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Entwicklungspsychologie

Schwangerschaft, Geburt und Neugeborenenalter

Für Prüfung relevanter Stoff:


- Lehrbuch Kapitel 8.2 und 8.3 S. 143 – 150

Weiterführende Literatur:
- Largo RH (2001) Babyjahre. Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht. Piper

Lerninhalte
- Beziehungsaufbau zw. werdendem Kind und Eltern
- Aufgaben d. Arztes in der Schwangerschaft
- Beziehungsaufbau zw. Eltern und neugeborenem Kind
- Bindungstheorie
- Postnatale Entwicklung
- Frühe soziale Bindungen - Kommunikationsformen

Entstehung der Bindung


- Vorgeschichte der Bindung
o Biologische Kräfte
o Umweltfaktoren
o Phantasien
- Kinderwunsch
o Identifikation mit der eigenen Mutter
o Erfüllung verschiedener narzisstischer Bedürfnisse („dem Kind will ich alles
geben, was ich nicht haben konnte)
o Wunsch, alte Beziehungen wieder zu beleben
- Schwangerschaft; 1. Trimenon (Monat 1-3)
o Körperliche Veränderungen bei der Mutter
o Keine Anhaltspunkte für die tatsächliche Existenz des Fötus
- Erwachen der Bindung; 2. Trimenon (Monat 4-6)
o Fötus wird als von der Mutter getrenntes Wesen wahrgenommen
o Erste Kindsbewegungen
- Schwangerschaft; 3. Trimenon (Monat 7-9)
o Kind als Individuum mit eigenen Rhythmen, Bewegungsmustern und
Aktivitätsgraden erlebt
o Beginn der Mutter-Kind-Interaktion (wichtig für spätere, erfolgreiche Mutter-
Kind-Bindung) Æ z.B. teilt das Kind gewisse Erlebnisse (v.A. schöne, wie
z.B. Musik hören) mit der Mutter.
o Erste Hinweise auf später vorhandenes Temperament des Kindes (aufgrund
von Kindsbewegungen)
o Weitere Gedanken der Eltern Æ innere Vorstellungen des Kindes (z.B. „wem
wird es ähnlich sehen ?“) Æ ebenfalls wichtig für postnatale Bindung der
Mutter zum Kind (falls ungenügend oder unvollständig Î möglicher
Geburtsschock).
- Geburt (Monat 10)
o Kind definitiv von der Mutter getrennt
- Eltern-Kind-Beziehung
Geburtsschock
- Mutter hatte während Schwangerschaft keine Zeit, sich auf das Kind einzustellen
- Trennung nach der Geburt war unvorbereitet
- Mutter reagierte mit psychischen Problemen und Depressionen
- Mutter musste nachträglich in Sitzungen durch Gespräche die Mutter-Kind-Beziehung
aufbauen, die sie eigentlich während der Schwangerschaft hätte aufbauen sollen

