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PHAENOMENOLOGICA

COLLECTION PUBLIEE SOUS LE PATRONAGE DES CENTRES


D' ARCHIVES-HUSSERL

19

ULRICH CLAESGES

Edmund Husserls
Theorie der Raumkonstitution

Comite de redaction de la collection:


President: H. L. Van Breda (Louvain);
Membres: M. Farber (Philadelphia), E. Fink (Fribourg en Brisgau),
J. Hyppolite (Paris), L. Landgrebe (Cologne), M. Merleau-Ponty (Paris)t,
P. Ricreur (Paris), K. H. Volkmann-Schluck (Cologne), J. Wahl (Paris);
Secretaire: J. Taminiaux (Louvain).
ULRICH CLAESGES

Edmund Husserls
Theorie der Raumkonstitution


MARTINUS NIJHOFF I DEN HAAG I 1964
Copyright I964 by Martinus Nijhoff, Tke Hague, Netkerlands
All rights reserved, including the right to translate or to
reproduce this book or parts tkereot in any form
PRINTED IN THE NETHERLANDS
VORWORT

Der vorliegende Band der Phaenomenologica bringt den durch-


gesehenen, im wesentlichen unveränderten Text einer Disserta-
tion, die im Sommersemester 1963 von der Philosophischen
Fakultät der Universität Köln angenommen wurde.
Ich nehme dieses Vorwort zum Anlaß, noch einmal Herrn
Professor Dr. Ludwig Landgrebe für die Förderung zu danken,
die die vorliegende Arbeit durch ihn erfahren hat. Gedankt sei
auch dem Direktor des Husserl-Archives zu Louvain, Herrn
Professor Dr. Dr. h.c. H. L. van Breda, für die freundliche
Erlaubnis, aus unveröffentlichten Manuskripten zu zitieren.
Köln, im Mai 1964 U. c.
INHALTSVERZEICHN lS

E'inleitung I

1. TEIL. ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS DER 7


"TRANSZENDENTALEN KONSTITUTION DES RAUMES

I.' Abschnitt: Die Rolle der Konstitutionsproblematik im


Rahmen der allgemeinen Phänomenologie 9
§ I. Zur Einführung: Der Husserlsche Weltbegriff 9
§ 2. Die Vorgegebenheit der Welt und das ontische
Apriori I4
§ 3. Der Rückgang zur transzendentalen Subjektivität.
Transzendentale Subjektivität und Intentionalität I9
§!!?ie Idee der Intentionalanalyse und das Problem
des transzendentalen Leitfadens 22
§ 5. Das Wesen als transzendentaler Leitfaden 27
§ 6. Intentionalanalyse und Konstitution. Das konstitu-
tive Apriori 32

2. Abschnitt: Das Apriori der Raum-Zeitlichkeit und die


regionale Ontologie des Dinges 35
§ 7. Zur Begründung des Husserlschen Ansatzes der
Theorie der Raumkonstitution an der regionalen On-
tologie des Dinges 35
§ 8. Die Schichtung im regionalen Apriori des Dinges 40
§ 9. Die Möglichkeit einer nicht mathematischen Wissen-
schaft vom Raume. Das Apriori der Raum-Zeitlich-
keit als morphologisches Wesen 45
§ IO. Das Wesen des Dinges qua res extensa als transzen-
dentaler Leitfaden 48
VIII INHALTSVERZEICHNIS

11. TEIL. DIE ENTFALTUNG DER KONSTUTITIVEN THEORIE


DES RAUMES 55

I. Abschnitt: Die Konstitution des visuellen Raumes

§ II. Noematische Reflexion des Phantombewußtseins.


Die Apparenz als Erscheinung der res extensa 59
§ 12. Noetische Reflexion des Phantombewuß' leins. Die
Kinästhese als Noesis der Wahrnehmung 64
§ 13. Hyletische Reflexion des Phantombewußtseins. Der
Begriff der Hyle innerhalb der allgemeinen Theorie
der Intentionalität 66
§ 14. Das Medium der Phantombewegung. Erster Begriff
von Feld 68
§ 15. Das kinästhetische System und sein Korrelat. Zwei-
ter Begriff von Feld 72
§ 16. Der Vermöglichkeitscharakter des kinästhetischen
Systems und das innere Zeitbewußtsein. 75
§ 17. Das kinästhetische Gesamtsystem der visuellen
Sphäre und sein Korrelat. Der visuelle Raum 79
§ 18. Das Problem der "Dreidimensionalität" des Raumes 84

2. Abschnitt: Taktueller Raum und Leibbewußtsein 90

§ 19. Das taktuelle Feld. Die Konstitution des taktuellen


Raumes 90
§ 20. Die "Doppelrealität" des Leibes als Leitfaden der
weiteren Untersuchung 94
a) Der Leib als res extensa 95
b) Der Leib als Wahrnehmungsorgan 96
c) Das Problem der Leibeskonstitution ' 99
§ 2I. Die visuelle Konstitution des Leibes IOI
§ 22. Das System der haptischen Kinästhesen als Grund-
lage der eigentlichen Leibeskonstitution lOS
§ 23. Die Konstitution des Leibes durch das kinästhetische
Gesamtsystem. Organisierung und Perspektivierung HO
INHAL TSVERZEICHN:IS IX

III. TEIL. KINÄSTHETISCHES BEWUSSTSEIN UND TRAN-


SZENDENTALE SUBJEKTIVITÄT II7
§ 24. Der Begriff des kinästhetischen Bewußtseins II9
§ 25. Das kinästhetische Bewußtsein als "wahrnehmendes
Bewußtsein" 124
§ 26. Rezeptivität und Spontaneität im kinästhetischen
Bewußtsein 126
§ 27. Das Problem der Hyle 133
§ 28. Kinästhetisches Bewußtsein und transzendentale
Subjektivität 137

Literaturverzeichnis 145
Index 148
EINLEITUNG

I. Die Bewußtseinsanalytik der neuzeitlichen Transzendental-


philosophie steht mehr oder weniger ausdrücklich im Spannungs-
feld des von Descartes aufgerissenen Abgrundes zwischen res
extensa und res cogitans, zwischen Raum und Bewußtsein.
Dieser Dualismus läßt in der Folgezeit eine Fülle von Problemen
und Lösungsversuchen entstehen, deren Geschichte bis zu Kant
hin Heim; Heimsoeth in seiner Abhandlung Der KamPf um den
Raum in der Metaphysik der N euzeit1 verfolgt und dargestellt hat.
Die Verlagerung der Husserlschen Raumtheorie gegenüber
dieser cartesianischen Tradition läßt sich durch eine Gegenüber-
stellung zu Kant aufzeigen. Zwar findet bei Kant jene Ent-
wicklung darin ihren vorläufigen Abschluß, daß er in seiner
Lehre von der "transzendentalen Idealität" des Raumes diesen
als Form der Anschauung in die Subjektivität zurücknimmt,
doch bleibt das Wesen des Raumes und sein Verhältnis zum
Bewußtsein durch drei Dichotomien bestimmt:
r) Im Gegensatz zu dem Material der Empfindungen ist der
Raum als eine dem Wesen der endlichen Vernunft zugehörige
Form der Anschauung bestimmt. 2
2) Im Gegensatz zur Spontaneität des Verstandes ist der
Raum als Rezeptivität, als Sinnlichkeit apriori, bestimmt. 3

1 Zuletzt veröffentlicht in Heimsoeth, Studien zur PhüosoPhie Immanuel Kants.


Koln '957
Zur Geschichte des Raumproblemes vgl. auch Max Jammer, Das Problem des
Raumes. Darmstadt 1960
2 "In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert, die
Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, daß das Mannigfaltige der Er-
scheinungen in gewissen Verhältnissen geordnet werden kann, nenne ich die Form
der Erscheinung". Kritik der reinen Vernunft, B 34
3 "Wollen wir die Rezeptivität unseres Gemütes, Vorstellungen zu empfangen,
sofern es auf irgendeine Weise affiziert wird, Sinnlichkeit nennen: so ist dagegen
das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontaneität des
Erkenntnisses, der Verstand". Ebenda, B 75
z EINLEITUNG

3) Im Gegensatz zur Aposteriorität der Empfindungen stellt


Kant die Apriorität des Raumes heraus. 1
Bei Husserl treten nun Raum und Bewußtsein so in ein neues
Verhältnis, daß eine "Revision der Kategorien der philoso-
phischen Bewußtseinslehre überhaupt"2 möglich wird. Dies sei
durch die Veränderung angedeutet, welche die Kantschen
Begriffspaare im Laufe dieser Arbeit erfahren.
I) Es wird sich erweisen, daß die "Form" der Anschauung
(die Form des äußeren Sinnes, der Raum) fundiert ist in einem
System subjektiv-leiblicher Vermöglichkeiten und daß die "M a-
terie" der Anschauung, die Empfindung, nur in und durch
dieses System der Vermöglichkeiten gegeben werden kann und
somit als Empfindung je schon Form und Struktur hat (Emp-
findungsfelder etc.). Da dieses System der Vermöglichkeiten, das
kinästhetische System subjektiver Bewegungen, selbst "emp-
funden" und in "Empfindungen" fundiert ist, ergibt sich für die
Anschauung eine Relativierung des Gegensatzes von Materie und
Form, die diesen für eine Theorie der Empfindung und der
Raumanschauung unangemessen werden läßt.
z) Weiterhin wird sich zeigen, daß Rezeptivität und Spon-
taneität nicht als voneinander unabhängig gedacht und bestimmt
werden können, nicht zwei Stämme der Erkenntnis bilden, die
nachträglich zur Erfahrung vermittelt werden müssen (Sche-
matismus); vielmehr ist die Rezeptivität in der Spontaneität
fundiert und nur durch diese möglich. Spontaneität ist dann
aber als Wesensbestimmung nicht mehr dem Verstande vorbe-
halten, sondern sie ist Spontaneität des "Ich bewege mich" als
Wesensbestimmung des kinästhetischen Bewußtseins. So sind
Rezeptivität und Spontaneität als sich gegenseitig bedingende
das, was sie sind, in der Einheit des kinästhetischen Bewußtseins.
3) Apriorität ist nicht mehr allgemein das Wesensmerkmal
desjenigen, was als notwendige Bedingung der Möglichkeit der
Erfahrung "regressiv" erschlossen und durch eine transzenden-

1 " .•• so ist zwar die Materie aller Erscheinung nur aposteriori gegeben, die
Form derselben muß zu ihnen insgesamt im Gemüte apriori bereitliegen ... " Ebenda,
B 34
2 L. Landgrebe, "Prinzipien einer Lehre vom Empfinden", in: Zeitschrift für
Philosophische Forschung VIII, I954, S. I97. In diesem Aufsatz, dem der Verfasser
sehr viel verdankt, ist der Problemhorizont dieser Arbeit erschlossen und des Problem
einer Theorie des kinästhetischen Bewußtseins erstmalig formuliert worden.
EINLEITUNG 3
tale Deduktion in seiner Rechtmäßigkeit (quid iuris) ausgewiesen
wird. Apriorität wird bei Husserl zu einem Wesensmerkmal von
Vermöglichkeiten des Bewußtseins, die, aller Erfahrung je
vorausliegend und zugleich in ihr impliziert, anschaulich aufge-
wiesen werden können.
Es ist nicht geplant, vom Boden der Husserlschen Philosophie
in eine Auseinandersetzung mit Kant einzutreten, vielmehr
dienen diese Hinweise auf Kant dazu, den Horizont anzugeben,
in'dem diese Arbeit gelesen werden soll. Absicht, Methode und
Aufbau der vorliegenden Untersuchung ergeben sich rein aus
dem Zusammenhang der Husserlschen Philosophie selber.
II. Die anfänglichen Auseinandersetzungen Husserls mit
dem Problem des Raumes sind bestimmt durch das eigentümliche
Verhältnis zwischen Mathematik und Psychologie, das den
Ausgangspunkt seines Philosophierens bestimmt. 1
In der Phase vor den Logischen Untersuchungen befaßt sich
Husserl ausgiebig mit mathematischen Raumproblemen und den
psychologischen Theorien über den Ursprung der Raumvor-
stellung. 2 Von diesen läßt sich Husserl später noch eine Reihe
,'Von Problemen vorgeben, die aber im Rahmen der transzenden-
talen Phänomenologie einen anderen Ort gewinnen. Dazu ge-
hören z.B. die Probleme der Flächen- und Tiefenvorstellung des
Gesichtssinnes, Einheit und Unterschiedenheit des Gesichts-
,raumes und des Tastraumes etc. Ebenso findet die psychologische
Beobachtung der Bedeutung der Bewegung der Sinnesorgane
f~die Entwicklung der Raumvorstellung ihre Parallele in
H usserls Lehre von der "Kinästhese".
Die für unsere Untersuchung relevanten Raumanalysen
Husserls stehen bereits im Zusammenhang der in den Ideen I

~ Vgl. dazu Walter Biemel, "Die entscheidenden Phasen der Entfaltung von
Husserls Philosophie", in: Zeitschrift für Philosophische Forschung XIII, z959, S.
z89 ff.
a Vgl. z.B. earl Stumpf, Ober den psychologischen Ursprung der RaumvOt'stellung.
Leipzig z873
Über die frühen Auseinandersetzungen Husserl mit dem Problem des Raumes
könnten drei noch nicht transkribierte Manuskripte Auskunft geben:
xl K I 28 (x887-x890) (Das Manuskript trägt keine Aufschrift. Es befaßt sich
mit mathematischen Problemen des Raumes im Anschluß an die Abhandlung von
Bernhard Riemann Ober die Hypothesen, welche der Geometrie xu Grunde liegen.
Erschienen erstmals Göttingen x867)
2) K I 33 (x893) "Raumprobleme. Psychologisch, auch erkenntnistheoretisch".
3) K I 50 (x886-x894) "Philosophische Versuche über den Raum".
4 EINLEITUNG

(erstmalig I9I3) zum Durchbruch kommenden transzendentalen


Phänomenologie. Dabei sind zu unterscheiden I) die mehr pro-
grammatischen Ansätze und Thesen in den Ideen selbst und dann
in den weiteren bisher veröffentlichten Schriften und 2) aus-
führliche Einzelanalysen, die Gegenstand bisher unveröffent-
lichter Manuskripte sind. Es sind dies vor allem die Manuskripte,
die vom Husserl-Archiv in Louvain unter der Signatur D, "Prim-
ordiale Konstitution (,Urkonstitution')" verwahrt werden.!
Diese Manuskripte sind Forschungsmanuskripte, die von
Husserl nicht für irgendwelche Veröffentlichungen vorgesehen
waren. Sie befassen sich in Einzelanalysen mit Problemen der
Ding- und Raumkonstitution, wobei sich hauptsächlich Ma-
nuskripte aus der Zeit nach I920 als für unsere Arbeit frucht-
bar erwiesen. 2
Aus dem Gesagten ergeben sich Gegenstand und Aufgabe der
ersten beiden Teile dieser Arbeit.
Um die Ergebnisse der Manuskripte für eine systematische
Darstellung zu erschließen, muß aus den veröffentlichen Schriften
Husserls das allgemeine Programm einer Konstitutionsanalyse
entnommen werden. Die genaue Bestimmung ihrer Grundbegriffe
und Methoden macht es erforderlich, daß einige Theoreme der
transzendentalen Phänomenologie in den Vordergrund gestellt
und genauer interpretiert werden müssen, als es in der bisherigen
Husserl-Literatur der Fall ist (Teil I, I. Abschnitt). Dazu gehören
Verfahren und Struktur der eidetischen Variation im Hinblick auf
eine Wesensbestimmung des Apriori (§ 2) und die Rolle des Apriori
im Problembereich der transzendentalen Konstitution (§§ 4--6).

1 Über den Nachlaß Husserls informiert: H. L. Van Breda und R. Boehm, "Aus
dem Husserl-Archiv zu Löwen", in: PhilosoPhisches Jahrbuch der Görresgesellschajt
LXII, 1953, S. 241 ff.
D-Manuskripte waren bei Abfassung der Arbeit verwendet in Günter Witschel,
Edmund Husserls Lehre von den sekundären Qualitäten. Diss. Bonn 1961 und Alwin
Diemer, Edmund Husserl. Versuch einer systematischen Darstellung seiner Phäno-
menologie. Meisenheim am Glan 1956. Die Ausführungen Diemers über Raumkon-
stitution gehen nicht über den Rahmen hinaus, in dem das Problem innerhalb der
Ideen II abgehandelt ist. Dieser Rahmen wird in unserer Arbeit entscheidend über-
schritten.
2 Ein Teil des in unserer Arbeit zitierten Manuskriptes D I3 I (1921) wurde im
Wintersemester 1962/63 im Husserl-Kolloquium der Universität Köln interpretiert,
das unter der Leitung von Prof. Dr. L. Landgrebe und Prof. Dr. K. H. Volkmann-
Schluck vierzehntäglich stattfindet. Dem Husserl-Kolloquium verdankt der Ver-
fasser wesentliche Einblicke in den Gesamtzusammenhang der Husserlschen Philo-
sophie.
EINLEITUNG 5
Die große Allgemeinheit dieser Ausführungen macht dann ihre
Konkretisierung im Hinblick auf das Problem der transzenden-
talen Konstitution des Raumes erforderlich (Teil 1,2. Abschnitt).
Dabei kommt es darauf an, das Problem des Raumes (im Zu-
sammenhang eines Apriori der Raum-Zeitlichkeit) soweit einzu-
grenzen, daß die im Wesen des Dinges aufweisbare Schicht der
res extensa die Funktion des transzendentalen Leitfadens für die
Konstitutionsanalyse des Raumes übernehmen kann (§§ 7-ro).
Im zweiten Teil der Arbeit werden nun bestimmte Abschnitte
der Manuskripte als Versuche zur Durchführung einer auf die
Theorie der transzendentalen Konstitution des Raumes ab-
zielenden Intentionalanalyse interpretiert. Dabei wird zuerst die
visuelle Konstitution des Raumes dargestellt (1. Abschnitt, §§
II-r8).1
In den Problembereich der taktuellen Konstitution des Raumes
spielt das Problem des Leibes und seiner Konstitution hinein,
welches sich dann als das eigentliche Problem der ganzen Arbeit
herausstellt (2. Abschnitt, §§ 20-23).
III. Das wesentliche Ergebnis des zweiten Teiles besteht in
einer Konkretisierung des Husserlschen Subjekt-Begriffes im
Begriff des kinästhetischen Bewußtseins, welcher Begriff
im dritten Teil der Arbeit noch einmal systematisch entfaltet
wird. Dabei werden jene Modifikationen sichtbar, von denen
oben im Hinblick auf Kant die Rede-war (§§ 24-27). Der dritte
Teil hat zugleich die Aufgabe, die Diskrepanz zwischen dem
Programm des ersten Teiles und den konkreten Analysen des
z;clten Teiles zu thematisieren. Der Versuch, den Begriff des
kinästhetischen Bewußtseins mittels der Thesen des ersten Teiles,
die den veröffentlichten Schriften Husserls entnommen sind, zu
interpretieren, führt in eine Aporie, die über den Problembereich
'der Arbeit hinausweist. Sie zeigt, daß der spekulative Horizont,
in dem die Lehre von der transzendentalen Konstitution steht,
mitbedacht werden muß. Ob und inwieweit dieser Horizont die
Zeit ist, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht mehr untersucht
werden.
1 Der § I8 bringt eine Auseinandersetzung mit Oskar Becker, "Beiträge zur phä-
nomenologischen Begründung der Geometrie und ihrer physikalischen Anwendun-
gen", in: Jahrbuch tür Philosophie und phänomenologischen Forschung, VI, I933, S.
385-560. Hier wird zum ersten Mal in Anlehnung an Husserls Phänomenologie eine
Theorie der Raumkonstitution gegeben. Wenn unsere Arbeit auch zu anderen Er-
gebnissen kommt, so bleibt sie doch dieser Abhandlung verpflichtet.
1. TEIL

ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES


PROBLEMS DER TRANSZENDENTALEN
KONSTITUTION DES RAUMES
I. ABSCHNITT

DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK


IM RAHMEN DER ALLGEMEINEN
PHÄNOMENOLOGIE

§ I. Zur Einführung: Der Husserlsche Weltbegriff


Eine erste Vorzeichnung des Husserlschen Weltbegriffes kann
aus einem Grundzug seines gesamten Philosophierens gegeben
werden. Dieser besteht, kurz gesagt, in einer universalen Re-
flexion auf die Korrelation von Gegenstand und Gegenstands-
bewußtsein. 1 Die besondere Eigenart der phänomenologischen
Korrelationsforschung ist aber bestimmt von der speziellen
.Gestalt, die Husserl der Idee der "Intentionalität" gegeben
hat. 2 Intentionalität besagt zunächst als konstatierbare und be-
schreibbare Grundeigentümlichkeit jeden Bewußtseins, daß
dieses nur möglich ist als Bewußtsein-von Etwas. Das Ent-
scheidende dieser Einsicht liegt aber darin, daß damit die
Korrelation von Bewußtsein und Gegenstand selbst einer univer-
salen Deskripti01\ zugänglich ist. Damit wird die Aufdeckung
einer Wesensstruktur jeden Gegenstandsbewußtseins möglich,
die darin besteht, daß jeder aktuell bewußte Gegenstand, jeder
faktische Stand des auf ein Gegenstandsgebiet bezogenen Wis-
sens in ihm selbst eine Vorzeichnung auf einen möglichen Fort-
gang der Erfahrung von demselben enthält. Dies ergibt den
formalen Begriff eines Horizontes, in dem jeder mögliche Fort-
gang der Erfahrung einbehalten ist. Dieser Horizont ist die
Welt.3 Welt ist also nicht nur der Inbegriff der Dinge, der
Gegenstände möglicher Erfahrung, sondern vielmehr die Wesens-
1 In der Krisis sagt Husserl in einer Anmerkung, daLS die Entdeckung der Kor-
relationsproblematik bereits in den 90er Jahren stattgefunden habe, um seitdem
seine gesamte Lebensarbeit zu beherrschen. Krisis, S. 169, Anm. Vgl. dazu auch
u.a. Logische Untersuchungen 11, I, I9I32, S. 8 und Idee der phänomenologie, S. 74-
2 Es ist oft genug dargestellt worden, inwiefern gerade die Intentionalität das
"besti=ende Grundmotiv" der Phänomenologie darstellt. Vgl. dazu besonders:
Alwin Diemer, Edmund Husserl. Versuch einer systematischen Darstellung seiner
Philosophie. Meisenheim am Glan I956
8 Vgl. dazu Diemer, a.a.O., S. I95 ff.
IO ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

struktur der Korrelation von Bewußtsein und Gegenstand. Eine


Konkretisierung des Weltbegriffes ist also nur dadurch möglich,
daß die Strukturen expliziert werden, welche im vorhinein den
Bezug des Bewußtseins auf seinen Gegenstand bestimmen. So ist
zu verstehen, wie Welt in jeder aktuellen Erfahrung, wenn auch
unthematisch, anwesend ist.
Damit ist die Möglichkeit gewonnen, die Unterscheidung von
"Le benswelt" und ,,0 bj ekti v-wissenschaftlicher Welt"
kurz aufzuzeigen. Es sind zwei grundverschiedene Weisen, die den
"lebensweltlichen" und den "objektiv-wissenschaftlichen" Be-
zug des Bewußtseins zu seinem Gegenstand bestimmen. Wir
wollen diesen Unterschied nur im Hinblick auf die Raum-
Zeitlichkeit als "Form" jeder Welt überhaupt näher explizieren. 1
Dieser Hinblick ist es allerdings auch, unter dem Husserl jene
Unterscheidung zunächst in den Griff bekommt.
Die objektiv-wissenschaftliche Welt ist im wesentlichen da-
durch bestimmt, daß die Korrelation von Bewußtsein und
Gegenstand für die wissenschaftliche Bestimmung ihrer Gegen-
stände selbst unwesentlich wird. Dies begründet den "Objekti-
vismus" der Wissenschaften; ihre Welt ist die "Welt an sich".
Sie ist konstituiert durch die konsequente Ausschaltung aller
subjektiv-relativen Gegebenheitsweisen und die Herstellung einer
eindeutigen Identifizierbarkeit der Gegenstände durch "Ma-
thematisierung"2. Husserl hat im zweiten Teil der Krisis die
Genesis der mathematischen Wissenschaften von der raum-
zeitlichen Welt ausführlich dargelegt. Er sieht diese Genesis in
dem Prozeß der "Idealisierung"3. Die Welt wird so zur
bloßen Natur im Sinne der Naturwissenschaften; ihre Grund-
these besteht darin, daß die Natur in ihrem "wahren Sein
an sich" mathematisch sei4 . Als "Tatsachenwissenschaft"5
hat diese mathematische Naturwissenschaft notwendig Fun-
damente in einer apriorischen oder Wesenswissenschaft, der
Geometrie im weitesten Sinne6 . Zusammenfassend kann gesagt
1 Auf die mit dem Begriff der Lebenswelt aufgeworfene grundsätzliche Problematik
können wir im Rahmen unserer Arbeit nicht eingehen.
2 Krisis, S. 20 ff.
3 Ebenda, S. 30
4 Ebenda, S. 54
5 Ideen I, S. 21
• Krisis, S. 24: "Geometrie vertritt uns hier überall die ganze Mathematik der
Raumzeitlichkeit" .
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK II

werden: Die objektiv-wissenschaftliche Welt ist durch


einen bestimmten Bezug des Bewußtseins auf seinen
Gegenstand bestimmt, aber so, daß dieser Bezug als
solcher verdeckt bleibt.
Die Lebenswelt ist demgegenüber die subjektiv-relative Welt
der anschaulichen Erfahrung. "Der Kontrast zwischen dem
Subjektiven der Lebenswelt und der ,objektiven', der ,wahren'
Welt liegt nun darin, daß die letztere eine theoretisch logische
Substruktion ist, die eines prinzipiell nicht Wahrnehmbaren,
prinzipiell in seinem eigenen Selbstsein nicht Erfahrbaren,
während das lebensweltlich Subjektive in allem und jedem eben
durch seine wirkliche Erfahrbarkeit ausgezeichnet ist."! Ist aber,
wie wir gesehen haben, die objektiv-wissenschaftliche Welt
konstituiert durch die Methode der Idealisierung und durch das
Vergessen dieser Methode, so bleibt sie doch in der anschaulichen
Lebenswelt fundiert. Die Relativität der Lebenswelt ist ja gerade
das bestimmende Motiv für die Idealisierung, wodurch jene über-
wunden und die Gegenständer zu eindeutig identifizierbaren
. werden. Idealisierung und die dadurch ermöglichte Herrschaft
über die Natur wären aber nicht möglich, wenn nicht die Lebens-
welt in sich selbst bereits Strukturen enthielte, die eine Ideali-
sierung ermöglichen. Die Relativität der anschaulichen Er-
fahrung von der ,Welt muß selbst gebunden sein durch einen
formalen "Gesamtstil".2 Die Lebenswelt hat in allen ihren
Relativitäten ihre "allgemeine Struktur"3, die zum Thema
e~ eigenen Wissenschaft gemacht werden kann. "Die Welt als
. Lebenswelt hat schon vorwissenschaftlich die ,gleichen' Struk-
turen, als welche die objektiven Wissenschaften, in eins mit ihrer
(durch die Jahrhunderte zur Selbstverständlichkeit gewordenen)
Substruktion einer ,an sich' seienden, in ,Wahrheiten an sich'
bestimmten Welt, als apriorische Strukturen voraussetzen und
systematisch in, apriorischen Wissenschaften entfalten ... "3.
Dies wird besonders deutlich an der Strukturform der Raum-
Zeitlichkeit. Einerseits ist sie es gerade, an der die Idealisierung
ansetzt, zum andern aber ist sie auch dasjenige "Formal-Allge-
meine"4, welches in einer ersten Reflexion auf "das an der
1 Ebenda, S. 130
2 Ebenda, S. 28
S Ebenda, S. 142
4 Ebenda, S. 145
I2 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

Lebenswelt in allem Wandel der Relativitäten invariant Ver-


bleibende"! in den Blick kommt. Die mathematischen Wissen-
schaften von der Welt setzen die Raum-Zeitlichkeit als apriorische
Struktur voraus, welches Apriori dann in der Mathematik der
Raum-Zeitlichkeit entfaltet wird. Diesem mathematischen Aprio-
ri liegt aber, wie leicht zu sehen ist, die Raum-Zeitlichkeit als
Struktur der Lebenswelt, als "lebensweltliches Apriori", zu
Grunde. "Eine gewisse idealisierende Leistung ist es, welche die
höherstufige Sinnbildung und Seinsgeltung des mathematischen
und jedes objektiven Apriori zustande bringt, auf Grund des
lebensweltlichen Apriori" 2. Damit hat sich die Unterscheidung
von Lebenswelt und objektiv-wissenschaftlicher Welt dahin-
gehend präzisiert, daß dieser Unterschied fundiert ist in einem
Unterschied des Apriori, zunächst des Apriori der Raum-Zeit-
lichkeit. Eine Wissenschaft von der Lebenswelt wäre also
zunächst apriorische Wissenschaft der lebensweltlichen Raum-
Zeitlichkeit. Wie ist djese Wissenschaft nun methodisch in Gang
zu bringen? Sie wird ermöglicht durch eine "Epoche"3 von den
objektiven Wissenschaften, d.h. durch die Ausschaltung aller
Idealisierungen. Dadurch erst können jene Korrelationen thema-
tisiert werden, welche Raum-Zeitlichkeit als Form der Lebens-
welt ermöglichen.
In diesem Zusammenhang ist noch ein weiterer Grundzug jeder
Welt überhaupt, der objektiv-wissenschaftlichen wie der Lebens-
welt, anzugeben: die Vorgegebenheit der Welt als solche. "Das
natürliche Leben ist, ob vorwissenschaftlich oder wissenschaftlich,
ob theoretisch oder praktisch interessiertes, Leben in einem
universalen unthematischen Horizont. Das ist in der Natürlich-
keit eben die immerfort als das Seiende vorgegebene Welt". 4 Für
die objektiven Wissenschaften ist die Welt als ein mathema-
tisches Universum vorgegeben, das in ihnen eindeutig erkannt
und bestimmt wird. Wie gezeigt, gründet diese Vorgegebenheit
in einer Naivität, die nicht sieht, daß das vermeintlich Vorge-
gebene Resultat einer aus subjektivem Erkenntnisinteresse
entsprungenen Idealisierung ist. Diese Naivität wird in einer

1 Ebenda
2 Ebenda, S. I43
3 Ebenda, S. I38
4 Ebenda, S. q8
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK I3

ersten Epoche, welche zugleich Thematisierung der Lebenswelt


ist, durchschaut und damit durchbrochen.
Nun ist aber Folgendes zu bedenken: "Im Vollzug dieser
Epoche stehen wir offenbar noch weiter auf dem Boden der
Welt; sie ist nun reduziert auf die vorwissenschaftlich uns gel-
tende Lebenswelt"l. Die Lebenswelt hat ebenfalls noch den
Charakter der Vorgegebenheit. Auch diese gründet in einer
Naivität, der Naivität der "natürlichen Einstellung"2. Erst in
der Ausschaltung dieser natürlichen Einstellung in der "tran-
szendentalen Epoche"3 kann auch diese letzte Naivität über-
wunden und die universale Korrelation von Bewußtsein und
Gegenstand zum Thema einer transzenden talen Reflexion
gemacht werden.
Die in der Krisis getroffene Unterscheidung zwischen Lebens-
welt und objektiv-wissenschaftlicher Welt ist vorgebildet durch
die in den Ideen I gemachte Unterscheidung zwischen "mor-
phologischem" und "exaktem" Wesen. 4 Das morphologische
Wesen ist das im eigentlichen Sinne anschauliche Wesen, dessen
Explikation in einer deskriptiven Wissenschaft erfolgt.5 Das
exakte Wesen, z.B. der Raum der Geometrie, ist prinzipiell
unanschaulich und Resultat einer Idealisierung des morpho-
logischen Wesens. Wie später gezeigt werden so1l6, kann unsere
Analyse der Raumkonstitution am morphologischen Wesen des
Dinges, bzw. an der auf es bezogenen regionalen Ontologie7
ansetzen. Das in dieser Ontologie zu entfaltende Apriori der
R~m-Zeit1ichkeit, sofern sie gerade ein morphologisches Wesen
zum Ausgangspunkt nimmt, geht in eine universale Ontologie
der Lebenswelt ein. Wesentliche Stücke einer Wissenschaft vom
lebensweltlichen Apriori der Raum-Zeitlichkeit liegen bereits in
der regionalen Ontologie der raumdinglichen Realität vor, so wie
sie in den I deen8 entworfen wird. Hiermit ist aber das Motiv
gegeben, von der skizzierten Problematik der Krisis zu den Ideen
zurückzugehen, um nach einer allgemeinen Vorzeichnung des
1 Ebenda, S. 150
2 Ideen I, S. 57
3 Krisis, S. 151
4 Ideen I, S. 16g ff.
5 Ebenda, S. 169
6 V gl. § 7 unserer Arbeit
7 Vgl. § 8
8 Vgl. Ideen I, S. 367 ff. und Ideen II, S. 27 ff.
I4 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

Problems der transzendentalen Konstitution überhaupt zum


Problem des Raumes und seiner speziellen Konstitutionsproble-
matik in eingehenden Analysen zurückzukehren.

§ Die Vorgegebenheit der Welt und das ontische Apriori


2.
Lebenswelt und objektiv-wissenschaftliche Welt kommen dar-
in überein, den Charakter der Vorgegebenheit zu haben; ihr
Unterschied aber, so weit er für uns wichtig ist, besteht in der
verschiedenen Bestimmung des formalen Apriori der Raum-
Zeitlichkeit, bzw. im unterschiedlichen Bezug des Bewußtseins
zu diesem Apriori. Aus diesem Grunde soll nun zunächst Husserls
Lehre vom Apriori entfaltet werden, und zwar unter dem Hin-
blick einer in ihr implizierten Theorie der Korrelation von Be-
wußtsein und Gegenstand. Wir bleiben bei dieser Untersuchung
in der natürlichen Einstellung, vollziehen aber Epoche gegenüber
den exakten Wissenschaften.
Zwei Momente bestimmen den Bezug des natürlichen Be-
wußtseins zu seiner Welt: I. Jede Erkenntnis und Erfahrung
der Welt geht letztlich zurück auf die als Wahrnehmung be-
stimmte Erfahrung von Individuellem!. 2. Zur Vorgegebenheit
der Welt, die zugleich die Vorgegebenheit der erfahrbaren Dinge
ist, gehört auch notwendig der Charakter der Bekanntheit und
Vertrautheit 2 . Die innerhalb der Welt begegnenden Gegenstände
sind nie völlig unbekannte. "Vielmehr Unbekanntheit ist
jederzeit zugleich ein Modus der Bekanntheit"3. Wie aber
ist diese vorgängige Bekanntheit zu begreifen, wenn doch Er-
fahrung letztlich Erfahrung von Individuellem, Einmaligem
bedeutet? Bekannt ist gerade nicht das Einzelne, sofern es Ge-
genstand der Erfahrung ist, sondern in dieser Bekanntheit ist
bereits ein Bezug des Bewußtseins zu einem Allgemeinen
gegeben, zu einem Einen und Selben, das für vieles gilt. Die
Vertrautheit des natürlichen Bewußtseins mit seiner Welt besteht
also darin, daß jede Erfahrung von Individuellem im vorhinein
geleitet ist durch einen unthematischen Hinblick auf ein Allge-
meines. Das Einzelne ist dadurch als Besonderes eben dieses
Allgemeinen bestimmbar.

1 Erfahrung und Urteil, S. 20 ff.; Ideen I, S. n; vgl. auch Itleeff 11, S. 7


2 Erfahrung und Urteil, S. 33
3 Ebenda, S. 34
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 15
Man könnte zunächst mit Erfahrung und Urteil der Meinung
sein, daß das Allgemeine Resultat der Erfahrung selber ist: "Mit
jedem neuartigen, ... erstmals konstituierten Gegenstand ist
ein neuer Gegenstandstypus bleibend vorgezeichnet, nach dem
von vornherein andere ihm ähnliche Gegenstände aufgefaßt wer-
den"l. Durch den Fortgang der Erfahrung von ähnlichen Ge-
genständen wird der Typus vielleicht modifiziert und korrigiert,
letztlich aber bestätigt, so daß schließlich der Typus indivi-
dueller Gegenstände selbst zu einem allgemeinen Gegenstand
wird, nämlich zu Gattung oder Art 2 . So gesehen ist der Bezug
des Bewußtseins zu einem Allgemeinen Resultat einer Geschichte
der Erfahrung individueller Gegenstände. Zur Vorgegebenheit
der Welt in ihrer Bekanntheit gehört dann aber auch alles, was
die Wissenschaften zur Erkenntnis der Welt beigetragen haben 3 .
Mit diesen Überlegungen haben wir aber das Apriori noch
nicht erreicht, denn das Allgemeine, von dem bisher die Rede
war, stammt selbst aus der Erfahrung und kann diese also nicht
im vorhinein leiten und ermöglichen. Ist aber andererseits jede
Erfahrung von Individuellem durch einen unthematischen Hin-
blick auf ein Allgemeines vom Charakter des Apriori ermöglicht,
so muß sich dieses Apriori durch eine geeignete Reflexion auf die
Erfahrung selbst herausstellen lassen.
Das Allgemeine als apriorisches bezeichnet Husserl als "We-
sen" oder "Eidos"4. Es ist "das im selbsteigenen Sein eines
Individuellen als sein Was Vorfindliche"5. Dieser Begriff des
~s ist der einzige Begriff des Apriori, den Husserl anerkennt 6 •
Wenrt also das Wesen als das "Was" eines Individuums vor-
findlich ist, so kann die Wesenserkenntnis an jedem Individuum
ansetzen. Im Bewußtsein eines individuellen Gegenstandes, im
Erfahrungsbewußtsein von ihm, muß also das Bewußtsein des
Wesens bere'ts impliziert, unthematisch enthalten sein. Um das
Wesen aus dem Bewußtsein eines individuellen Gegenstandes

1 Ebenda, S. 35
2 Ebenda
8 Ebenda, S. 39
4 Ideen I, S. IZ
6 Ebenda, S. I3
6 Formale und transzendentale Logik, S. Z19 Anm. Indem aber das Apriori tran-
szendentalphilosophisch zugleich als Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung an-
gesehen wird, verliert das Eidos seinen "platonischen" Charakter; es erweist sich als
in Vermöglichkeiten des Bewußtseins fundIert.
16 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

"hervorzuholen" , hat Husserl eine eigene Methode entwickelt,


die nun zu betrachten ist!.
Husserl hat seine Methode der Wesenserkenntnis, die "eide-
tische Variation", an vielen Stellen seines Werkes eingehend
beschrieben, so daß sie in ihren Grundzügen als bekannt voraus-
gesetzt werden kann 2.
Schon die Erfahrung einer empirischen Allgemeingegenständ-
lichkeit vollzieht sich dadurch, daß eine Mannigfaltigkeit von
individuellen Gegenständen im Laufe der Erfahrung auf ihre
Gleichheit hin betrachtet wird. Erfahrene Gegenstände gleichen
sich hinsichtlich bestimmter Merkmale, während sie sich hin-
sichtlich anderer unterscheiden. Dadurch ist schon ein Verhältnis
von Variation, nämlich die der vielen Individuen hinsichtlich
ihrer Unterschiedenheit und einer Invarianten, welche das Eine
ist, worin sich die Individuen gleichen, gegeben3 . Diese Variation
aber und damit auch die Invariante sind zufällig, weil sie an
das faktische Begegnen einzelner Gegenstände gebunden sind.
Es handelt sich hier um das, was Husserl, ,empirische Variation"4
nennt.
Die Methode der eigentlichen Wesenserkenntnis besteht da-
gegen darin, die Variation aus ihrer Gebundenheit an faktisch
Vorkommendes herauszulösen und im Ausgang von einem Exem-
pel bewußt und frei zu erzeugen5 • In der Variation, im Umfin-
gieren des Exempels, stößt diese an eine Grenze, die nicht
überschritten werden darf, soll der gerade fingierte Gegenstand
noch als Abwandlung des Exempels angesehen werden können.
So wird in der Variation zunächst eine "Invariante"6 erfahren
als der Spielraum, innerhalb dessen sich die Variation vollzieht.
Die Wesensschau erfolgt nun dadurch, daß die ganze Variations-
mannigfaltigkeit "im-Griff-behalten"7 und auf ihr Verhältnis
zum invarianten Spielraum reflektiert wird. Dieses "zweite Sta-
1 Wir sind der Überzeugung, daß eine angemessene Bestimmung des Wesens als
Apriori nur aus der Methode der Wesenserkenntnis selbst gewonnen werden kann.
In dieser Methode kommt nämlich die zum Husserlschen Begriff des Apriori gehörige
Korrelation von Bewußtsein und Gegenstand qua Wesen als solche zum Vorschein.
2 Vgl. Ideen I, S. I3 ff.; Ideen IU, S. 29 ff.; Erfahrung und Urteil, S. 409 ff.;
Formale und transzendentale Logik, S. 2I8 ff.; Phänomenologische Psychologie, S. 7I ff.
3 Vgl. Erfahrung und Urteil, S. 385 ff.
4 Formale und transzendentale Logik, S. zr9
5 Vgl. Erfahrung und Urteil, S. 4IO ff. und Ideen UI, S. 29 fi.
6 Erfahrung und Urteil, S. 4U
7 Ebenda, S. 4I3
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK I7
dium der Ideation"! besteht in der ausdrücklichen Themati-
sierung des Spielraumes selbst, wobei dieser als dasjenige zu
Gegebenheit kommt, was als Eines und Selbes die Variation
trägt und ermöglicht. Dieses wird als die "notwendige allge-
meine Form", als das "invariable Was", erfahren und ist so
ein "allgemeines Wesen"2.
Warum aber ist diese in der Variation erschaubare invariante
Form das gesuchte apriorische Wesen des Gegenstandes3 ?
Das Wesen als Apriori soll im vorhinein Erfahrung ermöglichen;
hier aber scheint es doch Resultat einer komplizierten Methode
zu sein. Sofern das Wesen Erfahrung ermöglicht, muß es dem
Bewußtsein immer schon vorgegeben sein. Das Wesen erweist
sich als vorgegebenes aber dadurch, daß die von einem Exempel
ausgehende Variation an eine Grenze stößt, die Grenze also als
vorgegebene anschaulich erfährt. Es ist also nicht so, daß das
Wesen in der Variation produziert wird, sondern die Variation
ist im vorhinein vom Wesen geleitet, wenn anders in der
Variation das Wesen anschaulich erfahren werden kann. Das alle
Erfahrung ermöglichende Apriori kommt als Wesen, d.h. hier
als Invariante, als allgemeine Form, erst durch den Prozeß der
Variation in den Blick und kann sich erst im Durchlaufen der
Mannigfaltigkeit als dem Ungleichen als Eines und Selbes, das
für vieles gilt, d.h. als Allgemeines herausstellen.
Es ergibt sich nun die Frage: Wie muß das Wesen gedacht
werden, sofern es die Variation vorgängig leitet? Das Wesen muß
notwendig in zweierlei Hinsicht betrachtet werden. Einmal ist
~s Wesen dasjenige, was die Variation vorgängig leitet und
damit ermöglicht, indem diese sich gewissermaßen dem Wesen
immer schon anvertraut hat; zum anderen ist das Wesen ein
Gegenstand, der in der Variation allererst erschaut, d.h. als vor-
gegeben erfahren wird. Das Wesen muß schon bekannt sein,
wenngleich nicht erkannt, wenn es im Prozeß der Variation als
solches soll erkannt werden können. "Das heißt, es ist als solches

1 Vgl. Eugen Fink, "Das Problem der Phanomenologie Edmund Husserls" in:
Revue Internationale de Philosophie I, No 2, I939, S. 264 ff.
2 Erfahrung und Urteil, S. 4U
3 "Diese Invariante ist die ontische Wesensform (apriorische Form), das Eidos,
das dem Exempel entspricht, wofur jede Variante desselben hätte ebensogut dienen
können".
Formale und transzendentale Logik, S. 2I9
18 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

passi V vor konstituiert, und die Erschauung des Eidos beruht


in der aktiven schauenden Erfassung des so Vorkonsti-
tuierten"l. Die Wesenserschauung ist deshalb Erfahrung eines
Vorgegebenen, weil das Bewußtsein die vorgängige Bekanntheit
des Wesens in der Variation, bzw. in der Wesensschau, einholt.
Fassen wir noch einmal zusammen: Zur Welt, so wie sie als
bekannte und vertraute dem natürlichen Bewußtsein vorgegeben
ist, auf die es sich kraft seiner intentionalen Struktur bezieht,
gehört ein Apriori, welches jede Erfahrung von innerhalb der
Welt begegnendem Seienden dadurch ermöglicht, daß das na-
türliche Bewußtsein vor aller Erfahrung schon in einem Bezug
zu ihm steht. Dieser Bezug des natürlichen Bewußtseins zu dem
Apriori der Welt - wir nennen es von nun an "ontisches Apriori"
- hat den Charakter einer Bekanntheit, welche in der Methode
der eidetischen Variation eingeholt werden kann, wobei dieses
als allgemeiner Gegenstand, als Wesen oder Eidos, erfahren wird.
Das ontische Apriori hat deshalb für das natürliche Bewußtsein
den Charakter der Vorgegebenheit.
Zwei Fragen sind es nun, die den weiteren Gedankengang
bewegen und leiten: 1. Wie ist der vorgängige Bezug des natür-
lichen Bewußtseins zum ontischen Apriori möglich und 2. wie
ist die Ermöglichung der Erfahrung, die ja durch den Bezug des
natürlichen Bewußtseins zum ontischen Apriori geleistet werden
soll, selbst zu bestimmen? Erst durch die Beantwortung dieser
Fragen läßt sich dann auch verstehen, wie das Apriori die Varia-
tion immer schon leitet und wie das Apriori in ihr als allgemeiner
Gegenstand angeschaut werden kann 2 •
Diese Fragen können nur dann beantwortet werden, wenn der
Standpunkt des natürlichen Bewußtseins verlassen wird. Der
doppelte Bezug des Bewußtseins zum ontischen Apriori muß zum
Thema einer transzendentalen Reflexion gemacht werden.

