Nachfrage und Angebot im oben darge-
einen neuen Schwerpunkt. Wertänderungen verändern das nor- stellten Sinn begriffen hat. Nach Marx wird der Marktpreis mit
male Nachfragevolumen. Wenn aufgrund der Entwicklung der dem Marktwert unter der Bedingung übereinstimmen, daß die
Produktivkräfte die Menge der zur Produktion eines Arschins Verkäufer »die Masse Waren auf den Markt . . . werfen, die das
Tuch notwendigen Arbeit von 2 3 A auf 2V2 Stun-
gesellschaftlich gesellschaftliche Bedürfnis erheischt, d. h. die Quantität, wofür
den, der Wert eines Arschins Tuch also von 2 Rubeln 75 Ko- die Gesellschaft fähig ist, den Marktwert zu zahlen« {ebd.).

peken auf 2 Rubel 50 Kopeken sinkt, so würde sich — unter der Nach dem Marxschen Text hängt das »gesellschaftliche Bedürf-
Voraussetzung, daß die Bedürfnisse und die Kaufkraft der Be- nis« von der Menge der Waren ab, die - zu einem Preis, der

völkerung unverändert bleiben — die normale Nachfrage- und dem Wert gleich ist - auf dem Markt Käufer finden, d. h. von
die normale Angebotsmenge bei 300 000 Arschinen einspielen. der Menge, die wir als »normale Nachfrage« oder »normales
Änderungen im Wert erzeugen Änderungen in Nachfrage und Angebot« bezeichnet haben.An anderer Stelle spricht Marx von
Angebot. »Wenn daher Nachfrage und Zufuhr den Marktpreis der »Differenz zwischen dem Quantum der produzierten Wa-
regulieren oder vielmehr die Abweichungen der Marktpreise ren und dem Quantum, wobei die Waren zu ihrem Marktwert
vom Marktwert, so reguliert andrerseits der Marktwert das verkauft werden« {ebd., S. 195), d.h. von der Differenz zwi-
Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr oder das Zentrum, um schen momentaner und »normaler Nachfrage«. Hieraus erklä-

das die Schwankungen der Nachfrage und Zufuhr die Markt- ren sich verschiedene Abschnitte des Marxschen Textes, in denen
preise oszillieren machen« (K., III, S. 190). Mit anderen Wor- er vom »gewöhnlichen« gesellschaftlichen Bedürfnis und vom

158
»gewöhnlichen« Quantum von Nachfrage und Angebot spricht. Tabelle 2
Er meint damit die »normale Nachfrage« und das »normale
Angebot«, die einem bestimmten Wert entsprechen und sich Preise Nachfrage
ändern, wenn der Wert sich ändert. Über einen englischen Öko- (in Rubeln pro Arschin) (in Arschinen)

nomen sagt Marx: »Der kluge Mann begreift nicht, daß im vor- Rbl. Kop.
liegenden Fall gerade der Wechsel in cost of production, also — 50 OOO
7
auch im Wert, die Änderung in der Nachfrage, also im Verhält- 6 75 000
nis von Nachfrage und Zufuhr, hervorgebracht hatte und daß 100 000
5
diese Änderung in der Nachfrage eine Änderung in der Zufuhr 50 150 000
3
herbeiführen kann; was gerade das Gegenteil beweisen würde 25 200 000
3
von dem, was unser Denker beweisen will; es würde nämlich 240 000
3
beweisen, daß die Änderung in den Produktionskosten keines- 2 280000
75
wegs von dem Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr reguliert 2 50 320 000
ist, sondern im Gegenteil selbst dies Verhältnis reguliert« (K.,
2 400 000
III, S. 20 1, Fußn.; Hervorh. v. I. R.).
1 500 000
Wir haben gesehen, daß - unter der Voraussetzung, daß Be-
dürfnisse und Kaufkraft der Bevölkerung gleich bleiben -Wert- Der Marktpreis, der in Tabelle 1 dem Wert entsprach, betrug
änderungen zu Änderungen im normalen Nachfragevolumen 2 Rubel 75 Kopeken, und die normale Höhe von Nachfrage und
führen. Fragen wir uns nun, ob diese Beziehung auch umkehr- Angebot belief sich auf 240 000 Arschinen. Die Nachfrageände-
bar ist: ob eine weitreichende Änderung in der Nachfrage eine rung, die in Tabelle 2 dargestellt wurde, erhöhte den Markt-
Änderung im Produktwert hervorbringt, wenn die Produk- preis des Tuchs direkt auf etwa 3 Rubel pro Arschin, da sich
tionstechnik unverändert bleibt. Wir sprechen dabei von weit- nur 240 000 Arschinen Tuch auf dem Markt befanden. Nach un-
reichenden und andauernden, nicht dagegen von temporären serem Schema war dies die Menge, die von den Käufern zum
Änderungen in der Nachfrage, die lediglich den Marktpreis Preise von 3 Rubeln verlangt wurde. Sämtliche Produzenten
Änderungen (z. B. die Erhö-
beeinflussen. Solche weitreichenden verkaufen ihre Waren nicht, wie früher, für 2 Rubel 75 Kope-
hung der Nachfrage nach einem bestimmten Produkt), die von ken, sondern für 3 Rubel. Da (wie wir voraussetzten) die Pro-
Änderungen im Wert der Produkte unabhängig sind, können duktionstechnik sich nicht änderte, erhielten die Produzenten
sich ereignen, weil entweder die Kaufkraft der Bevölkerung, einen zusätzlichen Profit von 25 Kopeken pro Arschin. Dies führt
oder aber das Bedürfnis nach einem bestimmten Produkt ge- zu einer Ausdehnung der Produktion und vielleicht sogar zu
stiegen ist. Die Intensität von Bedürfnissen kann sich aufgrund einem Kapitaltransfer von Seiten anderer Sphären (auf dem Wege
oder natürlicher Ursachen ändern (z. B. kön-
gesellschaftlicher der Erweiterung der Kredite, die die Banken der Tuchindustrie
nen weitreichende Änderungen in den klimatischen Bedingun- gewähren). Die Produktion wird sich bis zu dem Punkt aus-
gen eine höhere Nachfrage nach Winterkleidung schaffen). Diese dehnen, an dem das Gleichgewicht zwischen der Tuchindustrie
Frage wollen wir unten eingehender behandeln. Hier wollen und anderen Produktionszweigen wiederhergestellt ist. Dies ist
wir davon ausgehen, daß das Nachfrageschema für Tuch sich dann erreicht, wenn die Tuchindustrie ihre Produktion von
z. B. wegen eines gestiegenen Bedürfnisses nach Winterkleidung 240000 auf 280000 Arschinen erhöht, die zu dem früheren Preis
geändert hat. Änderungen in diesem Schema drücken sich darin von 2 Rubeln 75 Kopeken verkauft werden. Dieser Preis ent-
aus, daß nunmehr eine größere Käuferzahl bereit ist, einen spricht dem Stand der Technik und dem Marktwert. Eine Er-
höheren Tuchpreis zu zahlen, daß also eine größere Käuferzahl höhung oder Verringerung der Nachfrage kann keine Hebung
und eine größere Nachfrage jedem einzelnen Tuchpreis entspre- oder Senkung des Produktu>ert5 verursachen, wenn sich die tech-
chen. Das Schema erhält die folgende Form: nischen Produktionsbedingungen nicht ändern; eine Ausdehnung