Interview mit Gynäkologin


- Zur Schwangerschaftsbetreuung muss man „austesten“, auf welchem Wissensstand
sich die Mutter befindet und dann an diesem Punkt ansetzen
- Psychologische Betreuung ist wichtig (z.B. betreffend pränataler Diagnostik)
- Schwangere werden im Durchschnitt immer älter (Durchschnitt in CH ca. 29 Jahre; in
ZH ca. 31 Jahre) Æ Immer mehr Planungskinder
- Ein Planungskind soll oftmals auch planmässig perfekt sein Æ ein nicht „ideales“
Kind kann möglicherweise nicht akzeptiert werden
- Heute können viele Missbildungen (z.B. Hydrocaphalus; Spina bifida) schon während
der Schwangerschaft erkannt werden
o Abschätzen, was bei einer Fehlbildung gemacht werden soll
ƒ Wollen es die Eltern überhaupt erfahren ?
ƒ Wie schwer ist die Missbildung ?
ƒ Was werden die Folgen sein ?
ƒ Wollen die Eltern einen Interruptio ?
ƒ etc.
o Es braucht viel Feingefühl als Gynäkologe
o Mit den Patientinnen muss im Vorfeld genau abgeklärt werden, welche
Diagnostikmethoden wann und wie angewandt werden sollen
o Sollte sich dann ein Defekt aufweisen, so ist es günstig, mit einem Pädiater
zusammen abzuklären, wie die Lebenserwartung sowie –qualität des Kindes
aussieht.
o Verhältnis der Eltern zu einander (wird die Beziehung der zusätzlichen
Belastung einer Behinderung standhalten ?)
- In unseren Breiten werden die Väter oftmals zu wenig in die Schwangerschaft mit
eingebunden
o Oftmals wird der Mann erst dann mit einbezogen, wenn es z.B. schwere
gesundheitliche Probleme oder Gefährdung der Mutter besteht
o Der Mann soll so weit als möglich in Entscheidungen, Gespräche, etc. mit
einbezogen werden
- Ein ungeborenes Kind ist biologische gesehen, ein Halbtransplantat, dass allerdings
nicht abgestossen wird
o Ist der Vater nicht greifbar („abgehauen“), so ist es umso wichtiger, ein
funktionierendes soziales Netz um die Mutter aufzubauen (z.B. in Form von
Freunden, Ärzten, Verwandte, etc) Æ Unterstützung ist in jedem Fall sehr
wichtig (u.A. auch, weil die Frau gleichzeitig für das Kind Sorge tragen muss
und sich aber auch anlehnen will/muss und auch können muss).
- Auch die Frage des Geburtsmodus muss betrachtet werden
o Immer mehr Frauen wollen eine Wunschsektion (ca. 30%)
ƒ Im Einzelfall bessere Lösung als natürliche Geburt
• z.B. bei medizinischen Problemen oder aufgrund von
begründeten Wünschen der Mutter
ƒ Aber noch zu wenig Erfahrungen, um Nachteile gut abschätzen zu
können (z.B. Schädigung des Beckenbodens der Mutter)
• Muss im Einzelfall abgeklärt werden
o Früher wurden nur Notfallkaiserschnitte durchgeführt, was oftmals sehr
belastend für Mutter und Kind war und auch zu psychischen Komplikationen
führen konnte
ƒ Durch Einsatz einer PDA kann der Geburtsvorgang wenigstens
teilweise miterlebt werden
• Æ Die Gebrut ist nicht mehr so belastend und der Vater kann
die Geburt ebenfalls direkt miterleben
- Teilweise wird sogar gewünscht, dass auch ältere Geschwister des Neugeborenen bei
der Geburt anwesend sind (v.A. z.B. bei Patchwork-Familien)
- Hausgeburten sind grundsätzlich möglich (genau so, wie auch Geburtshäuser)
o Diese Geburtsmodi werden von ca. 1% der Frauen gewählt
o Angewandt wird der Modus jedoch nur, wenn eine Komplikationsfreie Geburt
zu erwarten ist
o Oftmals wird stattdessen eine ambulante Geburt (ca. 10-12 Stunden
Aufenthalt) angeboten
- Fast sämtliche Risiken können heute schon vor der Geburt sehr gut behoben werden
(z.B. Steisslage)
- Weitere Risikofaktorn: Gewicht über 4.3 oder unter 2.3 kg, frühergehender
Kaiserschnitt, etc.
- Fast 20% aller Schwangerschaften sind Risikoschwangerschaften (z.B. aufgrund von
Teenager- oder Altersschwangerschaften, Vorgeschichte, psychische Verfassung, etc.)
- Was Fehlbildungen angeht, sind weltweit gewisse Unterschiede feststellbar, wobei
jedoch ca. ½ bis 1% der Neugeborenen eine schwerere Fehlbildung aufweisen (die
meisten Fehlbildungen treten am Herzen auf)
- Die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt wird grundsätzlich zwar gewünscht, kann
aber auch problematisch sein (für die Mutter, wie auch für den Vater) z.B. aufgrund
von Drucksituationen, Glauben, etc. Æ Für den Vater kann die Anwesenheit aber auch
extrem wichtig sein (z.B. für die spätere Bindung zum Kind)
- Wassergeburt für viele Frauen sehr entlastend, wenn auch von der Natur weniger
vorgesehen
o Ca. 5 bis 10% der Frauen gebären im Wasser
- Grundsätzlich werden eher Frauen als Geburtshelfer akzeptiert als Männer
- Fetozid wird in der Schweiz nicht durchgeführt !
(Fetozid = Tötung des Fötus im 3. Trimenon [z.B. aufgrund von zu spät erkannten
Missbildungen] durch hochkonzentriertes Kaliumchlorid)

Postnatale Depression
- Tritt oftmals bei Frauen auf, die nicht auf das Kind vorbereitet waren oder denen das
Kind nicht ins Lebenskonzept „passt“
- Depression nicht nur psychisch, sondern auch hormonbedingt
- Bei starker Depression kann eine Psychose auftreten, was bis zum Neonatizid führen
kann
Bindungstheorie von Bowlby und Neonatalperiode
- Möglichst häufiger und intensiver Körperkontakt zw. Mutter und Neugeborenen ist
sehr wichtig
o v.A. bei Frühgeburten besteht grosses Risiko für Komplikationen (das auch
später zu psychischer und physischer Gewalt führen kann)
o In Norwegen legt man die Neugeborenen während mehreren Stunden pro Tag
den Müttern auf den nackten Körper
- Möglichst häufiges Stillen fördert Oxytocinausschüttung, was sich auf Mutter (direkt
über Amygdala) und Kind (über Milch) stressmindernd auswirkt und zur schnelleren
und besseren Abstossung der Plazenta führt
o Ausserdem ist Oxytocin ein allgemeines Stimulanzmittel in der Amygdala
o Amygdala ist für soziale Bindung verantwortlich
o Î Oxytocin wirkt sich auch positiv auf Sozialbindung aus, wirkt
schmerzstillend und beruhigend