1 Erfahrung und Urteil, S. 414. Was diese "passive Vorkonstitution" besagt, kann
hier noch nicht aufgeklärt werden. Diese Frage ist die eigentliche Frage der tran-
szendentalen Konstitution.
2 "In der Methode der Ideation ist also schon ein Zusammenhang von Sein und
Bewußtsein angesetzt, der dann bei der späteren intentional-analytischen Aufklä-
rung der eidetischen Evidenz sehr wichtig wird". Fink, a.a.O., S. 264
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 19

§ 3. Der Rückgang zur transzendentalen Subjektivität. Tran-


szendentale Subjektivität und Intentionalität
Um die Eigenart der Husserlschen Transzendentalphilosophie
zu kennzeichnen, ist eine Reflexion auf das Wesen der tran-
szendentalen Fragestellung überhaupt vonnöten. Die transzen-
dentale Frage wird ermöglicht durch ein Verlassen der natürlichen
Einstellung, wobei aber gleichzeitig eine Rückwendung auf die
Welt der natürlichen Einstellung vollzogen wird. Erst im Ver-
lassen der natürlichen Einstellung kann diese als solche über-
haupt in den Blick kommen l . Dann aber wird die Welt der
natürlichen Einstellung nicht mehr einfach hingenommen, son-
dern auf den Grund ihrer Möglichkeit hin befragt. Das bedeutet,
daß die Welt selbst als Resultat aufgefaßt wird, und der Weg,
der zu diesem Resultat - so müssen wir sagen - immer schon
geführt hat, als solcher eigens thematisiert wird. Daß der Rück-
gang von der vorgegebenen Welt auf den Grund ihrer Möglichkeit
in eine Subjektivität führt, ist für Husserl selbstverständlich2 •
Im folgenden ist nun zu sehen, wie sich bei Husserl der Rückgang
in die Subjektivität gestaltet und wie diese Subjektivität, die
er'dann "transzendentale" nennt, selbst als solche bestimmt wird.
Vorzeichnend seien hier zwei Grundentscheidungen der Hus-
serlschen Transzendentalphilosophie genannt, welche dann im
folgenden noch konkretisiert werden.
1. Die transzendentale Subjektivität muß gemäß dem "Prinzip
der Prinzipien"3 zur Selbstgegebenheit gebracht werden können;
-~e darf nicht konstruiert oder regressiv erschlossen werden.
2. Selbstgegebenheit der transzendentalen Subjektivität be-
deutet aber, daß sie zum Thema einer Deskription gemacht
werden kann; sie muß anschaulich beschreibbar sein. Dies ist
aber möglich, weil die transzendentale Subjektivität die Grund-
struktur der Intentionalität besitzt.
Nur aus diesen Grundentscheidungen heraus sind Ansatz und
Ausgestaltung der Husserlschen Transzendentalphilosophie zu
verstehen.
Sollen nun aber - und das folgt aus dem oben Gesagten -

1 "Das die Weltgeltung des natürlichen Lebens leistende Leben läßt sich nicht
in der Einstellung des natürlichen Weltlebens studieren". Krisis, S. 151
a Vgl. dazu z.B. Erfahrung und Urteil, S. 47
3 Ideen I, S. 52
20 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

natürliches oder mundanes Bewußtsein und transzendentales


Bewußtsein in der Bestimmung der Intentionalität überein-
kommen, so muß das wesenhaft unterscheidende Moment heraus-
gearbeitet werden. Dieses Moment liegt in einer Eigenart des
natürlichen Bewußtseins, welche aber in der natürlichen Ein-
stellung selbst nicht erkannt oder als Bestimmung seiner Inten-
tionalität durchschaut werden kann. Diese alle Intentionalität
des mundanen Bewußtseins leitende Bestimmung nennt Husserl
"Generalthesis der natürlichen Einstellung"l. Zwar ist Welt für
das mundane Bewußtsein nur kraft seiner Intentionalität, aber
der intentional vermeinte Gegenstand als solcher wird zugleich
gesetzt als von allem Vermeinen unabhängig. Der Bezug des
Bewußtseins zur Welt ist zwar ein Vorkommnis innerhalb dieser,
ist aber der Welt selbst äußerlich. Die Welt ist, was sie ist, auch
unabhängig von allem Vermeinen. Die Generalthesis der natür-
lichen Einstellung ist der Grund dafür, daß die Welt für das
mundane Bewußtsein den Charakter einer puren Vorgegebenheit,
den Charakter einer reinen "Positivität"2 hat. Indem das Be-
wußtsein als natürliches Bewußtsein diesen seinen Setzungsvoll-
zug nicht durchschaut, ist das Gesetzte für es ein Vorgegebenes.
Da das Wesen des natürlichen Bewußtseins darin besteht, sich
auf eine vorgegebene Welt zu beziehen, ist das Bewußtsein, sofern
es die Vorgegebenheit als Resultat einer Setzung begreift, selbst
nicht mehr natürliches Bewußtsein, sondern transzenden tales
Bewußtsein. So erst ist es verständlich, inwiefern die "Ausschal-
tung"3 der das natürliche Bewußtsein in seiner Natürlichkeit
bestimmenden Generalthesis zugleich die Thematisierung der
transzendentalen Subjektivität ist. Dies ist freilich nur der erste
Schritt; Husserl nennt ihn "transzendentale Epoche"4.
Nun gilt es, den Bezug des transzendentalen Bewußtseins zu
seinem Gegenstand zu bestimmen.
Die deskriptive Grundstruktur der Intentionalität liegt in
einem Korrelationszusammenhang, den Husserl in Anlehnung an
1 Ideen I, s. 62 ff.
Diese gilt auch, wie Husserl ausdrücklich betont, für alle auf die Welt bezogenen
Wissenschaften. V gl. dazu oben § I
2 Ebenda, S. 63
Im Begriff der Positivität liegt derselbe auch im Begriff der Generalthesis aus-
gedrückte Setzungscharakter. Das Positive ist das Gesetzte.
3 Ideen I, S. 63
4 Ideen I, S. 66
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 2I

Descartes als "ego-cogito-cogitatum"l bestimmt. Bewußtsein (=


Ego) ist Bewußtsein (= cogitare) von Etwas (= cogitatum).
Erst in der transzendentalen Epoche zeigt sich das volle Wesen
der Intentionalität: Jedes cogitare, jeder venneinende Akt über-
haupt enthält in ihm selbst und durch ihn selbst sein cogitatum,
sein Venneintes als solches. Die Epoche ändert nichts daran,
"daß die cogitatio in sich cogitatio von ihrem cogitatum ist,
und daß dieses als solches, und so wie es da ist, von ihr unab-
trennbar ist"2.
Die Welt geht also in der Epoche nicht verloren, sondern
bleibt als cogitatum einer universalen cogitatio erhalten; sie
wird nur "eingeklammert"3. Die transzendentale Subjektivität
kommt auf diese Weise als eine Sphäre der Immanenz in den
Blick. Diese Immanenz hat aber für die cogitatio selbst einen
anderen Sinn als für das cogitatum qua cogitatum. Dieses verhält
sich nämlich zum cogitare in einer Weise der Transzendenz4 . Die
Sphäre des Venneinens selbst, den "Strom der Erlebnisse", jed-
wede cogitatio, faßt Husserl tenninologisch als "Noesis"5; den
Bereich der cogitata, des Venneinten als solchen, dagegen unter
dem Tenninus "Noema"6. Somit hat die transzendentale Sub-
jektivität eine noetisch-noematische Doppelstruktur, deren klas-
sifizierende Deskription die Aufgabe des größten Teiles der
Ideen I darstellt.
In bezug auf die Welt läßt sich nunmehr sagen, daß sie durch
die Epoche den Charakter des noematischen Korrelats eines
-transzendentalen Venneinens erhält. Was aber bedeutet das? Es
b~eutet, daß "die W el t der transzenden ten ,res' d urcha us
auf Bewußtsein, und zwar nicht auf logisch erdachtes,
sondern aktuelles angewiesen"7 ist. Bewußtsein als ak-
tuelles besagt hier nichts anderes, als daß es in seiner Aktualität
zur Selbstgegebenheit muß gebracht werden können; es muß
möglich sein, dem Bewußtsein in seinem Vollzuge "zuzuschau-

1 Carlesianische Meditationen, S. 84
2 Ideen I, S. 76 f.
3 Ebenda, S. 65
4 Husserl versucht, die Immanenz der cogitatio als "reelle" Immanenz zu fassen.
Vgl. Ideen I, S. 218 fi.
S Ebenda, S. 210
& Ebenda, S. 219
7 Ebenda, S. II5
22 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

en"!. Dies ist wiederum nur möglich, sofern Bewußtsein inten-


tionales ist, die Grundstruktur des. Ego-cogito-cogitatum hat.
Die Intentionalität ist somit nicht nur die Grundbestimmung
jeden Bewußtseins, des mundanen wie des transzendentalen,
sondern sie wird zu einer Grundbestimmung der Welt selbst.
Damit aber "ist die ganze räumlichzeitliche Welt, der sich der
Mensch und menschliches Ich als untergeordnete Einzelrealitäten
zurechnen, ihrem Sinne nach bloßes intentionales Sein"2.
So ist es grundsätzlich möglich geworden, unsere Rede vom
"Resultatcharakter" der Welt und der "Thematisierung des
Weges" soweit zu präzisieren, daß der weitere Gedankengang als
durch das bisherige gefordert einsichtig wird. Ist Welt das
noematische Korrelat eines transzendentalen Vermeinens, ist sie
nur "von Gnaden" der Intentionalität des transzendentalen Be-
wußtseins, so kann die Welt gerade als Korrelat in ihrem
Resultatcharakter durchschaut werden. Der Weg ist dann
aber ein Weg des transzendentalen Bewußtseins selbst, das
transzendentale Vermeinen selbst hat den Charakter des Weges.
Die Thematisierung des Weges ist dann die "Intentional-
analyse". Diese ist die methodische Ausgestaltung der tran-
szendentalen Reflexion, die oben gefordert wurde. 3

§ 4. Die Idee der Intentionalanalyse und das Problem des tran-


szendentalen Leitfadens
Es darf nach dem bisher Gesagten keineswegs für ausgemacht
gelten, was Intentionalität des transzendentalen Bewußtseins
besagt, vielmehr hat die Intentionalanalyse die Aufgabe, Inten-
tionalität in ihrer Welt ermöglichenden Funktion allererst zum
Vorschein zu bringen4 . Dazu muß an einen weiteren Grundzug
der Intentionalität erinnert werden, um aufzuzeigen, warum
Intentionalanalyse überhaupt notwendig ist. Bewußtsein von

1 "Der transzendentale Zuschauer stellt sich über sich selbst, sieht sich zu und
sieht sich auch als dem vordem welthingegebenen Ich zu, fiudet also in sich als
cogitatum sich als Menschen und findet an den zugehörigen cogitationes das ((das»
gesamte Weltliche ausmachende transzendentale Leben und Sein". Carlesianische
Meditationen, S. 16
2 Ideen I, S. II7
3 Vgl. § 1
4 Vgl. dazu Fink, a.a.O., S. 265: " ... die intentionale Analyse bringt überhaupt
erst ,Intentionalität' zum Vorschein". "Intentionalität im phänomenologischen Sinne
ist nicht nur eine reflexiv konstatierbare Eigenschaft des Psychischen".
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 23

Etwas erschöpft sich, wie leicht zu sehen ist, keineswegs im


aktuellen Vollzug der jeweiligen cogitatio. "Vielmehr im pli zi ert
jede Aktualität ihre Potentialitäten, die keine leeren
Möglichkeiten sind, sondern inhaltlich, und zwar im jeweiligen
aktuellen Erlebnis selbst intentional vorgezeichnete"!. Diese
Potentialitäten müssen gemäß der noetisch-noematischen Dop-
pelstruktur der Intentionalität in der entsprechenden doppelten
Hinsicht betrachtet werden 2• Die Potentialitäten der noetischen
Sphäre haben den Charakter von ,,vermöglichkeiten", d.h.
Möglichkeiten als "vom Ich her zu verwirklichender" 3. Zur
Verdeutlichung sei ein Beispiel aus der Wahrnehmungsanalyse
gebracht. Ein wahrgenommenes Ding ist nur von einer Seite
gesehen. Dieses Sehen ist eine aktuelle cogitatio; das aktuelle
cogitatum im strengen Sinne des Wortes ist nur die gesehene
Seite als solche. Mit dem Sehen der Seite ist zugleich die Ver-
möglichkeit bewußt, das Ding von allen Seiten ansehen zu kön-
nen. Diese Vermöglichkeit wird nicht nachträglich bewußt, son-
dern ist im aktuellen Sehen der einen Seite "impliziert". Dem
entspricht streng korrelativ auf der Seite der gesehenen Seite des
Dinges, daß diese von sich aus auf andere Seiten verweist. Diese
anderen Seiten sind nun, so müssen wir sagen, ebenfalls im
noematischen Korrelat des aktuellen Sehens impliziert. Dieser
Verweisungszusammenhang ist das, was im eigentlichen Sinne
"Horizont"4 genannt wird. Jedes Bewußtsein von Etwas hat
"einen intentionalen Horizont der Verweisung auf ihm selbst
zug~hörige Potentialitäten des Bewußtseins" 5. Vermöglich-
keit'v-nd Horizont sind somit streng korrelative Begriffe und
müssen für alles Folgende festgehalten werden. Wichtig ist ferner,
daB das Verhältnis der Potentialitäten zur Aktualität - also
der Vermöglichkeiten zum aktuellen cogito und des Horizontes
zum aktuellen cogitatum - als ein Implikationsverhältnis ange-
sehen wird. Aus dem Gesagten wird nun klar, warum das gerade-
hin aufweisbare BewuBtsein von Etwas aus ihm selbst nicht
verstanden werden kann.

1 Carlesianische Meditationen, S. 8I f.
2 Vgl. dazu die Aufstellung von Diemer, a.a.O., S. 87 f.
3 Carlesianische Meditationen, S. 82
4 Zur Horizontstruktur der Erfahrung und des Erfahrenen vgl. u.a. E1'fahrung
und U1'teil, S. 26 ff.
S Cartesianische Meditationen, S. 82
24 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

An dieser Stelle muß der wesenhafte Unterschied zwischen


der naiven und der transzendentalen Betrachtung von Aktualität
und Potentialität des Bewußtseins herausgestellt werden. Auch
die naive Erfahrung besitzt eine Horizontstruktur : Die wahrge-
nommene Seite weist auf andere Seiten hin, die ebenfalls einer
Wahrnehmung zugänglich sind. Dieses Verhältnis von Aktualität
und Potentialität in der naiven Erfahrung wird vom vorgege-
benen Gegenstand her verständlich, nämlich so, daß auch die
nicht gesehenen Seiten mit ihren Bestimmtheiten an sich am
Gegenstand vorhanden sind, welche dann im Fortgang der Wahr-
nehmung angetroffen werden können. Die Horizontstruktur der
Erfahrung ist als solche also dem Gegenstand selbst äußerlich;
an sich sind alle seine Bestimmtheiten in gleicher Weise vorge-
geben, wenn sie auch nur im Nacheinander erfaßt werden können.
In der transzendentalen Betrachtung dagegen ist der vermeinte
Gegenstand nichts als Korrelat. Damit aber geht die Horizont-
struktur in den Gegenstand qua Korrelat selbst ein. In der naiven
Betrachtung erfährt die gesehene Seite ihren Seinssinn vom
vorgegebenen Gegenstand her. In der transzendentalen Be-
trachtung dagegen erfährt die gesehene Seite, sofern sie das
Korrelat eines aktuellen Vermeinens ist, ihren Seinssinn von dem
in ihr als Korrelat implizierten Horizont her.
Damit ist eine erste Bestimmung der Intentionalanalyse ge-
wonnen. " ... ihre überall eigentümliche Leistung ist Enthüllung
der in den Bewußtseinsaktualitäten implizierten Potentialitä-
ten"l. "Intentionale Analyse ist geleitet von der Grunderkenntnis,
daß jedes cogito als Bewußtsein zwar im weitesten Sinne Meinung
seines Gemeinten ist, aber daß dieses Vermeinte in jedem Moment
mehr ist (mit einem Mehr vermeintes) als was im jeweiligen
Moment als explizit Gemeintes vorliegt"2. Intentionalanalyse ist
also bestimmt als "Enthüllung der intentionalen Implikationen"3.
Wie ist diese eigentümliche Aufgabe der Intentionalanalyse näher
zu verstehen?
Wir haben gesagt4, daß das Vorgegebene gerade dadurch nicht

1 Cartesianische Meditationen, S. 83. Vgl. auch ebenda, S. 19 und Formale und


transzendentale Logik, S. 185
2 Carlesianische Meditationen, S. 84
3 Formale und transzendentale Logik, S. 185 Zum Begriff der Intentionalanalyse
vgl. auch Gerd Brand, Welt, Ich und Zeit. Haag 1955, S. 34 ff.
4 Vgl. § 3
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 25
einfach hingenommen werden muß, sondern in seinem Resultat-
charakter durchschaut werden kann, daß es in der transzenden-
talen Epoche nur mehr als Korrelat betrachtet wird. Damit ergibt
sich als Aufgabe der Intentionalanalyse, daß sie "es verständlich
machen" muß, "wie Bewußtsein in sich selbst und vermöge
seiner jeweiligen intentionalen Struktur es notwendig macht, daß
in ihm dergleiches seiendes und so-seiendes Objekt bewußt wer-
den, als solcher Sinn auftreten kann"l. Intentionalanalyse soll
also durch Explikation von Implikationen, durch Erhellung von
Vermöglichkeiten und ihrer korrelativen Horizonte Bewußtsein
von Etwas von ihm selbst her verständlich machen. Auszu-
gehen hat die Intentionalanalyse dabei von der deskriptiven 2
Grundstruktur der Intentionalität, die mit dem allgemeinen
Schema "ego-cogito-cogitatum"3 bezeichnet ist.
Wie im folgenden noch deutlicher wird, spielt "der auf Seiten
des cogitatum stehende Gegenstand die Rolle des transzen-
dentalen Leitfadens für die Erschließung der typischen Man-
nigfaltigkeiten von cogitationes, die in möglicher Synthesis ihn
als denselben vermeinten bewußtseinsmäßig in sich tragen"4.
Die Intentionalanalyse setzt also am cogitatum an, welches da-
durch zum transzendentalen Leitfaden wird, daß es als Resultat
einer Synthesis aufgefaßt wird; von ihm als Einheit, als welche
er zunächst vorfindlich ist, wird zurückgefragt auf die Mannig-
faltigkeiten, die ihn als Einen in seiner Einheit ermöglichen5 .
Der in der Epoche zunächst vorfindliche Gegenstand als Korrelat
wird also auf die ihn ermöglichende noetisch-noematische Struk-
tur hin "reduziert"6, und zwar so, daß die eine ihn vermeinende
cogitatio in eine Mannigfaltigkeit von Sondercogitationes aufge-

1 Cartesianische Meditationen, S. 85
2 Es scheint sinnvoll, darauf hinzuweisen, daß sich der Sinn der Rede von "Des-
kription" aus dem Wesen der Intentionalität selbst zu ergeben hat und also nicht
von außen an die Phänomenologie herangetragen werden kann. Vgl. dazu Formale
und transzendentale Logik, S. 2I7; Erste Philosophie 11, S. 124 und Fink, a.a.O., S.
254
3 Cartesianische Meditationen, S. 87; vgl. Krisis, S. 173 ff.
4 Cartesianische Meditationen, S. 87; vgl. auch Formale und transzendentale Logik,
S.2I7
fi "Es ist Husserls entscheidende Grundeinsicht in das Wesen der Intentionalität,
daß das scheinbar so einfache Bewußtsein-von das Resultat einer Vereinfachungs-
leistung ist". Fink, a.a.O., S. 266
6 Dies ist der prägnante Sinn von "transzendentaler Reduktion". Vgl. dazu
Cartesianische Meditationen, S. 61; Ideen 111 ("Nachwort"), S. 140 f.
26 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

löst wird. Den noetischen Mannigfaltigkeiten entsprechen dann


noematische Mannigfaltigkeiten.
Damit ist aber nur die eine "Richtung" der Intentionalanalyse
angezeigt. Diese muß nämlich zugleich auch, was nicht dasselbe
ist, über die jeweilige aktuelle Noesis und das ihr korrespon-
dierende Noema hinausgehen, um so die in ihnen implizierten
Vermöglichkeiten und Horizonte zur Gegebenheit zu bringen. Die
Intentionalanalyse geht also zugleich "in" den transzendentalen
Leitfaden "hinein" und über ihn hinaus. Als Implikation ist hier
ein Doppeltes verstanden: einmal das Verhältnis von Mannig-
faltigkeit zu Einheit, zum anderen das Verhältnis von Potentia-
lität zu Aktualität. "Aktualität impliziert Potentialitäten" besagt
genauer, daß Aktualität überhaupt nur begriffen werden kann
als Aktualisierung von Potentialitäten oder Vermöglichkeiten,
die innerhalb eines Gesamtsystems von Vermöglichkeiten stehen.
Das ist gemeint, wenn Husserl von der "Horizontintentionalität"l
spricht.
Grundsätzlich kann nun jeder intentionale Gegenstand zum
transzendentalen Leitfaden gemacht werden, wenn auch zu
beachten ist, daß er keineswegs schon dadurch für seine Rolle
als Leitfaden angemessen bestimmt ist, daß er in der Epoche als
noematisches Korrelat betrachtet wird. Vielmehr müssen wir mit
Fink sagen: "Die angemessene Vorgabe der ,transzendentalen
Leitfäden' ist selbst eines der wichtigsten Arbeitsprobleme der
konstitutiven Phänomenologie"2. Eine Einsicht ist es vor allem,
die die Fruchtbarkeit der Intentionalanalyse gewährleistet, näm-
lich die, daß letztlich nur eine Allgemeingegenständlichkeit zum
transzendentalen Leitfaden wirklich geeignet ist. Nur dann kann
die Intentionalanalyse zu einer "transzendentalen Theorie" füh-
ren, "die, wenn sie sich an eine gegenständliche Allgemein-
heit als Leitfaden hält, Theorie der transzendentalen Kon-
stitution des Gegenstandes überhaupt, als Gegenstandes der
betreffenden Form oder Kategorie, zuhöchst Region heißt"3.
Auf das damit aufgeworfene Problem der transzendentalen Kon-
stitution, das zunächst ein Problem der angemessenen Bestim-

1 CMtesianische Meditationen, S. 83
2 E. Fink, "Vergegenwärtigung und Bild", in: Jahrbuch tür Philosophie und
phänomenologische Forschung XI, 1930, S. 254-
3 Cartesianische Meditationen, s. 88 (Sperr. v. Vf.)
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 27
mung des Begriffes selbst ist, soll im übernächsten Paragraphen!
eingegangen werden. Zuvor jedoch ist noch eine andere Über-
legung erforderlich.
Wenn also nur eine allgemeine Gegenständlichkeit, das heißt
doch so viel wie das Apriori der eidetischen Ontologien, zum
Leitfaden der Intentionalanalyse gemacht werden kann, so müs-
sen wir uns seiner "angemessenen Vorgabe" versichern und zum
Problem des ontischen Apriori zurückkehren. Wir müssen
nämlich auch hinsichtlich seiner Epoche üben, es also betrachten,
sofern es als noematisches Korrelat in der "Klammer" erhalten
bleibt. Dann erst können wir das oben Gesagte wieder aufnehmen.

§ 5. Das Wesen als transzendentaler Leitfaden


Das allgemeine Wesen muß als ontisches Apriori in einer
doppelten Hinsicht betrachtet werden 2• Diese besteht darin, daß
es einmal betrachtet wird, sofern es die Erfahrung dadurch er-
möglicht, daß das Bewußtsein vor aller Erfahrung in einem
ausgezeichneten Bezug zu ihm steht, zum anderen, sofern es in
der eidetischen Variation als allgemeiner Gegenstand anschaulich
erfahren wird. Es ergibt sich natürlich hier das Problem, worin
die Notwendigkeit dieser doppelten Hinsicht begründet ist. Genau
dieses Problem ist es, an dem wir die transzendentale Frage-
stellung ansetzen. Man kann also sagen, daß hier ein bestimmter
"Weg in die Phänomenologie"3 eingeschlagen wird. Zur Recht-
fertigung dieses Weges genügt es, daß Husserl selbst ihn als einen
möglichen angesehen hat. So betitelt er eine Abhandlung aus
\lern Jahre I923: "Weg in die transzendentale Phänomenologie
als absolute und universale Ontologie durch die positiven Onto-
logien und die positive erste Philosophie"4. Die letzte Recht-
fertigung aber gewinnt dieser Weg durch seine Bewährung im
Gesamtrahmen dieser Arbeit.
Das Wesen in der oben genannten zweiten Hinsicht ist als
allgemeiner Gegenstand selbst vorgegeben, selbst als ein Seiendes
vorfindlich, sofern es ein Gegenstand des natürlichen Bewußt-
seins ist. Die auf das Wesen bezogene Wissenschaft als eidetische
1 Vgl. § 6
2 Vgl. § 2
3 Zur Problematik der verschiedenen Wege in die Phänomenologie vgl. besonders
Erste Philosophie Ir, "Einleitung des Herausgebers", S. XXX ff.
4 Erste Philosophie Ir, S. ZI9 ff.
28 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

Ontologie ist selbst "positive" Wissenschaft oder, wie Husserl


auch sagt, "dogmatische" Wissenschaftl. Da aber Wissenschaften
unabhängig sind von der "Setzung irgendeines individuellen
Daseins"2, muß ihre "Thesis", ihre "Setzung", auf Grund deren
sie als positive Wissenschaften bestimmt sind, eine andere sein
als die Setzung, die in der Erfahrung individueller Gegenstände
beschlossen liegt. Diese war als die "Generalthesis der natür-
lichen Einstellung"3 bestimmt worden und hat den Charakter
der "Urdoxa", der "Glaubensgewißheit"4. Zwar ist die Setzung
der Urdoxa an sich vernünftig5 , aber es gibt ihr gegenüber noch
eine ausgesprochene "Vernunftsetzung"6. Wie zu jeder Erfah-
rung von individuellem Sein, durch sie selbst motiviert, eine
Setzung gehört, auf Grund deren es als ein Seiendes in seiner
Vorgegebenheit erfahren wird, so gehört auch zu jeder Wesens-
schau, zur anschaulichen Erfahrung des Allgemeinen, eine Set-
zung, die den Charakter der Vernunftthesis hat und also die
Vorgegebenheit des Wesens selbst begründet. Sofern wir in der
natürlichen Einstellung auf das ontische Apriori gerichtet sind,
nennen wir diese Einstellung auch "ontologische Einstellung" 7 •
In dieser Einstellung sind wir auf das ontische Apriori als auf
einen Bereich allgemeiner Gegenstände gerichtet 8 • Das von uns
erfaßte Wesen haben wir im "ontologischen Urteil von vornherein
gesetzt, die Denkbedeutung ist Inhalt eines aktuellen Glaubens"9.
Das "Erfassen" des Wesens ist also "anschauliche Setzung, und
zwar aktuelle Wesenssetzung"lO.
Da die Intentionalanalyse eine allgemeine Gegenständlichkeit
zum Leitfaden nimmt, ist die rechte Ausgestaltung der eide-
tischen Ontologien für die Phänomenologie von großer Bedeutung.
Wir werden späterl l Grundstücke einer regionalen Ontologie des
raumdinglichen Seins geben müssen, können uns hier also

1 Ideen III, S. 80
2 Ideen I, S. 17
3 Ebenda, S. 62
4 Ebenda, S. 342; vgl. auch Erfahrung und Urteil, S. 25
5 Ideen I, S. 342. Zum phänomenologischen BegIiff der Vernunft vgl. die Aus-
führungen in Formale und transzendentale Logik.
6 Ideen I, S. 336
7 Ideen III, S. 88
8 Vgl. Ideen I, S. 14: "Das Wesen (Eidos) ist ein neuartiger Gegenstand".
9 Ideen III, S. 88
10 Ebenda
11 V gl. die §§ 7-10
DIE ROLLE DER KONSTITUTlONSPROBLEMATIK 29

auf einige Bemerkungen beschränken. "Jedes Wesen ... ordnet


sich in eine Stufenreihe von Wesen, in eine Stufenreihe der
Generalität und Spezialität ein"l. Der Übergang zu höherer
Allgemeinheitsstufe, die "Generalisierung"2, kommt in einem
obersten sachhaltigen Allgemeinen an ihr Ende. Dieses ist das
Wesen einer Region, das regionale Wesen 3 . Eine weitere Verall-
gemeinerung ist dann nur noch als Formalisierung möglich; sie
führt zur Wesenheit des "Gegenstandes überhaupt"4. Auf diese
bezieht sich dann die "formale Ontologie" 5. Von ihr sind die
"regionalen Ontologien"6 abhängig, und zwar so, "daß die for-
male Ontologie zugleich die Formen aller möglichen Ontologien
überhaupt (sc. aller ,eigentlichen', ,materialen') in sich birgt, daß
sie den materialen Ontologien eine ihnen allen gemeinsame
formale Verfassung vorschreibt' '7.
Bevor wir das Wesen in transzendentaler Einstellung be-
trachten, muß noch kurz auf das Verhältnis von Wesen und
"Individuum"8 eingegangen werden. Da die Wesensbestimmung
dieses Verhältnisses in rein ontologischer Einstellung, so wie
HusserlsieamAnfangder Ideen I gegeben hat, sehr problematisch
bleibt9 , wollen wir versuchen, dieses Verhältnis vorläufig von
daher zu bestimmen, wie Individuum und Wesen in der eideti-
schen Variation auftreten. Das zum Ausgangspunkt der Variation
genommene Exempel ist zunächst ein Individuum. Ebenso haben
alle im Prozeß des Umfingierens fixierbaren Varianten den
Charakter von Individuen. Das Wesen aber ist demgegenüber der
Möglichkeitsspielraum, dessen Verwirklichung die jeweilige Va-
\ riante darstellt. Insofern jede Variante und mit ihr das Ausgangs-
exempel Verwirklichungen einer Möglichkeit sind, ist diese
Möglichkeit gegenüber ihren jeweiligen Verwirklichungen ein
Allgemeines mit einem explizierbaren Inhalt, der in alle Ver-

1 Ideen I, s. 31
a Ebenda, S. 32
3 Ebenda, S. 23 f.
4 Ebenda, S. 32
5 Zur Problematik der formalen Ontologie vgl. die entsprechenden Ausführungen
in FormaJe und transzendentale Logik.
6 Ideen I, S. 24-
7 Ebenda, S. 27
8 "Ein Dies-da, dessen sachhaltiges Wesen ein Konkretum ist, heißt ein Indivi-
duum". Ideen I, S. 36
~ Vgl. dazu Lothar Eley, Die Krise des Apriori in der transzendentalen Phänome-
nolQgie Edmund Husserls. Haag 1962
30 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

wirklichungen eingeht und so das Wesen des verwirklichten


Individuellen darstellt. Die Verwirklichung des Wesensl , also die
"Vermittlung" zwischen Wesen und Dies-da ist in der ontolo-
gischen Einstellung nicht aufzuklären. Letztlich ist die tran-
szendentale Subjektivität selbst der "Ort" der Vermittlung
zwischen Wesen und Individuum2 • Wenn wir sagten, daß gerade die
in der eidetischen Variation gewonnene Bestimmung des ontischen
Apriori Anlaß der transzendentalen Reflexion ist, so ist damit auch
das Problem von Wesen und Dies-da darin eingeschlossen. Inwie-
weit eine Theorie der transzendentalen Konstitution dieses Pro-
blem zu lösen vermag, werden die weiteren Ausführungen zeigen.
Vollziehen wir durch die transzendentale Epoche den Übergang
von der ontologischen Einstellung zur transzendentalen Ein-
stellung, so kann das ontische Apriori nicht mehr als ein Bereich
vorgegebener allgemeiner Gegenstände angesehen werden. Das
ontische Apriori, das Wesen selbst, wird zum Korrelat eines
transzendentalen Vermeinens. Die Bestimmung des Korrelat-
charakters des Wesens bereitet einige Schwierigkeiten. 3 Da das
Wesen nicht mehr als Gegenstand im Sinne der ontologischen
Einstellung gesetzt werden kann, wird seine Herkunft aus der
Variation für es wesentlich, d.h. seine Bestimmung als Inva-
riante, als Spielraum oder Rahmen4 . In der ontologischen Ein-
stellung war diese Kennzeichnung des Wesens ihm selbst äußer-
lich, sie war nur die "Form", in der es zur Gegebenheit kam. Die
Invariante wird also in der transzendentalen Epoche nicht aufge-
faßt als Wesen, sondern als Korrelat von aktuellen und poten-
tiellen Noesen5 . Die Invariante ist damit nur noch als das in

1 Über die Auffassung des Wesens als Möglichkeit, welche aber zugleich Notwen-
digkeit besagt, vgl. bes. Cartesianiscke Meditationen, S. I04 H.
2 Die im Laufe dieser Arbeit versuchte Neubestimmung des Apriori, welche nicht
einseitig an den Ideen I orientiert ist, weist auf eine Möglichkeit hin, die "Dialektik"
von Wesen und Dies-da auf einen anderen Boden zu stellen und damit zu über-
winden. Dieser Boden ist das kinästhetische Bewußtsein als Einheit von Leibbe-
wußtsein und Weltbewußtsein. Vgl. dagegen Eley, a.a.O., S. 6~ ff.
S "Ausdrücklich muß aber bemerkt werden, daß in diesen Zusammenhängen
zwischen konstitutiven Phänomenologien und den entsprechenden formalen und
materialen Ontologien nichts von einer Begründung der ersteren durch die
letzteren liegt. Der Phänomenologe urteilt nicht ontologisch, wenn er
einen ontologischen Begriff oder Satz als Index für konstitutive Wesenszusammen-
hänge erkennt, wenn er in ihm einen Leitfaden sieht für intuitive Aufweisungen,
die ihr Recht und ihre Geltung rein in sich selbst tragen". Ideen I, S. 397 f.
4 Ideen III, S. 33
& "Man darf nicht verwechseln Noema (Korrelat) und Wesen". Ideen III, S. 85
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 3I

Anspruch genommen, was die Variation vorgängig leitet und


damit ermöglicht. Wir haben hier also ausdrücklich den ersten
Hinblick, unter dem das Wesen zu betrachten ist, thematisiert.
Damit ist eine Auslegung der noetisch-noematischen Struktur
der eidetischen Variation selbst notwendig geworden. Innerhalb
der Variation kann eine beliebige Variante als das noematische
Korrelat eines aktuellen Vermeinens fixiert werden. Nun sind
aber in jedem aktuellen Vermeinen und seinem Korrelat Poten-
tialitäten, und zwar in Gestalt von Vermöglichkeiten und Hori-
zonten impliziert. Die Variation selbst ist demnach der Prozeß
der Aktualisierung .eines bestimmten Systems von Vermöglich-
keiten, wobei die ihnen entsprechenden Horizonte zur Auslegung
und Identitätsdeckung kommen. Die Invariante hat so selbst
eine noetisch-noematische Doppelstruktur dergestalt, daß sie
einmal einen Bereich von Vermöglichkeiten umgrenzt, zum
anderen, auf der Seite des Noema, den Charakter desjenigen
Horizontes hat, der alle Korrelate möglicher Aktualisierungen in
sich befaßt. Eine solche Aktualisierung liegt in jedem Bewußtsein
eines Individuellen jenes "Wesens" vor. Das aber bedeutet nichts
anderes, als daß die Invariante (das in Anführungszeichen ge-
setzte, transzendental reduzierte Wesen) die Bestimmung einer
"Regelstruktur"l hat. Diese Regelstruktur regelt die gemäß
dem Schema Ego-cogito-cogitatum beschreibbare Intentionalität
des transzendentalen Bewußtseins. Somit kann man sagen, daß
die Regelstruktur "eine Regelstruktur für die transzendentale
Subjektivität"2 selbst ist. Diese Regelstruktur steht nach dem
~en Gesagten also nicht mehr nur auf Seiten des Noemas,
sondern umgreift die Korrelation von Noesis und Noema. Sie ist
genau das, was Husserl in det Krisis das "universale Kor-
relationsapriori"3 nennt. Damit ist die Rücknahme des
ontischen Apriori in die transzendentale Subjektivität vollzogen.
Mit ihrer Thematisierung stehen wir im Zentrum der Husserl-
schen Transzendentalphilosophie.
In der Variation als der Wesensschau ist alle mögliche Er-
fahrung von Individuellem dieses Wesens im vorhinein einbe-
halten. Das Wesen wird dadurch zum transzendentalen

1 Cal'tesiamsche Meditationen, S. zz
B Ebenda
8 Kl'isis, S. r6r
32 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

Lei tfaden der In ten tionalanalyse, daß es als Regelstruk-


tur im Hinblick auf seine Ermöglichung der in der Variation
einbehaltenen möglichen Erfahrung von Individuellem expli-
zierbar ist.
Der vorgängige Bezug des Bewußtseins zu einem Allgemeinen
ist dadurch ermöglicht, daß das Bewußtsein als transzendentales
durch Regelstrukturen bestimmt ist, die alle seine Intentionalität
von vornherein leiten. Diese Regelstrukturen sind, da das ge-
samte intentionale "Leben" ständig ihnen gemäß verläuft, dem
Bewußtsein selbst bekannt, wenngleich nicht als solche erkannt.
Erst in der eidetischen Variation kommen diese Regelstrukturen
in den Blick, dadurch nämlich, daß sich die Intentionalität
gleichsam im "Ausprobieren" ihrer Möglichkeiten ihnen anver-
traut; aber sie kommen wegen der Generalthesis der natürlichen
Einstellung (hier als ontologische Einstellung) in den Blick als
allgemeine Gegenständlichkeiten, als Wesen, als ontisches
Apriori!.
Die zum intentionalen Leitfaden gemachte und in der Inten-
tionalanalyse explizierbare Regelstruktur der transzendentalen
Subjektivität bezeichnet Husserl im Gegensatz zum ontischen
Apriori als "konstitutives Apriori". "Die ontische Wesens-
form (zuoberst die ,Kategorie') führt aber in reflektiver Blick-
wendung auf die konstituierenden, möglichen Erfahrungen,
möglichen Erscheinungsweisen, darauf, daß diese sich notwendig
mitvariieren, und zwar so, daß sich nun eine korrela ti v -
zweisei tige Wesensform als invariant zeigt. So wird evident,
daß ein ontisches Apriori nur möglich ist, und zwar in
konkret voller Möglichkeit, als Korrela t eines von ihm konkret
untrennbaren konstitutiven Apriori"2.
Damit stehen wir erneut vor dem Problem der transzenden-
talen Konstitution, das im nächsten Paragraphen wieder aufge-
nommen wird.

§ 6. Intentionalanalyse und Konstitution. Das konstitutive Apriori


Der präzise Begriff der transzendentalen Konstitution läßt
sich aus dem bisher Gesagten entwickeln. Transzendentale Kon-

1 Damit ist zugleich der einzig mögliche Weg zu einer transzendentalen Aufklarung
der eidetischen Erkenntnis gewiesen.
a Formale und transzendentale Lcgik, S. ZI9 i. (Sperr. v. Vi.)
DIE ROLLE DER KONSTITUTIONSPROBLEMATIK 33

stitution meint erstens den Sachverhalt selbst, nämlich das


Gegründetsein des ontischen Apriori in einem konstitutiven
Korrelationsapriori, das als Regelstruktur der transzendentalen
Subjektivität begriffen werden muß. Der Begriff meint dann
zweitens die Explikation des Begründungsverhältnisses, näm~
lich so, daß dieses sich in der Intentionalanalyse als ein Weg
darstellt, welcher das ontische Apriori als Resultat zum Vorschein
bringt, und zwar als Resultat einer "Geschichte".
So sagt Husserl, daß "in der jeweilig konstituierten intentio-
nalen Einheit und ihrer jeweiligen Gegebenheitsweise" "eine
sedimentierte Geschichte beschlossen" liegt, "die man je-
weils in strengere Methode enthüllen kann"!. Diese
"Geschichte", die in der Weise der "Sedimentierung" in ihrem
Resultat beschlossen liegt, muß durch die Methode der Inten-
tionalanalyse als ein Weg zur Selbstgegebenheit gebracht werden
können. Ob und wie dies im Einzelnen wirklich durchführbar ist,
kann hier, wo es sich um die Darstellung eines Programmes
handelt, noch nicht entschieden werden; dies wird die Aufgabe
der konkreten Einzelanalysen sein.
Nun ist aber der Begriff der transzendentalen Konstitution,
wenn wir ihn im zweiten angegebenen Sinne verstehen, in sich
doppeldeutig. Es ist nämlich zu unterscheiden zwischen lIder
,statischen', auf eine schon ,entwickelte' Subjektivität be-
zogenen Konstitution von Gegenständen" und der "aprio-
rischen genetischen Konstitution"2. Statische Konstitu-
~ meint die Explikation des Weges, sofern sich in ihm eine
Stufung zeigt, welche Stufen zueinander im Verhältnis der rela-
tiven Unmittelbarkeit und Mittelbarkeit stehen. "Beachten wir
jedoch, wie transzendentale Subjektivität überhaupt in
Stufen der relativen Unmittelbarkeit und Mittelbar-
keit gegeben ist, und nur ist, indem sie in solchen Stufen,
Stufen einer intentionalen Implikation gegeben ist"3.
Dies gilt von der transzendentalen Subjektivität besonders dann,

1 Formale und t~anszendentale Logik, S. 217


Vgl. dazu auch: Ideen IU, S. 129
a Formale und transzendentale Logik, S. 221
8 Erste Philos~hie II, S. 175. Der Begriff von Vermittlung, der in diesem Ver-
hältnis von Unmittelbarkeit und Mittelbarkeit gesetzt ist, ist aus dem Wesen der
intentionalen Implikation zu verstehen und nicht ein dialektischer Begriff der
Vermittlung.
34 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

wenn sie als konstituierende thematisiert wird. In dieser Weise


kann die transzendentale Subjektivität aber nur zur Selbstge-
gebenheit kommen, wenn sie bereits "entwickelte" ist, d.h. sofern
ihre Selbstkonstitution bereits vorausgesetzt ist. Diese Selbst-
konstitution als ihre transzendentale Zeitigung wird in einer
entsprechenden Analyse als genetische Konstitution enthüllt!.
Der Sache nach geht die genetische Selbstkonstitution der
transzendentalen Subjektivität der statischen Konstitution ihrer
Gegenstände voraus. Der Theorie nach aber hat die statische
Konstitution der genetischen notwendig voranzugehen 2 , denn
jene stellt erst die Leitfäden für die Rückfrage nach der genetisch-
zeitlichen Selbstkonstitution der transzendentalen Subjektivität
bereit.
Die Konstitution des Raumes ist, da sie die Zeitkonstitution
in jeder Hinsicht voraussetzt, eindeutig als statische Konstitu-
tion zu bezeichnen. Die Aufgabe einer auf die statische Konstitu-
tion abzielenden Intentionalanalyse besteht also darin, das kon-
stitutive Apriori als Regelstruktur, als ein in sich gestufter
Implikationszusammenhang, zu explizieren und so das Verhält-
nis von ontischem Apriori und konstitutivem Apriori durchsichtig
zu machen.

1 Zum Begriff der genetischen Konstitution vgl. u.a. Diemer, a.a.O., S. 143 ff.,
Thomas Seebohm, Die Bedingungen der Möglichkeit der Transzendental-Philosophie.
Diss. Bonn 196z, S. IIZ ff., Gerd Brand, Welt, Ich und Zeit. Haag 1955 und Klaus
Held, "Lebendige Gegenwart". Die Frage nach der Seinsweise des transzendentalen I eh
bei Edmund Husserl, entwickelt am Leitfaden der Zeitproblematik. Diss. Köln 1963
2 Vgl. Formale und transzendentale Logik, S. ZZ1
2. ABSCHNITT

DAS APRIORI DER RAUM-ZEITLICHKEIT


UND DIE REGIONALE ONTOLOGIE DES
DINGES

Das Wesen als ontisches Apriori wird in transzendentaler


Einstellung zum Leitfaden einer Intentionalanalyse und führt
so über seine Auffassung als Regelstruktur der transzendentalen
Subjektivität zu einer Theorie der transzendentalen Konstitution.
Dieser Abschnitt dient nun der Bereitstellung eines Leitfadens
für eine auf die Theorie der transzendentalen Konstitution des
Raumes abzielende Intentionalanalyse. Dabei wird es zunächst
darauf ankommen, einen angemessenen Begriff des Raumes, und
zwar des lebensweltlichen Raumes l , zu entwickeln. Seine Be-
stimmung als Leitfaden der geplanten Intentionalanalyse ergibt
sich dann durch eine Anwendung des im I. Abschnitt zunächst
allgemein Ausgeführten.

§ 7. Zur Begründung des Husserlschen Ansatzes der Theorie der


Raumkonstitution an der regionalen Ontologie des Dinges
\ Das Apriori der Raum-Zeitlichkeit ist dem Bewußtsein in der
1atürlichen Einstellung je schon vertraut und bekannt. Es ist
bekannt als die in allem Wechsel der konkreten Wahrnehmungs-
gegebenheiten als einer vielschichtigen2 Komplexion invariant
bleibende Bestimmung der Dinge, sofern sie als Gegenstände
möglicher Wahrnehmung bestimmt sind. Die Dinge zeigen in
ihrem Sein und in ihrem Verhalten zueinander einen festen Stil,
dessen formale Struktur unmittelbar einleuchtet. "Das Ding der
Wahrnehmung und der Erfahrung ist dem Sinne der Wahr-
nehmung gemäß von vornherein räumlich-zeitliches: Gestalt
und Dauer habend und auch eine Stelle in Raum und Zeit
habend"3. Raum und Zeit sind so nach Husserl primär vorge-'
1 Vgl. § I
a Inwiefern das Apriori der Raum-Zeitlichkeit eine Schichtung aufweist, soll in
§ 8 dargestellt werden.
3 I dem H, S. 82 f.
36 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

geben als Bestimmungen der Dinge. Die Vorgegebenheit von


Raum und Zeit ist also nie eine unmittelbare, sondern - und
das ist für den Husserlschen Ansatz der Raumproblematik cha-
rakteristisch - ihre Vorgegebenheit ist durch ein Substrat (das
Ding) vermittelt. Das Wesen von Raum und Zeit ist deshalb
nicht einfach durch "Abstraktion"! zu gewinnen, indem man alle
Dinge aus Raum und Zeit wegdenkt, sondern nur in der Weise,
daß man herausstellt, wie Raum und Zeit die erscheinenden
Dinge apriori bestimmen.
Die spezifische Vorgegebenheit der Dinge fassen wir termi-
nologisch als "Vorfindlichkeit". Raum und Zeit sollen zunächst
daraufhin betrachtet werden, inwiefern sie es gerade sind, die die
Vorfindlichkeit von Dingen ermöglichen.
Ein Ding ist vorfindlich, sofern es "in" der Zeit ist, und zwar
so, daß eigentlich nur "Gegenwärtiges" vorfindlich ist, d.h.
insofern von ihm gesagt werden kann, daß es "jetzt" ist. Ein
Ding ist also vorfindlich, sofern es durch die Zeit bestimmt ist.
Ein Ding ist weiterhin vorfindlich, wenn von ihm gesagt werden
kann, es sei "hier" oder "dort", was eine Bestimmung des Dinges
durch den Raum besagt. Das, was nun so die Vorfindlichkeit der
Dinge bestimmt und ermöglicht, kann nicht in der gleichen
Weise selbst vorfindlich sein, wenngleich es den Charakter der
Vorgegebenheit hat.
Das "hier" und "jetzt" als Bestimmungen der Vorfindlichkeit
der Dinge bestimmen diese aber nicht im Hinblick auf sie selbst,
sondern im Hinblick auf ein Anderes. Das "hier" ist nur sinnvoll
in bezug auf ein mögliches "dort" und das "jetzt" nur in bezug
auf ein "soeben" und ein "sodann" . So haben Raum und Zeit den
Charakter eines Bezugssystems, eines Verweisungszusammen-
hanges. Sie sind, so gesehen, ein System von möglichen "hier"
und möglichen "jetzt", das in seiner Struktur weiter bestimmt
werden kann. Ein Ding, sofern es in der Bestimmung des "hier"
und "jetzt" steht, realisiert gleichsam eine durch das System
gegebene Möglichkeit und ist als solches durch die Strukturen
des Systems bestimmt. So wird einsichtig, warum das Apriori
der Raum-Zeitlichkeit den ausgezeichneten Charakter der Form
hat. Die Vorfindlichkeit eines Dinges, sofern diese in der Reali-
sierung eines möglichen "hier" und eines möglichen "jetzt"
1 Ebenda, S. 87
DAS APRIORI DER RAUM-ZEITLICHKEIT 37

besteht, nennen wir die "Lage" (Raumlage, Zeitlage) des Dinges.