160 161
oder Einschränkung der Produktion in einem
einzelnen Zweig Pflügen sich aufgrund der Ersetzung der Holzpflüge durch
mag hingegen daraus entstehen. Der Wert des Produkts Me-
jedoch tallpflüge in der Landwirtschaft erhöht, das steigende Bedürfnis
ist ausschließlich durch den
Entwicklungsstand der Produktiv- eine temporäre Erhöhung des Marktpreises der Pflüge über ihren
kräfte und die Produktionstechnik
determiniert. Infolgedessen Wert verursacht und infolgedessen die Pflugproduktion sich aus-
beeinflußt die Nachfrage die Wertgröße nicht,
sondern der Wert dehnt. Das gewachsene Bedürfnis oder die gestiegene
bestimmt umgekehrt - zusammen mit der Nachfrage, Nachfrage
die teil- führt zu einer Ausdehnung der Produktion. Diese
weise durch den Wert determiniert ist - das Nachfrage-
Produktionsvolu- steigerung geht jedoch auf eine Entwicklung der Produktivkräfte
men in einem bestimmten Zweig, d.h. die Verteilung
der Pro- dem betreffenden Produktionszweig (in der
zurück, die nicht in
duktivkräfte. »Die Dringlichkeit der Bedürfnisse
beeinflußt die Pflugproduktion), sondern in anderen Zweigen (in der
Verteilung der Produktivkräfte in der Gesellschaft, Land-
der relative Nehmen wir ein anderes, auf Konsumgüter
wirtschaft) stattfand.
Wert der verschiedenen Produkte ist jedoch durch die auf ihre
bezogenes Beispiel. Eine erfolgreiche Kampagne gegen
Produktion verausgabte Arbeit bestimmt.« 85 den Al-
koholverbrauch führt zu einer Verringerung der Nachfrage nach
Widersprechen wir der Grundthese der ökonomischen
Theorie alkoholischen Getränken; deren Preis fällt temporär unter
von Marx, daß die wirtschaftliche Entwicklung durch den
die Pro- Wert, infolgedessen schränken die Schnapsbrennereien ihre
duktionsbedingungen, durch die Zusammensetzung und den Pro-
Ent- duktion ein.
wicklungsstand der Produktivkräfte determiniert
ist, wenn wir Wir haben absichtlich ein Beispiel gewählt, in dem die Produk-
N
den Einfluß der achfrageinderun^n auf das
Produktionskos- tionseinschränkung auf gesellschaftliche Ursachen zurückgeht, die
ten konstatieren? Keineswegs. Wenn Änderungen in
der Nach- ideologischer, und nicht ökonomischer
frage nach einer bestimmten Ware die Natur sind. Die Erfolge
Menge beeinflussen, in der Kampagne gegen den Alkoholverbrauch verdanken sich of-
der sie produziert wird, so beruhen diese Nachfrageänderungen
fenbar dem wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und geistigen
ihrerseits auf folgenden Ursachen: i. Änderungen im Wert
einer Niveau verschiedener Gesellschaftsgruppen, einem Niveau, das
bestimmten Ware, z.B. ihre Verbilligung infolge
der Entwick- sich seinerseits infolge einer Reihe komplexer
lung der Produktivkräfte in einem bestimmten sozialer Bedin-
Produktions- gungen, in denen es existiert, ändert. Diese sozialen Bedingun-
zweig; 2. Änderungen in der
Kaufkraft oder im Einkommen gen lassen sich in letzter
Instanz aus der Entwicklung der pro-
verschiedener sozialer Gruppen; das bedeutet,
daß die Nachfrage duktiven Tätigkeiten in der Gesellschaft herleiten. Schließlich
durch das Einkommen der verschiedenen
Gesellschaftsklassen be- können wir von den ökonomischen und gesellschaftlichen Bedin-
stimmt (K., III, S. 205) und »wesentlich bedingt
ist durch das gungen, die die Nachfrage verändern, zu den natürlichen Phä-
Verhältnis der verschiedenen Klassen zueinander
und durch ihre nomenen übergehen, die in manchen Fällen ebenfalls auf das
respektive ökonomische Position« (K., III, S.
191), die sich ihrer- Nachfragevolumen einwirken. Einschneidende und weitreichende
seits mit dem Wandel in den Produktivkräften ändert;
3. schließ- Änderungen in den klimatischen Bedingungen könnten das Be-
lich Änderungen in der Intensität oder Dringlichkeit der Be-
dürfnis nach Winterkleidung verstärken oder abschwächen
dürfnisse nach einer bestimmten Ware. Auf den
und
ersten Blick eine Ausdehnung oder Einschränkung der
I

Tuchproduktion her-
scheint es, als ob wir im letzten Fall
die Produktion von der |
beiführen.Wir brauchen hier nicht zu erwähnen, daß Nachfrage-
Konsumtion abhängig machen. Wir müssen uns jedoch fragen,
|
änderungen, die auf rein natürlichen Ursachen, unabhängig von
auf welchen Ursachen die Wandlungen in der
Dringlichkeit der gesellschaftlichen Bedingungen, beruhen, selten sind.
Bedürfnisse nach einer bestimmten Ware beruhen.
Doch auch
Wir nehmen solche Fälle widersprechen nicht der Auffassung
vom Primat der
an, daß, wenn der Preis von eisernen
Pflügen sowie die Kauf- Produktion über die Konsumtion. Dies darf nicht dahingehend
kraft der Bevölkerung dieselben bleiben und das Bedürfnis nach interpretiert werden, daß die Produktion sich automatisch voll-
zieht, irgendwo im luftleeren Raum, außerhalb
einer Gesellschaft
8y P. Maslov, Teorija razvitija narodnogo cbozjajstva (Theorie lebendiger Menschen mit verschiedenartigen Bedürfnissen,
der volks- die
wirtschaftlichen Entwicklung), 1910, S. 238. auf biologischen Notwendigkeiten beruhen (Essen,
Schutz vor

16z
163

^
Kälte usw.). Die Gegenstände jedoch, mit denen der Mensch aus der Regelmäßigkeit der Entwicklung der Produktivkräfte
seine Bedürfnisse befriedigt, sind von der Entwicklung der Pro- erklären läßt.
duktion bestimmt; sie modifizieren ihrerseits den Charakter der
betreffenden Bedürfnisse und schaffen möglicherweise sogar neue
2. Wert und proportionale Arbeitsverteilung
Bedürfnisse. »Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch
gekochtes, mit Gabel und Messer gegeßnes Fleisch befriedigt, ist
ein andrer Hunger, als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand,
Wir sind zu dem Schluß gelangt, daß der Umfang der Nach-
Nagel und Zahn verschlingt.« 86 In dieser besonderen Form ist frage nach einem bestimmten Produkt durch den Wert des Pro-

der Hunger Resultat einer langen historischen und gesellschaft- dukts bestimmt und daß er sich ändert, wenn dieser sich
ist,

lichen Entwicklung. Ganz analog verursachen Änderungen in


ändert (die Bedürfnisse und die Kaufkraft der Bevölkerung wer-

den klimatischen Bedingungen Bedürfnisse nach bestimmten Gü- den hierbei als gegeben vorausgesetzt). Die Entwicklung der
Produktivkräfte in einer bestimmten Branche verändert den Wert
tern, nach Tuch, d. h. nach Tuch von einer bestimmten Qualität
und Machart, ein Bedürfnis also, dessen Natur durch die voran- eines Produkts und damit den Umfang der gesellschaftlichen
gegangene Entwicklung der Gesellschaft und, in letzter Instanz, Nachfrage nach dem Produkt. Wie aus dem Schema Nr. 1 her-
durch ihre Produktivkräfte bestimmt vorgeht, entspricht ein bestimmtes Nachfragequantum einem be-
ist. Die quantitative Er-
höhung der Nachfrage nach Tuch stimmten Produktwert. Die Nachfragemenge ist der Zahl von
ist bei den verschiedenen Ge-
Produkteinheiten gleich, die bei dem betreffenden Preis verlangt
sellschaftsklassen verschieden; sie hängt von ihrem jeweiligen
Einkommen ab. Wenn in irgendeiner Produktionsperiode ein
werden. Das Produkt aus dem Wert pro Produkteinheit (der
durch die technischen Produktionsbedingungen bestimmt ist) und
bestimmter Umfang der Bedürfnisse nach Tuch (ein Bedürfnis,
das auf biologischen Erfordernissen beruht) im voraus als Tat-
der Zahl von Einheiten, die bei dem betreffenden Wert verkaufl

