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David Hellbrück

Josef K. in
antisemitischer
Gesellschaft
Über Franz Kafkas Process

„Das Negative zu tun, ist uns schon auferlegt, das Positive ist uns schon gegeben.“
Franz Kafka, Betrachtungen über Sünde, Hoffnung, Leid und den wahren Weg

„Es ist wahrscheinlich, daß das Judesein auch Kafkas Sein zutiefst geprägt hat, denn Jude­
sein heißt im Sartreschen Sinn, sich jederzeit im Ungewissen zu wissen, das heißt, man fragt
sich ständig, ob man am Leben gelassen wird oder nicht. Der Jude ist der Einzige unter allen
Menschen, der so geboren wird, unter dem Zeichen der Verdammung, und von Anfang
an weiß – weil es ihm die ganze Zeit gesagt wurde und er es seit jeher weiß –, daß ihm
alle Rechte aberkannt sind, daß er an sich im Voraus schon verboten ist. Wie ein Schirm
trennt ihn das Judesein von den anderen, wie eine nichtexistente, nichtwahrnehmbare
und doch unüberwindliche Trennwand: sich, wie dem auch sei, unrechtmäßig zu wissen,
von der Geschichte durch eine permanente Bedrohung auf ewig gestutzt. Durch diese
einzige winzige Verschiebung existieren die Figuren Kafkas.“
Georges-Arthur Goldschmidt, Meistens wohnt der den man sucht nebenan

TEIL I

Kafkas Werk ist ein einziges Rätsel. Einmal zumindest wurde Kafka auch selbst flehend
angeschrieben, von einem verzweifelten Bankdirektor, der ihn am 10. April 1917 darum
bat, das Rätsel der Verwandlung aufzulösen: „Sie haben mich unglücklich gemacht. Ich
habe Ihre Verwandlung gekauft und meiner Kusine geschenkt. Die weiß sich die Ge­
schichte aber auch nicht zu erklären. Meine Kusine hats ihrer Mutter gegeben, die weiß
auch keine Erklärung. Die Mutter hat das Buch meiner anderen Kusine gegeben und
die hat auch keine Erklärung. Nun haben sie an mich geschrieben. Ich soll ihnen die
Geschichte erklären. Weil ich Doctor der Familie wäre. Aber ich bin ratlos. Herr! Ich
habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit dem Russen herumgehauen und
nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meinen Kusinen zum
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Teufel ginge, das ertrüg ich nicht. Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn Sie
haben mir die Suppe eingebrockt.“1 Ob Kafka auf den Brief – der sich liest, als wäre er
von ihm selbst geschrieben – antwortete und damit die Doktorwürde des auch im Felde
nicht Zuckenden vor der Familie rettete, ist nicht überliefert.
Fraglos ist über Kafka schon ‚einiges‘ geschrieben worden, aber vermutlich doch
noch nicht genug, als dass die Rätsel, die Kafka aufgibt, als gelöst gelten dürften. Dabei
käme es darauf an, Kafkas Rätsel zu lösen. Denn: „Der Wahrheitsgehalt der Kunstwerke
ist die objektive Auflösung des Rätsels eines jeden einzelnen. Indem es die Lösung
verlangt, verweist es auf den Wahrheitsgehalt. Der ist allein durch philosophische
Reflexion zu gewinnen. Das, nichts anderes rechtfertigt Ästhetik.“2 Zugleich gilt, dass
kein Kunstwerk in seiner Deutung allein aufgehen kann, da jedes Kunstwerk sich der
diskursiven Übersetzung wieder entzieht, es geradezu widersprüchliche Momente in
sich selbst freilegt, sobald nur die Deutung einmal versucht wurde. „Jeder Satz spricht:
deute mich, und keiner will es dulden.“3
Dass in Kafkas Literatur Gesellschaft verhandelt wird, steht außer Frage; Gesellschaft
wird hier kritisiert. Und zwar kritisiert Kafka nicht irgendeine Gesellschaft, sondern
überführt die bürgerliche Gesellschaft als falsche Form der Vergesellschaftung, insofern
er darin zumindest die Möglichkeit erkennt, dass sie in vollkommenen gesellschaftlichen
Wahnsinn jederzeit umschlagen kann oder bereits umgeschlagen ist.4
Die bürgerliche Gesellschaft ist in Kafkas Process5 notwendig vorausgesetzt, was
dadurch unverkennbar wird, dass die Protagonisten allesamt restlos funktionalisiert und
unter das Integral des Kapitals gestellt sind.6 Adorno erkannte in den Figuren, in Kafkas
„Reich des déjà vu“, „Menschen, die im Fließbandverfahren hergestellt sind, mechanisch

1 Zit. n. Susanne Kaul: Einführung in das Werk Franz Mieter ei­nes Zimmers in einer Pension ist, besitzt der
Kafkas. Darmstadt 2010, S. 7. K. aus Das Schloss nicht einmal mehr eine feste Bleibe im
2 Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Gesammelte Dorf, näch­tigt vorübergehend mit seiner Geliebten in
Werke, Bd. 7. Frankfurt am Main 2003, S. 193. ei­nem Klas­sen­zimmer und wird dabei von seinen zwei
3 Theodor W. Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka. In: ko­misch an­mutenden Gehilfen durch das Fenster be­
Ders.: Kulturkritik und Gesellschaft I. Gesammelte Wer­ spitzelt und tritt damit zu ihnen in Konkurrenz; im Schloss
ke, Bd. 10.1. Frankfurt am Main 2003, S. 255. ist K. mehr gefangener Vagabund in einem Dorf unter-
4 „Der Ausweg in den Wahn, der sich politisch immer halb ei­nes Schlosses. Karl Roßmann aus Der Verschollene
dort eröffnet, wo Leviathan zu zerfallen droht, ist ihm wird hin­ge­gen im Verlauf des Romanfragments sogar
versperrt, weil dieser Wahn, der kein medizinisch fass­ zum Land­strei­cher, nachdem sein Onkel ihn aus sei­nem
barer ist, nur als einer des Kollektivs, in der unmittelbaren statt­li­chen Haus fortschickt, schafft es dann durch Zu­fall
Identifikation mit der absolut gesetzten Gemeinschaft, zum Ho­tel­an­gestellten, der sich ein Mehrbetten­zim­mer
die an die Stelle des Leviathan treten soll, funktionieren un­ter dem Dach mit anderen Liftboys teilen muss, lan­det
kann.“ (Gerhard Scheit: Sie sollen die Scham überleben. alsdann mit anfänglichen Mitstreitern in einer Woh­nung,
In: sans phrase 8/2016, S. 201 f.) wo sie ihn nur qua Gewalt zwingen können, zu blei­ben,
5 Der Process wurde zwischen August 1914 und Januar um ihnen weitere Dienste zu leisten. Wenn man die
1915 verfasst, blieb allerdings Fragment; Max Brod gab Ro­man­frag­men­te in die genannte Reihenfolge ge­bracht
ihn 1925 als ersten Band der Kafka-Ausgabe heraus. als Tri­logie aufeinander bezieht, scheint die Funk­tio­na­
6 Aber freilich gibt es Unterschiede: Während im Process li­sie­rung der Subjekte unter das Kapital bei Kafka stets
K. noch ein spärliches Privatleben hat, er an einer regel­ vor­an­zu­schrei­ten und sich regelrecht zu potenzieren.
mäßig statt­findenden Stammtischrunde teilnimmt und
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produzierte Exemplare, Huxleysche Epsilons.“7 Womit sich nach Adorno der ge­sell­
schaft­liche Ursprung des Individuums am Ende als Macht zu dessen Vernichtung ent­
hülle. Oder in anderen Worten ausgedrückt: Von Honoré de Balzac bis Franz Kafka
– Aufstieg und Fall des Individuums. Die Figuren, die um K. herum existieren, wieder­
holen sich, werden tendenziell gleich, indem sie zu reduziblen Exemplaren verkommen.8
Nur die ‚Helden‘ in Kafkas Romanfragmenten unterscheiden sich noch von den üblichen
Gestalten: Sie „erscheinen überflüssig, keiner leistet gesellschaftlich nützliche Arbeit;
selbst daß der angeklagte Bankprokurist Josef K., vom Prozeß präokkupiert, nichts
Rechtes zustande bringt, wird verbucht. Sie kriechen eigentlich zwischen Requisiten
umher, die längst amortisiert sind und ihnen ihr Dasein nur als Almosen gewähren,
indem sie über ihre eigene Lebensdauer hinaus fortexistieren.“9 Was denen drohen
kann, denen verwehrt wird, Requisite zu sein, brachte Günther Anders auf den Punkt:
„Heute“, schreibt Anders in Kafka. Pro und Contra, einem Essay aus dem Jahre 1946,
der sich überwiegend auf das Schloss10 bezieht, „ist diese Funktionalisierung seiner
Romanfiguren von geradezu prophetischer Bedeutung: Denn heute hat die Entwicklung
jenen schauerlichen Höhepunkt erreicht, auf dem, wer keine bestimmte Funktion
hat, nicht mehr als wirklichkeitswürdig, also als nichtig und zu vernichten gilt: In den
Vernichtungslagern verkamen jene, denen man eine bestimmte Funktion nicht zu­
er­teilen wollte oder konnte.“11 Dass Anders post crimen, das heißt nach der Shoah, er­
kannte, dass menschliches Leben, das zur Funktionslosigkeit verdammt wurde, in der
Vernichtung endete – und Anders sprach in diesem Zusammenhang die dramatische
Situation europäischer Juden explizit an –, ist einsichtig, verweist er damit doch auf die
völkisch-antisemitische Vorstellung einer organischen Volksgemeinschaft, die nach
7 Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka (wie Anm. 3), S. 264. wird, aber zugleich auch wieder Achtung er­fährt. „Die
8 Die Funktionalisierung ist bei Kafka immer wieder Herren haben, wie es bei ihrem großen Wis­sen selbst­
Thema und insbesondere in dem Erzählband Ein Land­ ver­ständlich ist, längst jeden Hochmut ab­ge­legt, der Die­
arzt prä­sent. Die Erzählungen lesen sich so, als seien sie ner dagegen scheint ihn sich aufgesammelt zu ha­ben.
eine nur andere Darstellung des Processes. In Ein Besuch im Die Hand im Rücken, mit der anderen vorn über sei­ne
Berg­werk beispielsweise beobachten die Bergbauarbeiter, ver­gol­de­ten Knöpfe oder das feine Tuch seines Livree­
aus deren Perspektive Kafka den Besuch im Bergwerk rockes streichend, blickt er öfters nach rechts und links,
be­schreibt, zehn Ingenieure, die trotz ihres jungen Al­ so als ob wir gegrüßt hätten, könne es aber von seiner
ters „schon so verschiedenartig“ seien. „Sie haben sich Hö­he aus nicht nachprüfen. Natürlich grüßen wir ihn
alle frei entwickelt, und ungebunden zeigt sich ihr klar nicht … Hinter ihm lachen wir allerdings, aber da auch
bestimmtes Wesen schon in jungen Jahren.“ Die über­ ein Donnerschlag ihn nicht veranlassen könnte, sich um­
haupt nicht komisch wirkenden Ingenieure ziehen die zu­drehen, bleibt er doch als etwas Unverständliches in
Aufmerksamkeit der Bergbauarbeiter durch die strikte unserer Achtung.“ (Ebd. S. 127.) Im Lachen der Ar­bei­
Einhaltung der Arbeitsteilung auf sich, während der erste ter wie in der Ignoranz des Dieners drückt sich so nur
Ingenieur „seine Augen überallhin laufen“ lässt, ist der die gegenseitige Verachtung aus, die sie gegenseitig für­
zweite damit beschäftigt, „im Gehen Aufzeichnungen“ zu ei­nander empfinden.
machen usw. usf. (Franz Kafka: Ein Landarzt. In: Ders.: Er­ 9 Ebd. S. 267 f.
zählungen. Gesammelte Werke, Bd. 4. Hrsg. v. Max Brod. 10 Kafka schrieb Das Schloss 1922, auch dieses blieb Frag­
Frankfurt am Main 1976, S. 125.) Hinter der Gruppe trabt ment und wurde erst posthum 1926 von Max Brod he­
der unbeschäftigte Kanzleidiener der Bergdirektion her, rausgegeben.
der noch einem anderen Stand angehört und we­gen sei­ 11 Günther Anders: Kafka. Pro und Contra. München
ner scheinbaren Untätigkeit von den Arbeitern ver­lacht 1963, S. 45.
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produktiver und unproduktiver, ehrlicher und unehrlicher Arbeit selektiert und die als
Parasiten Ausgeschiedenen der industriell geplanten wie zugleich mit handwerklichem
Geschick verübten Vernichtung preisgab. Adorno, der ebenso wie Anders in Kafkas
Werk erkennt, dass „der Stoffgehalt jenes Werkes eher den Nationalsozialismus als das
verborgene Walten Gottes“12 zitiere, stellt fest, dass „nicht bloß Kafkas Prophezeiung
von Terror und Folter erfüllt“ ward. „‚Staat und Partei‘: so tagen sie auf den Dachböden,
hausen in Wirtshäusern wie Hitler und Goebbels im Kaiserhof, eine als Polizei installierte
Verschwörerbande. … Verhaftung ist Überfall, Gericht Gewalttat.“13 Kafka zeigt zumin­
dest in Schloss und Prozess genau die Todesdrohung, die Juden in antisemitischer Gesell­
schaft tendenziell immer auflauert.14 Und Kafka gibt auch zu verstehen, dass die Juden
in der Diaspora bloße Paria sind, worauf Anders aufmerksam gemacht hat: „Für ihn hat
der Dazukommende immer unrecht, denn in gewissem Sinne sieht Kafka das Problem
des Fremden, des Ankömmlings, des Juden, mit den Augen dessen, der den Fremdling nicht
aufnimmt. Kafka ist daher ein verschämter Rationalist – wie alle diejenigen Juden, die mit
einem Lande sich gleichzuschalten versuchen, dessen Verfassung die rationalistische
Anerkennung jedes Menschen, also auch des Fremdlings, als Menschen nicht proklamiert
hat.“15 Für Imre Kertész stellt es sich nicht anders dar: „In dem Fall stempelt das Schloß
K. zum Juden. Er kann sich ansiedeln, als Fremder, wobei man es den Dorfbewohnern
überläßt, wie sie mit dem Fremden umgehen, seine Gegenwart ertragen.“16
„Wie im Zeitalter des defekten Kapitalismus wird die Last der Schuld von der Pro­
duktionssphäre abgewälzt auf Agenten der Zirkulation oder solche, die Dienste besorgen,
auf Reisende, Bankangestellte, Kellner. Arbeitslose – im Schloß – und Emigranten – in
Amerika – werden wie Fossilien der Deklassierung präpariert.“17 Was aber für Das Schloss
oder den Amerika-Roman gilt, stellt sich im Process noch anders dar, ist hier die Weltlüge

