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EDITORIAL IMPRESSUM

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Erscheinungsdatum dieser Ausgabe: 16.04.2018
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Leserbriefe zu kürzen.

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INHALT
SEITE GRE AT BA RRIER REEF 10 Ortsverbunden seit der Traumzeit
54 Beim Riff darf nichts
schiefgehen 13 Aborigines verschleppten Palmen
ins Outback
16 Wie der Beutellöwe seine Beute einsackte
18 Kot bestätigt menschliche Rolle
beim Massenaussterben
34 Füchse und Katzen schlimmer
als Klimawandel?
36 Erstes Säugetier durch Klimawandel
TAMMY616 / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

ausgestorben
38 Rettung für den tasmanischen
Teufel in Sicht
40 Süß und selten – Schnabeligelbabys
SEITE AUSGESTORBENE A RTEN DER FÜNF TE KONTINENT SEITE
20 Die Tücken der Frühe Spuren von Homo sapiens 04 wecken Hoffnungen
Wiederauferstehung in Australien 42 Verheerendes Feuer für Quokkas
SIMONBR ADFIELD / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

44 Warum Wombats Würfelhäufchen machen


46 Bakterien und Antibiotika gefährden
Koalas doppelt
48 Legen Vögel gezielt Feuer?
BIOLOGISCHE SCH Ä DLINGE SEITE 50 Lauern mit dem perfektionierten
Kaninchenkrieg in Australien 27
Scanner-Blick
52 Warme Jahrzehnte ließen fast
WHITE WAY / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

RICK TR AVEL / STOCK.ADOBE.COM

ausschließlich Weibchen schlüpfen

3
DER FÜNFTE KONTINENT

Frühe Spuren von


Homo sapiens in Australien
von Curtis W. Marean
ANDRE W_DEER / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

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Der moderne Mensch erschien auf dem Südkontinent eher als gedacht.
Hatte er dort am Aussterben großer Tiere Schuld?

D
ie Verbreitungsgeschichte den Sinai genommen hatte und in die heit mit ihrer Differenzierung in verschie-
des Homo sapiens von Af- Wüste Negev gelangt war. Diese Migration dene Ethnien und Sprachgruppen.
rika her über die Welt birgt weit nach Osten gilt als Teil der folgen- Wie jene Jäger und Sammler mit ihrem
noch viele Fragen. Wann reichsten Ausbreitung unserer Spezies. steinzeitlichen Knowhow hochseetaugli-
erreichte er zum Beispiel Denn Nachfolger der frühen afrikanischen che Boote zu konstruieren vermochten,
die fernen Kontinente? Und mit welchen Auswanderer kamen bis nach Europa, Ost- die sie hinüber nach Australien trugen,
Hilfsmitteln konnte er nach Australien asien, Australien und Amerika und besie- blieb bislang ihr Geheimnis. Strittig ist zu-
übersetzen, das stets eine hunderte Kilo- delten schließlich sogar zuvor menschen- dem der Zeitpunkt dieser ersten Fahrten.
meter breite Meeresstraße von Indonesien leere Inseln wie Madagaskar und Neusee- Einige Wissenschaftler vermuteten bis-
trennte? Australische Forscher präsentier- land. her, dass dies nicht länger als 45 000 Jahre
ten nun neue Daten zur frühen Besiedlung Die von den Neuankömmlingen er- her sein kann. Wenn das zuträfe, hätte die
des abgelegenen Erdteils. Diesen Messun- schlossenen Regionen erfuhren damals Besiedlung Europas und Australiens durch
gen zufolge lebte der moderne Mensch in immense Umweltveränderungen. Insbe- den Homo sapiens etwa gleichzeitig ein-
Nordaustralien schon vor 65 000 Jahren. sondere starben dort bald viele große Tie- gesetzt.
Nach der vorherrschenden Ansicht re der so genannten Megafauna aus. Und Archäologische Datierungen können al-
drang vor zirka 70 000 Jahren eine Grup- ebenfalls ungefähr zur selben Zeit ver- lerdings ihre Tücken haben. Die Radiokar-
pe anatomisch moderner Menschen nach schwanden die anderen Menschenformen, bonmethode, die auch für Australien gern
Asien vor, die vermutlich den Weg über die bisher in den Regionen gelebt hatten, eingesetzt wurde und bei der das radioakti-
so der Neandertaler. Inwieweit der moder- ve Isotop 14C gemessen wird, liefert nur zu-
ne Mensch zu diesen Prozessen beitrug, ist rück bis vor etwa 40 000 oder 45 000 Jah-
Curtis W. Marean erforscht als Anthropologe und Ar-
chäologe die Vorgeschichte des Menschen insbesonde- teils noch umstritten. Zumindest aber ren einigermaßen sichere Ergebnisse. Denn
re im Süden Afrikas. Er hat eine Professur an der Arizo- stellten sich schon in jener Zeit die Wei- das 14C, das Organismen einbauen, zerfällt
na State University in Tempe und ist Honorarprofessor
an der Nelson Mandela Metropolitan University in Port
chen für die Herausbildung der geneti- nach ihrem Tod allmählich – bis die Menge
Elizabeth. schen Hauptlinien der heutigen Mensch- zu gering für eine Altersbestimmung wird.

5
YE ARS AGO. IN: NATURE 547, S. 306-310, 2017, FIG. 1 A+B; MIT FRDL. GEN. VON CHRIS CL ARKSON, UNIVERSIT Y OF QUEENSL AND
CL ARKSON, C. E T AL.: HUMAN OCCUPATION OF NORTHERN AUSTR ALIA BY 65,000 YE ARS AGO. IN: NATURE 547, S. 306-310, 2017, FIG. 1 A+B;

Moderner
Küstenverlauf

Moderner Küstenverlauf
AND
BY 65,000

Frühe Spuren von Homo sapiens in Australien


QUEENSL
ALIA
Y OF

Der archäologische Fundort Madjedbebe liegt im Kakadu-Nationalpark im australischen Bundes-


AUSTR
UNIVERSIT

staat Northern Territory etwa 170 Kilometer östlich der Stadt Darwin. Der Park ist sowohl Weltna-
OF NORTHERN

tur- als auch Weltkulturerbe der UNESCO – Letzteres wegen der hier vorhandenen herausragenden,
CHRIS CL ARKSON,

umfangreichen Felsmalereien der australischen Urbevölkerung sowie zahlreicher archäologischer


Stätten (Karte links), die von der frühen Besiedlung des Landes zeugen. Madjedbebe heißt eine
OCCUPATION

Halbhöhle, deren Ablagerungen nun nochmals bis hinab zu den frühesten Besiedlungsspuren unter-
sucht und mit modernsten Methoden datiert wurden. Die Ergebnisse erhärten einen früheren Ver-
GEN. VON

dacht: An diesem Ort lebten anatomisch moderne Menschen schon vor schätzungsweise 65 000
AL.: HUMAN

Jahren. (Die Karten stammen aus der Originalarbeit. Die Linien zeigen den heutigen Küstenverlauf.)
E TFRDL.
MIT
CL ARKSON, C.

6
Wenn also ein Alter von 45 000 Jahren her- mit Thermolumineszenzmessungen (ei- man sie fand – also nicht etwa nachträglich
auskommt, könnte der Wert unter Umstän- nem anderen Verfahren als OSL) ein Alter tiefer eingegraben worden waren, wie man-
den zu niedrig sein. von ungefähr 50 000 bis 60 000 Jahren, che Kritiker vermutet hatten.
Mittlerweile haben Geochronologen worüber die Experten seither wegen ver- Die hier interessierenden tiefen Ablage-
andere Datierungsmethoden entwickelt, schiedener methodischer Unsicherhei- rungen untersuchten die Wissenschaftler
die es möglich machen, noch weiter in die ten heftig streiten. Die Autoren der aktu- dann allein mit OSL, auch über die letzten
Vergangenheit zurückzugehen. Zu den ellen Studie haben an diesem Fundort Schichten mit menschlichen Spuren hin-
leistungsfähigsten dieser Verfahren zählt 2012 und 2015 nochmals an etwas ande- aus. Gewiefte statistische Berechnungen
die optisch stimulierte Lumineszenz oder ren Stellen mehrere Meter tief gegraben halfen, mögliche Ungenauigkeiten einzel-
OSL-Datierung. Damit lässt sich das Alter und dabei die Sedimentschichten und die ner gewonnener Alterswerte abzugleichen,
von Sedimenten bestimmen. Mineralien, Position der unzähligen entdeckten Arte- Datierungslücken zu schließen und für die
etwa Quarzpartikel, reichern Energie aus fakte genauestens dreidimensional ver- Fundstelle ein Altersmodell zu entwickeln.
natürlicher radioaktiver Strahlung an und messen. Nach diesen Ergebnissen müssten sich in
geben sie im Licht wieder ab. Wie stark sie der Halbhöhle Madjedbebe schon vor weit
leuchten, hängt daher davon ab, wie lange Schicht für Schicht in die Tiefe: mehr als 50 000 Jahren Menschen aufge-
sie begraben waren. Sofern die Abfolge der Vergleich von Altersbestimmungen halten haben. Höchstwahrscheinlich leb-
Sedimentschichten nicht gestört wurde, mit zwei Methoden ten sie dort sogar schon vor über 65 000
liefert die OSL-Methode genauere Alters- Um sicherzugehen, dass die OSL-Datierun- Jahren. Und sie verfügten über ein Arsenal
daten zu früheren Zeiträumen als die Ra- gen der tiefsten Schichten korrekt sind, er- fortschrittlicher Steinwerkzeuge auf der
diokarbondatierung. Die australischen mittelten die Forscher von der Oberfläche Höhe der Zeit, darunter auch Mahlsteine
Forscher haben das Verfahren nun bei der an für alle darüberliegenden Schichten so- und Beile.
bekannten Fundstätte Madjedbebe in wohl das Alter von organischen Ablagerun- Wie gesagt, gehen die Meinungen der
Nordaustralien angewandt. gen als auch parallel dazu das von Sedi- Forscher auseinander, was die Beteiligung
Die Halbhöhle, die schon länger für be- mentkörnern, Ersteres mit der 14C-Metho- des Homo sapiens am Verschwinden gro-
sonders frühe menschliche Spuren be- de, Letzteres mit der OSL-Technik. Die ßer Tierarten auf den neu besiedelten Erd-
kannt ist, hieß früher Malakunanja II. Alterswerte der höheren Schichten stimm- teilen betrifft. Besonders seine Rolle dabei
Nach Ausgrabungen in den Jahren 1973 ten gut überein. Vor allem zeigte sich da- in Australien beurteilen sie verschieden.
und 1989 ermittelten Wissenschaftler für bei, dass die Artefakte in diesen Lagen wirk- Vor einigen Jahren erlebte ich hierzu auf ei-
die ältesten dort geborgenen Artefakte lich so alt sind wie die Schichten, in denen ner Konferenz eine hitzige Debatte. Viele

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STEINGERÄTE MIT GEBRAUCHSSPUREN
In den tiefsten Kulturschichten von Madjed-
bebe hinterließen Vertreter von Homo sapiens
unzählige für die damalige Zeit hochmoderne
CL ARKSON, C. E T AL.: HUMAN OCCUPATION OF NORTHERN AUSTR ALIA BY 65,000 YE ARS AGO. IN: NATURE 547,

Steingeräte. Sie benutzten zum Beispiel


S. 306-310, 2017, FIG. 2 A+B+E+D+G; MIT FRDL. GEN. VON CHRIS CL ARKSON, UNIVERSIT Y OF QUEENSL AND

Mahlsteine und fertigten Beile und verschie-


denste Klingen, verwendeten aber auch
Ockerkreiden.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Ar-


chäologen oder Anthropologen jemals auf
irgendwelche Hinterlassenschaften der al-
lerersten Einwanderer in ein neues Gebiet
stoßen werden. Noch weniger ist zu erwar-
ten, dass wir direkte Zeugnisse ihrer Jagd-
gewohnheiten bezüglich der Megafauna
finden. Forschungsergebnisse zur »frühes-
ten« Besiedlung dürften daher in der Regel
bereits etwas jüngere Phasen betreffen.
Laut einer Studie von 2016 hatte der
Mensch schon vor etwa 49 000 Jahren die
Kollegen beharren noch immer auf der dass die Fundstätten einen Zusammen- Wüsten Inneraustraliens durchquert und
längst widerlegten Mär, wonach die Jäger hang zwischen dem Auftreten des moder- auch bereits die südlichen Küsten erreicht.
und Sammler in Harmonie mit der Natur nen Menschen und dem Aussterben der Die Forscher fanden in dem Zusammen-
lebten. Und manche Leute meinen, es sei Megafauna nicht erkennen lassen. Ein wei- hang Werkzeuge und dabei Fossilien von
Aufgabe der Anthropologen und Archäolo- terer Einwand lautet, auf einigen Erdteilen Großtieren. Nimmt man die neuen Datie-
gen, dieses Bild zu bewahren. Eines der Ar- seien Großtiere schon selten geworden, als rungen hinzu, dürfte der Homo sapiens
gumente für diese Ansicht ist gewöhnlich, der Mensch dort noch gar nicht existierte. früh genug in Australien aufgetaucht sein,

8
um die Auslöschung verschiedener Groß-
tiere verschuldet haben zu können.
Die neue Untersuchung macht einmal
mehr deutlich, dass man in der Paläoar-
chäologie und Anthropologie nicht nur
KOMPAKT
neue Fundorte suchen sollte, sondern dass
es lohnen kann, auch ältere Grabungsstät-
ten nochmals mit aktuellen Methoden zu
ergründen. Auch Australien hält da sicher-
lich noch manche Überraschung parat.
Wir wissen heute, dass moderne Men-
schen Küsten gegenüber diesem Kontinent
schon kurze Zeit nach ihrem Aufbruch aus
Afrika erreichten. Was mag sie veranlasst
haben, Boote zu bauen und mit ihren Fa-
ANTHROPOZÄN
Ein Erdzeitalter für den Menschen?
milien übers Meer zu einem Land zu fah-
ren, das von dort gar nicht zu sehen war?
Ihr Entdeckerdrang erinnert an den Unter-
nehmungsgeist der heutigen Menschheit,
die nach den Sternen greift. 

