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DIAKRISIS 2/2016
© Reinhard Hauke. Bleiglasfenster in der Pfarrkirche Saint-Martin in Groslay. – Wurzel Jesse mit Ausschnitt: Ezechia.
Biblische Archäologie
„Und der Herr erhörte Hiskia …“ – Eine biblisch-archäologische
Zusammenschau. Teil I.
Andreas Späth

Chaos mal drei was Gott wohlgeiel.4 Statt dessen „wandelte“


er in den Wegen der Könige Israels,5 was
Wollte man Hiskias (ca. 740 v. Chr. –
nur eine freundliche Umschreibung für den
687 v. Chr. oder 752 v. Chr. – 697 v. Chr.)1
abscheulichen Götzendienst war, den der
Startbedingungen beschreiben, so könnte man
Schreiber des zweiten Königsbuches dann doch
sowohl von einen „schwierigen Elternhaus“
noch etwas näher präzisiert: Er „ließ seinen
sprechen, als auch von politisch turbulenten
Sohn durchs Feuer gehen nach den gräulichen
Zeiten, in die er hineingeboren wurde. Das
Sitten der Heiden, […] und brachte Opfer dar
geistlich hervorstechende Problem war sicher
und räucherte auf den Höhen und auf den
sein Vater Ahas,2 denn von seiner Mutter
Hügeln und unter allen grünen Bäumen[6].“7
erfahren wir nur, dass sie Abi hieß und die
Tochter Secharjas war.3 Ahas war ein König, Seine religiöse „Offenheit“ kannte kaum
der offenbar keine Sünde ausließ. Er tat nicht, Grenzen. Als Rezin, der König der Aramäer,

1 Während sich nahezu alle Könige Judas und Israels zeitlich recht sicher einordnen lassen, ist paradoxerweise ausge-
rechnet Hiskia ein chronologischer Problemfall. Obwohl es wohl archäologisch keinen besser bezeugten biblischen
König gibt, sind ausgerechnet seine Daten z. T. schwer einzuordnen. Näheres dazu später. Der Autor hält die erste
Datierung für wahrscheinlicher. Sie erbringt in der Zusammenschau von außer- und innerbiblischen Quellen eine or-
dentliche Menge an zufriedenstellenden Ergebnissen, wenn auch diese nicht ganz ohne ad-hoc Annahmen auskommt.
Eine völlig befriedigende Lösung zur Synchronisierung aller bekannten Daten, die ohne Zusatzannahmen auskommt ist
noch nicht gefunden. Dies liegt aber parallel zu den außerbiblischen Quellen, die auch unvollständig und evtl. dadurch
scheinbar widersprüchliche bzw. nicht eindeutige Ergebnisse liefern. Kenneth Kitchen bemerkt für die Königszeit:
„Schlimmstenfalls in drei Fällen muss innerhalb einer großen Zahlenfülle ein Schreibfehler angenommen werden, wo-
bei auch hier immer noch die Möglichkeit besteht, dass die Zahlen richtig sind – und sie bisher nur noch nicht richtig
interpretiert wurden!“ K. A. Kitchen, Das Alte Testament und der Vordere Orient – Zur historischen Zuverlässigkeit
biblischer Geschichte, Gießen 22012, S. 39.
2 1Chr 3,13.
3 2Kö 18,2.
4 2Kö 16,2.
5 2Kö 16,3.
6 Hierbei handelt es sich ausweislich 2Kö 17,10 um einen Aschera-Kult.
7 2Kö 16,3f. Hinzu kam seine Neigung zum Baalskult. 2Chr 28,2.
8 „Wahrscheinlich nahmen die Vasallen an der südlichen Peripherie des assyrischen Hegemonialbereiches – Aram-Da-
maskus, Israel, Tyrus, Askalon, vielleicht auch andere – das dreijährige Engagement Tiglatpilesers in Medien und
Urartu (737–735 […]) zum Anlass, Ihre Tribute einzustellen. Treibende Kraft der Rebellion war Razyan [biblisch Rezin]
von Aram-Damaskus […]. In den Rahmen der Vorbereitungen auf die zu erwartende militärische Reaktion der Assyrer
gehört wohl der sog. ‚Syrisch-ephraimitische Krieg‘, in dem nach üblicher Deutung Razyan von Aram und Pekah
[Pekach] von Israel den Versuch unternahmen, Juda zum Beitritt zu der antiassyrischen Koalition zu zwingen.“ M.
Weippert, Historisches Textbuch zum Alten Testament, in: Grundrise zum Alten Testament, Band 10, hgg. von H.
Spiekermann und R. G. Kratz, Göttingen 2010, S. 286.

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mit tatkräftiger Unterstützung des Nordrei- fordern dürfen.17 Ahas setzte sein Vertrauen
ches und seines Königs Pekach gegen ihn in allerdings nicht auf den HErrn, sondern auf
den Krieg8 zog und Jerusalem – erfolglos – den König von Assyrien.
belagerte,9 rief er, die Dringlichkeit seines
Anliegens durch die Zahlung unglaublicher Tiglat-Pileser III. ließ sich nicht lange
Tributleistungen unterstreichend, den König bitten, aber durchaus Zeit18 – es gab noch
von Assyrien, Tiglat-Pileser III. dazu auf, ihn eine Reihe weiterer Brennpunkte, die sein
zu beschützen.10 Der Tribut muss immens Eingreifen verlangten19 – erledigte aber
gewesen sein, denn Ahas plünderte nicht dann schlussendlich doch den aufsässigen
nur den Tempelschatz11 und die Häuser der Aramäer, pfählte seine „Vornehmen“20
Oberschicht,12 sondern auch seine Privat- lebendigen Leibes und deportierte21
schatulle13, um sich dem König von Assyrien 732 v. Chr.22 kurzerhand die Bevölkerung
als treuer Vasall zu empfehlen.14 Eingedenk von Damaskus nach Kir.23 Der Bevölkerung
seiner „Treue“ zum Gotte Israels, dürfte Samarias ergeht es ähnlich. „Während
weniger der Griff nach dem Tempelschatz, der Herrschaft Pekachs, etwa um das
als vielmehr der Griff ins eigene Porte- Jahr 733/732 v. Chr., wurden Städte und
monnaie als Indiz äußerster Sorge zu werten Dörfer in Galiläa (2Kön 15,29) und auch
sein. Diese Sorge war augenscheinlich mehr der nördliche Teil der Gebiete des Ost-
als berechtigt, denn die kriegsbedingten jordanlandes (1Chr 5,6) angegriffen. Die
Verluste waren durchaus beträchtlich.15 Assyrer siedelten tausende Israeliten um.
Allerdings hatte Gott dem Ahas durch Tiglat-Pilesers Aufzeichnungen behaupten:
Jesaja das Ende seiner Gegner ankündigen Das ‚Haus Omri … Die Gesamtheit seiner
lassen.16 Selbst ein Zeichen hätte er sich Leute [und seiner Habe] führte ich nach
9 2Kö 16,5.
10 2Kö 16,7f.
11 2Kö 16,8; 2Chr 28,21.
12 2Chr. 28,21.
13 2Kö 16,8.
14 D. J. Wiseman, Tiglath-Pileser / Tiglath-Pilneser, in: New Bible Dictionary – Third Edition, hrsg. von J. D. Douglas (First
Ed.), N. Hillyer (Second. Ed.), D. R. W. Wood (Third Ed.) with the consulting Editors for the Third Edition I. H. Marshall,
A. R. Millard, J. I. Packer, D. J. Wiseman, Nottingham 142013, S. 1187a.
15 2Chr 28,5–8.
16 Jes 7,1–9.
17 Jes 7,11.
18 D. J. Wiseman, Tiglath-Pileser / Tiglath-Pilneser, in: New Bible Dictionary, S. 1187a.
19 Ebd.
20 In seinen Analen rühmt sich Tiglat-Pileser III. der Eroberung und seiner Rache an Damaskus. Eine neuere Übersetzung
des Textes indet sich bei M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 292f.
21 Tiglat-Pileser III. „baute ein mächtiges stehendes Heer auf, das sich auf Belagerungstaktiken spezialisierte, und führte
die Praxis ein, massenhaft die Bevölkerung besiegter Völker in andere Teile seines Reiches zu deportieren.“ J. K. Hoff-
meier, Die antike Welt der Bibel – Eine Reise zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen des Alten Orient,
Gießen 2009, S. 104.
22 D. J. Wiseman, Tiglath-Pileser / Tiglath-Pilneser, in: New Bible Dictionary, S. 1187a.
23 2Kö 16,9. Diese Deportation von 732 v. Chr. wurde von Amos (1,5) vorausgesagt. Näheres zur Bedeutung von „Kir“
bei A. R. Millard, Kir, in: New Bible Dictionary, S. 655a.

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Assyrien. Pekach, ihren König, töteten sie.
Den Hos[ch]ea setze ich [als König] über
sie ein…‘, und in einer weiteren Quelle
gibt er an, 13520 Personen mitsamt ihrem
Besitz nach Assyrien deportiert zu haben. –
Neuere archäologische Untersuchungen in
Galiläa zeigen, dass es im 8. Jh. zu einem
starken Rückgang der Bevölkerung
kam. Falls die Zahlen Tiglat-Pilesers
stimmen, überlebten nur etwa 25 %
der Bevölkerung in diesem Gebiet.
Damit begann der Niedergang des
Nordreiches Israel.“24 Kitchen bemerkt
dazu: „Ausgrabungen und Vermes-
sungen haben klar gezeigt, dass die
Besiedelung in Galliläa während
des späten 8. Jhd. v. Chr. (also
unserer Zeitperiode) drastisch
zurückging, was sich anhand
der Besiedelungsgeschichte
an Orten wie Tel Mador, Tel
Gat Hefer, Horvat Roš - Zayit
- -
(„Kabul“) und andere besonders
belegen lässt. In Hazor (am Ende
von Schicht V) hat die grausame
Zerstörungswut der assyrischen
Truppen eine 1 m dicke Asche-
schicht zurückgelassen. Eine
Tatsache, die schon ihre eigene
schreckliche Sprache spricht!
Nur ein paar wenige arme
Leute fristen dort noch eine
Weile zwischen den Trümmern
ihr Leben (Schicht IV). Danach
Alabaster Relief Tiglat-Pilerser III. aus seinem Palast in Nimrud (heute interessierte sich niemand mehr
im Louvre). für diesen Ort, bis etwa 150
Jahre später ein babylonischer
Wachposten (Schicht III) an dieser

24 J. K. Hoffmeier, Die antike Welt der Bibel, S. 104. Vgl. auch M. Weippert, Historisches Textbuch, Nr. 147–149, S. 295.

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Stelle errichtet wurde, aus dem sich eine Priester Jahwes, wird ins Zentrum gestellt
kleine ländliche Siedlung in der persischen und der eherne Altar Gottes wird im eigenen
Epoche bildete (Schicht II).“25 Tempel (!) im wahrsten Sinne des Wortes
zur Randerscheinung. Um ganz genau
Der dankbare Ahas indes zog dem Assyrer, der
zu sein: zur bis auf weiteres geduldeten
sich durchaus zwiespältig verhalten hatte,26
Randerscheinung. Und dies sollten nicht die
sprichwörtlich bäuchlings zur Huldigung
einzigen baulichen Änderungen im Heiligen
entgegen. In Damaskus sah er dabei einen
Bezirk bleiben, die Ahas dem Tiglat-Pileser III.
Altar, der ihn offenbar tief beeindruckte. Ob
zu Liebe ausführen ließ.33 So ließ er – um nur
es der Altar seines besiegten einstmaligen
einige Beispiele zu nennen – „Altäre in allen
Feindes Rezin von Aram war, dessen Göttern
Winkeln Jerusalems“ aufstellen, zerschlug
er sicherheitshalber zeitweilig geopfert hatte,27
alle Geräte aus dem Hause des Herrn und
oder der des Oberherrschers Tiglat-Pileser III.
schloss auch noch die Türen am Tempel zu.34
ist nicht völlig eindeutig. Wahrscheinlich war
Angesichts dieses enthusiastischen Abfalls
es ein assyrischer Altar.28 Wie dem auch sei,
mag es aus Ahas Sicht bestenfalls wie eine
jedenfalls ließ er ihn promt im Tempel Gottes
Randglosse erscheinen, dass Jesaja ihn im
zu Jerusalem nachbauen.29 Den Altar Gottes
Auftrage Gottes vor dieser Mesalliance mit
hingegen ließ er an die Nordseite seines
dem Assyrer eindringlich gewarnt hatte.35
neuen Altares bringen.30 Über die weitere
Dies alles ist wohl im zwölften Jahr36 (von
Verwendung wolle er später entscheiden – ließ
insgesamt 16)37 des Ahas geschehen. Denn
er den Priester Uria wissen,31 der zu allem
in diesem Jahr übernimmt Hoschea den Thron
Überluss auch noch als Baumeister dieses
Pekachs in Samaria für neun Jahre.38
Altars fungierte.32
Welch ein sinnbildlicher Akt der Entfremdung! Doch nicht nur geistlich und politisch kam
Ein heidnischer Altar, auf dem nun die Opfer Hiskia aus äußerst prekären Verhältnissen,
dargebracht werden, erbaut von einem auch das sonstige soziale Umfeld war
25 K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 51.
26 2Chr 28,20.
27 2Chr 28,23.
28 In 2Kö 16,10 heißt es: „Und der König Ahas zog Tiglat-Pileser entgegen, dem König von Assyrien, nach Damaskus.
Und als er den Altar sah, der in Damaskus war, sandte der König Ahas zum Priester Uria Maße und Abbild des Altars,
ganz wie dieser gemacht war.“ Er sieht also nur einen Altar in Damaskus nach der Eroberung durch Tiglat-Pileser. Ob
es sich um den früheren Altar Rezims, dessen Göttern Ahas geopfert hatte, weil er sie für mächtig hielt (2Chr 28,23),
oder um einen nach dem Sieg durch Tiglat-Pileser errichteten Altar handelte bleibt unklar. Wahrscheinlich handelt es
sich – der Logik Ahas nach 2Chr 28,23 folgend – um ein assyrisches Heiligtum, da sich ja Rezins Götter als schwächer
erwiesen hatten. Zudem wird Ahas später am Tempel weitere Sakrilege vornehmen um dem assyrischen Herrscher zu
gefallen (2Kö 16,15–18). 
29 2Kö 16,10–13.
30 2Kö 16,14.
31 2Kö 16,15.
32 2Kö 16,10f.
33 2Kö 16,15–18.
34 2Chr 28,24.
35 Jes 7,3–7.

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schwierig. Sein Vater Ahas war zwanzig das kindliche Vertrauen in die väterliche Liebe
Jahre alt, als er auf den Thron kam und gestärkt haben.
regierte 16 Jahre zu Jerusalem.39 Als er
Nach dem Tode Ahas, im dritten Jahr des
starb, wird Hiskia sein Nachfolger.40 Er ist
Königs Hoschea (Israel),44 wohl um das
damals 25 Jahre alt,41 als er König wird. Sein
Jahr 715 v. Chr.45, besteigt in Jerusalem
verstorbener Vater war scheinbar gerade
(Juda) der 25-jährige Hiskia den Thron für
einmal 11 Jahre älter als er selbst. Trotz
29 Jahre.46
Ammen und Erziehern, die man auch am
Königshof zu Jerusalem erwarten durfte,
Hiskias Reformation
kann – sofern es sie denn gibt – kaum von
idealen Familienverhältnissen ausgegangen Bedenkt man Hiskias Herkunft, so ist umso
werden. Und zu wissen, dass ein42 oder gar erstaunlicher, dass er sich kurz nach der
mehrere43 Brüderchen auf das Grausamste Inthronisation einem weitreichenden religi-
den Götzen geopfert worden waren, dürfte ösen Reformprogramm verschrieb. Zwar ist
weder den familiären Zusammenhalt noch ein eigener Weg des Sohnes in Opposition

36 2Kö 17,1.
37 2Kö 16,2; 2Chr 28,1.
38 2Kö 17,1.6.
39 2Kö 16,2. Ebenso 2Chr 28,1.
40 2Kö 16,20.
41 2Kö 18,2; 2Chr 29,1.
42 2Kö 16,3.
43 2Chr 28,3
44 2Kö 18,1. Hoschea war der Nachfolger Pekachs auf dem Thron Israels. Darüber berichten auch fragmentarisch erhal-
tene Texte Tiglat-Pileser III. Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, Nr. 147–149, S. 295. 
© Andreas Späth

Bronzeschlange. Vermutlich von einer ägyptischen


Osirisstatue. Fundort: Israel. Um 600 v. Chr. 

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zum Vater nichts seltenes, jedoch färben lässt er die vom Vater verschlossenen52
schlechte Sitten in der Regel leichter ab, als Türen des Tempels wieder öffnen und
dass sie zur Tugend führen. Hiskia jedenfalls ausbessern53 – später wird er sie gar mit
war Willens völlig mit dem Götzendienst Gold überziehen lassen.54 Buchstäblich von
seines Vaters zu brechen – und das im der Krönungsfeier weg lässt er den Tempel
durchaus wörtlichen Sinne. So wie der Vater wieder herrichten. Er lässt die Priester und
zuvor die Geräte des Tempels zerbrochen Leviten antreten und beiehlt ihnen sich
hatte,47 zerbrach er die Steinmale, hieb selbst zu heiligen, das Haus des Herrn zu
das Bild der Aschera um und entfernte die weihen und den ganzen heidnischen Plunder
Höhen.48 Selbst die bronzene Schlange des hinauszuschaffen.55 Voller Abscheu geißelt
Mose49 wurde in Stücke geschlagen,50 weil er den Abfall der Vorfahren vom „Herrn, un-
das Volk sie als Götzenbild missbrauchte.51  serem Gott“, benennt die Abkehr vom Haus
des Herrn, die zeichenhafte und tatsächlich
Die erste überlieferte Amtshandlung ist vollzogene Trennung. Den Rücken habe man
symbolisch. Gleich im ersten Monat seines der Wohnung Gottes zugekehrt,56 sogar die
ersten (selbständigen) Regierungsjahres Türen verschlossen, die Lampen gelöscht,
45 Geht man vom gesicherten Fixdatum 701 v. Chr. als dem Jahr des assyrischen Überfalls durch Sanherib aus, der nach
2Kö 18,13; Jes 36,1 im „vierzehnten Jahr“ Hiskias stattfand, kommt für seine Thronbesteigung (als Alleinherrscher)
nur 715 v. Chr. in Frage.
46 2Kö 18,2; 2Chr 29,1. 2Chr 28,24.
47 2Chr 28,24.
48 2Kö 18,4.
49 4Mo 21,6–9.
50 2Kö 18,4.
51 Ebd. Genannt wurde sie Nehuschtan (wörtl. etwa: das aus Kupfer gemachte; etwas bronzenes) und man räucherte ihr!
52 2Chr 28,24.
53 2Chr 29,3
54 2Kö 18,16.
55 2Chr 29,4f.
56 2Chr 29,6.
57 2Chr 29,7.
58 Hes 20,11f.
59 „Da sieht der Prophet die Herrlichkeit des Gottes Israels, während er unter den Exilanten in Babylon ist. An einem
Kanal in Mesopotamien sieht er eines Tages das, was wir übersetzt haben mit ‚die Herrlichkeit Gottes‘, das hebräische
Wort ist: die ‚Kabod‘, die gewichtige, maßgebliche herrschende Anwesenheit Gottes. Was hier mit ‚Herrlichkeit‘
etwas vage übersetzt wird, ist eigentlich die Erfahrung der bestimmenden Anwesenheit Gottes. […] Dann wird er
nach Jerusalem entrückt und sieht dort diese ‚Kabod‘ Jahwes ein zweites Mal, beschrieben in den Kapiteln 8–11 […].
Zunächst im Inneren des Tempels (Kapitel 10) und dann beim Auszug aus der Stadt auf dem Berg, der östlich der
Stadt liegt (Kapitel 11,20f.). Diese Anwesenheit Gottes verlässt das Gotteshaus, das Heiligtum und zieht nach Osten
davon.“ W. Schlichting, „Menschenkind, siehst du das?“ – Eine Bibelarbeit zu Hesekiel 8, in: S. Grosse; R. Mayer; W.
Schlichting; H. Seubert, hgg. von A. Späth: „Einst opferte Jerobeam …“ – Häresie – Aufstand des Zeitgeists gegen
Gottes Ordnung, Ansbach 2013, S. 18.
60 Jes 7,9.

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Große Jesaja Rolle aus Qumran.

Räucherwerk und Brandopfer eingestellt.57 Beim lebendigen Gott hingegen enden


Es muss ein Bild der Trostlosigkeit gewesen diejenigen, die sich abwenden. „Glaubet
sein, wie es gläubige Christen beim Betreten ihr nicht, so bleibet ihr nicht!“ hatte Jesaja
einer verfallenden Kirche anspringt – und einst lapidar verkündet.60
doch, sind es nur die Menschen gewesen,
die Gott verlassen haben. Wie der Gläubige
beim Betreten der Kirchenruine eben auch

Mescha Stele – Fragment mit der Erwähnung des Sieges


über das Haus Omri. © Mbzt 2012 – CC BY 3.0.

das „dennoch“ Gottes spürt, so ist


im Gegensatz zur Vision des Hese-
kiel hier nicht die Rede davon, dass
Gott gegangen sei.58 Die Herrlich-
keit des Herrn59 ist nicht vergangen
und nicht gegangen. Denn er ist da,
unabhängig davon, ob man an ihn
glaubt. Gott geht nicht, wenn ihm
die Menschen den Rücken zukeh-
ren, er wird nicht vergessen, weil er
weggeschlossen wurde. So erging
und ergeht es den Religionen. Wo
ihr Kult endet, enden ihre Götter.
Mescha Stele (heute Louvre) © Mbzt 2012 – CC BY 3.0.

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Freilich, diese – von außen betrachtet – abgeschüttelt zu haben. Dort verkündet er
Art theologisch-politischer Propaganda stolz und recht endgültig seinen und seines
entspricht der Zeit. So mancher Zeitgenosse Gottes Kemosch Sieg: „Ich aber konnte auf
Jesajas sprach so und Prophezeiungen wur- ihn und sein Haus [gemeint ist hier Ahab,
den auch in anderen Völkern und Religionen 2. König aus dem Haus Omri] hinabsehen.
aufgeschrieben.61 Es gibt nur einen Unter- Israel ist für immer wirklich zugrunde
schied: Die  Prophetenworte Jesajas sind gegangen.“62
mehr als Rhetorik und Propaganda, denn
sie sind sichtbar wahr, eingetroffen und Während Israel als Ganzes von seinem Gott
eintreffend. Die Reden der Götzendiener heute noch sichtbar beschütz wird, ist Moab
hingegen Schall und Rauch. Sie mögen in weniger als 150 Jahre nach Errichtung der
der Vergangenheit beeindruckt haben – ihre Stele (die Stele wird um 850 v. Chr. datiert)
Zukunft jedenfalls war sehr übersichtlich. aus der Geschichte verschwunden – ironi-
Ein Beispiel dafür ist der Text der berühmten scherweise fast zeitgleich mit dem Unter-
Mescha-Stele, auf der König Mescha von gang Samarias, den Mescha etwas verfrüht
Moab sich rühmt die Vorherrschaft Israels gefeiert hatte.

61 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 483–551, insb. 506ff.


