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Nina Verheyen, Die Erfindung der Leistung. Hanser, Berlin 2018.

Was macht unsere Gesellschaft zu einer Leistungsgesellschaft? In erster Linie der Umstand, dass
Ungleichheiten nur dann als gerechtfertigt gelten, wenn sie auf Leistungsunterschieden beruhen.
Natürlich wissen wir, dass dieser Anspruch höchst unvollkommen eingelöst wird, dass eine Vielzahl
anderer Faktoren – Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe - das Schicksal eines Menschen bestimmen. Aber
nur die eigenen Verdienste verleihen sozialen Ungleichheiten heute wirkliche Legitimität.

Seit wann und auf welche Weise hat sich dieses meritokratische Legitimationsmuster durchgesetzt?
Das untersucht Nina Verheyens Studie über die „Erfindung der Leistung“. Fündig wird sie in den
Diskursen und Praktiken des späten 19. Jahrhunderts, die den Leistungsvergleich, der bis dahin
überwiegend innerhalb abgegrenzter Statusgruppen stattgefunden hat, in ein verallgemeinertes
Kriterium der Zuweisung sozialer Positionen verwandelt haben. Auch die Ritter des Mittelalters haben
Turniere abgehalten, aber sie haben sich nur mit Angehörigen ihres Standes geschlagen. Sich mit
leibeigenen Bauern zu vergleichen, wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen. Doch im Lauf des 19.
Jahrhunderts etabliert sich ein zunehmend intensivierter und potentiell alle Mitglieder der Gesellschaft
umfassender Leistungswettbewerb, vom Arbeitsleben über den Sport bis in den Bereich intellektueller
Leistungen. Diese Leistungskonkurrenz verflüssigt die sozialen Hierarchien und schafft
Aufstiegschancen, doch sie erzeugt auch psychische Belastungen neuer Art.

Verheyens Buch ist eine erhellende Diskussion der Dialektik dieses Prozesses, ein Plädoyer für einen
differenzierten Umgang mit diesen Begriff. Neben den Widersprüchen und Grenzen der
Leistungsideologie gilt es auch die sozialen Gewinne einer Gesellschaft zu erkennen, in der nicht
Herkunft, sondern der eigene Verdienst das wichtigste Kriterium der Statuszuweisung ist.

Diese Ambivalenz verdeutlicht Verheyen unter anderem an der Figur des „Strebers“ und den
semantischen Verschiebungen dieses Begriffs im Laufe des 19. Jahrhunderts. Ursprünglich positiv
besetzt und auf Ambition und Tatkraft verweisend, wird er ab der Mitte des 19. Jahrhunderts
abwertend konnotiert. Der Streber wird nun zu einem Karrieristen, der sich mit zwielichtigen Mitteln
gegen die Konkurrenz durchsetzen will. Vor allem im Bildungsbereich hat sich dieser pejorative Blick
auf das Erfolgsstreben bis heute erhalten. Verheyen zeigt dass es sich dabei auch um Abwehrstrategien
der Etablierten handelt. Diese wollen die wachsende Zahl der Aufsteiger, die vor allem über das
Bildungswesen nach oben drängen, auf Distanz halten, indem sie sie verächtlich machen.

Verheyen schlägt sich weder auf die Seite der Enthusiasten noch jene der Verweigerer des
Leistungsprinzips. Ein um eine soziale Dimension erweitertes Leistungsverständnis - so ihr Plädoyer -
müsse als normativer Bezugspunkt erhalten werden, anders seien durchlässige Karrierewege für alle
nicht denkbar.

Hans Pechar