sache oder Vorbedingung für die Produktion gegeben


werden können, drückt das mit Kaufkraft ausgestattete gesell-
ist, so ist
schaftliche Bedürfnis nach dem betreffenden Produkt aus. 87 Dies
Stand der Bedürfnisse seinerseits Resultat der vor-
ein solcher
hergehenden gesellschaftlichen Entwicklung. »Durch den Prozeß bezeichnete Marx als das »quantitativ bestimmte gesellschaftliche
Bedürfnis« nach einem bestimmten Produkt (K., III, S. 648), als
der Produktion selbst werden sie [die Bedingungen der Produk-
das »Quantum des gesellschaftlichen Bedürfnisses« {ebd., S. 194),
tion, LR.] aus naturwüchsigen in geschichtliche verwandelt, und
wenn sie für eine Periode als natürliche Voraussetzungen der
als das »gegebne Quantum gesellschaftlicher Bedürfnisse« {ebd.,
Die »bestimmten Quanta gesellschaftlicher Produktion in
S. 197).
Produktion erscheinen, waren sie für eine andre ihr geschichtli-
den verschiedenen Produktionszweigen« {ebd.,S. 198), die her-
ches Resultat« {ebd., S. 243). Der Charakter und der "Wandel
kömmliche »Ausweitung der Reproduktion« {ebd.), entsprechen
eines Bedürfnisses nach einem bestimmten Produkt sind selbst
diesem gesellschaftlichen Bedürfnis. Dieses übliche, normale Pro-
dann, wenn es sich im Grunde um ein biologisches Bedürfnis
duktionsquantum ist dadurch bestimmt, daß »die Arbeit daher
handelt, durch die Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt,
im Verhältnis dieser gesellschaftlichen Bedürfnisse, die quantita-
die in der betreffenden Produktionssphäre oder in anderen Be-
reichen, in der gegenwärtigen oder in einer früheren historischen 87 Unter »gesellschaftlichem Bedürfnis« verstand Marx häufig die Menge an
Epoche stattfinden mag. Marx leugnet weder die Einwirkung der Produkten, die auf dem Markt verlangt werden. Diese terminologischen
Differenzen interessieren uns hier jedoch nicht. Unsere Absicht ist es
Konsumtion auf die Produktion noch die Wechselwirkungen nicht, irgendwelche Begriffe zu definieren, sondern zwischen verschiedenen
zwischen ihnen {ebd., S. 246). Sein Ziel ist jedoch, die gesell- Kategorien zu unterscheiden, nämlich zwischen 1. dem Wert pro Waren-
einheit; 2. der Menge von Wareneinheiten, die auf dem Markt bei einem
schaftliche Regelmäßigkeit in den Bedürfnisänderungen ausfin-
bestimmten Wert verlangt werden; 3. dem Produkt aus dem Wert pro
dig zu machen, eine Regelmäßigkeit, die sich in letzter Instanz Wareneinheit und der Anzahl von Einheiten, die auf dem Markt bei einem
bestimmten Wert nachgefragt werden. Entscheidend ist hierbei der Hin-
weis darauf, daß das Quantum des gesellschaftlichen Bedürfnisses nach
86 Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie«, in: Zur Kritik Produkten einer bestimmten Art vom Wert pro Wareneinheit nicht unab-
der Politischen Ökonomie, Berlin 1963, S. 237. hängig ist, sondern diesen voraussetzt.

164
tiv umschrieben sind, in die verschiednen Produktionssphären Die Verfechter einer »ökonomischen« Interpretation des Begriffs
proportionell verteilt ist« (K., III, S. 648 f.). der gesellschaftlich notwendigen Arbeit haben den ganzen Vor-
Eine bestimmte Wertgröße pro Wareneinheit bestimmt also die gang auf den Kopf gestellt, indem sie sein Endresultat, die Zahl
Anzahl der Waren, die Käufer finden, und das Produkt aus die- von 660 000 Rubeln, den Wert der gesamten Warenmasse einer
sen beiden Zahlen (Wert mal Menge) drückt das gesellschaftliche bestimmten Branche, zum Ausgangspunkt ihrer Analyse mach-
Bedürfnis aus, unter dem Marx stets das mit Kaufkraft ausge- ten. Sie sagen, daß bei einem bestimmten Stand der Entwicklung
stattete gesellschaftliche Bedürfnis verstand (K., III, S. 190, S. 198, der Produktivkräfte die Gesellschaft 660 000 Arbeitsstunden auf
S. 202). Beläuft sich der Wert eines Arschins auf 2 Rubel 75 Ko- die Tuchproduktion verwenden kann. Diese Arbeitsstunden

peken, so beträgt die Anzahl der Arschinen Tuch, die auf dem schaffen einen Wert von 660 000 Rubeln. Der Wert der Waren
Markt verlangt werden, 240 000. Das Quantum des gesellschaft- des betreffenden Produktionszweigs muß sich daher auf 660 000

lichen Bedürfnisses drückt sich in folgenden Größen aus: 2 Ru- Rubel belaufen; er kann weder größer noch kleiner sein. Diese
bel 75 Kopeken X 240 000 = 660 000 Rubel. Wenn ein Rubel fixe Größe bestimmt den Wert einer einzelnen Wareneinheit:

einen Wert darstellt, der in einer Arbeitsstunde geschaffen wird, dessen Größe ist dem Quotienten gleich, der sich ergibt, wenn
so werden unter der Voraussetzung einer proportionalen Ver- man 660000 durch die Zahl der produzierten Einheiten divi-
teilung der Arbeit auf die einzelnen Produktionszweige 660 000 diert. Wenn 240000 Tucheinheiten produziert werden, so be-

Stunden gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit auf die Tuchpro- trägt der Wert eines Arschins 2 Rubel 75 Kopeken; erhöht sich

duktion verwandt. Dieser Betrag wird in der kapitalistischen die Produktion auf 264000 Arschinen, so fällt der Wert auf
Gesellschaft von niemandem im voraus festgelegt; niemand über- 2 Rubel 50 Kopeken; sinkt sie dagegen auf 220000 Arschinen,

prüft ihn und niemand beschäftigt sich mit seiner Aufrechterhal- so steigt der Wert auf 3 Rubel. Jede dieser Kombinationen
tung. Er ist lediglich Resultat der Marktkonkurrenz, eines Pro- (2 Rbl. 75 Kop. X 240000; 2 Rbl. 50 Kop. X 264000; 3 Rbl.

zesses, der von Abweichungen und Störungen fortwährend un- X 220000) ergibt 660 000. Der Wert einer Produkteinheit kann
terbrochen wird und in dem »Zufall und Willkür ihr buntes sich auch dann ändern (2 Rbl. 75 Kop.; 2 Rbl. 50 Kop.; oder
Spiel« treiben (K., I, S. 376), wie Marx wiederholt betonte (K., 3 Rbl.), wenn die Produktionstechnik unverändert bleibt. Der
I, S. 204). Diese Zahl drückt nur die Durchschnittshöhe oder das Gesamtwert aller Produkte (660000 Rubel) ist konstant und
Gravitationszentrum aus, um das die tatsächlichen Nachfrage- stabil. Der Gesamtbetrag an Arbeit, der in einer bestimmten

und Angebotsmengen oszillieren. Die Stabilität dieser Höhe des Produktionssphäre bei proportionaler Arbeitsverteilung benö-
gesellschaftlichen Bedürfnisses (660000) erklärt sich ausschließ- tigt wird (660 000 Arbeitsstunden), ist ebenfalls stabil und kon-

lich daraus, daß sie die Kombination oder das Produkt zweier stant. Unter gegebenen Bedingungen kann sich diese konstante