62 TUAT.AF 1/6, S. 647.

In eigener Sache
Liebe Leser,
gerne gratulieren wir auch hier Dr. Werner Neuer, der Anfang Mai seinen 65. Geburtstag
feiern konnte. Mit unseren herzlichen Segenswünschen für das neue Jahr und den am Ende des
Jahres zu erwartenden Ruhestand verbinden wir unseren tiefen Dank für seine beeindruckende
und nachhaltige Arbeit als Leiter der Theologischen Kommission der IKBG. Ihm verdanken wir
maßgeblich den Text der Salzburger Erklärung, die eine so ungewöhnlich breite internatio-
nale und ökumenische Resonanz gefunden hat und inzwischen auch in Englisch zu haben ist.
Das Erzbistum Salzburg hat beim Referat für Ehe und Familie die Salzburger Erklärung veröf-
fentlicht und herausgehoben. Wir freuen uns, dass sie einen so hohen Stellenwert einnimmt.
Sommerzeit ist Reisezeit. Ich wünsche Ihnen für Ihren möglichen Urlaub oder/und Reise diesen
Reisesegen: 

120 DIAKRISIS 2/2016


Biblische Archäologie
„Und der Herr erhörte Hiskia …“ – Eine biblisch-
archäologische Zusammenschau. Teil II
Andreas Späth

Samaria wird erobert und Israel geht wird. So erlebt er, wie von seinem 4. – 6.
unter Regierungsjahr an die Truppen Salmanassars
V., des Königs von Assur, den Hoschea
Zurück zum neuen König,
von Israels Hauptstadt Samaria in
Hiskia. Als vorbildlich
dessen 7. – 9. Regierungsjahr
wird sein Glaube
belagern und besiegen.2
beschrieben,
er „hing“ an Shalmanassar V Holzschnitt
Gott, hieß aus dem Promptuarii Iconum
Insigniorum von Guillaume
es von ihm, Rouille, 16. Jhd.
und er
hielt die Über Salmanassar V.
Gebote.1 Er gibt es – auch wegen
wird als ein seiner relativ kurzen
guter König Regierungszeit – we-
geschildert, nig zu berichten. Er war
der im Segen der Sohn Tiglat-Pilesers
Gottes steht, III.3 und regierte Assur von
dem alles gelingt 727–722 v. Chr.4 Gleichzeitig
und der erfährt, wie war er König von Babylon (Akkad),5
das von Gott abtrünnige wo er jedoch den Namen Ululai6 trug. Von
Nordreich Israel durch Deportation bestraft Salmanassar V. sind bisher keine Annalen

1 2Kö 18,5f.
2 2Kö 17,5f. ; 18,9f. Hier ergibt sich ein bedeutendes Problem, da das 6. Jahr Hiskias das Jahr 709 v. Chr. sein sollte und
nicht das Jahr 722. Interessant ist allerdings, dass sowohl die biblische als auch die mesopotamische Chronologie die
stattgefundenen Ereignisse parallel schildern. Kitchen nimmt zur Lösung dieses Konliktes eine damals nicht unübli-
che Koregentschaft Hiskias mit seinem Vater an. Das Regierungsjahr 4–6 bezieht sich damit auf die Koregentschaft,
während Hiskia nach dem Tod des Vaters und dem radikalen religiösen und politischen Bruch eine neue Zählung seiner
Herrschaftsjahre beginnt. Das ist zumindest insofern plausibel, als nun die Parallelereignisse der verschiedenen Quellen
auch zeitlich wieder parallel verlaufen. Der Beginn von Hiskias Koregentschaft wäre demnach das Jahr 728 v. Chr.
Dies würde stimmig das Jahr 722 v. Chr. und damit das sechste Jahr seiner Herrschaft als Jahr des Untergangs Israels
ergeben. Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 38ff.
3 Vgl. D. J. Wiseman: Shalmaneser, in: New Bible Dictionary, S. 1085a.
4 K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 17.
5 TUAT.AF I/4, S. 401.
6 K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 17.
7 Vgl. D. J. Wiseman: Shalmaneser, in: New Bible Dictionary, S. 1085a.

DIAKRISIS 3/2016 171


bekannt.7 „Er erscheint in den assyrischen seines Vorgängers,15 jedoch nicht ohne auf
Königslisten, in der Babylonischen Chronik ihn hinzuweisen: „Die Samarier, die gegen
und in den assyrischen Eponymlisten.“8 Aus meinen königlichen [Vorgänger] Groll hegten“
der babylonischen Chronik erfahren wir das […].16
Datum seiner Thronbesteigung, seines Todes,
Die Hinweise auf Samaria sind bei Sargon II.
die Dauer seiner Regentschaft über Assyrien
ausgesprochen zahlreich,17 ebenso wie die
und Babylon und als einzige überlieferte Tat
mitunter synonym gebrauchte Wendung vom
„zerstörte [er] Samaria“.9 Er wird den Fall
„Haus-Omri“.18 Jedoch auch der Vasallen-
Samarias in seinem Todesjahr 722 v. Chr.10
status Judas wird mehrfach erwähnt.19 „Für
noch erlebt haben. Den Lorbeer beanspruchte
die biblischen Verfasser war es unwichtig,
jedoch Sargon II.,11 der Salmanassars assy-
welcher assyrische König[20] Samaria gedemü-
rischen Thron usurpierte12 und 720 v. Chr.13
tigt hatte – ausschließlich das Ereignis selbst
die Strafaktion gegen Hoschea mit der
und seine Bedeutung (nämlich als Gericht)
Deportation Israels und der Neuansiedelung
war für sie wichtig.“21
fremder Leute abschloss.14 Er musste dringend
militärische Erfolge nachweisen und be- Israel wird wegen seines Ungehorsams
mächtigte sich daher kurzerhand des Sieges deportiert22 und ist in der Beschreibung seiner
8 K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 17. Kitchen nennt die Quellen ausführlich in FN 17.
9 TUAT.AF, I/4, S. 401.
10 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 80.
11 Vgl. Ebd. S. 31.
12 Vgl. D. J. Wiseman: Shalmaneser, in: New Bible Dictionary, S. 1085a. Den babylonischen Thron eignete sich Mero-
dach-Baladan an, von dem noch zu reden sein wird.
13 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 80.
14 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 53. Es sei am Rande bemerkt, dass die Bibel die assyro-babylonischen Könige
in der richtigen Reihenfolge nennt und die Reihenfolge der Herrscher Judas und Israels wiederum durch die Aufzeich-
nungen der mesopotamischen Herrscher bestätigt wird. Vgl. Ebd. S. 31.
15 Vgl. Ebd. S. 52.
16 TUAT.AF, I/4, S. 382.
17 Es indet etwa in den Annalen Sargon II. (mehrfach) Erwähnung, ebenso wie auf dem Kalah-Prisma, der „Großen
Prunkinschrift“, der „Kleinen Prunkinschrift“, der Inschrift „Pavé des portes IV“, dem Assur Freibrief. Vgl. TUAT.AF I/4,
S. 379.382.383.385.386.387.
18 Etwa auf der „Kleinen Prunkinschrift“, der Inschrift „Pavé des portes IV“ und der Zylinder-Inschrift. Vgl. TUAT.AF, I/4,
S. 385.386.386.
19 So auf dem Ninive-Prisma und der Nimrud-Inschrift. Vgl. TUAT.AF, I/4, S. 381.387.
20 Sargon II. wird in der Bibel nur in Jes 20,1 (als Datierungsangabe!) erwähnt. Das interessante Detail, das der Text
preisgibt, ist, dass Sargon II. nicht selbst gegen Aschdod zog, sondern seinen Heerführer, den Tartan, schickte. Diese
Bemerkung Jesajas korrespondiert mit den assyrischen Texten, die bezeugen, dass Sargon selbst zuhause blieb, weil er
mit dem Bau seiner Stadt, „Sargonsburg“, beschäftigt war. Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 54.
21 K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 53.
22 Sargon II. gibt in der „Großen Prunkschrift“ 27.290 deportierte Personen an. Vgl. TUAT.AF I/4, S. 383. Besser bezeugt
ist die Variante mit 27.280 Deportierten. Sie indet sich sowohl in den Annalen Sargons  II. als auch auf dem Ka-
lah-Prisma. Vgl. TUAT.AF, I/4, S. 379.382. Gleichzeitig sind in Juda und den Städten Einwohnerzuwächse und stärkere
Besiedelungsstrukturen feststellbar, was auf eine Flüchtlingswelle hindeutet. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 80.
Frevel geht davon aus, dass die Zahl der Deportierten ca. 10% der Gesamtbevölkerung betrug. Dabei handelte es sich
vor allem um die Eliten, spezialisierte Handwerker und Soldaten. Vgl. Chr. Frevel, Grundriss der Geschichte Israels, in:
E. Zenger et al., Einleitung in das Alte Testament, hg. von Christian Frevel, Stuttgart 82012, S. 781.

172 DIAKRISIS 3/2016


Untaten die düstere Hintergrundfolie, vor der
Hiskia umso heller strahlt.23 Anstelle der Eliten
Israels siedelt Sargon II. nach 2. Könige 17,24 in
Samarien Leute aus Babel, Kuta, Awa, Hamat
und Sefarwajim an. Interessant ist dabei, dass
die erhaltenen Texte Sargons auch erwähnen,
dass die Bevölkerung Hamats24 deportiert
wurde, Samaria assyrische Provinz25 wurde
und Völker aus anderen eroberten Gebieten in
Samaria angesiedelt wurden,26 während er die
Bevölkerung Samarias in Assyrien ansiedelte.27

23 2Kö 17, 7–23; 18,11f.


24 Etwa in den Annalen, auf der „Großen Prunkinschrift“, der
Zypern-Stele, der Nimrud-Inschrift und dem Assur-Freibrief.
Vgl. TUAT.AF I/4, S. 378.383f.385.387.387. Im Zusammen-
hang mit der assyrischen Deportation wird Hamat in 2Kö
18,34; Jes 36,18f.; 37,13 genannt. In all diesen Texten wird
die Rede des assyrischen Rabschake zitiert. In 2Kö 17,24ff.
wird auf das Einschleppen fremder Götter und den Zorn
Gottes eingegangen. Die Leute von Hamat machten sich die
Gottheit Ascima, die aber nur im AT genannt wird. Vgl. J.
G. G. Norman; A. R. Millard, Hamath, in: New Bible Dicti-
onary, S. 441b f. und T. C. Mitchell, Ashima, in: New Bible

Relief Sargon II. aus seinem Palast in Dur Sharrukin, heutiger Standort Louvre, Paris.
Dictionary, S. 92b. In seiner Rede verweist der Rabschake
auch auf Hena und Arpad (2Kö 18,34; 2Kö 19,13; Jes 36,19;
37,13). Arpad wurde nach „zweijähriger Belagerung 740 v.
Chr. durch Tiglat-Pileser III. annektiert, rebellierte“ dann
aber zusammen mit Hamat, Damaskus und Samaria „im
Jahre 720 v. Chr.“ und wurde dann von Sargon II. erneut
erobert. „Dies ist der Hintergrund der Prahlerei des Rabsch-
ake gegenüber Jerusalem (2Kön 18,34; Jes 36,19; 37,13).
Die Zerstörung der Stadt symbolisierte die überwältigende
Macht Assyriens […] Der letzte Herrscher Arpads, Mati,el
unterzeichnete unter Assur-nirari V. von Assyrien im Jahre
754 v. Chr. einen Vasallenvertrag, der in Assyrisch erhalten
ist.“ D. J. Wiseman, Arpad, in: Das große Bibellexikon, hg.
von H. Burkhardt, F. Grünzweig, F. Laubach, G. Maier, Band
1, Wuppertal – Gießen 1. Taschenbuchaulage1996, S. 169. Danach
wurde es assyrische Statthalterresidenz. Als solche ist sie in
assyrischen Texten mehrfach erwähnt. Vgl. E. Honigmann,
Arpad, in: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiati-
schen Archäologie, Band 1, Berlin – Leipzig 1932, S. 153a.
Als Bezugspunkt für schreckliche Verheerungen dient es
auch in Jes 10,9 und Jer 49,23. Immerhin hatte Hamat zur
Zeit Tiglat-Pilisers II. 19 Provinzen. Vgl. M. Weippert, Histo-
risches Textbuch, S. 286.
25 So auf dem Kalah-Prisma: „[…] ich zählte sie zu den Ein-
wohnern Assyriens.“ TUAT.AF, I/4, S. 382.

DIAKRISIS 3/2016 173


So erfahren wir also von Hiskias letzten In ihrer Erzählung „Kassandra“ fragte Christa
Jahren als Koregent, wie das heidnisch28 Wolf einst: „Wann Krieg beginnt, kann man
gewordene Israel untergeht29, und von seinen wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg?“
ersten eigenständigen Regierungsjahren Gäbe es da Regeln – so meinte sie – müssten
nach dem Tode Ahas, dass er den Tempel sie in Stein gemeißelt werden. In einer Zeit wie
wieder herstellt, weihen lässt und öffnet,30 der unseren, in der Kriege in den seltensten
den ordnungsgemäßen Tempelkult wieder Fällen noch erklärt werden, sondern einfach
errichtet,31 eine Art Reformation32 unter stattinden, ist diese Frage wichtig. Zur Zeit
Vernichtung heidnischer Kultstätten33 und Hiskias indes war sie obsolet. Der Vorkrieg
-gegenstände34 durchführt und das Passah- ist relativ genau zu terminieren. Waren es die
fest wieder etabliert.35 „Hintergrundgespräche“ mit dem König von
Babel und den ägypto-äthiopischen Herr-
Relatives Schweigen herrscht hingegen – zu- schern? Vielleicht. Ganz sicher jedoch begann
nächst – über Hiskias weitere Regierungsjah- der Vorkrieg mit einer Unterlassung. Hiskia
re, bis dann im 14. Jahr, einem donnernden hatte – wie vor ihm Hoschea – seine Tribut-
Paukenschlag gleich, das Schweigen gebro- zahlungen an Assyrien eingestellt37 und damit
chen wird. Niemand anderes als Sanherib, den casus belli ausgelöst. Die Bibel erzählt
Nachfolger Salmanassars V. und Sargons II. nun unmittelbar vom Kriegszug Sanheribs,
auf dem Thron Assyriens, hat seine Truppen um dann, in Rückblenden, konsequent in
in Bewegung gesetzt. Sein Heer ist mit allen drei Schilderungen38 über die Zeit vor
200.000 Mann fast dreimal so stark wie das der Belagerung zu berichten. Der Ablauf in
Salmanassars, welches einst das Nordreich der biblischen Schilderung folgt also nicht den
auslöschte.36 chronologischen Abläufen.

26 „Samaria wandelte ich um und machte es größer als zuvor. Leute aus Ländern, die ich mit meiner Hand erobert hatte,
ließ ich darin einziehen.“ Ebd. Auf der Zylinder-Inschrift lässt Sargon wissen, dass er „die Tamudi, Ibadidi, Marsimani
und Chajappäer eroberte“, ihren Rest „umsiedelte“ und sie „in ‚Haus-Omri‘“ (Israel) „wohnen ließ.“ TUAT.AF, I/4, S.
386. Dies sind z.T. andere Völker, als in der Bibel genannt werden. Wir müssen bedenken, dass wir nicht alle Hinter-
lassenschaften der Assyrer haben. Auch haben die Assyrer (wie auch die biblischen Schreiber) nicht alle Handlungen
immer vollständig erwähnt, wie die unterschiedlich ausführlichen Texte Sargons zeigen. Auch die Aufzählung des
Rabschake ist in 2Kö 19,12 und Jes 37,12 um „Gosan, Haran, Rezef und die Leute von Eden, die zu Telassar“ länger als
in den anderen Texten (2Kö 18,34; Jes 36,19). In 2Kö 18,11 werden „Halach und am Habor, dem Fluss von Gosan“ und
die Städte der Meder als weitere Siedlungsgebiete der deportierten Israeliten genannt.
27 Ebd.
28 2Kö 17,7–12.14–17.
29 2Kö 17,6.
30 2Chr 29,3ff.
31 2Chr 29,11–35 (insb. V. 35b).
32 2Chr 31,1–21.
33 2Kö 18,4.
34 Ebd.
35 2Chr 30,1–27.
36 J. K. Hoffmeier, Die antike Welt der Bibel, S. 105.
37 2Kö 18,7; 17,4f.
38 2Kö 20,12–19; 2Chr 32,31; Jes 39,1–8.

174 DIAKRISIS 3/2016


Dieser Schluss, dass es sich in den biblischen 3. Als die Boten des Königs von Babel
Texten um Rückblenden handelt, ist aus eintreffen, sind sie beeindruckt vom Reichtum
mehreren Gründen zwingend: Hiskias. Nach der Tributzahlung an Sanherib
und der Verwüstung des Landes mit der
1. Hiskia war todkrank. Auf sein Flehen Einnahme und Plünderung von 46 Städten,46
hin gibt ihm Gott weitere 15 Jahre. Das sowie der Verteilung von judäischem
Todesjahr Hiskias ist wahrscheinlich39 das Jahr Territorium an einige umliegende Stadtkönige,
687/686 v. Chr.40 Die Heilung müsste ihm dürfte der Reichtum Hiskias ausgesprochen
also irgendwann im Jahre 702 v. Chr. zuteil überschaubar gewesen sein.
geworden sein.
4. Als Hiskia im Sterben liegt und Jesaja ihm
2. Sendet der König von Babel, Mero- zunächst den nahen Tod ankündigt, leht
dach-Baladan Boten,41 um das Heilungswun- Hiskia zum Herrn und wird erhört. Jesaja
der zu würdigen. Merodach-Baladan ist aber verkündet ihm, nicht nur, dass er 15 weitere
nur zu bestimmten Zeiten König von Babylon Jahre leben wird, sondern auch, dass Gott
nämlich von 721–710 v. Chr.42 und für neun diese Stadt (Jerusalem) vor dem König von
Monate wahrscheinlich ab Ende 703 bis Assyrien retten wird.47
Herbst 702 v. Chr.43 Er stirbt zwar erst um das Lassen wir uns also zunächst auf die Rück-
Jahr 694 v. Chr.44 , beindet sich dann aber im blenden ein und sehen wir, wie Hiskia die Zeit
Exil in Elam.45 zwischen den assyrischen Kriegszügen nutzte.

39 Hiskia ist zwar der außerbiblisch am besten dokumentierte jüdische Herrscher, aber leider auch derjenige, der erheb-
liche chronologische Probleme aufweist. Um die Problemlage nur anzudeuten, sei vermerkt, dass die Regierungsjahre
im mesopotamischen Raum anders gerechnet wurden als im ägyptischen Raum. Judas wechselnde Loyalitäten könnten
hier wechselnde Bräuche verursacht haben. Zudem ist der israelitische Kalender ein Mondkalender. Die Umrechnung
in unsere Zeitrechnung ist also nicht ganz einfach. Hinzu kommt, dass Hiskia durchaus schon zu seines Vaters Zeiten
Mitregent gewesen sein könnte, aber durch den radikalen theologischen und politischen Bruch mit dem Regime des
Vaters die eigene Regierungszeit ab den Bruch berechnet hat. Verschiedene Diskussionen und Lösungsansätze, die
alle unbefriedigend sind und nicht alle bekannten Daten bruchlos integrieren, inden sich bei K. A. Kitchen, Das Alte
Testament, S. 34–41; E. R. Thiele, The Mysterious Numbers oft he Hebrew Kings, Grand Rapids 31983, S. 174–176; G.
Galil, The Chronology oft he Kings of Israel and Judah, in: B. Halpern u. M. H. E. Weippert (Hg.), Studies in the History
and Culture oft he Ancient Near East, Band IX, Leiden – New York – Köln 1996, S. 98–105. Dieser Beitrag folgt dem
biblischen Bericht, ergänzt durch außerbiblische Quellen, und dann grosso modo den Annahmen Kitchens – wissend,
dass auch hier noch ungelöste Fragen bleiben.
40 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 40. Ebenso J. K. Hoffmeier, Die antike Welt der Bibel, S. 107.
41 2Kö 20,12; Jes 39,1.
42 Vgl. J. A. Brinkman, Marduk-apla-iddina II, in: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Band 7,
Berlin – New York 1989, S. 375a. Merodach-Baladan ist nach assyrischen Quellen – siehe unten – der Erzverschwörer
gegen Assyrien. Solange Hiskia nur Koregent seines pro-assyrischen Vaters war, dürfte sein Besuch kaum in Frage kom-
men. Sollte der Besuch zwischen 715 und 710 v. Chr. stattgefunden haben, ließen sich die 15 geschenkten Jahre nach
Hiskias Erkrankung zwar in die Kriegschronologie Sanheribs einfügen, würden jedoch die Gesamtlebenszeit Hiskias
gegen den biblischen Bericht stark verkürzen.
43 Ebd. Vgl. auch A. R. Millard, Sennacherib’s Attack on Hezekiah, in: Tyndale Bulletin 36 (1985), S. 65.
44 J. A. Brinkman, Marduk-apla-iddina II, in: Reallexikon, S. 375b.
45 Ebd.
46 So auf den Taylor-Prisma (gleichlautend auf dem Chicago-Prisma), M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 333.
47 2Kö 20,6; Jes 38,5f.

DIAKRISIS 3/2016 175


176
DIAKRISIS 3/2016
Merodach Baladan empfängt einen Vasallen.
Die Zeit vor der Invasion mit einer Reihe von Baumaßnahmen auf den
zu erwartenden Sturm vor. Wann genau bei
Die Situation ist komplex. Obwohl damals
Hiskia der Entschluss zum Aufstand iel, lässt
jeder die Chance ergriff, schwächere Könige
sich nicht genau sagen.52 Jedenfalls kulminie-
zu Vasallen zu machen, war doch gleichzeitig
ren einige Ereignisse im Zeitraum unmittelbar
jeder bestrebt, seine eigene Freiheit zu
vor dem Einmarsch Sanheribs.
erlangen und zu sichern. 705 v. Chr. scheint
ein günstiger Moment zu sein, sich des Zunächst wird Hiskia todkrank. Zu den
assyrischen Jochs zu entledigen. Sargon II. Symptomen kommt ein Prophetenwort. Jesaja
war in einer Schlacht gefallen.48 Sein Nachfol- besucht den kranken König und richtet ihm
ger Sanherib musste nun alles daransetzen, aus, dass er sein Haus bestellen solle, da Gott
auflammende Rebellionen in Keim zu seinen Tod beschlossen habe.53 Hiskia will
ersticken und Unabhängigkeitsbestrebungen davon nichts hören. Wie ein trotziges Kind
zu verhindern.49 Das war keine leichte Aufga- dreht er sich im Bett zur Seite und blickt auf
be, zumal das nicht unbedeutende Babylon die Wand.54 Und dann betet er unter Tränen
Quell dauernder Unruhen war. So versuchte zum Herrn, seinem Gott.55 Er erinnert Gott
der abgesetzte König Merodach-Baladan, die an sein ungeteiltes Herz und sein, auf ihn,
Wirren des Thronwechsels zu nutzen, um sich seinen Gott hin ausgerichtetes Leben.56 „Und
in Babel wieder an die Macht zu bringen, was er weinte sehr“,57 heißt es im Text weiter.
ihm 703/702 auch tatsächlich für ca. 9 Mo- Und tatsächlich: Gott lässt sich durch die
nate gelingen sollte.50 Hiskia ist offenbar an Tränen Hiskias anrühren.58 Jesaja hatte den
einer größeren Verschwörung gegen Assyrien Palastkomplex59 noch nicht verlassen, da
beteiligt.51 Aus der Bibel und außerbiblischen sprach Gott schon zu ihm.60 Er solle umkehren,
Quellen erfahren wir von einer Reihe Hiskia sagen, dass er das Gebet erhört und
antiassyrischer Aktionen. Da Hiskia wie jeder seine Tränen gesehen habe. Bereits am dritten
abgefallene Vasall, mit dem ungeheuren Zorn Tage werde er wieder in den Tempel gehen.61
der Assyrer rechnen musste, bereitete er sich Auch sollten seinem Leben weitere 15 Jahre

48 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 55.


49 Vgl. Ebd.
50 Vgl. J. A. Brinkman, Marduk-apla-iddina II, in: Reallexikon, S. 375.
51 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 55.
52 Ausweislich der Prophezeiung Jesajas (2Kö 20,6; Jes 38,6) hatte Hiskia offenbar schon Maßnahmen eingeleitet, die
eine militärische Auseinandersetzung zur Folge haben müssten. Evtl. hatte er schon den Tribut verweigert oder sichtbar
mit der Befestigung seiner Stätte begonnen.
53 2Kö 20,1; Jes 38,1.
54 2Kö 20,2; Jes 38,2.
55 2Kö 20,2; Jes 38,2; 2Chr 32,24.
56 2Kö 20,3; Jes 38,3. Dennoch erkannte er, dass er ein Sünder war, eben Sünder und Gerechter zugleich, wie Luther
sagen wird, dessen Sünden Gott hinter sich geworfen habe. Vgl. Jes 38, 17.
57 Ebd.
58 2Kö 20,5; Jes 38,5.
59 Den mittleren Hof. 2Kö 20,4.
60 2Kö 20,4; Jes 38,4.
61 2Kö 20,5; Jes 38,5.

