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17/6/2019 Rundköpfe und Spitzköpfe | Jüdische Allgemeine

17. JUNI 2019 – 14. SIWAN 5779

D I S C H E W E LT ISRAEL UNSERE WOCHE K U LT U R RELIGION GEMEINDEN A

B E R TO LT B R E C H T

Rundköpfe und Spitzköpfe

Bertolt Brecht und die Juden: Für den marxistischen Dichter war
der Antisemitismus nur eine Klassenfrage
von Manfred Voigts
  10.08.2006 00:00 Uhr

von Manfred Voigts

Als Bertolt Brecht, dessen Todestag sich am 14. August zum


fünfzigstenmal jährt, 1941 ins Exil in die USA ging, wurde er dort in einer
Zeitung als einer »der berühmtesten Juden in Deutschland« vorgestellt.
Der so Angesprochene betonte daraufhin, er sei zwar kein Jude, »aber da
sie so viel von ihnen erschlagen und vergast haben, wird man noch welche
brauchen können. So werde ich mich melden, einer zu werden. Vielleicht
nimmt man mich.« Es ist kaum anzunehmen, daß der Schriftsteller
wirklich vorhatte, zum mosaischen Glauben überzutreten. Mit der
jüdischen Religion und dem jüdischen Volk hatte der Autor der
Dreigroschenoper wenig am Hut. Seine Äußerung war als Zeichen der
politischen Solidarität gedacht.
Das Gerücht, der aus einer christlichen Augsburger Familie stammende
Brecht sei Jude gewesen, hatte 1925 der seinerzeit bekannte
antisemitische Germanist Adolf Bartels aufgebracht. Hartnäckig hält es

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sich in manchen Kreisen noch bis heute. Im Mai 1990 wurde Brechts Grab
auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin mit »Saujud«
beschmiert. Im November vorigen Jahres sprühten Unbekannte einen
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Davidstern auf den Stein.
Daß
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Fuegi in seiner 1994 erschienenen Biographie Brecht & Co behauptet, ist
allerdings diskutabel. Richtig ist aber, daß seine Position äußerst
zwiespältig war. Ernsthaft mit dem Judentum hat Brecht sich nie befaßt.
Mal war es für ihn ein »Rassenproblem«, dann war es durch »eine neue
Einteilung« der Nazis entstanden, wie es in dem Stück Furcht und Elend
des III. Reiches heißt. Als er im August 1941 die Thesen Über den Begri
der Geschichte seines Freundes Walter Benjamin als »klar und
entwirrend« lobte, formulierte Brecht gleichzeitig den Vorbehalt: »trotz
aller metaphorik und judaismen«. 1944 notierte er in seinem
Arbeitsjournal, daß Hebräisch oder Jiddisch »nicht so voll entwickelte
moderne sprachen« seien wie Englisch, Deutsch oder Russisch.
»zeugnisse ‚jüdischer’ kultur gibt es meines wissens nicht im gleichen
format wie etwa der jazz oder die negerplastik oder die irische dramatik.«
Als überzeugter Marxist übernahm Brecht unkritisch die Analyse von Karl
Marx aus dessen 1843/44 entstandenen Schrift Zur Judenfrage. Wie für
Marx, dessen Großvater noch Rabbiner gewesen war, hatte die
»Judenfrage« auch für Brecht keine eigenständige Berechtigung mehr. Die
Juden sollten ihre »kultivierung uralten aberglaubens« aufgeben: »m(arx)
riet ihm, sich zu emanzipieren (und machte ihm dies auch vor).« 1944
notierte er in sein Arbeitsjournal: »genauso wie zu MARXENS zeit müssen
die juden sich vom kapitalismus (‚dem kommerz’) emanzipieren und
nicht sich in ihre ‚alte kultur’ flüchten.« Mit dem Hinweis auf den
Sozialismus war für den Dichter die »Judenfrage« beantwortet.
Damit stand er allerdings seinerzeit alles andere als alleine. Auch der
jüdische Philosoph Ernst Bloch sprach damals ähnlich von der
»sogenannten Judenfrage«. Brecht, Bloch und die linken Intellektuellen in
der Weimarer Republik waren internationalistisch orientiert und
bekämpften jede institutionalisierte Religion. Der Antisemitismus gehörte
für sie einer überwundenen Ära an. Bloch erinnerte sich später, daß in
linken intellektuellen Kreisen jener Zeit niemand wußte und es auch
niemanden interessierte, wer von den führenden Künstlern und
Schriftstellern Jude war; niemand habe Brechts Texte etwa als »deutsch«
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und Kurt Weills Musik dazu als »jüdisch« empfunden. Diese Frage sei nur
für Antisemiten relevant gewesen.
Dieser optimistische kulturelle Internationalismus aber war
geschichtsblind. Brecht hat17.weder
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Gustav Landauer noch Kurt Eisner zur
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bekannten und frühzeitig sahen, daß der nationalistische Antisemitismus
mehr war als nur eine politische Strategie des Kapitals zur Ablenkung des
proletarischen Zorns auf ein falsches Ziel. Brecht und mit ihm viele andere
Sozialisten erkannten nicht die tiefen historischen und gesellschaftlichen
Wurzeln des nazistischen Judenhasses. So engagiert Brecht den
Nationalsozialismus bekämpfte, so verständnislos blieb er deshalb
gegenüber seiner Rassenideologie. Der Faschismus war für ihn eine Form
des Klassenkampfs, nicht des Rassenkampfs gegen die Juden. In einem
Gedicht fragt er beispielsweise, was wohl gewesen wäre »wenn der Führer
sich für seine großen Pläne / Anstatt das bescheiden begabte deutsche /
Das jüdische Volk auserwählt hätte.« Und in dem gegen den
Antisemitismus intendierten Lehrstück Die Rundköpfe und die Spitzköpfe
bestimmt ein »Schädelverteiler« zufällig, welcher Schauspieler auf welche
Seite gehört und wer nicht. Doch so einfach war die Geschichte eben nicht.
Hannah Arendt hat Brecht deswegen vorgeworfen, ihm sei der
Antisemitismus »be‐ stenfalls als der Sozialismus der Dummen bekannt«,
die Rassenverfolgung sei für ihn eine »optische Täuschung« gewesen.
Dabei war Brecht spätestens seit Ende 1943 über die, wie er in seinem
Arbeitsjournal notiert, »ausrottung der juden in polen« informiert. Später
befaßte er sich sogar mit einer Studie Bruno Bettelheims über das
Verhalten von Häftlingen in Konzentrationslagern.
Walter Benjamin interpretierte 1939 ein Gedicht aus Brechts Lesebuch für
Städtebewohner als Text über die Vertreibung der Juden aus Deutschland.
Man sei mit ihnen nach Brechts Versen umgegangen: »Wir wollen den
Ofen nicht einreißen / Wir wollen den Topf auf den Ofen setzen, / Haus,
Ofen und Topf kann bleiben / Und du sollst verschwinden.« Benjamin
hatte hier unvollständig zitiert. Es heißt in dem Gedicht weiter: »Und du
sollst verschwinden wie der Rauch im Himmel / Den niemand
zurückhält.«

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von Eugen El
  06.06.2019   16.04.2019   12.04.2019

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