Zahlen darstellt, von denen eine (2 Rubel 75 Kopeken) den Größe auf verschiedene Weise aus zwei Faktoren zusammenset-
Wert pro Wareneinheit bezeichnet, der durch die Produktions- zen: dem Wert pro Wareneinheit und der Zahl der hergestellten

techniken bestimmt ist und den Schwerpunkt bildet, um den die Güter (2 Rbl. 75 Kop. X 240000 = 2 Rbl. 50 Kop. X 264000
Marktpreise oszillieren. Die andere Zahl, 240 000 Arschinen, = 2 Rbl. X 220000 — 660000). Der Wert der Ware ist danach
hängt von der ersten ab. Das Volumen der gesellschaftlichen nicht durch das Quantum an Arbeit bestimmt, das zur Produk-

Nachfrage und der gesellschaftlichen Produktion in einer be- tion einer Wareneinheit notwendig ist, sondern durch die der
stimmten Branche fluktuiert gerade deshalb um diese Zahl betreffenden Produktionssphäre zugewiesene Gesamtmasse an
660000, weil die Marktpreise um den Wert von 2 Rubeln 75 Arbeit**, dividiert durch die Zahl der hergestellten Güter.
Kopeken oszillieren. Die Stabilität einer bestimmten Höhe des
gesellschaftlichen Bedürfnisses ergibt sich aus der Stabilität einer schließt nicht aus, daß Änderungen stattfinden, sofern diese Bedingungen
bestimmten Wertgröße, die das Zentrum der Fluktuationen der sich ändern.
Unter diesem Begriff verstehen wir hier und im folgenden das Quantum
Marktpreise bildet. 88
an Arbeit, das - bei proportionaler Arbeitsverteilung, d.h. im Gleichge-
wichtszustand - einer bestimmten Produktionssphäre zugeteilt wird.
Wir betrachten hier die Stabilität unter gegebenen Bedingungen. Das

166 167
Hierauf läuft Argument der Verteidiger der »ökonomi-
das bination (nämlich 2 Rbl. 75 Kop. X 240 000 = 660 000). Die übri-
schen« Version gesellschaftlich notwendiger Arbeit hinaus. Un- gen Kombinationen können dagegen nur temporär, vorüberge-
serer Meinung nach ist es aus folgenden Gründen unrichtig: hend und ungleichgewichtig sein. Die ökonomische Interpreta-
i. Indem die »ökonomische« Version das einer bestimmten Pro- tion verwecheselt den Gleichgewichtszustand mit dem Zustand
duktionssphäre zugeteilte Arbeitsquantum (das aus dem kom- eines gestörten Gleichgewichts, den Wert mit dem Preis.

plexen Prozeß des Markttausches resultiert) zum Ausgangspunkt Zwei Aspekte der ökonomischen Interpretation sind zu unter-
der Analyse macht, stellt sie sich die kapitalistische Gesellschaft scheiden: sie versucht zum einen, bestimmte Tatsachen festzu-

nach dem Modell einer geplanten sozialistischen Gesellschaft vor, stellen, und zum anderen, diese Tatsachen theoretisch zu erklä-
in der die proportionale Arbeitsverteilung im voraus kalkuliert ren. Sie behauptet, daß jede Änderung im Produktionsvolumen
wird. (wenn die Technik sich nicht ändert) eine umgekehrt proportio-
2. Diese Interpretation sieht von der Frage nach den Bestim- nale Änderung im Marktpreis des betreffenden Produkts her-
mungsgründen des Arbeitsquantums ab, das einer bestimmten beiführt. Da die beiden Größen sich umgekehrt proportional
Sphäre zugewiesen wird und das - in der kapitalistischen Ge- zueinander ändern, ist ihr Produkt eine unveränderliche, kon-
sellschaft - von niemandem festgesetzt oder bewußt aufrecht- stante Größe. Sinkt die Tuchproduktion von 240 000 auf 220 000
erhalten wird. Eine solche Analyse würde zeigen, daß das be- Arschinen, d. h. auf «/12, so erhöht sich der Preis pro Arschin
zeichnete Arbeitsquantum das Resultat oder Produkt aus dem Tuch von 2 Rbl. 75 Kop. auf 3 Rbl., d.h. auf 12 /n. Multipli-
Wert pro Einheit und der auf dem Markt bei einem bestimmten ziert man die Anzahl der Waren mit dem Preis pro Einheit, so

Preis nachgefragten Produktmenge ist. Der Wert ist nicht durch ist das Produkt in beiden Fällen gleich 660000. Im Fortgang
das Arbeitsquantum in der betreffenden Sphäre bestimmt, son- der Erklärung stellt die ökonomische Interpretation fest, daß
dern umgekehrt: dieses Quantum folgt aus dem Wert als einer das einer bestimmten Produktionssphäre zugeteilte Arbeitsquan-
von der Produktionstechnik abhängigen Größe. tum (660 000 Arbeitsstunden) eine konstante Größe ist, die die
3. Die ökonomische Interpretation leitet das (unter gegebenen Wertsumme sowie die Marktpreise sämtlicher Produkte inner-
Bedingungen) stabile, konstante Arbeitsquantum, das einer be- halb des betreffenden Bereichs bestimmt. Da dieseGröße kon-
stimmten Sphäre zugeteilt wird (660 000 Arbeitsstunden), nicht stant ist, verursacht eine Änderung der Zahl der in dem betref-

vom stabilen Wert pro Wareneinheit (2 Rubel 75 Kopeken oder fenden Bereich produzierten Güter umgekehrt proportionale
2 s /4 Arbeitsstunden) ab. Statt dessen erklärt sie die Stabilität des Änderungen im Wert und im Marktpreis pro Produkteinheit.
Werts der gesamten Gütermasse einer bestimmten Sphäre aus Das in der betreffenden Produktionssphäre verausgabte Arbeits-
dem Produkt aus zwei verschiedenen Faktoren (Wert pro Ein- quantum reguliert den Wert wie auch den Preis pro Produkt-
heit und Menge). Das bedeutet, daß schließlich die Wertgröße einheit.

pro Produkteinheit (2 Rubel 75 Kopeken; 2 Rubel 50 Kopeken; Selbst wenn die ökonomische Interpretation zu Recht behaup-

3 Rubel) instabil und veränderlich ist. Damit leugnet diese In- tete, daß Änderungen in der Produktmasse den Änderungen
die
terpretation vollkommen die Bedeutung des Werts pro Produkt- im Preis pro Produkteinheit umgekehrt proportional sind, so
einheit als Schwerpunkt der Preisfluktuationen und als Steue- wäre ihre theoretische Erklärung dennoch falsch. Wenn sich im
rungsmechanismus, der der kapitalistischen Wirtschaft zugrunde- Fall einer Produktionssenkung von 240000 auf 220000 Arschi-
liegt. nen der Preis eines Arschins Tuch von 2 Rbl. 75 Kop. auf 3 Rbl.
4. Die ökonomische Interpretation berücksichtigt nicht, daß un- erhöht, so bedeutet dies, daß der Marktpreis sich ändert und

ter allden möglichen Kombinationen, die bei einem bestimmten vom Wert abweicht, der derselbe bleibt, wenn sich die techni-

Stand der Technik (und bei einer Verausgabung von genau i /t


s
schen Bedingungen nicht ändern, nämlich 2 Rbl. 75 Kop. Damit
Stunden gesellschaftlich notwendiger Arbeit bei der Herstellung würde das einer bestimmten Produktionssphäre zugewiesene

eines Arschins Tuch) zur Zahl von 660 000 führen, nur eine ein- Arbeitsquantum nicht den Wert pro Produkteinheit regulieren,
zige Kombination stabil ist: die konstante Gleichgewichtskom- sondern einzig den Marktpreis. Der Marktpreis des Produkts

