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Einführung in die Anatomie


1.1 Gestalt – 2
1.2 Bauplan – 3
2 Kapitel 1 · Einführung in die Anatomie

1 1 Einführung in die Anatomie

Kernaussagen | 1.1 Gestalt


5 Die Gestalt des Menschen ist uneinheitlich.
5 Ein Gestaltwechsel kann nur innerhalb einer Leonardo da Vinci (1453–1519) hatte sich für sein anato-
genetisch festgelegten Variationsbreite er- misches Werk zur Aufgabe gemacht, den Menschen so
folgen. zu erfassen »wie er dir gegenübersteht«. Gemeint ist
5 Der Bauplan des Menschen ist überindividu- das Erfassen der räumlichen Erscheinung des Men-
ell und setzt sich bis in den molekularen Be- schen, aber auch der inneren Zusammenhänge zwi-
reich fort. schen allen Bestandteilen des Körpers, die das Ganze
5 Alle Lebensvorgänge sind an das Vorhan- ausmachen. Hieraus hat sich die Lehre von der Gestalt,
densein dynamischer Strukturen gebunden. die Morphologie, entwickelt.
Die Erfahrung lehrt, dass alle Menschen einen ge-
Seit jeher ist es ein Grundbedürfnis der Menschen, meinsamen Bauplan haben, dass aber die Erscheinungs-
mehr über sich selbst zu erfahren. Deswegen ist die form der Gestalt variabel ist, denn in der Natur ist nicht
Anatomie die älteste medizinische Wissenschaft. Gestei- die Norm das Normale, sondern die Variabilität. Die Va-
gert ist das Grundbedürfnis nach anatomischem Wissen riationsbreite ist dabei genetisch festgelegt und kann
im Krankheitsfall. nicht überschritten werden. Auf dieser Basis erfolgt
Darüber hinaus spielt bei jeder Kommunikation von auch während des Lebens ein Gestaltwandel, z. B. wäh-
Menschen untereinander die Gestalt des jeweiligen Ge- rend des Wachstums oder beim Altern.
genüber, seine Bewegungseigentümlichkeiten und die Nach der körperlichen Beschaffenheit, aber auch
in der Haltung ausgedrückte Körpersprache eine kaum nach Art und Ablauf von Funktionen und Reaktionen
zu überschätzende Rolle. lässt sich trotz aller Zwischenformen, die die Regel sind,
Der Arzt muss zudem die Zusammenhänge zwi- unterscheiden zwischen
schen der individuellen körperlichen (und psychischen) 4 leptosom,
Erscheinung des Patienten und den evtl. durch Krank- 4 pyknisch und
heit bedingten Veränderungen erfassen. Dies erfordert 4 athletisch gebauten Menschen.
vom Anbeginn der Begegnung mit dem Patienten Wis- Hinzu kommt der
sen und Können in der Anatomie (des Gesunden) als 4 Geschlechtsdimorphismus.
zuverlässige Basis. Wie sollen sonst Veränderungen er-
fasst, gar verstanden werden. Völlig unerlässlich werden Der Leptosome ist schlankwüchsig, oft schmalbrüstig
Kenntnisse in der Anatomie jedoch bei Untersuchungen und langbeinig. Als asthenisch wird die Extremform
und Behandlungen (nicht nur in der Chirurgie). des Leptosomen bezeichnet.
Am Anfang des Studiums der Anatomie steht die Be- Der Pykniker ist gedrungen, eher kurzbeinig und
schäftigung mit der neigt zum Fettansatz.
4 Gestalt und dem Athletische Menschen sind muskulös, verfügen über
4 Bauplan des menschlichen Körpers. einen groben Knochenbau und straffes Hautbindege-
webe.
Geschlechtsdimorphismus. Er betrifft die primären
Geschlechtsmerkmale (innere und äußere Geschlechts-
a1.2 · Bauplan
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organe) sowie die sekundären Geschlechtsmerkmale, die bilaterale Symmetrie erhalten, wenn sich auch die
die sich während der Pubertät ausbilden. Hervorste- beiden Körperhälften niemals spiegelbildlich gleichen.
chend sind Unterschiede in der Behaarung, der Brust- Dies äußert sich außerdem in der Seitigkeit: beispiels-
bildung, den Proportionen, der Größe des Kehlkopfs, weise der Rechtshänder verfügt nicht nur über eine
der Verteilung des Fettpolsters und der Ausbildung größere Geschicklichkeit auf dieser Seite, sondern auch
des Beckens. Dimorph ist auch der psychische Status. über eine kräftiger ausgebildete Muskulatur.