(Spektrum der Wissenschaft, November 2017)


Clarkson, C. et al.: Human Occupation of Northern Australia
NASA / USGS / LANDSAT / U.S. DEPARTMENT OF THE INTERIOR

by 65 000 Years Ago. In: Nature 547, S. 306–310, 2017


Hamm, G. et al.: Cultural Innovation and Megafauna Inter- FÜR NUR
action in the Early Settlement of Arid Australia. In: Nature € 4 ,9 9
539, 280–283, 2016 HIER DOWNLOADEN
Malaspinas, A.-S. et al.: A Genomic History of Aboriginal
Australia. In: Nature 538, 207–214, 2016

9
ABORIGINES

Ortsverbunden
seit der
Traumzeit
von Jan Dönges
Die Mythen der australischen Ureinwohner
zeugen von einer tiefen Verbundenheit mit dem
Land. Nun zeigt ihr Erbgut: Viele Gruppen
leben seit über 40 000 Jahren an Ort und Stelle.
POMINOZ / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

10
A
ustralische Forscher haben bevölkerten. Sie folgten dabei einer Route nun die Beobachtung von Linguisten: Vie-
mit Hilfe von Gendaten entlang der Westküste und einer Route ent- le Sprachen auf dem Kontinent entwickel-
nachvollzogen, wann die lang der Ostküste. ten sich anscheinend über sehr lange Zeit-
Ureinwohner den Konti- Wo immer die Menschen noch unbesie- räume isoliert. Auch dies ist ein Zeichen
nent betraten und wie sie deltes Land erreichten, ließen sich manche dafür, dass es zu keinem nennenswerten
sich darauf ausbreiteten. Es zeigt sich, dass von ihnen nieder – und blieben in der Ge- Kontakt mit den Nachbarn kam. Ähnliches
nicht nur in den Erzählungen der Aborigi- gend, vermutlich bis in die Neuzeit. Unter- ließ sich in Kultur und Aussehen der Men-
nes eine tiefe Verbundenheit mit dem Land dessen spaltete sich eine neue Gruppe ab schen feststellen.
im Vordergrund steht: Tatsächlich blieben und zog weiter die Küstenrouten entlang. Eine Ausnahme davon bildet die Aus-
wohl viele Gruppen über Zehntausende Eine derartige Verteilung hinterlässt deutli- breitung der Pama-Nyunga-Kultur und
von Jahren in sich geschlossen und ver- che Spuren in der mtDNA, dem Erbgut der -Sprachfamilie, die Gegenstand einer 2016
mutlich auch auf ihr angestammtes Terri- Mitochondrien, die nur von der Mutter wei- veröffentlichten Studie war. Die Innovatio-
torium beschränkt. Die Geschichte dieser tervererbt werden. Da in zeitlich regelmä- nen, die mit dieser Kultur assoziiert sind,
Gruppen reicht damit in eine Zeit weit jen- ßigen Abständen immer neue Mutationen breiteten sich vor rund 4000 Jahren über
seits der letzten Eiszeit zurück. in dieser mtDNA hinzukommen, können große Teile des Kontinents aus. Allerdings
Aus der Analyse des Teams um Alan Forscher durch Auswertung des Erbguts kam es auch hier nicht zur Migration einer
Cooper von der University of Adelaide geht den Stammbaum der einzelnen Populati- nennenswerten Zahl von Menschen – zu-
hervor, dass die Vorfahren der heutigen onsgruppen in groben Zügen rekonstruie- mindest finden sich keine derartigen Hin-
Aborigines in einer einzelnen Gruppe nach ren und sogar die einzelnen Abzweigungen weise im Genpool der heutigen australi-
Australien wanderten. Den Zeitpunkt für datieren. schen Ureinwohner.
diese Migration setzen sie bei ungefähr Cooper und Kollegen haben für ihre
50 000 Jahren vor heute an. Damals waren Keine nennenswerte Vermischung aktuelle Studie auf Probenmaterial zu-
Australien und das heutige Neuguinea über Jahrtausende rückgegriffen, das zwischen 1920 und
durch eine gemeinsame Landbrücke zum Wären die einzelnen Gruppen – wie in al- 1970 bei Expeditionen für das Board for
Kontinent Sahul verbunden. len anderen Teilen der Welt – zwischenzeit- Anthropological Research (BAR) der Uni-
Weniger als 10 000 Jahre dürfte es ge- lich weitergewandert, wären sie auf Nach- versity of Adelaide gesammelt wurde. Die
dauert haben, bis die Menschen dann vom barstämme gestoßen, was meist unweiger- Forscher nahmen damals mit dem Ein-
asiatischen Festland aus die lebensfreund- lich zu einer Vermischung des Genpools verständnis der Teilnehmer Haarproben
lichen Zonen des australischen Kontinents führt. Dass dies nicht der Fall war, bestätigt von über 5000 Ureinwohnern und ver-

11
zeichneten eine Vielzahl ethnografischer
Daten.
Die Proben stammen damit zum Teil
KOMPAKT
noch aus der Zeit vor den radikalen Um-
siedlungs- und Umerziehungsaktionen,
die die europäischstämmigen Australier in
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
durchführten. Der damalige Vorgang ist
heute auch unter dem Namen »Gestohle-
ne Generationen« bekannt: Kinder der Ur-
einwohner wurden von Staats wegen ihren
Eltern weggenommen und in Heimen un-
ter Zwang an die europäische Kultur »assi-
miliert«. Diese und weitere gegen die Kul- MAYA
INKA
tur der Aborigines gerichtete Aktionen
führten dazu, dass viele Menschen ihren
uralten Gruppen entrissen und dadurch
regelrecht entwurzelt wurden. Viele heuti-
ge Ureinwohner können nicht mehr mit Si-
cherheit angeben, in welcher Gegend ihre
Ahnen einst gelebt haben.  AZTEKEN
Die Hochkulturen Lateinamerikas
(Spektrum.de, 09.03.2017)

Teotihuacán | Wer regierte die »Stadt der Götter«?


Glyphen | In vielen Schritten zur Schrift
Altamerikanistik | Unzuverlässige Quellen
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OCK
/ IST
AGES
T Y IM
/ GE T
URST
TOLH
LEY
WES
BOTANIK

Aborigines verschleppten
Palmen ins Outback
von Antje Findeklee

13
S
ie wirken ein bisschen fehl am
Platze: Mitten im trockenen Zen-
trum Australiens wachsen im
Palm Valley – wie der Name schon
sagt – Palmen. Die dort ansässige
Art Livistona mariae ist aus keiner anderen
Region bekannt, ihre nächsten Verwand-
ten, L. rigida, leben 1000 Kilometer ent-
fernt. Ihr Vorkommen galt bislang als Über-
rest einer einst weiteren Verbreitung, die
schrumpfte, als vor 15 Millionen Jahren das
Innere des Kontinents zunehmend trocke-
ner wurde. Doch genetische Analysen zei-
gen nun, dass sie ihre Heimat wohl erst vor
etwa 15 000 Jahren fanden.
Zweifel an der Reliktthese gibt es schon
länger. So hatten frühere genetische Studien
Hinweise gebracht, dass L. mariae erst bis zu
TONY FEDER / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

drei Millionen Jahre von ihrer nächsten Ver-


wandten isoliert ist. Zunächst gab es dafür
auch eine schlüssige Erklärung: Die Palmen-
samen werden vorwiegend über Bäche und
Flüsse verbreitet. Und im Pliozän gab es
durchaus noch Verbindungen zwischen dem
Einzugsgebiet des Palm River, der das Palm
Valley durchquert, und den Einzugsgebie- PALM VALLEY
ten von Gregory und Nicholson River, an de- Die Palmen im Palm Valley galten bislang als Relikte, die dort eine letzte Zuflucht
nen L. rigida heute wächst. Doch die geneti- fanden, als das Innere des australischen Kontinents vor 15 Millionen Jahren begann,
sche Analyse von Forschern um Toshiaki extrem trocken zu werden.

14
Kondo von der Universität Hiroshima zeich-
net nun ein neues Bild. Demnach ist L. mari-
ae enger mit den 1000 Kilometer entfern-
ten Populationen von L. rigida am Roper Ri-
ver verwandt. Noch dazu stehen die beiden
KOMPAKT
in der Stammbaumanalyse enger beieinan-
der als die beiden L.-rigida-Populationen
von Roper River beziehungsweise Gregory
und Nicholson River. Und als Zeitpunkt der
Aufspaltung ermittelten die Forscher gerade
mal noch 15 000 bis 20 000 Jahre.
Das Palm Valley wäre damit nicht der
FÜR NUR
letzte Zufluchtsort nach Jahrmillionen sich € 4 ,9 9
ausbreitender Trockenheit, sondern wurde
erst vergleichsweise spät besiedelt. Wahr-
scheinlich, so spekulieren die Forscher,
NEOLITHISCHE
brachten Aborigines die Samen mit in die
Region: Von anderen Livistona-Arten ist be-
REVOLUTION
kannt, dass beispielsweise junge Palmwedel vom Jäger und
von den Ureinwohnern gegessen werden Sammler zum Bauern
und sie die Fasern nutzen. Dazu passend be-
gannen sie ab 30 000 Jahre vor heute, vom
Evolution oder Revolution? | Der lange Weg zur Landwirtschaft
Norden aus ins Innere des Kontinents vor-
zustoßen. Andere »Vehikel«, wie Vögel oder
Genetik | Die Milchrevolution
Fledermäuse, halten die Forscher angesichts Frühe Landwirtschaft | Mit dem Sensenmann kam der Sensenmann
der Distanz für unwahrscheinlich. 
HIER DOWNLOADEN
ISTOCK / STEFAN _S

(Spektrum – Die Woche, 10. KW 2012)


Proc. R. Soc. B 10.1098/rspb.2012.0103, 2012

15
PALÄONTOLOGIE

Wie der Beutellöwe


seine Beute einsackte von Jan Dönges

Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Löwe.


Daher der Name. Doch so gut wie nichts verbindet
den Australischen Beutellöwen mit der Großkatze.
Am wenigsten die Hasenzahnattacke.

MAURICIO ANTÓN
16
D
er Beutellöwe lebte bis vor einzigartiges Ellenbogengelenk«, sagt nun tiere verfahren nach diesem Muster oder
einigen zehntausend Jah- Janis. »Eines, das viel Freiheit für Drehbe- töten jedenfalls mit den Zähnen.
ren auf dem australischen wegungen ließ, wie bei einem Baumbe- Die Proportionen der Gliedmaßen von
Kontinent, dann starb er wohner, das aber auch Merkmale hatte, die Thylacoleo carnifex lassen überdies ver-
aus noch ungeklärter Ur- die Arme auf dem Boden stabilisierten. Das muten, dass der Beutellöwe nicht zu den
sache aus. Die ersten Menschen, die nach legt nahe, dass er nicht einfach ein Klette- Schnellsten im Tierreich gehörte. Vermut-
Australien vordrangen, bekam er kurz vor rer war.« lich lauerte er der Beute eher auf, als dass
seinem Ableben noch zu Gesicht – Zusam- Weitere Hinweise darauf, wie Thylaco- er sie hetzte oder im Sprint riss. Nach Mei-
menhang nicht ausgeschlossen. Neben leo carnifex seine Beute niederrang, liefern nung mancher Forscher hatte er dabei
Darstellungen in alten Höhlenmalereien seine bewegliche »Daumenkralle« und noch einen besonderen Trick in petto: Wie
helfen Fossilfunde dabei, Aussehen und sein Gebiss: Anders als moderne Katzen die Legende vom »drop bear« nahelegt,
Verhalten des Beuteltiers zu rekonstruie- oder Hunde hatte der Beutellöwe verlän- könnte sich der Beutellöwe auch aus dem
ren. Wissenschaftler um Christine Janis gerte Schneidezähne, die ihm ein hasenar- Geäst auf sein Opfer gestürzt haben.
von der University of Bristol wollen nun tiges Aussehen verliehen. Für einen Todes- Um das Fleisch seiner Mahlzeit klein zu
einen entscheidenden Hinweis auf die biss waren die Vorderzähne aber wohl bekommen, setzte Thylacoleo carnifex
Jagdstrategie von Thylacoleo carnifex ent- nicht scharf genug, konstatieren die For- dann übrigens wohl weder auf Krallen
deckt haben. Fündig wurden sie im Ellen- scher. noch auf Schneidezähne: Seine Backen-
bogengelenk. Aus allen drei Merkmalen rekonstruie- zähne sind klingenartig geformt und leis-
Die Forscher glichen Form und Größe ren sie nun folgendes Verhalten: Ihrer Mei- teten beim Zerteilen der Nahrung sicher-
des Gelenks und der angrenzenden Kno- nung nach packte Thylacoleo carnifex sei- lich gute Dienste. 
chen bei zahlreichen Arten mit Verhalten ne Beute mit dem Maul, hielt sie im Hasen-
und Lebensweise der Tiere ab. Baumklette- biss gefangen und tötete sie dann mit Hilfe (Spektrum.de, 16.08.2016)
rer hätten beispielsweise ein Gelenk, das ih- seiner kräftigen Klauen. Vor allem sein be-
nen die Drehung ihres Unterarms erlaubt. weglicher Daumen sei ihm dabei zugute-
Tiere, die besonders schnell rennen, verfüg- gekommen. Damit aber unterscheidet sich
ten hingegen über eher starre Gelenke, die sein Vorgehen beispielsweise grundlegend
nur ein Vor und Zurück gestatten. von dem eines Löwen, der die Beute mit
»Aber überraschenderweise hatte [der den Krallen packt und mit dem Gebiss ums
Beutellöwe] ein für alle lebenden Raubtiere Leben bringt. Die meisten heutigen Raub-

17
MEGAFAUNA

Kot bestätigt menschliche Rolle


beim Massenaussterben
von Daniel Lingenhöhl
Vor mehreren zehntausend Jahren wanderten die ersten
Menschen in Australien ein. Gleichzeitig verschwanden die
größten Tierarten dort. Das war kein Zufall.
PE TER TRUSLER, MONASH UNIVERSIT Y