168
entspräche in jedem Augenblick dem Quotienten aus dem be-
3. Die letzte Frage enthüllt die methodologische Schwäche der
zeichneten Arbeitsquantum und der Zahl der hergestellten Gü- Theorie, mit der wir uns beschäftigt haben. In der kapitalisti-
ter. In dieser Version präsentieren einige Fürsprecher der »tech- schen Gesellschaft haben die Gesetze, die die ökonomischen Er-
nischen« Interpretation das Problem; sie anerkennen die Tat- scheinungen beherrschen, ähnliche Wirkungen wie »das Gesetz
sache der umgekehrten Proportionalität zwischen der Änderung der Schwere«, das sich durchsetzt, »wenn einem das Haus über
im Quantum und im Marktpreis eines Produkts, verwerfen aber dem Kopf zusammenpurzelt« (K., I, S. Ten-
89): sie wirken als

die von der ökonomischen Interpretation gelieferte Erklärung. 90 denzen, als Zentren von Fluktuationen und ständigen Abwei-
Zweifellos unterstützen einige Äußerungen von Marx 91 diese chungen. Die Theorie, die wir hier diskutieren, verwandelt eine
Interpretation, nach der die Summe der Marktpreise der Pro- Tendenz oder ein Gesetz, das die Vorgänge steuert, in eine em-
dukte einer bestimmten Produktionssphäre trotz aller Preisfluk- pirische Tatsache: die Summe der Marktpreise fällt nicht nur
tuationen eine konstante Größe darstellt, die durch das der be- unter Gleichgewichtsbedingungen, d. h. als Summe von Markt-
treffenden Sphäre zugewiesene Arbeitsquantum bestimmt ist.
werten, sondern bei jeder Marktlage und zu jedem Zeitpunkt
Dennoch sind wir der Meinung, daß die These von der umge- mit dem der betreffenden Sphäre zugeteilten Arbeitsquantum
kehrten Proportionalität zwischen Änderungen im Quantum und vollkommen zusammen. Die Unterstellung einer »prästabilier-
im Marktpreis der Produkte einer ganzen Reihe sehr ernster ten Harmonie« ist nicht nur unbewiesen, sondern entspricht auch
Einwände begegnet: keineswegs den allgemeinen methodologischen Grundlagen der
i. Diese Auffassung widerspricht empirischen Tatsachen, die zei- Marxschen Theorie der kapitalistischen Wirtschaft.
gen, daß z.B. bei einer Verdopplung der Zahl der Waren der Die aufgezählten Einwände zwingen uns, die These zu verwer-
Marktpreis nicht auf die Hälfte des früheren Preises fällt, son- fen, daß Änderungen in der Menge und Änderungen in den
dern auf einen Preis, der darunter oder darüber und zwar
liegt,
Marktpreisen der Produkte sich umgekehrt proportional zuein-
bei verschiedenen Produkten in unterschiedlichem Ausmaß. Da- ander verhalten, d. h. die These von der empirischen Stabilität
bei läßt sich eine deutliche Differenz zwischen lebenswichtigen der Summe der Marktpreise der Produkte einer bestimmten
Gütern und Luxusgütern feststellen. Nach einigen Berechnungen Sphäre. Die Äußerungen von Marx in diesem Zusammenhang
sinkt der Preis des Brots bei einer Verdopplung des Angebots behaupten unseres Erachtens nicht eine exakte umgekehrte Pro-
auf ein Viertel oder ein Fünftel. portionalität, sondern besagen lediglich, daß die Änderungen in
2. Die These, daß Änderungen im Quantum und Änderungen der Menge und die Änderungen im Marktpreis der Produkte in
im Preis der Produkte sich umgekehrt proportional zueinander entgegengesetzte Richtungen weisen. Jede Erhöhung der Pro-
verhalten, ist theoretisch unbewiesen. Warum sollte sich der Preis duktion über ihren normalen Umfang hinaus führt zu einem
über den Normalpreis oder Wert von 2 Rbl. 75 Kop. auf 3 Rbl. Sinken des Preises unter den Wert, und eine Verringerung der
(d. h. auf 12/n des ursprünglichen Preises) erhöhen, wenn die Produktion verursacht eine Preissteigerung. Beide Faktoren (die
Produktion von 240000 auf 220000, d.h. auf n /i2 des frühe- Menge der Produkte und ihre Marktpreise) ändern sich in um-
ren Volumens, reduziert wird? Ist es nicht möglich,daß der Preis gekehrter Richtung, wenn auch nicht umgekehrt proportional.
von 3 Rubel nicht der Produktionsmenge von 220 000 Arschinen Daher spielt das einer bestimmten Sphäre zugewiesene Arbeits-
entspricht (wie die Theorie von der Proportionalität unterstellt), quantum nicht nur die Rolle eines Gleichgewichtszentrums, eines
sondern der Menge von 150 000 Arschinen, wie in unserer Nach- Durchschnittsniveaus der Fluktuationen, zu dem die Summe der
fragetabelle Nr. 1 gezeigt wird? Wo in der kapitalistischen Ge- Marktpreise tendiert, sondern stellt zugleich gewissermaßen
sellschaft steckt der Mechanismus, der den Marktpreis von Tuch einen mathematischen Durchschnittswert der Summen der Markt-
unwandelbar auf 660 000 Rubel festsetzt? preise dar, die sich täglich ändern. Diese Eigenschaft als mathe-
matischer Durchschnittswert impliziert jedoch keineswegs, daß
90 L. Ljubimov, Kurs politiceskoj ekonomii (Einführung in die politische
die beiden Größen vollkommen übereinstimmen; darüber hin-
Ökonomie), 1923, S. 244L
91 In den Theorien über den Mehrwert. aus hat er keine besondere theoretische Bedeutung. Im Marx-