i Zur Information Kraniokaudale Ordnung. Sie ergibt sich aus dem auf-
Der Begriff der Gestalt spielt auch in Philosophie und Psycho-
rechten Gang des Menschen. Der kranial, »oben« liegen-
logie eine eminente Rolle. In der Philosophie wird die Gestalt
als Erscheinungsform des Geistes aufgefasst, in der Psycho- de Körperabschnitt ist der Kopf (Caput). Er trägt Öff-
logie als Einheit von (Sinnes-) Empfindungen und Leistungen nungen für Nahrungsaufnahme und Luftzufuhr. Der
der empfangenden und ausführenden Organe, z. B. des Bewe- Kopf wird vom Hals (Collum bzw. Cervix) beweglich ge-
gungsapparats. Dies bedingt die »Körpersprache«. halten. Die Hauptmasse des Körpers bildet der Rumpf
( Truncus). Er besteht aus dem knochenbewehrten Tho-
Gestaltwandel. Evident ist ein Gestaltwandel während rax, aus dem Bauch (Abdomen bzw. Venter), aus dem
der Entwicklung. Dabei verschieben sich die Größenver- Rücken (Dorsum) und aus dem Becken (Pelvis). Kopf,
hältnisse der einzelnen Körperteile. Als Maßeinheit gilt Hals und Rumpf werden auch unter der Bezeichnung
die Kopfhöhe. Während beim Neugeborenen der Körper Stamm zusammengefasst. An der vorderen Rumpfwand
4 Kopfhöhen entspricht, sind es beim Erwachsenen 8 sind die primär für die Lokomotion ausgebildeten
(. Abb. 3.18). Die Schamfuge bildet die Mitte. Abwei- Gliedmaßen (Extremitäten) befestigt. Die dorsal gelege-
chungen von diesem Schema ergeben sich in Abhängig- ne Wirbelsäule ist das wichtige, bewegliche Achsen-
keit von Geschlecht und Rasseeigentümlichkeiten. skelett. Es läuft in den Schwanz (Cauda) aus.
Außerdem können zahlreiche Faktoren modulierend Die dorsoventrale Ordnung ist allen Vertebraten und
auf die Gestalt Einfluss nehmen. So führt z. B. Nicht- den Menschen gemeinsam. Dorsal liegt die Wirbelsäule
gebrauch der Muskulatur zur Atrophie, Überbeanspru- (Columna vertebralis) mit dem Rückenmark (Medulla
chung hingegen zur Hypertrophie (Bodybuilding). Der spinalis).
Organismus als Ganzes ist nämlich ein sich selbst re-
gelndes System, das sich innerhalb seiner Variations-
breite den sich dauernd verändernden Umweltbedin- Segmentale Gliederung, Metamerie. Die verschiedenen
gungen optimal anpassen kann. Körperabschnitte lassen einen unterschiedlichen Bau-
plan erkennen. Die Rumpfwand zeigt das Phänomen
der Metamerie. Hierunter versteht man eine Folge
gleichartiger Bauteile (Segmente). Die metamere Glie-
1.2 Bauplan
derung ist beim Fisch noch sehr auffällig. Sie tritt beim
Menschen nur in der Embryonalperiode deutlich in Er-
Unter Bauplan werden generelle, überindividuelle Ge- scheinung (. Abb. 3.13). Reste der Metamerie beim Er-
meinsamkeiten des Menschen verstanden, die von wachsenen sind die segmental angeordneten Wirbel
Körperbautyp, psychischem Status, Hautfarbe und Ras- und Rippen, die Muskeln zwischen den Rippen und ei-
se unabhängig sind. Hierauf baut die Medizin auf, wes- nige Muskelgruppen am Rücken. Auch die Innervati-
halb »Ärzte ohne Grenzen« tätig werden können. onsfelder der Haut lassen noch die ursprüngliche Meta-
Charakteristisch für den Menschen sind seine merie erkennen (7 S. 115).
4 bilaterale Symmetrie, Unsegmentiert, d. h. nicht metamer angelegt, ist der
4 kraniokaudale und dorsoventrale Ordnung und Kopf (Caput) mit dem von Weichteilen umgebenen Ge-
4 segmentale Gliederung. hirnschädel (Neurocranium) und Gesichtsschädel (Vis-
cerocranium), der den Schlunddarm umschließt. Unseg-
Bilaterale Symmetrie. Sie besteht primär nicht nur für mentiert sind auch Gehirn und Rückenmark. Auch den
die äußere Körperform, sondern auch in den Anlagen Eingeweiden und der Leibeshöhle (Zölom) fehlt jegliche
der Organe und Systeme. Sie wird später durch die de- segmentale Gliederung. Das Zölom findet sich nur im
finitive Lage der Organe verwischt. Nur äußerlich bleibt Rumpf. Es fehlt im Kopf-, Hals- und Schwanzbereich.
4 Kapitel 1 · Einführung in die Anatomie

