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Dialektische Studien Theodor W.

Adorno
und Alfred Sohn-Rethel
Im Auftrag des Theodor W. Adorno Archivs
herausgegeben von Rolf Tiedemann
Briefwechsel 1936-1969

Herausgegeben von Christoph Gödde

edition text + kritik


Erstausgabe INHALT

Die Briefe 9

Editorisches Nachwort 165

Register 169

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Adorno, Theodor W.:


Briefwechsel 1936 - 1969 / Theodor W. Adorno und
Alfred Sohn-Rethel. Hrsg. von Christoph Gödde. -
München : edition text + kritik, 1991
(Dialektische Studien)
ISBN 3-88377-403-0
NE: Sohn-Rethel, Alfred:; Adorno, Theodor W.:
[Sammlung]; Sohn-Rethel, Alfred: [Sammlung]

Satz: oflizin p + p ebermannstadt


Druck und Buchbinder: Schoder Druck, Gersthofen
Umschlagentwurf: Dieter Vollendorf, München
Copyright edition text + kritik GmbH, München 1991
ISBN 3-88377-403-0
Alfred Sohn-Rethel, 1938
1 ADORNO AN SOHN-RETHEL

Oxford, 3. November 1936


47 Banbury Road.

Lieber Alfred,
wenn ich Ihren Brief vom 15. Oktober heut erst beantworte, so ist
am letzten Gleichgültigkeit daran schuld. Es ist mir mit diesem
Brief so sonderbar ergangen daß ich es Ihnen nicht verschweigen
kann: ich hatte von Ihnen, und von einem Brief von Ihnen ge-
träumt, unmittelbar ehe ich aufwachte und hinunterging, um die
Post in Empfang zu nehmen, die aus eben Ihrem Briefe bestand.
Ich glaube mich keiner okkulten Neigungen verdächtig zu machen,
wenn ich Ihnen sage, daß mir das wie ein Omen schien.
Ich habe mit der Antwort gezögert, bis ich von Horkheimer hörte.
Nun ist seine Antwort ausgefallen, wie ich es gedacht hatte: er
bittet mich, über Ihre Arbeit ein Gutachten zu machen. Ich muß
Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue.
Meine Freude wird gedämpft einzig durch Tatsachen der kruden
Empirie. Ihr »Expose« ist von ganz außerordentlicher Schwierig-
keit, und so sehr ich mich dieser Schwierigkeit als eines Ausdrucks
von Treue zu Intentionen, die fast alle anderen verraten, zu jeder
anderen Zeit gefreut hätte, so sehr behindert sie mich jetzt in der
Zueignung Ihrer Gedanken; darum nämlich, weil ich selber mit
einer Arbeit befaßt bin, die, ich fürchte, an Schwierigkeit der Ihren
nichts nachgibt, sodaß ich gleichsam dieselbe Energie auf Produk-
tion und Rezeption zu verwenden hätte. Ich will nicht sagen, daß
das ganz unmöglich sei; jedenfalls aber bedeutet es eine Verlangsa-
mung des Tempos, die am letzten in Ihrem Interesse gelegen ist.
Daher eine Bitte: könnten Sie mir, auf, sagen wir, 10-12 Maschi-
nenseiten, eine Skizze des Gedankenganges (also nicht, wie in dem
Horkheimer-Brief, eine Angabe der Intention) übermitteln, die
Theodor W. Adorno, 1946
mich einmal bei der Lektüre (von der sie mich nicht dispensieren
soll; deshalb können Sie wirklich unbesorgt sein) als eine Art von
Leitfaden unterstützt, dann aber in meinem Gutachten einer (sonst
mit größter Mühe herzustellenden) Inhaltsangabe zugrunde gelegt
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werden könnte? Ich wäre Ihnen unendlich dankbar- darum und prima philosophia (ich will nicht sagen: einer Ontologie) gemacht
es wurde das ganze Verfahren ungemein erleichtern. Wir könn- wird, während es Horkheimer und ganz gewiß mir eines der wich-
ten eventuell Details besprechen, sobald Sie hierher kommen. Ich tigsten Ziele der materialistischen Dialektik scheint, die Idee der
hoffe Sie bestimmt hier zu sehen; sollte es Ihnen aber aus Zeitgrün- prima philosophia zu liquidieren und, ich habe es neulich so formu-
den nicht möglich sein, nach Oxford zu kommen, so würde ich liert: eine ultima philosophia an ihre Stelle zu setzen. Wenn von
selbstverständlich nach London hinüberfahren. Ich habe überdies Horkheimer - und ehrlich gesagt auch von mir - gravierende Be-
bei Horkheimer bereits angeregt, im Dezember (etwa vom 7.-14.) denken zu erwarten sind, so werden sie jedenfalls auf der Linie
nach Paris zu kommen und zwar wesentlich in Ihrer Angele- eines von Ihnen wie sehr auch verwandelten »Idealismus« zu su-
genheit. chen sein. Ich möchte damit nichts präjudizieren; daß ich es über-
So unverschämt es nun auch wäre, wenn ich Ihnen heute zu Ihrer haupt erwähne, hat einzig den Zweck, Sie zu veranlassen, Ihre In-
Arbeit irgendetwas sagen wurde, möchte ich es doch nicht bis zu haltsangabe möglichst so zu formulieren, daß diese Gefahr, wenn
unserer nächsten Begegnung aufschieben, Ihnen wenigstens die es auch in Ihren Augen eine ist, als inexistent sich erweist. - Ich
Punkte der Problemstellung zu bezeichnen, in denen ich völlig mit darf dem vielleicht noch den Rat hinzufügen, ein Exemplar Ihre
Ihnen übereinstimme. Es ist das, wie Sie wissen, zunächst der gan- Arbeit auch Benjamin zu geben, und ihn von mir aus zu bitten, es
ze Komplex der Geschichte und »Geschichtlichkeit« der Waren- genau anzuschauen. Ich weiß, daß auch sein Votum für die Ent-
form; dann das Vermittlungsproblem zwischen Unterbau und Ideo- scheidung über das Schicksal der Arbeit wichtig sein wird.
logie, zu dem ich selbst einen Lösungsvorschlag anzubieten habe, Ich schreibe in allergrößter Hast, mitten aus Husserl heraus; darum
von dem ich aufs höchste gespannt bin, ob er mit Ihrem koinzidiert; verzeihen Sie die Flüchtigkeit der Formulierung; lassen Sie sehr
und endlich die »Überwindung der Antinomie von Genesis und bald von sich hören!
Geltung«, der ja mein gegenwärtiges Buch wesentlich gilt (die »Ver- In steter Freundschaft Ihr
dinglichung der Logik«, das Gelten als »vergessene Synthesis« sind Teddie.
darin ganz zentrale Begriffe). Ich möchte weiter auch annehmen,
daß Ihre Betonung des Funktionsbegriffes sehr mit der meinen
zusammenstimmt; auch dazu werden Sie einiges im Husserl finden
und es ist ein sehr unverächtliches Anliegen einer dialektischen Typoskript mit Korrekturen von Adornos Hand; Nachlaß Sohn-Rethel.
Logik, den Funktionsbegriff dem Idealismus, der ihn einstweilen (Druckvorlage: Photokopie)
völlig blockiert, zu entreißen. Sie sehen aus diesem Wenigen, es ist Brief vom 15. Oktober: Dieser Brief ist verschollen. Sohn-Rethel »hatte im
eine sehr breite Schicht, die wir gemein haben, und wenn mich eine Februar 1936 Deutschland verlassen« und sich »am Tage nach [s]einer
Furcht befällt, dann ist es fast die, daß Ihr Entwurf zu unmittelbar Ankunft in Luzern an die Schreibmaschine« gesetzt, um »nach sechsjähri-
ger Unterbrechung« die Arbeit an seiner Theorie wiederaufzunehmen; das
die Gegenstände der von Horkheimer und mir gemeinsam geplan-
Ergebnis war ein Anfang August fertiggestelltes Manuskript mit dem Titel
ten dialektischen Logik betrifft, als daß er sich dazu verstehen wird, »Soziologische Theorie der Erkenntnis«. Dieses - von ihm selber so genann-
an dieser entscheidenden Stelle unserer Interessen von Instituts te - »Luzerner Expose« schickte Sohn-Rethel an Horkheimer, Walter
wegen etwas zu starten, was er nicht gänzlich >endorsed«. Doch Benjamin, Adorno, Ernst Bloch und Georg Lukäcs; an die ersteren in der
kann ich Ihnen sagen, daß für mich selber dies Motiv keine Rolle Hoffnung »auf eine Mitarbeit am Institut für Sozialforschung«. (Alfred
Sohn-Rethel, Soziologische Theorie der Erkenntnis. Mit einem Vorwort von
spielen wird. Ein Bedenken, das aus Ihrem Brief an Horkheimer
Jochen Hörisch, Frankfurt a.M. 1985, S. 259-261) Adorno war Anfang Ok-
und meinem ersten Eindruck sich ergibt, ist dagegen vielmehr, ob tober 1936, auf der Rückreise von einem Besuch in Deutschland, in Paris
nicht bei Ihnen, roh gesagt, die materialistische Dialektik zu einer mit Benjamin zusammengetroffen; hier hatte er auch Sohn-Rethel gesehen,
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der im August nach Paris übergesiedelt war und von dem er dort das Luzer- mein gegenwärtiges Buch: Die erwähnten Husserl-Studien, aus denen spä-
ner Expose erhielt. Offensichtlich hat Sohn-Rethel der Übergabe seines ter die »Metakritik der Erkenntnistheorie« hervorging.
Manuskripts am 15. Oktober einen erläuternden Brief nachgesandt. - Ken-
nengelernt hatten Sohn-Rethel und der vier Jahre jüngere Adorno sich die von Horkheimer und mir gemeinsam geplante dialektische Logik: Dieser
bereits 1925. Sohn-Rethel lebte seit 1924 in Süditalien; Adorno, der im lange verfolgte Plan wurde nie verwirklicht; an seine Stelle ist schließlich
September 1925, auf einer Italienreise mit Siegfried Kracauer, in Neapel die »Dialektik der Aufklärung« getreten.
Walter Benjamin besuchte, begegnete hier auch Sohn-Rethel zum ersten- ein Exemplar Ihrer Arbeit auch Benjamin zu geben: Benjamin hatte das
mal (s. Brief Nr. 43). Nachdem dieser 1927 nach Heidelberg zurückgekehrt Manuskript des Luzerner Exposes längst erhalten, wie aus seinem Brief
war, fuhr er häufiger nach Frankfurt hinüber und nahm an »Abendvorle- vom 19.8.1936 an Sohn-Rethel hervorgeht (vgl. Soziologische Theorie der
sungen und Diskussionen im Grünberg Institut« - dem alten, noch nicht Erkenntnis, a.a.O., S. 267 f.), es aber ungelesen an Karl Korsch weitergege-
von Horkheimer geleiteten Institut für Sozialforschung - teil (s. Brief ben. Ob er es von diesem zurückerhielt, ist ungeklärt (vgl. Walter Benja-
Nr. 27). Bevor Sohn-Rethel 1931 nach Berlin übersiedelte, ist es dann auch min, Versuche über Brecht. Hrsg. von Rolf Tiedemann, 6. Aufl., Frankfurt
zu ersten Gesprächen über Sohn-Rethels Theorie mit diesem einerseits und a.M. 1981, S. 134 f.).
Horkheimer und Adorno andererseits gekommen. 1933/34 scheinen Ador-
no und Sohn-Rethel sich ebenfalls in Berlin begegnet zu sein.
Horkheimer / seine Antwort/ Gutachten: Sohn-Rethel hatte das Luzerner
Expose durch Paul Tillich nach New York übermitteln lassen und Horkhei-
mer am 14.10.1936 einen erläuternden Brief dazu geschrieben. Adorno hat-
te Horkheimer bereits zwei Tage zuvor berichtet: »Alfred Sohn-Rethel, den 2 SOHN-RETHEL AN ADORNO
ich in Paris sah, gab mir seine große Arbeit, die wieder Expose heißt, mit.
Sie dürfte bei Ihnen kompromittiert sein durch die Empfehlung Tillichs,
der da eine existentialistische Umbiegung des Marxismus zu wittern und zu [Paris, 4.11., bis Nottingham, 12.11.19361
erhoffen scheint. Ich habe das äußerst schwierige Expose noch nicht lesen
können, möchte aber auf jeden Fall annehmen, daß es besser ist als Tillichs
Empfehlung und genau betrachtet werden muß. Wenn Sie wollen, mache
ich Ihnen gern ein Gutachten darüber.« (12.10.1936, Adorno an Horkhei- Der ganze Gedankengang meines Exposes beruht im Grunde auf
mer) Dieses Gutachten, das Horkheimer sich am 23.10.1936 von Adorno zwei Einsichten, die sich mir aus meiner langjährigen früheren
erbat, ist nicht zustande gekommen. Arbeit ergeben haben und die beide höchst handfest sind. Die erste
selber mit einer Arbeit befaßt: Adorno arbeitete während der Jahre 1934-37 kann ich vielleicht darin zusammenfassen, daß die geschichtliche
in Oxford an Studien über Husserl, die er erst nach dem Kriege mit dem Entstehung der gegenüber dem praktisch-materiellen Sein der
1956 erschienenen Buch »Zur Meterkritik der Erkenntnistheorie« (jetzt Menschen verselbständigten und mit dem Schein der'logischen
Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann Autonomie begabten Theorie, d.h. also die geschichtliche Entste-
unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus
Schultz, Bd. 5, 3. Aufl., Frankfurt a.M. 1990) abschloß. hung der »Erkenntnis« in jeglichem idealistischen Verstande, sich
in letzter Instanz allein aus einem eigentümlichen und sehr tiefgrei-
Horkheimer-Brief: Der bereits erwähnte Brief Sohn-Rethels vom fenden Bruch in der Praxis des menschlichen Seins erkläre. Es ist
14.10.1936 an Horkheimer.
dies somit, allgemein gesagt, die wohl grund-marxistische Einsicht,
sobald Sie hierher kommen: Sohn-Rethel besuchte Adorno am 22.11.1936 in daß alle Probleme der menschlichen Theorie in Wirklichkeit auf
Oxford. Probleme der menschlichen Praxis zurückgehen und daß deshalb
im Dezember (etwa vom 9. -14.) nach Paris: Tatsächlich hielt Adorno sich die Aufgabe der marxistischen Ideologienkritik sich in der Aufgabe
während der zweiten Dezemberwoche 1936 in Paris zu Besprechungen mit zusammenfaßt, die Probleme der Theorie auf die zugrundeliegen-
Benjamin und Sohn-Rethel auf. den Probleme der Praxis zurückzuführen. Diese Zurückführung hat
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selbst praktischen Zweck, sie steht im Dienste der Praxis und der Man kann dieselbe Problemstellung von verschiedenen Seiten an-
praktischen Veränderung des materiellen menschlichen Seins. grenzen. Mir ist im Augenblick noch diese gegenwärtig: Der Marxis-
Aber seiner Veränderung in weichem Sinne? Und warum hat das mus ist die Methode der Wahrheitskritik der Ideologien, indem er
materielle Sein der Menschen überhaupt einen »Sinn«, irgendeinen doch lediglich die Methode ihrer genetischen Determination ist.
Bezug auf die »Wahrheit«? Hier scheint mir das für den Ansatz des Woran liegt diese seltsame revolutionäre Koinzidenz? Wenn eine
Marxismus entscheidende Problem eingeschlossen zu sein, zugleich Ideologie marxistisch in ihrer Determination aufgedeckt wird, so
auch die Frage, wodurch der Marxismus sich von allen anderen verwandelt sie sich selbst (! in ihren eignen Begriffen, gemäß ihrem
Methoden so grundsätzlich unterscheidet. Denn er will diesen Sinn, eignen Sinn, ja fast im eignen Kopf ihrer Subjekte) in eine Hebel-
diesen Bezug des Seins auf die Frage nach der Wahrheit nicht selbst kraft der praktischen revolutionären Seinsumwälzung. Wenn das
von sich aus setzen, nicht selbst eine Philosophie oder Ontologie Gleiche dagegen soziologisch geschieht, so vollzieht sich nichts der-
machen. Seine Methode ist eine gänzlich andere. »Wir entwickeln gleichen. Und während sich dort die Flamme der Wahrheitsfrage
der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.« Der Marxis- zum Feuer der Seinsrevolution entzündet, bleibt hier von allem nur
mus läßt sich die Frage nach der Wahrheit aus der Geschichte der ein Aschenhäufchen übrig, das dem Soziologen nur die für ihn un-
Menschheit vorgeben; er kennt sie nur daher, daß sie in der Ge- lösbare Frage aufgibt, wo die Flamme herkam, die etwas zu Asche
schichte vorkommt (und dadurch auch ihm selbst überkommen ist; überhaupt verbrennen konnte. Für den Marxismus ist beides gleich
er steht in ihrer Tradition und ist sogar ihr einziger schulgerechter wesentlich: daß er wirklich nichts als die genetische Determination
Erbe). Und zwar läßt er sie sich vorgeben, nicht um sie zu » destruie- vornimmt, nämlich nicht das mindeste zu den Dingen hinzutut,
ren«, sondern um sich zum Anwalt der in ihrem Zeichen von den daher bloße Wissenschaft ist, und daß eben dies gleichwohl gerade
Menschen selbst anhängig gemachten Angelegenheiten der die revolutionäre Kritik der Dinge ist. Woran liegt das? Mit dem
Menschheit zu machen. Er nimmt sogar diese Angelegenheiten (die Hinweis auf die Dialektik würde man hier das Problem nur an die
also die Menschen selbst - nicht er! - in der Geschichte für ihre Frage nach der »Dialektik« weitergeben. Vielmehr liegt es daran:
Angelegenheit erklärt haben) um so viel ernster als diese Menschen daß die marxistische Determination das Bewußtsein in Bezug auf
selbst, als er ihr kritischer Anwalt ist, kritisch nämlich um der seine Wahrheitsfrage, die Begriffe hinsichtlich ihres Geltungs-
Wahrheitsfrage der Menschen willen und um der in ihr anhängig charakters aufs materielle Sein zurückführt. Und erst hierin kon-
gemachten Angelegenheiten willen. Nur in der Relation dieser Kri- stituiert sich auch sein dialektischer Charakter, denn hier liegt
tik hat und kennt der Marxismus seinerseits die Wahrheitsfrage. überhaupt das ganze Problem der Dialektik (zusamt dem Grunde,
Auf die Bestimmung dieser Relation kommt deshalb alles an (wie warum sie nicht vorweggenommen werden kann). Ich sehe also in
eben in ihr auch der Grund liegt, warum der Marxismus schlechter- der Lösung des Geltungsproblems der Erkenntnis auch den wahren
dings nicht die Setzung einer neuen Ontologie oder prima philoso- Unterscheidungsgrund zwischen dem bürgerlichen und dem marxi-
phia sein kann, sondern, wie Sie überzeugend sagen, die »ultima stischen Materialismus. Denn er ist in der Tat derselbe wie der
philosophia«). In der entscheidenden Frage nach dieser Relation Grund, warum sich in der bürgerlich-soziologischen Reduktion das
aber ist nun wiederum das Geltungsproblem der menschlichen »Sein« in krude Faktizität verwandelt, während es in der marxisti-
Theorie der entscheidende Kern. Genauer: das entscheidende Pro- schen Reduktion seinen Charakter als materielle Praxis herstellt,
blem ist die Relation des Geltungscharakters der Theorie (alias in die die kritisierte Wahrheitsfrage des Bewußtseins als revolutio-
»Erkenntnis«) zur Praxis des menschlichen Seins. Und zu diesem näre Energie hineinschlägt.
Problem nun ist es, daß mein Expose einen Lösungsvorschlag (lie- Obgleich nun diese Bemerkungen hier als Erläuterungen meiner
ber würde ich sagen »die Lösung«) entwerfen will. Absicht vorgetragen sind, bedeuten sie bereits einen guten Teil des

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Referats, das Sie über den Gedankengang meines Exposes von mir schen im Stoffwechselprozeß mit der Natur« negiert. Eine prakti-
erbitten. Auf welche Stellen des Exposes sie sich referierend bezie- sche Negation der Praxis also, und das mit Bezug auf die »Arbeit«
hen, kann ich Ihnen leider jetzt nicht aufzählen, weil ich kein Ex- (in Anführungsstrichen deshalb, weil sie sich selbst mit den ge-
emplar meines Manuscripts hier habe. Denn was mir ein geordne- schichtlichen Wandlungen des Ausbeutungsverhältnisses mitwan-
tes Referat über mein Expose so außerordentlich erschwert, ist der delt und daher nicht immer das war, was sie im heutigen Kapitalis-
Umstand, daß mein Expose nach seiner eigenen Gestalt gar keinen mus ist). Nun ist das Leben der Menschen in keinem Zeitpunkt
fortlaufenden Gedankengang durchführt, sondern in jedem seiner ihrer Geschichte etwas anderes als ihr Leben im praktisch-mate-
Kapitel die ganze Absicht von neuem in Angriff nimmt. Indem das riellen Stoffwechsel mit der Natur, und das in Produktion wie in
jedesmal von einer anderen Seite und auf einer anderen Schicht (zu Konsumtion. Denn von dieser Auffassung, scheint mir, muß man
der ich mich im vorangegangenen Kapitel gleichsam selbst erst im Marxismus unbedingt ausgehen; sie folgt aus dem Satz der
durchgefragt habe) geschieht, soll am Ende für den Leser, wenn er Marxschen Anthropologie, wonach der Mensch diejenige Tiergat-
das Buch zuschlägt, ein unabgeschlossenes, durch die vielfältigen tung ist, die sich selbst ihre Lebensmittel produziert (»Deutsche
Beziehungen dieser Architektonik weiterarbeitendes, tätiges Bild Ideologie«). Zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte ist das Leben
von der Gesamtaufgabe geschaffen sein. Ob das gelungen ist, weiß der Menschen etwas andres als dieser Stoffwechselprozeß, der von
ich nicht. Vermutlich nicht, oder nur äußerst mangelhaft. Und für essentiell praktischem, materiellem Charakter ist; in seiner Hin-
mich hat es jedenfalls den Nachteil, daß mir die Übersetzung mei- sicht sind die Menschen selbst Natur und stehen auch nur im Ver-
nes Exposes in ein kurzgefaßtes Referat unmöglich ist. Die wichti- hältnis zur Natur, einem Verhältnis, das gleichbedeutend ist mit
gen Bezüge stehen überall zerstreut, manchmal im Text, mitunter ihrem Leben selbst. Insofern ist auch die ganze menschliche Ge-
in Klammern, oft auch in Fußnoten, hauptsächlich aber in den schichte in letzter Instanz bloße »Natur«. Aus ihrer ungeheuren
einzeilig zwischen den Text eingeschobenen Abschnitten. Viel- Reihe interessiert mich in meinem Expose nur der Abschnitt, der
leicht erklärt Ihnen das meine Sorge darum, daß das Expose selbst durch den Tatbestand der Ausbeutung charakterisiert ist und wel-
ungelesen bleiben könnte. Wozu ich dagegen gut imstande bin, - cher de facto und mit Grund zusammenfällt mit dem, was vom
und noch besser imstande wäre, wenn ich etwas mehr Zeit und bürgerlichen Standpunkt aus unter dem Titel der »Kulturgeschich-
Ruhe dazu hätte -, das ist, Ihnen die paar Grundgedanken heraus- te der Menschheit« geehrt zu werden pflegt. Die eigentümlichen
zuschreiben, auf denen alles übrige basiert. Damit hatte ich oben Charaktere dieses Abschnitts der Geschichte, darunter vor allem
auch anfangen wollen, aber ich habe wieder der Anziehungskraft eben auch die Spaltung von Theorie und Praxis und die Entstehung
nicht widerstehen können, die mich dabei jedesmal in den inneren der scheinautonomen »Erkenntnis«, rühren zuletzt daher, daß sich
Wirbel hineinzieht. hier die materielle Praxis des menschlichen Lebens durch Vermitt-
Um also oben wieder anzuknüpfen, besteht die erste der beiden lungsformen realisiert, welche dieser Praxis widersprechen. Der
Einsichten, die dem Gedankengang meines Exposes zugrundelie- ausbeutende Teil der Gesellschaft (im von mir sogen. »primären
gen, darin, daß die geschichtliche Genesis der scheinautonomen Ausbeutungsverhältnis«, etwa im alten Ägypten, sind das fremde
Theorie sich aus einem bestimmten Bruch in der Praxis des Völkerschaften, die sich die angesessenen unterworfen haben) lebt
menschlichen Seins erkläre. Dieser Bruch ist der Tatbestand der von Produkten menschlicher Arbeit, die er sich von der ausgebeute-
Ausbeutung, in dem elementaren Sinne, daß der eine Teil der Ge- ten Produzentenschaft aneignet, menschliche Produkte also, aber
sellschaft von den Produkten der Arbeit des anderen lebt. Seine nicht seine eignen; sodaß sich hier das Leben der herrschenden
ganz besondere Bedeutung hat dieser Bruch daher, daß er selbst Schicht auf kein eignes Verhältnis zur Natur gründet, sondern auf
eine Praxis ist, aber die Praxis des »materiellen Lebens der Men- das Verhältnis zu anderen Menschen und zu deren praktisch-

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produktivem Verhältnis zur Natur. Das Produktivverhältnis dern zunächst die bisherige genetische Darstellung fortsetzen.
Mensch - Natur wird zum Gegenstand eines Verhältnisses Mensch Damit laufe ich das Risiko, daß meine Theorie in das Licht einer
- Mensch, wird dessen Ordnung und Gesetz unterworfen und da- Geschichtsphilosophie rückt, wodurch ich jedoch erst recht die
durch gegenüber dem »naturwüchsigen« Zustande »denaturiert«, Gelegenheit gewinne, diesen Anschein durch die Exposition des
um sich fortan nur nach dem Gesetz von Vermittlungsformen zu methodologisch für mich entscheidenden Begriffs der »dialekti-
realisieren, die seine affirmative Negation bedeuten. Diese Nega- schen Identifikation« zu widerlegen. In Wirklichkeit ist alles Fol-
tion ist, wie schon betont, selbst von praktischem Charakter, ist die gende erst und ausschließlich auf dem Wege der dialektischen Iden-
Praxis der Aneignung in dieser Mensch - menschlichen Relation tifikation gewonnen und darf auch ohne die Gefahr der Verfäl-
der Ausbeutung. Die Praxis der Aneignung in dieser Relation nun schung nicht aus ihr herausgenommen werden. Das bedeutet, daß
sehe ich für den wirklichen geschichtlichen Ursprung der Ordnung nach meiner Auffassung der Marxismus in seiner gesamten theore-
des »Daseins« und des Identitätsmodus der Dinge (primär der An- tischen Arbeit in Wahrheit überhaupt nur eine Methode ist, sodaß
eignungsobjekte) an. Der Identitätsmodus des Daseienden, alias die auch gar keine »Lehre« von der Geschichte in positiver Aussage-
»Einheit des Seins«, ist also ab origine Einheit in der Ausbeutungs- form von der methodischen Anwendung des Marxismus auf kon-
relation und für diese konstitutiv; denn der Aneignungsakt der krete geschichtliche Probleme abgehoben werden kann. Wenn aber
Ausbeutung abstrahiert das Produkt vom Produzenten, »verding- als ein Hilfsmittel zur leichteren Mitteilung durchaus verlangt
licht« das menschliche Produkt, neutralisiert es zum Ding, fixiert es wird, daß aus den Erfahrungen konkreter marxistischer Analysen
als fertig gewordenes, dem Produzenten aus der Hand genommenes bestimmte Verallgemeinerungen abgezogen werden sollen, so wür-
Dasein, als Produkt abgesehen von seiner Produktion, als Gegeben- den sie etwa das Folgende besagen:
heit bezw. Genommenheit in Ablösung von der menschlichen Her- Wenn die Aneignungspraxis der Ausbeutung den ursprünglichen,
vorbringung, als quantitativ und qualitativ so gemachte Beschaf- »näturwüchsigen« produktiv-konsumtiven Zusammenhang der
fenheit, und dennoch betontermaßen als Produkt menschlicher materiellen menschlichen Lebenspraxis zerreißt und eine Konsum-
Arbeit (aber der Arbeit Anderer), nicht als »Naturprodukt«. Ich tion ohne eigne Produktion (beim Ausbeuter), eine Produktion
denke, daß aus dieser Andeutung klar wird, was ich meine; die ohne eigne Konsumtion (beim Ausgebeuteten) schafft, so ist die
nähere Ausführung findet sich im Expose in dem Kapitel über das Aneignungspraxis andrerseits ebensosehr eine Vermittlung dieses
»Konstitutionsproblem des gesellschaftlichen Seins«. Die entschei- Zusammenhanges, aber als eines Zusammenhanges zwischen ver-
dende Frage ist hier natürlich die nach den Vermittlungsformen schiedenen Teilen der »Gesellschaft«. Der materielle Zusammen-
und dem genetischen Vermittlungsprozeß zwischen dem Tat- hang der Produktion und Konsumtion wird durch die Ausbeutung
bestand der Ausbeutung und der Entstehung der reflexiven zum Band einer Verflechtung der Menschen miteinander, jedoch in
menschlichen Erkenntnisrelation bezw. der theoretischen Wahr- Bezug auf ihr »Dasein« und in Bezug auf die Daseinsidentität der
heitsfrage. Auf dieses Problem bezieht sich die zweite der beiden angeeigneten Produkte. Diese Verflechtung ist menschliche Da-
für mein Expose maßgebenden »Einsichten«. Sie faßt sich in mei- seinsverflechtung, weil sie durch die Praxis und die Aktion der
nem Begriff der »funktionalen Vergesellschaftung« zusammen, der Aneignung vollzogen wird und unter Wandlung der naturwüchsi-
der für meine Auffassungsweise entscheidende Ansatz zur Analyse gen Ordnungen in Ordnungen des Daseins. Ihr konstitutives Form-
und dialektischen Aufsprengung der »Warenform« und ihrer Ver- prinzip ist das der Identität des Daseins der Aneignungsobjekte in
deckungszusammenhänge ist. der Ausbeutungsrelation zwischen dem herrschenden und dem
Ich will nun zur Erklärung dieses Begriffs hier nicht dem methodi- beherrschten Teil. Sie ist also eine Daseinsverflechtung der Men-
schen Gange des Exposes folgen, obwohl er der richtigere ist, son- schen nach Prinzipien der Einheit des Seins, und nur in dieser
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Formkonstitution ist sie das funktionelle Ganze der wiederher- chen Lebens), d.h. im modernen Kapitalismus, wird die Beziehung
stellenden Vermittlung der menschlichen Lebenspraxis in einer der Aneignung auf die Produktion die der vollständigen, identi-
konkreten materiellen Ordnung. Dies ist es, was ich »funktionale schen Verdeckung der praktischen Wirklichkeit des materiellen
Vergesellschaftung« nenne und scharf unterscheide von aller Art Seins. Dennoch handelt es sich nicht um eine Synthesis der Mate-
naturwüchsiger menschlicher Gemeinwesen, deren Organisation rie. Das Nichtgelingen der Synthesis erweist sich an den Krisen,
in der Relation der Menschen zur Natur (ihrer eignen nach Geburt, und die Krisentheorie ist die eigentliche Kritik aller idealistischen
Verwandtschaft, Tod, und ihrer Lebensmittel im Arbeitsverhältnis Postulierung der Synthesis. Freilich ist die Krisentheorie auch das
zur Natur) liegt. Die funktionale Vergesellschaftung dagegen be- schwerste Stück der ganzen marxistischen Theorie; die Lösung des
ruht auf gar keinem Naturverhältnis der Menschen (weder nach Krisenproblems impliziert, daß in ihren Bedingungen zugleich die
ihrer eignen Erzeugung, noch nach der ihrer Lebensmittel), sie gesamte Geschichte durchsichtig wird, die mit den Krisen ausgeht.
beruht im Gegenteil auf der Ausbeutung der Menschen in Bezug auf Sie werden sich, wie ich glaube, bei der Lektüre meines dritten
ihr Naturverhältnis; sie spielt nur in der Relation von Menschen zu Kapitels und seines Anhangs davon überzeugen, daß mein Entwurf
anderen Menschen, setzt dazu zwar das Naturverhältnis der ausge- zur Krisentheorie in der Tat auf der Linie dieser Kritik gehalten ist.
beuteten Menschen als Produzenten voraus, aber so, daß sie dieses Die funktionale Vergesellschaftung ist nach ihrer eigenen Wirk-
Naturverhältnis in ihre ganz andersartige Ordnung einbezieht und lichkeit, wie sich von selbst versteht, ein geschichtlicher Prozeß,
es im Maße dieser Einbeziehung in allen seinen inneren Bezügen und zwar die Geschichte der Ausbeutung vom »primären Ausbeu-
verwandelt. Die funktionale Vergesellschaftung ist somit menschli- tungsverhältnis« bis zum modernen Kapitalismus. Diese Geschich-
che Daseinsverflechtung durch Ausbeutung und ist immer dinglich te bildet den Gegenstand des II. Kapitels, dessen eingehende Resü-
vermittelt, nämlich vermittelt durch die angeeigneten Produkte als mierung sich hier erübrigen dürfte. Nur auf wenige Punkte möchte
identisch daseiender Dinge. Diese vergesellschaftende Vermitt- ich hinweisen. Zunächst methodisch: ich gehe den Entwicklungs-
lungsfunktion der Dinge, genauer eben ihrer Daseinsidentität als prozeß des Ausbeutungsverhältnisses als dialektischen Reflexions-
Aneignungsobjekte im Ausbeutungsverhältnis ist die Grundlage prozeß der funktionälen Vergesellschaftung durch. Der erste Ab-
der »Warenform«. Die Warenform entspricht der vergesellschaften- schnitt umschreibt die Gesamtabsicht des Kapitels: die Möglichkeit
den Funktion der Ausbeutung, und ihre Struktur bestimmt sich einer Bestimmung der dialektischen Genesis der menschlichen
jeweils nach den Funktionen der Einheit dieser Vergesellschaftung; Wesensformen (wie Subjektivität, Personalität, ete.) aus dem mate-
sie ist ihr formales Konstituens. Aber die funktionale Vergesell- riellen Sein zu erweisen; diese Wesensformen entstehen geschicht-
schaftung vollzieht sich nur kraft der Ausbeutung, daher als ein lich als Resultate der Ausbeutung, und die Vermittlung dieser Ge-
Zusammenhang der Aneignung, der sich zwar immer auf die Pro- nesis ist die funktionale Vergesellschaftung (alle menschlichen
duktion bezieht, jedoch nicht selbst ein Zusammenhang aus der Wesensformen haben konstitutiven Bezug auf das praktisch-mate-
Produktion ist. Er ist ein Zusammenhang in Bezug auf das bloße rielle Sein der Menschen, aber aufgehoben als in dessen affirmati-
Dasein der Menschen und Dinge, nicht in Bezug auf die Hervor- ver Negation). Entscheidend für die Erfassung der Genesis dieser
bringung dieses Daseins. Das liegt in den primären Formen der Wesensformen ist daher die geschichtliche Dialektik der funktiona-
Ausbeutung und der funktionalen Vergesellschaftung noch ziem- len Vergesellschaftung, von der ich als Hauptstufen das alte Ägyp-
lich offen zutage (also etwa im alten Ägypten und Orient), aber in ten, die Antike und das Abendland durchgehe (die beiden ersten
den Formen der total verwirklichten Ausbeutung und der vollen nur ganz oberflächlich andeutend und höchst mangelhaft, das
Konkretisierung der funktionalen Vergesellschaftung (bezw. der Abendland dagegen ausführlicher; zu Recht müßte natürlich auch
vollen Funktionalisierung aller materiellen Bezüge des menschli- die Entwicklung des vorderen Orients einbezogen werden). Die

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genetisch erste Form der funktionalen Vergesellschaftung, d.h. die sis des Privateigentums, der Personalität des Produzenten und der
Vergesellschaftungsform des »primären Ausbeutungsverhältnis- ökonomischen Wertrelation. Wichtig ist mir auch die Auffassung
ses«, ist der Staat. Im Staat ist die vergesellschaftende Funktion der vom Gesamtzusammenhang der abendländischen Entwicklung
Ausbeutung darauf beschränkt, dem Herrschaftsverhältnis der (besonders des dialektischen Entwicklungszusammenhanges zwi-
Ausbeutung selbst die Charaktere der Einheit zu geben (Souveräni- schen Mittelalter und Kapitalismus, vermittelt durch die »einfache
tät, Gebietshoheit, etc.), welche das Wesen des Staates ausmachen, Warenproduktion«), von zahlreichen anderen Momenten abgese-
das Herrschaftsverhältnis der Ausbeutung zum Wesen »Staat« hen, auf deren Andeutung ich hier verzichte.
machen. Die funktionale Vergesellschaftung differiert hier noch Dagegen will ich noch kurz auf die Erkenntnistheorie im engeren
nirgends von dem kruden Tatbestand der Herrschaft und der Aus- Sinne eingehen. Mit der Einsicht, daß die Ausbeutung die »funktio-
beutung selbst und erhält noch keinen von der Naturalform der nale Vergesellschaftung« der Menschen nach Prinzipien der Da-
Aneignungsobjekte (Produkte, Produzenten, Böden, Arbeitsmittel seinsidentität der Aneignungsobjekte bedingt, rückt die gesamte
und -verhältnisse) verschiedenen Ausdruck. Ihr Widerspruch zur Formproblematik der Erkenntnis, also die Problematik der forma-
Naturalform erschöpft sich in deren Magisierung. Der entscheiden- len Einheit der Erkenntnis und der Beziehung der Begriffe auf die
de Schritt zur Ausbildung der gesellschaftlichen Wertform des Objekte, aus der Sphäre des Denkens in die der Vergesellschaftung
Reichtums geschieht erst in der Antike. Das antike Ausbeutungs- der Menschen. Die Formkonstitution der Objekterkenntnis ent-
verhältnis stellt sich insofern als die dialektische Reflexionsform scheidet sich in der Tat in der funktionalen Vergesellschaftung
des altägyptischen und orientalischen dar, als das, was vorher der durchs Ausbeutungsverhältnis, weil sie die Struktur des Objekts
Staat als Ganzes war, jetzt das Privatverhältnis (roh gesprochen) bestimmt, auf das sich das Denken der Menschen bezieht, sobald
der einzelnen Bürger mit ihrem Sklavenhaushalt und ihrer Reich- sie »Subjekte« sind. Die Form der Erkenntnis wird also immer vom
tumsproduktion ist und die antike Gesellschaft (eine pure Ausbeu- Objekt her bestimmt, aber die Form des Objektes wird ihrerseits
tergesellschaft) die Gesellschaft dieser Bürger miteinander ist. Die durch den Prozeß der funktionalen Vergesellschaftung bestimmt.
primäre Reichtumsproduktion (aus Ausbeutung) ist hier reflek- In diesem Prozeß geschieht die konstitutive Synthesis der Erkennt-
tiert, der produzierte Reichtum wird zwischen den Ausbeutern und nis (ich brauche im Expose den Begriff der Synthesis immer nur im
Poleis getauscht und bekommt dadurch zum ersten Male seine ad- formalen Sinne, weil nur die formale Synthesis im Rationalen
äquate, gesellschaftliche Form, nämlich die gesellschaftliche Wert- bezw. nur-Theoretischen tatsächlich geschieht, die materiale dage-
form des Geldes. Dagegen bleibt der Produzent selbst hier noch in gen nicht), während die intellektive Synthesis im Denken nur refle-
der Naturalform stehen (Sklave), und nicht die Produktion, son- xive Bedeutung hat und immer von der konstitutiven des gesell-
dern nur die Verwertung des Reichtums wird funktionalisiert. Die schaftlichen Seins bedingt ist. (Man kann an der Art, wie der klassi-
Reflexion der Ausbeutung findet lediglich von Seiten des Ausbeu- sche Idealismus das Problem der Formkonstitution der Erkenntnis
ters statt. Die Funktionalisierung der Produktion selbst und die bezw. der Objektivität (d.h. der Erkennbarkeitsform des Seienden)
Reflexion der Ausbeutung auf der Seite der ausgebeuteten Produ- ausgearbeitet hat, durchaus festhalten, ja man muß an dieser Aus-
zenten ist jedoch das grundlegende Kennzeichen der abendländi- arbeitung des Geltungsproblems der Theorie sogar festhalten', um
schen Entwicklung. Im Abendland kommt daher das Ausbeutungs-
verhältnis zu seiner vollständigen und allseitigen Entwicklung. In • [Handschriftliche Fußnote:] um einen Wegweiser für die mate-
meinem Expose ist diese Entwicklung am eingehendsten ausge- rialistische] Seinserkenntnis zu haben, als welche sich nicht
führt, wobei ich besonderen Wert auf die Darstellung des Mittelal- direkt, sond[ern] einzig im Wege der Kritik eines. Bewußtseins
ters lege, wegen der darin versuchten Nachkonstruktion der Gene- ergibt, das in genügendem Maße notwendig falsch bedingt ist.
22 23
das Problem genau so zu lösen, wie es vom Idealismus gestellt wor- tion der Praxis. Aber nicht bloß die Produkte als Dinge, sondern die
den ist; denn so verwandelt sich im eignen Sinne dieser Problem- Menschen selbst, und zwar die Ausbeuter, also die wirklichen ge-
stellung die Aufgabe der Nachkonstruktion der begrifflichen Syn- schichtlichen Autoren des Ausbeutungsverhältnisses und der funk-
thesis (die Aufgabe der »transszendentalen Deduktion«) in die der tionalen Vergesellschaftung, treten hier in diesen Identitätsmodus
genetischen Nachkonstruktion der Geschichte des gesellschaftli- des Daseins, identifizieren sich als »Subjekte« (während im alten
chen Seins. In der Tat vollzieht sich genau im gesellschaftlichen Ägypten und Orient das Ausbeutungsverhältnis als Staat und der
Sein die Synthesis, die der Idealismus in der Subjektivität gesucht Ausbeuter und König als Gott fetischisiert war). Darin, daß also
hat. Erst mit dieser Verifizierung des Problems der Synthesis ist hier auf den Menschen kommt, was des Menschen ist, liegt das
auch die legitime Gewinnung der Dialektik verbunden, nämlich die Wahre der Entstehung der menschlichen Subjektivität. Zugleich
Verifizierung der logischen Probleme als Seinsprobleme, womit aber bringen die Bedingungen dieser Entstehung die vollständige
sich zugleich das ganze Verhältnis von Denken und Sein umkehrt. Verdeckung des Ausbeutungsverhältnisses und der praktischen
Also: um der Lösung der von ihm selbst gestellten Probleme willen Seinswirklichkeit der Menschen für das Subjekt mit sich; in der
verwandelt der Idealismus sich in den dialektischen Materialismus! Subjektivität vollendet sich sogar diese Verdeckung. Diese Bezie-
(Vgl. die betr. Partien im IV. Kap. des Exp.)) - - hung der Subjektivität auf die Praxis, aber in der Relation der in ihr
Ist hiermit nun die allgemeine Art und Weise der gesellschaftlichen selbst konstitutiv gewordenen Verdeckung der Praxis [,] bestimmt
Seinsbedingtheit des Denkens in der Geschichte des Ausbeutungs- die Grundkonstitution der Frage (als Frage nach der »Wahrheit«).
verhältnisses ausgesprochen, so kommt es für die geschichtliche Und diese Dialektik ist überhaupt die Grundrelation der gegen
Genesis dieser rationalen Erkenntnis auf die Ursachen der Entste- die Praxis isolierten und nur ihrer scheinbaren logischen Eigen-
hung der Subjektivität an. Ich gebe zu, daß das Problem der Genesis autonomie folgenden Theorie (im Sinne von rationaler, d.h. sich
der Subjektivität (im 7. Jahrhundert v. Chr. bei den Griechen) den nach ihren Geltungsgründen fragenden, reflexiven Erkenntnis).
schwächsten Punkt meines Exposes ausmacht, obwohl ich an der Diese theoretische Erkenntnis steht sich kraft der Bedingungen
strengen Lösbarkeit dieses Problems auf der Grundlage meiner ihrer Genesis für ihre Frage nach der Wahrheit immer selbst im
Theorie des gesellschaftlichen Seins (richtiger: der funktionalen Lichte.
Vergesellschaftung) keinen Augenblick zweifle. Der entscheidende Für den Menschen als Subjekt hat die Wirklichkeit immer die Form
Zusammenhang für diese Genesis ist, daß aus Gründen der Dialek- der »Welt«, in der das Seiende (als pure Gegebenheit) nach Prinzi-
tik der funktionalen Vergesellschaftung die menschlichen Ausbeu- pien der Einheit existiert, d.h. als Objekt. Welche Prinzipien das
ter selbst in den Identitätsmodus des Daseins treten, sich aus dem sind, entscheidet sich jeweils nach der Struktur der funktionalen
Zwang einer ganz bestimmten Konstitution ihres gesellschaftlichen Vergesellschaftung und der Stellung des Subjektes in dieser. Denn
Seins selbst als identisch daseiende »Subjekte« apperzipieren. Diese nur aus der Ursache des Ausbeutungsverhältnisses und der funktio-
Konstitution hängt aufs engste mit der Ausbildung der gesellschaft- nalen Vergesellschaftung entsteht überhaupt die theoretische Sub-
lichen Wertform des Ausbeutungsreichtums zusammen (die Geld- jekt-Objekt-Relation. Deshalb tritt auch für mich an die Stelle der
form des Wertes entsteht um 700 v. Chr. in Ionien), ja die Entste- erkenntnistheoretischen Vexierfrage, wie das Subjekt und das Ob-
hung der Subjektivität ist sogar das unabtrennbare Korrelat zur jekt zueinander kommen können, die umgekehrte Frage, wie sie
Ausbildung der Geldform des Wertes. Die dialektische Bedeutung auseinander gekommen sind (ich sehe daher auch für die Abbild-
der Genesis der Subjektivität ist somit wesentlich diese: theorie keinen Platz), und nur diese Frage ist beantwortbar. - -
Die Daseinsidentität ist ursprünglich der Modus der Produkte im Für die Subjektivität bildet nur die Daseinswelt der Objekte die Im-
Aneignungsakt des Ausbeutungsverhältnisses, ist affirmative Nega- manenz des Seins, während sie die in ihrer Wahrheitsfrage inten-
24 25
dierte praktische Wirklichkeit des Seins als uneinlösbare Trans- verfolgt allein die Absicht, den Punkt in der Warenform zu finden,
szendenz über das erkennbare Sein hinaussetzt. Die wirkliche Welt von dem aus sich ihr Verdeckungszusammenhang durch ihre ganze
steht also in der theoretischen Erkenntnisrelation geradeswegs auf Geschichte hindurch kritisch aufsprengen läßt. Das entscheidende
dem Kopf, und die wirkliche Praxis kann den Menschen nur noch Prinzip meiner Methode ist also das der »dialektischen Identifika-
als von jenseits der Welt her begegnen. Diese Begegnung realisiert tion« (die »Zerschlagung der Spiegelscheibe«, wie wir damals in
sich im Christentum, in dem sich innerhalb dieser verkehrten Welt Paris sagten), über deren Natur das letzte Kapitel meines Exposes,
zum ersten Male das Problem der Praxis für die Menschen stellt. wie ich glaube, einen hinreichenden Aufschluß gibt. Auf diesem
Dies Problem der Praxis ist das der Aufhebung dieser verkehrten Wege scheint es mir ganz unmöglich, bei einer selbst noch so ver-
Welt selbst, jedoch seinerseits im Christentum verkehrt gefaßt als deckten Hypostasierung einer prima philosophia zu enden, und
religiöse Praxis. Die geschichts-dialektische Wahrheitskritik des wenn Sie dennoch eine solche bei mir herausfinden sollten, so
Christentums (sie hat mich das ganze Expose hindurch beschäftigt könnte das nur besagen, daß ich meiner eigenen Methode untreu
und findet sich anmerkungsweise fast in jedem Kapitel gestreift) geworden wäre. Ich glaube es aber kaum, denn ich bin mir durch
ergibt, daß die reelle Aufgabe dieser Praxis im eignen intentionalen die ganze Arbeit hindurch, wie Ihnen zahlreiche Bemerkungen
Sinne des Christentums die Aufhebung der Ausbeutung ist. - - Die beweisen werden, zu gut bewußt gewesen, wie sehr das ganze Un-
dialektische Thematik der »Kulturgeschichte der Menschheit« ist, ternehmen davon abhängt, daß es innerhalb der kritischen Rela-
allgemein ausgesprochen, die, daß jeder Schritt der Verwirklichung tion gehalten bleibt. Dabei muß folgendes berücksichtigt werden.
des Ausbeutungsverhältnisses zugleich ein Schritt der Verwirkli- In einem Expose muß unvermeidlich manches allgemeiner formu-
chung seiner Aufhebung ist. In der Geschichte des Ausbeutungsver- liert werden, als es die noch nicht mitgegebene Erforschung des
hältnisses reift in der Negativität, daß sich den Menschen ihre Einzelnen bereits voll rechtfertigt. So kann z B ein solcher Satz,
Wirklichkeit im bloßen Wesen verdeckt und aufhebt, doch der daß dialektisch jeder Schritt der Verwirklichung des Ausbeutungs-
Mensch zu dem Wesen heran, das die praktische Aufhebung der verhältnisses zugleich ein Schritt zur Verwirklichung seiner Aufhe-
Ausbeutung selbst zu realisieren vermag. - - bung sei, leicht einen geschichtsphilosophischen Eindruck erwek-
Wieweit sich aus diesen rhapsodischen Andeutungen etwas Greif- ken, solange der darin behauptete Tatbestand noch nicht am Ein-
bares entnehmen läßt, vermag ich selbst kaum zu beurteilen. Viel- zelnen konkret erwiesen ist. Aber das ist von mir auch nur als ein
leicht geben sie aber doch einige Fingerzeige für die Lektüre des Regulativ zur Forschung, nicht als ein Satz gemeint, der die Erfor-
Exposes. Der Zeitmangel macht mir eine ausführlichere Darstel- schung erübrigen soll. Ähnlich mag es noch mit manchen anderen
lung leider unmöglich. Deshalb will ich zum Schluß nur noch auf allgemeinen Sätzen im Expose stehen, ohne daß ich anerkennen
das methodische Problem und damit auf Ihren Verdacht einer von würde, mich deshalb schon auf methodischen Irrwegen zu befin-
mir substruierten prima philosophia eingehen. den. Auf diese Bemerkungen möchte ich mich hier beschränken,
Mein methodischer Standpunkt ist kurz gesagt der, daß sich über weil ich hoffe, Sie in wenigen Tagen in Oxford persönlich sprechen
das geschichtliche Sein als solches überhaupt nichts aussagen läßt, zu können. Doch möchte ich das Sachliche nicht verlassen, ohne
sondern daß alles, was geschehen kann, sich allein immer auf die noch einen Hinweis hinzuzufügen. Die wichtigste Stelle über mei-
Kritik seiner Verdeckungen beschränken kann. Die Kritik der nen Begriff der funktionalen Vergesellschaftung und die darin vor-
Warenform oder [,] nach meiner Nomenelatur, der »funktionalen genommene dialektische Identifikation der Warenform findet sich,
Vergesellschaftung« ist daher mein ganzer und einziger methodi- äußerlich nicht angekündigt, im IV. Kapitel, SS. 111-119. Es ist
scher Weg. Sie ist auch bereits mein Ansatzpunkt im ersten Kapitel vielleicht gut, bei der Lektüre des Exposes hintereinander zunächst
(»Der Begriff der funktionalen Vergesellschaftung«). Dieser Begriff das erste Kapitel, dann diese Stelle und weiter das letzte Kapitel