12 Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka (wie Anm. 3), S. 271. Hut, die Todesdrohung bereits ausgesprochen, doch die
13 Ebd. S. 272. Jagdhunde nicht losgelassen und die offene Hatz nicht
14 In einem Aphorismus Kafkas aus den Jahren 1917/18 ausgebrochen. „Es liegt in der Macht der Behausten, die
heißt es: „Noch spielen die Jagdhunde im Hof, aber das Hunde nach draußen zu lassen. Sie werden es tun, weil
Wild entgeht ihnen nicht, so sehr es jetzt schon durch die ‚das Wild ihnen nicht entgeht‘, auch wenn es den Schutz
Wälder jagt.“ (Franz Kafka: Betrachtun­gen über Sün­de, der Wälder hetzend sucht. Das ‚Wild‘ ist eine Metapher
Leid, Hoffnung und den wahren Weg. In: Ders.: Hoch­ für die Menschen, auf die aus Gründen ihres Anders-
zeitsvorbereitung auf dem Lande und ande­re Prosa aus Seins Jagd gemacht wird. Bei Kafka sind dies die Juden …“
dem Nachlass. Gesammelte Werke, Bd. 6. Hrsg. v. Max (Martin Zenck: Inszenierung von Authentizität in den
Brod. Frankfurt am Main 1976, S. 33.) – Die spie­len­den Kafka-Fragmenten von György Kurtág nebst einem Pro­
Jagdhunde verstören dadurch, dass sie ihre freie Zeit, leg­omenon zu einer Theorie der Authentizität im mu­si­
wenn sie denn zwischen Arbeit und Freizeit zu unter­ kalischen Kunstwerk. In: Erika Fischer-Lichte, Chris­tian
scheiden wüssten, mit Spiel verbringen, ahnt doch jeder, Horn, Isabel Flug und Matthias Warstat (Hg.): Ins­ze­nie­
dass den Jagdhund die Lust an der Jagd auszeichnet und rung von Authentizität in den Kafka-Frag­men­ten, Tü­
das Spiel damit lediglich temporärer Art ist, weil das Wild bingen 2007, S 138.)
ihnen ganz sicher nicht entgehen wird. Zugleich tritt mit 15 Anders: Kafka (wie Anm. 11), S. 26 f.
dem letzten Nebensatz des Aphorismus zur Sprache, dass 16 Imre Kertész: Galeerentagebuch. Reinbek bei Ham­
das Wild bereits gejagt wird, den Jagdhunden dennoch burg 1999, S. 60.
der tödliche Biss vorbehalten bleibt: Ganz so, als seien die 17 Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka (wie Anm. 3), S. 272.
Juden ohnehin bereits vor den Antisemiten auf ständiger
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zur Weltordnung noch nicht gereift, sondern in ihrem Werden skizziert. So besteht
für Imre Kértesz zwischen Schloss und Prozess noch der entscheidende Unterschied,
dass die Weltordnung, die sich im Process erst abzuzeichnen beginnt, im Schloss bereits
vollendet ist: „Ist das Schloß wirklich so geheimnisvoll? Wird es doch ganz genau be­
schrieben. Es liegt in Sichtweite des Dorfes auf einem näheren oder ferneren, auf jeden
Fall aber leicht zu erreichenden Berg. … Sie könnten um Einlaß bitten oder sogar die
Tore stürmen; doch sie tun es nicht, das Dorf ist sich einig darüber, daß es gar nicht
oder nur unter bestimmten Bedingungen, unter bestimmten Umständen für bestimmte
Personen möglich ist, ins Schloß zu gelangen. Man akzeptiert eine erfundene Ordnung,
eine Spielregel, und gründet auf dieser Spielregel sein Leben, als sei sie die Ordnung
des Lebens oder der Natur. … Der Schlüsselsatz zu diesem Roman findet sich in einem
anderen Werk Kafkas, im ‚Prozeß‘: ‚Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.‘ ‚Der
Prozeß‘ ist der Roman dieser Erkenntnis, ‚Das Schloß‘ bereits der dieser Weltordnung.“18

Kafka stellt im Process nicht einfach die bürgerliche Gesellschaft dar. Auch von einer
vollständig anderen Form der Vergesellschaftung kann nicht die Rede sein, da die rechts­
staatlichen Institutionen weiterhin, parallel zur Behörde und zum Gericht, existieren
und die neuen Institutionen zumindest von den alten geduldet werden, was nur so viel
heißt, dass sie offenkundig nicht mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden und
den Siegeszug der organisierten Konterrevolution der 1920er Jahre in Deutschland vor­
ausweisen.19 Die Tätigkeit der Behörde, die Kafka im Process beschreibt, kann dabei weder
18 Kertész: Galeerentagebuch (wie Anm. 16), S. 55. Kampf gegen den Liberalismus in der to­ta­li­tä­ren Staatsaufassung
19 Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass die folgende Grund­tendenzen des Na­ti­on­ al­sozialismus he­
organisierte Konterrevolution des Nationalsozialismus rausarbeitete: „Heroisie­rung des Men­schen, Vitalismus,
sich der Gesetzesherrschaft einfach entgegenstelle – ganz Irrationalismus, Universalis­mus.“ (Ebd. S. 342.)
im Gegenteil: „Zunächst gibt es keinen Zweifel da­ran, In der Auffassung, dass der Nationalsozialismus ohne den
daß der Nationalsozialismus in Theorie und Praxis dem Be­zug auf den Liberalismus überhaupt nicht zu begrei­
Pos­tu­lat der Gesetzesherrschaft feindlich gegenüber- fen ist, waren sich Neumann, Marcuse und Adorno nah
steht. Für ihn ist das Gesetz identisch mit dem Willen des wie nur selten, so schreibt Adorno in der Minima Moralia:
Füh­rers.“ (Franz Neumann: Die Herrschaft des Gesetzes. Hit­ler, „der wie kein anderer Bürger das Un­wahre im
Ei­ne Untersuchung zum Verhältnis von politischer The­ Li­be­ralis­mus durchschaute, durchschaute doch nicht
o­rie und Rechtssystem in der Konkurrenzgesell­schaft. ganz die Macht hinter ihm, eben die ge­sell­schaft­li­che
Frank­furt am Main 1980, S. 349.) Wenngleich für Franz Ten­denz, die in Hitler wirklich bloß ihren Tromm­ler
Neu­mann im Nationalsozialismus auch „der neu­tra­le hat­te. Sein Bewußtsein ist auf den Standpunkt des un­
Staat“ ver­schwunden ist, so „sind die Grundsätze, die ter­le­ge­nen und kurzsichtigen Konkurrenten zu­rück­ge­
den Rich­ter anleiten, die Ideen des National­sozia­lis­mus, schlagen, von dem er ausging, um ihn in ab­ge­kürz­tem
wie sie im Parteiprogramm nieder­ge­legt sind und im Ver­fah­ren zu sanieren. Notwendig fiel die Stun­de der
Willen des Führers zum Aus­druck kom­men. Der Rich­ Deut­schen solcher Dummheit zu. Denn nur solche, die
ter hat dem Führer zu dienen, gleich­zeitig aber soll er den in Weltwirtschaft und Weltkenntnis gleicher­maßen
dem Wortlaut des Gesetzes folgen.“ (Ebd. S. 351.) Auch Be­schränk­ten glichen, konnten diese für den Krieg ein­
ist für Neumann dabei klar, dass Hitlers Staats­ver­ständ­ span­nen und ihre Sturheit in den Zug des von keiner Re­
nis, das darauf beruht, dass der Staat dem Volk zu die­ fle­xi­on gehemmten Unternehmens. Die Dummheit Hit­
nen habe, „in manchen Punkten der Welt­auf­fas­sung des lers war eine List der Vernunft.“ (Theodor W. Adorno:
Liberalismus nahekommt“, ihm also nicht voll­stän­dig ge- Mi­ni­ma Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Le­
genübertritt. Neumann verweist an die­ser Stelle in einer ben. In: Ders. Gesammelte Werke, Bd. 4. Hrsg. v. Rolf
Fußnote auf Herbert Marcuse, der in sei­nem Aufsatz Der Tiede­mann. Frankfurt am Main 2003, S. 120.)
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als bloßes Vorurteil, das sich gegen K. richte, gelten, ist sie dafür doch zu wirkmächtig,
noch lediglich einem innerpsychologischen Prozess in K. entsprechen, weil das den Tod
am Ende des Romans nicht ausreichend erklären würde. Vielmehr beschreibt Kafka
den all­mählichen Prozess des Übergangs in ein neues gesellschaftliches Produktions­
verhältnis, das der Logik des Antisemitismus folgt, K. die Rolle des Fremdlings not­
wendig zuweist und den Mord bereits vereinzelt zu exekutieren beginnt. Und diese
Aussonderung erfolgt in der Weise, dass K. sich im Process in einer Art Zwischenwelt
bewegen muss, dem anfänglich zwar noch die Ausübung seiner Arbeit gewährt, ihm aber
zugleich schon mit dem ersten Satz des Romans der rechtsstaatliche Schutz entzogen
wird, weil eine neue institutionalisierte Macht sich durchzusetzen begonnen hat, die an
K. einen Tod auf Raten verübt. „In den Konzentrationslagern des Faschismus wurde die
Demarkationslinie zwischen Leben und Tod getilgt. Sie schufen einen Zwischenzustand,
lebende Skelette und Verwesende, Opfer, denen der Selbstmord mißrät, das Gelächter
Satans über die Hoffnung auf Abschaffung des Todes. Wie in Kafkas verkehrten Epen
ging da zugrunde, woran Erfahrung ihr Maß hat, das aus sich heraus zu Ende gelebte
Leben.“20 Der unmittelbaren Zeit nach der Shoah mag geschuldet sein, dass Adorno
Kafkas verkehrte Epen so nah an die Konzentrationslager rückt und damit den Eindruck
erwecken könnte, das Grauen in den Konzentrationslagern für ästhetisierbar zu halten,
wusste er doch zu gut, dass etwa der Protestsong das reale Leid dadurch verdopple,
dass man es konsumierbar und damit gewissermaßen erträglich macht. Hätte Kafka die
Konzentrationslager bloß ästhetisiert, verkäme sein Werk zum Kitsch. Für Adorno gibt
Kafka jedoch eine Vorahnung davon, dass von Erfahrung dann nicht mehr gesprochen
werden kann, wenn der ‚natürliche‘ Tod verwehrt bleibt, nur darin gleichen sich die
„verkehrten Epen“ Kafkas mit den Konzentrationslagern durchaus an.
K.s Funktion als Prokurist in einer großen Bank wird zunehmend bedeutungslos, er
selbst wird – auch durch den Direktor-Stellvertreter – tendenziell überflüssig, sodass
sein Tod am Ende des Romans zumindest für die Bank kein Verlust zu sein scheint.
Aus dem Process wird nicht ersichtlich, warum der Antisemitismus in Kafkas Gesell­
schaft wie aus heiterem Himmel eines Morgens einfällt, weil er die Logik des Anti­
semitismus nicht darzustellen beabsichtigt, sondern die Erfahrung für den einzelnen
Juden umschreibt. Doch im Romanfragment ergibt sich eine Struktur des „Doppelstaats“,
wie ihn Ernst Fraenkel Jahre später darstellen sollte, in dem sich der Antisemitismus
beständig auf neuer Stufenleiter reproduziert, wodurch auch klar wird, dass der gesell­
schaftliche Wahn sich durchzusetzen begonnen hat und die Folge eine tödliche für
K. sein muss. Und es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Kafka K. gar nicht als Juden
stilisieren muss, damit deutlich werden kann, dass im Process der Antisemitismus in der
Nichtverhandlung verhandelt wird, weil jenes Urteil, das die Behörde durch die zwei

20 Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka (wie Anm. 3), S. 273.


