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Psychosoziale Medizin

Kapitel 5
Psychischer Funktionen

Die Funktionsmuster neuronaler Netzwerke liefern Erklärungen für die


Informationsverarbeitung im Gehirn und die Prozesse, welche die biologischen Korrelate
psychischer Funktionen wie Denken, Gedächtnis oder Emotionen darstellen.

Für die psychischen Funktionen des Gehirns ist die Verarbeitung von Informationen aus den
Sinnesorganen in der Grosshirnrinde von zentraler Bedeutung.

Vernetzung Gehirn - Körperorgane: Psychische Prozesse der Grosshirnrinde sind immer mit
physiologischen Vorgängen in den Organsystemen gekoppelt.

Information wird durch Hemmung und Aktivierung von Neuronen verarbeitet.


Nervenzellen haben nicht die Fähigkeit, sich zu teilen.

Die Neurone der Grosshirnrinde (Kortex) lassen sich zwei Haupttypen zuordnen, nämlich den
Sternzellen und Pyramidenzellen.

Die Areale des Kortex lassen sich funktionell in drei Typen einteilen:
1. Sensorische Areale: Befassen sich vorwiegend mit der Informationsverarbeitung des
extrapersonalen Raumes und der Umwelt.
2. Motorische Areale: Befassen sich mit dem körperinternen Milieu.
3. Beide Regionen kommunizieren mit den sog. Assoziationsarealen.

Bei allen psychischen Störungen spielen neben den Neurotransmittern auch nichtneuronalen
Faktoren eine wichtige Rolle.

Verfahren zur Untersuchung Zerebraler Funktionszustände:


• Elektroenzephalographie (EEG) und Magnetenzephalographie (MEG): Mit diesen
beiden nicht-invasiven Methoden lassen sich elektrische und magnetische Prozesse
der Grosshirnrinde erfassen, die während Wahrnehmung, Denken und Handeln
ablaufen.
• Bildgebende Verfahren: Positron-Emissions-Tomographie (PET) und funktionelle
Magnetresonanztomographie (fMRI).
• PET: Spezifiche Stoffwechsel- und Transmitterprodukte in einzelnen kortikalen
und subkortikalen Hirnarealen lassen sich beobachten und bildlich darstellen.
• fMRI: eignet sich zur Aufklärung der chemischen Struktur biologisch interessanter
Moleküle.
• Invasive Methoden: Stereotaktische Geräte (Nadelsonden): elektrische und
magnetische Reizungen bestimmter Hirnareale
Neuronale Plastizität: Darunter versteht man die Fähigkeit des Gehirns, sich ständig den
Erfordernissen seines Gebrauchs anzupassen. Dieser Prozess läuft während des ganzen
Lebens ab, erst sehr schnell, später langsamer.
Die Hirnstrukturen, insbesondere die neuronalen Netze, passen sich während des ganzen
Lebens den Anforderungen der Umwelt und Innenwelt an – eine wichtige Voraussetzung für
lebenslanges Lernen und Erleben.

In welchem Ausmass und in welcher Differenzierung sich die Verbindungen zwischen den
neuronalen Netzwerken entwickeln, hängt wesentlich von der Stimulation durch die Umwelt,
insbesondere die nächsten Bezugspersonen und das Üben neu erworbener Fähig- und
Fertigkeiten durch das Kind ab.

Die neuronalen Netze des Kortex entwickeln sich zeitlebens entsprechend den von ihnen zu
verarbeitenden Inputs
Der kortikale Auf- und Umbau geht besonders ausgeprägt in jungen Jahren vonstatten.
>>> „Das Ich prägt sein Hirn“ Karl Popper

Körperliche und psychische Basisfunktionen:


Gehirn und Psyche bilden eine funktionelle Einheit.

Körperliche Grundfunktionen:
• Atmung
• Pulsfrequenz
• Blutdruck
• Körpertemperatur
• Nahrungsaufnahme und –ausscheidung
• Motorische und sensorische Funktionen

Psychische Grundfunktionen:
• Bewusstsein
• Wahrnehmung
• Denken
• Lernen und Gedächtnis
• Emotionen und Intelligenz.