Die 5 Sinne des Neugeborenen


- Sehen
o zwar kurzsichtig, aber sehr guter Sehsinn
- Hören
o sehr gutes Gehör Æ besonders empfindlich auf Frequenz des Mutterherzens,
was dazu führt, dass das Kind mehr auf die Mutter als auf den Vater anspricht
- Geruch und Geschmack
o sehr gut ausgebildet (v.A. auf Mutter [Geruch und Geschmack der Mutter und
der Milch])
- Berührungssinn bzw. kinästhetische Wahrnehmung
o sehr wichtig für soziale Bindung

Verhaltenszustand des Neugeborenen


- Def: Ansprechbarkeit bzw. Wachheitsgrad des Neugeborenen
o Verhaltenszustände wechseln in Zyklen von 3-4 Stunden
ƒ Tiefschlaf
ƒ Leichtschlaf (REM-Schlaf)
ƒ Wachzustand (halbbewusste bis gute Ansprechbarkeit)
ƒ Unruhe / Schreien

Eltern-Kind-Interaktions im Säuglingsalter
- Säugling
o Grad der Aufmerksamkeit
o Mimik und Gestik
o Fähigkeit zur Imitation
o Visueller Kontakt: Distanz 20cm, Winkel 30°

- Eltern
o Auditiver Kontakt: Sprache langsam, repititiv
o Stimmlage höher
o Ausgeprägte Modulation

- Interaktionszyklus zwischen Bezeihungsbereitschaft und Erholungsphase


Interview mit junger Mutter und Ärztin
- Erste Schwangerschaft, problemlos
- Erster Konakt mit Kind per Sono
- Bis ca. 6. Monat kein Empfinden des Kindes, erst dann Wahrnehmung
o Kind hatte Rhythmus 04:00 Uhr und 23:00 Uhr
o Kind behielt diesen Rhythmus 8 Wochen postnatal bei
- Normaler Arbeitsrhythmus bis ca. 7., 8. Monat Æ „Kind hätte sich schon gemeldet,
wenn es nicht gut gewesen wäre“
- Kind hatte Steisslage
- Mutter pendelte zwischen Kaiserschnitt und Spontangeburt (selber Anästhesistin,
kennt Gefahren, will aber doch spontane Geburt)
o Æ Zwei Monate vor Geburt Entscheidung durch Steisslage
- Mutter hatte 2l Blutverlust Æ Kind musste sofort untersucht werden, wurde der
Mutter eintrissen; leicht traumatisches Erlebnis
- In arbeitsfreier Zeit: Babymassage, Babyschwimmen, „Prager Eltern-Kind-
Programm“ zur Sinnesstimulierung
- Erste Fremdbetreuung aufgrund von Weiterbildung nach 5 Wochen durch Grossmutter
- Fortan Fremdbetreuung hauptsächlich durch Grossmutter, später auch durch
Tagesmutter (nach 9 Monaten Wiedereinstieg in Berufsleben it 50%)

Frühe soziale Entwicklung und Kontakte


- Soziale Kontakte und Beziehungen sind für die Entwicklung des Kindes von zentraler
Bedeutung
- Die Qualität der Beziehung ist wichtiger als die Quantität
- Auch Säuglinge können von Anfang an zu mehr als einer Person stabile Beziehungen
aufzubauen Æ Mythos der „Mutter-Kind-Beziehung“
o Person muss immer wieder auftauchen (Verlässlichkeit)
- Über frühe Kind-Kind-Kontakte ist bisher wenig bekannt
o Schon in der ersten Lebenswoche besteht ein Interesse an Gleichaltrigen
o Bereits ab dem 6. Monat zeigen sich Bevorzugungen im Kontaktverhalten
o Kinder ab dem 6. Monat zeigen Unterschiede im Verhalten bzgl. Gruppen und
Einzelpersonen
o Zw. dem 1. und 4. Lebensjahr zeigt sich eine hohe Beziehungsstabilität und
Bevorzugung von gewissen Kindern

Soziale Kompetenz
- Fähigkeit zu sozial gerichtetem Verhalten, das
o dem Entwicklungsstand entspricht
o die persönlichen Beziehungen fördert und pflegt
o niemandem Schaden zufügt

Bedeutung von Fremdbetreuung von Säuglingen


- Nach dem 6. Monat spielen das Temperament des Kindes, der sozioökonomische
Status und das emotionale Wohlbefinden der Mutter eine weit grössere Rolle
- Um v.A. den letzten Punkt zu gewährleisten, ist eine Fremdbetreuung sehr sinnvoll
- Durch die Betreuung in einer guten Kinderkrippe oder bei einer Tagesmutter wird die
Mutter-Kind-Beziehung sogar besser ausgebildet, als wenn die Mutter das Kind
alleine betreut
Sexualität in der Schwangerschaft und nach der Geburt des Kindes
- Aufgrund von sexueller Unzufriedenheit, gibt es oftmals Konflikte nach der Geburt
des Kindes
- 1 Jahr nach der Geburt klagen 50% der Mütter und 20% der Väter über eine
verminderte sexuelle Reaktionsfähigkeit Î 1/3 der Mütter und Väter sind sexuell
unzufrieden
- Entscheidend ist die Qualität der Paarbeziehung vor eintreten der Schwangerschaft
- Gynäkologen sollten bei der Nachuntersuchung unbedingt nach der sexuellen
Zufriedenheit fragen