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Henker im Steinbruch an K. exekutiert, eben genau den Spielregeln des Antisemitismus


folgt. Der Antisemitismus wird im Process dadurch zur Darstellung gebracht, dass die
einzige Erkenntnis des Prozesses (!) darin besteht, dass K. zu sterben hat, ihm kein
Grund für seine Verhaftung noch für sein Todesurteil genannt werden kann. Nirgends
findet sich ein Indiz für K.s politische Einstellung oder sein äußeres Erscheinungsbild,
was die Verfolgung rationalisieren ließe. Prozess und Urteil können nicht rationalisiert
werden, die angebliche Schuld bleibt ohne jede Bestimmung. Und dennoch wird K.
immer wieder aufgebürdet, sich die Schuld einzugestehen, obwohl er doch – wie die zwei
Wächter ihm auf Nachfrage mitteilen – nur deswegen verfolgt werde, weil die Behörde
seine Schuld magisch anziehe, und was wiederum letztlich nur heißt, dass er sich qua
äußerer Schuldzuweisung einzugestehen habe, tatsächlich schuldig geworden zu sein:
‚Wenn es alle sagen, dann wird schon was dran sein.‘21 Zudem wird K. allmählich und
nicht etwa abrupt seiner gesellschaftlichen Stellung, die er weite Teile des Romans noch
– wie rudimentär auch immer – innehat, beraubt. Auch herrscht unter den Gelehrten
Uneinigkeit darüber, wie man das unumgängliche Gesetz (siehe dazu das Kapitel Im Dom)
auszulegen habe, was an den langwierigen theologischen Streit christlicher Fraktionen
im Umgang mit Juden erinnert. Wäre K. politisch verfolgt, man hätte ihm wohl die
Anklage nur allzu offenherzig mitgeteilt und ihn nicht auf freien Fuß gesetzt. Man wird
daher in der Behörde die Vorwegnahme des sowjetischen Geheimdienstes sicher nicht
erblicken können.
Wahrscheinlich ist es Kafka nur dadurch möglich geworden, dass er von K. als Jude
absieht. Dies mag im ersten Moment paradox klingen, erklärt sich aber dadurch, dass der
Antisemitismus keineswegs an einzelnen Vorurteilen und Stereotypen festzumachen
ist, sondern kapitalentsprungene Totalität ist. Und das ist Kafka wohl nur durch eine
Kunst, die aufs Ganze zielt, wiederum möglich: „Darstellbar ist diese wirkliche Totalität
aber nur – und das gehört zu den Geheimnissen der Kafkaschen Kunst, die sie dem
Theologischen so naherücken – weil vollkommen von dem abstrahiert wird, was in
Wahrheit die Individuen mit dem Staat identisch macht: vom nationalen Bewußtsein.
Kafkas Individuen haben keine Nation, darum wird sichtbar, daß sie alle von einer
unbekannten Macht besessen sind, ob sie es wollen oder nicht. Der nationale Wahn selbst
wird nicht beschrieben, und nur so kann die ganze Gewalt, die er über die Menschen
gewonnen hat, zur Sprache gebracht werden.“22 Kafka schafft es somit, auf die Situation

21 Goldschmidt weist darauf hin, dass im Deutschen weniger Möglichkeiten, sich von einer möglichen Schuld
zwischen der Schuld und dem, der sie sich auflädt, keine zu distanzieren.“ (Georges-Arthur Goldschmidt: Meis­
Distanz bestehen kann. „‚Der Schuldige bin ich‘, sagt man tens wohnt der den man sucht nebenan. Kafka lesen.
oder zur Not ‚Der Schuldige, ich bin es‘, niemals aber wie Frank­furt am Main 2010, S. 32.) Dadurch, dass die Schuld
im Französischen ‚Le coupable, c’est moi – Der Schuldige vom Beschuldigten im Deutschen nicht sauber zu tren­
ist ich‘, womit man die Schuld von sich fernhalten könn­ nen ist, lässt sich aber auch ausdrücken: ‚Josef K. wird
te. Im Deutschen ist das Pronomen untrennbar mit der von der Schuld verfolgt.‘ – so als ob Josef K. die Schuld
ent­spre­chen­den Verbform verknüpft, dadurch gibt es magisch auf sich ziehe.
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der Juden in antisemitischer Gesellschaft zu reflektieren, ohne von ihnen als solchen
überhaupt zu schreiben und kann gleichsam Wahrheit über Gesellschaft aussprechen,
die nach Max Horkheimer den Antisemitismus ins Zentrum zu stellen hätte: „So wahr
es ist, daß man den Antisemitismus nur aus unserer Gesellschaft heraus verstehen kann,
so wahr scheint mir auch zu werden, daß nun die Gesellschaft angemessen nur durch
den Antisemitismus verstanden werden kann.“23

konterrevolution

Jede Konterrevolution hat ihre Geschichte. Jene Durchsetzung ist freilich nicht einfach
als bloß empirisch verifizierbarer Bruch mit bürgerlicher Vermittlung vorzustellen,
sofern sie einen epochalen Wandel markiert. Sondern die Durchsetzung ist vielmehr
als zeitlich und räumlich zugleich stattfindender Prozess zu denken, der in eine gänzlich
neue vermittelte Unmittelbarkeit führen kann, wenn revolutionäre Kräfte ihren Kampf
verlieren.
Ein solcher Prozess, von der nationalsozialistischen Konterrevolution vorangetrieben,
zeichnete sich dann bereits früh in der Weimarer Zeit ab. Im selben Jahr als die Revolu­
tion 1918 in deutschen Städten ausbrach, trat zugleich die organisierte Konterrevolution
auf den Plan. Franz Neumann skizziert in seinem Behemoth den allmählichen Machtverlust
des Parlaments zugunsten einer politischen Justiz in der Weimarer Zeit vor dem Hin­
ter­grund der allmählichen Monopolbildung und des sich schließlich aufdrängen­den
Raub­krieges, den die Autarkiepolitik der Nazis im gemeinsamen Bund mit Teilen der
Bour­geoisie zu verantworten hatte. Die Konterrevolution „versuchte sich in vieler­lei
For­men und mit zahlreichen Mitteln, lernte aber bald, daß sie nur mit Hilfe, nie­mals
aber gegen den Staatsapparat zur Macht kommen sollte.“24 Dieser von Neumann be­
schriebene Prozess brachte mit sich, dass die „neuen Techniken der Rechtfertigung und
Propagierung des Nationalsozialismus gegen die Weimarer Republik … als geeignete
Schritte, die kommunistische Gefahr abzuwenden, verteidigt“ 25 wurden. Neumann
belegt am empirischen Material den Widerwillen der Weimarer Demokraten, die bis
dato zahlenmäßig unterlegenen Nationalsozialisten in die Schranken zu weisen und
kann damit die Vorstellung, dass der Nationalsozialismus so etwas wie ein bloßer Bruch
22 Gerhard Scheit: Die Depressionen in Krähwinkel. sche Be­deu­tung, München 1991, S. 347. – In Max Hork­
Grillparzer, Nestroy und Kafka, www.gerhardscheit.net/ heimers Ge­samt­ausgabe (Bd. 17) findet sich die zitierte
pdf/depressionen.pdf (letzter Zugriff: 20. 9. 2018). Stelle aus dem Brief vom 10. März 1941 an Laski nicht
23 „As true as it is that one can understand Antisemitism und wirft die Frage auf, ob es sich nicht beispielsweise
only from our society, as true it appears to me to become um einen an­de­ren Brief an Laski handelt.)
that by now society itself can be properly understood 24 Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des
only through Antisemitism.“ (Brief an Harold Laski vom Nationalsozialismus 1933 – 1944. Hrsg. v. Gert Schäfer.
10. März 1941; zit. n. Rolf Wiggershaus: Die Frankfur­ter Frankfurt am Main 2004, S. 44.
Schu­le. Geschichte, Theoretische Entwick­lung, Po­liti­ 25 Ebd. S. 48.
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 203

gewesen sei, zurückweisen: „Der Nationalsozialismus ist ein Hüter der Demokratie, so
tönte es, und die Gerichte waren zu gern bereit, die oberste Maxime jeder Demokratie
und jedes Staates zu vergessen, daß die Zwangsgewalt ein durch seine Armee und Polizei
ausgeübtes Monopol des Staates sein muß, und daß eine Gruppe von Privatpersonen
oder ein einzelner nicht einmal unter dem Vorwand den Staat retten zu wollen, zu
seiner Verteidigung zur Waffe greifen darf, es sei denn, die souveräne Macht hätte
dazu aufgerufen oder ein wirklicher Bürgerkrieg wäre ausgebrochen.“26 Dadurch, dass
die Justiz in der Weimarer Republik zunehmend zum politischen Instrumentarium
wurde, wuchs nach Neumann die Macht der Richter in dem Maße an, wie die des
Parlaments allmählich schrumpfte. „Die Reaktion machte mit stetig zunehmender In­
ten­sität von der Waffe der ‚Rechtsprechung‘ Gebrauch.“27 Zwar sei nach Neumann
nicht nur Deutschland vom Niedergang der Parlamente betroffen gewesen, doch in
Deutschland wurde die allgemeine Tendenz „aufgrund spezifisch deutscher Verhältnisse,
vor allem der monarchistisch-nationalistischen Tradition der Bürokratie, verschärft.“28
Infolge einer vermehrt politischen Justiz konnten Neumann zufolge in der Weimarer
Republik auch „Minderheiten ihrer Rechte“ beraubt werden. Diese Entrechtung, die
auch Kafkas Process bestimmt, begann nicht erst am Ende der Weimarer Republik: „Es
wäre falsch anzunehmen, daß der Verfall der parlamentarischen Gesetzgebungsmacht
lediglich ein Resultat der letzten, der präfaschistischen Periode der Deutschen Republik,
also etwa der Zeit von 1930 bis 1933, gewesen sei. Der Reichstag war nie sehr darauf
bedacht, das alleinige Gesetzgebungsverfahren zu bewahren: schon von den ersten
Tagen der Republik an entwickelten sich nebeneinander drei konkurrierende Arten
der Gesetzgebung.“29 Nach Neumann stand ab einem gewissen Zeitpunkt „im Zentrum
der Konterrevolution … die Justiz.“30
Es scheint ganz so, als sei Kafka diese Möglichkeit einer negativen Aufhebung des
Kapitals auf seiner eigenen Grundlage schon bewusst gewesen. Denn: Wenn K. eines
Morgens so seltsamerweise von zwei Wächtern in seiner Pension verhaftet wird, kann
er sich dies nur dadurch erklären, verleumdet worden zu sein und zwar „ohne daß er
etwas Böses getan hätte“ (7).31 Den Figuren, die Kafka zeichnet, ist eigentümlich, dass
sie nicht aufbegehren, zwar an die Möglichkeit eines Widerstands immer wieder einen
Gedanken verlieren, schließlich aber dennoch in sich zurücksinken. K. unterwirft sich
nicht bruchlos, sondern verhält sich anfänglich eher so, als sei ihm ein Unrecht zufällig
geschehen, als solle beim Leser wie K. jeder Zweifel an K.s Unschuld verfliegen, tut
die Behörde doch alles, vergessen zu machen, dass K. weiterhin unschuldig ist. „Kafka

26 Ebd. 31 Alle in Klammern stehenden Zahlen stammen aus:


27 Ebd. Franz Kafka: Der Prozess. Hrsg. v. Malcolm Pasley. In:
28 Ebd. S. 49. Ders: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe.
29 Ebd. S. 50. Hrsg. v. Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley
30 Ebd. S. 44. und Jost Schillemeit. Frankfurt am Main 1990.
204 David Hellbrück

verherrlicht nicht die Welt durch Unterordnung, er widerstrebt ihr durch Gewalt­
losigkeit. … Schuldig werden die Helden von Prozeß und Schloß nicht durch ihre Schuld
– sie haben keine –, sondern weil sie versuchen, das Recht auf ihre Seite zu bringen.“32
– Doch dieses Recht, auf das die ‚Helden‘ im Schloss und im Prozess immer noch schwach
hoffen, hat als solches aufgehört zu existieren, weshalb die ‚Helden‘, weil sie darauf noch
bestehen, zunehmend in Verruf geraten oder sich gleich der Lächerlichkeit aussetzen.
Die ‚unabhängige‘ Justiz ist längst einer politischen Agenda gewichen, die Willkür hat
ihren Siegeszug angetreten.33 Während Kafka im Schloss über dieses neue Recht keine
Auskunft mehr erteilt, wird der allmähliche Prozess der Entrechtung im gleichnamigen
Roman ins Zentrum gerückt; so als sei im Schloss die Entrechtung bereits manifest und
damit keiner Erwähnung mehr nötig.

scham
„Doch der ‚Inhalt‘ von Kafkas Werk ist umso weniger faßbar, als der Versuch, ihn zu erfassen
nur zu einer Wiederholung führt, die dem Weg dieses Werks folgt – der Kommentar kann
nichts anderes sein als Paraphrase.“
Georges-Arthur Goldschmidt, Meistens wohnt der den man sucht nebenan