18
A
ustraliens Tierwelt gilt we- deuten darauf hin, dass es hier im Südwes- Australien in weiten Teilen trockener wur-
gen ihrer Beuteltiere und ten zahlreiche Herbivoren gab. Doch inner- de. Dichte Wälder wichen vielerorts offe-
anderer Kreaturen bis heute halb weniger tausend Jahre kollabierten nem Buschland oder Wüsten. Und natür-
als ziemlich einmalig. Doch deren Bestände«, so Miller. Weniger Pflan- lich gibt es noch eine Fraktion, die eine
ist sie nur ein trauriger Rest, zenfresser bedeuteten weniger Ausschei- Kombination aus Jagd und Klima verant-
denn vor 50 000 Jahren umfasste die Fau- dungsprodukte und damit Siedlungsraum wortlich macht. In einer früheren Studie
na des fünften Kontinents riesige Kängu- für die Pilze. In den Sedimentbohrkernen zeigten zumindest Modellrechnungen,
rus, tonnenschwere Wombats, autogroße schwanden die Sporenmengen von Sporor- dass schon ein geringer Jagddruck durch
Schildkröten, gewaltige Warane und Rie- miella deshalb dramatisch. Das Klima die einwandernden Jäger, die auf eine un-
senvögel. Sie sind heute alle verschwun- schien sich dagegen kaum geändert zu ha- vorbereitete Tierwelt trafen, ausgereicht
den, und Gifford Miller von der University ben, denn während der gesamten Zeit blieb haben könnte: Bereits das Töten von nur
of Colorado und sein Team legen neue Be- die Region dicht bewaldet – auch das Öko- einem Jungtier pro Jahrzehnt und Mensch
lege dafür vor, dass der Mensch an ihrem system ist also weitgehend gleich geblie- aus der damaligen Bevölkerung hätte aus-
Aussterben schuld ist. Die Wissenschaftler ben. Folglich hatte das Aussterben andere gereicht, um innerhalb weniger hundert
untersuchten Sedimentbohrkerne aus Gründe, meinen die Forscher. »Im Gebiet Jahre große Kängurus, Wombats oder Wa-
dem Indischen Ozean, die direkt vor der tauchten einige der frühesten Belege für rane auszurotten. 
westaustralischen Küste gezogen worden Menschen in Australien auf. Dagegen gibt
waren. Die Schichten umfassen die letzten es keine Belege für signifikante Klimaver- (Spektrum – Die Woche, 04/2017)
150 000 Jahre und damit einen komplet- änderungen, während die Megafauna ver-
ten Eiszeitzyklus. Neben den Sedimenten schwand«, erklärt Miller weiter.
aus Staub und anderen Verwitterungspro- Seit Langem streiten sich Wissenschaft-
dukten interessierten Miller und Co vor al- ler über die Gründe für diesen Artenver-
lem organische Überreste wie Pollen und lust: Die ersten Australier überjagten die
Pilzsporen – darunter vor allem die der Tiere und änderten die Ökosysteme durch
Gattung Sporormiella. Dieser Pilz gedeiht den gezielten Einsatz von Feuer, womit die
besonders gern auf dem Dung großer Megafauna nicht zurechtkam, so die eine
Pflanzenfresser. These. Ihre Gegner verweisen dagegen auf
»Die von uns in großer Zahl bis vor einen tief greifenden Klimawandel, der vor
45 000 Jahren nachgewiesenen Sporen 70 000 Jahren begann und in dessen Folge

19
AUSGESTORBENE ARTEN

Die Tücken der


Wiederauferstehung
von Kerstin Viering
Mit modernen Methoden
der Gentechnik und Fort-
pflanzungsmedizin könn-
ten sich ausgestorbene
Arten eines Tages wieder
zum Leben erwecken
lassen. Das wäre aller-
dings extrem aufwändig
und teuer. Und längst
nicht in jedem Fall würde
sich ein Versuch lohnen.

HANODED / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


20
E
ine sonderlich spektakuläre te gemacht. Sollte es da nicht möglich sein,
Show bietet Benjamin seinem den Jäger mit dem gestreiften Hinterteil
Publikum nicht. Mal trabt er wieder auferstehen zu lassen? Und könnte
unruhig durch sein Gehege das nicht auch bei anderen faszinierenden

DAMIANKUZDAK / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


und schnuppert nach allen Sei- Arten klappen, die der Mensch ausgerottet
ten. Dann wieder beschränkt er sich dar- hat?
auf, blinzelnd in der Sonne zu liegen und Was ist zum Beispiel mit dem Dodo, je-
das Maul zu einem ausgiebigen Gähnen nem plumpen, flugunfähigen Vogel, des-
aufzureißen. sen Gelege so oft von eingeführten Ratten
Doch der kurze Schwarz-Weiß-Film aus und Schweinen gefressen wurden, dass er
dem Jahr 1933, in dem diese Szenen zu se- wahrscheinlich Ende des 17. Jahrhunderts
hen sind, ist auch mit wenig Action etwas von der Insel Mauritius verschwand? Oder
ganz Besonderes. Immerhin zeigt er den mit den Moas, den Riesenvögeln, denen die »Wenn man eine Art
vermutlich letzten Tasmanischen Tiger, ersten Siedler auf Neuseeland schon im 14. wiederauferstehen lassen
der auf der Erde gelebt hat. Am 7. Septem- Jahrhundert den Garaus machten? Viele
ber 1936 starb Benjamin im Zoo von Ho- Wissenschaftler halten eine Rückkehr der will, müsste man mit einem
bart auf der südlich des australischen Fest- Verschwundenen inzwischen nicht mehr Säugetier anfangen. Am
landes gelegenen Insel Tasmanien. Seither für völlig ausgeschlossen. Eine andere Fra-
gibt es zwar immer wieder Gerüchte, dass ge ist allerdings, wie lang der Weg dahin besten mit einer Maus«
doch noch irgendwo ein solches Raubtier noch ist. Und wie sinnvoll es wäre, ihn auch [Michael Hofreiter]
über die Insel streife. Doch trotz Kamera- zu beschreiten. Die Antworten darauf fal-
fallen und ausgiebiger Suchaktionen ließ len je nach Art ganz unterschiedlich aus.
sich das bisher nicht nachweisen. Der Tas-
manische Tiger ist wohl ausgestorben. Dinosaurier werden wohl
Etliche Fans des charismatischen Tieres nicht wiederauferstehen
hoffen allerdings, dass das noch nicht das Weitgehend einig sind sich Fachleute dar-
Ende der Geschichte ist. Schließlich haben in, dass die Dinosaurier wohl nicht wieder-
Gentechnik und Reproduktionsmedizin in auferstehen werden. Denn in den Fossilien
den vergangenen Jahren rasante Fortschrit- dieser Tiere ist die DNA im Laufe der Jahr-

21
millionen in winzige Bruchstücke zerfal- senschaftler das gesamte Vorkommen le- Magenbrüterfrosch-Gewebe
len, die sich nach heutigem Wissen nicht diglich auf etwa ein Dutzend Tiere im spa- in Gefriertruhe
erneut zu einem kompletten Genom zu- nischen Nationalpark Ordesa y Monte Bis zur Geburt eines voll entwickelten Jung-
sammensetzen lassen. Zumindest das Erb- Perdido. Zehn Jahre später war davon nur tieres sind Wissenschaftler bisher noch bei
gut der Verschwundenen braucht man noch ein einziges Weibchen namens Celia keiner anderen ausgestorbenen Art oder
aber, um auch nur an eine Rückkehr den- übrig, das im Jahr 2000 von einem Baum Unterart gekommen. Dabei hat es durch-
ken zu können. Das beschränkt die Aus- erschlagen wurde. Damit war der »bucar- aus schon weitere Versuche in dieser Rich-
wahl der Wiederauferstehungskandidaten do« offiziell ausgestorben. tung gegeben. So haben sich Wissenschaft-
schon einmal auf jene, die noch nicht län- Allerdings hatte man Celia 1999 ein paar ler um Michael Archer von der University
ger als einige tausend Jahre ausgestorben Zellen aus dem Ohr entnommen und ein- of New South Wales in Sydney des Südli-
sind. Denn bei denen besteht zumindest gefroren. Vielleicht gab es ja eine Chance, chen Magenbrüterfrosches angenommen.
die Chance, die nötigen DNA-Sequenzen daraus einen Pyrenäen-Steinbock zu klo- Diese australischen Amphibien waren vor
wieder zu rekonstruieren. Noch besser ist nen? Ein Team um José Folch vom spani- allem für ihre exzentrische Familiengrün-
es jedoch, wenn sogar intakte Zellen erhal- schen Forschungszentrum Centro de In- dung bekannt: Die Weibchen entließen zu-
ten geblieben sind. Dann halten Wissen- vestigación y Tecnología Agroalimentaria nächst eine Wolke von Eiern ins Wasser, die
schaftler eine Wiederauferstehung durch de Aragón in Saragossa hat einen solchen von den Männchen befruchtet wurde. An-
Klonierung für möglich. Versuch unternommen. Die Forscher ha- schließend verschluckte die werdende
Am weitesten gediehen sind solche Ver- ben die Zellkerne aus Celias Zellen entnom- Mutter ihren Nachwuchs, ließ ihn in ihrem
suche bisher beim Pyrenäen-Steinbock. men und in kernlose Eizellen von Ziegen Magen zu fertigen Fröschchen heranreifen
Dieses im Spanischen als »bucardo« be- eingeschleust. Diese Zellen wurden dann und spuckte ihn dann wieder aus.
kannte Huftier war jahrtausendelang Leihmüttern eingepflanzt – zunächst mit Sowohl der Südliche als auch der ver-
durch das Grenzgebirge zwischen Spanien wenig Erfolg. Die meisten Weibchen wur- wandte Nördliche Magenbrüterfrosch aber
und Frankreich geklettert – bis ihm die Ge- den entweder überhaupt nicht trächtig ist Mitte der 1980er Jahre ausgestorben
wehre der Jäger, die Konkurrenz durch wei- oder erlitten Fehlgeburten. Dann aber trug und hat dieses auch aus medizinischer
dendes Vieh und allerlei Krankheiten im- eine aus Steinbock und Ziege gekreuzte Sicht interessante Talent mit ins Grab ge-
mer mehr zu schaffen machten. Zwar wur- Leihmutter ihr Kitz aus. Am 30. Juli 2003 nommen. Doch damit wollten sich Micha-
de die Unterart des Iberischen Steinbocks kam Celias Klon per Kaiserschnitt zur Welt. el Archer und seine Kollegen nicht abfin-
1918 unter Schutz gestellt, doch die Bestän- Allerdings starb das Kitz schon nach ein den. Schließlich verfügten sie über Gewe-
de erholten sich nicht. 1989 schätzten Wis- paar Minuten an einem Lungenschaden. beproben der südlichen Art, die schon seit

22
den 1970er Jahren in einer konventionel- gegangen. Sie hatten Kängurus und ande-
len Gefriertruhe gelegen hatten. Auch in ren kleineren Säugetieren aufgelauert oder
diesem Fall versuchten die Forscher, die sie mit ihrem feinen Spürsinn über weite
Zellkerne aus den Proben in die entkernten Strecken verfolgt.
Eizellen einer verwandten Froschart einzu-
»Für Arten, bei denen schleusen. Einige der so manipulierten Ei- Erbgut des Beutelwolfs im Museum
zellen begannen tatsächlich, sich zu teilen. Doch als vor 5000 bis 6000 Jahren im
man vielleicht Erfolg haben Im Jahr 2013 konnte das Team nach fünf Schlepptau des Menschen immer mehr
könnte, interessiert sich Jahren Arbeit immerhin frühe Entwick- Hunde auf dem fünften Kontinent auf-
lungsstadien von Embryonen mit der DNA tauchten, gerieten Benjamins Artgenossen
kaum jemand« der Magenbrüterfrösche vorweisen. Auch in massive Schwierigkeiten. Verwilderte
[Michael Hofreiter] die lebten allerdings nur wenige Tage; ein Haushunde, die so genannten Dingos, mach-
fertiger Frosch wurde nicht daraus. ten ihnen zunehmend Konkurrenz – und er-
Noch komplizierter und langwieriger wiesen sich meist als die Stärkeren. Vor gut
wird die Sache, wenn es von einem Rück- 2000 Jahren war der Beutelwolf vom austra-
kehrkandidaten keine gut erhaltenen Zel- lischen Festland verschwunden.
len zum Klonen mehr gibt. Und das ist kei- Was ihm blieb, war ein Refugium auf
neswegs nur bei jenen der Fall, für die das Tasmanien. Doch obwohl die Insel bis heu-
Aus schon vor Jahrtausenden kam, son- te dingofreie Zone ist, sollte er auch dort
dern bei den meisten ausgestorbenen Ar- keine Zukunft haben. Denn die europäi-
ten. So wurden die letzten frei lebenden schen Siedler sahen in ihm eine Gefahr für
Tasmanischen Tiger erst Anfang des 20. die boomende Schafzucht. Die Regierung
Jahrhunderts getötet. Damit endete die Ge- setzte Abschussprämien aus, zwischen
schichte des größten Raubtiers, das in der 1888 und 1905 mussten jedes Jahr rund 100
jüngeren Erdgeschichte durch Australien Tiere ihr Leben lassen. Noch mehr ließ sich
streifte. Die wegen ihres hundeähnlichen verdienen, wenn man ein Weibchen mit
Aussehens auch Beutelwölfe genannten Jä- Jungtieren einfing und an einen Zoo ver-
ger waren noch vor 120 000 Jahren fast auf kaufte. Und so schrumpften die Bestände
dem gesamten Kontinent auf Beutefang immer weiter, bis der Tasmanische Tiger