Selbsterleben und Beziehungsfähigkeit: Die psychischen Grundfunktionen sind sowohl für


das Selbsterleben eines Menschen, als auch für seine Möglichkeiten, mit anderen Menschen
und der Umwelt in Beziehung zu treten von zentraler Bedeutung.

Bewusstsein:
Eine einheitliche Definition von Bewusstsein gibt es nicht, da es heterogene
Bewusstseinsprozesse und –formen gibt, deren gemeinsames physiologisches Merkmal der
weiträumige Erregungsanstieg und psychologisch der Übergang von nicht bewusster,
„automatischer“ zu aufmerksamer, „kontrollierter“ Informationsverarbeitung darstellt.

Nur ein Bruchteil der ankommenden Reize, sowohl aus unserm Körperinnern, wie auch aus
unserer Umwelt, werden bewusst (aufgenommen).

Bewusstsein stellt sich nur ein,


• Beim Aufnehmen neuer Informationen,
• Beim Lernen neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten,
• Bei der Abgabe von Beurteilungen,
• Beim Nicht-Eintreffen erwarteter Reize und Ereignisse.

Unser Verhalten wird uns erst in Situationen bewusst, die zu ihrer Bewältigung eine erhöhte
Aufmerksamkeit und Aktivierung des Arbeitsgedächtnisses (Unterform des
Kurzzeitgedächtnisses) erfordern.

Für die Medizin relevante Zustände und Formen des Bewusstseins:


1. Bewusst vs. Bewusstlos: das Wachsein betreffend
2. Bewusst vs. Unbewusst (nicht bewusst, vorbewusst): Die Aufmerksamkeit und den
Reflexionsgrad betreffend (Überlegungsfähigkeit)
3. Bewusst: Das Ich-Bewusstsein betreffend.

1. Wachsein (Vigilanz).Mit dem EEG lassen sich elektrophysiologisch drei


Bewusstseinszustände klar unterscheiden: Wachzustand, leichter Schlaf und sog. REM-
Schlaf. Einschränkungen der Vigilanz können auch als Folge v. Schädelhirnverletzungen oder
schweren Stoffwechselstörungen auftreten. Man spricht dann von Bewusstseinsstörungen.
Koma: Bewusstlosigkeit
Sopor: tiefe Benommenheit
Somnolenz: leichte Benommenheit
Alle sind begleitet von verminderter oder fehlender Aufmerksamkeit, reduziertem
Muskeltonus, herabgesetzter Reaktionsbereitschaft auf sensorische Reize und Veränderungen
des Atemrhythmus.

2. Reflexionsfähigkeit. Sie basiert auf der Fähigkeit zu abstraktem Denken. Diese erfordert
Wissen, Erkennen von Situationen und in der Regel auch Verbalisierungsfähigkeit.
Autofahren: vorbewusstes Handeln
In der Tiefenpsychologie/Psychoanalyse wird von der Existenz eines „Unterbewussten“
ausgegangen; Triebwünsche.

3. Ich-Bewusstsein. Die Erfahrung und die Überzeugung, dass ich mich von andern Personen
in meinem Fühlen, Denken und Handeln unterscheide und dafür selbst verantwortlich bin.

Wahrnehmung
Sie basiert auf vielfältigen und komplexen sinnesphysiologischen Vorgängen. Sie kommt als
eine Art Abbildung von neuronalen Impulsen im Kortex zustande.
>Sinnesorgane
Die wichtigsten Sinnesorgane sind die Augen, die Ohren, das Geschmackorgan der Zunge,
das Riechorgan der Nase, die Tast- und Temperaturorgane der Haut und das Schmerzorgan:
nozizeptives System.
Die Sinnesorgane sind mit speziellen Rezeptorzellen (Sensoren) ausgestattet, welche von
aussen oder innen kommende Reize in neuronale Impulsmuster umsetzten.
In der Sinnesphysiologie werden drei Abbildungsprozesse unterschieden:
• Sinneseindruck: simpel, z.B. der Geschmack „süss“
• Sinnesempfindung: Summe von Sinneseindrücken „bittersüss mit prickeln auf der
Zunge“
• Wahrnehmung: zur Sinnesempfindung kommt eine Deutung, ein Bezug auf Gelerntes
und Erfahrenes hinzu. „Ich trinke einen Gin-Tonic“.

