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Christian Neuhäuser, Reichtum als moralisches Problem.

Suhrkamp, 281 Seiten

Die wachsende Kluft bei Einkommen und Vermögen hat eine Fülle sozialwissenschaftlicher Studien
angeregt, zumeist mit Fokus auf Armut. Der Philosoph Christian Neuhäuser dreht den Spieß um und
befasst sich aus ethischer Perspektive mit Reichtum. In Analogie zum Konzept relativer Armut - die
sich am Abstand zum Median einer Volkswirtschaft bemisst - spricht er von relativem Reichtum, den
er bei 300% über dem Medianwert ansetzt.

Reich ist demnach, wer über mehr Ressourcen verfügt, als zur Selbstachtung nötig sind. Aber wann
wird daraus ein moralisches Problem? Ab jener Höhe, so Neuhäuser, bei der exzessiv zur Schau
gestellter Reichtum den Armen ihre Minderwertigkeit signalisiert und ihre Selbstachtung schädigt.
Übermäßiger Reichtum schwächt darüber hinaus die Demokratie, denn die Stimme der Reichen zählt
mehr als die der Armen. Diese Attribute von Reichtum sind sozial spaltend. Neuhäuser plädiert nicht
für Askese, sondern für eine Wohlstandsgesellschaft, an der alle teilhaben.

Was tun gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich? Neben Argumenten für eine hohe
Erbschaftssteuer greift Neuhäuser auch die Idee der Freigeldtheorie auf, welche ein „Verfallsdatum“
für Geld fordert: wenn es zu einem bestimmten Stichtag nicht in den produktiven Wirtschaftskreislauf
eingespeist wird, sollte es an Wert verlieren. Aus neoliberaler Sicht sind solche Argumente nur
Ausdruck einer Neiddebatte. Aber das sich ausbreitende Ressentiment gegen „die da oben“ verweist
auf ihre Aktualität.

Hans Pechar