Damit ist aber noch keineswegs einsichtig, welche Bestim-
mungen des Dinges ihm die Realisierung einer Lage ermöglichen.
Die Weise, wie ein Ding eine Lage realisiert, besteht selbst in
einer Strukturbestimmung der Raum-Zeitlichkeit, die das er-
möglicht, was wir "Erfüllung" nennen wollen. Diese Erfüllung
hat im Gegensatz zur Form zugleich den Charakter des Inhaltes.
Wie müssen Raum und Zeit bestimmt sein, damit sie "erfüllt"
und das heißt auch zugleich: damit sie "leer" sein können? Diese
Bestimmung nennen wir "Extension", "Erstreckung" oder die
Bestimmung des "A ußereinander"l. Dieses Außereinander ist
zugleich die Weise, in der alle möglichen "hier" und "jetzt"
zueinander stehen. Bei der Zeit hat das Außereinander die Be-
stimmung des "Nacheinander"; jedes "jetzt" steht zwischen
einem "soeben" und einem "sodann" , wobei sich jedes "sodann"
in ein "jetzt" und dieses wieder in ein "soeben" verwandelt.
Eine Erfüllung dieses Außereinander als Nacheinander ist dann
gegeben, wenn das Erfüllende selbst in den ständig ankommen-
den und verschwindenden "jetzt" stehen bleibt, so daß seine
Realisierung des "jetzt" nicht mit dem Verschwinden eben
dieses "jetzt" aufhört, sondern es zugleich eine Realisierung des
neuen "jetzt" ist. Diese Erfüllung der Zeit nennen wir "Dauer".
Ein Ding kann ein "jetzt" nur realisieren, wenn es zugleich in
der Bestimmung der Dauer steht 2 • Die Erfüllung eines Außer-
\einander nennen wir "Gestalt".
) Wie ist nun das Außereinander, welches den Raum als ein
System von möglichen "hier" bestimmt, zu denken? Das Außer-
einander des Raumes soll seine Erfüllung ermöglichen. Da eine
Erfüllung des Raumes nur möglich ist, wenn zugleich die Zeit
erfüllt ist, hat das den Raum Erfüllende notwendig die Zeitgestalt
der Dauer. Es gehört zum WeseILdes räumlichen Außereinander
als einem System möglicher "hier", daß in ihm unterschiedene

1 Vgl. dazu Ms. D 8 (1918), S. 94: "Zeitliche und räumliche Wesen liegen außer-
einander, sie bilden ein System der Äußerlichkeit. Alle Mehrheit setzt das Außer-
einander voraus. Wo Qualitäten auseinanderliegen (eine Mehrheit bilden), da setzen
sie das Außereinander schon voraus ... ".
2 Von den hier möglichen Grenzfällen wollen wir absehen. Auf die damit aufge-
worfenen Probleme der Zeitkonstitution können wir im Rahmen unserer Arbeit
nicht eingehen. Vgl. dazu Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewuptseins
und die entsprechende Sekundärliteratur. Vgl. jedoch § 16, wo die Konstitution von
Gleichzeitigkeit und Dauer kurz angedeutet ist.
38 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

"hier" "zugleich" realisiert sein können. Das "zugleich" weist


auf die Zeit zurück. Ein "zugleich" liegt dann vor, wenn unter-
schiedene Inhalte dasselbe "jetzt" realisieren. Das Außereinander
des Raumes ist also näher als ein "Außereinander-im-Zu-
gleich" zu bestimmen. Dieses aber ist ein "Nebeneinander". Ist
die Zeitgestalt der Dauer dadurch gekennzeichnet, daß Inhalte
eine Vielheit von "jetzt" (die den Charakter der Kontinuität hat)
erfüllen, so ist die Erfüllung einer Vielheit von "hier" die "Raum-
gestalt" , die Gestalt im eigentlichen Sinne. Somit ist einsichtig,
warum jedes raum-zeitliche "on" mit apriorischer Notwendigkeit
"Gestalt in einer Lage"l ist, und zwar jeweils in ihrer doppelten,
durch Raum und Zeit bestimmten Weise.
Wir haben versucht, in einem systematischen Gedankengang
einige Wesenszüge der Raum-Zeitlichkeit zu entwickeln, und
zwar im Ausgang von der Vorgegebenheit der Dinge als Vorfind-
lichkeit. Die Wesensgesetze der Raum-Zeitlichkeit sind von hier
aus als Gesetze der Raum- und Zeiterfüllung durch Gestalt und
Lage, als Gesetze der Koexistenz und Sukzession, zu entwickeln.
Wir haben zugleich einen systematischen Grund dafür gefunden,
warum Husserl die Explikation des Apriori der Raum-Zeitlich-
keit an einer Wesensbestimmung des Dinges ansetzt. Dies scheint
ihm sogar selbstverständlich zu sein.
In der Krisis spricht Husserl vom Formal-Allgemeinen der
Lebenswelt und sagt, daß seine Explikation mittels einer Wesens-
lehre der raum-zeitlichen Onta geleistet werden soll. 2

1 Ideen II, S. 84
2 "Wenn wir im freien Umblicken das Formal·Allgemeine, das an der Lebenswelt
in allem Wandel der Relativitäten invariant Verbleibende aufsuchen, so halten wir
uns unwillkürlich an das, was für uns im Leben den Sinn der Rede von Welt be-
stimmt: die Welt ist das All der Dinge, der in der Weltform Raumzeitlichkeit in
doppeltem Sinne ,örtlich' (nach RaumsteIle, Zeitstelle) verteilten Dinge, der raum-
zeitlichen ,Onta'. Somit läge hier die Aufgabe einer lebensweltlichen Ontologie,
verstanden als einer konkret allgemeinen Wesenslehre dieser Onta". Krisis, S. I45
Ein Hinweis ist hier noch angebracht. Für Husserl ist der Weg Kants zur Be-
stimmung von Raum und Zeit als Formen der Anschauung deshalb nicht gangbar,
weil bei Kant, nach der Meinung Husserls, die Form der Anschauung und ihre
Materie unvermittelt gegeneinanderstehen. Diese Vermittlung will Husserl leisten,
indem er vom Ding und seiner regionalen Ontologie (deren Methode die eidetische
Variation ist) ausgeht, und über die Bestimmungen von Gestalt und Lage zu einem
formalen Apriori der Raum-Zeitlichkeit vordringt: "Kant hat, was hier Notwen-
digkeit ist, die zu erklärende Sachlage nie konkret beschrieben. Sonst hätte er
gesehen, daß nicht sinnliches Material notwendig räumlich geformt ist, vielmehr daß
sinnliche Eigenschaften eines sinnlich gegebenen Dinges notwendig, bei aller Varia-
tion, räumlich «gegeben» sein müssen, wenn ein identisches Ding bleiben soll, und
DAS APRIORI DER RAUM-ZEITLICHKEIT 39

Bevor wir nun zeigen, wie Husserl im Ausgang von einer


regionalen Ontologie des Dinges die Bestimmungen entwickelt,
die dann als Leitfaden für eine Intentionalanalyse fungieren,
wollen wir im folgenden - und zwar weiterhin in mundaner
Einstellung - die Gegebenheitsweise der raum-zeitlichen Onta
für das wahrnehmende Ich kurz erörtern.
Die Dinge, so wie sie in Raum und Zeit vorfindlich sind, sind
Gegenstände möglicher Wahrnehmung. Aus der Bestimmung
des Dinges als Gestalt in einer Lage folgt eine bestimmte Gege-
benheitsweise seiner für das wahrnehmende Ich. Diese besteht
zunächst in einer räumlichen Transzendenz der Dinge, welche
sich dadurch bestimmt, daß auch das wahrnehmende Ich durch
seinen Leib selbst als Gestalt in einer Lage durch Raum und
Zeit bestimmt ist!. Dadurch steht das wahrnehmende Ich immer
in einer räumlichen Beziehung zu den Dingen; es realisiert ein
"hier", demgegenüber alle Dinge in einem "dort" vorfind lieh
sind. Das Ich steht somit im Zentrum eines Orientierungssystems,
das seinen primären "Anschauungsraum" darstellt. Dieser ist
räumlich perspektiviert nach "nah" und "fern", hat ausge-
zeichnete Orientierungsrichtungen, seinen je wechselnden Hori-
zont etc. 2 • Die aus der räumlichen Beziehung des wahrnehmenden
Ich zu seinen raum-zeitlichen Gegenständen sich ergebende spezi-
fische Gegebenheitsweise der Dinge nennt Husserl "Abschat-
tung"3. Eine gute Definition der Abschattung gibt Asemissen:
Sie ist "Erscheinungsabwandlung als Korrelat der wechselnden
) Orientierung, in der ein wahrgenommenes Objekt bei Verände-

daß die Variation der Raumgestalt gebunden ist an die Form Raum; aber nur
wenn ich von Dingen ausgehe, nicht aber von Empfindungsdaten". Erste Phi-
losophie I, S. 358 (Sperr. v. Vf.)
Das Verhältnis Kant-Husser! kann in dieser Arbeit nicht erörtert werden. Ein in
diese Richtung gehender Versuch liegt vor in der Dissertation von Seebohm, a.a.O.
1 Für unseren Zusammenhang ist es unwesentlich, daß Husser! die Räumlichkeit
der Animalien (Mensch und Tiere, denn in dieser Bestimmung kommen sie überein)
im Unterschied zu der der Dinge als "Lokalisation" bezeichnet. Vgl. Ideen II, S. 33
und Diemer, a.a.O., S. z07
2 "Das wahrnehmende Ich ist sich in der Wahrnehmung in seinem räumlichen
Hier als Ordnungszentrum seiner konvergierenden Perspektiven mitgegeben". H. U.
Asemissen, Strukturanalytische Probleme der Wahrnehmung in der Phänomenologie
Husserls. Köln 1957. Aus der neueren psychologischen Forschung vgl. dazu C. F.
Graumann, Grundlagen einer Phänomenologie und PsychOlogie der PerspektivittU.
Berlin 1960
3 "Vielmehr ist es evident und aus dem Wesen der Raumdinglichkeit zu ent-
nehmen ... , daß so geartetes Sein prinzipiell in Wahrnehmungen nur durch sinnliche
Abschattung zu geben ist". Ideen I, S. 97; vgl. auch ebenda, S. 91 ff.
40 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

rungen seiner oder des Betrachters Lage gegeben ist"l. In


mundaner Einstellung haben die Abschattungen den Sinn von
Erscheinungen, die den Gegenstand als ihn selbst geben, aber
eben unvollkommen und einseitig. Analog gilt dann auch der
primäre Anschauungsraum als Erscheinung des einen und selben
objektiven Raumes.
So läßt sich also sagen, daß das Ich nur deshalb zu den Dingen
in einen "Wahrnehmung" genannten Bezug treten kann, weil es
zugleich mit seinen Gegenständen durch die Form der
Vorfindlichkeit bestimmt ist.

§ 8. Die Schichtung im regionalen Apriori des Dinges


Der Raum wird für Husserl primär in der Weise thematisch,
wie er die für die Wahrnehmung vorfindlichen Dinge apriori
bestimmt. Diese Bestimmtheit der Dinge durch den Raum läßt
sich näher explizieren durch eine Betrachtung der im regionalen
Apriori des Dinges aufweisbaren verschiedenen "Schichten"2,
welche durch eine Reflexion auf die Korrelation von Ding und
Dingbewußtsein in den Blick kommen.
"Im Noema des Wahrnehmens, d.h. dem Wahrgenommenen
phänomenologisch genau so charakterisiert genommen, wie es
darin intentionales Objekt ist, liegt eine bestimmte Anweisung
zu allen weiteren Erfahrungen des betreffenden Gegenstandes
beschlossen"3. Hinzu kommt, daß wir ein Ding "notwendig im-
mer in irgendeiner Hinsicht" betrachten, "d.h. wir sind dabei auf
ein speziell zur Erscheinung kommendes ,Merkmal' als Sonder-
moment des rein ästhetischen Sinnes gerichtet"4. Nun gewährt
die Hinsicht, unter der ein Ding betrachtet wird, zugleich eine
ihr zugehörige "Bestimmungsrichtung"5, in der die zu dieser
Hinsicht gehörigen Sondermomente zur Explikation kommen.
Wir wollen das durch Interpretation eines Beispiels, das Husserl
selbst gibt, erläutern.

1 Asemissen, a.a.O., S. :z6


a Ideen H, S. 20
8 Ebenda, S. 35
4 Ebenda, S. :zoo Der "ästbetische Sinn" ist das Noema des Wahrnehmens.
5 "Vorgezeichnet sind dabei im voraus alle die verschiedenen Bestimmungs-
richtungen, die im Dingvermeinten als solchen liegen, und das für jeden der
zugehörigen motivierten möglichen Walrrnehmungsverläufe, denen ich mich ... hin-
geben muß, wenn ich den Sinn der betreffenden Bestimmtheitsweisen ... zur Klarheit
bringen will". Ideen II, S. 35
DAS APRIORI DE'R RAUM-ZEITLICHKEIT 4I

"Nehmen wir als bequemstes Beispiel einen erklingenden


Geigenton. Er kann aufgefaßt sein als realer Geigenton, so-
mit als räumlich-reales Vorkommnis. Er ist dann derselbe,
wenn ich mich von ihm entferne und ihm nähere, ob das
Nebenzimmer, in dem er erklingt, geöffnet bleibt oder ge-
schlossen wird. Unter Abstraktion von der materiellen
Realität kann ich ihn noch übrig behalten als tonales Raum-
phantom, erscheinend in bestimmter Orientierung, von einer
Raumstelle ausgehend, durch den Raum hindurchklingend
usw. Endlich kann auch die räumliche Auffassung außer
Vollzug gesetzt, also statt eines räumlich erklingenden Tones
der Ton als bloßes ,Empfindungsdatum' genommen werden.
Anstelle dessen, was bei Annäherung und Entfernung als der
unveränderte Ton draußen im Raum bewußt war, erscheint
in Blickwendung auf das Empfindungsdatum Ton ein sich
kontinuierlich Veränderndes"!.
Husserl unterscheidet hier also drei Hinsichten, unter denen
der Ton betrachtet werden kann: I. als räumlich-reales Seiendes
(so wird er gewöhnlich aufgefaßt); 2. als tonales Raumphantom;
3. als bloßes "Empfindungsdatum" . Als räumlich-reales Vor-
kommnis ist der Ton aufgefaßt als der eine und selbe, so wie er
von der Geige erzeugt wird 2 und als derselbe nur verschieden
erscheinen kann, was von ebenfalls räumlich-realen Verhältnissen
abhängt (offene oder geschlossene Tür). Was für diese erste Hin-
) sicht wesentlich ist, ist genau das, was in der zweiten fortfällt.
In der zweiten Hinsicht ist der Ton nur noch Korrelat des Hö-
rens3 : Er erklingt aus einer bestimmten Richtung. Ob der Ton
von einer Geige herrührt oder ob er von einem anderen Instru-
ment nachgeahmt wird, ist in dieser Betrachtungsweise ebenso
wenig auszumachen, wie ob die Veränderung des Tones vom
Schließen der Türe herrührt oder eine Sache des Tones selbst ist.
In der dritten Hinsicht fällt dann noch die räumliche Auffassung
fort, welche offenbar für die zweite wesentlich war; der Ton ist
nur noch ein sich zeitlich erstreckendes, ein dauerndes Empfin-
dungsdatum.
1 Ideen II, S. 22
a Ich weiß z.B., daß mein Nachbar Geige spielt und um diese Zeit zu üben pflegt.
3 Man kann diese Betrachtungsweise als Resultat einer "akustischen Reduktion"
ansehen. Eine ähnliche, nämlich die "visuelle Reduktion" wird in den späteren
Analysen sehr wichtig werden. Vgl. dazu § I I .
42 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

Das Wesen der ersten Hinsicht besteht nun offenbar darin,


daß der räumlich erklingende Ton aufgefaßt wird als von kau-
salen Umständen abhängig (Streichen des Bogens über die Saite,
Schließen der Tür etc.). Wir haben die Schicht gefunden, die die
eigentliche Realität oder Materialität des Tones ausmacht, die
Schicht der "res materialis"l. Nun ist das Hören eines Tones
aber auch möglich, ohne daß er als res materialis aufgefaßt wird;
dann ist er ein tonales Raumphantom. Der Ton ist als erklin-
gender zugleich durch den Raum bestimmt. Wir haben also jene
Schicht gewonnen, der ein Seiendes zugehört, sofern es durch
den Raum bestimmt ist 2 . Schließlich haben wir nach Fortfall der
räumlichen Auffassung den Ton nur noch als durch die Zeit
bestimmt; er gehört dann nur noch der Schicht der "res tem-
poralis"3 an.
Übertragen wir das hier Gesagte auf die Dinge überhaupt, so
lassen sich also in ihnen drei Schichten unterscheiden, die alle
eine eigene Bestimmungsrichtung der Dingauffassung normieren,
und die in einem eigenartigen Fundierungsverhältnis zueinander
stehen. Wir haben also die Schichten der res materialis, der res
extensa und der res temporalis4 .
Diese drei Schichten in ihrer Einheit machen nun das regio-
nale Wesen des Dinges aus. Es zeigt sich nämlich in einer
entsprechenden eidetischen Variation, daß von einem Ding über-
haupt nur die Rede sein kann, wenn es in seinem Sein diese
Dreischichtung impliziert.
Die drei Schichten stehen zueinander im Verhältnis einer re-
lativen Selbständigkeit und Unselbständigkeit. Achten wir genau
darauf, in welcher Weise ein Ding als "substantielle Einheit",
als "Einheit von Kausalitäten"5, kurz als res materialis gege ben
ist, so zeigt sich, daß "eine wesentliche Gruppe von Merkmalen
in der Auffassung überhaupt nicht vertreten ist, nämlich die-
jenigen der spezifischen Materialität"6. Was wir in der Weise der

1 Ideen I, S. 368
2 Zur Bestimmung dieser Schicht erweist sich das Beispiel weniger geeignet. Für
die Dinge als solche ergibt sich hier die Schicht der "res extensa". Vgl. Ebenda, S.
368
8 Ebenda, S. 367
4 Husserl hat diese Dreischichtung kurz und pragnant am Ende der Ideen I
dargestellt, worauf hier verwiesen sei. Vgl. Ideen I, S. 367 ff.
,; Ebenda, S. 368
6 Ideen II, S. 36 f.
DAS APRIORI DER RA UM-ZEITLICHKEIT 43
Selbstgegebenheit sehen, ist nichts als das Phantom, eine "pure
farbig erfüllte Gestalt"!. Diese ist aber nichts anderes als die res
extensa. Alles, was wir von einem Ding unmittelbar wahrnehmen,
gehört der Schicht der res extensa an, ist von ihr "getragen".
"Im ,eigentlich' Gegebenen würde sich nichts ändern, wenn die
ganze Schicht der Materialität aus der Apperzeption weg-
gestrichen würde. Das ist in der Tat denkbar"2. Somit ergibt
sich, daß die Schicht der res materialis in der Schicht der res
extensa fundiert ist, diese aber gegenüber der Schicht der res
materialis unabhängig ist. Husserl nennt dies die einseitige Ab-
lösbarkeit der Schicht der Materialität3 .
Wie steht es nun mit dem Verhältnis der res extensa zur res
temporalis? Es ist einleuchtend, daß eine res extensa nur ge-
geben sein kann, wenn sie eine Stelle in der Zeit hat und wenn
sie Dauer besitzt. Damit ist die Schicht der res extensa in der
Schicht der res temporalis fundiert. Diese dagegen ist selb-
ständig: Ein rein immanentes Datum (ein Ton ohne räumliche
Orientierung) ist zwar res temporalis, nicht aber res extensa.
Wie nun leicht zu sehen ist, haben wir in der res extensa, sofern
diese eine Schicht im regionalen Wesen des Dinges darstellt,
dieselbe apriorische Bestimmung alles raum-zeitlichen Seienden,
welche wir früher 4 als Gestalt in einer Lage bestimmt haben, und
zwar im Hinblick auf die Zeit (res temporalis) und den Raum
(res extensa, welche die res temporalis impliziert). Die nun weiter
'jzu bestimmende res extensa wird den Leitfaden der geplan-
Iten Intentionalanalyse abgeben.
Die res extensa ist notwendig als "sinnlich qualifizierte"5 ge-
geben. Durch die Explikation dieses Sachverhaltes kann zugleich

1 Ebenda, S. 22
Das Wesen des bloßen Phantoms erläutert Husserl an einem Beispiel. "Ein bloßes
Phantom liegt z.B. vor, weun wir im Stereoskop lernen, passende Gruppieruugen
zu körperlicher Verschmelzung zu bringen. Wir sehen dann einen Raumkörper,
für den hinsichtlich seiner Gestalt, hinsichtlich seiner Farbe, seiner Glätte oder
Rauhigkeit und ähnlich geordneten Bestimmungen sinnvolle Fragen zu stellen sind,
die also der Wahrheit gemäß Beantwortung finden können, wie etwa in den Worten:
dies ist eine rote, rauhe Pyramide. Andererseits kann das Erscheinende so gegeben
sein, daß die Frage, ob es schwer ist oder leicht, ob elastisch, magnetisch usw. gar
keinen Sinn, besser: keinen Anhalt am Wahrnehmungssinn hat". Ebenda, S. 36
2 Ebenda, S. 37
3 Ebenda
4 Vgl. § 7
5 "In der originalen Erfahrung, der Wahrnehmung, ist "Körper" nndenkbar ohne
sinnliche Qualifiziertheit". Ideen 11, S. 37
44 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

eine nähere Bestimmung des Begriffes "Inhalt" gegeben werden,


den wir im Gegensatz zur Form der Raum-Zeitlichkeit in der
vorausgegangenen systematischen Betrachtung eingeführt ha-
ben l . Wir hatten gesagt, daß ein laum-zeitliches Seiendes da-
durch den Charakter einer Gestalt erhält, daß der Raum als Form
zugleich erfüllt ist mit einem Inhalt, der sich in der räumlichen
Gestalt darstellt, sich in ihr ausbreitet. Dieser Inhalt ist durch
die Qualitäten des Dinges gegeben. "Die Gestalt ist aber in jeder
Lage qualifiziert. Die Qualitäten sind Füllen, sie dehnen sich
über die Oberfläche aus, durch die Gestaltkörperlichkeit hin-
durch"2. Die Gestalt ist als Gestalt nur dadurch unmittelbar
gegeben, daß sie zugleich Form eines als Qualität zu bestimmen-
den Inhaltes ist. Die res extensa, oder wie wir auch sagen können,
das Phantom, ist Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung. So-
fern in ihr die Qualitäten des Phantoms gegeben sind, sind diese
"sinnliche Qualitäten"3. Die "Sinnlichkeit" der Qualitäten be-
steht darin, daß ihre Gegebenheit letztlich auf das zurückführt,
was man seit jeher als Empfindung bezeichnet hat. Die sinnliche
Fülle als Inhalt der Gestalt besteht nun aber keineswegs aus
Empfindungsdaten, sondern aus den unmittelbar bekannten,
gesehenen und getasteten Qualitäten wie Farbe, Glanz, Rauhig-
keit, Härte, Undurchdringlichkeit etc. 4 . Damit ist geklärt, wie
die Qualifiziertheit der Dinge als Erfüllung der Raumgestalt der
Schicht der res extensa angehört. Weiterhin ist es einleuchtend,
daß jede Bewegung des Dinges, als Gestalt- oder Lageverände-
rung ebenfalls ein Vorkommnis innerhalb der Schicht der res
extensa ist, schon deshalb, weil sie das eigentlich Gegebene vom
Ding ist.
So kann also die res extensa zum Gegenstand und Ausgangs-
punkt einer Wissenschaft vom raum-zeitlichen Sein gemacht
werden, wovon wir wesentliche Stücke bereits gegeben haben.
Trotzdem scheint eine Reflexion auf den Charakter dieser Wis-
senschaft vonnöten.

Vgl. § 7
1
Ideen H, S. 84
2
3 "Denn Qualität von Raumerfüllungen ist sinnliche Qualität". Ebenda
4 Zum Problem der sinnlichen Qualifiziertheit der raum-zeitlichen Onta vgl. Günter
Witschel, Edmund Husserls Lehre von den sekundären Qualitäten. Diss. Bonn 1961 .
Witschel wertet auch eine Reihe von D-Manuskripten unter diesem Gesichtspunkt
aus. Vgl. besonders die sehr instruktive Aufstellung S. 139
DAS APRIORI DER RA UM-ZEITLICHKEIT 45

§ 9. Die Möglichkeit einer nicht mathematischen Wissenschaft


vom Raume. Das Apriori der Raum-Zeitlichkeit als mor-
phologisches Wesen
Das Apriori der Raum-Zeitlichkeit läßt sich durch die Ent-
faltung der in der Wesensschicht der res extensa implizierten
Bestimmungen gewinnen. Wie ist aber der Charakter der Wissen-
schaft zu bestimmen, in der diese Entfaltung geleistet werden
soll? Ist nicht, so müssen wir fragen, die Geometrie die hier
gesuchte und erforderte Wissenschaft? In der Tat scheint Husserl
dieser Meinung zu sein: "Man macht sich klar, daß es das Wesen
des materiellen Dinges sei, res extensa zu sein, daß somit die
Geometrie die auf ein Wesensmoment solcher Dinglichkeit, die
Raumform, bezogene ontologische Disziplin sei"l. Damit aber
scheint die Durchführung unserer Aufgabe gefährdet. Geometrie
ist eine exakte mathematische Wissenschaft und also im Bereich
der objektiv-wissenschaftlichen Welt beheimatet2 • Wir dagegen
wollten Raum als anschauliche Form der Lebenswelt themati-
sieren. Wenn Geometrie die einzige und notwendige eidetische
Wissenschaft vom Raume ist, so ist lebensweltliche Raum-
Zeitlichkeit, wie wir sie im Anschluß an Husserl zu bestimmen
versuchen 3 , eine pure Konstruktion. Es muß also, soll unser
Vorhaben durchführbar sein, eine Wissenschaft vom Wesen des
Raumes geben, die nicht Geometrie ist. Läßt sich die Möglichkeit
einer solchen Wissenschaft erweisen, so können wir auf eine
Behandlung der mathematischen Probleme des Raumes ver-
zichten 4 .
Die Möglichkeit einer nicht mathematischen Wissenschaft vom
Raume ergibt sich aus der bereits erwähnten Unterscheidung von
"exaktem" und "morphologischem" Wesen5 • Die res extensa, so
wie sie in einer eidetischen Variation von einer sinnlich-anschau-
lichen Raumgestalt als Exempel ausgehend gewonnen wird, ist
ein "morphologisches Wesen"6. Die auf solches anschaulich-
I Ideen I, S. 25
2 Vgl. dazu die Ausführungen in § r unserer Arbeit.
3 Unsere Überlegungen in den vorangehenden Paragraphen waren nicht von der
Idee emer mathematischen Wissenschaft vom Raume geleitet.
4. Zu diesen Problemen vergleiche u.a.: Oskar Becker, "Beiträge zur phänomeno-
logIschen Begrilndung der Geometrie und ihrer physikalischen Anwendungen" in:
Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung VI. r923, S. 385-560
5 Vgl. § r

6 Ideen I. S. r70. Auch in der K,isis betont Husserl, daß "das freie Umphantasieren
46 ALLGEMEINE VORZEICIlNUNG DES PROBLEMS

"gestalthafte" Wesen bezogene Wissenschaft ist deskriptive


Wissenschaft, ihre Begriffe sind "deskriptive Begriffe"!.
Die res extensa aber als Gegenstand der Geometrie ist ein
"exaktes Wesen"2, d.h. Resultat einer Idealisierung. Die Begriffe
der Geometrie sind "Idealbegriffe" , "sie drücken etwas aus, was
man nicht ,sehen' kann; ihr ,Ursprung' und damit auch ihr Inhalt
ist ein wesentlich anderer als derjenige der Beschreibungsbe-
griffe als Begriffe, die unmittelbar der schlichten Anschauung
entnommene Wesen und keine ,Ideale' zum Ausdruck bringen"3.
Das exakte Wesen ist als Resultat einer Idealisierung des mor-
phologischen eine logische Substruktion, die prinzipiell unan-
schaulich ist. Das exakte Wesen ist im Sinne der objektiven
Wissenschaften das "an sich wahre" Wesen, das objektive
Apriori. Indem Husserl von diesem das anschauliche Wesen
unterscheidet, ist die Möglichkeit einer nicht mathematischen
Wissenschaft vom Raume gegeben, wenn auch ihre Methode noch
keineswegs voll einsichtig ist. Doch dazu kann folgender Ge-
dankengang dienen. Die Objektivität des exakten Apriori des
Raumes ist Resultat einer methodischen Ausschaltung alles
Subjektiv-Relativen. Die raumdingliche Welt und ihr Apriori
werden aus dem Zusammenhang ihrer Gegebenheit für ein wahr-
nehmendes Subjekt herausgelöst und so allererst "an sich" be-
stimmbar. Das "an sich" ist so die Negation des "für anderes",
wobei dieses andere die wahrnehmende, überhaupt erkennende
Subjektivität ist. Wird aber von einem anschaulichen Wesen
gesprochen, so ist in diesem Begriff bereits die Beziehung auf
anderes, auf den Anschauenden selbst, gesetzt. So ist einsichtig,
warum das "an sich" prinzipiell unanschaulich sein muß4. Soll

dieser Welt und ihrer Gestalten erst nur mögliche empirisch-anschauliche und nicht
die exakten Gestalten ergibt". Krisis, S. 49
1 Ideen I, S. I69
2 Ebenda
3 Ebenda, S. I7o. Vgl. auch ebenda, S. 139: "Die Reduktion der natürlichen
Welt ... ergibt ... Regelordnungen, in denen sich als intentionales Korrelat eine in
der Sphäre der empirischen Anschauung morphologisch geordnete Welt konsti-
tuiert, d.i. eine Welt, für die es klassifizierende und beschreibende Wissen-
schaften geben kann". (Sperr. v. Vf.)
4 Dies ist das "an sich" der mathematischen Naturwissenschaft. Ein anderer
Begriff von "an sich" ist der der intersubjektiven Identifizierbarkeit, der durchaus
anschaulich sein kann. So hat z.B. ein Körper eine Farbe "an sich" gegenüber den
verschiedenen, von Beleuchtung etc. abhängigen Erscheinungsweisen der Farbe.
Diese Farbe an sich ist das, was bei Witschel "objektiv anschauliche Farbe" oder
"Dingfarbe" heißt. A.a.O., S. 98; vgl. auch ebenda, S. 106
DAS APRIORI DER RAUM-ZEITLICHKEIT 47

also das anschauliche Wesen zum Thema einer Wissenschaft


gemacht werden, so muß die für die Konstitution der exakten
Wissenschaften notwendige Ausschaltung des Subjektes rück-
gängig gemacht werden. Es gilt den Schritt zu vollziehen "von
der naiven Positivität (den positiven Wissenschaften) zu der
konsequenten Mitbetrachtung der jeweilig erkennenden Subjek-
tivität bzw. ihrer und aller entsprechenden subjektiven Modi
des positiv Erkannten" 1. Damit ergeben sich aber zwei weitere
Fragen, die sogleich in einer erneuten Reflexion auf die Methode
der Wesensschau geklärt werden sollen.
Die mathematischen Wissenschaften gewinnen ihre Verbind-
lichkeit gerade aus ihrer Exaktheit; aus ihr ergibt sich der Sinn
der "Wahrheit" ihrer Aussagen. Kehrt nicht mit der Aus-
schaltung der objektiv-wissenschaftlichen Einstellung 2 jener
Relativismus und Skeptizismus wieder, der durch sie gerade
überwunden werden sollte3 ? Gibt es einen Weg, die durch die.
Epoche von den objektiven Wissenschaften verlorengegangene
Verbindlichkeit wiederzugewinnen?
Auch die vorwissenschaftliche Erfahrung hat ihre Verbind-
lichkeit und ihre Wahrheit. Die Norm dieser Wahrheit ist nicht
die Methode der Mathematik, sondern eine "N ormali tä t"4 des
erfahrenden Subjektes, das als solches Glied einer sich ständig
korrigierenden Intersubjektivität ist. Diesen Begriff der Norma-
lität, der selbst Stufen aufweist, hat Husserl in den Ideen 11 zu
entwickeln versucht. Alle in der vorwissenschaftlichen, der lebens-
weltlichen Erfahrung auftretenden Unstimmigkeiten können auf
Anomalien zurückgeführt werden, die selbst wiederum einer
normalen Erfahrung zugänglich sind. "Es gibt die eine normal
konstituierte Welt als"die wahre Welt, als ,Norm' der Wahrheit" 5 .
Dieser Begriff der Normalität bleibt jedoch problematisch, da er
nur negativ im Hinblick auf die exakt-objektive Bestimmung
der Welt konzipiert ist: 1
Eine gewisse Beziehung auf die Normalität bleibt auch in der
1 Erste PhilosoPhie II, S. 285
In dieser Betrachtungsweise vollzogen sich bereits unsere Überlegungen über die
Gegebenheitsweise der raum-zeitlichen Dinge. Vgl. § 7
2 Vgl. § I
3 Vgl. Ideen. II, S. 77: "Diese Relativität ist es, die die Konstitution eines in dem
anschaulichen Ding sich bekundenden physikalischen Dinges erfordert".
4 Ebenda, S. 58 ff.
5 Ideen. II, S. 73
48 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

eidetischen Variation erhalten1 . Das in der eidetischen Variation


herauszustellende Apriori bleibt als anschauliches wesensnot-
wendig auf die Subjektivität in ihrer Normalität zuruckbezogen,
welche Subjektivität nicht konstruiert ist, sondern in ihrem
aktuellen Vollzug deskriptiverfaßt werden kann. Es zeigt sich
also, daß die Methode der eidetischen Variation von vornherein
von der Idee der Intentionalität geleitet war. In der Methode
der eidetischen Variation ist also die Voraussetzung impliziert,
daß das Wesen nur aus dem Bezug des Bewußtseins zu seinen
Gegenständen als solches erkannt werden kann. So weist die
Methode der eidetischen Variation über sich hinaus in das Pro-
blem der transzendentalen Konstitution.
Was ergibt sich aus diesen Überlegungen für die Möglichkeit
einer nicht mathematischen Wissenschaft vom Raume? Diese
Möglichkeit ist mit dem morphologischen Wesen des Raumes in
seinem durch die Variation als wesensnotwendig herausgestellten
Bezug auf normale Erfahrung selbst gegeben. Die Geometrie aber
ist nur dann die Wissenschaft von der res extensa, wenn diese
zuvor zu einem exakten Wesen idealisiert wird.
So scheint endgültig gesichert, daß im morphologischen Wesen
"res extensa" mit seinen Grundbestimmungen "Gestalt" und
"Lage" und der daraus folgenden GegebenheitsweisenunderLeit-
faden angemessen vorgegeben ist, welcher Ausgangspunkt einer
Theorie der transzendentalen Konstitution des Raumes sein kann.

§ Das Wesen des Dinges qua res extensa als transzendentaler


IO.'
Leitfaden
Das in den vorigen Paragraphen herausgestellte Apriori der
Raum-Zeitlichkeit, sofern es als Wesensbestimmung der res ex-
tensa explizierbar ist, hat zunächst noch ontisch-gegenständ-
lichen Charakter. Es ist als "notwendige Form" ein "formales
Wesen"2 und ermöglicht durch seine vorgängige Bekanntheit die
Erfahrung von raum-zeitlich Seiendem überhaupt, und zwar so,
daß es dessen Vorfindlichkeit überhaupt ermöglicht.
Dieses formale Wesen muß nun in transzendentaler Einstellung
als Regelstruktur3 , d.h. als konstitutives Apriori begriffen werden

1 Vgl. Erfahrung und Urteil, S. 439 tt.


Z Vgl. Erste Philosophie I (Beilage XVI), S. 357
S Vgl. § 5
DAS APRIORI DER RAUM-ZEITLICHKEIT 49

können, soll die von ihm ausgehende Intentionalanalyse an'ihr


Ziel gelangen. Das Wesen verliert durch die Epoche die Be-
stimmung einer vorgegebenen Gegenständlichkeit und wird in
die transzendentale Korrelation von Noesis und Noema und
damit in die transzendentale Subjektivität selbst zurückgenom-
men. Alle in der ontologischen Einstellung an der res extensa
aufzeigbaren Wesensmomente müssen dann aber als noetisch-
noematische Strukturen wiederkehren. Die Momente der res ex-
tensa, die auf diese Weise einer transzendentalen Betrachtung
unterzogen werden müssen, sind Gestalt, Lage und Transzendenz.
Da die Transzendenz! die spezifische Gegebenheitsweise der
raum-zeitlichen Onta begründet und sich in ihr als der Ab-
schattung auch Gestalt und Lage präsentieren, kann die Expli-
kation des Raum und Räumlichkeit ermöglichenden "Korrela-
tionsapriori"2 an der transzendental reduzierten Gegebenheits-
weise der res extensa ansetzen 3 • Da in der Epoche der Gegenstand
nur noch als noematisches Korrelat angesprochen werden kann,
muß auch seine Transzendenz als noetisch-noematische Struktur
zum Vorschein kommen. Dadurch ergibt sich aber eine Um-
kehrung des Begründungsverhältnisses von Transzendenz und
Abschattung4 . Ist Abschattung in ontologischer Einstellung eine
Folge der räumlichen Transzendenz der res extensa, so ist
transzendental gesehen die Transzendenz nichts anderes als der
Modus, in dem das natürliche Bewußtsein seinen in der Gegeben-
heitsweise der "Abschattung" erscheinenden Gegenstand immer
schon gesetzt hat. Husserlsagt vom raum-zeitlichen Gegenstand:
"Seine Transzendenz drückt sich in jenen Grenzenlosig-
keiten im Fortgang der Anschauungen von ihm aus"5. Die
Gegebenheitsweise der Abschattung begründet eine prinzi-
pielle Unabschließbarkeit der Erfahrung. "In dieser Weise
in infinitum unvollkommen zu sein, gehört zum un-
aufhebbaren 'Wesen der Korrelation ,Ding' und Ding-
wahrnehmung"6. Transzendenz, noematisch verstanden als
1Vgl. § 7
2Krisis, S. I6r.
3 Wie d,ese Betrachtungsweise einen zweiten, den transzendentalen, Begriff der
Absehattung begrundet, soll später gezeigt werden. Husserl hat diese beiden Begriffe
meht streng getrennt. Vgl. dazu die Kritik Asemissens a.a.O., S. Z5 ff.
4 Vgl. § 7
5 Ideen I, S. 3 6 7
6 Ebenda, S. rOI
50 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

Grenzenlosigkeit möglicher Anschauungen von demselben, ist


auch als Bestimmung des Wesens zu denken, das hier noch als
allgemeiner Gegenstand genommen wird. "Mit anderen Worten,
ob es sich um das Wesen eines Dingindividuums handelt oder
um das regionale Wesen Ding überhaupt, keinesfalls langt eine
endlich abgeschlossene Kontinuität oder Kollektion von Ding-
anschauungen zu, um in a d·äq u a t e r Weise das gewünschte Wesen
in der ganzen Fülle seiner Wesensbestimmungen zu gewinnen"l.
Das Wesen des Dinges kann darum doch "originär gegeben"2
sein, nur ist diese Gegebenheit prinzipiell keine adäquate. In der
ontologischen Einstellung ist das Wesen "an sich" bestimmt,
wenn es auch in der Fülle seiner Bestimmungen nie adäquat
erkannt werden kann. Die Inadäquatheit der Wesenserkenntnis
ist dem Wesen selbst äußerlich. In der transzendentalen Ein-
stellung dagegen scheint das Wesen in der Totalität seiner "An-
sich-Bestimmtheiten" verloren zu gehen, denn in ihr ist das
Wesen nur durch das Dingnoema (in eidetischer Allgemeinheit)
"vertreten", das in seiner originären Gegebenheit adäquat 3 expli-
zierbar ist, aber in Bezug auf das Wesen "selbst", inder Totalität
seiner Bestimmungen, nur als die Fixierung eines Stadiums
innerhalb eines prinzipiell unendlichen Prozesses der Näher-
bestimmung angesehen werden muß. Somit scheint das Wesen
gegenüber dem, was von ihm gegeben ist, auch in der transzen-
dentalen Einstellung "transzendent" zu bleiben, oder anders
ausgedrückt, es fällt aus dem Bereich der transzendentalen
Subjektivität heraus. Die Totalität des Wesens scheint in der
transzendentalen Reflexion nicht einholbar. Das Wesen wird zu
einem X4, das in unaufhebbarer Diskrepanz zu dem steht, was
von ihm zur adäquaten Gegebenheit kommen kann.
Um dieses Problem zu lösen, muß die Diskrepanz zwischen
dem Wesen = X und dem, was als Noema adäquat gegeben ist,
selbst einer transzendentalen Reflexion unterworfen werden. Wie
läßt sich der in jedem Dingnoema implizierte unendliche Prozeß
im "Fortgang einstimmiger Anschauungen"3 nach seiner noe-
tisch-noematischen Struktur explizieren? Der unendliche Prozeß
ist aber in dem Dingnoema als einer unvollkommenen Gegeben-
1 Ebenda, S. 365
2 Ebenda
3 Ebenda, S. 366
4 Ebenda, S. 367
DAS APRIORI DER RAUM-ZEITLICHKEIT SI

heit dadurch impliziert, daß sie "eine Regel in sich birgt für die
ideale Möglichkeit ihrer Vervollkommnung"l. '
Hieraus läßt sich auch die Auffassung der adäquaten Ding-
gegebenheit als "Idee"2 verstehen. Wir hatten gesehen, daß das
Ding durch einen endlichen Prozeß der Näherbestimmung in
seinem Seinsgehalt nicht zu erschöpfen ist. Ist aber in jedem
inadäquat gebenden Noema eine Regel für den Fortgan~ der
Näherbestimmung ,impliziert, so läßt sich aus der Regel die
"Idee" einer adäquaten Gegebenheit entwickeln. "Aber als
,Idee' (im Kantischen Sinne) ist gleichwohl die vollkom-
mene Gegebenheit vorgezeichnet - als ein in seinem We-
senstypus absolut bestimmtes System endloser Prozesse kon-
tinuierlichen Erscheinens"3. Was aber leistet der Gedanke für
die Bestimmung des eigentümlichen Unendlichkeitscharakters
im Wesen des Dinges? HusserI sagt: "Die Idee einer wesensmäßig
motivierten Unendlichkeit ist nicht selbst eine Unendlichkeit;
die Einsicht, daß diese Unendlichkeit prinzipiell nicht gegeben
sein kann, schließt nicht aus, sondern fordert vielmehr die
einsichtige Gegebenheit der Idee dieser Unendlichkeit"4. Ein
unendlicher Prozeß läßt sich nur dadurch begreifen, daß man
die Regel kennt, nach welcher dieser Prozeß verläuft. Dann ist
die Regel selbst natürlich nicht unendlich5 • Diese Erörterungen
sind nun geeignet, unsere Auffassung des Wesens als Regel-
struktur zu erhärten. Was in der natürlichen Einstellung als
Transzendenz des Dinges bzw. seines regionalen Wesens er-
scheint, ist, phänomenologisch aufgeklärt, nichts anderes als die
Wesensgesetzlichkeit, daß ein Ding nur in einem unendlichen
Prozeß der Näherbestimmung adäquat gegeben werden
kann 6 . Das Wesen des Dinges ist dann, transzendental gesehen,

IEbenda, S. 366
2 Ebenda, S. 350
3 Ideen I, S. 351. An Kant erinnert der "regulative" Charakter der Idee. Vgl. auch:
Cal'tesiantsche Meditationen, S. 90 f.
4 Ideen I, S. 351
5 Em BeIspiel aus der Mathematik mag das verdeutlichen: Die Reihe der natür-
lichen Zahlen als eine unendliche ist durch folgende Bestimmung faßbar: Jede
natur liehe Zahl n liegt zwischen n - 1 und n + I. Somit drückt sich das Wesen der
unendlichen Zahlenreihe in einer Regel aus, nach der jede Zahl durch die voran-
gehende und die nachfolgende eindeutig bestimmt ist.
6 "Transzendenz ist ein immanenter, innerhalb des Ego sich konstituierender
Semscharakter" . Cartesianische Meditationen, S. 32
52 ALLGEMEINE VORZEICHNUNG DES PROBLEMS

die Regelstruktur1 , nach der dieser Prozeß der Näherbe-


stimmung verlaufen muß, soll ein in ihm zur Gegebenheit kom-
mender Gegenstand ein und dasselbe Ding sein. Durch die
Auffassung des Wesens als Regelstruktur ist seine geforderte
Zurücknahme in die transzendent~e Subjektivität geleistet. Von
hier aus erscheint das Wesen, sofern es Gegenstand ist, als
Verdinglichung einer Regelstruktur.
Da die Gegebenheitsweise des Dinges, die Ausgangspunkt
unserer Betrachtungen bildete, das Ding betrifft, gerade sofern
es res extensa ist, gelten die oben entwickelten Bestimmungen
- worauf es hier allein ankommt - vom Wesensmoment der res
extensa. Damit ist der Ausgangspunkt der Intentionalanalyse
gewonnen, welcher darin besteht, die res extensa als Regel-
struktur zu begreifen. Im Anschluß hieran ist leicht zu sehen,
wie auch die anderen Bestimmungen der Intentionalanalyse auf
das hier Gesagte Anwendung finden.
Intentionalanalyse ist Explikation von Potentialitäten, d.h.
von Vermöglichkeiten und korrelativen Horizonten. Wir können
nun - und das ist eine entscheidende Einsicht - den unend-
lichen Prozeß als fortschreitende Aktualisierung eines
bestimmt gearteten Systems von Vermöglichkeiten2
ansehen, eines Systems, das eben ins unendliche fortgehende
Aktualisierungen gestattet.
Damit ist gezeigt, in welcher Weise die Wesensbestimmung
der Transzendenz, die zunächst in ontologischer Einstellung
gewonnen wurde, zum Leitfaden einer Intentionalanalyse werden
kann. Sie wird in der Entfaltung jener angegebenen Regelstruktur
als eines Systems von Vermöglichkeiten bestehen.
In welcher Weise, so müssen wir abschließend fragen, er-
scheinen nun Gestalt und Lage als Momente der Regelstruktur ?
Auch hierzu ist auf die Gegebenheitsweise der res extensa für

1 Wir haben früher (§ 5) den Charakter des Wesens als Regelstruktur durch eine
Reflexion auf das Wesen der eidetischen Variation gewonnen und gesagt, daß das
Wesen als Regelstruktur, als konstitutives Apriori die eidetische Variation als solche
ermöglicht. Beim Wesen des Dinges ist seine Auffassung als Regelstruktur aus dem
Wesen der Realitätsgegebenheit entwickelt worden. Die beiden Verfahren sind im
Grunde identisch. Indem ich von einem Exempel ausgehend in der Phantasie den
Prozeß der Näherbestimmung des Dinges in Gang setze, erfahre ich das Wesen des
Dinges als die Form, als den Rahmen, nach dem dieser Prozeß ins Unendliche
fortgehen könnte.
2 Vgl. dazu § 4.
DAS APRIORI DER RAUM-ZEITLICHKEIT 53

das wahrnehmende Bewußtsein zurückzugehen. Die eine Gestalt


in ihrer objektiven Qualifizierung und ihrer objektiven Lage im
Raum, die res extensa also als Einheit ihrer An-sieh-Bestim-
mungen, stellt sieh in einer Mannigfaltigkeit von Abschattungs-
und Erscheinungsmannigfaltigkeiten dar. Diese Mannigfaltigkeit
erhält in mundaner Einstellung ihre Leitung vom vorgegebenen
Gegenstand her. In transzendentaler Einstellung dagegen ist das
Bewußtsein von der identischen res extensa Resultat einer Syn-
thesis eben dieser Mannigfaltigkeiten von Gegebenheitsweisen,
also nichts anderes als ein einheitliches System von Sondemoesen
und ihrer korrelativen Noemen. In dieses System gehen hyletische
Momente ein, da das Bewußtsein von Qualifizierung als sinn-
licher letztlich auf Empfindung zurückgeht. Somit ergeben sich
drei Betrachtungsweisen des Phantombewußtseinsi. Husserl
nennt sie die "hyletischen", "noetischen" und "noematischen"
Reflexionen: "Diese Reflexionen sind es, die uns nun ein großes,
in sich zhsammenhängendes Forschungsfeld eröffnen, bzw. eine
mächtige, unter der Idee Dingregion stehende Problematik" 2.
Husserl formuliert die Grundfrage der transzendentalen Kon-
stitution des Dinges auch so: "Wie sind die zur Einheit des
anschaulich vorstellenden Dingbewußtseins gehörigen
N oe sen und Noemen systematisch zu beschreiben"3?
Durch die Beantwortung dieser Frage läßt sich auch das Problem
der Raumkonstitution lösen: "Das Problem vom ,Ursprung
der Raumvorstellung', dessen tiefster phänomenologischer
Sinn nie erlaßt worden ist, reduziert sich auf die phänomenolo-
gische Wesensanalyse all der noematischen (bzw. noetischen)
Phänomene, in denen Raum sich anschaulieh darstellt und sich
als Einheit der Erscheinungen, der deskriptiven Darstellungs-
weisen Räumliches ,konstituiert"'4.
"Das Problem der Konstitution besagt dabei klärlich
1 "Phantombewußtsein" nennen wir die in der entsprechenden Intentionalanalyse
thematisierte transzendentale Korrelation von Bewußtsein und Gegenstand, sofern
<lleser eine res extensa ist. Zum Begriff des Phantoms vgl. § 8
2 Ideen I, S. 369
3 Ebenda
4 Ebenda, S. 37r. Der Begriff "Ursprung der Raumvorstellung" stammt aus dem
Titel des Buches von Cad Stumpf: Ober den psychologischen Ursprung der Raum-
vorstellung. Leipzig r873. Husserl hat dieses Werk eingehend studiert und seinem
Verfasser bekanntlich die Logischen Untersuchungen gewidmet. Da die Absicht
dieser Arbeit eine systematische ist, muß auf eine Diskussion des Verhältnisses
Husserls zum Psychologismus verzichtet werden.
54 ALLGEMEINE VOR.ZEICHNUNG DES PROBLEMS

nichts anderes, als daß die geregelten und zur Einheit eines
Erscheinenden notwendig zusammengehörigen Erscheinungs-
reihen intuitiv überschaut und theoretisch gefaßt werden können
- trotz ihrer (im bestimmten ,und so weiter' eben eindeutig
beherrschbaren) Unendlichkeiten - daß sie in ihrer eidetischen
Eigenart analysierbar und beschreibbar sind, und daß die
gesetzliche Leistung der Korrelation zwischen dem
bestimmten Erscheinenden als Einheit und bestimm-
ten unendlichen Mannigfaltigkeiten der Erscheinun~
gen voll eingesehen und so aller Rätsel entkleidet werden kann"!.

1 I Ileen I, S. 371
11. TEIL

DIE ENTFALTUNG DER KONSTITUTIVEN


THEORIE DES RAUMES
Im ersten Teil haben wir den systematischen Ort der Kon-
stitutionsproblematik innerhalb der transzendentalen Phäno-
menologie angegeben. Die Bekanntheit des mundanen Bewußt-
seins mit dem Apriori der Raum-Zeitlichkeit erzwang zu ihrer
Aufklärung den Übergang in die transzendentale Einstellung. In
dieser zeigte sich das Problem des vorgängigen Bezuges des
mundanen Bewußtseins zum Apriori als das Problem der tran-
szendentalen Konstitution. Diese ist das in einer Intentional-
analyse enthüllbare Rückgegründet-sein des ontischen Apriori in
einem konstitutiven Korrelationsapriori. Die res extensa als
Schicht im regionalen Apriori des Dinges erwies sich als ge-
eigneter Leitfaden für die Analyse der Raumkonstitution. Die
res extensa konnte auf Grund ihrer Herkunft aus der eidetischen
Variation als die Regelstruktur bestimmt werden, die einen
prinzipiell unendlichen Prozeß von Aktualisierungen innerhalb
eines Gesamtsystems von Vermöglichkeiten im vorhinein leitet
und bestimmt. Im zweiten Teil sollen nun die in den D-Manu-
skripten vorliegenden Analysen als Versuch einer anhand des
Leitfadens der res extensa durchgeführten Intentionalanalyse
interpretiert werden, die eine Theorie der transzendentalen
Konstitution des Raumes zum Ziele hat.
I. ABSCHNITT

DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN


RAUMES

Die in den Manuskripten vorliegenden Analysen Husserls be-


fassen sich fast ausschließlich mit den beiden Hauptweisen der
sinnlichen Wahrnehmung, durch die sich das BewuBtsein auf
raumdingliche Gegenstände bezieht, nämlich Sehen und Tasten.
Beide Sinnessphären bergen eine Fülle von Problemen in sich,
die im folgenden in transzendentaler Einstellung, d.h. im Hin-
blick auf die Konstitution ihrer Gegenstandsgebiete, thematisiert,
werden sollen.
Wir befassen uns zunächst in diesem Abschnitt mit der
visuellen Sphäre. Zu diesem Zweck vollziehen wir die "visuelle
Reduktion"l. Aus einer konkreten Wahrnehmungsgegenwart
wird alles abstraktiv ausgesondert, was nicht der Korrelation von
"Sehen" und "Gesehenem" angehört. Diese Reduktion betrifft die
Gesamtkorrelation von Bewußtsein und Gegenstand. Bewußtsein
ist nur als sehendes in Anspruch genommen und sein Gegenstand,
das visuelle Phantom, nur als das Sichtbare vom Ding2 überhaupt.,
Bei den auf die visuelle Sphäre beschränkten Untersuchungen
wird eine Reihe von Problemen (z.B. das der Leiblichkeit)
auftauchen, die innerhalb ihrer nicht, oder nur inadäquat;
thematisiert werden können. Diese werden im zweiten Abschnitt,
der sich mit der taktuellen Sphäre befaßt, wieder aufgenommen.
Manches von dem hier Vorgelegten ist bereits in veröffent-
lichten Werken Husserls enthalten, auf die gegebenenfalls hin-
gewiesen wird3 ; doch soll im allgemeinen den Manuskripten der
Vorzug gegeben werden.