Jede Sinnesempfindung hat vier Dimensionen:


-Räumlichkeit,

-Zeitlichkeit, z.B. Schmerzreiz auf d. Haut genau lokalisieren und zeitl. Dauer genau angeben.

-Qualitätsdimension, Helligkeit v. Licht, Rot, Blau, Höhe eines Tons, süss. Saue, salzig,
bitter.

-Quantitätsdimension (wie sehr), Amplitude des Rezeptorpotentials bzw. die die Frequenz der
Aktionspotentiale in den sensorischen Nerven z.B. Stärke einer Helligkeitsempfindung oder
die Lautheit eines Tones.

Sowohl die subjektive Bewertung v. Sinneseindrücken als auch die parallel dazu ausgelösten
Emotionen (Freude/Enttäuschung) differenzieren je nach dem, in welchem Kontext sie erlebt
werden.

Denken
Denken kann als eine interpretierende, Ordnung schaffende und Lösung suchende
Verarbeitung von Informationen verstanden werden.

Vorstellungen: Sie sind sowohl als verbale als auch als bildlich abstrakte Konstrukte im
Kortex gespeichert. Zur Vorstellung von Objekten und Bewegungen werden dieselben
Hirnareale aktiviert wie zu ihrer Wahrnehmung.
Konzeptbildung: Konzepte werden vor allem über den Vergleich mit sog. Prototypen gelernt.
Visuelle, verbale und motorische Vorstellungen verbinden sich zu einem konzeptuellen
Netzwerk, welches die Funktion eines sensomotorischen Programms hat.
Problemlösung: Probleme bestehen
a) aus einem Ausgangszustand,
b) einem Zielzustand und
c) Regeln, denen man folgen muss, um von a) nach b) zu gelangen.
Problemlösungen können zufallsorientiert oder heuristisch/systematisch sein.
Zerebrale Lateralisation: bestimmte Areale des Kortex sind für gewisse Prozesse zuständig.
- Bei Rechtshändern dominiert die linke Hemisphäre die sprachliche Verarbeitung. Die rechte
Hemisph. Verarbeitet nichtverbale Reize und ist bei räumlichem Denken und bildhaften
Vergleichen aktiv.
Assoziationsareale des Kortex: Man kann den drei grossen Assoziationsarealen des Kortex
drei psychische Hauptfunktionen zuordnen:
• Parietallappen: Sehen, Hören, Somatosensorik. Anatomisches & physiologisches
Kreuzungsareal zwischen diesen drei Sinnesmodalitäten.
• Frontallappen: steuert motorisch-motivationale und exekutive Verhaltensweisen
(Bewegungsabläufe, Antrieb, Sozial- und Sexualverhalten)
• Temporallappen: hat viele Verbindungen zum limbischen System, erfüllt vorrangig
Gedächtnis- und Beurteilungsfunktionen.
Denkstörungen:
• Formale Denkstörungen: verlangsamtes, inkohärentes oder zerfallenes Denken
• Inhaltliche Denkstörung: überwertige Ideen oder Wahngedanken