23
schließlich Geschichte war. Neben Film- hältnisse der Art herauszufinden. »Solche ter Länge und zwölf Kilogramm Gewicht.
aufnahmen und Fotos sind zwar auch zahl- Informationen sind sehr wichtig, wenn Damit ist er deutlich kleiner als sein ausge-
reiche präparierte Exemplare, Felle und man über Wiederauferstehungsprojekte storbener Verwandter, der ungefähr dop-
Knochen von dieser Art geblieben. So la- nachdenkt«, sagt Jürgen Schmitz. Denn auf pelt so lang und mehr als doppelt so schwer
gern in Museen weltweit die Überreste von absehbare Zeit sehen Experten nur eine re- wurde. »Das müsste für die Leihmutter al-
mehr als 700 Beutelwölfen. Doch daraus alistische Möglichkeit, aus der Gensequenz lerdings nicht unbedingt ein Problem
für eine Klonierung geeignete Zellen zu ge- einer ausgestorbenen Art wieder ein leben- sein«, meint Jürgen Schmitz. »Schließlich
winnen, erwies sich als unmöglich. »Wir des Tier zu machen: über einen möglichst werden junge Beuteltiere sehr klein und
hatten schon Schwierigkeiten, genügend nahen Verwandten, der heute noch lebt. unfertig geboren.«
DNA zu isolieren«, berichtet Jürgen Schmitz In dessen Genom tauscht man entschei- Die Schwierigkeiten eines solchen Un-
von der Universität Münster. »Und in den dende Stellen gegen die entsprechenden terfangens sieht der Forscher ganz woan-
meisten Präparaten, die wir untersucht ha- charakteristischen Gene der ausgestorbe- ders. Zwar ist auch das Genom des Tasma-
ben, war sie einfach zu sehr zerstückelt.« nen Art aus. Die dazu nötige »Genschere«, nischen Teufels bereits sequenziert und
Den Durchbruch brachte erst ein mehr als mit der man DNA gezielt schneiden und stimmt zu immerhin etwa 89 Prozent mit
100 Jahre altes, in Alkohol konserviertes verändern kann, steht mit der so genann- dem des Tasmanischen Tigers überein.
Jungtier aus einem Museum in Melbourne. ten CRISPR/Cas-Methode bereits zur Verfü- Dennoch handelt es sich um zwei sehr un-
Damit ist es einem Team um Andrew Pask gung. Deutlich schwieriger sind die nächs- terschiedliche Arten, die fast 40 Millionen
von der University of Melbourne kürzlich ten Schritte. Anschließend müsste man Jahre Entwicklungsgeschichte trennen.
gelungen, das Genom der verschwunde- nämlich Eizellen der lebenden Art mit dem Und niemand weiß bisher, welche Sequen-
nen Art in überraschend guter Qualität zu veränderten Erbgut darin von einer Leih- zen im Erbgut man austauschen müsste,
rekonstruieren. mutter austragen lassen. um aus dem Teufel einen Tiger zu machen.
Im Fall des Tasmanischen Tigers müsste Oder zumindest ein Tier, das diesem ähn-
Wiederauferstehung nur man für ein solches Vorhaben auf den Tas- lich wäre. Nicht einmal die Gene für die
über nahe Verwandte manischen Teufel zurückgreifen. Dieser Streifen am Hinterteil sind bisher bekannt.
Jürgen Schmitz und seine Kollegin Liliya nachtaktive Jäger mit dem schwarzen Fell Geschweige denn das womöglich sehr kom-
Doronina haben im Rahmen dieser Arbeit und den bei Aufregung rot leuchtenden plizierte Netzwerk von Faktoren, das die Ak-
die Position so genannter springender Ohren ist der größte Fleischfresser unter tivität des Erbguts regulierte. Ob es jemals
Gene im Beutelwolf-Erbgut untersucht, den heute lebenden Beuteltieren. Inklusive möglich sein wird, das angemessen zu re-
um mehr über die Verwandtschaftsver- Schwanz bringt er es auf etwa 90 Zentime- konstruieren, bezweifelt Jürgen Schmitz.

24
Wenig Chancen für Dodo und Moa
Deshalb hält er den Tasmanischen Tiger
auch nicht für einen Vorzugskandidaten für
die erste Wiederauferstehung einer ausge-
storbenen Art. Zumal der nächste Verwand-
te des Verschwundenen selbst bedroht ist.
Dem Tasmanischen Teufel macht ein tücki-
scher, ansteckender Gesichtstumor zu schaf-
fen, der zahlreiche Tiere das Leben kostet. In
manchen Gebieten sind die Bestände da-
durch in nur zehn Jahren um 90 Prozent ge-
schrumpft. »Einige Experten befürchten,
dass es diese Art schon in etwa 20 Jahren
nicht mehr geben wird«, sagt Jürgen Schmitz.
»Da sollte man sie nicht für solche Experi-
mente verwenden und dadurch vielleicht
noch weiter schwächen.«
Australien wird also wohl zumindest auf
absehbare Zeit seine gestreiften Jäger nicht
zurückbekommen. Und auch bei anderen
besonders charismatischen Aussterbeop-
fern schätzen Experten die Chancen derzeit
eher schlecht ein. »Vom Dodo zum Beispiel
haben wir bisher nicht einmal ein Genom«,
ISTOCK / SASHA SAMARDZIJA

sagt Michael Hofreiter, der sich an der Uni-


versität Potsdam mit den Geheimissen al-
ter DNA beschäftigt. Zwar haben Wissen-
Dodo schaftler auf Mauritius einen ganzen Do-
do-Friedhof gefunden. Doch wegen des

25
warmen Klimas ist die DNA in den dortigen einem anderen Säugetier. Nur stieße die chael Hofreiter und Jürgen Schmitz nicht.
Knochen bereits stark zerfallen. Und die Rückkehr einer Maus vermutlich bei Wei- Den Versuch, zumindest für die eine oder
Dodo-Überreste, die schon seit Jahrhunder- tem nicht auf so viel Begeisterung wie die ei- andere Art das Rad des Aussterbens zurück-
ten in den Museen der Welt lagern, sind nes deutlich spektakuläreren Moas oder Tas- zudrehen, halten sie aus wissenschaftlicher
ebenso wenig in gutem Zustand. manischen Tigers. Und genau darin sieht Sicht für durchaus reizvoll. Als Realisten
Eine Rückkehr der neuseeländischen Michael Hofreiter das Dilemma: »Für Arten, warnen sie aber auch vor allzu hochfliegen-
Moas hält Michael Hofreiter ebenfalls für bei denen man vielleicht Erfolg haben könn- den Hoffnungen. Die Gentechnik sei ganz si-
eher unwahrscheinlich. Denn auch in die- te, interessiert sich kaum jemand«, sagt der cher kein Weg, um das Problem des weltwei-
sem Fall existiert weder ein Genom noch ein Wissenschaftler. »Und bei den besonders at- ten Artensterbens zu lösen. Zumal völlig
naher Verwandter, der gute Leihmütter stel- traktiven und faszinierenden Kandidaten ist unklar ist, ob aus ein paar wiederauferstan-
len könnte. Ganz abgesehen von den Tücken eine Rückkehr auf absehbare Zeit noch nicht denen Tieren je wieder ein überlebensfähi-
der Reproduktionsbiologie. Bislang gibt es möglich.« Sollte man die Idee einer Wieder- ger Bestand in freier Wildbahn werden kann.
keine Technik, mit der sich fremde DNA auferstehung von Tierarten also überhaupt Haben solche genetisch extrem einheitli-
noch vor der Bildung der Eierschale erfolg- weiterverfolgen? Einige Wissenschaftler und chen Populationen überhaupt eine realisti-
reich in das Ei eines lebenden Vogelweib- Naturschützer lehnen das kategorisch ab. So sche Zukunftschance? Schließlich gilt man-
chens einschleusen ließe. »Wenn man also argumentieren Peter Banks und Dieter gelnde genetische Vielfalt auch bei zahlrei-
eine Art wiederauferstehen lassen will, Hochuli von der University of Sydney damit, chen heute noch lebenden Arten als
müsste man mit einem Säugetier anfan- dass man die ausgestorbenen Arten als Mär- Risikofaktor für Krankheiten und fehlende
gen«, meint der Potsdamer Forscher. »Am tyrer brauche. An ihrem Beispiel lasse sich Anpassungsfähigkeit. Und was ist eigentlich
besten mit einer Maus.« Als guten Kandida- schließlich am besten demonstrieren, wie mit dem Lebensraum? »Man muss sich
ten sieht er zum Beispiel die Lava-Maus, die wichtig Naturschutz sei. Die Opfer wieder- schon überlegen, warum eine Art überhaupt
bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts auf den auferstehen zu lassen, halten die beiden Kri- ausgestorben ist«, meint Jürgen Schmitz.
Kanarischen Inseln lebte. Zwischen dieser tiker daher für kontraproduktiv. Andere Hat es nur an einer zu intensiven Jagd gele-
Art und der Hausmaus liegen nur etwa 6,9 Skeptiker führen dagegen eher wirtschaftli- gen, kann die Art womöglich wieder zurück-
Millionen Jahre Evolutionsgeschichte, ein che Argumente ins Feld. Statt gewaltige kehren. »Wenn ihr Lebensraum zerstört ist,
naher Verwandter lebt also noch. Noch dazu Summen in Wiederauferstehungsprojekte braucht man das dagegen gar nicht erst zu
einer, der nicht bedroht und leicht zu züch- zu stecken, solle man das Geld lieber in den versuchen«, findet der Forscher. 
ten ist – und über dessen Reproduktionsbio- Schutz noch lebender Arten investieren. Sol-
logie Forscher so viel wissen wie bei kaum che grundsätzlichen Einwände haben Mi- (Spektrum – Die Woche, 09/2018)

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NIGELDOWSE T T / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

BIOLOGISCHE SCHÄDLINGE

KANINCHEN-
KRIEG
in Australien
von Michael Lenz

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Down Under sind Karnickel eine wahre Landplage. Mit Killerviren versuchen
Wissenschaftler, zumindest ihre Anzahl in Grenzen zu halten.

K
aninchen sind putzige Tier- hen tagein, tagaus der Frage nach, wie man ninchenplage. Dabei handelt es sich um ei-
chen. Die Langohren sind als am besten, am effektivsten, am preiswer- nen aus Südkorea importierten, deutlich
Haustiere beliebt, machen testen Oryctolagus cuniculus den Garaus infektiöseren Stamm des bereits seit 1995
sich im Kochtopf gut, und macht. in Australien verbreiteten Kaninchen-Cali-
zur Osterzeit hat der Hase als In einigen Regionen von Südaustralien, civirus (RHDV). Caliciviren lösen ein hä-
Eier bringendes Fruchtbarkeitssymbol Victoria und New South Wales leben auch morrhagisches Fieber bei den Tieren aus.
Hochkonjunktur. Er begegnet einem aus die mit ihnen verwandten Hasen in großen Gerinnsel verstopfen Äderchen in Lunge,
Plüsch und Schokolade, in gebackener Populationen. Zwar schädigen auch diese Niere und Herz. Die Organe versagen. Der
Form und als Dekorationselement aus Holz Leporidae die Landwirtschaft, aber nicht in Tod tritt ein.
oder Porzellan. Das ist in Australien nicht einem Ausmaß wie ihre Kaninchenver-
anders. Die eingewanderten Europäer wandtschaft. »Sie haben eine andere Biolo- Killervirus mit kleinen Mängeln
brachten eben auch ihre Sitten und Ge- gie und ein anderes Reproduktionsverhal- Wie sich aber herausstellte, trägt in den ge-
bräuche nach Down Under. ten als Kaninchen«, sagt Tanja Strive vom mäßigten Breiten des Kontinents so man-
Eines aber ist in der Hasen- und Kanin- CSIRO Biosecurity Flagship in Canberra, ches Kaninchen das verwandte, aber harm-
chenfrage auf dem fünften Kontinent und fügt warnend hinzu: »Sie gelten als lose Virus RCV-A1 in sich, das unglückli-
grundlegend anders: Die Hoppler gelten ›schlafende Plage‹, und wir müssen sie im cherweise vor RHDV schützt. »Wenn sie
als Plage. Vor allem das Europäische Kanin- Auge behalten.« sich mit dem RCV-A1 angesteckt haben,
chen schädigt Wirtschaft und Umwelt Vielleicht nicht so ganz zufällig kurz vor dann sind die gegen RCV-A1 gebildeten An-
enorm. Es gehört damit zu einer Reihe von Ostern sorgte in australischen Medien ein tikörper ein partieller Schutz gegen RHDV.
eingeschleppten Tierarten, die auf dem innovativer Ansatz der Wissenschaftler für Die Sterberate sinkt um 50 Prozent«, er-
Kontinent Verheerungen anrichten – und eine gewisse Furore. Schenkt man den Me- klärt Professor Greg Mutze, Forscher für
deswegen mit allen Mitteln bekämpft wer- dienberichten Glauben, so ist das K5-Calici- Biosicherheit am Landwirtschaftsinstitut
den. Allein hunderte Wissenschaftler ge- virus die neue Superbiowaffe gegen die Ka- PIRSA der Regierung von Südaustralien.