Spätestens mit dem letzten Satz in Kafkas Process wird einsichtig, dass Kafka im Roman
keineswegs innere psychische Zustände im Äußeren der Behörde darstellen will und
die Behörde in einer psychoanalytischen Lesart allein als Über-Ich interpretiert werden
kann. Mit dem Ende des Buches präsentiert sich der Roman noch einmal in einem
vollkommen anderen Licht. Und auch jede Zufälligkeit, die den Process vom ersten Satz
an trägt, verliert ihren Charakter und gerinnt zur einzigen Gewissheit, dass K.s Tod
unausweichlich ist.34 Der letzte Satz K.s, nachdem die beiden Herren im Dienste der
32 Adorno: Aufzeichnungen zu Kafka (wie Anm. 3), S. 285. Herbert Marcuse. Frankfurt am Main 1986, S. 37.) In­
33 Durch die Unabhängigkeit der Justiz, die als sol­che sofern jene Elemente nicht mehr erfüllt sind, hat nach
nur inner­halb der Gewaltenteilung besteht, kommt dem Neu­mann das Recht dem originären Sinn nach aufge­
Recht – wie manche Rechts­fetischisten durch ih­re wohl­ hört zu existieren. „Unter dem Schlußstrich steht also ein
fei­len Lügen weismachen wollen – kein univer­sel­ler Cha­ ne­ga­ti­ves Resümee: Es gibt heute in Deutschland kein
rak­ter zu. Daraus, dass Gesetzes­paragraphen so for­mu­liert Recht mehr. Was Recht genannt wird, ist ausschließlich
werden müssen, dass sie Minder­heiten nicht of­fen dis­kri­ eine Technik, um den politischen Willen des Führers in
minieren, erwächst kein Universalismus, son­dern nur der Ver­fassungs­wirklichkeit zu transformieren. Das Recht
Anspruch, Gesetze allgemein und abstrakt formulieren ist nichts weiter als ein arcanum dominationis.“ – Das
zu müssen. „Drei Elemente sind für den Charakter des Recht als geheime Macht. (Neumann: Die Herrschaft
Gesetzes relevant: das Gesetz muß in seiner Satzbildung des Gesetzes, wie Anm. 19, S. 355.)
generell sein, es muß in seiner Allgemeinheit bestimmt 34 Wirkt es anfänglich so, als sei es K. selbst, der seinen
sein, und es darf keine rückwirkende Kraft haben.“ (Franz Pro­zess in Gang setzt, aus eigenen Stücken mit den zwei
Neu­mann: Der Funktionswandel des Gesetzes im Recht Wäch­tern am Schluss des Verhaftungskapitels mit­geht,
der bürgerlichen Gesellschaft. In: Ders.: Demokratie und das Gericht in der Ersten Untersuchung an einem Sonn­tag
autoritärer Staat. Studien zur politischen Theorie. Hrsg. v. freiwillig aufsucht, so verschwindet vor dem Hinter­grund
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 205

viel umsagten Behörde ihm „ein langes dünnes beidseitig geschärftes Fleischermesser“
(311) ins Herz bohren und sich zuvor noch das Messer mit „widerlicher Höflichkeit“
(311) gegenseitig wie einen Ball zuwerfen, lautet: „‚Wie ein Hund!‘ sagte er, es war, als
sollte die Scham ihn überleben.“ (312) Die Scham, die kein Gramm Naturstoff enthält,
sondern ausschließlich als ein Moment von Gesellschaftlichkeit zu begreifen ist, sollte
K. überleben. Wobei das sollte den Skandal schlechthin bezeichnet, weil damit nichts
anderes ausgedrückt wird, als dass die Scham vom Leben des Einzelnen soll absehen und
für sich ohne den Ermordeten fortleben können. Die Scham, die Judith Butler jenseits
der Leiblichkeit und der Qual des Einzelnen im leeren Raum des Diskurses situiert,35
rückt hingegen Georges-Arthur Goldschmidt unter Verweis auf die Leiblichkeit ins
Zentrum; erkennt er in der Scham die Erlösung des Einzelnen von seiner körperlichen
Qual, die mit dem Grotesken endlich Schluss mache: So zeichne sich die Scham, die am
Ende des Processes siege, dadurch aus, „es nicht mehr zu ertragen, daß man dieses Sich-
als-sich-selbst-Fühlen nie wieder loswerden kann, das doch das Einzige ist, was man
ist, den Wahnsinn des Körpers zu übersteigen, darauf zu reiten, mit dem Grotesken
Schluß zu machen“.36
Von Scham lässt sich sinnvollerweise nur dann sprechen, wenn eine zwischen­mensch­
liche Beziehung ausgedrückt werden soll. Der Scham kommt jene Funktion zu, die „seit
Menschengedenken“ als ein Drittes zwischen den Menschen vermittelt, wie Manfred
Dahlmann einmal in Bezug auf Jean-Paul Sartre feststellte, um Sartres Freiheitsbegriff
zu kritisieren. „An ihr orientiert der Mensch sich in seinem Verhalten und in seinen
Beziehungen zu seinen Mitmenschen mindestens genauso wie an seinen sonstigen
Orientierungspunkten, handele es sich dabei um innerlich triebbedingte, äußerlich

des Endes alle Zufälligkeit, erstarrt sie zum ge­flis­sent­ Die Unsterblichkeit, die den leib­haf­ten Tod zur Vor­
lichen Prinzip, da klar wird, das man auf K.s Tod immer aussetzung werden lässt, findet sich auch im Zeu­gungs­
schon abzielte. Man könnte glatt meinen, dass der Grund drang jedes Vaters.
immer wieder vergessen gemacht werden soll. But­ler berichtet ähnlich fasziniert in ihren Adorno-Vorle­
35 Nicht nur Butler erkennt in der Scham, die den ‚Hel­ sun­gen von einer Szene, in der Kafkas ‚Held‘ in der Scham
den‘ überleben soll, ein Moment des hoffnungsvollen fort­lebt und am Ende von Kafkas Erzählung Das Ur­teil sich
Fort­lebens. Das Fortleben hat den Tod des Einzel­nen ereignet. Dort erkennt Butler im Fort­leben der Scham
zur Vor­aussetzung, womit von der Leibhaftig­keit des den Diskurs wieder: Der Einzelne lebe nach ihr ge­ra­
Ein­zel­nen und der Boshaftigkeit des Todes abstra­hiert de dadurch fort, dass der Einzelne nicht über­lebt. Da­mit
wird. So schreibt Joachim Kalka in der Frankfurter All­ge­ wird der Tod des Einzelnen im Fort­leben des Dis­kur­ses
mei­nen Zeitung: „Ist dies die Hoffnung: Die Scham kön­ne schließlich zur notwendigen Voraus­set­zung und ein­zi­
so groß sein, dass sie überdauert? Und vielleicht den gen Möglichkeit des Über­lebens in ei­nem Grö­­ße­ren. Das
Men­schen mitnimmt (denn irgendjemand muss ja die Besondere selbst wird damit noch in ein All­ge­mei­nes ver-
Scham empfinden)? Hoffnung und Drohung treten hier schoben und dem Tod, dem die Un­ver­nunft inne­wohnt,
viel­leicht in ein Verhältnis wie das Gewinnen und Ver­ so ein Sinn abgerungen. Wer da an Mar­tin Heideggers
lie­ren in der schwindelerregenden kleinen Text-Höl­ Geworfensein denkt, ist ein Schelm. (Ei­ni­ge Hinweise
len­ma­schi­ne ‚Von den Gleichnissen‘ (die eben­falls vom dazu finden sich in der 2019 bei ça ira erscheinenden
Drü­ben, vom Hinüber handelt). … Sie erreicht ei­ne sol­ Arbeit von Alex Gruber, der sich dort mit Ju­dith Butler
che Intensität, dass man einen Augen­blick lang le­send eingehend auseinandersetzt.)
denken könnte, dass sie unsterblich macht.“ (Joa­chim 36 Goldschmidt: Meistens wohnt der den man sucht ne­
Kalka: Scham bedeutet Hoffnung. FAZ vom 3. 9. 2008.) ben­an (wie Anm. 21), S. 114.
206 David Hellbrück

naturgegebene oder spirituelle. … Das Besondere an diesem Kern, was die Scham be­
trifft, ist, dass niemand wirklich anzugeben weiß, was diese als solche ist. Sie erscheint
im Inneren des Subjekts als je besonderes Gefühl und im Äußeren in der jeweiligen
Situation als Ausdruck verschiedener Sitten, Gebräuche, Bekleidungsvorschriften und
vieles weitere mehr, aber nirgendwo als sie selbst.“37 Kafka gibt mit dem letzten Satz
nicht weniger zu verstehen, als dass die Scham, die ihn überleben sollte, nicht nur eine
innerlich empfundene ist, sondern objektiv besteht und auch dann weiterbesteht, wenn
K. ermordet wird. Kafka reflektiert auf ein Drittes, ein Allgemeines, das zwischen den
Menschen real bestehen kann und sich gewissermaßen über den Einzelnen erhebt,
wenngleich es nicht unabhängig von ihm zu denken ist, weil die Scham vom Einzelnen
gefühlt werden muss. Dass die Scham aber K. überleben soll, obgleich er stirbt, skan­
dalisiert die Nichtigkeit jedes Individuums gegenüber einer Objektivität – und zwar
nicht erst dann, wenn ihr die Lüge zum Prinzip wurde.
Jener von Kafka ausgesprochene Gedanke an die Scham konstituiert sich erst da­
durch, dass K. zum einen eines Verbrechens angeklagt wird, ohne dass er etwas Böses
getan hätte; zum anderen darin, dass K. das Gesetz „zu fühlen bekommen“ (15) solle,
wie ihm ein Wächter im Verhaftungs-Kapitel auf seine Bitte hin mitteilt. K., der wie
der Leser bis zum Ende des Romans nicht erfahren soll, was er sich zu Schulden hat
kommen lassen, ist der Tatsache ausgesetzt, dass er einzig deswegen sterben muss, weil
die Objektivität, die über ihn waltet, es so möchte. Und zugleich wird K. genötigt,
sich eine bestimmungslose Schuld einzureden. Ein Skandalon schlechthin und etwa
so perfide, wie Juden, die von Antisemiten ermordet werden, noch für ihren Tod sich
verantwortlich erklären sollen, weil man sie ja ohne Grund nicht hätte verfolgen müssen.
K. wird die Schuld aufgebürdet und er versucht sie in einem Monolog dann selbst noch
zu rationalisieren: „Ich wollte immer mit zwanzig Händen in die Welt hineinfahren
und überdies zu einem nicht zu billigenden Zweck. Das war unrichtig, soll ich nun
zeigen, daß nicht einmal der einjährige Prozeß mich belehren konnte? Soll ich als ein
begriffsstütziger Mensch abgehn? Soll man mir nachsagen dürfen, daß ich am Anfang des
Processes ihn beenden und jetzt an seinem Ende ihn wieder beginnen will.“ (308) Und
K., der das Urteil der anderen fürchtet, ergänzt: „Ich will nicht, daß man das sagt. Ich
bin dankbar dafür, daß man mir auf diesem Weg diese halbstummen verständnislosen
Herren mitgegeben hat und daß man es mir überlassen hat, mir selbst das Notwendige zu
sagen.“ (309) – Die Notwendigkeit erkennt K. darin, sein Verhängnis zu rationalisieren,
dass er nicht als „begriffsstütziger Mensch“ verurteilt werden möchte, der sich die Schuld,
weil sie ihm objektiv aufgezwungen wurde, eingestehen möchte – als sei es sein letzter
Wille. Die erzwungene Schuldhaftigkeit ist als solche Verbrechen.

37 Manfred Dahlmann: Autonomie und Freiheit oder: Ästhetik wozu? In: sans phrase 1/2012, S. 25 f.
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 207

Die Behörde kann, so scheint es im Process, nur dadurch das Todesurteil vollstrecken,
weil K. sich nicht zu widersetzen bereit ist. Weil, wie es scheint, K. die Behörde nie
offen anzweifelt, sich der Verhaftung nicht entzieht, ihre Praxis nicht der Unvernunft
überführt, stattdessen immer wieder aufs Neue nur ein eigenwilliges Verständnis für die
Gesetzesfunktion aufbringt, indem er in den Prozess gezwungen wird. Von der Schuld
fängt er auch selbst allmählich zu sprechen an und so wird der Anschein erweckt, dass er
am Ende schließlich Mitschuld an seinem eigenen Tod gehabt hätte. Jedenfalls könnte
so die perfide Conclusio des Romans lauten.
Doch genauer betrachtet, kann, so die Einsicht Kafkas, die Objektivität nur dadurch
walten, dass sie von den Subjekten selbst als gültig anerkannt wird. Und nur deswegen
Anerkennung erfährt, weil sie besteht. Das Schicksal der Scham am Ende des Romans ist,
dass sie Erlösung und Verbrechen zugleich ist. Erlösung nur in dem Sinn, dass sie – mit
Goldschmidt gesprochen – von leiblicher Qual befreit, wie eben auch das Verbrechen
zeichnet, dass das Grauen nicht hätte sein dürfen.