1 Ms. D IO III (1932), S. 3


2 "Das Phantom vertritt uns natürlich nur das Sichtbare vom Ding in seiner
ungebrochenen Erfahrungseinheit ; also nur seine Oberfläche in der Qualifi2ierung".
Ms. D I3 I (1921), S. 2
3 So besonders in den Ideen II, deren konstitu,tive Fragestellung trotz des Unter-
titels keineswegs eindeutig ist.
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 59

Eine weitere Voraussetzung der Analysen ist noch anzugeben.


Die für uns relevanten Manuskripte halten sich durchweg in der
sogenannten "primordinalen"l Einstellung; sie thematisieren nur
das je einzelne Ich in seinem Bezug zu seiner Welt und Umwelt.
Der gesamte Problemkomplex der transzendentalen Intersubjek-
tivität bleibt damit ausgeschaltet. Ebenso ausgeschaltet bleiben
die Probleme der Zeitkonstitution mit Ausnahme der Konstitu-
tion von Gleichzeitig~eit und Dauer, deren grundsätzliche Struk-
tur an geeigneter Stelle angegeben wird 2 • Die Ausschaltung der
Zeitkonstitution ist dadurch gerechtfertigt, daß wir uns im
Problembereich der statischen Konstitution befindenS. Damit
sind endgültig die Voraussetzungen zum Eintritt in die konkreten
Analysen gegeben;
Der Gegenstand der nun folgenden Analysen ist die Korrelation
von Phantom und Phantombewußtsein im Rahmen der tran-
szendentalen Epoche. Diese Korrelation soll zunächst einer
noematischen Reflexion4 unterzogen werden.

§ H. Noematische Reflexion des Phantombewußtseins. Die Ap-


parenz als Erscheinung der res extensa
In einem exemplarischen Dingbewußtsein abstrahieren wir von
der apperzeptiven Schicht der res materialis und fingieren das so
erhaltene Phantombewußtsein um. In diesem sind Gestaltbe-
wußtsein und Lagebewußtsein als seine Momente impliziert, was
an geeigneter Stelle zum Vorschein kommen muß. Wir nehmen
das Phantom dabei im Grenzfall der völligen Unveränderung; in
diesem Fall ist vom Phantom originär gegeben die "Seite"5. Sie
ist aber selbst in einer-bestimmten Gegebenheitsweise gegeben,
die Husserl "Aspekt"6 nennt. Ein Aspekt ist also die Gegeben-
heitsweise einer Seite. Dieselbe Seite des Phantoms kann nun in

1 Wir gebrauchen den Ausdruck "primordinal" in dem Sinne, wie ihn Diemer
herausgestellt hat. Diemer, a.a.O., S. 269 ff. Vgl. auch: Carlesianische Meditationen,
S. l24 ff.
2Vgl. § I6
3Vgl. § 6
4 Vgl. § IO
5 "Seite im strengen Stnne ist das momentan vom Phantom gegebene, und in
der momentanen Gegebenheitsweise heißt sie im prägnanten Sinne Aspekt". Ms.
D I3 I (I92I), s. 3. Vgl. auch ebenda, S. 2: "Dieses Phantom ist gegeben in einzelnen
Seiten und ist Seite das Sichtbare Stück des Phantoms, so ist dieses selbst in ver-
schiedenen Gegebenheitsweisen gegeben".
6 s. Anm. 5
60 DIE ENTF AL TUNG DER THEORIE

einer Mannigfaltigkeit von Aspekten gegeben sein. Die Seite ist


das identische Eine, das in den Aspekten gegeben ist, und ist so
das Resultat einer "Deckungssynthesis"l. Im Laufe der Näher-
bestimmung2 des Phantoms kommen dann andere Seiten in
anderen Aspekten zur Gegebenheit. So kann ich alle Seiten
durchlaufen, so daß ich schließlich eine sich in Aspekten dar-
stellende Seitenkontinuität habe: das Phantom als geschlossene
Oberflächengestalt. Sofern diese nur gegeben ist in einer Konti-
nuität von Aspekten, wird sie "Apparenz" genannt 3. Die Ap-
parenz ist also die Gegebenheitsweise des vollen Phantoms als res
extensa. Man kann so eine erste Gesetzmäßigkeit des Phantom-
bewußtseins formulieren: Jede:; Phantom (als qualifiziertes Voll-
schema)4 ist notwendig in einer vollständigen oder unvollstän-
digen (wenn nicht alle Seiten des Phantoms gegeben sind)
Apparenz gegeben. Die Apparenz ist so das eigentliche Noema
des Phantombewußtseins5 • Es ist jedoch zu beachten, daß die
in einem Aspekt gegebene Seite, und nicht die ganze Apparenz
das Korrelat eines im Wahrnehmungsverlauf fixierten Stadiums
ist. Die in einem Aspekt erscheinende Seite hat nun in sich eine
Horizontstruktur, indem sie auf die Apparenz und das in ihr
gegebene Phantom verweist6 . Die Apparenz selbst hat aber
keinen Innen- oder Außenhorizont7; ebensowenig der Aspekt
selbst, sondern der Horizont gehört zu der im Aspekt erschei-
nenden Seite. Im Hineingehen in den Außenhorizont der Seite.

1 VgI. Erfahrung und Urteil, S. 128 ff.


2 Das setzt natürlich eine Wahrnehmungsaktivität voraus, die aber Gegenstand
der noetischen Reflexion ist. VgI. § 12
3 Es "gehört ideell zu jedem Phantom ein Universum von Seiten und universal
allseitigen Gegebenheitsweisen. Jedes Kontinuum von Aspekten, die sich zu einem
Erscheinungsganzen%des Phantoms zusammenschließen. Indem jede Seite und jede
nur einmal zur Gegebenheit kommt, nennen wir eine Apparenz des Phantoms. Sie
ist natürlich zugleich eine Apparenz des Dinges selbst hinsichtlich der Kontinuität
seiner Oberflächengestaltungen". Ms. D I3 I (1921), S. 3. VgI. auch Ideen II, S. 37
4 VgI. Ideen II, S. 37
5 "In diesem Sinne sind alle Erscheinungs· und Darstellungsweisen des
Dinges, von denen oben anläßlich der Abschattungstheorie der Wahrnehmung die
Rede war, als Wahrnehmungsnoemen anzusprechen". Aron Gurwitsch, "Bei-
trag zur phänomenologischen Theorie der Wahrnehmung", iu: Zeitschrift für phi-
losophische Forschung XIII, 1959, S. 428.
6 "In der Wahrnehmung weist die Seite auf die ergänzende Seitenkontinuität hin,
der Aspekt auf die Apparenz, in der die Seitenkontinuität abliefe und das Phantom
gegeben wäre". Ms. D I3 1(1921), S. 7
7 " .•• der Aspekt als solcher hat keinen Außen- oder Innenhorizont in sich nach
dem mit diesem Begriff fixierten Begriffsgehalt und ebensowenig die Apparenz".
Ms. D I3 I (1921), S. 5
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 6I
bei dem eine neue Seite zur Gegebenheit kommt, ändert sich der
Aspekt, während die Seite nun in ihrem Zusammenhang mit
anderen Seiten gerade als dieselbe durchgehalten wird. Nimmt
der Vorgang der Wahrnehmungsprogression (was nicht not-
wendig ist) den Charakter des Hineingehens in den Innenhori-
zont eines wahrgenommenen Phantoms an, so ändern sich in
ihm ständig die Aspekte und damit auch die Apparenz. Die
Apparenz ist also die jeweilige Erscheinung (ein präziser
Begriff von Erscheinung) des Phantoms qua res extensa.
Das Phantom, so sagten wir, ist Gestalt in einer Lage. Es
erscheint aber in einer Apparenz. Bisher haben wir diese nur
daraufhin betrachtet, inwieweit in ihr die Gestalt des Phantoms
erscheint. Nun ist zu sehen, wie auch das Lagemoment in seiner
Gegebenheit durch den Begriff der Apparenz mitumfaßt wird.
Lage wird von Husserl zunächst als "Entfernung" thematisiert.
Mit dem Begriff der Entfernung kommt der Wahrnehmende
selbst in der Weise mit in den Blick, daß für ihn selbst das
Moment der Lage zutrifft, daß er selbst in Bezug auf das Phan-
tom lokalisiert ist!. Hier ist eine Voraussetzung gemacht, die erst
später eingeholt werden kann 2 • Wird also das Lagemoment des
Phantoms mit berücksichtigt, so wird dieses zu einem "Ent-
fernungsding" oder auch "Entfernungsphantom"3. Das Phantom
als Entfernungsding ist nichts anderes als "die ontische Er-
scheinung selbst, die Einheit dieser Aspekte dieser Entfernung"4.
Insofern nun die Entfernung wechseln kann5 , die Entfernung
) nimmt ab oder zu, bedingt dies zugleich einen Wechsel
der Aspekte 6 . Wenn gesagt wurde, daß dieselbe Seite in einer
Mannigfaltigkeit von Aspekten gegeben sein kann, so ist diese
Mannigfaltigkeit funktional im Sinne des "wenn-so"7 auf eine

1 Vgl. § 7
2 Diese Voraussetzungen werden erst mit dem Problem der Leibeskonstitution
thematisch.
3 Ms. D I3 I (1921), S. 1
4 Ebenda
ö Zu den diesen Wechsel hervorrufenden noetischen Vorkommnissen vgl. § 12
6 Es ist einzusehen, "daß sich die objektive Lage des Dinges nicht geändert hat,
wenn ich an das Ding herangetreten bin und mich wieder entfernt habe, während
das Ding ruht. Dabei änderten sich bestänc:hg die Erscheinungsweisen des Raum-
dinges, in denen sich eben die objektive Lage darstellt". Ms. D I3 XVIII (vor 1916),
S. 30 f.
7 Dieses "wenn-so" wird uns als kinästhetische Motivation noch ausführlich be-
schäftigen. V gl. § 15
62 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

Mannigfaltigkeit von Entfernungen bezogen. Es ist klar, daß sich


die erscheinende res extensa selbst als identisch dieselbe durch-
hält, obwohl ihre Apparenz sich verändert, indem sie bald größer,
bald kleiner erscheint!. Daraus folgt, daß das Entfernungsding
selbst eine bestimmte Art der Apparenz darstellt 2 • Im Begriff
der Apparenz ist also auch das Lagemoment der res extensa so
berücksichtigt, daß in der Apparenz als der Erscheinung der res
extensa nicht nur ihre Gestalt, sondern auch ihre Lage, hier als
Entfernung genommen, erscheInt.
Reflektieren wir nun auf diese Bestimmung der Apparenz, so
zeigt sich, daß sich der Begriff des Phantoms selbst gespalten
hat 3. Phantom bedeutet einmal das "wahre" Phantom, das
identische X, das in einem endlichen Prozeß der Näherbestim-
mung, während dessen es in immer neuen Apparenzen erscheint,
niemals zur adäquaten Gegebenheit kommen kann, und von
daher als "Idee" gekennzeichnet wird. Dieses "wahre" Phantom,
das in den Apparenzen erscheint, ist die res extensa als solche
oder, wie Husserl sagt, das "Vollschema des Dinges in einer
realen Phase seines Daseins oder eventuell des unveränderten
Dinges in jeder Phase seiner Unveränderung"4. Das Phantom im
zweiten Sinn ist die Apparenz selbst, die Erscheinung des
"wahren" Phantoms. Wir werden im folgenden den Begriff
Phantom nur noch im zweiten Sinne der Unterscheidung gebrau-
chen und dasselbe dadurch von der eigentlichen res extensa
unterscheiden. Nur das Phantom in seiner nun festgelegten
Bedeutung ist noematisches Korrelat; die res extensa dagegen
kann prinzipiell nicht Korrelat des Wahrnehmens, hier des

1 "In diesem stetig sich verändernden Sehding stellt sich das wirkliche Ding, das
eigentliche Raumding vor". Ms. D I3 XXIII (1907), S. 62
2 "Das Entfernungsding gehört also zu den Apparenzen". Ms. D I3 1(1921), S. 3
3 ,,1) Phantom kann heißen die Idee des ,wahren' Phantoms, d.i. des identischen,
das in einer ideellen Unendlichkeit - oder sagen wir korrekter, in einer unbegrenzten
Mannigfaltigkeit möglicher allseitiger Gegebenheiten, möglicher Apparenzen - in
einstimmiger Bestätigung, Näherbestimmung, besondernden Bestimmung (eventuell
Umbestimmung) gegeben wäre; oder, was dasselbe, das Identische, das bei allen
möglichen kontinuierlichen Stellungswechseln in allen möglichen kontinuierlichen
Progressionen sich in Einstimmigkeit herausstellen würde.
2) Phantom kann auch heißen eine geschlossene Seitenkontinuität, in der ich das
Ding nach seiner einheitlichen Gestalt und seinen Qualifizierungen durchlaufe, so wie
sie mir in irgendeiner für mich ausgezeichneten Stellungskontinuität zur Gegebenheit
kommt". Ms. D I3 I (1921), S. 7
4 Ebenda, S. 8
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 63
Sehens seinl . Unsere noematische Untersuchung des Phantom-
bewußtseins muß sich also weiterhin mit der Apparenz befassen.
Die Apparenzen, in denen eine res extensa als Raumgestalt
erscheint, sind untereinander nicht gleichwertig; sie wird von
jenen immer mehr oder weniger adäquat dargestellt. Ein Beispiel
mag das verdeutlichen: Ich sehe einen Ball einmal in der Däm-
merung hinten im Garten liegen; gegeben ist eine Apparenz der
'kugelförmigen Raumgestalt. Ein anderes Mal liegt er bei hellem
Tageslicht auf meinem Schreibtisch: eine andere Apparenz der
res extensa Ball. Für das wahrnehmungsmäßige Kennenlernen
des Balles ist die zweite Apparenz zu bevorzugen; sie zeigt den
Ball so, wie er "wirklich" ist. Allgemein besagt das, daß zur
Konstitution der res extensa "gewisse Apparenzen bevorzugt
sind als normale":!. Dies führt zum Problem der Normalität
zurück, das wir an anderer Stelle behandelt haben 3 . Da die
Normalität der Wahrnehmung für unsere Untersuchungen vor-
ausgesetzt ist und also nicht weiter thematisch wird, kann es sich
hier nur um die Normalität von "Umständen" handeln. In
unserem Beispiel war die erste, die "anomale" Apparenz des
Balles durch zwei Umstände bedingt: I. durch ihre große Ent-
fernung zu mir, dem Wahrnehmenden, 2. durch ihre vom Um-
stand der Beleuchtung abhängige Farbe und Umrißschärfe. Da
der Übergang von der anomalen Apparenz zur normalen ein
fließender ist, scheint es besser, hier den Begriff der "optimalen
Apparenz"4 einzuführen. Diese optimale Apparenz ist dann ge-
geben, wenn in einem weiteren Fortgang der Wahrnehmung
keine Erscheinungsmomente als durch Umstände bedingt ausge-
schaltet werden müssen. Die optimale Apparenz ist so ein Limes-
begriff.
Wir haben bisher eine Reihe von Begriffen eingeführt, die es
gestatteten, die noematischen Vorkommnisse des Phantombe-
wußtseins zu beschreiben. Ihr wichtigster ist die Apparenz, in der
Gestalt- und Lagemoment der res extensa erscheinen. Zur res
extensa gehört eine Mannigfaltigkeit von möglichen Apparenzen,
und sie ist nur in diesen Apparenzen gegeben. Das vorläufige
~ Also ist die "logische Substruktion" des Dinges "an sich" im Gegensatz zu seiner
Erscheinung im Rahmen eines bestimmten Erkenntnisinteresses notwendig.
a Ms. D I3 I (X92X), S. 8; vgl. auch Ideen II, S. 58 ff.
3 Vgl. § 9
4 Ms. D I3 I (X92X), S. 8
DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

Ergebnis dieses Paragraphen läßt sich so zusammenfassen: Eine


res extensa ist konstituiert durch ihre Überführbarkeit
in ihre optimale Apparenz.
Es wird sich zeigen, daß es gerade das Lagemoment der Ap-
parenz ist, also daß von ihr gesagt werden kann, sie sei "hier"
oder "dort", welches die weiteren Analysen forttreibt.

§ I2. Noetische Reflexion des Phantombewußtseins. Die Kinäs-


these als Noesis der Wahrnehmung
Wenden wir uns nun'. der noetischen Seite des Phantombe-
wußtseins zu. Die eigentliche Noesis des Phantombewußt-
seins ist die "Kinästhese"l, die als Noesis den allgemeinen
Gesetzlichkeiten der Intentionalität unterliegt. Der Begriff der
Kinästhese enthält dem Wortsinn nach zwei Momente: das
Moment der "Bewegung" (kinesis) und das Moment der Empfin-
dung (aisthesis). Eine genaue Reflexion auf die Funktionsweise
der "okulomotorischen" Kinästhese (die Kinästhese der "Augen-
bewegung"2) zeigt, daß das Moment der Empfindung in sich
gedoppelt ist. 3 Einmal ist mit der Kinästhese verbunden ein
Empfindungsdatum im gewöhnlichen Sinn (Datenempfindung) ;
zum anderen aber noch ein Moment, das als Stellungsempfindung
gekennzeichnet werden kann. Ihre je unterschiedliche konstitu-
tive Funktion sei an dieser Stelle schon kurz angedeutet. Die
eigentliche Datenempfindung4 konstituiert die Qualifiziertheit
des Phantoms, während die Stellungsempfindung Gestalt- und
Lagemoment des Phantoms konstituiert. Dies zu zeigen, ist die
Aufgabe unserer Analysen.
Soll nun das Phantom, wie es hier geschieht, als noematisches
Korrelat der Kinästhese qua Noesis aufgefaßt werden, so können
wir das eigentliche Empfindungsdatum gemäß der ersten Gege-
benheit der noematischen Sphäre, dem Aspekt, "Aspektda-
turn" nennen. Für das andere Empfindungsmoment halten wir

1 Der Begriff der Kinästhese ist der Grundbegriff der Husserlschen Wahrneh-
mungstheorie ; ohne seine eingehende Behandlung kann keine Analyse der Husserlschen
Lehre von der Wahrnehmung den Anspruch erheben, Husserl gerecht zu werden.
2 Die Kinästhese kann in ontologischer Einstellung als "Organbewegung" ange-
sehen werden.
3 "Bei aller Konstitution von Raumdinglichkeit sind zweierlei Empfindungen
mit durchaus verschiedenen konstitutiven Funktionen beteiligt ......
Ideen II, S. 57
4 Diese nennt Husserl auch "Merkmalsempfindung". Ebenda, S. 58
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 65

vorläufig die Bezeichnung "Stellungsdatum" fest. Wir haben


oben von einem Ablauf der Aspekte gesprochen, der die Apparenz
als solche konstituiert. Dieser Ablauf der Aspekte ist nun streng
korrelativ bezogen auf einen kinästhetischen Ablauf. Diese Kor-
relation kann nun ebenfalls als "Abschattung" bezeichnet wer-
den1 . Husserl sagt: "Worauf es aber zunächst ankommt, ist dies,
daß jede Aspekterscheinung vom Phantom nur ist in dieser
Bezogenheit zu einer Kinästhese, zu einer kinästhetischen Ruhe
oder zu einer kinästhetischen Bewegung" 2. Somit gehört zum
Phantombewußtsein notwendig diese Korrelation von "kinäs-
thetischem System und Aspektsystem"3. Dieses Aspektsystem
ist die Apparenz. Was aber besagt hier der Begriff des kinästhe-
tischen Systems? Eine Kinästhese, die in Funktion begriffen ist,
die "spielt"4, wie Husserl sagt, kann jederzeit anhalten ("kin-
ästhetische Ruhe"), und so kann ein Funktionsbereich der
Kinästhese als ein System möglicher oder besser vermöglicher5
Ruhen, vermöglicher kinästhetischer Stellungen, angesehen wer-
den. Der Begriff des Funktionsbereiches einer Kinästhese, d.h.
des kinästhetischen Systems, kann hier in zweifacher Hinsicht
genommen werden. Einmal ist das Gesamtsystem der ent-
sprechenden Kinästhese gemeint (somatologisch ausgedrückt: das
System möglicher Augenstellungen überhaupt); zum anderen ist
dasjenige kinästhetische System gemeint, das korrelativ bezogen
ist auf ein Aspektsystem qua Apparenz, durch welches eine res
extensa zur Gegebenheit kommt. Somit können wir ein weiteres
Ergebnis formulieren: Ein kinästhetisches System - im

1 Dies ist der zweite Begriff von Abschattung, der "transzendentale". Dieser setzt
nicht das Sein der Dinge im Raum voraus, wie der "muudane" Begriff der Ab·
schattung (§ 7). Nur von dem letzteren gilt, daß "räumliches Sein die Bedingung
der Möglichkeit der Abschattung ist" (Asemissen, a.a..O., S. 26), während der erstere
als Korrelat der kinästhetischen Aktivität Räumlichkeit aIlererst konstitniert. Vgl.
dazu u.a. Krisis, S. I09: "Der Mannigfaltigkeit von Erscheinungen, in denen ein
Körper als je dieser eine und selbe waIrrnehmbar ist, entsprechen in eigener Weise
die ihm zugehöligen Kinästhesen, in deren Ablaufen·lassen die entsprechenden mit-
geforderten Erscheinungen auftreten müssen, um überhaupt Erscheinungen von
diesem Körper, ihn in sich, als diesen in seinen Eigenschaften, darstellende sein
zu können". (Sperr. v. Vf.) Vgl. auch Gurwitsch, a.a.O., S. 4I9 ff.
S Ms. D I3 I (I92I), s. 6
3 "Zum Wesen eines Dinges als Dinges möglicher Erfahrung gehört als Form
diese Zusammengehörigkeit von kinästhetischem System und Aspektsystem". Ms.
D 3 (I920), S. I8
4 "Die Kinästhese spielt, und wenn ich sie immerfort spielen lasse, so habe ich
einen Erscheinungswandel, einen Wandel der Aspekte ... ". Ms. D I3 I (I92I), s. 2
5 Zum Begriff der "Vermöglichkeit" vgl. § 4 und § IO
66 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

zweiten Sinne als ein in sich geschlossenes Ablaufsystem - ist


die noetische Mannigfaltigkeit, die die noema tische
Einheit der Apparenz als ihr Korrelat konstituiert.
Mit dem weiteren (dem ersten) Begriff des kinästhetischen
Systems haben wir den Zentralbegriff der gesamten Analysen
gewonnen, wenn auch erst in einer formalen Vorzeichnung. Er
wird im folgenden ständig weiter konkretisiert werden müssen.

§ I3. HyletischeReflexiondes Phantombewußtseins.Der Begriff der


Hyle innerhalb der allgemeinen Theorie der Intentionalität
Wir hatten schon auf den im Begriff der Kinästhese implizier-
ten doppelten Empfindungsbegriff aufmerksam gemacht. Um
den Husserlschen Empfindungsbegriff näher zu verdeutlichen,
schließen wir hier noch eine "hyletische Reflexion" an. Wir
beschränken uns dabei zunächst auf denjenigen Begriff der Hyle,
den Husserl in den Ideen 11 eingeführt hat.
Das reine Bewußtsein hat, wie bereits gezeigt, die Grund-
struktur des Ego-cogito-cogitatum. Dieses kann zunächst als ein
"Erlebnisstrom"2 aufgehßt werden. Der Anfang einer Deskrip-
tion des reinen Bewußtseins "als das Feld der Phänomenologie"3
besteht dann in einer klassifikatorischen Unterscheidung aller
seiner als Erlebnisse aufgefaßten Vorkommnisse.
Aus der allgemeinen Unterscheidung zwischen Noesis und
Noema, zwischen cogitatio und cogitatum, fällt zunächst eine
Klasse von Erlebnissen heraus, die Husserl schon in den Lo-
gischen Untersuchungen als "primäre Inhalte" 4 bezeichnet
hatte. Sie umfassen das, was man als Empfindungsdaten be-
zeichnet. Zu diesen gehören "gewisse, der obersten Gattung nach
einheitliche ,sensuelle' Erlebnisse, ,Empfindungsinhalte' , wie
Farbendaten, Tastdaten, Tondaten u.dgl."5. Für diese Gattung
von Erlebnissen gebraucht Husserl den "funktionalen Begriff"
der "Hyle"6. Diese hat als solche noch nichts von Intentionalität
in sich 7 , welche allererst der "sinngebenden Schicht"8 der Noesis
1 Ideen I, § 85, S. 207 ff.
2 Ebenda, S. 75
3 Ebenda, S. II8
4 Logische Untersuchungen VI, § 58
5 Ideen I, S. 208
6 Ebenda, S. 210
7 Ebenda, S. 208
8 Ebenda
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 67

angehört, so daß Husserl diese als "intentionale Morphe" von


der "sensuellen Hyle"! absetzen kann. Diese durchaus tradi-
tionelle Unterscheidung von Stoff und Form2 des Erlebnisses ist
aber Resultat einer Abstraktion, denn die Sinnesdaten sind
faktisch immer schon "als Komponenten in umfassenderen kon-
kreten Erlebnissen, die als Ganze intentionale sind"3, vorfindlich.
Die Mannigfaltigkeit der hyletischen Momente ist je schon in
einem Ganzen, das als Einheit den Charakter der Form hat,
einbehalten. Husserl überträgt die obige Unterscheidung auf das
Bewußtseinsleben als ganzes und sagt: "Der Strom des phä-
nomenologischen Seins hat eine stoffliche und eine
noetische Schicht"4.
Es ist nun leicht zu sehen, daß mit dem hier eingeführten
Begriff der Hyle zunächst nur die Datenempfindungen als
solche, die Gattung der Aspektdaten gemeint ist, während
die Stellungsdaten offensichtlich aus diesem Schema heraus-
fallen. Es wird sich in der Tat zeigen, daß der Begriff der
Kinästhese eine Neubestimmung des Begriffes der Hyle not-
wendig macht.
Wir haben einen ersten Anfang gemacht, die zur Einheit eines
anschaulichen Phantombewußtseins gehörigen N oesen und N oe-
men systematisch zu beschreiben, und zwar nach den drei von
Husserl geforderten Richtungen. 5 Dabei sind wir in das zum
Leitfaden genommene Phantombewußtsein gewissermassen "hin-
!eingegangen" und haben es in seiner Einheit als Resultat einer
noetisch-noematischen Mannigfaltigkeit aufgezeigt. In diesem
ersten Durchblick durch eine Theorie der Phantomkonstitution
ist aber eine Fülle von Problemen empfindlich geworden, die
eigentlich jetzt erst in den Blick kommen konnte. Einige dieser
Probleme seien hier kurz angedeutet:
r) Wir gingen von einem Spezialfall aus, der aber nicht als
ein solcher thematisch war. Es ergibt sich also die Frage:
Wie ist die Konstitution der verschiedenen möglichen Phan-
tomveränderungen zu denken, und welche noetischen Vorkomm-

1 Ebenda, S. 209
2 Husserl radikalisiert diesen Unterschied noch, indem er ausdrücklich von "form-
losen Stoffen" und "stofflosen Formen" spricht. Ideen I, S. 209
3 Ebenda, S. 208
4 Ebenda, S. 212
5 Vgl. Ideen I, S. 369 und § IO unserer Arbeit.
68 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

nisse entsprechen diesen? Wie ist weiterhin die Konstitution


einer Mehrheit von Phantomen möglich?
2) Bei der Behandlung des Lagemomentes der Apparenz
mußten wir eine Annahme machen, die darin bestand, daß nicht
nur die Apparenz, sondern auch der Wahrnehmende selbst durch
das Moment der Lage bestimmt ist. Wie ist die ihnen beiden
damit gemeinsame Ordnungsdimension ("Raum") konstituiert?
3) Der Begriff der Hyle bedarf einer radikalen Umbildung, da
die zur Kinästhese gehörige Stellungsempfindung durch das tra-
ditionelle Schema von Stoff und Form nicht erfaßt wird. Wie ist
die Neubestimmung der Hyle im Zusammenhang mit dem
kinästhetischen System vorzunehmen, und wie sieht dessen weitere
Bestimmung und Konkretisierung aus?
Wir nehmen diese Fragen zum Anlaß, einige kurze Bemerkun-
gen zur Methodik dieser konkreten Intentionalanalyse zu
machen. Intentionalanalyse ist Explikation von Implikationen.
Das Phantombewußtsein in seiner Aktualität, das wir zum
Ausgangspunkt unserer Analyse nehmen, impliziert eine Reihe
von Voraussetzungen, welche notwendig thematisch unterbe-
lichtet bleiben müssen, soll eine Analyse überhaupt in Gang
kommen können. Diese, Voraussetzungen haben den Charakter
von Implikationen, die im Phantombewußtsein beschlossen
liegen, und dieses allererst ermöglichen. Die Fragen, die sich aus
diesem Grunde aufdrängen, zeigen, genau entsprechend unseren
Ausführungen zum allgemeinen Problem der Intentionalanalyse,
daß das Phantombewußtsein aus ihm selbst gar nicht verstanden
werden kann. So wird sich auf jeder Stufe unserer Betrachtungen
zeigen, daß das geradehin Thematisierte nur möglich ist auf
Grund von Zusammenhängen, die zwar in ihm impliziert sind,
aber erst im nachhinein selbst thematisiert werden können. So
bekommt der Gang der Analysen eine von der Sache her sich
ergebende Notwendigkeit und ist alles andere als eine Aneinander-
reihung von an sich zusammenhanglosen Einzelbeschreibungen.

§ I4. Das Medium der Phantombewegung. Erster Begriff von Feld


Wir haben früher den Aspekt als eine erste Gegebenheit der
visuellen Sphäre eingeführt. Das ist richtig in dem Spezialfall,
daß nur eine einzige Apparenz, zu der dieser Aspekt gehört,
gegeben ist. Gewöhnlich aber ist gegeben eine Mehrheit, eine
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 69
Konfiguration von Aspekten, die eine Einheit der Koexistenz
bilden. Jeder Aspekt kann als ein "Bild" angesehen werden, und
so ergibt sich als die erste Gegebenheit das visuelle Feld von
Bildernl . Versuchen wir zuerst das Formal-Allgemeine des vi-
suellen Feldes zu beschreiben (von seiner möglichen Veränderung
sehen wir noch ab). "Das Feld hat ein kleines Mittelgebiet und
ein großes Außengebiet, und dieses selbst hat eine konzentrische
Struktur"2. Das Zentralgebiet des visuellen Feldes ist das, in dem
die Bilder den größtmöglichen Grad an Klarheit und Deutlich-
keit haben3 . Die Deutlichkeit des Sehens nimmt zum Rande hin
ständig ab. 4 Diese Abwandlung bleibt aber an eine bestimmte
Typik gebunden. Neben dieser Ordnung von Zentrum und Rand
hat das visuelle Feld noch die zweifache Ordnung von "rechts,
links, oben, unten" 5 . Die Ordnungsrichtungen "rechts - links"
und "oben - unten" "kreuzen sich" im Zentrum des Feldes.
Durch das damit gegebene Ordnungssystem ist die Lage der
Bilder im visuellen Feld bestimmbar. Reflektieren wir noch ein-
mal auf unsere Bestimmung der Lage. Das Bild ist "im" visuellen
Feld vorfindlich, und zwar dadurch, daß von ihm gesagt werden
kann, es sei "hier" oder "dort"6. Das Feld hat als ein System
von möglichen "hier" bereits jene Struktur, durch welche die
Vorfindlichkeit von so etwas wie Bildern ermöglicht wird, d.h.
es hat die, Struktur des Außereinander-im-Zugleich7 . Es ist
durchaus sinnvoll zu sagen, daß die Bilder im visuellen Feld
"nebeneinander" liegen und daß es darum bereits eine "räum-

1 "Halten wir uns an das phänomenologisch gegebene, so haben wir gegeben das
okulomotorische Bildfeld. Jedes solche Bild ist ein Aspekt". Ms. D I3 I (1921), S. 26
2 Ms. D I3 IV (1921), S. I. Husserl fährt fort: "in ungefährer Typik kann man
um das Zentralgebiet herum konzentrische Gebiete legen (die aber fließend ineinander
übergehen), deren jedes in seinem Bildmaterial ähnliche Regeln hat". Ebenda, S. I f.
3 "Charakteristisch für das Mittelgebiet ist, daß in ihm die Bilder die größt-
mögliche Zahl von Differenzen in den Gestaltungen annehmen können, von abge-
hobenen inneren Unterschieden". Ebenda, S. 2
4 "Das SY3tem «des visuellen Feldes» muß vom Zentrum aus konstruiert werden,
dann -ist die Verunklarung und eventuelle Verarmung typisch vorgezeichnet".
Ebenda, S. 4. Zur deskriptiven Struktur des visuellen Feldes vgl. u.a. Er.fahrung
und Urteil, S. 74 ff.
5 Ebenda, S. I. Husserl gebraucht zur Kennzeichnung des Feldes oft mathema-
tische Ausdrücke, z.B. "zweidimensionale euklidische Mannigfaltigkeit" (ebenda, S.
6), die wir nach Möglichkeit vermeiden wollen, weil sich darin ein Problem verbirgt,
das an anderer Stelle ausdrücklich aufgenommen werden muß. Vgl. unten § 18
6 Es ist also das in der Apparenz implizierte Lagemoment, das hier eine Betrach-
tung des visuellen Feldes notwendig macht.
7 Vgl. dazu unsere Ausführungen in § 7
70 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

liehe" Struktur habe. Diese Bestimmung des visuellen Feldes


muß aber auf die Bedingung ihrer Möglichkeit hin befragt wer-
den. Die Frage, wie konstituiert sich ein Außereinander-im-
Zugleich, gilt also schon für das Feld als solches. Setzt die Theorie
der Raumkonstitution beim Felde an derart, daß dieses in seiner
Struktur einfach hingenommen wird, so ist das eigentliche
Problem der Raumkonstitution bereits beseitigt!.
Durch diese vorzeichnende Einführung des Feldbegriffes wird
es möglich, die Konstitution der Dingbewegung aufzuklären. Ein
Ding ist beweglich, sofern es res extensa ist. Bewegung allgemein
ist hier die auf das Gestalt- oder Lagemoment der res extensa
bezogene Veränderung. Es gibt, wie in ontologischer Einstellung
leicht zu sehen ist, drei mögliche Arten der Veränderung einer
res extensa. 1. Lageveränderung unter Beibehaltung der Gestalt
(eigentliche Bewegung); 2. Gestaltveränderung unter relativer
Beibehaltung der Lage; 3. beide Veränderungen kommen gleich-
zeitig vor (z.B. Zerstückung). Die Veränderungstypen der res
extensa werden in transzendentaler Einstellung zu Veränderungs-
typen der Apparenz. Dabei ist jedoch zu beachten, daß "dieselbe"
res extensa in verschiedenen Apparenzen erscheinen kann, also
vorauszusehen ist, daß nicht alle Veränderungen der Apparenz
als Veränderungen der in ihr erscheinenden res extensa aufgefaßt
werden können. So muß z.B. die Vergrößerung einer Apparenz,
eine Gestaltänderung im Sinne der Ausdehnung, unter bestimm-
ten Umständen als reine Lageveränderung der res extensa auf-
gefaßt werden, nämlich als deren Annäherung.
Aspekt und Apparenz sind als Bilder Vorkommnisse im vi-
suellen Feld. Durch die Gesetzlichkeiten der Bildwandlungen im
visuellen Feld müssen wir also dem Problem der Phantom-
bewegung näher kommen. Eine Apparenz ist durch die Struktur
des visuellen Feldes so bestimmt, daß sie eine optimale ist, wenn
sie im Zentrum des Feldes liegt. Wir gehen also von einer solchen
optimalen Apparenz aus. Ist das Bild zunächst als ruhend
charakterisiert, "so steht es unter dem Gesetz seiner möglichen
Überführung in ein anderes lokalisiert ruhendes an einer be-
liebigen Feldstelle"2. Diese Bewegung des Bildes vollzieht sich

1 Zum Problem einer vom Feld als einer fraglos vorgegebenen Gegenständlichkeit
ausgehenden Theorie der Raumkonstitution vgl. § 18
2 Ms. D I3 IV (1921), S. 7
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 71

einfach dadurch, daß die bisher ruhende okulomotorische Kin-


ästhese nun ins Spiel kommt. Das Bild wird dann aus dem
Zentrum des visuellen Feldes "verschoben", wobei, gemäß der
Struktur des Feldes, seine Deutlichkeit und Differenziertheit
abnimmt, bis es schließlich ganz aus dem begrenzten Feld ver-
schwindet. Mache ich nun die Kinästhese rückgängig, so ist es
möglich, daß sich das Bild wieder ins Zentrum des Feldes zurück-
schiebt. In diesem Falle ruht das Bild, und die Verschiebung war
Sache der Kinästhese.
Nun ist aber auch der andere Fall denkbar. Das Bild ändert
bei fester Kinästhese seine Lage im Feld; es rückt aus dem
Zentrum des Feldes an den Rand und macht dabei die beschrie-
benen Wandlungen durch. "Jede solche Wandlung ergibt ein
Übergangsphänomen, zu dessen Wesen es gehört, daß es abge-
brochen gedacht werden kann und abschließend in ein Phänomen
des ruhenden Bildes ((übergeht)), das durch das eigene Wesen
des Überganges in jeder seiner Phasen bestimmt ist"l. Wir haben
also die folgenden zwei Möglichkeiten der Bildwandlung: I. das
Bild wird durch die Kinästhese verschoben oder 2. das Bild
verschiebt sich selbst bei ruhender Kinästhese. Daraus ergibt
sich das "Folgegesetz: jede Veränderung, die von selbst als bloße
Lokalveränderung statthat, kann durch eine passende Kinästhese
redressiert, aufgehoben werden. Dem entspricht nachher die Idee
der bloßen Bewegung"2. Ein Phantom ist also dadurch als
I beweglich konstituiert, daß es zwar im Zentrum des visuellen

Feldes festgehalten werden kann, dieses Festhalten aber mit dem


Bewußtsein einer kinästhetischen Bewegung verbunden ist. So
weist alle Bewegung auf die Bewegung der Kinästhese zurück.
Bewegung ist nur durch Kinästhese erfahrbar.
Mit der Möglichkeit, die Bewegung eines Bildes im visuellen
Feld durch eine entsprechende Kinästhese aufzuheben, ist bereits
ein bestimmter Zusammenhang zwischen Feld und kin-
ästhetischem System gesetzt, der nun ausdrücklich thema-
tisiert werden soll. Erst die folgenden Ausführungen machen den
Begriff des Feldes voll verständlich.

1 Ebenda,S.8
2 Ebenda, S. 10
72 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

§ IS. Das kinästhetische System und sein Korrelat. Zweiter Be-


grill von Feld
Das kinästhetische System ist ein System der Vermöglichkeit,
das jeweils aktualisiert ist in einer "kinästhetischen Situation"!.
Zu einer kinästhetischen Situation gehören dann notwendig ein
bestimmter Bestand von Aspektdaten und das Bewußtsein der
Stellung selbst, was wir als Stellungsdatum bezeichnet haben.
Wird nun die kinästhetische Situation geändert, so ergibt das
einen streng korrelativen Wandel von Aspektdaten und Stel-
lungsdaten 2 , und zwar dergestalt, daß der Wandel der Stellungs-
daten den Wandel der Aspektdaten "motiviert". "Es steht jede
kinästhetische Lage in der Funktion eines ,wenn' für ein iden-
tisches ,so"'3. Dieses identische "so" ist die Gegebenheit des
Aspektdatums. Diesen Sachverhalt wollen wir "kinästhetische
Motivation" nennen.
Der Aspekt ist ein Vorkommnis im visuellen Feld. Also ist das
visuelle Feld als die Sphäre der Koexistenz der Aspektdaten
korrelativ bezogen auf das System der Stellungsdaten. Feld ist
nichts anderes als das Korrelat eines kinästhetischen
Systems.
Damit ist aber zugleich gesagt, daß die angegebene Struktur
des visuellen Feldes ihren Grund in der Struktur des entsprechen-
den kinästhetischen Systems hat. Die Ordnung des Feldes ist
eine "zweifache Lokalordnung"4, außerdem die Ordnung von
Zentrum und Peripherie. Dieser Ordnung entspricht genau die
Ordnung des kinästhetischen Systems, die darin besteht, daß von
einer gegebenen kinästhetischen Situation als der partiellen Ak-
tualisierung innerhalb des Gesamtsystems der Vermöglichkeit
aus kinästhetische Abläufe, möglich sind, die die beschriebene
1 "Zu jeder passiven Orientierung gehört eine kinästhetische Situation im Still·
halten; jede Orientierung in meinem Stillhalten steht unter der Möglichkeit und zwar
der schon vertrauten Möglichkeit der Wandlungen". Ms. D IO I (1932), S. 16. Vgl.
auch Krisis, S. 109: " ... das vertraute bewußtseinsmäßig verfügbare Gesamtsystem
der Kinästhesen ist aktualisiert in der jeweiligen kinästhetischen Situation, ist
immerzu verbunden mit einer Körpererscheinungssituation, der des Wahrnehmungs·
feldes".
2 "Die Systematik der Aspekte ist bewußtseinsmäßig bezogen und in der Weise
ontischer Motivation bezogen auf die Systematik der kinästhetischen Bewegungen".
Ms. D I3 I (1921), S. 15
3 Ebenda, S. 16. Vgl. auch Ms. D I2 I (1931), S. 16: "Die Erscheinungsabläufe
sind unselbständig, sind Folge der freien Abläufe der Kinästhesen. Beide Abläufe
vollziehen sich im Bewußtsein der Gleichzeitigkeit in der Gestalt ,wenn·so'."
4 Ms. D I3 IV (1921), S. 4
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 73
Verschiebung der Bilder motivierenI. Feld als Korrelat des
kinästhetischen Systems darf nun nicht auf die jeweilige kin-
ästhetische Situation eingeschränkt werden, sondern es ist Korre-
lat des Gesamtsystems der Vermöglichkeit, es ist das, was von
der "fungierenden" Kinästhese durchlaufen werden kann 2 •
Diesem Umstand verdankt das Feld seine Horizontstruktur,
womit sich die früher behauptete Korrelation von Vermöglichkeit
und Horizont bestätigt 3 . So ist das Feld also die Sphäre, in der
alle möglichen zu einem kinästhetischen System gehörigen As-
pektdaten koexistieren. Dies gilt es weiter zu verdeutlichen,
wobei zugleich die geforderte Neubestimmung des Begriffes der
Hyle erfolgen kann.
Die Hyle kann nach dem Gesagten nicht mehr als "formloser
Stoff" bezeichnet werden, sondern sie ist als Mannigfaltigkeit von
Aspektdaten vorgegeben in der notwendigen Ordnung eines
Feldes. Das Formal-Allgemeine dieser Ordnung ist, wie gesagt,
das Außereinander-im-Zugleich. Dieser Begriff ist auch eine
Näherbestimmung des Begriffes der Koexistenz, von dem schon
mehrfach die Rede war. Die Aspektdaten haben in der visuellen
Sphäre den Charakter von Farbdaten. Diese sind nur möglich in
der Ordnung eines Außereinander-im-Zugleich; diese ist also die
"Form", in der der "Stoff" immer schon vorgegeben ist. Der
Ursprung dieser Form aber ist das kinästhetische System. Nun
bilden aber alle möglichen kinästhetischen Situationen selbst
einen Bereich der "Koexistenz"4. Da aber die Koexistenz mög-
licher kinästhetischer Lagen keine aktuelle sein kann - im System
der Vermöglichkeit ist immer nur eine Möglichkeit realisiert -,
bezeichnet Husserl dieses System als "ideelles Ortssystem"5. So

1 "Die kinästhetische Ordnung ist eine parallele, formal gleiche zweifache Ordnung,
wie die Lokalordnung des Feldes, aber sie ist eine Ordnung möglicher sukzessiver
Abläufe, wobei immer nur eine Kinästhese realisiert ist". Ebenda, S. 4
2 ",Feld' im prägnanten Sinn ist durchlaufbare ,kontinuierliche' Einheit, also der
fungierenden Kinästhese verdankt". Ms. D xo IV (x932), S. 8 f. Vgl. auch: D X3 IV
(X92X), S. 6: "So ist jeder Kinästhese im subjektiven, frei beherrschten Bewegungs-
system fest zugeordnet ein Bildsystem, und alle Bildsysteme werden in subjektiven
Bewegungen der Kinästhesen durchlaufen".
3 Vgl. § 4
4 "Eigentümlich ist die Sachlage beim kinästhetischen System, es ist nicht als
sinnliche Einheit der Koexistenz gegeben und andererseits doch eine konstituierte
Koexistenz als ein Bereich freier Erzeugbarkeit von kinästhetischen Lagen und
Lagenverläufen". Ms. D X3 I (X9ZX), S. x6
5 "Auch das kinästhetische System ist also ein kontinuierliches System der
Koexistenz und ein, wenn auch unsinnliches Ortssystem. Und auch das hat seine
74 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

stehen in Korrelation zueinander das System der Aspektdaten als


"Qualitätensystem"l und das System der Stellungsdaten als ein
"ideelles Ortssystem" . Ein Aspektdatum kann nur gegeben sein,
sofern ihm ein Stellungsdatum als Realisierung eines "Ortes" im
ideellen Ortssystem entspricht, d.h. sofern es in einer kinästhe-
tischen Situation gegeben ist. Also ist das kinästhetische System
die Bedingung der Möglichkeit dafür, daß dem Bewußtsein über-
haupt Empfindungsdaten gegeben sein können. So ist auch das
Feld keineswegs eine Vorgegebenheit koexistierender Daten, in
das die Kinästhese nachträglich eingriffe, sondern es muß viel-
mehr als die "ästhetisch-ontische Außenseite" des kinästhetischen
Systems angesehen werden. Das Stellungsdatum ist dann das
Bewußtsein der Aktualität einer mit dem kinästhetischen System
gegebenen Möglichkeit und so notwendig mit dem Aspektdatum
verbunden 2 •
In unserem ersten Durchblick durch die Phantomkonstitution3
sind wir den noetischen und noematischen Mannigfaltigkeiten
nachgegangen, die die Apparenz in ihrer Einheit konstituieren.
In den vergangenen Ausführungen liegt dagegen schon eine
Thematisierung der im aktuellen Phantombewußtsein implizier-
ten Potentialitäten (Vermöglichkeiten und Horizonte) vor. Das
ist noch näher auszuführen.
Die "Erscheinung" der res extensa, die Apparenz, ist als ein
Bild ein Vorkommnis im visuellen Feld. Ist das Feld aber ein
System der Koexistenz von Aspektdaten und in der angegebenen
Weise Korrelat des kinästhetischen Systems, so ist die kinästheti-
sche Mannigfaltigkeit, die die Apparenz konstituiert, ein System
von Aktualisierungen innerhalb eines Gesamtsystems von Ver-
möglichkeiten. Die Apparenz als Einheit von Aspekten ist bewußt
dadurch, daß die zu einem bestimmten kinästhetischen Verlaufs-
system gehörigen Stellungsdaten in die Einheit einer Gestalt
zusammengenommen werden; die dabei zur Einheit kommenden
Aspektdaten, die mit jenen notwendig verbunden sind, bilden

Differenzen, die sich sinnlich realifieren lassen; dem ideellen Ortssystem entspricht
ein System von sinnlichen Erlebnisdifferenzen, eben die Mannigfaltigkeit kinästhe-
tischer Daten, sozusagen als allgemeines Qualitätensystem". Ms. D I3 I (1921), S. 19
1 Ebenda, S. 19
2 Wie Stellungsdaten auch ohne zugehörige Aspektdaten möglich sind, dazu vgl.
unten § 17
3 Vgl. die §§ 11-13
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 7S

dann die Qualifizierung der Apparenz. Das aktuelle Bewußtsein


einer Apparenz, das auf die es konstituierenden noetisch-noema-
tischen Mannigfaltigkeiten hin befragt werden kann, erweist sich
so als eingeordnet in ein umgreifendes Bewußtsein, das nun aber
nicht aktuelles Bewußtsein, sondern Bewußtsein im Modus der
Potentialität ist. Dies aber ist das Bewußtsein eines "Spiel-
raumes"l als der Korrelation von Vermöglichkeit und Horizont.
So können wir abschließend sagen: Eine res extensa ist
konstituiert dadurch, daß die ihre Apparenz zur Ge-
gebenheit bringenden noetisch-noematischen Mannig-
faltigkeiten Aktualisierungen innerhalb eines Gesamt-
systems von Vermöglichkeiten sind2• Dies wird noch
deutlicher, wenn im folgenden der Vermöglichkeitscharakter des
kinästhetischen Systems noch näher bestimmt wird.