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allem übrigen vorwegzunehmen. Vor allem geht aus, der genannten jetzt in: Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit. Zur Episte-
Stelle der materiale Sinn meiner dialektischen Identifikation her- mologie der abendländischen Geschichte. Revidierte und ergänzte Neuauf-
vor, nämlich die kritische Zersprengung des Wesens vom Realen lage, Weinheim 1989, S. 131-152). - Der von Sohn-Rethel so genannte
»Nottinghamer Brief«, eine von Adorno erbetene Zusammenfassung und
her. Ich nehme an, daß Sie diese Seite der Sache besonders unter »Skizze des Gedankenganges« (s. Brief Nr. 1) des Luzerner Exposbs, bildete
dem Gesichtspunkt der Kritik der Phänomenologie interessieren die Diskussionsgrundlage während des Besuches von Sohn-Rethel bei Ador-
wird. no am 22. November in Oxford. Die Marginalien, die Sohn-Rethel im Ver-
Doch nun zum Persönlichen. Ich befinde mich seit zwei Tagen bei lauf dieses Gesprächs auf seinem Durchschlag notierte, berücksichtigen
meinem Bruder in Nottingham und habe den in Paris begonnenen Einwände und Verbesserungsvorschläge Adornos und sollten der Überar-
beitung des Luzerner Exposes »für Horkheimer« - so die handschriftliche
Brief auf seiner Schreibmaschine fortgesetzt. Morgen Vormittag Notiz am Briefrand - dienen.
fahre ich nach London, wo ich vermutlich bis zum Montag oder
Datierung: handschriftlicher Vermerk Sohn-Rethels.
Dienstag mit Besprechungen in Anspruch genommen bin. An die-
sen Londoner Aufenthalt möchte ich jedoch meinen Besuch bei [..3: Die erste Seite des Briefes ist nicht erhalten. Als Sohn-Rethel 1970,
Ihnen in Oxford anschließen. Würde Ihnen das passen? Sie wären nach dem Tode Adornos, die Publikation des »Nottinghamer Briefes« plan-
sehr nett, mir darüber an folgende Adresse in London Nachricht te, schrieb er an Gretel Adorno: »Leider umfaßt mein Durchschlag davon
nicht die erste Seite, und es ist meine Hoffnung, daß sich der Brief noch
zukommen zu lassen: unter seinen [Adornos] Schriftsachen findet, auch weil er möglicherweise
A.S.-R., c.o. K.E. Wolff, 16 Coramstreet, London W.C. 1. Randbemerkungen von ihm enthält, an die ich mich zu erinnern glaube.«
Meine genaue Ankunft würde ich Ihnen dann noch telegraphieren. (1.6.1970, Sohn-Rethel an Gretel Adorno) Das Original des Briefes ist im
Natürlich würde ich Sie sehr gerne etwas länger sehen als zwischen Nachlaß Adornos nicht vorhanden.
zwei Zügen, um am Abend in London zurück zu sein. Wegen meiner meine langjährige frühere Arbeit: Sohn-Rethel arbeitete seit Anfang der
sehr großen Geldknappheit aber wäre mir eine Übernachtung in zwanziger Jahre an einer »Umbildung der Marxschen Warenanalyse« und
Oxford leider nur möglich, wenn sie bei einem Freunde von Ihnen der Entwicklung einer »materialistischen Theorie der Erkenntnis«. (Geisti-
ge und körperliche Arbeit [ed. 1989], a.a.O., S. VII)
oder in einem sehr billigen Quartier stattfinden könnte. Ließe sich
eine solche Gelegenheit wohl finden, und würde ich Sie in Ihren »Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien«: Karl
eignen Arbeiten nicht zu lange aufhalten? Marx, Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, Berlin 1977, S. 345 (Brief von Marx
an Arnold Ruge, September 1843).
Nach dem Londoner bezw. Oxforder Aufenthalt fahre ich, bevor ich
nach Paris zurückfahre, noch für einige Tage zu einem Freunde wie Sie überzeugend sagen, die »ultima philosophia«: s. Brief Nr. 1.
nach Sussex. Dies also mein äußeres Reiseprogramm, innerhalb »Deutsche Ideologie«: vgl. Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Bd. 3, Berlin
dessen ich sehr hoffe, Sie wiederzusehen. 1969; die von Sohn-Rethel zitierte Stelle, ebd. S. 21.
Bis dahin mit besten Grüßen Kapitel über das »Konstitutionsproblem des gesellschaftlichen Seins«: vgl.
Ihr Soziologische Theorie der Erkenntnis, a.a.O., S. 113-157; auch die weiteren
[Alfred] von Sohn-Rethel im Brief angegebenen Kapitel seines Exposes entsprechen
der Kapiteleinteilung der Druckfassung.
die mit den Krisen ausgeht: so im Brief.
Typoskript-Durchschlag mit Marginalien von Sohn-Rethels Hand; Nachlaß
Sohn-Rethel. Eine überarbeitete Fassung des Briefes wurde unter dem Titel Ihr Verdacht einer von mir substruierten prima philosophia: s. Brief Nr. 1.
»Expos6 zur Theorie der funktionalen Vergesellschaftung. Ein Brief an bei meinem Bruder in Nottingham / c.o. KE. Wolff: Hans-Joachim Sohn-
Theodor W. Adorno (1936)« 1971 erstmals veröffentlicht (vgl. Alfred Sohn- Rethel (1905-1955), Maler, Kabarettist und Stimmenim.itator, emigrierte
Rethel, Warenform und Denkform. Aufsätze, Frankfurt a.M. 1971, S. 7-25; 1932 und gastierte zusammen mit seinem Freund, dem Kabarettisten Kurt
28 29
Egon Wolff in den ersten Jahren der Emigration in zahlreichen Ländern geben Sie mir möglichst rasch Bescheid 47 Banbury Road, am be-
Europas. 1939 übersiedelte er in die USA, wo er 1943 auch Adorno kennen- sten telegraphisch, mit genauer Ankunft[s]zeit.
lernte (s. Brief Nr. 22). Und machen Sie es doch diesen Sonntag möglich!
für einige Tage zu einem Freunde nach Sussex: Über seinen Aufenthalt in Herzlichst Ihr
Sussex berichtete Sohn-Rethel: »... ich [war] von meinem Freund Franz Teddie.
Hering eingeladen [ ... ] Hering und Küstermeier hatten zusammen den
>Roten Sturmtrupp< aufgezogen, Küstermeier war verhaftet worden, aber
Hering entkam noch gerade mit knapper Not und mit Hilfe von Hugo Ri-
charz. In England betrieb er in Sussex eine kleine Farm« (»Einige Unter- Handschriftliche Briefkarte mit dem Wappen des Merton College; Nachlaß
brechungen waren wirklich unnötig.« Gespräch mit Alfred Sohn-Rethel, in: Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)
Die Zerstörung einer Zukunft. Gespräche mit emigrierten Sozialwissen- Datierung / Freitag erbend: Daß es sich um den 13.11.1936 handeln muß,
schaftlern. Aufgezeichnet von Mathias Greffrath, Reinbek bei Hamburg ergibt sich daraus, daß Adorno Sohn-Rethels Vorschlag, anschließend an
1979, S. 278) seinen Londoner Aufenthalt nach Oxford zu kommen (s. Brief Nr. 2), also
Unterschrift: Da die Druckvorlage ein Typoskript-Durchschlag ist, wurde am 18./19. November, oder, wie Adorno schreibt, am Mittwoch-Donnerstag,
die - im Original handschriftlich nachgetragene - Unterschrift ergänzt. So rechtzeitig ablehnen mußte, da er an diesen Tagen verhindert war.
wird auch im folgenden verfahren, ohne daß es jeweils angemerkt wird. kommen Sie Sonntag: d.i. der 22. November. Am Montag, den 23. November
berichtete Adorno an Horkheimer über das Treffen mit Sohn-Rethel: »Ich
komme zu Sohn-Rethel, und damit nach meiner Überzeugung zum wichtig-
sten. Zunächst zum äußeren Stand der Dinge: ich hatte ihn aufgefordert,
mir zur Erleichterung des >Gutachtens<, das ich Ihnen vorgeschlagen, mir
eine Art Inhaltsangabe seines großen Manuskripts anzufertigen. Er hat das
in der Form eines Briefes getan, der mich, um das sogleich vorwegzuneh-
3 ADORNO AN SOHN-RETHEL
men, aufs stärkste beeindruckt hat. Der Zufall hat es nun mit sich gebracht,
daß er in diesen Tagen nach England kam [ ... ] Ich habe ihn sogleich zu mir
eingeladen und gestern den ganzen Tag in intensivster Arbeit mit ihm
[Oxford, 13.11.1936] verbracht. Er wird auf Grund dieser Besprechung nun eine genaue Inhalts-
angabe seines Manuskripts herstellen und Ihnen und mir schicken [...1«
Um ein solches »knappes Resume seiner Ansichten« (14.11.1936, Hork-
Freitag abend. heimer an Adorno) hatte Horkheimer nach der ersten Lektüre des Luzer-
ner Exposes gebeten.
Lieber Alfred, ich bin sehr froh daß Sie im Land sind. Ganz rasch
nur wegen der praktischen Dispositionen. Sie scheinen an Mitt-
woch-Donnerstag zu denken. Beides würde mir nicht gut passen, an
beiden Abenden habe ich hochoffizielle, praktisch wichtige Dinner-
Verpflichtungen, die ich unmöglich absagen kann (Einladungen
von langer Hand).
Ich möchte Ihnen darum vorschlagen: kommen Sie Sonntag und
bleiben Sie bis Montag oder (was nicht ganz so günstig wäre) Sonn-
tag in 3 Tagen. Wegen Übernachten usw. machen Sie sich keine
Sorgen. [C]ela s'arrangera.
Wenn beides nicht klappt, käme ich evt. Freitag nach London. Bitte

30 31
4 ADORNO AN SOHN-RETHEL
/7• lf.reta...X.-r' / 1'r~4 Merton College,
17. November, 1936. Merton College, Oxford.
Oxford. .G•..l.,M /W- , '•J/~l~e..~ ,erp/,Cdr,: ,.X.. _.
"r4 'y &i,...1,,4,
Lieber Alfred, ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich Ihnen 8""' a'~' ~`"~rc' ~`' ~..~' ~.r.c`' •"„`..~ ~r'''L"'`'t''6 . iz `
sage, daß Ihr Brief die größte geistige Erschütterung bedeutete, die
'ich in Philosophie seit meiner ersten Begegnung mit Benjamins ~'.Y ~" ~>~ ~` ~` x „"`..•~'".. -,,,.~''" t'tQ".~.,
Arbeit - und die fiel ins Jahr 1923! - erfuhr. Diese Erschütterung
,r....•..~ ..n..r ~t'~n...~•,-L` ~'L+~,4.. a - ~•`.✓' ,~ ~
registriert die Größe und Gewalt Ihrer Konzeption - sie registriert ~G•,,,t .~~ /9'2,~ =-~.~,~.~ . ~a~~ ~`/~"~-
aber auch die Tiefe einer Übereinstimmung, die unvergleichlich ~,...,',~ f~-:..~•~ .~~ /~ ...:J .~sc-.~,,~
viel weiter geht als Sie ahnen konnten und auch als ich selber f~,{va~ ~~' ~"' J .L••.., ~. Gi w -ra.a..%~tn~ :.,,,,~.r ~.~..,,t
v
ahnte. Und nur das Bewußtsein dieser Übereinstimmung, von der /
. .ni.•'I /~s~ 2~ "~' "G.~+ ~.. •^^/~~A.~.+~-̀'~ / /;:~
Sie Spuren im Begriff der falschen Synthesis in der Jazzarbeit mö- •y1' -,~c.-`~f~•./ -+a%zrC -+1o1..-X...► ih/14 n,ss~--d4'.
gen bemerkt haben, die aber im wesentlichen in der kritisch-imma- ~x-••L.* V -..',«,~ "'""' -/~~ -' y ~"r~"`,~~4 .
• ~i,-.
nenten Überführung (= dialektischen Identifikation) des Idealis- %~~r . « iL► 6' rr`+ .~b~► ''t =+-la..s /t.s(,.•~~.,. ,
mus in dialektischen Materialismus; in der Erkenntnis, daß nicht
Wahrheit in Geschichte sondern Geschichte in der Wahrheit ent-
halten ist; und im Versuch einer Urgeschichte der Logik besteht -
nur diese ungeheure und bestätigende Übereinstimmung verhin- 3
dert mich, Ihre Arbeit genial zu nennen - die Angst, es möchte es Merton College,
dann am Ende auch die eigene sein! Wie ich danach unsere Begeg- ~ ~ AM. /:.w %~.v ~...a, •~"" Oxford.
nung herbeisehne, bedarf keines Wortes. So hätte es Leibniz zumu- ~'C:.t'...1Ci.~w~~i.hS~'..`."a.'~ t/ittQ ✓Lsyt.
GÖ/'~'~''
te sein müssen, als er von der Newtonischen Entdeckung hörte, ~" ~''''.✓ ^'~/('`'"' .~-~.~•s."'''J ' 'l~~
und vice versa. Halten Sie mich nicht für wahnsinnig. Ich glaube
nun gewiß was ich schon lange von meinem Versuch annahm: daß
es uns konkret gelingt den Idealismus zu sprengen: nicht durch die
»abstrakte« Antithesis von Praxis (wie noch Marx) sondern aus der
eigenen Antinomik des Idealismus. Und das wäre - aber was das 14'`ti''a'' "~ -c..`yt --Z-'V --44 •• ~~-s ~~G. •.
wäre, das will ich nun lieber doch nicht sagen. Aber sagen möchte f'ri.,s•4>~.,~ .8,,,, ~,1,.•'t?c..•6-L -~++. ~
ich, was danach lächerlich klingt - daß ich beim Institut alles fair G~ 'f..~~~..M1 t.~'~~s,w.., ~y~y,G;s,• -
Ihre Arbeit tun werde was ich vermag!
Bitte kommen Sie wenn irgend möglich schon Samstag, gegen Mit-
~~ ~.-~— ~/~•,~~6' ~,..~, G~.~1 ,~~.-a_"
7!J%i,«..s _ - _ •~,~ti,,,. -~i~il,~ ~-c' ~-: ~.. ~Zs 1~'
tag, und geben Sie mir rasch genauen Bescheid.
In Freundschaft Ihr
Teddie.
32 33
Handschriftliche Briefkarte mit gedrucktem Briefkopf; Nachlaß Sohn- 5 SOHN-RETHEL AN ADORNO
Rethel. (Druckvorlage: Photokopie) - Der Brief wurde'in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung vom 22. Juli 1987 widerrechtlich abgedruckt.
Ihr Brief: d.i. Brief Nr. 2.
8 rue Frangois Mouthon
Jazzarbeit: Die unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler verfaßte Arbeit Paris XV e Paris, den 24. Januar 1937
»Über Jazz« erschien in der Zeitschrift für Sozialforschung 5 (1936),
S. 235-259 (Heft 3); jetzt in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften.
Bd. 17: Musikalische Schriften IV. Moments musicaux, Impromptus, Lieber Teddie,
Frankfurt a.M. 1982, S. 74-108. Ihr Brief, den ich gestern Abend erhielt, ist mir arg in die Glieder
gefahren, zumal ich mich durchaus in der Schuld weiß, die Sie mir
Leibniz [:..1 als er von der Newtonischen Entdeckung hörte: Leibniz und
Newton hatten unabhängig voneinander ähnliche Entdeckungen zur Diffe- zumessen. Flur zur psychologischen Erklärung des Verzuges lassen
rentialrechnung gemacht. Sie mich Ihnen sagen, daß eine gewisse Vertagung der Zusammen-
daß ich beim Institut alles für Ihre Arbeit tun werde: Adorno setzte sich fassung meiner Arbeit bei unserer Trennung hier vorgesehen wor-
umgehend für eine Unterstützung Sohn-Rethels durch das Institut für So- den war, eine Vertagung nur um etwa drei Wochen freilich, wäh-
zialforschung ein. »Ich möchte - und zwar ganz einfach im Interesse der rend deren bei mir und in weiteren Besprechungen zwischen Herrn
Aufgabe des Instituts selber - dringend raten, ihm die Ausarbeitung mög- Dr. Benjamin und mir eine Klärung der Darstellungsweise eintre-
lich zu machen. Soweit dabei meine kritische Mitarbeit notwendig ist, steht ten sollte. Der Kontakt mit Walter Benjamin konnte wegen seiner
sie selbstverständlich zur Verfügung. Sohn wird ab Ende Januar ohne alle
Subsistenzmittel sein. [ ... 1 Und er käme gewiß mit einer schmalen Rente Reise erst nach seiner Rückkehr fortgesetzt werden und hat inso-
(die man ja, um der Sache einen festen Umriß zu geben, befristen könnte) fern Früchte getragen, als es mir gelungen ist, ihm die Absicht
bestimmt aus« (23.11.1936, Adorno an Horkheimer). Zu regelmäßigen Zah- meiner Arbeit doch wesentlich näher zu bringen, als ich damals zu
lungen des Instituts an Sohn-Rethel kam es zunächst nicht. Adorno er- hoffen wagte. In der Zwischenzeit lebte ich, wohl durch ein Mißver-
reichte jedoch, daß ihm für die Zusammenfassung des Luzerner Exposes im ständnis, in der Erwartung, daß Sie auf der Rückreise aus Deutsch-
Auftrag des Instituts ein Htinorar von 1000 FF bezahlt wurde (s. die Anm.
zu Brief Nr. 5). Adornos Bemühungen, eine Mitarbeit Sohn-Rethels an der land noch einmal hier durchkommen würden. Darüberhinaus aber
Zeitschrift für Sozialforschung zu erwirken, blieben erfolglos. Am war die Hauptursache der Verzögerung die sehr starke politische
15.12.1936 schrieb er nach einer Besprechung mit Benjamin und Sohn- Inanspruchnahme, die mich seit vierzehn Tagen überhaupt nicht
Rethel in Paris an Horkheimer: »Benjamin und ich hatten ein siebenstündi- mehr zu meinen Arbeiten hat kommen lassen. Ich habe jedoch
ges theoretisches Gespräch mit ihm [ ... ] Er bittet, wegen der kurzen Zu- bereits gestern nach London berichtet, daß mir darin eine Pause
sammenfassung seiner Gedanken sich noch 14 Tage oder 3 Wochen zu ge-
dulden und ich möchte diese Bitte im Interesse der Sache unterstützen [ ... ] von acht bis zehn Tagen eingeräumt werden müsse.
Benjamin wird in Kontakt mit ihm bleiben. Im übrigen habe ich einen Auf Ihren gestrigen Brief hin, habe ich mich heute mit Wal-
Vorschlag zu machen [...1 Wie Sie sich erinnern werden, hatten wir seiner- ter Benjamin in Verbindung gesetzt und komme eben von der
zeit einen Aufsatz über Klages verabredet [...] Wie wäre es, wenn man Sohn- Unterredung mit ihm nach Hause, in der wir für die zusammen-
Rethel diesen Aufsatz machen ließe? [...1 Vielleicht lassen Sie ihm wegen fassende Darstellung meiner Arbeit oder ihrer Hauptabsicht
der Klagessache Bescheid geben und auch wegen Besprechungen.« Adorno
dachte an eine Mitarbeit Sohn-Rethels am Besprechungsteil der Zeitschrift einen Weg in etwa abgesteckt haben. Ich werde daher morgen,
fair Sozialforschung. unter Beiseitesetzung aller anderen Dinge, an die Ausführung
gehen, und es ist vorgesehen, daß ich mich Ende der Woche
wieder mit ihm in Verbindung setze, um den fertiggestellten
Text dann gemeinsam durchzugehen. Ich glaube somit, Ihnen
sowie Mr. Adams und Herrn Dr. Horkheimer die 10 - 12 seitige
34 35
Zusammenfassung Anfang der übernächsten Woche zugehen las- IhrBrief [...1 ist mir arg in die Gliedergefahren: Dieser Brief ist verschollen.
sen zu können. Adorno hatte, wie aus seiner Korrespondenz mit Horkheimer hervorgeht,
Lieber Teddie, glauben Sie mir, daß ich mir meiner Verantwortung, die in Auftrag gegebene Zusammenfassung angemahnt.
die ich Ihnen gegenüber wegen Ihres persönlichen Einsatzes in gewisse Vertagung/ bei unserer Trennung hier: vgl. die Anmerkung zu Brief
dieser Sache trage, ganz bewußt bin. Da zudem auch für meine Nr. 4.
Existenz von dem Erfolge Entscheidendes abhängt, können Sie Besprechungen zwischen Herrn Dr. Benjamin und mir: Benjamin sollte »auf
gewiß sein, daß ich mein Bestes einsetzen werde. So nachteilig der Wunsch Adornos [ ... ] quasi als Gutachter Horkheimer gegenüber« auftre-
negative Eindruck sein mag, den Dr. Horkheimer aus meinem Ex- ten (vgl. Alfred Sohn-Rethel, Warenform und Denkform. Mit zwei Anhän-
pose gewonnen hat, lasse ich mich davon noch nicht entmutigen, gen, Frankfurt a.M. 1978, S. 90).
da ich genügend sicher bin, daß dieses Urteil für den Kern meiner wegen seiner Reise: Benjamin reiste Ende Dezember/Anfang Januar nach
Arbeit der Sache nach nicht zutrifft. Diesen Kern ihm deutlich zu Italien.
machen, wird die Aufgabe sein, auf die ich [mich] unter möglichster starke politische Inanspruchnahme / nach London berichtet: Sohn-Rethel
Abstreifung alles Beiwerks in meiner Zusammenfassung beschrän- war während seines Aufenthaltes im November 1936 in England in Bezie-
ken möchte. In meinem Begleitbrief an ihn kann ich auf seine hung zu oppositionellen Kreisen getreten und lieferte den Gegnern der
englischen Appeasement-Politik Informationen über die deutschen Kriegs-
speziellen Einwände vielleicht noch eingehen, wenn Sie so freund- vorbereitungen, an die er in Berlin durch seine Mitarbeit beim »Mitteleuro-
lich sein wollen, mir den Inhalt seiner Briefe im Laufe der kom- päischen Wirtschaftstag« gelangt war; zudem hoffte er, durch eine journali-
menden Woche zur Kenntnis zu bringen, wofür ich Ihnen sehr stische Verwertung seiner Kenntnisse sich eine Einkommensquelle zu
dankbar wäre. erschließen (s. die Briefe 7, 13 und 19; vgl. Sohn-Rethels Darstellung dieser
Ebenso bin ich Ihnen äußerst dankbar für die finanzielle Vorsorge, Ereignisse in: Die Zerstörung einer Zukunft, a.a.O., S. 278-280).
die Sie für die Zusammenfassung mit Herrn Dr. Horkheimer getrof- Mn Adams: Adorno hatte sich Anfang Dezember 1936 an Walter Adams,
fen haben! Meine materielle Lage ist leider gegenwärtig in der Tat den General Secretary des »Academic Assistance Council«, gewandt, um die
sehr schwierig und macht mir sehr zu schaffen. Ich will mich bemü- Möglichkeiten eines Stipendiums für Sohn-Rethel zu eruieren. Das Council
war im Mai 1933 gegründet worden -for the assistance of university tea-
hen, der Sache die Form eines Aufsatzes zu geben, soweit ich das chers and investigators of whatever country who, on grounds of religion,
irgend mit der Hauptabsicht vereinbaren kann, meinen Gedanken- political opinion, or >race< are unable to carry on their work in their own
gang so greifbar und unmißverständlich als möglich darzustellen. country (zit. nach dem »Third Report« des Councils vom 22. Juli 1937;
Ich denke, daß auch Ihnen hieran am meisten gelegen sein wird, Dokument im Horkheimer-Archiv, Frankfurt a.M.). An Horkheimer
und nicht anders war auch Walter Benjamin der Ansicht, daß dies schrieb Adorno: »Ich habe übrigens am letzten Tag in London lange mit
Adams über ihn [Sohn-Rethel] gesprochen, der Ihnen wohl schreiben wird.
die maßgebende Sorge zu sein habe. Vielleicht könnte man zu einem Arrangement mit dem Academic Assist-
Ich bitte Sie aufrichtig um Verzeihung wegen der Ungelegenheiten, ance Council kommen und das Stipendium teilen. Ich glaube sicher, daß im
die ich Ihnen bereitet habe, lieber Teddie, und grüße Sie sehr Falle Ihrer Bereitschaft auch Adams bereit wäre und eher bereit als etwa
herzlich Herrn Heinemann zu unterstützen. Die von beiden Seiten zu zahlenden
Ihr Beiträge wären durch die Teilung wohl durchaus tragbar« (15.12.1936,
Adorno an Horkheimer). Zu den weiteren Bemühungen um das Stipendium
[Alfred] s. die folgenden Briefe.
Zusammenfassung Anfang der übernächsten Woche: Fertiggestellt wurde
die Arbeit Ende April 1937 (s. Brief Nr. 7). Aus der geplanten 10-12
Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo- seitigefnl Zusammenfassung entstand das von Sohn-Rethel so genannte
kopie) »Pariser Exposb«, das erst 1971 unter dem Titel »Zur kritischen Liquidie-
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rung des Apriorismus. Eine materialistische Untersuchung (mit Randbe- alle Kühe grau sind, bezieht. Nur hat Schelling nicht unaufhörlich groß-
merkungen von Walter Benjamin)« veröffentlicht wurde (vgl. Warenform sprecherische Postulate aufgestellt, was alles geleistet werden müsse,
und Denkform [ed. 1971], a.a.O., S. 27-85; jetzt in: Geistige und körperliche sondern seine Überzeugung von der Identität alles und jedes als seine
Arbeit [ed. 19891, a.a.O., S. 153-220). metaphysische Anschauung ausgesprochen. Sohn-Rethels fortwährende
Versicherung, daß irgendwelche Nachweise geleistet werden müßten, nach
der negative Eindruck Florkheimers: Horkheimers ablehnende Stellungnah- denen irgendwelche »Genesen« aus dem Sein oder aus der Geschichte oder
me gegenüber Sohn-Rethels Luzerner Expose ließ sich auch durch das Pari- aus der Seinsentwicklung des Menschen oder aus der tiefsten Wurzel des
ser Expose nicht entkräften. Da weder Sohn-Rethel selbst noch Adorno Seins des Menschen in seiner Geschichte gleichbedeutend seien mit dem
Horkheimers Einwände zu widerlegen vermochten, diese aber für die Ent- Wahrheitsproblem des Bewußtseins oder der Geltungsfrage der Erkenntnis
wicklung der Beziehungen Sohn-Rethels zum Institut für Sozialforschung oder mit der Praxis der Gesellschaft - empfinde ich als unendlich ermüdend
entscheidend waren, seien sie hier, so wie Horkheimer sie in einem Brief an und uninteressant.
Adorno formulierte, vollständig zitiert: Fast scheint es mir so, als seien Sie, durch Sohn-Rethels Manie der dialekti-
schen oder vielmehr undialektischen Identifikation angesteckt, gegen den
Über die Arbeit Sohn-Rethels gehen unsere Meinungen leider auseinander. ungeheuren Unterschied Ihrer eigenen Denkart und seiner blind geworden.
Marcuse und ich haben den Entwurf [scil. das Luzerner Expose], freilich Ihre Absicht, die notwendige und immanente Bezogenheit des idealistischen
nur zum Teil, gelesen, trauen uns jedoch immerhin schon ein Urteil dar- Subjektbegriffs auf Materielles nachzuweisen, mag mit Sohn-Rethels Po-
über zu. Wenn der starke Eindruck, den Sie von seinem anstelle eines stulat einer Materialisierung des idealistischen Erkenntnisbegriffs zusam-
Gutachtens geschriebenen Brief [s. Brief Nr. 21 und von der Aussprache mit mentreffen, aber solche formalen Übereinstimmungen können Sie unter
ihm gewonnen haben, nicht auf ganz andere Sohn-Rethelsche Einsichten Umständen auch zwischen uns und unseren ärgsten Gegnern feststellen.
zurückgeht, als auf diejenigen, die im Entwurf zum Ausdruck kommen, Es scheint mir weniger auf diese großen philosophischen Zielsetzungen als
dann haben Sie sich durch seine große Intelligenz einfach bestechen lassen. auf die bestimmten Formulierungen im einzelnen anzukommen. Sehen Sie
Soweit wir etwas Richtiges in der Arbeit finden können, sind es theoretische aber einmal diesen Sohn-Rethelschen Entwurf daraufhin etwas näher an;
Ansichten, die uns allen seit langem gemeinsam sind, vorgetragen in einer beobachten Sie auch die Verbindung der einzelnen Sätze miteinander und
akademisch eitlen und bombastischen Sprache. Wenn etwa gesagt wird, daß suchen Sie vor allem nach irgendeinem Anhaltspunkt dafür, in welcher
»die Lösung des Erkenntnisproblems ... zur Gewinnung der Praxis« unter- Beziehung diese ganze Arbeit zur geschichtlichen Realität steht und was
nommen werde, so ist das entweder eine schlechte Formulierung für den der Autor von dieser kapiert hat. Sie werden sich des Gefühls nicht erweh-
Gedanken, daß die Theorie in die Praxis verflochten ist und daß man die ren können, daß hinter diesem trostlosen Ablauf von Sätzen mit inhalts-
Praxis, das heißt die praktischen Kämpfe, gewinnen muß, oder es ist ein- schweren Worten zwar eine große Denkkraft steckt, daß diese aber zur
fach Gerede. Ähnlich steht es mit dem gleich darauf folgenden Satz: »Man Geschichte selbst, wie sie ist, auch nicht viel anders steht als irgendein
sieht aber, daß das formale Wahrheitsproblem der Erkenntnis hinsichtlich Jaspers oder sonst ein Professor. In jedem Satz Ihres Jazzaufsatzes [vgl.
ihres Geltungscharakters, das materiale Wahrheitsproblem des Bewußt- den Nachweis zu Brief Nr. 41 kommt unser gespanntes Verhältnis zur
seins im Sinn der geschichtlichen Wesensentwicklung der Menschen und Realität klarer zum Ausdruck als in den mit Gewichtigkeit vorgetragenen
endlich das praktische Wahrheitsproblem im Sinn der praktischen Lösung Erklärungen Sohn-Rethels. Mag Ihre Kierkegaard-Arbeit [» Kierkegaard.
der eigenen Seinsprobleme der Menschen in einem ganz untrennbaren Zu- Konstruktion des Ästhetischen«, Tübingen 1933; jetzt in: Theodor W. Ador-
sammenhang miteinander stehen.« Diese heilige Dreieinigkeit von forma- no, Gesammelte Schriften, Bd. 2, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1990] auch noch
lem, materialem und praktischem Wahrheitsproblem ist kennzeichnend die Spuren der idealistischen Denkweise an sich tragen, von der Sie sich mit
für ein Verfahren, in dem immer wieder behauptet wird, daß alle Probleme jenem Buch lossagten, so macht sich doch an vielen Stellen Ihr vom Haß
und Kategorien miteinander identisch seien und auseinander hervorgehen. geschärfter Blick auf das Bestehende geltend, ja, ich habe die Unvereinbar-
»Der Nachweis der Genesis der geltenden Erkenntnis aus dem gesellschaft- keit Ihrer Gedanken mit dem vorhandenen objektiven Geist auch dort er-
lichen Sein ist gleichbedeutend mit der praktischen Wahrheitskritik des fahren, wo mir die Richtigkeit der Gedanken als zweifelhaft erschien. Ich
gesellschaftlichen Seins der Menschen nach den Maßen ihres Wesens.« Sie wiederhole: sehen Sie unter diesem Gesichtspunkt den Entwurf noch ein-
selbst haben bestimmt für solche übertrieben idealistischen Formulierun- mal durch! Die formale Übereinstimmung in der Intention wird hinter der
gen keine besondere Sympathie. Sie erinnern an jene Partien aus Schellings vielsagenden Probe ihrer Durchführung verschwinden.
Identitätsphilosophie, auf die sich das Wort Hegels von der Nacht, in der Das Schlimmste ist die Art, wie die Marxsche Theorie darin auftritt. Ich

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behaupte, daß anstelle der Marxschen Kategorien Comtesche, sicher aber Wesens ohne Rückenansicht, in dem seine Genesis nur noch als die Selbst-
Speneersche Begriffe stehen könnten, ohne daß irgendetwas verändert verfangenheit in die eigene Existenz und die sachliche Vermittlung der
wäre. Ja, noch mehr! Anstatt ökonomischer Kategorien können beliebige Herrschaftsbeziehung zwischen bloßen Menschen nur noch im Objektivi-
geschichtsphilosophische, biologische oder psychologische eingesetzt wer- tätsanspruch ihrer unmittelbaren Geltung vorkommt« _ dieser Staat müß-
den. Nirgends wird die eigentümliche Ironie der Marxschen Kategorien te den Autor dieses großartigen Satzes schon deshalb zu seinem Würdenträ-
wirksam, nirgends erscheint ihre kritische Funktion, ja, es werden nicht ger machen. Ich weiß, das alles läßt sich zur Not verstehen, aber sobald man
einmal Konsequenzen aus ihrem spezifischen ökonomischen Gehalt gezo- es ä peu pres verstanden hat, merkt man, daß das, was der Autor hier mit
gen. Die Marxsche Theorie dient ihm nur dazu, seinen Zug zum »Konkre- vertrauten Erkenntnissen getan hat, ihre idealistische Verbrämung und
ten« möglichst radikal zu exemplifizieren, wobei dies konkret und radikal nicht etwa ihre Schärfung ist. Ich kann, wie gesagt, über das ganze kein
gar nicht so sehr viel anders gemeint sein muß als bei den gestalters oder abschließendes Urteil fällen, vermute aber, daß die Einzelheiten, von denen
der Phänomenologie. ich bis jetzt nicht eine einzige Ausnahme zu entdecken vermochte, keine
»Es genüge aus der Analyse der Wertform die Aussage, daß erstens die irreführenden Zeichen fair die Arbeit sind.
Wertform selbst die Reflexionsform des Seins der Dinge hinsichtlich seiner Da ich eine Meinung von Ihnen, die sich schließlich in diesem Fall dazu
Einheit ist und daß zweitens in ihr das Dasein der Dinge auf den Menschen noch auf größere Erfahrung stützt, auch dann respektiere, wenn sie der
als in der gleichen Ebene des Seins wie [die des] existierenden Subjekts meinigen entgegengesetzt ist, so bitte ich Sie zunächst nur darum, Sohn-
bezogen ist.« Auch Hegels Enzyciopädie enthält im naturwissenschaftli- Rethel jedenfalls keine Versprechungen zu machen, ehe wir uns nicht wei-
chen Teil Sätze, denen man es rein sprachlich anmerkt, daß er mit dem ter verständigt haben. Sollten Sie dafür sein, ihm den Auftrag zu erteilen,
Gegenstand nicht vertraut ist. Aber dieser Aussage merkt man allzu deut- einen kurzen und klaren, eventuell druckbaren Aufsatz über seinen Grund-
lich an, daß der Autor mit jener Analyse auf dem Kriegsfuß steht. Wahr- gedanken anzufertigen, fair den wir ihm meinethalben tausend Franken
scheinlich enthält der Satz eine unverdaute Erinnerung an das Phänomen bezahlen könnten, so bin ich damit einverstanden. Irgendwelche weiteren
der Verdinglichung, die Sohn-Rethel aus der Lektüre von Lukäcs geblieben Hoffnungen sollten wir ihm jedoch nicht machen, denn wenn der Aufsatz
ist, und weiter an die Theorie, daß im Wert sich die gesellschaftlichen Be- nicht ganz andere Qualitäten zeigt als der Entwurf, werde ich ernstlich
dürfnisse, wenn auch mehr oder minder schlecht, durchsetzen, wodurch so versuchen, Sie von dem Gedanken an eine Zusammenarbeit mit Sohn-Re-
etwas wie die Einheit der Gesellschaft vermittelt wird. Wahrscheinlich, thel abzubringen. (8.12.1936, Horkheimer an Adorno)
sage ich, denn die Allgemeinheit der Formulierung, mit der nicht etwa von
bestimmten Menschen in bestimmten Perioden, sondern von der Form des
Seins der Dinge, vom Dasein der Dinge, von »dem« Menschen und so fort
gesprochen wird, verbietet es hier wie an anderen Stellen, Sohn-Rethels
Behauptungen mit ökonomischen Theorien in klaren Zusammenhang zu
bringen. Den Begriff der Ausbeutung allen aggressiven Inhalts völlig zu ent- 6 SOHN-RETHEL AN ADORNO
kleiden, und zum bloßen Platzhalter für irgendeinen beliebigen anderen Be-
ziehungsbegriff zu machen, hat nicht einmal Mannheim fertiggebracht. Er
hielt sich immerhin an die Ideologie, mit der es leichter war. Von Sohn- 8 rue Frangois Mouthon
Rethel erfahren wir, daß zwischen den menschlichen Polen des Ausbeu-
tungsverhältnisses eine Reflexion spielt, welche die »Realverhältnisse der Paris 15 e den 3. März 1937
Genesis ... in die rein zwischenmenschliche Beziehung« hebt und sie dort
»als unmittelbare Geltung festhält«. Mit welchen dämonischen Kräften die- Lieber Teddie,
se Reflexion sonst auch immer begabt sein mag, sie vermag, lediglich auf Ihr freundschaftlicher Brief hat in eine offene Wunde getroffen. Ich
Grund der Großartigkeit und Tiefe der philosophischen Formulierungen, weiß, ich weiß! Seit fünf Wochen bin ich mit nichts andrem be-
mit denen sie beschrieben wird, auf das Ausbeutungsverhältnis zurückzu-
schäftigt als mit meiner »Zusammenfassung« und habe alles andre
strahlen und es zu verklären. Der Staat, der das »Reflexionsresultat« des
primären gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnisses und »deshalb diese abgestellt, um so schnell wie möglich damit fertig zu werden, - so
Ausbeutung in Gestalt eines Wesens« ist, »das gegen seine Genesis aus ihr unglaubhaft das immer erscheinen mag. Dabei ist in meiner mate-
mit der Negation einer Genesis seiner überhaupt verschlossen ist, eines riellen Lage längst jeder Tag, den ich darauf noch verwenden muß,

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zu viel, und der Gedanke an Mr. Adams quält mich vollends wie ein Resume mit Verweisungen auf die Ausführungen des Exposes wäre
Alpdruck. Ich werde ihm gleich selber schreiben, um ihm wenig- das möglich gewesen, aber für einen Aufsatz mit selbständiger Dar-
stens zu sagen, daß ich ununterbrochen an der Sache arbeite, ihm stellung ist es ein Unding. Ich verstehe auch nicht ganz, warum sich
die Verzögerung zu erklären und ihm für sein wirklich exceptionel- Horkheimer durchaus auf dieses enge Maß versteift. Schließlich
les Interesse zu danken. handelt es [sich] doch nicht um einen Spaltenfüller, sondern um
Ihnen, lieber Teddie, danke ich von Herzen für das Verständnis, eine theoretische Arbeit von einiger sachlicher Wichtigkeit, die
das Sie mir bei meinem, nach üblichen Maßstäben unverständli- nicht nach Seiten und Zeilen gemessen werden kann. Ich hoffe
chen Verhalten entgegenbringen, und mein ganzer Wunsch ist, daß indes, daß sich Horkheimer auf die Lektüre einlassen wird, auch
es sich nachher als gerechtfertigt erweisen werde. Eine bloße Zu- wenn es 20 statt 10 Seiten sind, die ihm vorliegen.
sammenfassung der Gedanken meines Exposes hatte sich als un- Wenn es mir gelingt, meine Abfassung bis Sonntag oder Montag zu
möglich erwiesen, als ich mich an die Arbeit setzte. Ich kann nicht Ende zu bringen, werde ich sie zunächst Benjamin vorlegen und
die dortige Terminologie nur nochmals zusammenstellen und da- mit ihm durchsprechen, um sie dann für Sie, Horkheimer und
durch die Gefahr laufen, den negativen Eindruck Horkheimers Adams abzuschreiben. Sie könnte dann vielleicht doch noch recht-
vom Expose endgültig zu bestätigen. Wenn die Sache den Zweck zeitig vor Ihrer Abreise nach Deutschland in Ihre Hände kommen.
erfüllen soll, den Sie und ich, und ich kann hinzufügen, auch Benja- Ich werde jedenfalls alles versuchen, um das möglich zu machen,
min, damit beabsichtigen, so muß ich Horkheimer darin die Ge- weil mich die sonst entstehende Verzögerung in der Tat in die
danken, auf die es ankommt, auf eine vollständig andere, nicht schlimmste Lage bringen würde, und ich bin Ihnen äußerst dank-
abstrakt resumierende, sondern konkret ausführende Weise nahe- bar dafür, daß Sie mich auf diesen Umstand aufmerksam gemacht
bringen, auf eine Weise, die nun wirklich alle üblen Anklänge ver- haben.
meidet und meine Absicht in ein eindeutiges Licht stellt. Ich glaube Benjamin und ich sind sehr enttäuscht, daß Sie auf Ihrer Reise
auch, daß mir das gelungen ist und bis zu Ende gelingen wird. nach Deutschland nicht durch Paris kommen werden. Dr. Benja-
Jedenfalls stellt die Fassung, die ich jetzt habe, das Beste dar, was min hatte wohl damit gerechnet und sich eine Reihe von Dingen
ich auf dem gegenwärtigen gedanklichen Stande zu geben vermag, zurechtgelegt, die er mit Ihnen, evt. auch zu dritt unter uns durch-
und wenn auch sie einem Verdikt von Horkheimer anheimfällt, so sprechen wollte. Ich war gestern Abend bei ihm, und ich denke, er
kann ich es nicht helfen. Der Grund der Verzögerung ist also im wird Ihnen dieser Tage selbst schreiben. Er sprach sehr beein-
vollen Gegensatz zu dem, was Sie von Kracauer andeuten, daß ich druckt über Ihren großen Mannheim-Aufsatz, der auch mich sehr
die Sache mit dem Institut aufs äußerste ernst nehme. Sie ist auch, interessieren würde. Sie haben wohl nicht noch einen verfügbaren
vom Sachlichen abgesehen, die einzige Existenzchance, die ich vor Durchschlag davon?
mir sehe. Nur fällt mir die Abfassung selbst ganz ungewöhnlich Ihre Frage nach der politischen Entwicklung und der Lage in
schwer, wegen der sachlichen Schwierigkeiten, dem knappen Deutschland bringt mich gegenwärtig in ziemliche Verlegenheit.
Raum, an den ich gebunden bin und einer miserablen persönlichen Um der theoretischen Arbeit willen habe ich die politische Betäti-
Disposition, unter [der] ich hier in Paris leide. Mit drei guten Ar- gung seit Wochen ganz abgestellt und bin daher im Augenblick
beitstagen sollte ich für den Rest bis zum Abschluß auskommen, völlig außer Kontakt. Ich habe keine Ahnung, was z.Zt. in Deutsch-
nur daß ich solche Tage hier unglücklicherweise nur sehr selten land gespielt wird, und kann auch nicht beurteilen, ob die wirt-
habe. Eines jedoch ist ein Ding der Unmöglichkeit, nämlich die schaftliche Situation bereits so kritisch ist, um baldige Ausbrüche,
Grenze von 10 Seiten einzuhalten, so sehr ich mich auch um Kürze etwa gegen die Tschechoslowakei, befürchten zu lassen. Die hiesige
bemühe. Auch Benjamin gibt mir das ohne weiteres zu. Für ein Presse verrät eine ziemliche Unruhe in dieser Richtung, und die
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akute Kriegsgefahr wurde schon im Herbst bekanntlich für das Von den Gesprächen, die S.-R. und ich über den Gegenstand geführt haben,
hoffe ich, daß sie seinem Essayförderlich gewesen sind, weiß in jedem Falle,
Frühjahr 1937 prognostiziert. Die Lage ist jedoch ohne präziseren
daß sie retardierend gewirkt haben. Weit entfernt, mich in der ganzen Brei-
Kontakt so undurchsichtig, daß meine Bemerkungen für Sie gegen- te der von ihm aufgerollten Untersuchung kompetent zu fühlen, habe ich
wärtig ganz wertlos sein müssen. Worauf es ankäme, wäre zu wis- doch deutlicheren Einblick in ihre besondere Tragweite bekommen. Darin
sen, ob Frankreich zugunsten der CSR auch trotz des ausdrückli- hat sich Ihre optimistische Erwartung bestätigt.
chen militärischen Desinteressements von England eingreifen wür- [...1
de, um England auf diesem Umweg doch zur Aktion zu zwingen. Ich komme zum Wesentlichen und vertraue Ihnen an, daß ich Zuversicht in
die Aufnahme der Arbeit nur hege, wenn sie von lebendiger Fürsprache
Bezw. man müßte wissen, wie man diese Frage in Berlin einschätzt. begleitet ist - einer Fürsprache, die in erster Linie Sache des Autors selbst,
Falls man sich dort Straflosigkeit verspricht, halte ich eine deut- in zweiter die Ihre, in dritter - in dem mir übersehbaren Sektor - die meine
sche Aktion in Centraleuropa in den kommenden Monaten für sehr wäre.
wahrscheinlich. In die Zeit um April/Mai fallen für Deutschland [ ...] Ich verhehle Ihnen nicht, daß mir für meinen Teil die theoretische
Ableitung »der« ratio und »der« Logik, wie der Essay sie unternimmt, pro-
verschiedene recht kritische Schnittpunkte der Entwicklung, ein-
blematisch scheinen, so richtig auch die dem zugrundeliegende Intention
mal vor allem, daß sich Deutschlands bisheriger Rüstungsvor- sein mag.
sprung gegenüber England, Frankreich, etc. in seinen Nachteil ver- 1...]
wandelt, und zwar für absehbare Zeit in steigendem Maße, und Mein Vorschlag ist der: Sie möchten versuchen, für die gezählten Monate,
zweitens daß die eignen deutschen Finanz- und Rohstoffreserven die bis zu M.'s [Max Horkheimers] Europa-Reise verstreichen können, eine
die Fortsetzung des bisherigen Rüstungsmaßes und -tempos in Fra- provisorische, keinerlei spätere Verpflichtung zur Hilfe, keinerlei spätere
Ratifikation dieser Forschungen präjudizierende, Unterstützung für S.-R.
ge stellen. Das sind sozusagen Schnittpunkte der letzten Gelegen- zu erwirken. So gewagt ein solcher Versuch erscheinen mag, so halte ich
heit. Die jetzige Wendung Italiens nach dem offenbaren Scheitern ihn doch für aussichtsreicher als eine Prüfung, der S.-R.'s Manuscript, ohne
seiner englischen Anleihehoffnungen dürfte die kritische Bedeu- daß sein Autor ihr assistieren könnte, sich zu unterziehen hätte. Dabei
tung dieser Schnittpunkte, die für Italien ganz ähnlich liegen, kaum betone ich, daß dieses Faktum mir nicht so sehr in S.R.'s Behandlungsweise
verringern. Aber nehmen Sie das bitte nur als unverantwortliche des Themas als in diesem großen Thema selbst zu liegen scheint.
Ich richte diesen Brief, den S.R. mir auf der Maschine zu schreiben die
Konjekturen, die ich besser täte, garnicht zu äußern. Freundlichkeit hat, nach O[xfordl, in der Hoffnung, daß er Sie dort noch
Mit herzlichsten Grüßen erreicht.
Ihr
was Sie von Kracauer andeuten: Siegfried Kracauer (1889-1966) lebte seit
[Alfred]
Anfang März 1933 in Paris im Exil. Kracauer sollte im Auftrag des Instituts
ein Expose zum Thema »Masse und Propaganda« schreiben.
Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo-
meine Abfassung [...1 zunächst Benjamin vorlegen: Ein Gutachten im stren-
kopie)
gen Sinne hat Benjamin wohl nicht geschrieben. Sohn-Rethel hat die Zu-
Ihr freundschaftlicher Brief: Der Brief ist nicht erhalten. sammenarbeit mit Benjamin im Nachwort zur Publikation des Pariser
Exposes dargestellt (vgl. Warenform und Denkform [ed. 1978], a.a.O.,
auch Benjamin: Benjamin war im Verlauf der Gespräche mit Sohn-Rethel
S. 27-102). Der dort abgedruckte Text gibt die Randbemerkungen und
zwar dessen Intentionen nähergekommen, hatte aber nach wie vor gegen
Unterstreichungen Benjamins wieder; im Nachwort findet sich eine längere
ihre Durchführung erhebliche Vorbehalte. Am 16.3.1937 berichtete er an
Passage aus seinem Brief an Horkheimer vom 28. März 1937, auf deren
Adorno:
Abdruck daher hier verzichtet werden kann.
Sie werden mit Ungeduld auf S.-R.'s Manuseript gewartet haben. Es ist
meine Sache, Ihnen zu sagen, daß ich an der Verzögerung in etwas Mit- Reise nach Deutschland / Paris: Adorno reiste in den Jahren 1934-1937
schuld trage. mehrfach nach Deutschland, um seine Eltern und seine spätere Frau Gre-