hunderwerfung

Im Schlusskapitel des Processes wird beschrieben, dass K. mit seinen beiden Henkern
eine Einheit bilde, „daß wenn man einen von ihnen zerschlagen hätte, alle zerschlagen
gewesen wären. Es war eine Einheit, wie sie fast nur Lebloses bilden kann.“ (306) K.,
so die subtil formulierte Frechheit par excellence, sei nicht mehr imstande gewesen,
diese behauptete Einheit ohne Trennung selbst aufzubrechen und würde sogleich in
ihr aufgehen. Jeder Widerstand ist ihm abhandengekommen, auch dann wehrt er sich
nicht, wenn der Tod ihm nah wird. So wird die Logik des Prozesses erst dadurch für den
Leser unerschütterlich, wenn K. keinen Widerstand mehr leistet, was nichts anderes
bedeutet, als dass die Weltordnung zur Lüge sich manifestierte: „Die Logik ist zwar
unerschütterlich, aber einem Menschen der leben will, widersteht sie nicht.“ (312) Kafkas
Erzähler fragt daraufhin zwar noch einmal: „Wo war der Richter den er nie gesehen hatte?
Wo war das hohe Gericht bis zu dem er nie gekommen war?“ (312) – Diese Fragen finden
allerdings keine Beantwortung und lassen das eine Jahr des Prozessierens schließlich als
komplett sinnlos erscheinen, weil K. zu sterben hat. Alsdann hebt K. „die Hände und
spreizte alle Finger“ (312), so, als ergebe und übergebe er sich schließlich der Behörde,
worauf sein Tod zur logischen Folge verklärt wird. Doch die innere Logik ist eine des
Todes, Unvernunft schlechthin. Denn mit K.s Tod ist man geneigt zu sagen, dass er
seine Freiheit nicht darin fand, die Gültigkeit der Behörde infrage zu stellen, sondern
sie noch dadurch zu akzeptieren bereit war, als er dem eigentümlichen Gesetz, auf das
die Behörde sich beruft, zumindest mit Verständnis gegenübertrat. Aber warum kann
man nicht denken, dass die einzige Wahrheit in der Abschaffung der Behörde selbst
208 David Hellbrück

liegt? Das gleiche gilt freilich für die Logik des Antisemitismus, die zu verstehen solange
widersinnig ist, insofern das Ziel die Abschaffung nicht in sich enthält. Aus diesem
Grund kann es wie auch immer keine Theorie des Antisemitismus geben, allein Kritik.
Doch nicht nur sollte die Scham K. überleben, sondern gleichzeitig streckte man ihn
wie einen Hund hin, was zum einen darauf hindeuten könnte, dass K. entmenschlicht
wurde, eine tierische Exekution also erlitt, aber auch verheißen könnte, dass er wie das
domestizierteste Tier überhaupt sterben musste, weil all seine Handlung den Schluss
suggeriert, dass er sich der Behörde allzu hündisch unterwarf. So betrachtet, könnte in
dem Ausdruck: „Wie ein Hund!“ gleich doch wieder die Erkenntnis stecken, dass er den
Prozess nicht hätte eingehen und nicht hätte Hund werden dürfen.
Aber was sich als Erkenntnis darin noch aufdrängen will, hat seine Macken, muss
doch derjenige, der die Hunderwerfung behauptet, sogleich K.s Tod mit Sinn aufladen.
Diese Sinngebung kann es nicht geben, denn damit wird der Tod eines Einzelnen zur
Beschwichtigung des Todes selbst und verkommt letztlich vielleicht gar zur Hoffnung,
in einem Allgemeinen weiterleben zu dürfen, der Tod wäre in ein Höheres aufgelöst.
Die Toten sind tot, so viel Leidvolles weiß der Materialist zu berichten, dessen erstes
revolutionäres Ziel die Abschaffung des Todes zu sein hat.38 Oder in den Worten des
Revolutionärs Franz Kafka ausgedrückt: „Der Tod ist vor uns, etwa wie im Schulzimmer
an der Wand ein Bild der Alexanderschlacht. Es kommt darauf an, durch unsere Taten
noch in diesem Leben das Bild zu verdunkeln oder gar auszulöschen.“39

TEIL II

verhaftbefehl

Mit dem ersten Satz, mit dem der Process wie auch der Prozess gleichermaßen eingelei­
tet wird, findet K.s bisheriges Leben einen existentiellen Einschnitt. „Jemand muß­te
Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines

38 „Wenn die Vernunft in Zukunft nicht … durchge­setzt Über­leben im Diesseits (manchmal, etwa bei einem Hel­
wird, dann hat sie (und sei es negativ) nie außer­halb der den­tod als Soldat, mit dem Trost auf ein ‚Über­le­ben‘
Vor­stel­lungs­welt Einzelner irgendwo geschicht­lich in in der Geschichte) vorenthalten hat, ist in voll­kom­me­
ir­gend­einem Allgemeinen je existiert … Man muss sich ner Sinnlosigkeit gestorben, oder genauer: ist von die­
je­den­falls endlich von der Vorstellung lösen … es gä­ ser Ge­mein­schaft umgebracht worden.“ (Man­fred Dahl­
be Op­fer in der Geschichte, die der (oder auch nur: ei­ mann: Kri­tik als Politisierung der Kunst? In: sans phrase
ner) Ver­nunft den Weg bereitet hätten oder auch nur 8/2016, S. 115.)
hät­ten be­reiten können. Jeder einzelne Mensch – wann 39 Franz Kafka: Die acht Oktavhefte. Drittes Oktavheft.
im­mer er gelebt hat –, der gelitten hat oder ge­stor­ben In: Ders.: Hochzeitsvorbereitung auf dem Lande und an­
ist, weil irgendeine Gemeinschaft ihm sein wirk­li­ches dere Prosa aus dem Nachlaß (wie Anm. 14), S. 77.
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 209

Morgens verhaftet.“ (7) K. wird nicht an irgendeinem Morgen, sondern an dem seines
30. Geburtstags von zwei Wächtern in seinem Schlafzimmer überrumpelt und einem
Aufseher vorgeführt. Nach diesem Initiationsereignis ist in K.s Leben nichts mehr wie
es war, alle Sicherheit, die er – wie jeder andere – für sich beanspruchen durfte, ist
dahin. Die Gewissheit in einem Rechtsstaat zu leben, weicht dem Prozessieren in der
Ungewissheit, die ihm zur einzigen Gewissheit nur mehr werden soll.
„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben“, so leitet Kafka den Roman ein und gibt
damit zu verstehen, dass keine andere Ursache für die Verhaftung mitgeteilt werden
kann, als die Hypothese, dass K. verleumdet worden sein musste, „ohne daß er etwas
Böses getan hätte“. Diese Satzkonstruktion ist für Kafka, nicht nur an dieser Stelle,
charakteristisch, drückt er damit doch aus, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass
K. etwas Böses getan haben könnte. Denn durch diesen uneindeutigen Satz wird die
Spannung einer Ungewissheit aufgebaut, die dieselbe ist, die K. widerfährt und vom
beobachtenden und eben nicht allwissenden Erzähler auf den Leser zurückspiegelt
wird. Denn der Satz könnte ja auch lauten: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben,
denn ohne daß er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Oder
anders noch: „Josef K. muss verleumdet worden sein, ohne daß er etwas Böses getan
hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Hätte der Satz so gelautet, wäre für jeden
überdeutlich, dass der Skandal allein darin besteht, dass er schuldlos verhaftet wurde.
Die Schuld im Process ist aber eine perfide, die darin besteht, dass K. ein Zwang auferlegt
wird, sich diese allmählich einzugestehen wie dem Leser durch das ganze Zwischenspiel
zwischen Anfang und Ende vergessen gemacht werden soll, dass die Verhaftung eines
Grundes entbehrt. Die Verhaftung, die ja äußerst komisch abläuft, und keine Verhaftung
de jure ist, wird durch die prononcierte Verwendung des Konjunktivs verstärkt. Das
Urteil, das an K. vollstreckt wird, bleibt solange äußerlich, wie ihm selbst vor Augen
geführt wird, dass es Wirkmächtigkeit qua Gewalt erlangt. Sodann, wenn die beiden
Wächter wie auch der Aufseher vom Prügler ausgepeitscht werden oder die Frau des
Gerichtsdieners im vollbemannten Saal während K.s erster Anhörung vom Studenten
der unbekannten Rechtswissenschaft angefallen wird und K. das Einschreiten durch
die anwesenden Männer, die sich ihm in den Weg stellen, verwehrt bleibt.
Der Verhaftung durch die zwei Wächter der Behörde, über die K. nichts weiß und
die auch in der Bevölkerung nicht allzu bekannt sei, wohnen Zuschauer im gegen­
überliegenden Wohnhaus bei, die K., bereits bevor die Wächter sein Schlafzimmer
betreten, durch ihre ungewöhnliche Neugierde aufgefallen sind und im Verlauf der
Verhaftung die besten Fensterplätze sich sichern. Jene Zuschauer scheinen noch vor
K. von dem eigentümlichen Ereignis Wind bekommen zu haben und lassen sich nur
durch einen der Wächter verscheuchen: „‚Weg von dort‘, rief er dann hinüber. Die drei
wichen auch sofort ein paar Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den
Mann, der sie mit seinem breiten Körper deckte und nach seinen Mundbewegungen
210 David Hellbrück

zu schließen, irgendetwas auf die Entfernung hin unverständliches sagte. Ganz aber
verschwanden sie nicht, sondern schienen auf den Augenblick zu warten, bis sie sich
unbemerkt wieder dem Fenster nähern könnten.“ (24)
Jene zwei Wächter, die K. die mündliche Mitteilung der Verhaftung überbringen,
aber einen „Verhaftbefehl“ (13) nicht bei sich führen, geben ihm lediglich zu verstehen,
dass er sich seiner Lage zu fügen habe. „Sie führen sich ärger auf als ein Kind. Was wollen
Sie denn? Wollen Sie Ihren großen verfluchten Proceß dadurch zu einem raschen Ende
bringen, daß Sie mit uns den Wächtern über Legitimation und Verhaftbefehl diskutieren?
Wir sind niedrige Angestellte, die sich in einem Legitimationspapier kaum auskennen
und die mit Ihrer Sache nichts anderes zu tun haben, als daß wir zehn Stunden täglich
bei Ihnen Wache halten und dafür bezahlt werden.“ (14) Auch die Wächter, so geben
sie beinahe entschuldigend zu verstehen, sind nur Angestellte, die von der „hohen
Behörde“ (14) nichts weiter wissen und in ihrer Funktion als Wächter restlos aufgehen.
Obgleich die Wächter nichts über die hohe Behörde aussagen können, können sie
dennoch über die Verfahrensweise Auskunft geben: „Unsere Behörde, soweit ich sie
kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade, sucht doch nicht etwa die Schuld in
der Bevölkerung, sondern wird wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen und
muß uns Wächter ausschicken. Das ist Gesetz.“ (14) Die Angestellten der Behörde
teilen dadurch mit, dass sie zwar noch einem Gesetz hörig sind, wenngleich sie über
dessen Inhalt keine Auskunft geben können, man aber an anderer Stelle (Im Dom) über
das Gesetz erfährt, dass darüber verschiedene Interpretatoren brüten. Zumindest aber
erhält auch die Behörde nur durch das Gesetz ihre Legitimation, zudem sei die Behörde
keiner Schuld nachweispflichtig. Sie wird von der Schuld angezogen, die ausreichend sei,
um die Wächter und den Aufseher auf den Plan zu rufen. Doch was sich K. zu Schulden
kommen lassen haben soll, wo er doch nichts Böses getan hat, bleibt offen. K. muss
sich selbst auf die Suche begeben, selbst in den Prozess eintreten, um aber auch dann
nicht mehr darüber zu erfahren, wie er sich schuldig gemacht haben könnte, obgleich
durch das Prozessieren selbst K.s Unschuld in Zweifel gezogen wird. Doch die Schuld
besteht, gerade vom Ende des Romans betrachtet, darin, dass er ist. Davon lenkt der
Prozess willentlich ab, will er die Unschuld K.s vergessen machen.
Die Verfolgungsinstanzen beginnen unter den aufmerksamen Blicken der Öffent­
lichkeit das Delikt, das nie stattfand, zu strafen, indem sie die Verhaftung von den
Wächtern überbringen lassen. K. entgegnet daraufhin einem Wächter, dass er das Gesetz
nicht kenne und wirft ihm vor, dass es nur in den Köpfen der Wächter existiere, doch
auch das kann ihm nicht helfen. Entgegnet ihm doch darauf ein Wächter nur kühn, er
werde es schon noch „zu fühlen bekommen“ (15). Dass K. das unaussprechliche Gesetz
nicht kennt, wird ihm selbst noch zum Vorwurf, kann ihm aber auch nicht erklärt werden,
ist es augenscheinlich keines des positiven Rechts, sondern eines, das einer anderen
Logik bereits folgt, das unmittelbare Evidenz für sich beansprucht und so präzise wie
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 211

gespenstisch dem Wahn gleicht, dass der Jude eben nur mal die Schuld am Unglück der
Gesellschaft trage, da er ja die Behörde und damit die Schuld auf sich ziehe. Die Justiz
und ihre Handlanger sind mit der Polizei nicht einfach identisch, kontrastiert nicht
zufällig am Ende des Romans ein antiquiert aussehender Polizist preußischen Typs die
dadurch modern erscheinenden Wächter und Henker.40
Auch Frau Grubach, die Besitzerin der Pension, findet überhaupt nichts Bemerkens­
wertes daran, dass K. von zwei Wächtern geweckt wurde und versichert im Gespräch
mit „Tränen in der Stimme“ (35), dass er es nicht schwer zu nehmen habe. Immerhin
sei er ja nicht wie ein Dieb verhaftet worden, mehr komme es ihr wie etwas Gelehrtes
vor. (33) K., der gegenüber Frau Grubach auch seine Mitschuld bereits einzugestehen
bereit ist, stellt klar, überrumpelt worden zu sein. In der Bank, in der er weitestgehend
gesellschaftliches Ansehen genieße, wäre er auf solch eine Verhaftung vorbereitet ge­
wesen, dort hätte es ihm gar Vergnügen bereitet, auf die „Untersuchungskommission“
(43) zu treffen. Doch seine Stellung in der Bank scheint vor der Behörde nicht mehr
zu zählen, zu sehr ist man von seiner Schuld überzeugt, wenngleich der Aufseher auch
nicht sagen kann, ob ihm eine Verhaftung bevorstünde. (22) Auch sein Kontakt zum
befreundeten Staatsanwalt Hasterer ist nutzlos gegenüber jener Behörde geworden, da
sie von den rechtsstaatlichen Institutionen, die vermutlich fortbestehen, offenkundig
Akzeptanz erfährt oder eigenständig agieren darf: „‚Der Staatsanwalt Hasterer ist mein
guter Freund‘, sagte er, ‚kann ich ihm telephonieren?‘ ‚Gewiß‘, sagte der Aufseher, ‚aber
ich weiß nicht, welchen Sinn das haben sollte, es müßte denn sein, daß Sie irgendeine
private Angelegenheit mit ihm zu besprechen haben.‘“ (23)