§ I6. Der Vermöglichkeitscharakter des kinästhetischen Systems


und das innere Zeitbewußtsein
Das kinästhetische System ist ein System der Vermöglichkeit,
das in einer kinästhetischen Situation jeweils partiell aktualisiert
ist. Vermöglichkeit ist eine Möglichkeit im Sinne des, ,Ich kann". 3
Das setzt aber eine ursprüngliche Vertrautheit mit den Möglich-
keiten voraus. Diese Vertrautheit besteht näher darin, daß die
kinästhetische Motivation aller innerhalb eines Systems erreich-
baren und erzielbaren Erscheinungen selbst bewußt ist. Das kin-
ästhetische System ist so nicht nur ein System von Stellungen,
sondern von "Wegen"4, die als diejenigen bewußt sein müssen,
1 Zu jeder kinästhetischen Situation gehört ein "Spielraum von kinästhetischen
Bewegungen, die ich von da aus vermöglichen kann". Ms. D IZ I (I93I), S. I3. Vgl.
auch Landgrebe, "Prinzipien ..... a.a.O., S. 206
2 An dieser Stelle sei auch auf das Buch von Aron Gurwitsch, Theorie du champ
Je la conscience, Brüssel I957, hingewiesen. Gurwitsch entwickelt unter Aufnahme
vor allem gestalt-psychologischer Untersuchungen eine Bewußtseinstheorie auf dem
Boden eines universalen Feld-Begriffes. Seine Untersuchungen sind jedoch vornehm-
lich noema tisch orientiert und lassen eine genaue Analyse der dem Bewußtseinsfeld
entsprechenden und es ermöglichenden noetischen Strukturen des Ich vermissen.
Trotzdem könnten seine Analysen der Feld-Struktur zu einer Konkretisierung des
von uns nur grundsätzlich Entwickelten beitragen. Vgl. dazu auch die Rezension
von Landgrebe, "Zur phänomenologischen Theorie des Bewußtseins (A. Gurwitsch)",
in: Philosophische Rundschau 8, I960, S. 289-307
3 Vgl. § 4
4 "Aber hierzu müssen aus dem Zusammenverlaufen von Datenwandlungen und
kinästhetischen Wandlungen erste feste systematische Zusa=enordnungen werden,
es muß - und offenbar zuerst - in Form von unverändert verharrenden Einheiten
eine Herrschaft über die Kinästhesen und die kinästhetischen Wege zur Erzielung
desselben ,Gegenstandes' gewonnen werden". Ms. D IZ I (I93I), S. 5 f.
DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

welche zur Erzielung einer optimalen Apparenz führen. Wenn


wir sagten, eine res extensa sei konstituiert durch ihre Überführ-
barkeit in ihre optimale Apparenz 1 , so ist diese Überführbarkeit
als eine Vermöglichkeit erst jetzt verständlich. Mit jeder Appa-
renz ist zugleich bewußt der Weg innerhalb eines vertrauten
Wegsystems, der diese Apparenz in ihr Optimum überführt.
Taucht also z.B. im visuellen Feld ein neues Bild auf, so steht es
unter den Strukturgesetzen der Klarheit und Unklarheit. Steht
es am Rande und erweckt es das Interesse, so ist im vorhinein
der Weg bekannt und vertraut, der es ins Zentrum des visuellen
Feldes und damit in seine optimale Gegebenheit rückt 2 • Das
kinästhetische Wegsystem kann auch angesehen werden als ein
System im Bewußtseinsmodus der "Habitualität". Alle Wege
sind als solche aus kinästhetischer Aktivität ausführbar, und diese
Ausführbarkeit ist in eins mit ihrer Vorstellung bewußt 3 .
Von einer anderen Seite her kann der für das kinästhetische
System wesentliche Begriff der Vermöglichkeit noch weiter ver-
deutlicht werden, und zwar durch eine Analogie mit dem inneren
Zeitbewußtsein4 .
Dazu sei zunächst die Konstitution der für das Außereinander-
im-Zugleich wesentlichen Zeitstrukturen angedeutet. Diese sind
Gleichzeitigkeit und Dauer5 . Die Konstitution der Gleichzeitig-
keit vollzieht sich dadurch, daß eine Mannigfaltigkeit von "Ur-
impressionen"6, die in der Einheit des Bewußtseins des Jetzt
auftauchen, denselben retentionalen Modifikationen unterliegt7.
1 VgI. § XI
2 "Jedes ((Bild)) ist fixierbar und kommt in unseren geistigen Besitz, indem es
aus der Unklarheit des Randfeldes versetzt wird, auf dem kürzesten kinästhetischen
Wege, ins Mittelfeld und so in das Stadium des Optimum verwandelt wird". Ms.
D I3 I (1921), S. 18 f.
3 Das kinästhetische System "ist ein System möglicher subjektiver Bewegungen,
das durch vielfältiges, sei es auch regelloses Durchlaufen verschmolzen ist zu einem
vertrauten habituellen Bewegungssystem (jede mögliche Bewegung also eine bekannte
und praktisch zu intendierende). Durch Übung ist Herrschaft über dieses System
erwachsen, jede intendierte Bewegung ,kann ich' also, und darin liegt, sie ist jederzeit
für mich ausführbar und als das in eins mit ihrer Vorstellung bewußt". Ms. D I3 IV
(1921), S. 4. Der im Begriff der Übung implizierte genetische Aspekt muß in dieser
Arbeit vernachlässigt werden.
4 Wir beschränken uns auf qie Ausführungen Husserls in den Vorlesungen zur
Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins.
5 Vgl. § 7
6 Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins, S. 390
7 "Es unterliegt das ganze ,Zusammen' von Urempfindungen dem Gesetz, daß
es sich in ein stetiges Kontinuum von Bewußtseinsmodis, von Modis der Abgelaufen-
heit wandelt, und daß in derselben Stetigkeit ein immer neues Zusammen von
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 77

Die Konstitution der Dauer aber ist damit gegeben, daß alle
retentionalen Modifikationen einer Urimpression mit der ak-
tuellen Urimpression im Jetzt dem Inhalt nach so übereinkom-
men, daß alle retentional modifizierten Daten und das aktuelle
Datum im Jetzt als dasselbe bewußt sind. 1 So ist die Zeitform
des Feldes als dauerndes Zugleich verständlich. Es kommt nun
darauf an, ein System des Außereinander als ein System der
Vermöglichkeit zu erweisen. Die Urform des Außereinander liegt
im "Fluß" der Zeit vor, und zwar als Nacheinander. Diese
Kontinuität des Nacheinander hat in gewissem Sinne eine Hori-
zontstruktur. Das aktuelle Jetzt hat jeweils einen retentionalen
und protentionalen Horizont 2 • Diesem Horizont entspricht korre-
lativ eine Vermöglichkeit, die darin besteht, daß ich vom ak-
tuellen Jetzt in die Horizonte hineingehen kann. Die immanente
Zeitsphäre, eine Sphäre des Außereinander, ist ein System, über
das ich in Grenzen frei verfügen kann. Ich kann z.B. in der
Wiedererinnerung in den Horizont der Vergangenheit hinein-
gehen, und ebenso kann ich in der Erwartung in die Zukunft
hineingehen. Da aber das Außereinander der Zeit den Charakter
des Nacheinander hat, führt die Aktualisierung des vermöglichen
Hineingehens in die Horizonte nicht zu einer Selbstgegebenheit
des jeweils Intendierten, sondern es ist nur in seiner zeitlichen
Modifikation, als vergangen oder zukünftig, zu erreichen. Trotz-
dem ist die immanente Zeitsphäre als ein System der Vermöglich-
keit anzusehen, und besonders die Vergegenwärtigung hat den
Charakter der Aktualisierung einer Potentialität. Diese Ver-
möglichkeit, in die Zeithorizonte hineinzugehen, bleibt durch die
Struktur des Zeitablaufes bestimmt, so daß die aktualisierten
Vermöglichkeiten gegenüber der Uraktualität des Jetzt doch
einen spezifischen Modus der Inaktualität behalten.
Urempfindungen originär entspringt, um.' stetig wieder in Abgelaufenheit überzu-
gehen. Was ein Zusammen ist als ein Urempfindungszusammen, das verbleibt
zusammen im Modus der Abgelaufenheit. Urempfindungen haben ihr kontinuierliches
,Nacheinander' im Sinne eines kontinuierlichen Ablaufs, und Urempfindungen haben
ihr Zusammen, ihr ,Zugleich'." Ebenda, S. 431 f.
1 Husserl erläutert das am Beispiel des Tones: "Der Ton ist gegeben, d.h. er ist
als jetzt bewußt; er ist aber als jetzt bewußt, ,solange' irgendeiner seiner Phasen
,als jetzt bewußt ist. Ist aber irgendeine Zeitphase (entsprechend einem Zeitpunkt
der Tondauer) aktuelles Jetzt (ausgenommen die Anfangsphase), so ist eine Konti-
nuität von Phasen als ,vorhin' bewußt, und die ganze Strecke der Zeitdauer vom
Anfangspunkt bis zum Jetztpunkt ist bewußt als abgelaufene Dauer ... ". Ebenda,
S. 385 f.
2 Ebenda, § 10, S. 388 ff.
DIE ENTF AL TUNG DER THEORIE

Ganz anders ist das Verhältnis von Aktualität und Poten-


tialität im kinästhetischen System, da die Potentialitäten eine
Sphäre des Zugleich darstellen. Husserl sagt: Mit dem kin-
ästhetischen System kommt nun "ein zweites System" "in meine
freie Verfügung, unter diesen Umständen mitzugehörig zu dem
ersten ((dem System des Zeitbewußtseins)) und die Zugehörigkeit
betrifft nicht das Momentane als Momentanes, sondern das
Ideelle und das Momentane als Verwirklichung des Ideellen"!.
Zwar unterliegt das kinästhetische System den Gesetzlichkeiten
des Zeitbewußtseins, die Kinästhese hat selbst eine zeitliche
Struktur; die Verwirklichung hat den Charakter des Jetzt und
der sich daran anschließenden Dauer. Außerdem können ver-
schiedene Potentialitäten nur nacheinander verwirklicht werden.
Da aber die Potentialitäten im kinästhetischen System den
Charakter der Idealität haben, welches Ideelle ein "Reich freier
Verfügung"2 bildet, so führt jede Wiederholung einer Aktualisie-
rung zur Selbstgegebenheit des Selben. Die Verfügbarkeit des
Ich über die Potentialitäten ist also beim kinästhetischen System
wesentlich größer als beim System des Zeitbewußtseins. Die
Potentialitäten des ersteren sind als immer wieder realisierbare
bewußt. So kann Husserl sagen: "Alles Reale konstituiert sich
durch ideelle Zuordnung und durch die freie Aktivität des
Subjektes, das Ideelles dabei jederzeit verwirklichen
kann in der Wahrnehmung und es als dasselbe immer wieder
wahrnehmungsmäßig realisierbar in der Realisierung vorfindet
als dasselbe, das dauernd war, auch ohne Realisierung und jetzt
nur wahrgenommen ist"3. Wenn Husserl das kinästhetische
System als ein unsinnliches, ideelles Ortssystem bezeichnet, so
ist damit gesagt, daß es ein System des Außereinander-im-Zu-
gleich ist, aber nicht als ein ständig aktuelles, als "reales",
sondern nur als ein ideelles System. Das Moment des Außerein-
ander im System besagt, daß mögliche Realisierungen nur in
einem Nacheinander möglich sind; das Moment des Zugleich
aber besagt, daß jede Aktualisierung beliebig oft wiederholbar
ist. Damit ist das Problem der Raumkonstitution im Prinzip
bereits gelöst.

1 Ms. D I3 I (1921), S. 18
a Ebenda, S. 18
8 Ebenda, S. 19 (Sperr. v. Vi.)
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 79

Wir werden nun im folgenden das kinästhetische System der


Okulomotorik, das den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen
bildete, zum Gesamtsystem der visuellen Sphäre ausweiten,
wobei sich zugleich das Feld ausweitet zum visuellen Raum.

§ I7. Das kinästhetische Gesamtsystem der visuellen Sphäre und


sein Korrelat. Der visuelle Raum
Das kinästhetische System der Okulomotorik hat zum Korrelat
das zweifach geordnete visuelle Feld. Dieses System ist aber ein
ausgezeichneter Spezialfall, der aber nicht als solcher thematisch
war. Die visuell reduzierte Wahmehmungsobjektivität, so wie sie
faktisch gegeben ist, ist aber bezogen auf ein universales kin-
ästhetisches System!; das bisher betrachtete System ist nur ein
Teil dieses umfassenden Systems, das nun schrittweise dargestellt
werden soll.
Das System der Okulomotorik muß zunächst erweitert werden
durch die Kinästhese der "Akkomodation" (somatologisch aus-
gedrückt: die Verschiebung der Augenachsen gegeneinander).
Das so gewonnene System läßt sich als ein System des "Doppel-
auges" veranschaulichen, während das bisher betrachtete System
ein solches des "Einauges" war. Durch Hinzunahme der Kin-
ästhese der Akkomodation gewinnt das Feld als Korrelat des so
erweiterten Systems eine wesentlich andere Struktur. Zugleich
bedeutet das, daß die innerhalb des Feldes erscheinende Apparenz
nun eine neue Gestaltqualität erhält, die Husserl "Relief"2 nennt.
Ein Beispiel soll die eigentümliche Funktionsweise der kinästhe-
tischen Akkomodation verdeutlichen. Ich sehe aus dem Fenster
und betrachte den Birnbaum im Garten, den Umriß seiner
Krone, ihre inneren Unterschiede etc. Plötzlich wandert ein
grauer, undeutlicher Fleck über den Baum. Indem ich mich auf
diesen Fleck konzentriere, sehe ich plötzlich die Fliege, die über
die Fensterscheibe kriecht. Ich habe durch eine neuartige Kin-
ästhese die Fliege zur optimalen Gegebenheit gebracht, und zwar

1 "In Wahrheit haben wir in der konkreten Erfahrnng, und so auch in jeder
visuellen Reduktion derselben, eine Wahrnehmungsobjektivität, das jeweilige vi-
suelle Objektfeld in der Einheit der visuellen Erfahrung, und diese bezogen auf eine
universale, einheitliche Kinästhese, die sich aber gliedert in geschlossene Partial-
kinästhesen, die okulomotorische u.s.w.". Ms. D IO IV (1932), S. 6
a "Die komplexe Qualität der Erscheinung des Sehdinges (Gestaltqualität) ist das
,Relief'." Ms. D I3 XVIII (vor 1916) s. 32
80 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

durch die Kinästhese der Akkomodation. Achte ich nun auf die
Erscheinungsweise des Baumes, während ich zugleich weiterhin
die Fliege betrachte, so zeigt sich, daß der Baum aus seiner
vormals optimalen Gegebenheit in eine undeutliche und ver-
schwommene übergegangen ist. Nun ist aber der Weg bewußt,
auf dem ich den Baum wieder in seine optimale Apparenz ver-
setzen kann.
Was besagt das für die Struktur des Feldes, in dessen Mittel-
gebiet je beide Apparenzen vorfindlich sind? Die Tatsache, daß
zwei Bilder im Zentrum des visuellen Feldes nur durch zwei
unterschiedene kinästhetische Situationen in optimaler Apparenz
gegeben sein können, bedeutet, daß die Ordnungsrichtungen
"oben-unten" und "rechts-links" zur Lokalisierung der Bilder
innerhalb des Feldes nicht ausreichen. Dazu gehört noch eine
dritte Ordnungsrichtung : "nah - fern". Wir können also sagen,
daß jede optimale Apparenz innerhalb des visuellen Feldes durch
zwei kinästhetische Situationen, die unabhängig voneinander
verändert werden können, bestimmt ist. Einmal ist die Apparenz
durch eine geeignete Kinästhese in das Zentrum des visuellen
Feldes gerückt worden; sie ist damit zugleich innerhalb der
Ordnungsrichtungen "rechts-links" und "oben-unten" lokalisiert.
Zum anderen ist die Apparenz durch die Kinästhese der Akko-
modation, durch die sie optimal gegeben ist, innerhalb der Ord-
nungsrichtung "nah-fern" lokalisiert. Erst durch die Einführung
der Kinästhese der Akkomodation wird es verständlich, in-
wiefern jede Apparenz zugleich den Charakter eines "Ent-
fernungsphantoms"l hat. Schon durch die Kinästhese der Ak-
komodation konstituiert sich also so etwas wie "Tiefe" innerhalb
des visuellen Feldes, das also nicht mehr als "zweidimensional"2
bezeichnet werden kann. Hinsichtlich der Apparenz besagt das
nun: Wenn in kinästhetischen Verläufen, in denen die Apparenz
als eine Seitenkontinuität zur Gegebenheit kommt, zur Erzielung

1 "In gewisser Weise haben wir Nähe und Ferne aus Annäherung und Entfernung
in jeder, auch der untersten okulomotorischen Stufe als das, was wesensmäßig
Erscheinung zu Erscheinung macht, Erscheinungswandlung von demselben, was es
macht, daß die jeweilige Erscheinung vom Objekt es perspektiviert, den Ort desselben
in Orientierung darstellt". Ms. D IO III (I93Z), S. I3
"Perspektivierung" ist das GegebenS')in der res extensa in Apparenzen, wozu
bekanntlich das Entfernungsding gehört. "Orientierung" ist diese Gegebenheitsweise,
sofern der Wahrnehmende in räumlicher Beziehung zu dieser Apparenz gedacht wird.
a Vgl. dazu § 18
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES BI

der optimalen Apparenz auch die Kinästhese der Akkomodation


erforderlich ist, so hat die Apparenz den Charakter des Reliefs.
Das okulomotorische System im engeren Sinne kann nun durch
neue Kinästhesen erweitert werden, was zugleich eine Erwei-
terung des visuellen Feldes zur Folge hat1 . Wie sieht nun diese
Erweiterung des kinästhetischen Systems aus? Die Erweiterung
geschieht durch die Bewegungssysteme des "Kopfes" und des
"Oberkörpers"2. In dem so erweiterten kinästhetischen System
ist es möglich, daß Sonderkinästhesen getrennt fungieren,
während andere stillhalten. So kann ich nur den Oberkörper
bewegen, dabei aber die Augen und den Kopf stillhalten. Ich
kann aber auch denselben Erscheinungswandel einmal durch
Augenbewegung und ein andermal durch die Bewegung des
Kopfes erzielen.
Mit dieser Erweiterung des kinästhetischen Systems, das wir
das okulomotorische Gesamtsystem nennen wollen3 , hat sich
zugleich das Feld als sein Korrelat erweitert. Durch die Drehung
des Kopfes und des Oberkörpers hat sich das bisher begrenzte
Feld geschlossen, d.h. es ist nun möglich, durch zwei der Richtung
nach entgegengesetzte Kinästhesen (solche der Drehung) dasselbe
Objekt zu erreichen. Das so konstituierte "geschlossene okulo-
motorische Feld"4 ist nun wesentlich verschieden von dem
anfänglich beschriebenen Feld. "Während es im visuellen Feld
des Wahmehmungsmaterials Mittelpunkt, Analoga von rechts,
links, oben, unten, d.h. qualitative Unterschiede gibt, gibt es im
okulomotorisch geschlossenen Feld keine solchen Vorzugsunter-

1 "Eine Erweiterung des objektiven Feldes, des Objekt-Feldes zunächst als kon-
stituiert in dem an sich früheren Sinngehalt der Unveränderung, wird sofort möglich
durch eine Erweiterung der Kinästhese, wobei die erweiterte ebenso fungiert mit
eben solchem Funktionssinn der Vermöglichkeit, durch freie aktive Wiederholung
der Kinästhese immer wieder dasselbe Optimum erzielen zu können". Ms. D IO I I I
(I932), S. 8
2 "Z.B. kann die Erweiterung darin bestehen, daß ich den Kopf bewege, während
ich zugleich rue Augenbewegungen durchführe, wieder daß ich den Oberkörper
verschiedentlich bewege oder mehrere Weisen der Kinästhesen miteinander und mit
der Augenkinästhese kombiniert denke. Jede für sich kann ähnlich konstituierend
fungieren und hätte für sich, wenn die anderen nicht wären, ein beschränktes Objekt-
feld schaffen können; und jede mit der anderen kombiniert gedacht erweitert,
macht Verschwundenes wieder identifizierbar, nämlich wiedererkennbar". Ebenda,
S. 8. Das System der Kopfbewegungen nennt Husserl auch das "kephalomotorische
System". Ms. D I3 I (I92I), S. 20
3 "Das Wort ,okulomotorisch' «ist» nur Index ... für die Leistung all dieser
Systeme". Ebenda, S. 20
4 Ebenda
82 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

schiede; es ist ein neuartiges Ortssystem, ein Raumanalogon, oder


vielmehr schon ein ,Raum', in angegebener Weise aus idealen
Einheiten gebildet"l. Abstrahieren wir nun im okulomotorischen
Gesamtsystem von allen Aspektdaten, von den "Wahrnehmungs-
stoffen"2, so "haben wir die Zuordnung von kinästhetischen
Reihen und ,leeren' Feldern ... In dieser Kombination kon-
stituiert sich leerer Raum"3. "Das okulomotorische
System in möglicher Vordersatzfunktion und durchlaufen ge-
dacht mit einem beliebigen hyletischen Korrelat, letzteres in
freier Variation gedacht, ergibt leeren okulomotorischen
Raum als Ortssystem für mögliche Dinge dieser Seh-
dingwelt"4.
Mit diesen sehr klaren Zitaten ist gezeigt, daß Raum nichts
anderes ist als das Korrelat eines kinästhetischen Gesamt-
systems. "Der leere Raum ist die Potentialität von Gegen-
ständen (Phantomen)"5. Der Raum hat deshalb den Charakter
der Potentialität, weil er Korrelat eines Systems von Vermög-
lichkeiten ist. Die Potentialität des Raumes ist verwirklicht
dadurch, daß ein Phantom als Gestalt in einer Lage in ihm
vorfindlich ist. Dieser Verwirklichung auf seiten des Korrelates
entspricht die Verwirklichung im kinästhetischen System selbst.
Diese besteht darin, daß innerhalb des Spielraumes von Vermög-
lichkeiten eine kinästhetische Situation aktualisiert ist, nämlich
genau die, in der das Phantom optimal gegeben ist. "Der Ort ist
verwirklicht durch die Kinästhese, in der das Was des Ortes
optimal erfahren ist"6. Ist es nicht optimal gegeben, so ist doch
der Weg bewußt, auf dem seine optimale Gegebenheit erzielt
werden kann.
Wenn im folgenden nun die letzte und größte Ausweitung des
kinästhetischen Systems besprochen werden soll, welche in der
Kinästhese des Gehens, der "Lokomotion"7, besteht, so läßt sich
das schon aufgetauchte Problem der Leiblichkeit nicht mehr
abweisen. Durch den Leib als Wahrnehmungsorgan ist das Be-
wußtsein selbst im Raume lokalisiert. Wir sehen aber zunächst
1 Ebenda
2 Ebenda, S. I5
8 Ebenda (Sper. v. Vf.)
4 Ms. D IO III (1932), S. I (Sperr. v. Vi.)
5 Ms. D I3 I (1921), S. I5 r
e Ms. D IO III (1932), S. 2
7 Ms. D I3 V (1926), S. XI
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 83

noch davon ab, daß der Leib selbst visuell erfahren und erfahrbar
ist und nehmen ihn nur als Orientierungsnullpunkt in Anspruch.
Dadurch erhält der okulomotorische Raum eine eigentümlich
orientierte Struktur: die auf ein Zentrum bezogene Perspekti-
vierung von "Nah und Fern". Der so orientierte. Raum kann
gemäß den drei Orientierungsrichtungen rechts - links, oben -
unten, vorn - hinten näher bestimmt werden. Der visuelle Raum
ist so ein "Erscheinungssystem, in dem das (nicht mein Leib
seiende) Außending in dem Sinne außer dem Leibe sich darstellt,
daß es im Orientierungssystem nach den Dimensionen rechts,
links, oben, unten, vom, hinten erscheint und in allen diesen
Dimensionen mit den Gradualitäten von Nah und Fern"!. Die
Kinästhese des Gehens ist, auf ihre visuelle Funktion reduziert,
die Bewegung des Orientierungszentrums relativ zu dem Er-
scheinungssystem der Phantome. Ich selbst bin ständig in diesem
Zentrum und habe so eine unmittelbare Nahsphäre oder "Kern-
welt" 2. Diese Kemwelt ist nun in konstitutiver Hinsicht aus-
gezeichnet. "In der Nähe, in dem Zusammenhang einheitlich
anschaulicher Kinästhese und zugehöriger Aspekte konstituiert
sich Räumlichkeit wirklich"3. Nähe ist in diesem Zusammenhang
ein kinästhetischer Begriff, der mehr besagt als die rein räumliche
Beziehung4 . Innerhalb der Nahwelt (etwa mein Zimmer) hat die
Kinästhese des Gehens schon eine konstitutive Funktion, indem
ich an alle erscheinenden Phantome herantreten kann, um sie
näher zu besehen etc. Mit dem Bewußtsein, mich in einem ge-
schlossenen Raum frei bewegen zu können, ist verbunden das
Bewußtsein, den Raum verlassen zu können und so in andere und
immer neue Nahwelten hineingehen zu können 5 ; zugleich damit
aber "vollzieht sich die apperzeptive Erweiterung der Nahsphäre
1 Ms. D
IO I (1932), S. 13
"Hierbei habe ich eine Kernsphäre von voll ursprünglich konstituierten Dingen,
2
sozusagen eine Kemwelt; die Sphäre der Dinge, zu denen ich vermöge meiner Kin·
ästhesen hinkann, die ich in optimaler Form erfahren kann". Ms. D I2 IV (193 1 ),
S. 29
8 Ms. D I3 I (1921), S. 31
4 "Nah ist, was ich in einem ,kleinen' Zeitraum in einer einheitlich überschaubaren
Anschauung und in einem bewußtseinsmäßig einheitlich geschlossenen kinästhetischen
Zug von seinen Seiten und allen Seiten sehen kann. Das ,Kleine', Überschaubare
ist ein typisch ausgezeichnetes". Ebenda, S. 30
5 "Nun aber spielt schon von vornherein mit das Gehen und schon in geschlos-
senem Raum, in dem normalerweise alles zugänglich wird und so alles sich in der-
selben Weise als reales Außereinander raumzeitlich konstituiert". Ms. D IZ IV (193 1 ),
S. 30
DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

(der ursprünglichen Kernsphäre) zu einer homogenen endlos


offenen Raumwelt"l. So gewinnt der visuelle Raum seine offene
Horizontstruktur, er wird die "Form der frei zugänglichen Er-
fahrungshorizonte"2. Auch dieser Horizont ist nur als Korrelat
einer Vermöglichkeit, der Vermöglichkeit in den Fernhorizont
hineingehen, prinzipiell überall hingelangen zu können3 . So kann
ich auch auf entfernte Dinge 'zugehen, von mir aus eine Annähe-
rung an sie bewirken, wodurch ich mich zugleich an andere
annähere, während ich mich von jenen, bei denen ich soeben war,
entferne. So erschließe ich mir im wiederholten Hingehen den
Raum, die raum-zeitliche Welt, die mir vertraut ist, in der ich
leben und mich zurechtfinden kann4 • Der Raum als "Form"
dieser meiner anschaulichen Welt ist so das Korrelat meines
kinästhetischen Gesamtsystems und seine Horizontstruk-
tur, seine Struktur der Bekanntheit und Unbekanntheit, in
einsichtiger Weise auf die Struktur des kinästhetischen Systems
bezogen.

§ I8. Das Problem der "Dreidimensionalität" des Raumes


Das Problem der Raumkonstitution kann auch so gestellt
werden, daß man nicht die res extensa zum Leitfaden nimmt,
sondern den Raum selbst. Dann ist aber zuvor eine Ontologie
des Raumes als solchen auszubilden, um eben jene Bestimmun-
gen zu gewinnen, die dann konstitutiv aufgeklärt werden sollen.
Es liegt nahe, dabei von der Geometrie als der exakten Ontologie
des Raumes auszugehen5 . Oskar Becker hat in seiner Habilita-
tionsschrift 6 versucht, den Aufriß einer Theorie der Raumkon-

1 Ebenda
2 Erste Philosophie 11, S. 57
3 "Die Kinästhese der ,Lokomotion' führt vom Zentrum nach außen, in die
Ferne. Das Zentrale ist die Sphäre, in der ich ,unmittelbar bin' und wirke, aber ideell
gesprochen, überall kann ich hinkommen". Ms. D x3 V (1926), s. II
4 "Indem aber mein Leib in seiner gehenden Kinästhese immer wieder orientierten
Raum freigibt, und so die Konstitution einer identischen sich als unmittelbar per-
zeptiv darstellenden Räumlichkeit möglich wird, ist wohl verständlich, daß ein
universaler Raum ist und eine Raumwelt, in welcher alle orientiert gegebenen Dinge
im Wechsel ihrer Orientierungen identische RaumsteIlen haben, die sie in Ruhe
bald innehalten, bald in Bewegung wechseln". Ms. D xo I (1932), S. 8
5 Vgl. dazu § 9 .
60skar Becker, "Beiträge zur phänomenologischen Begründung der Geometne
und ihrer physikalischen Anwendung\)n", in: Jahrbuch tür Philosophie und phäno·
menologische Forschung VI, 1923, S. 385-560. Die speziellen mathematischen Proble·
me der Beckerschen Arbeit können wir hier natürlich nicht aufgreifen.
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 85

stitution im Ausgang von geometrischen Bestim:rnungen des


Raumes zu geben. Wir wollen uns mit dieser Theorie kurz be-
fassen, um zu zeigen, warum der Weg Beckers für uns nicht
gangbar ist. ..
Becker gibt eine Ubersicht über die "phänomenologische Kon-
stitution"! des, Raumes, ohne sich vorher ausdrücklich eines
Leitfadens versichert zu haben; außerdem könnte man seine
Betrachtungsweise eine rein noematische nennen. In seinen
Analysen sind bereits eine Reihe von Voraussetzungen impliziert,
welche seine spätere "transzendentale Deduktion"2 ermöglichen
und die von seinem primär mathematischen Interesse herrühren.
Becker unterscheidet "drei hauptsächliche Stufen in der Kon-
stitution der Räumlichkeit:
A. Die präspatialen (vor- oder quasiräumlichen) Felder oder
Ausbreitungsfelder.
B. Den orientierten Raum.
C. Den homogenen (unbegrenzten) Raum.

Unter (A) ist wieder zu scheiden:


A 1. Die Sinnesfelder (präspatiale Felder 1. Stufe).
A 2. Die Organbewegungsfelder (präspatiale Felder 2. Stufe)"3.

Wie sofort zu sehen ist, läßt sich nach unserer Darstellung die
Unterscheidung von "Sinnesfeldern" und "Organbewegungs-
feldern" nicht halten. Zwar ist es möglich, das visuene Feld unter
Absehung von aller Kinästhese zu beschreiben, aber man darf
nicht vergessen, daß dieses Feld Resultat einer kinästhetischen
Situation ist, die nur ist als Aktualisierung innerhalb eines
Systems von Vermöglichkeiten. Wäre dem nicht so, so wäre das
Feld in seiner Struktur eine pure Vorgegebenheit für die Kinäs-
these, und das Problem, wie ein Feld als ein Außereinander-im-
Zugleich möglich ist, wäre von vornherein beseitigt. Wir müssen
also dabei bleiben, daß ein Feld nur möglich ist als Korrelat eines
kinästhetischen Systems; d.h. Feld ist eo ipso "Organbewegungs-
feld" im Sinne Beckers. Eine zweite Voraussetzung der Becker-

1 Becker, a.a.O., S. 436


2 Ebenda, S, 493
3 Ebenda, S. 446
86 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

sehen Analysen scheint ungleich schwieriger. Becker sagt: "Das


Sehfeld ist ein zweidimensionales Kontinuum ohne scharfe Gren-
zen. Die Zweidimensionalität ist durch die Teilung durch einen
in sich zurücklaufenden Flächenstreifen (z.B. Kreisring) erweis-
bar"l. Diese These scheint durchaus mit manchen Äußerungen
Husserls übereinzustimmen. Husserl selbst bezeichnet das visuelle
Feld an manchen Stellen ausdrücklich als "zweidimensional"2.
Wir haben bisher versucht, diesen Ausdruck zu vermeiden, und
zwar unter anderem deshalb, weil Husserl selbst nahelegt, diesen
Begriff nicht in mathematischem Sinn, sondern in einem durch-
aus anschaulich vagen Sinn zu verstehen. So sagt er: " ... das
,zweidimensional' besagt aber nur zweifach geordnet, sagen wir
nach rechts, links, oben, unten"3. Das kann nun in keinem Falle
mathematisch verstanden werden; wir haben deshalb auch bisher
den Begriff der Dimension immer in Anführungszeichen ver-
wendet. Demgegenüber läßt Becker keinen Zweifel daran, daß
er den Begriff der Dimension im streng mathematischen Sinne
verwendet, wie seine Erörterungen des Dimensionsproblems zei-
gen4 • Dies bedeutet unserer Meinung nach eine Idealisierung des
Feldes, also einer Zwischengegenständlichkeit oder einer kon-
stitutiven Stufe, die daherrührt, daß Becker von vornherein den
mathematisch idealisierten Raum zum Leitfaden seiner Unter-
suchungen gemacht hat. Von diesem Standpunkt der Betrachtung
aus muß sich dann das Problem der Raumkonstitution (da ja
das "zweidimensionale" Feld vorgegeben ist) als das Problem
der Gewinnung der "dritten Dimension" stellen. Becker sagt:
"Der Sehraum konstituiert sich aus dem okulomotorischen Feld
durch die Umdeutung einer gewissen Qualität seiner Elemente,
der sog. ,Sehtiefe', in eine dritte Raumdimension, die mit beiden
im Felde ausgebreiteten Dimensionen eine im wesentlichen ho-

1 Ebenda, S. 448
2 "Das zweidimensionale hyletische Feld, immerfort ausgefüllt, ist also der Kern,
der alle Darstellungen zweidimensional koexistieren macht". Ms. D IO 111 (I93 Z ),
S. I8. Oder auch: "Das okulomotorische Feld ist zweidimensional". Ms. D I3 I
(I92I), S. z6
Zu diesem Zitat ist jedoch anzumerkeJ1', daß Husserl selbst diese Bestimmung
nicht durchhält, denn er sagt: "Beim Herumdrehen im übergang von einem okulo-
motorischen Bildfeld zu einem neuen und im Zusammenschluß haben wir doch
nicht mehr eine zweidimensionale ebene Mannigfaltigkeit". Ebenda.
S Ebenda, S. I
4 Becker, a.a.O., S. 427 ff.
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 87
mog ene dreidimensionale Mannigfaltigkeit bildet"!. Auch diese
These kann scheinbar durch ein Zitat aus Husserl gestützt
werden 2 • Doch dazu ist zu sagen, daß nach Husserls eigener
Aussage ja schon das okulomotorische Feld nicht mehr als "zwei-
dimensional" angesehen werden kann. Außerdem würde die
scharfe Trennung von "zweidimensionalem" Feld und "drei-
dimensionalem" Raum innerhalb einer konstitutiven Theorie
besagen, daß ein ganz spezielles kinästhetisches System, nämlich
das abstraktive System des "Einauges" , dessen Korrelat qua Feld
noch am ehesten als "zweidimensional" angesprochen werden
könnte, einen konstitutiven Vorrang gegenüber anderen, gleich-
ursprünglichen Systemen,erhalten würde, der phänomenologisch
nicht aufweisbar ist.
Wenden wir uns nun der "transzendentalen Deduktion" zu,
die den Nachweis zum Ziel hat, daß der anschaulich gegebene
Raum, eben dessen transzendentale Konstitution unser Problem
ist, der Raum der "euklidischen Geometrie"3 ist. Dieser Nach-
weis setzt die "Kenntnis der phänomenologischen Konstitution
des Raumes"4 voraus. Becker setzt drei Bestimmungen des an-
schaulichen Raumes an: "a) Er hat das KfÜmmungsmaß Null,
b) er ist offen, c) er hat drei Dimensionen"4. Diese Bestimmungen
sind zugleich Bestimmungen des euklidischen Raumes. Diese
Gleichsetzung ist es nun, was bewiesen werden soll.
Becker führt die Untersuchungen für alle drei Bestimmungen
durch. Wir wollen uns hier nur mit der letzten, der der Dreidi-
mensionalität befassen. Ihre "Deduktion" vollzieht sich in drei
Schritten:
I. zeigen wir, daß delhomogene Raum eine Dimension mehr
hat als das Sinnesfeld, von dem die Konstitution ausgeht, d.h.
ein n-dimensionaler Raum bedingt ein (n-l)-dimensionales Sinnes-
feld und umgekehrt;
2. weisen wir nach, daß das Sinnesfeld nicht nur eine Dimen-
sion haben kann, sondern mehr dimensional sein muß;
1 Ebenda, S. 455
2 "An der Wesensart der Konstitution der dreidimensionalen Räumlichkeit liegt
e;" daß sie in jedem Moment der Erfahrung nur erfahrbar ist in der Art, daß eine
pnmar erscheinungsmäßige ZweidimensionaIität Darstellung ist für eine im kinästhe-
tischen Wandel dieser zwei Dimensionen erscheinende dritte Dimension". Ms. D IO
I II (I932), S. 14
3 Becker, a.a.O., S. 482
4 Ebenda, S. 482
88 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

3. geben wir Gründe dafür an, daß das Sinnesfeld nicht drei
oder mehr Dimensionen besitzen kann.
Es bleibt somit nur die Möglichkeit, daß das Sinnesfeld zwei-
dimensional ist, und dies besagt nach (I), daß der homogene
Raum dreidimensional ist, womit die Deduktion vollendet ist"l.
Das Ergebnis dieser "Deduktion" ist zweifellos richtig; zu
bezweifeln aber ist, daß ihre Voraussetzungen aus einer Theorie
der transzendentalen Konstitution des Raumes entnommen wer-
den können.
Diese Deduktion beruht entscheidend auf der von uns in Frage
gestellten Unterscheidung von "präspatialen Feldern erster Stu-
fe" und solchen "zweiter Stufe" und auf der behaupteten
Gewinnung einer neuen "Dimension" im Übergang vom "Feld"
zum "Raum". Weiterhin kann gesagt werden, daß hier nicht nur
der Raum als "nur symbolisch vorstellbare Euklidische Mannig-
faltigkeit von drei Dimensionen"2 angesetzt ist, sondern daß die
in diesem Ansatz implizierte, aber vergessene Idealisierung auch
ohne weiteres auf das Feld übertragen wird, welches, phäno-
menologisch gesehen, doch nur den Charakter eines noematischen
Korrelates hat. Insofern aber gesagt werden muß, daß der bereits
konstituierte anschauliche (wir können auch sagen: lebenswelt-
liche) Raum aller Idealisierung vorausliegt, enthüllt sich das
Problem der Dreidimensionalität des Raumes als ein ontolo-
gisches Problem, das nur auf dem Boden der m undanen
Einstellung gestellt werden kann; ein vorgegebenes Seiendes qua
Raum wird unter bestimmtem Interesse auf seine Struktur hin
befragt. Das Problem ist damit keineswegs geleugnet, es kann
nur nicht im Rahmen einer transzendentalen Theorie der Raum-
konstitution gestellt werden 3 .
Wir können also dabei bleiben, daß der Raum (zunächst in
seiner Beschränkung als "visueller Raum") das Korrelat eines
kinästhetischen Gesamtsystems ist. Die ontologische (im Rahmen
einer mundanen Ontologie) und damit letztlich mathematische
Bestimmung des Raumes ist demgegenüber ein sekundäres Pro-

1 Ebenda, S. 493
Ideen I, S. 91; vgl. dazu auch § 9 unserer Arbeit
2
2 Becker hat später einen anderen Weg gefunden, die euklidische Struktur des
anschaulichen Raumes zu beweisen. Vgl. dazu: Becker, Größe und Grenze der ma-
thematischen Denkweise, Freiburg und München 1959 und: "Die apriorische Struktur
des Anschauungsraumes", in: Philosophischer Anzeiger 4, 1930, S. 149 ff.
DIE KONSTITUTION DES VISUELLEN RAUMES 89

blem. Einer Vermengung der ontologischen und transzendentalen


Problematik des Raumes sind wir dadurch entgangen, daß wir
nicht den Raum selbst, sondern die res extensa als morpholo-
gisches Wesen zum Leitfaden unserer Analysen gemacht haben.
In diesen Analysen enthüllte sich, daß im Phantombewußtsein,
so wie es geradehin thematisiert wurde, das Bewußtsein vom
Raume bereits impliziert war. Diesen Implikationen sind wir in
den vergangenen Analysen nachgegangen, bis wir zu dem obigen,
vorläufig abgeschlossenen Resultat gekommen sind. Das Problem
aber, wie das Bewußtsein vermittels seines Leibes selbst im
Raume sein kann (denn auch dieses Bewußtsein ist im Phantom-
bewußtsein impliziert) konnte dabei nicht gelöst werden. Dies
wird das eigentliche Thema des nun folgenden zweiten Abschnitts
sein.
2. ABSCHNITT

TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUSSTSEIN

Die Analysen des vergangenen Abschnitts zeigen sich als ein


Weg, der im Ausgang vom Phantombewußtsein durch stufen-
weise Enthüllung von Implikationen den Raum als Korrelat des -
Gesamtsystems der visuellen Kinästhesen zum Vorschein brachte.
Schon in der Analyse der visuellen Raumkonstitution mußten
wir immer wieder somatologische Ausdrücke benutzen, die auf
den Leib zurückdeuten : Die Analysen setzten in gewisser Weise
das Vorfindlichsein des Ich und seines Leibes im Raum voraus.
Das endgültige Einholen dieser Voraussetzung in einer Theorie
der transzendentalen Konstitution des Leibes wird die Haupt-
aufgabe dieses Abschnitts sein. Dazu gehört auch die Konstitu-
tion des Leibes als eines visuellen Phantoms, die im vergangenen
Abschnitt noch nicht thematisiert werden konnte.
Hier sei gleich auf eine methodische Schwierigkeit aufmerksam
gemacht. Wir beginnen mit der Analyse der taktuellen Raum-
konstitution, also der Konstitution des Raumes durch taktuelle
Kinästhesen, obwohl diese erst durch die Aufklärung der Leibes-
konstitution voll verständlich wird. Andererseits vollzieht sich
die Leibeskonstitution selbst durch das taktuelle kinästhetische
System, so daß es sinnvoll ist, zunächst seine Funktionsweise
darzustellen1.

§ I9. Das taktuelle Feld. ~ie Konstitution des taktuellen Raumes


Bevor wir also zum Problem der Leibeskonstitution übergehen,
wollen wir versuchen, eine der visuellen Konstitution analoge
Konstitution des taktuellen Raumes aufzuzeigen 2 .

1 Vgl. dazu die methodische Anmerkung in § 13


2 "Eine dem okulomotorischen Raum analoge Konstitution findet in taktueller
Richtung statt; andererseits aber mit wesentlichen Unterschieden". Ms. D I3 I
(1921), S. 21
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN 9I

Die Konstitution des visuellen Raumes vollzieht sich da-


durch, daß das zunächst betrachtete visuelle Feld als Korrelat
eines kinästhetischen Systems aufgefaßt wild und mit der Er-
weiterung dieses Systems sich zugleich das Feld zum visuellen
Raum ausweitet. So ging die Konstitution des visuellen Raumes
vom Feld aus!.
In analoger Weise bildet auch in der taktuellen Sphäre das
Feld die Grundlage der Raumkonstitution. Nun bestehen aber
zwischen visuellem und taktuellem Feld bestimmte Unter-
schiede 2 , die zunächst herausgearbeitet werden müssen. Für die
taktuelle Raumkonstitution fungiert nicht das geschlossene Total-
feld, sondern Teilfelder und Feldstücke. Diese sind aber zunächst
nicht als Teile des Totalfeldes in Funktion, da dieses gegenüber
jenen eine andere konstitutive Funktion gewinnt 3 . So liegt hier
eine doppelte Bedeutung von Feld vor, die es genau zu unter-
scheiden gilt4 . Wie das Totalfeld Bedeutung für die Konstitution
des Leibes gewinnt, soll später dargestellt werdens. Die Analogie
zwischen visueller und taktueller Raumkonstitution (d.h. zu-
nächst Phantomkonstitution) besteht nun hinsichtlich der in der
Kinästhese des "Tastens" fungierenden Teilfelder. Durch diese
Kinästhese konstituiert sich das Tastphantom6 . So kann man
sagen: "Jedes Außending konstituiert sich haptisch als ruhend
oder bewegt im konstitutiven Zusammengehen von Tastvorgang

1 Zu beachten ist jedoch, was in § 18 darüber gesagt wurde.


2 "Nicht übersehen darf ich, daß für die Konstitution des taktue1len Raumes
(falls man rechtmäßig von einem solchen sprechen darf) nicht das ganze geschlossene
Tastempfindungsfeld in Betracht kommt, so wie für den visuellen Raum immer das
ganze visuelle Datenfeld. Denn während dieses bei jeder Augenbewegung und jeder
sonstigen hier konstitutiv fungierenden Kinästhese herumgeführt wird, und als
ganzes gleichsam der Pinsel ist, der das Raumfeld malt, hat die gleiche Funktion im
Tastgebiet nicht das ganze Feld, sondern einzelne Teilfelder, und es fungieren dabei
Gruppen von Feldstücken wie ein Feld". Ms. D I3 I (1921), S. 21 f.
3 Vgl. dazu § 23
4 "Eigentlich liegt darin eine doppelte Bedeutung von Feld. Ich kann die Tast-
fläche meines Leibes durchlaufen uud so finden dann, daß alle Tastdaten ein ,Feld'
bilden und dieses immer ausgefüllt ist. Andererseits ist Feld ein Funktionsbegriff
und sagt aus, was durch eine zugehörige Kinästhese in konstitutive Bewegung
versetzt wird. Im letzteren Fall ist nicht das ganze Tastfeld, sondern nur z.B. das
Feld einer Fingerspitze, aber auch eine Gruppe von Feldern mehrerer zusammen-
tastender Finger ein Feld". Ms. D I3 I (1921), S. 22
5 Vgl. dazu § 20 und § 23
6 "Im tastenden Berühren mit den tastempfindlichen Flächen wird ein Gegenstand
oberflächlich ,abgetastet', im Tasten durchlaufen; das ist ganz analog wie in der
visuellen Sphäre, und in diesem Durchlaufen konstituiert sich ursprünglich das bloße
Raumphantom". Ms. D I3 XV (19ro/r8), S. 37
DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

im Tastfeld und Tastkinästhese"l. Dabei können verschiedene


Teilfe1der konstitutiv zusammenwirken und so dieselbe Ober-
fläche zur Gegebenheit bringen2 . So habe ich ständig eine
Wahrnehmungsgegenwart getasteter und tastbarer Dinge, wobei
wir von der auch taktuell fungierenden Kinästhese des Gehens
noch absehen wollen.
Diese haptische "Welt" unterscheidet sich aber wesentlich von
der visuellen. Geben wir noch einmal eine Beschreibung der
visuellen Welt: "Die in der lebendigen Gegenwart erscheinende
Welt bietet sich in einer Perspektivierung von nah und fern und
zwar so, daß eine Nahwelt als eine in gewisser Weise optimale
Kernwelt ausgezeichnet ist, nämlich als solche, die innerhalb der -
lebendigen, eigentlich perzeptiven Gegenwart einen Umkreis
optimal zugänglicher Dinge enthält, die man willkürlich ganz nah
heranrücken kann ... , um sie in einen absolut optimalen Aspekt
zu bringen, von dem dann wieder die sonstigen optimalen Aspekte
durch Modifikation zu gewinnen wären"3. Die visuelle Welt ist
also dadurch ausgezeichnet, daß ein visuelles Objekt zwischen
seinem Verschwinden in äußerster Ferne und seiner optimalen
Sichtigkeit ständig visuell anwesend ist, d.h. gesehen wird, und
als das von dem einen in den anderen Zustand übergehen kann.
Dies kennzeichnet den optischen Sinn als Fernsinn. Anders für
den haptischen Raum: Hier gibt es keine innerhalb des Ver-
fügungsbereiches der Kinästhese sich vollziehende Annäherung
und Entfernung. Das Tastphantom ist entweder in einer opti-
malen Nähe, sofern es tatsächlich getastet ist, oder es ist taktuell
völlig abwesend4 . Dies macht den Tastsinn zu einem Nahsinn.
In der visuellen Sphäre konstituiert sich leerer Raum dadurch,

1 Ms. D I2 III (1931), S. 6


2 "Getrennte, in der Tastfeldextension diskontinuierlich auseinanderliegende Teile
können in darstellender Funktion in eine Art Kontinuität treten, nämlich aneinander-
grenzende Stücke einer objektiven Extension darstellen, bzw. in einem einheitlich
tastenden Prozeß miteinander fungierend eine und dieselbe Oberfläche konstituie-
ren". Ebenda, S. 16
3 Ebenda, S. 2
4 "Anders für den haptischen Raum und die haptische Raumweltsphäre. Was
hier koexistent perzipiert in jeder Phase und in der ganzen lebendigen Gegenwart
gegeben ist, ist zwar auch durch Darstellungen gegeben ... Aber hier ist das einzeln
Verwirklichte und die einheitlich-vereinheitlichte Mannigfaltigkeit nicht Verwirk-
lichung durch Perspektiven der Nähe und Ferne, und die Kontinuität der Darstellung
in Bewegung und Ruhe, in bezug auf die Potentialität der Kinästhesen, ist keine
Konstitution durch Übergang von Perspektiven in Perspektiven der Annäherung
und Entfernung mit Beziehung auf perspektivische Optima". Ebenda, S. 3
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN 93

daß die Kinästhese ohne zugehörige Aspektdaten ablaufen kann.


