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Entwicklungspsychologie

Pubertät / Adoleszenz

Prüfungsrelevanter Stoff:
Lehrbuch Kapitel 8.6 – 8.7 S. 173-189
Lehrbuch Kaptiel 6.2 S.75-82

Biopsychosoziale Entwicklung von Jugendlichen


- Pubertät = physiologischer Entwicklungsbegriff
- Adoleszenz = psychosozialer Begriff
- 3 Adoleszenzstufen:
o Frühe Adoleszenz (10 bis 13)
o Mittlere Adoleszenz (14 bis 16)
o Späte Adoleszenz (ab 17)
ƒ Späte Adoleszenz ist erst mit der vollständigen Selbstständigkeit abgeschlossen,
also z.B. eigenes Geld verdienen, etc. wodurch sie heute bis ins Alter von bis über
30 Jahren dauern kann
o vgl. Tabelle Æ Buch

Entwicklungspsychologische Aspekte
Weibliche Jugendliche
- Pubertätsbeginn: 7 ½ (3%) bis 12 Jahre (97%)
- Höhere Entwicklungsgeschwindigkeit als Jungen (ca. 2 Jahre Pubertät)
- Koinzidenz von körperlicher Entwicklung und Selektionsprozess im Bildungssystem
- Frühe pubertäre Entwicklung – negative Auswirkung auf Selbstwertgefühl, höheres Risiko für
psychische Symptombildungen
- Diskrepanz zwischen heutigem Schönheitsideal und physiologischen fraulichen Körperformen

Männliche Jugendliche
- Pubertätsbeginn: 10 – 13 ½ Jahre
- Körperlicher Entwicklungsprozess über 4 Jahre
- Körperliche und psychische Entwicklung nach Selektionsprozess im Bildungssystem
- Frühe pubertäre Entwicklung – positive Auswirkung auf Selbstwertgefühl (häufig Alphatiere)
- Kongruenz zwischen heutigem männlichen Schönheitsideal und physiologischen männlichen
Körperformen

Gruppenzugehörigkeit
- Besonders in früher Adoleszenz ist die Peer-Gruppe (gleiches Alter und Geschlecht) wichtig (z.T.
wichtiger als Eltern)
- In späterer Adoleszenz tritt das Verhältnis zum anderen Geschlecht immer stärker in den
Vordergrund Æ Dann auch Entscheidung über sexuelle Ausrichtung (erst jetzt entscheidet man
sich definitiv)

Symptombildung in der Adoleszenz


- Auf verschiedenen Ebenen
o körperlich
o emotional
o kognitiv
o sozial
Î Ungleichgewicht zwischen Anpassungsleistungen und Ressourcen im adoleszenten
Entwicklungsprozess
(ca. 20% der Jugendlichen entwickeln zumindest vorübergehend Symptome, wobei nur ca. 5% eine
adäquate Behandlung erhalten Æ Der Körper kann die Bühne für psychische Probleme sein)
Jugendliche und Häufigkeit von Arztbesuchen
- 75% der Jugendlichen geben an, dass sie zumindest einmal im vergangenen Jahr beim Arzt
gewesen sind
- Häufigste Gründe:
o Kopf-, Bauch-, Glieder- und Rückenschmerzen
o Unfälle
o Depressive Verstimmung
o Schul- und Arbeitsstress

Jugendliche in der Hausarztpraxis


- 20% aller Jugendlichen leiden vorübergehend unter einer psychischen Störung
- Nur ein Viertel der Betroffenen erhält eine entsprechende Behandlung
- Ein-Jahres-Prävalenz in der Praxis
- Häufige Verletzungen, Unfälle können Symptome für psychische Beschwerden sein

Arzt-Patient-Beziehung in der Adoleszenz


- Welche Faktoren sind in der Arzt-Patient-Beziehung in der Adoleszenz besonders wichtig ?
o Klare Rolleneinhaltung
o Vertrauchlichkeit gegenüber Eltern
o Anamnese:
ƒ körperliche und physische Veränderungen / Wahrnehmung des Jugendlichen ?
ƒ Bewertung der Veränderungen aus Sicht des Jugendlichen ?
ƒ Erklärung der Symptome aus Sicht des Jugendlichen ?
o Respektieren von Schamgefühlen
o Angst vor Abhängigkeit und Bevormundung
o Genaue Erklärung der Befunde und des weiteren Vorgehens
o Basis für gute Compliance legen: Mitbestimmung und Berücksichtigung des
Lebenskontextes
o Î innerhalb der ersten 2 bis 5 Minuten entscheidet ein Jugendlicher, ob er einem neuen
Arzt vertraut und ob er wieder zu ihm kommen wird