i Zur Information aller Art, mögen sie nun geformte Teilchen enthalten
1 Das Spektrum der Methoden, alle Einzelheiten des mensch- oder nicht, ihr Recht haben. Erst aus der Ermittlung
lichen Körpers und evtl. Veränderungen zu erfassen, ist groß. der Leistungen aller Bestandteile des Körpers und ihrer
Unerlässlich ist in der ärztlichen Praxis die visuelle Inspektion mannigfaltigen Wechselwirkungen wird am Ende eine
ohne jedes weitere Hilfsmittel. In der Anatomie bzw. Patholo-
gie wird sie durch die Präparation bzw. Sektion weitergeführt.
volle Erkenntnis der Lebensvorgänge und ihrer Störun-
Für die ärztliche Praxis haben jedoch die bildgebenden Ver- gen entstehen«.
fahren die denkbar größte Bedeutung. Sie reichen von der An- Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde die heute gülti-
wendung der Röntgenstrahlen (X-Strahlen) – auch in Form ge Lehre von der dynamischen Bauweise der lebendigen
der Computertomographie – bis zu Magnetresonanztomo- Materie entwickelt. Sie geht davon aus, dass sich alle Tei-
graphie, Positronenemissionstomographie und Sonographie.
le der Zellen und Gewebe nie in einem stationären, son-
dern immer in einem höchst dynamischen, dauerndem
Der Bauplan setzt sich aber weit über das Geschilderte
Wechsel unterworfenen, äußert labilen Zustand befin-
hinaus fort. Stationen auf diesem Weg sind in absteigen-
den. Dabei ist abgesichert, dass größere Einheiten, z. B.
der Größenordnung:
Membranen, erhalten bleiben, obgleich ihre Bausteine
4 Organe und Organsysteme
laufend ausgetauscht werden. Ermöglicht wird dies da-
4 Gewebe
durch, dass jeder Umbau geregelt erfolgt. Ein lebender
4 Zellen mit ihren Bestandteilen
Organismus mit all seinen Teilen bildet ein sich selbst
4 molekularer submikroskopischer Bereich.
regulierendes System. Intravital sind Strukturen daher
nie unverrückbar, sondern ein Vorgang: »Funktion ist
Organe sind geschlossene Funktionseinheiten mit be-
Geschehen im Molekulargefüge, d. h. Strukturwandel«
stimmten Leistungen, z. B. der Harnbildung der Niere.
(Bargmann, Anatom 1906–1978). Damit ist die Brücke
Jedes Organ besteht aus mehreren Geweben und hat ei-
von der Struktur zur Funktion geschlagen. Die Anato-
ne charakteristische innere Organisation. Untereinan-
mie bringt dabei den morphologischen Aspekt in die
der stehen die einzelnen Organe des Körpers in enger
Ganzheit des Geschehens ein.
Wechselbeziehung. Dort, wo sie zusammenwirken, bil-
den sie Organsysteme, z. B. Nervensystem, Verdauungs-
system, Urogenitalsystem, Gefäßsystem, endokrines Molekularer Bereich. Er wird von der Molekularbiologie
System usw. abgedeckt. Hierbei handelt es sich um einen Grenz-
bereich zwischen Morphologie, Biochemie und Physio-
Gewebe sind Verbände von Zellen, die einer gemein- logie. Die Molekularbiologie bemüht sich, den moleku-
samen Aufgabe dienen. Die Lehre von den Geweben laren Bau des Organismus in all seinen Teilen und seiner
ist die Histologie (7 S. 6). Die Grundgewebe sind Epi- Dynamik zu erfassen. Hier liegt der gegenwärtige Fort-
thelgewebe, Binde- und Stützgewebe, Muskelgewebe schritt in der Medizin. Die Molekularbiologie mit ihren
und Nervengewebe. Erkrankungen stehen in enger Be- enormen Auswirkungen auf die Klinik, vor allem auf die
ziehung zu Gewebeveränderungen. Therapie von Erkrankungen, ist Forschungsschwer-
punkt. Dabei spielt die Erkenntnis der Morphologie ei-
Die Zelle ist nach Rudolf Virchow (Pathologe, ne wesentliche Rolle, dass alle Systeme einschließlich
1821–1902) »das wirklich letzte Formelement aller leben- des molekularen Bereiches geordnet sind.
digen Erscheinungen, sowohl im Gesunden als auch im Die Verankerung dieser Erkenntnis, der morpholo-
Kranken«. Koelliker (Anatom, 1817–1905) ergänzte dies gische Gedanke, ist ein Leitfaden für das Studium der
durch die Aussage, dass »auch die Zwischensubstanzen Anatomie.