uniform

Was für eine Behörde, die aus Prüglern, Wächtern, Henkern und Aufsehern besteht,
verhaftet K.? Welcher Behörde gehört der Aufseher an, der sich „einen harten runden
Hut“ nimmt und sich diesen „vorsichtig mit beiden Händen“ aufsetzt, „wie man es bei
der Anprobe neuer Hüte tut“ (25) und damit den Anschein erweckt, dass der Aufseher
nur auf die Unversehrtheit seines Hutes bedacht ist, was aber ebenso heißen könnte,
dass die Behörde sich ihres Standes noch nicht sicher fühlt, aber womöglich eher darauf
hinweist, dass der Hut Teil der neuen Uniformen sein dürfte und auf dessen Umgang
man besonders sorgsam zu achten hat. K. gerät in Zweifel, dass er in einem Rechtsstaat
lebe, „überall Friede herrsche“ (11), alle Gesetze weiterhin Bestand hätten. Daher muss
die Behörde, die gewiss „eine große Organisation“ (69) sei und eine Unabhängigkeit
40 „Sie kamen durch einige ansteigende Gassen, in de­ Schnurr­bart (!), die Hand am Griff des Säbels (!) trat wie
nen hie und da Polizisten standen oder giengen, bald in mit Absicht nahe an die nicht ganz unver­däch­ti­ge Grup­
der Fer­ne, bald in nächster Nähe. Einer mit buschi­gem pe.“ (309)
212 David Hellbrück

gegenüber Parteien beanspruche (103), parallel zu den rechtsstaatlichen Institutionen


ihren Betrieb aufgenommen haben und wird von Kafkas Gesellschaft weitestgehend
anerkannt oder zumindest geduldet. Nur K. ist die Logik, der die Behörde folgt, un­
begreiflich, weil sie es „wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen“ (11).
Obgleich K. die ungewöhnliche Kleidung der Wächter immer wieder beobachtet,
will er sie anfangs als Uniform nicht begreifen: „Keiner hat eine Uniform“, wenn man
nicht das Kleid „eine Uniform nennen will, aber es ist doch eher ein Reiseanzug.“
(22) Erst später, während der ersten Untersuchung, fallen K. unter den Bärten der
anwesenden Männer, „und das war die eigentliche Entdeckung“, die Abzeichen auf,
die am Rockkragen in „verschiedener Größe und Farbe“ (71) sich befinden. So bemerkt
der Erzähler: „Alle hatten diese Abzeichen, soweit man sehen konnte. Alle gehörten zu
einander, die scheinbaren Parteien rechts und links, und als er sich plötzlich umdrehte,
sah er die gleichen Abzeichen am Kragen des Untersuchungsrichters, der, die Hände im
Schoß ruhig hinuntersah.“ (71) Die anfängliche Versammlung, die K. im improvisierten
Gerichtssaal vorfindet und der Raum, der an anderen Tagen das Wohnzimmer des
Gerichtsdieners ist, macht auf K. beim Betreten seiner ersten Untersuchung den Ein­
druck, in zwei Parteien gespalten zu sein. Erst im Moment, in dem die Stimmung ge­
gen K. während der ersten Anhörung kippt, schweißen die Parteien sich gegen ihn
zusammen. Und K. resümiert, dass sie von Anfang an nie zwei getrennte Parteien ge­
wesen sein können. Was anfänglich noch wie eine Farce, durchaus in der theatralischen
Bestimmung, anmutet, da sich auch ärmere Gäste in dem Gerichtsgebäude, das sich
in einem vorstädtischen Armenhaus befindet, auf der Galerie einfinden und zwischen
Kopf und Decke zum Zwecke der Gemütlichkeit Kissen quetschen, verdichtet sich für
den Angeklagten im Verlauf der Verhandlung zu einer Tragödie, die ihm zumindest die
Einsicht gewährt, dass die zwei Parteien nur mehr eine gegen K. verschworene sind. Jene
Abzeichen scheinen Symbole einer neuen Partei zu sein, wurden, wie Kafka schreibt,
von einem alten Offiziersmantel abgetrennt und finden erneute Verwendung, als ob
sich diese neue Behörde aus dem Militär der alten zusammensetzt und neu formierte.
Wenn K. anfänglich auf seine Fragen, ob es sich bei der Behörde um Beamte handele,
von wem er angeklagt wurde und welche Behörde das Verfahren gegen ihn führe (21),
keine Antwort erhält und auch die Vollstreckungsorgane über die genaue Funktion
der Behörde nur wenig bis nichts wissen, so erfährt im gleichen Maße K. mehr über die
Behörde, wie auch die Behörde über sich selbst zu Bewusstsein kommt, was den Prozess
auf einer anderen Ebene noch widerspiegelt. Auch stellt K. nach ein paar Seiten bereits
fest, dass er zwar angeklagt sei, dennoch nicht die geringste Schuld ausfindig machen
kann und bleibt von seiner Unschuld überzeugt. „Noch war er frei“ (12), obgleich schon
verhaftet. Auch fragt K. sich, ob die Kollegen ihm vielleicht einen Streich spielen, er
den Wächtern nur „ins Gesicht zu lachen“ (11) brauche, damit sie alsdann mitlachen.
„Vielleicht waren es Dienstmänner von der Straßenecke, sie sahen ihnen nicht unähnlich
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 213

– trotzdem war er diesmal förmlich schon seit dem ersten Anblick des Wächters Franz
entschlossen nicht den geringsten Vorteil, den er vielleicht gegenüber diesen Leuten
besaß, aus der Hand zu geben. Darin daß man später sagen würde, er habe keinen Spaß
verstanden, sah K. eine ganz geringe Gefahr, wohl aber erinnerte er sich – ohne daß es
sonst seine Gewohnheit gewesen wäre, aus Erfahrungen zu lernen – an einige an sich
unbedeutende Fälle, in denen er zum Unterschied von seinen Freunden mit Bewußtsein,
ohne das geringste Gefühl für die möglichen Folgen sich unvorsichtig benommen hatte
und dafür durch das Ergebnis gestraft worden war. Es sollte nicht wieder geschehen,
zumindest nicht diesmal, war es eine Komödie, so wollte er mitspielen.“ (11 f.) Bald
aber muss K. sich eingestehen, verhaftet worden zu sein und unterstreicht durch die
Wiederholung in Parenthese den absurden Charakter der Verhaftung wie auch die
Unschuld, an der er zu zweifeln bereits begonnen hat: „Aber ich bin, dadurch, daß
ich angeblich verhaftet wurde – ich bin nämlich verhaftet – gezwungen worden, hier
einzugreifen, undzwar um meinetwillen.“ (76)
Somit weicht alsbald die Unschuld dem Zwang, sich die Schuld dadurch bewusst zu
machen, dass er ja schließlich nicht ohne Grund hingerichtet werden könne, was aber
nicht erklärt, warum die Verhaftung überhaupt stattfand, sondern nur dazu dient, ihn
von seiner Schuld irgendwie zu überzeugen.
Schließlich sind alle, auch Frau Grubach, die Vermieterin der Pension, von der Realität
der Behörde überzeugt, traut auch sie sich den Raum während der Einvernahme nicht
zu betreten und erweckt durch ihre Schreckhaftigkeit den Anschein, dass es sich um ein
höchst offizielles Verfahren handeln müsse (32 f.). Was die anfängliche Absurdität noch
auf die Spitze treibt, schlägt sich auch in der Rede der Verhaftung nieder: „‚Sie haben mich
mißverstanden, Sie sind verhaftet, gewiß, aber das soll Sie nicht hindern ihren Beruf zu
erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht gehindert sein.“ (26)
Allein der Gedanke an den Suizid, den er zwar immer wieder direkt verwirft, aber
den er dennoch nicht unterdrücken kann, lässt in ihm die Hoffnung am Leben, dass er
sich der misslichen Lage doch noch potentiell entziehen kann (17), obgleich schon der
suizidale Gedanke bereits auf den bevorstehenden Tod verweist, dem zu entziehen er
durch den Suizid zuvorkommen möchte, worin für K. der Möglichkeit nach die negative
Freiheit einzig zu bestehen scheint. Den Gedanken des Suizids erwägt K. bereits, als
er über die Behörde noch nicht viel mehr in Erfahrung gebracht hat, als dass sich unter
den zahlreichen „Dienern, Schreibern, Gendarmen und anderen Hilfskräften, vielleicht
sogar Henker“ (69) befinden könnten. Oder wenn es kurz vor der Hinrichtung heißt:
„K. wußte jetzt genau, daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand
zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat es nicht,
sondern drehte den noch freien Hals und sah umher.“ (311)
Und nur dadurch, dass es auch einen „Student(en) der unbekannten Rechtswissen­
schaft“ (82) gibt, wird deutlich, dass die Behörde keine Untergrundorganisation sein
214 David Hellbrück

kann, sondern auch über ein quasi öffentliches Ausbildungssystem verfügen muss,
obgleich über die gelehrte Rechtswissenschaft weithin nichts bekannt ist. Auch durch die
Bücher, die im improvisierten Gerichtssaal herumliegen, erhält K. keinen Einblick in das
ominöse Gerichtswesen: „K. schlug das oberste Buch auf, es erschien ein unanständiges
Bild. Ein Mann und eine Frau saßen nackt auf einem Kanapee, die gemeine Absicht
des Zeichners war deutlich zu erkennen, aber seine Ungeschicklichkeit war so groß
gewesen, daß schließlich doch nur ein Mann und eine Frau zu sehen waren, die allzu
körperlich aus dem Bilde hervorragten, übermäßig aufrecht dasaßen und infolge falscher
Perspektive nur mühsam sich einander zuwendeten. K. blätterte nicht weiter sondern
schlug nur noch das Titelblatt des zweiten Buches auf, es war ein Roman mit dem Titel:
‚Die Plagen, welche Grete von ihrem Manne Hans zu erleiden hatte.‘“ (76) – Während
der Titel des zweiten Buches, des Romans, über die männerdominierende Gesellschaft
des Processes wahres zu sprechen scheint, wobei die Frau nicht als unschuldig gezeichnet
wird, mag ersteres Buch den in weiten Teilen vorherrschenden desexualisierten Sexus
von Kafkas Ungesellschaft ansprechen.
Auch über die Vollstreckungsbeamten kreist das Damoklesschwert der Stra­fe, die
bereits früh benannt wird.41 So werden die beiden Wächter dafür, dass sie sich K.s
Kleidern verbotenerweise bedient haben und sie nicht in der Asservaten­kam­mer ab­
lieferten, von einem Prügler im SM-Outfit bestraft. Vorschrift herrscht nur mehr dort
und führt letztlich dazu, dass ein Wächter, als K. die Bestrafungsszene in einer Kammer
bemerkt, mit „Herr“ angesprochen wird, ganz so, als sei K. es gewesen, der Unrecht
geübt hätte, indem er die Wächter bei den Vorgesetzten angeschwärzt habe und über das
Fortkommen der Wächter frei verfügen könnte. So heißt es: „Herr! Wir sollen geprügelt
werden, weil Du Dich beim Untersuchungsrichter über uns beklagt hast.“ (109) Unter
Berufung auf die eigene missliche Situation verkehrt sich nur abermals das Verhältnis
von Schuld und Strafe, weil K. als Unschuldiger zum Schuldigen verklärt wird, der den
Wächtern den Aufstieg in den Prüglerdienst verbaut habe.42 Damit wird selbst noch
dann K. schuldhaft, wenn er selbst nichtsahnend über die Vorgänge am Morgen der
Verhaftung ohne böse Absicht gegenüber dem Untersuchungsrichter Bericht erstattet.
Ein allseitiger Druck wird durch die Übermacht der Behörde und nicht allein durch
individuell Handelnde erzeugt, die K. schließlich dazu bewegen soll, im Einvernehmen
mit sich selbst, seinen Tod zu beschließen – vor diesem Hintergrund kehrt sich die
41 „‚Was fällt Euch ein?‘ riefen sie, ‚im Hemd wollt Ihr men und wären gewiß bald auch Prüg­ler ge­wor­den, wie
vor den Aufseher? Er lässt Euch durchprügeln und uns dieser, eben das Glück hatte, von nie­man­dem angezeigt
mit!‘“ (18) – Flehend und befehlend zugleich sind die worden zu sein, denn eine solche An­zei­ge kommt wirk-
Worte der Wächter, die K. mit einem unterwürfigen lich nur sehr selten vor. Und jetzt Herr ist al­les verloren,
„Euch“ ansprechen. unsere Laufbahn beendet, wir werden noch viel unterge-
42 „Wir zwei, insbesondere aber ich, hatten uns als Wäch­ ordnetere Arbeiten leisten müssen, als der Wach­dienst
ter durch lange Zeit sehr bewährt – Du selbst mußt ein­ge­ ist und überdies bekommen wir jetzt die­se schreck­li­chen
stehen, daß wir vom Gesichtspunkt der Be­hör­de ge­se­hen, schmerzhaften Prügel.“ (110)
gut gewacht haben – wir hatten Aus­sicht vor­wärts­zu­kom­
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 215

majestätische Anrede in ihr genaues Gegenteil um. Trotz der Umstände zeigt K. noch
Empathie mit den Wächtern, die sich vor dem Prügler „ganz nackt ausziehn müssen“
(111), und bietet dem Prügler ein Bestechungsgeld an, damit die Qual ein Ende nehmen
könnte.