28
KANINCHEN AM WASSERLOCH, 1938
Kaninchenversammlung auf Wardang Island,
wo die ersten Versuche mit dem Myxomavirus
durchgeführt wurden.
NATIONAL ARCHIVES OF AUSTR ALIA (NA A: A1200, L44186)

29
Zudem haben die Kaninchen über die Jah- Kaninchen kamen mit den Strafgefan- sich die Kaninchen ganzjährig vermehren.
re Resistenzen gegen RHDV entwickelt. »Es genen der »First Fleet«, der ersten elf Schif- Eine weitere Theorie geht davon aus, dass
ist so gut wie unvermeidbar, dass einige fe, die 1788 in Australien eine Kolonie grün- die beiden Kaninchenarten im Jagdrevier
Kaninchengenotypen resistenter gegen- deten, als Schlachttiere zur Ernährung der von Austin fröhlich durcheinander ram-
über neuen Krankheiten werden als ande- Siedler nach Australien. Das funktionierte melten und so einen besonders zähen und
re«, seufzt Mutze. auch ganz gut – die Tiere wurden in Käfi- kräftigen Hybridnachwuchs zeugten.
Bei Tests und Experimenten mit einer gen oder Gehegen gehalten. Das Unheil Das australische Umweltministerium
Reihe verschiedener RHDV-Stämme hat K5 nahm seinen Lauf, als der passionierte Jä- zieht auf seiner Website in dem Kapitel
am besten abgeschnitten. »Labortests wei- ger Thomas Austin auf seiner Farm Barwon »Feral European Rabbit« eine Ökobilanz
sen darauf hin, dass die RCV-A1-Antikörper Park in Victoria zu Jagdzwecken 24 Wildka- des Schreckens. »Wilde Kaninchen sind
sehr viel weniger vor einer K5-RHDV-Infek- ninchen und Hauskaninchen aussetzte. Konkurrenten der einheimischen Wildtie-
tion schützen als vor RHDV«, sagt Mutze. »Die Einführung von ein paar Kaninchen re, sie schaden der Vegetation und dem Bo-
K5 ist derzeit in der Zulassungsphase. wird kaum Schaden anrichten, kann aber, den. Ihre Auswirkungen werden in Dürre-
K5 könne in den gemäßigten Breiten von neben einem Jagdrevier, ein Gefühl von zeiten und nach Waldbränden oft noch
Nutzen sein, weil es offenbar den schüt- Heimat geben«, soll Austin seinerzeit ge- schlimmer, denn dann fressen sie, was im-
zenden Effekt des gutartigen Virus über- sagt haben. mer sie kriegen. Sie haben zum Schwund
windet, das in diesen kühl-feuchten Regio- zahlreicher einheimischer Tiere und Pflan-
nen vorkommt, erklärt Tarnya Cox vom In- Zehn Milliarden Kaninchen zen beigetragen.« Die Bauern hassen die
vasive Animals Cooperative Research Austin lag falsch. Die Karnickel machten Nager, weil sie ihnen die Ernte wegfressen.
Center. »Das war einer der Gründe für die ihrem Ruf als extrem vermehrungsfreudi- Laut dem Invasive Animals Cooperative
Wahl von K5«, weiß die Wissenschaftlerin. ge Spezies alle Ehre und breiteten sich bin- Research Centre beläuft sich der Schaden
Cox betont aber auch: »K5 ist nicht das nen weniger Jahrzehnte in ganz Australien für die Landwirtschaft durch Kaninchen
Wundermittel gegen die Kaninchenplage, aus. Ende 1920 soll ihre Zahl bei geschätz- auf 143 Millionen Euro pro Jahr.
weil es nicht die Immunität gegen existie- ten 10 Milliarden gelegen haben. Heute gel- Seit Ende des 19. Jahrhunderts versuchen
rende Stämme überwindet. Statt einen ten 4 der 7,6 Millionen Quadratkilometer die Australier mit allen Mitteln, der Kanin-
plötzlichen drastischen Fall der Zahlen zu Australiens als Kaninchenland. chenpopulation den Garaus zu machen. Sie
erwarten, sollten wir über die Jahre auf Ein Grund für die rasante Eroberung des werden erschossen; ihre unterirdischen
eine graduelle Abnahme der Kaninchen- Lebensraums Australien war das günstige Bauten werden mit Giftgas ausgeräuchert
zahlen hoffen.« Klima. Dank der milden Winter können oder gesprengt; man rückt ihnen mit Gift zu

30
Leibe. 1907 baute Westaustralien einen 3 256
Kilometer langen Zaun, um die Nager von
den fruchtbaren Weiden und Feldern fern-
zuhalten. Vergeblich. Kaninchen können
sehr hoch springen und sehr tief buddeln.

Giftgas, Sprengstoff, Biowaffen


Zur gleichen Zeit wurde auch schon mit
dem Einsatz von Biowaffen im Kaninchen-
krieg experimentiert. Der erste belegte An-
satz mit der Infektion von Kaninchen mit
einer Milbe, die die Krankheit Ohrräude

THE QUEENSL AND FIGARO, 1884 / PUBLIC DOMAIN


verursacht, schlug im Jahr 1885 fehl. 1906
und 1907 experimentierten Jean Danysz
vom Institut Pasteur in Paris und sein aus-
tralischer Kollege Frank Tidswell ohne
nachhaltigen Erfolg mit dem Pasteurel-
la-Bakterium.
Der vermeintliche Durchbruch kam
1950 mit dem Einsatz des Myxomavirus,
dem Auslöser der Kaninchenpest. Durch Um diesem Trend wieder Einhalt zu ge- KARIKATUR ZUM KANINCHENZAUN
die Kaninchenpest sank die Zahl der Tiere bieten, startete CSIRO Versuche mit dem Erschienen 1884 im »Queensland Figaro«. Die
zunächst von geschätzten 600 Millionen Calicivirus, das die Rabbit Haemorrhagic Bildunterschrift lautet: »Mr Stevenson emp-
auf 100 Millionen. Der Erfolg hielt aller- Disease (RHD) auslöst. Die Versuche wa- fahl, dass die Regierung einen Zaun entlang
dings nicht lange – über die Jahre hinweg ren erfolgreich. Im Oktober 1995 wurde der Grenze zu New South Wales errichtet, um
entwickelten die Tiere eine genetische Re- das Virus in Kaninchenpopulationen in die kommende Invasion der Kaninchen aufzu-
sistenz gegen das Virus, und die Kanichen- Yunta und Gum Creek im Nordosten von halten. Der Künstler stellt hier die wahr-
population lag um 1991 schon wieder bei Südaustralien eingeschleust und im aust- scheinliche Verwendung dieses Zauns durch
200 bis 300 Millionen Exemplaren. ralischen Winter 1996 in den Bundesstaa- die Kaninchen dar.«

31
ten Victoria, New South Wales und West-
Bilby
australien.
In einen euphorischen Freudentaumel
verfallen australische Ökologen über das
neue K5-RHDV allerdings nicht. Über kurz
oder lang werden einige Kaninchen den
K5-Anschlag überleben und ihre Immuni-
tät an ihren Nachwuchs vererben, erklärt
CSIRO-Molekularbiologin Tanja Strive.
Hinzu komme eine genetische Resistenz.
»Ob K5 oder jedes andere biologische Kon-
trollagens – es gibt kein Entkommen aus
der Wirt-Pathogen-Evolution. Das wird

SUSAN FL ASHMAN / STOCK.ADOBE.COM


letztlich in einem Jahrzehnt oder so zu ei-
ner Zunahme der Resistenz gegen K5 füh-
ren«, prophezeit Strive.
Trotz der Rückschläge ist der Einsatz der
Myxoma- und Caliciviren für Tanja Strive
ein »riesiger Erfolg«. Begeistert zählt Strive
die Viruswohltaten auf: »Mit Blick auf die
Kosten der Forschung sind die beiden Viren scheinlich sehr viel mehr einheimische Ar- er ist graubraun, hat lange Ohren und hop-
beispiellos. Der kumulative Nutzen aller ten verloren, und einige Landstriche wären pelt – hat den Job übernommen. Der Ma-
biologischen Kaninchenkontrollmaßnah- unwiderruflich zum Schlechteren verän- crotis lagotis ist auch eine jener uraustrali-
men der letzten 60 Jahre für die Landwirt- dert worden.« schen Tierarten, die durch invasive Spezies
schaft wird auf 70 Milliarden Australische wie Füchse, Katzen und eben Kaninchen
Dollar geschätzt. Hinzu kommen zahlrei- Einheimische Arten unter Druck vom Aussterben bedroht ist.
che Vorteile für die Umwelt. Viele Tier- und Auf den Osterhasen übrigens müssen Aus- Eine Reihe von Bilby-Schutzinitiativen
Pflanzenarten konnten sich erholen. Ohne traliens Kinder trotz des Kriegs gegen Ka- kämpft für das Überleben des Kaninchen-
diese beiden Viren hätte Australien wahr- ninchen nicht verzichten. Der Bilby – auch nasenbeutlers. Die Erhebung des Bilbys

32
zum eingeborenen Osterhasen war ein
geschickter Schachzug – dank der Schoko-
ladenmarke Pink Lady von Fyna Foods
gibt es den Bilby gar als süße Alternative
zu den Schoko-Osterhasen. »Der Bilby
KOMPAKT
lebt seit 15 Millionen Jahren in Australi-
en«, sagt Fyna-Foods-Sprecherin Natalie
Trinh. »Die eingewanderten Australier
haben dann in nur etwa 200 Jahren das
Tier an den Rand der Ausrottung ge-
INVASIVE ARTEN
bracht.« Fyna Foods Australia sei deshalb
als Sponsor von »Save the Bilby« sehr
»stolz darauf, einen positiven Beitrag
zum Erhalt unserer einheimischen Tier-
arten zu leisten«.
Eines allerdings ist allen Beteiligten glas-
klar: Das Kaninchen ist und bleibt in Aust-
ralien. »Eine Ausrottung in einem Gebiet FÜR NUR
€ 4 ,9 9
von der Größe Australiens ist praktisch un-
möglich. Auch nicht mit biologischen Mit-
teln. Ein biologisches Agens wird nicht alle Gefahr für die biologische Vielfalt
seine Wirte töten«, antwortet Strive auf die Kommentar | Falsch verstandener Tierschutz
Frage, ob Australien jemals frei von Kanin-
chen sein wird. Mutze fasst sich kürzer:
Australien | Wo Fuchs und Katz wüten
»Niemals.«  Neuseeland | Die Freiheit beginnt hinter dem Zaun

HIER DOWNLOADEN
ISTOCK / VERNONWILEY

(Spektrum – Die Woche, 14/2015)

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INVASIVE ARTEN

Füchse und Katzen


schlimmer als
Klimawandel?
von Daniel Lingenhöhl

DEELOUISE / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


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Australiens Tierwelt gehört zu der am stärksten bedrohten weltweit.
Gefährdet werden die Arten vor allem von eingeschleppten Fressfeinden.

A
ustraliens Fauna steht von sche wie eingeschleppte Fressfeinde die auch Kleinsäuger, doch machen sie eben-
mehreren Seiten unter Kleinsäuger der Region beeinflussen. Feu- so Jagd auf Füchse und Katzen. Diese mei-
Druck: Das Land schneidet er beispielsweise verbrennt die Spini- den zudem Gebiete, in denen Dingos hei-
weltweit mit am schlechtes- fex-Grasbüschel, die sehr stachelig und misch sind. Wo viele der Wildhunde leben,
ten ab, wenn es um den dicht sind, so dass sich Vögel, Reptilien finden sich auch größere Bestände bedroh-
Schutz seiner Tierwelt geht. Neben der im- und kleine Säuger darin gut verstecken ter Arten. Allerdings hängt dieser Einfluss
mer noch ausgedehnten Abholzung der können. Ohne diese Deckung werden sie ebenso mit der jeweiligen Witterung zu-
Wälder bedrohen vor allem der Klimawan- dagegen schnelle Beute für Füchse oder sammen: In Jahren, in denen es ausgiebig
del und eingeschleppte Arten wie Kanin- Katzen. Angesichts der Erderwärmung regnet, vermehren sich Beuteltiere und
chen, Katzen und Füchse die Biodiversität – wird prognostiziert, dass sich flächenhafte Nager stark, was den Bestand der Fress-
die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte gilt Brände häufen können. Zugleich produ- feinde in die Höhe treibt. Zu diesen Zeiten
sogar als eines der ersten Opfer der Erder- zieren die Gräser weniger Samen, weswe- schwächt sich der schützende Einfluss der
wärmung auf dem 5. Kontinent. Eine Stu- gen sich die Vegetation langsamer erholt – Dingos ab. Doch sobald es wieder trocken
die von Aaron Greenville von der Universi- Raubtiere haben also ein leichteres Spiel. wird, müssen die Katzen und Füchse ihren
ty of Sydney und seinem Team zeigt nun, In der kurzen Zeit seit Ankunft von Füch- Konkurrenten erneut fürchten. Es sei des-
wie Klimawandel die Probleme durch inva- sen und Katzen im Outback konnten sich halb dringend erforderlich, dass Australi-
sive Spezies noch verschärfen kann. Die be- die einheimischen Beuteltiere oder Spring- en seinen Umgang mit den Dingos über-
troffenen einheimischen Tierarten könn- mäuse evolutionär noch nicht daran an- denke, so die Wissenschaftler – als Korrek-
ten sich demnach noch einigermaßen an passen, während sie seit hunderttausen- tiv während des Klimawandels. Bislang
die Aufheizung anpassen, doch führen ei- den Jahren mit Feuer leben. gelten die Hunde vor allem als Schädlinge
nige Folgeerscheinungen dazu, dass sie Die Untersuchung konnte allerdings in der Viehzucht. 
leichter zur Beute werden. auch zeigen, dass die bedrohte Fauna auf
Die Biologen haben über 22 Jahre hin- einen natürlichen Verbündeten zählen
weg in der Simpson-Wüste verfolgt, wie kann. Die seit mehreren Jahrtausenden in
Witterung, Buschbrände und einheimi- Australien heimischen Dingos fressen zwar (Spektrum.de, 06.11.2017)

35
IAN BELL, DEPARTMENT OF ENVIRONMENT AND HERITAGE PRODUCTION
BIODIVERSITÄT

Erstes Säugetier
durch Klimawandel
ausgestorben
von Jan Dönges
Es ist ein trauriger Rekord: Der menschen-
gemachte Klimawandel hat allem Anschein
nach direkt das Aussterben einer kleinen
Nagerart verursacht.