Etwas Ähnliches liegt in der taktuellen Sphäre vor. Die in kin-
ästhetischer Funktion stehenden Tastfeldstücke können fungieren
ohne die zur Konstitution von Tastphantomen nötigen Aspekt-
daten und durchstreichen im Tasten so einen "leeren Raum".
Wie steht es nun hinsichtlich der Kinästhese des Gehens? " ...
die Geh-Kinästhese fungiert zugleich als Tastkinästhese (Gehen,
Sitzen, Liegen), das dabei Berührte ist schon tastweltlich aufge-
faßt, es rechnet taktuell immer mit. (Auch hier konstituiert sich
leerer Raum zwischen den Dingen als Potentialität ihres be-
weglichen Stellungswechsels und Annehmens immer neuer wirk-
licher und möglicher Ruhelagen)"!. Da nun durch das Gehen ein
Objekt aus dem Verfügungsbereich meines Tastens verschwinden
kann, während andere neu in ihn hineintreten können, gibt es
auch im taktuellen Bereich so etwas wie Annäherung und Ent-
fernung, ohne daß das Tasten den angegebenen Charakter des
Nahsinnes verlöre. So vollzieht sich durch die Kinästhese des
Gehens auch eine ständige Erweiterung der haptischen Nah-
sphäre (die Sphäre der im Stillstehen tastbaren Dinge) zur
haptischen "Welt"2.
Diese Analysen treiben nun insofern über sich hinaus, als das
taktuelle Feld in seiner doppelten Bedeutung mit der Oberfläche
des empfindenden Leibes identisch zu sein scheint. Außerdem ist
auch mit der Konstitution des taktuellen Raumes, die wir mehr
angedeutet als ausgeführt haben, jenes Problem noch nicht ge-
~öst, das sich uns am Ende des ersten Abschnitts stellte, wie
nämlich das Bewußtsein selbst mittels seines Leibes im kinäs-
thetisch konstituierten Raum anwesend, d.h. lokalisiert sein
kann. 3 Mit der Wiederholung dieser Frage wollen wir uns dem
Problem der Leibeskonstitution zuwenden.

1 Ebenda,S.4-
2 "Im eigentlichen ,Gehen' als Lokomotion vollzieht sich die Synthesis der Nah-
räume; auch hier haben wir Nahraum mit orientierter Darstellung, ein Hier und
Dort, und alles Dort um ein Hier geordnet. Haptischer Nahraum ist perzeptiv
konstituiert durch Stillstehen der Geh- Kinästhese; die Außendinge darin, die wirklich
perzipierten, in der Koexistenz und verbunden nur als Horizont führen sie die
Potentialität mit sich, noch andere wiederfinden und sie selbst wiederfinden zU
können". Ms. D IZ III (I93I), S. 4-
3 Vgl. § I8
94 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

§ 20. Die "Doppelrealität" des Leibes als Leitfaden der weiteren


Untersuchung
Die gemäß ihren raum-zeitlichen Strukturen auslegbare, dem
natürlichen Bewußtsein vorgegebene Welt ist durch unsere Ana-
lysen des visuellen und taktuellen Raumes noch nicht vollständig
eingeholt ,da der Leib, der notwendig mit zur Vorgegebenheit der
Welt gehörtl, innerhalb der visuellen Welt keinen Ort hat 2 ; auch
im taktuellen Raum, soweit er uns bis jetzt bekannt ist, ist der
Leib als solcher nicht vorfindlich. Es kommt also darauf an, den
Leib in seiner Vorgegebenheit zu bestimmen, zu zeigen, in welcher
Weise er mit zur raum-zeitlichen Welt gehört.
Im zweiten Abschnitt des ersten Teiles hatten wir gezeigt, wie-
der Leib selbst als Gestalt in einer Lage vorfindlich sein muß,
damit Erfahrung von Räumlichkeit durch Abschattung möglich
ist3 . Diese Bestimmung soll nun expliziert und auf den Grund
ihrer Möglichkeit hin befragt werden.
Als vorgegebenes Seiendes kann der Leib zum Thema einer
mundanen Ontologie gemacht werden, welche Husserl "Soma-
tologie" nennt 4 . Auf die Schwierigkeiten, die aus der Auffassung
des Leibes als einer Region des Seienden, die außerdem noch in
der Region des Materiellen fundiert sein soll5, entstehen, hat
Landgrebe hingewiesen 6 • Wir nehmen diese Schwierigkeiten als
Index dafür, daß das Problem der transzendentalen Konstitution
des Leibes im Rahmen der Ideen überhaupt nicht zureichend
gestellt ist. In diesem Rahmen verbleibt auch Diemer7 , obwohl
er die Ausführungen der Ideen durch eine Reihe von Zitaten aus
den Manuskripten ergänzt.

1 "Die Vorgegebenheit der Welt ist auch immer Vorgegebenheit meines Leibes
als ein ,Stück' dieser Welt". Ms. D I3 XII (1910/17), S. 82
2 "Aber es fehlt noch ein wesentliches an dieser Welt: mein bei allem Dabeisein
und selbst Tätigsein ist nicht Dabeisein meiner als selbst in dieser Welt Seienden;
in dieser Welt habe ich nicht Existenz, ich bin nicht selbst in diesem Raume, in ihr
bin ich nicht leibhaftig da, mit meinem Leib, der selbst als res extensa an einer
RauIllstelle ist. Ich bin auch nicht fähig zu handeln in dem natürlichen Sinn, von
dem aus diese seiende Welt bzw. in ihr irgendetwas zu verändern". Ms. D IO 111
(1932), S. 3
3 Vgl. § 7
4 Vgl. dazu besonders Ideen 111, S. 7 ff.
5 "Da das spezifisch Somatologische nicht eine getrennte Realität ist, sondern
eine auf materielle Realität gebaute höhere Seinsschicht. .. " Ebenda, S. 8
8 L. Landgrebe, "Seinsregionen und regionale Ontologien bl Husserls Phäno-
menologie", in: Studium generale 9, 1956, S. 313 ff.
7 A. Diemer, a.a.O., S. 226 ff.
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN 95

Um einen Leitfaden für die nachfolgenden Untersuchungen zu


gewinnen, müssen wir die in mundaner (ontologischer) Einstel-
lung zugänglichen Wesensbestimmungen des Leibes herausstellen.
Der Leib kann dabei in der sogenannten "somatischen Wahr-
nehmung"! in einer doppelten Einstellung, einer "Inneneinstel-
.lung" und einer "Außeneinstellung"2, thematisiert und beschrie-
ben werden und zeigt entsprechend zwei Seiten seines Wesens,
die in ihrer Einheit und Unterschiedenheit schwierige konstitutive
Probleme aufwerfen.

a) Der Leib als res extensa


In der Außeneinstellung zeigt der Leib die Seite seines Wesens,
die uns schon bekannt ist; er zeigt sich als dingliche Realität und
damit, was für uns wesentlich ist, als res extensa3 . Dieses Leib-
phantom ist besonders hinsichtlich seines Lagemomentes gegen-
über allen anderen ausgezeichnet4 . Wie ist die besondere Weise
der Vorfindlichkeit des Leibphantoms zu bestimmen? Gehen wir
dazu auf die Gegebenheitsweise der visuellen Welt zurück. Diese
ist gegeben als orientierte in einer universalen Perspektivierung
von Nah und Fern. Der Leib, soweit er zunächst gesehener ist,
ist dabei das absolut Nahe, er ist das eigentliche "Hier", dem-
gegenüber alle erscheinenden Dinge in einem je wechselnden
"Dort" vorfindlich sind. Der Leib ist damit das "Orientierungs-
zentrum"5 der erscheinenden raum-zeitlichen Welt. Schon als das
ist der Leib bei allen Wahrnehmungen dabei 6 , und zwar in
doppelter Hinsicht. Der Leib ist einmal ständig im Verfügungs-
bereich des visuellen kinästhetischen Systems; er ist ständig,
wenn auch unter merkwürdigen Einschränkungen7 , als visuelles
Phantom konstituiert. Zum anderen aber ist der Leib auch
ständig als taktuelles, durch Tastkinästhesen konstituiertes
Phantom gegenwärtig8 , und zwar dergestalt, daß der Leib im
1 V gl. Ideen III, S. 8
2 Vgl. Ideen II, S. I61, wo Husserl die Wesensbestimmungen des Leibes als
"Doppelrealität" zusammenfaßt.
8 Es gibt viele Belege dafür, daß der Leib als res extensa erfahren wird. Vgl. z.B.
Ideen H, S. 32, S. 161
4 Vgl. dazu § 2I
5 "Ich bin leiblich und damit dinglich-erscheinungsmäßig Nullpunkt einer räum-
lich orientierten Welt". Ms. D 3 (1920), S. 17; vgl. auch Ideen II, S. S6 ff. und S. IS8 ff.
S Vgl. Ideen H, S. s6
7 Vgl. § 21
8 Vgl. § 23
DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

tastenden Erfahren selbst ständig miterfahren ist!. Der Leib ist


außerdem als materielle Realität erfahren, die mit anderen Rea-
litäten in einem Kausalzusammenhang steht 2 •

b) Der Leib als Wahrnehmungsorgan


In der "Inneneinstellung" erscheint der Leib als freibeweg-
liches Wahrnehmungsorgan. "Zunächst ist der Leib das Mittel
aller Wahrnehmung, er ist das Wahrnehmungsorgan, er
ist bei aller Wahrnehmung notwendig dabei"3. Zur Möglichkeit
der Wahrnehmung gehört das spontane, freie Verfügenkönnen
über den Leib. Als Wahrnehmungsorgan erhält der Leib selber
eine konstitutive Rolle4 . Hier wird schon der Doppelcharakter
des Leibes deutlich, der es ihm gestattet, eine Vermittlungsfunk-
tion zwischen dem reinen Ich der Intentionalität und der raum-
zeitlichen Welt zu übernehmen5 . Diese Vermittlungsfunktion ist
dadurch ermöglicht, daß der Leib diesen Doppelcharakter besitzt,
einmal selbst ein raum-zeitlich Seiendes zu sein, zum anderen
aber eine ausgezeichnete Ichnähe zu besitzen, die über seine

1 "HlllslChthch der Raumzeithchkelt 1st rue ursprunghche ObjektIvatIon nun aber


llichts Isohertes; Immerzu Ist notwenrug und III ems und m emer unloshchen Ver-
bundenheit Objekt m prasentIerender Gegebenheit und Leib m prasentIerender
Gegebenheit". Ms D I2 III (1931), S. 33. Vgl. auch Ideen II, S. 147' "Im taktuellen
Gebiet haben Wir das taktuell slCh konstItUlerende außere Objekt und em zweites
Objekt Leib, ebenfalls taktuell Sich konstItUlerend, etwa den tastenden Fmger. "
2 Vgl. Ideen II, S. 159 ff. In der Reahtatserfahrung, rue Erfahrung der Abhangig-
kelt des Gegebenen von kausalen Umstanden ISt, kommt dem Leib eme hervorragende
Rolle zu, mdem namhch Im Umgang nnt den Dmgen, was llicht ohne Tasterfalrrung
moghch 1st, SIch m ems rue Realitat des Leibes und der Dmge erweist.
3 Ideen II, S. 56. Vgl. auch ebenda, S. 152: Der Leib 1St als "WIllensorgan" "das
einZIge Objekt, das fur den Willen meines reInen Ich unmIttelbar spontan
beweghch ISt und MIttel, um eme nnttelbare spontane Bewegung anderer Dmge
zu erzeugen, dIe z.B. meme unnnttelbar spontan bewegte Hand stoßt, ergreift, hebt
u. dgl. Bloße materIelle Dinge smd nur mechanisch beweghch und nur
mIttelbar spontan beweghch, nur Leiber SInd unmittelbar spontan (,frei')
beweghch, und zwar durch das zu Ihnen gehonge freie Ich und semen WIllen. DIese
freien Akte smd es, vermoge deren slCh - WIe wir fruher sahen - fur rueses Ich m
manmgfaltIgen WahrnehmungsreIhen eme Objektwelt, eine Welt raumkorperhcher
Dmge konstItUieren kann (darunter auch das Dmg Leib)".
4 "Abgesehen von semer AuszelChnung als OnentIerungszentrum erhalt der LeI b
vermoge der konstitutIven Rolle der Empfmdungen Bedeutung fur den Aufbau
der raumhchen Welt". Ebenda, S. 57
5 "Notwendig konstItUiert SIch rueses ((das raum-zelthche Weltall)), wie man m
genauer Betrachtung SIeht, m der Art, daß unbeschadet dem Umstand, daß das
reme Ich Zentrum aller IntentIOnalItat uberhaupt 1St, das empIIlsche Ich m der
Form des Ich-Mensch als phanomenal-reales Zentralghed fur die erschemungsmaßIge
KonstItutIOn der gesamten raumhch-zeIthchen Welt fungiert. fur alle Erfahrung von
raumzelthcher ObjektIvItat 1St die Mlterschemung des erfahrenden Menschen ...
vorausgesetzt". Ebenda, S. 109 f.
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN 97

Funktion als "absolutes Hier" hinausgeht; der Leib hat selber


"ichlichen" Charakter.
Um schon hier ein sich ständig nahelegendes Mißverständnis
auszuschließen, sei auf die ausdrückliche Betonung Husserls hin-
gewiesen, daß nämlich "die realen Ich so wie die Realitäten
überhaupt bloße intentionale Einheiten"! sind. Damit ist gesagt,
daß das Problem der Konstitution der Raum-Zeitlichkeit nicht
durch eine deskriptive Anthropologie als positiver Wissenschaft,
welche etwa die Funktionen der einzelnen Sinnesorgane erforscht,
gelöst werden kann. Der Leib selbst bedarf, sofern er "inten-
tionale Einheit" ist, der transzendentalen Rückfrage auf
die ihn konstituierenden Aktualitäten und Potentialitäten
des Bewußtseins.
Wodurch aber gewinnt der Leib den Charakter eines Wahr-
nehmungsorganes? Zwei Gründe sind es, die hier maßgebend
sind und die ganze Schwierigkeit der Leibeskonstitution auf-
scheinen lassen.
Der eine Grund kann darin gesehen werden, daß "aus der
großen, zur Bewußtseinssphäre unter dem Titel ,Bewußtseins-
stoff' gehörigen Inhaltsklasse ein erheblicher Teil mit dem ma..
teriellen Leibe ((also auch mit ihm, sofern er res extensa ist» so
innig eins ist, daß sich in der. anschaulichen Gegebenheit nicht
bloße Verbindung, sondern Einheit zeigt"2. Es ist also eine
bestimmte Eigenart der schon in reiner Bewußtseinsanalyse auf-
weisbaren Hyle3, die den Leib zu einem Organ der Wahrnehmung,
d.h. zum Vermittler zwischen Ich und Welt macht. Es ist näm-
lich so, daß die Hyle ("Bewußtseinsstoff") überhaupt nur mög-
lich ist, wenn sie den Charakter der Empfindung hat4 • Jener
Teil der Hyle, der in unmittelbarer Einheit mit dem Leib als
res extensa gegeben ist, ist der Bereich der Tastdaten, also die
gesamte taktuelle Sphäre. "Die haptische Gesamterscheinung des
Leibes als totalen Leibphantoms ... hat auf seiner Oberfläche

1 Ebenda, S. 110 f.
2 Ideen III, S. 118 (Beilage I)
8 Vgl. dazu § I3
~ Vgl. Ideen III, S. 118: "Empfindungen" "unter welchem Titel wir alle Be--
wußtseinsinhalte befas,;en können, die vom Standpunkt des reinen Bewußtseins
aus gesprochen, Eigenheit und Funktion der ,Stoffe' haben". (Sperr. v. Vf.) Oder
ebenda, S. 11: "Empfindungen sind ja vom Standpunkt des reinen Bewußtseins die
unen tbehrlichen stofflichen Unterlagen für aUe Grundarten von Noesen". (Sperr.
v. Vf.)
g8 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

lokalisiert das einheitliche Tastempfindungsfeld"l. Dadurch


erhalten die Empfindungen eine doppelte Auffassung 2 • Einerseits
sind sie nach wie vor darstellende Daten, die Raumdinge durch
Tastphantome zur Erscheinung bringen; zum anderen aber
werden die Empfindungen aufgefaßt als zum Leibe, diesem
visuell und taktuell erscheinenden Phantom3 , gehörig, werden als
Leibesvorkommnisse aufgefaßt und als solche "Em pfindnisse"4
genannt. Diese Doppelfunktion der Tastempfindungen ist es
auch, die bewirkt, daß im Bereich des Tastens jedes Erfahren
eines Dinges zugleich die Erfahrung des "tastenden" Leibes
bedeutet 5 . Da aber die Empfindungen ein Tastphantom als res
extensa nur konstituieren, wenn sie als darstellende Daten (also
gerade nicht als Empfindnisse) aufgefaßt sind, kann die Lokali-
sation von Empfindnissen nicht als Konstitution einer res ex-
tensa im üblichen Sinne angesehen werden6 • Es bleibt also das
Problem, wie die durch Lokalisation von Empfindnissen "kon-
stituierte" "Oberfläche"7 des Leibes mit der Oberfläche seiner
als res extensa zur Identität kommen kann.
Ein zweiter Grund, den Leib als Wahmehmungsorgan anzu-
sehen, besteht darin, daß das kinästhetische System der visuellen
Sphäre und dann weiterhin alle kinästhetischen Systeme eine
bestimmte Anknüpfung an den Leib erfahren, ja, sie können
sogar als Bewegungssysteme leiblicher Organe aufgefaßt werdens.
So sagt Husserl an einer Stelle, daß jede Kinästhese "im ent-

1 Ms. D I2 III (1931), S. 15; vgl. auch Ideen II, S. 151 u. Ideen IH, S. 10 f.
2 "Der Leib empfindet, das betrifft das Lokalisierte; durch ihn ,empfinden' wir
Dinge - da ist ,Empfinden' das Wahrnehmen von Raumdingen ... " Ideen III, S. 10
3 "An der Lokalisation nimmt dann auch der visuelle Leib teil, weil er sich mit
dem taktuellen deckt, wie sich auch sonst visuell und taktuell konstituierte Dinge
(bzw. Phantome) decken, und so erwächst die Idee eines empfindenden Dinges, das
gewisse Empfindungen ,hat' (Tast-, Druck-, Wärme-, Kälte-, Schmerzempfindungen
usw.) und haben kann unter gewissen Umständen, und zwar als in ihm primär
lokalisierte; das sodann Vorbedingung ist für das Dasein aller Empfindungen (und
Erscheinungen) überhaupt ... " Ideen II, S. 151
4 Ebenda, S. 146
5 Ideen IH, S. 124 u. S. 12
6 Die Empfindnisse "breiten sich zwar im Raume aus, bedecken in ihrer Art
Raumflächen, durchlaufen sie u. dgl. Aber diese Ausbreitung ist eben etwas wesent-
lich anderes als Ausdehnung im Sinne all der Bestimmungen, die die res extensa
charakterisieren". Ideen H, S. 149
7 Die Anführungszeichen deuten auf den gerade herausgestellten Unterschied
zwischen Ausbreitung im Sinne der Lokalisation und Ausdehnung einer res extensa
hin.
8 Von dieser "somatologischen" Auffassung mußten wir öfter Gebrauch machen,
so z.B. wenn wir vom System der "Augenbewegungen" sprachen.
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN 99

wickelten Bewußtsein apperzipiert ist als ,Stellung' oder ,Stel-


lungsänderung' meines Leibes, bzw. der jeweiligen einzelnen, in
Wahrnehmungsfunktion stehenden, und das ist in kinästhetischer
Funktion stehenden Organe"l. So wird die kinästhetische Akti-
vität, also nicht nur das im Begriff der Kinästhese implizierte
doppelte Empfindungsmoment 2, sondern auch das Moment der
Bewegung selbst, zu einer Aktivität des freibeweglichen Leibes.
"Der Leib ist nicht nur empfindender Leib, sondern auch Organ
der Bewegung"3. Die Kinästhese scheint somit nichts anderes
zu sein als die Art, wie die leibliche Bewegung eines Wahrneh-
mungsorganes innerlich erfahren wird4 . Wir werden also auf das
Verhältnis von Leib und kinästhetischem System noch einmal
zurückkommen müssen!
Lassen wir Husserl selbst die Bestimmungen des Leibes als
Wahrnehmungsorgan zusammenfassen: "Zur Möglichkeit der
Erfahrung gehört aber die Spontaneität der Abläufe
der von kinästhetischen Empfindungsreihen begleiteten und
von ihnen als abhängig motivierten darstellenden Empfindungs-
akte: mit dem Lokalisiertsein der ersteren im betref-
fenden beweglichen Leibesgliede ist gegeben, daß bei
aller Wahrnehmung und Wahrnehmungsausweisung
(Erfahrung) der Leib als freibewegtes Sinnesorgan, als
freibewegtes Ganzes der Sinnesorgane mit dabei ist,
und daß somit aus diesem ursprünglichen Grunde alles Dinglich-
Reale der Umwelt des Ich seine Beziehung hat zum Leibe"5.

c) Das Problem der Leibeskonstitution


Reflektieren wir nun ausdrücklich auf die Doppelbestimmung
des Leibes, und zwar im Hinblick auf unseren Begriff des kin-
ästhetischen Systems, so zeigt sich eine Aporie; diese ist als das
eigentliche Problem der Leibeskonstitution anzusehen.
Der Leib ist res extensa nur, sofern er durch ein kinäs-
thetisches System konstituiert ist6 • Andererseits aber zeigt
1 Ms. D x3 I (l92l), s. 6
B Vgl. Ideen II, S. 57
3 Ideen III, S. l20 (Beilage I)
4 "Jedes berührende Tun, kinästhetische Tun, jede Hapsis eines Dinges ist
zugleich erfahren als Innenbewegung eines Gliedes, das das eine Ding tastend berührt
... " Ms. D xz 111 (l93l), S. 24-
5 Ideen II, S. 56
6 Wir haben im I. Abschnitt (§§ lI-lB) hinlänglich bewiesen, daß eine res extensa,
100 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

sich die Kinästhese als Bewegung eines leiblichen Organs.


Die Kinästhese setzt also im Falle des Leibes das bereits
voraus, was durch sie allererst konstituiert sein soll.
Und weiter: Jede Konstitution eines raum-zeitlichen Seienden
ist nur möglich auf Grund der Vorgegebenheit der Hyle.
Andererseits aber setzt die Vorgegebenheit der Hyle, sofern diese
wesentlich als Empfindung bestimmt ist, den empfindenden
Leib vorausl .
Mit der Auflösung dieser Aporie steht und fällt die ganze
transzendentale Theorie der Raumkonstitution, denn setzt
die Kinästhese den Leib voraus, so sind auch die schon durch-
geführten Untersuchungen über die Konstitution des visuellen
Raumes nur äußerst abstrakte 2 psychologische oder anthropolo-
gische Beschreibungen.
Dieses Problem ist auch eine Krise der Husserl-Interpretation
überhaupt 3 . Eine Beseitigung des Widerspruches besteht z.B. in
der Destruktion der transzendentalen Phänomenologie in
eine phänomenologische Anthropologie, die dann den Charakter
einer positiven Wissenschaft annimmt4 . Eine andere Weise, um
dieses Problem herumzukommen, besteht darin, das Gegebensein
der Hyle, ohne welche in Gestalt der Urimpression auch das
innere Zeitbewußtsein nichts sein würde, einfach zu konstatieren,

ein Seiendes also, das die Wesensbestimmung des Außereinander·im·Zugleich besitzt,


nur durch Kinästhesen konstituiert sein kann.
1 Auf die Frage, inwiefern Hyle nur als Empfindung möglich ist, werden wir im
dritten Teil noch einmal zurückkommen.
2 Abstrakt wären diese Beschreibungen deshalb, weil sie eben von der "konkreten"
Leiblichkeit abstrahieren.
3 Asemissen formuliert das Problem so: "Die ganze Schwierigkeit besteht gerade
darin, daß sich in Husserls Lehre der Leib wie alles Noematische erst als Korrelat
einer beseelenden Auffassung von Empfindungen konstituiert, während sich phäno-
menal, in der von Husserl unterlassenen phänomenologischen Analyse der Empfin-
dungen, gerade umgekehrt der Leib als konstitutive Bedingung der Empfindungen
erweist". Asemissen, Strukturanalytische Probleme ... a.a.O., S. 34, Anm. 52
4 Diese Konsequenz zieht z.B. Asemissen, wenn er zu Beginn seiner Arbeit die
transzendentale Fragestellung als "metaphysisch" ausschaltet und von dem so
verkürzten Standpunkt die Husserlsche Lehre von der Empfindung kritisiert. Die
Ausschaltung der transzendentalen Fragestellung bewirkt, daß der Leib zugleich mit
der raum-zeitlichen Welt als eine Vorgegebenheit hingenommen werden muß, hinter
die nicht weiter zurückgefragt werden kann. Allerdings muß gesagt werden, daß in
den Ideen I Husserls Lehre von der Empfindung unklar und widersprüchlich bleibt
und daß unsere Ergebnisse nur auf Grund von Material möglich werden, das Ase-
missen unzugänglich war. Asemissen, a.a.O.
Zu dem damit aufgeworfenen Problem des "Anthropologismus" vgl. auch Land-
grebe, "Husserls Abschied vom Cartesianismus" in: Philosophische Rundschau 9,
1961, S. 150 f.
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN rOI

ohne auf ihre Bestimmung als Empfindung und Empfindnis zu


reflektieren1.
Hier wird deutlich, daß das Problem der Raumkonstitution
und das unlösbar mit ihm verbundene Problem der Leibeskon-
stitution kein Spezialproblem innerhalb der Phänomenologie
Husserls ist, sondern sich an ihm Möglichkeit, Sinn und Trag-
weite der Phänomenologie als Transzendentalphilosophie
entscheiden muß.
Husserl hat übrigens die Schwierigkeiten, die mit dem Problem
der Kinästhesen und der Leiblichkeit zusammenhängen, selbst
gesehen, wie folgendes Zitat beweist: "Diese freien Akte ((Kin-
ästhesen)) sind nicht außerwesentliche, sie spielen eine durchaus
notwendige Rolle, nur mittels ihrer kann sich die Konstitution
von Dinggegenständen überhaupt vollziehen. Wir haben in un-
serem Fall des Leibes schon vorausgesetzt, daß dieser als Ding
dasteht; Ding ist er aber für uns in der Erfahrung nur durch
mögliches freies über ihn Hinwegtasten, Hinwegsehen u. dgl.,
das seinerseits doch als Leibbetätigung aufgefaßt ist, wobei die
Auffassung des Leibes als Dinges wiederum auf mögliche Leibes-
bewegungen zurückweist, so daß wir in Verlegenheit zu geraten
drohen" 2.
Die folgenden Überlegungen müssen zeigen, ob die phäno-
menologische Analyse, ob die transzendentale Phänomenologie
Mittel bereitstellt, sie selbst aus dieser "Verlegenheit" zu befreien.

§ 2I. Die visuelle Konstitution des Leibes


Der Leib ist als res extensa notwendig kinästhetisch konsti-
tuiert. Die nur für ihn zutreffende Lagebestimmung, das absolute

1 So z.B. Seebohm a.a.O. Die Unzulänglichkeit seines Hyle-Begriffes resultiert


daher, daß er, auf Grund seines leitenden Interesses, die Möglichkeit der Tran-
szendentalphilosophie durch die Zeitlichkeit der iterativen Reflexion zu erweisen, an
dem Begriff von Hyle festhält, wie er sich in H usserls V OI'lesungen zur Phänomenologie
des inneren Zeitbewußtseins darstellt. Von daher kann er das Vorhandensein der
Hyle nur postulieren. Er schreibt: "Das Bewußtsein ist aber nichts ohne Inhalt,
ohne Impression ... " (S. 120) Dieser Inhalt wird aber nicht näher bestimmt, sondern
erhält die formal-abstrakte Struktur des "Nicht-Ich" (S. xz6), welches außerdem
im Zeitbewußtsein mit dem Ich eine "unmittelbare Einheit" (ebenda) bilden soll.
Wie das Nicht-Ich mit dem Ich, durch dessen Negation es bestimmt ist, eine "un-
mittelbare Einheit" bilden kann, ist leider unverständlich. Die Entgegensetzung von
Ich und Nicht-Ich im Ich selbst, die hier von Seebohm vorgenommen wird, erinnert
an Fichte, bei dem dieses Prinzip aber in ganz anderer Weise zum Ausgangspunkt
einer Transzendentalphilosophie wird.
2 Ideen IU, S. XZI (Beilage I)
!02 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

"Hier" zu sein, ist eine wesentliche Auszeichnung dieser res


extensa.
Wir wollen zunächst untersuchen, wie weit die zweifellos statt-
habende visuelle Konstitution des Leibes geht, d.h. seine Kon-
stitution durch das Gesamtsystem der visuellen Kinästhesen.
In der visuellen Reduktion haben wir eine kinästhetisch
konstituierte Konfiguration von Phantomen in Veränderung und
Unveränderung, welche Konfiguration gegeben ist in einer auf
das "Zentrum" des visuellen Raumes bezogene Perspektivierung
von Nah und Fern. In diesem kinästhetisch erschlossenen Raum
ist ein eigenartig konstituiertes PhantQm vorfindlich, und zwar
notwendig, das ich "meinen Leib" nenne. Dieser visuelle Leib
steht in einem räumlichen Verhältnis zu den übrigen Phantomen.
"Der beständig mitkonstituierte Leib steht visuell in der Korre-
lation zu den konstituierten Außendingen und ihrem Raumfeld
der Beweglichkeit, in welchem sie verharrende Einheiten unter
Ortswechsel sind"!.
Kinästhetische Konstitution besagt Konstitution von Appa-
renzen durch AbschattungsmannigfaItigkeiten. Dies gilt in ge-
wissen Grenzen auch vom visuellen Leib. "Und der Leib selbst
soweit und sowie er erscheint, ist Einheit von Abschattungen
und Erscheinungsmannigfaltigkeiten"2. Aspektreihen sind in
Korrelation mit kinästhetischen Abläufen als Aktualisierungen
kinästhetischer Systeme. Nun können wir innerhalb des visuellen
Gesamtsystems, dessen Korrelat der visuelle Raum ist, zwei
Systeme wegen ihrer weitgehend unterschiedlichen Funktion un-
terscheiden: das okulomotorische System und das System des
"Gehens". Das System des "Gehens" (rein visuell reduziert)
motiviert einen Aspektwandel durch Annäherung und Entfernung
des im okulomotorischen System angenommenen Zentrums zu
gegebenen Phantomen. Die Hauptfunktion der Kinästhese des
"Gehens" besteht also in der Konstitution des Lagemomentes der
Phantome, während sich die Konstitution des Gestaltmomentes
vornehmlich in dem anderen System vollzieht. Es ist nun zu

1 Ms. D IO III (1932), S. 34; vgl. auch ebenda, S. 24: "Zu meinem Gesichtsfeld
gehört auch mein visueller Leib, einzigartig, daß er nicht konstituiert ist als Objekt,
das verharrendes ist in Bewegung und Ruhe in demselben Sinne wie jedes andere
visuelle Objekt".
2 Ms. D I3 XV (1920), S. 81
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN 103

prüfen, in -welcher Weise diese beiden Systeme bei der Konstitu-


tion des visuellen Leibes fungieren.
Die okulomotorische Konstitution des Leibes ist merkwürdig
begrenzt!; diese Begrenzung ist eine mehrfache. Zunächst gibt
es beim Leibe keine "von selbst" verlaufende Bewegung als
Annäherung und Entfernung, auch keine solche, die ich durch
eine passende Kinästhese redressieren kann, wie dies für alle
sonstigen Phantome möglich ist. Die für die Konstitution einer
geschlossenen Oberflächengestalt notwendige zyklische Kin-
ästhese 2 ist beim visuellen Leib unmöglich. (Ich kann meinen
Leib nicht von allen Seiten ansehen.) In der visuellen Konstitu-
tion hat der Leib "seine Glieder, die als sich bewegende oder
nicht bewegende erfahren werden, aber als ganzer Leib kann er
optisch nicht durch perspektivierende Konstitution (in Verbin-
dung mit der Konstitution durch das Relief) als bald ruhend,
als bald bewegt erfahren werden, durch diejenige Konstitution,
durch die wir Außendinge erfahren als ursprüngliche und eigent-
liche Realitäten in ihrer realen Welt"3.
Sehen wir nun zu, welche Funktion die Kinästhese des "Ge-
hens" für die visuelle Konstitution des Leibes hat. Durch das
"Gehen" kann ich eine Annäherung und Entfernung an alle
Außenobjekte bewirken; ich kann so zu allen Phantomen hin-
kommen und bei ihnen sein. Ganz anders fungiert diese Kin-
ästhese in Bezug auf den visuellen Leib. Ich kann mich durch
das "Gehen" nicht von dem Leibphantom entfernen4 , es behält
seine konstante Nähe zum Zentrum der visuellen Orientierung.
Der Leib "geht" bei allem "Gehen" "mit". Das scheint eine
unerträgliche Trivialität zu sein, doch ist zu beachten, daß die
ursprüngliche Kinästhese des "Gehens" noch nicht den Cha-
rakter der Bewegung meines Leibkörpers im Raume hat 5 . Daß

1 "Für den Leib habe ich partiell Dingkonstitution; aber die visuelle Konstitution
ist schon in tIer Unterstufe eingeschränkt, und die Ruhe, die wirklich konstituiert
ist, ist nicht Ruhe als Spezialfall der Bewegung, als welche auf Entfernungsänderung
des schon in niederster Stufe als Objekt Konstituierten beruht". Ms. D I2 III (z93 Z ),
S. Z2 f.
2 Eine zyklische Kinästhese ist dann gegeben, wenn eine durch kinästhetische
Freiheit motivierte Aspektreihe in sich, zum Ausgangspunkt, zurückläuft.
3 Ms. D I2 111 (Z93Z), S. Z3
4 Beim "Gehen" bleibt dieselbe systematische Erscheinungsweise für den Leib.
Die gehende Kinästhese kann nicht mehr perspektivierend entfernen, kann nicht
mehr fungieren als eine Bewegung perspektivisch konstituierend". Ebenda, S. 8
5 "Gehend apperzipiere ich mich «d.h. meinen Leib)) als bewegten Körper im
I04 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

die Kinästhese des "Gehens" mich nicht von meinem Leibe


entfernen kann, ergibt nicht nnr eine weitere Beschränkung der
visuellen Leibeskonstitution, sondern zeigt, daß zwischen Leib
und Außendingen schon innerhalb der visuellen Sphäre ein
wesentlicher Unterschied waltet. "Der ursprünglichen Konsti-
tution nach ist die visuelle Welt zwiespältig konstituiert, nämlich
gespalten in Leibliches, als das mehrheitlich, aber doch verbun-
den, und in Außerleibliches, Außenwelt. Und doch jedes wieder
auf der einen und anderen Seite ,körperlich', ,räumlich' oder
gleichwertig perspektiviert"l. Der visuell erscheinende Leib un-
terscheidet sich von allen anderen Phantomen dadurch, daß er
eine bestimmte konstante Lage zum Orientierungszentrum des
visuellen Raumes hatz. Das visuelle Leibphantom ist bei aller
sehenden Wahrnehmung mit dabei.
Der Abgrund aber, der zwischen Außenwelt und Leib besteht,
ist innerhalb der visuellen Konstitution nicht zu überbrücken.
"Rein optische Weltkonstitution als Idee gibt primordial keine
Konstitution meines Leibes als eines Naturkörpers - zu dessen
Wesen die Möglichkeit des Bewegtseins gehört"3.
Die Behandlung der visuellen Leibeskonstitution war in dem
Abschnitt über den visuellen Raum nicht möglich, da ich recht-
mäßig von "meinem Leib" nur reden kann unter Voraussetzun-
gen, die in diesem Abschnitt geklärt werden.
Im ersten Abschnitt dieses Teiles der Arbeit war ich selbst
gewissennaßen ein reines "Augensubjekt". Von diesem sagt
Husser1: "Ein bloß augenhaftes Subjekt könnte gar kei-

Raume; ursprünglich aber erfahren bin ich nur hinsichtlich des kinästhetischen ,ich
gehe'." Ms. D IO I (1932), S. II
Diese Apperzeption hat noch einige Voraussetzungen. Vgl. dazu § 23
1 Ms. D IO III (1932), S. 43; vgl. auch Ms. D 12 III (1931), S. 8: "Wäre also
optische Konstitution Dingkonstitution für sich, so wäre zwischen Ding und Leib-
körper ein Abgrund".
2 "Ausgezeichnet ist nun das als leiblich Konstituierte bzw. der einheitliche Leib
dadurch, daß alles ihm zugehörige unverlierbar zum kontinuierlichen und immer
wieder sich wandelnden Gegenwartsfeld gehört, das als wahrnehmbares konstituiert
ist. Meine Hand, mein Fuß und sonstige Leibesteile können zwar aus meinem aktuel-
len Wahrnehmungsfeld verschwinden, aber sie sind ständig im Bereich der Wahr-
nehmbarkeit; sie gehören, in welchen Veränderungsweisen immer, mit zu meiner
jeweiligen Körperwelt. Der Fortgang der Wahrnehmung und die Erfahrungsbildung
mag weitergehen, so daß ich schließlich alle Außenkörper unerreichbar verliere, aber
alle diese verschiedenen Welten sind darin mindestens einig, daß als identischer
Kern mein Leib verharrt, als Kern des wechselnden ,Um ihn herum'." Ms. D IO III
(z93 2 ), S. 43
3 Ms. D 12 III (Z931), S. 13
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN lOS

nen erscheinenden Leib haben; es hätte im Spiel kinästhe-


tischer Motivationen (die es nicht leiblich auffassen könnte) seine
Dingerscheinungen, es sähe reale Dinge. Man wird nicht sagen,
der nur Sehende sieht seinen Leib, denn es fehlte ihm die spe-
zifische Auszeichnung als Leib, und selbst die mit der Freiheit
der kinästhetischen Abläufe Hand in Hand gehende freie Be-
wegung dieses ,Leibes' machte ihn nicht zum Leib. Es wäre dann
nur so, wie wenn das Ich in eins mit dieser Freiheit im Kinäs-
thetischen das materielle Ding Leib unmittelbar frei bewegen
könnte"!. Genau genommen muß man also bezüglich der vi-
suellen Leibeskonstitution sagen, daß zwar im Zentrum meiner
visuellen Welt ständig ein Phantom konstituiert ist, von dem
ich mich durch die Kinästhese des "Gehens" nicht entfernen
kann, bei dem ich weiterhin eine feste Parallelität zwischen
kinästhetischer Aktivität und bestimmten sehr begrenzten Be-
, wegungsphänomenen eben dieses Phantomes feststellen kann,
daß aber dieses Phantom ein völlig Ichfremdes bleibt; es ist
nicht mein Leib. Erst auf dem Grunde der taktuellen Konstitu-
tion des Leibes gewinnt seine visuelle Konstitution ihre wesent-
liche Funktion.

§ 22. Das System der haptischen Kinästhesen als Grundlage der


eigentlichen Leibeskonstitution
Die Analogie der Konstitution von visuellen und taktuellen
Phantomen weist zurück auf eine analoge Funktionsweise der
lntsprechenden kinästhetischen Systeme. Wir müssen nun Tast-
feld und Tastkinästhese in die Einheit eines kinästhetischen
Systems zusammennehmen2 , um zu zeigen, wie eine bisher nicht
'erwähnte Eigenart des taktuellen Systems geeignet ist, das
Problem der Leibeskonstitution zu lösen.
Kennzeichnen wir noch einmal in streng transzendentaler
Einstellung das Wesen eines kinästhetischen Systems. Es ist ein
ideelles Ortssystem als ein System der Vermöglichkeit, und ein
solcher "Ort" ist verwirklicht in der kinästhetischen Situation,
in der das Was des Ortes optimal gegeben ist. Das Bewußtsein,
eine bestimmte kinästhetische Situation realisiert zu haben,
Ideen II, S. ISO
1
"Das kinästhetische System ist in eins mit dem Tastfeld, das sich gliedert, so
2
daß zu den Partien besondere Kinästhesen, einfache und komplexe, gehören". Ms.
D I2 III (1931), S. 15
Io6 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

nannten wir "Stellungsdatum" ; in ihm ist als das Was des Ortes
das entsprechende Aspektdatum gegeben. Der Gesamtheit der
Orte des ideellen Ortssystems entspricht als "Außenseite" das
Feld als die Sphäre der Koexistenz möglicher Aspektdaten. Das
Feld hat so selber den Charakter der Potentialität.
Wir hatten den Tastsinn als Nahsinn gekennzeichnet, was
bedeutet, daß das Getastete entweder optimal gegeben! oder
aber taktuell überhaupt abwesend ist. Dies kann auch so ausge-
drückt werden, daß im kinästhetischen System der Taktualität
eine andere Weise der Realisierung und Aktualisierung des
potentiellen Außereinander-im-Zugleich vorliegt als im visuellen
System. So ist es nicht möglich, das taktuelle Feld durch die
Erweiterung des kinästhetischen Systems zum taktuellen Raum
auszuweiten. Gewinnt das Feld, welches Korrelat des taktuellen
Gesamtsystems ist, gegenständlichen Charakter, so ergibt das
nicht den Raum, sondern die Oberfläche des Leibkörpers.
Im taktuellen System ist ein Stellungsdatum nur bewußt,
wenn in ihm ein Aspektdatum gegeben ist. Dadurch ergibt sich
eine enge Verschwisterung von Aspektdatum und Stellungsda-
tum. So konstituiert sich ein Tastphantom dadurch, daß ich mit
dem in kinästhetischer Funktion stehenden Teilfeld unmittelbar
bei der getasteten Oberflächengestalt bin, daß ich das getastete
Ding, wie wir sagen, "berühre". Durch diese enge Verschwiste-
rung von Aspektdatum und Stellungsdatum ergibt sich für das
taktuelle System, daß innerhalb seiner kinästhetische Situationen
möglich sind, in denen sich das ideelle Ortssystem durch
sich selbst realisiert. Dies liegt in der sogenannten "Dop-
pelempfindung" vor. Diese besagt "die Eigentümlichkeit des
Tastempfindungsfeldes, daß diskrete Teile desselben sich mit-
einander ,beruhren' , ,decken' können, und das in kinästhetischen
Situationen, also frei herstellbar"2. Ein weiteres Zitat mag das
verdeutlichen: "Das sagt, das Tastfeld hat (ungleich dem vi-
suellen Feld) die Grundeigentümlichkeit, daß zwar alle seine
Daten im Außereinander sind, daß aber zwei Daten und ihre
Stellen im Außereinander sich trotzdem decken können, daß sie
1 Von der möglichen unterschiedlichen "Druckstärke" beim Tasten und ihrer
Funktion wollen wir hier absehen.
2 Ms. D I2 III (I93I), S. 16
Eine solche Doppelempfindung liegt - somatologisch ausgedrückt - dann vor,
wenn sich etwa die beiden Hände gegenseitig betasten.
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN I07

zwar dabei in gewisser Weise verschmelzen, aber doch sich nicht


wirklich mischen. Die Lokalitäten bleiben getrennt und um im
Außereinander als stetig durchlaufbarem von einem zum andern
stetig zu kommen, muß man eben die im Lokalfeld vorgezeichne-
ten Wege einschlagen, um so von einem Datum hier zu einem
anderen dort zu kommen. Die lokal verschiedenen Daten ,be-
rühren' sich, ,decken' sich, ohne sich doch zu verdecken. Das
ist ein phänomenologisch ganz einzigartiges Vorkommnis, keines-
wegs zu vermengen mit dem Sichverdecken von visuellen Schat-
ten, die als Schatten schon nicht mehr Empfindungsdaten sind"l.
Was liegt nun, streng phänomenologisch betrachtet, in der
genannten Doppelempfindung vor? Zunächst natürlich die Ak-
tualisierung eines Stellungsdatums durch das Gegebensein eines
Aspektdatums. Dieses Aspektdatum ist aber zugleich nichts
anderes als das Stellungsdatum eines anderen in kinästhetischer
Funktion stehenden Teilfeldes. Umgekehrt ist das zuerst ge-
nannte Stellungsdatum zugleich Aspektdatum zur Realisierung
des anderen Stellungsdatums. Das bedeutet aber, daß ein und
dasselbe Datum zugleich als Stellungsdatum und als
Aspektdatum fungiert. Als Stellungsdatum ist es dem kin-
ästhetischen System angehörig, ihm angehörig als "Ort" im
ideellen Ortssystem ; als solches hat es keinerlei "gegenständli-
'Ehe" Bedeutung, ist nur die Bedingung der Möglichkeit des
j:i:egebenseins von Aspektdaten. Als Aspektdatum ist es gegen-
über dem kinästhetischen System ein Fremdes, ein Zufälliges,
und nur im Sinne der kinästhetischen Motivation von einer
kinästhetischen Situation abhängig. Daraus folgt, daß das kin-
ästhetische System sich selbst gegenständlich gegeben
ist, sich selbst gegeben ist in der Weise einer Selbstapper-
zeption, einer "Reflexivität"2. Diese Reflexivität begründet
eine eigentümliche Einheit und Unterschiedenheit: Das kin-
ästhetische System ist einmal ein System der Vermöglichkeit im
Sinne des "Ich kann" und als solches unmittelbar bewußt3 ; zum
anderen ist es bewußt als durch sich selbst vermittelt, indem es

1 Ms. D I2 III (I93I), S. I7


2 Zum Problem der Reflexivität des Leibbewußtseins vgl. auch Linschoten, Auf
dem Weg zu einer phänomenologischen Psychologie. Berlin 196I, S. 235 H. Wir ver-
suchen mit Husserl die transzendentale Aufklärung der dort anvisierten Phänomene.
S "Denn das kinästhetische System in jedem Stande momentan aktueller kin-
ästhetischer Situation ist originaliter bewußt". Ms. D IZ 111 (I93I), S. 30
I08 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

sich zugleich gegenständlichen Charakter gibt. Es ist zugleich


konstituierend und konstituiert. Oder anders gewendet: Ein
bestimmter Bereich von Stellungsdaten 'in Gestalt eines
Außereinander-im-Zugleich kann für einen anderen Bereich
desselben Außereinander als Mannigfaltigkeit koexistie-
render Aspektdaten fungieren. Das bedeutet aber, daß die
Sphäre der Stellungsdaten, als Moment des in, kon~titutiver
Funktion stehenden kinästhetischen Systems, sich selbst zugleich
als Phantom gegeben ist.
Diese Betrachtungsweise ist streng transzendental (ohne trans-
zendente Apperzeptionen), denn in ihr ist nur vorausgesetzt das
Bewußtsein einer Vermöglichkeit, eines Systems von Vermög-
lichkeiten, innerhalb dessen ich bestimmte Möglichkeiten aktua-
lisieren kann, ein Bereich der Verfügbarkeit. Mit dem Bewußt-
sein, eine dieser Möglichkeiten realisiert zu-haben, kann sich das
Gegebensein eines hyletischen Datums verbinden, das von mir
nur in der Weise der kinästhetischen Motivation abhängig ist,
darüber hinaus aber sich meiner Verfügbarkeit entzieht. So kann
das Aspektdatum bei konstanter kinästhetischer Situation kom-
men und gehen, es kann schließlich auch durch eine Änderung der
kinästhetischen Situation nicht mehr einholbar sein. Nun kann
aber in einer kinästhetischen Situation innerhalb des Systems
der Taktualität ein Datum gegeben sein, das nicht nur als
Aspektdatum zum Bewußtsein kommt (oder Inhalt des Bewußt·
seins wird), sondern zugleich bewußt ist als Aktualisierung einer
anderen, ebenfalls in den Bereich meiner Verfügbarkeit fallenden
Situation. Ich kann dann die kinästhetische Situation, in der das
Da tum gegeben ist, unverändert lassen, und trotzdem liegt es
im Bereich meiner Vermöglichkeit, dieses Datum verschwinden
zu lassen. Das bedeutet: In einer bestimmten, völlig unverän-
derten kinästhetischen Situation unterliegt' da~ Vorhandensein
gewisser Aspektdaten meiner Verfügbarkeit. Die meiner Ver-
fügbarkeit unterliegenden Aspektdaten konstituieren
ein Phantom, das folglich auch meiner Verfügbarkeit
unterliegt. Dieses Phantom ist mein Leib.
In der gerade genannten Hinsicht ist der Leib ein Konsti-
tuiertes. Da. aber alle zu seiner Konstitution beitragenden As-
pektdaten nichts sind als meiner Verfügbarkeit unterliegende
Aktualisierungen eines als solches bewußten kinästhetischen
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN 109