DIAKRISIS 3/2016 177


hinzugefügt werden und er selbst ebenso wie iel in das 14. Jahr der Herrschaft Hiskias.
Jerusalem vor dem König Assyriens beschützt Hiskia regierte aber 29 Jahre. Davon liegen die
werden.62 Jesaja überbringt die Botschaft und letzten 15 nach seiner Heilung. Diese Jahres-
lässt ein Feigenplaster auf Hiskias Wunde zahlen sind deshalb sinnvoll zu kombinieren,
legen.63 Hiskia ist verunsichert. Nichts gegen weil in Juda (mit wenigen Ausnahmen) das
Naturheilkunde, aber ein Zeichen wäre ihm Thronbesteigungsjahr voll zu den Regie-
lieber, und so erbittet er sich etwas Handfes- rungsjahren eines Königs gezählt wurde,71
teres vom Herrn64 als ein paar zermantschte während in Israel vor dem 8. Jhd. v. Chr.
Feigen in einem Leinentuch. Welches Zeichen erst ab dem nächsten Jahresbeginn gezählt
er möchte, fragt der Prophet und bietet an, wurde und das angefangene Jahr noch dem
dass die Sonnenuhr des Ahas 10 Striche nach Vorgänger angerechnet wurde.72 Zudem gab
vorne oder nach hinten wandern könnte.65 es in Juda und Israel verschiedene Kalender.73
Dass Zeit vergeht, scheint Hiskia nicht allzu Im einen Fall beginnt das Jahr im Frühjahr
Besonderes zu sein,66 schließlich erlebte er (Nisan-Kalender),74 im anderen Fall im Herbst
sich selbst ja gerade in der Situation eines (Tischri-Kalender).75 Unser Kalender beginnt im
Menschen, dessen Tage gezählt sind. Nein, Winter. Das bedeutet, dass sich die Jahresan-
wenn schon, denn schon: zurückwandern solle gaben verwirrend überschneiden und dennoch
die Uhr, 67 man könnte gleichsam sagen, das historisch stimmen können, weil völlig andere
Leben, die Zeit festhalten – und so geschieht Deinitionen für ein und denselben Begriff bzw.
es. Das Wunder tritt ein, die Heilung68 auch, Zeitraum, vorliegen. Unter den maßgeblichen
und Hiskia, der die Sprüche Salomos hatte Forschern herrscht nur keine Einigkeit, wer
sammeln lassen,69 wird in dieser existenziellen welchen Kalender benutzte,76 und die Daten
Situation selbst zum Psalmisten.70 lassen sich noch nicht synchronisieren. Sicher
scheint nur, dass es nicht derselbe war.
Hiskias Erkrankung wird wohl im Jahr 702/701
gewesen sein. Wir wissen, dass im Lauf des Auffälligerweise gelingt es dem – aus
Jahres 701 Sanheribs Invasion stattfand. Diese assyrischer Sicht – Erzstörenfried

62 2Kö 20,6; Jes 38,6.


63 2Kö 20,7; Jes 38,21.
64 2Kö 20,8; Jes 38,22.
65 2Kö 20,9.
66 2Kö 20,10.
67 2Kö 20,11; Jes 38,7.8; 2Chr 32,24.
68 Jes 38,9.
69 Spr 25,1.
70 Jes 38,10–20.
71 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 38.
72 Ebd.
73 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 36.
74 Ebd.
75 Ebd.
76 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 37
77 Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib, in: The University of Chicago Oriental Institute Publications, hgg. von
J. H. Breasted, Band II, Chicago 1924, S. 24,35,43,46,48,49,50,51,56,66,71,76,82,85,87,89,92,156,158,162

178 DIAKRISIS 3/2016


Merodach-Baladan, dem die Texte
Sanheribs immer wieder längere
Abschnitte widmen,77 tatsächlich,
703/702 für 9 Monate den babylo-
nischen Thron zurückzugewinnen.78
Merodach-Baladan kommt auch in der
Bibel vor.79 Als er von Hiskias Heilung
und dem damit verbundenen Wunder80
hört, schickt er Boten mit Geschenken
und einem Genesungskärtchen – man
weiß schließlich, was sich gehört.81 Der
Besuch dürfte allerdings eine Reihe
weniger offenkundiger Gründe gehabt
haben. Natürlich ist es denkbar, dass
der König von Babylon von dem Wunder
gehört hatte und dazu nur einmal
gratulieren wollte. Doch noch ein – aus
babylonischer Sicht – weit wichtigerer
Grund dürfte hier Pate gestanden
haben. Merodach-Baladan hatte es
schon mehrfach geschafft, Verbündete
gegen Assur aufzubieten. Der Besuch
könnte dazu gedient haben, sich der
Bündnistreue Hiskias gegen Sanherib zu
versichern und zu überprüfen, ob Hiskia
tatsächlich so weit wiederhergestellt
war, dass er einen Krieg durchstehen
konnte. Jedenfalls passt der Besuch der
Gesandten des Babyloniers auffällig gut
Taylor Prisma im British Museum Bild David Castor

in die zeitlichen Abläufe.


Hiskia seinerseits freut82 sich über den
Besuch und beginnt den babylonischen
Gesandten alles zu zeigen, was
irgendwie sehenswert ist. Nichts wird

78 Vgl. J. A. Brinkman, Marduk-apla-iddina II, in:


Reallexikon, S. 375.
79 2Kö 20,12.
80 2Chr 32,31.
81 Ebd.
82 2Kö 20,13.

DIAKRISIS 3/2016 179


ausgelassen, kein Schatz, der die Babylonier ikonographisch nicht an die die gelügelte
nicht beeindrucken sollte.83 Hat Hiskia damit Sonnenscheibe des assyrischen Gottes Scha-
auch die Ehre Gottes angetastet? Ist dieses masch, sondern an die ägyptisierende Version
Ereignis gemeint, wenn es heißt, er habe angelehnt. Auch sein anderes „Wappentier“
Gott seine Genesung nicht recht gedankt und lässt die Nähe zu Ägypten erkennen. Es ist ein
„sein Herz überhob sich“?84 Hatte er vor den ägyptischer Skarabäus. Zahlreiche Abdrücke
Gesandten zu sehr den eigenen Reichtum, seiner (bisher bekannten) drei königlichen
die eigene Stärke betont? Hätte er Assur Siegel wurden gefunden.88
tributplichtig bleiben sollen? Wir wissen es
Dass Hiskia evtl. nicht nur mit Merodach-Ba-
nicht genau. Jedenfalls ist die Reaktion des
ladan, sondern auch mit dem nubischen
Propheten Jesaja recht harsch, als er von den
Pharao konspiriert hatte, ergibt sich aus den
Gesandten und Hiskias Geprotze hört, und
Schlachtbeschreibungen Sanheribs89 und den
er kündigt Hiskia an, dass alles, was er den
Spottreden des Rabschake.90 Hiskia war also
Babyloniern gezeigt hat, einst nach Babel
offensichtlich Teil einer recht weitgreifenden
verschleppt werden wird.85 Und Hiskia? Der
antiassyrischen Allianz.
demütigt sich vor Gott86 und ist froh über
die Ankündigung des Propheten, dass, wenn Wie dem auch sei: Die Kriegsmaschinierie
dereinst alle Schätze Jerusalems dem König Sanheribs setzt sich in Bewegung. Kurz darauf
von Babylon zufallen werden, dies zumindest war – Vergangenheitsform – Merodach-Ba-
nicht mehr zu seiner Regierungszeit geschehen ladan König von Babylon.91 Als klar ist, dass
wird.87 Sanherib Kurs auf die Levante nehmen würde,
Dass Hiskia immer gerne etwas bedeutender berät sich Hiskia mit seinen Oberen.92 Und sie
gewesen wäre, ist offensichtlich. Einen kommen überein, eine Reihe von Maßnahmen
Oberherrn möchte er nicht über sich haben, für den Fall der zu erwartenden Belagerung zu
und er versucht Sanheribs Joch abzuschütteln. treffen. Dabei sind fünf Dinge zentral: Starke
Mächtig möchte er erscheinen. Dazu ist Befestigungen, eine sichere Wasserversorgung,
ihm das Zeichen der Macht schlechthin, die Vorräte, Waffen, Motivation und möglichst das
gelügelte Sonnenscheibe auf dem eigenen Gegenteil für den Gegner. Hiskia tat, was er
Wappen, durchaus recht. Allerdings ist es konnte, um vorbereitet zu sein.
83 Ebd.
84 2Chr 32,25.
85 2Kö 20,14–18.
86 2Chr 32,26.
87 2Kö 20,19.
88 Näheres dazu in A. Späth; P. G. van der Veen: Neuer Fund aus König Hiskias Palastarchiv in Jerusalem, in: Diakrisis, 37.
Jahrgang, Nr. 1/2016, S. 51–60. Ausführlicher: A. Späth; P. G. van der Veen, Neuer Fund aus König Hiskias Palastarchiv
in Jerusalem, in: Studium Integrale, 23. Jahrgang, Nr. 1/2016, S. 23–28.
89 Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib, S. 31,32,69,156. Vgl. auch M. Weippert, Historisches Textbuch, S.
327, insb. FN 7.
90 2Kö 18,21; Jes 36,6.
91 Vgl. J. A. Brinkman, Marduk-apla-iddina II, in: Reallexikon, S. 375.
92 2Chr 32,3.
93 Ebd.

180 DIAKRISIS 3/2016


Teilweise ausgegrabener Siloah Teich mit Treppenaufgang © Andreas Späth

Er hielt Kriegsrat mit seinen „Obersten und Dieser Tunnel ist in Jerusalem zu besichtigen
Kriegshelden“.93 Man war sich schnell einig, und kann durchwatet werden. 1880 fand
dass die Kriegstechnik der Belagerung und man in der Wand des Tunnels eine Inschrift,
des Rampenbaus, wie es assyrischer Strate- die den letzten Bauabschnitt beschreibt. Es
gie entsprach, effektiv durch Wassermangel gibt keinen vernünftigen Zweifel, dass es
gestört werden könnte. So kam man über- sich bei dem Tunnel um die Wasserleitung
ein, alle Quellen und den Bach außerhalb Hiskias handelt.97 Dieser ist selbst eine
Jerusalems mit Hilfe der Bevölkerung zu ver- Meisterleistung. Der 533 m lange Tunnel ist
decken,94 um die potentiellen Belagerer von gewunden und wurde von zwei Seiten her
der Wasserversorgung abzuschneiden.95 Die in den Fels geschlagen. Heute beindet sich
eigene Wasserversorgung indes optimierte die Inschrift im Archäologischen Museum
er, indem er den Shiloah-Teich mit Zuleitung Istanbul, weil Israel zur Zeit der Entdeckung
baute und so das Wasser der Gihonquelle zum osmanischen Reich gehörte. Der Text
in die Stadt leitete und dort sammelte.96 der Inschrift lautet:

94 2Chr 32,3f.
95 2Chr 32,4.
96 2Kö 20,20; 2Chr 32,30.
97 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 33.

DIAKRISIS 3/2016 181


„[Dies ist] der Durchstich. Und mit dem
Durchstich verhielt es sich so: Als noch die
Mineure die Hacke schw[angen], einer gegen
den anderen, und als noch drei Ellen durch-
zubrechen waren, da konnte man hören, wie
einer dem anderen zurief. Denn es war ein
Riss (?) im Felsen auf der rechten und auf [der
lin]ken Seite. Und am Tag des Durchstichs
schlugen die Mineure einer dem anderen
entgegen, Hacke auf Hacke. Da loss das
Wasser von der Quelle zum Teich auf (eine
Länge von) tausendzweihundert Ellen. Und
hu[nd]ert Ellen betrug die Höhe des Felsens
über den Köpfen der Mineure.“98
Zudem ließ Hiskia den Millo befestigen, die
Mauern ausbessern, Türme bauen und einige
Mauern neu bauen.99 Durch die Zerstörung
des Nordreiches waren viele Flüchtlinge in
Jerusalem anzusiedeln gewesen.100 Auch
Waffen und Schilde wurden in großer Zahl
produziert.101 Dank der weit über 1000
gefundenen l’mlk-Krughenkel wissen wir
auch, dass Hiskia die Garnisonen im Lande
mit reichlich Vorräten ausstattete. Die zahlrei-
chen gefundenen Krughenkel stammen von
großvolumigen Vorratskrügen und waren mit
dem „Wappentier“ des Königs, der Inschrift
„gehört dem König“ und oft auch einer von
vier102 bekannten Ortsangaben versehen.
Nachdem alle materiellen Vorbereitungen
getroffen waren, Hauptleute über die
Soldaten ernannt waren, versammelt Hiskia
Hiskia Tunnel © Andreas Späth

98 M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 329.


99 2Chr 32,5.
100 Vgl. R. Riesner, Jerusalem, in: Das große Bibellexikon,

hgg. von H. Burkhardt, F. Grünzweig, F. Laubach, G.


Maier, Band 3, Wuppertal –Gießen 1. Taschenbuchauf-
lage1996, S. 1029b.
101 2Chr 32,5.

182 DIAKRISIS 3/2016


seine Leute
und sprach
eindring-
lich zu
ihnen.103 Ein
geistliches
Wort, das der
Zitation wert
ist:

„Seid getrost und


unverzagt, fürchtet
euch nicht und äth
ea s Sp
verzagt nicht vor A ndr
dem König von hr if t ©
Insc
der
Assur noch vor il d ung
Na
fleischlicher
chb
dem ganzen Heer, che
d li Arm, mit uns aber ist
das bei ihm ist; ef in
el b
unn der HERR, unser Gott, dass er
denn mit uns ist Im T
uns helfe und führe unsern Streit.“104
ein Größerer als mit
ihm. Mit ihm ist ein Das Volk vertraute Hiskias Worten.105

102 „So inden wir auf den verschiedenen Stempelvarianten die Ortsangaben Hebron, Socho, Sif und Mamschit.“ A. Späth;
P. G. van der Veen, Neuer Fund, in: Studium Integrale, S. 26.
103 2Chr 32,6.

104 2Chr 32,7.8.

105 2Chr 32,8.

Termine
15.10.2016 Regionaltreffen des Gemeindehilfsbundes bei der Landeskirchlichen Gemein-
schaft, 97074 Würzburg. Referent: Prof. Dr. Wolfgang Leisenberg, Thema: Wie Gender-Main-
streaming und Massenmigration unser Land verändern.
Weitere Informationen unter www.gemeindehilfsbund.de
15.10.2016 indet in Henstedt-Ulzburg der diesjährige Herbstvonvent der Kirchlichen Samm-
lung der Nordkirche statt. Thema: „Der Interreligiöse Dialog als Chance und Gefahr“. Referent:
Pfarrer und Dozent Dr. Werner Neuer, Leiter der Theologischen Kommission der IKBG.

DIAKRISIS 3/2016 183


Biblische Archäologie
„Und der Herr erhörte Hiskia…“ –
Eine biblisch-archäologische Zusammenschau Teil III.
Andreas Späth

Der Sturm bricht los und besiegte die Könige von Aschkelon und
Im 14. Jahr1 der Herrschaft Hiskias ist es so Ekron, die gemeinsam mit Hiskia rebellierten.“3
weit. Sanherib zieht, entschlossen jeden Während sich Sanheribs Armee noch im
aufrührerischen Gedanken zu unterdrücken, Philisterland tummelt und nach Aschkalon
jede aufrührerische Tat zu sühnen, mit einem auch die zu diesem Königreich gehörenden
gigantischen Heer heran. Städte Bnei Brak, Beit Dagon, Jaffa und Azor
belagert, eilen die ägyptischen Verbündeten
Alle im Aufruhr beindlichen Gebiete werden
mit „unzähligen Truppen“4, Bogenschützen
„befriedet“. Sanherib beschreibt diesen, seinen
und Streitwagen heran.5 Es dürfte sich um ein
dritten Feldzug, recht ausführlich in seinem
gemischtes Heer aus Ägyptern und Äthiopiern6
Jahresbericht – den assyrischen Analen. Der
gehandelt haben, denn in Ägypten herrschte
Feldzug ist auf dem sogenannten Taylor-Prisma
zu dieser Zeit die nubische Dynastie.7
(und dem textgleichen Chicago-Prisma)
ausführlich2 dargestellt. Hoffmeier fasst den Bei Eltheke, in der Mitte des Dreiecks aus den
ersten Teil der „Reiseroute“ zusammen: Städten Aschdot, Thimna und Ekron, treffen
„Nachdem er gegen Phönizien gezogen war, die alliierten Heere der Aufständischen mit
wandte er sich südwärts ins Land der Philister dem Heer Sanheribs zusammen.8 Das Resultat

1
2Kö 18,13; Jes 36,1.
2
Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 329–333. Eine Kurzversion des 3. Feldzuges indet sich auf den Stierin-
schriften. Vgl. ebd. S. 333f.
3
J. K. Hoffmeier, Die antike Welt der Bibel, S. 110. Ausführlicher bei D. Ussishkin, Biblical Lachish – A Tale of Construc-
tion, Destruction, Excavation and Restauration, Jerusalem 1994, S. 171–175.
4
Analen Sanheribs nach M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 332.
5
Sanherib erwähnt in den Analen all diese Truppenkontingente und zusätzlich die „Pferde“. Vgl. M. Weippert, Histori-
sches Textbuch, S. 332. Dies ist interessant, weil tatsächlich gerade die 25. Dynastie in Ägypten ein hervorstechendes
Interesse an der Pferdezucht hatte. Vgl. B. U. Schipper, Israel und Ägypten in der Königszeit – Die kulturellen Kontakte
von Salomo bis zum Fall Jerusalems, in: O. Keel; Chr. Uehlinger (Hrsg), Orbis Biblicus et Orientalis (OBO), Band 170,
Freiburg – Göttingen 1999, S. 80. So befanden sich die Gräber der königlichen Pferde nahe der Grabpyramide von
Pharao Schebitko (auch Schebitku oder Schabataka), der hier im Konlikt mit Sanherib stand. Vgl. K. Jansen-Winkeln,
Die 25. Dynastie, in: Inschriften der Spätzeit, Teil III, Wiesbaden 2009, S. 51. Ebenso J. Leclant, Schabataka, in: W.
Helck; W. Westendorf: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Wiesbaden 1984, Sp. 514.
6
Sanherib beschreibt diese Zusammensetzung in seinen Analen detailliert. Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S.
332. Es handelt sich aus ägyptischer Sicht nicht um Äthiopier, sondern um Kuschiter, bzw. Nubier. Das frühere Nubien
liegt im heutigen Sudan.
7
Gemeint sind die Könige der 25. Dynastie, die in der dritten Zwischenzeit weite Teile Ägyptens beherrschen.
8
Vgl. K. A. Kitchen, The Third Intermediate Period in Egypt – 1100–650 BC, Nachdruck der zweiten Aulage mit Anhang
von 1986 und der neuen Einleitung von 1996, Oxford 2015, S. 385.
9
Ebd.

DIAKRISIS 4/2016 231


war im wahrsten Sinne des Wortes nieder- belagerte (und) eroberte ich die Städte Bít
schmetternd. Das ägypto-nubische Heer Daganna, Japho, Bebe-Beraq (und) Azor,
versuchte zwar später9 noch einen zweiten Städte des Sidqa, die sich meinen Füßen nicht
Anlauf,10 zog dann allerdings – glaubt11 eilends unterworfen hatten, (und) plünderte
man Sanherib – unter Zurücklassung einiger sie. […] Die Könige des Landes Ägypten,
Einheiten und Prinzen12 schleunigst und wenig die Bogentruppen, Streitwagen (und) Pferde
ruhmreich13 Richtung Ägypten ab. des Königs des Landes Äthiopien, unzählige
Truppen, holten sie zu Hilfe, und sie kamen zu
Sanherib geht als Sieger aus der Schlacht
ihrer Unterstützung. In der Flur von Eltheke
hervor und vergisst nicht, seinen Ruhm in
lagen sie mir in Schlachtordnung gegenüber,
den Analen in gebührender Großartigkeit
indem sie ihre Waffen schärften. Im Vertrauen
zu schildern: „(Was) aber Sidqa, den König
auf meinen Herrn Assur kämpfte ich mit ihnen
von Askalon (angeht), der sich meinem Joch
nicht unterworfen hatte – (so) deportierte
ich die Götter seiner Familie, ihn selbst, seine
Gemahlin, seine Söhne, seine Töchter, seine
Brüder, seine Familienangehörigen und brachte
ihn nach dem Land Assyrien. Šarru-lu-dari, den
Sohn des Rukibtu, ihren früheren König, setzte
ich über die Leute der Stadt Askalon und legte
ihm das Leisten von Tributen als Geschenk
an meine Herrschaft auf, und er ging in
meinem Geschirr. Im Verlauf meines Feldzugs

10
Vgl. ebd. S. 384. Dieser Versuch einer alleinigen ägyp-
tischen Intervention, nachdem die Verbündeten bereits
endgültig besiegt sind, ist es wohl, auf den 2Kö 19,8–9
und Jes 37,8–9 anspielen.
11
Insgesamt muss – bei aller Wertschätzung als Quelle –
bei allen Herrschertexten bedacht werden, dass es sich
um Propagandatexte handelt, die Siege und Herrscher
zu verherrlichen und Niederlagen und Rückschläge zu
kaschieren hatten. So lassen etwa die imperialistisch an-
mutenden Titel des beteiligten Pharao Schebitko, keinen
Rückschluss auf seine Niederlage zu. Vgl. K. A. Kitchen,
The Third, S. 386.
12
Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 332.
13
Vgl. K. A. Kitchen, The Third, S. 386.
14
M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 331f.
15
Man lege nur einmal im ersten Gebot (2Mo 20,1–3) die
Betonung von 2Mo 20,2 auf das Wort „dein“. Das öffnet die Augen für das Wirken und die Treue Gottes durch die
Wirrnisse der Geschichte, des Unglaubens und der Zweifel hindurch.
16
Vgl. Analen Sanheribs bei M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 333. Die Bibel berichtet allgemeiner, aber überein-
stimmend mit Sanheribs Analen von der Einnahme „aller“ befestigten Städte, wobei alleine schon das verwendete heb-
räische Wort für „Stadt“ eine Befestigung / Bewachung nahelegt und die Verwendung „feste Städte“ eine Verstärkung
ist. Vgl. 2Kö 18,13 und Jes 36,1.

232 DIAKRISIS 4/2016


und brachte ihnen eine Niederlage bei. Die Verbündeten: seinem15 Gott – gegen Sanherib
ägyptischen Wagenkämpfer und Prinzen samt und sein riesiges Herr. „Dann wandte sich
den Wagenkämpfern des Königs des Landes Sanherib nach Osten und marschierte in Juda
Äthiopien nahmen meine Hände lebend ein. Er behauptet, 46 befestigte Städte und
mitten in der Schlacht gefangen. Die Städte Ortschaften Judas eingenommen zu haben.
Eltheke (und) Thimna belagerte, eroberte (und) [16] Lachisch war eine dieser Städte, und die
plünderte ich.“14 Bibel[17] erwähnt den Angriff Sanheribs auf
sie.“18
Der Kampf um Lachisch
Richten wir also unseren Blick auf Lachisch.
Nach dem Sieg über die Allierten und Die Stadt ist zur Zeit Hiskias (Ebene III)19 eine
dem Rückzuges der Ägypter bleibt Juda der mit Abstand am besten befestigten20
alleine zurück – allein mit einem einzigen Städte Judas und gibt bis auf den heutigen

Skizze von Lachisch. H.H. Mc Williams. © Welcome Library, London, M0013033, CC BY 4.0.

17
2Kö 18,14.17; 19.8; 2Chr 32,9; Jes 36,2; 37,8. Auch die Prophezeiung in Micha 1,13 dürfte auf diese Eroberung hinwei-
sen.
18
J. K. Hoffmeier, Die antike Welt der Bibel, S. 110.
19
Vgl. D. Ussishkin, Biblical Lachish, S. 221.
20
Manche Forscher vermuten gar, sie sei – zumindest noch 70 Jahre vor Sanheribs Invasion – besser befestigt gewesen
als Jerusalem. Vgl. D. Ussishkin, Biblical Lachish, S. 212f.