170 171
sehen Werk trifft man im allgemeinen auf eine vorsichtigere nischen Interpretation behaupten). Der Wert pro Produktein-
Formulierung, wenn es sich um die gegenläufigen Änderungen heit ist durch das zu ihrer Produktion gesellschaftlich not-
im Quantum und im Marktpreis der Produkte handelt (K., III, wendige Arbeitsquantum bestimmt. Bei gegebenem Stand der
S. 187 f.; Theorien über den Mehrwert, III, S. 280). Wir glau-
Technik stellt dieses Arbeitsquantum eine konstante Größe dar,
ben uns um so mehr berechtigt, Marx in diesem Sinne zu inter- die sich im Hinblick auf die Menge der hergestellten Güter
pretieren, als wir Werk Stellen finden, an denen er
in seinem nicht ändert. Der Marktpreis hängt von der Menge der produ-
direkt bestreitet, daß
Änderungen im Produktquantum und
die zierten Güter ab und ändert sich in umgekehrter Richtung
die Änderungen in den Preisen sich umgekehrt proportional zu- (nicht jedoch umgekehrt proportional) zu dieser Mengenände-
einander verhalten. Marx stellte fest, daß im Falle einer Miß- rung. Er fällt allerdings nicht genau mit dem Quotienten aus
ernte »die Preissumme der verminderten Getreidemasse größer dem der betreffenden Sphäre zugewiesenen Arbeitsquantum
ist, als die Preissumme der größern Getreidemasse war« (Zur und der Zahl der produzierten Güter zusammen. Bedeutet dies,
Kritik der Politischen Ökonomie, S. 105). Darin drückt sich das daß wir die Arbeitsmenge, die (bei proportionaler Arbeitsver-
bekannte Gesetz aus, das wir oben angeführt haben, nach dem teilung) einer bestimmten Produktionssphäre zugeteilt wird,
die Einschränkung der Getreideproduktion um die Hälfte ihres vernachlässigen? Keineswegs. Die Tendenz zu einer proportio-
früheren Quantums den Pfunds Getreide auf mehr
Preis eines nalen Arbeitsverteilung (genauer müßte man sagen: zu einer
alsdas Doppelte seines früheren Preises anhebt, so daß die bestimmten, stabilen 92 Arbeitsverteilung) zwischen verschiede-
Preissumme des Getreides steigt. nen Produktionssphären, die vom allgemeinen Stand der Ent-
In einem anderen Abschnitt verwirft Marx Ramseys Theorie, wicklung der Produktivkräfte abhängt, stellt eine Grundtat-
nach der die von technischen Verbesserungen herrührende Sen- sache des Wirtschaftslebens dar, die Gegenstand unserer Unter-
kung des Produktwerts auf die Hälfte von einer Ausdehnung suchung ist. Wie wir wiederholt angemerkt haben, stellt diese
der Produktion auf das Doppelte begleitet sein wird. »Sonst fällt Tendenz in einer kapitalistischen Gesellschaft mit ihrer An-
die value [der Ware, LR.], but not in Proportion to its quan- archie der Produktion allerdings nicht den Ausgangspunkt des
tity. It may be doubled in quantity, while its value, the value Wirtschaftsprozesses dar, sondern sein Endresultat. Dieses Re-
of the single commodity . . . may from 2:1,
sink only, instead of sultat äußert sich nicht exakt in empirischen Fakten, sondern
from 2:iV4« {Theorien über den Mehrwert, III, S. 340; Her- den Schwerpunkt ihrer Fluktuationen und Ab-
bildet lediglich
vorh. i. Original) dies wäre jedoch nach Ramsey und den Ver-
;
weichungen. Wir räumen ein, daß das Arbeitsquantum, das (bei
tretern des hier in Frage stehenden Standpunkts unmöglich. Wenn proportionaler Arbeitsverteilung) einer bestimmten Produk-
die Verbilligung der Waren (aufgrund technischer Verbesserun- tionssphäre zugewiesen wird, eine gewisse regulative Rolle in
gen) von 2 Rbl. auf 1V4 Rbl. mit einer Verdopplung der pro- der kapitalistischen Wirtschaft spielt, aber: 1. handelt es sich
duzierten Menge dieses Produkts einhergehen kann, so mag um- dabei um einen Regulator im Sinne einer Tendenz, eines
gekehrt bei einer abnormen Verdopplung der Produktion eine Gleichgewichtsniveaus, eines Schwankungszentrums und keines-
Preissenkung von 2 Rbl. auf 1V4 Rbl. - und nicht, wie die These wegs im Sinne eines genauen Ausdrucks empirischer Vorgänge,
von der umgekehrten Proportionalität es verlangte, auf 1 Rubel d. h. der Marktpreise; und 2., was sogar noch wichtiger ist,
— eintreten. gehört dieser Regulator zu einem ganzen System von Steue-
Wir halten also die Ansicht für verfehlt, nach der das Arbeits- rungsmechanismen und ist Resultat des diesem System zu-
quantum, das einer bestimmten Produktionssphäre und den
einzelnen, in dieser Sphäre hergestellten Produkten zugewiesen
92 Der Begriff »proportional« ist nicht im Sinne einer rationalen, im voraus
wurde, den Wert einer Produkteinheit bestimmt (wie die Ver-
bestimmten Arbeitsverteilung zu interpretieren, die in einer kapitalisti-
treter derökonomischen Interpretation meinen) oder exakt mit schen Gesellschaft nicht existiert. Wir meinen damit eine Regelmäßigkeit,
dem Marktpreis einer Produkteinheit zusammenfällt (was die eine gewisse Konstanz und Stabilität (trotz aller täglichen Fluktuationen
und Abweichungen) in der Verteilung der Arbeit auf die einzelnen Zweige,
Vertreter der ökonomischen sowie einige Verfechter der tech-
die vom Stand der Entwicklung der Produktivkräfte abhängt.

172 173
grundeliegenden Regulators - des Werts -, der das Schwan- duktionsvolumen, 100 Arschinen, bildet das Schwankungszen-
kungszentrum der Marktpreise darstellt. trum des tatsächlichen Produktionsvolumens in der betreffen-
Nehmen wir ein einfaches Zahlenbeispiel. Wir unterstellen, daß den Sphäre. Werden mehr als 100 Arschinen produziert, so
a) das zur Produktion eines Arschins Tuch (bei durchschnitt- fällt der Preis unter den Wert von zwei Rubeln pro Arschin,

licher Technik) gesellschaftlich notwendige Arbeitsquantum z was eine Einschränkung der Produktion in Gang setzt. Das
Stunden beträgt bzw. der Wert eines Arschins 2 Rubeln gleich Umgekehrte findet im Fall der Unterproduktion statt. Wie wir
ist; b) die Menge an Tuch, die bei diesem Wert auf dem Markt sehen, hängt der zweite Regulator (b) vom ersten (a2) nicht

verkauft werden kann, und daher das normale Produktions- nur in dem Sinne ab, daß (bei gegebener Bedürfnisstruktur und
volumen, sich auf 100 Arschinen Tuch beläuft. Daraus folgt, Kaufkraft der Bevölkerung) die Wertgröße das Produktions-
daß c) das in der betreffenden Produktionssphäre erforderliche volumen bestimmt, sondern auch unter dem Aspekt, daß Ver-
Arbeitsquantum 2 Stunden Xioo = 200 Stunden beträgt bzw. zerrungen des Produktionsvolumens (Überproduktion oder Un-
der Gesamtwert des Produkts der betreffenden Sphäre 2 Ru- terproduktion) durch die Abweichungen der Marktpreise vom
beln X 100 = 200 Rubeln gleich ist. Wir stehen vor drei Regu- Wert korrigiert werden. Das normale Produktionsvolumen,
latoren oder drei regulativen Größen, und jede von ihnen 100 Arschinen (b), ist eben deshalb das Schwankungszentrum
stellt Schwankungszentrum bestimmter, empirischer, tat-
ein des tatsächlichen Produktionsvolumens, weil der Wert von

sächlicher Größen dar. Untersuchen wir die erste Größe: ai). 2 Rubeln (a2) das Schwankungszentrum der Marktpreise ist.

Da sie das zur Produktion eines Arschins Tuch gesellschaftlich Wir wenden uns Größe, c,
schließlich der dritten regulativen

das Produkt aus den beiden ersten darstellt, nämlich


notwendige Arbeitsquantum (zwei Arbeitsstunden) ausdrückt, zu, die

wirkt diese Größe auf den tatsächlichen Arbeitsaufwand in 200 = 2 X 100, oder c =
ab. Wie wir gesehen haben, kann a

verschiedenen Unternehmungen der Tuchindustrie ein. Benötigt jedoch zweierlei bedeuten: ai stellt das auf die Produktion
irgendeine Unternehmensgruppe mit geringer Produktivität eines Arschins Tuch verwandte Arbeitsquantum (2 Stunden)
nicht zwei, sondern drei Arbeitsstunden pro Arschin, so wird dar, a2 den Wert eines Arschins (2 Rubel). Nehmen wir aib
=
sie nach und nach durch produktivere Unternehmungen ver- 2 Arbeitsstunden X 100 = 200 Arbeitsstunden, so erhalten wir
drängt werden, wenn sie sich deren höherem technischen Ni- das einer bestimmten Produktionssphäre (bei proportionaler
veau nicht anpaßt. Verausgabt irgendeine Unternehmensgruppe Arbeitsverteilung) zugewiesene Arbeitsquantum oder das
nicht zwei, sondern 1V2 Stunden, so wird sie die rückständige- Schwankungszentrum der tatsächlichen Arbeitsaufwendungen
ren Unternehmungen schrittweise beiseite schieben und in einer in der betreffenden Sphäre. Nehmen wir a2b = 2 Rubel X 100

bestimmten Zeitspanne die gesellschaftlich notwendige Arbeit = 200 Rubel, so erhalten wir die Wertsumme der Produkte
auf 1V2 Stunden herabdrücken. Kurz: die individuelle und die der betreffenden Sphäre oder das Schwankungszentrum der
gesellschaftlich notwendige Arbeit entfalten - obwohl sie nicht Marktwertsummen der Produkte der betreffenden Sphäre. Wir
übereinstimmen -Tendenz zur Annäherung. a2) Wenn
eine leugnen also keineswegs, daß auch die dritte Größe, c = 200,

dieselbe Größe den Wert pro Produktionseinheit (2 Rubel) die Rolle eines Regulators, eines Schwankungszentrums spielt.
bezeichnet, so bildet sie das Schwankungszentrum der Markt- Diese Rolle leiten wir jedoch aus der regulativen Funktion ih-
preise. Fällt der Marktpreis unter 2 Rubel, so sinkt die Pro- rer Komponenten, a und b, ab. Wie wir sehen, ist c = ab,
duktion, und Kapital wird aus der betreffenden Sphäre abge- wobei die Regulierungsfunktion von c aus den Regulierungs-
zogen. Steigen die Preise über die Werte, so findet das funktionen von a und b resultiert. 200 Arbeitsstunden sind
Umgekehrte Wert und Marktpreis sind nicht identisch;
statt. gerade deshalb das Schwankungszentrum des in der betreffen-
vielmehr ist der erste der Regulator, das Schwankungszentrum, den Sphäre verausgabten Arbeitsquantums, weil 2 Arbeits-
des zweiten. stunden den durchschnittlichen Arbeitsaufwand pro Produkt-
und 100 Arschinen das Schwankungszentrum des Pro-
Gehen wir nunmehr zu der zweiten regulativen Größe über, einheit

die wir mit dem Buchstaben b bezeichneten: das normale Pro- duktionsvolumens bezeichnen. Ebenso sind 200 Rubel das