Systems, ist der Leib selber konstituierend. Die Einheit dieser


Bewußtseinsphänomene ist das Bewußtsein von meinem
Leibe.
Betrachten wir das System noch einmal in seiner konstitutiven
Funktion1 . Die Tastkinästhese konstituiert im Fungieren die
Tastphantome. Diese können alle aus dem Verfügungsbereich
der Tastkinästhesen verschwinden, mit einer Ausnahme: Ein
Phantom ist ständig im Verfügungsbereich meines Tastens, und
zwar ein solches, das sich durch die genannte Doppelempfindung
konstituiert, konstituiert durch die Selbstapperzeption des tak-
tueHen Systems: mein Leib. Hier sei die Fortsetzung des längeren
Zitates von oben gegeben: "Die haptischen Daten ((Stellungs-
daten, die aber nur aktualisiert sind, wenn ihnen ein Aspektda-
tum entspricht)); die berührungslos außereinander sind, kommen
zur Berührung durch die kinästhetischen Prozesse, in
denen der Leib sich ursprünglich haptisch konsti-
tuiert als sich von Glied zu Glied betastend, sich tastend be-
rührend"2.
Durch diese Überlegungen ist bereits das Problem der Kon-
stitution des Leibes als einer Doppelrealität prinzipiell gelöst:
"N un ist aber jedes Organ einerseits durch Betasten taktuell
konstituiert .. " andererseits aber selbst konstituiert als wirklich
oder möglicherweise tastendes, so daß wir immer und notwendig
in ursprünglicher Tasterfahrung, die den Leib als Körper
und als Leib ergibt, ein funktionelles Beieinander von tasten-
dem und getastetem Organ finden, mit der jeweils vermöglichen
Umkehrung, daß das getastete zum tastenden werden kann"3.
Erinnern wir uns noch einmal an die Aporie, als welche wir
das Problem der Leibeskonstitution herausgearbeitet haben4 •
Dort hatten wir gesagt, daß die Kinästhese im Falle des Leibes
das bereits voraussetzt, was durch sie allererst konstituiert sein
soll. Indem sich nun in streng transzendentaler Einstellung ge-
zeigt hat, daß Leibbewußtsein und kinästhetisches Be-
wußtsein "dasselbe" sind, im Falle des Leibbewußtseins durch
sich selbst vermittelt, im Falle des Systems der kinästhetischen

1 VgI. dazu § X9
2 Ms. D u III (X93X), S. x7 (Sperr. v. Vf.)
3 Ms. D I::J III (X93X), S. 19 (Sperr. v. Vf.)
4 Vgl. § 20
IIO DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

Vermöglichkeiten aber unmittelbar!, unmittelbar in Bezug auf


das Zentrum aller intentionalen Aktivität, ist die Aporie
grundsätzlich gelöst. Dem Ich der Intentionalität gehört das
System der Vermöglichkeiten unmittelbar zu. Das Ich hat in
dieser Betrachtung zunächst keine andere Bestimmung, als das
Ich des im Begriff der Vermöglichkeit ausgedrückten "Ich kann"
zu sein. Dieses Ich unterscheidet sich von sich selbst, indem
dieser Bereich der Vermöglichkeiten für es zu einem Gegenstand
wird. Der objektivierte Gesamtbereich jener Vermöglichkeiten
ist der Leib, den das Ich "hat". Dadurch hat der Leib im Sinne
des Begriffes der "Doppelrealität" zugleich ichlichen und ich-
fremden Charakter.
Nennen wir den ichlichen, konstituierenden Charakter des
Leibes seine Unmittelbarkeit, den ichfremden, konstituierten
Charakter des Leibes aber seine Vermitteltheit oder Vermittlung,
so ist der Leib die Einheit von Unmittelbarkeit und Vermittlung,
die sich mit sich selbst vermittelnde Unmittelbarkeit. Als in eins
unmittelbar und vermittelt kann der Leib so die Vermittlerrolle
zwischen Ich und Welt übemehmen 2 •

§ 23- Die Konstitution des Leibes durch das kinästhetische Ge-


samtsystem. Organisierung und Perspektivierung
Nachdem wir in der Reflexivität des taktuellen kinästhetischen
Systems das Prinzip der Leibeskonstitution angegeben haben,
soll nun die in sich gedoppelte Konstitution des Leibes noch
näher ausgeführt werden, wobei zugleich der Zusammenhang
der früher explizierten kinästhetischen Systeme mit dem Leib-
bewußtsein deutlich wird.
Die beiden Wege, auf denen sich der Leib in seiner konkret
einigen Doppelrealität konstituiert, nennt Husserl "Perspekti-
vierung" und "Organisierung"3. Perspektivierung ist die Kon-
stitution des Leibes als einer res extensa, als eines raum-körper-

1 Als Hinweis auf die Priorität des kinästhetischen Systems mag folgendes Zitat
dienen: "Das Kinästhetische liegt freilich vor der leiblichen Apperzeption ... " Ms.
D I3 I (1921), S. 6 .
2 Diese eigenartigen Strukturen des Leibbewußtseins werden UIls im dritten Teil
dieser Arbeit noch ausführlich beschäftigen.
3 "Mit der Perspektivierung verbindet sich beim Leibe die ,Organisierung·. die
vermögliche Beweglichkeit des Leibes bzw. seiner Leibesglieder, ,Organe· ... Ms. D
IO III (1932). S. 37
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN IIr

lichen und somit ichfremden Seienden!. Organisierung nennt er


die Konstitution des Leibes als eines ichlichen, freibeweglichen
vVahrnehmungsorganes. Indem wir versuchen, diesen beiden
Wegen nachzugehen, werden sich auch die im Begriff der "Dop-
pelrealität" implizierten Strukturen weiter erhellen und kon-
stitutiv aufklären lassen 2 •
Einen Teil der perspektivierenden Konstitution des Leibes,
nämlich sofern dieser innerhalb der visuellen Sphäre möglich ist,
haben wir schon dargestellt 3 • Auch die Perspektivierung in der
taktuellen Sphäre wurde bereits angedeutet. Die Konstitution
des Leibes als eines taktuellen Phantoms ist nur durch die
"Doppelempfindung" möglich, welche besagt, daß Organe und
Leibesteile sich gegenseitig betasten können4 . Husserl sagt: "In
dieser haptischen Konstitution konstituiert sich durch sukzessive
Synthesis eine sondereinheitliche Gesamtkinästhese, die aus dem
Totalsystem der kinästhetischen Vermöglichkeiten zur Verwirk-
lichung kommt: das Oberflächenrelief, sich aufbauend aus den
Teilstücken der Oberflächengestalt (das Relief) des Leibes"5.
Mit der Konstitution des Leibes als eines taktuellen Phantoms
verbindet sich wegen der Selbstbezüglichkeit des taktuellen
Systems sofort die "Organisierung". Diese muß in zweifacher
Hinsicht betrachtet werden 6 • Einmal bedeutet sie die Lokalisa-
tion des Tastempfindungsfeldes auf der Oberfläche des Leib-
phantoms; zum anderen bedeutet sie, daß die Kinästhesen den
Charakter von Organbewegungen gewinnen, wobei diese Be-
wegungen wieder in doppelter Weise erfahren werden, nämlich
in räumlicher Hinsicht und als ichlicher Vollzug7 •
Die konstitutive Aufklärung der Tatsache, daß das Tastem-
pfindun:gsfeld auf der Oberfläche des Leibphantoms lokalisiert

1 "Der Leib ist so konstituiert, daß seine Glieder als Raumkörper erfahren sind,
sich darstellend wie Außendinge in Wahrnehmungserscheinungen". Ms. D IZ 111
(193 1 ), S. 14
2 V gl. die Ausführungen des § 20
3 Vgl. § 21
4 "Die Konstitution des Leibes als res extensa ist nur möglich durch seine Glie-
derung in Organe und durch Berührung eines Organes, eines Leibesteiles durch ein
anderes Organ". Ms. D IZ 111 (I93I), S. 26
5 Ebenda, S. 25
6 Vgl. § 20
• 7 " ••• in diesem Fungieren bewegt er «der empfindende Leib» sich - doppelseitig
1m räumlichen Bewegen und auch kinästhetisch ichlich; und dieses ,innerliche Ich-
bewege' hat in sich nichts von Bewegung im Raumsinne". Ms. D IO I (1932), S. 5
II2 DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

erscheint, ist nach dem in § 22 Gesagten nicht mehr schwer


Dieselben hyletischen Daten (in der Einheit des Feldes), die, ah
darstellende Aspektdaten aufgefaßt, das taktuelle Leibphantom
konstituieren, sind als Stellungsdaten die Bedingung der Mög-
lichkeit des Gegebenseins von Aspektdaten für die Konstitution
von Außendingen. Also ist, wegen der "Einheit" von Stellungs_
datum und Aspektdatum im taktuellen Gebiet das Empfindung
genannte Gegebensein von Aspektdaten an die Sphäre ge bun-
den, welche sich zugleich als Oberfläche des Leibphantoms
konstituiert 1 . Damit ist auch die Zweideutigkeit des Empfin-
dungsbegriffes aufgeklärt, von der oben2 die Rede war. Jedes
Empfinden im taktuellen Bereich, das ein Phantom zur Gegeben-
heit bringt, bringt zugleich auch den empfindenden Leib mit zur
Gegebenheit, weil die Stellungsdaten, durch die das Phantom
gegeben ist, als Aspektdaten dem Leibe zugehören. Somit ist im
taktuellen Bereich jedes Empfinden ein "Sich-selbst-empfinden' '3,
wodurch Empfindungen dann den Charakter von Empfindnissen
annehmen. Damit ergibt sich eine gleichursprüngliche Gegeben-
heit von Leib und Außenwelt: "Im Rückgang auf die ursprüng-
liche Konstitution von Außendingen und Leib als Ding und als
Organ erkennt man, daß nicht etwa Dinge ohne Leib erfahrbar
sind, sondern daß notwendig und in eins und korrelativ körper-
liche Dinge und Leib als Doppelschicht und in der einen Schicht
als Körper zusammen konstituiert sein müssen"4.
Wodurch aber erhält der Leib, ein Phantom, auf dessen Ober-
fläche das Tastempfindungsfeld lokalisiert ist, den Charakter
eines frei beweglichen Sinnesorgans? Zunächst erfahren ist nur
das "Ich-bewege", wobei Bewegung nichts anderes besagt, als
daß zugleich vorhandene Möglichkeiten im Nacheinander reali-
siert werden. Wegen der schon mehrfach erwähnten Eigenart des
taktuellen Systems, hat die taktuelle Kinästhese den Charakter
der Bewegung eines Teilfeldes. Da dieses Teilfeld aber zugleich
ein Stück der Oberfläche des Leibphantoms ist, erscheint die
Kinästhese zugleich als Vorkommnis in der Phantomsphäre ; sie

1 " . . . das Ästhesiologische ist ja nur leiblich dadurch, daß es auf der Oberfläche
lokalisiert konstituiert ist ... " Ms. D IZ III (I93I), S. 33
2 VgI. § 20
3 Vgl. L. Landgrebe, "Prinzipien einer Lehre vom Empfinden", in: Zeitschrift tal'
philosoPhische Forschung VIII, I954, S. 20I
4 Ms. D IZ III (I93I), S. 22 f.
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIN II3

wird zur Bewegung im raumkörperlichen Sinne!. Als Organbe-


wegung trägt die Kinästhese nun wieder zur perspektivierenden
Konstitution des Leibphantoms bei. Das kann im Rückgriff auf
die visuelle Leibeskonstitution geklärt werden. So erscheint die
kinästhetisch innerlich erfahrene Bewegung der Hand als ein
perspektivierendes Vorkommnis in der visuellen Sphäre, wobei
sich die Hand als visuelles Phantom konstituiert 2 • Die Bewegung
der Hand ist, rein visuell betrachtet, ein von mir unabhängiges
Ereignis; ich kann die gesehene Bewegung durch eine ent-
sprechende Kinästhese redressieren. Zugleich aber ist die Be-
wegung der Hand als kontinuierliche Veränderung innerhalb des
taktuellen Systems bewußt. Indem zum Sehen der Hand das'
Bewußtsein gehört, daß ihre Bewegung meiner Verfügbarkeit
unterliegt, gehört die gesehene Hand zu meinem Leibe, was
natürlich die haptische Konstitution der Hand bereits voraus-
setzt. Auf diese Weise kommen visuell und taktuell konstituierter
Leib zur Einheit.
Hier kann auch noch geklärt werden, in welcher Weise das
visuelle kinästhetische System Anknüpfung an den Leib erfährt.
Es ist so, daß innerhalb des Gesamtfunktionsbereiches der vi-
suellen Kinästhesen viele Aktivitäten die Bedeutung von Be-
wegungen von Leibesgliedern erhalten, so die Bewegung des
Kopfes, des Oberkörpers und, wie bereits erwähnt, das Gehen.
Auch das für die Funktionsmöglichkeit der okulomotorischen
Kinästhese so wichtige Öffnen und Schließen der Lider hat den
Sinn leiblicher Organbewegung. Schließlich erscheint auch das
Auge selbst als ein haptisch konstituiertes Organ, und die
Augenbewegung wird zu einem leiblichen Vorkommnis 3 . Das

1 Vgl. Krisis, S. 164: "Die Kinästhesen sind unterschieden von den sich körperlich
darstellenden Leibbewegungen und sind doch eigentümlich mit ihnen eins, gehören
dem eigenen Leib in dieser Doppelseitigkeit (innerer Kinästhesen - äußerer körper-
lich-realer Bewegungen) zu".
2 "Jedes Organ ist als Körper in körperlicher Bewegung durch die es perspekti-
vierenden Kinästhesen; aber als Organ wird es von mir praktisch bewegt, und das
durch eine dabei nicht perspektivierende Kinästhese, «nehmen wir die Hand als
Beispiel» so sind für die doppelte Beweglichkeit der Hand funktionell geschieden
die perspektivierende «Kinästhese», deren Hauptkern jedenfalls (in unserer Be-
schränkung auf das Visuelle) die okulomotorische Kinästhese ist, und die der Hand_
als Organ eigentümliche, die selbst vielfältig gegliedert ist. Die beiden Funktionen
spielen im allgemeinen zusammen". Ms. D IO III (1932), S. 37
3 "Eine Bedingung des Sehens von Objekten im visuellen Raum besteht darin,
daß im Tastraume das haptische Objekt ,mein Leib' eine gewisse adaptive Konstella-
tion hat. Um ein visuelles Objekt zu sehen, muß ich die Augen offen haben, mit
DIE ENTFALTUNG DER THEORIE

besagt aber keineswegs, daß das visuelle System in das taktuelle


System aufgelöst werden könnte; alle Bewegung taktuell kon-
stituierter Organe hat gegenüber dem eigentlichen Sehen nur
Hilfsfunktion.
Zusammenfassend kann also gesagt werden: Die Organisierung,
die Konstitution des Leibes als Wahmehmungsorgan, besteht
letztlich darin, daß alle kinästhetischen Systeme in die Einheit
eines Leibbewußtseins zusammengenommen werden, wobei
ihre Korrelate, zu oberst der visuelle und taktuelle Raum, nun
gegenständlich aufgefaßt, zur Einheit eines identischen Raumes
kommen, in dem der Leib selbst als res extensa vorfindlich ist!.
Es sei noch kurz dargestellt, wie visueller und taktueller Raum
zur Deckung kommen. Indem gesehener und getasteter Leib zur
Identität kommen, überträgt sich diese Identität auch auf alle
gesehenen und getasteten Dinge. Es ist dieselbe res extensa, die
einmal in einer visuellen und dann in einer taktuellen Apparenz
erscheint, erscheint in einer bestimmten Orientierung zum einen
und selben Leib. Der Vorgang des Tastens erscheint mit der
tastenden Hand und dem getasteten Phantom zugleich als Vor-
gang in der visuellen Sphäre 2 •
Damit sind die wesentlichen Bestimmungen der Doppelrealität
"Leib", die wir zum Leitfaden unserer Untersuchung gemacht
haben, aufgeklärt, wenn sich auch die Konstitution des Leibes
erst in der intersubjektiven Erfahrung vollendet, welche wir aber
hier nicht behandeln können.
Wir haben gezeigt, daß der Leib sowohl als "Körper", als res

meinem haptischen Gesamtleibe eine gewisse Stellung im haptischen Raume haben,


den Kopf so und so halten usw.". Ms. D I3 I (1921), S. 49
1 "Ursprünglich gehört zu jedem System konstituierender Erscheinungen der
einen und anderen ,Welt' ((der visuellen und taktuellen» ein motivierendes System
von kinästhetischen Abläufen, die über diese Motivation hinaus keine Bedeutung
haben. Alle kinästhetischen Empfindungen und Abläufe gewinnen aber hinterher die
Bedeutung von haptischen Bewegungen des haptisch konstituierten Leibes. Jedes
besondere kinästhetische System ist assoziativ mit einem Teile des Leibes (als
kinästhetischem Organ im phänomenologischen Sinne), als haptischen Leibes einig:
jede kinästhetische Empfindung als kinästhetische ,Lage' im System erhält die
Bedeutung eines im haptischen Orientierungsraume so und so gelegenen Leibes-
gliedes". Ebenda, S. 51 f.
2 Jedem "Ausschnitt des Gesichtsraumes entspricht ein paralleler Ausschnitt des
Tastraumes dadurch, daß jede manuelle Betastung eines haptisch konstituierten
Gegenstandes ,assoziativ' mit sich führt ein wandelbares visuelles ,Hand'-Objekt im
Gesichtsraum ... dessen visuelle Raumgestalt ((die des gesehenen Objektes)) ... genau
übereinstimmt mit der Gestalt des haptisch betastbaren Gegenstandes im Tastraum".
Ebenda, S. 49 f.
TAKTUELLER RAUM UND LEIBBEWUßTSEIlS IIS

extensa, als auch als "Leib", als ichliches Wahrnehmun.;gsorgan,


kinästhetisch konstituiert ist1. Bei dieser doppelseitigen. Leibes-
konstitution wirken das visuelle und das taktuelle Sys~m in je
unterschiedlicher Weise mit, wobei dem letzteren ein Konstitu-
tiver Vorrang zukommt. "So ist der Leib überha -npt, im
ganzen genommen, durch doppelte kinästh:-etische
Funktionen, oder in doppelter Weise durch das Total-
system der Kinästhesen konstituiert"2.

1 "Wenn der Leib demnach doppelseitig ist, eine pure ,körperliche Se~e' und eine
,ichliche Seite' hat, so versteht sich nun, daß diese Zweiseitigkeit selbst zwei Stufen
ichlicher Leistungen bezeichnet in der angegebenen Fundierung". Ms... D IO 111
(1932), S.43
2 Ms. D I2 111 (1931), S. 14 (Sperr. v. Vf.)
Ill. TEIL

KINÄSTHETISCHES BEWUSSTSEIN
UND TRANSZENDENTALE SUBJEKTIVITÄT
Überschauen wir noch einmal kurz den Gang unserer Analysen.
Indem wir bei der Korrelation von Ding und DingbewuBtsein
ansetzten, gingen wir von dem "für uns Früheren" aus, um in
einer stufenweisen Thematisierung von Horizontimplikationen
zu dem "an sich Früheren", der Korrelation von Raum und
kinästhetischem Gesamtsystern vorzudringen. Auf diesem Wege
ist neben dem Raum auch der Leib in seiner eigenartigen Struk-
tur in den Blick gekommen, welcher ebenfalls auf entsprechende
kinästhetische Systeme zurückgeführt werden konnte.
Der bisherige Gedankengang stellt in der Hauptsache eine
Interpretation Husserlscher Ausführungen dar. Im ersten Teil
haben wir versucht, den veröffentlichten Schriften Husserls ein
Programm zu entnehmen und dieses im Hinblick darauf zu
interpretieren, wie es als Leitfaden für die Erschließung der in
den Manuskripten vorliegenden Einzelanalysen fungieren konnte.
Der zweite Teil der Arbeit bemühte sich dann um eben diese
Erschließung der Manuskripte.
In diesem dritten Teil wollen wir versuchen, die Ergebnisse
des zweiten Teiles noch einmal systematisch zu entfalten. Wenn
auch die Husserlschen Analysen in die Richtung deuten, die nun
eingeschlagen werden soll, so können sich die Überlegungen doch
nicht in gleichem Umfang wie bisher auf Aussagen Husserls selbst
stützen; wir werden also über das von Husserl explizit Vorgelegte
hinausgehen müssen.

§ 24. Der Begriff des kinästhetischen Bewußtseins


Wir nennen das einheitliche Bewußtsein, das alle kinästhe-
tischen Sondersysteme und ihre Korrelate umfaßt, "kinästhe-
tisches Bewußtsein". Die systematische Explikation seines
Inhaltes, den dieser Begriff in den voraufgegangenen Analysen
I20 KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

gewonnen hat, ist die Hauptaufgabe des dritten Teiles unserer


Arbeit. In solchem Versuch, die Husserlschen Analysen zu
Ende zu führen, wird sich zeigen, daß diese sich gegen seinen
theoretischen Ansatz, gegen sein "Programm"l kehren,
was besonders den Begriff der transzendentalen Subjektivität
betrifft.
Das kinästhetische Bewußtsein enthält nach dem bisher Ge-
sagten folgende Momente:
r) Jede res extensa, als Phantom möglicher Gegenstand des
kinästhetischen Bewußtseins, ist notwendig res temporalis 2. Wir
haben die Zeitmodi Gleichzeitigkeit und Dauer in ihrer konsti-
tutiven Funktion für jedes Seiende der Wesensart "Gestalt in
einer Lage" aufgewiesen 3 . Außerdem ist die Kinästhese als
Bewegung ein zeitliches Geschehen, das den Gesetzlichkeiten von
Retention und Protention unterliegt. Also ist das kinästhe-
tische Bewußtsein notwendig Zeitbewußtsein.
2) Das kinästhetische Bewußtsein ist das Bewußtsein eines
vereinheitlichten Gesamtsystems von Vermöglichkeiten. Diese
Möglichkeiten als gleichzeitig vorhandene können vom Ich aus
beliebig oft wiederholbar realisiert werden. Da unterschiedene
Möglichkeiten nicht zugleich, sondern nur im Nacheinander
realisiert werden können, sind alle möglichen Korrelate kinästhe-
tischer Situationen in der Einheit eines Außereinander. Die
ständige Wiederholbarkeit kinästhetischer Situationen, die zur
Erzielung desselben führen, bewirkt, daß dieses Außereinander
ein Außereinander-im-Zugleich ist. Ein Phantom ist gegeben,
sofern bestimmte Vermöglichkeiten realisiert sind. Werden alle
Vermöglichkeiten als in gleicher Weise realisierbar vorgestellt, so
ist das Phantom notwendig in der dadurch konstituierten
Sphäre des Außereinander-im-Zugleich vorfindlich. Das Bewußt-
sein dieses Außereinander-im-Zugleich als einer Potentialität von
Phantomen ist aber das Bewußtsein vom Raume. Also ist das
kinästhetische Bewußtsein notwendig Raumbewußt-
sein.
Raumbewußtsein besagt nach all dem nicht das Bewußtsein
einer leeren "Anschauungsform", sondern das Bewußtsein, daß

1 Vgl. dazu Landgrebe, Philosophie der Gegenwart, S. 29


2 Vgl. § 8
3 Vgl. § 7 und § 16
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN 121

für jede res extensa prinzipiell eine kinästhetische Situation


angebbar ist, in der diese optimal gegeben wäre.
3) Das kinästhetische Bewußtsein ist das Bewußtsein eines
Gesamtsystems von Vermöglichkeiten. Diesem entspricht, als
einem System möglicher kinästhetischer Wege, als Korrelat der
Horizont, in dem die Korrelate aller aktuellen Situationen im
vorhinein einbehalten sind. Also ist das kinästhetische
Bewußtsein notwendig Horizontbewußtsein.
4) Als Bewußtsein eines raum-zeitlichen Horizontes
ist das kinästhetische Bewußtsein dann notwendig
Weltbewußtsein1 . Aus diesem Grunde ist jeder mögliche
Gegenstand des kinästhetischen Bewußtseins ein weltlich Seien-
des, ein Seiendes in der Welt 2 • Die Raum-Zeitlichkeit dieser Welt
ist nicht die logisch-mathematische Raum-Zeitlichkeit, sondern
die lebensweltliche, allerdings in ihrer primordialen Gestalt 3 .
5) Das kinästhetische Bewußtsein oder - wie wir hier besser
sagen - das Ich der kinästhetischen Vermöglichkeiten kann selbst
nur so in räumlicher Beziehung zu seinen Gegenständen stehen,
indem das, was seine Bestimmtheit ausmacht (das kinästhetische
Gesamtsystem) , für es zugleich gegenständlichen Charakter ge-
winnt, d.h. selber ein raum-zeitlich Seiendes wird. Dieses raum-
zeitlich Seiende ist der Leib, der sich primär durch die "Reflexi-
vität" des taktuellen Systems konstituiert4 . Sofern der Leib
kinästhetisch konstituiert ist, ist er ein Ichfremdes und steht im
Horizont der Raum-Zeitlichkeit, ist selber in der Welt. Sofern
der Leib aber der Verfügbarkeit des Ich unterliegt, so nämlich,
daß alle kinästhetischen Systeme Organbewegungssysteme sind5 ,
ist er ein Ichliches und der "Außen"-Welt entgegengesetzt.

1 Vgl. Erste Philosophie II, S. 149: "Der Bewußtseinshorizont umspannt mit


seinen intentionalen Implikationen, seinen Bestimmtheiten und Unbestimmtheiten,
seinen Bekanntheiten und offenen Spielräumen, seinen Nähen und Fernen nicht
bloß eine Umwelt der Gegenwart, eine jetzt seiende; sondern wie schon aus dem
bisherigen Berücksichtigen der Erinnerung und Erwartung hervorgeht, auch offene
Unendlichkeiten der Vergangenheit und Zukunft".
2 "Das Bewußtsein ist nicht nur Bewußtsein von diesem und jenem in der Welt
Seienden, sondern es ist auf Grund des Horizonts dieser seiner Aktualität immer
zugleich Weltbewußtsein". Landgrebe, "Husserls Abschied vom Cartesianismus",
a.a.O., S. 155 f.
3 "Welt ist raumzeitliche Welt, zu deren eigenem Seinssinn als Lebenswelt eine
(die ,lebendige', nicht die logisch-mathematische) Raumzeitlichkeit gehört". Krisis,
S. 171
4 Vgl. § 22
5 Vgl. § 23
I22 KIN ÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

Dadurch ergibt sich ein doppeltes Verhältnis des Ich zu seinem


Leibe. Einmal muß sich das Ich mit seinem Leibe identifizieren
können, denn sonst wäre nicht einsichtig, wieso das Ich selber
in der Welt sein könnte; zum anderen muß sich das Ich von
seinem Leibe unterscheiden können, denn der Leib ist eine
kinästhetisch konstituierte Gegenständlichkeit, die als solche ein
Ich der kinästhetischen Vermöglichkeiten voraussetzt. In bezug
auf die Außenwelt setzt sich das Ich als mit seinem Leibe
identisch; in bezug auf sich selbst unterscheidet es sich von
seinem Leibe, welcher zur Welt gehört, zur Welt, die nur ist,
sofern sie für ein Ich ist. Weltbewußtsein schließt so das Be-
wußtsein meiner selbst als in der Welt Seiendem ein. Also ist
das kinästhetische Bewußtsein notwendig Lei b bewußt-
sein.
6) Damit aber enthält das kinästhetische Bewußtsein noch
ein weiteres Moment. In dem oben angegebenen Verhältnis des
Ich zu seinem Leibe - sich nämlich einmal mit ihm zu identifi-
zieren, zum anderen sich zugleich von ihm zu unterscheiden -
liegt eine formale Struktur vor, die als eine Struktur des "Selbst-
bewußtseins" angesehen werden kann. Das Ich der kinästheti-
schen Vermöglichkeiten unterscheidet sich von seinem Leibe.
Die kinästhetischen Vermöglichkeiten, die in unserer Betrachtung
die einzige Bestimmtheit des Ich ausmachen, sind aber als solche
Vermöglichkeiten seines Leibes. Damit ist aber der Unterschied,
des Ich von seinem Leibe zugleich nichtig. So liegt hier ein
"Unterscheiden des Ununterschiedenen"l vor, welches besagt,
daß das Ich sich selbst als ein anderes anschauen kann, wobei
dieser Unterschied für es selbst aber zugleich nichtig ist, denn

1 Vgl. Regel, Phänomenologie des Geistes (ed. Roffmeister), S. u8. Es heißt dort
weiter: "Ich unterscheide mich von mir selbst und es ist darin unmittelbar für mich,
daß dies Unterschiedene nicht unterschieden ist". Bei Regel liegt in der Phäno-
menologie des Geistes der Ursprung des Selbstbewußtseins im Unterscheiden des
Ununterschiedenen am Ende von "Kraft und Verstand" und nicht im Bereich der
Sinnlichkeit, nicht im "Wahrnehmenden Bewußtsein". Es ist jedoch zu beachten,
daß dies bei Regel nur ein erster, abstrakter Begriff des Selbstbewußtseins ist.
In unserer Interpretation der Russerlschen Ansätze dagegen liegt der Ursprung
des Selbstbewußtseins im kinästhetischen Bewußtsein, also im Bereich der Sinnlichkeit
und der Wahrnehmung. Die Dialektik der "sinnlichen Gewißheit" ist die erste
Gestalt einer Dialektik von Unmittelbarkeit und Vermittlung. Indem der Leib die
Einheit von Unmittelbarkeit und Vermittlung ist, ist der "Dialektik" des Bewußt-
seins und Selbstbewußtseins ein anderer Ort angewiesen. Zur "dialektischen" Struk-
tur des Selbstbewußtseins vgl. auch Landgrebe, "Russerls Abschied ... " a.a.O., S.
172
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN I23

das Angeschaute ist es selbst. Indem nun Ich und Leib in dieser
Beziehung stehen, ergibt sich, daß das kinästhetische Be-
wußtsein notwendig Selbst bewußtsein ist!.
Es ist somit die Einheit von Weltbewußtsein, Leibbewußtsein
und Selbstbewußtsein 2•
Dieser Versuch einer "transzendentalen Deduktion" des kin-
ästhetischen Bewußtseins stößt aber noch auf eine Schwierigkeit.
Da die einzelnen kinästhetischen Systeme eine weitgehend
faktische Struktur haben 3 , ergibt sich die Frage, welche kinäs-
thetischen Systeme sind notwendig, damit das kinästhetische
Bewußtsein die soeben entwickelten Bestimmungen haben kann.
Aus der Bestimmung des Raumbewußtseins, daß für jedes raum-
zeitlich Seiende eine kinästhetische Situation angebbar ist, in der
es optimal gegeben wäre, ist zu fordern, daß einerseits im Ge-
samtsystem der Okulomotorik zyklische (in sich zurücklaufende)
Kinästhesen möglich sind, zum anderen, daß eine Kinästhese
den Charakter oder die Funktion des Ortswechsels hat. Aus den
Bestimmungen des Leibbewußtseins folgt, daß ein kinästhe-
tisches System vorhanden sein muß, welches sich selbst zugleich
gegenständlich gegeben ist. Der so gegebene "Gegenstand" muß
in der gleichen Weise kinästhetisch verfügbar sein wie das
System selbst, andererseits aber als raum-zeitlich Seiendes in
räumlicher Beziehung zu anderen Gegenständen stehen. Raum-

1 Ausgeheud von der Erkenntnis, daß jedes Empfinden ein "Sich-selbst-empfinden"


bedeutet, hat schon Landgrebe die Forderung aufgestellt, das empfindende Bewußt-
sein als Selbstbewußtsein zu begreüen: Der "Frage nach der gegenstandskon-
stituierenden Bedeutung des Empfindens muß aber vorangehen die
Frage nach dem Empfinden als einem Moment des Sich-seiner-selbst-
bewußt-seins". Prinzipien einer Lehre vom Empfinden, a.a.O., S. 20r
In jenem Unterscheiden des Ununterschiedenen als Selbstbewußtsein, das der
Leib als solcher ist, liegt die Grundform und der Ursprung der Reflexion. Vgl.
Linschoten, a.a.O., S. 236: "Das Leibbewußtsein ist die Grundform und das Fun-
dament der Reflexion".
2 Vgl. dazu auch Krisis, S. 255
3 So könnten z.B. die Bewegungssysteme, die das okulomotorische Gesamtsystem
ausmachen, durchaus anders sein, ja einige könnten wegfallen oder wesentlich viel-
fältiger sein, ohne daß der durch sie konstituierte Raum eine andere Struktur
gewänne.
Wie die Anomalie des Blinden zeigt, kann auch das gesamte System der Okulo-
motorik in seiner konstitutiven Funktion ausfallen. Aber auch die Welt des Blinden
ist auf die Normalität der Welterfahrung zurückbezogen, seine Welt ist durch die
Kommunikation mit den Sehenden immer auch visuell, wenn auch indirekt, bestimmt.
Die Probleme anomaler Welterfahrung und Weltbewußtseins sind in unseren Über-
legungen dadurch ausgeschaltet, daß die Normalität für unsere Untersuchungen
ausdrücklich vorausgesetzt ist. V gl. § 9.
I24 KIN ÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

bewußtsein ist nur möglich, wenn ein kinästhetisch fundiertes


Leibbewußtsein möglich ist.

§ 25. Das kinästhetische Bewußtsein als "wahrnehmendes Bewußt-


sein"
Wenn das kinästhetische Bewußtsein Bewußtsein von Welt
und Bewußtsein vom Leibe sein soll, so muß gefragt werden, in
welcher Weise Welt und Leib "Gegenstände" des kinästhetischen
Bewußtseins sind. Sind sie seine Gegenstände als Gegenstände
möglicher Wahrnehmung wie die übrigen raum-zeitlich be-
gegnenden Dinge? Oder zunächst hinsichtlich der Welt gefragt:
Besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen den in der Welt
begegnenden Dingen und der Welt selbst? Husserl sagt dazu:
"Jedes ist etwas, ,etwas aus' der Welt, der uns ständig als
Horizont bewußten. Dieser Horizont ist andererseits nur als
Horizont für seiende Objekte bewußt und kann ohne sonder-
bewußte Objekte nicht aktuell sein ... Andererseits ist die
Welt nicht seiend wie ein Seiendes, wie ein Objekt, sondern
seiend in einer Einzigkeit, für die jeder Plural sinnlos ist.Jeder
Plural und aus ihm herausgehobene Singular setzt den Welt-
horizont voraus. Diese Differenz der Seinsweise eines Objektes
in der Welt und der Welt selbst schreibt offenbar beiden die
grundverschiedenen korrelativen Bewußtseinsweisen vor"!.
Die Welt als Horizont ist mit der durch das kinästhetische
Bewußtsein gegebenen Möglichkeit der Wahrnehmung bereits
mitgesetzt. Dies wirft ein neues Licht auf den Unterschied
zwischen Wahrnehmung und Konstitution, der nicht immer
beachtet wird, da der Begriff der Konstitution bei Husserl selbst
zweideutig bleibt. Konstitution eines Dinges besagt einmal die
Gesamtheit der Prozesse, in denen das Ding als individuelles
zur Gegebenheit kommt 2 • Konstitution in diesem Sinne ist
identisch mit der transzendental reduzierten Wahrnehmung 3 .
Konstitution besagt zum anderen die Gesamtheit der Struktu-

1 Krisis, S. I46
2 Da diese Prozesse notwendig zeitlich verlaufen, ergibt sich hier der Ansatzpunkt
einer genetischen Analyse.
3 Wahrnehmung ist immer Wahrnehmung von Dingen. Das thetische Bewußtsein
hat das Ding immer schon über seine Erscheinungen hinaus gesetzt. In der Epoche
kommen dann die Abschattungsmannigfaltigkeiten, in denen das Ding sich darstellt,
als solche in den Blick.
KIN ÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN I25

ren, die die Wahrnehmung von Dingen allererst ermöglichenl .


So ist hier unsere Frage: Welche Strukturen des Bewußtseins
ermöglichen das Sich-darstellen von Dingen in Erscheinungs-
und Abschattungsmannigfaltigkeiten? Die gesuchten Strukturen
lassen sich aber nicht unmittelbar thematisieren, sondern nur
im Durchgang durch die Wahrnehmungsanalysen, die bei
Husserl alle in transzendental-eidetischer Einstellung durch-
geführt sind; sie dienen dazu, das "Eidos W ahrnehmung"2 zu
beschreiben. Diesen Charakter einer Wahrnehmungsanalyse
hatten noch unsere Betrachtungen der Phantomkonstitution3 .
Dann aber zeigte es sich, wie den Wahrnehmungsanalysen Struk-
turen entnommen werden konnten, die die Wahrnehmung als
solche ermöglichen. Die Gesamtheit dieser Strukturen, das kin-
ästhetische Bewußtsein, heißt darum auch "wahrnehmendes
Bewußtsein".
Weltbewußtsein ist also nicht Bewußtsein von Welt als einem
Gegenstand möglicher Wahrnehmung. Welt ist demnach auch
nicht konstituiert wie ein Ding, nämlich durch Erscheinungs-
und Abschattungsmannigfaltigkeiten. Welt liegt aller Konstitu-
tion in diesem Sinne voraus. Welt bezeichnet eine Vielheit von
Strukturen, die als solche notwendig dem wahrnehmenden Be-
wußtsein zugehören: Welt ist der Titel für ein formales
Apriori des wahrnehmenden Bewußtseins.
Ähnliches gilt auch für den Leib; auch er ist seiend in einer
ausgezeichneten Einzigkeit. Der Leib aber, so könnte man
einwenden, ist doch ein Gegenstand möglicher Wahrnehmung.
Abgesehen davon, daß die Leibwahrnehmung bzw. seine Kon-
stitution als Phantom durch Abschattungsmannigfaltigkeiten
sehr beschränkt ist 4 , geht Leibbewußtsein keineswegs darin auf,
Bewußtsein von einem wahrnehmbaren raum-zeitlichen Seienden
zu sein. Der Leib liegt ebenfalls aller Konstitution durch Er-
scheinungs- und Abschattungsmannigfaltigkeiten voraus, auch
derjenigen Konstitution, die ihn selbst als res extensa erscheinen
läßt. Auch der Leib ist nicht primär eine Gegenständ-
lichkeit, sondern eine Strukturganzheit, die ebenfalls

1 Dies ist der Begriff von Konstitution, den wir im ersten Teil expliziert haben.
2 Vgl. Cartesianische Meditationen, S. 104
3 Vgl. § U-Z3
4 Vgl. § zr
Iz6 KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

zum Apriori des wahrnehmenden Bewußtseins gehört.


Weil WeU und Leib nicht als allgemeine Gegenstände, als
Wesen im Sinne des ontischen Apriori, bestimmt werden können,
deshalb konnten sie auch nicht ohne weiteres zum Leitfaden
unserer Intentionalanalyse gemacht werden. So zeigte sich bei
dem Versuch, den Leib zum Leitfaden einer Analyse zu machen,
die Aporie, daß der Leib als Gegenständlichkeit sich selbst
ständig voraussetzt, und nur auf Grund unserer Kenntnis der
Eigenart und Funktionsweise der kinästhetischen Systeme war
eine Auflösung dieser Aporie möglich.
Das wahrnehmende Bewußtsein ermöglicht die Wahrnehmung
gerade dadurch, daß es immer schon mehr ist als Bewußtsein
von wahrgenommenen Gegenständen; es ist Bewußtsein "von"
Etwas, das selbst nie Gegenstand der Wahrnehmung sein kann!.
Im ersten Teil dieser Arbeit hatten wir gesagt, daß das alle
Erfahrung ermöglichende ontische Apriori dem Bewußtsein im
vorhinein bekannt ist, welche Bekanntheit in der eidetischen
Variation eingeholt werden kann. Dem ontischen Apriori soll ein
in der Intentionalanalyse aufdeckbares konstitutives Apriori
entsprechen, das den Charakter von Regelstrukturen hat. Unter
diesem Hinblick soll im folgenden das kinästhetische Bewußtsein
betrachtet werden.

§ 26. Rezeptivität und Spontaneität im kinästhetischen Bewußtsein


Das Ziel der Intentionalanalyse ist das dem ontischen Apriori
entsprechende konstitutive Korrelationsapriori 2 • Dieses bestimmt
die Korrelation des Vermeinens zu dem in ihm Vermeinten so,
daß im Bereich des mundanen Bewußtseins die Gesetzlichkeiten
der Bewußtseinskorrelation vermöge der "Generalthesis der
natürlichen Einstellung"3 als ontisches Apriori in den Gegenstand
eingehen, und so Erfahrung von ihm allererst möglich wird.
Der Gang unserer Intentionalanalyse führte zur Explikation des
kinästhetischen Bewußtseins. Unsere Bemühungen sind also dann
am Ziel, wenn gezeigt werden kann, daß das kinästhetische
Bewußtsein bzw. die in ihm implizierte Gesetzlichkeit der

• 1 Es versteht sich von selbst, daß hier nur immer von der "äußeren" Wahr-
nehmung die Rede ist.
a Vgl. § 6
3 Vgl. § 3
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN 127

Korrelation von Bewußtsein und Gegenstand, dasjenige kon-


stitutive Apriori ist, das dem ontischen Apriori der
Raum-Zeitlichkeit entspricht. Dazu muß das kinästheti-
sche Bewußtsein als Regelstruktur der gemäß dem Schema Ego-
cogito-cogitatum beschreibbaren Intentionalität erwiesen wer-
den. Damit ist natürlich nur der Bereich der Intentionalität
thematisch, der durch das kinästhetische Bewußtsein begrenzt
ist; dieser hat in mundaner Einstellung den Charakter der
Wahrnehmungl .
Wie lassen sich diejenigen Grundmodi der Intentionalität, die
Grundweisen des cogit0 2 bestimmen, durch die das kinästhe-
tische Bewußtsein überhaupt aktuelles Bewußtsein von Etwas
sein kann? Wie sich zeigen wird, gibt es zwei Grundweisen, denen
jeder mögliche Gegenstand des kinästhetischen Bewußtseins sein
Bewußt-Sein (als Bestimmung des Gegenstandes verstanden)
verdankt. Diese können Init den Begriffen "Rezeptivität" und
"Spontaneität" bezeichnet werden. Das kinästhetische Bewußt-
sein wäre demnach das Bewußtsein, dessen Rezeptivität und
Spontaneität so geregelt sind, daß es die Einheit von Welt-
bewußtsein, Leibbewußtsein und Selbstbewußtsein sein kann
und daß jeder in ihm gebbare Gegenstand notwendig durch das
Apriori der Raum-Zeitlichkeit bestimmt ist. Das ist näher zu
entwickeln.
Husserl sagt von der Kinästhese: "sie ist ein vermögliches
Geschehen, in das sich mein Leib unmittelbar einlassen kann;
ich bin immer aktiv und als das in einem Tun begriffen, das aus
mir als ,wachem Ich' ausstrahlt; dieser Ichmodus muß gesehen
werden und dieses Von-mir-aus-Geschehen als eine Form"3.
Dieses Von-mir-aus-Geschehen als Form ist genau die Bestim-
mung der Spontaneität4 • Die Spontaneität des kinästhetischen
Bewußtseins hat ihren Bereich an einem System von kinästhe-
tischen Situationen und Wegen. Dieses System ist somit selber

1 Vgl. dazu Ms. D 1:0 IV (1932), S. 16: "Wir hätten also die intentionale StruktUI
des Bewußtseinslebens und diese immerfort bezogen auf eine kinästhetische verlau-
fende GrundstruktUI, die als Raumgegenständlichkeit gebende Wahrnehmung sich
ausbildet" .
2 Die Frage nach dem Ego des kinästhetischen Bewußtseins wird später noch
eigens gestellt werden. V gl. § 28.
8 Ms. D I2 V (1931), S. 10 (Sperr. v. Vf.)
4 Vgl. z.B. Ideen Ir, S. 58: " ... zugleich geht hervor, daß zu jeder Wahrnehmung
Funktionen der Spontaneität gehören".
I28 KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

als ein System der Spontaneität anzusehen. Indem wir früherl


das System als ein solches der Vermöglichkeit bestimmt haben,
war damit der Sache nach die Spontaneität des kinästhetischen
Bewußtseins bereits zur Sprache gekommen. Vermöglichkeiten
sind Möglichkeiten im Sinne des "Ich kann" und stellen damit
den Verfügungsbereich einer Spontaneität dar2 • Dadurch nun,
daß in einem System unterschiedene Aktualisierungen nur in
einem Nacheinander möglich sind, hat die Spontaneität den
Charakter der Bewegung. Spontaneität im Sinne dieser
Bewegung ist geregelt durch die kinästhetischen Systeme selbst.
Verstehen wir unter Rezeptivität des Bewußtseins das Hin-
nehmen vorgegebener Inhalte3 , sein Angewiesensein auf sie, so
ergibt sich, daß sich Spontaneität und Rezeptivität gegenseitig
im Sinne einer Regelung bestimmen4 . Das Gegebensein von
Aspektdaten, die in objektivierender Auffassung zur Konstitu-
tion raum-zeitlicher Gegenstände führen, ist von kinästhetischen
Situationen oder kinästhetischen Verläufen abhängig. Diese Ab-
hängigkeit nannten wir kinästhetische Motivation. Dadurch ist
das Bewußtsein in der Lage, durch seine Spontaneität, die durch
die kinästhetischen Systeme geregelt ist, frei über Aspektdaten
zu verfügen. Die in einer bestimmten kinästhetischen Situation
vorgegebenen Aspektdaten können im Sinne der kinästhetischen
Motivation verändert werden5 . Was immer dem Bewußtsein an
raum-zeitlichen Gegenständen, an Phantomen und Phantom-
konfigurationen gegeben ist, hängt auch immer von ihm selbst
1 Vgl. § 16.
2 Vgl. Ms. D IO HI (1932), S. 42: "Immer ist Seiendes aus Vermöglichkeit, und
VermögIichkeit ist ein Modus der Aktivität".
3 In diesem Sinne gebraucht Husserl den Begriff Rezeptivität z.B. in Erfahrung
und Urteil: "Sofern das Ich in der Zuwendung aufnimmt, was ihm durch die affizie-
renden Reize vorgegeben ist, können wir hier von der Rezeptivität des Ich
sprechen". Ebenda, S. 83
4 Die umfassendste Regelstruktur des Bewußtseins ist die Gesetzlichkeit der
Zeitkonstitution in Retention und Protention. Sie bestimmt nicht nur die Rezep-
tivität des Bewußtseins so, daß aller hingenommene Inhalt notwendig zeitlich ist,
sondern letztlich auch die hier in Frage kommenden Spontaneitäten. Wir haben ja
darauf hingewiesen, daß das kinästhetische Bewußtsein notwendig Zeit bewußtsein
ist. V gl. § 24.
Es wird aufgefallen sein, daß die Frage nach der Einheit des kinästhetischen
Bewußtseins nicht eigens gestellt wurde. Diese seine Einheit ist in seiner
Bestimmung als Zeitbewußtsein gegeben; die Einheit des Bewußtseins, auch des
kinästhetischen, ist ein genetisches Problem, das hier nicht aufgegriffen werden kann.
S Es "ist Kinästhese von vornherein ein ichIicher Modus, ein fließendes Bewegen
des Ich und Bewegen der hyletischen Daten, ein sie in Änderungsreihen Bringen".
Ms. D IO IV (1932), S. t8
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN I29

ab, von seiner spontan eingenommenen kinästhetischen Situa-


tion; und immer hat das Bewußtsein die Möglichkeit, von sich
aus diese Gegebenheiten zu verändern, zu anderen und immer
anderen überzugehen. Wenn so Aspektdaten nur in spontan
aktualisierten kinästhetischen Situationen gegeben sein können,
so zeigt dies, in welcher Weise die Rezeptivität des kinästhe-
tischen Bewußtseins im Sinne der Regelung auf die Spontaneität
zUIÜCkbezogen ist. "Alle hyletische Praxis ist notwendig kin-
ästhetisch erfolgende, erst durch sie habe ich Intentionali-
tät,. habe ich Wahrnehmung von Gegenständen, sofern sie
Gebilde kinästhetischer Wandlungen und Identifizierungen unter
Erscheinungsbildung sind"l.
Auf das Fundiertsein der Rezeptivität in der Spontaneität
hat schon Landgrebe hingewiesen, wenn er sagt: "... die Af-
fizierbarkeit des Bewußtseins ist nicht eine letzte, nicht weiter
auf den Grund ihrer Möglichkeit befragbare Tatsache, sondern
sie ist fundiert in der Spontaneität des ,ich-bewege-mich"'2. So
ist Rezeptivität im Sinne der Affektion nur im kinästhetischen
Bewußtsein möglich, und jede phänomenologische Analyse, die
das Vorhandensein von "Daten" im Bewußtsein, etwa bei der
Analyse des "inneren Zeitbewußtseins" , annimmt, hat damit
das kinästhetische Bewußtsein bereits vorausgesetzt.
In besonderem Maße kann nun das Moment des Leibbewußt-
seins als Regelstruktur der Rezeptivität und Spontaneität des
kinästhetischen Bewußtseins angesehen werden. Leibbewußtsein
ist möglich durch die Eigenart des taktuel1en kinästhetischen
Systems, daß innerhalb seiner so etwas wie Selbstaffektion
möglich ist. Durch den Leib (als Moment des kinästhetischen
Bewußtseins) wird die Re z e p ti vit ä t des kinästhetischen Be-
wußtseins so geregelt, daß sie nur als Empfindung möglich
ist, d.h. zugleich immer auch als ein Vorkommnis an einer in
Raum und Zeit erscheinenden Gegenständlichkeit aufgefaßt
werden kann. Auch die Spontaneität des Bewußtseins ist durch