DIAKRISIS 4/2016 233


Tag Zeugnis von Sanheribs Eroberungseifer. das Stadttor war so konstruiert, dass die
Sie ist nicht mehr nur (wie noch in Ebne IV) üblichen Belagerungsmaschinen nicht viel
überwiegend Garnisons- und Verwaltungs- hätten ausrichten können. Das Stadttor war
stadt mit einigen Wohnhäusern,21 sondern eine auf einem Felssporn erbaute, weitläuige
verfügte nun über einen starken Zuzug von und bullige Zwingeranlage mit einem äußeren
zivilen Bewohnern22 aus dem Umland und (südlichen) und einem inneren (westlichen)
war z.T. sehr dicht besiedelt.23 Die Festungs- Torhaus, einem großen Innenhof dazwi-
anlagen waren außergewöhnlich komplex schen28 und vergleichsweise kleinen Toren
und auch geschickt strategisch so auf den (ca. 4m breit),29 die es zuließ, Feinde, die das
Berg gebaut, dass der Einsatz der üblichen erste Torhaus (mit je einem Tor aus einem
Kriegsmaschinen kaum möglich war.24 Schon besonderen, lokal nicht erhältlichem Hart-
der äußere Wall war 3,5 – 4 m stark,25 gar holz,30 am Anfang und am Ende) überwunden
nicht zu reden von den bis zu 15 m starken hatten, von allen vier Seiten unter Beschuss
Befestigungen26 der Südwestecke.27 Auch zu nehmen. Das zweite Torhaus war zudem

21
Vgl. ebd. S. 215.
22
Ebd.
23
Ebd. Vgl. ebd. S. 223.
24
Vgl. ebd. S. 223ff.
25
Vgl. Ebd. S. 224.
26
Vgl. ebd. S. 289 u. 301f.
27
Vgl. ebd.
28
Vgl. ebd. S. 227ff.
29
Vgl. ebd. S. 241.
30
Vgl. ebd. S. 243.
31
Vgl. ebd. S. 230.
32
Vor der eigentlichen Stadtmauer befand sich ein erster
Mauerring, z.T. mit kleineren Verteidigungsanlagen. Der
Hang zur eigentlichen Verteidigungsmauer hin war mit

Foto: Peter van der Veen.


einem Glacis geschützt. Der teilweise sogar mit Steinen
ummantelte Glacis sollte die Erstürmung des Hanges zur
Stadtmauer hin unmöglich machen, da Angreifer auf dem
glatten, steilen Untergrund keinen Halt inden konnten.
Vgl. D. Ussishkin, Biblical Lachish, S. 323 u. 325.
33
Daneben fand man auch noch zahlreiche ungestempelte
Krughenkel, oder Henkel mit anderen Symbolen oder Ab-
drücken von Privatsiegeln. Vgl. D. Ussishkin, Biblical La-
chish, S. 356ff. und S. 365ff.
34
Vgl. D. Ussishkin, Biblical Lachish, S. 364.
35
Vgl. ebd. S. 235ff.
36
Vgl. ebd. S. 315.
37
Vgl. ebd. S. 219.
38
Vgl. ebd. S. 278.
39
Vgl. ebd.
40
Dies ist tatsächlich der einzig vernünftige Ort. Jedoch konnten keine Ausgrabungen stattinden, weil heute auf dem
Hügel ein Moshav (das marktwirtschaftlich orientierte Gegenstück zum eher sozialistisch inspirierten Kibbutz) errichtet
wurde. Zudem wurde der Hügel schon vor Errichtung des Moshav intensiv landwirtschaftlich genutzt. Vgl. ebd. S. 280f.
41
Vgl. ebd. S. 279.

234 DIAKRISIS 4/2016


um 90 Grad versetzt und der Innenhof wies Umso erschütternder ist das Ergebnis
eine Steigung dorthin auf.31 So wäre nach der assyrischen Invasion. Die gesamte
dem Überwinden des ersten Torhauses kein Lachisch-III- Schicht ist komplett ausgebrannt.
einfacher Durchmarsch zum zweiten Torhaus Der Direktor der dritten Ausgrabungskampa-
möglich gewesen. gne (1974–1994) Lachischs, David Ussishkin,
schreibt, dass er sich nicht erinnere, je
Die Garnison von Lachisch war nicht nur
eine andere antike Stätte Israels mit einem
bestens befestigt,32 sondern auch hervorra-
derartigen Ausmaß an Zerstörung gesehen
gend verproviantiert. Über 400 Henkel von
zu haben.37 Sanherib statuierte ohne Frage
Vorratskrügen33 mit den „Wappentieren“
ein Exempel. Niemand sollte es wagen,
des Königs, gelügelter ägyptischer Son-
seinen Zorn herauszufordern. Denn erstens
nenscheibe und gelügeltem Skarabäus,
würden selbst stärkste Befestigungen nichts
sowie der Inschrift „lmlk“, „le melek“,
nützen und zweitens würde seine Rache
„gehört (dem) König“34, wurden allein
unbeschreiblich sein.
bei den kontrollierten Grabungen in den
Trümmern Lachischs gefunden. Auch die Als die Assyrier Lachisch erreichten, errichteten
Wasserversorgung war durch einen Brunnen sie, wie üblich, ein Feldlager.38 Das Umfeld
sichergestellt. Ein Kanal sorgte für die wurde sondiert und es stellte sich heraus, dass
Entwässerung. Diesen hatte man sogar mit die Mauern überall 30 bis 40m vom Grund
einer Steinkonstruktion versehen, die den der umgebenden Täler entfernt waren. Nur an
Durchgang für Feinde versperrte, aber das einer Stelle, an der Südwestecke, waren die
Wasser hindurch ließ.35 Als sich die Stadt Mauern nur gut 23 m vom topographischen
auf die Belagerung vorbereitete, wurde der Sattel entfernt.39 Das Hauptquartier errich-
Tunnel vollständig vermauert.36 tete Sanherib auf dem gegenüberliegenden
Hügel.40 Er war fast genauso hoch gelegen
wie Lachisch, gab freien Blick auf die eigenen

Rampe in Lachisch. © Wilson44691, CC BY-SA 3.0.

DIAKRISIS 4/2016 235


Lachisch Relief. Rampe mit Kampfturm. © Mike Peel (www.mikepeel.net), CC BY-SA 4.0.

236 DIAKRISIS 4/2016


Lachisch Relief. Schleuderer. © Mike Peel (www. mikepeel.net),CC BY-SA 4.0.
Aktivitäten und die Abwehrmaßnahmen
der Stadt und war vorteilhafterweise weit
genug entfernt, um von den Pfeilen der
Verteidiger verschont zu bleiben.41
Um die Stadt einzunehmen, sollten
fahrbare Belagerungstürme mit
Rammböcken zum Einsatz kommen. Um
die Mauer zu erreichen, schütteten die
Belagerer kurzerhand42 eine gigantische
Rampe auf. Die Rampe war zwischen
70 und 75 m breit und ca. 50 bis 60 m
lang, und der Materialverbrauch lag bei
geschätzten 6500 bis 9500 qm, bzw. bei
13.000 bis 19.000 t.43 Das Fundament der
Rampe bildeten unbehauene Feldsteine.44
Darüber kam eine Schicht kleinerer, mit
Kalkmörtel verbundener Steine.45 Diese
Deckschicht war einen ganzen Meter dick.46 Auf dem Bild sieht man einen Teil des Lachi-
Dadurch wurde die Rampe stabilisiert und ein schreliefs. Es stammt aus Sanheribs „Palast
kampftauglicher Untergrund geschaffen. Die ohnegleichen“49 in Ninive. Dort hatte er eine
Kampfplattform selbst wurde mit einer einen neue Hauptstadt errichten lassen50 und in
Meter dicken Schicht aus rotem Ton verse- seinem Palast51 einen Saal mit Reliefs von
hen.47 Obwohl das Errichten von Belagerungs- der Eroberung Lachischs. Daher haben wir
rampen üblich war, gibt es nur zwei weitere zu den schriftlich überkommenen Berichten
erhaltene Beispiele48 aus biblischer Zeit, und ausnahmsweise (sehr detailgetreue) Bilder. Es
beide sind deutlich jünger. ist gut zu sehen, wie ein Belagerungsturm die
42
Die Rampe könnte innerhalb von weniger als 3 ½ Wochen fertig gewesen sein, zumal die Eroberer wahrscheinlich die
umliegende Bevölkerung zu Hand- und Spanndiensten einsetzte. Vgl. ebd. S. 323f.
43
Vgl. ebd. S. 291.
44
Ebd.
45
Ebd.
46
Ebd.
47
Ebd. S. 294.
48
Um 600 v. Chr. errichtete König Alyattes eine Rampe zur Erobererung des damals griechischen Smyrna (heute Izmir in
der Türkei) und 498 v. Chr. belagerten die Perser das griechische Palaepaphos auf Zypern (heute Kouklia). Vgl. ebd. S.
295.
49
Vgl. ebd. S. 327.
50
Ebd.
51
Heute stehen die Wandvertäfelungen – soweit erhalten – im British Museum.
52
Ein direkter Angriff auf die Mauer hätte an dieser Stelle keinen Sinn ergeben, da die Verteidigungsanlage hier bis zu
15 m stark war. Das Ziel war wohl vielmehr, die besonders effektive Verteidigungsstruktur des Turmes zu zerstören.
Die Mauern sollten dann, wie man an den zahlreichen Sturmleitern auf dem Lachisch-Relief sehen kann, überwunden
werden. Vgl. D. Ussishkin, Biblical Lachish, S. 289 u. 301f.

DIAKRISIS 4/2016 237


Rampe hinaufgeschoben wird, um mit einem Um eine breitete Front zu bekommen und
Rammbock die Plattform eines Wehrturms zu die Angreifer trotz Rampe und Belagerungs-
zerstören.52 Angreifer, wie Verteidiger setzen turm zu überragen, bauten die Verteidiger
Pfeil und Bogen ein und versuchten den etwa 10 m hinter der Stadtmauer eine
Gegner mit Wurfgeschossen zu treffen, wobei halbmondförmige Gegenrampe54 (auf der
die Assyrier sich der Steinschleuder bedien- Luftaufnahme gut sichtbar), welche die
ten,53 während die Verteidiger alles Mögliche Stadtmauer mehr als drei Meter überragte.55
einfach über die Mauer werfen. Auf dem Um ihre Überlegenheit wiederherzustellen,
Bild sieht man außerdem wie die Verteidiger erhöhten die Assyrier die Rampe mit Steinen
brennende Fackeln auf den Turm werfen, aus der Umgebung.56 Sie nutzten zudem
während die Angreifer
mit einer riesigen Kelle
Wasser auf die Turmau-
ßenseite schütten.

53
Die gefundenen Geschosse
hatten einen Durchmesser
von ca. 6 cm und ein Gewicht
von etwa 250g. Vgl. Ebd. S.
308.
54
Vgl. ebd. S. 300.
55
Vgl. ebd.
56
Vgl. ebd. S. 326.
57
Vgl. ebd. S. 302.
58
Vgl. ebd. S. 304ff.
59
Einzelne Fundstücke messen
30x55x65 cm! Vgl. ebd. S.
304.
60
Vgl. ebd. S. 308.
61
Vgl. ebd. 339.
62
Vgl. ebd. S. 309.
63
Vgl. ebd. S. 310f.
64
Vgl. ebd. S. 311.
65
Die ganze Kampagne Sanhe-
ribs dauerte gerade einmal
ein Jahr. In diese Zeit mar-
schierte er mit seinem Heer
von Assyrien über Phönizien
zu den Philistern, schlug die
Alliierten bei Eltheke und er-
oberte die befestigten Städte
Judas. Vgl. ebd. S. 323. Allein
die Marschroute dürfte Luftli-
nie (einfach) nicht unter 1500
Km betragen haben.
66
Ca. 23 Tage. Vgl. ebd. S. 323.
67
Vgl. ebd. S. 342f.

238 DIAKRISIS 4/2016


die Breite ihrer Rampe und setzten bis zu wurden sogar brennende Streitwagen62 und
fünf Belagerungstürme57 ein. Die Belagerten Tontöpfe63 auf die Eroberer hinuntergewor-
wehrten sich verzweifelt. Mit Ketten fen und so manche Pfeilspitze wurde wieder
versuchten sie während des Beschusses geradegeklopft und zurückbefördert – von
das Schwungholz des Rammbocks zu beiden Seiten.64
erwischen58 und ihn damit stillzulegen.
Andere ließen an Seilen große59 durchbohrte Der Kampf war erbittert und wahrscheinlich
Steine die Mauer hinab und brachten sie dennoch recht kurz.65 Am längsten dürfte
zum Schwingen60, wohl um so das Anlegen noch der Bau der Rampe66 gedauert haben.
der Sturmleitern61 zu verhindern. Am Schluss

Lachisch aus der Luft. BP248B © www.BibleLandPictures.com – Alamy Stock Photo.

DIAKRISIS 4/2016 239


Lachisch ist besiegt während die Beute an ihm vorbeigetragen
wird, die Deportierten an ihm vorbeiziehen,
Dann ist die Schlacht zu Ende. Auf den
die zum Tode verurteilten Ofiziellen Hiskias
Lachischreliefs ist zu sehen, wie die einfache
hingerichtet werden. Über dem Thron
Bevölkerung deportiert wird.67 In langen
Sanheribs verkündet ein Keilschrifttext:
Kolonnen machen sich die Besiegten auf
„Sanherib, der König der Welt, der König
den Weg. Auf von Ochsen gezogenen
des Landes Assyrien, setzte sich auf einen
Wagen und auch auf einem Kamel haben
Lehnstuhl[73] und die Beute von Lachisch
sie ihre Habseligkeiten, Kinder hängen
zog vor ihm vorüber.“74
an den Röcken der Mütter.68 Vor dem
Stadttor, das alle Deportierten passieren Noch während Sanherib mit der Eroberung
müssen, sind drei nackte Männer (durch beschäftigt war, gab es allerdings einen diplo-
die Brust) gepfählt:69 der Gouverneur und matischen Schriftwechsel und Botengänge
seine engsten Berater.70 Weitere Mitglieder zwischen seinem Lager in Lachisch und dem
der Administration werden am Rande des Hof Hiskias in Jerusalem – und wir haben
Weges der Deportierten hingerichtet. Zwei dank der biblischen Berichte Einblick in das
werden bei lebendigem Leibe gehäutet, Denken und Fühlen der Belagerten ebenso
andere erstochen.71 All das spielt sich vor wie in die Zermürbungstaktik und das Denken
dem erhöhten Thron Sanheribs ab, dem der Assyrier. Und in das Wirken Gottes und
zwei seiner Eunuchen Kühlung zufächeln,72 seines Propheten Jesaja …

Lachisch Relief. Die Beute wird vor Sanherib gebracht. © Mike Peel (www.mikepeel.net), CC BY-SA 4.0.
68
Vgl. ebd.
69
Vgl. ebd. S. 340.
70
Vgl. ebd.
71
Vgl. ebd. S. 342.
72
Vgl. ebd. S. 343.
73
Es handelte sich hierbei um eine besondere Art transportablen Thron.
74
M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 334.

240 DIAKRISIS 4/2016


Biblische Archäologie
„Und der Herr erhörte Hiskia …“ –
Eine biblisch-archäologische Zusammenschau Teil IV.
Andreas Späth

Das diplomatische Personal der Ein identischer Vorgang ist in der Bibel genau
assyrisch/jüdischen Gesandtschaften beschrieben. Das zweite Buch der Könige
dokumentiert die Ausrottung des Baalskultes
Lachisch ist nicht mehr. Die einst blühende
durch Jehu, der aus einem Kultort nach der
Stadt, durch Hiskia vom Götzendienst
Zerstörung der Kultbilder ein „stilles Örtchen“
gereinigt und wieder Gott geweiht, ist ein
machen lässt.7 Luther übersetzte schamhaft:
Trümmerhaufen. Ein Trümmerhaufen, den
„Stätte des Unrats“. Tatsächlich meint das
man später wieder besiedeln würde. Doch
hebräische Wort makh-ar-aw-aw‘ nichts
uns interessieren die Trümmer aus der Zeit
anderes, als eine Jauchegrube, oder auch ein
Hiskias. Wir eilen weiter, dem Höhepunkt
Toilettenhaus.
der Ereignisse entgegen, und doch sei – aus
aktuellem Anlass sozusagen – noch ein
Nun war also, wie gesagt, das einst gut
Blick zurück auf die Trümmer Lachischs
befestigte Lachisch, die von Hiskia sorgsam
gestattet. Sie gaben erst kürzlich ein
vom Götzenkult gereinigte Stadt, ein Raub
Zeugnis frei von der Reform Hiskias.1 Ende
des – sprichwörtlich – lammenden Zorns
2016 publizierten Archäologen einen Sen-
Sanheribs geworden.
sationsfund im großen Stadttor Lachischs.
Man fand eine frühere Kultkammer, deren Vor Lachisch, wo er seine Hauptstreitmacht
„Umgestaltung“ in die Zeit Hiskias datiert lagert,8 empfängt er die Botschafter Hiskias,
wird.2 Der Altar war mutwillig zerstört3 und von dort aus schickt er seine eigenen
und in der Kammer war ein Toilettenstein4 Kämmerer los,9 Hiskia zu beschimpfen,
installiert worden. Ein Vorgang, der den den Gott Israels zu lästern und den Wider-
Bereich entweihen und für den Götzenkult standswillen der Bevölkerung Jerusalems zu
unbrauchbar machen sollte.5 Danach hatte brechen – davon wird noch zu reden sein.
man die Kammer versiegelt.6 Wenden wir uns zunächst Hiskia zu.

1 http://www.biblicalarchaeology.org/daily/biblical-artifacts/artifacts-and-the-bible/ancient-latrine-king-hezekiahs-
reforms/ [Stand: 02.03.2017].
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. ebd.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. ebd.
6 Vgl. ebd.
7 Vgl. 2Kö 10,27.
8 Vgl. 2Kö 18,17.
9 Vgl. ebd.

DIAKRISIS 1/2017 49
Hiskia hatte in Jerusalem wohl von den Gesandten zu Huldigungszwecken, von
Verwüstungen gehört und die Aussichtslo- Hiskia nach Ninive nachsenden.15
sigkeit des Aufstandes erkannt.10 So schickte
Die Boten Hiskias treffen also offenbar kurz
er Boten nach Lachisch, die den König von
vor dem Fall der Stadt Lachisch ein. Sehr viel
Assyrien mit horrenden Tributzahlungen
mehr hören wir nicht mehr von ihnen. Dafür
besänftigen sollten.11 Was auch immer
umso mehr von Sanherib. Er selbst bleibt
Sanherib fordere, Hiskia wolle es ihm
vor Ort, schickt aber eine hohe Delegation
bezahlen.12
nach Jerusalem. Als diese von Jerusalem
zurückkehrt, um Sanherib zu berichten, ist
Der biblische Bericht nennt an dieser Stelle
der König bereits nach Libna16 weitergezogen.
nun die ungeheure Summe von 30 Talenten
Zurück blieb der Schutthaufen, der einst
Gold und 300 Talenten Silber, die allerdings
eine blühende und stark befestigte Stadt
von den assyrischen Texten noch deutlich
war. Lachisch wird – wir nehmen es hier
übertroffen wird.13 Vermutlich handelt es
vorweg – Sanheribs größte Eroberung in
sich hier im Bibeltext des 2. Königebuches
Juda bleiben, weshalb ihr die zweifelhafte
um einen erklärenden Einschub,14 der das
Ehre zuteil wurde, die Friese seiner Wände im
Ergebnis vorwegnimmt, denn Sanherib
„Palast ohne Gleichen“ in Ninive zu zieren.
ist zunächst keineswegs bereit von Hiskia
Denn an Jerusalem wird er scheitern. Auch
abzulassen und sich mit einem – an sich
davon später.
schon extremen – Tribut zufrieden zu ge-
ben. Erst als er Jerusalem nicht einnehmen Die Delegation Sanheribs hatte ein klar
kann, zieht er mit seiner Beute ab und lässt umrissenes Ziel: Jerusalem zur Aufgabe zu
sich – so lesen wir es in seinen eigenen bewegen. Die Mittel waren Einschüchterung,
Aufzeichnungen – den Tribut, sowie einen Gotteslästerung, Aufruf zur Fahnenlucht,

10 Vgl. 2Kö 18,14.
11 Vgl. 2Kö 18,14–16.
12 Vgl. 2Kö 18,14.
13 Nach biblischem Bericht 300 Zentner Silber und 30 Zentner Gold. Vgl. 2Kö 18,14b. Sogar die von Hiskia erst mit Gold
überzogenen Türen des Tempels müssen ihrer Pracht entkleidet werden, um die Gier Sanheribs zu befriedigen. Vgl.
2Kö 18,16. Sanheribs Bericht (Chicago-Taylor-Tonprismen) ist deutlich ausführlicher. Das ist verständlich, weil er neben
dem Tribut Hiskias noch die Ergebnisse der Plünderungen in ganz Juda zur Beute zählt. So nennt er neben den 30
Zentnern Gold gar 800 Zentner Silber, Antimonpaste, große Gesteinsblöcke, Elfenbeinbetten, mit Elfenbein verkleide-
te Lehnstühle, Elefantenhaut, Elfenbein, Ebenholz, Wacholderholz und zahlreiche weitere Wertgegenstände. Vgl. M.
Weippert, Historisches Textbuch, S. 333. Letztere werden auf dem Rassam-Zylinder näher beschrieben: Gewänder
„aus buntem Leinenstoff, blauer und roter Purpurwolle, bronzenen, eisernen, kupfernen, zinnenen Geräten, Eisen,
Streitwagen, Schleudern, Lanzen, Panzerhemden, Dolchen, Gürteln, Bogen, Pfeilen, (anderen) Waffen, Kriegsgerät in
unzählbarer Menge.“ M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 333, FN 55. Daneben werden auf den Chicago-Taylor-
Prismen noch 200. 150 Menschen, darunter Hiskias Töchter, Palastfrauen und Sängerinnen, zur Beute gezählt. Auch
von Vieh „ohne Zahl“ ist detailliert die Rede. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 333. Sanherib scheint die 46
eroberten Festungsstätte und Ortschaften „ohne Zahl“ gründlichst geplündert zu haben. Evtl. kommt dadurch die
Differenz beim Silbergewicht zustande.
14 Im Paralleltext Jes 31 und auch in 2Chr fehlt die Angabe über die Höhe des auferlegten Tributs.
15 So der Text auf dem Chicago-Taylor-Prisma, Spalte III, Zeilen 47–49. Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 333.
16 Vgl. 2Kö 19,8; Jes 37,8.

50 DIAKRISIS 1/2017
Spott und das-vor-Augen führen dessen, Aufgabenfeld wesentlich umfangreicher.21 Das
was wir als realistische Lagebeurteilung Amt begegnet uns etwa auch als Gouverneur
bezeichnen würden. Dabei werden alle strategisch wichtiger Provinzen22 ebenso,
propagandistischen Mittel genutzt. wie als Anführer einer eigenen militärischer
Streitmacht,23 wie es uns auch die Bibel
Zunächst schickt Sanherib also drei hohe
bestätigt.24 Der Rasaris (Rab-ša-rēši) ist in
Würdenträger seines Hofes los. Natürlich
zahlreichen assyrischen Texten bezeugt.25 Es
nicht allein. Den Tartan, den Rabsaris und
handelt sich hier um einen Leitenden (auch:
den Rabschake begleitet eine riesige Armee.17
„höchsten“) Beamten.26 In Ninive taucht der
Daraus lässt sich schließen, dass Sanherib für
Titel in einer aramäischen Prozessliste auf.27
Lachisch nicht mehr allzuviele Leute brauchte.
Tartan (Turtānu) ist ein hoher assyrischer
Entweder war es zwischenzeitlich gefallen,
Beamtentitel.28 In assyrischen Eponymlisten
oder der Fall stand unmittelbar bevor. Auch
taucht er als höchste Amtsperson nach dem
für die Expedition nach Libna scheint ihm ein
König auf.29 Auch als Titularoberhaupt einer
Teil der Streitmacht ausgereicht zu haben.
Provinz ist der Tartan bezeugt.30 Wir sehen,
Sanherib schickte nicht irgendwen mit seiner
Alle drei, im Zweiten Buch der Könige
Streitmacht nach Jerusalem, sondern die
genannten Ränge gab es in der assyrischen
Elite seines Stabes. Die Ränge der Komman-
Hierarchie. So ist der Rabschake in „altassyri-
deure entsprechen der Größe der Aufgabe:
schen, neuassyrischen und neubabylonischen
Jerusalem zu Fall zu bringen.
Texten“18 bestens bezeugt. Der Titel wird als
Obermundschenk19 wiedergegeben und ist Die drei Kämmerer treffen vor Jerusalem ein.
ein hoher Beamtentitel.20 Tatsächlich war sein An „der Wasserleitung des oberen Teiches,

17 Vgl. 2Kö 18,17; weniger detailliert: Jes 36,2.


18 E. Frahm, Rab-Šāqê, in: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Band 11, Berlin 2007, S.
213b. Vgl. auch T. K. Cheyne, Rab-Shakeh, in: Encyclopaedia Biblica – A critical Dictionary of the literary, political and
religious History, the Archaeology, Geography and natural History of the Bible, edited by T. K. Cheyne and J. Sutherland
Black, Vol. IV, New York – London 1903, Sp. 4001.
19 E. Frahm, Rab-Šāqê, in: Reallexikon, S. 213b. Wiseman verweist darauf, dass die Wiedergabe mit Obermundschenk
veraltet ist und eine Zusammensetzung mit “erhaben” besser passt. Vgl. D. J. Wiseman, Rabshake, in: New Bible
Dictionary, S. 997bf.
20 E. Frahm, Rab-Šāqê, in: Reallexikon, S. 213b.
21 Vgl. D. J. Wiseman, Rabshake, in: New Bible Dictionary, S. 998a.
22 E. Frahm, Rab-Šāqê, in: Reallexikon, S. 214a.
23 Vgl. ebd.
24 Vgl. Jes 36,2; 2Kö 18,17.
25 Vgl. D. J. Wiseman, Rabsaris, in: New Bible Dictionary, S. 997b. Vgl. auch T. K. Cheyne, Rab-Saris, in: Encyclopaedia,
Vol. IV, Sp. 4000f.
26 Vgl. D. J. Wiseman, Rabsaris, in: New Bible Dictionary, S. 997b. „Chief oficial“.
27 Ebd.
28 Vgl. D. J. Wiseman, Tartan, in: New Bible Dictionary, S. 1154b. Ausführlicher: C. H. W. Johns, Tartan, in: Encyclopaedia
Biblica, Vol. IV, Sp. 4903.
29 Vgl. D. J. Wiseman, Tartan, in: New Bible Dictionary, S. 1154b.
30 Ebd.