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tel Karplus zu besuchen. Um den 20. März kam er für mehrere Tage zu 7 SOHN-RETHEL AN ADORNO
Besprechungen mit Benjamin und Sohn-Rethel nach Paris. Am 23. März
schreibt er, noch aus Paris, an Horkheimer: »Sohn-Rethel: er strengt sich
wirklich ganz außerordentlich an, der Dinge Herr zu werden, die ihm aus
Ihren, Benjamins und meinen Einwänden deutlich geworden sind. Es gibt Paris XV, den 29. April 1937
jetzt ein neues, 50 Seiten langes Expose, das er eben nochmals durchredi- 6, rue Franpis Mouthon
giert, das gegenüber dem alten unleugbar einen großen Fortschritt bedeu-
tet, und nicht bloß seine Begabung, sondern auch seine Gutwilligkeit unter Lieber Teddie,
Beweis stellt. Daß es immer noch voller Schlacken und nichts weniger als ich höre von Walter Benjamin, daß Sie in Oxford zurück sind, und
ein durchsichtiger Begründungszusammenhang ist, weiß ich nur zu genau.
schicke Ihnen deshalb zwei Exemplare meiner Arbeit dorthin. Sie
Ich glaube aber, daß der wirklich großartige Versuch, den Primat des tran-
szendentalen Idealismus zugleich zu begründen und aufzuheben, es recht- wären sehr nett, das eine für sich zu verwenden und das andre
fertigt, daß er diesem Teufel mehr als nur den kleinen Finger reicht und Herrn Dr. Itedvers Opie zu übergeben, von dem Sie mir zuletzt in
einen sehr erheblichen Einsatz macht. [...1 Ich weiß nicht, ob es Ihnen mit Paris berichteten, daß er die Mühe der Begutachtung für das Lon-
dem kleinen Expose nun anders ergehen wird als mit dem großen, obwohl doner Academic Assistance Council übernehmen wollte. Ich hoffe
ich es mir schon vorstellen könnte. Ich muß aber nochmals wiederholen,
daß mein Instinkt, der in solchen Dingen nicht ganz schlecht ist, mir sagt, auf Ihr Einverständnis damit, daß die Arbeit durch Ihre Hände an
daß diese Sache wirklich ein Risiko lohnt, und bitte Sie, zu verzeihen, wenn ihn gelangt. Sonst würde ich mich gern noch mit einem Brief auch
ich nochmals - gleichsam auf den Kredit meines Instinkts hin - für diese direkt an ihn wenden, wenn Sie es für nötig halten. Der heutigen
exponierte und angreifbare Sache mich einsetze. Übrigens ist von der Sendung liegt außerdem die Kopie meines Briefes an Herrn Dr.
Fruchtbarkeit der Konzeption, die unter einem Schutthaufen liegt, auch Horkheimer bei, mit dem die Arbeit vorgestern an ihn abgegangen
Benjamin überzeugt. So lesen Sie es denn bitte mit freundlichen Augen. [ ...1
ist, sodaß er sie am 3. Mai erhält. Ich habe den Brief mit Walter
Sehr lieb wäre es, wenn Sie den ihm seinerzeit ausgesetzten Betrag bald
überweisen ließen f...); er hat drei Monate nur an dem Expose für uns, Benjamin durchgesprochen, und ich nehme an, daß Sie gern von
und sehr angestrengt, gearbeitet und seine Lage ist sehr schlimm. Ich ihm Kenntnis haben möchten. Es wäre gewiß geeigneter gewesen,
habe gestern nochmals mit ihm große Teile seines Textes kritisch durch- ihn weniger lang zu machen, andrerseits war er die erste Gelegen-
genommen.« heit für mich, Herrn Dr. Horkheimer gegenüber auf die schweben-
Mannheim Aufsatz: Es handelt sich um Adornos Aufsatz »Neue wertfreie den sachlichen und persönlichen Fragen, wie auch auf mein erstes
Soziologie. Aus Anlaß von Karl Mannheims >Mensch und Gesellschaft im Expose einzugehen.
Zeitalter des Umbaus— (vgl. Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften.
Es ist sehr unglücklich, daß die Fertigstellung der Arbeit doch noch
Bd. 20.1: Vermischte Schriften I, Frankfurt a.M. 1986, S. 13-45), eine frühe
Fassung des Mannheim-Aufsatzes »Das Bewußtsein der Wissenssoziologie« einmal erheblich mehr Zeit verlangt hat, als ich bei Ihrem letzten
(jetzt in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 10.1: Kulturkritik Hiersein hoffte. Der Text hat sich gegenüber dem Entwurf, den Sie
und Gesellschaft I. Prismen, Ohne Leitbild, Frankfurt a.M. 1977, S. 31-46). hier sahen, stark, und ich hoffe zu seinem Vorteil geändert. Stehen-
politische Betätigung: s. die Anmerkung zu Brief Nr. 5. geblieben sind nur der zweite, dritte und vierte Abschnitt. Im er-
sten werden Sie Ihre Vorschläge wiederfinden, dazu einige metho-
dologische Ausführungen, die ich noch für angebracht hielt.
Wesentliche Änderungen, auch im Gedankengang selbst, haben die
drei letzten Abschnitte erfahren. Als wichtigste von ihnen er-
scheint mir im fünften die auch in meinem Brief an Horkheimer
hervorgehobene Gegenüberstellung des Tatbestandes der Ausbeu-
tung zur begrifflichen Konstruktion eines ausbeutungsfreien, na-

46 47
turwüchsigen Gemeinwesens. Für den methodologischen Fehler, Untersuchung; auch wie sich hieraus die Entstehung und innere
der mir dabei leider unterlaufen ist und auf den eine »Berichtigung« Verfassung des rationalen Denkens erklären läßt. Für diese Aus-
am Schluß der Arbeit Bezug nimmt, darf ich Sie vielleicht gleich- beutungsbeziehung der Menschen zu den Menschen als Quell der
falls auf den Brief an Horkheimer verweisen. Es wird meine näch- Verdinglichung und der normativen Zwangsformen des Denkens
ste Sorge sein, ihm abzuhelfen. Die nochmalige Umarbeitung des den Ausdruck »synthetisch« zu gebrauchen, hat wie mir scheint
Textes war mir jetzt aus Zeitgründen ganz unmöglich. Immerhin einen Sinn. Es ist derselbe, der in der Unterscheidung von »natürli-
dürfte selbst mit diesem Fehler die Konstruktion des ausbeutungs- chem« und »synthetischem« Kautschuk steckt, sofern mit »synthe-
freien Gemeinwesens einen Gewinn bedeuten, der sich vor allem tisch« der menschlich-praktische Ursprung des Resultats bezeich-
im sechsten Abschnitt, »Die Ausbeutung als Ursprung der Verding- net wird. - Stoßen Sie sich bitte nicht zu sehr an der äquivoken
lichung«, auswirkt. Vielleicht findet es auch Ihre Zustimmung, daß Bedeutung des Worts »Natur« in diesen Sätzen. Daß der Natur-
in diesem Abschnitt der Begriff der Synthesis, statt unter Anleh- stand der Menschen - ihr Leben als die species Tier, die sich selbst
nung an Kant, vom »synthetischen Kautschuk« aus eingeführt wor- ihre Lebensmittel produziert (Marx) - sich ändert, liegt an den
den ist. Nicht als Kontrebande, sondern auf Grund folgender Auf- Menschen, nicht an der Natur. Denn mit der Ausbeutung entsteht
fassung. durch die zwischen-menschliche Brechung und Vermittlung des
Es ist meine Meinung, daß die eigentümlichen Formen von Denk- materiellen Lebens der Schein für die Menschen, daß sie andren
notwendigkeit, die in der Mathematik und Logik den Urteilen den »Wesens« seien als die »bloße Natur«, entsteht mit andren Worten
Charakter der Apodizität geben, genetisch nicht aus der Erfahrung der Fetischismus. Daß in diesem der Bedeutungswert »Natur« ver-
der Arbeit und des Verzehrs stammen, nicht also aus dem mensch- fälscht ist, leugne ich nicht, sondern sage und begründe ich viel-
lichen Verhältnis zur Natur (konzedieren Sie mir bitte den Aus- mehr; ebenso daß die Entfremdungsfrage nach der »Natur« dem
druck in dieser praktischen Bedeutung für den Augenblick). Sie Menschen durch die Kritik seines gesellschaftlichen Seins, richti-
stammen vielmehr aus bestimmten Beziehungen der Menschen ger der Ausbeutung, zurückzugeben ist. (Indem ich dies schreibe,
untereinander, Beziehungen, in denen diese es mit sich selbst zu bedaure ich, daß ich erst in diesem Augenblick darauf komme, das
tun haben. Ich halte das Argument Kants für richtig, daß solche rationale Denken von der Seite der Denknotwendigkeit und die
Denknotwendigkeit, wie sie den mathematischen Urteilen inne- Logik als Zwangsform der theoretischen ratio anzusehen. Vieles
wohnt, nicht aus der Natur abgelesen sein kann, weder im rezepti- wäre mir dadurch in der neuen Darstellung leichter geworden, -
ven noch im produktiven Verhältnis zu ihr. Das besagt noch nicht, leichter und klarer im Sinne Ihres Vorschlages, den Systemzwang
daß ihre Wurzeln »a priori in uns liegen«. Sie stammen 'aus der des Idealismus als Ausdruck des Schuldzusammenhanges der Aus-
Ausbeutung. Diese ist die Beziehung, in der die Menschen es mit beutung zu bezeichnen. Wie Sie sehen, löst sich mir die jetzige
Menschen zu tun haben, jedoch für den Verzehr (der einen) und Fassung, kaum daß sie fertig ist, in ihrer Textur abermals auf.) -
wegen der Arbeit (der andren). Das »Verhältnis zur Natur« besteht Aber ich will von nun an in diesem Brief vermeiden, ins Sachliche
auch in der Ausbeutung selbstverständlich fort - sonst würden die einzugehen, weil ich leider in der Zeit sehr beschränkt bin und das
Menschen sterben -, aber vermittelt und gebrochen durch das Aus- gleiche auch für Sie vermute.
beutungsverhältnis von Menschen zu Menschen. Wie durch diese Um daher im Bericht fortzufahren, möchte ich Sie auf die stark
Brechung die dingliche Identität der Arbeitsprodukte entsteht und veränderte Ableitung der Subjektivität aus dem Gelde im siebten
sich als Verdinglichung der gesellschaftlichen Beziehungen der Abschnitt des Manuscripts hinweisen, die mir erheblich stringenter
Menschen und Entfremdung ihres Verhältnisses zur Natur, d.h. als die frühere erscheinen will. Der apodiktische Beweis ist freilich
auch zu sich selbst, entwickelt, ist der Hauptgegenstand meiner auch das nicht. Aber dieser Beweis kann überhaupt nicht in der
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Ebene der genetischen Analyse geführt werden. Hier behält die diesem Brief leider nicht vorübergehen. Nachdem mich im April
»dialektische Identifikation« im Sinne des Luzerner Exposes ihr das Honorar vom Institut und seine vorzeitige Auszahlung noch
Recht, übrigens wohl auch ihr einziges. Ich habe diesen Begriff und einmal herausgerettet hat, sieht es für den Mai bis jetzt ganz hoff-
seine methodologische Auslegung jetzt ganz übergangen und bin nungslos aus. Dabei werden die Erfordernisse gerade besonders
auch in meinem Brief an Horkheimer nicht darauf zurückgekom- groß sein. Sie wissen, glaube ich, schon durch Walter Benjamin, daß
men. Vielleicht bietet sich für die Diskussion über diesen Punkt am 1. Juni unsre Aufenthaltserlaubnis in Luzern endgültig abläuft
eine spätere Gelegenheit. Im Methodologischen befinde ich mich und deshalb Tilla und Brigitchen Ende Mai die Schweiz verlassen
gegenwärtig am meisten in einem Übergang. Erwähnen möchte ich müssen. Da die Entscheidung von Seiten des Instituts und erst
zuletzt aus meiner Arbeit noch, daß mir darin, wie ich glaube, ein recht des Assistance Council so schnell nicht erfolgen kann, weiß
wertvoller Schritt in der Richtung auf eine materialistische Aufhel- ich nicht, wohin und vor allem nicht mit welchen Mitteln diese
lung des Funktionsbegriffs gelungen ist. Die Definition findet sich Übersiedlung, die unvermeidlich mit größeren Kosten verbunden
auf S. 22, und ich bin sehr gespannt, Ihr Urteil darüber zu hören. - ist, erfolgen kann. Außerdem ist bis Mitte Mai in Luzern eine be-
Einen unnötigen Mangel der Arbeit im Ganzen stellt es dar, daß trächtliche Steuerzahlung (über 300 sfrs.) fällig. Meine theoretische
einerseits die Wiederholungen immer noch reichlich genug gesät Arbeit für das Institut war ein Wettlauf mit diesen Terminen, und
sind, und andrerseits die einzelnen sachlichen Teile nur unvollstän- trotz verzweifelter Anstrengung habe ich ihn um etwa einen Monat
dig zueinander in Beziehung gebracht und füreinander fruchtbar verloren. Um das Ziel überhaupt aufrechtzuerhalten, habe ich jede
gemacht sind. Verstehen Sie das bitte aus der Übermüdung und ablenkende Beschäftigung wie Journalistik etc., durch die ich etwas
der verzweifelten Hetze, in der ich in den letzten Wochen den Geld hätte hereinbekommen können, ganz zurückgestellt. Ich wer-
Text zu Ende gebracht habe. Er hätte noch einmal einer ruhigen de sie jetzt aufnehmen, aber da die aussichtsreichsten Beziehungen
und besonnenen Überarbeitung bedurft, aber das hat mir die wirk- amerikanische sind, kann ich mit den Honoraren frühestens ab
lich kritische Zuspitzung meiner materiellen Lage leider nicht ge- Mitte Juni rechnen. Aus Deutschland kann ich nichts herausbe-
stattet. kommen, und die Hilfe, die mir mein Bruder gewähren kann, wird
Wenn ich irgend kann, werde ich heute auch noch das Exemplar für für die unumgänglichen Ansprüche nicht annähernd ausreichen.
Mr. Walter Adams aufgeben. Der Begleitbrief dazu macht mir, wie Aus diesen Umständen bitte ich Sie, lieber Teddie, die Frage zu
Sie begreifen werden, einigen Kummer. Auch muß ich die Sendung verstehen, ob Sie es für möglich halten, daß sich das Institut zu
erst an meinen englischen Freund Leo Silverman nach London einer Notaushilfe für mich bereitfinden könnte, nicht als Vorweg-
schicken, damit dieser mir den Brief, wie schon die früheren, ins nahme seiner Entscheidung, sondern um mir das Aushalten bis zur
Englische übersetzt. Entscheidung zu ermöglichen? Ich sprach bereits neulich mit Wal-
Ein Geständnis, lieber Teddie, das ich Ihnen nur äußerst ungern ter Benjamin darüber. Er hielt es für richtiger, daß nicht ich selbst
mache, weil ich den Tatbestand selbst außerordentlich bedaure, ist, mich mit einer solchen Bitte an Horkheimer wende, sondern Ihnen
daß ich erst in den nächsten Tagen etwas Zeit und Ruhe zu finden meine Lage darstelle, wie sie ist, und Sie bitte, Horkheimer davon
hoffe, um an Ihr Mannheim-Manuscript zu gehen. Ich kann Ihnen zu berichten und ihm eine solche Aushilfe nahezulegen, wenn Sie
kaum eine Vorstellung davon geben, unter welchem qualvollen das ohne Nachteil für das Hauptziel für möglich halten. Ich habe in
Druck sich seit Ihrer Abreise im März meine Arbeit und mein gan- meinem Brief an Horkheimer die Dringlichkeit meiner Lage schon
zes Dasein hier abgespielt hat! selbst in dem Maße hervorgehoben, als mir das in Anbetracht der
An meiner materiellen Lage kann ich, so leid es mir tut, Sie Teddie, Tatsache möglich war, daß ich durch die starke Verzögerung mei-
mit dieser unerfreulichsten Seite meiner Sorgen zu befassen, in ner Arbeit selbst daran schuld bin, daß es jetzt so schlimm steht.

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Andrerseits weiß ich mich von einem subjektiven Verschulden frei, Dr. Redners Opie: Der Wirtschaftswissenschaftler Redvers Opie (geh. 1900)
da meine Anspannung während dieser ganzen Zeit wirklich nur an arbeitete am Magdalen College in Oxford. Als Übersetzer von Joseph A.
Schumpeters »Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung« ins Englische
meiner Leistungsfähigkeit ihre Grenze gefunden hat. schien er für ein Gutachten über Sohn-Rethels Arbeit besonders geeignet,
Lieber Teddie, ich bin aufrichtig unglücklich darüber, daß Ihr In- da dieser ja mit einer Dissertation über die Theorie Schumpeters 1928 in
teresse an meiner Arbeit und Ihr freundschaftlicher Einsatz für Heidelberg promoviert worden war (vgl. Alfred Sohn-Rethel, Von der Analy-
mich nach allen Seiten so viel Last und Unannehmlichkeit für Sie tik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft. Methodologische
im Gefolge hat, und ich wäre wirklich froh, wenn ich Ihnen alle Untersuchung mit besonderem Bezug auf die Theorie Schumpeters, in:
Warenform und Denkform [ed. 19781, a.a.O., S. 143-252). Opie lehnte je-
diese unerfreulichen Beigaben ersparen könnte! So kann ich Ihnen doch aufgrund inhaltlicher Einwände die Befürwortung der Arbeit ab (s. die
nur meinen Dank für Ihre Freundschaft und Ihre Geduld zum Aus- Briefe Nr. 14 und 18).
druck bringen, an dessen Aufrichtigkeit und Wärme Sie glauben
Brief an Herrn Dr. Horkheimer: Der Brief vom 27.4.1937 befindet sich im
dürfen. Ich hoffe, in Oxford, wenn mein Wunsch nach gemeinsa-
Horkheimer-Archiv, Frankfurt a.M.
mem Aufenthalt dort in Erfüllung gehen sollte, Gelegenheit zu ha-
ben, Ihnen das zu beweisen. der Entwurf, den Sie hier sahen: s. den Brief Adornos an Horkheimer vom
23.3.1937 in der Anmerkung zu Brief Nr. 6.
Verzeihen Sie mir auch bitte, daß ich vor lauter Inanspruchnahme
durch meine eignen Angelegenheiten noch nicht dazu gekommen Apodizität: so im Brief.
bin, mich nach den Ihren zu erkundigen. Sind Sie mit Ihrem Auf- das Exemplar für Mr. Walter Adams: Unabhängig von seinen Bemühungen
enthalt in Deutschland zufrieden und mit dem Fortgang Ihrer Ar- um eine Mitarbeit beim Institut für Sozialforschung in New York beabsich-
beit? Wie haben Sie Grete gefunden und wann wird man sie in tigte Sohn-Rethel, auf Initiative Adornos (s. die Anmerkung zu Brief Nr. 5),
westlichen Ländern wiedersehen? Ich nehme an, daß Ihre Zeit, die beim Academic Assistance Council aufgrund des Pariser Exposes ein Sti-
pendium für die Dauer eines Jahres zu beantragen.
Sie an andre abgeben können, sehr knapp bemessen ist, und will
deshalb meinen Wunsch nach einer Äußerung über mein Manu- Leo Silverman: nicht ermittelt.
script zurückstellen. Sie wissen, wie wichtig mir Ihr Urteil ist und Honorar des Instituts: s. die Anmerkung zu Brief Nr. 4.
wie gespannt ich ihm entgegensehe.
Wenn Sie mir schreiben, beachten Sie bitte die veränderte Haus- Tilla und Brigitchen: Sohn-Rethels erste Frau Tilla Henninger
(1893-1945), die er 1920 heiratete, und die gemeinsame Tochter Brigit (geb.
nummer, 6 statt S rue Fran5ois Mouthon. Mein Freund und ich sind 1921), die heute in England lebt. Beide waren im August 1936, als Sohn-
Mitte des Monats exmittiert worden und unter wenig erfreulichen Rethel nach Paris ging, in Luzern geblieben. Zu einer Ausreise nach Frank-
Umständen ins Nachbarhaus umgesiedelt. Wenn ich es irgend er- reich kam es nicht. Erst nachdem Sohn-Rethel im Herbst 1937 nach Lon-
möglichen kann, fahre ich etwa Mitte Mai nach Luzern, um dort bei don übergesiedelt war, kamen Tilla und Brigit Sohn-Rethel für mehrere
der Liquidation des Aufenthalts zu helfen. Bis dahin bleibt meine Monate nach England, kehrten aber im Laufe des Jahres 1939 in die
Schweiz zurück.
Adresse jedenfalls konstant.
Mit den herzlichsten Grüßen amerikanische Beziehungen: Um welche es sich handelte, war nicht zu
[Ihr Alfred] ermitteln.
Notaushilfe des Instituts: Durch Adornos Intervention erhielt Sohn-Rethel
im Mai eine zweite Zahlung von 1000 FF (s. die Briefe Nr. 8 und 9).
Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo- in Oxford/gemeinsamer Aufenthalt: Sohn-Rethel hoffte, mit Hilfe des Aca-
kopie) demic Assistance Council und durch den Nachweis des Stipendiums eine
zwei Exemplare meiner Arbeit: s. den Nachweis zu Brief Nr. 5. Aufenthaltsgenehmigung für England zu bekommen.

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Grete: Gretel Karplus, die Adorno 1937 heiratete. Sohn-Rethel kannte sie Aushilfe für mich zu bitten, nur um mir die Wartezeit bis zur Ent-
aus Berlin. scheidung über mein Anliegen zu erleichtern. Ich habe ernstliche
mein Freund: der Radio- und Funktechniker Leo Levites. Sorge, wie ich über den Mai und Juni hinwegkommen werde. Ich
bin leider mit meiner Arbeit um einen ganzen Monat zu spät fertig
geworden und habe dadurch die Erwerbsarbeit, Journalistik u.a.,
zu lange ausgelassen, da ich sie mit der theoretischen nicht vereini-
gen konnte.
8 SOHN-RETHEL AN ADORNO Ein anderer Punkt, der mich beunruhigt, ist dieser. Mr. W. Adams
teilte mir Mitte März mit, daß die nächste Sitzung des Academie
Assistance Council, der mein Antrag vorliegen könnte, Anfang Juni
Paris XV, den 10. Mai 1937 stattfinden wird. Wenn ich Sie, lieber Teddie, seinerzeit richtig ver-
6, rue Francois Mouthon standen habe, war an die Kombination des Council mit dem Insti-
tut wohl auch deshalb gedacht worden, weil ein zustimmender Be-
Lieber Teddie, schluß jenes erleichtert wäre, wenn ein solcher des Instituts bereits
entschuldigen Sie bitte, daß ich Ihre Zeit noch einmal wieder für vorläge. Das würde daher eine gewisse zeitliche Abstimmung der
meine Sorgen in Anspruch nehme. Verstehen Sie es bitte richtig. Entscheidung in New-York auf die Beschlußfassung in London
Ich befinde mich in einer großen Notlage und quäle mich sehr mit wünschenswert machen. Ich wäre Ihnen deshalb äußerst dankbar,
meinen Sorgen. Sie würden mir deshalb einen großen Freund- lieber Teddie, wenn Sie Herrn Dr. Horkheimer, falls Sie es für nötig
schaftsdienst erweisen, wenn Sie mir ohne allen Rückhalt Ihren halten, auf diesen Punkt noch einmal hinweisen würden.
Eindruck von meinem Text und von der Lage schreiben würden. Walter Benjamin meinte, Sie würden, vor Ihrer Reise nach Ameri-
Die Übergangszeit ist äußerst schwierig, aber sie wäre bedeutend ka, etwa Anfang Juni nach Paris kommen. Mir würde natürlich
leichter zu tragen, wenn ich wüßte, ob Hoffnung darauf besteht, sehr daran liegen, Sie dann hier noch zu sehen, und da ich vielleicht
daß es nur eine Übergangszeit ist. Und wenn ich auch weiß, daß Sie im Mai nach Luzern werde fahren müssen, wären Sie sehr nett, mir
mir darüber nichts Endgültiges sagen können, wäre mir doch schon zu berichten, wenn Ihre Reisedispositionen sich noch ändern soll-
viel an Ihrem persönlichen Dafürhalten gelegen. Ich habe selbst ten.
keinen Pfennig und kann mich grade mit Brot so durchhalten, aber Inzwischen habe ich zu meiner großen Freude die nötige Ruhe ge-
weit schlimmer ist, daß ich meiner Frau nichts nach Luzern zu funden, mich eingehend mit Ihrer Mannheim-Kritik zu befassen.
schicken habe, und ihre Lage ist kritisch. Zwar habe ich mehrere ihre Arbeit ist mir von größter Wichtigkeit, und ich bedaure nun in
Sachen eingeleitet, die sicherlich etwas bringen werden, aber sie noch höherem Grade, daß ich nicht früher in der Lage war, sie
brauchen Zeit. Auch hatte ich besonderes Pech. Ein gemeinsamer vorzunehmen. Ich habe daraus von neuem eine Bestätigung gewon-
Freund von Walter Benjamin und mir hatte mir in verschiedenen nen, wie nahe wir uns bis in spezielle Einzelheiten berühren.
Dingen geholfen und weiterhelfen wollen, aber eine plötzliche Andrerseits enthält sie doch so viel Neues und zugleich nachhaltig
Krankheit, die ihn mehrere Tage an den Rand des Todes brachte, Bedeutsames für mich, daß es wohl richtig gewesen ist, die Fertig-
hat mir diese Hilfe vorerst ganz entzogen. stellung meines Textes unter der Wirkung des Ihren nicht der Ge-
Verstehen Sie es bitte aus diesen Umständen, daß ich Ihnen meine fahr einer neuen Verzögerung auszusetzen. Sie wäre sicherlich
Frage wiederhole, ob Sie es für angängig halten, Horkheimer von nicht ausgeblieben, und wenn sie meiner Arbeit im Sachlichen auch
dieser Lage der Dinge zu schreiben und ihn um eine einmalige nur hätte zugute kommen können, wäre ihr Zweck dadurch fast mit

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Gewißheit hinfällig geworden. Meine jetzige Lage beweist es mir 9 SOHN-RETHEL AN ADORNO
nur zu sehr. Leider bin ich gegenwärtig in keiner Verfassung, um
auf das Sachliche einzugehen. Seien Sie mir deswegen bitte nicht
böse, lieber Teddie, und zürnen Sie mir nicht wegen dieses Briefes, Paris XV, den 14. Mai 1937
aus dem meine Unruhe und das Gefühl des hohlen Magens in bei- 6, rue Frangois Mouthon
derlei Bedeutung vielleicht stärker fühlbar wird, als es in meiner
Absicht lag. Lieber Teddie!
Heute Morgen bekam ich Ihren Brief und soeben Ihr Telegramm.
Lassen Sie mich bitte recht bald von Ihnen hören und seien Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihre Freundschaft und Ihre Hilfe
Sie aufs Beste gegrüßt von Ihrem in diesem Augenblick danken kann! Glauben Sie mir bitte, lieber
[Alfred] Teddie, daß Sie mir wirklich aus der Not geholfen haben und daß
mein Alarm nicht ohne Grund war. Die Zusage, die Sie mir telegra-
phieren, befreit mich von einem Druck, der mich diese Woche elend
Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo- gemacht hat, zumal ich tatsächlich kein Geld mehr fürs Essen hat-
kopie) te; eine Zufallsreihe von Pech war daran mit Schuld. Deshalb noch-
Ein gemeinsamer Freund von WalterBenjamin und mir: Einem Brief Sohn- mals meinen ganzen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft! Die Zusage
Rethels vom 6.5.1937 an seine Frau Tilla ist zu entnehmen, daß es sich um aus New-York freut mich wegen der Promptheit der Bewilligung
einen Herrn Gorta handelte, von dem Sohn-Rethel sich die Vermittlung nicht weniger als wegen der Schnelligkeit der Hilfe, denn wenn sie
journalistischer Arbeiten erhoffte. Näheres war nicht zu ermitteln.
auch nicht für eine günstige Entscheidung in der Sache spricht, so
Sorkheimer [...J um eine einmaligeAushil fe für mich zu bitten: Adorno depe- doch mindestens auch nicht für eine Ablehnung meiner persönli-
schierte umgehend am 13.5.1937 an Horkheimer: »Sohn-Rethel in bitter-
chen Bemühung.
ster Not fragt ob nochmalige Zahlung vor Endentscheid möglich. Bitte
drahtet was ich tun soll.« Zusammen mit Ihrem Brief erhielt ich von Dr. Brill die Nachricht
von Ihrer maßlosen Überlastung, und es liegt mir deshalb schwer
Kombination des Council mit dem Institut: vgl. Adornos Vorschlag in sei-
nem Brief an Horkheimer vom 15.12.1936, die Kosten für das Stipendium auf der Seele, daß ich Sie so für mich in Anspruch genommen habe.
zwischen Institut und Council zu teilen (s. die Anm. zu Brief Nr. 5). Sie haben meinen Brief als Freund aufgenommen, und ich bitte Sie
als der Ihre um Verzeihung und hoffe, daß Ihre Arbeit unter dieser
vor Ihrer Reise nach Amerika [..J nach Paris kommen: Adorno hielt sich
während der ersten Juniwoche in Paris auf und reiste anschließend, am Störung nicht zu sehr gelitten hat!
9. Juni, nach New York, wo er bis zum Ende des Monats blieb. Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Fürsprache bei Prof. R.
Ihrer Mannheim Kritik: s. den Nachweis zu Brief Nr. 6. Opie. Was mein erstes Exposb an Camouflage zu viel hatte, hat
dieses zweite offenbar zu wenig. Was wird da erst Mr. Macmurray
sagen? Dieser war doch wohl der zweite Experte, den Mr. W. Adams
in meiner Sache angesprochen hat? Ein »Academic Assistance
Councü« unsrer Tage für eine Arbeit von solcher Tendenz in
Anspruch zu nehmen, entbehrt ja als Ansinnen auch nicht der
Paradoxie, wie eine Bewilligung, wenn sie erfolgen sollte, nicht
der Komik.
Vor allem aber bin ich erfreut darüber, daß Sie einen so deutlichen
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Fortschritt in meiner neuen Darstellung konstatieren. Dieses Ur- Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo-
teil von Ihnen ist mir ganz außerordentlich viel wert und gibt mir kopie)
auch Hoffnung, daß die große Mühe und der noch ärgere Zeitver- Ihr Brief/Ihr Telegramm: Beides ist nicht erhalten.
lust, mit denen dieser Fortschritt erkauft worden ist, auch für den Ihre Hilfe / Zusage aus New-York: Horkheimer hatte direkt auf Adornos
konkreten Zweck der Arbeit nicht umsonst aufgewandt und ris- Telegramm reagiert und am 13. Mai das Pariser Büro des Instituts ange-
kiert worden sein mögen. Daß der Begründungszusammenhang für wiesen, Sohn-Rethel mit einer zweiten Zahlung von 1000 FF zu unterstüt-
meine These noch unzureichend ist, darüber glaube ich mir eben- zen, »wenngleich Endentscheid wahrscheinlich negativ« - wie es im Tele-
gramm an Adorno heißt. Im begleitenden Brief an ihn schrieb Horkheimer:
falls klar zu sein. Zwar hätte ich mehr davon geben können, wenn
»Mit der Zahlung an Sohn-Rethel sind wir einverstanden. Zu einem größe-
ich nur die verschiedenen Enden, die das Gewebe auch in dieser ren Auftrag wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kommen«
Fassung dazu schon hergibt, besser miteinander verknotet hätte, (13.5.1937, Horkheimer an Adorno).
aber im Ganzen kann die stringente Begründung überhaupt nicht Dr. Brill: Hans Maus Brill, der Sekretär des Pariser Büros des Instituts für
auf dem Wege geleistet werden, den ich im bewußten Gegensatz zu Sozialforschung.
dem des großen Exposes für die neue Darstellung eingehalten habe. Was mein erstes Expose an Camouflage zu viel hatte: Im Luzerner Expose
Aber um Sie jetzt nicht mit theoretischen Erörterungen aufzuhal- »Soziologische Theorie der Erkenntnis« hatte Sohn-Rethel mit Rücksicht
ten, die bestimmt abseits von Ihren eignen aktuellen Interessen auf Freunde in Deutschland, denen er das Expose schicken wollte, eine
liegen, darf ich diesen Gegenstand gemeinsam mit andren für die marxistische Terminologie weitgehend vermieden. »Der Terminus >soziolo-
mündliche Aussprache Anfang Juni reservieren, der ich mit ganz gisch< (anstatt: >marxistisch<) diente als Deckwort gegenüber den Nazis«
(Geistige und körperliche Arbeit [ed. 19891, a.a.O., S. V). Sohn-Rethel be-
besonderer Freude entgegensehe. Mit größter Freude erfüllt mich
fürchtete anscheinend, daß die offen marxistische Darstellung seines Pari-
auch die Aussicht, Grete hier wiederzusehen! Diese Begegnung mit ser Exposes bei Gutachtern wie Opie und Macmurray auf Ablehnung sto-
Ihnen ist ein Hauptgrund, warum ich auf die beabsichtigte Reise ßen könnte.
nach Luzern verzichtet habe. Mr. Maemurray: John Macmurray (geb. 1891) war in den Jahren 1928-1944
Dr. Brill schreibt mir, ich nehme an im Sinne Ihres Auftrags, »die Professor für Logik und Erkenntnistheorie an der Universität London. Im
weitere Behandlung Ihrer Angelegenheit bleibt dem Newyorker Gegensatz zu Redvers Opie (s. die Anm. zu Brief Nr. 7), der ein Gutachten
Aufenthalt (von Ihnen) vorbehalten«. Ich will Ihnen, lieber Teddie, ablehnte, sprach sich Macmurray uneingeschränkt für eine Förderung der
Arbeit Sohn-Rethels aus.
die Sache nicht nochmals mit meinen Bedenken wegen des Assist-
ance Council komplizieren. Aber wenn Sie diesen Punkt ein wenig günstiges Präjudiz von Seiten des Instituts: s. Brief Nr. 8.
im Auge behalten wollten, wäre ich Ihnen doch sehr dankbar, da
vielleicht auch Mr. Walter Adams - der mir den Empfang meiner
Arbeit sogleich mit sehr netten Worten bestätigt hat - mit einem
günstigen Präjudiz von Seiten des Instituts für die Juni- Sitzung des
Council rechnen mag. Diese Sitzung scheint in die erste Hälfte des
Juni fallen zu sollen, und die nächste fände dann erst wieder im
September statt.
Mit den herzlichsten Grüßen
[Ihr Alfred]

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10 SOHN-RETHEL AN ADORNO genug, daß er im Stadium der neuen Darstellung am wenigsten
einen parti pris bei mir bildet. Er ist im Abschluß des Exposes erst
recht in Fluß gekommen. Was mich am stärksten beunruhigt, ist
Paris XV, den 22. Mai 1937 die definitive Absicht der Entscheidung, die sich im Telegramm
6, rue Frangois Mouthon ankündigt, die diskussionslose Ablehnung von jenseits des Ozeans
her, wo doch über die Intention meiner Arbeit weder zwischen
Lieber Teddie, Ihnen und mir noch zwischen Ihnen und Horkheimer leicht solche
es ist jetzt eine Woche her, seit ich Ihren Brief mit der schlimmen Mißverständnisse angenommen werden können, daß sich die Ab-
Nachricht erhielt, und Sie werden es gewiß nicht falsch auffassen, lehnung grade auf sie beziehen ließe. Aber man wird es ja hören,
daß ich der Wirkung des Schocks erst etwas Zeit lassen mußte, und ich wäre Ihnen herzlich dankbar, lieber Teddie, wenn Sie mich,
bevor ich Ihnen wiederschrieb. Ich kann Ihnen nur wieder für Ihre sobald Sie genauere Andeutung von drüben haben, aus den Zwei-
Freundschaft danken, lieber Teddie, die sich in Ihrem Briefe aus- feln befreien würden, in die die jetzige Lage mich auch für die
spricht und in Ihrer Besorgnis, nicht jeden Hoffnungsschimmer theoretische Gewissensfrage versetzt.
sogleich verlöschen zu lassen und trotz der Mühe, die Sie davon Ich erwarte mit Ungeduld den Augenblick, wo ich Sie hier münd-
haben müssen, noch nach den Möglichkeiten zu greifen, die viel- lich sprechen kann, und grüße Sie aufs herzlichste
leicht übrig bleiben. Aber Sie haben sicher recht darin, daß ich [Ihr Alfred]
mich nicht mehr auf sie stützen soll. Ich versuche auch, meine
Zukunft mit anderen Augen anzusehen, aber sie vermögen sich
noch nicht recht an das Dunkel zu gewöhnen. Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo-
Ich brauche mich Ihnen gegenüber nicht über die Gründe zu erge- kopie)
hen, die den ablehnenden Bescheid des Instituts so katastrophal Ihr Brief mit der schlimmen Nachricht: Der Brief ist nicht erhalten.
für mich machen. Sie stehen bel et bien um mich herum und bilden
ablehnender Bescheid des Instituts: Die Ablehnung bezog sich nicht auf die
so ziemlich die Totalität meiner Existenzfrage, materiell, geistig von Adorno vorgeschlagene finanzielle Beteiligung des Instituts an dem
und auch moralisch insofern, als es gegenüber Tilla und Brigitchen Stipendium des Academic Assistance Council, sondern auf Sohn-Rethels
als schwere Verantwortung auf mich zurückfällt, daß ich mich seit angestrebte Mitarbeit am Institut und eine damit verbundene Publikations-
dem Fortgang aus Deutschland allzu einseitig in der wissenschaftli- möglichkeit seiner Arbeit in der Zeitschrift für Sozialforschung. Nachdem
chen Chance engagiert habe. Nach den trüben Jahren in Deutsch- Adorno von dem wahrscheinlich negativen »Endentscheid« erfahren hatte,
schrieb er am 15.5.1937 an Horkheimer: »Ich habe denn auch Sohn, um ihn
land hat mich der Wunsch nach Rückkehr zu meiner Arbeit und nicht zu sehr zu enttäuschen, geschrieben, daß ich bei uns nicht viel Hoff-
nach theoretischer ICärung wohl etwas blind gemacht. nung für ihn sähe - ohne natürlich Ihre definitive Stellungnahme zu präju-
Aber ich muß Ihnen gestehen, daß mir bis jetzt die Gründe für die dizieren.« Die endgültige Entscheidung sollte während Adornos New Yorker
Ablehnung nicht begreifbar werden wollen. Denn es muß sich dabei Aufenthalt im Juni getroffen werden.
doch um mehr als um Nuancen handeln, die bei der Vorläufigkeit die Gründe für die Ablehnung: Horkheimer hatte seine Einwände in einem
eines solchen Exposes wenigstens doch Gegenstand einer weiteren Brief an Adorno vom 24.5.1937 geltend gemacht: »Eine endgültige Stellung
Verständigkeit sein müßten. Sie und die historische Verifizierung habe ich noch nicht eingenommen. Eine der Hauptschwierigkeiten scheint
mir darin zu liegen, daß S.-R. seine Thesen stets als Problemstellungen fair
können ja, dies ist der Sinn des Exposes, nur Sache der künftigen
künftige Untersuchungen vorträgt und dadurch den Anschein erweckt, als
Ausarbeitung sein. Und der methodische Standpunkt? Der Begleit- werde alles, was er sagt, einmal echt wissenschaftlich gestützt, und es hand-
brief an Horkheimer machte kaum weniger als der an Sie deutlich le sich vorläufig nur um Hypothesen. Der szientivische Kredit, den er auf
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solche Weise in Anspruch nimmt, muß aber abgeschrieben werden, wenn summe fehlt, um meine Frau und Tochter nach Paris kommen zu
man sich klarmacht, daß eben die Arbeitsweise Sohn-Rethels in den ver- lassen. Ich habe deshalb, da ich eine andre Möglichkeit zur Zeit
schiedenen Resumes gegen die Erwartungen auf solche künftigen Beweise
nicht sehe, daran gedacht, ob das Academic Assistance Council mir
zeugt. Die Ausführung der Arbeit, die in den Resumes umrissen ist, würde
gegenüber den Resumes selbst aller Wahrscheinlichkeit nach keine logi- vielleicht in seiner Juni-Sitzung den nötigen Betrag als einmalige
schen Änderungen aufweisen und verhielte sich zu ihnen keineswegs wie Beihilfe bewilligen könnte. Lassen Sie mich Ihnen deshalb kurz
die Probe aufs Exempel. Dagegen erforderte sie gewiß eine unabsehbare erklären, worum es [sich] handelt.
Reihe von Jahren. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich den Mangel an Die getrennte Existenz, die wir in Luzern und Paris bisher geführt
Beweisen im positivistischen Sinn nicht gegen S.-R. ins Feld führte, bezöge
haben, ist unter den jetzigen Verhältnissen zu kostspielig. Außer-
sich die Arbeit nicht selbst fortwährend auf solche Verfahrungsweisen. Es
scheint mir auch, daß man diese Schwierigkeiten bei S.-R. nicht etwa ein- dem könnte die Luzerner Aufenthaltserlaubnis höchstens noch
fach ausmerzen kann, sondern daß sie au[s] einer tiefen inneren Unklarheit einmal um zwei oder drei Monate verlängert werden. Während wir
stammen, die sich auch mit der Zeit nicht geben wird. Endgültiges wird bis jetzt rund 25 £ monatlich gebraucht haben, könnten wir uns
jedenfalls erst bei Ihrem Besuch beschlossen werden.« zusammen in Paris mit 15 - 20 £ einrichten. Der Abbruch in Lu-
Gegenstand einer weiteren Verständigkeit: so im Brief. zern, etwa zum 15. Juni, erfordert jedoch einen Betrag von minde-
Telegramm: Ein Telegramm an Sohn-Rethel ist nicht erhalten. Möglicher- stens 40 £, weil dort allein 25 £ an Steuern bezahlt werden müssen,
weise bezieht sich Sohn-Rethel auf Horkheimers Telegramm an Adorno, in bevor Tilla und Brigitehen zur Ausreise ihre Pässe ausgehändigt
dem der wahrscheinlich negative »Endentscheid« angekündigt war (s. die werden. Dazu kommen nach anderthalb Jahren möblierten Woh-
Anm. zu Brief Nr. 9); Adorno könnte Sohn-Rethel den Text dieses Tele- nens natürlich einige Ersatzbeschaffungen, dann die restlichen
gramms in seinem verlorengegangenen Brief mitgeteilt haben.
Lebenskosten und die Reise. Für alles das sind 40 £ sogar äußerst
knapp kalkuliert. Diese Summe kann ich im Augenblick nicht auf-
bringen, denn auch die Beihilfe vom Institut kommt diesem Bedarf
nicht zugute, da ich sie für die dringendsten Erfordernisse meines
hiesigen Lebens brauche. Bin ich dagegen mit meiner Familie hier
einmal installiert, so hoffe ich für die erste Zeit auf etwas Hilfe von
meinem Bruder, um solange durchhalten zu können, bis sich eine
11 SOHN-RETHEL AN ADORNO eigene Verdienstmöglichkeit ergibt. Es handelt sich somit darum,
mir mit 40 - 50 £ die Umstellung auf einen rationelleren status zu
ermöglichen, der für alles weitere zunächst einmal die Vorbedin-
Paris XV, den 27. Mai 1937 gung bildet.
6, rue Frangois Mouthon Ob es sich im Sinne Ihres Planes, liebe. Teddie, den Sie beim As-
sistance Council für mich verfolgen, empfiehlt, dieses für eine sol-
Lieber Teddie, che Beihilfe in Anspruch zu nehmen, kann ich leider nicht über-
erschrecken Sie bitte,nicht über die vielen Briefe, mit denen ich Sie sehen, und ich überlasse es schon deshalb vollständig Ihrem Urteil,
in Anspruch nehme. Diesen schreibe ich nur für den Fall, daß Sie ob Sie Mr. Adams meine Bitte vorstellen wollen oder nicht. So
bei Ihrer Durchreise durch London Gelegenheit haben werden, mit dringenden Charakter sie auch für meine augenblickliche Lage hat,
Mr. Adams über meine Angelegenheiten zu sprechen. möchte ich selbstredend nicht gewichtigere Zukunftschancen
Die Entschlüsse, mit denen ich mich auf meine neue Lage einstel- durch sie kompromittieren.
len möchte, scheitern daran, daß es mir an einer größeren Geld- Um Sie nicht länger als nötig aufzuhalten, schiebe ich alles andere

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für unser Zusammentreffen in der nächsten Woche guf. Sagen Sie 13 SOHN-RETHEL AN ADORNO
bitte Grete, daß ich mich sehr darauf freue, sie wiederzusehen,
und seien Sie herzlichst gegrüßt
[von Ihrem Alfred] Paris XV, den 9. Juli 1937
6, rue Francois Mouthon

Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo- Lieber Teddie,


kopie) ich bin überaus froh, von Ihnen Nachricht zu haben, und bin er-
Ihre Durchreise durch London: auf dem Weg von Oxford nach Paris; s. die staunt, daß sie schon aus London kommt, da ich Sie noch in New
Anm. zu Brief Nr. B. York vermutete. Ja, meine Sache ist im günstigen Sinne entschie-
Frau und Tochter nach Paris kommen zu lassen: s. die Anm. zu Brief Nr. 7. den worden, und Sie können sich denken, wie ich diese glückliche
einmalige Beihilfe: Es gibt keine Belege dafür, daß Sohn-Rethel diese Beihil- Nachricht von Walter Adams, die mich erst vorgestern erreichte,
fe erhalten hat. aufgenommen habe. Seine Nachricht beschränkte sich allerdings
vorerst nur auf das Fazit selbst, da er mich noch in London glaubte
Ihr Plan [..j beim Assistance Council: s. Brief Nr. 8 und die Anmerkung.
und über die Einzelheiten und näheren Bedingungen des Stipen-
diums dort mündlich mit mir sprechen wollte. Daher erfahre ich
erst von Ihnen, daß ausschlaggebend Ihr Telegramm aus New York
gewesen ist und daß das Institut sich seinerseits mit einem Beitrag
12 SOHN-RETHEL AN ADORNO engagiert hat. Haben Sie meinen allerherzlichsten Dank, lieber
Teddie, für Ihren Einsatz und diese rechtzeitige Hilfe! Demnach
scheint die Linie, die wir zuletzt hier über die Kombination zwi-
London, 19. Juni 1937 schen Council und Institut ins Auge gefaßt hatten, doch taktisch
die richtige gewesen zu sein, wenn ich den Verlauf recht verstehe.
LC Wiesengrund c/o Gefuso Andrerseits schreiben Sie jedoch, die Dinge seien anders gelaufen,
New York als Sie es sich vorgestellt hatten. In welchem Sinne?
Lassen Sie mich, bevor ich Sie nach Ihren Dingen und Ihrem Auf-
Council Entscheidung 1 July Bitte wenn möglich enthalt bei Horkheimer frage, noch schnell meine Angelegenheit
Rechtzeitiges Encouragement zu Ende bringen. Ich habe Walter Adams sogleich geantwortet und
Alfred ihm geschrieben, daß ich gerne London als Domizil für das mir
gewährte Arbeitsjahr wählen würde, da ich mich bei meinem letz-
ten Londoner Aufenthalt - vom 12. bis 19. Juni - davon überzeugt
RCA-Funktelegramm, Horkheimer-Archiv Frankfurt a.M. (Druckvorlage: habe, daß die dortigen Lebenskosten das ermöglichen. Für diese
Photokopie)
Datierung: Poststempel Wahl waren schon bisher mehrere triftige Gründe für mich maßge-
bend, darunter nicht zuletzt das mir unerträgliche Pariser Klima;
Rechtzeitiges Encouragement: Sohn-Rethel verweist auf die anstehende ich würde in der Tat in Paris kaum die mit dem Stipendium verbun-
Entscheidung des Academic Assistance Council über seinen Stipendiums-
antrag und bittet darum, diesem eine eventuelle finanzielle Beteiligung des dene Verpflichtung zu übernehmen wagen. Da ich nun aber von
Instituts rechtzeitig anzukündigen (s. Brief Nr. 13). Ihnen höre, daß Sie vermutlich in London wohnen werden, besteht