174
m
Fluktuationszentrum der Summe der Marktpreise der betref- Steuerungsgrößen, so bietet sich uns ein anderes Bild. Im ersten
fenden Sphäre, gerade weil 2 Rubel - oder der Wert - das Fall liegt die Ursache der Divergenz im Bereich von a (im
Schwankungszentrum der Marktpreise pro Produkteinheit und Arbeitsaufwand pro Output-Einheit), im zweiten Fall im Be-
100 Arschinen das Schwankungszentrum des Produktionsvolu- reich von b (in der Zahl der produzierten Güter). Im ersten
mens bilden. Alle drei regulativen Größen, a, b und c, stellen Fall bricht das Gleichgewicht zwischen Unternehmungen mit
ein kohärentes Steuerungssystem dar, in dem c die Resultante verschiedenen Produktivitätsgraden innerhalb einer bestimmten
aus a und b ist, wobei b wiederum mit den Veränderungen in Sphäre zusammen. Im zweiten Fall bricht das Gleichgewicht
a variiert. Die letzte Größe a), d. h. das zur Herstellung einer zwischen dem Produktionsquantum der betreffenden Sphäre
Produkteinheit gesellschaftlich notwendige Arbeitsquantum (2 und dem anderer Sphären, d. h. das Gleichgewicht zwischen
Arbeitsstunden) oder der Wert einer Produkteinheit (2 Rubel), •verschiedenen Produktionssphären, zusammen. Aus diesem
ist die fundamentale Steuerungsgröße des gesamten Gleichge- Grund wird sich im ersten Fall das Gleichgewicht durch die
wichtssystems der kapitalistischen Wirtschaft. Umverteilung der Produktivkräfte von technisch rückständigen
Wir haben gesehen, daß c = ab. Das daß c mit einer
heißt, zu produktiveren Unternehmungen innerhalb der betreffenden
Änderung in a oder in b variieren kann. Damit weicht das in Sphäre, im zweiten Fall dagegen durch Umverteilung der Pro-
einer bestimmten Sphäre verausgabte Arbeitsquantum vom duktivkräfte zwischen verschiedenen Produktionssphären her-
Gleichgewichtszustand (oder von einer proportionalen Arbeits- stellen. Verwechselt man die beiden Fälle, so opfert man die
verteilung) ab, weil entweder - bei der normalen Menge an Ziele einer wissenschaftlichen Analyse ökonomischer Vorgänge
Gütern - das pro Produktionseinheit verausgabte
hergestellten einer oberflächlichen Analogie, und zwar, wie Marx häufig
Arbeitsquantum größer oder kleiner als das gesellschaftlich not- bemerkte, um einer »leeren Abstraktion«, dem Bedürfnis näm-
wendige ist oder aber die Zahl der produzierten Einheiten lich zu genügen, Phänomene unterschiedlichen ökonomischen
- bei normalem Arbeitsaufwand pro Produktionseinheit - im Charakters in denselben Begriff von gesellschaftlich notwendi-
Vergleich zur normalen Produktionsmenge zu groß oder zu ger Arbeit hineinzupressen.
klein ist. Im ersten Fall werden 100 Arschinen produziert, aber Der Grundirrtum der »ökonomischen« Interpretation liegt mit-
unter technischen Bedingungen, die beispielsweise unter dem hin nicht darin,daß sie die regulative Funktion des einer
Durchschnitt liegen, mit einem Arbeitsaufwand von drei Ar- bestimmten Produktionssphäre (bei proportionaler Arbeitsver-
beitsstunden pro Arschin. Im zweiten Fall entspricht der Ar- teilung) zugeteilten Arbeitsquantums übersieht, sondern darin,
beitsaufwand pro Arschin dem Normalaufwand von 2 Arbeits- daß sie 1 . die Rolle eines Regulators in einer kapitalistischen
stunden, aber es werden 150 Arschinen produziert. In beiden Wirtschaft mißdeutet, indem sie in ihm nicht ein Gleich gewich ts-
Fällen beträgt der gesamte Arbeitsaufwand in der betreffenden niveau, ein Schwankungszentrum sieht, sondern eine Wider-
Produktionssphäre 300, und nicht - wie normalerweise - 200 und 2. diesem Regulator einen
spiegelung empirischer Fakten,
Stunden. unabhängigen und fundamentalen Charakter zuschreibt, ob-
Von diesem Ansatz her betrachten die Vertreter der ökono- wohl er einem ganzen System von Steuerungsmechanismen
mischen Interpretation beide Fälle als gleich. Sie behaupten, zugehört und in Wirklichkeit abgeleiteter Natur ist. Der Wert
daß Überproduktion mit einem übermäßigen Arbeitsaufwand läßt sich nicht aus dem einer bestimmten Sphäre zugewiesenen
pro Produktionseinheit gleichbedeutend sei. Diese Behauptung Arbeitsquantum ableiten, denn das Arbeitsquantum variiert mit
erklärt sich daraus, daß ihr Interesse sich ausschließlich auf die den Änderungen im Wert, die die Entwicklung der Arbeitspro-
abgeleitete Steuerungsgröße c richtet. Unter diesem Gesichts- duktivität widerspiegeln. Entgegen dem Anspruch ihrer Vertreter
punkt wird in beiden Fällen ein übermäßiger Arbeitsaufwand ergänzt die »ökonomische« Interpretation nicht die »tech-
getrieben: 300 Arbeitsstunden anstelle von 200. Wenn wir nische«, sondern schiebt sie beiseite: mit ihrer Behauptung, daß
dagegen bei dieser abgeleiteten Größe nicht stehenbleiben, son- (bei gleichbleibender Technik) der Wert sich mit der Zahl der
dern ihre Komponenten in Betracht ziehen, die fundamentalen produzierten Güter ändere, verwirft sie den Begriff des Werts

176 *77
als einer Größe, die von der Arbeitsproduktivität abhängt. Auf Unternehmungen mit durchschnittlicher oder niedriger Produk-
der anderen Seite ist die »technische« Interpretation in der muß, ist der Marktwert der Waren durch
tivität stattfinden

Lage, die proportionale Arbeitsverteilung in der Gesellschaft den Wert der unter durchschnittlichen oder ungünstigeren Be-
und die regulative Funktion des einer bestimmten Produktions- dingungen produzierten Waren bestimmt (vgl. das Kapitel

sphäre zugeteilten Arbeitsquantums vollständig zu erklären, über die gesellschaftlich notwendige Arbeit). Auch in diesem
d. h. jene Probleme zu lösen, welche die »ökonomische« Inter- Fall bedeutet die Produktionssteigerung eine Wertsteigerung

pretation, dem Anspruch ihrer Vertreter zufolge, zu lösen und damit eine Preiserhöhung pro Output-Einheit. Wir stellen

vorgibt. dies im folgenden Angebotsschema dar:

