Sie sind auf Seite 1von 3

Die Götter verwandeln uns

Sinn und Aufgabe des Götterkultes ist die Verehrung der Götter. Die Götter brauchen natürlich
keine Gaben oder ihre Verehrung durch die Menschen. Aber durch die Riten gewinnen die
Menschen die Nähe zu den Göttern. Es sind also die Menschen, die vom Götterkult profitieren. Wir
kommen als Gemeinschaft zusammen und erblicken in den Statuen der Götter die Werte, die das
öffentliche Leben strukturieren und aufrechterhalten (wie z.B. Schönheit und Ordnung), und die
Tugenden, die wir kultivieren müssen, um gute Bürger zu sein und unser Wesen dem Wesen der
Götter anzugleichen (omoiosis theo). Dabei werden die Statuen eigentlich für die Zwecke des
Kultes angefertigt. Sie sind Zeichen für die Anwesenheit des Heiligen; sie erheben den Geist und
machen die Menschen mit den Göttern vertraut. Und doch «offenbaren» die Götterstatuen die
Funktionen und Eigenschaften der Götter, die ins Menschliche übersetzt, zu Tugenden (aretai)
werden. Tatsächlich geht es beim Kult um die Götter, Heroen, Daimonen und die Ahnen. Aber die
Ehrbezeugungen betreffen auch uns. Es ist das Beste in uns, das den Wein opfert und die Hand zum
Gebet erhebt. Nicht allein mit Opfergaben ehren wir die Götter, sondern auch mit unseren reinen
Gedanken während des Ritus.