DIAKRISIS 1/2017 51
der an der Straße bei dem Acker des Walkers spricht, zeigt er den Abstand in der Ranghöhe
liegt.“31 Von dort aus riefen sie nach Hiskia.32 an. Die Wortführerschaft des Rabschake
Dieser hielt jedoch lieber den gebotenen könnte allerdings auch ganz praktische
Sicherheitsabstand ein und schickte drei Gründe gehabt haben. Vielleicht war er der
seiner Kämmerer als Unterhändler: seinen Einzige der Würdenträger, der – hier eine pro-
Hofmeister, Eljakim, Sohn des Hilkija,33 den pagandistische Kernkompetenz – hebräisch
Schreiber Schebna und seinen Kanzler, Joach, sprach.37 Denn die Würdenträger Sanheribs
den Sohn Asafs.34 legten Wert darauf, dass die Verhandlungen
öffentlich stattfanden, um den Mut der
Wir verweilen bei den sechs Unterhändlern.
Belagerten zu brechen und sie zur Rebellion
Was wissen wir von ihnen? Nicht viel, aber
gegen Hiskia anzustiften.38 Wäre die Mission
einiges doch. Die Titel der Assyrier sind, wie
geglückt, so wäre sie ironischerweise nicht
bereits erläutert, vielfach nachgewiesen.
ganz ohne Beispiel gewesen. Hiskia selbst
Wortführer der assyrischen Asarjahu Sohn des Jehoah, hielt nämlich Padi, den König von
Delegation ist der Rabschake,35 Minister Hiskias. Ekron gefangen, der sich assyri-
obwohl er in der Rangfolge nach entreu zu verhalten gedacht hatte
dem Kommandanten der Armee, und dafür von seinen führenden
dem Tartan, steht. Er könnte
36
Leuten gestürzt und als Gefange-
gerade, weil er der Rangniedrigs- ner an Hiskia ausgeliefert worden
te ist, mit den Gesandten Hiskias war, der ihn inhaftierte.39
verhandeln. Dadurch wird die
Delegation Hiskias nicht überbe- Noch interessanter sind die
wertet: Indem der rangniedrigste Personen auf Seiten der Hiskia-
Foto: Mit freundlicher
Vertreter Sanheribs mit den Genehmigung. © R. Wiskin Delegation. Zwar haben wir vom
Dienern (Ministern) Hiskias u. Peter van der Veen. Hofmeister, Eljakim, und Joach

31 Vgl. 2Kö 18,17; Jes 36,2.


32 Vgl. 2Kö 18,18.
33 Von einem anderen Sohn Hilkijas, Jehozera, auch er ein Beamter Hiskias, fand man den Abdruck seines Siegels. Vgl. A.
R. Millard, Schätze aus biblischer Zeit. Ihre Entdeckung – ihre Bedeutung, Gießen 41994, S. 126.
34 Vgl. 2Kö 18,18; Jes 36,3.
35 Vgl. 2Kö 18,19.27f.; Jes 36,4.12f.
36 Vgl. D. J. Wiseman, Rabshake, in: New Bible Dictionary, S. 998a.
37 Fremdsprachenkenntnisse unter den hochrangigen Ministern der assyrischen Könige waren keine Seltenheit. Immerhin
gab es nach vielen Feldzügen breite Umsiedelungsprogramme und für Mitglieder der Oberschicht eroberter Gebiete
und deren Nachkommenschaft erhebliche Aufstiegsmöglichkeiten. Man denke nur an die Karriere des Daniel und seiner
Freunde. Die Vorgänger Sanheribs hatten zahlreiche Israeliten deportiert. Interessante Details zu diesen Punkt liefert
auch S. Dalley, The Identity of the Princesses in Tomb II and a new Analysis of Events in 701 BC, in: New Light on Nim-
rud – Proceedings of the Nimrud Conference 11th–13th March 2002, hgg. von J.E. Curtis, H. McCall, D. Collon and L.
al-Gailani Werr, London 2008, S. 171–175. Diesen wertvollen Hinweis verdanke ich Peter van der Veen.
38 Vgl. 2Kö 18,26ff.; Jes 36,11ff.
39 Sanherib berichtet diesen Vorgang und dass Hiskia ihn nach seiner Unterwerfung freilassen musste. Die Aufständischen
wurden von Sanherib bestraft (hingerichtet oder deportiert) und Padi wieder in sein Amt eingesetzt. Zusätzlich erhielt
er Teile Judas als Lehen Sanheribs. Vgl. Chicago-Taylor-Prisma nach: M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 332f.

52 DIAKRISIS 1/2017
dem Kanzler, keine direkten archäologi- Der Dritte im Bunde, Schebna, der Schrei-
schen Zeugnisse, aber dafür von diversen ber, hat eine interessante „Karriere“ hinter
Verwandten. So sich. Schebna war
fand man einen Jehozerah ben Hilqiyahu eved Hiskiyahu nämlich nicht immer
Siegelabdruck von Schreiber gewesen –
Joachs Sohn auf einer im Übrigen auch ein

Mit freundlicher Genehmigung.


Tonbulle, mit der In- herausgehobenes
schrift: „Gehört dem Hofamt – sondern
Azaryahu [Asarja] – selbst Hofmeister,

© Robert Deutsch
Sohn des Yehoah und damit der
[Joach] – Diener des zweite Mann43 nach
Hizqiyahu [Hiskia]“ .
40
Hiskia. Wie gesagt:
Auch von Eljakim gewesen! Offenbar
haben wir ein indirektes Zeugnis, da vom war ihm dieses Amt zu Kopf gestiegen und
Siegel seines Bruders Jehozera ebenfalls ein er überhob sich. Sein Hochmut wird sichtbar
Siegelabdruck bekannt41 ist, der den Eigen- an seiner herausgehobenen Grabstätte,44
tümer des Siegels als Yehozera, den Sohn die er sich errichten ließ. Durch seinen
des Hilkija, Diener des Hiskia, ausweist. 42
Hochmut45 erregt er den Zorn Gottes,
Türsturz des vermutlichen Schebna-Grabes.

Foto: Peter van der Veen –


With courtesy of the Trustees of the British Museum.

40 Vgl. R. Deutsch, Messages from the past – Hebrew bullae from the times of Isaiah through the destruction of the irst
temple, Tel Aviv 1999, S. 64–66.
41 Von Jehozera, auch er ein Beamter Hiskias, fand sich der Abdruck seines Siegels. Vgl. A. R. Millard, Schätze, S. 126.
42 Vgl. P. van der Veen, Two / too little known bullae: some preliminary notes, in: R. Deutsch, Shlomo; Studies in Epigra-
phy, Iconography, History and Archaeology in Honor of Shlomo Moussaieff, Tel Aviv 2003, S. 243–250.
43 Vgl. https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/schebna-scheban-
ja/ch/6038f79e3170f08ac6b19a8a5446bb44/ [Stand: 09.03.2017].
44 Jes 22,16.
45 Während viele Exegeten einen Grund hinter dem in der Bibel genannten Grund, dem Bau des exponierten Grabmals,
suchen, verteidigt Chr. B. Hays die im Jesaja-Buch gegeben Informationen als hinreichend. Er führt dafür eine Reihe von
Belegen an, die in die Bereiche Hochmut und falscher Kult gehören und gut in die ägyptophile Landschaft der Hiskia-
Administration passen. Vgl. Chr. B. Hays, Re-Excavating Shebna’s Tomb: A New Reading of Isa 22,15–19 in its Ancient
Near Eastern Context, in: Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft (ZAW), hgg. von J. van Oorschot u. J. Chr.
Gertz, Band 122, Berlin 2010, S. 558–575.

DIAKRISIS 1/2017 53
Detailabb. des Türsturzes des evtl. Schebna-Grabes. Der rote Kreis umfasst die Buchstaben „…y[a]h[u]“.

Foto: Peter van der Veen – With courtesy of the


Trustees of the British Museum.
der ihm durch den Propheten Jesaja ein schickte sie an das British Museum, wo sie
Gerichtswort sagen und eine Degradierung noch heute ausgestellt ist.50 1953 hat der
ankündigen lässt.46 Eljakim soll an seiner berühmte israelische Epigraphiker Nahman
Stelle Hofmeister werden. Die von Jesaja in Avigad die unvollständig erhaltene Inschrift
Kapitel 2247 angekündigte „Kabinettsum- entziffert und ergänzt.51 Sie könnte lauten:
bildung“ ist in Kapitel 36/37 offensichtlich „Das ist die Grabstätte von [Schebna]yahu
bereits vollzogen.48 Eventuell haben wir des Haushofmeisters. Hier ist kein Silber
auch von Schebna ein archäologisches oder Gold, nur [seine Knochen] und mit
Zeugnis. ihnen die Knochen seiner Dienerin. Verlucht
sei der Mann, der dies öffnet!“ Für die
Robert Deutsch beschreibt den Fund einer Ergänzung spricht der Schrifttyp, der in die
wichtigen Inschrift, die sich auf Schebna be- Zeit Hiskias passt, ebenso wie die Informa-
ziehen könnte:49 1870 fand der französische tion über das Amt. Die Zuordnung ist also
Diplomat Charles Clermont-Ganneau auf durchaus möglich und sogar plausibel.
einem Fels mit Blick über das Kidrontal und
die Davidstadt ein teilweise zerstörtes Grab Doch es gibt auch Gegenargumente.
mit einer Inschrift. Diese konnte er nicht Letztlich ist vom Namen nur das theophore
entziffern. Er ließ sie herausschlagen und „yahu“ erhalten. Dies ist eine im Israel der

46 Vgl. Jes 22,15–21.


47 Jes 22,20.
48 Jes 36,3.22; 37,2. Ebenso 2Kö 18,18.37; 19,2.
49 Vgl. R. Deutsch, Tracking down Schebnayahu, Servant oft he King – How an Antiquities Market Find solved a 42-Year-
Old Excavation Puzzle, in: Biblical Archeological Review, Vol. 35, Nr. 3, May / June 2009, S. 45–49.67.
50 WA 125205.
51 Zwar ist vom Namen Schebnayahu nur die häuige, theophore Endung „yahu“ erhalten, dennoch dürfte es sich mit
höchster Wahrscheinlichkeit um Schebnayahus Grab handeln. Das höchste Staatsamt des Haushofmeisters wurde in
Juda nur mit einer Person besetzt. Da das Grab und seine Inschrift eindeutig aus der Hiskiazeit sind, bleibt kaum eine
andere Möglichkeit. Avigads Zuweisung kann daher als weitgehend allgemein akzeptiert gelten.
52 Vgl. R. Deutsch, Tracking down, S. 46.
53 Vgl. B. Edwards; C. Anderson, Through The British Museum with the Bible, Leominster 52015, S. 90.

54 DIAKRISIS 1/2017
Eisenzeit häuig vorkommende Namensen- denn dem Schebna unseres Textes gehör-
dung und beweist daher nichts. Im Gegen- te – nicht von seinem Besitzer benutzt, da
teil: im biblischen Text fehlt bei Schebna er nach Jesaja 22,18 im Exil sterben sollte.
die theophore, auf Jahwe hinweisende Heute ist das Grab in eine Wohnsiedlung
Endung. Auch dies muss nichts bedeuten, arabischer Israelis integriert und gleicht eher
da es teilweise zahlreiche gleichzeitig einer Müllhalde.
auftretende Schreibweisen für Namen gab.52
Die Zuordnung ist möglich, vielleicht sogar Die Akteure sind genannt. Im nächsten Teil
wahrscheinlich,53 bleibt aber spekulativ. wenden wir uns ihren Botschaften und deren
Wahrscheinlich wurde das Grab – wenn es Wirkung zu.

Vermutetes Grab des Schebna.


Foto: Mit freundlicher Genehmigung. © Peter van der Veen.

DIAKRISIS 1/2017 55
Biblische Archäologie
„Und der Herr erhörte Hiskia…“ –
Eine biblisch-archäologische Zusammenschau Teil V.
Andreas Späth

„Mit ihm ist ein fleischlicher Arm…“

Der Versuch Jerusalem einzunehmen, lassen3, aufhielt, ist der erste Punkt klar.
verläuft in drei Phasen. Zunächst findet die Adressat und Absender werden dargestellt:
öffentliche Verhandlung statt. Dieser folgen „Sagt doch dem Hiskia: So spricht der
ein Brief und die Belagerung. Letztere große König, der König von Assyrien“!4
erschöpft sich allerdings in einer kurzen, Die Bibel gibt in beiden Berichten die
eher unproduktiven Campingphase vor den assyrische Titulatur – nicht in der epischen
Mauern Jerusalems. und anlassbezogen wechselnden Breite

Betrachten wir die erste Phase, die Verhand- Abschnitt der sog. Breiten Mauer Hiskias.
© ‫ – בקעי‬Wikimedia CC BY-SA 3.0
lungen der Delegation Sanheribs mit der
Delegation Hiskias.
Naturgemäß ist es an den Assyrern, das Ge-
spräch zu eröffnen. Sie kommen als Eroberer
und stellen ihre Forderungen. Wortreich
begründen sie deren Unverhandelbarkeit.
Da der Rabschake Hiskia1 sprechen wollte,
der sich allerdings lieber innerhalb der
Mauern Jerusalems, die er zu diesem Zweck
noch einmal hatte erweitern2 und verstärken

1 Vgl. Jes 36,2.


2
„1969–1982 führte Nahman Avigad im Jüdischen Viertel
ausgedehnte Grabungen durch, deren Schwerpunkt vor
allem auf Befunden biblischer Perioden lag. Dabei stieß
er überraschend auf drei eisenzeitliche Stadtmauerstücke,
die zeigen, dass die Stadt unter Hiskia stark nach Westen
erweitert wurde.“ http://www.bibelwissenschaft.de/wibi-
lex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/
jerusalem-1/ch/e31b85d14f5ca197d942b996a9de18d4/
#h24, [Stand: 04.03.2017].
3
Vgl. Jes 22,9–10.
4
2Kö 18,19; Jes 36,4. Diese Formel wiederholt sich in der
Anrede an das Volk auf den Mauern Jerusalems. Vgl. 2Kö
18,28; Jes 36,13.

DIAKRISIS 2/2017 119


Schilfbank am Nil © Abbady – Fotolia.com.

120 DIAKRISIS 2/2017


DIAKRISIS 2/2017 121
der Detailformulierung, wie Sanherib sie Komplizen ist undenkbar. Dazu sind die
in seinen Annalen verwendet5 – aber Machtverhältnisse zu klar definiert. Wer sich
eben doch in der beständig verwendeten mit Assyrien anlegt, muss starke Verbündete
Kurzform, korrekt wieder und gleichzeitig haben. Der Verdacht der Selbstüberschät-
berichtet sie, wie die Gesandten Sanheribs zung steht ebenso im Raum wie ein Bündnis
Hiskia respektlos untituliert6 lassen7. Durch mit Ägypten. „Meinst du, bloße Worte seien
das Weglassen des Königstitels und ein ver- schon Rat und Macht zum Kämpfen? […]
gleichsweise respektloses „dem Hiskia“ wird Siehe, verlässt du dich auf diesen zerbroche-
der bereits vorhandene Abstand zwischen nen Rohrstab, auf Ägypten, der jedem, der
dem Großkönig und dem Vasallenkönig sich darauf stützt, in die Hand dringen und
zusätzlich vergrößert. Schon in der Anrede sie durchbohren wird? So ist der Pharao,
wird klar: Hier wird nicht einmal der Schein der König von Ägypten, für alle, die sich auf
einer Verhandlung auf Augenhöhe gewahrt. ihn verlassen.“9 Nun, beide Vermutungen
Jede Diplomatie ist hier gefallen. sind wohl nicht ganz falsch. Hiskia dürfte
in der Tat die Lage falsch eingeschätzt10
Der nächste Punkt ist die Einleitung der haben. Es hatte tatsächlich ein Bündnis
Anklage. „Auf wen vertraust du? Auf wen mit Ägypten11 gegeben – Jesaja hatte es
verlässt du dich denn, dass du von mir ab- deutlich kritisiert.12 Aber das hatte sich als
trünnig geworden bist?“8 Ein Aufstand ohne trügerisch erwiesen, insofern die alliierten
5
Vergleicht man z.B. die Selbstlobpreisungen am Anfang des Chicago-Prisma mit denen der Annalen, so fällt auf, dass
die Selbstlobpreisungen im Anfangsbereich wechseln. Es bleibt aber die Formel vom großen König, dem König Assyri-
ens und auch die Selbstlobpreisungen im Mittelteil, während das Ende wieder variiert. Chicago-Prisma: Sanherib, der
große König, der mächtige König, der König des Universums, der König von Assyrien, König der vier (Erd)teile, der weise
Herrscher (wörtl.: Hirte), Günstling der großen Götter, Hüter des Rechts, Liebhaber der Gerechtigkeit, usw. Annalen:
Sanherib, der große König, der mächtige König, der König von Assyrien, König ohnegleichen, andächtiger Herrscher,
Verehrer der großen Götter, Hüter des Rechts, Liebhaber der Gerechtigkeit, usw. Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals of
Sennacherib, S. 23 u. 48.
6
Der Luthertext (1984) gibt den Jesajatext korrekt wieder. Der Text in 2Kö ist indes falsch übersetzt. Das „dem König
(hamelek)“ vor „Hiskia“ fehlt im hebräischen Text! Die beleidigende Absicht kommt also in beiden Texten klar zum
Vorschein.
7
Delitzsch weist zu Recht daraufhin, dass es sich hier um den auf Denkmälern hinter Sargon und Sanherib stehenden
Königstitel handelt. Vgl. F. J. Delitzsch, Commentar über das Buch Jesaja, Leipzig 41889, S. 179 u. 371. Der große König
[…] der König von Assyrien. Šarru rabû […] šar Aššur. Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib, S. 23.
8
2Kö 18,19f.; Jes 36,4f.
9
2Kö 18,20f.; Jes 36,5f.
10
Etwas davon, dass Hiskia sich wohl schlecht hatte beraten lassen, scheint in Jes 22 durch.
11
Die Ägypter kamen immerhin über den Sinai Richtung Juda, um Sanherib anzugreifen. Sanherib berichtet stolz von
ihrer schmählichen Niederlage bei Eltheke. Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 332. Wo genau „die Flur von
Eltheke“ war, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Es gibt wohl zwei Theorien. Jedenfalls dürfte der Kampfplatz,
ebenso wie Ekron, westlich von Jerusalem gelegen haben. Vgl. T. C. Mitchell, Eltekeh, in: New Bible Dictionary, S. 315a.
Zudem hat Jesaja mehrfach Verschwörungen mit Ägypten kritisiert (etwa Jes 30,1–2.7; 31,1a), ebenso wie vorher die
Unterwerfung unter Assur (Jes 7). Denn allein Gott soll der Herr seines Volkes sein (Jes 8,13; 31,1b)!
12
Jes 31,1.
13
Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 332.
14
2Kö 18,22; Jes 36,7. Vgl. auch 2Chr 32,12.
15
2Kö 18,4.

122 DIAKRISIS 2/2017


Truppen der unterägyptischen Fürsten unter Altar, der in Jerusalem ist, sollt ihr anbe-
Führung des späteren Pharao Tarkenu völlig ten?“14 Den Assyrern wäre nicht im Traum
aufgerieben wurden und geflohen waren, eingefallen, ein Gott könne einen exklusiven
soweit sie nicht von Sanherib gefangen und Kult beanspruchen. Die Zerstörung der
zur Kriegsbeute gezählt wurden.13 Insofern Höhen und Altäre war in den Augen der
ist das Bild vom zerbrochenen Schilfrohr, Assyrer ein Sakrileg, für das der Gott Judas
das dem, der sich darauf stützt, die Hand sein Volk nur strafen könne. Dass Hiskia im
durchbohrt, geradezu trefflich gewählt – Gegensatz zur assyrischen Interpretation
auch angesichts des Schilfreichtums in dieses Vorganges eine echte – im positiven
Nildelta. Sinne – Reformation durchgeführt haben
könnte, war ein abwegiger Gedanke. We-
Der dritte Verdacht indes zeigt ein zwei- niger Altäre bedeuten in assyrischer Logik
faches schwerwiegendes Missverständnis weniger Verehrung und weniger Opfer, was
auf Seiten der Assyrer, das sie den Sieg weniger Unterstützung durch Gott zur Folge
kosten wird: „Oder wollt ihr zu mir sagen: haben muß. Eine assyrische Gleichung,
Wir verlassen uns auf den HERRN, unsern die – wir werden es sehen – nicht aufging.
Gott! Ist er es denn nicht, dessen Höhen Zudem waren es zahlreiche Altäre fremder
und Altäre Hiskia entfernt und zu Juda und Götter, die Hiskia hatte schleifen lassen.15
zu Jerusalem gesagt hat: Nur vor diesem

Relief aus dem Palst Sargon II. in Khorsabad.

DIAKRISIS 2/2017 123


Nach Gruß und Anamnese beginnt die die eingetretene Situation gesehen. Die
Demoralisierungskampagne. Alle drei Überheblichkeit des jüdischen Volkes, Gott
Bereiche der unterstellten Fehleinschätzung nicht Herr sein zu lassen, sondern sich frem-
Hiskias, seine vermeintliche eigene Stärke, den Göttern oder Oberherren als Vasallen
militärische Verbündete, selbst Gott, anzuschmiegen, rief den Zorn Gottes auf
werden in die spöttische Argumentation den Plan.21 Eben denselben Fehler begehen
einbezogen. Zunächst wird Hiskia öffentlich nun die Assyrer. Sie laufen aus der Spur, die
gedemütigt, ihm die aussichtslose Lage vor Gott ihnen gezogen hatte, und meinten, es
Augen geführt, indem Sanherib eine Wette16 selber durch ihrer „Hände Kraft“22 ausge-
anbieten lässt: „Ich will dir zweitausend richtet zu haben. Weit gefehlt! Der Schwanz
Rosse geben, ob du Reiter dazu stellen wedelt nicht mit dem Hund, oder biblisch
kannst?“17 gesprochen: „Vermag sich auch eine Axt
zu rühmen wider den, der damit haut?“23
Dann wird ihm gesagt, dass er auch nicht den Ja, Sanherib kommt auf das Geheiß Gottes,
„geringsten“ von Sanheribs „Untertanen“ doch das „Strafwerkzeug“24 macht sich
zurückschlagen könne und die Hoffnung auf vom „Mittel zum Selbstzweck“25 und wird
die Streitwägen der Ägypter trügerisch sei.18 verworfen.26 Doch noch ist es nicht so weit.
Noch ist Sanherib Herr der Lage und seine
Der schlimmste Schlag kommt zuletzt:
Worte lassen das judäische Establishment
Sanherib behauptet dreist, der Herr, Jahwe,
erbeben.
der Gott Hiskias selbst, habe ihm geboten
heraufzuziehen und Juda zu verheeren.19 Welch eine Rede! Und welch eine nieder-
Und was soll man sagen? Er hatte ja Recht! schmetternde Botschaft! Die jüdischen
Kein geringerer als Jesaja selbst hatte Unterhändler werden nervös. Nicht nur,
im Namen des Herrn geweissagt, dass dass die Aussichten lausig sind, nein,
Assur die Zuchtrute gegen sein Volk sein auch in Jerusalem könnten die Uhren bald
würde.20 Allerdings hatte er dabei genau „Meuterei“ anzeigen. Denn das Volk steht

16
2Kö 18,23; Jes 36,8.
17
Ebd.
18
2Kö 18,24; Jes 36,9.
19
2Kö 18,25; Jes 36,10.
20
Jes 10,5.
21
Vgl. F. J. Delitzsch, Commentar, S. 178f.
22
Jes 10,13.
23
Jes 10,15.
24
Vgl. F. J. Delitzsch, Commentar, S. 179.
25
Ebd.
26
Vgl. Jes 10,5–19; 14,24–27; 30,27–33; 31,8–9. Ebenso wird es (Jes 13–14,23; 21,1–10; 47) dem Rechtsnachfolger
Assurs, Babel, ergehen. Denn Gott spricht: „Siehe, ich will die Meder gegen sie erwecken.“ Jes 13,17a.
27
Vgl. W. J. Martin; K. A. Kitchen, Language of the Old Testament, II. Aramaic, in: New Bible Dictionary, S. 668a. De-
litzsch weist darauf hin, dass das Ämterverzeichnis aus der Bibliothek des Assurbanipals zwei Schreiber der königlichen
Kanzlei unterscheidet. Der eine Schreiber war für assyrische, der zweite für aramäische Texte zuständig. Vgl. F. J.
Delitzsch, Commentar über das Buch Jesaja, Leipzig 41889, S. 372.