Tabelle 3

3. Wert und Produktionsvolumen Produktionsvolumen Produktionspreis (oder Wert)


(in Arschinen) (in Rubeln)
Weiter oben, in unseren Nachfrage-Angebots-Schemata, haben Rbl. Kop.
wir unterstellt, daß die zur Herstellung einer Output-Einheit
erforderlichen Arbeitsaufwendungen bei einer Erhöhung der 100 000 75
Gesamtproduktion konstant bleiben. Wir führen nunmehr eine 150 000
200 000 *5
neue Annahme ein: daß nämlich ein neues, zusätzliches Pro-
duktionsquantum unter schlechteren Bedingungen als zuvor
produziert wird. Wir erinnern uns an Ricardos Theorie der Wir nehmen an, daß bei einem Preisniveau, das unter 2 Rbl.
Differentialrente. Danach zwingt eine erhöhte Nachfrage nach 75 Kop. liegt, die Produzenten überhaupt nicht produzieren

Getreide, die auf eine Bevölkerungszunahme zurückgeht, zur und werden (mit Ausnahme viel-
die Produktion abbrechen

Bestellung von Land mit geringerer Fruchtbarkeit oder von leicht von unbedeutenden Produzentengruppen, die hier keine
Parzellen, die weiter vom Markt entfernt sind. Die sehr Rolle spielen). In dem Maße, wie sich der Preis der Höhe von
ungünstigen Bedingungen (oder der Transport des Getreides) 3 Rbl. 25 Kop. nähert, werden Unternehmungen mit durch-

bewirken somit eine Erhöhung des Arbeitsquantums, das zur schnittlicher und niedriger Produktivität in die Produktion

Produktion eines Pfunds Getreide nötig ist. Und da gerade hineingezogen werden. Dagegen wird ein Preis von über 3 Rbl.
dieses Arbeitsquantum den Wert der Gesamtmasse an produ- 25 Kop. den Unternehmern einen so hohen Profit gewähren,
ziertem Getreide bestimmt, steigt der Wert des Getreides. Das- daß das Produktionsvolumen bei einem solchen Preis im Ver-
selbe Phänomen läßt sich beim Bergbau beobachten, wo man gleich zur begrenzten Nachfrage als unbeschränkt erscheint.
von Gruben zu weniger ergiebigen übergeht. Die
ergiebigen Die Preise können also zwischen 2 Rbl. 75 Kop. und 3 Rbl.
Produktionssteigerung geht mit einer Wertsteigerung pro Out- 25 Kop. schwanken, das Produktionsvolumen kann zwischen

put-Einheit einher, während wir weiter oben unterstellt haben, 100 000 und 200 000 Arschinen fluktuieren. Auf welcher Höhe
daß der Wert einer Output-Einheit von der Produktionsmenge werden sich nun aber der Preis und das Produktionsvolumen
unabhängig sei. Eine analoge Situation tritt in Industrie- einspielen?

zweigen auf, in denen sich die Produktion auf Unternehmun- Wir kehren zum Nachfrage-Schema Nr. 1 zurück und verglei-
gen mit unterschiedlichen Produktivitätsgraden verteilt. Neh- chen es mit dem Angebotsschema. Wir sehen, daß der Preis sich

men wir an, daß die Unternehmungen mit der höchsten bei 3 Rubeln und das Produktionsvolumen sich bei 1 jo 000

Produktivität, die Güter zum niedrigsten Preis anbieten könn- Arschinen festsetzt. Zwischen Nachfrage und Angebot besteht

ten, nicht in der Lage sind, das Güterquantum herzustellen, Gleichgewicht, und der Preis fällt mit dem Arbeitswert (oder

das bei einem so niedrigen Preis auf dem Markt nachgefragt mit dem Produktionspreis) zusammen, der durch die Arbeits-

würde. Angesichts der Tatsache, daß die Produktion auch iflj aufwendungen in Unternehmungen mit durchschnittlicher Pro-

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unter den ungünstigsten Bedingungen bestimmt. Das bedeutet,
duktivität bestimmt wird. Wir nehmen nun (wie weiter oben)
diesem oder jenem Grund (wegen einer Erhöhung
daß er mit der Ausdehnung der Produktion auf schlechteren
an, daß aus :

Boden oder, allgemein, auf weniger produktive Unternehmun-


der Kaufkraft der Bevölkerung oder wegen einer Intensivierung
gen steigt, in dem Maße also sich erhöht, wie die Produktion
der Dringlichkeit von Bedürfnissen) die Nachfrage nach Tuch
sich erweitert. Und da die Ausdehnung der Produktion durch
steigt und sich im Nachfrageschema Nr. 2 ausdrückt. Der Preis
eine Nachfragesteigerung herbeigeführt wird, reguliert nicht, wie
von 3 Rubeln läßt sich nicht aufrechterhalten, weil bei diesem
Ricardo und Marx dachten, der Wert Angebot und Nachfrage,
Preis das Angebot 150000 Arschinen, die Nachfrage dagegen
sondern der Wert selbst ist durch Nachfrage und Angebot de-
240 000 Arschinen beträgt. Der Preis wird aufgrund dieses Nach-
terminiert.
frageüberschusses bis zur Höhe von 3 Rbl. 25 Kop. steigen. Bei
Die Verfechter dieser Argumentation übersehen einen sehr wich-
diesem Preis betragen Nachfrage wie Angebot 200000 Arschi-
tigen Umstand. Im angeführten Beispiel implizieren Änderun-
nen und befinden sich im Gleichgewicht. Der neue Preis von
gen im Produktionsvolumen zugleich Änderungen in den tech-
3 Rbl. 25 Kop. fällt zugleich mit einem neuen, höheren Wert
nischen Produktionsbedingungen innerhalb derselben Branche.
(oder Produktionspreis) zusammen, der nunmehr - aufgrund
Untersuchen wir drei Beispiele.
der Produktionsausweitung von 1 50 000 auf 200 000 Arschinen -
Im ersten Fall konzentriert sich die Produktion allein in den
durch die Arbeitsaufwendungen in Unternehmungen mit nied-
besser ausgerüsteten Unternehmungen, die 100 000 Arschinen
riger Arbeitsproduktivität bestimmt wird.
zum Preis von 2 Rbl. 75 Kop. auf den Markt bringen. Im zwei-
Wenn wir oben sagten, daß die Erhöhung der Nachfrage auf
ten Fall (von dem wir in unserem Beispiel ausgingen) wird in
das Produktionsvolumen, nicht jedoch auf die Wertgröße ein-
besser und durchschnittlich ausgerüsteten Unternehmungen pro-
wirkt (die Produktionsausweitung von 240000 auf 280000 Ar-
duziert, diezusammengenommen 150000 Arschinen zum Preis
schinen fand oben beim konstanten Wert von 2 Rbl. 75 Kop.
von 3 Rubeln produzieren. Im dritten Fall findet die Produk-
statt), so führt in diesem Fall die Nachfragesteigerung zu einer
tion in den besseren, den durchschnittlichen und den schlechte-
Produktionsausweitung von 150000 auf 200000 Arschinen, die
ren Unternehmungen statt und erreicht eine Höhe von 200000
mit einer Wertsteigerung von 3 Rbl. auf 3 Rbl. 25 Kop. einher-
Arschinen zum Preis von 3 Rbl. 25 Kop. In allen drei Fällen,
geht. Die Nachfrage bestimmt auf irgendeine Weise den Wert.
die unserem Schema Nr. 3 entsprechen, ist nicht nur die Gesamt-
Diese Schlußfolgerung ist von entscheidender Bedeutung für die
produktion größenmäßig verschieden, sondern auch die techni-
Vertreter der anglo-amerikanischen und der mathematischen
schen Produktionsbedingungen differieren innerhalb derselben
Schulen der politischen Ökonomie, Marshall eingeschlossen. 98
Branche. Der Wert hat sich gerade deshalb geändert, weil sich
Einige dieser Ökonomen behaupten, daß Ricardo seine eigene
die Produktionsbedingungen in dem betreffenden Zweig geän-
Theorie vom Arbeitswer