36
D
ie Bramble-Cay-Mosaik- Jahr 1998 auf nun 2,5 Hektar zurück. Bei
schwanzratte gibt es nicht
mehr. Zumindest wurde
der Expedition im Jahr 2014 waren gerade
noch 650 Quadratmeter begrünt.
KOMPAKT
sie trotz intensiver Suche Vor wenigen Jahrzehnten lebten noch
auf ihrer kleinen Heimat- hunderte Exemplare auf der Insel. 2009
insel Bramble Cay nicht mehr gefunden. wurde Melomys rubicola zuletzt gesichtet.
Damit sind Experten überzeugt davon, Die Art galt zu diesem Zeitpunkt als gefähr-
dass der menschengemachte Klimawandel det. Sie habe von allen australischen Säu-
sein erstes Opfer unter den Säugetierarten getieren den ungewöhnlichsten und hei-
der Welt gefordert hat. kelsten Lebensraum, schrieben Forscher
Von ihrer vergeblichen Suche nach Me- der Queensland University in einem Port-
lomys rubicola berichten jetzt Wissen- rät der Ratte.
schaftler um Ian Gynther vom Queensland Die Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte
Department of Environment and Heritage ist damit nach Meinung der Forscher die
Protection in Zusammenarbeit mit der erste Säugetierart, von der bekannt und
FÜR NUR
University of Queensland. Sie hatten auf nachvollziehbar ist, dass sie »ausschließ- € 4 ,9 9
der zum Great Barrier Reef gehörenden lich (oder primär) infolge des menschen-
Torres-Strait-Insel Fallen aufgestellt. gemachten Klimawandels« ausgestorben
Die Insel ist nur 340 Meter lang und 150 ist. Sie dürfte aber vermutlich weder das
Meter breit. Ihre höchste Erhebung ragt le-
diglich drei Meter über den Meeresspiegel,
einzige noch das erste Klimawandelopfer
unter den Säugetieren sein. Isoliert leben-
BIODIVERSITÄT
der in der Region in den letzten Jahren be- de Tierarten verschwinden mitunter, ohne Von Artenvielfalt und Artensterben
sonders stark gestiegen ist. Vermutlich dass dies bemerkt werden würde, oder ihr
wurde das Eiland bei Hochwasser zu häu- Bestand verringert sich durch eine Kombi-
Die Jäger der unbekannten Art
fig überschwemmt, so dass der Lebens- nation von Faktoren, darunter auch das Wälder schützen heißt Leben retten
raum der ausschließlich hier anzutreffen- Klima.  Manchmal kehren sie wieder
den Mosaikschwanzratte immer weiter
schrumpfte. Die dauerhaft über Wasser

ISTOCK / MANX_IN_THE_WORLD
liegende Fläche ging von vier Hektar im (Spektrum.de, 14.06.2016) HIER DOWNLOADEN
BEDROHTE TIERE

Rettung für den


Tasmanischen Teufel
in Sicht
von Barbara Knapp
MEL ANIEPLUSDANIEL.DE / STOCK.ADOBE.COM

Australischen Forschern ist es gelungen, den hochan-


steckenden Krebs zurückzudrängen, der die Population
des Tasmanischen Teufels bedroht. Tumore bildeten sich
nach Aktivierung des Immunsystems der Tiere zurück.

38
D
er Tasmanische Teufel ist Bei einigen Tieren bildeten sie sich kom- aufmerksam und bildete Antikörper, um
das Symboltier der südlich plett zurück, so dass nach drei Monaten an sie zu bekämpfen. Um die Wirkung der
von Australien gelegenen Stelle des Tumors lediglich Narbengewebe Impfung zu testen, konfrontierten die Wis-
Insel Tasmanien. Doch die zu finden war. senschaftler die Tieren einige Monate spä-
Population in seinem aus- Die Krankheit DFTD ist deshalb so tü- ter mit lebenden, Krebs auslösenden Zellen
schließlichen Lebensraum ist stark be- ckisch, weil die übertragenen Krebszellen ohne MHC-I-Proteine. Dabei zeigte sich,
droht. Schuld ist ein aggressiver, hochan- vom Körper weder als fremd noch als bös- dass die Forscher mit ihrem Ansatz auf dem
steckender Krebs namens »Devil Facial Tu- artig erkannt werden. Das liegt daran, dass richtigen Weg, aber noch nicht am Ziel sind.
mor Disease (DFTD)«, der von Tier zu Tier sie keine »Major Histocompatibility Com- Die Impfung reichte offenbar nicht aus, um
durch Bisse übertragen wird. Eine Infekti- plex I (MHC-I)«-Proteine auf ihrer Zellober- die Tiere zu schützen: vier von fünf Teufeln
on mit den Krebszellen löst die Bildung fläche tragen. Diese sind von Individuum entwickelten daraufhin 20 bis 30 Zentime-
von gelegentlich fußballgroßen Gesichts- zu Individuum unterschiedlich und signa- ter große Tumoren. Immerhin gelang es
tumoren aus und führt zum schnellen Tod lisieren dem Körper: Wir gehören zu dir. den Forschern aber, drei dieser Tumoren
der räuberischen Beuteltiere. Seit der Ent- Die MHC-I-Proteine alarmieren außerdem komplett zurückzudrängen, indem sie le-
deckung der Krankheit 1996 wurde die An- das Immunsystem, wenn Zellen infiziert bende MHC-I-positive DHTD-Zellen direkt
zahl der Tasmanischen Teufel bereits um sind oder sich unkontrolliert vermehren, in das Geschwür injizierten. Dieses wurde
mehr als 80 Prozent dezimiert. Mittlerwei- wie das in Tumoren der Fall ist. Weil die daraufhin von Zellen des Immunsystems
le werden vermehrt Anstrengungen unter- Proteine in DFTD-Zellen fehlen, bleiben die nahezu geflutet und so aktiv bekämpft.
nommen, die Tasmanischen Teufel zu Tumoren vom Immunsystem des Tasma- Auch wenn die Entwicklung noch am
schützen: Durch die Zucht gesunder Tiere nischen Teufels unbemerkt und werden Anfang steht, wecken die Ergebnisse der
soll die Population erhalten werden. Doch nicht attackiert. So können sie sich unge- Forscher Hoffnung auf einen wirksamen
wie können sie in der Wildnis vor dem an- stört vermehren. Impfstoff gegen den verheerenden Krebs.
steckenden Krebs bewahrt werden? Um die Zellen für die immunologische Dies wäre ein entscheidender Schritt, um
Forschern um Gregory M. Woods von Abwehr sichtbar zu machen, wandten die die Krankheit zu stoppen. Gelingt dies
der University of Tasmania ist es nun erst- Forscher einen Trick an: Sie injizierten den nicht, würden die Wildpopulationen des
mals gelungen, die Tumoren erfolgreich zu Tieren speziell modifizierte, abgetötete Tasmanischen Teufels wohl bald vor dem
bekämpfen. Hierzu aktivierten sie das kör- Krebszellen, die MHC-I-Proteine an der Zell- Aussterben stehen. 
pereigene Immunsystem der Tiere, das da- oberfläche präsentierten. Dadurch wurde
raufhin die Krebsgeschwüre attackierte. das Immunsystem auf die fremden Zellen (Spektrum.de, 17.03.2017)

39
ARTENSCHUTZ

Süß und selten –


Schnabeligelbabys
wecken Hoffnungen
von Daniel Lingenhöhl
Drei von vier Eier legenden Schnabeligel-
arten sind vom Aussterben bedroht. Ihre
Nachzucht gilt als sehr schwierig. Doch
das scheint sich zu ändern.

UNIVERSIT Y OF QUEENSL AND AND CURRUMBIN WILDLIFE SANCTUARY

40
S
chnabeligel, auch Ameisenigel ten vielleicht auch die gefährdeten Ver-
oder Echidna genannt, gehören wandten bald erfolgreich gezüchtet wer-
zu den Besonderheiten der Evo- den. »Die fundamentalen Grundlagen
lution und der australischen Na- ihrer Fortpflanzung dürften gleich sein,
tur: Neben dem Schnabeltier denn beide platzieren ihre Eier in ihrem
sind die vier Ameisenigelarten die einzi- Beutel. In der Aufzucht dürften sie sich
gen überlebenden Eier legenden Säugetie- aber unterschieden, beispielsweise weil
re der Erde. Drei der vier Spezies stehen al- sie sich unterschiedlich ernähren«, so Ste-
lerdings auch auf der Roten Liste. Sie sind phen Johnston von der University of
vom Aussterben bedroht, weil sie überjagt Queensland. Entscheidend für die Fort-
werden. Umso erfreulicher ist es daher, schritte des Currumbin Wildlife Sanctua-
dass ein Erhaltungszuchtprogramm der ry sei gewesen, dass man herausgefunden
University of Queensland und des Currum- hatte, wie die Tiere ihre Temperatur regu-
bin Wildlife Sanctuary nun endlich Erfolge lieren und welche Hormone in welchen Spektrum
am Fließband erreicht: 2015 schlüpften wie Phasen der Reproduktion beteiligt sind, so PSYCHOLOGIE –
in den Jahren zuvor mehrere Babys der Johnston. Um die Langschnabeligel zu ret- Das Magazin für
den modernen,
Kurzschnabeligel (Tachyglossus aculea- ten, müssen die Biologen jedoch über-
selbstbestimmten
tus) – insgesamt 14 in den letzten fünf Jah- haupt genügend Exemplare dieser Arten Menschen…
ren. Das ist ein weltweit einmaliger Erfolg, finden: Vom Attenborough-Langschnabe-
denn bislang gelang die Nachzucht nur sel- ligel (Zaglossus attenboroughi) haben For-
ten und sporadisch, da zu wenig über die scher seit 1961 kein lebendes Individuum
Spektrum PSYCHOLOGIE bringt Ihnen
Reproduktionsbiologie dieser Tiere be- mehr gesichtet.  ab sofort alle zwei Monate tiefere
kannt war. Einsicht in das menschliche
Im Gegensatz zu den drei auf Neugui- (Spektrum.de, 02.10.2015) Miteinander, mehr Orientierung in
aktuellen gesellschaftlichen Fragen
nea und eventuell auch im Norden Aust- sowie positive Impulse für Ihr eigenes
raliens verbreiteten Langschnabeligel ist Leben: Kompakt und informativ.
der Bestand des Kurzschnabeligels noch
nicht bedroht. Mit den gewonnenen Er-
kenntnissen, so hoffen die Biologen, könn- JETZT BESTELEN!
BEUTELTIERE

Verheerendes
Feuer für
Quokkasvon Daniel Lingenhöhl
ISTOCK / K AT Y JONES

42
Unter Internetnutzern haben Quokkas einen guten Ruf wegen
ihres niedlichen Aussehens. Nun vernichtete ein Waldbrand in
ihrer australischen Heimat eine wichtige Zuflucht.

I
m sozialen Netzwerk Twitter gehö- Während die Tiere normalerweise
ren Quokkas nach Katzen wahr- durchaus mit Buschbränden zurechtkom-
scheinlich zu den beliebtesten Tie-
ren – auch weil es so aussieht, als
men, da solche Katastrophen zum natürli-
chen Zyklus ihres Lebensraums gehören, Spektrum LIVE
würden diese Kurzschwanzkängu- erschweren die invasiven Raubtiere ihre
VERANSTALTUNGSREIHE
rus (Setonix brachyurus) stets lächeln. In Bestandserholung: Ohne Deckung spüren
ZUM 40-JÄHRIGEN JUBILÄUM
ihrer australischen Heimat gelten sie je- Katzen und Füchse die Quokkas leichter
DES VERLAGES SPEKTRUM
doch durchaus als bedroht, weil ihr Le- auf und erbeuten sie. Für bedrohte Arten
DER WISSENSCHAFT
bensraum zerstört wird und eingeschlepp- werden diese Feuer daher zunehmend
te Füchse und Katzen auf sie Jagd machen. zum Aussterberisiko, wie auch das Beispiel
Der größte Teil des Bestands lebt daher des Westlichen Erdsittichs (Pezoporus fla-
In unserem Jubiläumsjahr
auf Rottnest Island vor der Küste von viventris) zeigt, dessen Ökosystem eben-
Perth, wo es nie Füchse gab. Auf dem Fest- falls letztes Jahr verbrannte. Der Weltbe-
laden wir Sie zu spannenden
land bildete wiederum das Northcliffe- stand betrug vor dem Ereignis maximal Vorträgen, lehrreichen
Schutzgebiet einen der wichtigsten Rück- 140 Tiere, danach konnten nur noch weni- Seminaren und Workshops
zugsräume. Das wurde 2015 jedoch von ei- ge Individuen sicher nachgewiesen wer- ein. Lernen Sie Wissenschaft
nem verheerenden Waldbrand heimge- den. Um zumindest die Gefahr durch Kat- mit Spektrum in einem neuen
sucht. Mit einer Datenanalyse konnten zen und Füchse zu reduzieren, versuchen Format kennen – live
jetzt von den ursprünglich 500 Quokkas die Behörden diese in der Zwischenzeit vor
der Region nur noch 39 nachgewiesen Ort drastisch zu reduzieren. 
werden – der Rest ist entweder geflohen
Jetzt anmelden:
oder (was wahrscheinlicher ist) verbrann-
te in den Flammen. (Spektrum.de, 07.09.2016) Spektrum.de/live
WUNDER DER TIERWELT

Warum Wombats
Würfelhäufchen machen
von Jan Dönges
Es ist ein geometrisches Rätsel: Wie produziert
ein runder Darm würfelförmige Ausscheidungen?
Und warum?
ISTOCK / MARCO3T

44
W
as Kackhäufchen an-
belangt, hat sich in der
Natur eindeutig eine
runde Formensprache
durchgesetzt. Nicht so
beim australischen Plumpbeutler, dem
Wombat. Er produziert Ausscheidungen in
markanter Kubusform – und davon eine
Menge: 80- bis 100-mal pro Nacht fallen
die Würfel, berichtet die Verhaltensökolo-
gin Louise Gentle von der Nottingham
Trent University in einem Beitrag für das
Magazin »The Conversation«.
Das liefert auch einen wichtigen Hin-
weis auf den Grund für die außergewöhnli-

YOUTUBE / ANIMAL WIRE


che Form: Wombats nutzen ihre Verdau-
ungsprodukte als olfaktorische Leuchttür-
me, mit denen sie ihr Revier abstecken. So VIDEO ONLINE ANSEHEN
signalisieren sie einem Artgenossen, dass
er dabei ist, fremdes Territorium zu betre-
ten. Die große Menge soll sicherstellen, dem anderen Tier, kann also für die Form- die flächigen Seiten. Zum anderen trocknet
dass keiner den Hinweis überriecht. Die gebung nicht verantwortlich gemacht wer- das Material stark aus und übersteht dar-
eckige Form hingegen erlaubt es, die Häuf- den. Die eigentliche Ursache liegt denn um auch den hinteren Abschnitt des Ver-
chen an exponierten Stellen auf Felsbro- auch tiefer, wie Gentle erklärt: Zum einen dauungstrakts, an dessen Ende es dann in
cken oder Baumstämmen zu deponieren, verläuft der Verdauungsvorgang extrem bester Würfelgestalt herausbröckelt. Was
ohne dass sie gleich herunterkullern. langsam, rund 14 bis 18 Tage bleibt der Nah- zeigt: Die Evolution bringt Tiere vorne und
Doch wie gelingt dem nachtaktiven Ko- rungsbrei im Gedärm. In dessen erstem hinten in Bestform. 
alaverwandten dieser Trick? Sein After ist Teil wird er von Graten entlang der Darm-
keineswegs eckig, sondern rund wie bei je- passage in Form gepresst, hier entstehen (Spektrum.de, 16.03.2016)

45
DARMFLORA

Bakterien und Antibiotika


gefährden Koalas doppelt
FREDER / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

von Daniel Lingenhöhl

46
Koalas sind bedroht – auch durch eine fiese Geschlechts-
krankheit. Doch deren Behandlung hat ebenfalls ihre Tücken
und bisweilen tödliche Folgen.

