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Automatisches Subjekt

Nach Karl Marx verwandelt sich im Kapitalismus der Wert in der Zirkulationssphäre in ein automatisches Subjekt.

Inhaltsverzeichnis
Begriff bei Marx
Deutungen
Verhältnis zu Hegel
Verhältnis zum Nationalsozialismus
Wertkritische Deutungen
Einzelnachweise
Literatur
Weblinks

Begriff bei Marx


Im Kapitel Verwandlung von Geld in Kapital seines 1867 erschienenen Werkes Das Kapital erläutert Marx die allgemeine Formel
des Kapitals (G – W – G´).[1] Er verwendet die Symbole „G“ für Geld, „W“ für Ware und „–“ für Tausch. Damit notiert er die
unterschiedlichen Zirkulationsformen des Kapitals: einerseits die Warenzirkulation W – G – W (daher eine auf Gebrauchswerte
ausgerichtete Zirkulation von Waren), auch einfache Zirkulation genannt, und andererseits die Geldzirkulation (daher eine auf
den Tauschwert von Waren ausgerichtete Zirkulation) G – W – G (bzw. G - W - G´; Geld - Ware - Mehr Geld, da ein Tausch
gleich großer Mengen an Geld zwecklos ist), auch kurz als Zirkulation schlechthin bezeichnet. Marx schreibt:

„Die selbständigen Formen, die Geldformen, welche der Wert der Waren in der einfachen Zirkulation
annimmt, vermitteln nur den Warenaustausch und verschwinden im Endresultat der Bewegung. In der
Zirkulation G – W – G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des
Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise.
Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und
verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. Fixiert man die besondren Erscheinungsformen, welche der
sich verwertenden Wert im Kreislauf seines Lebens abwechselnd annimmt, so erhält man die Erklärungen:
Kapital ist Geld, Kapital ist Ware. In der Tat aber wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er
unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, sich als
Mehrwert von sich selbst als ursprünglichem Wert abstößt, sich selbst verwertet. Denn die Bewegung, worin
er Mehrwert zusetzt, ist seine eigne Bewegung, seine Verwertung also Selbstverwertung. Er hat die okkulte
Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist. Er wirft lebendige Junge[2] oder legt wenigstens goldne
Eier.“
– KARL MARX: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 168 f. (http://www.mlwerke.de/me/me23/me
23_161.htm#168), Unterstreichung ergänzt
Im Folgenden charakterisiert er die Darstellung des Kapitals in der Zirkulationssphäre als „eine prozessierende, sich selbst
bewegende Substanz, für welche Ware und Geld beide bloße Formen.“[3] Es ist darauf hingewiesen worden, dass Marx hier die
Begriffe "Subjekt" und "Substanz" aufgreift, welche auch Georg Friedrich Hegel verwendet hat.

Deutungen

Verhältnis zu Hegel
Nach der Lesart Moishe Postones schlägt Marx vor, das, was Hegel mit seinem Begriff des „Geistes“ zu erfassen versuchte, als in
der Kategorie des Kapitals ausgedrückte gesellschaftliche Beziehungen zu verstehen. Daraus folge, daß die den Kapitalismus
kennzeichnenden Gesellschaftsbeziehungen einen bestimmten, dialektischen und historischen Charakter haben, welcher nicht
alleine mit dem Konzept der Klasse begriffen werden kann. Gleichzeitig schlage Marx vor, daß diese Beziehungen die
gesellschaftliche Grundlage für Hegels Begriffsbildung selbst dargestellt haben.[4]

Siehe auch „Homologiehypothese“

Verhältnis zum Nationalsozialismus


Heinz Langerhans (1904–1976), Freund Karl Korschs und zeitweiliger Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung,
beurteilte im Jahre 1934 den Nationalsozialismus als „einheitliches Staatssubjekt Kapital“, welches das „automatischen Subjekt
Kapital mit dem garanten Staat als besonderem Organ“ ersetzt habe. Bereits in der Krise des Ersten Weltkrieges ist durch
Umstellung der Industrie zur Kriegsindustrie die Voraussetzung der Krise noch einmal gesetzt, und Vernichtung von nicht
verwertbarem Wert zum Gegenstand der Produktion geworden.

Im Nationalsozialismus ist der Staat nicht mehr ideeller, sondern wirklicher Gesamtkapitalist:

„Das Staatssubjekt Kapital erzwingt sich das Monopol auf Klassenkampf. Die Zerschlagung aller
Klassenorgane der Arbeiter ist seine erste Tat. Eine rücksichtslose soziale Pazifierungsaktion mit dem Zweck
der ‘organischen’ Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit in den neuen Staat wird eingeleitet. Zugleich wird
eine großzügige Reorganisation der Kapitalistenklasse vorgenommen (...). Das Staatssubjekt Kapital
organisiert den inneren Markt, reguliert - ein nationales ‘Generalkartell’ - die Preise und verschärft damit
zugleich die internationale Konkurrenz. (...).“

Die Entwicklung der Industrie und die soziale Pazifizierung stellten nach Langerhans zugleich auch Rüstung und
Kriegsvorbereitungen dar.[5]

Wertkritische Deutungen
Versuche von Vertretern der Wertkritik, mit dem Begriff des automatischen Subjektes den Kapitalismus adäquat zu begreifen,
gaben seit 1990 Anlass zu verschiedenen Kontroversen.