1 Ebenda, S. 15
Eine Neubestimmung des Verhältnisses von Rezeptivität und Spontaneität ver-
SUcht auch Szilasi in seinem Buch: Einführung in tUe Phänomenologie Edmuntl
Husserls. Tübingen 1959. Vgl. ebenda, S. ns
• Landgrebe, "Prinzipien ... ", a.a.O., S. 205
Busserl selbst betont in der Krisis, daß "Empfindungsdaten" nicht ein Unmittel-
bares sind, auf das eine Theorie der Konstitution rekurrieren könnte. Krisis, S. 121
130 KIN ÄSTRETISCHES BEWUßTSEIN

das Leibbewußtsein geregelt, dadurch nämlich, daß alle kin-


ästhetischen Systeme, an denen die Spontaneität ihren Bereich
hat, Anknüpfung an den Leib erhalten und so den Leib als
spontan bewegliches Sinnesorgan erscheinen lassen. Als dieses
Wahrnehmungsorgan hat der Leib einen Spielraum "innerhalb
dessen durch das Sichbewegen sinnliche Affektionen beschafft
werden können"l. Dieser Spielraum ist als Korrelat des univer-
salen Vermöglichkeitsbewußtseins nichts anderes als der Hori-
zon t der Welt. Damit ist auch das Moment des Welt bewußt-
seins in seiner Funktion als Regelstruktur bestimmt. Welt
"baut" sich nicht erst auf Grund von Affektionen, sondern
Affektion ist nur auf dem Grunde des Weltbewußtseins möglich.
Welt aber in diesem Sinne hat keine andere Bestimmung als
die des raum-zeitlichen Horizontes, der alles innerhalb seiner
für das wahrnehmende Bewußtsein Gegebene so bestimmt, daß
es als innerweltliches zugleich damit Gestalt in einer Lage ist.
Ist Welt aber in diesem Sinne rein formal bestimmt und in
einsichtiger Weise auf die Spontaneität des kinästhetischen Be-
wußtseins bezogen, die den Charakter der Bewegung hat, so
muß jeder Inhalt des Welt- und damit auch des Gegenstands-
bewußtseins seinen Grund in der Rezeptivität des kinästhetischen
Bewußtseins haben.
In gewisser Weise rezeptiv ist zunächst die Erfahrung, die das
kinästhetische Bewußtsein von sich selbst hat, wodurch es sich
selbst als Leib gegeben ist. Es erfährt alle Affektion als durch
den Leib vermittelt (Affektion ist Empfindung und Empfindnis),
und es erfährt, daß seine Spontaneität an Grenzen gebunden ist,
die durch die Anknüpfung der kinästhetischen Systeme an den
Leib gegeben sind. Diese rezeptive Selbsterfahrung, die durch
das Moment des Leibbewußtseins vermittelt (bzw. geregelt) ist,
ist selbst wiederum nur auf dem Grund seiner Spontaneität
möglich 2 •
Wie fungieren Rezeptivität und Spontaneität bei der Kon-
stitution des Gegenstandsbewußtseins ? Die noematische Einheit

1 Landgrebe, a.a.O., S. 205


2 In dieser unmittelbaren Erfahrung des Leibes in seinem Fungieren ist die Region
der res extensa bereits grundsatzlich überschritten. Ob und wie in dieser Erfahrung
die Erfahrung von "Organischem" und dann weiter die appräsentierende Erfahrung
von Fremd-Seelischem fundiert ist, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht
werden.
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN I3I

des Gegenstandsbewußtseins geht zurück auf eine noetische


Mannigfaltigkeit, die hier kinästhetische Mannigfaltigkeit ist.
Damit hat die Spontaneität wesentlich Anteil an der Konstitution
des Phantombewußtseins. Das Phantom als Gegenstand des
wahrnehmenden Bewußtseins ist Korrelat derjenigen kinästhe-
tischen Mannigfaltigkeit, die eine in sich geschlossene Seiten-
kontinuität zur Gegebenheit bringt. Die Kontinuität der Seite
aber hat ihren Grund in der Kontinuität des Feldes als Korrelat
eines kinästhetischen Systems. Ist schon die Einheit des Feldes
der "fungierenden Kinästhese verdankt"l, so ist klar, daß alle
Einheit im Phantombewußtsein als Einheit der Lage und Einheit
der Gestalt (abgesehen natürlich von Gleichzeitigkeit und Dauer
als Einheit der Zeitgestalt) in der Spontaneität des kinästheti-
schen Bewußtseins ihren Ursprung hat.
Damit scheint aber im Bereich des kinästhetischen Bewußt-
seins alle Rezeptivität, sofern sie zur Konstitution möglicher
Gegenstände der Wahrnehmung notwendig ist, auf das Gegeben-
sein bloßer Daten als einer hyletischen Mannigfaltigkeit ohne
Einheit und Struktur restringiert. Das einzige, was von ihr gesagt
werden kann, ist, daß sie nur als Empfindung und nur innerhalb
des kinästhetischen Bewußtseins möglich ist. Wenn so die Kon-
kretisierung der formalen Strukturen der Raum-Zeitlichkeit zur
"Welt" mit ihren bekannten und vertrauten Dingen nur durch
Empfindung möglich scheint, kehrt dann nicht hier der "Sen-
sualismus" wieder, der durch die Idee der Intentionalität über-
wunden schien? Erweist sich der" Transzendentale Positivismus",
als welchen Szilasi2 die transzendentale Phänomenologie ver-
standen wissen will, hier nicht wie aller Positivismus letztlich
als Sensualismus und nun gar als "transzendentaler Sensua-
lismus"?
Bevor wir uns diesem Problem zuwenden, und zwar in einer
Reflexion darauf, wie sich der Begriff der Hyle im Laufe unserer
Überlegungen gewandelt hat, wollen wir noch einmal die Be-
stimmungen des kinästhetischen Bewußtseins zusammenfassen.
Das kinästhetische Bewußtsein ist die Einheit von Weltbe-
wußtsein, Leibbewußtsein und Selbstbewußtsein. Es ist das dem
ontischen Apriori der Raum-Zeitlichkeit entsprechende kon-
1 Vgl. Ms. D IO IV (1933), S. 8 f.
8 A.a.O., S. u6
132 KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

stitutive Apriori. Dieses hat den Charakter einer Regelstruktur


dadurch, daß Rezeptivität und Spontaneität des kinästhe-
tischen Bewußtseins notwendig den Charakter der Ern p f in dung
und der Bewegung haben: Die Regelung der Rezeptivität
als Empfindung in ihrer doppelten Bedeutung ist iden-
tisch mit dem Moment des Leibbewußtseins. Die Re-
gelung der Spontaneität als Bewegung ist identisch
mit dem Moment des Weltbewußtseins, sofern Welt hier
als raum-zeitlicher Horizont verstanden ist.
Durch die eigentümliche Struktur des Leibbewußtseins ergibt
sich weiterhin, daß Empfindung und Bewegung an einer Gegen-
ständlichkeit erfahren werden, die ich meinen Leib nenne, wobei
dieser Leib zugleich als ein raum-zeitlich Seiendes im Horizont
der Welt vorfindlich ist. Durch diese Regelung der Rezeptivität
und Spontaneität ist es verständlich, daß jeder aktuelle Gegen-
stand des kinästhetischen Bewußtseins notwendig die Bestim-
mung der res extensa hat, ein Seiendes im raum-zeitlichen
Horizont der Welt ist.
Da das kinästhetische Bewußtsein die - ebenfalls Konstitution
genannte-Wahrnehmung eines raum-zeitlich Seienden ermöglicht,
heißt es auch wahrnehmendes Bewußtsein.
Aber auch die Selbsterfahrung des kinästhetischen Bewußt-
seins ist so geregelt, daß sie nur durch Empfindung und Bewe-
gung möglich ist, wodurch das kinästhetische Bewußtsein sich
selbst als Leib erfährt, d.h. immer auch zugleich als res extensa.
Damit ist das kinästhetische Bewußtsein aber keineswegs mit
dem Leibe identisch, denn es ist mehr als nur Leibbewußtsein.
Es ist auch Weltbewußtsein, und nur deshalb ist die Erfahrung
des Leibes als eines raum-zeitlichen Seienden möglich. Das kin-
ästhetische Bewußtsein ist aber auch Seibstbewußtsein1 und kann
sich deshalb von sich selbst, sofern es als Leib erscheint, unter-
scheIden.
Damit ist unser Begriff des kinästhetischen Bewußtseins hin-

1 Vgl. dazu Landgrebe, "Zur phänomenologischen Theorie des Bewußtseins (A.


Gurwitsch)" a.a.O., S. 30S: "Die notwendigen Invarianten in allem überhaupt
erdenklichen Bewußtsein sind daher: Zeitbewußtsein, Leibbewußtsein und Welt-
bewußtsein".
Das Moment des Selbstbewußtseins fehlt hier nicht zufällig; seine Vemachlässigung
ist für Gurwitschs Husserl-Interpretation sowie für seine eigenen phänomenologischen
Analysen charakteristisch.
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN I33
reichend expliziert, wenn auch einige ungelöste Probleme weitere
Überlegungen erforderlich machen.

§ 27. Das Problem der Hyle


Sensualistische Konsequenzen unserer Theorie des kinästhe-
tischen Bewußtseins machen eine erneute Reflexion auf den
Begriff der Hyle notwendig; dieser hat sich im Laufe unserer
Überlegungen eigentümlich gewandelt.
Wahrnehmung als äußere Wahrnehmung ist eo ipso sinnliche
Wahrnehmung und ihr Gegenstand daher notwendig sinnlich
qualifiziert. Deshalb war im Rahmen unserer Untersuchungen
über die Phantomkonstitution eine "hyletische Reflexion"! von-
nöten. Für die in der klassifizierenden Bewußtseinsdeskription
aufweisbare "sinnliche Schicht" führte Husserl den funktionalen
Begriff der Hyle ein. Diese wurde als "formloser Stoff" bezeichnet
und bildet mit den ihn "beseelenden" Noesen den "reellen In-
Ihalt"2 des Bewußtseins. Bewußtseinsstoffe aber sind schon in
den Ideen I als Farbdaten, Tondaten, Tastdaten3 bestimmt, ohne
daß Husserl auf diesen Charakter der Hyle, nur als Empfin-
d umg ansprechbar zu sein, ausdrücklich reflektiert. In bezug
auf diese Lehre Husserls kann Asemissen mit Recht darauf hin-
weisen, daß das reine Bewußtsein gar keine Empfindungen als
Inhalte haben kann4 •
Eine entscheidende Korrektur der Lehre von der Hyle kann
dann im Begriff der Kinästhese und dem in ihm implizierten
do~pelten Empfindungsbegriff gesehen werdens. Wir versuchten,
diesen doppelten Empfindungsbegriff zunächst durch die Unter-
scheidung von Aspektdatum und Stellungsdatum zu fassen 6 • Die
Aspektdaten, so zeigten wir, sind nur möglich in der Einheit eines
Feldes als deren Koexistenzform. Dieses Feld kann jedoch nicht
allein aus "passiv" -zeitlicher Konstitution verstanden werden,
etwa durch Phänomene der "Verschmelzung", "Assoziation"7
1 Vgl. § 13
B Vgl. Ideen I, S. 218, S. 2<j.I ff. und V01"lesungen 8U" Phänomenologie des inneren
ZeitbewuPtseins, S. 442
8 Vgl. Ideen I, S. 208
• "Wie das reine Ich keinen Leib hat, hat es auch keine Empfindungen und kann
keine haben. Und wie der Leib kein reeller Bewußtseinsinhalt ist, können es auch
die Empfindungen nicht sein". Asemissen, a.a.O., S. 34-
6 Vgl. Ideen 11, S. 57
• Vgl. § I2
7 Vgl. dagegen E"!lJ,h,,ung und Urteil, S. 74 ff.
134 KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

etc., da das Feld bereits die Struktur des Außereinander-im_


Zugleich hat. Diese Struktur kann es nur haben als Korrelat
eines kinästhetischen Systems, eines Systems möglicher subjek-
tiver Bewegungen. Da nun das Feld selber Korrelatcharakter hat ,
rücken damit die Aspektdaten, also Empfindungen, die die sinn-
liche Qualifiziertheit eines Wahrgenommenen konstituieren, auf
die "noematische Seite" des Bewußtseins!.
Die zweite Art von Empfindung, die wir Stellungsdatum ge-
nannt haben, gewann dann die Bedeutung des Bewußtseins, eine
bestimmte kinästhetische Situation verwirklicht zu haben. In
dieser Bestimmung aber ist nicht zu sehen, wieso das Stellungs-
datum, also der realisierte Ort im ideellen Ortssystem der
Kinästhesen, den Charakter einer Empfindung haben soll, was
Husserl doch offensichtlich meint. Erst unsere Betrachtung der
Leibeskonstitution macht es verständlich, warum das Stellungs-
datum Empfindung ist. Es ist die Empfindung, die die Organ-
bewegung notwendig begleitet. So vollendet erst die Betrachtung
des Leibbewußtseins die Reflexion darauf, daß Hyle ü berha u pt
nur als Empfindung möglich ist2•
Empfindung, so wie sie im kinästhetischen Bewußtsein mög-
lich ist und notwendig ihm zugehört, ist, wie wir gesehen haben,
in sich gedoppelt als Empfindung und Empfindnis und gehört
dem Moment des Leibbewußtseins zu, ist von ihm untrennbar.
Nun hat das Leibbewußtsein aber in sich selbst eine noetisch-
noematische Doppelstruktur. Von daher ergibt sich, daß Emp-
findung nicht mehr der einen oder anderen Seite der Alternative
Noesis - Noema zugeordnet werden kann. Man kann vielmehr
sagen, daß Empfindung als Empfindung (Merkmalsempfindung)
auf die noematische Seite, als Empfindnis aber auf die noetische
1 "Wo sinnliches Material, wie Farb- und Tondaten, die Funktion der Darstellung
von Dingen und Vorgängen hat, handelt es sich nicht um reelle Erlebnisinhalte,
sondern um noematische Erlebnisbestände". Asemissen, a.a.O., S. zg
2 Empfindung als Empfindung erschließt sich erst in der Reflexion. Das unre-
flektierte Bewußtsein ist bei Gegenständen, nicht bei Empfindungen. Die Interpreta-
tion der Empfindung als Hyle aber hat den Sinn, den Empfindungen einen Ort im
reinen Bewußtsein anzuweisen, was dann zu den angegebenen Schwierigkeiten führt.
Es ist natürlich möglich, etwa bei der Analyse der Zeitkonstitution oder bei der
Analyse solcher Phänomene wie Assoziation und Verschmelzung etc. vom Emp-
findungscharakter der "Bewußtseinsinhalte" abzusehen. Daraus ist aber keineswegs
der Schluß zu ziehen, daß eine Hyle möglich oder gegeben ist, die noch nicht Emp-
findung ist. Eine "Ur-hyle", die das "reine Ich" affiziert und damit erst die "Kon-
stitution" von Empfindungen möglich macht, ist eine Konstruktion und phäno-
menologisch nicht aufweisbar.
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN I35
Seite des (kinästhetischen) Bewußtseins zu setzen ist. Weiterhin
kann man sagen, daß Empfindung als Empfindnis zugleich "reell'
und "intentional" ist; reell ist sie, wenn das Ich sich mit seinem
Leibe identifiziert, intentional aber, wenn das Ich auch seinen
Leib mit zur "Außen"-Welt rechnet. Diese Ergebnisse machen
damit aber letztlich die Unterscheidung zwischen "reellen" und
, ,intentionalen" Bewußtseinsinhalten fraglich. Andererseits aber
zeigt sich hier, daß unser Begriff des kinästhetischen Bewußtseins
in der Lage ist, wenn nicht alle, so doch einige Schwierigkeiten
der phänomenologischen Empfindungslehre zu lösen, und zwar
ohne eine Anthropologie an die Stelle der Transzendentalphil0-
sophie zu setzen.
Diese von Husserl selbst vorbereiteten Korrekturen an seiner
Empfindungslehre nehmen der Empfindung aber nicht den
Charakter einer vorgegebenen Mannigfaltigkeit, auf deren Hin-
nehmen die Rezeptivität des kinästhetischen Bewußtseins ein-
I geschränkt ist.

Diese Restriktion der Rezeptivität auf Empfindung weist auf


eine Grenze der Theorie des kinästhetischen Bewußtseins hin,
sofern dieses als wahrnehmendes Bewußtsein bestimmt ist. Das
ontische Apriori, das als Regelstruktur in das kinästhetische
Bewußtsein zurückgenommen werden konnte, ist ein formales
Apriori in dem Sinne, daß es nur im vorhinein die Vorfindlichkeit
eines Gegenstandesl ermöglicht, indem dieser notwendig als
Gestalt in einer Lage (in räumlichem und zeitlichem Sinn)
be~timmt ist. Daß sich im kinästhetischen Bewußtsein so formale
Regelstrukturen und Empfindung als Mannigfaltigkeit gegen-
überstehen, beweist, daß in ihm nur der Anfang einer Theorie
des wahrnehmenden Bewußtseins gemacht ist 2 .
Warum aber führt die Intentionalanalyse auf diese Spaltung,
in der sich formales Apriori und Empfindung als Inhalt gegen-
überstehen?3 Dies hat unter anderem seinen Grund darin, daß
1 Vorfindlichkeit war als die spezifische Vorgegebenheit raum-zeitlicher Gegen-
stände bestimmt worden. Vgl. § 7
II Diese Tatsache ergibt sich natürlich zum Teil aus der Beschränkung unserer
Ausgangsposition auf die res extensa, die qualifizierte Raumgestalt, als Leitfaden
unserer Untersuchung, zum anderen aber aus einem nicht überwundenen Sen-
sualismus der Husserlschen Ausgangsposition selbst. Doch dürfte deutlich geworden
sein, daß Husserl in den Analysen, die uns die Konzeption des kinästhetischen
Bewußtseins gestatten, auf dem Wege ist, seinen eigenen sensualistischen Ansatz
zu überwinden.
8 Dieses Problem wird im nächsten Paragraphen wieder aufgenommen.
KIN ÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

es die Welt "reiner" Wahrnehmung gar nicht gibt. Die zur Welt
reiner Wahrnehmung hinführende Reduktion übersieht, daß die
Welt der Wahrnehmung und damit das wahrnehmende Bewußt-
sein im vorhinein schon viel mehr sind als in einer Reflexion
auf die noetisch-noematische Struktur des Wahrgenommenen als
solchen thematisiert werden kann. Dies ergibt sich, in einer ersten
Vorzeichnung, bereits aus dem Begriff des kinästhetischen Be-
wußtseins selbst. Da Welt und Leib keine Gegenstände "mög-
licher Wahrnehmung" sind, ist das wahrnehmende Bewußtsein
schon als kinästhetisches Bewußtsein Bewußtsein "von" Etwas,
was selbst nie Gegenstand der Wahrnehmung sein kann. Unsere
Analysen bieten nun keinen Anhaltspunkt dafür, wie eine weitere
Konkretisierung des wahrnehmenden Bewußtseins aussehen muß.
Man könnte höchstens darauf hinweisen, daß die Intentional-
analyse "vergißt", daß die Welt immer schon sprachlich ausge-
legte Welt ist, daß also ein in diesem Sinne "begriffliches"
Verständnis der Welt und des Seienden der reflexivaufweisbaren
reinen Wahrnehmung vorausgeht und nicht erst auf ihrem
Grunde erwächst. Das aber würde bedeuten, daß Wahrnehmung
und Empfindung gar nicht den primären "Zugang" des Bewußt-
seins zur Welt darstellen. Diese schwierigen Fragen können wir
hier natürlich nicht aufnehmen.
Als Ergebnis aber bleibt, daß keine Wahrnehmungstheorie auf
die Ergebnisse Husserls verzichten kann: Das wahrnehmende
Bewußtsein ist notwendig kinästhetisches Bewußtsein
und als das in eins Weltbewußtsein und Leibbewußt-
sein. Alle phänomenologische oder sonstige Theorie, die von der
Vorgegebenheit der Welt auf sie konstituierende Wahrnehmung,
Sinnlichkeit etc. zurückgehen will, hält sich notwendig im Ho-
rizont des kinästhetischen Bewußtseins und kann diesen nicht
überschreiten.
Das dem ontischen Apriori der Raum-Zeitlichkeit ent-
sprechende konstitutive Apriori soll den Charakter von Regel-
strukturen der transzendentalen Subjektivität haben. Wir
müssen also abschließend noch unseren Begriff des kinästhetischen
Bewußtseins mit den Bestimmungen konfrontieren, die Husserl
zur Kennzeichnung der transzendentalen Subjektivität ver-
wendet. Wie steht das kinästhetische Bewußtsein zur transzen-
dentalen Subjektivität?
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN 137
§ 28. Kinästhetisches Bewußtsein und transzendentale SulJ'jekti-
vität
Die Intentionalanalyse als die eigentliche Methode unserer
Arbeit ist eine ausgezeichnete Gestalt der transzendentalen Re-
flexion; das kinästhetische Bewußtsein als das Ergebnis unserer
Bemühungen ist somit in und durch diese Reflexion gegeben.
Nun hat aber die transzendentale Reflexion zugleich die Be-
deutung einer Thematisierung der transzendentalen Subjektivi-
tät, zunächst als das Feld der Phänomenologie. Von daher steht
zu vermuten, daß das kinästhetische Bewußtsein die transzen-
dentale Subjektivität selber ist oder doch eine ausgezeichnete
Gestalt derselben. Um das zu klären, wollen wir uns näher mit
der Eigenart der transzendentalen Reflexion befassen.
Husserl kennzeichnet das Wesen der transzendentalen Re-
flexion in Abhebung von der "natürlichen Reflexion"!. Die
transzendentale Reflexion ist dadurch bestimmt, daß sie not-
wendig die Epoche, die Enthaltung von jeglicher Seinsthesis, mit-
einschließt. Dadurch ist sie in der Lage, die transzendentale
Subjektivität als einen Korrelationszusammenhang in den Blick
zu bringen2 •
Der Begriff der transzendentalen Subjektivität ist damit aber
doppeldeutig; er bezeichnet einmal dasjenige, was in der trans-
zendentalen Reflexion als Korrelationszusammenhang des Ego-
cogito-cogitatum thematisch wird; zum anderen aber bezeichnet
}er auch das Subjekt der transzendentalen Reflexion selbst. Dieses
bezeichnet Husserl auch als das reine Ich3 . Genau so wie die
IMöglichkeit der natürlichen Reflexion mit der Bestimmung des
mundanen Bewußtseins als Selbstbewußtsein identisch ist, trifft
dieses auch für das transzendentale Bewußtsein zu; auch dieses
ist als Selbstbewußtsein bestimmt. Die transzendentale Subjek-
1 " In der natürlichen Reflexion des Alltagslebens, aber auch der psycholo-
gischen Wissenschaft ... stehen wir auf dem Boden der als seiend vorgegebenen
Welt;" Cartesianisch$ Meditationen, S. 7Z
2 "In der transzendental-phänomenologischen Reflexion entheben wir uns dieses
Bodens durch die universale Epoche hinsichtlich des Seins oder Nichtseins der Welt.
Die so modifizierte, die transzendentale Erfahrung besteht dann, können wir sagen,
darin, daß wir uns das jeweilige transzendental reduzierte cogito ansehen und es
beschreiben, ohne als reflektierende Subjekte die natürliche Seinssetzung mitzuvoll-
ziehen ... ". Ebenda.
S "Das letzte Subjekt, das phänomenologische, das keiner Ausschaltung unterliegt
und selbst Subjekt aller eidetisch phänomenologischen Forschung ist, ist das reine
Ich". Ideen 11, S. 174
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

tivität "ist seiend in Form eines intentionalen Lebens, das, was


immer es sonst in sich bewußt haben mag, zugleich Bewußtsein
seiner Selbst ist. Eben darum kann es· (wie bei tieferen überle-
gungen einzusehen ist) wesensmäßig auf sich selbst nach allen
seinen, ihm abgehobenen Gestalten reflektieren, sich selbst
thematisch machen, auf sich selbst bezogene Urteile und Evi-
denzen erzeugen"l. Somit ist der doppelte Begriff der transzen-
dentalen Subjektivität aus ihrer Bestimmung als Selbstbewußt-
sein verständlich. Das Ego als Subjekt der transzendentalen
Reflexion ist im Sinne des "Unterscheiden des Ununterschiede-
nen" mit dem im Korrelationszusammenhang des Ego-cogito-
cogitatum fungierenden Ego identisch. Da das kinästhetische
Bewußtsein als Einheit von Weltbewußtsein, Leibbewußtsein
und Selbstbewußtsein durch die transzendentale Reflexion zur
Gegebenheit kommt, scheint ihm also tatsächlich die Bestimmung
der transzendentalen Subjektivität zuzukommen. Das stimmt
auch mit unserem Ansatz im ersten Teil überein; dort 2 haben
wir gesagt, daß der Weg der Intentionalanalyse in die trans-
zendentale Subjektivität als den konstitutiven Ursprung der
vorgegebenen Welt hineinführe.
Eine Schwierigkeit dieser Deutung ergibt sich aber dadurch,.
daß Husserl hinsichtlich der Epoche als Moment der transzen-
dentalen Reflexion sagt: "Das Nicht-mitmachen, Sich-enthalten
des phänomenologisch eingestellten Ich ist· seine Sache und
nicht die des von ihm reflektiv betrachteten Wahrnehmens"3.
Gerade dieses Zitat, in dem Husserl das Wahrnehmen als Beispiel
eines setzenden Bewußtseins betrachtet, ist für unsere Interpre-
tation des kinästhetischen Bewußtseins von großer Wichtigkeit.
Das Wahrnehmen, so wie es in der transzendentalen Reflexion
thematisch ist, hat selbst die Struktur des Ego-cogito-cogitatum.
Die Epoche, so sagt Husserl, ist keine Angelegenheit der Wahr-
nehmung, also keine Sache des im Wahrnehmen fungierenden
Ego; dieses ist notwendig als setzendes bestimmt. Nun besteht
aber der Unterschied des mundanen Bewußtseins zum tran-
szendentalen gerade darin, daß das mundane Bewußtsein als
setzendes Bewußtsein angesehen werden muß, als Bewußtsein,

1 FOf'male und tranSJIendentale Logik, S. 24I


2 Vgl. § 3
s Carlesianische Meditationen, S. 73
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN 1:39
das in der "Generalthesis der natürlichen Einstellung" lebt.
Also erscheint es fraglich, ob der in der transzendentalen Re-
flexion zur Gegebenheit kommende Korrelationszusammenhang
als transzendentale Subjektivität bestimmt werden kann, da
doch das Ego dieser Korrelation notwendig setzendes Ego sein
soll. Bevor wir hier weiter fragen, wollen wir das kinästhetische
Bewußtsein, das ja als wahrnehmendes Bewußtsein angesehen
werden konnte, mit in Betracht ziehen und fragen, ob dieses
als setzendes Bewußtsein bestimmt werden muß.
Das kinästhetische Bewußtsein hat als wahrnehmendes Be-
wußtsein ständig eine lebendige, visuell und taktuell konsti-
tuierte Wahrnehmungsgegenwart. Es ist ständig aktuelles Be-
wußtsein, wobei seine Aktualität im Empfinden und Sich-
bewegen besteht. Empfindung und Bewegung aber, sofern sie
ein Phantom zur Gegebenheit bringen, beinhalten, was besonders
beim Tasten deutlich wird, in eins die Setzung des empfundenen
Gegenstandes und die Setzung des empfindenden Leibes. Wahr-
nehmen als aktueller Vollzug, d.h. als Wahrnehmen, ist immer
die Setzung des Wahrgenommenen und des Wahrnehmenden
selbst. Damit ist das kinästhetische Bewußtsein setzendes
Bewußtsein: Die Epoche ist nicht Sache des kinästhe-
tischen Bewußtseins, nicht Sache des in der Wahrnehmung
fungierenden Ego.
Damit aber wird die Bestimmung des kinästhetischen Be-
wußtseins als Gestalt der transzendentalen Subjektivität fraglich,
und es ergibt sich umgekehrt das Problem, in welchem Verhältnis
das kinästhetische Bewußtsein zum mundanen Bewußtsein steht.
Hier muß daran erinnert werden, daß das mundane Bewußt-
sein in der Transzendentalphilosophie in einer zweifachen Gestalt
vorkommt, einmal in der Gestalt, in der es sich immer schon
selbst versteht und zum anderen in der Gestalt, in der es sich
in der transzendentalen Reflexion darstellt. Das Selbstverständ-
nis des mundanen Bewußtseins ist so geartet, daß es sich er-
kennend und handelnd auf eine vorgegebene, von ihm unab-
hängige Welt bezieht. In der transzendentalen Reflexion (hier
Reflexion und Epoche) kommen dann allererst die Strukturen
in den Blick, die, dem mundanen Bewußtsein verborgen und
unthematisch, diesen Weltbezug allererst ermöglichen. Das kin-
ästhetische Bewußtsein wäre so nichts anderes als die Gestalt
KIN ÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

des mundanen Bewußtseins, wie sie in der transzendentalen


Reflexion zur Gegebenheit kommt. Ausgeschaltet wird dabei in
der transzendentalen Reflexion das naive Selbstverständnis des
mundanen Bewußtseins und nicht alle Setzung schlechthin. Ja
es ist so, daß das mundane Bewußtsein als setzendes erst in der
transzendentalen Reflexion zur Gegebenheit kommt, während
im naiven Selbstverständnis des mundanen Bewußtseins von
Setzung keine Rede sein kann. Damit aber bekommt der Unter-
schied von "mundan" und "transzendental" einen neuen Sinn.
Doch bevor wir darauf eingehen, sei die Gestalt noch näher
charakterisiert, in der das mundane Bewußtsein als kinästhe-
tisches Bewußtsein in den Blick kommt. Wir verdanken den
Leitfaden unserer Intentionalanalyse, die res extensa als all-
gemeiner Gegenstand, der eidetischen Variation. In dieser Me-
thode der Wesensschau spielte bereits eine bestimmte metho-
dische Reflexion eine entscheidende Rolle, nämlich die Reflexion
auf das in allem Umfingieren invariant Verbleibende. Diese
Reflexion war ebenfalls von einer Epoche begleitet: Die einzelnen
Varianten wurden nicht als seiende Gegenstände genommen,
sondern waren nur bewußt im Sinne der Neutralitätsmodifika-
tion!. In der eidetischen Variation aber, zumal ein anschaulich
vorgegebener raum-zeitlicher Gegenstand zu ihrem Ausgangs-
punkt genommen wird, ist bereits ein bestimmter Bezug des
Gegenstandes zum Bewußtsein mitgesetzt. Indem dieser Bezug
des Bewußtseins auf den zu variierenden Gegenstand im Prozeß
der Variation durchgehalten wird2 , wird die Korrelation von
Bewußtsein und Gegenstand selbst mit variiert. Richtet sich
nun die Reflexion nicht auf den Gegenstand als solchen, sondern
auf die Bewußtseinskorrelation, so zeigt sich, daß das Bewußtsein
selbst, sofern es Bewußtsein von dem variierten Gegenstand ist,
zugleich mit dem Gegenstand variiert wird, und die Reflexion
muß das Bewußtsein in derselben Gestalt zur Gegeben-
hei t bringen, in der auch das Wesen des variierten Gegen-
standes erscheint, nämlich als invarianter Spielraum, als
"Wesen" in diesem Husserlschen Sinn. Der so in den Blick
kommende invariante Spielraum, der - in unserem Falle - im

1 VgI. Ideen I, S. 265


2Dieser Bezug muß durchgehalten werden, da das Resultat der Variation ein
morphologisches, also anschauliches Wesen sein soll. Vgl. dazu § 9.
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

vorhinein jedes mögliche Bewußtsein von raum-zeitlichen Ge-


genständen als Gegenständen möglicher Wahrnehmung um-
schließt, ist das kinästhetische Bewußtsein als wahrnehmendes
Bewußtsein. Das kinästhetische Bewußtsein ist das in
der transzenden tal-eidetischen Reflexion sich zeigende
Wesen qua Invariante des mundanen Bewußtseins
selber.
Wenn dies richtig ist, so muß sich auch von der eidetischen
Variation her klären lassen, warum sich im kinästhetischen
Bewußtsein formale Regelstrukturen - als solche sind ja die
Momente des kinästhetischen Bewußtseins anzusehen - und
Empfindungen als vorgegebene Mannigfaltigkeit unvermittelt
gegenüberstehen.
Die res extensa, die zum Ausgangspunkt der eidetischen Va-
riation genommen wurde, ist als anschauliche notwendig sinnlich
qualifiziert. Die korrelative Betrachtungsweise erweist die Qua-
lifiziertheit als in entsprechenden Empfindungen fundiert. In
der Variation selbst wird zwar von der Qualifiziertheit der res
extensa nicht abgesehen, aber sie blieb nur als Qualifiziert-
heit überhaupt, als Invariante je wechselnder faktischer
Qualifizierungen, als visuelle und taktuelle Qualifiziertheit über-
haupt, im Thema. In der Reflexion auf den invarianten Spiel-
Taum des Bewußtseins selbst kommt aus diesem Grunde neben
den formalen invarianten Strukturen nur die der Qualifiziertheit
·'berhaupt entsprechende Empfindung überhaupt, als Seh-
~mpfindung und Tastempfindung überhaupt, in den Blick. Wie
zum morphologischen, also anschaulichen Wesen der res extensa
'eine Qualifiziertheit überhaupt, als unbestimmtes variables Mo-
ruent, gehört, so gehört zum "Wesen" des wahrnehmenden
Bewußtseins Empfindung als variables Moment, d.h.
aber als Mannigfaltigkeit vorgegebener Inhalte.
Für die Auffassung des Wesens als Regelstruktur war seine
Herkunft aus der eidetischen Variation wesentlich geworden.
Hier ist nun zu sehen, daß das Wesen der res extensa deshalb
als Regelstruktur in das kinästhetische Bewußtsein zurückge-
nommen werden konnte, weil dieses selbst in einer Gestalt
thematisch wird, die ebenfalls durch die eidetische Variation
bestimmt ist. Daß diese Rücknahme gelingen konnte, hat seinen
Grund dann weiter darin, daß das Apriori der Raum-Zeitlichkeit
KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

als Wesen seine Gegenstände nur soweit bestimmt, daß diese


notwendig den Charakter der Vorfindlichkeit haben können. Zur
Vorfindlichkeit, d.h. zur Vorgegebenheit raum-zeitlicher Gegen-
stände gehört aber ein Worin der Vorfindlichkeit (Welt) und der
Vorfindende selbst (Leib). Deshalb ist das kinästhetische Be-
wußtsein als Weltbewußtsein und Leibbewußtsein bestimmt.
Von daher kann man sagen: Die Vertrautheit des munda-
nen Bewußtseins mit dem Apriori der Raum-Zeitlich-
keit ist die Vertrautheit des mundanen Bewußtseins
mit den Vermöglichkeiten, die ihm als kinästhetischem
Bewußtsein zukommen.
Was bedeuten nun diese Ergebnisse für die Neubestimmung
des Verhältnisses von mundaner und transzendentaler Subjek-
tivität? Das kinästhetische Bewußtsein ist zwar als wahrnehmen-
des und seine Gegenstände setzendes Bewußtsein eine Gestalt
des mundanen Bewußtseins, aber eine solche, die dem mundanen
Bewußtsein in seinem naiven Vollzug und seinem naiven Selbst-
verständnis verborgen ist. Andererseits aber ist das Ich als
Subjekt der transzendentalen Reflexion mit dem Ich des naiven
Vollzuges identisch. Husserl sagt: "Ich als natürlich eingestelltes
Ich bin auch immer transzendentales Ich, aber ich weiß darum
erst durch den Vollzug der phänomenologischen Reduktion"l. Die
Möglichkeit der transzendentalen Reflexion und die in dieser
Reflexion evidente Notwendigkeit der Selbstsetzung erweisen,
so meint Husserl, das Ich als transzendentales. Von daher
würde sich das mundane Bewußtsein als eine Möglichkeit des
transzendentalen Bewußtseins erweisen, eine Möglichkeit, auf die
es sich schon immer eingelassen hat. Das Bewußtsein ist immer
schon, wenn es sich in der transzendentalen Reflexion als trans-
zendentales erfährt, auch mundanes Bewußtsein. Es ist sich
immer in einer bestimmten Gestalt, nämlich als mundanes
Bewußtsein, vorgegeben, wie ja auch für die transzendentale
Reflexion das kinästhetische Bewußtsein ein Vorgegebenes ist.
Das seiner selbst als transzendental gewisse Ich hat natürlich
die Möglichkeit, sich damit, daß es immer schon mundanes Ich
ist, als wie mit einem unübersteigbaren Faktum abzufinden; aber
müßte es nicht, um die Gewißheit seiner Transzendentalität "zur
Wahrheit zu erheben", seine mundane Gestalt aus sich selbst als
1 Carlesianische Meditationen, S. 75
KIN ÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

transzendentalem Ich ableiten? Dazu müßte es die Gestalt, in


der es sich selbst in der transzendentalen Reflexion als mundanes
Bewußtsein vorgegeben ist, wiederum, wie schon zuvor das on-
tische Apriori, zum Gegenstand einer transzendentalen Rück-
frage machen. Das konstitutive Apriori des kinästhetischen
Bewußtseins selbst müßte zum Leitfaden einer Intentionalanalyse
werden. Dabei müßte aber sowohl der Begriff der Intentional-
analyse als auch der ihm korrespondierende Begriff der Konsti-
tution einen anderen Sinn bekommen. Mit anderen Worten:
diese Analyse dürfte keine statische Analyse sein. Wäre das
kinästhetische Bewußtsein selbst wiederum intentional kon-
stituiert, also in gleicher Weise wie seine Gegenstände, so müßte
diese Intentionalität wiederum durch Regelstrukturen bestimmt
sein, an welche dieselben Fragen zu stellen wären und so fort ins
unendliche.
Husserl scheint diese Schwierigkeiten gesehen zu haben, wenn
er die Subjektivität, auf die eine statische Analyse zurückführt,
eine "bereits entwickelte"l nennt; diese Subjektivität wird also
schon als das Resultat einer "Entwicklung" angesehen. Es ist
bekannt, daß Husserl diese Selbstkonstitution der Subjektivität
als ihre transzendentale Zeitigung ansieht. Diese genetische
Konstitution müßte aufweisen können, warum sich die tran-
szendentale Subjektivität immer schon als mundane vorgegeben
~~~j und zwar auch vorgegeben als kinästhetisches Bewußtsein,
~. Einheit von Weltbewußtsein und Leibbewußtsein. Eine ge-
netische Analyse dürfte sich, soll sie das leisten, was Husserl ihr
zutraut, keineswegs aber damit begnügen, Wahrnehmung oder
I gar Reflexion als ein "zeitliches" Geschehen aufzuweisen, sondern

sie müßte Welt und Leib als Strukturen der Zeitlichkeit be-
greifen können.
Wir kommen hier am Schluß unserer Arbeit noch einmal auf
die Zeitkonstitution zu sprechen, weil Husserl ausdrücklich sagt,
daß eine statische Analyse der genetischen notwendig voranzu-
gehen habe l . Was bedeutet dies anders, als daß eine statische
Analyse allererst das in den Blick bringen muß, was eine gene-
tische Analyse dann zum Leitfaden ihrer Untersuchung nehmen
muß. Ob und wie eine genetische Analyse diese ihr von Husserl

1 Formale und trans:rendentale Logik, S. ZZI


144 KINÄSTHETISCHES BEWUßTSEIN

selbst zugewiesene Aufgabe erfüllen kann, kann hier nicht mehr


untersucht werden.
Unabhängig davon aber zwingt die Tatsache, daß das kin-
ästhetische Bewußtsein eindeutig weder als mundanes Bewußt-
sein in dem Sinne, den Husserl diesem Begriff gibt, noch als
transzendentales Bewußtsein, als in sich geschlossener Seins- und
Erkenntnisgrund alles Seienden, bestimmt werden kann, zu
einem erneuten Durchdenken der "Transzendentalität" der Hus-
serlschen Phänomenologie.
LITERATURVERZEICHNIS

I. WERKE HUSSERLS

Husserliana. Edmund Husserl, Gesammelte Werke. Auf Grund des


Nachlasses veröffentlich vom Husserl-Archiv (Louvain) unter Leitung
von H. L. van Breda, Haag 1950 ff.
Bd. I Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge. Hrsg. S. Strasser,
Haag 1950
Bd. II Die Idee der Phänomenologie. Fünf Vorlesungen. Hrsg. W. Biemel,
Haag 1950; zweite Auflage 1958 .
Bd. III Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen
Philosophie. Erstes Buch. Allgemeine Einführung in die reine Phäno-
menologie. Hrsg. W. Biemel, Haag 1950 (zitiert: Ideen I)
Bd. IV I dem zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen
Philosophie. Zweites Buch. Phänomenologische Unte1'suchungen zur
Konstitution. Hrsg. M. Biemel, Haag 1952 (zitiert: Ideen II)
Bd. V Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen
Philosophie. Drittes Buch. Die Phänomenologie und die Fundamente der
Wissenschaften. Hrsg. M. Biemel, Haag 1952 (zitiert: Ideen III)
Bd. VI Die Kl'isis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale
Phänomenologie. Eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie.
Hrsg. W. Biemel, Haag 1954 (zitiert: Krisis)
Bd. VII Erste Philosophie (I9z3!Z4). Erster Teil. Kritische Ideengeschichte.
Hrsg. R. Boehm, Haag 1956 (zitiert: Erste Philosophie I)
Bd. VIII Erste Philosophie (I9Z3!z4). Zweiter Teil. Theorie der phäno-
menologischen Reduktion. Hrsg. R. Boehm, Haag 1959 (zitiert: El'ste
Philosophie II)
Bd. IX Phänomenologische Psychologie. Vorlesungen Sommersemester I9z5·
Hrsg. W. Biemel, Haag 1962
Logische Untersuchungen, Halle a.d. S. 1928 4
Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins. Hrsg. M.
Heidegger, in: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische For-
schung, Bd. IX, 1928, S. 367-496
Formale und transzendentale Logik. Vel'such einer Kritik der logischen
Vernunft. In: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische For-
schung, Bd. X, 1929, S. 1-298
Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur Genealogie der Logik. Redigiert
und herausgegeben von Ludwig Landgrebe, Hamburg 19542
LITERATURVERZEICHNIS

2. UNVERÖFFENTLICHTE MANUSKRIPTE

Berücksichtigt wurden, neben allen bisher transkribierten Manus-


kripten der Gruppe D, "Primordiale Konstitution (,Urkonstitution') " ,
die Manuskripte F I I3 (1907), "Dingvorlesung" und M III 3 V (vor
1916), "Systematische Raumkonstitution" (eine von Edith Stein her-
gestellte Ausarbeitung des letzten Teiles der "Dingvorlesung"). Hier
werden jedoch nur die Manuskripte aufgeführt, die in vorliegender Arbeit
zitiert wurden.
D 3 (1920) "Objektivität. ,Objektive' oder Wahrheit an sich: Objekt,
Gegenstand an sich."
D 8 (1918) "Individuation, das ,Tode-ti'."
D IO I (1932) "Zur Konstitution der physischen Natur. Zuerst Leib-
Außending; dann rückführend auf Hyle und Kinästhese."
D IO III (1932) "Konstitution als Perspektivierung in ihren Stufen; dann
Konstitution seiender Dinge, also der Zeiträumlichkeit als Seinsform
durch den eingreifenden Leib. . .. "
D IO IV (1932) "Schwierigkeiten der Kinästhesen."
D IZ I (1931) "Assoziative Passivität und Ichaktivität in der untersten
Stufe; Kinästhese in der praktischen und nicht praktischen Funktion."
D IZ III (1931) "Zur Konstitution der Tastwelt. - Die haptischen Kin-
ästhesen.' ,
D IZ IV (1931) "Zwei wichtige Manuskripte: 1) Die konkrete Gegenwart
als Einheit der Konfiguration der Wahrnehmungsgegebenheiten, die
,erste' Welt. 2) Die Konstitution des Anderen, des Leibes als erstes
Objekt der außerleiblichen Umwelt."
D IZ V (1931) "Notizen über Kinästhese."
D I3 I (1921) "Zur Konstitution des Raumes (Phantom und Vollschema)
vom okulomotorlsch-kephalomotorischen zweidimensionalen Feld von
Bildern aus.
Erscheinungssystem und Orientierungssystem. "
D I3 IV (1921) .. Typologie des visuellen Feldes und die zugehörige
Kinästhese. Grundstücke einer Lehre von den Kinästhesen. Das
Doppelfeld. Theorie des Reliefs."
D I3 V (1926) "Relativität und zwar insbesondere der Nähe und Feme;
zur Orientierungsstruktur der Welt; ... "
D I3 XII (1910/17) "Normalität und Konstitution und mögliche Objek-
tivität ... "
D I3 XV (1910/18) .. Raumkonstitution. - Primäre und sekundäre
Qualitäten 1910 u. 1918, Bernau. - Zu Konstitution der Natur, Konstitu-
tion des identischen Raumes und der Raumgestalten ... "
D I3 XVIII (vor 1916) "Sonne, Mond, Himmel etc."
D I3 XXIII (1907 und später) .. Orientierung. - Konstitution des Sinnen-
dinges, Sinnenraumes (als Anhang zur Dingvorlesung von 1907)."

ANMERKUNG

Noch nicht transkribiert ist ein Teil der Gruppe D I3, welcher sich
aber, wie aus Überschriften und Randbemerkungen des Original-Manus-
kriptes hervorgeht, vornehmlich mit der Phantom- und Dingkonstitution
befaßt und aus der Zeit um 1910 stammt.
LITERATURVERZEICHNIS 147

3. SEKUNDÄRLITERATUR
Hier werden nur die Schriften aufgeführt, die in der Arbeit zitiert
werden oder auf die sonst Bezug genommen wird. Zur allgemeinen
Literatur über Husserl sei auf die einschlägigen Bibliographien verwiesen.

ASEMISSEN, H. U., Strukturanalytische Probleme der Wahrnehmung in der


Phänomenologie Husserls. Kantstudien, Ergänzungshefte Nr. 73, Köln
1957
BRAND, G., Welt, Ich und Zeit. Haag 1955
BECKER, 0., "Beiträge zur phänomenologischen Begründung der Geo-
metrie und ihrer physikalischen Anwendungen", in: Jahrbuch für
Philosophie und phänomenologische Forschung VI, 1923, S. 385-560
BECKER, 0., "Die apriorische Struktur des Anschauungsraumes", in:
Philosophischer Anzeiger IV, 1930, S. 129-162
BECKER, 0., Größe und Grenze der mathematischen Denkweise. Freiburg
und München 1959
BIEMEL, W., "Die entscheidenden Phasen der Entfaltung von Husserls
Philosophie", in: Zeitschrift für Philosophische Forschung XIII, 1959,
S. 187-213
DIEMER, A., Edmund Husserl. Versuch einer systematischen Darstellung
seiner Phänomenologie. Meisenheim am Glan 1956
FINK, E., ..Vergegenwärtigung und Bild. Beiträge zur Phänomenologie
der Unwirklichkeit. (1. Teil)", in: Jahrbuch für Philosophie und phäno-
menologische Forschung XI, 1930, S. 239-309
FINK, E., "Das Problem der Phänomenologie Edmund Husserls", in:
Revue Internationale de Philosophie 2, 1939, S. 226-270
ELEY, L., Die Krise des Apriori in der transzendentalen Phänomenologie
Edmund Husserls. Haag 1962
G~UMANN' C. F., Grundlagen einer Phänomenologie und Psychologie der
erspektivität. Berlin 1960
Gu WITSCH, A., Theorie du champ de la conscience. Brüssel 1957
GURWITSCH, A., "Beitrag zur phänomenologischen Theorie der Wahr-
nehmung", in: Zeitschrift für Philosophische Forschung XIII, 1959, S.
4 19-437
HEIMSOETH, H., "Der Kampf um den Raum in der Metaphysik der Neu-
zeit", in: Studien zur Philosophie Immanuel Kants. Köln 1956
HELD, K., "Lebendige Gegenwart". Die Frage nach der Seins weise des
transzendentalen Ich bei Edmund Husserl, entwickelt am Leitfaden der
Zeitproblematik. Diss. Köln 1963
LANDGREBE, L., Philosophie der Gegenwart. Frankfurt 19572-
LANDGREBE, L., "Prinzipien einer Lehre vom Empfinden", in: Zeitschrift
für Philosophische Forschung VIII, 1954, S. 195-209
LANDGREBE, L., "Seinsregionen und regionale Ontologien in Husserls
Phänomenologie", in: Studium generale 9, 1956, S. 313-324
LANDGREBE, L., "Husserls Abschied vom Cartesianismus", in: Philo-
sophische Rundschau 9, 1961, S. 133-177
LANDGREBE, L., "Zur phänomenologischen Theorie des Bewußtseins ,(A.
Gurwitsch)", in: Philosophische Rundschau 8,1960, S. 289-307
LINSCHOTEN, J., Auf dem Weg zu einer phänomenologischen Psychologie.
Die Psychologie von William Jarnes. Berlin 1961
LITERATURVERZEICHNIS

SEEBOHM, TH., Die Bedingungen der Möglichkeit der Transzendental-


Philosophie. Bonn 1962
STUMPF, C., Ober den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung.
Leipzig 1873
SZILASI, W., Einführung in die Phänomenologie Edmund Husserls.
Tübingen 1959
WITSCHEL, G., Edmund Husserls Lehre von den sekundären Qualitäten.
Diss. Bonn 1961

INDEX

Asemissen, H. U., 39 f., 49, 65, 100, Heimsoeth, H., 1


133, 134 Held, K., 34
Becker, 0., 5, 45, 84 ff. Jammer, M., 1
Biemel, W., 3
Kant, 1 ff., 38 f., 51
Boehm, R., 4
Brand, G., 24, 34 Landgrebe, L., 2, 75, 84, 100, II2,
120, 122, 129, 130, 132
Descartes, 1
Linschoten, J., 1°7, 123
Diemer, A., 9, 23, 59, 94
Riemann, B., 3
Eley, L., 29 f.
Fichte, 101 Seebohm, Th., 34, 101
Fink, E., 18 f., 22, 25 f. Stumpf, C., 3, 53
Szilasi, W., 129, 131
Graumann, C. F., 39
Van Breda, H. L., 4
Gurwitsch, A., 60, 65, 75, 132
Hegel,122 Witschel, G., 44, 46