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über meine Wahl kein Zweifel mehr für mich. Dieser Umstand wäre mehr hoffe ich, daß dieser verlängerte Europa-Aufenthalt sich in
allein ausschlaggebend. Weiter schrieb ich Adams von einem klei- einem für Sie erfreulichen Sinne erklärt. Wegen alledem bin ich
neren politisch-literarischen Auftrag, den ich in London durch die sehr gespannt auf unser Zusammentreffen Ende des Monats.
Vermittlung Wickham Steed's erhielt. Ich soll die Frage der Sanier- Sie fragen mich nach meiner Meinung von Rix. Ich sagte Ihnen
barkeit Deutschlands in einer kleinen Broschüre behandeln, die schon bei einer früheren Gelegenheit, daß ich ökonomisch-theore-
unter der Autorschaft eines Herrn Spier in London und mit einem tisch viel von ihm halte. In seinen Aufsätzen in der »Zeitschrift für
Vorwort von Steed, Churchill, Archibald Sinclair und Norman Sozialismus« vom Herbst 1935 sehe ich einen der wenigen mir be-
Angell, kurz des Steed-Kreises, erscheinen soll. Da ich dafür 60 £ kannten fruchtbaren Ansätze zu einer theoretisch zureichenden
bekomme, ist mir diese Arbeit doppelt wichtig, da mir diese Ein- Faschismus-Analyse. Über meinen politischen Kontakt, schon in
nahme die Umstellung von Luzern und Paris auf London erheblich Deutschland, mit ihm, sind Sie wohl unterrichtet. Ich habe ihn in
erleichtert. Ich werde mit dieser Sache bis Mitte August beschäftigt London jetzt wieder aufgenommen und gedenke ihn fortzusetzen.
sein, und zwar in Paris, sodaß ich erst zum September an die Über- Die Gruppe, zu der er führend gehört und deren theoretischer Kopf
siedlung denke, sofern Adams mit dieser Verzögerung einverstan- er wohl ist, ist eine der wenigen, die heute in Deutschland noch
den ist. Selbstredend würde auch die Laufzeit des Stipendiums erst erfolgreich arbeitet und nach dem, was ich weiß, seit dem vorigen
mit dem September beginnen. Herbst mit wachsendem Erfolg arbeitet. Das will umsomehr besa-
Dies sind die wichtigsten Punkte, die bisher zu Ihrer Frage von mir gen, als sie sehr schwere Schläge erlitten hat. Die Gruppe hält Kon-
aus vorliegen. Einzelheiten, die die Arbeit sachlich betreffen, würde takt mit den Kommunisten, wenngleich sie sich bewußt und, wie
ich gern mit Ihnen und mit Macmurray und W. Adams persönlich mir scheint, mit guten Gründen, auf verbleibende Kadres der So-
besprechen. Dafür wäre mir äußerst wichtig, von Ihnen näheres zialdemokraten stützt und das Ziel verfolgt, die Sozialdemokratie
über die Aufnahme meines zweiten Exposes in New York zu wissen, von innen heraus zu erobern. Mich endgültig zu ihrer politischen
und ich freue mich außerordentlich auf die Aussicht, Sie Ende Juli Linie zu stellen, reicht meine Kenntnis derselben noch nicht aus.
hier zu sehen. Denkt Horkheimer daran, mir auch selbst noch über Wenn Ihre Frage sich hierauf bezieht, fühle ich [mich] zu ihrer
meine Arbeit zu schreiben? Das wäre mir höchst willkommen. Wel- Beantwortung darum nicht kompetent. Ich gehöre nicht zum inne-
ches ist eigentlich die Rolle, die nun Macmurray für mich spielt? ren führenden Kreis der Gruppe und habe auch an ihrem kürz-
Wird meine Arbeit in näherem Kontakt mit ihm sich abzuspielen lichen Kongreß in Paris nicht teilgenommen. Wenn Sie mich
haben? Er wurde mir als streng gottesgläubig und noch mit allerlei dagegen fragen, ob ich Rix nach seiner persönlichen Potenz marxi-
andren »Resi«-Zügen beschrieben, sodaß mir bei seinem Gutachten stischen Kredit gebe, antworte ich mit Ja. Aber die Antwort würde
profunde Mißverständnisse vorzuwalten schienen, mit entspre- mir leichter fallen, wenn Sie die Frage näher präzisieren würden.
chenden Gefahren bei der unvermeidlichen künftigen Aufklärung. Mit herzlichsten Grüßen
Oder sind solche Befürchtungen unbegründet? [Ihr Alfred]
Aber nun wüßte ich vor allem gern, wie Sie mit den Ergebnissen
Ihrer Reise zufrieden sind, lieber Teddie. Daß Sie noch zwei Jahre
in Europa bleiben werden, ist ebenso überraschend wie erfreulich Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo-
für Walter Benjamin und mich, ganz besonders für mich, wenn kopie)
damit ein gemeinsamer Aufenthalt in London verbunden sein von Ihnen Nachricht [..] aus London: kein Textzeuge vorhanden. - Adorno
kann. Was mir das im Zusammenhang mit meiner Arbeit wert ist, verließ New York am 30. Juni und traf am 4./5. Juli in London ein.
kann ich Ihnen garnicht in wenigen Worten ausdrücken. Umso- meine Sache ist im günstigen Sinne entschieden: Sohn-Rethel erhielt für die
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Dauer eines Jahres ein Stipendium von 250 Pfund. Das Institut beteiligte politisch-literarischer Auftrag / kleine Broschüre / Herr Spier: Nicht mehr
sich mit einem Beitrag von 60 Pfund an dieser Summe, die dem üblichen zu ermitteln.
Jahressatz eines Stipendiums für Verheiratete entsprach. Archibald Sinclair: nicht ermittelt.
Ihr Telegramm aus New fork: Am 25.6.1937 hatte das Institut für Sozial- Norman Angell: Der britische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger
forschung an das Assistance Council telegraphiert: »Re Sohn-Rethel ur- (1933) Sir Norman Angell (1874-1967), von 1928-1931 Herausgeber der
gently recommend support his most interesting work stop owing to similar politischen Monatsschrift »Foreign Allairs«, gehörte seit 1928 dem Council
commitments unable to take it over ourselves but willing to contribute sixty of Royal Institute of International Affairs an.
pounds for one year if additional grant of minimum ten pounds monthly
provided otherwise.. Übersiedlung / Laufzeit des Stipendiums: Sohn-Rethel übersiedelte Ende
September/Anfang Oktober nach London. Das Stipendium wurde ab De-
In welchem Sinne?: Nicht mehr zu ermitteln. zember 1937 für die Dauer eines Jahres gezahlt.
Wickham Steed: Der britische Schriftsteller und Journalist Henry Wickham dieAussicht, Sie Ende Juli hier zu sehen: Adorno hielt sich von Ende Juli bis
Steed (1871-1956), den Sohn-Rethel schon während seines ersten Aufent- Mitte August in Paris auf. Am 7. August traf er sich dort mit Sohn-Rethel.
halts in England, im November 1936 (s. die Anm. zu Brief Nr. 5), kennen-
lernte, war damals Lehrbeauftragter für europäische Geschichte am Kings Horkheimer [..1 über meine Arbeit: Über einen solchen Brief ist nichts be-
College in London und Mitarbeiter der BBC. Vor allem aber recherchierte er kannt.
im Auftrag Winston Churchills Informationen und Berichte zur ökonomi- »Resi«-Züge: Bedeutung unklar.
schen und politischen Lage in Deutschland. Über seine Zusammenarbeit
Daß Sie noch zwei Jahre in Europa bleiben: Dieser Plan wurde sehr bald
mit dem Steed-Kreis berichtete Sohn-Rethel: »Mein Hauptkontakt war
aufgegeben. Adorno bereitete ab September/Oktober 1937 seine Übersied-
Wickham Steed, das war ein ungeheuer beschlagener und anständiger
lung nach New York vor, nachdem ihm durch Vermittlung Horkheimers an
Mann, der Chefredakteur der Times gewesen war. Der brachte mich mit
der Princeton University eine Halbtagsstelle als Mitarbeiter an einer Un-
diesen Tory- und Churchill-Leuten zusammen. Wickham Steed war aufs
engste mit Churchill verknüpft und in stärkster Opposition zunächst gegen tersuchung über Radiohörer angeboten worden war. Leiter des Radio Re-
search Projeci (s. die Briefe Nr. 15 und 17) war Paul Lazarsfeld. Adorno
Baldwin und dann gegen Chamberlain. Diese waren die pro-Hitlerschen
sollte den musikalischen Teil der Untersuchung »dirigieren« (vgl. Adorno,
appeasers damals, und Wickham Steed hatte die politischen Emigranten,
die in London waren, um sich gesammelt und ließ die für sich arbeiten. Als Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika; jetzt in: Theodor W. Adorno,
ich ein Jahr später ganz nach London übersiedelte, gehörte ich auch zu Gesammelte Schriften. Bd. 10.2: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe,
diesem Kreis und arbeitete eine Reihe von Berichten aus, über Außenpoli- Stichworte, Frankfurt a.M. 1977, S. 702-738).
tik, Finanzpolitik, Agrarpolitik usw. - die ich jetzt in meinem Buch über Rix / seine Aufsätze / die Gruppe: Richard Löwenthal (geh. 1908). Sohn-
den deutschen Faschismus [vgl. Alfred Sohn-Rethel, Ökonomie und Klas- Rethel hatte 1934/35 in Berlin Kontakt zu der von Löwenthal mitbegrün-
senstruktur des deutschen Faschismus. Aufzeichnungen und Analysen. deten Widerstandsgruppe »Neu Beginnen«. In der »Zeitschrift für Sozia-
Hrsg. und eingeleitet von Johannes Agnoli, Bernhard Blanke und Niels lismus« hatte Löwenthal unter dem Pseudonym Paul Sering mehrere
Kadritzke, Frankfurt a.M. 1973, S. 41-1611 vereinigt habe.« (Die Zerstö- Aufsätze zur Theorie des Faschismus geschrieben, die sich gegen die offi-
rung einer Zukunft, a.a.O., S. 280) - Seine Kenntnisse hatte Sohn-Rethel in zielle Faschismustheorie der Komintern richteten (vgl. Zeitschrift für
den Jahren 1931-1936 in Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sozialismus, Nr. 20/21, Mai/Juni 1935; Nr. 24/25, Sept./Okt. 1935; Nr. 26/
»Mitteleuropäischen Wirtschaftstags« (MWT) erworben. »Der MWT war 27, Nov./Dez. 1935). Löwenthal emigrierte 1935 zunächst in die CSR. Von
ein Industrieverband mit den Zielen, Südosteuropa für die deutschen Inter- April 1936 - Oktober 1937 bekam er ein Forschungsstipendium in London,
essen zu gestalten und die divergierenden Tendenzen von Industrie und wo er Sohn-Rethel wiederbegegnete. Löwenthal arbeitete damals an einer
Landwirtschaft zu koordinieren. [ ... ] Sohn-Rethels Aufgabe beim MWT war Kritik der zeitgenössischen Nationalökonomie. Vermutlich erkundigte sich
es, aus Zeitschriften, Dokumenten, Memoranden und Berichten von Infor- Adorno nach ihm, weil an eine Veröffentlichung seiner Studien in der Zeit-
manten wirtschaftliche und politische Analysen anzufertigen.« (Carl Frey- schrift für Sozialforschung gedacht war (vgl. Paul Sering, Zu Marshalls
tag, Linkes Profilierungselend und linke Streitkultur. Zu einer Attacke auf neuklassischer Ökonomie, in: Zeitschrift für Sozialforschung 6 [1937],
Alfred Sohn-Rethel; in: Freibeuter. Vierteljahreszeitschrift für Kultur und S. 522-541 [Heft 3]).
Politik, Heft 44 [1990], S. 15; s. auch Brief Nr. 19)
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14 SOHN-RETHEL AN ADORNO idealistischen Fetischismen auf die gesellschaftlichen Warenfor-
men die logischen Charaktere der Allgemeinheit, Notwendigkeit
und Gültigkeit in Kraft erhalten werden, weil sie der Geldform des
Paris VIII, den 15. August 1937 Warenwertes eigen sind. Aus ihrer angeblichen Begründung (in
11, Cite du Retiro Wirklichkeit Hypostasierung) zieht der Idealismus seine Rechtfer-
tigung, aber mit der Liquidierung des Idealismus, also der bloßen
Lieber Teddie, Fehlinterpretation jener Charaktere, dürfen nicht diese selbst über
ich hoffe, daß Ihr Manuscript richtig und pünktlich bis morgen in Bord gehen. Vielmehr bedürfen sie gerade umgekehrt ihrer mate-
Ihre Hände gelangt. Über der Lektüre des Schlußkapitels hatte ich rialistischen Begründung, ihrer Erklärung als notwendiger forma-
gestern Nachmittag leider die Zeit so vollständig vergessen, daß ich ler modi der Verdinglichung und daher als ebenso real wie ihr tat-
zum Einschreiben zu spät auf die Post kam, aber ich denke, daß sächlicher geschichtlicher Ursprung, die Ausbeutung. Damit soll
nach London auch für einfache Sendungen kein Risiko besteht. gesagt sein, daß die immanente Kritik des Idealismus nur die eine
Schlimmer ist, daß ich bei meiner Rückkehr am späten Abend die Seite der Arbeit leistet, die andere bleibt der Ökonomie vorbehal-
vier Anfangsblätter des Schlußkapitels auf dem Tische fand. Ich ten, und als bloße Vorbereitungsarbeit zu dieser bewerte ich meine
hatte sie in der erschreckten Eile über die vergessene Zeit überse- ganzen bisherigen theoretischen Bemühungen. Ich komme von
hen und sende sie Ihnen heute nach. Entschuldigen Sie mein Ver- hier aus auf den methodischen Unterschied zwischen der imma-
sehen bitte! nenten Kritik und meiner sogen. »dialektischen Identifikation«
Sie haben an ihm eine drastische Illustration des Eindruckes, den zurück, welche die idealistische Position nicht bloß am Maßstab
Ihre Arbeit auf mich gemacht hat, und ich kann mich trotz größten ihrer eignen inneren Widersprüche sprengt, sondern am Maßstab
Zeitmangels nicht enthalten, Ihnen einige Bemerkungen dazu zu der Warenstruktur, also des Unterbaus selbst. Das Problem begeg-
schreiben, seien es auch nur die, die ich mir bei der Lektüre flüchtig net bei Ihnen in folgendem Satz (S. 45 Mitte): »>Mein< Ich ist bereits
notiert habe und die der Bedeutung der Arbeit an sich und für mich eine Abstraktion und nichts weniger als die Urerfahrung, als wel-
in keiner Weise gerecht werden. Daß sie sich nur auf das letzte che sie Husserl reklamiert (in meine Erklärungsweise übersetzt:
Kapitel beziehen, liegt daran, daß ich nur dieses in einem genügend das Geld ist eine letzte synthetische Zusammenfassung der Ver-
aufnahmefähigen Zustande vornahm, während das für die ersten dinglichung, ihr Resultat, nicht ihr Ausgangspunkt; in ihm scheint
drei Kapitel so wenig der Fall war, daß ich von ihnen nur ahne, der gesellschaftliche Zusammenhang voraussetzungslos absolut
welche Fundgrube sie für mich bedeuten. gesetzt, aber dieser Schein ist nur die Abblendung der wirklichen
Der erste Satz, den ich mir herausgeschrieben habe, ist der (S. 41 Bedingtheit dieses Zusammenhangs durch die Ausbeutung; und
ob.): »Die Identität der Sprachform >Ich< in den Fällen beider Ich- diese Abblendung ist der reelle Gehalt des Geldfetischs und der in
begriffe (des empirischen und des transszendentalen) ist nicht als der Ich-Reflexion vollziehbaren Abstraktion von der Welt und vom
eine ontologische Einheit zu hypostasieren.« Denn hierin scheint realen gesellschaftlichen Zusammenhang der Menschen; in ihm ist
mir die sehr wesentliche Differenz zu meiner Theorie gefaßt zu >Intersubjektivität< mitgesetzt, nur nicht als beliebige reine Mög-
sein, daß ich die Kritik nicht bloß auf die Fetischisierung der Ich- lichkeit, sondern als reale Bedingung des Ichseins (Ja! - gerade die
Vorstellung, sondern auf die Ich-Form des Bewußtseins selbst ab- inhaltliche Negation von Gesellschaft ist genetisch konstituiertes
stelle. Und das ist zweifellos ein Punkt, der bei mir noch nicht Produkt von Gesellschaft - der Mensch dünkt sich nur-Ich genau
genügend geklärt ist. Andrerseits scheint mir meine methodologi- in dem Maße seiner Vergesellschaftung, und nur-Subjekt genau in
sche Position das Spezifische zu haben, daß bei der Reduktion der dem Maße seiner Verdinglichung; aber welcher Vergesellschaftung
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und Verdinglichung? - nur derjenigen der Ausbeutung, aus der delt sich um eine frühe Fassung des Kapitels »Das Wesen und das reine Ich«
Ursache der Ausbeutung! - trotz Opie), ohne welche die Ein- aus dem späteren Buch »Zur Metakritik der Erkenntnistheorie« (s. die
schränkung (nicht Einschränkung, sondern dialektische Opposi- Anm. zu Brief Nr. 1).
tion) auf >mein< Ich nicht kann verstanden werden.« Das ist richtig. trotz Opie: Nach einer mündlichen Auskunft Sohn-Rethels hielt Redvers
Aber der nervus probandi für den Materialisten ist, zu erklären, wie Opie die Ausbeutung nicht für die Ursache des Tausches - wie Sohn-Rethel
in seinem Expose -, sondern für seine Folge.
es kommt, daß die Ichvorstellung monadenhaft exklusiv ist, näm-
lich in ihrem Inhalt das, wovon sie real bedingt ist, so radikal aus-
schließt, daß die Logik selbst zerspränge, wenn ich in »mein Ich«
noch ein andres Wesen mit hineindenken sollte. Der Kantische
Satz, daß es in der theoretischen Vernunft keinen Grund gibt, auf
das Dasein eines andren Wesens zu schließen, spricht die konstitu- 15 SOHN-RETHEL AN ADORNO
tive Bedingung der »theoretischen Vernunft« selbst aus. Das Pro-
blem hat also eine wesentlich andre Struktur als die logische der
Einschränkung oder der empirischen Disjunktion. Es geht so grad London, den 29. Januar 1938
mit seiner Nabelschnur auf die Ausbeutung zurück wie der Schlund 45 A, King Henrys Road, N.W.3
des Vesuv auf das Erdinnere. Dieser konstitutive Widerspruch in
der Struktur der Warengesellschaft wird vom Idealismus nicht er- Lieber Teddie,
klärt, sondern er ist im Gegenteil der Widerspruch, der dem Idealis- das Abtippen war mehr Arbeit, als ich mir vorgestellt hatte. Gretel
mus in allen Fehlerfluchten seines Gefängnisses nur widerfährt hat sich sicher auch gewundert, als Sie ihr meine Absicht sagten. Es
und an dem seine Versuche zuschanden werden. Aber der Materia- hat also ein bißchen länger gedauert, und Sie bekommen die beiden
lismus hat ihn zu erklären und ist insofern wahr, als er ihn erklärt neuen Exemplare mit dem Ihrigen erst am Montag. Aber ich bereue
und hiermit aus der Verhexung herauskommt. Kann das aber in die Mühe um den Preis meines Lohnes, nämlich des mir verbleiben-
der Ebene der immanenten Kritik gelingen? den Exemplars, nicht und ich danke Ihnen dafür. Ich fand bei dem
Ich muß es für heute bei diesen wenigen Sätzen lassen, die sehr langsamen Durchmahlen durch die Maschine noch mehr Grund
willkürlich und einseitig aus dem Strom herausgegriffen sind, den zum Entzücken über Ihren Text als beim erst[en] Hören. Darf ich
Ihre Arbeit bei mir in Bewegung gesetzt hat. Ob sie ausreichen, Sie ein paar Bemerkungen zur Sache hinzufügen, die mir dabei gekom-
zu einer Antwort zu provozieren, weiß ich nicht. Es würde mich men sind?
freuen. Sonst bis London! Es will mir scheinen, als ob das Phänomen des »Hörstreifens« beim
Mit sehr herzlichen Grüßen Kopfhörer erheblich weniger hervortritt. Man hört sich besser
[Ihr Alfred] »durch den Apparat hindurch« und stellt das individuelle sich ange-
sprochen Fühlen von dem aufführenden Musiker mit befriedigen-
derem Illusionserfolg wieder her. Ähnlich wie beim Verfassen in die
Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo- Schreibmaschine statt mit der Hand übernimmt der Apparat so
kopie) etwas wie die Funktion eines sozialen Katalysators gegen das Indi-
Ihr Manuscript: Zur Philosophie Husserls. Von Theodor Wiesengrund- viduum; dem Schreibenden gehört sein Produkt nicht mehr in der
Adorno, London, Juli 1937. Typoskript im Nachlaß Adornos (in: Theodor gleichen, ausschließlichen oder persönlichen Weise wie (scheinbar)
W. Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 20.1, a.a.O., S. 46 -118). - Es han- früher. Dem Radiohörer gehören seine Ohren, sein Gehör, nicht
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mehr, es steckt in dem Kasten, der als dinglich-gesellschaftliches haftem beklebt und besudelt, aber mitunter an die Delikatessen
Ohr, als gesellschaftlich-technischer Gehörsapparat, die Distribu- erinnernd, deren Abfall sie sind. Die These von der dinglichen Ver-
tion des musikalischen Angebots an die individuellen Ohren einer gesellschaftung des Gehörs meine ich ganz wörtlich im Sinne des
beliebig offenen Nachfrage auf Weltmaßstab (soweit der Äther die im Radio verkörperten technischen Prinzips: das Radio beruht auf
Wellen trägt) vornimmt. Der durch und durch vergesellschaftete einer technischen Nachbildung des Gehörs, wie die Aufnahme- und
Charakter der Arbeit und dingliche Charakter allen Substrats der Reproduktionstechnik des Films auf einer solchen des Sehens; die
Individualität macht sich gegen deren Schein und privaten Eigen- camera obseura ist die Nachbildung des Auges, das Mikrophon die
tumsanspruch geltend und selbständig. (Bei Marx ist die vergesell- des Ohres. Die moderne mechanische Reproduktionstechnik von
schaftende Wirkung des kapitalistischen Privateigentums, die an- Kunst beruht auf einer technischen Enteignung und Vergesell-
steigende Antithetik von Vergesellschaftung und Privatisierung, schaftung unserer Sinnesorgane, und hieran läßt sich für die Kritik
eins der allerwichtigsten dialektischen Motive der kapitalistischen dieser Reproduktionsweisen ein präziser Anhaltspunkt gewinnen.
Entwicklung, etwa in der Akkumulations- und Konzentrations- (Für die Distribution der Musik in den Mülleimer ist ökonomisch
theorie des Kapitals und als das Heranreifen der sozialistischen das Verhältnis der heutigen kapitalistischen Produktion zur Kon-
Anlage der Produktivkräfte im Schoß der kapitalistischen Produk- sumtion, menschlichen Bedarfsdeckung, wichtig. In der ökonomi-
tionsverhältnisse.) Die durchs Radio vermittelte Musik wird »wie- schen Analyse des Faschismus ist es eine meiner Thesen, daß die
dergehört« im Sinne von wiedergekaut, sowohl ein bürgerliches von ihm inszenierte Produktionskonjunktur den Typ der absolu-
Wiederhören der eigenen historischen Vergangenheit wie das bloße ten, nämlich von jedem konsumtiven Endzweck emanzipierten In-
fade Nachschmecken der eigenen Magensäfte (im Aufstoßen); in vestitionskonjunktur verwirklicht; die faschistische Konjunktur
welchem Zustand von Hunger, Sättigung und Verdauen wird Radio funktioniert nur, weil und solange sie Produkte hervorbringt, die
am liebsten gehört? Das primäre Hören ist die technische Funktion nicht auf den Markt kommen (vom Staat gekauftes und aufgesta-
des Radioapparats und ist keine menschliche Konsumtion mehr peltes Rüstungsmaterial oder synthetischen Ersatz für ausfallen-
(daher auch schon rein technisch das Gespenstische von ȟberlau- de (!) echte Konsumartikel). Der Faschismus bringt damit aber nur
fender« Musik), während das menschliche Konsumieren der ange- eine Tendenz zur Vollendung, die schon die ganzen vorfaschisti-
botenen Musik ein second-hand Hören ist (Altwaren-Verschleiß schen Konjunkturen beherrscht: der Produktionsapparat, an des-
der Musik). Diese durchs Radio geschehene individuelle Enteig- sen Aufbau, Rationalisierung, Erneuerung und Ausweitung die
nung der Ohren, ihre formale Sozialisierung oder Nationalisierung, Konjunktur ihre Nahrung findet, produziert, wenn er fertig ist und
halte ich für ein recht wichtiges Element zur Radioanalyse, eng zu- an die rationalisierte und erweiterte Bedienung des konsumtiven
sammenhängend mit dem, was Sie als die »Neutralisierung«, die Endbedarfs gehen sollte, die Krise, Absatzstockung, Unabsetzbar-
Banalisierung, das Moment der Fatalität, den Radiohörer als Mona- keit seiner Produkte. Der Kapitalismus kann mit der Komsumtion
de, die »Verbreitung nicht der Musik als solcher, sondern ihres nichts mehr anfangen, und weil sie ihm tödlich ist, muß er die
Ruhms« (ihres Nachgeschmacks) herausstellen. Dabei fällt im Ka- Konsumenten töten, um noch produzieren zu können. Diese Not-
pitalismus, und noch mehr in der faschistischen Monopolisierung wendigkeit für den Kapitalismus, die Konsumtion ökonomisch zu
des Gehörsapparats der Gesellschaft, das individuelle konsumtive eliminieren, hängt nun nachweisbarer Weise mit dem für den Kapi-
Wiederhören in die Rangstufe des Mülleimers herab. Der Konsu- talismus nicht mehr verdaulichen Grad zusammen, den die Verge-
ment wird zu dem Hund, der sich in stummer Mühe aus dem Müll- sellschaftung der Produktivkräfte heute erreicht hat. Die vergesell-
eimer nach seinem zufälligen und unmaßgeblichen Geschmack die schafteten Produktivkräfte verselbständigen sich gegenüber den
Knochen heraussucht, die er noch für sich darin findet, von Ekel- ursprünglichen ökonomischen Marktgesetzen des Kapitalismus

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und zwingen ihn zur Kriegsproduktion. In diese Perspektive würde abzustellen, weil da Musik im wahren Charakter der ganzen Veran-
ich auch die radiotechnische Vergesellschaftung des Gehörs stellen, staltung, wie ein Verschnappen der Gesellschaft, hinausrinnt. Die-
um ihre Wirkungen unter den Bedingungen der fortdauernden se Musik nimmt einen ebenso unheilvollen und dämonischen
kapitalistischen Produktionsweise zu kritisieren.) Beim Kopfhörer Klang an, wie die Stimme des Ansagers süßlich und eine ständige
nun wird das Radioohr mit den eigenen Ohren des hörenden Indi- Beschwörung ist.
viduums in so enge Deckung gebracht, daß die Illusion eines pri- zu (14) letzter Absatz - Mir scheint, daß Sie einem freilich ungeheu-
mär persönlichen Hörens erreichbar, die Vergesellschaftung des er banalen, aber umso weiter verbreiteten Phänomen zu wenig
Gehörs sozusagen unterschlagen wird; dafür kommt der monadolo- Beachtung schenken, dem >Wunder der Technik« und der Rolle
gische Charakter des Radiohörers durch den Kopfhörer zum Ex- dieses Komplexes bei der Radiokonsumtion. Das Radio ist ja doch
trem. dem von der Produktion entfernten, von ihr gänzlich abgeschnitte-
Das ist das wichtigste, was ich sagen wollte. Das übrige sind unwe- nen Konsumenten gegenüber geradezu zu dem Inbegriff und Sym-
sentlichere Nebenbemerkungen: bol des »Wunders der Technik« geworden. Im Herumschalten und
zu (5) - Ob die auf einem Hörstreifen erscheinende Musik als ständigen Wechseln der Stationen, ohne hinzuhören, was gespielt
»wirklich« empfunden wird, ist eine Frage der Wirklichkeit der wird, wird der Genuß an diesem Wunder ausgekostet, und gar To-
Gesellschaft. Im Grunde genommen, wäre für eine Sozialtheorie kio zu hören, macht Gänsehaut. Das Moment der Präsenz bei unab-
des Radios erwünscht, daß man zwischen den Erfahrungen in den sehbarer Distanz wird mitgekostet, und das »Wunder« vibriert für
kapitalistischen Ländern und denen in Sowjetrußland vergleichen den Hörer im Begleitgeräusch des Hörstreifens mit. Das Radio
könnte. Vielleicht wäre es unter diesem Gesichtspunkt ganz inter- gewährt also in akzentuierter Weise die illusionäre Befriedigung,
essant für Sie, lieber Teddie, wenn Sie sich vor Ihrer Abreise noch die komplette Rätselhaftigkeit des gesellschaftlichen Zusammen-
mit dem Bruder Reichenbach, Herman, unterhalten würden, der ja hanges als leibhaftiges Wunder vor sich zu haben und gleichzeitig
drei Jahre lang als Musiker in der SU gearbeitet und sich dabei darüber zu gebieten, indem man das Wunder beliebig schalten
speziell mit elektrischer Musik beschäftigt hat. kann. Das Basteln, Bedienen der Schrauben, im Selbstgefühl mög-
zu (6) - Das faschistische Extrem der Ohnmacht des Radiohörers lichst apparatgerechten Verhaltens, verschafft dem Konsumenten
liegt wohl weniger im »Volksempfänger« als darin, daß erstens das die Illusion, doch mit der Produktion etwas zu tun zu haben, sich
Publikum von der Programmbehörde nicht mehr befragt wird, und die Leistung der Gesellschaft als persönliche Fähigkeit anzueignen.
daß zweitens jeder Radiobesitzer politische Sendungen zu hören Das unumschränkte Gebieten über den Äther gibt Ersatz für die
gezwungen ist. Wenn ich richtig informiert bin, dürfen in Deutsch- unbegrenzte Ohnmacht der Gesellschaft gegenüber. Im »Herr-
land Kopfhörer nicht mehr hergestellt werden, weil der Blockwart schen über die Natur« fühlt sich der Hund wieder als »Mensch«; mit
und die Nachbarn sonst nicht kontrollieren könnten, was gehört frommem Schauer bedenkt er, »wie weit der Mensch es doch ge-
wird. Der Hörer hat also im Faschismus nicht einmal mehr das bracht hat«, und wird sich daran inne, daß auch er Mensch und
Recht auf die Geste des Abdrehens. nicht Hund ist. Wie das Hantieren mit dem Apparat dem Jungen
Die »überlaufende« Musik wird von den Herrschaftsinteressen der die unkonformistische Freude des Unfugs gegen die Eltern ge-
Gesellschaft nicht mehr überwacht, sie fließt wie durch ein Leck währt, ziehen die Eltern daraus die experimentelle Bestätigung für
der Gesellschaft hinaus. Sie echappiert gleichsam den ganzen die tiefe Berechtigung ihres Konformismus: die Dinge sind doch so
Funktionen und Vorsorgen des Konformismus. Eigentlich müßte, unabsehbar kompliziert, daß vermutlich alles »Unrecht in der
sobald irgendwo Musik überläuft, der Ansager, sein Auftraggeber Welt« als Preis dafür in Kauf genommen werden muß, damit die
(als Klasseninstanz), voll Schreck zum Haupthahn rennen, um ihn Dinge funktionieren können. Im Radio verdinglicht sich derzeit die
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Mystifikation der Ausbeutungsgesellschaft. So eine geheimnisvolle Die »überlaufende« Musik: »Zum Problem des Radios als Wasserleitung
Figur wie der Hitler thront nicht in den Wolken, sondern im Äther, gehört die Frage, die als Forschungsaufgabe sehr schwer zu formulieren ist,
der ich aber trotzdem große Tragweite zutraue. Es ist die, was aus der
im Radioäther. - - Musik wird, die ,überläuft<, der niemand zuhört. Ist es nicht gerade im
Mit herzlichen Grüßen an Sie und Rundfunk die eigentlich entscheidende? Welche Bedeutung hat die Verset-
Gretel zung von Musik in den Hintergrund?« (zit. nach dem unveröffentlichten
[Ihr Alfred] Typoskript des Memorandums »Fragen und Thesen« im Nachlaß Adornos)

Typoskript-Durchschlag mit Einfügungen von Sohn-Rethels Hand; Nach-


laß Sohn-Rethel.
das Abtippen /Ihr Text: Paul Lazarsfeld hatte Adorno in Vorbereitung auf 16 SOHN-RETHEL AN ADORNO
das gemeinsam an der Princeton University durchzuführende Radio Re-
search Project um ein Memorandum zu Problemen des Radiohörens gebe-
ten. Adorno verfaßte daraufhin im Januar 1938 ein »Fragen und Thesen«
überschriebenes Exposb, von dem Sohn-Rethel eine Abschrift für sich an- London, den 28. Februar 1938
fertigte. Das bislang unveröffentlichte Expose hat sich in Adornos Nachlaß 45 A, King Henrys Rd., N.W.3.
erhalten.
die Mühe um den Preis meines Lohnes: so im Brief. Lieber Teddie,
das Phänomen des »Hörstreifens«: Die Forschungsergebnisse des Radio ich hoffe, Ihr Schiff hat Sie mit guter Überfahrt von dem anderen,
Research Projects wurden 1941 veröffentlicht. In dem von ihm geschriebe- sinke-iden, zum festeren Kontinent hinübergetragen und Sie und
nen Kapitel -The Radio Symphony«, in dem die Thesen seines Exposes Gretel sind froh, dort zu sein. Lassen Sie oder Gretel mich mal
ausgeführt sind, hat Adorno das Phänomen des »Hörstreifens« folgenderma-
hören, wie Sie sich eingerichtet haben.
ßen beschrieben: -Of the related problems, which may very well basirally
affect the structure and the meaning of broadcast music, we refer only to Heute sende ich Ihnen und gleichzeitig Horkheimer die zugesagte
one: the problem of the hear-stripe. Even if the set functions properly, the Zusammenfassung meines Standpunkts gegenüber der deutschen
,current,, namely, the thermal noises, can be heard. These continuous noi- Entwicklung. Ich hoffe, daß Sie nicht allzu unzufrieden sein wer-
ses constitute a hear-stripe. The hear-stripe, which of course varies with den, daß sie nicht nur ein wenig länger, sondern auch etwas anders
the quality of the set, tends to disappear from the musical surface as soon as
the performance takes shape. But it still can be heard underneath the ausgefallen ist, als wohl Ihrer Vorstellung entsprach. Ich fand es,
music. It may not attract any attention and it may not even enter the besonders mit den Augen Horkheimers gesehen, der ja meinen
listener's consciousness; but as an objective characteristic of the phenome- Aufsatz nicht kennt, nicht gerechtfertigt, aus dem agrarpolitischen
non it plays a part in the apperception of the whole.« (Theodor W. Adorno, Nebengebiet materielle Details zu bringen, während andere, wichti-
The Radio Symphony. An Experiment in Theory; in: Radio Research 1941. gere fortgeblieben wären, und selbst bei strengster Auswahl hätte
Hrsg. von Paul F. Lazarsfeld und Frank N. Stanton, New York 1941, S. 110)
keine sinnvolle Reihe von Einzelheiten auf dem vorgeschriebenen
vor Ihrer Abreise: Adorno und seine Frau Gretel schifften sich am 16. Fe- engen Raum Platz gefunden. Da blieb nichts übrig, als meine Ge-
bruar 1938 zur Übersiedlung nach Amerika ein.
samtauffassung auf ihre theoretische Abstraktion zu bringen. Mit
Bruder Reichenbach, Herman: Der Musikwissenschaftler und Hochschul- dieser bin ich über meinen Aufsatz noch hinausgegangen, in der
lehrer Herman Reichenbach (1898 -1958), Bruder des Journalisten Bern- Vollständigkeit der Konstruktion sowohl wie in der Verfolgung der
hard Reichenbach (1888 -1975) und des Philosophen Hans Reichenbach
(1891-1953), emigrierte 1933 in die Schweiz. Bevor er 1938 in die USA deutschen Entwicklung. Hierin mag das liegen, was auch Sie noch
übersiedelte, lebte und arbeitete er drei Jahre in der Sowjetunion. an dem Text interessieren wird. Wenn ich jedoch seinetwegen noch

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eine Bitte an Sie habe, lieber Teddie, so ist es die, daß Sie Horkhei- Skandale aus einigen Ressorts zu befürchten hat, überdies aber
mer und Pollock gegenüber als Zeuge dafür eintreten möchten, daß erstmals unter alleiniger konservativer Verantwortung das Land in
es sich bei der theoretischen Formel meiner Zusammenfassung - eine wachsende Wirtschaftskrise hineinregiert. All das schreit nach
der des >defizitären Kapitalismus« - wirklich nicht um eine kon- einem Ausgleich durch plakatierbare Erfolge, die man in der Ret-
struierte Hypothese vor den Fakten, eine theoretisch phantasierte tung des Friedens durch Freundschaft mit den Diktaturen sucht.
Skelettkonstruktion, sondern um eine aus ziemlich mächtigem Dem leistet die kontinentale Situation allen wünschbaren Vor-
Material erst mühsam gewonnene Abstraktion handelt. Sie ist in schub. Hitler braucht in kürzester Frist, ich schätze in längstens
meinen ausgeführten Sachen Stück für Stück belegt, und ist in drei bis vier Monaten, die CSR, das entwickeltste und wertvollste
jedem ihrer Bestandstücke nach dem Gewicht der Fakten abge- Objekt der fälligen Expansion. Für den Augenblick kommt er wie
wogen. Mussolini dem Bedürfnis Chamberlains nach seiner freundlichen
Das gilt besonders auch von der Interpretation der letzten Krise in Miene entgegen, aber wenn sich das nicht bald bezahlt macht, muß
Deutschland. Die deutsche Wirtschaft sitzt wirklich auf der Tatsa- er sich gewaltsam nehmen, worauf er nicht länger warten kann,
che des total gewordenen Mangels an Produktivreserven so hart Österreich, die CSR, Ungarn usw. Für Deutschland macht sich jede
auf, daß sie ohne Bruch mit den tragenden Motiven des Faschismus Wartezeit in seiner jetzigen Lage durch absolute Verminderung sei-
die Expansion nicht lange mehr verzögern darf. Nach der sicheren nes Kriegspotentials geltend, und daß Hitler dem nicht lange zu-
Information eines deutschen Großindustriellen ist Mitte Februar, sieht, ist klar. Das Verhältnis der Kriegsstärken wird man so ein-
also nach der politischen Krise und nach Berchtesgaden die Rü- schätzen dürfen, daß die deutsche im Beginn, etwa für die ersten
stungsrate um 30 % gekürzt worden, und die Arbeitskraftreserven drei bis sechs Monate, den gegnerischen absolut überlegen ist, daß
sind so vollständig erschöpft, daß man 15jährige aus der Schule aber dann der Wendepunkt kommt, von dem an eine deutsche Nie-
heraus in. den Produktionsprozeß einstellt, teilweise vor ihrem derlage immer unvermeidlicher erscheint. Theoretisch muß mit
Schulabschluß, um den für eine Mobilisierung nötigsten Nach- Erfüllung der Bündnispflicht Frankreichs und Rußlands für die
wuchs in den Betrieben zu haben. In deutschen industriellen CSR gerechnet werden. Aber zur Sicherung des Sieges in der Über-
Kreisen scheint gradezu Kriegspanik zu herrschen. Es kommen in legenheitsfrist geschieht folgendes. Das Bündnis mit Polen wird in
England Leute an, darunter jetzt ein bedeutender, obwohl nicht- letzter Zeit stark aktiviert, Polen wird gegen Agrar- und Rohstoff-
arischer Direktor der I.G., die alles im Stich gelassen haben, um nur lieferungen von Deutschland stark bewaffnet, nicht um im Kriege
noch vor dem befürchteten Kriegsausbruch hinauszukommen; die eine aktive Rolle zu spielen, sondern nur um gegen die eventuelle
Auswanderersperrmark ist auf 4,5 % gesunken. russische Aktion einen Damm zu bilden. Und diese Aktion ist
Auf Grund einer Anzahl neuer Informationen haben wir in diesen schon ohnehin ungewiß genug. Österreich hat im Kriegsfall vor
Tagen im Kreis politischer Freunde und im Beisein eines über die allem die enorme Bedeutung des Umlade- und Verladebahnhofs für
hiesige Lage unterrichteten Engländers die Lage durchgesprochen die deutsch-italienische Kooperation gegen Frankreich. Gegen die-
und sind zu einem sehr düsteren Bild gekommen. Meine Prophezei- ses richtet sich der ganze Druck. Durch die Besetzung der Balearen
ung bei Ihrer Abreise hat sich schneller erfüllt, als wir für möglich läßt sich die letzte Verbindung mit Nordafrika für Frankreich ab-
gehalten hatten. Es hat keine drei Wochen, sondern drei Tage ge- schneiden. Die Bedrohung von den Pyrenäen kommt hinzu, die
dauert, bis der pro-faschistische Kurs sich in London durchgesetzt umso schwerwiegender ist, als Frankreich dicht an diese, bisher
hat. Die Lage ist für Chamberlain dadurch charakterisiert, daß die stets unbedrohte Grenze, seine sämtlichen Petroleumraffinerien
Konservativen nun einer stark verschlechterten Wahlsituation ge- und unentbehrliche Kraftwerke verlegt hat, zu deren Zerstörung
genüberstehen und die Regierung das Aufkommen desaströser die Luftwaffe genügt. Die belgische Grenze erscheint vorerst stillge-

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legt, aber wohl nur solange, als Deutschland eine Aktion von dieser können. Wenn das Zusammenspiel der Dreier-Achse funktioniert,
Richtung nicht braucht, und Frankreich hat kein Durchzugs- und wird Japan der englischen Nachgiebigkeit noch durch einen kräfti-
Besetzungsrecht mehr auf belgischem Boden, bevor nicht die Deut- gen Blow in Ostasien, z.B. gegen Hongkong und Südchina nachhel-
schen schon da sind. Aber die Einkreisung reicht auch ohnedies zu fen. In der jetzigen Phase des Kapitalismus - ich betrachte sie trotz
einer sicheren Siegeschance für die Faschisten aus. England kann aller Skepsis und Belächlung, der ich mich damit aussetze, als die,
sie nicht abwenden, auch wenn es wollte, weil es eine wirksame Phase seiner Endkrise, und zwar auf internationalem Maßstab - ist
Hilfe nicht schnell genug entwickeln kann. Die für Deutschland der Faschismus die reell überlegene Macht.
verhängnisvollen Zeitmaße von 1914 bestehen heute nicht mehr. - Lieber Teddie, lassen Sie mich zum Schluß noch etwas Persönliches
Dies ist etwa die Situation, die den Hintergrund zu den jetzt begin- zu dem Text hinzufügen, den ich Ihnen heute sende. Ich habe auf
nenden diplomatischen Verhandlungen bildet. Dabei vergaß ich seine Abfassung etwas mehr Zeit und Sorgfalt verwandt, als ich
noch zu erwähnen, daß Österreich die gegebene Angriffsfront ge- eigentlich dafür übrig hatte, und zwar in dem Gedanken, daß er mir
gen die CSR bildet, weil diese gegen diese Grenze nicht geschützt helfen könnte, Interesse für einen größeren Buchplan auf der darin
ist. Zu den Berchtesgadener Forderungen Hitlers gehörte die Stel- entwickelten Basis zu finden. Ich will mich damit hier in London an
lung von vier Divisionen an dieser Grenze durch Österreich. Die den Left Book Club wenden bezw. an Laski und Strachey, seine
wichtige Frage ist nun, ob Hitler der CSR gegenüber solche Metho- beiden Lektoren für solche Themen, und ich schicke den Text au-
den anwenden wird, daß der Bündnisfall für Frankreich und die SU ßerdem heute noch an Prof. Carl Landauer, den ich aus dem frühe-
eintritt. Die CSR ist genügend umzingelt, um auch ihre friedliche ren »Deutschen Volkswirt« kenne und der jetzt eine Professur an
Gleichschaltung durch wirtschaftliche Aushungerung und politi- der California Universität in Berkeley hat; er hat mir schon früher
sche Unterminierung möglich zu machen (über Ungarn dürfte Hit- einmal seine Unterstützung für brauchbare Pläne zugesagt. Ich
ler dazu bereits voll verfügen, wie übrigens auch für den Kriegsfall habe von diesen Absichten in meinem Brief an Dr. Horkheimer
dort inzwischen die gegen alle Vertragsbindungen rücksichtslose nichts erwähnt, um auch den Anschein zu vermeiden, als könnten
Aufrüstung beschlossen worden ist). Aber ob Hitler sich diese fried- sie sich auch auf das Institut beziehen. Das tun sie in keiner Weise.
lichen Methoden gestatten kann, ist wieder die reine Zeitfrage, wie Aber das Institut könnte mir gelegentlich wohl indirekt für ihre
lange er warten kann. Wenn ihm inzwischen mit den nötigen Pro- Verfolgung an andren Stellen wertvolle Hilfe leisten, und daß Sie
duktivreserven für die Aufrechterhaltung und Fortführung des das im gegebenen Augenblick befürworten möchten, lieber Teddie,
Kriegspotentials von dritter Seite ausgeholfen würde, sollte es wohl war die Bitte, die ich noch aussprechen wollte. Vielleicht erfahren
möglich sein, und ich glaube, daß Chamberlain durchaus so weit zu auch Sie oder wissen Pollock und Horkheimer von Stellen drüben,
gehen bereit ist, daß er diese Aushilfe leistet, wenn Hitler dafür das bei denen meine Bemühungen Aussicht hätten. In solchem Falle
Kriegsrisiko vermeidet. Chamberlain scheint noch viel weiter ge- wäre ich Ihnen herzlich dankbar für einen Hinweis oder eine Emp-
hen zu wollen. Seine heißeste Bemühung geht darauf, in Frank- fehlung oder auch Weiterleitung etc.
reich die Volksfront zu sprengen, um dadurch die Hindernisse für Ich brauche Sie nicht zu bitten, die in diesem Europa Zurückgeblie-
den Viermächtepakt zu beseitigen, der dazu dient, Hitler bei der benen nicht zu vergessen. Aber lassen Sie mich Ihnen sagen, daß
Donauexpansion das Schießen zu ersparen und seinen künftigen mir sehr einsam zumute war, als ich von der Waterloo Station nach
Expansionsdrang gegen Rußland zu lenken. Hause zurückfuhr.
Das ist die Zusammenfassung der Ergebnisse, zu denen wir gekom- Seien Sie und Gretel von ganzem Herzen gegrüßt
men sind, und das schlimmste an ihnen ist, daß sie der Chamber- von Ihrem
lain-Politik vom englischen Augenblicksinteresse aus recht geben [Alfred]
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Typoskript-Durchschlag, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photo- im Kreis politischer Freunde: vermutlich Personen aus dem Kreis um Wick-
kopie) ham Steed (s. die Anmerkungen zu Brief Nr. 13).
Zusammenfassung meines Standpunkts gegenüber der deutschen Entwick- unterrichteter Engländer: nicht ermittelt.
lung: vgl. Alfred Sohn-Rethel, Einige Voraussetzungen zum Verständnis größerer Buchplan / Left Book Club: Die geplante Publikation kam nicht
der deutschen Entwicklung; in: Ökonomie und Klassenstruktur des deut- zustande.
schen Faschismus, a.a.O., S. 173 -185 (s. Brief Nr. 18).
Laski: Der Politiker und Politikwissenschaftler Harold Joseph Laski
mein Aufsatz: Sohn-Rethel, Agrarpolitik unterm Faschismus; unveröffent- (1893 -1950), ab 1926 Professor an der London School of Economics, war
lichtes Typoskript im Nachlaß Sohn-Rethels. - In seinem Begleitbrief an neben seiner umfangreichen publizistischen Arbeit jahrelang führendes
Horkheimer vom 27.2.1938 schrieb Sohn-Rethel: »Theodor Wiesengrund Mitglied der Fabian Society und 1945/46 Vorsitzender der Labour Party.
gab mir die Anregung, Ihnen und Herrn Dr. Pollock eine kurze Zusammen-
fassung der Hauptelemente meiner Beurteilungsweise des deutschen Fa- Strachey: John Strachey (geb. 1901), Mitglied der Labour Party, wurde be-
schismus zu senden, in der Annahme, daß sie Ihr Interesse finden könnte. kannt durch sein 1932 erschienenes Buch »Coming Struggle for Power«.
Ich hatte Teddie einen längeren Aufsatz gezeigt, den ich letzten Dezember Von 1946-1951 gehörte Strachey der englischen Regierung an.
über das Verhältnis von Industrie und Landwirtschaft im jetzigen Deutsch- Prof. Carl Landauer/ »Deutscher Volkswirt«: Der Wirtschaftswissenschaft-
land geschrieben hatte, und er fand meine Auffassung von den nachherigen ler Carl Landauer (geb. 1891) war vor seiner Emigration in die USA, im
Ereignissen in Deutschland bestätigt.« Oktober 1933, Mitherausgeber der führenden Wirtschaftszeitung »Der
Pollock: Friedrich Pollock (1894 -1970) war der geschäftsführende Direk- deutsche Volkswirt« in Berlin. Sohn-Rethel war in den Jahren 1933 -1936
tor des Institute for Social Research, wie das Institut für Sozialforschung in gelegentlich Mitarbeiter dieser Zeitschrift (s. Brief Nr. 19).
Amerika hieß.
defizitärer Kapitalismus: »Mit dem 30. Januar 1933 beginnt in Deutschland
ein Regime des defizitären Kapitalismus: Durch staatliche Aufträge wird
eine Geschäftskonjunktur inszeniert, in der die bankrotten Gruppen des 17 ADORNO AN SOHN-RETHEL
Großkapitals ihr Defizit auf den Staat abwälzen und das Kreditpotential der
übrigen Wirtschaft zur Finanzierung ihrer Sanierung und steigenden Bi-
lanzprosperität ausschöpfen.« (Ökonomie und Klassenstruktur des deut-
schen Faschismus, a.a.0., S. 173) Princeton University
Princeton New Jersey
deutscher Großindustrieller: Nicht mehr zu ermitteln.
Mitte Februar/politische Krise/Berchtesgaden: Am 4. Februar 1938 waren School of Public and International Affairs
hohe Offiziere der Wehrmacht, der Reichskriegsminister von Blomberg und
Reichsaußenminister Freiherr von Neurath entlassen worden. Damit war
jede Opposition, vor allem in der Wehrmacht, gegen den Übergang zu einer Office of Radio Research
offenen Annexionspolitik ausgeschaltet. Beim Berchtesgadener Treffen 203 Eno Hall 7. Mdrz 1938.
Hitlers mit dem österreichischen Kanzler Schuschnigg, am 12. Februar
1938, stellte Hitler ultimative Forderungen. Schuschnigg mußte die Auf- Lieber Alfred:
nahme von Nationalsozialisten in die Regierung zugestehen und Österreich
in aller Eile nur, daß wir gut angekommen und installiert sind, und
außenpolitisch und militärisch der deutschen Politik unterwerfen.
daß das Radio Research Project sich als eine Sache von sehr
nichtarischer Direktor der L G.: Um welchen Direktor der IG Farben (Inter-
essengemeinschaft Farbenindustrie) es sich handelte, wurde nicht ermit- viel größerer Tragweite herausstellt, als ich zunächst übersehen
telt. konnte.
Und nun zwei Bitten: einmal, daß Sie das versprochene Resume
Auswanderersperrmark: Von den Nazis erlassene Ausfuhrbeschränkung für
Vermögenswerte. über Ihre Theorie des defizitären Kapitalismus, in einem Umfang