124 DIAKRISIS 2/2017


© Fae – Wikimedia CC BY-SA 3.0.
auf den Mauern und hört interessiert
zu. Und es versteht jedes Wort!
Entgegen der Gepflogenheit wurde
die Rede nicht in (reichs)aramäischer
Sprache, der Sprache der Händler
und Diplomaten,27 gehalten, sondern
auf Hebräisch. Die Minister Hiskias
befürchten Schlimmstes für die
Moral der Bevölkerung. „Rede mit
deinen Knechten aramäisch, denn
wir verstehen‘s, und rede nicht mit
uns hebräisch vor den Ohren des
Volks, das auf der Mauer ist.“28 Die
Aufforderung verhallt unbefolgt. Die
Rede öffentlichkeitswirksam und auf
Hebräisch zu halten war keineswegs
ein Versehen und nur am Rande ein
diplomatischer Affront, sondern ein
Akt psychologischer Kriegsführung.
Es war aber nur der harmlosere
Teil des Aktes. Was bisher nur ein
verdeckter Aufruf zur Desertion
war, wird nun zur direkten Rede an
das Volk Jerusalems umgewidmet. Keilschrifttafel mit Synonymliste aus der Bibliothek Assurbanipals.
Entgegen der diplomatischen Neuassyrische Periode (934-608 v. Chr.). BM K.4375
Höflichkeitsfloskel: „Mein König
schickt mich zu deinem König, um denn mein Herr zu deinem Herrn oder zu
ihm sagen zu lassen …“, kommt nun der dir gesandt, dass ich solche Worte rede,
wahre Teil der Mission zum Vorschein. Der und nicht vielmehr zu den Männern, die
zunächst vorgebliche Zweck der Mission, auf der Mauer sitzen, dass sie mit euch
das Gespräch mit Hiskia29, wird nun ihren eigenen Mist fressen und ihren Harn
schlagartig dreist geleugnet: „Hat mich saufen?“30 So stellt man sich – methodisch
28
2Kö 18,56; Jes 36,11. Vgl. auch 2Chr 32,18.
29
Jes 36,4; 2Kö 18,18f.
30
2Kö 18,27; Jes 36,12. Luther übersetzt den Jesajatext: „Da sprach der Rabschake: Meinst du, dass mein Herr mich nur
zu […]“ Es gibt zwar zwischen Jesaja und 2Könige drei Abweichungen. Diese beziehen sich aber nur auf andere Worte
für Exkremente, einen anderen Ausdruck für „mich zu“ und „zu“. Das „nur“ findet sich nicht im hebräischen Text.
Insofern stimmen die Varianten – anders, als der Luthertext vermuten lässt – in ihrer Aussage völlig überein. In assyri-
schen Schriften kommt als Fluch über abtrünnige Vasallen das Trinken von „Esels-Urin“ gelegentlich vor. Natürlich geht
es hier um das Aushungern einer befestigten Stadt. Dass man sich allerdings nicht scheute, Drohungen mit Beispielen
aus dem Fäkalbereich zu unterstreichen, ist keineswegs singulär. Vgl. die Vasallenverträge Asarhaddons mit medischen
Fürsten, TUAT.AF I/2, S. 172.

DIAKRISIS 2/2017 125


und inhaltlich – Gesprächsangebote von nicht retten könne.36 Fast schmeichlerisch
Mafiaschlägern vor, was ja auch nicht so kommt nun der Zucker: „Denn so spricht
weit vom Kern der Sache entfernt liegt. Im der König von Assyrien: Schließt Freund-
Grunde war das assyrische Geschäftsmodell schaft mit mir und kommt zu mir heraus, so
eine Art Schutzgelderpressung im großen soll jedermann von seinem Weinstock und
Stil. Die Chronik kaschiert in der Zusammen- seinem Feigenbaum essen und von seinem
fassung der Ereignisse, den Sinn erhaltend, Brunnen trinken.“37 Leib und Leben der
die Fäkalsprache vornehm. „Hunger und Bürger sollen geschont werden.38 Doch wie
Durst“31 werden die Jerusalemer gemäß der das bei Freundschaften zu Schutzgelderpres-
assyrischen Drohung leiden, wenn sie auf sern ist, hat auch dieses „Angebot“ seinen
Hiskia hören. (deutlich überhöhten) Preis. Weinstock
und Feigenbaum bleiben den Jerusalemern
Und nun richtet der Rabschake – er
natürlich nur, „bis ich komme und euch hole
rückt zu diesem Zweck etwas von der
in ein Land, das eurem Lande gleich ist,
Delegation ab – seinen flammenden
darin Korn, Wein, Brot, Weinberge, Ölbäu-
Appell in hebräischer Sprache direkt an die
me und Honig sind“39, sprich bis zu der, bei
Zaungäste.32 Seine Rede hat den üblichen
den Assyrern seit Tiglat-Pileser III. üblichen
Charme volkspädagogischer Ansprachen.
Deportation.40
Im Wechsel von Zuckerbrot und Peitsche
macht er den Jerusalemern „ein Angebot, Was nun folgt, ist eine Aufzählung einiger
dass sie nicht ablehnen können.“33 Die Länder,41 deren Götter es nicht vermocht
Argumentation ist kunstvoll aufgebaut. Auf haben, vor Sanherib zu schützen. Aparter-
den Lobpreis der Größe Sanheribs34 folgt die weise werden nun auch Samaria und seine
Beschreibung der Ohnmacht Hiskias,35 der „Götter“42 genannt. In der Tat, die Götter,
betrügt, vertröstet, in die Irre führt, wenn auf die man sich – dem Herrn abtrünnig
er dazu auffordert, dem Herrn zu vertrauen. geworden – in Samaria verließ, hatten nicht
Und es folgt der Hinweis, dass auch Gott geholfen.43 Der Schluss, dass dann auch
31
2Chr 32,11.
32
Jes 36,13; 2Kö 18,28. Vgl. auch 2Chr 32,18.
33
„I’m going to make him an offer he can’t refuse.” Es handelt sich um den sprichwörtlich gewordenen Satz aus dem
Mafiafilm „Der Pate“, mit dem eine mit Gewaltandrohung verbundene Erpressung eingeleitet wird.
34
2Kö 18,28; Jes 36,13.
35
2Kö 18,29; Jes 36,14.
36
2Kö 18,30.32; Jes 36,15.18.
37
2Kö 18,31; Jes 36,16.
38
2Kö 18,32.
39
2Kö 18,32; Jes 36,17.
40
Vgl. J. K. Hoffmeier, Die antike Welt der Bibel, S. 104.
41
2Kö 18,33–35; Jes 36,18–20. Etwas allgemeiner formuliert 2Chr 32,13–15.19. Hier klingt in Vers 19 das entscheidende
Gegenargument an. Kein Wunder, dass die Götter nicht halfen, waren sie ja nur Werke menschlicher Hände – nicht
vergleichbar mit dem lebendigen Gott.
42
2Kö 18,34b; Jes 36,19.
43
Schon der Prophet Micha aus Moreschet hatte die Zerstörung der samaritanischen Götzen angekündigt. Micha 1,7.
44
2Kö 18,35b; Jes 36,20b.

126 DIAKRISIS 2/2017


der HERR Jerusalem nicht

© Hanay – Wikimedia CC BY-SA 3.0.


werde retten können,44
sollte sich allerdings als
Trugschluss erweisen.
Das Volk indes bleibt
Hiskia gehorsam. Mit dem
Rabschake sollte es nicht
reden und so schweigt es
still.45 Erstaunlicherweise
bleibt das sonst von den
Propheten hart kritisierte
Volk seinem Entschluss
treu. Denn schon vor dem
Eintreffen der Delegation
Sanheribs hatte Hiskia
das Volk beschworen,
Gott zu vertrauen. Er
sammelte seine Offiziere
und offenbar auch das Volk
auf dem Platz hinter dem
Tor „und redete ihnen zu
Herzen und sprach: Seid
getrost und unverzagt,
fürchtet euch nicht und
verzagt nicht vor dem
König von Assur noch vor
dem ganzen Heer, das bei
ihm ist; denn mit uns ist
ein Größerer als mit ihm.
Mit ihm ist ein fleischlicher
Arm, mit uns aber ist der
HERR, unser Gott, dass er
uns helfe und führe unsern
Streit. Und das Volk verließ
sich auf die Worte Hiskias,
des Königs von Juda.“46
Jerusalemprisma mit den Annalen Sanheribs

45
2Kö 18,36; Jes 36,21.
46
2Chr 32,6–8.

DIAKRISIS 2/2017 127


All die Propaganda, die Einschüchterungs- Vor Zorn hatten sie ihre Gewänder zerris-
versuche und die demonstrative Stärke sen. Sie sollten nicht die Einzigen bleiben.
der aufmarschierten Truppen Sanheribs
Als Hiskia ihren Bericht hörte, zerriss auch er
bewirkten nichts.
seine Kleider49 und legte Trauergewänder50 an.
Die Unterhändler Hiskias allerdings stürmen So gerüstet macht er sich auf den Weg in den
nach der Rede Rabschakes47 wutschnau- Tempel.51 Seine Minister und die „Ältesten
bend ob der Ungeheuerlichkeit zurück in der Priester“ aber schickt er – im Trauerge-
den Palast, um Hiskia Bericht zu erstatten.48 wand52 – mit der Bitte um Fürbitte zu Jesaja.53

47
Sie kommen mit „zerrissenen Gewändern“. Das zerreißen des Gewandes war Ausdruck höchster Erregung / Trauer.
48
2Kö 18,37; Jes 36,22.
49
Vgl. 2Kö 19,1; Jes 37,1.
50
Luther übersetzt angemessen dramatisch mit „Sack“.
51
2Kö 19,1; Jes 37,1.
52
Vgl. D. Kidner, Jesaja, in: D. Guthrie; J. A. Motyer (Hrsg.), Kommentar zur Bibel – AT und NT in einem Band, Wuppertal –
Zürich 1992, S. 745a.
53
2Kö 19,2.4b; Jes 37,2.4b.

In eigener Sache
Liebe Leser,
Die Anfänge der Bekennenden Gemeinschaften wie „Kirchliche Sammlung um Bibel und
Bekenntnis“ liegen in den sechziger Jahren, also vor 50 Jahren. Die aktuellen Anlässe lagen
schon damals in dem Einbruch des Zeitgeistes in Theologie und Kirche, verbunden mit der
Politisierung der Kirche und ihrer Anfälligkeit gegenüber Ideologien. Die Grundlagen des Glau-
bens und des biblischen Zeugnisses wurden in Frage gestellt. Aus dieser Bekenntnisbewegung
entstand später die „Konferenz Bekennender Gemeinschaften“ (KBG, ein Zusammenschluss
Bekennender Gemeinschaften auf Bundesebene) und später unsere „Internationale Konferenz
Bekennender Gemeinschaften“ (IKBG).
Die Notwendigkeit der IKBG und anderer Bekenntnisgruppen ist leider nach wie vor hoch
aktuell. Das Bewusstsein für eine schrift- und bekenntnistreue Kirche ist schwächer, obwohl
sich die Kirchenkrise verschärft hat. Wir wollen uns nicht entmutigen lassen, sondern in
diesem „Kirchenkampf“ treue und mutige Glaubenszeugen Jesu Christi sein. In den zentralen
Glaubensfragen fühlen wir uns international einer christozentrischen Bekenntnisökumene
verbunden.

128 DIAKRISIS 2/2017


Biblische Archäologie
„Und der Herr erhörte Hiskia …“ –
Eine biblisch-archäologische Zusammenschau Teil VI.
Andreas Späth

„…mit uns aber ist der HERR, unser Gott, dass er uns helfe und führe unseren
Streit.“
Was nun folgt ist mehr als ein interessantes wenn auch nicht mit der Schärfe, wie er
Beispiel, wie ein König sich in einer die Bündnisse mit Assur6 und Babylon7
unerfreulichen Lage, die er selbst – offenbar kritisierte: Jesaja. Es sei – bevor Jesaja zu
gegen den Rat der Propheten – verursacht seinem Recht kommt – erlaubt einzufügen,
hat, verhält. Es hat hohe geistliche Qualität, dass auch Micha aus Moreschet hart gegen
weil sich nicht wenige Könige ganz anders Juda und Israel predigte.8 Unter „Jotam,
verhielten. Hiskia wendet sich nun im Ahas und Hiskia“ hat er „geschaut“ über
Unglück nicht von Gott ab. Er wendet sich „Samaria und Jerusalem“.9 Die Korruption
auch nicht anderen Göttern zu. Er be- der Oberen und des Klerus hat er ange-
schimpft nicht die Propheten als Unglücks- prangert,10 das dem-Volk-nach-dem-Munde-
bringer, wie etwa Ahab es tat1, oder lässt Reden, das Rechtfertigen der Sünde11 statt
gar einen Propheten ermorden wie Jojakim.2 des Sünders – so könnte man heute sagen.
Er versucht nicht, die Verantwortung von Die Sünden der Oberschicht verschwieg er
sich zu schieben, und meidet nicht mit nicht und musste mit anderen Propheten
schlechtem Gewissen die Gottesmänner wie manches an Widerstand ertragen. „‚Geifert
Jerobeam I. es getan hatte.3 Im Gegenteil. nicht!‘, so geifern sie. ‚Solches soll man
Er sucht die Nähe des prominentesten nicht predigen! Wir werden nicht so
Gottesmannes seiner Zeit – der einst seinen zuschanden werden!‘“12 Doch eines ist
Vater vor dem Bündnis mit Assyrien gewarnt bemerkenswert. Der Widerstand gegen die
hatte4 und der immer wieder die proägyp- Propheten geht hier nicht vom König aus.
tische Partei am Hofe Hiskias brüskierte,5 Jeremia wird einst nach seiner berühmten
1 Kö 18,17.
2 Jer 26,20–23.
3 1Kö 14,1–17.
4 Jes 7.
5 Jes 30,1–7.
6 Jes 7.
7 Jes 39.
8 Mi 1,2–7.
9 Mi 1,1.
10 Mi 3,11.
11 Mi 2,11.
12 Mi 2,6.
13 Jer 26,1–7.

DIAKRISIS 3/2017 179


Tempelrede13 aus bedrängter Lage gerettet. und mit den Oberen des Königs spricht es
Die Priester und (falschen) Propheten, sowie Jeremia frei.17 Als Präzedenzfall schildern
das Volk zerren ihn ins Tor, um Gericht zu einige der Ältesten dem Volk das Verhältnis
halten. Ihre Forderung ist die Todesstrafe.14 von Micha und Hiskia: „Zur Zeit Hiskias, des
Die Oberen jedoch verwenden sich für Königs von Juda, war ein Prophet, Micha
Jeremia.15 Das Volk wechselt die Fronten,16 von Moreschet; der sprach zum ganzen

14 Jer 26,8.11.
15 Jer 26,16. Offenbar hatte Jeremia am Hof Freunde (Jer 26,24). Seinem Amtsbruder Uriah erging es weniger gut. Den
gab der Hof preis und der König ließ ihn töten (Jer 26,20–23).
16 Jer 26,16.

180 DIAKRISIS 3/2017


Volk Juda: ‚So spricht der HERR Zebaoth: deswegen töten? Fürchtete er nicht vielmehr
Zion wird wie ein Acker gepflügt werden, den HERRN und flehte zu ihm?“18 Genau an
und Jerusalem wird zu Steinhaufen werden diesem Punkt stehen wir. Hiskia lässt die
und der Berg des Tempels zu einer Höhe Propheten nicht töten. Er zieht die Ge-
wilden Gestrüpps.‘ Ließ ihn denn Hiskia, wänder der Buße an19 und sucht ihre Nähe.
der König von Juda, und das ganze Juda Während Hiskia sich direkt in den Tempel

Stadttor mit Gerichtssitz in Tell Dan. © Andreas Späth.

17 Ebd.
18 Jer 26,18f.
19 2Kö 19,1.

DIAKRISIS 3/2017 181


begibt, um selbst vor den Herrn zu treten, kann das doch nicht stehenbleiben. Bete26
schickt er, wie gesagt, die Oberen seines zu deinem Gott, lässt Hiskia ausrichten, für
Hofes und die Ältesten der Priester – glaubt die Übriggebliebenen27 in Jerusalem.
man den Propheten, dann aus gutem Grund
Die Abgesandten Hiskias erhalten tatsächlich
im Büßergewand – zu Jesaja,20 um Für-
eine tröstende Antwort. Er soll sich nicht vor
bitte21 zu erflehen.
den Lästerworten der Abgesandten Sanheribs
fürchten, lässt Jesaja als Wort des Herrn
Die Botschaft des Königs an Jesaja ist eine
ausrichten.28 Einen Geist will Gott über ihn
demütige Schilderung der Lage mit einem
bringen, eine Offenheit für ein Gerücht, das
drastischen Bild der Verzweiflung, einem
er hören und dem er folgen wird, ein Gerücht,
Bild, das Leben verheißt und doch den Tod
dass ihn veranlassen wird, schnell in sein
bringt: „Das ist ein Tag der Not, der Strafe
Land zurückzukehren.29 Dort soll er durch das
und der Schmach – wie wenn Kinder eben
Schwert umkommen.30
geboren werden sollen, aber die Kraft fehlt,
sie zu gebären.“22 So lässt König Hiskia Während man in Jerusalem die Nähe des
vorsichtig fragen, ob nicht sein – Jesajas23 – Herrn und den Mund seines Propheten
Gott die Worte der Lästerung des Rabscha- sucht, zieht es auch die Boten des Königs
ke gehört habe, ob nicht der lebendige von Assyrien in die Nähe ihres Herrn. Der
Gott24 strafend eingreifen will?25 Das kann war inzwischen von Lachisch nach Libna
Gott sich doch nicht so sagen lassen? So gezogen.31 Nun hatte er vernommen, dass

20 2Kö 19,2.
21 2Kö 19,4b.
22 2Kö 19,3.
23 2Kö 19,4. Es ist auffallend: nicht er, der gesalbte König des Herrn tut Fürbitte für das Volk; nicht den Obersten und
Priestern – mitschuldig allesamt glaubt man den Propheten Micha und Hosea – traut er zu ein vollmächtiges Gebet
zu sprechen. Allein der Prophet kann in den Riss treten, ein Zeichen der Rettung erflehen. Zu dieser Situation passt
die Übersetzung Luthers gut. Welch ein erschütterndes Zeichen der Buße. Wie ein Kind, sich tiefster Schuld bewusst,
die Mutter bittet, die Vergebungsbereitschaft des Vaters zu erloten, lässt Hiskia Jesaja bitten. „Dein Gott!“ Hiskia
wagt es in seiner Zerknirschung nicht einmal mehr von „unserem“, geschweige denn „seinem“ Gott zu sprechen. Das
würde passen. Es könnte so gewesen sein. Für wahrscheinlicher halte ich eine andere Übersetzungsvariante. Der im
hebräischen angegebene Begriff kann auch Gott bezeichnen im Sinne von „wahrem“, von „höchstem“, ja eben schlicht
„dem“ Gott. Dies scheint mir angesichts der Lästerrede Rabschakes und der Tatsache, dass Hiskia sich nicht verkriecht,
sondern sich gleich zum Hause des Herrn aufmacht (vgl. auch 2Kö 19,14–19 u. 2Chr 32,20), angemessener.
24 Die Götter der Assyrier, die anderen Götter sind doch „Nichtse“, aus Holz, Lehm und Stein, aus Silber Gold und Fayence
gemachte, selbst erdachte Götzen. Nichts als tote Materie. Welch ein Gegensatz! Allein die Formel „der lebendige
Gott“ ist eine Scheidung zur heidnischen Welt hin, wie sie schärfer kaum formuliert werden kann.
25 2Kö 19,4.
26 Ebd.
27 Ebd.
28 2Kö 19,6.
29 2Kö 19,7.
30 Ebd.
31 2Kö 19,8.
32 2Kö 19,9.
33 Ebd.

182 DIAKRISIS 3/2017


Tirhaka32 der Schlacht mit den Assyrern ist er nur
„der ein (wenig ruhmreicher) Feldherr.37 König
König von ist zu dieser Zeit sein Bruder Schabataka
Kusch“33 (Schebitku).38 Dieser hatte gleich nach der
auf dem Machtübernahme nach dem Tode seines
Weg sei, Onkels Schabaka ihn und weitere Brüder
seine aus Nubien nach Theben befohlen.39
Bündnisver- Begleitet wurden sie von ihren Truppen.40
pflichtung König wurde Tirhaka erst 690 v. Chr.41 Auf-
zu erfüllen fallend ist hier allerdings, dass er nicht als
und das König von Ägypten, sondern als König von
assyrische Kusch tituliert wird. In der Tat kommt seine
Heer anzu- Dynastie aus Kusch, dem heutigen Sudan.
greifen.34
Offenbar Die Kuschiten / Nubier hatten langfristig
vereinigte unter ägyptischer Verwaltung gestanden
Ushabti für Pharao Tirhaka. © David Liam Moran CC BY-SA 3.0.

er seine und waren dadurch kulturell sowie religiös


Armeen zwischenzeitlich stark ägyptisiert. In den
nun wieder, Wirren der Dritten Zwischenzeit hatte sich
um es mit eine kuschitische Familie zur 25. Dynastie
Tirhaka aufgeschwungen und in weiten Teilen Ägyp-
aufnehmen tens die Herrschaft übernommen. Nubien
zu kön- war lange Zeit unter ägyptischer Kontrolle,
nen.35 Es und die leitenden Beamten, die „Aufseher
handelt sich der südlichen Länder“, führten von der
bei Tirhaka 18. bis zur 20. Dynastie den Titel eines
um den Vizekönigs bzw. Königssohnes von Kusch.42
späteren In der 21. Dynastie trägt die Tochter von
Pharao Pharao Smendes den Titel.43 Insofern wäre
Taharka.36 die Titulatur erklärbar. Allerdings war der
Zur Zeit Titel unter den kuschitischen Pharaonen der
34 Ebd.
35 Vgl. K. A. Kitchen, The Third, S. 385.
36 Vgl. ebd., S. 387.
37 Vgl. ebd., S. 386.
38 Vgl. ebd., S. 384.
39 Vgl. ebd.
40 Vgl. ebd.
41 Vgl. ebd. S. 387.
42 Vgl. L. Habachi, Königssohn von Kusch, in: W. Helck; W. Westendorf (Hrsg.): Lexikon der Ägyptologie. Band 3, Wies-
baden 1980, Sp. 630. Vgl. auch H. Schlögl, Das alte Ägypten, S. 189.
43 Ebd., Sp. 635.