Die Nürnberger Krisis-Gruppe betrachtet den Wert als automatisches Subjekt, welches sich in Schüben mehr und mehr ausdehnt
und schließlich untergeht:

„Der Wert als das automatische Subjekt kann nur existieren, indem er seinen Herrschaftsbereich durch die
Umwandlung vor- und frühkapitalistischen Materials ausdehnt. Die bürgerliche Gesellschaft überwindet
einstweilen ihre inneren Widersprüche, indem sie sie in eine die eigenen Vorformen verschlingende
Expansionsbewegung übersetzt. Sobald die bürgerliche Form aber allein auf sich gestellt weiterbestehen soll,
ist sie am Ende, und all ihre Emanationen geben nacheinander den Geist auf. [... ] Der Wert als das entdeckte
geheime automatische Subjekt lässt sich nicht apologetisch besingen, er enthüllt sich nur in der Analyse seiner
Unhaltbarkeit.“[6]

Für die Freiburger Initiative Sozialistisches Forum (ISF) ist das Kapital das automatische Subjekt. Es ist die Realisierung von
Gott, daher unverstehbar, und nur von außen zu kritisieren. Die „skandalöse Spitze und der denunziative Nerv der Kritik der
politischen Ökonomie“ bestehen:

„In nichts anderem als darin, daß, was Jahrhunderte sich unter ‚Gott‘ nur im Ungefähren vorzustellen
vermochten, in Begriff und Sache des Kapitals zum Bewegungsgesetz der Wirklichkeit geworden ist – zum
‚automatischen Subjekt‘. Diese leichthin gebrauchte Floskel hat noch keiner verstanden. Marx als Marxist am
wenigsten, denn sie ist an sich und objektiv unverständlich, ist so objektiv arational, wie es sich für eine
‚verrückte Form‘ gehört.“[7]

Kritiker dieser Interpretation argumentieren u. a. damit, daß durch die Behauptung der gesellschaftlichen Existenz des Kapitals
als automatischem Subjekt die Vorrangigkeit des Kapitalverhältnisses vor dem Klassenverhältnis verteidigt werde, wodurch
Marxismus zu einer konstruktiven und objektiven Theorie werde und seine "revolutionäre Vernunft" verliere.[8] Vertreter der
Wertkritik kontern, dass es nach Marx eine Illusion sei, zu glauben, man könne Klassenverhältnisse beseitigen, ohne diejenigen
Basiskategorien einer kapitalistischen Gesellschaft aufzuheben, die gesetzmäßig zur Klassenherrschaft führen, also Wert- und
Warenproduktion. "Es ist ein ebenso frommer wie dummer Wunsch, daß der Tauschwert sich nicht zum Kapital entwickle oder
die den Tauschwert produzierende Arbeit zur Lohnarbeit." (Marx, Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW
42,189).

Einzelnachweise
1. Karl Marx: Das Kapital, Bd. I, MEW Bd. 23, S. 161–170 (http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_161.htm#161)
2. Anm: Wohl eine Anspielung auf Aristoteles, der mit dem Ausspruch „Geld wirft keine Junge“ seine Ablehnung
des Zins begründete.
3. Karl Marx: Das Kapital, MEW Bd. 23, S. 169, Unterstreichung ergänzt
4. Moishe Postone: Time, Labor, and Social Domination (1996), Seite 75–76.
5. Heinz Langerhans: Die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution, in: Karl Korsch: Schriften
1928-1935, Gesamtausgabe Bd.5, Amsterdam 1996, S. 768–776, Zitate nach: Gerhard Scheit: Totalitärer Staat
und Krise des Kapitals (http://www.trend.infopartisan.net/trd0301/t030301.html), trend-online 3 2001
6. Ernst Lohoff: Die Inflationierung der Krise. Vom immanenten Zyklus zur Zersetzung der kapitalistischen Struktur
(http://www.balzix.de/e-lohoff_inflationierung-der-krise_krisis8-9_1990.html) (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in
Webarchiven (http://timetravel.mementoweb.org/list/2010/http://www.balzix.de/e-lohoff_inflationierung-der-krise_k
risis8-9_1990.html)) Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne
dann diesen Hinweis., Krisis 8-9, 1990
7. Initiative Sozialistisches Forum: Der Theoretiker ist der Wert. Eine ideologiekritische Skizze der Wert–und
Krisentheorie der Krisis-Gruppe, Freiburg i.Br. 2000, Seite 21 zitiert nach: Jürgen Behre, Nadja Rakowitz:
Automatisches Subjekt? (2001)
8. Jürgen Behre, Nadja Rakowitz: Automatisches Subjekt? (2001)

Literatur
Moishe Postone: Time, Labor, and Social Domination: A Reinterpretation of Marx's Critical Theory, Cambridge
University Press, 1996, ISBN 0-5215-6540-5, insbesondere Abschnitt Labor and totality: Hegel and Marx, Seite
71 ff.
Hans-Georg Bensch, Frank Kuhne (Hrsg.): Das automatische Subjekt bei Marx, Gesellschaftswissenschaftliches
Institut Hannover, Lüneburg 1998, ISBN 3-9242-4567-3

Weblinks
Joachim Bruhn: Karl Marx und der Materialismus. Über den Gebrauchswert des Marxismus (http://www.ca-ira.ne
t/isf/beitraege/bruhn-marx.materialismus.php), Vortrag 1995
Hans-Georg Bensch: Zum "Automatischen Subjekt" (http://www.trend.infopartisan.net/trd0705/t180705.html),
trend-online, 7, 2005
Michael Sommer, Dieter Wolf: Kapital als automatisches Subjekt (http://www.dieterwolf.net/pdf/Automatisches_S
ubjekt.pdf) (pdf; 143 kB)
Jürgen Behre, Nadja Rakowitz: Automatisches Subjekt? Zur Bedeutung des Kapitalbegriffs bei Marx, Vortrag
vom 15. November 2001 (https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/behre-rakowitz-autosub/)

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Diese Seite wurde zuletzt am 14. Juli 2019 um 22:58 Uhr bearbeitet.

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