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von wirklich höchstens drei Schreibmaschinenseiten,, unter Bezie- Sohn-Rethels zu diesem Thema in Brief Nr. 15 gibt es keinen weiteren
hung auf mich möglichst rasch schicken an Dr. F. Pollock, 90 Morn- Textzeugen.
ing Side Drive, New York City, N.Y. Eile ist deshalb besonders Ihre Theoriegern »quellenmäßig« zitieren: Möglicherweise wollte Adorno in
angebracht, weil Pollock in den nächsten Wochen verreisen wird, seinem Aufsatz »Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regres-
sion des Hörens« (vgl. Zeitschrift für Sozialforschung 7 [1938), S. 321-356
und ich es in Ihrem Interesse für unbedingt geraten halte, daß er
[Heft 31; jetzt in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 14: Disso-
die Umrisse Ihrer Theorie vorher kennen lernt. Besonders gut wird nanzen, Einleitung in die Musiksoziologie, 2. Aufl., Frankfurt a.M: 1980,
es sein, wenn Ihr R6sum4 in möglichst exakten nationalökonomi- 5.14-50) auf Sohn-Rethel verweisen; oder aber Sohn-Rethel im Zusammen-
schen Begriffen gehalten ist. Denken Sie bitte daran, daß Pollock hang seiner Arbeit am Radio Research Project namhaft machen. Für letzte-
ein durch die administrativen Dinge ganz maßlos überlasteter res spricht, daß er in einer Ergänzung zu dem bereits erwähnten Memoran-
Mann ist, der sich die Minuten für wissenschaftliche Lektüre buch- dum für Lazarsfeld (s. die Anm. zu Brief Nr. 15) Sohn-Rethels Thesen
erwähnt: »Die Untersuchungen über die Haltung des Rundfunkhörers wä-
stäblich stehlen muß. ren zu ergänzen durch Fragen darüber, ob Rundfunk beim Essen, während
Dann: könnten Sie mir, und zwar wenn irgend möglich auf eng- der Verdauung usw. mit Vorliebe gehört wird. [...1 In diesem Zusammen-
lisch, eine ebenfalls den Umfang von drei Schreibmaschinenseiten hang möchte ich auf die Theorie eines Mitarbeiters des Instituts für Sozial-
nicht überschreitende Darstellung Ihrer Theorie von der Sozialisie- forschung Dr. Sohn-Rethel hinweisen, welche die modernen technischen
rung der Sinnesorgane durch Kino und Radio recht bald schicken. Mittel der künstlerischen Reproduktion im Sinne einer Sozialisierung der
Sinnesorgane versteht. Er spricht von der >Aneignung der Ohren• durch
Ich möchte diese Ihre Theorie gern »quellenmäßig« zitieren, und den Rundfunk. Einen Brief von Dr. Sohn-Rethel [d.i. der Brief Nr. 15), der
dazu wäre mir eine solche Unterlage höchst willkommen. Ein Ho- einiges über diese Dinge und auch Anmerkungen zu meinem Expose ent-
norar kann ich Ihnen nicht versprechen, will aber versuchen, was hält, füge ich bei.« (26.2.1938, Adorno an Lazarsfeld)
ich tun kann.
Verzeihen Sie die Hast Ihrem nur in terms der abstrakten Arbeits-
zeit amerikanisierten
Teddie. 18 SOHN-RETHEL AN ADORNO

Schönste Grüße auch von Gretel. Sie schreiben uns am besten an


unsere Privatadresse: 45 Christopher Street, 11G, New York City, London N.W.3., den 8. Juli 1938
N.Y. 45 A, King Henry's Road

Lieber Teddie,
Typoskript mit gedrucktem Briefkopf; Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvor- ich habe Ihnen noch nicht einmal länger geschrieben, seitdem wir
lage: Photokopie) uns damals an Waterloo Station voneinander verabschiedet haben.
Radio Research Project: s. die Anm. zu den Briefen Nr. 13 und 15. Aber seien Sie mir deswegen bitte nicht böse. Ich habe oft genug
inzwischen an Sie gedacht und oft genug bedauert, daß Sie nicht
das versprocheneResumd: Es handelt sich um die in Brief Nr. 16 »zugesagte
Zusammenfassung«. Adorno hatte offenbar den Brief vom 28.2.1938 mit mehr hier sind. Aber um Ihnen zu schreiben, wollte ich wenigstens
Sohn-Rethels Text noch nicht erhalten. Die drei Schreibmaschinenseiten, etwas von meinem Manuscript mitsenden und dachte mich damit
von denen Adorno spricht, sind nicht vorhanden und wurden wohl auch nie eher am Ziel, als ich es in Wirklichkeit war. Wie lange ich mich mit
geschrieben. meiner Arbeit gequält habe, bis ich auf die Füße mit ihr kam, kann
Theorie von der Sozialisierung der Sinnesorgane: Außer den Ausführungen ich Ihnen kaum beschreiben. Ich habe Monate damit verloren und

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hoffe nur, daß sie mir nicht verhängnisvoll sein werden. Nun ich chung darauf angelegt ist, die methodologische Ausführung dieses
aber doch die Linie gefunden habe, die mich überzeugt, geht es Postulats zu trassieren, gibt sie, wie mir scheint, die nötigen An-
schneller voran, und ich denke doch bestimmt, zur Zeit fertig zu haltspunkte, um unsere beiderseitige Stellungnahme zu dieser Fra-
werden, d.h. vor dem Ablauf meines Stipendiums und also wenig- ge zu vergleichen und gegeneinander abzuklären. Mir wäre hieran
stens unter Einhaltung der als Bedingung gegebenen Zusage. Um außerordentlich viel gelegen, weil mir dieser Punkt in der Metho-
gleich zur Vorbereitung einer weiteren Existenzgrundlage zu ver- denfrage des Materialismus eigentlich der entscheidende zu sein
helfen, reicht dann freilich die Veröffentlichung nicht, aber viel- scheint, von dem ich weiß, daß auch Sie ihm eine First class impor-
leicht wird man mich von Seiten der Society doch in der Zwischen- tance einräumen. Leider ist das Kernstück meiner Untersuchung,
zeit nicht ganz fallen lassen. die dem dritten Kapitel vorbehaltene Reduktion des Transszenden-
Ich denke Sie mir seitdem so stark in [den] amerikanischen Betrieb talsubjekts auf das Geld, noch nicht fertig. Aber sein Prinzip ist
eingespannt, daß Ihnen mein Brief und wohl gar auch der Text, den Ihnen vielleicht aus meinem weitläufigen Luzerner Expose noch
ich Ihnen sende, wirklich wie ein Nachhall aus der alten Welt vor- erinnerlich; es ist der Beweisgang, der dort gleich am Anfang steht
kommen wird. Aber Sie werden sicher trotzdem meine Bitte um bezw. angedeutet ist, und den ich dann mit dem Ausdruck »dialekti-
Durchsicht dieses Textes freundschaftlich aufnehmen, und da er sche Identifikation« belege. Ich weiß, es ist nicht gut, solche tönen-
vermutlich gegen das Ende des Semesters und des Hochbetriebes den Benennungen einzuführen, aber diese finde ich immer noch
eintrifft, die Zeit dafür mit weniger Opfer aufbringen können, als treffend. I can't help it. Und aus meiner jetzigen Untersuchung
ich Ihnen gern zumuten würde. Es handelt sich etwa um die Hälfte wird vielleicht auch klarer als damals, was es damit auf sich hat:
des vorgesehenen Ganzen, um die beiden ersten Kapitel, denen nämlich die Marxsche Analyse der Ware in ihr richtiges Licht, und
noch zwei weitere folgen sollen. Daß ich selbst mit der Abfassung zwar in das ganz und gar zentrale Licht zu setzen, das ihr zukommt.
zufrieden wäre, kann ich nicht gerade sagen, aber den Weg, wie ich Das Wertgesetz ist unser eigentliches und einzigartiges Erkenntnis-
die Sache aufgezogen habe, halte ich für richtig, und auch die me- instrument in allen Angelegenheiten, die in der bisherigen Ge-
thodologischen Hauptpunkte zum Materialismus, auf deren Her- schichte die Anlässe zur Philosophie abgegeben haben. Am Schluß
ausstellung es mir in den »sechs Grundsätzen« des zweiten Kapitels des heut mitgesandten Textes kommt das auch bereits zum Aus-
ankam, für stichhaltig und essentiell. Dafür möchte ich sehr gern druck. Im letzten Kapitel möchte ich das näher ausführen, wobei
Ihre ausführliche Meinung wissen. Sie werden finden, daß ich mich die philosophischen Intentionen zur Geltung kommen werden, die
auf den SS. 30-33 des Ms. mit den Grundzügen Ihrer Husserl- es Ihnen in meinem Pariser Expose angetan hatten. Bei aller theo-
Kritik auseinandergesetzt habe, unter dem Aspekt der Frage, ob retischen Quälerei, die ich in der Zeit hier davon gehabt habe, bin
man die Liquidierung des philosophischen Idealismus auf dem ich Ihnen über alle Worte dankbar dafür, lieber Teddie, daß Sie sie
Wege der immanenten Kritik unternehmen könne und dürfe. Mei- mir durch Ihre Hilfe verschafft haben. Ich bin der endgültigen Klä-
ne Stellungnahme ist, wie Sie wissen, ablehnend. Ich halte es für rung ein großes Stück näher gekommen und habe eingesehen, wie
unmöglich, auf dem methodologischen Boden der Immanenz die berechtigt die Einwände von Opie gewesen sind, deretwegen er
Intention ihrer kritischen Liquidierung zu retten; sie verfällt dem damals die Befürwortung meiner Arbeit abgelehnt hat. D.h. ich
Gegenteil dessen, worauf sie abzielt. Das methodologische Postulat sehe jetzt, wie die Intentionen, die für mich die leitenden waren,
des Materialismus ist das der genetischen Kritik, und zwar im Sin- mit den Marxschen Ansätzen in der Ökonomie zusammengehen,
ne der These, daß allein die genetische Kritik eines Denkstand- bin aber auch froh, diese Intentionen durchgehalten zu haben, bis
punkts der Weg ist, die Immanenz dieses Denkstandpunkts und sich mir von ihnen aus diese Einstimmung ergeben hat, und nicht
seines Begriffssystems zu beurteilen. Da meine ganze Untersu- umgekehrt aus vorzeitiger Besorgnis um die Orthodoxie unter Ver-
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lust meines Gepäcks an dieses Ziel gelangt zu sein., Die größten der gehören dieser Regierung nur mit dem Bewußtsein des Wartens
Schwierigkeiten zur Frage der Ideologienkritik, und ich denke auch an. Je mehr peinliche Ereignisse sich dank der Sorge der Faschi-
der Kunstkritik, verfangen sich wirklich in der Frage nach dem sten in der nächsten Zeit zusammendrängen, umso mehr wird die
Zusammenhang zwischen dem Warentausch, an dem die Formen Wartezeit abgekürzt. Doch auch bis dahin ist die Gefahr dieser
der rationalen Reflexion hängen, und der Ausbeutung, die den Feti- Regierung weniger die ihrer eignen Verschwörungen ä la Cliveden
schismus dieser Formen in der Philosophie erzeugt und deren ma- als die der Chancen, die sie den Gegnern läßt und schenkt. Sie
terialen Gehalt bestimmt. Und Opie hatte ganz recht, daß sich haben Recht, daß dieser Schaden gerade groß genug ist, aber er
mein Expose in der Frage dieses Zusammenhangs auf der falschen wirft doch für die, die jetzt davon profitieren, den Schatten ein-
Linie bewegte. - Ich fürchte fast, daß Sie an der schriftstellerischen schneidender Enttäuschungen voraus. Und ich möchte bezweifeln,
Form meines Manuseriptes noch mehr auszusetzen finden werden daß man sich in Deutschland darüber ganz klar ist; dazu ist die
als früher schon, und bitte Sie, lieber Teddie, mir darüber mit ganz innere Vernebelung durch die eigene Demagogie wohl schon zu
vorbehaltloser Offenheit zu schreiben. Ich stehe hier mit nieman- fatal.
dem mehr in Diskussion und bin also in vollständiger Vereinsa- Ich habe mich außerordentlich gefreut, daß mein kleiner Text zur
mung. Der Charakter des »Monologischen«, den Sie mir früher ökonomischen Analyse des Faschismus (»Einige Voraussetzungen
schon vorwarfen, muß unter diesen Umständen fast zwangsläufig zum Verständnis der d[eu]t[schen] Entw[icklung]«) bei Dr. Hork-
noch ärger geworden sein, und so sehr ich dagegen anzukämpfen heimer Anklang gefunden hat, wohl zum ersten Mal, seitdem er
versuche, ich kann es mit mir alleine eben nicht abhelfen. Ich Schriftliches von mir zu Gesicht bekommen hat. Ich danke Ihnen
wünschte nur, daß äußere Verhältnisse einträten, die dem abhül- deshalb sehr für die Anregung, die Sie mir zu dieser Zusammenfas-
fen, anders geht es wohl kaum. sung damals gegeben haben. Nur habe ich leider inzwischen den
Mit dem Tagespolitischen habe ich während meiner Arbeit den Briefwechsel mit Horkheimer wieder vernachlässigt, oder richtiger,
Kontakt fast ganz verloren. Sie haben mir damals aus einer ameri- ich habe ihn ebenso wie den mit Ihnen auf die Mitsendung von
kanischen Zeitschrift den Cockburn'schen Aufsatz über das Clive- Manuscript zu meiner jetzigen Arbeit gründen wollen, und in dieser
den-Set geschickt, der in England ziemliche Aufregung hervorgeru- Absicht blieb er inzwischen eben aufgehoben. Ich schicke aber heu-
fen hat, aber natürlich hier in ähnlicher Ausführlichkeit in keinem te denselben Text wie an Sie auch an ihn und werde versuchen,
Organ Platz finden konnte. Obwohl die Darstellung der Dinge si- mich für dieses Schweigen, das er hoffentlich nicht als Unhöflich-
cherlich stark überspitzt ist, war es politisch sehr nützlich, gerade keit empfunden hat, zu entschuldigen. Zu den - in meiner ganzen
sie in Amerika zu verbreiten. Ich weiß nicht, in welchem Lichte von Familie leider erblichen - Hemmungen, die ich sowieso für jede
USA aus die Stellung des Chamberlain-Kabinetts erscheint; ich briefliche Korrespondenz zu überwinden habe, kommt für mich
könnte mir denken, daß sie sich von außen stärker ansieht, als sie Horkheimer gegenüber noch die Störung, daß ich von ihm kein
in Wirklichkeit ist. Sie ist nicht viel mehr als eine Wartestellung, genügend deutliches persönliches Bild mehr vor mir habe und daß
bis die Möglichkeit zu einer anderen Politik in England selbst reif auch dieses Bild - aber wahrscheinlich nur in meiner Einbildung -
geworden ist. Dieser Reifeprozeß ist in vollem Gange, aber da ein von irgendwelchen undefinierbaren Gegenströmungen, die ich,
andrer Kurs den Krieg als positive Alternative in seine Politik auf- weiß der Kuckuck woher und warum, ihm unterstelle, getrübt ist.
nehmen muß, damit der Kurs wirklich ein anderer sein kann, kön- Bis ich ihn nicht einmal wiedergesehen und gesprochen habe, wer-
nen Sie sich denken, wieviel dazu gehört, bis es so weit ist. Cham- de ich diese Empfindung wohl auch nicht loswerden.
berlain persönlich und sein engster Anhang im Kabinett schützt die Schreiben Sie mir doch, lieber Teddie, wenn Sie auf diesen Brief
pure Dummheit vor der besseren Erkenntnis, alle anderen Mitglie- und meinen Text antworten, ausführlich von sich und von Gretel.
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Wie fühlen Sie beide sich drüben, und wie geht es mit Ihrer Arbeit? die auch zu einer Neufassung der hier schon fertigen ersten beiden Kapitel
Bei Ihrer unhemmbaren Produktivität werden wohl inzwischen führte (s. die Anm. zu Brief Nr. 20 und die folgenden Briefe).
wieder etliche Manuscripte von Ihnen entstanden sein. Könnte Ihrer Husserl-Kritik: s. die Arun. zu den Briefen Nr. 1 und 14.
man davon etwas sehen? Kommt die Wagnerarbeit nächstens zur
Luzerner Expose: s. die Anm. zu Brief Nr. 1.
Veröffentlichung, und wo? Mit den allerbesten Wünschen für Sie
»dialektische Identifikation«: s. Brief Nr. 2.
und Gretel
grüße ich Sie herzlich PariserExpose: s. den Nachweis zu Brief Nr. 5.
[Ihr Alfred] Einwände von Opie: s. die Anm. zu den Briefen Nr. 7 und 14.
der Cockburn'sche Aufsatz über das Cliveden-Set: Im Nachlaß Sohn-Rethels
ist die Zeitschrift mit dem Aufsatz nicht vorhanden; näheres wurde nicht
ermittelt.
Typoskript-Durchschlag mit Korrekturen von Sohn-Rethels Hand; Nachlaß »Einige Voraussetzungen zum Verständnis der deutschen Entwicklung«: s.
Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie) den Nachweis zu Brief Nr. 16.
etwas von meinem Manuscript mitsenden: Alfred Sohn-Rethel, Kritische bei Dr. Horkheimer Anklang gefunden hat: Horkheimer bedankte sich für
Liquidierung des philosophischen Idealismus. Eine Untersuchung zur Me- die Sendung des Aufsatzes in seinem Brief vom 15.3.1938 und schrieb Sohn-
thode des Geschichtsmaterialismus; unveröffentlichtes Manuskript im Rethel: »Ich darf Ihnen sagen, daß die Arbeit mich außerordentlich interes-
Nachlaß Sohn-Rethels. - Das Typoskript umfaßt die beiden ersten Kapitel siert und daß ich ihr, soweit ich auf Grund einer vorläufigen und flüchtigen
des Buches, das Sohn-Rethel auf der Grundlage des Pariser Exposes wäh- Lektüre sehen kann, durchaus zustimme.«
rend seines Stipendiums erarbeiten sollte (s. die Briefe Nr. 5 -13).
Ich schicke aber heute denselben Text: Die Sendung erfolgte erst am 16. Juli
vor dem Ablauf meines Stipendiums: Ende November 1938. (s. die Anm. oben).
von Seiten der Society: Das Academic Assistance Council nannte sich aus die Wagnerarbeit: Adorno schrieb den »Versuch über Wagner« von Herbst
juristischen Gründen ab Mitte 1937 » Society for the Protection of Science 1937 bis Frühjahr 1938 in London und New York. Die Kapitel I, VI, IX und
and Learning«. X erschienen in der Zeitschrift für Sozialforschung 8 (1939/40), S. 1-48
die beiden ersten Kapitel [...1 zwei weitere folgen: Das 1. Kapitel ist über- (Heft 1/2); vgl. jetzt Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 13: Die
schrieben: »Die Frage nach der Ausführbarkeit des methodologischen Po- musikalischen Monographien, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1977, S. 7-148.
stulats des Geschichtsmaterialismus, S. 1-28«; das 2. Kapitel hat den Titel:
»Sechs Grundsätze zur materialistischen Methode, S. 29-63«. Das im Nach-
laß Sohn-Rethels erhaltene 3. Kapitel unter dem Titel »Reduktion des
Tansszendentalbegriffs vom Erkenntnissubjekt« und ein weiterer Text mit
dem Titel »2. Formanalyse des Warentauschs / a. Der Warentausch als 19 ADORNO AN SOHN-RETHEL
Verhältnis der gegenseitigen Privation«, möglicherweise ein Teil des 4.
Kapitels, haben den Adressaten nie erreicht und wurden vermutlich in die-
sem Stadium der Arbeit und bis zum Ablauf des Stipendiums nicht fertigge- [New York,] 1. November 1938.
stellt. An Horkheimer, dem Sohn-Rethel am 16.7.1938 sein Manuskript
schickte, schrieb er: »Der Text, den ich Ihnen heute gleichzeitig mit diesem Lieber Alfred:
Brief übersende, umfaßt die beiden ersten Kapitel und damit etwa die Hälfte
des Buches, das ich unter meinem Stipendium arbeite. [ ...] Freilich ist be- mein Gewissen Ihnen gegenüber ist so schlecht, daß ich überhaupt
dauerlich, daß das Hauptkapitel noch nicht dabei ist, in dem ich die Identifi- nicht wußte, wo anfangen, und dieser Brief ist kein Brief sondern
kation des Transszendentalsubjektes mit dem Gelde beweisen will.« - Sohn- ein Gewaltstreich. Auf Ihr ungeheuer interessantes Manuskript
Rethel hat dann 1939/40 eine Umarbeitung der ganzen Arbeit begonnen, gehe ich heute nicht ein - einmal, weil ernsthaft darauf einzugehen
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ein ebenso langes Manuskript von mir erforderte, dann aber weil Rethels am »Deutschen Volkswirt« vgl. Carl Freytag, Linkes Profilierungs-
ich wieder einmal einen Hoffnungszipfel habe, daß wir zusammen- elend und linke Streitkultur, a.a.O., S. 17-20.
kommen. Miss Catherine Savard: nicht ermittelt. Welche Möglichkeiten Adorno für
An Miss Simpson habe ich geschrieben und so nachdrücklich wie Sohn-Rethel in den USA sah und welche Beziehungen er für ihn bemühen
wollte, ist ungeklärt. Der Plan einer Übersiedlung Sohn-Rethels nach Ame-
nur möglich die Verlängerung Ihres Stipendiums urgiert. Mit wel-
rika wurde nie realisiert.
chem Erfolg aber steht dahin.
Hier jedoch habe ich eine Beziehung aufgenommen, die unter Ihre Stellung bei Hahn (...1 und in der ägyptischen Handelskammer: Dr. Max
Hahn, dessen Assistent Sohn-Rethel ab 1931 war, war der Geschäftsführer
Umständen zu etwas führen kann. Wichtig wäre dabei zu wissen,
des »Mitteleuropäischen Wirtschaftstags« (s. die Anm. zu Brief Nr. 13).
ob und wie Sie mit Stolper stehen. Auf jeden Fall wäre es gut, wenn Durch die zahlreichen Verbindungen Hahns und die Bürogemeinschaft des
Sie möglichst bald und möglichst ausführlich schrieben an MWT mit dem »Deutschen Orient-Verein« wurde Sohn-Rethel Anfang 1935
Miss Catherine Savard, c/o Miss von Minkus, 350 West 55th Street, Geschäftsführer der Ägyptischen Handelskammer (vgl. Die Zerstörung
New York City, unter Beziehung auf mich. Stellen Sie in diesem einer Zukunft, a.a.O., S. 264 f. u. 267 E; sowie Ökonomie und HIassenstruk-
tur des deutschen Faschismus, a.a.O., S. 25-30).
Brief bitte ebenso Ihre persönlichen Verhältnisse, insbesondere
auch Ihre frühere Stellung bei Hahn, beim deutschen Volkswirt
und in der ägyptischen Handelskammer wie Ihre gegenwärtige
Arbeit dar. Vielleicht haben wir wieder einmal Glück.
Alles Liebe auch von Gretel und: zürnen Sie nicht
Ihrem treuen
Teddie 20 ADORNO AN SOHN-RETHEL

429 West 117th Street July 17, 1940.


Typoskript, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie) New York City
Ihr ungeheuer interessantes Manuskript: s. die Arun. zu Brief Nr. 18.
Hoffnungszipfel (..] daß wir zusammenkommen: Adorno bemühte sich of- Dr. Alfred Sohn-Rethel
fenbar für Sohn-Rethel um eine Arbeitsmöglichkeit in den USA als Voraus- 45 A King Henry's Road
setzung fair dessen Übersiedlung. London N.W.3
Miss Simpson: Esther Simpson war Assistance Secretary der Society for the
Protection of Science and Learning. My dear Alfred:
Verlängerung Ihres Stipendiums: Das Stipendium wurde nicht verlängert. This is just to confirm the receipt of your manuscript and letter.
Stolper: Gustav Stolper (1888 -1947) war bis zu seiner Emigration, im Jahr Since Horkheimer is away for several months he has asked me to
1933, Chefredakteur und Herausgeber der in Berlin erscheinenden Wirt- read your manuscript. I shall write [to] you as soon as possible and
schaftszeitschrift »Der Deutsche Volkswirt«. Sohn-Rethel war mit Stolper would like to tell you today that I was very happy to have heard
durch seine Mitarbeit an dieser Zeitschrift gut bekannt (s. die Anm. zu Brief from you again.
Nr. 16). Nach seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten, Ende 1933,
arbeitete Stolper neben seiner publizistischen Tätigkeit bis 1939 als Wirt-
schaftsberater für europäische Banken und Unternehmen; später wurde er Cordially yours ever
wirtschaftspolitischer Berater der Stadt New York. Zur Mitarbeit Sohn- Teddie

94 95
Typoskript, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie) re-establish our contacts and to tell you that I am alive and well and
the receipt of your manuscript and letter: Alfred Sohn-Rethel, Kritische Li- occupied with my theoretical work more keenly than ever. I am
quidierung des philosophischen Idealismus. Eine materialistische Untersu- longing to have a word from you and to see in black and white that
chung; 5 Kapitel eines unveröffentlichten Typoskripts, von dem ein Exem- I am not forgotten. For this time of silence between us has not
plar im Nachlaß Sohn-Rethels vorhanden ist. - Das Typoskript ist eine diminished your presence in my mind and I am well aware of the
überarbeitete und erweiterte Fassung des Manuskripts, von dem Sohn- legacy that should link us in some common way. I realize the obliga-
Rethel die »beiden ersten Kapitel« (s. Brief Nr. 18) am 8.7.1938 an Adorno
schickte. Einem Brief von Joan Levi (s. die Anm. zu Brief Nr. 21), tion and I am willing to accept my part as far as my limits permit.
vom 2.7.1940 an Max Horkheimer, ist zu entnehmen, daß Sohn-Rethel am Spare me the vain effort to make this the subject of a letter. I hope
25. Juni 1940, wenige Tage vor seiner Internierung, die 5 Kapitel an Hork- to be able soon to send you a paper which gives more authentic
heimer sandte. Sein Brief an diesen, dessen Empfang Adorno gleichfalls witness to my intentions and tries to furnish a substantial basis to
bestätigt, ist im Nachlaß Horkheimers nicht erhalten. the contact I seek with you and with Horkheimer and the Institute.
I started writing in English after I came out from internment, thus
adding to the difficulties provided by my subject matter, but on the
other hand imposing on myself a wholesome discipline. It is not the
21 SOHN-RETHEL AN ADORNO only way, however, in which you will find this paper different from
my previous writing. I had hoped to finish it in time to enclose it
when I next wrote to you, but reluctantly though I gave up this
Alfred Sohn-Rethel 37, George Road hope, I felt I should not defer this letter any longer. Knowing from
Edgbaston experience the difficulties of my matter to be incalculable, I abstain
Birmingham 15 from promising a definite date. It should not be more than three
22nd April, 1942. months from now, but it may turn out differently. At any rate, I
want you to know that I am still with you in my striving and re-
Dear Teddie, solved to say my word.
It is ages since we last heard from each other. I wrote to you after I It is difficult to obtain here any American publications at the pre-
was released from internment at the end of January last year, but sent moment, or even to know what is being published. Very little is
never had an answer. So I must assume that my letter was lost and being imported (except, of course, a swamp of illustrated maga-
[I] did not give you my address. I wrote at the same time to Profes- zines), and that only on private orders. Is the Periodical of the Insti-
sor Horkheimer to say that I was released and most eager to conti- tute being continued? The last number I saw was the one of autumn
nue with my theoretical work, and also to thank him most warmly 1939 containing Horkheimer's essay on -Europe and the Jews-.
for his efforts to help me to go to America. This letter did not But there must have been a number of other important publica-
require an answer and I had none, but since I remember posting it tions on the part of the members of the Institute, especially on your
together with yours, I fear that he never had it. In fact, the last lines part, I suppose. Would it be asking too much, I wonder, to have the
I read from you were those to Miss Joan Levi confirming that you Institute send me a collection which I would like you to choose? It
had received the bunch of papers I had sent the last days before I would be very kind of you and of Horkheimer, and I should be
was interned. You said there, I believe, that you would write more immensely grateful.
fully before long, but if you did, it did not reach me. By a mere fluke I got hold of a copy of H. Marcuse's »Reason and
This ist not intended to be a proper letter, but is mainly an effort to Revolution., and I should give much to know your opinion on this

96 97
book. I think highly of its descriptive parts and I find it an excellent in a fatal direction, sawing the very plank on which we stand. There
and most useful interpretation of Hegelian thought to the Anglo- is, I know, that apology later on (p. 322) of the ,,Theory. which „will
Saxon public, admirably free from the abstruse reading which the preserve the truth even if revolutionary practice deviates from its
translations make of the original. Far less successful, however, do I proper path. Practice follows the truth, not vice versa. « - to which I
judge the critical attempt combined with the presentation, concen- subscribe in every word. But this apology makes doubtful reading, I
trated in the chapter on Hegel's -Political Philosophy« pp. 169. The feel, in the light of the mode of Marcuse's former criticism of the
approach seems to me altogether insufficient for such an undertak- philosophy from which the critical theory derived the very form
ing which, if successful, would provide essential discoveries in the conception of its method. In my eyes, the vital point is this. The
field, not nearly so much of Hegel's thinking, as of the social reality fetish-concept of logic has a different social reference from the
which determined this thinking. This, however, would demand as a fetish-concept of value. The latter refers to the antagonism of capi-
pre-requisite a conclusive historical derivation of the logical form of tal and labour, the former to the antithesis of mental and manual
Hegel's thought on the model of the derivation of the form of -val- labour. The socially necessary form determination of mental labour
ue. in -Capital.. This latter derivation serves as the key to the assumes its epistemological fetish-character of ,Logic- through its
critique of the classical system of Political Economy, but it cannot combination with a timeless idea of truth. Under this combination
serve as the key to the classical systems of Philosophy. As systems mental labour is conceived as antithetic to manual labour and as a
of Philosophy these are based on the fetish-concept of »logic«, and necessary and indispensable monopoly of the ruling classes. The
not on the fetish-concept of -value.. The fetish-concept of ,,logic« advocation of this monopoly is the genuine ideological cause
wants a historical explanation on its own, drawn from a form analy- (Sache) of traditional philosophy. As seen through the medium of
sis of commodity different from the one which accounts for the classical political economy class-society is defined by the class-mo-
value-fetish, an analysis giving direct access to the critique of philo- nopoly of the material means of social production; as seen through
sophical thought formation. Marcuse tries to criticize philosophical the medium of traditional philosophy it is defined by the class-
thought form on the denominator of the value-fetish, which is in- monopoly of mental labour or of the mental requirements of social
adequate. He cuts into the Hegelian system at the zone where it production. Both these monopolies are inseparably tied up with
comes nearest to economic thinking, i.e., at the political and juridi- each other in practice. Manual labour cannot effectively appropri-
cal applications of the basic doctrine of Logic. He must sever the ate the means of production without mental control over their ap-
intrinsic links of Hegel's system from the problem of truth, strip it plication. Failing this control the managing functionaries of pro-
from its genuine philosophical meaning, and interpret it in the duction must exert their command over manual labour as a ruling
mode of an economic system in order to make his critical standards class, no matter how this class is sociologically recruited or what
apply; with the inevitable result that his criticism fails to apply to declaration of rights the manual workers maybe -justified- in rais-
the systematic centre of Hegel's thought in its philosophical capaci- ing against it. This class-rule is linked to the function, not to the
ty. This centre, the immanentist conception of Logic, Marcuse's persons. The analysis, however, must consider both those defini-
criticism leaves unscathed. This criticism would not have freed tions apart, approaching the one through critically liquidating the
Hegel's own thinking from the compulsion under which it stood in economic fetishism of manual labour (,,value,,), the other through
the sole name of »Truth«. We must take account of the fact that the critically liquidating the epistemological fetishism of mental labour
fetish-concept of -logic- claims its autonomous rights in this name, (.logic.). The aim is to detect how these two fetishisms, the aliena-
and must be extremely careful to treat it on the merit of its own and tion of manual labour and that of mental labour, are connected
unconfounded standards. Otherwise we let our whole position drift genetically, and how this connection works functionally. How does
98 99
the alienation of manual labour entail the alienation of mental hope is well as I also hope you are, Teddie, and give me a picture of
labour? If we knew this, we could liquidate the antithesis between your activities. And with great stress I ask you to remember me to
mental and manual labour and establish their synthesis in terms. Horkheimer, please, and to give him my kindest regards.
Only on the basis of this synthesis can the manual workers comply With all my best wishes
with social necessity by the command of reason, whilst now they Yours Alfred.
have to obey to the command of coercion. And only then can social
necessity itself be rationally calculated. The rational »subject« of
this calculation is the manual worker, not individually, but on a
Typoskript mit Korrekturen von Sohn-Rethels Hand; Nachlaß Adorno.
level with the total social labour power. The synthesis of mental
with manual labour is in terms of abstract human labour time as I wrote to you after I was released from internment: Dieser Brief ist verschol-
the terms of integration of all the individual to the social total len. Sohn-Rethel war vom 30. Juni 1940 bis Ende Januar 1941 auf der Isle of
Man interniert. Nach seiner Entlassung siedelte er sich in Birmingham an.
labour exploit according to the given stage of the productive forces
serving as the equipment of human labour. This equipment is calcu- I wrote at the same time to Professor Horkheimer/ his efforts: Auch dieser
Brief ging verloren. Horkheimer hatte im Namen des Instituts für Sozial-
lated by science which, at present, ignores any form relation to forschung am 14.10.1940 ein Charakter-Affidavit für Sohn-Rethel ausge-
manual labour. The transcendentalist interpretation of scientific stellt, das seine Entlassung aus der Internierung und seine Übersiedlung
thought form expressly denies any such relation and makes the nach Amerika ermöglichen sollte.
logic of scientific thinking appear to be the reason of incompatibili- the last lines [ J to Miss Joan Levi / the bunch of papers: Joan Levi
ty of mind and body, which ist an unavoidable appearance as long (1907-1980) wurde 1945, nach dem Tod seiner ersten Frau Tilla, Sohn-
as this logic is related to the thinking individual, instead of to the Rethels zweite Frau. Sohn-Rethel bezieht sich auf den Brief Adornos vom
formal integration of social existence on a basis of universal com- 17.7.1940, in dem dieser den Empfang des Typoskripts »Kritische Liquidie-
rung des philosophischen Idealismus. Eine materialistische Untersu-
modity production. The critical liquidation of the fetish-concept of
chung« bestätigte (s. Brief Nr. 20).
»logic« is the key to the liquidation of the antithesis between men-
tal and manual labour. In the application to the concept of -logic-, to send you a paper: s. die folgenden Briefe. Vermutlich ging die erste Sen-
dung der hier angekündigten Arbeit verloren (s. Brief Nr. 22). Erst am
moreover, the methodological postulate of our position comes to be 1.6.1943 (s. Brief Nr. 23) bestätigten Horkheimer und Adorno den Empfang
asserted in direct reference to the problem of truth. This applica- eines Manuskripts, bei dem es sich um die ersten sieben - »Socialisation of
tion amounts, therefore, to the »systematic foundation- of our posi- Labour« überschriebenen - Kapitel des Typoskripts »Systematic Founda-
tion, which is the title I have chosen for my English paper. Three tion of Historical Materialism. Critique of Philosophical Epistemology«
fourths of it consist of the demonstration, at long last, of my histo- handelt (s. Brief Nr. 26). Den zweiten Teil dieses Typoskripts schickte
Sohn-Rethel im Brief vom 30.10.1943 (s. Brief Nr. 25).
rical identification of the -transcendental subject,,, which you
know, by mode of a new form analysis of commodity. Is the Periodical of the Institute being continued: Die ,,Studies in Philosophy
and Social Science«, so der Name der Zeitschrift für Sozialforschung seit
Now this has grown out to be almost a letter, after all. The critical
Erscheinen des 3. Heftes des 8. Jahrgangs (1939), wurden 1941 mit dem
remarks on Marcuse provided a temptation which I could not resist. 3. Heft des 9. Jahrgangs eingestellt.
Made wise from experience I was careful to write this letter with a
Horkheimer's essay on »Europe and the Jews«: vgl. Max Horkheimer, Die
second copy to send both to you, the one by the North Atlantic Juden und Europa, in: Zeitschrift für Sozialforschung 8 (1939), S. 115 -137
Clipper and the other by boat. I hope you will get one of them, and I (Heft 1/2); jetzt in: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften. Hrsg. von
also hope you will answer me and not grudge me the long silence Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, Bd. 4: Schriften 1936 -1941,
which was not entirely my fault. Please give my love to Gretl who I Frankfurt a.M. 1988, S. 308-331.

100 101
H. Marcuse's ,Reason and Revolution«: vgl. Herbert Marcuse, Reason and in your hands, probably gave you some idea of what we are after. I'll
Revolution. Hegel and the Rise of Social Theory, New York 1941; jetzt write you in full detail about everything as soon as I have received
Herbert Marcuse, Schriften, Bd. 4: Vernunft und Revolution. Hegel und die
your pardon.
Entstehung der Gesellschaftstheorie, übersetzt von Alfred Schmidt, Frank-
furt a.M. 1989. Love yours ever,
Teddie
the ,systematic foundation- / the title (..J for my English paper: s. den
vollständigen Titel des Typoskripts in der 4. Anmerkung zu diesem Brief.
[Handschriftlicher Zusatz von Gretel Adorno:]
It would be marvelous if you could sit here with us
very cordially yours
Gretel

22 ADORNO AN SOHN-RETHEL
Dearest Alfred and Joan,
I hope it will be definitely the last time that either you or I start a
[Los Angeles] Mai 9, 1943. letter with apologies for making such a long pause. This time the
reason was that we first wanted to meet Adorno and then write [to]
My dear Alfred, you the result of this meeting. After our first telephone conversa-
We are happy to spend this afternoon with Dotz and Hetty and this tion with him we waited in vain for an appointment which he
means a real break after this long and terrible period of silence that promised to give us soon; then he wanted us to visit him, but I had
lies between you and ourselves. Although I do not wish to minimize to give a performance. After having received your last letter, we
my guilt and although I really feel very bad about it, you would called him again and insisted on seeing him last Sunday. We had a
probably forgive me if you knew everything that has happened long discussion whether he should write [to] you about Benjamin or
during these last few years. I cannot possibly conceal to you any not but we think that you prefer to know it. Dearest Alfred, all my
longer the fact, that Walter Benjamin is dead since September deepest feelings are with you. Although I did not know Benjamin
1940. He took his own life when he attempted in vain to flee to personally I can very well imagine what a terrible shock this must
Spain. I must hardly tell you that I was paralyzed by Walter's loss be for you. I remember very well with what great admiration you
and that I felt almost unsurmountable inhibitions to communicate talked to me about him some years ago. I can really understand
the news to you. Let me today only emphasize that I feel myself as what terrible loss this means to all of you. Adorno told us that he
close to you as ever and that I ardently hope to see you in the non took his life with morphium after he had been sent back from Spain
too distant future. I got your last letter and your cable, whereas the into France. This has happened to many people and most of them
final manuscript you mentioned never reached me, nor the Insti- succeeded the second time to come to Lisbon. Adorno told us that
tute. Please forgive me and write me soon. As far as we are concern- after he had been refused to stay in Spain, his friends, who appa-
ed, we are as well as it is possible under the circumstances. Hork- rently did not recognize his state of mind, left him all by himself. I
heimer and I have moved to the westcoast in order to finish some of think all this is the more tragic because he had still so much to
our long-term projects and although we are still very far from our accomplish.
final formulations, I feel that we have something achieved during [ ... ]
the last 11/Z years. The last issue of the oStudies. which is probably My greatest hope, Alfred, is, that this time your manuscript arrives
102 103
safely in Horkheimer's hands and that you get a quick and positive this time your manuscript arrives safely in Horkheimer's hands: Sohn-
answer. Adorno will probably tell us when it comes and what the Rethel hatte am 23.4.1943 die bereits erwähnten sieben Kapitel »Socialisa-
result is and we will write [to] you about it as soon as we know. tion of Labour- an Horkheimer geschickt and geschrieben: »I am enclosing
part of a manuscript which I have written since my release from intern-
During our conversation with Adorno I felt that he has a very high ment in January 1941. It comprises seven chapters forming the first section
opinion of you, but Hetty felt that his opinion of himself tops every- of the book to which I committed myself under the combined 1937 grant
thing. Although neither she nor he are our types, we enjoyed being from your Institute and the Society for the Protection of Science and Learn-
together with people of such a high level, which is very rare in ing. Nine chapters of the second part are also ready, and I shall [send] them
Hollywood. to you when I have your acknowledgment of the safe arrival of this packet.
They contain the detailed demonstration of my chief thesis on the identity of
[...] the Aranscendental subject< with the form of money.-
All our love to both of you,
Hetty and Dotz.

Typoskript mit handschriftlichem Zusatz von Gretel Adorno und einem 23 HORKHEIMER UND ADORNO AN SOHN-RETHEL
Brief von Hetty und Hans-Joachim (d.i. Dotz) Sohn-Rethel auf demselben
Blatt, aus dem nur die Adorno und Sohn-Rethel betreffenden Passagen
abgedruckt werden; Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)
Los Angeles, 1. Juni 1943
this afternoon with Dotz and Hetty: Sohn-Rethel hatte über seinen Bruder
Hans-Joachim (s. die Anm. zu Brief Nr. 2), genannt Dotz, versucht, die
Verbindung zu Adorno wiederaufzunehmen, nachdem er mehrere Briefe Alfred Sohn-Rethel 37 George Rd Birmingham
und wahrscheinlich auch die erste Sendung des im Brief vom 22.4.1942
(s. Brief Nr. 21) angekündigten Manuskripts als verlorengegangen ansehen Studying your manuscript with greatest interest Looking
mußte. Dotz und seine Frau Hetty lebten in Los Angeles, wohin auch Ador- forward to following section Most cordially
no Ende 1941 übergesiedelt war. Wie es zu dem Treffen mit Adorno und Max Horkheimer and Teddie Adorno
seiner Frau Gretel kam, schildern beide in ihrem Brief an Sohn-Rethel.
WalterDenjamin is dead: Benjamin hatte sich am 26.9.1940 in Port-Bou auf
der Flucht vor den Nazis das Leben genommen.
Telegramm, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)
I got your last letter and your cable: in Adornos Nachlaß nicht vorhanden. Datierung: Poststempel
the final manuscript: s. die Anm. zu Brief Nr. 21. your manuscript: Alfred Sohn-Rethel, Socialisation of Labour; 7 Kapitel
eines unveröffentlichten Typoskripts, von dem ein Exemplar im Nachlaß
our long-term projects: Gemeint ist die von Horkheimer und Adorno ge-
Sohn-Rethels vorhanden ist (s. die Anm. zu Brief Nr. 21).
meinsam verfaßte »Dialektik der Aufklärung«. Das Buch erschien zunächst
1944 unter dem Titel »Philosophische Fragmente« als mimeographierter following section: s. Brief Nr. 25.
Band, herausgegeben vom Institut für Sozialforschung. Die erste Buchaus-
gabe erfolgte 1947 im Querido Verlag Amsterdam (vgl. jetzt Theodor W.
Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 3: Max Horkheimer und Theodor W.
Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, 2. Aufl.,
Frankfurt a.M. 1934).
the last issue of the ,,Studies-: s. die Anm. zu Brief Nr. 21.