Lernen und Gedächtnis


Ohne die Fähigkeit des Lernens und Behaltens von Erlerntem (=Wissen) wäre das Individuum
nicht in der Lage, potentiell gefährdende Situationen zu vermeiden und potentiell nützliche
Situationen aufzusuchen.
• Lernen & Gedächtnis als Konditionierung (klassisch oder instrumentell)
• Lernen & Gedächtnis als kognitive Prozesse
Beide Prinzipien des Lernens finden beim Menschen statt
Klassische Konditionierung: hier wird ein neutraler Stimulus (Reiz) mit einem
unkonditionierten Reiz solange zeitlich eng gekoppelt, bis ersterer alleine die konditioniere
Reaktion auslöst.
Instrumentelle Konditionierung: hier folgt unmittelbar auf die zu lernende Reaktion ein
belohnender oder bestrafender Reiz; dies führt zu positiver Verstärkung
(Häufigkeitszunahme) oder Bestrafung (Häufigkeitsabnahme) des Verhaltens.
Modellernen als kognitiver Prozess: Beim sog. Modell- bzw. Imitationslernen stehen nicht
Konditionierungsvorgänge, sondern kognitive Prozesse des sozialen Lernens im Vordergrund.
Man versteh darunter die Übernahme von Verhaltensweisen durch Beobachtung anderer
Personen und Identifikation mit ihnen als Vorbilder. Das Erlernen von praktischen
Fertigkeiten erfolgt durch kognitive Prozesse des Modellernens.
Gedächtnis als Informationsverarbeitungssystem: Das Kurzzeitgedächtnis, auch
Arbeitsgedächtnis, hat eine beschränkte Speicherkapazität. Der Übergang von Informationen
vom ZG ins LZG erfordert Wiederholungen der dargebotenen Information.
Im LZG ist die Information nach ihrer Bedeutung und im Kontext gespeichert; zur
Wiedergabe muss die Gedächtnismaterial aus dem Langzeitspeicher in das KZG gebracht
werden.

Emotionen
Eine allgemeingültige, wissenschaftlich anerkannte Antwort auf die Frage, was Emotion ist,
konnte bis heute nicht gefunden werden.
Gefühl: subjektive Erfahrung emotionaler Erregung z.B. Wut, Furcht
Affekt: Valenzaspekt von Gefühlen, angenehm vs. unangenehm
Stimmungen: länger (stunden, Tage) anhaltende emotionale Reaktionstendenzen
Emotionen: sind Reaktionsmuster auf positiv verstärkende oder aversive körperexterne oder
–interne Reize, die drei Komponenten umfassen:
• Physiologische Erregung
• Subjektives Gefühl
• Motorischer Ausdruck

Gefühle entstehen in einem subkortikalen Netzwerk.


Jede Kultur entwickelt Regeln für die Darstellung einzelner Gefühle.
Vegetative Reaktionen sind nicht zeitlich verzögerte, fakultative auftretende
Sekundärphänomene, sondern zeitgleich stattfindende Begleitphänomene von Gefühlen.
Primäre Emotionen; Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung und Ekel. Beim erwachsenen
Menschen treten Gefühle meist als ein Gemisch aus primären Emotionen auf.

Affektive Störungen: Störungen des subjektiven Gefühlserlebens.


Intelligenz
Intelligenz umfasst die Fähigkeiten...
• zur Anpassung an neue Situationen und sich verändernde Anforderungen,
• zum Lernen oder zur optimalen Nutzung von Erfahrung oder Übung,
• zum abstraktem Denken und Gebrauch von Symbolen und Begriffen.

Während die sog. fluide Intelligenz (Wahrnehmungsgeschwindigkeit, Denkfähigkeit,


Abstraktionsvermögen, Gedächtnis) jenseits des 70. Lebensjahres abnimmt, bleibt die sog.
Kristalline Intelligenz (gelernte Erfahrungen, Wissen, verbale Ausdrucksfähigkeit) bis ins
hohe Alter erhalten.

Kognition, Emotion und Verhalten in der ärztlichen Praxis


Wie lassen sich Wissen und Kenntnis über die psychischen Grundfunktionen in der ärztlichen
Praxis umsetzen?
• Kommunikation und Interaktion, Zusammenspiel verschied. Psychischer
Grundfunktionen ist Voraussetzung
• Sensible Lebensbereiche, mit starken Emotionen behaftet, sehr subjektiv
• Strukturierung von Selbst- und Fremdwahrnehmung, Erwartungen an andere,
auch an Arzt
• Emotionale Empathie, in Patient hineinfühlen jedoch eigene Gefühle kontrollieren
• Beeinflussung von Verhalten, Änderung v. Verhaltensmustern, Arzt muss
selbstkritisch über eigenes Verhalten reflektieren.