I
n Australien grassiert momentan Hälfte aller Koalas sind mit Chlamydien in- Teil des Mikrobioms Tannine aus der Nah-
eine Geschlechtskrankheit. Betrof- fiziert, vermuten Wissenschaftler. rung aufspaltet und so die Verdauung der
fen sind davon aber nicht Menschen, Manche der Infektionen enden tödlich, Tiere unterstützt. Tannine finden sich in
sondern die wahren Sympathieträ- häufiger sind jedoch Entzündungen des großer Menge in Eukalyptusblättern, der
ger des Kontinents: die Koalas. Viele Harntrakts, Blindheit und Unfruchtbar- Hauptnahrung der Koalas. Unzureichend
der Beuteltiere haben sich mit Chlamydien keit – was angesichts schrumpfender Wild- abgebaut schaden sie dem Organismus.
infiziert, und zwar mit einem besonders ag- bestände problematisch für die Art ist. Ein Fehlt Lonepinella koalarum im Darm, kön-
gressiven Stamm, der sogar zum Tod füh- wirksamer Impfstoff wird gerade entwi- nen die Koalas sogar verhungern, so Dahl-
ren kann. Rettung verspricht jedoch auch ckelt, steht aber noch nicht für den Mas- hausen und ihr Team. Die Antibiotikakur
eine Behandlung mit Antibiotika nicht un- seneinsatz zur Verfügung. Kranke Tiere bringt Veterinäre also in eine Zwickmühle,
bedingt, so Katherine Dahlhausen von der werden daher mit einer Antibiotikakur be- denn bislang gibt es keine für Koalas geeig-
University of California in Davis und ihre handelt. Diese kann allerdings ebenfalls neten Medikamente, welche Chlamydien
Kollegen in »PeerJ«. Chlamydien werden verheerende Nebenwirkungen haben, wie bekämpfen und zugleich das Mikrobiom
durch Geschlechtsverkehr übertragen, eine Dahlhausen und Co zeigen: Sie hatten intakt lassen. Eine Alternative wären wo-
Infektion ist für Koalas äußerst schmerz- mehr als 140 Kotproben von elf medizi- möglich Stuhltransplantationen von ge-
haft. Junge Tiere stecken sich zudem oft nisch versorgten Koalas untersucht, die sunden Koalas nach der Behandlung. Doch
über eine »Papp« genannte spezielle Kot- entweder die Antibiotikadosen erhalten das ist bislang ebenfalls nur unzureichend
form an, die Mütter an ihre Kinder verfüt- hatten oder nur symptomatisch kuriert getestet. 
tern: Damit soll der Nachwuchs bestimmte wurden.
Mikroben aufnehmen, durch die Eukalyp- Besonders interessierte die Forscher das
tus besser verdaulich ist. Mindestens die Bakterium Lonepinella koalarum, das als (Spektrum.de, 23.03.2018)

47
VERHALTENSFORSCHUNG

Legen Vögel gezielt Feuer?


von Daniel Lingenhöhl
Auch Tiere können von Feuer profitieren. Beobachtungen in
Australien deuten darauf hin, dass manche Greifvögel so-
gar gezielt Brandstiftung betreiben.
ISTOCK / GP232

48
D
er Gebrauch des Feuers gilt bislang, dass beide Arten aus diesem Grund
eigentlich als Privileg von
uns Menschen, während
die Nähe on Feuern suche, nicht aber, dass
sie diese gezielt fördern. Befragungen von
KOMPAKT
Tiere sich normalerweise insgesamt acht Aborigines sowie sechs wei-
davon fernhalten – oder es teren nichtindigenen Personen – Rangern, THEMEN
zumindest nicht gezielt einsetzen. Doch
sollten sich Beobachtungen aus Australien
Feuerökologen, Feuerwehrleuten – aus
dem Northern Territory bestätigten jedoch AUF DEN PUNKT
bestätigen, müssten wir umdenken: Zwei
Greifvogelarten, der Schwarzmilan (Milvus
den Verdacht: Unabhängig voneinander
berichteten sie davon, wie die Vögel die
GEBRACHT
migrans) und der Habichtfalke (Falco beri- Lunte an trockene Pflanzen legten. Aus evo-
gora), betreiben in den Savannen des Kon- lutionärer Sicht sei dieses Verhalten jeden-
tinents anscheinend gezielt Brandstiftung, falls sehr sinnvoll, so Gosford, der seine
wie Bob Gosford berichtete. Der Australier Studie für eine Veröffentlichung aufberei-
ist eigentlich Anwalt, interessiert sich je- tet: Manche Buschbrände lockten dem-
doch stark für die Kultur der Aborigines nach so viele Beutegreifer an, dass sie sich
und wie sie mit ihrer Umwelt leben. Einen um die fliehenden Tiere streiten müssen.
besonderen Schwerpunkt bildete dabei das Weitet man die betroffene Zone dagegen
Wissen der Ethnien über Vögel, was Gos- aus, so erhöhe sich die Chance, selbst mit
ford auch zu einem Teil seines Anthropolo- Nahrung zum Zug zu kommen. Womög-
giestudiums machte. Immer wieder hörte lich sei dieses Verhalten auch in anderen
er dabei Anekdoten, dass bestimmte Greif- Feuerökosystemen der Welt verbreitet,
vögel glimmende oder brennende Zweige etwa in den afrikanischen oder südameri-
am noch unversehrten Ende ergriffen und kanischen Savannen. 
über noch nicht entflammter Vegetation
fallen ließen. (Spektrum.de, 12.02.2016)
Der dadurch entfachte Brand trieb Klein-
säuger oder Reptilien aus ihren Verstecken,
die dann wiederum zur leichten Beute der UND ÜBER 160 WEITERE AUSGABEN

B JDL Z X / GE T T Y IMAGES / ISTOCK


Milane und Falken wurden. Bekannt war
ZUR ÜBERSICHT
KROKODILE

Lauern mit dem perfektionierten Krokodile lauern halb untergetaucht und reglos
auf ihre Beute – und haben, dank einer evolutionären

Scanner-Blick Anpassung, eine ganz eigene Sicht der Dinge.


von Jan Dönges

ISTOCK / GOODDENK A
50
K
rokodile sind die perfekten Kollegen zufolge noch Gegenstände präzi-
aquatischen Lauerjäger.
Ohne sich durch die leises-
se auflösen. Bei keiner anderen Tierart sei
ein solches Phänomen bislang bekannt,
KOMPAKT
te Kräuselung der Wasser- erläutern die Wissenschaftler.
oberfläche zu verraten, war- Auch bei den Photorezeptoren fanden
ten sie am Ufer halb abgetaucht auf ihre sie einen Unterschied. Die des vorwie-
ahnungslose Beute. Forscher um Nicolas gend im Salzwasser lebenden Leistenkro-
Nagloo von der University of Western kodils sind eher auf blaue Wellenlängen
Australia in Crawley entdeckten nun, dass ausgerichtet, während die des Australi-
den Krokodilen eine evolutionäre Anpas- en-Krokodils eine Tendenz zu röteren
sung ihrer Augen dabei hilft, derart reglos
zu verharren und dennoch alles im Blick
zu behalten.
Anders als beispielsweise beim Men-
schen, wo der Punkt des schärfsten Sehens
Wellenlängen erkennen ließen. Die Ab-
weichungen erklären sich nach Meinung
des Teams um Nagloo aus den jeweiligen
Habitaten. Süßwasser lasse eher rotes
Licht passieren, das Salzwasser hingegen
INSELN
Isolierte Welten
auf der Netzhaut auf einen kleinen kreis- auch blaues. Dass die Augen der Tiere auf
runden Fleck beschränkt ist, erstreckt sich diese jeweils unterschiedlichen Lichtver-
die so genannte Fovea bei den zwei von ih- hältnisse eingestellt sind, zeigt den For-
nen untersuchten Krokodilarten auf ei- schern zufolge, dass die Krokodile ihre
nen breiten horizontalen Streifen. Sowohl Augen auch beim Tauchen einsetzen – ob-
das Australien-Krokodil (Crocodylus johns- wohl sie unter Wasser vermutlich nicht
toni) als auch das australische Leistenkro- gut fokussieren können und entspre-
kodil (Crocodylus porosus) können da- chend wenig erkennen dürften. 
durch die Umgebung scharf im Blick be- Geophysik | Hotspots entfesselt
halten, ohne den Kopf bewegen zu müssen. (Spektrum.de, 10.05.2016) Osterinsel | Das Rätsel von Rapa Nui
Wo der Mensch bestenfalls »aus den Au- Kartografie | Die Geisterinseln
genwinkeln« eine Bewegung oder sche-
menhafte Formen wahrnimmt, kann das FÜR NUR
€ 4, 99
Krokodil den Messungen von Nagloo und
HIER DOWNLOADEN
ISTOCK/ANDRESRIMAGING
MICHAEL JENSEN/NOA A FISHERIES

MEERESSCHILDKRÖTEN

Warme Jahrzehnte ließen fast


ausschließlich Weibchen schlüpfen von Jan Dönges

52
Bei Meeresschildkröten entscheiden Temperaturen im Sand darüber, ob das Jungtier männ-
lich oder weiblich wird. Am Great Barrier Reef verheißt das nichts Gutes für die Tiere.

D
ie Grüne Meeresschildkrö- Bei Meeresschildkröten hängt das Ge- stränden zuzuordnen. Dies gelang Jensen
te, auch Suppenschildkröte schlecht des Nachwuchses von der Tempe- und Kollegen jetzt erstmals, indem sie un-
genannt, könnte durch die ratur des Geleges ab: Ist der Sand kühler, ter anderem mit genetischen Methoden
schnellen Klimaverände- entstehen mehr Männchen, ist er wärmer, die Herkunft von hunderten Tieren be-
rungen künftig ihre Fort- mehr Weibchen. Die hohen Durchschnitts- stimmten.
pflanzungsfähigkeit einbüßen und infol- temperaturen, die in den vergangenen Sollten die Durchschnittstemperaturen
gedessen aussterben. Anlass zu dieser Sor- zwei Jahrzehnten im Norden Australiens in Australien weiterhin ansteigen, was auf
ge gibt jetzt eine umfassende Untersuchung herrschten, haben deshalb zu einer mar- Grund des Klimawandels zu erwarten ist,
von Niststränden am Great Barrier Reef in kanten Zunahme des Anteils der Weibchen dürften an immer mehr Stränden nur noch
Australien. Im Norden des Untersuchungs- geführt. Rund 86 Prozent der erwachsenen weibliche Individuen schlüpfen – mit dra-
gebiets waren in den zurückliegenden Jah- Tiere, die aus den nördlichsten Nistgebie- matischen Folgen für die Gesamtpopulati-
ren fast ausschließlich Weibchen ge- ten stammten, waren weiblich, bei jungen on. Denkbar wäre zwar, dass sich die Schild-
schlüpft. Sollte dieser Trend anhalten, dürf- und halbwüchsigen Tieren lag dieser An- kröten durch Selektionsprozesse schnell
te es für viele Weibchen unmöglich werden, teil sogar bei 99 Prozent. Bei Tieren von genug den veränderten Gegebenheiten an-
ein Männchen für die Paarung zu finden. weiter südlich gelegenen, kühleren Strän- passen können, zumal sie in den zurücklie-
Wie sehr sich das Geschlechterverhält- den fanden Jensen und Co ein weniger ext- genden Jahrmillionen auch deutlich wär-
nis verschoben hat, bestimmte jetzt ein remes Missverhältnis, allerdings waren mere Phasen überstanden. Doch die Stand-
Forscherteam um Michael Jensen vom Fi- auch hier Weibchen mit rund 65 bis 70 Pro- orttreue der Tiere und ihr langsamer
schereiforschungszentrum der US-ameri- zent Anteil deutlich in der Mehrheit. Reproduktionszyklus machen den For-
kanischen Atmosphären- und Ozeanfor- Die Befürchtung, dass der weltweite schern wenig Hoffnung, dass diese Anpas-
schungsbehörde NOAA im kalifornischen Temperaturanstieg das Geschlechterver- sung mit der Rasanz der Klimaverände-
La Jolla. Die Ergebnisse publizierten die hältnis dramatisch verändern könnte, gibt rung Schritt halten kann. 
Wissenschaftler im Fachjournal »Current es schon länger. Allerdings war es bislang
Biology«. schwer, die Tiere eindeutig ihren Schlupf- (Spektrum.de, 11.01.2018)

53
DAMEDIAS / STOCK.ADOBE.COM

GREAT BARRIER REEF

Beim Riff darf nichts schiefgehen


von Michael Lenz

54
Politiker denken vor allem in Kosten-Nutzen-Kategorien. Deshalb haben
Forscher nun den Preis des Great Barrier Reef berechnet und herausbekommen:
Es ist systemrelevant und zu groß, um es scheitern zu lassen.