104 105
24 SOHN-RETHEL AN ADORNO ly that the realization of the truth strikes me with the grief of the
original shock. One question which has long been on my mind I
would like to ask you. What became of his papers, especially of the
37, George Road notes and material for his main work? I offered whilst in Paris to
Birmingham 15. copy some of them and of various other writings on my typewriter
7th July, 1943. for him. But he did not let me, giving the main reason that he could
not give me any reward for the effort. I told him I would have liked
Dear Teddie, nothing better than to be allowed to keep one copy for myself, but
It was with a thrill of joy and with a deep sigh of relief that I he still did not want to accept. I hope there is no reason to repent it
received first your and Horkheimer's cordial wire and only a few now? I live again and again through every meeting with him and
days later your personal lines heading my brother's letter. I thank every memory, as far back as Capri and Naples and even my first
you most gratefully, please also convey my thanks to Max Horkhei- meeting with him [at] the digs of Alfred Seidel in Heidelberg in
mer. It makes all the difference to me to know that my fear and 1920. If this is how things are for me, what must they be for you.
anxiety was unfounded. Given the fact that you and the few people It was very kind of you and Gretl to go and see my brother and
at the Institute are practically the one -public- whom I have in Hetty, and I hopeyou did not mind him approachingyou. I love him
mind in writing my manuscript and brooding over my problems, I very fondly, but a stranger mixture of people than in his bungalow
could not, in spite of myself, prevent the most absurd conjectures that day I find difficult to imagine. Did he show you his paintings? I
from creeping into my mind, that your silence might be deliberate, am terribly curious to hear more about you and your work, and in
and some unknown shadow or suspicion might have caused an particular about those projects with Max Horkheimer which you
alienation. You insist on »receiving my pardon-. Dear Teddie, don't mention. Your essay on Aeblen is the last of your writings I have
make me feel a hypocrite. With those fears removed, not a shadow seen and it has only made me keener on seeing more. This essay, by
remains in my mind. You are excused a hundredfold by what you the way, was the only one in that number of the -Studies- with
must have suffered. I heard the first rumour about the death of which I find myself in unreserved agreement. The fourth chapter of
Walter Benjamin when I was still in internment, and had it con- my own manuscript will have left you in no doubt as to what I
firmed soon afterwards. Arthur Koestler has reported it in his thought of Marcuse's -Social Implications of Modern Technology..
-Scum of the Earth.. and so it could not fail to reach me. It has done I have not seen any other number of the Periodical and would like
more to change the world for me than any other single event in this to receive them from you. I am specially anxious to read the latest
war, and the thought of you and of how you would bear it has been which you mention in your letter. If you can possibly manage it I
in my mind ever since. I did not know how to touch upon it in my should be extremely grateful if you could send me all the numbers,
letters, and only in one of them did I venture to allude to it, in an as even the one I have read was only borrowed.
indirect way and without mentioning the name (I don't know I have delayed this answer for more than a fortnight, hoping that I
which letter you received, this one contained some critical remarks could enclose the next section of my manuscript (chapter 8 - 20).
on H. Marcuse's -Reason and Revolution-). To be quite truthful, it To my great disappointment I realize that this is impossible. The
was my uncertainty about this allusion which was at the root of my text needs revising at several places if I want to avoid offering
worries at your silence. I was afraid you might have resented it. unnecessary scope for objections. The alterations are not far-
Walter Benjamin is in my thought now more than ever when he reaching, but they want calm and careful thinking, and my perso-
was alive, and I often find myself in conversation with him so vivid- nal condition after 10 hours [of] factory work each day is most un-
106 107
reliable and incalculable. Maybe the text will be ready in a fort- Rethel seit seiner Heidelberger Studienzeit eng befreundet war, nahm sich
night, maybe it will take many more weeks. At first, after receiving 1924 das Leben. Seine nachgelassenen Schriften wurden 1927 von Hans
your lines, I felt so encouraged that I meant to send it as it is, Prinzhorn unter dem Titel »Bewußtsein als Verhängnis« im Verlag Fried-
rich Cohen, Bonn, herausgegeben.
although with a note of caution. Since, however, it contains the
core of my critical conception and therefore asks for a most astute Your essay on Veblen: Adornos Aufsatz »Veblens Attack on Culture« er-
schien in den Studies in Philosophy and Social Science 9 (1941), S. 389-413
judgment on your and Horkheimer's part, I cannot risk compromis- (Heft 3); jetzt in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 10.1:
ing my effort. The delay grieves me all the more as the unfulfilled Kulturkritik und Gesellschaft I. Prismen, Ohne Leitbild, Frankfurt a.M.
promise to give the critical demonstration of my main thesis is, as I 1977, S. 72-96 u.d.T. »Veblens Angriff auf die Kultur«.
feel it, the sore point in my relations with the Institute. And the The fourth chapter of my own manuscript: s. die Anm. zu Brief Nr. 23; das 4.
seven chapters of the first section which you have received again Kapitel heißt im Manuskript: »The Fetishism of Modern Mechanization«.
end up with that promise. I pray, therefore, prolong your theoreti- Marcuse's -Social Implications ofModern Technology-: vgl. Herbert Marcu-
cal credit to me only a little bit longer and I hope I shall this time be se, Some Social Implications of Modern Technology, in: Studies in Philoso-
able to keep my word. phy and Social Science 9 (1941), S. 414-439 (Heft 3); jetzt in: Herbert Mar-
In the meantime it would give me the greatest pleasure and encour- cuse, Schriften, Bd. 3: Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung,
agement to have a full letter from you. Frankfurt a.M. 1979, S. 286-319 u.d.T. »Einige gesellschaftliche Folgen
moderner Technologie«.
Please give my love to Gretl and my very
kindest regards to Max Horkheimer next section of my manuscript (chapter 8 - 20): s. die Briefe Nr. 25 und 26.
Yours factory work: Sohn-Rethel wurde während des Krieges zum Zivildienst in
Alfred. einer Fabrik herangezogen. Er arbeitete im Planning Department einer
Firma fair Light Engineering Works, einem Zuliefererbetrieb der Automo-
bilindustrie (vgl. Die Zerstörung einer Zukunft, a.a.O., S. 284).
Typoskript mit Korrekturen von Sohn-Rethels Hand; Nachlaß Adorno.
Arthur Koestler/ »Scum of the Earth«: vgl. Arthur Koestler, Scum of the
Earth, London 1941, S. 247. Koestler war eine Woche vor Benjamins
Fluchtversuch nach Lissabon entkommen und hatte die Nachricht von des-
sen Selbstmord dort erhalten.
25 SOHN-RETHEL AN ADORNO
did I venture to allude to it: Möglicherweise meint Sohn-Rethel mit seiner
Anspielung auf Benjamins Tod die Stelle im Brief vom 22.4.1942 (s. Brief
Nr. 21), an der er schreibt: »... and I am well aware of the legacy that should
link us in some common way. I realize the obligation...- 37, George Road,
What became of his papers: Zum Verbleib von Benjamins Manuskripten vgl. Birmingham 15.
Rolf Tiedemann, Epilegomena zur Benjamin-Ausgabe, in: Dialektik im 30th October, 1943.
Stillstand. Versuche zum Spätwerk Walter Benjamins, Frankfurt a.M.
1983, S. 145 ff., bes. S. 151-155. Dear Teddie,
Capri and Naples: Benjamin und Sohn-Rethel trafen sich 1924 und 1925 auf To my great disappointment I have not yet heard from you, except
Capri und in Neapel. for your cable acknowledging my m[anu]s[cript], in answer to my
at the digs of Alfred Seidel in Heidelberg in 1920: recte: 1921, da Benjamin letters or to my paper itself. I hope that all is well with you.
1920 nicht in Heidelberg war. Alfred Seidel (geb. 1895), mit dem Sohn- My factory hours have been increased and it is quite impossible for

108 109
me to complete my paper under the present circumstances. I there- Typoskript-Durchschlag mit Korrekturen und einer Fuf3note von Sohn-
fore give up my hopeless efforts and send you the remaining part Rethels Hand; Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)
just as it is, uncorrected and unfinished. your cable: d.i. das Telegramm vom 1.6.1943 (Nr. 23).
If future publication could be suitably arranged, I should probably send you the remaining part: Es handelt sich um 12 Kapitel des zweiten
be freed to complete the text from my war job (not in the least Teils von » Systematic Foundation of Historical Materialism. Critique of
indispensable for the war effort, I can assure you!). Completion Philosophical Epistemology« (s. die Anm. zu Brief Nr. 21) mit dem Arbeits-
titel -Critical Liquidation of Philosophical Epistemology,, (s. Brief Nr. 26).
would include re-writing of Chapters 8, 9, and 10*, revision of the
Im Nachlaß Sohn-Rethels sind nur Fragmente dieser 12 Kapitel erhalten.
remaining chapters (11 - 19), and addition of four more chapters,
probably a four months' job. The text, though in its unfinished the seven introductory chapters: s. die Anm. zu den Briefen Nr. 21 und 23.
state, may be of interest inasmuch as it contains in the chapters your note included in my brother's letter: d.i. Brief Nr. 22.
11 - 19 the essential elements of the conclusive demonstration of
my main thesis regarding the historical identity of the epistemolo-
gical subject. The missing chapters would be: The Exchange Equa-
tion (completing the analysis of commodity exchange), two chap- 26 SOHN-RETHEL AN ADORNO
ters devoted to the Critical Liquidation of Philosophical Idealism,
and a concluding chapter on Thought Form and Social Organiza-
tion of Labour. 37, George Road
I hope that this Sendung will at last break the spell and expedite the Birmingham 15
detailed letter of which you gave me hope in your note included in 20th August 1944.
my brother's letter and which, incidentally, I have long since an-
swered. - Also, again, may I beg for any publications of the Insti- Dear Teddie,
tute which I find practically impossible to procure here. I have written you letters and sent you two m[anu]s[cript]s and
My love to Gretl and yourself, and kindest regards to Max Horkhei- have never had from you a proper reply. Some lines added to a
mer, letter from my brother and a cable, both very friendly and promis-
Yours impatiently ing, are all I have received. Nothing about your work and plans, as
[Alfred] you had led me to hope, and not a word of criticism of my own stuff.
I don't consider this very comradely, and for the life of me I can't
see the reason. I am only too well aware of the shortcomings of my
* [Handschriftliche Fu]3note:] these chapters, and the whole of the work, but I feel that my papers at least deserve your attention and
second part, were written before the seven introductory chapters considered opinion, if not your support and encouragement. Now
previously sent to you. The idea [?] with which chapter 8 now that the war in Europe is drawing to a close I feel the necessity of
closes, namely the confrontation of the timeless [?] and the time- knowing where I stand and whether I can count on you and the
bound conception of the truth, will be put right at the beginning, Institute for the necessary assistance to continue my work after my
and the material of both this and the next chapter (9) will be re- release from factory work. I therefore write today hoping for an
grouped accordingly. Until I can re-write these chapters 8 - 10, answer which will tell me what you think of the substance of my
the following ones are by far the most important part of the papers and, at the same time, will give me a clear idea as to whether
convolute. the Institute will support my efforts in any degree.

110 111
There are several courses I can take to bring my writing to a result The matters dealt with in the seven first chapters, per contra, could
ready for publication. My plan, as it stood when I was called up for form the subject of an extensive enquiry into the economic, sociolo-
war-work, was to use the seven chapters which I sent you first, gical, and political reality of our time, equipped with much docu-
headed ,Socialization of Labour-, as an introduction to the theore- mentary evidence, and aimed to achieve a materialistic critique of
tical enquiry aiming at the »Critical Liquidation of Philosophical -modern scientific business management,,. This would involve long
Epistemology-. If I follow this plan I should now make a few altera- studies dependent on a suitable scientific apparatus and first hand
tions to those introductory chapters, then re-write completely research. It almost calls for a collective effort of a few people agreed
chapters 3, 9 and 10, shorten and polish the chapters 11-19 (con- upon the methodological fundamentals, and could probably best be
taining the analysis of the exchange abstraction proper), and add carried out in America where the realities in question are most fully
five more chapters to finish the whole. There is actually only one developed.
more chapter needed to conclude and sum up my form analysis of These plans allow of course for many variations, and I hardly need
commodity, a chapter on -The Exchange Equation«. With this the stress that I am open to any other suggestions which you and Max
foundation is laid for the demonstration of the formal identity of Horkheimer should care to make. If, on the contrary, the Institute
the Kantian epistemological abstraction with the exchange abstrac- doesn't see fit to offer me any support, I must give up the hope of
tion, a conclusive demonstration, that is, of the fetish character of continuing my theoretical work as I have no other means or pro-
the former and of their nature of necessary false consciousness. spects.
This leads on to that philosophical interpretation of ideological Again, dear Teddie, I look forward to some sign of our old friend-
phenomena which met with your approval in my Parisian Expose, ship and the interest you used to take in my work. In my isolation
and to a disclosure of the hidden, connection of the ideal of timeless here I feel very deeply these years of silence and can only hope that
truth with the postulate of social reproduction in a blind society. I there is no reason behind your apparent aloofness.
should like to conclude by showing how the liquidation of philoso- Please give my kindest regards to Max Horkheimer,
phical expistemology breaks down the traditional ideas of an anti- my love to you and Gretl
thetic contrast between manual and mental work, thereby demon- yours
strating the possibility of a society relying on a structure of fully Alfred.
socialized labour for its free rational direction. - - I could finish my
paper on these lines within about a year's time from my release
from war-work and could do the writing here on the spot, without
Typoskript, Nachlaß Adorno,
any loss of time and costly travelling etc. But I should require a
grant sufficient to cover full living expenses for myself and family. two manuscripts: s. die Nachweise zu den Briefen Nr. 23 und 25.
On the other hand, good reasons might be offered for keeping sepa- result ready for publication: Sämtliche Manuskripte, die in diesen Jahren
rate the two groups of thought represented by the introductory entstanden, sind als Vorstufen zu Sohn-Rethels Buch »Geistige und körper-
chapters and the main enquiry. The latter could be treated on its liche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis« anzusehen, das
erst 1970 veröffentlicht wurde. Lediglich ein kleinerer Aufsatz zur Marx-
own, as a purely theoretical study calculated for a very small public sehen Methodologie »Materialism and its Advocacy« erschien im Winter
only, as a matter of Marxist esoterics, as it were. The general setting 1947/48 in Modern Quarterly, Vol. 3, No. 1, S. 74-83.
would then, of course, have to be a different one, but I believe I and add five more chapters: Aufzeichnungen zu diesen Kapiteln befinden
could finish a paper of this character within the same time and sich im Nachlaß Sohn-Rethels. Adorno hat ein vollständiges Manuskript
under the same conditions. wohl nicht mehr erhalten.

112 113
Parisian Expose: vom März/April 1937; s. den Nachweis zu Brief Nr. 5. berg Institut, so könnte ich mir denken, daß für einen Vortrag
a grant sufficient/ the Institute [.j offer me any support: Zu einer weiteren darüber auch dort ein Boden existieren sollte.
Unterstützung Sohn-Rethels durch das Institut für Sozialforschung kam es Aber wie dem auch sei, bitte lassen Sie mich von sich hören. Ich
nicht. Ein Antwortbrief Adornos ist nicht erhalten, ebensowenig eine Fort- bin begierig zu wissen, was Sie tun und was Sie veröffentlicht
setzung der Korrespondenz mit dem Institut. Sohn-Rethel blieb auch nach
haben, und würde mich ungeheuer freuen, mit Ihnen sprechen zu
dem Krieg in England und wurde 1947 britischer Staatsbürger und Mitglied
der Kommunistischen Partei. Er lebte als Privatgelehrter, unterrichtete können.
gelegentlich an der Universität und gab Nachhilfestunden in Deutsch und Von mir ist nicht viel zu berichten. Da ich aus theoretischer Arbeit
Französisch, bevor er eine Anstellung als Französischlehrer erhielt (s. Brief keine Einnahmequelle habe machen können und doch Familie und
Nr. 27). Seine Frau Joan Levi, die im Gesundheitswesen beschäftigt war zwei Kinder habe, habe ich die frühere Beschäftigung aufgeben
und von der die materielle Existenz der Familie jahrelang abhing, lehnte es
ab, nach Deutschland überzusiedeln. müssen und eine Stelle als Lehrer an einer Schule angenommen.
Meine theoretische Hauptarbeit habe ich freilich vorher noch ab-
schließen können. Ein Verleger hat sich aber noch nicht dafür ge-
funden, da die Arbeit in England für die akademischen Verleger zu
marxistisch, und für den Parteiverlag zu unorthodox ist.
Mit den besten Wünschen für Sie und Grete, die Sie mir bitte herz-
27 SOHN-RETHEL AN ADORNO lich grüßen wollen, Ihr alter
Alfred Sohn-Rethel

37, George Road,


Edgbaston,
Typoskript, Nachlaß Adorno.
Birmingham 15.
20th June, 1958 zwei Gastvorträge: vgl. Alfred Sohn-Rethel, Warenform und Denkform.
Versuch einer Analyse des gesellschaftlichen Ursprungs des »reinen Ver-
standes«, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu
Lieber Teddie, Berlin, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe, Jg. X (1961) Heft
Ich ergreife freudig eine Gelegenheit, nach so langer Zeit wieder 2/3; jetzt in: Warenform und Denkform [ed. 1978], a.a.O., S. 103 -133
Verbindung mit Ihnen aufzunehmen. Ich erhielt kürzlich von der (s. Brief Nr. 34).
Humboldt Universität Berlin eine Aufforderung, im kommenden mein .Buch »Intellectual and Manual Labour, critique of idealistie epistemo-
Herbst ein oder zwei Gastvorträge dort zu halten, und es ging mir logy«: Es handelt sich um ein 1951 abgeschlossenes, unveröffentlichtes
sofort durch den Kopf, ob es nicht vielleicht möglich wäre, für Buchmanuskript im Nachlaß Sohn-Rethels. - Das spätere Buch »Geistige
einen ähnlichen Zweck auch nach Frankfurt zu kommen und Sie und körperliche Arbeit« ist keine Übersetzung dieses Typoskripts, sondern
eine Neufassung (s. Brief Nr. 29). Mehrere Versuche das Buch in den fünfzi-
wiederzusehen. Bitte schreiben Sie mir darüber, und falls meine ger Jahren verlegen zu lassen, unter anderen beim Verlag der englischen
Erwartung verfehlt sein sollte, zögern Sie nicht, mir das zu sagen. Kommunistischen Partei, Lawrence & Wishart in London, waren geschei-
Gegenstand der Berliner Vorträge soll das Thema meines (noch tert (s. den Schluß des Briefes).
unveröffentlichten) Buches ,Intellectual and Manual Labour, cri- Grünberg Institut: Carl Grünberg (1861-1940) leitete von 1924 -1928 das
tique of idealistie epistemology« sein, woran in der DDR begreif- Institut für Sozialforschung; s. die Anm. zu Brief Nr. 1.
liches Interesse besteht. Doch wenn ich mich an frühere Zeiten Familie und zwei Kinder: Die Kinder von Joan Levi und Alfred Sohn-Rethel,
erinnere und an die Abendvorlesungen und Diskussionen im Grün- Martin, geb. 1947, und Ann, geb. 1949, leben heute in England.
114 115
28 ADORNO AN SOHN-RETHEL von der Ausführung unserer sehr weitschichtigen Pläne abgehalten
werden.
Vielleicht könnte ich Ihr großes theoretisches Buch auch bald se-
Prof. Dr. Theodor W. Adorno hen. Wenn ein deutscher Text vorliegt, so sollte es mir nicht schwer
fallen, einen Verleger zu finden.
Frankfurt am Main 27. Juni 1958 Alles Herzliche, auch von der Gretel,
Kettenhofweg 123 Ihr alter
[Teddie]
Lieber Alfred,
ich kann Ihnen nicht sagen, wie froh ich bin, endlich wieder von
Ihnen gehört zu haben. Unbedingt müssen wir uns im Herbst Typoskript mit gedrucktem Briefkopf, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvor-
sehen. Ob ich die Sache auf dem Weg einer offiziellen Instituts- lage: Photokopie)
einladung arrangieren kann oder nicht, muß ich noch sehen. Das Ernst Bloch: Ernst Bloch (1885 -1977) wurde 1949, nach seiner Rückkehr
einzige, was dem möglicherweise im Wege stünde, wäre, wenn Sie aus der Emigration, Professor für Philosophie in Leipzig. Anfang 1957
erfolgte seine Zwangsemeritierung, auf die Adorno hier anspielt.
offiziell an der Humboldt-Universität sprächen (wozu ich Ihnen
übrigens aus objektiv theoretischen Gründen schlechterdings nicht Ausführung unserer sehr weitschichtigen Pläne: Adorno und Horkheimer
raten kann - ich glaube, Sie machen sich keine Vorstellung, was da dachten an eine Fortsetzung der »Dialektik der Aufklärung«, gaben diesen
Plan aber später auf.
für ein Niveau herrscht). Wenn Sie darauf verzichteten, sich dort
auf eine Diskussion einzulassen, die wegen der Dummheit der dort Ihr großes theoretisches Buch: s. Brief Nr. 27.
gegen Sie zu erwartenden Argumente nur mit einer Niederlage für
Sie enden kann, so könnte ich die Sache jetzt schon definitiv zu-
sagen. Auf jeden Fall lassen Sie möglichst bald von sich hören, vor
allem welche Zeit Ihnen etwa passen würde, und ob Sie auf dem 29 SOHN-RETHEL AN ADORNO
Ostberliner Plan unbedingt bestehen. Wie man in der Zone mit
Ernst Bloch, der ja weiß Gott lammfromm gewesen ist - und mit
dem ich deshalb auseinander kam - umsprang, ist Ihnen wohl 37, George Road,
bekannt. Edgbaston,
Diese hastigen Zeilen sollen nur das Tau ergreifen, das Sie mir Birmingham 15.
zugeworfen haben. Mehr, sobald ich Näheres von Ihnen weiß. Ein 16th July, 1958
kurzes Verzeichnis der Bücher, die unterdessen von mir erschienen
sind (es sind beschämend viele, aber nur das wenigste ist wirklich Lieber Teddie,
seit der Rückkehr geschrieben, das meiste stammt aus der Schubla- haben Sie sehr vielen Dank für Ihren Brief, dessen herzlicher Ton
de, und der relativen Muße der Emigration) lege ich Ihnen bei. mich besonders gefreut hat. Sie haben recht, wir müssen uns unbe-
Der Gretel und mir geht es gut. Das Problem ist nur, daß man durch dingt wiedersehen. Nur wie das im Herbst möglich zu machen ist,
die Doppelarbeit an der Universität und am Institut so eingespannt bin ich nicht mehr so sicher. Ich habe inzwischen mit Berlin korre-
ist, daß man eigene Dinge buchstäblich nur an stolen time schrei- spondiert (wodurch sich diese Antwort so verzögert hat), und es hat
ben kann, und vor allem, daß Horkheimer und ich immer wieder sich bestätigt, daß die Einladung nach Berlin durchaus offiziellen

116 117
Charakter hat. Es wird mir von der Humboldt-Universität sogar die einmal gewußt, daß er dorthin zurückgekehrt ist. Bitte, lieber Ted-
Reise bezahlt (ich könnte mir die Sache sonst auch in der Tat gar- die, schreiben Sie mir darüber ausführlicher, wenn Sie Zeit dazu
nicht leisten). Demnach wird aus einem Gastvortrag am Institut bei haben.
Ihnen wohl nichts werden können? Von der Zeitknappheit abgese- Ist Ihnen übrigens bewußt geworden, daß Sie das angekündigte
hen (ich habe im Ganzen nur 10 Tage zur Verfügung), beschränkt Verzeichnis der Bücher, die von Ihnen erschienen sind, Ihrem Brie-
die bezahlte Rückreise nun meine Bewegungsfreiheit auch so sehr, fe doch nicht beigelegt haben? Es war außer dem Briefe selbst
daß ein Abstecher nach Frankfurt auch rein technisch schwer sein nichts in dem Umschlag. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich es
wird. bei nächster Gelegenheit erhalten könnte, und wäre [es] Ihnen
Ich hatte nicht gewußt, daß die Beziehungen zu solchem Grade wohl möglich, die hauptsächlichen Veröffentlichungen von Hork-
mutually exclusive sind. Für mich würde dies die erste Rückkehr heimer hinzuzufügen? Erscheint übrigens die Zeitschrift noch, oder
nach Berlin und die erste direkte Erfahrung mit dem Osten sein, wieder?
und ich sehe ihr allerdings mit gemischten Erwartungen entgegen. Vielen Dank auch für Ihre Erkundigung nach meinem
Die Dinge sind für mich nicht in demselben Maße Cut and dry wie M[anu]s[cript]. Leider habe ich keine Kopie mehr zur Verfügung
für Sie offenbar, und ich möchte bestimmt nicht auf eine Möglich- außer meiner eignen, die ich nicht aus der Hand lassen möchte.
keit verzichten, mich persönlich von der dortigen Realität zu über- Und ein deutscher Text liegt auch nicht vor. Vor einiger Zeit habe
zeugen. Meine Einladung geht außerdem von einer ganz bestimm- ich mich daran versucht, eine deutsche Fassung, wenigstens von
ten Abteilung oder vielmehr Unter-Abteilung eines Instituts an der einigen Partien zu machen, und habe dabei die niederschlagende
Humboldt-Universität aus, von Leuten, die mein M[anu]s[cript] Erfahrung gemacht, daß ich das nicht vermag. Eher könnte ich das
kennen und ein positives Interesse daran genommen haben. Meine Ganze neu auf deutsch abfassen, als eine Wiedergabe des engli-
Vorträge werden daher auch nicht öffentlich sein. Unter diesen schen Textes bewerkstelligen. So schwer es mir damals geworden
Umständen, glaube ich, kann mir nicht verdacht werden, daß ich ist, von meiner deutschen Denk- und Ausdrucksweise abzulassen,
an der Einladung festhalte. Ich werde Ihnen nachher berichten, wie so schwer würde es mir jetzt, sie wiederzuerlangen.
ich die Dinge gefunden habe, am liebsten natürlich mündlich, und Bitte grüßen Sie Gretel aufs beste von mir,
vielleicht übertreibe ich die Schwierigkeiten einer Rückkehr über herzlichst Ihr
Frankfurt. Jedenfalls werde ich damit versuchen, was die Umstän- Alfred
de nur irgend zulassen. Der ins Auge gefaßte Zeitpunkt ist übrigens
vom 30.Okt. bis zum 9. November.
Die Ferne dieses Zeitpunkts macht es übrigens nahezu lächerlich, Typoskript mit gedrucktem Briefkopf; Nachlaß Adorno.
von dieser Reise nach Berlin im Indikatif zu sprechen, wie ich es
ganz bestimmte Abteilung [...1 an der Humboldt-Universität: Sohn-Rethel
getan habe. Bei den politischen Ereignissen, die sich gerade eben war auf Einladung der Abteilung Altertum des Instituts für Allgemeine
im Nahen Osten anbahnen, ist es zum mindesten fraglich, daß eine Geschichte Ende Oktober 1958 in Ost-Berlin.
solche Reise im Herbst noch möglich sein wird. Und könnte ich vom 30. Okk bis zum 9. November: Die Einladung muß auf die letzte Okto-
wohl meine Frage an Sie wegen eines Gastvortrags an Ihrem Insti- berwoche vorverlegt worden sein, da Sohn-Rethel bereits am 2. November
tut erneuern, falls und sobald es sich herausstellt, daß sich die Ber- wieder in Birmingham war (s. Brief Nr. 33). Zu einem Besuch in Frankfurt
liner Pläne zerschlagen haben? kam es nicht.
Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir nicht bekannt politische Ereignisse [...1 im Nahen Osten: Nach der Ermordung des iraki-
ist, wie es Ernst Bloch in der DDR ergangen ist. Ich habe nicht schen Königs intervenierten im Juli 1958 amerikanische und britische
118 119
Truppen im Libanon und in Jordanien zur Unterstützung der dortigen genierte, seine Arbeiten mit Stalinzitaten zu spicken, hat man, ein-
Regierungen. fach weil bei ihm noch Restbestände der Theorie vorhanden waren,
Verzeichnis der Bücher: Es ist unklar, ob Sohn-Rethel das Bücherverzeich- so schikaniert, daß er jetzt offenbar ein völlig gebrochener Mann
nis erhalten hat oder nicht. Es handelte sich um eine Abschrift des Bücher- ist - man hat ihm verboten, Vorlesungen zu halten, ihn unablässig
verzeichnisses, das in Adornos Buch »Klangfiguren«, Frankfurt a.M. 1959,
unter Druck gesetzt und ihn zu dem üblichen Schuldbekenntnis
S. 368 abgedruckt ist.
gezwungen, das er, zu seiner Ehre sei es gesagt, anscheinend so ein-
geschränkt und schwach abgegeben hat, wie es unter dem unmittel-
baren Terrordruck überhaupt nur möglich war. Persönlich sind
Bloch und ich seit vielen Jahren auseinander, wir sind schon in
Amerika wegen seines Stalinismus aneinandergeraten, und als ich
30 ADORNO AN SOHN-RETHEL dann einmal in einer Emigrantenzeitung etwas über ihn schrieb,
um ihm zu helfen, hat er mich öffentlich desavouiert. Unterdessen
hat er Horkheimer und mich aufs wüsteste beschimpft, und die
Prof. Dr. Theodor W. Adorno Situation ist schlechterdings unwiederherstellbar. Über sein
Schicksal werden Sie drüben mehr hören als ich selbst weiß; so leid
Frankfurt am Main 21. Juli 1958 er mir aber tut, so unmöglich ist es doch, daß unsere Freundschaft
Kettenhofweg 123 je wieder sich herstellt; dies für den Fall, daß man versuchen sollte,
Sie zur Vermittlung zu bewegen, was ja nahe genug läge. Aber glau-
Lieber Alfred, ben Sie mir, es geht wirklich nicht. Wenn wir uns hier sehen, was
herzlichsten Dank für Ihren Brief. Der offizielle Charakter Ihres ich sehr hoffe, kann ich Ihnen die brieflichen Äußerungen von ihm
Auftretens in der Humboldtuniversität macht es leider unmöglich, zeigen, die daran schuld sind. Ich selbst bin darüber sicher nicht
daß Sie bei uns ebenfalls einen Vortrag halten - die Dinge sind so weniger traurig [,] als er heute sein dürfte, aber er hat den Weg
zugespitzt, daß sich an einen solchen, an sich völlig harmlosen Vor- definitiv blockiert.
gang sofort die läppischsten Kontroversen anschließen würden, die Das Verzeichnis meiner Sachen ist offenbar aus Versehen in mei-
uns hier in ein Zwielicht setzten, ohne Ihnen im mindesten zu nem vorigen Brief nicht beigelegt worden; übrigens ist es merkwür-
helfen. Ich glaube, Sie halten mich nicht für stur und undialektisch, dig, daß Sie es nicht bekommen haben, da meine Sekretärin aufs
wenn ich Ihnen immerhin aufs dringendste abrate, in der Hum- bestimmteste erklärt, sie habe es eingelegt; vielleicht ist es in dem
boldtuniversität aufzutreten. Die politischen Komplexitäten über- Couvert stecken geblieben. Heute schicke ich Ihnen, was ich gerade
sehe ich weiß Gott nicht, aber wenn Sie dort sprechen, so wird das, zur Hand habe, die Musikphilosophie und die »Dissonanzen«; in
und zwar völlig formal die bloße Tatsache, daß Sie sprechen, zur den letzteren dürfte Sie der Beitrag »Die gegängelte Musik« beson-
Propaganda benutzt, während jeder Gedanke, den Sie dort äußern ders interessieren; und hier handelt es sich bloß um Musik, wie
werden, angesichts des unsagbar subalternen Vulgärmaterialismus sieht es erst mit der kritischen Theorie aus!
der Postsekretäre, der da drüben herrscht, zur absoluten Wirkungs- Schreiben Sie doch bald wieder, vor allem auch, wie Sie sich die
losigkeit verdammt ist. Hier kann man, zumindest in den indivi- Möglichkeit eines Wiedersehens denken. An meiner Freundschaft
duellen, eigenen Arbeiten, einstweilen noch sehr viel von der Wahr- für Sie hat sich nichts geändert; und Gretel und ich würden arg, arg
heit sagen. Drüben ist das ganz unmöglich. Den Ernst Bloch, der in gern wieder mit Ihnen zusammen sein. Es interessiert Sie viel-
der erbärmlichsten Weise zu Kreuze gekrochen war und sich nicht leicht, daß Peter Haselberg dabei ist, endlich bei mir doch noch zu
120 121
promovieren; hoffentlich klappt es. - Daß ich Ihre Schwester ein- seine Arbeiten mit Stalinzitaten zu spicken: Adorno denkt wahrscheinlich an
mal in Freiburg getroffen habe, haben Sie vielleicht erfahren. Von die ersten beiden Bände der DDR-Ausgabe von »Das Prinzip Hoffnung«, die
ihr hörte ich, daß es Dotz, den ich ja in Hollywood durch gemeinsa- 1954/55 erschienen waren; tatsächlich waren in der westdeutschen Ausga-
be, die 1959 der Suhrkamp Verlag verlegte, die entsprechenden Stellen ge-
me Freunde ganz viel sah, gesundheitlich sehr schlecht gehe; wie strichen worden.
steht es denn jetzt damit? Und was macht Brigittchen? Ich weiß ja
zu dem üblichen Schuldbekenntnis gezwungen: Vermutlich bezieht sich
wirklich gar nichts mehr. - Mit Dora und Stefan Benjamin bin ich Adorno auf Meldungen zu diesem Komplex in der westdeutschen Presse.
nach wie vor in Kontakt; ich weiß nicht, ob Sie die beiden manch- Die bis heute bekannten Äußerungen und Erklärungen Blochs zu seiner
mal sehen. Die Benjamin-Ausgabe, deren philologische Mängel mir Auseinandersetzung mit der SED (vgl. Peter Zudeick, Der Hintern des
nur allzu bewußt sind (die Herstellung zögerte sich endlos hin und Teufels. Ernst Bloch - Leben und Werk, Moos, Baden-Baden 1985, Kapitel
mußte dann viel zu rasch abgeschlossen werden), hat ihn denn 8, bes. S. 240; und Bloch-Almanach, hrsg. vom Ernst-Bloch-Archiv der
Stadtbibliothek Ludwigshafen durch Karlheinz Weigand, 3. Folge, Ludwigs-
doch als das etabliert, was er ist. Die Autorität seines Namens in der hafen 1983, S. 19-32) rechtfertigen die Adornosche Formulierung nicht.
gegenwärtigen deutschen Intelligenz können Sie sich kaum groß
in einer Emigrantenzeitung: Adorno hatte am 27.11.1942 in der Emigran-
genug vorstellen. Es gehört zu den trostlosesten Gedanken, daß er, tenzeitschrift »Aufbau« einen Spendenaufruf »Für Ernst Bloch« veröffent-
wenn er nicht die Nerven verloren hätte, heute auch im äußerli- licht (vgl. Aufbau, Vol. 8, No. 48, S. 15,17-18; jetzt in. Adorno, Gesammelte
chen Sinn etabliert und wohlbestallter Ordinarius wäre, was ihm Schriften, Bd. 20.1, aa.0., S. 190-193), nachdem ihm dieser seine materiel-
fraglos auf seine Weise Spaß gemacht hätte. le Lage in einem Brief recht drastisch geschildert hatte. Bloch seinerseits
Die beiden Libelli von mir, die Sie erhalten, geben Ihnen nur distanzierte sich am 4.12.1942 im »Aufbau« von diesem Aufruf, indem er
erklärte, Adornos Ausführungen seien weder von ihm inspiriert noch in
von dem ästhetischen Sektor eine gewisse Vorstellung; für das
seinem Sinne (vgl. Ernst Bloch, Briefe 1903 -1975. Hrsg. von Karola Bloch
eigentlich Philosophische ist wohl die gemeinsam mit Horkheimer u.a., Bd. 2,. Frankfurt aM. 1985, S. 443-447).
verfaßte »Dialektik der Aufklärung«, die »Metakritik der Erkennt-
Horkheimer und mich aufs wüsteste beschimpft: Da Adorno sich auf briefli-
nistheorie« und die kleine Hegelschrift wichtiger; die »Minima che Äußerungen Blochs bezieht, könnte dessen Brief vom 5.7.1951 an ihn
Moralia« sind Ihnen ja wohl doch in die Hände gefallen. gemeint sein (vgl. Bloch, Briefe, Bd. 2, a.a.O., S. 447 f.).
Vom 2. August an ist meine Adresse: die Musikphilosophie: vgl. Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Mu-
Hotel Waldhaus sik, Tübingen 1949; jetzt Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften,
Sils Maria (Engadin) Bd. 12, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1990.
Gretel und ich bleiben den ganzen August über dort. Es geht uns die »Dissonanzen«: vgl. Theodor W. Adorno, Dissonanzen. Musik in der
ganz gut, nur sind wir jetzt doch arg müde und überarbeitet. Lassen verwalteten Welt, Göttingen 1956; jetzt in: Adorno, Gesammelte Schriften,
Sie bitte bald von sich hören. Bd. 14, a a0., S. 7-167.
»Die gegängelte Musik«: jetzt in: Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 14,
Alles Herzliche, auch von Gretel, a.a.O., S. 51-66.
Peter Haselberg: Peter von Haselberg (geb. 1908) kannte Sohn-Rethel aus
Ihr alter Frankfurt und war mit ihm in Berlin, Anfang der dreißiger Jahre, eng
Teddie befreundet. Er promovierte 1960 bei Adorno mit einer Arbeit über Thor-
stein Veblen.
Ihre Schwester: Elisabeth Steinrück (geb. 1897) lebt in Freiburg im Breis-
gau.
Typoskript mit gedrucktem Briefkopf und Korrekturen von Adornos Hand;
Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie) Dotz: s. die Anm. zu Brief Nr. 2 und Brief Nr. 22.

122 123
Brigittchen: s. die Anm. zu Brief Nr. 7 und Brief Nr. 31. sind) hat das leider Gottes unmöglich gemacht. Es ist mir noch
Dora und Stefan Benjamin: Dora Benjamin, geb. Kellner (1890-1964), war nicht einmal möglich gewesen, wenigsten den ersten Aufsatz in den
Walter Benjamins geschiedene Frau; Stefan (1918 -1972) der gemeinsame »Dissonanzen« ganz zu lesen, aber so weit ich darin gelangt bin, bin
Sohn. Beide lebten in London. ich aufs höchste entzückt und im Ganzen auch objektiv einverstan-
Die Benjamin Ausgabe: Walter Benjamin, Schriften, hrsg. von Theodor den (soweit meine beschränkte Urteilsfähigkeit in musikalischen
W. Adorno und Gretel Adorno unter Mitwirkung von Friedrich Podszus, Dingen ein gewisses Zögern in manchen Punkten zuläßt). Die ganze
2 Bde., Frankfurt a.M. 1955.
Anlage und die Kategorien der Kritik erscheinen mir von großer
wenn er nicht die Nerven verloren hätte: Anspielung auf Benjamins Selbst- Wichtigkeit, wenngleich ich gestehen muß, daß ich (wahrscheinlich
mord.
wegen der von der Ihren teilweise doch recht verschiedenen Um-
»Dialektik der Aufklärung«: s. den Nachweis zu Brief Nr. 22. welt, in der ich lebe) oft ziemliche Schwierigkeiten habe, die spezif1-
»Metakritik der Erkenntnistheorie«: s. den Nachweis zu Brief Nr. 1. schen Erscheinungen, auf die Sie abstellen, jedesmal genau oder
die kleine Flegelschrift: vgl. Theodor W. Adorno, Aspekte der Hegelschen bestimmt genug zu identifizieren. Ich muß häufig vorsichtig vor-
Philosophie, Berlin, Frankfurt a.M. 1957; jetzt in: Adorno, Gesammelte wärts und rückwärts lesen, um zu erkennen (oder wenigstens zu
Schriften, Bd. 5, a.a.O., S. 251-294. raten), was Sie an dieser oder jener Stelle vor Augen haben, und das
»Minima Moralia«: vgl. Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen erschwert und vor allem verlangsamt die Lektüre. So macht sich
aus dem beschädigten Leben, Berlin, Frankfurt a.M. 1951; jetzt Theodor W. der Mangel an Kontakt sehr fühlbar, und ich würde mich beträcht-
Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt a.M. 1980. lich wohler fühlen, wenn ich mir schlüssiger darüber wäre, wie wir
uns wiedersehen können, nun da ein Abstecher nach Frankfurt von
der Berliner Reise aus schon aus bloßen technischen Gründen fast
ausgeschlossen erscheint. Ich werde Geld zu sparen versuchen und
31 SOHN-RETHEL AN ADORNO vielleicht um Weihnachten herum auf eine Woche zu Ihnen nach
Frankfurt kommen, wenn Ihnen das paßt?
Ja, es hat mich in der Tat interessiert, daß Peter Haselberg jetzt bei
37, George Road, Ihnen promovieren wird. Als ich ihn das letzte Mal traf (in London
Edgbaston, 1937 oder 1938) erschien er mir als Ergebnis einer Psychoanalyse,
Birmingham 15. inter alias, ideologisch nachgerade gänzlich verödet. Ich glaube, es
7.8.58 waren seine eignen Worte, daß Geldmachen das einzige sei, was
sich verlohne. Hat er damit Erfolg gehabt? Rein persönlich ist er
Lieber Teddie, mir immer als eine meiner erfreulichsten Bekanntschaften in Erin-
Sehr vielen Dank für Ihren Brief, und ganz besonders auch für Ihre nerung geblieben (I don't mind you repeating this to him, and also
beiden Bücher, die zu meiner freudigen Überraschung einen Tag that I wish to be remembered by him).
später eintrafen. (Es tut mir schrecklich leid, daß ich heute erst I am touched by the interest with which you enquire after my kith
antworte; ich war eine Woche verreist und hatte Ihre Adresse nicht and kin. Brigitchen is now living in London (after breaking away
mitgenommen.) Ich hätte mich darauf stürzen und am liebsten mit from Switzerland and a Swiss artist, whom she had married at the
der Lektüre einschließen mögen, aber eine Anzahl rush jobs (ich beginning of the war) with her English husband and a family of
übernehme schwierige technische Übersetzungen für verschiedene four (!) children, all her own. We do meet fairly regularly. My bro-
Interessenten, die gut bezahlen und dementsprechend ungeduldig ther Dotz whom you met in Hollywood (did he ever produce himself
124 125
to you in his true colour, for instance, making his }poises?) is no Fetischeharakter in der Musik und die Regression des Hörens, in: Dissonan-
longer alive; he died two years ago of lung cancer (and horrible zen, a.a.O., S. 9 -45.
secondaries in the brain), having been a heavy smoker all his life. um Weihnachten [...1 zu Ihnen nach Frankfurt kommen: Dieser Besuch hat
(I am sorry I slipped into English which, at any rate for everyday wahrscheinlich nicht stattgefunden.
use, has become the easier language to me.) Peter Haselberg [...] in London 1937 oder 1938: Da Peter vor. Haselberg
Sie schreiben von Dora und Stefan Benjamin, als ob sie in England Ende 1937 nach Argentinien emigrierte, muß das Treffen 1937 stattgefun-
den haben.
wohnten. »Ich weiß nicht, ob Sie die beiden manchmal sehen.«
Leider bin ich zu Walters Lebzeiten nicht mit ihnen bekannt ge- My brother Dotz [..] making his noises: Anspielung auf die Fähigkeit Hans-
worden, aber das würde mich nicht hindern, sie aufzusuchen oder Joachim Sohn-Rethels, als Stimmenimitator auch Geräusche, Tierstim-
men etc. nachzuahmen.
an sie zu schreiben, wenn dazu die Möglichkeit und eine Gelegen-
heit bestünde. Darum wäre ich Ihnen höchst dankbar für die Adres- Prof. Roy Pascal / dessen Buch über den »Sturm und Drang«: vgl. Roy
Pascal, Der Sturm und Drang. Autorisierte deutsche Ausgabe von Dieter
se oder gar ein einführendes Wort, falls meine Vermutung zutrifft
Zeitz und Kurt Mayer, Stuttgart 1963.
und sie tatsächlich in Reichweite von mir leben. Meine hinterwäld-
lerische Existenz wird Ihnen klar werden aus dem Geständnis, daß Ihre »Noten zur Literatur«: vgl. Theodor W. Adorno, Noten zur Literatur [Il,
Berlin, Frankfurt a.M. 1958 (die erste Auflage trug noch keine Ziffer); jetzt
ich bis zu Ihrem Briefe von dem Erscheinen der Benjamin-Ausgabe
in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 11: Noten zur Literatur,
nichts wußte. Ich bin, wie Sie sich denken können, höchst begierig, 3. Aufl., Frankfurt a.M. 1990.
sie zu besitzen, und wußte gern, wieviel Bände sie umfaßt und was
sie kostet. Ich werde mich bemühen, ihre Anschaffung bei der hie-
sigen Universitätsbibliothek zu beantragen, aber das kann nicht
vor dem Beginn des nächsten Semesters geschehen, und dann
möchte ich auch zum mindesten Ihre philosophischen Schriften
32 ADORNO AN SOHN-RETHEL
wie die »Metakritik«, die »Aspekte der Hegelschen Philosophie«
und die »Dialektik der Aufklärung« einschließen. Dafür hoffe ich
die Unterstützung von Prof. Roy Pascal, des hies. Ordinarius der
Prof. Dr. Theodor W. Adorno
deutschen Abt., zu gewinnen, (dessen Buch über den »Sturm und
Drang« Ihnen vielleicht vorgekommen ist?), wie auch für Ihre Frankfurt am Main 4. September 1958
»Noten zur Literatur«. Kettenhofweg 123
Ich muß abbrechen, und damit der Brief nicht nochmals liegen
bleibt, will ich schließen. Lieber Alfred,
schönsten Dank für Ihren Brief vom 7. August. Er hat mich in Sils
Alles Gute für Sie und Gretel von Maria erreicht, wo ich Ferien machte - in so vollkommen erschöpf-
Ihrem Alfred tem Zustand, daß alle Korrespondenz, auch die wichtigste, unter-
brochen werden mußte. Ich darf Sie um Ihr Verständnis bitten,
auch dafür, daß ich Ihnen heute nur so kurz schreibe. Das Wichtig-
ste ist natürlich, daß wir uns bald sehen. Alles wäre viel einfacher,
Typoskript mit gedrucktem Briefkopf; Nachlaß Adorno. wenn ich Sie hier zu einem Vortrag einladen könnte, aber wenn Sie
der erste Aufsatz in den »Dissonanzen«: vgl. Theodor W. Adorno, Über den bei den Ostleuten sprechen, ist es aus offensichtlichen Gründen

126 127
lettres et sciences humaines vom 22. - 29. November in Paris, wo er die drei
nicht möglich. Die Weihnachtsferien wären deshalb nicht gut, weil
Vorträge »Sur quelques experiences philosophiques dans l'oeuvre de He-
ich zeit großer Wahrscheinlichkeit dann in den Süden gehen werde, gel«, »Idees sur la sociologie de la musique« und »La sociologie et les re-
um einigermaßen über das Semester herüberzukommen. Dagegen cherches empiriques« hielt (vgl. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 5,
bin ich, wenn nichts völlig Unvorhergesehenes geschieht, das letzte a.a.O., S. 295-325; Bd. 16: Musikalische Schriften I-III, 2. Aufl., Frankfurt
Drittel des November in Paris, wo ich ein paar Vorlesungen an der a.M. 1990, S. 9 -23; Bd. 3: Soziologische Schriften I, 3. Aufl., Frankfurt a.M.
1990, S. 196 -216).
Sorbonne habe. Wäre es nicht vielleicht möglich, daß Sie auch hin-
kommen. Das Ca% Versailles, wo wir so oft mit Benjamin saßen,
schiene mir wie geschaffen dafür, daß wir uns nun endlich wieder-
sehen.
Die Adresse von Stefan Benjamin ist:
8 Pembridge Crescent
London W 6
33 SOHN-RETHEL AN ADORNO
(Über ihn können Sie sicherlich leicht die Adresse von Dora erfah-
ren.)
Sie weiß selbstverständlich von Ihnen, und Sie brauchen ihr nur ein
paar Zeilen zu schreiben. Dabei können Sie sich selbstverständlich 37, George Road,
Edgbaston,
jederzeit auf mich beziehen.
Wie schlecht es um Dotz stand, wußte ich längst, aber ich kann Birmingham 15.
mich doch nicht dazu bringen, in die bürgerliche Phrase von der den 9. November, 1958
»Erlösung von langem Leiden« einzustimmen. Ohne daß ich sagen
könnte, ich hätte ihn wirklich gut gekannt - in den letzten Holly- Lieber Teddie,
wooder Jahren sahen wir uns nur sehr wenig - war er doch, allein ich fühle mich tief in Ihrer Schuld, weil ich Ihnen seit Ihrem Brief
schon durch seine Ähnlichkeit mit Ihnen, einer der Menschen, an vom 4. Sept. nicht geschrieben habe. Aber es hing alles von meinem
denen die Kontinuität des Lebens haftet. Seine Kunststücke habe Besuch in Berlin ab, der Ihnen und mir in so verschiedenem Licht
ich leider nie vernommen, auch nicht das Herz gehabt, ihn aufzu- erschien.
fordern, sie mir vorzuführen. Brigittchen mit vier Kindern, - das Nun, inzwischen bin ich dort gewesen und vorigen Sonntag wieder
ist ihr wohl auch nicht an der Wiege gesungen worden. Aber wem zurückgekommen. Mein Auftreten an der Humboldt-Universität
hat sich abseits von allem offiziellen Kontakt abgespielt. Meine
ist überhaupt was an der Wiege gesungen worden?
beiden Vorträge fanden im Institut für Alte Geschichte statt und
vor nicht mehr als 12 bezw. 10 Hörern, die des sachlichen Interes-
Herzlichst
stets Ihr alter ses wegen ausgesucht worden waren. Die anschließenden Diskus-
Teddie sionen waren strikt theoretisch und höchst wertvoll. Meine Rück-
führung der reinen Verst[andes]kat[egorien] auf die Warenform
stieß auf keine Schwierigkeit des Verständnisses und fand bereit-
Typoskript mit gedrucktem Briefkopf; Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvor- willige Annahme. Der Charakter der Diskussion wird Ihnen viel-
lage: Photokopie) leicht am klarsten daraus, daß die Kritik sich nicht gegen meine
These richtete, sondern sich um die Ausschließlichkeit der waren-
Vorlesungen an der Sorbonne: Adorno war auf Einladung der Faculte des
129
128
wirtschaftlichen Wurzel drehte, weil davon abhängt, ob man sich und einen erfreulichen Aufenthalt. Das Cafb Versailles ist auch mir
vom Verschwinden der Warenwirtschaft auch das' Verschwinden
eine Erinnerungsstätte geblieben.
des Gegensatzes von Kopf und Hand versprechen darf, und solange
Sehr herzlich
dieser Gegensatz nicht verschwindet, kann es keine klassenlose Ihr
Gesellschaft geben. M.a.W., es handelt sich um die Bedingungen Alfred
der Liquidierbarkeit der Bürokratie. Sie werden mir zustimmen,
daß hierin ein legitimes marxistisches Interesse vorliegt, noch dazu
eines, das von Seiten der Diskussionsteilnehmer ein beachtliches Typoskript mit gedrucktem Briefkopf und Korrekturen von Sohn-Rethels
Maß von Vorurteilslosigkeit voraussetzte. Freilich kam der Hinter- Hand; Nachlaß Adorno.
grund des Interesses nicht offen in der Debatte zur Sprache, aber Nein beiden Vorträge: s. den Nachweis zu Brief Nr. 27.
Gespräche hinterher ließen an ihm keinen Zweifel. (Ich bitte Sie
Karola: Karola Piotrkowska (geb. 1905) war seit 1934 mit Ernst Bloch ver-
auch, von diesem Bericht nur mit der gehörigen Vorsicht Gebrauch
heiratet.
zu machen!)
Lassen Sie mich nun bitte, lieber Teddie, von neuem die Frage Schulferien: Sohn-Rethel war zu dieser Zeit Französischlehrer in Birming-
ham.
stellen, ob ein Besuch im Osten, wenn er Interessen solchen Cha-
rakters dient und gegenüber allem offiziellen Kontakt sorgfältig
isoliert war, Vorträge an Ihrem Institut ausschließen muß. Ich wür-
de es bedauerlich finden, wenn das der Fall ist. Aber da es mir auch
schwer fällt, daran zu glauben, möchte ich eine weitere Erörterung,
wann und wie wir uns wiedersehen können, vertagen, bis ich Ihre 34 SOHN-RETHEL AN ADORNO
Antwort auf diese Frage habe.
Wenn es die Zeit erlaubt hätte, würde ich Ernst Bloch aufgesucht 37 George Road,
haben. Seine Schwierigkeiten dort konnten die Gründe dafür nur Edgbaston,
verstärken. Leider war es unmöglich innerhalb der gesteckten Birmingham 15.
Frist, die ich nicht verlängern konnte. Er wohnt in Leipzig mit 19.12.61
Karola, ist emeritiert, und materiell sollte es ihm nicht zu schlecht
gehen. Lieber Teddie,
Wie gern ich Ihren Vorschlag, uns in Paris gegen Ende dieses Mo- ich lese gerade wieder in der »Entstehung des Doktor Faustus« und,
nats zu treffen, angenommen hätte, können Sie sich wohl denken. kann nicht umhin zu bedauern, daß die Verbindung zwischen uns
Leider kann ich aus beruflichen Gründen nicht daran denken. Mei- wieder abgerissen [ist]. Das letzte war, wie Sie sich erinnern wer-
ne Reise na[ch] Berlin fiel mit Schulferien zusammen. Vorlesungen den, ein Bericht von mir vom Nov. 1958 über den unverfänglichen
von Ihnen an der Sorbonne erscheinen mir als ein sehr beachtli- Charakter meines Besuchs bei der Humboldt-Universität in Berlin.
ches Ereignis, obwohl Sie davon schreiben, als handle es sich um Darauf habe ich nichts mehr von Ihnen gehört. Gerade jetzt nun
etwas ganz Alltägliches! Sind sie auf Französisch? Finden solche erhalte ich den Sonderabdruck eines Aufsatzes, auf meine damali-
Vorlesungen häufig statt? Sind sie symptomatisch für die engen gen Vorträge dort gegründet, der kürzlich in der Zeitschrift jener
Beziehungen, die mitunter zwischen französischen und deutschen Universität erschienen ist. Hätten Sie Interesse, ihn durchzulesen?
Universitäten walten? Jedenfalls wünsche ich Ihnen guten Erfolg Ich wüßte sehr gern, was Sie davon halten.
130 131
Ernst Bloch ist ja nun auch herübergekommen. Ich traf ihn vor
etwa drei Wochen in London. Es war ein Wiedersehen mit vielen
37 (5corge ~Raob,
alten Erinnerungen! And so are my thoughts of you, Teddie. Ia~gbnstnn,
In alter Freundschaft ~o~ ~dirmingham is_
Ihr
Alfred Sohn-Rethel

Manuskript mit gedrucktem Briefkopf; Nachlaß Adorno.