gesetzesherrschaft

Das Gesetz ist mit der Behörde nicht identisch. Das Gesetz, das unaussprechlich scheint
und nur als Legende kursiert, überwiegt und der Prozess, in den K. sich zu begeben
gezwungen sieht, ist vorrangig eine Auseinandersetzung mit dem Gesetz, so wird er auch
von der tätlichen Gewalt, die die Behörde beispielsweise durch den Prügler auszuüben
bereit ist und ausschließlich als Strafmittel innerhalb der Behörde Anwendung findet,
regelrecht verschont – nicht jedoch von der vermittelten Unmittelbarkeit, die seinen
Tod letztlich beschließen soll. K. ist mehr einer sich durchzusetzen beginnenden neuen
Form der Vergesellschaftung ausgesetzt; Vermittlungsformen, über die er selbst nichts
weiß und über deren Gesetzmäßigkeit auch alle anderen nicht mehr wissen, als dass
sie zu bestehen haben. Es mutet fast so an, als könne das Gesetz als Wesenhaftes nur
in der Behörde erscheinen.
Durch seinen Onkel, der über K.s Cousine von dem Prozess postalisch erfährt und
fürchtet, dass sich der Prozess auch als rufschädigend für die Familie erweisen könn­
te, wird er einem „Winkeladvokaten“ (152) namens Huld vorgestellt. Bevor K. mit
seinem Onkel den Advokaten aufsucht, gibt er ihm zu verstehen, dass das Gericht auf
dem Land träger sei, er dort nicht auffallen würde, weil die neuen Institutionen ihr
Machtzentrum in der Stadt besäßen und daher von allgemeiner Durchsetzung keine Rede
sein kann, was aber nicht heißt, dass sie bis dorthin nicht auch ihre Fühler ausstrecken
können, wissen sie ihre Organe – wie, als sei von einem leibhaftigen Organismus die
Sprache – zu delegieren: „Auf dem Land wirst Du Dich kräftigen, das wird gut sein,
es stehen Dir ja gewiß Anstrengungen bevor. Außerdem aber wirst Du dadurch dem
Gericht gewissermaßen entzogen sein. Hier haben sie alle möglichen Machtmittel, die sie
notwendiger Weise, automatischer Weise auch Dir gegenüber anwenden; auf das Land
müßten sie aber erst Organe delegieren oder nur brieflich telegraphisch telephonisch auf
Dich einzuwirken versuchen.“ (125) Der Advokat verspricht ihm, durch beste Kontakte
zur Behörde in seinem Prozess behilflich zu sein. Er schlägt K. vor: „Machen Sie doch
bei nächster Gelegenheit das Geständnis. Erst dann ist die Möglichkeit zu entschlüpfen
gegeben, erst dann.“ (143) Wie das „Entschlüpfen“ aussehen soll, erfährt K. durch den
Advokaten nicht, auch soll sich herausstellen, dass ein Verteidiger ihm überhaupt nicht
helfen kann, es mehr an der Verzweiflung der Angeklagten liegt, dass sie sich bei diesem
offenkundig entrechteten Stand Hilfe suchen. Nur folgerichtig merkt K. an, dass auf
216 David Hellbrück

den Advokaten kein Verlass sei: „Ich werbe Helferinnen, dachte er fast verwundert,
zuerst Fräulein Bürstner, dann die Frau des Gerichtsdieners und endlich diese kleine
Pflegerin [gemeint ist die Pflegerin des Advokaten namens Leni], die ein unbegreifliches
Bedürfnis nach mir zu haben scheint.“43 (143)
Der Advokat empfängt K. mehrere Male, will ihm glaubhaft machen, dass er sich
für ihn einsetze, nur Ergebnisse kann er ihm nie mitteilen. In einem erschöpfenden
Monolog (der 12 Buchseiten umfasst) teilt der Advokat mit, dass die Verteidigung
überhaupt nicht durch das Gesetz vorgesehen sei, er lediglich geduldet wird. „Es gibt
daher strenggenommen gar keine vom Gericht anerkannten Advokaten, alle die vor
diesem Gericht als Advokaten auftreten, sind im Grunde nur Winkeladvokaten.“ (152)
Die Verachtung, die dem Advokatenstand durch das Gericht wie auch die Behörde
zukommt, führt Huld am Beispiel des Advokatenzimmers vor, einer Kammer, die, wie
er sagt, das Gericht ihnen gewähre. „Im Fußboden dieser Kammer – um nur noch ein
Beispiel für diese Zustände anzuführen – ist nun schon seit mehr als einem Jahr ein
Loch, nicht so groß, daß ein Mensch durchfallen könnte, aber groß genug, daß man mit
einem Bein ganz einsinkt. Das Advokatenzimmer liegt auf dem zweiten Dachboden,
sinkt also einer ein, so hängt sein Bein in den ersten Dachboden hinunter und zwar

43 Die in Kafkas Romanfragmenten dargestellten Frauen über einer sonst männlich dominierten Ge­sell­schaft zum
verdienen es, einmal eingehend untersucht zu werden. Thema werden lässt. Leni ist es gar, die K. telefonisch vor
So lässt sich an dieser Stelle nur so viel sagen, dass ex­ der Behörde und dem Gericht warnt und ihm mitteilt,
klusive Zweierbeziehungen in Kafkas Ungesellschaft, dass die Behörde ihn jage.
wenn überhaupt, dann nur noch rudimentär existie­ren. Wohingegen die Frau des Gerichtsdieners, die auf ihren
K. hat zwar eine Freundin (Elsa), lässt sich dennoch auf Mann angewiesen ist, ihn geradezu verführen muss; es
andere Frauen ein oder wird von ihnen verführt, wo­durch beinahe so aussieht, als würde dies gegen seinen Willen
er aber merkwürdigerweise nie in morali­sche Zwick­müh­ geschehen. Doch bevor es zum weiteren Techtelmechtel
len gerät oder einen Recht­fer­ti­gungs­druck ge­gen­über zwischen den beiden kommt, wird sie völlig absurd von
seiner Freundin verspürt. „Durchs gesam­te Werk hin- dem Studenten der unbekannten Rechtswissenschaft auf
durch jedoch geht Depersonalisierung im Be­reich des den Armen über eine kleine Treppe auf den Dachstuhl
Sexuellen. Wie nach dem Ritus des Drit­ten Reichs die zum Richter getragen. Dieser Richter macht ihr schon seit
Mädchen den Hoheitsträgern nicht nein sa­gen durften, längerer Zeit Avancen, beobachtet sie nachts im Schlaf,
so hat der Kafkasche Bann, das große Ta­bu, alle jene ge- während ihr Ehemann das Bett mit ihr teilt. Auch gibt
ringeren Tabus ausgelöscht, die der in­di­vi­du­el­len Sphäre es zwischen K. und Fräulein Montag, die aus un­durch­
zugehören.“ (Theodor W. Adorno: Auf­zeich­nun­gen zu sichtigen Gründen bei Fräulein Bürst­ner ein­zieht und
Kafka, wie Anm. 3, S. 276.) „durch das Vorzimmer schlürft“ (316) und auch sonst
Allein zu den (ökonomisch) selbstständigen oder ent­ eher despektierlich als Deklassierte beschrieben wird,
schlos­se­nen Frauen, die allen dem Bild einer Hure glei­ kei­ner­lei sexuelle Spannung. (Fräulein Montag fin­det
chen, fühlt K. sich im Process hingezogen, wenngleich aus­schließ­lich im Anhang späterer Auflagen, im Frag­ment
Leni, die Haushälterin des Advokaten Huld, offenkundig B.’s Freundin, Erwähnung und ist nicht kon­sti­tu­tiv für den
kei­ne Prostituierte ist, aber dennoch selbstständig auf­ Grundgedanken Kafkas.) Weiters ist es der Ge­fäng­nis­
tritt, indem sie über den bettlägerigen Advokaten ver­fügt kaplan, der in Im Dom, dem vorletzten Kapitel des Pro­
und dieser auf sie angewiesen bleibt. Auch zur Zim­mer­ cesses, K. zu verstehen gibt, dass er sich zu sehr auf Frauen
nachbarin in der Pension, Fräulein Bürstner, die abends einlasse, sie viel Macht besäßen. K. gerät daraufhin ins
angeblich in Gassen mit Männern verkehre, dann Elsa, Schwanken, was nur dadurch ein Ende findet, dass er
die Geliebte K.s, die tagsüber vom Bette aus ihre Kund­ am Ende des Kapitels in dem Gefängniskaplan einen
schaft empfange, entstehen erotische Spannun­gen. Alle­ Diener des Gerichts erkennt und sich alle Aussagen des
samt Frauen, die autonom sind, was bereits andeu­tet, dass Katholiken neu darstellen.
Kafka die ökonomische Unabhängigkeit der Frau ge­gen­
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 217

gerade in den Gang, wo die Parteien warten.“ (153) „Man will“, so der Advokat Huld,
„die Verteidigung möglichst ausschalten, alles soll auf den Angeklagten selbst gestellt
sein.“ (153) Die Advokaten scheinen in ihrer Funktionslosigkeit dem „Odradek“ gleich,
wie Kafka in der Erzählung Die Sorge des Hausvaters nicht nur einen sinnlosen Gegenstand
einmal bezeichnete, sondern ein professionell sinnlos gewordenes Etwas.44 Ganz so, als wäre
durch die Macht der Behörde der Advokat des alten Standes, des alten Rechtssystems,
ein professionell sinnlos gewordener Gegenstand geworden, der dann auch – obgleich er
weiterhin freimütig Auskunft geben möchte und beileibe kein böser Mensch ist – sinnlos
wird, weil jenes Gesetz, das K. anklagt, nur darauf aus ist, dass K. zu sterben hat. Dennoch,
weil der Odradek Huld nicht dasselbe Schicksal wie K. in seiner Überflüssigwerdung
erfährt, gibt er K. zu verstehen, dass man auf die Verteidiger nicht verzichten könne: „bei
keinem andern Gericht sind sie so notwendig wie bei diesem.“ (153) Denn der Advokat
dürfe zwar nicht bei den Verhören anwesend sein, kann den Angeklagten also nicht
beistehen, allerdings könne er seine persönlichen Beziehungen zu höheren Beamten
spielen lassen. Allerdings vereinbaren sie dafür keinen Termin, sondern warten – ebenso
wie die Angeklagten und damit ihren staatsrechtlichen Privilegien entzogen – vor den
Kanzleien, bis sie nur mehr zufällig auf einen Richter treffen. Und in aller Regel lernen sie
auch nur so neue Mandanten wiederum kennen, weil diese ebenfalls vor den Kanzleien
warten. Wird eine Vereinbarung zwischen Richter und Advokat zufällig geschlossen
– so monologisiert immer noch Herr Hold in Anwesenheit von K. – dann heiße das
aber nicht, dass der Richter sich an die Vereinbarung auch halten müsse. Die Verteidi­
ger wer­den oftmals nur dann von den Richtern hinzugezogen, wenn sie in ihrem Fall
nicht weiterwüssten, weil ihnen der „richtige Sinn für menschliche Beziehungen“ (157)
feh­le. So wird aus dem Odradek, dem professionell sinnlos gewordenen Gegenstand,
gewissermaßen doch wieder ein Advokat, der allerdings überläuft und im Auftrag des
Gerichts seinen Dienst verrichtet, sich der Macht der Behörde anschmiegt. K. beschließt
daraufhin selbst in seinen Prozess einzugreifen und muss dafür seine Verachtung, „die
er früher für den Proceß gehabt hatte“ (167), aufgeben. So kündigt er schließlich seinem
Advokaten und es folgen lauter Peinigungen gegenüber einem anderen Angeklagten,
dem Kaufmann Block. Demgegenüber versucht der Odradek seinen entmachteten
Advokatenstand zu rechtfertigen, indem er die einzige Macht, die ihm die Behörde
scheinbar noch lässt, ausübt und den Kaufmann Block vor den Augen Lenis und K.s
44 Der viel besprochene Odradek ist dem Marx­schen ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn
Ka­pi­tal­be­griff ähnlich, der kein Anfang und Ziel hat und Sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine
dessen Bestimmung es ist, leere Bewegung zu blei­ben: Art Tätigkeit gehabt und daran hat es sich zerrieben; das
„Man wäre versucht zu glauben, dieses Ge­bil­de hät­te trifft bei Odradek nicht zu. … Er schadet ja offenbar nie­
früher irgendeine zweckmäßige Form gehabt und jetzt man­dem; aber die Vorstellung, daß er mich auch noch
sei es nur zerbrochen …das Ganze erscheint zwar sinn­ über­leben könnte, ist eine fast schmerzliche.“ (Franz Kaf­
los, aber in seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich ka: Die Sorge des Hausvaters. In: Ders.: Erzählungen, wie
übrigens nicht darüber sagen, da Odradek außer­or­dent­ Anm. 8, S. 125.)
lich beweglich und nicht zu fangen ist. … Ver­geb­lich frage
218 David Hellbrück

demütigt. „‚Du wurdest gerufen‘, sagte der Advokat, ‚trotzdem kommst Du ungelegen.‘
Und nach einer Pause fügte er hinzu: ‚Du kommst immer ungelegen.‘ … ‚Wer ist Dein
Advokat?‘ ‚Ihr seid es‘, sagte Block. ‚Und außer mir?‘ fragte der Advokat“, als sei er Gott,
worauf Block wie ein Diener antwortete: „‚Niemand außer Euch‘, sagte Block. ‚Dann
folge auch niemandem sonst‘, sagte der Advokat.“ (260 f.)
Es gibt neben K. noch weitere Angeklagte, doch erfährt man über sie so gut wie
nichts, auch Solidarität hat bei Kafka keinen Platz. Der Prozess bleibt einzig und allein
auf K. beschränkt, ist mit ihm aufs Tiefste verschwistert und besteht nur für ihn, so als
wisse Kafka nur zu gut darüber Bescheid, dass die Erfahrung mit dem Ressentiment
für den Einzelnen immer einzigartig bleiben muss. Der Prozess des Mitangeklagten
Kaufmann Block, der als einziger Mitangeklagter selbst zu Wort kommt, müsse erst
noch geschrieben werden und könnte etwa so beginnen: „Gerade als B. spät abends
noch in seiner traditionsreichen Spedition ‚Block & Block‘ seine Unterlagen auf dem
Schreibtisch sortiert und das Telefon zu läuten beginnt, treten zwei schmale Herren
in Gefolgschaft eines größeren Mannes mittleren Alters in die Tür. Der Dicke hält ein
Klemmbrett in den Händen und macht sich Notizen, ohne dass er einen Gedanken
daran verschwendet hätte, zu B. aufzusehen …“

jagd

Durch einen Bankkunden, einen Fabrikanten, der zufällig von seinem Prozess erfährt,
wird K. einem Maler namens Titorelli vorgestellt. Für diesen interessiert K. sich, weil
er ihm vermeintlich Auskünfte über sein Verfahren mitteilen kann. Der Fabrikant
lernte ihn nur als Bettelkünstler kennen, der ihm kleine Landschaftsgemälde regelmä­
ßig andrehen möchte, beiläufig dann aber auch von Prozessen erzählt, von denen der
Künstler nur dadurch erfahre, weil er in seiner Tätigkeit als Porträtmaler im ständigen
Kontakt mit Richtern stehe. Titorelli wohnt in einem kleinen Zimmer, das zugleich
sein Atelier ist und sich auf dem Dachboden eines Armenhauses befindet. K. stellt
auf dem Weg zu ihm resignierend fest, dass durch den Kontakt mit dem Bettelmaler
sein Ansehen unheilbare Schädigung erfahre. Die Verhaftung wirke sich also durchaus
negativ auf seine gesellschaftliche Stellung als Prokurist aus. Spiegelbildlich dazu ist der
verarmte Maler von allen gesellschaftlichen Sanktionen enthoben, genießt er doch eine
unangetastete Stellung, da das Porträtieren von Richtern nach eigenen Angaben einiges
abverlange. Denn jeder Richter müsse anders dargestellt werden, seinem Stand im
Gerichtswesen gemäß. Dieses Geheimnis sei von den Titorellis familiär gehütet worden;
nur dadurch sichert er sich seine gesellschaftliche Position und kann, wie er vorgaukelt,
auch manchmal Einfluss auf Prozesse ausüben. Doch die Einsicht, die Titorelli gewährt,
bezieht sich nicht auf K.s Einzelfall, sondern mehr auf die Verfahrensweise selbst.
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 219