D
ie Kirchenfenster der ka- rity (GBRMPA) und des Australian Institute fährdet« durch die UNESCO vermeiden.
tholischen Kathedrale St of Marine Science (AIMS) ähnlich katastro- Ein ums andere Mal hat die UNESCO dem
Monica sind einzigartig. In phal ausfallen. Klimawandel, mit Dünge- Druck aus Canberra durch Verlängerungen
leuchtenden Farben erzäh- mittel belastete Flüsse, verschmutzte Ab- der Fristen zur Nachbesserung der Riffret-
len die Bilder des tropi- wässer und Überfischung sind die weiteren tungspläne nachgegeben. Im Dezember
schen Regenwalds, des knochentrockenen Zutaten des für das maritime Ökosystem 2016 kündigte Australien ein umgerechnet
Outback und des Great Barrier Reef (GBR) tödlichen Cocktails. Die Prognose der Wis- 920 Millionen Euro teures Programm zur
mit seiner verschwenderischen Artenviel- senschaftler: Wenn das so weitergeht, ist Rettung des Riffs an. Zu wenig, zu spät und
falt die Schöpfungsgeschichte. Das Gottes- das Riff in 20 Jahren Vergangenheit. zu halbherzig, sagen Kritiker.
haus steht in Cairns, dem Hotspot des Die australische Politik tut sich schwer, In dieser Situation haben sich Meeres-
Great-Barrier-Tourismus im tropischen das GBR – das mit einer Fläche von 348 000 biologen, Korallenforscher, Wasserexper-
Norden von Queensland. Quadratkilometern so groß ist wie Italien – ten und Klimawissenschaftler gesagt:
Die Lebensvielfalt am GBR könnte aber durch couragierte und nachhaltige Maß- »Wenn die Politiker nur in Kosten-Nutzen-
bald der Vergangenheit angehören. Zwei nahmen zu schützen. Die Regierungen egal und Profitkategorien denken können, dann
direkt aufeinander folgende zu heiße aust- welcher Couleur der letzten Jahre haben sollen sie das haben. Kleben wir eben ein
ralische El-Niño-Sommer haben zwei di- letztlich immer wirtschaftlichen Erwägun- Preisschild auf das Riff.« Herausgekom-
rekt aufeinander folgende Korallenblei- gen den Vorrang vor dem Schutz des weit men ist der Report »At what price? The eco-
chen verursacht. Die Korallenbleiche 2016 über Australien hinaus lebenswichtigen nomic, social and icon value of the Great
war die stärkste, die je festgestellt wurde. maritimen Ökosystems gegeben. Nur Barrier Reef« von Deloitte Access Econo-
Die Bilanz 2017 könnte nach ersten Beob- durch massive politische Interventionen mics. Das Fazit des internationalen Wirt-
achtungen und Messungen der Experten konnte Australien eine Herabstufung des schaftsprüfungskonzerns lautet kurz ge-
der Great Barrier Reef Marine Park Autho- GBR als Weltnaturerbe auf den Status »ge- fasst: »This report makes it clear that the

55
Great Barrier Reef is a treasure that is too plexesten und vielfältigsten natürlichen
big to fail.« »To big too fail« – »zu groß, um Ökosysteme der Welt gilt das Great Barrier
es scheitern zu lassen«. Klingt vertraut? Reef mit Fug und Recht als unbezahlbar
Richtig: »Too big to fail« – also »systemre- und nicht ersetzbar.«
levant« – lautete das Mantra der Politiker Konkreter aber sieht die Sache bei dem Wenn Politiker nur in Kosten-
zur Begründung der milliardenteuren Ban- Riff als Wirtschaftsfaktor aus: Satte 6,4 Mil- Nutzen-Rechnungen denken,
kenrettungen während der Finanz- und Eu- liarden AUD (4,3 Milliarden Euro) brachte
rokrise. das Riff 2015/16 der australischen Wirt- dann kleben wir eben ein
schaft und 64 000 Vollzeitjobs, davon gut Preisschild auf das Riff
Größte lebende Struktur der Erde die Hälfte in Queensland, vor dessen Küste
Die Zahlen von Deloitte sind beeindru- sich das Riff erstreckt. Das Riff sei somit ein
ckend. Auf sagenhafte 56 Milliarden aust- »größerer Arbeitgeber« als so manches
ralische Dollar (AUD) oder umgerechnet australisches Großunternehmen, betont
37,5 Milliarden Euro beziffern die Wirt- Sargent. Zum Vergleich: Der Telekommu-
schaftsexperten den »wirtschaftlichen, so- nikationskonzern Telstra beschäftigt
zialen und ikonischen« Wert des GBR (PDF). 33 000 Menschen; bei der National Austra-
In dieser Summe steckt also auch eine mo- lia Bank gibt es 34 000 Jobs; 26 000 Austra-
netäre Bewertung der »weichen Faktoren« lier stehen bei Qantas in Lohn und Brot.
des GBR als »australische Marke«, die Be- Die bedeutsamsten Wirtschaftszweige
deutung des Riffs für die australische Iden- des Riffs sind die Freizeitindustrie, die Fi-
tität sowie sein kultureller und spiritueller scherei, die Wissenschaftsbranche und na-
Wert für die australischen Ureinwohner. türlich der Tourismus. Die kommerzielle
Man kann darüber streiten, ob überhaupt Fischerei sowie Aquakulturen machten
und wenn ja, mit welchen Kriterien und 2015/16 knapp 134 Millionen Euro der Riff-
Methoden solche Faktoren in Dollar und ökonomie aus. Freizeitaktivitäten wie Tau-
Cent umgerechnet werden sollen. Steve chen, Schnorcheln, Segeln oder auch die-
Sargent, Direktor der Great Barrier Reef Hobbyfischerei brachten 47 Millionen Euro
Foundation, sagt: »Als größte lebende ein. Beachtliche 122 Millionen Euro waren
Struktur der Erde und als eines der kom- im gleichen Zeitraum die Forschungsakti-

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GREAT BARRIER REEF
Das Great Barrier Reef ist nicht nur beeindru-
ckend groß, es spielt auch eine entscheiden-

ANH NGO / STOCK.ADOBE.COM


de Rolle für die australische Wirtschaft: Satte
6,4 Milliarden Australische Dollar (4,3 Milliar-
den Euro) brachte das Riff 2015/16 der aust-
ralischen Wirtschaft und 64 000 Vollzeitjobs.

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vitäten sowie die Arbeit zum Management rallen. Ein einzelner Acanthaster planci lang der Küste von Nordqueensland im
des Riffs der Great Barrier Reef Foundation kann innerhalb eines Jahres eine Korallen- Verdacht, die zur Ertragssteigerung ihre
wert, zu der das Australian Institute of Ma- fläche von 13 Quadratmetern vertilgen. Bananen- und Zuckerrohrplantagen mit
rine Science (AIMS), die Great Barrier Reef Nach einer Invasion von Dornenkronen- Nitraten und Phosphor traktieren. Durch
Marine Park Authority, das ARC Centre of seesternen bleiben nur noch die Kalkske- Regenfälle werden die Chemikalien ins
Excellence der James Cook Universität und lette der Korallenbänke übrig. »Sie tun sich Meer gespült, was wiederum zu einer Zu-
die Lizard Island Reef Research Foundation an den Korallen gütlich und lassen sie ge- nahme von Phytoplankton als Nahrung
gehören. Den Löwenanteil aber trägt der bleicht und anfällig für Zerstörungen durch der Dornenkronenseestern-Larven führt.
Rifftourismus zum australischen Volksein- schwere Stürme zurück«, sagt Professor Folge: Mehr Larven überleben und entwi-
kommen bei. »Der totale Wert der signifi- Bernard Degnan, Meereswissenschaftler ckeln sich zu Seesternen. Das Riff ist also
kanten Tourismusaktivitäten in Verbin- und Molekularbiologe an der Universität nicht nur ein bedeutsamer Wirtschaftsfak-
dung mit dem GBR wird für die australi- von Queensland in Australien. tor, sondern auch durch die wirtschaftli-
sche Wirtschaft für 2015 und 2016 auf 5,7 Die mit fünf Zentimeter langen, giftigen chen Aktivitäten der Menschen gefährdet.
Milliarden Dollar geschätzt«, heißt es in Stacheln bewehrten Dornenkronensee-
dem Bericht von Deloitte. sterne sind zudem äußerst fruchtbar. »In Größte Einzelgefahr gerade gestartet:
einer Laichsaison kann ein einziger weibli- Kohletagebau
Riff als großer Arbeitgeber cher Seestern bis zu 120 Millionen Nach- Der Startschuss für die aus Sicht von Rif-
und Geldmaschine kommen produzieren«, weiß Professor fexperten größte Einzelgefahr für das ma-
Die Geldmaschine GBR aber ist ins Stottern Degnan. »Trotzdem haben sie in normalen ritime Naturwunder ist jedoch am 1. Okto-
geraten. Der globale Klimawandel wie auch Zeiten nur eine geringe Auswirkung auf ber 2017 mit dem ersten Spatenstich für
wirtschaftliche Aktivitäten entlang der das Riff.« Nicht zuletzt, weil sie durch den die Kohleminen Carmichael des indischen
Küste des Korallenmeers setzen dem 2300 Napoleon-Lippfisch, den Riesen-Kugelfisch Milliardärs Gautam Adani im Galilee-Be-
Kilometer langen Riff arg zu. Letzteres lässt und andere natürliche Fressfeinde in cken gefallen. In sechs Tagebauminen und
sich gut am Beispiel der gefräßigen und Schach gehalten werden. fünf Untertagebergwerken sollen 60 Jahre
vermehrungsfreudigen Dornenkronen- Die Zeiten sind aber nicht normal. In lang jährlich mindestens 120 Millionen
seesterne veranschaulichen. Millionen der den letzten 40 Jahren sind die Dornenkro- Tonnen Steinkohle gefördert werden. Der
blau-rot gefärbten »crown-of-thorns star- nenseesterne-Invasionen immer häufiger Carmichael-Kohlebergbau wird sich über
fish« (COTS) »überfallen« in regelmäßigen und in immer kürzeren Abständen aufge- 443 Quadratkilometer erstrecken. Das ent-
Abständen Riffe und laben sich an Steinko- treten. Als Verursacher stehen Bauern ent- spricht der Fläche von Paris.

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Über eine noch zu bauende Bahnstrecke Umweltschutz versus Arbeitsplätze Klimawandel ernst nehmen und daraus
soll die Kohle zum Kohlehafen Abbot Point Allerdings ist bei dem Adani-Projekt das unternehmenspolitische Konsequenzen
am Korallenmeer transportiert und von letzte Wort noch nicht gesprochen. Dem ziehen.
dort nach Indien verschifft werden. Die Milliardär Adani fehlt die Finanzierung. Die Bedeutung des Great Barrier Reef
Schiffsroute geht direkt durch das GBR. Die Regierung in Canberra hat zwar ein reicht weit über Australien hinaus. »Das
Doch nicht nur das: Experten schätzen zu- Darlehen von einer Milliarde Australischer Riff ist nicht nur in sich selbst ein wertvol-
dem, dass allein durch die Verheizung der Dollar in Aussicht gestellt. Bei australi- les Ökosystem«, hieß es schon 2004 in dem
Carmichael-Kohle in Indien jährlich zu- schen und internationalen Großbanken ist Hirtenbrief der katholischen Bischöfe, ge-
sätzliche 79 Millionen Tonnen des Klima- Adani aber mit seinen Kreditanträgen ab- wissermaßen Schöpfungsexperten, von
killers CO2 ausgestoßen werden. Das ent- geblitzt. Die Bank Westpac zum Beispiel Queensland. »Es ist auch ein integraler Teil
spricht der jährlichen CO2-Emission von will laut ihrem »Klimaaktionsplan« Kredi- des einen Netzes des Lebens auf dem Pla-
Österreich. te für Kohleförderung nur noch für »Pro- neten, das uns alle verbindet – die Mensch-
Für Australiens Regierung ist das 16,5 jekte in bereits existierenden, Kohle pro- heit und alle Spezies auf dem Land und im
Milliarden Dollar teure Adani-Projekt »too duzierenden Becken« vergeben, und das Meer, Regenwald und Riff, Berge, Ebenen
big to fail«. Die zuständigen Minister beju- auch nur, wenn die Kohle den besonders und die Wüsten im Landesinneren.« Wie
beln die Arbeitsplätze und die vielen Dol- hohen Heizwert von mindestens 6300 Ki- sie auf den Fenstern von St Monica zu se-
lars für Wirtschaft und Staatshaushalt. Kli- lokalorien pro Kilo aufweist. Beides trifft hen sind. Mit anderen Worten: Auch ökolo-
mawissenschaftler, Umweltschützer, Ur- für die Kohle aus den Adani-Minen nicht gisch ist das GBR »to big too fail«. 
einwohner und die Bewohner der durch zu. Die Deutsche Bank und die HSBC haben
den steigenden Meeresspiegel langsam die Finanzierung des Ausbaus von Abbott (Spektrum.de, 19.10.2017)
versinkenden südpazifischen Inseln laufen Point zum größten Kohlehafen der Welt
dagegen Sturm. Kritik kommt auch von ebenfalls abgelehnt.
Ökonomen. Deren Argument: Förderung Matthew Canavan, ein Leugner des Kli-
und Transport nach Indien macht die Koh- mawandels, schäumte vor Wut. Canavan,
le so teuer, dass sie mit den Strompreisen bis zu seinem Rücktritt Ende Juli 2017 we-
existierender Kraftwerke und der in Indien gen seiner ungeklärten Staatsbürger-
wachsenden Stromversorgung durch er- schaft Minister für Bodenschätze, warf kli-
neuerbare Energien nicht konkurrieren mabewussten Unternehmen und Banken
kann. »eine Kultur der Feigheit« vor, weil sie den

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