»Entstehung des Doktor Faustus«: vgl. Thomas Mann, Die Entstehung des
Doktor Faustus. Roman eines Romans, Amsterdam 1949; Adornos Mitar- l~%~ Q•t<. C.,-tu~t- tSi:-~r M, dEl-~
beit am »Doktor Faustus« ist dort beschrieben.
°"41p'
Sonderabdruck eines Aufsatzes: s. den Nachweis zu Brief Nr. 27; ein Sonder-
druck des Aufsatzes, den Sohn-Rethel dem Brief beifügte, befindet sich im
Nachlaß Adornos.
Qy.♦.a>M -~ ~
Ernst Bloch ist ja nun auch herübergekommen: Bloch hatte eine ihm ange-
botene Gastprofessur in Tübingen angenommen, als er während einer Reise
in Westdeutschland, im Sommer 1961, vom Bau der Grenzbefestigungen in
Berlin erfuhr. NIq,1.,Y+~ NKwO.~ •~'"-J V~+` ~V `~N4-~ -
~~Y~4~Q/1V4J

) .~

I4V
35 ADORNO AN SOHN-RETHEL
n ~

Prof. Dr. Theodor W. Adorno


Frankfurt am Main, den 3.1.62
Kettenhofweg 123

Lieber Alfred,
ich war von Herzen froh über Ihren Brief. Daß die Verbindung
zwischen uns wieder abriß, hat gar keinen anderen Grund - und
gewiß keinen politischen - als die lästige räumliche Entfernung;
daß gerade die Entstehung des Doktor Faustus der Anlaß ist, be-
schämt mich ein wenig; ich bilde mir immerhin ein, daß es so eini-
ges von mir gibt, was meine Mitarbeit an dem Roman aufwiegt.

132 133
Vielleicht lassen Sie mich doch gelegentlich wissen, was Sie von Ihrgroßer Text: das englische Buchmanuskript; s. die Anm. zu Brief Nr. 27.
meinen Sachen haben, damit ich Ihnen anderes schicken kann.
Marie Luise von Kaschnitz: Die Schriftstellerin (1901-1974) lebte in Frank-
Sehr gespannt bin ich auf Ihren Aufsatz, in den ich bereits hinein- furt.
sah; es ist schön, daß Sie vielen Ihrer Denkmotive so treu geblieben
Onkel Karli: Der Maler Karli Sohn-Rethel (1882 -1966) lebte viele Jahre in
sind und daß diese nun auch endlich im Druck zugänglich sind, wie Positano (vgl. Carl Freytag, Alfred Sohn-Rethel in Italien: 1924 -1927; in
ich es Ihrem großen Text längst gewünscht hätte. Alfred Sohn-Rethel, Das Ideal des Kaputten, hrsg. und mit einem Nachwort
Übrigens hat sich vor ein paar Wochen eine überraschende Verbin- versehen von Carl Freytag, Bremen 1990).
dung zwischen uns hergestellt dadurch, daß unsere Freundin, Gretels engste Jugendfreundin: Marie-Luise von Motesiezky.
Marie Luise von Kaschnitz, Ihren Onkel Karli, den ich vor einem
Mit Bloch bin ich seit vier Jahren [...1 wieder gut: Bloch und Adorno waren
Menschenalter auf Capri traf, gut kennt; er lebt ja wohl jetzt, in sich im Oktober 1958 auf der Tagung der Deutschen Hegel-Gesellschaft
hohem Alter, in Düsseldorf. wiederbegegnet.
Wann man sich wohl wiedersieht? Ein Besuch von uns in London
Hegelvortrag, den ich auch an der Sorbonne hielt: Es handelt sich um die
liegt dadurch in der Luft, daß Gretels engste Jugendfreundin dort Aufsatzfassung des Vortrags »Erfahrungsgehalte der Hegelschen Philoso-
lebt, mit der wir im Frühjahr in Paris und im Sommer im Engadin phie«, die 1959 im »Archiv für Philosophie« erschienen war (jetzt in: Ador-
zusammen waren. Vielleicht aber führt Sie doch auch Ihr Weg hier- no, Gesammelte Schriften, Bd. 5, a.a.O., S. 295-325 u.d.T. »Erfahrungsge-
her; jedenfalls sollten wir mehr voneinander hören. halt«).
Mit Bloch bin ich seit vier Jahren, wie man so sagt, wieder gut, der Text »Ontologie und Dialektik«: So lautete der ursprüngliche Titel des
ohne daß es einer Versöhnung bedurft hätte, so selbstverständlich Kapitels »Das ontologische Bedürfnis« aus dem ersten Teil der »Negativen
hat sich alles gefügt. Dialektik«, die 1966 im Suhrkamp Verlag erschien (vgl. jetzt Theodor W.
Adorno, Gesammelte Schriften. Bd. 6: Negative Dialektik, Jargon der
Ich bin sicher, daß auch Sie sogleich den alten Kontakt mit ihm Eigentlichkeit, 4. Aufl., Frankfurt a.M. 1990, S. 69 -103).
wiederfinden.
ein Sammelband »Dialektische Meditationen«: Adornos Arbeitstitel für die
Als kleines Zeichen schicke ich Ihnen die erweiterte Fassung eines
»Negative Dialektik«.
festlichen Hegelvortrages, den ich auch an der Sorbonne hielt. Be-
Eine gemeinsame Sammlung soziologischer Essays: Max Horkheimer /
sonders wichtig wäre es mir, Ihre Reaktion auf den Text »Ontologie
Theodor W. Adorno, Sociologiea II. Reden und Vorträge, Frankfurt a.M.
und Dialektik« zu wissen; er wird wohl in einem Sammelband 1962. (Frankfurter Beiträge zur Soziologie, im Auftrag des Instituts für
»Dialektische Meditationen« erscheinen, den Sie sogleich erhalten Sozialforschung herausgegeben von Theodor W. Adorno und Walter Dirks,
sollen, wenn er erschienen ist - freilich wohl nicht vorm nächsten Bd. 10.)
Jahr. Eine gemeinsame Sammlung soziologischer Essays von Hork-
heimer und mir steht unmittelbar vor der Publikation.

In alter Freundschaft
Ihr
Teddie

Typoskript mit gedrucktem Briefkopf und Korrekturen von Adornos Hand;


Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)

134
135
36 SOHN-RETHEL AN ADORNO Um Ihnen in kurzer Weise zu zeigen, was mir als »Fortführung der
Marxschen Warenanalyse« vor Augen steht, schließe ich einen klei-
nen Aufsatz bei, der im März in einem hiesigen Parteiorgan er-
37, George Road scheinen soll (in >Marxism Today). Bitte halten Sie mir diesen
Birmingham 15 Erscheinungsort zugute, wenn Sie auf Stellen treffen, die Ihnen
24.1.65 anstößig sind (wie z.B. zwei Fußnoten mit Beziehungen auf Adam
Schaff, mit denen auf gewisse taktische Zwecke abgezielt ist). Der
Lieber Teddie, Aufsatz tritt in das Gebiet der Formanalyse selber nicht ein, dazu
ich hoffe, daß ich Ihnen mit einem theoretischen Anliegen nicht ist er zu kurz, aber er erklärt, wie man dorthin gelangt und was sich
zur Last falle. Es ist ein Anliegen, um das es mir sehr zu tun ist und davon etwa versprechen läßt. Tatsächlich handelt es sich um ein
welches auch Ihre Interessen, wenn ich mich nicht irre, nahe be- praktisch unbegrenztes Feld, und ich zögere nicht zu sagen, daß
rührt. seine Erforschung mir als die ausstehende Aufgabe der kritischen
Erst kürzlich habe ich Ihre »Drei Studien zu Hegel« zu Gesicht Theorie erscheinen will, als die hieb- und stichfeste Antwort auf
bekommen. Sie haben mich stark beeindruckt, ganz besonders die den szientifischen Positivismus und vielleicht auch von Nutzen
Intention der »Übersetzung« oder, um den zutreffenderen Aus- gegen die Existenzialontologen.
druck zu gebrauchen, der Entzifferung oder Entschlüsselung He- Ich habe Monate gebraucht, um meine Hemmungen zu überwinden
gels, d.h. bestimmter tragender Begriffe der Hegelschen Philoso- und endlich diesen Brief an Sie zu schreiben, und nun möchte ich es
phie. Sie selbst geben den Begriff des »Geistes« als Beispiel. Aber bei diesen wenigen (und nicht gerade bescheidenen) Worten be-
Sie sagen, daß diese Entzifferung - und ich lese dies im allgemeine- wenden lassen, bis ich sicher sein kann, daß die alte Diskussions-
ren Sinn als: solche Entzifferungen - sich nicht »dingfest machen« basis mit Ihnen noch besteht. Etwas mehr übrigens als aus dem
[läßt]. Dessen bin ich nicht so sicher, und es ist hier, wo sich mein beiliegenden Aufsatz läßt sich aus dem auf Deutsch geschriebenen
Anliegen erhebt. Artikel entnehmen, den ich Ihnen vor zwei oder drei Jahren zu-
Meine eignen Bemühungen waren von jeher auf eine Erweiterung sandte und den Sie vielleicht noch besitzen. Hinzufügen möchte
und Fortführung der Marxschen Warenanalyse gerichtet, und ob- ich noch, daß der beiliegende Aufsatz vor meiner Kenntnis Ihrer
gleich ich immer nur spasmodisch, mit langen Unterbrechungen, Hegelstudien geschrieben wurde.
daran habe arbeiten können, bin ich endlich doch zu einer gewissen Ein Korrespondent aus Ost-Berlin schreibt mir, daß dort aus den
Klarheit gekommen. Darum eben schreibe ich Ihnen. Gestapo-Archiven Papiere Walter Benjamins zutage gekommen
Wie stünde es mit dem Verständnis der Hegelschen Logik, wenn sind. Was sind das? Beschlagnahmte Briefschaften aus der rue
die Begriffe, mit denen sie es [zu] tun hat, sich mittels einer fortge- Dombasle? Und was geschieht damit? Ich werde wahrscheinlich zu
führten Warenanalyse in eine bündige Ursprungsbeziehung zur Zwecken der theoretischen Zusammenarbeit mit jenem Korrespon-
Warenabstraktion setzen ließen? Ich weiß, daß eine solche Vermu- denten zu Ostern für 10 - 14 Tage nach Berlin [fahren]. Wie weit
tung nach überkommener Denkweise phantastisch erscheinen meine Möglichkeiten dort reichen werden, kann ich von hier aus
müßte oder, besser gesagt, einfach unverständlich wäre, und ich nicht abschätzen, aber soweit ich irgend nützlich sein kann, bin ich
würde damit nicht herausrücken. Aber Sie stehen einer solchen dazu gern bereit. Could you please put me wise?
Auffassungsweise sehr, sehr nahe, so nahe in der Tat, daß mir Die Beschaffung Ihrer und Walter Benjamins Schriften hierzulande
scheinen will, als ob sie geradezu Ihre eignen Intentionen nach ist eine verzweifelte Angelegenheit. Bis in die hiesigen Bibliotheks-
Hause bringt. verwaltungen ist Ihr Ruhm noch nicht gedrungen, und sie mir zu
136 137
kaufen, übersteigt meine finanziellen Möglichkeiten. Überdies wur- Adam Schaff. Der polnische Philosoph Adam Schaff (geh. 1913) war Direk-
de mir gesagt, daß Walter Benjamins »Schriften« vergriffen seien. tor des Instituts für Philosophie und Soziologie an der Akademie der Wis-
senschaften in Warschau. Sohn-Rethel hatte in seinem Aufsatz auf Schaffs
Stimmt das? Weder Ihre »Minima Moralia« noch die »Dialektik der Buch »Zu einigen Fragen der marxistischen Theorie der Wahrheit«, Berlin
Aufklärung« noch die »Metakritik der Erkenntnistheorie« sind hier (DDR) 1954, verwiesen.
verfügbar. Tatsächlich sind die drei Hegelstudien die einzige Ihrer der auf Deutsch geschriebene Artikel: Sahn-Rethels in Ost-Berlin gehaltener
philosophischen Schriften, deren ich habhaft werden konnte, ganz Vortrag »Warenform und Denkform« (s. die Nachweise zu den Briefen Nr.
zu schweigen von Ihren musikwissenschaftlichen Arbeiten, an de- 27 und 34).
nen mir auch sehr gelegen ist, besonders dem »Versuch über Wag- Ein Korrespondent aus Ost-Berlin: nicht ermittelt.
ner« und dem Gustav »Mahler«. Was hier vorhanden ist, sind die
Papiere Walter Benjamins/BeschlagnahmteBriefschaften: Es handelte sich
»Noten zur Literatur«, die »Prismen« und die »Eingriffe«, und tatsächlich überwiegend um Briefe, die Benjamin seit 1933 erhalten hatte
Ihnen persönlich verdanke ich den Besitz der »Philosophie der (s. Brief Nr. 39); vgl. den »Editorischen Bericht« der Herausgeber in: Walter
neuen Musik« und der »Dissonanzen«, die Sie mir vor einigen Jah- Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. I(2), 3. Aufl., Frankfurt a.M. 1990,
ren schickten. Das mag Ihnen ein Bild der Lage geben! S. 761 f.
Noch eine Frage. Haben Sie je wieder etwas von Carl Dreyfus ge- »Mahlen«: vgl. Theodor W. Adorno, Mahler. Eine musikalische Physiogno-
hört, seitdem er 1938 nach Argentinien gegangen ist? Einige seiner mik, Frankfurt a.M. 1960 (jetzt in: Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 13,
Sachen sind noch hier in England. Würden Sie wohl diese Frage im a.a.O., S. 149 -319).
Sinn behalten, wenn Sie mir antworten? Prismen«: vgl. Theodor W. Adorno, Prismen. Kulturkritik und Gesell-
Mit den herzlichsten Wünschen für Sie und Gretel - wie geht es schaft, Berlin, Frankfurt a.M. 1955 (jetzt in: Adorno, Gesammelte Schrif-
ten, Bd. 10.1, a.a.O., S. 9 -237).
ihr?! - und in der Hoffnung, daß sich doch noch einmal ein Wieder-
sehen möglich machen ließe, »Eingriffe«: vgl. Theodor W. Adorno, Eingriffe. Neun kritische Modelle,
Ihr Frankfurt a.M. 1963 (jetzt in: Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 10.2,
a.a.O., S. 455-594).
Alfred.
Carl Dreyfus: schrieb sich vor dem Zweiten Weltkrieg Carl Dreyfuss. Er
kehrte erst 1963 aus der Emigration nach Deutschland zurück. Vor 1933
Typoskript, Nachlaß Adorno. war Carl Dreyfus, ein Jugendfreund Adornos, Mitarbeiter des Instituts für
»Drei Studien zu Hegel«: Die beiden aus Vorträgen entstandenen Hegel- Sozialforschung. Carl Dreyfus starb 1969 in München.
Studien »Aspekte« (s. den Nachweis zu Brief Nr. 30) und »Erfahrungsge-
halt« (s. den Nachweis zu Brief Nr. 35) wurden 1963 zusammen mit dem bis
dahin unveröffentlichten Aufsatz »Skoteinos oder Wie zu lesen sei« in der
»edition suhrkamp« veröffentlicht (jetzt in: Adorno, Gesammelte Schriften,
Bd. 5, a.a.O., S. 247-331).
die Intention der » Übersetzung«: vgl. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 5,
a.a.O., S. 265 f.
ein kleiner Aufsatz: vgl. Alfred Sohn-Rethel, Historical Materialist Theory
of Knowledge, Marxism Today, April 1965, S. 114-122; eine erweiterte deut-
sche Fassung unter dem Titel »Grundzüge einer geschichtsmaterialisti-
schen Erkenntnistheorie« erschien in Heft 19 der Reihe »Internationale
Marxistische Diskussion« (vgl. Alfred Sohn-Rethel, Materialistische Er-
kenntniskritik und Vergesellschaftung der Arbeit, Berlin 1971, S. 9 -41).

138 139
37 SOHLT-RETHEL AN ADORNO nicht spielen. Deshalb scheint es mir gerechtfertigt, Ihnen in kur-
zen Worten zu erklären, warum ich Ihnen mit Fragen der Theorie
anliege und davon nicht ablassen mag.
37 George Road Um nicht hinterm Berge zu halten: ich messe der in jenem beige-
Birmingham 15 schlossenen Artikel skizzierten Theorie erhebliche Bedeutung bei.
3.2.65 Sie stellt in meinen Augen ein Stück der folgerichtigen Weiter-
entwicklung der Marxschen Theorie für die gegenwärtige Ge-
Lieber Teddie, schichtsepoche dar, gegründet auf deren legitimes Fundament, die
Sie sind ein guter Freund, mich so zu beschenken! und ohne den Warenanalyse oder, allgemeiner noch, die Formanalyse des gesell-
Brief abzuwarten, der zweifellos kommen wird und auf den ich schaftlichen Nexus der einen oder anderen Art. Tatsächlich ist
ungeheuer gespannt bin, muß ich Ihnen auf der Stelle sagen, wie meine Analyse in zwei Teilen: 1. der fortgeführten Warenanalyse,
sehr mich dieser Reichtum an Büchern von Ihnen und Benjamin von der jener Aufsatz Andeutung macht, und 2. einer Formanalyse
beglückt. Ich kann mich von den offenen Seiten kaum wegreißen der modernen mechanisierten Betriebsformen einschließlich der
und wünsche nur, daß mich mein Vorgefühl nicht trugt, daß sich Automation, aus der sich ergibt, daß diese Betriebsformen die Ele-
bald wieder eine von den seltenen Perioden nähert, wo ich mich mente zu einem neuartigen gesellschaftlichen Nexus in sich enthal-
mit [T]heorie befassen kann. ten, welcher den Warennexus abzulösen bestimmt und bereits im
In Freundschaft und Dankbarkeit Gange ist und als Grundlage einer geldlosen Gesellschaft zu dienen
Ihr Alfred vermag. Wenn das zutrifft, so folgt, daß die eigentliche kommuni-
stische Revolution noch bevorsteht, und zwar in der westlichen
Welt und als Ergebnis der fortgeschrittensten Entwicklungen in
Manuskript, Nachlaß Adorno.
den fortgeschrittensten Ländern. Die östlichen Entwicklungen
Reichtum an Büchern von Ihnen und Benjamin: Welche Bücher Sohn- dagegen, von der Oktober-Revolution bis Kuba, haben unmittelbar
Rethel von Adorno erhielt, war nicht mehr zu ermitteln.
mit der Umwälzung zum Kommunismus garnichts zu tun. Sie sind
im Gegenteil Entwicklungen hinterm Kapitalismus zurückgebliebe-
ner Länder und aus Bauernrevolutionen entsprungen. Sie haben
ihre eignen Notwendigkeiten und sind selbstredend von ungeheu-
rer geschichtlicher Bedeutung. Aber sie stellen Seitenentwicklun-
38 SOHN-RETHEL AN ADORNO
gen dar, die in die westliche Hauptentwicklung nur früher oder
später, d.h. vor oder nach dem Umbruch zum Kommunismus, wie-
37, George Road der zurückmünden können. Fortschrittliche Weiterentwicklungen
Birmingham 15 des Marxismus lassen sich in diesen Ländern nicht erwarten.
15.2.65 Ich brauche Ihnen nicht weitläufig zu erklären, daß ich mit dieser
Theorie vollkommen allein stehe. In den Ostblockländern und den
Lieber Teddie, angeschlossenen kommunistischen Parteien kann sie nur die hef-
wahrscheinlich sind Sie so überlastet und gehetzt, daß Sie sich mei- tigste Feindschaft erwecken, und außerhalb dieses Kreises fehlt es,
nem Brief vom 24.1. und dem ihm beigeschlossenen Aufsatz gar- wenigstens in England, erst recht am nötigen Verständnis für mar-
nicht zuwenden können, und den Plagegeist will ich weiß Gott xistisches Denken. Tatsächlich weiß ich niemanden, an den ich

140 141
mich wenden könnte, als eben Sie und das Institut. Daher die unge- Auch sonst ist meine Reise weiterhin sehr erfreulich und sehr er-
heure Spannung, mit der ich Ihrer Antwort auf den ersten und nun folgreich verlaufen.
auch den jetzigen Brief entgegensehe. Dabei ist es mir nur um Ihr Vor allem aber schreibe ich heute wegen des Nachlasses von Walter
theoretisches Interesse zu tun, nicht um materielle Hilfe irgendwel- Benjamin, in den ich Einsicht nehmen konnte, wenngleich nicht
cher Art. mehr als ein Tag dafür zur Verfügung blieb. Der Nachlaß ist geord-
Ich dränge Sie nicht um eine Antwort, aber lassen doch bitte Sie net, annäherungsweise wenigstens, und umfaßt 51 sehr verschie-
oder Gretl mich auf einer Postkarte wissen, worauf ich hoffen darf. den starke Aktenbände, von denen ich nur die wichtigsten gesehen
Und vergessen Sie bitte nicht meine Anfrage wegen des Benjamin- habe. 36 von diesen sind mit Korrespondenz von und an W.B. ange-
schen Nachlasses und wegen Carl Dreyfus. füllt (die hauptsächlichen Korrespondenten sind: Schwester, Frau
In alter Freundschaft und Sohn, Sie und Felicitas, Horkheimer, Leo Löwenthal und Pol-
Ihr Alfred lock, Brecht und Helene Weigel, Scholem, Ernst Schoen, Ernst
Bloch, A[ffred] Kurella und ich, Gisele Freund od. Blum, Germaine
Krull, Klaus Mann, Hermann Hesse, Max Brod, Wüh. Speyer, Rud.
Typoskript, Nachlaß Adorno. Olden, Rud. Al. Schröder, Willy Bredel, Karl Thieme, Max Aron).
Ferner ist da ein Testament vom 27. Juli 1932 datiert; eine Karto-
mein Brief vom 24.1. und der ihm beigeschlossene Aufsatz: s. den Nachweis
thek von Veröffentlichungen von der frühesten Zeit, 1911 bis 1928,
zu Brief Nr. 36.
115 Titel umfassend (der Großzahl nach in der Literarischen Welt
u. im Literaturblatt der F[rankfurter] Z[eitung]); alsdann eine,
möglicherweise vollständige Sammlung von Durchschlägen seiner
Radiovorträge, die nicht weniger als 571 Seiten umfaßt (und in
39 SOHN-RETHEL AN ADORNO deren faszinierender Lektüre ich mich fast verloren hätte); weiter-
hin die Maschinendurchschläge der »Berliner Kindheit«, Exempla-
37, George Road re der Einbahnstraße und des Trauerspiels, abgesehen von Bücher-
Birmingham 15 listen, einem Adreßbuch und einem Notizbuch, Scheidungs- und
27.4.65 Erbschaftsdokumente, Photographien etc. Aber nun das bedeu-
tendste und überraschendste Stück: ein sorgfältiges handschriftli-
Lieber Teddie, ches Manuscript von 97 Seiten über Baudelaire, das keinen Ge-
Ich hoffe, daß Sie mit gehörig erfrischter Gesundheit von Sils Maria samttitel und kein Datum trägt, wohl aber 15 Kapitelüberschriften
zurückgekommen sind. Sie schienen sich nach der Erholung zu enthält. An seinem sehr späten Abfassungsdatum ist nach dem
sehnen, an jenem Tage, an dem ich Sie wiedersah. Der Tag wird mir Inhalt kein Zweifel (obwohl ich keine Zeit hatte, es im Zusammen-
unvergeßlich bleiben. Vielleicht wird er für mich auch den Ein- hang zu lesen). Vielleicht können Sie das Rätsel lösen, warum die-
schnitt markieren von der Produktion für die Schublade zur Pro- ses nicht unter den Sachen war, die er durch den Verwandten des
duktion für den Druck! An Dr. Benseler bei Luchterhand habe ich Direktors der Bibliotheque Nationale gerettet hat. Um Ihnen einen
freilich noch nicht geschrieben, da ich vorerst Haselpeters Anre- Vergleich mit den in Ihrer Hand befindlichen Manuscripten zu
gung auf Aufarbeitung meiner Aufzeichnungen aufgegriffen habe, ermöglichen, habe ich die erste Seite sowie den Schlußabsatz dieses
übrigens auch in Besprechungen mit Leuten in Ost- sowohl wie in Manuscripts abgeschrieben. Ich lege Ihnen die Abschrift auf geson-
West-Berlin (wo ich mit dem »Argument -Kreis Kontakt gewann). dertem Blatte beL Natürlich wüßte ich gern, welche Bedeutung Sie

142 143
diesem Nachlaß beimessen. In den »Schriften« wird der Plan einer gang F. Haug herausgegebenen Zeitschrift für Philosophie und Sozialwis-
dreiteiligen Arbeit über Baudelaire erwähnt, wovon zwei Teile vor- senschaften »Das Argument«.
handen seien. Sollte dieses der dritte sein? der Nachlaß von Walter Benjamin: Sohn-Rethel hatte im Deutschen Zen-
Mit den herzlichsten Grüßen an Sie und Gretel, und bitte tralarchiv in Potsdam den Teil des Benjaminschen Nachlasses eingesehen,
auch an Haselpeter den Benjamin bei seiner Flucht in seiner Pariser Wohnung zurückließ und
Ihr Alfred der von der Gestapo beschlagnahmt wurde. »Benjamins Papiere [gerieten]
durch einen technischen Zufall bei der Verpackung in das Archiv der >Pari-
ser Tageszeitung, [...1. Während aufgrund eines Erlasses vom Februar
[Handschriftliches Postskriptum am Rand:] P.S. Könnten Sie wohl 1945, als der Leitung der Gestapo klar war, daß der Krieg verloren sei, so
Ihre ausgezeichnete Sekretärin darum bitten, mir die Adresse von gut wie alle Akten und Papiere in ihren Archiven vernichtet wurden [ ...],
Carl Dreyfus mitzuteilen, und würden Sie mir wohl den Namen entging das Archiv der >Pariser Tageszeitung< durch einen Sabotage-Akt
Ihrer Sekretärin ins Gedächtnis zurückrufen, damit ich auch direkt seines Bearbeiters der Vernichtung. Die betreffenden Pariser Papiere Ben-
an sie schreiben kann? - Gretel fand am Tage vor Ihrer Abreise jamins gelangten als Teil dieses Archivs nach Rußland, wo sie etwa fünf-
zehn Jahre zusammenblieben. Erst als aufgrund einer hochpolitischen
mein dickes Manuscript, das ich hätte mitnehmen sollen, und woll- Entscheidung um 1960 herum mit der Rückführung von Museen, Biblio-
te es mir eingeschrieben nachsenden. Mir liegt viel daran, es zu theken und Archiven in die DDR begonnen wurde, gelangte auch diese
haben, und vielleicht kann Gretel auch das Ihrer Sekretärin über- Sammlung in das Zentralarchiv in Potsdam.« (Gershom Scholem, Walter
lassen? Recht vielen Dank. Benjamin und sein Engel. Vierzehn Aufsätze und kleine Beiträge, hrsg. von
Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 1983, S. 186 E) Seit 1972 wird der in der
damaligen DDR befindliche Teil des Benjaminschen Nachlasses in den Lite-
ratur-Archiven der Deutschen Akademie der Künste in Berlin aufbewahrt
(vgl. den »Editorischen Bericht« der Herausgeber, in: Walter Benjamin,
Typoskript mit handschriftlichem Postskriptum; Nachlaß Adorno. Gesammelte Schriften, Bd. I(2), a.a.O., S. 761 f.).
Sils Maria: Ein Irrtum Sohn-Rethels. Adorno verbrachte vom 1. - 15. April Schwester: Dora Benjamin (1901-1946), Walter Benjamins Schwester.
seinen Urlaub in Baden-Baden.
Felicitas: So nannte Benjamin Gretel Adorno.
an jenem Tage, an dem ich Sie wiedersah: Sohn-Rethel besuchte Adorno am
30.3.1965 in Frankfurt und nicht, wie er irrtümlich angibt, im April. Das ein Testament vom 27. Juli 1932: Benjamin hatte, in der Absicht sich das
Treffen muß vor Adornos Aufenthalt in Baden-Baden stattgefunden haben, Leben zu nehmen, dieses Testament verfaßt.
wie aus den Briefen Nr. 39 u. 40 hervorgeht (vgl. »Notizen von einem Ge- in der Literarischen Welt u. im Literaturblatt der F.Z.: Die von Willy Haas
spräch zwischen Th. W. Adorno und A. Sohn-Rethel am 16.4. [recte: 30.3.] und Ernst Rowohlt 1925 gegründete Wochenschrift »Die literarische Welt«
1965«; jetzt in: Geistige und körperliche Arbeit [ed. 1989], a.a.O., war neben dem »Literaturblatt der Frankfurter Zeitung« der für Benjamin
S. 221-226). wichtigste Publikationsort während der Weimarer Republik.
Dr. Benseler bei Luchterhand: Frank Benseler (geh. 1929) war zu dieser Zeit seine Radiovorträge: vgl. Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd.
Lektor des Luchterhand Verlags und Herausgeber der Werke von Georg VII(1), Frankfurt a.M. 1989, S. 68 -249: »Rundfunkgeschichten für Kinder«
Lukäcs. und S. 250 -294: »Literarische Rundfunkvorträge«.
Haselpeters Anregung: Peter von Haselberg (s. die Anm. zu Brief Nr. 30) gab »Berliner Kindheit«: Adorno veröffentlichte 1950 die erste von ihm zusam-
die Anregung, Sohn-Rethels Aufzeichnungen und Analysen über die deut- mengestellte Buchausgabe der »Berliner Kindheit um Neunzehnhundert«
schen Ereignisse in den dreißiger Jahren zu veröffentlichen (s. Brief im Suhrkamp Verlag. Eine Fassung letzter Hand wurde erst 1981 in der
Nr. 43). Zu einer Publikation kam es erst 1973 (vgl. Sohn-Rethel, Ökonomie Bibliotheque Nationale wiedergefunden (jetzt in: Walter Benjamin, Gesam-
und Klassenstruktur des deutschen Faschismus, a.a.O.). melte Schriften, Bd. VII(1), a.a.O., S. 385 -430).
der »Argument«-Kreis: Mitarbeiter und Redaktion der in Berlin von Wolf- Einbahnstraße: vgl. Walter Benjamin, Einbahnstraße, Berlin 1928; jetzt in:
144 145
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. N(1), hrsg. von Tillman Rex- zierten Teddie vor sich haben. - In Baden-Baden haben wir uns
roth, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1981, S. 83 -148. ganz gut erholt, und ich sehe dem Semester - meine Hauptvorle-
Trauerspiel: vgl. Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, sung heißt: Metaphysik: Begriff und Probleme - zwar mißmutig
Berlin 1928; jetzt in: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. I(1), aber mit einiger Fassung entgegen.
a.a.O., S. 203-430.
Ihre Mitteilungen wegen Benjamin sind natürlich äußerst wichtig.
Manuscript von 97 Seiten: Eine frühe handschriftliche Fassung von »Das Dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie mir genau sagen würden, wo
Paris des Second Empire bei Baudelaire«; vgl. Walter Benjamin, Das Paris
eigentlich das Material sich befindet. Ich glaube verschiedene Mög-
des Second Empire bei Baudelaire, hrsg. von R. Heise, Berlin/Weimar 1971.
lichkeiten zu haben, daran heranzukommen. Die Baudelaire-Probe,
durch den Verwandten des Direktors der Bibliotheque Nationale: Georges die Sie mir geschickt haben, habe ich natürlich sogleich gelesen.
Bataille (1897-1962), der in der Bibliotheque Nationale als Bibliothekar
Die Gedankengänge sind mir einigermaßen vertraut, doch ist es
arbeitete, versteckte dort die Handschrift des Passagenwerks und weitere
Manuskripte Benjamins. durchaus möglich, daß die Formulierungen dieses Textes neu
sind - ich könnte mir darüber ein Urteil erst bilden, wenn ich ihn
die Abschrift: befindet sich im Nachlaß Adornos; auf einen Abdruck wird
hier verzichtet. gesehen habe. Tiedemann, der jetzt als Assistent von Taubes nach
Berlin geht (mein hochbegabter Schiher, der mit einer Arbeit über
der Name Ihrer Sekretärin: Elfriede Olbrich war seit 1953 die Sekretärin
Adornos. Benjamin glanzvoll promoviert hat), wird sich auch der Sache
annehmen, müßte dazu aber ebenfalls Näheres wissen. Ich habe
mein dickes Manuscript: Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um
ebenso meinen Freund Unseld, den Leiter des Suhrkamp Verlages
das unveröffentlichte englische Buchmanuskript (s. die Briefe Nr. 27 und
45) -Intellectual and Manual Labour. Critique of Idealistic Epistemology« informiert.
von 1951, das Sohn-Rethel nie übersetzt hat. Da es auch keine spätere Ihr Manuskript ist eingeschrieben Ende letzter Woche an Sie
revidierte Fassung dieses Manuskripts gibt, war es 1965 durchaus noch geschickt worden; für ein bestätigendes Wort wäre ich Ihnen dank-
aktuell (s. die Anm. zu Brief Nr. 27). bar.
Mein großes Buch hat eine gewisse Zäsur erreicht mit dem Ende
des Rohdiktats, einem Ende, das ich hoffe, nicht wieder rückgängig
machen zu müssen. Was vor mir liegt, ist zwar, schematisch gespro-
40 ADORNO AN SOHN-RETHEL chen, nur »Redaktion«, bedeutet aber nochmals eine Phase fast
unausdenkbarer Anstrengung. Halten Sie mir den Daumen, daß ich
damit fertig werde.
Prof. Dr. Theodor W. Adorno Schreiben Sie recht bald wieder.
Alles Liebe von uns beiden,
6 Frankfurt am Main 30. Apri11965 Ihr alter
Kettenhofweg 123 Teddie

Lieber Alfred,
schönsten Dank für Ihren Brief. Gretel und ich sind nicht weniger Typoskript mit gedrucktem Briefkopf und Korrekturen von Adornos Hand;
bewegt vom Wiedersehen gewesen als Sie, und ich möchte nur von Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)
ganzem Herzen wünschen, daß es sich bald wiederholt und unter Tiedemann, der jetzt als Assistent von Taubes: Rolf Tiedemann (geb. 1932)
Bedingungen, in denen Sie einen weniger erschöpften und redu- war von 1965 -1967 wissenschaftlicher Assistent an der von dem Judaisten

146 147
Jacob Taubes (1923 -1987) geleiteten Abteilung Hermeneutik am Philoso- ich Sie angetroffen habe, die Abfassung dieses Manuscripts bis zum
phischen Seminar in Berlin. »Ende des Rohdiktats« haben fördern können, ist mir weiß Gott
Arbeit über Benjamin: vgl. Rolf Tiedemann, Studien zur Philosophie Walter schleierhaft! Sie schienen mir gerade dazu bereit, in einem stillen
Benjamins. Mit einer Vorrede von Theodor W. Adorno, Frankfurt a.M. Alpenwinkel vorerst einmal alle Viere von sich zu strecken. An
1965. (Frankfurter Beiträge zur Soziologie. 16) Ihrer Produktivkraft gemessen hat der Tag offenbar drei- oder vier-
mein großes Buch: die »Negative Dialektik«. mal so viele Stunden als für
Ihren gewöhnlichen Sterblichen
Alfred

[Handschriftliches Postskriptum:] P.S. Könnten Sie Ihre so nette


41 SOHN-RETHEL AN ADORNO und kluge Sekretärin darum bitten, mir die Adresse von Carl Drey-
fus zu schreiben und die Karte leserlich zu unterschreiben [,] damit
37 George Road, ich mich wieder an ihren Namen erinnere?
Edgbaston,
Birmingham 15.
den 19. Mai 1965 Typoskript mit gedrucktem Briefkopf und handschriftlichem Postskrip-
tum; Nachlaß Adorno.
Lieber Teddie, in einem stillen Alpenwinkel: s. die Anm. zu Brief Nr. 39.
Vielen Dank für Ihren Brief vom 30. April. Bitte verzeihen Sie mir Adresse von Carl Dreyfus: Elfriede Olbrich teilte Sohn-Rethel am 25.5.1965
diese arg verspätete Antwort: ich hatte erst Grippe und dann Schul- die Adresse mit; Carl Dreyfus wohnte in München.
examen!
Ja, mein Manuscript ist gut hier eingetroffen, schon vor geraumer
Zeit. Recht vielen Dank.
Der Nachlaß Benjamins liegt im »Staatlichen Zentral-Archiv« in 42 ADORNO AN SOHN-RETHEL
Potsdam Den Zugang dazu gewährt das Innenministerium, in
meinem Falle ohne allzu große Schwierigkeiten, nämlich ohne die
dafür eigentlich verlangte Antragsfrist. Freilich war ich gehörig [Neapel,] B. Oktober 1966
empfohlen. Ihren Bemerkungen entnehme ich, daß das Baudelaire-
Manuscript kein Duplikat ist. Umso rätselhafter, warum es sich Lieber Alfred, seit 1929 zum ersten Mal wieder hier, denk ich an
nicht unter den Papieren befand, die er durch die Bibliotheque 1929, Capri, Positano, und grüße Sie aufs herzlichste. Hier ist es
Nationale gesichert hatte. sehr anders geworden, zahllose Neubauten und viel Ordnung und
Ist die Schrift Ihres Schülers Tiedemann, der »mit einer Arbeit Sauberkeit, aber es ist doch noch schön. - Unterdessen ist mein
über Benjamin glanzvoll promoviert hat«, wie Sie schreiben, im großes Buch »Negative Dialektik« ganz fertig und wird ausge-
Druck erschienen? Es würde mich sehr interessieren, sie zu sehen. druckt. Sie sind darin zitiert und erhalten natürlich ein Exemplar,
Zur Vollendung Ihres eigenen großen Buches über Negative Dialek- sobald es heraus ist. - Wann man sich wohl wiedersieht?
tik wünsche ich Ihnen in der Tat den besten Erfolg. Wie Sie in In alter Freundschaft herzlichst
Anbetracht des Zustandes der Abarbeitung und Ermüdung, in dem Ihr Teddie Adorno

148 149
Ansichtskarte: Napoli, Castel Dell' Ovo e Borgo Marinaro; Nachlaß Sohn- alles unter »das affirmative Wesen«, von dem »das Buch die Dialek-
Rethel. (Druckvorlage: Photokopie) tik befreien möchte«? Oder steht es so damit, daß Sie zwar die nöti-
seit 1929 zum ersten Mal wieder hier, denk ich an 1929: Ein Aufenthalt gen Verän[der]ungen der Welt nicht fair unmöglich halten, wohl
Adornos in Neapel ist für 1929 nicht belegt; vermutlich erinnerte er sich an aber ihre Bedeutung als »Verwirklichung der Philosophie«? Dann
seine Reise im Jahr 1928. Die Begegnung mit Sohn-Rethel jedenfalls fand wären also die Denkformen nicht vom gesellschaftlichen Sein be-
bereits 1925 statt (s. den folgenden Brief).
stimmt, und wir wären also zum dialektischen Idealismus zurück
Sie sind darin zitiert: Die von Adorno gemeinte Stelle, die kein direktes Zitat gelangt?
beinhaltet, lautet: »Optisch vermittelt ist nicht bloß das reine Ich durchs
Ohne Antworten hierauf, weiß ich mich kaum noch zurecht zu
empirische, das als Modell der ersten Fassung der Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe unverkennbar durchscheint, sondern das transzenden- Emden. Erinnern Sie sich noch an das philosophische Gespräch
tale Prinzip selber, an welchem die Philosophie ihr Erstes gegenüber dem zwischen Walter Benjamin und Ihnen und Kracauer in Neapel 1924
Seienden zu besitzen glaubt. Alfred Sohn-Rethel hat zuerst darauf aufinerk- (oder 1925?), bei dem ich auch zugegen war? -
sam gemacht, daß in ihm, der allgemeinen und notwendigen Tätigkeit des Die besten Wünsche und allerherzlichsten Grüße an Sie und Gretl,
Geistes, unabdingbar gesellschaftliche Arbeit sich birgt.« (Adorno, Gesam-
melte Schriften, Bd. 6, a a.0., S. 178; in der Erstausgabe von 1966 Emdet und auch an »Haselpeter« wenn Sie ihn sehen (seine Anregung von
sich das Zitat auf S. 176; s. dazu den nachstehenden Brief) Erinnerungen an die Nazizeit kann ich, zumindest in dieser Form,
nicht befolgen, mein Material reicht dazu nicht aus)
und den tiefsten Dank fair das Buch, lieber Teddie,
von Ihrem Alfred.

43 SOHN-RETHEL AN ADORNO P.S. Das angekündigte Zitat von mir habe ich beim Durchblättern
im Buch nicht gefunden. Wo ist es?