DIAKRISIS 3/2017 183


25. Dynastie – derer Taharka / Tirhaka der wird, sondern als König von Kusch. Dieser
fünfte werden sollte – obsolet und längst Titel ist eindeutig und unumstritten. Es
abgeschafft. Die kuschitischen Pharaonen gibt nur einen König von Kusch: Tirhaka.
herrschen teilweise sogar von Kusch aus In Ägypten herrschen jedoch in den Wirren
gleichzeitig als Könige von Ägypten und als der Dritten Zwischenzeit immer wieder in
Könige von Kusch.44 verschiedenen Landesteilen verschiedene
Dynastien teilweise parallel. So auch hier.
Die nicht selten zu hörende Behauptung,
Während Tirhaka eindeutig Alleinherrscher
es handle sich hier bei der Benennung
von Kusch ist, ist er in Ägypten nur einer
Tirhakas als König von Kusch um einen
von mehreren Königen. Zwar wurde er
Anachronismus, ist wenig überzeugend.
in Memphis gekrönt und beherrschte
Die historische Präzision der Königs- und
mit Memphis und Theben weite Teile
Prophetenbücher ist so verblüffend, und
Unterägyptens und Oberägypten, und doch
die Verbindung in dieser Zeit zu Ägypten
herrschten parallel zu seiner Regierungszeit
so eng, dass ein solcher Fehler äußerst
von 690 – 664 v. Chr. in Sais Mitglieder
unwahrscheinlich ist. Der große Experte
der Proto-Saitischen Dynastie, nämlich von
der Ägyptologie für die Dritte Zwischenzeit,
695–688 v. Chr. Stephinates, von 688–672
Kenneth Kitchen, schlägt eine plausible
v. Chr. Nekauba und von 672–664 v. Chr.
Lösung für das Problem vor. Kitchen sagt,
Necho I.
man solle die Geschichte gründlich lesen.
Bis zum Ende – und zwar zum Ende von Natürlich war Ägypten bedeutender und der
Sanherib.45 Mehrfach wird in der Bibel der Verbündete Judas. Doch die 25. Dynastie kam
Tod Sanheribs beschrieben46 – wozu wir nun einmal ursprünglich aus Kusch, stellte
im Detail später kommen. Hier nur soviel: nach wie vor die Herrscher von Kusch, und
Sanherib stirbt 681 v.Chr.47 Die Schreiber sein Bruder und Vorgänger hatte ihn und
haben ihre Texte also – so Kitchen – erst seine Armee gleich nach seinem Herr-
nach 681 v. Chr. fertiggestellt. Zu dieser schaftsantritt 702 v. Chr. direkt aus Kusch
Zeit war Tirhaka schon seit neun Jahren nach Ägypten befohlen49 – um dem gerade
König von Ägypten und Kusch.48 Es fällt 20/21-Jährigen 701 den Marschbefehl gegen
allerdings, wie schon bemerkt, auf, dass Sanherib zu geben.50 Die uns vielleicht eigen-
Tirhaka nicht als König von Ägypten tituliert willig erscheinende Bezeichnung Tirhakas

44 Vgl. H. Schlögl, Das alte Ägypten, S. 334.


45 Vgl. K. A. Kitchen, The Third, S. 554.
46 2Kö 19,37 u. Jes 37,38.
47 Kitchen, S. 554.
48 Ebd.
49 Ebd., S. 383.
50 Ebd., S. 385.
51 So war Tirhakas Bauleiter „Monthemhet, der Bürgermeister der Stadt Theben und Statthalter der oberägyptischen
Region sowie vierter Amunsprophet […] zum mächtigsten Mann des Südens aufgestiegen.“ Obwohl sein Name nie in
eine Kartusche eingeschrieben wurde und erTirhaka immer treu ergeben war, nennen ihn assyrische Quellen „König
von Theben“. Vgl. H. Schlögl, Das alte Ägypten, S. 338.

184 DIAKRISIS 3/2017


als König von Kusch ist also passend
und nicht singulär.51 Auch Jesajas Pro-

Amarna Brief EA 362 von Rib Addi, König von Byblos an den Pharao. 14. Jhd. v. Chr. © Jastrow CC BY 2.5.
phezeiungen gegen die umliegenden
Länder nennen Ägypten und Kusch in
einem Atemzug.52
Doch das Scharmützel mit Tirhaka
lenkte Sanherib nicht von seinem
eigentlichen Ziel ab. Ein weiteres Mal
schickt er Boten zu Hiskia.53 Diesmal
überbringen sie zu der mündlichen
Botschaft einen Brief.54 Insgesamt
gibt es darin nicht viel Neues. Die
Botschaft richtet sich nicht mehr an
das Volk, sondern nur an Hiskia.
Nicht mehr das Volk soll sich nun von
Hiskia und seinem Glauben an Gott
nicht betrügen lassen, sondern Hiskia
wird aufgefordert: „Lass dich von dei-
nem Gott nicht betrügen, auf den du
dich verlässt und sprichst: Jerusalem
wird nicht in die Hand des Königs
von Assyrien gegeben werden.“55 In
der Aufzählung der besiegten Völker,
deren Götter nicht zu schützen
vermochten, wird nun wenig subtil
verdeutlicht, was widerspenstigen
Königen blüht. „Wo ist der König von Hamat, vorgelegt wurden, erhält Hiskia nur noch die
der König von Arpad und der König der Stadt Peitsche. Vom Vollstrecken des Bannes,57
Sefarwajim, von Hena und Awa?“56 Nachdem dem Hinschlachten der Besiegten, wird nun
dem Volk noch Zuckerbrot und Peitsche gesprochen.

52 Jes 11,11;20,3.4;43,3.
53 2Kö 19,9.
54 2Kö 19,14; 2Chr 32,17.
55 2Kö 19,10.
56 2Kö 19,13.
57 2Kö 19,11.

DIAKRISIS 3/2017 185


Der Brief, den Hiskia empfing, dürfte nach
assyrischer Sitte eine Tontafel gewesen sein.
Dabei wurden die Buchstaben mit einem
Holzstab in den weichen Ton gedrückt. Die
Tafel trocknete dann und wurde anschließend
mit einer Lage von feuchtem Ton ummantelt –
ein Briefumschlag sozusagen – und mit einem
(Roll)siegel gegen unberechtigte Öffnung ge-
schützt. Man hat zahlreiche Archive mit den
Korrespondenzen verschiedener Könige und
Fürsten gefunden, die so im diplomatischen
Austausch miteinander standen.58 Hiskia in-
Taten lässt er dabei stehen. Ja es stimmt:
des verwendete offenbar auch Papyrus – ein
Die anderen Völker hat er unterworfen,
ägyptisches Importprodukt.59
ihnen Grauenvolles angetan62 und ihre
Götzen ins Feuer geworfen.63 Das konnte er
Als Hiskia den Brief gelesen hatte, hielt es ihn
aber nur tun, weil diese Götzen nicht echte
nicht im Palast. Auf direktem Weg ging er in
Götter, sondern Werk menschlicher Hände
das Haus des Herrn, um den Brief im Tempel
waren.64 Du aber, sagt er zu Gott, du aber
vor Gott selbst auszubreiten. Er brachte alles
bist doch echt; der wahre Gott. Nun errette
haarklein vor Gott.
uns, damit alle Welt sehen kann, „dass Du,
Herr, allein Gott bist.“65
Sein Gebet beginnt er mit einer Anbetung,
die Gottes Größe und Ruhm in den Mittel- Interessant ist nun die Antwort Gottes auf
punkt stellt.60 Dann lenkt er Gottes Blick Hiskias Gebet, die dieser durch den Pro-
und Ohr auf den Lästerer Sanherib.61 Seine pheten Jesaja erhält. Das Urteil ist kurz und
58 Mit am bekanntesten dürfte das Amarna-Archiv sein. Einige im Jahr1887 von einer Bäuerin entdeckte Tontafeln führ-
ten 1891–92 zu einer Nachgrabung durch Sir W. M. Flinders Petrie, Vater der englischen Ägyptologie. Er grub in
Achet-Aton Echnatons (heute: Tell el-Amarna). Dabei stieß er auf ein Haus, dessen Ziegel mit der Aufschrift „Platz der
Aufzeichnungen des Palastes des Königs“ gestempelt waren. Im Haus und in zwei Müllgruben in der Nähe fand Petrie
weitere Tafeln. Bis heute wurden auf dem Areal etwa 380 bekannte Tontafeln gefunden. Die genaue Zahl ist wegen der
nicht zuzuordnenden Fragmente schwer zu bestimmen. Neben einigen Erzähltexten, lexikalischen Texten und Silben-
tabellen waren der überwiegende Teil der Tontafeln Briefe und dazugehörige Anhänge. Vgl. W. M. Flinders Petrie, Tell
el Amarna, London 1894, S. 1,19f.,. Ebenso W. Helck, Amarna-Briefe, in: W. Helck; E. Otto: Lexikon der Ägyptologie,
Band I, Wiesbaden 1975, Sp. 173.
59 Eine detaillierte Beschreibung des in einer kontrollierten Grabung gefundenen Hiskiasiegels vom Ophel und anderer
Vergleichsstücke ist bereits in Diakrisis und anderen Zeitschriften veröffentlicht. A. Späth; P. van der Veen, Neuer
Fund aus König Hiskias Palastarchiv in Jerusalem, in: DIAKRISIS, Nr. 1/2016, 37. Jahrgang, S. 51–60. Interessant ist in
diesem Zusammenhang auch der Grabungsbericht. E. Mazar, The Ophel Excavations to the South of the Temple Mount
2009–2013, Final Reports Volume I, Jerusalem 2015.
60 2Kö 19,15.
61 2Kö 19,16.
62 2Kö 19,17.
63 2Kö 19,18.
64 Ebd.

186 DIAKRISIS 3/2017


bis zur äußersten Herberge darin im
dichtesten Walde. Ich habe gegraben und
getrunken die fremden Wasser und werde
austrocknen mit meinen Fußsohlen alle
Flüsse Ägyptens.“70

Diese wenigen großspurigen Worte sind ein


bemerkenswertes Detail. Gott zitiert durch
den Propheten Sanherib. Und in der Tat,
vergleicht man die von Jesaja zitierten Worte
Rollsiegel mit Abrollung auf Knetmasse. mit den Annalen Sanheribs, so sind Inhalt und
Stil identisch. Ja, mehr noch. In den Annalen,
knapp: „So spricht der HERR, der Gott Israels:
die Sanherib ja erst später verfassen ließ,
Was du zu mir gebetet hast um Sanheribs
finden sich ähnliche Formulierungen, in denen
willen, des Königs von Assyrien, das habe
das schwierige, aber erfolgreiche Erklimmen
ich gehört.“66 Die Urteilsbegründung indes
höchster Berge und das Nutzen fremden
ist ein Gerichtswort an Sanherib, die aber
Wassers immer wieder eine Rolle spielen. Nur
dem Hiskia in seiner Not als Trostbotschaft
ein Beispiel von vielen:
übermittelt wird: „Das ist’s, was der HERR
gegen ihn geredet hat“.67 Nach der Fest- Annalen des Chicago-Prisma, Col. I, 68–70:
stellung, dass Sanherib in Jerusalem nichts „In der Mitte der hohen Berge, wo das Ge-
erreichen wird,68 zählt Gott die Sünden des lände schwierig war, ritt ich auf dem Rücken
Assyrers auf. Sanherib hat den Heiligen Israels des Pferdes und habe meinen Streitwagen mit
gelästert, sich gegen ihn erhoben, ihn durch Seilen hochgezogen.“71
seine Boten verhöhnen lassen.69
Jesaja nach 2Könige 19,23: „Du hast […]
Jetzt erfahren wir Auszüge aus dem gesagt: Ich bin mit der Menge meiner Wagen
Schreiben Sanheribs. Gott wirft ihm seine auf die Höhen der Berge gestiegen, in den
Großspurigkeit vor, indem er ihn mit seinen innersten Libanon.“
eigenen Worten überführt. Du, Sanherib
hast geprahlt: „Ich bin mit der Menge Nun gibt sich Gott als der Weltenlenker zu
meiner Wagen auf die Höhen der Berge erkennen, der die Siege Sanheribs zugelassen
gestiegen, in den innersten Libanon. Ich hat,72 ihn aber nun wegen seines Übermutes
habe seine hohen Zedern und auserlesenen strafen und demütigen wird: „So will ich dir
Zypressen abgehauen und bin gekommen meinen Ring in deine Nase legen und meinen

65 2Kö 19,19.
66 2Kö 19,20.
67 2Kö 19,21.
68 Ebd.
69 2Kö 19,22
70 2Kö 19,23f.
71 D. D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib, S. 26.

DIAKRISIS 3/2017 187


Zaum in dein Maul und will dich den Weg „Und was vom Hause Juda errettet und übrig
wieder zurückführen, den du hergekommen geblieben ist, wird von neuem nach unten
bist.“73 Der, der sich König des Universums74 Wurzeln schlagen und oben Frucht tragen.
nennt, wird von Gott als Geschöpf ‚entlarvt‘75 Denn von Jerusalem werden ausgehen, die
und in eine Lage versetzt, die ihn auf den Weg übrig geblieben sind, und die Erretteten vom
zurück zwingen wird, wie einen wilden Stier, Berge Zion. Der Eifer des HERRN Zebaoth
den man leicht am Nasenring führen kann. wird solches tun.“78

Hiskia aber bekommt ein Zeichen und Inzwischen hatte sich das Heer Sanheribs
Trostwort. Er soll zunächst zwei Jahre lang offenbar um Jerusalem gesammelt. Doch
nur ernten, was von selbst nachwächst.76 Im der Angriff blieb aus – zunächst. Doch
dritten Jahr soll er das Land wieder bestellen als er stattfand, kam er von unerwarteter
lassen.77 Seite …

72 2Kö 19,25–27.
73 2Kö 19,28.
74 Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib, Col. I,2, S. 23.
75 2Kö 19,27.
76 2Kö 19,29.
77 Ebd.
78 2Kö 19,30f.

In eigener Sache
Liebe Leser,
vor kurzer Zeit hat der Verein Deutsche Sprache die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD)
zum Sprachpanscher des Jahres gewählt. Der Umgang mit Luthers Spracherbe stößt auf
großes Unverständnis. Gemeint ist nicht nur die Zunahme von Anglizismen, sondern auch
die sogenannten Godspots in den Kirchen, die Installation „BlessU-2“ bei der Weltaus-
stellung zum Reformationsjubiläum in Wittenberg. Kritisiert wird auch, dass auf dem
Kirchentag klassische Liedtexte geschlechterneutral (Gender) umgedichtet wurden, wie z. B.
bei dem Text vom Lied „Der Mond ist aufgegangen“ wurde aus der Zeile „… und unseren
kranken Nachbarn auch“ „… und alle kranken Menschen auch“.

188 DIAKRISIS 3/2017


Biblische Archäologie
„Und der Herr erhörte Hiskia…“ –
Eine biblisch-archäologische Zusammenschau Teil VII.
Andreas Späth

Was wirklich geschah, wird der Historiker von der Prophezeiung, die Hiskia erhält.
schwer feststellen können. Die Historiker Diese Prophezeiung zeigt, via negationis,
streiten und suchen Erklärungen. Eine was normalerweise zu erwarten gewesen
Mäuseplage soll die Bogensehnen der wäre. Und die Eroberung Lachischs hatte es
Soldaten gefressen und so den Rückzug drastisch vor Augen geführt. Eine überle-
herbeigeführt haben.1 Andere sahen die gene Armee lässt die Stadt im Pfeilhagel
Pest am Werk,2 die schon in den Jahren untergehen, wirft eine Rampe auf und
„765 und 759“ wütete.3 Putschgerüchte stürmt unter dem Schutz eines mannhohen
wollen andere hinter der Formulierung von Schilderwaldes mit Bogenschützen, Schleu-
2Kö 19,7 (Jes 37,7) sehen.4 Ein Wunder war dern, Rammböcken und Belagerungstürmen
es allemal. Die biblischen Bücher berichten die Mauern, um dann die Stadt zu plündern,

Lachisch Relief. Bogenschützen mit Schild. © Mike Peel (www.mikepeel.net), CC BY-SA 4.0.

1 Verschiedene Exegeten übertragen die Schilderung von Herodot auf die Jerusalemer Ereignisse. Man mag Ähnlichkei-
ten sehen. Herodot schildert m.E. jedoch eindeutig ein anderes Ereignis. Vgl. Herodot 2,141.
2 Vgl. Flavius Josephus, Jüdische Altertümer,10,1 Abs. 5, S. 602.
3 Vgl. D. O. Edzard, Geschichte, S. 201.
4 Dafür spricht auch etwas. Denn abgesehen davon, dass Sanherib Jahre später tatsächlich von zweien seiner Söhne
ermordet wird, kann sein Nachfolger Asarhaddon von Verschwörungen und Intrigen berichten, die darauf angelegt
waren ihn bei seinem Vater in Misskredit zu bringen und ihn vom Thron fernzuhalten. Vgl. TUAT.AF I/4, S. 393ff.

242 DIAKRISIS 4/2017


die Herrscher zu Tode zu schinden, Teile der Zeugen anrufen? „Denn wenn er spricht,
Bevölkerung zu verschleppen. so geschieht‘s; wenn er gebietet, so steht‘s
da.“9
Nichts davon soll – so die Prophezeiung –
geschehen. Die sichergeglaubte Eroberung
In der Nacht, noch bevor die Belagerungs-
wird ausfallen. Gott hat den Spielplan
maßnahmen eingeleitet werden können,
geändert, das Drama der Eroberung
schlägt Gott die Schlacht, die Sanherib Hiskia
Jerusalems vorläufig abgesetzt. Er selbst
aufzwingen wollte: So „fuhr aus der Engel
will diese Stadt beschirmen um seinetwillen5
des HERRN und schlug im Lager von Assyrien
und um seines „Knechtes David willen“6,
hundertfünfundachtzigtausend Mann. Und
dessen Nachkomme betend vor ihm liegt.7
als man sich früh am Morgen aufmachte,
„Darum spricht der HERR über den König
siehe, da lag alles voller Leichen.“10 Wie
von Assyrien: Er soll nicht in diese Stadt
gesagt, was in dieser Nacht passierte,
kommen und keinen Pfeil hineinschießen
entzieht sich der wissenschaftlichen Nachprü-
und mit keinem Schild davor kommen und
fung.11 Tatsache ist jedoch, dass der Assyrer
soll keinen Wall gegen sie aufschütten,
sein Kriegsziel nicht erreichte. Jerusalem blieb
sondern er soll den Weg wieder zurückzie-
unversehrt und Sanherib zog ab,12 wie Gott es
hen, den er gekommen ist, und soll in diese
angekündigt hatte.13 Alle Quellen beschreiben
Stadt nicht kommen; der HERR sagt‘s.“8
dieses Ereignis nahezu deckungsgleich. Nicht
„Der Herr sagt’s.“ Mehr gibt es dazu nur die Bibel berichtet dreimal14 von der
dann auch nicht mehr zu sagen. Bei wem Katastrophe im assyrischen Heer. Auch
sollte Gott schwören? Wen sollte er zum
5 2Kö 19,34; Jes 37,35.
6 Ebd.
7 „Dieser [Hiskia] legte sein Gewand ab, hüllte sich in Lumpen, fiel nach väterlicher Sitte auf sein Angesicht nieder und
flehte demütig zu Gott, er möge ihm jetzt, da er an anderer Hilfe verzweifeln müsse, seinen Beistand nicht versagen.“
Flavius Josephus, Jüdische Altertümer, 10,1 Abs. 3, S. 600.
8 2Kö 19,32f. Vgl. Jes 37,33f.
9 Ps 33,9.
10 2Kö 19,35; Jes 37,36.
11 Diese Tatsache wurde immer wieder als Argument gegen die Historizität des Textes gebraucht. Freilich zu Unrecht. „Es
ist […] für die Historizität völlig belanglos, ob sie eine theologische Deutung erfahren haben. Diese weist lediglich auf
die je geglaubte Wirkursache hinter den Ereignissen hin.“ K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 68f. Die Ereignisse
selbst werden jedoch präzisen beschrieben und stehen – trotz der propagandistischen Funktionalisierung der assyri-
schen Texte – noch nicht einmal im Widerspruch zu diesen, sondern werden, soweit es die Faktenlage betrifft, bestä-
tigt. Kitchen weist zu recht darauf hin, dass die theologische Deutung historischer Fakten kein biblisches Phänomen
ist. Auch die Assyrer, um nur ein Beispiel zu nennen, verfuhren genauso. So schrieb Sanherib selbst seinen Sieg über
den elamitischen König Kudur-Nahhunte niemand anderem als seinem Gott Aššur zu. Vgl. D. D. Luckenbill, ARAB II, S.
125 §251. Vgl. dazu auch den Hinweis auf A. R. Millard bei K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 69, FN 117 und seine
Schlussfolgerung: „Die hebräischen Geschichtserzählungen in den Königs- und Chronikbüchern sollten also – vorur-
teilsfrei behandelt, wie dies Assyriologen, Hethitologen und Ägyptologen usw. mit ihren Texten tun – nicht mit einem
unangemessenen Hyperkritizismus belastet werden“ K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 69.
12 2Kö 19,36a; Jes 37,37a; 2Chr 32,21b.
13 Jes 37,7.21.34; 2Kö 19,7.20.33; Vgl. auch 2Chr 32,20.
14 Jes 37,36; 2Kö 19,35; 2Chr 32,21.

DIAKRISIS 4/2017 243


Flavius Josephus – freilich unter Rückgriff auf Die Anzahl der toten Soldaten klingt un-
biblische Texte. glaublich hoch, wäre aber durchaus möglich.
Angesichts der hygienischen Zustände in
„Als nun Sanherib von dem Zuge gegen
einem Feldlager dieser Größe, des logis-
Ägypten nach Jerusalem zurückkehrte, fand
tischen Versorgungsaufwandes und der
er, dass die unter Rapsake zurückgelas-
Tatsache, dass Hiskia die Wasserversorgung
senen Truppen schwer an der Pest litten.
für die Assyrer erheblich erschwert hatte,19
In der ersten Nacht, da er gemeinsam
ist ein Seuchenausbruch mit 185.000 Toten
mit diesen Truppen die Belagerung
im Bereich des Möglichen. Man muss sich
weiterführte, tötete die Seuche in seinem
als Europäer bei diesen Zahlen gedanklich
Heere hundertfünfundachtzigtausend Mann
von der europäischen Geschichte und ihren
samt ihren Führern und Hauptleuten.“15
im Mittelalter vergleichsweise geringen
Wenige Zeilen vor unserem Zitat erwähnt
Bevölkerungszahlen20 lösen. Assyrien war
Josephus auch den babylonischen Priester
eine Großmacht und beherrschte direkt
Berossos als Quelle für sein Wissen über
oder indirekt schon vor der (teilweisen)
Sanherib.16 Berossos lebt zeitlich zwischen
Eroberung Ägyptens ein Territorium von ca.
Sanherib und Josephus17 und berichtet nach
0,9 Mio. km2.21 Hinzu kam eine Bevölkerung
Josephus, dass Sanherib über die Assyrer
von etwa 20 Millionen Bewohnern22 und
herrschte und ganz Asien und Ägypten
ein stehendes Heer von 100.000 Soldaten.23
mit Krieg überzog.18 Ob die nachfolgende
Nach Mobilmachung hält man ein Heer von
Beschreibung der Pest im Lager der Assyrer
400 – 500.000 Soldaten24 und nach einer
und die Zahl der Toten auch auf Berossos
Generalmobilmachung eine Truppenstärke
zurückgeht, bleibt bei Josephus unklar.
von bis zu 5 Millionen wehrfähiger Männer

15 Flavius Josephus, Jüdische Altertümer,10,1 Abs. 5, S. 602.


16 Flavius Josephus, Jüdische Altertümer,10,1 Abs. 4, S. 602.
17 Genaue Daten sind nicht bekannt. Allerdings erlebte er noch Alexander den Großen (356-323 v. Chr.). Vgl. W. Spoerri,
Beros(s)os, in: Der Kleine Pauly – Lexikon der Antike, herausgegeben von K. Ziegler und W. Sontheimer, Band 1, Mün-
chen 1979, Sp. 1548.
18 Flavius Josephus, Jüdische Altertümer,10,1 Abs. 4, S. 602.
19 2Chr 32,3f.
20 Eine der wenigen ziemlich genauen Quellen aus dieser Zeit ist das englische Domsday Book, ein von William dem
Eroberer eingeführtes Kataster, das u.a. die Bevölkerungszahl um 1090 festhielt. Sie dürfte bei ca. 2 Mio. (aktuell 54
Mio.) Menschen gelegen haben. Zwar gab es in den nächsten 250 Jahren einen deutlichen Bevölkerungszuwachs, den-
noch war England um 1348 nicht allzu dicht besiedelt. Trotz der relativ dünnen Besiedelung raffte die Pest in weniger
als zwei Jahren (1348/49) etwa die Hälfte der Bevölkerung dahin. Vgl. G. M. Trevelyan, English Social History – A Survey
of Six Centuries – Chauncer to Queen Victoria, London 1948, S. 8.
21 Vgl. L. Peake, The invisible superpower – Review oft he geopolitical status of kushite (twenty-fifth dynasty) Egypt at
the height of it's power and historiographic analysis oft he regime’s legacy, in: W. Godlewski & A. Latjar (Hgg.), Bet-
ween the Cataracts, Bd. 2, Warsaw University, Warsaw, S. 468. Den Hinweis verdanke ich Peter van der Veeen. (Zum
Vergleich: Deutschland umfasst etwas über 350.000 km2.)
22 Vgl. ebd.
23 Vgl. ebd.
24 Vgl. ebd.
25 Vgl. ebd.