So hat es den Anschein, dass die familiären Beziehungen (ob zwischen K. und sei­
nem Onkel oder die Weitergabe des Kunstmalereigeheimnisses unter den Titorellis)
noch Schutz vor der Behörde und der Allmacht des Gesetzes bieten, heißt es in dem
Fragment Fahrt zur Mutter: „Und die Mutter hielt ihn sogar trotz aller Widerrede für den
Direktor der Bank und dies schon seit Jahren. In ihrer Meinung würde er nicht sinken,
wie auch sonst sein Ansehen Schaden gelitten hatte.“ (355) – Jenes Ansehen scheint
aber schon irgendwie angekratzt, kann er doch einem niederen Bankangestellten, der
sich K. gegenüber frech verhielt, nicht, wie er es „am liebsten getan hätte“, „zwei laute
Schläge auf seine bleichen runden Wangen“ (355) geben. Was ihn schließlich an den
Schlägen hinderte, bleibt offen.
Obgleich K. seine Unschuld dem Künstler gegenüber versichert, wird er auch von
Titorelli gedrängt, dass es besser sei, eine Schuld zumindest einzugestehen, weil es
einen Freispruch in Kafkas allmählich Konturen annehmenden Unstaat nicht mehr
gibt. Es gebe lediglich drei Möglichkeiten, auf einen Prozess Einfluss zu nehmen: den
wirklichen Freispruch, die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung des Ver­
fahrens, wobei ein wirklicher Freispruch seines Erachtens noch nie vorkam (205). (Dass
es ausgerechnet ein Maler und nicht etwa der Advokat Huld ist, der K. die größte
Einsicht in die Verfahrensprozesse des Gerichts gewährt, mutet verrückt an. Doch ist
jene Welt im doppelten Sinne verrückt (geworden): Findet die Verrückung entlang der
gesellschaftlichen Stellung real statt, wird der Bankprokurist im gleichen Maß herab-
wie der Künstler heraufgesetzt.) Es ist für Titorelli fraglich, ob ein wirklicher Freispruch
je stattfand, denn die abschließenden Urteile seien niemandem zugänglich, auch den
Richtern nicht, und so hätten sich bislang nur Legenden erhalten. Damit wird schließlich
klar, dass der Freispruch zum Mythos werden muss, es spätestens jetzt kein Entrinnen
mehr gibt, die Unschuld oder gar die Unschuldsvermutung des positiven Rechts in
eine andere Zeit gehört. Die Behörde urteilt, indem sie verurteilt und gleicht damit
gespenstig der Logik der Antisemiten, die den Juden für alles Übel schuldig macht.
Oder anders ausgedrückt: Die Lüge wird zur Weltordnung, was nichts anderes heißt,
als dass der Antisemitismus zum bestimmenden Prinzip dieser Weltordnung erhoben
wird. Und Titorelli gibt zugleich zu verstehen, dass selbst die Richter nicht das Recht
besäßen, von der Anklage zu befreien, „wohl aber haben sie das Recht von der Anklage
loszulösen.“ (213) Die Richter verfügen nur noch über die Mittel eines scheinbaren
Freispruchs und der Verschleppung, wobei der Unterschied nur darin bestehe, dass beim
scheinbaren Freispruch der Prozess vergessen und irgendwann von Neuem aufgerollt
wird, die Verhaftung also abermals erfolgt, während bei der Verschleppung zwar auch
der Prozess vergessen wird, aber der Prozess genau an der Stelle aufgenommen wird,
an der er Unterbrechung fand. Was die Verschleppung noch vorteilhaft erscheinen
lässt, so der Künstler, sei der Umstand, dass man nicht noch einmal verhaftet werde
(217). So konstatiert der Maler: „Beide Methoden haben das Gemeinsame, daß sie
220 David Hellbrück

eine Verurteilung des Angeklagten verhindern.“ Worauf K. nüchtern entgegnet: „Sie


verhindern aber auch die wirkliche Freisprechung.“ (218)
Noch bevor der Dialog zwischen K. und dem Maler stattfindet, wird K. auf ein
Porträtbild, das sich auf der Staffelei im Atelier befindet, aufmerksam. Jedem anderen
Richterporträt auf den ersten Blick ähnlich, zeigte sich doch in der Bildmitte über einem
Thronsessel, auf dem für gewöhnlich die Richter Abbildung finden, eine große Figur,
die K. erst nicht erkennen kann, weil er dessen Gestalt vermutlich schon länger nicht
mehr begegnet ist: „‚Es ist die Gerechtigkeit‘, sagte der Maler schließlich. ‚Jetzt erkenne
ich sie schon‘, sagte K., ‚hier ist die Binde um die Augen und hier die Waage. Aber sind
nicht an den Fersen Flügel und befindet sie sich nicht im Lauf?‘ ‚Ja‘, sagte der Maler, ‚ich
mußte es über Auftrag so malen, es ist eigentlich die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin
in einem.‘“ (195 f.) Es bleibt jedoch unklar, warum K. die Figur nicht direkt erkennt, ob
es daran liegt, dass er die Gerechtigkeit nicht mehr erkennen kann oder ob die Symbiose
aus Gerechtigkeit und Siegesgöttin K. irritiert. Nach längerer Betrachtung und weiteren
Pinselstrichen durch den Maler verschwimmt die Figur noch weiter, gewinnt dadurch
aber zugleich an Kontur: „Um die Figur der Gerechtigkeit aber blieb es bis auf eine
unmerkliche Tönung hell, in dieser Helligkeit schien die Figur besonders vorzudringen,
sie erinnerte kaum mehr an die Göttin der Gerechtigkeit, aber auch nicht an die des
Sieges, sie sah jetzt vielmehr vollkommen wie die Göttin der Jagd aus.“ (197) Was einst
noch an Gerechtigkeit erinnerte und den Gedanken an Unschuld gewissermaßen zuließ,
ist in Kafkas beständig Konturen annehmendem Unstaat zur Jagd verkommen.
Kafka verhandelt im Gespräch mit dem Maler die Kunst selbst, kann zeigen, dass
in der Malerei sich die Totalität noch darzustellen vermag. Dass die Rätsel, die das
Kunstwerk erzeugt, auf den inhärenten Wahrheitsgehalt verweisen und die Kunst
dadurch, dass sie Wahrheit über Gesellschaft spricht, erst ihr Gewicht erlangt. Was für
Titorellis Auftragsmalerei gilt, gilt im höchsten Maße für Kafkas Literatur selbst – so
als ob Kafka in Titorellis Malerei sein eigenes Verhältnis zur Kunst zur Sprache bringt.
Niemand scheint die Gesetzmäßigkeit, nach der die Behörde handelt, zu begreifen.
So als sei das Bewegungsgesetz, nach dem das Gericht handelt, nicht definierbar, ist es
mehr darauf angewiesen, immer fort im Einzelnen ge- und erdacht zu werden und gleicht
sich genau dadurch wieder einem allgemeinen Muster an, dessen Grundsätzlichkeit
nicht zur Debatte steht. Wohl aber herrscht Uneinigkeit darüber, wie es zu exekutieren
ist und erinnert damit an den theologischen Widerstreit innerhalb der christlichen Re­
ligion, wie man nach dem begangenen Vatermord am Judentum mit den Juden um­
zugehen hätte. Denn als sich K. aus weltlichen Gründen in den Dom verliert, soll­te
er doch auf Bitte des Bankdirektors einem italienischen Geschäftspartner die Sehens­
würdigkeit zeigen, und auf eigentümliche Weise mit einem Gefängniskaplan ins Ge­
spräch kommt, der ihn wie in einer Predigt von der Kanzel geradewegs anspricht und
ihm mitteilt, dass sein Prozess verloren sei, wird K. in einen weiteren Dialog ver­wi­
Josef K. in antisemitischer Gesellschaft 221

ckelt und schließlich mit der berühmten Türhüterlegende konfrontiert. Die Tür­hüter­
legende, die eine einleitende Schrift zum Gesetz darstelle (292) und die in diesem
Zusammenhang nachzuerzählen unwichtig ist, wird im Anschluss daran vom Kaplan
ausgelegt, wobei er genauer betrachtet lediglich mögliche Deutungen von ein und
demselben Gesetz referiert und damit vielmehr offenlegt, dass niemand, selbst er nicht,
sich eine letztlich gültige Auslegung zutraue, sondern einzig und allein die nicht von
der Hand zu weisende Tatsache besteht, dass die große Organisation sich auf dieses
undurchsichtige Gesetz beruft, aber Uneinigkeit darüber herrscht, wie genau es zu
interpretieren sei. Der Gefängniskaplan, der Teil des Gerichts ist, weist zumindest
eindringlich daraufhin hin, dass – gleich was man vom Gesetz halte – man sich immer
nur von ihm selbst täuschen könne, der Grundsatz aber nicht in Zweifel gezogen werden
kann. Die Täuschung, oder wie K. feststellt, die Lüge, wird zur Weltordnung erklärt, die
für K. die Unsicherheit garantiert. Es herrscht vollständige Intransparenz, selbst für jene
Funktionäre der Behörde, die durch den Geistlichen von ihrer Verantwortung für das
ganze Unheil freigesprochen werden können. Einer solchen Auslegung, die von dem
Kaplan nur wiedergegeben wird, widersetzt sich K., worauf ihm dieser nur entgegnet:
„Man muss nicht alles für wahr halten, man muss es nur für notwendig halten.“ (303)
Doch jene Notwendigkeit überführt K. der Lüge, was nichts anderes heißt, als dass die
Behörde überhaupt nicht sein muss, wenn sie nicht sein soll.

naturgewalt
„Die Erde jedoch wird von dem Wunsch, Neues hervorzubringen erschüttert, was sich
durch das häufig auftretende Nordlicht anzeigt, das ein Symptom der Brunft der Planeten
ist, eine unnütze Ausschüttung seines Zeugungsstoffes. Dieser kann sich mit dem Fluidum
‚der anderen Planeten‘ nicht vereinen, solange die Menschheit nicht vorbereitende Ar­
bei­ten geleistet hat.“
Charles Fourier, Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen

Der Behörde ist es schließlich vollkommen gleichgültig, wie K. es mit dem Gesetz hält
und auch ist ihr gleichgültig, wie die Henker zu dem Gesetz stehen, weil es scheinbar
nicht einmal mehr der subjektiven Zustimmung benötigt, damit die Wirkmächtigkeit
sich entfalten kann. So treten die beiden Wächter zu Beginn des Romans noch redselig
auf, als müssten sie K. von seiner Schuld überzeugen, wohingegen die beiden Henker
im Schlusskapitel sich durch ihre Schweigsamkeit auszeichnen: „‚Warum hat man gerade
sie geschickt!‘ rief er mehr als er fragte. Die Herren wußten scheinbar keine Antwort,
sie warteten mit dem hängenden freien Arm, wie Krankenwärter, wenn der Kranke
sich ausruhn will.“ (307) So schickt die Behörde am Vorabend von K.s 31. Geburtstag
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letztlich die Henker, die ihn in seiner Wohnung abholen. Ohne große Anstalten zu
machen, geht K. mit und lässt sich nächstens in den kleinen Steinbruch führen: „Hier
machten die Herren halt, sei es daß dieser Ort von allem Anfang an ihr Ziel gewesen
war, sei es daß sie zu erschöpft waren, um noch weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los
der stumm wartete, nahmen die Cylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich
im Steinbruch umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall
lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem anderen Licht
gegeben ist.“ (310) Ganz so, als ob selbst die Natur im Einvernehmen mit den Henkern
sei, sie selbst zu schweigen begänne und gerade durch die Natürlichkeit und Ruhe ihr
schrecklichstes Gesicht zeige – Versöhnung sähe anders aus.