Birmingham [J 18.12.66
Vierseitige Weihnachtskarte der UNICEF, Manuskript; Nachlaß Adorno.
Soeben traf Ihr Buch ein! Wonderful! What a Xmas gilt! Ich
wünschte, ich könnte alles Andere beiseitestellen und mich nur Ihr Buch: die »Negative Dialektik«; die Zitate im Brief Emden sich in der
»Vorrede« und »Einleitung« zu diesem Buch.
mit dem Buch zurückziehen. Leider aber liegt so viel anderes im
Wege. Neapel 1924 (oder 1925?): Über dieses Treffen, das im September 1925
stattfand, berichtete Adorno am 15.10.1925 in einem Brief an Alban Berg:
Zu Beginn der Einleitung steht sogleich: ».., nachdem die Verände- »In Neapel trafen wir, kurz vor der Rückkunft, Benjamin und lieferten uns
rung der Welt mißlang.« Das liest sich wie das Fazit einer abge- [Adorno reiste zusammen mit seinem Freund Siegfried Kracauerl mit ihm
schlossenen Vergangenheit. Sind Sie dessen so sicher? Für die SU eine philosophische Schlacht, in der wir zwar das Feld zu behaupten ver-
und Anhang gebe ich Ihnen das zu, aber schon für China bin ich mochten, aber gleichwohl es recht sehr notwendig fanden, unsere Kräfte
nicht so sicher. Und wenn es auch dort mißlingt, wird es weitere umzugruppieren; ein strategisches Beginnen, das bis heute noch nicht tu-
ende kam.« (Walter Benjamin 1892 -1940. Eine Ausstellung des Theodor
Versuche geben, nicht nur bei den Verspäteten, und ich bin immer W. Adorno Archivs Frankfurt am Main in Verbindung mit dem Deutschen
noch der treugläubigen Überzeugung, daß die Welt entweder zer- Literaturarchiv Marbach am Neckar, bearbeitet von Rolf Tiedemann, Chri-
schellen wird oder von den Menschen verändert werden muß. Da- stoph Gödde und Henri Lonitz, Marbacher Magazin Nr. 55, hrsg. von Ulrich
für ist »unabsehbare Zeit« nicht gegeben. Und hat die negative Ott, 3. Aufl., Marbach am Neckar 1991, S. 210)
Dialektik keinen Bezug auf die Veränderung der Welt? Fällt das »Haselpeter« / seine Anregung: s. die Anm. zu Brief Nr. 39.
150 151
44 ADORNO AN SOHN-RETHEL heißen mag, darüber hinweggegangen. Man sollte doch wirklich
versuchen, aus seinen Fehlern zu lernen, ohne daß man seinen
Motiven untreu wird - daß ich, gerade ich das nicht tue, werden Sie
Prof. Dr. Theodor W. Adorno mir glauben.
Zu Weihnachten wünsche ich Ihnen alles Herzliche; die Gretel
6 Frankfurt am Main 23. Dezember 1966
grüßt schönstens.
Kettenhofweg 123
Immer Ihr alter
Lieber Alfred, Teddie
schönsten Dank für Ihre Zeilen.
Nein, wörtlich zitiert habe ich Sie nicht, dagegen nachdrücklich [Handschriftliches Postskriptum:] Kracauer ist vor ein paar Wo-
genannt auf Seite 176, in dem zentralen Kapitel über die Katego- chen in New York gestorben; die Witwe hat es nicht einmal für
rien der negativen Dialektik. Wenn ich Sie um etwas bitten darf, so nötig gehalten, mir zu schreiben, woran; und ob er seinen ge-
wäre es, daß Sie das Buch von Anfang bis Ende lesen; es ist sehr schichtsphilosophischen Plan realisieren konnte.
gebaut, und man bekommt eine angemessene Vorstellung wirklich Zu »Verwirklichung der Philosophie«: ich glaube, das Problem ist
nur, wenn man die ganze Konstruktion mitvollzieht. falsch gestellt. Es interpretiert den Marxismus total und das heißt:
Die Fragen, die Sie aufwerfen, sind viel zu schwierig, als daß ich sie idealistisch. Es gibt kein Kontinuum - keine Identität von Theorie
in einem Brief, den ich mitten im Gedränge schreibe, auch nur und Praxis. Diese ist, in gewissem Sinn, bescheidener als die Philo-
anschneiden möchte. Hoffentlich bald mündlich! Nur soviel sei ge- sophie; und Philosophie wiederum geht nicht in Marxismus auf.
sagt - ich wehre mich auch gegen den vom offiziellen Marxismus Auch davon steht allerhand in der ND!
ausgehenden Gewissenszwang, der in einer bestimmten Art von Herzlichst!
Positivität besteht, und halte es mit dem Satz von Grabbe »Denn
nichts als nur Verzweiflung kann uns retten«. Daß diese Partie
unter allen Umständen gut ausgehen müsse, ist zwar nur einer der
Gründe, aber doch immerhin einer dafür, daß sie wahrscheinlich Typoskript mit gedrucktem Briefkopf, Korrekturen und einem Postskrip-
tum von Adornos Hand; Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)
verloren geht. Daß daran eine tiefe Beschädigung der Theorie
selbst ein Maß an Schuld trägt, darüber kann ich mich nicht betrü- auf Seite 176: s. den Nachweis zu Brief Nr. 42.
gen. In der zweiten Hälfte gerade des zweiten Teils werden Sie dazu der Satz von Grabbe: » - und nichts / Als nur Verzweiflung kann uns
einiges finden, wenn ich natürlich auch mir den Übergang in die retten!« (Christian Dietrich Grabbe, Herzog Theodor von Gothland. Eine
explizite Ökonomie versagen mußte. Aber wie gesagt: lesen Sie das Tragödie in fünf Akten, III. Akt, 1. Szene; in: Werke und Briefe, ed. Alfred
Bergmann, Bd. 1, Darmstadt 1960, S. 95)
Ganze, und richten Sie selbst. Daß bei dem, was in China sich
zuträgt, irgendwelche Hoffnung sei, kann ich nicht glauben - ich bei dem, was in China sich zuträgt: Gemeint ist die chinesische »Kulturre-
volution« von 1965 -1968.
müßte alles verleugnen, was ich mein Leben [lang] gedacht habe,
wenn ich vorgeben wollte, etwas anderes dabei zu empfinden als nach einem von Freud beschriebenen Schema: Die wohl prägnanteste For-
Grauen. Und wenn mich etwas von Benjamin unterscheidet, dann mulierung dessen, woran Adorno hier denkt, die »Identifikation mit dem
Angreifer«, findet sich in Anna Freuds Buch »Das Ich und die Abwehrme-
ist es das, daß ich nicht, nach einem von Freud beschriebenen Sche- chanismen«, London 1946, S. 125 f.; Adorno zitiert diese Formulierung in
ma, zu dem überlaufe, wovor mir graut. Das Benjamin-Gespräch, seinem Aufsatz »Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie« (vgl.
das Sie anführen - mein Gott, wie ist der Weltgeist, oder wie das Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 8, a.a.O., S. 76).
152 153
Krnror Pr / sein geschichtsphilosophischer Plan: Siegfried Kracauer stes eine Kritik der Marxschen Warenanalyse, die aber die Kennt-
(1889 -1966) war seit 1914 mit Adorno befreundet. Sein unvollendet geblie- nis des beiliegenden Textes voraussetzt. Dieser Text soll in der New
benes Buch »History - The Last Things Before The Last« erschien posthum Left Review erscheinen, wahrscheinlich im Sommer/Herbst (No.
in New York 1969; die deutsche Ausgabe erfolgte 1971 (vgl. Siegfried Kra-
eauer, Schriften, Bd. 4: Geschichte von den letzten Dingen. Aus dem Ameri- 56). Die ersten 5 Seiten habe ich selbst ins Deutsche gebracht und
kanischen von Karsten Witte, Frankfurt a.M. 1971). [sie] sind mehr als bloße Übersetzung. Allerdings fehlt dazu auch
die (wichtige) p. 2-3 des englischen Textes. Darum schicke ich Ih-
Zu »Verwirklichung der Philosophie«: Adorno erwidert Sohn-Rethels Ein-
wände zur Einleitung der »Negativen Dialektik« (s. Brief Nr. 43) und be- nen die Sache in dieser deutsch-englischen Zusammensetzung. Da
zieht sich auf den ersten Satz der »Einleitung«: »Philosophie, die einmal wo das Englische anfängt, beginnt der streng systematische Text,
überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirkli- den ich mich nicht selber zu übersetzen getraue. Wie Sie sehen
chung versäumt ward.« (Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 6, aa.0., S. 15) werden, handelt es sich bei dem Unternehmen um eine, auf die
ND: »Negative Dialektik«. Kritik der Erkenntnistheorie statt auf die der Ökonomie gerichtete
Neubegründung der Theorie des Marxismus. Sie hat deshalb genau
genommen zu werden. Textlich sowohl wie theoretisch. Bitte seien
Sie deshalb so kritisch, wie Sie können. Aber bedenken Sie dabei,
daß es sich nur um das Grundlegungsstück handelt, nicht um die
45 SOHN-RETHEL AN ADORNO ganze Theorie, nur um das Stück, das der Warenanalyse, also dem
1. Kap. des Kapital entspricht und - dies ist mein Standpunkt -
37, George Road diese Analyse theoretisch zu ersetzen hat. Die eben erwähnte Kritik
Birmingham 15 der Marxschen Warenanalyse hat die Form eines an Sie gerichteten
21. April 1969 Briefes (sie hat sich aus einem solchen entwickelt), richtet sich aber
auch an Habermas und an Alfred Schmidt und ist als Material zu
Lieber Teddie, einer gründlichen Diskussion zu viert intendiert, die ich zustande-
Seit meinem Besuch bei Ihnen vor 4 Jahren ([März] 1965) habe ich bringen möchte. Wenn Sie das fair möglich halten, würde ich dazu
nichts von mir hören lassen. Damals verließ ich Sie mit dem von nach Frankfurt kommen, wenn es geht, im Juni. Mit der weiteren
Ihnen angeregten Entschluß, mein englisches, unveröffentlicht Theorie, die auf das Grundlegungsstück folgen soll, bin ich noch an
gebliebenes Manuscript auf deutsch neu zu schreiben. Dazu ist es der Arbeit. Sie befaßt sich mit den Gegenwartsfragen der kapitali-
nicht gekommen. Erst kürzlich habe ich mich von der lästigen u. stischen Entwicklung, einerseits, und der bürokratischen Klassen-
zeitraubenden Schularbeit freimachen können, und dann bin ich gesellschaft sowjetischer Observanz, andrerseits.
beim Englischen geblieben, weil ich fand, daß ich mit dem Deut- Noch ein Wort zu dem beiliegenden Text. Ich sende ihn ebenfalls
schen zu sehr den Kontakt verloren habe, wenigstens zeitweilig. an Habermas, mit einem Begleitbrief, von dem ich Ihnen eine Ko-
Das jetzige Manuscript, das hier beiliegt, ist wieder nur ein Artikel. pie beilege for your information so to speak. Habermas habe ich
Aber lassen Sie sich davon nicht täuschen. Ich empfehle es Ihrer diesen Sommer in KorbAa getroffen, aber nicht kennen gelernt,
besonderen Aufmerksamkeit. Meine Theorie ist aus dem Stadium weil er dreimal ostentativ einer Diskussion mit mir aus dem Wege
des Geplänkels heraus, ich habe endlich den Berg erklommen, auf gegangen ist. Aus welchen Gründen, ob theoretischen oder persön-
den die Artillerieposition gehört. Die einzelnen Bestückungen, so- licher Antipathie, habe ich keine Ahnung. Hat er damals das Ma-
zusagen, sind nicht groß, wenigstens vorerst nicht, aber sie haben nuscript gesehen, das ich Ihnen geschickt hatte und das Sie an Dr.
es in sich. Es werden dem jetzigen Stücke andere folgen. Als näch- Schmidt weitergeleitet haben? Auf einen Kontakt mit Alfred
154 155
Schmidt lege ich den allergrößten Wert, und hoffe, daß im Juni or Diskussion mit Habermas interessiert. - Alfred Schmidt war 1969 Lehr-
thereabouts eine Begegnung mit ihm zustandekommt. beauftragter fair Philosophie an der Universität Frankfurt am Main. Er
Bitte geben Sie Ihrer Aufnahme von alledem Ausdruck und ent- hatte in den sechziger Jahren mehrere Arbeiten zur materialistischen Dia-
lektik publiziert und war Sahn-Rethel durch Adorno empfohlen worden. Die
schuldigen Sie bitte mein miserables Typoscript. Ich bin kein ge- von Sohn-Rethel geplante Diskussion zu viert kam nicht mehr zustande
lernter Stenotypist und habe keine Sekretärin. (s. die folgenden Briefe).
Mit den besten Grüßen, auch an Gretl bitte, und Haselpeter if he is diesen Sommer in Korcula: In Korcula, Jugoslawien, fand im Sommer 1968
still about und Frl. Geismar ein internationaler Kongreß zur Rezeption der Marxschen Theorie statt.
Ihr Alfred
das Manuscript [..] das Sie an Dr. Schmidt weitergeleitet haben: der in
»Marxism Today« publizierte Aufsatz »Historical Materialist Theory of
[Handschriftliches Postskriptum:] P.S. Ich habe mich entschlos- Knowledge«; s. den Nachweis zu Brief Nr. 36.
sen, Ihnen doch den vollen englischen Text mitzuschicken, außer Frl. Geismar: nicht ermittelt.
den ersten 5-6 deutschen Seiten, hauptsächlich, weil ich mir mei-
Ihnen doch den vollen englischen Text mitzuschicken: im Nachlaß Adornos
nes Deutschen nicht genügend sicher bin und froh wäre, wenn sich
nicht vorhanden.
eine bessere Übersetzung machen ließe.
Ich vergaß zu erwähnen, aber es versteht sich wohl von selbst, daß
mir sehr an einer Veröffentlichung in Deutschland gelegen wäre.

46 ADORNO AN SOHN-RETHEL
Typoskript mit Korrekturen und Postskriptum von Sohn-Rethels Hand;
Nachlaß Adorno.
mein Besuch bei Ihnen vor 4 Jahren: s. die Anm. zu Brief Nr. 39. Prof. Dr. Theodor W. Adorno
mein englisches, unveröffentlichtgebliebenes Manuscript: s. das Postskrip- 6 Frankfurt am Main 14. Mai 1969
tum zu Brief Nr. 39 und die Anmerkung dazu.
Kettenhofweg 123
Das jetzige Manuscript: Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche
Arbeit. Versuch einer materialistischen Theorie. In Adornos Nachlaß sind Lieber Alfred,
5 1/2 Seiten dieses Textes, die von Sohn-Rethel ins Deutsche übersetzte
»Einleitung«, erhalten. Die englische Fortsetzung des Artikels, von der mit dem Dank für Ihren Brief vom 21. April und das Manuskript
Sohn-Rethel im Brief spricht, ist verschollen. - Im Nachlaß Sohn-Rethels verbinde ich die Bitte, mein allzu langes Schweigen zu entschuldi-
ist das englische Typoskript »Intellectual and Manual Labour« vorhanden, gen. Ich habe unterdessen die grauenhafte Erfahrung gemacht, daß
mit der handschriftlichen Notiz, daß es für den Druck in der »New Left linke Studenten meine - meine! - Vorlesung in der widerlichsten
Review« bestimmt sei, so, wie Sohn-Rethel es im Brief ankündigt; dort ist Weise gesprengt haben; die Geschichte mit der Polizei war ein blo-
es aber nie erschienen. Eine gekürzte Fassung wurde in der Zeitschrift
»Radical Philosophy«, Jg. 6, 1973, S. 30-37 publiziert; zu einer Veröffentli- ßer Vorwand, da uns bei der Besetzung im Januar gar keine andere
chung in Deutschland kam es nicht. Wahl blieb, und der Studentenanführer die ganze Aktion nur ge-
macht hatte, um uns zu der Gegenmaßnahme zu zwingen, die ihm
Habermas und Alfred Schmidt/ Diskussion zu viert: Sohn-Rethel hatte in
Jürgen Habermas' Buch »Erkenntnis und Interesse« (Frankfurt a.M. 1968) dann propagandistisches Material auf die kaum auch nur mehr
Berührungspunkte mit seiner Theorie einer Deduktion der Erkenntniska- klappernde Mühle lieferte. Ich habe meine Vorlesungen einstwei-
tegorien aus dem gesellschaftlichen Prozeß gesehen und war daher an einer len abgesagt, und bis zur Stunde ist es noch unsicher, ob ich die
156 157
Dinge überhaupt wieder aufnehme. Unter diesen Umständen ist es Typoskript mit gedrucktem Briefkopf und Korrekturen von Adornos Hand;
mir kaum möglich, etwas anderes zu tun, als mich wie ein Tier in Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvorlage: Photokopie)
meine Höhle zu verkriechen und an meinen eigenen Sachen zu die Geschichte mit der Polizei: Adorno hatte am 31.1.1969 als mitverant-
arbeiten. Deshalb bin ich auch noch nicht dazu gekommen, Ihre wortlicher Institutsleiter die Räumung des Instituts durch die Polizei ver-
anlaßt, nachdem eine Gruppe von Studenten der wiederholten Aufforde-
Sache richtig zu studieren. Sobald ich dazu fähig bin, schreibe ich
rung, das Gebäude zu verlassen, nicht gefolgt war.
Ihnen darüber. Daß ich es im Augenblick nicht fertig bringe, mag
der Studentenanführer: Hans-Jürgen Krahl (1943 -1970) war führendes
Ihnen einiges über meinen Zustand verraten.
Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und Doktorand
Nur zu dem Äußeren, der Publikations-Chance, ein paar Worte. bei Adorno.
Mein eigener Verleger, Suhrkamp, verfügt nicht unmittelbar über
Publikation-Chance / »Kursbuch«: Wie bereits erwähnt (s. die Arm. zu
eine Zeitschrift. Daß man die Arbeit in dem im Verlag erscheinen- Brief Nr. 45) wurde Sohn-Rethels »Artikel« in Deutschland nicht veröffent-
den, aber ganz und gar von den aktionistischen Apo-Leuten be- licht. Im September 1970 konnte Sohn-Rethel jedoch im »Kursbuch« eine
herrschten »Kursbuch« bringen wird, halte ich für unwahrschein- seiner frühen Arbeiten publizieren und hatte im Anschluß an den Text Ge-
lich. Am ehesten wäre noch eine Chance, daß eine Zeitschrift wie legenheit, über seine Arbeit beim »Mitteleuropäischen Wirtschaftstag« aus-
das »Argument« (1 Berlin 30/2, Postfach 67) die Sache druckte. führlich zu berichten (vgl. Sohn-Rethel, Die soziale Rekonsolidierung des
Kapitalismus [September 1932] - Ein Kommentar nach 38 Jahren; in:
Wenn Sie ein überzähliges Exemplar haben, so schicken Sie es doch Kursbuch, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Heft 21, Berlin, Septem-
bitte dorthin. Wenn Sie ein druckfertiges Buchmanuskript haben, ber 1970). Das »Kursbuch« wurde bis März 1970 (Heft 20) im Suhrkamp
will ich es gern Unseld, dem Leiter des Suhrkamp Verlags, geben Verlag verlegt und erschien ab Heft 21 im eigens gegründeten Kursbuch
und empfehlen; der Suhrkamp Verlag hat eine Reihe von Möglich- Verlag in Berlin.
keiten, solche Texte zu publizieren, und wie ich die Situation ken- eine kleine Essaysammlung nach Art der »Eingriffe«: Der erste Band der
ne, wird ihm alles willkommen sein, was ernsthaft theoretisch zur »Kritischen Modelle« unter dem Titel »Eingriffe« war 1963 in der »edition
Marxismus-Diskussion beiträgt. suhrkamp« erschienen (s. den Nachweis zu Brief Nr. 36); der zweite Band,
die Essaysammlung »Stichworte«, wurde zwar noch von Adorno für den
Daß Habermas Ihnen ausgewichen ist, oder das mindeste gegen Sie
Druck vorbereitet, erschien aber erst unmittelbar nach seinem Tod in der-
hat, halte ich für gänzlich ausgeschlossen. Ich werde mit ihm bei selben Reihe (beide Bände jetzt in: Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 10.2,
nächster sich bietender Gelegenheit sprechen. Wir sind sehr be- a.a.O.).
freundet, und auch in allen hier sich zutragenden Dingen völlig mein großes ästhetisches Buch: die aus dem Nachlaß herausgegebene, un-
solidarisch. Daß Alfred Schmidt ein Schüler und Habilitand von vollendet gebliebene »Ästhetische Theorie« erschien 1970 im Suhrkamp
mir ist, wissen Sie wohl. Verlag (Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 7: Ästhetische
Gretel erwidert Ihre Grüße aufs schönste. Dem Haselpeter geht es Theorie, 5. Aufl., Frankfurt a.M. 1990).
gesundheitlich leider nicht sehr gut; er hat eine Arthrose, die zwar
im Augenblick sich nicht unmittelbar bemerkbar macht, mögli-
cherweise aber doch lästige und langwierige operative Behandlung
verlangt. Ich selbst schließe eine kleine Essaysammlung nach Art
der »Eingriffe« ab, mit der ich mir ein bißchen Zeit erkauft habe bis
zum Abschluß meines großen ästhetischen Buches.
Sehr herzlich wie stets, auch von Gretel,
Ihr alter
Teddie

158 159
47 SOHN-RETHEL AN ADORNO dieses Mss. der Prüfung standhalten kann. Dann aber ist der näch-
ste Schritt die Erwägung der Konsequenzen, die diese Theorie für
die Marxsche Warenanalyse, also überhaupt für die theoretischen
37, George Road Grundlagen des Marxismus nach sich zieht. Dafür halte ich ein
Birmingham 15 Diskussionsmaterial bereit, das ich Ihnen dreien zusenden möchte,
23. Mai 1969 wenn es gewünscht wird, d.h. wenn eine Diskussion dieser Art in
praktischer Aussicht steht. Bitte verspotten Sie diese Pläne nicht
Lieber Teddie, gleich unter Titeln wie Frankfurter Konzil oder dgl., aber sagen Sie
Recht vielen herzlichen Dank für Ihren Brief vom 14., geschrieben mir rundheraus, wieweit das utopische Illusionen, eben Außensei-
in all Ihrer Bedrängnis. In dieser habe ich Ihnen nichts zu bieten ter-Vorstellungen sind, denen ich mich da hingebe. Und glauben
als die Versicherung meiner Sympathien. Zur Beurteilung der Din- Sie, daß es einen Zweck hätte, wenn ich für einige Tage nach
ge fehlen mir alle Voraussetzungen. Ausnahmsweise kann ich mir Frankfurt käme? Ich kann das, was Zeit und Kosten angeht, jeder-
zu meinem Außenseitertum dem akademischen Leben gegenüber zeit einrichten.
offensichtlich mal gratulieren. Verübeln Sie mir aber bitte nicht, Vielen Dank für Ihre Ratschläge betr. Veröffentlichungen. Das
daß ich, trotz Ihrer lähmenden Präokkupationen und nach Ver- ~>Argument„ war mir auch von andrer Seite schon genannt worden.
streichung einer bloßen Woche, dennoch meine theoretischen In- Nur ist mein Ms. englisch und nicht deutsch, und so lächerlich es
teressen wieder aufnehme und mein besonderes Anliegen an Sie. klingen mag, bringe ich selbst die Übersetzung, wenigstens in ähn-
Ich stehe unter einem lastenden Druck, freilich ganz anderer Art, lich kurzer Fassung, nicht zustande. Andrerseits habe ich mich
dadurch, daß ich mit einer gewissen verzweifelten Entschlossenheit aber auf Ihren Brief hin an die Abfassung eines deutschen Buchma-
versuche, zu diesem späten Zeitpunkt meines Lebens doch noch nuskripts gemacht, um die Möglichkeit einer Veröffentlichung bei
mit meiner Theorie herauszukommen, nicht bloß zur Befriedigung Suhrkamp durch Ihre Hilfe wahrzunehmen. Wie lange mich das bei
von persönlichem Ehrgeiz - obwohl ich auch den nicht in Abrede meinem notorischen schriftstellerischen Unvermögen in Anspruch
stelle -, sondern wegen der festen, mir unveräußerlichen Überzeu- nehmen wird, kann ich noch nicht absehen.
gung von der sachlichen Bedeutung dieser Theorie für den gedank- Vorerst aber liegt mir vor allem die theoretische Erörterung und
lichen Bestand des Marxismus. In diesem Versuch ist dem jetzigen Grundlagenklärung am Herzen, und ich warte sehnlichst auf Ihre
Manuskript, das Sie haben, eine gewisse spearhead Rolle zuge- Äußerung dazu. Ich hoffe, daß die Dinge Ihrerseits doch auf einen
dacht, einerseits wegen der Veröffentlichungschance bei der New erträglichen Ausgleich hinzutendieren beginnen, und daß vor allem
Left Review, andrerseits aber in der Hoffnung, der Geltung meiner Ihre Erschütterung den panischen Charakter verloren hat, der
Theorie Anerkennung zu verschaffen seitens Ihrer selbst, Haber- durch Ihren Brief hindurchzuklingen schien.
mas' und Alfred Schmidts. Habermas schrieb mir, er habe das Ms. Mit sehr herzlichen Grüßen, auch an Gretl,
an den letzteren weitergegeben, weil er durch das Gedränge des Ihr Alfred
Semesterbetriebs verhindert sei, sich zu vergewissern, ob die stren-
ge erkenntnistheoretische Ableitung, die meine Theorie postuliert,
wirklich gelinge. Dieselbe kritische Prüfung erhoffte ich auch von Typoskript, Nachlaß Adorno.
Ihnen. Und, wenn er meinem Versuch die nötige Bedeutung konze- das jetzige Manuskript, das Sie haben: s. die Anm. zu Brief Nr. 45.
diert, auch von Alfred Schmidt. Sie ersehen daraus, daß ich einiges Habermas schrieb mir: Dieser Brief vom 5.5.1969 befindet sich in Sohn-
Vertrauen darein setze, daß meine Theorie in den Formulierungen Rethels Nachlaß.
160 161
Diskussion dieser Art: s. die Anm. zu Brief Nr. 45. script weitergegeben hat, weil er sich »im Trubel des Semesters«,
wie er sagte, damit nicht genügend befassen könne. Da mir Ihre
Abfassung-eines deutschen Buchmanuskripts: d.i. Alfred Sohn-Rethel, Gei-
stige und körperliche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis engen Beziehungen zu Alfred Schmidt wohlbekannt sind, fand ich
[cd. 1970], a.a.O. Seinem späteren Bericht zufolge, begann Sohn-Rethel die mich von beiden Seiten auf ihn hingewiesen und schrieb an ihn,
Niederschrift der deutschen Buchfassung erst nach Adornos Tod (vgl. Die nicht um Sie zu übergehen, sondern um Sie nicht abermals behelli-
Zerstörung einer Zukunft, a.a.O., S. 288). gen zu müssen. Ich hoffe, daß sich aus alledem in nicht allzulanger
Zeit ein erneutes persönliches Zusammentreffen ergeben wird.
In wärmster Dankbarkeit für Ihre Freundschaft und Verbun-
denheit im theoretischen Interesse
Ihr
Alfred
48 SOHN-RETHEL AN ADORNO

Manuskript, Nachlaß Adorno.


37 George Road der Sonderdruck aus dem »Positivismusstreit«: Der Sonderdruck mit Ador-
Birmingham 15 nos »Einleitung« zu dem Band »Der Positivismusstreit in der deutschen
10. Juli 1969 Soziologie«, Neuwied, Berlin 1969 (vgl. jetzt in: Adorno, Gesammelte
Schriften, Bd. 8, a.a.O., S. 280-353), befindet sich im Nachlaß Sohn-Rethels.
Adorno hatte ihn mit der Widmung versehen: »Meinem lieben Alfred herz-
Lieber Teddie, lichst von seinem alten Teddie, Frankfurt am Main, 2. Juli 1969«.
Ich bin Ihnen ungeheuer dankbar für die Zusendung des Sonder-
mein zweiter Brief (vom 24. Mai): recte: 23. Mai.
drucks aus dem »Positivismusstreit« - erstens wegen des sachli-
chen Interesses natürlich, aber nicht minder für den sehr freundli-
chen Gruß, den Sie mir hineingeschrieben haben und der meine
Besorgnisse wegen einer evt. Verstimmung Ihrerseits über meinen
zweiten Brief (vom 24. Mai) beruhigt, Besorgnisse daher rührend, 49 ELFRIEDE OLBRICH AN SOHN-RETHEL
daß ich dem, was Sie in Ihrer Lehrtätigkeit befallen hat, so fernste-
he, darum wenig Teilnahme zeigen kann, während ich doch von
Ihnen Teilnahme für meine Interessen erwarte. Nun aber, da ich Sekretärin von
diesen freundlichen Gruß sehe, frage ich mich, ob Sie diesen zwei- Prof. Dr. Theodor W. Adorno
ten Brief von mir überhaupt erhalten haben, da ich nämlich keine
Antwort darauf erhielt. Er war eine wiederholte und daher umso 6 Frankfurt am Main 22. Juli 1969
insistentere Bitte, auf eine Marxdiskussion auf Grundlage meiner Kettenhofweg 123
Theorie drängend, eine Diskussion, die mir vielleicht übertrieben
erwünscht erscheint, die ich jedoch zur Grundlagenklärung für Sehr verehrter Herr Dr. Sohn-Rethel,
nötig erachte und um die es mir um meiner eignen Klärung willen Herr Professor Adorno, der gestern, in völlig überarbeitetem und
zu tun ist. Da ich nun von Ihnen nichts hörte, habe ich direct an ramponiertem Zustand, in Ferien gefahren ist, läßt Ihnen für Ihre
Alfred Schmidt geschrieben, an den auch Habermas mein Manu- Briefe sehr danken. Er bittet Sie sehr herzlich, ihm nicht böse zu

162 163
sein, daß er Ihnen nicht mehr selbst geschrieben hat; diese Zeilen
sollen nur ein Zeichen seines Dankes und seiner freundschaftlichen EDITORISCHES NACHWORT
Verbundenheit mit Ihnen sein.
Mit den freundlichsten Grüßen
Als im Oktober 1988, bei einem Besuch Alfred Sohn-Rethels im
Ihre sehr ergebene
Theodor W. Adorno Archiv, die Edition seiner Korrespondenz mit
Elfriede Olbrich
Adorno besprochen wurde, beabsichtigte Sohn-Rethel, die Briefe
durch seine persönlichen Erinnerungen an Adorno einzuleiten.
Typoskript mit gedrucktem Briefkopf, Nachlaß Sohn-Rethel. (Druckvor- Dazu ist es nicht mehr gekommen. Sohn-Rethel starb im Frühjahr
lage: Photokopie) 1990, kurz nach Erscheinen der revidierten Neufassung seines
Hauptwerkes »Geistige und körperliche Arbeit«. Im Vorwort
Adorno, der gestern [...1 in Ferien gefahren ist: Adorno starb am 6. August
1969 in der Schweiz. schrieb er: »Mein intellektuelles Lebenswerk bis zu meinem 90.
Geburtstag hat der Klärung oder Enträtselung einer halbintuitiven
Einsicht gegolten, die mir 1921 in meinem Heidelberger Universi-
tätsstudium zuteil geworden ist: der Entdeckung des Transzenden-
talsubjekts in der Warenform, eines Leitsatzes des Geschichtsmate-
rialismus Eine befriedigende Aufklärung dieses Leitsatzes hat sich
nur erzielen lassen als schließliches Resultat von immer neuen
Attacken, genannt Exposes.« (Alfred Sohn-Rethel, Geistige und
körperliche Arbeit. Zur Epistemologie der abendländischen Ge-
schichte, Weinheim 1989, S. V) Der Wunsch Sohn-Rethels, seinen
Briefwechsel mit Adorno veröffentlicht zu sehen, stand in engem
Zusammenhang mit dem Buch »Geistige und körperliche Arbeit«.
Dokumentieren doch die Briefe und Karten, die Sohn-Rethel mit
Adorno wechselte, weit eindringlicher, als die einfachen Worte
des Vorworts vermuten lassen, die mühevolle Geschichte dieser
»Attacken«, vor allem die Anstrengungen um die frühen Entwürfe
aus den Jahren 1936 bis 1938. Dem Wunsch Sohn-Rethels, dem
sich das Theodor W. Adorno Archiv verpflichtet weiß, entsprach
das Interesse des Archivs, durch eine Publikation des vollständigen
Briefwechsels die Beziehung Adornos zu Sohn-Rethel unentstellt
zu dokumentieren, nachdem der wiederholte Abdruck nur eines
Briefes (Brief Nr. 4) eher zu irreführenden Spekulationen Anlaß
gegeben hatte. Gerade Sohn-Rethel war daran gelegen, über die von
Adorno geäußerte Zustimmung zum »Nottinghamer Brief« hinaus,
auch die Differenzen in ihren Konzeptionen, wie sie in anderen
Briefen sich zeigen (s. etwa Brief Nr. 14), nicht zu unterschlagen.
Ungeachtet ihrer verschiedenen Ausgangspunkte, erschien ihm
164
165
Adorno als idealer Leser der eigenen Entwürfe, ging es doch beiden sten Fassung der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe unver-
seit Mitte der dreißiger Jahre um eine kritische Überwindung des kennbar durchscheint, sondern das transzendentale Prinzip selber,
Idealismus, um dessen Überführung in dialektischen Materialis- an welchem die Philosophie ihr Erstes gegenüber dem Seienden zu
mus, wie Adorno es nannte. besitzen glaubt. Alfred Sohn-Rethel hat zuerst darauf aufmerksam
Sohn-Rethel hatte 1936 im Luzerner Exil seine Überlegungen zu gemacht, daß in ihm, der allgemeinen und notwendigen Tätigkeit
einer materialistischen Theorie der Erkenntnis in einem ersten des Geistes, unabdingbar gesellschaftliche Arbeit sich birgt.«
Expose zusammengefaßt und dieses Adorno, ebenso wie auch (Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 6, 4. Aufl., Frankfurt a.M.
Walter Benjamin und Max Horkheimer, zukommen lassen in der 1990, S. 178)
Hoffnung auf eine Mitarbeit am Institut für Sozialforschung,
wenigstens aber auf Förderung seiner Arbeit. Adorno, der damals Die erhaltenen 48 Briefe, Karten und Telegramme sind zusammen
in Oxford mit der Ausarbeitung seines Husserl-Buches, der späte- mit einem Brief, den Elfriede Olbrich, die Sekretärin Adornos, in
ren »Metakritik der Erkenntnistheorie«, befaßt war, erkannte seinem Auftrag an Sohn-Rethel schrieb, vollständig und ungekürzt
die Nähe der Thesen Sohn-Rethels zur eigenen Theorie. »Er in chronologischer Reihenfolge abgedruckt worden. Durchgängig
kommt von einer gänzlich anderen Seite zu merkwürdig überein- normiert wurde die Schreibweise ß für ss und ä, ö und ü für ¢e, oe
stimmenden Ergebnissen mit meinem gegenwärtigen Versuch. Das und ue; ansonsten sind Orthographie und Interpunktion diploma-
gemeinsame Gespräch mit ihm halte ich sachlich für überaus be- tisch getreu wiedergegeben worden. In seltenen Ausnahmefällen:
langvoll«, schrieb Adorno an Benjamin, der seinerseits Anfang bei offenkundigen Schreibfehlern, irrtümlich falsch geschriebenen
1937 in Paris mit Sohn-Rethel dessen Exposes diskutierte. Nach Namen und eindeutigen, irreführenden Fehlern in Grammatik und
Adornos Übersiedlung in die Vereinigten Staaten, Anfang 1938, Interpunktion, wurde stillschweigend korrigiert. Im übrigen sind
war das »gemeinsame Gespräch« ausschließlich auf Briefe ver- die Hinzufügungen - in den handschriftlichen Briefen alle Eingrif-
wiesen. fe - des Herausgebers durch eckige Klammern kenntlich gemacht
Mit nicht nachlassender Insistenz hat Sohn-Rethel in den folgen- worden. Die von Sohn-Rethel an einigen Stellen ebenfalls verwen-
den Jahrzehnten die Entwicklung seiner Theorie betrieben und deten eckigen Klammern wurden durch Winkelklammern ersetzt.
immer wieder, auch nach jahrelanger Unterbrechung der Verbin- Bei zweifelhaften Lesungen des voranstehenden Wortes wurde
dung, die Diskussion mit Adorno gesucht. Anfang 1965 heißt es in durch ein [?] darauf hingewiesen. Sofortkorrekturen der Brief-
einem Brief Sohn-Rethels: »Meine eignen Bemühungen waren von schreiber sind in den Brieftext übernommen worden, später ge-
jeher auf eine Erweiterung und Fortführung der Marxschen Waren- schriebene Marginalien und Hinzufügungen auf Durchschlägen
analyse gerichtet, und obgleich ich immer nur spasmodisch, mit (s. Brief Nr. 2), die zweifelsfrei dem Adressaten nicht vorgelegen
langen Unterbrechungen, daran habe arbeiten können, bin ich haben, wurden dagegen weggelassen. In einigen wenigen Fällen ist
endlich doch zu einer gewissen Klarheit gekommen. Darum schrei- auf eine Besonderheit in Wortwahl oder Formulierung, deren
be ich Ihnen.« (Brief Nr. 36) Adorno, der zu dieser Zeit an der Textstand gewahrt blieb, in den Anmerkungen durch ein »so im
»Negativen Dialektik« arbeitete, hat den Impuls, der von Sohn- Brief« hingewiesen worden. Unterstreichungen sowie Sperrungen
Rethels Arbeit in den dreißiger Jahren ausging, an zentraler Stelle im Brieftext sind einheitlich kursiviert worden. Die von Sohn-
namhaft gemacht, obwohl er in seiner eigenen Theorie der Dialek- Rethel unterschiedlich verwendete Schreibweise: Grete, Gretl,
tik dem Sohn-Rethelschen Versuch einer Ableitung der Denkfor- Gretel für Gretel Adornos Namen wurde absichtlich beibehalten.
men aus der Warenform nicht gefolgt ist. »Ontisch vermittelt ist Die Anordnung der Briefköpfe und -füße wird im Druck soweit wie
nicht bloß das reine Ich durchs empirische, das als Modell der er- möglich reproduziert.

166 167
Die Anmerkungen verstehen sich als Sacherläuterungen zu er- REGISTER
wähnten Namen und Ereignissen und versuchen, die manchmal
verwirrende Geschichte der einzelnen Manuskripte Sohn-Rethels
,zu erhellen; dabei sind auch die Korrespondenzen Walter Benja-
Die Zahlen beziehen sich auf die Buchseiten. Kursiv gesetzte Zahlen be-
mins und Max Horkheimers hinzugezogen worden. Eine Kommen- zeichnen Erwähnungen in den Anmerkungen. Indirekte Erwähnungen von
tierung wurde nicht angestrebt. Schriften und Personen sind ohne besondere Kennzeichnung aufgenommen
Zu danken ist Gunzelin Schmid Noerr, der mit den Materialien des worden. Mit Ausnahme der »Ästhetischen Theorie« Adornos, die im Brief-
Max-Horkheimer-Archivs die Edition unterstützte. Herr S. van den wechsel genannt wird, wurden posthume Editionen wie die »Gesammelten
Schriften« nicht berücksichtigt. Ebenso sind die erst nach Abschluß des
Bergh, Amsterdam, erlaubte den Abdruck der Passagen aus dem Briefwechsels publizierten Bücher Sohn-Rethels, die für die Nachweise in
Brief von Hetty und Hans Joachim Sohn-Rethel (s. Brief Nr. 22); den Anmerkungen herangezogen wurden, nur dann angeführt worden,
Alfred Schmidt genehmigte den Abdruck der Zitate aus Briefen wenn sie in den Briefen bereits erwähnt werden - wie im Falle der Erst-
Max Horkheimers. Klaus Reichert hat es unternommen, die eng- veröffentlichung von »Geistige und körperliche Arbeit« und des Sammel-
lischsprachigen Briefe durchzusehen. Zahlreiche Hinweise ver- bandes »Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus« - oder
wenn in den Anmerkungen aus ihnen zitiert wird.
dankt der Herausgeber Carl Freytag, der in die Vorarbeiten seiner
geplanten Sohn-Rethel-Biographie Einsicht gewährte, bei der Su-
che nach fehlenden Briefen behilflich war und aus seinen persönli-
chen Gesprächen mit Sohn-Rethel manches Detail beizutragen 1. Schriften Adornos
wußte. Vorarbeiten Hans-Ernst Schillers, der im Frühjahr 1988
Ästhetische Theorie 158, 159 Fragen und Thesen [unv.] 73-78,
den damals vorhandenen Teil des Briefwechsels bearbeitete, wur- Aspekte der Hegelschen Philoso- 78 f., 87
den für die Edition verwendet. Frau Bettina Wassmann-Sohn- phie [Aspekte] 122,124, 126, 136, Für Ernst Bloch 121, 123
Rethel stellte den in Bremen aufbewahrten Nachlaß Ihres Mannes 138
zur Verfügung und hat mit vielen Auskünften zu seiner Biographie Die gegängelte Musik 121
immer wieder geholfen. Ihnen allen sei herzlich gedankt. Das Bewußtsein der Wissens-
soziologie 46 Ideen zur Musiksoziologie 128,
128 f., 130
Christoph Gödde Dialektik der Aufklärung 13, 102, Tdees sur la sociologie de la musique,
Theodor W. Adorno Archiv 104, 117,117, 122, 126, 138 s. Ideen zur Musiksoziologie
Dialektische Meditationen, s. Nega-
tive Dialektik Kierkegaard 39
Dissonanzen 121 f., 123, 124 f., 138 Klangfiguren 120
Drei Studien zu Hegel 136-138,
138 Mahler. Eine musikalische Physio-
gnomik 138, 139
Eingriffe 138,139, 158,159 Minima Moralia 122,124, 138
Einleitung zum »Positivismusstreit
in der deutschen Soziologie« 162, Negative Dialektik 134, 135, 147,
163 148, 148 f., 150, 150 f., 151, 152 f.,
Erfahrungsgehalte der Hegelschen 154, 166 f.
Philosophie [Erfahrungsgehalt] Neue wertfreie Soziologie 43, 46, 50,
128,128f, 130, 134,135,138 55 f.

168 169
Noten zur Literatur 126, 127, 138 Erfahrungsgehalte der Hegel- 135, 144, 146, 147 f., 154, 156 Systematic Foundation of Historical
sehen Philosophie Intellectual and Manual Labour Materialism [1942-1944, unv.]
Ontologie und Dialektik, s. Negative [Geistige und körperliche Arbeit. 97, 100, 101 f., 102-104, 104 f.,
Über den Fetischeharakter in der Versuch einer materialistischen
Dialektik 105, 105, 106-108, 109, 109 f.,
Musik und die Regression des Theorie, 1969/19731 154-156, 111, 111-113, 113
Hörens 87, 125,126 f. 156f, 157 f., 159, 160 f., 162 f.
Philosophie der neuen Musik 121 f., Über Jazz 32, 34, 39
Von der Analytik des Wirtschaftens
123, 124, 138
Kritische Liquidierung des philoso- zur Theorie der Volkswirtschaft
Prismen 138, 139 Veblens Angrily auf die Kultur 107,
phischen Idealismus. Eine mate- 53
109
rialistische Untersuchung [1940,
Veblen's Attack on Culture, s. Veb- unv.] 95,96, 96, 101
The Radio Symphony 78 Warenform und Denkform [ed.
lens Angriff auf die Kultur Kritische Liquidierung des philoso- 1978] 37
Versuch über Wagner 92, 93, 138 phischen Idealismus. Eine Unter- Warenform und Denkform. Ver-
Skoteinos oder Wie zu lesen sei 138
suchung zur Methode des Ge- such einer Analyse des gesell-
Sociologica H 134, 135 Wissenschaftliche Erfahrungen in schichtsmaterialismus [1938, schaftlichen Ursprungs des »rei-
La sociologie etles recherches empi- Amerika 69 unv] 87-91, 92 f., 93 f., 96 nen Verstandes« [Berliner Expo-
riques, s. Soziologie und empiri- Zum Verhältnis von Soziologie und se, 1961] 114, 115, 116-118, 119,
sche Forschung Psychologie 153 Materialism and its Advocacy 113 120, 127, 129-131, 132, 134, 137,
Soziologie und empirische For- Zur Metakritik der Erkenntnistheo- 139
schung 128,128 f., 130 rie 9-11, 12 f., 32, 72 f., 88, 122, Ökonomie und Klassenstruktur des
Stichworte 158,159 126, 138, 166 deutschen Faschismus 68, 84, Zur kritischen Liquidierung des
Sur quelques experiences philoso- Zur Philosophie Husserls 70-72, 142,144, 151 Apriorismus. Eine materialisti-
phiques dans l'oeuvre de Hegel, s. 72 f, 88
sche Untersuchung [Pariser
Die soziale Rekonsolidierung des Expose] 31, 34, 35 f., 37 f., 41,
Kapitalismus 159 41-43, 44-46, 47-52, 53, 54-58,
2. Schriften Sohn-Rethels Soziologische Theorie der Erkennt- 59, 60 f., 61 f., 66, 68, 73, 89 f., 92,
nis 11 112,166
Agrarpolitik unterm Faschismus Geistige und körperliche Arbeit.
[unv.] 79 f., 84 Zur Epistemologie der abendlän-
dischen Geschichte [ed. 1989129,
Einige Voraussetzungen zum Ver- 59,165
ständnis der deutschen Entwick- Geistige und körperliche Arbeit.
3. Personen
lung 79 f., 83, 84, 85 f., 86, 91, 93 Zur Theorie der gesellschaftli-
Expose zum Plan einer soziologi- chen Synthesis [ed. 19701 113, Adams, Walter 35, 37, 42 f., 50, 55, Aron, Max 143
schen Theorie der Erkenntnis 115, 158, 161, 162 57 f., 62 f., 65 f.
[Luzerner Expose] 9-11, 11-13, Adorno, Gretel [geb. Karplus] 12, Baldwin, Stanley 68
13-28,29, 31,34, 36, 38-41, 42 f, Historical Materialist Theory of 29,45f, 52, 54, 58, 64, 73, 78, 78, Bataille, Georges 143,146
46, 47, 49 f., 57 f., 59, 62, 71, 89, Knowledge 137, 138, 140-142, 79, 83, 86, 91 f., 94, 100 f., 103 f., Baudelaire, Charles 143 f., 147 f.
166 155,157 104, 107 f., 110, 113, 115-117, Benjamin, Dora [geb. Kellner] 122,
Expose zur Theorie der funktiona- 119, 121 f., 124, 126, 134, 138, 124, 126, 128, 143
len Vergesellschaftung. Ein Brief Intellectual and Manual Labour. 142-144, 145, 146 f., 151, 153, Benjamin, Dora [Walter Benjamins
an Theodor W. Adorno (1936) Critique of Idealistic Epistemolo- 156, 158, 161, 167 Schwester] 143, 145
9-11,13-28, 28 f., 31, 32, 71,165, gy [Englisches Expose (1950/51), Agnoli, Johannes 68 Benjamin, Stefan 122,124,126,128,
167 unv.] 114 f., 115, 117, 119, 134, Angell, Norman 66, 69 143
170
171
Kurella, Alfred 143 Reichenbach, Hans 78
Benjamin, Walter 11,11-13, 32, 34, Gödde, Christoph 151
Reichenbach, Herman 76, 78
35 f., 37, 42 f., 44-46, 47, 51, 54 f., Gorta 54, 56 Landauer, Carl 83, 85 Reichert, Maus 168
66, 102 f, 104, 106 f., 108, 122, Grabbe, Christian Dietrich 152, 153 Laski, Harold Joseph 83, 85 Rexroth, Tillman 146
124, 126, 128, 137 f, 139, 140, Greffrath, Mathias 30 Lazarsfeld, Paul 69, 78,87 Richarz, Hugo 30
142-144, 145 f., 147 f, 151, 151, Grünberg, Carl 12, 114 f., 115 Leibniz, Gottfried Wilhelm 32, 34 Rollweiler, Hektor [Pseudonym v.
152, 166, 168 Levi, Joan 96, 96, 101, 103 f., 114, Theodor W. Adorno]
Benseler, Frank 142, 144 Haas, Willy 145 115,115 Rowohlt, Ernst 145
Berg, Alban 151 Habermas, Jürgen 155, 156 f., 158, Levites, Leo 52,54 Ruge, Arnold 29
Bergh, S. van den 168 160 f., 161, 162 f. Löwenthal, Leo 143
Bergmann, Alfred 153 Hahn, Max 94,95 Löwenthal, Richard 67, 69 Savard, Catherine 94
Blanke, Bernhard 68 Haselberg, Peter von 121 f, 123, Lonitz, Henri 151 Schaff, Adam 137,139
Bloch, Ernst 11, 116, 117, 118-121, 125, 127, 142, 144, 144, 151, 156, Lukäcs, Georg 11, 40,144 Schelling, Friedrich Wilhelm
123, 130, 131, 132, 132, 134, 135, 158 Joseph 38 f.
143 Haug, Wolfgang Fritz 144 f. Macmurray, John 57, 59, 66 Schiller, Hans-Ernst 168
Bloch, Karola [geb. Piotrkowska] Hegel, Georg Wilhelm Friedrich Mannheim, Karl 40 Schmid Noerr, Gunzelin 101, 168
123, 130, 131 38-40, 98,136 Mann, Klaus 143 Schmidt, Alfred 101 f., 155 f., 157,
Blomberg, Werner von 84 Heinemann 37 Mann, Thomas 132 158, 160 f., 163, 168
Brecht, Bertolt 143 Heise, Rosemarie 146 Marcuse, Herbert 38, 97-100, 102, Schoen, Ernst 143
Bredel, Willi 143 Hering, Franz 28, 30 106 f, 109 Scholem, Gershom 143, 145
Brill, Hans Maus 57 f, 59 Hesse, Hermann 143 Marx, Karl 17, 29, 32, 39 f., 49, 74, Schröder, Rudolf Alexander 143
Brod, Max 143 Hitler, Adolf 68, 78, 81 f , 84 89, 113, 136 f., 141, 155, 157, Schultz, Maus 12
Buck-Morss, Susan 12 116risch, Jochen 11 161 f, 166 Schumpeter, Joseph 53
Horkheimer, Max 9-11,11 f., 29, 31, Mayer, Kurt 127 Schuschnigg, Kurt von 84
Chamberlain, Arthur Neville 68, 34, 35 f., 37-41, 42 f, 45 f., 47 f., Motesiczky, Marie-Luise von 134, Seidel, Alfred 107,108 f.
80-82,90 50 f., 53, 54 f, 56, 59, 60 f, 61 f., 135 Sering, Paul, s. Richard Löwenthal
Churchill, Winston 66, 68 65 f., 69,79 f., 83, 84, 91, 92 f., 95, Mussolini, Benito 81 Silverman, Leo 50
Cliveden 90 f 96,96 f., 101,101, 102, 104,104 f., Simpson, Esther 94, 94
Cockburn 90 105-108, 110, 113, 116 f., 117, Neurath, Konstantin von 84 Sinclair, Archibald 66
Comte, Auguste 40 119,121 f., 134,135, 143, 166, 168 Newton, Isaac 32, 34 Sohn-Rethel, Ann 115, 115
Husserl, Edmund 71 Sohn-Rethel, Brigit 51, 53, 60, 63,
Dirks, Walter 135 Olbrich, Elfriede 121, 144,146, 149, 112, 122, 125, 128
Dreyfus, Carl 138, 139, 142, 144, Jaspers, Karl 39 149, 163 f , 167 Sohn-Rethel, Hans-Joachim [ge-
149,149 Olden, Rudolf 143 nannt Dotz] 28, 29 f., 51, 63,
Kadritzke, Niels 68 Opie, Redvers 47, 53, 57, 59, 72, 73, 102-104, 104, 106 f., 110 f., 122,
Engels, Friedrich 29 Kant, Immanuel 48, 72, 112 89 f. 125 f., 127, 128, 168
Enzensberger, Hans Magnus 159 Kaschnitz, Marie Luise 134, 135 Ott, Ulrich 151 Sohn-Rethel, Hetty 102-104, 104,
Mages, Ludwig 34 107,168
Felicitas, s. Gretel Adorno Koestler, Arthur 106,108 Pascal, Roy 126,127 Sohn-Rethel, Joan, s. Joan Levi
Freud, Anna 153 Korsch, Karl 13 Podszus, Friedrich 124 Sohn-Rethel, Karli 134,135
Freud, Sigmund 152 Kracauer, Siegfried 12, 42, 45, 151, Pollock, Friedrich 80, 83, 84, 86, 143 Sohn-Rethel, Martin 115,115
Freund, Gisele 143 151, 153, 154 Prinzhorn, Hans 109 Sohn-Rethel, Tilla [geb. Henninger]
Freytag, Carl 68, 95,135, 168 Krahl, Hans-Jürgen 157, 159 51, 53, 54, 56, 60, 63,101, 112
Krull, Germaine 143 Reichenbach, Bernhard 78 Spencer, Herbert 40
Geismar 156 Kiistermeier 30
173
172
Speyer, Wilhelm 143 Tillich, Paul 12 In der Reihe »Dialektische Studien« sind erschienen:
Spier 66
Stalin, Josef Wissarionowitsch Unseld, Siegfried 147, 158
121
Stänton, Frank N. 78 Veblen, Thorstein 123 Claudia Kaläsz
Steed, Henry Wickham 66, 68, 85 Hölderlin. Die poetische Kritik instrumenteller
Steinruck, Elisabeth [geb. Sohn-Re- Wassmann-Sohn-Rethel, Bettina Rationalität
thel] 122,123 168
Stolper, Gustav 94, 94 Weigand, Karlheinz 123 Hölderlin wurde früh einer geschichtlich-gesellschaftlichen Ten-
Strachey, John 83, 85 Weigel, Helene 143 denz inne, die von der Kritischen Theorie auf den Begriff der
Witte, Karsten 154
Herrschaft der instrumentellen Vernunft gebracht wurde.
Taubes, Jacob 147,147 f. Wolff, Kurt Egon 28, 29 f.
Thieme, Karl 143
Tiedemann, Rolf 12f., 108,145, 147, Zeitz, Dieter 127
147f, 148,151 Zudeick, Peter 123 Heinz Krüger
Über den Aphorismus als philosophische Form
Mit einer Einführung von Theodor W. Adorno
»Der Sinn der Arbeit war es, den Aphorismus, der als unverbind-
lich, unverantwortlich, feuilletonistisch schief angesehen, nur
widerstrebend geduldet wird, als eine philosophische Form eigener
Art und eigenen Rechtes zu erweisen.« (Theodor W. Adorno)

Hermann Schweppenhäuser
Studien über die Heideggersche Sprachtheorie
Die Untersuchung weist im mikrologischen Nachvollzug der Hei-
deggerschen Denkbewegung die Antinomien auf, in denen diese
sich verfängt.

Hella Tiedemann-Bartels
Versuch über das artistische Gedicht
Baudelaire, Mallarme, George
Die Arbeit zeigt eine Möglichkeit auf, die große Lyrik des Symbolis-
mus neu zu lesen. Philologische Einzeldeutungen führen von Er-
kenntnissen über die künstlerischen Verfahrensweisen zur Frage
nach der gesellschaftlichen Erfahrung.

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