Fallbeispiel
- Martin, heute 20 Jahre alt
- Keine perinatalen Risikofaktoren
- Bis 2 ½ Jahre normale Entwicklung „Pflegeleicht“
- Im Kindergarten massive Probleme
- Sprachheilkindergarten, logopädische und psychomotorische Therapie
- Medikation (Ritalin)
- Einschulung in Sonder-A-Klasse
- Rasches Aufholen der Entwicklungsdefizite durch gezielte Förderung bei sehr guter Intelligenz
- Rückgagng der Hyperaktivität
- Gute soziale Integration
- Ab Sekundarschule Probleme mit neuer Lehrerin (konnte oder wollte Probleme nicht erkennnen)
- Begann sich selbst zu verletzen und zeigte suizidale Neigungen
- Umstufung in Kleinklasse mit heilpädagogisch ausgebildetem Lehrer
- Er war jedoch aufgrund von Vorurteilen von Vornherein abgestempelt; ausserdem sehr
schwieriges soziales Umfeld (Mobbing, Schlägereien, etc. in der Klase)
- Mitte drittes Jahr Sekundarschule Æ von Schule genommen und privat unterrichtet
- Anschliessend 10. Schuljahr in neuem Umfeld Æ keine Probleme mehr, neue Kollegen Æ grosse
Erleichterung
- Wollte eigentlich eine Lehre im künstlerischen Bereich machen, fand aber keine Stelle Æ
Umentscheidung auf Kochlehre
- Zu Beginn wieder Probleme mit Mobbing, Arbeitsbedingungen, etc. Æ Depressive Krise
- Hat sich wieder entspannt (v.A. durch soziales Umfeld); inzwischen sehr gute Schulleistungen
Interview mit Schulärztin
- Schulärzte vollamtlich angestellt Æ Möglichkeit einer umfassenden Untersuchung
- Chance für Jugendliche zum Gespräch
- Vertrauensverhältnis zwischen Schüler resp. Lehrer und Schularzt häufig besser als z.B. zu
Schulpsychologe, etc. Æ weniger bedrohlich
- Schritte immer mit Jugendlichen absprechen und aufklären
- Sexualität allg. sehr zentrales Thema Æ muss gut versorgt werden
- Weiteres Problem (auch psychisch): Kiffen, Rauchen, Alkohol
- Interdisziplinäre Arbeit bzgl. Gewaltproblemen
- Kinderschutzgruppen bei Ausbeute, Gewalt, etc.
- Bewegungs- und Wohlfühlprogramm für Übergewichtige mit Beratung
- Offene Jugendsprechstunde u. offene Jugendarbeit / Jugendhilfe
- Vorsorgeuntersuchung in der Oberstufe
o Screening der Sinnesorgane, Blutdruck, Grösse und Gewicht
o Angebot von Impfungen
o Fragebogen zu
ƒ allgemeine Gesundheit und Wohlbefinden
ƒ Schlaf
ƒ Ernährung
ƒ Bewegung
ƒ Freizeit
ƒ Konsumgewohnheiten
ƒ Sexualität
o Individueelles Gespräch (nur einige wenige lehnen dieses ab)
ƒ Gewichtsprobleme, bes. Übergewicht
ƒ Probleme in der körpberlichen Wahrnehmung („sich in der eigenen Haut wohl
fühlen“)
ƒ Rauchen, Kiffen, Alkohol
ƒ Sexualität
ƒ Soziokulturelle Konflikte

Jugendgewalt
- In 40% der Fälle von körperlicher oder sexueller Gewalt waren die Täter Jugendliche
- In jedem 5. Fall von Kindsmisshandlung handelte es sich um sexuelle Ausbeutung
- Alter der Opfer am häufigsten 11-16 Jahre (drei Viertel Mädchen)
- In mehr als der Hälfte der Fälle handelte es sich um wiederholte Misshandlungen oder
Vergewaltigungen
- Die Hälfte der Täter war unter 18 Jahren
- Die Täter stammen aus dem familiären oder sonst bekannten sozialen Umfeld
- Teilweise mehrere Täter an einer Vergewaltigung beteiligt
- „Typische“ Opfer (und oftmals auch Täter; dann allerdings in der Gruppe)
o Unsicher
o Unstabil
o Anlehungsbedürftig, Kontaktbedüftig
o Schlechtes soziales Umfeld (wenig Stütze)
o Jugendliche, die etwas ausprobieren wollen
- Bei Übergriff sehr wichtig, wie das soziale Umfeld reagiert
o Anzeige erstatten
o Evt. Strafprozess mit Tätertherapie
o In Klassen diskutieren und aufklären
o Nicht wegschauen
- Familienverhältnisse oft typisch
o Niedriges Bildungsniveau
o Sozial eher randständig
o Zerrüttete Familien
- Æ Muss jedoch nicht sein !!
o Oftmals kommen „Schläger“ auch aus völlig intakten Familien

Suizidalität in der Adoleszenz


- Vorübergehende Suizidgedanken sind relativ häufig und Ausdruck für eine aktuelle psychische
Stresssituation
- Anhaltende Suizidsymptome: Zeichen der Überforderung, Missverhältnis zwischen äusseren
Anforderungen und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten
- Jugendliche auf Überforderungen ansprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen
- Häufig kommen Kollegen, Lehrer, Angehörige, etc. zum Arzt und melden Verdacht
- Glücklicherweise häufig appellartige Suizidversuche
- Suizidalität bei Kindern anders als bei Jugendlichen (bei Kindern eher Rache für schlechte
Behandlung; den Eltern Schuldgefühle machen Æ Bei Jugendlichen eher Tod als radikale
Veränderung; Suizidalität eigentlich Wunsch nach Veränderung)