Die Vorbereitung auf den Ritus findet auf zwei Ebenen statt. Auf der äußerlichen Ebene richten wir
den Altar ein, bereiten die Opfergaben vor, reinigen die Umgebung. Auf der inneren Ebene bereiten
wir uns auf den Kontakt mit den Göttern vor. Wir legen unsere profanen Gedanken, unseren Ärger
und den Stress ab, erheben unseren mentalen Zustand in Richtung Gottheit und reinigen uns von
Eindrücken, die nichts in der Nähe der Götter zu suchen haben. Anders können wir uns den Göttern
sowieso nicht nähern.
Die Vorbereitung auf den Ritus, die Reinigung und der sakrale Akt selbst machen etwas mit uns.
Die Orthopraxie ist wie eine reinigende Dusche. Wut, Stress, Sorgen fallen von uns ab. Je besser es
uns gelingt, uns auf den Kontakt mit und auf das Heilige selbst einzustimmen, desto mehr berührt
uns der Ritus. Der Kontakt mit den Göttern verändert uns, er tut uns gut. Er beruhigt den Geist,
öffnet die Augen und die Ohren für die Welt um uns herum, erinnert uns an unsere vernunftbegabte
Natur und lässt uns all das erkennen, was dieser unwürdig ist. Wir werden heute mit so viel Hass,
Barbarei, irrationalen und inhumanen Gedanken konfrontiert. Das ist unserer Seele abträglich und
kann den «inneren Kompass» durcheinander bringen, sich wie Staub auf unseren Geist legen und
die Sicht auf die Welt trüben. In der Gegenwart des Heiligen wird dieser ganze Schmutz weggefegt.
Wir sehen den Menschen, der wir sind. Wir sehen den Menschen, der wir sein können. Ohne zu
bewerten, ohne von Schuldgefühlen erdrückt zu werden, nehmen wir den Zustand unserer Seele
wahr und werden von Tugenden erfüllt, die sie wieder schön machen. Die Götter können die Taten
der Vergangenheit nicht tilgen, denn diese sind bereits geschehen. Aber sie können den schlechten
Menschen tilgen, der wir waren und in den verborgenen Rissen unserer Seele vielleicht immer noch
sind, und uns ein neues Leben schenken. Wir finden die Kraft, wieder ganz Mensch zu sein, und das
in einer Gesellschaft und Zeit, die in eine andere Richtung drängt. Selbst wenn wir tief gefallen
sind, unsere Würde verloren haben oder nicht wissen, wo uns der Kopf steht, finden wir uns wieder
und unser Geist erblüht in Selbstachtung.
Wir werden zu besseren Menschen, je näher wir den Göttern kommen. Sie wenden sich nicht von
uns Menschen ab. Unsere Verblendung kappt die Verbindung zum Heiligen. Unsere Tugend stellt
sie wieder her. Die Hinwendung zu den Göttern heilt unsere Schlechtigkeit, lässt das klar sehende
Auge hinter die Dunkelheit des Zorns schauen und hilft uns zu akzeptieren, dass wir Menschen
sind. Dadurch werden wir von quälenden oder gar neurotischen Perfektionszwängen befreit, weil
wir lernen, gemäß der Natur zu leben und unsere menschliche Natur, ihre Möglichkeiten und
Grenzen zu akzeptieren und Frieden zu schließen mit dem inneren Anteil unserer Persönlichkeit,
dem wir nie gut genug sind. Das Maß, das sie uns aufzeigen, führt dazu, dass wir unsere maßlosen
Anforderungen an uns selbst hinterfragen. Wir lernen gut zu sein, zu uns und zu allen, die dieser
Güte würdig sind.
Der Götterkult öffnet uns nicht nur für den segensreichen Einfluss der Götter, hilft uns nicht bloß
dabei, Verständnis für uns und andere zu entwickeln, sondern ermöglicht uns vor allem die
menschliche Natur zu ehren. Die Götter sprengen die Ketten der Vergangenheit und erlauben uns,
uns zu einem «anderen» Menschen zu entwickeln. In der Gegenwart des Heiligen, durch die Kraft
reiner Gedanken, lernen wir mit unseren Krankheiten umzugehen und reduzieren uns nicht auf
unser Leiden oder unsere vergangenen Fehler. Der Tod wird real und verliert gerade dadurch seinen
Schrecken. Die Opferriten lehren uns die Wirklichkeit des Todes, führen uns unsere eigene
Endlichkeit vor Augen und helfen uns, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Dadurch
nimmt unser Leben an Substanz zu. Wir erwarten keine «Retter» oder «Erlöser». Die Tragik des
menschlichen Daseins enthüllt sich vor unseren Augen. Und doch lernen wir die Geborgenheit des
Seins kennen. Wir erkennen den Wert guter Beziehungen, lernen die Schönheiten und Freuden des
Lebens wirklich zu schätzen und nicht für selbstverständlich zu halten. Denn das sind sie nicht.
Dadurch zieht mehr Freude in unser eigenes Leben ein und wir gönnen auch den Menschen ihre
eigene Freude am Leben. So viele Menschen verschwenden ihre Zeit damit, andere ins Unglück zu
stürzen und vergessen dabei, sich selber glücklich zu machen. Glück und Freude bieten uns die
Grundlagen, um befreite und gute Menschen zu sein. Die Freude gehört zum Götterkult wie der
süße Duft des Weihrauchs.
Im Götterkult bzw. durch diesen begreifen wir uns als kleine Einheiten des Ganzen. Wir feiern diese
Verbindung mit der Welt, die Heiligkeit der Natur, die Ästhetik und wunderbare Ordnung des
Kosmos, ein Wort, das für uns Hellenen eine große Bedeutung besitzt. Das griechische Wort
Kosmos wird heute gemeinhin mit Welt oder Weltganzes übersetzt und bezeichnet den geordneten
Teil des Universums. Das Wort selbst bedeutet Weltordnung, Schmuck, Ordnung. Die griechischen
Wörter für Schmuckstück und Verzierung (kósmima), gutes Benehmen oder Anstand (kosmiótita)
und ehrbar (kósmios) stammen von diesem einen Wort ab. Wenn wir die Schönheit und Ordnung
des Kosmos ins Menschliche übersetzen, wird daraus die Tugend der kosmiótita. Wir Menschen
existieren im Sein und sind deshalb Teile dieser Schönheit. Was liegt also näher, als diese Schönheit
und Ordnung nachzuahmen, widerzuspiegeln und ihr auf diese Weise zu entsprechen? Wie schon
Demokrit sagte: «Der Mensch ist eine kleine Welt» (DK 34). Lassen wir diese Schönheit auch in
unseren Beziehungen mit den Menschen, mit den Tieren und der Natur die Oberhand gewinnen,
erweisen wir uns und allen Lebewesen die gebührende Achtung. Wird diese Tugend den Planeten
«retten»? Nein. Aber das ist nicht unbedingt das Ziel. Wir zeigen die gebührende Achtung einfach
deshalb, weil es richtig ist. Das ist Grund genug. Und dadurch erweisen wir uns auch selbst
Respekt. Diese edle Gesinnung strahlt auch auf unsere Umgebung und unsere Gemeinde ab und
kann dazu beitragen, sich der allgemeinen Barbarisierung zu verweigern und das Gemeinwesen
humaner zu organisieren. Nicht nur das, auch unsere Freundschaften, unsere Beziehungen zu
unserer Mutter, unseren Geschwistern und Bekannten erfahren eine neue Qualität, vertiefen sich,
werden menschlicher und von Milde getragen. So helfen wir auch anderen, uns besser zu verstehen
und können das Unsere dazu beitragen, den Respekt, die Liebe und Freundschaft der Menschen zu
gewinnen und zu erhalten, die uns wichtig sind. «Wie liebenswürdig ist der Mensch, wenn er
Mensch ist» (Menander, Fragment 484). Wir sehen also, der Götterkult dient den Göttern und nützt
den Menschen, denn er ist nicht nur Opferritus, sondern auch Erziehung zum Menschsein, zum
Humanismus im klassischen Sinn. Der Humanismus wiederum ist das «geistige Prinzip der
Griechen» (Werner Jaeger: Paideia: The ideals of Greek culture Vol. I: Archaic Greece, the mind of
Athens, 3. Auflage, S. XXIII, Oxford 1946).