244 DIAKRISIS 4/2017


für möglich.25 Und die beiden Städte26 Ninive Dafür liefert er eine propagandistisch
und Babylon27 waren auch nach heutiger aufbereitete Version, die ihn auf den ersten
Definition Großstädte mit 120.000 bzw. Blick rühmt. Dem kritischen zweiten Blick
100.000 Einwohnern.28 Ninive verfügte dabei bleibt sein Versagen allerdings nicht ver-
über eine Stadtmauer von 12 km Umfang,29 borgen. „Die assyrischen Annalen stimmen
die 750 Hektar30 umschloss und zwei insofern stillschweigend mit der biblischen
Ebenen31 mit einer Gesamtdicke von 25 m Version überein, als sie nicht behaupten, daß
hatte.32 Doch selbst diese Fläche reichte nicht Jerusalem eingenommen worden wäre“38
für die gesamte Administration – geschweige und die Höhe des Tributes auffallend ähnlich
denn für die Bevölkerung – aus. „Das Gefolge angeben.39
des Königs, seine Höflinge und eine große
Gruppe von Beamten […] lebten in Häusern „Ihn selbst [Hiskia] schloss ich wie einen
sowohl innerhalb als auch außerhalb der Käfigvogel in Jerusalem, seiner Königsstadt,
massiven Stadtmauern.“33 Schon über 150 ein. Befestigungen legte ich ringsum gegen
Jahre vor Sanheribs Feldzug hatte Assurbani- ihn an und verleidete ihm das Herausgehen
pal II. die „Hauptstadt von Assur nach Kalhu aus dem Tor seiner Stadt.“40
verlegt“34 und ihre Einweihung zehn Tage
Damit sagt Sanherib, dass Jerusalem die
lang mit 70.000 Gästen feiern lassen.35 Und
Hauptstadt Judas war und es ihm nicht
in „den 200 Jahren von Assurbanipal II. bis zu
gelungen ist, diese zu erobern. Freilich
Sanherib (883-681) belaufen sich die Zahlen
scheint die Rede vom Käfigvogel zunächst
auf wenigstens 1.320.000 Seelen“.36
ein Bild der Gefangenschaft Hiskias zu
Doch auch von Sanherib selbst erfahren entwerfen. Man bedenke aber: Der Käfig
wir etwas über das unrühmlich beendete sperrt nicht nur den Vogel ein – er hält
Projekt. Freilich verschont uns der „König des auch die Katze draußen! Und dass er Hiskia
Universums“37 mit nebensächlichen Details das Herausgehen aus der Stadt verleidete,
eines missglückten Eroberungsversuchs. täuscht nur oberflächlich darüber hinweg,

26 Vgl. J. M. Russel, Ninive, in: Von Babylon bis Jerusalem – Die Welt der altorientalischen Königsstädte, Band 1, hgg. v.
W. Seipel u. A. Wieczorek, Mailand 1999, S. 121.
27 Sanherib war König von Assur und zeitweise in Personalunion auch König von Akad!
28 Vgl. L. Peake, The invisible superpower, S. 468.
29 Vgl. J. M. Russel, Ninive, S. 121f.
30 Vgl. J. M. Russel, Ninive, S. 122.
31 Vgl. ebd.
32 Vgl. ebd.
33 J. M. Russel, Ninive, S. 129.
34 D. O. Edzard, Geschichte Mesopotamiens – Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen, München 2004, S. 186.
35 Vgl. ebd.
36 Vgl. ebd., S. 203f.
37 Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib, Col. I,2, S. 23.
38 Vgl. W. Seipel u. A. Wieczorek (Hrsg.), Von Babylon bis Jerusalem  – Die Welt der altorientalischen Königsstädte,
Band 2, Mailand 1999, S. 79.
39 Mögliche Gründe für die Abweichung wurden bereits weiter oben diskutiert.
40 M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 333.

DIAKRISIS 4/2017 245


dass sich Hiskia der fast sicheren Gefan- Mit seinem „Palast ohnegleichen“43 in
gennahme entzog, indem er die Stadt nicht Ninive44 setzte sich Sanherib ein Denkmal.45
verließ, um mit dem Rabschake zu sprechen, Vom Jahr seiner Inthronisierung 705 v. Chr.
sondern Unterhändler schickte.41 bis zum Jahr 694 v. Chr. hatte er auf einer
Grundfläche von 500 x 240 m46 daran
Doch nicht nur Sanheribs, kaum zwölf
bauen lassen.47 Interessant ist dabei die
Monate nach den Ereignissen veröffentliche,
monumentale Architektur der Anlage, die
Annalen42 bezeugen seinen Rückzug. Auch
über verschiedene wunderbare Gänge, Höfe
eines der prächtigsten Kriegsdenkmäler und
und Flügel verfügt. Den Zeremonialflügel
fantastisches Quellenmaterial offenbaren
erreichte man nach dem Überqueren eines
den Makel, indem gewissermaßen der
großen Hofes.48 Drei Durchgänge und zwei
Trostpreis in die Pokalvitrine wandert, um
Hallen waren zu durchschreiten, die Eingänge
dort die prominenteste Stelle einzunehmen.
jeweils gesäumt von gigantischen geflügelten
Denn tatsächlich bleibt es Jerusalem er-
Bullen, die größten fast 5 ½ m hoch.49 Am
spart, unfreiwillig die Kriegskunst Sanheribs
Ende des Ganges sah man schon von weitem
zu preisen. Diese zweifelhafte Ehre sollte,
einen Teil der Rückwand des letzten Raumes
mangels größeren Kriegsglücks, Lachisch
und seines auffallenden Reliefs,50 das den
zuteil werden – der nach der gescheiterten
Sturm auf Lachisch darstellte.51 Betrat man
Eroberung Jerusalems verbleibenden
den Saal, so sah man im Zentrum der Anlage
größten Eroberung Sanheribs im Heiligen
den Hergang der Eroberung Lachischs. Vom
Land.
Aufmarsch der Truppen, über den Kampf,

41 Vgl. 2Kö 18,18.37; Jes 36,3.22.


42 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 68.
43 Vgl. J. M. Russel, Ninive, S. 123. In der englischsprachigen Fachliteratur ist meist vom ‚palace without a Rival‘ die Rede.
Im Deutschen ist vom Palst ohne Gleichen die Rede, was zu Verwechslungen mit dem ‚nonsuch palace‘ Heinrich VIII.
von England führen kann, der ebenso übersetzt wird.
44 Sanherib erhob Ninive zur Hauptstadt. Vorher hatte sein Vater Dûr-šarrukín (Sargonsburg) als neue Hauptstadt er-
richten lassen. „Sein Sohn und Thronfolger Sanherib […] verließ jedoch die Stadt seines Vaters und zog nach Ninive;
da Sargon im Kampf getötet wurde – ein Ereignis in der assyrischen Geschichte, das bis dahin nicht vorgekommen
war – und keine angemessene Bestattung erhielt, wurde seine neue Stadt möglicherweise als entweiht angesehen.“
J. M. Russel, Ninive, S. 129.
45 Sanherib sagt dies selbst: „Diese Paläste, alle um den großen Palst herum, schmückte ich; zum Erstaunen der Nationen
erhob ich sein Haupt empor. ‚Den Palst ohne Gleichen‘ – so nannte ich seinen Namen.“ Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals
of Sennacherib, S. 124. In einer eigenen Akte beschreibt Sanherib detailliert den Bau und die Materialen seines neuen
Palstes in Ninive. Vgl. D. D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib, S. 94-127.
46 Vgl. J. M. Russel, Ninive, S. 123.
47 Vgl. D. Ussishkin, Biblical Lachish, S. 327.
48 Vgl. ebd. S. 330.
49 Vgl. ebd. S. 332.
50 Sanherib setzt mehr als seine Vorgänger auf die Wirkung der Reliefs. Diese waren allgemein üblich um die Palastbesu-
cher, darunter Vasallen und Tributboten einzuschüchtern und die Konsequenzen ungehorsamen Handels in aller Dra-
matik aufzuzeigen. Sanherib brach mit der überlieferten Gestaltung der Reliefs und ließ sie in einer Weise herstellen,
die sie noch eindrücklicher erscheinen ließ. Vgl. J. M. Russel, Ninive, S. 125.
51 Vgl. D. Ussishkin, Biblical Lachish, S. 333.
52 Vgl. ebd.

246 DIAKRISIS 4/2017


bis zur Eroberung, der
Vorführung und Deporta-
tion der Beute sowie dem
assyrischen Heerlager war
alles auf einem umlau-
fenden fast 27m langen
und 2,74m hohen Relief
zu bestaunen.52 Hier wird
gerühmt, was letztlich
doch ein Fehlschlag war.
Nicht Lachisch hätte hier
abgebildet sein sollen,
sondern Jerusalem, nicht
ein Stadtkommandant auf

Henry Layard. Plan von Sanheribs Süd-West-Palast in Ninive. 1882.


den Pfahl gespießt sein,
sondern die Haut eines
Königs als Wandbehang53
vorgeführt werden. Nun
wird der zweite Platz als
ultimativer Sieg gepriesen,
der misslungene Versuch,
Hiskias habhaft zu werden,
in eine Art Hausarrest
umgedeutet und das
als eine schlimme Strafe
dargestellt. Erstaunlich
ist, dass die unfreiwillige
Komik hinter dieser die
eigene Propaganda Lügen
strafenden Darstellungen
Sanherib offenbar
verborgen blieb. Fairer- war. Alles, was militärischen Ruhm versprach,
weise muss man anmerken, dass Sanherib wurde dargestellt, was ja auch eine Auswahl
bei seinen Motiven nicht allzu wählerisch ist. Auf den Wandreliefs in 38 Räumen54

53 Der Befehl zur Häutung besiegter Könige oder Gouverneure ist bei vielen assyrischen Herrschern bezeugt. Assur-Nâ-
sir-Pal ließ z.B. dem Sohn des Gouverneurs von Nishtun in Arbela die Haut abziehen und spannte sie auf der Stadtmauer
von Arbela aus. Vgl. D. D. Luckenbill, ARAB I, S. 143 §441. Gleiches wird von Assurbanipal II. berichtet. Vgl. D. O.
Edzard, Geschichte Mesopotamiens – Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen, München 2004, S. 184.
54 Insgesamt vermutet man über 200 Räume im Palast. Leider sind von den mehrere Kilometer (!) der Wandreliefs viele
zerstört oder nur fragmentarisch erhalten. Vgl. J. M. Russel, Ninive, S. 123.
55 Vgl. ebd.

DIAKRISIS 4/2017 247


fanden sich nur drei, die keine Militäroperati-
onen darstellten.55
Was Sanherib in den nächsten Jahren trieb,
betraf Juda nicht mehr sonderlich.56 Die
Bibel schließt daher an den überstürzten
Aufbruch (in Schanden)57 vor den Mauern
Jerusalems58 gleich mit dem – in Bezug auf
Sanherib – einzig noch wichtigen Termin

Asarhaddon, König von Assyrien. Portrait auf einer Steinstele. Nach 671 v. Chr.
an: seinem Tod. Wie vom Propheten Jesaja
im Auftrage Gottes vorhergesagt,59 stirbt
Sanherib in seiner Heimat,60 allerdings
nicht friedlich im Bett, sondern im Tempel
eines seiner Götter durch Schwert und
Hand zweier seiner Söhne61 Adramelech
und Sarezer.62 Auch den Nachfolger auf
dem Thron Assurs verrät uns die Bibel in
Übereinstimmung mit den außerbiblischen
Quellen, einen weiteren Sohn Sanheribs:
Asarhaddon.63 Das ist das Traurige an
nahezu unumschränkter Herrschaft: Wer
die Despotie und eine Art Gottesgna-
dentum auf die Spitze treibt, verliert jede
Loyalität und Zuneigung – selbst in der
eigenen Familie.64 Die Biographien der
Feinde des Gottes Israels sind voll von
diesen unglücklichen Dynastien, an denen

56 Vgl. 2Kö 19,36b; Jes 37,37b.


57 2Chr 32,21. Vgl. dazu auch 2Kö 19,21; Jes 37,22.
58 Vgl. 2Kö 19,36; Jes 37,37.
59 Vgl. 2Kö 19,7c; Jes 37,7c.
60 Vgl. 2Kö 19,37; Jes 37,38; 2Chr 32,21.
61 Vgl. 2Kö 19,37; Jes37,38; 2Chr 32,21. Die babylonische Chronik erwähnt immerhin einen Sohn als Mörder. Vgl. TUAT.
AF I/4, S. 402. Ebenso Nabonid auf der Babel-Stele. Vgl. TUAT.AF I/4, S. 407. Asarhaddon dagegen berichtet im
Einklang mit den biblischen Chronisten auf seinem Prisma (Ninive A) von mehreren Brüdern als Verschwörern. Vgl.
TUAT.AF I/4, S. 394f. Aus außerbiblischen Texten ist nur der biblische Adrammelech als Vatermörder bekannt. Der
mitgenannte Sarezer ist bis dahin aus außerbiblischen Quellen nicht bekannt.
62 Vgl. 2Kö 19,37; Jes37,38.
63 Vgl. 2Kö 19,37; Jes37,38. Vgl. die ausführliche Schilderung der Wirren um den Machtwechsel auf Prisma Ninive A Asar-
haddons, TUAT.AF I/4, S. 393ff. Kurz und knapp schildert die Babylonische Chronik den Vorgang: „[…] am 20. Tebet
tötete Sanherib, den König von Assyrien, sein (eigener) Sohn bei einem Aufruhr. […] Am 8. (? 18.? 28.?) Adar bestieg
Asarhaddon, sein Sohn, in Assyrien den Thron.“ TUAT.AF I/4, S. 402.
64 Vgl. D. O. Edzard, Geschichte, S. 199.

248 DIAKRISIS 4/2017


sich Gottes Gericht bis ins dritte und vierte
Glied derer, die ihn hassen,65 ablesen lässt
und die zeigen, was es bedeutet, wenn
Gott sich abwendet und den Menschen
seinem selbstgewählten Schicksal überlässt.
Die Bibel schildert nüchtern: „Und als er
anbetete im Haus seines Gottes Nisroch,[66]
erschlugen ihn mit dem Schwert seine
Söhne Adrammelech[67] und Sarezer, und
sie entkamen ins Land Ararat[68]. Und sein
Sohn Asarhaddon wurde König an seiner
statt.“69 Weniger ausführlich, in der Sache
jedoch ähnlich, berichtet der Brief eines
„wegen Textverlusts“70 uns unbekannten
Schreibers (ABL 1091)71 an Asarhaddon
von einer Verschwörung gegen Sanherib.72
Die babylonische Chronik berichtet von
der Ermordung Sanheribs73 durch einen
seiner Söhne74 am 20. Tebet 681 v. Chr.75

65 Vgl. 2Mo 20,5; 5Mo 5,9.


66 Nisroch könnte eine Wiedergabeform des assyrischen Nati-
onalgottes Aššur sein. Denkbar ist auch eine Form für die Gott-
heit Nusku (Marduk) oder eine Verbindung zur adlerförmigen
Standarte der Armee. Vgl. D. J. Wiseman, Nisroch, in: New Bible
Dictionary, S. 826b. Vgl. auch D. W. Thomas (Hg.), Documents
of Old Testament Times, New York 1958, S. 70-73.
67 Bei dem Mörder Sanheribs handelte es sich nach den all-

gemein anerkannten Forschungen von Parpola um Arad-Ninlil.


Die sumerische Gottheit Ninlil hieß in Assyrien Mulissi. Der Sohn müsste also assyrisch Arad-Mulissi (bzw. Urad-Mu-
lišše) geheißen haben. Der biblische Adrammelech ist die biblische Verballhornung dieses Namens. Vgl. E. H. Merrill,
Die Geschichte Isarels – Ein Königreich von Priestern, Holzgerlingen 2001, S. 613, FN 91. Ebenso M. Weippert, His-
torisches Textbuch, S. 328. Näheres in TUAT.AF I/4, S. 391f. In einer Kaufurkunde (Kohler/Ungnad, Urkunde Nr. 38)
aus dem Jahre 694 v. Chr. über einen Jungen wird Prinz Arad-Ninlil genannt. Vgl. J. Kohler; A. Ungnad, Assyrische
Rechtsurkunden in Umschrift und Übersetzung nebst einem Index der Personennamen und Rechtserläuterungen, Leip-
zig 1913, S. 34f. Ebenso TUAT.AF I/4, S. 391.
68 Urartu. Heutiges Armenien. Dieser Fluchtort war aus assyrischer Sicht sprichwörtlich das Ende der Welt. Für die Assyrer
war Urartu der nördlichste Punkt der eigenen Einflusssphäre. Was dahinter lag, war außerhalb der eigenen Welt. Vgl.
D. O. Edzard, Geschichte Mesopotamiens, S. 194.
69 2Kö 19,37; Jes 37,38. Vgl. auch 2Chr 32,21b.
70 M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 334, FN 61.
71 M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 334. Ebenso TUAT.AF I/4, S. 392.
72 Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 334f.
73 Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 335.
74 Vgl. ebd.
75 Vgl. ebd. Ebenso K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 65.

DIAKRISIS 4/2017 249


und der Sukzession Asarhaddons.76 Auch die sich historisch ausleuchten lassen, wie
die Babel-Stele Nabonids erwähnt, dass die hier verwendeten Abschnitte aus den
Sanherib von seinem leiblichen77 Sohn mit Königsbüchern, Chroniken und Propheten-
der Waffe erschlagen wurde.78 büchern, eine beeindruckende Präzision in
der Darstellung historischer Sachverhalte.
Schon einige Jahre vor Sanheribs Tod im Jahre
Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man
681 v. Chr. waren die von Gott versprochenen
bedenkt, dass sie – wie auch die Quellen
fünfzehn Jahre der Lebensverlängerung nach
aus Assyrien, Babylon, Ägypten und dem
der Krankheit Hiskias im Jahre 702 vergan-
Rest der Levante – alle nicht chronologisch
gen. Im Jahre 787/786 v. Chr.79 „legte sich
verstanden werden wollten, sondern
[Hiskia] zu seinen Vätern.[80] Und sein Sohn
Ereignisse aus Sicht spezifischer theologi-
Manasse wurde König an seiner statt“81 – ein
scher und politischer Interessen darstellen.
ganz schlechter Tausch, wie sich noch zeigen
Deshalb ist es methodisch problematisch,
sollte.82 Doch diese Geschichte ist an anderer
dies bei außerbiblischen Quellen als
Stelle zu erzählen.
zumutbar hinzunehmen, aber bei biblischen
Während man Hiskias Vater, Ahas, in der Texten deren Wert als historische Quelle zu
Stadt Jerusalem83 begraben hatte, und – dies reduzieren oder gar zu bestreiten.
wird betont – nicht bei den Gräbern der
Auch die Behauptung eines langen zeitli-
Könige Israels,84 wurde Hiskias Leichnam
chen Abstandes zwischen mündlicher und
unter großer Anteilnahme der Bevölkerung85
schriftlicher Überlieferung ist hier obsolet.
bei den Gräbern der Söhne Davids bestattet.86
Zunächst wirkt die Annahme an sich
kaum glaubhaft. Juda befindet sich mitten
Schlussbemerkung
zwischen zwei korrespondierenden Hochkul-
Es ist offensichtlich, dass die heutige turen mit übertriebener Bürokratie. Warum
Mehrheitstheologie, zumindest in also sollte Juda nicht ebenso eine Bürokratie
Deutschland, den überlieferten biblischen gehabt haben? Allein die Funde aus dem
Texten, insbesondere denen des Alten Haus der Bullen oder die Ausgrabung der
Testaments, nicht über den Weg traut. Palastmüllkippe aus der Zeit Hiskias, aber
Es ist ja nicht so, dass es keine offenen auch die zahlreichen handwerklich hervor-
Fragen gäbe. Andererseits belegen Texte, ragend gefertigten Siegel zeigen, dass das
76 Vgl. M. Weippert, Historisches Textbuch, S. 335.
77 Interessant ist die Betonung des/der leiblichen Sohnes/Söhne. Auch hier decken sich die Berichte. Vgl. 2Chr 32,21b mit
besagter Babel-Stele.
78 Vgl. TUAT.AF I/4, S. 407.
79 Vgl. K. A. Kitchen, Das Alte Testament, S. 40.
80 2Chr 32,33; 2Kö 20,21.
81 Vgl. ebd.
82 Vgl. Jer 15,4.
83 2Kö 16,20; 2Chr 28,27.
84 2Chr 28,27.
85 2Chr 32,33.
86 Vgl. ebd.

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Briefwesen und die mit der Schrift einher- Juda widersetzt sich dem große Assyrien.
gehende Bürokratie auch in Juda vorhanden Hiskia stellt die Tributzahlungen ein, dringt
waren. Sieht man dazu die überlieferten in assyrientreue Gebiete vor und nimmt
biblischen Schriften als auf uns gekommene sogar einen loyalen Vasallen des Assyrers,
Zeugnisse, wird das Bild noch deutlicher, Padi von Ekron in Haft. Er konspiriert mit
da die Texte keineswegs Fremdkörper sind, dem Erzfeind Sanheribs, dem Babylonier
sondern sich nahtlos einpassen lassen. Merodach-Baladan, und mit der anderen
Wer dennoch mit der angeblich zeitlichen Großmacht: Ägypten. Und dann bleibt er im
Distanz zwischen den historischen Ereignis- Amt, seine Hauptstadt wird nicht geplündert
sen und der Verschriftung festhalten will, und den Tribut entrichtet er nicht sofort,
muss doch zugeben, dass die babylonischen sondern schickt ihn dem Assyrer nach. Nichts
und assyrischen Quellen überwiegend dergleichen passt in die übliche Praxis des
zeitgenössisch87 sind und – vielleicht mit Umgangs Assurs mit widerborstigen Vasallen.
Ausnahme der theologischen Deutung und Aber alles, wirklich alles, wird bestätigt in
der jeweils eigenen Sicht des politischen den Texten der Assyrer.
Gegners – die Geschehnisse parallel zu den
So kann man fragen ob nicht angesichts
biblischen Berichten schildern.
dieser Befunde Grundannahmen bezüglich
Die biblischen Berichte fallen in der Tat aus der historischen Genauigkeit biblischer Texte
dem Rahmen, wie Millard belegt.88 Das kleine neu zu gewichten wären.89

87 Vgl. A. R. Millard, Sennacherib’s Attack, S. 63.65, vor allem S. 66.69.


88 Vgl. A. R. Millard, Sennacherib’s Attack, S. 71.
89 So ist selbst bei Weippert, Historisches Textbuch, S. 328, die Aufnahme der Hiskia Tonbullen unterblieben, mit dem
Hinweis, es könnte sich bei ihnen um Fälschungen handeln. Dieser Verdacht ist allerdings aus finanziellen, handwerk-
lichen, epigraphischen und archäometrischen Gründen kaum plausibel. Ein Fälscher müsste den richtigen Ton finden
(dessen letzter Brand durch eine Thermolumineszenzuntersuchung nachgewiesen werden könnte). Er müsste über
außerordentliches Wissen bezüglich der Schreibweise, der Sprache und der Ikonographie verfügen. Weder die Sprache,
noch die Schrift sind mit dem heutigen Bibelhebräisch auch nur annähernd gleichzusetzen. Dann müsste er neben dem
entsprechenden Werkzeug auch noch über eine außergewöhnliche handwerkliche Begabung verfügen, welche die
Steinschneider vor 2-3000 Jahren im Laufe eines Berufslebens sammelten. Man muss sich vor Augen halten, dass die
Werkstücke mitunter gerade einmal 10 mm lang sind – nicht viel Platz für eine Inschrift und ggf. noch eine „Bildmarke“.
Bedenkt man, dass viele dieser Tonbullen von einfachen Leuten gefunden wurden und für eine Hand voll Dollar in den
Kreislauf des Antikenhandels gelangten, ist schnell einsichtig, dass eine Fälscherwerkstatt, die ja auf (betrügerischen)
Gewinn ausgelegt ist, von vornherein – zusätzlich zu den kaum lösbaren Vorbedingungen – finanziell ein Desaster
wäre. Die Befürworter der Echtheit der Hiskiabullen haben recht behalten. Zwischenzeitlich liegt ein weiterer – iden-
tischer – Siegelabdruck vor, diesmal aus einer kontrollierten Grabung. Der Grabungsbericht findet sich bei E. Mazar:
The Ophel Excavations to the South of the Temple Mount 2009–2013, Final Reports Volume I, Jerusalem 2015. Eine
ausführliche Zusammenschau von Hiskia zuzuordnenden Siegelabdrücken bei A. Späth; P. van der Veen: Neuer Fund
aus König Hiskias Palastarchiv in Jerusalem. In: DIAKRISIS, Nr. 1/2016, 37. Jahrgang, S. 51–60.

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